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Gattungen wissenschaftlicher

Literatur in der Antike /

Volume: Issue:
Month/Year: 1998Pages: 37-63

Article Author: J. Althoff,

Article Title: « Die aphoristisch


stilisiertenSchriften-

Imprint: Tùbingen : Narr, ©1998.


Jochen Althoff (Freiburg)

Die aphoristisch stilisierten Sohriften des Corpus Hippocraticum

Das Corpus Hippocraticum stellt die einzige grôBere Sammlung von Fach-
schriften aus der Antike dar. Wegen der Vielzahl in ihm enthaltener Texttypen
bietet es reiches Material ftir Untersuchungen iiber Gattungen wissenschaftli-
cher Literatur.1 Eine môgiiche grobe Einteilung ist die in lângere, ausfîihrlicher
stilisierte Prosatexte auf der einen und kleinteilige, notizartige Werke auf der
anderen Seite, in denen Einzelsâtze oder Notizen relativ unverbunden neben-
einander stehen. Dieser zweiten Gruppe soll hier die Aufmerksamkeit gelten,
und es soll in einer vorlàufigen Weise versucht werden, verschiedene Textfor-
men innerhalb dieser Gruppe herauszuarbeiten. Die leitende Frage soll dabei
sein, welche Intention der Autor mit der Wahl seiner Textform verfolgte.
Zu den Werken, die ich unter der Oberschrift 'aphoristisch stilisierte Schrif-
ten' zusammengefalJt habe, zahle ich die folgenden, die nattirlich hier nicht aile
behandelt werden kônnen. Die Kpidemré n-Bûcher bestehen aus einzelnen klei-
neren Textteilen und fallen von daher in unsere Gruppe. Ich werde diese Bû-
cher aber wegen ihres eigenstandigen Charakters als Krankendossiers nicht im
einzelnen heranziehen, jedoch einleitend diejenigen Teile daran untersuchen,
die eine allgemeinere aphoristische Stilisierung aufweisen. Ein sehr ei-
gentûmliches Werk ist die Schrift otepi tootpfjç (De alimento), die wegen ihrer
Anlehnung an den Stil Heraklits eine Sonderstellung einnimmt. Ihr soll der
Hauptteil der folgenden Untersuchung gelten. Die Koischen Prognosen
(Kcpaxai JtQoyvcôaaç) und das Prorrhetikon Buch I gehoren ebenso wie die
Bûcher JIEQL KQLOLCÙV (De diebus iudicatoriis) und JTEQI KÇIAIUMV (De iudica-
tionibus) zu den prognostischen Werken mit aphoristischer Stilisierung; die
Koischen Prognosen sollen als Beispiel dieser Gruppe herangezogen werden.
Auch die Bûcher JTEQ'L ôôovtocputriç (De dentitione) und JT£QI %upc5v (De hu-
moribns) weisen eine aphoristische Stilisierung auf, kônnen aber hier beiseite
bleiben. Als umfangreichstes Werk in dieser Gruppe sind die Aphorismen
selbst zu nennen, die hier am SchluB behandelt werden sollen.
Zunâchst sei vorweggeschickt, was unter aphoristischer Stilisierung verstan-
den werden soll. Ich gehe von Gero von Wilperts 'Sachwôrterbuch der Litera-
tur' aus; er beschreibt diese Diktion treffend als eine
zugespitzte und abgebrochene Ausdrucksweise, die der eigentlichen Verbindung entbehrt
und den Gedankengang durch einzelne Sentenzen vorwartstreibt, so daB mit der LektUre
ohne Kenntnis des Zusammenhanges fast an jeder Stelle begonnen werden kann und man
dennoch stets gleich im Zusammenhang ist; ...2

1 Zur Ftïlle der Textgattungen im Corpus Hippocraticum vgl. den Beitrag von R. Wittern in
diesemBand, S. I7ff.
2 G. von Wilpert, Sachwôrterbuch der Literatur, Stuttgart 7 1989 ('1955), 42.
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Drei Merkmale sind hier also hervorgehoben: 1.) Brachylogie des Ausdrucks,
2.) asyndetische Fugung und 3.) Fehlen oder zumindest geringe Bedeutung
einer Makrostruktur des Textes. Diese Punkte sollen auch uns als Leitkriterien
dienen. Die iibrigen Bestimmungen, dali etwa der Gedankengang durch einzel-
ne Sentenzen vorwârtsgetrieben wurde und dafi man sich an jeder Stelle gleich
den Zusammenhang des Ganzen vergegenwârtigen kônne, sind zu sehr auf eine
spàtere Entwicklung dieses Stils etwa bei Seneca oder Lessing ausgerichtet, als
daB sie von uns hier herangezogen werden konnten. Sie verdeutlichen indes die
grundsàtzlichen Schwierigkeiten, die einer umfassenden Définition des Apho-
rismus entgegenstehen.3

Bevor wir uns einzelnen Werken zuwenden, die als ganze eine aphoristische
Stilisierung aufweisen, werfen wir zunachst einen Blick auf einige Passagen der
Epidemien, die zwar als Krankengeschichten (ebenso wie etwa die nosologi-
schen Werke De morbis etc.) aulkrhalb unserer Untersuchung liegen, die aber
an einzelnen Stellen Sentenzen bieten, die von ihrer Formulierung her in unse-
ren Zusammenhang passen.
Die sieben Epidemienbiicher beinhalten Sammlungen von einzelnen Kran-
kengeschichten, die sich in einem unterschiedlichen Stadium der literarischen
Uberarbeitung befinden. Die Bûcher II, IV und VI, die ich mit manchen For-
schern fur die ffiihesten halte,4 sind am wenigsten ausgearbeitet und lassen am
deutlichsten erkennen, in welcher Situation sie einmal entstanden sein dilrften.
Es handelt sich wohl urspriinglich um eine Zusammenstellung von Beobach-
tungen, die der Arzt am Krankenbett im Laufe seiner Praxis getatigt und
schriftlich in der Form knapper Notizen niedergelegt hat. Die Auswahl der Ge-
sichtspunkte, die fur bemerkenswert gehalten wurden, làfit zwar bereits ein
gewisses diagnostisches Raster erkennen, aber eirie eindeutige Ausrichtung auf
eine exakt umrissene Krankheitstheorie wird in den meisten Fâllen vermieden.
Dies laBt den SchluB zu, dali die Krankengeschichten als Materialsammlungen
fur eine spâtere Aufarbeitung unter theoretischem Blickwinkel gedacht waren.
Diese Zielsetzung wird auch daran kenntlich, daJÎ in den Text immer wieder

Diese Problème sind sehr schôn zusammengefaBt von H. Frieke, Aphorismus (Sammlung
Metzler, Bd. 208), Stuttgart 1984, lff. Er gelangt 14 zu einer Définition, die sich in die drei
notwendigen Merkmale 'kotextuelle Isolation', 'Prosaform' und 'Ntehtftktionalitât' ei-
nerseits und die vier altemativen Merkmale 'Einzelsatz', 'Konzision', 'sprachliche Pointe'
und 'sachliche Pointe' aufgliedert. Vgl. dort noch besonders 25ff. „Medizinisch-wissen-
schaftliche Lehrbuchaphoristik".
Vgl. O. Wenskus, Astronomische Zeitangaben von Homer bis Theophrast (Hermes Ein-
zelschrift, H. 55), Stuttgart 1990, 103ff. Die Datierung stUtzt sich auf die Erwâhnung eines
astronomischen Ereignisses in IV,21(V,160,13f. L.), das nach Arist., Mete. I 6.343 b lff.
wohl auf den Winter 427/26 v.Chr. zu datieren ist.
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allgemeinere Notizen5 der folgenden Art eingefîigt sind (IV, 14 = Perikope


11 Iff. Langholf = V, 152,1 Off.L.):
111 oîov TÔ Èwuàoriiiu ÔL£crtr|KÔÇ. oîov [È'Çco]7 È£ oïou TÔ txpicrrôpevov « t e r n i
oùgeïTai. 112 Km TÔ gév t t TOIOÛTO' TÔ ôè iôQUgévov aXXo TOLOÛTOV ôW-yov è m
x k a r ù ôtecnceôaapévov, aXXo TCTaoaypévov. 113 È'TCQOV TOIOÛTO èvatcogripa ve-
(pcXiou ûjtopéXavoç ÔOKÉOVTOÇ jrdxoç £/.£LV, xaûvou bé. [aXXo kexTÔv.] akXo
èvaubgqpa kerrràv TOLOÛTOV. aXXo oîov uotou. aXXo oîov r à ÇoLprâôea. itôoa.
111 (Untersuchen,) Wie der Schwebstoff dispergiert ist. (Untersuchen,) Weicher Boden-
satz spâter nach welchem uriniert wird. 112 Der Schwebstoff ist nun so beschaffen (wie
bekannt): der abgesetzte Teil jedoch ist ein anderer solcher (1.), wenn er (nur) wenig in
die Breite verteilt ist, und ein anderer (2.), wenn er (stark) aufgewilblt ist. 113 Der auf.
letztere (2.) Weise beschaffene Schwebstoff besteht aus einer dunklen Wolke, die dicke
Konsistenz zu haben scheint, jedoch locker ist. Manchmal ist der so beschaffene
Schwebstoff fein, manchmal wie (der des Urins) vom Pferd, manchmal wie der dunkle
lirin. (Untersuchen,) Wievielè (Arten von Bodensatz bzw. Schwebstoffen es gibt). 8

Diese von ihrer syntaktischen Gestalt her kaum mehr verstandlichen Sàtze kann
man als Anmerkungen des Autors verstehen, der sich selbst einen Hinweis auf
noch offene Fragen notiert, die er in der weiteren Praxis eingehender beob-
achten will. Hier sind also in den Text der individuellen Krankenbeob-
achtungen allgemeinere Gesichtspunkte aufgenommen worden, die ihre Erklà-
rung in der Entstehungssituation der Epidemientexte fmden. Wie etwa ein heu-
tiger Philo loge sich an den Rand einer Stellensammlung allgemeine Gesichts-
punkte notieren mag, die ihm bei der ersten Durchsicht aufgefallen sind und die
er in der weiteren Aufarbeitung beriicksichtigen môchte, so hat der Arzt in sei-
ne Fallgeschichten allgemeine Anmerkungen hineingeschrieben, die er im Zuge
der theoretischen Durcharbeitung des Materials beachten will. Die knappe und
pragnante Diktion und der nur lose Zusammenhang mit der restlichen Kran-
kengeschichte geben diesen NotiZen einen aphoristischen Charakter, und so hat
man sie in der Forschung zu Recht immer wieder als „Aphorismen" bezeich-
nét.' "

5 Es ist nicht einfach, exakt zu bestimmen, was eigentlich 'Notizen' sind. Vielleicht kann man
sie versuchsweise als Gedachtnisstutzen ausschlieBlich fur den eigenen Gebrauch des Autors
beschreiben, die in ihrer grammatischen und syntaktischen Gestalt weitgehend regellos sind.
6 Perikopenzâhlung und Text nach V. Langholf, Syntaktische Untersuchungen zu Hippo-
krates-Texten. Brachylogische Syntagmen in den individuellen Krankheits-Fallbe-
schreibungen der hippokratischen Schriftensammlung (Abh. der Akad. d. Wiss. und d. Lit.
Mainz, geistes- und sozialwiss. Kl., EinzelverÔffentlichung), Wiesbaden 1977,
7 Diese und die weiter unten vorgenommene Athetese stammen von Langholf (wie vorige
Anm.). _
8 Ûbersetzung nach Langholf (wie Anm. 6), 142, der dazu bemerkt: „Der Text des Ab-
schnittes lSBt verschiedene Deutungen zu. Folgende Ûbersetzung sei versuchsweise zur Dis-
kussion gestellt."
9 Vgl. V. Langholf, Generalisationen und Aphorismen in den Epidemienbuchem, in: G. Baa-
der/R. Winau (Hrsgg.), Die Hippokratischen Epidemien. Verhandlgg. d. V e Colloque Inter-
national Hippocratique, Berlin, 10.-15.09.1984 (Sudhoffs Archiv, Beih. 27), Stuttgart 1989,
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Auch die anderen Epidemienbiicher weisen eine Fiille solcher Einsprengsel


auf, so daB man in ihnen geradezu ein charakteristisches Merkmal dieser Werke
sehen kann. Wâhrend jedoch in dem angefuhrten Beispiel aus Epidemien IV die
allgemeinen Bemerkungen unmittelbar aus der Forschungssituation hervorge-
hen und eigentlich mehr Notizen fur den eigenen Gebrauch des Arztes sind, ist
in anderen Bûchern eine weitergehende Verallgemeinerung festzustellen. Ein
beruhmtes Beispiel aus Epid. 1,11 mag hier geniigen (164,5ff. Jones =
II,634,6ff. L.): ~ " ~
3.éyeiv Tà jtQoyEVÔpeva, YLVCSOTCELV xà JtaQEÔvra, JCQOÀÉYSLV xà èaôgeva' ueXexâv
xatrxa. àoKEÎv TCEQL t à vocnigaxa ôûo, co<pe).eîv rj grj pkœtXEtv. 1) xé'/vr] &ià XQKBV, xà
vôariga icai ô vooécov KCÙ Ô I.T)xoôç Ô ÏT|XQOÇ ÛXTIQÉXTIÇ xfjç XÉXW|Ç imevavxioûcrhai
xcî) voafipaxt xàv voaéovxa pexà xoû iT)XQoû.
Die vorherigen Geschehnisse nennen, die gegenwârtigen (Symptôme) erkennen, die zu-
kûnftigen vorhersagen: darum mu 15 man sich kiimmern. Zwei Dinge (muB man) im Be-
reich der Krankheiten einuben: niitzen oder nicht schaden. Die Kunst (arbeitet) mit drei
(Faktoren): der Krankheit, dem Kranken und dem Arzt. Der Arzt ist Helfer der Kunst; der
Kranke (muli) gegen die Krankheit ankampfen mit dem Arzt.

