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Tonio Hölscher

RÖMISCHE NOBILES UND HELLENISTISCHE HERRSCHER

I. BEGRIFFE UND KATEGORIEN der Expansion Fremdheit und Antagonismus, irn Fall der
Rezeption dagegen Kritik und Überwindung der eigenen
Der Begriff des »Hellenismus« hat in der Archäologie ein Tradition. Kommt es zur Krise und zum Konflikt zwi-
hohes Maß an Unbestimmtheit. Die archäologischen schen alter und transferierter Kultur, so führt das bei der
Zeugnisse, sofern sie ausschließlich »archäologisch«, Expansion zur Zerstörung, bei der Rezeption zur Zerset-
d. h. für sich betrachtet werden, bezeugen zunächst nur zung. Die begriffliche Unterscheidung ist also kein theo-
eine allgemeine Kultur. Als historisches Subjekt solcher retisches Spiel, sondern führt überhaupt erst an die kon-
»Kultur« kann nur ein allgemeines »Griechentum« erfaßt krete historische Situation heran. Dabei geht es letzten
werden, das letzten Endes ein Abstraktum der Ge- Endes im umfassenden Sinn um das Kräfteverhältnis der
schichtsphilosophie Hegels und ihrer Realisierung bei betreffenden Kulturen und ihrer Träger zueinander'. Die
Droysen ist. Fragt man dagegen nach den konkreten hi- Phänomene werden darum erst verständlich, wenn man
storischen Faktoren, dann reichen die rein »archäologi- die kulturellen Zeugnisse im Rahmen des gesamten histo-
schen« Betrachtungsweisen nicht mehr aus. rischen Kontextes sieht.
Ein wesentliches Element des Hellenismus ist die geo- Rom ist ein klassischer Fall des Typus der Rezeption.
graphische Ausbreitung griechischer Kultur- und Le- Voraussetzungen, Veränderungsprozesse, Gewinn und
bensräume. Hier wird eine erste grundsätzliche Unter- Verlust kulturellen Imports lassen sich hier besonders
scheidung nötig. Kultureller Transfer findet in zwei klar erkennen. Der Begriff der »Rezeption« hat für das
Grundtypen statt. Der eine Typus entsteht dadurch, daß Verständnis der römischen Kultur Folgen, die noch nicht
Angehörige der betreffenden Kulturgemeinschaft durch durchweg realisiert sind. Eines der wichtigsten Ergeb-
Kriegszüge oder Reisen in fremde Räume umsiedeln, nisse der römischen Archäologie in den letzten zwei
ihre eigenen Kultur- und Lebensformen dorthin mitbrin- Jahrzehnten ist die Erkenntnis, wie sprunghaft und
gen, für sich selbst fortführen und möglicherweise in der durchgreifend Rom während der letzten Jahrhunderte
neuen Umgebung zu verbreiten versuchen. ,Pies ist der der Republik zu einer hellenistisch geprägten Metropole
Fall in Kleinasien, im Vorderen Orient, in Agypten. Es umgestaltet wurde 2 • Durch die Beute aus den ständigen
ist der Typus der Expansion. Der zweite Typus liegt vor, Kriegen wurde Rom zum finanzkräftigsten Auftraggeber
wenn Angehörige einer Kulturgemeinschaft die Güter ei- für Bauten und Bildwerke aller Art. Es entstanden Tem-
ner fremden Kultur aufnehmen und zu assimilieren ver-
suchen. Dies ist der Fall in Italien, besonders in Rom. Es
ist der Typus der Rezeption.
Kein Zweifel, daß die beiden Typen eine diametral
verschiedene Rolle der Kultur bedeuten. Dies. gilt auch Neben den Abkürzungen und Sigeln des AA 1985, 757ff. und
dann, wenn man Grenzerscheinungen - etwa fahrende der Archäol. Bibliographie werden die folgenden verwendet:
Händler, wandernde Handwerker, die zugleich Träger Coarelli, Foro LU= F. Coarelli, II Foro romano I. Periodo ar-
der Expansion wie Mittler der Rezeption sind - in Rech- caico (1983); II. Periodo repubblicano e augusteo (1985)
HiM = P. Zanker (Hrsg.), Hellenismus in Mittelitalien, Abh-
nung stellt: Als polare Kategorien behalten die beiden Göttingen 97 (1976)
Typen ihren Nutzen für die Ordnung und Bewertung Hölkeskamp, Nobilität = K.-J. Hölkeskamp, Die Entstehung
der historischen Vorgänge. Im Fall der Expansion wird der Nobilität (1987)
Kultur exportiert, »gebracht«, notfalls in der neuen Um- Hölscher, Anfänge = T. Hölscher, Die Anfänge römischer Re-
gebung durchgesetzt; im Fall der Rezeption wird sie im- präsentationskunst, RM 85, 1978, 315ff.
portiert, »geholt«, gern bezahlt und in der neuen Umge- Steingräber, EWM = St. Steingräber (Hrsg.), Etruskische
bung mehr oder minder gut integriert. Bei der Expansion Wandmalerei (1985)
sind Herkunft und Träger der transferierten Kultur iden-
' s. dazu die bemerkenswerten Überlegungen von C. Gallini
tisch, bei der Rezeption verschieden. Motiv des Transfers über die Frage »Che cosa intendere per ellenizzazione«, DArch
ist im Fall der Expansion die Stabilisierung von Traditio- 7, 1973, 175 ff.
nen, Bewahrung von Identität, im Fall der Rezeption da- , Am wichtigsten die Arbeiten von F. Coarelli, bes. DArch
gegen Innovation und Veränderung der Lebenseinstel- 4/5, 1970/71, 241ff., sowie das von P. Zanker organisierte Göt-
lung. Das Verhältnis zur bisher lokalen Kultur ist im Fall tinger Kolloquium, HiM.
74 Rahmenthema 2: Hellenismus im Westen

pel im neuesten griechischen Stil und in vornehmem grie- ein gesellschaftlicher, ein wirtschaftlicher oder ein politi-
chischem Marmor; darin Kuhbilder im modernsten grie- scher Prozeß ist. Die Frage behält auch dann ihre Berech-
chischen Klassizismus; dazu hallenumgebene Tempel- tigung, wenn man einräumt, daß Politik und Kultur,
plätze wie die Porticus Metelli und Terrassenheiligtümer Staat und Gesellschaft in der Antike nicht grundsätzlich
wie das der Magna Mater; Basiliken für den Geschäfts- getrennt waren. Als grundsätzliche Kategorie ergibt sich
verkehr des neuen Handelszentrums und Theater zur daraus die Frage nach der Dimension kultureller Verän-
Unterhaltung des neuen Großstadtpublikums 3• derungen, in diesem Fall der Rezeption hellenistischer
Diese Erkenntnis der Hellenisierung Roms ist gewiß Formen. Welche Sektoren des Lebens waren betroffen:
nicht völlig neu, aber sie ist erstaunlich spät zur vollen Kunst und Kultur, Religion, Politik, Wirtschaft, Gesell-
Wirkung gekommen. Die Forschung war z. T., vor allem schaftsformen, Lebensordnungen? Offensichtlich ist der
in Deutschland, lange Zeit fast zwanghaft von dem Glau- Begriff der Hellenisierung auch in dieser Hinsicht zu
ben an uralte »italische« Formstrukturen beherrscht. Sie pauschal, um zu historischen Ergebnissen zu führen.
war dabei von einem relativ statischen Begriff der Kultur Wie wichtig die Frage nach der Dimension der Verän-
ausgegangen, der stark im Volkscharakter oder in geo- derung ist, zeigt sich darin, daß Rom zwei Phasen der
graphischer Verwurzelung begründet war und als Verer- Hellenisierung durchlaufen hat, die sehr verschiedenen
bung und Schicksal empfunden wurde. Heute sind itali- Charakter und sehr verschiedene Reichweite hatten. Die
sche Konstanten für die Forschung stark in den Hinter- Phase der späten Republik, seit dem 2. Punischen Krieg
grund getreten4 • Darin kommt ein grundsätzlicher Wan- und der Expansion in den Osten, ist als Epoche der Re-
del des Begriffs der Kultur zur Wirkung, bei dem be- zeption neuester griechischer Kultur gut bekannt. Davor
wußtes Lernen, aktive Produktion und die Möglichkeit aber, in der mittleren Republik des späteren 4. und des 3·
umfassender Veränderungen eine weit größere Rolle Jahrhunderts, liegt eine erste Phase des Transfers griechi-
spielen. Erst dadurch setzen wir uns instand, Kultur als scher, im wesentlichen hellenistischer Kulturformen. Die
Leistung zu bewerten und zu kritisieren. beiden Epochen unterscheiden sich jedoch grundsätzlich
Dieser Wandel des wissenschaftlichen Konzepts hat darin, daß die hellenistischen Elemente in der ersten
ältere Voraussetzungen, hat sich aber erst in neuerer Zeit Phase ohne Schwierigkeiten in den Rahmen der Politik
durchgesetzt. Dabei müssen, bewußt oder unbewußt, und Lebensformen Roms integriert wurden und diesen
Erfahrungen der Gegenwart eine Rolle gespielt haben: Rahmen sogar konsolidierten, in der zweiten Phase dage-
Die Bewegung seit 1968 war nicht zuletzt eine Revolte gen nur noch schwer eingebunden werden konnten, die
der Selbstbestimmung gegen vorgegebene Strukturen; sie Desintegration der römischen Gesellschaft förderten und
war von der Vorstellung getragen, daß eine Gesellschaft schließlich den republikanischen Staat sprengten. Offen-
nicht notwendig in gewachsenen Grundmustern gefan- sichtlich war die Dimension der Hellenisierung in den
gen ist, sondern durch Bildung des Bewußtseins verän- beiden Phasen sehr verschieden.
dert werden kann 5• Gleichzeitig hat die Europäisierung
der Dritten Welt für kritische Betrachter demonstriert, 2. Mn,LERE REPUBLIK
wie radikal Gesellschaften durch äußere Einflüsse und
Die historische Situation Roms um 300 v. Chr. ist außen-
bewußtes Lernen ihren Charakter und Habitus verän-
politisch von der Expansion über die Dimensionen eines
dern können.
Stadtstaates hinaus geprägt6• Dadurch rückte politisches
Wir müssen daher die Begriffe der Kultur und des
Handeln und Planen in neuer Weise ins Bewußtsein. In
Hellenismus aus der luftleeren Abstraktheit herunterho-
dieser Phase wurden zum ersten Mal politische Themen
len und in die menschliche Gesellschaft einbinden. Das
Gegenstand monumentaler Bildwerke. Dabei ist es be-
bedeutet:
Die Hellenisierung Roms kann nicht als »Nachwir- 3 Zur Architektur s. P. Gros, Architecture et societe a Rome
kung« oder »Weiterleben« eines geheimnisvollen grie- et en ltalie centro-meridionale aux deux derniers siecles de la Re-
chischen »Wesens«, sondern nur als aktive Rezeption publique, Co!!. Latomus 156 (1978). - K_ultbilder: H.G. Mar-
durch die Römer begriffen werden. tin, Römische Tempelkultbilder (1987). Terrassen-Heiligtum
Die alte Frage, ob Bildwerke griechischer Form aus der Magna Mater auf dem Palatin: P. Pensabene in: Soprinten-
Rom »griechisch« oder »römisch« zu nennen seien, denza Archeologica di Roma (Hrsg.), Roma, Archeologia nel
ist unhistorisch und insofern gegenstandslos. Kultu- centro (1985) 179ff., bes. 183ff. - Basilica: Wichtig M. Gag-
relle Objekte sind grundsätzlich nur nach der Gesell- giotti, Ana!Rom 14, 1985, 53 ff.
4 Am deutlichsten geworden durch das Konzept des Göttin-
schaft zu definieren, in der sie ihre Funktion haben.
ger Kolloquiums, s.o. Anm. 2.
In diesem - sehr einfachen, dafür aber konkreten - 1 Damit ist selbstverständlich nicht gesagt, daß es durchweg
Sinn können alle archäologischen Zeugnisse, die aus Anhänger der Bewegung von 1968 waren, die diesen wissen-
Rom und dem Imperium Romanum stammen, als schaftlichen Wandel vollzogen.
»römisch« verstanden werden. 6 Zur Entwicklung der mittleren Republik in Rom s. Höl-

