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Das Sozialsystem

Schwedens und Österreichs


im Vergleich

Vorwissenschaftliche Arbeit

vorgelegt von

Felix Rath, 8B

Betreuungslehrerin: Profin. OStRin. Maga. Barbara Hochschorner

This work is licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International License.
Abstract

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den beiden Wohlfahrtsstaaten Schweden
und Österreich. Ziel ist es, die beiden Sozialsysteme einem Vergleich zu unterziehen.
Nach einer Beschreibung der beiden Systeme und deren Geschichte wird beim Vergleich
ein besonderes Augenmerk auf den Umgang mit Arbeitslosigkeit und die Unterschiede
in Bezug auf die staatliche Kinderbetreuung gelegt. Es zeigten sich deutliche Unter-
schiede in der Praxis der Mittelvergabe und grundlegend verschiedene Ansätze in der
Sozialpolitik und eine unterschiedlich große Akzeptanz in der Bevölkerung. In den Ver-
gleich werden dabei sowohl monetäre als auch sachliche Leistungen mit einbezogen.
Festgehalten sind Unterschiede im grundsätzlichen Aufbau und der Struktur der beiden
Wohlfahrtsstaaten. Auch die finanzielle Strukturierung wird hierbei kurz beleuchtet. Un-
terschiede in den Systemen resultieren aus vorhergehenden Reformen und politischen
Entscheidungen.
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 3

Inhalt
Einleitung .......................................................................................................................... 5

1 Definitionen .............................................................................................................. 6

1.1 Der Sozialstaat .................................................................................................. 6

1.2 Sozialsystem ...................................................................................................... 6

1.3 Sozialleistungen ................................................................................................ 7

1.3.1 Übersicht über Sozialleistungen ............................................................... 8

2 Geschichte und Entstehung des sozialstaatlichen Modells ...................................... 8

3 Wohlfahrtsstaat Österreich .................................................................................... 10

3.1 Historischer Überblick..................................................................................... 10

3.1.1 Sozialpolitische Meilensteine in der Monarchie .................................... 10

3.1.2 Sozialpolitische Meilensteine zur Zeit der Ersten Republik .................... 11

3.1.3 Sozialpolitik in den Jahren 1933-1945 .................................................... 12

3.1.4 Der Sozialstaat in der Zweiten Republik (1945-2018) ............................ 13

3.1.5 Maßgebliche Reformen und Gesetzeserlässe in Österreich seit 1945 ... 15

4 Wohlfahrtsstaat Schweden..................................................................................... 16

4.1 Historischer Überblick..................................................................................... 16

4.1.1 Der schwedische Sozialstaat nach 1945 ................................................. 18

4.2 Überblick über die sozialpolitischen Reformen in Schweden 1990-heute..... 19

4.2.1 Maßgebliche Reformen des schwedischen Wohlfahrtsstaates ............. 20

5 Vergleich ................................................................................................................. 21

5.1 Differenzierung nach Esping-Andersen .......................................................... 21

5.2 Der Umgang mit Arbeitslosigkeit .................................................................... 23

5.2.1 Situation in Österreich ............................................................................ 23

5.2.2 Situation in Schweden ............................................................................ 25

5.2.3 Fazit ......................................................................................................... 27


Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 4

5.3 Unterschiede in der Kinderbetreuung ............................................................ 28

5.3.1 Situation in Österreich ............................................................................ 28

5.3.2 Situation in Schweden ............................................................................ 30

5.3.3 Fazit ......................................................................................................... 32

5.4 Auswirkungen des Sozialsystems auf das Staatsbudget................................. 33

5.4.1 Allgemeines............................................................................................. 33

5.4.2 Sozialschutzausgaben im direkten Vergleich.......................................... 34

5.4.3 Staatsverschuldung im Vergleich ............................................................ 35

5.4.4 Fazit ......................................................................................................... 36

Zusammenfassung .......................................................................................................... 37
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 5

Einleitung

Nachdem die skandinavischen Staaten, besonders Schweden, oft als Vorreiter in der So-
zialpolitik gehandelt werden, ist es das Ziel dieser Arbeit, diesen Mythos etwas genauer
zu beleuchten und den schwedischen Wohlfahrtsstaat mit dem österreichischen System
zu vergleichen.

Besonders wichtig für einen derartigen Vergleich ist das Buch „The Three Worlds of Wel-
fare Capitalism“ von Esping-Andersen. Dieses bietet eine grundsätzliche Kategorisierung
der Wohlfahrtsstaaten in 3 Arten. Es ist grundlegender Bestandteil sämtlichen Hoch-
schulschriften und weiterführender Bücher zu diesem Thema.

Verwendet wurden für diese Arbeit vor allem online frei zugängliche Hochschulschriften
und E-Books beziehungsweise PDF-Dokumente, um einen möglichst aktuellen Bezug zu
gewährleisten, da der österreichische Wohlfahrtsstaat in den letzten Jahren einigen
maßgeblichen Reformen unterzogen wurde.

Am Anfang der Arbeit werden für das grundsätzliche Verständnis der Materie grundle-
gende Begriffe definiert. Es folgt eine Übersicht über die Entstehung des sozialstaatli-
chen Modells. Folgend wird näher auf die Geschichte des österreichischen Sozialstaates
eingegangen. In diesem Teil der Arbeit finden sich öfters historische Dokumente als Zi-
tationen wieder, was aufgrund des fehlenden sprachlichen Verständnisses in den nach-
folgenden Teilen nicht möglich war. Es wird jedoch auch die Geschichte und Entstehung
des schwedischen Sozialstaats erläutert. Im letzten Teil der Arbeit, dem Vergleich, fin-
den sich Beschreibungen der unterschiedlichen Systeme und Regelungen in Bezug auf
den Umgang mit Arbeitslosigkeit und die staatliche Kinderbetreuung. Als Abschluss des
Vergleichs werden die Staatsfinanzen der beiden Staaten in Bezug auf geleistete Sozial-
leistungen verglichen.
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 6

1 Definitionen

1.1 Der Sozialstaat

Der Begriff „Sozialstaat“ bezeichnet ein System, in dem der Staat wesentliche Aufgaben
in der Steuerung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Abläufe innehat und Ressourcen
bereitstellt, um eine Chancengleichheit innerhalb der Bevölkerung bestmöglich zu ge-
währleisten. Das betrifft u.a. die Bereiche Bildung, Gesundheit und Wohnen, sowie Ein-
kommenssicherung.1

Auf der Plattform politik-lernen.at des Zentrum polis wird die Aufgabe eines Sozialstaa-
tes wie folgt definiert:

„Die zentrale Aufgabe eines Sozial- und Wohlfahrtsstaates ist es, für soziale Gerech-
tigkeit zu sorgen und eine größtmögliche Absicherung für alle BürgerInnen zu bie-
ten. Die soziale Sicherung unterstützt Menschen/Familien in unterschiedlichen Le-
benslagen (z.B. bei Krankheit oder Unfall, im Alter, bei Arbeitslosigkeit). Das Aus-
maß dieser sozialen Sicherung kann von Staat zu Staat sehr unterschiedlich sein.“2

Ein gut ausgebauter Sozialstaat ist auch die Grundlage für ein nachhaltiges Wirtschafts-
wachstum. So tragen Pensionen, Arbeitslosenunterstützungen und Familienleistungen
aktiv zu einer Stabilisation der Konsumausgaben bei.3

1.2 Sozialsystem

In den meisten Werken wird der Begriff des Sozialstaates nicht weiter erläutert. Eine
einfach verständliche Definition bietet der Duden. In diesem ist der Begriff „Sozialsys-
tem“ auch als „System, nach dem die soziale Absicherung für die Bevölkerung geregelt
ist“4 definiert. Es handelt sich um einen Überbegriff, der geltende Regelungen, die
Vergabe von Sozialleistungen innerhalb einer Verwaltungseinheit, wie z.B. einem Staat
betreffend, sowie an diese angeknüpfte Verwaltungsorganisationen, beispielsweise

1
Vgl. https://www.sozial-wissenschaft.de/politikwissenschaft/der_sozialstaat.html [13.2.2019]
2
https://www.politik-lernen.at/dl/KmpLJMJKomlkLJqx4KJK/pa_6_17_Sozialstaat_sterreich_web.pdf
[13.2.2019]
3
Vgl. https://www.sozialministerium.at/site/Soziales_und_KonsumentInnen/Soziale_Themen/Soziale_Si-
cherheit/Sozialleistungen_in_Oesterreich/ [13.2.2019]
4
https://www.duden.de/rechtschreibung/Sozialsystem [13.2.2019]
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 7

Pensionsversicherungsanstalten, beschreibt. Das Sozialsystem finanziert sich haupt-


sächlich durch Sozialbeiträge der ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen, sowie
durch staatlich umverteilte finanzielle Mittel. Ausgabenseitig sind die Auszahlung von
Sozialleistungen an sich, Verwaltungskosten und die Umverteilung auf andere Bereiche
des Sozialsystems, diese geschieht vor allem, um das Defizit in anderen Systemen zu
verringern, zu finden.5

1.3 Sozialleistungen

Sozialleistungen werden als „soziale Leistungen des Staates bzw. öffentlich-rechtlicher


Körperschaften“6 definiert. Diese haben u.a. den Zweck, Armut bestmöglich zu vermei-
den und ein nachhaltig wachsendes Wirtschaftswachstum zu gewährleisten. Sozialleis-
tungen sollen die Chancengleichheit sowie bessere individuelle Entfaltungsmöglichkei-
ten der Bevölkerung am Arbeitsmarkt sicherstellen. Gemessen werden Sozialleistungen
innerhalb der Europäischen Union durch das von Eurostat und den Mitgliedsstaaten ent-
wickelte „Europäische System integrierter Sozialschutzstatistik“, kurz (ESSOSS). So lässt
sich eine Vergleichsbasis zwischen EU-Mitgliedsstaaten schaffen.7

„ESSOSS beruht auf dem Konzept des Sozialschutzes, d.h. der Abdeckung genau de-
finierter Risken und Bedürfnisse im Hinblick auf Gesundheit, Invalidität, Alter, Fa-
milie, Arbeitslosigkeit sowie Wohnen und sozialer Ausgrenzung. Mit dem System
werden die Einnahmen und Ausgaben der Sozialschutzorganisationen oder -sys-
teme erfasst“8

