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Revolution in Deutschland
und Europa 1848/49

Herausgegeben von
Wolfgang Hardtwig

Vandenhoeck & Ruprecht


98. Umschlagbild:
t Blum's letzter Kampf für Deutschland's Freiheit.
zu Wien, den 28lcn Qclober 1848.
31782 Historisches Museum Frankfurt am Main;
Fotograf/ in: 5eitz-Gray_

Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme

Rl"VOirltiOIl ill Deutschlond U/zd Ell ropa 1848/49 /


hrsg. von Wolfgang Hardtwig.-
Göttingen : Vandenhoeck und Ruprecht, 1998
(Sammlung Vandenhoeck)
ISBN 3-S25-Dl368-X

1i:l 1998 Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen


Printed in Germany. - Das Werk einschließlich aller seiner Teile
ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb
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Satz: Satzs piegel, Bovenden
Druck- und Bindearbeiten: Hubert & Co" Gö ttingen

Bayerfsche
Stastsblbllolhek
München
00049~7b

Inhalt

Woljga"g Hardtwig
Einleitung ...................... , ... , .. , , ... , . , . . ..... 7

Laurenz Demps
18. März 1948. Zum Gedenken an 100 jahre
Märzrevolution in Berlin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 11
Peler Niedermiiller
Geschichte, Mythos und Politik. Die Revolution
von 1848 und d as historische Gedächtnis in Ungarn ...... 32

Woljga"g Kascllllba
1848 / 49: Horizonte politischer Kultur ........... . , ...... 56

Woljgang Hardtwig
Die Kirchen in der Revolu tion 1848/ 49.
Relig iös·politische Mobilisierung und Parteienbildung .... 79

Rillf P'öve
Politische Partizipa tion und soziale Ordnung.
Das Konzept der ).volksbewaffnung'( und die Funktion
der Bürgerwehren 1848/ 49 . .. . ....................... 109
Rüdiger vom Bruch
Die Universitäten in d er Revolution 1848/49. Revolution
ohne Universität - Universität ohne Revolution? ........ 133

Konrad Canis
Die preußische Gegenrevolution. Richtung und Haupt-
elemente der Regierungspolitik von Ende 1848 bis 1850 .. 161

Heinrich August Wink/er


Der überforderte Liberalismus. Zum Ort der Revolution
von 1848/ 49 in d er d eutschen Geschichte ...... ...... ... 185

Ganter Schödl
Jenseits von BürgergeselJschaft und nationalem Staat:
Die Völ ker Ostmitteleuropas 1848 / 49 ................. . 207
()()()49~7b

6 Inhalt

Ludmi/a Thomas
Russische Reaktionen auf die Revolution von 1848
in Europa ....................................... .... 240
Hartmut Knelble
1848: Viele nationale Revolutionen oder eine europäische
Revolution? .............................. . ...... ... 260

Autorin und Autoren .... . .. . . ... . . .. .. . . ... . ... ... .. 279


00049~7h

Einleitung

Der vorliegende Band vereinigt Studien zur Geschichte der Re·


volution 1848 / 49 in Deutschland und Europa aus Anlaß d es
hundertfünfzigjährigen Jubiläums der Revolution. Sie ents tan·
den aus einer Ringvorlesung, die im Wintersemester 1997/ 98
an der Humboldt-Un iversität zu Berlin gehalten w urde. Der
Stand ort der Universität Unter den Linden, schräg gegenüber
dem ehemaligen Schloßplatz, verpflichtete gleichsam dazu.
Berlin war 1848 ein zentraler Handlungsort. lm TIergarten
westlich des Brandenburger Tors fanden seit Anfang März die
Volksversammlungen statt, bei d enen die populären liberalen
und demokratischen Forderungen erhoben wurden. Von hier
aus bewegten sich mehrfach Demonstrationszüge zur Innen-
stadt, bei denen »die Straße« zum Schauplatz des revolutionä-
ren Geschehens wurde. Die nach den fatalen Schüssen auf dem
Schloßplatz am 18. März losbrechenden Barrikadenkämpfe bil-
deten den Auftakt für gewaltsame Unruhen auch in anderen
Teilen Deutschlands. Wenn es der Revolution auch an einer ge-
samtdeutschen Zentrale ge fehlt hat, so entwickelte sich hier
doch - ebenso wie in Wien - eine zunächst revolutionäre, dann
gegenrevolutionäre Dynamik, die auf die anderen Staaten und
Hauptstädte des Deutschen Bundes ausstrahlte.
Berlin war freilich nicht nur ein zentraler Handlungsort in der
Revolution, sondern auch der wichtigste Ort der Erinnerung an
die Revolution und ihre Bedeutung für die deutsche Geschichte
im weiteren Verlauf des 19. und im 20.Jahrhundert. 1948, beim
hundertjährigen Jubiläum, geriet das Gedächtnis an die revolu·
tionären Ereignisse in die Konfrontation des Kalten Krieges hin·
ein . In ungewöhnlich direkter und massiver Weise versuchte die
SED in der politisch noch nicht geteilten Stadt, die kollektive
Erinnerung in ihrem Sinne zu gestalten und für ihre politischen
Zwecke zu instrumentalisieren. Die übrigen Parteien unter Füh·
rung der SPD erkannten die Dimension einer solch einseitigen
geschich tspolitischen Vereinnahmung spä t, aber gerade noch so
rechtzeitig, daß sie eine exklusive An eignung des historischen
Erbes durch die SED verhindern konnten.
()()()49~76

8 Wolfgang Hardtwig

Das hundertfünfzigjährige Jubiläum der Revolution find et in


einer weniger zugespitzten, wenn auch keineswegs beruhigten
politischen Atmosphäre statt, gerade wenn man vom histo ri·
sehen Handlungs· wie auch Ermnerungsort Berlin ausgeht . Es
bietet jedenfalls weniger Anlaß für eine aktuell·politische Über·
frachtung und für grundsätzliche geschichtspolitische Kontro·
ve·rsen. Mit dem endgültigen Übergang des wiedervereinigten
Deutschland zur repräsentativen Demokratie 1989/90 hat sich
die historiseh·politische Bewertung der liberal-d emokratischen
Mehrheit von 1848/ 49 endgültig ins Positive gewendet, na ch·
dem in der Einschätzung der revolutionären Ziele und Mög-
lichkeiten zwischen Historikern und politischen Erbeverwal-
tern aus d er Bundesrepublik und der DDR noch erhebliche Di-
vergenzen bestanden hatten.
Die Revolution gilt jetzt als eine wesentliche Etappe auf dem
Weg Deutschlands zur parla mentarischen Demokratie und zu
einem partizipativen Nationalstaat - ungeachtet ihrer Erfo lglo·
sigkeit. Sie konnte ihre Ziele unmittelbar so gut wie nirgends
erreichen - weder was die nationale Einheit noch was ih re frei-
heitspolitischen Forderungen angeht. Gleichwohl ist die gäng i-
ge Rede von ihrem »Scheitern« in den letzten Jahren vielfa ch
modifiziert worden. Die Revolution bewirkte den - mehr oder
weniger- retardierten Übergang der vor konstitutionellen größ.
ten heiden deutschen Staaten, Preußens und ÖSterreichs, zur
Verfassungsstaatlichkeit; sie praktizierte in der Paulskirche und
in den ei nzelstaatlichen Versa mmlungen vielfach Formen eines
modernen Parlamentarismus; sie trieb die Auflösung d er alten
Ständeordnung entschieden voran; sie brachte einen Politisie-
rungsschub bis in die unterbürgerlichen und bäuerlichen
Schichten hinein, der in den nachfolgenden Jahren d er Reaktion
zwa r massiv unterdrückt wurde, sich nach der Lockerung der
nachrevoluti onä ren Repression seit 1859 aber erneut Bahn
brach und die politische Kultur in den deutschen Staaten erheb-
lich veränd erte. Und sie zeichnete die kleindeutsche Option für
die nationalstaatliche Einigung 1864 bis 1871 vor.
Gleichwohl sind die Brechungen zu beach ten, die eine allzu
einlinige Einordnung der Revolution in eine Vorgeschichte un-
serer heutigen politischen Ordnung nicht zulassen. Der Protest
von Bauern und gewerblichen Schichten verfolgte z. T. eng be-
grenzte und mitunter durchaus traditionalistische Ziele. Viel·
fach verbanden sich die Absichten der politischen Demokratie
00049~75

Einleitung 9

mit sozia l konservativen Wertordnungen und Forderungen. In


den Kirchen bew irkte die Revolution eine konservati ve Moder-
nisierung, die für die Verbreitung liberal-demokratischer Ein-
steUungen durchaus ambivalente Folgen haben sollte. Die Re-
volution scheiterte in Deutschland hauptsächlich an der von
den Akteuren selbst nicht zu verantwortenden Überlastung von
sich überschneidenden und gegenseitig verstärkenden Proble-
men und Aufgaben. 1m Ergebnis setzten sich - kurzfristig und
massiv, aber doch auch mit langfris tigen Folgen - die einzeI-
staa tli chen militärisch-bürokrati schen Machtapparate durch.
Dies hatte u. a. zur Folge, daß das Andenken an die Revolution
und ihre Träger und d amit auch an ihre Ziele in der in Deutsch-
land überwiegend staa tsnahen gebildeten Öffentlichkeit zuneh-
mend diskreditiert w urde und im allgemeinen politischen Be-
w uBtsein viel umstrittener blieb als in anderen europäischen
Ländern.
Die Revolution von 1848/ 49 is t kein spezifisch deutsches
Phänomen, sondern ein europäisches. Diese Feststellung gilt
auch, wenn man in Rechnung stellt, daß zwei der großen Mäch-
te der europäischen Pentarchie, England und Rußland - ebenso
wie Teile Süd osteu ropas, die un ter os manischer Herrschaft
standen - von der Revolution nicht unmittelbar betroffen wur-
den und daß d ie Revolution im ost- und südosteuropäischen
Raum z. T. in anderen Formen, mit anderer Intensität, anderen
Trägergruppen und anderen Zielen auftrat als in West- oder
Mitteleuropa. Die Verflechtungen und Konfrontationen der eu-
ropäischen Staaten und ihrer herrschenden, aber auch ihrer op-
ponierenden Kräfte sind überaus vielgestaltig und auch wider-
sprüchlich. Für den Rückblick auf die Jahre 1848/49 in Deutsch-
land ist es un abdingba r, diese eu ropäisc he Dimension der
Revol ution in ihrer ganzen Komplexität in die Analyse und Re-
nexion einzubeziehen.
Die Vortragsreihe w urde veranstaltet vom Institut für Ge-
schichtsw issenschaften an der Humboldt-Universität; daß auch
Vertreter des Instituts für Europäische Ethnologie d aran mit-
wirkten, hat die Spann weite der Themen und Fragestellungen
noch erweitert. Historiker/ Innen und Ethnologen stellten sich
die Aufgabe, die angedeuteten Probleme und Dimensionen aus
der Sicht von Spezialisten auf dem aktuellen Forschungsstand,
aber in allgemein-verständlicher Form und auch für ein breite-
res Publikum zugänglich darzustellen. Aspek te der politischen
10 Wolfgang Hardtwig

und sozialen Geschichte der Revolution in Deutschland und im


e uropäischen Vergleich kommen dabei ebenso zur Sprache wie
solche der Menta litäts· und der Kulturgeschichte, der Wert-
orientierungen und der normati ven Einstellungen der Han-
delnden und Betroffenen. Zwei Beiträge wid men sich aus-
drücklich den Formen und Funktionen der Erinnerungsku ltur.
Alle hier vorgelegten Untersuchungen verstehen sich ihrerseits
als Beiträge zu einer Ermnerungskultur, die ihre eigenen Bedin-
gungen reflektiert und der es nicht nur um die wissenscha ftli -
che Erkenntnis, sondern auch um die Vermittlung von Wissen-
schaft und Ö ffe ntlichkeit zu tun ist.
Wolfgang Hardh.... ig
Laurenz Demps

18. März 1948


Zum Gedenken an 100 Jahre März revolution in Berlin

Gedenken und Kultur des Gedenkens sind gegenwärtig in hef-


tiger Diskussion. Die Stadt Berlin scheint dabei ihre besonderen
Probleme zu haben. Es soU nicht verschwiegen werden, daß die
Jahre nach 1945 gerade in Berlin die gesamten Schwierigkeiten
der Entwicklung einer Gedenkkultur aufgezeigt haben. Aber es
waren immer auch tagespolitische Ereignisse von hoher Bri-
sanz, die eine notwendige Klärung unmöglich machten, ja so-
gar verhinderten, und dies mit Langzeitwirkung bis in die Ge-
genwart. An einem Beispiel, dem Gedenken an 100 Jahre März-
revolution 1848, sollen die Tücken des Gedenkens aufgezeigt
werden .
Am Anfang stand ein Magistratsbeschluß, der am 25. August
1947 gefaßt wurde. Er trägt die Unterschriften von Louise
Schröder, Oberbürgermeister i(n) V(ertretung), und Stadtrat
May für die Abt(eilung) f(ür} Volksbildung. Hier zunächst der
Wortlaut des Beschlusses:
a) Herausgabe einer Festschrift,
b) einer kleineren Broschüre für Schüler,
c) Berücksichtigung des Revolutionsjahres im Lehrplan der Schulen und
Volkshochschulen.
d) Durchführung einer Ausstellung über die48er Bewegung in den Räumen
des Berliner Zeughauses, zur gleichen Zeit Kennzeichnung der histori-
schen Stä tten der Barrikadenkämpfe,
e) offizieller Festakt am 18.3.1948, bei dem Vertreter Groß-Berlins und an-
derer Körperschaften sprechen; Festrede eines namhaften Historikers,
Umrahmung durch das philharmonische Orchester und den Chor der
Staatsopcr,
f ) am Tag der Beisetzung der Märzgefallenen feierliche Kundgebung auf
dem Gendarrnenmarkt unter Mitwirkung der Gewerkschaften, der Par-
teien und anderer Abordnungen der Berliner Bevölkerung. Im Anschluß
an die Kundgebung Bildung eines Gedenkttauerzuges, der sich zum
Friedho f der Märzgefallenen im Friedrichshain bewegt, um don an der
neuhergerichteten Gedenkstätte Kränze niederzulegen,
()0049~16

12 Laurenz Oemps

g) um den Erinnerungsfeie rlichkeiten eine möglichst große Wirkung zu


verleihen, ist es erwünscht, daß neben den zentralen Veranstaltungen d es
Magistrats weitere Sonderveranstaltungen in den Bezirken, Schulfe ie rn.
eine Hochschulveranstaltung und dergl. stattfinden, die zeitlich u nd
räumlich SO aufeinander abzustimmen sind, da ß keine gegenseitige Be-
einträchtigung möglich ist. I

Obwohl es ungewöhnlich sein mag, an den Anfang einer Aus-


führung ein komplettes Dokument zu stellen, wurde diese Vor-
gehensweise gewählt, um an Hintergründe und Ergebnisse ei-
nes Memorialvorgangs zu erinnern, Motive und Momente d es
Tradierens zu beleuchten und Wirkungen und Ergebnisse zu
hinterfragen. Und noch etwas Ungewöhnliches: die eigene Er-
innerung. Der Verfasser dieser Zeilen war im März 1948 knapp
acht Jahre alt und unterlag als Schüler der 33. Volksschu le
Prenzlauer Berg diesem Beschluß, in dessen Folge er an irgend-
einem Tag im März 1948 - im übrigen bei leichtem Nieseiregen
- im Hof der Ruine des Berliner Schlosses stand und die Ge-
schichte der Revolution von 1848 erstmals hörte. Wenig erfreut
wegen des leichten Regens, der Schule und in Erwartung des-
sen, was uns die Lehrer wohl nun schon wieder erzählen wür-
den.
Ein weiterer Beschluß des Magistrats vom selben Tage be-
stimmte, d aß für die
"Vorbereitung und Durchführung der Erinnerungsfeierlichkeiten
1848/ 1948[ ... ] folgende Maßnahmen getroffen [werden];
1. Bildung eines rep räsentativen Komitees, dem namhafte Vertreter des öf-
fentlichen, politischen und geistigen Lebens angehören sollen.
2. Bildung eines Arbeitsausschusses, dem seitens des Magistrats angehören
soUen: Bürgermeister L. Schröder, Bürgermeister Dr. Frieclensburg. Bür-
germeister Dr. Acker, Stadtrat May, Stad trat Bonatz, Stadtrat Theuner ...2

Zunächst sei an die konkrete Situation in der Stadt erinnert.


Nachkriegswirren und Not waren Alltag, Hunger, Krankheit
und Verrohung der Sitten ebenso. Kein Glas in den Fenstern,
ein permanentes Hungergefühl, Ruinen, wohin man schaute,
Glasscherben, Panzerruinen, Fahrgestelle von Geschützen, die
man als Spielplätze nutzte, Aluminiumstreifen, »Stahlbucker«
aus Panzern, angeschlagenes Panzerglas als besondere Kost-
barkeit, Suche nach Holz in den Ruinen ... alles hundertfach
beschrieben, Neues ist wohl nicht hinzuzufügen.
Die Geschichtsaufarbe itung nach der Katastrophe der NS-
Herrschaft hatte zunächst einschneidende Eingriffe in das tra-
00049~7b

18. März 1948 13

dierte Geschichtsbild erbracht. Man war sich einig, daB ein in-
tellektueller Bruch mit der bisherigen Geschichtsbetrachtung
nationalstaatlicher und borussischer Prägung notwendig war.
Den Minimalkonsens für alle Seiten stellte das Buch von Alex-
ander Abusch »Irrweg einer Nation(( dar, eine sehr mechani-
sche, aber holzschnittartig wirkungsvolle Betrachtung der
deutschen Geschichte, die als geradlinige Misere in direkter li-
nie von Luther über Friedrich U. und Bismarck zu Hitler dar-
gestellt wurde.
Abusch lieB Raum für die Betrachtung der Gegenkräfte und
Bewegungen, zu denen er auch die Revolution von 1848 zählte.
Bei der Suche nach Anknüpfungspunkten in der geistigen Leere
der Jahre nach 1945 schälte sich ein Zurückgehen um einhundert
Jahre heraus. Der März 1848 war wohl der Punkt, auf den sich
die Mehrzahl der politisch Handelnden - wenn auch aus unter-
schiedlichen Motiven - einigen konnte, wenn man an etwas in
der Geschichte anknüpfen wollte. Spürbar war die Unruhe, die
Suche nach einem Konsens, die die Zeit mitprägte. In einem
dann nicht veröffentlichten Aufruf - wohl vom Februar 1948-
umschrieb der Magistrat von Groß-Berlin den Konsens so: ).Die
Revolution hat ihr Ziel nicht erreicht, weder auf den Barrikaden
noch im Parlament, und dennoch ist ihr Kampf für unser Volk
nicht umsonst gewesen. Reaktion und Tyrannei raubten der wer-
denden Demokratie die Rechte und Freiheiten, die dem überleb-
ten Obrigkeitsstaat abgerungen [worden) waren.«)
Es läßt sich heute nicht mehr eindeutig feststellen, von wei-
chem Personenkreis die Initiative ausging, eine Würdigung von
100 Jahren Märzrevolution in Berlin vorzunehmen. Fest steht,
daß diese Idee aus dem Kreis der Stadtverordnetenversamm-
lung an die Öffentlichkeit gebracht wurde. Am 24. April 1947
hatte die Stadtverordnetenversammlung im Haushaltsplan
»Volksbildung und Kunst 500 000 RM eingestellt, um die Feier-
lichkeiten zu finan zieren«. Aber erst am 24 . Juli 1947 gingen die
Zeitungen darauf ein. Es folgte am 7. Oktober eine Pressekon-
ferenz, auf der der Leiter der Abteilung Volksbildung, Dr. Karl
May, die Einzelheiten der Planung für die Feierlichkeiten erläu-
terte. Bürgermeis ter Dr. Ferdiand Friedrichsburg schrieb im
»Tagesspiegek ))Die Stadt Berlin hat es sich zur Aufgabe ge-
macht, in den kommenden 1ahren die Vorgänge von 1848 an-
schauli ch und einprägsam darzustellen. ,,4 Er legte dabei beson-
deren Wert auf die Vorlage von drei Schriften: eine Arbeit von
00049~7b

14 Laurenz Demps

Friedrich Meinecke, eine weitere vom Stadtarchivdirektor Kae-


ber und eine populäre Schrift für die Jugend. Mit diesen Schrif-
ten und in der eingangs erwähnten Ausstellung sollte an die
Ereignisse des März 1848 erinnert werden, Kundgebung und
Demonstration hatten dann die notwendige Öffentlichkeit her-
zustellen.
In ungewöhnlich scharfer Form reagierte darauf am 21. Ok-
tober die »Tägliche Rundschau «, die Zeitung der Sowjetischen
Mihtäradministration für die deutsche Bevölkerung. Sie fragte:
»Revolutionsfeiern ohne revolutionären Geist?« Der Arti_kel
legte die Schritte der Vorbereitungen dar, ging u . a. auf die ge-
plante Arbeit von Kaeber ein und kommentierte: »Man wird auf
diese Weise sicher eine Fülle von historischem Material erhal-
ten, aber ob man in dem Werk revolutionären Atem verspüren
wird, dürfte zweifelhaft sein.« Scharf ging der Autor dann ge-
gen die Absicht des Magistrats vor, Friedrich Meinecke um eine
weitere Arbeit zu bitten. Meinecke wurde als »Antipode der
materialistischen Geschichtsauffassung« bezeichnet und der
Vorwurf gemacht, daß er in seinen Arbeiten die »sozialen Zu-
sammenhänge gänzlich unbeachtet gelassen« habe. Es wurde
gefordert, Vertreter der Parteien, der Gewerkschaften, gesell-
schaftlicher Organisationen mit in den Kreis der Personen ein-
zubeziehen, die die Feierlichkeiten vorbereiten sollten. Mit dem
Hinweis auf die geplante Demonstration schloß der Artikel mit
den Worten: "Damit aus allen diesen Plänen etwas Lebensvolles
wird , bedarf es vor allem der Mitwirkung von Menschen mit
revolutionärem Geist. «"~
Das entsprach weltanschaulicher und politischer Überzeu-
gung sowie konkretem Machtkalkül, denn die Erinnerung an ein
historisches Ereignis war in diesem Selbstverständnis nur dann
sinnvoll, wenn damit gleichzeitig Veränderungen in der Gegen-
wart vollzogen werden konnten. In diesem Falle sollte die Erin-
nerungsarbeit genutzt werden, um die Bewohner Berlins an die
Ausweitung der eigenen Macht heranzuführen . Oberst Serge; I.
Tulpanow, damals Chef der Informationsabteilung der Sowjeti-
schen Militäradministration, formulierte dies im Rückblick des
Jahres 1976 so: »Von großer Bedeutung bei der Überwind ung der
tief im Bewußtsein d er Intelligenz verwurzelten Apologetik des
bürgerlichen Parlamentarismus waren Artikel und Bücher, die
der Analyse der Novemberrevolution in Deutschland und der
Revolution von 1848 gewidmet waren. «6
00049J76

18. März 1948 15

1m Klartext bedeutet dies: Es ging nicht um die Erinnerung,


sondern um eine Verbindung von Erinnerung und tagespoliti-
scher Auseinandersetzung. Natürlich hat Erinnerungsku ltur
immer mit dem Einfluß auf die Gegenwart zu tun. Eine Erinne-
rung nur an vergangene Vorgänge, ohne eine gewisse Einfluß-
nahme auf die Gegenwart, auf die Haltung, auf die Meinungs-
bildung usw., ist wohl nicht gerechtfertigt. Zu einer die Men-
schen ansprechenden Erinnerungskultur gehört aber ganz
wesentlich auch die freie Rückwendung der Aufmerksamkeit
in die Vergangenheit. Um diese ging es hier freilich nicht, son-
dern um die Nutzung eines historischen Ereignisses für den
politischen Tageskampf. Berlin hatte nach 1945 einen besonde-
ren Status erhalten, der die Stadt in vier Sektoren teilte. Die
Stadt sollte aber von allen vierSiegermächten des Zweiten Welt-
kriegs einheitlich und gemeinsam verwa ltet werden. Den jewei-
ligen Sektoren stand ein Stadtkommandant vor. Die vier Kom-
mandanten bildeten die Allüerte Kommandantur. Die auf die
ganze Stadt gerichtete alliierte Verwaltung verlangte die stän-
dige Suche nach einem Konsens, denn nur das gemeinsame
Handeln sicherte die Einheitlichkeit. Der »Ka lte Krieg« zwi-
schen Ost und West um Gebietsansprüche und Einfl ußsphären
erschwerte jedoch die Zusammenarbeit immer mehr, man
konnte sich über immer weniger Fragen einigen.
Mit der Ausarbeitung der Festschrift zur Revolution von
1848 wurde der Direktor des Stadtarchivs, Dr. Ernst Kaeber, be-
auftragt. Seine Arbeit erschien 1948 im Aufbau-Verlag. Der ein-
leitende Satz Kaebers lautete: »Zwei Themen sind es, die be-
herrschend über der deutschen Revolution des Jahres 1848 ste-
hen: Einheit und Freiheit. «' Damit stell te sich die Schrift selbst
in die po litische Auseinandersetzung. Kaeber schließt: »Und
doch - vergeblich ist der 18. März nicht gewesen. Er hat die
Möglichkeit für eine Entwicklung der produktiven Kräfte der
bürgerlichen Wirtschaft eröffnet [... ] Die Grunde aufzuzeigen,
warum die kommenden Generationen das Versäumte nicht
nachgeholt, warum sie die schwerste politische Belastung Preu-
ßens, den MiHtarismus, nicht ausgerottet haben, ist die wichtig-
ste Aufgabe, die der Geschichtsschreibung der Gegenwart ge-
setzt ist, ((8 Damit war der inhaltliche Bogen auch für die Aus-
steUung und für den Grundtenor des Gedenkens gespannt.
Die Zuspitzung, die vordergründige Politisierung der Ge-
denkfeierlichkeiten setzte im Januar 1948 ein. Nur eine Berliner
()()0.4 9 J 76

16 Laurenz Demps

Tageszeitung - die »Berliner Zeitung{( - berichte te im Janu a r


überha upt in knappe r Form vom Fortgang der Vorbereitungen
a uf den Gedenktag, auf die Ausstellunßt die Festsitzung der
Stadtve rordneten, die Kundgebung und Demonstra tion, z u der
»die Betriebe und die Berliner Bevölke rung a ufgerufen wer·
den«9 sollen . Das »Neue Deu tsc hland « berichte te dann, d aß
Karl Mew is, Stadtverordnete r de r SED und Ve rtreter seiner Pa r·
tei im Vorbe reitungskomitee, auf einer Funktion ä rsversamm·
lung gegen die Vorbereitungen de r Stadtverordne ten versamm·
lung und des Magistrats p rotestiert habe, da d er »18. März eine
Sache der Arbeiterklasse« sei.10 N un gelan gten die Vorbereitun·
gen des Gedenkens an die Revolution von 1848 in die tagespo·
litischen Auseina ndersetzungen. Aus einer historisch·aufklä re·
risch ged achten Erinne rung, die ein Denken und Ged enken an
ein verbindendes historisches Ereignis darstellen sollte, w urde
ein la utes, vorde rgrü ndiges, tagespoliti sches Spektakel. An
zwei Ereignisse sei erinne rt: Im Janua r 1947 schlossen sich d ie
am e rikanische und britische Besa tzungszone in Westdeutsch·
land z ur Bizone zusammen, d ie im März 1948 durch Einbezie·
hung d er französischen Zone z ur Trizone e rweitert w urde. Ber·
Hn blieb d avon weitestgehend au sgesch lossen, an eine Einbe·
ziehung der Stad t - auch der n icht unter Westalliierter
Verwaltung stehenden Bezirke - in de n Marshallpl an und in
eine vorbereitete Wä hrungsreform war zunächst in keiner Wei·
se gedacht. Auf der anderen Seite nahmen die »brutalen Versu·
ehe der sowjetischen Besa tzun gsmacht und ih rer d eutschen
Helfe r«11 z u, die Westmächte aus Berlin h inau szudrängen und
die Macht in ganz Berlin zu übernehmen. Die Februarereignisse
in Prag, d ie zum Sturz der Regie rung Masa ry k und zur Über·
nahme der Macht durch d ie Kommunis ten in der Tschechoslo·
wa kei führten, spitzten d ie Auseina ndersetzungen in Berlin zu,
sah man in ihn en doch a uf den unterschied lichen politischen
Sei ten ennved er den Weg z ur Durchsetzung eigener politische r
Vorstell ungen oder aber d ie d rohe nde Gefahr ein es kommuni ·
stischen Ums turzes.
In die Berli ner Vorgänge spielten sehr sta rk d ie zentralen
Hand lungsabläufe in der Sowjetischen Besatz ungszone (SBZ)
hinein, die sich ebenfalls a uf Berlin konzentrierten . Am 12. Fe·
bruar übertrug d ie Sowjetische Mili täradminis tration Deutsch·
la nd (SMAD) der im Juni 1947 gebild e ten De utschen Wirt·
schaftskom mi ssion (DWK) Gese tzgebu ngsbefugnisse; damit
18. März 1948 17

war de facto eine oberste deutsche Regierungsbehörde für die


SBZ geschaffen. Oie östl ichen Bezirke der noch ungeteilten
Hauptstadt wuchsen in eine zentrale Entscheidungsebene fü r
die SBZ hinein, denen die westlichen Bezirke nichts entgegen-
zusetzen hatten. Oie Spa ltung deutete sich auf allen Ebenen an;
erinnert sei nur an den Auszu g von Marschall Sokolowski als
Vertreter der SMAD am 20. März 1948 aus dem Alliierten Kon-
trollrat.
Die Politiker insbesondere der SPD und der CDU mußten
alles daransetzen, die Haltung der Westmächte gegenüber Ber-
lin zu verändern, d. h. einen Gesinnungswandel bei den West-
mächten gegenüber der Stadt herbeizuführen und d ie Westin-
tegration des spä teren West-Berlin voranzutreiben. Dem s tand
d as Bestreben der SED gegenüber, offensiv jede Möglichkeit zu
nutzen, um d en Druck auf Westberlin und die Westmächte zu
vers tärken. Oie Differenzen nahmen in Berlin auch im lokalen
Bereich zu. Die sowjetische Militäradministration spielte dabei
eine aktive Rolle. Sie arbeitete darauf hin, daß die Berliner Par-
teiorganisationen von den Verbänden in der Sowjetischen Be-
satzungszone getrennt wurden. Am 10. Februar 1948 wurde die
Berliner Organisation der LOP und am 12. Februar d ie der COU
von d en Landesverbänden der SBZ ausgeschlossen.
Und so geriet das Gedenken an den 18. März 1848 in einen
poli tischen Mahlstrom, denn es bot die Möglichkeit, politischen
Druck auszuüben. ln der Folge zeigten sich zwei Linien: die
eine, die dem Beschluß des Magistrats folgte, durch Veröffent-
lichungen, Ausstellungen und Gedenken an den 18. März 1848
aufklärerisch zu wirken, und die zweite, die d as Gedenken an
das Ereignis vordergründig, für den pol itischen Tageskampf
ummünzen wollte.
ln der Vorbereitung auf die folgende Stadtverordnetenver-
samm lung ließ der Ältestenrat am 14. Januar 1948 - gegen den
Protest d es SED-Vertreters - d ie Kundgebung und die Demon-
stration am 18. März 1948 fallen, d a befürchtet wurde, daß diese
für d ie Politik der SED genutzt wurden. Alle anderen Vorlagen
fü r die Stadtverordnetenversammlung wurden genehmigt.
Am 15. Januar 1948 wurden die Vorlagen des Arbeitsaus-
schusses des Berliner Magistrats in der Berliner Stadtverordne-
tenversammlung behandelt. Als erster sprach Karl Mewis für
dieSED-Fraktion. Er wandte sich gegen die Aktivitäten des Ma-
gistrats zu den Gedenkfeiern und füh rte aus, daß nach Ansicht
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18 Laurenz Demps

seiner " Fraktion die Jahrhundertfeier keine Angelegenheit l e~


diglich der Stad tverwaltung, sondern der Bevölkerung von Ber~
Lin« sei. Den Zeitungsberichten zufolge verlangte er, daß in den
Arbeitsausschuß auch Stadtverordnete, Angehörige demokra-
tischer Organisationen, vor allem d es FOCB, des Kulturbundes
und der Jugendorganisation aufgenommen werden sollten. Da-
hinter stand eine strategische Absicht: »Die Revolution von
1848 hat für unsere heutigen Verhältnisse a ußerordentliche Be~
deutung. Die Arbeiterschaft Berlins ist daran auf das höchs te
interessiert und beabsichtigt zu beweisen, daß sie der Tradition
jener Tage vor hundert Jahren würdig iSt. «ll Die Veranstaltun~
gen - so Mew is weiter - dürften deshalb nicht nur formalen
und repräsentativen Charakter tragen, wie das noch vor 15 Jah ~
ren üblich gewesen sei. Überdeutlich trat bei alledem d er Bez ug
zu den Ausführungen der »Täglichen Rundschau« vom 21. Ok-
tober 1947 hervor.
Mewis' beinahe harmJos anmutenden Sätze stellten eine kla ~
re Kampfansage dar. In ihnen wurde das geplante Programm
politisiert. Hier wa r von einer ganz anderen Feier die Rede. In
den Ausschüssen sollten Vertreter derjenigen Organisationen
mitwirken, die als »Transmissionsriemen« der Politik dienten,
und die Veranstaltungen sollten auf die Straße verlegt werden.
Mit der Demonstration sollte Druck auf die Politik d es Magi~
strats und im weiteren auf die westlichen Alliierten ausgeübt
werden. Der Sinn d er Ausführungen zielte darauf, die abwar-
tende Haltung der westlichen Alliierten gegenüber Berlin in der
Weise zu beeinflu ssen, daß sie ihr Engagement in der Stad t un ~
ter dem Druck der Straße einstellen soHten .
Insbesondere die Stadtverordneten der SPD mußten da ge~
gen auftreten. Diese Aufgabe übernahm der Abgeordnete Swo-
linzky. Wohl unüberlegt verlangte er die "ungetei lte Republik
von Königsberg bis zum Süden((, um dann die Forderungen
von Mewis zurückzuweisen. Es kam zu Tumult, persönlichen
Beleidigungen und Ordnungsrufen . Die Position der SPD blieb
insgesamt defensiv, s ie wehrte sich insbesondere gegen den Oe-
monstrationszug zum Friedhof der Märzgefallenen, da die Ber-
liner nur mangelhafte Schuhbekleidung hätten. 13 »Die Men-
schen soUen jedoch nicht zum Demonstrieren gezw ungen wer-
den . Magis trat und Stadtparlamen t (s ind) d ie gewählten
Kö rperschaften, um diese Kundgebung durch zu führen.(14
),Stellen Sie sich im März, bei rauhem Wetter, einen Demonstra-
18. März 1948 19

tionszug vor (. . . ] und die Leute haben nicht einmal das Schuh-
zeug dazu! Wir wollen diesen Tag ohne groBe Propaganda be-
gehen.«IS SPO, COU und LOP zogen sich in dieser Frage zu-
rück, offensichtlich trauten sie ihren Argumenten wenig und
hatten Befürchtungen wegen des Organisationsschwungs der
SED.
Alle Fraktionen brachten dann schließlich ein »Gesetz über
den 18. März 1948 als gesetzlicher Feiertageeein. Es hatte folgen-
den Wortlaut: »§ 1 Der 18. März 1948 ist als Gedenktag des hun-
dertsten Jahrestages der Berliner März-Revolution in Groß-Ber-
lin gesetzlicher Feiertag. § 2 Für die infolge dieser Bestimmung
ausfallende Arbeitszeit ist der regelmäßige Arbeitsverdienst zu
bezahlen. § 3 Der Magistrat von Groß-Berlin wird ermächtigt,
zur Durchführung des Gesetzes allgemeine Verwaltungsvor-
schriften zu erlassen.ee l6 Mit Befehl Nr. 20 des Obersten Chefs
der Sowjetischen Militärverwaltung vom 3. Februar 1948 wur-
de die Arbeitsfreiheit befohlen, »zur Feier des 100. Jahrestages
der Revolution von 1848 in Deutschland, die unter dem Banner
der Freiheit für eine einige demokratische deutsche Republik
gegen die Kräfte der Feudaljunkerreaktion durchgeführt wur-
de, und zur Erinnerung an die Kämpfer der Revolution<e.17 Die-
se Passage verdeutlicht die Stoßrichtung des Befehls.
Eine weitere Zuspitzung erfuhr der Streit durch die Tagung
des 2. Deutschen Volkskongresses in Berlin. Dieses Organ der
SED, bestehend aus Delegierten verschiedener Parteien und
Massenorganisationen, vertrat die Auffassung der sowjetischen
Deutschlandpolitik. Sein äußeres BiJd entsprach dem Schein-
pluralismus, den dieSED nach 1945 in die politische Landschaft
der SBZ eingebracht hatte.18 Entstanden war er aus der Volks-
kongreßbewegung für Einheit und gerechten Frieden. Die in
den westlichen Besatzungszonen Anfang 1948 verbotene Bewe-
gung ließ mitteilen, daß sie ihren 2. Kongreß am 18. März 1948
in Berlin abhalten werde.
Durch den beabSichtigten Zusammenfall des Gedenkens an
den 18. März 1848 mit dem 2. Deutschen Volkskongreß entstan-
den unter anderem auch Raumprobleme. So war vorgesehen,
daß die festliche Sitzung der Stadtverordnetenversammlung in
der Deutschen Staatsoper - zu diesem Zeitpunkt Admiralspa-
last in d er Friedrichstraße und Tagungsort des 2. Deutschen
Volkskongresses - stattfinden sollte. Stadtrat May wandte sich
daher am 2. Februar an das Ständige Sekretariat des Volkskon-
20 Laurenz Demps

gresses und bat um Verlegung, »damit allen Berlinern und den


geladenen Gästen die Teilnahme an den Feiern der Stad t mög-
lich is t «.l9
Bereits am 4. Februar anhvorteten Otto Nuschke und Waltet
Ulbricht im Namen d es Deutschen Volkskongresses und le hnten
eine Verlegung d es Termins ab. Im Gegenzug schlugen sie vor,
die »Ehrung an den Gräbern d er Märzgefallen en am 18. März
früh « gemeinsam vorzunehmen. »Au f diese Weise so heißt es j ',

dann weiter, »würde nach aussen hin bekundet, dass wir ge-
meinschaftlich dem Gedächtnis der gefallenen Vorkämpfer für
Einheit und Freiheit huldigen, wenn auch naturgemäß die poli-
tische Tagung des Volkskongresses sich von der doch mehr als
Erinnerungsfeier gedachten Berliner Veranstaltung abhebt. «20
Durch diese Hintertür wären d ann der Berliner Magistrat und
die Stadtvero rdneten versa mmlung d och mit dem Volkskongreß
verza hnt worden. Das wollten die großen Parteie n - außer d e r
SED - in Berlin nicht, da sie d ann po litisch in e in Programm
eingebunden worden wären, das s ie ablehnten.
Auf die d e r Ö ffentlichke it im wesentlichen verborgenen und
damit unverständlichen Vorgänge reagierte d ie Presse unwillig.
So meldete die Zeitung ••Berlin am Mittag« am 6. Februar: »Der
Älteste nrat lehnte ab, die Opfer d er Revolutio n von 1848 ge-
m einsam mit den Teilnehme rn des Volkskongresses zu ehren.
Die genannten Parteien (SPD, CDU, LDP; d e r Verf.J wollen sich
ausschließlich an den offiz iellen Feierlichkeiten d er Stadt Berlin
bete ili gen. Da an diesen Fe ie rlichkeiten nur geladene Gäste teil-
nehm en, ist eine Te ilnahme d er Berliner Bevölke rung so gut wie
ausgesch1ossen.«21
Die Zeitungen verö ffentl ichten nun die Progra mme für d ie
Veranstaltungen, die im wesentlichen g leich lauteten :
.. Mittv.'och 17. März 13 Uh r: Eröffnung der Auss tellung im Weißen Saal des
Schlosses, Ansprache Stadtrat May. 18 Uhr: Festvorstellung im Deutschen
Thea ter . Nathan der Weise... Ans prache Louise Schröder.