Für die allgemeine Geschichte stellt sich vor allem die scher, Anfänge; die Verbindungen zu Etrurien waren mir da-
Frage, wie weit die Hellenisierung Roms ein kultureller, mals noch nicht klar gewesen. Seither wichtig Coarelli, Foro II,
T onio Hölscher 75

zeichnend, daß ein ähnlicher Prozeß auch bei den etrus- Ausführlich zu öffentlichen Themen in der etruskisd1c:n Kumt
kischen Nachbarn Roms stattfand. demnächst T. Hölschc:r, Römische Staatsrc:liefs (l hlArdi).
Die frühesten Zeugnisse in Rom sind die rostra der 7 Livius 8, 14, 12; Plinius, nat. hist. 34, 10. - S. B. Plm1er -

Schiffe von Antium, die man 338 v. Chr. an der Redner- T. Ashby, A Topographical Diction;iry of Ancicnt Romc ( 1919)
bühne anbrachte7, und die goldenen Schilde aus der Sam- 4 50 s. v. Rostra; Hölschcr, Anfänge 318 f.; Coarclli, Foro l 14 5 f.
8 Livius, 9, 40, 16; 10, 39, , 3 f.; 10, 46, 4. - lliil,dlt'r, An-
nitenbeute, die man 310 v. Chr. an den tabernae des Fo- fänge 320.
rums zur Schau stellte 8 • Es waren die ersten profan-poli- 9 Vgl. dazu die Entwicklung von Beutestiftungen, wie sie auf-
tischen Denkmäler Roms, errichtet für entscheidende grund erhaltener Inschriftenbasen erkennbar wird: G. Wauric.:k,
militärische Siege9 • Gleichzeitig ist in der Tomba degli JbRGZM 22, 1975, 1ff. Interessant die Stiftungen des M. Furius
scudi und der T omba Giglioli in T arquinia sowie der in Tusculum von 403 v.Chr., die schon die neue Form des llcu•
Tomba dei rilievi in Caere erstmals der Typus des Waf- tedenkmals repräsentieren, aber mit der Nennung der empfan-
fenfrieses als Repräsentation der Kriegstüchtigkeit eines genden Gottheit Fortuna noch explizit im Rahmen einer rcligi•
Grabherrn bezeugtI 0 • Das Motiv stammt aus Griechen- ösen Weihung bleiben: ebenda 19ff. Zum profanen CharJktcr
späterer Beuteweihungen in Italien cbl'nda 37 ff.
land, wo die öffentliche Ausstellung erbeuteter Waffen 10 Steingräber, EWM Nr. 109 (T. degli scudi), 69 (T. Gig-
und Schiffsteile eine alte Tradition hatte. Es war eben erst lioli), 9 (T. dei rilievi); H. Blanck - G. Proietti, La tomba dci ri-
durch Alexander, der Schilde aus der Granikos-Beute am lievi di Cerveteri (1986) 43 ff. 51. - Interessant die Tomba dcl
Parthenon geweiht hatte, wieder aktuell geworden 11 • triclinio in Cerveteri, die das alte Motiv des Gelages mit dem
Auch die Umsetzung in dekorativen Schmuck ist in früh- neuen Motiv der Schilde verbindet: Steingräber a.O. Nr. 11.
hellenistischer Zeit in Griechenland bezeugt: Schon Vgl. die Tomba Frani.ois in Vulci mit Schilden neben der Tür
340/39 hatten die Athener eine Reihe von Schilden, an- zur Hauptkammer: F. Buranelli (Hrsg.), La tomba Franc;ois di
geblich aus der Beute »von Medern und Thebanern« ge- Vulci (1987) Abb. S. 180. - Archaische Vorläufer: M. Morctti,
fertigt, wahrscheinlich damals auch goldene Schilde aus MonAnt 42, 1955, 1065 f.; Steingräber a.O. Nr. 13. Von diesen
frühen Beispielen scheint jedoch keine direkte Tradition in das
der Beute von Marathon am Gebälk des Apollon-Tem- 4.Jh. zu führen; die späteren Waffenfriese müssen neu über
pels in Delphi angebracht 12 ; und am Scheiterhaufen He- Apulien aus Griechenland rezipiert worden sein. Vgl. dazu
phaistions war ein Fries mit griechischen und persischen grundsätzlich M. Cristofani, DArch 1, 1967, 288 ff. - Spätere
Waffen, ein anderer mit 240 vergoldeten Schiffsvorder- Beispiele: Steingräber a.O. Nr. 62 (T. dei festoni), 27 (T. dclla
teilen, darauf kniende Bogenschützen, geschmückt 13 • T assinaia ).
11 Plutarch, Alex. r6; Arrian, anab. 1, 16, 7; dazu Pausanias
Die Vermittlung dieser Motive ist wahrscheinlich über
Süditalien erfolgt; ein Grabgemälde aus Egnatia mit ge- 1, 25, 7. - G.Ph. Stevens, Hesperia Suppl. 3 (1940) 64ff.
12 Aischines, Ctes. 116; Pausanias 10, 19, 4. - W. Gaucr,
malten Waffen kann das verdeutlichen 1 4• Von dort wurde
dieser Dekor in Rom als reale Ausstattung des Forums, Weihgeschenke aus den Perscrkriegen, 2. Beih. IstMitt (1968)
26. Vorläufer: G. W. Elderkin, AJA 42, 1938, 22.7f.; T. Höl•
in Etrurien als Bildschmuck von Gräbern eingeführt 1l,
scher, Victoria Romana (1967) 98.
Wenig später ist in Rom die Gattung der Historienge- 1 J Diodor 17, 1 I 5, 2. 4. Vorläufer sind etwa die Weihungen von

mälde rezipiert worden. Das erste Beispiel, die tabula des Schiffsteilen in der Athener-Halle von Delphi: Gaucr a.O. 101 f.
M. Valerius Messalla, die den Sieg gegen Hieron und die 1 • F. Tine Bertocchi, La pittura funeraria apula ( 1964) p ff.;

Karthager 263 v. Chr. darstellte, wurde ebenfalls öffent- Cristofani a.O. (s.o. Anm. 10) 292f.
lich an der Außenwand der Curia Hostilia ausgestellt 16 • 1 5 Der Unterschied zwischen der Schaustellung eigener und

In Etrurien sind einstweilen keine Parallelen bekannt. feindlicher Waffen fällt nicht allzu stark ins Gewicht: Schon am
Dagegen ist für Rom die Herkunft der Anregung aus Scheiterhaufen Hephaistions waren griechische und persische
Süditalien mit einiger Sicherheit zu erkennen: Vorbild Waffen vermischt (s.o. Anm. 13); und auch die Schilde am Fo-
rum waren nicht reine Beutestücke, sondern in Gold umgesetzte
muß das berühmte Gemälde mit dem Reitertreffen des Prunkschilde. Der repräsentative Aspekt hat gegenüber der Ge-
Agathokles gewesen sein, das im Athena-Tempel des un- nese Vorrang gewonnen.
terworfenen Syrakus ausgestellt war 17 • 16 Plinius, nat.hist. 35, 22. - G. Zinserling, WissZJena 9,
Die detaillierte Schilderung von Kriegsereignissen ist 1959/60, ges.- und sprachwiss. Reihe 4/ 5, 405 Nr. 4; Hölscher,
bis in die Grabmalerei aufgenommen worden. Zeugnis ist Anfänge 344; Coarelli, Foro II 53 ff.
das Fragment eines Grabes vom Esquilin aus dem 3.Jh., 11 Cicero, in Verr. II, IV r22f. - F. Coarelli in: Aparchai.

das aus einer Bilderfolge von über 100 m in mindestens Festschrift P. E. Arias II (1982) 547ff. Der griechische Ursprung
5 Registern mit Kriegsszenen stammt, in denen der der römischen Historienmalerei wurde in jüngster Zeit mehr-
fach hervorgehoben: M. Torelli, Typology and Structure of Ro-
man Historical Reliefs (1982) 12of.; H. Meyer, Kunst und Ge-
schichte (1983) 116ff.; F. Prontera, DArch 3. ser. r, 1983, 137f.
bes. 14off. Zum historischen Hintergrund jetzt ausgezeichnet Dafür spricht auch, daß solche Gemälde vielfach beim Triumph-
Hölkeskamp, Nobilität; dort 232ff. zu den Formen der politi- zug gezeigt wurden, der wiederum in dieser Epoche nach helle-
schen Repräsentation. Zu Etrurien vgl. auch M. Torelli, Storia nistischen Mustern repräsentativ umgestaltet wurde, s. u. Anm.
degli Etruschi (1981) 199ff. 2r7ff. bes. 237ff.; ders., L'arte degli 20. Derselbe Messalla hat damals auch die erste Sonnenuhr aus
Etruschi (1985) 161 ff.; M. Cristofani, L'arte degli Etruschi Katane nach Rom gebracht und am Comitium aufgestellt: Pli-
(1978) bes. r69ff.; L. Bonfante, AmJAncHist 3, 1978, 136ff. nius, nat.hist. 7, 60; Coarelli, Foro I 150. · · .
Rahmenthema 2: Hellenismus im Westen

