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Herfried Münkler

IMPERIEN
Die Logik der Weltherrschaft -
vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten

Rowohlt Taschenbuch Verlag


Unverkäuflicher eText für den Frauensteiner Kreis/2007-pp

Veröffentlicht im Rowohlt Taschenbuch Verlag,


Reinbek bei Hamburg, April 2007
Copyright © 2005 by Rowohlt • Berlin Verlag GmbH, Berlin
Redaktion Bernd Klöckener, Berlin
Kartographie Peter Palm, Berlin
Umschlaggestaltung ZERO Werbeagentur,
München, nach einem Entwurf von any.way, Hamburg
Druck und Bindung Clausen & Bosse, Leck
Printed in Germany
ISBN 978 3 499 62213 7
INHALT

Vorwort 7

1. Was ist ein Imperium? 11


Eine knappe Merkmalsbeschreibung der Imperien 16 – Weltreiche
und Großreiche 22 – Imperialer Interventionszwang, Neutralitäts-
optionen und der Melier-Dialog bei Thukydides 30

2. Imperium, Imperialismus und Hegemonie:


eine notwendige Differenzierung 35
Die selbstzerstörerische Dynamik des Kapitalismus: die ökono-
mischen Imperialismustheorien 36 – Das Zentrum-Peripherie-Pro-
blem 41 – Prestigestreben und Mächtekonkurrenz: die politischen
Imperialismustheorien 50 – Expansionszwänge, Randlagenvorteile
und Zeitsouveränität 59 – Die heikle Unterscheidung zwischen
Hegemonie und Imperium 67

3. Steppenimperien, Seereiche und globale Ökonomien:


eine kleine Typologie imperialer Herrschaft 79
Imperienbildung durch militärische und kommerzielle Mehr-
produktabschöpfung 82 – Die (mindestens) zwei Seiten von Impe-
rien 96 – Imperiale Zyklen und augusteische Schwellen 105
4. Zivilisierung und Barbarengrenze:
Merkmale und Aufgaben imperialer Ordnung 127
Der Frieden als Rechtfertigung imperialer Herrschaft 128 –
Imperiale Mission und Sakralität des Reiches 132 –
Der Barbarendiskurs und die Konstruktion des imperialen
Raumes 150 – Prosperität als Rechtfertigung und Programm
imperialer Herrschaft 157

5. Das Scheitern der Imperien an der Macht


der Schwachen 167
Formen imperialer Überdehnung 172 – Politische
Mobilisierung und militärische Asymmetrierung: die Strategien
antiimperialer Airteure 184 – Kulturelle Identitätskämpfe und
Terrorismus als Strategie des Verwüstungskrieges 200

6. Die überraschende Wiederkehr des Imperiums im


postimperialen Zeitalter 213
Die Diagnose vom Ende des imperialen Zeitalters und das
Problem postimperialer Räume 217 – Die USA: das neue
Imperium 224 – Ein demokratisches Imperium? 235 –
Die imperiale Herausforderung Europas 245

Karten 255
Anmerkungen 279
Literaturverzeichnis 313
Danksagung 331
1. WAS IST EIN IMPERIUM?

Die Debatten über den letzten Irakkrieg, die möglichen Hintergrün-


de und verborgenen Ziele des erneuten militärischen Eingreifens der
USA in der ölreichen Golfregion, überhaupt die Rolle der USA am
Golf und in Zentralasien, dazu die tiefen Zerwürfnisse in den transat-
lantischen Beziehungen haben in Europa den Blick für die Entstehung
einer neuen Weltordnung nach dem Ende des Ost-West-Konflikts
geschärft. Mit der notorischen Weigerung der USA, internationalen
Vereinbarungen beizutreten, vom Kyoto-Protokoll bis zum Internatio-
nalen Strafgerichtshof in Den Haag, zeichnete sich eine Neudefinition
der amerikanischen Position in der politischen Ordnung der Welt ab.
Es kommt hinzu, dass die Beziehungen zwischen den USA und der
UNO, die in den letzten Jahrzehnten nie ohne Probleme gewesen sind,
grundsätzlich zur Disposition stehen, nachdem US-Präsident George
W. Bush in einem denkwürdigen Auftritt vor der Generalversammlung
der Vereinten Nationen am 12. September 2002 damit gedroht hat, die
USA würden einige der drängenden sicherheitspolitischen Probleme
im Alleingang lösen, wenn die Weltorganisation sich dazu als unfähig
erweise.
Dass dies keine leere Drohung war, hat sich im Frühjahr 2003
mit dem Dritten Golfkrieg gezeigt. Zwei Interpretationen des neuen
Verhältnisses der USA zum UN-Sicherheitsrat waren möglich: Ent-
weder die USA suchten ihn als amerikahörigen Legitimationsspender
zu instrumentalisieren oder sie begannen damit, sich aus der notori-

11
sehen Inanspruchnahme als militärischer Arm der Weltorganisation
zu emanzipieren: Sie stellten ihren ebenso hoch entwickelten wie teu-
ren Militärapparat nicht länger in den Dienst der Weltgemeinschaft,
sondern setzten ihn gemäß eigener Interessen und Ziele ein. Die Kon-
flikte im Vorfeld des Irakkriegs waren – auch – eine Kontroverse über
die Frage, wer wen als Instrument benutzen konnte: die Vereinigten
Staaten die Vereinten Nationen oder die Vereinten Nationen die Ver-
einigten Staaten.1
Die europäische Sicherheitsarchitektur, auf die man sich in
Deutschland bis dahin verlassen hatte, schien ebenfalls brüchig gewor-
den. Weitgehend unbemerkt hatte sich die Nato in den 1990er Jahren
aus einem Bündnis auf konsultativer Grundlage in ein Instrument der
USA zur Kontrolle Europas verwandelt. Und wo es sich für die ame-
rikanische Politik als zu sperrig erwies, wurde es kurzerhand durch
eine coalition of the willing ersetzt. Im Vergleich zu den Zeiten des
Kalten Krieges ist die faktische Abhängigkeit der Europäer von den
USA eher gewachsen als gesunken: Wer bei der Erfüllung der ameri-
kanischen Vorgaben nicht mitmacht, muss mit politischem und wirt-
schaftlichem Druck rechnen oder wird mit höhnischen Bemerkungen
überschüttet. Wer sich hingegen auf Seiten der Amerikaner engagieren
will, kann das jederzeit tun – freilich zu amerikanischen Bedingun-
gen und ohne Einfluss auf die politischen Grundentscheidungen, wie
selbst Großbritannien, der Hauptverbündete der USA, ein ums andere
Mal feststellen musste. Daran haben die Probleme, in die sich die USA
im Irak verstrickt haben, im Prinzip nichts geändert. Die Ära wechsel-
seitiger Konsultatiwerpflichtungen im Nordatlantischen Bündnis ist
vorbei, und die Nato-Osterweiterung erweist sich im Nachhinein als
ein Schritt, der den Einfluss der Verbündeten aus den Zeiten der Ost-
West-Konfrontation deutlich gemindert hat.2
In dieser Situation mehrten sich die Appelle an die USA, sie soll-
ten sich mit der Rolle eines wohlwollenden Hegemon begnügen, die
sie bislang innegehabt hätten, und nicht die einer imperialen Macht
anstreben. Um solchen Warnungen Nachdruck zu verleihen, wurde
auf die unkontrollierbaren Risiken von Imperien, auf die Gefahr ihrer

12
Überdehnung und schließlich auf den unvermeidlichen Zusammen-
bruch aller bisherigen Imperien hingewiesen. «Während in der Ver-
gangenheit», so Michael Mann, ein in den USA lehrender Brite, «die
Macht Amerikas hegemonial war, also in der Regel vom Ausland ak-
zeptiert und häufig als legitim betrachtet wurde, kommt sie jetzt aus
den Gewehrläufen. Das untergräbt die Hegemonie und den Anspruch,
ein wohlwollendes Empire› zu sein.»3 Wer versuche, die hegemoni-
ale gegen eine imperiale Position auszutauschen, riskiere nicht bloß,
mit diesem Projekt zu scheitern, sondern laufe Gefahr, auch die He-
gemonie zu verlieren. Hegemonie und Imperium wurden in zahllosen
Varianten gegeneinander ausgespielt, fast immer verbunden mit dem
Hinweis, es sei besser, Hegemon zu bleiben als die imperiale Herr-
schaft anzustreben.
Mit einem Mal wurde die Debatte, die als eine über die Interessen
und Absichten der USA in der Golfregion begonnen hatte, mit einer
Fülle von historischen Argumenten und Vergleichen geführt, die alle-
samt dazu dienten, das irritierend Neue an der Politik der USA sowie
den weltpolitischen Konstellationen durch Analogien mit früheren Ent-
wicklungen ins Vertraute und Überschaubare zurückzuholen. Die Ge-
schichte des Imperium Romanum wurde zur Folie, vor der die Chancen
und Risiken der amerikanischen Politik beurteilt wurden; die Struktur
des British Empire diente als Modell, an dem die imperialen Herausfor-
derungen und die zu ihrer Bewältigung erforderlichen Fähigkeiten der
USA gemessen wurden; und schließlich wurde der ein gutes Jahrzehnt
zurückliegende Zusammenbruch der Sowjetunion als Beispiel für die
Folgen imperialer Überdehnung bemüht, wie sie auch den USA drohe,
wenn sie den eingeschlagenen Weg fortsetzten.4 Aber die historischen
Verweise und Beispiele wurden eher assoziativ als systematisch bemüht,
und fast durchweg sollten sie längst zuvor bezogene Positionen stützen.
Sie dienten eher der historischen Illustration von Argumentationen als
der empirisch gehaltvollen Vergewisserung dessen, was wir aus der Ge-
schichte früherer Weltreichsbildungen lernen können.
Nun ist die Parallelisierung zwischen der amerikanischen und der
römischen Geschichte schon darum nahe liegend, weil sich die USA

13
von ihrer Gründung an auf die römische Republik berufen und sich
selbst in deren Tradition gestellt haben.5 Es handelt sich hierbei also
um die kritische Überprüfung einer Parallele, die im Selbstbewusst-
sein und Selbstverständnis der amerikanischen politischen Elite von
jeher einen zentralen Platz eingenommen hat. Der Vergleich mit dem
Britischen Weltreich wiederum liegt nahe, weil die USA überall dort,
wo sich die Briten nach dem Zweiten Weltkrieg zurückzogen, deren
Nachfolge angetreten und die vormals britischen Positionen über-
nommen haben – dazu gehört nicht zuletzt der Mittlere Osten, der
in jüngster Zeit einen Großteil der politischen Aufmerksamkeit und
des militärischen Potenzials der USA gebunden hat. Der Vergleich mit
der Sowjetunion schließlich ist schon deshalb unvermeidlich, weil die
USA und die Sowjetunion über gut vier Jahrzehnte Konkurrenten um
die weltpolitische Vorherrschaft gewesen sind, bis die Russen unter
Gorbatschow – erschöpft von den Rüstungswettläufen und entkräftet
durch die Kosten, die für die Aufrechterhaltung des Imperiums ange-
fallen waren – aus dem Wettstreit ausgeschieden sind.6
Für eine fundierte Analyse der Chancen und Risiken des amerika-
nischen Empire ist die Vergleichsbasis dieser drei Weltreichsbildungen
jedoch zu schmal. Das Reich der russischen Zaren, das Osmanische
und das Chinesische Reich – die imperiale Macht mit der bei weitem
längsten Dauer – sind auf jeden Fall in eine vergleichende Betrachtung
mit einzubeziehen. Die mongolische Reichsbildung des 13. Jahrhun-
derts sollte in einer Untersuchung über imperiale Handlungslogiken
und –imperative ebenfalls nicht übersehen werden. Sie zerfiel zwar
rasch wieder, aber ihre territoriale Ausdehnung machte sie zu einer
der größten der Geschichte: Mit einer Fläche von 25 Millionen Qua-
dratkilometern wurde das Mongolische Weltreich nur von dem der
Briten übertroffen, das auf seinem Höhepunkt 38 Millionen Quadrat-
kilometer umfasste, allerdings auf fünf Kontinente verteilt, während
sich das Mongolenreich als territorial geschlossene Einheit über fast
ganz Eurasien erstreckte. Auf dem Höhepunkt seiner Machtentfaltung
reichte es vom Gelben Meer im Osten bis an die Ränder der Ostsee
im Westen; lediglich Vorder- und Hinterindien sowie West-, Mittel-

14
und Südeuropa blieben von der mongolischen Besetzung frei.7 Was
die Antike anbetrifft, so sollten neben dem Römischen Reich auch die
hellenistischen Großreiche im Osten ins Auge gefasst werden, und un-
ter den seaborn empires ist außer dem britischen und dem spanischen
Weltreich auch das portugiesische zu berücksichtigen, zumal es von
den europäischen Kolonialreichen das erste war und als letztes von
der politischen Landkarte verschwunden ist – seit dem 18. Jahrhun-
dert freilich eher ein Protege des Britischen Empire als eine eigenstän-
dige politische Macht.8
Diese Zusammenstellung zeigt ein grundsätzliches Problem ver-
gleichender Untersuchungen zur Handlungslogik von Imperien: Zu-
nächst muss die Frage beantwortet werden, was unter einem Impe-
rium zu verstehen ist. Man könnte sie auch dahingehend zuspitzen,
dass es um die Differenz zwischen Großreichen und Weltreichen geht.
Womöglich ließe sich leichter eine Antwort darauf finden, wenn es in
den vergangenen Jahrzehnten eine sozialwissenschaftlich ausgerich-
tete Imperiumsforschung gegeben hätte, die verlässliche Kriterien für
Imperialität entwickelt hätte. Das ist jedoch nicht der Fall. Zwar sind
eine unüberschaubare Fülle historiographischer Darstellungen zu ein-
zelnen Imperien sowie bemerkenswerte komparative Arbeiten zum
Imperialismus entstanden9, aber die Frage, was ein Imperium ist und
worin es sich von der in Europa ausgebildeten politischen Ordnung des
Territorialstaates unterscheidet, ist so gut wie unbearbeitet geblieben.
Das erklärt auch, warum der Imperiumsbegriff in der jüngsten Debatte
über die US-amerikanische Politik eine eher beliebige, häufig bloß de-
nunziatorische Bedeutung angenommen hat. Die Politikwissenschaft
hat ihn nicht definitorisch umrissen und exemplarisch ausgefüllt, son-
dern der Beliebigkeit des publizistischen Alltagsbetriebs überlassen.
Was in langfristig angelegter wissenschaftlicher Arbeit nicht geleis-
tet wurde, kann nicht auf einmal nachgeholt werden. Solange aller-
dings nicht klar ist, was Imperien sind und was sie nicht sind, was sie
leisten müssen und worin sie sich von anderen Ordnungsstrukturen
des Politischen unterscheiden, ist es nicht möglich, aus der verglei-
chenden Betrachtung von Weltreichsbildungen einen nennenswerten

15
Gewinn für die Analyse der neuen Weltordnung und die Rolle der
USA in ihr zu ziehen. Die Handlungslogik von Imperien ist nur zu
verstehen, wenn annähernd klar ist, wodurch sich ein Imperium aus-
zeichnet.

Eine knappe Merkmalsbeschreibung der Imperien

Was ein Imperium ist, soll zunächst vorsichtig gegen das konturiert wer-
den, was es wahrscheinlich nicht ist. Ein Imperium ist erstens zu unter-
scheiden von einem Staat, genauer: vom institutionellen Flächenstaat,
der gänzlich anderen Imperativen und Handlungslogiken unterliegt
als ein Imperium. Das beginnt bei der Art der Bevölkerungsintegration
im Innern und reicht bis zur Konzeption dessen, was als Grenze an-
gesehen wird. Die für Staaten typische Grenzziehung ist scharf und
markant; sie bezeichnet den Übergang von einem Staat zu einem an-
deren. Solche präzisen Trennungslinien sind im Falle von Imperien die
Ausnahme. Zwar verlieren sich die Grenzen eines Imperiums heute
nicht mehr in der Weite eines Raumes, in dem Stämme und Noma-
denvölker das eine Mal imperialen Vorgaben folgten und sich ihnen
das andere Mal widersetzten, aber auch seit dem Verschwinden der
herrschaftsfreien Räume, in die hinein sich die klassischen Imperien
ausdehnen konnten, sind imperiale von staatlichen Grenzen deutlich
unterschieden.
Imperiale Grenzen trennen keine gleichberechtigten politischen
Einheiten, sondern stellen eher Abstufungen von Macht und Einfluss
dar. Zudem sind sie – im Gegensatz zu staatlichen Grenzen – halb-
durchlässig: Wer in den imperialen Raum will, muss anderen Bedin-
gungen genügen als der, der ihn verlässt. Das hängt mit der wirtschaft-
lichen wie kulturellen Attraktivität von Imperien zusammen; es wollen
mehr hinein als heraus, und das hat Konsequenzen für das Grenzre-
gime. US-Amerikaner reisen und arbeiten in aller Welt. Wer jedoch
nicht die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, darf die USA nicht
ohne weiteres betreten. Darin zeigt sich auch ein Statusunterschied:

16
Die an Imperien grenzenden politischen Gemeinschaften haben nicht
dieselbe Dignität wie das Imperium.
Der Halbdurchlässigkeit imperialer Grenzen entsprechen radikal
verschiedene Interventionsbedingungen. So haben die USA seit dem
Ausgang des 19. Jahrhunderts im mittelamerikanischen und karibi-
schen Raum immer wieder in die Politik anderer Staaten eingegriffen,
ohne damit rechnen zu müssen, dass diese ihrerseits auf US-amerika-
nischem Staatsgebiet intervenierten, weder wirtschaftlich noch poli-
tisch und schon gar nicht militärisch. Vor allem diese Asymmetrie un-
terscheidet imperiale von staatlichen Grenzen. Imperien kennen keine
Nachbarn, die sie als Gleiche – und das heißt: als gleichberechtigt – an-
erkennen; bei Staaten hingegen ist das die Regel. Mit anderen Wor-
ten: Staaten gibt es stets im Plural, Imperien meist im Singular. Diese
tatsächliche oder auch bloß behauptete Einzigartigkeit der Imperien
bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Art ihrer inneren Integration:
Während Staaten nicht zuletzt infolge der direkten Konkurrenz mit
den Nachbarstaaten ihre Bevölkerung gleichermaßen integrieren –
und das heißt vor allem: ihnen gleiche Rechte gewähren, ob sie nun
im Kerngebiet des Staates oder in den Grenzregionen lebt –, ist dies
bei Imperien nicht der Fall: Fast immer gibt es hier ein vom Zentrum
zur Peripherie verlaufendes Integrationsgefälle, dem zumeist eine ab-
nehmende Rechtsbindung und geringer werdende Möglichkeiten kor-
respondieren, die Politik des Zentrums mitzubestimmen. Im Fall der
USA zeigt sich dies an all jenen Gebieten, die unter amerikanischem
Einfluss stehen, aber nicht die Chance hatten, als Bundesstaat in die
USA aufgenommen zu werden. Im karibischen Raum sind einige Bei-
spiele dafür zu finden.
Imperiale Grenzen können alternativ zu denen von Staaten sein.
Die europäischen Kolonialreiche waren innerhalb Europas durch
Staatsgrenzen getrennt, während sie in Afrika und Asien imperiale
Grenzen zu ihren Nachbarn – meist lockeren Herrschaftsverbünden –
hatten. Beide Arten von Grenzen unterschieden sich deutlich vonein-
ander, und durch sie war erkennbar, was jenseits ihrer begann: ein
Staat oder ein Imperium. Imperiale können staatliche Grenzen aber

17
auch überlagern und auf diese Weise verstärken: Zwischen der Bun-
desrepublik Deutschland und der DDR verlief einst eine Staatsgrenze,
die gleichzeitig die Außengrenze des Sowjetimperiums war; erst diese
Bündelung hat ihr den eigentümlichen Charakter verliehen, mit dem
sie in die Geschichte eingegangen ist. Seitdem die gesamte bewohn-
bare Erdoberfläche politisch in Gestalt von Staaten geordnet ist, gibt
es nur noch ein komplementäres, kein alternatives Verhältnis mehr
zwischen beiden Arten von Grenzen: Imperiale Strukturen überlagern
die Ordnung der Staaten, aber sie stehen nicht mehr an deren Stelle.
Das macht es mitunter so schwer, Imperien zu identifizieren. Wer Im-
perialität lediglich als Alternative zu Staatlichkeit denkt, wird zu dem
Ergebnis kommen, dass es heute keine Imperien mehr gibt. Wer dage-
gen von einer Überlagerung der Staaten durch imperiale Strukturen
ausgeht, wird auf Macht- und Einflussgefüge stoßen, die nicht mit der
Ordnung der Staaten identisch sind. Dass sich imperiale Strukturen
eher im informalen Bereich ausmachen lassen, ist auch eine Folge der
eigentümlichen Grenzsituation von Imperien. Staatengrenzen stellen
häufig eine Bündelung von politischen und wirtschaftlichen, sprach-
lichen und kulturellen Grenzen dar. Das verleiht ihnen ihre Stärke
und macht sie zugleich hart und inflexibel. Imperiale Grenzen dagegen
lassen sich als ein Geflecht beschreiben, in dem politische und wirt-
schaftliche Grenzziehungen voneinander getrennt sind, kulturelle Dif-
ferenzen gestuft werden und sprachliche ohnehin irrelevant sind. Das
nimmt Imperiumsgrenzen an Formalität und erhöht ihre Flexibilität.
Weiterhin ist das Imperium – zweitens – zu konturieren gegen die
Dominanzstrukturen der Hegemonie, wobei jedoch hinzuzufügen ist,
dass die Übergänge zwischen hegemonialer Vorherrschaft und imperia-
ler Herrschaft fließend sind. Dennoch ist es sinnvoll, beide voneinan-
der zu unterscheiden. Hegemonie ist danach Vorherrschaft innerhalb
einer Gruppe formal gleichberechtigter politischer Airteure; Imperia-
lität hingegen löst diese – zumindest formale – Gleichheit auf und
reduziert die Unterlegenen auf den Status von Klientelstaaten oder
Satelliten. Sie stehen in einer mehr oder weniger erkennbaren Abhän-
gigkeit vom Zentrum.