Der erste Satz fordert den Arzt zu einer umfassenden Erkenntnis aller mit der
Krankheit zusammenhângenden Zeichen auf. Er ist in die drei Zeitstufen Ver-
gangenheit, Gegenwart und Zukunft geghedert, denen jeweils eigene Erkennt-
nisarten zugeteilt werden. Im eigentlichen Sinne anhand von Erfahrungsdaten
'erkennen' kann der Arzt nur die gegenwârtigen Symptôme der Krankheit. Von
da aus soll er auf die zeitlich vorausliegenden Vorgànge schlieBen, die zur
Krankheit gefuhrt bzw. ihre Entstehung begleitet haben, und er soll diese er-
schlossenen Ablâufe mitteilen. In derselben Weise soll der Arzt schlieBlich auf-
grund seiner Sachkenntnis den zukiinftigen Verlauf der Krankheit.prognostizie-
ren. Die Aussagen betreffen mithin die arztliche Tâtigkeit in ihrem Kem: Von
einer Wahrnehmung der Symptôme mufi der Mediziner auf die zugrundelie-
gende Krankheit schlieBen, und da sie regelhaft ablâuft, kann er ihre Vorge-
schichte und ihre Prognose ableiten. Ganz âhnlich verhâlt es sich mit der fol-
genden Formulierung einer ethischen Maxime und der Aufzahlung der fur die
medizinische Praxis wesentlichen Faktoren, auf die ich hier nicht naher einge-
hen will. Ail diese Aussagen bewegen sich auf einem sehr hohen Abstraktions-
niveau, sie betreffen zwar die arztliche Kunstausiibutig in jeder Phase, aber es
ist schwer einzusehen, wieso sie gerade in den Kontext einer Krankengeschich-
te recht unvermittelt eingefugt sind. Hier haben wir ein ffuhes Beispiel eines
medizinischen Aphorismus.
Wenn man die ursprunglichc Entstehungssituation der Epidemienbiicher be-
denkt, so liegt es nahe, den stichwortartigen Notizstil als eine der Wurzeln fur
aphoristische Stilisierungen anzusetzen. Aber in unserem 2. Beispiel aus Epid.
1,11 ist noch ein neues Element hinzugekommen, das sich vielleicht am ehesten

13lff.; ebd. J. Kollesch, Die diâtetischen Aphorismen des sechsten Epidemienbuches und
Herodikos von Selymbria, 191 ff.
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mit der Beobachtung verbinden làBt, daB Epid. I und III gegenuber II, IV und
VI insgesamt einen ausgearbeiteteren Eindruck machen. Wâhrend die sehr kru-
de und ungeschliffen gebliebenen Notizsammlungen der Biicher II, IV und VI
wahrscheinlich nur fur den Autor selbst und eventuell eine sehr begrenzte Zahl
unmittelbareij KoIIegen und Schuler geschrieben sind, scheinen die Bûcher I
und III bereits ein weiteres Publikum im Blick zu haben. DemgemâB wandelt
sich die Intention der eingefîigten Aphorismen von ursprCinglichen Gedacht-
nisstûtzen fur den Verfasser selbst zu allgemeineren Aussagen iiber das Wesen
der medizinischen Techne, die fast schon einen philosophischen Charakter ha-
ben. Es hat den Anschein, als wolle der Verfasser in Zeiten eines philosophisch
geprâgten intellektuellen Umfeldes zeigen, daB auch er in seinem Gebiet sol-
chen gehobenen Anspruchen gerecht wërden kann. Statt nun jedoch philoso-
phisch gefàrbte Monographien zu schreiben, greift er auf das stilistische Réper-
toire der Gattung zuruck, in der er sich gerade bewegt, und formuliert theoreti-
sche Maximen in der Form von Aphorismen. .

Doch gehen wir nun zu einer anderen Textsorte uber. Im Corpus Hippocra-
ticum fïndet sich ein kleiner Text mit dem Titel itegî tgocpfjç, De aîimento. In
einem grundlegenden Aufsatz mit dem Titel „Eine stoisch-pneumatische
Schrift im Corpus Hippocraticum" hat Hans Diller schon 1936 versucht, die
Schrift in die zeitliche Nàhe des Griinders der pneumatischen Schule, Athe-
naios von Attalia, zu rucken.10 Nach den Forschungen Kudliens gehort dieser
stoisch beeinfluBte Mediziner in das 1. Jh. v.Chr." Dieser Datierung hat sich
Deichgrâber in seiner Ausgabe der Schrift von 1973 angeschlossen.12Skeptisch
âuBerte sich dagegen Robert Joly im Vorwort seiner Edition von 1972, der ei-
nen EinfluB der pneumatischen Schule auf dieses Werk ganz bestritt, aufgrund
der stoischen Elemente jedoch fur eine Datierung ins 3. oder 2. Jh. v.Chr. ein-
trat.13 Ich will diese Debatte hier nicht entscheiden. Es genûgt festzuhalten, daB

• 10 H. Diller, Eine stoisch-pneumatische Schrift im Corpus Hippocraticum, Sudhoffs Archiv


) 29, 1936, 178-195, nachgedr. in: ders., Kleine Schriften zur antiken Medizin, hrsg. v. G.
i Baader/H. Grensemann (Ars Medica, 11. Abt., Bd. 3), Berlin/New York 1973, 17-30.
'! 11 F Kudlien, Poseidonios und die 'Àrzteschule der Pneumatiker, Hermes 90, 1962, 419fF.
Diller ging 1936 noch von dem Ahsatz Wellmanns aus, der Athenaios von Attalia ins 1. Jh.
nach Chr. datierte. Nach Kudlien mûBte man ihn ins 1. Jh. vor Chr. datieren und in diesem
Sinne auch Dillers Einschâtzung verândem.
12 K. Deichgrâber, Pseudohippokrates Ûber die Nahrung. Text, Kommentar und Wtirdigung
einer stoisch-heraklitisierenden Schrift aus der Zeit um Christi Geburt (Abh. der Akad. d.
Wiss. und d. Lit., Mainz, geistes- und sozialwiss. Kl. 1973, Nr. 3), Mainz 1973, 12: „Soviel
| steht nun fest, daB De al. die spâteste Schrift des Corpus ist, ein StUck, das als ein Produkt
der Strômungen in der griechischen Medizin verstanden werden muB, die im ersten Jahrh.
v.Chr. einsetzten."
13 Hippocrate, tome VI, 2 e partie (Du Régime des Maladies Aigues/Appendice/De L'ali-
ment/De L'usage des Liquides), texte établi et traduit par R. Joly, Paris 1972, 136. Er ver-
i weist dort auf eine entsprechende Datierung K. Abels, Die Lehre vont Blutkreislauf im
j Corpus Hippocraticum, Hermes 86, 1958, 192ff. (nachgedr. in: H. Flashar [Hrsg.], Antike
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die Schrift zu den spâtesten des Corpus zahlt, ganz gleich, welche der beiden
Datierungen man zugrundelegt.
Der Text beginnt folgendermalSen (If. = IX,98,Iff. L.):14
1. TQO(pf| K«1 TQocpfjç elôoç gia xai xoXXai, g i a pèv, FJ yévô'ç ev, elôoç ôè I>/QÔTT|U
Kai £TIQ6TI]TL, KCÙ ev TOUTOU; lôéai, xai x o o ô v ÉOTIV, xai eç U W xai èç Tooavra. 2.
auf; a ôè KUL pmwuoi Kài oapKoî Kai ôpoioî Kai àvopoioî x à ev éKàcrfoicri KOTÙ <J>ÛOI.V
Tijv t'Kâarou Kai xrjv èç àpxÔÇ ôûvaptv.... .
1. Nahrung und Nahrungsart ist eine und viele, eine, insofern.(Nahrung) eine Gattung ist,
die Art aber durch Fliissigkeit und Trockenheit (bestimmt) ist und in diesen (Formen)
(Unter)arten (enthalten) sind und (zwar) hinsichtlich des Wieviel (Mengenanteil des einen
und des anderen) und in der Beziehung auf Einzelnes und auf Sovieles. 2. Sie fordert das
Wachstum und krâftigt und wirkt fleischbildend und macht âhnlieh und macht unâhnlich
das in jedem (Einzelnen Enthaltene) gemâfi derNatur eines jeden (Einzelnen) und der ihr
von Anfang an eigenen Kraft.15 '

Das Werk beginnt mit dem Paukenschlag einer paradoxen, weil logisch wider-
spriiehlichen Aussage: Die Nahrung und die Form der Nahrung sind sowohl
eine als auch viele. Die Formulierung ist auch syntaktisch schwer nachvollzieh-
bar, denn zwar kann die Nahrung als Oberbegriff mehrere Untereinheiten iiber-
spannen, aber ein elôoç der Nahrung (im Sg.!) kann schlecht „viele" sein. Der
erstgenannte Gedanke wird auch gleich im folgenden Satz, der offenbar die Pa-
radoxie eip wenig erlâutem soll, formuiiert: Die Nahrung sei eine, sofern sie
eine Gattung darstelle. Damit wird das aus der aristotelischen Logik ubernom-
mene Begriffspaar yévoç und elôoç eingefuhrt,16 um den ersten Teil der Aus-
sage, da6 nâmlich die Nahrung eines sei, zu erklâren.
Schwieriger ist wieder der folgende Teilsatz zu verstehen, weil ihm ein Prà-
dikat fehlt. Es liegt zunâchst nahe, das Pràdikat des vôrhergehenden Satzes,
also ëv <èo*av> fortwirken zu lassen, was ja auch mit der merkwiirdigen For-
mulierung des ersten Teilsatzes TQocpfjç elôoç pla zusammenpassen kônnte.
Man muBte dann iibersetzen: „insofem aber das Eidos eines ist durch Fliissig-
keit und Trockenheit." Nun sind jedoch mit den beiden substantiviert gebrauch-
ten Qualitàten zwei entgegengesetzte Bestimmungèn des Eidos angegeben, so
dali man eher annehmen môchte, es sei hier der ziweite Teil der paradoxen Aus-
sage vom Beginn expliziert, namlich dalS es zwej Eide, ein durch Fliissigkeit
und ein durch Trockenheit gekennzeichnetes, gebe. So wird dieser Satz meist
aufgefalSt." ^
Diese Deutung wird durch den Fortgang des Textes gesttitzt, wo mit èv
TOÛTOtç iôéat ja ein plurales Demonstrativuiri gebraucht ist; vorher muJS also

Medizin [Wege d. Forschung Bd. 221], Dannstadt 1971, 121 ff., wonach zitiert wird), hier:
135ff, bes. 137. Deichgrâber kennt Joly, geht aber auf dessen Argumente gegen die Datie-
rung Dillers nicht ein.
14 Zitiert nach der Ausgabe von Deichgrâber.
15 Ûbersetzung von Deichgrâber in seiner Ausgabe (wie Anm. 12), 15 und 17.
16 Vgl. etwa Topik I 5.102 a 31f.
17 Vgl. Deichgrâber (wie Anm. 12), 15f. und die Ûbersetzung von Joly (wie Anm. 13), 140.
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von einer Mehrzahl von Eide die Rede gewesen sein. Aber dieses interpretato-
rische Verwirrspiel hat durchaus einen Sinn. Wie das Genos 'Nahrung' eine
begriffliche Einheit darstellt, die jedoch einander entgegengesetzte Eide unter
sich vereint, so ist auch jedes einzelnè Eidos weiter aufgegliedert in verschie-
den.e lôéai, die, so dùrfen wir folgern, durchaus einander entgegengesetzte
Merkmale besitzen. Durch die Brachylogie wird dieser gleichsam zwischen
Einheit und Vielheit pendelnde Status des Eidos angedeutet. Von daher erhalt
auch die anfangs geriigte syntaktische Inkongruenz (ELÔOÇ otoTAoi) einen Sinn:
ein einzelnes Eidos kann durchaus eine Vielheit umfassen und in diesem Sinne
eine Vielheit sein. '
Die Deutung des folgenden Teilsatzes (Kai èv TOÛTOLÇ iôécu....) bereitet in-
sofem Schwierigkeiten, als nicht ganz'klar ist, ob die abstrakt kategorialen
Bestimmungen tcal Jtoaôv è a u v Kai Ëç u v a Kal èç x o a a v t a Beispiele fur die
weitere Untergliederung der Eide in Ideai darstellen oder zusâtzliche Merkma-
le, die neben den Ideai gleichberechtigt angesiedelt sind.
Der folgende 2. Satz wendet sich jedenfalls von einem anderen Blickpunkt
aus den Funktionen der Nahrung zu und tràgt zur Klârung dieser Schwierigkei-
ten nichts bei.
Dreierlei wird also aus dem Eingang des Werkes erkennbar: Der Autor Iiebt
es erstens, in Paradoxien zu reden, die einen Ûbenaschungseffekt beim Léser
hervorrufen. Das Thema dieser Paradoxien ist der Gegensatz von Einheit und
Vielheit. Zweitens benutzt er eine knappe, bisweilen verdunkelnde Diktion,
wobei er sich zwar ansatzweise um eine Auflôsung seiner Paradoxien bemiiht,
aber nicht zu einer voll verstandlichen, ausfîihrlichen Erklàrung gelangt. Zum
Teil ist diese Dunkelheit bewuBt in Kauf genommene oder gar gewollte Konse-
quenz der antithetisch-paradoxen Gedankenfuhrung. Drittens teilt er seinen
Text in recht unverbundene kleinste Einheiten, die zwar fast aile mit dem The-
ma Nahrung zu tun haben, die aber mit einem sprunghaften Berspektivenwech-
sel dieses Thema immer neu beleuchten.
Die Art der Stilisierung dieses Werkes môgen die folgenden Sàtze noch kla-
rer hervortreten lassen. In Satz 9 (IX,102,lf. L.) heiBt es: àçxrj ôè atavtmv pîa
Kal TeA-etrrrj atavrcov uia, Kai f] aùrrj TET-EUXT) Kai ÀQXFJ. «Anfang von allem
ist einer und SchluB von allem einer, und dasselbe ist SchluB und Anfang."
Diese kunstvoll gedrechselte Sentenz, auf deren Komposition Deichgrâber in
seinem Kommentar eingegangen ist, hat wieder die Einheit der scheinbar ge-
gensâtzlichen Zustande Anfang und Ende zum Thema. Sie kôrrnte sich, wie der
Scholiast zur Stelle vermutet hat, auf die Schrift De natura hominis (ireoi
(pûaioç àvftQCùxou), 3 beziehen, wo es heiBt (172,9f. Jouanna = VI,38,15f. L.):
YLVETOL TE ôpoîcoç ÏZÔ.VTU KO.I TEXEUTÔ ô(xoîcoç Jtdvta ... ,JEs entsteht aber
ailes in der gleichen Weise und es vergeht ailes in der gleichen Weise." Im Zu-
sammenhang mit der dort vorgetragenen Elementenlehre der vier Korpersâfte
soll dies besagen, daB der Kôrper aus den vier Sâften besteht tmd wieder in sie
44 Jochen Althoff

