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Bateson

Gregory Batesoir

Ökologie des Geistes

Anthropologische, psychologische, biologische


und epistemologische Perspektiven

Übersetzt von Hans Günter Holl

Suhrkamp
Titel der Originalausgabe:
Steps to an Ecology of Mind. Collected
Colleded Essays in Anthropology, Psychiatry,
Evolution and Epistemology.
Copyright © 1972 by Chandler Publishing Company

Zweite Auflage 1983


© dieser Ausgabe Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1981
Alle Rechte vorbehalten
Gesamtherstellung: Hieronymus Mühlberger, Augsburg
Printed in Germany

CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek


Bateson, Gregory:
Ökologie des Geistes ;: anthropolog., psycholog., biolog. u. epistemolog.
Perspektiven / Gregory Bateson. Ubers, von Hans Günter Holl. -
2. Aufl., Sonderausg. - Frankfurt am Main ;: Suhrkamp, 198}.
1983.
Einheitssacht.:
Einheitssacht.; Steps to an ecology of mind (dt.)
ISBN 3-518-57628-3
Inhalt

Einleitung von Helm Stierlin 7


Vorwort 10
Einführung: Die Wissenschaft von Geist und Ordnung . 15

Teil I: Metaloge
Metalog: Warum kommen Sachen durcheinander? .... 32
Metalog: Warum fuchteln die Franzosen? 39
Metalog: Über Spiele und Ernst 45
Metalog: Wieviel weißt du ? 53
Metalog: Warum haben Dinge Konturen? 60
Metalog: Warum ein Schwan? 67
Metalog: Was ist ein Instinkt? 73

Teil II: Form und Muster in der Anthropologie


Kulturberührung und Schismogenese 99
Spekulationen über ethnologisches
Beobachtungsmaterial 114
Moral und Nationalcharakter 133
Bali: Das Wertsystem in einem Zustand
des Fließgleichgewichts 156
Stil, Grazie und Information in der primitiven Kunst ... 182
Anmerkung zu Teil II 213

Teil III: Form und Pathologie in der Beziehung


Sozialplanung und der Begriff des Deutero-Lernens ... 219
Eine Theorie des Spiels und der Phantasie 241
Epidemiologie einer Schizophrenie 262
Vorstudien zu einer Theorie der Schizophrenie 270
Die Gruppendynamik der Schizophrenie 302
Minimalforderungen für eine Theorie
der Schizophrenie 321

5
Double bind, 1969 353
Die logischen Kategorien von Lernen und
Kommunikation 362
Die Kybernetik des »Selbst«; Eine Theorie
des Alkoholismus 400
Anmerkung zu Teil III 436

Teil IV: Biologie und Evolution


Über Hirnlosigkeit bei Biologen und
Erziehungsministerien 441
Die Rolle der somatischen Veränderung
in der Evolution 445
Probleme in der Kommunikation von Delphinen
und anderen Säugetieren 468
Eine Überprüfung von »Batesons Regel« 486
Anmerkung zu Teil IV 510

Teil V: Erkenntnistheorie und Ökologie


Kybernetische Erklärung 515
Redundanz und Codierung 530
Bewußte Zwecksetzung versus Natur 549
Auswirkung bewußter Zwecksetzung auf
die menschliche Anpassung 566
Form, Substanz und Differenz 576
Anmerkung zu Teil V 598

Teil VI: Krisen in der Ökologie des Geistes


Von Versailles zur Kybernetik 603
Krankheiten der Erkenntnistheorie 614
Die Wurzeln ökologischer Krisen 627
Ökologie und Flexibilität in urbaner Zivilisation 634

Veröffentlichungen von Gregory Bateson 649


Namenregister 659
Sachregister 663
6
Einleitung
von Helm Stierlin

Ich halte Gregory Bateson für einen der wichtigsten Denker


unseres Jahrhunderts. Deutschsprachige Leser kennen ihn in
erster Linie als Schöpfer des Begriffes »double bind«, den ich
mit »Beziehungsfalle« übersetzt habe. Ein »double bind« ist
Folge und Ausdruck einer zwischenmenschlichen Verstrik-
kung, die durch eine widersprüchliche - aber in ihrer Wider-
sprüchlichkeit schwer durchschaubare - Kommunikation er-
möglicht wird. Mit der Beschreibung dieser Verstrickung er-
möglichte Bateson ein neues Verständnis der gemeinhin als
Schizophrenie bezeichneten psychiatrischen Störung - obschon
(oder weil) Bateson seither deutlich gemacht hat, daß double
binds nicht spezifisch für solche Störung sind, sie vielmehr auch
bei künstlerischer Kreativität, beim Humor, ja selbst beim Vor-
gehen vieler erfolgreicher Psychotherapeuten eine Rolle spie-
len. Dabei ist der »double bind« nur ein - wenn auch wichtiger
- Teil seines Beitrages zu einem neuen psychiatrischen und psy-
chotherapeutischen Verständnis. Die familientherapeutische
Arbeit unseres Heidelberger Teams wie die vieler anderer Kol-
legen im Inland und westlichen Ausland wäre undenkbar ohne
die Ideen und Anstöße, die Gregory Bateson seit etwa 40 Jah-
ren gegeben hat.
Aber Batesons Denken reicht weit über den engeren psychiatri-
schen und psychotherapeutischen Bereich hinaus: Er darf als
Mitbegründer und -entwickler der ökologischen oder besser:
ökosystemischen Sicht der Lebensprozesse gelten. Heute ist es
schon fast ein Gemeinplatz zu sagen: das Überleben der
Menschheit wird davon abhängen, ob, wie weit und wann sie
sich solche Sicht zu eigen macht. Bateson verdeutlicht wie wohl
kaum ein anderer Autor, was ein solches »Sich-zu-eigen-Ma-
chen« alles bedeutet - vor allem die Korrektur vieler einge-
schliffener Verstehensansätze, Denkgewohnheiten, Wahrneh-
mungsweisen und Beziehungsmuster. Das schließt für Bateson

7
auch die Korrektur jener beiden Verstehensansätze ein, die das
geistige Klima unserer heutigen Welt überwiegend zu bestim-
men scheinen - des psychoanalytischen und marxistischen An-
satzes.
Wie Margaret Mead, die über längere Zeit seine Lebensgefähr-
tin war, ist Bateson von Haus aus Anthropologe. Schon seine
frühen Arbeiten weisen ihn als einen sorgfältig beobachtenden
Feldforscher aus, der seine Daten häufig unter einem unge-
wohnten Blickwinkel befrachtet
betrachtet und sie mit Daten aus ver-
schiedensten Wissens- und Erfahrungsbereichen wie Biologie,
Soziologie, Kybernetik, Linguistik, Geschichte, Psychologie
und Kunst vergleicht. Ich kann mir keinen Autor vorstellen,
der wie er in der Form eines Baumblattes, dem Körper eines
Krebses und der Grammatik unserer Sprache vergleichbare Or-
ganisationsprinzipien hätte entdecken können.
Daß ihm dies so überzeugend gelingt, hat meines Erachtens viel
mit seiner Befolgung einer Maxime zu tun, die er in dem vorlie-
genden Band wiederholt vertritt: Man müsse als wissenschaftli-
cher Forscher stets sowohl ein strenges wie ein lockeres Den-
ken (strict and loose thinking) zum Zuge bringen können. Eine
Mischung (oder wenn man will: Dialektik) von lockerem und
strengem Denken kennzeichnet, so scheint mir, alle seine Ar-
beiten. Dabei scheinen sich neue Einsichten, provokative Aus-
sagen ständig gleichsam wie auf leisen Sohlen einzuschleichen.
Wir lesen etwa in seinen Schriften: »Das Lebewesen, das im
Kampf gegen seine Umwelt siegt, zerstört sich selbst«; »Wis-
senschaft beweist niemals etwas«; »Es gibt keine objektive Er-
fahrung«; »Logik ist ein karges Modell von Ursache und Wir-
kung« oder »Kausalität wirkt nicht zurück«. Man muß Bateson
langsam und mehrmals lesen, sich immer wieder mit ihm aus-
einandersetzen, um nachvollziehen zu können, wie revolutio-
när und zugleich einleuchtend er ist.
Bateson legt wiederholt den Vergleich mit philosophischen Au-
toren nahe, die deutschsprachigen Lesern vertrauter sind als er
selbst - z. B. mit Hegel, der ihm im Hinblick auf die Weite der
Interessen und die Faszination durch Widerspruch und Paradox
8
verwandt scheint, oder, in neuerer Zeit, mit Victor von Weiz-
säcker, der hierzulande vielleicht mehr als jeder andere Denker
ökosystemische psychosoziale Zusammenhänge bzw. eine
Ökologie des Geistes erschaut oder erahnt hat. Doch mir ist
kein deutschsprachiger Autor bekannt, der wie Bateson in sei-
ner Person eine so weitgespannte wissenschaftliche Phantasie,
den Blick für das Wesentliche, Witz, Wärme und, last not least,
die Fähigkeit zum Understatement vereint.
Abgesehen von mehreren getrennt veröffentlichten Büchern
enthält dieser Band die wesentlichen Arbeiten, die Bateson bis-
her geschrieben hat.
Vorwort

Manche Menschen scheinen unbeirrt weiterarbeiten zu können,


auch wenn sie nur geringen Erfolg und keine Ermutigung von
außen haben. Ich gehöre nicht zu ihnen. Ich mußte immer wis-
sen, daß irgendein anderer an meine Arbeit glaubte, und war oft
überrascht, wenn andere Vertrauen in mich setzten, obwohl mir
selbst dies kaum gelang. Zuzeiten habe ich sogar versucht, die
Verantwortung abzuschütteln, die mir ihr fortgesetztes Ver-
trauen auferlegte, indem ich dachte: »Aber sie wissen eigentlich
gar nicht, was ich mache. Wie sollten sie auch, wo ich es doch
selbst nicht weiß?«
Meine erste anthropologische Feldarbeit bei einem Baining-
Stamm in Neu-Pommern war ein Fehlschlag, und ich hatte eine
Zeit teilweiser Mißerfolge bei der Forschungsarbeit mit Delphi-
nen. Keiner dieser Mißerfolge ist jemals gegen mich verwendet
worden.
Dafür habe ich mich bei vielen Menschen und Institutionen zu
bedanken, die mich auch dann unterstützten, wenn ich mich
selbst nicht gerade für besonders förderungswürdig hielt.
Zunächst danke ich dem Council of Fellows am St. Johns Col-
lege, Cambridge, das mich kurz nach meinem Mißerfolg bei
den Baining für ein Stipendium auswählte. Meine Tochter Mary
Catherine Bateson hat auch viel beigetragen, unter anderem ein
fiktives Bild ihrer selbst in den Metalogen.
Als nächstes, in chronologischer Reihenfolge, bin ich Margaret
Mead zutiefst verpflichtet, die mir in Bali und Neu Guinea Frau
und sehr enge Mitarbeiterin war und mich danach als Freundin
und Berufskollegin begleitete.
Im Jahr 1942 traf ich bei einer Konferenz der Macy Foundation
Warren McCulloch und Julian Bigelow, die damals begeistert
über »feedback« diskutierten. Die Arbeit an Naven hatte mich
bis an die Grenzen dessen gebracht, was später zur Kybernetik
wurde, es fehlte mir aber noch der Begriff der negativen Rück-
10
koppelung. Als ich nach dem Krieg von Ubersee zurückkehrte,
suchte ich Frank Fremont-Smith von der Macy Foundation auf
und bat ihn, ein Kolloquium zu dem damals noch mysteriösen
Thema zu veranstalten. Frank sagte mir, daß er gerade ein sol-
ches Kolloquium mit McCulloch als Vorsitzendem arrangiert
hätte. So hatte ich zufällig das Privileg, Teilnehmer an den be-
rühmten Macy Conferences on Cybernetics zu werden. Was
ich Warren McCulloch, Norbert Wiener, John von Neumann,
Evelyn Hutchinson und anderen Teilnehmern dieser Kollo-
quien verdanke, ist deutlich in allem ersichtlich, was ich nach
dem Zweiten Weltkrieg geschrieben habe. Bei meinen ersten
Versuchen, kybernetische Vorstellungen mit anthropologischen
Daten zu synthetisieren, wurde ich durch ein Guggenheim-
Stipendium unterstützt.
In der Zeit meiner Annäherung an psychiatrische Fragestellun-
gen war es Jürgen Ruesch, mit dem ich in der Langley Porter
Clinic zusammenarbeitete, der mich in viele der erstaunlichen
Merkmale der psychiatrischen Welt einführte.
Von 1949 bis 1962 führte ich den Titel »Ethnologe« am Vete-
rans Administration Hospital in Palo Alto, wo ich die einmalige
Freiheit hatte, alles zu studieren, was ich für interessant hielt.
Anforderungen von außen wurden mir abgenommen, und diese
Freiheit gab mir der Direktor des Hospitals, John J. Prusmack.
In dieser Zeit regte Bernard Siegel die Stanford University Press
an, mein Buch Naven neu zu veröffentlichen, das bei seiner
ersten Publikation im Jahr 1936 ein glatter Reinfall gewesen
war; und ich hatte das Glück, Filmmaterial über einen Spielab-
lauf unter Ottern im Fleishhacker-Zoo zusammenzubekom-
men, der mir theoretisch so interessant schien, daß er ein klei-
nes Forschungsprogramm rechtfertigte.
Mein erstes Forschungsstipendium auf dem Gebiet der Psych-
iatrie verdanke ich dem jüngst verstorbenen ehester Barnard
von der Rockefeiler Foundation, der mehrere Jahre lang ein
Exemplar von Naven neben seinem Bett stehen hatte. Es han-
delte sich um ein Stipendium zur Erforschung »der Rolle von
Paradoxien der Abstraktion für die Kommunikation«.
11
Im Rahmen dieses Stipendiums schlössen sich mir Jay Haley,
John Weakland und Bill Fry an, mit denen ich am V. A. Hospi-
tal ein kleines Forschungsteam bildete.
Aber es wurde wieder ein Fehlschlag. Unser Stipendium war
nur auf zwei Jahre befristet, Chester Barnard war ausgeschie-
den, und nach Auffassung der Bewilligungskommission reich-
ten unsere Ergebnisse nicht hin, um eine Verlängerung zu
rechtfertigen. Das Stipendium lief aus, aber das Team hielt mir
die Treue und arbeitete ohne Bezahlung weiter. Die Arbeit
wurde fortgesetzt, und ein paar Tage nach Ablauf des Stipen-
diums, als ich gerade einen verzweifelten Brief an Norbert Wie-
ner schrieb, in dem ich ihn um Rat bat wegen einer neuen
Geldquelle, wurde uns die »double
>double bind<-Hypothese beschert.
Schließlich retteten uns Frank Fremont-Smith und die Macy
Foundation.
Danach kamen Gelder vom Foundations Fund for Psychiatry
und vom National Institute of Mental Health.
Allmählich stellte sich heraus, daß ich, um weitere Fortschritte
bei der Untersuchung von logischer Typisierung in der Kom-
munikation machen zu können, mit Tieren würde arbeiten
müssen, und ich begann mit Polypen. Meine Frau, Lois, arbei-
tete mit mir zusammen, und wir hielten über ein Jahr lang etwa
ein Dutzend Polypen in unserem Wohnzimmer. Diese Vorar-
beit war vielversprechend, mußte aber unter besseren Bedin-
gungen wiederholt und ausgedehnt werden. Dafür standen kei-
ne Gelder zur Verfügung.
An diesem Punkt kam John Lilly auf mich zu und lud mich ein,
Direktor seines Delphin-Laboratoriums auf den Jungferninseln
zu werden. Dort arbeitete ich etwa ein Jahr lang und entwickel-
te Interesse an der Kommunikation von Delphinen, aber ich
glaube, ich bin nicht dafür geschaffen, ein Laboratorium zu
leiten, dessen Finanzierung unsicher ist und dessen Standort
unerträgliche logistische Schwierigkeiten mit sich bringt.
Als ich gerade mit diesen Problemen kämpfte, erhielt ich ein
Berufsförderungsstipendium vom National Institute of Mental
Health. Diese Stipendien wurden von Bert Boothe vergeben,
12
und ich bin ihm für sein fortgesetztes Vertrauen und Interesse
sehr verpflichtet.
Im Jahr 1963 lud mich Taylor Pryor von der Oceanic Founda-
tion in Hawaii ein, an seinem Oceanic Institute über Kommu-
nikationsprobleme bei Cetacea und andere Probleme der tieri-
schen und menschlichen Kommunikation zu arbeiten. Dort ha-
be ich über die Hälfte des vorliegenden Buchs geschrieben,
unter anderem den gesamten V. Teil.
Während der Zeit in Hawaii habe ich kürzlich auch mit dem
Culture Learning Institute am East-West Center der Universi-
tät von Hawaii zusammengearbeitet und verdanke den Diskus-
sionen in diesem Institut einige theoretischen Einsichten bezüg-
lich des Lernens (Teil III).
Was ich der Wenner-Gren Foundation verdanke, ergibt sich ein-
deutig aus der Tatsache, daß das Buch nicht weniger als vier
Positionspapiere enthält, die für Wenner-Gren-Konferenzen
geschrieben wurden. Ich möchte auch Mrs. Lita Osmundsen,
der Forschungsleiterin dieser Stiftung, persönlich danken.
Noch viele andere haben sich für mich eingesetzt. Die meisten
können hier nicht erwähnt werden, aber ich habe besonders Dr.
Vern Carroll zu danken, der die Bibliographie anfertigte, und
nicht zu vergessen auch meine Sekretärin, Judith van Slooten,
die viele Stunden mit Akkuratesse daran gearbeitet hat, dieses
Buch für den Druck vorzubereiten.
Schließlich ist da noch der Dank, den jeder Wissenschaftler den
Riesen der Vergangenheit schuldet. Es ist kein schlechter Trost,
sich zu Zeiten, da die nächste Idee nicht kommen will und das
ganze Unterfangen eitel scheint, der größeren Männer zu erin-
nern, die mit denselben Problemen gerungen haben. Persönlich
wurde ich sehr stark von den Männern inspiriert, die in den
letzten zweihundert Jahren die Idee der Einheit von Geist und
Körper am Leben erhalten haben: Lamarck
Lamarck,y der Begründer der
Evolutionstheorie, elend, alt und blind, und von Cuvier ver-
dammt, der an eine spezielle Schöpfung glaubte; William Blake,
der Dichter und Maler, der »durch seine Augen sah, nicht mit
ihnen«, und mehr davon verstand, was es bedeutet, ein Mensch
zu sein, als viele andere; Samuel Butler, der fähigste zeitgenös-
sische Kritiker der Darwinschen Evolution und der erste Ana-
lytiker einer schizophrenogenen Familie; R. G. Collingwood,
der erste, der die Natur des Kontexts erkannte - und in kristall-
klarer Prosa analysierte; und William Bateson, mein Vater, der
gewiß schon 1894 bereit war, die kybernetischen Ideen aufzu-
greifen.

Auswahl und Anordnung der Aufsätze

Das Buch enthält fast alles, was ich geschrieben habe, mit Aus-
nahme zu langer Arbeiten wie Bücher und ausgedehnte Analy-
sen von Daten; nicht aufgenommen sind auch zu triviale oder
ephemere Schriften wie Buchbesprechungen und Diskussions-
beiträge. Eine vollständige persönliche Bibliographie ist ange-
fügt.
Grob gesagt habe ich mich mit vier Themenbereichen befaßt:
Anthropologie, Psychiatrie, biologische Evolution und Genetik
und die neue Erkenntnistheorie, die sich aus Systemtheorie und
Ökologie ergibt. Aufsätze zu diesen Themen bilden die Teile II,
III, IV und V des Buchs, und die Reihenfolge dieser Teile ent-
spricht der chronologischen Ordnung von vier sich überlap-
penden Phasen meines Lebens, in denen diese Themen für mein
Denken zentral waren. Innerhalb der einzelnen Teile sind die
Aufsätze chronologisch geordnet.
Ich gehe davon aus, daß sich die Leser am sorgfältigsten mit
denjenigen Teilen des Buchs befassen werden, die ihr spezielles
Interessengebiet betreffen. Deshalb habe ich nicht grundsätz-
lich Wiederholungen vermieden. Der Psychiater, der sich für
den Alkoholismus interessiert, wird in »Die Kybernetik des
»Selbst
>Selbst <«
«< Ideen antreffen, die in »Form, Substanz und Diffe-
renz« in eher philosophischem Gewände wiederkehren.

Oceanic Institute, Hawaii


16. April 1971
Einführung
Die Wissenschaft von Geist und Ordnung*
Ordnung""

Der Titel dieses Buchs mit gesammelten Aufsätzen und Vorle-


sungen soll eine genaue Vorstellung von seinem Inhalt vermit-
teln. Die über fünfunddreißig Jahre verstreuten Aufsätze zeigen
in ihrer Gesamtheit einen neuen Weg auf, über Ideen und dieje-
nigen Aggregate von Ideen nachzudenken, die ich mit dem Be-
griff »Geist« bezeichne. Diese Denkweise nenne ich die »Öko-
logie des Geistes« oder die Ökologie der Ideen. Es handelt sich
um eine Wissenschaft, die bislang noch nicht als ein organisier-
ter Fundus von Theorien oder Erkenntnissen existiert.
Aber die Definition einer »Idee«, die die Aufsätze gemeinsam
leisten wollen, ist viel weiter und formaler, als üblicherweise
angenommen wird. Die Aufsätze müssen für sich selbst spre-
chen, aber ich möchte doch gleich hier am Anfang meine Über- Uber-
zeugung ausdrücken, daß Themen wie die bilaterale Symmetrie
eines Tieres, die musterförmige Anordnung von Blättern an
einer Pflanze, die Eskalation eines Rüstungswettlaufs, die Pro-
zesse des Partnerwerbens, die Natur des Spiels, die Grammatik
eines Satzes, das Geheimnis der biologischen Evolution und die
zeitgenössischen Krisen in der menschlichen Beziehung zur
Umwelt nur im Rahmen einer Ökologie von Ideen verständlich
sind, wie ich sie hier vorschlage.
Die in diesem Buch aufgeworfenen Fragen betreffen die Ökolo-
gie: Wie findet eine Wechselwirkung zwischen Ideen statt? Gibt
es eine Art natürlicher Selektion, die das Überleben Uberleben einiger
Ideen und den Untergang oder den Tod anderer bestimmt?
Welche Art der Ökonomie begrenzt die Vielheit von Ideen in
einem gegebenen Bereich des Geistes? Welches sind die not-
wendigen Bedingungen für Stabilität (oder Uberleben) eines
solchen Systems oder Subsystems?
* Dieser Aufsatz wurde im Jahr 1971
197t geschrieben und in der englischen Origi-
nalausgabe dieses Buchs zum ersten Mal veröffentlicht.
I
15S
Einige dieser Fragen werden in den Aufsätzen berührt, aber der
Hauptvorstoß des Buches besteht darin, den Weg freizuma-
chen, um solche Fragen sinnvoll stellen zu können.
Erst Ende 1969 wurde mir vollkommen klar, was ich eigentlich
gemacht hatte. Mit der Niederschrift der Korzybski-Vorlesung
»Form, Substanz und Differenz« fand ich heraus, daß ich bei
meiner Arbeit mit primitiven Völkern, Schizophrenie, biologi-
scher Symmetrie und in meiner Abweichung von der her-
kömmlichen Evolutions- und Lerntheorie eine weit verstreute
Menge von Fix- oder Bezugspunkten festgelegt hatte, von de-
nen aus ein neues wissenschaftliches Arbeitsfeld abgegrenzt
werden konnte. Diese Fixpunkte habe ich im Titel dieses Buchs
als »Schritte« bezeichnet.""
bezeichnet.*
Es liegt in der Natur der Sache, daß ein Forscher erst dann
weiß, was er untersucht, wenn er es erforscht hat. Er trägt
keinen Baedeker in der Tasche, keinen Führer, der ihm sagt,
welche Kirchen er besichtigen und in welchen Hotels er woh-
nen soll. Er verfügt nur über das zweifelhafte Wissen anderer,
die den Weg vor ihm gegangen sind. Ohne Zweifel führen tiefe-
re Schichten des Geistes den Wissenschaftler oder Künstler zu
Erfahrungen und Gedanken, die irgendwie für seine Probleme
relevant sind, und diese Führung scheint schon zu wirken, lan-
ge bevor der Wissenschaftler irgendeine bewußte Kenntnis sei-
ner Ziele hat. Aber wie das abläuft, wissen wir nicht.
Ich war oft ungeduldig mit Kollegen, die unfähig schienen,
zwischen Trivialem und Wichtigem zu unterscheiden. Wenn
mich aber Studenten um eine Definition dieses Unterschiedes
baten, verschlug es mir die Sprache. Ich habe darauf vage geant-
wortet, daß jedes Studium, das Licht auf die Natur von »Ord-
nung« oder »Muster« im Universum wirft, mit Sicherheit nicht
trivial sei.
Aber diese Antwort drückt sich nur vor der Frage.
Früher unterrichtete ich einen freiwilligen Kursus für Angehö-
rige der Psychiatrie im Veterans Administration Hospital in
* Der Titel der amerikanischen Originalausgabe lautet »Steps to an Ecology of
Mind«. (A. d. Ü.)
16
Palo Alto und versuchte, sie zum Nachdenken über die in die-
sen Aufsätzen dargestellten Gedanken anzuregen. Sie hörten
dem, was ich sagte, aufmerksam und mit großem Interesse zu,
aber jedes Jahr kam nach drei oder vier Sitzungen die Frage auf:
»Worüber geht dieser Kurs denn eigentlich?« Ich versuchte,
diese Frage auf verschiedenste Art und Weise zu beantworten.
Einmal stellte ich eine Art Katechismus zusammen und bot ihn
der Klasse als eine Zusammenstellung der Fragen an, die sie
nach Abschluß des Kurses diskutieren können sollten. Die Fra-
gen reichten von »Was ist ein Sakrament?«
Sakrament}« über »Was ist Entro-
pie}« bis »Was ist Spiel}«
Als didaktisches Manöver war mein Katechismus ein Fehl-
schlag: Er brachte die Klasse zum Schweigen. Aber eine Frage
darin war nützlich:
Eine bestimmte Mutter belohnt ihren kleinen Sohn gewöhnlich mit Eiskrem,
wenn er seinen Spinat gegessen hat. Welche zusätzlichen Informationen würden
Sie brauchen, um voraussagen zu können, ob sich bei dem Kind folgende
Entwicklung einstellen wird: a. Es wird schließlich Spinat lieben oder hassen;
b. Eiskrem lieben oder hassen oder c. die Mutter lieben oder hassen?
Wir widmeten der Erforschung der vielen Verästelungen dieser
Frage eine oder zwei Unterrichtsstunden, und dabei wurde
klar, daß sie alle zusätzliche Informationen über den Kontext
für das Verhalten der Mutter und des Sohnes brauchten. In der
Tat definierten das Phänomen des Kontexts und das eng damit
verbundene Phänomen der »Bedeutung« eine Unterscheidung
zwischen den »harten« Wissenschaften und der Art von Wis-
senschaft, die ich aufzubauen versuchte.
Nach und nach entdeckte ich, daß die Schwierigkeit, der Klasse
zu sagen, worum es in dem Kurs ging, darin lag, daß ich anders
dachte als sie. Ein Hinweis auf diese Differenz kam von einem
der Studenten. Es war die erste Sitzung der Klasse, und ich
hatte über die kulturellen Unterschiede zwischen England und
Amerika gesprochen - ein Thema, das immer angesprochen
werden sollte, wenn ein Engländer bei Amerikanern über Kul-
turanthropologie unterrichten muß. Am Ende der Sitzung kam
einer der Teilnehmer zu mir. Er versicherte sich mit einem Blick

17
über die Schulter, daß die anderen gegangen waren, und sagte
dann ziemlich zögernd: »Ich möchte eine Frage stellen.« »Bit-
te.« »Es geht darum - wollen Sie, daß wir lernen, was Sie uns
vortragen?« Ich zögerte einen Augenblick, aber er fuhr schnell
fort: »Oder ist es alles eine Art Beispiel, eine Veranschauli-
chung von etwas anderem?« »Ja, in der Tat!«
Aber ein Beispiel für was?
Und fast jedes Jahr kam so etwas auf wie eine Klage, die ge-
wöhnlich in Form eines Gerüchts bis zu mir drang. Es wurde
vorgebracht, daß »Bateson etwas weiß, das er uns nicht sagt«,
oder »Hinter dem, was Bateson sagt, steckt etwas, aber er verrät
nie, was es ist.«
Natürlich beantwortete ich nicht die Frage, »ein Beispiel für
was?«
Verzweifelt errichtete ich ein Diagramm, um zu beschreiben,
was ich für die Aufgabe des Wissenschaftlers hielt. Bei der Ver-
wendung dieses Diagramms wurde klar, daß ein Unterschied
zwischen meinen Denkgewohnheiten und denen meiner Stu-
denten aus der Tatsache folgte, daß sie geübt waren, induktiv
von Daten zu Hypothesen hin zu denken und zu argumentie-
ren, aber nicht darin, Hypothesen an Erkenntnissen zu messen,
die deduktiv von den Grundlagen der Wissenschaft oder der
Philosophie abgeleitet waren.
Das Diagramm hatte drei Spalten. Auf der linken Seite führte
ich die verschiedenen Arten von uninterpretierten Daten auf,
wie einen Filmbericht von menschlichem oder tierischem Ver-
halten, eine Versuchsbeschreibung, eine Beschreibung oder
Photographie von einem Käferbein oder eine aufgenommene
menschliche Äußerung. Ich betonte die Tatsache, daß »Daten«
nicht Ereignisse oder Objekte sind, sondern stets Berichte, Be-
schreibungen oder Erinnerungen von Ereignissen oder Objek-
ten. Es findet immer eine Transformation oder Neucodierung
des nackten Ereignisses statt, die zwischen den Wissenschaftler
und seinen Gegenstand tritt. Das Gewicht eines Gegenstandes
wird mit dem eines anderen verglichen oder auf einem Maßstab
eingetragen. Die menschliche Stimme wird in eine Bandaufnah-
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me transformiert. Zudem kommt es immer und unausweichlich
zu einer Selektion der Daten, weil nicht das gesamte vergangene
und gegenwärtige Universum Untersuchungsgegenstand vom
Standpunkt eines beliebigen Beobachters aus ist.
Streng genommen sind daher überhaupt keine Daten wirklich
»nackt«, und jeder Bericht ist irgendwie durch seine Abfassung
und durch Transformation entweder durch einen Menschen
oder durch seine Instrumente verändert worden.
Dennoch sind aber die Daten die verläßlichste Informations-
quelle, und von ihnen muß der Wissenschaftler ausgehen. Sie
liefern ihm die erste Inspiration, und zu ihnen muß er später
zurückkehren.
In der mittleren Spalte führte ich eine Anzahl unvollständig
definierter Erklärungsbegriffe auf, die man gewöhnlich in der
Verhaltensforschung verwendet - »Ego«, »Angst«, »Instinkt«,
»Absicht«, »Geist«, »Selbst«, »festgelegtes Handlungsmuster«,
»Intelligenz«, »Dummheit«, »Reife« und so weiter. Der Höf-
lichkeit zuliebe bezeichne ich diese als »heuristische« Begriffe;
in Wahrheit sind die meisten von ihnen so locker abgeleitet und
so irrelevant füreinander, daß sie sich zu einer Art begrifflichem
Nebel vermischen, der viel dazu beiträgt, den wissenschaftli-
chen Fortschritt zu hemmen.
In der rechten Spalte listete ich die von mir so genannten
»Grundlagen« auf. Diese zerfallen in zwei Arten: Aussagen und
Aussagensysteme, die Gemeinplätze sind, und Aussagen oder
»Gesetze«, die allgemein wahr sind. Zu den Gemeinplätzen
zählte ich die »ewigen Wahrheiten« der Mathematik, bei denen
die Wahrheit tautologisch auf die Gebiete beschränkt ist, in
denen die von Menschen gemachten Mengen von Axiomen und
Definitionen gelten: »Wenn Zahlen angemessen definiert sind,
und wenn die Operation der Addition angemessen definiert ist,
dann: 5 + 7 = 12.« Zu den Aussagen, die ich als wissenschaft-
lich oder allgemein und empirisch wahr bezeichnete, zählte ich
die Gesetze von der Erhaltung der Masse und der Energie, den
zweiten Hauptsatz der Thermodynamik usw. Aber die Linie
zwischen tautologischen Wahrheiten und empirischen Verallge-

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meinerungen ist nicht genau definierbar, und unter den
»Grundlagen« finden sich viele Aussagen, deren Wahrheit kein
vernünftiger Mensch bezweifeln kann, die sich aber nicht so
einfach unter empirisch oder tautologisch einordnen lassen. Die
»Gesetze« der Wahrscheinlichkeit lassen sich nicht so formulie-
ren, daß man sie zwar versteht, aber nicht glaubt; es ist jedoch
nicht leicht zu entscheiden, ob sie empirisch oder tautologisch
sind, und das gilt auch für Shannons Theoreme in der Informa-
tionstheorie.
Mit Hilfe eines solchen Diagramms läßt sich vieles über die
ganze wissenschaftliche Anstrengung und über die Stellung und
Richtung jeder einzelnen Untersuchung darin sagen. »Erklä-
rung« ist die Einteilung von Daten nach Grundlagen, aber das
höchste Ziel der Wissenschaft ist die Vermehrung grundlegen-
den Wissens.
Viele Forscher, besonders in den Verhaltenswissenschaften,
scheinen zu glauben, daß wissenschaftliches Vorgehen an erster
Stelle induktiv erfolgt und induktiv erfolgen sollte. Im Sinne
des Diagramms glauben sie, daß sich der Fortschritt aus dem
Studium der »nackten« Daten ergibt, das zu neuen heuristi-
schen Begriffen führt. Die heuristischen Begriffe müssen dann
als Arbeitshypothesen betrachtet und an weiteren Daten ge-
messen werden. Allmählich, so hofft man, werden die heuristi-
schen Begriffe berichtigt und verbessert, bis sie es schließlich
wert sind, einen Platz in der Liste der Grundlagen einzuneh-
men. Etwa fünfzig Jahre Arbeit, an der Tausende von klugen
Köpfen beteiligt waren, haben in der Tat eine reiche Ernte von
einigen hundert heuristischen Begriffen abgeworfen, aber leider
kaum ein einziges Prinzip, das einen Platz in der Liste der
Grundlagen verdient hätte.
Es ist nur allzu klar, daß die überragende Mehrheit von Begrif-
fen der zeitgenössischen Psychologie, Psychiatrie, Anthropolo-
gie, Soziologie und Ökonomie vom Netzwerk wissenschaftli-
cher Grundlagen total losgelöst ist.
Moliere beschrieb vor langer Zeit ein mündliches Doktorexa-
men, bei dem die gelehrten Doktoren nach »Ursache und
20
Grund« fragen, warum Opium die Menschen in Schlaf versin-
ken läßt. Der Kandidat antwortet triumphierend im Küchenla-
tein: »Weil eine einschläfernde Kraft darin wirkt (vis dor-
mitiva).«
Normalerweise steht der Wissenschaftler einem komplexen In-
teraktionssystem gegenüber - in diesem Fall einer Wechselwir-
kung von Mensch und Opium. Er beobachtet eine Veränderung
in dem System - der Mensch schläft ein. Der Wissenschaftler
erklärt dann die Veränderung, indem er der fiktiven Ursache
einen Namen gibt, die in dem einen oder anderen Bestandteil
des Interaktionssystems angelegt ist. Entweder das Opium ent-
hält ein verdinglichtes einschläferndes Prinzip, oder bei dem
Menschen besteht ein verdinglichtes Schlafbedürfnis, eine
Adormitosis, die in seiner Reaktion auf Opium »zum Ausdruck
kommt«.
Und normalerweise sind alle Hypothesen dieser Art »einschlä-
fernd« in dem Sinne, daß sie die kritische Instanz (eine weitere
verdinglichte fiktive Ursache) innerhalb des Wissenschaftlers
selbst zum Einschlafen bringen.
Der Geisteszustand oder Denkhabitus, der von Daten zur Ein-
schläferungshypothese und zurück zu den Daten führt, ver-
stärkt sich selbst. Alle Wissenschaftler legen großen Wert auf
Voraussage, und es ist ja auch etwas Schönes, Phänomene vor-
aussagen zu können. Aber Voraussage ist ein ziemlich dürftiger
Maßstab für die Uberprüfung
Überprüfung einer Hypothese, und das gilt
ganz besonders für »einschläfernde Hypothesen«. Wenn wir
behaupten, daß im Opium ein einschläferndes Prinzip wirkt,
dann können wir ein ganzes Leben damit verbringen, die Cha-
rakteristika dieses Prinzips zu studieren. Ist es hitzebeständig?
In welcher Fraktionierung eines Destillats ist es lokalisiert? Was
ist seine Molekülstruktur? Und so weiter. Viele dieser Fragen
werden sich im Laboratorium klären lassen und zu abgeleiteten
Hypothesen weiterführen, die nicht weniger »einschläfernd«
sind als diejenige, von der wir ausgingen.
In der Tat ist die Vervielfältigung von einschläfernden Hypo-
thesen ein Symptom für die übertriebene Vorliebe für Induk-
21
tion, und diese Vorliebe muß immer zu etwas wie dem gegen-
wärtigen Zustand der Verhaltenswissenschaften führen - einer
Menge quasitheoretischer Spekulation, die in keinem Zusam-
menhang mit irgendeinem Kern grundlegenden Wissens steht.
Im Kontrast hierzu versuche ich, Studenten beizubringen - und
diese Aufsatzsammlung hat sehr viel mit der Vermittlung dieser
These zu tun -, daß man in der wissenschaftlichen Forschung
zwei Ausgangspunkte hat, von denen jeder seine eigene Autori-
tät entfaltet: die Beobachtungen können nicht geleugnet wer-
den, und die Grundlagen müssen ihnen angepaßt werden.
Man muß so etwas ähnliches wie eine Zangenbewegung voll-
führen.
Wenn man ein Stück Land beobachtet oder die Sterne einteilt,
hat man es mit zwei Wissensquellen zu tun, von denen keine
außer acht gelassen werden darf: Einerseits die eigenen empiri-
schen Messungen und andererseits die euklidische Geometrie.
Wenn es nicht gelingt, die beiden aufeinander abzustimmen,
dann sind entweder die Daten falsch oder man hat falsch argu-
mentiert, oder man hat eine große Entdeckung gemacht, die zu
einer Revision der gesamten Geometrie führt.
Der Möchtegern-Verhaltenswissenschaftler, der nichts über die
Grundstruktur der Wissenschaft und über die 3000 Jahre sorg-
fältigen philosophischen und humanistischen Nachdenkens
über den Menschen weiß - der weder Entropie noch Sakrament
definieren kann -, sollte sich besser zurückhalten, als dem be-
stehenden Dschungel von unausgegorenen Hypothesen noch
eine weitere hinzuzufügen.
Aber der Graben zwischen dem Heuristischen und dem
Grundlegenden verdankt sich nicht allein dem Empirismus und
der induktiven Denkgewohnheit, auch nicht den Verführungen
schneller Anwendbarkeit und des falschen Erziehungssystems,
das professionelle Wissenschaftler aus Menschen macht, die
sich wenig für die Grundstruktur der Wissenschaft interessie-
ren. Er kommt auch aus dem Umstand, daß ein sehr großer Teil
der wissenschaftlichen Grundstruktur des neunzehnten Jahr-
hunderts unangemessen oder irrelevant für die Probleme und
22
Phänomene war, mit denen es Biologen und Verhaltenswissen-
schaftler zu tun hatten.
Mindestens 200 Jahre lang, sagen wir von der Zeit Newtons bis
zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts, bestand die Haupt-
beschäftigung der Wissenschaft darin, diejenigen Kausalketten
aufzuzeigen, die auf Kräfte und Einflüsse zurückgeführt wer-
den konnten. Die Newton zur Verfügung stehende Mathematik
war überwiegend quantitativ, und diese Tatsache, zusammen
mit der Betonung von Kräften und Einflüssen, veranlaßte die
Menschen dazu, mit erstaunlicher Genauigkeit Quantitäten der
Entfernung, der Zeit, der Materie und der Energie zu messen.
Da die Messungen des Beobachters mit der euklidischen Geo-
metrie übereinstimmen müssen, mußte auch das wissenschaftli-
che Denken mit den großen Gesetzen der Erhaltung konform
gehen. Die Beschreibung irgendeines Ereignisses, das ein Physi-
ker oder Chemiker untersuchte, mußte auf die Vorräte von
Masse und Energie gestützt werden, und diese Regel gab dem
ganzen Denken in den Naturwissenschaften eine besondere
Strenge.
Die frühen Pioniere der Verhaltensforschung nahmen, was
nicht verwunderlich ist, ihre Beobachtung des Verhaltens mit
dem Wunsch auf, eine ähnlich strenge Grundlage als Kontrolle
für ihre Spekulationen zu erhalten. Länge und Masse waren
Begriffe, die sie bei der Beschreibung des Verhaltens kaum ver-
wenden konnten (was immer das sein mochte), Energie aber
schien handlicher zu sein. Es war verlockend, »Energie« auf
schon bestehende Metaphern wie »Stärke« der Gefühle oder
des Charakters oder »Strenge« zu beziehen; oder Energie ir-
gendwie als Gegensatz zu »Ermüdung« oder »Apathie« aufzu-
fassen. Der Stoffwechsel unterliegt einem Energiehaushalt (im
Rahmen der strengen Bedeutung von »Energie«), und im Ver-
halten verbrauchte Energie muß sicher in diesen Haushalt ein-
geschlossen sein; deshalb schien es klug, Energie als eine Deter-
minante des Verhaltens zu interpretieren.
Es wäre fruchtbarer gewesen, Energiemangel als Hemmung
von Verhalten zu denken, da ein verhungernder Mensch
2
233
schließlich aufhören wird, sich zu verhalten. Aber selbst das
reicht nicht hin: Eine Amöbe, der die Nahrung entzogen wird,
wird für eine gewisse Zeit aktiver. Ihr Energieverbrauch steht
im umgekehrten Verhältnis zur eingegebenen Energie.
Die Wissenschaftler des neunzehnten Jahrhunderts (besonders
Freud), die versuchten, eine Brücke zwischen Verhaltensdaten
und den Grundlagen der Physik und der Chemie zu bauen,
hatten sicher recht, wenn sie auf der Notwendigkeit einer sol-
chen Brücke insistierten, aber ich glaube, sie hatten unrecht,
wenn sie dies mit dem Begriff der »Energie« begründeten.
Sind Masse und Länge für die Beschreibung des Verhaltens
unangemessen, dann ist Energie aller Wahrscheinlichkeit nach
auch nicht geeigneter. Energie ist Masse x Geschwindigkeit2,
und kein Verhaltenswissenschaftler besteht wirklich darauf, daß
diese Dimensionen auf »psychische Energie« anwendbar sind.
Es ist daher notwendig, sich nochmals unter den Grundlagen
nach einer geeigneten Menge von Ideen umzuschauen, an denen
wir unsere heuristischen Hypothesen messen können.
Einige werden aber dagegen halten, daß die Zeit dafür noch
nicht reif ist; daß mit Sicherheit alle Grundlagen der Wissen-
schaft durch induktives Vorgehen von der Erfahrung aus er-
reicht wurden, so daß wir fortfahren sollten, Induktion zu be-
treiben, bis wir eine grundlegende Antwort erhalten.
Ich glaube, es ist einfach nicht wahr, daß die Grundlagen der
Wissenschaft mit der auf Erfahrung basierenden Induktion an-
fingen, und ich vermute, daß wir bei der Suche nach einem
Brückenkopf unter den Grundlagen zu den ersten Anfängen
des wissenschaftlichen und philosophischen Denkens zurück-
gehen sollten; und sicher zurück bis zu einer Zeit, da Wissen-
schaft, Philosophie und Religion noch nicht getrennte Aktivitä-
ten waren, die jede für sich von Profis in getrennten Disziplinen
betrieben wurden.
Man denke zum Beispiel an den zentralen Ursprungsmythos
der jüdisch-christlichen Völker. Welches sind die grundlegen-
den philosophischen und wissenschaftlichen Probleme, um die
es in diesem Mythos geht?
2
244
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer,
und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem
Wasser.
Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.
Licht, Und Gott sah, daß das
Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das
Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste
Tag.
Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, die da scheide
zwischen den Wassern. Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter
der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah so. Und Gott nannte
die Feste Himmel. Da ward aus Abend und Morgen der zweite Tag.
Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondere
Orte, daß man das Trockene sehe. Und es geschah so. Und Gott nannte das
Trockene Erde, und die Sammlung der Wasser nannte er Meer. Und Gott sah,
daß es gut war,
war.
Luther-Übersetzung
Luther- Ü hersetzung
Aus diesen ersten zehn Versen gewaltiger Prosa können wir
einige der Prämissen oder Grundlagen des antiken chaldäischen
Denkens entnehmen, und es ist erstaunlich, fast gespenstisch,
festzustellen, wieviele der Grundlagen und Probleme der mo-
dernen Wissenschaft in dem antiken Dokument angedeutet
sind.
(1) Das Problem des Ursprungs und der Natur der Materie
wird vollständig ausgelassen.
(2) Die Passage befaßt sich ausführlich mit dem Problem des
Ursprungs von Ordnung.
(3)
(}) So wird eine Trennung der beiden Arten von Problemen
vollzogen. Möglicherweise war diese Trennung von Problemen
ein Irrtum, aber - Irrtum oder nicht - die Trennung wird in den
Grundlagen der modernen Wissenschaft beibehalten. Die Ge-
setze der Erhaltung von Materie und Energie bleiben weiterhin
getrennt von den Gesetzen der Ordnung, der negativen Entro-
pie und der Information.
(4) Ordnung wird als eine Sache des Aussortierens und des
Teilens gesehen. Aber der wesentliche Begriff bei allem Aussor-
tieren ist, daß jeder Unterschied später einen anderen Unter-
schied verursachen soll. Wenn wir schwarze Bälle aus weißen
aussortieren oder kleine aus großen, soll dem Unterschied zwi-

25
sehen den Bällen ein solcher in ihrer Lokalisierung folgen - die
Bälle der einen Klasse in einen Sack, die der anderen in einen
anderen. Für eine solche Operation brauchen wir etwas wie ein
Sieb, eine Schwelle oder, par excellence, ein Sinnesorgan. Es ist
daher verständlich, daß ein wahrnehmendes Einzelwesen erfun-
den wurde, um diese Funktion auszuüben, eine ansonsten un-
wahrscheinliche Ordnung zu schaffen.
(5) Eng verknüpft mit dem Sortieren und Teilen ist das Geheim-
nis der Klassifizierung, dem später unter den außergewöhnli-
chen menschlichen Leistungen das Benennen folgt.
Es ist überhaupt nicht selbstverständlich, daß die verschiedenen
Komponenten dieses Mythos alle aus dem auf Erfahrung beru-
henden induktiven Denken folgen sollen. Und die Sache wird
noch komplizierter, wenn dieser Ursprungsmythos mit ande-
ren verglichen wird, die abweichende Grundprämissen verkör-
pern.
Bei den latmul in Neu Guinea handelt der zentrale Ursprungs-
mythos, wie die Schöpfungsgeschichte, von der Frage, wie das
trockene Festland vom Wasser geschieden wurde. Sie sagen,
daß das Krokodil Kavwokmali am Anfang mit den Vorderbei-
nen und mit den Flinterbeinen
Hinterbeinen paddelte; und dieses Paddeln
führte dazu, daß der Schlamm mit dem Wasser vermischt blieb.
Der große Kulturheld, Kevembuangga, kam mit seinem Speer
und tötete Kavwokmali. Danach setzte sich der Schlamm, und
das Festland bildete sich heraus. Kevembuangga setzte dann
seinen Fuß auf das Festland, d. h. er demonstrierte stolz, »daß
es gut war«.
Dieser Fall erlaubt es eher, den Mythos von der Erfahrung
verbunden mit induktivem Denken abzuleiten. Schließlich
bleibt Schlamm vermischt, wenn er wahllos aufgerührt wird,
und setzt sich, wenn das Rühren aufhört. Überdies leben die
latmul in den riesigen Sümpfen des Sepik-River-Tals, wo die
Abgrenzung des Landes vom Wasser unvollkommen ist. Es ist
verständlich, daß sie an der Unterscheidung von Land und
Wasser interessiert sind.
Jedenfalls sind die latmul zu einer Theorie der Ordnung ge-
26
langt, die im fast genauen Gegensatz zu der im Buch der Gene-
sis steht. Im Denken der latmul taucht das Sortieren auf, sobald
Zufälligkeiten vermieden werden. In der Schöpfungsgeschichte
wird ein Vermittler erfunden, der das Sortieren und Teilen be-
sorgt.
Aber beide Kulturen nehmen gleichermaßen eine grundlegende
Trennung zwischen den Problemen der materiellen Schöpfung
und den Problemen von Ordnung und Differenzierung vor.
Wenn wir nun zu der Frage zurückkehren, ob die Grundlagen
der Wissenschaft und/oder Philosophie auf der primitiven Stufe
durch induktives Denken auf der Basis von Erfahrung erreicht
wurden, merken wir, daß die Antwort nicht leicht ist. Es ist
schwierig zu erkennen, wie die Dichotomie von Substanz und
Form durch induktive Argumentation herausgefunden werden
konnte. Denn kein Mensch hat jemals formlose und unsortierte
Materie gesehen oder erfahren; wie auch kein Mensch jemals
ein »zufälliges« Ereignis gesehen oder erfahren hat. Wenn also
die Vorstellung eines »wüsten und leeren« Universums durch
Induktion erreicht wurde, dann geschah dies aufgrund eines
ungeheuren - und vielleicht irrtümlichen - Sprungs der Extra-
polation.
Und genauso ist nicht klar, ob der Ausgangspunkt,.von
Ausgangspunkt, von dem die
primitiven Philosophen abhoben, Beobachtung war. Es ist zu-
mindest genauso wahrscheinlich, daß die Dichotomie von
Form und Substanz eine unbewußte Ableitung aus der Relation
zwischen Subjekt und Prädikat in der Struktur der primitiven
Sprache war. Dies jedoch ist eine Sache, die jenseits sinnvoller
Spekulation liegt.
Sei dem wie es wolle, das zentrale - aber meistens nicht explizi-
te - Thema der Vorlesungen, die ich vor den Angehörigen der
Psychiatrie hielt, und dieser Aufsätze ist die Brücke zwischen
Verhaltensdaten und den Grundlagen von Wissenschaft und
Philosophie; und meine oben gemachten kritischen Anmerkun-
gen über die metaphorische Verwendung von »Energie« in den
Verhaltenswissenschaften vereinigen sich zu einem ziemlich
einfachen Vorwurf gegenüber vielen meiner Kollegen, daß sie
2
*7
7
versucht haben, die Brücke zu der falschen Hälfte der antiken
Dichotomie von Form und Substanz zu schlagen. Die Gesetze
der Erhaltung von Materie und Energie betreffen eher Substanz
als Form. Aber geistige Prozesse, Ideen, Kommunikation, Or-
ganisation, Differenzierung, Muster und so weiter haben es
eher mit Form als mit Substanz zu tun.
Innerhalb des Fundus von Grundlagen wurde die Hälfte, die
sich auf Form bezieht, in den letzten dreißig Jahren dramatisch
angereichert durch die Entdeckung der Kybernetik und der
Systemtheorie. Dieses Buch will eine Brücke schlagen zwischen
den Tatsachen des Lebens, dem Verhalten und dem, was wir
heute über die Natur des Musters und der Ordnung wissen.
Teil I
[etaloge
Definition: Ein Metalog ist ein Gespräch über ein problemati-
sches Thema. In diesem Gespräch sollten die Teilnehmer nicht
nur das Problem diskutieren, sondern die Struktur des Ge-
sprächs als ganzes sollte auch für eben dieses Thema relevant
sein. Nur einige der hier vorgelegten Gespräche genügen die-
sem doppelten Anspruch.
Insbesondere die Geschichte der Evolutionstheorie ist zwangs-
läufig ein Metalog zwischen Mensch und Natur, in dem die
Entstehung und Wechselwirkung von Ideen notwendig den
Evolutionsprozeß exemplifizieren muß.
durcheinander?*1"
Metalog: Warum kommen Sachen durcheinander?'

Tochter: Pappi, warum kommen Sachen durcheinander?


Vater: Was meinst du? Sachen? Durcheinander?
T: Na ja, die Leute verbringen viel Zeit damit, Sachen aufzu-
räumen, aber sie scheinen nie Zeit zu brauchen, um sie
durcheinander zu bringen. Alles scheint irgendwie von
selbst durcheinander zu geraten. Und dann müssen die Leu-
te wieder aufräumen.
V: Aber kommen deine Sachen durcheinander, wenn du sie
nicht anrührst?
T: Nein - nicht, wenn niemand sie anrührt. Aber wenn du sie
anrührst - oder wenn irgendwer sie anrührt -, kommen sie
durcheinander, und das Durcheinander ist schlimmer, wenn
ich es nicht bin.
V: Ja - deshalb versuche ich dich immer davon abzuhalten, die
Sachen auf meinem Tisch anzufassen. Denn meine Sachen
kommen in ein schlimmeres Durcheinander, wenn jemand
anderes als ich sie anfaßt.
T: Aber bringen Leute immer anderer Leute Sachen durchein-
ander? Warum machen sie das, Pappi?
V: Augenblick mal. Das ist nicht so einfach. Sag mir erst, was
du mit »durcheinander« meinst.
T: Ich meine - so, daß ich nichts mehr wiederfinde und so, daß
alles durcheinander aussieht. So wie es ist, wenn nichts seine
Ordnung hat -
V; Na gut, bist du sicher, daß du dasselbe mit »durcheinander«
V:
meinst, was jeder andere auch meinen würde?
T: Aber natürlich, Pappi, ich bin ganz sicher, weil ich nicht
besonders ordentlich bin, und wenn ich sage, daß Sachen
durcheinander sind, dann würde ganz gewiß jeder mit mir
übereinstimmen.

*s' Geschrieben 1948; vorher nicht veröffentlicht.

32
V: In Ordnung - aber glaubst du denn auch, du meinst dasselbe
mit »ordentlich« wie alle anderen Leute? Wenn Mammi dei-
ne Sachen aufräumt, weißt du dann, wo du sie findest?
T: Hmmm ... manchmal - weil, siehst du, ich weiß, wo sie sie
hinlegt, wenn sie aufräumt -
V: Ja, ich versuche auch, sie daran zu hindern, meinen Tisch
aufzuräumen. Ich bin sicher, daß sie und ich nicht dasselbe
unter »ordentlich« verstehen.
T: Pappi, verstehen du und ich dasselbe unter »ordentlich«?
V: Ich bezweifle es, mein Schatz - ich bezweifle es.
T;
T: Aber Pappi, ist das nicht komisch, daß jeder dasselbe meint,
wenn er »durcheinander« sagt, aber alle unter »ordentlich«
etwas anderes verstehen. Und »ordentlich« ist doch das Ge-
genteil von »durcheinander«, oder nicht?
V: Jetzt geraten wir langsam an schwierigere Fragen. Laß uns
noch mal von vorne anfangen. Du hast gefragt: »Warum
kommen Sachen immer durcheinander?«
durcheinander?* Wir haben einen
oder zwei Schritte getan - und jetzt wollen wir die Frage
abändern in: »Warum kommen Sachen in einen Zustand,
den Cathy als >nicht ordentlich< bezeichnet?« Verstehst du,
warum ich diese Änderung vornehmen möchte?
T: ... Ja, ich glaube - denn wenn ich eine besondere Bedeutung
für »ordentlich« habe, dann werden mir einige »Ordnun-
gen« anderer Leute als Durcheinander vorkommen - selbst
wenn wir uns über das meiste einig sind, was wir als Durch-
einander bezeichnen -
V: Genau. Dann wollen wir uns mal ansehen, was du ordent-
lich nennst. Wenn ein Malkasten da steht, wo er hingehört,
wo ist er dann?
T: Hier, am Rand dieses Regals.
V: Na gut, und was ist, wenn er irgendwo anders steht?
T: Nein, das wäre nicht ordentlich.
V; Was ist mit der anderen Seite des Regals, hier? So etwa?
V:
T: Nein, da gehört er nicht hin, und überhaupt müßte er gerade
stehen, nicht so schief, wie du ihn hingestellt hast.
V: Oh - an der richtigen Stelle und gerade.

33
T:J
a.
T: Ja
-
V: Das heißt also, daß es nur sehr wenige Stellen gibt, die für
deinen Malkasten »ordentlich« sind. -
T: Nur eine -
V: Nein - sehr wenige, denn wenn ich ihn ein bißchen verschie-
be, so etwa, dann ist es immer noch ordentlich.
T: Na gut - aber sehr, sehr wenige Stellen.
V: Einverstanden, sehr, sehr wenige Stellen. Und was ist mit
dem Teddybär und deiner Puppe, dem Zauberer, deinem
Sweater und deinen Schuhen? Das gilt doch für alles, daß
jedes Ding nur sehr, sehr wenige Stellen hat, wo es hinge-
hört, oder nicht?
T: Ja, Pappi - aber der Zauberer könnte überall auf dem Regal
stehen. Und Pappi - weißt du was? Ich finde es fürchterlich,
wenn sich meine Bücher mit deinen und Mammi's vermi-
schen.
V: Ja, das weiß ich. (Pause)
T: Pappi, du warst noch nicht fertig. Warum werden meine
Sachen so, daß ich es unordentlich nenne?
V: Doch, ich habe alles gesagt - einfach deshalb, weil es mehr
Möglichkeiten gibt, die du »unordentlich« nennst, als sol-
che, die dir »ordentlich« erscheinen.
T: Aber das ist doch kein Grund für -
V: Doch, natürlich. Es ist sogar der wirkliche, einzige und sehr
wichtige Grund.
T: Ach Pappi! Hör doch auf.
V: Nein, ich mache keinen Spaß. Das ist der Grund, und in den
Wissenschaften hängt alles von diesem Grund ab. Nehmen
wir ein anderes Beispiel. Wenn ich Sand in diese Tasse streue
und oben drauf Zucker, und es dann mit einem Teelöffel
umrühre, werden sich der Sand und der Zucker vermischen,
oder nicht?
T: Ja, aber Pappi, ist es fair, von »vermischen« zu reden, wo
wir doch mit »durcheinander« angefangen haben?
V: Hmmm ... ich weiß nicht . .... aber ich glaube schon - ja -,
denn nehmen wir mal an, wir finden jemanden, der es für

34
ordentlicher hält, wenn der ganze Sand unter dem ganzen
Zucker liegt. Und wenn du so willst, würde ich sagen, daß
ich es gerne so hätte -
T: Hmmm ...
V: Na gut, nehmen wir ein anderes Beispiel. Manchmal siehst
du im Kino eine Menge Buchstaben des Alphabets über die
Leinwand verstreut, ganz kunterbunt durcheinander und
einige sogar falsch 'rum. Und dann schüttelt irgendwas die
Bildebene, so daß sich die Buchstaben zu bewegen anfangen,
und das Schütteln geht so lange weiter, bis sich alle Buchsta-
ben zusammenfinden und den Titel des Films ergeben.
T: Ja, das habe ich schon gesehen - dabei kam Donald raus.
V: Darauf kommt es nicht so sehr an. Wichtig ist, daß du gese-
hen hast, wie etwas geschüttelt und aufgestört wurde, und
anstatt noch mehr vermischt zu werden als vorher, fanden
sich die Buchstaben zu einer Ordnung zusammen, alle in der
richtigen Stellung, und ergaben ein Wort - sie bildeten et-
was, das eine Menge Leute für Sinn halten würden.
T: Ja Pappi, aber weißt du ...
V: Nein, ich weiß nicht; ich versuche nur zu sagen, daß in der
wirklichen Welt nie so etwas passiert. Das gibt es nur im
Kino.
T: Aber Pappi ...
V: Warte noch einen Augenblick, laß mich diesmal ausreden
... Und im Kino lassen sie es so erscheinen, indem sie das
ganze rückwärts drehen. Sie reihen die Buchstaben so auf,
daß sie Donald ergeben, dann setzen sie die Kamera in
Gang und dann fangen sie an, die Bildebene zu schütteln.
T: Oh Pappi - das wußte ich, und ich wollte dir dasselbe erzäh-
len und wenn sie dann den Film spielen, lassen sie ihn
rückwärts laufen, damit es aussieht, als sei alles vorwärts
passiert. Aber in Wirklichkeit passierte das Schütteln rück-
wärts. Und sie müssen es verkehrt 'rum
Turn photographieren ...
Warum machen sie das, Pappi?
V: Oh Gott.
T: Warum müssen sie die Kamera verkehrt 'rum laufen lassen?

35
V: Nein, ich werde diese Frage jetzt nicht beantworten, weil
wir ja noch mitten in der Frage des Durcheinanders
stecken.
T: Oh - na gut, aber vergiß es nicht, Pappi, du mußt mir diese
Frage über die Kamera ein andermal beantworten. Vergiß es
nicht! Du wirst es nicht vergessen, Pappi, oder? Es kann
nämlich sein, daß ich es vergesse. Bitte, Pappi.
V: Gut, aber ein andermal. Wo waren wir eigentlich? Ach ja,
dabei, daß Dinge niemals rückwärts ablaufen. Und ich habe
versucht, dir zu erklären, warum es ein Grund dafür ist, daß
sich Dinge in einer bestimmten Weise ereignen, wenn wir
zeigen können, daß diese Weise mehr Möglichkeiten hat,
einzutreten, als irgendeine andere.
T: Pappi - fang bitte nicht an, Unsinn zu reden.
V: Das ist kein Unsinn. Fangen wir nochmal von vorne an. Es
gibt nur eine Möglichkeit, Donald zu buchstabieren. Ein-
verstanden?
T:
T: Ja.
Ja-
V: Also gut. Und es gibt Millionen über Millionen Möglichkei-
ten, sechs Buchstaben über den Tisch zu verstreuen. Ja?
T: Ja. Ich nehme an. Können einige davon falsch 'rum liegen?
V: Natürlich - genauso kunterbunt durcheinander wie in dem
Film. Aber es könnten Millionen über Millionen Durchein-
ander wie dieses entstehen, oder nicht? Und nur ein Do-
nald?
T: Einverstanden - ja. Aber, Pappi, dieselben Buchstaben
könnten auch Old Dan ergeben.
V: Das macht nichts. Die Filmleute wollen nicht, daß Old Dan
daraus wird. Sie wollen nur Donald.
T: Warum denn?
V: Zum Teufel mit den Filmleuten.
T: Aber du hast mit ihnen angefangen, Pappi.
V: Ja - aber nur, um dir zu erklären, warum sich die Dinge so
ereignen, wie die meisten Möglichkeiten für sie bestehen.
Und jetzt ist Zeit für dich, ins Bett zu gehen.
T: Aber Pappi, du hast mir immer noch nicht fertig erklärt,

36
warum Dinge in dieser Weise passieren - in der, für die die
meisten Möglichkeiten bestehen.
V:Na gut. Aber laß nicht noch mehr Ballons steigen. Einer
reicht vollkommen. Und überhaupt, ich hab' die Nase voll
von Donald, nehmen wir ein anderes Beispiel. Vielleicht
Münzen hochwerfen.
T: Pappi? Redest du immer noch über dasselbe wie am Anfang?
Da war doch unsere Frage: »Warum kommen Sachen durch-
einander?«
V:
V; Ja.
T: Gilt dann das, was du zu sagen versuchst, für Donald, für
Zucker und Sand, für meinen Malkasten und für Münzen?
V: Ja - so ist es.
T: Oh - ich habe mich nur gewundert, das ist alles.
V: Na, wollen wir mal sehen, ob ich es diesmal hinkriege. Ge-
hen wir zurück zu dem Sand und dem Zucker und nehmen
an, daß jemand sagt, wenn der Sand unten liegt, ist es »rich-
tig« oder »ordentlich«.
T: Pappi, muß erst jemand so was sagen, bevor du anfangen
kannst, darüber zu reden, wie sich Dinge vermischen, wenn
man sie aufstört?
V: Ja - genau darum geht es. Sie sagen, was nach ihrer Hoff-
nung passieren soll, und dann sage ich ihnen, daß es nicht so
kommen wird, weil es soviel anderes gibt, was passieren
könnte. Und ich weiß, daß es wahrscheinlicher ist, daß eins
der vielen Dinge passieren wird, und nicht eins der wenigen.
T:
T; Pappi, du bist nichts als ein alter Buchmacher, der auf all die
anderen Pferde setzt - gegen das eine, auf das ich wetten
möchte.
V: Richtig, mein Schatz. Ich bringe sie dazu, auf das zu setzen,
was sie die »ordentliche« Möglichkeit nennen - ich weiß,
daß es unendlich viele Arten des Durcheinanders gibt -, und
gibt-,
so werden sich die Dinge immer in Richtung Durcheinander
und Vermischung entwickeln.
T: Aber warum hast du das nicht von Anfang an gesagt, Pappi?
Das hätte ich doch sofort verstanden.

37
V: Ja, das kann sein. Nun ja, Zeit zum Schlafengehen.
T: Pappi, warum haben die Erwachsenen Kriege, anstatt ein-
fach so zu kämpfen, wie es Kinder tun?
V: Nein - Zeit fürs Bett. Ab mit dir. Über Kriege reden wir ein
andermal.
Metalog: Warum fuchteln die Franzosen?"'
Franzosen?*

Tochter: Pappi, warum fuchteln die Franzosen mit ihren Ar-


men herum?
Vater: Was meinst du?
T: Ich meine, wenn sie reden. Warum fuchteln sie mit ihren
Armen herum und so?
V: Na ja - warum lächelst du? Und warum stampfst du manch-
mal mit dem Fuß auf?
T: Das ist doch nicht dasselbe, Pappi. Ich fuchtele nicht mit den
Armen herum wie die Franzosen. Ich glaube nicht, daß die
das lassen können, Pappi. Oder?
V: Ich weiß nicht - vielleicht fällt es ihnen sehr schwer, damit
aufzuhören...
aufzuhören ... Kannst du aufhören zu lächeln?
T: Aber Pappi, ich lächle doch nicht die ganze Zeit. Es fällt
schwer, es zu lassen, wenn ich mich danach fühle. Aber ich
fühle mich nicht die ganze Zeit danach. Und dann höre ich
auf.
V; Das stimmt - aber dann fuchteln die Franzosen auch nicht
V:
die ganze Zeit in derselben Weise mit ihren Armen herum.
Manchmal fuchteln sie so und manchmal so -, und ich glau-
be, manchmal hören sie auch damit auf.

V: Was denkst du? Ich meine, auf welche Gedanken kommst


du, wenn ein Franzose mit seinen Armen herumfuchtelt?
T: Für mich sieht es albern aus, Pappi. Aber ich glaube nicht,
daß es auf andere Franzosen genauso wirkt. Sie können sich
nicht alle albern vorkommen. Denn wenn es so wäre, wür-
den sie damit aufhören. Oder?
V: Vielleicht - aber das ist keine ganz leichte Frage. Was denkst
du noch dabei?
* Dieser Metalog ist ein Wiederabdruck aus Impulse ipfi,
19fi, einem Jahrbuch für
zeitgenössischen Tanz, mit Genehmigung der Impulse Publlcations,
Publications, Inc. Er
erschien auch in ETC.: A Review of General Semantics, Vol. X, 1953.

39
T: Na ja, sie sehen ganz aufgeregt aus ...
V: Also schön - »albern« und »aufgeregt«.
T: Aber sind sie wirklich so aufgeregt, wie sie aussehen? Wenn
ich so aufgeregt wäre, würde ich am liebsten tanzen oder
singen oder jemanden auf die Nase hauen ... aber die fuch-
teln nur immer mit ihren Armen herum. Also können sie
doch nicht wirklich aufgeregt sein.
V: Nun - sind sie wirklich so albern, wie sie dir vorkommen?
Und überhaupt, warum willst du manchmal tanzen und sin-
gen und jemanden auf die Nase hauen?
T: Oh. Manchmal fühle ich mich eben einfach so.
V: Vielleicht fühlt sich ein Franzose auch »einfach so«, wenn er
mit den Armen herumfuchtelt.
T: Aber er kann sich doch nicht die ganze Zeit so fühlen, Pap-
pi, das geht einfach nicht.
V: Du meinst - der Franzose fühlt sich beim Herumfuchteln
sicher nicht genauso, wie du dich dabei fühlen würdest. Und
damit hast du bestimmt recht.
T: Aber wie fühlt er sich dann?
dann}
V: Na ja - nehmen wir an, du redest mit einem Franzosen, und
er fuchtelt mit seinen Armen herum, und dann hört er mit-
ten im Gespräch, nachdem du etwas gesagt hast, plötzlich
damit auf und redet so weiter. Was würdest du dann den-
ken? Daß er einfach aufgehört hat, albern und aufgeregt zu
sein?
T: Nein ... ich würde Angst kriegen. Ich würde meinen, daß
ich ihn mit irgendwas in seinen Gefühlen verletzt habe und
daß er vielleicht wirklich böse sein könnte.
V: Ja - und du könntest recht haben.

T: Na gut - sie hören also mit dem Herumfuchteln auf, wenn


sie böse werden.
V: Augenblick mal. Die Frage ist doch, was drückt ein Franzo-
se einem anderen gegenüber aus, wenn er mit den Armen
herumfuchtelt? Und wir haben angefangen, es zu erklären-
er sagt ihm etwas darüber, was er von dem anderen hält. Er
40
teilt ihm mit, daß er nicht ernsthaft böse ist - daß er willens
und fähig ist, das zu sein, was du »albern« nennst.
T: Aber - nein - das kann nicht sein. Er kann sich nicht die
ganze Zeit so abmühen, nur um später dem anderen aus-
drücken zu können, daß er böse ist, indem er einfach die
Arme stillhält. Woher weiß er denn, daß er später böse sein
wird?
V: Er weiß es nicht. Nur für den Fall...
T: Nein, Pappi, das gibt keinen Sinn. Ich lächle doch nicht, nur
um dir später zeigen zu können, daß ich böse bin, indem ich
damit aufhöre?
V: Ja - ich glaube, daß das ein Grund für das Lächeln ist. Und
viele Menschen lächeln, um einem mitzuteilen, daß sie nicht
böse sind - obwohl sie es doch sind.
T: Aber das ist was anderes, Pappi. Es ist eine Art Lügen mit
dem Gesicht. Wie Pokerspielen.
V:
V; Ja.

V: Wo waren wir? Du glaubst nicht, daß es verständlich ist,


wenn sich die Franzosen so abmühen, um einander mitzu-
teilen, daß sie nicht böse oder verletzt sind. Aber worum
geht es denn eigentlich bei den meisten Gesprächen? Ich
meine, zwischen Amerikanern?
T: Aber Pappi, es geht um alles mögliche - Baseball und Eis-
krem, Gärten und Spiele. Und die Leute reden über andere,
über sich selbst und darüber, was sie zu Weihnachten be-
kommen haben.
V: Ja, ja - aber wer hört zu? Ich meine - gut, sie reden also über
Baseball und Gärten. Aber tauschen sie Informationen aus?
Und wenn ja, was für welche?
T: Sicher - wenn du vom Angeln nach Hause kommst, und ich
dich frage: »Hast du was gefangen?« und du antwortest:
»Nichts«, dann habe ich doch nicht gewußt, ob du was
fangen würdest, bis du es mir gesagt hast.
V: Hmmm.

4i
V: Also - du hast mein Angeln erwähnt - ein Thema, bei dem
ich etwas empfindlich bin und dann kam es zu einem
Bruch, zu einem Schweigen in dem Gespräch -, und dieses
Schweigen zeigt dir, daß ich keine Witze darüber vertrage,
wieviele Fische ich nicht gefangen habe. Es ist wie bei dem
Franzosen, der aufhört, mit seinen Armen herumzufuch-
teln, wenn er verletzt ist.
T: Tut mir leid, Pappi, aber du hast doch gesagt...
V:Nein - warte mal - wir wollen uns nicht durch Mitleid
verwirren lassen - ich werde morgen wieder Angeln gehen
und immer noch wissen, daß ich wahrscheinlich keinen
Fisch fangen werde ...
T: Aber Pappi, du hast doch gesagt, daß alle Gespräche nur
darin bestehen, anderen Leuten mitzuteilen, daß man ihnen
nicht böse ist...
V: Habe ich? Nein - nicht alle Gespräche, sondern viele.
V:Habe
Manchmal, wenn beide Partner bereit sind, aufmerksam zu-
zuhören, ist es möglich, mehr zu erreichen, als nur Grüße
und gute Wünsche auszutauschen; selbst mehr, als nur In-
formationen auszutauschen. Die beiden Gesprächsteilneh-
mer können sogar etwas herausfinden, was keiner von ihnen
vorher wußte.

V: Allerdings drehen sich die meisten Gespräche nur darum, ob


Leute böse sind oder so was. Sie mühen sich ab, einander
mitzuteilen, daß sie es gut meinen - was manchmal eine
Lüge ist. Aber was passiert, wenn ihnen nichts zu sagen
einfällt? Dann fühlen sie sich alle unwohl.
T: Aber wäre das nicht eine Information, Pappi? Ich meine - in
dem Sinne, daß sie ausdrücken, nicht böse zu sein.
V: Sicher, ja. Aber es ist eine andere Information als »Die Katze
liegt auf der Matte.«

T: Pappi, warum können die Leute nicht einfach sagen »Ich bin
nicht böse auf dich« und sich den Rest schenken?
V: Ah, jetzt kommen wir der Sache schon näher. Es geht näm-

42
lieh darum, daß die Mitteilungen, die wir in Gesten austau-
schen, gar nicht dasselbe sind wie irgendeine Übersetzung
dieser Gesten in Worte.
T: Ich verstehe nicht.
V: Ich meine - daß der Effekt, jemandem mit bloßen Worten zu
sagen, daß man böse ist oder nicht, jedenfalls nicht derselbe
sein kann, als wenn man es mit Gesten oder mit dem Tonfall
ausdrückt.
T: Aber Pappi, es gibt doch keine Worte ohne irgendeinen
Tonfall, oder? Selbst wenn jemand so leise wie nur möglich
spricht, hören die anderen, daß er sich zurückhält - und das
wird auch ein besonderer Ton sein, nicht wahr?
V: Ja, ich glaube. Aber genau das habe ich gerade eben über
Gesten gesagt - daß die Franzosen etwas Besonderes aus-
drücken können, indem sie ihre Gesten unterlassen.

V: Aber was meine ich dann, wenn ich sage, daß »bloße Worte«
niemals dasselbe vermitteln können wie Gesten - wo es
doch keine »bloßen Worte« gibt?
T: Na ja, daß Worte eben auch geschrieben sein können.
V: Nein, das hilft mir nicht aus der Schwierigkeit. Denn auch
geschriebene Worte haben eine Art Rhythmus, und sie ha-
ben Obertöne. Es geht darum, daß es überhaupt keine blo-
ßen Worte gibt. Es gibt nur Worte entweder mit Gesten
oder mit einem Tonfall, oder mit sonst irgendwas in dieser
Art. Aber natürlich kommen Gesten ohne Worte dauernd
vor.

T: Pappi, wenn sie uns in der Schule Französisch beibringen,


warum bringen sie uns dann nicht auch bei, mit den Händen
herumzufuchteln
herumzufuchteln??
V: Ich weiß nicht. Bestimmt nicht. Das ist wahrscheinlich einer
der Gründe, warum es den Leuten so schwer fällt, Sprachen
zu lernen.

43
V: Uberhaupt, es ist alles Unsinn. Ich meine, die Vorstellung,
daß Sprache aus Worten besteht, ist kompletter Unsinn -
und wenn ich gesagt habe, daß Gesten nicht in »bloße Wor-
te« übersetzt werden können, habe ich Unsinn geredet, weil
es so was wie »bloße Worte« gar nicht gibt. Die ganze Syn-
tax und die Grammatik, das ist alles Quatsch. Es beruht alles
auf der Idee, daß es so was wie »bloße« Worte gibt - aber es
gibt keine.
T: Aber, Pappi...
V: Ich sage dir - wir müssen noch mal ganz von vorne anfangen
und davon ausgehen, daß Sprache zuerst und vor allem ein
System von Gesten ist. Tiere verfügen schließlich nur über
Gesten und Tonfälle - und die Worte wurden später erfun-
den. Viel später. Und danach haben sie die Schulmeister
erfunden.
T: Pappi?
V: Ja.
T: Wäre es gut, wenn man auf Worte verzichten würde und
wieder dahin käme, nur Gesten zu verwenden?
V:
V; Hmmm. Ich weiß nicht. Natürlich wären wir nicht fähig,
uns nur so zu verständigen. Wir könnten nur bellen oder
muhen und mit den Armen herumfuchteln, und lachen und
grunzen und weinen. Aber das könnte Spaß machen - das
Leben wäre so eine Art Ballett - mit Tänzern, die ihre Musik
selbst machen.
Metalog: Über
Uber Spiele und Ernst"'
Ernst""

Tochter: Pappi, sind diese Gespräche ernst?


Vater: Sicher sind sie das.
T: Sie sind nicht so eine Art Spiel, das du mit mir spielst?
V: Gott bewahre... aber sie sind so eine Art Spiel, das wir
zusammen spielen.
T: Dann meinst du es nicht ernst!

V: Sag mir doch mal, was du unter den Worten »ernst« und ein
»Spiel« verstehst.
T: Na ja...
ja ... wenn du ... ich weiß nicht.
V: Wenn ich was?
T: Ich meine ... für mich sind die Gespräche ernst, aber wenn
du nur ein Spiel spielst...
V:
V; Jetzt mal langsam. Wir wollen sehen, was an »spielen« und
»Spiel« gut und was schlecht ist. Vor allem ist es mir egal -
ziemlich egal -, ob ich gewinne oder verliere. Wenn mich
deine Fragen in die Enge treiben, sicher, dann strenge ich
mich noch ein bißchen mehr an, genau zu denken und klar
zu sagen, was ich meine. Aber ich bluffe nicht und stelle
keine Fallen. Es besteht keine Versuchung, zu schummeln.
T: Genau das ist es. Für dich ist es nicht ernst. Es ist ein Spiel.
Leute, die schummeln, wissen einfach nicht, wie man spielt.
Sie behandeln ein Spiel, als wäre es ernst.
V: Aber es ist ernst.
T: Nein, ist es nicht - nicht für dich.
V: Nur weil ich keine Lust habe, zu schummeln?
T: Ja - auch deshalb.
V: Aber willst du mich denn die ganze Zeit beschummeln und
bluffen?
T: Nein - natürlich nicht.
* Dieser Metalog ist ein Wiederabdruck mit Genehmigung der ETC.: A Re-
view of General Semantics, Vol. X, 1953.

45
V: Also was?
T: Oh - Pappi - du wirst mich nie verstehen.
V: Das fürchte ich auch.

V: Schau, gerade habe ich eine Art Debattierpunkt gemacht,


indem ich dich dazu zwang einzugestehen, daß du nicht
schummeln willst - und dann habe ich an dieses Zugeständ-
nis die Folgerung geknüpft, daß die Gespräche für dich auch
nicht »ernst« sind. War das eine Art Schummeln?
T: Ja - irgendwie schon.
V: Einverstanden - ich glaube auch. Tut mir leid.
T: Siehst du, Pappi - wenn ich schummeln würde oder es woll-
te, dann würde es bedeuten, daß ich die Dinge, über die wir
reden, nicht ernst nehme. Es würde bedeuten, daß ich nur
ein Spiel mit dir spiele.
V: Ja, das klingt vernünftig.

T: Aber es ist nicht vernünftig, Pappi. Es ist ein schreckliches


Durcheinander.
V: Ja - ein Durcheinander - aber irgendwie gibt es doch Sinn.
T: Wie denn, Pappi?

V: Warte mal. Das ist schwer zu sagen. Vor allem - ich glaube,
daß wir mit diesen Gesprächen irgendwas erreichen. Sie ma-
chen mir richtig Spaß, und ich glaube, dir geht es genauso.
Aber davon abgesehen glaube ich auch, daß wir uns einige
Sachen klarmachen und daß uns das Durcheinander dabei
hilft. Ich meine - wenn wir die ganze Zeit beide logisch
sprechen würden, würden wir nie zu was kommen. Wir
würden nur die alten Klischees aufwärmen, die seit Hunder-
ten von Jahren ständig wiederholt werden.
T: Was ist ein Klischee, Pappi?
V: Ein Klischee? Es ist ein französisches Wort, und ich glaube,
ursprünglich wurde es von Druckern verwendet. Wenn sie
einen Satz druckten, mußten sie die einzelnen Buchstaben
nehmen und sie in eine Art gefurchten Stock setzen, um den
46
Satz zu bilden. Aber für Worte und Sätze, die oft verwendet
wurden, hatte der Drucker kleine Stöcke mit Buchstaben,
die schon fertig sind. Und diese fertigen Sätze nennt man
Klischees.
T:
T; Aber jetzt habe ich vergessen, was du über Klischees sagen
wolltest, Pappi.
V; Ja - es ging um das Durcheinander, in das wir bei unseren
V:
Gesprächen geraten und wie dieses Durcheinander-Geraten
eine Art Sinn gibt. Wenn wir nicht in ein Durcheinander
gerieten, wären unsere Gespräche wie Rommee spielen, oh-
ne vorher die Karten zu mischen.
T: Ja, Pappi - aber was ist jetzt mit diesen Dingern - den
fertigen Druckstöcken?
V: Den Klischees? Ja - da ist es dasselbe. Wir alle haben eine
Menge fertiger Redewendungen und Vorstellungen, und der
Drucker hat fertige Druckstöcke, die alle in Redewendun-
gen angeordnet sind. Wenn aber der Drucker etwas Neues
drucken will - sagen wir mal, irgendwas in einer neuen Spra-
che, dann muß er diese alte Ordnung der Buchstaben auf-
brechen. Und so ist es auch, wenn wir etwas Neues denken
oder sagen wollen, dann müssen wir all unsere fertigen Vor-
stellungen aufbrechen und die Teile mischen.
T: Aber Pappi, der Drucker mischt doch die Buchstaben nicht.
Oder doch? Er schüttelt sie bestimmt nicht in einer Tüte
durch. Er setzt sie einzeln an ihren Platz - alle A's in einen
Kasten, alle B's in einen anderen und all die Kommas in
wieder einen anderen, und so weiter.
V: Ja, das stimmt. Sonst würde er ja verrückt, wenn er versu-
chen würde, ein A zu finden, das er gerade braucht.

V: Worüber denkst du nach?


T: Nichts - es ist nur, daß da so viele Fragen sind.
V: Zum Beispiel?
T: Na ja, ich verstehe schon, was du mit unserem Durcheinan-
der meinst. Daß wir deshalb neue Sachen sagen müssen.
Aber ich denke über den Drucker nach. Er muß all seine

47
kleinen Buchstaben eingeordnet lassen, selbst wenn er die
fertigen Redewendungen aufbricht. Und ich frage mich nach
unserem Durcheinander. Müssen wir denn die kleinen Teile
unserer Gedanken in einer Art Ordnung halten - um nicht
verrückt zu werden?
V: Ich glaube schon - ja - aber ich weiß nicht, in was für einer
Ordnung. Das ist eine fürchterlich schwierige Frage. Ich
glaube nicht, daß wir sie heute noch beantworten könnten.

V:
V; Du sagtest, da seien »so viele Fragen«. Hast du noch andere?
T: Ja - zu Spiel und Ernst. Davon sind wir ausgegangen, und
ich weiß nicht, wie oder warum uns das dazu brachte, über
Durcheinander zu sprechen. Wie du immer alles verwirrst -
das ist so eine Art Schummeln.
V: Nein, absolut nicht.

V: Du hast zwei Fragen aufgeworfen. Und es gibt noch eine


ganze Menge mehr ... Wir hatten mit der Frage nach diesen
Gesprächen angefangen - ob sie ernst sind? Oder so eine Art
Spiel? Und du fühltest dich dadurch verletzt, daß ich ein
Spiel spielen könnte, während du es ernst meinst. Es sieht so
aus, als sei ein Gespräch ein Spiel, wenn eine Person daran
mit einer bestimmten Menge von Gefühlen oder Ideen teil-
nimmt - dann aber kein »Spiel«, wenn ihre Ideen oder Ge-
fühle anders sind.
T: Ja, wenn sich deine Vorstellungen von dem Gespräch von
meinen unterscheiden ...
V; Hätten wir heide
V: beide die Idee des Spiels, dann wäre alles in
Ordnung?
T: Ja, natürlich.
V: Dann scheint es meine Aufgabe zu sein, klarzumachen, was
ich unter der Spiel-Idee verstehe. Ich weiß, daß ich es ernst
meine - was immer das auch bedeuten mag -, wenn wir über
solche Sachen reden. Wir sprechen über Ideen. Und ich
weiß, daß ich mit den Ideen spiele, um sie zu verstehen und
in Zusammenhang zu bringen. Es ist in demselben Sinne
48
»Spiel«, wie ein kleines Kind mit Bauklötzchen »spielt« ...
Und ein Kind nimmt sein »Spiel« mit Bauklötzchen mei-
stens sehr ernst.
T: Aber ist es denn ein Spiel, Pappi? Spielst du gegen mich?
V: Nein. Mir kommt es so vor, als spielten du und ich zusam-
men gegen die Bauklötzchen - die Ideen. Manchmal kon-
kurrieren wir ein bißchen - aber nur darum, wer die nächste
Idee ins Spiel bringen kann. Und manchmal greifen wir des
anderen Gebäudestück an, oder ich versuche, meine aufge-
stellten Ideen vor deiner Kritik zu schützen. Aber am Ende
arbeiten wir doch immer zusammen daran, die Ideen so
aufzubauen, daß sie stehenbleiben.

T: Pappi, haben unsere Gespräche Regeln?


Regeln} Der Unterschied
zwischen einem Spiel und einfach nur so spielen ist doch,
daß ein Spiel Regeln hat.
V: Ja. Laß mich darüber nachdenken. Ich glaube schon, daß wir
eine Art Regeln haben ... und ich glaube auch, daß ein Kind,
das mit Bauklötzchen spielt, Regeln hat. Die Klötzchen
selbst bilden so etwas wie Regeln. Sie halten in bestimmten
Lagen ein Gleichgewicht und in anderen nicht. Und es wäre
eine Art Schummeln, wenn das Kind Klebstoff verwenden
würde, um die Klötzchen in einer Stellung zu halten, aus der
sie sonst umfallen würden.
T: Aber was für Regeln haben wir denn?
V: Na ja, die Ideen, mit denen wir spielen, bringen eine Art
Regeln mit sich. Es gibt Regeln darüber, wie Ideen stehen-
bleiben und einander stützen. Und wenn sie falsch zusam-
mengefügt sind, fällt das ganze Gebäude in sich zusammen.
T: Kein Leim, Pappi?
V: Nein, kein Leim. Nur Logik.

T: Aber du hast gesagt, wenn wir immer nur logisch reden


würden und nicht Ins
ins Durcheinander kämen, dann könnten
wir nie etwas Neues sagen. Wir könnten dann nur fertige

49
Sachen aussprechen. Wie hast du die Dinger noch mal ge-
nannt?
V: Klischees. Ja. Leim ist das, womit Klischees zusammenge-
halten werden.
T: Aber du sagtest »Logik«, Pappi.
V: Ja, ich weiß. Wir stecken schon wieder im Durcheinander.
Nur sehe ich aus diesem besonderen Durcheinander keinen
Ausweg.

T: Wie sind wir da reingeraten, Pappi?


V: Also gut, wir wollen mal sehen, ob wir unsere Schritte zu-
rückverfolgen können. Wir sprachen über die »Regeln« die-
ser Gespräche. Und ich sagte, daß die Ideen, mit denen wir
spielen, Regeln der Logik haben ...
T: Pappi! Wäre es nicht ganz gut, wenn wir ein paar Regeln
mehr hätten und sie sorgfältiger befolgten? Dann kämen wir
vielleicht nicht immer in so ein schreckliches Durchein-
ander.
V: Ja. Aber warte. Du meinst, daß ich uns in dieses Durchein-
ander bringe, weil ich gegenüber Regeln schummele, die wir
nicht haben. Oder sagen wir so: Wir könnten Regeln haben,
die verhindern würden, daß wir ins Durcheinander geraten -
wenn wir sie nur beachteten.
T: Ja, Pappi, dafür sind Spielregeln da.
V: Stimmt, aber willst du diese Gespräche zu so 50 einer Art von
Spielen machen? Ich würde lieber Canasta spielen - das
macht auch Spaß.
T: Ja, da hast du recht. Wir können immer noch Canasta spie-
len, wenn wir Lust haben. Aber im Augenblick würde ich
lieber dieses Spiel weiterspielen. Nur weiß ich nicht, was für
ein Spiel es ist. Und was für Regeln es hat.
V: Und doch haben wir es eine ganze Zeitlang gespielt.
T: Ja. Und es hat Spaß gemacht.
V: Genau.

50

V: Wir wollen uns nochmal die Frage vornehmen, die du ge-
stellt hast, und von der ich gesagt habe, sie sei für heute zu
schwierig. Wir sprachen über den Drucker, der seine Kli-
schees aufbricht, und du sagtest, dal?
daß er doch eine Art Ord-
nung unter seinen Buchstaben beibehält - um nicht verrückt
zu werden. Und dann fragtest du: »An was für eine Ord-
nung sollen wir uns halten, damit wir nicht verrückt wer-
den, wenn wir in ein Durcheinander geraten?« Mir scheint,
daß »die Regeln« des Spiels nur ein anderer Name für diese
Art Ordnung ist.
T: Ja - und Schummeln ist das, was uns ins Durcheinander
bringt.
V: In gewissem Sinne ja. Das stimmt. Nur ist das Entscheiden-
de an dem Spiel, daß wir zwar in ein Durcheinander geraten,
aber auch auf der anderen Seite wieder rauskommen, und
wenn es kein Durcheinander gäbe, wäre unser »Spiel« wie
Canasta oder Schach - und gerade das wollen wir ja nicht.
T: Bist du es, der die Regeln macht, Pappi? Ist das fair?
V: Das, meine liebe Tochter, ist ein schlechter Witz. Und wahr-
scheinlich ein unfairer dazu. Aber ich will es mal wörtlich
nehmen. Ja - ich bin es, der die Regeln macht - und ich will
auf keinen Fall, daß wir verrückt werden.
T: Na gut. Aber Pappi, veränderst du die Regeln auch?
Manchmal?
V: Hmmm, schon wieder ein schlechter Witz. Ja, Töchterlein,
ich verändere sie andauernd. Nicht alle, aber einige.
T: Ich hätte gern, daß du es mir sagst, wenn du sie verändern
willst!
V: Hmmm - ja - gut. Ich wollte, ich könnte es. Aber so ist es
auch wieder nicht. Wenn es so wäre wie beim Schach oder
Canasta, könnte ich dir die Regeln sagen, und wir könnten,
wenn wir Lust hätten, aufhören zu spielen und über die
Regeln diskutieren. Und dann könnten wir ein neues Spiel
mit neuen Regeln anfangen. Aber an welche Regeln würden
wir uns zwischen den beiden Spielen halten? In der Zeit, wo
wir die Regeln diskutieren?

51
T: Ich verstehe nicht.
V:Ja.
V: Ja. Der Punkt ist, daß der Zweck dieser Gespräche darin
besteht, die »Regeln« zu diskutieren. Es ist wie das Leben -
ein Spiel, dessen Zweck darin besteht, die Regeln herauszu-
finden, wobei sich die Regeln andauernd verändern und im-
mer unentdeckbar bleiben.
T: Aber das bezeichne ich doch nicht als Spiel, Pappi.
V: Vielleicht nicht. Ich würde es als ein Spiel bezeichnen oder
zumindest irgendwie als »spielen«. Aber es ist sicher nicht
wie Schach oder Canasta. Eher so wie das, was kleine Hun-
de und Kätzchen tun. Vielleicht. Ich weiß es nicht.

T: Pappi, warum spielen kleine Hunde und Kätzchen?


V: Ich weiß nicht - ich weiß es nicht.
du?*:'
Metalog: Wieviel weißt du?'"

Tochter: Pappi, wieviel weißt du?


Vater: Ich? Hmmm - ich habe so etwa ein Pfund Wissen.
T: Sei nicht albern. Ist es ein Pfund Sterling oder ein Pfund
Gewicht? Ich meine, wieviel weißt du wirkliche
wirklich?
V: Also gut, mein Gehirn wiegt etwa zwei Pfund, und ich neh-
me an, ich benutze etwa ein Viertel davon - oder nutze es
effektiv zu einem Viertel aus. Also sagen wir, ein halbes
Pfund.
T: Aber weißt du mehr als Johnnys Vater? Weißt du mehr als
ich?
V: Hmmm - ich kannte mal einen kleinen Jungen in England,
der seinen Vater fragte: »Wissen Väter immer mehr als Söh-
ne?«, und der Vater sagte: »Ja«. Die nächste Frage war:
»Pappi, wer hat die Dampfmaschine erfunden?«, und der
Vater sagte: »James Watt«. Darauf der Sohn: »- aber warum
hat sie dann nicht James Watts Vater erfunden?«

T: Ich weiß. Ich weiß mehr als dieser Junge, weil ich nämlich
weiß, warum es nicht James Watts Vater war. Weil erst mal
ein anderer was anderes denken mußte, bevor irgendwer
eine Dampfmaschine bauen konnte. Ich meine, so was wie -
ich weiß nicht - aber es mußte eben irgendwer öl entdek-
ken, bevor irgend jemand eine Maschine bauen konnte.
V: Ja - da besteht schon ein Unterschied. Ich meine, es bedeu-
tet, daß alles Wissen irgendwie miteinander verstrickt ist
oder verwoben, wie Stoff, und jedes Stück Wissen hat nur
Sinn und Nutzen durch die anderen Stücke - und ...
T: Meinst du, wir sollten es mit dem Metermaß messen?
V; Nein, das nicht.
V:
T: Aber genau so kaufen wir doch Stoff.
* Dieser Metalog ist ein Wiederabdruck mit Genehmigung der ETC.: A Re-
view of General Semantics, Vol. X, 1953.