18
In den zurückliegenden Jahrzehnten ist die Stellung der Sowjet-
union im Warschauer Pakt und die der USA in der Nato durch die
Kontrastierung von Imperium und Hegemonie beschrieben worden:
Die Sowjetunion sei von Satellitenstaaten umgeben gewesen, deren
Bewegungen vom Zentrum bestimmt wurden10, die Nato dagegen galt
als ein System prinzipiell gleicher Alliierter, innerhalb dessen den USA
als dem bei weitem größten und stärksten Partner eine herausgeho-
bene Bedeutung zukam – etwa dadurch, dass sie grundsätzlich den
Oberbefehlshaber der Streitkräfte stellten, während die anderen Mit-
gliedsstaaten den Posten des Generalsekretärs besetzen durften. In der
Kontrastierung von Nato und Warschauer Pakt zeigt sich auch, dass
die Unterscheidung zwischen Hegemonie und Imperium in der Ost-
West-Konfrontation politisch-ideologisch aufgeladen wurde.
Eine andere, aufgrund der großen zeitlichen Distanz politisch eher
unverfängliche Exemplifizierung des Unterschieds zwischen Hege-
monie und Imperium ist die Verwandlung des Delisch-Attischen See-
bundes in die athenische Thalassokratie. Danach handelte es sich bei
dem ursprünglichen Seebund um ein gegen die persische Dominanz
an der kleinasiatischen Westküste und im ägäischen Raum gerichtetes
Bündnis, in dem alle Partner gleiche Rechte besaßen. Freilich leiste-
ten sie von Anfang an sehr unterschiedliche Beiträge: Manche zahlten
nur Geld, andere stellten einige Schiffe, aber das Hauptkontingent der
Kriegsflotte kam stets aus Athen.11
Die faktische Ungleichheit der Beiträge und Fähigkeiten blieb nicht
ohne Folgen für die innere Verfassung des Bundes, der sich zuneh-
mend aus einer hegemonia in eine arche verwandelte: Aus der Vor-
herrschaft wurde Herrschaft.12 Athen stellte den Befehlshaber der
Streitkräfte und den Schatzmeister des Bundes, es legte die Höhe der
Beiträge fest, dominierte die Handelsgerichtsbarkeit und setzte durch,
dass seine Gewichte und Maße im gesamten Bundesgebiet verbind-
lich waren. Obendrein unterhielt es Garnisonen in den Städten der
Bündnispartner und erlangte so Einfluss auf deren innere Verhältnisse.
Schließlich verlegte es die Bundeskasse von Delos nach Athen, ließ
den Treueid nicht länger auf «Athen und seine Bündner», sondern auf

19
«das Volk von Athen» ablegen und verlagerte die Entscheidung über
Krieg und Frieden von der Bundesversammlung auf die athenische
Volksversammlung. Aus dem Hegemon war ein Despot geworden, wie
die Korinther erklärten, als sie den Lakedämonischen Bund zum Krieg
gegen Athen aufstachelten.13
Es ist nahe liegend, die Neupositionierung der USA innerhalb
«des Westens» vor dem Hintergrund der Verwandlung des Delisch-
Attischen Seebundes in die athenische Thalassokratie zu beschreiben.
Zwar war sie weder von der räumlichen Ausdehnung noch der zeitli-
chen Dauer her ein wirkliches Imperium, aber viele Elemente imperia-
ler Politik sind bei ihr wie durch ein Brennglas zu beobachten – nicht
zuletzt, weil diese Entwicklung von dem Historiker Thukydides Schule
machend beschrieben worden ist. Deswegen wird nachfolgend immer
wieder von der athenischen Seeherrschaft die Rede sein, auch wenn
sie nur eingeschränkt unter dem Oberbegriff des Imperiums verbucht
werden kann.
Schließlich ist das Imperium – drittens – gegen das zu konturieren,
was seit dem 19. Jahrhundert als Imperialismus bezeichnet wird. Die
Unterscheidung zwischen Imperiums- und Imperialismustheorien er-
möglicht es zunächst, die normativ-wertende Perspektive so gut wie
aller Imperialismustheorien zu verlassen und einen stärker deskrip-
tiv-analytischen Blick auf die Handlungsimperative von Imperien zu
werfen. Obendrein fassen der Imperialismusbegriff sowie die zugehö-
rigen Theorien die Entstehung von Imperien grundsätzlich als einen
vom Zentrum zur Peripherie hin verlaufenden Prozess, womit eine
Einsinnigkeit der Entwicklungsrichtung unterstellt wird, die bei der
Beobachtung realer Imperien eher hinderlich ist.
Imperialismus heißt, dass es einen Willen zum Imperium gibt;
gleichgültig, ob er aus politischen oder ökonomischen Motiven gespeist
wird – er ist die ausschlaggebende, wenn nicht die einzige Ursache der
Weltreichsbildung. Dagegen steht das bekannte Bonmot des englischen
Historikers John Robert Seeley, der 1883 erklärte, das Britische Em-
pire sei «in a fit of absence of mind», einem Augenblick der Geistes-
abwesenheit, entstanden.14 Gerade in ihrer strategischen Einseitigkeit

20
- Seeley wollte damit zu einer bewusst imperialistischen Politik auf-
rufen, da er befürchtete, das Britische Weltreich werde sonst zwischen
den neuen Großmächten USA und Russland zerrieben – verweist die-
se Formulierung darauf, in welchem Maße die Imperialismustheorien
die Zielstrebigkeit und Bewusstheit jener Akteure überzeichnen, die
auf irgendeine Weise in die Entstehungsgeschichte von Imperien ver-
wickelt waren. Eine grand strategy hat kaum einer Imperiumsbildung
zugrunde gelegen. Die meisten Imperien verdankten ihre Existenz
einem Gemisch von Zufällen und Einzelentscheidungen, die oftmals
auch noch von Personen getroffen wurden, welche dafür politisch gar
nicht legitimiert waren. So gesehen ist fast jedes von ihnen «in a fit of
absence of mind» entstanden.
Der Blick aufs Zentrum, wie er in den Imperialismusvorstellun-
gen dominiert, muss durch den Blick auf die Peripherie ergänzt wer-
den – auf die dortigen Machtvakuen und wirtschaftlichen Dynamiken,
die Interventionsbitten der in Regionalkonflikten Unterlegenen und
die Entscheidungen der vor Ort Verantwortlichen. In der Formel vom
«Imperium auf Einladung», die in jüngster Zeit für die Ausdehnung
der amerikanischen Macht- und Einflusssphäre geprägt worden ist15,
soll vor allem die Initialfunktion der Peripherie bei der Entstehung
von Imperien zum Ausdruck kommen. Es gibt zweifellos eine impe-
riale Dynamik, die aus dem Zentrum zur Peripherie drängt und den
eigenen Machtbereich immer weiter expandiert; daneben ist jedoch
ein von der Peripherie ausgehender Sog zu bemerken, der ebenfalls
zur Ausdehnung des Herrschaftsbereiches führt. Welche von beiden
Wirkungen die stärkere ist, kann nur von Fall zu Fall entschieden wer-
den. Während Imperialismustheorien voraussetzen, dass die Dynamik
des Zentrums maßgeblich sei16, wird hier davon ausgegangen, dass die
genauere Beobachtung der Peripherie nicht nur im Hinblick auf ver-
gangene Imperien bedeutsam ist, sondern auch für die Analyse der
US-Politik in den letzten Jahrzehnten.

21
Weltreiche und Großreiche

Der Versuch, mit den Mitteln der Kontrastierung gegen andere politi-
sche Ordnungen die Konturen des Phänomens «Imperium» genauer
zu bestimmen, wird in den nachfolgenden Kapiteln weitergeführt. Zu-
vor sollen jedoch noch einige heuristische Kriterien festgelegt werden,
mit der sich Weltreiche gegen regionale Reiche oder kurzlebige Impe-
riumsbildungen abgrenzen lassen.
Da ist zunächst die zeitliche Dauer eines Imperiums, das mindes-
tens einen Zyklus des Aufstiegs und Niedergangs durchschritten und
einen neuen angefangen haben muss.17 Das Kriterium des längeren
Bestehens eines Imperiums wird damit an der institutionellen Reform-
und Regenerationsfähigkeit festgemacht, durch die es sich gegenüber
den charismatischen Qualitäten seines Gründers (oder der Gründer-
generation) verselbständigt. Damit ist klar, dass der napoleonischen
Großreichsbildung im Folgenden keine größere Aufmerksamkeit
gewidmet wird, ebenso wenig wie den noch schneller gescheiterten
Vorhaben des italienischen Faschismus und des deutschen National-
sozialismus oder dem japanischen Versuch, eine «Ostasiatische Wohl-
standssphäre» aufzubauen.
Schwieriger ist diese Entscheidung im Falle des Wilhelminischen
Kaiserreichs, das – selbst wenn man dessen imperiale Politik nicht mit
seiner Gründung 1871 im Spiegelsaal von Versailles, sondern erst mit
der Entlassung Bismarcks durch Wilhelm II. beginnen lässt – um eini-
ges länger gedauert hat als die im Wesentlichen auf die Anfangserfolge
von Kriegen beschränkten Imperialprojekte Mussolinis und Hitlers.
Wenn man die Wilhelminische und die nazistische Imperialpolitik
schließlich als zwei aufeinander folgende, nur durch die Niederlage
im Ersten Weltkrieg getrennte Zyklen zusammennimmt, scheint eini-
ges dafür zu sprechen, Deutschland in die Reihe der Imperien auf-
zunehmen. Dann hätte obendrein ein Elitenaustausch stattgefunden,
und das genannte Kriterium der Regeneration wäre erfüllt. Ähnliches
ließe sich von der japanischen Großreichsbildung sagen, falls man de-
ren Anfänge auf den japanisch-russischen Krieg von 1905 zurückführt.

22
Aber auch dann wird man einschränkend hinzufügen müssen, dass
eine wirkliche Weltreichsbildung in beiden Fällen erst sehr spät be-
gonnen hat und von relativ kurzer Dauer war. Obendrein lässt sich
aufgrund des frühen Scheiterns von Deutschland und Japan nicht de-
finitiv klären, ob es dabei um Weltreichs- oder regionale Großreichs-
bildung ging. Im Unterschied zu Michael Doyle, der Deutschland und
Frankreich in seiner vergleichenden Analyse der Großreichsbildungen
einen zentralen Platz eingeräumt hat, werden beide hier nur als Bei-
spiele für failed empires herangezogen.18
Neben dem Kriterium der zeitlichen ist das der räumlichen Ausdeh-
nung wichtig: Eine Macht, die nicht über ein beachtliches Herrschafts-
gebiet verfügt, wird man nicht ernstlich als Imperium bezeichnen kön-
nen. So wäre die Donaumonarchie von ihrer Dauer her fraglos als
eine imperiale Macht anzusprechen, aber kaum von ihrer räumlichen
Ausdehnung her. Es handelte sich vielmehr um ein mitteleuropäisches
Großreich, das im so genannten Konzert der europäischen Mächte
mit Staaten wie Frankreich auf einer Ebene stand, doch keine He-
gemonie innerhalb Gesamteuropas anstrebte. Seine Vormachtstellung
beschränkte sich – selbst zu der Zeit, als die Habsburger die deutsche
Kaiserkrone trugen – auf den mitteleuropäischen Raum. Eine Ausnah-
me bildet Kaiser Karl V., der zugleich König von Spanien und Herr
der Niederlande war und über wesentlich größere Ressourcen als die
später in Wien residierenden Kaiser verfügte. Mit der Trennung der
spanischen und der deutschen Linie des Hauses Habsburg im Jahre
1556 sind die Merkmale der Imperialität auf Madrid übergegangen.19
Das berühmte «AEIOU», die Imperialformel Austriae est imperare in
orbe ultimo (auf deutsch: «Alles Erden ist Oesterreich unterthan»),
war danach nur noch eine historische Reminiszenz.20
Nun ist das Kriterium der räumlichen Ausdehnung auf Kontinen-
talimperien sehr viel leichter anzuwenden als auf Seeimperien, deren
Macht und Einfluss sich weniger in der Zahl der beherrschten Qua-
dratkilometer manifestiert als in der Kontrolle von Waren-, Kapital-
und Informationsströmen sowie wirtschaftlicher Knotenpunkte.21
Hochseehäfen und gesicherte Handelsrouten, die ihnen zur Verfügung

23
stehenden Ressourcen und das Vertrauen der Geschäftspartner in eine
weltweit akzeptierte Währung sind bei Seereichen für die Machtentfal-
tung erheblich wichtiger als die physische Kontrolle von Territorien.22
Auf diesen zentralen Unterschied imperialer Machtbildung, der im
Gegensatz von Land- und Seeimperien seinen Niederschlag gefunden
hat, wird noch ausführlicher zurückzukommen sein. Hier ist zunächst
nur von Interesse, dass geoökonomische Faktoren nicht als eine von
der imperialen Machtbildung unabhängige Größe anzusehen sind. Die
Kontrolle des Handels kann ebenso eine Quelle imperialer Macht sein
wie die Beherrschung von Gebieten und Räumen. Spanien etwa ver-
fügte am Ende des 16. Jahrhunderts über keine international bedeu-
tende Handels- und Bankenstadt. Es war deshalb nicht in der Lage, die
europäische Weltwirtschaft zu kontrollieren, und somit konnte es den
Aufstieg Englands zu einem konkurrierenden, schließlich überlegenen
Imperium nicht verhindern.
Gerade der Blick auf den beginnenden Niedergang Spaniens und
den Aufstieg Englands zeigt aber auch, dass die Kontrolle der Waren-
und Kapitalströme und die Beherrschung von Territorien nicht ohne
weiteres voneinander zu trennen sind: Da Spanien bei dem Versuch
scheiterte, die Herrschaft über die Niederlande zurückzugewinnen, be-
ziehungsweise dort, wo die Spanier die territoriale Kontrolle wieder-
erlangten, der Handel zum Erliegen kam und die Wirtschaftsströme
gleichsam einen Bogen um die spanisch dominierten Gebiete machten,
verloren sie die ökonomische Kontrolle über Europa und damit auch
ihre internationale Kreditfähigkeit. Eine Reihe von Staatsbankrotten
war die Folge. Ein Sieg der Armada im Jahre 1588 und eine Invasion
Englands wäre die letzte Chance Spaniens gewesen, auf dem Umweg
über die Beherrschung von Territorien die Kontrolle über die Wirt-
schaftsströme zurückzuerlangen. Als dies fehlschlug, war der Scheitel-
punkt der imperialen Machtentfaltung Spaniens überschritten.
Noch stärker als bei staatlichen sind bei imperialen Machtbildungen
geopolitische und geoökonomische Faktoren ineinander verwoben.
Weil sie immer wieder zusammenwirken, müssen sie auch gemeinsam
betrachtet werden. Dabei können dann kleine Faktoren militärischer

24
Überlegenheit, wie sie 1588 etwa aus der besseren Metallurgie der
Engländer beim Guss von Kanonen resultierte, den Ausschlag für Auf-
stieg und Niedergang eines Imperiums geben.23 Vor allem aber zeigt
das Beispiel, dass sich das Weltreichskriterium der räumlichen Aus-
dehnung nicht auf die physische Kontrolle von Räumen beschränken
lässt, sondern auch in deren virtueller Kontrolle bei der Lenkung von
Waren- und Kapitalströmen bestehen kann. Das Kriterium der räum-
lichen Ausdehnung ist somit mindestens ebenso komplex wie das der
zeitlichen Dauer.
Das leitet über zu einem der schwierigsten Probleme bei der Be-
stimmung von Weltreichen, der Frage nämlich, was unter «Welt» zu
verstehen ist. Es scheint nahe liegend, darunter die Erde in ihren glo-
balen Ausmaßen zu begreifen. Das hätte zur Folge, dass eigentlich nur
die USA, und auch sie erst nach dem Zusammenbruch der Sowjet-
union, als Weltreich gelten dürften. Allenfalls wäre ihnen noch das
Britische Empire als Vorläufer hinzuzufügen. Damit wäre einer ver-
gleichenden Betrachtung von Weltreichen die Grundlage entzogen. Im
Prinzip argumentieren jene Autoren so, die auf der historischen Ein-
zigartigkeit der USA bestehen: Erstmals sei hier, wenngleich eher mit
den Mitteln informeller Dominanz als denen formaler Herrschaft, eine
erdumspannende Macht entstanden – womit dann jede weitere Be-
schäftigung mit der Geschichte der Weltreiche für das Verständnis der
gegenwärtigen Lage bedeutungslos wäre. In gewisser Hinsicht folgen
Michael Hardt und Antonio Negri in ihrem Buch Empire (2002) die-
sem Argumentationsmodell, wobei das von ihnen identifizierte neue
Empire freilich nicht mit der amerikanischen Macht deckungsgleich
ist; vielmehr hat es sich jenseits politischer Grenzen und Souveränitä-
ten als neue Netzwerkstruktur formiert.
Nun zeigt allerdings schon ein etwas genauerer Blick auf die Macht
der USA, dass sie nicht nur aus der Beherrschung des Erdraums, son-
dern ebenso aus der des Weltraums erwächst. Das bezieht sich auf die
satellitengesteuerten Marschflugkörper, die das US-Militär in die Lage
versetzen, an jedem Ort der Erde militärisch einzugreifen, aber auch
auf die amerikanische Fähigkeit, die Expansionsphantasien und tech-

25
nologischen Visionen der Menschheit zu bündeln und zu kanalisieren – von de
von Menschen in einer Erdumlaufbahn bis zur Besiedlung des Mars.
Der Weltbegriff bekommt infolgedessen transglobale Züge.24 Die Trans-
globalität ist eine wesentliche Machtressource des amerikanischen Im-
periums. Doch das ist kein Grand dafür, dessen Unvergleichbarkeit
mit früheren Imperien zu behaupten.