zerfàllt. So konnte der Verfasser unserer Schrift hier die elementare Bedeutung
der Nahrung gemeint hab'en.
Ob der Scholiast mit dieser Deutung recht hat, scheint zweifelhaft.18 Nâher
liegt vielleicht die Beziehung auf das Heraklitfragment 22 B 103: buvôv yàç
ÀG/jl KAI ÎTÉOAÇ È3TL KÛKA.OU SEQUPEQEIAÇ. „Denn gemeinsam ist Anfang und
Ende auf dem Kreisumfang." l9 Es ist nicht einmal sicher, ob die Sentenz wirk-
lich in einem konkreten inhaltlichen Bezug zum Thema der Schrift steht, denn
auch sonst sind bisweilen Aphorismen eingefiigt, deren Verbindung zum Kon-
text ganz unklar bleibt. So etwa Satz 45 (IX,116,10 L.): ôôôç â v o KotTca pta
„Der Weg aufwarts abwarts ist einer." Unmittelbar vorher war von fliissigem
und festem Blut die Rede, das jeweils in einer Hinsicht schlecht, in der anderen
Hinsicht gut sei. Auch diese Sentenz hat eine Parallele in Heraklits Fragment
22 B 60.2° Hier .scheint also die aus Heraklit entlehnte Aussage nur als Stiitze
des allgemeinsten Grundtenors des Werkes zu dienen, daft nâmlich scheinbare
Gegensàtze sich in einer Einheit zusammenfinden.
Es zeigt sich somit, daB sich der Autor von De alim. in seinem Stil eng an
den vorsokratischen Denker anschlieBt, wie dies ja auch in der Forschung
langst gesehen worden ist. Es stellt sich die Frage, wozu ihm diese Stilisierung
dienen soll.
Zur Beurteilung dieser Frage sei hier schnell ein Blick auf Heraklit geworfen.
Fur dessen Stil ist dieselbe sententiose Kûrze kennzeichnend, wie wir sie bei
dem hippokratischen Autor festgestellt haben. Ein Beispiel soll genûgen (Fr. 22
B 62): àMvcrroi FTVIYTOL, dvntoi àOâvaxoi, Çcôvteç tôv ÈKELVCÙV Oâvatov,
tôv ôè ÈKELVWV ptov TEOVECÔTEÇ. „Als Unsterbliche (sind sie) sterblich, als
Sterbliche (sind sie) unsterblich, lebend .den Tod jener (der jeweils andersarti-
gen), im Tode fiihrend das Leben jener (der jeweils andersartigen)."21
Dieser kaum verstandliche Satz stellt zunachst zweimal chiastisch das Ge-
gensatzpaar 'Sterblich/Unsterblich' einander gegentiber, wobei offenbar jeweils
ein Adjektiv als Prâdikat fungieren soll. So ergibt sich eine paradoxe, weil lo-

i s Dâgegen spricht sich Deichgrâber (wie Anm. 12), 26 aus. Richtig formuliert er ebd.: „Es
liegt, wie wir meinen, eine Sentenz vor, die grundsâtzlichen Charakter tràgt und, wie ande-
re, an mehr beliebiger Stelle eingesetzt wtirde. Es scheint mir durchaus nicht ausgeschlos-
sen, dafi Heraklit âhnlich verfuhr."
19 Vgl. auch den Anfangssatz von De locis in homine (38,lff. Joly = VI,276,lff. L.): èpoi
ÔOKSL àQ%r\ pèv ouv oùÔEpLa a v a l Toû ocôpatoç, àXXà x â v r a ôpolcoç àpxf| Kai rnxvta
TTLEIM)' KÛKÀOX) y à g yQaq>évroç àQx 1 ! SÛQÉÔTI.
20 22 B 60 (= Hippol. IX, 10): ô&ôç aveu KÙTO) pta Kai (burr;. Zur naturgemâB umstrittenen
Deutung dieses Fragments vgl. G. S. Kirk/J. E. Raven/M. Schofield, Die Vorsokratischen
Philosophen. Einfilhrung, Texte und Kommentare, StuttgartAVeimar 1994 (dt. Ubers. v.
The Presocratic Philosophers, Cambridge 1983), 206, Anm. 8.
21 Vgl. Ch. H. Kahn, The Art and Thought of Heraclitus. An Edition o f the Fragments with
Transi, and Commentary, Cambridge 1979, 216ff.: „This is in point of form Heraclitus'
masterpiece, the most perfectly symmetrical of ail the fragments." Dafi nicht aile Heraklit-
fragmente einheitlich stilisiert sind, betont zu Recht R. Dilcher, Studies in Heraclitus
(Spudasmata Bd. 56), Hildesheim/ZOrich/New York 1995, bes. 138ff.
Die aphoristisch stilisierten Schriften des Corpus Hippocraticum 45

gisch widerspriichliche Fûgung: Unsterbliche sind sterblich, Sterbliche un-


sterblich. Der folgende Teilsatz hebt an, als wâre er eine Erlâuterung des an-
fanglich konstatierten Paradoxons, ist aber mindestens ebenso dunkel. Dadurch
dalî Çœvreç nicht ein gewôhnliches Inhaltsobjekt wie etwa TÔV plov o.à. erhàlt,
entsteht erneut eine paradoxe Wendung: „Sie" leben nicht ein irgendwie gearte-
tes Leben, sondern einen Tod, und zwar den Tod ,jener". Die Deutung dieses
Satzes wird noch dadurch erschwert, daB unklar ist,. wer lebt und worauf sich
das Demonstrativum ÈKELVOJV bezieht. Wenn, wie es das Anfangsparadox nahe-
legt, Sterbhche und Unsterbliche im Grunde dieselben sind, mûBte hier eine
wechselseitige Beziehung ausgedriickt sein: Die Sterblichen. leben den Tod der
Unsterblichen, und umgekehrt leben die Unsterblichen den Tod der Sterbli-
chen. Dasselbe gilt fur den letzten Teilsatz, der noch zusatzlich dadurch eine
syntaktische Hârte erhâlt, daB das Verbum T£ftvr|KÉvca mit einem Inhaltsakku-
sativ versehen wird wie das Verbum Çfjv. Diese Deutung hàtte allerdings die
Schwierigkeit, daB man nicht eigentlich sagen kann, daB Unsterbliche 'leben'
oder 'tôt sind'. Wahrscheinlieh meint Heraklit, daB die gegensatzlichen Eigen-
schaften 'Sterblich' und 'Unsterblich' einander auf einer hoheren Stufe aufhe-
ben, indem das Leben immer den Tod anderer voraussetzt und das Totsein im-
mer das Leben anderer Wesen bedingt. Ob dies mehr im Sinne einer zeitlichen
Abfolge aufzufassen ist, wie etwa Anaximander es in seinem Fragment 12 B 1
ausgedriickt hat, oder mehr im Sinne einer materiellen Konstanz von unver-
gânglichen Grundsubstanzen, mag dahingestellt bleiben.22 Das Ratselhafte der
heraklitischen Diktion ist jedenfalls an diesem Beispiel, das sich beliebig durch
weitere untermauern lieBe, auBerordentlich auffallend.
Es wird aber auch die Differenz deutlich, die unseren hippokratischen Autor
von Heraklit trennt. Heraklits Aussagen haben einen weit hoheren Abstrakti-
onsgrad als die der Schrift De alim. Sein sententiôser oder aphoristischer Stil
steht in einer unauflôslichen Verbindung mit den paradoxen philosophischen
Gedanken, die dadurch ausgedriickt werden. Dieser ganz eigenstandige Charak-
ter von Heraklits Schrift ist treffend von Uvo Hôlscher in mehreren Arbeiten
herausgestellt worden.23

22 Kahn (wie vorige Anm.), 217ff. unterscheidet eine „schwache" und eine „starke" Lesart.
Nach der „schwachen Lesart" ist ausgesagt, daB die Gôtter unser, der Sterblichen, Tod le-
ben, wir also tôt sind in ihrem Leben. Die „starke Lesart" setzt voraus, dafi Heraklit die
Gôtter flir sterblich hait und den Sterblichen die Fahigkeit zuspricht, unsterblich zu werden.
Dieser blasphemische Gedanke schwebt nach Kahns Auffassung Heraklit hier vor. Vgl.
auch Kirk/Raven/Schofield (wie Anm. 20), 227, Anm. 28; M. M. Mackenzie, Heraclitus
and the ArtofParadox,OxfordStudies in AncjentPhilosophy 6,1988, lff,, b e s . 2 3 f f , 28ff.
23 U. Hôlscher, Anfangljches Fragen. Studien zur fhûhen griechischen Philosophie, Gôttingen
1968, 136ff. (zum Orakelstil) und 144ff. (zu Gleichnis und Spruchform); ders., Heraklit
zwischen Tradition und Aufklârung, Antike und Abendland 31, 1985, l f f , bes. 6: „Gerade
der Gedanke ist schwer: die Erkenntnis von der Einlieit der Gegensâtze kann nicht anders
als in Paradoxen sich aussprechen. Daher die Redeweise, die ihre Formen von der Orakel-
sprache leiht. Die paradoxe Erkenntnis hat die ittnere Form des Aperçus, sie ist Anschau-
ung, Offenbarung des Gesetzlichen in der Erscheinung. Und in der Berufung auf die Er-
I
46 Jochen Althoff

Heraklit selbst stehlt mit seiner Diktion teilweise in der Tradition der Orakel-
spiache.24 Der Charakter der gottlichen Offenbarung mag ihn an OrakelàuBe-
rungen besonders angezogen haben. Es war aber wohl auch die Attraktivitât der
verratselten Darstellung, die ihm am Orakelstil gefallen hat. Das Orakel sagt ja
stets die Wahrheit, die den sterblichen Ratsuchenden jedoch ofl verborgen
bleibt. Dennoch kommen sie immer wieder. Ahnlich offenbart Heraklit eine hô-
here Wahrheit, die den Menschen, die nicht verstândig zuhoren, verborgen
bleibt. Dennoch ahnen sie im besten Fall, daB die dunklen ÂuBerungen etwas
Wichtiges beinhalten, und zum groBen Teil liegt darin die fast magische Anzie-
hungskraft des heraklitischen Bûches.25
Welche Grande haben nun aber den Verfasser der Schrift De alim. bewogën,
sich an den Stil Heraklits anzulehnen? Zunachst einmal ist sein Thema, die
Nahrung und Emâhrung des Menschen, von seiner Allgemeingiiltigkeit her
nicht mit den Themen Heraklits vergleichbar. Wâhrend es nâmlich bei Heraklit
um groBartigë metaphysische und ethische Spekulationen geht, hat der Autor
von De alim. eine physiologische Fragestellung in sehr oberflàchlicher Weise
behandelt; Zwar hat das Problem der Nahrungsaufhahme und Verdauung die
vorsokratischen Denker immer wieder beschâftigt,26 und so kônnte man vermu-
ten, daB schon vom Thema her ein Impuis gegeben war, sich einer Form zu

scheinung hat sie ihre Evidenz. Sie beweist sich nicht: an die Stelle des Beweises tritt das
Gleichnis. Beides, Gleichnis und paradoxe Lehre, drangen gleichermaBen zur Form des
Spruches: Jeder Satz eine Einsicht."
24 Vgl. 22 B 93 DK: ô avaç, ou TÔ pavreïôv ècm t à èv Aetapoïç, ovre Xéysi oirte Kçtnrra,
àXXà OTipaîvet. Ein weiterer Hinweis in 22 B 92. Dazu vgl. Manfred Fuhrmann, Obscuri-
tas. Das Problem der Dunkelheit in der rhetorischen und literarasthetischen Theorie der An-
tike, in: W. Iser (Hrsg.), Immanente Àsthetik - Àsthetische Reflexion. Lyrik als Paradigmâ
der Moderne (Poetik und Hermeneutik 2), MiSnchen 1966, 46ff., bes. Slff. Dort sind (70f.)
! auch die antiken Urteile Uber Heraklit angefllhrt. Vgl. zur Sprache der erhaltenen Orakel-
sprilche H. W. Parke/D. E. W. Wormell, Tlie Delphic Oracle, vol. II (The Oracular Respon-
I s e s ) Oxford 1956, XXI; Joseph Fontenrose, The Delphic Oracle. Its Responses and Opérati-
ons with a Catalogue of Responses, Berkeley/Los Angeles/London 1978, bes. I66ff. Amu-
sant ist die karikierende Wiedergabe dieser orakelnden Diktion durch Lukian in der Vitarum
auctio (picuv jtpôoiç), 14 (bes. 36,2f. Macleod).
25 V. Langholf hat in einem Aufsatz aber die Koischen Prognosen gezeigt, dafi der Autor sich
ofFenbar bewuBt von der Diktion der Orakelâùfierungen, die ja auch schriftlich im Umlauf
waren, distanziert, indem er das dort Ubliche Formular nicht verwendet: Prognosen in der
hippokratischen Medizin: Funktionen und Methoden. Problème im Zusammenhang mit der
Edition der Schrift Koische Prognosen, in: K. Dôring/G. Wôhrle (Hrsgg.), Antike Naturwis-
senschaftund ihré Rezeption, Bd. I und II Bamberg 1992, 224ff.
26 Vgl. etwa Empedokles Fr. 31 B 90 DK und Anaxagoras 59'B 10 DK. Es hat den Anschein,
1 als habe die Nahrung den Vorsokratikem in erster Liniè als eirt Beispiel ftlr die Stoff-
umwandlung gedient, als sei sie also ein konkreter Fall ftlr allgemeinere, kosmologisch-
philosophische Spekulationen (Elementenlehre, Homoiomeren-Lehre) gewesen. Erst Aristo-
teles hat sich wieder von naturwissenschaftlicher Warte aus mit dem physioîogischen Pro-
zeB der Emâhrung befaBt (vgl. Verf., Aristoteles' Vorstellung von der Ernâhrung der Le-
bewesen, in: W. Kulbnann/S. Follingcr [Hrsgg.], Aristotelische Biologie. Intentionen, Me-
thoden, Ergebnisse [Philosophie der Antike, Bd. 6], Stuttgart 1997, 351ff.).
Die aphoristisch stilisierten Schriften des Corpus Hippocraticum 47