5
Vgl. https://www.sozialministerium.at/site/Soziales_und_KonsumentInnen/Soziale_Themen/Soziale_Si-
cherheit/Sozialleistungen_in_Oesterreich/ [13.2.2019]
6
https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/sozialleistungen-42647 [13.2.2019]
7
Vgl. https://www.sozialministerium.at/cms/site/attachments/9/1/5/CH3434/CMS1533893861892/sozi-
alstaatoesterreich_web_neu2.pdf [13.2.2019]
8
https://www.sozialministerium.at/cms/site/attachments/9/1/5/CH3434/CMS1533893861892/sozial-
staatoesterreich_web_neu2.pdf [13.2.2019]
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 8

1.3.1 Übersicht über Sozialleistungen

Alle Sozialleistungen lassen sich im Groben folgenden Gruppen zuordnen:

• „Krankheit/Gesundheitsversorgung

• Invalidität/Gebrechen

• Alter

• Hinterbliebene

• Familie/Kinder

• Arbeitslosigkeit

• Wohnen

• Sonstige Leistungen“9

2 Geschichte und Entstehung des sozialstaatlichen Mo-


dells

Auf die Frage, wo die Sozialpolitik „erfunden“ wurde, gibt es je nach Definition des Be-
griffes verschiedene Antworten. Betrachtet man alle gemeinschaftlich getroffenen Maß-
nahmen einer Personengruppe zur sozialen Absicherung als Beginn der Sozialpolitik, wie
man sie heute kennt, kann man den Beginn dieser historisch sehr früh ansetzen, da be-
reits im Altertum diesbezüglich erste Konzepte ihre Verwendung fanden. Häufig wird
aber davon ausgegangen, dass sich die Wurzeln der modernen Sozialpolitik erst später
finden. So werden oft das Preußische Landrecht des späten 18. Jahrhunderts oder be-
reits das 1601 in England durch Königin Elizabeth I erlassene „poor law“ als jeweils erste
Anerkennung der staatlichen Verantwortung für das soziale Wohlbefinden seiner Bür-
gerinnen und Bürger und damit als Beginn der modernen oder im engeren Sinn der ei-
gentlichen Sozialpolitik gesehen.10

9
https://www.sozialministerium.at/cms/site/attachments/9/1/5/CH3434/CMS1533893861892/sozial-
staatoesterreich_web_neu2.pdf [13.2.2019]
10
Vgl. ULLRICH 2005, S.17-21
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 9

Der Begriff des Sozial- beziehungsweise Wohlfahrtsstaates, also einer umfassenden


staatlichen Sozialpolitik, entstand jedoch erst im 19. Jahrhundert, als eine Verstaatli-
chung der sozialen Sicherung durchgeführt wurde. Anlass dafür waren vor allem durch
die Frühindustrialisierung neu entstandene Risiken für Arbeiter, wie der Verlust des Ar-
beitsplatzes oder Invalidität durch einen Unfall am Arbeitsplatz.

Die ersten Sicherungssysteme und Schutzrechte waren aber keinesfalls eine neue Idee,
sie basierten auf bereits bestehenden Einrichtungen. 11

„Zu diesen gehörten:

- Formen genossenschaftlicher Selbsthilfe wie die Kassen und Laden der Handwer-
ker und späteren Arbeiter, deren genauer Zweck oft nicht genau festgelegt war;

- kirchlich-karitative Einrichtungen im Kranken- und Armenwesen; bereits beste-


hende Institutionen wie die kommunale Armenfürsorge und knappschaftliche Si-
cherungsinstitutionen im Bergbau;

- sowie […] feudal-patriarchalische Pflichtzuweisungen an die »Fabrikherren«, de-


nen in Anlehnung an ältere Feudalverhältnisse eine gewisse Fürsorgepflicht für ihre
Arbeiter und deren Familien »angetragen« wurde.“12

Waren die ergriffenen Maßnahmen – anfänglich waren sie vor allem rechtlicher Natur –
zu Beginn noch eher an die arme Bevölkerungsschicht gerichtet, die zuvor durch die
kommunale Armenfürsorge oder kirchlich-karitative Einrichtungen Schutz genossen, sa-
hen sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts schlussendlich auch Industriearbeiterinnen
und -arbeiter als Ziel von Reformen. Die Notwendigkeit zur Sozialpolitik entstand durch
im 19. Jahrhundert entstandene Herausforderungen, wie der industriellen Kinderarbeit,
der Verarmung großer Teile der Bevölkerung sowie einer rasch voranschreitenden Ur-
banisierung, die einen Mangel an Nachbarschaftssolidarität und -hilfe zur Folge hatte. 13

Ein Aspekt darf jedoch nicht übersehen werden: Auch wenn damals der Grundstein für
einen heutigen Wohlfahrtsstaat gelegt wurde, so sind damalige Formen des Sozialstaa-
tes wohl kaum mit den heutigen Systemen vergleichbar. Dies lässt sich deutlich am Bei-

11
Vgl. ULLRICH 2005, S.17-21
12
Vgl. ULLRICH 2005, S.20 f.
13
Vgl. ULLRICH 2005, S. 21
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 10

spiel Deutschlands, das lange Zeit als Vorreiter in der Entwicklung eines funktionieren-
den Sozialstaates galt, veranschaulichen: Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts waren
Sozialleistungen selten bedarfsdeckend und meistens waren diese auch nur für einen
kleinen Teil der Bevölkerung verfügbar (z.B. Fabrikarbeiterinnen und Fabrikarbeiter),
während andere Bevölkerungsgruppen (z.B. Angestellte, Landarbeiterinnen und -arbei-
ter oder gewerbliche Arbeiterinnen und Arbeiter) meistens keinen Anspruch auf ver-
gleichbare Leistungen hatten. 14

3 Wohlfahrtsstaat Österreich

3.1 Historischer Überblick

3.1.1 Sozialpolitische Meilensteine in der Monarchie

Das erste Gesetz, das eine soziale Absicherung für einen Teil der österreichischen Bevöl-
kerung gewährte, war das 1854 durch Kaiser Franz Joseph I. erlassene Berggesetz. Im
amtlichen Teil der Salzburger Landeszeitung vom 26. Juni 1854 findet man dazu folgen-
des:

„Wir Franz Joseph der Erste, von Gottes Gnaden Kaiser von Oesterreich; […] haben
in der Ueberzeugung der Unzulänglichkeit der gegenwärtig geltenden […] Bergge-
setze, für nothwendig befunden, dieselben einer reiflichen Prüfung zu unterziehen
und ein den Eigenthümlichkeiten des Bergbaubetriebes entsprechendes, zugleich
aber auch mit den übrigen Zweigen der Gesetzgebung übereinstimmendes allge-
meines österreichisches Berggesetz verfassen zu lassen.“ 15

Dieses gewährte neben einer einheitlichen, den Bergbau betreffenden Regelung für das
gesamte Reich auch erstmals eine staatliche Niederschrift, die den Anspruch verun-
glückter Arbeitskräfte und den ihrer Angehörigen auf Unterstützung dokumentiert. 16

„Auch dem Loose des Bergmannes widmet das neue Berggesetz seine Fürsorge, in-
dem es das herkömmliche Institut der Bruderladen zu einem allgemeinen erhebt,

14
Vgl. ULLRICH 2005, S. 24
15
Salzburger Landeszeitung, 1854 (Nr. 143), S. 1
16
Vgl. Salzburger Landeszeitung, 1854 (Nr. 143), S. 1-3
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 11

und den Bergarbeiter mit seinen Angehörigen für Fälle unvorhergesehenen Unglü-
ckes und der Arbeitsunfähigkeit vor Noth und Elend schützt.“ 17

In den Jahren 1888 und 1889 wurden erstmals Gesetze erlassen, die die soziale Absiche-
rung von Arbeiterinnen und Arbeitern regeln sollten. Zusätzlich wurde eine Kranken-
und Unfallversicherung geschaffen. Der erste jemals geschlossene Kollektivvertrag war
jener der Buchbinder 1896. Für Privatangestellte wurde 1906 eine erste Möglichkeit der
Altersvorsorge geschaffen. 18

3.1.2 Sozialpolitische Meilensteine zur Zeit der Ersten Republik

3.1.2.1 Der Achtstundentag

Nachdem Ende des 19. Jahrhunderts bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts Arbeitszeiten
von 90 Wochenstunden keine Seltenheit waren, wurde 1919 zum Schutz der Arbeitneh-
merinnen und Arbeitnehmer der Achtstundentag beschlossen. Die „Arbeiterinnen Zei-
tung“ schreibt am 17. Dezember 1918 anlässlich der bevorstehenden Verabschiedung
der neuen Arbeitszeitregelungen: 19

„Wird doch in allen Betrieben noch immer 10 Stunden gearbeitet, in manchen sogar
11, in den ununterbrochenen Betrieben aber noch immer 12 Stunden. Dort wird
überall durch das neue Gesetz für die Arbeiterschaft eine Erlösung geschaffen wer-
den!“ 20

Federführend an dieser wie auch an anderen Reformen zu dieser Zeit war der sozialde-
mokratische Politiker Ferdinand Hanusch beteiligt.

3.1.2.2 Die Arbeitslosenversicherung

Im Jahr 1920 wurde zum ersten Mal in der Geschichte Österreichs ein Gesetz zur Unter-
stützung von Menschen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, erlassen. 21 Zu diesem

17
Salzburger Landeszeitung, 1854 (Nr. 143), S. 3
18
Vgl. https://ooe.arbeiterkammer.at/service/broschuerenundratgeber/diearbeiterkam-
mer/B_2018_Festschrift_Sozialstaat.pdf [13.2.2019]
19
Vgl. https://ooe.arbeiterkammer.at/service/broschuerenundratgeber/diearbeiterkam-
mer/B_2018_Festschrift_Sozialstaat.pdf [13.2.2019]
20
Arbeiterinnen Zeitung, 1918 (Nr. 25), S. 4
21
Vgl. https://ooe.arbeiterkammer.at/service/broschuerenundratgeber/diearbeiterkam-
mer/B_2018_Festschrift_Sozialstaat.pdf [13.2.2019]
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 12

Zeitpunkt hatten nur Personen mit österreichischer Staatsbürgerschaft Anspruch auf Ar-
beitslosenunterstützung, im Jahr 1921 wurde das Gesetz auch auf Personen mit auslän-
discher Staatsbürgerschaft ausgeweitet.