«Welt» ist eine relative und variable Größe, die nicht durch Invarian-
ten wie den geographischen Umriss von Kontinenten oder die physi-
schen Ausmaße des Globus festgelegt werden kann. Die Gestalt der
Ökumene wird durch das jeweilige Blickfeld und den Horizont von
Zivilisationen bestimmt, also eher durch kulturelle und technologische
als durch rein geographische Faktoren.25 Was «Welt» jeweils ist, hat
mit der Ausdehnung von Handelsbeziehungen, der Dichte von Infor-
mationsflüssen, der Ordnung des Wissens, den nautischen Fähigkeiten
und vielem mehr zu tun. So hat sich der Weltherrschaftsanspruch der
Imperien von der Antike bis heute immer stärker ausgeweitet, und in-
folgedessen ist inzwischen auf dem Globus tatsächlich nur noch Platz
für ein einziges Imperium – gemäß dem Merkmal, wonach Imperien
auf ihrer Einmaligkeit und Einzigartigkeit bestehen müssen.
Von der Antike bis in die Neuzeit hinein war Platz für mehrere
Imperien, ohne dass dies deren Anspruch auf Imperialität dementiert
hätte. Das Chinesische und das Römische Reich bestanden über Jahr-
hunderte als «Parallelimperien»26 nebeneinander; ihre Legitimitäts-
ansprüche wurden dadurch in keiner Weise eingeschränkt. Die von
beiden Imperien beherrschten «Welten» berührten einander nicht.
Dagegen stellte die Koexistenz der byzantinischen mit den karolingi-
schen, ottonischen und salischen Kaisern deren imperiale Legitimität
in Frage: Sie gehörten derselben «Welt» an, und in der konnte es ei-
gentlich nur einen kaiserlichen Oberherrn geben. Dementsprechend
haben sie einander zumindest auf der zeremoniellen Ebene den An-
spruch auf Ebenbürtigkeit abgestritten.27
Relativ unproblematisch wiederum konnten bis ins frühe 20. Jahr-

26
hundert hinein das Britische Empire und das Reich der russischen
Zaren koexistieren; die von ihnen beherrschten «Welten» waren von-
einander getrennt und vor allem hinreichend unterschiedlich. Das be-
zieht sich nicht nur auf die von Briten und Russen jeweils dominierten
Räume, wobei es zu einer Teilung Asiens in eine Nord- und eine Süd-
hälfte entlang der großen Gebirgsketten vom Kaukasus bis zum Hima-
laja kam28, sondern mehr noch auf die Art der von beiden ausgeübten
Herrschaft: Das über administrative, wenn nötig militärische Kontrolle
integrierte Kontinentalimperium der Russen und das wesentlich über
wirtschaftlichen Austausch zusammengehaltene britische Imperium
der Seewege bedrohten sich nicht gegenseitig und stellten einander
auch legitimatorisch nicht in Frage – jedenfalls solange die Russen
darauf verzichteten, ihrem «Drang zum warmen Meer» freien Lauf
zu lassen.
Das war bei den Nachfolgeimperien der Briten und Russen, den
USA und der Sowjetunion, in dieser Form nicht mehr der Fall: Schon
durch ihre jeweilige Leitvorstellung, ihre Mission, leugneten sie die
Existenzberechtigung des anderen. Obendrein konkurrierten sie in
denselben Räumen und Sphären: vom Vorstoß der Sowjetunion auf
die Weltmeere durch den Aufbau einer beachtlichen Kriegsflotte bis
zum Wettlauf um die Vorherrschaft im Weltraum. Für die USA und
die Sowjetunion war, im Unterschied zum Britischen Empire und zum
Zarenreich, die Existenz des jeweils anderen eine Einschränkung des
eigenen imperialen Führungsanspruchs. Sie teilten eine gemeinsame
«Welt», während Zarenreich und Britisches Empire in ihren eignen
«Welten» herrschten.
Was zwischen die koexistierenden «Welten» des britischen See-
reichs und des russischen Kontinentalimperiums jedoch nicht mehr
passte, war ein Dritter, der in dem verbliebenen Zwischenraum ein
weiteres Imperium zu errichten suchte. Zwangsläufig musste er mit
einem der beiden Imperien in Konflikt geraten, und der uferte regel-
mäßig in einen großen Krieg aus, in dem sich schließlich auch das
andere Imperium gegen ihn wandte. Man kann es mithin als die
Handlungslogik der beiden auf ihre je eigenen «Welten» beschränk-

27
ten Imperien bezeichnen, dass sie nach einer Zeit des Beobachtens
und Abtastens gegen den Dritten zusammenarbeiteten und ihn an der
Machtentfaltung hinderten. Das wiederholte sich von Napoleon über
Wilhelm II. bis zu Hitler und Kaiser Hirohito, und dabei war es gleich-
gültig, mit welchem der beiden Imperien der Dritte die strategische
Konfrontation suchte. Für Napoleon war es von Anfang an das Bri-
tische Empire, während Wilhelm II. und Hitler die Auseinanderset-
zung mit den Briten möglichst zu vermeiden suchten, indem sie ihre
Vorherrschaftsansprüche entweder auf den europäischen Kontinent
beschränkten oder nach Osten richteten. Napoleon und Hitler sind
wesentlich im Osten gescheitert, Wilhelm II. dagegen hat Thron und
Reich im Konflikt mit dem Westen verloren. Japan schließlich, dem
es zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelungen war, sich gegen Russland
durchzusetzen, scheiterte im Zweiten Weltkrieg an den USA, die auch
hier die strategische Kooperation mit der Sowjetunion gesucht hatten.
In allen Fällen freilich legten die Imperative des See- wie des Konti-
nentalimperiums ein Zusammenwirken gegen den Dritten nahe, und
die Handlungsimperative, die aus den jeweiligen imperialen «Welten»
erwuchsen, setzten sich gegen alle Ziele und Absichten durch, die dem
entgegenstanden.29
Wie lassen sich diese imperialen «Welten», deren äußere Begren-
zungen relativ leicht erkennbar sind, näherhin beschreiben? Was
kennzeichnet sie im Innern, und worin unterscheiden sie sich von
nicht-imperialen Welten? Und nicht zuletzt: Gibt es Merkmale, die
den Binnenräumen von Kontinental- und Seeimperien gemeinsam
sind?
Auf das für imperiale Räume charakteristische Zentrum-Periphe-
rie-Gefälle wurde bereits hingewiesen; bei den Imperien, die auf der
Beherrschung von Räumen beruhen, ist es offenbar ebenso anzutreffen
wie bei denen, die ihre Macht vor allem aus der Kontrolle von Strö-
men gewinnen. Daneben findet sich in der Literatur immer wieder der
Hinweis auf den multiethnischen beziehungsweise multinationalen
Charakter von Imperien. Diese Charakterisierung ist jedoch proble-
matisch, weil einerseits trivial – ausgedehnte Reiche umfassen zwangs-

28
läufig mehrere ethnische beziehungsweise nationale Gemeinschaf-
ten – und andererseits politisch definiert, denn darüber, was ethnische
und nationale Unterschiede sind, ob sie akzeptiert oder unterdrückt
werden, verfügt letztlich das imperiale Zentrum: als ein Machtinstru-
ment im Sinne des divide et impera.30
Vor allem im europäischen Rahmen ging es im Verhältnis zwi-
schen den westeuropäischen Nationalstaaten und den mittel- und
osteuropäischen Reichen stets auch um die Frage, was deren jeweili-
ge Stärken und was ihre Schwächen seien: nationale Geschlossenheit
oder multiethnische Vielfalt. Hatte sich unter dem Eindruck der no-
torischen Schwäche des Osmanischen Reichs sowie der zentrifugalen
Tendenzen in der Donaumonarchie und im Zarenreich zu Beginn des
20. Jahrhunderts die Auffassung durchgesetzt, der Nationalstaat sei
dem multiethnischen Reichsverband im Konfliktfall überlegen – eine
Auffassung, die durch den Ausgang des Ersten Weltkriegs als bestä-
tigt angesehen werden konnte –, so haben der Aufstieg der USA und
der Sowjetunion sowie die weltpolitische Marginalisierung der euro-
päischen Nationalstaaten das Pendel wieder in die entgegengesetzte
Richtung zurückschwingen lassen. Offenbar handelt es sich hier um
Eindrücke und Vorstellungen, die den jeweiligen Zeitumständen ge-
schuldet sind, und nicht um empirisch belastbare Kriterien wissen-
schaftlicher Analyse.
Ein Blick auf den prozentualen Anteil des dominierenden Volkes
innerhalb eines Imperiums zeigt, dass daraus kaum Schlüsse bezüg-
lich der räumlichen Ausdehnung und zeitlichen Dauer des Reichs ge-
zogen werden können: So betrug der Anteil von Han-Chinesen im
Chinesischen Reich die längste Zeit über um 90 Prozent; der Anteil
der Russen innerhalb des Zarenreichs lag 1897 bei 44 Prozent, der
der Deutsch-Österreicher in der Donaumonarchie während der letz-
ten Volkszählung von 1910 bei etwa 24 Prozent und der der Briten
in ihrem Weltreich 1925 bei 10 Prozent.31 Zumindest in kurz- und
mittelfristiger Perspektive lassen diese Zahlen kaum weiter reichen-
de Schlussfolgerungen zu. Ein allgemeines Kriterium von Imperien ist
daraus nicht zu gewinnen.

29
Imperialer Interventionszwang, Neutralitätsoptionen
und der Melier-Dialog bei Thukydides

Aufschlussreicher als der multiethnische beziehungsweise multinatio-


nale Charakter von Imperien ist der Umstand, dass es für die Zen-
tralmacht innerhalb der von ihr beherrschten imperialen «Welt» of-
fenbar einen Zwang zur politischen und militärischen Intervention
gibt. Einem solchen Zwang kann sie sich nicht entziehen, ohne ihre
Position zu gefährden. Mit anderen Worten: Ein Imperium kann sich
gegenüber den Mächten, die zu seinem Einflussbereich gehören, nicht
neutral verhalten, und dementsprechend hat es eine starke Neigung,
ihnen diese Möglichkeit ebenfalls nicht zuzugestehen. Nur innerhalb
einer «Welt»-Ordnung, die vom Staatenmodell geprägt ist, besteht eine
solche Neutralitätsoption. Ein Imperium dagegen, das bei Konflikten
innerhalb seiner «Welt» oder an deren Peripherie fortgesetzt neutral
bleibt, verliert zwangsläufig seinen imperialen Status. Auch das un-
terscheidet Imperien von Staaten. Viele der jüngsten Irritationen im
amerikanisch-europäischen Verhältnis dürften daraus erwachsen sein,
dass dieser Unterschied nicht genügend beachtet wurde.
Dass Imperien und in etwas schwächerer Form auch Hegemonial-
mächte unter permanentem Interventionszwang stehen, hat wesent-
lich mit dem Glaubwürdigkeitsproblem zu tun, dem sie in ganz ande-
rer Weise ausgesetzt sind als nichtimperiale Mächte. Ein berühmtes
Beispiel dafür ist der Konflikt zwischen Athenern und Meliern, wie
ihn Thukydides in seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges ge-
schildert hat.32 Dabei geht es um den Wunsch der Melier, sich aus dem
Krieg zwischen Athen und Sparta herauszuhalten. Die Melier erklär-
ten, Athen könne die Neutralität der kleinen Insel in der Ägäis, einem
von Athen beherrschten Raum, doch ohne weiteres akzeptieren; im
Krieg gegen Sparta falle die melische Beteiligung ohnehin weder po-
litisch noch militärisch ins Gewicht, während die Großzügigkeit der
Athener, wenn sie die Melier nicht in den Krieg hineinzwängen, allent-
halben gerühmt werde. Dagegen wiesen die Athener darauf hin, dass,
gäben sie in diesem Falle nach, auch andere Verbündete eine ähnliche

30
Entscheidungsfreiheit fordern würden. Die Macht Athens würde in
kürzester Zeit zerbröseln, oder es wäre in zahllosen Fällen gezwungen,
seine politische Autorität mit Waffengewalt wiederherzustellen. Des-
wegen sollten die Melier ihren Befehlen gehorchen, oder ihre Stadt
werde vernichtet werden. Vielleicht hätte Athen die melische Neu-
tralität tolerieren können, wenn es nicht mit einem starken Flotten-
verband vor Melos erschienen wäre. So aber bestand die Möglichkeit
eines Rückziehers nicht mehr, ohne dass Athens Autorität erheblichen
Schaden genommen hätte. Jeder Kompromiss mit den Meliern wäre
auf einen Prestigeverlust hinausgelaufen, und Athen hätte dadurch an
Macht und Einfluss verloren.
Man hat über den Melierdialog gesagt, sein wesentliches Kennzei-
chen sei das Aneinander-Vorbei-Reden beider Seiten.33 Das ist sicher
richtig beobachtet, aber die scheinbaren Missverständnisse resultieren
wesentlich aus der Inkongruenz einer imperialen Handlungslogik mit
den Erwartungen einer kleineren gegenüber einer größeren Macht.
Athen hat den Wunsch der Melier, als gleichberechtigter Partner aner-
kannt zu werden, nicht akzeptiert.
In der Literatur zu Thukydides wie zur Geschichte des athenischen
Seereichs finden sich zwei konträre Interpretationen: Die eine besagt,
dass Thukydides den Athenern durch den Ausgang der melischen An-
gelegenheit Recht gegeben habe: Melos fiel, die Männer wurden ge-
tötet, die Frauen und Kinder in die Sklaverei verschleppt. Gegen die
Logik des Tatsächlichen, wie sie von den Athenern vertreten wurde,
hätten die Melier zu ihrem eigenen Schaden wesentlich auf Hoffnun-
gen und Wünsche gesetzt, und das habe sie zu einer Fehleinschätzung
der Lage verleitet, die schließlich ihr Untergang gewesen sei. Diese
Interpretation begnügt sich nicht damit, das Pathos des Faktischen
in der athenischen Argumentation herauszustellen. Vielmehr gibt sie
den Athenern auch in der Sache Recht: Angesichts der schwierigen
Situation der Stadt im Krieg mit den Spartanern, der Wankelmütig-
keit einiger Bundesgenossen sowie des Umstandes, dass Renitenz fast
immer Schule macht, sei ihnen gar nichts anderes übrig geblieben, als
Melos zu einer Entscheidung für oder gegen die imperiale Macht im

31
ägäischen Raum zu zwingen; jedes noch so kleine Zugeständnis wäre
ein folgenreicher Fehler gewesen. Demnach bestünde die fehlende
Neutralitätsoption von Imperien darin, dass sie, wenn sie ernsthaft
herausgefordert werden, ihre «Welt» mit der Alternative des Für oder
Wider die Vormacht überziehen und ein neutrales Heraushalten als
verdeckte Feinderklärung ansehen müssen. US-Präsident Bushs Satz
«Who's not for us is against us» wäre dann eine offenherzige Darle-
gung imperialer Logik.
Dem steht jene Interpretation des Melier-Dialogs gegenüber, der-
zufolge sich dessen Bedeutung nicht unmittelbar aus den Ereignissen
um Melos erschließt, sondern erst aus der Einbettung in die Gesamt-
darstellung des Krieges bei Thukydides. Hier spielt der im Anschluss
an den Melier-Dialog beginnende Bericht über die athenische Expedi-
tion gegen Syrakus eine zentrale Rolle, die den Anfang vom Ende der
athenischen Machtstellung markiert. In maßloser Selbstüberschätzung
habe Athen mit diesem Flottenunternehmen seine Fähigkeiten und
Kräfte überdehnt und damit selbst seinen Zusammenbruch eingelei-
tet.34
Wie aber hatte es überhaupt zu einer so verhängnisvollen Abwei-
chung vom ursprünglichen Kriegsplan des Perikles kommen können?
Der nämlich hatte in kluger Abwägung der Potenziale Athens und
Spartas den Athenern eine Politik der strategischen Defensive verord-
net, wonach sie während des Krieges auf jede weiter reichende Erobe-
rung verzichten und sich einstweilig mit dem Status quo bescheiden
sollten35; wenn sie sich daran hielten, sei ihnen am Ende der Sieg im
Kampf gegen die Peloponnesier sicher. Dieser Interpretation zufolge
ist es die bereits im Melier-Dialog zum Ausdruck kommende Hybris –
die «Arroganz der Macht»36, um eine viel zitierte Wendung William
Fulbrights aufzugreifen –, an der Athen gescheitert ist. Die athenische
Argumentation gegenüber den Meliern wäre demnach statt vom Pa-
thos des Faktischen von Verblendung bestimmt, die auf direktem Weg
in die politisch-militärische Katastrophe führen musste: Während die
Athener von politischer Glaubwürdigkeit redeten, hätten ihre Worte
und Taten in Wahrheit vom Verlust der politisch-moralischen Selbst-

32
bindungen gezeugt, auf denen der Zusammenhalt des Seebundes stär-
ker beruht habe als auf militärischer Macht. Mit ihrem Schwinden
habe sich die athenische Hegemonie in ein Imperium verwandelt; erst
danach hätten sich die Bündnispartner vom lastenden Druck der Vor-
macht zu befreien versucht.
Die beiden Interpretationen des Thukydides bringen ziemlich ge-
nau die gegensätzlichen Beurteilungen der US-amerikanischen Po-
litik während der letzten Jahre zum Ausdruck: Einerseits wurde sie
auf die Imperative zurückgeführt, die von der Logik des Imperiums
vorgegeben werden; andererseits warf man den USA vor, sie hätten
ihre moralische Glaubwürdigkeit durch rücksichtslose Machtpolitik
zerstört – der amerikanische Einfluss in der Welt sei sehr viel siche-
rer auf moralische Glaubwürdigkeit gegründet als auf den Einsatz von
Flugzeugträgerverbänden, Marschflugkörpern und Bodentruppen. Vor
allem Jürgen Habermas hat in mehreren Artikeln und Interviews die
letztgenannte Auffassung vertreten.37 Was dabei freilich unterstellt wird,
ist eine weitgehende Entscheidungsoffenheit, in der die verantwortli-
chen Politiker die eine oder die andere Antwort auf eine Herausforde-
rung geben können. Diese Annahme ist die Grundlage dafür, dass von
den meisten Kritikern bestimmte Personen für die US-amerikanische
Politik verantwortlich gemacht worden sind. So geht auch Habermas
davon aus, die USA hätten nach dem Ende des Ost-West-Gegensatzes
vor der Wahl gestanden, «ob die übrig gebliebene Supermacht zu ihrer
Führungsrolle auf dem Weg zu einer kosmopolitischen Rechtsordnung
zurückkehren oder in die imperiale Rolle eines guten Hegemons jen-
seits des Völkerrechts zurückfallen würde»38, und er macht dafür, dass
sie sich für Letzteres entschieden haben, vor allem den Einfluss neo-
konservativer Berater auf die Bush-Administration verantwortlich.
Demgegenüber misst eine Herangehensweise, die nach der Logik
des Imperiums und den aus ihr erwachsenden Handlungsimperativen
fragt, den Einflüssen und Entscheidungen von Personen eine geringere
Bedeutung zu. Vielmehr beschäftigt sie sich mit den Strukturen und
Vorgaben, die deren Handlungsspielraum definieren. Deswegen fragt
sie nicht danach, welche Relevanz das christliche Erweckungserlebnis

33
für die Politik George W. Bushs hat, untersucht nicht die Rolle von
Paul Wolfowitz, dem stellvertretenden Verteidigungsminister in der
Bush-Administration, und geht auch nicht davon aus, dass der Ein-
fluss der Neokonservativen auf die US-Politik von alles entscheiden-
der Bedeutung sei. Weiterhin interessiert sie sich nicht sonderlich für
die psychische Verfasstheit der USA nach den Anschlägen vom 11.
September 2001. 39 Stattdessen sucht sie nach den Handlungslogiken
imperialer Macht.
Gewiss setzen sich solche Imperative nie von alleine durch, und sie
können von den politischen Airteuren stets auch verfehlt oder missver-
standen werden. Moralische Glaubwürdigkeit etwa gehört zweifellos
zu den Ressourcen imperialer Macht. In dieser Perspektive ist sie al-
lerdings nicht der Maßstab der Politik – sie ist eines ihrer Mittel: Die
Logik des Imperiums weiß moralische Glaubwürdigkeit sehr wohl als
Machtfaktor einzusetzen, aber sie würde sich nie selber an ihr messen
lassen.
Was die imperiale Logik ausmacht, was ihre Vorgaben sind und
welche Möglichkeiten es gibt, sich ihr zu entziehen – all dies soll nach-
folgend an vergangenen Imperien untersucht und zur Diskussion ge-
stellt werden.
2. IMPERIUM, IMPERIALISMUS
UND HEGEMONIE: EINE NOTWENDIGE
DIFFERENZIERUNG

Nach wie vor steht die Betrachtung der Imperien unter den Vorgaben
der Imperialismustheorien, in deren Sicht die Entstehung großer Rei-
che allein auf das Wirken expansionsorientierter Eliten zurückzufüh-
ren ist: Aus Prestigebedürfnis, Streben nach Machtsteigerung oder Gier
nach noch größerem Profit hätten einige große Staaten eine Politik
der wirtschaftlichen Durchdringung fremder Räume oder der macht-
politischen Annexion betrieben, als deren Ergebnis die europäischen
Kolonialreiche entstanden seien. Bis heute stehen sie im Mittelpunkt
der meisten Diskussionen über Imperien; deshalb sollen sie hier etwas
genauer in Augenschein genommen werden.
Beschäftigt man sich allein mit der politischen Publizistik im Eu-
ropa des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, kann man tatsäch-
lich den Eindruck gewinnen, Imperienbildung sei das alleinige Ergeb-
nis der imperialistischen Bestrebungen von Eliten.1 Die Konkurrenz
der europäischen Mächte untereinander war dabei entscheidend:
Wer, so die Befürchtung, bei dem Rennen um die Vergrößerung der
politischen und wirtschaftlichen Macht zurückbleibe, verliere nicht
bloß seinen Konkurrenten gegenüber an Terrain, sondern sei insge-
samt auf die Bahn des Niedergangs geraten.2 Nur wer sich im Wett-
lauf um die attraktivsten Anteile der Weltherrschaft und die wichtigs-
ten Ressourcen und Märkte der Weltwirtschaft behaupte, könne als

35
eigenständige politische Macht überleben. Nationalismus, Sozialdar-
winismus und ein Klima der Nervosität3 versetzten Europa sowie die
Flügelmächte Russland und die USA in einen Zustand fiebriger Er-
regtheit: Mit einem Mal schien die Zukunft des Kontinents von der
Verteilung von Macht- und Einflusszonen außerhalb Europas abzu-
hängen.
Die Phase wilder, hektischer Konkurrenz kann im Nachhinein
kaum als eine Abfolge rationaler, wohlbedachter Entscheidungen be-
griffen werden, und letztlich hat der Kolonialismus den Europäern
keineswegs das eingebracht, was sie von ihm erhofften. Im Hinblick
auf die ökonomischen Imperialismustheorien widerspricht das dem
zu erwartenden Ergebnis: Der Imperialismus wird in ihnen als eine
der brutalsten Formen von Ausbeutung und Unterdrückung beschrie-
ben, die es in der Geschichte gegeben hat. Das ist der Kolonialimpe-
rialismus zweifellos gewesen, aber trotz seiner gewalttätig-exploitiven
Methoden hat er tendenziell so viel gekostet, wie er eingebracht hat.
Volkswirtschaftlich betrachtet, war er eine große politisch-ökonomi-
sche Fehlkalkulation.