Grabherr sich ausgezeichnet hatte1 8• Auch dafür fehlen ren in Griechenland entstanden, im frühen Hellenismus
Vergleiche aus Etrurien, wahrscheinlich muß man wieder zu besonderer Bedeutung gelangt und wohl wieder über
griechische Traditionen annehmen.
Es ist jedoch charakteristisch für diese erste Phase der
18 C.L. Visconti, BullCom 17, 1889, 34off.; F. Coarelli in:
Rezeption griechischer Repräsentationsformen, daß die
neuen Elemente mit Entschiedenheit auf die Verhältnisse Roma medio-repubblicana (1973) 20off.; Hölscher, Anfänge
des römischen Staates zurechtgeschnitten wurden. Das 346ff.; E. La Rocca, DArch 3. ser. 2, 1984, 31 ff. mit neuer Deu-
tung und Datierung, die noch der Diskussion bedarf.
zeigt sich vor allem bei der innenpolitischen Seite der 19 Hölscher, Anfänge 352ff.; Hölkeskamp, Nobilität 232ff.
Entwicklung. Die neue patrizisch-plebeische Nobilität, 20 A. Bruhl, MEFRA 46, 1929, 77ff.; L. Bonfante Warren,

die sich als Ergebnis der Ständekämpfe im 4. und 3. Jh. JRS 60, 1970, 64ff. Wichtige Beobachtungen auch bei E. Wal-
etablierte, entwickelte eine Reihe neuer Repräsentations- lisch, Philologus 99, 1955, 145ff., sofern man sie nicht auf das
formen zur Darstellung ihres Status' 9 • In dieser Epoche Grundwesen und die Entstehung des Triumphzugs, sondern auf
wurde der Triumphzug aus einem archaisch-rituellen eine bestimmte historische Entwicklungsstufe bezieht. Zuletzt
Umzug des heimkehrenden Heeres nach dem Muster Hölkeskamp, Nobilität 236 ff., der die hellenistischen Elemente
hellenistischer n:oµrcaC repräsentativ umgestaltet2°. Da- wohl zu gering einschätzt. Bemerkenswert ist, daß der Tri-
mals entstand auch eine Sonderform römischer Siegesge- umphzug seit dem 3.Jh. mit wertvollen - griechischen! - Beu-
testücken ausgestattet wurde: Waurick a.O. (s.o. Anm. 9) 6ff.
mälde, mit triumphierenden Feldherren im vollen Ornat,
4off.
wahrscheinlich auf der Triumphquadriga. Bezeugt sind 21 Festus p. 228 s.v. picta (ed. Lindsay). - Zinserling a.O. 404

Bilder des L. Papirius Cursor von 272 v. Chr. im Tempel Nr. 1 und 3; Hölscher, Anfänge 341.
des Consus und des M. Fulvius Flaccus von 264 v. Chr. 22 Mustilli 13f. Nr. 35; Helbig4 II Nr. 1601 (B. Andreae); F.

im Tempel des Vortumnus 21 ; ein späteres Beispiel aus der Coarelli in: Affreschi romani nelle raccolte dell' Antiquarium
Zeit um roo v. Chr. ist in der Tomba Arieti auf dem Es- Comunale, Ausstellungskat. Rom 1976, 12ff.
quilin erhalten 22 • Typologisch ähnlich sind etruskische 23 Sarkophage: R. Herbig, Die jüngeretruskischen Steinsar-

Sarkophage und Grabgemälde mit der Prozession des zi- kophage, ASR VII (1952) Nr. 66. 71 a. b; 81. 83 (ältestes Exem-
lath, von denen der älteste, aus Caere, sicher noch im plar). 89. 112-115. 145. 158. 205; H. Brunn, Bdl 1860, 146ff.;
4.Jh., also vor den römischen Bildern entstanden ist'>. R. Lambrechts, Essai sur les magistratures des republiques
etrusques (1959) 126ff. Nr. 1-17; H.S. Versnel, Triumphus
Dort ist kein Triumph dargestellt, sondern die Reise zur (1970) 125ff.; K.P. Goethert, Typologie und Chronologie der
Unterwelt, jedoch in der Form eines Magistratsaufzugs. jüngeretruskischen Steinsarkophage (1974) 186ff., vgl. 292ff.;
Eine direkte Abhängigkeit der römischen Gemälde von B.M. Felletti Maj, La tradizione italica nell'arte romana (1976)
etruskischen Vorbildern ist nicht nachweisbar. Aber die 88ff.; W. Weber, Die Darstellungen einer Wagenfahrt auf römi-
Verwandtschaft dieser repräsentativen Zeremonien als schen Sarkophagdeckeln und Loculusplatten des 3. und 4.Jhs.
Demonstration von Status in Rom und Etrurien ist un- n. Chr. (1978) 94ff.; U. Höckmann, Die Bronzen aus dem Für-
verkennbar. Dabei ist aber die Sitte, Tempel mit Porträt- stengrab von Castel San Mariano (1982) 152 ff.; Th. Schäfer, Im-
gemälden auszustatten, wieder aus der griechischen Welt perii Insignia, 29. Ergh. RM (1989). - Grabmalereien: Die Ent-
wicklung des Typus führt über folgende Stationen: Steingräber,
übernommen. Auch hier bot Syrakus mit einer Galerie EWM Nr. 32-34 (Tomba Golini I, Golini II, degli Hescanas,
der syrakusanischen Könige im Tempel der Athena das Orvieto), 109 (Tomba degli scudi, Tarquinia), 69 (Tomba Gi-
nächstliegende und zugleich berühmteste Vorbild 2 4. glioli, Tarquinia).
Doch die rezipierte Tradition wurde zur Darstellung ' 4 Cicero, in Verr. II, IV 123. - Coarelli a.O. (s.o. Anm. 17,
spezifisch römischer Themen, des Triumphes und des Festschrift P. E. Arias ).
allgemeinen zeremoniellen Status, eingesetzt. Damit ge- ' 5 Ausführlicher Hölscher, Anfänge 324ff. Allgemein zu der

lang die Einbindung in den Rahmen der republikani- Gattung G. Lahusen, Untersuchungen zur Ehrenstatue in Rom
schen Staatsform, in ähnlicher Weise wie in den Beam- (1983) bes. 67ff. Wichtig über die Auswirkungen auf die Terra-
tenaufzügen der etruskischen Denkmäler. kotta-Votive: P. Pensabene, Archeologia Laziale 2 (1979)
217ff.; P. Pensabene - M.A. Rizzo - M. Roghi - E. Talamo,
Bei anderen Formen der öffentlichen Repräsentation Terracotte votive dal Tevere, Studi Miscellanei 25 (1980) 46ff.
bietet sich dasselbe Bild. Die neue Nobilität schuf sich in 26 Hölscher a.O. Die Gegenposition, hohes Alter der realisti-
der 2. Hälfe des 4.Jhs. eine neue Form der Selbstdarstel- schen Ahnenmasken und Funktion in magischen Vorstellungen,
lung: die öffentliche Ehrenstatue 2 s. Damit hängt die wird wieder vertreten von H. Drerup, RM 87, 1980, 81ff. So
gleichzeitige Entwicklung des individuellen Bildnisses in förderlich diese Forschungen für die Praxis der späten Republik
Rom zusammen, von dem der sog. »Brutus« eine Vor- und der Kaiserzeit sind, so wenig können sie ein hohes Alter
stellung geben kann. Aus dem öffentlichen Ehrenporträt realistischer Totenmasken erweisen. Auch die Zustimmung von
G. Lahusen, RM 92, 1985, bes. 261 und 286 stützt sich auf keine
ist die individuelle Darstellungsweise dann auch in das
neuen Argumente. Gegen hohes Alter porträthafter Ahnenmas-
Sepulkralporträt der Totenmasken übertragen worden 26 , ken spricht zusätzlich, daß der ganze zugehörige Brauch der
Ebenso finden sich in Etrurien in dieser Zeit die frühe- Schaustellung und der Leichenrede auf dem Forum erst in der
sten individuellen Physiognomien, etwa der bekannte mittleren Republik entstanden ist, s. weiter unten.
Terrakottakopf aus Falerii 27 • Beides aber, die öffentliche •1 Zur Entstehung des individuellen Bildnisses in Etrurien: R.
Ehrenstatue wie die individuelle Darstellungsweise, wa- Bianchi Bandinelli in: EAA VI (1965) 714ff. s.v. Ritratto; M.
T onio Hölscher 77

Unteritalien nach Rom und Etrurien vermittelt worden. yorfahren, die durch Masken und die Insignit·n ihrer
Parallel dazu änderte sich der tatsächliche Habitus: Die Amter ausgezeichnet waren, zum Grab gebracht, die
Sitte, den Bart zu rasieren, in Griechenland durch Alex- Ahnen holten ihn zu sich. Auch dies hat Par,11lclt'rt in
ander verbreitet, kam um 300 v. Chr. durch Barbiere aus Etrurien: In einem Gemälde der Tomba Bruschi in 'I'.tr•
Sizilien nach Rom und, wie die Bildwerke bezeugen, quinia zieht der Verstorbene in Begleitung von Amtsdie•
auch nach Etrurien 28 • nern mit seinen Insignien, aber auch von Todesdiimonen
Gleichzeitig begann man in Rom wie in Etrurien, die ins Reich des Todes und wird empfangen von einer
sagenhafte Vergangenheit der eigenen Stadt für die Aus- Gruppe von Männern, die nur seine Vorfahren sein kiin•
bildung politischer Identität zu mobilisieren. In Rom nen 35 • Das Thema ist in der etruskischen Gralikunst in
entstand die Bildnisgalerie der Könige auf dem Kapitol verschiedenen Formen verbreitetl 6 , Dieselbe Vorstcl·
und die Gruppe der Lupa mit den Zwillingen, die bald lung, die hier im Bild imaginiert wird, wird im römi-
darauf auf den Silbermünzen erscheint 29 • In Etrurien schen Leichenbegängnis real inszeniert.
zeigt die Tomba Frani;ois, wie man die Siege der eigenen In Rom hat der Brauch allerdings einen besonderen
Vorfahren gegen die Feinde der Stadt, darunter auch ei- politischen Aspekt gehabt, der in Etrurien wohl fehlte:
nen Tarquinius aus Rom, zum Vorläufer der gegenwärti- Vor dem eigentlichen Begräbnis zog die l'ro:,.ession zum
gen Kämpfe gegen Rom stilisierte; und darüber hinaus, Forum, wo an der Rednerbühne eine öffentliche Lei-
wie man auch den griechischen Mythos von der Ab- chenrede auf den Verstorbenen und seine berühmten Ah-
schlachtung der Troianer durch Achill als Präfiguration
des erhofften Sieges gegen die Römer einsetzte30 • Auch
diese paradigmatische Verwendung des Mythos und der Torelli, L'arte degli Etruschi ( 198 5) r83 ff. Kopf aus Falcrii, Da-
Geschichte ist damals frisch aus Griechenland übernom- tierung: M. Torelli in: HiM ror. Auch die verwandte Gattung
men wordenJ 1 • der Votivköpfe aus Terrakotta ist nicht nur im Einflußbereich
Schließlich schuf die Nobilität in Rom sich damals ein Roms (s.o. Anm. 25), sondern auch in Etrurien und im übrigen
System politisch-religiöser Leitbegriffe32 • Im 4. und 3.Jh. Mittelitalien verbreitet: St. Steingräber, RM 87, 1980, 21 5 ff.;
M.R. Hofter, Untersuchungen zu Stil und Chronologie der
wurden die Tempel für Concordia, Salus, Victoria, Spes, mittelitalischen Terrakotta-Votivköpfe (198 5) 1 I 8 ff.
Fides, Libertas, Honos, Mens und Virtus gegründet. Das 28 Varro, rust. 2, r 1, 10; Plinius, nat.hist. 7, 21 r.
muß bedeuten, daß diese Begriffe nun neu als staatstra- 2 9 Könige auf dem Kapitol: Hölschcr, Anfange 327ff.; Laliu-
gende Mächte verstanden wurden. Politik wird als Sache sen a.O. 7ff.; ders., Schriftquellen zum römischen Bildnis I
sui generis begriffen, die politische Identität des Staats- (1984) Nr. 59-63. - Lupa: C. Dulierc, Lupa mmana (1979)
wesens wird zugleich begrifflich und kultisch bewußt ge- 43 ff.; Coarelli, Foro II 87ff.
macht. Wie weit ein ähnlicher Prozeß in Etrurien stattge- J 0 Steingräber, EWM Nr. 178; F. Coarclli, DArd1 3. ser. 1,