Der Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung entsteht nach 8 Tagen ohne Anstellung.


Sämtliche Zahlungen an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus öffentlicher Hand -
beispielsweise Bezüge von der gesetzlichen Krankenversicherung – reduzieren diese das
Ausmaß der Arbeitslosenunterstützung. Bezieherinnen und Bezieher der Arbeitslosen-
unterstützung verpflichten sich außerdem, angemessene, durch das Arbeitslosenamt
zugewiesene Beschäftigungsmöglichkeiten anzunehmen. 22

Außerdem wurden 1920 auch die Arbeiterkammern ins Leben gerufen. Diese brachten
eine starke gesetzlich verankerte Position für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. 23

Zwar wurde 1927 noch eine Alters- und Invaliditätsversicherung für Arbeiterinnen und
Arbeiter beschlossen, diese trat jedoch nie in Kraft. 24

3.1.3 Sozialpolitik in den Jahren 1933-1945

„Die Ausschaltung des Parlaments 1933 und der Österreichische Bürgerkrieg 1934
bilden einen tiefen Einschnitt in der Entwicklung von Gesellschaft und Sozialstaat.
Im Austrofaschismus wurde die freie Gewerkschaftsbildung verboten. Viele sozial-
politische Errungenschaften wurden rückgängig gemacht. Nach dem „Anschluss“
Österreichs an das Deutsche Reich im Jahr 1938 wurden zahlreiche Gewerkschaf-
ter/-innen von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet.“ 25

Im Jahr 1938 trat durch die sogenannte „Einführungsverordnung“ des Deutschen Rei-
ches das deutsche Sozialversicherungsrecht in Kraft. Demokratische Prozesse innerhalb
der Sozialversicherungsträger wurden unterbunden, die Sozialversicherungs-Institute
befanden sich in Deutschland. 26

22
Vgl. Staatsgesetzblatt für die Republik Österreich (1920), Wien: Österreichische Staatsdruckerei, S. 283
23
Vgl. https://ooe.arbeiterkammer.at/service/broschuerenundratgeber/diearbeiterkam-
mer/B_2018_Festschrift_Sozialstaat.pdf [13.2.2019]
24
Vgl. PREGAU, Max (2002): Das Solidarprojekt Sozialstaat - gestern, heute und morgen, SWS-Rund-
schau, 42 (2002), S. 355
25
https://ooe.arbeiterkammer.at/service/broschuerenundratgeber/diearbeiterkammer/B_2018_Fest-
schrift_Sozialstaat.pdf [13.2.2019]
26
http://www.polipedia.at/tiki-index.php?page=Sozialpolitische+Entwicklung+von+1920+bis+1938
[13.2.2019]
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 13

3.1.4 Der Sozialstaat in der Zweiten Republik (1945-2018)

Nach dem Krieg wurde auf Errungenschaften der ersten Republik zurückgegriffen. Das
enorme Wirtschaftswachstum in der Nachkriegszeit begünstigte eine Expansion der So-
zialpolitik.

Die Arbeitslosigkeit lag in den 1950er-Jahren zwar noch bei 5%, sie sank jedoch rapide
ab, trotz der quantitativen Zunahme der Bevölkerung herrschte in den folgenden zwei
Jahrzehnten Vollbeschäftigung. Die großen Dachverbände (ÖGB, ÖAKT, BWK, Präko,
VÖI) traten als wesentliche Bestimmungsfaktoren hervor. Sie spielten sowohl in der Mit-
gestaltung als auch der Implementierung der Sozialpolitik eine große Rolle.

Inhaltlich bestand zwischen den Dachverbänden, den Parteien und der Regierung inso-
fern ein gemeinsamer Nenner, als dass sie sich bei den Grundvoraussetzungen für eine
gelungene Sozialpolitik und eine Hebung des Lebensstandards einig waren: Wirtschafts-
wachstum und Vollbeschäftigung.

Abgesehen von diesem grundlegenden Konsens kam es auf politischer Ebene aber auch
zu Meinungsverschiedenheiten und Konflikten. 27

„Die Interessendivergenzen betrafen den Ausbau des Versichertenkreises, […] ins-


besondere die Finanzierung und das Niveau der Leistungen. [...] Über den Stellen-
wert von staatlich und privat organisierter Vorsorge und deren Mischung im öster-
reichischen Sozialstaat gab es offenkundig unterschiedliche Auffassungen. Gleiches
gilt hinsichtlich der Wege zur Steuerung von Arbeitsmarktproblemen, der materiel-
len Sicherung von Arbeitslosen, der Beschäftigung von AusländerInnen oder der
Gleichbehandlung von Frauen in der Arbeitswelt.“ 28

Einen großen Einfluss hatte Bruno Kreiskys Politik zur Zeit der Alleinregierung der SPÖ
(1971-1983).

27
Vgl. http://www.forschungsnetzwerk.at/downloadpub/sozialstaat_e_talos_sozialpolitik.pdf
[13.2.2019]
28
http://www.forschungsnetzwerk.at/downloadpub/sozialstaat_e_talos_sozialpolitik.pdf [13.2.2019]
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 14

Prinzipien der Sozialpolitik in Österreich:

• Zugang zu Sozialversicherungsleistungen durch Erwerbsarbeit oder Ehe: Das Sys-


tem zielt darauf ab, Erwerbstätige gegen verschiedene Risiken abzusichern. So-
mit bleibt einem Teil der Bevölkerung der Zugang zu diesen Leistungen vorbehal-
ten. Durch „Mitversicherung“ können Kinder oder Ehepartnerinnen oder Ehe-
partner von erwerbstätigen Personen von Sozialleistungen profitieren.
• Äquivalenzprinzip und Lebensstandardsicherung: Diverse finanzielle Leistungen
sind abhängig von Faktoren, die mit einer ausgeübten Erwerbsarbeit einherge-
hen. Das soll den Lebensstandard sichern und erhalten. Auf der anderen Seite
wird somit aber auch Ungleichheit im Sozialsystem reproduziert.
• Subsidiarität staatlicher Hilfe: Leistungen des Staates zur Sicherung des Lebens-
unterhaltes können meist nur in Anspruch genommen werden, wenn ansonsten
keine private Sicherung des Lebensunterhalts möglich ist.
• Schutz der Lohnabhängigen im Arbeitsprozess: Auch wenn sich der Fokus immer
weiter davon wegverlagert hat, ist der Schutz der „unter kapitalistischen
Produktions- und Arbeitsverhältnissen strukturell ökonomisch Schwächeren“
noch immer ein Grundprinzip des österreichischen Systems.29

Nach dem anfänglichen Höhenflug, der bis in die 1980er Jahre andauerte, ist, was das
Ausmaß der Sozialleistungen betrifft, der Zenit überschritten und ein Abwärtstrend be-
merkbar.

„Der expansive Entwicklungstrend währte in Österreich bis Beginn der 1980er


Jahre. Die jüngere Entwicklung ist weniger eindeutig: punktuellen Modifikationen
und Erweiterungen – so bei arbeitsrechtlichen Regelungen und familienrelevanten
Leistungen – stehen Restriktionen, teilweise ein substantieller Rückbau im Leis-
tungsbereich der Sozialversicherung gegenüber.“ 30

29
Vgl. http://www.forschungsnetzwerk.at/downloadpub/sozialstaat_e_talos_sozialpolitik.pdf
[13.2.2019]
30
http://www.forschungsnetzwerk.at/downloadpub/sozialstaat_e_talos_sozialpolitik.pdf [13.2.2019]
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 15

3.1.5 Maßgebliche Reformen und Gesetzeserlässe in Österreich seit 1945

3.1.5.1 Das ASVG

Die wohl wichtigste Regelung in diesem Zeitraum ist die Zusammenfassung von über
5000 Paragraphen aus fünf Epochen in einem Gesetz: Das allgemeine Sozialversiche-
rungsgesetz, kurz ASVG. Es wurde 1955 beschlossen und trat mit 1. Jänner 1956 in Kraft.
31 Das ASVG regelt „die Allgemeine Sozialversicherung im Inland beschäftigter Personen
[…] und die Krankenversicherung der Pensionisten aus der Allgemeinen Sozialversiche-
rung.“ 32 Im ASVG ist auch der berühmte „Generationenvertrag“ gesetzlich verankert. Er
besagt, dass Beitragszahlende nicht ihre eigene Pension, sondern die der derzeit An-
spruchsberechtigten finanzieren. 33

3.1.5.2 Weitere wichtige Reformen

• 1940-1950: Kinderbeihilfe wird eingeführt


• 1950-1960: Wohnungsbeihilfe bei Bedürftigkeit wird eingeführt, das ASVG tritt
in Kraft, das Mutterschutzgesetz tritt in Kraft
• 1960-1970: der Familienlastenausgleichsfond tritt in Kraft, die aktive Arbeits-
marktpolitik wird eingeführt, das Arbeitsmarktförderungsgesetz tritt in Kraft
• 1970-1980: Familienpolitische Reformen (z.B. Gleichstellung von Mann und
Frau), das Arbeitsnehmerschutzgesetz wird verabschiedet
• 1980-1990: Männer dürfen auch in Karenzurlaub gehen
• 1990-2000: AMS wird gegründet, Pflegegeld wird eingeführt, Erweiterung von
Krankenversicherung und Sozialversicherung um Selbstständige
• 2000-2010: universales Kinderbetreuungsgeld wird eingeführt, die bedarfsorien-
tierte Mindestsicherung wird eingeführt
• 2017: Einigung auf kollektivvertraglichen Mindestlohn von 1500€ in allen Bran-
chen

31
Vgl. http://www.demokratiezentrum.org/wissen/wissenslexikon/allgemeines-sozialversicherungsge-
setz-asvg.html [13.2.2019]
32
https://www.jusline.at/gesetz/asvg/paragraf/1 [13.2.2019]
33
Vgl. https://www.addendum.org/sozialstaat/sozialstaat-geschichte/ [13.2.2019]
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 16