Die selbstzerstörerische Dynamik des Kapitalismus:


die ökonomischen Imperialismustheorien

Wie lässt sich eine solche Fehlkalkulation erklären, zumal sie nicht
auf ein Land oder den europäischen Kontinent beschränkt blieb, von
wo aus es zum berühmt-berüchtigten Scramble for Africa kam4, son-
dern weltweit anzutreffen war? Auch die japanische und die ameri-
kanische Politik wurden damals vom imperialistischen Fieber befal-
len: Japan griff auf das ostasiatische Festland über, vor allem auf die
Mandschurei, wo es mit Russland in Konflikt geriet; die Folge war der
russisch-japanische Krieg von 1904/05, den man als einen klassischen
imperialistischen Krieg bezeichnen kann. Und die USA setzten sich
nach dem spanisch-amerikanischen Krieg von 1898 nicht nur im mit-
telamerikanisch-karibischen Raum fest, sie annektierten auch die Phi-

36
lippinen, wo sie in einen mehrjährigen, verlustreichen Guerillakrieg
hineingezogen wurden.5
Wurde jene Fehlkalkulation durch eine Hysterie bewirkt, die sich
epidemieartig ausgebreitet hat und es den Eliten unmöglich machte,
ihre Interessen rational zu verfolgen? Gaben tatsächlich Überakku-
mulation beziehungsweise Unterkonsumption in den ökonomisch
fortgeschrittensten Ländern den Ausschlag dafür, dass immer neue
Märkte für Waren und Anlagemöglichkeiten des Kapitals erschlossen
werden mussten, wie speziell die marxistischen Imperialismustheore-
tiker behaupteten? Oder war, wie Joseph Schumpeter meinte, der Im-
perialismus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts ein letztes Auf-
begehren vormoderner Eliten, die sich dem neuen Geist von Handel
und Wandel nicht beugen wollten und deswegen Eroberungsprojekte
in Gang setzten, bei denen eigentlich erkennbar war, dass sie sich nie
und nimmer lohnen würden?6
Im Prinzip gibt es für den Schub der Großreichsbildungen im 19.
Jahrhundert und die mit ihm verbundenen Konflikte zwei Erklärungs-
möglichkeiten: eine, die von der grundsätzlichen Irrationalität dieser
Entwicklung ausgeht und den Einbruch der Irrationalität in eine sich
zunehmend rationalisierende Welt als das Problem ansieht; und eine,
die den Imperialismus als rationales Agieren der mächtigsten Akteure
innerhalb der kapitalistischen Welt versteht, wobei die Konkurrenz des
nationalen Kapitals sowie dessen Amortisationserfordernisse die Rich-
tung der imperialistischen Expansion vorgeben. Letzteres erklärt dann
auch, warum es in den entsprechenden Theorien nur zum geringeren
Teil um Entstehung und Aufstieg der großen Reiche geht, sondern vor
allem um die Frage, ob der Kapitalismus eine Zukunft habe und, wenn
ja, ob dies eine Epoche der Barbarei sein werde, wie Rosa Luxemburg
prophezeite, oder ob sich die kapitalistische Dynamik durch sozialpo-
litische Reformen bändigen lasse, wie John Atkinson Hobson meinte.
Hobson, der an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert als Erster
eine rein ökonomisch fundierte Imperialismustheorie entwickelte, an
der sich die meisten späteren Imperialismustheoretiker abgearbeitet
haben, war der Auffassung, imperialistische Politik sei, gesamtgesell-

37
schaftlich betrachtet, keineswegs gewinnbringend. Er hielt sie, im Ge-
genteil, für ein überaus verlustreiches Geschäft. In keinem Fall stün-
den die Erträge des Handels mit den wirtschaftlich unterentwickelten,
teilweise nicht einmal erschlossenen Territorien in einem vertretbaren
Verhältnis zu den Militär- und Verwaltungskosten, die der Unterhalt
des Empire verschlinge, von den Investitionen in die Infrastruktur je-
ner Räume ganz zu schweigen.
Aber wer war dann am Aufbau derart unrentabler Imperien inter-
essiert? Weder die Steuerzahler noch die Händler oder Unternehmer,
meinte Hobson, sondern allein das Finanzkapital, das nach profitablen
Anlagemöglichkeiten suche. Imperiale Expansionspolitik eröffne sol-
che Möglichkeiten – jedenfalls wenn der Staat entsprechende Garan-
tien gebe und bereit sei, in den überseeischen Gebieten militärisch zu
intervenieren und die Investitionen gegen Aufstände und Bürgerkriege
zu sichern, zur Not sogar die politische Kontrolle dort zu überneh-
men.7 Um den Staat und die Mehrheit seiner Bürger dazu zu bringen,
dem Finanzkapital ertragreiche und sichere Investitionsmöglichkeiten
in Übersee zu eröffnen, manipuliere dieses die öffentliche Meinung;
es habe nationalistische Instinkte geweckt und eine proimperialisti-
sche Stimmung in der Bevölkerung geschürt, durch die das Interesse
einiger Kapitalisten an überseeischen Investitionen zu einer nationa-
len Aufgabe erhoben worden sei. Im Grande war der Imperialismus
für Hobson also ein Projekt der inneren Umverteilung in ökonomisch
fortgeschrittenen Gesellschaften.
Anders als die späteren marxistischen Imperialismustheoretiker
war Hobson nicht der Auffassung, der Kapitalismus werde ohne die
Expansion nach Übersee und die politisch-militärische Absicherung
des dort investierten Kapitals zusammenbrechen. Er war vielmehr
überzeugt, das Problem der Unterkonsumption in den kapitalistischen
Ländern lasse sich mittelfristig durch eine aktive Sozialpolitik lösen,
die zu einer Hebung der Massenkaufkraft führen werde. Die politische
Domestikation des Kapitalismus und die Entwicklung effektiver Sozi-
alsysteme war danach die Alternative zum aggressiv-imperialistischen
Ausgreifen in alle Welt.

38
John Maynard Keynes, der Theoretiker der antizyklischen Wirt-
schaftssteuerung, ist durch Hobsons Imperialismuskritik in vielfacher
Hinsicht angeregt und beeinflusst worden. Rosa Luxemburg und Wla-
dimir Iljitsch Lenin dagegen haben in den parteiinternen Auseinan-
dersetzungen mit den sozialreformerischen beziehungsweise gewerk-
schaftlich orientierten Bestrebungen ihrer Parteien die Perspektive
einer «sozialdemokratischen» Reformierbarkeit des Kapitalismus ent-
schieden zurückgewiesen und dessen immanenten Zwang zu imperia-
listischer Expansion herausgestellt. Ihre Imperialismustheorien hatten
von vornherein die Funktion, den Fokus ganz auf die Überwindung
des Kapitalismus zu richten: Er musste revolutionär besiegt werden,
und dafür, dass das gelingen konnte, sorgte die imperialistische Kon-
kurrenz: Die großen Mächte würden miteinander in Krieg geraten,
sich schwächen und so den Sieg der sozialistischen Revolution ermög-
lichen.
All diese Theorien und Debatten interessierten sich nicht wirklich
für die Imperiumsbildung, sondern kreisten um die Frage der Refor-
mierbarkeit oder Revolutionierbarkeit der europäischen Gesellschaf-
ten. Folglich schenkten sie den Problemen der Peripherie, in die hinein
die Imperien expandierten, kaum Beachtung. Bezogen auf die selbst
gewählte Herausforderung der Imperialismustheorien, die Frage näm-
lich, ob der Kapitalismus reformierbar sei und wo seine Stärken und
Schwächen lägen, war die politisch-ökonomische Peripherie der Impe-
rien buchstäblich peripher – und dementsprechend wurde sie behan-
delt. Zwangsläufig wurde die Imperiumsbildung als ein vom Zentrum
ausgehender und zur Peripherie hin verlaufender Prozess konzipiert:
Nur die Push-Faktoren wurden in Betracht gezogen, die Pull-Faktoren
blieben unbeachtet. Das Ergebnis, zu dem die Imperialismustheorien
gelangten, war also durch ihre Fragestellung und ihr Erkenntnisinter-
esse vorherbestimmt.
Lenin hat sich in seiner Imperialismustheorie als Einziger etwas
eingehender mit der Peripherie beschäftigt, aber das lag vor allem dar-
an, dass Russland, obwohl seit Jahrhunderten eine imperiale Macht,
aus der Perspektive der ökonomischen Imperialismustheorien betrach-

39
tet, selbst zur Peripherie gehörte. Wenn der Imperialismus als eine Fol-
ge der Überakkumulation des Kapitals begriffen wurde, konnte das
notorisch kapitalschwache Russland nur als Statist in Erscheinung
treten, zumal seine Versuche, den militärischen Imperialismus durch
einen ökonomischen Rubel-Imperialismus nach britischem und ameri-
kanischem Vorbild zu ergänzen, an Kapitalmangel gescheitert waren.8
Russland sei «das schwächste Glied» in der imperialistischen Kette,
meinte Lenin, und dort werde sie zwangsläufig reißen.
Die Prognose des Theoretikers Lenin kam dem Politiker Lenin
überaus gelegen, besagte sie doch, dass die sozialistische Revolution
in Russland ausbrechen werde, um von hier aus auf die eigentlichen
Zentren der kapitalistisch-imperialistischen Welt überzugreifen. Im
Grunde interessierte sich auch Lenin nicht für die Peripherie, sondern
lediglich für das schwächste Glied der imperialistischen Kette, an dem
er die besten Chancen für den revolutionären Umsturz sah. Die rigide
Art, mit der er während des Bürgerkriegs die im Verlaufe der Revolu-
tion abgefallenen Teile des Zarenreichs wieder zurückerobern ließ und
sie mit brutaler Gewalt in den Verband der neuen Sowjetunion hin-
einzwang, zeigt, wie gleichgültig ihm die Peripherie letztendlich war.
Sie war ihm nur ein Mittel zu dem Zweck, den Kampf im Zentrum zu
gewinnen.
Die ökonomischen, zumeist sozialistischen Imperialismustheorien
haben also ein spezifisches Problem der kapitalistischen Gesellschaf-
ten zum Schlüssel für die Erklärung von Imperiumsbildungen gemacht.
Sie sind – was man ihnen zunächst gar nicht zum Vorwurf machen
kann – zeitgenössische Antworten auf zeitgenössische Fragen. In der
Regel wurden sie allerdings nicht als solche verstanden, sondern zu
generellen Erklärungen der Imperiumsbildung stilisiert. Infolgedessen
sollen sie mehr erklären, als sie wirklich erklären können9, und ver-
stellen daher den Blick auf die tatsächlichen Faktoren und Dynamiken
imperialer Politik.
Was am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts für
Großbritannien, die USA und wohl auch Deutschland zutreffen
mochte, galt schon weniger für Frankreich, das zwar nach Großbri-

40
tannien das größte Kolonialreich besaß, sich im Vergleich mit anderen
europäischen Ländern jedoch durch eine eher bescheidene Dynamik
der Kapitalakkumulation auszeichnete; noch weniger galt es für Japan,
und erst recht nicht, wie gesagt, für Russland: Das Zarenreich war
während dieser Zeit auf Kapitalimport angewiesen, und seine Bünd-
niswechsel – vor allem der von Deutschland zu Frankreich am Ende
der 1880er Jahre, der für die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs be-
deutsam werden sollte – standen in engstem Zusammenhang mit dem
Abschluss von Kreditverträgen, auf die Russland zur Modernisierung
seiner Infrastruktur und seiner Armee sowie zum Ausbau seiner In-
dustrie dringend angewiesen war.10 Mit ökonomischer Dynamik lässt
sich die imperialistische Politik des Zarenreichs in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts nicht erklären.

Das Zentrum-Peripherie-Problem

Die Geschichte der russischen Imperiumsbildung ist durch die In-


dienstnahme und Auspressung der eigenen Bevölkerung für die Zwe-
cke der Expansion geprägt.11 Man hat dies auch als «inneren Kolo-
nialismus» bezeichnet. Einer seiner zentralen Bestandteile war die
teilweise mit Zwang und Gewalt erfolgte Bevölkerungsverschiebung
aus dem europäischen Teil Russlands nach Sibirien.12 Davon, dass im
Zuge der Imperiumsbildung Extraprofite für die Massen angefallen
seien – wie Lenin für Westeuropa annimmt, um zu erklären, warum
die Revolution dort bislang ausgeblieben war –, kann also im Falle
Russlands keine Rede sein. Vor allem die Bauern haben für die imperi-
ale Machtentfaltung der Zaren über Jahrhunderte geblutet, und ob die
Aristokratie so stark von ihr profitiert hat, wie die Imperialismustheo-
retiker annehmen, ist mehr als fraglich. Dass zwischen 1863 und 1904
etwa 90 Prozent der adeligen Ländereien den Besitzer wechselten13,
spricht eher dagegen. Russlands Versuch, im imperialen Wettlauf der
großen Mächte mitzuhalten, zwang zur Veränderung der sozioökono-
mischen Strukturen des Landes, und dadurch wurde der Zerfall des

41
adligen Grundbesitzes und die Verelendung der Bauernschaft weiter
vorangetrieben. Letzteres ist im Hinblick auf die Beobachtungen und
Prognosen der Imperialismustheorien sicher ein geringeres Problem
als die Verarmung der Aristokratie, die der sozioökonomische Träger
des Zarenreichs war. Ganz offenkundig standen ihre sozialen Inter-
essen quer zu den politischen Imperativen des Imperiums: Um sie zu
wahren, hätte die Aristokratie der Expansion des Reiches eigentlich
entgegenwirken müssen. Das zarische Russland ist über den größten
Teil seiner Geschichte ein Beispiel für Imperien, bei denen sich im
Zentrum der Macht kaum wirkliche Profiteure der imperialen Politik
ausfindig machen lassen.
Im Falle Russlands kommt noch ein Element hinzu, das imperia-
lismustheoretisch nicht zu erklären ist: der Umstand nämlich, dass die
Zaren zur Verwaltung ihres Riesenreichs seit den Zeiten Peters des
Großen in hohem Maße auf Nichtrussen zurückgegriffen haben. Unter
ihnen spielten die Deutschen eine herausgehobene Rolle, und zwar
neben dem baltendeutschen Adel, der mit der russischen Expansion
zur Ostsee am Beginn des 18. Jahrhunderts in den Herrschaftsbereich
der Zaren gekommen war und besondere Privilegien genoss, auch in
Deutschland angeworbene Offiziere und Verwaltungsfachleute. So wa-
ren im 18. und 19. Jahrhundert etwa 18 Prozent der hohen Beamten
in Russland deutscher Abstammung, und bis zur Jahrhundertwende
dürfte ihr Anteil noch weiter gestiegen sein.14 Sie haben zweifellos von
der imperialen Expansion Russlands profitiert, verdankten sie ihr doch
Stellung und Karriere. Ähnliches galt für die Kosaken, denen bei der
Grenzlandsicherung eine wichtige Funktion zukam. Die eigentlichen
Nutznießer des zarischen Imperiums waren also periphere Gruppen
und nationale Minderheiten, die innerhalb der imperialen Ordnung
Positionen einnahmen, in die sie sonst niemals gelangt wären.15
Eine derartige Bevorzugung von Gruppen und Minderheiten, die
an der Peripherie des Reichs beheimatet waren, ist mit Theorien im-
perialer Herrschaft, nicht jedoch mit denen des Imperialismus zu er-
klären. Während diese nach Verbindungen von bereits vorhandener
soziopolitischer Macht mit imperialer Expansion Ausschau halten, um

42
den mächtigsten Akteuren in Politik und Gesellschaft als den Draht-
ziehern wie Gewinnern der imperialen Expansionspolitik auf die Spur
zu kommen, entwickeln Imperiumstheorien eine Vorstellung von der
Nützlichkeit gesellschaftlich randständiger Gruppen für die Beherr-
schung eines ausgedehnten Reiches, in dem die Zentrale nicht alle
Vorgänge und Beschlüsse kontrollieren kann und sich auf die Verant-
wortlichen an der Peripherie verlassen muss. Dabei ist weniger das
Problem richtiger oder falscher Entscheidungen von Interesse, sondern
vor allem die Sorge um die Loyalität der lokalen Entscheidungsträger.
Je größer die Ausdehnung eines Imperiums, desto deutlicher machen
sich nämlich die zentrifugalen Kräfte bemerkbar: Die Gouverneure
und Militärkommandanten verbinden sich mit der in der Peripherie
ansässigen Bevölkerung oder erlangen das Vertrauen und die Zunei-
gung der ihnen unterstellten Truppen, und damit wächst die Gefahr,
dass sie sich bei nächster Gelegenheit vom Imperium abspalten oder
durch Putsche und Staatsstreiche versuchen, die Macht im Zentrum
an sich zu reißen. Die Geschichte des Imperium Romanum seit den
Bürgerkriegen des 1. vorchristlichen Jahrhunderts etwa ist von einer
Abfolge von Rebellionen und Usurpationen gekennzeichnet, die an
der Peripherie entstanden und von dort ins Zentrum übergriffen.16
Allzu enge Verbindungen zwischen der Bevölkerung einer Region
und ihrem Gouverneur oder den an den Reichsgrenzen stationierten
Truppen und ihrem Kommandeur lassen sich verhindern, indem man
die administrative und militärische Führungsebene regelmäßig und in
kurzen Abständen austauscht. Imperien haben nicht selten auf dieses
Mittel zurückgegriffen. Der Nachteil einer solchen Methode besteht
allerdings darin, dass den Entscheidungsträgern keine Zeit bleibt,
sich mit den besonderen Verhältnissen der Region bekannt zu ma-
chen; die sture Anwendung allgemeiner Grundsätze wird zur Regel,
Fehlentscheidungen häufen sich. Ein berühmtes Beispiel für die nega-
tiven Folgen des Rotationsprinzips ist P. Quinctilius Varus, römischer
Statthalter in Germanien, der zuvor in Syrien Dienst getan hatte und
mit den ganz anders gearteten Verhältnissen zwischen Rhein und Elbe
nur unzureichend vertraut war. Nicht zuletzt deshalb gelang es einer