funden hat, ist beim Verlust der etruskischen Sprache 1983, 43 ff.; Buranelli a.O. (s.o. Anm. 10).
J' Bezeichnend für die Wege griechischer (ideeller und iko-
nicht mehr zu erkennen. Deutlich ist aber, daß dies Den-
nographischer) Muster sind die Statuen des Pythagoras und des
ken in politischen Grundbegriffen ebenso wie die Perso- Alkibiades, die während der Samnitcnkriegc am Comitium in
nifikation und kultische Verehrung solcher Leitvorstel- Rom als Exempla von sapientia und fortitudo aufgestellt wur-
lungen wieder aus dem frühhellenistischen Griechenland den: Plinius, nat.hist. 34, 26. Die Anregung gab das delphische
übernommen worden sind. Für Rom aber ist zweierlei Orakel, die Wahl fiel aber auf Männer, die in Großgriechenland
bezeichnend: Zum einen sind nirgends sonst die Kulte berühmt waren. Dazu F. Zevi, Studi Miscellanei 1 5 (1970) 68 ff.;
politischer Personifikationen derart vollständig ausge- Hölscher, Anfänge 340; Coarelli, Foro I 149ff.; Foro II 119ff.
J 2 Zum Folgenden Hölscher, Anfänge 348 ff.; Hölkeskamp,
baut worden; Rom erhielt damit eine ideologische To-
pographie, die die Stärke seines politischen Anspruchs Nobilität 238ff.; allgemein zu den politischen Leitbegriffen
ebenda 208 ff.
deutlich machte. Zum anderen ist es damals gelungen, JJ Zum kollektiven und integrativen Charakter des politi-
diese neue politische Identitätsbildung in die Gleise einer schen Ethos und seiner Ausdrucksformen sowie zur Einbettung
kollektiven Staatsauffassung zu lenken. Zwar wurden alle kompetitiver Haltungen in diesem Rahmen während der mittle-
öffentlichen Leistungen, nicht zuletzt der Bau der betref- ren Republik s. Hölkeskamp, Nobilität 204ff. und bes. 241 ff.
fenden Tempel, in schärfster Konkurrenz der betreffen- Allgemein Chr. Meier, Res publica amissa ( 1966) 45 ff.
den Familien erbracht; aber die Leitbegriffe, unter denen H Polybios 6, 53f.
31 Steingräber, EWM Nr. 48. Ähnliche Beispiele bei G. Co-
und für die man das tat, waren Concordia, Salus und Fi-
des, hatten also durchaus integrativen CharakterJJ. lonna, DArch 3. ser. 2, 1984, I ff.
J 6 Eine zusammenfassende Untersuchung fehlt. Das Thema
Diese Disziplinierung der neuen Repräsentationsfor-
umfaßt sehr verschiedene Darstellungen, von den Malereien der
men im Sinne einer kollektiven Ethik wird besonders Tombe Golini I, Golini II und degli Hescanas, wo der Verstor-
deutlich am Ritus der pompa funebris. Das römische Lei- bene zum Bankett seiner Vorfahren im Jenseits einzieht (Stein-
chenbegängnis, wie Polybios es schildertH, zeichnete gräber, EWM Nr. 32-34; H. Pairault- Massa, DArch 3. ser. 1,
sich durch eindrucksvolle gentilizische Repräsentanz 1983, 2, 19ff.) bis zu den Sarkophagen, auf denen der Verstor•
~.us: Der Verstorbene, mit den Insignien seiner höchsten bene von den Vorfahren vor dem Tor des Hades empfangen
Amter ausgestattet, wurde im Kreis seiner berühmten wird, Herbig a.O. (s.o. Anm. 23) Nr. 116. · . ' . ·
··'
Rahmenthema 2: Hellenismus im Westen

nen gehalten wurde. Dionys von Halikarnass hielt das 38 Angedeutet bereits von Hölkeskamp, Nobilität 222 ff.
für einen uralten römischen Brauch3 7, die Forschung ist 39 W. Kierdorf, Laudatio funebris (1980) 94ff. - Ob es Vor-
ihm z. T. gefolgt. Doch zweifellos ist auch das eine stufen beim silicemium am Grab gegeben hat - mir eher un-
Neuerung der Zeit um 300 v. Chr.3 8 • Die öffentliche Lei- wahrscheinlich -, braucht hier nicht erörtert zu werden: Ent-
scheidend ist die Politisierung durch das Zeremoniell am Forum.
chenrede ist erst im frühen 3.Jh. entstanden 39 ; dabei 40 Polybios 6, 53, 2: Tct.t; UQETai; xal .ai; ilmi:ewuyµevai;
wurden res gestae und virtutes der Verstorbenen ge- F:V np l;fjv nQa~w;. Kierdorf a.O. 106 zweifelt, ob die virtutes
rühmt40, also offenbar die politischen Leitbegriffe, die anfangs schon eine Rolle gespielt haben. Natürlich kann man
erst seit dieser Zeit eine Rolle spielten; das Forum hatte nicht sicher sein. Aber die Formulierung des Polybios bedeutet
erst kurz vor 300 v. Chr. durch die Ausweisung der Le- nicht, daß die Rede nach virtutes aufgebaut gewesen sei; die res
bensmittelhändler den Charakter politischer dignitas er- gestae können im Hinblick auf die darin gerühmten virtutes ge-
halten, der solchen Schaustellungen entsprach4 1 • Alt rühmt worden sein, entsprechend dem Grabgemälde vom Es-
kann nur eine rein sepulkrale Ekphora zum Grab gewe- quilin (s.o. Anm. 18). Daß virtutes in diesem Zusammenhang
sen sein, unklar ob schon in Begleitung der Ahnen mit schon früh erwartet werden können, zeigen die elogia der Sci-
Masken42 . Diese archaische Prozession wurde in den pionen; vgl. die Statuen des Pythagoras und des Alkibiades (s.o.
Anm. 31).
Jahrzehnten um 300 v. Chr. politisiert, indem man die 4 ' Varro, fr. Non. 532. - Hölscher, Anfänge 319; Coarelli,
Leichenrede einführte und auf dem Forum Station Foro II 14off. Auch dies ein griechisches Motiv: Aristoteles,
machte. Damals erst scheint der Brauch zu einem ausge- Politik 1331 a.
prägt gentilizischen Zeremoniell umgestaltet worden zu 42 Ritueller Gebrauch von - nicht physiognomischen! -
sein; damals müssen die Ahnen mit ihren Insignien aus- Masken im Grabkult wird bekanntlich für archaische Zeit durch
gestattet worden sein, gleichzeitig mit der steigenden Be- Maskenfunde in Gräbern verschiedener früher Kulturen, u. a. in
deutu?g von Amtsinsignien in der etruskischen Reprä- Chiusi, nahegelegt: Drerup a.O. (s.o. Anm. 26) 11of. Es ist aber
sentattonskunst; damals müssen schließlich die Masken nicht nachweisbar, daß damit auch ein Zeremoniell mit Auftritt
individuelle Züge im Sinne der neuen politischen Porträt- von Ahnen inszeniert wurde. Ich halte es für wahrscheinlicher,
kunst erhalten haben 43 . Zweifellos ist auch die Zusam- daß in archaischer Zeit die Maske mit ins Grab gegeben wurde
und daß erst seit der »Gentilisierung« der Sepulkralformen im
menstellung der Masken zu Stammbäumen im Atrium 4.Jh. die Masken im Haus aufbewahrt und bei späteren Leichen-
der Häuser erst damals aufgekommen44. begängnissen für eine Prozession der Ahnen benutzt wurden.
Genaue Vorbilder für diese Form der Politisierung 43 Dies wieder im Einklang mit der allgemeinen Entwicklung

waren in griechischen Begräbnissitten nicht zu finden. In gesellschaftlicher Repräsentation in Etrurien: Dort entstanden
den Demokratien wurde persönlicher Ruhm unter- in dieser Epoche die großen Gentilizgräber, in denen der Ver-
drückt, und in den Monarchien bildete sich offenbar storbene in den Kreis der Vorfahren aufgenommen wurde (s. u.
keine spezifische Tradition. Dennoch ist der römische Anm. 54); dort wurde gleichzeitig in der Wandmalerei der Ver-
Brauch nicht ohne griechische Anregungen denkbar45: storbene in das Symposion seiner Vorfahren im Jenseits aufge-
nommen (s.o. Anm. 36).
~pätestens seit dem Transport des toten Alexander nach 44 Plinius, nat.hist. 35, 6. - Die genannten Veränderungen
Agypten konnte der Leichenzug berühmter Männer zu werden nicht alle gleichzeitig stattgefunden haben; wahrschein-
einer öffentlichen Schaustellung in den Zentren der licher ist ein längerer, stufenweiser Prozeß.
Städte werden46 . Der Leichenzug des Philopoimen hatte 45 Zum Folgenden allgemein F. Pfister, Der Reliquienkult im
Züge einer Siegesprozession (emvfxwc:; noµrci))47. Öf- Altertum (1912) 192f. 433ff.; S. Eitrem, Beiträge zur griechi-
fentliche Leichenreden wurden in Athen zwar nicht auf schen Religionsgeschichte III (1920) 62ff.; RE XXI 2 (1952)
Einzelpersonen, aber auf die Kriegsgefallenen des Jahres 1971 Nr. 331 ff. s.v. Pompa (F. Bömer); H. S. Versnel, Trium-
gehalten; seit dem frühen Hellenismus konnten dabei im- phus (1970) 123f.
46 Diodor 18, 28. Weitere Quellen: RE XXIII 2 (1959) 1610
merhin die Feldherren persönlich hervorgehoben wer- s.v. Ptolemaios (H. Volkmann). Vgl. auch den Zug mit der
den48. Enkomia dagegen konnten auf verstorbene Herr- Asche des Demetrios Poliorketes, bei dem es in den Städten, si-
scher verfaßt werden, so bereits das des Isokrates auf Eu- cher an zentralen Plätzen, zu Zeremonien mit Schmückung der
agoras, in dem bereits die Verbindung von politischen Urne gekommen sein muß: Plutarch, Demetrios 53.
Taten und Tugenden ausgeprägt ist und insbesondere 4 7 Plutarch, Philopoimen 21.