U bedienen, die ebenfalls bei einem Vorsokratiker zu finden war. Dennoch ist der
• BegrifF der 'Vorsokratiker' zu weit angelegt, als daB dieses Argument Beweis-
" krafit haben kônnte, und es muB vor allem betont werden, daB gerade Heraklit
| wenig Interesse an sachbezogener Forschung gehabt und sich insbesondere
J nirgends mit dem Thema Emâhrung befaBt hat.
\ Auch was die Ratselhaftigkeit des Ausdrucks anbelangt, so korreliert ihr bei
\ genauem Hinsehen kein vergleichbar schwer zu durchschauender oder originel-
1er Gedanke, wie dies bei Heraklit der Fall ist. Der Verfasser verdurikelt viel-
. mehr relativ einfache Gedankengânge, wie wir an der Eingangspassage gesehen
i haben. Deren Inhalt lieBe sich ja prosaisch so formulieren: 'Nahrung ist zwar
Jj ein einziger BegrifF, aber unter ïhm ist eine ganze Reihe von verschiedenen
ij Nahrungsformen zusammengefaBt.' Mari kann wohl nur von einem kûnstlich
auf einen ungeeigneten Inhalt ubertragenen Stil sprechen, einer Stilmanier.
L Vor kurzem hat Nelly Tsouyopoulos eine neue Deutung der auffàlligen sti-
f listischen Merkmale der Schrift tregi Tgocpfjç vorgelegt.27 Sie verbindet sie mit
der epistemologischen Zuriickhaltung der skeptischen Philosophie, die ja ihrer-
f seits in der empirischen Schule intensiv weitergewirkt hat (82): .
1 Er (se. der Autor) beruft sich auf diesen Stil, nicht um die ewige Bewegung zu erfassen
' oder irgendwie inhaltlich zu erklâren, sondern um eine neue Haltung in der Medizin,
| namlich den àufkommenden Skeptizismus, adâquat ausdrticken zu kônnen

\ Wenn man zunâchst von der philosophischen Richtung der Skepsis ausgeht, so
i hat man in der Forschung besonders im Zusammenhang mit Ainesidem von
! Knossos, der vielleicht um 50 v.Chr. lebte, die Frage seines Verhàlinisses zu
| Heraklit erortert.28 Zwar ist auch sonst Heraklit gem als ein Vorlaufer der Skep-
j sis vereinnahmt worden,29 aber bei Ainesidem hatte der Bezug zu dem vorso-
kratischen Denker eine neue Qualitât erhalten. Sextus, aus dem wir Ainesidems
j Thesen im wesentlichen rekonstruieren mussen, gebraucht mehrfach die Wen-
• dung A'IVR|0iÔTi(I0Ç x a r à (TÔV) 'HgàKX,eiT,ov (kéYA etc.),30 und man hat unter
! anderem daraus geschlossen, daB sieh Ainesidem an Heraklit anschlieBe. Weil
: jedoch die Skeptiker 'dogmatische' philosophische Positionen grundsâtzlich
i
j
i 27 N. Tsouyopoulos, Die hippokratische Schrift Flegi Tgocpfjç. Physiologie zwischen Ari-
f stoteles und Heraklit, in: R. Wittern/P. Pellegrin (Hrsgg.), Hippokratische Medizin und anti-
ke Philosophie. Verhandlgg. d. VIII. Intem. Hippokrates-Koll. in Kloster Banz/Staffelstein
i vom 23.-28. Sept. 1993 (Medizin der Antike, Bd. 1), Hildesheim/Ziirich/New York 1996,
[ 77ff.
: 28 Die Lebenszeit Ainesidems ist hauptsachlich aus seiner Auseinandersetzung mit Poseido-
! nios erschlossen, von der man gewôhnlich annimmt, daB sie zu beider Lebzeiten stattfand.
Vgl. R. J. Hankinson. The Sceptics, London 1995, 120ff.
i 29 Vgl. Hankinson (wie vorige Anm.), 38ff. mit Verweis auf Sextus Empiricus, ttgôç
i paf>T| paTiKotjç, 7,126ff.
I 30 Jtgôç naftqpaTiKoûç 7 (= jtgôç koyiKovç 1),349; 9 (= itgoç (ptxtiKoû; 1),337; 10 ( - xgôç
(pvaiKOÛç 2),216. Zur Bedeutung der Phrase vgl. Ulrich Burkhard, Die angebliche Heraklit-
Nachfolge des Skeptikers Aenesidem (Habelts Dissertationsdrucke, Reihe Klass. Philologie,
, H. 17), Bonn 1973, 166ff.
48

ablehnten, ergaben sich aus dieser Annahme Schwierigkeiten fur die Deutung
Ainesidems als eines skeptischen Philosophen.
Im Rtickgriff auf einen âlteren Lôsungsversuch hat Ulrich Burkhard gezeigt,
dafi man die Passagen, in denen Sextus jene Wendung gebraucht, am besten so
verstehen kann, daB er Ainesidem als einen Interpreten herakliteischer Satze
anfuhît.31 Burkhard erklârt dies recht plausibel so, daB Ainesidem in seiner Po-
lemik gegen die stoischen Dogmen des Poseidonios jenen vorsokratischen
Hauptdenker der-Stoiker, namlich Heraklit, seinerseits als einen Archegeten
skeptischer Philosophie reklamiert habe. Damit habe er gewissermaBen der
Stoa den SpieB aus der Hand genommen und ihn gegen sie selbst gewendet.32
Fur uns ist an dieser Débatte,, in die wir nicht weiter eindringen wollen, inté-
ressant,. daB Ainesidem sich unter anderem mit solchen Sâtzen Heraklits befaBt
hat, die die Eihheit der Gegensâtze zum Inhalt haben. So heifit es etwa bei
Sextus, JtQÔç paôïipauKOuç 9 (= xoàç (pucriKOOç 1),337: ô ôè Aivr|aiôr|p.o<;
xaxà 'HgàKA.etxov kcù exegôv (priai xô pégoç xofi ô^ov xai xotùxov.
«Ainesidem sagt in an Heraklit angelehnter Weise, daB der Teil sowohl etwas
anderes sei als das Ganze als auch dasselbe." Hierbei hat er jedoch wahrschein-
lich eben jenen Schritt Heraklits, der die ubergeordnete Einheit gegensâtzlicher
Erscheinungen betont, gemâB seiner skeptischen Grundhaltung nicht vollzogen,
sondem die Antilogie selbst dient ihm als Beleg dafiir, daB ûber ein Phanomen
eine sichere Aussage nicht môglich sei.33 An diesem Beispiel zeigt sich also,
daB Ainesidem ein Interesse an ganz ahnlichen Formulierungen hatte, wie sie
auch der Autor von X E Q I xpocpfjç bevorzugt benutzt. Ob sich Ainesidem auch
des pointiert antithetischen Stils Heraklits bedient hat, ist nicht mehr kenntlich.
Wenn maiï nun von der skeptischen Philosophie zur Medizin ubergeht, so hat
bereits Deichgraber in seiner grundlegenden Untersuchimg zut Empirischen
Bewegung die enge Verbindung dieser Richtung zur skeptischen Philosophie
herausgearbeitet.34 Die empirisché Schule wurdè entweder ca. 250 v.Chr. von
Philinos von Kos oder um 200 V.Chr. von Serapion aus Alexandria gegriindet.35
Philinos war nach Galens Zeugnis ein Schuler des berûhmten Anatomen und
Entdeckers derNerven Herophilos von'Alexandrien. DaB dieser Mediziner be-
reits mit skeptischem Gedankengut vertraut war, hat Fridolf Kudlien in einem

31 Burkhard (wie vorige Anm.), bes. 195ff.


32 Diese Deutung ist nicht allgemein akzeptiert. Vgl. vor allem J. M. Rist, The Heracliteanism
of Aenesidemus, Phoenix 24, 1970, 309ff. (von Burkhard nicht berllcksichtigt), der eine
entwicklungsgeschichtliche Interprétation vorschlëgt. Vgl. auch Hankinson (wie Anm. 28),
129ff. ^ ^
33 Vgl. Burkhard (wie Anm. 30), 124. .
34 K. Deichgraber, Die griechische Empirikerâchule. Sammlung der Fragmente und Dar-
stellung der Lehre, Berlin 1930,279ff.
35 Zur Dàtierung vgl. Deichgraber, Empirikerschule (wie vorige Anm.), 332ff. Philinos ist bei
Galen, ciaaycûYij ij iarpôç XTV,683,llff. KUhn als Schulgriinder genannt. Er sei Schiller
des Herophilos gewesen. Celsus, De medicina prooem. 10 (CML l,18,23ff.) schreibt die
Grundung Serapion zu.
Die aphoristisch stilisierten Schriften des Corpus Hippocraticum 49

Aufsatz von 1964 zu zeigen versucht;36 gegen einen solchen skeptischen Ein-
, flufî hat sich Heinrich von Staden in seiner maflgeblichen Fragmentsammlung
i ausgesprochen.37 In die Reihe der Mediziner, die auf jeden Fall zur empirischen
1
Richtung zahlen, gehôrt dagegen Herakleides von Tarent (um 75 v.Chr.), der
nach Diogenes Laertios IX, 116 der Lehrer jenes oben erwahnten Ainesidem
i war.38 Hier wird also die personelle und biographische Verflechtung der beiden
| Richtungen besonders deutlich.
i Wenn man jedocb versucht, aufgrund der wenigen iiberlieferten Fragmente
I der Empiriker einen Eindruck von der stilistischen Gestaltung ihrer Werke zu
1
bekommen, so wird man enttâuscht. Innerhalb der empirischen Schule finden
i sich keine Texte, die auch nur von ferne mit dem Traktat Jtepi TQOipfjç vergli-
chen werden kônnten. Besonders aufschluftreich ist ein Blick in die bei Athe-
naios iiberlieferten Fragmente des Herakleides von Tarent zur Diâtetik:59 In
einem vergleichbaren sachlichen Zusammenhang ist keinerlei aphoristische
Stilisierung festzustellen.
Auf dem Hintergrund dieser Befunde mulJ zu Tsouyopoulos' These gesagt
werden, dafl sie zwar eine anregende Erklàrung des seltsamen Traktates Jtegl
; tQOipfig zu geben vermag, die gerade mit Blick auf Aenesidem eine gewisse
, Wahrscheinlichkeit fur sich hat. Dennoch wird man wegen mangelnder Belege
inhaltlicher und formater Art aus der medizinischen Skepsis grolîe Zurûckhal-
tung (um nicht zu sagen: Skepsis) bei der Feststellung der Schulzugehorigkeit
! unseres kleinen Textes walten lassen miissen.
: Es stellt sich iiberdies die Frage, ob es sich bei Jtegl tooiprjç wirklich um ein
Werk handelt, das fur eine Rezeption im Kreise von Medizinem gedacht war.
• Auffaliig ist doch, daB der Autor keine konkreten, fur eine Therapie oder medi-
• zinische Anwendung brauchbaren Folgerungen aus seiner obskuren Darstellung
der Ernâhrungsphysiologie, wenn man das Thema so nennen will, zieht oder
nahelegt. Auch sind das Thema der Emàhrung und die damit verbundenen Fra-
gestellungen diatetischer Art solche, die von allen medizinischen Disziplinen
am ehesten eine breite Masse Interessierter ansprechen. Ail dies deutet eher
darauf hin, daB auch die seltsame Stilisierung mit Blick auf eine breitere Rezi-
pientenschicht gewâhlt worden sein kônnte, die durch die bizarre Sprachform
angesprochen werden sollte.40

36 F. Kudlien, Herophilos und der Beginn der medizinischen Skepsis, Gesnerus 21, 1964, lff.
(nachgedruckt in: H. Flashar [Hrsg.], Antike Medizin [Wege d. Forschung Bd. 221], Darm-
stadt 1971,280ff.). " "
37 H. von Staden, Herophilus. The Art of Medicine in Early Alexandria. Edition, Translation
and Essays, Cambridge 1989,121ff.
38 Vgl. Deichgrâber, Empirikerschule (wie Anm. 34), Fr. 168ff. (S. 172ff.).
39 Fr. 241-246 Deichgrâber.
40 Vgl. Deichgrâber, Ausgabe (wie Anm. 12), 76: „Um es einmai so auszudrtlcken: Der Me-
diziner der Praxis war auf De al. nicht angewiesen, De al. ist kein Nachschlagebuch oder ei-
ne Abhandlung, die gelesen werden mtlBte, da in ihr neue Entdeckungen publiziert wâren.
Auch als ein Essay werden wir sie nicht einstufen. Wenn wir vergleichbare Schriften nen-
50

Das Werk stegi xgocpfjç ist nicht das einzige im Corpus Hippocraticum, das
eine heraklitisierende Stiltendenz aufweist. Vor allen Dingen ist auf einige Pas-
sagen der Schrift jregi ôtcuxriç (De victu) hinzuweisen: die Kapitel 4 und 5 des
ersten Bûches kommen nach Meinung des ietzten Herausgebers Joly am ehe-
sten als Beispiele in Frage.11 In diesen Kapiteln, die ziemlich am Anfaïig der
Schrift stehen, geht es dem Verfasser darum, allgemeine Ansichten ûber die
Elemente, aus denen die Lebewesen bestehen, mitzuteilen, wobei ér Feuer und
Wasser zu Beginn des 3. Kapitels fur die Hauptbestandteile erklart. Im vierten
Kapitel folgert er in Anlehnung an vorsokratisches Gedankengut aus dieser
Elementenlehre, daB es 'Entstehen' und 'Vergehen' im eigentlichen Wortsinn
nicht gebe, sondern daB nur eine Auflôsung und anschlieBende Rekombination
der elementaren Bestandteile eines Lebewesens denkbar seien.42 Die ganze fol-
gende Partie erweist sich bis in die Formulierung hinein geradezu als ein Cento
vorsokratischer Lehrsâtze, und so wird am Ende auch der.heraklitische Apho-
rismenstil nachgeahmt (128,7 Joly = VI,476,7ff. L.):
yevéoôai Kai àroAécrOai Tûiùtô' oupptyrivca Kai ÔLaKpîftfivaL Ttoùro- aù^t)dfjvai Kai
peicûôfjvcu. TCùùtô' yevÉcrOai, auppiyfjvat TCOÙTÔ' àxoXéodai, [peuBdfjvaL,] ÔIOKQL-
ftfjvat TCDUTÔ' SKaorov jiooç jtàvra Kai w î v r a Jtpôç ËKXLOTOV TCÙÙTÔ, KO! oùôèv
Jtàvrcoy tcoùto' ô vôpoç y à g Tp o i m nxpi xotrccov èvavuoç. 5. x<ÛQCÎ ôè îtâvta Kai
ô e ï a Kai àv&çcomva âvco KalKctTtù à p a p ô p e v a . . . . Jtàvra x a v r à Kai où xayrâ. (pâoç
Z P \ \ , OKÔTOÇ "Aiôry (pâoç "Aiôry OKÔTOÇ ZT]M> <poixâ Kèîva &Ô£, Kai xàôe Ketae,
raxoav rnppv, jtctaav x®pr|v ÔLOJCppaaàueva KELVÔ r e r à TCÛVÔE, xàôe ô' au Ta KELUCOV.