Donnerstag 18. März 8 Uhr: Einwei hung d es Gedenksteines und Kranznie-


derlegung auf dem Friedhof der Märzgefallenen. Ansp rache Stadtverord-
netenvorsteher Dr. Suhr. 10.30 Uhr: Festakt in der Städtischen Oper. Anspra ·
che Dr. Peters und Paul Löbe. Rezitation: Fritz Kortner. - 14 Uhr: Festtagung
dcr 5tadtverordnetenversammlung im Neuen 5tadthaus.,,21

Dazwischen lagen dann ab 10.30 Uhr die Demonstratio n der


SED zum Friedhof der Märzgefallenen und die Kundgebung


49~75

18. März 1948 21

vor dem Reichstag um 16 Uhr. Es war vom Zeitplan her für die
poli tisch Handelnden durchaus möglich, an aUen Veranstaltun-
gen teilzunehmen. Der Zeitplan diente aber nicht diesem
Zweck, sondern sollte keine weiteren Komplikationen hervor-
rufen.
Die Gegenkräfte waren gegenüber der Politik der SED in die
Defensive geraten, sie hatten sich selbs t überlistet. Die SED
konnte sich auf den MagistratsbeschluB von 1947 stützen, ver-
fügte über den historischen Raum in der Mitte Berlins sowie im
Friedrichshain und war immer für eine Demonstration - also
für die Öffentlichkeit - eingetreten. SPD, CDU und LDP waren
in der Stadtverordnetenversammlung vom 15. Januar vehe-
ment gegen eine öffentliche Demonstration vorgegangen und
hatten sich so eines für diese Zei t wichtigen Mittels der Öffent-
lichkeitsbeeinflussung beraubt. Die verbalen Auseinanderset-
zungen in den Medien konnten dies n icht ersetzen. Die SEO-
Ko ntrahenten sahen sich daher zum Rückzug genötigt und
muBten kurz entschlossen ihre Haltung in der Kundgebungs-
frage ändern, wollten sie nicht ihre Handlungsfreiheit verlieren.
Das Gesetz über die Arbeitsfreih eit am 18. März 1948 gab dazu
die Möglichkeit.
Am 14. März lieBen die Landesvorstände und die Stadtver-
ordnetenfraktionen der SPO, der COU und der LDP unter der
Überschrift »Freiheitliches Berlin« einen Aufruf in den in West-
berlin erscheinenden Zeitungen veröffentlichen:
.. 1848/ 1948 - das s ind hunde rt Jahre Kampf um die Freiheit! Dieser Kampf
muß entschlossen fortgesetzt werden, wenn Leben und Zukunft gesichert
werden sollen.
Jeder entscheide sich klar fü r eine freiheitl iche und demokratisch geordnete
Gesellscha ft, gegen Willkür, Rechtlosigkeit und totalitäre Machtansprüche.
Bekennt Euch erneut zu Frieden, Freiheit und Demokratie!
Gebt diesem Willen Ausd ruc k am 18. März um 16 Uhr auf dem Platz der
Republik.«23

Mit diesem Aufruf überwanden die Parteien ihre defensive Hal-


tung in d er Kundgebungsfrage und vers uchten, in die Offensi-
ve zu gehen.
Der »Tagesspiegel« veröffentlichte einen redaktionellen Auf-
ruf zu dieser kurzfristig angesetzten Kundgebung. Sein Geist
und die knappen, zutreffenden Wertungen belegen die Drama-
tik, die der Vorgang der Würdigung der Revolu tion von 1848
nun in der Tagespolitik angenommen hatte:
00049~76

22 Laurenz Demps

..Mit den Vertretern der Stadt und den aus den deutschen Ländern gekom-
menen Gästen versanunelten sich heute nachmittag um 16 Uhr die Anhän-
ger der demokratischen Parteien auf dem Platz der Republik, um derer zu
gedenken, die vor hundert Jahren für das Bürgerrecht kämpften und sta r-
ben. Der Magistrat glaubte, die Erirmerung an den 18. März nicht mit öf·
fentlichen Kundgebungen feiern zu sollen. Aus der Tatsache, daß wir in
unserer jüngsten Vergangenheit zu oft au fmarschiert waren und dabei die
Selbstbesinnung, auf die es in politischen Dingen ankommt, verlo ren hat-
ten, zog er den umgekehrten Schluß wie die SED. Diese Partei will die sug-
gestive Wirkung des Massenerlebniss~s für ihre Zwecke mißbrauchen. Sie
benutzt den 18. März, um die We.betrommel für die Ziele ihrer Partei zu
rühren, sie kommandiert nach dem Muster der Arbeitsfront den Gleich·
schritt der Betriebe. Es kommt ihr ebenso auf eine gewaltige Demonstration
wie auch und vor allem auf die Demonstration der Gewalt an, nach der sie
offen strebt. Im Vertrauen auf den nüchternen Sinn der Berliner, die gelernt
haben, zw ischen Propaganda und Erkenntnis, zwischen befohlenem
Gleichschritt und innerer Übereinstimmung zu unterscheiden, haben die
demokratischen Parteien zu einer gemeinsamen Kundgebung aufgerufen.
An der Stätte, die zu deutsch " Platz de r öffentli chen Angelegenheiten«
heißt, soll heute nachmittag bekundet werden, daß das, was 1848 de r ge-
heime Wunsch von einigen Tausend war, 1948 der öffentlich erklärte Wille
von Hunderttausenden ist. Oie SED konunand iert zum Appell, die demo-
kratischen Parteien bitten um die Beteiligung an ihre r Veranstaltung. Der
Demonstration der falschen Einheit muß eine Demonstration der echten
Freiheit entgegengestellt werden. Berliner, beweist, daß ihr freie Bürger ei-
ner Weltstadt sein und bleiben wollt ...u

Angemerkt werden muß, daß der Magistrat u rsprünglich eine


Demonstration wollte.
Die Verwirrung wurde nur noch größer, als v iele Berliner Ta-
geszeitungen am 16. März den »Aufmarschplan zu m 18. März«
veröffentlichen . Die von der SED einberufene u nd durch den
Magistratsbeschluß gestützte Kundgebung war für Gesamtber-
lin angelegt. Allen Verwaltungsbezirken waren Stellplätze zu·
gew iesen. So z. B. für die »Bezirke Wedding, Reinickendorf,
Spanda u: Cha rlottenstr., Spitze Unter den Linden; Weg: Char-
lottenstraße bis Jägerstraße«.2S Alle Zü ge wurden ab 10 Uhr
über d en Gend armenmarkt geführt und dann ab 10.30 Uhr
durch d ie Französische Straße, Schloßplatz, Königstraße, Ale-
xanderplatz, Neue Königstraße, Königstor, Friedenstra ße,
Landsberger Platz, Landsberger Allee - genau der Weg, den der
historische Zug im Jah re 1848 genommen hatte.26 Und gerade
das war d as Verführerische an dieser Kundgebung: Sie folgte
dem historischen Vorbild.
Der Magistrat dagegen versuchte, sich aus allen Q uerelen
9~75

18. März 1948 23

herau szuhalten und neutral zu bleiben, w ie sich d en Protokol-


len d er Ab teilung Volksbi ld ung u. a. enmehmen läßt. Am 27. Ja-
nua r 1948 wu rde festgelegt: »Es find en in allen Bezirken Veran -
staltungen statt . Darüber ist von einer zentralen Feier für Lehrer
abgesehen worden. Die Schulfeiern m üssen am 17. III . stattfin-
den , d a der 18. IU. gesetzlicher Feiertag ist. •• Es schloB sich die
Klage an : »Es fe hlt alJgemein an Material. ••27 Dam it war die kon-
krete Situati on umrissen: Die groBen , übergreife nden politi-
sch en Prozesse verhinderten d ieser Aussage zufolge die Umset-
zung des eigentlichen Anliegens der Gedenkfeiern. Die Presse
d er SE D reagierte sofort. Insbesondere d as »Neue Deu tsch-
land « veröffentlichte aus seiner Sicht Artikel, Äußerungen und
Dokumente über die Ereignisse des März 1848. um den Lehrern
Material in d ie Hände zu geben und so >Ki ie Köpfe zu besetzen ...
Andere Zeitungen versuchten d ies ebenfalls, hatten aber kein
Material zur Hand, w ußten nicht, in welche Richtu ng sie gehen
sollten . Damit verloren sie an Einfl u ß.
Am 17. Februar wurde aus Kreisen d er Lehrerschaft ein An -
trag auf eine StraBenumbenennung nach Ernst Zinna, einem
Berliner Schlossergesellen und Helden d er Barrikadenkämpfe
von 1848, gestellt. 28 Am 15. März folgte die Festlegung der Ab-
teilung Volksbildung, d ie »Schüler besuchen die Revolutions-
a usstellung im Schloß«.29 Um die Bede utung d ieser Anordnung
richtig zu würd igen, sei darauf venviesen, d aß es zu diesem
Zeitpunkt keinen Unterricht im Fach Geschichte in Berlin gab
und Ausein andersetzungen, wer die neuen Schullehrbücher -
also damit ein neues Geschichtsbild - bestimmen sollte, an der
Tagesordnung wa ren . Wei terhin gab es nach Ausweis d er Sit-
zungen d er Abtei lungslei ter im Ha up tschulamt kein Material
und keine Lehrer, um d ie Ereignisse darzus tellen . Wer d ie Lük-
ke besetzen konnte, entschied im Augenblick und fü r die Zu-
kunft über d as Bewu ßtsein .
Am 18. März 1848 traten dann die Stadtverordneten endlich
zu ihrer 59. Außerordentlichen Sitzung zusa mmen, um der Re-
volution von 1848 zu ged en ken. Die Ka mmermusikvereini-
gung der Berliner Ph ilha rmonie sp ielte einen Sa tz aus dem
Beethoven-Septett Es-Du r, op . 20, und der Stadtverordneten -
vorsteher Dr. Otto Suhr hielt d ie Festansprache. Lakonisch ver-
merkte das Protokoll: »ln einer Ansp rache würdigte der Sd tv.-
Vorsteher die Bedeutung Berlins in d er Revolution 1848. Er be-
gründet d ie Einberu fung d er festl ichen Sitzung mit dem
24 Laurenz Demps

Hinweis au f die Rolle, die dama ls d ie Berliner Stadtverordne-


tenversammlung gespielt hat, und die Tatsache, d aß d as Jahr
1848 als Gebu rtsjahr des Parlamentarismus in Deutschland gei-
ten müsse.( 30
Dann trat die Versa mmlung in die Tagesordnung. Sieben
Punkte wurden behandelt:

1. Wiedereinrichtung der Deutschen Hochschule fü r Politik -


Vertagung
2. Stiftung von Preisen für Literatur, Musik und bildende Kunst
-Annahme
3. und 4. Sond erzu wendungen aus Anlaß der 100jährigen Ge-
denkfeier für das H auptkinderheim - Annahme
5. Gesetz über Wappen und Flagge von Groß-Beflin - Aus-
schreibung
6. Antrag an die Alliierten auf Gnadenerl aß für jugendliche
Straftäter - Annahme
7. Beseitigung des Nationa lkriegerdenkmals im Invalid enpark
-Annahme

Diese knappe Tagesordnung zeigt die geringen Möglichkeiten


auf, über die d ie Stadt verfügte, um ein würdiges Gedenken an
die Revolution von 1848 zu ermöglichen . Die Mehrzahl der An-
träge mu ßte von d er Alliierten Kommandantur genehmigt wer-
den. Mit dem Beschluß über die Beseitigung des Nationalkrie-
gerdenkm als im Invalidenpark zeigte sich die Versammlung
desorientiert. Das Protokoll vermerkt, daß d er Antrag von der
SEO-Fraktion gestellt worden war. Als Berichterstatterin trat
Frau Schrooter von der LDP auf, die darauf hinwies, »daß die
Bezeichnung Nationa lkriegerd enkmal irreführend ist. Es han-
delt sich vielmehr um einen Regimentsgedenkstein zur Erinne-
rung an die im Kampf gegen d ie revolutionären Kämpfer 1848
gefall enen Soldaten«.)] Tatsächlich handelte es um eine Säule,
eingeweiht am 18. Oktober 1854, »zum Gedächtnis der in den
Kämpfen von 1848 und 1849 gefall enen preußischen So lda-
ten «.32 Au f den ersten Blick ist es verständlich, daß m an ein der-
artiges Erinnerungszeichen als nicht mehr zeitgemäß ansah
und d as Gedenken zum Anl aß nahm, das Zeichen zu vernich-
ten . Aber es war kein Regimentsgedenks tein, sonde rn ein von
der preußischen Regierung gesetztes »nationa les Ehrenzei-
chen«, das sich freilich gegen die gleichzeitige Konjunktur op-
49~75

18. März 1948 25

positioneller nationalkultureller Denkmäler richtete. Alle Frak·


tionen stimmten mehrheitlich der Zerstörung zu.
D ie Feierstunde war aber nur ein Teil der Veranstaltungen an
diesem Tage. Der Berliner Gendarmenmarkt war aufgeräumt
worden, hier traf man sich zum Demonstrationszug zum Fried·
hof der Märzgefallenen. Auf dem Friedhof im Friedrichshain
war am Morgen ein neuer Gedenkstein gesetzt worden, der bis
heute die Inschrift trägt: "Den Toten 1848/1918. Das Denkmal
habt Ihr selber Euch errichtet. Nu r erns te Mahnung spricht aus
diesem Stein, daß unser Volk niemals darauf verzichtet, wofür
Ihr starbt - Einig und frei zu sein.« Der Sta dtverordn etenvor·
steher O tto Suhr führte aus: »Aus dem Blut der Barrika den ist
die erste Auseinandersetzung um d ie Grundrechte in Deutsch·
land geboren. Es ist derselbe Geist, der in den besten Kräften
der Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus ge·
blieben war, und die Opfer d es 18. März 1848 sind ebensowenig
nach dem unmittelbaren Erfolg zu beurteilen wie die Opfer des
20. Juli 1944. Im Gegenteil - wenn das deutsche Volk endlich die
Demokratie begreifen will, dann muß es seine Helden des Frie·
dens und d er Freiheit achten lernen . ~ Sehr maßvolle Worte,
die d em Charakter des Tages gerecht wurden.
Um 10.00 Uhr begann die Demonstration vom Gendarmen -
markt zum Friedhof der Märzgefallenen, organisiert vom
»Ständigen BeriinH Ausschuß für Einheit und gerechten Frie·
d en «. Die Berichterstattung der »Neuen Berliner [\)ustrierten«
spiegelte die Absicht und den Zweck dieses Aufmarsches wi-
der: »Im Friedrichshain lodert ein Opferfeuer an der histori-
schen Gedenkstä tte. Noch nie hat dieser Platz einen Aufmarsch
von so eind rucksvoller Wucht gesehen. Um 12 Uhr wird die
Kundgebung eröffn et. Chorlieder klingen auf, dann spricht
Wilhelm Pieck.«34 Seine Worte gaben d as Ziel der Veranstaltung
vor. »Heute, unter ganz anderen Bedingungen als vor hundert
Jahren, ist die Arbeiterschaft zu einer selbständigen Kraft mit
einem zielklaren Programm geworden, das ihr von den Grün-
dern des w issenschaftlichen Sozialismus, von Karl Marx und
Friedrich Engels, im Kommunistischen Manifest gegeben und
deren Lehren von Lenin und Stalin weiterentwickelt wurden.
Diese Klarheit des Programms und die breite pol itische und ge-
werkschaftl iche ürganisiertheit ermöglichen es der Arbeiter-
scha ft, s ich mit den antifasch is tisch·demokratischen Kräften
des Bürgertums und d er Bauernschaft zu verbünden und mit
0004931h

26 Laurenz Demps

ihnen gemeinsam den Kampf für die Demokratie, für die natio-
nale Einheit Deutschlands und für die Wohlfahrt des deutschen
Volkes aufzunehmen.«35 Pieck sprach eigentlich kaum über die
Revolution von 1848, sondern im wesentlichen über den Volks-
kongreß: »Wir rufen dem deutschen Volke zu: Laßt euch nicht
durch die Hetze gegen den Deutschen Volkskongreß verwirren.
Alles ist Lug und Betrug, was gegen ihn vorgebracht wird. Im
Deutschen Volkskongreß offenbart sich der Wille des fort-
schrittlichen Deutschlands sich aus der Schande und Not des
Hakenkreuzes und des Hitlerkrieges zu erheben und ein neues,
friedliches und demokratisches Deutschland aufzubauen .«36
Damit war im Selbstverständnis der Organisatoren der Forde-
rung der Täglichen Rundschau entsprochen und »revolutionä -
rer Geist« in die Veranstaltung gebracht worden.
Letztendlich stand diese Veranstaltung unter dem leitge-
danken, den die »Neue Berliner Illustrierte« in ihrem Bildbe-
richt dazu formulierte: »Das demokratische Berlin hat sich in
dieser Kundgebung zu der Verpflichtung bekannt, die damals
nicht vollendete Revolution jetzt zu Ende zu führen. «37 Die Ar-
beiter, so der Grundtenor, haben in der Revolution von 1848 den
größten Blutzoll errichtet. Damals aber seien sie schwach und
unorganisiert gewesen. Heute verfügten sie über eine große Or-
ganisation, ein Programm und eine Theorie, um ihre Interessen
zu sichern und durchzusetzen. Mit den Arbeitern ständen libe-
rale und demokratische Kräfte anderer sozialer Klassen und
Schichten auf den ßarrlkad..:n. Dieses Zusammengehen ver-
schiedener politischer Kräfte des Jahres 1848 wiederhole sich
100 Jahre später in der Volkskongreßbewegung, und deshalb
sei die Unterstützung dieser Bewegung die einzig richtige leh-
re aus den Ereignissen von 1848.
Um 16.00 Uhr schließlich begann die Demonstration auf dem
Platz der Republik vor dem Reichstag. Auch dieser Platz mußte
für diesen Zweck hergerichtet werden. Hier sprach Franz Neu-
mann, 1. Vorsitzender der SPD in Berlin: ))Wir haben nicht um-
sonst diesen Platz an diesem Tage geWählt. Er unterstreicht un-
ser Bekenntnis zur deutschen Republik, die dem ganzen deut-
schen Volke, wie es hier an den Trümmern noch sichtbar ist,
dienen soll. Wir zeigen aber auch die Schwierigkeiten auf, die
heute noch diesem Ziele entgegenstehen. (~ Auch hier gab es
eine Verbindung der Erinnerung mit der gegenwärtigen politi-
schen Situation. Den Veranstaltern war es gelungen, den großen
00049~7b

18. März 1948 27

Platz vor dem Reichstag zu füllen und die Menschen in dieser


angespannten politischen Situation zu mobilisieren. In den Re·
den wurde immer auf die Gefahr hingewiesen, West·Berlin kön·
ne kommunistisch werden - eine Gefahr, die sehr real war.
Der Wandel in der Auffassung der Westmächte gegenüber
den westlichen Bezirken Berlins zeigte sich kurz nach den Er-
eignissen. Der Tagesspiegel meldete am 21. März: »In der wö·
chentlichen Konferenz mit seinem Mitarbeitern nahm Ludus
D. C lay zu der Demonstration des freiheitlichen Berlins am
18. März Stellung: )Der Mut dieser Deutschen, die am Donners·
tag vor dem Reichstag für Freiheit und Demokratie demon-
strierten, kann uns ermutigen. Viele tausend Berliner trotzten
der Kälte und dem strömenden Regen [... ] Die Tatsache, daß
sich so viele Deutsche an dieser Demonstration für Demokratie
und individuelle Freiheit beteiligten, ist ein überzeugender Be-
weis dafür, daß die oft gehörte Behauptung, das deutsche Volk
sei an der Demokratie nicht interessiert, falsch ist. Sie zeigt im
Gegenteil, daß in Deutschland starke Kräfte bereit sind, für Frei-
heit und wahre Demokratie zu kämpfen und notfalls soga r zu
sterben .«(39
Offiziell teilte die amerikanische Militärregierung mit: »Da s
Erscheinen Zehntausender Berliner auf dem Platz der Republik
trotz aller Schwierigkeiten des täglichen Lebens, trotz des un-
freundlichen Wetters ist ein schlagender Beweis der Größe und
Ehrlichkeit der Überzeugung, milder die Berliner von heute die
Freiheitsideale, für die die Helden der Revolution von 1848 ihr
Leben gaben, zu verwirklichen entschlossen sind . Die amerika-
nische Militärregierung hat einen tiefen Eindruck von dem Gei-
ste dieser Feier empfangen [.. . I Die Berliner, die sich so spontan
versammelten, um den Idealen der Freiheit, d es Friedens und
der Demokratie auf dem Platz der Republik ihren Beifall zu zol-
len, haben die aufrichtige Unterstützung der amerikanischen
Mili tä rregierung. «.a
Natürlich zählten sowohl die SED als auch ihre Kontrahen-
ten jeweils ihre Demonstranten und warfen sich gegenseitig
vor, die Zahlen in ihren Veröffentlichungen gefälscht zu haben .
Die dazu erschienenen Kommentare sollen hier nicht angeführt
werden. Das war »Kalter Krieg(( in seiner reinsten Form. Und
so wurde das Ereignis »100 Jahre Märzrevol ution in Berlin((
nicht nur Gedenken, sondern konkrete und durchaus dramati·
sche Tagespolitik.
28 Laurenz Demps

Einige Anmerkungen müssen zum Ton der Reden und der


Berichterstattung noch gemacht werden. Hier übte keiner Zu-
rückhaltung, der Ton wurde auf beiden Seiten immer peinli-
cher, z. T. auch mit Anleihen an eine vergangene Zeit. 50 schrieb
das Neue Deutschland am 20. März unter d er Überschrift »De-
monstration der Hunderttausenden« über die Demonstration
im Friedrichshain: »I... J aber gestern, zur Hundertjahrfeier von
1848 marschierten sie wieder; die Proleten aus den Vorstädten
Berlins, so, wie sie immer marschiert sind und weitermarsch ie-
ren werden«,41 Noch exemplarischer in der Anleihe an die ver-
gangene Zeit dann der Bericht über die Demonstration: »Wir
sahen eine Frau , die hatte ihre Schuhe mit Gummiringen von
Einweckgläsern zusammengebunden; wir trafen einen alten
Genossen aus den Tagen des antifaschistischen Widerstands-
kampfes vor 1933, der hatte kein Hemd unter seinem Rock. Je-
der von denen, die sich durch Wind und Wetter durchkämpften,
zählte doppelt und dreifach.«42
Auf der anderen Seite sprach Kurt Mattick am 12. März im
Telegraf vom Ansturm des Totalitarismus, dem zu trotzen sei,
denn es »geht in diesen Tagen um die Abwehr einer slawischen
Gewaltideologie, die Europa zu zerstampfen drohte<l3 Franz
Neumann ließ sich zu der Aussage hinreißen: »Ein KZ 1948 ist
eine größere Anklage gegen die Menschlichkeit als alle Hitler-
schen in den Jahren 1933 bis 1945.«« Und weiter:»Unsere Ge-
danken gehen in diesem Augenblick von der Weite des Kuri-
schen Haffs bis zu den Höhen des Gla lzer Berglandes. Wir wis-
sen, da ß Millionen und aber Millionen Deutsche ihre Heimat
unter Umständen verlassen mußten, die sie den Glauben an die
Atlantik-Charta schwerfallen läßt. Die Hoffnungen auf eine
bessere Welt, die die Charta verheißen soll, werden von den
meis t in schwierigen Verhältnissen lebenden Flüchtlingen nicht
ernst genommen, solange ihr trauriges Schicksal nicht gebessert
wird .e(45 Mögen diese Ausführungen auch d em Versu ch ge-
sc huldet sein, d ie konservativen Kräfte in eine gemeinsame
Front gegen die drohende Abwürgung der westlichen Bezirke
von Berlin einzubinden, so muten sie heute doch sehr befremd -
lich an .
Wir haben festzu stellen, da ß den Feierlichkeiten zum Geden-
ken an die Revolution von 1848 für d ie Ausformung der Ge-
denkkultur in Berlin große Bedeutung zukam . H ier wurde zum
ersten Male nach 1945 der Raum der organisa to rischen und pu -
000 49J75

18. März 1948 29

blizistischen Möglichkeiten beschrieben - mit Festsitzung der


Gremien, Festveranstaltung, Kundgebung oder Demonstra·
tion , Ausstellung und Publika tionen. Dieses Programm ist
dann in der DDR fast stereotypisch geworden ist. Wichtiger
aber is t d er grundsätzliche erinnerungspolitische Befund.
Der erste Versuch, anläßlich eines großen, sowohl national·
w ie sozialgeschichtlich bedeutsamen und im kollektiven Ge·
dächtnis noch präsenten Ereignisses, einen Minimalkonsens
der Erinnerung an ein heraus ragendes Datum der Berliner
Stadtgeschichte zu finden, schlug fehl Es zeigte sich, daß dies
unter den ak tuellen politischen Voraussetzungen nicht möglich
wa r. Wer nach 1945 an historische Ereignisse in dieser Stadt er·
innern wollte, mußte zwangsläufig damit rechnen, von der po·
litischen Gegenwart zermahlen zu werden. Das Jahr 1948, das
Schicksalsjahr der Stadt und das Jahr der lokalen und nationa·
len Spaltung, zeigte das ganz eindeutig. Die Veranstaltungen
zum Gedenken an die Ereignisse der Revolution von 1848 muß·
ten in den Sog der Auseinandersetzungen um die Zukunft Ser·
lins geraten. Die um die Macht in ganz Berlin ringenden Kräfte
der SED instrumentalisierten die Möglichkeiten d er Erinne-
rung, um sich in der ganzen Stadt auszubreiten. Der Ablauf der
Ereignisse zeigt, daß dieses Ziel nicht zu erreichen war, daß sie
am Wide rstand der demokratischen Kräfte scheiterten, schei-
tern mußten. Diese Kräfte wiederum übersahen die Gefahr, die
sich aus der Mobilisierung der revolutionären Momente der Ge-
schichte hätte ergeben können. Sie gerieten zunächst in die De-
fensive, konnten dann aber ihre Position behaupten und festi-
gen. Auch ihnen blieb dann zunächst nur die Möglichkeit, den
vorhandenen Bestand zu bewahren. Insoweit spiegelten die Er-
innerungsfeierlichkeiten an die Revolution von 1848 in Berlin
die Auseinand ersetzungen des Jahres 1948 um die Spaltung der
Stad t w ider, s ie markierten einen Höhepu nkt auf dem Weg der
Spaltung der Stad t.
Eine Anmerkung aber soll doch noch gemacht werden: Die
Kennzeichnung der his torischen Stätten, die der Magistrat 1947
beschlossen hatte, steht bis heute noch aus.
00049~76

30 Laurenz Demps

Anmerkungen

1 Landesarchiv Berlin (im weiteren LAB), ehem. Stadtarchiv (im wei-


teren StA), Rep. 100, Magistrat von Groß-Berlin, 43-45, Magistratssitzung
August-Sept. 1947, Nr. 747, B1.38.
2 LAB (StA), Rep. 101, Nr. 277. DurchfUhrung von Feierlichkeiten d es
Magistrats zum 100. Jahrestag der Revolution von 1848, BI. 42.
3 Ebd., BI. 41.
4 Der Tagesspiegel, 7. Oktober 1947.
5 Tägliche Rundsdlau, 21. Oktober 1947.
6 Sergej I. Tulpanow, Erinnerungen an deutsche Freunde und Genos-
sen, Berlin/ Weimar 1984, 5. 101.
7 Ernst Kacher, Berlin 1848. Zur Hundertjahrfeier der Märzrevotution
im Auftrag des Magistrats von GroB-Bertin, Bertin 1948, S. 7.
8 Ebd., S. 207.
9 Berliner Zeitung. 7. Januar 1948.
10 Neues Deutschland, Berliner Ausgabe, Berliner Ausgabe, 8. Januar
1948.
11 Wolfgang Ribbe, Geschichte Berlins. Bd. 2: Von der Märzrevolution
bis zur Gegenwart, München 1987, S. 1052.
12 Neues Deutschland, Berliner Ausgabe, 16. Januar 1948.
13 Berliner Zeitung. 16. Januar 1948.
14 Telegraf, 16. Januar 1948.
15 Zit. nach Neue Berliner IUustrierte, 1. April Heft, 1948/ 14.
16 Ebd.
17 Der Morgen, 5. Februar 1948.
18 Siehe dazu Gerhard Keiderling. Scheinpluralismus und Blockpar-
teien, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 45 (1997), S. 257 ff.
19 LAB (StAl, Rep. 101, Nr. 277, BI. In.
20 Ebd.
21 Berlin am Mittag. 6. Februar 1948.
22 Der Telegraf, 14. März 1948.
23 Der Tagesspiegel, 14. März 1948.
24 Der Tagesspiegel, 18. März 1948.
25 Der Vorwärts, 16. März 1948.
26 Ebd.
27 LAB (StA), Rep. 120, Nr. 201, BI. 54.
28 Ebd., BI. 33.
29 Ebd., BI. 22.
30 Protokoll der Stadtverordnetenversammlung. 1948. S. 326.
31 Ebd.
32 Rohert Springer, Berlin - Die deutsche Kaiserstadt, Darmstadt 1878,
S. 178.
33 Telegraf, Sondernummer zum 18. März 1945.
34 Neue Berliner lIlustrierte, 1. April-Heft 1948.
35 Neues Deutschland, Berliner Ausgabe, 20. März 1948.
36 Ebd.
37 Neue Berliner lIlustrierte, 1. April-Heft 1948.
00049~75

18. März 1948 31


38 Telegraf, Sondernummer zum 18. März 1948.
39 Der Tagesspiegel, 21 . Mär.!. 1948.
40 Ebd.
41 Neues Deutschland, Berliner Ausgabe, 20. März 1948.
42 Neues Deutschland, 20. März 1948.
43 Der Telegraf, 12. März 1948.
44 Der Teleglaf, Sonderausga be zum 18. März 1948.
45 Ebd .
Peter Niederntiiller

Geschichte, Mythos und Politik


Die Revolution von 1848 und das historische
Gedächtnis in Ungarn

Die dramatischen Ereignisse von 1989 und der Zusammen-


bruch des Sozialismus haben die Welt und das Leben in Osteu-
ropa vollständig verändert. Der h istorische Kollaps d es schein -
bar s ta bilen politischen und gesellschaftlichen Systems hatte
(und hat tatsächlich bis heute) ein wahres Janus-Gesch ich t. Ei-
nerseits wurden die wirtschaftlichen, politischen und die sozia-
len Strukturen des »real existierenden Sozialismus« verschüttet,
wodurch sich neue Perspektiven für d ie ehemals sozialistischen
Länder öffneten. Andererseits haben die Veränderungen viele
unerwartete Probleme und Schwierig keiten hervorgerufen, die
die Zukunftsvision dieser Gesellschaften stark überschattet, 50-
s.a r vernichtet haben. Der eigentlich bis heute andauernde
Ubergang wird - neben d er fast allgemeinen wirtschaftlichen
und politischen Krise - durch den in d en letzten Jahren in d en
Geschichts· und Sozialwissenschaften oft thematisierten aufle·
benden osteuropäischen Nationalismus charakterisiert. Ethni·
sche Konflikte und Kriege, Nationalismus, Rassismus und An-
tisemitis mu s sind unübersehbare Beg leiterscheinungen d er
postsozialistischen Zeiten. Wie lassen sich diese anachronisti·
sehen, »prämodernen" Phänomene erklä ren? Diese Frage stand
und steht im Mittelpunkt historischer, soziologischer wie auch
ethnologischer Forschungen der neunziger Jahre. Dementspre-
chend gibt es mehrere un terschiedl iche ErklärungsmodeUe, die
die Ursachen, Gründe und Wurzeln dieser Erscheinungen auf·
zuklären versuchen. Der »neue,( Nationa lismus wird zum ei-
nen a ls »natürliche« Konsequenz eines id eologischen Vakuu ms
betrachtet. l Andere Mod elle argumentieren mit pol itischen
Strategien von »Re-Na tionali sierung« und »Re·Ethnisierung «,
mit im Sozia lismu s unterdrückter ethnischer Identität. 2 Wied er
andere Versuche beschreiben den osteuropäischen Nationalis·
00049J75

Geschichte. Mythos und Politik 33

mus als politische und symbolische Flucht »ins sicherheitsver·


sprechende Alte«,3 oder aber sie begründen ihn mit dem Auf·
brechen historischer ethnischer Feindschaften bzw. mit der
Wiederkehr der Geschichte. 4
Die Theorien des neuen postsozialistischen Nationalismus
und dieses Phänomen selbst könnte man lange und oft kritisch
diskutieren. ln diesem Aufsatz nehme ich jedoch davon Ab·
stand , weil ich Nationalismus hier nur als ein Beispiel verwen·
de, um tieferliegende Veränderungen und Umwandlungen des
osteuropäischen Transformationsprozesses zeigen zu können.
In diesem Zusammenhang will ich auf eine Tatsache hinweisen,
die an sich oft thematisiert, jedoch nicht wirklich analysiert
wurde: nämlich, daß sich da s Verhältnis der europäischen
(Post)Moderne zur Geschichte und Vergangenheit nach dem
Zusammenbruch des Sozialismus grundsätzlich verändert hat,
daß die Rolle und der Status von Geschichte, Kultur und Ver·
gangenheit sich überall in Europa gewandelt hat. Anders und
etwas genauer formuliert: Es gibt heute im Osten wie im Westen
ein allgemeines und immer weiter wachsendes gesellschaftli·
ches, aber auch politisches Interesse für Geschichte und Vergan·
genheit, was in den letzten Jahrzehnten in dieser Form nicht zu
beobachten war. Jean Baudrillard deutete in diesem Zusam·
menhang an, daß die postmoderne oder posttraditionale Ge·
seilschaft - w ie es Anthony Giddens nannte - ihre Entwick·
lungsrichtung verändert hat: sie ),frißt sich in die Vergangenheit
zurück«.s Es läßt sich beobachten, wie überall in Europa Ge·
schichte, historische Ereignisse, Prozesse und Akteure zum zen·
tralen Gegenstand politischer und öffentlicher Diskurse gewor·
den sind . ln politischen Diskussionen wird mit historischen Ar·
gumenten debattiert bzw. in den gesellschaftlichen Debatten
mi t Geschichte. Vergangenheit und Kultur argumentiert. In die·
sem Sinne wird Geschichte allgemein benutzt, diskutiert, un·
terschiedlich repräsen tiert, ritualisiert, visualisiert und letzt·
endlich privatisiert. Es ist jener wohlbekannte Prozeß der Post·
modeme, in dem die Geschichte du rch viele Geschichten
abgelöst wird .
Diese Pluralisierung der Geschichte ist jedoch im postsozia ·
listischen Osteuropa mit klaren politischen Zielsetzungen und
Ordnungsvorstell ungen verbunden. Anders gesagt: Es wird
versucht, die Geschichte und die Vergangenheit im Sinne des
postsozialistischen politischen Systems - was immer das heißen
34 Peter Nied.ermü ller

mag - zu rekonstruieren bzw. neu zu schreiben. Dadurch kön-


nen Geschichte und Vergangenheit als Grund für gegenwärtige
politische Leg itimation dienen bzw. können politische Pro-
gramme und Zukunftsvisionen durch histo rische Rekonstruk-
tionen, durch rekonstruierte oder neu geschriebene Geschichts-
bilder ersetzt werden.6 Dieser allgemein cha rakteristische Pro-
zeß d er osteuropäischen Transformationen, der politische und
symbolische Kampf um das historische Gedächtnis w urde und
wird in d en einzelnen postsozialistischen Ländern mit unter-
schiedlicher Intensität ausgetragen. In Ungarn, in jenem Land,
da s in diesem Aufsa tz als Beispiel stehen soll. sp ielten Ge-
schichte, "neue« Geschichtsbilder und rituelle Darstellungen
von im Sozialismus unterdrückten historischen Gedächtnisfor-
men und Erfahrungen eine gan z besondere Rolle. Man könnte
sogar sagen, d aß das »neue« Bild von unga rischer Geschichte
nicht nur die symbolische Kulisse d es Systemwechsels d arstell-
te, sondern selbst zum Zusammenbruch des Sozialism us beige-
tragen hat. Der Zusa mmenbruch des Sozialismus ha t also nicht
nur neue oder einfach andere politische und soziale Strukturen
mit sich gebracht, sondern hat einen neuen historischen Hori-
zont umrissen. Vor diesem Horizont tauchten jedoch nicht nur
»neue«, bisher unbekannte oder unterdrückte historische Ereig-
nisse und Akteure auf, sondern die Meilensteine der unga ri-
schen Geschichte wurden versetz t. Und die Revoluti on von
1848 war und ist so ein Meilenstein.