43
Verschwörung germanischer Stammesfürsten im Jahre 9 n. Chr., den
Statthalter mitsamt seinen Legionen im Teutoburger Wald in einen
Hinterhalt zu locken und so den Römern eine Niederlage zuzufügen,
die ihren imperialen Expansionsdrang nach Nordosten dauerhaft ge-
brochen hat.17 Die Geschichte imperialer Niederlagen ist voll von sol-
chen Varus-Gestalten.
Die Alternative zur beschleunigten Zirkulation der Funktionsträ-
ger besteht darin, zumindest zum Teil Gruppen oder Einzelpersonen
in die Funktionselite aufzunehmen, die zu bedingungsloser Loyalität
gegenüber dem imperialen Zentrum gezwungen sind: Ihr politisches
wie persönliches Schicksal ist an das ihres Oberherrn gebunden, des-
wegen ist von ihnen Loyalität und Tatkraft zu erwarten, auch wenn
der Oberherr fern ist und seinen Sachwalter nicht direkt kontrollieren
kann.
Ein weiteres Beispiel für die Nutzung von Minderheiten zur Si-
cherung imperialer Macht ist – neben dem Verwaltungspersonal des
Russischen Reiches und den dort eingesetzten Kosaken – das Jani-
tscharenkorps des Osmanischen Reiches, das freilich nicht an der
imperialen Peripherie, sondern im Zentrum der Macht, in Konstanti-
nopel und Umgebung, stationiert war und darum der Herrschaft des
Sultans unmittelbar gefährlich werden konnte. Da die Janitscharen
von Ausbildung und Ausrüstung her die besten Truppen waren, über
die der Sultan verfügte, hätte er einen Janitscharenaufstand schwer-
lich niederschlagen können. Er war somit auf Gedeih und Verderb
von der Loyalität dieser Eliteeinheiten abhängig. Die bedingungslose
Treue der Janitscharen sowie ihre außerordentliche Einsatzfähigkeit
im Krieg wurden dadurch sichergestellt, dass diese Truppen in Form
der so genannten Knabenlese (Dezvschirme) aus den Kindern der zum
Osmanischen Reich gehörigen christlichen Gebiete des Balkans re-
krutiert wurden. Sie hatten keine sozialen Bindungen und politischen
Kontakte im Machtzentrum und verdankten ihre privilegierte Position
allein dem Wohlwollen des Herrschers.
Die Elite des Osmanischen Reichs stammte über einen langen Zeit-
raum vom Balkan; in ethnischer Hinsicht war sie weniger türkisch

44
als albanisch geprägt. Die Herkunft von der imperialen Peripherie
und ihre Zugehörigkeit zu einer ethnischen und religiösen Minderheit
stellten sicher, dass die Sultane sich auf ihre Janitscharen verlassen
konnten und nicht das Schicksal so mancher römischen Kaiser teilen
mussten, die einem Aufstand der Prätorianergarde zum Opfer gefal-
len waren. Ähnliches gilt für die Verwaltungselite des Osmanischen
Reichs. Ihr Niedergang setzte ein, als seit dem späten 17. Jahrhundert
zunehmend freigeborene Muslime in ihr aufstiegen: Die Steuerpächter
wirtschafteten in die eigene Tasche, und das Zentrum verlor immer
mehr die Kontrolle über die Peripherie.18
Auch an Niedergang und Zerfall des Spanischen Weltreichs lässt
sich das Überhandnehmen der zentrifugalen Kräfte beobachten, das
schließlich sogar zur Ablösung großer Gebiete aus dem Reichsverband
geführt hat. Infolge der geringen Präsenz von Verwaltungsbeamten
und Militär in Lateinamerika arbeitete die spanische Kolonialverwal-
tung relativ kostengünstig. Infolgedessen kam es jedoch zu einerwach-
senden Kreolisierung sowohl der Verwaltung als auch der Führung der
Milizen, die zur Absicherung der sozialen Ordnung wie zur Abwehr
nomadisierender Indianerstämme gebraucht wurden. Der Handel
innerhalb Hispanoamerikas lag ohnehin weitgehend in kreolischen
Händen.19 Bald sah die kreolische Oberschicht Hispanoamerikas, das
zum Zeitpunkt seiner größten Ausdehnung von Kalifornien und Texas
im Norden bis zur Südspitze Chiles reichte, keinen Grund mehr dafür,
die Reichtümer Lateinamerikas weiterhin dem spanischen Mutterland
zu überlassen, damit dieses seine Hegemonialpolitik in Europa finan-
zieren konnte.
Im Zentrum des Reichs, in Madrid, sah man das selbstverständ-
lich anders, und dementsprechend wurde in den bourbonischen Re-
formen versucht, den kreolischen Einfluss zurückzudrängen und den
der Europa-Spanier zu erhöhen. Der ökonomische Erfolg dieser Re-
formen brachte jedoch eine wachsende Entfremdung Hispanoameri-
kas vom spanischen Mutterland mit sich.20 Als Spanien im Jahre 1807
durch napoleonische Truppen besetzt und bald darauf ein Bruder
Napoleons zum spanischen König ernannt wurde, war das nur der

45
Anlass, nicht aber die Ursache für die Trennung Mittel- und Südame-
rikas von Spanien.
Was im Falle des Russischen Reiches die soziopolitische Randstän-
digkeit von Teilen der Verwaltungs- und Militärelite des Imperiums
war, war im Falle des Spanischen Reiches über lange Zeit die Minder-
heitenposition der weißen urbanen Oberschicht innerhalb einer mehr-
heitlich indianischen Umgebung. Den zentrifugalen Tendenzen impe-
rialer Ordnung wirkte hier also der Umstand entgegen, dass sich die
kreolische Oberschicht nicht sicher sein konnte, ob sie nach einer poli-
tischen Trennung vom spanischen Reichsverband ihre soziale Stellung
in der Neuen Welt würde behalten können oder durch Sklaven- und
Indioaufstände hinweggefegt werden würde. Es waren die Verwaltung,
Rechtsprechung sowie innere und äußere Sicherheit umfassende Sta-
bilitätsgarantien Spaniens, die als zentripetales Gegengewicht wirkten.
Erst als infolge der bourbonischen Reformen die Kosten, welche die
Kreolen dafür zu zahlen hatten, deutlich stiegen und Spanien schließ-
lich im Krieg mit England jene Zusagen nicht mehr einhalten konnte,
setzte sich die Auffassung durch, der Ausbruch aus dem Imperium sei
vorteilhafter als der weitere Verbleib darin.
Das russische und das spanische Beispiel zeigen, dass zumindest
nach der Errichtung eines Imperiums Struktur und Dynamik seiner
Ordnung nicht allein vom Zentrum her begriffen werden können. Zahl-
reiche Entscheidungen, die für ein Imperium existenzielle Bedeutung
hatten, sind an seinen Rändern beziehungsweise von Personen oder
Personengruppen getroffen worden, die aus der Peripherie stammten
und in ihrer politischen Wahrnehmung durch diese geprägt waren.
Das gilt etwa für die römischen Kaiser seit dem 2. Jahrhundert.
Eine ganz andere Art von Einfluss der Peripherie auf das Zentrum
lässt sich im Falle des Britischen Empire beobachten. Die Briten ga-
ben in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts die komfortable
Konstellation eines Ströme und Bewegungen kontrollierenden Impe-
riums – zumindest teilweise – auf und bürdeten sich in Indien und
Afrika die erhöhten Kosten und Lasten eines Territorialimperiums auf.
Sie hatten den Ausbau des Empire, den Ideen des Freihandels und

46
der Friedenssicherung durch Intensivierung wirtschaftlicher Verflech-
tungen entsprechend, zunächst weitgehend nichtstaatlichen Airteuren
überlassen, insbesondere Handelskompanien, aber auch einzelnen
Geschäftsleuten und Banken, die neue Märkte erschlossen und so
den Handel verdichteten und ausweiteten. «Nach meiner Ansicht», so
Richard Cobden, der Begründer der Freihandelsbewegung, im Jahre
1846, «wird das Prinzip des Freihandels in der moralischen Welt wir-
ken wie das Prinzip der Gravitation im Universum: Es wird die Men-
schen näher zusammenführen, die Gegensätze der Rasse, des Glau-
bens und der Sprache überwinden und uns durch die Bindungskraft
des ewigen Friedens vereinigen.»21
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts jedoch begannen sich die Dinge
anders zu entwickeln, als in den Theorien des Freihandels und des
liberalen Internationalismus vorgesehen22: Die wirtschaftlichen Ver-
einbarungen, die den abhängigen Ländern aufgezwungen worden wa-
ren, führten nicht, wie erwartet, zur Stärkung und Liberalisierung der
politischen Ordnung, sondern zu deren schrittweiser Schwächung und
schließlich zu ihrem Zerfall. Rebellionen breiteten sich aus, von denen
der 1857 in Indien ausgebrochene Sepoy-Aufstand nur der erste war.
Unter dem Eindruck dieser Ereignisse veränderten die Briten ihre ge-
samte Administrations- und Militärstruktur in Indien. Sie nahmen die
kostengünstigen Elemente indirekter Herrschaft zurück und ersetzten
sie durch die teureren Formen direkter Herrschaft. Das war keine Ent-
scheidung, die vom Zentrum ausging. Sie wurde vielmehr wesentlich
durch die Instabilität der Ränder hervorgerufen.
Solche Unruhen, aber auch der Aufstieg von Politikern, die den
wirtschaftlichen Erwartungen des Imperiums weniger entgegenkamen
als ihre Vorgänger, führten dazu, dass die Rückzahlung von Krediten
in Verzug kam und die Sicherheit der in den neu erschlossenen Re-
gionen getätigten Investitionen gefährdet war. Die USA waren – vor
allem im mittelamerikanisch-karibischen Raum, ihrem so genannten
Hinterhof – mit ähnlichen Problemen konfrontiert und sahen sich
zu immer neuen Interventionen gezwungen. Plötzlich waren gerade
jene imperialen Mächte, die bislang aus guten Gründen auf direkte

47
politische Eingriffe in die von ihnen wirtschaftlich durchdrungenen
Gebiete verzichtet hatten, vor die Wahl gestellt, sich entweder aus ih-
nen zurückzuziehen oder die administrative und politische Kontrolle
über sie zu übernehmen.23 Die Europäer, insbesondere die Briten, ent-
schieden sich für Letzteres und errichteten im subsaharischen Afrika
und in Asien Kolonien, während sich die USA in der Karibik und
in Mittelamerika auf eine Politik periodisch wiederkehrender Militär-
interventionen beschränkten. Ein Rückzug hätte bedeutet, dass man
die dort getätigten Investitionen hätte abschreiben müssen – keine der
Mächte, die an dieser Phase wirtschaftlicher Globalisierung beteiligt
waren, hat das angesichts erster Anzeichen von Widerstand oder In-
stabilität ernstlich in Betracht gezogen.24
Der Entschluss der expandierenden Gesellschaften des Westens,
Staatsapparat, Militär und vor allem Steuermittel auf diese Weise in
den Dienst wirtschaftlicher Interessen zu stellen, markierte für die
ökonomischen Imperialismustheorien den Übergang von kapitalisti-
schen zu imperialistischen Staaten.25 Was dabei jedoch kaum wahr-
genommen wurde, waren die Veränderungen an der Peripherie. Dort
brachen die traditionellen Produktionsformen unter dem Druck der
Warenströme aus den industriellen Zentren zusammen, während
gleichzeitig die überkommene Lebensweise der Menschen ihre Binde-
kraft und Kohäsion verlor. Nicht zuletzt die Auswirkungen, welche die
Frühformen der Globalisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun-
derts auf diese traditionellen Gesellschaften hatten, provozierte den
Schub der so genannten imperialistischen Expansion seit den 1880er
Jahren, der das eigentliche Zeitalter des Imperialismus einleitete. Be-
schreibt man diese Entwicklung als einen Prozess der wirtschaftlich
ausgelösten Erosion bestehender Ordnungen, der ihre machtpolitische
Stabilisierung von außen erforderlich machte, so werden bemerkens-
werte Parallelen zur Situation am Ende des 20. Jahrhunderts sichtbar.
In ihrem Licht erscheinen die zahlreichen humanitären militärischen
Interventionen des vergangenen Jahrzehnts – von der Verhinderung
eines Völkermords bis zur Beendigung von Bürgerkriegen – als Nach-
sorge der nicht intendierten Effekte des neuerlichen Globalisierungs-

48
prozesses. Der humanitäre Imperialismus, von dem einige Autoren
sprechen, wäre dann nichts anderes als die politische Nachbearbei-
tung der Spuren, die der sozioökonomische Prozess der Globalisie-
rung hinterlassen hat.

Zwar ist die Forderung nach einer stärkeren Berücksichtigung der Pe-
ripherie von Historikern, die sich mit der Epoche des europäischen
Imperialismus befasst haben, immer wieder erhoben worden26, aber
ein größeres Echo haben ihre Stimmen nicht gefunden. In den Im-
perialismustheorien wird die Peripherie schon deshalb stiefmütterlich
behandelt, weil von Anlage und Fragestellung her ihre Aufmerksam-
keit hauptsächlich dem Zentrum gilt: Als imperialistisch werden nun
einmal jene intellektuellen Strömungen und politischen Bewegungen
bezeichnet, die ein Interesse daran haben, dass ein Imperium errichtet
wird. Daher haben die Imperialismustheorien sich zwangsläufig auf
die Absichten einiger Akteure im Zentrum kapriziert und übersehen,
wie wichtig die Verkettung funktionaler Effekte, die zwischen Zen-
trum und Peripherie hin- und herlaufen, für die Entstehung von Impe-
rien ist. Imperiumstheorien hingegen haben Zentrum und Peripherie
gleichermaßen im Blick zu behalten, und zwar bei der Betrachtung der
Entstehungsphase ebenso wie in der Epoche nach der Konsolidierung
des Imperiums.
Damit ist ein weiteres Problem von Imperialismustheorien ange-
sprochen: Ihre Konzentration auf die Entstehungsphase der Imperien
und die Vernachlässigung ihres späteren Funktionierens. Auch diese
Einseitigkeit ergibt sich offenkundig daraus, dass das Erkenntnisinter-
esse der Dynamik des Kapitalismus galt: Man war überzeugt, dass es
dem Imperialismus nicht gelingen werde, eine stabile Ordnung herzu-
stellen, und in den Kriegen und Konflikten, die daraus folgen müssten,
werde er dann zu Grunde gehen. Angesichts einer solchen Erwartung
bestand kein Anlass, sich ausführlicher mit der Funktionsweise entwi-
ckelter Imperien zu beschäftigen. Auch während der Renaissance der
Imperialismustheorien in den 1960er/70er Jahren hat man sich eher
für ephemere Reichsbildungen interessiert wie das Bismarckreich, den

49
Wilhelminismus und die großgermanischen Reichsvorstellungen des
Nationalsozialismus. Daneben hat man vielleicht noch einen kritischen
Blick auf den amerikanischen und den japanischen Imperialismus ge-
worfen, aber abgesehen vom Britischen Empire die großen Imperien
mit langer Dauer keiner intensiveren Auseinandersetzung für würdig
befunden.27 Die Erwartung, das definitive Ende des imperialen Zeit-
alters stehe unmittelbar bevor, schien derlei überflüssig zu machen,
und dementsprechend konzentrierte man sich auch beim Britischen
Weltreich vor allem auf die hektischen Expansionsphasen und ließ die
Perioden ruhigen Funktionierens weithin außer Acht. Es ist nicht aus-
zuschließen, dass die schnell formulierten Prognosen, ein American
Empire werde keinen Bestand haben, durch dieses spezifische Design
der Imperialismustheorien vorgefertigt waren.

Prestigestreben und Mächtekonkurrenz:


die politischen Imperialismustheorien

Ist von den genuin politischen Imperialismustheorien mehr zu erwar-


ten, wenn es um die Klärung der jüngeren machtpolitischen Entwick-
lungen geht? Kaum im Hinblick auf die Zentrum-Peripherie-Proble-
matik, da auch ihr Augenmerk der Metropolenentwicklung gilt. So
bemühten sich die ersten politischen Imperialismustheorien darum,
den Aufstieg Napoleons III. und die Genese des zweiten Empire in
Frankreich zu erklären. Dabei zogen sie immer wieder Napoleon I.,
das von ihm geschaffene Kaiserreich und die Art und Weise, wie beide
Empires sich in die Tradition des Römischen Reichs stellten, als Ver-
gleichsbasis heran. Am Anfang dieser Theorien steht Karl Marx' kleine
Schrift Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte (1852), in der
Marx den politischen Aufstieg Napoleons III. auf ein «Klassengleich-
gewicht» im Frankreich der Jahrhundertmitte zurückführte: Die Kräf-
te des Fortschritts und die Kräfte der Beharrung hätten einander für
eine gewisse Zeit die Waage gehalten und sich gegenseitig paralysiert;
deshalb sei es zur Verselbständigung des Staatsapparats gekommen:

50
Er habe nunmehr eine Politik betreiben können, die nicht unter der
Direktionsgewalt einer herrschenden Klasse stand.
Die so genannte Bonapartismustheorie28 ist selbst noch keine Im-
perialismustheorie, enthält aber eine Reihe von Ansätzen dazu, inso-
fern Armee und Staatselite bei der imperialistischen Expansion nicht
mehr unter dem Interessen- und Rentabilitätsvorbehalt der herrschen-
den Klasse standen, sondern ihrem Prestigestreben, um einen Begriff
Max Webers aufzunehmen, freien Lauf lassen konnten. Die Frage nach
den Kosten des Prestiges konnte zurückgestellt werden, da sie von ei-
ner politisch machtlosen Gesellschaft übernommen werden mussten.
«Frankreich», so resümierte Marx die Vorgänge vom Dezember 1851,
als Louis Bonaparte endgültig die Macht an sich riss, «scheint also
nur der Despotie einer Klasse entlaufen, um unter die Despotie eines
Individuums zurückzufallen, und zwar unter die Autorität eines Indi-
viduums ohne Autorität.»29
Für Marx war Louis Bonaparte bloß der Anführer zweier Fraktio-
nen des Lumpenproletariats, der Parvenus und der Schläger. Deswe-
gen ging er davon aus, die Armee, und nicht die Nationalversammlung,
werde der eigentliche Machtfaktor in Frankreich sein. Noch vor der
Errichtung des Zweiten Kaiserreichs schrieb er, «um die wahre Gestalt
dieser Republik zu vollenden» fehle nur eines: «seine (des Parlaments)
Ferien permanent machen und ihre (der Republik) Aufschrift: liberté,
égalité, fraternité, ersetzen durch die unzweideutigen Worte: Infan-
terie, Kavallerie, Artillerie!»30 Bereits Napoleon I. habe die in einem
Staatsstreich usurpierte Herrschaft nur «durch wiederholte Kriege
nach außen» verlängern können. Insofern gehörten «der Despotismus
im Innern und der Krieg nach außen» zwingend zusammen.31 Imperi-
alismus und Despotismus waren für Marx zwei Seiten ein und dersel-
ben Medaille.
Hätte Marx, statt sich ganz auf die Fragen der Ökonomie und des
Klassenkampfs zu konzentrieren, politisch-psychologische Aspekte in
seine Erklärung einbezogen, so wäre er sehr schnell auf jene Disposi-
tion gestoßen, die Max Weber später als Prestigestreben bezeichnet hat.
Der Kaiser, der Hofstaat und die Generalität waren um Anerkennung

51
ihrer herausgehobenen Rolle nicht nur in Frankreich, sondern auch
in Europa und der ganzen Welt bemüht, und zwar in einer Weise, die
sich lediglich durch immer neue imperiale Unternehmungen befriedi-
gen ließ: von der Konsolidierung der Herrschaft in der Maghrebregion
bis zum mexikanischen Abenteuer des Habsburgers Maximilian, hin-
ter dem die französische Politik stand.
Das Spielerisch-Abenteuerliche an dieser Politik hat freilich keiner
der zeitgenössischen Beobachter schärfer gesehen als Marx. Eine sol-
che an der Steigerung des inner- und außereuropäischen Prestiges des
französischen Kaisers und seines Reichs orientierte Politik war nicht
mit wirtschaftlichen Rentabilitätsüberlegungen zu beurteilen, und an
ihnen orientiert war sie schon gar nicht. Eher lässt sich die imperia-
le Politik Napoleons III. als ein fortgesetzter Tausch ökonomischen
Kapitals in politisches Prestige beschreiben, der mit dem Versprechen
verbunden war, das werde sich mittel- und langfristig auch wirtschaft-
lich rentieren; kurzfristig aber profitiere jeder Franzose vom imperia-
len Prestige, indem er teilhabe am Glanz des zweiten Empire?2
Gegenüber den ökonomischen haben die politischen Imperia-
lismustheorien den Vorteil, dass sie mit mehreren Kapitalsorten ar-
gumentieren, die miteinander verglichen und gegeneinander ausge-
tauscht werden können.33 Tatsächlich ist der Begriff des Imperialismus
mit Blick auf die Politik Louis Napoleons geprägt und verbreitet wor-
den34, und als Benjamin Disraeli, der von den Tories gestellte briti-
sche Premierminister, ihn 1872 in seiner berühmten Crystal Palace-
Rede aufnahm, um damit das Projekt einer expansiven Außenpolitik
zu bezeichnen, tat er dies vor allem im Hinblick auf eine Steigerung
des Prestiges der englischen Krone (und des öffentlichen Ansehens
der Konservativen Partei). Auch die Erhebung Königin Victorias zur
Kaiserin von Indien im April 1876 war im buchstäblichen Sinn ein
imperiales Projekt: Es hatte die Errichtung eines neuen Kaisertums
zum Ziel, bei dem es weniger um ökonomische Vorteile denn um po-
litisches Prestige ging.
Dass Disraeli auf die imperiale Karte setzte, hatte nicht zuletzt da-
mit zu tun, dass auf dem europäischen Kontinent inzwischen der Kai-

52
sertitel von Paris nach Berlin gewandert war: Nach der französischen
Niederlage gegen Preußen-Deutschland war Frankreich im Septem-
ber 1870 zur republikanischen Staatsform zurückgekehrt, wohingegen
die unter der Führung Preußens geeinten deutschen Staaten mit ih-
ren Fürsten und Königen an der Spitze Anfang 1871 unter die Ober-
hoheit eines Kaisers traten. Während die europäischen Kontinental-
reiche – zunächst ganz explizit die der beiden Napoleons und mit dem
Ende der Bismarck-Ära und dem Beginn des Wilhelminismus dann
auch verschiedentlich das Deutsche Reich35 – ihr Prestige durch An-
knüpfung an das Römische Reich zu steigern suchten, setzte Disraeli
auf die außereuropäische Machtstellung Großbritanniens, um dessen
globale Bedeutung, seine Weltherrschaft, zu unterstreichen. Gemessen
an ihr nahm sich das Deutsche Kaiserreich, das zu diesem Zeitpunkt
noch keine Kolonien besaß, bescheiden aus. Das bald darauf aller-
dings auch in Deutschland grassierende Kolonialfieber war ebenfalls
Ausdruck eines Prestigestrebens, das dem Reich einen «Platz an der
Sonne» verschaffen wollte.
Der Anspruch auf Imperialität hatte somit nicht nur eine innenpo-
litische Funktion, indem er ökonomische Verteilungskonflikte durch
die Teilhabe eines jeden Reichsbürgers an der nationalen Ehre still-
zustellen suchte. In außenpolitischer Hinsicht erfüllte er darüber hin-
aus die Aufgabe, Prestige und somit Macht und Einfluss zu erzeugen.36
Insofern ist Prestigestreben ein politisch funktionaler Vorgang, der
mit kurzfristigen Kosten-Nutzen-Analysen nicht angemessen beurteilt
werden kann. Im weitesten Sinne lässt sich der Wettstreit um Prestige
als Herstellung internationaler Hierarchien begreifen, die ohne das
«Auskunftsmittel des Krieges» (Clausewitz) auskommen – jedenfalls
ohne Kriege zwischen den unmittelbaren Konkurrenten um die Vor-
machtstellung. Das heißt nicht, dass solche Rivalitäten grundsätzlich
friedlich verlaufen. Die Kriege, die sie begleiten, werden jedoch meist
an der Peripherie der jeweiligen Herrschaftsbereiche ausgetragen, und
die imperialen Konkurrenten achten in der Regel darauf, dass sie sich
dabei nicht in die Quere kommen.37 Prestige gewinnen sie durch mi-
litärische Siege gegen politisch wie ökonomisch unterlegene Gegner.