Werden und Vergehen ist dasselbe, Sich-Verbinden und Sich-Trennen dasselbe, Wachsen
und Kleinerwerden ist dasselbe, Werden und Sich-Vermischen ist dasselbe, Vergehen und
Sich-Trennen dasselbe; jedes Einzeltje ist gegçntlber dem Ganzen und das Ganze gegen-
iiber jedem Einzelnen dasselbe, und nichts von allem ist dasselbe; der Brauch ist der Na-
tur in diesen Dingen entgegengesetzt. 5. Ailes Gôttliche und Menschliche ist in Bewe-
gung, indem es Oben und Unten wechselt. ... Ailes ist dasselbe undhicht dasselbe. Licht
fiir Zeus, Dunkelheit ftlr Hades; Licht fUr Hades, Dunkelheit fur Zeus; die Dinge dort
wandern hierher und die Dinge hier dorthin, wobei zu jeder JahreSzeit, an jedem Ort jene
Dinge die Funktion dieser erfllllen, diese aber die Funktion jener.

Die das 4. Kapitel abschliefienden Aphorismen bestehen jeweils aus einem Ge-
gensatzpaar, dessen Identitat behauptet wird. Damit soll offenbar in einer apho-
ristischen Form noch einmal wiederholt werden, was im vorhergehenden Teil
etwas ausfuhrlicher entwickelt worden ist: Werden und Vergehen bedeuten ei-

nen wollen, so scheint mir die einzige Môglichkeit einer Einordnung damit gegeben, daB
der Verf. Heraklits kurzen Logos vor Augen hatte."
41 Es herrscht Uneinigkeit in der Forschung, wie weit der heraklitisçhe EinfluB in De victu
wirklich reicht, vgl. R. Joly in seinem Kommentar: Hippocrate, Du Regime. Ed., trad. et
comm. par R. Joly avec la Collab. de S. Byl (CMG 1,2,4), Berlin 1984, 25 ff. Ebenso um-
stritten ist Jolys Datierung der Schrift (S. 44fF.), der sie gegenûber Jaeger und anderen, die
sie auf ca. 350 v.Chr. datieren, an das Ende des 5. Jh. v.Chr. setzt. Die hier behandelten
Àhnlichkeiten zu IleQl Tpotpfjç kônnten eher ftlr Jaegers Datierung sprechen,
42 Dies in Anlehnung an Anaxagoras Fr. 59 B 17 DK und Empedokles Fr. 31 B 8 und B 9 DK.
Die aphoristisch stilisierten Schriften des Corpus Hippocraticum 51

gentlich Kombination und Auflôsung der die Lebewesen konstituierenden Ele-


mente, und weil jede Auflôsung zu einer erneuten Kombination fuhrt und um-
gekehrt, sind ail diese Prozesse letztlich identisch. Der SchluBsatz des Kapitels,
der in dieser Hinsicht die Sitte der Natur entgegengestellt sein làBt, soll wohl
bedeuten, daB die durch Konvention gefundenen sprachlichen Benennungen
dieser Kombinationsvorgânge dem wahren Sachverhalt, der Natur, widerspre-
chen.43
Der fortwâhrende Wechsel und Austausch von Elementarteilen wird im 5.
Kapitel thematisiert. Die kryptischen. Aussagen tiber die Zuordnung von Licht
und Dunkel sowohl zu den Bereichen des Zeus (des Lebens) als auch des Ha-
des (des Todes) erklàren sich wohl am besten durch den Rtickgriff auf den Satz
im 4. Kapitel, nach dem Çcoa yào Kmcpïva Kai xàôe (128,3 Joly = VI,476,1
L.), also sowohl im Hades wie in der Oberwelt Lebewesen existieren. Im Be-
reich des Unsichtbaren kommt es also ebenso zur Entstehung von Lebewesen
wie im Bereich des Sichtbaren. Lebewesen kônnen folglich nicht nur 'das Licht
der Sonne' schauen, sondern auch 'das Licht des Hades' und umgekehrt. Durch
die paradoxen Fugungen wird einmal mehr betont, daB die konventionelle Rede
von Reichen des Todes (Hades) und Reichen der Lebenden (Zeus) aufgrund der
Erkenntnis von der elementaren Komposition der. Lebewesen eigentlich ver-
fehlt ist. Diese Gedanken erinnern an das oben besprochene Heraklit-Fragment
22 B 62.
Wenn man nach der inhaltlichen Verbindung der heraklitisch stilisierten Pas-
sagen mit der Thematik der Schrift Uber die Diâtetik fragt, so muB man zu-
nachst festhalten, daB das erste Buch von De victu insgesamt eine sehr allge-
mein gehaltene Einleitung darstellt. Zu Beginn des 2. Kapitels hat der Autor
konstatiert, dafi jemand, der uber Diâtetik schreiben wolle, zuerst Uber die
menschliche Natur und ihre elementare Struktur nachdenken musse, damit er
die dem Menschen zutraglichen Dinge erkennen kônne.44 Es erweist sich aller-
dings, daB in den restlichen Buchern auf die im ersten Buch vorgetragenen
grundlegenden Ausfuhrungen kaum jemals rekurriert wird. In àhnlicher Weise
ist der inhaltliche Bezug der oben besprochenen Passagen zu den Darlegungen
uber die elementare Struktur der Lebewesen zu beurteilen. Sie gehen mit ihrer
sprach- und erkenntniskritischen Thematik uber die fur die Diâtetik interessan-
ten Aspekte hinaus. Zudem sind die heraklitisch stilisierten Sâtze im Grunde
nur Wiederholungen von bereits prosaischer ausformulierten Gedankengângen.
Hier wird also der stilistische Effekt gesucht, um der Passage einen besonderen
Reiz zu geben; inhaltlich sind die Aphorismen sowohl fur das erste Buch wie
fur das Gesamtwerk wenig relevant.45

43 Eine ganz âhnliche Sprachkritik am Beispiel des Ausdrucks cpgévcç bietet De morbo sacro
17 (86,86ff. Grensemann = VI,392,4ff. L.).
44 122,22ff. Joly = VI,468,6ff. L.
45 Sie haben dennoch eine starke Wirkung entfaltet. Goethe hat sie an einer Stelle verwendet,
wo man es nicht erwartet: Im 3. Buch von Wilhelm Meistets Wandeijahren ist eine Passage
52 Jochen Althoff

Im folgenden soll noch ein Blick auf zwei weitere aphoristisch stilisierte Schrif-
ten geworfen werden: die Koischen Prognosen und die Aphorismen. In beiden
Fâllen ist die Forschung dadurch sehr behindert, daB es keine vollwertigen wis-
senschaftliche Kommentare zu diesen Werken gibt.46 Man muB sich im we-
sentlichen immer noch mit der Ausgabe von Littré behelfen,47 nur fur die
Aphorismen existieren zwei moderne, mit Anmerkungen versehene Editionen,48
die aber wissenschaftlichen Anspruchen nicht geniigen. Einen gewissen Aus-
gleich bietet fur die Koischen Prognosen die eingehende textkritische Untersu-
chung von Ottokar Pôppel, die aber leider nur in Form cincr maschinenschrift-
lichen Dissertation von 1959 vorliegt und daher nicht immer leicht zugânglich
ist.49 Diese schwierige Forschungslage mag es rechtfertigen, daB die Koischen
Prognosen (Kcpaxm otQoyvcùaeiç) hier im wesentlichen nach Pôppel kurz vor-
gestellt werden.
Die Koischen Prognosen bestehen aus 640 einzelnen prognostischen Apho-
rismen von meist nicht mehr als Satzlânge (meist 1-3 Druckzeilen bei Littré,
langstens 9 Zeilen). Ich zitiere den Beginn des Werkes (V,588,lff. L.):
1. oi ÈK ç l y e o ç jceQU|>vxôg£voi, KeipoAakyéeç, Tpàxhkov ÔÔWG>ÔEEÇ, aqxavoi,
è<piôeoûvreç, èjravevéyKcmeç ôvf|aKoi>oiv. 2. al g e t à KaraiJrôÇioç &IXJ<POQLOI KÔKI-
orrai. 3. KaTâVuÇiç pEtà cnckripuopoû, ôkéftoiov. 4. èk Kataijmqioç (pô|k>ç KOÎ
àftvpÎT| a k o y o ç èz a m a p ô v ràtoteXeurâ. 5. al ÈK Kataipé^ioç oCgarv àicoJ.rp|XEÇ,
KaKiarov. 6. perct pîyeoç ayvoia Kaicôv KttKÔv bè Kal kf\ÔTi. 7. rà KtogaTâôea QÎyEa
ÛJtoXéôpur Kal TÔ qAoycù&Êç Èv^eoaÔHOù peD' iSomToç ÈV TOVTÉOIOI icaKÔT|deç' è m
Touréoioi ipij^Lc, tc&v ômaftev, OTtacrpôv àtucakéeTor Kai ôkcoç ôè iJwÇiç t<BV ômcrOev,
otcaopàôeç.
1. Die nach einem Schuttelfrost ringsum gekllhlt werden, am Kopf Schmerzen haben,
Halsschmerzen empfinden, sprachlos sind und etwas schwitzen, sterben, nachdem sie
wieder zu sich gekommen sind. 2. Die Beschwerden nach groJîer AbkUhlung sind ganz

Uberschrieben „Aus Makariens Archiv", in der eine Reihe von Maximert aùfgelistet ist. Die
Nummern 5-16 sind Ûbersetzungen aus De victu 1,11. Vgl. K. Deichgrâber, Goethe und
Hippokrates, Archiv f. Gesch. d. Med. 29, 1936, 27ff., bes. 35ff.; E. Grumach, Goethe und
die Antike, Berlin 1949, 824ff.
46 Dies ist im Falle der Aphorismen um so erstaunlicher, als sie das am intensivsten rezipierte
Buch des Corpus Hippocraticum sind. Vgl. G. Baader, Die Tradition des Corpus Hippocra-
ticum im europâischen Mittelalter, in: Baader/Winau (wie Anm. 9), 409ff. und V. Nutton,
Hippocrates in the Renaissance, ebd. 418ff.
47 V,588ff. L.: Koische Progn:, IV,458ff. L.: Aphor.
48 Hippocrates with an Engl. Transi, by W. H. S. Jones, vol. IV Cambridge, Mass./London
1979 (Nachdr. v. J 1931), 97ff.; G. Baffïoni/M. T. Malato, Ippocrate: Il Giuramento e gli
Aforismi. Traduzione italiana e note. Presentazione di A. Pazzini e M. T. Malato (I Classici
délia medicina dell'età greco-romana 1), Rom 1972 (mir leider nicht zugânglich, vgl. aber
die Rezension von F. Kudlien, Clio Medica 8,1973, 248ff.).
49 Ottokar Pôppel, Die hippokratische Schrift KcpaKal jtQoyvcoaaç und ihre Oberlieferung,
Diss. Kiel 1959 (masch.). Eine neue Ausgabe der Schrift durch V. Langholf, Hamburg, ist
angekllndigt, aber bisher nicht erschienen. Vgl. ders., Prognosen in der hippokratischen
Medizin (wie Anm. 25). •
Die aphoristisch stilisierten Schriften des Corpus Hippocraticum 53

aussichtslos. 3. Abkiihlung mit Verhàrtung, létal. 4. Nach einer Abkilhlung eintretende


Furcht und Mutlosigkeit ohne Grund fiihren zum Tode unter Krâmpfen. 5. Das Ausblei-
, ben yon Ham nach einer Abktihlung ist ganz aussichtslos. 6. BewuBtlosigkeit nach
Schtlttelfrost ist aussichtslos. Aussichtslos auch Vergefilichkeit. 7. SchlittelfrOste mit Ko-
ma sind zieitilich létal. Und auch das Erhitztsein des Gesichts mit SchwciB ist bei solchen
Patienten (oder: Symptomen) ein schlechtes Zeichen. Bei solchen Patienten (oder: Sym-
. ptomen) fiihrt eine Abkiihlung der hinteren Teile zum Spasmus, und iiberhaupt ist eine
Abkiihlung der hinteren Teile spasmusfërdemd.