Die Revolution von 1848 in Uuganl

Um die jahre 1848-49 bzw. um die Bedeutung der Revolution


für die unga rische Geschichte zu verstehen, mu ß man einen
Blick auf die Vorgeschichte und auf d as politische und soziale
Umfeld der Ereignisse werfe n. Seit den zwanziger Jahren d es
19. jahrhu ndert versuchten ein Teil d er Aristokratie und des
Adels, aber auch Dichter und Schriftsteller, das schwankende
fe uda le Gesellscha ftssystem in Unga rn innerhalb d es Habs-
burg-Reiches zu reformieren und zu modernisieren. Dies be-
deutete in der politischen Prax is vor allem d as Verlangen nach
nationaler Unabhän gigkeit un d d ie Schaffun g einer unga ri-
00049~7b

Geschichte, Mythos und PolHik 35

sehen Nationalkultur. Das frühe 19. Jahrhundert kann vor allem


durch die Konstruktion und Erfindung der ungarischen NaHo-
nalkultur cha rakterisiert werden, d u rch eine ursprünglich kul-
turelle Bewegung, die jedoch zwischen 1820 und 1840 immer
politischer und gleichzeitig immer radikaler geworden ist. Es
handelt sich hier um jenen Prozeß, den Miroslav Hroch in sei-
nem berühmten Buch über europäische nationale Bewegungen
im 19. Jahrhundert so treffend beschrieben hat.' Hroch wies dar-
auf hin, daß man in der Herausbildung der nationalen Idee eine
sogenannte »Phase A« unterscheiden kann. Diese Phase, die ins
frühe 19. Jahrhundert gehört, ging rasch vonstatten und hatte
rein kulturellen, literarischen und volkskundlichen Charakter,
ohne daß sich daraus unmittelbare politische oder nationale
Folgen ergeben hätten. Man kann jedoch sagen, daß dieses Sta-
dium die spä teren politischen Ereignisse und ideologischen
Entwicklungen notwendigerweise vorbereitete - vor allem da-
durch, d aß sich allmählich eine Sichtweise herausbildete, die
weder die Wirtschafts- noch die Gesellschaftsform, also weder
das Ökonomische noch das Soziale als wesentlichste und fun-
d am entalste Grundlage für die Entstehung und die Existenz
von Nation verstand und betrachtete, sondern vielmehr die so-
genannte »dritte Ebene« der sozialen Existenz, die Kultur, die
Denkweise, die Weltanschauung. 8 Auch in der ungarische Ge-
sellschaft formierte sich langsam die Überzeugung, daß diese
),dritte Ebene« Ausdruck und Manifestation einer nationalen
Substanz sei, und daß diese Substanz verstanden werden müs-
se, um eine der Nation angemessene Politik betreiben zu kön-
nen. Diese Auffassung und diese Vorstellung des Nationalen
existierten natürlich nicht aus sich heraus, und sie waren auch
nicht selbstverständlich. Zur Durchsetzung und Realisierung
dieser Idee bedurfte es einer Voraussetzung von grundlegender
Bedeutung: Es mußte nämlich für die damalige Gesellscha ft of-
fensichtlich sein, d aß es ohne eigene Kultur und vor allem ohne
die Möglichkeit, diese eigene Kultur Anderen darstellen zu
können, keine politische und staatliche Unabhängigkeit und so-
mit keine eigene und unabhängige Nation geben konnte.
Diese Auffassung hat sich in den späten dreißiger und vier-
ziger Jahren al1mählich verändert bzw. es hat sich der politische
Akzent der Reformbewegung und der politischen Opposition
verschoben. Neben der Forderung nach nationaler Unabhän-
gigkeit trat immer stärker das Verlangen nach wirtschaftlicher
000-49~75

36 Peter Niedermüller

und gesellschaftlicher Modernisierung in Form von Kapitalisie-


rung, Industrialisierung, Urbanisierung und vor allem Verbür-
gerJichung - der Schaffung eines »nationalen (( Bürgertums - in
der Vordergrund. In diesem Prozeß lassen sich drei Abschnitte
unterscheiden: Während des Landtags von 1839 / 40 wurden -
unter anderem - die Bedingungen des Funktionierens von In-
dustrie und Handel geregelt bzw. erhielten die bis dahin recht-
losen Juden das Recht, sich frei in den Städten anzusiedeln und
Handel und Gewerbe zu treiben. Mitte d er vierziger Jahre ent-
deckte die politische Oppositio n ein neues Terrain, das der
Wirtschaftspolitik. Vereine zum Schutz der ungarischen Indu-
strie entstanden, die gleichzeitig zum Boykott ausländischer -
vor allem österreichischer - Waren aufriefen, ebenso wie eine
Gesellscha ft zur Gründung von Fabriken sowie eine Handels-
gesellschaft. Und in der dritten Phase, seit 1847, organisierte
sich die Opposition als politische Partei, deren Programme sich
auf allgemeine Steuerpflicht, auf soziale Gleichheit, Pressefrei-
heit, auf die Einführung einer parlamentarischen Regierung,
aber auch auf die Union Siebenbürgens mit Ungarn bezogen.
Diese allmählich radika ler werdenden Forderungen haben
jedoch am historischen Vorabend der 48er Revolution die poli-
tische Opposition in Ungarn gespalten - vor allem, was die
Strategie und die Philosophie des politischen Widerstandes an-
belangt. Es gab keine tiefe, unüberbrückbare Kluft zwischen
den verschiedenen Auffassungen, die politischen Ziele waren
ja doch dieselben: nationale Unabhangigkeil, wirtschaftliche
und gesellschaftliche Modemisierung, die Schaffung eines na-
tional gesinn ten Bürgertums. Wo aber die politischen Akzente
liegen sollten und wie diese Ziele zu erreichen wären, darüber
gab es Differenzen von Beginn an; sie wurden später immer
größer und bedeutungsvoller. Auf der einen Sei te stand en d ie-
jenigen sozialen Gruppen und politischen Vorstellungen, die
die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen durch
allmähliche und vorsichtige Reformen, durch die Herausbil-
dung der ungarischen Na tionalkultur bzw. nationaler Identität
durchzusetzen versuchten. Diese Stra tegie verband sich mit ei-
ner konservativen Gesellschaftsphil osophi e, die die soziale
Ordnung nicht grundsätzlich verändern, sondern eher erneu-
ern und verbessern wollte. Auf d er anderen Seite standen die-
jenigen sozia len Gruppen, die nicht nur eine radikalere Politik
verfolgten, sich also eine grundsätzlichere Veränderung des po-
00049J7b

Geschichte, Mythos und Politik 37

litischen und gesellschaftlichen Systems zum Ziele setzten, son-


dern d.ie vor all em Formen und Muster des westlichen Moder-
nisierungsprozesses in Ungarn ansiedeln und verbreiten woll-
ten. Dieser Modernisierungsversuch bedeutete jedoch nicht nur
die Förderung der heimischen Industrie und des Handels bzw.
des )}nationalen« Bürgertums, sondern hat auch die neue So-
zialphilosophie des Liberalismus eingeführt.
Das hier entworfene skizzenha fte Bild der politischen Zu-
stände in Ungarn am Vorabend der Revolution bedarf noch ei-
ner Ergänzung. Es gab natürlich nicht nur die politische Oppo-
sition, sondern auch politische Kräfte und soziale Gruppen, die
sich zusammen mit dem Wiener Hof um die weitere Stabilisie-
rung des schwankenden Feudalismus und dessen politischen
Systems bemühten. Und auf dem Lande, in den kleinen Städten
und Dörfern Ungarns herrschte Ruhe; seit dem frühen 18. Jahr-
hundert hatte es keinen Aufstand gegen die Habsburger mehr
gegeben. Die politische Lage des Habsburg-Reiches stellte sich
also im Blick auf Unga rn in den Wintermonaten 1848 als eine
gespannte »Pattsituation« dar, in der weder die Machthaber
noch die Opposition die nötige Kraft hatten, eine Entscheidung
zu ihren Gunsten herbeizuführen .
Diese Lage hat sich durch die Ereignisse vom 15. März 1848
dramatisch verändert. Anfang März hatten d.ie Nachrichten aus
Paris, von der dortigen Revolution und dem Sturz des Königs,
auch Wien und Budapest erreicht. Im Landtag, der seit Novem-
ber 1847 in PreBburg tagte, wurden die Forderungen der poli-
tischen Opposition immer radikaler. Am 3. März schon hatte
der Anführer der Opposition, Lajos Kossuth, eine eigene Kon-
stitution und Regierung für Ungarn verlangt und diese Forde-
rung wurde vom Landtag auch angenommen und an den Wie-
ner Hof weitergeleitet. Am 15. März entsandte der Landtag eine
Delegation nach Wien, die zwe i Tage spä ter mit der Ernen-
nungsurkunde des ersten ungarischen Ministerpräsidenten,
Lajos Batthyany, und dem Versprechen zurückkehrte, der Kö-
nig sei willens, alle Gesetze zu sanktionieren, die ihm in den
nächsten Wochen vom Landtag vorgelegt würden. Inzwischen
aber fand eine unbluti ge, }>eintägige« Revolution in Pest9 statt,
die die früheren politischen Forderungen überholte. Die jungen
liberalen und radikalen intellektuellen in Pest, angeführt von
dem Dichter sandor Petbfi, hatten die Wichtigsten Forderungen
in zwölf Punkten schri ftlich zusammengefaBt, um die Massen,
38 Peter Niedermüller

die sich wegen eines Jahrmarktes bereits in der Stadt aufhielten,


zu mobilisieren. Diese Zwölf Punkte verlangten - unter ande-
rem - Pressefreiheit, eine eigene Regierung und einen eigenen
Landtag. eine eigene Konstitution, »)bürgerliche« und religiöse
Gleichheit, eine nationale Armee, eine Nationalbank, die Frei-
lassung der politischen Gefangenen, die Abschaffung der feu -
dalen Verhältnisse und die Union mit Siebenbürgen.
Die Zwölf Punkte und das NationaLlied von Petöfi wurden
dann während des 15. März ohne Genehmigung des Zensors
gedruckt, der Druck der Masse zwang auch d en Stadtmagistrat
bzw. den Statthalterbeirat, die oberste Behörde der Landesver-
waltung, zur Annahme der Forderungen. Schließlich wurde
auch die Freilassung einiger politischen Gefangenen erreicht.
Der 15. März, der Anfang der Revo lution, bedeutete gleichzei tig
deren Höhepunkt. Die Menschenmasse zog mit revolutionären
Liedern und Fahnen durch Buda und Pest, sie schien die Habs-
burgische Herrschaft und das feudale System gestürzt zu ha-
ben. Die hochritualisierten Massenveranstaltungen vom
15. März stellten in diesem Sinne nicht nur die Grundlage für
den romantischen Charakter der 48er Revolution dar, sondern
sie bedeuteten die erste modeme Demonstration in d er ungari-
schen Geschichte und machten die Macht symbolischer Ereig-
nisse und politischer Rituale sichtbar.
Was danach kam, kann man als politischen Alltag beschrei-
ben. Der Landtag, der immer noch im Preßburg tagte, leitete
eine Reihe in raschem Tempo entworfener Gesetze ein, die das
Ziel hatten, den ))Systemwechsel(( zur Erfüllung zu bringen. Er
entwarf Gesetze über die parlamentarische Volksvertretung,
die vollständige innere Selbständigkeit der Regierung, über die
Gleichheit von Adligen und Nichtadligen vor dem Gesetz, eine
allgemeine Steuerpflicht usw. und nahm sie an. In d er prakti-
schen Umsetzung dieser Gesetze allerdings stieß die Regierung
auf unerwartete und letztend lich unlösbare Schwierigkeiten.
Zum einen sind die immer größer gewordenen Gegensätze und
Konflikte zwischen dem liberalen Adel und den Bauern zu er-
wähnen. Die Bauern verlangten immer heftiger, daß man sie
auch von jenen im eigentlichen Sinne nicht urbarialen Diensten
und Leistungen entbinden soHe, die ihnen aufgrund der Nut-
zung von Feldern auBerhalb der adeligen Possess ionen aufer-
legt worden waren. Die Regierung konnte den Ba uern in die-
sem Punkt keine weiteren Zugeständnisse machen, da dieseine
00049J76

Geschichte. Mythos und Politik 39

erhebliche Zusatzbelastu ng der Staatskasse bed eutet h ätte.


Demzufolge kam es immer ö fter zu gewaltsamen Dienstverwei-
gerungen, soga r zu versuchten Landbesetzungen. Zum ande-
ren s pitzte sich die Na tionalitätenfrage immer stärker zu. Die
libera len und radika len Politiker d er auf ungarischem Territo-
rium lebenden Nationa litäten dräng ten seit Beginn d er Revolu-
tion d arauf, d aß alle Nationalitäten des Landes die volle natio-
nale Gleichberechtigung erhalten sollten. Die Regierung aber
ging nur auf die kultu rellen und konfessionellen Forderungen
ein und lehnte andere Ansprüche strikt ab - so z. B., in d en
mehrheitl ich von Nationalitäten bewohnten Komitaten die
Sprach e dieser Na tionalitäten als Amtssprache einzuführen.
Das führte in kürzester Zeit dazu, da ß sich d ie politischen Füh-
rer d er ve rschied enen Nationalitäten gegen die Revolution
wa ndten. Die Forderung nach mehr Minderheitenrechten ver-
banden sich dann schnell mit den bereits erwähnten Begehren
der Bauern, vor allem in jenen Grenzgebieten, wo die kroati-
schen, rumänischen oder serbischen Bauern von der Bauernbe-
freiung vom Mär z d e fac to nicht profitierten. Dadurch ver-
schlechterte sich die politische Situation in Ungarn rasch und
unaufha ltsam. Schon im Juni 1848 kam es zu einem Aufstand
von Serben, und im Herbst d esselben Jahres wandten sich auch
alle anderen Nationalitäten - Slowaken, Rumänen und Kroaten
- gegen die Revolution. Schließlich müssen auch die politischen
Bemühungen des Wiener Hofes erwähnt werden, die von An-
fang an auf d ie Maßregelung Ungarns abzielten. Nachdem sich
die Position der Monarchie im Lauf des Sommers allmählich
stabilisiert hatte, ergab sich im August 1848 für den Wiener Hof
d ie Möglichkeit, mit Waffen gegen d ie ungarische Revolution
vorzugehen.
Der unga rische Freiheitskrieg von 1848/49 läßt sich in d rei
Etappen aufteilen: Von September 1848 bis Januar 1849 häuften
die habsburgischen Tru ppen Erfolg au f Erfo lg, am 5. Januar
1849 eroberten sie soga r Buda. 1m Frühjahr 1849 jedoch startete
di e unga ri sche Armee eine Gegenoffensive, konnte im Mai
Buda zurückerobern u nd drängte die habsburgische Armee bis
Ende April an die Grenze im Westen Unga rns zurück. Die wei-
teren Ausw irkungen dieser Gegenoffensive waren jedoch ver-
heerend und vernichtend. Das Haus Habsburg verbündete sich
mit dem russischen Zaren. 1m Rahmen d ieses Abkommens und
auf Bitte des österreich ischen Kaisers Franz Joseph d rangen
40 Peter Niedermüller

Mitte Juni 1849 russische Hilfstruppen in Ungarn ein, bis


Anfang August hatten sie zusammen mit den kaiserlichen
Truppen die ungarische Revolution von 1848 endgültig nieder-
geworfen. Der Niederschlagung d er Revolution folgte eine
zehnjährige Periode d er militärischen Besetzung und Willkür-
herrschaft und der vollständige Anschluß Ungarns an das
Ha bsburgische Reich. Ab 1859 begann dann eine Übergan gs-
phase, die allmählich zum Ausgleich von 1867 führte. Politisch
bedeutete d ieser Ausgleich, daß aus der Gesamtmonarchie ein
dualis tischer Staat mit gemeinsamen Ministerien für Äußeres,
Krieg und einem zur Kostendeckung der gemeinsamen Ange-
legenheiten d ienenden Ministerium der Finanzen wurde. For-
mal war Ungarn unabhängig, zwei Regierungen und zwei Par-
lamente standen nebeneinander. Obwohl der politische Anfüh-
rer der 48er Revolution, Lajos Kossuth, den Ausgleich ablehnte
und ihn als den »Tod der Nation!( bezeichnete, nahm die Mehr-
heit d er unga rischen Gesellschaft diese Lösung als einzig mög-
lichen Ausweg an; sie sah in ihm soga r ein politisches und in-
stitutionalisiertes Zeichen der Aussöhnung bzw. d er Anerken-
nung der politischen Forderungen der Revolution.

Das historische Gedächtnis von 1848

Das Nachleben von »1848« fing gleich nach dem endgültigen


Niederschlag des Freiheitskampfes an. Die Habsburger verbo-
ten zwa r aUe Formen öffentlicher Erinnerung und versuchten
die Revolution aus dem kollektiven Gedächtnis auszuradieren,
sie konnten jedoch die ra sche Sakralisierung d er Ereignisse
nicht verhindern. In den Städten und Dörfern kursierten Ge-
rüchte über einen Neuanfang der Revolution oder aber über
gefa ll ene Helden des Freiheitskampfes, die irgendwo lebend
gesichtet worden waren . Das histo rische Gedächtnis - hier als
eine Form d es kollektiven Gedächtn isses betrachtet, in d em
Stücke der Vergangenheit einer Nation oder Gesellschaft ge-
speichert werden - hat sich jedoch nur langsam herausgebildet.
Dabei spielte die Geschichtswissenschaft eine entscheidende,
jedoch nicht die alleinige Rolle. Durch wissenschaftliche For-
schungen werden differente Geschichtsbilder p roduziert, aus
00049~76

Geschichte, Mythos und Politik 41

denen einige hegemoniale Positionen einnehmen bzw. zum of-


fiziellen Geschich tsbild werden, welches das jeweilige politi-
sche System verwendet, um sich selbst zu legitimieren. Neben
historischen Forschungen besteht das historische Gedächtnis
aus fiktiven Erzählungen der vergangenen Ereignisse, aus einer
»geseUschaftlichen Narrative«, die in Form persönlicher Erfah-
rung'e n und Erinnerungen, mündlicher Traditionen, mentaler
und imaginärer Bilder und Erinnerungsorten bzw. in der Lite-
ratur und Kunst vorhanden ist. Und schließlich soU das histo-
rische Gedächtnis durch öffentliche Erinnerungsakte,IO durch
ritualisierte kulturelle Praxis visualisiert und repräsentiert
werden. Das historische Gedächtnis stellt jed och nie ein homo-
genes und eindeutiges Bild der Vergangenheit dar, es zeigt viel-
mehr, wie unterschiedliche Geschichts- und Vergangenheitsm-
terpretationen in einer Gesellschaft vorhanden sind oder sein
können. 11
Im Entfaltungsprozeß des historischen Gedächtnisses über
die Ereignisse von 1848 in Ungarn spielten die öffentlichen Er-
innerungsa kte zum 15. März eine zentraJe Rolle. Dieser histori-
sche Tag wurde erstmals 1860 mit einer Demonstration gegen
die Habsburger begangen und seit dieser Zeit blieb er im Mit-
telpunkt der Erinnerung. Dieses Datum bedeutete jedoch nicht
nur den Zeitpunkt des öffentlichen Andenkens, sondern es hat
di e semantische Kontur des historischen Gedächtnisses ent-
worfen, hat bestimmte »Zeitinseln «, metaphorische »Erinne-
rungsfiguren«, »Gedächtnisräume« und »Gedächtnistextu-
ren «12 zustande gebracht, die das historische Gedächtnis zum
Revolutionsjahr 1848 wesentlich bestimm ten. Der 15. März ist
zum Symbol für eine friedliche, aber kompromißlose republi -
kanische Revolution geworden, die von jungen Intellektuellen
angeführt, aber durch eine modeme Massendemonstration
durchgesetzt wurde. 13 Diese Motive, der republikanische Cha -
rakter der Revolution, die jungen Intellektuellen und eine damit
verbundene Jugendromantik bzw. d ie politische Rolle moder-
ner Massendemonstrationen sind feste, fast alleinige - jedoch
leicht instrumentalisierbare - Bestandteile der jeweiligen Erin-
nerungsrituale geworden. Daß die gesellschaftliche Erinnerung
sich auf den 15. März fokussierte. hatte selbstverständlich zur
Folge, daß andere historische Ereignisse von »1848« aus dem
kollek tiven Gedäch tnis verschwanden. Das historische Ge-
dächtnis zu »1848« hat sich also durch diese Dialektik zwischen
42 Peter Niedermüller

öffentlicher Erinnerung und gesellschaftlichem Vergessen ent·


wickelt. Zu seiner Herausbildung trug aber vor allem - wie be-
reits angedeutet - die Geschichtswissenschaft bzw. die Ge-
schichtsschreibung bei . Zwischen historischem Gedächtnis und
Geschichtswissenschaft gibt es nur eine schmale Grenze, da in
der Geschichtsschreibung ja immer ) bewußte und unbewußte
Auswahlmechanismen, aber auch Deutung und Entstellung zu
bedenken sind«, wie es Peter Burke in einem schönen Essay l4
gezeigt hat Gleichzeitig erachtete aber die ungarische Ge-
schichtsschreibung die Aufarbeitung, die historische Analyse
der Revolution, das Wachhalten der Erinnerung und die Mah-
nung an die politischen und gesellschaftlichen Folgen als mo-
ralische Pflicht. Die grundsätzliche Bedeutung von »1848« für
die ungarische Geschichte wurde in den Forschungen von An-
beginn hervorgehoben , und die historische Bedeutsamkeit
wurde auch später nie in Frage gestellt, obwohl die Gescheh-
nisse sehr unterschiedlich analysiert, interpretiert und darge-
stellt wurden.
Wie gesagt: historische Analyse und Interpretationen waren
zu jeder Zeit einhelliger Meinung. daß »1848« eine Wichtige Zä-
sur in der ungarischen Geschichte, das endgültige Ende des
Feudalismus bedeutete und eine neue historische Epoche, die
der politischen und gesellschaftlichen Modemisierung, der all-
mählichen Herausbildung einer bürgerlichen Gesellschaft in
Ungarn einleitete. Der Unterschied lag und liegt in der Darstel-
lung und Deutung des politischen und gesellschaftlich en Inhal-
tes dieses Modemisierungsprozesses. lnteressant ist jedoch in
erster Linie nicht, wie verschiedene Schulen und Richtungen
der ungarischen Geschichtswissenschaft das Jahr 1848 interpre-
tierten, sondern, wie diese Interpretationen auf das his torische
Gedächtnis wirkten. Um diese Wirkung zu läutern, möchte ich
auf die RoUe und Funktion narrativer Abbreviaturen hinwei-
sen. Narrative Abbreviaturen sind - wie es Jörn Rüsen formu-
lierte - »in Sprache eingelagerte Geschichten, die nicht als sol-
che erzählt werden, sondern als schon erzählte aufgerufen und
kommunikativ verwendet werden((.IS Anders gesagt: Die nar-
rativen Abbreviaturen funktionieren als semantische Konzen-
trate, die »schicksalhafte Ereignisse der Vergangenheit( 16 in sich
speichern und dadurch als »Fixpunkte( der Geschichtswahr-
nehmung und -darstell ung, als das Skelett des historischen Ge-
dächtnisses wirken. »1848( war so ein schicksalhaftes Ereignis
00049~75

Geschichte, Mythos und Politik 43

in der unga ri schen Geschichte und funktionierte auch (und


funktioniert heute noch immer) als narrative Abbreviatur.
»1848( als narrative Abbreviatur beinhaltet zwei verschiede-
ne Erzählungen, zwei narrative Strukturen, die sich kurz nach
der Revolution herausgebildet und nach dem Ausgleich von
1867 voll entfa ltet haben. Diese Narrationen erzählen die ver-
gangenen Ereignisse unterschiedlich bzw. mit anderen Akzen-
ten, legen sie auf unterschiedlichen zeitlichen und historischen
Horizonten aus und verbinden sie mit unterschiedlichen poli-
tischen Stra tegien. Zum einen wird »1848( in einem längeren
zeitlichen Prozeß und in einem breiteren historischen Kontext
gedeutet. »1848( als narrative Abbreviatur weist hier auf die
historische Entwicklung d er ungarischen Gesellschaft im
19.}ahrhundert hin. Am Anfang steht die politische und kultu-
relle Reformbewegung des frühen 19. Jahrhunderts, die schon
alle wesentliche Ziele einer sich modernisierenden Gesellschaft
konzipiert ha tte. Modernisierung bedeutet in dieser Geschichte
vor allem nationale Freiheit und Unabhängigkeit bzw. die Her-
ausbildung der historisch, kulturell und auch ethnisch definier-
ten Nation. Der Grund der Nation und des Staates ist das Volk,
das die gemeinsame ethnische und historische Abstammung
der Nation repräsentiert und als solches Träger einer ursprüng-
lichen Kultur und der daraus abgeleiteten gemeinsamen NaHo-
nalkultur und Identität ist. In dieser Gesellschaft, d. h. zwischen
Aristokratie, Adel und Volk herrscht ein patriarchalisches Ver-
hältnis, die gemeinsame Abstammung, Kultur und Geschichte
läßt keine sozialen Konflikte und Auseinandersetzungen auf-
kommen. Die notwend igen politischen und sozialen Verände-
rungen kann man durch allmähliche und langsame Reformen,
mit der Hilfe eines vorsichtigen politischen Konservativismus
und ohne jeglichen Radikalismus durchsetzen. In diesem Sinne
stellt die Revolution, genauer gesagt: die politischen Ziele, For-
derungen und Intentionen, die d er 15. März repräsentiert, einen
Bruch in der kontinuierlichen historischen Entwicklung dar,
der dann notwendigerweise zur Niederschlagung der Bewe-
gung, zu Willkürherrschaft und Ausgleich führte und das Er-
reichen d es obersten Ziels, das Zustandebringen des National-
staa tes verhind erte. Es lassen sich in dieser Interpretation all-
mähliche Reformen, politischer Konservativismus, nationale
Unabhängigkeit und ein patriarchalischer Staat als Grundsteine
der gesellschaftlichen Modernisierung ansehen, und »1848« gilt
00049~76

44 Peter Niedermüller

als der Versuch, diese politische Philosophie und Strategie zu


verwirklichen.
Die andere Geschichte zu •• 1848« legt den Akzent auf die Re-
volution, auf notwendigen politischen Radikalismus. Nachdem
die aUmählichen politischen und gesellschaftlichen Reformen
keinen Erfolg versprachen, gab es keine andere MögLichkeit, als
das Volk - im Sinne der Französischen Revolution - zu mobili-
sieren, um politische Veränderungen zu erzwingen. Dieses Volk
wurde jedoch nicht, oder nicht nur in kultureller Terminologie
definiert. Dieses Volk »entstand« nicht aufgrund gemeinsamer
Abstammung, Kultur und Geschichte, sondern formierte sich
durch gemeinsame demokratische politische Forderungen und
Zielsetzungen, die nur durch eine Revolution zu erreichen wa-
ren. Das Ziel der Revolution war, eine demokratische. liberale,
bürgerliche Gesellschaft, eine modeme Nation im politischen
Sinne zu schaffen. Nationale Unabhängigkeit und Modernisie-
rung spielten und spielen also auch in dieser Geschichte zen-
traLe Rollen, nur der Inhalt dieser Kategorien ist ein ganz ande-
rer. In dieser Geschichte stellt der 15. März den Anfang der Re-
volution, eine symbolische Grenze dar, an der sichtbar
geworden ist, daß das existierende politische System nicht mehr
reformiert werden konnte: es mußte gestürzt werden .•• 1848«
wird als ein revolutionärer Wendepunkt gedeutet, dessen Ziel
die politische Demokratie, Liberalismus bzw. die gesellschaftli-
che, aber auch kulturelle Verbürgerlichung Ungarns waren. Es
läßt sich also sehen, daß »1848« a ls nalTalive Abbreviatur ei-
gentlich zwei differente Gesellschaftsmodelle in Rahmen des
kollektiven Gedächtnisses repräsentiert, die durch diese Abbre-
viatur immer wieder aufgerufen werden können und eigentUch
bis heute eine grundlegende Rolle in der politischen und gesell -
schaftlichen Entwicklung Ungarns spielen. 1'
Es ist jedoch auch darauf hinzuweisen, daß neben den
grundsätzlichen Differenzen auch wesentliche Gemeinsamkei-
ten in beiden Gesch ichten existieren, vor all em was das Schei-
tern der Revolution anbelangt. Hier ist das his torische Gedächt-
nis sehr eindeutig: Die Revolution wurde niedergeschlagen,
weil sich die nationalen Minderheiten - Kroaten, Serben, Ru-
mänen, SLowaken - gegen sie wandten, weil die russische Über-
macht in den Freiheitskampf auf der Seite der Habsburger ein-
gegriffen hat und weil es Politiker und Generäle gab, die die
Revolution verraten haben. Damit sind alle wesentlichen, mit-
00049J7h

Geschichte, Mythos und Politik. 45

einander verknüpften und »traditionellen« Motive des histori·


sehen Gedächtnisses angesprochen. Vor allem sind es die frem·
den Mächte - mal die Türken, mal die Russen - , die Ungarn
und die ungarische Nation immer wieder gefährdet und erobert
haben und ihre Unabhängigkeit unterdrückten. Im historischen
Gedächtnis geht es jedoch nicht um konkrete historische Situa·
Honen, sondern es geht um das imaginäre Fremde, das in den
einzelnen historischen Situationen immer wieder austausch-
und ersetzbar ist. Es wurde hier - gewissermaßen rückwirkend
- ein Bild oder ein Mythos fabriziert, der seit dieser Zeit in ganz
verschiedenen historischen und politischen Situationen einge-
setzt und instrumentalisiert wurde.
Mythos bedeutet hier jedoch nicht eine »ungenaue Erzäh-
lung«. Der Begriff wird vielmehr in einem anderen Sinn ver-
wand t, »in dem reichhaltigen, positiveren Sinn einerGeschichte
mit symbolischer Bedeutung, die von stereotypen Begebenhei-
ten und überlebensgroßen Figuren - Helden oder Schurken -
Gebrauch macht«. 18 Dieser Mythos erzählt die Geschichte von
1848, aber darüber hinaus die ganze ungarische Geschichte als
ständigen Kampf zwischen Ungarn und den Fremden, zwi-
schen dem Eigenen und dem Anderen. Oder anders ausge-
drückt: Die Tragödien und Niederlagen in der ungarischen Ge·
schichte - auch die von 1848 - sind immer durch die Fremden,
durch die Anderen, durch die »Nicht-Ungarn« hervorgerufen.
Die ungarische Geschichte - so geht der Mythos weiter - besteht
aus heroischen Kämpfen gegen fremde Mächte und aus nieder-
geschlagenen Befreiungskämpfen und Aufständen. Dieser My-
thos hat aber auch eine andere, politisch immer wieder instru-
mentalisierbare Konsequenz: der soziale Inhalt der Geschichte
und der historischen Entwicklung konnte immer wieder elimi-
niert werden. Ihm zufolge gab es keine sozia len Probleme und
Konflikte. nur nationale und ethnisch gefärbte Auseinanderset-
zungen. Für das historische Gedächtnis war und ist die unge-
löste Bauemfrage von 1848 kein sozialer Konflikt, sondern es
war und blieb eine ethnische bzw. nationale Auseinanderset-
zung. Das historische Gedächtnis betrachtet »1848« eigentlich
bis heute als ein historisches Ereignis, bei dem die ethnisch und
national definierten Fremde - Minderheiten, ÖSterreicher, Rus-
sen, usw. - den ullgarischen Freiheitskampf niedergeschlagen
haben. obwohl die Revolution tatsächlich nicht nur am militä-
rischen Übergewicht der Habsburger, sondern in großem Maße
46 Peter Niedermüller

an den sozialen Konflikten der damaligen ungarischen Gesell-


schaft scheiterte. Die ErkJärung des Scheitems der Revolution
durch den Mythos aber machte »1848« nicht nur zum Teil der
nationalen Mythologie und hat nicht nur eine tragische Konti-
nuität in der ungarischen Geschichte aufgebaut und befestigt,
sondern hat die ungarische Geschichte per se als heroisches
Schicksal postuliert. Dieses heroisches Schicksal wird durch in-
dividuelle Lebensläufe von Anführern der Revolution reprä-
sentiert und symbolisiert, die entweder im Freiheitskampf ge-
fallen sind, wie der Dichter Petöfi, oder die Revolution verraten
haben sollten, wie General Görgey, oder Ungarn verlassen muß-
ten und nie im Leben zurückkehren durften, wie Kossuth, oder
in der Emigration irrsinnig geworden sind, wie Szechenyi, ein
Vordenker der Revolution. Und dieser tragische Charakter ist -
neben der schon erwähnten Symbolik vom 15. März - ein wei·
teres zentrales Merkmal des historischen Gedächtnisses zu
»1848«, das nicht nur in der politischen Rhetorik, in der Ge-
schichtswissenschaft und in den öffentlichen Diskursen immer
wieder thematisiert wurde, sondern auch im Mittelpunkt lite-
rarischer und künstlerischer Darstellungen stand und steht.

1848 im (PosOSozialismus

Der Wechsel politischer Systeme ruft immer Veränderung und


Umstrukturierung im historischen Gedächtnis hervor. Es war
auch in diesem Fall nicht anders. Die Kommunistische Partei,
die nach dem Zweiten Weltkrieg, in den späten vierziger Jahren
die Macht in Ungarn übernahm, hat das Geschichtsbild von
1848 verändert bzw. in einem ganz anderen Kontext interpre-
tiert. »18481( wurde darin zur Vorgeschichte des Sozialismus.
Symbolisch, aber auch politisch wurde eine historische Konti-
nuität und Entwicklung hergestellt, die von der 48er Revolution
geradlinig zur sozialistischen Revolution führte. Dazu eigneten
sich die Feierlichkeiten zum hundertsten Jahrestag der Revolu-
tion 1948 besonders gut. In Budapest wehte neben der ungari-
schen Nationalfahne die rote Fahne der Kommunistischen Par-
tei und unter den Bildern, die die politischen Anführer der
Revolution zeigten, tauchte das Bild des damaligen ersten Se-
49~75

Geschichte, Mythos und Politik 47

kretärs der ungarischen Kommunistischen Partei auf (bei spä-


teren Gelegenheiten dann auch die Bilder von Stalin und Le-
nin). Daß es aber hier nicht um historische oder ideologische
Kontinuität ging und der Sozialismus ein eher zwiespältiges
Verhältnis zur Revolution von 1848 hatte, wird daran deutlich,
daß der 15. März in Ungarn zwischen 1951 und 1988 - abgese-
hen von einer kurzen Periode 1956 - kein offizieller Feiertag
war, obwohl jedes jahr zentrale, durch die Partei und die Regie-
rung organisierte Veranstaltungen stattfanden.
Das schwierige Verhältnis des sozialistischen Systems zu
»1848« ist während des Aufstandes 1956 noch ),empfindlicher«
geworden - vor allem dadurch, daß dieser Aufstand gegen die
kommunistische Herrschaft nicht nur in seinen politischen For-
derungen, sondern auch in seiner Symbolik ganz bewußt der
48er-Tradition folgte. Der bis dahin offiziell dargestellte und ri-
tualisierte historische Zusammenhang zwischen 1848 und dem
Sozialismus wurde symbolisch ignoriert, es entstand sogar eine
neue politische Semantik, die sich auf die politische Aktualisie-
rung der Zwölf Punkte - also nationale Unabhängigkeit, Pres-
sefreiheit, Freiheit der politischen Gefangenen, usw. - gründete.
Die Aufständischen betonten eine Reihe von Ähnlichkeiten, die
»1848« mit 1956 symbolisch verbanden: den spontanen und
friedlichen Charakter des ersten Tages der Revolutionen, am
15. März 1848 wie am 23. Oktober 1956; die rituelle Art der Mas-
sendemonstrationen; die zentrale Rolle der Jugend an beiden
Ereignissen; aber auch, daß sich beide Revolutionen gegenfrem-
de Mächte und die damit verbundene politische Diktatur wand-
ten. Hinzu kamen weitere s trukturelle Ähnlichkeiten: der kurze
und scheinbare Sieg der Revolution; eine kurze Periode der
praktischen politischen Umsetzung einer Demokratie; und am
Ende zwar nicht der Sieg der Armee des russischen Zaren, aber
die Panzer der Sowjetunion und die erbarmungslose Vergel-
tung. Dies alles ist keineswegs erstaunlich. Denn die histori-
schen und symbolischen Parallelen lagen ja nur allzu nahe.
Um nun mit dieser neugestifteten und für das kommunisti-
sch e Regime höchst problematischen Tradition umgehen zu
können, um den 15. März historisch neu zu verorten und da-
durch politisch zu »domestizieren«, zeichnete sich seit den
sechziger Jahren eine neue politisch - offizi ell geförderte Erin-
nerungsstrategie ab. Das Regime versuchte nunmehr, drei hi-
storische Daten: den 15. März 1848, den 21. März 1919, der Tag,
00049J76

48 Peter Niedermüller

an d em die Ungarische Räterepublik proklamiert worden war,


und den 4. April 1945, d en Feiertag der Befreiung Ungarns,
symbolisch und rhetorisch miteinander zu verbinden. Ein po-
litisch gefärbtes »Ged ächtnisthea ter(, im Garten d es National-
museums - wo am 15. März 1848 der Dichter Sandor Petöfi die
Zwölf Punkte verlesen ha tte - bzw. verschiedene ritualisierte
Erinnerungsakte in den unga rischen Städten, vor allem aber in
Budapest, sollten diese neu stilisierte revolutionäre und sozia-
listische Tradition Ungarns symbolisieren. Damit entstanden
ein neuer historischer Horizont und ein neuer politischer Kon -
text, in d enen d er 15. März 1848 wieder neue symbolische Be-
deutungen zugeordnet bekam, die früh ere, im Sozialismus un-
erw ünschte Bedeutungen neutralisieren oder unterdrücken
sollten.
Daß aber neben dem offi ziellen und in diesem Sinne herr-
schenden Bild von »1848«, auch andere Vorstellungen und Ge-
schichtsbilder in der Gesellschaft vorhanden waren bzw. das
historische Gedächtnis trotz aller Bemühungen d es politischen
Regimes auch anders mobilisiert und instrumentalisiert wer-
den konnte, zeigte sich am Anfang der siebziger Jahre, als die
ersten, mit offenen Demonstrationen verbundenen, oppositio-
nellen Veranstaltungen zur Erinnerung an »1848" stattfanden.
Die bereits erwähnten Motive d es historischen Ged ächtnisses,
wie z. B. d ie Idee der nationalen Unabhängigkeit und Freiheit,
die politische Unterdrückung durch fremde Mächte, der Kampf
gegen poli tische Diktatur usw., ließen ~I ch leicht aktualisieren.
Daher ist der 15. März zum Schauplatz symbolischer und poli-
tischer Auseinandersetzungen - aber auch politischer Demon-
strationen - und gleichzeitig ein Symbol für politischen Wider-
stand geworden. Seit den siebziger Jahren gab es in Bud apest
immer zwei Erinnerungsakte: einen offiziell organisierten, d er
das hegemoniale Geschichtsbild repräsentierte, und einen in-
formellen, durch die politische Opposi tion organisierten, der
dazu dien te, aktuelle politische Forderungen auf der Bühne
bzw. vor den Kulissen historischer Traditionen, in historischen
Dekorationen formuJieren und inszenieren zu können. Durch
diese »d op pelte Erinnerung «, durch d ie verschiedenen Ge-
dächtnisorte bzw. rituellen Erinnerungschoreographien sind je-
doch nicht nur differente historische Gedächtniskonstruktio-
nen, sondern auch abweichende politische Ideologien und Ord-
nungsvorstellungen sichtbar geworden.
49J7b