• 2018: Anrechnung des Partnereinkommens bei Notstandshilfe wird abgeschafft,


Fusion der Krankenkassen34

4 Wohlfahrtsstaat Schweden

4.1 Historischer Überblick

In Schweden datieren die Anfänge eines staatlichen Sozialsystems ähnlich wie in Öster-
reich in das 19. Jahrhundert zurück. Es lassen sich dort durch das traditionelle System
der Bruksamhällen erste Regelungen der sozialen Absicherung für die ArbeiterInnen-
Schicht bis in das 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Bruksamhällen waren Gemeinschaf-
ten von ArbeiterInnen und deren Familien, die sich rund um einen Betrieb niederließen.
Dieses System war vor allem in der Verarbeitung von Eisenerz üblich. Der bruk, der Herr,
übernahm sämtliche Aufgaben für seine ArbeiterInnen, zum Beispiel organisierte er die
Schulbildung aber auch Gesundheits- und Altersversorgung. 35 Nachdem ganz Skandina-
vien im frühen 20. Jahrhundert noch als ärmste Region Europas und auch für seine dar-
aus resultierende hohe Anzahl an AuswandererInnen bekannt war36, setzte auch in
Schweden, bedingt durch die Industrialisierung, bis 1910 ein rascher Aufschwung und
eine Hebung des Lebensstandards ein (er war schon damals einer der höchsten im welt-
weiten Vergleich). So wurde 1913 ein universelles Rentensystem eingeführt, das in der
politischen Landschaft Schwedens große Unterstützung aller politischen Lager genoss.
Auch der Ausbruch des ersten Weltkriegs hatte durch den dadurch erhöhten Bedarf an
Rohmaterialien einen stimulierenden Effekt auf die schwedische Wirtschaft. Gedämpft
wurde diese Entwicklung durch eine Finanz- und Strukturkrise und einen wirtschaftli-
chen Rückgang in den 1920er-Jahren.37 In diesen Jahren findet die erste Bezeichnung
des Wohlfahrtsstaates ihren Ursprung: folkhemmet – das Volksheim. Die Metapher
wurde durch die SozialdemokratInnen der „Sveriges socialdemokratiska arbetareparti“,

34
Vgl. https://ooe.arbeiterkammer.at/service/broschuerenundratgeber/diearbeiterkam-
mer/B_2018_Festschrift_Sozialstaat.pdf [13.2.2019]
35
Vgl. https://www.valeskahenze.de/Daten/Das%20schwedische%20Volksheim.pdf [13.2.2019]
36
Vgl. AUER 2017, S. 9
37
Vgl. PETERSON 2011, S. 186 ff
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 17

kurz SAP, allen voran Per Albin Hansson, der 1932 Premierminister werden sollte, in den
politischen Diskurs eingebracht. 38

„Das Volksheim ist der Ausdruck für die Vorstellung einer spezifischen politischen
und gesellschaftlichen Ordnung. Die Inkorporierung ihrer ordnenden Prinzipien be-
gründete das politisches [sic!] Design für eine Gesellschaft, das seinen Mitgliedern
emotionale Bindung bieten konnte, und die die Verunsicherung und Orientierungs-
losigkeit nach den radikalen gesellschaftlichen Veränderungen des 19. Jahrhundert
beheben konnte.“ 39

Das Land ist demnach eine Familie. Wenn es einem Familienmitglied schlecht geht, so
hilft die gesamte Familie. 40 Nachdem Hansson 1932 zum Premierminister gewählt
wurde, brachte die darauffolgende Regierungsperiode die Einfuhr einer Vermögens-
steuer und kleinere Sozialreformen, um einer Krise entgegenzuwirken.

Ein für Skandinavien typisches Phänomen ließ sich auch in Schweden beobachten: Durch
die im ländlichen Raum ansässige bäuerliche Bevölkerung entstand neben den Arbeite-
rInnen und dem Bürgertum eine dritte politische Kraft, die maßgeblich für die Entste-
hung zentralistischer Parteien verantwortlich war. Deshalb bezogen sich Reformen sel-
ten nur auf die ArbeiterInnenschicht. Die Vormachtstellung der Sozialdemokraten war
also vor allem der Aufspaltung Andersdenkender in mehrere Parteien, also das Fehlen
einer starken gegnerischen Kraft, zu verdanken. Das „schwedische Modell“ wurde je-
doch auch durch andere Parteien mitgetragen, da sowohl Liberale als auch die Zent-
rumspartei eine Regierung mit den Sozialdemokraten jener mit den Konservativen vor-
zogen. Sozialdemokratische Ideen fanden jedoch nicht nur Anklang in der Politik, auch
Ökonomen der Stockholmer Schule (wichtige Vertreter waren unter anderem Erik Ro-
bert Lindahl und Erik Lundberg) 41 fanden daran Gefallen. 42

38
Vgl. https://www.valeskahenze.de/Daten/Das%20schwedische%20Volksheim.pdf [13.2.2019]
39
Vgl. https://www.valeskahenze.de/Daten/Das%20schwedische%20Volksheim.pdf [13.2.2019]
40
Vgl. https://www.valeskahenze.de/Daten/Das%20schwedische%20Volksheim.pdf [13.2.2019]
41
Vgl. https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/stockholmer-schule-43021 [13.2.2019]
42
Vgl. AUER 2017, S. 10 ff.
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 18

4.1.1 Der schwedische Sozialstaat nach 1945

Nach dem zweiten Weltkrieg wurden in Schweden bereits bestehende soziale Siche-
rungssysteme weiter ausgebaut. Der Wohlstand wuchs, die Wirtschaft florierte, zumin-
dest bis das Land in den 1970er-Jahren von der Ölkrise getroffen wurde. Die wirtschaft-
liche Situation ließ die Bevölkerung zum ersten Mal an dem schwedischen Modell zwei-
feln. 43

Die Sozialdemokraten verloren 1976 die Wahlen in den Reichstag. Da diese seit den
30er-Jahren durchgehend an der Spitze der schwedischen Politik gestanden waren, war
das ein Novum in der schwedischen Politik des 20. Jahrhunderts. 44

Da die regierenden Parteien ihre Chance, der schwedischen Bevölkerung eine echte Al-
ternative zu bieten, nicht ergriffen und sich die Regierungsparteien eher auf untereinan-
der ausgetragene Kämpfe konzentrierten, stellten nach den Wahlen 1982 die Sozialde-
mokraten wieder eine eindeutige Mehrheit im schwedischen Reichstag. Eine der bedeu-
tendsten getroffenen Maßnahmen dieser Regierungsperiode war die Entwertung der
schwedischen Krone, das führte zu einem mehrjährigen Boom der schwedischen Wirt-
schaft.

Obwohl die linke Mehrheit in den darauffolgenden Wahlen verteidigt werden konnte,
kam 1991 zum zweiten Mal in der Geschichte eine bürgerliche Regierung an die Macht.
Die 1990er-Jahre waren für die schwedische Bevölkerung mit einer Immobilien- und ei-
ner Bankenkrise abermals eine schwierige Zeit. Es folgten harte Sparmaßnahmen von
Seiten der Regierung.45 Die wichtigste Reform dieses Jahrzehnts ist wohl die Pensions-
reform. Diese wird im weiteren Verlauf der Arbeit noch genauer erläutert. Auch fand die
schwedische Überschusspolitik in den 1990er-Jahren ihren Ursprung. Ab 1997 betrug
das budgetäre Überschussziel zwei Prozent des BIP, ab 2007 nur noch ein Prozent. 46

43
Vgl. AUER 2017, S. 12
44
Vgl. http://library.fes.de/pdf-files/id/ipa/09824.pdf [13.2.2019]
45
Vgl. AUER 2017, S. 13 ff.
46
Vgl. https://kops.uni-konstanz.de/bitstream/handle/123456789/32297/Jochem_0-307463.pdf?se-
quence=5&isAllowed=y [13.2.2019]
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 19

4.2 Überblick über die sozialpolitischen Reformen in Schweden


1990-heute

Die krisenreiche Zeit der 90er-Jahre zeigte die Abhängigkeit des sozialdemokratischen
Wohlfahrtsregimes von wirtschaftlichen Faktoren. Durch frühere wirtschaftspolitische
Fehlentscheidungen in der schwedischen Politik, vor allem in den 80er-Jahren, mussten
im Wohlfahrtsstaat gravierende Einsparungsmaßnahmen durchgesetzt werden. Seit den
1990er-Jahren kam es in Schweden zu einer zunehmenden Privatisierung des Bildungs-
und Pflegesektors. Auch die Krankenversorgung wurde in vielen Kommunen zunehmend
von privaten Betreibern übernommen. Den Grundstein dafür legte die bürgerliche Re-
gierung mit der Einführung eines sogenannten „purchaser-provider“-Modells.47 Die
Funktionsweise dieses Modells ist auf internationaler Ebene schwer zu definieren, da
große nationale Unterschiede in der Umsetzung bestehen. Am Bespiel der schwedischen
Krankenversorgung lässt sich diese jedoch recht gut beschreiben:48

Abbildung 1: Funktionsweise des schwedischen purchase-provider-splits anhand der schwedischen Kran-


kenversorgung49

Weitere Einsparungsmaßnahmen waren die Senkung des Einkommensersatzes bei Un-


fall-, Kranken-, Eltern- und Arbeitslosenversicherungen von 90% auf 80% und die Einfüh-
rung der „Warteperiode“ bei der Arbeitslosen- und Krankenversicherung. Trotz diverser

47
Vgl. AUER 2017, S. 14 f.
48
Vgl. https://spa.gu.se/digitalAssets/1109/1109559_SPA_WP5.pdf [13.2.2019]
49
https://spa.gu.se/digitalAssets/1109/1109559_SPA_WP5.pdf [13.2.2019]
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 20

Reformen und Einsparungsversuche gelang es der bürgerlichen Regierung nicht, den


Staatshaushalt zu sanieren oder die Wirtschaft zu stabilisieren.