53
Erst wenn dieser Wettstreit um Macht und Ansehen versagt, schlagen
imperiale Kriege an der Peripherie, die gewöhnlich als asymmetrische
Kriege geführt werden, in imperialistische Kriege um, in denen die
Konkurrenten um die Hegemonialposition unmittelbar gegeneinander
kämpfen.
Im Zentrum der politischen Imperialismustheorien38 steht somit
eine andere Art von Konkurrenz als die, auf die sich die ökonomischen
Imperialismustheorien konzentriert haben. Es ist nicht die Konkurrenz
des Kapitals um Märkte und Anlagemöglichkeiten, sondern die der
Staaten um Macht und Einfluss, und hierbei hat der Abgleich von Kos-
ten und Nutzen im wirtschaftlichen Sinn einen geringeren Stellenwert.
Selbstverständlich ist Prestigestreben immer auch ein Einfallstor für
irrationale Motive und Erwartungen, aber man sollte zurückhaltend
damit sein, es generell in den Bereich des Irrationalen zu verbannen,
wozu eine Betrachtungsweise neigt, die Kosten und Nutzen allein am
wirtschaftlichen Ertrag misst.
Im Unterschied zu Staaten stehen Imperien unter dem informel-
len Zwang, in allen Bereichen, in denen Macht, Prestige und Leis-
tung gemessen und verglichen werden können, die Spitzenposition
einzunehmen. Dieser Zwang zum ersten Platz zeigt sich heute nicht
nur bei den militärischen Fähigkeiten oder wirtschaftlichen Leistun-
gen, sondern auch in der technologischen Entwicklung, im Bereich
der Wissenschaften und nicht zuletzt im Sport und im Entertainment.
Nobelpreise, Universitätsrankings, olympische Medaillenspiegel und
Oscarverleihungen sind immer wieder Testläufe, in denen sich die
imperiale soft power zu bewähren hat. Gelegentliche Rückschläge in
diesen Bereichen werden sofort als Indikatoren für einen beginnenden
Niedergang des Imperiums gewertet und schlagen in jedem Fall als
Prestigeverlust zu Buche, der bei nächster Gelegenheit wettgemacht
werden muss. Aber das sind nur die harmloseren Formen, bei denen
das Imperium unter Dauerbeobachtung steht und seinen Vormachts-
anspruch immer wieder aufs Neue unter Beweis stellen muss.
Ein sehr viel härteres Testfeld imperialer Vormachtsansprüche ist
die unbestrittene Führungsposition im Bereich der Naturwissenschaf-

54
ten und der Spitzentechnologie, da hieraus die Kontrolle über die
Weltwirtschaft, aber auch politisch-militärische Macht erwächst. Die
Geschichte der Raumfahrt ist ein Beispiel dafür: Als die Sowjetunion
Ende der 1950er Jahre auf diesem Gebiet erste spektakuläre Erfolge
erzielte, löste dies bei den USA nicht nur den «Sputnikschock» aus,
sondern war der Anlass zu einem Weltraumprogramm, dessen Ziel dar-
in bestand, die sowjetische Raumfahrt einzuholen und zu überholen.
Zum Symbol der amerikanischen Überlegenheit wurde schließlich die
Landung von Menschen auf dem Mond, und der große Schritt für die
Menschheit, den Neil Armstrong tat, als er die Raumkapsel verließ
und die Mondoberfläche betrat, war zunächst und vor allem ein großer
Schritt für das Prestigestreben und den Vormachtsanspruch der USA.

Um die Bedeutung politischen Prestigestrebens beurteilen zu können,


muss man einen Blick auf die Rahmenbedingungen des Wettstreits
um Prestige werfen, und dabei ist es wichtig, zwischen multipolaren
und bipolaren Systemen der internationalen Politik zu unterscheiden.
Sinnvollerweise sollte man der in den Theorien der internationalen
Beziehungen üblichen Unterscheidung von Multi- und Bipolarität39
als dritte Möglichkeit noch die der Unipolarität hinzufügen. In ihr ist
das Prestigestreben der unbestrittenen Vormacht eher konservierender
Art, geht es dabei doch nur darum, dass das, was die objektiven Daten
der Machtverteilung vorgeben, von den beteiligten Akteuren auch als
solches anerkannt wird. Je mehr dies der Fall ist, desto stabiler ist die
politische Ordnung; je weniger es der Fall ist, desto eher ist mit Ge-
folgschaftsverweigerangen bis hin zu offenen Rebellionen gegen die
bestehende Hierarchie zu rechnen. In den Auseinandersetzungen im
Vorfeld des jüngsten Irakkriegs ging es auch um das politische Prestige
der USA, das durch die öffentliche Gefolgschaftsverweigerung einiger
ihrer Verbündeten erkennbaren Schaden genommen hat.
Seit den 1960er Jahren spielt Frankreich innerhalb der westlichen
Gemeinschaft notorisch die Rolle dessen, der das überlegene Prestige
der USA in Frage stellt und einen der westlichen Vormacht nahezu
gleichen Status für sich beansprucht. Präsident de Gaulle hatte die-

55
se Politik begonnen und sie zum Markenzeichen des Gaullismus ge-
macht, aber auch liberale und sozialistische Präsidenten wie Valéry
Giscard d'Estaing und François Mitterrand sind seiner Linie gefolgt.
Die Briten hingegen haben versucht, durch engste Anlehnung an die
Führungsmacht USA an deren Prestige zu partizipieren und so das
eigene Ansehen zu steigern.
Die Folgen, die solche Prestigespiele der zweiten Reihe für die
internationale Ordnung haben, verändern sich, wenn sie nicht mehr
in einer bipolaren Ordnung stattfinden, wie das in der Zeit des Ost-
West-Konflikts der Fall war. Bipolarität begrenzt die Effekte von Pres-
tigespielen, Uni- wie Multipolarität hingegen verstärken sie. Um es zu
konkretisieren: Unter den Bedingungen des Ost-West-Gegensatzes war
klar, dass die gelegentlichen Widersetzlichkeiten Frankreichs nicht so
weit gehen würden, die Zugehörigkeit Frankreichs zum Westen in Fra-
ge zu stellen. An ihr Zweifel aufkommen zu lassen war nie die Absicht
der französischen Politik, deswegen fanden alle Demonstrationen ei-
ner selbständigen französischen Außenpolitik hier ihre Grenze. Das
Prestigestreben der Franzosen diente eher dazu, nationale Eitelkeiten
zu befriedigen, als dass es tatsächlich politische Konstellationen verän-
dert hätte. Also hielten die USA es nicht für nötig, ihre Hegemonialpo-
sition vehement hervorzuheben, und gleichzeitig waren die Prämien,
die Großbritannien für seine sehr viel größere Folgebereitschaft gegen-
über den USA einstreichen konnte, relativ gering.
All das hat sich, zunächst kaum merklich, mit dem Ende der bipo-
laren Rahmung verändert.40 Das macht den Unterschied zwischen der
Situation der USA vor 1991 und danach aus, wobei das Jahr 1991, an
dessen Ende die Sowjetunion auch formal zu bestehen aufhörte, inso-
weit ein eher fiktives Datum ist, als es fast ein Jahrzehnt gedauert hat,
bis die Akteure realisierten, welche Folgen das Ende der Bipolarität in
dieser Hinsicht hatte. Die «Prestigespiele der zweiten Reihe» stellen
für den Hegemon trotz seines relativen Machtgewinns nach dem Un-
tergang des bipolaren Konkurrenten nun eine echte Herausforderung
dar, und er beobachtet sie mit sehr viel geringerer Gelassenheit als in
den Zeiten der Bipolarität. Dafür hat sich die Prämie, die auf bedin-

56
gungslose Gefolgschaft ausgezahlt wird, zumindest symbolisch erhöht.
Insgesamt muss die Hegemonialmacht nach dem Wegfall der strukturel-
len Zwänge der Bipolarität einen sehr viel stärkeren Erwartungsdruck
gegenüber ihren Bündnispartnern aufbauen. Mit Blick auf die jüngsten
Verwerfungen in den transatlantischen Beziehungen hat eine Reihe von
Beobachtern davon gesprochen, die USA hätten sich aus einem «wohl-
wollenden Hegemon» in eine harte Imperialmacht verwandelt und dies
auf die Pläne und Vorgaben einiger neokonservativer Regierungsmit-
glieder und Politikberater zurückgeführt.41 Womöglich handelte es sich
dabei aber nur um eine Folge des Wegfalls bipolarer Zwänge und die
daraus erwachsene verschärfte Konkurrenz um Prestige.
Je größer die Konkurrenz der Hegemonieaspiranten, desto stärker
der auf der Vormacht lastende Zwang, den eigenen Anspruch durch
imperiales Auftreten zu unterstreichen. Auf eine solche Situation re-
agierte Disraeli mit seiner Crystal Palace-Rede: Der britische Einfluss
auf die kontinentaleuropäisehen Verhältnisse war nach der deutschen
Reichseinigung gefährdet, die Regierung fühlte sich durch die aggres-
sive Mittelasienpolitik Russlands provoziert, außerdem ließ der rasan-
te Aufstieg der USA immer deutlicher erkennen, wie prekär Groß-
britanniens Stellung als weltweit führende Industriemacht geworden
war. Das Empire war herausgefordert, und das von Disraeli forcierte
imperialistische Projekt war die Antwort darauf. Viel stärker, als die
ökonomischen und die politischen Imperialismustheorien annehmen,
ist darin eine Reaktion auf äußere Probleme zu sehen: Großbritannien
versuchte, die Position eines weltpolitischen Hegemon zu verteidigen,
die ihm fast ohne sein Zutun zugefallen war und jetzt in Frage stand.
Was von den meisten Imperialismustheoretikern als ein offensives
Auftreten und Ausgreifen interpretiert wird, kann bei den politischen
Akteuren also durchaus defensiv motiviert sein.
Im Verlauf des 18. Jahrhunderts hatte Großbritannien in Europa
die Funktion eines «Züngleins an der Waage» erlangt. Um das Mäch-
tegleichgewicht auf dem Kontinent auszubalancieren und den Aufstieg
einer konkurrierenden Hegemonialmacht zu blockieren, genügte es
in der Regel, die relativ unterlegene Seite mit Subsidien, also ohne

57
die Entsendung eigener Truppen, zu motivieren und ihre Durchhalte-
fähigkeit zu stärken. In der Auseinandersetzung mit dem Frankreich
Napoleons I. war diese überaus kostengünstige Hegemonialpolitik an
ihre Grenzen gestoßen, und Großbritannien hatte sich über längere
Zeit mit eigenen Truppen auf dem Kontinent engagieren müssen, um
den Kaiser niederzuringen und die britischen Interessen zu wahren.
Napoleon hatte Großbritannien nicht nur militärisch, etwa durch die
Besetzung der iberischen Halbinsel, sondern auch wirtschaftlich unter
Druck gesetzt: Mit einem Handelsembargo, der so genannten Konti-
nentalsperre, die er verhängte, wollte er die Insel von wichtigen Ab-
satzmärkten abschneiden.
Die nach der Niederlage Napoleons entstandene Situation war
ganz im britischen Interesse. Das alte multipolare Kräftegleichgewicht
war wiederhergestellt, zugleich aber durch die Entwicklung bipolarer
Konstellationen fixiert: Der russisch dominierten Heiligen Allianz in
Mittel- und Osteuropa stand im Westen das geschwächte Frankreich
gegenüber, das auf die bündnispolitische Anlehnung an Großbritan-
nien angewiesen war. Die Briten konnten zu der von ihnen klassisch
betriebenen Hegemonialpolitik zurückkehren; sie kontrollierten die
Ozeane durch eine jedem Konkurrenten weit überlegene Kriegsflotte,
steuerten die kontinentaleuropäischen Angelegenheiten mit Hilfe von
Bündnissen und Subsidien und hielten die Märkte für die Warenströ-
me offen, die sich im Zuge der industriellen Revolution in England
ständig vergrößerten. Großbritannien profitierte von dieser überaus
kostengünstigen Hegemonialposition, ohne dass es, von der Flotte
abgesehen, nennenswert in sie investieren musste. Es ist darum nur
zu verständlich, dass Disraelis liberaler Widerpart William Gladstone
dessen imperiales Projekt entschieden ablehnte und dafür den Begriff
Imperialismus in einer wesentlich pejorativen Bedeutung prägte.42
Warum sollten die Briten die komfortable Konstellation, wie sie die
europäische Balance, das System der indirect rule in den außereuro-
päischen Gebieten und die Politik des Freihandels darstellte, aufgeben
und sich auf imperialistische Abenteuer mit ungewissem Ausgang und
garantiert hohen Kosten einlassen?

58
Expansionszwänge, Randlagenvorteile
und Zeitsouveränität

Für ihre Sicherheit und die militärische Selbstbehauptung gegen Kon-


kurrenten mussten die Briten stets deutlich weniger ausgeben als die
kontinentaleuropäischen Staaten. Im Unterschied zu ihnen konnte
sich Großbritannien nämlich den Luxus leisten, auf stehende Heere
zu verzichten und stattdessen in die Flotte investieren; bedurfte Groß-
britannien eines größeren Landesheeres, so folgte es lange Zeit der
Praxis, Streitkräfte auf dem Kontinent zu mieten oder anzuwerben.
Im Gegensatz zum Landheer war die Flotte ein Instrument wirt-
schaftlicher Prosperitätssicherung. Während die Landheere der euro-
päischen Kontinentalstaaten zumeist in den Garnisonen lagen und nur
Kosten verursachten, war die Flotte ständig im Einsatz, kontrollierte
und schützte Handelsrouten und schuf so einen nicht nur politischen,
sondern auch ökonomischen Mehrwert. Für das Landheer ist die Un-
terscheidung zwischen Krieg und Frieden fundamental. Mit der Kriegs-
erklärung beziehungsweise dem Friedensschluss verändert es gleich-
sam seinen Aggregatzustand. Das ist bei der Flotte, zumal der einer
führenden Seemacht, nicht der Fall. Sollte tatsächlich einmal in globa-
lem Maßstab Frieden herrschen, nimmt sie immerhin Polizeifunktion
wahr, indem sie die Seefahrt vor Piraterie schützt. Flotten können sich
politisch und ökonomisch amortisieren; Landheere bestenfalls poli-
tisch. Das ist einer der wichtigsten Kostenvorteile von See- gegenüber
Landimperien. Der amerikanische Admirai Alfred Thayer Mahan hat
dies in seinem grundlegenden Werk Der Einfluss der Seemacht auf
die Geschichte (1890) detailliert dargelegt.43 Im Falle Großbritanniens
kommt als Vorteil bei der Imperiumsbildung die mit Blick auf die eu-
ropäischen Machtzentren periphere Lage des Landes hinzu. Während
Frankreich, Preußen und Österreich sich in immer neuen Kriegen ge-
geneinander schwächten und das Erreichen einer imperialen Position
blockierten, vollzog sich der Aufstieg Großbritanniens abseits dieser
Hegemonialkriege, die es als Zünglein an der Waage des europäischen
Gleichgewichts obendrein noch unter seiner Kontrolle hatte.44

59
Imperiumsbildungen, die aus einem Staatensystem oder einem Plu-
riversum ebenbürtiger Mächte heraus unternommen wurden, sind fast
immer gescheitert, wohingegen solche, die an den Rändern der welt-
politischen Zentren ihren Ursprung hatten, häufig erfolgreich waren.
Von Anfang an waren in den Zentren deutlich größere Anstrengungen
nötig, damit eine protoimperiale Macht sich gegen ähnlich starke oder
doch nur geringfügig unterlegene Mächte durchsetzen konnte, und der
Anlauf zu einer solchen Imperiumsbildung führte bald zu großen Krie-
gen, in denen sich schwer zu besiegende Koalitionen dem entstehen-
den Imperium entgegenstellten. In diesen Hegemonialkriegen45 schei-
terte entweder die Imperiumsbildung, oder es entwickelte sich, wie im
napoleonischen Frankreich und im wilhelminischen Deutschland, eine
Dominanz des militärischen Apparats innerhalb des entstehenden Im-
periums, die die Kosten seines weiteren Aufstiegs in untragbare Höhen
trieb und politisches Handeln unflexibel machte. Die aus den macht-
politischen Zentren heraus unternommenen Imperiumsbildungen ka-
men also – im Unterschied zu den von den Randzonen ausgehenden – nie in den
die Kontrolle von Handelsströmen beschränken konnte und damit
mehr einbrachte, als sie kostete. So bildeten sich in Europa nach dem
Untergang des Römischen Reiches zwar zeitweilig Hegemonien aus,
aber keine dauerhaften Imperien. Spanien in der Ära von Philipp II.
bis Philipp IV.46, Frankreich unter Ludwig XIV. und dann noch einmal
unter Napoleon I. und schließlich das unter den Hohenzollern geeinte
Deutschland – sie alle sind in lange währenden Kriegen nicht nur an
der Ausbildung eines Imperiums gehindert worden, sondern büßten
auch die Hegemonie ein, die sie zuvor errungen hatten.