53
V: Ja. Aber ich habe nicht gemeint, daß es Stoff ist. Nur so
ähnlich - und sicher wäre es nicht so flach wie Stoff - son-
dern hätte drei Dimensionen - vielleicht vier.
T: Was meinst du, Pappi?
V: Ich weiß es doch selbst nicht, mein Schatz. Ich habe nur
versucht, darüber nachzudenken.

V: Ich glaube, wir sind heute morgen nicht so gut in Form.


Vielleicht versuchen wir es mal mit einem anderen Weg.
Worüber wir nachdenken müssen ist, wie die Wissensstücke
miteinander verwoben sind. Wie sie einander helfen.
T: Wie tun sie das?
V: Na Ja
ja - es ist, als würden manchmal zwei Tatsachen zusam-
mengefügt, und alles, was man hat, sind eben nur zwei Tat-
sachen. Aber manchmal fügen sie sich nicht einfach zusam-
men, sondern multiplizieren sich - und man hat vier.
T: Man kann doch nicht ein mal eins nehmen und dann vier
rauskriegen. Du weißt, daß das nicht geht.
V: Oh.

V: Ich glaube, es geht doch. Wenn die multiplizierten Dinge


Wissensstücke, Tatsachen oder so was sind. Denn jedes von
ihnen ist ein doppeltes Etwas.
T: Verstehe ich nicht.
V: Gut - zumindest ein doppeltes Etwas.
T: Pappi!
V: Nimm das Spiel »zwanzig Fragen«. Du denkst an irgend-
was. Nehmen wir an, du denkst an »morgen«. Gut. Dann
frage ich, »Ist es abstrakt?«, und du sagst: »Ja«. Mit deinem
»Ja« erhalte ich nun eine doppelte Information. Ich weiß,
daß es abstrakt und daß es nic/tf
nicht konkret ist. Oder sagen wir
so: durch dein »Ja« kann ich die Zahl der Möglichkeiten
dessen, was das Ding sein kann, halbieren. Und das heißt,
mit eins über zwei multiplizieren.
T: Ist das nicht eine Division?
T;
V: Doch - das ist dasselbe. Ich meine - also gut - es ist eine

54
Multiplikation mit .5. Aber es ist eben nicht nur eine Sub-
traktion oder Addition.
T: Woher weißt du das so genau?
V: Woher ich das weiß? - Na ja, nimm an, ich stelle eine weitere
Frage, die die Möglichkeiten unter den Abstraktionen hal-
biert. Und dann noch eine. Dann gibt es nur noch ein Achtel
der Möglichkeiten, die am Anfang bestanden. Und zwei mal
zwei mal zwei gibt acht.
T: Und zwei und zwei und zwei macht nur sechs.
V: Genau.
T: Aber Pappi, ich verstehe noch nicht - was passiert denn bei
zwanzig Fragen?
V: Das Wichtigste ist, wenn ich meine Fragen richtig wähle,
kann ich zwischen zwei mal zwei mal zwei mal zwei zwan-
zig mal über Dinge entscheiden - 220 Dinge. Das macht über
eine Million Dinge, die du dir gedacht haben kannst. Eine
Frage reicht, um zwischen zwei Dingen zu entscheiden; und
zwei Fragen entscheiden zwischen vier Dingen - und so
weiter.
T: Ich mag Arithmetik nicht, Pappi.
V: Ja, ich weiß. Das Ausrechnen ist langweilig; aber einige der
Ideen darin sind amüsant. Und du wolltest doch wissen, wie
man Wissen mißt, und wenn man anfängt, irgendwas zu
messen, dann kommt man immer zur Arithmetik.
T: Bisher haben wir überhaupt noch kein Wissen gemessen.
V: Nein. Ich weiß. Aber wir haben einen oder zwei Schritte
gemacht, um herauszufinden, wie man Wissen mißt, wenn
man das will. Und das heißt, wir wissen jetzt ein bißchen
mehr darüber, was Wissen ist.
T: Das wäre ja eine komische Art Wissen, Pappi. Ich meine,
etwas über das Wissen zu wissen - würden wir denn diese
Art Wissen auf dieselbe Weise messen?
V: Warte mal - ich weiß nicht - das ist wirklich die Hundert-
Mark-Frage zu diesem Thema. Weil - na ja, laß uns nochmal
zu dem Spiel mit den »zwanzig Fragen« zurückkehren. Was
wir noch gar nicht erwähnt haben ist, daß diese Fragen eine

55
bestimmte Reihenfolge haben müssen. Zuerst die weite, all-
gemeine Frage und dann die speziellen. Und ich kann nur
aufgrund der Antworten auf die allgemeinen Fragen wissen,
welche speziellen ich stellen muß. Aber wir haben sie alle
gleichberechtigt gezählt. Ich weiß nicht. Und jetzt fragst du
mich, ob das Wissen über Wissen in derselben Weise zu
messen wäre wie das übrige Wissen. Und die Antwort muß
ganz sicher nein lauten. Siehst du, wenn mir die ersten Fra-
gen in dem Spiel verraten, welche Fragen ich danach zu
stellen habe, dann müssen es zum Teil auch Fragen über das
Wissen sein. Sie erforschen nämlich das Geschäft des Wis-
sens.
T:
T; Pappi, hat jemals irgendwer gemessen, wieviel jemand weiß?
V: Oh, ja. Oft. Aber ich weiß nicht so genau, was die Antwor-
ten bedeuten. Man macht das mit Untersuchungen und
Tests und Fragebögen, aber es ist so, als wollte man die
Größe eines Stücks Papier dadurch herausfinden, daß man
mit Steinen danach wirft.
T: Wie meist du das?
V: Ich meine - wenn man mit Steinen aus der gleichen Entfer-
nung nach zwei Stücken Papier wirft und herausfindet, daß
man das eine öfter trifft als das andere, dann wird wahr-
scheinlich das, welches man am häufigsten getroffen hat,
größer sein als das andere. Auf dieselbe Weise wirft man bei
einer Untersuchung eine Menge Fragen auf die Studenten,
und wenn man herausfindet, daß man bei dem einen Studen-
ten auf mehr Wissensstücke trifft als bei den anderen, dann
meint man, dieser Student muß mehr wissen. Das ist die
Idee dabei.
T: Aber könnte man denn auf die Weise auch ein Stück Papier
messen?
V: Natürlich könnte man das. Es könnte sogar ein ganz guter
Weg sein, es zu tun. Wir messen eine ganze Menge Sachen
auf diese Weise. Zum Beispiel beurteilen wir, wie stark eine
Tasse Kaffee ist, indem wir schauen, wie schwarz er aussieht
- das heißt, wir achten darauf, wieviel Licht er schluckt.

56
Anstatt Steine werfen wir Lichtwellen darauf, es ist dieselbe
Idee.
Oh.

Aber wenn das so ist - warum messen wir dann das Wissen
nicht auch so?
Wie? Mit Fragebögen? Nein - Gott bewahre. Das Problem
ist, daß diese Art der Messung nichts zu deiner Frage hergibt
- daß es verschiedene Arten von Wissen gibt - und daß es
auch Wissen über Wissen gibt. Und sollte man dem Studen-
ten, der die umfassendsten Fragen beantworten kann, besse-
re Noten geben? Oder vielleicht sollte es verschiedene Arten
von Noten für jede besondere Art von Fragen geben.
Also gut. Machen wir das und zählen dann die Noten zu-
sammen und dann ...
Nein - wir könnten sie nicht zusammenzählen. Wir könnten
höchstens eine Art Noten mit einer anderen multiplizieren
oder sie dividieren, aber addieren geht nicht.
Warum nicht, Pappi?
Weil - weil das nicht geht. Kein Wunder, daß du Arithmetik
nicht magst, wenn sie dir solche Sachen in der Schule nicht
erklären - was sagen sie dir denn eigentlich? Himmel - ich
möchte wissen, was sich die Lehrer unter Arithmetik vor-
stellen.
Was ist es denn?
Nein. Laß uns bei der Frage bleiben, wie man Wissen mißt -
Arithmetik besteht aus einer Reihe von Tricks, klar zu den-
ken, und das einzige, was daran Spaß macht, ist eben die
Klarheit. Und das Wichtigste bei der Klarheit ist, daß man
nicht Ideen vermischt, die in Wirklichkeit voneinander ge-
trennt sind. Die Idee von zwei Orangen ist tatsächlich etwas
anderes als die Idee von zwei Meilen. Wenn du sie nämlich
zusammenzählst, hast du nur noch Nebel im Kopf.
Aber Pappi, ich kann Ideen nicht getrennt halten. Müßte ich
das denn tun?
Nein - nein - natürlich nicht. Verbinde sie. Aber zähle sie

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nicht zusammen. Das ist alles. Ich meine - wenn die Ideen
Zahlen sind, und du willst zwei verschiedene Arten verbin-
den, dann mußt du sie miteinander multiplizieren. Oder sie
durcheinander dividieren. Und dann wirst du eine neue Art
Idee erhalten, eine neue Art Quantität. Hast du Meilen im
Kopf und daneben Stunden, und du dividierst die Meilen
durch die Stunden, dann kriegst du »Meilen pro Stunde« -
das ist eine Geschwindigkeit.
T: Ja, Pappi. Und was würde ich bekommen, wenn ich sie
multiplizierte?
V: Oh - hm - ich nehme an, das wären Meilen-Stunden. Ja. Ich
weiß, was das ist. Ich meine, was eine Meilen-Stunde ist. Es
ist das, was man dem Taxifahrer bezahlt. Sein Taxometer
mißt Meilen, und er hat eine Uhr, die Stunden mißt, und der
Taxometer und die Uhr arbeiten zusammen und multiplizie-
ren die Stunden mit den Meilen, und dann multipliziert er
die Meilen-Stunden mit etwas anderem, das aus Meilen-
Stunden Dollars macht.
T: Ich habe mal ein Experiment gemacht.
V: Ja?
T: Ich wollte rausfinden, ob ich zwei Gedanken gleichzeitig
denken kann. Also dachte ich »Es ist Sommer«, und ich
dachte »Es ist Winter«. Und dann versuchte ich, die beiden
Gedanken gleichzeitig zu denken.
V: Und?
T: Aber ich merkte, daß ich nicht zwei Gedanken hatte. Ich
hatte nur einen Gedanken darüber, zwei Gedanken zu
haben.
V: Genau, das ist es. Du kannst Gedanken nicht vermischen, du
kannst sie nur verbinden. Und letzten Endes bedeutet das,
daß man sie nicht zählen kann. Denn Zählen ist nichts ande-
res, als Dinge zu addieren. Und das geht meistens nicht.
T: Haben wir dann in Wirklichkeit nur einen großen Gedan-
ken, der aus vielen kleinen Verzweigungen besteht - vielen,
vielen Verzweigungen?
V: Ja, ich glaube, aber ich weiß es nicht. Jedenfalls halte ich das

58
für eine klarere Ausdrucksweise. Ich meine, es ist klarer, als
über Wissensstücke zu reden und den Versuch zu machen,
sie zu zählen.

T: Pappi, warum benutzt du die übrigen drei Viertel deines


Gehirns nicht?
V: Oh, ja - das - weißt du, das Problem ist, daß ich auch Lehrer
in der Schule hatte. Und die haben etwa ein Viertel meines
Gehirns mit Nebel gefüllt. Und dann habe ich Zeitungen
gelesen und auf das gehört, was andere Leute sagten, und da
war ein weiteres Viertel vernebelt.
T: Und das andere Viertel, Pappi?
V: Oh - das ist der Nebel, den ich selbst erzeugt habe, als ich
versuchte nachzudenken.
Metalog: Konturen?*1"
Metalog; Warum haben Dinge Konturen?'

Tochter: Pappi, warum haben Dinge Konturen?


Vater: Haben sie? Ich weiß nicht. An was für Dinge denkst
, du?
T: Ich meine, wenn ich Dinge zeichne, warum haben sie Kon-
turen?
V: Gut, was ist mit anderen Dingen - etwa mit einer Schafher-
de? Oder einem Gespräch? Haben die Konturen?
T: Sei nicht albern. Ich kann doch kein Gespräch zeichnen. Ich
meine Dinge.
V: Ja - ich wollte nur genau wissen, was du meinst. Meinst du,
»Warum geben wir Dingen Konturen, wenn wir sie zeich-
nen?«, oder meinst du, daß die Dinge Konturen haben, ob
wir sie nun zeichnen oder nicht?
T: Ich weiß nicht, Pappi. Sag' du es mir. Was meine ich?
V: Ich weiß auch nicht, mein Schatz. Es gab mal einen sehr
wütenden Künstler, der alle möglichen Sachen hinkritzelte,
und nachdem er tot war, sahen sie seine Aufzeichnungen
durch, und an einer Stelle fanden sie den Satz, »Weise Men-
schen sehen Konturen und zeichnen sie deshalb«, aber an
einer anderen Stelle hatte er geschrieben: »Verrückte Men-
schen sehen Konturen und zeichnen sie deshalb«.
T: Aber was meint er denn nun? Ich verstehe das nicht.
V: Na ja - William Blake - so hieß er - war ein großer Künstler
und ein sehr wütender Mann. Und manchmal rollte er seine
Ideen zu kleinen Papierkügelchen, so daß er damit auf Leute
werfen konnte.
T: Aber weswegen war er so verrückt, Pappi?
V: Weswegen war er so verrückt? Oh, ich verstehe - du meinst
»wütend«. Wir müssen diese beiden Bedeutungen von »ver-
rückt« klar auseinanderhalten, wenn wir über Blake spre-
* Wiederabdruck mit Genehmigung der ETC.: A Review of General Seman-
tics, Vol. X, 1953.
60
chen wollen. Denn viele Leute glaubten, daß er verrückt war
- wirklich verrückt - irre. Und das war eine Sache, die ihn so
wütend-verrückt machte. Und dann war er wütend-ver-
rückt wegen einiger Künstler, die Bilder malten, als hätten
die Dinge keine Konturen. Er nannte sie »die Schule der
Schmierfinken«.
T: Er war nicht gerade tolerant, oder - Pappi?
V: Tolerant? Oh Gott. Ja, ich weiß, das hämmern sie euch in
der Schule ein. Nein, Blake war nicht sehr tolerant. Er hielt
Toleranz noch nicht mal für etwas Gutes. Für ihn war das
nur Augenwischerei. Er meinte, sie verwische alle Konturen
und verwässere alles - daß sie alle Katzen grau werden lasse,
so daß niemand mehr irgendwas klar und scharf sehen kann.
T: Ja, Pappi.
V: Nein, das ist nicht die Antwort. Ich meine, »Ja, Pappi« ist
nicht die richtige Antwort. Das zeigt nur, daß du dir über
deine Meinung nicht im klaren bist - und dir ist es piepegal,
was ich sage oder was Blake sagt; die Schule hat dich so mit
dem Gerede über Toleranz vernebelt, daß du nicht mehr den
Unterschied zwischen irgendwas und irgendwas anderem
erklären kannst.
T: (Weint).
V: Oh Gott, das tut mir leid, aber ich war wütend. Nicht wirk-
lich wütend auf dich. Nur über die allgemeine Rührseligkeit,
mit der die Leute denken und handeln - und wie sie irgend-
einen Wirrwarr predigen und dann das Ganze Toleranz
nennen.
T: Aber, Pappi -
V: Ja?
T: Ich weiß nicht. Ich glaube, ich kann nicht richtig denken. Es
ist alles so ein Durcheinander.
V:Tut
V;Tut mir leid. Ich glaube, ich habe dich verwirrt, weil ich
angefangen habe, Dampf abzulassen.

T: Pappi?
V: Ja?
61
T: Warum kann man über so was wütend werden?
Über was wütend werden?
V: Uber
T: Ich meine - ob Dinge Konturen haben. Du hast doch gesagt,
William Blake ist deshalb wütend geworden. Und du dann
auch. Warum denn, Pappi?
V: Ja, in gewisser Weise ist das schon ein Grund. Ich glaube, es
ist wichtig. Vielleicht ist es sogar die entscheidende Frage.
Und andere Sachen sind nur deshalb wichtig, weil sie daran
teilhaben.
T: Was meinst du, Pappi?
V: Ich meine - gut, reden wir über Toleranz. Wenn Nichtjuden
Juden fertigmachen wollen, weil sie Christus getötet haben,
dann werde ich intolerant. Ich glaube, die Nichtjuden sind
verwirrt im Kopf und verwischen alle Konturen. Denn die
Juden haben Christus nicht umgebracht, es waren die Ita-
liener.
T: Wirklich, Pappi?
V:
V; Ja, nur werden die, die es waren, heute Römer genannt, und
wir haben noch ein anderes Wort für ihre Nachkommen.
Wir nennen sie Italiener. Du siehst, wir haben zwei Durch-
einander, und ich habe das zweite absichtlich erzeugt, damit
wir es greifen können. Zunächst mal das Durcheinander, die
Geschichte zu verfälschen und zu sagen, daß es die Juden
waren, und dann das Durcheinander zu sagen, daß die
Nachkommen für das verantwortlich sein sollen, was ihre
Vorfahren nicht getan haben. Es ist alles schluderig.
T: Ja, Pappi.
V: Also gut, ich werde versuchen, nicht mehr wütend zu wer-
den. Was ich sagen will ist, daß Durcheinander etwas ist,
worüber man wütend werden kann.
T: Pappi?
V: Ja?
T: Neulich haben wir doch über Durcheinander gesprochen.
Reden wir jetzt tatsächlich über dasselbe?
V:
V; Ja, natürlich. Deshalb ist es so wichtig - was wir neulich
gesagt haben.
62
T: Und du hast doch gesagt, daß Sachen klarzustellen die Auf-
gabe der Wissenschaft ist.
V: Ja, es ist wieder dasselbe.

T: Ich glaube, ich verstehe das alles nicht richtig. Immer scheint
alles etwas anderes zu sein, und ich verliere mich darin.
V:
V; Ja, ich weiß, daß es schwierig ist. Es geht darum, daß unsere
Gespräche tatsächlich eine Kontur haben - wenn wir sie nur
klar erkennen könnten.

V: Denken wir mal über ein wirklich konkretes, vollkommenes


Durcheinander nach, um über etwas anderes zu reden, und
sehen wir, ob uns das weiterhilft. Erinnerst du dich an die
Krocketpartie in Alice im Wunderland?
Wunderland}
T: Ja - mit den Flamingos?
V: Genau.
T: Und Stachelschweinen als Kugeln?
V:
V; Nein, Igel. Es waren Igel. In England gibt es keine Stachel-
schweine.
T: Oh, war es in England, Pappi? Das wußte ich nicht.
V: Natürlich war es in England. In Amerika gibt es doch auch
keine Herzoginnen.
T: Aber es gibt doch die Herzogin von WIndsor,
Windsor, Pappi.
V:
V; Ja, aber die hat keine Stachel, also nicht wie ein richtiges
Stachelschwein.
T: Mach mit Alice weiter, und sei nicht albern, Pappi.
V: Ja, wir sprachen über Flamingos. Wichtig ist, daß der Mann,
der Alice schrieb, über dieselben Dinge nachdachte wie wir.
Und er amüsierte sich mit der kleinen Alice, indem er sich
eine Krocketpartie ausdachte, die ein völliges Durcheinan-
der sein sollte, einfach absolutes Durcheinander. So sagte er
sich, die sollten Flamingos als Schläger benutzen, weil die
Flamingos ihre Hälse krümmen könnten, so daß der Spieler
nicht wissen würde, ob sein Schläger die Kugel träfe oder
wie er die Kugel treffen würde.

63
*3
T: Und überhaupt könnte die Kugel ja auch von alleine weglau-
fen, weil sie ein Igel war.
V: Richtig. Es ist also alles so durcheinander, daß niemand ir-
gendwas darüber sagen kann, was passieren wird.
T:
T; Und die Tore liefen auch rum, weil sie Soldaten waren.
V: Stimmt - alles konnte sich bewegen, aber keiner konnte vor-
aussagen, wie es sich bewegen würde.
T: Mußte eigentlich alles lebendig sein, um so ein komplettes
Durcheinander zu ergeben?
V: Nein - er hätte das Durcheinander auch erzeugen können,
indem er ... nein, ich glaube, du hast recht. Das ist interes-
sant. Ja, es mußte so sein. Warte mal. Es ist eigenartig, aber
du hast recht. Wenn er die Sachen nämlich irgendwie anders
durcheinandergebracht hätte, hätten die Spieler lernen kön-
nen, mit den verworrenen Einzelheiten umzugehen. Ich
meine, nimm mal an, das Krocketfeld wäre holperig gewe-
sen oder die Kugeln ganz krumm, oder die Köpfe der Schlä-
ger nur wackelig, anstatt lebendig, dann könnten die Leute
immer noch lernen, und das Spiel wäre nur viel schwieriger
- es wäre nicht unmöglich. Wenn man aber Lebewesen hin-
einbringt, wird es unmöglich. Das hätte ich nicht erwartet.
T: Wirklich nicht, Pappi? Ich schon. Mir scheint das ganz na-
türlich.
V: Natürlich? Sicher - natürlich ist es schon. Aber ich hätte
nicht erwartet, daß es sich so auswirkt.
T: Warum nicht? Ich habe genau das erwartet.
V: Ja. Aber was ich nicht erwartet hätte, ist folgendes: daß
Tiere, die selbst Dinge voraussehen und danach handeln
können, was ihrer Ansicht nach passieren wird - eine Katze
kann eine Maus fangen, indem sie dahin springt, wo die
Maus bei ihrer Landung wahrscheinlich sein wird -, daß es
gerade die Tatsache ist, daß Tiere fähig sind, vorauszuschau-
en und zu lernen, die sie zu den einzigen wirklich unkalku-
lierbaren Dingen in der Welt macht. Wenn man bedenkt,
daß wir versuchen, Gesetze zu machen, als seien Menschen
ganz regelmäßig und kalkulierbar...
kalkulierbar . . .
64
T: Oder machen sie die Gesetze, weil die Menschen eben nicht
kalkulierbar sind, und weil die Gesetzgeber gerne hätten,
daß die anderen Menschen kalkulierbar wären?
V: Ja, das nehme ich an.

T: Worüber hatten wir gesprochen?


V: Ich weiß nicht genau - noch nicht. Aber du bist einer neuen
Spur gefolgt, indem du fragtest, ob die Krocketpartie allein
dadurch in ein wirkliches Durcheinander verwandelt wer-
den könnte, daß man alles darin lebendig sein läßt. Und ich
bin dieser Frage nachgegangen, glaube aber nicht, daß ich sie
schon eingeholt habe. Es ist etwas Lustiges an diesem Punkt.
T: Was denn?
V: Ich weiß nicht genau - noch nicht. Es hat etwas mit Lebewe-
sen und dem Unterschied zwischen ihnen und den unbeleb-
ten Dingen zu tun - Maschinen, Steinen und so weiter. Pfer-
de passen nicht in die Welt der Automobile. Und das gehört
auch dazu. Sie sind unkalkulierbar, wie die Flamingos in der
Krocketpartie.
T: Und was ist mit den Menschen, Pappi?
V: Was ist mit ihnen?
T: Na ja, die leben doch. Passen sie denn? Ich meine, auf die
Straßen?
V:Nein,
V: Nein, ich glaube, sie passen eigentlich nicht - oder nur,
wenn sie sich ziemlich viel Mühe geben, um sich zu schüt-
zen und sich passend zu machen. Ja, sie müssen sich kalku-
lierbar machen, denn sonst werden die Maschinen wütend
und töten sie.
T: Sei nicht albern. Wenn die Maschinen wütend werden könn-
ten, dann wären sie ja nicht kalkulierbar. Sie wären wie du,
Pappi. Du kannst doch nicht voraussagen, wann du wütend
wirst, oder?
V:
V; Nein, ich glaube nicht.
T: Aber Pappi, ich wünschte, du wärest unkalkulierbar -
manchmal.

65
*5
T: Was meintest du damit, daß ein Gespräch eine Kontur hat?
Hatte dieses Gespräch eine Kontur?
V: Oh, sicher, ja. Aber wir erkennen sie noch nicht, weil das
Gespräch noch nicht zu Ende ist. Man sieht sie nie, wenn
man mitten drin steckt. Würdest du sie nämlich sehen, dann
wärest du kalkulierbar - wie die Maschine. Und ich wäre
kalkulierbar - und wir beide zusammen wären auch kalku-
lierbar -
T: Das verstehe ich aber nicht. Du hast doch gesagt, daß es
wichtig ist, sich über Dinge klarzuwerden. Und du wirst
wütend über die Leute, die alle Konturen verwischen. Und
doch denken wir, daß es besser ist, unkalkulierbar und nicht
wie eine Maschine zu sein. Und du sagst, daß wir die Kontu-
ren unseres Gesprächs erst sehen können, wenn es vorüber
ist. Dann ist es doch egal, ob wir uns klar sind oder nicht.
Weil wir ja ohnehin nichts daran ändern können.
V: Ja, ich weiß - und ich verstehe es auch selbst nicht... Aber
wer möchte schon etwas daran ändern}
ändern?
Metalog: Warum ein Schwan?""

Tochter: Warum ein Schwan?


Vater: Ja - und warum eine Puppe in »Petruschka«?
T: Nein - das ist etwas anderes. Eine Puppe ist doch schließlich
eine Art Mensch - und gerade diese Puppe ist sehr mensch-
lich.
V: Menschlicher als die Menschen?
T:
Ja.
Ja-
V: Aber doch nur eine Art Mensch? Und schließlich ist auch
der Schwan eine Art Mensch.
T: Ja.

T: Aber was ist mit der Tänzerin? Ist sie menschlich? Natürlich
ist sie das in Wirklichkeit, aber auf der Bühne erscheint sie
unmenschlich oder unpersönlich - vielleicht übermensch-
lich. Ich weiß nicht.
V: Du meinst - daß, während der Schwan nur eine Art Schwan
ist und keine Schwimmhäute zwischen den Zehen hat, die
Tänzerin nur eine Art Mensch zu sein scheint.
T: Ich weiß nicht - vielleicht ist es so etwas Ähnliches.

V: Nein - es verwirrt mich, den »Schwan« und die Tänzerin als


zwei verschiedene Dinge zu betrachten. Ich würde eher sa-
gen, daß das, was ich auf der Bühne sehe - die Schwan-Figur
- beides ist, »eine Art« Mensch und »eine Art« Schwan.
T: Aber dann verwendest du ja den Ausdruck »eine Art« in
zwei verschiedenen Bedeutungen.
V: Ja, das stimmt. Aber trotzdem - wenn ich sage, daß die
Schwanfigur »eine Art« Mensch ist, dann meine ich nicht,
daß sie (oder er) ein Mitglied der Spezies oder Art ist, die
wir Mensch nennen.
* Dieser Metalog erschien in Impulse 1954
19f 4 und wird hier mit Genehmigung der
Impulse Publication, Inc. wieder abgedruckt.

67
T: Nein, natürlich nicht.
V: Sondern eher, daß sie (oder er) ein Mitglied der weiteren
Unterteilung einer größeren Gruppe ist, die Petruschka-
Puppen, Ballett-Schwäne und Menschen enthielte.
T: Nein, es ist nicht wie bei Genera und Spezies. Enthält deine
große Gruppe Gänse?

V: Also gut. Dann weiß ich wirklich nicht, was der Ausdruck
»eine Art« bedeutet. Aber ich weiß, daß Phantasie, Dich-
tung, Ballett und Kunst ihre Bedeutung im allgemeinen ganz
von der Beziehung erhalten, die ich anspreche, wenn ich
sage, daß die Schwan-Figur »eine Art« Schwan ist - oder ein
»gespielter« Schwan.
T: Dann werden wir nie herausfinden, warum die Tänzerin ein
Schwan, eine Puppe oder sonst was ist, und wir werden auch
niemals sagen können, was Kunst oder Dichtung ist, es sei
denn, jemand sagte uns, was mit »eine Art« tatsächlich ge-
meint ist.
V: Ja.

V: Aber wir müssen ja nicht Wortspiele vermeiden. Im Franzö-


sischen hat der Ausdruck espece de (wörtlich »Art von«)
eine besondere Art von Durchschlagskraft. Wenn irgend je-
mand einen anderen »ein Kamel« nennt, kann die Beleidi-
gung eine freundliche sein. Nennt er ihn aber espece de cha-
meau - eine Art Kamel - dann ist es schlimm. Schlimmer
noch ist es, jemanden espece d'espece zu nennen - eine Art
von einer Art.
T: Eine Art von einer Art von was?
V: Nein - nur eine Art von einer Art. Andererseits, wenn man
über jemanden sagt, daß er ein wirkliches Kamel ist, dann
hat die Beleidigung den Beigeschmack unfreiwilliger Be-
wunderung.
T: Aber wenn ein Franzose jemanden als eine Art Kamel be-
zeichnet, verwendet er dann den Ausdruck eine Art über-
68
Haupt ähnlich wie ich, wenn ich sage, der Schwan ist eine Art
Mensch?

V:Es
V: Es ist wie - es gibt eine Passage im Macbeth. Macbeth
spricht zu den Mördern, die er aussendet, um Banquo zu
töten. Sie haben den Anspruch, Männer zu sein, und er sagt
ihnen, sie seien eine Art Männer.
Ja, im Verzeichnis lauft ihr mit als Männer;
Wie Jagd- und Windhund, Blendling, Wachtelhund,
Spitz, Pudel, Schäferhund und Halbwolf, alle
Der Name Hund benennt
(Macbeth, Dritter Aufzug, Erste Szene)

T: Nein - das hast du vorhin schon gesagt. Was war es noch?


»Die weitere Unterteilung einer größeren Gruppe?« Ich
glaube nicht, daß das schon alles ist.
V: Nein, es ist nicht nur das. Macbeth verwendet ja auch Hun-
de in seinem Gleichnis. Und »Hunde« bedeutet entweder
edle Jagdhunde oder Aasfresser. Es wäre nicht dasselbe,
wenn er die verschiedenen Arten von Hauskatzen genom-
men hätte - oder die Subspezies von wilden Rosen.
T: Gut, gut. Aber was ist die Antwort auf meine Frage? Wenn
ein Franzose jemanden »eine Art« Kamel nennt, und ich
sage, daß der Schwan »eine Art« Mensch ist, meinen wir
dann mit »eine Art« dasselbe?

V: Also gut, wir wollen mal versuchen zu analysieren, was »ei-


ne Art« bedeutet. Nehmen wir einen einzelnen Satz und
analysieren ihn. Wenn ich sage »die Puppe Petruschka ist
eine Art Mensch«, dann stelle ich eine Beziehung her.
T: Zwischen was und was?
V: Zwischen Ideen, nehme ich an.
T: Nicht zwischen einer Puppe und Menschen?
V: Nein. Zwischen einigen Ideen, die ich von einer Puppe habe,
und einigen Ideen, die ich von Menschen habe.
T: Oh.
69
T: Also gut, was für eine Art von Beziehung?
V: Ich weiß nicht. Eine metaphorische Beziehung?

V: Und dann gibt es ja auch noch die andere Beziehung, die im


emphatischen Sinne nicht »eine Art« ist. Viele Menschen
sind dafür zum Feuertod verurteilt worden, daß sie an der
Aussage festhielten, Brot und Wein seien nicht »eine Art«
Fleisch und Blut.
T: Aber ist das denn dasselbe? Ich meine - ist das Schwanensee-
T;
Ballett ein Sakrament?
V: Ja - ich glaube - zumindest für einige Leute. In protestanti-
scher Terminologie könnten wir sagen, daß das Schwanen-
kostüm und die Bewegungen der Tänzerin »äußere und
sichtbare Zeichen irgendeiner inneren und spirituellen Gna-
de« der Frau sind. Aber in katholischer Sprache würde dies
das Ballett zu einer bloßen Metapher und nicht zu einem
Sakrament machen.
T: Aber du hast doch gesagt, daß es für manche Menschen ein
Sakrament ist. Meintest du damit Protestanten?
V: Nein, nein. Ich meine, wenn Brot und Wein für einige Men-
schen nur eine Metapher sind, für andere - Katholiken -
aber ein Sakrament; wenn es dann welche gibt, für die das
Ballett eine Metapher ist, dann kann es auch andere geben,
für welche es im emphatischen Sinne mehr ist als nur eine
Metapher - eher ein Sakrament.
T: Im katholischen Sinne?
V: Ja.

V: Ich meine, wenn wir klar sagen könnten, was mit der Aussa-
ge »Brot und Wein sind nicht eine Art Fleisch und Blut«
gemeint ist, dann sollten wir auch mehr darüber wissen, was
wir meinen, wenn wir sagen, daß der Schwan »eine Art«
Mensch oder daß das Ballett ein Sakrament ist.
T: Gut - wie erklärst du den Unterschied?
V: Welchen Unterschied?
T: Zwischen einem Sakrament und einer Metapher.
70

V: Warte einen Augenblick. Wir sprechen doch immer noch
über den Darsteller oder den Künstler, den Dichter oder
irgendeine gegebene Person im Publikum. Du fragst mich,
wie ich den Unterschied zwischen einem Sakrament und
einer Metapher erkläre. Aber meine Antwort muß mit der
Person und nicht mit der Botschaft zu tun haben. Du fragst
mich, wie ich entscheiden würde, ob ein bestimmter Tanz an
einem bestimmten Tag für die besondere Tänzerin ein Sakra-
ment bedeutet oder nicht.
T: In Ordnung - aber bleib bei der Frage.
V: Na ja, ich glaube, es ist eine Art Geheimnis.
T: Du meinst, du wirst es mir nicht sagen?
V: Nein - es ist nicht so eine Art Geheimnis. Es ist nicht so
etwas, das man nicht verraten darf. Es ist etwas, das man
nicht sagen kann.
T: Was meinst du? Warum nicht?
V: Nehmen wir an, ich fragte die Tänzerin: »Frau X, sagen Sie,
der Tanz, den Sie da aufführen - ist er für Sie ein Sakrament
oder nur eine Metapher?« Und stellen wir uns vor, daß ich
mich mit dieser Frage verständlich machen kann. Vielleicht
schickt sie mich mit der Bemerkung weg: »Sie haben es doch
gesehen - Sie selbst müssen entscheiden, wenn Sie das wol-
len, ob es für Sie ein Sakrament ist oder nicht.« Oder sie
könnte auch sagen;
sagen: »Manchmal ist es ein Sakrament, manch-
mal nicht.« Oder;
Oder: »Wie war ich gestern abend?« Aber je-
denfalls kann sie keine direkte Kontrolle über die Sache
haben.

T: Meinst du, daß jeder, der dieses Geheimnis kennt, die Macht
hätte, ein großer Tänzer oder Dichter zu sein?
V: Nein, nein, nein. So ist es überhaupt nicht. Vor allem meine
ich, daß große Kunst und Religion und alles dieser Art mit
diesem Geheimnis zu tun hat; aber das Geheimnis in einer
ganz gewöhnlichen, bewußten Weise zu kennen, würde dem
Wissenden keine Macht verleihen.

7i
T: Pappi, was ist passiert? Wir haben versucht herauszufinden,
was »eine Art« bedeutet, wenn wir sagen, daß der Schwan
»eine Art« Mensch ist. Ich sagte, daß es zwei Bedeutungen
von »eine Art« geben muß. Die eine in dem Ausdruck »die
Schwan-Figur ist >eine Art< Schwan« und die andere in »die
Schwan-Figur ist >eine Art< Mensch.« Und jetzt redest du
über mysteriöse Geheimnisse und Macht.
V; Na gut. Ich will nochmal von vorne anfangen. Die Schwan-
V:
Figur ist kein wirklicher Schwan, sondern ein gespielter. Sie
ist auch ein nicht-gespieltes menschliches Wesen. Sie ist
»wirklich« auch eine junge Dame, die ein weißes Kostüm
trägt. Und ein wirklicher Schwan würde einer jungen Dame
in gewisser Hinsicht ähnlich sehen.
T: Aber was davon hat mit Sakramenten zu tun?
V: Oh Gott, schon wieder. Ich kann nur das eine sagen: daß es
nicht eine dieser Behauptungen ist, sondern ihre Kombina-
tion, die ein Sakrament ausmacht. Das »gespielt« und das
»nicht-gespielt« und das »wirklich« werden irgendwie zu
einer einzigen Bedeutung verschmolzen.
T: Aber wir sollten sie auseinanderhalten.
V: Ja. Genau das versuchen Logiker und Wissenschaftler. Aber
auf diese Weise werden keine Ballette erfunden - und auch
keine Sakramente.
Metalog: Was ist ein Instinkt?"'

Tochter: Pappi, was ist ein Instinkt?


Vater: Ein Instinkt, meine Liebe, ist ein Erklärungsprinzip.
T: Aber was erklärt es?
V: Alles - fast alles überhaupt. Alles, was man damit erklären
will.
T: Sei nicht albern. Es erklärt doch nicht die Schwerkraft.
V: Nein. Aber nur deshalb, weil niemand will, daß »Instinkt«
die Schwerkraft erklärt. Wollte man es, dann würde er auch
das erklären. Wir könnten einfach sagen, daß der Mond ei-
nen Instinkt hat, dessen Stärke sich umgekehrt proportional
zum Quadrat der Entfernung verändert...
T: Aber das ist Unsinn, Pappi.
V:Ja,
V: Ja, sicher. Aber du hast doch mit »Instinkt« angefangen,
nicht ich.
T: Na gut. Aber was erklärt denn dann wirklich die Schwer-
kraft?
V: Nichts, mein Schatz, weil Schwerkraft ein Erklärungsprin-
zip ist.
T: Oh.

T: Meinst du, daß man nicht ein Erklärungsprinzip verwenden


kann, um ein anderes zu erklären? Niemals?
V: Hmmm ... kaum jemals. Genau das meinte Newton, als er
sagte »hypotheses non fingo.*
fingo.«
T: Und was heißt das, bitte?
V: Also, du weißt doch, was Hypothesen sind. Jede Behaup-
tung, die zwei deskriptive Behauptungen miteinander ver-
bindet, ist eine Hypothese. Wenn du sagst, daß am i. Febru-
ar und am i. März Vollmond war und diese beiden Beobach-
* Dieser Metalog wird mit Genehmigung von Mouton & Co. aus Approaches
to Animal Communication, herausgegeben von Thomas A. Seboek, 1969, wie-
der abgedruckt.

73
tungen irgendwie miteinander verbindest, ist die verbinden-
de Behauptung eine Hypothese.
T: Ja - und ich weiß, was non bedeutet. Was aber heißt fingot
fingo}
V: Nun - fingo, fingere ist das lateinische Wort für »erdichten«,
»erfinden«. Es bildet ein Verbalsubstantiv fictio, von dem
wir das Wort Fiktion herleiten.
T: Pappi, meinst du, Sir Isaac Newton dachte, daß alle Hypo-
thesen einfach wie Geschichten erfunden werden?
V: Ja - genau das.
T: Aber hat er denn nicht die Schwerkraft entdeckt? Mit dem
Apfel?
V: Nein, Liebling. Er hat sie erfunden.
T: Oh...
Oh ... Pappi, wer hat den Instinkt erfunden?
V: Ich weiß nicht. Vielleicht ist er biblisch.
T: Aber wenn die Idee der Schwerkraft zwei deskriptive Be-
hauptungen miteinander verbindet, dann muß sie eine Hy-
pothese sein.
V: Das stimmt.
T: Dann hat Newton also doch eine Hypothese erfunden.
V: Ja - in der Tat hat er das getan. Er war ein sehr großer
Wissenschaftler.
T: Oh.
T: Pappi, ist ein Erklärungsprinzip dasselbe wie eine Hypo-
these?
V: Fast, aber nicht ganz. Weißt du, eine Hypothese versucht,
ein besonderes Etwas zu erklären, aber ein Erklärungsprin-
zip - wie »Schwerkraft« oder »Instinkt« - erklärt in Wirk-
lichkeit nichts. Es ist eine Art konventionelle Ubereinkunft
Übereinkunft
zwischen Wissenschaftlern, die dazu dient, an einem be-
stimmten Punkt mit dem Erklären der Dinge aufzuhören.
T: Ist es das also, was Newton meinte? Wenn »Schwerkraft«
nichts erklärt, sondern nur eine Art Punkt am Ende einer
Erklärungslinie ist, dann war die Erfindung der Schwerkraft
nicht dasselbe, wie das Erfinden einer Hypothese, und er
konnte sagen, daß er nicht irgendwelche Hypothesen erfun-
den hat.

74
V: Das ist richtig. Es gibt keine Erklärung für ein Erklärungs-
prinzip. Es ist wie eine Black Box.
T: Oh.
T: Pappi, was ist eine Black Box?
Boxt
V: Eine »Black Box« ist eine konventionelle Ubereinkunft zwi-
schen Wissenschaftlern, die dazu dient, an einem bestimm-
ten Punkt mit dem Versuch aufzuhören, die Dinge zu erklä-
ren. Ich schätze, es handelt sich gewöhnlich um eine tempo-
Übereinkunft.
räre Ubereinkunft.
T: Das hört sich aber nicht nach Black Box an.
V: Nein - aber so wird es eben genannt. Dinge hören sich oft
nicht nach ihrem Namen an.
T: Nein.
V: Das Wort stammt von den Ingenieuren. Wenn sie ein Dia-
gramm für eine komplizierte Maschine zeichnen, verwenden
sie eine Art Kurzschrift. Anstatt alle Einzelheiten zu zeich-
nen, setzen sie eine Box ein, die für ein ganzes Konglomerat
von Teilen steht, und bezeichnen die Box mit dem, was
dieses Konglomerat von Teilen tun soll.
T: Eine »Black Box« ist also eine Bezeichnung für das, was ein
ganzes Konglomerat von Dingen tun soll...
V: So ist es. Es ist aber keine Erklärung dafür, wie Ans
das Konglo-
merat funktioniert.
T: Und Schwerkraft?
V:
V; Ist ein Etikett dafür, was Schwerkraft tun soll. Es erklärt
nicht, wie sie das macht.
T: Oh.
T: Pappi, was ist ein Instinkt?
V: Es ist ein Etikett dafür, was eine bestimmte Black Box tun
soll.
T: Aber was soll sie denn tun?
V: Hmmm. Das ist eine sehr schwierige Frage...
T: Mach weiter.
V: Also, sie soll kontrollieren - teilweise kontrollieren -, was
ein Organismus macht.
T: Haben Pflanzen Instinkte?

75
V: Nein. Würde ein Botaniker das Wort »Instinkt« verwenden,
wenn er von Pflanzen spricht, dann würde man ihm Zoo-
morphismus vorwerfen.
T: Ist das was Schlimmes?
V: Ja. Für Botaniker ist das etwas sehr Schlimmes. Für einen
Botaniker ist das genauso schlimm, als würde sich ein Zoo-
loge des Anthropomorphismus schuldig machen. Wirklich,
sehr schlimm.
T: Oh. Ich verstehe.
T: Was meintest du mit »teilweise kontrollieren«?
V: Ja, wenn ein Tier von einer Klippe stürzt, unterliegt der Fall
der Schwerkraft. Wenn es aber während des Fallens zappelt,
dann könnte das dem Instinkt zuzuschreiben sein.
T: Selbsterhaltungs-Instinkt?
V; Ich nehme an.
V:
T: Was ist ein Selbst, Pappi? Weiß ein Hund, daß er ein Selbst
hat?
V: Ich weiß nicht. Aber wenn der Hund weiß, daß er ein Selbst
hat, und er zappelt, um dieses Selbst zu erhalten, dann ist
sein Zappeln rational, nicht instinktiv.
T: Oh. Dann ist ein »Selbsterhaltungs-Instinkt« ein Wider-
spruch in sich.
V: Na ja, es ist eine Art Zwischenstation auf dem Weg zum
Anthropomorphismus.
T: Oh. Das ist schlimm.
V: Aber der Hund könnte wissen, daß er ein Selbst hat und
nicht wissen, daß dieses Selbst erhalten werden soll. Dann
wäre es rational, nicht zu zappeln. Wenn also der Hund
doch zappelt, wäre das instinktiv. Würde er aber lernen, zu
zappeln, dann wäre es nicht instinktiv.
T: Oh.
T: Was wäre nicht instinktiv, Pappi? Das Lernen oder das Zap-
peln?
V:
V; Nein - einfach nur das Zappeln.
T: Und das Lernen wäre instinktiv?
V: Also ... ja. Es sei denn, der Hund müßte lernen, zu lernen.

76
7^
T: Oh.
T: Aber Pappi, was soll Instinkt eigentlich erklären?
V: Ich bemühe mich die ganze Zeit, dieser Frage auszuweichen.
Weißt du, Instinkte wurden erfunden, bevor irgendwer ir-
gendwas über Genetik wußte, und der größte Teil der mo-
dernen Genetik wurde erfunden, bevor irgendwer
Irgendwer irgend-
was über Kommunikationstheorie wußte. Dadurch ist es
doppelt schwierig, »Instinkt« in moderne Termini und Vor-
stellungen zu übersetzen.
T: Ja, weiter.
V:
V; Gut, du weißt, daß es in den Chromosomen Gene gibt; und
daß die Gene eine Art Mitteilungen sind, die damit zu tun
haben, wie sich der Organismus entwickelt und wie er sich
verhält.
T:
T; Ist Entwicklung etwas anderes als Verhalten, Pappi? Worin
besteht der Unterschied? Und was ist Lernen? Ist es »Ent-
wicklung« oder »Verhalten«?
V: Nein! Nein! Nicht so schnell. Am besten, wir umgehen die-
se Fragen, indem wir Entwicklung-Lernen-Verhalten als
Gesamtheit betrachten. Als ein einziges Spektrum von Phä-
nomenen. Und jetzt versuchen wir mal zu sagen, was In-
stinkt dazu beiträgt, dieses Spektrum zu erklären.
T: Aber ist es denn ein Spektrum?
V: Nein - das ist nur so eine lockere Redeweise.
T: Oh.
T: Aber befindet sich Instinkt nicht ganz auf der Verhaltenssei-
te dieses »Spektrums«? Und ist Lernen nicht völlig be-
stimmt durch die Umgebung und nicht durch Chromo-
somen?
V:
V:Das wollen wir mal klarstellen - in den Chromosomen
Das
selbst gibt es weder Lernen noch Anatomie, noch Verhalten.
T: Haben sie nicht ihre eigene Anatomie?
V:Doch, natürlich. Und ihre eigene Physiologie. Aber die
Anatomie und Physiologie der Gene und Chromosomen ist
nicht die Anatomie und Physiologie des ganzen Tieres.
T: Natürlich nicht.

77
V: Aber sie geht über die Anatomie und Physiologie des ganzen
Tieres.
T: Anatomie über
«^er Anatomie?
V: Ja, genau wie Buchstaben und Wörter ihre eigenen Formen
und Gestalten haben und diese Gestalten Teile von Wörtern
oder Sätzen sind und so weiter - die über irgendwas gehen
können.
T: Oh.
T: Pappi, geht die Anatomie der Gene und Chromosomen über
die Anatomie des ganzen Tieres? Und die Physiologie der
Gene und Chromosomen über die Physiologie des ganzen
Tieres?
V: Nein, nein. Es gibt keinen Grund, das anzunehmen. So ist es
nicht. Anatomie und Physiologie sind nicht in dieser Weise
getrennt.
T: Pappi, willst du Anatomie und Physiologie in einen Topf
werfen, wie du es mit Entwicklung-Lernen-Verhalten getan
hast?
V: Ja, sicher.
T: Oh.
T: In denselben Topf?
V: Warum nicht? Ich glaube, Entwicklung liegt mitten drin.
Ganz genau in der Mitte.
T: Oh.
T: Wenn Chromosomen und Gene Anatomie ünd Physiologie
haben, dann müssen sie auch Entwicklung haben.
V: Ja, das folgt daraus.
T: Denkst du, daß ihre Entwicklung über die Entwicklung des
ganzen Organismus gehen könnte?
V: Ich weiß wirklich nicht, was diese Frage bedeuten soll.
T: Ich aber. Sie bedeutet, daß sich die Chromosomen und Gene
irgendwie verändern oder entwickeln, während sich das Ba-
by entwickelt, und daß die Veränderungen in den Chromo-
somen über die Veränderungen in dem Baby verlaufen, sie
steuern oder teilweise steuern.
V: Nein. Das glaube ich nicht.

78
T: Oh.
T: Lernen Chromosomen?
V: Ich weiß nicht.
T: Sie hören sich eher an wie Black Boxes.
V:Ja, aber wenn Chromosomen oder Gene lernen können,
dann sind sie viel kompliziertere Black Boxes, als irgendwer
zur Zeit annimmt. Die Wissenschaftler gehen immer davon
aus oder hoffen, daß Dinge einfach sind, und dann entdek-
ken sie, daß es nicht so ist.
T: Ja Pappi.

T: Pappi, ist das ein Instinkt?


V: Ist was ein Instinkt?
T: Anzunehmen, daß Dinge einfach sind.
V: Nein, natürlich nicht. Wissenschaftler müssen gelehrt wer-
den, es zu tun.
T: Aber ich dachte, kein Organismus könne gelehrt werden,
sich jedesmal zu irren.
V: Junge Dame, du bist respektlos und im Irrtum. Erstens ha-
ben Wissenschaftler nicht jedesmal unrecht, wenn sie anneh-
men, daß Dinge einfach sind. Ziemlich oft haben sie recht
oder zum Teil recht, und noch viel häufiger glauben sie, daß
sie recht haben und erzählen das auch untereinander. Und
das ist Verstärkung genug. Und überhaupt bist du im Un-
recht, wenn du sagst, daß kein Organismus gelehrt werden
kann, jedesmal zu irren.
T: Wenn Leute sagen, daß etwas »instinktiv« ist, versuchen sie
dann, die Dinge zu vereinfachen?
V: Ja, in der Tat.
T: Und haben sie unrecht?
V: Ich weiß nicht. Es hängt davon ab, was sie meinen.
T: Oh.
T: Wann tun sie es?
V: Ja, so läßt sich die Frage besser stellen. Sie machen es, wenn
sie ein Geschöpf etwas tun sehen und sicher sind: erstens,
daß das Geschöpf nicht gelernt hat, wie so etwas gemacht

79
wird, und zweitens, daß das Geschöpf zu dumm ist, zu
verstehen, warum es das tun sollte.
T: Sonst nie?
V: Doch. Wenn sie sehen, daß alle Exemplare der Spezies unter
denselben Umständen dasselbe tun; und wenn sie feststel-
len, daß das Tier dieselbe Handlung wiederholt, auch wenn
die Umstände verändert sind, so daß die Handlung fehlgeht.
T: Es gibt also vier Arten zu wissen, daß etwas instinktiv ist.
V: Nein. Vier Bedingungen, unter denen Wissenschaftler von
Instinkt sprechen.
T: Was aber, wenn eine der Bedingungen nicht gegeben ist? Ein
Instinkt hört sich eher an wie eine Gewohnheit oder ein
Brauch.
V; Aber Gewohnhelten
V: Gewohnheiten werden doch gelernt.
T: Ja.

T: Werden Gewohnheiten immer zweimal gelernt?


V: Was meinst du?
T: Ich meine - wenn ich eine Reihe von Griffen auf der Gitarre
lerne, dann lerne ich sie zuerst oder finde sie; und dann,
später, wenn ich übe, gewöhne ich es mir an, sie so zu grei-
fen. Und manchmal habe ich schlechte Angewohnheiten.
V: Lernst du, jedesmal zu irren?
T: Oh - in Ordnung. Aber was ist mit dieser Sache, diesem
zweimal-darüber? Gäbe es beide Teile des Lernens nicht,
wenn Gitarrespielen instinktiv wäre?
V: Ja. Wenn beide Teile des Lernens eindeutig nicht da wären,
dann würden die Wissenschaftler sagen, daß Gitarrespielen
instinktiv ist.
T: Aber was wäre, wenn nur ein Teil des Lernens fehlte?
V: Dann könnte der fehlende Teil, logisch gesehen, durch »In-
stinkt« erklärt werden.
T: Könnten auch beide Teile fehlen?
V: Ich weiß nicht. Ich glaube nicht, daß es irgend jemand weiß.
T: Oh.

80
T: Üben Vögel ihre Gesänge?
V: Ja. Von einigen Vögeln sagt man, daß sie üben.
T: Ich nehme an, daß ihnen der erste Teil des Singens durch
Instinkt gegeben ist, aber am zweiten Teil müssen sie ar-
beiten.
V: Vielleicht.

T: Könnte Üben instinktiv sein?


V: Ich nehme es an - ich bin mir aber nicht sicher, was das Wort
»Instinkt« in diesem Gespräch mittlerweile bedeutet.
T: Es ist ein Erklärungsprinzip, Pappi, genau wie du gesagt
hast...
hast. . . Aber eins verstehe ich nicht.
V: Was?
T: Gibt es eine ganze Menge Instinkt? Oder gibt es Mengen
von Instinkten?
V: Ja. Das ist eine gute Frage, und die Wissenschaftler haben
sich schon viel den Kopf darüber zerbrochen, haben Listen
von einzelnen Instinkten aufgestellt und sie dann doch wie-
der zusammengefaßt.
T: Aber wie lautet die Antwort?
V: Nun - es ist nicht ganz klar. Aber eins ist sicher: daß Erklä-
rungsprinzipien nicht über das Notwendige hinaus multipli-
ziert werden dürfen.
T: Und was heißt das, bitte?
V: Es ist die Idee, die hinter dem Monotheismus steckt - daß
die Idee eines großen Gottes der Idee zweier kleiner vorge-
zogen werden soll.
T: Ist Gott ein Erklärungsprinzip?
V: Oh, ja - ein sehr großes. Man sollte nicht zwei Black Boxes -
oder zwei Instinkte - verwenden, um zu erklären, was eine
Black Box erklären könnte ...
T: Wenn sie groß genug wäre.
V: Nein. Es bedeutet...
T: Gibt es große und kleine Instinkte?
V: Nun - die Wissenschaftler reden jedenfalls so, als ob es sie
gäbe. Aber sie geben den kleinen Instinkten andere Namen -
81
»Reflexe«, »angeborene Auslösungsmechanismen«, »feste
Handlungsmuster« und so weiter.
T: Ich verstehe - es ist, als hätte man einen großen Gott, um das
Universum zu erklären und viele kleine »Kobolde« oder
»Teufelchen«, die die unbedeutenderen Ereignisse erklären.
V:
V; Na ja. Vielleicht so ähnlich.
T: Aber Pappi, wie fassen sie Dinge zusammen, um die großen
Instinkte zu bilden?
V: Also, zum Beispiel sagen sie nicht, daß der Hund einen
Instinkt hat, der ihn zappeln läßt, wenn er von der Klippe
stürzt, und einen weiteren, der ihn dazu bringt, vom Feuer
wegzulaufen.
T: Du meinst, die würden beide durch einen Selbsterhaltungs-
Instinkt erklärt?
V: Ja. So ähnlich.
T: Aber wenn man diese verschiedenen Akte unter einem In-
stinkt zusammenfaßt, dann kommt man nicht von der Be-
hauptung los, daß der Hund eine Vorstellung vom »Selbst«
verwendet.
V: Nein, vielleicht nicht.
T: Was würdest du mit dem Instinkt für den Gesang und dem
für das Üben des Gesangs machen?
V: Nun - es kommt darauf an, wofür der Gesang eingesetzt
wird. Beide, der Gesang und das Üben, könnten unter einen
territorialen oder unter einen sexuellen Instinkt fallen.
T: Ich würde sie nicht zusammenfassen.
V: Nein?
T: Denn was wäre, wenn der Vogel auch üben müßte, Samen
aufzupicken oder so was? Dann müßte man die Instinkte -
wie hieß das? - über das Notwendige hinaus multiplizieren.
V: Was meinst du?
T: Ich meine einen Futter-Instinkt als Erklärung für das Üben,
Samen aufzupicken, und einen Territorial-Instinkt, um den
Gesang zu üben. Warum sollte man nicht einen Übungs-
Instinkt für beides annehmen? Das erspart eine Black Box.
V: Aber dann würdest du die Idee aufgeben, Handlungen, die
82
denselben Zweck haben, unter demselben Instinkt zusam-
menzufassen.
T: Ja - denn wenn das Üben einen Zweck hat - ich meine,
wenn der Vogel einen Zweck hat - dann ist das Üben ratio-
nal und nicht instinktiv. Hast du nicht selbst so etwas ge-
sagt?
V: Ja, das habe ich.
T: Könnten wir ohne die Vorstellung des »Instinkts« aus-
kommen?
V: Wie würdest du dann die Dinge erklären?
T: Na ja. Ich würde einfach die kleinen Sachen beobachten:
Wenn irgendwas »pop« macht, springt der Hund. Wenn er
keinen Boden unter den Füßen hat, zappelt er. Und so
weiter.
V; Du meinst - nur die Kobolde und keine Götter?
V:
T: Ja, so was.
V:Nun - es gibt Wissenschaftler, die versuchen, sich so zu
verständigen, und das wird immer beliebter. Man behauptet,
daß es objektiver ist.
T: Und - stimmt das?
V: Oh, ja.
T: Was bedeutet »objektiv«?
V: Also, es bedeutet, daß man die Dinge, die man beobachten
will, sehr genau beobachtet.
T: Das klingt vernünftig. Aber wie suchen die objektiven Leute
die Dinge aus, bei denen sie objektiv sein wollen?
V: Na ja, sie wählen die Dinge, bei denen es leicht ist, objektiv
zu sein.
T: Du meinst, leicht für sie?
V: Ja.
T: Aber woher wissen sie, daß es sich dabei um leichte Dinge
handelt?
V: Ich nehme an, sie probieren verschiedene Dinge aus und
stellen es dann aufgrund ihrer Erfahrung fest.
T: Dann ist es also eine subjektive Auswahl?
V: Oh ja. Alle Erfahrung ist subjektiv.

83
T: Aber sie ist menschlich und subjektiv. Sie entscheiden, bei
welchen Teilen tierischen Verhaltens sie objektiv sind, in-
dem sie subjektive menschliche Erfahrung befragen. Hast du
nicht gesagt, daß Anthropomorphismus was Schlimmes ist?
V: Doch - aber sie versuchen, nicht menschlich zu sein.
T: Was lassen sie aus?
V: Was meinst du?
T: Ich meine - die subjektive Erfahrung zeigt ihnen, bei wel-
chen Dingen es einfach ist, objektiv zu sein. Also gehen sie
hin und studieren diese Dinge. Aber welche Dinge stellt ihre
Erfahrung als schwierig heraus - so daß sie sie umgehen
können. Welche Dinge vermeiden sie?
V: Nun, vorhin hast du so etwas wie >Ubung<
>Obung< erwähnt. Dabei
ist es sehr schwierig, objektiv zu sein. Und es gibt noch
andere Dinge, die in genau derselben Weise schwierig sind.
Spiel, zum Beispiel. Und Erkundung. Es ist schwierig, bei
SpieU
der Frage objektiv zu sein, ob eine Ratte tatsächlich erkun-
det oder tatsächlich spielt. Also untersuchen sie diese Dinge
gar nicht. Und dann gibt es noch Liebe. Und natürlich Haß.
T: Ich verstehe. Das ist die Art von Dingen, für die ich beson-
dere Instinkte erfinden wollte.
V: Ja, genau. Und vergiß nicht den Humor.
T: Pappi - sind Tiere objektiv?
V: Ich weiß nicht - wahrscheinlich nicht. Ich glaube auch nicht,
daß sie subjektiv sind. Ich glaube nicht, daß sie in dieser
Weise gespalten sind.
T: Ist es nicht so, daß die Menschen eine besondere Schwierig-
keit haben, bei den mehr tierischen Anteilen ihrer Natur
objektiv zu sein?
V: Ich schätze, doch. Jedenfalls hat Freud das gesagt, und ich
glaube, er hatte recht. Warum fragst du?
T: Weil, oh Mann, diese armen Leute. Sie versuchen, Tiere zu
studieren. Und sie spezialisieren sich auf Dinge, die sie ob-
jektiv studieren können. Und sie können nur bei den Din-
gen objektiv sein, wo sie selbst am wenigsten wie Tiere sind.
Es muß sehr schwer für sie sein.
84
V: Nein - das folgt nicht notwendig daraus. Es ist doch immer
noch möglich, daß die Leute bei einigen Dingen ihrer tieri-
schen Natur objektiv sind. Du hast nicht gezeigt, daß das
gesamte tierische Verhalten zu der Menge von Dingen ge-
hört, bei denen die Leute nicht objektiv sein können.
T: Nein?

T: Welches sind die wirklich großen Unterschiede zwischen


Menschen und Tieren?
V:
V; Na, Intellekt, Sprache, Werkzeuge. Solche Sachen.
T: Und es fällt den Menschen leicht, in der Sprache und bei
Werkzeugen intellektuell objektiv zu sein?
V: So ist es.
T: Aber das muß doch bedeuten, daß es in den Menschen eine
ganze Menge von Ideen oder sonst etwas gibt, die alle zu-
sammenhängen. Eine Art zweite Kreatur in der ganzen Per-
son, und diese zweite Kreatur muß eine ganz andere Weise
des Nachdenkens über alles haben. Eine objektive Weise.
V: Ja. Der Königsweg zum Bewußtsein und zur Objektivität
führt über Sprache und Werkzeuge.
T: Aber was passiert, wenn diese Kreatur auf all die Teile der
Person blickt, bei denen es den Menschen schwer fällt, ob-
jektiv zu sein? Blickt sie einfach nur? Oder mischt sie sich
ein?
V: Sie mischt sich ein.
T: Und was geschieht?
V: Das ist eine ganz schreckliche Frage.
T: Fahr fort. Wenn wir Tiere studieren wollen, müssen wir
uns mit dieser Frage beschäftigen.
V: Also ... Die Dichter und Künstler kennen die Antwort bes-
ser als die Wissenschaftler. Ich will dir ein Stück vorlesen:

Denken verwandelte das Unendliche in eine Schlange, die sich vergrämt


Zu einer verzehrenden Flamme; und der Mensch floh ihr Angesicht und ver-
barg sich
In den Wäldern der Nacht: dann wurden all die ewigen Wälder geteilt
In Welten, die auf den Bahnen des Raumes kreisen, der wie ein Ozean wogte

85
Und alles überwältigte, bis auf diese endliche Mauer des Fleisches.
Dann wurde der Schlange Tempel gebaut, Bild des Unendlichen,
Eingeschlossen in endliche Revolutionen; und der Mensch wurde ein Engel,
Der Himmel ein mächtiger sich drehender Kreis, Gott ein gekrönter Tyrann.
i794::"'
W. Blake, Europe a Prophecy, 1794

T: Das verstehe ich nicht. Es klingt schrecklich, aber was be-


deutet es?
V: Nun - es ist keine objektive Darstellung, weil es um die
Auswirkung von Objektivität geht - was der Autor hier
»Denken« über die ganze Person oder über das ganze Leben
nennt. »Denken« sollte ein Teil des Ganzen bleiben, aber
statt dessen breitet es sich aus und mischt sich bei dem Rest
ein.
T: Weiter.
Welter.
V: Gut. Es schneidet alles in Stücke.
T: Ich verstehe nicht.
V: Also, der erste Schnitt liegt zwischen dem objektiven Ding
und dem Rest. Und dann ist es innerhalb des Geschöpfs, das
nach dem Modell >Intellekt,
»Intellekt, Sprache und Werkzeuge< ge-
macht ist, natürlich, daß sich ein Zweck entwickeln wird.
Werkzeuge haben Zwecke, und alles, was sich Zwecken in
den Weg stellt, ist ein Hindernis. Die Welt des objektiven
Geschöpfs zerfällt in »hilfreiche« und »hinderliche« Dinge.
T: Ja. Das ist mir klar.
V: Also gut. Dann wendet das Geschöpf diese Aufteilung auf
die Welt der ganzen Person an, und »hilfreich« bzw. »hin-
derlich« werden zu gut und böse, und dann wird die Welt
zwischen Gott und der Schlange aufgeteilt. Und danach fol-
gen immer weitere Aufteilungen, weil der Intellekt immerzu
Dinge klassifiziert und einteilt.
T: Er multipliziert Erklärungsprinzipien über das Notwendige
hinaus?
V: So ist es.

* Blake, W. 1794, Europe a Prophecy, gedruckt und veröffentlicht vom Autor.


(Meine Hervorhebungen.) (Übertragung ins Deutsche vom Übersetzer. H.-G,
H.-G. H.)
86
T: Wenn also das objektive Geschöpf Tiere betrachtet, spaltet
es die Dinge auf und läßt die Tiere aussehen wie menschliche
Wesen, nachdem ihr Intellekt ihre Seele heimgesucht hat.
V: Genau. Es ist eine Art unmenschlicher Anthropomorphis-
mus.
T: Und deshalb studieren die objektiven Menschen all die klei-
nen Kobolde anstatt der größeren Dinge?
V: Ja. Das nennt sich S-R-Psychologie. Es ist leicht, bei Sex
objektiv zu sein, aber nicht bei der Liebe.
T: Pappi, wir haben über zwei Weisen gesprochen, Tiere zu
studieren - die Weise des großen Instinkts und die S-R-Weise
- und keine der beiden schien sehr sinnvoll. Was machen wir
jetzt?
V: Ich weiß nicht.
T: Sagtest du nicht, daß der Königsweg zu Objektivität und
Bewußtsein über Sprache und Werkzeuge führt? Was ist der
Königsweg zu der anderen Hälfte?
V: Freud sagte, die Träume.
T: Oh.
T; Was sind Träume? Wie sind sie zusammengesetzt?
T:
V:
V; Nun - Träume sind Stücke und Fetzen des Stoffs, aus dem
wir gemacht sind. Der nicht-objektive Stoff.
T: Aber wie sind sie zusammengesetzt?
V: Schau - entfernen wir uns nicht ziemlich weit von der Frage,
wie tierisches Verhalten zu erklären ist?
T: Ich weiß nicht, aber ich glaube nicht. Es sieht so aus, als
seien wir immer irgendwie anthropomorph, egal was wir
tun. Und es ist offensichtlich falsch, sich auf die Seite in der
Natur des Menschen zu stützen, wo er den Tieren am un-
ähnlichsten ist. Versuchen wir also die andere Seite. Du
sagst, Träume sind der Königsweg zur anderen Seite.
Also
Also......
V: Ich nicht. Freud hat es gesagt. Oder so etwas Ähnliches.
T: In Ordnung. Aber wie sind Träume zusammengesetzt?
V: Meinst du, wie Träume aufeinander bezogen sind?
T:
T; Nein. Denn wie du gesagt hast, sind sie nur Stücke und
7 87
8/
Fetzen. Was ich meine, ist: Wie ist ein Traum in sich selbst
zusammengesetzt? Könnte tierisches Verhalten in derselben
Weise zusammengesetzt sein?

V: Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.


T: Also. Können Träume die Zukunft voraussagen?
V: Oh Gott! Diese alte Vorstellung der Leute. Nein, sie sagen
nicht die Zukunft voraus. Träume sind irgendwie von der
Zeit ausgenommen. Sie haben keine Zeitformen.
T: Aber wenn jemand vor etwas Angst hat, wovon er weiß, daß
es morgen passieren wird, dann könnte er heute nacht davon
träumen?
V: Gewiß. Oder von etwas in seiner Vergangenheit. Oder von
beidem, Vergangenheit und Zukunft. Aber der Traum hat
keine Etikettierung, die ihm verrät, »worüber« er in diesem
Sinne ist. Er ist einfach nur da.
T: Meinst du, es ist so, als hätte ein Traum kein Titelblatt?
V: Ja. Er ist wie ein altes Manuskript oder ein alter Brief, bei
dem Anfang und Ende fehlen, und der Historiker muß ra-
ten, worüber das alles geht, wer es schrieb und wann -, und
er hat nur das, was darin steht.
T: Dann werden wir ja wohl auch objektiv sein müssen?
V: Ja, in der Tat. Aber wir wissen, daß wir sehr sorgfältig vor-
gehen müssen. Wir müssen darauf achten, daß wir nicht die
Begriffe des Geschöpfs, das mit Sprache und Werkzeugen
arbeitet, dem Traummaterial aufzwingen.
T: Wie meinst du das?
V: Na, zum Beispiel: Wenn Träume irgendwie keine Zeitfor-
men haben und von der Zeit ausgenommen sind, dann wür-
den wir die falsche Art von Objektivität erzwingen, wenn
wir sagten, daß ein Traum etwas voraussagt. Und es wäre
genauso falsch zu sagen, er sei eine Behauptung über die
Vergangenheit. Es handelt sich nicht um Geschichte.
T: Nur Propaganda?
V: Was meinst du?
T: Ich meine - ist es wie bei den Geschichten, die Propagandi-
88
sten schreiben, von denen sie sagen, sie seien Geschichte, die
aber in Wirklichkeit nur Lügenmärchen sind?
V: Also gut. Ja. Träume sind in vieler Hinsicht wie Mythen und
Märchen. Aber nicht bewußt von einem Propagandisten er-
funden. Nicht geplant.
T: Hat ein Traum immer eine Moral?
V: Ob immer, weiß ich nicht. Aber oft, ja. Aber die Moral wird
in dem Traum nicht dargestellt. Der Psychoanalytiker ver-
sucht, den Patienten dahin zu bekommen, daß er die Moral
findet. In Wirklichkeit ist der ganze Traum die Moral.
T: Was heißt das?
V: Weiß ich auch nicht ganz genau.
T: Gut. Richten sich Träume an Gegensätzen aus? Ist die Moral
der Gegensatz von dem, was der Traum zu sagen scheint?
V: Oh ja, oft. Träume haben oft eine ironische oder sarkastische
Note. Eine Art reductio ad absurdum.
T: Zum Beispiel?
V: Na gut. Einer meiner Freunde war im Zweiten Weltkrieg
Jagdflieger. Nach dem Krieg wurde er Psychologe und
mußte für die mündliche Prüfung lernen. Er kriegte Schiß
vor dem Mündlichen, aber in der Nacht vor der Prüfung
hatte er einen Alptraum, in dem er nochmal die Erfahrung
durchlebte, in einem Flugzeug zu sitzen, das abgeschossen
worden war. Am nächsten Tag ging er ohne Angst in die
Prüfung.
T: Warum?
V: Weil es für einen Jagdflieger idiotisch war, vor einem Hau-
fen Universitätsprofessoren Angst zu haben, die ihn in
Wirklichkeit gar nicht abschießen konnten.
T: Aber wie wußte er das? Der Traum hätte ihm doch auch
sagen können, daß ihn die Professoren abschießen würden.
Woher wußte er, daß es ironisch war?
V: Hmmm. Die Antwort ist, daß er es nicht wußte. Auf dem
Traum klebt kein Zettel, der besagt, daß er ironisch ist. Und
wenn Leute in wachen Gesprächen ironisch sind, dann sa-
gen sie es oft auch nicht dazu.
89
T:Nein.
T: Nein. Das ist wahr. Ich halte es immer irgendwie für
grausam.
V: Ja. Das ist es auch oft.
T: Pappi, sind Tiere jemals ironisch oder sarkastisch?
V: Nein. Ich glaube nicht. Aber ich bin nicht sicher, ob das
ganz genau die Worte sind, die wir benutzen sollten. »Iro-
nisch« und »sarkastisch« sind Worte für die Analyse von
Informationsmaterial in der Sprache. Und Tiere haben keine
Sprache. Es ist vielleicht ein Teil der falschen Art von Ob-
jektivität.
T: In Ordnung. Arbeiten dann Tiere mit Gegensätzen?
V:
V; Also, ja. Wie es nun einmal ist, tun sie das. Aber ich bin mir
nicht sicher, ob es dasselbe ist...
T: Fahr fort. Wie machen sie das? Und wann?
V: Nun - du weißt doch, wie sich ein Hündchen auf den Rük-
ken legt und seinen Bauch einem größeren Hund darbietet.
Das ist so etwas wie eine Einladung an den größeren Hund,
anzugreifen. Aber es wirkt sich anders herum aus. Es hält
den größeren Hund vom Angriff ab.
T: Ja, ich verstehe. Es ist eine Art Verwendung von Gegensät-
zen. Aber wissen sie das?
V: Du meinst, weiß der größere Hund, daß der kleinere das
Gegenteil von dem sagt, was er meint? Und weiß der kleine-
re Hund, daß er den größeren auf diese Weise stoppen kann?
T:Ja
-
V: Ich weiß nicht. Manchmal meine ich, daß der kleinere Hund
ein bißchen mehr darüber weiß als der größere. Jedenfalls
gibt der kleine überhaupt keine Zeichen, die zeigen, daß er
es weiß. Offensichtlich kann er das nicht.
T: Dann ist es wie bei den Träumen. Es gibt keinen Zettel, der
besagt, daß der Traum mit Gegensätzen arbeitet.
V: Das stimmt.
T: Ich glaube, wir kommen der Lösung näher. Träume arbeiten
mit Gegensätzen, und Tiere arbeiten mit Gegensätzen, aber
weder die einen noch die anderen tragen Etiketten mit der
Aufschrift, daß sie mit Gegensätzen zu tun haben.
90
V: Hmmm.
T: Warum kämpfen Tiere?
V: Oh, aus vielen Gründen. Revier, Sex, Nahrung...
Nahrung. ..
T: Pappi, du redest wie die Instinkt-Theoretiker. Ich dachte,
wir hätten uns geeinigt, das nicht zu tun.
V: Also gut. Aber was für eine Antwort erwartest du denn auf
die Frage, warum Tiere kämpfen?
T: Also. Handeln sie in Gegensätzen?
V: Oh ja. Viele Kämpfe enden mit einer Art Friedensschluß.
Und gewiß ist spielerisches Kämpfen zum Teil auch ein
Weg, um einander Freundschaft zu bekunden. Oder
Freundschaft zu entdecken bzw. wiederzuentdecken.
T: Das dachte ich mir
mir...
...
T: Aber warum fehlen die Etiketten? Hat es bei Tieren und
Träumen denselben Grund?
V: Ich weiß nicht. Aber, weißt du, Träume arbeiten nicht im-
mer mit Gegensätzen.
T: Nein, natürlich nicht, und bei Tieren ist es ja auch so.
V: Also gut.
T: Kommen wir nochmal auf diesen Traum zurück. Insgesamt
war seine Wirkung auf den Mann dieselbe, als hätte jemand
zu ihm gesagt;
gesagt: »>Du in einem Jagdbomber«
Jagdbomber< ist nicht dasselbe
wie >du in einer mündlichen Prüfung<«.
Prüfung««.
V: Ja. Aber der Traum hat das nicht ausgesprochen. Er sagt
nur: »Du in einem Jagdbomber«. Er läßt das »nicht« aus
und auch die Anweisung, den Traum mit etwas anderem zu
vergleichen, und er sagt auch nicht, womit er ihn vergleichen
sollte.
T;
T: Gut. Nehmen wir zuerst das »nicht«. Gibt es im tierischen
Verhalten irgendein »Nicht«?
V: Wie sollte das möglich sein?
T: Ich meine, kann ein Tier durch seine Handlungen ausdrük-
ken: »Ich werde dich nicht beißen«?
V: Nun, um damit anzufangen: Kommunikation durch Hand-
lungen kann unmöglich Zeiten haben. Die sind nur in der
Sprache möglich.

9i
T: Sagtest du nicht, daß Träume keine Zeiten haben?
V: Hmmm. Doch, das habe ich gesagt.
T: Okay. Aber was ist mit »nicht«? Kann das Tier sagen: »Ich
beiße dich nicht«?
V: Da steckt doch immer noch eine Zeitform drin. Aber mach
dir nichts draus. Wenn das Tier das andere nicht beißt, dann
beißt es nicht, und das ist alles.
T: Aber es könnte ja auch eine ganze Menge anderer Dinge
nicht tun, schlafen, fressen, laufen und so weiter. Wie kann
es sagen: »Es ist das Beißen, das ich nicht tue«?
V: Das kann es nur, wenn Beißen irgendwie erwähnt wurde.
T: Meinst du, es könnte sagen, »Ich beiße dich nicht«, indem es
zuerst die Zähne zeigt und dann nicht beißt?
V: Ja. So ähnlich.
T: Aber was ist dann mit zwei Tieren? Sie müßten beide die
Zähne zeigen.
V: Ja.
T: Und mir scheint, sie könnten einander mißverstehen und in
einen Kampf geraten.
V: Ja. Diese Gefahr besteht immer, wenn du mit Gegensätzen
arbeitest und nicht sagst oder nicht sagen kannst, was du
tust, besonders wenn du nicht weißt, was du tust.
T: Aber die Tiere würden doch wissen, daß sie ihre Zähne
bleckten, um zu sagen: »Ich werde dich nicht beißen«.
V: Ich zweifle daran. Bestimmt weiß es keins der Tiere von dem
anderen. Der Träumende weiß am Anfang des Traums nicht,
wie der Traum enden wird.
T: Dann ist es eine Art Experiment...
V: Ja.
T: Sie könnten also in einen Kampf geraten, um herauszufin-
den, ob Kämpfen das war, was sie tun mußten.
V: Ja - aber ich würde es lieber weniger zweckgerichtet formu-
lieren -, daß ihnen der Kampf zeigt, was für eine Art Bezie-
hung sie haben, danach. Es ist nicht geplant.
T: Dann ist das »Nicht« wirklich nicht da, wenn sich die Tiere
die Zähne zeigen?

92
9^
V: Ich glaube nicht. Oder oft nicht. Vielleicht können alte
Freunde einen spielerischen Kampf austragen und von An-
fang an'wissen, was sie tun.
T: Also gut.
gut/Dann
Dann fehlt das »Nicht« im tierischen Verhalten,
weil »nicht« Teil der verbalen Sprache ist und es kein Hand-
lungssignal für »nicht« geben kann. Und weil es kein
»Nicht« gibt, ist die einzige Möglichkeit, sich über ein Ne-
gativum zu einigen, die ganze reductio ad absurdum auszu-
agieren. Man muß die Schlacht austragen, um zu beweisen,
daß es keine ist, und man muß die Unterwerfung ausagieren,
um zu beweisen, daß einen der andere nicht fressen wird.
V: Ja.
T: Mußten sich die Tiere das ausdenken?
V: Nein. Denn es ist alles notwendig wahr. Und was notwendig
wahr ist, wird das beherrschen, was du tust, ohne darauf zu
achten, ob es notwendig wahr ist. Wenn du zwei Äpfel und
drei Äpfel zusammenlegst, wirst du fünf Äpfel erhalten -
selbst wenn du nicht zählen kannst. Es ist eine andere Art,
Dinge zu »erklären«.
T: Oh.
T: Aber warum läßt dann der Traum das »Nicht« aus?
V: Ich denke wirklich an einen ganz ähnlichen Grund. Träume
sind meistens aus Bildern und Empfindungen zusammenge-
setzt, und wenn du anfängst, in Bildern und Empfindungen
oder so zu kommunizieren, wirst du wiederum von der Tat-
sache beherrscht, daß es kein Bild für »nicht« gibt.
T: Aber man könnte doch ein »Stop«-Schild mit einem Strich
darauf träumen, was bedeuten würde »Nicht Stoppen«.
V: Ja. Aber das ist schon fast Sprache. Und die streichende
Linie ist nicht das Wort »nicht«. Sie ist das Wort »Tue
nicht«. »Tue nicht« kann in Aktionssprache umgesetzt wer-
den, wenn die andere Person eine Bewegung macht, um
anzudeuten, was du verbieten möchtest. Man kann sogar in
Worten träumen, und das Wort »nicht« kann dazu gehören.
Aber ich bezweifle, ob man ein »Nicht« träumen kann, das
sich auf den Traum bezieht. Ich meine ein »Nicht«, das

93
bedeutet »Dieser Traum soll nicht wörtlich genommen wer-
den«. Manchmal, wenn man sehr leicht schläft, weiß man,
daß man träumt.
T: Aber Pappi, du hast immer noch nicht die Frage beantwor-
tet, wie Träume zusammengesetzt sind.
V: Ich glaube schon, daß ich sie beantwortet habe. Aber ich will
es nochmal probieren. Ein Traum ist eine Metapher oder ein
Knäuel von Metaphern. Weißt du, was eine Metapher ist?
T: Ja. Wenn ich sage, du bist wie ein Schwein, dann ist das ein
Gleichnis. Aber wenn ich sage, du bist
bisttm
ein Schwein, dann ist
es eine Metapher.
V: Ja, so ähnlich. Wenn man eine Metapher als eine Metapher
etikettiert, dann wird sie zu einem Gleichnis.
T: Und genau diese Etikettierung läßt der Traum weg.
V: Richtig. Eine Metapher vergleicht Dinge, ohne den Ver-
gleich auszusprechen. Sie nimmt die Wahrheit über eine
Gruppe von Dingen und wendet sie auf eine andere an.
Wenn wir sagen, daß sich eine Nation »zersetzt«, verwen-
den wir eine Metapher, womit wir andeuten, daß einige Ver-
änderungen in einer Nation wie Veränderungen sind, die
Bakterien in einer Frucht bewirken. Aber wir halten uns
nicht damit auf, die Frucht oder die Bakterien zu erwähnen.
T: Und so ist auch ein Traum?
V; Nein. Beim Traum ist es anders herum. Der Traum würde
V:
die Frucht und möglicherweise die Bakterien ansprechen,
nicht aber die Nation. Der Traum arbeitet die Beziehung
heraus, identifiziert aber nicht die Dinge, die in Beziehung
gesetzt werden.
T: Pappi, könntest du einen Traum für mich machen?
V: Du meinst, nach diesem Rezept? Nein. Laß uns den Vers
nehmen, den ich dir gerade vorgelesen habe, und ihn in
einen Traum umwandeln. Er ist schon fast Traummaterial,
so, wie er dasteht. Meistens mußt du nur die Worte durch
Bilder ersetzen. Und die Worte sind lebhaft genug. Aber der
ganze Strang von Metaphern oder Bildern ist festgelegt, was
bei einem Traum nicht so wäre.

94
T: Was meinst du mit »festgelegt«?
»festgelegt« ?
V: Ich meinp durch das erste Wort: »Denken«. Dieses Wort
verwendet der Schriftsteller wörtlich, und dieses eine Wort
verrät dir, worum es im ganzen Rest geht.
T: Und in einem Traum?
V: Da wäre das Won
Wort auch metaphorisch gewesen. Und dann
wäre das ganze Gedicht sehr viel schwieriger.
T: Na gut - dann ändere es ab.
V: Was ist mit »Barbara verwandelte das Unendliche ...« und
so weiter.
T: Aber warum? Wer ist sie?
V: Nun, sie ist barbarisch, und sie ist weiblich, und sie ist der
mnemotechnische Ausdruck für einen syllogistischen Mo-
dus. Ich dachte, sie würde eher passen als ein monströses
Symbol für »Denken«. Ich kann sie mir jetzt vorstellen, wie
sie mit einem Taster in ihr eigenes Gehirn stößt, um ihr
Universum zu verändern.
T: Hör auf.
V: Na gut. Aber du siehst, was ich meine, wenn ich sage, daß in
Träumen die Metaphern nicht festgelegt sind.
T: Legen Tiere ihre Metaphern fest?
V: Nein. Das müssen sie gar nicht. Siehst du, wenn ein erwach-
sener Vogelmann sich wie ein Vogeljunges aufführt, um sich
einer Vogelfrau zu nähern, dann verwendet er eine Meta-
pher, die von der Beziehung zwischen Kind und Eltern ge-
nommen ist. Aber er muß nicht festlegen, über wessen Be-
ziehung er redet. Es ist offensichtlich die Beziehung zwi-
schen ihm und dem anderen Vogel. Sie sind ja beide da.
T: Aber verwenden sie denn nie Metaphern - agieren sie nie
Metaphern aus - für etwas anderes als ihre eigenen Bezie-
hungen?
V: Ich glaube nicht. Nein - nicht die Säugetiere. Und ich glaube
auch nicht, daß Vögel es tun. Bienen - vielleicht. Und -
natürlich - Menschen.
T: Etwas verstehe ich noch nicht.
V: Nämlich?

95
T: Wir haben eine ganze Menge von Gemeinsamkeiten zwi-
schen Träumen und tierischem Verhalten herausgefunden.
Beide arbeiten sie mit Gegensätzen, und beide haben keine
Zeitformen, beide haben kein »Nicht«, und beide bedienen
sich der Metapher, aber beide legen sie die Metaphern nicht
fest. Wobei ich allerdings nicht verstehe, warum es einen
Sinn ergibt, wenn Tiere solche Sachen tun - ich meine, für
sie, wenn sie Gegensätze verwenden und ihre Metaphern
nicht festlegen müssen - aber ich verstehe nicht, warum es
bei Träumen auch so sein sollte.
V: Das verstehe ich auch nicht.
T: Und dann ist da noch was anderes.
V;
Ja??
V:Ja
T: Du sprachst von Genen und Chromosomen, die Mitteilun-
gen über die Entwicklung weitergeben. Sprechen sie wie
Tiere und Träume? Ich meine, in Metaphern und ohne
»Nicht«? Oder sprechen sie einfach so wie wir?
V: Ich weiß nicht. Aber ich bin sicher, daß ihr Informationssy-
stem keine einfache Umwandlung der Instinkt-Theorie ent-
hält.
Teil II
Form ünd
"und Muster in der Anthropologie
Kulturberührung und Schismogenese""
Schismogenese*

Das von einer Kommission des Social Sciences Research Council


{Man, 1935, 162) geschriebene Memorandum hat mich dazu
(.Man,
angeregt, eine Auffassung darzulegen, die sich erheblich von
deren Auffassung unterscheidet; und obwohl der Anfang dieses
Artikels als kritisch gegenüber dem Memorandum erscheinen
mag, möchte ich von vornherein klarstellen, daß ich jeden ernst-
haften Versuch, Kategorien für die Erforschung der Kulturbe-
rührung zu ersinnen, für einen wirklichen Beitrag zum Problem
halte. Da sich überdies in dem Memorandum mehrere Passagen
finden (darunter die Definition), die ich nicht ganz verstehe,
werde ich meine Kritik mit einer gewissen Zurückhaltung vor-
tragen und sie nicht so sehr gegen die Kommission, als vielmehr
gegen gewisse Irrtümer richten, die unter Anthropologen gras-
sieren.
(1) Der Nutzen solcher Kategoriensysteme. Im allgemeinen ist
es unklug, Systeme dieser Art zu errichten, solange die Proble-
me, die sie aufklären sollen, noch nicht genau formuliert sind;
und soweit ich sehe, sind die von der Kommission aufgestellten
Kategorien nicht mit Bezug auf irgendwelche spezifisch defi-
nierten Probleme konstruiert worden, sondern sollen nur ganz
allgemein Licht auf »das Problem« der Kulturübernahme (Ak-
kulturation) werfen, wobei das Problem selbst vage bleibt.
(2) Daraus folgt, daß wir im Augenblick nicht so sehr die Kon-
struktion einer Menge von Kategorien brauchen, die Licht auf
alle Probleme werfen, sondern eher die systematische Formu-

* Die ganze Kontroverse, von der dieser Artikel ein Bestandteil war, ist in
Beyond the Frontier, herausgegeben von Paul Bohannon und Fred Flog, wie-
derabgedruckt worden. Aber die Wogen dieser Kontroverse haben sich längst
geglättet, und der Artikel wurde hier nur wegen seiner positiven Beiträge aufge-
nommen. Es handelt sich um einen unveränderten Nachdruck aus Man, Artikel
199, Vol. XXXV, 1935, mit Genehmigung des Royal Anthropological Institute
of Great Britain and Ireland.