Geschichte, Mythos und Politik 49

Der 15. März und d as historische Ged ächtnis zu ~> 1 848« sp iel-
ten also eine ganz wesentliche Rolle in der Geschichte der po-
litischen Ause inand ersetzungen im soz ialistischen Unga rn .
Noch wichtigere Funktionen aber kamen ihnen im Zusammen-
bruch des Sozialismus zu. Den Prozeß der Ereignisse, der zum
Zusammenbruch des sozialistischen Systems füh rte, kann man
als Ethnologe - nach Victor Turner - als soziales Drama be-
schreiben.19 Jedes sozia le Drama beginnt mit einem Bruch, der
in einer Übergangsp hase öffentlich gemacht und ritualisiert
wird und zu einem offenen Konflikt führt (oder füh ren kann).
In der Übergangsphase des ungarisch en Systemwechsels spiel-
ten einige Elemente d er Vergangenheit bzw. d urch rituelle Er-
innerun gsa kte öffentlich inszenierte politische und ideologi-
sche Differenzen eine ganz entscheid ende Rolle. Das eine ist die
Neubestattung von Imre Nagy,20 d em nach d er 56er Revolution
hingerichteten Ministerpräsidenten Un garns; d as andere und
frü here sind d ie Geschehnisse vom 15. März 1989. 21 An diesem
Tag hatte d ie sich formierende po litische Opposition eine große
Massendemonstration in Budapest organisiert, bei der die spä-
teren politischen Forderungen d er Opposition erstmali g öffent-
lich geworden sind. Wäh rend und durch d iese Kundgebung
wurde wiederum eine neue his torische Kontinuität und politi-
sche Entwicklungslinie konstruiert, die von 1848 zu 1956 und
weiter zu 1989 füh rte. Die politischen Reden wiesen, ebenso wie
1956, auf die politische Aktualität d er Zwölf Punkte von 1848
hin und betonten, daß die politischen Ziele von 1848, besonders
diejenigen, die d ie nationale Unabhäng igkeit und Freihei t bzw.
die Pressefreiheit anbelangten, immer noch nicht erreicht wor-
den seien. In d iesem Sinne repräsentierte .. 1848« zum wied er-
holten Male aktuelle politische Forderungen und mach te den
frü her erwähnten symbolischen Bruch, den Anfa ng eines sich
formierenden sozia len Dramas sichtbar.
Etwa ein Jahr später, im Frühling 1990, fand dann eine kräf-
tige pol itische, ideologische, aber auch historische Disku ssion
statt. Das ungarische Pa rlament und die Medien debattierten
leid enschaftl ich da rüber, welche sta atlichen Symbole die neue
unga rische Demokratie brauche un d welche nich t; ob d as soge-
nannte »Kossuth-Wappen« oder aber d ie Krone des Heiligen
Stepha n, des ersten ungarischen Königs, die wiedergeborene
ungarisch e Na tion besser symbo li sieren bzw. rep räsenti eren
• könne. Und noch im selben Jah r wurd en auch lange öffentliche
50 Peter Niedermüller

Diskussionen darüber geführt, welches historisches Datum


zum nationalen Feiertag bestimmt werden sollte: der 15. März,
der 20. August, der Tag des Heiligen Stephan oder aber d er
23. Oktober, der erste Tag d er 56er Revolution. Das Ergebnis ist
bekannt: Das »)neue" Wappen der ungarischen Demokratie
übernahm die Krone des Heiligen Stephan, und zum nationalen
Feiertag wurden gleich alle drei Tage bestimmt. Auf diese Weise
entstand ein Geschichtsbild, das die Bestandteile der herrschen-
den Ideologie im postsozialistischen Ungarn zur Gänze sicht-
bar macht: Der 15. März repräsentiert die nationale Unabhän-
gigkeit und d ie Tradition der ungarischen Freiheitskämpfe; der
20. August steht für den Ursprungsmythos d es heutigen Staa-
tes, für die mythischen Zeiten der Staatsgründung; am 23. Ok·
tober wird nicht nur an den Aufstand von 1956 erinnert, dieses
Datum symboliSiert den »traditionellen (( Antikommunismus
der ungarischen Gesellschaft überhaupt.
In diesem Zusammenhang sollte man schließlich noch einen
etwas theoretischen Blick auf den Postsozialismus werfen, um
zu fragen, wie d ie osteurop äische Gegenwart aus der Vergan·
genheit, aus einer abgeschlossenen Zeit, aus zurückgebliebenen
Spuren und Ruinen »Geschichte(( macht. Ich kann diese Frage
hier nicht ausführlich d isku tieren, doch möchte ich noch eine
einfach zu beobachtende Tatsache erwähnen. Der osteuropäi·
sehe SystemwechseJ w ird in der Politik, in der Wissenschaft,
wie auch in den Medien konsequent als Zusammenbmcll oder
Kollaps des Sozialism us interpretiert. Dit!$e Sprachfigur reflek·
tiert ein zentrales Merkmal des Systemwechsels in Osteu ropa -
und zwar, daß die bestehende Ordnung des Sozialismus - ab·
gesehen von Rumänien, wo bis 1996 eigentlich kein politischer
Systemwechsel sta ttfand - nicht gewaltsam gestürzt wurde,
sondern in sich selbst zusammenfiel. Anders gesagt: Der Sozia·
!is mus wurde nicht durch eine Revolution oder durch das Wir·
ken einer erfolgreichen politischen Opposition abgeschafft .
Daraus kann gefolgert werden, daß hinter dem Systemwechsel
keine einheitlichen politischen Kräfte, Parteien, O rganisatio·
nen, Ideologien und Ziele zu finden sind oder waren.
Noch wichtiger scheint zu sein , daß in diesen Ländern keine
klaren pol itischen Zukunftsvisionen und gesellschaftlichen Zu-
kun ftsvors tellungen existierten. Politische Parteien haben s ich
erst während des System wechsels etabliert und p rofiliert, un-
terschied liche politische Ideolog ien und divergente gesell-
Geschichte, Mythos und Politik 51

schaftliche Ordnungsvorstellungen wurden erst im Zuge der


Ereignisse formuliert. Gleichzeitig ist schon in den frühen Peri-
oden des osteuropäischen System wechsels deutHch geworden,
daB in einem politischen Feld, in dem die Tradition politischer
Demokratie fehlt oder nur sehr mangelhaft vorhanden ist, die
sehr unterschiedlichen ideologischen und politischen Ord -
nungsvorstell ungen sich gegenseitig blockieren, was die
Handlungsfähigkeit und -einheit der neuen Demokratien ge-
fäh rdet. Politische Handlungsfähigkeit und gesellschaftliche
Handlungseinheit brauchen ein klares »Wir-Gefühl« bzw. die
Etablierung von »Wir-Gruppen .. , die wiederum auf eindeuti-
gen Grenzen zwischen . Wir« und »Ihr.. und dadurch auf Aus-
und Eingrenzungsmechanismen aufgebaut sind. 22 Um dieses
umfassende "Wir-Gefühl« in der politisch und ideologisch
chaotischen Situation des System wechsels zu erzeugen, gab es
nur zwei scheinbar feste und gemeinsame Punkte: die Ableh-
nung des real existierenden Sozialismus 23 und die (ausgewähl-
ten) , lange unterdrückten, jetzt aber wieder aktivierten histori-
schen Traditionen. Um diese potentiellen Gemeinsamkeiten po-
litisch mobilisieren zu können, sind wiederum Begriffe nötig,
»kraft derer sie (die Gesellschaft) sich eingrenzt und damit an-
dere ausgrenzt, und d . h. kraft derer sie sich selbst bestimmt«.
Ferner: »Immer sind Begriffe erforderlich, in denen sich eine
Gruppe wiedererkennen und selbst bestimmen muß, wenn sie
als Handlungseinheit will auftreten können. Ein Begriff in die-
sem hier verwendeten Sinne indiziert nicht nur Handlungsein-
heiten, er prägt und schafft sie auch. Er ist nicht nur Indikator,
sondern auch Faktor politischer oder sozialer Gruppen.,(24
Diese theoretischen Thesen von Reinhart Koselleck charak-
teris ieren genau die heutige Situation osteuropäischer Gesell-
schaften. Sie brauchten Begriffe, die - aus Mangel an demokra-
tischen Traditionen bzw. allgemein angenommenen politischen
Zukunftsvorstellungen - die postsozia listischen Gesel1schaften
integrieren sollten. In diesem Sinne hat sich während des Sy-
stemwechsels rasch ein asymmetrischer Gegenbegriff von
grundlegender Bedeutung - nämlich »Sozialismus und Postso-
zialismus(( - herauskristallisiert, der nicht einfach nur politi-
sche Unterschiede zum Ausdruck brachte. Diese duale Sprach-
figur schuf vielmehr symbolische Abgrenzungsmechanismen,
um die politische Differenz zweier historischer Periode sichtbar
zu machen. Im Gegensatz zum Sozialismus bezieht sich der Be-
00049076

52 Peter Niedermüller

griff des Postsozialismus nicht auf ein konkretes politisches Sy-


stem . Postsozialismus ist nicht automatisch mit Kapitalismus
oder Demokratie gleichzusetzen. Im Gegenteil, im Postsozialis-
mus lassen sich verschiedene politische Ordnungsvorstellun-
gen vom offenen Nationalismus bis zum Neoliberal ismus er-
kennen - unabhängig davon, was daraus realisierbar ist.
Postsozialismus ist also kein eigentlicher, inhaltlich be-
stimmter politischer Begriff, er bezeichnet kein politisches Sy-
stem, er stellt eher den kleinsten gemeinsamen Nenner für
höchst unterschiedliche Vorstellungen d ar. Postsozia lismus be-
zeichnet also ))eine Existenz, die völlig durch die Tatsache be-
stimmt u nd definiert ist, d aß sie post ist (hinterher kommt), u nd
überwältigt ist vom Bewußtsein, sich in einer solchen Lage zu
befinden«.2S Dies bedeutet, daß im Begriff des Postsozialismus
eine frühere historische Zeit, die des Sozialismus, repräsentiert
und reflektiert wird. Die Logik d ieser Repräsentation zielte je-
doch auf die vollständige Ausschließung einer historischen Pe-
riode - der des Sozialismus - aus dem politischen und symbo-
lischen Raum d es Systemwechsels, aus der Geschichte und da-
durch auf die Stigma tisierung aller sozialer Gruppen ab, die
sich in irgendeiner Art und Weise mit dieser Epoche identi fizie-
ren. Anders formuliert: Die Gegenbegri ffe von Sozialismus und
Postsozialismus d ienen in einer politisch und ideologisch kon-
fusen Situation dazu, Handlungseinhei t und -fähigkeit d urch
Ausgrenzung und symboli sche Stigmatisierung zu scha ffen .
Diese politische I~rax ls IS I Jedoch keineswegs unproblematisch.
Sie führte vielfach dazu, daß die "kleinen Leute(( ihre eigene
Geschichte und Vergangenheit verloren haben. Den Menschen,
oder wenigstens ein groBer Teil der postsozialistischen Gesell-
schaften, sind ihre eigenen vergangenen Erfahrungen und ihr
kulturelles Wissen fremd geworden, denn hinter den individu -
ellen Hand lungen ist ihre Geschichte verschwunden, die doch
die Ereignisse des individuellen Lebens mit Bedeutung ausge-
stattet hatte. Die politische und kulturelle Praxis des Postsozia-
!ismus, die die Zeit des Sozialismus als wertlose historische Pe-
riode, als eine völlige Sackgasse darstellt, hat diese Gesellschaf-
ten tief gespa ltet. In dieser Situation schien (und scheint oft
immer noch) die Geschichte, die symbolische Repräsentation
und die politische lnszenierung der Vergangenhei t der Ausweg
zu sein. Die postsozialistischen Gesellschaften sind eigentlich
trad iti onslose Gesellschaften, und sie versuchen jetzt, diese Ver-
49~76

Geschichte, Mythos und Politik 53

gangenheit nicht zu erfinden, sondern eher auszugraben im


Sinne einer })Evakuierung und Aushöhlung((.26 Sie suchen et-
was Symbolisches, etwas »Festeres((,21 was ihre Zukunft im
Spiegel der ausgegrabenen Vergangenheit sichtbar machen
könnte. Das historische Gedächtnis von 1848 zeigt und illu-
striert die Schw ierigkeiten dieser sozia len Praxis.

A'lmerkulIgen

1 VgJ. z. B. Klaus von Beyme, Systemwechsel in Osteuropa, Frank-


furt / Mo 1994,5.124-165.
2 Vgl. den Artikel von Kar! Otto Hondrich, Grenzen gegen die Gewalt,
in: Die Zeit, Nr. 5 vom 28. januar 1994, 5. 4.
3 Vgl. jan Philipp Reemtsma. Die Königstochter ha t den Frosch nicht
geküßt, in: Max Miller / Hans-Georg Soeffner (Hg.), Modemität und Barba-
rei. Soziologische Zeitd iagnosc am Ende des 20.jahrhunderts, Frank-
furt / Mo 1996,5.353-358, hier 5. 356.
4 Siehe Z. B. Holm Su.ndhaussen, Ethnonationalismus in Aktion: Be-
merkungen zum Ende Jugosla wiens, in: Geschichte und Gesellschaft 20
(1994), S. 402-423; Jacques Rupnik, Eisschrank oder Fegefeuer. Das Ende
des Kommunismus und das Wiedcrerwachen der Nationalismen in Osteu-
ropa, in: Transit 1 (1990),5.132-141.
5 Vgl. Jean Baudrillard, L'iIlusion de la fin ou la greve des evenements,
Paris 1992, 5.23; C hristoph Conrad / Martina Kessel, Geschichte ohne Zen-
trum, in: Christoph Conrad (Hg.), Geschichte schreiben in der Postmoder-
ne. Beiträge zu r aktuellen Diskussion, 5tuttgart 1994, 5. 9-36.
6 Siehe dazu Petcr Niedermüller, Zeit, Geschichte, Vergangenheit. Zur
kult urellen Logik des Nationalismus im Postsozialismus, in: Historische
Anthropologie 5 (1997), 5. 245-267.
7 Vgl. Miroslav Hroch, Socia] Preconditions of National Revival in Eu-
rope: AComparative Analysis of the Social Composition of PatrioticGroups
among the 5maller European Nations, Cambridge 1985.
8 Siehe Peter Schöttler, Mentalitäten, Ideologien, Diskurse. Zur sozial-
geschichtlichen Thematisierung der .,d rillen Ebene«, in: AU Lüdtke (Hg.),
Alltagsgeschichte. Zur Rekonstruktion historischer Erfahrungen und le-
bensweisen, Frankfurt / M. 1989, 5.85-136.
9 1848 waren Buda und Pest noch zwei miteinander eng verbundene,
jedoch voneinander unabhängige Städte, die erst 1873 zur Hauptstadt Un-
garns vereinigt wurden.
iO Vgl. Pau] Connerton, How Societies Remember, Cambridge 1989,
5. 41 - 71.
11 Zu Formen und Funktionen des historischen Gedächtnisses in ver-
schiedenen sozialhistorischen Kontexten siehe Thomas Butler (Hg.), Mem-
54 Peter Niedennüller

ory. History, Culture and Mind. Oxford 1989; John R. Ciltis (Hg.), Comme-
morations. The Politics of National Identity, Princelon 1994; Susanne
Küchler/ Walter Melion (Hg.), Images of Memory. On Remembering and
Representation, Washington D. C. 1990.
12 Vgl. Jan Assmann, Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität,
in: I::lcrs./Tonio H ölscher (Hg.), Kultur und Gedächtnis, Frankfurt / M. 1988,
5.9-19, hier S. 12.
13 Zur Geschichte der Erinnerungskultur zum 15. März siehe Andras
Gerö. MArcius 15., in: Ders., Magyar polgarosodas, Budapest 1993, 5.397-
416.
14 VgJ. Peter Burke, Geschichte als soziales Gedächtnis, in: Aleida Ass-
mann / Dietrich Harth (Hg.), Mnemosyne. Formen und Funktionen de r kul-
turellen Erinnerung. Frankfurt / M. 1991, S. 289-304, hier S. 289. Siehe auch
Paul Ricoeur, Gedächtnis - Vergessen -Geschichte, in: Klaus E. Müller j Jöm
Rüsen (Hg.), Historische Sinnbildung. ProblemsteUungen, Zeitkonzepte,
Wahmehmungshorizonte, Darstellungsstrategien, Hamburg 1997, S. 433-
454.
15 Vgl. Jörn Rüsen, Historische Orientierung. Über die Arbeit des Ge-
schichtsbewußtseins, sich in der Zeit zurechtzufmden, Köln 1994, S. iO f.
16 Vgl. Assmann, Kollekti\les Gedächtnis und kulturelle Identität, S. 12.
17 Siehe dazu Peter NiedermüUer, Stadtkultur und Nationalkultur. Kul-
turkontakt und Kulturkonnikt in den ungarischen Städten, in: Konrad
Köstlin / lna-Maria Gre\lerus (Hg.), Kulturkontakt - Kulturkonnikt. Zur Er-
fahrung des Fremden, Frankfurt / M. 1988, S. 79-85.
18 Vgl. Peter Burke, Geschichte als soziales Gedächtnis, S. 295.
19 Vgl. Victor Turner, Vom Ritual zum Theater. Der Ernst des mensch·
lichen Spiels, Frankfurt / M. 1989, S. 95-139.
20 Vgl. Mate Szab6, Kriterien des Gedenkens. Die Bestattung \Ion lmre
Nagy als politisches Symbolereignis, in: Osteuropa 41 (199 1), S. 985-996.
21 VgL Tamas Hofer, Harc a rendszervalta~ rt szimbolikus mezöben.
1'J/:S9. Marclus 15-e Budapesten (Zur symbolischen Dimensionen des Sy-
stemwechsels. Der 15. März 1989), in: Politikatudomanyi Szemle 1 (1992),
S. 29-52.
22 Siehe dazu Niklas Luhmann, Inklusion und Exklusion, in : Helmut
Berding (Hg.), Nationales Bewußtsein und kollekti\le Identität. Studien zur
Entwicklung des koUekti\len Bewußtseins in der Neuzeit, Frankfurt / M.
1994, S. 15-45.
23 Obwohl man diese Feststellung eigentlich relati\lieren sollte, weil be-
sonders in den früheren Phasen des Systemwechsels nur gewisse Teilberei·
che des sozialistischen Systems kritisiert worden sind, wie die wirtschaftli·
chen Schwierigkeiten, die Knappheit in Konsum, Reisefreiheit usw.
Politische Forderungen wie Demokratie, Mehrparteiensystem, Meinungs·
freiheit, nationale Unabhängigkeit usw. tauchten erst s päter auf. a ls die p0-
litischen G ruppierungen und Parteien sich schon etabliert hatten.
24 Reinhart Koselleck, Zur historisch-politischen Semantik asymmetri-
scher Gegenbegriffe, in: Ders., Vergangene Z ukunft. Zur Semantik ge-
schichtlicher Zeiten, Frankfurt / M. 1992, S. 211 - 259, h ier S. 212.
25 Vgl. Zygmunt Bauman, Modeme und Ambivalenz. Das Ende der
Eindeutigkeit, Frankfurt/ M. 1995, S. 333.
49~7b

Geschichte, M ythos und Po litik 55


~6 VgL Anthony Giddens, Tradition in der posttraditionalen Gesell-
sch il1ft, in: Soziale Welt 44 (1993), 5. 44.>--485, hier 5. 459.
"l.7 Vgl. Aleid a Ass mann, Kultur als Lebenswelt und Monument, in:
Dies./Dietrich Harth (Hg.), Kultur als Lebenswelt und Monument, Frank-
furt ,/ M. 1991, 5. 11 -25, hier 5. 11 .
Wolfgal1g Kaschuba

1848/ 49: Horizonte politischer Kultur

Auch wenn wir es heute wohl gerne bes treiten: Wir sind es ge-
wohnt, anderen Na tionen und Gesellschaften eine spezifische
hjstorisch-politische Identität zuzuschreiben, Züge einer Kol-
lektivpersönlichkeit. lmmer noch ist es jenes alte Spiel mit Bil-
dern »vom Anderen«(, mit Mutma Bungen über nationale Cha-
raktere und Mentalitäten al s den vermeintlichen Folgen jewei-
liger Kultureigenarten und Gesch ich tsverläufe. Dasselbe
geschah und geschieht natürlich auch mit uns. Die Deutschen
und die Bildung, die Deutschen und die O rdnung, die Deut-
schen und d er Krieg: Mindestens in den letzten einhundert Jah-
ren bargen solche Bilder für Zeitgenossen und Nachbarn stets
einleuchtende, auch bedrohliche Assoziationen.
Die Deutschen und die Revolution hingegen: Nicht erst seit
1918 - und auch durch 1989 kaum gemildert - ruft dieses Bild
meist eher ironische Kommentare hervor wie jenen geflügelten
Satz von d en d eutschen Revolutionären, die vor der Besetzung
des Bahnhofs erst noch eine Bahnsteigkarte lösen. Darin sind
natürlich die bekannten Anspiel ungen enthalten a uf ein ver-
meintlich tief eingewurzeltes sozia les Ordnungs-, Regel- und
PflichtbewuBtsein, auf jene»Tugenden« der Deutschen, die für
eine Revol ution mentalitätsgeschichtlich einfach nicht »ge-
baut«( scheinen, die politisch nie willens noch fähig dazu waren
und sich lieber regieren lieBen. Vermutlich is t die Floskel von
der »regierbaren Gesellschaft« nicht zufällig bis heu te eine Lieb-
lingsvokabel deutscher Politiker.
Nun ist dieser Mythos vom ,.O rdnungsvolk« freilich zu ei-
nem guten Teil hausgemacht. Nicht zunächst die anderen, die
Deutschen selbs t entwarfen dieses historische Cha raktergemäl-
de einer »volkstümlichen « Reichs- und Staa tstreue. A llen statt -
gefundenen Revolutionsversuchen, allen Traditionen antifeu-
daler, demokratischer, liberaler wie sozia lis tischer Bewegungen
zum Trotz erschienen d ie Bilder deu tscher Vergangenheit d aher
stets nachhaltig geprägt von den Zügen einer »Untertanenge-
49~7b

1848/ 49: Horizonte politischer Kultur 57

schichte«. So ließ sich auch die deutsche Geschichtsschreibung


bis in die 1960er Jahre als eine fast reine Politik- und Staatsge-
schichte lesen, die das 19. und 20. Jahrhundert in der Figur eines
Fortschritts- und Modernisierungsdiagramms zeichnete, wobei
dessen Verlauf stets »von oben«, staatlich gestaltet, also wohl-
gestaltet war. ln diesem Diagramm wiederum markierte die Re-
volution von 1848 einen zentralen Koordinatenpunkt, von dem
aus die Entwicklungslinien hin zu nationaler Einheit und staat-
licher Verfassung sta rk ausgezogen wurden, diejenigen hin zu
Republik und Demokratie dagegen eher schwach. Die revolu-
tionäre Bewegung selber schien ja »gescheitert« - sofern man
von »revolutionär« überhaupt sprechen mochte. Damit wurde
ihr Andenken zu einer formbaren Skulptur in den Händen spä-
terer »Zeitgeister« wie von Generationen deutscher Historiker,
die deren Gestalt eher tragikkomische als ernsthafte und nach-
d enkliche Züge verliehen.

Ansichten einer Revolution

Nachdem die Anekdote von den deutschen Revol utionären


und der Bahnsteigkarte auf das Jahr 1918 anspielte, will ich die
Geschichte der Revolution von 1848/ 49 mit einer Gegenanek-
dote beginnen, die ebenfalls mit der Eisenbahn zu tun hat, für
deren queUenmä ßigen Beleg ich jedoch bürgen kann.
Gerade rechtzeitig im Jahr 1848 nämlich wird die erste Bahn-
linie im Königreich Württemberg fertiggestellt, die damals die
beiden wichtigsten Garnisonsstädte Ludwigsburg und Ulm
miteinander verbindet. Als im März erste Unruhen beginnen,
ist die Regierung daher froh, dieses strategische Truppentrans-
portmittel zu ihrer Verfügung zu wissen. Im Sommer 1849
dann, als die Reichsverfassung beraten wird, zu der sich auch
die württembergische Regierung ausgesprochen reserviert ver-
hält, befürchtet man allerdings, daß nun auch umgekehrt be-
waffnete Revolutionstruppen diese Verbindung nutzen und mit
dem Zug nach Stuttgart einfallen bzw. -fahren könnten, denn
die Strecke ist inzwischen nach Norden verlängert, in das »un-
ruhige« Hohenloh ische. Deshalb gibt man Ordre an die Sta-
ti onskommandanten d er Bahnhöfe kurz vor Stuttgart: Sie
58 Wolfgang Kaschuba

möchten, sofern ihnen größere bewaffnete Trupps im Zuge auf-


fielen, diese bereits an ihrer Station ganz entschieden aus dem
Zug weisen. Auf diesen klaren Befehl kommt nun allerdings die
Rückfrage eines Stationsvorstehers, d er die Furcht sehr wohl
versteht, nur gewisse praktische Bedenken hat: Er sei sich nicht
sicher, wendet er ein, ob solche Trupps dann einfach auf seine
Anordnung hin den Zug auch tatsächlich verlassen würden.\-
Eine gute Frage, die Antwort d er Regierung darauf ist leider
nich t überliefert.
Obwohl quasi Beamter, scheint der Mann also Realist zu sein .
Allein mit Mütze, Trillerpfeife und Amtsstimme einen bewaff-
neten Trupp zu dirigieren, dünkt ihm doch kein einfaches Un-
terfangen. Er jedenfalls traut also der Regel von den deutschen
Revolutionären und der Bahnsteigkarte offenbar noch nicht so
ganz. Und der Mann hat recht: Zwar fahren damals keine Eisen·
bahnzüge voller Bewaffneter nach Stuttgart, aber d ie neue Er-
rungenschaft der Eisenbahn wirkt doch nicht nur im Sinne ihrer
Erfinder. Neben ihrer Funktion als TruppentranspOlltllittel dient
die Eisenbahnlinie längst als Vehikel und als Kommunikations-
ader der revolutionären Bewegung: Die großen Volksversamm-
lungen mit manchmal zehn tausenden von Teilnehmern und die
groBen regionalen Vereinsversammlungen machen sich nämlich
die neue Transporttechnik ebenso für die Massenmobilisierung
zunutze wie die Emissäre der Arbeiter- oder der Handwerker·
vereine für den Aufbau ihrer Kommunikations- und O rganisa·
tlonsnetze. lm Volks mund heißt diese EIsenbahnlinie d a h ~r auch
»Demokratenexpreß(c: Ein Herrsc haftsinstrument ist in ein
Volksbewegungsmittel umgewidmet.
Diese Anekdote besitzt also ei ne umgekehrte Pointe: Sie
weist Disziplingläubigkeit und Phantasieannut nicht den Un-
tertanen zu, sondern den Herrschenden. Dariiberhinaus ver·
weist ihr Stoff auf einen generellen Kern vieler solcher Revolu-
tionsgeschichten: auf den darin pointiert angedeuteten Ka mpf
um die alltäglichen ~~Sp i elrege ln « der Gesellschaft, auf Fragen
nach institutionellen Machtverhältnissen und öffentlicher Defi-
nitionsmacht, nach Traditionen und Denkgewohnheiten, aber
eben auch nach Fähigkeiten der Veränd erung, des Umdenkens
und des Umbaus solcher gesellschaftlichen Regelsysteme. Und
schließlich verweist sie uns auch auf das Problem unseres Ge-
schichtsbildes, seiner Deu tungen und Überlieferungen: Die
Bahnsteig-Anekdote ist kurz, prägnant, bekannt und paßt sle-
l848/ 49: Horizonte politischer Kultur 59

reotyp "ins deutsche Bild «; der »Demokratenexpreß( hingegen


ist später nie zu einem geflü gelten Wort geworden - jedenfaUs
nicht in der o ffi ziellen Geschichtsüberlieferung.
Mit anderen Worten und um die Anekdotik nun zu verlas-
sen: Bis vor wenigen Jahren noch wurde die Revolution von
1848 fa st ausschließlich in einer engen staa ts- und politikge-
schichtlichen Perspektive mit wirtschaftsgeschichtJichen Fuß-
noten präsentiert. Sie erschien dabei als eine Art unfreiwilliger
gesellschaftlicher »Modemisierungsvorgang((, geboren aus ei-
ner europäischen wie deutschen Krisensituation, zunächst un-
geschickt gemanaged vom ancien regime, dann aber doch mit
wesentlicher Irnpulsw irkung im Blick auf ihre politisch-institu-
tionellen Folgen, auf ihre verfassungspolitische Seite wie auf
die n euen O rganisa tions formen »bürgerlicher( Politik. Dies
schienen d ie wertvol1en Merk- und Marksteine für unsere hi-
storisch-politische Kultur wie für unser »kollektives Gedächt-
nis,(. 2
Gewiß war dabei auch immer von revolutionären Bewegun-
gen die Rede: von »Volksmassen«, von Unruhen und von März-
aufständen in Berlin und Wien, von der badischen Revolution
gar als einem vorübergehend erfolgreichen Machtkampf. Doch
schienen das eher Episoden, diffuse Aktionen und Bewegun-
gen, die gleichsam epidemisch auftraten und bald wieder in
sich zusammenfielen. Jedenfalls gab es an dieser Seite der Re-
volution offenbar weniges, was dauerhaft blieb, was genügend
Kraft und Kontinuität besessen hätte, um "geschichtlich « und
»politisch « zu wirken - mehr Politik mit dem Bauch, vielleicht
noch mit d em Herzen, als mit d em Kopf. Denn dieser Kopf, das
war die bürgerlich-kons titutionelle Seite der Revolution. Und
deren »Leitfossilien,( d ominierten auch jenes Revolutionsmu-
seum, das in Büchern, Gedenkschriften und Ausstellungen all-
mählich erstand: die Paulskirche und die Nationalversamm-
lung mit ihren Debatten über Verfassung und Na tion, über
Grund- und Wahlrechte; d ie liberale Bewegung mit ihrer spä te-
ren Spaltung, ihrem Scheitern, aber auch mit ihrem Vorbild-
und Vorläufercharakter für d ie folgende »modeme(, Parteien-
geschichte; die wirtschafts- und sozia lpolitischen Diskussionen
als Weichenstellungen für künftige deutsche Zoll-, Gewerbe-
und Sozialpolitik; vielleicht noch der Abschlu ß der »Bauembe-
freiung «, also der Grundentlastung und Inbesitznahme d es
Landes in bäuerliches Eigentum.
60 Wolfgang Kaschuba

In den ergänzenden Vitrinen dieses Museums und in d en


Fu ßnoten der Geschichtsbücher kam dann etwas mehr zur
Sprache, immerhin eine grobe Chronik des Geschehens: Szenen
aus der deutschen Vormärzgesellschaft, aus ihren politischen
Bewegungen wie industriellen Anfängen - die akute Agrar-
und Versorgungskrise der Jahre 1846/ 47 - darauf die Welle d er
sogenannten »Brotunruhen« und »Hungerkrawalle«( - dann,
1848, die französische Februarrevolution, gleichsam als Signal
für die deutsche Märzbewegung - die Bauernunruhen, die
ländliche Rentämter in Flammen aufgehen lassen, und die städ -
tischen Protesta ktionen, die Bürgermeis ter und Magistrate zum
Rücktritt zwingen - die Bürgerkomitees mit ihren Märzfo rde-
rungen und d ie liberale Opposition, deren Vertreter Zugang in
die Mehrzahl d er deutschen Regierungen finden - militärische
Konfrontationen zwischen "Volksbewegung« und Regierungs-
macht wie in Berlin und Wien - das Vorparlament auf d er Büh-
ne der Paulskirche und die Nationalversammlung im Mai 1848
mit ihren Debatten - Ende Juni der Reichsverweser Erzherzog
Johann - im Herbst Aufstände wie in Frankfurt, Baden oder
Wien - gleichzeitig die Spaltung der Bürgerlich en in konstitu-
tionelle Monarchisten und eher republikanisch und demokra-
tisch Gesonnene - am 27.12.1848 die Verkündung der »Grund -
rechte des deutschen Volkes« - am 28.3.1849 die Verabschie-
dung der Reichsverfassung durch die Nationalversammlung-
d ann Ablehnung der Kaiserkrone durch Friedrich Wilhelm IV.
von Preußen - im Mal und Juni 1849 darauf die »drille Welle,(
der revolutionären Bewegung: Versuche der Durchsetzung der
Reichsverfassung in Sachsen, Rheinland , WestfaJen, Pfalz und
Baden - d eren Scheitern bzw. Niederschlagung durch preußi-
sche Truppen - am 18.6.1849 die Auflösung des ))Rumpfparla-
ments«, der nach Stu ttgart geflohenen )) Linken« der National -
versammlung - am 23.Juli die Kapitulation der letzten republi-
kanischen Truppen Badens in Rastatt. - Ende des Rundgangs:
die Revolution als Episode, die neu- und wiedergewonnene
O rdnung als die "eigentliche« Geschich te?
Da s ist natürlich: Revolution im Telegrammstil. Doch so sehr
mein Report hier verkürzt, vergröbert und zweifell os Genera-
tionen von Historikern un recht tut, die sich durch dicke Akten-
bestände gekämpft haben, so gewiß sind es doch ungefähr diese
wen igen Schlagzeilen, die das öffentlichen Geschichtsbew ußt-
sein lange Zeit bestimmten . Denn schon unmittelbar nach 1849
49J76

1848/ 49: Horizonte politischer Kultur 61

waren a lte rnative Revo lutionsdeutungen liberale r Historiker


rasch von der staa tstragenden Geschichtszunft verdrängt. 1898
konnte m an bei der SOjährigen Wiederkehr mit kaiserlich em Se-
gen d ie volle ndete »Reichseinheit« feiern. 1918 wurde das Be·
zugsjahr 1848 zwa r zunächst revolutionär beschworen, bis a u f
d ie Arbeite rbewegung mit ihrer Erinne rung a n »d ie Achtund·
vierziger( wurde jed och bald w iederum weniger auf die Volks·
bewegung verw iesen als vielmehr auf bürgerliche republika ni.
sehe und na tionale Traditione n. 1948 schließlich sollte ein raseh
entsta ubtes Denkmal »1848( m it flüc htig gezeichneten dem <r
kratischen Zü gen z u einem helfenden Symbol stilisiert werde n,
das übe r d ie jüngsten Abgrün de de utscher Geschichte hinweg
zurückverwies a uf ein anderes »Erbe" bürgerlicher Gesell·
schaft. 3 So reklam ierte man das Jahr 1848 zwar immer wied e r
als einen his torisch en Funda mentstein deu tscher po litische r
Kultur: freilich nicht d ank, sondern eher trotz der Ileigentli·
ehen« Revolution .
Erst d anach begann ma n, die Mythen vorsichtig zu hinte rfra·
gen: Eignete sich die liberale Bewegung vor 1848 tatsächlich als
Kronzeugin für z utiefst demokratische Traditionen? Waren nicht
wesentliche ihrer Vordenker vom badischen StaatsrechUer Ka rl
von Rotteck bis z um Bonne r Historiker und Politiker Friedrich
Dahlma nn dezidiert gegen ein wirklich allgemeines und freies
Wahlrecht aufgetreten, da den »unteren Schichten « noch die »po·
Ii tische Reife« fehle? Wa r nicht die Na tionalversammlung eben
keineswegs nur Hort deu tschen Grund rechtsdenk.ens, sondern
a uch Ort früh zeitiger Kompromisse m it d en alten Mächten ? Ha t·
te s ie nicht »d ie Volksbewegung« oft genug gelähmt, abgewie-.
gelt, d esorien tiert, ja d elegi timiert? Wa r d ie Nationalidee nicht
bis 1849 noch von v ielen als ein Programm der »Freiheit in de r
Einheit« verstanden worden? Und war nicht andererseits de r
deutsche Nationsbegriff nachdrücklich bereits von einer antina·
poleonischen und antifranzösischen Romantiker· und lntelle k·
tuelIe nbewegu ng vorgeprägt worden, die d en e motionale n
Sch ub der »Befreiungskriege« gegen die fremde Besa tzungs·
macht nutzte, um frü h eine e thnische Polemik zu entfalte n:
Deutsch·Sein als ein b luts mäßiges »Volk gegen Fremdes,, ?"'
Hier traf sich kritisches politisches und wissenschaftliches
HinterfragenS schließlich auch m it Überlieferungstraditione n,
die sich außerhalb d er offi ziösen Geschichtsd eutung entw ickelt
hatten : m it Bildern, Erzählungen, Liedern, Heldenmythen eine r
00049~7h

62 WoUgang Kaschuba

anderen, populären Erinnerungs kultur, die sich regional lange


Zeit lebendig und da mit zumindest Bruchstücke eines Anden-
kens an die Volksbewegung aufrecht erhalten hatte,' 50 wurde
dieses Datum »1848« allmä hlich zu d em, was es he ute ist: Zu
einem ebenso wichtigen wie in seiner Deutung umstrittenen
Wendepunkt deu tscher Geschichte, zu einem Anlaß für Nach-
denken und Gedenken - aber eben auch zu eine m Anlaß des
Nachdenken über dieses Gedenken : Was feiern wir, w as halten
wir daran wert? Suchen wir unsere politische Traditionen neu
a uf oder setzen wir alte Mythe n statuarisch fes t? Denn wenn es
um Geschichte und Erinnerung geht, gilt jene Festste llung des
französischen Historikers Lucien Febvre für die 1990er Ja hre
ganz besonde rs, wonach es stets Aufgabe der Geschichtssch rei-
bung gewesen sei, »die Ve rgangenheit für ihre Funktion in der
Gegenwart z u organisieren «, Im Angesicht de r Jahrtausend-
wende, die uns als »magisches Da tum« zur Zeitenwende z u
werden scheint, nutzen auch wir diese Funktion verstä rkt, be-
treiben })Arbeit a m nationalen Gedächtnis«,7

Soziale Anerkemllmgskämpfe: Die »zornigen« 1840er Jallre

Ich möchte daher nochmals Deutungsmöglichke iten dieser Re -


volutionsbewegung sklzziert:n, die ande rt: Traditio nslinien an -
bie ten a ls die jene r bürgerlichen Ikone }) 1848 «, Und ich beginne
mit e inem Blick auf die Jahre vor d er Revolution.
Nicht erst in unserer Rückscha u ste llt sich die deutsche Vor-
mä rzgesellschaft in viele r Hinsicht a ls eine }}Übergangsgesell-
schaft« dar. Auch d amalige Politike r und Publizis ten wie Fried -
rich Da hlmann, Paul Pfizer, Ludw ig Börne oder Ka rl Immer-
mann sprechen vie lmehr immer wied er von d er »Zerrissenheit«
ihrer Zeit, von einem Gefühl tiefer Verunsicherung, zw ischen
vertra utem Altem und era hntem Neue m sich gleichsa m noch
im N ie mandsland zu bewegen, in einer »Schwe llenzeit«. Seit
der französischen Revolution steht fü r sie a uch in Deutschland
das Ende de r »feudalen We lt<{ längst auf der Tagesordnung : Die
Gesellscha ft scheint ihnen )}in Bewegung«, w eg von der stän-
disch gespa ltenen und spä ta bsolutis tisch entmündig ten hin zu
einer bürgerlichen, deren künftige w irtschaftli che w ie sozia le
1848/ 49: HOrU:onte politischer Kultur 63