An diesen Beispielen, die sich beliebig vermehren lieBen, wird das recht sté-
réotypé Formular der prognostischen Aphorismen deutlich. Es wird entweder
ein Symptombundel oder eine Gruppe von Patienten im Nominativ gesetzt, die
bestimmte Symptôme aufweisen. Bei der Symptombeschreibung kann durch
Partizipien, Genitivattribute, prapositionale Wendungen etc. etwas variiert wer-
den. Diese Symptombeschreibung wird dann hinsichtlich des Krankheits-
verlaufs bewertet, wobei nur ganz knappe und wenig variable Adjektive benutzt
jWérden. Die Bewertung ist manchmal syntaktisch kongruent zu den entspre-
chenden Subjekten konstruiert, oft steht sie aber auch im Neutrum Sg. (oder
Pl.), wodurch die Sentenz einen noch abgehackteren, stichwortartigeren Cha-
rakter bekommt. Im 4. Satz ist nicht ganz klar, ob die geschilderten psychischen
Symptôme Subjekt zum Verbum cotOTe^evrâ sein sollen (das dann vielleicht
eher im Plural stehen sollte), oder ob nicht als logisches Subjekt vielmehr „der
Patient" vorschwebt, was ja auch deshalb vorzuziehen ist, weil nicht der Ver-
lauf der Symptôme intéressant ist, sondern der der Krankheit und der Mensch,
der damit geschlagen ist. Dies ist eine typische Unklarheit, die aus der Aus-
drucksktirze resultiert.
Was die thematische Gliederung anbelangt, so ist erkennbar, dafi die ersten
Aphorismen sich aile um die Phanomene Schuttelfrost und Abkiihlung drehen;
auch im folgenden wird eine thematische Zuordnung zu den Bereichen Fie-
ber/Schuttelfrost sichtbar, und solche groBen thematischen Abschnitte lassen
sich auch sonst in der Schrift feststellen. Poppel hat daher in Anlehnung an
Littré das Werk in 7 groBe Teile gegliedert30 und formuliert (50):
AbschlieBend kann man sagen, daB die Zahl der wirklichen Unstimmigkeiten in der
Komposition der Coac. insgesamt recht gering ist. Sie vermôgen keinesfalls unsere Fest-
stellung zu erschUttem, daB die Coac. eine Sammlung sind, die ein klares Ord-
" nungsprinzip aufvveist.

Fur unsere Frage ist es wichtig, daB das Werk eine Reihe von sehr weitgehen-
den Parallelen hauptsâchlich mit den Schriften Prorrhetikon I, mit den Aphoris-
men und mit dem Prognostikon aufweist, die Poppel im einzelnen belegt.51 Es

50 POppel (wie Anm. 49), 40ff.: 1: 1-155 (Fieber); II: 156-476 («Pathologie"); III: 477-487
(SuBere Erscheinung des Kranken); IV: 488-501 (Wunden); V: 502 (Krankheiten in ver-
schiedenen Altersstufen); VI: 503-44 (Frauenkrankheiten); VII: 545-640 (Einzelnes zu den
Ausscheidungen).
51 Pûppel (wie Anm. 49), 54ff.
54

tauchen dabei sowohl wôrtliche Doppelfassungen prognostischer Aphorismen


auf als auch mehr oder weniger weitgehende Umformulierungen âhnlicher Ge-
danken.52 Das erste Verfahren, gleichlautende Aphorismen zu ubernehmen,
kann naturlich nur bei Werken vergleichbaren Spruchcharakters angewandt
werden (etwa Prorrhetikon HCoac.). Eine tiefgreifendere Ànderung ist immer
dann erforderlich, wenn aus einem zusammenhangenden Prosatext (etwa dem
Prognostikon) Gedanken entnommen werden, die dem Stil des prognostrschen
Aphorismus angeglichen werden miissen. Ein Vergleich zwischen einer Passa-
ge aus dem Prognostikon und der entsprechenden aus den Koischen Prognosen
ist instruktiv.
Im Prognostikon 8 (vol. 11,18,27ff. Jones = 11,130,12ff. L.) heiBt es:
oL ôè {SÔQÛHIEÇ oi' 8K TWV ôÇéwv voar|uâtcov jtàvreç KUKOV ovre yàç Toù iruoôç
àjta/Aàaoouoiv èjrwôwoî t é eioiv Kàgta Kai. ôavaTWÔeeç. ctgyovTai ôè oi JtXelcrroL
cutô TWV KEVEWVWV t e icai rriç ôoipùoç, oi ôè Kai cufô TOÙ rjratToç. ÔKOOOIOI pèv oùv
ÈK twv KEVEWVWV ai àp'/ctL Kai tfjç oacpùoç yivovrai, o ï TE JIÔÔEÇ oiôéoxxnv Kai ôiàç-
goiai 3toXt)xgoM.oi ïbxouoiv OUTE t à ç ôôùvaç Xvovoai ràç ÈK TWV KEVEWVWV TE KOÎ
Tfjç ôocpùoç OVTE xf|v YaorÉoa kaitàoaouoai... "
Die Ôdeme, die aus akuten Krankheiten entstehen, deuten aile auf einen schlechten Ver-
lauf. Sie lassen das Fieber nâmlich nicht aufhoren und sind sehr schmerzhaft und létal.
Die meisten beginnen aber an den Weichen oder den Lenden, manche auch an der Leber.
Bei weichen sie nun an den Weichen beginnen oder an den Lenden, denen schwellen die
FiiJJe an, und chronischer Durchfall befàllt sie, der weder den von den Weichen und Len-
den herriihrenden Schmerz lindert noch den Bauch weich macht.

Coac. 443 (V,684, lff. L.) dagegen lautet folgendermaBen:


oi ôè bôgwjreç oi ÈK TWV ôlçéwv voor|urmov, imjrovoi YÎVOVTOI. Kai ôX.Éôgiof aoyov-
TOI Ôè oi JAEÎOTOI pèv curô TWV KEVEWVWV, oi ôè Kai euro TOÛ fjjtaToç, Toloi pèv où»
àtro TWV KEVEWVWV àp-/vo|iévoicn.v oi rtoÔEç oiôéouoi, Kai ôiâoooiai. -EO/.UXQÔVLOI tra-
gaKoXouhoûoiv, où kajtàaootxjai KOAÎTIV, oùôè Tàç ôôùvaç Xùouaca TÔÇ èç, ôatpùoç
KCÙ KEVEWVWV.
Die aus akuten Krankheiten entstehenden Ôdeme sind schmerzvoll und létal. Die meisten
beginnen an den Weichen, einige auch an der Leber. Den bei den Weichen beginnenden
schwellen die FOBe, und chronischer Durchfall folgt, der weder den Bauch weich macht
noch den aus Lenden und Weichen herrtlhrenden Schmerz lindert.

Vergleicht man diese beiden parallelen Passagen, so sieht man, daB der Autor
von Coac. um grôBere Kûrze bemiiht ist. Den ersten und zweiten Satz seiner
Vorlage ftigt er in einer Weise zusammen, die auch sonst fur den prognosti-

52 Gleiçhe Sâtze in Prorrh. 1 und Coac:. Prorrh. 1,20 = Coac. 228; Prorrh. 1,64 = Coac. 6;
leicht variierte Sâtze: Prorrh. 1,14 entspricht Coac. 87, 92 und 93 (der Aphorismus taucht
also in leicht variierter Form dreimal in Coac. auf). Vgl. Piippel (wie Anm. 48), 55f. Glei-
çhe und fast gleiche Sâtze in Aphor. und Coac: Aphor. 11,23 = Coac. 143; Aphor. V,2 =
Coac. 349. Vgl. Pfippel, 56f. Die wôttlichen Parallelen zum Prognostikon kônnen naturge-
mâfl nicht so zahlreich sein, weil das Prognostikon ein zusammenhângendes Lehrbuch dar-
stellt, nicht eine Aphorismensammlung, Inhaltliche Parallelen sind dagegen hâuftg, vgl.
Pôppei, 58ff.
Die aphoristisch stilisierten Schriften des Corpus Hippocraticum 55

schen Aphorismus charakteristisch ist: Er bewertet nicht in einem neuen be-


griindenden Satz das beschriebene Symptom, sondern tut dies mit 'zwei Adjek-
tjven, indem er die. allgemeine Bewertung KCUCOL des Prognostikon gleich durch
die genaueren Ausdrucke ètiutovot und ôÂÉftoiot ersetzt. Der dritte Satz ist in
bejden Texten nahezu identisch, in Coac. fehlt lediglich der Hinweis auf die
Lenden; der Autor hielt offenbar den Ausdruck KEVECÙVEÇ fur ausreichend.
Der vierte Satz der Prognostikon-V ersion stellt eine sorgfaltig stilisierte hy-
potaktische Fûgung dar, die in Coac. unglucklich verkûrzt erscheint. Das logi-
sche Subjekt des Partizips àgxouévotoiv ist nâmlich nun unklar: Der Dativus
commodi kann eigentlich nur den Patienten bezeichnen, dem die Fufle schwel-
len. „Irgendwo mit der Schwellung anfangen" kann jedoch schlecht der Patient,
sondern nur die Schwellung selbst kanrr'irgendwo beginnen. Das ist ja auch,
wie ein Blick ins Prognostikon lehrt, gemeint. Der Schwellung kônnen wieder-
um. schlecht „die FuBe anschwellen". Hier kommt es also unter der Hand zu
einem Wechsel des logischen Subjekts, der einem im Deutschen genauso pas-
sieren kann, wenn eine Vorstellung nicht in eine korrekte syntaktische Form
gefaBt wird." Diese leichte Ungenauigkeit ersphwert das Verstandnis des Sat-
£es nur unwesentlich. Der restliche Text weist nur wenige Abweichungen in
Form von Umstellungen und einer anderen Wortwahl auf.
Es wâre sicher reizvoll, die Methode der Umarbeitung weiter zu verfolgen;
dies muB hier jedoch unterbleiben. Erkennbar ist das Streben nach Kiirze des
Ausdrucks, das ab und an sogar auf Kosten der korrekten logischen Fiigung
geht.54 . " ~ "
Ich hatte oben von dem Prognostikon als der Vorlage des Autors der
Koischen Prognosen gesprochen und damit eine chronologische Reihenfolge
impliziert, die wahrscheinlich auch fiir das Verhàltnis dieses aphoristischen
Werks zu den anderen Schriften gilt, in denen gleiche oder âhnliçhe Gedanken
wie in den Koischen Prognosen zu fïnden sind. In der Tat legt es der vorgefiihr-
te Vergleich nahe, daB die Koischen Prognosen einen verkûrzenden Auszug
aus dem Prognostikon geben; der umgekehrte Vorgang, eine Anreicherung der
kargen Auskunfte dér Koischen Prognosen, scheint wenig wahrscheinlich. Fiir
die Datierung unserer Schrift stehen im wesentlichen nur die folgenden beiden
Kriterien zur Verfïigung: Der Vergleich mit âhnlich lautenden Passagen anderer
hippokratischer Werke, bei denen die Datierung etwas gesicherter ist, und eine
stilistische Untersuchung, besonders des Wortschatzes, die allerdings immer
gewissen Zweifeln unterliegt. Pôppel hat diese beiden Methoden mit folgen-
dem Ergebnis angewandt (67):

Bei der Untersuchung des Vokabulars rûckte das Werk ans Ende des 4. Jahrh.' Der Ver-
gleich mit anderen BUchem des C. H. und die Ableitung der Coac. aus ihnen' bestâtigen

53 Die Mifibildung ist âhnlich jener Kantinenvorschrift „Entnommene Speisen verpflichten


zum Kauf', die sich etwa in der Mainzer Mensa vielfach findet.
54 Zu einem âhnlichen Phânomen vgl. das unten zu den Aphorismen Gesagte.
56

wohl diesen Ansatz. Die Quellen der Sammlung diirften bis zu den 40er Jahren des 4.
Jahrh. entstanden sein, vielleicht als letzte Aph. und Prorrh. 1. ,

Damit wâre die Schrift Koische Prognosen in die letzten drei Jahrzehnte des 4.
Jh. v.Chr. zu datieren.
Die Frage nach dem Zweck der Schrift wird von Pôppel nicht eingehend dis-
kutiert. Aus einigen Bemerkungen, besonders beim Vergleich mit anderen
Werken, wird jedoch klar, daB er sie fur eine Art prognostisches Handbuch hait,
in dem ein bereits fortgeschrittener, praktizierender Arzt die Prognose fur be-
stimmte Symptôme nachschlagen kann.55 Diesem Zwecke dient sowohl der
klare Aufbau, der, nach groBen Symptomgruppen geordnet, eine rasche Orien-
tierung ermôglicht, wie auch die knappe, formularhafte Diktion,36 die uns be-
wog, dieses Werk hier zu besprechen.
Wichtig ist, daB wir mit diesem Werk in einer Phase der griechischen Wis-
senschaft stehen, die eindeutig literarische Texte verarbeitet, exzerpiert und neu
gruppiert. Dies wird an den vielen Parallelen erkennbar, die die Koischen Pro-
gnosen weniger als ein durch Beobachtungen stetig erweitertes Handbuch er-
scheinen lassen, sondem vielmehr als ein Ergebnis literarischer Kompilation.
Die aphoristische Stilisierung ist dabei als ein Mittel der Kondensation und
Konzentration aufs Wesentliche gebraucht, zugleich aber als ein stéréotypés
Formular, das die schnelle Orientierung im Text erleichtert.