auch ein Vorbild für die Nachkommen aufgestellt wer- ◄ 8 Frühestes erhaltenes Beispiel der Hervorhebung von Ver-
den soll 49 . Wie verbreitet solche Nekrologe waren, zeigt diensten des leitenden Feldherrn (Leosthenes) ist Hypereides,
die Nachricht des Aristoteles über die große Zahl von or. 6.
49 Dazu Chr. Eucken, Isokrates (1983) 264ff.
Enkomien und Epitaphien, die auf Gryllos, den Sohn des
so Diogenes Laertios 2, 55.
Xenophon, verfaßt worden waren5°. Es gab also viele dif- 1 ' Unterschiede zwischen griechischen und römischen Bräu-
fuse Anregungen in der Welt des frühen HellenismusP. chen sollen nicht geleugnet werden; aber sie sind nicht so abso-
lut, wie sie etwa bei G. Kennedy, The Art of Rhetoric in the Ro-
>7 Dionys von Halikarnass, Ant, Rom. 5, 17, 2-3, Der wis- man World (1972) 2d. dargestellt werden. - Auf eine ver-
: . ,. senschaftliche Topos von der „urigkeit« der Römer verdiente gleichbare diffuse Anregung aus (Groß-)Griechenland müssen
, -~ eine Untersuchung (ebenso die Kehrseite, daß die Griechen die Zusammenstellungen der Ahnenmasken zu Stammbäumen
·· weitgehend davon verschont geblieben sind). in den Atrien zurückgehen; dazu an anderer Stelle.
Tonio Hölscher 7?

In Rom aber wurde daraus ein Brauch entwickelt, der Situation der Gesellschaft und der Politik, die in diesen
ganz auf die kompakte gentilizische Struktur der römi- Formen Ausdruck fand; und sofern in Griechenland dt•r
schen Republik zugeschnitten warP. Hellenismus durch die Züge Alexanders ausgelöst
Insgesamt ist die römische Repräsentationskunst des wurde, setzte die Entwicklung in Italien nicht nur frü-
späteren 4. und des 3.Jhs. ein präzises Zeugnis der politi- her, sondern auch unabhängig davon ein. Die rezipierten
schen Situation. Das erste Ausgreifen über den über- griechischen Repräsentationsformen der späten Kbssik
schaubaren Rahmen eines Stadtstaates und die Umwand- und des frühen Hellenismus waren jedoch flexibel genug,
lung der gewachsenen patrizischen Gesellschaft zu einer um in die neuen Funktionen der Gesellschaftcn und Staa-
neuen Leistungs-Nobilität haben politisches Handeln ten Mittelitaliens eingesetzt zu werden.
und Planen in neuer Weise ins Bewußtsein gehoben. Man
verwendete dabei vielfach Bildmotive aus dem hellenisti- 3· SPÄTE REPUBLIK
schen Griechenland, aber meist in der Vermittlung durch
die Zentren Unteritaliens und Siziliens, die für Rom die Hundert Jahre später hatte sich alles geändert. Seit dem 1.
unmittelbaren Vertreter griechischer Kultur waren 53 • Da- Punischen Krieg drang Rom direkt in Griechenland und
bei geht es nicht nur um Phänomene der Kultur und der Kleinasien ein. Hatte bisher der griechische Handel bis
Repräsentation: Der Bau der Via Appia 3 r 2 v. Chr. und Mittelitalien ausgegriffen, so beherrschten jet1,t mehr
der Beginn der römischen Münzprägung in Silber in der und mehr die italischen mercatores die Märkte bis ins öst-
r. Hälfte des 3.Jhs. markieren deutlich die konkrete poli- liche Mittelmeers 6 • Die siegreichen Feldherren brachten
tisch-wirtschaftliche Selbstanbindung Roms an die helle- erstmals große Mengen griechischer Kunstwerke nach
nistische Welt, insbesondere an Großgriechenland. Rom. In ihrem Gefolge zogen Scharen von Architekten
Verwandte Motive wurden gleichzeitig in Etrurien und Künstlern in die neue Metropole, um dort die Beute
eingesetzt5 4• Das läßt erkennen, daß in den etruskischen in Siegesmonumente umzusetzen 57 • Rom trat politisch
Städten eine ähnliche Neuformierung der Gesellschaft und kulturell mit den großen Mächten des östlichen Mit-
und Neuorientierung der Politik stattfand wie in Rom telmeeres in Konkurrenz. Italien war völlig von Rom ab-
nach den Ständekämpfen. Rom orientierte sich in dieser hängig geworden.
Phase außenpolitisch im Rahmen der wichtigsten Mächte
Italiens. Die stärksten Promotoren der Hellenisierung
Roms in dieser Phase, die Ogulnii und die Fabii, hatten
P Vgl. die entsprechende Entwicklung des römischen Tri-
enge Verbindungen zu Etrurien5 5. Griechenland selbst
umphzuges, s.o. S. 76. Die Verbindung zwischen pompa trium-
lag noch am Rande des Gesichtskreises.
phalis und pornpa funebris liegt nicht in alten religiösen Motiven
Im Verhältnis zwischen Etrurien und Rom zeichnen (dagegen zu Recht Versnel a.O. 115 ff.), s<>n<lern in der paralle-
sich charakteristische Unterschiede ab: Nach den vorlie- len Politisierung während der mittleren Republik. Vgl. Hölkcs-
genden Zeugnissen setzt die Entwicklung in Etrurien kamp, Nobilität 236.
früher ein als in Rom; das entspricht dem allgemeinen n Allgemein zur Mittlerstellung Unteritaliens zwischen Grie-
kulturellen Vorsprung Etruriens in älterer Zeit. Während chenland und Mittelitalien: M. Cristofani, L'arte degli Etruschi
aber in Etrurien die Grabkunst im Zentrum steht und vor (1978) 177ff. '
allem magistratischen Status hervorhebt, artikuliert Rom i◄ Außer den aufgeführten Phänomenen gemeinsamer Rezep•
sich immer stärker in öffentlichen Denkmälern, die die tion aus Griechenland finden sich weitere verwandte Motive in
großen politischen Leistungen als Sache der res publica der Repräsentationskunst Roms und Etruriens: Der neue Typus
des monumentalen Gentilizgrabes in Etrurien (M. Cristofani,
feiern; darin wird auf die Dauer Roms stärkere politische MemAccLinc 8. Ser. q, 1969, 209ff.) hat eine Parallele im Grab
Ambition und Durchschlagskraft deutlich. der Scipionen (F. Coarelli, DArch 6, 1972, 36ff.; eine ähnliche
Innenpolitisch gelang in Rom damals noch die Diszi- Gruft der Cornelier lag wahrscheinlich außerhalb der Porta Ost-
plinierung dieser Repräsentation im Sinne einer zwar iense: H. Blanck, RM 73/74, 1966/67, 72 ff.); neben den jünger-
kompetitiven, aber grundsätzlich kollektiven Ethik. etruskischen Steinsarkophagen stehen die Sarkophage der Sci-
Diese Disziplinierung war aber wohl vor allem deshalb pionen (Coarelli a.O. 38ff.; vgl. Blanck a.O. 72ff.); auf die
möglich, weil die Dimension der Hellenisierung noch etruskischen Grabinschriften seit dem 4.Jh. folgen die elogia der
begrenzt war: Die Rezeption ambitiöser Formen der Re- Scipionen. Zu dem allgemeinen historischen Prozeß s. M. To-
präsentation blieb weitgehend auf den Bereich der kol- relli, Storia degli Etruschi (1981) 199ff. 217ff. 237ff.
11 Duliere a.O. (s.o. Anm. 29) 5off.
lektiven Politik beschränkt und erfaßte noch nicht den 56 Gallini a.O. (s.o. Anm. 1) 178.
ganzen persönlichen Habitus. Es ist eine funktional ge- 17 Quellen bei 0. Vessberg, Studien zur Kunstgeschichte der
bundene Rezeption griechischer Vorbilder. römischen Republik (1941) 26ff.; F. Coarelli, DArch 4/5,
_D~r Begriff des Hellenismus, gleichgültig ob mehr 1970/71, 241 ff.; M. Pape, Griechische Kunstwerke aus Kriegs-
zeitlich oder räumlich als Bezeichnung einer Epoche beute und ihre öffentliche Aufstellung in Rom (1975). Die Situa-
oder einer von Griechenland ausgehenden Kultur ver- tion der späten Republik, die grundsätzlich bekannt ist,'wird im
wendet, umgreift die historischen Phänomene nur unge- Folgenden nur mit einigen weniger beachteten Phänomenen
nau. Es ist zunächst eine genuin römische und italische skizziert.
80 Rahmenthema 2: Hellenismus im Westen

Eine der ersten neuen Errungenschaften war das Bo- Vorbild für den Stifter Metellus Macedonicus 66• Das be-
genmonument. Die ältesten römischen Denkmäler dieses rühmte Alexandergemälde des Philoxenos muß um die
Typus wurden von L. Stertinius 196 v. Chr. errichtet, Mitte des 2.Jhs. nach Rom gebracht worden sein und
zwei am Forum Boarium vor den Tempeln der Fortuna von dort aus nicht nur in dem Mosaik von Pompeii, son-
und der Mater Matuta, ein weiterer am Circus Maxi- dern an vielen anderen Orten Italiens in Werken der
mus58. Die Bögen am Forum Boarium überspannten of- Kleinkunst als Leitbild der römischen Expansion rezi-
fenbar nicht eine Durchgangsstraße, sondern müssen den piert worden sein 67• Rom war jetzt auch kulturell das
Eingang zu den Heiligtümern gebildet haben. Dieselbe Zentrum, von dem die Bildmotive an das übrige Italien
Situation wird kurz darauf 9ei dem Fornix des Scipio vermittelt wurden. Unter den neu errichteten Denkmä-
Africanus von 190 v. Chr. deutlich, der, mit der Front lern schließt ein Germanenkopf in Brüssel, wohl von ei-
zum Clivus Capitolinus gerichtet, offenbar den Eingang nem Monument der Siege gegen die Kimbern und Teuto-
zur Area Capitolina darstellte5 9 • Die wichtigste Funktion nen, an die hellenistischen Galliergruppen an 68 • Bald dar-
dieser Bogenmonumente war, wie Plinius sagt, Statuen auf wurde in der Basilica Aemilia die Geschichte des
zu tragen. Bei den Bögen des Stertinius hören wir von Stadtgründers Romulus in einem langen Bilderfries ge-
stgna aurata, bei dem des Scipio von sieben vergoldeten schildert, ähnlich wie die Geschichte des T elephos am
Figuren und zwei Pferden. Im Jahr 121 v. Chr. wurde Altar von Pergamon69.
dann am Forum der Fornix Fabianus errichtet, der die Unter den politischen Bildthemen der hellenistischen
Via sacra am Eingang zum Forum überspannte und ein Reiche nehmen die Siege gegen die Kelten einen beson-
Bildnis des Q. Fabius Maximus Allobrogicus trug6o. ders wichtigen Platz ein. Die Barbaren aus dem Norden
Die irreführende Bezeichnung dieser Bogenmonu- füllten im frühen Hellenismus ein empfindliches ideolo-
mente als »Triumphbogen« hat wohl meist dazu geführt, gisches Vakuum aus. In klassischer Zeit hatten die Perser
daß man sie als eine charakteristisch römische Bauform die Rolle des Erzfeindes gespielt, an dem die Griechen
ansah 61 • Doch ein Denkmal dieses Typus ist bereits aus
frühhellenistischer Zeit von der Athener Agora bekannt.
Pausanias berichtet, daß westlich neben der Stoa Poikile
58 Livius 33, 27. - RE VII A 1 (1939) 377 Nr. 1-3 s.v. Tri-
ein Tor stand, darauf ein Tropaion der Athener aus ei-
nem Sieg gegen Pleistarchos, den Bruder des Kassandros, umphbogen (H. Kähler); F. Coarelli, DArch 2, 1968, 88ff.;
offenbar vom Jahr 304 v. Chr. 62 • Die Fundamente sind ders., Foro Boario (1988) 371 f.; I. Calabi Limentani in: Politica
e religione nel primo scontro tra Roma e Oriente, Contributi
vor kurzem gefunden worden, die Rekonstruktion ist dell'Istituto di storia antica, Univ. Milano 8 (1982) 123ff.
zwar hypothetisch, doch unbestreitbar handelt es sich 59 Livius 37, 3. - RE VII A 1 (1939) 377f. Nr. 4 s.v. Tri-
um den allgemeinen Typus des Tormonuments6,. Die umphbogen (H. Kähler); Calabi Limentani a.O. 129ff.
Verwandtschaft mit den römischen Bögen ist offensicht- 6o Ps.-Asconius zu Cicero, in Verr. I 19. - RE VII AI (1939)