Konturen sich mit Blick etwa nach England und Frankreich be·
reits erahnen lassen.! Bescheidene Modernisierungsimpulse
sind immerhin bereits auch in den deutschen Staaten sichtbar,
wenn auch in ambivalenter Form: einerseits durch Versuche
staatlicher Landwirtschafts· und Gewerbeförderung, durch Bil·
dungs· und Rechtsreformen; andererseits in Gestalt zunehmen·
der staatlicher Eingriffe in gewachsene kommunale Selbstän·
digkeiten wie in das Alltagsleben der Standes· und Berufsgrup·
pen. Diese zweite Seite der Modernisierung wird in vielen
Zeitdokumenten in der Tat als ein Stück »sozialer Disziplinie--
rung« empfunden, vor allem angesichts des enonnen Ausbaus
staatlicher Bürokratie und Polizei, die sich für Kontrolle und
Disziplin in a Uen Lebensbereichen zuständig sieht. Insofern
wirkt d er aufgeklärte Vormärzstaat mit seinem »System Met·
ternich« ironischerweise »absoluter" in seinem Dirigismus als
der Spä tabsolutismus, der längst nicht alle Lebensbereiche und
Nischen so total erfassen konnte wie dieser »modernisierte,(
Verwaltungsstaat. Entscheidend in jedem Fall: Positiv wie ne·
gativ empfundene Reformen kommen »von oben« und werden
daher vielfach als aufgezwungen erfahren.
Diese Wahrnehmung gilt nicht nur für zensurgeschädigte In·
tellektuelle, sondern betrifft nachhaltig auch die unterbürgerli·
chen Gruppen. Denn für sie verbindet sich der Unmut über sol·
che Eingriffe in ihre lebensweltlichen Ordnungen zunehmend
mit existentiellen Krisenerfahrungen. Stichworte wie Armen·
politik, Arbeitshaus, Landwirtschafts· und Handwerkskrise,
Wanderungskontrolle, Heimatrecht markieren soziale Erfah·
rungsräume, in denen der »fürsorgliche« Staat mit harter Hand
über Lebensläufe und Gruppenschicksale bestimmt.
Wenn in dieser Situation nun, besonders seit den 1830er Jah·
ren, Ideen einer anderen, frei eren, gerechteren Gesellschaft aus
Frankreich über d en Rhein ko mmen, dann ist es kaum verwun·
derlich, daß sie auch hier ein Echo finden. Vor allem zwei Be·
völkerungsgruppen, die im sozialen wie im geographischen
Sinne ))neu « und »mobil« sind , nehmen diese Impulse auf: zum
einen und im bürgerlichen Spektrum die »freien « Berufe der
Literaten, der Journalisten, d er Rechtsanwälte, der Architekten,
auch die neue technische Intell igenz der Ingenieure und Fach·
arbeiter, die sich nun um d ie Fabriken zu gruppieren beginnt;
zum andem und im Bereich der unterbürgerlichen Schichten
die Handwerksgesellen, die Handarbeiter und die Dienstboten,
64 Wolfgang Kaschuba

d ie vers tä rkt den Städten und Fabriken zuwandern . Beide


Gruppen müssen sich neue geographische wie berufliche Posi·
tionen in der Gesellscha ft suchen. Und sie m üssen dabei auch
ein neues soziales w ie politisches Selbstverständ nis entwickeln,
weil sie sich nicht mehr auf einen alten Herkunfts- und Grup-
pens tatus stützen können.
Die literarische und p olitisch-publ izistische Gesellschaftskri-
tik, die liberalen Zirkel und Vereine des Vormärz sind insofern
ebenso w ie d ie Unterschich tsp roteste gegen hohe Brotpreise,
Mieten, Bierpreise oder w ie d ie »Bürgerinitiativen ( gegen staa t-
liche Verwaltungsein griffe auch Ausdruck dieser Suche nach
einem neuen Selbstbew ußtsein gerade in d en ))beweglich« ge-
wordenen Teilen der Gesel1scha ft. Für sie geht es um die Kon-
stituierung von sozialen Gruppenidenti tä ten und von politi.
schen w ie ku lturellen Re präsentationsstrategien in einem öf·
fentlichen Ra um, d er ihnen durch stä ndische Enge wi e
obrig keitliche Kontrolle immer wieder streitig gemacht. Es sind
- um eine Formulierung von Jürgen Habermas aufzunehmen -
»soz iale Anerkennungskämpfe ((, d ie noch nach einem vielfach
»vormod ernen ( gesellschaftli chen Regelwerk ausgetragen
werden (müssen).
Damit sei nur nochmals unterstrichen, wie wenig s ich die
poli tisch·soziale Dynamik des Vormärz einfach im Sinne von
Krisen· und Notreflexen verstehen läßt. Nicht der Bauch revol·
tiert. nicht Hunger macht bekanntlich revolutionär, sondern die
Orientierung an Maßstabt::n vun sozialer Gerechtigke it und
Fairness, an kollektiven mora lischen Gefühlen und ethischen
Prinzipien, an neuen Bedürfnishorizonten und neuen Formen
sozialen Selbstbewu ßtseins. Der amerikanische His toriker Ri·
chard liUy ha t m it Blick auf d ie Versorgungskrisen und die Pro·
testwellen des deu tschen Vormä rz einmal d ie Metapher von
den »hungri gen 1840ern« als Signum d er vorrevolutionären
Etappe geprägt. 9 Mir scheinen d ies eher die »zornigen 1ahre(
zu sein - Jahre, in denen sich Erbitterung und Empörung ange-
staut haben über eine tiefe Krise der Ordnung gesellschaftlicher
Beziehungen und der Legitimität politischer Herrschaft , 1ahre,
in d enen soziale Positionen und Interessen neu artiku li ert und
ausgehandelt werden müssen.
Auf die Ennvicklung zur Revolution hin gesehen, ma rkiert
der späte Vormärz d amit eine rad ikale Eros ionsphase vieler
»Iangwelli ger ( hi storischer Erfahrungslinien. Nach 1ahrhun-
1848/ 49: Horizonte politischer Kultur 65

derten der FeudalgeseUschaft, der Untertanenexistenz, der so-


zialen Unterordnung, nachdem es vorher niemals das freie po-
litische Wort, eine freie Presse, das Recht auf politische Vereini-
gung und Versammlung gegeben hatte, nachdem für große Be-
völkerungsgruppen ein »Recht auf Politikl' nie existierte, deutet
sich nun eine völlig neue und ungewohnte Situation an. Um es
etwas pathetisch zu formulieren: Die Menschen spüren, daß s ie
das Recht und die Möglichkeit haben könnten, über ihre eige-
nen Gesch icke wie die der Gesellscha ft selbst zu beraten und
zu bestimmen . Denn die bisherigen Freiheiten waren enge und
vor allem »gewährte«, Zugeständnisse »von oben«, wenn auch
auf Druck von unten. Jetzt könnten sie selbst genommene und
selbs t gewählte werden. Und man beginnt sich daruberhinaus
an seinem Platz nun zuständig zu fühlen für mehr als nur die
engen Belange seiner Berufsgruppe, sein es Dorfes oder seines
Stadtviertels. Die partiku laren Erfahrungsräume und Erwar-
tungshorizonte weiten sich hin auf einen Gesamthorizont "Ge-
sellschaft«.IO
Dieser Befund klingt so vielleicht etwas überpointiert. Doch
scheinen mir unsere bisherigen Forschungserkenntnisse über
den Stand der vielfältigen politischen »Vergesellscha ftungsror-
men« der 1840er Jahre jedenfalls in diese Richtung zu weisen.
Die wichtigsten Medien einer ',bürgerlichen Öffentlichkeit«
funktionieren bereits in Gestalt von Zeitungen, die trotz Zensur
zwischen den Zeilen informieren und vielfach über die Sparte
»Eingesand t,( den öffentlichen Meinungsaustausch organisie-
ren,lI in Gestalt von Vereinen, die neben ihren Lese-, Bildungs-,
Gesang-, Turn- oder Gewerbezwecken auch ein soziales Milieu
wie ein politisches Netzwerk verkörpern,12 in Gestalt von Wahl-
komitees, die rund um die Landtage programmatisch wie über-
regional wirken. \3 Gleichsam zwischen den lokalen Sozialgrup-
pen operieren Komitees und Petitionsausschüsse, die - meist
bürgerlich geführt, aber in ihrer Wirkung andere Schichten in-
tegrierend - zu allen möglichen Themen vom städtischen Stra-
ßen- bis zum Waldbau, von der Indus trieverschmutzung bis
zum Wahlrecht eine Politik d er )'Einmischung« betreiben. Im
unterbürgerlichen Spektrum dominieren die Verbindungen der
Handwerksgesellen, in denen sich O rganisation, Kommunika-
tion, Mobilisierung nach Mustern vollziehen, die sich im jahr-
zehntelangen Kleinkrieg mit dem Obrigkeitsstaat bewährt ha-
ben und die auch immer wieder Verbindungen finden zu expli-
66 Wallgang Kaschuba

zit politischen Auslandsvereinen d er Handwerker und Arbeiter


in der Schweiz, in Frankreich oder in England.1' Daneben steht
zudem eben jener breite Bereich der Protest· und Aktionsfor-
men, der nicht kontinuierlich politisch mobilisiert, hinter d em
aber doch ein alltagskulturelles Kommunikations- und Interak-
tionsgeflecht steht, das zu jeder Zeit politisch werten und wir-
ken kann. 1S
Wesentlich für die politische Kommunikations- wie Mohili-
sierungsfähigkeit in und zwischen den Gruppen ist schließlich
,
auch, da ß sich im Vormärz längst Ansätze einer politisthen
Symbolsprache entwickelt haben. Begonnen in der Zeit nach
den Befreiungskriegen und verstärkt nach den Unruhen und
dem Hambacher Fest in den 1830er Jahren,16 haben sich ,)natio-
nale« wie »soziale( Ikonologien gebildet, die d em starken Sym-
bolbedürfnis der sozialen Bewegungen Ausdruck und Bot-
schaft ermöglichen. Schwarz-Rot-Gold an d er Kleidung als na-
tionales und Rot als soz iales »Parteiabzeichen«, lange Haare
und Bärte, altdeutscher Rock cl la Turnvater lahn oder franzö-
sische Technikermütze, Anstecknadeln oder rote Sack tücher,
aber auch Gehweisen und Körperhaltungen, Handzeichen und
Grußformeln, Witze und Lieder - all dies sind zeichenhafte Ver-
ständigungsformen, die politische Gesinnung als Bekenntnis
zu einem Bestandteil des Alltagshabitus werden lassen.
Hier haben sich also Ansätze einer politischen Kultur ent-
wickelt, deren Breite und Wirkung sich weder auf den klassi-
schen engen Verständnjsbereich " bürserlidler Öffentlichkei t"I,
aürgen Habermas) beschränken, noch im Sinne polito logischer
Begriffsdefinitionen an starren institutionellen und normativen
Mustern ))moderner Politik« messen lassen. Das, was man hier
idealtypisch eine ),Kommunikations- und Aktionsöffentlich-
keit« der unterbürgerlichen Schichten und eine »O rgan isa tions-
und DiskufSÖffentlichkeit« der bürgerlichen Gruppen nennen
könnte, wobei sich heide Praxissysteme vielfach berühren und
verschränken, fordert vielmehr einen Begriff ))po litischer Kul-
tur«, der sich an handlungsleitenden Id een und Vorstellungen
festmacht, an sozialen Beziehungsformen und kulturellen Pra-
xismustem, d ie in einem sehr weit gefaßten Sinn politisch wirk-
sam werden .18 Diese Wirkung erzielt solch eine po litische Kul-
tur d amals aber gerad e auch deshalb, weil sie ihre Wurzeln in
der Alltagskultur hat und noch nich t in ein em seg mentären
Raum fonnierter und institutionalisierter Politik konzentriert
49~75

1848/ 49: Horizonte politischer Kultur 67

ist. l " In der neueren Erfahrungs~ und Revolutionsgeschichtsfor~


schung neigen im übrigen längst auch die "Pionierarbeiten«
von Edward P. Thompson, Eric J. Hobsbawm, Michel Vovelle,
Mona Ozouf oder Fran,ois Furet einer solchen Auffassung zu.

»Orgatlisatioll der Massen/( als politische Kultur

Von diesem Hintergrund einer lange heranreifenden sozialen


Beziehungskrise, deren Ursachen und Symptome sich im März
1848 bündeln und zum offenen Ausbruch kommen, sprechen
auch viele der uns zur Verfügung stehenden Dokumente aus
dieser Zeit. 20 Ich will hier lediglich zwei süddeutsche Belege
dafür aus dem März 1848 zitieren. Aus Neuhütten, zwischen
Heilbronn und Schwäbisch Hall gelegen, meldet der Oberamt~
mann zur Stimmung unter den Bauern und Dorfarmen: »Die~
sen Druck können sie nun und nimmermehr ertragen, lieber
wollen sie sterben als leben wie Hunde; sie wollen Menschen
sein wie andere auch [.. . ] Zwei Blutegel saugen an ihnen, die
Herrschaft Gemmingen und die Herrschaft Weiler, und oben~
drein komme noch der Staat.« Und in Stuttgart wird eine Peti~
tion von Arbeitern an die württembergische Ständeversamm~
lung übermittelt, in der es heißt: "Nicht die welterschütternden
Ereignisse, [... ] nicht das urplötzliche erwachte Selbstbewußt~
sein der deutschen Nation ist es, was uns veranlaßt, einer Hoch~
ansehnlichen Ständeversammlung bittend zu nahen, sondern
das längst schon verletzte Ehrgefühl eines mißverstandenen
Standes, der mit den Ehrenwerthesten des Staates in Erfüllung
seiner bürgerlichen Pflichten wetteifert, fühlt sich gedrungen,
seine ihm vorenthaltenen natürlichen Rechte zu beanspru~
ehen .« Danach fordern die Arbeiter: allgemeines Wahlrecht,
Verbesserung der sozialen Lage, Arbeitszeitverkürzung, ))an-
ständige« Behandlung durch die Fabrikherm und Behörden.
»Menschen sein«, die »natürlichen Rechte«, »Ehrgefühl« -
das sind immer wieder zentrale Leitbegriffe und Metaphern in
den mündlichen und schriftlichen Äußerungen vor allem der
unterbürgerlichen Gruppen. Und deren Semantik scheint mir
manchmal aufschlußreicher noch als die politischen Forde-
rungskataloge, die sich schon im Verlauf des März immer uni-
68 Wolfgang Kaschuba

former gestalten. Denn es ist eine spezifische gesellschaftliche


Beziehungssemantik, d ie sich d arin ausdrückt und die - mit
Max Weber - ein ).ständ isches Prinzip der Ehre« refl ektiert wel·
ches auf sozial ausgewogenen Achtungs· und Anerkennungs-
vorstellungen grundet. N ur über deren Einhaltung legi timieren
sich gesell schaftli che und herrschaftli che Ordnung, w ie ihre
Verletzung umgekehrt Wid ersta nd legitimiert. Eben d ies ge-
sch ieht nun in einer Situation, in der die Sensibilität für gesell-
schaftliche Regelverletzungen d urch innere w ie äußere Einfl üs-
se nochma ls und entscheidend geschärft wird . Im Inneren
scheint es mir nicht etwa d ie »Hungerkrisec( des Win ter 1847
selbst zu sein, d ie zunächst zur Revolte führt, sondern vielmehr
die Art und Weise des lokalen und staatlichen Um gangs damit,
also das poli tische w ie p sychologische Krisenmanage men t.
Und von außen setzen natürlich insbesondere die Nachrichten
der fra nzösischen Februarrevolution neue Maßstäbe des Den·
kens in politischen und gesellschaftlichen Begriffen .
Damit sind zwei Ursachendimensionen hier nur angedeutet,
d ie sehr v iel komplexer und komplizierter zu analysieren wä·
ren, die aber in ihrem Zusa mmenw irken einen entscheidenden
Schub in d er Vergesellscha ftu ng von Erfahrung w ie von Politik
ergeben. Ein übergreifender Oeutungsrahmen steht plötzlich
bereit, in den sich die lebensweltliche Wahrnehmung füg t und
d er zugleich jede Lebenswelt zur Gesellschaft erklärt. Es wi rd
ein unglaublich dichter und rascher Vorgang einer »Fund amen·
La lpoliLis it!'l'ung« (DieLe r Lan gewiescht!') a u sgelös L, der d ie A ll ·
tagswelten sowohl bis in ihre N ischen »politisiert« w ie auch bis
in ihre sozia len Randbereiche: Vorher »unpolitische '( Sachver·
halte und Menschen werden p lötzlich in ein politisches Licht
getaucht.
AlIerdin gs - und damit w ürde ich bislan g gäng igen Auffas·
sungen w idersprechen - bedeutet d iese Politisierung nun eben
keineswegs, d aß sich damit überwiegend völlig neue Öffent·
lichkeitsformen und Politikstile herausbi ld en . Dies trifft woh l
im Blick etwa auf das bürgerliche Politikrepertoire oder die Ar·
beitervereinsbewegung zu. In der Breite gesehen, vermittelt
sich vielmehr eher ein anderes, modifi ziertes Bild: Neben ein ·
zeinen innovativen Formen finden sich nämlich zahlreiche äl·
tere Muster sozia ler Interessenvertretung und po li tischer
Selbstdarstellung, die gegenüber dem Vorm ärz nun meh r poli.
tisch schä rfer akzentuiert erschein en. Dabei kristallisieren sich
49~7b

1848/ 49: Horizonte politischer Kultur 69

in den politischen Erfahrungs- und Handlungshorizonten der


einzelnen sozialen Gruppen jeweils eigene, charakteristische
Züge des öffentlichen Auftretens heraus, die sich in ihrer histo-
rischen Prägung und kulturellen Differenzierung sehr genau
zurückverfolgen, die politisches Verhalten also gleichsam in ei-
nem »kulturellen Dialekt« erscheinen lassen. Dies gilt für die
bürgerlichen Gruppen und ihre Diskurs- und Vereinsstruktur
ebenso wie für die Unterschichten mit ihren Protest- und Bewe-
gungsformen.
Dadurch aber werden auch die Definition lIdes Politischen«
selbst und der Modus politischer lnteressenvertretung verän-
dert: Sowohl die Formulierung sozialmoralischer Vorstellun-
gen von »Gemeinwohl« und »Gerechtigkeit« etwa als auch die
Formen, in denen diese vorgetragen werden, erhalten ein poli-
tisches Eigengewicht. Indem die Volksbewegung sich auf eige-
ne Ideen und Muster einer »Politik von unten« beruft, schafft
sie sich selber ihre politische Legitimation und Tradition. All-
gemeiner formuliert: Die historische Begründung wie die kul-
turelle Modellierung von sozialem Gruppenhandeln werden
damals als entscheidendes Mittel zur öffentlichen und politi-
schen Legitimierung von Interessen anerkannt. Dieses Neue se-
hen damals im übrigen auch die Vertreter der politischen
Macht. Das württembergische lnnenministerium konstatiert in
einem Bericht vom 1.6.1849: »Jede, wenn auch mangelhafte Or-
ganisation der Massen erzeugt das Imponierende einer staatli-
chen Ordnung und bringt zumal unter einem Volke, welches an
freie Formen des öffentlichen Lebens sich erst gewöhnen muß,
die Täuschung hervor, als ob diese selbst geschaffenen Organe
die Bedeutung öffentlicher Behörden anzusprechen hätten.«
Diese »Organisation der Massen« hat als revolutionäre Be-
wegung nun in der Tat viele Gesichter. Denn alles, was an po-
litischen Strukturen des vormärzlichen Alltags lebens zuvor
meist nur verdeckt in Erscheinung trat, entfaltet jetzt erst seine
Breitenwirkung, und es wird verändert und ergänzt durch neue
Politikformen. Fünf organisierende und mobilis ierende Ele-
mente dieser politischen Kultur möchte ich hier besonders her-
vorheben .ll
Zunächst sind es natürlich die Zeitungen, die Flugschriften
und relativ rasch auch bildliche Darstellungen sowie Karikatu-
ren, die wie Pilze aus dem Boden schießen und zu lnformations-
trägem und Diskussionsforen werden. Für das Jahr 1849 lassen
70 Walfgang Kaschuba

sich immerhin bereits rund 1700 Zeitungen in Deutschland


nachweisen. Es ist auch eine mediale Revolution, in der sich die
politischen Akteure wie das Publikum der Medien bedienen -
und oft auch schon deren Opfer werden. Leserbriefe, Zuschrif-
ten, Berichte, Ankündigungen, politische Erklärungen von Ein-
zelpersonen wie Vereinen, wechselseitige Beschuldigungen als
»Revolutionä r« oder »Reaktionär«, Aufrufe, Mitteilungen u nd
vor allem auch die Veranstaltungs- und Organisationshinweise
lassen die Zeitungen z u kollektiven Organisatoren politischen
Lebens werden . Zugleich entwickeln sich d amit neue Kom-
munikationsstrukturen, die über die alten Gruppen- und
Standesschranken hinweggreifen. Ohne dieses neue System der
»öffentlichen « Zeitung wäre etwa die Mobilisierung und O rga-
nis ie rung der unglaublich dichten Vereins- und Versammlungs-
aktivitäten ga r n icht denkbar. Hinzu kommen die Wandan-
schl äge, die Flugblätter und vor allem die Satirezeitschrifte n
und Karikaturen, die über Witz, Parodie und Ironie ihre sub-
versive Kritik entfalten - zwischen d en politischen Lagern wie
durchaus auch innerhalb derselben. So lassen die ~~Fli egend en
Blätter« im Jahr 1848 unter der Überschrift ,lEines von Seiden«
eine Bauersfrau ihren gerade heimkehrenden Mann fragen:
'IKommst Du aus der Volksversammlung?« - »Ja wohl, Alte!«
- »Na was habt ihr denn ausgemacht? - Ist jetzt Freihei t oder
ist noch Ordnung?« - Dieser knappe, aber illustrative Comic
über konservativ geschürte Revolutionsängste erklärt damals
mehr als mancher langt: Leitarti kel.
Das zwei te Organisationselemeht bilden die Vereine, d ie aus
und neben den Vormärzvereinen entstehen . Dabeibleiben die
politischen Vereine - allein in Preu ßen existieren bereits im Ok-
tober 1848 über 700 - lediglich die Spitze eines wahren Vereins-
Eisberges, der von den Sängern, Turnern, Schützen, Geschichts-
und Armen freunden bis zu Literatur- und Theate rliebhabe r,
Rauchern und Handwerksmeistern reicht. Auch in diesen ge-
selligen Verbindungen wird natürlich politische Gesinnung ge-
pflegt, sie bleiben aber vielfach offen für unterschiedliche poli-
tische Posi tionen . Z unächst gilt dies auch für die politischen
»Vaterländischen« oder INolksvereine«, die s ich ab dem März
1848 quasi als Forum für alle Richtungen verstehen. In der Re-
gel mit bürgerlichen Sprechern agierend und sich auf Kern-
gruppen aus dem Vormärz stützen d, sind in ihrer Mitglied-
schaft doch auch in nicht une rheblicher Zahl Hand werksgesel-
49J76

1848/ 49: Horizonte politischer Kultur 71

len und Arbeiter vertreten. Dabei zählen d ie groBen Vereine in


d en Städ ten meist mehrere hundert, manchmal sogar mehrere
tausend Mitglieder, in den Dörfern hingegen bleiben es vielfach
eher exklusive, po litisch gemäßigte Honora tiorenvereinigun-
gen.
Im Sommer 1848 beginnt d ann ein politischer Differenzie-
rungsprozeß, der schließlich in eine Spaltung mündet zwischen
konservativen »Vaterländischen Vereinen ••, die meist den alten
Mittelstand und Teile d es gehobenen Bürgertums vertreten,
und den eher demokratische und republikanisch orientierten
"Volks-•• oder "MärzvereinenfC, in denen sich eher Freiberufler
und Intellektuelle, aber auch Handwerksgesellen und Arbeiter
sammeln .22 Mit dieser politisch-organisatorischen Differenzie-
run g beginnt nun auch jene politische Lager- und Milieubil-
dung, die für d ie spätere politische Landschaft in Deutschland
so charakteristisch sein wird und an deren Rand jetzt bereits
auch eigene Arbeitervereine entstehen. Zugleich verstärken
sich die Tendenzen zu überregionaler O rganisa tion und Vernet-
zung, indem über Vereinstage und Landeskomitees auch erste
»moderne., Repräsentations- und Delegationsprinzipien sowie
regionale und nationa le Gliederungen entwickelt werden. 2J
Eine dritte Mobilisierungsform verkörpern jene vielfältigen
Komitees und Gruppierungen, die man durchaus als Vorläufer
spä terer Bürgerinitiativen betrachten kann. Es sind meist sozial
»gemischte'(, lokale oder nachbarschaftliche Interessengrup-
pen, die wie schon im Vormärz kommunale und nationalen
Themen aufgreifen, nun jed och auf sehr viel breiterer Front und
mit d eutlicheren politischen Akzenten, wenn etwa die Bürger-
wehr-Bewaffnung, politische Feiern oder Protestaktionen ge-
gen Stadt- u nd Staatsverwaltungen organisiert werden. Zu-
meist handelt es sich dabei um eher instabile Zusammenschlüs-
se auf Zeit, d ie jedoch gerade d adurch häufig neue politische
Aktions- und Problemfelder erschließen, auch sehr viel offener
für weibliche Teilnehmer sind als die Vereine und im übrigen
auch neue Formen des politischen Engagements wie der öffent-
lichen Diskussion entwickeln.
Auch die vierte Ebene steht fü r ein eher informelles, jedoch
ausgesprochen massenwirksames Bewegungsmodell: die
Volksversammlungen und Manifestationen. Hier werden tat-
säch li ch basisdemokratische und plebiszi täre Formen ent-
wickelt, wenn lnformation, Diskussion und Meinungsbildung
72 Wolfgang Kaschuba

in einem Forum von m itunte r zehnta usenden Teiln ehmern ver-


sucht wird . In den heißen Phasen d er Revolution find en wö-
chentlich oft hunderte solcher Veranstaltu ngen in ganz
Deutschland statt, die sich vor allem in den größeren Städ ten
konzentrie ren bzw. - da dort meist kein ausreichend groBer »öf-
fe ntliche rc( Platz zur Verfügung steht - häufig a uch a uf Festwie-
sen, Tumplätzen oder in Parkanlagen da vor.u Die Mobilisie-
rung dazu e rfolgt über Zeitungen, Plakate, Vereine und politi-
sche Netzwe rke, und es s ind d ie »großen Themen «, die hier vor
allem d iskutiert und oft auch regelrecht abgestimmt werden:
Republik oder Monarchie, Reichsverfassung und Volksbewaff-
nung. Manche d ieser VoLksversammlungen erreichen in ihrer
politischen und emotionalen Dyna mik durchaus den Charakter
einer Manifestation, einer symbolischen Kund gebung oder ei-
nes demonstrativen Zuges.
Der Begriff »Demonstration« ist hier absichtlich vermieden,
weil die Wirkung d es Demonstrationszuges, d es Marschierens
in Reihen und Blöcken, des organisierten massenhaften Au ftre-
tens damals noch nicht entwickelt, noch nicht bekannt ist. •• Die
Masselt, d ie sich selbst zur Hauptperson erklärt, die sich selbst-
bewuBt als Mehrheit darstellt, d ie im langen Zug ih re eigene
Form und Ordnung besitzt, wie später vor allem die Arbeiter-
bewegung, dieses Selbstbild wird d amals gerad e erst entwor-
fen. So verkörpern diese Manifestationen zunächst auch eher
eine Form des Festes und der Feier, die zurückgeht auf jene Tra-
d ition der großen VersammJungen und Ft!Sh~ des Vormärz auf
der Wartburg oder in Hambach, auf denen sich d ie demokra -
tisch-na tionale Bewegung organisierte wie inszenierte.
Diese vier Ebenen d es revolutionären Prozesses verkörpern
»Vergesellscha ftung von Politik« und zugleich ••Politisierung
von Gesellscha ft « in einer gan z neuen Qualität und Breite,
wenn auch noch nicht im vollgü ltigen »modernen tt Sinn ratio-
nal und zwecko rientiert gerichteten strategischen Handeins.
Eben d ies macht •• Revolution t( allerdings wohl auch aus. Zu
dieser politischen Kultur d er Revolution gehört nun aber we-
sentlich noch ein fünft es Element, auf das ich abschließend et-
was ausfüh rlicher eingehen wi ll .
49~7b

1848/ 49: Horizonte politischer Kultur 73

Symbole und Rituale: Die »Politik der Straftet(

Zwar hat die neuere Revolutionsforschung bestätigt, daB viele


Taglöhner, Handwerksgesellen oder Fabrikarbeiter damals
auch Mitglieder der )>Volksvereine« und »Demokratischen Ver-
eine« sind. Hinzu treten bald auch eigene »Arbeitervereine« als
eine bew uBt sozial segregative Organisationsform . Doch exi-
stiert darüberhinaus noch eine andere, eine »eigene« Öffentlich-
keit der Unterschichten, in die sich ka um je ein Bürger verirrt
und in der auch keine bürgerlichen Politikregeln gelten: die
Szenerie der damals als »Krawall e«, »Exzesse« und »Tumulte«
bezeichneten Aktionen des Vormärz und d er Revolution. Wir
haben da fü r inzwischen den Sammelbegriff d es »sozialen Pro-
testS«.2S
Durchgängige Formen sind erkennbar: 1847 werden in den
»Hungerunruhen« etwa Bäckerläden gestürmt, das Brot wird
nachgewogen, ist es in Ordnung, geht man oft einfach weiter,
ist es hingegen zu leicht, wird es genommen und verteilt. 1848
zieht man vor die Häuser von Bürgermeistern, von Stadträten
oder von konservativen Abgeordneten, man macht Lärm, for-
dert ihren Rücktritt. Es finden sich Gruppen in oder vor Wirts-
häusern zusammen, ziehen durch die StraBen und rufen »Nie-
der mit dem König! « oder einfach »Freiheit!«.
Natürlich sind dies politisch noch wenig entwickelte, in ihrer
Wirkung nur sehr begrenzte Handlungsformen. Politische Kri-
tik und sozialer Konflikt werden oft personalisiert ausgetragen,
»das System« wird meist an seinen lokalen Stellvertretern fest-
gemacht, und die Aktionsparolen »klingen« nicht immer ziel-
klar.
Darüber macht sich beispielsweise auch die satirische Zei t-
schrift »Der Eulenspiegel« 1848 lustig, d er ansonsten mit sol-
chem Protest durchaus sympathisiert, wenn er in einer Karika-
tur einen d örflichen Trupp, bewaffnet mit Mistgabeln, vor das
Haus des örtlichen Bürgermeisters ziehen und ihn rufen läßt:
»Bürgermeister, wir wollen dich nicht mehr!« - Darauf streckt
dieser den Kopf zum Fenster hinaus und ruft zurück: »Das ist
au ch ga r nicht nötig - geht heim! «
Aber wie alle guten Karikaturen ist auch diese eine mit viel
Tiefgang. Sie macht nämlich zugleich d arau f aufmerksam, daB
es keineswegs die klare Parole oder die vielzitierte Gewalthaf-
tigkeit des Protests ist, die seine Wirkung ausmacht. - Ernsthaf-
00049~7fi

74 Wallgang Kaschuba

te Sachbeschädigungen oder gar Angriffe auf die Person sind


ausgesprochen selten, wie die genaue Durchsicht der damali-
gen Polizeiberichte zeig t. Die Wirkung beruht vielmehr auf
dem moralischen Gewicht, das dieser öffentlichen Kritik verlie-
hen werden kann. Erreicht sie eine bestimmte Qualität, dann
können sich nur wenige Bürgermeister ihrer moralischen Kraft
mit jenem ),Das ist auch nicht nötig!« entziehen . Anders als in
der Karika tur treten dama ls nach solchen Aktionen in ganz
Deutschland auch tausende von Amtsträgern zurück. Sie ak-
zeptieren damit sozialmoralische Regeln, müssen diese akzep-
tieren, weil sie zwar die Legalität d es Protests an zweifeln kön-
nen, nicht mehr aber d essen Legitimität. Da nunmehr die Zeiten
des Obrigkeitsstaates vorbei scheinen, sind als unsozial kriti-
sierte Amtsführung oder konservative politische Standpunkte
nicht mehr durch die alte »Autorität d er Macht« gedeckt.
Zudem operiert der Protest noch m it einem zweiten gewich-
tigen Argument: mit dem der Tradition. Bestimmte rituelle For-
men, in d enen Unmut und Sozialkritik geäußert werden, in de-
nen d ie Ordnung kurzzeitig außer Kraft gesetzt wird, verkör-
pern bereits in der vormodernen Gesell schaft eine Art
Gewohnheitsrecht derjenigen, die ansonsten keine politischen
Rechte und Artikulationsmöglichkeiten besitzen. Es ist eine Art
soz ia ler Seismograph, der unterschwellige Spannungen und
Unzufriedenheiten anzeigt. Und es is t auch ein »)moralisches«
Lnstrument, d as Bezug nimmt auf gemeinsame Grundüberzeu-
gungen einer vorind us triellen "moralischen Öko nomie und So-
zietät« (Edward P'Thompson), an der sich die gesellschaftlichen
Beziehungen zu orientieren haben. Wo dagegen verstoßen wird
auf wirtschaftlicher, sozialer oder politischer Ebene, folgt Kri-
tik. Eine Kritik in ritueller Form, die zwischen Spiel und Ernst
changiert, d ie sich als ) Brauch« auf plebejische und populäre
Traditionen beruft und die dort auch häufig genug "bornierten«
Zwecken diente.
Auf diese Form symbolischen Protests greifen die Hand-
werksgesellen, Arbeiter und Dienstboten in der Revolution ver-
stärkt zurück. Auf eine kulturelle Form, die al1en vertraut ist,
die keine Sprecher und Organisatoren braucht, die ko llektiv in
der Gruppe ausgeübt wird , d ie dadurch vor Polizei und Strafe
schützt, weil sie sich zw ischen Brauch und Politik bewegt. Es
sind die rituelle Form und das moralische Argument der Tradi-
tion, die nun eine eminente politische Durchschlagskraft erzie-
1848/ 49: Horizonte politischer Kultur 75

len wie etwa in dem besonders häufig auftretenden Modell des


»Charivari«, der »Katzenmusik«. Dabei handelt es sich um ei-
nen ehemals dörflicher Rügebrauch, der mit der Arbeitskräfte-
wanderung längst in die Städte gekommen ist und nun nicht
mehr zur »Rüge« unmoralischen Lebenswandels oder abwei-
chender Lebensformen angewandt wird, sondern der politi-
scher Kritik dient. Bema lte und vermummte Gestalten versam-
meln sich vor dem Haus des »Volksfeindes«, schlagen Koch-
deckel gegeneinander, pfeifen und miauen, rufen Spottreime,
Schi mpfworte und Urleilungsformeln, rütteln an Fenstern und
werfen manchmal auch Unrat oder Steine. Kommt die Polizei,
zieht man sich wieder stärker ins »Brauchrumliche« zurück -
Verhaftungen kommen bemerkenswert selten vor.
Im Blick auf eine bisher nur in Ansätzen ausgeleuchtete ge-
schlechtergeschicht liche Dimension der Revolution ist dabei
bemerkenswert, daß diese Protestaktionen keineswegs nur von
männliche Akteuren getragen werden. Während in der Sphäre
bürgerlicher Öffentlichkeit die Frauen weitgehend ausgeschlos-
sen s ind von politischen Diskussionen und Aktivitäten, abge-
drängt auf Fahnensticken, GeldsammeIn oder das Dekorieren
»vaterländischer« Bankette und Feiern, sind sie in dieser »Ge-
genöffentlichkeit,( oft nicht nur geduldet, sondern in aktiven
Rollen tätig. Fast wie in einer Art von »A rbeitsteilung'( begin-
nen s ie v ielfach den Protest oder »decken« den Rückzug gegen
die Polizei. Sie sind hier Teil, nicht Publikum der Bewegung.26
Dieses ganze Szenarium brauchtümlichen Protests, so pittoresk
es auch erscheinen mag, beschreibt eine eigene und ernsthafte
Sprache der revolutionären Bewegung, gewissermaßen den
»Revolutio nsdia lekt« der Unterschichten. Und es liegt wohl ge-
rade auch an diesem Dialekt, daß Historiker lange Zeit darin
nur »unpolitisches « oder »vorpolitisches« Verhalten sahen -
das, was meist abschätzig »Sprache des Pöbels« oder ,.die Po-
litik der Straße« genannt wurde.
Gewiß bleibt der Sozialprotest damals wie durch die Ge-
schichte ein vielfach diskontinuierliches und amorphes Phäno-
men, dem man keine große gesellscha ftsverändemde Vision zu
zuschreiben kann. Im Rahmen einer geschichtshermeneuti-
sehen Betrachtungsw eise erscheint dieser Maßstab jedoch als
problematisch, ja his torisch falsch , insofern von einem strategi-
schen Polüikvers tändnis ausgegangen wird, das dem Sozial-
protest als »autochthoner« Bewegungsform notwendig fremd
76 Wolfgang Kaschuba

sein muß. Damit werden vor allem zwei seiner wesentlichen


Bedeutungsdimensionen verdeckt: seine besondere kulturelle
Symbolik und seine lebensweltliche Regulationsfunktion .
Denn Protest pocht auf die moralische Legitimität von Sozia l-
kritik und sozialem Handeln vor dem Hintergrund historisch
und gewohnheitsrechtlich begründeter Vorstellungen von ),Ge·
sellschaft«, In seiner Grundhaltung ist er dabei zunächst reak-
tiv, abwehrend, status-quo-orientiert an Besitzstandswahrung
und Werteverteidigung. In dieser Abwehrhaltung drückt sich
jedoch nicht nur ein ),Bück zurück«, sondern durchaus auch ein
},Blick nach vorn<' aus, etwa auf Entwicklungen, welche die ei-
gene Situation nachteilig verändern, oder auf Verschiebungen
in der gesellschaftlichen Machtbalance, durch die sich die eige-
ne Position verbessern läßt. Als ein Repertoire ritueller Politik
wird diese Form sozialer Bewegung daher in der Revolution zu
einer buchstäblichen politischen »Volks-Schule«.
Auch in der deutschen Geschichte nach 1849 spielen diese
Formen einer »Politik der Straßel( eine wichtige Rolle. »Zusam-
menrottungen« oder kollektive "Blaue Montage« gehören
ebenso zur Geschichte der Arbeiterbewegung, wie andere Pro-
testtraditionen sich in Antikriegs- oder Regionalbewegungen
wiederfinden. Weniger deshalb, weil da etwa eine Art Tradi-
tionspflege betrieben worden wäre, sondern weil bestimmte
einfache Grundformen politischer "Wortmeldung<1 sich immer
wieder neu entwickeln und wiederentdecken, wenn die gesell-
schaftlichen Macht- und Gewaltverha hnisse den I-Iandlun~.s­
spielraum sozialer Bewegung verengen.
Damals jedenfalls verkörpern all diese Formen der >'Volks-
bewegung<1 die Anfänge einer demokratischen politischen Kul-
tur in Deutschland. Mit dem Scheitern der Revolution im
Herbst 1849 und mit der folgenden Zeit der Reaktion werden
viele dieser Erfahrungen und Bewegungsformen zwar wieder
zurückgedrängt. Doch lassen sich Lernprozesse nicht einfach
verbieten, sie lassen sich höchstens verschütten, zudecken
durch fa lsche Legenden, Mythen und Denkmä ler. Desha lb wil1
ich dies absichtlich als Schlußbild "der deutschen Revolution«
stehen lassen: nicht die hehre Pau lskirche der Parlamentarier,
sondern die profane Straße mit ihren frühen Spuren demokra-
tischer Volksbewegung.
49~7b

1848/49: Horizonte politischer Kultur 77

Anmerkungen

I Zu diesen und anderen Details wie Quellenangaben s. Wolfgang Ka-


schuha/Carola Lipp, 1848 - Provinz und Revolution, Tübingen 1980, h ier
S. 226.
2 Vgl. dazu Wolfram Siemann, Die deutsche Revol ution von 1848/ 49,
Frankfurt/M. 1985.
3 S. dazu ausführlicher auch Siemann, Revolution, S. 7 H.
4 Der amerikanische Historiker Rogers Brubaker hat solche Überle-
gungen kürzlich aufgegriffen in: Citizenship and Nationhood in France and
Germany, London 1992.
5 Zum neueren Forschungsstand vorzüglich Dieter Langewiesche, Die
deutsche Revolution von 1848/ 49 und die vorrevolutionäre Gesellschaft, in:
Archiv für Sozialgeschichte 21 (1981), S. 458-498; sowie: Ders., Oie deutsche
Revolu tion von 1848/ 49 und die vorrevol u tionäre Gesellschaft. For-
schu ngsstand und Forschungsperspektiven. Teil 11, in: ebd. 31 (1991), S.
331 -443.
6 Zur Spurensicherung s. etwa Barbara james/Walter Moßmann,
Glasbruch 1848, Darmstadt 1983; Wolfgang Steinilz, Deutsche Volkslieder
demo kratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten, Berlin 1979.
7 So der TItel einer jüngst von Alcida Assmann verfaßtcn Skizze zur
Entwicklung de r deutschen Geschichtskultur und Bildungsidee (Frank-
furt/M o 1993).
8 Vgl. dazu auch Wolfgang Hardtwig. Vormärz. Der monarchische
Staat und das Bürgertum, München 1985.
9 Vgl. Richard TIlly, Kapital. Staat und sozialer Protest in de r deut-
schen Industrialisierung. Gesammelte Aufsätze, Göttingen 1980, S. 155.
10 Vgl. Reinhart Koselleck, »Erfahrungsraum« und .. Erwartungshori-
zont«. Zwei historische Kategorien, in: Ders., Vergangene Zukunft. Zur Se-
manti k geschichtlicher Zeiten, Frankfurt / M. 21992, S. 349-375.
11 S. Kurt Koszyk, Deutsche Presse im 19. Jahrhundert, Berlin 1966; zur
Zensur u. a.: Wolfram Siemann, Ideenschmuggel. Probleme der Meinungs-
kontrolle und das Los deutscher Zensoren imI9.Jahrhundert, in: Histori-
sche Zeitschrift 245 (1987), S. 76-106.
12 S. Wolfgang Hardtwig, Struklurmerkmale und Entwicklungstenden-
zen des Vereinswesens in Deutschland 1789-1848, in: OIto Dann (Hg.), Ver-
einswesen und bürgerliche Gesellschaft in Deutschland, München 1984,
S. I1-50. .
13 S. Hartwig Brandt, Parlamentarismus in Württemberg 1819-1870.
Anatomie eines deutschen Landtags, Düsseldorf 1987.
14 Wegweisend dazu: Wolfgang Schieder, Anfänge der deutschen Ar-
beiterbewegung. Die Auslandsvereine im Jahrzehnt nach de r Julirevolution
1830, Stuttgart 1963; vgl. auch die Beiträge in Ulrich Engelhardt (Hg.),
Handwerker in der Industrialisierung. Lage, Kultur und Politik vom späten
18. bis ins frühe 20. Jahrhundert, Stuttgart 1984.
15 S. Arno Herzig, Unterschichtenp rotest in Deutschland 1790-1870,
Göttingen 1988.
16 S. Comelia Foerster, Das Hambacher Fest 1832. Volksfest und Natia-

,
78 Wolfgang Kaschuba

naHest einer oppositionellen Massenbewegung, in: DieleT Düding u. a.