Bei den Aphorismen handelt es sich um eine Sammlung von knappen Bemer-
kungen, die in den Handschriften in der Regel in sieben Abschnitte mit jeweils
zwischen 25 und liber 80 Aphorismen eingeteilt sind. Zwar lassen sich inner-
halb der Sammlung einzelne Abschnitte als thematische Einheiten abgrenzen,"
aber insgesamt muB man feststellen, daB keine klare Ordnung erkennbar ist.
Die Schrift beginnt mit jenem beruhmten Satz, der zum geflugelten Wort ge-
worden ist (1,1 = IV,458,lff. L.): " ~ ~
ô Skoç poaxûç, f| ôè TéxvT] paKpf|> à ôè KCHQÔÇ ô£,ùç, f| ôè rrelga oipakeçrj, f) ÔÈ
Kploiç x"7xin']. ôet ôè où pôvov éiûirrôv Jtaçéxav r à ôéovra Mxéovta, àXkà Kai TÔV
vooéovra Kal toùç tcapeôvraç Kai t à ëfjcûhev.58
Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang, der rechte Augenblick geht schnell voruber; die Er-
fahrung ist trllgerisch, die Entscheidung schwierig. Der Arzt muB nicht nur seibst bereit

55 Vgl. etwa Pôppel, 64: „Die Coac. tragen damit deutlich den Charakter eines allgemeinen
Handbuches der Prognose, das dem Arzte, der allein unmôglich das gesamte Gebiet (lber-
schauen und beherrschen konnte, als stets bereites Nachschlagewerk dienen sollte."
56 Pôppel spricht 65 sogar einmal von „Lexikon-Artikeln".
57 So haben etwa die Aphorismen 111,1-23 aile mit den Einflùssen der Witterung auf die
Krankheiten zu tun, 111,24-31 dagegen befafit sich mit den einzelnen Altersstufen des Men-
schen und den jeweils zu erwartenden Krankheiten. Vielleicht ist hier an eine Parallelisie-
rung von Jahreszeiten und Lebensaltem gedacht, die aber nirgends ausdrUcklich vollzogen
wird.
58 Ich gebe hier und im folgenden den Text von Jones (wie Anm. 48), 98ff.
Die aphoristisch stilisierten Schriften des Corpus Hippocraticum 57

sein, das Erforderliche zu tun, sondern auch der Kranke, seine Umgebung und die auBe-
ren Umstânde miissen dazu beitragen.59

Der erste Satz, der nach Galens Zeugnis auch als einzelner Aphorismus abge-
grenzt wurde,60 beginnt in groBer Allgemeinheit und mit der typischen antitheti-
schen Gegenuberstellung, die fiir viele solcher aphoristischen ÂuBenmgen cha-
rakteristisch ist. Er setzt die Kiirze des Lebens zur Lange der ârztlichen Kunst
in Gegensatz, um damit anzudeuten, daB es einen groBen Aufwand kostet, sich
die Medizin als Fach anzueignen. Die folgenden, einfach angereihten Satzglie-
der brechen aus diésem antithetischen Schéma aus, indem sie zwei Schwierig-
keiten nennen, die sich bei der Ausûbung der ârztlichen Tâtigkeit als besonders
gravierend darstellen und die wohl als Belcg dafïir gelten sollen, wie schwer die
Medizin zu erlemen ist: Der genau richtige Augenblick des ârztlichen Eingriffs
ist von âuBerster Bedeutung und exakt festgelegt, kann aber nur schwer erkannt
werden.
Der zweite Satz wechselt von der Aussage zur Anweisung (bel). Er nennt die
Faktoren, die fiir den Erfolg der ârztlichen Bemùhungen relevant sind: Der Arzt
gehôrt selbstverstândlich als erster genannt, aber er muB auch den Kranken,
dessen sdziales Umfeld und aile auBerhalb der Person liegenden Umstânde
benicksichtigen. Diese Anweisung an den Arzt erinnert in Form und lnhalt an
die Epidemien 1,11, die wir oben besprochen haben; allerdings waren dort ande-
re Faktoren als hier aufgezâhlt worden.
Der Stil dieses ersten Aphorismus ist wenig ausgefeilt, es uberwiegt die auf-
zahlende Reihung. Im ersten Satz tritt die aphoristische Stilisierung durch das
Fehlen eines Verbums und die Antithese stârker hervor. Der zweite Satz ist
syntaktisch vollstândig und wenig anspruchsvoll formuliert. Weil der Arzt und
seine Tâtigkeit betont am Anfang stehen, scheint sich die Schrift an Àrzte zu
wenden, denen Anweisungen zur Ausûbung ihrer Tâtigkeit gegeben werden.
Wegen der Allgemeinheit seiner Aussage scheint weiterhin der erste Aphoris-
mus bewuBt an die erste Stelle gesetzt zu sein. Der zweite Aphorismus nâmlich
geht ohne Umschweife médias in res (1,2 = IV,458,5ff. L.):
èv Tfjoiv TaoaxfjcTi r f j ç KOIXÎTIÇ m i TOÏOIV spÉtoioi TOÎOIV aùtopétoLoi yivopévoioiv,
rjv pèv o l a ôeî KaÔaÎQecrOûu. Kaûaîgcovrai, aupcpcoet TE m l EtKpôgox; <pÉçowiv fjv ôè
pf|, Toùvavrîov. oi'mn m i KEVsayyiri, pv pèv ota 5et yîvecr&ai yîvr|Tai, avpcpépa TE
m i Eixpôpax; (pépoixjiv rjv ôè pf|, Toùvavrîov. Èja(J7ÉITELV ouv ÔEÎ m i C5QT]V m i
XCÙOT1V m i fiXj.Kiriv m i voùaouç, èv fjoi ôeî p où.
Wenn bei Verdauungsstôningen und bei spontan auftretendem Erbrechen das abgefUhrt
wird, was abgefilhrt werden muB, ist es niltzlich, und die Kranken ftlhlen sich besser,
wenn aber nicht, ist das Gegenteil der Fall. So ist es auch bei der ktlnstlichen Entleerung:
wenn sie richtig vor sich geht, ist sie niltzlich, und die Kranken filhien sich bessêr, wenn
nicht, ist das Gegenteil der Fall. Man muB auch auf das Land, die Jahreszeit, das Le-

59 Ûbersetzung von H. Diller in: Hippokrates. Ausgewâhlte Schriften. Aus dem Griech. Ubers,
v. H. D., miteinem bibliographischen Anhang von K.-H. Leven, Stuttgart 1994,192.
60 Comm. in llippocratis Aphorismos, ed. Kiihn, Leipzig 1829 (Nachdr. Hildesheim 1965),
Bd. XVII,2, S. 346, lf.
58

bensalter und die Krankheiten achten, in denen man diese Behandlung vornehmen mufi
oder nicht.61 •

An diesem 'Aphorismus' ist auffallig, wie wenig aphoristisch - im eingangs


definierten Sinn - er stilisiert ist. Es handelt sich vielmehr um einen kleinen
Textabschnitt, der mit grofier Ausfiihrlichkeit, ja Rédundanz formuliert ist. So
ist etwa im ersten Teilsatz yivogévoiOLV eigentlich entbehrlich, ebenso im er-
sten Konditionalsatz KaÔaîgecrdat. Der zweite, vollstandig parallel gebaute
Satz kônnte ohne Schaden verkiirzt werden auf die drei Worte oiftco KM KE-
veayyiri, oder man hàtte diese Behandlungsmethode gleich mit in den ersten
Satz hineinnehmen kônnen. Passender ist da schon das Ende des Textes: Dem
letzten Teilsatz Ëv fjoL ôet... fehlt das logische Subjekt „Behandlung", das aus
dem Voraufgehenden erschlossen werden mufi. Wir erkennen an dieser Passa-
ge, daB es dem Autor offenbar nicht darum ging, den aphoristischen Stil um
seiner selbst willen zu benutzen, wie dies etwa in xeot tgocpfjç zu beobachten
war, sondem daB er eine Sammlung von medizinischen Erkenntnissen in knap-
per Lehrsatzform zusammenstellen wollte, die fîir sich jeweils durchaus leicht
verstàndlich sein sollten.62 Aus Formulierungen wie ota ôeï KaftalgEaftai usw.
wird iibrigens erneut deutlieh, daB der Autor sich als Spezialist an Fachleute
wendet, denn fur einen Anfànger und- Fachfremden sind solche Wendungen
ohne Angabe dessen, was denn genau die zukômmliche Art der Reinigung sei,
nutzlos. ..
Im weiteren Verlauf der Sammlung werden Wiederholungen nicht immer
vermieden. So ist etwa in 1,7 davon dieRede, daB bei einer Krankheit, die ihren
akuten Hôhepunkt erreicht, eine strikte Diàt anzuwenden sei (Kai r j j èaxàtcoç
ÂejtTOTdTT] ôiaiTT] àvayKaïov XQfjcr&at). 1,8 hat denselben Inhalt, nur etwas
anders ausgedriickt: ÔKÔtav àKfiàÇfl t à vôoqjia, t a r e ÂxjttotàtTj ôiaittj
àvayKaïov xofjaôai. „Wenn die Krankheit ihren Hôhepunkt erreicht hat, muB
die strikteste Diât gebraucht werden." 1,25 heiBt es: fjv ota àeï Kaftalgeaftai
Kadaigcùvcai, atyicpégei t e Kai ewpôgooç cpéçouaiv t à Ô' èvavria,
ôuaxegcôç. Dies ist, mit geringsten Abwandlungen, eine Wiederholung eines
Teils des Aphorismus 1,2. Ganz âhnlich lautet IV,3 63
Wichtig ist weiterhin, daB die Aphorismen eine Reihe von Parallelen zu an-
deren Schriften des Corpus aufweisen. So lautet etwa der Aphorismus 111,11
(IV,490,2fF. L.):

61 Ubersetzung erneut von Diller (wie Anm. 59), 193.


62 Zu Recht sagt daher Jones vol. IV (wie"Anm. 48), XII: „It is interesting to note that the
author, or compiler, of Apkorisms, who was a really great scientific thinker, while adopting
the oracular aphorism as a médium of expression, and keeping the lofty style appropriate to
it, makes no use of intentional obscurity, realising, consciously or unconsciously, how un-
suitable it is in a work intended to instiuct médical s tu dents and practising physicians."
63 VII,46 entspricht mit wenigen Ànderungen VI.3I; VII.71 ist eine erweiterte Fassung von
11,9; VII,72 entspricht 11,3; VII,73 entspricht IV,48; VII.74 entspricht IV,49.
Die aphoristisch stilisierten Schriften des Corpus Hippocraticum 59

Jteoi ÔÈ TWV fflpécov, fjv pèv ô getiubv aùxpppôç Kai pôpetoç yévr|Tai, TÔ ôè ëag
«toppgov Kal vôtiov, àvàyKp Toi) Oéçcoç migeTOÙç ôÇéaç, Kai ô(pOakptaç, Kai Ôua-
evtegîaç ytveoOat, pâXcoxa Tfjoiv ywaiÇi Kai TOÏÇ ûypàç è'xouoi xàç (pûoiaç.
Uber die Jahreszeiten: Wenn der Winter trocken und nôrdiich wird, der Friihling aber
regnerisch und siidlich, dann mtlssen im Sommer akute Fieber, Augenkrankheiten und
Verdauungsstôrungen entstehen, hauptsâchlich bei Frauen und denjenigen mit feuchter
Natur.

Diese Passage ist nahezu wortlich aus oregl àégcùv, ûôdttov, xôxcov Kap. 10
entnommen (46,22ff. Diller = II,42,I3ff. L.), wobei einige aitiologisch aus-
gerichtete Sâtze vom Autor der Aphorismen ausgelassen worden sind. In âhnli-
cher Weise ist der folgende Aphorismus 111,12 aus Jteol àégcov, ûôaTcov,
TÔJtœv Kap. 10 entnommen (48,I3ff. Diller = 11,44,13ff. L.), wenngleich er sich
im Wprtlaut etwas weiter von seiner Quelle entfernt. Aphorismus VI,52
$V,576,9ff. L.) ist fast identisch aus dem zweiten Kapitel der Schrift Progno-
stikon entnommen (ll,10,35ff. Jones = II,116,llff. L.). Es gibt aber nicht nur
Parallelen zu ausformulierten Prosatraktaten, sondem auch zu anderen Apho-
rismensammlungen, so etwa zu den Koischen PrognosenDie Parallelen zu
den Epidemien hat A. Roselli einer genaueren Untersuchung unterzogen.65 Sie
gelangt dabei zu dem Ergebnis, daB die Aphorismen eine bisweilen verzerrende
Interprétation der Epidemien bieten und daB das ganze Verfahren des Exzerpie-
rens ein eher literarisches als aus der medizinischen Praxis hervorgegangenes
Unterfangen gewesen sei:

Aphorisms are an interprétation, sometimes a distorting one, of the written tnaterial of


Epidémies ... Aphorisms are nearer to the written word (with ail the possibilities of mis-
understanding) than to the practice of medicine: and Epidémies has been used as a source-
book weil suited to this opération.66

Mit' dieser Deutung ist die Frage angesprochen, welchen Zweck der Autor der
Aphorismen im Sinn hatte, als er sein Werk verfafite.
Zur Beantwortung dieser Frage kann von Galens groBem Epidemienkom-
mentar ausgegangen werden, der zuletzt von Kiihn in Bd. XVII,2 und XVIII, 1
seiner Gesamtausgabe ediert worden ist." An verstreuteri Stellen àuBert sich
Galen dort dazu, wie er oder andere die offenbar bereits zu seiner Zeit hàuftg
kommentierten Aphorismen einschâtzen. XVII,2, S. 35I,18fF. pflichtet er einer
Auffassung bei, die den aphoristischen Stil aïs ein Mittel dazu ansieht, in kurzer

64 Ein Vergleich beider Werke fïndet sich bei Pôppel (wie Anm. 49), 56ff., eine Zusammen-
stellung der Parallelen ebd., 57: Aphor. 11,23 entspricht Coac. 143; Aphor. V,2 Coac. 349
und 496, etwas variiert ist Aphor. IV,22 in Coac. 68, Aphor. V,3 in Coac. 332 etc.
65 A. Roselli, Epidémies and Aphorisms: Notes on the History of Early Transmission of Epi-
démies, in: Baader/Winau (wie Anm. 9), 182ff. Aphor. III,8f. ist parallel zu Epid 11,1,4-5;
Aphor. 11,11-13 sind parallel zu Epid. 11,2,9 und Epid. 11,3,8 und Epid. VI,2,10.
66 Roselli (wie vorige Anm.) 187 und 190.
67 Claudil Galeni Opéra Omnia ed. C. G. Kiihn, Bd. XVII,2, Leipzig 1829 (Nachdruck Hil-
desheim 1965), 345ff.
60 Jochen Althoff