lich. Auch das Athener Monument ist vor allem Sockel 378f. Nr. 6 (mit weiteren Quellen) s.v. Triumphbogen (H. Käh-
eines prominenten Denkmals, des Tropaion; es gehört in ler); Nash, Rom II 398f.; Coarelli, Foro II 171 ff.
61
die Reihe verwandter Denkmalformen, der Pfeiler-, Säu- Überblick über die Forschung bei Kähler in: RE VII A 1
len- und Doppelsäulenmonumente, die im Hellenismus (1939) 488ff.
6
' Pausanias 1, 15, 1. -T. Leslie Shear Jr., Hesperia 53, 1984,
so großen Erfolg hatten 64 • Auch hier dient es schon zum 19ff.; Chr. Habicht, Pausanias und seine »Beschreibung Grie-
kulissenhaften Verdecken einer einmündenden Straße chenlands« (1985) 78ff.; J. M. Camp, The Athenian Agora
wie der Fornix Fabianus und wohl auch die früheren rö- (1986) 163f. mit Abb. 137. .
mischen Bögen. 6
J Shear a.O. ergänzt das Tor mit waagerechtem Türsturz.
Aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang auch ein Mck. Camp a.0. entscheidet sich m.E. plausibler für einen Bo:
Fornix am Forum von Syrakus, der Statuen des Verres, gen. Zum Beginn der Bogen- und Wölbtechnik, gerade auch bei
nackt zu Pferd, und seines Sohnes, ebenfalls nackt dane- Toren, s. H. Lauter, Die Architektur des Hellenismus (1986)
59 ff. Ganz unbegründet ist die Ergänzung eines Reiters als Be-
ben stehend, zeigte 6 5. Der anspruchsvolle griechische
krönung zusätzlich zu dem Tropaion, nur aufgrund der Frag-
Habitus der Bildnisse macht es unwahrscheinlich, daß mente einer Reiterstatue, die 28 m entfernt in einem Brunnen
die ganze Form des Monuments aus Rom rezipiert war; gefunden wurden. Man wird sich mit dem Tropaion begnügen.
das Denkmal in Athen läßt erkennen, daß die Syrakusa- 64 M. Jacob-Felsch, Die Entwicklung griechischer Statuen-

ner Verres in hellenistischen Formen ehrten. Der römi- basen und die Aufstellung der Statuen ( 1969) 67f. 82 ff. 97 ff.; M.
sche Ehrenbogen war ein hochaktueller Import aus der Pfanner, Der Titusbogen (1983) 93.
6 5 Cicero, in Verr. II, II, 154. Unklar ist die Zeitstellung des
hellenistischen Repräsentationskunst.
Rein hellenistisch waren auch die politischen Bild- Tormonuments in Patras, Pausanias 7, 20, 7.
66
werke, die in Rom aufgestellt wurden, sowohl die aus Plinius, nat.hist. 34, 64; Velleius Paterculus 1, 11, 3· -
Pape a.O. 64 ff.; P. Moreno in: L'art decoratif a Rome. Table-
Griechenland geraubten wie die neu geschaffenen Denk- ronde Rome 1981 (1983) 185ff.
, mäler. Die turma Alexandri mit den 25 Hetairoi, die am 61 H. Fuhrmann, Philoxenos von Eretria (1931) 210ff.
'Granikos gefallen waren, stand in der Porticus Metelli 68 T. Hölscher, AA 1984, 283 ff.

nicht nur als berühmtes Kunstwerk, sondern auch als 6? G. Carettoni, RIA 10, 1961, 5ff.
Tonio Hölscher

das Bewußtsein ihrer eigenen Identität ausbildeten. Dies chcnden ideologischen Voq~abcn übernommen h;lltc.
Feindbild war seit Alexanders Siegen plötzlich ver- Etwa um die Mitte des 2.Jhs. ist eine Gruppe von Köp-
schwunden. Den freien Platz nahmen jetzt die Kelten fen entstanden, die wohl ein Grab an der Via Tiburtina
ein. Wie nötig die Griechen das hatten, zeigt sich daran, geschmückt haben, darunter ein Kopf mit einem topfar-
daß alle Mächte, die nur irgendeinmal mit den neuen tigen Helm und Schnurrbart, der vielleicht :r.u Recht als
Gegnern zu tun gehabt hatten, ihre Siege in hypertropher Kelte gedeutet wurde 71. Hier werdl~ll die :,,eitgeniissi-
Weise feierten: Nicht nur die Aitoler und die Attaliden, schen Keltenkämpfc im Osten gemeint sein, in denen der
die die Hauptlast getragen hatten, sondern sogar Pyrrhos Grabherr sich ausgezeichnet hatte. Aber auch die Kelten-
von Epeiros und Ptolemaios II., die sich nur sehr müh- siege in Italien wurden von Rom erst jeti'.t verhcrrlicln.
sam eines Keltensieges rühmen konnten7°. Das gemein- Der Terrakottafries von Civita Alba, der ohne architek-
same Feindbild zeigt, wie sehr die politischen Mächte des tonischen Kontext offenbar in einem Depot gefunden
Hellenismus sich als 'Teil einer gemeinsamen griechischen wurde, muß wohl im Zusammenhang mit der Schlacht
Welt ansahen und sich in diesem Rahmen gegen die Kon- von Sentinum stehen, die in der Nähe stattgefunden
kurrenz anderer griechischer Mächte zu profilieren such- hatte 76 . Er ist aber über 100 Jahre jünger und wird für ci-
ten.
Die Suggestionskraft dieser Ideologie war so stark,
daß auch Rom in diese Konkurrenz eingetreten ist. Zu- 7° Eindringlich aufgezeigt von H.-P. Laubschl'r, AntK 30,
nächst offenbar im Osten selbst. Aufschlußreich sind vor r987, I 3I ff.
allem die Keltendenkmäler, die auf Delos in der Agora 7' r. Niedergesunkener Krieger: Ch. Picard, BCH 56, 1932,
der Italiker aufgestellt waren. Ein niedergesunkener 491 ff.; J. Marcade, Au Musee de Delos (1969), 19ff. 363 ff.; F.
Krieger hat neben sich einen keltischen Hörnerhelm, ein Coarelli in: F. Coarelli - D. Musti - H. Solin (Hrsg.), Delo c
pathetisch gereckter Kopf zeigt die struppigen keltischen l'ltalia, OpuscFin 2, 1982, 129. Die Erklärung als Ehrung für C.
Haare, ein anderer Kopf hat ganz barbarische Züge, von Marius stößt auf beträchtliche Schwierigkeiten, auf die mich D.
Kuhoff aufmerksam machte. - 2. Kopf mit struppigem Haar
einer vierten Figur ist ein Teil der Plinthe mit einem
(nicht zum Torso Nr. 1 gehörig): P. R. v. Bienkowski, Die Dar-
Schild erhalten7 1 • Der Fundort läßt erkennen, daß hier stellungen der Gallier in der hellenistischen Kunst ( 1908) 3, ff.;
die italischen Kaufleute mit diesem hellenistischen Presti- G. Leroux, BCH 34, 1910, 492ff.; Marcadc a.O. 364f. - 3.
gethema repräsentierten. Diesen Anspruch konnte man Kopf mit langem Haar: Leroux a.O. 496ff.; Marcadc a.O. 365.
auf zweierlei Weise rechtfertigen: Zum einen hatten die - 4. Plinthe mit Schild: Marcade a.O. 127. 365, jedoch ohne
Römer zusammen mit den Attaliden im frühen 2.Jh. die Angabe, ob ein keltischer Ovalschild zu erkennen ist.
Kelten in Kleinasien geschlagen, zum anderen hatten sie 7' Bei dem gestürzten Kelten (s.o. Anm. 71 Nr. 1) wird aus