(Hg.), Öffentliche Festkul tur. Politische Feste in Deutschland von der Auf-
klärung bis zum Ersten Weltkrieg. Reinbek 1988, 5. 11 3-13 1.
17 S. Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersu-
chungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Neuwied 1%2.
18 S. Carola Lipp, Politische Kultur oder das Politische und Gesell-
schaftliche in der Kultur, in: Wolfgang Hardtwig / Hans-Ulrich Wehler
(Hg.), Kulturgeschichte Heute, Göttingen 1996, S. 78-110.
19 S. dazu auch Wolfgang Kaschuba, Zwischen Deutscher Nation und
Deutscher Provinz. Politische Horizonte und soziale Milieus im frühen Li-
beralismus, in: Dieler Langewiesche (Hg.), Liberalismus im 19. Jahrhun-
dert. Deutschland im europäischen Vergleich, Göttingen 1988. S. 83--108.
20 S. dazu insbesond ere Dieler Langewiesche (H g.), Die deutsche Re-
volution von 1648/ 49, Dannstadt1983.
21 S. dazu auch Helmut Reinalter (H g.), Demokratische und soziale
Protestbewegungen in Mitteleuropa 181 5-1848/ 49, Frankfurt / M. 1986.
22 Vgl. d ie Regionalstudie von Michael Wettengel, Die Revolution von
1848/ 49 im Rhein-Main-Raum. Politische Vereine und Revolutionsalltag im
G roSherzogtum H essen, Herzogtum Nassau und in d er Freien Stadt Frank-
fu rt, WIesbaden 1989.
23 S. dazu: Langewiesche, Uberalismus.
24 Vgl. für Berfin: Manfred Gailus, Straße und Bro t. Sozialer Protest in
de n deutschen Staaten unter besonderer Berücksichtigung Preußens,
1847-1849, Göltingen 1990,5.350-418.
25 S. dazu: Heinrich Volkmannl]ütgen Bergmann (Hg.), Sozialer Pro-
test. Studien zu traditioneller Resistenz und kollektiver Gewalt in Deutsch-
land vom Vonnärz bis zur Reichsgründung. Opladen 1984; für die Revolu-
tion von 1848/ 49 u . a. Gailus, Straße und Brot.
26 S. d azu: Carola Lipp (Hg.), Schimpfende Weiber und patriotische
Jungfrauen. Frauen im Vonnärz und in der Revolution 1848/ 49, Bühl-Moos
1986.
Wolfgang Hardtwig

Die Kirchen in der Revolution 1848/49


Religiös-politische Mobilisierung und Parteienbildung

Es ist ein erstaunliches Defizit der Forschung zur Revolution


1848/ 49, daß sie die Bedeutung der Religiosität und die Rolle
der Kirchen für die Wahrnehmung und Interpretation der revo·
lutionären Geschehnisse, für die längerfristige Ausbildung des
deutschen Parteiensystems, für die Verfestigung der gegenre-
volutionären Kräfte 1848/ 49 lange weitgehend vernachlässigt
hat - so wie auch umgekehrt wenig danach gefragt wurde, wel-
chen Einfluß die Revolution auf die Weltdeutung der Kirchen,
auf die inner kirchlichen Kräftekonstellationen, auf das Kir-
chenverfassungsrecht und generell auf das Verhältnis von Staat
und Kirche, von Politik und Religiosität, von säkularer und re-
ligiöser Weltdeutung in Deutschland seit der Mitte des 19. Jahr-
hunderts gehabt hat. l Das ist um so befremdlicher, als das Be-
wußtsein und das Verhalten der Menschen im 19. ]ahrhundert
noch weithin von der Religion und von der kirchlichen Welt-
auslegung geprägt waren .
Will man den Bewußtseinsstand - und das heißt nicht nur
die bewußt durch methodische Gedankenarbeit herbeigeführ-
ten Entscheidungen, sondern auch die vor- oder halbbewußt
entstehenden Wertungen und Stellungnahmen, Verhaltenswei-
sen und Handlungen einigermaßen erfassen, die bekanntlich
unser Tun und Lassen mindestens ebenso stark steuern wie die
rationale Entschließung - dann sollte man sich klarmachen, wie
wichtig dieses durch die kirchliche Lehre und aUtagspraktische
Lebensbegleitung genährte und autorisierte Vorwissen über
"Gott und die Welt« auch für die politische Orientierung der
Menschen um die Mitte d es 19. Jahrhunderts gewesen sein
muß. Man wird gut daran tun, sich den politisch-sozialen Deu-
tungshaushalt der Zeitgenossen der ]ahrhundertmitte als ein
Amalgam aus individuellen Erfahrungen mit Herrschafts- oder
Abhängigkeitsverhälb1.issen, altüberlieferten, aus der ständisch
00049~76

80 Wolfgang Hardtwig

geformten Lebenswelt gespeisten Deutungsmustern, mehr


oder weniger rudimentären Informationen aus dem Kontext
der vormärzlichen politischen und sozialen Bewegungen, ei-
nem letztlich ununterdrückbaren und bei passenden Gelegen-
heiten immer wieder aufflammenden elemen taren Geist der
Widersetzlichkeit gegen die Obrigkeit und -last not least - eben
jenem internalisierten kirchlich-religiösen lnterpretationshori-
zont vorzustellen, d er alle Lebensäu ßerungen und -ordnungen
umschloß, von den kleinen, persönlichen, privaten bis zu den
großen, koUektiven, öffen tl ichen.

[.

Als im März 1848 der Funke d er Revolution von Frankreich auf


die deutsche Staatenwelt übersprang, traf das d ie beiden gro-
ßen Kirchen, die protestantische wie d ie katholische, in gewis-
ser Weise nicht unvorbereitet. Keine der großen Institutionen in
Deutschland war von dem grundstürzenden Wandel sei t dem
Beginn der eigentlichen Reformzeit 1799 so stark betroffen wor-
den wie die katholische Kirche. Aber auch die protestantischen
Land eskirchen sahen sich seit der Hochaufklärung im späten
18. Jh . Herausford erungen ausgesetzt, au f d ie sie massiv reagie-
ren mußten, wollten sie nicht einfach eine am Ende unaufhalt-
same Erosion der amt$kirduich en A utori tä t hin n ehmen .'
So hatten die Kirchen in den Jahrzehnten vor der Revolution
an mindestens vier Fronten zu kämpfen: Zum ersten gegen die
massiven Eingriffe der Staaten in die kirchliche Lehre und in
d en Kultus. Das ging aufgrund d er unterschiedlichen kirchen-
verfass ungsrechtlichen Situation im Protestantismus leichter
als im Katholizi smus. Denn da in d en protestan tischen landes-
kirchen der Monarch ex officio immer auch summus episcopus
wa r, dirigierte er mehr oder weniger intensiv über eine im we-
sentlichen von ihm bestimmte landeskirchliche Behörde - meist
das Oberkonsis torium - die kirchliche Gesetzgebung und Per-
sona lpolitik. Im katholischen Bereich hatten sich Monarchen
und Regierungen das Präsentations- bzw. Zustimmungsrecht
bei allen wesentl ichen Personalentscheidungen gesichert und
regierten ungeniert in Fragen d er Lehre und religiösen Praxis
hinein.
49J7h

Die Kirchen in der Revolution 1848/ 49 81

Zwar kam es darüber mehrfach zu heftigen Spannungen


zwischen Landesherren und Kirchen, doch wichtiger ist im
Ganzen, daß die Kirchen ungeachtet end loser Zw istigkeiten mit
den Staatsbehörden im Detail ihrerseits das Bündnis mit dem
Staat suchten, um - zweitens - dem massiven Säkularisierungs-
einb ruch entgegentreten zu können, der seit der späten Aufklä -
rung bei einem Teil der Bevölkerung die Selbstverständlichkeit
des Kirchenglaubens bedrohte. Er betraf im Protestantismus
wie im Katholizismus anfangs vor allem die Gebildeten, dann
aber - mit der Verschärfung der sozialen Krisensituation im
späten Vormärz - zunehmend auch die unteren Schich ten. In
wachsenden Minderheiten etwa bei Kleinbauern, Handwer-
kern und Dienstboten verloren d ie kirchlichen Weltdeutungen
u nd Verhaltensnormen an Verbindlichkeit - und das um so
mehr, als beide Großkirchen auf das Vordringen säkula rer Da-
seinsinterpretation dort, wo sich der gewohn te christliche le-
bensstil situationsbedingt auflöste, verstärkt auf den pauscha-
len Vorwurf individueUer Sündhaftig keit rekurrierten. Dieser
Trend zur Entchristlichung hatte schon seit der Spätaufklä rung
sowohl im Protestantismus wie im Katholizismus innerkirchli-
che Reaktionen provoziert, die zu - in heutiger und ehvas ana-
chronistischer Terminologie gesprochen - »fundamentalisti-
sehen« religiösen Erneuerungsbewegungen in beiden Lagern
führten.
DritteilS also standen die beiden Großkirchen vor der Frage,
wie sie mit diesen religiösen Erneuerungsbewegungen umge-
hen, welchen Einfluß sie ihnen einräumen und wie sie die di-
vergierenden Überzeugungen innerkirchlich miteinander ver-
einbaren soll ten. Bei den Protestanten handelte es sich um die
neupietistische Erweckungsbewegung, bei den Katholiken um
den .. Ultramontanismus« . Beide Bewegungen enviesen sich-
je länger desto mehr - als äußerst machtbewußt, schufen sich
mit der »Evangelischen Kirchenzeitung« des Bischofs Heng-
stenberg in Berlin, mit dem Mainzer »)Katholik« un d den »Hi-
storisch-Politischen Blättern « des Münchner Eos-Kreises (seit
1838) kämpferische Presseorgane und hatten bis zum März
1848 im Protestantismus teilweise, im Katholizismus seh r weit-
gehend die wesentli chen innerkirchlichen Positionen in ihre
Hand gebracht.
Im katho lischen Kirchenvolk fand der Ultramontanismus
vor allem auf dem Land und in der kleingewerblichen Bevöl-
82 Wolfgang Hardtwig

kerung erhebliche Resonanz. Hier hatte das religiöse Leben mit


Sonntagsmesse, Beichte, Kommunion, mit Heiligenverehrung
und Wallfahrts- und Prozess ionswesen den Kampf der Aufklä-
rung gegen die traditionelle Volksfrömmigkeit mehr oder we-
niger unbeschadet überstanden, so daß die traditionsorientier-
te, nun wieder stärker ritualistisch und sensuell orientierte
Frömmigkeitspflege der Ultramontanen daran unmittelbar an-
knüpfen konnte. Auch die protestantische Erweckungsbewe-
gung orientierte sich nach ihren Anfängen in kleinen, eher
hierachiefemen Kreisen "religiöser Virtuosen« (Max Weber), in
denen sich der Drang nach Erweiterung und Vertiefung der re-
ligiösen Subjektivität auslebte, dezidiert zur kirchlichen Ortho-
d oxie hin.
Diese Rückkehr zur Tradition und damit zur Verfestigung
der dogmatischen Positionen und zur Deutungsmacht des Kle·
rus förderte - viertens - in beiden Kirchen die Rückkehr zu ei-
nem kämpferischen Konfessionalismus. Je mehr aber die Dog-
matik wieder in den Vordergrund trat, desto mehr schwand die
irenische Gesinnung. Neu gegründete Vereine wie der Gustav-
Adolph-Verein (1843) auf protestantischer und - in der Reak-
tion darauf - die seit 1849 gegründeten Bonifatius-Vereine auf
katholischer Seite setzten sich jeweils die Unterstützung der ei-
genen Konfessionsgenossen in der Diaspora zum Ziel. An in-
nerer Geschlossenheit allerdings übertraf der Katholizismus
den Protestantismus bei Revolutionsa usbruch bei weitem.
Zwar war der Ullramontanismu.:J im Kirchenvolk keineswegs
gleichmäßig durchgedrungen - im rheinischen Bürgertum etwa
vertrat er im Sommer 1848 noch eine Randposition. Aber die
Kirchenführung dachte einheitlich ultramontan und tat sich da-
mit erheblich leichter als der hohe evangelische Klerus, für die
Auseinandersetzung mit der Revolution eine einhei tliche und
konsequente Stellungnahme und Strategie zu entwerfen.

I/.

Einig waren sich die Großkirchen in der Ablehnung rationali-


stischer Oppositionsbewegungen, die zunächst innerhalb der
Kirchen entstanden waren und sich dann als freireligiöse Bewe-
49~7S

Die Kirchen in der Revolution 1848/ 49 83

gungen verselbständigten. Wie schon erwähnt, gab sich der


theologische Rationalismus gegenüber pietistischer Neoortho-
doxie und Ultramontanismus nicht einfach geschlagen. In Preu-
ßisch-Sachsen, in Baden, im Rheinland und Schlesien, aber auch
an anderen Orten kam es daher vielfach zu erbitterten Ausein-
andersetzungen im protestantischen Klerus. In Baden etwa en-
gagierten sich bei insgesamt 339 Pfarrgemeinden (März 1848)
im Vormärz 98 Pfarrer explizit in den theologischen Richtungs-
kämpfen .) Die Formierung der Rationalisten zu organisierten
freireligiösen Bewegungen setzte 1841 im preußischen Sachsen
ein, wo sich in Gnadau bei Magdeburg 16 Pfarrer trafen, um
gegen die Einschränkung der Lehrfreiheit zu protestieren. Bei
der Frühjahrsversammlung 1844 kritisierte der Hallenser Pfar-
rer Adolph Wislicenus vor jetzt bereits 600 ),Lichtfreunden(( -
wie sie genannt wurden - das protestantische Schriftprinzip
und berief sich auf den )/ ln un s selbst lebendigen Geist(( als
höchste Autorität. Es ging also um das Postulat eines undog-
matischen Christentums, das einen selbstbewußten, aufkläre-
risch-vemunftbezogenen Individualismus auf die Spitze trieb.
Das mußte weitreichende Konsequenzen haben, denn ein ver-
bindliches Glaubensbekenntnis wurde damit obsolet. Das Mag-
deburger Konsistorium enthob Wislicenus 1846 seines Amtes-
worauf die Lichtfreunde-Bewegung dann mit der Gründung
»Freier Gemeinden(( reagierte.4
Ganz ähnlich verlief die Gründungsgeschichte der »Deutsch-
Katholiken((. Hier steht der Protest des bereits suspendierten
schlesischen Kaplans Johannes Ronge gegen die vom ultramon-
tanen Trierer Erzbischof Amoldi organisierte Massenwallfahrt
von rund 500.000 Gläubigen zum angeblichen »Rock Christi« in
Trier am Anfang. Ronge wurde exkommuniziert, fand aber mit
seinen romkritischen Schriften und Vorträgen solchen Anklang,
daß er 1845 bereits eine Deutschkatholische Kirche gründen
konnte, die 1847 immerhin mehr als 70.000 Gemeindeglieder
umfaßte.
Die beiden dissentierenden Gruppen standen sich inhaltlich
sehr nahe und verbanden sich vielfach in den »Freien Gemein-
den((. Daß beide Gruppen sich nach kurzer Frist außerkirchlich
organisierten, hat unterschiedliche Gründe, die aber zum glei-
chen Ergebnis führten. Den Lichtfreunden ging es anfänglich
nur d arum, ihre theologische Position in der Kirche zu behaup-
ten, sie wurden erst durch die scharfe Reaktion von protestan-
00(l49~lh

84 Wolfga ng Hardtwig

tischer Kirche und Staat vor allem in Preußen aus der Kirche
gedrängt. Während d ie Forderung nach Pluralismus sich hier
immerhin auf die Legitimität protestantischen Protests berufen
konnte, ließ d as ekklesialogische Selbstverständnis der katho-
lischen Kirche dort von vornherein keine andere Möglichkeit
als die eigene Kirchenbildung zu. Deutschkatholiken und Freie
Gemeinden formierten in den Jahren vor d er Revolution eine
gemeinsa me religiöse Oppositionsbewegung gegen die restau-
rativen Tendenzen in heiden Großkirchen und b il deten eben da-
mit zugleich d as Modell einer utopischen demokratischen Ge-
sellschaft vor. Die Großkirchen waren in den politischen, sozia-
len und intellektuellen Auseinandersetzungen der dreiß iger
und v ierziger Jahredes 19. Jahrhunderts selbst zunehmend Par-
tei geworden, ihre inneren Auseinandersetzu ngen mündeten
daher in die Bildung von Religionsparteien au ßerhalb der Kir-
che ein .
Diese Vorgänge s ind nun nicht nur von religions- und kirchen-
geschichtlichem, sondern von allgemeingeschichtlichem inter-
esse, weil sich die religiöse Dissidenz umgehend mit eindeutig
politisch-oppositionellen Einstellungen verband . Diese führten
nicht notwendig, aber doch überwiegend, in den demokrati-
schen Radikalismus der Revolution hinein. Lichtfreunde und
Deutschkatholiken sind sozialgeschichUich recht präzise zu ver-
orten. Bei den Lichtfreunden handelt es s ich um eine überwie-
gend städtische Bewegung, die sich zu 80-90 % aus dem Klein-
bürgertum und den unteren sozia len Schidlten rekrutierte, ihre
Sprecher aber in freisinnigen Intellektuellen bzw. Akademikern
fand. Auch bei den Deutschkatholiken stellten klein-und unter-
bürgerliche Gruppen die Masse der Mitglieder, die Führung lag
bei Freiberuf]ern, Kauf]euten und Journalisten. Deutschkatholi-
ken in gemischt-konfessionellen Regionen versuchten offenbar
vielfach, Modernitätsdefizite im Verhältnis zu ihrer Umwelt aus-
zugleichen. Die Gemeinden wuchsen bis 1849 und erlitten nach
der Revolution nur geringe Einbu ßen, erst die politische Repres-
sion der Reaktionszeit füh rte nach der Mitte der fünfziger Jahre
zu einem leichten Absinken der Mitgliederzahlen.
Die konkrete Verflechtung von politischer und religiöser Dis-
s idenz zeigt eher eine Inklination zu den Demokraten als zu
den Liberalen. In Mannheim machte Gustav Struve als Redak-
teur des »Mannheimer Journals« seit 1845 die Zeitschrift zum
Sprachrohr der Deutschkatholiken. Johannes Ronge war Teil-
Die Kirchen in der Revolution 1848/ 49 85
nehmer am Vorparlament, Mitglied des nProvisorischen Zen-
tralausschusses deutscher Demokra ten lI. Die Beispiele ließen
sich erheblich vermehren. Es dürfte nicht zu weit gegriffen sein,
wenn man feststell t, d aß vor allem dem politisch-demokrati -
schen Lager in der Revolution Energien aus der religiösen Dis-
sidenz zunossen. Für die Rolle der Kirchen bzw. d er Religion
überhaupt im Revolutionsgeschehen war allerdings ein anderer
Faktor noch gewichtiger. Durch die mehr oder weniger erzwun-
gene Separation der entschieden rationalistisch und hierarchie-
kritisch, antidogmatisch und antikol1 fessionell ori entierten
inner kirchlichen Kritiker aus beiden Großkirchen vor dem Aus-
bruch d er Revolution war in beiden Großkirchen die »kirchli-
che entschiedene Linkett, w ie man vielleicht etwas anachroni-
stisch formulieren könnte, ausgeschieden. Das erleichterte es
den Kirchen zweifellos, in der Reaktion auf das revolutionäre
Geschehen und seine Herausford erungen ihre Reihen dichter
zu schließen. Das schloß unterschiedliche Bewertungen weder
im Katholizismus noch - sehr v iel mehr - im Protestantismus
nicht aus. Aber es verlieh den distinkt anstaltskirchlichen, or-
thodoxen, klerikalen Kräften noch mehr Gewicht als sie es oh-
nehin schon hatten und verstärkte die Neigung zum Konserva-
tivismus.

1II.

Wenn die Kirchen, d. h. konkret die Geistlichen auf der Kanzel,


in der kirchlichen Publizistik oder in den Kirchenleitungen seit
März 1848 Stellung bezogen zur Revolution, so war ihr Urteils-
horizont zunächst einmal ein grundsätzlich anderer als der sä-
kularer Politik. Katholische und protestantische Kirchenvertre-
ter und auch kirchlich engagierte Laien urteilten primär aus ei-
nem metahistorischen und metapolitischen Gedanken- und
Überzeugungskontext heraus. Dieser konnte sich abschwächen
oder auch bis zu vermeintlicher Unsichtbarkei t verschwinden
- arn Sachverhalt selbst ändert d as nichts. N ur wenn man die-
se n von aller säku laren Politik profund verschied enen Aus-
gangspunkt akzeptiert, wird man dem Thema »Kirche und Re-
volutiont< einigermaßen gerecht werden können.
86 Wolfgang Hardtwig

Wenn etwa von »Freiheit« d ie Red e war, so bedeutete dieser


Begriff fü r d en überzeugten und in d er christlichen Hei lsbot·
schaft hinreichend unterrichteten Christen nicht nur die Ge·
samtheit d er politischen Freiheiten, der Habeas·Corpus·Rechte
und der politischen Mitwirkungsrechte, sondern auch - und
idea liter vor allem - die religiös interpretierte Freiheit vom »Bö-
sen «: ~, Wir verstehen die Freiheit anders, als so viele Leute un-
serer Tage, denn keine Freiheit kommt aus d er Gew alttha t, und
die wahre Freiheit kommt nicht von au ßen hinein, sondern von
innen heraus«. Die wahre Freiheit entsteht nur durch die Wahr-
heit - die Annahme der christlichen Wahrheit; d iese war mög-
lich, wenn sich der Mensch yon der »Knechtschaft « befreite -
d er Knechtschaft d er Sünde. Die »Freiheitslüstemenu d er Ge-
genwart - so d aher ein Standardargument - begreifen nicht,
"d aß die Freiheit von der Sünde erstes Bedürfnis der Menschen
und d ie Bedingung jeder anderen Freiheit is t((.s Diese Freiheit
konnte der christlichen Lehre zufolge nur über die cfuis tliche
Re ligion verwirklicht werd en; fü r d ie g lä ubigen Ka tholi ken
hieß das: über die katholische Kirche . Zwingend ergab sich d ar-
aus eine Schl u ßfolgerung, die für d as Verhä ltnis beider G roß-
kirchen zur Revolution zentral w ar und vor allem im Ka tholi-
zismus das politische Handeln regierte: »N ur da, wo d ie rechte
kirchliche Freiheit ist, ist auch die rechte bürgerliche Freiheit;
nur da, wo d ie rechte bürgerliche Freiheit is t, is t auch die kirch-
liche Freiheit«.6
Dieses Apriori jed er spezifisch christlichen Stell ungnahme
schloß jed och ganz unterschiedliche politische Besetzungen des
Freiheitsbegriffs nicht aus. Für die in der Kirche verbliebene
protestantische Linke z. B. bed ingten s ich innere und ä u ßere
Freihei t insofern, als »alle innere Freiheit der Menschen ohne
die entsprechende äußere ein Phanto m ist«.7
Für die konservativen Protestanten dagegen wa r kla r, daß
die äußere Freiheit der in neren nur folgen könne.' Das Beispiel
belegt, d aß es keinerlei zwingenden und ausschli eß lichen Zu-
sa mm enhang zwi schen d en essentiellen G rundannahmen
chris tl icher Weltdeutung und bestimmten po litischen Op tionen
gab. Aber es macht auch deutlich, d aß die Perspektive einer
dezid iert christlichen Interp retation d er soz ialen, poli tischen
und kulturellen Vorgänge in der Revolution eine grundsätzlich
andere sein mußte als die ein er an christliche Glaubensinhalte
nicht ausdrücklich angelehnten Weitsicht.
49J7h

Oie Kirchen in der Revolution 1848/49 87

Von dieser Vora ussetz ung her lassen sich die Stellungnahmen
von Kirchenvertre te rn bzw. kirchlichen Publizisten schon z ur
vormä rzlichen Entwicklung und dann zur Re volution besser
verste hen. Der Ka tholizismus rückte von seiner im Vormä rz viel-
fa ch in a poka lyptische n Dimensionen vorgetragenen Kritik der
gesellschaftlich-politischen Modem e, von der rigorosen Ableh-
nung jeder Art von Liberalismus und Modemis ierung ab und
begrü ßte fast durchweg d ie Märzerrungenscha ften und d ie Ein-
be ru fung de r Fran kfurte r National versammlung. Für George
Phillip s in d en »His torisch-Politisch en Blä ttern ', waren die
Märzforderungen d ie Basis für die a us katholische r Sicht wich-
tigste a lle r Freihe iten : die Religio nsfreihe it. Der Konvertit E.
Ja rcke, der in seine r Rubrik »Zeitlä ufte" noch Anfa ng 1846 in
tie fste m Pessimismus den Gang d er Ereignisse in eine r Theorie
der Weltgeschichte a ls einer einzigen Niedergangsgeschichte in-
te rpretiert hatte, schlug sich plötzlich auf die Seite der Zensur-
kritiker. Man konnte nun lesen, daß d ie katholische Kirche im-
m er schon für die Pressefreiheit eingetreten sei - allerdings eine
andere Pressefreihe it als die der Libe ralen; denn es gehe nur um
eine »Pflicht .. , - d ie »Erfüllung d er göttlichen Sendung", des
»Lehret aUe Völke r ... Bei der Reform des Gerichtswesens schJos-
sen sich d ie »Historisch-Politischen Blätter« weitgehe nd der li-
bera len Fo rde rung n ach Ö ffentlichkeit und Mündlichkeit d er
Verhandlungen an.9 Die »drei Hauptpunkte de r Märzerrungen-
schaften, die Religionsfreiheit, die Preßfreih eit und d as Vereins-
recht« erschienen als We rk der göttlichen Vorsehung, um den
Fa ll des Protestantis mus zu erreichen. 1o Der kirchliche Ka tholi-
zismus sah m it d en Freiheiten, die e r d ann in der Tat energisch
nutzte, endlich die Wa ffengleichheit mit d em liberal-protestan-
tischen Gegner hergestellt. Unterha lb dieser zügigen Anpassung
an die liberale politische Kultur d er Revolution wirkten freilich
die metahistorischen Deutungsmode lle weiter, in d enen die Re-
volution a ls Zeitenwende von apokalyptischen Ausmaßen inter-
pretiert wurde, als d er »große verhängnisvolle Wendepunkt in
d er Weltgeschichte .. (Guido Görres) ode r als Moment d er »Bu-
ße.. , d ie Eu ropa n un fü r die Sünden von Generationen leisten
m üsse (E. Jarcke).11 Die Radikalisierung in Fra nkfurt im Septem-
ber 1848 und d er weitere Revolutionsverlauf verstärkten diese
G rundstimmung un terhalb der fre ilich konsequen t e ingeha lte-
nen Strategie, die Iiberal-demokratische - und säkula ristische -
Revol utio n mit deren e igenen Waffen zu schlagen.
88 Wolfgang Hardtwig

Der Protestantismus tat sich mit einer einheitlichen Stellung-


nahme zur Revolution schwerer- entsprechend seiner stärkeren
innerkirchJichen und theologischen Pluralisierung. Es gab die
protestantisch-theologische Anerkennung und Rechtfertigung
der Revolution ebenso wie die völlig kompromißlose Ableh-
nung. Ein prägnantes Beispiel für das Sympathisieren mit der
Revolution, ihren liberalen Zielen, aber auch für die Rechtferti-
gung soga r ihrer gelegentlichen gewaltsamen Ausbrüche, ist die
Rede, die der Prediger an der Berliner »Neuen Kirche«, Adolf
Sydow, bei der Bestattung der Märzgefallenen am Friedrichshain
hielt. Die Märzrevolution erscheint hier als Fortsetzung und Voll-
endung der Errungenschaften aus den Freiheitskriegen: "WO ei-
ne neue Ordnung der Dinge von einer alten kämpfend sich los-
ringen muß, da geht es z unächst nicht ab ohne Bruch und Wi-
derstoß [... ) Faßen wir die groBe weltgeschichtliche Bedeutung
d ieses Augenblicks, dieses entscheidenden Wendepunktes in der
Entwicklung unseres preußischen, unsere deutschen Va lerlan-
des«.12 Die »Evangelische Kirchenzeitung(( dagegen entsetzte
sich über die Beteiligung von Theologen an der Trauerfeie r. Auch
im Protestantismus kommen in den - im Ganzen doch überwie-
gend revolutionskritischen - Stellungnahmen die metahistori-
schen und metapolitischen Urteilskategorien deutlich z um Aus-
druck: »Von allem Unglück, das ein Volk treffen kann, ist der
Aufruhr das größeste. Nicht Krankheit, nicht Mißjahre, selbst
Kriege nicht erzeugen so viel Jammer [. .. ] Ja Herr, wir sind
krank, 10 Herzen und Gedanken verstört. Hilf uns durch deine
Gnade, daß diese Krankheit nicht sei zum Tode, sondern z um
Leben! Amen! «\J Die Revolution is t die Folge eines moralisch-re-
ligiösen FehJverhaltens der Menschen, des Abfalls von Gott, und
Gott hat sie geschickt, um zu stra fen, vor allem aber, um die
Menschen wieder zur inneren Einkehr zu bewegen und auf den
Weg des Heils zurückzuführen.
Vor allem im Denken der Erweckten dominiert diese Rück-
füh rung des politisch-soZia len Geschehens auf den allgemein-
menschlichen Hang zur Sündhaftigkeit im allgemeinen und auf
das sündhafte Verhalten der Menschen in den Jahren und Jahr-
zehnten vor der Revolution im besonderen. Dieser Topos ent-
hält auch eine massiv obrigkeitskritische Komponente. Die ob-
rigkeitskritischen Töne führten allerdings nirgends da z u, die
gegenwärtige Ordnung in Frage zu s tellen . Für die Synode in
Minden-Ravensberg war die Revolution ein »entsetzensvolles
49~76

Die Ki rchen in der Revolution 1848/ 49 89

Verbrechen «, das zum "Kampf auf Leben und Tod« mit den
Feinden zwinge. Man freute sich darüber, daB der »Kern unse-
rer chris tlichen Bevölkerung sich in den schweren Tagen als got-
tesfürchtig, verständig, ordnungsliebend (... Je< bewährt habe;
die liberale Verfassungspolitik erschien als »bloBe Oberfläche«;
in d er »1iefe und auf dem Grund ,< des politischen Geschehens
seien in Wahrheit die ,'gottlosen und unsittlichen Kräfte der de-
mokratischen, republikanischen und communistisch-sozialisti-
schen Bestrebungen« am Werk,14 Das Fundament dieser Urteile
ruht in metapolitischen Kategorien, gleichwohl gewann das re-
ligiöse und kirchliche Denken und Handeln mit solchen Fest-
stellungen politische Qualität.

IV.