99
lierung der Probleme, dergestalt, daß sie einzeln untersucht
werden können.
(3) Obwohl die Kommission ihre Probleme Undefiniert läßt,
können wir aufgrund einer sorgfältigen Lektüre der Kategorien
ungefähr zusammentragen, welche Fragen sie an das Material
stellt. Es scheint, als sei die Kommission tatsächlich von der Art
Fragen beeinflußt worden zu sein, die Regierungsbeamte an
Anthropologen zu stellen pflegen - »Ist es gut, bei der Kultur-
berührung Gewalt einzusetzen?«, »Wie können wir dafür sor-
gen, daß ein gegebenes Volk eine bestimmte Eigentümlichkeit
akzeptiert?« und so weiter. Als Reaktion auf diesen Typ von
Fragen finden wir in der Definition der Kulturübernahme eine
Betonung des kulturellen Unterschiedes zwischen den in Be-
rührung stehenden Gruppen und den sich daraus ergebenden
Veränderungen; und Dichotomien wie die zwischen »Elemen-
ten, die einem Volk aufgezwungen, und denen, die freiwillig
von ihm angenommen werden«,1 können gleichermaßen als
symptomatisch für dieses Denken im Sinne administrativer
Probleme angesehen werden. Dasselbe läßt sich von den Kate-
gorien V, A, B und C, »Anerkennung«, »Anpassung« und »Re-
aktion« sagen.
(4) Wir können bestätigen, daß auf diese administrativen Fragen
dringend Antworten erforderlich sind und auch, daß eine Un-
tersuchung von Kulturberührung wahrscheinlich diese Ant-
worten ergeben wird. Es ist aber fast sicher, daß die wissen-
schaftliche Formulierung der Berührungsprobleme nicht diesen
Bahnen folgen wird. Es ist, als gingen wir bei der Konstruktion
von Kategorien für die kriminologische Forschung von einer
Dichotomie zwischen kriminellen und nicht-kriminellen Indi-
viduen aus - und in der Tat wurde diese eigenartige Wissen-
schaft für lange Zeit durch genau diesen Versuch gehemmt,
einen »kriminellen Typ« zu definieren.
(5) Das Memorandum beruht auf einem Fehlschluß: daß wir die
1 Es ist jedenfalls klar, daß diese Beschwörung des freien Willens in einer
wissenschaftlichen Untersuchung von Prozessen und Naturgesetzen keinen
Platz haben kann.
IOO
Eigenarten einer Kultur unter Stichworten wie ökonomisch,
religiös usw. einordnen können. Wir werden beispielsweise auf-
gefordert, die Eigenarten in drei Klassen einzuordnen, die je-
weils dargestellt werden im Hinblick auf: (a) ökonomischen
Profit oder politische Herrschaft; (b) Wünschbarkeit der Her-
stellung von Konformität mit den Werten der Stiftergruppe;
und (c) ethische und religiöse Erwägungen. Diese Vorstellung,
daß jede Eigenart entweder eine einzige Funktion oder zumin-
dest irgendeine
irgendeme Funktion hat, die den Rest überragt, führt
durch Ausdehnung zu der Idee, daß eine Kultur in »Institutio-
nen« unterteilt werden kann, wobei sich die gebündelten Eigen-
arten, die eine Institution aufbauen, in ihren Hauptfunktionen
gleichen. Die Schwäche dieser Methode, eine Kultur zu unter-
teilen, ist von Malinowski und seinen Schülern schlüssig darge-
legt worden, die gezeigt haben, daß fast das Ganze einer Kultur
auf verschiedene Weisen als ein Mechanismus angesehen wer-
den kann, um die sexuellen Bedürfnisse der Individuen zu mo-
difizieren und zu befriedigen oder die Verhaltensnormen zu
verstärken, oder um die Individuen mit Nahrung zu versor-
gen.2 Aufgrund dieser erschöpfenden Darstellung müssen wir

2 Vgl. Malinowski, Sexual Life {Das(Das Geschlechtslehen


Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-
Melanesien, Frankfurt/Main 1979) und Crime and Custom {Sitte (Sitte und Verbre-
chen hei
bei den Naturvölkern, Bern 1949); A. I. Richards, Hunger and Work.
Diese Frage der Unterteilung einer Kultur in »Institutionen« ist nicht ganz so
einfach, wie ich es angedeutet habe; und ich glaube, daß die Londoner Schule
trotz ihrer eigenen Arbeiten noch immer der Theorie anhängt, eine solche
Unterteilung sei möglich. Wahrscheinlich ergibt sich eine Verwirrung aus der
Tatsache, daß gewisse Eingeborenenvölker - vielleicht sogar alle, jedenfalls aber
die Westeuropas - wirklich denken, daß ihre Kultur in dieser Weise unterteilt
ist. Verschiedene Kulturphänomene tragen auch etwas zu einer solchen Unter-
teilung bei, z. B. (a) die Arbeitsteilung und die Differenzierung von Verhaltens-
normen zwischen verschiedenen Gruppen von Individuen in derselben Ge-
meinschaft, und (b) eine in gewissen Kulturen vorliegende Betonung der Unter-
teilung nach Raum und Zeit, an der sich das Verhalten ausrichtet. Diese Phäno-
mene führen in solchen Kulturen zu der Möglichkeit, alles Verhalten, das sich
etwa sonntags zwischen 11.30 h und 12.3012,30 h in der Kirche abspielt, als »religiös«
hinzustellen. Aber selbst bei der Untersuchung solcher Kulturen muß der An-
thropologe seiner Klassifizierung von Charakterzügen nach Institutionen stets
101
annehmen, daß sich jede einzelne Eigenart einer Kultur bei
näherer Überprüfung nicht einfach als ökonomisch, religiös
oder strukturell erweist, sondern je nach dem Standpunkt, von
dem wir sie betrachten, an all diesen Qualitäten teilhat. Gilt dies
für eine Kultur, die man im synchronen Zeitschnitt sieht, dann
muß es sich auch auf die diachronen Prozesse der Kulturberüh-
rung und der Veränderung anwenden lassen; und wir müssen
damit rechnen, daß es für das Anbieten, Annehmen oder Zu-
rückweisen jeder Eigenart simultane Ursachen von ökonomi-
scher, struktureller, sexueller und religiöser Natur gibt.
(6) Daraus folgt, daß unsere Kategorien »religiös«, »ökono-
misch« usw. nicht reale Unterteilungen sind, die sich in den von
uns untersuchten Kulturen tatsächlich finden lassen, sondern
lediglich Abstraktionen, die wir zum Zwecke der Ubereinkunft
bilden, wenn wir uns daran machen, Kulturen mit Worten zu
beschreiben. Sie sind keine in der Kultur anwesenden Phäno-
mene, sondern Etiketten für verschiedene Standpunkte, die wir
in unseren Untersuchungen einnehmen. Beim Umgang mit sol-
chen Abstraktionen müssen wir sorgfältig darauf achten,
Whiteheads »Fehlschluß der unangebrachten Konkretheit« zu
vermeiden, einen Fehlschluß, in den beispielsweise die marxisti-
schen Historiker verfallen, wenn sie behaupten, daß »ökonomi-
sche« Phänomene »primär« seien.
Mit dieser Einleitung können wir nun daran gehen, ein alterna-
tives Schema für die Untersuchung von Berührungs-Phänome-
nen zu betrachten.

mißtrauen und damit rechnen, daß sich viele Institutionen mehrfach über-
lappen.
Zu einem ähnlichen Trugschluß kommt es in der Psychologie, wenn man das
Verhalten so betrachtet, als sei es nach den auslösenden Impulsen klassifizier-
bar, z. B. nach Kategorien wie selbstschützerisch, übertrieben selbstsicher, se-
xuell, habsüchtig usw. Auch hier ergibt sich die Verwirrung aus der Tatsache,
daß nicht nur der Psychologe, sondern auch das untersuchte Individuum in die
Falle geht, mit Hilfe dieser Kategorien zu denken. Die Psychologen täten gut
daran, die Wahrscheinlichkeit zu akzeptieren, daß jede Verhaltenseinheit - zu-
mindest bei einem gut integrierten Individuum - gleichzeitig für alle diese
Abstraktionen relevant ist.
102
(7) Geltungsbereich der Untersuchung. Ich meine, daß wir un-
ter dem Thema »Kulturberührung« nicht nur diejenigen Fälle
betrachten sollten, in denen die Berührung zwischen zwei Ge-
meinwesen mit verschiedenen Kulturen stattfindet und zu einer
tiefen Verunsicherung der Kultur einer oder beider Gruppen
führt; hierzu sollten auch Fälle der Berührung gehören, die
innerhalb einer einzigen Gemeinschaft auftreten. In diesen Fäl-
len kommt es zur Berührung zwischen differenzierten Gruppen
von Individuen, z. B. zwischen den Geschlechtern, zwischen
Alt und Jung, zwischen Aristokratie und Proletariat, zwischen
Clans usw., Gruppen, die in annäherndem Gleichgewicht mit-
einander leben. Ich würde die Vorstellung der »Berührung«
sogar so weit ausdehnen, daß auch jene Prozesse darunter fal-
len, durch welche ein Kind geformt und so erzogen wird, daß es
in die Kultur paßt, in die es hineingeboren wurde,3 aber im
Augenblick können wir uns auf Berührungen zwischen Grup-
pen von Individuen mit unterschiedlichen kulturellen Verhal-
tensnormen konzentrieren.
(8) Wenn wir über das mögliche Ende der drastischen Verunsi-
cherungen nachdenken, die auf Berührungen zwischen zutiefst
unterschiedlichen Gemeinschaften folgen, sehen wir, daß die
Veränderungen theoretisch in dem einen oder anderen der fol-
genden Muster resultieren müssen:
(a) der vollständigen Verschmelzung der ursprünglich unter-
schiedlichen Gruppen,
(b) der Eliminierung einer oder beider Gruppen,
(c) dem Fortbestehen beider Gruppen in dynamischem Gleich-
gewicht innerhalb einer größeren Gemeinschaft.
(9) Meine Absicht, die Idee der Berührung auf die Bedingungen
3 Das gegenwärtige Modell orientiert sich eher an der Untersuchung sozialer
als an der psychologischer Prozesse, man könnte aber ein sehr ähnliches Modell
für die Untersuchung der Psychopathologie konstruieren. Hier würde die Idee
der »Berührung« besonders in den Kontexten der Formung des Individuums
untersucht, und es würde sich zeigen, daß die Prozesse der Schismogenese eine
wichtige Rolle nicht nur für verstärkte Fehlanpassungen des Abweichenden,
sondern auch für die Assimilierung des normalen Individuums an seine Gruppe
spielen.
103
der Differenzierung innerhalb einer einzigen Kultur auszudeh-
nen, besteht darin, unser Wissen von diesen Ruhezuständen
einzusetzen, um Licht auf die Faktoren zu werfen, die in Zu-
ständen des Ungleichgewichts am Werk sind. Es ist wohl mög-
lich, aus ihrem Wirken im stillen etwas über diese Faktoren
herauszufinden, unmöglich aber, sie zu isolieren, wenn sie hef-
tig zugange sind. Die Gravitationsgesetze können nicht ange-
messen untersucht werden, wenn man Häuser beobachtet, die
bei einem Erdbeben einstürzen.
(10) Vollständige Verschmelzung. Da sie eins der möglichen
Enden des Prozesses ist, müssen wir wissen, welche Faktoren in
einer Gruppe von Individuen gegenwärtig sind, wenn alle Mit-
glieder der Gruppe übereinstimmende, homogene Verhaltens-
muster zeigen. Einen Zugang zu solchen Bedingungen findet
man in jeder Gemeinschaft, die in einem Zustand annähernden
Gleichgewichts lebt, aber leider befinden sich unsere eigenen
Gemeinschaften in Europa in einem so fließenden Zustand, daß
diese Bedingungen kaum je auftreten. Überdies werden die Be-
dingungen, selbst in primitiven Gemeinschaften, gewöhnlich
durch Differenzierung kompliziert, so daß wir uns mit Unter-
suchungen von solchen homogenen Gruppen begnügen müs-
sen, wie sie sich innerhalb der größeren differenzierten Ge-
meinschaften beobachten lassen.
Unsere erste Aufgabe wird darin bestehen zu ermitteln, welche
Arten der Einheit sich innerhalb solcher Gruppen durchsetzen
oder besser - angesichts der Tatsache, daß wir uns mit Aspekten
und nicht Klassen von Phänomenen beschäftigen -, welche
Aspekte der Einheit des Fundus von Merkmalen wir beschrei-
ben müssen, um eine Gesamtschau der Situation zu erreichen.
Ich unterstelle, daß das Material, um voll verstanden zu wer-
den, zumindest nach den folgenden fünf voneinander zu tren-
nenden Aspekten untersucht werden muß:
(a) Ein struktureller Aspekt der Einheit. Das Verhalten jedes
einzelnen Individuums in jedem einzelnen Kontext stimmt in
gewissem Sinne kognitiv mit dem Verhalten aller anderen Indi-
viduen in allen anderen Kontexten überein. Hier müssen wir
104
mit der Möglichkeit rechnen, daß sich die innere Logik einer
Kultur weitgehend von der anderer Kulturen unterscheidet.
Unter diesem Gesichtspunkt werden wir beispielsweise sehen,
daß, wenn Individuum A dem Individuum B einen Drink aus-
gibt, dieses Verhalten mit anderen Verhaltensnormen innerhalb
der Gruppe übereinstimmt, zu der A und B gehören.
Dieser Aspekt der Einheit des Fundus von Verhaltensmustern
kann im Sinne einer Standardisierung der kognitiven Aspekte in
den Persönlichkeiten der Individuen neu formuliert werden.
Wir können sagen, daß die Denkmuster der Individuen so stan-
dardisiert sind, daß ihnen ihr Verhalten als logisch erscheint.
(b) Affektive Aspekte der Einheit. Wenn wir die Kultur unter
diesem Gesichtspunkt studieren, geht es darum, den emotiona-
len Rahmen aller Einzelheiten des Verhaltens aufzuzeigen. Wir
werden den ganzen Fundus des Verhaltens als einen gemeinsa-
men Mechanismus sehen, der auf affektive Befriedigung und
Enttäuschung der Individuen ausgerichtet ist.
Dieser Aspekt einer Kultur läßt sich auch im Sinne einer Stan-
dardisierung von affektiven Aspekten in den Persönlichkeiten
der Individuen beschreiben, die durch ihre Kultur so beeinflußt
werden, daß ihnen ihr Verhalten emotional folgerichtig er-
scheint.
(c) ökonomische Einheit. Hier werden wir den ganzen Fundus
des Verhaltens als einen Mechanismus sehen, der auf die Pro-
duktion und Distribution materieller Gegenstände ausgerichtet
ist.
(d) Zeitliche und räumliche Einheit. Hier werden wir die Ver-
haltensmuster als schematisch nach Zeit und Raum geordnet
sehen. Wir werden feststellen, daß A deshalb B einen Drink
ausgibt, »weil es Samstagabend in der Blue Bar ist«.
(e) Soziologische Einheit. Hier werden wir das Verhalten der
Individuen als auf die Integration und Desintegration der grö-
ßeren Einheit, der Gruppe als ganzer, ausgerichtet sehen. Wir
werden das Ausgeben von Drinks als einen Faktor ansehen, der
die Solidarität der Gruppe fördert.
(n) Zusätzlich zur Untersuchung des Verhaltens von Mitglie-
105
ds
dern
dem der homogenen Gruppe unter all diesen Gesichtspunkten
müssen wir eine Anzahl solcher Gruppen erforschen, um die
Auswirkungen der Standardisierung dieser verschiedenen Ge-
sichtspunkte auf die untersuchten Menschen herauszufinden.
Wir haben oben behauptet, daß jede Einzelheit des Verhaltens
als wahrscheinlich relevant für all diese Gesichtspunkte angese-
hen werden muß, es verbleibt aber die Tatsache, daß einige
Menschen eher als andere dazu neigen, ihr eigenes Verhalten als
»logisch« oder »zum Wohl des Staates« anzusehen und aus-
zudrücken.
(12) Mit diesem Wissen um die Bedingungen, die in homogenen
Gruppen gelten, werden wir in der Lage sein, die Verschmel-
zungsprozesse zweier unterschiedlicher Gruppen zu einer zu
erforschen. Es kann uns sogar gelingen, Maßnahmen zu ergrei-
fen, die eine solche Verschmelzung entweder fördern oder ver-
zögern, und vorauszusagen, daß eine Eigenart, die zu den fünf
Aspekten der Einheit paßt, einer Kultur ohne anderweitige Ver-
änderungen hinzugefügt werden kann. Paßt sie nicht, dann
können wir nach angemessenen Modifikationen entweder der
Kultur oder der Eigenart suchen.
(13) Die Eliminierung einer oder beider Gruppen. Dieses End-
ergebnis lohnt vielleicht kaum die Mühe, studiert zu werden,
aber wir sollten zumindest alles verfügbare Material untersu-
chen, um zu bestimmen, welche Art von Auswirkungen eine
solche feindliche Aktivität auf die Kultur der Überlebenden
Uberlebenden
hat. Es ist beispielsweise möglich, daß die mit der Eliminierung
anderer Gruppen verbundenen Verhaltensmuster so in deren
Kultur assimiliert werden, daß sie gezwungen sind, immer
mehr zu eliminieren.
(14) Fortbestehen beider Gruppen in dynamischem Gleichge-
wicht. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um das lehrreichste
der möglichen Endergebnisse von Berührung, da die im dyna-
mischen Gleichgewicht wirkenden Faktoren dazu neigen, mit
denjenigen, die im Ungleichgewicht auf kulturelle Veränderun-
gen hinwirken, identisch oder analog zu sein. Unsere erste Auf-
gabe besteht darin, die zwischen Gruppen von Individuen mit
106
differenzierten Verhaltensmustern bestehenden Beziehungen
zu untersuchen und später zu erwägen, welches Licht diese
Beziehungen auf das werfen, was man üblicherweise »Berüh-
rungen« nennt. Jeder Anthropologe, der Feldarbeit geleistet
hat, hatte Gelegenheit, solche differenzierten Gruppen zu stu-
dieren.
(15) Die Möglichkeiten der Differenzierung von Gruppen sind
keineswegs unermeßlich, sondern zerfallen deutlich in zwei Ka-
tegorien, nämlich (a) Fälle, in denen die Beziehung vor allem
symmetrisch ist, z. B. in der Differenzierung von Hälften,
Clans, Dörfern und von Nationen Europas; und (b) Fälle, in
denen die Beziehung komplementär ist, z. B. in der Differenzie-
rung sozialer Schichten, Klassen, Kasten, Altersstufen und, in
einigen Fällen, in der kulturellen Differenzierung zwischen den
Geschlechtern.4 Diese beiden Typen der Differenzierung ent-
halten dynamische Elemente, dergestalt, daß die Differenzie-
rung oder Spaltung zwischen den Gruppen zunehmend entwe-
der bis zum Zusammenbruch oder bis zu einem neuen Gleich-
gewicht fortschreitet, wenn gewisse einschränkende Faktoren
wegfallen.
(16) Symmetrische Differenzierung. Auf diese Kategorie kön-
nen alle jene Fälle bezogen werden, in denen die Individuen
zweier Gruppen, A und B, dieselben Wünsche und dieselben
Verhaltensmuster haben, jedoch in der Ausrichtung dieser Mu-
ster differenziert sind. Daher zeigen Mitglieder der Gruppe A
Verhaltensmuster A, B, C in ihrem Umgang miteinander, neh-

4 Vgl. Margaret Mead, Sex and Temperament, 1935 (Geschlecht und Tempera-
ment in drei primitiven Gesellschaften. Band 3 von Jugend und Sexualität in
primitiven Gesellschaften. München 1970). Von den Gemeinschaften, die in
diesem Buch beschrieben werden, haben die Arapesh und die Mundugumor
eine überwiegend symmetrische Beziehung zwischen den Geschlechtern, wäh-
rend die Chambuli eine komplementäre Beziehung aufweisen. Bei den latmul,
einem Stamm in demselben Gebiet, den ich untersucht habe, ist die Geschlech-
terbeziehung komplementär, folgt aber ziemlich anderen Linien als die der
Chambuli. Ich hoffe, in Kürze ein Buch über die latmul zu veröffentlichen, das
deren Kultur unter den Aspekten a, &und
b und eaus
e aus Paragraph 10 skizziert. (Vgl. in
der Bibliographie die Angaben unter 1936 und 1958 B).
107
mcn
m«n aber in ihrem Umgang mit Mitgliedern der Gruppe B die
Muster X, Y, Z an. Ähnlich nimmt Gruppe B die Muster A, B C
untereinander an, zeigt aber gegenüber A die Muster X, Y, Z. Es
wird also ein Standpunkt aufgebaut, bei dem das Verhalten X,
Y, Z die Standard-Erwiderung auf X, Y, Z ist. Dieser Stand-
punkt enthält Elemente, die zu progressiver Differenzierung
oder Schismogenese entlang derselben Linien führen kann.
Wenn beispielsweise die Muster X, Y, Z Prahlerei einschließen,
werden wir sehen, daß eine Gleichartigkeit besteht, sofern
Prahlerei die Erwiderung auf Prahlerei ist, indem jede Gruppe
die andere zur übertriebenen Betonung des Musters treibt; ein
Prozeß, der nur zu immer extremerer Rivalität und letzten En-
des zu Feindschaft und zum Zusammenbruch des ganzen Sy-
stems führt, wenn er nicht eingeschränkt wird.
(17) Komplementäre Differenzierung. Auf diese Kategorie kön-
nen wir alle jene Fälle beziehen, in denen das Verhalten und die
Wünsche der Mitglieder beider Gruppen grundlegend verschie-
den sind. Die Mitglieder der Gruppe A behandeln einander also
mit den Mustern L, M, N und zeigen die Muster O, P, Q im
Umgang mit Gruppe B. Als Erwiderung auf O, P, Q zeigen die
Mitglieder von Gruppe B die Muster U, V, W, aber untereinan-
der nehmen sie die Muster R, S, T an. Es kommt also dazu, daß
O, P, Q die Erwiderung auf U, V, W ist und umgekehrt. Diese
Differenzierung kann sich progressiv entwickeln. Wenn bei-
spielsweise die Serie O, P, Q Muster einschließt, die kulturell
als zustimmend angesehen werden, während U, V, W kulturelle
Unterwürfigkeit beinhaltet, dann ist wahrscheinlich, daß Un-
terwürfigkeit weitere Zustimmung fördert, die ihrerseits zu
weiterer Unterwürfigkeit führen wird. Diese Schismogenese
führt, solange sie nicht eingeschränkt wird, zu einer progressi-
ven einseitigen Verzerrung der Persönlichkeiten der Mitglieder
beider Gruppen, die in einer wechselseitigen Feindschaft zwi-
schen ihnen resultiert und mit dem Zusammenbruch des Sy-
stems enden muß.
(18) Reziprozität. Obwohl Beziehungen zwischen Gruppen
großzügig in zwei Kategorien eingeteilt werden können, näm-
108
lieh symmetrische und komplementäre, wird diese Untertei-
lung in gewissem Maße durch einen weiteren Typ der Differen-
zierung verwischt, den wir als reziprok beschreiben können.
Bei diesem Typ werden die Verhaltensmuster X und Y von
Mitgliedern jeder Gruppe in ihrem Umgang mit der anderen
Gruppe angenommen, aber anstelle des symmetrischen Sy-
stems, bei dem X die Erwiderung auf X und Y die Erwiderung
auf Y ist, finden wir hier, daß Y durch X erwidert wird. Daher
ist das Verhalten in jedem einzelnen Fall asymmetrisch, die
Symmetrie wird aber über eine große Anzahl von Fällen zu-
rückgewonnen, da Gruppe A manchmal X zeigt, worauf Grup-
pe B mit Y erwidert, und manchmal zeigt Gruppe A Y, worauf
Gruppe B mit X erwidert. Fälle, in denen Gruppe A manchmal
Sago an Gruppe B verkauft und diese manchmal dieselbe Ware
an A verkauft, können als reziprok betrachtet werden; wenn
aber Gruppe A gewöhnlich Sago an B verkauft, während diese
gewöhnlich Fisch an A verkauft, müssen wir wohl das Muster
als komplementär ansehen. Das reziproke Muster, so kann man
feststellen, wird innerhalb seiner selbst kompensiert und ausge-
glichen und tendiert daher nicht zur Schismogenese.
(19) Punkte für die Untersuchung:
(a) Wir brauchen einen angemessenen Uberblick
Überblick über die Ver-
haltenstypen, die zur Schismogenese des symmetrischen Typs
führen können. Gegenwärtig ist es nur möglich, auf Prahlerei
und kommerzielle Rivalität hinzuweisen, aber zweifellos gibt es
noch viele andere Muster, die wohl vom selben Typ der Aus-
wirkung begleitet sein werden.
(h) Wir brauchen einen Uberblick
Überblick über die Verhaltenstypen, die
wechselseitig komplementär sind und zur Schismogenese des
zweiten Typs führen. Hier können wir gegenwärtig nur Zu-
stimmung versus Unterwürfigkeit, Exhibitionismus versus Be-
wunderung, Beschützung versus Ausdruck von Schwäche und
zusätzlich die verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten aus
diesen Paaren anführen.
(c)
{c) Wir brauchen eine Verifizierung des oben angeführten allge-
meinen Gesetzes, wonach, wenn zwei Gruppen einander kom-
109
plementäres Verhalten zeigen, das innere Verhalten zwischen
Mitgliedern der Gruppe A sich notwendig vom inneren Verhal-
ten zwischen Mitgliedern der Gruppe B unterscheiden muß.
(d) Wir brauchen eine systematische Untersuchung der Schis-
mogenesen beider Typen unter den verschiedenen Gesichts-
punkten, die in Paragraph 10 skizziert wurden. Im Augenblick
habe ich das Problem nur von den ethologischen und struktu-
rellen Gesichtspunkten (Paragraph 10, Aspekte a und b) aus
betrachtet. Darüber hinaus haben uns die marxistischen Histo-
riker ein Bild des ökonomischen Aspekts der komplementären
Schismogenese in Westeuropa gezeichnet. Es ist jedoch anzu-
nehmen, daß sie selbst übermäßig von der Schismogenese be-
einflußt worden sind, die sie untersucht haben, und dadurch zu
Übertreibungen verführt wurden.
(e) Wir müssen etwas über das Auftreten reziproken Verhaltens
in Beziehungen wissen, die vornehmlich entweder symmetrisch
oder komplementär sind.
(20) Einschränkende Faktoren. Wichtiger als jedes der Proble-
me im vorigen Absatz ist aber für uns eine Untersuchung der
Faktoren, die beide Typen der Schismogenese einschränken. Im
gegenwärtigen Augenblick sind die Nationen Europas in der
symmetrischen Schismogenese weit fortgeschritten und bereit,
einander an die Gurgel zu gehen; während innerhalb jeder Na-
tion wachsende Feindseligkeiten zwischen den verschiedenen
sozialen Schichten zu beobachten sind - Symptome komple-
mentärer Schismogenese. Gleichermaßen können wir in den
Ländern, die von neuen Diktaturen regiert werden, frühe Stu-
fen komplementärer Schismogenese beobachten, wobei der
Diktator durch das Verhalten seiner Verbündeten in immer grö-
ßeren Stolz und immer größere Anmaßung getrieben wird.
Die Absicht dieses Artikels ist eher, auf Probleme und For-
schungswege hinzuweisen, als die Antworten zu geben; ver-
suchsweise können aber Vermutungen darüber ausgesprochen
werden, welche Faktoren die Schismogenese beherrschen:
(a) Es ist möglich, daß in der Tat keine tragfähige, ausgeglichene
Beziehung zwischen Gruppen entweder rein symmetrisch oder
110
rein komplementär ist, sondern daß jede solche Beziehung Ele-
mente des anderen Typs enthält. Natürlich ist es leicht, Bezie-
hungen je nach ihrem vorherrschenden Schwergewicht unter
die eine oder andere Kategorie einzuordnen, aber möglicher-
weise kann schon eine sehr kleine Beimischung komplementä-
ren Verhaltens zu einer symmetrischen Beziehung oder eine
sehr kleine Beimischung symmetrischen Verhaltens zu einer
komplementären Beziehung eine ganze Menge zur Stabilisie-
rung der Position beitragen. Beispiele für diesen Typ der Stabi-
lisierung sind vielleicht allgemein bekannt. Der Gutsbesitzer
befindet sich in einer überwiegend komplementären und nicht
immer angenehmen Beziehung zu seinen Dorfbewohnern,
wenn er aber nur einmal im Jahr an einem Dorf-Kricket (einer
symmetrischen Rivalität) teilnimmt, kann dies eine ganz unver-
hältnismäßige Auswirkung auf seine Beziehung zu ihnen haben.
(b) Es ist sicher, daß komplementäre Muster manchmal, wie im
oben angeführten Fall, wo Gruppe A Sago an B verkauft, wäh-
rend diese Fisch an A verkauft, eine reale stabilisierende Aus-
wirkung haben, indem sie eine wechselseitige Abhängigkeit
zwischen den Gruppen fördern.
(c) Es ist möglich, daß die Anwesenheit einer Anzahl wirklich
reziproker Elemente in einer Beziehung dazu tendieren kann,
diese zu stabilisieren, indem sie die Schismogenese verhindert,
die sich ansonsten entweder aus symmetrischen oder aus kom-
plementären Elementen ergeben könnte. Aber das würde als
eine bestenfalls sehr schwache Verteidigung erscheinen. Wenn
wir einerseits die Auswirkungen der symmetrischen Schismo-
genese auf die reziproken Verhaltensmuster erwägen, sehen
wir, daß diese dazu neigen, immer weniger gezeigt zu werden.
Da z. B. die Individuen, die die Nationen Europas bilden, im-
mer mehr in ihre symmetrischen internationalen Rivalitäten
verstrickt werden, hören sie allmählich auf, sich reziprok zu
verhalten und reduzieren ihr früheres reziprokes Handelsver-
halten freiwillig auf ein Minimum.5 Betrachten wir andererseits
5 Bei diesem wie auch bei den anderen Beispielen wird nicht der Versuch
unternommen, die Schismogenese unter all den in Paragraph 10 umrissenen
111
die Auswirkungen der komplementären Schismogenese auf die
reziproken Verhaltensmuster, dann sehen wir, daß eine Hälfte
des reziproken Musters zum Verfall neigt. Wo früher beide
Gruppen sowohl X als auch Y zeigten, entwickelt sich allmäh-
lich ein System, in dem eine der Gruppen nur X zeigt, während
die andere nur Y aufweist. In der Tat wird ein Verhalten, das
vorher reziprok war, auf ein typisch komplementäres Muster
reduziert und neigt dann dazu, etwas zur komplementären
Schismogenese beizutragen.
(d) Es ist sicher, daß beide Typen der Schismogenese zwischen
zwei Gruppen durch Faktoren eingedämmt werden können,
welche die beiden Gruppen entweder zu Loyalität oder zu Op-
position gegenüber irgendeinem äußeren Element vereinigen.
Ein solches äußeres Element kann entweder ein symbolisches
Individuum, ein feindliches Volk oder irgendein ganz unper-
sönlicher Umstand sein - der Löwe wird sich zusammen mit
dem Lamm hinlegen, wenn es nur stark genug regnet. Es ist
aber darauf hinzuweisen, daß immer dann, wenn das äußere
Element eine Person oder eine Personengruppe ist, die Bezie-
hung der verbundenen Gruppen A und B zu der äußeren Grup-
pe selbst eine potentiell schismogene Beziehung des einen oder
anderen Typs sein wird. Die Untersuchung vielfältiger Systeme
dieser Art ist dringend erforderlich, und vor allem müssen wir
mehr über die Systeme (z. B. militärische Hierarchien) wissen,
in denen die Verzerrung der Persönlichkeit in den mittleren
Gruppen der Hierarchie dadurch modifiziert wird, daß die In-
dividuen im Umgang mit höheren Gruppen Respekt und Un-
terwürfigkeit zeigen können, während sie im Umgang mit den
niederen Anmaßung und Stolz an den Tag legen.
(e) Im Fall der europäischen Situation besteht eine weitere
Möglichkeit - ein besonderer Fall der Macht durch Ablenkung

Aspekten zu betrachten. Da also der ökonomische Aspekt der Sache hier nicht
untersucht wird, bleiben auch die Auswirkungen der Krise auf die Schismoge-
nese unberücksichtigt. Eine vollständige Untersuchung müßte in getrennte Ab-
teilungen untergliedert werden, von denen jede einen der Aspekte dieser Phä-
nomene behandeln würde.
112
der Aufmerksamkeit auf äußere Umstände. Es ist möglich, daß
sich die Verantwortlichen für die Politik der Klassen und Na-
tionen der Prozesse, mit denen sie spielen, bewußt werden und
bei einem Versuch, die Schwierigkeiten zu lösen, zusammenar-
beiten. Das ist jedoch nicht sehr wahrscheinlich, da es der An-
thropologie und der Sozialpsychologie am nötigen Prestige
fehlt, um eine Beratungsfunktion ausüben zu können; und oh-
ne eine solche Beratung werden die Regierungen fortfahren, auf
ihre gegenseitigen Reaktionen zu reagieren, anstatt die Auf-
merksamkeit auf die Umstände zu richten.
(21) Abschließend können wir uns den Problemen des Regie-
rungsbeamten zuwenden, der mit einer Kulturberührung zwi-
schen Schwarz und Weiß konfrontiert ist. Seine erste Aufgabe
besteht darin, zu entscheiden, welches der in Paragraph 8 skiz-
zierten Endresultate wünschenswert und erreichbar ist. Diese
Entscheidung muß er ohne Heuchelei treffen. Wählt er die Ver-
schmelzung, dann muß er versuchen, jeden Schritt so zu pla-
nen, daß die Bedingungen der Ubereinstimmung gefördert wer-
den, die (als Forschungsprobleme) in Paragraph 10 umrissen
sind. Entscheidet er sich dafür, daß beide Gruppen in irgendei-
ner Form des dynamischen Gleichgewichts fortbestehen sollen,
dann muß er danach streben, ein System zu errichten, in dem
die Möglichkeiten der Schismogenese angemessen kompensiert
oder gegeneinander ausgewogen werden. Aber auf jeder Stufe
des von mir umrissenen Schemas treten Probleme auf, die von
ausgebildeten Forschern studiert werden müssen und die, sind
sie einmal gelöst, nicht nur zur angewandten Soziologie, son-
dern auch und gerade zur Grundlage unseres Verständnisses
menschlicher Wesen in der Gesellschaft beitragen werden.
Spekulationen über ethnologisches
Beobachtungsmaterial""

Wenn ich Sie recht verstehe, haben Sie mich um eine ehrliche,
introspektive - persönliche - Darstellung gebeten, wie ich über
anthropologisches Material denke, und wenn ich bezüglich
meines Denkens ehrlich und persönlich sein soll, dann muß ich
hinsichtlich der Ergebnisse dieses Denkens unpersönlich blei-
ben. Selbst wenn es mir gelingt, mich für eine halbe Stunde von
Stolz und Scham freizumachen, wird Ehrlichkeit doch schwie-
rig sein.
Ich möchte versuchen, Ihnen einen Eindruck von meinem Den-
ken zu vermitteln, indem ich Ihnen eine autobiographische
Darstellung davon gebe, wie ich meine Ausrüstung an begriffli-
chen Werkzeugen und intellektuellen Gewohnheiten zusam-
menbekommen habe. Damit meine ich keine akademische Au-
tobiographie oder Liste der von mir studierten Themen, son-
dern etwas Bezeichnenderes als das - eher eine Liste der ge-
danklichen Motive in verschiedenen wissenschaftlichen The-
men, die einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht haben, daß
ich diese geborgten Motive bei der Arbeit mit anthropologi-
schem Material natürlich verwendete, um meinen Zugang zu
diesem neuen Material zu organisieren.
Den größten Teil dieser Ausrüstung an Werkzeugen verdanke
ich meinem Vater, William Bateson, der Genetiker war. In
Schulen und Universitäten tun sie sehr wenig, um einem eine
Vorstellung von den Grundprinzipien des wissenschaftlichen
Denkens zu vermitteln, und was ich davon gelernt habe, kam in
sehr großem Maße von den Gesprächen mit meinem Vater und

* Dieses Referat wurde auf der Seventh Conference on Methods in Philosophy


and the Sciences gehalten, die am 28,
28. April 1940 an der New School für Social
Research stattfand. Es wird hier wiederabgedruckt aus Philosophy of Science,
Vol. 8, Nr. 1, Copyright 1941, The Williams & Wilkins Co. Abdruck mit
Genehmigung.
114
vielleicht besonders von den Nebenbedeutungen seiner Rede.
Er selbst war bezüglich Philosophie, Mathematik und Logik
inartikuliert und hegte ausgesprochenes Mißtrauen gegenüber
solchen Themen, ich glaube aber doch, daß er gegen seinen
eigenen Willen einiges davon auf mich übertragen hat.
Die Haltungen, die ich von ihm übernommen habe, waren be-
sonders jene, die er für sich in Abrede gestellt hatte. In seinem
frühen und - ich glaube, er wußte das - besten Werk stellte er
die Probleme der tierischen Symmetrie, der Zellteilung, der se-
riellen Wiederholung von Teilen, Mustern usw. dar. Später
wandte er sich von diesem Gebiet ab und hin zum Mendelianis-
mus, dem er den Rest seines Lebens widmete. Aber er hatte
immer eine Sehnsucht nach den Problemen des Musters und der
Symmetrie, und es war diese Sehnsucht und der Mystizismus,
der sie inspirierte, die ich aufgriff und die ich, auf gut Glück, als
»Wissenschaft« bezeichnete.
Ich nahm ein vages mystisches Empfinden mit, daß wir in allen
Bereichen natürlicher Phänomene nach derselben Art von Pro-
zessen suchen müßten -, daß wir damit rechnen könnten, die-
selbe Art von Gesetzen in der Struktur eines Kristalls wie in der
Struktur der Gesellschaft am Werk zu finden, oder daß die
Zellteilung eines Regenwurms tatsächlich mit dem Prozeß ver-
gleichbar sein könnte, durch den sich Basaltsäulen heraus-
bilden.
Ich würde diesen mystischen Glauben heute nicht mehr ganz so
predigen, sondern möchte eher sagen, daß nach meiner Uber-
zeugung die Typen von geistigen Vorgängen, die zur Analyse
eines Bereichs taugen, in einem anderen ebenso nützlich sein
können - daß das Gefüge (der eidos) der Wissenschaft eher als
das Gefüge der Natur in allen Bereichen dasselbe ist. Es war
aber der mehr mystische Ausdruck der Sache, den ich vage
lernte, und er war von überragender Bedeutung. Er verlieh je-
der wissenschaftlichen Untersuchung eine gewisse Würde, was
auch bedeutete, daß ich bei der Analyse von Rebhuhnfedern
erwartete, tatsächlich eine Antwort oder eine Teilantwort auf
das ganze verwirrende Problem des Musters und der Regelmä-

115
ßigkeit in der Natur zu erhalten. Und weiterhin war dieses
Stück Mystizismus wichtig, weil es mir die Freiheit gab, meinen
wissenschaftlichen Hintergrund einzusetzen, die Denkweisen,
die ich in der Biologie, Elementarphysik und Chemie aufgegrif-
fen hatte; es ermutigte mich, damit zu rechnen, daß diese Denk-
weisen auf sehr viele verschiedene Beobachtungsgebiete an-
wendbar waren. Es befähigte mich, meine gesamte Ausbildung
als potentiell nützlich und nicht als ganz und gar irrelevant für
die Anthropologie zu betrachten.
Als ich zur Anthropologie kam, war eine beachtliche Reaktion
gegen die Verwendung lockerer Analogien und besonders ge-
gen die Spencersche Analogie zwischen Organismus und Ge-
sellschaft im Gange. Dank diesem mystischen Glauben an die
durchgängige Einheit der Phänomene dieser Welt vermied ich
eine ganze Menge intellektuellen Leerlaufs. Ich hatte niemals
auch nur den geringsten Zweifel, daß diese Analogie grundsätz-
lich zutreffend war; denn dieser Zweifel hätte mich emotional
viel gekostet. Heutzutage hat sich natürlich das Schwergewicht
verlagert. Es würden nur noch wenige ernsthaft daran zweifeln,
daß die Formen der Analyse, die sich bei der Untersuchung
eines komplexen funktionierenden Systems als nützlich erwie-
sen haben, sich wahrscheinlich auch bei der Analyse irgendei-
nes anderen, ähnlichen Systems anwenden lassen. Aber die my-
stische Stütze war damals hilfreich, wenn ihr auch noch der
angemessene Ausdruck fehlte.
Dieser Mystizismus hat mir zudem noch in einer anderen Weise
geholfen - einer Weise, die für meine These besonders relevant
ist. Ich möchte hervorheben, daß wir immer dann, wenn wir
uns rühmen, einen neueren, strengeren Weg des Denkens oder
der Darstellung gefunden zu haben; wenn wir anfangen, zu
stark auf »Operationalismus«, symbolische Logik oder irgend-
ein anderes dieser sehr wesentlichen Systeme von Denkschie-
nen zu pochen, etwas von der Fähigkeit einbüßen, neue Gedan-
ken zu denken. Und wir verlieren natürlich ebenfalls etwas,
wenn wir gegen die sterile Strenge formalen Denkens und for-
maler Darstellung rebellieren und unsere Ideen wild schweifen
116
lassen. Nach meiner Ansicht kommen die Fortschritte im wis-
senschaftlichen Denken von einer Verbindung lockeren und
strengen Denkens, und diese Kombination ist das wertvollste
Werkzeug der Wissenschaft.
Meine mystische Sicht der Phänomene trug besonders dazu bei,
diese doppelte Gewohnheit des Geistes aufzubauen - sie führte
mich in wilde »Ahnungen« und zwang mich gleichzeitig zu
mehr formalem Nachdenken über diese Ahnungen. Sie ermu-
tigte zu freiem Denken und beharrte dann unmittelbar darauf,
diese Freiheit an einer strengen Konkretheit zu messen. Ent-
scheidend ist, daß die erste Ahnung von einer Analogie wild ist,
und wenn ich dann anfange, die Analogie auszuarbeiten, setze
ich mich mit den strengen Formulierungen auseinander, die in
dem Bereich ersonnen worden sind, dem ich die Analogie ent-
lehne.
Vielleicht sollte ich hierfür ein Beispiel geben; es ging darum,
die soziale Organisation eines Stammes in Neuguinea zu for-
mulieren - den latmul. Das soziale System der latmul unter-
scheidet sich von unserem in einem sehr wesentlichen Punkt. In
ihrer Gesellschaft fehlt es vollkommen an jeder Form der Füh-
rerschaft, und ich formulierte das locker, indem ich sagte, daß
die Kontrolle des Individuums durch das erreicht wurde, was
ich als »laterale« Sanktionen anstelle der »Sanktionen von
oben« bezeichnete. Als ich mein Material durchsah, fand ich
überdies, daß die Unterteilungen der Gesellschaft - die Clans,
Stammeshälften usw. - im allgemeinen virtuell keine Mittel hat-
ten, ihre eigenen Mitglieder zu bestrafen. Ich hatte einen Fall, in
dem ein Zeremonienhaus, das einer besonderen Juniorenstufe
gehörte, entweiht worden war, und obwohl die anderen Stufen-
mitglieder sehr wütend auf den Entweihet
Entweiher waren, konnten sie
nichts gegen ihn unternehmen. Ich fragte, ob sie eins seiner
Schweine töten oder etwas von seinem Besitz wegnehmen wür-
den, und sie antworteten: »Nein, natürlich nicht. Er ist Mitglied
ihrer eigenen Initiationsstufe.«
Wäre dasselbe in dem großen Zeremonienhaus der Senioren
geschehen, das mehreren Stufen gehört, dann wäre der Schän-

117
der bestraft worden. Seine eigene Stufe würde ihn verteidigen,
aber die anderen würden einen Streit anfangen.1
Ich fing dann an, mich nach konkreteren Fällen umzusehen, die
sich mit dem Kontrast zwischen diesem System und unserem
eigenen vergleichen ließen. Ich sagte mir: »Es ist wie bei dem
Unterschied zwischen den radialsymmetrischen Tieren (Qual-
len, Seeanemonen usw.) und den Tieren, die eine diagonale
Zellteilung haben (Regenwürmer, Hummern, Menschen
usw.).«
Nun wissen wir im Bereich der tierischen Zellteilung sehr we-
nig über die jeweiligen Mechanismen, aber zumindest sind die
Probleme konkreter als im sozialen Bereich. Wenn wir ein so-
ziales Problem mit einem Problem tierischer Differenzierung
vergleichen, haben wir sofort ein visuelles Diagramm zur
Hand, mit dessen Hilfe wir fähig sein könnten, ein wenig ge-
nauer zu reden. Und was zumindest die diagonal geteilten Tiere
angeht, haben wir etwas mehr als bloß ein anatomisches Dia-
gramm. Dank der Arbeit, die über experimentelle Embryologie
und axiale Gradienten geleistet wurde, haben wir eine Vorstel-
lung von der Dynamik des Systems. Wir wissen, daß sich ir-
gendeine Art der asymmetrischen Relation zwischen den auf-
einander folgenden Segmenten durchsetzt, daß jedes Segment
einen Kopf bilden würde, wenn es könnte (ich spreche frei),
daß aber das nächst frühere Segment dies verhindert. Weiterhin
reflektiert sich diese dynamische Asymmetrie in den Relationen
zwischen aufeinander folgenden Segmenten morphologisch; bei
den meisten dieser Tiere finden wir einen seriellen Unterschied
- der als metamere Differenzierung bezeichnet wird - zwischen
den aufeinander folgenden Segmenten. Deren Extremitäten un-
terscheiden sich voneinander, wenn wir die Reihe nach unten
verfolgen, obwohl sich zeigen läßt, daß sie einer einzigen
Grundstruktur angepaßt sind. (Die Beine des Hummers liefern
ein bekanntes Beispiel für das, was ich meine.)
Im Kontrast hierzu sind bei den radialsymmetrischen Tieren die
i Was Einzelheiten solcher und ähnlicher Vorfälle betrifft, vgl. Naven,
S. 98-107, Cambridge, Cambridge University Press, 1936.
Il8
Segmente, die um das Zentrum angeordnet sind wie Sektoren
eines Kreises, gewöhnlich alle gleich.
Wie ich schon sagte, wissen wir nicht viel über die Zellteilung
von Tieren, aber zumindest hier gab es genug für mich, was ich
auf das Problem der sozialen Organisation bei den latmul über-
tragen konnte. Meine »Ahnung« hatte mich mit einer Reihe von
strengeren Worten und Diagrammen ausgestattet, mit deren
Hilfe ich versuchen konnte, genauer über das latmul-Problem
nachzudenken. Ich konnte mich jetzt wieder mit dem latmul-
Material befassen, um zu bestimmen, ob die Beziehung zwi-
schen den Clans wirklich in gewissem Sinne symmetrisch war
oder ob es irgend etwas gab, das mit dem Fehlen metamerer
Differenzierung vergleichbar war. Ich merkte, daß meine »Ah-
nung« etwas hergab. Ich fand heraus, daß, soweit es um Kon-
trolle, Opposition usw. zwischen den Clans ging, die Relatio-
nen zwischen ihnen ziemlich symmetrisch waren und weiter-
hin, was die Frage der Differenzierung zwischen ihnen anging,
gezeigt werden konnte, daß, obwohl es beachtliche Unterschie-
de gab, diese keinem seriellen Muster folgten. Zusätzlich fand
ich, daß die Clans eine starke Tendenz hatten, einander zu
imitieren, einander Stücke ihrer mythologischen Geschichte zu
stehlen und diese ihrer eigenen Vergangenheit einzuverleiben -
eine Art böswilliger Heraldik, wobei jeder Clan die anderen
kopierte, so daß das ganze System dazu tendierte, die Differen-
zierung zwischen ihnen zu vermindern. (Das System enthielt
vielleicht auch die entgegengesetzten Tendenzen, aber auf diese
Frage muß ich hier nicht eingehen.)
Ich entwickelte die Analogie in einer anderen Richtung. Beein-
druckt von den Phänomenen der metameren Differenzierung
stellte ich die These auf, in unserer Gesellschaft mit ihren hier-
archischen Systemen (vergleichbar mit dem Regenwurm und
dem Hummer) sei gewöhnlich zu beobachten, daß, wenn sich
eine Gruppe von der Ursprungsgesellschaft trennt,
treibt, die Spal-
tungslinie, die Teilung zwischen der neuen Gruppe und der
alten, eine Differenzierung der Sitten markiert. Die Pilgerväter
wandern ab, um anders zu sein. Wenn aber bei den latmul zwei
119
Gruppen in einem Dorf streiten und eine Hälfte weggeht, um
eine neue Gemeinschaft zu gründen, dann bleiben die Sitten der
beiden Gruppen gleich. In unserer Gesellschaft tendiert die
Spaltung dazu, häretisch zu sein (ein Befolgen anderer Doktri-
nen und Sitten), aber bei den latmul ist die Spaltung eher schis-
matisch (ein Gehorsam gegenüber anderen Führern, ohne Ver-
änderung des Dogmas).
Sie werden bemerken, daß ich hier meine Analogie an einem
Punkt überschritten habe und daß dieses Problem noch nicht
völlig geklärt ist. Wenn eine diagonale Spaltung oder eine late-
rale Organentwicklung in einem diagonal geteilten Tier auftritt,
dann sind die Ergebnisse dieser Entwicklung oder Spaltung
identisch, die spätere Hälfte, die in der Klammer der früheren
stand, wird aus dieser Kontrolle entlassen und entwickelt sich
zu einem normalen, vollständigen Tier. Ich befinde mich daher
nicht im Einklang mit meiner Analogie, wenn ich die Differen-
zierung, die eine Spaltung in hierarchischen Gesellschaften be-
gleitet, als vergleichbar mit der ansehe, die vor der Spaltung in
einem diagonal geteilten Tier existiert. Diese Abweichung von
der Analogie wird sicher einer Untersuchung wert sein; sie
wird uns in eine genauere Erforschung der asymmetrischen Re-
lationen führen, die zwischen den Einheiten in den beiden Fäl-
len bestehen, und Fragen über die Reaktionen des untergeord-
neten Elements auf seine Position in der Asymmetrie aufwer-
fen. Diesen Aspekt der Sache habe ich noch nicht untersucht.
Ausgerüstet mit einer Art begrifflichem Rahmen, innerhalb
dessen die Wechselbeziehungen zwischen Clans beschreibbar
sind, ging ich dazu über, die Wechselbeziehungen zwischen den
verschiedenen Altersstufen mit Hilfe dieses selben Rahmens zu
betrachten. Wenn überhaupt, dann sollten wir hier, wo man
vermuten kann, daß das Alter eine Grundlage für die serielle
Differenzierung liefert, irgendeine Analogie zu der diagonalen
Zellteilung erwarten, bei der asymmetrische Relationen zwi-
schen den aufeinander folgenden Stufen bestehen - und das
System der Altersstufen paßte in gewissem Maße in dieses Bild.
Jede Stufe hat ihre Zeremonien und ihre Geheimnisse der In-
120
itiation in diese Stufe; und bei diesen Zeremonien und Geheim-
nissen war es ganz einfach, eine metamere Differenzierung
nachzuweisen. Zeremonien, die an der Spitze des Systems voll
entwickelt sind, sind noch auf den niederen Ebenen in ihrer
Grundform erkennbar - werden aber auf jeder Ebene rudimen-
tärer, wenn wir in der Reihe nach unten gehen.
Aber das Initiationssystem enthält ein sehr interessantes Ele-
ment, das scharfe Konturen annahm, als ich meinen Standpunkt
mit Hilfe tierischer Zellteilung definierte. Die Stufen wechseln
ab, so daß das ganze System aus zwei entgegengesetzten Grup-
pen besteht, wobei die eine Gruppe aus Stufen 3, 5, 7 usw.
aufgebaut ist (den ungeraden Zahlen) und die andere aus 2, 4, 6
usw.; und diese beiden Gruppen stützen den Typ von Bezie-
hung, den ich bereits als »symmetrisch« beschrieben hatte -
wobei jede dadurch Sanktionen herbeiführt, daß sie mit der
anderen streitet, wenn ihre Rechte verletzt werden.
Selbst wenn wir also die einfleutigste Hierarchie erwarten
könnten, haben die latmul an ihre Stelle ein führerloses System
gesetzt, in dem die eine Seite der anderen symmetrisch entge-
gengesetzt ist.
Von dieser Schlußfolgerung wird meine Untersuchung, die
durch viele andere Typen von Material beeinflußt ist, dazu
übergehen, die Sache von anderen Blickwinkeln aus zu betrach-
ten - besonders die psychologischen Probleme, ob eine Vorlie-
be für symmetrische anstelle von asymmetrischen Beziehungen
dem Individuum eingeimpft werden kann und welches die Me-
chanismen einer solchen Charakterbildung sein können. Aber
damit müssen wir uns hier nicht befassen.
Es wurde genug gesagt, um das methodologische Thema deut-
lich zu machen - daß eine vage »Ahnung«, die sich von irgend-
einer anderen Wissenschaft herleitet, in die genauen Formulie-
rungen dieser anderen Wissenschaft hineinführt, mit deren Hil-
fe es möglich ist, fruchtbringender über unser eigenes Material
nachzudenken.
Sie werden bemerkt haben, daß sich die Form, in der ich die
biologischen Befunde verwandte, tatsächlich ziemlich stark von
121
der unterschied, in der ein Zoologe über sein Material reden
würde. Wo der Zoologe von axialen Gradienten sprechen
könnte, sprach ich von »asymmetrischen Beziehungen zwi-
schen aufeinander folgenden Segmenten«, und in meiner Aus-
drucksweise war ich bereit, den Worten »aufeinander folgend«
zwei gleichzeitige Bedeutungen zuzuschreiben - in bezug auf
das tierische Material bedeutete es eine morphologische Serie in
einem dreidimensionalen konkreten Organismus, während es
in bezug auf das anthropologische Material irgendeine abstra-
hierte Eigenschaft einer Hierarchie bezeichnete.
Ich glaube, es wäre fair zu sagen, daß ich die Analogien in einer
eigenartig abstrakten Form verwende - daß ich, wie ich für
»axiale Gradienten« »asymmetrische Beziehungen« einsetze,
auch die Worte »aufeinander folgend« mit einer abstrakten Be-
deutung ausstatte, die sie auf beide Arten von Fällen anwendbar
macht.
Das bringt uns zu einem anderen sehr wichtigen Motiv meines
Denkens - einer Gewohnheit, Abstraktionen zu konstruieren,
die sich auf Bedingungen des Vergleichs zwischen Einzelwesen
beziehen; und um dies zu veranschaulichen, kann ich mich
deutlich an die erste Gelegenheit erinnern, bei der ich mich
einer solchen Abstraktion schuldig machte. Das war bei meiner
zoologischen Honours-Prüfung in Cambridge, und der Prüfer
hatte versucht, mich zu zwingen, zumindest eine Frage von
jeder Verzweigung des Themas zu beantworten. Vergleichende
Anatomie hatte ich immer als Zeitverschwendung betrachtet,
aber in der Prüfung stand ich ihr Auge in Auge gegenüber und
verfügte nicht über die nötigen Detailkenntnisse. Ich sollte das
Harn- und Geschlechtssystem der Amphibien mit dem der Säu-
getiere vergleichen und wußte nicht viel darüber.
Not macht erfinderisch. Ich wollte den Standpunkt verteidigen
können, daß die vergleichende Anatomie eine irre Zeitver-
schwendung sei, und so überlegte ich mir eine Attacke gegen
die ganze Uberbetonung der Homologie in der zoologischen
Theorie. Wie Sie wahrscheinlich wissen werden, befassen sich
Zoologen üblicherweise mit zwei Arten der Vergleichbarkeit
122
zwischen Organen - Homologie und Analogie. Organe sollen
»homolog« sein, wenn gezeigt werden kann, daß sie eine gleich-
artige Struktur haben oder gleichartige strukturelle Relatio-
nen zu anderen Organen aufweisen, z. B. ist der Rüssel des
Elefanten homolog mit der Nase und Lippe des Menschen, weil
er dieselbe formale Relation zu anderen Teilen hat - zu den
Augen usw. -^aber der Rüssel des Elefanten ist der Hand des
Menschen analog, weil beide dieselbe Funktion haben. Vor
fünfzehn Jahren kreiste die vergleichende Anatomie endlos um
diese beiden Arten der Vergleichbarkeit, die zufällig gute Bei-
spiele für das sind, was ich mit »Abstraktionen, welche die
Bedingungen eines Vergleichs zwischen Einzelwesen definie-
ren« meine.
Mein Angriff gegen das System sollte darauf hinweisen, daß es
noch andere Arten der Vergleichbarkeit geben könnte und daß
diese den Ausgang dermaßen verwirren würden, daß bloße
morphologische Analyse nicht ausreichend wäre. Ich führte an,
daß die zweiseitigen Flossen eines Fisches gewöhnlich als ho-
molog mit den zweiseitigen Gliedern eines Säugetiers angese-
hen würden, daß aber der Schwanz eines Fisches, ein mittleres
Organ, gemeinhin als »verschieden von« oder bestenfalls nur
»analog zu« den Flossen gelte. Was ist aber mit dem doppel-
schwänzigen japanischen Goldfisch? Bei diesem Tier verursa-
chen die Faktoren, die für eine Anomalie des Schwanzes sor-
gen, auch dieselbe Anomalie in den zweiseitigen Flossen; des-
halb bestand hier eine weitere Art der Vergleichbarkeit, eine
Äquivalenz im Rahmen der Wachstumsprozesse und -gesetze.
Nun, ich weiß nicht, was für eine Note ich auf meine Antwort
bekam. Viel später habe ich herausgefunden, daß die seitlichen
Flossen des Goldfischs tatsächlich selten, wenn überhaupt, von
den Faktoren beeinflußt sind, welche die Anomalie im Schwanz
verursachen, aber ich bezweifle, daß der Prüfer meinen Bluff
durchschaut hat; und ich habe ebenfalls herausgefunden, daß
Haeckel zu meinem Erstaunen im Jahr 1854 tatsächlich das
Wort »Homonomie« für genau den Typ der Äquivalenz ge-
prägt hatte, den ich entdeckt habe. Das Wort ist, soweit ich weiß,
I2
1233
veraltet, und das war es schon, als ich meine Antwort schrieb.
Was mich angeht, so war die Idee jedoch neu, und ich hatte sie
mir selbst ausgedacht. Ich hatte das Gefühl, entdeckt zu haben,
wie man denken muß. Das war im Jahr 1926, und dieser selbe
alte Schlüssel - dieses Rezept, wenn Sie so wollen - hat mich
seitdem immer begleitet. Ich realisierte damals nicht, daß ich ein
Rezept hatte; und erst zehn Jahre später erfaßte ich die Bedeu-
tung dieses Analogie-Homologie-Homonomie-Problems voll-
ständig.
Vielleicht wird es von Interesse sein, meine verschiedenen Be-
rührungen mit diesen Begriffen und das Rezept, das sie enthiel-
ten, etwas genauer darzustellen. Bald nach der erwähnten Prü-
fung ging ich in die Anthropologie und hörte für einige Zeit auf
zu denken - ich fragte mich nun eher, was man aus diesem
Thema machen könne, ohne allerdings etwas Klares herauszu-
bekommen, außer einer Zurückweisung der meisten konventio-
nellen Ansätze, die mir sinnlos erschienen. Im Jahr 1930 schrieb
ich eine kleine Satire über den Begriff des Totemismus, worin
ich zunächst bewies, daß der Totemismus bei den latmul ein
wahrer Totemismus ist, weil er einen »hohen Prozentsatz« von
Charakteristika des Totemismus enthält, die in den »Notes and
Queries on Anthropology
Anthropology« aufgeführt sind, die vom Royal An-
thropological Institute mehr oder weniger ex cathedra festgelegt
wurden, und dann zu der Frage überging, auf welche Art der
Äquivalenz wir uns zu beziehen meinen, wenn wir einige
Häppchen der latmul-Kultur mit dem Totemismus Nordameri-
kas gleichsetzen und Homologie-Homonomie usw. an den
Haaren herbeizerren.
In dieser Diskussion des »wahren« Totemismus waren mir die
Homonomie-Homologie-Abstraktionen noch völlig klar, und
ich verwandte die Begriffe mit einem einwandfreien (wenn auch
unausgesprochenen) Verständnis, um welche Art von Abstrak-
tionen es sich dabei handelte - interessant ist aber, daß ich
später einige andere, vergleichbare Abstraktionen für die Ana-
lyse des latmul-Materials bildete und die Ergebnisse so ver-
mischte, daß ich das Ganze vergaß.
124
Besonders interessierte mich die Untersuchung dessen, was ich
als den »Gefühlseindruck« der Kultur [»feel« of culture] be-
zeichnete, und ich langweilte mich beim konventionellen Stu-
dium der eher formalen Details. Ich ging nach Neuguinea, wo-
bei mir soviel in etwa klar war - und in einem meiner ersten
Briefe nach Hause beklagte ich mich darüber, wie aussichtslos
es sei, einem so unwägbaren Begriff wie »Gefühl« von Kultur
Salz auf den Schwanz zu streuen. Ich hatte eine lose Gruppe
von Eingeborenen dabei beobachtet, wie sie Betel kauten,
spuckten, lachten, scherzten usw., und empfand scharf die quä-
lende Unmöglichkeit dessen, was ich vorhatte.
Ein Jahr später las ich, noch in Neuguinea, Arabia Deserta, und
erkannte mit Schrecken, daß Doughty in gewissem Sinne getan
hatte, was ich tun wollte. Er hatte Salz auf den Schwanz genau
des Hasen gestreut, den ich jagte. Aber ich merkte auch - be-
trübt -, daß er das falsche Salz verwendet hatte. Ich interessierte
mich nicht für eine literarische oder künstlerische Darstellung
des »Gefühls« der Kultur; mich interessierte seine wissen-
schaftliche Analyse.
Im nachhinein glaube ich, daß Doughty eine Ermutigung für
mich war, und die größte Ermutigung, die ich von ihm erhielt,
beruhte auf einem Irrtum in meinem Denken, den er auslöste.
Ich hatte den Eindruck, daß es unmöglich war, das Verhalten
seiner Araber ohne das »Gefühl« ihrer Kultur zu verstehen,
und daraus schien mir zu folgen, daß das »Gefühl« der Kultur
in gewisser Weise ursächlich für die Gestaltung des Verhaltens
der Eingeborenen war. Das ermutigte mich, weiterhin zu glau-
ben, daß ich etwas Wichtigem auf der Spur war - so weit, so
gut. Aber es brachte mich auch dazu, das »Gefühl« der Kultur
für viel konkreter und kausal wirksamer zu halten, als ich ein
Recht hatte, dies zu tun.
Diese falsche Konkretheit wurde später durch einen sprachli-
chen Zufall noch verstärkt. Radcliffe-Brown lenkte meine Auf-
merksamkeit auf das alte Wort »Ethos«
»Ethos* und sagte mir, das sei es,
was ich zu untersuchen beabsichtigte. Worte sind etwas Ge-
fährliches, und so kommt es, daß »Ethos« in gewisser Weise ein
I2
1255
sehr schlechtes Wort ist. Wäre ich gezwungen gewesen, für das,
was ich sagen wollte, selbst ein Wort zu bilden, dann wäre es
mir wohl besser ergangen, und ich hätte mir eine ganze Menge
Verwirrung erspart. Ich hätte, so hoffe ich, etwas wie »Ethono-
mie« vorgeschlagen, was mich daran erinnert hätte, daß ich
mich auf eine Abstraktion von derselben Ordnung wie Homo-
logie oder Homonomie bezog. Die Schwierigkeit des Wortes
»Ethos« besteht einfach darin - daß es zu kurz ist. Es ist ein
Einheitswort, ein einzelnes griechisches Substantiv, und als sol-
ches verhalf es mir dazu, weiterhin zu denken, daß es sich auf
ein einheitliches Etwas bezog, das ich immer noch als ursäch-
lich ansehen konnte. Ich behandelte das Wort, als sei es eine
Verhaltenskategorie oder eine Art Faktor, der das Verhalten
gestaltet.
Wir alle kennen diese lockere Verwendung von Wörtern in
Ausdrücken wie »der Krieg hat ökonomische Ursachen«,
»ökonomisches Verhalten«, »er war von seinen Gefühlen beein-
flußt«, »seine Symptome sind das Resultat eines Konflikts zwi-
schen seinem Über-Ich
Uber-Ich und seinem Es«. (Ich bin nicht sicher,
wie viele von diesen Trugschlüssen in diesem letzten Beispiel
enthalten sind; auf den ersten Blick scheinen es fünf mit einem
möglichen sechsten zu sein, es können aber auch mehr sein. Die
Psychoanalyse irrte erheblich, als sie Wörter benutzte, die zu
kurz sind und deshalb konkreter erscheinen als sie sind.) In der
Behandlung des Wortes »Ethos« saß ich genau dieser Art prot-
zigem Denken auf, und Sie müssen mir verzeihen, wenn ich für
dieses Geständnis moralischen Beistand durch eine Abschwei-
fung eingeholt habe, die zeigen sollte, daß jedenfalls andere
auch dieses Verbrechen begangen haben.
Wir wollen die Stufen untersuchen, auf welchen ich in den
Trugschluß geriet, und die Weise, wie ich mich daraus befreite.
Ich glaube, der erste Schritt iA Richtung auf ein Entkommen
aus dieser Sünde bestand darin, die Angriffe zu vervielfältigen -
und es spricht eine ganze Menge für diese Methode. Ein Laster
ist schließlich eine blöde Sache, sei es physisch oder intellektu-
ell, und eine wirksame Kur kann manchmal durch Duldung bis
126
zu dem Punkt erfolgen, an dem der Patient dies einsieht. Es ist
eine Möglichkeit, zu beweisen, daß eine gegebene Denk- oder
Verhaltenslinie nicht ausreichen wird, indem man sie experi-
mentell ins Unendliche extrapoliert, wobei ihre Absurditäten
deutlich zutage treten.
Ich vermehrte meine Angriffe, indem ich mehrere zusätzliche
Begriffe von etwa demselben Abstraktionsniveau wie »Ethos«
bildete - ich hatte »Eidos«, »kulturelle Struktur«, »Soziologie«
- und sie alle behandelte, als seien sie konkrete Einzelwesen.
Ich malte mir die Relationen zwischen Ethos und kultureller
Struktur so aus, als entsprächen sie denen zwischen einem Fluß
und seinen Ufern: »Der Fluß gestaltet die Ufer, und diese leiten
den Fluß. Entsprechend gestaltet der Ethos die kulturelle
Struktur und wird von ihr geleitet.« Ich suchte noch immer
nach physischen Analogien, aber jetzt war meine Position nicht
mehr ganz dieselbe wie die, als ich nach Analogien forschte, um
Begriffe zu erhalten, die ich bei der Analyse des Beobachtungs-
materials verwenden konnte. Jetzt suchte ich nach physischen
Analogien, die ich für die Analyse meiner eigenen Begriffe ge-
brauchen konnte, und das ist ein viel weniger befriedigendes
Geschäft. Ich meine natürlich nicht, daß einem die anderen
Wissenschaften nicht bei dem Versuch helfen könnten, seine
eigenen Gedanken in Ordnung zu bringen; gewiß können sie
das. Beispielsweise kann die physikalische Theorie der Dimen-
sionen in diesem Bereich eine enorme Hilfe sein. Was ich meine
ist, daß es, wenn man eine Analogie für die Aufklärung von
Material einer Art sucht, gut ist, sich darum zu kümmern, wie
ähnliches Material analysiert worden ist. Sucht man aber eine
Aufhellung seiner eigenen Begriffe, dann muß man sich nach
Analogien auf einer gleichermaßen abstrakten Ebene umsehen.
Diese Gleichnisse von Flüssen und ihren Ufern gefielen mir
jedoch gut, und ich behandelte sie ganz ernsthaft.
Hier muß ich für einen Augenblick abschweifen, um einen ge-
danklichen und sprachlichen Trick zu beschreiben, der mir sehr
geholfen hat. Habe ich es mit einem vagen Begriff zu tun und
fühle, daß die Zeit noch nicht reif ist, diesen Begriff streng

127
auszudrücken, dann präge ich irgendeinen losen Ausdruck, der
für diesen Begriff steht, möchte aber nicht das Ergebnis vorent-
scheiden, indem ich dem Begriff einen zu bedeutungsvollen
Terminus beilege. Ich versehe ihn deshalb vorerst mit irgendei-
nem kurzen, konkreten, umgangssprachlichen Terminus - im
allgemeinen eher angelsächsisch als lateinisch - und spreche
vom »Stoff« der Kultur oder »Teilen« der Kultur, oder dem
»Gefühl« der Kultur. Diese kurzen angelsächsischen Worte ha-
ben für mich einen eindeutigen Gefühlswert, der mich immer
daran erinnert, das die dahinter verborgenen Begriffe vage sind
und der Analyse bedürfen. Es ist so ein Trick, wie einen Knoten
ins Taschentuch zu machen, hat aber den Vorteil, daß er es mir
immer noch erlaubt, wenn ich so sagen darf, das Taschentuch
weiterhin zu anderen Zwecken zu verwenden. Ich kann fort-
fahren, den vagen Begriff in dem wertvollen Prozeß des locke-
ren Denkens zu gebrauchen - und werde doch weiterhin daran
erinnert, daß meine Gedanken vorläufig sind.
Aber diese Gleichnisse, in denen der Ethos ein Fluß und die
Ausdrucksformen der Kultur oder die »kulturelle Struktur«
seine Ufer sind, waren keine angelsächsischen Erinnerungen
daran, daß ich etwas für die Analyse zu einem späteren Zeit-
punkt zurückließ. Sie waren, so dachte ich, die Sache selbst -
ein realer Beitrag zu unserem Verständnis, wie Kulturen funk-
tionieren. Ich stellte mir eine Art von Phänomenen vor, die ich
»Ethos« nennen konnte, und eine Art, die sich als »kulturelle
Struktur« bezeichnen ließ, und daß diese beiden zusammenar-
beiteten - einen wechselseitigen Einfluß aufeinander hatten. Al-
les, was mir zu tun verblieb, war, deutlich zwischen diesen
verschiedenen Arten von Phänomenen zu unterscheiden, so
daß andere dieselbe Art der Analyse durchführen konnten, die
ich betrieb.
Diese Aufgabe der Unterscheidung stellte ich zurück-vielleicht
in dem Gefühl, daß das Problem noch nicht ganz reif war - und
fuhr mit der Kulturanalyse fort; und tat, was ich heute noch für
eine gute Arbeit halte. Ich möchte diesen letzten Punkt hervor-
heben - daß beachtliche wissenschaftliche Beiträge in der Tat
128
mit sehr stumpfen und krummen Begriffen geleistet werden
können. Wir können uns darüber lustig machen, wie die unan-
gebrachte Konkretheit in jedem Wort des psychoanalytischen
Schrifttums reichlich vorhanden ist; aber trotz all des verworre-
nen Denkens, von dem Freud ausging, bleibt die Psychoanalyse
doch der herausragende Beitrag, fast der einzige Beitrag, zu
unserem Verständnis der Familie - ein Monument für die Wich-
tigkeit und den Wert lockeren Denkens.
Schließlich hatte ich mein Buch über die latmul-Kultur mit
Ausnahme des letzten Kapitels abgeschlossen, dessen Nieder-
schrift die abschließende Uberprüfung
Überprüfung und Kritik meiner ver-
schiedenen theoretischen Begriffe und Beiträge sein sollte. Ich
plante, daß dieses Kapitel einen Versuch enthalten sollte, zwi-
schen dem, was ich »Ethos« und dem, was ich »Eidos« usw.
genannt hatte, zu unterscheiden.
Ich befand mich in einem Zustand, der meiner Panik im Prü-
fungsraum nahekam, aus der früher der Begriff Homonomie
hervorgegangen war. Ich stand kurz davor, meine nächste For-
schungsreise anzutreten - mein Buch mußte fertig sein, bevor
ich abreiste -, und das Buch konnte nicht ohne eine klare Dar-
stellung der Wechselbeziehungen zwischen diesen von mir ge-
prägten Begriffen zum Abschluß kommen.
Hier möchte ich zitieren, was schließlich in diesem letzten Ka-
pitel des Buchs stand:
»Ich fing an, die Gültigkeit meiner eigenen Kategorien zu be-
zweifeln, und führte ein Experiment durch. Ich wählte drei
Kultureinheiten: (a) ein wau (Bruder der Mutter), der einen
laua. ernährt (Sohn der Schwester) - eine pragmatische Einheit;
laua
{h) einen Mann, der seine Frau ausschimpft - eine ethologische
(b)
Einheit; und (c) einen Mann, der die Tochter der Schwester
seines Vaters heiratet - eine strukturelle Einheit. Dann zeichne-
te ich ein Gitter von neun Quadraten auf ein großes Stück
Papier, drei Reihen von Quadraten mit drei Quadraten in jeder
Reihe. Ich etikettierte die horizontalen Reihen mit meinen Kul-
tureinheiten und die vertikalen Säulen mit meinen Kategorien.
Dann zwang ich mich, jede Einheit so zu sehen, als gehörte sie
129
nachvollziehbar zu jeder Kategorie. Ich fand, daß dies möglich
war.
Ich fand heraus, daß ich jede Kultureinheit strukturell denken
konnte; ich konnte sie als in Ubereinstimmung
Übereinstimmung mit einer folge-
richtigen Menge von Regeln oder Formulierungen stehend be-
trachten. Gleichermaßen konnte ich jede Einheit als >pragma-
tisch< ansehen, entweder indem sie Bedürfnisse von Individuen
befriedigte oder indem sie zur Integration der Gesellschaft bei-
trug. Auch konnte ich jede Einheit ethologisch, als ein Aus-
druck von Gefühl, sehen.
Dieses Experiment mag kindisch anmuten, aber für mich war es
sehr wichtig, und ich habe es ausführlich nacherzählt, weil eini-
ge meiner Leser dazu neigen könnten, Begriffe wie >Struktur<
als konkrete Teile anzusehen, die in der Kultur >interagieren<,
und es, wie ich, für schwierig halten, diese Begriffe bloß als
Etiketten für Standpunkte zu denken, die entweder vom Wis-
senschaftler oder von den Eingeborenen eingenommen werden.
Es ist aufschlußreich, dasselbe Experiment mit Begriffen wie
Ökonomie usw. durchzuführen.«2
Tatsächlich wurden »Ethos« und der Rest schließlich auf Ab-
straktionen vom selben Allgemeinheitsgrad wie »Homologie«,
»Homonomie« usw. reduziert; sie waren Etiketten für Stand-
punkte, die willkürlich vom Forscher eingenommen wurden.
Ich war, wie Sie sich vorstellen können, sehr aufgeregt dabei,
diesen Knoten lösen zu können - aber ich war auch beunruhigt,
weil ich glaubte, ich würde gezwungen, das ganze Buch neu zu
schreiben. Es stellte sich jedoch heraus, daß dem nicht so war.
Ich mußte die Definitionen abstimmen, im einzelnen nachprü-
fen, ob ich jedesmal, wenn der terminus technicus auftauchte,
die neue Definition für ihn einsetzen konnte; die etwas auffälli-
geren unsinnigen Teile mit Fußnoten versehen, die den Leser
warnten, daß diese Passagen zeigten, wie man es nicht machen
soll - und so weiter. Aber der Rumpf des Buchs hielt der Uber-
prüfung stand - alles, was es brauchte, waren neue Laufrollen
an den Beinen.
2 Loc. dt., S. 261.
130
Bisher habe ich von meinen eigenen persönlichen Erfahrungen
mit strengem und lockerem Denken gesprochen, aber ich glau-
be doch, daß die Geschichte, die ich gerade erzählt habe, für das
ganze schwankende Geschäft des wissenschaftlichen Fort-
schritts typisch ist. In meinem Fall, der ein kleiner und für den
gesamten wissenschaftlichen Fortschritt vergleichsweise unbe-
deutend ist, können Sie beide Elemente des abwechselnden
Prozesses erkennen - erstens das lockere Denken und die Er-
richtung einer Struktur auf wackligen Grundlagen, und dann
die Korrektur zu strengerem Denken und das Einsetzen einer
neuen Untermauerung unter die schon konstruierte Masse.
Und das ist, so glaube ich, ein ziemlich faires Bild vom wissen-
schaftlichen Fortschritt, mit der einen Ausnahme, daß das Bau-
werk gewöhnlich größer ist und daß die Individuen, die
schließlich zur neuen Untermauerung beitragen, andere sind als
jene, die ursprünglich das lockere Denken besorgten. Manch-
mal liegen, wie in der Physik, Jahrhunderte zwischen der ersten
Errichtung des Gebäudes und der späteren Korrektur der Fun-
damente - aber der Prozeß ist grundsätzlich derselbe.
Und wenn Sie mich nach einem Rezept fragen, um diesen Pro-
zeß zu beschleunigen, dann würde ich vor allem sagen, daß wir
diese Doppelnatur des wissenschaftlichen Denkens akzeptieren,
genießen und bereit sein sollten, die Weise zu schätzen, in der
die beiden Prozesse zusammenwirken, um uns Fortschritte im
Verständnis der Welt zu gewähren. Wir sollten keinen der bei-
den Prozesse zu gering schätzen oder zumindest jedem der
beiden in gleicher Weise mißtrauen, wenn er nicht durch den
anderen ergänzt wird. Ich glaube, die Wissenschaft wird aufge-
halten, wenn wir anfangen, uns zu lange auf entweder strenges
oder lockeres Denken zu spezialisieren. Ich habe beispielsweise
den Verdacht, daß das Freudsche Gebäude zu sehr anwachsen
konnte, bevor das Korrektiv strengen Denkens auf es ange-
wandt wurde - und wenn jetzt Forscher beginnen, die Freud-
schen Dogmen mit neuen, strengeren Termini zu reformulie-
ren, dann können dabei eine Menge schlechter Gefühle auf-
kommen, was zerstörerisch ist. (An dieser Stelle sollte ich viel-

131
leicht ein Wort des Trostes an die Orthodoxen in der Psycho-
analyse richten. Wenn die Formalisten anfangen, in den grund-
legendsten der analytischen Prämissen herumzuwühlen und die
konkrete Realität von Begriffen wie das »Ich« oder »Wünsche«
oder das »Es« oder die »Libido« in Frage zu stellen - wie das ja
bereits geschieht - dann ist es nicht nötig, in Alarmstimmung
zu geraten und schreckliche Alpträume vom Chaos und von
Stürmen auf See zu haben. Es ist sicher, daß ein Großteil der
alten Fabrik der Analyse nach Einfügung der neuen Unter-
mauerung noch stehen wird. Und wenn die Begriffe, Postulate
und Prämissen in Ordnung gebracht worden sind, werden die
Analytiker in der Lage sein, sich auf eine neue und noch frucht-
barere Orgie lockeren Denkens einzulassen, bis sie eine Stufe
erreichen, auf der die Ergebnisse ihres Denkens wieder streng
konzeptualisiert werden müssen. Ich glaube, sie sollten diese
Wechselhaftigkeit im wissenschaftlichen Fortschritt genießen
und ihn nicht dadurch verzögern, daß sie sich weigern, diesen
Dualismus anzuerkennen.)
Darüber hinaus, also neben dem einfachen Nichtaufhalten des
Fortschritts, können wir wohl noch etwas tun, um die Sache zu
beschleunigen, und ich habe zwei mögliche Wege vorgeschla-
gen. Der eine besteht darin, die Wissenschaftler so auszubilden,
daß sie unter den älteren Wissenschaften nach wilden Analogien
zu ihrem eigenen Material suchen, damit sie durch ihre wilden
Ahnungen über ihre eigenen Probleme zu strengen Formulie-
rungen gebracht werden. Die zweite Methode ist, sie darin aus-
zubilden, Knoten in ihre Taschentücher zu machen, wenn sie
irgendein Problem unformuliert lassen - bereit zu sein, das
Problem jahrelang liegen zu lassen, aber doch ein Warnschild in
der verwendeten Terminologie anzubringen, so daß diese Ter-
mini für alle Zeiten nicht als Zäune, die das Unbekannte vor
zukünftigen Forschern verbergen, sondern eher als Wegweiser
dastehen, auf denen zu lesen ist: »JENSEITS DIESES PUNK-
TES UNERFORSCHT.«
Nationalcharakter 1'
Moral und Nationalcharakter

Wir werden folgendermaßen vorgehen:


vorgehen; (i) Wir werden einige
der Kritiken untersuchen, die gegen unsere Verwendung ir-
gendeines Begriffs vom »Nationalcharakter« vorgebracht wer-
den könnten. (2) Diese Untersuchung wird uns befähigen, ge-
wisse begriffliche Grenzen zu ziehen, innerhalb derer der Aus-
druck »Nationalcharakter« wahrscheinlich gültig sein wird.
(3) Wir werden dann, innerhalb dieser Grenzen, dazu überge-
hen, zu skizzieren, welche Arten von Unterschieden wir bei
westlichen Nationen erwarten dürfen, und werden versuchen,
auf dem Wege der Veranschaulichung etwas konkretere Vermu-
tungen über einige dieser Unterschiede anzustellen. (4) Schließ-
lich werden wir überdenken, wie die Probleme der Moral und
der internationalen Beziehungen durch Unterschiede dieser Art
beeinflußt werden.

Barrieren für jeden Begriff des »Nationalcharakters«


»Nationalcharakters*

Die wissenschaftliche Forschung ist durch eine Reihe von Ge-


dankenketten, die Wissenschaftler dahin führen, solche Fragen
insgesamt als unnütz oder unsolide anzusehen, von Problemen
dieses Typs abgelenkt worden. Bevor wir irgendeine konstruk-
tive Ansicht über die Art der bei europäischen Bevölkerungen
zu erwartenden Unterschiede riskieren, müssen deshalb diese
ablenkenden Gedankenketten untersucht werden.
In erster Linie wird so argumentiert, daß sich nicht die Men-
schen, sondern eher die Umstände, unter denen sie leben, von
einer Gemeinschaft zur anderen unterscheiden; daß wir uns mit
* Dieser Aufsatz erschien in Ctvthan
Civilian Morale, herausgegeben von Goodwin
Watson, Copyright 1942 bei der Society for the Psychological Study of Social
Issues. Er wird hier mit Genehmigung des Verlegers wiederabgedruckt. Einige
einführende Materialien sind bei der Überarbeitung weggelassen worden.

133
UJ
Unterschieden entweder im historischen Hintergrund oder in
den gegenwärtigen Bedingungen befassen müssen, und daß die-
se Faktoren hinreichen, um alle Verhaltensunterschiede zu er-
klären, ohne daß wir irgendwelche Charakterunterschiede bei
den betroffenen Individuen beschwören müssen. Dieses Argu-
ment ist im wesentlichen eine Berufung auf Occams Rasiermes-
ser - eine Forderung, daß wir nicht mehr Einzelwesen als unbe-
dingt nötig einführen sollten. Das Argument läuft darauf hin-
aus, daß wir uns, wenn beobachtbare Unterschiede in den Um-
ständen bestehen, eher auf diese als auf die eher abgeleiteten
Charakterunterschiede stützen sollten, die wir nicht beobach-
ten können.
Dem Argument kann man teilweise dadurch begegnen, daß
man Erfahrungsdaten anführt, wie etwa aus Lewins Experi-
menten (unveröffentlichtes Material), die zeigen, daß in der
Art, wie Deutsche und Amerikaner auf ein Scheitern in experi-
mentellen Vorgaben reagieren, große Unterschiede bestehen.
Die Amerikaner behandelten das Scheitern als eine Herausfor-
derung, ihre Bemühungen zu verstärken; die Deutschen rea-
gierten auf den gleichen Fehlschlag mit Entmutigung. Aber die-
jenigen, die zugunsten der Wirksamkeit von Bedingungen an-
stelle des Charakters argumentieren, können immer noch erwi-
dern, daß die experimentellen Bedingungen in der Tat nicht für
beide Gruppen die gleichen sind; daß der Reizwert irgendeines
Umstandes davon abhängt, wie sich dieser Umstand gegenüber
dem Hintergrund anderer Umstände im Leben des Subjekts
abhebt, und daß dieser Kontrast nicht für beide Gruppen der
gleiche sein kann.
Es ist in der Tat möglich, so zu argumentieren, daß es unnötig
ist, Abstraktionen wie Nationalcharakter anzurufen, weil für
Individuen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund nie-
mals die gleichen Umstände auftreten. Ich glaube jedoch, daß
dieses Argument in sich zusammenbricht, wenn gezeigt wird,
daß wir die bekannten Tatsachen über das Lernen außer acht
ließen, würden wir das Schwergewicht auf die Umstände an-
stelle des Charakters legen. Vielleicht ist die am besten belegte

134
Verallgemeinerung im Bereich der Psychologie die, daß die Ver-
haltenscharakteristika jedes Säugetiers, und besonders des Men-
schen, auf der früheren Erfahrung und dem früheren Verhalten
dieses Individuums beruhen. Nehmen wir also an, daß sowohl
der Charakter als auch die Umstände in Betracht gezogen wer-
den müssen, dann vervielfachen wir die Einzelwesen nicht über
das Notwendige hinaus; wir wissen durch andere Arten von
Daten um die Bedeutung des erlernten Charakters, und genau
dieses Wissen zwingt uns, das zusätzliche »Einzelwesen« zu
berücksichtigen.
Eine zweite Schranke für jede Anerkennung des Begriffs »Na-
tionalcharakter« stellt sich uns in den Weg, nachdem die erste
überwunden wurde. Diejenigen, die zugeben, daß der Charak-
ter in Betracht gezogen werden muß, können doch daran zwei-
feln, ob innerhalb einer Ansammlung von menschlichen Wesen,
wie sie eine Nation konstituiert, so etwas wie Gleichförmigkeit
oder Regelmäßigkeit zu erwarten ist. Wir wollen sofort zuge-
stehen, daß Gleichförmigkeit offenkundig nicht auftritt, und
dazu übergehen, zu erwägen, mit welchen Arten von Regelmä-
ßigkeit zu rechnen ist.
Die Kritik, der wir entgegenzutreten versuchen, wird wahr-
scheinlich fünf Formen annehmen, (i) Sie kann auf das Auftre-
ten subkultureller Differenzierung, auf Unterschiede zwischen
den Geschlechtern, zwischen Klassen oder zwischen Berufs-
gruppen innerhalb der Gemeinschaft verweisen. (2) Der Kriti-
ker kann sich auf die extreme Heterogenität und Verwirrung
kultureller Normen berufen, die in »Schmelztiegel«-Gemein-
schaften zu beobachten sind. (3) Er kann auf den zufällig De-
vianten hinweisen, das Individuum, das eine »zufällige« trau-
matische Erfahrung gemacht hat, die in seiner sozialen Umge-
bung nicht üblich ist. (4) Er kann auf die Phänomene des kultu-
rellen Wandels und besonders auf die Art der Differenzierung
hinweisen, die sich ergibt, wenn ein Teil der Gemeinschaft im
Grad der Veränderung hinter einem anderen herhinkt. (5)
Schließlich kann er auf die Zufälligkeit der nationalen Grenzen
hinweisen.

135
DJ
Diese Einwände sind eng miteinander verbunden, und alle Er-
widerungen darauf leiten sich letzten Endes von zwei Postula-
ten her: Erstens, daß das Individuum, ob von einem physiologi-
schen oder von einem psychologischen Standpunkt aus, ein or-
ganisiertes Einzelwesen ist, dergestalt, daß alle seine »Teile«
oder »Aspekte« wechselseitig modifizierbar sind und aufeinan-
der einwirken; und zweitens, daß eine Gemeinschaft gleicher-
maßen in diesem Sinne organisiert ist.
Wenn wir uns die soziale Differenzierung in einer stabilen Ge-
meinschaft ansehen - etwa die Geschlechterdifferenzierung in
einem neuguinesischen Stamm1 -, dann finden wir, daß es nicht
ausreicht zu sagen, das Gewohnheitssystem oder die Charak-
terstruktur eines Geschlechts unterscheide sich von denen eines
anderen. Entscheidend ist, daß das Gewohnheitssystem jedes
Geschlechts in das des anderen eingreift; daß das Verhalten des
einen die Gewohnheiten des anderen fördert.2 Beispielsweise
finden wir zwischen den Geschlechtern komplementäre Muster
wie Voyeurismus-Exhibitionismus, Herrschaft-Unterwerfung
und Unterstützung-Abhängigkeit oder Mischungen aus diesen
Paaren. Wir finden aber niemals wechselseitige Irrelevanz zwi-
schen solchen Gruppen.
Obwohl es leider zutrifft, daß wir sehr wenig über die Bedin-
gungen der Gewohnheitsdifferenzierung zwischen Klassen,
Geschlechtern, Berufsgruppen usw. in westlichen Nationen
wissen, liegt nach meiner Ansicht keine Gefahr darin, diese

1 Vgl.
Vgl, M. Mead, Geschlecht und Temperament in drei primitiven Gesellschaf-
ten, op. dt. München, 1970, Band 3, besonders den III. Teil, hinsichtlich einer
Analyse der Geschlechterdifferenzierung bei den Chatnbuli;
Chambuli; siehe auch G. Ba-
teson, Naven, Cambridge, Cambridge University Press, 1936,
19)6, zu einer Analyse
der Geschlechterdifferenzierung unter Erwachsenen bei den latmul, Neu-
guinea.
2 Wir betrachten hier nur diejenigen Fälle, in denen die ethologische Differen-
zierung der Dichotomie zwischen den Geschlechtern folgt. Es ist auch wahr-
scheinlich, daß es immer da, wo der Ethos der beiden Geschlechter nicht scharf
differenziert ist, gleichwohl richtig wäre, zu sagen, daß der Ethos des einen
Geschlechts den des anderen förden,
fördert, z. B. durch Mechanismen wie Konkur-
renz und wechselseitige Imitation. Vgl. M. Mead, op. dt.
136
allgemeine Schlußfolgerung auf alle Fälle stabiler Differenzie-
rung zwischen Gruppen anzuwenden, die in wechselseitiger
Berührung leben. Mir ist uneinsichtig, wie zwei unterschiedli-
che Gruppen in einer Gemeinschaft nebeneinander leben kön-
nen, ohne daß es zu irgendeiner Art wechselseitiger Relevanz
der besonderen Charakteristika dieser Gruppen füreinander kä-
me. Ein solches Vorkommnis stünde im Gegensatz zu dem
Postulat, daß eine Gemeinschaft eine organisierte Einheit ist.
Wir werden daher annehmen, daß sich diese Verallgemeinerung
auf jede stabile gesellschaftliche Differenzierung anwenden
läßt.
Nun zwingt uns alles, was wir über die Mechanik der Charak-
terbildung - besonders die Prozesse der Projektion, Reaktions-
bildung, Kompensation und ähnliches - wissen, diese bipolaren
Muster als innerhalb des Individuums einheitlich anzusehen.
Wenn wir wissen, daß ein Individuum zum offenen Ausdruck
einer Hälfte von einem dieser Muster erzogen wird, z. B. zum
Herrschaftsverhalten, dann können wir mit Gewißheit voraus-
sagen (wenn auch nicht in genauer Sprache), daß damit auch die
Saat der anderen Hälfte - Unterwerfung - in seiner Persönlich-
keit angelegt ist. Wir müssen in der Tat das Individuum als zu
Herrschaft-Unterwerfung erzogen denken und nicht zu Herr-
schaft oder zu Unterwerfung. Daraus folgt, daß wir immer da,
wo wir es mit stabiler Differenzierung innerhalb einer Gemein-
schaft zu tun haben, berechtigt sind, den Mitgliedern dieser
Gemeinschaft einen gemeinsamen Charakter zuzuschreiben,
vorausgesetzt, daß wir darauf achten, diesen gemeinsamen Cha-
rakter im Sinne der Motive der Beziehung zwischen den diffe-
renzierten Teilen der Gemeinschaft zu beschreiben.
Dieselbe Art von Erwägungen wird uns bei der Auseinander-
setzung mit unserer zweiten Kritik leiten - den Extremen von
Heterogenität, wie sie in modernen »Schmelztiegel«-Gesell-
schaften auftreten. Angenommen, wir versuchten, alle Motive
der Beziehung zwischen Individuen und Gruppen in einer Ge-
meinschaft wie New York auszuanalysieren - würden wir nicht
lange vor dem Abschluß unserer Untersuchung im Irrenhaus

i}7
137
landen, dann gelangten wir wohl zu dem Bild eines gemeinsa-
men Charakters, das nahezu unendlich komplex wäre, das ge-
wiß mehr Feindifferenzierungen enthielte, als die menschliche
Psyche in sich selbst auflösen kann. An diesem Punkt sind
dann beide, wir und die von uns untersuchten Individuen,
gezwungen, eine Abkürzung zu nehmen: die Heterogenität
als ein positives Charakteristikum sui generis der gemeinsa-
men Umgebung zu behandeln. Wenn wir mit einer solchen
Hypothese anfangen, nach gemeinsamen Motiven für das
Verhalten zu suchen, stoßen wir auf sehr deutliche Tenden-
zen, die Heterogenität um ihrer selbst willen zu verherrlichen
(wie etwa in Robinson Latouches »Bailad for Americans«)
und die Welt als aus einer Unzahl absolut unverbundener
Umfrage-bits aufgebaut zu betrachten (wie Ripleys »Believe
It or Not«).
Der dritte Einwand, der Fall der individuellen Devianz, fällt in
denselben Bezugsrahmen wie der der Differenzierung stabiler
Gruppen. Der Junge, bei dem die Erziehung in einer öffentli-
chen Schule Englands keinen Erfolg hat, selbst wenn die ur-
sprünglichen Wurzeln seiner Devianz durch irgendeinen »zu-
fälligen« traumatischen Vorfall gelegt wurden, reagiert auf das
öffentliche Schulsystem. Die von ihm angenommenen Verhal-
tensgewohnheiten folgen vielleicht nicht den Normen, die ihm
die Schule einimpfen will, sondern sie werden als Reaktion auf
genau diese Normen durchgesetzt. Er kann (und wird oft) Mu-
ster erwerben, die exakt im Gegensatz zu den normalen stehen;
es ist aber nicht denkbar, daß er irrelevante Muster annimmt. Er
kann ein »schlechter« Schüler einer öffentlichen englischen
Schule werden, er kann geisteskrank werden, aber seine devian-
ten Charakteristika bleiben doch systematisch auf die Normen
bezogen, denen er widersteht. Wir können in der Tat seinen
Charakter beschreiben, indem wir sagen, daß dieser systema-
tisch so auf den Standard-Charakter an der öffentlichen Schule
bezogen ist, wie der Charakter von latmul-Eingeborenen eines
Geschlechts systematisch auf den Charakter des anderen Ge-
schlechts bezogen ist. Sein Charakter ist an den Motiven und
138
Mustern der Beziehungen in der Gesellschaft ausgerichtet, in
der er lebt.
Derselbe Bezugsrahmen läßt sich auch auf die vierte Erwägung
anwenden, die sich auf veränderte Gemeinschaften und die Art
der Differenzierung bezieht, die sich ergibt, wenn ein Teil einer
Gemeinschaft hinsichtlich der Veränderung hinter einem ande-
ren herhinkt. Da die Richtung, in die sich eine Veränderung
vollzieht, notwendig durch den Status quo ante bedingt sein
wird, werden die neuen Muster, die ja Reaktionen auf die alten
sind, auch systematisch auf die alten bezogen sein. Solange wir
uns also auf die Bedingungen und Themen dieser systemati-
schen Beziehung konzentrieren, dürfen wir eine Regelmäßig-
keit des Charakters bei den Individuen erwarten. Zudem kann
die Erwartung und Erfahrung von Veränderung in einigen Fäl-
len so wichtig sein, daß sie in derselben Weise zu einem charak-
terbestimmenden Faktor3 sui generis wird, wie »Heterogenität«
positive Auswirkungen haben kann.
Schließlich können wir Fälle sich verschiebender nationaler
Grenzen erwägen - unsere fünfte Kritik. Hier können wir na-
türlich nicht erwarten, daß die Unterschrift eines Diplomaten
unter einem Abkommen unmittelbar den Charakter der Indivi-
duen modifiziert, deren nationale Bürgerpflicht dadurch verän-
dert wird. Es kann sogar passieren - beispielsweise in Fällen,
wo eine Eingeborenenbevölkerung, die noch nicht lesen und
schreiben kann, zum ersten Mal mit Europäern in Berührung
gebracht wird -, daß sich die beiden Parteien noch einige Zeit
nach der Veränderung in einer erkundenden oder fast planlosen
Weise zu einer solchen Situation verhalten werden, wobei jede
ihre eigenen Normen beibehält und noch keine irgendwie spe-
3 Hinsichtlich einer Diskussion der Rolle, die »Veränderung« und »Heteroge-
nität« in Schmelztiegel-Gemeinschaften spielen, vgl. M. Mead (»Erzieherische
Auswirkungen der sozialen Umgebung, wie sie durch Untersuchungen primiti-
ver Gesellschaften aufgedeckt wurden«. Referat vor dem Symposium on Envi-
ronment and Education, University of Chicago, 22.11. September 1941) und F.
Alexander (»Erzieherischer Einfluß von Persönlichkeitsfaktoren in der Umge-
bung.« Referat vor dem Symposium on Environment an Education, University
of Chicago, 22,
22. September 1941).
I
}9
39
ziellen Angleichungen an die Berührungssituation entwickelt.
Während dieser Zeit sollten wir noch nicht damit rechnen, daß
sich irgendwelche Verallgemeinerungen auf beide Gruppen an-
wenden lassen. Sehr bald wissen wir jedoch, daß jede Seite
spezielle Verhaltensmuster entwickelt, um sie in ihren Berüh-
rungen mit der anderen einzusetzen.4 An diesem Punkt wird es
sinnvoll zu fragen, welche systematischen Beziehungsglieder
den gemeinsamen Charakter der beiden Gruppen beschreiben
werden; und von diesem Punkt an wird das Maß der gemeinsa-
men Charakterstruktur wachsen, bis die beiden genauso aufein-
ander bezogen sind, wie zwei Klassen oder zwei Geschlechter
in einer stabilen, differenzierten Gesellschaft.5
Insgesamt würde unsere Erwiderung auf diejenigen, die be-
haupten, menschliche Gemeinschaften zeigten eine zu große
innere Differenzierung oder enthielten ein zu großes zufälliges
Element, um irgendeinen Begriff des gemeinsamen Charakters
anwenden zu können, dahin gehen, daß wir einen solchen An-
satz für nützlich halten (a) vorausgesetzt, daß wir den gemein-
samen Charakter mit Hilfe der Themen von Beziehungen zwi-
schen Gruppen und Individuen innerhalb der Gemeinschaft be-
schreiben, und (b) vorausgesetzt, daß wir der Gemeinschaft
genügend Zeit lassen, um ein gewisses Maß an Gleichgewicht
zu erreichen oder um Veränderung oder Heterogenität als ein
Charakteristikum ihrer menschlichen Umgebung zu akzep-
tieren.