Zeit eine stofflich ausgedehnte Techne zu erlemen.68 Ob diese Deutung des er-
sten Aphorismus ihre sachliche Berechtigung hat, mag recht zweifelhaft er-
scheinen. iinmerhin gehen bei der aphoristischen Verktirzung j a, wie vor allem
Roselli gezeigt hat, bisweilen wesentliche Informationen verloren.
Besonders instruktiv fur die mijîverstandliche Verktirzung ist das von Roselli
herangezogene Beispiel von Aphorismen 11,11 (IV,472,8 L.): 6 ' oâov jrXr|OOij-
aftai jroTOtj rj airîot) „Es ist leichter, sich mit Trank zu fullen als mit Speise."
In den Epidemien 11,2,9 (V,88,llf. L.) heiBt dies: £QC0Tf)paTa' ei Qf|iov àei
^kriQotioOaj. JCOTOTJ f j oitou; „Frage: ist es jeweils leichter, sich mit Trank
oder mit Speise zu fullen?" Nun kônnte man wie Galen meinen, daB der Autor
hier eine ffiiher als Frage formuherte Ungewiflheit spâter im Sinne der ersten
Môglichkeit entschieden habe.70 Roselli hat jedoch gezeigt, daB èQtbrripa nie-
mais eine Frage meint, die der Arzt sich selbst vorlegt, sondem daB es sich um
eine Frage handelt, die der Arzt dem Patienten stellen soll. Damit erweist sich
die Umsetzung der Epidemienpassage schlicht als gravierendes MiBverstand-
nis. Die Kunst wird also nicht komprimiert, sondem Verfalscht. Unter diesem
Blickwinkel wird es zweifelhaft, ob es dem Autor gelungen ist, ein verkiirztes
und handliches Kompendium aller Aspekte der Medizin zù schaffën.
XVII,2, S. 355,6ff. K. listet Galen drei weitere Intentionen auf, die nach sei-
ner Auffassung mit dem knappen aphoristischen Stil angestrebt werden: Er-
stens sei er zum ersten Erlemen geeignet, zweitens zur Vertiefung des bereits
Gelemten, drittens zur Wiedererinnerung an vergessenes Wissen.71 In diesen
Bemerkungen steht also die didaktische Funktion der Aphorismen im Vorder-
grund. Auch hier stellt sich natiirlich dieselbe sachliche Schwierigkeit, daB
nâmlich die stark verktirzten 'Merksâtze', wenn man sie so nennen soll, allein
fur sich nur eine unzureichende Grundlage vermitteln. Wenn man indes, wie
Galen dies zweifellos im Sinn hat, an eine stetige ârztliche Praxis des Adepten
unter Anleitung durch einen alteren Arzt denkt, der die fehlenden Informatio-
nen ergânzen konnte, so ist solch eine Funktion der Aphorismen durchaus
denkbar. Immerhin ist ja auch ein Kommentarwerk wie das Galens daraus er-
wachsen, daB die Aphorismen offenbar einer Erlàuterung bedurften. Galen hâtte
dann gleichsam in die Schriftform umgesetzt, was vormals miindlich erlâutert
wurde. Man muB jedoch bei Galens Beurteilung der Schrift den Vorbehalt ma-
chen, daB er selbst eine eigenstandige Konzeption von der medizinischen In-
struktion durch Schriftwerke hatte, die er in die hippokratischen Werke hinein-

68 TÔ te yàQ otcpoçioTiKov elôoç rfji; âiftaotcaWaq, onzç ècrri TÔ ôià Ppaxirrâtcov cûtavra
Ta TOO jtQâygatoç iôia XCQIOQÎZSIV, xenoigcoraTov Tip fknAopévrp paxeàv TÉxvr|v ÔI-
ôâ^cu èv xqôvcp pgaxeî.
6 9 Roselli ( w i e A n m . 6 5 ) , 186f.
7 0 C M G V , 1 0 , l S. 2 0 5 , 1 8 .
71 xetj<xpov ôè tô Katakuieîv ofuyyeâpgaTa Kai paix erra tà aûvropà TE Kai àtpoQumKtr
EÏÇ TE yào aùrf|v TT|V XDÔTTIV gahriaiv Kai eiç Tfjv mv epafté tiç .àKpekridfjvai pvijpr)v
Kai EIÇ TT)V CDV ÈJTEJUXDETÔ TIÇ petà RAVRA àvàgvriaiv Ô TOIOOTOÇ TQÔrtoç xfjq ôiôaa-
KaXîaç éjtLTrjôEioq.
Die aphoristisch stilisierten Schriften des Corpus Hippocraticum 61

spiegelt.72 Insoweit kann er nicht als authentischer Zeuge fiir das Verstandnis
der hippokratischen Aphorismen gelten.
Da der Autor der Aphorismen uns liber seine Intentionen im dunkeln lâJît,
muB diese Frage Ietztlich offen bleiben. Erkennbar ist jedenfalls, daB hier ein
literarisches Phânomen zu konstatieren ist, insofem Exzerpte aus anderen
Schriften ausgezogen wurden, die der Autor offenbar fur wichtig und des No-
tierens wert hielt. Soweit ist hier mehr ein 'Schreibtischmediziner' als ein
Praktiker am Werke, dessen letzte Intention indes unklar bleibt.
. Es muB nattirlich auch damit gerechnet werden, daB hier (wie bei den ande-
ren besprochenen Schriften auch) nicht ein einzelner Autor am Werke war,
sondern die Schriften Zug um Zug erweitert wurden. Beispiele fur eine solche
Art der Umarbeitung und Erweiterung hâben wir am Anfang von De diaeta in
acutis morbis (11,224,lff. L. = Fr. 10 Grensemann73) fiir die sog. 'Knidischen
Gnomen' bezeugt, fur die man wohl. eine âhnlich kleinteilige Struktur anzu-
njehmen hat wie etwa fur De Morbis II und vergleichbare nosologische Werke.
•Dort wird von den ovyYQdtt|xivTeç und den UOTEOOV èmôtaaKevàaavreç
(„den spâteren Uberarbeitern") - immer im Plural - gesprochen. Mit den ge-
nannten Werken befîndet man sich wahrscheinlich in einer fruhen Zeit, etwa
der Mitte des 5. Jh. v.Chr., fur die eine solche Praxis also bereits bezeugt wëre.
Damit stellt sich schlieBlich auch die Frage der Datierung der Aphorismen.
Auch diese Frage ist Ietztlich aufgrund des geschilderten Befundes nicht sicher
zu entscheiden. Roselli hat nach Deichgraber betont, daB sie aufgrund ihrer
Untersuchung der Paraftelen zu den Epidemien die Aphorismen fiir das spâtere
Werk hait.74 Es fînden sich nun in den Aphorismen nur Ausziige aus den Epi-
demienbiichern II, IV und VI. Diese Gruppe stellt nach àlterer Auffassung
chronologisch die mittlere Gruppe der Epidemien dar, ich halte sie mit einigen
neueren Forschern gar fur die âlteste. Die Bûcher V und VII sind die jungsten
und durch verschiedene Schlachten, auf die in ihnen angespielt wird, ziemlich
genau in das Jahrzehnt zwischen 358/7 und 348/7 datierbar.75 Dies hat Deich-
graber veranlafit, die Aphorismen auf die Zeit vor der Entstehung der Epidemi-
enbûcher V und VII zu datieren, wobei hier durch die wieder im FluB befindli-
che Datierung der Bûcher II, IV und VI ein groBes Spektrum verbleibt. Man
wird das Argument Deichgrâbers zumindest fur den Kem der Aphorismen ak~
zeptieren (spâtere Ùberarbeitungen entziehen sich ohnehin einer genaueren
zeitliçhen Festlegung) und grob sagen kônnen, daB die Aphorismen im wesent-
lichen in der 1. Hâlfte des 4. Jh. verfaBt sein diirften.

72 Vgl. dazu den Beitrag von C. Oser-Grote in diesem Band, S. 95ff.


73 H. Grensemann, Knidische Medizin Tl. I: Die Testimonien zur âltesten knidischen Lehre
und Analyser! knidischer Schriften im Corpus Hippocraticum (Ars Medica, 11. Abt., Bd.
4,1), Berlin/New York 1975,21ff.
74 Roselli (wie Anm. 65), 187. K. Deichgraber, Die Epidemien und das Corpus Hippocrati-
cum, Berlin 1933, 171.
75 Vgl. etwaJ. Jouanna, Hippocrate, Paris 1992, 538.
62 Jochen Althoff

Ich versuche abschlieBend, die Ergebnisse der Untersuchung zusammenzufas-


sen. Wir waren von den aphoristischen Einlagen der Epidemienbiicher ausge-
gangen und hatten gesehen, daB sie am ehesten aus dem Kontext der notizarti-
gen Krankengeschichten zu erklâren sind, aus denen die Epidemien bestehen.
Die notizartige Auflistung von Kxankheitssymptomen und -verlàufen hatte es
nahegelegt, daB der Autor bisweilen auch iibergeordflete Untersuchungsge-
sichtspunkte in seine Krankengeschichten einfugte. Diese haben naturgemâB
einen allgemeineren Charakter als die individuellen Krankengeschichten. Von
da ausgehend gab es eine zWeite Gruppe von Bemerkungen, die eine Art theo-
retischer Reflexionen uber die ârztliche Tâtigkeit enthalten. Der Zusammen-
hang dieser Aussagen mit den sie umgebenden Krankendossiers ist noch locke-
rer als bei der ersten Gruppe. Ich hatte vermutet, daB der Autor mit solchen
Aphorismen nicht mehr Ziele verfolgt, die mit der Materialsammlung und ihrer
theoretischen Aufarbeitung verbunden sind, sondem môglicherweise auf ein
Rezeptionsumfeld reagiert, das an philosophische Schriften gewôhnt ist, so daB
er sich verpflichtet fîihlt, allgemeinere Ûberlegungen in sein Werk aufzutieh-
men, die aber denrtoch stilistisch an ihr Umfeld angeglichen sind. Hier ist also
der Notizstil die Wtirzel aphoristischer Stilisierung.
Den Hauptteil der Untersuchung nahm die heraklitisierende Schrift De ali-
mente> ein, weil es sich bei ihr um ein sehr eigentumliches Werk handelt. Hier
hatte eine Auseinandersetzung mit der neusten Forschung, die die Schrift als
ein Dokument skeptisch beinfluBten Denkens erklâren wollte, ergeben, daB es
besser ist, die heraklitisierende Stiltendenz als eine Stîlmanier zu betrachten,
die auf einen ungeeigneten Inhalt ubertragen worden ist. Dies mag, wie Teile
der Schrift De victu zeigen, eine Zeitlang im 4. Jahrhundert v.Chr. im Zusam-
menhang mit diàtetischen Fragestellungen Mode gewesen sein; nirgends ist
diese Manier indes so weit getrieben worden wie in der Schrift De alimento.
Das wirkt deshalb so frappierend, weil man gerade bei der schriftlichen Be-
handlung eines Sachthemas erwarten sollte, daB eine moglichst grofie Klarheit
der Darstellung herrscht. Hier ist genau das Gegenteil geschehen; durch bewuB-
te Vèrrâtselung versucht der AutOr offenbar, die Attraktivitat seines Textes zu
erhôhen. Mit dieser Intention lehnt er sich vermutlich an Heraklits Zielsetzung
an, der durch Anleihen bei der Orakélsprache seinetti Text vielleicht nicht nur
einen Offenbarungscharakter geben wollte, sondem auch seine Attraktivitat
jedetlfalls bei denjenigen steigem wollte, auf die es ihm als Publikum ankam.
(Aber bei der Beurteilung Heraklits ist naturlich groBe Vorsicht gèboten.) Auch
thematisch ist eine gewisse Verbindung mit den Fragestellungen der Vorsokra-
tiker gegeben, wobei jedoch gerade Heraklit eine Ausnahme macht, insofem er
an der Behandlung von Sachthemen offenbar wenig Interesse hatte.
Die Koischen Prognosen bieten eine Sammjung knapper Sentenzen, die die
Prognose einer Krankheit ermoglichen sollen. Da die Prognose fur den antiken
Arzt wegen einer fehlenden staatlich geregelten Approbation ein wichtiges Feld
Die aphoristisch stilisierten Schriften des Corpus Hippocraticum 63

seiner Tàtigkeit war, wird hier ein zentrales medizinisches Thema in knapper
Art abgehandelt. Die Schrift ist von klarem Aufbau und erscheint so als ein
Handbuch und Nachschlagewerk, in dem der Arzt den weiteren Verlauf eines
Symptomkomplexes erfahren kann. Die Schrift ist wahrscheinlich das Produkt
einer Spàtzeit (der letzten drei Jahrzehnte des 4. Jh. v.Chr.), was unter anderem
daran erkennbar wird, daB der Autor offensichtlich andere, uns noch vorliegen-
de hippokratische Werke exzerpiert hat. Der aphoristische Stil ist also ein Mit-
tel der Kondensation und Konzentration, wobei bisweilen gewisse stilistische
Unebenheiten in Kauf genommen werden, die aber das Verstandnis insgesamt
kaum erschweren.
Die Aphorismen selbst sind nicht sehr von den Koischen Prognosen ver-
schieden. Auch sie sind eine Sammlung'von Exzerpten, die aus anderen, uns
teilweise erhaltenen Schriften ausgezogen sind. Die aphoristisch stilisierten
Sentenzen erreichen bisweilen thematisch ein etwas allgemeineres Niveau, wie
besonders der erste Aphorismus erkennen lâfit. Hier scheint eine Anlehnung an
entsprechende Sentenzen der Epidemienbucher eine Rolle zu spielen, die sich
auch im einzelnen nachweisen lâBt. Auffallig ist, daB beim Vorgang des Ex-
zerpierens bisweilen gravierendere MiBverstandnisse unterlaufen sind, aïs dies
in den Koischen Prognosen festzustellen war. Zudem sind die Aphorismen
nicht so sehr auf den Bereich der Prognose ausgerichtet, sondem bieten aus
âllen Gebieten der Medizin entnommene Sâtze. Es ist daher schwerer, die In-
tention zu bestimmen, die den Autor bei der Zusammenstellung der Sammlung
geleitet haben mag. Er scheint sich an Àrzte zu wenden, wie aus einigen For-
mulierungen erkennbar wird, die ohne besondere Kenntnisse nicht zu verstehen
sind. Ob er jedoch ein Lehrbuch schreiben wollte, wie Galen annahm, oder ein
Handbuch fur bereits ausgebildete Arzte, ist schwer zu sagen. Es ist auch nicht
ausgeschlossen, daB es dem Autor iiberhaupt weniger um die praktischen Be-
lange der Medizin ging, sondem mehr um ein auf literarischer Ebene angesie-
deltes Kompilationsunternehmen.
Es zeigt sich also, daB sich hinter der Fiille von auf den ersten Blick recht
âhnlich aussehenden aphoristischen Schriften des Corpus Hippocraticum unter-
schiedliche Typen verbergen, die im einzelnen sicher noch weiter ausdifferen-
ziert werden kônnten. Bei ihrer Ausbildung spielen sowohl originâr wissen-
schaftliche Interessen eine Rolle (Notizstil in Krankengeschichten) wie auch
aufierwissenschaftliche, literarische oder philosophische AnstôBe, auf die die
Autoren reagieren. Wenn man bedenkt, dafl gerade im Hellenismus ein uns
heute bisweilen bizarr anmutendes Interesse fur die literarische Formung trok-
kenster Sachbereiche bestanden hat (Nikander von Kolophon, Arat), so kann es
nicht uberraschen, daB im Bereich der Medizin Autoren des 4. Jh. v.Chr. âsthe-
tisch ansprechende und dem Geschmack eines breiteren Publikums sich andie-
nende Schriften verfaBt haben.