10 die politische und soziale Revolution im März/ April 1848


waren die Kirchen auch insofern sofort involviert, als mit der
Frage nach einer neuen politischen Verfaßtheit Deutschlands
die Frage nach ihren eigenen Verfassungen und ihrem Verhält-
nis zum Staat gestellt war. Sehr viel komplizierter als für den
Katholizismus stellte sich dabei die Situation für den Protestan-
tis mus dar. Denn dieser zerfiel in 40 zum Teil - wie die preußi-
sche - große, und zum Teil- wie der Stadt Frankfurt am Main
- sehr kleine Staatskirchen. Sie unterschieden sich zudem nach
der Konfession - lutherische, reformierte und unierte Kirchen-
tÜffier - und nach Varianten von mehr liberaler oder orthodoxer
Prägung. Die badische Kirchenleitung z. B. war vor 1848 über-
wiegend liberal eingestellt, die bayerische schroff neuluthe-
risch-orthodox. 15
Alle gemeinsam strebten jedoch nach gröBerer Unabhängig-
keit vom Staat, d . h. nach Ausgliederung der kirchlichen aus der
staatlichen Verwaltung. Gleichzeitig stand die Frage nach der
Mitwirkung von Laien und ),niederem Kl erus«, also den Pfar-
rern, an der KirchenJeitung auf der Tagesordnung. Es ging also
auch um ein Stück innerkirchlicher Liberalisierung bzw. Demo-
kratisierung. Politischer und kirchlicher Liberalismus über-
schnitten sich in der Forderung, die synodalen Elemente der
Kirchenverfassung gegenüber den konsis torialen zu verstär-
90 Wolfgang Hardtwig

ken. Als Preußen mit der »Oktroyierten Verfassung" vom De-


zember 1848 konstitutionelle Verhältnisse einführte, verschärfte
sich notwendigerweise auch die Frage nach der Kirchenverfas-
sun g. Da der Grundsa tz der Parität von evangelischer und ka-
tholischer Kirche nun ausdrücklich verfassungs rechtlich sank-
tioniert war, und da im Ergebnis die katholische Kirche mehr
Vorteile aus der Pauls kirchendiskussion um das Verhältnis von
Staat und Kirche zog als die evangelische, gewann die Frage
zusätzliche Brisanz. In diesen kirchen verfassungs rechtlichen
Diskussionen setzten sich die Kirchl ich-Konservativen durch. 16
Es gab keine konstitutionelle Reform der Kirchenverfassung,
sie blieb also hinter der Staatsverfassung zurück. Der Summe-
pis kopat des Landesherm bestand weiter, m onarchisch-konser-
vativer Staa t und evangelische Kirche blieben aufs engste ver-
zahnt. Auch in allen anderen Staaten scheiterten alle Versuche,
die Kirchenverfassung volkskirchlich zu erneuern. Die Revolu-
tion hatte auf evangelischer Seite nicht zu einer Lockerung und
Erneuerung d er gan z überwiegend patriarchalisch-konservati-
ven landeskirchlichen Verfassung geführt, sondern zu ihrer Ver-
festigung.
Die Einzelstaaten und ihre Kirchenpolitik waren für die Pro-
testanten au fg rund der landeskirchlichen Verfassung der evan-
gelischen Kirche wichtig, die entscheidenden Schlachten zum
Verhältnis von Staat und Kirche wurden jedoch in d er Frank-
furt er Nationalversammlung geschlagen. Die Debatten über
den Artikel III §§ 11-16 wUhlten Katholizismus und Protestan-
tis mus bis in die kleinsten Landgemeinden hinein auf, in keiner
anderen Frage mit Ausnahme der aporetischen Reichsverfas-
sungska mpagne im Frühjahr 1849 kam es zu einer solchen Mo-
bilisierung massenhaften Protestes - wenn auch überwiegend
auf katholischer Seite und ermöglicht nur durch das Mobilisie-
rungspotential ihrer zentralistisch geführten Kirche.
ln einer Reihe von Fragen stimmten aber evangelische und
katholische Positionen überein . Es gab soga r - am Widerstand
der Katholiken gescheiterte - Versuche zu einer überkonfessio-
nellen Zusa mmenarbeit von protestantischen und kathol ischen
Abgeordneten in der Nationalversammlung. Weder Protes tan-
ten noch Katholiken wollten die vollständige Trennung von
Kirche und Staat, sie erschien nach der jahrhundertealten engen
Verklammerung als ahistorisch und also unnatürlich . Dement-
sprechend beschloß die Paulskirche nicht die völlige Indiffe-
Die Kirchen in der Revolution 1848/ 49 91

renz d es Staates gegen Religion und Kirchen . Der Satz: »Nie-


mand ist verpflichtet (... ), sich irgendeiner religiÖSen Genos-
senschaft anzuschließen«, wurde w ieder gestrichen, weil er das
"vorhandene religiöse und sittliche Gefühl der Nation« zu sehr
verletze. I? Immerhin war damit das individ uelle Bekenntnis
völlig freigegeben.
Seide Kirchen s timmten dem ersten Teil des am heftigsten
umkämpften Art. II1 § 16 zu: "Jede Religions-Gesellschaft (Kir-
che) o rdnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbständig{(.
Anders als die Protestanten aber verwahrten sich die Katholi-
ken leidenschaftlich gegen den zweiten Teil des Satzes: "[sie)
bleibt aber, wie jede andere Gesellschaft im Staat, den Staatsge-
setzen unterworfen«. Dies hängt mit Erfahrungen des Katholi-
zismus im Vormärz zusa mmen. In Preußen, aber auch im libe-
ralsten Einzelstaat der Jahre vor 1848, in Baden, befanden sich
die Katho liken in einer Minderheitensituation gegenüber den
Protestanten und fü hlten sich von konservativ-protestantischen
ebenso wie von liberal-protestantischen Mehrheiten und Regie-
rungen massiv benachteiligt. Die heftige Konfrontation des Ka -
tholizismus mit der preuBischen Regierung im Kölner Misch-
ehen-Streit seit 1837 hatte zu einer breiten Kampfbereitschaft
des Katholizismus um d ie Wahrung seiner religiösen Überzeu-
gungen und die Wiederherstellung einer größeren kirchlichen
Unabhängigkeit vom Staat geführt. So gesehen trat also der Ka-
tholizismus - anders als der Protestantismus - wohlgerüstet in
den Kampf um d ie Behauptung der kirchlichen Rechte in der
Revolution ein . Die katholische Kirche verlangte Religions- und
Gewissensfreih ei t, aber sie verstand darunter etwas anderes als
die Mehrheit der kultur-protestantisch - kirchenskeptischen li-
beralen oder der mehrheitlich säkula ristisch - kirchenfeindli-
chen demokratischen Abgeordneten . Sie wollte zwar das
Staatskirchenregiment beseitigen, die Unabhängigkeit der Kir-
che vom Staat, auch die volle Gleichberechtigung der christli-
chen Konfessionen anerkennen, aber die volle Gleichheit aller
Religionen vor dem Staat schien ihr undenkbar.
Der zweite Teil des Sa tzes von Art. m§ 16 schien d ie im er-
sten Teil gewährte Freiheit wieder in Frage zu stellen. In ihrem
MiBtrauen fühlten sich die Katholiken bestätigt, als die Pauls-
kirchenmehrheit ErläuterungsvorschJäge zum § 14 wie: "Die
Bestellung von Kirchenbeamten bedarf keiner Beteiligung vom
Staat [. .. ) Jeder Religionsgesellschaft wird der Besitz und d ie
00049~76

92 Wolfgang Hardh'lig

freie Verwaltung ihres Kirchenvermögens (... ) gewährleistet«


ablehnte. 18 Gleichwohl - die Freilassung der Kirche ohne die
völlige Trennung von Staat und Kirche nützte der katholischen
Kirche zunächst sehr viel mehr als der protestantischen, weil
ihre rechtliche und politische Situation vor 1848 sehr viel pre-
kärer gewesen war.
Die Revolution verbreiterte und beschleunigte also insge-
samt die seit Jahrhundertbeginn einsetzenden Politisierungs-
prozesse in den Kirchen, beim Klerus und bei den Gläubigen.
Sie bewirkte einen Organisationsschub, der die Politisierung
vor allem des katholischen Milieus auf eine neue Ebene hob
und auch im Protestantismus die milieuhafte Verfestigung in -
freilich divergierenden - förmlichen Vereinskulturen wesent-
lich voranbrachte. Nur zögerlich hatten die Kirchen die breite
gemeinbürgerliche Vereinsbewegung des Vormärz aufgenom-
men, wobei die evangelische Kirche in ihrer größeren Offenheit
für die bürgerliche politisch-soziale Emanzipationsbewegung
zunächst deutlich vorangegangen war.
Auf diesen Organisations- und Mobilisierungserfahrungen
konnte die katholische Kirchenleitung aufbauen, als es darum
ging, in den Stürmen der Revolution die katholischen Anliegen
und Interessen zu verteidigen. In wenigen Monaten spannte
sich das dichte Netz der »Pius-Vereine« über das katho lische
Deutschland. Am 3. Oktober 1848 traten in Mainz 82 Abgeord-
nete von Pius-Vereinen aus 32 Orten zusammen. Sie repräsen-
tierten bereits eine Gesamtmitgliederschaft von rund 100.000. 111
Diese Generalversammlung konstituierte sich als Zentralverein
aller Pius-Vereine für ganz Deutschland. Damit stand der ka-
tholischen Kirche ein überaus wirksames Instrument zur Mo-
bilisierung der Gläubigen gegen unliebsame Beschlüsse der
Nationalversammlung zur Verfügung, das sie mit Hilfe von
Massenpetitionen auch konsequent nutzte.
Auf katholischer Seite war es also gelungen, die Aktivitäten
auf Vereins- und Parlamentsebene erfolgreich zu verzahnen.
Organisatorischer und rhetorischer Gipfelpunkt dieser Doppel-
strategie war die Versammlung und das Auftreten der Abge-
ordneten des »Katholischen Klub« auf dem Mainzer Katholi-
kentag. Im Katholischen Klub hatten sich rund 90 engagierte
kathol isc he Abgeordnete der Paulskirche locker zusammenge-
schlossen, um in Kirchenfragen - und nur in diesen - gemein-
sam zu operieren. Der Katholische Klub umfaßte keineswegs
49~76

Die Kirchen in der Revolution 1648/ 49 93

alle Katholiken, sondern nur die ultramontan Gesonnenen. Wer


zum rationalistisch-liberalen Lager gehörte, wurde ausge-
schlossen. Zudem agierte der Katholische Klub in enger Ab-
sprache mit den ultramontanen Bischöfen. Die demonstrative
Verknüpfung von dezidiert katholisch-ultramontanen Parla-
mentsvertretem und der Massenorganisation der Pius-Vereine
bekräftigte noch einmal die innerkirchliche Präsenz und den
Zusammenhalt des ultramontanen Lagers.
So kam es zu einer äußerst effizienten Vertretung der kirch-
lich-katholischen Anliegen in der Paulskirche, obwohl die Ka-
tholiken im Verhältnis zu ihrem Bevölkerungsanteil deutlich
unterrepräsentiert waren. So hatten die Protestanten einen An-
teil von 46,8 % an der Gesamtbevölkerung des Deutschen Bun-
des, stellten aber 54,6 % der Pauls kirchenabgeordneten . In
Rheinpreußen, wo die Artikulation katholischer lnteressen
wohl infolge des Kölner Kirchenkampfes und der permanenten
Reibungen des rheinisch-katholischen Regionalbewußtseins
mit der protestantisch-zentralistischen Berliner Staatsleitung
am weitesten gediehen war, erreichten die Katholiken bei den
Maiwahlen 1848 annähernd die Parität. In den gemischt-kon-
fessionellen Klein- und Mittelstaaten dagegen blieb der Katho-
likenanteil der Paulskirchenabgeordneten meist unter der Hälf-
te des katholischen Bevölkerungsanteils. Katholiken hatten of-
fenbar, wenn sie überhaupt antraten, geringere Erfolgschancen
beim Wettbewerb um Wahlämter. Ein Blick auf die politische
Laufbahn bzw. die entsprechenden politischen Erfahrungen der
Paulskirchenabgeordneten bestätigt diesen Befund. Von den
protestantischen Abgeordneten hatten vor 1848 40,5 % keine
politischen Erfahrungen in politischen oder nichtpolitischen
Vereinen oder Korporationen, in der politischen Publizistik, in
lokalen und regiona len Vertretungskörperschaften, in Parla-
menten oder hohen Staatsämtern; bei den Katholiken waren es
61,4 %. Die Katholiken allgemein waren also bei der Nutzung
von politischen Partizipationschancen im Vormärz wie 1848/ 49
im Rückstand .20
Dieser Befund paßt zu der neuerdings mehrfach vertretenen
These, daß es bei den Maiwahlen 1848 und auch im Sommer
1848 einen formierten politischen Katholizismus noch nicht ge-
geben habe. Die katholischen Abgeordneten wurden primär als
Verfechter eines moderaten Fortschritts gewählt, als Vertreter
der März-Freiheiten und zugleich als Verfechter von Ruhe und
94 Wolfgang Hardtwig

Ordnung. Im Rheinland s tellte die Konfession in den ersten Mo·


naten der Revolution »noch kein(en] entscheidende[n] Bruch
im Bürgertum« dar ,2\
Dieses Bild wandelte sich allerdings schon seit dem Sommer
1848 mit dem Vordringen der Pius·Vereine. Die Gründung d es
Körner Pius-Vereins nach den Maiwahlen kann als Beginn ka-
tholischer Parteibildung gelten. Hier entwickel ten katholische
Laien in enger Anlehnung an den klerikalen Führungskreis um
Erzbischof Geissel das Konzep teines integralen Katholizismus,
von dem aus sie sämtliche politischen und gesellschaftlichen
Fragen beurteilten. Unter bürgerlicher Führung artikulierte
sich in den Pius-Vereinen von 1848 / 49 erstmals eine »kleinbür-
gerliche und klerikale Opposition gegen die Politik des Kon-
sens, den die katholischen Bürger mit Liberalen und Konstitu-
tionellen gegen die Revolte der Unterschichten betrieben«.22
Kurzfristig war ihr auf de r allgemeinpolitischen Ebene aller-
dings wenig Erfolg beschieden. Bei den preußischen Kammer-
wahlen im Januar IFebruar 1849 wählten die Rheinländer in al-
len größeren Städten (mit Ausnahme Aachens) de mokratische
Abgeordnete. Diese lehnten die restaurative Politik der Regie-
rung Brandenburg scharf ab 23 - die Anziehungskraft des katho-
lisch-konstitutionellen Liberalismus in den Maiwahlen 48 hatte
sich verbraucht und der ultramontane politische Katholizismus
die Wählerschaft noch nicht durchdrungen.

v.

Standen die bewußt katholischen Paulskirchenabgeordne ten


durchweg im Lager der konstitutionellen Rechten, so verteilten
sich die bewußt protestantischen auf das ganze Spektrum der
Frankfurter Fraktionen. Die Christlich-Hochkonservati ven wa-
ren dort bekanntlich überhaupt nicht vertreten; wer sich nach
Frankfurt wählen ließ und gewählt wurde, stand auf dem Bo-
den des konstitutionellen Verfassungsstaates. Auch in der Preu-
ßischen Nationalversammlung, die insgesamt entschiede n wei-
ter links stand als die Pauls kirche, gab es nur einige wenige
Abgeordnete, d ie mit einem gewissen Recht dem Hochkonser-
vativis mus zugerechnet werden können. Sie kamen ha uptsäch-
49J75

Die Ki rchen in de r Revolution 1848/ 49 95

lieh aus d en pietistischen Wahlkreisen Westfalens und des


Wupperta ls oder entstammten d em preußischen Adel der ehe-
d em polnischen Gebiete. Einigermaßen zu Recht klagte also der
preußische Hochkonservative Ernst Ludwig von Gerlach: »Auf
d er rechten Seite nicht eine Stimme, die der Wahrhei t d ie Ehre
gibte<.24 Die protestantischen Geistlichen, d ie in Preußen und
Frankfurt gewählt wurden, dachten mit einer Ausnahme alle
konstitutionell-monarchisch. Auch in der Rheinpfalz, wo d ie
Demokraten stark waren, agitierten die hier zahlreichen ratio-
nalistischen Pfarrer für d ie liberalen Kandidaten. In Baden da-
gegen standen von den drei bewußt p rotestantischen Abgeord-
neten zwei, Hagen und Mez, im demokratischen Lager, in
Württemberg wurden Geistliche nur in die Pa ulskirche ge-
wählt, wenn sie links standen, wie d er Pfa rrer Wilhelm Zim-
mermann.2S
Die Bedeutung der Konfession überhaupt für das Wahl ver-
halten der Bevölkerung hing von den jeweiligen Umständen ab.
Die württembergischen Pietisten wählten aus ihrer vermeintli-
chen Minderheitssi tuation hera us geschlossen ihren liberal-
konservativen Abgeordneten Christian Hoffmann nach Frank-
furt, im übrigen spielte die Konfession hier eher eine un terge-
ord nete Rolle. Geistliche kandidierten in rund 63 % d er
Wahlkreise, wurden aber nur in 25 % gewählt.26 In Rheinland-
Westfalen, also in gemischt konfessionellen Gebieten, spielte
dagegen die protestantische Identität neben einer christlich-so-
zialen Einstellung für die Wahlentscheidung eine wesentliche
Rolle. Generell fä llt der hohe Anteil von Theologen als Ersatz-
männer in Regionen mit starker katholischer Minderheit auf -
was d afü r spricht, d aß die Konfession in Wahlen tscheid ungen
hineins pielte, aber meist nicht dominant war.27
Wie fü r den Katholizismus stellte d ie Revolution auch für
d en Protestantismus eine Epoche eines enormen Politisierungs-
schubs dar. Berichte über »fö rmliche Wahlpredigten« treffen si-
cherlich nicht nur punktuell zu. Das pfa rrerliche politische En-
gagement lag schwerpunktmäßig bei der konstitutionell-libera-
len O rdn ungspa rtei, aber es g riff auch ins hochkonserva tive
wie auch - sehr viel breiter - ins d emokratisch-republikanische
Lager aus. In Bayern gaben Pfa rrer Publikationsorgane heraus,
die von Regierung und Königshaus unterstützt wurden.28 Im
ostwestfälischen Neupietismus wurde ein Pastor seinen eige-
nen Angaben zufolge zu r politischen Aktivitä t und zur erfolg-
00049~75

96 Wolfgang Hardtwig

reichen Kandidatur für d ie Berliner Nationalversammlung ge·


d räng t; er verstand s ich selbst dabei als »Geistlicher, Patriot und
Royalist.<.29 Am anderen Ende d es Spektrums gingen aus d er
rationalisti sch en Geistlichkei t Badens 8 po litische Aktivisten
hervor, die nach dem Ende der Revolution wegen Hochverrats
angeklagt wurden. Eine exklusive Beziehung zw ischen theolo-
gischem Rationalismus und Republikanismus gab es jedoch
nicht, denn insgesa mt w urden in Baden 23 Ge istliche ange-
klagt.'"
Trotz d er breiten Streuung der politischen Ansichten von
Klerikern und engagierten La ien beider Großkirchen ergibt s ich
im Ganzen der Eindruck, daß d ie Hinwend ung zur Partei der
Erhal tung, zum konservativen Lager deutlich überwog. Klar zu
unterscheiden sind dabei allerdings die konstitutionelle liberal-
konserva tive Richtung und ein an tikonstitutioneller Hochkon-
servativismus.
Geschlossener in der politischen Orientierung und im Auf-
treten war sicherlich d er Ka tholizism us. Aber auch hier sollte
nicht verkannt werden, daß d er vormärzliehe KoaHtionscha·
rakter d es Ka tholizismus in der Revolution noch durcha us er·
halten blieb, trotz der - im Ganzen nicht erfolglosen - zentrali-
sierenden und vereinheitlichenden Politik der Ultramontanen .
Der alte Görres hielt in der vierziger Jahren noch an seinem
Konstitutionalis mus fest, Joseph Maria Radow itz, Ignaz Dällin-
ger und der junge Wilhelm Emmanuel von Ketteler repräsen -
tieren in der Revolution selbst diesen katholischen Kons titu tio-
nalismus. Er vertrug s ich vor allem seit d em Mä rz 1848 sehr
wohl mit der Revolutionsfurcht als Grundzug d er katholischen
Weitsicht. Seit dem Beginn des Revolutionszeitalters war es das
Ziel aUer ka tho lischen Politik, ))die innere Zersetzung d er
abendländischen Kultur aufzuhalten durch die Kraft eines ein-
heitlichen Bewußtsein s«:3l Der Konstitution ali smu s bo t d ie
Möglich keit, d er Staatsa lJmacht, d ie - verknüpft mit d em Un -
glauben - als Kern alles Übels betrachtet wurde, entgegenzu -
treten . Daher fand auch Kar! Ludwig von Hallers hoch kon ser-
va tive Theorie eines ständ ischen Staa tes Anhänger auch im ka-
tholischen Lager, es d omin ierte aber die Berei tschaft, ei ne
konstitutionelle Monarchie anzuerkennen .
Gerade angesichts dieser Verankerung d es hohen Klerus und
der katholischen Intellektuellen in einer traditionalistischen bzw.
konservativen Mentalität fällt es auf, in welchem Umfang sich
49J76

Oie Kirchen in der Revolution 1848/ 49 97

das Kirchenvolk vielfach den konservativen Parolen verweigerte


und zu den Demokraten tendierte. Schon im Frühsommer 1848
war es Erzbischof Geissei als dem Führer der ultramontanen
Richtung nicht gelungen, die Mehrheit der katholischen Abge-
ordneten auf seine Richtung festzulegen, und nicht zufällig bil-
deten selbst die Mitglieder des Katholischen Klubs nur bei kir-
chenpolitischen Fragen eine Einheit.)2 Bei den Wahlen zur 2.
Preußischen Kammer im Januar 1849 gehörten von den 36 ge-
wählten Abgeordneten der Rheinprovinz 8 zu den konstitutio-
nell-gouvernementalen Konservativen, 11 waren gemäßigt (kle-
rikal) - oppositionell, aber 27 waren Demokraten. Damit hatte
sich das Spektrum im Rheinland entschieden von den konstitu -
tionellen Liberal-Konservativen nach links verschoben.33 In Ba-
den mit seiner überwiegend liberalen bzw. demokratischen Be-
völkerung scheiterte die Pius-Vereinsbewegung trotz der Rüh-
rigkei t des volkskonservativen Laienagitators Buß.3-' Noch
auffallender ist die lnklination mancher Pius-Vereine selbst -vor
allem im Rheinland - zur demokratischen Programmatik. Hier
verbündete sich der klerikale Ultramontanismus mit den Demo-
kraten. Das war möglich, weil bei den »Ultramontanen konfes-
sionelle Rigidität, anti-elitäre Volksbewegung und Preußenhaß..
zusammenfanden.35 Gerade die junge, nied ere Geistlichkeit -
selbst durchaus ultramontan - erwies sich als anfällig für das
von der ultramontanen Kirchenleitung gefürchtete d emokrati-
sche Gedankengut. Die Voraussetzung dafür war eine singuläre
Mischung von Motiven aus antipreußischer und damit antipro-
testantischer Einstellung und sozialem bzw. antimodemisti-
schem Protest. Die ökonomisch rückständigen Wahlkreise mit
hoher Armutsrate neigten zur Demokratie, wobei auch der
Stadt-land-Gegensa tz übersprungen wurde. Gerade die von
ökonomischen Modernisierungsprozessen bedrohte katholische
bäuerliche und kleingewerbliche Bevölkerung fühlte sich mas-
senhaft angesprochen von der grundsätz lichen katholischen
Modemitätskritik - insbesondere der Kapitalism uskritik, die ja
identisch war mit wesentlichen Aspekten der Liberalismuskritik.
1m menschlich vielfach durchaus milden kirchlich-hierarchi-
schen Milieu heimisch, verbanden sie den innerkirchlichen li -
beralismus der Hermesianer sozial d urchaus zu Recht mit dem
modemitätswilligen rheinischen Großbü rgertum und schlugen
sich auf die Seite der »Volksherrschaft\< und einer grundsätzli-
chen Gegnerschaft zur preußischen Monarchie.

Bayerlsche
Staalsbibliothek
München
98 Wa lfgang Hardtwig

Diese Überschneidung von sozial-konservativen und poli-


tisch radika l-progressiven Forderungen zog - im Blick auf das
entstehend e d eutsche Parteiensystem - allerdings gravierende
Folgen nach sich. Denn die ultramontanen Anführer d es poli-
tisch gewordenen Katholizis mus, denen es darum zu tun war,
alle Fragen, ökonomische, soziale, kulturelle, weltanschauliche,
aus ihrer primär konfessionellen Perspektive zu bewerten, hat-
ten mitden Demokraten zu rivalisieren. Die Dominanz des kon-
fessionellen Motivs spaltete, je stärker d ie ultramontane Agita-
tion griff, die bewußt katho lischen Demokraten vom breiten La-
ger der Demokratie in Deutschland ab und führte sie
längerfris tig in d ie vom kirchlichen Konservativismus geprägte
Zentrumspartei.
Deren politische Überzeug ungsbasis domini erte bei den
kirchlich aktivierten Katholiken allerdings schon 1849, wenn
man den deutschen Katholizismus insgesamt ins Auge faß t.
Zwar blieb d ie Ergebenheitsadresse des Katho likenvereins in
Paderbom an Cavaignac für seine Niederschlag ung der Arbei-
teraufs tände in Paris im Juli 1849 singulär.36 Aber der Kampf
gegen die Demokraten wurde gerade im Übergang zur Reak-
tion5ä ra zu einem Hauptthema der Pius-Vereine. Die Kölner
Versammlung der Pius-Vereine vom April 1849 z. B. verstand
sich ausdrücklich als Gegenveranstaltung zum westfälischen
Demokratenkongreß vom November 184B.v Auf d em Zweiten
Katholikentag in Breslau im Frühjahr 1849 lehnten die katholi-
schen Vereine einen auf den Grundlagen der li beralen Staa ts-
und Gesellschaftslehre errichteten Na tionals taat d e facto ab.
Die preu ßischen Behörden sahen in diesem Kathobkentag nicht
zu Unrecht ein willkommenes Mittel im Kampf gegen d ie De-
mokratie. 38 Au f dem Dritten Katholikentag in Regensburg im
Oktober 1849 kam es dann zu der heftigen Auseinan dersetzung
zwischen Buß und Döllinger um d ie Frage eines gesa mtpoliti-
sehen Mandats der Vereine. Die Linie Döllingers, der die Ver-
eine nur auf kirchenpolitische und religiöse Aktivitä ten be-
schrän ken wollte, siegte. Damit hatte sich der politische Katho-
lizis mu s grun dsä tzlich für die Gegenrevol ution und eine
konserva tive Gesamtorientierung en tschieden. Denn d ie »an-
gestrebte Freiheit der Kirche« setzte für Döllinger voraus, daß
der einzelne Katholik ein »wahrer Christ und treuester Staats-
bürger', werde; was »bloBe Staatsformen, Verwaltungsmaßre-
geln und rein politische Einrichtu ngen" betreffe, gehöre fü r ihn
49~7b

Die Kirchen in der Revolution 1848/ 49 99

nicht in die Zuständigkeit der Katholikenvereine. Wohl aber


waren sie Döllinger zufolge verpflichtet, »dem menschlichen
Geiste der systematischen Auflehnung und des Hasses jeder
Autorität, der jede Regierung unmöglich zu machen sucht«,
aufs Schärfste entgegenzutreten. 39 Dieses Programm erklärte
sich für unpolitisch, war es aber nicht, weil es allein den eta-
blierten Mächten göttliche Legitimierung zusprach. Es führ te
das katholische Kirchenvolk ganz in das konserva tive Lager.

VI.

Anders entwickelte sich im Protestantismus das Verhältnis von


Konfession und Partei. Zu einer explizit konfessionellen Partei-
bildung wie im Katholizismus in den beiden Jahrzehnten nach
der Revolution ist es hier bekanntlich nicht gekommen. Gleich-
wohl bleibt festzuhalten, daß in Preußen während der Revolu-
tionszeit ein solcher Versuch gemacht wurde. Schon der Verei-
nigte preußische Landtag 1847 alarmierte die evangelischen
Verfechter eines christlichen Staates, als er für die staatsbürger-
liche Gleichstellung der Juden und der christlichen Sekten ein-
trat: »Zu den wesentlichen Aufgaben des Staates gehört die
Stärkung und Erhal tung d es Christentums als Volks- und
Staatsreligion, denn das Christentum ist dem christlichen Staat
in allen Lebensbereichen Grundlage, Norm und Zweck« (Fr. J.
Stahl).40 Dieser orthodoxe Standpunkt hatte in Preußen zuletzt
durch die Unterstützung Friedrich Wilhelm rv. in der Kirchen-
führung wie in der Berliner Theologie entschieden das Überge-
wicht gewonnen. Aber wie schon erwähn t, war er in der Pauls-
kirche gar nicht und in der Preußischen Nationalversammlung
partiell nu.r durch einige westdeutsche Pietisten ansatzweise
vertreten. In zutreffender Einschätzung der Kräfteverhältnisse
erkannten die hochkonservativen Wortführer, daß der Ansa tz
bei einer zunächst außerparlamentarischen Parteibildung am
ehesten noch Erfolg versprach. Von dort aus sollte dann auch
auf das Parlament eingew irkt werden. Ernst Ludwig von Ger-
lach hat im August 1848 das Funktion ieren eines Parteiensy-
sterns im Konstitutionalismus zutreffend beschrieben 41 - sich
damit allerdings auch in Widerspruch gesetzt zu seiner eige-
100 WoUgang Hardtwig

nen, auf d ie Gedankenwelt Hallers gestützten, letztlich vorkon -


stitutionellen patriarchalisch-ständischen Überzeugung. Es
kam der Aktionsfähig keit d er preußischen Hochkonservativen
zweifellos zugute, d aß ihr theoretisch reflektiertester Kopf, Fr.
J. Stahl. zwar weitgehend am »monarchischen Prinzip <' fest-
hielt, durch die Anerkennung einer - freilich nur beratenden -
Repräsentation faktisch aber ein parlamentarisches Agieren Je-
gitimierte. 42
Aufschlu ßreich für diese Anpa ssungsfähi gkeit an modem e
pol itische Verfah rens- und O rganisa tionsformen ist auch d as
Zusammentreten d es Wittenberger Kirchentags im September
1848. Stahl wie auch d er Tagungsleiter Bethmann-Hollweg be-
tonten ausdrücklich, daß es sich um eine weder von Regierung
noch Kirche legitimierte Versammlung von Theologen und lai-
en handelte, die sich um die evangelische Kirchesorgten . Streng
genommen bedeutete dies nichts and eres, d aß man in d er Not
der Revolution nun auch im protestantischen Hochkonservati-
vis mus zu revolution ären Mitteln griff. Diesem Dilemma: d er
grund sätzlichen Verweigerung jeder Veränd erung d er poli-
tisch-sozialen und kirchlichen Verfassung mit dem Hinweis auf
die göttliche Legitimation d er bestehenden Ordnung und einer
Verteidigung d ieser O rdnung durch Mittel und Methoden, die
durch die Revolution erst geschaffen (Parteien, frei es Vereins-
wesen) oder erleichtert (Presse) worden waren - konnten die
Konservativen jedoch nicht entgehen. Es führte auch zu hefti -
gen fr iktionen. Leopold von Gerlach etwa polemisierte gegen
Stahls Anerkennung einer - wenngleich ständischen und vor-
industriellen - Repräsenta tio n: »Di esen Konstitutionalis mus
verwerfe ich gerad ezu als unerlaubt und unmöglich. Er verhin-
dert jede gesund e Rea ktion, ohne die für uns kein Heil, und die
w ir doch anerkennen müssen«.43 Aber dieser Wid erspruch
blockierte nicht d ie Initiative zur Gründ ung konservativer Ver-
eine, zu der die Brüder Gerlach, Stahl, Bi smarck u. a. im Som-
me r 1848 überg ingen. In d en jetzt massenhaft entste henden
»Vereinen fü r König und Vaterland « arbeiteten Kirche und alt-
ständischer wie kons titutioneller Adel (wie etwa Dtto von Bis-
marck) eng zusammen, wobei es zud em gelang, bäu erliche,
klein bürgerl iche, aber auch bürgerliche Schichten unter d em
Vorzeichen eines christlich-konservativen ein zelstaatlichen Pa-
triotismus zu mobilisieren. Die gemeinsa me GeSinnungsgrund-
lage war die Ablehnung der Revol ution als der »Gründung des
49J7b

Die Kirchen in der Revolution 1848/ 49 101

ganzen öffentlichen Zustandes auf den Willen des Menschen


statt auf Gottes O rd nung und Fügung«.'" Die Vereine verbrei-
teten Predigten protestantischer Pfarrer, die d ie Zerstörung der
Religion durch die Revolution beklagten und d ie Revolution
selbst auf das Wirken sa tanischer Kräfte zurückführten.
Diese Gleichsetzung der vorrevolutionären politischen Ord-
nung mit d er göttlichen Schöpfu ngsordnung schlechthin warf
allerdings Probleme auf. Denn die königliche, wenngleich in-
zwischen konstitu tionelle Regie rung legte Gesetzen twürfe vor,
die auf eine Reduzierung d er alten Adelsprivilegien abzielten,
so etwa zur Aufhebung der FeudaUasten u nd der Grundsteu-
erexemtion. Es bereitete Mühe, die christliche Weltordnung an
sich mit der Verteidigung dieser Privilegien zur Deckung zu
bringen. In der zweiten Vereinsgründ ung des preußischen Kon-
servativismus, dem »Verein zur Wahrung d er Interessen des
Grundbes itzes« ging man d aher nach vergebli chen Klagen
Ernst Ludwig von Gerlachs und d es Pietisten von Th adden-
Trieglaff über d en »plumpen Materialismus« d es Vereins zur
materialistischen Tageso rdnung d er Priv ilegien verteidigung
über. ~5 Was sich hier abzeichnete, war d ie zuneh mende Tren-
nung von politischem und religiösem Konserva tivismus. Der
christliche Hochkonservativismus in Preußen ha tte sich mit der
Anlehnung an Hallers ständischen PatriarchaHsmus auf ein ge-
selJschaftspolitisches Programm festgelegt, d as so einseitig auf
d ie Interessen des grundbesitzenden Ad els zugeschnitten war,
daß das Bündnis mit bäuerlichen, kleinbürgerlichen und bür-
gerlichen Schichten, selbst wenn diese in ihrer Mentalität tradi-
tionalistisch oder konservativ geprägt waren, nach der extre-
men Ausnahmesi tuation d er Revolution zerfallen mußte - zu-
mal sich in der preußischen Regierung insgesamt zunächst ein
reaktionärer, d ann sta atskonservativer Ku rs durchsetzte.46 In
unserem Zusam menhang aber ist entscheidend, d aß eine hoch-
konservative, spez ifi sch protestantische Gesinnungspolitik be-
reits 1848/49 überaus prekär war. Wah rscheinlich war es ein
Glück für die >>(:ama riUa«, den hochkonserva tiven Kreis um
Heinrich Leo, d ie Brüder Gerlach, Fr. J. Stahl und fü r ihre An-
hängerscha ft im preußischen Adel, d aß sie in d er preußischen
Na tionaJversammJ ung und in der Paulskirche nicht vertreten
waren. Denn d as Mißverhältnis zwischen christlicher Sp rache
und vielleicht auch - d as sei nich t bestritten - wirklicher christ-
liche r Überzeu gung - und massivster ö konomischer und poli-
()oo~9~7b

102 Wolfgang Hardtwig

tischer Interessen politik hätte eine konsistente parlamentari-


sche Politik - wie sie den Katholiken ja auch nur in speziellen
Kirchenfragen gelang - nicht zugelassen. Symptomatisch für
diese Konstellation ist das Scheitern eines Zeitungprojekts, das
die Hochkonservativen nach ihrem mageren Abschneiden auf
dem Vereinigten Landtag betrieben hatten. Es scheiterte, weil
der Ruf der Gründerväter, v. a. Leopold von Gerlachs, als pie-
tistische Dogmatiker zahlreiche Aktionäre wieder zum Rück-
zug veranlaßte. Bismarck versuchte dann, das Projekt ohne Be-
teiligung der Pietisten weiterzuführen. Anders als die ersten In-
itiatoren betonte er die religiöse Neutralität des geplanten
Blattes. Auch der neue Versuch scheiterte, vermutlich an der zu
großen taktischen Komprornißbereitschaft Bismarcks. 47 Der
Weg zur künftigen Trennung von hochkonservativer christli-
cher Gesinnungs- und konservativer Realpolitik aber war vor-
gezeichnet.
Wie beim politischen Katholizismus sind freilich die Bezie-
hungen zwischen der Führungsschicht aus bewußt christlichen
Laien bzw. Geistlichen und dem »Volk« überaus komplex. Wie
schon erwähnt, gelang es in den »Vereinen für König und Va-
terland « vorübergehend durchaus, bäuerliche und bürgerliche
Schichten für das eigene konservative Programm zu mobilisie-
ren. In relativ geschlossenen religiös-sozialen Milieus wie der
westfälischen Erweckungsbewegung entwickelten die Geistli-
chen einen sozialen Konservativismus, der es an Popularität re-
giona l mit den Demokraten aufnehmen konnte. Die erweckte
Frömmigkeit in den Konventikeln stützte die Kleinbauern,
hausindustriellen Spinner und Weber in der Krise des Leinen-
gewerbes." Liberale und Demokraten mußten schockiert zur
Kenntnis nehmen, daß das religiös engagierte >Nolk« die er-
weckten Geistlichen als seine natürlichen Sprecher ansah. Die
Inhalte und der Motivationshintergrund der von ihnen vertre-
tenen sozialen Politik d eckten sich dabei nicht unbeträchtlich
mit denen der Demokraten. Beide wandten sich in der Gewer-
bepolitik gegen den Übergang zur industriellen Konkurrenz-
wirtschaft, wie sie von der »Bourgeoisie« bzw. dem »Kapital « -
so gleichermaßen Demokraten und Erweckte - vertreten wur-
den. Diese politische und menta litä tsgeschichtliche Gemein-
samkeit von Konservativen und Demokraten zeigte sich in der
Gewerbe- und Sozialpolitik, aber auch im Verhältnis zum Staat.
Beide setzten ihre Hoffnung auf das Eingreifen des Staates- nur
49~76

Die Kirchen in der Revolution 1848/49 103

meinten die Christlich-Konservativen den alten vorkonstitutio-


neU-monarchischen und die Demokraten den neuen, umfas-
send liberalisierten Staat. Bezeichnend ist demgemäß auch der
Unterschied in der politischen Methodik: die Demokraten
g ründeten Vereine, die Erweckten suchten den direkten Kon-
takt zu hilfreich von oben intervenierenden Staatsbehärden.
In d iesem Punkt erwies sich der entstehende po litische Ka-
tholizismus als moderner. Auch er hielt am Autoritätsgefüge
der herkömmlichen Sozialordnung fest. Auch er vertrat in den
ultramontanen Pius-Vereinen vielfach - je nach örtlicher Ge-
werbe- und Sozialstruktur - die lnteressen d er gewerblichen
unteren Schich ten gegen das Eindringen von liberaler lndu-
strie- und Konkurrenzwirtschaft. Mit der Steuerung der Pius-
Vereine durch die Geistlichen, dem Einfluß der Bischöfe, d er
straffen Organisation von Petitionen entstand im politischen
Katholizismus somit eine singuläre Mischung von demokrati-
scher Partizipation an politischen Entscheidungsprozessen und
autoritativer Führung. Dabei setzte eine erbitterte Rivalität mit
d en Demokraten ein, die sozial- und mentalitätsgeschichtlich
auf dem Wertehorizont der gemeinsam angesprochenen
Schichten beruhte: ein sozialer Konservativismus, d er von d en
Demokraten säkular, vom politischen Katholizismus und vom
protestantisch-christlichen Konservativi smus primär in religiö-
sen Kategorien artikuliert wurde.

VII.