4 In der Südsee sind die Verhaltensweisen, die Europäer gegenüber Eingebo-


renenvölkern und die Verhaltensweisen, welche der Eingeborene gegenüber
Europäern annimmt, sehr offenkundig. Abgesehen von Analysen der »Pidgin«-
Sprachen haben wir jedoch keine psychologischen Daten zu diesen Mustern.
Hinsichtlich einer Beschreibung der analogen Muster in den Beziehungen zwi-
vgl. J.
schen Negern und Weißen, vgl, Caste and Class in a Southern Town,
J, Dollard, Gaste
New Häven, Yale University Press, 1937, besonders Kapitel XII, Accomoda-
tion Attitudes of Negroes (Anpassungshaltungen von Negern).
5 Vgl. G. Bateson, »Kulturberührung und Schismogenese«, in; in: Man, 1935, 8:
199. (In diesem Band wiederabgedruckt.)
140
Zu erwartende Unterschiede zwischen
Z#
nationalen Gruppen

Die oben durchgeführte Uberprüfung


Überprüfung von »Strohmännern« in
der Kritik am »Nationalcharakter« hat den Geltungsbereich
dieses Begriffs sehr stringent eingegrenzt. Aber die Schlußfol-
gerungen aus dieser Uberprüfung sind keineswegs nur negativ.
Den Geltungsbereich eines Begriffs einzugrenzen ist fast dassel-
be, wie ihn zu definieren.
Wir haben unsere Ausrüstung um ein sehr wichtiges Hilfsmittel
erweitert - die Technik, den gemeinsamen Charakter von Indi-
viduen (oder den »höchsten gemeinsamen Faktor« des Charak-
ters) in einer menschlichen Gemeinschaft mit Hilfe bipolarer
Adjektive zu beschreiben. Anstatt an der Tatsache, daß Natio-
nen hochdifferenziert sind, zu verzweifeln, werden wir die Di-
mensionen dieser Differenzierung als Schlüssel zum National-
charakter verwenden. Nicht mehr gewillt, zu sagen »Die Deut-
schen sind unterwürfig« oder »Die Engländer sind distanziert«,
werden wir Ausdrücke wie »herrschend-unterwürfig« verwen-
den, wenn wir Beziehungen dieser Art nachweisen können.
Ähnlich werden wir nicht vom »paranoiden Element im deut-
schen Charakter« sprechen, solange wir nicht zeigen können,
daß wir mit »paranoid« irgendein bipolares Charakteristikum
der deutsch-deutschen oder deutsch-ausländischen Beziehun-
gen meinen. Wir werden die Mannigfaltigkeiten des Charakters
nicht beschreiben, indem wir einen gegebenen Charakter im
Sinne seiner Position auf einem Kontinuum zwischen extremer
Herrschaft und extremer Unterwürfigkeit definieren, sondern
werden statt dessen versuchen, für unsere Beschreibungen eini-
ge Kontinuen wie »Grad des Interesses oder Orientierung an
Herrschaft-Unterwerfung« zu verwenden.
Bisher haben wir nur eine sehr kurze Liste von bipolaren Cha-
rakteristika erwähnt: Herrschaft-Unterwerfung, Unterstüt-
zung-Abhängigkeit und Voyeurismus-Exhibitionismus. Eine
Kritik wird dem Leser bestimmt sofort in den Sinn kommen,
daß, kurz gesagt, diese drei Charakteristika allesamt in allen
141
westlichen Kulturen deutlich zu beobachten sind. Bevor unsere
Methode sinnvoll wird, müssen wir also versuchen, sie so zu
erweitern, daß sie uns genügend Reichweite und Unterschei-
dungskraft gibt, um zwischen den westlichen Kulturen zu dif-
ferenzieren.
Mit der Entwicklung dieses begrifflichen Rahmens werden
zweifellos noch viele andere Erweiterungen und Unterschei-
dungen eingeführt werden. Dieses Papier wird nur auf drei
solcher Typen der Erweiterung eingehen.

Alternativen zur Bipolarität

Wenn wir uns auf Bipolarität als ein Mittel berufen, um die
Differenzierung innerhalb der Gesellschaft zu behandeln, ohne
irgendeinen Begriff der gemeinsamen Charakterstruktur voran-
zustellen, dann haben wir nur die Möglichkeit einfacher bipola-
rer Differenzierung in Betracht gezogen. Gewiß ist dieses Mu-
ster in westlichen Kulturen sehr verbreitet; nehmen wir zum
Beispiel republikanisch-demokratisch, politisch rechts-links,
Geschlechtsdifferenzierung, Gott und der Teufel und so weiter.
Diese Völker versuchen sogar, solchen Phänomenen ein binäres
Muster überzustülpen, die ihrer Natur nach nicht dual sind -
Jugend versus Alter, Arbeit versus Kapital, Geist versus Mate-
rie - und verfügen im allgemeinen nicht über die organisatori-
schen Mittel, um mit Dreieckssystemen umzugehen; das Auf-
treten irgendeiner »dritten« Partei wird immer als eine Bedro-
hung beispielsweise unserer politischen Organisation angese-
hen. Diese deutliche Tendenz zu dualen Systemen sollte uns
jedoch nicht blind machen für das Auftreten anderer Muster.6

6 Das balinesische Sozialsystem in den Gebirgsgemeinschaften ist fast vollstän-


dig frei von solchen Dualismen. Die ethologische Geschlechterdifferenzierung
ist ziemlich unscharf; politische Parteien
Paneien fehlen ganz. Im Flachland besteht ein
Dualismus, der sich aus dem eindringenden hinduistischen Kastensystem erge-
ben hat, wobei die Kastenangehörigen von den Kastenlosen unterschieden wer-
den. Auf der symbolischen Ebene sind (teilweise als Folge des hinduistischen
142
In englischen Gemeinschaften besteht zum Beispiel eine sehr
interessante Tendenz zur Bildung von Dreiersystemen wie El-
tern-Kindermädchen-Kind, König-Minister-Volk, Offiziere-
N.C.O.'s-Soldaten.7 Während die genauen Motive der Bezie-
hung in diesen Dreiersystemen noch untersucht werden müs-
sen, ist es wichtig, darauf hinzuweisen, daß diese Systeme, die
ich als »Dreiersysteme« bezeichne, weder »einfache Hierar-
chien« noch »Dreiecke« sind. Unter einer reinen Hierarchie
würde ich ein serielles System verstehen, in dem Relationen von
Angesicht zu Angesicht nicht zwischen Mitgliedern auftreten,
wenn sie durch ein zwischen ihnen stehendes Mitglied getrennt
sind; mit anderen Worten, ein System, in dem die Kommunika-
tion zwischen A und C ausschließlich über B verläuft. Mit
einem Dreieck meine ich ein dreifaches System ohne serielle
Eigenschaften. Das Dreiersystem Eltern-Kindermädchen-Kind
unterscheidet sich andererseits erheblich von jeder dieser ande-
ren Formen. Es enthält serielle Elemente, aber es kommt zu
einem Kontakt von Angesicht zu Angesicht zwischen dem er-
sten und dem dritten Mitglied. Im wesentlichen besteht die
Funktion der mittleren Mitglieder darin, das dritte Mitglied in
den Verhaltensformen zu unterrichten, die es in seinem Um-
gang mit dem ersten beachten sollte. Das Kindermädchen lehrt
das Kind, wie es sich gegenüber seinen Eltern verhalten soll,
und der N.C.O. unterrichtet und diszipliniert den Soldaten dar-
in, wie er sich gegenüber Offizieren benehmen sollte. In psy-
choanalytischer Terminologie wird der Prozeß der Verinnerli-
chung indirekt vollzogen, nicht durch direkten Einfluß der el-
terlichen Persönlichkeit auf das Kind.8 Die direkten Kontakte
Einflusses) Dualismen jedoch viel häufiger als in der Soaialstruktur
Sozialstruktur (z,
(z. B. Nord-
osten gegen Südwesten, Götter gegen Dämonen, symbolische Linke gegen
Rechte, symbolische Männlichkeit gegen Weiblichkeit, usw.).
7 Eine vierte Instanz dieses Dreiermusters tritt in einigen großen öffentlichen
Schulen (wie in Charterhouse) auf, wo die Autorität zwischen den ruhigeren,
eleganteren, intellektuellen Führern (»Klassensprechern«) und den roheren,
lauteren, athletischen Führern aufgeteilt wird, welche die Pflicht haben, dafür
zu sorgen, daß die »Füchse« laufen, wenn der Klassensprecher ruft.
8 Hinsichtlich einer allgemeinen Diskussion kultureller Varianten der ödipus-
I
143
43
zwischen dem ersten und dem dritten Mitglied sind jedoch sehr
wichtig. In diesem Zusammenhang können wir auf das ent-
scheidende tägliche Ritual in der British Army verweisen, bei
dem der diensthabende Offizier die versammelten Soldaten und
N.C.O.s fragt, ob es irgendwelche Beschwerden gibt.
Gewiß sollte jede vollständige Diskussion des englischen Cha-
rakters sowohl ternäre als auch bipolare Muster berücksich-
tigen.

Symmetrische Motive

Bisher haben wir nur sogenannte »komplementäre« Bezie-


hungsmuster betrachtet, in denen sich die Verhaltensmuster an
einem Ende der Beziehung von den Verhaltensmustern am an-
deren Ende unterscheiden, aber doch zu ihnen passen (Herr-
schaft-Unterwerfung usw.). Es existiert jedoch eine ganze Ka-
tegorie zwischenmenschlichen Verhaltens, das nicht mit dieser
Beschreibung übereinstimmt. Zusätzlich zu den gegensätzli-
chen komplementären Mustern müssen wir die Existenz einer
Reihe von symmetrischen Mustern anerkennen, in denen Men-
schen dadurch auf das reagieren, was andere tun, indem sie
selbst etwas Ähnliches machen. Insbesondere müssen wir die
Konkurrenzmuster9 betrachten, in denen Individuum oder
Gruppe A zu mehr von irgendeinem Verhaltenstyp angespornt
wird, indem es mehr von diesem selben Verhaltenstyp (oder

Siuation und der verwandten Systeme kultureller Sanktionen vgl. M. Mead,


»Social change and cultural Surrogates«, Journal of Educ. SocioL,
Sociol., 1940, 14:
14;
92-128; und G. Röheim, The Riddle of the Sphinx, London, Hogarth Press,
1934-
9 Der Ausdruck »Kooperation«, der manchmal als das Gegenteil von »Kon-
kurrenz« verwendet wird, deckt eine sehr breite Vielfalt von Mustern ab, von
denen einige symmetrisch und einige komplementär, einige bipolar sind, wäh-
rend in anderen sich die kooperierenden Individuen hauptsächlich auf irgendein
persönliches oder unpersönliches Ziel hin orientieren. Wir dürfen damit rech-
nen, daß uns eine sorgfältige Analyse dieser Muster ein Vokabular an die Hand
geben wird, um andere Arten von nationalen Charakteristika zu beschreiben.
Eine solche Analyse kann in diesem Referat nicht angestrebt werden.
144
größere Erfolge in diesem Verhaltenstyp) bei Individuum oder
Gruppe B wahrnimmt.
Es besteht ein sehr tiefer Kontrast zwischen solchen Systemen
von Konkurrenzverhalten und komplementären Herrschaft-
Unterwerfung-Systemen - ein für jede Diskussion des Natio-
nalcharakters hochbedeutsamer Kontrast. Bei komplementären
Anstrengungen ist der Anreiz, der A zu verstärkten Bemühun-
gen veranlaßt, die relative Schwäche B's; wenn wir A dazu
bringen wollen, nachzulassen oder sich zu unterwerfen, sollten
wir ihm zeigen, daß B stärker ist als er. In der Tat läßt sich die
komplementäre Charakterstruktur mit dem Ausdruck »tyran-
nisch-feige« zusammenfassen, der die Kombination dieser Cha-
rakteristika in der Persönlichkeit impliziert. Die symmetrischen
Konkurrenzsysteme stehen andererseits in fast genauem funk-
tionalen Gegensatz zu den komplementären. Hier ist der An-
reiz, der verstärkte Bemühungen bei A auslöst, die Vorstellung
größerer Stärke oder größerer Anstrengung bei B; und umge-
kehrt, wenn wir A zeigen, daß B wirklich schwach ist, wird A
mit seinen Bemühungen nachlassen.
Wahrscheinlich sind diese beiden entgegengesetzten Muster
gleichermaßen als Potentialitäten in allen menschlichen Wesen
angelegt; es ist aber klar, daß jedes Individuum, das sich gleich-
zeitig in beiden Weisen verhält, innere Verwirrung und Kon-
flikte riskieren wird. Bei den verschiedenen nationalen Grup-
pen haben sich folgerichtig unterschiedliche Methoden heraus-
gebildet, diese Diskrepanz aufzulösen. In England und Ameri-
ka, wo Kinder und Erwachsene einem fast unaufhörlichen
Sperrfeuer der Mißbilligung ausgesetzt sind, wenn sie die kom-
plementären Muster an den Tag legen, gelangen sie unvermeid-
lich dahin, die Ethik des *fair
»fair play«
play* zu akzeptieren. Als Reak-
tion auf die Herausforderung durch Schwierigkeiten, können
sie nicht, ohne sich schuldig zu machen, nach unten treten.10
io Es ist jedoch möglich, daß in gewissen Bereichen dieser Nationen komple-
mentäre Muster in einiger Häufigkeit auftreten - besonders bei Gruppen, die
längere Zeit unter Unsicherheit und Ungewißheit gelitten haben, z. B. rassische
Minderheiten, Notstandsgebiete, die Wertpapierbörse, politische Kreise usw.

145
Für die britische Moral war Dünkirchen ein Ansporn und kein
Dämpfer.
In Deutschland aber fehlt es auffallend an eben diesen Kli-
schees, und die Gemeinschaft ist hauptsächlich auf der Basis
einer komplementären Hierarchie im Sinne von Herrschaft-
Unterwerfung organisiert. Das Herrschaftsverhalten ist scharf
und deutlich entwickelt; doch das Bild ist nicht völlig klar und
muß noch weiter untersucht werden. Ob eine reine Herrschaft-
Unterwerfung-Hierarchie jemals als ein stabiles System existie-
ren könnte ist zweifelhaft. Es scheint, als werde die Unterwer-
fungsseite des Musters in Deutschland verschleiert, so daß offen
unterwürfiges Verhalten fast genauso stark tabuisiert ist wie in
Amerika oder England. Anstelle der Unterwerfung finden wir
eine Art Kadavergehorsam.
Einen Hinweis auf den Prozeß, durch welchen die unterwürfige
Rolle modifiziert und erträglich gemacht wird, erhalten wir
durch die Interviews in einer kürzlich begonnenen Untersu-
chung deutscher Lebensgeschichten.11 Ein Deutscher be-
schrieb, wie sehr sich die Behandlung, die er als Knabe in seiner
süddeutschen Heimat erfahren hatte, von der unterschied, die
seiner Schwester zuteil wurde. Er sagte, daß von ihm viel mehr
verlangt wurde; daß es seiner Schwester gestattet war, sich der
Disziplin zu entziehen; daß, während von ihm immer erwartet
wurde, daß er die Hacken zusammenschlug und aufs Wort ge-
horchte, seine Schwester viel mehr Freiheiten hatte. Der Inter-
viewer fing sofort an, nach zwischengeschlechtlichem Geschwi-
sterneid zu suchen, aber der Befragte erklärte, daß es für den
Jungen eine größere Ehre war, zu gehorchen. »Man erwartete
nicht zu viel von Mädchen«, sagte er. »Das, wovon man meinte,
sie (die Jungen) sollten es leisten und tun, war sehr ernst, denn
sie mußten auf das Leben vorbereitet werden.« Eine interessan-
te Umkehrung von noblesse oblige.

11 G. Bateson, unveröffentlichte Forschungsarbeit für das Council on Human


Relations.
146
Motivkombinationen

Von den komplementären Motiven haben wir nur drei erwähnt


- Herrschaft-Unterwerfung, Exhibitionismus-Voyeurismus
und Unterstützung-Abhängigkeit -, aber diese drei werden
hinreichen, um die Art von verifizierbaren Hypothesen zu ver-
anschaulichen, zu denen wir gelangen können, indem wir den
Nationalcharakter in dieser Bindestrich-Terminologie be-
schreiben.12
Da alle drei Motive in allen westlichen Kulturen auftreten, be-
schränken sich die Möglichkeiten internationaler Unterschiede
auf die Verhältnisse und auf die Weisen, in denen die Motive
kombiniert sind. Die Verhältnisse sind wahrscheinlich sehr
schwer aufzuspüren, es sei denn, die Unterschiede wären sehr
groß. Wir selbst können sicher sein, daß Deutsche stärker an
Herrschaft-Unterwerfung orientiert sind als Amerikaner, aber
es wird wohl sehr schwierig sein, diese Gewißheit darzulegen.
Unterschiede im Entwicklungsgrad von Exhibitionismus-Voy-
eurismus oder Unterstützung-Abhängigkeit bei den verschie-
denen Nationen einzuschätzen, wird in der Tat wahrscheinlich
ganz unmöglich sein.
Betrachten wir jedoch die Möglichkeiten, diese Motive mitein-
ander zu kombinieren, dann finden wir scharfe qualitative Un-
terschiede, die problemlos der Verifikation zugänglich sind.
Wir wollen annehmen, daß alle drei Motive in allen Bezie-
hungen aller westlichen Kulturen entwickelt sind, und von
dieser Annahme aus dazu übergehen, uns mit der differen-
zierteren Frage zu befassen, welches Individuum welche Rolle
spielt.
Es ist logisch möglich, daß A in einer kulturellen Umgebung
herrschend und exhibitionistisch sein wird, während B unter-
würfig und voyeuristisch ist; wohingegen X in einer anderen
12 Im Rahmen einer umfassenderen Untersuchung müßten wir noch andere
Motive berücksichtigen, wie etwa Aggression-Passivität, besitzend-besessen,
Vermittler-Werkzeug usw. Und alle diese Motive müßten kritischer definiert
werden, als dies in diesem Referat möglich ist.

147
Kultur herrschend und voyeuristisch sein kann, während Y un-
terwürfig und exhibitionistisch ist.
Beispiele dieser Art von Kontrasten fallen einem ziemlich leicht
ein. Wir können also feststellen, daß sich die herrschenden Na-
zis vor den Menschen aufspielten, während der russische Zar ein
privates Ballett hielt und Stalin seine Zurückgezogenheit nur
aufgab, um seine Truppen zu besichtigen. Vielleicht könnten
wir die Beziehung zwischen der Nazi-Partei und dem Volk so
darstellen:

Partei Volk
Herrschaft Unterwerfung
Exhibitionismus Voyeurismus

Die Beziehung zwischen dem Zaren und seinem Ballett hinge-


gen sähe so aus:

Zar Ballett
Herrschaft Unterwerfung
Voyeurismus Exhibitionismus

Da diese europäischen Beispiele vergleichsweise unbewiesen


sind, ist es an diesem Punkt ratsam, das Auftreten dieser Unter-
schiede durch die Beschreibung eines ziemlich überraschenden
ethnographischen Unterschiedes zu demonstrieren, der aus-
führlicher belegt ist. In Europa, wo wir dazu neigen, unterstüt-
zendes Verhalten mit sozialer Überlegenheit zu assoziieren,
konstruieren wir unsere Ursprungssymbole dementsprechend.
Unser Gott oder unser König ist der »Vater« seines Volkes. In
Bali dagegen sind die Götter die »Kinder« des Volkes, und
wenn ein Gott aus dem Mund einer Person spricht, die sich im
Trancezustand befindet, dann redet er jeden, der zuhört, mit
»Vater« an. Ähnlich wird der Radscha durch sein Volk sajang-
148
anga (»verwöhnt« wie ein Kind). Die Balinesen lieben es über-
dies, Kinder die kombinierten Rollen als Gott und Tänzer spie-
len zu lassen; in der Mythologie ist der vollkommene Prinz
geschmückt und narzißtisch. Daher läßt sich das balinesische
Muster wie folgt zusammenfassen:

Hoher Status Niedriger Status


Abhängigkeit Unterstützung
Exhibitionismus Voyeurismus
Und dieses Diagramm würde auch besagen, daß die Balinesen
Abhängigkeit, Exhibitionismus und überlegene Stellung nicht
nur als natürlich zusammengehörig empfinden, sondern daß ein
Balinese auch nicht bereit sein wird, Unterstützung mit Exhibi-
tionismus zu kombinieren (das heißt, in Bali fehlt es ganz an
dem ostentativen Geschenke-Machen, das für viele primitive
Völker charakteristisch ist), oder verlegen sein wird, wenn er
durch den Kontext gezwungen ist, sich um eine solche Kombi-
nation zu bemühen.
Obwohl die entsprechenden Diagramme für unsere westlichen
Kulturen nicht mit derselben Gewißheit aufgestellt werden
können, lohnt der Versuch, sie für die Eltern-Kind-Beziehung
in der englischen, amerikanischen und deutschen Kultur zu ent-
werfen. Wir müssen allerdings einer zusätzlichen Komplikation
begegnen: Wenn wir die Eltern-Kind-Beziehungen anstelle der
Beziehungen zwischen Prinzen und Volk untersuchen, haben
wir besonders die Veränderungen des Musters zu berücksichti-
gen, die sich ergeben, wenn das Kind älter wird. Unterstüt-
zung-Abhängigkeit ist zweifellos ein vorherrschendes Motiv
in der frühen Kindheit, aber später wird diese extreme Ab-
hängigkeit durch vielfältige Mechanismen modifiziert, die zu
einem gewissen Maß an psychologischer Unabhängigkeit
führen.
Das englische Oberklassen- und Mittelklassensystem würde
sich wie folgt diagrammatisch darstellen:

149
49
Eltern Kinder
Herrschaft Unterwerfung (modifiziert durch
das »ternäre« Kindermädchen-
System)
Unterstützung Abhängigkeit (Abhängigkeitsge-
wohnheiten werden durch Tren-
nung aufgebrochen - Kind wird
zur Schule geschickt)
Exhibitionismus Voyeurismus (Kinder hören bei
Mahlzeiten schweigend zu)

Im Kontrast hierzu scheint das entsprechende amerikanische


Muster so auszusehen:

Eltern Kinder
Herrschaft (leicht) Unterwerfung (leicht)
Unterstützung Abhängigkeit
Voyeurismus Exhibitionismus

Und dieses Muster unterscheidet sich vom englischen nicht nur


durch die Umkehrung der Rollen Voyeurismus-Exhibitionis-
mus, sondern auch durch den Inhalt dessen, was exhibitioni-
stisch gezeigt wird. Das amerikanische Kind wird von seinen
Eltern ermutigt, seine Unabhängigkeit zhzu demonstrieren. Ge-
wöhnlich wird der Prozeß der psychologischen Ablösung nicht
dadurch abgeschlossen, daß das Kind auf ein Internat geschickt
wird; statt dessen wird der Exhibitionismus des Kindes gegen
seine Unabhängigkeit ausgespielt, bis diese neutralisiert ist.
Später kann das Individuum von dieser Zurschaustellung seiner
Unabhängigkeit manchmal im erwachsenen Leben dazu über-
gehen, sich mit Unterstützung zu brüsten, wobei seine Frau
und seine Familie in gewissem Maße zu seinen »Ausstellungs-
stücken« werden.
Obwohl das entsprechende deutsche Muster dem amerikani-
schen wahrscheinlich in der Anordnung der paarweisen kom-
150
plementären Rollen ähnelt, unterscheidet es sich gewiß dadurch
von ihm, daß die Herrschaft des Vaters viel stärker und konse-
quenter ist, und vor allem dadurch, daß der Inhalt des Exhibi-
tionismus beim Knaben ein ganz anderer ist. Er wird in der Tat
zu einer Art Exhibitionismus des Parierens gezwungen, der an
die Stelle offen unterwürfigen Verhaltens tritt. Während also im
amerikanischen Charakter Exhibitionismus von den Eltern als
eine Methode der psychologischen Ablösung unterstützt wird,
sind seine Funktion und sein Inhalt für den Deutschen völlig
anders.
Unterschiede dieser Ordnung, mit denen man bei allen europäi-
schen Nationen rechnen kann, bilden wahrscheinlich die
Grundlage für viele unserer naiven und oft unfreundlichen na-
tionalistischen Äußerungen. Sie können tatsächlich von beacht-
licher Bedeutung für die Mechanik internationaler Beziehungen
sein, da ihr Verständnis einige unserer Mißverständnisse auflö-
sen könnte. Für den amerikanischen Geschmack erscheinen die
Engländer zu oft als »arrogant«, während der Engländer den
Amerikaner als »großspurig« wahrnehmen wird. Wenn wir ge-
nau zeigen könnten, wieviel Wahrheit und wieviel Verzerrung
in diesen Eindrücken steckt, wäre dies ein wirklicher Beitrag
zur Zusammenarbeit der Alliierten.
Im Rahmen der oben aufgeführten Diagramme würde die »Ar-
roganz« des Engländers auf der Kombination von Herrschaft
und Exhibitionismus beruhen. Der Engländer in einer ausfüh-
renden Rolle (der Vater beim Frühstück, der Zeitungsverleger,
der politische Sprecher, der Redner oder sonst wer) geht davon
aus, daß er auch eine herrschende Rolle spielt - daß er im Sinne
vager, abstrakter Standards entscheiden kann, was für eine Vor-
stellung er gibt -, und das Publikum kann »es hinnehmen oder
sein lassen«. Seine eigene Arroganz betrachtet er entweder als
»natürlich« oder als abgemildert durch seine Demut angesichts
der abstrakten Standards. Ganz ohne Gespür dafür, daß man ja
sein Verhalten als eine Beurteilung seines Publikums interpre-
tieren könnte, ist er sich im Gegenteil nur bewußt, die Rolle des
Ausführenden, so wie er sie versteht, zu spielen. Aber der Ame-
rikaner sieht es nicht so. Ihm erscheint das »arrogante« Verhal-
ten des Engländers als gegen das Publikum gerichtet, wobei die
implizite Beschwörung einer abstrakten Norm nur als eine zu-
sätzliche Beleidigung zu der Verletzung wirkt.
Ähnlich
Ahnlich ist das Verhalten, welches ein Engländer bei einem
Amerikaner als »großspurig« interpretiert, nicht aggressiv, ob-
wohl der Engländer den Eindruck haben kann, er werde einer
Art abschätzigem Vergleich unterworfen. Er weiß nicht, daß
sich Amerikaner tatsächlich nur gegenüber Menschen so ver-
halten, die sie eher mögen und respektieren. Nach der oben
aufgestellten Hypothese resultiert das Muster der »Großspurig-
keit« aus der eigenartigen Verbindung, durch welche die Zur-
schaustellung von Selbstgenügsamkeit und Unabhängigkeit ge-
gen Uberabhängigkeit ausgespielt wird. Wenn der Amerikaner
prahlt, erwartet er Anerkennung seiner gestandenen Unabhän-
gigkeit; aber der naive Engländer interpretiert dieses Verhalten
als ein Bemühen um irgendeine Art von Herrschaft oder Über-
legenheit.
So können wir annehmen, daß sich der ganze Beigeschmack
einer nationalen Kultur von dem einer anderen unterscheiden
kann und daß solche Unterschiede beträchtlich genug sein kön-
nen, um zu ernsthaften Mißverständnissen zu führen. Es ist
jedoch wahrscheinlich, daß diese Unterschiede ihrer Natur
nach nicht so komplex sind, sich einer Erforschung zu entzie-
hen. Hypothesen wie die hier aufgestellten lassen sich leicht
überprüfen, und Forschungsarbeit ist in diesem Bereich drin-
gend erforderlich.

Nationalcharakter und amerikanische Moral

Indem wir die Motive der Beziehungen zwischen Personen und


Gruppen als Schlüssel zum Nationalcharakter verwendet ha-
ben, gelang es uns, bestimmte Ordnungen von regelmäßigen
Unterschieden aufzuweisen, die wir bei den Völkern unserer
westlichen Zivilisation erwarten dürfen. Unsere Behauptungen

U2
waren notwendig eher theoretisch als empirisch; doch aus der
theoretischen Struktur, die wir aufgebaut haben, ist es möglich,
gewisse Formeln zu ziehen, die für den Schöpfer einer Moral
nützlich sein könnten.
Alle diese Formeln beruhen auf der allgemeinen Annahme, daß
Menschen am energischsten reagieren, wenn der Kontext so
strukturiert ist, daß er an ihre gewohnten Reaktionsmuster ap-
pelliert. Es ist nicht sinnvoll, einen Esel mit rohem Fleisch dazu
bewegen zu wollen, den Berg hochzugehen, noch wird ein Lö-
we auf Gras reagieren.
(1) Da alle westlichen Nationen dazu tendieren, sich in bipola-
ren Formen zu verhalten und in ihnen zu denken, werden wir
beim Aufbau einer amerikanischen Moral gut daran tun, unsere
verschiedenen Feinde als ein feindliches Einzelwesen aufzufas-
sen. Die Unterscheidungen und Abstufungen, die Intellektuelle
vorziehen könnten, sind eher störend.
(2) Da sowohl Amerikaner als auch Engländer höchst energisch
auf symmetrische Reize reagieren, wäre es sehr unklug von uns,
die Schrecken des Krieges zu verharmlosen. Wenn uns unsere
Feinde an irgendeinem Punkt schlagen, sollte diese Tatsache so
weit wie möglich als eine Herausforderung und als ein Ansporn
für verstärkte Bemühungen ausgenutzt werden. Wenn unsere
Streitkräfte einen Rückschlag erlitten haben, sollten sich unsere
Zeitungen nicht beeilen, uns zu berichten, daß »feindliche Vor-
märsche zum Stillstand gebracht worden sind«. Militärische
Fortschritte sind immer periodisch, und der Augenblick des
Zuschlagens, der Augenblick, in dem ein Höchstmaß an Moral
erforderlich ist, tritt dann ein, wenn der Feind seine Stellung
festigt und den nächsten Schlag vorbereitet. In einem solchen
Augenblick ist es nicht sinnvoll, die Angriffsenergie unserer
Führer und unseres Volkes durch selbstgefällige Beteuerungen
zu reduzieren.
(3) Es besteht jedoch eine oberflächliche Diskrepanz zwischen
der Gewohnheit symmetrischer Motivation und der Notwen-
digkeit, Selbständigkeit zu zeigen. Wir haben vermutet, daß der
amerikanische Junge durch jene Ereignisse in der Kindheit

DJ
U3
lernt, auf eigenen Füßen zu stehen, in denen seine Eltern aner-
kennende Zuschauer seiner Selbständigkeit waren. Wenn diese
Diagnose richtig ist, würde daraus folgen, daß ein gewisses
Aufschäumen der Selbstverliebtheit bei Amerikanern normal
und gesund ist und vielleicht einen wesentlichen Bestandteil der
amerikanischen Unabhängigkeit und Stärke ausmacht.
Ein zu wörtliches Befolgen der obengenannten Formeln, ein zu
starkes Insistieren auf Katastrophen und Schwierigkeiten könn-
te daher zu einem Energieverlust durch Unterdrückung dieses
spontanen Uberschwangs führen. Eine ziemlich konzentrierte
Diät von »Blut, Schweiß und Tränen« könnte für die Engländer
gut sein; aber die Amerikaner kann, obwohl sie nicht weniger
auf symmetrische Motivation angewiesen sind, der Hafer nicht
stechen, wenn sie mit nichts als Unheil gefüttert werden. Unse-
re öffentlichen Sprecher und Zeitungsverleger sollten niemals
die Tatsache verharmlosen, daß wir eine große Aufgabe vor uns
haben, aber sie werden auch gut daran tun, zu betonen, daß
Amerika eine große Nation ist. Jeder Versuch, die Amerikaner
durch Verniedlichung der Stärke des Feindes in Sicherheit zu
wiegen, muß vermieden werden, aber offenes Rühmen der tat-
sächlich erzielten Erfolge ist von Nutzen.
(4) Weil unsere Vorstellung vom Frieden ein Faktor in unserer
Kriegsmoral ist, muß sofort auch die Frage gestellt werden,
welches Licht die Untersuchung nationaler Unterschiede auf
die Probleme des friedlichen Zustandes werfen kann.
Wir müssen einen Friedensvertrag ausarbeiten, (a) für den
Amerikaner und Engländer kämpfen werden, um ihn durchzu-
setzen und (h),
(b), der die besten anstelle der schlechtesten Cha-
rakteristika unserer Feinde herauslockt. Wenn wir uns ihm wis-
senschaftlich nähern, übersteigt ein solches Problem keines-
wegs unsere Fertigkeiten.
Die auffälligste psychologische Hürde, die beim Entwurf eines
solchen Friedensabkommens überwunden werden muß, ist der
Kontrast zwischen den symmetrischen Mustern der Engländer
und Amerikaner und dem komplementären Muster der Deut-
schen mit seiner Tabuisierung offen unterwürfigen Verhaltens.

154
Die alliierten Nationen sind psychologisch nicht dafür ausgerü-
stet, einen strengen Vertrag zu erzwingen; sie könnten einen
solchen Vertrag aufsetzen, aber nach sechs Monaten würden sie
müde, den Verlierer unten zu halten. Wenn die Deutschen
dagegen ihre Rolle als »unterwürfig« ansehen, werden sie nicht
ohne strenge Behandlung unten bleiben. Wir haben gesehen,
daß sich solche Erwägungen sogar auf eine so milde Bestrafung
anwenden lassen, wie sie in Versailles ersonnen wurde; die Alli-
ierten unterließen es, sie zu erzwingen, und die Deutschen wei-
gerten sich, sie anzunehmen. Es ist daher nutzlos, von einem
solchen Abkommen zu träumen, und weniger als nutzlos, sol-
che Träume als eine Möglichkeit zu wiederholen, unsere Moral
jetzt zu heben, wo wir mit Deutschland im Streit liegen. Dies
zu tun würde nur die Probleme in der endgültigen Abmachung
verdunkeln.
Diese Unvereinbarkeit von komplementärer und symmetri-
scher Motivation bedeutet in der Tat, daß der Vertrag nicht um
einfache Motive von Herrschaft-Unterwürfigkeit herum orga-
nisiert werden kann; wir sind also gezwungen, nach alternati-
ven Lösungen zu suchen. Wir müssen beispielsweise das Motiv
von Exhibitionismus-Voyeurismus erforschen - welche würdi-
ge Rolle kann jede der verschiedenen Nationen am besten spie-
len? -, und auch die von Unterstützung-Abhängigkeit - welche
Motivierungsmuster sollen wir in der hungernden Nachkriegs-
welt zwischen denen, die Nahrung geben und denen, die Nah-
rung erhalten, in Erinnerung rufen? Und als Alternative zu
diesen Lösungen haben wir die Möglichkeit irgendeiner dreifa-
chen Struktur, innerhalb derer sowohl die Alliierten als auch
Deutschland sich unterwerfen würden; nicht einander, sondern
irgendeinem abstrakten Prinzip.
Bali: Das Wertsystem in einem Zustand
::
des Fließgleichgewichts
Fließgleichgewichts"" '

»Ethos«
»Ethos* und »Schismogenese«
»Schismogenese*

Es wäre eine zu starke Vereinfachung - und sogar falsch zu


behaupten, daß die Wissenschaft durch die Konstruktion und
empirische Uberprüfung immer neuer Arbeitshypothesen not-
wendig fortschreitet. Es kann einige Physiker und Chemiker
geben, die tatsächlich in dieser orthodoxen Weise vorgehen,
aber unter den Sozialwissenschaftlern findet sich vielleicht kein
einziger. Unsere Begriffe sind lose definiert - ein Nebel von
Helldunkel deutet schärfere Linien an, die noch nicht gezogen
sind -, und unsere Hypothesen sind noch so vage, daß wir uns
kaum ein entscheidendes Beispiel ausmalen können, dessen Un-
tersuchung sie überprüfen wird.
Dieses Papier ist ein Versuch, eine Idee klarer zu machen, die
ich im Jahr 19361 veröffentlicht habe und die seitdem nicht
mehr aufgegriffen wurde. Der Begriff Ethos hat sich für mich
als ein wichtiges begriffliches Hilfsmittel erwiesen, und mit sei-
ner Hilfe gelang es mir, zu einem genaueren Verständnis der
latmul-Kultur zu kommen. Aber diese Erfahrung bewies kei-
neswegs, daß dieses Hilfsmittel auch notwendig in anderen
Händen oder für die Analyse anderer Kulturen von Nutzen
sein würde. Die allgemeinste Schlußfolgerung, die ich ziehen
konnte, war von dieser Art: Daß meine eigenen geistigen Pro-
zesse bestimmte Charakteristika hatten; daß die Reden, Hand-
lungen und die Organisation der latmul bestimmte Charakteri-
stika hatten; und daß die Abstraktion »Ethos« irgendeine -
vielleicht katalytische - Rolle für die Erleichterung der Relation

* Dieser Aufsatz erschien in Social Structure: Studies Presented to A. R. Rad-


cliffe-Brown, herausgegeben von Meyer-Fortes, 1949. Abdruck mit Genehmi-
gung der Clarendon Press. Die Vorbereitung des Aufsatzes wurde mit einem
Guggenheim-Stipendium gefördert.
1 G. Bateson, Naven, Cambridge, Cambridge University Press, 19)6. 1936.
156
zwischen diesen beiden Besonderheiten spielte: meinem Geist
und den Daten, die ich selbst zusammengetragen hatte.
Unmittelbar nach der Fertigstellung des Manuskripts von Nü-
ven ging ich
Ich mit der Absicht nach Bali, dieses Hilfsmittel, das
für die Analyse der latmul entwickelt worden war, an balinesi-
schen Daten auszuprobieren. Aus irgendeinem Grund tat ich
dies jedoch nicht, teils, weil ich in Bali zusammen mit Margaret
Mead daran arbeitete, andere Hilfsmittel ausfindig zu machen -
fotografische Methoden der Darstellung und der Beschrei-
bung -, und teils, weil ich die Techniken erlernte, die Entwick-
lungspsychologie auf kulturelle Daten anzuwenden, ganz be-
sonders aber, weil ich irgendwie das Gefühl hatte, daß dieses
Hilfsmittel der neuen Aufgabe unangemessen war.
Nicht, daß der Ethos in irgendeinem Sinn widerlegt worden
wäre - ein Hilfsmittel oder eine Methode können sich in der Tat
schwerlich als falsch erweisen. Man kann nur zeigen, daß sie
nicht nützlich sind, und in diesem Fall gab es noch nicht einmal
einen klaren Hinweis auf die Untauglichkeit. Die Methode
blieb nahezu unerprobt, und alles, was ich sagen konnte, war,
daß die ethologische Analyse nach dieser Kapitulation vor den
Daten, die der erste Schritt in aller anthropologischen For-
schung ist, nicht die nächste Aufgabe zu sein schien.
Jetzt ist es möglich, anhand balinesischer Daten zu zeigen, wel-
che Besonderheiten dieser Kultur mich von der ethologischen
Analyse abgelenkt haben könnten, und diese Demonstration
wird zu einer größeren Verallgemeinerung der Abstraktion
Ethos führen. Wir werden in dem Prozeß gewisse heuristische
Fortschritte machen, die uns zu strengeren deskriptiven Verfah-
ren im Umgang mit anderen Kulturen führen können.
(1) Die Analyse der latmul-Daten führte zu der Definition von
Ethos als »Ausdruck eines kulturell standardisierten Organisa-
tionssystems der Instinkte und Gefühle der Individuen«.21
(2) Die Analyse des Ethos bei den latmul - die in der Ordnung
von Daten besteht, um bestimmte wiederkehrende »Schwer-

2 Naven, S. 118.

157
'57
punkte« oder »Themen« klarzumachen - führte zur Anerken-
nung der Schismogenese. Es schien, als schließe das Funktionie-
ren der latmul-Gesellschaft inter alia zwei Klassen von regene-
rativen3 oder »vitiösen« Zirkeln ein. Beide waren Abfolgen so-
zialer Interaktion, dergestalt, daß A's Handlungen Reize für B's
Handlungen waren, die ihrerseits Stimuli für intensiveres Han-
deln von seilen
Seiten A's wurden und so weiter, wobei A und B
Personen sind, die entweder als Individuen oder als Gruppen-
mitglieder handeln.
(3) Diese schismogenen Abfolgen ließen sich in zwei Klassen
einordnen: (a) symmetrische Schismogenese, wobei die sich
wechselseitig fördernden Handlungen A's und B's im wesentli-
chen gleichartig waren, z. B. in Fällen der Konkurrenz, der
Rivalität und ähnlichem; und (b) komplementäre Schismogene-
se, wobei die sich wechselseitig fördernden Handlungen im we-
sentlichen ungleichartig, aber wechselseitig angemessen sind,
z. B. in allen Fällen von Herrschaft-Unterwerfung, Unterstüt-
zung-Abhängigkeit, Exhibitionismus-Voyeurismus und ähnli-
chen.
(4) Im Jahr 1939 wurde ein beachtlicher Fortschritt bei der
Definition der formalen Relationen zwischen den Begriffen der
symmetrischen und der komplementären Schismogenese er-
zielt. Dieser ergab sich aus einem Versuch, die Theorie der
3 Die Ausdrücke »regenerativ« und »degenerativ« stammen aus der Kommuni-
kationstechnik. Ein regenerativer oder »vitiöser« Kreislauf ist eine Kette von
Variablen des allgemeinen Typs: Steigerung in A verursacht Steigerung in B;
Steigerung in B verursacht Steigerung in C...; Steigerung in N verursacht
Steigerung in A. Ein solches System wird, sofern es mit den erforderlichen
Energiequellen ausgestattet ist und wenn die entsprechenden äußeren Faktoren
mitspielen, eindeutig mit einem immer höheren Intensitätsgrad operieren. Ein
»degenerativer«
•degenerativer« oder »selbstregulierender« Kreislauf unterscheidet sich dadurch
von einem regenerativen, daß er zumindest eine Verbindung des folgenden Typs
enthält: »Steigerung in N verursacht Abnahme
Ahnahme in M.« Der Hausthermostat
oder die Dampfmaschine mit Regler sind Beispiele für solche selbstregulie-
renden Systeme. Man wird feststellen, daß derselbe materielle Kreislauf in vie-
len Fällen entweder regenerativ oder degenerativ sein kann, je nach der Höhe
der Ladung, der auf dem Weg übertragenen Impulsfrequenz und den Zeitcha-
rakteristika des gesamten Weges.
158
Schismogenese mit Hilfe von Richardsons Gleichungen über
internationale Rüstungswettläufe darzustellen.4 Die Gleichun-
gen für die Rivalität leisteten offensichtlich eine erste Annähe-
rung an die von mir so genannte »symmetrische Schismogene-
se«. Diese Gleichungen gehen davon aus, daß die Intensität von
A's Handlungen (in Richardsons Fall seine Rüstungsrate) ein-
fach proportional zu dem Betrag ist, um den B vor A liegt. Das
Reizglied ist in der Tat (B —A), und wenn dieses Glied positiv
ist, erwartet man, daß A seine Rüstungsanstrengungen verstär-
ken wird. Richardsons zweite Gleichung macht mutatis mutan-
dis dieselbe Annahme über B's Handlungen. Diese Gleichun-
gen legten die Vermutung nahe, daß andere einfache Rivalitäts-
oder Konkurrenzphänomene - z. B. Prahlen -, auch wenn sie
nicht einer so einfachen Messung ausgesetzt sind wie die Rü-
stungsausgaben, doch auf eine schlicht analoge Menge von Re-
lationen zurückführbar sein könnten, würden sie schließlich
gemessen.
Die Sache war jedoch im Fall der komplementären Schismoge-
nese nicht so klar. Richardsons Gleichungen für die »Unter-
werfung« definieren offenbar ein Phänomen, das sich in gewis-
ser Hinsicht von einer progressiven komplementären Bezie-
hung unterscheidet, und die Form seiner Gleichungen be-
schreibt die Wirkung eines Faktors »Unterwürfigkeit«, der das
Symptom kriegerischer Bemühung verlangsamt und schließlich
umkehrt. Was jedoch erforderlich war, um komplementäre
Schismogenese zu beschreiben, war eine Gleichungsform, die
eine scharfe und diskontinuierliche Umkehrung des Symptoms
ergab. Eine solche Gleichungsform wird erreicht, wenn man
annimmt, daß A's Handlungen in einer komplementären Bezie-
hung proportional zu einem Reizglied des Typs (A — B) stehen.
—B)
Eine solche Form hat auch den Vorteil, daß sie automatisch die
Handlungen eines der Beteiligten als negativ definiert und so
eine mathematische Analogie zu dem offensichtlichen psycho-
logischen Bezogensein von Herrschaft auf Unterwerfung, Ex-
4 L. F. Richardson, »Generalized Foreign Politics«, British
Britisb Journal of Psycho-
logy, Monograph Supplement XXIII, 1939.

159
U9
hibitionismus auf Voyeurismus, Unterstützung auf Abhängig-
keit usw. ergibt.
Vor allem ist diese Formulierung selbst eine Negation der For-
mulierung für Rivalität, wobei das Reizglied das Gegenteil dar-
stellt. Man hat beobachtet, daß symmetrische Handlungsabläu-
fe stark dazu neigen, die Spannung übertrieben komplementä-
rer Beziehungen zwischen Personen oder Gruppen zu reduzie-
ren.5 Es ist verführerisch, diesen Effekt mit einer Hypothese zu
erklären, die die beiden Typen der Schismogenese in gewissem
Maße psychologisch unvereinbar machen würde, wie dies
durch die oben erwähnte Formulierung geschieht.
(5) Es ist interessant festzustellen, daß alle mit den erogenen
Zonen6 verbundenen Modi Themen für die komplementäre Be-
ziehung definieren, auch wenn sie nicht eindeutig quantifizier-
bar sind.
(6) Der oben, in Absatz 5, angedeutete Zusammenhang mit den
erogenen Zonen zeigt, daß wir vielleicht nicht an einfache stei-
gende Exponentialkurven der Intensität denken sollten, die nur
durch solche Faktoren wie Ermüdung begrenzt werden - was
etwa Richardsons Gleichungen implizieren würden -, sondern
daß wir eher mit einer Eingrenzung unserer Kurven durch Phä-
nomene rechnen sollten, die dem Orgasmus vergleichbar sind -
daß das Erreichen eines bestimmten Grades körperlicher oder
nervlicher Beanspruchung oder Intensität von einem Nachlas-
sen der schismogenen Spannung gefolgt sein kann. In der Tat

Naven, S. 173.
5 Navert,
6 E,
E. H. Homburger, »Configurations in Play:
Play; Psychological Notes«, Psycho-
analytical Quarterly, 1937, vi: 138-214. Dieser Aufsatz, einer der bedeutendsten
in der Literatur, die versucht, psychoanalytische Hypothesen strenger zu fas-
sen, befaßt sich mit den »Modi«, die den verschiedenen erogenen Zonen eigen
sind - Eindringen, Einverleibung, Zurückhalten und ähnliches -, und zeigt, wie
diese Modi von einer Zone zur anderen verlagert werden können. Das führt den
Autor zu einem Schaubild der möglichen Permutationen und Kombinationen
solcher verlagerten Modalitäten. Dieses Schaubild liefert präzise Mittel, den
Verlauf der Entwicklung einer großen Vielfalt verschiedener Typen von Cha-
rakterstrukturen zu beschreiben (z. B. wie man sie in verschiedenen Kulturen
antrifft).
160
scheint alles, was wir über menschliche Wesen in verschiedenen
Arten einfacher Wettkämpfe wissen, darauf hinzudeuten, daß
dies der Fall ist und daß der bewußte oder unbewußte Wunsch
nach einer solchen Entlastung ein entscheidender Faktor ist, der
die Beteiligten anzieht und sie daran hindert, sich einfach aus
Wettkämpfen zurückzuziehen, die sich ansonsten nicht für den
»Common sense*
sense« empfehlen würden. Wenn es irgendein grund-
legendes menschliches Charakteristikum gibt, das den Men-
schen für Kämpfe empfänglich macht, dann scheint es diese
Hoffnung auf Entlastung von der Spannung durch totale Bean-
spruchung zu sein. Im Fall des Krieges ist dieser Faktor zwei-
fellos oft sehr wichtig. (Die eigentliche Wahrheit - daß in der
modernen Kriegführung nur sehr wenige der Beteiligten diese
höhepunktartige Entspannung erreichen - scheint kaum gegen
den hinterhältigen Mythos des »totalen« Krieges zu sprechen.)
(7) Im Jahr 1936 wurde angenommen, daß das Phänomen des
»Sich-Verliebens« einer Schismogenese mit umgekehrten Vor-
zeichen vergleichbar sein könnte, und sogar, daß »der Verlauf
wahrer Liebe einer Exponentialkurve folgen würde, wenn er
jemals gleichmäßig wäre«.7 Richardson8 hat seitdem, unabhän-
gig davon, dieselbe Behauptung mit formaleren Mitteln darge-
tan. Absatz 6 zeigt klar, daß die »Exponentialkurven« einem
Kurventyp weichen müssen, der nicht unbegrenzt ansteigt,
sondern einen Höhepunkt erreichen und dann fallen wird. Was
jedoch den Rest angeht, spricht die offensichtliche Beziehung
dieser Interaktionsphänomene zu Höhepunkt und Orgasmus
sehr stark dafür, die Schismogenese und jene kumulativen In-
teraktionsabläufe, die zur Liebe führen, als zumeist psycholo-
gisch äquivalent zu betrachten. (Man denke an die erstaunlichen
Verwirrungen von Kampf und Liebesspiel, die symbolischen
Gleichsetzungen des Orgasmus mit dem Tod, den regelmäßigen
Gebrauch von Angriffsorganen zur Erhöhung der sexuellen
Anziehung bei Säugetieren usw.)
(8) Schismogene Abläufe waren in Bali nicht zu finden. Diese
7 Naven, S. 197.
8 Op. dt.,
dtS. 193.
S. 195.
161
negative Behauptung ist von so entscheidender Wichtigkeit und
steht im Widerspruch zu so vielen Theorien des sozialen Ge-
gensatzes und des marxistischen Determinismus, daß ich hier,
um Glaubwürdigkeit zu erreichen, schematisch den Prozeß der
Charakterbildung, der daraus resultierenden balinesischen
Charakterstruktur, die Ausnahmefälle, in denen eine Art ku-
mulative Interaktion erkennbar ist, und die Methoden, mit de-
nen Streitigkeiten und Statusdifferenzierung behandelt werden,
beschreiben muß. (Eine genaue Analyse der verschiedenen
Punkte und des Belegmaterials kann hier nicht wiedergegeben
werden, ich gebe aber Hinweise auf die veröffentlichten Quel-
len, wo die Daten überprüft werden können.)9

Der balinesische Charakter

(a) Die wichtigste Ausnahme von der oben erwähnten Verallge-


meinerung tritt in der Beziehung zwischen Erwachsenen (be-
sonders Eltern) und Kindern auf. Normalerweise wird die Mut-
ter einen kleinen Flirt mit dem Kind anfangen, an seinem Penis
ziehen oder es sonst irgenwie zu zwischenmenschlichen Aktivi-
täten reizen. Dadurch wird das Kind erregt, und es wird für
einige Augenblicke zu kumulativer Interaktion kommen. Wenn
dann das Kind, das in die Nähe eines kleinen Höhepunkts
kommt, seine Arme um den Hals der Mutter wirft, schweift
ihre Aufmerksamkeit ab. Ah Aln diesem Punkt wird das Kind nor-
malerweise eine andere kumulative Interaktion anfangen, die
sich in Richtung auf einen Wutanfall entwickelt. Die Mutter
wird entweder die Rolle einer Zuschauerin spielen und sich
über die schlechte Laune des Kindes amüsieren oder, wenn das
Kind sie wirklich angreift, seinen Angriff abwehren, ohne selbst
Verärgerung zu zeigen. Diese Abläufe lassen sich entweder als
ein Ausdruck des Mißfallens der Mutter für diesen Typ persön-
9 Vgl. besonders G. Bateson und M. Mead, Balinese Character: A Photographic
Analysis. Da dieser fotografische Bericht vorliegt, werden diesem Aufsatz keine
Fotografien beigefügt.
162
lieber
licher Verwicklung oder als ein Kontext interpretieren, in dem
das Kind ein tiefes Mißtrauen gegenüber solcher Verwicklung
erwirbt. Die vielleicht grundlegende menschliche Tendenz zu
kumulativer persönlicher Interaktion wird auf diese Weise ge-
10
dämpft.
dämpft.^ Möglicherweise wird der Höhepunkt durch irgendei-
ne Art kontinuierlicher Intensitätsebene ersetzt, wenn das Kind
vollständiger an das balinesische Leben angepaßt ist. Das kann
im Augenblick für sexuelle Beziehungen nicht eindeutig doku-
mentiert werden, es gibt aber Hinweise darauf, daß ein Plateau-
Typ der Abfolge für die Trance und für Streitigkeiten charakte-
ristisch ist (vgl. d, unten).
(b) Ähnliche Abläufe haben den Effekt, die Tendenzen des Kin-
(h)
des zu Konkurrenz- und Rivalitätsverhalten abzuschwächen.
Die Mutter wird das Kind beispielsweise dadurch ärgern, daß
sie das Baby irgendeiner anderen Frau stillt, und sich an den
Bemühungen ihres eigenen Kindes freuen, den Eindringling
11
von der Brust wegzustoßen.
wegzustoßen."
(c) Das allgemeine Fehlen von Höhepunkten ist charakteristisch
für die Musik, das Drama und andere Kunstformen der Baline-
sen. Die Musik hat normalerweise einen Verlauf, der sich von
der Logik ihrer formalen Struktur herleitet, und Modifikatio-
nen der Intensität werden durch die Dauer und den Fortschritt
der Ausarbeitung dieser formalen Relationen bestimmt. Sie hat
nicht die wachsende Intensität und die Höhepunktstruktur, die
für die moderne abendländische Musik charakteristisch ist, son-
Verlauf.12
dern eher einen formalen Verlauf."
(d) Die balinesische Kultur verfügt über festgelegte Techniken
für den Umgang mit Streitigkeiten. Wenn sich zwei Menschen
gestritten haben, werden sie formal zum Amt des örtlichen
Vertreters des Radscha gehen und dort ihren Streit melden,
wobei sie sich einigen, daß derjenige, der den anderen an-
spricht, eine Strafe bezahlen oder den Göttern ein Opfer brin-
10 Op. dtAbb.
cit., Abb. 47 und S. 32-36.
32-36,
11 Ibid. Abb. 49, 52, 53 und 69-72.
12 Vgl. Colin McPhee, »The Absolute Music of Bali«, Modem Music, 1935;
und A House in Bali, London, Gollancz, 1947.
163
i6
3
gen soll. Wenn der Streit später beigelegt wird, kann dieser
Vertrag fcrjjial
fc-mal aufgehoben werden. Kleinere - aber ähnliche -
Vermeidungen (pwik) werden selbst von kleinen Kindern in
ihren Streitigkeiten praktiziert. Es ist vielleicht bezeichnend,
daß dieses Vorgehen keinen Versuch darstellt, die Protagonisten
weg von der Feindseligkeit und hin zur Freundschaft zu führen.
Eher handelt es sich um eine formale Anerkennung des Status
ihrer wechselseitigen Beziehung und vielleicht in gewisser Wei-
se eine Festlegung ihrer Beziehung auf diesen Status. Wenn
diese Interpretation richtig ist, würde diese Methode des Um-
gangs mit Streitigkeiten der Ersetzung eines Höhepunkts durch
ein Plateau entsprechen.
(e) Im Hinblick auf Kriegführung zeigen zeitgenössische Kom-
mentare zu den alten Kriegen zwischen den Radschas, daß der
Krieg in der Zeit, als die Kommentare gesammelt wurden
(1936-1939), die Interpretation erfuhr, große Elemente der
wechselseitigen Vermeidung zu enthalten. Das Dorf Bajoeng
Gede war von einem alten Wall und Graben umgeben, und die
Einwohner erklärten die Funktionen dieser Befestigungen fol-
gendermaßen: »Wenn wir beide Streit hätten, würdest du einen
Graben um dein Haus ziehen. Später würde ich kommen, um
mit dir zu kämpfen, aber ich würde den Graben vorfinden, und
es käme nicht zu einem Kampf« - eine Art wechselseitige Magi-
notlinien-Psychologie. Entsprechend waren die Grenzen zwi-
schen benachbarten Königreichen im allgemeinen ein verlasse-
nes Niemandsland, das nur von Vagabunden und Verbannten
bewohnt wurde. (Eine ganz andere Psychologie der Kriegfüh-
rung wurde zweifellos entwickelt, als sich das Königreich von
Karangasem zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts auf die
Eroberung der Nachbarinsel Lombok einließ. Die Psychologie
dieses Militarismus ist noch nicht erforscht worden, es gibt aber
Gründe für die Annahme, daß sich die Zeitperspektive der bali-
nesischen Siedler in Lombok heute signifikant von jener der
unterscheidet.)'135
Balinesen in Bali unterscheidet.)
13 Vgl. G. Bateson, »An Old Temple and a New Myth«, Djawa, XVII, Bata-
via, 1937.
164
(f) Die formalen Techniken der sozialen Beeinflussung - Rheto-
rik und ähnliches - fehlen in der balinesischen Kultur fast voll-
ständig. Die kontinuierliche Aufmerksamkeit eines Individu-
ums zu verlangen oder emotionalen Einfluß auf eine Gruppe
auszuüben, ist gleichermaßen unerwünscht und virtuell un-
möglich; denn unter solchen Umständen schweift die Auf-
merksamkeit des Opfers schnell ab. Selbst die fortgesetzte Re-
de, die in den meisten Kulturen für das Erzählen von Geschich-
ten verwendet wird, tritt in Bali nicht auf. Der Erzähler wird
normalerweise nach einem oder zwei Sätzen innehalten und
darauf warten, daß ihm jemand von den Zuhörern eine konkre-
te Frage zu einer Einzelheit der Handlung stellt. Er wird dann
die Frage beantworten und seine Erzählung wieder aufnehmen.
Dieses Verfahren löst offenbar die kumulative Spannung durch
irrelevante Interaktion auf.
(g) Die wichtigsten hierarchischen Strukturen in der balinesi-
schen Gesellschaft - das Kastensystem und die Hierarchie von
Vollbürgern, die den Dorfrat bilden - sind starr. Sie sind keine
Kontexte, in denen es denkbar wäre, daß ein Individuum mit
einem anderen um eine Position in einem dieser Systeme kon-
kurriert. Ein Individuum kann seine Mitgliedschaft in der Hier-
archie wegen verschiedener Handlungen verlieren, aber sein
Platz darin kann sich nicht verändern. Sollte es später wieder
zur Orthodoxie zurückkehren und neu in die hierarchische
Struktur aufgenommen werden, kehrt es in seine ursprüngli-
che Position im Verhältnis zu den anderen Mitgliedern zu-
rück.'144
rück.
Die erwähnten deskriptiven Verallgemeinerungen sind allesamt
Teilantworten auf eine negative Frage - »Warum ist die baline-
sische Gesellschaft nicht schismogen?« -, und von einer Kom-
bination dieser Verallgemeinerungen gelangen wir zu einem
Gesellschaftsbild, das sich sehr deutlich von unserem eigenen,
von dem der latmul, von den Systemen des sozialen Gegensat-
zes, die Radcliffe-Brown analysiert hat, und von jeder Sozial-
14 Vgl.
Vgl, M. Mead, »Public Opinion Mechanisms among Primitive Peoples«,
Public Opinion Quarterly, 1937, I: 5-16.
I165
^5
Struktur unterscheidet, die von der marxistischen Analyse
postuliert wird.
Wir sind von der Hypothese ausgegangen, daß menschliche
Wesen eine Tendenz haben, sich in kumulative Interaktionsab-
läufe zu verstricken, und diese Hypothese ist virtuell weiterhin
in Kraft. Bei den Balinesen haben zumindest die Kleinkinder
offensichtlich solche Tendenzen. Aber für ihre soziologische
Geltung müssen wir diese Hypothese nun mit einer Einschrän-
kung versehen, die besagt, daß diese Tendenzen nur dann in der
gesellschaftlichen Dynamik am Werk sind, wenn die frühkind-
liche Erziehung nicht so beschaffen ist, daß ihr Ausdruck im
erwachsenen Leben verhindert wird.
Wir haben in unserem Wissen um die Reichweite der menschli-
chen Charakterbildung einen Fortschritt erzielt, indem wir zei-
gen konnten, daß diese Tendenzen zu kumulativer Interaktion
einer Art Modifikation, Entkonditionierung oder Hemmung
sind."155 Und dabei handelt es sich um einen wichtigen
ausgesetzt sind.
Fortschritt. Wir wissen, was es bedeutet, daß die Balinesen
nicht schismogen sind, und wir wissen, wie sich ihr Unbehagen
an schismogenen Mustern in verschiedenen Einzelheiten der
sozialen Organisation ausdrückt - den strengen Hierarchien,
den Institutionen für den Umgang mit Streitigkeiten usw. -,
aber wir wissen noch nichts über die positive Dynamik der
Gesellschaft. Wir haben erst die negative Frage beantwortet.

Das balinesische Ethos

Der nächste Schritt ist daher die Frage nach dem balinesischen
Ethos. Welches sind die tatsächlichen Motive und Werte, die die
komplexen und reichen kulturellen Aktivitäten der Balinesen

15 Die Daten sind, wie gewöhnlich in der Anthropologie, nicht genau genug,
um uns irgendeinen Hinweis auf die Natur des einbezogenen Lernprozesses zu
geben. Die Anthropologie ist bestenfalls in der Lage, Probleme dieser Art
aufzuwerfen. Der nächste Schritt muß den Experimenten im Laboratorium
vorbehalten bleiben.
166
begleiten? Was, wenn nicht konkurrierende und andere Typen
der kumulativen Wechselbeziehung, veranlaßt die Balinesen da-
zu, ihre hochentwickelten Lebensmuster auszuführen?
(1) Jedem Besucher Balis leuchtet unmittelbar ein, daß die trei-
bende Kraft der kulturellen Aktivität nicht entweder Erwerbs-
streben oder nacktes physiologisches Bedürfnis ist. Die Baline-
sen, besonders im Flachland, leiden weder Hunger noch horten
sie Reichtümer. Sie haben Nahrung im Überfluß,
Uberfluß, und ein sehr
beachtlicher Teil ihrer Aktivitäten richtet sich auf ganz unpro-
duktives Tun künstlerischer oder ritueller Natur, in dem mit
Nahrung und Gütern verschwenderisch umgegangen wird. We-
sentlich ist, daß wir es eher mit einer Ökonomie des Uberflus-
Überflus-
ses als mit einer solchen der Knappheit zu tun haben. Einige
werden in der Tat von ihren Bekannten als »arm« eingeschätzt,
aber keiner dieser Armen ist vom Hunger bedroht, und die
Andeutung, daß menschliche Wesen in großen abendländischen
Städten tatsächlich hungern können, war für die Balinesen un-
beschreiblich schockierend.
(2) Bei ihren ökonomischen Transaktionen widmen die Baline-
sen ihren kleinen Geschäften eine ganze Menge Aufmerksam-
keit. Sie sind »im Kleinen sparsam«. Andererseits steht dieser
Achtsamkeit gelegentlich eine »Verschwendung im Großen«
gegenüber, wenn sie große Geldsummen für Zeremonien und
andere Formen verschwenderischer Konsumption ausgeben.
Nur wenige Balinesen haben die Vorstellung, ihren Reichtum
oder Besitz ständig zu maximieren; diese wenigen sind teils
unbeliebt, teils werden sie als Sonderlinge angesehen. Für die
überwältigende Mehrheit wird das »Pfennigfuchsen« mit einer
begrenzten Zeitperspektive und einer begrenzten Ebene des
Verlangens betrieben. Sie sparen so lange, bis sie genug haben,
um es großzügig für irgendeine Zeremonie auszugeben. Wir
sollten die Ökonomie der Balinesen nicht im Sinne des indivi-
duellen Versuchs beschreiben, Wert zu maximieren, sondern sie
eher mit den Entspannungsschwankungen der Physiologie und
der Technik vergleichen und dabei feststellen, daß diese Analo-
gie nicht nur ihre Transaktionsabläufe beschreibt, sondern daß
167
sie selbst diesen Abläufen ganz natürlich eine solche Form zu-
schreiben.
(3) Die Balinesen sind ganz eindeutig räumlich orientiert. Um
sich verhalten zu können, müssen sie ihre Hauptpunkte ken-
nen, und wenn ein Balinese mit dem Auto durch kurvenreiche
Straßen gefahren wird, so daß er seinen Richtungssinn verliert,
kann er ernsthaft desorientiert und handlungsunfähig werden
(z. B. kann ein Tänzer unfähig werden, zu tanzen), bis er seine
Orientierung dadurch wiedergewonnen hat, daß er einen wich-
tigen Geländepunkt wie das Zentralgebirge der Insel sieht, um
den die Hauptpunkte strukturiert sind. Es besteht eine ver-
gleichbare Abhängigkeit von gesellschaftlicher Orientierung,
allerdings mit dem folgenden Unterschied: Während die räum-
liche Orientierung in einer horizontalen Ebene erfolgt, wird die
soziale als im wesentlichen vertikal empfunden. Werden zwei
Fremde zusammengeführt, so müssen sie, bevor sie frei mitein-
ander reden können, ihre relativen Kastenpositionen darlegen.
Der eine wird den anderen fragen: »Wo stehst du?«, und das ist
eine Metapher für Kaste. Es bedeutet im wesentlichen: »Stehst
du hoch oder niedrig«? Wenn jeder die Kaste des anderen
kennt, dann wissen sie beide, welche Etiketten und welche
Sprachformen sie wählen müssen, und dann kann die Konver-
sation weitergehen. Ohne eine solche Orientierung ist der Bali-
nese stumm.
(4) Gewöhnlich findet man, daß die Aktivitäten mit Ausnahme
der erwähnten »Pfennigfuchserei«) kaum zweckgerichtet, d. h.
auf ein vorgegebenes Ziel angelegt, sondern eher in sich selbst
wertvoll sind. Der Künstler, der Tänzer, der Musiker und der
Priester können für ihre Berufsausübung mit Geld belohnt wer-
den, aber diese Belohnung ist nur in seltenen Fällen ausrei-
chend, um den Künstler auch nur für Zeitaufwand und Mate-
rialien zu entschädigen. Die Belohnung ist ein Zeichen der An-
erkennung, sie ist eine Definition des Kontexts, in dem die
Theatergesellschaft auftritt, aber sie ist nicht die ökonomische
Hauptstütze der Truppe. Die Einkünfte der Truppe können
gespart werden, um neue Kostüme zu kaufen; wenn die Kostü-
168
me aber schließlich gekauft werden, muß gewöhnlich jedes Mit-
glied einen erheblichen Beitrag zur gemeinsamen Kasse leisten,
damit sie bezahlt werden können. Entsprechend verhält es sich
bei den Opfern, die zu jedem Tempelfest mitgebracht werden;
der riesige Aufwand an künstlerischer Arbeit und an realen
Werten hat keinen Zweck. Der Gott wird keine Wohltat dafür
gewähren, daß man ihm ein schönes Arrangement von Blumen
und Früchten für das Kalenderfest in seinem Tempel aufgebaut
hat, noch wird er jemanden wegen Enthaltung bestrafen. An-
stelle eines vorgegebenen Zwecks liegt eine unmittelbare und
innere Erfüllung darin, mit allen anderen das schön auszufüh-
ren, was für jeden besonderen Kontext richtig ist.
(5) Im allgemeinen wird es offensichtlich genossen, in großen
Gruppen von Menschen irgendwelche Dinge zu treiben.16 Um-
gekehrt bedeutet es ein so großes Unglück, die Gruppenzuge-
hörigkeit zu verlieren, daß die Androhung dieses Verlusts eine
der schlimmsten Sanktionen in der Kultur ist.
(6) Es ist von großem Interesse, festzustellen, daß viele Hand-
lungen der Balinesen eindeutig gesellschaftlich und nicht im
Sinne individueller Ziele oder Werte erklärt werden.17 Das ist
höchst augenfällig im Hinblick auf alle Handlungen, die sich
auf den Dorfrat beziehen, die Hierarchie, der alle Vollbürger
angehören. Dieses Gremium wird in seinen säkularen Aspekten
als I/ Desa (wörtlich: »Herr Dorf«) angesprochen, und zahlrei-
che Regeln und Verfahren werden durch Hinweise auf diese
abstrakte Persönlichkeit erklärt. Entsprechend wird das Dorf in
seinen geheiligten Aspekten als Betara Desa (Gott Dorf) ver-
ehrt, dem Heiligtümer errichtet und Opfer dargebracht wer-
den. (Wir dürfen vermuten, daß den Balinesen eine Durkheim-
sche Analyse als ein einleuchtender und angemessener Zugang
zum Verständnis eines Großteils ihrer öffentlichen Kultur er-
schiene.)
16 Bateson und Mead, op. dt.,dtAbb.
Abb. j.5.
17 Vgl. Naven, S. 250 ff,,
ff., wo nahegelegt wurde, daß wir damit rechnen müs-
sen, einige Völker der Erde zu finden, die ihre Handlungen auf den soziologi-
schen Rahmen beziehen.
169
Insbesondere werden alle Geldtransaktionen, die mit der Dorf-
kasse zu tun haben, von der Verallgemeinerung geregelt, »Das
Dorf macht keine Verluste« (Desanne sing dadi potjol). Diese
Verallgemeinerung gilt beispielsweise für alle Fälle, in denen ein
Tier aus der Dorfherde verkauft wird. Das Dorf kann unter
keinen Umständen einen Preis akzeptieren, der unter dem liegt,
den es selbst tatsächlich oder nominell bezahlt hat. (Es ist wich-
tig, anzumerken, daß diese Regel die Form annimmt, eine unte-
re Grenze festzulegen, und keine Anweisung ist, die Dorfkasse
zu bereichern.)
Ein besonderes Bewußtsein von der Natur sozialer Prozesse
kommt deutlich in Vorfällen wie dem folgenden zum Aus-
druck: Ein armer Mann war dabei, sich einem der wichtigen
und teuren rites de passage zu unterziehen, die für Personen
erforderlich sind, wenn sie an die Spitze der Dorfhierarchie
vorrücken. Wir fragten, was geschehen würde, wenn er sich
weigerte, diese Ausgabe auf sich zu nehmen. Die erste Antwort
war, daß ihm, wäre er zu arm, / Desa das Geld leihen würde.
Als Antwort auf weiteres Nachhaken, was denn passieren wür-
de, wenn er sich tatsächlich weigerte, sagte man uns, daß sich
noch nie jemand geweigert hätte, daß aber, würde es irgendwer
tun, niemand mehr die Zeremonie durchlaufen würde. In dieser
Antwort und in der Tatsache, daß sich noch nie jemand gewei-
gert hatte, steckt die Annahme, daß der fortlaufende Kultur-
prozeß selbst einen Wert darstellt.
(7) Handlungen, die kulturell richtig (patoet) sind, werden an-
erkannt und ästhetisch geschätzt. Zulässige Handlungen (dadi)
sind von mehr oder weniger neutralem Wert; wohingegen un-
zulässige Handlungen (sing dadi) mißbilligt und vermieden
werden müssen. Diese Verallgemeinerungen gelten in ihrer
übersetzten Form zweifellos für viele Kulturen; es ist aber
wichtig, sich klar vor Augen zu führen, was die Balinesen unter
dadi verstehen. Der Begriff darf nicht mit unserem »Etikett«
oder »Gesetz« gleichgesetzt werden, da sich diese jeweils auf
das Werturteil einer anderen Person oder gesellschaftlichen
Entität beziehen. In Bali herrscht nicht das Gefühl, daß
170
Handlungen durch irgendeine menschliche oder übernatürliche
Autorität als dadi oder sing dadi eingestuft worden sind oder
werden. Vielmehr ist die Behauptung, irgendeine Handlung sei
dadi, eine absolute Verallgemeinerung in dem Sinne, daß diese
Handlung unter den gegebenen Umständen regulär ist.18 Für
eine kastenlose Person ist es falsch, einen Prinzen anders als in
der »gewählten Sprache« anzureden, und für eine menstru-
ierende Frau ist es falsch, einen Tempel zu betreten. Der Prinz
oder die Gottheit können zwar eine Verärgerung zum Aus-
druck bringen, aber es herrscht nicht das Gefühl, daß der Prinz,
die Gottheit oder die kastenlose Person die Regeln gemacht
haben. Der Angriff wird als gegen die Ordnung und natürliche
Struktur des Universums und nicht gegen die tatsächlich ange-
griffene Person gerichtet empfunden. Der Angreifer wird,
selbst in so schweren Fällen wie Inzucht (wofür er aus der
Gesellschaft vertrieben werden kann),19 für nichts Schlimmeres
als Dummheit und Ungeschicktheit verantwortlich gemacht.
Eher ist er »eine unglückliche Person« (anak latjoer), und Un-
glück kann über jeden von uns kommen, »wenn wir an der
Reihe sind«. Überdies muß hervorgehoben werden, daß diese
Muster, die richtiges und zulässiges Verhalten definieren, au-
ßerordentlich komplex sind (besonders die Sprachregeln), und
daß der einzelne Balinese (selbst in gewissem Maße innerhalb
seiner eigenen Familie) ständig in der Angst lebt, einen Fehler
zu machen. Zudem sind die Regeln nicht von der Art, daß man
sie entweder in einem einfachen Rezept oder in einer emotiona-
len Einstellung zusammenfassen könnte. Die Etiketten lassen
sich nicht von irgendeiner nachvollziehbaren Behauptung über
die Gefühle des anderen oder vom Respekt für Höhergestellte
herleiten. Dazu sind die Einzelheiten zu komplex und zu viel-
fältig, und so tastet sich das balinesische Individuum ständig auf

18 Das Wort dadi wird auch als eine Kopula verwendet, die sich auf Verände-
rungen im sozialen Status bezieht. / Anoe dadi Koebajan bedeutet »Der-und-
der ist ein Dorfbeamter geworden.«
19 Mead, »Public Opinion Mechanisms among Primitive Peoples«, loc. dt.,
l
>937-
9l7-
171
seinem Weg vor wie ein Seiltänzer und fürchtet sich in jedem
Augenblick vor einem Fehltritt.
(8) Die im letzten Absatz verwendete Metapher vom Haltungs-
gleichgewicht läßt sich nachweisbar auf viele Kontexte der bali-
nesischen Kultur anwenden:
(a) Die Furcht vor dem Verlust von Unterstützung ist ein wich-
tiges Thema in der balinesischen Kindheit.20
(h)
(b) Die Erhebung (mit ihren begleitenden Problemen des physi-
schen und metaphorischen Gleichgewichts) ist das passive Ge-
genstück zum Respekt.21
(c) Das balinesische Kind wird erhöht wie eine übergeordnete
Person oder ein Gott.22
(d) In Fällen tatsächlicher physischer Erhebung23 fällt die Auf-
gabe der Ausgleichung des Systems der unterstützenden niede-
ren Person zu, aber die Kontrolle über die Richtung, in die sich
das System bewegen wird, liegt in den Händen des Erhobenen.
Das kleine Mädchen, das bei der Tanzfigur in Trance auf den
Schultern eines Mannes steht, kann ihren Träger ganz einfach
dadurch veranlassen, in die gewünschte Richtung zu laufen, daß
sie sich in diese Richtung lehnt. Er muß sich dann dorthin
begeben, um das Gleichgewicht des Systems beizubehalten.
(e) Ein großer Anteil unserer Sammlung von 1200 balinesischen
Schnitzereien zeigt eine Vorliebe der Künstler für Probleme des
Gleichgewichts.24
(f) Die Hexe, die Personifikation der Furcht, gebraucht häufig
eine Geste, die kapar genannt und als die eines Menschen be-
schrieben wird, der von einer Kokospalme fällt, weil er plötz-
lich eine Schlange sieht. Bei dieser Geste werden die Arme
seitlich in eine Stellung etwas oberhalb des Kopfes gehoben.

20 Bateson und Mead, op. dt.,


dtAbb.
Abb. 17, 67 und 79,
79.
21 Ibid., Abb. 10-14.
22 Ibid., Abb. 45.
23
2) Ibid., Abb. 10, Nr. j.
3.
24 Gegenwärtig ist es nicht möglich, eine solche Behauptung mit scharfer
quantitativer Abgrenzung aufzustellen, die verfügbaren Urteile sind subjektiv
und abendländisch.

172
1/2
(g) Der gewöhnliche balinesische Ausdruck für die Zeit vor
dem Eindringen des weißen Mannes lautet »als die Welt noch
im Lot war« (doegas goemine enteg).

Anwendungen des von Neumannschen Spiels

Selbst diese sehr kurze Aufzählung einiger Elemente des baline-


sischen Ethos reicht hin, theoretische Probleme von größter
Bedeutung zu markieren. Wir wollen das Problem einmal ab-
strakt formulieren. Eine der Hypothesen, die fast aller Soziolo-
gie zugrunde liegen, lautet, daß die Dynamik des gesellschaftli-
chen Mechanismus durch die Annahme beschreibbar ist, die
Individuen, die diesen Mechanismus ausmachen, seien dazu
motiviert, bestimmte Variablen zu maximieren. In der konven-
tionellen Ökonomie wird angenommen, daß die Individuen
Wert maximieren werden, während in der schismogenen Theo-
rie stillschweigend davon ausgegangen wurde, daß die Indivi-
duen immaterielle, aber doch einfache Variablen wie Prestige,
Selbstachtung oder gar Unterwürfigkeit maximieren. Die Bali-
nesen jedoch maximieren keine dieser einfachen Variablen.
Um die Art Kontrast zu definieren, der zwischen dem balinesi-
schen System und einem anderen Konkurrenzsystem besteht,
wollen wir zunächst die Prämissen eines streng konkurrenz-
orientierten von Neumannschen Spiels erwägen, und dann mit
der Überlegung fortfahren, welche Veränderungen wir an die-
sen Prämissen vornehmen müssen, um näher an das balinesi-
sche System heranzukommen.
(i) Die Spieler in einem von Neumannschen Spiel sind der
Hypothese nach nur durch eine einzige lineare (nämlich mone-
täre) Wertskala motiviert. Ihre Strategien sind bestimmt: (a)
durch die Regeln des hypothetischen Spiels; und (b) durch ihre
Intelligenz, die aufgrund der Hypothese ausreicht, alle durch
das Spiel gestellten Probleme zu lösen. Von Neumann zeigt,
daß die Spieler unter bestimmten definierbaren Umständen, die
auf der Anzahl der Mitspieler und auf den Regeln beruhen,

173
Koalitionen verschiedener Art eingehen, und in der Tat kon-
zentriert sich von Neumanns Analyse hauptsächlich auf die
Struktur dieser Koalitionen und auf die Verteilung der Werte
unter den Teilnehmern. Vergleichen wir diese Spiele mit
menschlichen Gesellschaften, so werden wir soziale Organisa-
tionen als den Koalitionssystemen analog ansehen.25
(2)
(z) Von Neumannsche Systeme unterscheiden sich in den fol-
genden Punkten von menschlichen Gesellschaften:
(a) Seine »Spieler« sind von Anfang an vollkommen intelligent,
wohingegen menschliche Wesen lernen. Bei menschlichen We-
sen müssen wir erwarten, daß die Spielregeln und die mit jeder
einzelnen Menge von Koalitionen verbundenen Konventionen
in die Charakterstruktur der individuellen Spieler aufgenom-
men werden.
(h) Die Wertskala von Säugetieren ist nicht einfach und mono-
(b)
ton, sondern kann außerordentlich komplex sein. Wir wissen,
daß - selbst auf einer physiologischen Ebene - Kalzium nicht
Vitamine ersetzen kann, wie auch eine Aminosäure nicht die
Stelle von Sauerstoff einnehmen wird. Überdies wissen wir, daß
ein Tier nicht danach strebt, seinen Vorrat an irgendeinem die-
ser unterschiedlichen Lebensmittel zu maximieren, sondern
eher gehalten ist, den Nachschub von jedem in erträglichen
25 Es gibt noch die Alternative, die Analogie in einer anderen Weise aufzufas-
sen. Ein Sozialsystem ist, wie von Neumann und Morgenstern zeigen, ein Spiel
mit einer Nicht-Null-Summe, in dem eine oder mehrere Koalitionen von Men-
schen gegeneinander und gegen die Natur spielen. Das Charakteristikum der
Nicht-Null-Summe beruht auf der Tatsache, daß der natürlichen Umgebung
ständig Wert entzogen wird. Soweit die balinesische Gesellschaft die Natur
ausbeutet, läßt sich die ganze Entität, zu der die Umgebung und die Menschen
gehören, eindeutig mit einem Spiel vergleichen, das Koalitionen zwischen Men-
schen erfordert. Es ist jedoch möglich, daß die Unterteilung des gesamten
Spiels, zu der nur die Menschen gehören, so beschaffen ist, daß die Herausbil-
dung von Koalitionen darin nicht wesentlich wäre - das heißt, die balinesische
Gesellschaft kann sich von den meisten anderen Gesellschaften dadurch unter-
scheiden, daß die »Regeln« der Beziehung zwischen Menschen ein »Spiel« des
Typs definieren, den von Neumann »nicht-wesentlich« nennen würde. Diese
Möglichkeit wird hier nicht untersucht. (Vgl. von Neumann und Morgenstern,
op. dt.).

174
Grenzen zu halten. Zuviel kann genauso schädlich sein wie zu
wenig. Es ist auch zweifelhaft, ob die Prioritäten der Säugetiere
immer transitiv sind.
(c) Im von Neumannschen System wird davon ausgegangen,
daß die Anzahl der Züge in einer gegebenen »Durchführung«
eines Spiels endlich ist. Die strategischen Probleme der Indivi-
duen sind lösbar, weil das Individuum innerhalb einer begrenz-
ten Zeitperspektive operieren kann. Es muß nur einen endli-
chen Zeitraum bis zum Ende des Spiels überschauen, wenn die
Gewinne und Verluste ausgezahlt werden und alles mit einer
tabula rasa neu anfängt. In der menschlichen Gesellschaft wird
das Leben nicht in dieser Weise interpunktiert, und jedes Indi-
viduum hat es mit der Aussicht auf unerkennbare Faktoren zu
tun, deren Anzahl mit der Zeit (wahrscheinlich exponentiell)
steigt.
(d) Die von Neumannschen Spieler sind der Hypothese nach
nicht für den ökonomischen Tod oder für Langeweile
Langewelle anfällig.
Die Verlierer können immer weiter verlieren, und kein Spieler
kann sich aus dem Spiel zurückziehen, selbst wenn das Ergeb-
nis jedes Spiels mit Hilfe der Wahrscheinlichkeit eindeutig vor-
hersagbar ist.
(3) Von diesen Unterschieden zwischen von Neumannschen
und menschlichen Systemen interessieren uns hier nur die in
den Wertskalen und die Möglichkeit des »Todes«. Der Einfach-
heit halber werden wir annehmen, daß die anderen Unterschie-
de, auch wenn sie sehr tief sind, für den Augenblick außer acht
bleiben können.
(4) Zu unserer Überraschung können wir feststellen, daß es,
obwohl Menschen Säugetiere sind und daher über ein primäres
Wertsystem verfügen, das vieldimensional und nichtmaximie-
rend ist, diesen Geschöpfen doch möglich ist, in Kontexte ge-
stellt zu werden, in denen sie danach streben, eine oder ein paar
einfache Variablen zu maximieren (Geld, Prestige, Macht usw.).
(5) Da das vieldimensionale Wertsystem offenbar vorrangig ist,
besteht das Problem, das zum Beispiel durch die Gesellschafts-
organisation der latmul gestellt ist, nicht so sehr darin, das

175
Verhalten der latmul-Individuen durch Beschwörung (oder
Abstraktion) ihres Wertsystems zu erklären; wir sollten auch
fragen, wie dieses Wertsystem den einzelnen Säugetieren durch
die Gesellschaftsorganisation, in der sie sich befinden, auferlegt
wird. Diese Frage wird in der Anthropologie üblicherweise
durch Entwicklungspsychologie angegangen. Wir bemühen
uns, Daten zu finden, die zeigen, wie das in der Gesellschaftsor-
ganisation angelegte Wertsystem während der Kindheit in die
Charakterstruktur der Individuen eingebaut wird. Es gibt je-
doch auch einen anderen Zugang, der - wie von Neumann - die
Phänomene des Lernens momentan außer acht lassen und nur
die strategischen Implikationen der Kontexte untersuchen wür-
de, die in Ubereinstimmung mit den gegebenen »Regeln« und
mit dem Koalitionssystem auftreten müßten. In diesem Zusam-
menhang ist es wichtig, darauf hinzuweisen, daß Konkurrenz-
kontexte - vorausgesetzt, das Individuum kann dazu gebracht
werden, sie als solche anzuerkennen - die komplexe Wertskala
zwangsweise auf sehr einfache und sogar lineare und monotone
Bedingungen reduzieren.26 Erwägungen dieser Art und Dar-
stellungen der Regelmäßigkeiten im Prozeß der Charakterbil-
dung genügen wahrscheinlich, um zu beschreiben, wie es mög-
lich ist, Individuen aus der Gattung der Säugetiere in Konkur-
renzgesellschaften wie der der latmul oder wie der im Amerika
des zwanzigsten Jahrhunderts einfache Wertskalen aufzuer-
legen.
(6) In der balinesischen Gesellschaft dagegen finden wir eine
vollkommen andere Sachlage vor. Weder das Individuum noch
das Dorf strebt danach, irgendeine einfache Variable zu maxi-
mieren. Eher scheint es ihnen darum zu gehen, etwas zu maxi-
mieren, das wir Stabilität nennen könnten, wobei dieser Termi-
nus vielleicht in einer hochmetaphorischen Weise gebraucht
wird. (Es gibt in der Tat eine einfache quantitative Variable, die
anscheinend doch maximiert wird. Diese Variable ist der Betrag
irgendeiner Geldbuße, die von seilen
Seiten des Dorfs verhängt wird.

26 L. K. Frank, »The Cost of Competition«,


Competition«. Plan Age, 1940, VI: 314-324.
1/6
176
Werden sie zum ersten Mal auferlegt, sind die Geldbußen mei-
stens sehr gering, verzögert sich aber die Zahlung, so erhöht
sich der Betrag drastisch, und gibt es irgendein Anzeichen da-
für, daß der Straffällige die Zahlung verweigert - »sich dem
Dorf widersetzt« -, wird die Geldbuße sofort auf eine enorme
Summe angehoben, und der Straffällige wird aus der Dorfge-
meinschaft ausgeschlossen, bis er bereit ist, seinen Widerstand
aufzugeben. Dann kann ein Teil der Geldbuße erlassen
werden.)
(7) Wir wollen nun ein hypothetisches System erwägen, das aus
einer Anzahl identischer Spieler besteht, wobei ein Schiedsrich-
ter über die Beibehaltung der Stabilität unter den Spielern
wacht. Ferner wollen wir annehmen, daß die Spieler vom öko-
nomischen Tod bedroht sind, daß unser Schiedsrichter diesen
verhindern soll und daß er die Macht hat, bestimmte Verände-
rungen an den Spielregeln oder an den Wahrscheinlichkeiten
vorzunehmen, die mit Glückszügen verbunden sind. Eindeutig
wird dieser Schiedsrichter in einem mehr oder weniger konti-
nuierlichen Konflikt mit den Spielern stehen. Er strebt danach,
ein dynamisches Gleichgewicht oder einen Zustand des Fließ-
gleichgewichts beizubehalten, und das können wir reformulie-
ren als den Versuch, die Chancen gegen die Maximierung einer
einzigen einfachen Variablen zu erhöhen.
(8) Ashby hat zwingend dargelegt, daß der Zustand des Fließ-
gleichgewichts und die kontinuierliche Existenz komplexer In-
teraktionssysteme auf der Vermeidung der Maximierung ir-
gendeiner Variablen beruhen und daß jede kontinuierliche Stei-
gerung in irgendeiner Variablen unvermeidlich zu irreversiblen
Veränderungen in dem System führen und durch sie begrenzt
wird. Er hat ebenfalls gezeigt, daß es in solchen Systemen sehr
wichtig ist, die Veränderung bestimmter Variablen zuzulas-
sen.27 Der Zustand des Fließgleichgewichts einer Maschine mit
einem Regler wird aller Wahrscheinlichkeit nach nicht andau-
ern, wenn die Stellung der Kugeln des Reglers fixiert wird.
27 W. R. Ashby, »Effect of Controls on Stability«, Nature, CLV, Nr. 3930,
24. Februar 1945, 242-243.

177
•77
Entsprechend wird ein Seiltänzer mit einer Balancierstange
nicht in der Lage sein, die Balance zu halten, wenn er nicht die
Kräfte variiert, mit denen er kontinuierlich auf die Stange ein-
wirkt.
(9) Wenn wir nun zu dem begrifflichen Modell zurückkehren,
das in Absatz 7 vorgeschlagen wurde, dann wollen wir einen
weiteren Schritt in die Richtung gehen, dieses Modell mit der
balinesischen Gesellschaft vergleichbar zu machen. Wir wollen
den Schiedsrichter durch einen Dorfrat ersetzen, der aus all den
Spielern zusammengesetzt ist. Jetzt haben wir ein System, das
eine Anzahl von Analogien mit unserem balancierenden Akro-
baten aufweist. Sprechen sie als Mitglieder des Dorfrats, dann
sind die Spieler aufgrund der Hypothese daran interessiert, den
ausgeglichenen Zustand des Systems beizubehalten - das heißt,
die Maximierung jeder einzelnen Variable zu verhindern, deren
Steigerung eine irreversible Veränderung mit sich bringen wür-
de. In ihrem täglichen Leben sind sie jedoch weiterhin mit ein-
fachen Konkurrenzstrategien beschäftigt.
(10) Der nächste Schritt in die Richtung, unser Modell der bali-
nesischen Gesellschaft entsprechend zu gestalten, besteht ein-
deutig darin, diejenigen Faktoren in der Charakterstruktur der
Individuen und/oder in den Kontexten ihres täglichen Lebens
zu postulieren, die sie motivieren werden, den ausgeglichenen
Zustand nicht nur aufrechtzuerhalten, wenn sie im Rat spre-
chen, sondern auch dann, wenn sie in ihren anderen zwischen-
menschlichen Beziehungen agieren. Diese Faktoren sind in Bali
tatsächlich erkennbar und wurden oben aufgezählt. In unserer
Analyse, warum die balinesische Gesellschaft nicht schismogen
ist, haben wir festgestellt, daß das balinesische Kind lernt, ku-
mulative Interaktion, d. h. die Maximierung bestimmter einfa-
cher Variablen, zu vermeiden, und daß die soziale Organisation
und die Kontexte des täglichen Lebens so aufgebaut sind, daß
sie konkurrenzorientierte Interaktion ausschließen. Ferner ha-
ben wir in unserer Analyse des balinesischen Ethos die regelmä-
ßige Bewertung folgender Faktoren festgestellt:
festgestellt; (a) der klaren
und statischen Definition des Status und der räumlichen Orien-
178
tierung, und (b) des Gleichgewichts und solcher Bewegungen,
die zum Gleichgewicht führen.
Insgesamt scheint es, daß die Balinesen Haltungen auf mensch-
liche Beziehungen ausdehnen, die auf körperlichem Gleichge-
wicht beruhen, und daß sie die Vorstellung verallgemeinern,
Bewegung sei für das Gleichgewicht wesentlich. Dieser letzte
Punkt gibt uns, wie ich meine, eine Teilantwort auf die Frage,
warum die Gesellschaft nicht einfach kontinuierlich, sondern
schnell und geschäftig funktioniert und dabei kontinuierlich
zeremonielle und künstlerische Aufgaben auf sich nimmt, die
nicht ökonomisch oder konkurrenzorientiert bestimmt sind.
Dieser ausgeglichene Zustand wird durch kontinuierliche, nicht
auf Fortschritt ausgerichtete Veränderung beibehalten.