auch in Italien selbst die eindringenden Gallier zurückge- der starken Wendung nach vorn, d. h. zum Betrachter hin, deut-
wiesen. Das Thema des Keltensieges war also hervorra- lich, daß kein Gegner dargestellt war. Die anderen Fragmente
widersprechen einer solchen Erklärung zumindest nicht. Zur
gend geeignet für die Selbstintegration Roms in den Kreis Darstellung isolierter Gegner, insbesondere Gallier, s. T. Höl-
der griechischen Kultur. scher, AntK 28, 1985, 12off.; ders., Römische llild.~prache al.~
Die Figuren von Delos waren wahrscheinlich als un- semantisches System, AbhHeidelberg 1987 Nr. 2, 22 f. Der Be-
terliegende Gegner ohne Sieger dargestellt7 2 • Die siegrei- zug der unterliegenden Gegner auf eine separat aufgestellte Eh-
che Macht wurde von den Ehrenstatuen römischer Poli- renstatue des Siegers hat eine Parallele in dem großen, wahr-
tiker repräsentiert, die in den Nischen der Italiker-Agora scheinlich auch in dem kleinen attalischen Weihgeschenk: T.
aufgestellt waren; zu ihnen müssen die Keltenfiguren ei- Hölscher, AntK 28, 1985, u2f. 126ff.
7J Deutung, m. E. überzeugend, von Coarelli a.O. (s.o. Anm.
nen wirkungsvollen Negativkontrast gebildet haben.
Wenn die Italiker-Agora der Sklavenmarkt von Delos 71) 119ff.
74 Im privaten Bereich wird diese Ideologie vielleicht von der
war73 , so ergäbe sich eine besonders brutale Präsenz der unterlebensgroßen Figur des Apollon bezeugt, der den Fuß auf
neuen Macht im Westen: Die Siege über die Barbaren keltische Schilde setzt: Ch. Picard, Genava 5, 1927, pff.; M.
waren die Grundlage der massenhaften Versklavungen. Eichberg, Scutum (1987) 64. Das Privathaus im Theaterviertel,
Aufschlußreich ist aber, daß dies Thema zum Zeitpunkt in dem das Werk gefunden wurde, läßt sich zwar keinem be-
der Errichtung dieser Denkmäler, um 100 v. Chr., im stimmten Besitzer zuweisen, aber ein Römer oder Italiker ist zu.
Osten wie im Westen keinerlei aktuelle Bedeutung mehr mindest nicht unwahrscheinlich; und das Selbstbewußtsein, das
hatte. Es war eine reine Ideologie, - aber sie war so aus dem Thema spricht, ist gegen Ende des 2.Jhs., nach dem
stark, daß die Italiker sie sich zu eigen machen mußten, Ende des Reiches von Pergamon, wohl nur bei einem Römer
wenn sie sich im Kreis der hellenistischen Mächte profi- oder Italiker zu erwarten.
75 Mustilli 5 f. Nr. 6 und 8; F. Coarelli in: I Galli e l'Italia,
lieren wollten74,
Ausstellungskat. Rom 1978, 256f. Nr. 597. 598.
In Rom selbst dachte man bei den Kelten sicher vor al- 76 A. Andren, Architectural Terracottas from Etrusco-Italic
lem an die eigenen Kämpfe des 4. und 3.Jhs., die eine an- Temples (1940) 297ff.; M. Verzar in: HiM u6ff.; M. Verzar -
haltende traumatische Erfahrung hinterlassen hatten. Es F.H. Pairault-Massa in: I Galli e l'Italia (1978) 196ff. Daß da-
ist aber bezeichnend, daß auch hier das Thema erst im bei, entgegen der historischen Schlacht, in der auch Samniten,
2.Jh. aktuell wurde, nachdem man im Osten die entspre- Umbrer und Etrusker zu den Feinden Roms gehört hatten, der
Rahmenthema 2: Hellenismus im Westen

nen Memorialbau bestimmt gewesen sein, der damals, im sen. Dennoch konnte es kaum ausbleiben, daß man sich
mittleren 2.Jh., nur von Rom konzipiert worden sein mit solchen Denkmälern immer mehr am Habitus und
kann. Auch auf eigenem Terrain wollte man sich jetzt, Anspruch der hellenistischen Könige orientierte, von de-
analog zu den hellenistischen Konkurrenten, als großer nen die wichtigsten Monumente der griechischen Welt
Keltensieger gebärden77_ stammten. Wenn man daneben auch Denkmäler Alexan-
Die Obsession des Galliertraumas hielt sogar noch an, ders aktualisierte, so ist der hohe Anspruch unüberseh-
nachdem mit den Kimbern und Teutonen ein neuer, ak- bar.
tueller Gegner im Norden aufgetaucht war, der als nicht Das wird auch an der Art deutlich, wie man mit sol-
weniger gefährlich empfunden wurde. Obwohl es sich chen Denkmälern innenpolitische Konflikte austrug. L.
jetzt um germanische Stämme handelte, hat man sie z. T. Licinius Lucullus lieh sich zur Ausstattung seines neuen
weiterhin unter dem Namen des gallischen Erzfeindes Felicitas-Heiligtums erbeutete griechische Statuen von L.
begriffen78 . Zur Feier dieses Sieges hat Marius an den ta- Mummius aus, gab sie dann aber nicht wieder zurück82 •
bernae novae des Forums einen Schild in der Form eines Catulus, Marius, Sulla und Pompeius haben einen wah-
scutum anbringen lassen, auf dem ein geschlagener Geg- ren Denkmälerkrieg geführt und rivalisierende Siegesmo-
ner, offenbar als Büste, in verrenkter Haltung, mit her- numente errichtet, die von den Gegnern, sobald die
aushängender Zunge und hohlen Wangen, aufgemalt Machtverhältnisse sich änderten, zerstört und von den
war79 . Dies Werk hat anscheinend eine Tradition ausge- Anhängern wieder restauriert wurden 8 3. Allen kam es
löst. An einem Grab der Nekropole vor der Porta No- darauf an, der größte oder gar der einzige Sieger zu sein.
cera von Pompeii waren in Stuckrelief die Paradewaffen Denn die hellenistischen Herrscher waren überall das
für einen verdienten Offizier dargestellt: in der Mitte ein Vorbild. Zu der vornehmen Ausstattung der Villa dei Pa-
Rundschild mit einem Rand aus Fell und einem zentralen piri bei Herculaneum gehören nicht weniger als sieben si-
Medaillon, auf dem der Kopf eines Barbaren in verquäl- chere, dazu mehrere vermutliche Porträts griechischer
ter Haltung zu erkennen ist80 . Tracht und Attribute, ein Herrscher84 • Der Besitzer der Villa hat mit diesen Bild-
geknotetes Gewandstück über der Schulter, langes und
wirres Haar, darin offenbar ein lockerer Blattkranz, las-
sen keine sichere ethnische Identifizierung zu; doch muß Akzent einseitig auf die Kelten gelegt ist, versteht sich bei einem
Denkmal aus dem 2.Jh., als Italien fest mit Rom verbunden war,
ein Gegner aus dem Norden gemeint sein, wozu auch der von selbst.
Fellbesatz um das Medaillon paßt. Der Schild in Pompeii 77 In der campanischen Reliefkeramik wurde das Thema der
ist sicher keine Kopie des Marius-Schildes am Forum in Gallierkämpfe schon im 3.Jh. rezipiert. In Etrurien dagegen, auf
Rom; er hat nicht die Form des scutum und es fehlt die Sarkophagen und Urnen, ist es anscheinend erst im 2.Jh., üb:r
heraushängende Zunge. Aber er steht in derselben Tradi- Rom vermittelt, aufgenommen worden; s. dazu auch den Be1-
tion und vermittelt eine allgemeine Vorstellung von der tr:1r: Yon U. Höckmann weiter unten.
78 M. Segre, Historia 3, 1929, 629ff.
Darstellungsweise des berühmten Schildes in der Haupt-
79 Cicero, De orat. II 66, 266; Quintilian, Inst. orat. 6, 3, 38;
stadt. Dort war aber, obwohl die Germanensiege des Plinius, nat.hist. 35, 25. -Vessberg a.O. (s.o. Anm. 57) 39_f.; F.
Marius verherrlicht wurden, nach den Quellen ein »Gal- Coarelli in: M. Martelli - M. Cristofani (Hrsg.), Caratten del-
lier« dargestellt! Dabei kannte man durchaus die Eigen- l'ellenismo nelle urne etrusche, Prospettiva Suppl. J ( 1977) 38;
arten germanischer Tracht, wie ein gleichzeitiger Germa- Coarelli, Foro II 176ff. Scuta wurden in den Germanenkämpfen
nenkopf aus Rom mit dem typischen Haarknoten über sowohl von Römern wie von Germanen benutzt: M. Eichberg,
der Schläfe zeigt81 . Doch die Gallier waren offenbar der Scutum (1987) 198. Das Bildmotiv macht deutlich, daß es sich
ideologisch etablierte Gegner. nicht um einen Beuteschild, sondern um einen nach der Schlacht
Diese Geltung als »klassischer« Erzfeind hat noch angefertigten Siegesschild gehandelt hat (vgl. die. Samnite~-
schilde oben S. 75). Da von einer imago die Rede 1st und die
Jahrhunderte angehalten: Noch in antoninischer Zeit, als Physiognomie von unten zu erkennen gewesen sein muß, war es
die Erschütterung der Reichsgrenzen wieder römische offenbar eine Büste mit verdrehtem Hals. .
Kriegstugenden aktuell machte, wählte man für die 80 A. D'Ambrosio - St. De Caro, Un impegno per Pompei.

neuen Schlachtsarkophage das exemplarische Thema des Touring Club Italiano (1983) Nr. 13 ES.
Keltenkampfes, obwohl die gegenwärtigen Kriege gegen 81 s.o. Anm. 68.

82 H. G. Martin, Römische Tempelkultbilder (1987) 15 5 f.


Germanen und Parther geführt wurden.
8, T. Hölscher in: Tainia. Festschrift R. Hampe (1980) 3 55 ff.
Wie weit haben solche Denkmäler Rom verändert?
84 D. Pandermalis, AM 86, 1971, 173ff. Nr. 7. 9. 10. 15· 16,
Wie weit kulturell und wie weit politisch? Viele der rezi-
17. 28. 65. 66; M.R. Wojcik, La villa dei Papiri ad Ercolaneo
pierten Formen öffentlicher Repräsentation brauchten (1 9 86) Nr. _B 1. B 5. B 7. B _8. C 5. 12: I 3;_ ferner A ~- ~ 3. B 10; zur
für Rom durchaus keinen politischen Sprengstoff zu ent- Interpretation S.15p ff. Emzeln~ Bildnisse hellemst1s~her Herr-
. halten. Das Bogenmonument in Athen war von einem scher aus Italien mit vorauguste1scher Entstehungszeit: H. Juk-
demokratischen Staatswesen errichtet worden; auch Kel- ker in: Das römisch-byzantinische Ägypten. Akten Symposi?n
:tendenkmäler waren nicht nur von Monarchen, sondern Trier 1978 (1983) 139ff.; R. Calza, Scavi di Ostia. 1 ritrattl I
,etwa auch vom Bund der Aitoler aufgestellt worden. Bei- (1 9 64) u Nr. 12; G. M. A. Richter, The Portraits of the Greeks
,des wäre in das republikanische Rom integrierbar gewe- III (1965) Abb. 1743·
Tonio Hölscher