Nachdem 1994 die Sozialdemokraten wieder die Macht übernahmen, verschärften


diese den durch die vorhergehende Regierung eingeleiteten Sparkurs abermals, so setz-
ten sie das Ausmaß des Erwerbsersatzes bei Kranken- und Arbeitslosenversicherung um
weitere 5% auf 75% herab. Diese Maßnahme hatte aber nur ein Jahr Gültigkeit. Das Kin-
dergeld wurde gekürzt und die zusätzliche Unterstützung für Mehrkindfamilien gänzlich
gestrichen. Um Arbeitslosengeld beziehen zu können mussten fortan auch strengere
Auflagen erfüllt werden. Eben genannte Reformen waren jedoch nur temporär als Ent-
lastung des Staatsaushaltes und nicht als dauerhafte Änderungen angedacht. 50

4.2.1 Maßgebliche Reformen des schwedischen Wohlfahrtsstaates

4.2.1.1 Die große Pensionsreform

Wie in vielen anderen europäischen Ländern drohte auch in Schweden Anfang der
1990er-Jahre eine Unterfinanzierung des Pensionssystems. Deshalb wurde eine Pensi-
onsreform von der regierenden bürgerlichen Regierung und den oppositionellen Sozial-
demokratInnen in Angriff genommen. Für diese Pensionsreform erhielten die Schweden
großes Lob der internationalen Community. Sie wurde 1994 im Reichstag mit einer
Mehrheit von über 80% beschlossen.

Die Reform sah vor, 18,5% des Einkommens als die finanzielle Basis für die Altersvor-
sorge zu verwenden, 16% davon werden nach dem Umlageverfahren auf virtuelle Ren-
tenkonten eingezahlt und als Grundlage für die Einkommensrente herangezogen. 2,5%
werden auf prämienfinanzierte Rentenkonten eingezahlt. Zum Zeitpunkt des Ruhestan-
des werden dann die beiden Kontotypen in eine Jahresrente umgewandelt. Weiters wird
eine Grundsicherung durch die universale Garantierente gewährleistet. 51 Die 2,5% stel-
len die sogenannte „Premiumpension“ dar, sie können selbst in eine Vielzahl von Fonds
investiert werden. Wird kein Fond ausgewählt, wandern diese Mittel automatisch in den
staatlichen Fonds. Frühpensionen, die krankheitsbedingt angetreten werden, wurden in

50
Vgl. AUER 2017, S. 15 f.
51
Vgl. http://wwwu.aau.at/hleustik/uni/info/pensref/pens-schw.pdf [13.2.2019]
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 21

den Bereich der Krankenversicherungen übergeben. Zusätzlich zur staatlichen Pension


zahlen manche Dienstgeber außerdem die sogenannte „Dienstpension“ aus. Die Spitze
der Pensionspyramide bilden die eigenen Ersparnisse.

Eine zusätzliche Reform trat 1999 in Kraft, die einen flexibleren Einstieg in das Pensions-
system ermöglichen sollte.

Das schwedische Pensionssystem verfügt des Weiteren über einen Stabilisierungsme-


chanismus nachdem überschüssige finanzielle Mittel in Bufferfonds veranlagt werden,
60% dieses Kapitals sind in Beteiligungspapieren, sowohl im In- als auch im Ausland, in-
vestiert. Da dies während der Wirtschaftskrise 2008 zu Problemen führte, beschloss die
Regierung in den folgenden Jahren die Senkung der Steuersätze auf Pensionen, um Ein-
kommensverlusten der PensionistInnen vorzubeugen. 52

5 Vergleich

Da ein ausführlicherer Vergleich die Grenzen der vorwissenschaftlichen Arbeit sprengen


würde, wird dieser grundsätzlich nur oberflächlich ausfallen. Ein spezieller Fokus wird
jedoch auf die staatlichen Leistungen bezüglich des Verlusts des Arbeitsplatzes, die Un-
terstützungen im Bereich der Kinderbetreuung. Als Abschluss wird noch knapp auf die
Finanzierung des jeweiligen Systems eingegangen.

5.1 Differenzierung nach Esping-Andersen

1990 veröffentlichte der dänische Wissenschaftler Gøsta Esping-Andersen sein Werk


„The three worlds of welfare capitalism“, das bis heute oft zum Vergleich moderner
Wohlfahrtsstaaten herangezogen wird. Konkret unterscheidet er darin drei Typen des

52
Vgl. AUER 2017, S. 16 ff.
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 22

Wohlfahrtsstaates.53

Abbildung 2: Typen des Wohlfahrtsstaates nach Esping-Andersen54

Nach den von ihm genannten Kriterien lassen sich Schweden und Österreich unter-
schiedlichen Typen zuteilen.

So findet man in Österreich die Merkmale eines konservativ-korporatistischen Wohl-


fahrtsstaates vor, der sich grundsätzlich durch die Erhaltung traditioneller Rollenbilder
und sozialer Unterschiede auszeichnet. Sozialleistungen sind eng an Erwerbsarbeit ge-
koppelt, was dazu führt, dass zum Beispiel nicht erwerbstätige Frauen ausgeschlossen
werden.

Schweden lässt sich auf der anderen Seite dem Typus des „sozialdemokratischen Sozial-
staats“, auch „skandinavischer Sozialstaat“ genannt, zurechnen. Dieser zeichnet sich
durch Universalleistungen und die angestrebte Gleichberechtigung unterschiedlicher
sozialer Gruppen aus. Die Steuersätze sind im Vergleich sehr hoch.

Ein Beispiel für den „liberalen Wohlfahrtsstaat“ wären die USA. 55

53
Vgl. https://www.bpb.de/politik/innenpolitik/arbeitsmarktpolitik/55072/wohlfahrtsstaatliche-grund-
modelle?p=all [13.2.2019]
54
https://www.bpb.de/system/files/pdf/0SEKBI.pdf [13.2.2019]
55
Vgl. https://www.bpb.de/politik/innenpolitik/arbeitsmarktpolitik/55072/wohlfahrtsstaatliche-grund-
modelle?p=all [13.2.2019]
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 23

5.2 Der Umgang mit Arbeitslosigkeit

5.2.1 Situation in Österreich

Aktuell (Stand Jänner 2019) wird der Anspruch auf staatliche Leistungen bei Verlust des
Arbeitsplatzes in Österreich im Arbeitslosenversicherungsgesetz (kurz AIVG) geregelt.
Die Leistungen der Arbeitslosenversicherung beim Verlust des Arbeitsplatzes bestehen
im Wesentlichen aus Arbeitslosengeld und Notstandshilfe. 56 Anspruch auf Arbeitslosen-
geld hat laut §7 des AIVG jede/r, die/der:

„1. der Arbeitsvermittlung zur Verfügung steht,

2. die Anwartschaft erfüllt und

3. die Bezugsdauer noch nicht erschöpft hat.“ 57

5.2.1.1 Arbeitslosengeld

Um von dieser Leistung profitieren zu können, müssen Leistungserhaltende arbeitswillig


sein. Das heißt, dass BezieherInnen eine vermittelte Beschäftigung annehmen müssen,
sofern diese zumutbar ist. Zumutbar ist demnach in den ersten hundert Tagen des Leis-
tungsbezugs eine Beschäftigung nicht, wenn diese nicht dem bisherigen Tätigkeitsbe-
reich entspricht und einen Wiedereinstieg in das Arbeitsleben im ursprünglichen Berufs-
feld erschwert wird. Eine Beschäftigung wird in den ersten 120 Tagen des Leistungsbe-
zugs nur dann als zumutbar angesehen, wenn das dadurch erwirtschaftete sozialversi-
cherungspflichtige Entgelt mindestens 80% des derzeitigen Arbeitslosenentgelts be-
trägt. Außerhalb dieses Zeitraums wird dieser Prozentsatz auf 75% gesenkt. 58 Das Ar-
beitslosengeld wird aufgrund des durchschnittlich erzielten Gehalts des letzten, bezie-
hungsweise vorletzten Jahres berechnet. Der Grundbetrag liegt hierbei in der Regel bei

56
Vgl. http://ec.europa.eu/employment_social/empl_portal/SSRinEU/Y-
our%20social%20security%20rights%20in%20Austria_de.pdf [13.2.2019]
57
Vgl. https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnum-
mer=10008407 [13.2.2019]
58
Vgl. https://www.sozialministerium.at/cms/site/attachments/3/9/4/CH3434/CMS1452088431397/ar-
beit-behinderung_arbeitsmarkt_arbeitsmarktpolitik_arbeitssuche_arbeitslosenversicherung.pdf
[13.2.2019]
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 24

55%, höchstens jedoch bei 60% des an einem Tag erzielten Nettoeinkommens, mit Fa-
milienzuschlägen kann dieser Prozentsatz auf bis zu 80% steigen. Die Bemessungsgrenze
liegt bei 4110€ brutto pro Monat.

Die Bezugsdauer beträgt mindestens 20 Wochen und kann durch ein gewisses Lebens-
alter und eine erreichte Anzahl von Versicherungsjahren auf bis zu 52 Wochen ausge-
dehnt werden. Außerdem kann die Bezugsdauer durch auf Anordnung des AMS durch-
geführte Nach- und Umschulungen um deren Dauer oder durch die Teilnahme an einer
Arbeitsstiftung um bis zu vier Jahre verlängert werden. Eine Kürzung des Arbeitslosen-
geldes wird zum Beispiel bei der Weigerung, eine zumutbare Beschäftigung anzuneh-
men, durchgeführt. Auch eine Weigerung, Schulungen zu besuchen, führt zu einer
Sperre der Zahlungen für mindestens 6 Wochen. Grundsätzlich wird das Arbeitslosen-
geld ab dem Zeitpunkt des Antrags ausbezahlt. Das Beenden des Dienstverhältnisses von
ArbeitnehmerInnenseite ohne triftigen Grund stellt jedoch eine Ausnahme dar. In die-
sem Fall wird für die ersten 4 Wochen kein Arbeitslosengeld ausbezahlt. 59

5.2.1.2 Notstandshilfe

Ist der Anspruch auf Arbeitslosengeld erschöpft, steht Arbeitslosen Notstandshilfe zu. 60

„Abhängig von der Höhe des Arbeitslosengeldes gebühren (höchstens) 95% bzw.
92% des in Betracht kommenden Grundbetrages des Arbeitslosengeldes sowie 95%
des zum Arbeitslosengeld gebührenden Ergänzungsbetrages zuzüglich allfälliger Fa-
milienzuschläge.“ 61

Bei der Notstandshilfe wird jedoch auch das Einkommen etwaiger LebenspartnerInnen
miteinberechnet, dieses kann die Höhe der Notstandshilfe entsprechend verringern.