Schismogenes System versus Zustand des Fließgleich


Fließgleichgewichts
gewich ts

Ich habe zwei Typen von Sozialsystemen in. in so schematischen


Umrissen diskutiert, daß es möglich ist, deutlich einen Kontrast
zwischen ihnen festzustellen. Beide Typen von Systemen errei-
chen den Zustand des Fließgleichgewichts, sofern sie in der
Lage sind, sich ohne progressive oder irreversible Veränderun-
gen durchzuhalten. Zwischen ihnen bestehen jedoch tiefe Un-
terschiede hinsichtlich der Weise, in der dieser ausgeglichene
Zustand reguliert wird.
Das latmul-System, das hier als ein Prototyp schismogener Sy-
steme eingesetzt wird, enthält eine Anzahl regenerativer Kau-
salkreisläufe oder vitiöser Zirkel. Jeder dieser Kreisläufe besteht
aus zwei oder mehr Individuen (oder Gruppen von Individu-
en), die an potentiell kumulativer Interaktion beteiligt sind. Je-
des menschliche Individuum ist eine Energiequelle oder ein
»Relais«, so daß die in seinen Reaktionen aufgewandte Energie
nicht von den Reizen, sondern von seinen eigenen Stoffwech-
selprozessen herstammt. Daraus folgt nun, daß ein solches
schismogenes System - wird es nicht kontrolliert - zur über-
triebenen Steigerung derjenigen Handlungen neigt, welche die

179
Schismogenese charakterisieren. Der Anthropologe, der sich
aber auch um eine qualitative Beschreibung eines solchen Sy-
stems bemüht, muß daher die folgenden Faktoren identifizie-
ren: (i) die in die Schismogenese einbezogenen Individuen und
Gruppen sowie die Wege der Kommunikation zwischen ihnen;
(2) die Kategorien der Handlungen und Kontexte, die für die
Schismogenese charakteristisch sind; (3) die Prozesse, durch
welche die Individuen psychologisch fähig werden, diese
Handlungen auszuführen, und/oder die Natur der Kontexte,
die ihnen diese Handlungen aufzwingen; und schließlich (4)
muß er die Mechanismen oder Faktoren identifizieren, welche
die Schismogenese beherrschen. Diese beherrschenden Fakto-
ren können zumindest drei unterschiedlichen Typen angehö-
ren: (a) degenerative Kausalschleifen können so über die Schis-
mogenesen gelegt werden, daß, wenn diese eine gewisse Inten-
sität erreichen, irgendeine Form der Einschränkung angewandt
wird - wie es in abendländischen Systemen geschieht, wenn
eine Regierung eingreift, um die ökonomische Konkurrenz zu
begrenzen; (b) zusätzlich zu der bereits betrachteten Schismo-
genese können andere kumulative Interaktionen auftreten, die
in einer entgegengesetzten Richtung wirken und so eher die
soziale Integration als die Spaltung fördern; (c) die Steigerung
der Schismogenese kann durch Faktoren begrenzt sein, die zur
inneren oder äußeren Umgebung der Teile des schismogenen
Kreislaufs gehören. Solche Faktoren, die bei niedriger Intensität
der Schismogenese nur geringe Auswirkungen haben, können
sich mit zunehmender Intensität steigern. Reibung, Ermüdung
und Einschränkung der Energiezufuhr wären Beispiele für sol-
che Faktoren.
Im Kontrast zu diesen schismogenen Systemen ist die balinesi-
sche Gesellschaft ein ganz anderer Typ von Mechanismus, und
bei ihrer Beschreibung muß der Anthropologe vollkommen an-
dere Verfahren wählen, für die bisher noch keine Regeln aufge-
stellt werden können. Da die Klasse »nicht-schismogener« Ge-
sellschaftssysteme nur negativ definiert ist, können wir nicht
annehmen, daß Elemente dieser Klasse gemeinsame Charakteri-
180
stika haben werden. Bei den Analysen des balinesischen Sy-
stems haben sich jedoch die folgenden Schritte ergeben, und es
ist möglich, daß zumindest einige von ihnen auch auf die Ana-
lyse anderer Kulturen dieser Klasse anwendbar sind: (i) Es
wurde beobachtet, daß schismogene Abläufe in Bali selten sind;
(2) die Ausnahmefälle, in denen solche Abläufe vorkommen,
wurden untersucht; (3) aus dieser Untersuchung ergab sich, {a)
(a)
daß die Kontexte, die im gesellschaftlichen Leben Balis wieder-
kehren, im allgemeinen kumulative Interaktion ausschließen
und (h)
(b) daß die Kindheitserfahrung das Kind davon abbringt,
nach Höhepunkten in der zwischenmenschlichen Interaktion
zu streben; (4) es wurde gezeigt, daß bestimmte positive Werte
- die sich auf Gleichgewicht beziehen - in der Kultur wieder-
kehren und während der Kindheit in die Charakterstruktur ein-
gebaut werden und weiterhin, daß diese Werte ganz besonders
auf den Zustand des Fließgleichgewichts bezogen sein können;
(5) eine genauere Untersuchung ist nun erforderlich, um zu
einer systematischen Behauptung über die selbstregulierenden
Charakteristika des Systems zu gelangen. Offensichtlich reicht
das Ethos allein nicht aus, um den ausgeglichenen Zustand bei-
zubehalten. Von Zeit zu Zeit schreitet das Dorf oder irgendein
anderes Einzelwesen ein, um Verstöße zu korrigieren. Die Na-
tur dieser Fälle, in denen der Regulationsmechanismus am
Werk ist, muß untersucht werden; es ist aber klar, daß sich
dieser periodische Mechanismus stark von den kontinuierlich
wirkenden Einschränkungen unterscheidet, die in allen schis-
mogenen Systemen vorhanden sein müssen.
Stil, Grazie und Information in der primitiven
Kunst"'

Einleitung

Dieses Papier besteht aus mehreren noch uneinheitlichen Ver-


suchen, eine mit der Kultur und mit den nonverbalen Künsten
verbundene Theorie zu entwerfen. Da keiner dieser Versuche
umfassenden Erfolg hat, und da sich die Bemühungen noch
nicht in der Mitte des zu erschließenden Territoriums treffen,
mag es hilfreich sein, in einer untechnischen Sprache darzustel-
len, was mir vorschwebt.
Aldous Huxley sagte immer, daß das zentrale Problem der
Menschheit die Suche nach Grazie [grace] sei. Dieses Wort
gebrauchte er so, wie er auch meinte, daß es im Neuen Testa-
ment verwendet werde. Er erklärte das Wort jedoch in seinem
eigenen Sinne. Er argumentierte - wie Walt Whitman -, daß
Kommunikation und Verhalten von Tieren eine Naivität und
Einfachheit haben, die dem Menschen verlorengegangen sind.
Das menschliche Verhalten ist korrumpiert durch Täuschung -
sogar Selbsttäuschung -, durch Zwecksetzung und durch
Selbstbewußtsein. So, wie Aldous die Sache sah, hat der
Mensch die »Grazie« verloren, die den Tieren noch eigen ist.
Im Sinne dieses Kontrasts vertrat Aldous die These, daß Gott
eher den Tieren als dem Menschen gleicht: Er ist ideell unfähig
zu täuschen, und zu inneren Verwirrungen nicht in der Lage.
In der Gesamtskala der Lebewesen ist der Mensch sozusagen
beiseite gerückt und ihm fehlt die Grazie, die den Tieren eigen
ist und die Gott hat.
Ich behaupte, daß die Kunst ein Teil jener Suche des Menschen
* Dieser Aufsatz war ein Positionspapier für die Wenner-Gren Conference on
Primitive Art, 1967. Er wird hier wiederabgedruckt aus A Study of Primitive
Art, herausgegeben von Dr. Anthony Forge, soll erscheinen bei der Oxford
University Press. Mit Genehmigung des Verlegers.

182
nach Grazie ist; manchmal seine Ekstase im teilweisen Erfolg,
manchmal seine Wut und seine Qual beim Versagen.
Ich behaupte auch, daß es innerhalb der Hauptgattung viele
Arten der Grazie gibt; und daß es viele Formen des Versagens,
der Enttäuschung und der Abweichung von der Grazie gibt.
Zweifellos hat jede Kultur ihre charakteristischen Arten der
Grazie, nach der ihre Künstler streben, und ihre eigene Art des
Versagens.
Einige Kulturen können einen negativen Zugang zu dieser
schwierigen Integration begünstigen, eine Vermeidung von
Komplexität durch krasse Bevorzugung entweder totalen Be-
wußtseins oder totalen Unbewußtseins. Ihre Kunst wird aller
Wahrscheinlichkeit nach nicht »groß« sein.
Ich werde so argumentieren, daß das Problem der Grazie
grundsätzlich ein Problem der Integration ist, und was inte-
griert werden soll, sind die verschiedenen Teile des Geistes -
besonders jene
Jene vielfältigen Ebenen, deren eines Extrem »Be-
wußtsein«, das andere »Unbewußtes« genannt wird. Zur Errei-
chung von Grazie müssen die Gründe des Herzens mit den
Gründen des Verstandes verbunden werden.
Edmund Leach hat uns in seinem Beitrag mit folgender Frage
konfrontiert: Wie kommt es, daß die Kunst einer Kultur Be-
deutung oder Geltung für Kritiker haben kann, die in einer
anderen Kultur aufgewachsen sind? Meine Antwort wäre:
wenn die die Kunst in irgendeiner Weise so etwas wie Grazie
oder psychische Integration ausdrückt, könnte das Gelingen
dieses Ausdrucks sehr wohl über die kulturellen Grenzen hin-
weg erkennbar sein. Die körperliche Grazie von Katzen unter-
scheidet sich zutiefst von der körperlichen Grazie von Pferden,
und doch kann ein Mensch, dem es an der körperlichen Grazie
beider fehlt, die Grazie beider bewerten.
Und selbst wenn das Thema der Kunst das Scheitern von Inte-
gration ist, überrascht doch das transkulturelle Erkennen der
Produkte dieses Scheiterns nicht so sehr.
Die zentrale Frage lautet: Inwiefern ist im Kunstwerk eine In-
formation über psychische Integration enthalten oder codiert?
183
Stil und Bedeutung

Man sagt, daß »jedes Bild eine Geschichte erzählt«, und diese
Verallgemeinerung gilt für fast alle Kunst, wenn wir »bloße«
geometrische Ausschmückung außer acht lassen. Ich möchte
aber gerade vermeiden, die »Geschichte« zu analysieren. Dieser
Aspekt des Kunstwerks, der am leichtesten auf Worte reduzier-
bar ist - die mit dem Thema zusammenhängende Mythologie-,
Mythologie -,
ist nicht das, was ich diskutieren möchte. Ich werde sogar -
abgesehen vom Schluß - nicht auf die unbewußte Mythologie
der phallischen Symbolik eingehen.
Mich interessiert, welche wichtige psychische Information im
Kunstgegenstand steckt, ganz abgesehen davon, was er »reprä-
sentieren« kann. »Le style c'est de l'homme
Vhomme meme« (»Der Stil ist
der Mensch selbst«) (Buffon). Was liegt im Stil, in den Materia-
lien, in der Komposition, im Rhythmus, in der Technik und so
weiter verborgen?
Natürlich wird dieses Thema neben der Komposition und den
stilistischen Aspekten der eher darstellenden Werke auch Fra-
gen der geometrischen Ausschmückung umfassen.
Die Löwen auf dem Trafalgar Square hätten auch Adler oder
Bulldoggen sein können und doch dieselben (oder ähnliche)
Botschaften über das Empire und über die kulturellen Voraus-
setzungen im England des neunzehnten Jahrhunderts in sich
getragen. Und doch, wie verschieden hätte ihre Botschaft sein
können, wären sie aus Holz gefertigt!
Aber die Gegenständlich&ef£
Gegenständlichkeit als solche ist relevant. Die extrem
realistischen Pferde und Hirsche von Altamira haben gewiß
nicht mit denselben kulturellen Voraussetzungen zu tun wie die
sehr konventionell gestalteten schwarzen Konturen einer späte-
ren Periode. Der Code, mit dem wahrgenommene Objekte
oder Personen (oder Übernatürliches)
Ubernatürliches) in Holz oder Farbe
transformiert werden, ist eine Informationsquelle über den
Künstler und seine Kultur.
Es sind gerade die Regeln der Transformation, die mich interes-
sieren - nicht die Botschaft, sondern der Code.
184
Mein Ziel ist nicht instrumenteil.
instrumentell. Ich möchte die Regeln der
Transformation, sind sie einmal entdeckt, nicht verwenden, um
die Transformation ungeschehen zu machen oder um die Bot-
schaft zu »dechiffrieren«. Den Kunstgegenstand in Mythologie
zu übersetzen und dann die Mythologie zu erforschen wäre nur
eine geschickte Weise, das Problem »Was ist Kunst?« zu umge-
hen oder zu negieren.
Ich frage also nicht nach der Bedeutung der chiffrierten Bot-
schaft, sondern eher nach der des gewählten Codes. Nun muß
aber doch noch das höchst schlüpfrige Wort »Bedeutung« defi-
niert werden.
Es wird angemessen sein, Bedeutung zunächst einmal so allge-
mein wie möglich zu definieren.
»Bedeutung« kann man als ein annäherndes Synonym für Mu-
ster, Redundanz, Information und »Einschränkung« innerhalb
eines Paradigmas der folgenden Art auffassen:
Von jeder Ansammlung von Ereignissen oder Objekten (z. B.
eine Abfolge von Phonemen, ein Gemälde, ein Frosch oder eine
Kultur) soll gelten, daß sie »Redundanz« oder ein »Muster«
enthält, wenn die Ansammlung irgendwie durch ein »Schnitt-
zeichen« geteilt werden kann, so daß ein Beobachter, der nur
wahrnimmt, was auf der einen Seite des Schnittzeichens ist, mit
mehr als zufälligem Erfolg raten kann, was sich auf der anderen
Seite des Schnittzeichens befindet. Wir können sagen, daß das,
was auf der einen Seite des Schnitts liegt, Informationen über
die andere Seite enthält oder Bedeutung für sie hat. Oder in der
Sprache des Ingenieurs;
Ingenieurs: die Gesamtheit enthält »Redundanz«.
Oder aber, aus der Sicht eines Kybernetikers: die auf der einen
Seite des Schnitts verfügbare Information wird falsches Raten
einschränken (d.h. dessen Wahrscheinlichkeit verringern). Z.B.:
Der Buchstabe T an einer gegebenen Stelle in einem Stück ge-
schriebener englischer Prosa läßt die Vermutung zu, daß der
nächste Buchstabe wahrscheinlich ein H, ein R oder ein Vokal
sein wird. Es ist möglich, eine mehr als zufällige Vermutung
über einen Schnitt anzustellen, der unmittelbar auf das T folgt.
Die englische Rechtschreibung enthält Redundanz.
185
Von einem Teil eines englischen Satzes, der durch einen Schnitt
begrenzt ist, läßt sich aufgrund der syntaktischen Struktur auf
den Rest des Satzes schließen.
Von einem Baum, der oberhalb des Erdbodens sichtbar ist,
kann man auf die Existenz von Wurzeln unter der Erde schlie-
ßen. Der obere Teil liefert Informationen über den unteren.
Von einem Bogen eines gezeichneten Kreises ist es möglich, auf
die Stellung anderer Teile des Umfangs zu schließen. (Aus dem
Durchmesser eines idealen Kreises ergibt sich die Länge des
Umfangs. Aber dabei handelt es sich um die Frage der Wahrheit
innerhalb eines tautologischen Systems.)
Daraus, wie sich der Chef gestern verhielt, kann man vielleicht
schließen, wie er sich heute verhalten wird.
Aus dem, was ich sage, kann man vielleicht Voraussagen dar-
über ableiten, wie Sie antworten werden. Meine Worte enthal-
ten eine Bedeutung oder eine Information über Ihre Erwide-
rung.
Der Telegraphist A hat eine schriftliche Mitteilung auf seiner
Unterlage und schickt diese Mitteilung über Kabel an B, so daß
B nunmehr dieselbe Buchstabenfolge auf seiner Unterlage er-
hält. Diese Transaktion (oder dieses »Sprachspiel«, um mit
Wittgenstein zu sprechen) hat für einen Beobachter O ein re-
dundantes Universum erschaffen. Wenn O weiß, was auf A's
Unterlage war, kann er mit mehr als zufälligem Erfolg raten,
was auf B's Unterlage steht.
Das Wesen und die raison d'etre der Kommunikation ist die
Erzeugung von Redundanz, Bedeutung, Muster, Voraussagbar-
keit, Information und/oder die Reduktion des Zufalls durch
»Einschränkung«.
Nach meiner Ansicht ist es von hervorragender Bedeutung, ein
begriffliches System zu haben, das uns zwingt, die »Botschaft«
(z. B. den Kunstgegenstand) als sowohl innerlich musterförmig
wie auch selbst als Teil eines größeren musterförmigen Univer-
sums anzusehen - der Kultur oder irgendeines Teils der Kultur.
Von den Charakteristika der Kunstgegenstände glaubt man, sie
haben zu tun mit
mit,y seien teilweise abgeleitet von oder bestimmt
186
durch andere Charakteristika kultureller und psychologischer
Systeme. Unser Problem könnte sich daher stark vereinfacht
durch folgendes Diagramm darstellen lassen:
[Charakteristika des Kunstgegenstandes/Charakteristika des
Rests der Kultur]
wobei die eckigen Klammern das Universum der Relevanz um-
schließen und der Schrägstrich einen Schnitt durch es darstellt,
der einige Vermutungen in eine oder in beide Richtungen zu-
läßt. Das Problem besteht dann darin, herauszufinden, welche
Arten von Beziehungen, Entsprechungen usw. diesen Schräg-
strich kreuzen oder transzendieren.
Man bedenke den Fall, daß ich zu Ihnen sage: »Es regnet«, und
Sie vermuten, Regentropfen zu sehen, wenn Sie aus dem Fen-
ster schauen. Ein ähnliches Diagramm wird dienlich sein:
[Charakteristika von »Es regnet«/Wahrnehmung
regnet «/Wahrnehmung von Re-
gentropfen]
Man bedenke jedoch, daß dieses Beispiel keineswegs einfach ist.
Nur wenn man die Sprache kennt und ein gewisses Vertrauen in
meine Wahrheitsliebe setzt, wird man fähig sein, eine Vermu-
tung über die Regentropfen anzustellen. Tatsächlich sehen nur
wenige Menschen in dieser Situation davon ab, ihre Informa-
tion anscheinend zu verdoppeln, indem sie aus dem Fenster
schauen. Wir beweisen uns gerne, daß unsere Vermutungen
richtig und daß unsere Freunde ehrlich sind. Noch wichtiger
ist, daß wir gerne die Richtigkeit unserer Einschätzung unserer
Beziehung zu anderen überprüfen oder verifizieren.
Dieser letzte Punkt ist nicht trivial. Er veranschaulicht die not-
wendig hierarchische Struktur aller Kommunikationssysteme:
Die Tatsache der Übereinstimmung oder Nichtübereinstim-
mung (oder doch irgendeiner anderen Beziehung) zwischen
Teilen eines musterförmigen Ganzen kann ihrerseits als Teil
eines noch größeren Ganzen Informationen liefern. Das läßt
sich folgendermaßen darstellen:

187
[ (»Es regnet«/Regentropfen)/Ich-Du-Beziehung]

wobei die Redundanz quer durch das Schnittzeichen innerhalb


des kleineren Universums, das in runde Klammern eingeschlos-
sen ist, eine Redundanz in dem größeren Universum zwischen
eckigen Klammern nahelegt (eine Mitteilung über sie ist).
Aber die Mitteilung »Es regnet« ist selbst konventionell codiert
und in sich musterförmig, so daß mehrere Schnittzeichen durch
die Mitteilung gezogen werden könnten, die auf Muster inner-
halb der Mitteilung selbst hinweisen.
Und dasselbe gilt auch für den Regen. Er ist ebenfalls muster-
förmig und strukturiert. Aufgrund der Richtung eines Tropfens
könnte ich die Richtung anderer vorhersagen. Und so weiter.
Aber die Schnittzeichen durch die sprachliche Mitteilung »Es
regnet» werden nicht in irgendeiner einfachen Form den
regneu
Schnittzeichen durch die Regentropfen entsprechen.
Hätte ich Ihnen anstelle einer sprachlichen Mitteilung ein Bild
des Regens gegeben, dann hätten einige der Schnitte auf dem
Bild solchen durch den wahrgenommenen Regen entsprochen.
Dieser Unterschied liefert uns ein sauberes formales Kriterium
für die Trennung des »willkürlichen« und digitalen Charakteri-
stikums der Codierung des verbalen Teils der Sprache von der
bildlichen Codierung der Beschreibung.
Aber die verbale Beschreibung ist in ihrer größeren Struktur oft
bildlich. Ein Wissenschaftler, der einen Regenwurm beschreibt,
kann am Kopfende anfangen und sich dann nach unten durch-
arbeiten - womit er eine Beschreibung hervorbringt, die in ihrer
Abfolge und Verlängerung bildlich ist. Hier beobachten wir
erneut eine hierarchische Strukturierung, die auf einer Ebene
digital oder verbal, auf einer anderen bildlich ist.

Ebenen und logische Typen

»Ebenen« wurden bereits erwähnt: (a) Es wurde festgestellt,


daß die Kombination der Mitteilung »Es regnet« mit der Wahr-
188
nehmung von Regentropfen ihrerseits eine Mitteilung über ein
Universum von persönlichen Beziehungen konstituieren kann;
und (b) wenn wir den Fokus unserer Aufmerksamkeit von klei-
neren auf größere Einheiten des Mitteilungsmaterials verlagern,
können wir entdecken, daß eine größere Einheit eine bildliche
Codierung enthält, obwohl die kleineren Teile, aus denen sie
besteht, verbal sind: Die verbale Beschreibung eines Regen-
wurms läßt sich als ganze verlängern. Das Problem der Ebenen
taucht nun in einer anderen Form auf, die für jede Erkenntnis-
theorie der Kunst entscheidend ist:
Das Wort »Wissen« ist nicht bloß darin zweideutig, daß es
sowohl connaitre (über die Sinne zu wissen, erkennen oder
wahrnehmen), als auch savoir (im Geist wissen) abdeckt, son-
dern auch aus grundlegenden systematischen Gründen in seiner
Bedeutung variiert - sich aktiv verschiebt. Was wir über die
Sinne wissen, kann zu Wissen im Geist werden.
»Ich weiß den Weg nach Cambridge« kann bedeuten, daß ich
die Karte studiert habe und Ihnen die Richtung angeben kann.
Es könnte auch bedeuten, daß ich mich an alle Einzelheiten
entlang der Strecke erinnern kann. Auch könnte es heißen, daß
ich beim Abfahren der Strecke viele Einzelheiten erkenne,
selbst wenn mir nur einige davon in Erinnerung sind. Es könnte
bedeuten, daß ich mich bei der Fahrt nach Cambridge auf »Ge-
wohnheit« verlassen kann, so daß ich an den richtigen Stellen
abbiege, ohne darüber nachzudenken, wohin ich fahre. Und so
weiter.
In allen Fällen haben wir es mit einer Redundanz oder Muste-
rung ziemlich komplexer Art zu tun:
[(»Ich weiß .. .«/mein Geist)/die Straße]
wobei die Schwierigkeit darin liegt, die Natur der Musterung
innerhalb der runden Klammern zu bestimmen oder, um es
anders zu formulieren: zu bestimmen, welche Teile des Geistes
mit der besonderen Mitteilung über das »Wissen« redundant
sind.
Schließlich gibt es noch eine spezielle Form des »Wissens«, die
189
gewöhnlich eher als Anpassung denn als Information angesehen
wird. Ein Hai ist für die Fortbewegung im Wasser ausgezeich-
net gestaltet, aber sicher enthält das Genom des Hais keine
unmittelbare Information über Hydrodynamik. Vielmehr muß
man davon ausgehen, daß das Genom Informationen oder In-
struktionen enthält, die die Ergänzung der Hydrodynamik
sind. Nicht die Hydrodynamik selbst, sondern was die Hydro-
dynamik erfordert, ist im Genom des Hais aufgebaut worden.
Ähnlich weiß ein Wandervogel vielleicht den Weg zu seinem
Zielort in keiner der oben skizzierten Formen, aber der Vogel
kann die komplementären Instruktionen enthalten, die notwen-
dig sind, um ihn richtig fliegen zu lassen.
»Le cceur a ses raisons que la raison ne connait poinu
point* (»Das
Herz hat seine Gründe, die der Verstand überhaupt nicht
kennt«). Genau das - die komplexe Schichtung von Bewußtsein
und Unbewußtem - bereitet Schwierigkeiten, wenn wir versu-
chen, Kunst, Ritual oder Mythologie zu diskutieren. Das Pro-
blem von Ebenen des Geistes ist aus vielen Blickwinkeln disku-
tiert worden, von denen zumindest vier erwähnt und in jeden
wissenschaftlichen Zugang zur Kunst verwoben werden
müssen:
(1) Samuel Butlers nachdrückliche Behauptung, daß, je besser
ein Organismus etwas »weiß«, er desto unauffälliger mit seinem
Wissen umgeht; d. h. es gibt einen Prozeß, durch den Wissen
(oder »Gewohnheit« - sei es des Handelns, der Wahrnehmung
oder des Denkens) in immer tiefere Ebenen des Geistes ver-
sinkt. Dieses Phänomen, das für die Disziplin des Zen zentral
ist (vgl. Herrigel, Zen und die Kunst des Bogenschießens), ist
auch relevant für alle Kunst und alle Technik.
(2) Adalbert Arnes' Demonstrationen, wonach die bewußten,
dreidimensionalen visuellen Bilder, die wir aus dem machen,
was wir sehen, durch Prozesse zustande kommen, die mathe-
matische Voraussetzungen der Perspektive usw. einschließen,
deren Verwendung vollkommen unbewußt ist. Uber Über diese Pro-
zesse haben wir keine willentliche Kontrolle. Die Zeichnung
eines Stuhls aus der Perspektive van Goghs widersetzt sich den
190
bewußten Erwartungen und erinnert das Bewußtsein schwach
an das, was (unbewußt) als selbstverständlich vorausgesetzt
worden war.
(3) Die Freudsche (insbesondere Fenichels) Theorie der Träume
als Metaphern, die dem Primärprozeß entsprechend codiert
sind. Ich werde den Stil - Gefälligkeit, Kühnheit des Kontrasts
usw. - als metaphorisch und daher als mit denjenigen Ebenen
des Geistes verknüpft auffassen, in denen der Primärprozeß
herrscht.
(4) Die Freudsche Auffassung vom Unbewußten als dem Keller
oder Schrank, in den angstvolle oder schmerzhafte Erinnerun-
gen durch einen Verdrängungsprozeß gesperrt werden.
Die klassische Freudsche Theorie nahm an, daß Träume ein
sekundäres Produkt seien, das durch »Traumarbeit« zustande
kommt. Das für das bewußte Denken unannehmbare Material
werde in das metaphorische Idiom des Primärprozesses über-
setzt, um zu verhindern, daß der Träumer aufwacht. Und dies
mag für diejenigen Informationseinheiten zutreffen, die durch
den Verdrängungsprozeß im Unbewußten gehalten werden.
Wie wir jedoch gesehen haben, sind noch viele andere Arten
von Informationen der bewußten Kontrolle entzogen, wozu
die meisten Voraussetzungen der Interaktion zwischen Säuge-
tieren gehören. Ich neige zu der Ansicht, daß diese Informatio-
nen vor allem in der Sprache des Primärprozesses existieren,
und nur schwer in »rationale« Termini zu übersetzen sind. Ich
glaube, mit anderen Worten, daß in der frühen Freudschen
Theorie vieles verkehrt war. Zu dieser Zeit betrachteten viele
Denker die bewußte Einsicht als normal und selbstverständlich,
während das Unbewußte als mysteriös, beweis- und erklä-
rungsbedürftig angesehen wurde. Verdrängung war die Erklä-
rung, und das Unbewußte wurde mit Gedanken angefüllt, die
hätten bewußt sein können, die aber durch Verdrängung und
Traumarbeit entstellt waren. Heute halten wir das Bewußtsein
für etwas Mysteriöses und die Rechenmethoden des Unbewuß-
ten, z. B. den Primärprozeß, für kontinuierlich wirksam, not-
wendig und allumfassend.
191
Diese Erwägungen sind besonders relevant für jede Bemühung,
eine Theorie der Kunst oder der Dichtung herzuleiten. Dich-
tung ist nicht eine Art verzerrter und ausgeschmückter Prosa,
vielmehr ist Prosa eine Dichtung, die entblößt und in das Pro-
krustesbett der Logik gezwängt wurde. Die Computer-Men-
schen, die die Übersetzung
Ubersetzung von Sprachen programmieren
möchten, vergessen manchmal diese Tatsache über die primäre
Natur der Sprache. Der Versuch, eine Maschine zu konstru-
ieren, welche die Kunst einer Kultur in die Kunst einer anderen
übersetzen soll, wäre genauso töricht.
Die Allegorie, bestenfalls eine geschmacklose Art der Kunst, ist
eine Umkehrung des normalen Schöpfungsprozesses. Üblicher-
weise wird eine abstrakte Relation, z. B. die zwischen Wahrheit
und Gerechtigkeit, zunächst mit rationalen Mitteln erfaßt. Die
Beziehung wird dann metaphorisch dargestellt und herausge-
putzt, so daß sie aussieht wie ein Produkt des Primärprozesses.
Die Abstraktionen werden personifiziert und einem Pseudo-
mythos zugeordnet, und so weiter. Ein Großteil der Werbe-
kunst ist allegorisch in diesem Sinne, daß der Schöpfungspro-
zeß umgekehrt wird.
Im Klischee-System der Angelsachsen wird gemeinhin ange-
nommen, daß es irgendwie besser wäre, wenn das, was unbe-
wußt ist, bewußt gemacht würde. Selbst Freud soll gesagt ha-
ben »Wo Es war, soll Ich werden«, als ob eine solche Zunahme
bewußter Erkenntnis und Kontrolle sowohl möglich als auch
eine Verbesserung wäre. Diese Ansicht ist das Produkt einer
nahezu vollkommen verzerrten Erkenntnistheorie und einer
völlig verzerrten Auffassung davon, was ein Mensch oder ir-
gendein anderer Organismus ist.
Von den oben aufgeführten vier Arten des Unbewußten sind
die ersten drei mit absoluter Sicherheit notwendig. Bewußtsein
muß aus offensichtlichen mechanischen Gründen1 immer auf
i Man bedenke die Unmöglichkeit, ein Fernsehgerät zu konstruieren, auf des-
sen Bildschirm alle Vorgänge in den einzelnen Bestandteilen zu sehen wären,
wozu insbesondere auch die Teile gehören würden, die an dieser Wiedergabe
beteiligt sind.
192
einen ziemlich kleinen Ausschnitt des geistigen Prozesses be-
grenzt sein. Soll es überhaupt nützlich sein, dann muß sparsam
damit umgegangen werden. Das mit der Gewohnheit verbun-
dene Unbewußte ist eine Ökonomie sowohl des Denkens als
auch des Bewußtseins; und dasselbe gilt für die Unzugänglich-
keit der Wahrnehmungsprozesse. Der bewußte Organismus
muß (zu pragmatischen Zwecken) nicht wissen, wie er wahr-
nimmt - nur, was er wahrnimmt. (Anzunehmen, daß wir ohne
eine Grundlage im Primärprozeß auskämen, wäre dasselbe wie
zu behaupten, daß das menschliche Gehirn anders strukturiert
sein sollte.) Von den vier Typen ist vielleicht nur der Freudsche
Skelettschrank unerwünscht und könnte beseitigt werden. Aber
es könnten doch Vorteile darin liegen, das Skelett vom Eßzim-
mertisch fernzuhalten.
In Wahrheit ist unser Leben so beschaffen, daß seine unbewuß-
ten Komponenten ständig in all ihren vielfältigen Formen ge-
genwärtig sind. Daraus folgt, daß wir in unseren Beziehungen
kontinuierlich Botschaften über diese unbewußten Materialien
austauschen, und es wird auch wichtig, Metamitteilungen aus-
zutauschen, durch welche wir einander sagen, welche Ordnung
und Gattung des Unbewußten (oder des Bewußtseins) unseren
Botschaften zukommt.
Bloß pragmatisch gesehen, ist dies wichtig, weil sich die Arten
der Wahrheit bei verschiedenen Arten von Mitteilungen unter-
scheiden. Sofern eine Mitteilung bewußt und willentlich er-
folgt, könnte es sich um eine Täuschung handeln. Ich kann
Ihnen sagen, daß die Katze auf der Matte liegt, auch wenn sie in
Wirklichkeit nicht dort ist. Ich kann Ihnen sagen: »Ich liebe
Sie«, auch wenn das gar nicht der Fall ist. Aber Beziehungsge-
spräche sind meistens von einer Menge halbfreiwilliger kineti-
scher und selbständiger Signale begleitet, die für eine vertrau-
enswürdigere Kommentierung der sprachlichen Mitteilung
sorgen.
Ähnlich
Ahnlich ist es bei bestimmten Fertigkeiten: daß es sie gibt, weist
auf die Präsenz großer unbewußter Anteile bei ihrer Ausübung
hin.

193
Es wird daher relevant, an jedes Kunstwerk mit der Frage her-
anzutreten: Welche Komponenten dieses Botschaftsmaterials
hatten für den Künstler welche Ordnungen des Unbewußten
(oder des Bewußten)? Und ich glaube, diese Frage wird von der
verständigen Kritik gewöhnlich gestellt, wenn vielleicht auch
nicht bewußt.
Die Kunst wird in diesem Sinne zu einer Übung, über die Arten
des Unbewußten zu kommunizieren. Oder, wenn Sie so wol-
len, zu einer Art spielerischem Verhalten, dessen Funktion un-
ter anderem darin besteht, solche Kommunikation dieser Art
auszuüben und vollkommener zu gestalten.
Dr. Anthony Forge verdanke ich ein Zitat von Isadora Duncan:
»Könnte ich Ihnen sagen, was es bedeutet, dann bestünde kein
Anlaß, es zu tanzen.«
Ihre Äußerung ist zweideutig. Im Rahmen der eher vulgären
Voraussetzungen unserer Kultur würden wir den Satz so über-
setzen: »Es bestünde dann kein Anlaß, es zu tanzen, weil ich es
Ihnen schneller und weniger zweideutig in Worten sagen könn-
te.« Diese Interpretation geht einher mit der törichten Vorstel-
lung, daß es gut wäre, sich all dessen bewußt zu sein, was
unbewußt in uns vorgeht.
Isadora Duncans Bemerkung hat aber noch eine andere mögli-
che Bedeutung: Wäre die Botschaft eine solche, die tnan mit
Worten vermitteln kann, dann bestünde kein Anlaß, sie zu tan-
zen, aber es handelt sich nicht um eine solche Mitteilung. Es ist
in der Tat genau die Art von Botschaft, die falsifiziert würde,
kommunizierte man sie mit Worten, weil die Verwendung von
Worten (es sei denn in der Dichtung) bedeuten würde, daß dies
eine völlig bewußte und willentliche Mitteilung ist, und das
wäre ganz einfach unwahr.
Ich glaube, was Isadora Duncan oder irgendein anderer Künst-
ler vermitteln möchte, stellt sich eher so dar: »Dies ist eine
besondere Art von teilweise unbewußter Botschaft. Wir wollen
uns auf diese besondere Art teilweise unbewußter Kommunika-
tion einlassen.« Oder vielleicht: »Dies ist eine Botschaft über
die Grenzfläche zwischen Bewußtem und Unbewußtem.«
194
Die Botschaft künstlerischer Fertigkeit in irgendeiner Form
muß immer von dieser Art sein. Die Sinneseindrücke und Qua-
litäten von Fertigkeiten lassen sich niemals in Worte fassen, und
doch ist die Tatsache der Fertigkeit bewußt.
Das Dilemma des Künstlers ist von einer besonderen Art. Er
muß üben, um die handwerklichen Komponenten seines Berufs
zu beherrschen. Aber das Üben hat immer eine zweifache Aus-
wirkung. Es macht ihn einerseits fähiger, zu tun, was immer er
anstrebt; und andererseits macht es ihn aufgrund des Phäno-
mens der Gewohnheitsbildung weniger bewußt dafür, wie er es
tut.
Wenn es sein Bestreben ist, über die unbewußten Komponen-
ten seines Werks zu kommunizieren, dann folgt hieraus, daß er
sich auf einer Art fahrender Trt'ppe
Trr.'ppe (oder Rolltreppe) befindet,
über deren Position er zu kommunizieren versucht, deren Be-
wegung aber selbst eine Funktion seiner Kommunikationsbe-
mühungen ist.
Natürlich ist seine Aufgabe unmöglich, aber, wie schon be-
merkt wurde, lösen einige Menschen sie sehr hübsch.

Der Primärprozeß

»Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand überhaupt nicht
kennt.« Unter Angelsachsen ist es eher üblich, die »Gründe«
des Herzens oder des Unbewußten als rudimentäre Kräfte,
Schübe oder Wogen zu interpretieren - was Freud Triebe* Triebe'1'
nannte. Für Pascal, einen Franzosen, stellte sich die Sache eher
anders dar, und er interpretierte die Gründe des Herzens zwei-
fellos als eine ebenso genaue uncTkomplexe
uncf komplexe Ansammlung von
Logik oder Berechnung wie die Gründe des Bewußtseins.
(Ich habe festgestellt, daß angelsächsische Anthropologen die
Schriften von Claude Levi-Strauss manchmal aus genau diesem
Grunde mißverstehen. Sie sagen, er betone zu sehr den Intellekt

* Deutsch im Original.

195
und lasse die »Empfindungen« außer acht. In Wahrheit geht er
davon aus, daß das Herz genaue Algorithmen hat.)
Diese Algorithmen des Herzens oder, wie man sagt, des Unbe-
wußten, sind jedoch ganz anders codiert und organisiert als die
Algorithmen der Sprache. Und da ein Großteil des bewußten
Denkens im Sinne der Sprachlogik strukturiert ist, sind die Al-
gorithmen des Unbewußten doppelt unzugänglich. Nicht nur
hat der bewußte Geist sehr wenig Zugang zu diesem Material,
sondern es ist auch eine Tatsache, daß ein gewaltiges Uberset-
zungsproblem verbleibt, wenn ein solcher Zugang gelingt, wie
z. B. in Träumen, in der Kunst, Dichtung, Religion, im Drogen-
rausch usw.
Das kommt in Freudscher Sprache gewöhnlich dadurch zum
Ausdruck, daß man sagt, diese unbewußten Vorgänge seien mit
Hilfe des Primärprozesses strukturiert, während die bewußten
Gedanken (besonders verbalisierte) im Sekundärprozeß zum
Ausdruck kommen.
Meines Wissens weiß niemand etwas über den Sekundärprozeß.
Gewöhnlich nimmt man aber an, daß jeder alles darüber weiß,
so daß ich nicht versuchen werde, den Sekundärprozeß genauer
zu beschreiben, weil ich annehme, daß Sie genauso viel darüber
wissen wie ich.
Der Primärprozeß wird (z. B. von Fenichel) so charakterisiert,
daß es ihm an Negativa, an Zeitformen, an irgendeiner Identifi-
kation des sprachlichen Modus (d. h. an der Identifikation von
Indikativ, Konjunktiv, Optativ usw.) und an Metaphorik man-
gelt. Diese Charakterisierungen beruhen auf der Erfahrung von
Psychoanalytikern, die Träume und Muster der freien Assozia-
tion interpretieren müssen.
Es trifft auch zu, daß sich das Thema des Diskurses im Primär-
prozeß von dem der Sprache und des Bewußtseins unterschei-
det. Das Bewußtsein spricht von Dingen oder Personen und
legt den spezifischen Dingen oder Personen, die erwähnt wer-
den, Prädikate bei. Im Primärprozeß werden die Dinge oder
Personen gewöhnlich nicht identifiziert, und der Fokus des
Diskurses liegt auf den Beziehungen, die zwischen ihnen beste-
196
hen sollen. Das ist tatsächlich nur eine andere Ausdrucksweise
dafür, daß der Diskurs des Primärprozesses metaphorisch ist.
Eine Metapher läßt die Beziehung, die sie »veranschaulicht«,
unverändert, wobei sie die Relata durch andere Dinge oder
Personen ersetzt. In einem Gleichnis wird die Tatsache, daß
eine Metapher verwendet wurde, durch Einfügen der Worte
»als ob« oder »wie« kenntlich gemacht. Im Primärprozeß gibt
es (wie in der Kunst) keine Markierungen, die den bewußten
Geist darauf hinweisen, daß das Botschaftsmaterial metapho-
risch ist.
(Für einen Schizophrenen ist es ein großer Schritt in Richtung
auf eine konventionellere Gesundheit, wenn er seine schizo-
phrenen Äußerungen oder die Kommentare seiner Stimmen in
den Rahmen einer »als-ob«-Terminologie stellen kann.)
Der Fokus der »Beziehung« ist jedoch etwas enger, als durch
den bloßen Hinweis angezeigt wird, das Material des Primär-
prozesses sei metaphorisch und identifiziere nicht die spezifi-
schen Relata. Das Thema des Traums und anderer Materialien
des Primärprozesses ist in der Tat eine Beziehung in dem enge-
ren Sinne von Beziehung zwischen dem Selbst und anderen
Personen oder zwischen Selbst und Umgebung.
Angelsachsen, die mit der Vorstellung, daß Empfindungen und
Gefühle die äußeren Zeichen genauer und komplexer Algorith-
men sind, nicht zurechtkommen, müssen gewöhnlich darüber
aufgeklärt werden, daß diese Dinge, die Beziehung zwischen
Selbst und anderen sowie die Beziehung zwischen Selbst und
Umgebung, in der Tat das Thema dessen sind, was als »Empfin-
dungen« bezeichnet wird - Liebe, Haß, Furcht, Vertrauen,
Angst, Feindschaft usw. Leider haben diese Abstraktionen, die
Beziehungsm«5fer verweisen, Namen erhalten, die gewöhn-
auf Beziehungswörter
lich so behandelt werden, als seien die »Empfindungen« im
wesentlichen durch Quantität und nicht durch ein präzises Mu-
ster gekennzeichnet. Das ist einer der unsinnigen Beiträge der
Psychologie zu einer verzerrten Erkenntnistheorie.
Wie dem auch sei, für unsere gegenwärtigen Absichten ist es
wichtig festzustellen, daß die Charakteristika des Primärpro-

197
zesses, wie sie oben beschrieben wurden, die unausweichlichen
Charakteristika jedes Kommunikationssystems zwischen Or-
ganismen sind, die ausschließlich bildliche Kommunikation
verwenden müssen. Dieselbe Einschränkung ist auch charakte-
ristisch für den Künstler, für den Träumenden und für das vor-
menschliche Säugetier oder den Vogel. (Die Kommunikation
zwischen Insekten ist vielleicht etwas anderes.)
In der bildlichen Kommunikation gibt es keine Zeitform, keine
einfache Negation, keine Markierung von Modi.
Das Fehlen einfacher Negationen ist deshalb von besonderem
Interesse, weil es Organismen oft dazu zwingt, das Gegenteil
sagen,y was sie meinen,
von dem zu sagen meineny um die Aussage auszudrük-
ken, daß sie das Gegenteil von dem meinen
meinen,y was sie sagen.
Zwei Hunde nähern sich einander und müssen die Mitteilung
austauschen: »Wir werden nicht kämpfen.« Aber die einzige
Möglichkeit, Kampf in bildlicher Kommunikation zu erwäh-
nen, besteht darin, die Zähne zu fletschen. Die Hunde müssen
dann herausfinden, daß diese Erwähnung des Kampfs in Wirk-
lichkeit nur erkundend war. Sie müssen daher erkunden, was
das Fletschen der Zähne bedeutet. So lassen sie sich auf einen
Streit ein, entdecken, daß keiner von beiden letztlich den ande-
ren töten will, und dann können sie Freunde werden.
(Man denke an die Friedenszeremonien der Andamaner. Oder
auch an die Funktionen von umgekehrten Darstellungen oder
Sarkasmus und andere Arten des Humors im Traum, in der
Kunst und in der Mythologie.)
Im allgemeinen hat der Diskurs von Tieren mit der Beziehung
entweder zwischen Selbst und anderen oder zwischen Selbst
und Umgebung zu tun. In keinem von beiden Fällen ist es
notwendig, die Relata zu identifizieren. Tier A berichtet B über
seine Beziehung zu B, und es berichtet C über seine Beziehung
zu C. Tier A muß Tier C nichts über seine Beziehung zu B
berichten. Die Relata sind immer sichtbar gegenwärtig, um den
Diskurs zu veranschaulichen, und der Diskurs ist immer bild-
lich in dem Sinne, daß er aus Teilaktionen (»Absichtsbewegun-
gen«) aufgebaut ist, die die ganze angedeutete Handlung erwäh-
198
nen. Selbst wenn einen die Katze um Milch bittet, kann sie
nicht das Gewünschte erwähnen (außer wenn es sichtbar da ist).
Sie sagt: »Mama, Mama«, und aus dieser Beschwörung der Ab-
hängigkeit soll man schließen, daß sie eben Milch verlangt.
All dies zeigt, daß die Gedanken des Primärprozesses und die
Vermittlung solcher Gedanken an andere in einem evolutionä-
ren Sinne archaischer sind als die bewußteren Vorgänge der
Sprache usw. Das hat Implikationen für die ganze Ökonomie
und die dynamische Struktur des Geistes. Samuel Butler war
vielleicht der erste, der gezeigt hat, daß das, was wir am besten
wissen, auch das ist, dessen wir uns am wenigsten bewußt sind,
d. h. daß der Prozeß der Gewohnheitsbildung ein Absinken des
Wissens auf weniger bewußte und archaischere Ebenen ist. Das
Unbewußte enthält nicht nur die schmerzhaften Angelegenhei-
ten, die das Bewußtsein lieber nicht genau untersucht, sondern
auch vieles, was so vertraut ist, daß wir es nicht überprüfen
müssen. Gewohnheit ist daher eine wichtige Ökonomie des
bewußten Denkens. Wir können Dinge tun, ohne bewußt über
sie nachzudenken. Die Fertigkeit eines Künstlers oder vielmehr
seine Demonstration einer Fertigkeit, wird zu einer Botschaft
über diese Teile seines Unbewußten. (Aber vielleicht nicht eine
Botschaft aus dem Unbewußten.)
Aber die Sache ist nicht ganz so einfach. Einige Typen des
Wissens können normalerweise in unbewußte Ebenen versenkt
werden, aber andere Typen müssen an der Oberfläche bleiben.
Grundsätzlich können wir es uns leisten, diejenigen Formen
des Wissens zu versenken, die ohne Rücksicht auf Veränderun-
gen in der Umgebung wahr bleiben, aber wir müssen all jene
Verhaltenskontrollen an einer zugänglichen Stelle behalten, die
in jedem Einzelfall modifiziert werden müssen. Der Löwe kann
die Aussage in sein Unbewußtes versenken, daß Zebras seine
natürliche Beute sind, aber im Umgang mit irgendeinem beson-
deren Zebra muß er in der Lage sein, die Bewegungen seines
Angriffs so abzuwandeln, daß sie mit dem besonderen Terrain
und den besonderen Fluchttaktiken des besonderen Zebras
übereinstimmen.
199
Die Ökonomie des Systems treibt Organismen in der Tat dahin,
diejenigen Grundregeln der Beziehung ins Unbewußte zu ver-
senken, die immer wahr bleiben, und die pragmatischen Anfor-
derungen besonderer Fälle im Bewußtsein zu belassen.
Die Prämissen können, ökonomisch gesehen, versenkt werden,
aber besondere Schlußfolgerungen müssen bewußt bleiben.
Auch wenn das »Versenken« zwar ökonomisch ist, so hat es
doch seinen Preis - den Preis der Unzugänglichkeit. Da die
Ebene, auf welche Dinge versenkt werden, durch bildliche Al-
gorithmen und Metaphern charakterisiert ist, wird es für den
Organismus schwierig, die Matrix zu überprüfen, aus der seine
bewußten Schlußfolgerungen hervorgehen. Umgekehrt können
wir feststellen, daß das Gemeinsame einer besonderen Behaup-
tung und einer entsprechenden Metapher von einer Allgemein-
heit ist, die sich für die Versenkung eignet.

Quantitative Grenzen des Bewußtseins

Eine sehr kurze Erwägung des Problems zeigt, daß für kein
System die Möglichkeit denkbar ist, vollkommen bewußt zu
sein. Angenommen, auf dem Schirm des Bewußtseins finden
sich Berichte von vielen Teilen des gesamten Geistes; und nun
bedenke man die Hinzufügung derjenigen Berichte zum Be-
wußtsein, die notwendig sind, um das abzudecken, was auf
einer gegebenen Evolutionsstufe nicht schon abgedeckt ist.
Diese Hinzufügung wird eine sehr große Steigerung in der
Kreislaufstruktur des Gehirns mit sich bringen, aber noch nicht
zur totalen Abdeckung führen. Der nächste Schritt wird darin
bestehen, die Prozesse und Ereignisse abzudecken, die in der
soeben hinzugefügten Kreislaufstruktur auftreten. Und so
weiter.
Das Problem ist eindeutig unlösbar, und jeder nächste Schritt in
der Annäherung totalen Bewußtseins wird eine große Steige-
rung in der erforderlichen Kreislaufstruktur einschließen.
Es folgt, daß sich alle Organismen mit ziemlich wenig Be-
200
wußtsein begnügen müssen, und daß, hat das Bewußtsein ir-
gendeine nützliche Funktion (die niemals nachgewiesen wurde,
aber wahrscheinlich besteht), dann die Ökonomie im Bewußt-
sein von vorrangiger Bedeutung sein wird. Kein Organismus
kann es sich leisten, sich der Dinge bewußt zu sein, mit denen
er auf unbewußten Ebenen umgehen könnte.
Das ist die Ökonomie, die durch Gewohnheitsbildung erreicht
wird.

Qualitative Grenzen des Bewußtseins

Für das Fernsehgerät gilt natürlich, daß ein zufriedenstellendes


Bild auf der Mattscheibe ein Anzeichen dafür ist, daß viele Teile
des Geräts ordnungsgemäß funktionieren; und ähnliche Erwä-
gungen gelten auch für den »Schirm« des Bewußtseins. In
Wirklichkeit erhält man aber nur einen sehr indirekten Bericht
über das Funktionieren all dieser Teile. Ist an dem Fernseher
eine Röhre kaputt oder hat der Mensch einen Schlaganfall, dann
können die Auswirkungen dieser Krankheit auf der Mattschei-
be oder für das Bewußtsein deutlich genug sein, aber die Dia-
gnose muß doch einem Spezialisten vorbehalten bleiben.
Dieses Problem hat Auswirkungen für die Natur der Kunst.
Der Fernseher, der ein verzerrtes oder sonstwie unvollkomme-
nes Bild gibt, kommuniziert in gewissem Sinne über seine un-
bewußten Krankheiten - er zeigt seine Symptome; und man
kann sich fragen, ob einige Künstler nicht etwas Ähnliches
Ahnliches tun.
Aber das wird noch nicht genügen.
Manchmal wird gesagt, daß die Verzerrungen der Kunst (sagen
wir van Goghs »Stuhl«) unmittelbar für das stehen, was der
Künstler »sieht«.
»sieht*. Beziehen sich solche Behauptungen auf das
»Sehen« im einfachsten physischen Sinne (das z. B. durch eine
Brille verbessert werden könnte), dann nehme ich an, daß sie
Unsinn sind. Flätte
Hätte van Gogh den Stuhl nur in dieser ungestü-
men Weise sehen können, dann wäre es seinen Augen nicht
gelungen, ihn bei der sehr genauen Anordnung der Farbe auf
der Leinwand richtig anzuleiten. Und umgekehrt hätte van
201
Gogh auch eine fotografisch genaue Abbildung des Stuhls auf
der Leinwand in der ungestümen Weise gesehen. Er hätte keine
Notwendigkeit gesehen, das Gemälde zu verzerren.
Aber angenommen, wir sagen, daß der Künstler heute malt,
was er gestern sah - oder daß er malt, wovon er irgendwie weiß,
daß er es sehen könnte. »Ich sehe so gut wie Sie -, aber merken
Sie, daß diese andere Weise, einen Stuhl zu sehen, als eine
menschliche Potentialität existiert? Und daß diese Potentialität
immer in jedem von uns steckt?« Zeigt er Symptome, die er
haben könnte, weil das ganze Spektrum der Psychopathologie
für uns alle möglich ist?
Intoxikation durch Alkohol oder Drogen kann uns dazu ver-
helfen, eine verzerrte Welt zu sehen, und diese Verzerrungen
können darin faszinierend sein, daß wir sie als unsere eigenen
erkennen. In vino pars veritatis. Wir können gedemütigt oder
erhöht werden, wenn wir erkennen, daß auch dies ein Teil des
menschlichen Selbst, ein Teil der Wahrheit ist. Aber Intoxika-
tion steigert nicht die Fertigkeit - bestenfalls kann sie die vorher
erlernte Fertigkeit freisetzen.
Ohne Fertigkeit keine Kunst.
Man denke an den Fall des Mannes, der an die Tafel - oder an
die Wand seiner Höhle - geht und freihändig ein vollkommenes
Rentier in Angriffsstellung zeichnet. Er kann nichts über die
Zeichnung des Rentiers sagen (»könnte er es, dann bestünde
kein Anlaß, es zu zeichnen«). »Wissen Sie, daß diese vollkom-
mene Weise, ein Rentier zu sehen - und zu zeichnen -, als eine
menschliche Potentialität existiert?« Die vollendete Fertigkeit
des Zeichners bestätigt die Botschaft des Künstlers über seine
Beziehung zu dem Tier - seine Einfühlung.
(Man sagt, die Dinge in Altamira seien für die einfühlende Jagd-
magie gemacht. Aber Magie verlangt nur die krudesten Formen
der Darstellung. Die gekritzelten Pfeile, die das schöne Rentier
verunzieren, können magisch gewesen sein - vielleicht ein vul-
gärer Versuch, den Künstler zu verhunzen, wie auf die Mona
Lisa geschmierte Schnurrbärte.)

202
Die korrektive Natur der Kunst

Oben wurde festgestellt, daß das Bewußtsein notwendig selek-


tiv und partiell ist, d. h. daß der Inhalt des Bewußtseins besten-
falls einen kleinen Teil der Wahrheit über das Selbst ausmacht.
Wird aber dieser Teil in irgendeiner systematischen Weise selek-
tiert, dann ist sicher, daß die Teilwahrheiten des Bewußtseins
tierU
als Gesamtheit eine Verzerrung der Wahrheit irgendeines grö-
ßeren Ganzen sein werden.
Im Falle eines Eisbergs können wir von der Spitze darauf
schließen, was für ein Stoff sich unter der Oberfläche befindet;
diese Art des Extrapolierens gilt aber nicht für den Inhalt des
Bewußtseins. Es ist nicht bloß der selektive Charakter der Vor-
liebe, durch welche sich die Skelette in Freuds Unbewußtem
ansammeln, die solche Extrapolationen unzutreffend macht.
Eine solche Selektion durch Vorliebe würde nur den Optimis-
mus fördern.
Was ernstzunehmen ist, ist der Querschnitt durch die Kreis-
laufstruktur des Geistes. Wenn der gesamte Geist, wie wir an-
nehmen müssen, ein integriertes Netzwerk (von Aussagen, Bil-
dern, Prozessen, Nervenkrankheiten oder ähnlichem - je nach
der bevorzugten wissenschaftlichen Terminologie) ist, und
wenn der Inhalt des Bewußtseins nur eine Auswahl verschiede-
ner Teile und Lokalitäten dieses Netzwerks ist, dann ist die
bewußte Auffassung des Netzwerks als ein Ganzes eine unge-
heuerliche Leugnung der Integration dieses Ganzen. Bei einem
Schnitt durch das Bewußtsein sind, was über der Oberfläche
erscheint, Kreislauftögerc
Kreislauf^ögew und nicht entweder die gesamten
Kreisläufe oder die größeren vollständigen Kreisläufe von
Kreisläufen.
Was das unbewaffnete Bewußtsein (unbewaffnet durch Kunst,
Träume und ähnliches) niemals richtig einschätzen kann, ist die
systemische Natur des Geistes.
Diese Vorstellung läßt sich gut durch eine Analogie veranschau-
lichen: Der lebende menschliche Körper ist ein komplexes, ky-
bernetisch integriertes System. Dieses System ist viele Jahre
203
20}
lang von Wissenschaftlern - meistens Medizinern - erforscht
worden. Was sie jetzt über den Körper wissen, läßt sich sehr
wohl mit dem vergleichen, was das unbewaffnete Bewußtsein
über den Geist weiß. Als Ärzte hatten sie Ziele: dies und jenes
zu heilen. Ihre Forschungsbemühungen konzentrierten sich da-
her (wie sich die Aufmerksamkeit auf das Bewußtsein konzen-
triert) auf die kurzen Kausalketten, die sie mit Hilfe von Medi-
kamenten oder anderen Eingriffen manipulieren konnten, um
mehr oder weniger spezifische und identifizierbare Zustände
oder Symptome zu korrigieren. Immer, wenn sie eine wirksame
»Heilmethode« für etwas entdeckten, hörte die Forschung in
diesem Bereich auf und die Aufmerksamkeit richtete sich auf
etwas anderes. Wir können jetzt die Kinderlähmung verhüten,
aber niemand weiß wesentlich mehr über die systemischen
Aspekte dieser faszinierenden Krankheit. Die Forschung auf
diesem Gebiet hat aufgehört oder wird bestenfalls darauf be-
schränkt, die Impfstoffe zu verbessern.
Aber ein Haufen Tricks zur Heilung oder Verhütung einer Rei-
he von spezifizierten Krankheiten ergibt keine umfassende Ein-
sicht. Die Ökologie und das Bevölkerungswachstum der Gat-
tung sind gewaltsam unterbrochen worden; Parasiten wurden
immun gegen Antibiotika; die Beziehung zwischen Mutter und
Neugeborenem ist nahezu zerstört worden; und so weiter.
Normalerweise treten Irrtümer immer da auf, wo die veränder-
te Kausalkette Teil einer großen oder kleinen Kreislaufstruktur
eines Systems ist. Und der Rest unserer Technologie (von der
die Medizin nur ein Teil ist) verspricht, den Rest unserer Öko-
logie zu zerschlagen.
Worauf es mir jedoch in diesem Papier ankommt, ist nicht ein
Angriff gegen die Medizin, sondern die Darlegung einer unaus-
weichlichen Tatsache: daß eine bloß zweckorientierte Rationa-
lität, die ohne Rücksicht auf Phänomene wie Kunst, Religion,
Traum und ähnliches verfährt, notwendig pathogen und leben-
zerstörend ist; und daß ihre Virulenz besonders aus dem Um-
stand folgt, daß Leben auf eng ineinandergreifenden Kreisläu-
fen von Zufälligkeiten beruht, während das Bewußtsein nur so
204
kurze Bögen solcher Kreisläufe erkennen kann, wie sie die
menschlichen Zwecke festlegen können. Mit einem Wort, das
bloße Bewußtsein muß den Menschen immer in der Art von
Dummheit einbeziehen, der sich die Evolution schuldig mach-
te, als sie den Dinosauriern die Commonsense-^fftnt
Cowmowsewse-Werte eines Rü-
stungswettlaufs aufzwängte. Sie hat ihren Fehler unausweich-
lich eine Million Jahre später bemerkt und diese vernichtet.
Bloßes Bewußtsein muß immer zum Haß neigen; nicht nur,
weil es guter Common sense ist, den anderen auszumerzen,
sondern auch aus dem tieferen Grund, daß das Individuum,
welches nur Kreislaufbögen sieht, ständig überrascht und not-
wendig verärgert ist, wenn seine sturen Maßnahmen zurück-
wirken und den Erfinder peinigen.
Verwendet man DDT, um Insekten zu töten, so kann es einem
gelingen, die Insektenpopulation so weit zu reduzieren, daß die
Insektenfresser verhungern werden. Dann braucht man noch
mehr DDT als vorher, um die Insekten zu töten, die nicht mehr
von den Vögeln gefressen werden. Wahrscheinlicher ist aber,
daß man in der ersten Runde die Vögel ausrotten wird, welche
die vergifteten Insekten fressen. Rottet das DDT die Hunde
aus, dann wird man mehr Polizei brauchen, um der Einbrecher
Herr zu werden. Die Einbrecher werden sich besser bewaffnen
und geschickter vorgehen ... und so fort.
In einer solchen Welt leben wir - einer Welt von Kreislaufstruk-
turen -, und Liebe kann nur überleben, wenn die Einsicht (d. h.
ein Sinn oder eine Anerkennung für die Tatsache der Kreislauf-
struktur) eine wirksame Stimme hat.
Das bisher Gesagte legt Fragen zu jedem besonderen Kunst-
werk nahe, die sich etwas von denen unterscheiden, die übli-
cherweise von Anthropologen gestellt worden sind. Die »Kul-
tur- und Persönlichkeitsschule« zum Beispiel hat in ihrer Tradi-
tion Kunstwerke und Rituale als Muster oder Stichproben ver-
wendet, um besondere psychologische Themen oder Zustände
aufzudecken.
Die Frage lautete: Sagt uns die Kunst etwas über die Person, die
sie gemacht hat? Wenn aber die Kunst, wie oben behauptet,
205
eine positive Funktion für die Beibehaltung dessen hat, was ich
»Einsicht« nannte, d. h. für die Korrektur einer zu stark zweck-
orientierten Lebensauffassung und die Durchsetzung einer
mehr systemorientierten Sicht, dann wird die an das gegebene
Kunstwerk zu stellende Frage so lauten: Welche Formen der
Korrektur an der Richtung der Einsicht würden erreicht, wenn
man dieses Kunstwerk herstellte oder sähe? Die Frage wird
eher dynamisch als statisch.

Analyse der balinesischen Malerei

Wenn wir uns nun von erkenntnistheoretischen Erwägungen


einem spezifischen Kunststil zuwenden, stellen wir zuerst fest,
was ganz allgemein und ganz offenkundig ist.
Die als Kunst oder deren Produkte (die ebenfalls Kunst genannt
werden) bezeichneten Verhaltensweisen haben fast ausnahms-
los zwei Charakteristika: Sie erfordern oder zeigen eine Fertig-
keit, und sie enthalten Redundanz oder Muster.
Aber diese beiden Charakteristika bestehen nicht getrennt: Die
Fertigkeit liegt zunächst in der Beibehaltung und dann in der
Modulation von Redundanzen.
Das ist vielleicht am klarsten, wo die Fertigkeit die des Fachar-
beiters und die Redundanz von vergleichsweise niedriger Ord-
nung ist. Beispielsweise wurde in der balinesischen Malerei von
Ida Bagus Djati Sura aus dem Dorf Batuan im Jahre 1937 und in
fast allen Gemälden der Batuanischen Schule die Fertigkeit ei-
ner gewissen elementaren, aber hochdisziplinierten Art auf dem
Hintergrund eines Laubwerks eingesetzt oder praktiziert. Die
zu erreichenden Redundanzen umfassen eher einheitliche und
rhythmische Wiederholungen von Blattformen, aber diese Re-
dundanz ist sozusagen zerbrechlich. Sie wird nur durch
Schmutzflecken oder Unregelmäßigkeiten der Größe oder des
Farbtons in der Bemalung der aufeinanderfolgenden Blätter ge-
brochen oder unterbrochen.
Wenn ein Batuanischer Künstler das Werk eines anderen be-
206
trachtet, ist eins der ersten Dinge, die er überprüft, die Technik
des Blatthintergrundes. Die Blätter werden zuerst in freien
Umrissen mit Bleistift gezeichnet; dann wird jeder Umriß
streng mit Feder und schwarzer Tusche nachgezogen. Wenn
dies mit allen Blättern geschehen ist, beginnt der Künstler mit
Pinsel und chinesischer Tusche zu malen. Jedes Blatt wird mit
einem blassen Anstrich versehen. Sind diese Anstriche trocken,
erhält jedes Blatt einen kleineren konzentrischen Anstrich und
danach einen weiteren, noch kleineren, und so fort. Das Ender-
gebnis ist ein Blatt mit einem fast weißen Rand innerhalb des
schwarzen Umrisses und Abstufungen von immer dunklerer
Farbe bis hin zur Mitte des Blattes.
Ein »gutes« Bild hat bis zu fünf oder sechs solcher Abstufungen
auf jedem Blatt. (Das hier besprochene Gemälde ist in diesem
Sinne nicht sehr »gut«. Die Blätter wurden nur in drei oder vier
Schritten gemalt.)
Die bisher diskutierte Fertigkeit und Mustergebung beruhen
auf Muskelmechanik und Muskelgenauigkeit - und erreichen
die vielleicht nicht unwichtige künstlerische Ebene eines gut
ausgelegten Feldes von Steckrüben.
Ich beobachtete einst einen sehr begabten amerikanischen Zim-
mermann bei der Arbeit am Gebälk eines von ihm entworfenen
Hauses. Ich sagte etwas über die Sicherheit und Genauigkeit
jedes Schritts. Er sagte: »Ach, das. Das ist nichts anderes als das
Schreiben auf einer Schreibmaschine. Man muß es können, oh-
ne darüber nachzudenken.«
Aber auf dieser Ebene der Redundanz liegt eine weitere. Die
Einheitlichkeit der Redundanz auf der unteren Ebene muß so
moduliert werden, daß sich höhere Ebenen ergeben. Die Blätter
in einem Gebiet müssen sich von denen in einem anderen unter-
scheiden, und diese Unterschiede müssen in gewisser Weise
wechselseitig redundant sein: sie müssen Teil eines größeren
Musters sein.
In der Tat, die Funktion und die Notwendigkeit der Kontrolle
auf der ersten Ebene besteht genau darin, die zweite Ebene zu
ermöglichen. Der Betrachter des Kunstwerks muß die Informa-
207
tion erhalten, daß der Künstler ein einheitliches Gebiet von
Blättern malen kann, weil er ohne diese Information nicht in
der Lage sein wird, die Variationen innerhalb dieser Einheit-
lichkeit als bedeutungsvoll anzuerkennen.
Nur der Gelger,
Geiger, der die Qualität seiner Töne kontrollieren
kann, ist in der Lage, Variationen dieser Qualität für musikali-
sche Zwecke einzusetzen.
Dieses Prinzip ist grundlegend und erklärt, wie ich meine, die
fast universelle Verknüpfung von Technik und Muster in der
Ästhetik. Die Ausnahmen - z. B. der Kult natürlicher Land-
schaften, »Gußstücke«, Tintenkleckse, Drehbilder und die
Werke Jackson Pollocks - scheinen dieselbe Regel indirekt zu
bestätigen. In diesen Fällen scheint eine größere Mustergebung
die Illusion zu erzeugen, daß die Einzelheiten bewußt gesteuert
wurden. Es kommen auch Fälle dazwischen vor; vor: z. B. wird in
der balinesischen Schnitzerei die natürliche Maserung des Hol-
zes ziemlich häufig verwendet, um Einzelheiten der Form oder
der Oberfläche des Gegenstandes anzudeuten. In diesen Fällen
liegt die Technik nicht in der Konstruktion der Einzelheiten,
sondern in der künstlerischen Anordnung des Entwurfs inner-
halb der dreidimensionalen Struktur des Holzes. Es wird ein
besonderer »Effekt« erzielt, und zwar nicht durch die bloße
Gegenständlichkeit, sondern durch das voreingenommene Be-
wußtsein des Betrachters, daß ein anderes physikalisches Sy-
stem als das der Zeichenkunst dazu beigetragen hat, seine
Wahrnehmung zu determinieren.
Wir wenden uns jetzt komplexeren Problemen zu, konzentrie-
ren uns aber weiterhin auf das ganz Offenkundige und Elemen-
tare.

Komposition

(i) Die Zeichnung von Blättern und anderen Formen reicht


nicht bis zum Rand des Bildes, sondern geht allmählich ins
Dunkle über, so daß sich fast um das gesamte Rechteck herum
ein Streifen undifferenzierter schwarzer Farbe befindet. Mit an-
208
deren Worten, das Bild ist in seine eigene Ausblendung einge-
rahmt. Dabei dürfen wir das Empfinden haben, daß die Sache in
gewissem Sinne »nicht von dieser Welt ist«; und das trotz der
Tatsache, daß die dargestellte Szene bekannt ist - der Anfang
eines Einäscherungszugs.
(2) Das Bild ist gefüllt. Die Komposition läßt keine freien Stel-
len übrig. Nicht nur ist nichts von dem Papier unbemalt geblie-
ben, sondern es hat auch kein größerer Bereich eine einheitliche
Farbe. Die größten dieser Bereiche sind die tiefschwarzen Flek-
ke am Boden, zwischen den Beinen der Menschen.
Für abendländische Augen ergibt das einen Effekt von »Be-
triebsamkeit«. Für psychiatrische Augen ist es der Effekt von
»Angst« oder »Zwanghaftigkeit«. Wir alle kennen das befremd-
liche Aussehen jener Briefe von Sonderlingen, die meinen, sie
müßten die Seite füllen.
(3) Bevor wir aber zu schnell versuchen, zu diagnostizieren
oder zu bewerten, müssen wir festhalten, daß die Komposition
der unteren Bildhälfte, abgesehen von dieser Anfüllung des
Hintergrundraumes, turbulent ist. Nicht bloß eine Darstellung
aktiver Figuren, sondern auch eine wirbelnde Komposition, die
nach oben ansteigt und durch die entgegengesetzte Richtung
der Gesten jener Menschen an der Spitze der Pyramide abge-
schlossen wird.
Die obere Bildhälfte ist dagegen heiter. In der Tat ist der Effekt
der vollkommen im Gleichgewicht stehenden Frauen mit Ga-
ben auf ihren Händen so heiter, daß es auf den ersten Blick so
aussieht, als ob die Menschen mit den Musikinstrumenten sit-
zen müßten. (Sie sollen sich jedoch in einem Zug bewegen.)
Aber diese Kompositionsstruktur ist die Umkehrung der im
Abendland üblichen. Wir erwarten, daß die untere Bildhälfte
stabiler ist, und rechnen damit, Aktion und Bewegung - wenn
überhaupt - im oberen Teil zu sehen.
(4) An diesem Punkt ist es angebracht, das Bild als ein sexuelles
Wortspiel zu untersuchen, und in diesem Zusammenhang ist
die innere Evidenz für sexuelle Bezüge zumindest genauso
stark, wie im Fall der Tangaroa-Figur, die von Leach diskutiert
209
wurde. Alles, was Sie zu tun haben, ist, Ihren Geist richtig
einstellen, und Sie werden einen riesigen phallischen Gegen-
stand (den Einäscherungsturm) mit zwei Elefantenköpfen an
der Unterseite sehen. Dieser Gegenstand muß durch einen
schmalen Eingang in einen heiteren Hofraum und dann auf und
ab durch einen noch engeren Weg gebracht werden. Rings um
die Unterseite des phallischen Gegenstandes sehen Sie eine wil-
de Menge von Knirpsen, eine Masse, in der
Keiner war, der Vorderster wäre,
wäre.
Einen so gräßlichen Angriff zu führen;
Aber die hinten riefen »vorwäns!«
»vorwärts!«
Und die vorne riefen »zurück!«
Und sind Sie darauf eingestellt, werden Sie finden, daß Macau-
lays Gedicht darüber, wie Horatius die Brücke hielt, nicht we-
niger sexuell ist als unser Bild. Das Spiel der sexuellen Interpre-
tation ist leicht, wenn man Lust hat, es zu spielen. Zweifellos
könnte auch die Schlange in dem Baum zur Linken des Bildes in
die sexuelle Geschichte eingewoben werden.
Es ist jedoch möglich, daß unserem Verständnis eines Kunst-
werks durch die Hypothese noch etwas hinzugefügt wird, daß
wir es mit zweierlei zu tun haben: das Bild stellt sowohl den
Anfang eines Einäscherungszuges als auch einen Phallus mit
Vagina dar. Mit ein wenig Phantasie könnten wir das Bild auch
als eine Darstellung der balinesischen Gesellschaftsorganisation
ansehen, in der sanfte Relationen der Etikette und der Ausge-
lassenheit die Turbulenz der Leidenschaft überlagern. Und na-
türlich ist »Horatius« ganz eindeutig ein idealisierter Mythos
des imperialen Englands im neunzehnten Jahrhundert.
Es ist wahrscheinlich ein Irrtum zu glauben, daß Traum, My-
thos und Kunst mit etwas anderem zu tun haben als mit Bezie-
hungen. Wie oben schon erwähnt, ist der Traum metaphorisch
und bezieht sich nicht spezifisch auf die in ihm vorkommenden
Relata. In der konventionellen Traumdeutung wird die Menge
von Trauminhalten durch eine andere Menge von, oft sexuellen,
Relata ersetzt. Aber vielleicht erzeugen wir dadurch nur einen
anderen Traum. Es gibt in der Tat keinen apriorischen Grund,
210
anzunehmen, daß die sexuellen Relata irgendwie wichtiger oder
grundlegender sind als irgendeine andere Menge.
Im allgemeinen sind Künstler nicht eben bereit, Interpretatio-
nen dieser Art anzunehmen, und es ist nicht eindeutig, daß sich
ihr Einwand gegen die sexuelle Natur der Interpretation richtet.
Eher scheint es, als zerstöre die strikte Konzentration auf ir-
gendeine einzelne Gruppe von Relata für den Künstler die tiefe-
re Bedeutung des Werks. Ginge es indem n«rum Sex und nur
in dem Bild wwrum
um Gesellschaftsorganisation, dann wäre es trivial. Es ist aber
genau deshalb nicht trivial, sondern tiefgründig, weil es mit Sex,
Gesellschaftsorganisation, Einäscherung und anderen Dingen zu
tun hat. Mit einem Wort, es handelt nur von Beziehungen und
nicht von irgendwelchen identifizierbaren Relata.
(5) Es ist also angebracht zu fragen, wie der Künstler die Identi-
fikation seines Themas innerhalb des Bildes behandelt hat. Wir
stellen zuerst fest, daß der Einäscherungsturm, der fast ein
Drittel des Bildes einnimmt, fast unsichtbar ist. Er hebt sich
nicht so von seinem Hintergrund ab, wie er müßte, wenn der
Künstler unzweideutig klarmachen wollte, daß »dies eine Ein-
äscherung ist«. Bemerkenswert ist auch, daß der Sarg, den man
im Mittelpunkt erwarten könnte, entsprechend genau unterhalb
der Mitte plaziert wurde, aber selbst dort nicht als Blickfang
wirkt. In der Tat hat der Künstler Einzelheiten angebracht, die
das Bild als eine Einäscherungsszene etikettieren, aber diese
Einzelheiten werden fast zu ausgefallenen Beigaben, wie die
Schlange und die kleinen Vögel in den Bäumen. Die Frauen
tragen die rituell korrekten Opfer auf ihren Köpfen, und zwei
Männer tragen entsprechend Bambusbehälter mit Palmwein
herbei, aber auch diese Einzelheiten sind nur beiläufig hinzuge-
fügt. Der Künstler spielt die Identifikation des Gegenstandes
herunter und legt daher das Hauptgewicht auf den Kontrast
zwischen dem Turbulenten und dem Heiteren, das in Absatz 3
oben erwähnt wurde.
(6) Insgesamt bin ich der Auffassung, daß das Problem des
Bildes der verwobene Kontrast zwischen dem Heiteren und
dem Turbulenten ist. Und ein ähnlicher Kontrast war, wie wir
211
gesehen haben, auch in der malerischen Darstellung der Blätter
angelegt. Auch dort wurde eine überschwengliche Freiheit
durch Genauigkeit überlagert.
Im Sinne dieser Schlußfolgerung kann ich nun eine Antwort auf
die oben gestellte Frage versuchen: Welche Arten der Korrek-
tur in Richtung auf systemische Weisheit könnte durch die Er-
schaffung oder Betrachtung dieses Kunstwerks erreicht wer-
den? In der abschließenden Analyse könnte man das Bild als
eine Behauptung ansehen, daß es ein grober Fehler wäre, ent-
weder Turbulenz oder Heiterkeit als menschliches Ziel zu wäh-
len. Die Konzeption und die Gestaltung des Bildes müssen zu
einer Erfahrung geführt haben, die diesen Irrtum aufdeckte.
Die Einheit und die Integration des Bildes bestätigen, daß kei-
ner dieser entgegengesetzten Pole auf Kosten des anderen ge-
wählt werden kann, weil sie voneinander abhängig sind. Diese
tiefgründige und allgemeine Wahrheit wird gleichzeitig für die
Bereiche der Sexualität, der Gesellschaftsorganisation und des
Todes festgestellt.
Anmerkung zu Teil II

Seit dem Zweiten Weltkrieg ist es in Mode, sich mit »interdiszi-


plinärer« Forschung zu befassen, und das bedeutet gewöhnlich
etwa, daß ein Ökologe einen Geologen brauchen wird, der ihn
über die Gesteins- und Bodenformationen des besonderen Ter-
rains unterrichtet, das er untersucht. Wissenschaftliche Arbeit
kann aber auch noch in einem anderen Sinne beanspruchen,
interdisziplinär zu sein.
Wer die Anordnung von Blättern und Zweigen im Wachstum
einer blühenden Pflanze studiert, wird eine Analogie zwischen
den formalen Relationen unter Stielen, Blättern und Knospen
und den formalen Relationen feststellen, die zwischen verschie-
denen Arten von Wörtern in einem Satz bestehen. Er wird ein
»Blatt« nicht als etwas Flaches und Grünes auffassen, sondern
als etwas, das in besonderer Weise auf den Stiel, aus dem es
wächst, und auf den sekundären Stiel (oder die Knospe), der
sich in dem Winkel zwischen Blatt und primärem Stiel bildet,
bezogen ist. Entsprechend interpretiert der moderne Linguist
ein »Substantiv« nicht als den »Namen einer Person, eines Or-
tes oder einer Sache«, sondern als ein Element einer Klasse von
Wörtern, die durch ihre Beziehung auf »Verben« und andere
Teile innerhalb der Satzstruktur definiert ist.
Diejenigen, die zuerst an die in Relation stehenden »Dinge«
denken (die »Relata«), werden jede Analogie zwischen Gram-
matik und der Anatomie von Pflanzen als weit hergeholt ableh-
nen. Schließlich gleichen sich ja auch ein Blatt und ein Substan-
tiv vom äußeren Erscheinungsbild her ganz und gar nicht. Den-
ken wir aber zuerst an die Beziehungen und betrachten die
Relata als nur durch ihre Beziehungen definiert, dann fangen
wir an zu staunen. Besteht eine tiefgreifende Analogie zwischen
Grammatik und Anatomie? Gibt es eine interdisziplinäre Wis-
senschaft, die sich mit solchen Analogien befassen könnte? Was
würde eine solche Wissenschaft als ihren Gegenstandsbereich

213
beanspruchen? Und warum sollten wir damit rechnen, daß sol-
che weit ausgedehnten Analogien von Bedeutung sind?
Bei der Beschäftigung mit Analogien ist es wichtig, genau zu
definieren, was daraus folgt, wenn wir sagen, die Analogie sei
bedeutungsvoll. In unserem Beispiel wird nicht behauptet, daß
ein Substantiv wie ein Blatt aussehen soll. Es soll noch nicht
einmal folgen, daß die Relation zwischen Stiel und Blatt diesel-
be ist, wie die zwischen Substantiv und Verb. Was behauptet
wird, ist erstens, daß in der Anatomie wie in der Grammatik die
Teile nach den zwischen ihnen bestehenden Relationen klassifi-
ziert werden müssen. In beiden Gebieten hat man die Relatio-
nen als irgendwie primär, die Relata als sekundär aufzufassen.
Darüber hinaus wird gefordert, daß die Relationen von der Art
sind, daß sie durch Prozesse des Informationsaustauschs her-
vorgebracht werden.
Mit anderen Worten, die mysteriösen und polymorphen Relatio-
nen zwischen Kontext und Inhalt bestehen sowohl in der Anato-
mie wie auch in der Linguistik; und die Evolutionstheoretiker des
neunzehnten Jahrhunderts, die von den sogenannten »Homolo-
gien« voreingenommen waren, untersuchten in der Tat genau die
Kontextstrukturen der biologischen Entwicklung.
Diese ganze Spekulation wird fast zu einer Platitüde, wenn wir
bemerken, daß sowohl die grammatische als auch die biologi-
sche Struktur Produkte von Kommunikations- und Organisa-
tionsprozessen sind. Die Anatomie der Pflanze ist eine komple-
xe Umwandlung genotypischer Instruktionen, und die »Spra-
che« der Gene muß, wie jede andere Sprache, zwangsläufig eine
Kontextstruktur haben. Überdies muß es in jeglicher Kommu-
nikation eine Relevanz zwischen der Kontextstruktur der Mit-
teilung und irgendeiner Strukturierung des Rezipienten geben.
Die Gewebe der Pflanze könnten die in den Chromosomen
jeder Zelle übertragenen genotypischen Instruktionen nicht
»lesen«, würden Zelle und Gewebe nicht in diesem gegebenen
Augenblick in einer Kontextstruktur existieren.
Das oben Gesagte wird als eine hinreichende Definition dessen
dienen, was hier mit »Form und Muster« gemeint ist. Der
214
Schwerpunkt der Diskussion lag eher auf Form als auf Inhalt,
eher auf Kontext als auf dem, was »in« dem gegebenen Kontext
passiert, eher auf Beziehung als auf den in Beziehung stehenden
Personen oder Phänomenen.
Die Aufsätze reichten von einer Diskussion der »Schismogene-
se« (1935) bis hin zu zwei Abhandlungen, die nach der Geburt
der Kybernetik geschrieben wurden.
Im Jahre 1935 hatte ich ganz sicher noch nicht die zentrale
Bedeutung des »Kontexts« erfaßt. Ich dachte, die Prozesse der
Schismogenese seien wichtig und nicht trivial, weil in ihnen die
Evolution am Werk zu sein schien: Wenn die Interaktion zwi-
schen Personen mit zunehmender Intensität eine fortschreiten-
de qualitative Veränderung durchlaufen konnte, dann konnte
dies genau der Stoff der kulturellen Evolution sein. Es folgte,
daß alle zielgerichtete Veränderung, selbst in der biologischen
Evolution und Phylogenese, auf fortschreitender Interaktion
zwischen Organismen beruhen konnte - oder mußte. Bei na-
türlicher Selektion würde eine solche Veränderung der Bezie-
hungen eine fortschreitende Veränderung in der Anatomie und
in der Physiologie begünstigen.
Die progressive Zunahme der Größe und Kampfstärke der Di-
nosaurier war, wie ich sie sah, nichts anderes als ein sich gegen-
seitig beeinflussendes Wettrüsten - ein schismogener Prozeß.
Damals erkannte ich aber noch nicht, daß die Evolution des
Pferdes vom Eohippus aus nicht eine einseitige Anpassung an
das Leben auf grasbewachsenen Ebenen war. Gewiß entwickel-
ten sich die Grasebenen ihrerseits pari
paripassu
passu mit der Evolution
der Zähne und Hufe der Pferde und anderer Huftiere. Die
Grasnarbe war die evolutionäre Antwort der Vegetation auf die
Entwicklung des Pferdes. Es ist der Kontext, der sich entwik-
kelt.
Die Unterteilung des schismogenen Prozesses in »symme-
trisch« und »komplementär« war bereits eine solche nach Ver-
haltenskontexten; und schon in diesem Aufsatz findet sich ein
Vorschlag, die möglichen Kombinationen von Themen in kom-
plementärem Verhalten zu erforschen. Gegen 1942 hatte ich
21
215
J
diesen alten Vorschlag völlig vergessen, aber ich bemühte mich,
genau das zu tun, was ich sieben Jahre vorher angeregt hatte.
Im Jahre 1942 interessierten sich viele von uns für den »Natio-
nalcharakter«, und der Kontrast zwischen England und Ameri-
ka rückte glücklicherweise die Tatsache in den Brennpunkt, daß
»Voyeurismus« in England ein kindliches Charakteristikum ist,
das mit Abhängigkeit und Unterwerfung einhergeht, während
er in Amerika ein Merkmal der Eltern ist und zusammen mit
Herrschaft und Unterstützung auftritt.
Diese Hypothese, die ich als »End-Verknüpfung« bezeichnete,
war ein Wendepunkt in meinem Denken. Seit dieser Zeit habe
ich mich bewußt mehr auf die qualitative Struktur von Kontex-
ten als auf die Intensität der Interaktion konzentriert. Vor allem
zeigten die Phänomene der End-Verknüpfung, daß Kontext-
strukturen selbst Mitteilungen sein konnten - ein wichtiger
Punkt, der sich in dem Artikel von 1942 noch nicht findet.
Wenn ein Engländer einem anderen zustimmt, dann zeigt oder
signalisiert er potentielle Unterwerfung und/oder Abhängig-
keit; brüstet er sich oder verlangt er Voyeurismus, dann signali-
siert er Herrschaft oder Überlegenheit; und so weiter. Jeder
Engländer, der ein Buch schreibt, muß sich dessen schuldig
machen. Für den Amerikaner muß das Umgekehrte gelten. Sei-
ne Angabe ist nichts als ein Bemühen um quasi-elterliche Zu-
stimmung.
Der Begriff des Kontexts taucht in dem Aufsatz »Stil, Grazie
und Information in der primitiven Kunst« wieder auf, doch hier
hat sich diese Vorstellung dahin entwickelt, die verwandten Be-
griffe »Redundanz«, »Muster« und »Bedeutung« aufzufangen.
Teil III
Form und Pathologie in der Beziehung
Sozialplanung und der Begriff des
Deutero-Lernens'1"
Deutero-Lernens*

Als Fokus für diese Anmerkung möchte ich den letzten Punkt1
in M. Meads Zusammenfassung ihres Referats wählen. Dem
Laien, der sich nie mit der vergleichenden Untersuchung
menschlicher Kulturen befaßt hat, mag diese Empfehlung be-
fremdlich erscheinen; sie könnte den Anschein erwecken, ein
ethisches oder philosophisches Paradoxon zu sein, eine Anre-
gung nämlich, das Zweckdenken aufzugeben, um unseren eige-
nen Zweck zu erreichen; sie kann sogar Assoziationen mit eini-
gen grundlegenden Aphorismen des Christentums und des
Taoismus aufkommen lassen. Solche Aphorismen sind bekannt
genug; aber der Laie wird ein wenig überrascht sein, sie bei
einem Wissenschaftler und eingekleidet in alle Eigenarten des
analytischen Denkens anzutreffen. Für andere Anthropologen
und Sozialwissenschaftler werden die Vorschläge M. Meads so-
* Dieser Artikel war mein Kommentar zu Margaret Meads Artikel »The Com-
parative Study of Culture and the Purposive Cultivation of Democratic Values«
[Die vergleichende Untersuchung von Kulturen und die zweckgerichtete Kulti-
vierung demokratischer Werte], der als Kapitel IV von Science, Philosophy and
Religion, Second Symposium, Copyright 1942 bei der Conference on Science,
Philosophy and Religion, New York, erschienen ist. Er wird hier wiederabge-
druckt mit Erlaubnis der Konferenz und von Harper & Row, Inc.
Ich habe in Anmerkung 5 eine Parenthese hervorgehoben, die den Begriff des
»double
•double bind« andeutet.
1 Dr. Mead schreibt: ». ., . diejenigen Forscher, die sich dazu entschlossen
haben, Kulturen als ganze, als Systeme dynamischen Gleichgewichts zu unter-
suchen, können die folgenden Beiträge leisten:... »4. Durchführungspläne zur
Veränderung unserer gegenwärtigen Kultur durch Einsicht in die Wichtigkeit
der Einbeziehung des Sozialwissenschaftlers in sein experimentelles Material
und durch die Erkenntnis, daß wir uns durch die Arbeit in Richtung auf festge-
legte Ziele in den Dienst der Manipulation von Personen stellen und damit die
Demokratie negieren. Nur wenn wir im Sinne von Werten arbeiten, die darauf
beschränkt sind, eine Richtung festzulegen, ist es uns möglich, bei der Kontrol-
le des Prozesses wissenschaftliche Methoden anzuwenden, ohne die moralische
Autonomie des menschlichen Geistes zu verneinen.« (Ihre Hervorhebungen.)
219
gar noch überraschender und vielleicht auch bedeutungsloser
sein, weil Instrumentalismus und »Reißbrettplanungen« we-
sentliche Bestandteile der ganzen Struktur des Lebens sind, wie
es die Wissenschaft sieht. Ebenso werden M. Meads Vorschläge
für Menschen des politischen Lebens fremd klingen, da sie alle
Entscheidungen entweder unter die Rubrik »praktisch-politi-
sche Maßnahmen« oder unter »exekutive Maßnahmen« einord-
nen. Regierende und Wissenschaftler (ganz zu schweigen von
der Geschäftswelt) betrachten menschliche Angelegenheiten
stets nach dem Muster Absicht, Mittel und Zwecke, Gleichar-
tigkeit und Befriedigung.
Falls irgendwer daran zweifelt, daß wir dazu neigen, Zweckset-
zung und Instrumentalismus als spezifisch menschlich zu be-
trachten, so mag er den alten Spott über das Essen und das
Leben bedenken. Das Geschöpf, das »ißt, um zu leben«, ist das
menschlichste; wer »lebt, um zu essen« ist grobschlächtig, aber
immer noch menschlich; wer aber einfach »ißt #m/lebt«,
«n^lebt«, ohne
einem der beiden Prozesse einen Instrumentalismus oder eine
unterschobene Priorität in der Zeitfolge zuzuordnen, wird nur
den Tieren zugerechnet, und einige, weniger freundlich Geson-
nene, werden ihn sogar als Pflanze ansehen.
M. Meads Beitrag besteht darin, daß sie, bestärkt durch verglei-
chende Untersuchungen anderer Kulturen, in der Lage war, die
Denkgewohnheiten zu verlassen, die für ihre eigene Kultur ty-
pisch sind, und daß sie die folgenden Formulierungen fand;fand:
»Bevor wir die Gesellschaftswissenschaften auf unsere eigenen
nationalen Angelegenheiten anwenden, müssen wir unsere
Denkgewohnheiten
Denkgewohnhelten zum Thema Mittel und Zwecke überprüfen
und verändern. In unserem kulturellen Rahmen haben wir ge-
lernt, das Verhalten in >Mittel< und >Zwecke< einzuteilen, und
wenn wir fortfahren, die Zwecke als von den Mitteln getrennt
zu definieren und die Gesellschaftswissenschaften als schlicht
instrumentelle Mittel anzuwenden, indem wir die Rezepte der
Wissenschaft benutzen, um die Menschen zu manipulieren,
dann werden wir eher bei einem totalitären als bei einem demo-
kratischen System des Lebens anlangen.« Die von ihr angebote-
220
ne Lösung besteht darin, daß wir uns mehr um die in den
Mitteln angelegten »Richtungen« und »Werte« kümmern, als
ein geplantes Ziel anzupeilen und zu glauben, dieses Ziel recht-
fertige oder rechtfertige nicht manipulative Mittel. Wir müssen
den Wert einer geplanten Maßnahme in ihr selbst und gleichzei-
tig mit ihr selbst finden und nicht getrennt von ihr, so, als leite
die Maßnahme ihren Wert vom Bezug zu einem zukünftigen
Zweck oder Ziel her. M. Meads Referat ist in der Tat keine
direkte Moralpredigt über Zwecke und Mittel: sie sagt nicht,
daß Zwecke entweder die Mittel rechtfertigen oder eben nicht.
Sie redet nicht direkt über Zwecke und Mittel, sondern über die
Weise, in der wir über Wege und Mittel zu denken geneigt sind
und über die Gefahren, die in unseren Denkgewohnheiten
liegen.
Besonders auf dieser Ebene hat der Anthropologe am meisten
zu unseren Problemen beizutragen. Seine Aufgabe besteht dar-
in, den höchsten gemeinsamen Faktor zu erkennen, der in einer
unermeßlichen Vielfalt menschlicher Phänomene angelegt ist
oder, umgekehrt, zu entscheiden, ob Phänomene, die ähnlich
erscheinen, nicht zutiefst verschieden sind. Er kann zu einer
Südsee-Gesellschaft reisen, etwa den Manus, und dort heraus-
finden, daß sich alles, was die Eingeborenen tun, konkret von
unserem eigenen Verhalten unterscheidet, daß jedoch das zu-
grundeliegende System von Motiven unserer eigenen Liebe zur
Vorsorge und zur Akkumulation von Reichtum eng verwandt
ist; oder er kann auch eine andere Gesellschaft wie Bali besu-
chen und dort herausfinden, daß die grundlegenden emotiona-
len Einstellungen fundamental verschieden sind, obwohl die
äußeren Erscheinungen der Eingeborenenreligion - Hinknien
zum Beten, Weihrauch, gesungene Äußerungen, die durch eine
Glocke interpunktiert werden - direkt mit unseren eigenen ver-
gleichbar sind. In der balinesischen Religion finden wir eine
Billigung der mechanischen, unemotionalen Ausführung be-
stimmter Akte anstelle des Beharrens auf der korrekten emotio-
nalen Einstellung, die für die christlichen Kirchen charakteri-
stisch ist.
221
Jedenfalls hat es der Anthropologe nicht mit bloßen Beschrei-
bungen zu tun, sondern mit einem etwas höheren Abstrak-
tionsniveau, einem größeren Maß an Verallgemeinerung. Seine
erste Aufgabe besteht in der gewissenhaften Sammlung vieler
Beobachtungen des Eingeborenenlebens - aber der nächste
Schritt ist nicht ein bloßes Zusammenfassen dieser Daten; er
besteht eher darin, die Daten in einer abstrakten Sprache zu
interpretieren, die das Vokabular und die Vorstellungen, wie sie
sich explizit und implizit in unserer eigenen Kultur finden,
transzendiert und einschließt. Es ist nicht möglich, die wissen-
schaftliche Beschreibung einer Eingeborenenkultur in der Mut-
tersprache des Forschers zu geben; der Anthropologe muß ein
abstrakteres Vokabular ersinnen, mit dem sich sowohl unsere
eigene Kultur als auch die der Eingeborenen beschreiben läßt.
Daraus ergibt sich dann die Art Disziplin, die es M. Mead zu
zeigen ermöglichte, daß zwischen einer »Sozialtechnologie«,
die Menschen manipuliert, um eine geplante Reißbrettgesell-
schaft zu realisieren, und den Idealen der Demokratie, dem
»höchsten Wert und der größten moralischen Verantwortlich-
keit der individuellen menschlichen Person«, eine Diskrepanz
besteht - eine grundlegende und fundamentale Diskrepanz. Die
beiden im Widerspruch stehenden Motive sind seit langer Zeit
in unserer Kultur angelegt, die Wissenschaft hatte bis vor der
industriellen Revolution instrumentelle
instrumenteile Neigungen, und die
Betonung des Werts und der Verantwortung des Individuums
ist sogar noch älter. Die Gefahr eines Konflikts zwischen den
beiden Motiven ist erst in jüngerer Zeit aufgekommen, und
zwar mit zunehmendem Bewußtsein von und wachsender Em-
phase des demokratischen Motivs, bei gleichzeitiger Ausbrei-
tung des instrumentellen Motivs. Schließlich ist der Konflikt
heute ein lebensgefährlicher Kampf um die Rolle, die die Ge-
sellschaftswissenschaften für die Ordnung der menschlichen
Beziehungen spielen sollen. Es ist kaum eine Übertreibung zu
sagen, daß dieser Krieg ideologisch genau darum geführt wird -
um die Rolle der Gesellschaftswissenschaften. Sollen wir die
Techniken und das Recht, Menschen zu manipulieren, als das
222
Privileg einiger weniger planender, zielorientierter und macht-
hungriger Individuen beibehalten, auf die der Instrumentalis-
mus der Wissenschaft einen natürlichen Reiz ausübt? Sollen wir
jetzt, da wir über die Techniken verfügen, kaltblütig dazu über-
gehen, Menschen als Dinge zu behandeln? Oder was sollen wir
sonst mit diesen Techniken anfangen?
Das Problem ist nicht nur sehr schwierig, sondern auch sehr
dringlich, und es ist doppelt schwierig, weil wir als Wissen-
schaftler tief in die Gewohnheiten des instrumentellen
instrumenteilen Denkens
versunken sind - zumindest diejenigen von uns, für die die
Wissenschaft sowohl Teil des Lebens als auch eine schöne und
erhabene Abstraktion ist. Wir wollen versuchen, diese zusätzli-
che Quelle von Schwierigkeiten zu überwinden, indem wir die
Hilfsmittel der Wissenschaft auf diese Gewohnheit des instru-
mentellen Denkens und auf die neue Gewohnheit anwenden,
die M. Mead vor Augen hat - die Gewohnheit, die »Richtung«
und »Wert« eher in der gewählten Maßnahme als in festgelegten
Zielen sucht. Natürlich sind beide Gewohnheiten Möglichkei-
ten, Zeitabläufe zu betrachten. Im alten Jargon der Psychologie
stellen sie verschiedene Wege dar, Verhaltensabläufe zu apper-
zipieren; im neueren Jargon der Gestaltspsychologie lassen sich
beide als Gewohnheiten beschreiben, nach der einen oder ande-
renArt des kontextuellen Rahmens für das Verhalten zu suchen.
Das von M. Mead - die für eine Veränderung in diesen Ge-
wohnheiten eintritt - aufgeworfene Problem besteht darin, wie
Gewohnheiten dieser abstrakten Art gelernt werden.
Dabei handelt es sich nicht um eine so einfache Frage, wie sie in
den meisten psychologischen Laboratorien gestellt werden:
»Unter welchen Umständen wird ein Hund lernen, als Reak-
tion auf eine Glocke Speichel abzusondern?« oder: »Welche
Variablen beherrschen den Erfolg beim mechanischen Lernen?«
Unsere Frage ist eine Stufe abstrakter und überbrückt in gewis-
sem Sinne die Kluft zwischen experimenteller Arbeit mit einfa-
chem Lernen und dem Vorgehen der Gestaltpsychologen. Wir
fragen: »Wie erlangt der Hund eine Gewohnheit, den unendlich
komplexen Strom von Ereignissen (einschließlich seines eige-