nissen einen hohen Anspruch von herrscherlichem Rang mit dem Paris des Relicf s ergibt sicher kein weitere.~ Ar-
und politischer ·Bildung formuliert. Diese Ausstattung gument, weder für d.1s eine noch für das ,rnlkrl' Bild-
der Villa gehört wohl schon in augusteische Zeit; aber werk; aber sie würde immerhin einen besonlkren Sinn
der Habitus, der hier auftritt, kann nicht in der Atmo- machen, wenn Paris als Prototyp der riimisdit·n Erobe-
sphäre der Monopolisierung der Macht durch Augustus rer griechischer Schönheit aufgdal~t wiirc.
entstanden sein, sondern muß in die Republik zurückge- Wichtiger als solche umeriöst'll Spclrnlatiomn ist je-
hen. In den Fürstenbildern von Boscoreale haben wir ein doch die Tatsache, daß der Thermen-Herrscher nid1t die
sicheres Zeugnis, daß makedonische Herrscher damals einzige Bildnisstatue ist, bei der man zwischrn der Dl·u-
im privaten Bereich als Vorbilder beansprucht wurden 8 5. tung als Grieche oder als Römer schwanken kann. Die
Die besondere Kraft dieser neuen Weile der Helleni- Büste eines Feldherrn in Neapel ist bereits in diesem Zu-
sierung liegt aber darin begründet, daß sie jetzt ein ganz sammenhang genannt wordenY•. Die ;iu,\fahn:11<lt• Hal-
neues Ausmaß erreichte. Die Stiftung des Tempels für tung erinnert an den sog. Fechter Borghese, der ,u1s einer
Hercules und die Musen im Jahr 187 v. Chr., nach der vornehmen Villa bei Antium mit republikanischer Phase
Eroberung von Ambrakia durch M. Fulvius Nobilior, stammt und vielleicht auch einen römischen Feldherrn
zeigte exemplarisch, daß die Rezeption nicht auf rein po- darstellt95 • Ein Kopf in Rom, der ebenfalls im spiiten
litische Funktionen begrenzt bleiben, sondern den gan- 2.Jh. entstanden sein wird, hat eine Replik in Marga111
zen kulturellen Habitus bestimmen sollte 86 • Auch die Park und eine Variante, die verschollen ist, wird also ei-
privaten Villen wurden jetzt nach dem Muster und Ge-
schmack hellenistischer Fürstensitze gebaut 87 . Mit der
Wandmalerei des 2. Stils wurde ein Element hellenisti- 81 K. Fittschen in: B. Andreac - H. Kyrieleis, Neue For-

scher Innenraumgestaltung übernommen und weiterge- schungen in Pompeji (1975) 93 ff. (mit Übersicht über die ältere
bildet88. Zur Ausstattung der vornehmen Wohnsitze Forschung).
86 Nash, Rom II 471; H. Cancik, RM 76, 1969, 323 ff.
wurde eine ganz neue Produktion dekorativer Luxusgü- 87 D. Pandermalis in: HiM 387ff.; P. Zankcr, Jdl 94, 1979,
ter, marmorner Rundplastik, Schmuckreliefs, Kandela- 462ff.; H. Mielsch, Die römische Villa (1987) 44f. mit anderer
ber und Reliefgefäße ins Leben gerufen, zunächst in Gewichtung.
Griechenland auf der Basis des Exports, dann auch in 88 K. Fittschen in: HiM 539 ff.
Italien selbst89. Auch diese kulturelle Hellenisierung 89 H. Froning, Marmor-Schmuckreliefs mit griechischen

hatte aber immer Aspekte, die an die Politik heranführ- Mythen im 1.Jh. v.Chr. (1981); H.U. Cain, Rii111isd1e Mar-
ten. Die Bevorzugung dionysischer Themen in der morkandelaber (1985); demnächst D. Gras~ingl'r, Riimi\che
Skulpturenausstattung steht in einer Tradition der Ver- Marmorkratere (Diss. Heidelberg 1986). Die Rundplastik bclbrf
ehrung des Dionysos, die bei den hellenistischen Herr- noch der Bearbeitung.
9° Allgemein P. Zanker, Jdl 94, 1979, 46off.; H. P. Lauh-
schern besonders ausgeprägt war9°, Auf den Schmuckre- scher, Fischer und Landleute ( 1982) 86f. Ein aufsdilu!\n:ichcs
liefs der republikanischen Zeit nimmt die Komposition Zeugnis für dionysische Themen hat H. Müller (~. den Beitrag
von Paris und Helena einen prominenten Platz ein 9'; weiter unten) vorgeführt. R. M. Schneider bereitet dazu eine
man kann sich zumindest fragen, ob der Prinz die tro- größere Untersuchung vor.
ianischen Vorfahren Roms repräsentiert, der die schöne 9 1 Froning a.O. 63 ff. Demnächst Grassinger a.O.

Vertreterin Griechenlands für sich gewinnen will; es 9' Über die kritische Balance zwischen kollektivem Ethos

wäre ein treffendes Gleichnis für die Mischung von be- und persönlichem Lebensstils. Hölkeskamp, Nobilität 227ff.
wunderndem Werben und gewaltsamer Aneignung, mit 9J A. Giuliano (Hrsg.), Museo Nazionale Romano. Le scul-

der die Römer der griechischen Kultur entgegentraten. ture I 1 (1979) 198ff. Nr. 124 (L. de Lachenal). Deutung als Rö-
Insgesamt ist in dieser Phase die Dimension der Helle- mer: P. Zanker, Studien zu den Augustus-Porträts I. Der Acti-
um-Typus, AbhGöttingen 85, 1973, 37. 40. Deutung als Attalos
nisierung gegenüber der mittleren Republik stark erwei-
II.: N. Himmelmann, Frankfurter Allgemeine Zeitung 4. 11.
tert. Erst jetzt war man mit den Lebens- und Repräsenta- 1987, S. 33; ders., Herrscher und Athlet, Kat. Ausstellung Bonn
tionsformen der hellenistischen Herrscher direkt be- (1989) 126ff.; ders., oben S.13ff. Vergleich (formal) mit dem
kannt geworden; erst jetzt verfügte man über die Macht- Paris des Reliefs: Froning a.O. 67 f.
mittel, um mit ihnen in Konkurrenz zu treten. Erst jetzt 94 Zanker a.O. (s.o. Anm. 93) 37 Taf. 31.
blieb die Rezeption griechischer Repräsentationskunst 9 s H. Bulle, Der schöne Mensch im Altertum' (1912) 174ff.;

nicht funktional auf die kollektive Politik begrenzt, son- L. Alscher, Griechische Plastik IV (1957) 119ff.; M. Bieber, The
dern wurde auf den ganzen persönlichen Habitus ausge- Sculpture of the Hellenistic Age' (1961) 162 f. Auf die Probleme
dehnt92. Bei den mächtigsten Staatsmännern führte das der Figur .~ann hier nicht ausführlicher eingegangen werden.
Folgende Uberlegungen scheinen mir über den gegenwärtigen
zwangsläufig in die Nähe hellenistischer Herrscher.
Stand der Forschung, bei dem die sachliche Erklärung der Figur
Die Figur des Paris gleicht im Aufbau dem sog. Ther- kaum eine Rolle spielt, hinauszuführen: Die gewöhnlich ange-
men-Herrscher, dessen Deutung, ob Grieche oder Rö- nommene Ergänzung eines Gegners - etwa eines in die Defen-
mer, immer noch umstritten ist93. _wegen des Fundorts in sive gedrängten Reiters - scheitert daran, daß die Kampfrich-
Rom und des Fehlens eines Diadems liegt die Erklärung tung der Figur zugleich ihre Ansichtsseite ist. Der Gegner
als Römer zunächst nahe. Die formale Verwandtschaft müßte sich also an der Stelle befunden haben, an der der Be-
Rahmenthema 2: Hellenismus im Westen

nen bedeutenden Römer dieser Zeit darstellen96 . Hinzu trachter zu stehen kommt. Das spricht dafür, daß der Fechter
kommt eine Bronzestatuette mit Attributen des Hermes eine siegreiche Einzelfigur war. Da die Villa bei Antium, in der
aus dem 2.Jh.97 und eine unterlebensgroße Marmorfigur, die Statue gefunden wurde, republikanische Vorläufer hatte (F.
vielleicht schon im frühen 1.Jh. entstanden, beide aus Coarelli, Lazio [1982] 295f.), kann das Werk gut für einen vor-
Pompeii9 8 • Alle diese Figuren zeigen den Habitus helleni- nehmen römischen Auftraggeber gearbeitet worden sein; ge-
raubte griechische Werke wurden selten im privaten Bereich
stischer Herrscher, tragen aber kein Diadem und kom- aufgestellt. Ein siegreicher Krieger wäre dann am ehesten als er-
men aus römischem oder italischem Ambiente. Es wird folgreicher Heerführer zu deuten. Auch der Kopf in Neapel (s.
schwerfallen, sie alle als hellenistische Herrscher zu er- vorige Anm.) ist so stark auf dem Hals gedreht, daß er nicht von
klären, die aus spezifischen Gründen kein Diadem tra- einer ruhig stehenden Gestalt wie dem sog. Thermen-Herrscher,
gen. Das spricht für die Deutung als Römer oder zumin- sondern nur von einer ausfahrend bewegten Figur stammen
dest Italiker. kann: Solche Porträtfiguren hat es also offenbar gegeben. Sie ste-
Aber die Kontroverse ist bezeichnend: Das Diadem ist hen in einer Tradition, die vom Grabmal des Aristonautes bis zu
tatsächlich das Einzige, was diesen Bildnissen zum helle- der Darstellung des Augustus auf einem Denar (Zanker a.O.
nistischen Herrscher fehlt. Ebenso muß den führenden [s.o. Anm. 93], Taf. 29, 5; wohl auf eine Bildnisstatue zurückge-
hend) führt. Daß in der späten Republik diese Tradition über-
Männern in ihrem realen Habitus die Grenze zu monar- steigert wird, paßt zum Habitus dieser Epoche.
chischem Anspruch langsam verschwommen sein. Schon 96
F. Poulsen, Greek and Roman Portraits in English Coun-
Kineas, der Gesandte des Pyrrhos, hatte aus Rom den try Hauses (1923) 40 Nr. 12; Mustilli 64f. Nr. 5; EA 1048. 1049.
Eindruck mitgebracht, der Senat sei eine Versammlung Weitere Köpfe bei Zanker a.O. (s.o. Anm. 93) 37; ders. in: HiM
von Königen 99 . Die archäologischen Zeugnisse machen 589; Himmelmann, Herrscher und Athlet a.O. 12off. 225 ff.
deutlich, warum diese Entwicklung seit dem 2.Jh. den Nr.15.
97 G. M. A. Richter, The Portraits of the Greeks III (1965)
römischen Staat mehr und mehr sprengte: Innerhalb ei-
nes republikanischen Staatswesens war königlicher Habi- 272 Abb. 1890. 1891; Himmelmann a.O. 120.
98
tus nicht integrierbar. Und eine Vielzahl von Königen P. Zanker, Klassizistische Statuen (1974) 9 Nr. 6.
99 Plutarch, Pyrrhus 19. Weitere Quellen: RE XI 1 (1921) 475
war ohnehin ein unerträglicher Widerspruch.
s.v. Kineas (Stähelin).
Die Repräsentationsformen sind nur Symptome für 100
s. dazu P. Zanker, Augustus und die Macht der Bilder
den allgemeinen historischen Prozeß. Als solche zeigen ( 1987) 15 ff., der insbesondere auch die problematischen Aus-
sie an, woran die römische Republik zugrunde gegangen wirkungen dieser heterogenen Initiativen auf das Stadtbild von
isr100_ Rom hervorhebt.