59
Vgl. http://ec.europa.eu/employment_social/empl_portal/SSRinEU/Y-
our%20social%20security%20rights%20in%20Austria_de.pdf [13.2.2019]
60
Vgl. https://www.sozialministerium.at/cms/site/attachments/3/9/4/CH3434/CMS1452088431397/ar-
beit-behinderung_arbeitsmarkt_arbeitsmarktpolitik_arbeitssuche_arbeitslosenversicherung.pdf
[13.2.2019]
61
https://www.sozialministerium.at/cms/site/attachments/3/9/4/CH3434/CMS1452088431397/arbeit-
behinderung_arbeitsmarkt_arbeitsmarktpolitik_arbeitssuche_arbeitslosenversicherung.pdf [13.2.2019]
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 25

Wenn der Anspruch nicht davor schon wegfällt, wird die Notstandshilfe immer für 1 Jahr
(52 Wochen) genehmigt. 62

5.2.1.3 Zusätzliche Versicherungsleistungen

Bei Bezug von sowohl Arbeitslosengeld als auch Notstandshilfe, auch wenn diese auf-
grund des Einkommens der/des PartnerIn nicht ausbezahlt wird, sind die EmpfängerIn-
nen dieser Leistungen sowohl kranken- als auch pensionsversichert, solange sie alle Vo-
raussetzungen – beispielsweise, dass sie arbeitswillig sind – erfüllen. 63

5.2.2 Situation in Schweden

In Schweden lässt sich die staatliche Unterstützung bei Arbeitslosigkeit in zwei Bereiche
teilen. Zum einen gibt es eine Grundversicherung, zum anderen gibt es auch eine Mög-
lichkeit, das Ausmaß der staatlichen Unterstützung durch zuvor im Erwerbsleben in Ar-
beitslosenversicherungsfonds eingezahlte Beiträge zu vergrößern. 64

5.2.2.1 Die Grundversicherung (grundförsäkring)

Für den Anspruch auf die staatliche Grundversicherung müssen gewisse Anforderungen
erfüllt werden. Diese sind den österreichischen durchaus ähnlich. So muss auch in
Schweden ein Arbeitswille erkennbar sein, AntragstellerInnen müssen außerdem aktiv
nach einer Beschäftigung suchen, mit der Arbeitsagentur kooperieren und dem Arbeits-
markt zur Verfügung stehen.

Die Höhe der Grundversicherung beträgt SEK 320, umgerechnet rund 31 Euro pro Tag.65

62
Vgl. https://www.sozialministerium.at/cms/site/attachments/3/9/4/CH3434/CMS1452088431397/ar-
beit-behinderung_arbeitsmarkt_arbeitsmarktpolitik_arbeitssuche_arbeitslosenversicherung.pdf
[13.2.2019]
63
Vgl. https://www.sozialministerium.at/cms/site/attachments/3/9/4/CH3434/CMS1452088431397/ar-
beit-behinderung_arbeitsmarkt_arbeitsmarktpolitik_arbeitssuche_arbeitslosenversicherung.pdf
[13.2.2019]
64
Vgl. https://ec.europa.eu/social/main.jsp?catId=1130&langId=de&intPageId=4817 [13.2.2019]
65
Vgl. http://ec.europa.eu/employment_social/empl_portal/SSRinEU/Y-
our%20social%20security%20rights%20in%20Sweden_de.pdf [13.2.2019]
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 26

5.2.2.2 Die freiwillige Versicherung gegen Einkommensausfall (inkomstbortfallsförs-


äkring)

Die schwedische Arbeitslosenversicherung läuft nach dem Vorbild des Genter System.

„Das ursprünglich im Jahr 1901 im belgischen Gent eingeführte System einer frei-
willigen, öffentlich subventionierten und gewerkschaftlich verwalteten Versiche-
rung gegen Arbeitslosigkeit war noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts ein in Europa
verbreitetes Modell […], was auch dadurch bedingt war, dass die zu Beginn des
Jahrhunderts expandierenden nationalen Sozialversicherungssysteme das Risiko
Arbeitslosigkeit lange Zeit ganz oder weitgehend ausklammerten.“ 66

Es gibt insgesamt 28 Kassen in Schweden, diese regeln die Auszahlung und den Anspruch
auf Arbeitslosenunterstützung. Die größte ist jene der AkademikerInnen. Je nach Kasse
gibt es verschiedenste Bedingungen, die erfüllt sein müssen, um Mitglied zu werden. Im
Falle der AEA (kurz für „Akademikernas a-kassa“), der Kasse der AkademikerInnen, muss
eine Person mindestens 180 Hochschulpunkte, also mindestens einen Bachelor, besit-
zen, um zum Beitritt berechtigt zu sein. In anderen Fällen wird eine berufliche Tätigkeit
in speziellen Bereichen vorausgesetzt. Es gibt eine einzige Kasse, die alle Arbeitnehme-
rInnen aufnimmt: Alfakassan.

Die Mitgliedbeiträge fallen je nach Kasse unterschiedlich aus, sie bewegen sich jedoch
ungefähr im Rahmen von SEK 90 bis SEK 150, aktuell also umgerechnet zwischen 9 und
15 Euro pro Monat. 67

Um von den Leistungen der Arbeitslosenkassen profitieren zu können, muss die betref-
fende Person mindestens 12 Monate Mitglied der jeweiligen Kasse gewesen sein. Au-
ßerdem muss in 6 der 12 der Arbeitslosigkeit vorausgehenden Monate einer Erwerbstä-
tigkeit von mindestens 80 Stunden im Monat oder in 6 aufeinanderfolgenden Monaten
einer Erwerbstätigkeit von mindestens 480 Stunden und mindestens 50 Stunden pro
Monat nachgegangen worden sein. 68

66
Vgl. http://www.z-sozialreform.de/ccm/cms-service/stream/asset/2006-03_Clasen_Viebrock_Voll-
text.pdf?asset_id=164004 [13.2.2019]
67
Vgl. AUER 2017, S. 27
68
Vgl. http://ec.europa.eu/employment_social/empl_portal/SSRinEU/Y-
our%20social%20security%20rights%20in%20Sweden_de.pdf [13.2.2019]
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 27

Die Höhe des ausbezahlten Betrags hängt vom letzten Lohn ab, von diesem werden für
einen Zeitraum von bis zu 300 Tagen bis zu 80% ausgezahlt. Der Maximalbetrag liegt in
den ersten 100 Tagen bei SEK 910, umgerechnet rund 90 Euro, pro Tag. Danach ist ein
täglicher Maximalbetrag von SEK 760, rund 70€ Euro, vorgesehen. Die ersten 7 Tage der
Arbeitslosigkeit wird im Normalfall keine Unterstützung gewährleistet.69

Die Leistung des Arbeitslosengelds wird bei einer Beendigung des Dienstverhältnisses
ohne triftigen Grund durch die/den ArbeitnehmerIn oder wenn diese/r wegen unge-
bührlichem Verhalten entlassen wurde, für einen bestimmten Zeitraum ausgesetzt.

Außerdem erfolgt eine Kürzung der Tagessätze, wenn der/die Erwerbslose ohne triftigen
Grund einen durch die Arbeitsagentur vermittelten Job ausschlägt. 70

5.2.3 Fazit

Je nach gewählter Kasse lässt sich das Ausmaß der schwedischen Leistungen in etwa mit
den österreichischen vergleichen. Zwar sind hier kleinere Differenzen zu finden, jedoch
besteht in beiden Staaten eine spezielle Form der Arbeitslosenunterstützung. Der
größte Unterschied zwischen den beiden Systemen ist in der Existenz von Kassen an sich
beziehungsweise auch darin, dass ArbeitnehmerInnen in Schweden die Mitgliedschaft
und somit die Zahlung von Beiträgen an eine Kasse freigestellt wird, ersichtlich. Festzu-
halten ist außerdem, dass die Unterstützungsmöglichkeiten in ihrem Aufbau und ihrer
Struktur dem jeweiligen Wohlfahrtsstaatsmodell nach Esping-Andersen treu bleiben. Im
Falle Schwedens wäre das der Fokus auf das Individuum. In Österreich liegt dieser eher
auf der Familie.

69
Vgl. AUER 2017, S. 27 f.
70
Vgl. http://ec.europa.eu/employment_social/empl_portal/SSRinEU/Y-
our%20social%20security%20rights%20in%20Sweden_de.pdf [13.2.2019]
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 28

5.3 Unterschiede in der Kinderbetreuung

Im folgenden Kapitel sollen die Unterschiede in der staatlichen Kinderbetreuung aufge-


zeigt und getroffene Maßnahmen verglichen werden, die Eltern einen raschen Wieder-
einstieg in das Berufsleben ermöglichen.

5.3.1 Situation in Österreich

In Österreich gibt es verschiedene Möglichkeiten der außerfamiliären Kinderbetreuung.