223
nen Verhaltens) so zu interpunktieren oder zu apperzipieren,
daß dieser Strom eher aus dem einen als aus einem anderen Typ
kurzer Sequenzen aufgebaut erscheint?« Oder wenn wir den
Wissenschaftler an die Stelle des Hundes setzen, könnten wir
fragen: »Welche Umstände sorgen dafür, daß ein bestimmter
Wissenschaftler den Strom von Geschehnissen so interpunk-
tiert, daß er zu der Schlußfolgerung gelangt, alles sei vorherbe-
stimmt, während ein anderer den Strom von Geschehnissen für
so regelmäßig ansieht, daß er einer Steuerung unterliegen könn-
te?« Oder wir können auf derselben Abstraktionsebene auch
noch fragen - und diese Frage ist höchst relevant für die Förde-
rung der Demokratie: »Welche Umstände begünstigen die spe-
zifisch gewohnheitsmäßige Gliederung des Universums, die wir
»freien
dreien Willem nennen, und welche die anderen, die wir als
>Verantwortlichkeit<, >Konstruktivität<, >Energie<, »Passivität«,
>Passivität<,
»Herrschaft<
»Herrschaft« und so weiter bezeichnen?« Hinsichtlich all dieser
abstrakten Qualitäten besteht der Erklärungsvorrat der Erzie-
her im wesentlichen aus verschiedenen Gewohnheiten, den
Strom der Erfahrung so zu interpunktieren, daß er die eine oder
andere Art der Kohärenz und Bedeutung annimmt. Es handelt
sich um Abstraktionen, die erst dann anfangen, eine operatio-
nale Bedeutung zu gewinnen, wenn wir sehen, daß sie ihren
Platz auf einer begrifflichen Ebene zwischen den Darstellungen
des einfachen Lernens und denen der Gestaltpsychologie ein-
nehmen.
Wir können beispielsweise ganz einfach den Finger auf den
Prozeß legen, der immer dann zur Tragödie und Desillusionie-
rung führt, wenn Menschen entscheiden, daß bei ihren Bemü-
hungen, entweder einen christlichen oder einen am Reißbrett
geplanten Himmel auf Erden einzurichten, der »Zweck die
Mittel heiligt«. Sie lassen die Tatsache außer acht, daß die Werk-
zeuge der sozialen Manipulation keine Hämmer oder Schrau-
benzieher sind. Einem Schraubenzieher macht es nicht viel aus,
wenn wir ihn notfalls als Keil benutzen; und die Lebensan-
schauung eines Hammers wird nicht beeinträchtigt, weil wir
seinen Griff manchmal als einfachen Hebel verwenden. Aber
224
bei der gesellschaftlichen Manipulation sind unsere Werkzeuge
Menschen, und Menschen lernen, und sie erwerben Gewohn-
heiten, die subtiler und beherrschender sind als die Tricks, die
ihnen der Reißbrettplaner beibringt. Er kann mit den besten
Absichten der Welt Kinder darin üben, ihre Eltern auszuspio-
nieren, um irgendeine Tendenz auszurotten, die den Erfolg sei-
ner Planung beeinträchtigen könnte; da aber Kinder Menschen
sind, werden sie mehr tun, als nur diesen einfachen Trick zu
lernen - sie werden diese Erfahrung in ihre gesamte Lebensan-
schauung einbauen; sie wird alle ihre zukünftigen Einstellungen
gegenüber der Autorität prägen. Immer wenn sie bestimmte
Arten von Kontexten antreffen, werden sie dazu neigen, diese
Kontexte als nach einem früheren Familienmuster strukturiert
anzusehen. Der Reißbrettplaner kann zwar anfangs einen Vor-
teil aus den Tricks der Kinder ziehen; aber der endgültige Er-
folg seiner Planung kann durch die geistigen Gewohnheiten
zerstört werden, die zusammen mit dem Trick gelernt wurden.
(Leider gibt es keinen Grund für die Annahme, daß die Nazi-
Planung aus diesen Gründen zusammenbrechen wird. Möglicher-
weise werden die hier dargestellten unerfreulichen Einstellun-
gen als grundlegend sowohl für den Plan selbst als auch für die
Mittel, ihn zu erreichen, ins Auge gefaßt. Der Weg zur Hölle
kann auch mit schlechten Vorsätzen gepflastert sein, obwohl
Menschen mit guten Absichten dies kaum glauben können.)
Wir haben es offensichtlich mit einer Art Gewohnheit zu tun,
die ein Nebenprodukt des Lernprozesses ist. Wenn M. Mead
uns auffordert, vom Denken im Sinne der Reißbrettplanung
abzugehen und statt dessen unsere geplanten Maßnahmen im
Sinne ihres unmittelbaren, inneren Werts einzuschätzen, dann
sagt sie auch, daß wir bei der Aufzucht und Erziehung von
Kindern versuchen sollten, eine nebenher produzierte Ge-
wohnheit einzuprägen, die sich ziemlich stark von der erworbe-
nen unterscheidet, die wir bei unserem Umgang mit Wissen-
schaft, Politik, Zeitungen und so weiter täglich in uns selbst
verstärken.
Sie behauptet vollkommen klar, daß diese neuerliche Verschie-
22
2255
bung der Emphase oder der Gestalt*
Gestalt*' unseres Denkens ein Auf-
bruch in unbekannte Gewässer sein wird. Wir können weder
wissen, was für eine Art menschlicher Wesen aus einer solchen
Reise hervorgehen werden, noch können wir sicher sein, daß
wir uns selbst in der Welt von 1980 heimisch fühlen werden. M.
Mead kann uns nur sagen, daß wir mit Sicherheit auf einen Fels
auflaufen, wenn wir auf dem Kurs fortfahren, der sich als der
natürlichste darstellt, nämlich unsere Anwendung der Sozial-
wissenschaft als ein Mittel zur Erreichung eines festgelegten
Ziels zu planen. Sie hat uns den Fels markiert und rät uns, Kurs
auf eine Richtung zu nehmen, die an ihm vorbeiführt in eine
neue, noch unbekannte Richtung. Ihr Referat wirft die Frage
auf, wie wir diese neue Richtung ausmachen sollen.
Tatsächlich kann uns die Wissenschaft etwas Ähnliches wie eine
Karte an die Hand geben. Ich habe oben darauf hingewiesen,
daß wir ein gemischtes Bündel von abstrakten Termini - freier
Wille, Prädestination, Verantwortlichkeit, Konstruktivität, Pas-
sivität, Herrschaft usw. - so betrachten können, als beschrieben
sie alle apperzeptive Gewohnheiten, gewohnheitsmäßige Wei-
sen, den Strom von Ereignissen zu sehen, von dem unser Ver-
halten einen Teil bildet, und weiterhin, daß alle diese Gewohn-
heiten in gewissem Sinne Nebenprodukte des Lernprozesses
sein könnten. Unsere nächste Aufgabe besteht, sofern wir eine
Art Karte ausarbeiten wollen, eindeutig darin, etwas Besseres
als eine zufällige Liste von Gewohnheiten zu erhalten. Wir
müssen die Liste auf eine Klassifizierung reduzieren, die zeigen
soll, wie jede dieser Gewohnheiten systematisch auf die ande-
ren bezogen ist.
Wir stimmen alle darin überein, daß ein Sinn für individuelle
Autonomie, eine geistige Gewohnheit, die irgendwie auf das
bezogen ist, was ich »freier Wille« genannt habe, ein Grundzug
der Demokratie ist, aber wir sind uns noch nicht vollkommen
klar darüber, wie diese Autonomie operational definiert werden
sollte. Was ist beispielsweise die Relation zwischen »Autono-

* Deutsch im Original
226
mie« und zwanghafter Negativität? Die Tankstellen, die sich
weigern, sich an die Öffnungszeiten zu halten - zeigen sie edlen
demokratischen Geist oder nicht? Diese Art der »Negativität«
liegt zweifellos auf demselben Abstraktionsniveau wie »freier
Wille« oder »Determinismus«; wie diese ist sie eine gewohn-
heitsmäßige Weise, Kontexte, Abfolgen von Geschehnissen und
eigenes Verhalten zu apperzipieren, wobei aber nicht klar ist, ob
diese Negativität eine »Unterart« individueller Autonomie dar-
stellt, oder ob es sich um eine ganz andere Gewohnheit han-
delt? Entsprechend müssen wir auch wissen, wie sich die neue
Denkgewohnheit, für die M. Mead eintritt, zu den anderen
verhält.
Offensichtlich brauchen wir etwas Besseres als eine zufällige
Liste dieser geistigen Gewohnheiten. Wir brauchen einen syste-
matischen Rahmen oder eine Klassifizierung, die zeigen soll,
wie jede dieser Gewohnheiten auf die anderen bezogen ist, und
eine solche Klassifizierung könnte uns etwas verschaffen, was
der benötigten Karte nahekommt. M. Mead fordert uns auf, in
bislang noch unbekannte Gewässer zu segeln, eine neue Denk-
gewohnheit anzunehmen; wenn wir aber wüßten, wie sich diese
Gewohnheit zu anderen verhält, wäre es uns vielleicht möglich,
die Vorteile und Gefahren, die möglichen Untiefen eines sol-
chen Kurses zu beurteilen. Eine solche Karte könnte uns die
Antworten auf einige der Fragen geben, die M. Mead aufwirft-
wie wir die »Richtung« und die Werte beurteilen sollen, die in
unseren geplanten Maßnahmen angelegt sind.
Man darf von einem Sozialwissenschaftler nicht erwarten, daß
er eine solche Karte oder Klassifizierung aus dem Ärmel schüt-
teln oder wie ein Kaninchen aus dem Hut ziehen kann, aber ich
glaube, wir können einen ersten Schritt in diese Richtung ge-
hen. Wir können einige der grundlegenden Themen andeuten -
die Hauptpunkte, wenn Sie so wollen -, auf die sich die endgül-
tige Klassifizierung stützen muß.
Wir haben angemerkt, daß die Arten von Gewohnheiten, mit
denen wir uns befassen, in gewissem Sinne Nebenprodukte der
Lernprozesse sind, und von daher ist es natürlich, wenn wir
22
227
7
zuerst die Phänomene des einfachen Lernens betrachten und
uns von ihnen einen Schlüssel erhoffen.
Wir werfen Fragen auf, die eine Stufe abstrakter sind als jene,
die hauptsächlich von den Experimentalpsychologen studiert
werden; um aber Antworten zu erhalten, müssen wir doch den
Blick in ihre Laboratorien richten.
Nun kommt es vor, daß man in den psychologischen Laborato-
rien ein allgemeines Phänomen beobachtet, das auf einer etwas
höheren Abstraktions- oder Allgemeinheitsstufe liegt als die-
jenigen, die in den Experimenten aufgeklärt werden sollen. Es
ist ein Gemeinplatz, daß das Versuchsobjekt - ob Tier oder
Mensch - nach wiederholten Experimenten besser wird. Es
lernt nicht nur, in den passenden Momenten Speichel abzu-
sondern oder die richtigen Nonsens-Silben zu rezitieren; es
lernt in gewisser Weise auch zu z« lernen. Es löst nicht nur die
Probleme, die ihm vom Experimentator gestellt werden, wobei
jede Lösung ein Stück einfachen Lernens ist; sondern es wird
darüber hinaus immer geschickter in der Lösung von Pro-
blemen.
In halb-gestaltpsychologischer oder halb-anthropomorpher
Ausdrucksweise könnten wir sagen, daß das Subjekt lernt, sich
in bestimmten Typen von Kontexten zu orientieren, oder »Ein-
sicht« in die Kontexte der Problemlösung gewinnt. Im Jargon
dieses Referats können wir sagen, daß das Subjekt eine Ge-
wohnheit erworben hat, eher nach Kontexten oder Abfolgen
des einen anstelle eines anderen Typs zu suchen, eine Gewohn-
heit, den Strom von Geschehnissen zu »interpunktieren«, wor-
aus sich Wiederholungen eines bestimmten Typs von sinnvoller
Abfolge ergeben.
Die Argumentationslinie, der wir gefolgt sind, hat uns an einen
Punkt gebracht, an dem Behauptungen über einfaches Lernen
mit solchen über Gestalt"'
Gestalt"* und Kontextstruktur zusammentref-
fen, und wir sind bei der Hypothese angelangt, daß »lernen zu
lernen« ein Synonym für die Annahme der Klasse von abstrak-

Deucsch im Original (A. d. Ü.)


* Deutsch
228
ten Denkgewohnheiten ist, mit denen wir uns in diesem Referat
auseinandersetzen; daß die Geisteszustände, die wir »freier
Wille«, instrumentelles Denken, Dominanz, Passivität usw.
nennen, durch einen Prozeß erworben werden, den wir mit
»lernen zu lernen« gleichsetzen können.
Diese Hypothese ist in gewissem Maße neu2 für Psychologen
wie auch Laien, und deshalb muß ich an diesem Punkt ab-
schweifen, um den technisch interessierten Leser genauer dar-
über aufzuklären, was ich meine. Zumindest muß ich meine
Bereitschaft zeigen, diese Brücke zwischen einfachem Lernen
und Gestalt"'
Gestalt"* mit operationalen Mitteln zu bauen.
Wir wollen zwei Worte prägen, nämlich »Proto-Lernen« und
»Deutero-Lernen«, um uns die Arbeit zu ersparen, alle die an-
deren Termini in dem Bereich (Lerntransfer, Verallgemeine-
rung, usw., usw.) operational zu definieren. Wir können sagen,
daß es in allem fortgesetzten Lernen zwei Arten von Steigungen
gibt. Die Steigung an jedem beliebigen Punkt einer einfachen
Lernkurve (z. B. einer Kurve des mechanischen Lernens) wer-
den wir in unserer Terminologie hauptsächlich als das Maß des
Proto-Lernens darstellen. Wenn wir jedoch bei demselben Sub-
jekt eine Reihe ähnlicher Lernexperimente durchführen, wer-
den wir sehen, daß das Subjekt bei jedem der aufeinander fol-
2 Psychologische Referate zu diesem Problem der Beziehung zwischen Gestalt
und einfachem Lernen sind sehr zahlreich, wenn wir all jene einbeziehen, die
über die Begriffe Lerntransfer, Verallgemeinerung, Ausstrahlung, Reaktions-
schwelle (Hull), Einsicht und ähnliche gearbeitet haben. Historisch gesehen
war einer der ersten, die diese Fragen gestellt haben, Mr. Frank (L. K.
K, Frank,
»The Problems of Learning«, Psych.
Psycb. Review, 1926, jj:
33: 329-351); und Professor
Maier hat kürzlich einen Begriff von »Richtung« eingeführt, der sehr nahe an
die Vorstellung des »Deutero-Lernens« herankommt. Er sagt: »Richtung ... ist
die Kraft, die Erinnerungen in einer bestimmten Weise integriert, ohne selbst
eine Erinnerung zu sein.« (N,
(N. R. Maier, »The Behaviour Mechanisms Concer-
ned with Problem Solving« [Die mit der Problemlösung verbundenen Verhal-
tensmechanismen], Psych. Review, 1940, 47: 43-58).
43-58), Wenn wir für »Kraft« das
Wort »Gewohnheit« und für »Erinnerung« den Ausdruck »Erfahrung des
Stroms von Ereignissen« einsetzen, dann kann der Begriff des Deutero-Lernens
als fast synonym mit Professor Maiers Begriff von »Richtung« angesehen
werden.
229
genden Experimente eine etwas steilere Steigung des Proto-
Lernens hat, daß es etwas schneller lernt. Diese fortschreitende
Veränderung im Grad des Proto-Lernens werden wir als »Deu-
tero-Lernen« bezeichnen.
Von hier aus können wir leicht dazu übergehen, das Deutero-
Lernen anhand einer Kurve graphisch darzustellen, deren Stei-
gung den Grad des Deutero-Lernens repräsentieren soll. Eine
solche Darstellung läßt sich beispielsweise dadurch gewinnen,
daß man die Reihe von Proto-Lernkurven bei irgendeiner will-
kürlich gewählten Anzahl von Versuchen unterteilt und fest-
stellt, welches Verhältnis von richtigen Antworten in jedem
Experiment an diesem Punkt auftrat. Die Kurve des Deutero-
Lernens erhält man dann, indem man diese Zahlen gegenüber
den Serienzahlen der Experimente einträgt.3

Experiment 3}

Richtige 80
Reaktionen ^
in Prozenten
Experiment 1

5 10 15 20
Anzahl der Versuche

Abb. i1 Drei aufeinanderfolgende Lernkurven mit demselben Versuchssub-


jekt, aus denen sich die Steigerung der Lernrate in aufeinanderfolgenden Expe-
rimenten ergibt.
3 Man wird feststellen, daß die operationale Definition von Deutero-Lernen
notwendig etwas leichter ist als die von Proto-Lemen.
Proto-Lernen. Tatsächlich repräsentiert
keine einfache Lernkurve nur Proto-Lernen allein. Selbst innerhalb der Dauer
des einzelnen Lernexperiments müssen wir annehmen, daß ein gewisses Deute-
23°
230
Richtige
Reaktionen
nach zehn
Versuchen
in Prozenten

1 2 3
Seriennummern der Experimente

Abb. a2 Deutero-Lernkurve, die aus den drei Lernexperimenten in Abb. i


abgeleitet ist.

In dieser Definition des Proto- und des Deutero-Lernens bleibt


ein Ausdruck besonders vage, nämlich »eine Reihe von ähnli-
chen Experimenten«. Zum Zweck der Veranschaulichung habe
ich eine Reihe von Experimenten mit mechanischem Lernen
erdacht, wobei jedes Experiment dem vorhergehenden gleicht,
wenn man davon absieht, daß die bereits gelernten Nonsens-
Silben jeweils durch eine neue Reihe ersetzt werden. In diesem
Beispiel zeigt die Kurve des Deutero-Lernens eine stetig wach-
sende Geschicklichkeit beim Geschäft des mechanischen Ler-
nens, und diese Steigerung der mechanischen Geschicklichkeit
läßt sich als eine experimentelle Tatsache darstellen.4
Abgesehen vom mechanischen Lernen ist es sehr viel schwieri-
ger zu definieren, was wir mit der Aussage meinen, daß ein
Lernkontext einem anderen »ähnlich« ist, solange wir uns nicht

ro-Lernen auftreten wird, und das wird den Gradienten an irgendeinem Punkt
etwas steiler machen als den hypothetischen Gradienten des »reinen« Proto-
Lernens.
4 C. Hull, Mathematico-Deductive Theory of Rote Leammg,
Leaming, New Häven, Yale
University Press, 1940.

2}I
*31
damit begnügen, die Sache an die Experimentatoren zurückzu-
geben und zu sagen, daß Lernkontexte dann als »ähnlich« be-
trachtet werden sollten, wenn sich experimentell zeigen läßt,
daß die Lernerfahrung in einem Kontext tatsächlich die Lernge-
schwindigkeit in einem anderen erhöht, und die Experimen-
tatoren zu bitten, für uns herauszufinden, welche Art der Klas-
sifizierung sie auf die Anwendung dieses Kriteriums stützen
können. Wir dürfen hoffen, daß ihnen die Lösung der Aufgabe
gelingt; aber wir können keine unmittelbaren Antworten auf
unsere Fragen erwarten, weil in dieser Versuchsanordnung sehr
ernstzunehmende Schwierigkeiten stecken. Experimente mit
einfachem Lernen sind schon schwierig genug zu überwachen
und zuverlässig durchzuführen, während Experimente mit
Deutero-Lernen sich tendenziell als fast unmöglich erweisen.
Uns steht allerdings noch ein anderer Weg offen. Wenn wir
»lernen zu lernen« mit der Aneignung apperzeptiver Gewohn-
heiten gleichgesetzt haben, so schloß dies nicht die Möglichkeit
aus, daß solche Gewohnheiten auch auf andere Weisen erlangt
werden können. Anzunehmen, daß die einzige Methode, eine
dieser Gewohnheiten zu erlangen, in der wiederholten Erfah-
rung von Lernkontexten eines gegebenen Typs besteht, würde
logisch gesehen der Behauptung entsprechen, die einzige Weise,
ein Schwein zu braten, bestehe darin, das ganze Haus abzu-
brennen. Ganz offenkundig werden solche Gewohnheiten in
der menschlichen Erziehung auf vielerlei Weisen erworben. Wir
haben es nicht mit einem hypothetischen isolierten Individuum
im Kontakt mit einem unpersönlichen Strom von Ereignissen
zu tun, sondern vielmehr mit realen Individuen, die komplexe
emotionale Beziehungsmuster zu anderen Individuen haben. In
solch einer realen Welt wird das Individuum durch die sehr
komplexen Phänomene von persönlichem Verhalten, Ton der
Stimme, Feindseligkeit, Liebe usw. zur Annahme oder Zurück-
weisung apperzeptiver Gewohnheiten gebracht. Viele dieser
Gewohnheiten werden ihm auch vermittelt, und zwar nicht
durch seine eigene nackte Erfahrung des Stroms von Ereignis-
sen, da kein menschliches Wesen (selbst der Wissenschaftler

232
nicht) in diesem Sinne nackt ist. Der Ereignisstrom wird ihm
durch Sprache, Kunst, Technologie und andere kulturelle Me-
dien vermittelt, die an jedem Punkt durch eingefahrene Wege
apperzeptiver Gewohnheiten strukturiert sind.
Daraus folgt, daß das psychologische Laboratorium nicht die
einzig mögliche Wissensquelle für diese Gewohnheiten ist. Wir
können uns statt dessen den kontrastierenden Mustern zuwen-
den, die sich implizit und explizit in den vielfältigen Kulturen
der Welt finden, wie sie von den Anthropologen untersucht
werden. Wir können unsere Liste dieser obskuren Gewohnhei-
ten aufhellen, indem wir diejenigen hinzufügen, die in anderen
Kulturen als unserer eigenen entwickelt wurden.
Am einträglichsten wäre es wohl, die Einsichten der Experi-
mentalpsychologen mit denen der Anthropologen zu kombi-
nieren, indem wir uns die Kontexte des experimentellen Ler-
nens im Laboratorium vornehmen und bei jedem einzelnen fra-
gen, welche Art apperzeptiver Gewohnheit wir damit verbun-
den glauben; uns dann in der Welt nach menschlichen Kulturen
umsehen, in denen diese Gewohnheit entwickelt worden ist.
Umgekehrt könnten wir vielleicht eine genauere - oder mehr
operationale - Definition von Gewohnheiten wie »freier Wille«
erhalten, wenn wir bei jeder einzelnen fragen: »Welche Art von
experimentellem Lernkontext würden wir erfinden, um diese
Gewohnheit einzuprägen?« »Wie würden wir das Labyrinth
oder den Versuchskäfig einrichten, damit die anthropomorphe
Ratte einen wiederholten und verstärkten Eindruck von ihrem
eigenen freien Willen gewinnen kann?«
Die Klassifizierung von Kontexten des experimentellen Ler-
nens ist bisher zwar noch sehr unvollständig, aber es wurden
doch einige eindeutige Fortschritte erzielt.5 Es ist möglich, die

5 Zum Zwecke der Darstellung sind verschiedenartige Klassifizierungen erson-


nen worden. Ich folge hier derjenigen von Hilgard und Marquis (E. R. Hilgard
und D. G. Marquis, Conditioning and Leaming, New York, Appleton Century
Co., 1940). Diese Autoren unterziehen ihre eigene Klassifizierung einer großar-
tigen kritischen Analyse, und dieser Analyse verdanke ich eine der tragenden
Ideen dieses Aufsatzes. Sie bestehen darauf, daß sich jeder Lernkontext mit
2
233
33
Hauptkontexte des positiven Lernens (im Unterschied zum ne-
gativen Lernen oder der Hemmung, dem Lernen, etwas nicht
zu tun) unter die folgenden vier Gesichtspunkte einzuordnen:
einzuordnen;
(1) Klassische pawlowsche Kontexte
Sie sind gekennzeichnet durch eine strenge Zeitfolge, in welcher
der bedingte Reiz (z. B. Summer) dem unbedingten Reiz (z. B.
Fleischpulver) immer um ein festgelegtes Zeitintervall voraus-
geht. Diese strenge Abfolge der Ereignisse wird nicht durch
irgend etwas geändert, was das Tier tun könnte. In diesen Kon-
texten lernt das Tier, auf den bedingten Reiz mit einem Verhal-
ten (z. B. Speichelabsonderung) zu reagieren, das vorher nur
durch den unbedingten Reiz ausgelöst wurde.
(2) Kontexte der instrumenteilen
instrumentellen Belohnung oder Umgehung
Sie sind gekennzeichnet durch eine Abfolge, die auf dem Ver-
halten des Tiers beruht. Der unbedingte Reiz ist in diesen Kon-
texten gewöhnlich vage (z. B. die Gesamtheit der Umstände,
denen das Tier ausgesetzt wird, die Problemstellung) und kann
in dem Tier selbst liegen (z. B. Hunger). Falls und wenn das
Tier unter diesen Umständen eine Handlung ausführt, die in-
nerhalb seines Verhaltensrepertoires liegt und zuvor vom Expe-
rimentator ausgewählt wurde (z. B. wenn es sein Bein hebt),
wird es unmittelbar dafür belohnt.
(})
(3) Kontexte der instrumentellen Vermeidung
Auch sie sind durch eine konditionierte Abfolge gekennzeich-
net. Der unbedingte Reiz ist gewöhnlich festgelegt (z. B. ein

Hilfe jeder Lerntheorie beschreiben läßt, wenn wir nur bereit sind, bestimmte
Aspekte des Kontexts so zu strecken und überzubetonen, daß sie in das Pro-
krustesbett der Theorie passen. Ich habe diese Vorstellung als einen Eckstein
meines Denkens aufgegriffen, wobei ich »Lerntheorien« durch »apperzeptive
Gewohnheiten« ersetzte, und so argumentiert, daß fast jede Abfolge von Ereig-
nissen dergestalt gestreckt, verzerrt und interpunktiert werden kann, daß sie
mit jedem Typ von apperzeptiver Gewohnheit übereinstimmt. (Wir können
unterstellen, daß sich eine Experimentalneurose immer dann ergibt, wenn es
dem Subjekt nicht gelingt, diese Assimilierung zu erreichen.)
Ich bin auch Lewins topologischer Analyse der Kontexte von Belohnung und
Bestrafung verpflichtet.
verpflichtet, (K. Lewin, A Dynamic Theory of Personality, New
York, McGraw-Hill Book Co., 1936.)
2
34
Warnsignal), und auf ihn folgt eine unangenehme Erfahrung
(z. B. Elektroschock), sofern das Tier nicht in der Zwischenzeit
eine ausgewählte Handlung ausführt (z. B. das Bein hebt).
(4) Kontexte des seriellen und des mechanischen Lernens
Sie sind durch das Vorherrschen eines bedingten Reizes ge-
kennzeichnet, der eine Handlung des Subjekts ist. Es lernt bei-
spielsweise, immer die bedingte Antwort (Nonsens-Silbe B) zu
geben, nachdem es selbst den bedingten Reiz (Nonsens-Silbe
A) gesetzt hat.
Dieser kleine Anfang einer Klassifizierung6 wird hinreichen,

6 Viele Menschen haben den Eindruck, daß die Kontexte des experimentellen
Lernens so übermäßig vereinfacht sind, daß sie mit den Phänomenen der realen
Welt nichts zu tun haben. Tatsächlich wird uns die Ausweitung dieser Klassifi-
zierung Mittel an die Hand geben, systematisch viele Hunderte von möglichen
Lernkontexten mit ihren entsprechenden apperzeptiven Gewohnheiten zu defi-
nieren. Das Schema läßt sich folgendermaßen ausdehnen:
a. Einbeziehung von Kontexten des negativen Lernens (Hemmung).
b. Einbeziehung von Mischtypen (z. B. Fälle, in denen Speichelabsonderung
mit ihrer physiologischen Relevanz für das Fleischpulver auch eine instrumen-
teile Bedeutung dafür hat, das Fleischpulver zu erhalten.)
c. Einbeziehung der Fälle, in denen das Subjekt in der Lage ist, irgendeine
(nicht physiologische) Art der Relevanz zwischen irgendwelchen zwei oder
mehr Elementen in der Abfolge zu deduzieren. Soll dies gelten, dann muß das
Subjekt Erfahrung mit Kontexten haben, die sich systematisch voneinander
unterscheiden, z. B. Kontexte, in denen ein Typ von Veränderung in einem
Element immer von einem konstanten Typ von Veränderung in einem anderen
Element begleitet ist. Diese Fälle lassen sich auf einem Gitter von Möglichkei-
ten ausbreiten, je nachdem, welches Paar von Elementen das Subjekt als mitein-
ander in Beziehung stehend ansieht. Es gibt nur fünf Elemente (bedingter Reiz,
bedingter Reflex, Belohnung oder Bestrafung und zwei Zeitintervalle), aber
jedes Paar von ihnen kann miteinander in Beziehung stehen, und von dem
aufeinander bezogenen Paar kann jedes Element von dem Subjekt so aufgefaßt
werden, als determiniere es das andere. Diese Möglichkeiten ergeben, werden
sie für unsere vier grundlegenden Kontexte multipliziert, achtundvierzig
Typen.
d. Die Liste von Grundtypen läßt sich noch erweitern, indem man jene Fälle
einbezieht (die zwar in Lernexperimenten noch nicht untersucht wurden, aber
in zwischenmenschlichen Beziehungen die Regel sind), in denen sich die Rollen
von Subjekt und Experimentator umkehren. Dabei sorgt der Lernpartner für
die anfänglichen und abschließenden Elemente, während irgendeine andere
2
35
*35
um die Prinzipien zu veranschaulichen, mit denen wir uns be-
fassen, und wir können nun dazu übergehen, nach dem Auftre-
ten der entsprechenden apperzeptiven Gewohnheiten unter
Menschen verschiedener Kulturen zu fragen. Von größtem In-
teresse - weil am wenigsten bekannt - sind die pawlowschen
Muster und die Muster des mechanischen Lernens. Für Ange-
hörige der westlichen Zivilisation ist es ein bißchen schwer, zu
glauben, daß sich das ganze System des Verhaltens auf Prämis-
sen stützen läßt, die sich von unserer eigenen Mischung aus
(instrumenteller Belohnung und instrumenteller Vermeidung
unterscheiden. Die Trobriander scheinen jedoch ein Leben zu
leben, dessen Kohärenz und Sinn darauf beruht, daß sie die
Geschehnisse durch eine pawlowsche Brille sehen, die nur
leicht von der Hoffnung auf instrumentelle
instrumenteile Belohnung getönt
ist, während das Leben der Balinesen nur verständlich ist, wenn
wir Voraussetzungen anerkennen, die auf der Verbindung von
mechanischem Lernen und instrumenteller Vermeidung be-
ruhen.
Natürlich wäre für den »reinen« Pawlowianer nur ein sehr ein-
geschränkter Fatalismus möglich. Er würde alle Ereignisse als
vorherbestimmt und sich selbst als dazu verdammt ansehen,
nur nach Vorzeichen zu suchen; unfähig, den Lauf der Dinge
zu beeinflussen - bestenfalls in der Lage, sich nach seiner Deu-
tung der Vorzeichen in den geeigneten rezeptiven Zustand zu
versetzen, z. B. durch Speichelabsonderung, bevor das Unver-
meidliche eintritt. Die Kultur der Trobriander ist in diesem
Sinne zwar nicht rein pawlowsch, aber Dorothy Lee,7 die Mali-
nowskis reiche Beobachtungen analysierte, hat gezeigt, daß sich
die Ausdrücke der Trobriander für Zweck, Ursache und Wir-

Person (oder ein Umstand) die mittlere Bedingung setzt. Bei diesen Typen
sehen wir den Summer und das Fleischpulver als das Verhalten einer Person an
und stellen die Frage:
Frage; »Was lernt diese Person?« Ein Großteil der Skala von
apperzeptiven Gewohnheiten, die mit Autorität und Elternschaft einhergehen,
basiert auf Kontexten dieses allgemeinen Typs.
7 Dorothy Lee, »A Primitive System of Values«, Journal Philos. of Science,
1940; 7:
7- 355-378.
355-)78-
236
kung zutiefst von unseren eigenen unterscheiden; und obwohl
Dorothy Lee nicht die hier vorgeschlagene Art der Klassifizie-
rung verwendet, zeigt sich an der Magie der Trobriander so,
daß diese Menschen ständig eine Denkweise demonstrieren, in
der gilt: handelt man so, als ob ein Ding so und so wäre, wird es
schließlich so werden. In diesem Sinne können wir sie als Halb-
Pawlowianer beschreiben, die beschlossen haben, daß »Spei-
chelabsonderung« instrumenteil dazu führt, »Fleischpulver« zu
erhalten. Malinowski gibt uns zum Beispiel eine dramatische
Beschreibung der fast physiologischen Extreme von Wut,8 die
der Zauberer der Trobriander bei seinen Beschwörungen prak-
tiziert, und wir können dies als eine Veranschaulichung des
halb-pawlowschen Geistesrahmens nehmen, im Kontrast zu
den sehr vielfältigen Typen magischen Vorgehens in anderen
Teilen der Welt, wo beispielsweise die Wirksamkeit eines Zau-
bers nicht mit der Intensität, sondern mit der extremen mecha-
nischen Genauigkeit des Vortrags einhergehen kann.
Bei den Balinesen9 finden wir ein anderes Muster, das sowohl
mit unserem eigenen als auch mit dem der Trobriander scharf
kontrastiert. Die Kinder werden so behandelt, daß sie lernen,
das Leben nicht als zusammengesetzt aus verknüpften Sequen-
zen zu sehen, die in einer Befriedigung enden, sondern eher als
bestehend, aus mechanischen Sequenzen, die ihre Befriedigung
in sich selbst tragen - ein Muster, das in gewissem Maße dem

8 Es ist möglich, daß semi-pawlowsche Phrasierungen des Stroms von Ereig-


nissen, wie die Experimente, die ihre Prototypen sind, dazu tendieren, beson-
ders von autonomen Reaktionen abzuhängen - daß diejenigen, die Ereignisse in
diesem Rahmen sehen, dazu neigen, die Reaktionen zu sehen, die nur teilweise
einer willentlichen Kontrolle unterworfen sind, wie besonders wirkungsvolle
und mächtige Ursachen äußerer Ereignisse. Im pawlowschen Fatalismus könn-
te eine ironische Logik stecken, die uns dazu prädisponiert zu glauben, daß wir
den Lauf der Ereignisse nxrmit
nur mit Hilfe der Verhaltensweisen ändern können, die
am wenigsten kontrollierbar sind.
sind,
9 Das von Dr. Mead und mir in Bali zusammengetragene Material wurde
bisher noch nicht in extenso veröffentlicht, es liegt aber eine kurze Skizzierung
der hier vorgeschlagenen Theorie vor - vgl. G. Bateson, »The Frustration-
Aggression Hypothesis and Culture«, PsychologicalReview, 1941, 1941,48:
48: 350-355.
J50-)55.

237
verwandt ist, das M. Mead empfohlen hat, nämlich den Wert
eher in der Handlung selbst zu suchen und diese nicht als ein
Mittel zum Zweck zu betrachten. Zwischen dem balinesischen
Muster und dem von M. Mead vorgeschlagenen besteht aller-
dings ein sehr wichtiger Unterschied. Das Muster der Balinesen
leitet sich im wesentlichen von Kontexten der instrumentellen
instrumenteilen
Vermeidung her; sie betrachten die Welt als gefährlich und sich
selbst als diejenigen, die das immer gegenwärtige Risiko eines
faux pas durch das endlose mechanische Verhalten des Rituals
und der Höflichkeit vermeiden. Ihr Leben ist auf Furcht ge-
gründet, obgleich sie im allgemeinen die Furcht genießen. Der
positive Wert, mit dem sie ihre unmittelbaren Handlungen aus-
statten, indem sie nicht auf ein Ziel blicken, ist irgendwie mit
diesem Genießen der Furcht verbunden. Es ist die Lust des
Akrobaten sowohl an dem Nervenkitzel als auch an seiner eige-
nen Virtuosität, mit der er eine Katastrophe vermeidet.
Wir sind nun, nach einem ziemlich ausgedehnten und techni-
schen Ausflug in psychologische Laboratorien und fremde Kul-
turen, in der Lage, M. Meads Vorschlag mit etwas konkreteren
Mitteln zu überprüfen. Sie schlägt vor, daß wir bei der Anwen-
dung der Sozialwissenschaften »Richtung« und »Wert« in unse-
ren Handlungen selbst suchen sollen, anstatt uns an einem ge-
planten Ziel zu orientieren. Sie sagt uns nicht, daß wir, außer in
unserer Zeitorientierung, wie die Balinesen sein sollten, und sie
wäre die Letzte, die uns einreden würde, daß Furcht (selbst
genossene Furcht) die Grundlage sein sollte, um unseren Hand-
lungen Wert beizumessen. Eher sollte diese Grundlage, wie ich
sie verstehe, eine Art Hoffnung sein - nicht im Blick auf irgend-
eine ferne Zukunft, aber doch eine Art Hoffnung oder Opti-
mismus. In der Tat könnten wir die empfohlene Haltung so
zusammenfassen, daß wir sagen, sie sollte formal auf instru-
menteile
mentelle Belohnung bezogen sein, wie die balinesische Haltung
auf instrumenteile
instrumentelle Vermeidung bezogen ist.
Eine solche Haltung ist, wie ich glaube, praktikabel. Die baline-
sische Haltung könnte man als eine Gewöhnung an mechani-
sche Abfolgen definieren, die beseelt ist von einem erregenden
238
Sinn für immer drohende, aber unbestimmte Gefahr, und ich
glaube, das, wozu uns M. Mead drängt, könnte mit ähnlichen
Ausdrücken als Gewöhnung an mechanische Abfolgen defi-
niert werden, die durch einen erregenden Sinn für immer be-
vorstehende, aber unbestimmte Belohnung inspiriert ist.
Was die mechanische Komponente angeht, die fast sicher ein
notwendiger Begleitumstand der besonderen Zeitorientierung
ist, für die M. Mead eintritt, so würde ich persönlich sie begrü-
ßen, und ich glaube, sie hat unendliche Vorteile gegenüber der
zwanghaften Form von Exaktheit, nach der wir streben. Ängst-
liche Aufmerksamkeit und automatische, mechanische Vorsicht
sind alternative Gewohnheiten, die dieselbe Funktion erfüllen.
Wir können entweder die Gewohnheit haben, automatisch zu
schauen, bevor wir die Straße überqueren oder die, uns sorgfäl-
tig daran zu erinnern, daß wir schauen müssen. Von diesen
beiden Gewohnheiten ziehe ich die automatische vor, und ich
glaube, wenn M. Meads Empfehlung eine Steigerung des me-
chanischen Automatismus impliziert, sollten wir sie akzeptie-
ren. In der Tat prägen unsere Schulen bei Prozessen wie dem
Lesen, dem Schreiben, dem Rechnen und dem Sprachenlernen
immer mehr Automatismen ein.
Hinsichtlich der Komponente der Belohnung ist zu sagen, daß
auch sie nicht jenseits unserer Reichweite liegen sollte. Wenn
der Balinese durch eine namenlose, gestaltlose Furcht, die nicht
in Raum oder Zeit lokalisiert ist, beschäftigt und glücklich ge-
halten wird, können wir durch eine namenlose, gestaltlose,
nicht lokalisierte Hoffnung auf eine enorme Erfüllung in Bewe-
gung gehalten werden. Wenn eine solche Hoffnung wirksam
sein soll, darf die Leistung wohl kaum definiert werden. Wir
müssen nur sicher sein, daß die Erfüllung in jedem beliebigen
Augenblick kurz vor uns liegen kann, und ob dies wahr ist oder
nicht, kann nie überprüft werden. Wir müssen so sein wie jene
wenigen Künstler und Wissenschaftler, die mit dieser drängen-
den Art der Inspiration arbeiten, dem Drang, der aus dem Ge-
fühl kommt, daß die große Entdeckung, die Antwort auf alle
unsere Probleme, oder ein großes Werk, das vollkommene Son-

239
nett, immer nur knapp jenseits unserer Reichweite liegt; oder so
wie die Mutter eines Kindes, die fühlt, wenn sie sich nur ausrei-
chend und ausdauernd genug sorgt, daß dann eine reale Hoff-
nung besteht, ihr Kind werde eine jener unendlich seltenen
Erscheinungen sein: eine großartige und glückliche Person.
Phantasie51'
Eine Theorie des Spiels und der Phantasie"'

Diese Studie wurde geplant und begonnen mit einer Hypothe-


se, die unsere Untersuchungen leiten sollte, wobei die Aufgabe
der Forscher darin bestand, relevantes Beobachtungsmaterial
zu sammeln und im Entwicklungsprozeß die Hypothese zu
erweitern und zu modifizieren.
Die Hypothese wird hier so beschrieben, wie sie sich in unse-
rem Denken entwickelt hat.
Frühere Grundlagenforschung von Whitehead, Russell,1 Witt-
genstein,2 Carnap,3 Whorf,4 usw., wie auch meine eigene Be-
mühung,5 dieses frühere Denken als eine erkenntnistheoreti-
sche Grundlage für die psychiatrische Theorie zu verwenden,
führten zu einer Reihe von Verallgemeinerungen:
(i) Daß die verbale Kommunikation zwischen Menschen auf
vielen kontrastierenden Abstraktionsebenen ablaufen kann und
wird. Diese verzweigen sich von der scheinbar einfachen Be-
zeichnungsebene aus (»Die Katze ist auf der Matte«) in zwei
Richtungen. Eine Gruppe oder Menge dieser abstrakteren Ebe-
nen enthält jene expliziten oder impliziten Mitteilungen, bei
denen die Sprache das Thema des Diskurses ist. Diese werden
wir als metasprachlich bezeichnen (zum Beispiel: »Der sprach-
*9 Dieser Aufsatz wurde am u. März 1954 (von Jay Haley) auf der APA
Regional Research Conference in Mexico City vorgetragen. Er wird hier wie-
derabgedruckt aus APA Psychiatrie Research Reports, II, 1955. Abdruck erfolgt
mit Genehmigung der American Psychiatrie Association.
1 A. N.
N, Whitehead und B. Russell, Principia Mathematica, 3 Bände, 2.
z. Auflage,
Cambridge, Cambridge University Press, 1910-1913,
1910-1913.
2 L.
L, Wittgenstein, Tractatus Logico-Philosophicus, London, Harcourt Brace,
1922.
3 R. Carnap, The Logical Syntax of Language, New York, Harcourt Brace,
1937-
'937-
4 B. L. Whorf, »Science and Linguistics«, Technology Review, 1940, 44:
229-248.
5 J. Ruesch und G. Bateson, Communication: The Social Matrix of Psychiatry
Psychiatry,y
New York, Norton, 1951.
241
liehe Laut >Katze< steht für irgendein Element dieser oder jener
Klasse von Objekten« oder »Das Wort >Katze< hat kein Fell und
kann nicht kratzen«). Die andere Gruppe von Abstraktionsebe-
nen werden wir als metakommunikativ bezeichnen (z. B.: »Daß
ich dir gesagt habe, wo die Katze ist, war freundlich gemeint«
oder »Dies ist ein Spiel«). Dabei ist das Thema des Diskurses
die Beziehung zwischen den Sprechern.
Man wird feststellen, daß die überwältigende Mehrheit sowohl
metasprachlicher als auch metakommunikativer Mitteilungen
implizit bleibt; und auch, daß, besonders beim psychiatrischen
Interview, eine weitere Klasse von impliziten Mitteilungen auf-
tritt, die sich darauf beziehen, wie metakommunikative Mittei-
lungen von Freundschaft oder Feindschaft zu interpretieren
sind.
(2) Spekulieren wir über die Entwicklung der Kommunikation,
so ist offensichtlich, daß eine sehr wichtige Stufe in dieser Ent-
wicklung eintritt, wenn der Organismus allmählich aufhört,
ganz »automatisch« auf die Stimmungs-Zeichen eines anderen
zu reagieren, und fähig wird, das Zeichen als ein Signal zu
erkennen: das heißt, zu erkennen, daß die Signale des anderen
Individuums wie auch seine eigenen nur Signale sind, denen
man trauen oder mißtrauen kann, die sich falsifizieren, leugnen,
verstärken, korrigieren lassen, und so weiter.
Offensichtlich ist diese Erkenntnis, daß Signale Signale sind,
selbst in der menschlichen Gattung keineswegs vollständig. Wir
alle reagieren nur zu oft automatisch auf Zeitungsüberschriften
so, als seien diese Reize direkte Objekt-Indikationen für Ge-
schehnisse in unserer Umgebung, und keine Signale, die von
genauso komplex motivierten Geschöpfen ausgeheckt wurden,
wie wir es selbst sind. Das nicht-menschliche Säugetier wird
automatisch vom sexuellen Geruch eines anderen erregt; und
das zu Recht, da die Sekretion dieses Zeichens ein »unwillkürli-
ches« Stimmungs-Zeichen ist, d. h. ein äußerlich wahrnehmba-
res Ereignis, das ein Teil des physiologischen Prozesses ist, den
wir als Stimmung bezeichnet haben. In der menschlichen Gat-
tung setzt sich ein komplexerer Sachverhalt durch. Deodorants
242
überdecken die unwillkürlichen Geruchszeichen, und an ihrer
Stelle versieht die Kosmetikindustrie den einzelnen mit Par-
füms, die keine unwillkürlichen Zeichen, sondern willkürliche
Signale sind, die sich auch als solche erkennen lassen. Viele
Menschen sind schon durch eine Parfumwolke aus dem Gleich-
gewicht geraten, und wenn wir den Werbeleuten glauben dür-
fen, scheint es, als hätten diese Signale, die freiwillig getragen
werden, manchmal eine automatische und autosuggestive Wir-
kung sogar auf den freiwilligen Benutzer selbst.
Sei dem wie es wolle, diese kurze Abweichung wird dazu bei-
tragen, eine Entwicklungsstufe zu veranschaulichen - das Dra-
ma, das heraufbeschworen wird, wenn Organismen, die vom
Baum der Erkenntnis gegessen haben, entdecken, daß ihre Si-
gnale Signale sind. Dann kann nicht nur die typisch menschli-
che Erfindung der Sprache folgen, sondern es folgen auch all die
Komplikationen des Einfühlungsvermögens, der Identifikation,
Projektion und so weiter. Und mit ihnen ergibt sich die Mög-
lichkeit der Kommunikation auf den vielen Abstraktionsebe-
nen, die oben erwähnt wurden.
(3) Der erste entscheidende Schritt für die Formulierung der
Hypothese, die diese Untersuchung leitet, gelang im Januar
1952, als ich in den Fleishhacker-Zoo in San Francisco ging, um
nach Verhaltenskriterien zu suchen, die anzeigen, ob ein be-
stimmter Organismus in der Lage ist oder nicht, die von ihm
und anderen Angehörigen der Spezies ausgehenden Zeichen als
Signale zu erkennen. In der Theorie hatte ich mir ausgedacht,
wie solche Kriterien beschaffen sein könnten -, daß das Auftre-
ten metakommunikativer Zeichen (oder Signale) im Interak-
tionsverlauf zwischen den Tieren anzeigen würde, daß die Tiere
zumindest irgendeine (bewußte oder unbewußte) Gewißheit
darüber haben, daß die Zeichen, über die sie metakommunizie-
ren, Signale sind.
Ich wußte natürlich, daß keine Wahrscheinlichkeit bestand, un-
ter nicht-menschlichen Säugetieren benennende Mitteilungen
zu finden, aber mir war noch nicht klar, daß die Daten der Tiere
eine fast vollständige Revision meines Denkens erforderten.
2
*43
43
Was ich im Zoo antraf, war ein allgemein bekanntes Phänomen:
Ich sah zwei junge Affen spielen, d. h. in eine Interaktionsfolge
verwickelt, bei der die Handlungseinheiten oder Signale denen
des Kampfs zwar ähnlich, aber nicht gleich waren. Es war selbst
für den menschlichen Beobachter offensichtlich, daß die Abfol-
ge als ganze kein Kampf war, und es war dem menschlichen
Beobachter auch ersichtlich, daß dies für die beteiligten Affen
»nicht Kampf« war.
Nun konnte dieses Phänomen Spiel nur auftreten, wenn die
beteiligten Organismen in gewissem Maße der Metakommuni-
kation fähig waren, d. h. Signale austauschen konnten, mit de-
nen die Mitteilung »Dies ist ein Spiel« übertragen wurde.
(4) Der nächste Schritt war die Untersuchung der Mitteilung
»Dies ist ein Spiel« und die Erkenntnis, daß diese Mitteilung
jene Elemente enthält, aus denen sich notwendigerweise ein
Paradoxon des Russellschen oder des Epimenidesschen Typs
ergab - eine negative Feststellung, die eine implizite negative
Metafeststellung enthält. Mit einer Erweiterung gewinnt die
Feststellung »Dies ist ein Spiel« etwa folgendes Aussehen:
»Diese Handlungen, in die wir jetzt verwickelt sind, bezeich-
nen nicht, was jene Handlungen, für die sie stehen, bezeichnen
würden.«
Nun fragen wir nach den kursiv gesetzten Worten »für die sie
stehen.* Wir sagen, daß das Wort »Katze« für irgendein Ele-
stehen.«
ment einer bestimmten Klasse steht. Das heißt, der Ausdruck
»steht für« ist ein naheliegendes Synonym für »bezeichnet«.
Wenn wir jetzt die Worte »für die sie stehen« in der erweiterten
Definition des Spiels durch »die sie bezeichnen« ersetzen, ge-
langen wir zu folgendem Ergebnis: »Diese Handlungen, in die
wir jetzt verwickelt sind, bezeichnen nicht, was jene Handlun-
gen, die sie bezeichnen, bezeichnen würden.« Das spielerische
Zwicken bezeichnet den Biß, aber es bezeichnet nicht, was
durch den Biß bezeichnet würde.
Nach der logischen Typenlehre ist eine solche Mitteilung natür-
lich unstatthaft, da das Wort »bezeichnen« in zwei Abstrak-
tionsgraden verwendet wird, und diese beiden Verwendungs-
244
weisen werden als synonym behandelt. Alles, was wir aber aus
einer solchen Kritik lernen, ist, daß es schlechte Naturgeschich-
te wäre, von den geistigen Prozessen und Kommunikationsge-
wohnheiten der Säugetiere zu erwarten, daß sie dem Ideal des
Logikers entsprechen.
Wenn menschliches Denken und menschliche Kommunikation
tatsächlich immer dem Ideal genügten, hätte Russell das Ideal
nicht formuliert - und in der Tat auch nicht formulieren
können.
(5) Ein verwandtes Problem in der Entwicklung der Kommuni-
kation betrifft den Ursprung dessen, was Korzybski6 die Karte-
Territorium-Relation genannt hat:hat; die Tatsache, daß eine Mit-
teilung, gleich welcher Art, nicht aus den Gegenständen be-
steht, die sie bezeichnet (»Das Wort >Katze< kann uns nicht
kratzen«). Eher hat die Sprache zu den bezeichneten Gegen-
ständen eine Beziehung, die sich mit der zwischen einer Karte
und einem Territorium vergleichen läßt. Bezeichnende Kom-
munikation, wie sie auf der menschlichen Ebene auftritt, ist nur
möglich nach der Entwicklung einer komplexen Menge von
metasprachlichen (aber nicht verbalisierten)7 Regeln, die be-
stimmen, wie sich Worte und Sätze auf Gegenstände und Ge-
schehnisse beziehen. Daher ist es angebracht, die Entwicklung
solcher metasprachlicher und/oder metakommunikativer Re-
geln auf der vormenschlichen und vorsprachlichen Ebene zu
verfolgen.
Das oben Gesagte erweckt den Anschein, als sei Spiel ein Phä-
nomen, bei dem die Handlungen des »Spielens« auf andere
Handlungen des »Nicht-Spielens« bezogen sind oder diese be-
zeichnen. Wir begegnen daher beim Spiel einem Beispiel von
Signalen, die für andere Ereignisse stehen, und es scheint des-
halb, als könne die Entwicklung des Spiels ein wichtiger Schritt
in der Entwicklung der Kommunikation gewesen sein.
6 A. Korzybski, Science and Sanity, New York, Science Press, 1941.
7 Die Verbalisierung dieser metasprachlichen Regeln ist eine viel spätere Lei-
stung, die erst nach der Entwicklung einer nicht verbalisierten Meta-Metaspra-
che aufkommen kann.

245
(6) Drohung ist ein weiteres Phänomen, das dem Spiel darin
ähnelt, daß Handlungen zwar andere Handlungen bezeichnen,
sich von ihnen aber unterscheiden. Die drohend geballte Faust
ist etwas anderes als der Schlag, aber sie bezieht sich auf einen
möglichen zukünftigen (aber gegenwärtig noch nicht existie-
renden) Schlag. Und Drohung ist gewöhnlich auch unter nicht-
menschlichen Säugetieren erkennbar. In der Tat hat man kürz-
lich so argumentiert, daß ein Großteil dessen, was als Kampf
unter Angehörigen einer einzelnen Spezies erscheint, eher als
Drohung anzusehen ist (Tinbergen,8 Lorenz9).
(7) Theatralisches Verhalten und Täuschung sind weitere Bei-
spiele für das primitive Auftreten der Karte-Territorium-Diffe-
renzierung. Und es gibt Belege dafür, daß Dramatisierung bei
Vögeln vorkommt: Eine Dohle kann ihre eigenen Stimmungs-
Zeichen imitieren (Lorenz10), und Täuschung ist bei Brüllaffen
beobachtet worden (Carpenter11).
(8) Wir könnten erwarten, daß Drohung, Spiel und Theatralik
drei unabhängige Phänomene sind, die alle etwas zur Entwick-
lung der Unterscheidung zwischen Karte und Territorium bei-
tragen. Aber es scheint, als wäre das, zumindest was die Kom-
munikation unter Säugetieren anbelangt, falsch. Schon eine sehr
kurze Analyse kindlichen Verhaltens zeigt, daß Kombinationen
wie theatralisches Spiel, Bluff, spielerische Drohung und
Necken einen einzigen Gesamtkomplex von Phänomenen bil-
den. Und Phänomene bei Erwachsenen wie Glücks- und
Risikospiele haben ihre Wurzeln in der Kombination von
Drohung und Spiel. Es ist auch offenkundig, daß nicht nur
Drohung, sondern auch das Gegenstück der Drohung - das
Verhalten des bedrohten Individuums - ein Teil dieses Komple-
xes ist. Wahrscheinlich fällt nicht nur die Theatralik sondern

8 N. Tinbergen, Social Behaviour in Animals with Special Reference to Verte-


brates, London, Methuen, 1953.
9 K. Z.
2. Lorenz, King Solomon's Ring, New York, Crowell, 1952.
10 Ibid.
11 C. R. Carpenter, A Field Study of the Behaviour and Social Relations of
Howling Monkeys«, Comp. Psychol.
Psycbol. Monogr., 1934, 10: 1-168.
246
auch der Voyeurismus in dieses Gebiet. Hier ist auch das
Selbstmitleid zu erwähnen.
(9) Eine weitere Ausdehnung dieses Denkens führt uns dazu,
auch Rituale unter dieses allgemeine Gebiet zu fassen, in dem,
wenn auch nicht vollständig, die Unterscheidung zwischen be-
zeichnender Handlung und dem, was bezeichnet werden soll,
getroffen wird. Anthropologische Untersuchungen von Frie-
denszeremonien, um nur ein Beispiel zu zitieren, unterstützen
diese Schlußfolgerung.
Auf den Andamanen wird Friede geschlossen, nachdem jeder
Seite die zeremonielle Freiheit gegeben wurde, die andere zu
schlagen. Dieses Beispiel zeigt jedoch auch die Labilität des
Rahmens »Dies ist ein Spiel« oder »Dies ist ein Ritual«. Die
Unterscheidung zwischen Karte und Territorium kann stets zu-
sammenbrechen und die rituellen Streiche des Friedensschlus-
ses tendieren immer dazu, als »reale« Kampfhiebe mißverstan-
den zu werden. In diesem Fall wird die Friedenszeremonie zu
einer Schlacht (Radcliffe-Brown12).
(10) Aber dies führt uns zur Anerkennung einer komplexeren
Form des Spiels [play]; das Spiel [game], welches nicht auf die
Prämisse »Dies ist ein Spiel« gegründet ist, sondern sich eher
um die Frage dreht »Ist das Spiel?« Und auch dieser Typ der
Interaktion hat seine rituellen Formen, z. B. in den Schikanen
der Initiation.
(n) Paradoxes ist doppelt präsent in den Signalen, die innerhalb
(11)
des Kontexts von Spiel, Phantasie, Drohung usw. ausgetauscht
werden. Nicht nur bezeichnet das spielerische Zwicken nicht
das, was durch den Biß bezeichnet würde, für den es steht,
sondern darüber hinaus ist auch der Biß selbst fiktiv. Nicht nur
meinen spielende Tiere nicht ganz, was sie sagen, sondern sie
kommunizieren gewöhnlich auch über etwas, das es gar nicht
gibt. Auf der menschlichen Ebene führt dies zu einer unermeß-
lichen Vielfalt von Komplikationen und Verdrehungen im Be-
reich von Spiel, Phantasie und Kunst. Zauberkünstler und Ma-
12
11 A. R. Radcliffe-Brown, The Andaman Isländers,
Islanders, Cambridge, Cambridge
University Press, 1922.

247
ler des trompe Vceil
l'ceil konzentrieren sich darauf, eine Virtuosität
zu erreichen, deren einzige Belohnung darin besteht, daß der
Betrachter entdeckt, getäuscht worden zu sein und über das
Geschick des Täuschenden lächeln oder staunen muß. Filme-
macher in Hollywood geben Millionen von Dollars aus, um die
realistische Wirkung eines Schattens zu erhöhen. Andere
Künstler bestehen darauf - und das ist vielleicht realistischer -,
daß Kunst nicht gegenständlich sein darf; und Poker-Spieler
erreichen einen eigentümlich süchtigmachenden Realismus, in-
dem sie die Chips, um die sie spielen, mit Dollars gleichsetzen.
Sie bestehen jedoch auch noch darauf, daß der Verlierer seinen
Verlust als Teil des Spiels anerkennt.
Schließlich haben die menschlichen Wesen in der Grauzone, wo
sich Kunst, Magie und Religion treffen und überschneiden, die
»Metapher, die gemeint ist«, die Flagge, für deren Rettung
Menschen sterben, und das Sakrament hervorgebracht, von
dem man fühlt, daß es mehr ist als »ein äußeres und sichtbares
Zeichen, das uns gegeben wurde«. Hier können wir den Ver-
such erkennen, den Unterschied zwischen Karte und Territo-
rium zu leugnen und zu der absoluten Unschuld der Kommu-
nikation mit Hilfe reiner Stimmungs-Zeichen zurückzukehren.
(12) Damit stehen wir zwei Besonderheiten des Spiels gegen-
über: (a) daß die im Spiel ausgetauschten Mitteilungen oder
Signale in gewissem Sinne unwahr oder nicht gemeint sind; und
(h) daß das, was mit diesen Signalen bezeichnet wird, nicht
(b)
existiert. Diese beiden Besonderheiten verbinden sich manch-
mal in seltsamer Weise zu einer Umkehrung der oben gezoge-
nen Schlußfolgerung. Es wurde behauptet (4), daß das spieleri-
sche Zwicken den Biß bezeichnet, nicht aber das, was durch
den Biß bezeichnet würde. Es gibt aber noch weitere Fälle, in
denen ein entgegengesetztes Phänomen auftritt. Ein Mensch
erfährt die volle Intensität subjektiver Angst, wenn aus einer
Breitwandleinwand ein Speer auf ihn geschleudert wird oder
wenn er kopfüber von irgendeinem Gipfel stürzt, den er mit der
Intensität eines Alptraums in seinem Geist geschaffen hat. Im
Augenblick des Schreckens wurde die »Realität« nicht in Frage
248
gestellt, gleichwohl gab es im Kino keinen Speer und im Schlaf-
zimmer keine Klippe. Die Bilder bezeichneten nicht, was sie zu
bezeichnen schienen, aber dieselben Bilder lösten tatsächlich
die Angst aus, die durch einen wirklichen Speer und einen
wirklichen Abhang ausgelöst worden wäre. Durch einen ähnli-
chen Trick des Selbstwiderspruchs steht es den Filmemachern
in Hollywood frei, einem puritanischen Publikum einen riesi-
gen Bereich der pseudosexuellen Phantasie zu eröffnen, der
sonst nicht geduldet würde. In David und Bathseba kann
Bathseba ein triolistisches Bindeglied zwischen David und
Uriah sein. Und in Hans Christian Andersen befindet sich der
Held am Anfang in Begleitung eines Knaben. Er versucht eine
Frau zu finden, als dieser Versuch aber scheitert, kehrt er wie-
der zu dem Knaben zurück. Bei alledem gibt es natürlich keine
Homosexualität, aber die Auswahl dieser Symbolik geht in die-
sen Phantasien mit bestimmten charakteristischen Vorstellun-
gen einher, z. B. über die Hoffnungslosigkeit der heterosexuel-
len männlichen Position, wenn ihr bestimmte Arten von Frauen
oder bestimmte Arten weiblicher Autorität gegenübertreten.
Zusammengefaßt steht die Pseudohomosexualität der Phantasie
nicht für irgendeine reale Homosexualität, sondern sie steht für
und ist Ausdruck von Haltungen, die eine reale Homosexualität
begleiten oder ihre ätiologischen Wurzeln nähren könnten. Die
Symbole bezeichnen nicht Homosexualität, aber sie bezeichnen
Vorstellungen, für die Homosexualität ein geeignetes Symbol
ist. Offenbar ist es notwendig, nochmals die genaue semanti-
sche Geltung der Interpretationen zu überprüfen, die der
Psychiater einem Patienten vorlegt, und als Vorstudie zu dieser
Analyse wird es notwendig sein, die Natur des Rahmens zu
untersuchen, in dem diese Interpretationen angeboten werden.
(13)
(ij) Was zuvor über Spiel gesagt wurde, kann als ein einführen-
des Beispiel für die Diskussion von Rahmen und Kontexten
verwendet werden. Kurz gesagt lautet unsere Hypothese, daß
die Mitteilung »Das ist ein Spiel« einen paradoxen Rahmen
errichtet, der mit Epimenides' Paradoxon vergleichbar ist. Die-
ser Rahmen läßt sich folgendermaßen darstellen:
249
Alle Behauptungen innerhalb
dieses Rahmens sind unwahr.
Ich liebe dich.
Ich hasse dich.

Die erste Behauptung innerhalb dieses Rahmens ist eine wider-


sprüchliche Aussage über sich selbst. Ist diese erste Behauptung
wahr, dann muß sie falsch sein. Ist sie falsch, dann muß sie wahr
sein. Aber diese erste Behauptung trägt all die anderen Behaup-
tungen in dem Rahmen bei sich. Ist also die erste Behauptung
wahr, dann müssen die anderen falsch sein; und vice versa: ist
die erste Behauptung unwahr, dann müssen alle anderen wahr
sein.
(14) Der logisch denkende Leser wird ein non-sequitur feststel-
len. Man könnte jedoch darauf drängen, daß, selbst wenn die
erste Behauptung falsch ist, eine logische Möglichkeit verbleibt,
daß einige der anderen Behauptungen in dem Rahmen unwahr
sind. Es ist jedoch ein Charakteristikum unbewußten oder
»Primärprozeß«-Denkens, daß der Denkende unfähig ist, zwi-
schen »einige« und »alle« oder zwischen »nicht alle« und »kei-
ne« zu unterscheiden. Es scheint, als würden diese Unterschei-
dungen nur in höheren und bewußteren geistigen Prozessen
erreicht, die beim nicht psychotischen Individuum dazu dienen,
das Schwarz-Weiß-Denken der unteren Ebenen zu berichtigen.
Wir vermuten, und das scheint eine orthodoxe Annahme zu
sein, daß der Primärprozeß kontinuierlich verläuft und daß die
psychologische Geltung des paradoxen Spielrahmens auf die-
sem Teil des Geistes beruht.
(15) Umgekehrt bedeutet dies aber nicht, daß Spiel schlicht und
einfach ein Phänomen des Primärprozesses ist, obwohl es aller-
dings notwendig ist, den Primärprozeß als ein Erklärungsprin-
zip zu bemühen, um die Vorstellung »einige« zwischen »alle«
und »keine« zu tilgen. Die Unterscheidung zwischen »Spiel«
und »Nichtspiel« ist wie die Unterscheidung zwischen Phanta-
250
sie und Nichtphantasie mit Sicherheit eine Funktion des Sekun-
därprozesses oder des »Ich«. Im Traum ist sich der Träumer
gewöhnlich nicht bewußt, daß er träumt, und innerhalb des
Spiels muß er oft daran erinnert werden, daß dies »ein Spiel ist«.
Ähnlich operiert der Träumer innerhalb des Traums oder der
Phantasie nicht mit dem Begriff »unwahr«. Er operiert mit allen
möglichen Behauptungen, ist dabei aber erstaunlich unfähig, zu
Metabehauptungen zu gelangen. Er kann, solange er sich nicht
kurz vor dem Erwachen befindet, keine Behauptung träumen,
die sich auf seinen Traum bezieht (d. h. ihm einen Rahmen
g t
gibt).
ib ).
Daraus folgt, daß der Rahmen des Spiels, wie er hier als ein
Erklärungsprinzip verwendet wird, eine spezielle Verbindung
von Primär- und Sekundärprozessen impliziert. Dies jedoch
steht in engem Zusammenhang mit dem, was oben gesagt wur-
de, als die Argumentation dahin ging, daß Spiel in der Entwick-
lung der Kommunikation einen Schritt nach vorne bedeutet -
den entscheidenden Schritt in der Entdeckung von Karte-Terri-
torium-Relationen. Im Primärprozeß werden Karte und Terri-
torium gleichgesetzt; im Sekundärprozeß können sie unter-
schieden werden. Im Spiel werden sie sowohl gleichgesetzt als
auch unterschieden.
(16) Es muß noch eine weitere logische Anomalie in diesem
System erwähnt werden: daß die Beziehung zwischen zwei
Aussagen, die gewöhnlich mit dem Wort »Prämisse« beschrie-
ben wird, intransitiv geworden ist. Im allgemeinen sind alle
asymmetrischen Beziehungen transitiv. Die Beziehung »größer
als« ist in dieser Hinsicht typisch; gemeinhin argumentiert man
so, daß, wenn A größer ist als B und B größer als C, A größer
als C ist. Aber in psychologischen Prozessen läßt sich die Tran-
sitivität asymmetrischer Prozesse nicht beobachten. Die Aussa-
ge P kann eine Prämisse für Q sein; Q kann eine Prämisse für R
sein; und R kann eine Prämisse für P sein. Besonders in dem
von uns untersuchten System ist der Kreis noch verengter. Die
Mitteilung: »Alle Behauptungen in diesem Rahmen sind un-
wahr«, muß selbst als eine Prämisse für die Bewertung ihrer
2 I
5
eigenen Wahrheit oder Unwahrheit aufgefaßt werden. (Vgl. die
Intransitivität der psychologischen Präferenz, wie sie bei
McCulloch diskutiert wird.13 Das Paradigma für alle Parado-
xien dieses allgemeinen Typs ist Russells14 »Menge der Mengen,
die sich nicht selbst als Element enthalten«. Hier zeigt Russell,
daß Paradoxien auftreten, wenn man die Beziehung »ist Ele-
ment von« als intransitiv behandelt.) Mit dieser Warnung, daß
die Relation der »Prämisse« in der Psychologie wahrscheinlich
intransitiv ist, werden wir das Wort »Prämisse« verwenden, um
die Abhängigkeit einer Vorstellung oder Mitteilung von einer
anderen zu bezeichnen, die vergleichbar ist mit der Abhängig-
keit einer Aussage von einer anderen, die in der Logik dadurch
zum Ausdruck kommt, daß man sagt, die Aussage P sei eine
Prämisse für Q.
(17) All das läßt jedoch unklar, was mit »Rahmen« und dem
verwandten Begriff »Kontext« gemeint ist. Um diese Begriffe
aufzuklären, ist zunächst hervorzuheben, daß es sich dabei um
psychologische Begriffe handelt. Wir verwenden zwei Arten
der Analogie, um diese Begriffe zu diskutieren: die physische
Analogie des Bilderrahmens und die abstraktere, aber doch
noch nicht psychologische Analogie der mathematischen Men-
ge. In der Mengenlehre haben die Mathematiker Axiome und
Theoreme entwickelt, um die logischen Implikationen des Ent-
haltenseins in sich überlappenden Kategorien oder »Mengen«
exakt zu diskutieren. Die Beziehungen zwischen Mengen wer-
den gewöhnlich durch Diagramme veranschaulicht, in denen
die Einzelheiten oder Elemente eines größeren Universums
durch Punkte dargestellt und die kleineren Mengen durch ima-
ginäre Linien begrenzt werden, die die Elemente jeder Menge
einschließen. Solche Diagramme veranschaulichen dann einen
topologischen Zugang zur Logik der Klassifizierung. Bei der
Definition eines psychologischen Rahmens könnte der erste
Schritt in der Behauptung bestehen, daß er eine Klasse oder
13
i) W. S. McCulloch, »A Heterarchy of Values, etc.«, Bulletin of Math. Bio-
pbys.,
phys., 1945, 7: 89-93.
14 Whitehead und Russell, op. cit.
dt.

252
Menge von Mitteilungen (oder sinnvollen Handlungen) ist
(oder abgrenzt). Das Spiel zweier Individuen bei einem be-
stimmten Anlaß würde dann als die Menge aller Mitteilungen
definiert, die sie innerhalb eines begrenzten Zeitraums und mo-
difiziert durch das System von paradoxen Prämissen, das wir
beschrieben haben, austauschen. In einem mengentheoretischen
Diagramm könnten diese Mitteilungen durch Punkte darge-
stellt werden, und die durch eine Linie eingeschlossene Menge
würde diese Punkte von anderen absondern, die Nichtspiel-
Mitteilungen darstellen. Die mathematische Analogie bricht je-
doch zusammen, weil der psychologische Rahmen durch eine
imaginäre Linie nicht befriedigend dargestellt ist. Wir nehmen
an, daß der psychologische Rahmen in gewissem Grad real exi-
stiert. In vielen Fällen wird der Rahmen bewußt erkannt und
sogar im Vokabular dargestellt (»Spiel«, »Film«, »Interview«,
»Beruf«, »Sprache« usw.). In anderen Fällen kann es sein, daß
kein ausdrücklicher sprachlicher Bezug zu dem Rahmen be-
steht und daß das Subjekt kein Bewußtsein davon hat. Der
Analytiker findet jedoch, daß sich sein eigenes Denken verein-
facht, wenn er die Vorstellung eines unbewußten Rahmens als
Erklärungsprinzip verwendet; gewöhnlich geht er noch weiter
und schließt auf die Existenz dieses Rahmens im Unbewußten
des Subjekts.
Aber während die Analogie der mathematischen Menge viel-
leicht zu abstrakt ist, erscheint die des Bilderrahmens als viel zu
konkret. Der psychologische Begriff, den wir zu definieren ver-
suchen, ist weder physisch noch logisch. Eher ist der wirkliche
physische Rahmen, so glauben wir, von menschlichen Wesen
den physischen Bildern hinzugefügt worden, weil sich diese
menschlichen Wesen besser in einem Universum zurechtfinden,
in dem einige ihrer psychologischen Charakteristika veräußer-
licht sind. Genau diese Charakteristika versuchen wir zu disku-
tieren, wobei wir die Veräußerlichung als einen veranschauli-
chenden Kunstgriff verwenden.
(18) Die gemeinsamen Funktionen und Wirkungsweisen psy-
chologischer Rahmen können nun durch Bezug auf die Analo-

253
gien, deren Einschränkungen im vorigen Absatz bezeichnet
wurden, aufgezählt und veranschaulicht werden:
(a) Psychologische Rahmen sind exklusiv, d. h. dadurch, daß
gewisse Mitteilungen (oder sinnvolle Handlungen) In in einen
Rahmen eingeschlossen sind, werden andere ausgeschlossen.
(b) Psychologische Rahmen sind inklusiv, d. h. durch den Aus-
schluß bestimmter Mitteilungen werden andere eingeschlossen.
Vom Standpunkt der Mengenlehre aus sind diese beiden Funk-
tionen synonym, aber aus dem Blickwinkel der Psychologie ist Ist
es notwendig, sie gesondert aufzuführen. Der Rahmen um ein
Bild besagt, wenn wir ihn als eine Mitteilung auffassen, die dazu
dient, die Wahrnehmung des Betrachters zu ordnen oder zu
organisieren: »Achten Sie auf das, was innen, und nicht auf das,
was außen ist.« Figur und Grund sind, wie diese Termini von
Gestaltpsychologen verwendet werden, nicht wie Menge und
Nichtmenge in der Mengenlehre symmetrisch aufeinander be-
zogen. Die Wahrnehmung des Grundes muß positiv unter-
drückt und die Wahrnehmung der Figur (in diesem Fall des
Bildes) muß positiv verstärkt sein.
(c) Psychologische Rahmen sind auf das bezogen, was wir als
»Prämissen« bezeichnet haben. Der Bilderrahmen sagt dem Be-
trachter, daß er bei der Interpretation des Bildes nicht dieselbe
Art des Denkens anwenden soll, die er bei der Interpretation
der Tapete außerhalb des Rahmens einsetzen könnte. Oder, im
Sinne der Analogie aus der Mengenlehre, die Mitteilungen, die
in die imaginäre Linie eingeschlossen sind, werden vermöge
ihrer gemeinsamen Prämissen oder der wechselseitigen Rele-
vanz als Elemente einer Klasse definiert. Der Rahmen wird
dadurch selbst zu einem Teil des Systems von Prämissen. Ent-
weder ist der Rahmen, wie im Fall des Spiels, in die Bewertung
der Mitteilungen
Mittellungen einbezogen, die er enthält, oder er ist nur eine
geistige Hilfe für das Verständnis der enthaltenen Mitteilungen,
indem er den Denkenden daran erinnert, daß diese Mitteilun-
gen wechselseitig relevant sind und daß die Mitteilungen außer-
halb des Rahmens unberücksichtigt bleiben können.
(d) Im Sinne des vorigen Abschnitts ist ein Rahmen metakom-
2
254
54
munikativ. Jede Mitteilung, die explizit oder implizit einen
Rahmen definiert, gibt dem Empfänger ipso facto Anweisungen
oder Hilfen bei seinem Versuch, die Mitteilungen innerhalb des
Rahmens zu verstehen.
(e) Auch die Umkehrung von (d) gilt. Jede metakommunikative
oder metasprachliche Mitteilung definiert explizit oder implizit
die Menge von Mitteilungen, über die sie kommuniziert, d. h.
jede metakommunikative Mitteilung ist ein psychologischer
Rahmen oder definiert einen solchen. Das ist beispielsweise
ganz offenkundig bei so kleinen metakommunikativen Signalen
wie Satzzeichen in einer gedruckten Mitteilung, läßt sich aber
gleichermaßen auf so komplexe metakommunikative Mitteilun-
gen anwenden wie die Definition des Psychiaters von seiner
eigenen Rolle im Heilprozeß, in deren Rahmen seine Beiträge
zu der ganzen Masse von Mitteilungen in der Psychotherapie
zu verstehen sind.
(f) Die Relation zwischen psychologischem Rahmen und Wahr-
nehmungsgestalt*" muß näher untersucht werden, und hier ist
nehmungsgestalt* Ist
die Analogie des Bilderrahmens hilfreich. In einem Gemälde
von Rouault oder Blake sind die menschlichen Figuren und
andere Gegenstände konturiert. »Weise Menschen sehen Kon-
turen und zeichnen sie deshalb.« Aber außerhalb dieser Linien,
die die Wahrnehmungsgestalt* oder »Figur« begrenzen, findet
sich ein Hintergrund oder »Grund«, der seinerseits durch den
Bilderrahmen eingegrenzt ist. Ähnlich ist in mengentheoreti-
schen Diagrammen das größere Universum, innerhalb dessen
die kleineren Mengen gezeichnet sind, seinerseits in einen Rah-
men eingeschlossen. Diese doppelte Rahmung ist Ist unserer An-
sicht nach nicht bloß eine Angelegenheit von »Rahmen in Rah-
men«, sondern ein Hinweis darauf, daß geistige Prozesse der
Logik ähneln, indem sie einen äußeren Rahmen benötigen, um
den Grund abzugrenzen, vor dem die Figuren wahrgenommen
werden sollen. Dieser Notwendigkeit wird oft nicht Genüge
getan, etwa wenn wir eine Skulptur im Fenster eines Trödella-

11
* »Gestalt« deutsch im Original

255
*55
dens sehen und dies als unangenehm empfinden. Vermutlich
hängt die Notwendigkeit dieser äußeren Grenze für den Grund
mit einer Vorliebe für die Vermeidung von Paradoxien der Ab-
straktion zusammen. Wenn eine logische Klasse oder Menge
definiert wird - beispielsweise die Klasse der Streichholz-
schachteln ist es notwendig, die Menge von Einzelheiten
abzugrenzen, die ausgeschlossen sein sollen, in diesem Fall alle
jene Dinge, die keine Streichholzschachteln sind. Aber die Ein-
zelheiten, die in die Hintergrundsmenge eingeschlossen sein
sollen, müssen vom selben Abstraktionsgrad, d. h. vom selben
»logischen Typ« sein, wie die innerhalb der Menge selbst. Ins-
besondere dürfen, wenn Paradoxien vermieden werden sollen,
die »Klasse der Streichholzschachteln« und die »Klasse der
NichtStreichholzschachteln« (auch wenn diese beiden Einzel-
heiten eindeutig keine Streichholzschachteln sind) nicht als Ele-
mente der Klasse der NichtStreichholzschachteln angesehen
werden. Keine Klasse kann Element ihrer selbst sein. Der Bil-
derrahmen wird demnach hier als eine äußere Darstellung eines
sehr speziellen und bedeutenden Typs von psychologischem
Rahmen betrachtet, weil er einen Hintergrund abgrenzt - näm-
lich als ein Rahmen, dessen Funktion darin besteht, einen logi-
schen Typ abzugrenzen. Genau das wurde oben mit der Aussa-
ge bezeichnet, daß der Bilderrahmen eine Anweisung für den
Betrachter ist, die Prämissen, die zwischen den Figuren inner-
halb des Bildes gelten, nicht auf die Tapete dahinter auszu-
dehnen.
Gerade diese Art Rahmen beschleunigt aber das Auftreten von
Paradoxien. Die Regel zur Vermeidung von Paradoxien
schreibt vor, daß die Einzelheiten außerhalb irgendeiner ein-
schließenden Linie von demselben logischen Typ sein müssen
wie die innerhalb, aber der Bilderrahmen, wie er oben analy-
siert wurde, ist eine Linie, welche die Einzelheiten eines logi-
schen Typs von denen eines anderen scheidet. Übrigens ist es
interessant, festzustellen, daß Russells Regel nicht aufgestellt
werden kann, ohne daß sie verletzt wird. Russell beharrt dar-
auf, daß alle Einzelheiten eines ungeeigneten logischen Typs
256
von dem Hintergrund irgendeiner Klasse ausgeschlossen wer-
den müssen (d. h. durch eine imaginäre Linie), d. h. er insistiert
auf dem Ziehen einer imaginären Linie von genau der Art, die
er verbietet.
(19) Dieses ganze Problem der Rahmen und Paradoxien läßt
sich anhand tierischen Verhaltens veranschaulichen, bei dem
drei Typen von Mitteilungen ausgemacht oder deduziert wer-
den können: (a) Mitteilungen der Art, die wir hier Stimmungs-
Zeichen nennen; (h)(b) Mitteilungen, die Stimmungs-Zeichen si-
mulieren (in Spiel, Drohung, Theatralik usw.); und (c) Mittei-
lungen, die den Empfänger befähigen, zwischen Stimmungs-
Zeichen und jenen anderen Zeichen zu unterscheiden, die ihnen
ähneln. Die Mitteilung »Das ist Spiel« gehört diesem dritten
Typ an. Sie sagt dem Empfänger, daß bestimmte Zwicker und
andere sinnvolle Handlungen nicht Mitteilungen des ersten
Typs sind.
Die Mitteilung »Das ist Spiel« legt daher einen Rahmen jener
Art fest, bei der es leicht zu Paradoxien kommt: Sie ist ein
Versuch, zwischen Kategorien verschiedener logischer Typen
zu unterscheiden oder eine Linie zu ziehen.
(20) Diese Diskussion des Spiels und der psychologischen Rah-
men begründet einen Typ von triadischer Konstellation (oder
ein System von Beziehungen) zwischen Mitteilungen. Ein Fall
dieser Konstellation wird im Paragraph 19 analysiert, aber es ist
offensichtlich, daß Konstellationen dieser Art nicht nur auf der
nicht-menschlichen Ebene auftreten, sondern auch in der viel
komplexeren Kommunikation menschlicher Wesen. Eine Phan-
tasie oder ein Mythos können eine bezeichnende Erzählung
auslösen, und um zwischen diesen Typen von Diskursen zu
unterscheiden, verwenden Menschen Mitteilungen des rahmen-
gebenden Typs und so weiter.
(21) Schließlich gelangen wir zu der komplexen Aufgabe, dieses
theoretische Vorgehen auf die besonderen Phänomene der Psy-
chotherapie anzuwenden. Hier lassen sich die Grundzüge unse-
res Denkens sehr knapp zusammenfassen, indem wir die fol-
genden Fragen stellen und teilweise beantworten:

257
(a) Gibt es irgendeinen Hinweis darauf, daß bestimmte Formen
der Psychopathologie besonders durch Unregelmäßigkeiten im
Umgang des Patienten mit Rahmen und Paradoxien charakteri-
siert sind?
(b) Gibt es irgendeinen Hinweis darauf, daß die Techniken der
Psychotherapie notwendig auf der Manipulation von Rahmen
und Paradoxien beruhen?
(c) Ist es möglich, den Prozeß einer gegebenen Psychotherapie
mit Hilfe der Interaktion zwischen der anormalen Verwendung
von Rahmen seitens des Patienten und deren Manipulation
durch den Therapeuten zu beschreiben?
(22) Bezüglich der ersten Frage scheint es, als könne der »Wort-
salat« der Schizophrenie im Sinne des Scheiterns der Patienten
beschrieben werden, die metaphorische Natur ihrer Phantasien
zu erkennen. In dem, was triadische Konstellationen von Mit-
teilungen sein sollten, wird die rahmengebende Mitteilung
(z. B. der Ausdruck »als ob«) außer acht gelassen, und die Me-
tapher oder Phantasie wird in einer Weise erzählt und ausge-
lebt, die angemessen wäre, wenn es sich bei der Phantasie um
eine Mitteilung der direkteren Art handelte. Das Fehlen einer
metakommunikativen Rahmengebung, das im Fall der Träume
festgestellt wurde (15), ist charakteristisch für die wache Kom-
munikation des Schizophrenen. Mit dem Verlust der Fähigkeit,
metakommunikative Rahmen zu setzen, geht auch die Fähig-
keit verloren, die grundlegendere oder primitivere Mitteilung
zu vollbringen. Die Metapher wird unmittelbar als eine Mittei-
lung des grundlegenderen Typs behandelt. (Diese Frage wird
ausführlicher in dem Referat diskutiert, das Jay Haley zu dieser
Tagung beigetragen hat.)
(23) Die Tatsache, daß Psychotherapie auf der Manipulation
von Rahmen beruht, folgt daraus, daß Therapie ein Versuch ist,
die metakommunikativen Gewohnheiten des Patienten zu ver-
ändern. Vor der Therapie denkt und handelt der Patient im
Sinne einer bestimmten Menge von Regeln für das Machen und
Verstehen von Mitteilungen. Nach erfolgreicher Therapie ope-
riert er mit Hilfe einer anderen Menge solcher Regeln. (Regeln
258
dieser Art sind im allgemeinen sowohl vorher als auch nachher
unsprachlich und unbewußt.) Es folgt, daß im Prozeß der The-
rapie eine Kommunikation auf einer Ebene stattgefunden haben
muß, die diesen Regeln nachgeordnet (meta)
(metd) ist. Es muß zu
einer Kommunikation über eine Veränderung der Regeln ge-
kommen sein.
Aber eine solche Kommunikation über Veränderung könnte
theoretisch nicht in Mitteilungen des Typs auftreten, den die
metakommunikativen Regeln des Patienten erlauben, wie sie
vor oder nach der Therapie bestehen.
Oben wurde vermutet, daß die Paradoxien des Spiels charakte-
ristisch sind für einen evolutionären Schritt. Hier nehmen wir
an, daß ähnliche Paradoxien ein notwendiger Bestandteil in
dem Veränderungsprozeß sind, den wir als Psychotherapie be-
zeichnen.
Die Ähnlichkeit zwischen dem Prozeß der Therapie und dem
Phänomen des Spiels ist in der Tat groß. Beide treten innerhalb
eines abgegrenzten psychologischen Rahmens auf, einer räum-
lichen und zeitlichen Eingrenzung einer Menge von Interak-
tionsmitteilungen. Sowohl im Spiel wie auch in der Therapie
haben die Mitteilungen eine spezielle und besondere Beziehung
zu einer konkreteren oder fundamentaleren Realität. Genau wie
der Pseudokampf des Spiels kein tatsächlicher Kampf ist, so
sind auch die Pseudoliebe und der Pseudohaß der Therapie
nicht wirklich Liebe und Haß. Die »Übertragung« wird von
wirklicher Liebe und wirklichem Haß durch Signale unter-
schieden, die auf den psychologischen Rahmen verweisen; und
in der Tat ist es dieser Rahmen, der es der Übertragung ermög-
licht, ihre volle Intensität zu erreichen und zwischen Patient
und Therapeut diskutiert zu werden.
Die formalen Eigenschaften des therapeutischen Prozesses las-
sen sich durch den Aufbau eines Stufenmodells veranschauli-
chen. Man stelle sich zunächst zwei Spieler vor, die sich nach
einer Standardmenge von Regeln auf ein Canasta-Spiel einlas-
sen. Solange diese Regeln gelten und von beiden Spielern nicht
in Frage gestellt werden, bleibt das Spiel unverändert, d. h. es

259
wird keine therapeutische Veränderung eintreten. (Tatsächlich
scheitern viele psychotherapeutischen Versuche aus diesem
Grund.) Wir können uns jedoch vorstellen, daß die beiden Ca-
nasta-Spieler in einem bestimmten Augenblick aufhören, Cana-
sta zu spielen und in eine Diskussion über die Regeln eintreten.
Ihr Diskurs ist jetzt von einem anderen logischen Typ als der
des Spiels. Wir können uns vorstellen, daß sie am Ende dieser
Diskussion wieder zum Spiel zurückkehren, jetzt aber mit mo-
difizierten Regeln spielen.
Diese Sequenz von Ereignissen ist jedoch nur ein unvollkom-
menes Modell der therapeutischen Interaktion, obwohl sie un-
sere Auffassung veranschaulicht, daß Therapie notwendig eine
Verbindung diskrepanter logischer Typen des Diskurses ein-
schließt. Unsere imaginären Spieler haben Paradoxien vermie-
den, indem sie ihre Regeldiskussion von ihrem Spiel abgeson-
dert haben, und genau diese Trennung ist in der Psychotherapie
unmöglich. Der psychotherapeutische Prozeß, wie wir ihn se-
hen, ist eine in einem Rahmen stattfindende Interaktion zwi-
schen zwei Personen, in der die Regeln zwar implizit, aber der
Veränderung unterworfen sind. Eine solche Veränderung kann
nur durch experimentelles Handeln vorgeschlagen werden, aber
jede dieser experimentellen Handlungen, in denen ein Vor-
schlag, die Regeln zu ändern, angelegt ist, bildet selbst einen
Teil des fortdauernden Spiels. Sie ist diejenige Verbindung von
logischen Typen innerhalb der einzelnen sinnvollen Handlung,
die der Therapie nicht den Charakter eines strengen Spiels wie
Canasta gibt, sondern statt dessen den eines sich entwickelnden
Interaktionssystems. Das Spiel von Kätzchen oder Ottern hat
diesen Charakter.
(24) Hinsichtlich der spezifischen Beziehung zwischen der Art,
in der ein Patient mit Rahmen umgeht, und der Art, wie sie der
Therapeut manipuliert, kann gegenwärtig nur sehr wenig gesagt
werden. Es ist jedoch aufschlußreich, zu beobachten, daß der
psychologische Rahmen der Therapie eine Analogie zu der rah-
mengebenden Mitteilung bildet, die der Schizophrene nicht
vollbringen kann. Innerhalb des psychologischen Rahmens der
260
Therapie »Wortsalat« zu reden, ist in gewissem Sinne nicht pa-
thologisch. Tatsächlich wird der Neurotiker besonders ermu-
tigt, genau das zu tun, nämlich seine Träume und freien Asso-
ziationen zu erzählen, damit Patient und Therapeut zu einem
Verständnis dieses Materials gelangen können. Durch den In-
terpretationsprozeß wird der Neurotiker dahin getrieben, in die
Denkprodukte seines Primärprozesses, die er vorher verurteilt
oder unterdrückt hatte, eine »als ob«-Klausel einzufügen. Er
muß lernen, daß Phantasie Wahrheit enthält.
Für den Schizophrenen stellt sich das Problem etwas anders.
Sein Irrtum besteht darin, die Metaphern des Primärprozesses
mit der vollen Intensität ungeschminkter Wahrheit zu behan-
deln. Uber die Entdeckung dessen, wofür diese Metaphern ste-
hen, muß er entdecken, daß sie nur Metaphern sind.
(25) Aus dem Blickwinkel des Projekts bildet die Psychothera-
pie jedoch nur einen der vielen Bereiche, die wir zu erforschen
versuchen. Unsere zentrale These läßt sich zusammenfassen als
eine Darlegung der Notwendigkeit von Paradoxien der Ab-
straktion. Es ist nicht bloß schlechte Naturgeschichte, wenn
man anregt, daß Menschen in ihrer Kommunikation die logi-
sche Typenlehre beachten könnten oder sollten; daß sie dabei
scheitern, beruht nicht allein auf Unachtsamkeit oder Unkennt-
nis. Eher glauben wir, daß die Paradoxien der Abstraktion in
jeglicher Kommunikation auftauchen müssen, die komplexer
ist als die der Stimmungs-Signale, und daß die Entwicklung der
Kommunikation ohne diese Paradoxien am Ende wäre. Das
Leben wäre dann ein endloser Austausch von stilisierten Mittei-
lungen, ein Spiel mit strengen Regeln, ohne Entlastung durch
Veränderung oder Humor.
Schizophrenie'5*
Epidemiologie einer Schizophrenie""