Da in den machtpolitischen Randzonen meist ebenbürtige Gegner


fehlen, kommt es hier auch nicht zu verheerenden großen Kriegen;
der Aufstieg zum Imperium erfolgt vielmehr in einer Reihe kleiner
Kriege, in denen der Widerstand organisatorisch wie technologisch
unterlegener Gegner schließlich gebrochen wird.47 Typisch für sie ist,
dass sie nicht mit schwerem Kriegsgerät, großen Truppenmassen und
unter Einsatz einer komplexen Logistik geführt werden und dement-

60
sprechend billig sind. Die meisten erfolgreichen Imperiumsbildungen
haben sich nicht im Zentrum, sondern am Rande weltpolitisch um-
kämpfter Großräume vollzogen; das gilt für Großbritannien und Russ-
land ebenso wie für die USA und Rom oder für Spanien und Portu-
gal.48 Selbst das Osmanische Reich ist von der anatolischen Peripherie
her aufgebaut worden und erst in der Phase der Expansion in sein
späteres kleinasiatisch-südosteuropäisches Zentrum vorgestoßen. Die
einzigen nennenswerten Imperiumsbildungen, die aus einer weltpoli-
tischen Zentrallage heraus unternommen und abgeschlossen wurden,
sind das antike Reich der persischen Großkönige und China. In der
imperialen Typologie stellen sie eine Ausnahme dar.
Außer in den geringeren Durchsetzungskosten gegen Konkurrenten
und Feinde dürfte der größte Vorteil für die so genannten Flügelmäch-
te in der Zeitsouveränität bestehen, die aus der Randlage erwächst.
Während die Mächte des Zentrums in ständigem, oft kriegerischem
Konflikt mit Gegnern stehen, die ihnen nicht selten an Menschen und
Ressourcen überlegen sind, können die Mächte der Peripherie die
aus der Randlage erwachsende Friedensdividende in den Ausbau ih-
rer Wirtschafts- und Infrastruktur investieren. Im Verlauf des 18. und
19. Jahrhunderts errang Großbritannien dadurch einen wirtschaftli-
chen Vorsprung gegenüber dem europäischen Kontinent, und da es
von einer Intensivierung des Handels in jener ersten Phase der Glo-
balisierung nur profitieren konnte49, trat es für Freihandel und gegen
jede Form von Protektionismus ein. Von daher war das Empire am
Frieden interessiert, und wenn es dennoch Kriege führte, dann um die
Handelsrouten zu sichern oder Märkte zu öffnen, Kriege also, die sich
buchstäblich rentierten. Rivalitätskonflikte mit gleich starken Mächten
hat Großbritannien nach Möglichkeit vermieden – abgesehen davon,
dass es in Europa seit dem Niedergang Spaniens im 17. Jahrhundert,
der Herabstufung Portugals auf den Status eines britischen Proteges
und der Erschöpfung Frankreichs infolge seiner Verstrickung in zahl-
reichen Hegemonialkriegen keinen ebenbürtigen Gegner mehr gab.50
Auch der Aufstieg der USA vollzog sich aus einer komfortablen
Randlage heraus, was dazu führte, dass die USA zwischen 1815 (als

61
sie bei dem Versuch, in den kanadischen Raum vorzudringen, am bri-
tischen Widerstand gescheitert waren) und 1917 (ihrem Eintritt in den
Ersten Weltkrieg) ihre Kräfte nicht mit einem gleich starken Konkur-
renten messen mussten; die Kriege gegen Mexiko und Spanien Mitte
und Ende des 19. Jahrhunderts waren imperiale Expansionskriege ge-
gen weit unterlegene Kontrahenten. Den Bürgerkrieg zwischen den
Nord- und Südstaaten konnten die USA ebenfalls ohne Intervention
fremder Mächte ausfechten – auf dem europäischen Kontinent wäre
das ausgeschlossen gewesen, dort hätten andere Staaten eingegriffen,
um aus dem machtpolitischen Vakuum Kapital zu schlagen.
Die Randlagenvorteile zeigen sich auch in der Geschichte Roms,
dessen Expansion über lange Zeit an der Peripherie der hellenisti-
schen Welt – dem politischen Gravitationszentrum des Mittelmeer-
raumes – verlief, ebenso am Beispiel Portugals und Spaniens, deren
wirtschaftlicher und politischer Aufstieg außerhalb des europäischen
Machtzentrums erfolgte, das mit dem Dreieck Paris-Rom-Wien grob
umrissen werden kann. Wahrscheinlich war es das Verhängnis Spa-
niens, dass es sich durch die dynastischen Verbindungen des Hauses
Aragon nach Süditalien und die Wahl Karls zum deutschen Kaiser
(1519) frühzeitig in die europäischen Hegemonialkriege hineinziehen
ließ, in denen es wirtschaftlich und politisch geschwächt wurde. Die
Briten, möchte man meinen, haben aus der Geschichte Spaniens ge-
lernt und es geschafft, sich so lange wie möglich aus den aufreibenden
und kräftezehrenden kontinentaleuropäischen Kriegen herauszuhal-
ten. Der Spanische Erbfolgekrieg zu Beginn des 18. Jahrhunderts ist
die große Ausnahme, aber in ihm ging es um die Verhinderung eines
antihegemonialen Blocks, der dem britischen Einfluss auf Europa hät-
te gefährlich werden können.
Und Russland? Offenbar hat eine seenahe Randlage andere Effek-
te als die Kontinentalperipherie. Von Anfang an nämlich erfolgte der
Aufstieg des Zarenreichs in einer endlosen Reihe von Waffengängen
gegen durchaus ernst zu nehmende Konkurrenten, die dann in Jahr-
zehnte währenden Auseinandersetzungen niedergerungen wurden:
Das begann mit den Kriegszügen gegen die Goldene Horde, deren

62
Erbe die Zaren im südrussischen Raum antraten, setzte sich fort in der
Konfrontation mit dem polnisch-ukrainischen und anschließend mit
dem schwedischen Reich, die der nordwestlichen Expansion im Wege
standen, und wurde ergänzt durch den jahrhundertelangen Konflikt
mit den Osmanen – da sie den Bosporus und die Dardanellen kon-
trollierten, versperrten sie den ungehinderten Zugang zu eisfreien und
damit ganzjährig befahrbaren Schifffahrtsrouten. Obendrein verfügten
sie mit Byzanz über die heiligen Stätten der östlichen Christenheit, aus
denen sich die politische Legitimität der russischen Zaren speiste.51
Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam der Dauerkonflikt
mit der Donaumonarchie hinzu, in dem es um die Herrschaft über die
west- und südslawischen Völker ging, als deren Schutzherr sich der
Zar verstand. Die permanenten Kriege sorgten dafür, dass der Aufbau
des russischen Imperiums wesentlich teurer war als etwa der des briti-
schen oder des amerikanischen Empire. Dementsprechend bildete die
Armee in Russland einen viel gewichtigeren imperialen Machtfaktor
als in den westlichen Reichen. Russland hat von den Vorteilen seiner
Randlage niemals in gleicher Weise profitieren können wie Großbri-
tannien oder die USA.
Dennoch waren die Russen gegenüber den mittel- und westeuro-
päischen Mächten im Vorteil, weil sie nur in Ausnahmefällen mit einer
Koalition der großen Mächte konfrontiert waren. So konnten sie ihre
Kontrahenten der Reihe nach angreifen und einzeln besiegen. Insofern
haben auch die Russen die aus der Randlage erwachsende Zeitsouve-
ränität nutzen können: Sie dehnten den Prozess der Gebietserweite-
rung über einen langen Zeitraum aus, zerlegten ihn in einzelne Schrit-
te und Etappen und standen dadurch nicht in der Gefahr, ihre Kräfte
zu überfordern.

Eine der gefährlichsten Bedrohungen imperialer Politik besteht im Ver-


lust der Fähigkeit, die Rhythmen von Expansion und Konsolidierung,
also Beschleunigung und Verlangsamung imperialen Wachstums, nach
eigenem Gutdünken bestimmen zu können. Dabei kann die imperia-
le Zeitsouveränität durch äußere wie innere Faktoren eingeschränkt

63
werden. Unter äußeren Faktoren sind mächtige Konkurrenten bezie-
hungsweise Koalitionen zu verstehen, die sich dem weiteren Aufstieg
des Imperiumsanwärters in den Weg stellen oder ihm die erreichte
Position streitig machen. Die Vorteile der Randlage bestehen im We-
sentlichen darin, dass ein solcher Zusammenstoß dort weniger wahr-
scheinlich ist als im machtpolitischen Zentrum, wo keiner der Ale-
teure, solange er noch nicht die unbestrittene Vorherrschaft errungen
hat, Herr der Zeitabläufe ist; diese verselbständigen sich vielmehr und
gewinnen ihrerseits Macht über das Geschehen. Randlagen zeichnen
sich hingegen dadurch aus, dass in ihnen tendenziell nur ein starker
Aldeur vorhanden ist, der das Tempo vorgibt. Der Erste Weltkrieg, der
im Wesentlichen ein innereuropäischer Krieg war, ist ein Beispiel für
den Kontrollverlust über die Zeitabläufe, dem sämtliche europäischen
Akteure, Russland und Großbritannien eingeschlossen, unterworfen
waren. Die einzige relevante Macht, die Herr der Zeitrhythmen blieb,
waren die USA, und sie wurden zum eigentlichen Gewinner des Krie-
ges.
Mit der Konsolidierung eines Imperiums verändern sich dann
die Verhältnisse: Wo ehedem Peripherie war, ist nun Zentrum, und
einstige Kernbereiche haben sich in Randlagen der neu geordneten
«Welt» verwandelt. Das ist zugleich die Erklärung dafür, warum Impe-
riumsbildungen aus den weltpolitischen Machtzentren heraus nur in
Ausnahmefällen erfolgreich sind, während Randlagen sie offenbar be-
günstigen. Man kann noch einen Schritt weitergehen und sagen, dass
Randlagen durch das Fehlen starker Konkurrenten und das hohe Maß
an Zeitsouveränität, das sie den dortigen Mächten gewähren, Imperi-
umsbildungen geradezu provozieren. Die weichen Grenzen, an denen
der wachsenden Macht kein entschlossener Gegner entgegentritt, wir-
ken wie Vakuen und saugen eine Expansion in die hinter ihnen liegen-
den Räume gleichsam an. Das gilt für die amerikanische Westgrenze,
die im 18. und 19. Jahrhundert mehr und mehr vorgeschoben wurde,
bis man endlich am Pazifik ankam, wie für die russische Ostgrenze,
die im selben Zeitraum immer weiter wanderte und für kurze Zeit so-
gar auf dem amerikanischen Kontinent verlief. Während der russische

64
Vorstoß jedoch letztlich am Japanischen Meer zum Stillstand kam, wo
er auf einen ernst zu nehmenden Gegner traf52, stellte die pazifische
Küste für die amerikanische Expansion nur einen Zwischenstopp dar,
und seit dem Ende des 19. Jahrhunderts begann der Aufstieg der USA
zu einer pazifischen Macht, in dessen Verlauf es schließlich ebenfalls
zum Konflikt mit Japan kam. Ganz ähnlich erfolgte die Bildung der
europäischen Kolonialreiche, bei denen die machtpolitischen Vakuen
der Peripherie zu einer immer größeren Ausdehnung der beherrsch-
ten Gebiete führten. Bei der Entstehung von Territorialimperien ist die
Sogwirkung der Peripherie von ebensolcher Bedeutung wie die expan-
sive Dynamik des Zentrums.
Selbstverständlich ist die Dynamik des Zentrums eine unverzicht-
bare Voraussetzung imperialer Expansion, da die machtpolitischen
Vakuen der jeweiligen Peripherie sonst gar nicht als solche wahrge-
nommen würden. Der Begriff der imperialen Zeitsouveränität schließt
freilich auch ein, dass diese Dynamik keinen unkontrollierbaren
Zwang zur Expansion hervorbringt. Das wären dann innere Faktoren,
die der imperialen Zeitsouveränität entgegenwirken. Einen derartigen
Expansionszwang stellen die Imperialismustheorien, und zwar die
ökonomischen ebenso wie die politischen, in den Mittelpunkt. Das
stärkste Argument für den bevorstehenden Zusammenbruch des Im-
perialismus war ihnen zufolge neben dem drohenden Krieg der großen
Mächte die erodierende Zeitsouveränität der Imperien aufgrund inne-
rer Umstände. Erst die weltrevolutionäre Partisanentheorie Mao Tse-
tungs hat in ihrer zentralen Idee der «Einkreisung der Städte durch
die Dörfer» eine Imperialismustheorie entfaltet, in der die imperiale
Welt nicht an internen, sondern an externen Faktoren, nicht an Ent-
wicklungen im Zentrum, sondern am Widerstand der Peripherie schei-
tern sollte. Auch dabei ging es im Übrigen um die Zeitsouveränität der
imperialen Zentren, die durch den Partisanenkrieg, den Mao als den
«lange auszuhaltenden Krieg» definierte, begrenzt und beschnitten
werden sollte.53
Ein Konzept, in dem innere Faktoren für eine Erosion der Zeit-
souveränität imperialer Zentren sorgen, wurde in den Überakkumula-

65
tions- beziehungsweise Unterkonsumptionstheorien entwickelt, wo-
nach Absatzkrisen in den ökonomischen Zentren zur Erschließung
immer neuer Märkte für den Export von Waren und Kapital zwangen.
Eine andere Form findet sich in der These der Sozialimperialismusthe-
orien, wonach die imperialen Zentren immer stärker genötigt seien,
die eigenen Unterschichten durch die Verteilung von Extraprofiten
aus imperialistischer Ausbeutung oder durch die Eroberung von Sied-
lungskolonien ruhig zu stellen. Auch die in den politischen Imperialis-
mustheorien betonte Prestigekonkurrenz war im Kern nichts anderes
als die Beschreibung eines Zwangs zur Expansion, der die politisch so
wertvolle Zeitsouveränität einschränkte.54
Dieses Handicap machte sich bei den imperialen Konkurrenten im
weltpolitischen Zentrum ungleich stärker bemerkbar als bei denen an
den Randlagen, wo die Zeithorizonte größer und weiter blieben. Die
kontinentaleuropäischen Mächte, vor allem Deutschland, aber auch
Frankreich und schließlich sogar Italien, hatten es mit einem Mal
sehr eilig, sich in den Besitz außereuropäischer Territorien zu brin-
gen, um ihren Weltmachtstatus unter Beweis zu stellen oder zumindest
die Anwartschaft darauf zu reklamieren. Wer im Gegensatz zu seinen
Nachbarn keine Kolonien erwarb oder in anderer Form territorial ex-
pandierte, ging nicht nur bei der Verteilung von Märkten und Roh-
stoffquellen leer aus, sondern verlor auch innerhalb des europäischen
Mächtesystems an Gewicht und Einfluss. Politische und wirtschaft-
liche Faktoren spielten hier also zusammen.
Die große Nervosität, die sich am Ende des 19. Jahrhunderts in
Europa ausbreitete55, war nicht zuletzt eine Folge der beständigen Ver-
kürzung der Zeithorizonte, die aus der innereuropäischen Konkurrenz
erwuchs. Schließlich wurden sogar die Randlagen davon ergriffen, wie
die Expansionspolitik der USA am Ende des 19. Jahrhunderts zeigt.
Insgesamt aber war der Konkurrenzdruck dort geringer. Während die
imperialen und protoimperialen Mächte im Zentrum das Gesetz des
Handelns immer weniger bestimmen konnten56, gelang es den Flü-
gelmächten – mit Ausnahme des seit dem Zusammenstoß mit Japan
erheblich geschwächten Russischen Reiches – sehr viel besser, Herr

66
des Geschehens und ihrer Entscheidungen zu bleiben. Aber der Un-
terschied zwischen Randlage und machtpolitischem Zentrum ist nicht
nur ausschlaggebend für Art und Erfolg der Imperiumsbildung, son-
dern hat auch Bedeutung für die Frage, ob wir es mit einem Hegemon
oder einem Imperium zu tun haben.

Die heikle Unterscheidung zwischen


Hegemonie und Imperium

In einem multipolaren System, so der amerikanische Politologe John


Mearsheimer, seien alle beteiligten Großmächte bestrebt, die Hegemo-
nie zu erlangen, weil sie unter den gegebenen Umständen die größt-
mögliche Sicherheit verspreche. Ein solcher Wettstreit führt jedoch zu
einer notorischen Instabilität des Systems, da jede Großmacht sich
gerade infolge des Hegemonialstrebens der anderen bedroht fühlt und
sich deshalb umso mehr bemüht, selbst die Vormachtstellung zu errin-
gen. Mearsheimer bezeichnet diesen Teufelskreis als die «Tragödie der
Großmachtpolitik»57, von der er annimmt, dass sich ihr keine Macht,
die in den Reihen der Großen verbleiben will, dauerhaft entziehen
kann.
Im Vergleich mit Hegemonien können Imperien viel weniger durch
andere Mächte angefochten werden, und dementsprechend beständi-
ger sind sie: In ihrer «Welt» konkurrieren sie nicht mit tendenziell
gleich starken Airteuren; allenfalls streiten die kleineren Mächte um
die Plätze in der zweiten, dritten oder gar vierten Reihe, wobei das im-
periale Zentrum gleichsam als Schiedsrichter fungiert und dafür sorgt,
dass die Konkurrenz nicht mit den Mitteln des Krieges ausgetragen
wird. Der immer wieder beobachtete Umstand, dass imperiale Binnen-
räume Zonen des Friedens sind, während sich hegemonial beherrschte
Räume durch eine gesteigerte Belligerenz auszeichnen, hat darin eine
seiner Ursachen. Das heißt natürlich nicht, dass es in imperialen Ord-
nungen prinzipiell nicht zur Anwendung militärischer Gewalt kommt;
antiimperiale Befreiungskriege können hier sehr wohl stattfinden, und

67
sie dauern in der Regel länger als die großen Hegemonialkriege. Diese
werden freilich ungleich vehementer ausgefochten, und sie haben ge-
waltige Verluste innerhalb kürzester Zeit zur Folge. Dafür stellen anti-
imperiale Befreiungskriege die imperiale Ordnung als Ganzes in Frage,
während Hegemonialkriege die Gesamtordnung eher stabilisieren: Es
geht in ihnen nur um den Austausch des Hegemons, das Ordnungs-
modell selbst hingegen wird von allen Konfliktparteien anerkannt.58
Auch durch die andersartige Funktion des Krieges unterscheiden sich
Imperium und Hegemonie voneinander.
In Europa ist ein tiefes Misstrauen gegenüber Systemen der inter-
nationalen Politik vorherrschend, die den Kampf um die Hegemonie
geradezu erzwingen. Im 20. Jahrhundert war hier in zwei verheeren-
den Kriegen der Übergang einer kontinentalen Hegemonialmacht zur
imperialen Beherrschung des Kontinents verhindert worden. Anschlie-
ßend suchte man nach Mitteln und Wegen, eine Neuauflage der hege-
monialen Konkurrenz zu unterbinden. Weil sich herausgestellt hatte,
dass jeder Krieg mehr kostete, als er einbrachte und selbst der militä-
rische Sieger der politische und wirtschaftliche Verlierer des Krieges
war59, setzten die Europäer alles daran, durch internationale Verträge,
wirtschaftliche Verflechtungen und insbesondere die innere Demo-
kratisierung der Staaten gegenseitiges Misstrauen abzubauen und das
verhängnisvolle Streben nach einer innereuropäischen Hegemonie zu
blockieren.
Was vor allem in Deutschland als ein Lernprozess aus den Erfah-
rungen des Ersten und Zweiten Weltkriegs dargestellt wird, konnte
auch ganz anders beschrieben werden: als Sicherung der europäischen
Staatenordnung gegen einen abermaligen Versuch der Deutschen, den
Kontinent doch noch unter ihre imperiale Ägide zu bringen60, und zu-
gleich als Bollwerk gegen die neue imperiale Bedrohung der bis nach
Mitteleuropa vorgestoßenen Sowjetunion. In dieser Beschreibung
spielen nicht EU und OSZE die Hauptrolle, wenn die friedliche Ent-
wicklung Europas nach 1945 erklärt werden soll; an ihre Stelle tritt
die Nato: Ihr Sinn, so formulierte ihr erster Generalsekretär, der Brite
Hastings Lionel Ismay, knapp und prägnant, habe darin bestanden,