5.3.1.1 Kinderkrippen

Institutionen, die die Betreuung von Kindern unter 3 Jahren übernehmen, werden „Kin-
derkrippen“ oder „Krabbelstuben“ genannt. Eine Altersuntergrenze findet sich nur in
Kärnten und Salzburg, wo Kinder unter einem Jahr nicht in Kinderkrippen betreut wer-
den dürfen. Die maximale Gruppengröße beträgt je nach Bundesland zwischen 12 und
15 Kindern. Das Angebot der Kinderkrippen richtet sich vor allem an erwerbstätige El-
tern. Die Öffnungszeiten variieren, jedoch sind derartige Betreuungsmöglichkeiten
meist von 7 Uhr morgens bis 15-18 Uhr am Nachmittag/Abend geöffnet. 71 Kinderkrip-
pen werden in Österreich generell eher skeptisch gesehen, eine Betreuung von unter 3-
Jährigen wird somit meist durch Angehörige des Kindes übernommen.72

5.3.1.2 Kindergärten

Der Kindergarten ist die am weitesten verbreitete Art der außerfamiliären Betreuungs-
einrichtungen. Das Mindestalter für einen Besuch dieser Institutionen liegt je nach Bun-
desland bei 2 beziehungsweise 3 Jahren. Eine Betreuung erfolgt meist bis zum Zeitpunkt
der Einschulung. Die maximale Gruppengröße beträgt abhängig vom Bundesland zwi-
schen 20 und 25 Kindern. Kindergärten sind meist von circa 7 Uhr bis Mittag oder späten
Nachmittag geöffnet. Der Besuch einer Kinderbetreuungseinrichtung ist für 5-Jährige

71
Vgl. https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/41727/ssoar-2014-dorfler_et_al-Euro-
paische_Kinderbetreuungskulturen_im_Vergleich_jungste.pdf?sequence=1 [13.2.2019]
72
Vgl. https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/35672/ssoar-2007-dorfler-Kinderbe-
treuungskulturen_in_Europa__ein.pdf?sequence=1 [13.2.2019]
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 29

seit 2010 verpflichtend.73 Die Kosten für den Kindergartenbesuch variieren je nach An-
bieter und Bundesland, eine Ausnahme bildet Niederösterreich, hier wird eine kosten-
lose Vormittagsbetreuung zu Verfügung gestellt. 74

5.3.1.3 Weitere Betreuungsformen

Weitere Betreuungsformen stellen Tageseltern, Altersgemischte Einrichtungen, in de-


nen Kinder zwischen 1 und 14 Jahren betreut werden, und die Betriebliche Kinderbe-
treuung dar. Letztere spielt in Österreich eine sehr kleine Rolle. 75

Finanziert wird die Kinderbetreuung zum Großteil aus den finanziellen Mitteln der Län-
der und des Bundes. Je nach Angebot werden auch Eltern zur Kasse gebeten, sie können
hierbei beispielsweise bis zu 440 Euro für die Ganztagsbetreuung bei einer Tagesmutter
ausgeben.76 Für einkommensschwache Familien besteht ein Anspruch auf finanzielle
Förderungen. 77

5.3.1.4 Wiedereinstieg in das Berufsleben

In Österreich besteht ein Anspruch auf Elternkarenz. Diese beginnt nach der Schutzfrist
nach der Geburt, diese beträgt in der Regel 8 Wochen. Die Karenz muss mindestens 2
Monate dauern. Sie kann zwischen den Eltern in bis zu drei Teile aufgeteilt werden, eine
gleichzeitige Karenz ist nur beim ersten Kind und auch dann nur für einen Monat zuläs-
sig.78 Während der Karenzzeit entfällt der Anspruch auf Arbeitsentgelt, man erhält Kin-
derbetreuungsgeld. Dieses beträgt je nach gewähltem Modell zwischen 14,53 und 33,88
Euro. 79 Trotz theoretischer Gleichberechtigung herrschen in Österreich alte Rollenbilder
vor, so sind nur circa 5% der Bezugspersonen von Kinderbetreuungsgeld männlich.

73
Vgl. https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/41727/ssoar-2014-dorfler_et_al-Euro-
paische_Kinderbetreuungskulturen_im_Vergleich_jungste.pdf?sequence=1 [13.2.2019]
74
Vgl. https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/35672/ssoar-2007-dorfler-Kinderbe-
treuungskulturen_in_Europa__ein.pdf?sequence=1 [13.2.2019]
75
Vgl. https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/41727/ssoar-2014-dorfler_et_al-Euro-
paische_Kinderbetreuungskulturen_im_Vergleich_jungste.pdf?sequence=1 [13.2.2019]
76
Vgl. https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/41727/ssoar-2014-dorfler_et_al-Euro-
paische_Kinderbetreuungskulturen_im_Vergleich_jungste.pdf?sequence=1 [13.2.2019]
77
Vgl. https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/35672/ssoar-2007-dorfler-Kinderbe-
treuungskulturen_in_Europa__ein.pdf?sequence=1 [13.2.2019]
78
Vgl. https://www.help.gv.at/Portal.Node/hlpd/public/content/359/Seite.3590007.html [13.2.2019]
79
Vgl. https://www.arbeiterkammer.at/beratung/berufundfamilie/Karenz/Karenz-Regelung.html
[13.2.2019]
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 30

Durch fehlende Möglichkeiten der frühen Kinderbetreuung sind Eltern oftmals zu einer
längeren Karenzzeit gezwungen. Zwar genießen Eltern in Karenz rechtliche Absicherung,
um eine Rückkehr in den alten Beruf zu gewährleisten, ein beruflicher Wiedereinstieg
fällt durch die in der oftmals langen Abwesenheit geschehenen Änderungen jedoch häu-
fig schwer. 80

5.3.2 Situation in Schweden

Auch in Schweden existieren mehrere Möglichkeiten, Kinder außerfamiliär betreuen zu


lassen. Ein Großteil der Kinder besucht die Vorschule.

5.3.2.1 Die Vorschule (Förskola)

Die Vorschule bietet in Ausbildung stehenden oder erwerbstätigen Eltern eine Möglich-
keit an, Kinder im Alter zwischen einem und fünf Jahren ganztägig betreuen zu lassen.
Die Eltern reichen hierbei einen Bedarfsplan ein, das heißt, wann sie eine Kinderbetreu-
ung benötigen. Nach diesem richtet sich auch die Personaleinteilung. Ein weiteres Al-
leinstellungsmerkmal der schwedischen Vorschule ist, dass ungefähr die Hälfte der Be-
treuerInnen ausgebildete LehrerInnen sind. Diese müssen wie PrimärschullehrerInnen
dreieinhalb Jahre lang an der Universität studieren. In der schwedischen Vorschule wird
Wert auf geschlechtssensible Erziehung gelegt, ein Ziel ist beispielsweise, den Kindern
unabhängig von ihrem Geschlecht die selben Startchancen zu gewährleisten. Im Herbst
2010 besuchten 47% der Einjährigen und 97% der Fünfjährigen eine Vorschule. Vorschu-
len unterliegen einem staatlich festgelegten Lehrplan, dieser ist auch im Schulgesetz
verankert. Entsprechende Einrichtungen haben meistens zwischen 6:30 Uhr und 18:30
Uhr geöffnet. 81

5.3.2.2 Weitere Betreuungsformen

Neben der herkömmlichen Vorschule gibt es in Schweden auch die offene Vorschule
(Öppna Förskola). Das Ziel dieser ist es, Eltern die Möglichkeit zu geben, Zeit mit ihren

80
Vgl. https://www.karriere.at/blog/karriere-oder-familie.html [13.2.2019]
81
Vgl. https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/41727/ssoar-2014-dorfler_et_al-Euro-
paische_Kinderbetreuungskulturen_im_Vergleich_jungste.pdf?sequence=1 [13.2.2019]
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 31

Kindern zu verbringen, so werden etwa gemeinschaftliche Aktivitäten wie Kochen und


Backen organisiert. Das Angebot wird vor allem von nicht erwerbstätigen Eltern und El-
tern mit Migrationshintergrund genutzt. Letztere bekommen hier auch die Möglichkeit,
ihre Schwedischkenntnisse zu verbessern. Die Relevanz der offenen Vorschule nahm
über die letzten Jahre jedoch stetig ab. Ein verschwindend geringer Anteil der Kinder im
Vorschulalter wird durch Tageseltern betreut. Der Grund dafür ist meist die Betonung
der Bildung bei Vorschulen. Tageseltern sind bei den Gemeinden oder dem Sozialminis-
terium angestellt. Auch die Betreuung von Kindern erwerbstätiger oder sich in Ausbil-
dung befindender Eltern bei Tageseltern wird durch die öffentliche Hand gefördert.

In Schweden werden rund 10% der Kosten für die Kinderbetreuung durch Elternbeiträge
finanziert. Diese unterscheiden sich von Gemeinde zu Gemeinde, sie sind abhängig vom
Bruttohaushaltseinkommen, betragen jedoch maximal umgerechnet 150 Euro. Diese
Deckelung betrifft sowohl entstehende Kosten bei einem Vorschulbesuch als auch der
Betreuung durch Tageseltern. 82

5.3.2.3 Wiedereinstieg in das Berufsleben

In Schweden gibt es nur einen Typ von Elternkarenz. Es besteht im Unterschied zu Ös-
terreich auch ein Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ab einem Kindesalter von
1,5 Jahren bis zu 12 Jahren. 83 In Schweden werden Familien keine Steuervorteile ge-
währt, auch EhepartnerInnen werden einzeln besteuert. Eltern genießen bei gleichmä-
ßiger Aufteilung des Elternurlaubs auf beide Elternteile jedoch einen Steuervorteil von
umgerechnet 275 Euro, den „Bonus für Geschlechtergleichstellung“. Durch den frühen
Beginn der umfassenden flächendeckenden Kinderbetreuung, wird ein früher Wieder-
einstieg ins Berufsleben erleichtert. Die Ausgaben für Eltern- und Mutterschaftsgeld be-
tragen 0,8% des BIP, damit liegt Schweden an der Spitze im europäischen Vergleich.84

82
Vgl. https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/41727/ssoar-2014-dorfler_et_al-Euro-
paische_Kinderbetreuungskulturen_im_Vergleich_jungste.pdf?sequence=1 [13.2.2019]
83
Vgl. https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/41727/ssoar-2014-dorfler_et_al-Euro-
paische_Kinderbetreuungskulturen_im_Vergleich_jungste.pdf?sequence=1 [13.2.2019]
84
Vgl. https://publishup.uni-potsdam.de/opus4-ubp/frontdoor/deliver/in-
dex/docId/7102/file/pbsf35.pdf [13.2.2019]
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 32

5.3.3 Fazit

Schweden gilt in der Kinderbetreuung klar als Vorreiter. Durch das System der Vorschule
wird Eltern eine große Freiheit in der Gestaltung ihres Arbeitslebens gewährt. Ein ra-
scher Wiedereinstieg ins Berufsleben, sofern dieser gewünscht ist, wird in Schweden,
anders als in Österreich, durch die gesetzliche Zusicherung eines Kinderbetreuungsplat-
zes, gewährleistet. Auch wenn die beiden Systeme sich in ihren Grundsätzen in vielen
Punkten unterscheiden, lassen sich einzelne Parallelen ziehen. So existiert in Schweden,
wie auch in Österreich, die Möglichkeit der Betreuung durch Tageseltern, diese wird je-
doch in viel geringerem Ausmaß genutzt, das ist vor allem dem Bildungsaspekt der Vor-
schule geschuldet. Es existiert ein staatlicher Lehrplan, dieser Bildungsaspekt fehlt im
österreichischen Kindergarten gänzlich.
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 33

5.4 Auswirkungen des Sozialsystems auf das Staatsbudget

Im folgenden Kapitel werden das österreichische und schwedische Sozialsystem hin-


sichtlich ihrer finanziellen Auswirkungen auf den staatlichen Finanzhaushalt genauer
analysiert.