Wenn wir die Epidemiologie geistiger Bedingungen diskutieren


wollen, d. h. solcher Bedingungen, die teilweise durch Erfah-
rung induziert werden, besteht unsere erste Aufgabe darin, den
Defekt eines Vorstellungssystems so genau zu markieren, daß
wir von dieser Eingrenzung her postulieren können, welche Art
von Lernkontexten diesen formalen Defekt auslösen könnte.
Gemeinhin wird gesagt, daß Schizophrene unter einer »Ich-
Schwäche« leiden. Ich definiere hier Ich-Schwäche als Schwie-
rigkeit, diejenigen Signale zu identifizieren und zu interpretie-
ren, die dem Individuum anzeigen sollten, zu welcher Mittei-
lungsart eine Mitteilung gehört, d. h. als Schwierigkeit mit den
Signalen vom selben logischen Typ wie das Signal »Das ist
Spiel«. Zum Beispiel kommt ein Patient in die Krankenhaus-
kantine und das Mädchen hinter der Theke sagt: »Was kann ich
für Sie tun?« Der Patient ist im Zweifel, um was für eine Art
von Mitteilung es sich dabei handelt - ist es eine Mitteilung, mit
der er reingelegt werden soll? Ist es ein Hinweis, daß sie mit
ihm ins Bett gehen will? Oder ist es das Angebot einer Tasse
Kaffee? Er hört die Mitteilung und weiß nicht, wie er sie ein-
ordnen soll. Er ist unfähig, die abstrakteren Etikettierungen zu
erfassen, die die meisten von uns tagtäglich benutzen, ohne sie
jedoch in dem Sinne identifizieren zu können, daß wir wüßten,
woher wir die Information haben, um welche Art von Mittei-
lung es sich handelte. Es ist so, als würden wir irgendwie richtig
*9 Dies ist die überarbeitete Fassung eines Gesprächs »How the Deviant Sees
His Society« [Wie der Deviante seine Gesellschaft sieht], das im Mai 1955 bei
einer Konferenz über »The Epidemiology of Mental Health« [Die Epidemiolo-
gie geistiger Gesundheit] abgehalten wurde. Die Konferenz fand in Brighton,
Utah, statt, und wurde gefördert von den Departments of Psychiatry and Psy-
chology of the University of Utah und vom Veterans Administration Hospital,
Fort Douglas Division of Salt Lake City, Utah. Eine ungenaue Wiedergabe der
Gespräche bei dieser Konferenz wurde von den Organisatoren vervielfältigt
und verteilt.
262
raten. Wir sind uns tatsächlich gar nicht bewußt, diejenigen
Mitteilungen zu empfangen, die uns sagen, welche Arten von
Mitteilungen wir empfangen.
Die Schwierigkeit mit Signalen dieser Art scheint das Zentrum
eines Syndroms zu sein, das für eine Gruppe von Schizophre-
nen charakteristisch ist, so daß wir allen Grund haben, bei un-
serer Suche nach einer Ätiologie von dieser formal definierten
Symptomatik auszugehen.
Wenn man so zu denken beginnt, erweist sich ein Großteil
dessen, was der Schizophrene sagt, als eine Beschreibung seiner
Erfahrung. Das heißt, wir haben einen zweiten Ansatz für die
Theorie der Ätiologie oder der Vererbung. Der erste Ansatz
geht vom Symptom aus. Wir fragen: »Wie erlangt ein menschli-
ches Individuum die unvollkommene Fähigkeit, zwischen die-
sen spezifischen Signalen zu unterscheiden?«, und wenn wir
seine Redeweise untersuchen, entdecken wir, daß er in der be-
sonderen Sprache, die schizophrener Salat ist, eine traumatische
Situation beschreibt, die ein metakommunikatives Durcheinan-
der einschließt.
Ein Patient hat beispielsweise die zentrale Vorstellung, daß
»sich etwas im Raum bewegte«, und daß er deshalb verrückt
geworden ist. Aus der Art, wie er über »Raum« sprach, habe
ich irgendwie geschlossen, daß Raum seine Mutter ist, und ihm
das auch gesagt. Er sagte: »Nein, Raum ist die Mutter.« Ich
legte ihm nahe, daß sie in gewisser Weise die Ursache seiner
Probleme sein könnte. Er antwortete: »Ich habe sie nie verur-
teilt.« An einem bestimmten Punkt wurde er böse und sagte -
wörtlich -: »Wenn wir sagen, daß sie infolgedessen, was sie
verursacht hat, Bewegung in sich hatte, dann verurteilen wir
nur uns selbst.« Etwas bewegte sich im Raum, und das machte
ihn verrückt. Raum ist nicht seine Mutter, sondern die Mutter.
Aber jetzt konzentrieren wir uns auf seine Mutter, von der er
sagt, er habe sie nie verurteilt. Und darauf sagt er: »Wenn wir
sagen, daß sie infolgedessen, was sie verursacht hat, Bewegung
in sich hatte, dann verurteilen wir nur uns selbst.«
Achten Sie sehr sorgfältig auf die logische Struktur des letzten
263
Zitats. Sie ist zirkulär. Sie impliziert eine Interaktion und chro-
nische Meinungsverschiedenheiten mit der Mutter, die so be-
schaffen waren, daß es dem Kind verboten war, die Züge zu
machen, die das Mißverständnis hätten ausräumen können.
Ein andermal hatte er morgens seine Therapie-Sitzung ge-
schwänzt, und ich ging zur Essenszeit in den Speisesaal hin-
über, um mit ihm zu reden und ihm zu versichern, daß er mich
am nächsten Tag treffen würde. Er weigerte sich, mich anzuse-
hen. Er schaute weg. Ich machte eine Bemerkung über 9.30 h
am nächsten Morgen - keine Antwort. Dann sagte er mit gro-
ßer Mühe: »Der Richter lehnt ab.« Bevor ich ihn verließ, sagte
ich: »Sie brauchen einen Verteidiger«, und als ich ihn am näch-
sten Morgen auf dem Gelände fand sagte ich: »Hier ist Ihr
Verteidiger«, und wir gingen zusammen in die Sitzung. Ich fing
an mit den Worten: »Gehe ich recht in der Annahme, daß der
Richter nicht nur Ihre Gespräche mit mir ablehnt, sondern auch
die Tatsache, daß Sie mir von seiner Ablehnung berichten?« Er
sagte: »Ja!« Das heißt, wir haben es hier mit zwei Ebenen zu
tun. Der »Richter« mißbilligt den Versuch, die Verwirrung auf-
zulösen, mißbilligt aber auch, daß seine (des Richters) Mißbilli-
gung mitgeteilt wird.
Wir müssen nach einer Ätiologie suchen, die mehrere Ebenen
des Traumas einschließt.
Ich spreche weder vom Inhalt dieser traumatischen Abläufe, ob
sie sexuell oder sprachlich sind, noch vom Alter des Patienten
zur Zeit des Traumas oder darüber, welcher Elternteil einbezo-
gen war. Das ist für meine Begriffe alles episodisch. Ich bereite
nur die Behauptung vor, daß das Trauma in dem Sinne eine
formale Struktur gehabt haben muß, daß vielfältige logische
Typen gegeneinander ausgespielt wurden, um diese besondere
Pathologie bei diesem Individuum hervorzurufen.
Wenn man nun unsere gewöhnliche zwischenmenschliche
Kommunikation betrachtet, sieht man, daß wir diese logischen
Typen mit unglaublicher Komplexität und ganz überraschender
Mühelosigkeit ineinander verweben. Wir machen sogar Witze,
und die können für einen Ausländer schwer zu verstehen sein.
264
Die meisten Witze, ob sie einen Bart haben oder spontan sind,
bestehen fast überall aus einer Verstrickung vielfältiger logi-
scher Typen. Verulken und Hochnehmen beruhen gleicherma-
ßen auf der ungelösten Frage, ob der Gefoppte feststellen kann,
daß es Spaß ist. In jeder Kultur erlangen die Individuen ein ganz
außergewöhnliches Geschick, nicht nur die platte Identifika-
tion, von welcher Art eine Mitteilung ist, zu handhaben, son-
dern auch mit vielfältigen Identifikationen dieser Art umzuge-
hen. Wenn wir auf diese vielfältigen Identifikationen stoßen,
lachen wir, und wir machen neue psychologische Entdeckun-
gen darüber, was in uns vorgeht, was vielleicht die Belohnung
des echten Humors ist.
Es gibt aber Menschen, die mit diesem Problem vielfältiger
Ebenen größte Schwierigkeiten haben, und mir scheint es, als
sei diese ungleiche Verteilung der Fähigkeiten ein Phänomen,
dem wir uns mit den Fragen und Mitteln der Epidemiologie
nähern können. Was braucht ein Kind, um in den Formen der
Interpretation dieser Signale eine Fertigkeit zu erlangen oder
nicht zu erlangen?
Da ist nicht nur das Wunder, daß überhaupt einige Kinder die
Geschicklichkeit erlangen - vielen von ihnen gelingt es ja -,
sondern da ist auch die andere Seite, daß sehr viele Menschen
Schwierigkeiten haben. Es gibt beispielsweise Menschen, die,
wenn die >Große Schwester«
Schwester< in der Seifenoper eine Erkältung
hat, eine Flasche Aspirin ins Funkhaus schicken oder eine Kur
empfehlen, obwohl die »Große
>Große Schwester«
Schwester< nur eine Rolle In
in
einem rührseligen Radiohörspiel ist. Diese besonderen Mitglie-
der der Hörerschaft liegen offenbar ein wenig schief in ihrer
Identifikation dessen, was da als Kommunikation aus ihrem
Radio kommt.
Wir alle begehen verschiedentlich Irrtümer dieser Art. Ich bin
nicht sicher, jemals irgendwen getroffen zu haben, der nicht
mehr oder weniger an »Schizophrenie P« leidet. Wir alle haben
manchmal Schwierigkeiten, zu entscheiden, ob ein Traum ein
Traum war oder nicht, und es wäre für die meisten von uns gar
nicht so leicht zu sagen, woher wir
Wir wissen, daß ein Stück unse-
265
2
^5
rer eigenen Phantasie Phantasie ist und nicht Erfahrung. Die
Fähigkeit, eine Erfahrung zeitlich einzuordnen, ist eins der
wichtigen Stichwörter, und sie auf ein Sinnesorgan zu beziehen,
ist ein anderes.
Wenn man von den Müttern und Vätern der Patienten eine
Antwort auf diese ätiologische Frage erwartet, wird man mit
mehreren Arten von Antworten konfrontiert.
An erster Stelle stehen die Antworten, die mit dem zusammen-
hängen, was wir die intensivierenden Faktoren nennen können.
Jede Krankheit wird schlimmer oder wahrscheinlicher durch
verschiedene Umstände wie Müdigkeit, Kälte, Anzahl der Tage
des Kampfs, Vorliegen anderer Krankheiten usw. Diese schei-
nen eine quantitative Auswirkung auf die Verbreitung fast jeder
Pathologie zu haben. Dann gibt es noch die Faktoren, die ich
erwähnt habe - die erblichen Eigenarten und Anlagen. Um bei
den logischen Typen in Verwirrung zu geraten muß man ver-
mutlich intelligent genug sein, um zu erkennen, daß da irgend-
was nicht stimmt, aber nicht so intelligent, um einsehen zu
können, was nicht stimmt. Ich vermute, daß diese Eigenschaf-
ten erblich determiniert sind.
Mir scheint aber, daß der Kern des Problems darin besteht, zu
identifizieren, welche tatsächlichen Umstände zu der spezifi-
schen Pathologie führten. Ich sehe ein, daß die Bakterien kei-
neswegs der einzige entscheidende Faktor für eine bakterielle
Krankheit sind und räume daher auch ein, daß das Auftreten
solcher traumatischer Abläufe oder Kontexte keineswegs der
einzige entscheidende Faktor für Geisteskrankheiten ist. Mir
scheint aber doch, daß die Identifikation dieser Kontexte der
Schlüssel zum Verständnis der Krankheit ist, so wie die Identi-
fikation der Bakterien wesentlich ist, um eine bakterielle
Krankheit zu verstehen.
Ich habe die Mutter des Patienten besucht, den ich oben er-
wähnte. Der Familie geht es nicht schlecht. Sie lebt in einem
hübschen Reihenhaus. Ich ging mit dem Patienten hin, und als
wir ankamen, war niemand zu Hause. Der Zeitungsjunge hatte
die Abendzeitung mitten auf den Rasen geworfen, und mein
266
Patient wollte diese Zeitung von diesem perfekten Rasen holen.
Er kam an den Rand des Rasens und fing an zu zittern.
Das Haus sieht aus wie ein »Modell«-Heim - ein Haus, das von
Immobilienhändlern eingerichtet wurde, um andere Häuser an
das Publikum verkaufen zu können. Kein Haus, das eingerich-
tet war, um darin zu leben, sondern eher, um wie ein eingerich-
tetes Haus auszusehen.
Eines Tages diskutierte ich mit ihm über seine Mutter und
sprach die Vermutung aus, daß sie vielleicht eine ziemlich
ängstliche Person sei. Er sagte: »Ja«. Ich fragte: »Wovor hat sie
denn Angst?« Er antwortete, »Vor den scheinbaren Sicher-
heiten.«
Genau in der Mitte auf dem Kaminsims steht ein Arrangement
von Plastikflaschen, links und rechts daneben, genau symme-
trisch, je ein Porzellanfasan. Der Teppichboden ist genau so,
wie er sein sollte.
Nachdem seine Mutter gekommen war, fühlte ich mich ein
bißchen unwohl dabei, in das Haus einzudringen. Er war seit
etwa fünf Jahren nicht mehr da gewesen, aber es schien alles
ganz gut zu laufen, also beschloß ich, ihn da zu lassen und
zurückzukommen, wenn es Zeit war, wieder ins Krankenhaus
zu gehen. Dadurch hatte ich eine Stunde lang auf der Straße
absolut nichts zu tun, und ich begann darüber nachzudenken,
was ich gerne zu dem Ganzen beitragen würde. Worüber und
wie konnte ich kommunizieren? Ich beschloß, daß ich etwas
einbringen wollte, was sowohl schön als auch unordentlich
war. Bei dem Versuch, diesen Entschluß auszuführen, entschied
ich, daß Blumen die Lösung waren, und so kaufte ich einige
Gladiolen. Ich nahm die Gladiolen, und als ich ihn abholen
ging, schenkte ich sie der Mutter mit den Worten, ich hätte es
gerne, wenn sie in ihrem Haus etwas »sowohl Schönes als auch
Unordentliches« hätte. »Oh!« sagte sie, »das sind doch keine
unordentlichen Blumen. Wenn eine verwelkt, kann man sie ab-
schneiden.«
Nun ist das Interessante daran, wie ich es sehe, nicht so sehr die
Kastrationsdarstellung in diesen Worten, sondern die Tatsache,
267
daß ich in die Lage versetzt wurde, mich entschuldigt zu haben,
obwohl das doch gar nicht der Fall war. Das heißt, sie hatte
meine Mitteilung aufgegriffen und sie neu eingeordnet. Sie än-
derte jenes Etikett, das die Mitteilungsart bezeichnet, und ge-
nau das, so glaube ich, macht sie ständig. Ein endloses Aufneh-
men der Mitteilung eines anderen und darauf Erwidern, als sei
es entweder eine Darstellung von Schwäche seitens des Spre-
chers oder ein Angriff gegen sie, der in eine Schwäche auf Seiten
des Sprechers umgewandelt werden muß; und so weiter.
Womit der Patient heute zu kämpfen hat - und in seiner Kind-
heit zu kämpfen hatte -, ist die falsche Interpretation seiner
Mitteilungen. Wenn er sagt: »Die Katze ist auf dem Tisch«, gibt
sie ihm eine Antwort, die zu beweisen sucht, daß seine Mittei-
lung nicht die Art von Mitteilung ist, für die er sie hielt, als er
sie machte. Das, was bei ihm für die Identifikation von Mittei-
lungen sorgt, wird durch sie verdunkelt oder verzerrt, wenn die
Mitteilung zurückkommt. Und dem, was bei ihr zur Identifika-
tion von Mitteilungen führt, widerspricht sie ständig. Sie lacht,
wenn sie sagt, was für sie am wenigsten lustig ist, und so weiter.
Nun haben wir in dieser Familie das Bild einer regelrechten
Vorherrschaft der Mutter, aber im Augenblick geht es mir nicht
um die Behauptung, dies sei die notwendige Form des Traumas.
Ich befasse mich nur mit den rein formalen Aspekten dieser
traumatischen Konstellation; und ich vermute, daß die Konstel-
lation auch hergestellt werden könnte, wenn der Vater einige
Teile davon übernähme, die Mutter andere, und so fort.
Ich versuche nur, auf einen Punkt hinzuweisen: Daß hier die
Wahrscheinlichkeit eines Traumas besteht, das gewisse formale
Charakteristika enthalten wird. Es wird ein spezifisches Syn-
drom in dem Patienten auslösen, weil das Trauma selbst Einfluß
auf ein bestimmtes Element im Kommunikationsprozeß hat.
Angegriffen wird die Verwendung dessen, was ich als die »Si-
gnale der Identifikation von Mittellungen«
Mitteilungen« bezeichnet habe -
derjenigen Signale, ohne die das »Ich« zwischen Tatsache und
Phanatasie, zwischen Buchstäblichem und Metaphorischem
nicht zu unterscheiden vermag.
268
Was ich versucht habe, war, eine Gruppe von Syndromen ein-
zugrenzen, nämlich jene Syndrome, die mit einer Unfähigkeit
einhergehen, zu erkennen, welcher Art eine Mitteilung ist. An
einem Ende dieser Klassifizierung von Mitteilungen werden
sich mehr oder weniger hebephrene Individuen finden, für die
keine Mitteilung von irgendeinem besonderen, eindeutigen Typ
ist, sondern die in einer Art chronischer, scheinbar witziger,
aber pointenloser Geschichte leben. Am anderen Ende sind die-
jenigen, die zu überidentifizieren versuchen: eine übermäßig
strenge Identifikation dessen vorzunehmen, zu welcher Mittei-
lungsart eine Mitteilung gehört. Daraus wird sich ein viel stär-
ker paranoides Bild ergeben. Eine weitere Möglichkeit ist der
Rückzug.
Schließlich scheint es mir, als könne man mit einer Hypothese
dieser Art die Determinanten in einer Bevölkerung ausfindig
machen, die das Auftreten solcher Konstellationen vielleicht
begünstigen. Das würde ich für eine angemessene Aufgabe der
epidemiologischen Forschung halten.
51
Vorstudien zu einer Theorie der Schizophrenie
Schizophrenie"' "

Die Schizophrenie bleibt - hinsichtlich ihrer Natur, ihrer Ätiologie und der
anzuwendenden Therapieform - eine der verwirrendsten Geisteskrankheiten.
Die hier vorgelegte Theorie der Schizophrenie beruht auf der .Kommunika-
Kommunika-
tionsanalyse und insbesondere auf der Theorie der logischen Typen. Von dieser
Theorie und von Beobachtungen an schizophrenen Patienten werden eine Be-
schreibung und die notwendigen Bedingungen einer Situation abgeleitet, die als
»double bind« (Beziehungsfalle) bezeichnet wird - eine Situation, in der eine
Person, egal was sie tut, »nicht gewinnen kann«. Wir gehen von der Hypothese
aus, daß eine im double bind gefangene Person schizophrene Symptome ent-
wickeln kann. Wie und warum der double bind in einer Familiensituation auf-
kommen kann, wird zusammen mit Veranschaulichungen anhand klinischer
und experimenteller Daten diskutiert.

Dies ist ein Bericht1 über ein Forschungsprojekt, in dem eine


breite, systematische Auffassung von der Natur, Ätiologie und
Therapie der Schizophrenie formuliert und überprüft wurde.
Unsere Arbeit auf diesem Gebiet entwickelte sich über die Dis-
kussion eines reichhaltigen Fundus von Daten und Ideen, zu

* Dieser Aufsatz von Gregory Bateson, Don D. Jackson, Jay Haley und John
H. Weakland ist ein Wiederabdruck aus BehavioralScience, Band I, Nr. 4, 1956,
mit Genehmigung von Behavioral Science.
1 Dieser Aufsatz geht auf Hypothesen zurück, die zunächst in einem von der
Rockefeller Foundation finanzierten Forschungsprojekt aus den Jahren 1952-54
entwickelt wurden, das vom Department of Sociology and Anthropology der
Stanford University verwaltet und von Gregory Bateson geleitet wurde. Ab
1954 ist das Projekt mit der finanziellen Unterstützung der Josiah Macy jr.
Foundation fortgeführt worden. Jay Haley gebührt das Verdienst, erkannt zu
haben, daß die Symptome der Schizophrenie auf eine Unfähigkeit hinweisen,
zwischen logischen Typen zu unterscheiden, eine Erkenntnis, die von Bateson
ausgebaut wurde, der sie mit der Vorstellung verband, daß sich die Symptome
und die Ätiologie der Schizophrenie im Sinne einer double-bind-Hypoihese
double-hind-Hypothese
formal beschreiben lassen. Die Hypothese wurde D. D. Jackson mitgeteilt, und
es stellte sich heraus, daß sie gut mit seinen Ideen zur Familien-Homöostase
zusammenpaßte. Seither hat Dr. Jackson eng mit dem Projekt zusammengear-
beitet.
beitet, Die Untersuchung der formalen Analogien zwischen Hypnose und Schi-
zophrenie war die Arbeit von John H. Weakland und Jay Haley.
2/0
270
dem wir alle etwas aus unserer breitgefächerten Erfahrung in
der Anthropologie, Kommunikationsanalyse, Psychotherapie,
Psychiatrie und Psychoanalyse beigesteuert haben. Inzwischen
sind wir uns einig bezüglich der groben Umrisse einer Kommu-
nikationstheorie über den Ursprung und die Natur der Schizo-
phrenie; dieser Aufsatz ist ein vorläufiger Bericht über unsere
noch andauernde Forschungsarbeit.

Die Grundlage in der Kommunikationstheorie

Unser Forschungsansatz beruht auf dem Teil der Kommunika-


tionstheorie, den Russell die »Theorie der logischen Typen«
genannt hat.2 Die zentrale These dieser Theorie besagt, daß
zwischen einer Klasse und ihren Elementen eine Diskontinuität
besteht. Die Klasse kann weder ein Element ihrer selbst sein,
noch kann eines ihrer Elemente die Klasse sein, da der für die
Klasse gebrauchte Terminus einer anderen Abstraktionsebene -
einem anderen logischen Typ - angehört, als die auf die Ele-
mente anwendbaren Termini. Während nun in der formalen
Logik der Versuch unternommen wird, diese Diskontinuität
zwischen einer Klasse und ihren Elementen zu erhalten, treten
wir dafür ein, daß diese Diskontinuität in der Psychologie rea-
ler Kommunikationsabläufe kontinuierlich und unausweichlich
durchbrochen wird3, und daß wir a priori mit dem Auftreten
einer Krankheit im menschlichen Organismus rechnen müssen,
wenn gewisse formale Muster dieser Durchbrechung in der
Kommunikation zwischen Mutter und Kind auftreten. Wir
werden so argumentieren, daß diese Krankheit im Extremfall
Symptome aufweisen wird, deren formale Charakteristika zu
einer Klassifizierung der Krankheit als Schizophrenie führen.
Anschauungsmaterial dafür, wie menschliche Wesen mit Kom-
2 A. N. Whitehead und B. Russell, Principia
Prmapia Mathematica, Cambridge, Cam-
bridge University Press, 1910.
3j G. Bateson, »Eine Theorie des Spiels und der Phantasie«, Psychiatrie
Research Reports, 1955, 2: 39-51; hier S. 241-261.

271
munikation unter Einschluß mehrerer logischer Typen umge-
hen, läßt sich aus-den folgenden Gebieten ableiten:
1. Die Anwendung verschiedener Kommunikationsweisen in
der menschlichen Kommunikation. Beispiele hierfür sind Spiel,
Nicht-Spiel, Phantasie, Sakrament, Metapher usw. Sogar bei
den niederen Säugetieren scheint es einen Austausch von Signa-
len zu geben, die ein gewisses bedeutungsvolles Verhalten als
»Spiel« usw.4 identifizieren. Diese Signale sind offenbar von
einem höheren logischen Typ als die Mitteilungen, die sie klas-
sifizieren. Bei menschlichen Wesen erreicht diese Rahmung und
Etikettierung von Mitteilungen und bedeutungsvollen Hand-
lungen eine beachtliche Komplexität, allerdings mit der Beson-
derheit, daß unser Vokabular für solche Unterscheidungen
noch sehr spärlich entwickelt ist und wir uns überwiegend auf
nonverbale Ausdrucksmittel der Körperhaltung, der Gestik,
des Gesichtsausdrucks, des Tonfalls und auf den Kontext für
die Kommunikation dieser hochabstrakten, aber lebenswichti-
gen Etikettierungen verlassen müssen.
2. Humor. Hier scheint es sich um eine Methode zu handeln,
die unausgesprochenen Themen im Denken oder in einer Bezie-
hung zu erkunden. Die Methode der Erkundung umfaßt die
Verwendung von Mitteilungen, die durch eine Verdichtung von
logischen Typen oder Kommunikationsweisen gekennzeichnet
sind. Es kommt beispielsweise zu einer Entdeckung, wenn
plötzlich klar wird, daß eine Mitteilung nicht nur metaphorisch
war, sondern durchaus wörtlich - oder umgekehrt. Das heißt,
das explosive Moment im Humor ist der Augenblick, in dem
die Etikettierung des Modus eine Auflösung und eine neue Syn-
these durchläuft. Gewöhnlich zwingt die Pointe zu einer Neu-
bewertung früherer Signale, die gewissen Mitteilungen einen
besonderen Modus zuschrieben (z. B. Buchstäblichkeit oder
Phantasie). Das hat den eigenartigen Effekt, daß denjenigen
Signalen ein Modus zugeordnet wird, die zuvor den Status jenes
höheren logischen Typs einnahmen, der die Modi klassifiziert.
4 Ein von diesem Projekt gedrehter Film, »The Nature of Play; Part I, River
Otters«, ist verfügbar.

2/2
II*
j.
3. Die Falsifizierung modus-identifizierender Signale. Unter
menschlichen Wesen können Modus-Identifikationen falsifi-
ziert werden, und wir verfügen über das künstliche Lachen, das
manipulative Vortäuschen von Freundlichkeit, die Bauernfän-
gerei, das Verulken und ähnliches. Ähnliche Ahnliche Falsifizierungen
sind bei Säugetieren festgestellt worden.5 Bei menschlichen We-
sen begegnen wir einem erstaunlichen Phänomen; Phänomen: der unbe-
wußten Falsifizierung dieser Signale. Das kann innerhalb des
Selbst geschehen - das Subjekt kann seine eigene reale Feindse-
ligkeit unter dem Deckmantel des metaphorischen Spiels vor
sich selbst verbergen -, oder es kann auftreten als eine unbe-
wußte Falsifizierung des subjektiven Verständnisses der mo-
dus-identifizierenden Signale des Gegenübers. Das Subjekt
kann Schüchternheit für Mißachtung halten usw. Tatsächlich
fallen die meisten Irrtümer des Selbstbezugs unter diese Rubrik.
4. Lernen. Die einfachste Ebene dieses Phänomens wird durch
eine Situation veranschaulicht, in der ein Subjekt eine Mittei-
lung empfängt und ihr entsprechend handelt: »Ich hörte die
Uhr schlagen und wußte, es war Zeit zum Mittagessen. So ging
ich zu Tisch.« In Lernexperimenten wird das Analoge zu dieser
Abfolge von Ereignissen durch den Experimentator beobachtet
und gewöhnlich als eine einzelne Mitteilung eines höheren Typs
behandelt. Wenn der Hund zwischen Summton und Fleisch-
pulver Speichel absondert, wird diese Sequenz vom Experimen-
tator als eine Mitteilung akzeptiert, die anzeigt: »Der Hund hat
gelernt, daß Summton Fleischpulver bedeutet.« Doch ist die
gelemty
Hierarchie von einbezogenen Typen damit nicht abgeschlossen.
Das Versuchssubjekt kann nämlich beim Lernen geschickter
werden. Es kann lernen zu lernen,^ lemenf und es ist nicht undenkbar,
5 C. R. Carpemer,
Carpenter, »A Field Study of the Behaviour and Social Relations of
Howling Monkeys«, Comp. Psychol. Monogr.,
Monogr1934,
1934, 10: 1-168; auch K.
K, Z,
Z.
Lorenz, King Solomon's
Solomon*s Ring, New York, Crowell, 1952.
6 G. Bateson, »Social Flanning and the Concept of Deutero-Learning«, Confe-
rence on Science, Philosophy
Philosopby and Religion, Second Symposium, New York, Har-
per,
pen 1942. (Siehe oben S. 219); auch H. F. Harlow,
Marlow, »The Formation of Learning
Sets«, Psychol. Review, 1949, 56:
56; 51-65; und C. L. Hull et al.,
aL, Mathematic-
deductive Theory of Rote Learning, New Häven, Yale University Press, 1940.

2/3
273
daß bei menschlichen Wesen noch höhere Lernordnungen auf-
treten.
5. Vielfältige Lemebenen und die logische Typisierung von Si-
gnalen. Dabei handelt es sich um zwei untrennbare Mengen
von Phänomenen - untrennbar deshalb, weil die Fähigkeit, mit
den vielfältigen Typen von Signalen umzugehen, ihrerseits eine
erlernte Fertigkeit und somit eine Funktion der vielfältigen
Lernebenen ist.
Nach unserer Hypothese bezeichnet der Terminus »Ich-Funk-
tion« (so wie er verwendet wird, wenn man von einem Schizo-
phrenen sagt, er habe eine »schwache Ich-Funktion«) ganz ge-
nau den Prozeß der Unterscheidung von Kommunikationsmodi,
sei es innerhalb des Selbst oder zwischen dem Selbst und ande-
ren. Der Schizophrene zeigt eine Schwäche in drei Bereichen
dieser Funktion: (a) Er hat Schwierigkeiten, den Mitteilungen,
die er von anderen Personen empfängt, den richtigen Kommu-
nikationsmodus zuzuweisen, (h) (b) Er hat Schwierigkeiten, denje-
nigen Mitteilungen, die er selbst nonverbal äußert oder aussen-
det, den richtigen Kommunikationsmodus zuzuordnen.
zuzuordnen, (c)(c) Er
hat Schwierigkeiten, seinen eigenen Gedanken, Sinneseindrük-
ken und Wahrnehmungsgegenständen den richtigen Kommuni-
kationsmodus beizulegen.
An diesem Punkt empfiehlt es sich, das im letzten Absatz Ge-
sagte mit von Domarus7 Überlegungen zur systematischen Be-
schreibung schizophrener Äußerungen zu vergleichen. Er
nimmt an, daß die Mitteilungen (und das Denken) des Schizo-
phrenen in ihrer syllogistischen Struktur deviant sind. Anstelle
der Strukturen, die sich von dem Syllogismus Modus Barbara
herleiten, verwendet der Schizophrene nach dieser Theorie
Strukturen, die Prädikate identifizieren. Hier ein Beispiel für
einen solchen verzerrten Syllogismus:

7 E. von Domarus, »The Specific Laws of Logic in Schizophrenia«, Language


and Thought
Tbought in Schizophrenia, hrsg. v. J. S. Kasanin, Berkeley, University of
California Press, 1944.

274
2/4
Menschen sterben.
Gras stirbt.
Menschen sind Gras.
Aus unserer Sicht ist von Domarus'
Domarus* Formulierung jedoch nur
eine präzisere - und deshalb wertvolle - Art zu sagen, daß
schizophrene Äußerungen reich an Metaphern sind. Mit dieser
Verallgemeinerung stimmen wir überein. Die Metapher ist aber
ein unentbehrliches Werkzeug des Denkens und des Ausdrucks
- ein Charakteristikum aller menschlichen Kommunikation,
selbst der des Wissenschaftlers. Die begrifflichen Modelle der
Kybernetik und die Energietheorien der Psychoanalyse sind
schließlich nichts anderes als etikettierte Metaphern. Die Be-
sonderheit des Schizophrenen besteht nicht darin, daß er Meta-
phern benutzt, sondern darin, daß seine Metaphern nicht eti-
kettiert sind. Besondere Schwierigkeiten bereitet es ihm, mit
Signalen jener Klasse umzugehen, deren Elemente anderen Si-
gnalen logische Typen zuordnen.
Wenn unsere formale Zusammenfassung der Symptomatik
richtig und wenn die Schizophrenie unserer Hypothese im we-
sentlichen ein Ergebnis der familiären Interaktion ist, dann soll-
te es möglich sein, a priori zu einer formalen Beschreibung der
Erfahrungssequenzen zu gelangen, die eine solche Symptoma-
tik induzieren würden. Was aus der Lerntheorie bekannt ist,
verbindet sich mit der offenkundigen Tatsache, daß menschli-
che Wesen den Kontext als einen Anhaltspunkt für die Unter-
scheidung von Modi verwenden. Wir haben daher nicht nach
irgendeiner besonderen traumatischen Erfahrung in der kindli-
chen Ätiologie zu suchen, sondern eher nach charakteristischen
Mustern solcher Sequenzen. Die Spezifizität, nach der wir su-
chen, muß auf einer abstrakten oder formalen Ebene liegen. Die
Sequenzen müssen folgendes Charakteristikum aufweisen: Sie
müssen so beschaffen sein, daß der Patient durch sie die geisti-
gen Gewohnheiten erwirbt, die in der schizophrenen Kommu-
nikation zum Ausdruck kommen. Das heißt, er muß in einem
Universum leben, in dem die Abfolgen von Ereignissen so auf-
gebaut sind, daß seine unkonventionellen Kommunikationsge-

275
wohnheiten in gewissem Sinne angemessen sein werden. Die
von uns vorgelegte Hypothese lautet, daß Abfolgen dieser Art
in der äußeren Erfahrung des Patienten für die inneren Konflik-
te in der logischen Typisierung verantwortlich sind. Für solche
unauflösbaren Sequenzen von Erfahrungen verwenden wir den
Terminus »double bind«.

Der double bind

Die notwendigen Ingredienzien einer double ^uW-Situation,


£jW-Situation,
wie wir sie sehen, sind:
1. Zwei oder mehr Personen. Eine davon bezeichnen wir aus
Gründen unserer Definition als das »Opfer«. Wir nehmen nicht
an, daß der double bind von der Mutter allein verhängt wird,
sondern entweder von der Mutter allein oder von einer Kombi-
nation aus Mutter, Vater und/oder Geschwistern ausgeht.
2. Wiederholte Erfahrung. Wir nehmen an, daß der double bind
ein wiederkehrendes Thema in der Erfahrung des Opfers ist.
Diese Hypothese verweist nicht auf eine einzelne traumatische
Erfahrung, sondern auf eine so oft wiederholte Erfahrung, daß
die double-bind-StTnktvT
double-bindSxvuktur zu einer habituellen Erwartung wird.
}. Ein primäres negatives Gebot. Dies kann eine von zwei For-
3.
men annehmen: (a) »Tu dies oder jenes nicht, oder ich werde
dich bestrafen.« Oder (b) »Wenn du dies oder jenes nicht tust,
werde ich dich bestrafen.« Hier wählen wir einen Lernkontext
aus, der eher auf der Vermeidung von Strafe beruht als auf dem
Streben nach Belohnung. Für diese Auswahl gibt es vielleicht
keinen formalen Grund. Wir nehmen an, daß die Strafe entwe-
der in Liebesentzug oder im Ausdruck des Hasses oder der
Verärgerung oder - am verheerendsten - in der Art von Verlas-
senheit besteht, die sich durch den Ausdruck extremer Hilflo-
sigkeit seitens der Eltern einstellt.8
8 Unser Begriff von Strafe wird gegenwärtig verfeinert. Wie uns scheint, führt
sie zu einer Wahrnehmungserfahrung von einer Art, für die der Begriff »Trau-
ma« zu eng ist.
276
2/6
4. Ein sekundäres Gebot, das mit dem ersten auf einer abstrak-
teren Ebene in Konflikt steht und wie das erste durch Strafen
oder Signale verstärkt wird, die das Überleben bedrohen. Die-
ses sekundäre Gebot ist aus zwei Gründen schwieriger zu be-
schreiben als das primäre. Erstens wird das sekundäre Gebot
dem Kind gewöhnlich nonverbal vermittelt. Körperhaltung,
Gestik, Tonfall, bedeutungsvolles Handeln und die in verbalen
Anmerkungen verborgenen Implikationen lassen sich allesamt
zur Übermittlung dieser abstrakteren Mitteilung einsetzen.
Zweitens kann das sekundäre Gebot auf irgendein Element des
primären Verbots übergreifen. Die Verbalisierung des sekundä-
ren Gebots kann daher eine breite Vielfalt von Formen umfas-
sen; zum Beispiel: »Betrachte dies nicht als Strafe«; »Betrachte
mich nicht als die Strafinstanz«; »Unterwirf dich nicht meinen
Verboten«; »Denk nicht an das, was du nicht tun darfst«; »Stel-
le nicht meine Liebe in Frage, für die das primäre Verbot ein
Beispiel ist (oder nicht ist)«; und so fort. Weitere Beispiele
werden möglich, wenn der double bind nicht nur von einer
Person, sondern von zweien verhängt wird. Beispielsweise
kann ein Elternteil die Gebote des anderen auf einer abstrakte-
ren Ebene negieren.
5. Ein tertiäres negatives Gebot, das dem Opfer verbietet, den
Schauplatz zu fliehen. Formal gesehen ist es vielleicht unnötig,
dieses Gebot als eigenen Punkt aufzuführen, da die Verstärkung
auf den beiden anderen Ebenen eine Bedrohung für das Überle-
Uberle-
ben darstellt, und wenn die double binds während der Kindheit
aufgezwungen werden, ist Flucht natürlich unmöglich. Es
scheint jedoch, als werde das Fliehen des Schauplatzes in eini-
gen Fällen durch gewisse Maßnahmen unterbunden, die nicht
rein negativ sind, wie z. B. launenhaftes Liebesversprechen und
ähnliches.
6. Schließlich ist die gesamte Menge von Ingredienzien nicht
länger erforderlich, wenn das Opfer erst gelernt hat, sein Uni-
versum in double ^:W-Mustern
^W-Mustern wahrzunehmen. Fast jeder Teil
einer double £rW-Abfolge
&jW-Abfolge kann dann ausreichen, um Panik
oder Wut auszulösen. Das Muster der widerstreitenden Gebote

^77
177
kann sogar von halluzinatorischen Stimmen übernommen
werden.9

Die Auswirkung des double bind

In der östlichen Religion des Zen-Buddhismus ist das ange-


strebte Ziel Erleuchtung. Der Zen-Meister versucht, seinen
Schüler auf verschiedene Weise zur Erleuchtung zu bringen.
Unter anderem geht er so vor, daß er einen Stock über den
Kopf des Schülers hält und grimmig sagt: »Wenn du sagst,
dieser Stock sei real, werde ich dich damit schlagen. Wenn du
sagst, dieser Stock sei nicht real, werde ich dich damit schlagen.
Wenn du nichts sagst, werde ich dich damit schlagen.« Wir
haben das Empfinden, daß sich der Schizophrene kontinu-
ierlich in derselben Situation befindet wie der Schüler, aller-
dings kommt es bei ihm eher zu so etwas wie Desillusionierung
als zur Erleuchtung. Der Zen-Schüler könnte über sich greifen
und dem Meister den Stock wegnehmen - der diese Antwort
akzeptieren würde, aber der Schizophrene hat keine solche
Wahl, da er in der Beziehung nicht frei ist und die Ziele sowie
das Bewußtsein seiner Mutter nicht denen des Meisters ver-
gleichbar sind.
Wir vermuten, daß immer dann, wenn eine double ^tW-Situa-
£jW-Situa-
tion auftritt, die Fähigkeit jedes Individuums, zwischen logi-
schen Typen zu unterscheiden, zusammenbricht. Die allgemei-
nen Charakteristika dieser Situation sind folgende:
(1) Das Individuum steckt in einer intensiven Beziehung, das
heißt, in einer Beziehung, in der es als lebenswichtig empfindet,
ganz genau zu unterscheiden, welche Art von Mitteilung ihm
kommuniziert wird, damit es angemessen reagieren kann.
(2) Das Individuum ist in einer Situation gefangen, in der sein

9 J. Perceval, A Narrative of the Treatment Experienced


Expenenced by
hy a Gentleman Dü-
ring a State of Mental Derangement, Designed to Explain the Ganses and
Nature of Insanity, etc.,
etcLondon,
London, Effingham Wilson, 1836 und 1840. (Siehe
auch in der Bibliographie unter 1961 a.),
a.).
278
Gegenüber zwei Arten von Mitteilungen ausdrückt und eine
davon die andere leugnet.
(3) Und das Individuum ist unfähig, sich mit den geäußerten
Mitteilungen auseinanderzusetzen, um zu unterscheiden, auf
welche Art der Mitteilung es reagieren soll, d. h. es kann keine
metakommunikative Aussage machen.
Wir haben zwar angedeutet, daß eine solche Situation zwischen
dem Präschizophrenen und seiner Mutter auftritt, aber sie tritt
auch in normalen Beziehungen auf. Wenn eine Person in einer
double bind-S'\t\izüon
&jW-Situation gefangen ist, dann wird sie in einer Weise
defensiv reagieren, die der des Schizophrenen ähnelt. Ein Indi-
viduum wird eine metaphorische Behauptung wörtlich neh-
men, wenn es sich in einer Situation befindet, in der es reagieren
muß, in der es mit widersprüchlichen Mitteilungen konfrontiert
wird, und wenn es unfähig ist, sich mit den Widersprüchen
auseinanderzusetzen. Beispielsweise ging ein Angestellter eines
Tages während der Dienstzeit nach Hause. Ein Kollege rief ihn
dort an und sagte leichthin: »Nanu, wie sind Sie denn dahin
gekommen?« Der Angestellte erwiderte: »Mit dem Auto.« Er
reagierte wörtlich, weil er mit einer Mitteilung konfrontiert
wurde, die ihn fragte, was er zu Hause mache, wo er doch im
Büro sein sollte, die aber durch ihre Formulierung leugnete,
daß diese Frage intendiert war. (Da der Fragende spürte, daß
ihn dies eigentlich nichts anging, drückte er sich metaphorisch
aus.) Die Beziehung war intensiv genug, das Opfer zweifeln zu
lassen, wie die Information verwendet würde, und deshalb rea-
gierte es wörtlich. Das ist charakteristisch für jeden, der sich »in
die Enge getrieben« fühlt, wofür die streng wörtlichen Antwor-
ten von Zeugen vor Gericht ein anschauliches Beispiel liefern.
Der Schizophrene fühlt sich immerzu so schrecklich in die En-
ge getrieben, daß er gewohnheitsmäßig mit einem defensiven
Festhalten an der wörtlichen Ebene reagiert, wenn dies ganz
unangemessen ist, z. B. wenn jemand einen Scherz macht.
Schizophrene verwechseln auch das Wörtliche und das Meta-
phorische in ihren eigenen Äußerungen, wenn sie sich in einem
double bind gefangen fühlen. So möchte ein Patient vielleicht

279
seinen Therapeuten kritisieren, weil dieser sich verspätet hat, ist
sich aber nicht sicher, was für eine Art Mitteilung dieser Akt
des Zuspätkommens war - besonders wenn der Therapeut die
Reaktion des Patienten vorausgesehen und sich entschuldigt
hat. Der Patient kann nicht sagen: «Warum kommen Sie zu
spät? Vielleicht, weil Sie mich heute nicht sehen wollen?« Das
wäre eine Beschuldigung, und deshalb weicht er auf eine meta-
phorische Feststellung aus. Er wird dann etwa sagen: »Ich hatte
mal einen Bekannten, der ein Schiff verpaßte, er hieß Sam, und
das Schiff wäre fast gesunken
gesunken...
... usw.« So entwickelt er eine
metaphorische Geschichte, und dem Therapeuten steht es nun
frei, darin einen Kommentar zu seinem Zuspätkommen zu ent-
decken oder nicht. Das Vorteilhafte an einer Metapher ist, daß
sie es dem Therapeuten (oder der Mutter) freistellt, je nach
Wunsch eine Anklage in der Feststellung zu erblicken oder sie
zu ignorieren. Sollte der Therapeut die Beschuldigung in der
Metapher akzeptieren, dann kann der Patient seine Feststellung
über Sam als metaphorisch gelten lassen. Weist der Therapeut
darauf hin, daß dies nicht wie eine wahre Behauptung über Sam
klingt, um damit die Anklage in der Geschichte zu umgehen,
dann kann der Patient einwenden, daß es tatsächlich einen
Mann namens Sam gegeben hat. Als Antwort auf die double
^zW-Situation
f^W-Situation sorgt die Verlagerung auf eine metaphorische
Behauptung für Sicherheit. Allerdings hindert sie den Patienten
auch daran, die gewünschte Beschuldigung vorzubringen. Statt
jedoch seine Anklage durchzufechten, indem er darauf hin-
weist, daß es sich um eine Metapher handelt, scheint der schi-
zophrene Patient eben diese Tatsache zur Geltung bringen
zu wollen, indem er alles noch mehr ins Phantastische stei-
gert.
Sollte der Therapeut die Beschuldigung in der Geschichte über
Sam überhören, so wird der Schizophrene vielleicht eine Ge-
schichte von einem Raumschiff erzählen, das zum Mars fliegt,
um seine Anklage deutlich zu machen. Der Hinweis darauf, daß
es sich um eine metaphorische Feststellung handelt, liegt im
phantastischen Aspekt der Metapher, nicht in den Signalen, die
280
gewöhnlich Metaphern begleiten, um dem Zuhörer deutlich zu
machen, daß es sich um eine Metapher handelt.
Für das Opfer eines double bind ist es nicht nur sicherer, auf
eine metaphorische Art der Mitteilung auszuweichen, sondern
in einer unmöglichen Situation ist es auch besser, sich zu entzie-
hen und ein anderer zu werden, oder sich zu entziehen und
darauf zu beharren, anderswo zu sein. Dann verfehlt der double
bind seinen Zugriff auf das Opfer, weil dieses ja gar nicht es
selbst und außerdem an einem anderen Ort ist. Mit anderen
Worten, die Behauptungen, die zeigen, daß ein Patient des-
orientiert ist, lassen sich als Verteidigungsmittel gegen die Situa-
tion interpretieren, in der er sich befindet. Pathologisch wird
dieses Verhalten, wenn das Opfer selbst entweder nicht weiß,
daß seine Reaktionen metaphorisch sind, oder dies nicht sagen
kann. Um zu erkennen, daß es sich metaphorisch ausdrückt,
müßte es sich bewußt sein, daß es sich verteidigt und somit vor
dem anderen Angst hat. Für das Opfer wäre dieses Bewußtsein
eine Verurteilung der anderen Person und würde daher eine
Katastrophe provozieren.
Hat ein Individuum sein Leben in der hier beschriebenen Art
einer double £jW-Beziehung
foW-Beziehung verbracht, so werden seine Zu-
gangsweisen zu anderen Menschen nach einem psychotischen
Bruch einem systematischen Muster folgen. Zunächst einmal
wird er nicht mit normalen Menschen diejenigen Signale teilen,
die Mitteilungen begleiten, um auszudrücken, was eine Person
meint. Sein metakommunikatives System - die Kommunikation
über Kommunikation - wird zusammenbrechen, und er weiß
nicht, zu welcher Mitteilungsart eine Mitteilung gehört. Fragt
es jemand: »Was würden Sie heute gerne tun?«, so wird es
unfähig sein, aufgrund des Kontexts, des Tonfalls oder der Ge-
stik genau zu beurteilen, ob es wegen seines gestrigen Verhal-
tens gemaßregelt werden soll, ob man es zu einer sexuellen
Handlung einlädt, oder was sonst gemeint ist. Angesichts dieser
Unfähigkeit, genau zu beurteilen, was eine Person tatsächlich
meint, und einer übertriebenen Besorgtheit über das, was tat-
sächlich gemeint ist, könnte sich ein Individuum dadurch ver-
281
leidigen,
teidigen, daß es eine oder mehrere von verschiedenen Alternati-
ven wählt. Es könnte beispielsweise annehmen, daß hinter jeder
Behauptung eine verborgene Bedeutung steckt, die seinem
Wohlbefinden schadet. Es wird dann ein übertriebenes Interes-
se an hintergründigen Bedeutungen zeigen und entschlossen
sein, zu demonstrieren, daß man es nicht so täuschen kann -
wie es sein ganzes Leben lang getäuscht worden ist. Entscheidet
es sich für diese Alternative, so wird es ständig hinter dem, was
die Leute sagen, und hinter zufälligen Vorkommnissen in seiner
Umgebung nach Bedeutungen suchen und ausgesprochen miß-
trauisch und trotzig sein.
Vielleicht wählt es auch eine andere Alternative und neigt dazu,
alles wörtlich zu nehmen, was andere ihm sagen; widerspricht
ihr Ton, Ihre
ihre Gestik oder der Kontext dem, was sie sagen, dann
kann es ein Muster festlegen, um diese metakommunikativen
Signale lachend abzutun. Das Individuum wird dann nicht län-
ger versuchen, zwischen Ebenen von Mitteilungen zu unter-
scheiden, und alle Mitteilungen als unwichtig oder lächerlich
behandeln.
Hat es kein Mißtrauen gegen metakommunikative Mitteilungen
gefaßt oder nicht versucht, über sie zu lachen, dann könnte es
sich für den Versuch entscheiden, sie zu ignorieren. Dann wird
es ihm unumgänglich erscheinen, immer weniger von dem, was
in seiner Umgebung vor sich geht, zu sehen und zu hören, und
es wird alles daransetzen, nur ja keine Reaktion in seiner Um-
welt zu provozieren. Es wird versuchen, sein Interesse von der
Außenwelt abzuziehen und sich auf seine eigenen inneren Pro-
zesse zu konzentrieren, wodurch es den Anschein erwecken
wird, ein in sich zurückgezogenes, vielleicht auch schweigsames
Individuum zu sein.
Mit anderen Worten;
Worten: Wenn ein Individuum nicht weiß, von
welcher Art eine Mitteilung ist, dann kann es sich mit Verhal-
tensweisen schützen, die als paranoid, hebephren oder katato-
nisch beschrieben werden. Diese drei Alternativen sind nicht
die einzigen. Entscheidend ist, daß es nicht die eine Alternative
wählen kann, die ihm helfen würde, herauszufinden, was die
282
Leute meinen: es kann die Mitteilungen anderer nicht ohne
beträchtliche Hilfe diskutieren. Ohne diese Fähigkeit verhält
sich das menschliche Wesen wie jedes selbstregulierende Sy-
stem, das seinen Regler verloren hat; es kreist in endlosen, aber
immer systematischen Verzerrungen.

Eine Beschreibung der Familiensituation

Die theoretische Möglichkeit von double ^'«^-Situationen reg-


te uns an, im schizophrenen Patienten und in seiner Familiensi-
tuation nach solchen Kommunikationsabläufen zu forschen. Zu
diesem Zweck haben wir die schriftlichen und mündlichen Be-
richte von Psychotherapeuten studiert, die solche Patienten ein-
gehend behandelt haben; wir haben Tonbandaufnahmen von
psychotherapeutischen Interviews sowohl mit unseren eigenen
als auch mit anderen Patienten untersucht; wir haben Eltern
von Schizophrenen interviewt und die Gespräche aufgenom-
men; zwei Mütter und einen Vater ließen wir an intensiver
Psychotherapie teilhaben; und wir haben Eltern und Patienten
zusammen interviewt und auf Band aufgenommen.
Auf der Grundlage dieser Daten haben wir eine Hypothese zu
der Familiensituation entwickelt, die letzten Endes dazu führt,
daß ein Individuum an Schizophrenie erkrankt. Diese Hypo-
these ist nicht statistisch überprüft worden; sie greift eine rela-
tiv einfache Menge von Interaktionsphänomenen heraus und
hebt sie hervor, ist aber kein Versuch, die außerordentliche Kom-
plexität einer Familienbeziehung umfassend zu beschreiben.
Nach unserer Hypothese weist die Familiensituation des Schi-
zophrenen folgende allgemeine Charakteristika auf:
(i) Ein Kind, dessen Mutter ängstlich wird und sich zurück-
zieht, wenn das Kind auf sie wie auf eine liebende Mutter rea-
giert. Das heißt, die bloße Existenz des Kindes hat für die Mut-
ter eine spezielle Bedeutung, die in ihr Angst und Feindseligkeit
erregt, wenn sie in die Gefahr eines innigen Kontakts mit dem
Kind gerät.
283
28}
(i)
(2) Eine Mutter, der die Gefühle von Angst und Feindseligkeit
gegenüber dem Kind nicht akzeptabel sind, und deren Weise,
sie zu leugnen, darin besteht, sich nach außen hin liebevoll zu
verhalten, um das Kind zu veranlassen, auf sie wie auf eine
liebende Mutter zu reagieren und um sich von ihm abzuwen-
den, wenn es dies nicht tut. »Liebevolles Verhalten« bedeutet
nicht notwendig »Zuneigung«; es kann beispielsweise in den
äußeren Rahmen gestellt sein, das Richtige zu tun, »Güte« aus-
zustrahlen und ähnliches.
(3) Das Fehlen von irgend jemandem in der Familie, wie etwa
einem starken und einsichtigen Vater, der sich in die Beziehung
zwischen Mutter und Kind einschalten und das Kind angesichts
der aufgetretenen Widersprüche unterstützen kann.
Da es sich hier um eine formale Beschreibung handelt, geht es
uns nicht speziell um die Frage, warum die Mutter gegenüber
dem Kind solche Empfindungen hat, wir weisen aber darauf
hin, daß dies verschiedene Gründe haben kann. Möglicherweise
löst allein schon die Tatsache, ein Kind zu haben, in ihr Angst
vor sich selbst und ihren Beziehungen zu ihrer eigenen Familie
aus; oder es kann wichtig für sie sein, daß das Kind ein Junge
oder ein Mädchen ist, daß es am Geburtstag eines ihrer Ge-
schwister zur Welt kam,10 daß es in der Geschwisterfolge der
Familie die gleiche Position einnimmt, die sie innehatte, oder
daß es für sie aus anderen Gründen etwas Besonderes anspricht,
die sich auf ihre eigenen emotionalen Probleme beziehen.
Bei einer Situation mit diesen Charakteristika nehmen wir an,
daß die Mutter eines Schizophrenen immer zumindest zwei
Arten von Mitteilungen gleichzeitig ausdrücken wird. (Um die-
se Darstellung nicht zu komplizieren, werden wir uns auf zwei
Arten beschränken.) Diese lassen sich grob charakterisieren als
(a) feindseliges oder abwendendes Verhalten, das sich immer
einstellt, wenn sich das Kind ihr nähert, und (b) simuliertes
liebevolles oder annäherndes Verhalten, zu dem es kommt,
wenn das Kind auf ihr feindseliges oder abwendendes Verhalten
10 J. R. Hilgard, »Anniversary Reactions in Parents Precipitated by Children«,
Psychiatry, 1953, 16: 73-80.
284
reagiert, womit sie zu leugnen versucht, daß sie sich zurück-
zieht. Sie hat das Problem, ihre Angst dadurch zu kontrollieren,
daß sie Nähe und Distanz zwischen sich und dem Kind kon-
trolliert. Anders gesagt, wenn die Mutter anfängt, sich ihrem
Kind zugetan und nah zu fühlen, fühlt sie sich zugleich auch
gefährdet und muß sich von ihm abwenden; aber sie kann die-
sen feindseligen Akt nicht akzeptieren, und um ihn zu verleug-
nen, muß sie Zuneigung und Nähe simulieren. Entscheidend ist
hier, daß dabei ihr liebevolles Verhalten das feindselige kom-
mentiert (da es dessen Kompensation ist) und folglich einer
anderen Art von Mitteilung entspricht als das feindselige Ver-
halten - es ist eine Mitteilung über eine Abfolge von Mitteilun-
gen. Doch es verleugnet seiner Natur nach die Existenz derjeni-
gen Mitteilungen, auf die es sich bezieht, d. h,h. die feindselige
Abwendung.
Die Mutter verwendet die Reaktionen des Kindes, um sich zu
bestätigen, daß ihr Verhalten liebevoll ist, und da das liebevolle
Verhalten simuliert ist, wird das Kind in eine Lage gebracht, in
der es ihre Kommunikation nicht genau interpretieren darf,
wenn es seine Beziehung zu ihr nicht gefährden will. Mit ande-
ren Worten, es darf nicht genau zwischen Arten von Mitteilun-
gen unterscheiden, in diesem Fall zwischen dem Ausdruck si-
mulierter Gefühle (ein logischer Typ) und den tatsächlichen
Gefühlen (ein anderer logischer Typ). Im Ergebnis muß das
Kind seine Wahrnehmung metakommunikativer Signale syste-
matisch verzerren. Kommen in der Mutter etwa feindselige
(oder zärtliche) Gefühle gegenüber ihrem Kind auf und ver-
spürt sie auch den Zwang, sich von ihm abzuwenden, dann
könnte sie sagen: »Geh ins Bett, du bist sehr müde, und ich
möchte, daß du deinen Schlaf bekommst.« Mit dieser nach au-
ßen hin liebevollen Bemerkung soll ein Gefühl geleugnet wer-
den, das man so in Worte fassen könnte: »Geh mir aus den
Augen, ich kann dich nicht mehr sehen.« Würde das Kind ihre
metakommunikativen Signale richtig unterscheiden, so wäre es
mit der Tatsache konfrontiert, daß sie es sowohl ablehnt als
auch mit ihrem liebevollen Verhalten täuscht. Es würde dafür
285
»bestraft«, zu lernen, wie man Arten von Mitteilungen richtig
voneinander unterscheidet. Das Kind wird also dazu neigen,
eher die Vorstellung zu akzeptieren, daß es müde ist, als die
Täuschung seiner Mutter zu durchschauen. Dies bedeutet, daß
es sich selbst über seinen eigenen inneren Zustand täuschen
muß, um die Mutter in ihrer Täuschung zu unterstützen. Um
mit ihr zu überleben, muß es sowohl seine eigenen inneren Mit-
teilungen als auch die Mitteilungen anderer falsch unterscheiden.
Das Problem verschärft sich noch für das Kind, da die Mutter
so »gütig« ist, für es zu definieren, wie es empfindet; sie legt
mütterliche Sorge wegen der Tatsache an den Tag, daß es müde
ist. Anders gesagt, die Mutter kontrolliert sowohl die Definitio-
nen, die das Kind seinen eigenen Mitteilungen gibt, als auch die
Definition seiner Reaktionen ihr gegenüber (z. B. indem sie auf
seine Kritik an ihr sagt: »Das meinst du ja gar nicht wirklich
so!«), wobei sie darauf beharrt, daß es ihr nicht um sie selbst
geht, sondern einzig um das Kind. Für das Kind ist es daher das
Leichteste, das simuliert liebevolle Verhalten der Mutter für
bare Münze zu nehmen, wobei sein Verlangen, zu interpretie-
ren, was vor sich geht, unterhöhlt wird. Die Folge ist jedoch,
daß sich die Mutter von ihm abwendet, und diese Abwendung
als den Idealfall einer Liebesbeziehung definiert.
Das simuliert liebevolle Verhalten der Mutter für bare Münze
zu nehmen, ist allerdings für das Kind auch keine Lösung. Träfe
es diese falsche Unterscheidung, dann näherte es sich ihr; diese
Annäherung würde in ihr Empfindungen der Furcht und Hilf-
losigkeit auslösen, und sie wäre gezwungen, sich abzuwenden.
Zöge es sich dann aber von ihr zurück, dann würde sie diese
Abwendung als einen Vorwurf auffassen, daß sie keine liebevol-
le Mutter sei, und das Kind entweder für die Abwendung be-
strafen oder sich ihm nähern, um es enger an sie zu bringen.
Käme es daraufhin näher, dann würde sie damit reagieren, daß
sie wieder Distanz herstellt. Das Kind wird bestraft, wenn es
genau unterscheidet, was sie ausdrückt, und es wird bestraft,
wenn es ungenau unterscheidet - es ist in einem double bind
gefangen.
286
Das Kind könnte verschiedene Mittel ausprobieren, um dieser
Situation zu entrinnen. Es könnte beispielsweise versuchen,
sich an seinen Vater oder ein anderes Familienmitglied zu hal-
ten. Aufgrund unserer vorläufigen Beobachtungen meinen wir
jedoch, daß die Väter Schizophrener wahrscheinlich nicht ge-
nug persönliche Substanz besitzen, um Halt zu bieten. Sie sind
ebenfalls in einer mißlichen Lage:
Lage; Verständigten sie sich mit
dem Kind über die Natur der Täuschungen seiner Mutter, dann
müßten sie auch die Natur ihrer eigenen Beziehungen zu der
Mutter durchschauen, was unvereinbar damit wäre, an den mo-
dus operandi gebunden zu bleiben, den sie entwickelt haben.
Das Bedürfnis der Mutter, gebraucht und geliebt zu werden,
hindert das Kind auch daran, bei einer anderen Person in der
Umgebung, etwa einem Lehrer, Unterstützung zu finden. Eine
Mutter mit diesen Charakteristika würde sich durch eine Zu-
neigung des Kindes zu irgendeiner anderen Person bedroht
fühlen, sie aufbrechen und das Kind wieder enger an sich bin-
den, was wiederum Angst zur Folge hätte, wenn das Kind von
ihr abhängig würde.
Das Kind kann der Situation tatsächlich nur in der Weise ent-
rinnen, daß es sich mit der widersprüchlichen Lage auseinan-
dersetzt, in die es von der Mutter gebracht worden ist. Täte es
dies aber, so würde die Mutter das als einen Vorwurf auffassen,
sie sei lieblos, und das Kind sowohl bestrafen als auch darauf
beharren, daß seine Wahrnehmung der Situation verzerrt ist.
Indem sie das Kind daran hindert, über die Situation zu spre-
chen, verbietet ihm die Mutter die Verwendung der metakom-
munikativen Ebene - genau die Ebene, die wir benutzen, um
unsere Wahrnehmung kommunikativen Verhaltens zu korrigie-
ren. Die Fähigkeit, über Kommunikation zu kommunizieren,
sich mit den eigenen bedeutungsvollen Handlungen und denen
anderer auseinanderzusetzen, ist wesentlich für den erfolgrei-
chen sozialen Verkehr. In jeder normalen Beziehung besteht ein
ständiger Austausch von metakommunikativen Mitteilungen,
wie etwa: »Was meinst du damit?«, »Warum hast du das ge-
tan?« oder »Nimmst du mich auf den Arm?« und so weiter.
287
Um genau unterscheiden zu können, was andere ausdrücken,
müssen wir fähig sein, uns direkt oder indirekt mit diesem Aus-
druck zu beschäftigen. Der Schizophrene scheint unfähig zu
sein, diese metakommunikative Ebene erfolgreich zu benut-
zen.11 Angesichts dieser Charakteristika der Mutter liegt der
zen."
Grund dafür auf der Hand. Leugnet sie eine Art der Mitteilung,
dann wird sie durch jede Äußerung über ihre Äußerungen ge-
fährdet, und sie muß dies verbieten. Daher wächst das Kind auf,
ohne die Fähigkeit zu erlernen, über Kommunikation zu kom-
munizieren, und folglich lernt es auch nicht, zu bestimmen, was
Leute tatsächlich meinen, erwirbt aber auch nicht die für nor-
male Beziehungen unabdingbare Fähigkeit, auszudrücken, was
es selbst tatsächlich meint.
Zusammenfassend können wir also sagen, daß die double bind-
Natur der Familiensituation eines Schizophrenen das Kind letz-
ten Endes in eine Lage bringt, in der es durch seine Reaktion
auf die simulierte Zuneigung der Mutter bei dieser Angst aus-
löst und sie es bestraft (oder, um sich zu schützen, darauf be-
harrt, daß seine Annäherungsversuche simuliert sind, womit sie
es hinsichtlich der Natur seiner eigenen Mitteilungen in Verwir-
rung stürzt), um sich selbst vor zu großer Nähe zu schützen.
Damit wird das Kind von intimen und sicheren Beziehungen zu
seiner Mutter abgeschnitten. Macht das Kind jedoch keinen
Versuch, ihre Zuneigung zu gewinnen, dann wird sie dies so
empfinden, daß sie keine liebevolle Mutter ist, und ihre Angst
wird aufkommen. Sie wird das Kind also entweder für seine
Abwendung bestrafen oder Annäherungsversuche machen, um
darauf zu insistieren, daß es seine Liebe zu ihr zeigt. Wenn es
darauf reagiert und ihr Zuneigung entgegenbringt, wird sie sich
nicht nur erneut gefährdet fühlen, sondern vielleicht auch die
Tatsache übelnehmen, daß sie es zu dieser Reaktion zwingen
mußte. Jedenfalls wird es in einer Beziehung, die für sein Leben
von größter Bedeutung und das Modell für alle weiteren Bezie-
hungen ist, ständig bestraft, ob es nun Liebe und Zuneigung

ii
Ii G,
G. Bateson, ». . . Spiel und Phantasie«, op. dt.
288
zeigt oder nicht; und seine Fluchtwege aus dieser Situation, wie
etwa das Erlangen von Unterstützung durch andere, sind ihm
abgeschnitten. Das ist die grundlegende Natur der double bind-
Beziehung zwischen Mutter und Kind. Diese Beschreibung
umfaßt natürlich nicht die kompliziertere, in sich gegliederte
Gestalt*, nämlich die »Familie«, von der die »Mutter« ein wich-
tiger Bestandteil ist.12

Veranschaulichung anhand klinischer Daten

Die Analyse eines Vorfalls, der sich zwischen einem schizo-


phrenen Patienten und seiner Mutter abspielte, veranschaulicht
die double &jW-Situation.
^iW-Situation. Ein junger Mann, der sich von einem
akuten schizophrenen Schub leidlich gut erholt hatte, wurde im
Krankenhaus von seiner Mutter besucht. Er freute sich über ihr
Kommen und legte ihr impulsiv seinen Arm um die Schultern,
worauf sie erstarrte. Er zog seinen Arm zurück, und sie fragte:
»Liebst du mich nicht mehr?« Daraufhin wurde er rot, und sie
sagte: »Lieber, du darfst nicht so leicht verlegen werden und
Angst vor deinen Gefühlen bekommen.« Der Patient war da-
nach nicht in der Lage, länger als ein paar Minuten mit ihr
zusammenzusein, und nachdem sie gegangen war, griff er einen
Assistenten an und wurde ins Bad gesteckt.
Es liegt auf der Hand, daß dieser Ausgang hätte vermieden
werden können, wäre der junge Mann in der Lage gewesen zu
sagen: »Mutter, es ist offensichtlich, daß du dich unbehaglich
fühlst, wenn ich meinen Arm um dich lege, und daß es dir
schwerfällt, eine zärtliche Geste von mir zu akzeptieren.« Dem
schizophrenen Patienten steht diese Möglichkeit jedoch nicht
offen. Seine intensive Abhängigkeit und Gewöhnung hindern

* Deutsch im Original.
12 D,
D. D,
D. Jackson, »The Question of Family Homeostasis«, vorgetragen beim
American Psychiatrie Association Meeting, St. Louis, 7. Mai 1954; auch Jack-
son, »Some Factors Influencing the Oedipus Complex«, Psychoanalytic Quar-
terly, 1954, 23: 566-581.
289
ihn daran, das Kommunikationsverhalten seiner Mutter zu
kommentieren, obwohl sie dies ihm gegenüber tut und ihn
zwingt, den komplizierten Ablauf zu akzeptieren und zu versu-
chen, sich darauf einzulassen. Der Patient steht unter anderem
vor den folgenden Komplikationen:
(1) Die Reaktion der Mutter, die zärtliche Geste ihres Sohnes
nicht zu akzeptieren, wird dadurch meisterhaft bemäntelt, daß
sie seine Abwendung verurteilt, und der Patient verleugnet sei-
ne Wahrnehmung der Situation, indem er sich ihrem Urteil
anschließt.
(2) Die Bemerkung »Liebst du mich nicht mehr?« scheint in
diesem Kontext zu besagen:
(a) »Ich bin liebenswert.«
(b) »Du solltest mich lieben, und wenn du das nicht tust, bist du
schlecht oder im Unrecht.«
(c) »Du hast mich zwar bisher geliebt, aber jetzt tust du es nicht
mehr«, und damit verlagert sich der Schwerpunkt von seinem
Ausdruck der Zärtlichkeit auf seine Unfähigkeit, zärtlich zu
sein. Da der Patient sie auch gehaßt hat, befindet sie sich hier
auf festem Grund, und er reagiert mit den entsprechenden
Schuldgefühlen, die sie nun wieder attackiert.
(d) »Was du gerade geäußert hast, war keine Zuneigung«, und
um diese Feststellung zu akzeptieren, muß der Patient leugnen,
was sie und die Kultur ihn darüber gelehrt haben, wie man
Zuneigung ausdrückt. Ebenso muß er die Augenblicke mit ihr
und anderen in Frage stellen, in denen er glaubte, Zuneigung zu
erfahren, und in denen sie mit den Situationen so umzugehen
schieneny
schienen, als ob dies auch der Fall gewesen wäre. Er erfährt hier
Phänomene, als würde er den Boden unter den Füßen verlieren,
und wird in Zweifel über die Verläßlichkeit seiner vergangenen
Erfahrungen gestürzt.
(3) Die Bemerkung »Du darfst nicht so leicht verlegen werden
und Angst vor deinen Gefühlen bekommen« besagt wohl:
(a) »Du bist nicht wie ich und bist anders als andere nette oder
normale Menschen, denn wir äußern unsere Gefühle.«
(h) »Die Gefühle, die du ausdrückst, sind schon in Ordnung,
(b)
290
nur kannst du sie nicht akzeptieren.« Hätte ihr Erstarren jedoch
angezeigt; »Diese Gefühle sind inakzeptabel«, so wäre dem
angezeigt:
Jungen damit gesagt worden, daß er nicht wegen inakzeptabler
Gefühle verlegen werden solle. Da er lange daran gewöhnt wor-
den ist, was für sie und die Gesellschaft akzeptabel ist und was
nicht, gerät er wiederum mit der Vergangenheit in Konflikt.
Hätte er keine Furcht vor seinen eigenen Gefühlen (was die
Mutter für gut zu halten scheint), dann brauchte er auch seine
Zuneigung nicht zu fürchten und würde dann feststellen, daß
sie es ist, die Angst hat, aber das darf er nicht durchschauen,
weil ihre ganze Annäherung darauf zielt, diese Schwäche in ihr
selbst zu überspielen.
Das unmögliche Dilemma lautet also: »Wenn ich meine Bin-
dung an Mutter behalten will, darf ich ihr nicht zeigen, daß ich
sie liebe, aber wenn ich ihr nicht zeige, daß ich sie liebe, werde
ich sie verlieren.«
Wie wichtig für die Mutter ihre besondere Kontrollmethode ist,
wird schlagend durch die interfamiliäre Situation einer jungen
Schizophrenen veranschaulicht, die den Therapeuten bei ihrer
ersten Begegnung mit der Bemerkung begrüßte:
begrüßte; »Mutter mußte
heiraten, und jetzt bin ich hier.« Diese Feststellung bedeutete
für den Therapeuten:
(1) Die Patientin wurde nach einer außerehelichen Schwanger-
schaft geboren.
(2) Diese Tatsache stand (nach ihrer Meinung) im Zusammen-
hang mit ihrer gegenwärtigen Psychose.
(3) »Hier« bezog sich auf die Praxis des Psychiaters und auf die
irdische Existenz der Patientin, für die sie ihrer Mutter ewig
dankbar sein mußte, und zwar besonders deshalb, weil ihre
Mutter gesündigt und gelitten hatte, um sie zur Welt zu
bringen.
(4) »Mußte heiraten« bezog sich auf die überstürzte Heirat der
Mutter sowie auf deren Reaktion gegenüber dem Druck, heira-
ten zu müssen, und umgekehrt darauf, daß die Mutter die
Zwanghaftigkeit der Situation verabscheute und die Patientin
dafür verantwortlich machte.
291
Alle diese Annahmen haben sich später als tatsächlich richtig
erwiesen und wurden von der Mutter während eines vorzeitig
abgebrochenen Therapieversuchs bestätigt. Das Kommunika-
tionsverhalten der Mutter gegenüber der Patientin schien im
wesentlichen auf folgendes hinauszulaufen: »Ich bin liebens-
wert, liebevoll und mit mir selbst zufrieden. Du bist liebens-
wert, wenn du bist wie ich und wenn du tust, was ich sage.«
Gleichzeitig zeigte die Mutter der Tochter sowohl mit Worten
als auch im Verhalten: »Du bist gebrechlich, unintelligent und
anders als ich (>nicht normah).
normal<). Du brauchst mich und nur mich
wegen dieser Beeinträchtigungen, und ich werde mich um dich
kümmern und dich lieben.« Das Leben der Patientin war daher
eine Reihe von Anfängen, von Erfahrungsversuchen, die alle
fehlschlugen und sie wegen des geheimen Einverständnisses
zwischen ihr und ihrer Mutter immer wieder in die mütterliche
Obhut zurückfliehen ließen.
In der gemeinschaftlichen Therapie stellte sich heraus, daß ge-
wisse Bereiche, die für die Selbstwertschätzung der Mutter
wichtig waren, besonders konfliktreiche Situationen für die Pa-
tientin darstellten. Beispielsweise brauchte die Mutter die Fik-
tion, daß sie ihrer Familie nahestand und daß zwischen ihr und
ihrer eigenen Mutter eine tiefe Liebe existierte. Die Beziehung
zu der Großmutter diente über eine Analogie als Prototyp für
die Beziehung der Mutter zu ihrer eigenen Tochter. Bei einer
Gelegenheit, als die Tochter sieben oder acht Jahre alt war, warf
die Großmutter in einem Wutanfall ein Messer nach dem
kleinen Mädchen, das dieses nur knapp verfehlte. Die Mutter
sagte nichts zu der Großmutter, sondern trieb das kleine Mäd-
chen mit den Worten aus dem Zimmer: »Oma liebt dich wirk-
lich.«
Es ist bezeichnend, daß die Großmutter gegenüber der Patien-
tin die Haltung einnahm, sie stünde nicht genug unter Aufsicht,
und ihrer Tochter immer Vorwürfe machte, weil sie dem Kind
gegenüber zu sorglos sei. Die Großmutter lebte im Haus, als
die Patientin einen ihrer psychotischen Schübe hatte, und es
machte dem Mädchen großen Spaß, verschiedene Gegenstände
292
nach der Mutter und der Großmutter zu werfen, während diese
vor Angst zusammenkauerten.
Die Mutter war sich als Mädchen sehr attraktiv vorgekommen,
und sie merkte, daß ihr die Tochter stark ähnelte, und wenn sie
diese auch mit verhohlener Anerkennung tadelte, so hatte sie
doch offenbar den Eindruck, daß ihr die Tochter entschieden
nachstand. Eine der ersten Handlungen der Tochter während
einer psychotischen Phase war die, daß sie der Mutter verkün-
dete, sie werde alle Haare abschneiden. Sie führte ihr Vorhaben
aus, wobei die Mutter sie anflehte, doch davon abzulassen. Da-
nach zeigte sie den Leuten immer ein Mädchenbild von sich
seihst und erklärte ihnen, wie die Patientin aussehen würde,
selbst
hätte sie nur ihr schönes Haar.
Die Mutter setzte, offenbar ohne sich der Bedeutung dessen,
was sie tat, bewußt zu sein, die Krankheit der Tochter damit
gleich, daß sie nicht sehr intelligent sei und irgendeinen organi-
schen Hirnschaden habe. Dem stellte sie unermüdlich ihre eige-
ne Intelligenz gegenüber, die in ihren eigenen Schulzeugnissen
zum Ausdruck komme. Sie bevormundete ihre Tochter ständig
und besänftigte sie in einer Weise, die unaufrichtig war. Zum
Beispiel versprach sie ihr im Beisein des Psychiaters, daß sie
keine weiteren Schockbehandlungen mehr zulassen werde, und
sobald das Mädchen den Raum verlassen hatte, fragte sie den
Arzt, ob er es nicht für besser halte, sie zu hospitalisieren und
mit Elektroschocks zu behandeln. Ein Schlüssel für dieses be-
trügerische Verhalten ergab sich in der Therapie der Mutter.
Obwohl die Tochter schon dreimal hospitalisiert war, hatte die
Mutter den Ärzten gegenüber niemals erwähnt, daß sie selbst
einen psychotischen Schub gehabt hatte, als sie ihre Schwanger-
schaft feststellte. Die Familie steckte sie eilends in ein kleines
Sanatorium in einer Nachbarstadt, wo man sie nach ihrer eige-
nen Aussage sechs Wochen ans Bett fesselte. Die Familie be-
suchte sie während dieser Zeit nicht, und außer ihren Eltern
und ihrer Schwester wußte niemand, daß sie hospitalisiert war.
Zweimal zeigte die Mutter während der Therapie intensive Ge-
fühlsbewegung: Einmal, als sie von ihrer eigenen psychotischen

293
Erfahrung berichtete, das andere Mal bei ihrem letzten Besuch,
als sie den Therapeuten beschuldigte, sie verrückt machen zu
wollen, indem er sie zwinge, sich zwischen ihrer Tochter und
ihrem Mann zu entscheiden. Entgegen dem ärztlichen Rat
nahm sie ihre Tochter aus der Therapie.
Der Vater war an den homöostatischen Aspekten der intrafami-
liären Situation ebenso beteiligt wie die Mutter. Beispielsweise
erklärte er, seine Stellung als bedeutender Anwalt aufgegeben
zu haben, um seine Tochter in eine Gegend bringen zu können,
wo ihr kompetente psychiatrische Hilfe zur Verfügung stand.
Schließlich gelang es dem Therapeuten, indem er Andeutungen
der Patientin nachging (z. B. sprach sie häufig von einer Person
namens »Nervöser Ned«), aus ihm herauszulocken, daß er sei-
ne Arbeit gehaßt und seit Jahren versucht hatte, »da unten
rauszukommen«. Die Tochter bekam jedoch zu spüren, daß der
Umzug ihretwegen erfolgt sei.
Bei unserer Prüfung der klinischen Daten fiel uns eine Reihe
von Beobachtungen auf, darunter diese:
(1) Die Hilflosigkeit, Furcht, Erbitterung und Wut, die eine
double £jW-Situation
foW-Situation im Patienten auslöst, über welche die
Mutter aber gelassen und verständnislos hinweggehen kann.
Wir haben beim Vater Reaktionen festgestellt, die sowohl dou-
ble ^«W-Situationen
&*W-Situationen erzeugen als auch die bereits durch die
Mutter geschaffenen ausweiten und verstärken, und wir haben
gesehen, wie der zwar passive und verletzte, aber hilflose Vater
der Patientin auf ähnliche Weise in die Falle ging.
(2) Die Psychose scheint zum Teil ein Versuch zu sein, mit
^iW-Situationen umzugehen, ihren hemmenden und ei-
double ^'«^-Situationen
nengenden Effekt zu überwinden. Der psychotische Patient
kann scharfsinnige, prägnante, oft metaphorische Bemerkungen
machen, die eine Einsicht in die Kräfte verraten, die ihn binden.
Umgekehrt kann er selbst ein ziemlich guter Experte darin wer-
^«W-Situationen herzustellen.
den, double ^'«^-Situationen
(3) Nach unserer Theorie ist die beschriebene Kommunika-
tionssituation wesentlich für die Sicherheit der Mutter und
demnach für die Homöostase der Familie. Wenn das so ist,
294
dann wird die Psychotherapie - sofern sie dem Patienten hilft,
den Herrschaftsansprüchen der Mutter weniger ausgeliefert zu
sein - in der Mutter Angst auslösen. Ähnlich wird der Thera-
peut, wenn er der Mutter die Dynamik der Situation interpre-
tiert, die sie mit dem Patienten herstellt, eine Angstreaktion in
ihr auslösen. Nach unserem Eindruck führt das, wenn zwischen
dem Patienten und seiner Familie ein dauernder Kontakt be-
steht (besonders, wenn der Patient während seiner Psychothe-
rapie zu Hause lebt), zu einer (oft schweren) Störung bei der
Mutter und manchmal sogar bei Mutter, Vater und Geschwi-
stern.13

Die gegenwärtige Position und die künftigen Aussichten

Viele Autoren haben die Schizophrenie im Sinne des extremsten


Kontrasts zu jeder anderen Form menschlichen Denkens und
Verhaltens behandelt. Obwohl sie ein isolierbares Phänomen
ist, trägt eine solche Betonung der Unterschiede zum Normalen
- die in etwa der ängstlichen Absonderung des Psychotikers
von anderen Menschen entspricht - nichts dazu bei, die Proble-
me zu verstehen. Wir gehen bei unserem Ansatz davon aus, daß
die Schizophrenie allgemeine Prinzipien enthält, die in jeder
Kommunikation wichtig sind, und deshalb lassen sich in »nor-
malen« Kommunikationssituationen viele lehrreiche Ähnlich-
keiten aufspüren.
Unser besonderes Interesse galt verschiedenen Arten der Kom-
munikation, die sowohl eine emotionale Bedeutung haben, als
auch die Notwendigkeit der Unterscheidung zwischen Arten
von Mitteilungen einschließen. Zu solchen Situationen gehören
Spiel, Humor, Ritual, Poesie und Dichtung. Das Spiel haben
wir besonders bei Tieren ziemlich eingehend untersucht.14 Es
13 D. D. Jackson, »An Episode of Sleepwalking«, Journal of the American
PsychoanalyticAssociation,
Psychoanalytic Association, 1954, 2:503-508; auch Jackson, »Some Factors..
Factors. . .«,
Psychoanalytic Quarterly, 1954, 23:
23; 566-581.
14 Bateson, ». . . Spiel und Phantasie«, op. dt.

295
ist eine Situation, die deutlich das Auftreten von Metamitteilun-
gen veranschaulicht, deren richtige Unterscheidung für das Zu-
sammenwirken der beteiligten Individuen von entscheidender
Bedeutung ist; zum Beispiel kann eine falsche Unterscheidung
leicht zum Kampf führen. Ziemlich eng verwandt mit dem Spiel
ist der Humor, ein ständiger Gegenstand unserer Forschung.
Zu ihm gehören plötzliche Übergänge zwischen logischen Ty-
pen, wie auch die Unterscheidung dieser Übergänge.
Ubergänge. Das Ritual
ist ein Gebiet, auf dem reale oder wörtliche Zuschreibungen
eines logischen Typs in ungewöhnlicher Weise vorgenommen
und ebenso nachdrücklich verteidigt werden, wie der Schizo-
phrene die »Realität« seiner Wahnvorstellungen verteidigt. Die
Poesie exemplifiziert die kommunikative Kraft der Metapher -
selbst der ganz ungewöhnlichen Metapher -, wenn sie mit Hilfe
verschiedener Zeichen als solche etikettiert wird, wogegen die
nicht etikettierte schizophrene Metapher dunkel bleibt. Das
ganze Gebiet der dichterischen Kommunikation, definiert als
Erzählung oder Beschreibung einer Reihe von Ereignissen, die
mehr oder weniger das Etikett der Wirklichkeit tragen, ist für
die Erforschung der Schizophrenie äußerst relevant. Uns inter-
essiert dabei nicht so sehr die inhaltliche Interpretation der
Dichtung - obwohl die Analyse oraler und destruktiver The-
men für die Schizophrenieforschung aufschlußreich ist - wie
die formalen Probleme, die im Nebeneinanderbestehen vielfäl-
tiger Mitteilungsebenen in der dichterischen Präsentation von
»Realität« angelegt sind. In dieser Hinsicht ist besonders das
Drama interessant, bei dem sowohl Darsteller als auch Zu-
schauer auf Mitteilungen über die tatsächliche und über die
theatralische Realität reagieren.
Große Beachtung schenken wir der Hypnose. Eine ganze Men-
ge von Phänomenen, die als schizophrene Symptome auftreten
- Halluzinationen, Wahnvorstellungen, Persönlichkeitsverän-
derungen, Amnesien usw. -, lassen sich durch Hypnose vor-
übergehend bei normalen Subjekten erzeugen. Sie müssen nicht
direkt als spezifische Phänomene suggeriert werden, sondern
können das »spontane« Ergebnis eines arrangierten Kommuni-
296
Erickson'155 eine
kationsablaufs sein. So erzeugt beispielsweise Erickson
Halluzination, indem er zuerst in einer Hand des Patienten
Katalepsie auslöst und dann sagt: »Ihre Hand kann sich in kei-
ner erdenklichen Weise bewegen, doch wenn ich das Signal
gebe, dann muß sie sich bewegen.« Das heißt, er sagt dem
Patienten, daß dessen Hand liegen bleiben wird, aber sie wird
sich bewegen, wenn auch nicht in einer Weise, die sich der
Patient bewußt vornehmen kann. Wenn Erickson das Signal
gibt, dann halluziniert der Patient, daß sich die Hand bewegte
oder er hat die Halluzination, woanders zu sein, und dadurch
die Hand bewegt zu haben. Diese Verwendung der Halluzina-
tion zur Lösung eines durch widersprüchliche Anweisungen -
die nicht diskutiert werden können - gestellten Problems
scheint uns die Auflösung einer double ^zW-Situation
&jW-Situation durch
eine Verlagerung in den logischen Typen zu veranschaulichen.
Hypnotische Reaktionen auf direkte Suggestionen oder Fest-
stellungen bringen gewöhnlich ebenfalls Verlagerungen im Typ
mit sich, die denen Schizophrener sehr ähnlich sind, etwa wenn
man die Worte »Hier ist ein Glas Wasser« oder »Sie fühlen sich
müde« als äußere oder innere Realität akzeptiert oder wenn
man wörtlich auf metaphorische Behauptungen reagiert. Wir
hoffen, daß die weitere Untersuchung der hypnotischen Induk-
tion, ihrer Phänomene und des Erwachens dazu beitragen wird,
in dieser kontrollierbaren Situation unseren Blick für die we-
sentlichen Kommunikationsabläufe zu schärfen, aus denen sich
Phänomene wie diejenigen der Schizophrenie ergeben.
In einem anderen Experiment scheint Erickson einen Kommu-
nikationsablauf mit double bind zu isolieren, ohne die Hypnose
spezifisch einzusetzen. Erickson richtete es bei einem Seminar
so ein, daß ein junger Kettenraucher neben ihm saß und keine
Zigaretten hatte; anderen Teilnehmern hatte er kurz gesagt, wie
sie sich verhalten sollten. Alles war so eingerichtet, daß Erick-
son dem jungen Mann wiederholt eine Zigarette anbot, aber
stets von irgendwem mit einer Frage unterbrochen wurde, so

15 M,
M. H. Erickson, Persönliche Mitteilung, 1955.
297
297
daß er sich abwandte und die Zigaretten »unabsichtlich« aus der
Reichweite des jungen Mannes zog. Später fragte ein anderer
Teilnehmer den jungen Mann, ob er von Dr. Erickson die Ziga-
rette bekommen habe. Er erwiderte: »Welche Zigarette?«, zeig-
te eindeutig, daß er die ganze Sequenz vergessen hatte, und
lehnte sogar die Zigarette ab, die ihm ein anderer Teilnehmer
anbot, indem er sagte, er sei zu sehr an der Seminardiskussion
interessiert, um zu rauchen. Dieser junge Mann scheint uns in
einer experimentellen Situation zu stehen, die der double bind-
Situation des Schizophrenen mit seiner Mutter parallel ist: eine
wichtige Beziehung, widersprüchliche Mitteilungen (hier das
Hinhalten und Wegziehen) und Abschneiden der Kommentie-
rung - schließlich war ja ein Seminar im Gange, und überhaupt
geschah alles »unabsichtlich«. Und man beachte die Ähnlich-
keit des Ergebnisses: Amnesie hinsichtlich der double bind-
Sequenz und Umkehrung von »Er gibt sie mir nicht« in »Ich
will nicht«.
Wenn wir auch in diese Nachbargebiete geraten sind, war doch
das Hauptfeld unserer Beobachtung die Schizophrenie selbst.
Wir alle haben direkt mit schizophrenen Patienten gearbeitet
und viel von unserem Fallmaterial auf Tonband aufgenommen,
um es detailliert untersuchen zu können. Zusätzlich nehmen
wir gemeinsame Interviews mit Patienten und ihren Familien
auf und machen Tonfilme von Müttern und gestörten, vermut-
lich prä-schizophrenen Kindern. Wir hoffen, daß wir damit zu
einer klaren und eindeutigen Darstellung der fortdauernden,
sich wiederholenden Doppelbindung gelangen, die unserer Hy-
pothese nach in der Familiensituation von Individuen, die schi-
zophren werden, seit der Kindheit ständig anhält. Diese grund-
legende Familiensituation sowie die offenkundigen Kommuni-
kationsmerkmale der Schizophrenie bildeten den Haupt-
schwerpunkt dieses Aufsatzes. Wir rechnen jedoch damit, daß
unsere Begriffe und einige dieser Daten auch der künftigen Ar-
beit über andere Probleme der Schizophrenie zugute kommen
werden, wie etwa die Vielzahl anderer Symptome, der Charak-
ter des »angepaßten Zustandes« vor dem Manifestwerden der
298
Schizophrenie, sowie die Natur und die Umstände des psycho-
tischen Bruchs.