68
«to keep the Germans down, the Russians out and the Americans in».
Innereuropäische Hegemonialkämpfe wurden demnach vor allem da-
durch verhindert, dass mit den USA einer außereuropäischen Macht
die Rolle des Hegemons übertragen wurde, und somit wäre die euro-
päische Nachkriegsordnung weniger das Ergebnis eines beispielhaften
politischen Lernprozesses, der auch anderen Krisenregionen zum Vor-
bild dienen könnte, als vielmehr die Folge der luxuriösen Situation, Si-
cherheit von den Amerikanern zur Verfügung gestellt zu bekommen.
Sicherheitsgarantien einer Großmacht an Mächte mittlerer Größe
sind nach dieser Lesart nicht nur ein Instrument bei der Errichtung
und Konsolidierung eines Imperiums, sondern ebenso ein Mittel zur
Beendigung von Hegemonialkämpfen, mit dessen Hilfe kriegerische
Regionen pazifiziert und auf eine dauerhafte Friedensordnung umge-
stellt werden können. Das aber hat zur Voraussetzung, dass sich eine
hinreichend starke äußere Macht findet, die an der friedlichen Sta-
bilität des zuvor von immer neuen Hegemomalkriegen erschütterten
Raumes so sehr interessiert ist, dass sie entsprechende Sicherheitsga-
rantien vergibt. Während sich die USA nach 1918 dieser Aufgabe ent-
zogen haben, waren sie nach 1945 dazu bereit.61 Was auch immer sie
sich davon an Vorteilen versprochen haben – zunächst war es eine
politische Investition in den westeuropäischen Raum, die einiges ge-
kostet hat.
Die damit verbundene Vorstellung von der «wohlwollenden Hege-
monie», welche die USA ausübten, hat wenig gemein mit der Bezeich-
nung der Macht, die aus dem Wettstreit der großen Mächte als Sie-
ger hervorgegangen ist. Hat Letztere sich in einer harten Konkurrenz
mit tendenziell Gleichen durchgesetzt, so ist Erstere eher der Hirte
einer Herde, die er vor feindlichen Angriffen bewahrt; sein Wohlwol-
len besteht darin, dass er die ihm Anbefohlenen nicht nur gegen die
Bedrohung von außen schützt, sondern auch darauf verzichtet, seine
Überlegenheit zum eigenen Vorteil auszunutzen. Was ihn auszeichnet,
ist im Wesentlichen der Dienst für andere und weniger die erfolgreiche
Durchsetzung eigener Interessen gegen andere. Hegemonie ist nach
diesem Verständnis potenzielle Imperialität, die jedoch aus Respekt

69
vor der Rechtsordnung, aus Rücksicht auf die moralische Befindlich-
keit der eigenen Bevölkerung, aus politischer Klugheit oder aus noch
anderen, in jedem Fall aber wohlwollenden Motiven nicht in ihrem
ganzen Ausmaß realisiert wird. Über die Entscheidung zwischen He-
gemonie und Imperialität verfügt aus dieser Sicht allein die Spitzen-
macht, und deshalb ist es sinnvoll, sich mit werbenden Appellen oder
warnenden Hinweisen an sie zu wenden, um sie vom Nutzen der hege-
monialen und vom Schaden der imperialen Rolle zu überzeugen.
Diese Alternative wäre demnach optional und nicht determiniert,
und deswegen fiele sie auch in den Bereich der politischen Moral be-
ziehungsweise Klugheit und nicht in den der, wenn man so sagen kann,
politischen Physik. Damit ist freilich noch nicht darüber entschieden,
ob die Spitzenmacht und ihre führenden Politiker diese Sichtweise
teilen oder ob hier eine Wahrnehmung vorherrscht, die von der po-
litischen Physik bestimmt ist. Jedenfalls wird man davon ausgehen
können, dass aus der Perspektive der Führungsmacht den Zwängen
ein stärkeres Gewicht zukommt, während die kleineren Mächte dazu
neigen, den Entscheidungsspielraum der Großmächte zu betonen.
Michael Mann begreift Hegemonie als eine regelgebundene Form
der Vorherrschaft – im Unterschied zum Imperium, bei dem die do-
minierende Macht sich an keinerlei Regeln gebunden fühlt. Für Mann
leitet sich daraus die zentrale Frage der amerikanischen Außenpolitik
ab: «Die Amerikaner müssen sich entscheiden, ob sie die Hegemo-
nie wollen und sich dann an die Regeln halten. Doch wenn sie das
Empire wollen und damit scheitern, werden sie auch die Hegemonie
verlieren. Die Welt würde das wenig kümmern. Sie käme mit den
multilateralen Folgen zurecht.»62 Demgegenüber bezweifelt Chalmers
Johnson, ein amerikanischer Politologe, der sich als Ostasienexperte
einen Namen gemacht hat, dass zwischen Imperium und Hegemonie
ein substanzieller Unterschied besteht. Vielmehr geht er davon aus,
dass es sich bei dieser Unterscheidung letztlich um eine rhetorische
Strategie handelt, durch die reale Machtausübung in ein helleres Licht
oder in den Schatten gestellt werden soll: «Einige Autoren haben den
Begriff ‹Hegemonie› für einen Imperialismus ohne Kolonien benutzt,

70
und in der Ära der ‹Supermächte› nach dem Zweiten Weltkrieg wurde
Hegemonie gleichbedeutend mit der Vorstellung von westlichen und
östlichen ‹Lagern›. Die Frage der Begrifflichkeit wurde dabei stets von
der Neigung der Vereinigten Staaten kompliziert, Euphemismen für
den Begriff Imperialismus zu prägen, die die amerikanische Spielart
zumindest vor den eigenen Bürgern eher harmlos und unschuldig er-
scheinen ließen.»63 «Hegemonie» wäre danach nur ein Euphemismus
für «Imperium», und die Unterscheidung zwischen beidem wäre dann
kaum von der Sache her gerechtfertigt, sondern würde allein die je-
weilige Wertung derer zum Ausdruck bringen, welche die Ordnung
beschreiben. Statt um wissenschaftliche Kategorien würde es sich um
Markierungen der politischen Sprache handeln.
Aber offenbar erwächst die begriffliche Konfusion nicht nur aus
einer nachvollziehbaren Tendenz zu Euphemismen, denn auch der im
Ruf zynischer Offenheit stehende Henry Kissinger hat in seinen jüngs-
ten Stellungnahmen die Begriffe «hegemonial» und «imperial» syno-
nym verwandt. Die zentrale Botschaft seines Buches Die Herausfor-
derung Amerikas (2001) lautet, den USA könne aus der Übernahme
einer hegemonialen Rolle binnen kürzester Zeit eine so schwere und
drückende Last erwachsen, dass die amerikanische Gesellschaft nicht
bereit sein werde, sie weiter zu tragen. Es ist also gar nicht einmal die
Versuchung des Imperiums, sondern bereits die der Hegemonie, an der
Kissinger die USA scheitern sieht.64
Man kann allerdings die Problemwahrnehmung auch umdrehen
und die Errichtung eines Imperiums als Sicherung gegen das drohende
Scheitern der stets prekären Hegemonie begreifen. Wenn die Hegemo-
nie dadurch definiert wird, dass in ihr kollektive Güter – Sicherheit
vor äußerer Bedrohung, Begrenzung von Rüstungsanstrengung klei-
nerer Mächte, geordnete Wirtschaftsräume und so weiter – zur Ver-
fügung gestellt werden, für die wesentlich die Hegemonialmacht zu
sorgen hat, während die nachgeordneten Mächte davon vor allem pro-
fitieren, ist der Unwillen der führenden Macht und ihrer Bürger über
diese Verteilung von Kosten und Nutzen leicht nachvollziehbar. Ganz
anders sähe dies bei einem Imperium aus, das für die Bevölkerung im

71
Zentrum mehr einbringt, als es kostet, oder das zumindest die Kosten
für die Bereitstellung der kollektiven Güter nicht alleine tragen muss,
sondern seine Schutzbefohlenen daran beteiligt. Ein solches Imperium
besäße dann bei der eigentlichen «Reichsbürgerschaft» eine höhere
Zustimmung als eine Hegemonie. Viele Politiker und Intellektuelle,
die in den letzten Jahren in eher unamerikanischer Manier von einem
American Empire gesprochen haben beziehungsweise für seine Errich-
tung und Befestigung eingetreten sind65, haben dies unverkennbar aus
Sorge vor den Gefährdungen und Kosten einer stets aufs Neue zu be-
hauptenden Hegemonie getan. Dabei haben sie auf präzise begriffliche
Unterscheidungen wenig Wert gelegt und unter «Imperium» einfach
eine gefestigte und auf Dauer gestellte Form der Hegemonie verstan-
den.

Wahrscheinlich hat über das Verhältnis von Imperialität und Hegemo-


nie in jüngerer Zeit niemand gründlicher nachgedacht als der deutsche
Rechtshistoriker Heinrich Triepel, der 1938 ein großes Werk über die
Hegemonie veröffentlicht hat. Auch Triepel bezweifelte, dass es zwi-
schen Imperium und Hegemonie kategoriale Unterschiede gibt: Hege-
monie sei lediglich «eine der Formen, in denen sich imperialistische
Politik auszudrücken vermag».66 Ihr Charakteristikum bestehe in einer
«Selbstbändigung der Macht».67 Triepel glaubte freilich eine im Verlauf
der Jahrhunderte sich durchsetzende Tendenz zur größeren Respek-
tierung der Selbständigkeit jener Gebiete beobachten zu können, die
unter der Herrschaft der imperialen Macht stehen, ihr selbst aber nicht
angehören. Er hat diese Tendenz als das «Gesetz der abnehmenden
Gewalt» bezeichnet.68 Was Triepel im Auge hatte, war ein Prozess der
«Selbstbändigung der Macht»69, mit dem Ergebnis, dass Imperialität
inzwischen überwiegend die Gestalt von Hegemonie angenommen
habe. «Man darf ruhig behaupten, daß in der Politik des modernen
Imperialismus der Erwerb von Hegemonie mehr und mehr die typi-
sche Form der Machterweiterung geworden ist.»70
Für Triepel treffen Imperium und Hegemonie dort zusammen, «wo
der Imperialismus bewusst auf Inkorporation fremder Länder in das

72
Gefüge eines alten Staates verzichtet. Sie können sich dort, sie müs-
sen sich nicht begegnen.»71 Triepel konstatiert also eine Tendenz zur
Umwandlung imperialer in hegemoniale Politik, die er vor allem dort
verwirklicht sieht, wo föderative Elemente den Prozess der Imperi-
umsbildung prägen. Aber er bezweifelt, dass sie sich immer und überall
durchsetzen werde. Das war zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser
Überlegungen Mitte der 1930er Jahre eine mehr als angebrachte Vor-
sicht.
Auf der Suche nach den Anfängen der Reflexion über Hegemonie
als einer durch gesteigerte Selbstbindung gekennzeichneten Form im-
perialer Herrschaft ist Triepel auf die antiken griechischen Historiker
und Rhetoren gestoßen, die sich mit Entstehung und Scheitern der
athenischen Thalassokratie beschäftigt haben. Bei ihnen ist ein abge-
stufter Gebrauch der Begriffe arche, dynamis und hegemonia zu be-
obachten: Danach bringt arche in einem starken und intensiven Sinn
Machtbeziehungen zum Ausdruck, die Triepel als «Herrschaft» wie-
derzugeben vorschlägt. Auch dynamis werde häufig in diesem Sinne
verwendet, wohingegen mit hegemonia eine schwächere Machtbe-
ziehung gemeint ist, die Triepel als «Vorherrschaft» übersetzt wissen
möchte.72
Auch Michael Doyle hat in seiner vergleichenden Untersuchung
von Imperien gewisse Unterschiede zwischen der athenischen und der
spartanischen Bündnispolitik im 5. vorchristlichen Jahrhundert kon-
statiert und daraus eine kategoriale Unterscheidung zwischen Impe-
rium und Hegemonie entwickelt: Während es sich bei dem von Athen
dominierten Delisch-Attischen Seebund um ein Imperium gehandelt
habe, sei der Peloponnesische Bund mit Sparta als führender Macht
eine Hegemonie gewesen.73 Diese ist für Doyle dadurch gekennzeich-
net, dass sie ihren Dominanzanspruch allein auf die «Außenpolitik»
der Bündnispartner beschränkt und von Eingriffen in deren innere
Entwicklung absieht: Weder die politische noch die wirtschaftliche
Ordnung, weder Verfassungsfragen noch die Regulierung von Märk-
ten werden von ihr beeinflusst, geschweige denn unter Verweis auf den
eigenen Führungsanspruch verändert.

73
Eine solche Selbstbeschränkung auf Bündnisfragen ist nach Doyles
Überzeugung in einem Imperium nicht anzutreffen. Für imperiale
Herrschaft sei vielmehr charakteristisch, dass sie keine klaren Grenz-
ziehungen zwischen Innen und Außen kenne und sich demzufolge
permanent in die inneren Angelegenheiten der Bündnispartner ein-
mische.74 Genau das habe auch den Unterschied zwischen Athen und
Sparta ausgemacht: Sparta beschränkte sich darauf, die Außenbezie-
hungen der Bündner unter Kontrolle zu halten und dafür zu sorgen,
dass der Peloponnesische Bund gegenüber den beiden anderen großen
Mächten des ägäischen Raumes, den Persern und den Athenern, eine
einheitliche Position bezog75; Athen dagegen habe ständig in die An-
gelegenheiten seiner Bündnispartner eingegriffen: Es achtete darauf,
dass die demokratische Partei die Oberhand behielt, zog Gerichtsver-
fahren an sich, bei denen es um die Verhängung der Todesstrafe ging,
setzte eine einheitliche Währung im Bündnisgebiet durch und nötigte
schließlich die Bündnerstädte zur Abtretung von Land, auf dem athe-
nische Kolonisten angesiedelt wurden.76 Offenbar war man in Athen
der Auffassung, man könne sich nur dann auf die Bundesgenossen ver-
lassen, wenn man sie unter entsprechender Kontrolle habe. Und na-
türlich wollte die athenische Bürgerschaft von der Last des Seebundes
auch profitieren. Mit dem Verweis auf langfristige Interessen waren in
der Volksversammlung keine sicheren Mehrheiten zu gewinnen; das
war nur durch den Aufweis kurzfristiger Vorteile möglich. Für Doyle
ist die spartanische Aristokratie zu einer hegemonialen Politik in der
Lage gewesen, während die athenische Demokratie einen notorischen
Hang zum Imperium hatte.77
Michael Doyle hat freilich auch gesehen, dass die strukturellen Vo-
raussetzungen des spartanischen und athenischen Bündnissystems so
unterschiedlich waren, dass kaum davon die Rede sein kann, den po-
litischen Akteuren habe eine Entscheidung über Imperium oder Hege-
monie offen gestanden. Eher wird man sagen müssen, dass die Hege-
monie die einzige Form war, in der Sparta, in politischen wie sozialen
Fragen grundsätzlich konservativ eingestellt, das Bündnis organisieren
konnte. Dagegen musste Athen, wo der Ausbau des Bündnisses mit der

74
Entwicklung der radikalen Demokratie im Innern Hand in Hand ging,
die Dynamik der eigenen Entwicklung in die Bündnisstrukturen wei-
terleiten und so im gesamten ägäischen Raum einen Prozess in Gang
setzen, der auf eine dramatische Umwälzung der sozioökonomischen
Strukturen hinauslief und bei dem die traditionelle Schicht der Land-
eigner durch die sehr viel mobilere Schicht der Händler und Kaufleute
abgelöst wurde.78 Athen konnte also gar nicht anders, als permanent
in die inneren Verhältnisse der Bündner einzugreifen – nicht nur, um
einen einheitlichen Wirtschaftsraum zu schaffen, die Seefahrtslinien
im Schwarzen Meer und in der Ägäis zu kontrollieren sowie die stete
Bedrohung durch Piraterie in Grenzen zu halten, sondern auch, um
die sozioökonomische Entwicklung mit ihren Gewinnern und Verlie-
rern im Innern der Bündnerstädte politisch abzusichern. Das war nur
dadurch möglich, dass die Herrschaft der demokratischen Partei si-
chergestellt wurde. Es war seine traditionelle Sozialstruktur, die Spar-
ta nicht mehr als die Errichtung einer Hegemonie gestattete, und es
war die ökonomische, soziale und schließlich politische Dynamik, die
Athen zur Errichtung eines Imperiums antrieb.
Ähnlich hat auch Heinrich Triepel argumentiert.79 Während sei-
ner Meinung nach allerdings die Entstehung von Hegemonien und
Imperien sowie die Übergänge zwischen ihnen wesentlich durch die
sozioökonomischen und politischen Konstellationen im Zentrum der
Macht determiniert waren, hat Doyle seine Überlegungen zur spartani-
schen Hegemonie und zum athenischen Imperium zu einer politisch-
strukturellen Unterscheidung zusammengefasst: Von einem Imperium
soll dann gesprochen werden, wenn ein Beziehungsgeflecht zwischen
einem Zentrum und einer Peripherie besteht, die in Form von staaten-
übergreifenden Sozialstrukturen verbunden sind. Bei einer Hegemonie
dagegen handle es sich um ein Beziehungssystem zwischen Zentren,
von denen eines deutlich stärker als die anderen ist.80
Ob eine politische Ordnung als imperial oder hegemonial zu
klassifizieren ist, hängt demnach vom sozioökonomischen Entwick-
lungsstand und der relativen politischen Stärke der nachgeordneten
Bündnispartner und Mächte ab. Ist der Abstand erheblich und wird

75
er womöglich durch die Dynamik des Zentrums noch vergrößert, so
ist eine «Imperialisierung» der Dominanzstrukturen die zwangsläufige
Folge; ist der sozioökonomische und machtpolitische Abstand zwi-
schen den Beteiligten eher gering und sind die Beziehungen zwischen
ihnen über längere Zeiträume stabil, so ist mit einer «Hegemoniali-
sierung» des Machtsystems zu rechnen. Mindestens ebenso bedeut-
sam wie das geringe Machtgefälle zwischen den Bündnispartnern ist
für die Herausbildung einer Hegemonie aber der Umstand, dass die
nachgeordneten Mächte kein Interesse daran haben beziehungswei-
se keine Anstrengungen unternehmen, die aktuelle Hegemonialmacht
zu verdrängen und selbst deren Position einzunehmen. Nur wenn die
Hegemonialmacht davon ausgehen kann, wird sie es bei einem bloßen
Vorherrschaftsanspruch belassen und nicht versuchen, die hegemoni-
alen in imperiale Verhältnisse zu verwandeln.
Aufgrund seines exzellenten Militärapparats sah Sparta seine Über-
legenheit gegenüber seinen Bündnispartnern offenbar als ungefährdet
an. Doch schon die Dynamik des angrenzenden Bündnissystems er-
schien den Spartanern als derart bedrohlich, dass sie sich zur Führung
eines Präventivkriegs gegen den weiteren Aufstieg Athens entschlos-
sen.
Angesichts der politischen Dauerdynamiken, in welche die Welt
seit Ende des 18. Jahrhunderts eingetreten ist, können hegemoniale
Ordnungen inzwischen nur noch vorübergehend bestehen und müs-
sen sich entweder in imperiale Strukturen transformieren oder in
selbstzerstörerischen Kriegen vernichten. Wahrscheinlich gibt es auch
noch die dritte Möglichkeit einer Entdynamisierung der Beziehungen
durch die Entwicklung staatenübergreifender Politikstrukturen und
starker wirtschaftlicher Verflechtung, wie dies in Europa in der zwei-
ten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelungen ist. Und schließlich ist nicht
ausgeschlossen, dass sich hegemoniale und imperiale Strukturen über-
lagern, was heißt, dass ein und dieselbe Ordnung in mancher Hinsicht
imperiale und in anderer hegemoniale Züge aufweist.
Für die Frage, ob die USA nun ein Imperium oder ein Hegemon
sind, heißt das zunächst, dass der Unterschied zwischen beidem sehr

76
viel fließender ist, als oft angenommen. Wird Imperialität allein an der
Einmischung in die inneren Angelegenheiten der kleineren Staaten
festgemacht, während der Hegemon an deren innerer Ordnung nicht
wesentlich interessiert sei, so sind die USA, seitdem sie unter Präsident
Carter zu einer offensiven Menschenrechtspolitik übergegangen sind,
ein Imperium, während sie zuvor, als sie auch Militärdiktaturen in der
Nato duldeten, ein Hegemon waren. Damit ist freilich die Wertehierar-
chie zwischen beiden Begriffen auf den Kopf gestellt. Wahrscheinlich
ist es sinnvoll, beide Begriffe ganz wertfrei zu verwenden und damit
unterschiedliche Kräfteverhältnisse zwischen den Angehörigen einer
politischen Ordnung zu bezeichnen: Hegemon ist dann der Erste unter
tendenziell Gleichen, wobei wichtig ist, dass sich die Gleichheit nicht
auf Rechte und Pflichten beschränkt, sondern auch tatsächliche Fähig-
keiten und Leistungen erfasst. Von Imperien soll dagegen gesprochen
werden, wenn das Machtgefälle zwischen der Zentralmacht und den
anderen Angehörigen der politischen Ordnung so groß geworden ist,
dass es auch durch Gleichheitsfiktionen nicht mehr überbrückt wer-
den kann. Die Frage ist bloß, um welche Art von Macht es geht: um
ökonomische, kulturelle, politische oder militärische Macht. Und weil
dies alles selten in derselben Rechnung aufgeht, wird kaum je Ein-
mütigkeit darüber bestehen, ob eine Ordnung nun eher imperial oder
hegemonial zu denken und weiterzuentwickeln sei.