5.4.1 Allgemeines

Ein guter Ansatzpunkt, um einen Vergleich aufzustellen, sind die prozentuell am BIP ge-
messenen Sozialschutzausgaben der EU-28.

Abbildung 3: Sozialschutzleistungen der EU-Staaten in % des BIP85

Wirft man einen Blick auf den europäischen Vergleich der Sozialschutzausgaben für das
Jahr 2014, so merkt man, dass Österreich prozentuell gesehen im europäischen Ver-
gleich mit 30% des BIP an 4. Stelle steht während Schweden mit 29,5% zwei Plätze da-
hinter liegt. Beide liegen über dem europäischen Durchschnitt. Um den Geldfluss in den

85
Quelle: Eurostat (Online-Datencode: spr_net_ben) [13.2.2019]
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 34

beiden Ländern besser verstehen zu können, muss man einen genaueren Blick in die
Staatsfinanzen werfen. 86

5.4.2 Sozialschutzausgaben im direkten Vergleich

Abbildung 4: „Sozialleistungen nach Funktionen in ausgewählten EU Ländern im Jahr 2015“ 87

Im Jahr 2015 lagen die prozentuell am BIP gemessenen Ausgaben von Schweden und
Österreich mit 28,8 und 29,5% Prozent ungefähr gleichauf. Allerdings sieht die Vertei-
lung durchaus unterschiedlich aus. So investieren die beiden Staaten etwa gleich viel in
das Gesundheitssystem. Auffallend ist der Unterschied im Bereich „Alter und Hinterblie-
bene“. Hier investierte Österreich mit 14,8 des BIP um 2,4 Prozent mehr als Schweden,
und das, obwohl der Anteil der über 65-jährigen Personen in Schweden im Jahr 2015 mit

86
Vgl. http://wko.at/statistik/wgraf/2017_34_Sozialquote_EU28_2014.pdf [13.2.2019]
87
http://www.sozialpolitik-aktuell.de/tl_files/sozialpolitik-aktuell/_Politikfelder/Europa-Internationa-
les/Datensammlung/PDF-Dateien/abbX5.pdf [13.2.2019]
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 35

19,6%88 um 1,6% höher als der österreichische mit 18,5%89 war. Der einzig andere Be-
reich, in dem Schweden weniger als Österreich investierte, war im Bereich der Arbeits-
losigkeit.

5.4.3 Staatsverschuldung im Vergleich

Abbildung 5: Öffentlicher Finanzierungssaldo der EU-Staaten in den Jahren 2016 und 201790

Auch in dieser Statistik findet sich Schweden weiter vorne als Österreich. Bei der Staats-
verschuldung liegt der Grund dieses Unterschieds vor allem in der gesetzlich veranker-
ten Überschusspolitik Schwedens. Durch die Reformen in der krisenreichen Zeit der
1990er-Jahre konnte Schweden mithilfe von drastischen Einsparungsmaßnahmen im
Verwaltungssektor sein Sozialsystem effizienter gestalten. Durch die Überschusspolitik

88
Vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/257587/umfrage/altersstruktur-in-schweden/
[13.2.2019]
89
Vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/217431/umfrage/altersstruktur-in-oesterreich/
[13.2.2019]
90
Quelle: Eurostat (Online-Datencode: tec00127) [13.2.2019]
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 36

konnte die Staatsverschuldung mit derzeit etwa 38,391 Prozent sehr gering gehalten
werden.

5.4.4 Fazit

Überraschenderweise finden sich im finanziellen Vergleich anfänglich wenige Unter-


schiede. Auffallend ist das unterschiedliche Ausmaß der finanziellen Investitionen in die
Altersvorsorge bei vergleichbarer Bevölkerungsstruktur. Österreichs Sozialschutzausga-
ben sind prozentuell am BIP gemessen höher. Durch die gesetzlich verankerte Über-
schusspolitik steht Schweden im Vergleich der Staatsschulden um einiges besser da als
Österreich. Die Körperschaftssteuer liegt in Schweden bei 22%, in Österreich bei 25%.
Schweden besteuert das Einkommen seiner ArbeitnehmerInnen mit bis zu 60,15% deut-
lich höher als Österreich, wo der Spitzensteuersatz bei 55% liegt. 92 Auch liegt die Mehr-
wertsteuer in Schweden mit 25% höher als jene in Österreich mit 20%.93

91
Vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/163692/umfrage/staatsverschuldung-in-der-eu-in-
prozent-des-bruttoinlandsprodukts/ [13.2.2019]
92
Vgl. https://www.wko.at/service/steuern/Steuersaetze_in_den_EU-Laendern.html [13.2.2019]
93
Vgl. https://www.wko.at/service/steuern/Mehrwertsteuersaetze_in_der_EU.html [13.2.2019]
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 37

Zusammenfassung

Nach eingehender Recherche und der Auseinandersetzung mit dem Thema sind deutli-
che Unterschiede zwischen den beiden Systemen zu erkennen. Diese Unterschiede las-
sen sich auf die Entstehungsgeschichte der jeweiligen Systeme zurückführen. Die ein-
malige politische Situation in Skandinavien ließ die Entstehung eines Sozialstaates zu,
der sich grundsätzlich von dem in Mitteleuropa vorherrschenden System des konserva-
tiven Wohlfahrtsstaates unterscheidet. Auffallend ist hierbei vor allem der unterschied-
liche Umgang mit Familienförderung oder der Kinderbetreuung. Trotz prozentuell ver-
gleichbar ausfallenden staatlichen Investitionen in einzelne Bereiche des Sozialsystems
lässt sich im Vergleich eine für das sozialdemokratische Modell typische Fokussierung
auf Individuen feststellen, während in Österreich der für das konservative Modell nach
Esping-Andersen typische Fokus auf die „klassische Familie“ und die Erhaltung der tra-
ditionellen Rollenbilder von Mann und Frau zu erkennen ist. Unterschiede in der Arbeits-
losenversicherung sind zwar bemerkbar, jedoch entsprechen die österreichischen Leis-
tungen in etwa jenen, die in Schweden durch die Mitgliedschaft in einer Kasse erzielt
werden. Es handelt sich um einen rein strukturellen Unterschied. Auffallend ist jedoch
der gänzlich verschiedene Ansatz in der Kinderbetreuung. Schweden hat so mit seinem
ganzheitlichen Prinzip klar die Nase vorne, wenn es um den Wiedereinstieg in das Ar-
beitsleben geht. So besteht dort etwa ein verschwindend geringer Unterschied in dem
prozentuellen Anteil der arbeitstätigen Frauen ohne und mit Kindern. Diese Unterstüt-
zung der Gleichberechtigung fängt schon mit dem Elternurlaub an. Teilt sich ein Paar
diesen gleichmäßig untereinander auf, erhalten beide Personen steuerliche Vorteile.
Auch wird in der vorschulischen Kinderbetreuung auf eine vom jeweiligen traditionellen
Rollenbild des Geschlechts des Kindes unabhängige Erziehung geachtet. Schweden stellt
insgesamt in der Kinderbetreuung ein weitaus besser ausgebautes System zur Verfü-
gung. Durch die fehlende staatliche Unterstützung ist es vor allem Frauen in Österreich
oft nur schwer möglich, nach einem mit schwedischen Verhältnissen vergleichbaren
Zeitraum ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Das resultiert in einem späteren und auch
schwereren Wiedereinstieg in die Arbeitswelt. Zusammenfassend lässt sich durchaus sa-
gen, dass der schwedische Sozialstaat Österreich, zumindest in den hier aufgeführten
Bereichen als Vorbild dienen kann.
Rath, Sozialsystem Schwedens und Österreichs im Vergleich 38

Literaturverzeichnis

Printmedien

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219). Oxford & New York: Oxford University

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[13.2.2019]

Abbildungsverzeichnis

ABBILDUNG 1: FUNKTIONSWEISE DES SCHWEDISCHEN PURCHASE-PROVIDER-SPLITS ANHAND DER


SCHWEDISCHEN KRANKENVERSORGUNG ........................................................................................ 19
ABBILDUNG 2: TYPEN DES WOHLFAHRTSSTAATES NACH ESPING-ANDERSEN .......................................... 22
ABBILDUNG 3: SOZIALSCHUTZLEISTUNGEN DER EU-STAATEN IN % DES BIP ............................................ 33
ABBILDUNG 4: „SOZIALLEISTUNGEN NACH FUNKTIONEN IN AUSGEWÄHLTEN EU LÄNDERN IM JAHR
2015“ ................................................................................................................................................ 34
ABBILDUNG 5: ÖFFENTLICHER FINANZIERUNGSSALDO DER EU-STAATEN IN DEN JAHREN 2016 UND 2017
.......................................................................................................................................................... 35
Eidesstattliche Erklärung

Ich erkläre, dass ich die vorliegende Arbeit selbst verfasst und dazu keine anderen als
die angeführten Behelfe verwendet habe. Ich habe die Reinschrift der Arbeit einer Kor-
rektur unterzogen und ein Belegexemplar verwahrt. Ferner gebe ich meine Einwilligung
zur Veröffentlichung in der Schulbibliothek als Volltext.

St. Pölten, am 13. Februar 2019 …………….……………………………...