Therapeutische Implikationen dieser Hypothese

Die Psychotherapie selbst ist ein Kontext vielschichtiger Kom-


munikation, in dem die unscharfen Linien zwischen dem Wört-
lichen und dem Metaphorischen oder zwischen Realität und
Phantasie erforscht werden, und tatsächlich sind in der Thera-
pie verschiedene Formen von Spiel, Drama und Hypnose aus-
giebig verwendet worden. Unser Interesse gilt auch der Thera-
pie, und zusätzlich zu unseren eigenen Daten haben wir Ton-
bandaufnahmen, wortgetreue Transkripte und persönliche The-
rapieberichte von anderen Therapeuten gesammelt und ausge-
wertet. Dabei bevorzugen wir genaue Wiedergaben, da wir der
Uberzeugung sind, daß die Redeweise eines Schizophrenen
weitgehend, wenn auch oft hintergründig, davon abhängt, wie
eine andere Person zu ihm spricht; es ist äußerst schwierig, sich
klar darüber zu werden, was in einem therapeutischen Inter-
view tatsächlich vor sich gegangen ist, wenn man nur eine Be-
schreibung davon hat, vor allem, wenn diese Beschreibung
selbst bereits theoretisch formuliert ist.
Abgesehen von einigen allgemeinen Bemerkungen und Vermu-
tungen können wir jedoch noch nichts über die Relation zwi-
schen double bind und Psychotherapie sagen. Gegenwärtig
können wir nur feststellen:
(i) Double ^md-Situationen
^«^-Situationen entstehen aufgrund und innerhalb
des psychotherapeutischen Rahmens sowie des Krankenhaus-
milieus. Aus dem Blickwinkel dieser Hypothese fragen wir uns,
welche Auswirkung das ärztliche »Wohlwollen« auf den schi-
zophrenen Patienten hat. Da Krankenhäuser mindestens
ebensogut und ebensosehr zum Wohle des Personals wie zum
Wohle des Patienten da sind, werden zuweilen Widersprüche in
Abläufen auftreten, in denen Handlungen »wohlwollend« für
den Patienten vorgenommen werden, die eigentlich den Zweck
299
haben, der Belegschaft die Arbeit zu erleichtern. Wir neigen zu
der Annahme, daß die schizophrenogene Situation immer dann
perpetuiert wird, wenn das System für Krankenhauszwecke or-
ganisiert und dem Patienten verkündet wird, diese Maßnahmen
würden zu seinen Gunsten getroffen. Diese Art der Täuschung
wird den Patienten provozieren, darauf zu reagieren wie auf
eine double ^»W-Situation,
£/W-Situation, und seine Reaktion wird in dem
Sinne »schizophren« sein, daß sie indirekt ist und der Patient
sich nicht damit auseinandersetzen kann, daß er sich getäuscht
fühlt. Ein kleines Beispiel am Rande, das glücklicherweise amü-
sant ist, veranschaulicht eine solche Reaktion:
Reaktion; Auf einer Station
unter der Leitung eines uneigennützigen und »wohlwollenden«
Arztes befand sich an der Zimmertür dieses Arztes ein Schild
mit der Aufschrift: »Arztbüro. Bitte anklopfen.« Der Arzt
wurde von dem gehorsamen Patienten, der jedesmal, wenn er
an der Tür vorbeiging, gewissenhaft anklopfte, zur Verzweif-
lung gebracht und schließlich zur Kapitulation gezwungen.
(2) Das Verständnis des double bind und seiner Kommunika-
tionsaspekte kann zu Neuerungen in der therapeutischen Tech-
nik führen. Es ist zwar schwer zu sagen, worin diese Neuerun-
gen bestehen könnten, wir nehmen aber auf der Basis unserer
Forschung an, daß double &jW-Situationen
^rW-Situationen in der Therapie
ständig auftreten. Manchmal sind sie unbeabsichtigt in dem Sin-
ne, daß der Therapeut eine double i7iW-Situation
^W-Situation schafft, die
der in der Lebensgeschichte des Patienten gleicht, oder daß der
Patient den Therapeuten in eine double &/W-Situation
^iW-Situation bringt.
Bei anderen Gelegenheiten scheinen Therapeuten - absichtlich
oder intuitiv - double binds zu verhängen, die den Patienten
zwingen, anders zu reagieren als in der Vergangenheit.
Ein Vorfall aus der Erfahrung einer begabten Therapeutin ver-
anschaulicht das intuitive Verstehen eines double bind im Kom-
munikationsablauf. Frieda Fromm-ReichmannIÄ 16
behandelte ei-
ne junge Frau, die sich seit ihrem siebenten Lebensjahr eine
eigene hochkomplizierte Religion aufgebaut hatte, in der viele

16 F. Fromm-Reichmann, Persönliche Mitteilung, 1956.


300
3OO
mächtige Götter vorkamen. Sie war stark schizophren und vol-
ler Scheu, in eine therapeutische Situation einzutreten. Am An-
fang der Behandlung sagte sie: »Gott R sagt, ich soll nicht mit
Ihnen reden.« F. Fromm-Reichmann antwortete: »Nun, wir
wollen mal etwas festhalten. Für mich existiert Gott R und Ihre
ganze Welt nicht. Für Sie existiert sie aber, und es liegt mir fern,
zu denken, daß ich Ihnen etwas wegnehmen kann, wovon ich
noch nicht einmal weiß, was es bedeutet. Ich bin also bereit, im
Sinne dieser Welt mit Ihnen zu reden, wenn Sie sich nur klar-
machen, daß ich so tue, als existiere sie unserem gemeinsamen
Einverständnis nach nicht für mich. Gehen Sie nun zu Gott R
und sagen Sie ihm, wir hätten zu reden und er soll Ihnen die
Erlaubnis geben. Sie müssen ihm auch sagen, daß ich Ärztin bin
und daß Sie von sieben bis sechzehn - das sind neun Jahre - mit
ihm in seinem Königreich gelebt haben und er Ihnen nicht
geholfen hat. Also muß er mir jetzt erlauben, den Versuch zu
machen und zu sehen, ob Sie und ich es schaffen. Sagen Sie ihm,
daß ich Ärztin bin und daß ich genau dies versuchen will.«
Die Therapeutin hält ihre Patientin in einem »therapeutischen
double bind«. Gerät die Patientin in Zweifel über ihren Glau-
ben an ihren Gott, dann stimmt sie F. Fromm-Reichmann zu
und gesteht ihre Neigung zur Therapie ein. Besteht sie darauf,
daß Gott R real ist, so muß sie ihm sagen, daß F. Fromm-
Reichmann »mächtiger« ist als er - und damit wiederum ihre
Verbundenheit mit der Therapeutin zugeben.
Der Unterschied zwischen der therapeutischen Bindung und
der ursprünglichen double £jW-Situation
bind-S>\x.\iaxiox\ besteht zum Teil dar-
in, daß der Therapeut nicht selbst in einen Kampf auf Leben
und Tod verstrickt ist. Er kann daher relativ wohlwollende
Bindungen aufbauen und dem Patienten allmählich helfen, sich
davon zu emanzipieren. Viele der außerordentlich zweckmäßi-
gen therapeutischen Schachzüge, mit denen Therapeuten ihre
Behandlung eröffnen, scheinen intuitiv zu sein. Wir teilen die
Erwartung der meisten Psychotherapeuten, die den Tag herbei-
sehnen, an dem solche Geniestreiche gut genug verstanden wer-
den, um systematisierbar und alltäglich zu sein.
2
Die Gruppendynamik der Schizophrenie
Schizophrenie"* *"'

Zunächst möchte ich dem Titel dieses Referats eine ganz spezi-
fische Bedeutung beilegen. Eine wesentliche Vorstellung, die
dem Wort »Gruppe«, wie ich es hier verwende, anhaftet, ist die
Idee des Bezogenseins der Mitglieder. Uns geht es nicht um die
Art von Phänomenen, wie sie in experimentell gebildeten
Gruppen graduierter Studenten auftreten, die keine vorherbe-
stimmten Kommunikationsgewohnheiten haben - d. h. keine
gewohnheitsmäßigen Rollendifferenzierungen. Die Gruppe,
auf die ich mich meistens beziehe, ist die Familie; im allgemei-
nen handelt es sich um diejenigen Familien, in denen die Eltern
eine Anpassung an ihre Umwelt durchhalten, ohne als schwer
deviant angesehen zu werden, während einer oder mehrere ih-
rer Abkömmlinge in der Häufigkeit und offensichtlichen Natur
ihrer Reaktionen auffällig von der normalen Bevölkerung ab-
weichen. Ich werde auch andere, diesen ähnliche Gruppen be-
rücksichtigen, d. h. Vormundschafts-Organisationen, die so ar-
beiten, daß sie schizophrenes oder schizoides Verhalten bei
einigen ihrer Mitglieder fördern.
Das Wort »Dynamik« wird locker und konventionell für alle
Untersuchungen der Interaktion von Personen verwendet und
ganz besonders dann, wenn diese Untersuchungen Veränderun-
gen oder Lernprozesse bei den Subjekten hervorheben. Ob-
wohl wir uns der konventionellen Verwendung anschließen, ist
dieses Wort eine Fehlbezeichnung. Es evoziert Analogien zur
Physik, die vollkommen fehl am Platz sind.
»Dynamik« ist im Prinzip eine Sprache, die von Physikern und
* Die Ideen in dieser Vorlesung repräsentieren das gemeinsame Denken der
Arbeitsgruppe an The Project for the Study of Schizophrenie Communication.
Die Gruppe bestand aus Gregory Bateson, Jay Haley, John H. Weakland, Don
D. Jackson, M. D., und William F. Fry, M. D.
Der Artikel ist ein Wiederabdruck aus Chronic
Cbronic Schizophrenia: Explorations in
Theory and Treatment, herausgegeben von L. Appleby, J. M. Scher und J.
Cumming, The Free Press, Glencoe, Illinois, i960; Abdruck mit Genehmigung.
302
Mathematikern ersonnen wurde, um bestimmte Ereignisse zu
beschreiben. In diesem strengen Sinne ist die Einwirkung einer
Billardkugel auf eine andere ein Gegenstand der Dynamik, es
wäre aber ein sprachlicher Irrtum, zu sagen, daß sich Billardku-
geln »verhalten«. Die Dynamik beschreibt eigentlich jene Er-
eignisse, deren Beschreibung man überprüfen kann, indem man
fragt, ob sie gegen den ersten Hauptsatz der Thermodynamik
verstoßen, das Gesetz von der Erhaltung der Energie. Wenn
eine Billardkugel eine andere anstößt, dann wird die Bewegung
der zweiten durch die Einwirkung der ersten mit Energie ge-
speist, und solche Energieverlagerungen sind der Hauptgegen-
stand der Dynamik. Wir haben es jedoch nicht mit Abfolgen
von Ereignissen zu tun, die dieses Charakteristikum zeigen.
Wenn ich gegen einen Stein trete, wird die Bewegung des Steins
durch die Handlung mit Energie gespeist, trete ich aber einen
Hund, so kann das Verhalten des Hundes in der Tat teilweise
energieerhaltend sein - er kann eine Newtonsche Flugbahn be-
schreiben, wenn ich fest genug trete, aber das ist bloße Physik.
Entscheidend ist, daß er Reaktionen zeigen kann, die nicht
durch den Tritt, sondern durch seinen Stoffwechsel mit Energie
gespeist werden; er kann sich umdrehen und beißen.
Ich glaube, das meinen die Menschen mit Magie. Die Sphäre
von Phänomenen, an denen wir interessiert sind, ist immer
durch die Tatsache gekennzeichnet, daß »Ideen« Ereignisse be-
einflussen können. Für den Physiker ist das eine sehr magische
Hypothese. Sie kann nämlich nicht überprüft werden, indem
wir nach der Erhaltung der Energie fragen.
All das ist jedoch von Bertalanffy besser und strikter formuliert
worden, was es mir erleichtert, die Sphäre von Phänomenen
weiter zu analysieren, in der Kommunikation auftritt. Wir wer-
den uns auf den Terminus »Dynamik« einigen, wenn klar zum
Ausdruck gekommen ist, daß wir nicht von Dynamik im physi-
kalischen Sinne sprechen.
Robert Louis Stevenson1 ist in »The Poor Thing« vielleicht die
i R. L. Stevenson, »The Poor Thing«, Novels and Tales of Robert Louis Steven-
son, Vol. 20, New York, Scribners, 1918, 496-502.

303
lebendigste Schilderung dieser magischen Sphäre gelungen: »In
meinem Denken ist ein Ding so gut wie jedes andere in dieser
Welt; und ein Hufeisen reicht schon.« Das Wort »Ja« oder eine
ganze //atw/et-Aufführung
Hamlet-Aufführung oder eine Adrenalininjektion in die
richtige Stelle der Hirnrinde können austauschbare Gegenstän-
de sein. Jedes von ihnen kann, je nach den augenblicklich gel-
tenden Konventionen der Kommunikation, eine affirmative
(oder negative) Antwort auf jede Frage sein. In der berühmten
Mitteilung: »Eine, wenn vom Land; zwei, wenn von der See«,
waren die tatsächlich verwendeten Objekte Lampen, aber vom
Standpunkt der Kommunikationstheorie aus hätten sie alles
von Aalen bis hin zu Zytoden sein können.
Es mag schon ziemlich verwirrend sein, erzählt zu bekommen,
daß nach den Konventionen der augenblicklich gängigen Kom-
munikation alles für alles andere stehen kann. Aber diese Sphä-
re der Magie ist nicht so einfach. Nicht nur kann das Hufeisen
nach den Konventionen der Kommunikation für alles andere
stehen, es kann auch und gleichzeitig ein Signal sein, das die
Konventionen der Kommunikation verändern wird. Meine hin-
ter dem Rücken gekreuzten Finger können die ganze Stimmung
und Implikation von allem verändern. Ich erinnere mich an
einen schizophrenen Patienten, der, wie viele andere Schizo-
phrene, Schwierigkeiten mit der ersten Person Singular hatte;
insbesondere schrieb er nicht gerne seinen Namen. Er hatte eine
Anzahl von Aliasnamen, anders heißende Aspekte des Selbst.
Die Vormundschaftsorganisation, zu der er gehörte, verlangte
seine Unterschrift für einen Paß, und für ein oder zwei Wo-
chenenden erhielt er keinen Paß, weil er darauf bestand, mit
einem seiner Aliasnamen zu unterschreiben. Eines Tages mach-
te er die Bemerkung, daß er am nächsten Wochenende abreisen
würde. Ich sagte: »Oh, haben Sie unterschrieben?« Er sagte:
»Ja«, mit einem eigenartigen Grinsen. Sein wirklicher Name
war, sagen wir, Edward W. Jones. Unterschrieben hatte er mit
»W. Edward Jones«. Die Vormundschaftsbeamten bemerkten
den Unterschied nicht. Ihnen schien es, als hätten sie eine
Schlacht gewonnen und ihn erfolgreich dazu gezwungen, ge-
304
sund zu handeln. Für ihn selbst lautete die Mitteilung aber: »Er
(das wirkliche Ich) hat nicht unterschrieben.« Er hatte die
Schlacht gewonnen. Es war, als hätte er die Finger hinter dem
Rücken gekreuzt.
Alle Kommunikation hat dieses Charakteristikum - sie kann
durch begleitende Kommunikation magisch modifiziert wer-
den. Bei dieser Tagung haben wir vielfältige Weisen der Interak-
tion mit Patienten diskutiert, indem wir beschrieben, was wir
tun und wie wir unsere Strategie einschätzen. Es wäre schwieri-
ger gewesen, unsere Handlungen aus dem Blickwinkel der Pa-
tienten zu diskutieren. Wie qualifizieren wir unsere Kommuni-
kation mit den Patienten so, daß die Erfahrung, die sie machen,
therapeutisch sein wird?
Appleby zum Beispiel hat eine Reihe von Verfahren auf seiner
Station beschrieben, und wäre ich ein Schizophrener, der ihm
zuhört, dann wäre ich versucht gewesen zu sagen:
sagen; »Das klingt
für mich alles wie Beschäftigungstherapie.« Er schildert uns
sehr überzeugend und mit Abbildungen, daß sein Programm
erfolgreich ist, und bei der Dokumentation seines Erfolgs sagt
er zweifellos die Wahrheit. Wenn es sich so verhält, muß seine
Beschreibung des Programms notwendig unvollständig sein.
Die Erfahrungen, die das Programm den Patienten ermöglicht,
müssen etwas ein wenig Lebendigeres sein als das nackte Skelett
des Programms, das er beschrieben hat. Die ganze Serie von
therapeutischen Verfahren muß, vielleicht mit Begeisterung
oder mit Humor, durch eine Menge von Signalen qualifiziert
worden sein, die das mathematische Vorzeichen - plus oder
minus - für das, was getan wurde, veränderten. Appleby hat
uns nur von dem Hufeisen berichtet und nicht von der Vielfalt
an Realitäten, die bestimmten, für was das Hufeisen stand.
Es ist, als hätte er berichtet, daß eine gegebene musikalische
Komposition in C-Dur gesetzt war, und uns gebeten zu glau-
ben, daß diese skelettartige Darstellung eine hinreichende Be-
schreibung war, um uns verstehen zu lassen, warum gerade
diese Komposition die Stimmung des Hörers in einer besonde-
ren Weise veränderte. Was bei all diesen Beschreibungen ver-

305
gessen wird, ist die enorme Komplexität von Modulationen der
Kommunikation. Diese Modulationen machen die Musik aus.
Ich möchte von einer musikalischen zu einer weitreichenden
biologischen Analogie übergehen, um diese magische Sphäre
der Kommunikation weiter zu analysieren. Alle Organismen
sind teilweise durch Vererbung determiniert, d. h. durch kom-
plexe Konstellationen von Mitteilungen, die hauptsächlich in
den Chromosomen weitergegeben werden. Wir sind Produkte
eines Kommunikationsprozesses, der auf vielfache Weise durch
Umwelteinflüsse modifiziert und qualifiziert wird. Daraus
folgt, daß die Unterschiede zwischen verwandten Organismen,
etwa einem Krebs und einem Hummer oder zwischen einer
langen und einer kurzen Erbse, immer die Art von Unterschie-
den sein müssen, die durch Veränderungen und Modulationen
in einer Konstellation von Mitteilungen hervorgebracht werden
können. Manchmal werden diese Veränderungen in dem Mit-
teilungssystem relativ konkret sein - eine Verschiebung vom
»Ja« zum »Nein« in der Antwort auf eine Frage, die ein relativ
oberflächliches Detail der Anatomie beherrscht. Das Gesamt-
bild des Tiers kann durch eine Kleinigkeit wie einen Fleck in
dem ganzen Autotypieklischee abgewandelt werden, oder die
Veränderung kann eine sein, die das ganze System genetischer
Mitteilungen modifiziert oder moduliert, so daß jede Mittei-
lung in dem System ein anderes Aussehen annimmt, während
sie ihre frühere Beziehung zu allen benachbarten Mitteilungen
beibehält. Ich glaube, daß diese Stabilität der Beziehung zwi-
schen Mitteilungen unter dem Einfluß der Veränderung in ei-
nem Teil der Konstellation eine Grundlage für den französi-
schen Aphorismus bildet: »Plus ga qa change, plus c'est la meine
meme
chose.* Es ist eine anerkannte Tatsache, daß die Schädel der
chose.«
verschiedenen Menschenaffen in unterschiedlich geneigte
Koordinaten eingezeichnet werden können, um die grundle-
gende Ähnlichkeit der Relationen und die systematische Natur
der Transformation von einer Gattung zur anderen zu zeigen.2
2 D. W. Thompson, On Growth and Form, Vol. 2, Oxford, Oxford University
Press, 1952.
306
Mein Vater war Genetiker, und er sagte immer: »Es sind alles
Schwingungen«,3 und um das zu demonstrieren, zeigte er, daß
die Streifung eines gewöhnlichen Zebras eine Oktave höher ist
als die beim Grevy-Zebra. Während es zutrifft, daß sich in
diesem besonderen Fall die »Frequenz« verdoppelt, glaube ich
nicht, daß es sich insgesamt um eine Sache der Schwingungen
handelt, wie er zu erklären versuchte.
Eher hat er zu sagen versucht, daß es alles eine Angelegenheit
der Art von Modifikationen ist, die man in Systemen erwarten
könnte, deren entscheidende Faktoren nicht eine Angelegen-
heit der Physik im kruden Sinne sind, sondern eine Angele-
genheit von Mitteilungen und modulierten Mitteilungssy-
stemen.
Es ist auch erwähnenswert, daß uns organische Formen viel-
leicht als schön erscheinen und daß der systematische Biologe
ästhetisches Wohlgefallen an den Unterschieden zwischen ver-
wandten Organismen finden kann, einfach weil die Unterschie-
de auf Modulationen von Kommunikation beruhen, während
wir selbst Organismen sind, die sowohl kommunizieren, deren
Formen aber auch durch Konstellationen genetischer Mittei-
lungen bestimmt sind. Dies ist jedoch nicht der Ort für eine
solche Revision der ästhetischen Theorie. Ein Experte für die
mathematische Gruppentheorie könnte auf diesem Gebiet ei-
nen wesentlichen Beitrag leisten.
Alle Mitteilungen und Teile von Mitteilungen sind wie Aus-
drücke oder Ausschnitte aus Gleichungen, die der Mathemati-
ker in Klammern setzt. Außerhalb dieser Klammern kann im-
mer ein qualifizierender oder multiplizierender Wert stehen,
der den ganzen Tenor des Ausdrucks abwandelt. Überdies kön-
nen diese qualifizierenden Werte auch noch nach Jahren hinzu-
gefügt werden. Sie müssen dem Ausdruck innerhalb der Klam-
mern nicht vorausgehen. Ansonsten wäre Psychotherapie un-
möglich. Der Patient wäre berechtigt und sogar gezwungen zu
argumentieren: »Meine Mutter hat mich in dieser und jener
3 Beatrice C. Bateson, William Bateson, Naturalist, Cambridge, Cambridge
University Press, 1928.

307
Form unterdrückt, und deshalb bin ich jetzt krank; und weil
solche Traumata in der Vergangenheit aufgetreten sind, sind sie
nicht zu ändern, und deshalb kann es mir nicht gut gehen.« In
der Sphäre der Kommunikation bilden die Ereignisse der Ver-
gangenheit eine Kette von alten Hufeisen, so daß sich die Be-
deutung dieser Kette verändern läßt und ständig verändert
wird. Was heute existiert sind nur Mitteilungen über die Ver-
gangenheit, die wir Erinnerungen nennen, und diese Mitteilun-
gen können immer von einem Augenblick zum anderen gestal-
tet und moduliert werden.
Bis zu diesem Punkt stellt sich die Sphäre der Kommunikation
als immer komplexer, immer flexibler und immer weniger der
Analyse zugänglich dar. Hier aber vereinfacht die Einführung
des Gruppenbegriffs - die Untersuchung mehrerer Personen -
plötzlich diese verworrene Sphäre entgleitender und sich ver-
schiebender Bedeutungen. Wenn wir eine Anzahl unregelmäßi-
ger Steine in einem Sack schütteln oder sie einem fast zufälligen
Wellenschlag am Meer aussetzen, wird sich selbst auf der einfa-
chen physischen Ebene eine allmähliche Vereinfachung des Sy-
stems ergeben - die Steine werden sich einander angleichen. Am
Ende werden sie alle kugelförmig sein, aber in der Praxis begeg-
nen wir ihnen nur als teilweise abgerundeten Kieseln. Bestimm-
te Formen der Homogenisierung ergeben sich aus vielfältigen
Einwirkungen selbst auf der einfachen physischen Ebene, und
wenn die einwirkenden Einzelwesen Organismen mit komple-
xen Lern- und Kommunikationsfähigkeiten sind, dann arbeitet
das Gesamtsystem schnell entweder auf Gleichförmigkeit oder
auf systematische Differenzierung hin - eine Erhöhung der
Einfachheit -, die wir Organisation nennen. Bestehen zwischen
den einwirkenden Einzelwesen Unterschiede, so werden diese
eine Veränderung durchmachen, die sich entweder in Richtung
auf eine Reduktion der Differenz oder in Richtung auf das
Erreichen einer wechselseitigen Anpassung oder Komplemen-
tarität vollziehen wird. Bei Gruppen von Menschen besteht die
Leistung - sei die Richtung der Veränderung nun Homogenität
oder Komplementarität - in einer Teilung von Voraussetzungen
308
hinsichtlich der Bedeutung und Angemessenheit von Mitteilun-
gen und anderen Handlungen im Kontext der Beziehung.
Ich werde mich nicht auf die komplexen Probleme des in diesen
Prozeß einbezogenen Lernens einlassen, sondern zum Problem
der Schizophrenie übergehen. Ein Individuum, d. h. der jewei-
lige Patient, lebt in einem Familienzusammenhang; wenn wir
ihn aber isoliert betrachten, stellen wir gewisse Besonderheiten
seiner Kommunikationsgewohnheiten fest. Diese Besonderhei-
ten mögen zum Teil durch Genetik oder physiologische Zufälle
bestimmt sein, es ist aber gleichwohl vernünftig, nach ihrer
Funktion innerhalb des Kommunikationssystems zu fragen,
von dem sie einen Teil bilden - der Familie. Eine Anzahl von
Lebewesen sind in gewissem Sinne zusammengewürfelt wor-
den, und eines von ihnen hat sich offenbar anders entwickelt als
der Rest; wir müssen nicht nur nach Unterschieden in dem
Material fragen, aus dem dieses besondere Individuum gemacht
sein mag, sondern auch danach, wie sich diese besonderen Ei-
genschaften innerhalb dieses Familiensystems entwickelt ha-
ben. Können die Besonderheiten des jeweiligen Patienten als
angemessen betrachtet werden, d. h. als entweder homogen mit
oder komplementär zu den Eigenarten der anderen Gruppen-
mitglieder? Wir zweifeln nicht daran, daß ein Großteil schizo-
phrener Symptomatik in gewissem Sinne durch Erfahrung ge-
lernt oder bestimmt ist, aber ein Organismus kann nur das
lernen, was ihm durch die Lebensumstände und die Erfahrun-
gen des Mitteilungsaustauschs mit seiner Umgebung beige-
bracht wird. Er kann nicht aufs Geratewohl lernen, sondern
nur, um seiner Umgebung ähnlich oder unähnlich zu sein. Uns
obliegt daher zwangsläufig die Aufgabe, den Erfahrungszusam-
menhang der Schizophrenie zu untersuchen.
Wir werden kurz skizzieren, was wir als die double bind-Hy-
pothese bezeichnet haben, die an anderer Stelle ausführlicher
beschrieben wurde.4 Diese Hypothese besteht aus zwei Teilen;
4 G. Bateson, D. D. Jackson, J. Haley und J. H. Weakland, »Vorstudien zu
einer Theorie der Schizophrenie«, s. o. S. 270; sowie auch G. Bateson, »Language
and Psychotherapie, Frieda Fromm-Reichmann's Last Project«, Psychiatry,
309
einer formalen Beschreibung der Kommunikationsgewohnhei-
ten des Schizophrenen und einer formalen Beschreibung der
Erfahrungsabläufe, die geeignet sind, das Individuum in seine
besonderen Kommunikationsverzerrungen zu pressen. Empi-
risch gesehen finden wir, daß eine Beschreibung der Symptome
alles in allem befriedigend ist und daß die Familien Schizophre-
ner durch Verhaltensabläufe gekennzeichnet sind, die in der
Hypothese vorausgesagt werden.
Normalerweise wird der Schizophrene aus seinen Mitteilungen
alles eliminieren, was explizit oder implizit auf die Beziehung
zwischen ihm und der angesprochenen Person verweist. Schi-
zophrene meiden gewöhnlich die erste und zweite Person Sin-
gular. Sie umgehen es, einem zu sagen, was für eine Art der
Mitteilung sie übermitteln - ob sie wörtlich oder metaphorisch,
ironisch oder direkt ist -, und sie neigen zu Schwierigkeiten mit
allen Mitteilungen und bedeutungsvollen Handlungen, die eine
intime Berührung zwischen dem Selbst und einem anderen im-
plizieren. Essen zu bekommen kann fast unmöglich sein, aber
so kann es sich auch bei der Zurückweisung von Nahrung ver-
halten.
Als ich zu den A.P.A.-Treffen in Honolulu abfuhr, sagte ich
meinem Patienten, daß ich weg sein werde und wohin ich fahre.
Er schaute aus dem Fenster und sagte: »Das Flugzeug fliegt
schrecklich langsam.« Er konnte nicht sagen: »Ich werde Sie
vermissen«, weil er sich so in einer Beziehung zu mir oder mich
in einer Beziehung zu ihm identifizieren würde. Zu sagen: »Ich

1958, 21: 96-100; G. Bateson (Moderator), »Schizophrenie Distortions of Com-


munication«, Psychotherapy of Chronic Schizophrenie Patients, C. A. Whitak-
ker, Hrsg., Boston und Toronto, Little, Brown and Co. 1958, S. 31-56; G.
Bateson, »Analysis of Group Therapy in an Admission Ward, United States
Naval Hospital, Oakland, California«, Social Psychiatry in Action, H. A. Wil-
mer, Springfield, III,
Iii, Charles C. Thomas, 1958, S. 334-439; J. Haley, »The Art of
Psychoanalysis«, etc. 1958, 15: 190-200; J. Haley, »An Interactional Explana-
tion of Hypnosis«, American Journal of Clinical Hypnosis, 1958, 1:51-57;
1: 51-57; J. H.
Weakland and D. D. Jackson, »Patient and Therapist Observations on the
Circumstances of a Schizophrenie Episode«, AMA Archives of Neurological
Psychiatry, 1958, 79: 554-574.
554-574-
310
werde Sie
werde Sie vermissen«,
vermissen«, würde würde bedeuten,
bedeuten, eine Grundvorausset-
eine Grundvorausset-
zung
zung unserer wechselseitigen Beziehung durch eine
unserer wechselseitigen Beziehung durch eine Definition
Definition
der Arten von Mitteilungen geltend
der Arten von Mitteilungen geltend zu machen, die zu machen, die für
für diese
diese
Beziehung charakteristisch sein
Beziehung charakteristisch sein sollten. sollten.
Es ist
Es zu beobachten,
ist zu beobachten, daß der Schizophrene
daß der Schizophrene alles alles vermeidet
vermeidet
oder verzerrt, was so aussieht, als könnte es ihn oder
oder verzerrt, was so aussieht, als könnte es ihn die Per-
oder die Per-
son, die er anspricht, identifizieren. Er kann
son, die er anspricht, identifizieren. Er kann alles eliminieren, alles eliminieren,
was impliziert,
was impliziert, daß daß seine
seine Mitteilung
Mitteilung auf auf eine Beziehung zwi-
eine Beziehung zwi-
schen zwei identifizierbaren Personen verweist oder zu ihr ge-
schen zwei identifizierbaren Personen verweist oder zu ihr ge-
hört, wenn
hört, diese beiden
wenn diese beiden Personen bestimmte Stile
Personen bestimmte und Voraus-
Stile und Voraus-
setzungen haben,
setzungen haben, diedie ihr
ihr Verhalten
Verhalten in in dieser
dieser Beziehung
Beziehung beherr-
beherr-
schen.
schen. Er kann alles vermeiden, was den anderen befähigen
Er kann alles vermeiden, was den anderen befähigen
könnte, zu
könnte, zu interpretieren,
interpretieren, was was er er sagt.
sagt. Er kann die
Er kann die Tatsache
Tatsache
verschleiern, daß er in Metaphern oder in irgendeinem
verschleiern, daß er in Metaphern oder in irgendeinem speziel- speziel-
len Code
len Code spricht, und er
spricht, und er neigt
neigt dazu,
dazu, alle
alle Bezüge
Bezüge auf auf Raum
Raum und und
Zeit zu verzerren oder auszulassen. Wenn
Zeit zu verzerren oder auszulassen. Wenn wir ein Telegramm- wir ein Telegramm-
formular der
formular der Western
Western Union
Union alsals Analogie verwenden, könnten
Analogie verwenden, könnten
wir sagen, daß er ausläßt, was in die
wir sagen, daß er ausläßt, was in die technische Rubrik technische Rubrik des des
Telegrammformulars geschrieben wird,
Telegrammformulars geschrieben wird, und daß er den Text und daß er den Text
seiner Mitteilung
seiner Mitteilung so so modifizieren
modifizieren wird,wird, daßdaß jeder
jeder Hinweis
Hinweis auf auf
diese metakommunikativen Elemente in
diese metakommunikativen Elemente in der ganzen normalen der ganzen normalen
Mitteilung verzerrt
Mitteilung verzerrt oderoder unterlassen
unterlassen wird.
wird. WasWas bleibt ist eine
bleibt ist eine
eher metaphorische Darstellung ohne Etikettierung
eher metaphorische Darstellung ohne Etikettierung des Kon- des Kon-
texts. In
texts. In extremen
extremen Fällen kann auch
Fällen kann auch nichts
nichts anderes
anderes übrigblei-
übrigblei-
ben, als ein stumpfes Ausagieren der Mitteilung:
ben, als ein stumpfes Ausagieren der Mitteilung: »Zwischen uns »Zwischen uns
besteht keine Beziehung«.
besteht keine Beziehung«.
So viel
So viel läßt
läßt sich
sich beobachten
beobachten und dahingehend zusammenfassen,
und dahingehend zusammenfassen,
daß der Schizophrene kommuniziert, als
daß der Schizophrene kommuniziert, ob er
als ob er damit
damit rechne,
rechne,
jedesmal bestraft zu werden, wenn er zum Ausdruck bringt,
jedesmal bestraft zu werden, wenn er zum Ausdruck bringt,
daß er mit seiner Auffassung vom Kontext seiner eigenen Mit-
daß er mit seiner Auffassung vom Kontext seiner eigenen Mit-
teilung im
teilung im Recht ist.
Recht ist.
Der *double
Der »double bind*, der für
bind«, der für die ätiologische Seite
die ätiologische Seite unserer Hypo-
unserer Hypo-
these zentral ist, läßt sich nun einfach dergestalt
these zentral ist, läßt sich nun einfach dergestalt zusammenfas- zusammenfas-
sen, daß
sen, daß er er eine Erfahrung ist,
eine Erfahrung ist, gerade
gerade dafür bestraft zu
dafür bestraft zu werden,
werden,
daß man mit seiner eigenen Auffassung vom
daß man mit seiner eigenen Auffassung vom Kontext im Recht Kontext im Recht
ist. Unsere
ist. Unsere Hypothese
Hypothese nimmt nimmt an,an, daß
daß wiederholte
wiederholte Erfahrung
Erfahrung
J311
der Bestrafung in Abläufen dieser Art dazu führen wird, daß
sich das Individuum gewohnheitsmäßig so verhält, als erwarte
es eine solche Bestrafung.
Die Mutter eines unserer Patienten überschüttete ihren Ehe-
mann mit Vorwürfen, weil er sich fünfzehn Jahre lang gewei-
gert hatte, ihr die Verantwortung für die Familienfinanzen zu
übertragen. Der Vater des Patienten sagte: »Ich gebe zu, daß es
ein großer Fehler von mir war, dich nicht machen zu lassen.
Aber ich habe meinen Fehler berichtigt. Meine Gründe, zu
glauben, daß es ein Fehler war, sind völlig andere als deine, aber
ich gebe zu, daß es ein sehr großer Fehler von mir war.«
Mutter: Jetzt bist du ja fast spaßig.
Vater: Nein, ich bin nicht spaßig.
Mutter: Na gut, mir ist es auch egal, denn wenn du ehrlich bist, wurden ja die
Schulden gemacht, und es gibt keinen Grund, warum man das einer Person
nicht sagen sollte. Ich meine, seiner Frau sollte man es sagen.
Vater: Es kann derselbe Grund sein, aus dem Joe (ihr psychotischer Sohn)
von der Schule nach Hause kommt, dort Ärger gehabt hat, und Dir nichts
davon erzählt.
Mutter: Aha, das ist ja eine tolle Ausflucht.

Das Muster einer solchen Abfolge ist einfach die fortschreiten-


de Abqualifizierung jedes Beitrags des Vaters zu der Beziehung.
Ihm wird ständig gesagt, daß die Mitteilungen nicht gelten. Sie
werden aufgenommen, als wichen sie in gewisser Weise von
dem ab, was er für seine eigene Intention hielt.
Wir können sagen, daß er entweder dafür bestraft wird, mit
seinen Ansichten über seine eigenen Intentionen recht zu ha-
ben, oder er wird bestraft, wenn seine Erwiderung dem, was sie
sagte, nicht angemessen ist.
Hingegen scheint es aus ihrem Blickwinkel, daß er sie andau-
ernd mißversteht, und das ist eins der typischsten Kennzeichen
des dynamischen Systems, das die Schizophrenie umgibt - oder
ist. Jeder Therapeut, der mit Schizophrenen zu tun hatte, wird
diese Zwickmühle wiedererkennen. Der Patient versucht den
Therapeuten durch seine Interpretation dessen, was der Thera-
peut sagte, ins Unrecht zu setzen, und der Patient tut das, weil
312
er damit rechnet, daß der Therapeut mißversteht, was er (der
Patient) sagte. Die Bindung wird wechselseitig. Die Beziehung
erreicht eine Stufe, auf der es sich keine der Personen leisten
kann, metakommunikative Mitteilungen ohne Verzerrung zu
empfangen oder abzugeben.
Gewöhnlich haben solche Beziehungen jedoch etwas Asymme-
trisches. Diese wechselseitige Doppelbindung ist eine Art
Kampf, und gewöhnlich hat der eine oder der andere die Ober-
hand. Wir haben uns freiwillig entschlossen, mit Familien zu
arbeiten, in denen eins der Kinder der identifizierte Patient ist,
und zum Teil sind es deshalb nach unseren Informationen ver-
mutlich die normalen Eltern, die gegenüber einem feststellbar
psychotischen jüngeren Mitglied der Gruppe die Oberhand be-
halten. In solchen Fällen nimmt die Asymmetrie die eigenartige
Form an, daß der identifizierte Patient sich opfert, um die ehr-
würdige Illusion aufrechtzuerhalten, daß das, was der Elternteil
sagt, Sinn gibt. Um diesem Elternteil nahe zu sein, muß er sein
Recht opfern, darauf hinzuweisen, daß er irgendwelche meta-
kommunikativen Ungereimtheiten sieht, selbst wenn seine
Wahrnehmung dieser Ungereimtheiten richtig ist. Es besteht
daher eine eigenartige Disparatheit in der Verteilung des Be-
wußtseins von dem, was vor sich geht. Der Patient kann wissen,
darf aber nicht sagen und setzt dadurch den Elternteil in die
Lage, nicht zu wissen, was er oder sie tut. Der Patient ist ein
Komplize bei der unbewußten Heuchelei des Elternteils. Das
Ergebnis können sehr großes Unglück und sehr schwere, aber
immer systematische Kommunikationsverzerrungen sein.
Überdies sind diese Verzerrungen immer genau diejenigen, die
angemessen erscheinen würden, wenn die Opfer mit einer zu
umgehenden Falle konfrontiert werden, die darin bestünde, die
ganze Natur des Selbst zu zerstören. Dieses Paradigma wird
treffend durch einen Abschnitt aus Festing Jones' Lebensbe-
schreibung von Samuel Butler veranschaulicht, der es wert ist,
vollständig zitiert zu werden.5

5 H. F. Jones, Samuel Butler: A Memoir, Vol. i, London, Macmillan, 1919.

313
30
Butler ging zu Mr. Seebohm essen, wo er Skertchley traf, der ihnen von einer
Rattenfalle erzählte, die Mr. Taylors Kutscher erfunden hatte.
Dunketts Rattenfalle
Mr. Dunkett
Dunkelt fand, daß seine Fallen eine nach der anderen versagten, und er war
so verzweifelt darüber, wie das Getreide gefressen wurde, daß er beschloß, eine
Rattenfalle zu erfinden. Er begann damit, sich so genau wie möglich in die Lage
der Ratte zu versetzen.
»Gibt es irgend etwas«, fragte er sich, »in das ich, wäre ich eine Ratte, so großes
Vertrauen setzen muß, daß ich es nicht anzweifeln könnte, ohne alles in der
Welt anzuzweifeln und fürderhin unfähig zu sein, mich ohne Furcht in irgend-
eine Richtung zu bewegen?«
Er dachte eine Weile nach und fand keine Antwort, bis eines Nachts der Raum
in hellem Glanz zu erstrahlen schien und er eine Stimme vom Himmel sagen
hört:
»»Kanalisationsrohre.«
Kanalisationsrohre.«
Da wußte er, was er zu tun hatte. An einem gewöhnlichen Kanalisationsrohr zu
zweifeln wäre dasselbe, wie aufzuhören, eine Ratte zu sein. Hier erweiterte
Skertchley ein wenig und erklärte, daß im Innern eine Feder versteckt wäre, das
Rohr aber an beiden Enden offen sein müsse; wäre das Rohr an einem Ende
geschlossen, würde eine Ratte natürlich nicht gerne hineingehen, denn sie
könnte nicht sicher sein, wieder herauszukommen; wobei ich [Butler] unter-
brach und sagte:
»Ah, genau das hat mich davon abgehalten, in die Kirche zu gehen.«
»Als er [Butler] mir das erzählte, wußte ich [Jones], was in seinem Kopf vor-
ging, und daß er, wäre er nicht in so respektabler Gesellschaft gewesen, gesagt
hätte: »Genau das hat mich davon abgehalten, zu heiraten.«

Man beachte, daß Dunkett


Dunkelt dieses double bind für Ratten nur
aufgrund einer halluzinatorischen Erfahrung erfinden konnte,
und daß sowohl Butler als auch Jones die Falle sofort als ein
Paradigma für menschliche Beziehungen ansahen. In der Tat ist
diese Art von Dilemma nicht selten und nicht auf die Kontexte
der Schizophrenie beschränkt.
Die Frage, mit der wir uns daher befassen müssen, ist, warum
diese Abläufe entweder besonders häufig oder besonders zer-
störerisch in denjenigen Familien auftreten, die Schizophrene
aufweisen. Ich habe nicht die Statistiken, die das untermauern;
aus einer zwar begrenzten, aber intensiven Beobachtung einiger
dieser Familien kann ich jedoch eine Hypothese zur Gruppen-
dynamik ableiten, die ein Interaktionssystem dergestalt be-

314
stimmt, daß double ^tW-Erfahrungen
^W-Erfahrungen ad nauseam wiederkeh-
ren müssen. Das Problem besteht darin, ein Modell zu kon-
struieren, das notwendig zyklisch sein wird, um diese muster-
förmigen Abläufe immer und immer wieder neu zu schaffen.
Ein solches Modell liefert von Neumanns und Morgensterns6
Spieltheorie, die hier allerdings nicht in ihrer ganzen mathema-
tischen Strenge, sondern nur mit den nötigsten technischen
Mitteln dargestellt wird.
Von Neumann befaßte sich mit der mathematischen Untersu-
chung der formalen Bedingungen, unter denen Einzelwesen mit
ihrer vollen Intelligenz und einer Vorliebe fürs Gewinnen
Bündnisse untereinander schließen würden, um die Erträge zu
maximieren, die Bündnisteilnehmer auf Kosten der Nichtteil-
nehmer einspielen konnten. Er stellte sich diese Einzelwesen in
so etwas wie ein Spiel eingebunden vor und fragte nach den
formalen Eigenschaften der Regeln, welche die vollkommen
intelligenten, aber gewinnorientierten Spieler zwingen würden,
Bündnisse zu schließen. Daraus ergab sich eine sehr eigenartige
Schlußfolgerung, und genau diese Schlußfolgerung möchte ich
als ein Modell vorschlagen.
Offensichtlich kann sich ein Bündnis zwischen Spielern nur
ergeben, wenn sie mindestens zu dritt sind. Dabei können sich
je zwei zusammentun, um den dritten auszunehmen, und wenn
ein solches Spiel symmetrisch konzipiert ist, hat es offenbar
drei Lösungen, die wir folgendermaßen darstellen können:

AB vs. C
BC vs. A
AC vs. B

Für dieses Dreipersonensystem zeigt von Neumann, daß, sind


sie einmal geschlossen, jedes dieser drei Bündnisse stabil sein
wird. Haben sich A und B vereinigt, dann gibt es nichts, was C
dagegen tun könnte. Dabei ist hochinteressant, daß A und B
notwendig Konventionen entwickeln werden (zusätzlich zu
6 J. von Neumann und O. Morgenstern, Theory of Gamesand
Games and Economic
EconomicBeha-
Beha-
vior, Princeton, Princeton University Press, 1944.

315
den Regeln), die ihnen beispielsweise verbieten, auf C's Ange-
bote zu hören.
In dem Fünfpersonenspiel stellt sich die Lage ganz anders dar;
es wird eine Vielfalt von Möglichkeiten geben. Beispielsweise
können vier Spieler über eine Verbindung gegen einen nachden-
ken, wie es in den folgenden fünf Mustern zum Ausdruck
kommt: . D_
B „n
nr_
A vs. BCDE
B vs. ACDE
C vs. ABDE
AB DE
D vs. ABCE
E vs. ABCD
Aber keine davon wäre stabil. Die vier Spieler innerhalb des
Bündnisses müssen sich notwendig auf ein Unterspiel einlassen,
in dem sie gegeneinander vorgehen, um eine ungleiche Auftei-
lung der Gewinne zu erreichen, die das Bündnis aus dem fünf-
ten Spieler herauspressen würde. Dies muß zu einem Bündnis-
muster führen, das wir als 2 vs. 2 vs. 1, d. h. BC vs. DE vs. A
beschreiben können. In einer solchen Situation wäre es A mög-
lich, sich einem dieser Paare zu nähern und anzuschließen, so
daß sich ein Bündnissystem 3j vs. 2 ergäbe.
Aber in dem System 3 vs. 2 wäre es für die drei vorteilhaft,
einen der zwei auf ihre Seite zu ziehen, um ihren Gewinn siche-
rer zu machen. Nun sind wir wieder bei einem System 4 vs. 1
angelangt - nicht notwendig bei der besonderen Zusammenset-
zung, von der wir ausgingen, aber jedenfalls bei einem System
mit denselben allgemeinen Eigenschaften. Dies muß jedoch
wiederum in 2 vs. 2 vs. 1 zerfallen, und so weiter.
Mit anderen Worten, zu jedem möglichen Bündnismuster gibt
es zumindest ein weiteres Muster, das es »beherrschen« wird -
um von Neumanns Ausdruck zu verwenden -, und die Relation
der Beherrschung zwischen Lösungen ist intransitiv. Es wird
immer eine kreisförmige Liste von alternativen Lösungen ge-
ben, so daß das System niemals aufhören kann, von Lösung zu
Lösung überzugehen und dabei immer eine andere Lösung zu
wählen, die der vorhergehenden vorzuziehen ist. Das bedeutet
in der Tat, daß die Roboter (aufgrund ihrer vollkommenen In-
316
telligenz) unfähig sein werden, sich für eine einzige »Spielwei-
se« zu entscheiden.
Ich führe dieses Modell als Beispiel für das an, was in schizo-
phrenen Familien passiert. Keine zwei Mitglieder scheinen fä-
hig zu sein, sich zu einem Bündnis zusammenzuschließen, das
stabil genug wäre, um sich im Im gegebenen Augenblick durchzu-
setzen. Ein anderes oder mehrere andere Familienmitglieder
werden immer eingreifen. Oder wenn es an einer solchen Inter-
vention fehlt, werden sich die beiden Mitglieder, die über ein
Bündnis nachdenken, gegenüber dem, was der Dritte tun oder
sagen könnte, schuldig fühlen und sich vom Bündnis zurück-
ziehen.
Man beachte, daß fünf hypothetische Einzelwesen mit voll-
kommener Intelligenz erforderlich sind, um diese besondere
Art der Instabilität oder Schwankung in einem von Neumann-
schen Spiel zu erreichen. Aber drei menschliche Wesen schei-
nen zu genügen. Vielleicht sind sie nicht vollkommen intelli-
gent, oder vielleicht sind sie systematisch inkonsistent hinsicht-
lich der Art von »Gewinn«, mittels dessen sie motiviert werden.
Ich möchte hervorheben, daß die Erfahrung jedes einzelnen
Individuums in einem solchen System folgendermaßen beschaf-
fen sein wird: Jeder Zug, den es macht, entspricht in der Situa-
tion, wie es sie im Augenblick richtig sieht, dem gesunden Men-
schenverstand, aber sein jeweiliger Zug wird anschließend
durch die Züge widerlegt, die andere Mitglieder des Systems als
Reaktion auf seinen »richtigen« Zug machen. Das Individuum
ist daher in einer ständigen Abfolge dessen gefangen, was wir
als double ^tW-Erfahrungen
^'«^-Erfahrungen bezeichnet haben.
Ich weiß nicht, wieviel Geltung dieses Modell für sich in An-
spruch nehmen kann, aber ich stelle es aus zwei Gründen vor.
Erstens wird es als ein Versuch vorgeschlagen, über das größere
System - die Familie - zu sprechen, anstatt, wie wir das ge-
wöhnlich tun, über das Individuum. Wenn wir die Dynamik
der Schizophrenie verstehen wollen, müssen wir eine Sprache
ersinnen, die den in diesem größeren System auftretenden Phä-
nomenen angemessen ist. Selbst wenn mein Modell ungeeignet

317
ist, lohnt doch der Versuch, in der Art von Sprache zu spre-
chen, die wir für die Beschreibung dieser auftretenden Phäno-
mene benötigen werden. Zweitens sind selbst unrichtige be-
griffliche Modelle in dem Maße nützlich, wie die Kritik des
Modells auf neue theoretische Entwicklungen hinweisen kann.
Ich möchte daher auf eine Kritik an diesem Modell hinweisen
und untersuchen, zu welchen Ideen sie führen wird. Es gibt in
von Neumanns Buch kein Theorem, aus dem sich ergäbe, daß
seine Einzelwesen oder Roboter, die sich auf diesen unendli-
chen Tanz wechselnder Bündnisse einlassen, jemals schizo-
phren würden. Nach der abstrakten Theorie bleiben die Einzel-
wesen einfach ad infinitum vollkommen intelligent.
Nun liegt der Hauptunterschied zwischen Menschen und von
Neumanns Robotern in der Tatsache des Lernens. Unendlich
intelligent zu sein heißt auch, unendlich flexibel zu sein, und die
Spieler in dem von mir beschriebenen Tanz könnten niemals
den Schmerz erfahren, den menschliche Wesen empfänden,
würde man ihnen immer einen Fehler nachweisen, wenn sie
klug gehandelt haben. Menschliche Wesen haben eine Bindung
an die Lösungen, die sie entdecken, und gerade diese psycholo-
gische Bindung macht sie verletzbar, wie Mitglieder einer schi-
zophrenen Familie verletzbar sind.
Aus der Untersuchung des Modells ergibt sich also, daß die
double ^zW-Hypothese,
£jW-Hypothese, um die Schizophrenie erklären zu
können, auf bestimmten psychologischen Annahmen über die
Natur des menschlichen Individuums als lernender Organismus
beruhen muß. Um für die Schizophrenie empfänglich zu sein,
muß die Individuation des einzelnen zwei gegensätzliche psy-
chologische Mechanismen umfassen. Der erste ist ein Mecha-
nismus der Anpassung an die Forderungen der Personen in der
Umgebung; und der zweite ist ein Prozeß oder Mechanismus,
durch den das Individuum entweder kurzfristig oder dauernd
den Anpassungen unterworfen wird, die der erste Prozeß auf-
gedeckt hat.
Ich glaube, was ich eine kurzfristige Unterwerfung unter eine
Anpassung genannt habe, entspricht dem, was Bertalanffy als
318
den inneren Zustand der Handlung bezeichnete; und die dauer-
haftere Unterwerfung unter eine Anpassung ist wohl einfach
das, was wir üblicherweise »Gewohnheit« nennen.
Was ist eine Person? Was meine ich, wenn ich »Ich« sage?
Vielleicht ist das, was jeder von uns mit dem »Selbst« meint,
tatsächlich eine Ansammlung von Gewohnheiten der Wahrneh-
mung und der Anpassungshandlung plus, von einem Moment
zum anderen, unsere »inneren Zustände der Handlung«. Wenn
jemand die Gewohnheiten und inneren Zustände angreift, die
mich gerade im Augenblick des Umgangs mit diesem Jemand
charakterisieren - das heißt, wenn er genau die Gewohnheiten
und inneren Zustände angreift, die als Teil meiner augenblickli-
chen Beziehung zu ihm ins Leben gerufen worden sind -, dann
negiert er mich. Wenn mir an dieser anderen Person viel liegt,
wird diese Negation meiner selbst noch viel schmerzlicher sein.
Was wir bisher ausgeführt haben, reicht hin, die Arten von
Strategien - oder vielleicht sollten wir sagen, Symptomen - zu
bezeichnen, die von dieser eigenartigen Institution, der schizo-
phrenen Familie, zu erwarten sind. Es ist aber immer noch
überraschend zu beobachten, wie diese Strategien kontinuier-
lich und gewohnheitsmäßig praktiziert werden können, ohne
daß Freunde oder Nachbarn bemerken, daß etwas nicht
stimmt. Aufgrund der Theorie können wir voraussagen, daß
jedes an einer solchen Institution beteiligte Mitglied seine eige-
nen inneren Zustände der Handlung und dauerhaften Anpas-
sungsgewohnheiten verteidigen muß; das heißt - um das Selbst
zu schützen.
Um das anhand eines Beispiels zu veranschaulichen: Ein Kolle-
ge hatte mehrere Wochen lang mit einer dieser Familien gear-
beitet, besonders mit dem Vater, der Mutter und ihrem erwach-
senen schizophrenen Sohn.
Die Sitzungen erfolgten nach dem Vereinigungs-Muster - die
Familienmitglieder waren zusammen da. Das provozierte of-
fensichtlich einige Angst bei der Mutter, und sie verlangte In-
terviews unter vier Augen mit mir. Dieser Zug wurde beim
nächsten gemeinsamen Treffen diskutiert, und schließlich kam

3i9
sie auch zu ihrer ersten Sitzung. Nach dem Eintreten machte sie
eine Reihe konventioneller Bemerkungen, und dann öffnete sie
ihre Handtasche und gab mir daraus einen Zettel mit der Be-
merkung: »Es scheint, als habe mein Mann das geschrieben«.
Ich entfaltete das Papier und sah, daß es ein einzelnes Blatt mit
einzeiliger Maschinenschrift war, die anfing mit den Worten:
»Mein Mann und ich freuen uns sehr, die Möglichkeit zu ha-
ben, unsere Probleme mit Ihnen diskutieren zu können« usw.
Das Dokument fuhr dann fort, gewisse spezifische Fragen zu
skizzieren, die »ich gerne aufwerfen würde«.
Es schien, als habe sich der Mann tatsächlich am Abend vorher
an seine Schreibmaschine gesetzt und diesen Brief an mich ge-
schrieben, so, als sei er von seiner Frau, und darin hatte er die
Fragen skizziert, die sie mit mir diskutieren sollte.
Im normalen täglichen Leben ist so was üblich genug; es ent-
spricht den Anforderungen. Wenn die Aufmerksamkeit jedoch
auf die charakteristischen Strategien konzentriert wird, werden
diese selbstbeschützenden und selbstzerstörerischen Manöver
auffällig. Man merkt plötzlich, daß diese Strategien in solchen
Familien gegenüber allen anderen vorzuherrschen scheinen. Es
überrascht einen kaum noch, daß der identifizierte Patient ein
Verhalten an den Tag legt, das fast eine Karikatur des Identitäts-
verlusts ist, der für alle Familienmitglieder charakteristisch ist.
Ich glaube, das ist das Wesen der Sache, nämlich daß die schizo-
phrene Familie eine Organisation mit großer, andauernder Sta-
bilität ist, deren Dynamik und innere Mechanismen so beschaf-
fen sind, daß jedes Mitglied kontinuierlich die Erfahrung der
Negation des Selbst durchmacht.
Minimalforderungen für eine Theorie
Schizophrenie^'
der Schizophrenie"'

Jede Wissenschaft hat, wie jede Person, eine Pflicht gegenüber


ihren Nachbarn; vielleicht nicht die, sie zu lieben wie sich
selbst, aber doch die, ihnen Werkzeuge auszuleihen, Werkzeuge
von ihnen zu borgen und, ganz allgemein, den Nachbarwissen-
schaften auf ihrem Weg zu helfen. Vielleicht können wir die
Bedeutung eines Fortschritts in irgendeiner Wissenschaft mit
Hilfe der Veränderungen beurteilen, die dieser Fortschritt für
die Methoden und das Denken der Nachbarwissenschaften er-
zwingt. Es gilt aber immer die Regel der Sparsamkeit. Die Ver-
änderungen, die wir in den Verhaltenswissenschaften von der
Genetik, von der Philosophie oder von der Informationstheorie
verlangen dürfen, müssen immer minimal sein. Die Einheit der
Wissenschaft als ganzer wird durch dieses System minimaler
Anforderungen erreicht, das jede Wissenschaft von ihren Nach-
bardisziplinen auferlegt bekommt, und - nicht zuletzt - durch
das Ausleihen begrifflicher Werkzeuge und Muster, das zwi-
schen den verschiedenen Wissenschaften gepflogen wird.
Meine Absicht in dieser Vorlesung besteht also nicht so sehr
darin, die besondere Theorie der Schizophrenie zu diskutieren,
die wir in Palo Alto entwickelt haben. Ich möchte Sie eher
darauf hinweisen, daß diese und andere, ähnliche Theorien Ein-
fluß auf Vorstellungen von der Natur der Erklärung selbst ha-
ben. Ich habe den Titel »Minimalforderungen für eine Theorie
der Schizophrenie« verwendet, und was mir bei der Wahl dieses
Titels vorschwebte, war eine Diskussion der Implikationen der
double ^W-Theorie
Theorie für umfassendere weitere Gebiet der Ver-

* Second Annual Albert D. Lasker Memorial Lecture, gehalten am 7. April


1959 am Institut für psychosomatische und psychiatrische Forschung und Aus-
bildung des Michael Reese Hospitals in Chicago. Diese Vorlesung wird hier
wiederabgedruckt mit Genehmigung der AMA Archieves of General Psycbia-
Psychia-
try, wo sie i960 im 2. Band, S. 477-491 erschien.
try>

3^1
321
haltenswissenschaft und auch, darüber hinaus, ihre Auswir-
kung auf die Evolutionstheorie und die biologische Erkenntnis-
theorie. Welche minimalen Veränderungen verlangt diese Theo-
rie in den verwandten Wissenschaften?
Ich möchte mich mit Fragen bezüglich des Einflusses einer em-
pirischen Theorie der Schizophrenie auf die Trias von verwand-
ten Wissenschaften, nämlich Lerntheorie, Genetik und Evolu-
tion, beschäftigen.
Die Hypothese kann zunächst kurz dargestellt werden. Im we-
sentlichen beruft sich die Idee nur auf Alltagserfahrung und
elementaren Common sense. Die erste Aussage, von der die
Hypothese abgeleitet ist, lautet, daß Lernen immer in einem
Kontext mit formalen Charakteristika auftritt. Wenn Sie so
wollen, können Sie sich die formalen Charakteristika als die
einer Abfolge instrumenteller Vermeidung oder als die eines
pawlowschen Experiments vorstellen. Zu lernen, in einem paw-
lowschen Experiment eine Pfote zu heben, ist etwas anderes, als
dieselbe Handlung in einem Kontext der instrumenteilen Be-
lohnung zu lernen.
Weiterhin beruht die Hypothese auf der Idee, daß dieser struk-
turierte Kontext auch innerhalb eines weiteren Kontexts ange-
troffen wird - einem Metakontext, wenn Sie so wollen - und
daß diese Abfolge von Kontexten eine offene und unendlich zu
denkende Reihe ist.
Die Hypothese geht auch davon aus, daß alles, was in dem
engeren Kontext passiert (z. B. instrumenteile
instrumentelle Vermeidung),
von dem weiteren Kontext beeinflußt wird, in dem sich der
engere befindet. Zwischen Kontext und Metakontext kann In-
kongruenz oder Widerspruch bestehen. Ein pawlowscher Lern-
kontext kann beispielsweise in einen Metakontext gesetzt sein,
der Lernen dieser Art bestraft, indem er vielleicht auf Einsicht
insistiert. Der Organismus ist dann mit dem Dilemma konfron-
tiert, entweder in dem primären Kontext falsch zu reagieren
oder aus den falschen Gründen oder auf eine falsche Weise
richtig zu handeln. Das ist der sogenannte double bind. Wir
untersuchen die Hypothese, daß schizophrene Kommunikation

3*2
3"
als Folge kontinuierlicher Traumata dieser Art erlernt und zur
Gewohnheit wird.
Das ist in dieser Hinsicht alles.
Aber selbst diese »Common sense«-Annahmen
sense»-Annahmen reißen sich los
von den klassischen Regeln der wissenschaftlichen Erkenntnis-
theorie. Wir haben vom Paradigma des frei fallenden Körpers -
und von vielen ähnlichen Paradigmen in vielen anderen Wissen-
schaften - gelernt, uns wissenschaftlichen Problemen auf ganz
besondere Weise zu nähern: Die Probleme müssen vereinfacht
werden, indem wir die Möglichkeit außer acht lassen - oder
ihre Erwägung zurückstellen -, daß der größere Kontext den
kleineren beeinflussen kann. Unsere Hypothese verstößt gegen
diese Regel und konzentriert sich genau auf die bestimmenden
Relationen zwischen größeren und kleineren Kontexten.
Noch schockierender ist die Tatsache, daß unsere Hypothese
nahelegt - jedoch mit dieser Vermutung nicht steht und fällt -,
daß ein unendlicher Regreß solcher relevanten Kontexte eintre-
ten kann.
In alledem verlangt und verstärkt die Hypothese jene Revision
des wissenschaftlichen Denkens, die in vielen Bereichen, von
der Physik bis zur Biologie, eingetreten ist. Der Beobachter
muß in den Brennpunkt der Beobachtung einbezogen sein, und
was untersucht werden kann, ist immer eine Beziehung oder ein
unendlicher Regreß von Beziehungen. Niemals ein »Ding«.
Ein Beispiel wird die Relevanz der größeren Kontexte klarma-
chen. Wir wollen den größeren Kontext untersuchen, innerhalb
dessen ein Lernexperiment mit einem Schizophrenen als Sub-
jekt durchgeführt werden kann. Der Schizophrene sieht sich als
das, was man einen Patienten nennt, dem Mitglied einer überge-
ordneten und ungeliebten Organisation, der Krankenhausbe-
legschaft, gegenüber. Wäre der Patient ein guter pragmatischer
Newtonianer, könnte er sich selbst folgendes sagen: »Die Ziga-
retten, die ich bekomme, wenn ich mache, was dieser Junge von
mir erwartet, sind doch schließlich nur Zigaretten, und als
praktischer Wissenschaftler werde ich weitermachen und tun,
was er von mir will. Ich werde das experimentelle Problem
2
33^33
lösen und die Zigaretten bekommen.« Aber menschliche We-
sen, und besonders Schizophrene, sehen die Sache nicht immer
so. Sie sind durch den Umstand beeinflußt, daß das Experiment
von jemandem durchgeführt wird, dem sie eher keinen Gefallen
tun möchten. Sie können sogar eine gewisse Schamlosigkeit
darin erblicken, jemandem einen Gefallen zu tun, den sie nicht
mögen. Es kommt also vor, daß das Zeichen des Signals, das der
Experimentator aussendet, nämlich Zigaretten auszugeben oder
einzubehalten, verkehrt wird. Was der Experimentator für eine
Belohnung hielt, stellt sich als eine teilweise beleidigende Mit-
teilung heraus, und was sich ihm als eine Bestrafung darstellte,
erweist sich zum Teil als eine Quelle der Genugtuung.
Man denke an den akuten Schmerz des geisteskranken Patien-
ten in einem großen Krankenhaus, der von einem Mitglied der
Belegschaft für einen Augenblick als menschliches Wesen be-
handelt wird.
Um die beobachteten Phänomene zu erklären, müssen wir im-
mer den weiteren Kontext des Lernexperiments berücksichti-
gen, und jede Transaktion zwischen Personen ist ein Lernkon-
text.
Die double ^;W-Hypothese
&jW-Hypothese beruht dann darauf, dem Lernpro-
zeß gewisse Charakteristika zuzuordnen. Wenn diese Hypo-
these auch nur annähernd wahr ist, muß innerhalb der Lern-
theorie Platz für sie geschaffen werden. Insbesondere muß die
Lerntheorie diskontinuierlich gestaltet werden, um sie den Dis-
kontinuitäten in der Hierarchie von Lernkontexten anzuglei-
chen, auf die ich hingewiesen habe.
Zudem weisen diese Diskontinuitäten eine Besonderheit auf.
Ich habe gesagt, daß der größere Kontext das Zeichen der Ver-
stärkung verändern kann, die durch eine gegebene Mitteilung
gesetzt wird, und offensichtlich kann der größere Kontext auch
den Modus verändern - kann die Mitteilung unter die Rubrik
Humor, Metapher usw. stellen. Das Drumherum kann die Mit-
teilung unangemessen werden lassen. Die Mitteilung kann ei-
nen Mißklang mit dem größeren Kontext bilden usw.
Aber diese Modifikationen haben Grenzen. Der Kontext mag

324
dem Empfänger alles über die Mitteilung sagen, aber er kann
dieselbe niemals zerstören oder ihr direkt widersprechen. »Ich
habe gelogen, als ich sagte: >Die Katze ist auf der Matte<« sagt
dem Gegenüber nichts über den Aufenthaltsort der Katze. Es
verrät ihm nur etwas über die Verläßlichkeit der vorausgegan-
genen Information. Zwischen Kontext und Mitteilung (oder
zwischen Metamitteilung und Mitteilung) liegt eine Kluft, die
ihrer Natur nach dieselbe ist, wie die Kluft zwischen einem
Ding und dem Wort oder Zeichen, das für es steht, oder zwi-
schen den Elementen einer Klasse und dem Namen der Klasse.
Der Kontext (oder die Metamitteilung) klassifiziert die Mittei-
lung, kann aber niemals auf gleicher Stufe mit ihr stehen.
Um diese Diskontinuitäten in die Lerntheorie einzugliedern ist
es notwendig, den Bereich dessen zu erweitern, was unter den
Begriff des Lernens fallen soll. Was die Experimentatoren als
»Lernen« beschrieben haben, sind im allgemeinen Veränderun-
gen dessen, was ein Organismus als Reaktion auf ein gegebenes
Signal tut. Der Experimentator beobachtet beispielsweise, daß
der Summer am Anfang keine regelmäßige Reaktion auslöst,
daß das Tier aber nach wiederholten Versuchen, in denen der
Summton von Fleischpulver gefolgt war, beginnen wird, immer
dann Speichel abzusondern, wenn es den Summton hört. Wir
können vorläufig sagen, daß das Tier angefangen hat, dem
Summton Signifikanz oder Bedeutung beizumessen.
Eine Veränderung ist eingetreten. Um eine hierarchische Reihe
zu konstruieren, greifen wir das Wort »Veränderung« heraus.
Reihen, für die wir uns interessieren, sind im allgemeinen nach
zwei Mustern aufgebaut. Innerhalb des Feldes der reinen Kom-
munikationstheorie lassen sich die Stufen einer hierarchischen
Reihe durch sukzessive Anwendung des Wortes »über« oder
»meta« konstruieren. Unsere hierarchische Reihe wird dann
bestehen aus Mitteilung, Metamitteilung, Meta-Metamitteilung
und so weiter. Wo wir es mit Randphänomenen der Kommuni-
kationstheorie zu tun haben, können wir ähnliche Hierarchien
konstruieren, indem wir »Veränderung« auf »Veränderung«
türmen. In der klassischen Physik ist die Abfolge: Lage; Ge-

325
schwindigkeit (d. h. Veränderung der Lage); Beschleunigung
(d. h. Veränderung der Geschwindigkeit oder Veränderung der
Veränderung der Lage); Veränderung der Beschleunigung usw.,
ein Beispiel für eine solche Hierarchie.
Weitere Komplikationen kommen hinzu - selten in der klassi-
schen Physik, aber gewöhnlich in der menschlichen Kommuni-
kation -, wenn wir feststellen, daß Mitteilungen über (oder
»meta« für) die Beziehung zwischen Mitteilungen auf verschie-
denen Ebenen liegen. Der Geruch des Versuchsgeschirrs kann
dem Hund sagen, daß der Summton Fleischpulver bedeuten
wird. Wir werden dann sagen, daß die Mitteilung des Geschirrs
gegenüber der Mitteilung des Summtons meta ist. Aber in
menschlichen Relationen kann eine andere Art von Komplexi-
tät hervorgebracht werden; z. B. können Mitteilungen gemacht
werden, die es dem Subjekt verbieten, den Zusammenhang des
Meta herzustellen. Ein Elternteil, der Alkoholiker ist, kann sein
Kind dafür bestrafen, daß es zeigt, um den Ärger zu wissen, auf
den es sich gefaßt machen muß, wenn der Elternteil die Flasche
aus der Schublade zieht. Die Hierarchie von Mitteilungen und
Kontexten wird so zu einer komplexen, verästelten Struktur.
Wir können also innerhalb der Lerntheorie eine ähnlich hierar-
chische Klassifizierung konstruieren, die prinzipiell genau der
Klassifizierung der Physiker entspricht. Was die Experimen-
tatoren erforscht haben, ist die Veränderung im Empfang eines
Signals. Es ist aber klar, daß ein Signal zu empfangen bereits
Veränderung bedeutet - eine Veränderung von einfacherer oder
niedrigerer Ordnung als die von den Experimentatoren er-
forschte. Damit haben wir die beiden ersten Stufen in einer
Hierarchie des Lernens, und darüber hinaus können wir uns
eine unendliche Reihe vorstellen. Diese Hierarchie1 läßt sich
nun wie folgt darlegen:

i 1971. In meiner abschließenden Fassung dieser Hierarchie von Lernordnun-


gen, veröffentlicht in diesem Band als »Die logischen Kategorien von Lernen
und Kommunikation« (vgl. S. 362) habe ich ein anderes Zählsystem verwendet.
Der Empfang eines Signals wird dort »Lernen null« genannt; Veränderungen
im Lernen null heißen Lernen I; »Deutero-Lernen« heißt Lernen II usw.
326
(1) Der Empfang eines Signals. Ich arbeite an meinem Schreib-
tisch, auf dem eine Papiertüte mit meinem Frühstück liegt. Ich
höre das Krankenhaussignal, und daher weiß ich, daß es zwölf
Uhr ist. Ich greife hin und nehme mein zweites Frühstück ein.
Das Signal kann man als eine Antwort auf eine Frage ansehen,
die durch vorausgegangenes Lernen der zweiten Ordnung in
meinem Geist formuliert worden ist; a~er das einzelne Ereignis
- der Empfang dieses Stücks Informatio.n - ist ein Stück Lernen
und wird als solches durch die Tatsache erkennbar, daß ich
durch seinen Empfang verändert worden bin und jetzt in be-
sonderer Weise auf die Papiertüte reagiere.
(2) Dasjenige Lernen, das eine Veränderung in (1) bedeutet. Es
kommt in den klassischen Lernexperimenten der verschiedenen
Arten zum Ausdruck: Pawlowsch, instrumentelle Belohnung,
instrumentelle Vermeidung, mechanisch, und so weiter.
(3) Dasjenige Lernen, das Veränderungen im Lernen der zwei-
ten Ordnung begründet. Ich habe diese Phänomene in der Ver-
gangenheit sehr unglücklich als >>Deutero-Lernen<< bezeichnet
und dies mit »lernen zu lernen« übersetzt. Richtiger wäre es
gewesen, das Wort Trito-Lernen zu prägen und es zu überset-
zen als »lernen, Signale empfangen zu lernen«. Dies sind die
Phänomene, an denen der Psychiater vornehmlich interessiert
ist, nämlich die Veränderungen, die ein Individuum dazu veran-
lassen, seine Welt eher in der einen als in der anderen Weise
strukturiert zu vermuten. Dabei handelt es sich um die Phäno-
mene, die der »Übertragung« unterliegen - die Erwartung sei-
tens eines Patienten nämlich, daß die Beziehung zum Therapeu-
ten grundsätzlich dieselben Arten von Lernkontexten enthält,
denen der Patient früher im Umgang mit seinen Eltern begegnet
ist.
(4) Veränderungen in denjenigen Veränderungsprozessen, die
in (3) angesprochen waren. Ob Lernen dieser vierten Ordnung
bei menschlichen Wesen vorkommt, ist unbekannt. Was der
Psychotherapeut in seinem Patienten auszulösen versucht, ist
gewöhnlich ein Lernen der dritten Ordnung, es ist aber möglich
und gewiß denkbar, daß einige der langsamen und unbewußten

32 7
Veränderungen Zeichenverschiebungen irgendeiner höheren
Ableitung im Lernprozeß sein können.
An diesem Punkt ist es notwendig, drei Typen von Hierarchien
zu vergleichen, denen wir uns gegenübersehen: (a) die Hierar-
chie von Ordnungen des Lernens; (b) die Hierarchie von Lern-
kontexten und (c) Hierarchien von Kreislaufstrukturen,
KreislaufStrukturen, die wir
im Endhirn erwarten können - oder sogar müssen.
Nach meiner Auffassung sind (a) und (b) in dem Sinne syn-
onym, daß alle Behauptungen, die mit Hilfe von Lernkontexten
aufgestellt werden, (ohne Verlust oder Gewinn) in Behauptun-
gen mit Hilfe von Lernordnungen übersetzt werden könnten
und, darüber hinaus, daß die Klassifizierung oder Hierarchie
von Kontexten mit der Klassifizierung oder Hierarchie von
Lernordnungen isomorph sein muß. Überdies glaube ich, daß
wir mit einer Klassifizierung oder Hierarchie von neurophysio-
logischen Strukturen rechnen sollten, die mit den anderen bei-
den Klassifizierungen isomorph sein werden.
Diese Synonymie zwischen Behauptungen über Lernkontexte
und solchen über Lernordnungen scheint mir selbstverständlich
zu sein; die Erfahrung zeigt aber, daß sie ausgesprochen werden
muß. »Die Wahrheit kann man nicht so formulieren, daß sie
zwar verstanden aber nicht geglaubt wird«, und umgekehrt
kann sie solange nicht geglaubt werden, bis sie so ausgespro-
chen wird, daß sie verstanden werden kann.
Es ist vor allem notwendig, darauf zu insistieren, daß in der
Welt der Kommunikation die einzigen relevanten Einzelwesen
oder »Realitäten« Mitteilungen sind, wozu auch Teile von Mit-
teilungen, Relationen zwischen Mitteilungen, signifikante Brü-
che in Mitteilungen und so weiter gehören. Die Wahrnehmung
eines Ereignisses oder Objekts oder einer Relation ist real. Sie
ist eine neurophysiologische Mitteilung. Aber das Ereignis oder
das Objekt selbst kann nicht in diese Welt eintreten und ist
deshalb irrelevant und insofern irreal. Umgekehrt hat eine Mit-
teilung in der Newtonschen Welt qua Mitteilung keine Realität
oder Relevanz: Dort wird sie auf Schallwellen und Drucker-
schwärze reduziert.
328
Aufgrund desselben Merkmals sind die »Kontexte« und »Kon-
texte von Kontexten«, an denen ich festhalte, nur insofern real
oder relevant, als sie in der Kommunikation wirksam werden,
d. h. als Mitteilungen oder Modifizierungen von Mitteilungen
fungieren.
Der Unterschied zwischen der Newtonschen Welt und der
Welt der Kommunikation besteht einfach in folgendem: Die
Newtonsche Welt schreibt Objekten Realität zu und erreicht
ihre Einfachheit dadurch, daß sie den Kontext des Kontexts
ausschließt - in der Tat alle Metabeziehungen ausschließt -, a.a
fortiori einen unendlichen Regreß solcher Relationen aus-
schließt. Im Gegensatz dazu besteht der Kommunikationstheo-
retiker auf der Erforschung von Metabeziehungen, wobei er die
Einfachheit dadurch erreicht, daß er alle Objekte ausschließt.
Diese Welt der Kommunikation ist eine Berkeleysche Welt,
aber der gute Bischof beging den Fehler der Untertreibung.
Relevanz oder Realität müssen nicht nur dem Geräusch des
Baumes abgesprochen werden, der ungehört im Wald umfällt,
sondern auch diesem Stuhl, den ich sehen kann und auf dem ich
sitze. Meine Wahrnehmung des Stuhls ist für die Kommunika-
tion real, und das, worauf ich sitze, ist für mich nur eine Idee,
eine Mitteilung, in die ich Vertrauen setze.
»In meinem Denken ist ein Ding dieser Welt so gut wie jedes
andere, und ein Hufeisen genügt schon« - weil es im Denken
und in der Erfahrung keine Dinge gibt, sondern nur Mitteilun-
gen und ähnliches.
In dieser Welt habe ich, als ein materielles Objekt, tatsächlich
keine Relevanz und in diesem Sinne keine Realität. »Ich« exi-
stiere jedoch in der Welt der Kommunikation als ein wesentli-
ches Element der Syntax meiner Erfahrung und der anderer,
und die Kommunikationen anderer können meine Identität be-
schädigen, so weit sogar, daß sie die Organisation meiner Er-
fahrung aufbrechen.
Vielleicht wird eines Tages eine elementare Synthese aus einer
Verbindung der Newtonschen Welt und der Kommunikations-
welt erreicht. Das ist aber nicht Ziel dieser Diskussion. Hier
2
33^99
geht es mir darum, die Relation zwischen Lernkontexten und
-Ordnungen klarzulegen, und die notwendige Voraussetzung
hierfür war, den Unterschied zwischen dem Newtonschen und
dem kommunikationstheoretischen Diskurs zu fokussieren.
Mit dieser einführenden Bemerkung wird jedoch klar, daß die
Trennung von Lernkontexten und Lernordnungen nur ein Ar-
tefakt des Kontrasts zwischen diesen beiden Arten des Diskur-
ses ist. Die Trennung wird nur aufrechterhalten, wenn man
sagt, daß die Kontexte außerhalb des physischen Individuums
lokalisiert sind, während die Lernordnungen ihren Sitz inner-
halb haben. Aber in der Welt der Kommunikation ist diese
Dichotomie irrelevant und bedeutungslos. Die Kontexte haben
nur insofern kommunikative Realität, als sie in Form von Mit-
teilungen wirksam werden, d. h. insofern, als sie in vielfachen
Teilen des von uns untersuchten Kommunikationssystems
(richtig oder verzerrt) repräsentiert oder reflektiert werden;
und dieses System ist nicht das physische Individuum, sondern
ein weites Netzwerk von Mitteilungswegen. Einige dieser Wege
sind zufällig außerhalb des physischen Individuums lokalisiert,
andere innerhalb. Aber die Charakteristika des Systems beruhen
in keiner Weise auf irgendwelchen Grenzlinien, die wir über die
Kommunikationskarte legen können. Es ist für die Kommuni-
kation nicht sinnvoll, zu fragen, ob der Stock des Blinden oder
das Mikroskop des Wissenschaftlers »Teile« des Menschen sind,
der sie benutzt. Sowohl der Stock als auch das Mikroskop sind
wichtige Kommunikationswege und als solche Teile des Netz-
werks, für das wir uns interessieren; es kann aber keine Grenz-
linie - z. B. in der Mitte des Stocks - für eine Beschreibung der
Topologie dieses Netzes relevant sein.
Diese Vernachlässigung der Grenze des physischen Individu-
ums impliziert jedoch nicht (wie man vielleicht fürchten könn-
te), daß der kommunikative Diskurs notwendig chaotisch ist.
Vielmehr ist die vorgeschlagene hierarchische Klassifizierung
von Lernen und/oder Kontext ein Ordnen dessen, was den
Newtonianern wie ein Chaos vorkommen muß, und genau die-
ses Ordnen wird von der double /uW-Hypothese
^W-Hypothese gefordert.

33°
Der Mensch muß die Art Tier sein, dessen Lernen durch hierar-
chische Diskontinuitäten dieser Art gekennzeichnet ist, anson-
sten könnte er nicht unter den Frustrationen des double bind
schizophren werden.
Was die Seite der unmittelbaren Anschauung betrifft, so begin-
nen wir langsam, einen Fundus von Experimenten zu bekom-
men, die auf die Realität des Lernens dritter Ordnung hinwei-
sen;2 aber für den genauen Punkt der Diskontinuität zwischen
diesen Lernordnungen gibt es, soweit ich weiß, nur sehr wenig
Belegmaterial. Die Experimente von John Stroud verdienen in
diesem Zusammenhang erwähnt zu werden. Dabei handelt es
sich um Pionierarbeit. Die Versuchsperson blickt auf eine Lein-
wand, auf der sich ein Fleck bewegt, der ein bewegliches Ziel
darstellen soll. Ein zweiter Fleck, der die Kimme eines Gewehrs
repräsentiert, kann von der Versuchsperson, die ein Paar Knöp-
fe bedient, gesteuert werden. Die Versuchsperson wird aufge-
fordert, die Übereinstimmung zwischen dem Zielfleck und dem
von ihm kontrollierten Punkt zu halten. In einem solchen Ex-
periment können dem Ziel verschiedene Arten von Bewegung
gegeben werden, die durch Ableitungen zweiter, dritter oder
höherer Ordnung charakterisiert sind. Stroud zeigte, daß es
auch eine Diskontinuität im Lernen der Versuchsperson gibt,
da in den Gleichungen, die ein Mathematiker zur Beschreibung
der Bewegungen des Zielflecks benutzen könnte, ebenfalls Dis-
kontinuitäten der Ordnung bestehen können. Es ist so, als ob
bei jedem Schritt zu einer höheren Ordnung der Komplexität in
der Bewegung des Ziels ein neuer Lernprozeß beteiligt wäre.
Mich fasziniert die Entdeckung, daß das, wovon man vermutet
hätte, es sei reines Artefakt mathematischer Beschreibung, ebenso
offenkundig ein eingebautes Charakteristikum des menschlichen
Gehirns ist, obwohl dieses Gehirn bei einer solchen Aufgabe
gewiß nicht mit mathematischen Gleichungen arbeitet.

2 C. L. Hull et ai,
al., Mathematico-deductive Theory of Rote Leaming: A Study
in Scientific Methodology (Yale University Institute of Human Relations), New
Häven, Yale University Press, 1940; auch H. F. Harlow, »The Formation of
Learning Sets«, Psychol. Review, 1949, 56: 51-65.
331
Es gibt auch Belege allgemeinerer Natur, die den Begriff der
Diskontinuität zwischen den Lernordnungen stützen könnten.
Da ist beispielsweise die erstaunliche Tatsache, daß die Psycho-
logen das, was ich als Lernen der ersten Ordnung bezeichne,
nämlich den Empfang eines sinnvollen Signals, gewöhnlich
überhaupt nicht als Lernen angesehen haben; und die andere
erstaunliche Tatsache, daß die Psychologen bis vor kurzem we-
nig Interesse für jene dritte Ordnung des Lernens gezeigt ha-
ben, mit der es vornehmlich der Psychiater zu tun hat. Zwi-
schen dem Denken des Experimentalpsychologen und dem des
Psychiaters oder Anthropologen besteht eine riesige Kluft. Die-
se Kluft ist nach meiner Uberzeugung
Überzeugung auf die Diskontinuität in
der hierarchischen Struktur zurückzuführen.

Lernen, Genetik und Evolution

Bevor wir den Einfluß der double £tW-Hypothese


/^W-Hypothese auf Genetik
und Evolutionstheorie untersuchen, ist es notwendig, die Be-
ziehung zwischen Lerntheorien und diesen beiden anderen
Wissensbereichen näher zu betrachten. Oben habe ich diese
drei Themen als eine Trias bezeichnet. Mit der Struktur dieser
Trias müssen wir uns nun befassen.
Die Genetik, unter welche die Kommunikationsphänomene
der Variation, der Differenzierung, des Wachstums und der
Vererbung fallen, wird gewöhnlich als genau der Stoff aner-
kannt, aus dem die Evolutionstheorie gemacht ist. Die Darwin-
sche Theorie bestand, befreit man sie von allen Lamarckschen
Ideen, aus einer Genetik, in der Variation als zufällig angesehen
wurde, und kombiniert mit einer Theorie der natürlichen Selek-
tion gab sie der Anhäufung von Veränderungen die Richtung
der Anpassung. Aber die Relation zwischen Lernen und dieser
Theorie war Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen, die
auch auf die sogenannte »Vererbung erworbener Eigenschaf-
ten« übergegriffen haben.
Darwins Position wurde scharf kritisiert von Samuel Butler, der

332
behauptete, die Vererbung sei mit dem Gedächtnis zu verglei-
chen - oder gar gleichzusetzen. Butler ging von dieser Prämisse
zur Behauptung über, daß die evolutionären Veränderungspro-
zesse, besonders die Anpassung, als Leistung einer tiefen List
im kontinuierlichen Lebensstrom zu betrachten seien, und
nicht als zufällige, vom Glück beigesteuerte Prämien. Er zog
eine enge Analogie zwischen den Phänomenen der Erfindung
und denen der evolutionären Anpassung, und er war vielleicht
der erste, der auf die Existenz von Residual-Organen bei Ma-
schinen hinwies. Die erstaunliche Homologie, durch welche
der Motor vorne im Auto sitzt, wo früher das Pferd war, hätte
ihm Spaß gemacht. Er hat auch sehr zwingend dargelegt, daß es
einen Prozeß gibt, durch den die neueren Erfindungen des An-
passungsverhaltens tiefer in das biologische System des Orga-
nismus eingesenkt werden. Von geplanten und bewußten
Handlungen werden sie zu Gewohnheiten, und die Gewohn-
heiten werden immer unbewußter und immer mehr der will-
kürlichen Kontrolle entzogen. Er nahm, ohne Belege zu haben,
an, daß diese Habitualisierung, oder der Prozeß des Absinkens,
so tief reichen könne, daß sie etwas zum Fundus der Erinnerun-
gen beitrage, den wir als Genotyp bezeichnen und der die Cha-
rakteristika der nächsten Generation bestimmt.
Die Auseinandersetzung über die Vererbung erworbener Ei-
genschaften hat zwei Aspekte. Einerseits scheint sie ein Argu-
ment zu sein, das durch Tatsachenmaterial bestätigt werden
könnte. Ein geeigneter Fall solcher Vererbung könnte die Sache
zugunsten der Lamarckschen Seite entscheiden. Das Argument
gegen eine solche Vererbung, als Negation, kann niemals durch
Beweise erbracht, sondern muß sich auf Theorien stützen. Ge-
wöhnlich argumentieren diejenigen, die der negativen Auffas-
sung zuneigen, mit der Trennung von Keimplasma und somati-
schem Gewebe, womit sie darauf drängen, daß es keine somati-
sche Kommunikation vom Sorna zum Keimplasma geben kann,
in deren Licht sich der Genotyp verändern könnte.
Die Schwierigkeit stellt sich folgendermaßen dar: Man kann
sich vorstellen, daß ein Bizeps-Muskel, der durch Gebrauch

333
oder Nichtgebrauch modifiziert worden ist, spezifische Stoff-
wechselprodukte in den Blutkreislauf absondern könnte und
daß diese als chemische Überbringer vom Muskel zur Keim-
drüse dienen könnten. Es ist aber schwer zu glauben, (a) daß
sich die Chemie des Bizeps so sehr von der etwa des Trizeps
unterscheidet, daß die Mitteilung spezifisch sein könnte, und
(b)
(h) daß das Gewebe der Keimdrüse entsprechend ausgestaltet
sein könnte, um durch solche Mitteilungen angemessen beein-
flußt zu werden. Schließlich muß der Empfänger irgendeiner
Mitteilung den Code des Senders kennen, so daß die Keimzel-
len, wenn sie fähig sind, die Mitteilungen vom somalischen
somatischen
Gewebe zu empfangen, schon eine Version des somatischen
somalischen
Codes in sich tragen müssen. Die Richtungen, die die evolutio-
näre Veränderung mit Hilfe solcher Mitteilungen vom Sorna
einschlagen könnte, müßten im Keimplasma z>orgezeichnet
^orgezeichnet
sein.
Der Einwand gegen die Vererbung erworbener Eigenschaften
beruht daher auf einer Trennung, und der Unterschied zwi-
schen den Denkschulen kristallisiert sich um philosophische
Reaktionen auf eine solche Trennung. Diejenigen, die gewillt
sind, die Welt nach vielfältigen und aufteilbaren Prinzipien or-
ganisiert zu denken, werden die Vorstellung akzeptieren, daß
durch die Umwelt eingeführte somatische Veränderungen
durch eine Erklärung abgedeckt werden können, die in voll-
kommener Trennung von der Erklärung evolutionärer Verän-
derung bestehen könnte. Diejenigen aber, die es vorziehen, eine
Einheit in der Natur zu sehen, werden hoffen, daß diese beiden
Erklärungsmodelle irgendwie in eine Wechselbeziehung zu
bringen sind.
Überdies hat die gesamte Beziehung zwischen Lernen und Evo-
lution seit der Zeit, als Butler behauptete, daß Evolution eher
eine Sache der List als des Glücks sei, eine erstaunliche Verän-
derung durchgemacht, und diese Veränderung konnte gewiß
weder von Darwin noch von Butler vorhergesehen werden.
Was sich ereignet hat, ist, daß heute viele Theoretiker Lernen als
einen im wesentlichen stochastischen oder probabilistischen

334
Prozeß ansehen, und in der Tat ist der stochastische Ansatz,
abgesehen von nicht-trivialen Theorien, die irgendeine Entele-
chie zur Stütze des Geistes postulieren, vielleicht die einzige
organisierte Theorie über die Natur des Lernens. Die Vorstel-
lung besagt, daß im Gehirn oder sonstwo zufällige Veränderun-
gen eintreten und daß die Ergebnisse solcher zufälliger Verän-
derungen durch Verstärkungs- und Ausschaltungsprozesse für
das Uberleben
Überleben selektiert werden. In der Grundlagentheorie
ähnelt das kreative Denken mittlerweile dem Evolutionsprozeß
in seiner grundlegenden stochastischen Natur. Die Verstärkung
wird so gesehen, daß sie der Ansammlung zufälliger Verände-
rungen des Nervensystems Richtung gibt, genau wie die natür-
liche Selektion der Ansammlung von zufälligen Veränderungen
der Variation Richtung geben soll.
Sowohl in der Evolutionstheorie als auch in der Lerntheorie ist
jedoch das Wort »zufällig« auffällig Undefiniert, und es läßt sich
wohl auch nicht gerade leicht definieren. In beiden Bereichen
wird angenommen, daß die Wahrscheinlichkeit einer gegebenen
Veränderung durch etwas anderes als Wahrscheinlichkeit be-
stimmt wird, obwohl die Veränderung auf probabilistischen
Phänomenen beruhen kann. Den stochastischen Theorien der
Evolution und des Lernens liegen unausgesprochene Theorien
über die Determinanten der jeweiligen Wahrscheinlichkeiten
zugrunde.3 Wenn wir jedoch nach Veränderungen in diesen De-
terminanten fragen, erhalten wir wiederum stochastische Ant-
worten, so daß das Wort »zufällig«, auf das alle diese Erklärun-
gen zurückgreifen, als ein Wort erscheint, dessen Bedeutung
hierarchisch strukturiert ist, ähnlich wie die Bedeutung des
Wortes »Lernen«, das im ersten Teil dieser Vorlesung diskutiert
wurde.
Zuletzt wurde die Frage der evolutionären Funktion erworbe-
ner Eigenschaften durch Waddingtons Arbeit über Phänoko-
pien bei der Drosophila wieder gestellt. Diese Arbeit zeigt zu-
3 In diesem Sinne nehmen natürlich alle Theorien der Veränderung an, daß die
nächste Veränderung in gewissem Maße schon in dem System angelegt ist, das
die Veränderung durchlaufen soll.

335
mindest, daß die Veränderungen des Phänotyps, die der Orga-
nismus unter der Belastung durch die Umwelt vollziehen kann,
ein sehr bedeutender Teil der Maschinerie sind, durch welche
die Spezies oder die Vererbungslinie ihren Platz in einer bela-
stenden und konkurrierenden Umwelt behauptet, indem sie die
spätere Erscheinung einer Mutation oder einer anderen geneti-
schen Veränderung in der Schwebe läßt, die dafür sorgen kann,
daß die Spezies oder Linie besser befähigt wird, mit der fort-
dauernden Belastung fertigzuwerden. Zumindest in diesem Sin-
ne haben die erworbenen Eigenschaften eine wichtige evolutio-
näre Funktion. Die wirkliche experimentelle Darstellung zeigt
jedoch noch etwas mehr als das, und eine kurze Wiedergabe ist
angebracht.
Waddington arbeitet mit einer Phänokopie des Phänotyps, der
durch das Gen Bithorax hervorgebracht wird. Dieses Gen hat
sehr weitreichende Auswirkungen auf den ausgewachsenen
Phänotyp. In seiner Anwesenheit wird das dritte Segment das
Thorax so modifiziert, daß es dem zweiten ähnelt, und die klei-
nen Ausgleichsorgane oder Halteren auf diesem dritten Seg-
ment werden zu Flügeln. Das Ergebnis ist eine Fliege mit vier
Flügeln. Dieses Charakteristikum der vier Flügel kann künst-
lich bei Fliegen hergestellt werden, die nicht das Gen Bithorax
in sich tragen, indem man die Puppen eine Zeitlang in Äthyl-
äther legt. Waddington arbeitet mit großen Populationen von
DrosopÄf/rf-Fliegen,
Drosophila-V\\t%en, die von einer wilden Rasse abstammen,
von der man glaubt, sie sei frei von dem Gen Bithorax. Er
behandelt die Puppen dieser Population in aufeinanderfolgen-
den Generationen mit Äther, und aus den sich entwickelnden
Erwachsenen wählt er für die Fortpflanzung diejenigen aus, die
die beste Anpassung an den Bithorax zeigen. Er hat dieses Ex-
periment über viele Generationen fortgeführt, und schon in der
siebenundzwanzigsten Generation findet er, daß das Auftreten
des Bithorax bei einer begrenzten Anzahl von Fliegen zu beob-
achten ist, deren Puppen von der experimentellen Behandlung
ausgenommen und nicht mit Äther behandelt wurden. Bei de-
ren Brut zeigt sich, daß die Erscheinung des Bithorax nicht auf

336
der Anwesenheit des spezifischen Gens Bithorax beruht, son-
dern sich einer Konstellation von Genen verdankt, die gemein-
sam diesen Effekt bewirken.
Diese sehr überraschenden Ergebnisse lassen sich auf verschie-
dene Weisen interpretieren. Wir können sagen, daß Wadding-
ton, indem er die besten Phänokopien aussuchte, in der Tat für
eine genetische Potentialität zur Erreichung dieses Phänotyps
ausgewählt hat. Oder wir können sagen, daß er so ausgewählt
hat, um die Schwelle der Äther-Belastung zu reduzieren, die für
dieses Ergebnis erforderlich ist.
Ich möchte ein mögliches Modell für die Beschreibung dieser
Phänomene vorschlagen. Wir wollen annehmen, daß die erwor-
bene Eigenschaft durch irgendeinen Prozeß von grundlegend
stochastischer Natur erreicht wird - vielleicht irgendeine Art
von somatischem Lernen -, und die bloße Tatsache, daß es
Waddington gelingt, die »besten« Phänokopien auszuwählen,
würde diese Annahme unterstützen. Nun ist offensichtlich, daß
jeder solche Prozeß der Sache nach verschwenderisch ist. Ein
Ergebnis durch Versuch und Irrtum zu erzielen, das auch auf
direktere Weise hätte erzielt werden können, kostet notwendi-
gerweise Zeit und Aufwand. Sofern wir die Anpassungsfähig-
keit als durch einen stochastischen Prozeß erreicht denken, las-
sen wir die Vorstellung einer Ökonomie der Anpassungsfähig-
keit zu.
Im Bereich der geistigen Prozesse ist uns diese Art der Ökono-
mie sehr vertraut, und in der Tat gelingt uns eine große und
notwendige Einsparung durch den bekannten Prozeß der Ge-
wohnheitsbildung. Im ersten Fall können wir ein gegebenes
Problem durch Versuch und Irrtum lösen; wenn aber später
ähnliche Probleme wiederkehren, neigen wir dazu, immer öko-
nomischer mit ihnen umzugehen, indem wir sie aus dem Rah-
men der stochastischen Operation herausnehmen und die Lö-
sungen auf einen tieferen und weniger flexiblen Mechanismus
übertragen, den wir »Gewohnheit« nennen. Es ist daher voll-
kommen verständlich, daß sich im Hinblick auf die Erzeugung
von Bithorax-Charakteristika irgendein analoges Phänomen