Zieht man Bilanz, so zeigt sich zuerst, daß die Revolution die
Ausdifferenzierung der Gesellschaft auch auf dem religiös-
kirchlichen Sektor ein erhebliches Stück vorantrieb, die Religi-
onsfreih eit grundrechtLieh verankerte und die konfessionelle
Parität des Staates endgültig durchsetzte. 49 Sie führte aber auch
dazu, daß sich die jeweils spezifischen Entwicklungen und Zie-
le d er beiden Großkirchen noch einmal verhärteten. Die entste-
hende katholische politische Bewegung hatte von Anfang an
wesentliche Energien aus dem Kampf gegen den Protestantis-
mus und seine Verflechtung mit der politischen Macht bezogen.
Der Ultramon tanisierungsschub mit seiner Romori entierung
104 Wolfgang Hardtwig

schloß jetzt eine neue konfessionelle Irenik, aber auch eine in-
terkonfessionelle Zusammenarbeit gegen gemeinsame Gegner,
wie sie bis 1837 mehrfach bedacht und im »Berliner Wochen-
blatt<, auch praktiziert worden war, aus.
Das bedeutete für das entstehende deutsche Parteiensystem
auch eine verstärkte Konfessionalisierung des politischen Kon-
servativismus. Die Formierung des preußischen Konservativis-
mus in der Revolution vollzog sich auch unter der Parole des
))christlichen Staates.( und der Zusammenarbeit von Geistlich-
keit und Politik. Die innere Widersprüchlichkeit eines solchen
vor- oder antimodernen Programms, d ie eigenen Ziele nur mit
spezifisch modernen Mitteln wie der Presse, der Vereine und der
Parteipolitik. betreiben zu können und die christliche WeItde u-
tung dabei exklus iv mit d er Legitimierung der herkömmlichen
Ständeordnung gleichzusetzen, bereitete allerdings im Prote·
stantismus alsbald den Niedergang des ständischen Hochkon·
servativismus und die Verselbständigung einer pragmatisch·
konservativen Machtpolitik von christlicher Gesinnungspolitik
vor. Dem Katholizismus hingegen gelang es, dieGfÜndung ein er
katholischen Weltanschauungspartei ein wesentliches Stück
weit vorzubereiten, unterstützt dabei durch den kirchlichen Zen·
traJismus, eine zielstrebige Ultramontanisierungspolitik im Kle·
rus, aber auch durch den Rekurs auf einen populären Konserva·
tivismus. Dieser en tsp rach sozialethisch d en Bedürfnissen,
Reaktionsweisen und Wertordnungen großer Teile d er bäuerli·
chen und städtischen Bevölke rung, die unter dem Übergang zur
liberalisie rten Konkurrenz· und Industriewirtschaft litt und sich
ihr zu widersetzen versuchte.
Dem Katholizismus gelang es bei alledem zweifellos besser
als d em Protestantismus, die revolutionären Märzforderungen
so aufzunehmen und für sich zu kanalisieren, daß die Kirche
davon profitierte - so vor allem beim Kampf um die Kirchen-
artikel der Paulskirchenverfassung. Für beide Kirchen brachte
die Revolution einen Modernisierungsschub, im Katholizismus
mehr noch als im Protestantismus. Vor allem wuchs den Laien
eine erheblich größere Rolle zu als zu vor. Modern war a uch die
gesteigerte Bereitschaft und Fähigkeit, den Kampf für die eige-
nen Anliegen auf dem seit März 1848 explosionsartig expandie-
renden politischen Massenmarkt und mit dessen Mitteln (Pres-
se, Verein, Partei) a uszutragen. In heiden Großkirchen regte sich
zudem 1848 das Bedürfnis nach einer parlamentsä hnlichen Ver-
49J7b

Die Kirchen in der Revolution 1848/ 49 105

tretung - dem Wittenberger Kirchentag auf der einen und der


Mainzer Generalversammlung der Pius·Vereine auf der ande-
ren Seite. Der protestantische Anlauf blieb elitär, in seinen Zie-
len kirchenpolitisch eng begrenzt und beschränkte seine Wir-
kungschancen von Anfang an durch die entschiedene konser-
vative Festlegung auf den Kampf gegen alles, was nach
»Revolution(, roch; sein Versuch einer Konföderation der Lan-
deskirchen scheiterte zudem an deren Partikularismus und am
Gegensatz von Lutheranern und Reformierten. Die Mainzer
Versammlung dagegen steht am Anfang der bis heute wichti-
gen periodischen Versammlungen des Katholikentags, der die
Integration der Laien in die kirchliche Willensbildung, die rela-
tive Geschlossenheit des Katholizismus und seine politischen
und kirchlichen Ziele immer wieder auch in der politischen Öf-
fentlichkeit zum Ausdruck brachte. Am Katholikentag zeig t
sich am deutlichsten die Mobilisierung und Organisierung von
Laien - allerdings auf der Grundlage eines gefestigten ultra-
montanen Konzepts, so daß diese stärkere Aktivierung der Lai-
en kaum zur inner kirchlichen Differenzierung und Pluralisie-
rung beitrug, sondern vor allem die Schlagkraft der kirchlichen
Organisation demonstrierte. Es ist jedoch wichtig festzuhalten,
daß hier ein populärer massenhafter Konservativismus Gestalt
fand, dem in den folgenden Jahrzehnten wichtige Korrektiv-
funktionen zufielen: zum einen sozialpolitisch, als widerstän-
dige Kraft gegen eine nur an Gewinnmaximierung orientierte
liberal-kapitalistische Ordnungspolitik; zum anderen gegen ei-
ne neuerliche explizite oder implizite Gleichsetzung von Staats-
interesse und ))Geist des Protestantismus« in seiner kirchlichen
oder säkularisierten Fassung.
Die Ausdifferenzierung von Kirche und Gesellschaft, die die
Revolution zunächs t auf der Ebene der verfassungsrechtlichen
Stellung der Kirchen im Staat energisch vorangetrieben hatte,
wurde in der Reaktion darauf in der kirchlich-gesellschaftli-
chen Realität wieder zurückgenommen. Der Prozeß der Ver·
kirchlichung, den die Erneuerungsbewegungen in beiden Kir-
chen eingeleitet hatten, gewann in der Reaktion auf die libera le
Paulskirchenverfassung und ihren Niederschlag z. B. auch in
der preußischen Verfassung eine neue Dynamik. Gerade in der
Reaktion auf die verfassungs rechtliche Entkoppelung von Staat
und Kirche bildeten sich mehr oder weniger geschlossene kon-
fessionelle Milieus heraus, in denen eine von den Kirchen und
106 Wolfgang Hard twig

ihren Geistlichen gelehrte christliche Lebensinterpretation auch


d as politische Denken und Handeln durchdrang. Im Katholi-
zismus geschah dies zunehmend auf gesamtnationaler Ebene,
dem Protestantismus aber wa r es nicht einmal gelungen, d en
landesherrlichen Sumrnepiskopat abzuschütteln. Da die Mehr-
zahl d er p rotestantischen Geistlichen zudem nach den Unbil -
den d er Revolution Schutz in der Anlehnung an die Landes-
herrn suchte, verstrickten sich d ie evangelischen Landeskir-
chen unter ihren meist orthodoxen Führungen nun ebenfalls in
die Reaktionspolitik. Dies wiederum schloß in den sechziger
Jahren radikale Kurswechsel zum Liberalismus, wie in Baden,
oder kulturprotestantische Auflockerungsversuche, wie im ge-
sa mtdeu tschen »Protesta ntenverein « von 1863 nicht aus. Im
Ganzen aber is t das Ergebnis der Revolution bei Protestanten
wie Katholiken eine - im Blick auf die zukünfti ge Entwicklung
höchst p roblem trächtige konservative Modem isierung.

Anmerkungen

1 Erste Bestandsa ufnahmen für den protestantischen Bereich in: Pie-


tismus und Neuzeit. Ein Jahrbuch zur Geschichte des Neueren Protestan-
tismus, hg . von Martin Brecht, Friedrich de Boor u . a., Bd.5 (1979); sowie
In: ZeitsChrift für bayertsche Kirchengeschichte 62 (1993); darin ein weiter-
fü hrender Syntheseversuch von Martin Greschat, Die Ki rchen im Revol u-
tionsjahr 1848/ 49, S. 17-35; vgJ. auch Wolfram Siemann, Die evangelischen
Kirchen und ihre Stellung zur Revol ution von 1848/ 49, in: ebd., S.3-16;
zum Katholizismus vgl. Ka rin Jaeger, Die Revolution von 1848 un d die Stei-
lung des Katholizismus zum Problem der Revolution, in: Wolfgang Hu-
ber / Johannes Schwerdtfeger, Kirche zwischen Krieg und Frieden . Stud ien
zur Geschichte d es deutschen Protestantismus, Stuttga rt 1976, S. 244-292.
2 Zum Folgenden immer noch unverzichtbar: Franz Schnabel, Deut-
sche Geschichte im 19. Jahrhundert, Bd . IV: Die religiösen Kräfte, Freiburg
1937; als exemplarische Fallstudie fü r einen wichtigen Einzelstaat: Wemer
K. Blessing. Staat und Kirche in der Gesellschaft. Institu tionelle Autorität
und mentaler Wandel in Bayern während des 19. Jahrhunderts, Göttingen
1982; vgl. auch Friedrich Wilhelm Graf. Die Spa ltung des Protestantismus.
Zum Verhältnis von evangelischer Kirche, Staat und Gesellschaft im frühen
19. Jahrhundert, in: Wolfgang Schieder (Hg.), Religion und Gesellschaft im
frühen 19. Jahrhundert, Stuttgart 1993, S. 157- 190; Wolfgang Schieder, Sozi·
algeschichte de r Religion im 19. Jahrhundert . Bemerkungen zur For·
schungslage. ebd., 5. 11 - 28; Helmut Baier (Hg.), Kirchen in Staa t u nd Ge-
49J7fi

Die Kirchen in der Revolution 1848/ 49 107

seilschaft im 19. Jahrhundert, Neustadt/ Aisch 1992; Matthias Klug, Rück-


wendung zum M ittelalter. Geschichtsbilder und historische Argumentation
im politischen Katholizismus des Vormärz, Paderbom 1995.
3 Hermann Rückleben, Theologischer Rationalismus und kirchlicher
Protest in Baden 1843-49, in: Pietismus und Neuzeit (wie Anm. 1), s. 6C 83.
4 Hierzu und zum Folgenden v. a.: Jöm Brederlow, »Lichtfreunde«
und »Freie Gemeinden«. Religiöser Protest und Freiheitsbewegung im Vor-
märz und in der Revolution von 1848/ 49, München u. a.1979; Friedrich Wil-
helm Graf, Oie Politisierung des religiösen Bewußtseins. Die bürgerlichen
Religionsparteien im deutschen Vormärz. Das Beispiel des Deutschkatholi-
zismus, Stuttgart-Bad Cannstatt 1978; Sylvia Paletschek, Frauen und Dis-
sens. Frauen im Deutschkatholizismus und in den Freien Gemeinden
1841-1852, Göttingen 1990; Andreas Holzern, Kirchenreform und Sekten-
stiftung . Deutschkatholiken, Reformkatholiken und Ultramontane am
Oberrhein (1844--1866), Paderbom u . a.I994.
5 Christian Gottlieb BartI, 18.7.1848, zit. nach Stefan Dietrich, Christen-
tum und Revolution. Die christlichen Kirchen in Württemberg 1848-1852,
Paderbomu .a. l996,S. 88.
6 Predigt von A. Mauch, zit. ebd., S. 95.
7 Oie evangelische Kirche und die Freiheit. Der Beobachter 1849, Beil.
zu N r. 53 (33), zit. ebd., S. 93.
8 Vgl. ebd., S. 93.
9 Vgl. Klug, S. 326 H., Zitat S. 327.
10 Der Finger Gottes in den Begebenheiten der Zeit, in: Kirchliches Wo-
chenblatt aus der Diözese Rottenburg, 1849, Nr. 29, zit. nach Dietrich, S. 32.
11 Glossen zur Tagesgeschichte vom 4.12.1848, in: Historisch-Politische
Blätter 22 (1848/2), zit. nach Klug, S. 332.
12 Zit. nach Gerhard Besier, Religion, Nation, Kultur: Die Geschichte
der christlichen Kirchen in den gesellschaftlichen Umbrüchen des 19. Jahr-
hunderts, Neukirchen-Vluyn 1992, S. 42; vgl. dazu auch Siemann, S. 3 ff.
13 Fr. AI. Hauber, Predigt am Geburtsfest des Königs, 27.9. 1848, zit.
nach Dietrich, S. 44.
14 Kreissynode Herford, 8.11 .1848, zit. nach losef Mooser, Kirche, Er-
weckungsbewegung und politischer Konservativismus in der Revolution -
Das Beispiel Westfalen in sozialgeschichtlicher Perspektive, in: Zeitschrift
fü r bayerische Kirchengeschichte 62 (1993). S. 98-115, hier S. 107; vgJ. auch
Ferdinand Magen, Protestantische Kirche und Poli tik in Bayern, Köln /
Wien 1986, S. 81.
15 Vgl. Greschat, S. 29; Rückleben, S. 66 ff.; Magen, S. 78 ff.
16 Vgl. dazu Klaus Erich Pollmann, Protestantismus und preußisch-
deutscher Verfassungsstaat. in: Staat und Gesellschaft im politischen Wan-
del (FestschriJt für W. Bußmann), hg. von Wemer Pö ls, Stuttgart 1979,
5.280-299, hier S. 280-290; vgL auch Besier, S. 13-24,32-6 1.
17 Zil. nach Besier,S. 49.
18 Zil. nach Dietrich, S. 163; vgL ebd., 5. 156-166.
19 Vgl. jetzt zusammenfassend: Ernst Heinen, Katholizismus und Ge-
sellschaft. Das katholische Vereinswesen zwischen Revolution und Reak-
tion (1848/49-1853/54), Idstein 1993, bes. 5.23-35.
000-49~15

108 Wolfgang H ardtwig

20 Heinrich Best, Die Männe r von Besitz und Bildung . Struktur und
Handeln politische r Führungsgruppen in Deutschland und Frankreich
1848/ 49, Düsseldorf 1990, S. 157 ff.
21 Thomas Mergel, Zwischen Klasse und Konfession. Katholisches Bür-
gertum im Rheinland 1794-1914, Gö ttingen 1994, S. 133 ff.
22 Ebd., 5. 143.
23 Heinen, S. 147 f.
24 Zit. nach Wolfgang Schwentke r, Konservative Vereine und Revolu-
tion in Preußen 1848/ 49. Die Konslituierung d es Konservati vismus als Par-
tei, Düsseldorf 1988, 5. 11.
25 Chris tian R. Homrichhausen, Evangelische Christen in der Paulskir-
che 1848/ 49. Vorgeschichte und Geschichte der Beziehung zwischen Theo-
logie und politisch- parlamenta rischer Aktivität, Bem u. a. 1985, bes.
5.217- 232.
26 Ebd ., S. 232.
27 Ebd ., S. 207, 217.
28 Magen, S. 82 f.
29 Mooser, S. 105 f.
30 Rückleben. S. n-83.
31 SchnabeI,S. l nf.
32 Greschat, S. 25 f.
33 Jonathan Sperber. Rhineland Radicals. The Democratic Move ment
and the Revolution o f 1 8 4 ~ 1 849, Princeto n 1991 , 5. 344 f.; vgl. ebd., 5. 281 ff.
34 Heinen, 5. 28.
35 Mergel. S. 134.
36 Heinen. 5. 42.
37 Ebd., S. 53 ff.
38 Ebd., 5. 60 f.
39 Zil. nach Heinen, 5. 68.
40 Zil. nach Besier, S. 37.
4 1 Vgl. 5chwentke r, S. 15 f .
42 Ebd., 5.47 u . Ö.
43 Zil. nach Schwentke.r, S. 99.
44 Friedrich Ju lius Stahl, zit. nach Schwentke r, S. 47.
45 Vgl. ebd ., S. 100 ff., bes. S. 107 ff.
46 Vgl. dazu d en Beitrag von Ko nrad Canis in diesem Buch.
47 Vgl. Schwentke r, S. 55.
48 Mooser, S. 104; vgl. auch Ders., Maschinensturm u nd Assoziation.
Die Spinner und Weber zwischen s ittlicher Ö konomie, Konservativismus
und Demokratie in d e r Krise des Leinengewe.bes in Ravensberg.
1840-1870, in: Kar! Ditt / Sidney Pollard (Hg.), Von der Heimarbeit in die
Fabrik. Indus trialis ierung und Arbeiterschaft in L.einen- u nd BaumwolIre-
g ionen Westeuro pas wä hrend des 18. und 19. Jahrhunde rts. Paderbom
1992, S. 309 ff.
49 Vgl. Grescha t. S. 21.
49~75

Ralf Pröve

Politische Partizipation und soziale Ordnung


Das Konzept der »Volksbewaffnung«
und die Funktion der Bürgerwehren 1848/ 491

Im März 1848 no tierte der Breslauer Kaufmann Kar! Friedrich


Hempel die dramatischen Ereignisse in seiner Heimatstadt wie
folgt: »Es wurde demnach am 17. die von den Stad tverordneten
bereits Tages vorher beschlossene Bewaffnung der Bürgerschaft
- unter Zustimmung der Regierungs- und Militair-Behörden -
durch den Magistrat in einer Bekanntmachung ausgesprochen.
[... ] Darauf beschlossen die am Nachmittage in aUen Bezirken
der Stadt versammelten Bürger sich vorläufig selbst, so gut es
angehe, zu bewaffn en und zur Auszeichnung eine [... ) Binde
um den Arm zu heften. Die Aufregung in der Stadt war sehr
groB. AUe Läden am Markt und in d en Hauptstraßen waren
geschlossen [... ] Die Rathhaus-Treppen waren indessen von
bewaffneten Bürgem besetzt [... ] Zahlreiche Bürger-Patrouil-
len zogen indessen fortwährend durch die Straßen, Polizey und
Militair zeigte sich gar nicht in denselben«.2 Am Ende der revo-
lutionären Entwicklung, im Mai 1849, schrieb Hempel: »Den-
selben Vormittag wurde durch Plakat die Bürgerwehr zur Ab-
lieferung der Waffen bi~ Nachmittag 2 Uhr aufgefordert und
gedroht, daß im Fall dies nicht geschähe, sie durch Militair dann
abgeholt werden würden. Da dieser Aufforderung nur sehr
saumselig Folge geleistet wurde, so zog um 4th Uhr die bewaff-
nete Macht mit Wagen durch die Stadt und forderte mit Trom-
melschlag zur Abgabe der Waffen auf, und jetzt ging die Ablie-
ferung besser vonstatten«.)
Anfang und Ende der Revolution wurden nicht zufällig
durch Gründung und Auflösung von Bürgerwehren bzw. durch
Bewa ffnung und Entwaffnung der Bürger signalisiert. Viel-
mehr waren jene Formationen eng mit dem Schicksal d er Revo-
lution von 1848 verknüpft, sie prägten das Straßenbild in den
großen europäischen Metropolen ebenso wie in der Provinz.
00049~75

110 Ralf Pröve

Wenn die Idee der Volksbewaffnung auch 1848 ihren Höhe-


punkt erreichte und im übrigen zugleich kurz darauf auch ihr
Ende fand, waren doch weder die Gnmdidee noch die Institu-
tionen von Bürgerwehr oder Nationalgarde zu diesem Zeit-
punkt völlig neue Erscheinungen. Vielmehr wurzeln entspre-
chende Ideen und Zielvorstellungen bereits in der Spätaufklä-
rung. Die Umsetzung der Pläne erfolgte im Anschluß an die
revolutionären Ereignisse in Paris 1789 und der in Deutschland,
besonders in Preußen, bald darauf einsetzenden Reformperi-
ode in den ersten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, als
erstmals in größerem Umfang Bürgerwehren initiiert und ein-
gesetzt wurden; eine zweite wichtige RealiSierungsphase ist zu
Beginn der 1830er Jahre, vor aUem in Kurhessen, Sachsen und
Braunschweig, zu beobachten.
Die Volksbewaffnungsidee und ihre jeweiligen Realisierun-
gen waren von der säkularen Umbruchphase von Alteuropa
zur Modeme (1750-1850) geprägt. Diese krisenhafte Epoche,
die Reinhart Koselleck als Sattelzeit bezeichnet hat, ist gekenn-
zeichnet von dem Auseinandertreten von Staat und Gesell-
schaft und damit der Frage von politischer Partizipation am
fürstlichen Regiment und generell von Mitsprache in öffentli-
chen Angelegenheiten sowie der Herauslösung der Menschen
aus sozial und wirtschaftlich motivierten ständischen Bindun-
gen hin zu einer dynamischen, auf der ökonomischen Basis von
Angebot und Nachfrage funktionierenden bürgerlichen Markt-
und Leistungsgesellschaft.
Dieser fundamentale gesellschaftlich-politische wie sozio-
ökonomische Prozeß erschließt sich dem Forscher vor allem im
Ergebnis mit den Schlagworten Parlamentarisierung, Demo-
kratisierung, Industrialisierung, Individualisierung und
Marktwirtschaft; für die Zeitgenossen freilich war das Ziel
keineswegs so klar und eindeutig, je nach persönlicher Aus-
gangsbasis gehörten sie zu den Gewinnern oder Verlierern d es
Umwälzungsprozesses. Da die sich herausbildenden industrie-
zweige zunächst das Heer der arbeitslosen und unterbeschäf-
tigten Handwerker und Tagelöhner noch nicht aufnehmen
konnten, überstieg die Zahl der Verlierer bis in die 1850er Jahre
deutlich die der Gewinner. Die Folgen waren Hungerunruhen
und Marktkrawalle, bei denen Übergriffe auf Geschäfte und
Marktstände, aber auch Katzenmusiken und eingeschlagene
Fensterscheiben bei mi ßliebigen Personen zur Tagesordnung
49J75

Po litische Partizipation und soziale Ordnung 111

gehörten. 4 Die Kulmination dieser Protestaktionen 1830 oder


1848 führte zu einem subjektiv empfundenen wie objektiv vor-
handenen Sicherheitsproblem. [mmer deutlicher wurde Regie-
rungen wie Besi tzenden vor Augen geführt, daß die bisherigen
traditionellen O rdnungsinstanzen ihrer Aufgabe, für Sicherheit
und Ordnung zu sorgen, nicht mehr gerecht werden konnten.
Der Staat hatte jedoch keinen allzu großen Spielraum. Die »Po-
lizei des Absolutismus «, das Militär, blieb zwar weiterhin ein
wichtiger Fakto r und galt gerade den Konservativen als Garant
der monarchischen Ordnung, als Bollwerk gegen jede Revolu-
tionsgefahr. Doch befand sich das Militär in der Defensive, und
für eine funkti onierende und effektive Gendarmerie fehlten
Geld und po litische Durchsetzungsfähigkeit. s In der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die Regierungen deshalb
noch in erstaunlich starkem Maße auf die in Auflösung befind-
lichen traditionellen Träger sicherheitspolizeilicher Gewalt und
die vormodern-ständischen Muster sozialer KontroUeangewie-
sen. 6 Den Bürgerwehren kommt in diesem Koordinatensystem
doppel revolutionärer Fundamentalprozesse insofern eine be-
sondere Rolle zu , als sie sowohl auf die sozialen Probleme und
die dadurch ausgelöste Bedrohung von Eigentum und Grund-
besitz reagierten wie auch als Modell und Instrumentarium li-
beraler OrdnungsvorstelJungen von Staat und Gesellschaft und
d amit von politischer Partizipation galten.
Diese auf den ersten Blick merkwürdig anmutende Ver-
quickung völlig gegensätzlicher Funktionszuschreibungen
(einmal als Verfassungsschutz, ein anderes Mal als Hilfspolizei)
initiierte einen außerordentlich weitgefächerten Diskurs, der
nicht nur das gesamte politische Spektrum, sondern auch breite
soziale Schichten erfaßte. Und der zudem eine eindeutige Zu-
stimmung oder Ablehnung der Bürgerwehr nur bei sehr extre-
mer Position des Betrachters zuließ.
Wurde die Diskussion um 1800 zunächst nur von wenigen
Gebildeten geführt, so weitete sich der Kreis der am Diskurs
Beteiligten schließlich qualitativ und quantitativ beträchtlich
aus; auf dem Höhepunkt d er Debatte 1848 meldeten sich nicht
nur selbst einfache Stadtbürger mit Vorschlägen und Urteilen
zu Wort, sondern es war nunmehr eine breite Öffentlichkeit in-
volv iert, die die unzähligen Beiträge begierig rezipierte. Diese
Entwicklung war einerseits beeinflu ßt von der Lockerung der
Pressezensur und einer Umstrukturierung der Produktions-
112 Ralf Pröve

und Vertriebsbedingungen sowie der Rezeptionsgewohnhei-


ten. Andererseits geriet die Parole von der Volksbewaffnung
von einem anfangs eher randständigen Problem sehr schnell in
den Mittelpunkt der Debatten, da die »Volksbewaffnung« nicht
nw zur verfassungsrechtlichen und machtpolitischen Defini-
tion und Konstruktion einer Scheidelinie von Staat und Gesell -
schaft beitrug, sondern auch die innergesellschaftlichen Aus-
einandersetzungen konfigurierte und zugleich kanalisierte. Je
nach Gesellschaftskonzeption und »Volks «-Verständnis, aber
auch je nach Staatsnähe und s taatskritischer Einstellung vari-
ierten die Vorstellungen erheblich.
Spätestens seit den Schriften der bedeutenden StaatsrechtIer
earl von Rotteck und earl Theodor Welcker gehörte die Parole
von der Volksbewaffnung7 zum klassischen Repertoire d es
frühliberalen Forderungskataloges. Bekanntlich bekämpfte der
FrühJiberalismus die absolute Herrschaftsausübung und das
Gottesgnadentum ebenso wie die adl igen Vorrechte und strebte
nach der Durchsetzung eines repräsentativen Verfassungsstaa·
tes mit klar umrissenen, in einem Grundrechtskatalog negativ
fixierten Eingriffsrechten; vorherrschendes Ideal war das in gei·
stiger wie materieller Hinsicht frei und selbstverantwortlich
handlungsfähige Individuum und auf gesellschaftlicher Ebene
die klassen lose, überständische Staatsbü rgergesellschaft. Erst
die Verfassung trennte den Staatsbürger vom Untertanen, band
den Monarchen an den Willen des Volkes.8 Im Rahmen dieser
Zielvorstellungen stellten die BOrgerwehren ftlr viele das kon·
stitutioneUe Gegenmodell zum fürstlich·absolutistischen Mili-
tär dar; nicht wenige hofften sogar, in absehbarer Zeit das Mi ·
Iitär, das als Bastion der Reaktion und als massive Bedrohung
aller freihei tlichen Bestrebungen gefürchtet wurde, ganz aufzu·
lösen und durch eine Bürgerbewaffnung dauerhaft ersetzen zu
können. 9
Analog zu seiner semantischen Vertiefung unterlagen dem
Diskurs differierende politische Positionen und vor allem un·
terschiedliche Auffassungen von Freiheit, Volk, Gesellschaft
und Staat. Anhänger der alten Ordnung hielten an der Unter·
tänigkeit der Menschen und der Absolutsetzung fürstlich·mon·
archiseher Gewalt fest: Staa t und Gesellschaft bildeten eine or·
ganische Einheit, die Beziehungen zw ischen König und Unter-
tan waren paternalistisch geprägt. Gerade für konservative
Militärs bedeutete Volksbewaffnung daher allenfalls ein neuer
49J7!>

Politische Pa rtizipation und soziale Ordnung 113

patriotischer Kampfgeist oder maximale Zugriffsrechte auf die


zivi le Bevölkerung unter Umgehung bisheriger bürgerlicher
Schutzbestimmungen. Militärreformer od er die Vertreter der
Wehrertüchtigung, erstere im Zeichen der Spätaufklärung, letz-
tere im Bann der Romantik und des Herd erschen Volksbegrif-
fes, akzeptierten zwar die Koexistenz von Staa t und GeseU-
schaft, wollten aber nur einen sittlich-moralischen Freiheitsbe-
griff anwenden und damit lediglich die »innere" Einstellung
der Menschen ändern.10 Eine nach ))außen" gerichtete radikale
Umwälzung der Staatsverfa ssun g oder die Verkündung des
politisch partizipierenden Staatsb ürgers stand nicht zur Dispo-
sition. Erst vor dem Hintergrund des politischen und republi-
kanischen Freiheitsbegriffs geriet die Formel von der Volksbe-
wa ffnu ng zur staa tskritischen Variante. Vorschläge fü r revolu-
tionäre Formen der Volksbewaffnun g jenseits von Landsturm
und Landwehr oder auch die Erweiterung des Volksbegriffes
auf untere, grundbesitzlose Schichten blieben in d en ersten Jah-
ren des Vormärz noch aus. Die Variationsbreite der Realisie-
rungsmöglichkeiten der Volksbewaffnung erschöpfte sich zu
diesem Zeitpunkt vornehmlich noch in Allgemeiner Wehr-
pflicht, Landsturm oder Landwehr.
Nach 1830 gehörte die Forderung nach Bürgerbewaffnung
zum Repertoire von "gemäßigten ,( wie ))entschiedenen,( Libe-
ralen, von Demokraten und Radikalen. So forderte der demo-
kratische Publi zist Fried rich Wilhelm Schulz 1832 nach dem
kurhessischen Vorbild »in allen deutschen Ländern, wo noch
keine Bürgerga rden sind [... 1dem Volke die Waffen in die Hän-
de" zu geben. Da ))wehrloses Volk [. . . } gleich d em Sperlinge in
den Klauen des Habichts(, sei, habe jeder d as Recht, sich ein e
Waffe zu besorgen. Schul z rief indirekt zu m Verfassungskampf,
zum bewaffneten Schu tz von Freiheit und Verfassung auf. ll Der
gemäßigte Liberale David Hansemann forderte 1840 in seiner
Denkschrift für den Thronfolger Friedrich Wilhelm IV. wesent-
lich vorsichtiger und behu tsamer, aber doch nicht minder ein-
dringlich, an der Basis der preußischen Heeresverfassung,
nämlich der Volksbewaffnung, unbedingt festzuhalten. 12 Der
radikale Reformer Arnold Ruge strich in seiner ),Selbstkritik«
1843 noch einmal die verachtenswerte polizeistaatliche Fu nk-
tion des Stehenden Heeres heraus und forderte, Volksbildung
und Volksbewaffnung, Schule und Militär, miteinander zu ver-
schmelzen.13 Auf der Heppenheimer Tagung liberaler Politiker
00049~16

114 Ralf Pröve

1847 w urde hefti ge Kritik an der Bundesmilitärverfassung ge·


übt, die keine allgemeine Volksbewaffnung zulasse. Geforde rt
wurde eine Minderung des Stehenden Heeres und die Einfüh-
rung einer »Volkswehr«.14Im gleichen Jahr zählten z u den so·
genannten »Offenburge r Forderungen « d er Verfassungseid des
Militärs und die Einrichtung einer »volkstümlichen Wehrve r·
fassung «(.1 s Noch vor Ausbruch der Revolution 1848 benannte
d ie Mannheimer Bürgerversammlung am 27. Februar 1848 v ie r
»dringende Fo rderungen «, von d e nen die »Volksbewaffnun g
mit freien Wahlen der O ffi ziere( an erster StelJe sta nd .16
Im Frühjahr 1848 gaben die Regierungen den Protesten nach
und beriefen neue Minister, fa ßte n Reformbeschlüsse, organi-
sierten Wahlen z ur verfassungsgebenden Na tionalversa mm·
lung, hoben die Zensur auf und gewährten endlich die allge-
meine Volksbewaffnung.
Auch in Berlin spitz te sich die Situation zu. Zusä tzlich beflü -
gelt vom Erfolg der Revolution in Wien und dem d a mitverbun-
denen erz wungen en Rü cktritt Mettemichs, bildete sich ein e
breite soziale Protestbewegung, d ie täglich weiteren Z ulauf er-
hiel t. Die allgemeine aufgeregte Stimmung wurde noch weiter
angefacht durch kursierende Gerüch te und revolutionäre
Nachrichten aus deu tschen und europäischen Ha uptstädten .
Friedrich Wilhelm IV. und seine Regierung reagierten auf diese,
als immer bedrohlicher empfund ene Entwicklung mit eine r
massiven Militärpräsenz auf den Stra ßen. Schon bald kam es
z u blutigen Kon(ron tation~n zwischen Militär und Einwohner·
schaft, in de ren Folge die e mo tional aufgeladene Atmosphäre
eskalierte und auf heiden Seiten aggressive und irrationale Re·
aktionen hervorrief. Der Ausgang solche r »Begegnungen« war
in jenen Tagen stets d er gleiche und wurde von durch Säbelhie-
be oder Gewehrschüsse verletzten, ja soga r getöte ten Einwoh-
ner begleitet, so daß jedem Zivilis ten überdeutlich die fa talen
Wirkungen und Konsequenzen des militä risch-staatlichen Waf-
fenmonopols a ufgezeigt w urde n .
Nach dieser grundlegenden, für nicht wenige auch u nmittel-
baren und sc hme rz ha ften Erfahrung besaß die »Märzforde-
rung« nach »Volksbewaffnung« oberste Priorität. Am 7. März
s tand die Forderung nach »Volksbewaffnung( in einer Adresse
an den König noch an s ieb ter und drittletzter Pos ition .1 7 Zehn
Tage spä ter umfaßte eine Vier-Punkte-Adresse erstens die »Zu-
rückziehung der m ili tärischen Macht«, zweitens die »Qrgani-
49J75

Politische Partizipation und soziale Ordnung 11 5

sation einer bewaffneten Bürgergarde«, drittens Pressefreiheit


und viertens die Einberufung d es Vereinigten Landtages.l8 Die·
se Forderungen sollten als sogenannte Sturmpetition im Rah·
men einer Massendemonstration, zu der die gesamte Einwoh-
nerschaft aufgerufen wurde, am folgenden Tag, d en 18. März,
vor dem königlichen Schloß verkündet werden. Damit war die
Bürger- bzw. Volksbewaffnung, verknüpft zu einem Junktim
über den Truppenabzug, zur alles bestimmenden Machtfrage
geworden, die über Erfolg und Mißerfolg der Bewegung ent-
scheiden würde. Zugleich aber zeichnete sich schon in diesem
frühen Stadium die Realisierung nicht nur einer viel stärker po-
litisierten, sondern auch sozial beträch tlich erweiterten Forma-
tion ab.
Auch König und Regierung hatten ihre Lehren aus den ver-
gangenen Tagen gezogen. Um zukünftige Konfrontationen zu
vermeiden, die nur weitere Radikalisierungen nach sich gezogen
hätten, versuchte man, stad tbürgerliche Schutzkommissionen
aufzustellen und den Bürger zum Ersatzsoldaten zu stempeln .
Da aber der Stad tkommandant ein Abrücken vom militärischen
Waffenmonopol verweigerte, mußten diese Schutzkommissi0-
nen unbewaffnet agieren - was ihre Einsatzfähigkeit gleich am
ersten Tag, dem 16. März, erheblich minderte.l9
Die Entwicklung kulminierte am 18. März, als es im Rahmen
d er »Sturmpetition ll für eine Bürgerbewa ffnung vor dem
Schloßplatz zu einer Schießerei kam, in deren Folge Armee und
Einwohnerschaft in einen erbitterten und blutigen Barrikaden·
kampf verwickelt wurden.20 Am 19. März gab d er König nach,
entschied sich für den Rückzug der Truppen aus der Stad t und
bewilligte die geforderte Bürgerbewaffnung, an der Bürger und
Schutzverwandte beteiligt werden sollten.2l Eine d etaillierte ge-
setzliche Ausarbeitung wurde in Aussicht gestellt. Dies bedeu·
tete im Vergleich zu d en bisherigen Maßgaben eine breite sozia-
le Öffnun g der bürgerlichen Ordnungsformationen bis weit in
die unterbürgerlichen Schichten hinein - eine soziale Öffnung,
die ja nich t nur durch die Paragraphen d er Verordnung, son-
dern auch durch die revolutionären Begleitumstände, also die
Beteiligung von Tagelöhnern und Handwerksgesellen, bewirkt
wurde . Hatten doch in den Augen vieler nicht die stadtbürger-
lichen Eliten, sondern vor allem das »Volk« den Sieg und d amit
das Anrecht au f eine Selbstbewaffnung errungen .
Zunächst aber versuchte die Regierung, die Gefahr einer all-
116 Ralf Pröve

gemeinen »Volksbewaffnun g(( zu bannen 22 und vielmehr trotz


d er eindeutigen Formulierungen ein e O rdnungsformation von
Besitzbürgern zu schaffen, die einer weiteren Rad ikalisieru ng
d er Entwicklung vorbeugen sollte. Zentrale Bedeutung erhielt
die aus Stadtbürgem bestehende Schützeng ilde, die a ls neue
Sc:.hloßwache und ),bürgerliche Leibgarde d es Kön igs( fungie-
ren sollte. 23 Gewehre wurden zunächs t nur an Hausbesitzer
und an als verläßlich bekannte Bürger verteilt; d ie groBe Mehr-
he it d er Barrikadenkä mpfer blieb von einer Bewaffnun g zu-
nächst ausgeschlossen.24 Diese Einschränkung der ersten Tage
w urde von d en Verantwortlichen geschickt kaschiert. 25 Freilich
war die Freude über den politischen Erfolg und damit über d ie
Präsenz bürgerlicher Ordnungsformationen gerad e in den er·
sten Tagen weitgeh end ungeteilt, so daß sich die unteren
Schichte n zunächs t nicht a usgeschlossen fühlten. Immerhin
war die nun ohne Auflage genehmig te Bü rgerbewa ffnun g ein
großer Erfolg, der freilich, d a die Formation zu spät und aus
der Defensive heraus bewilligt w urde, im Zuge der weiter vor·
antreibenden Radikalisierung rasch verpuffte.26 In d ieser ersten
Phase bis in den April hinein blieb die Bürgerbewaffnun g noch
in starkem Maße an die Obrigkeit gebunden.27 Auch die Anzahl
der Ga rdis ten fi el mit wenigen tausend Männem vergleichs·
weise gering aus.23
Die versproch ene gesetzliche Fassung d er Bürgerwehr ließ
lange auf sich warten. Zunächs t w urden am 25. März ))Prov iso·
rlsch e Anordn ungen Ober die Bildung d er BUrgerwehr von Ber·
lin«29 verkündet, die in ihrem Wesensgehalt über eine Bekräfti·
g ung d er ersten Adhoc·Bes timmungen vom 19. März ka um
hinausg ingen und ledig lich Wachtinstruktionen und Gliede·
rungskriterien beinhalteten. Die vom König am 22. März ver·
anlaßte Ausa rbeitung eines speziellen Bürgergese tzes sollte
sich noch bis in d en Oktober hinziehen. Eine wichtige Etappe
wa r d ie Verordnung vom 19. April, in der die Bürgerweh ren
landesweit a nerkannt und ihnen )) Behufs Aufrechterhaltung
der öffentlichen O rdnung und Sicherheit die Befugnisse d er be·
wa ffneten Macht nach d en gesetzlichen Bestimmungen.( zu ge·
s tanden w urde.Ja
In d er Provinz Bran denburg folgte eine ganze Reihe von Städ·
ten in den Märztagen d em Berliner Beispiel und stellte ebenfalls
Bürgerwehren bzw. Schutztruppen au f.3 ! Die Prov inzregierung
versuchte jedoch, die radikale EntwickJung in Berlin auf d em
49~75

Politische Partizipation und soziale Ordnung 117

pla tten Land und in den kleineren Städten abzub remsen. So un-
terstützten die Behö rden vornehmlich d ie Gründungvon Sicher-
heitsvereinen auf der Basis von 1830. In jenem Jahr war ange-
sichts der Unruhen in den westpreußischen Provinzen eine Ver-
ord nung über die Bildung ausschließlich hilfspo lizeilich
ausgerichteter städ tischer Sicherheitsvereine, die unter strikter
obrigkeitlicher Anleitung stehen sollten, erlassen worden.32
Schon wenige Wochen und Mona te nach diesen ersten An-
fangserfolgen, zu m Teil aber auch schon ansa tzweise im März,
zeichneten sich zwei Entwicklungen ab. Zum einen zerbrach
die breite Protestfront in mehrere politische Flügel; wäh rend die
einen mit dem Erreichten zufrieden waren, streb ten die anderen
nach mehr, nach funda mentalen Veränderungen der sozioöko-
no mischen Struk tur d er Gesellschaft. Dies hatte gerade für die
Volksbewaffnung unmittelba re Auswirkungen. Zum anderen
waren d ie in d er Regel reflexartig gewährten Märzverordnun-
gen wenig präzise gewesen, so d aß es - in erster Linie in Preu-
ßen - notwendig wurde, ein vollständ iges und detailliertes Bür-
gerwehrgesetz auszua rbeiten . Die öffe ntlichen Debatten und
Diskussionen in den Pa rlamenten und den politischen Klubs
sowie d as p ubli zistische Echo könn en hierbei als Gradmesser
fü r d as Wied ererstarken d er alten Kräfte gelten.
Nachdem im April und Mai eine Regierungskommission zur
Erstellung eines Bürgerwehrgesetzes berufen worden war, wur-
d e d er Entwurf schließlich Anfang Juli d er Nationalversamm-
lung vorgelegt. l l Die sich unmittelba r d arauf entzündende hef-
tige Diskussion innerhalb wie außerhalb d es Parlamentes wur-
de noch weiter angefacht, als am 4. August d as Pa rlament die
überarbeitete Fassung des Entwurfes der Öffentlichkeit p räsen-
tierte.J.4 Die Diskussion kristallisierte sich an d en Brennpunk-
ten: Aufgabenbereich, soziale Zusammensetzu ng, Anbindung
an d ie Obrigkeit.
Der Gesetzentwurf d er Regierung sah vor, d aß die Bürger-
wehr »d ie verfassungsmäß ige Freiheit und die gesetzliche O rd-
nung zu schü tzen und bei Vertheidigung des Vaterlandes gegen
äußere Feinde mitzuwirken « habe. »Eine Berathung oder Be-
schlußnahme der Bürgerweh r als solcher über öffentliche An-
gelegenheiten ist [.. . J ve rbo t en ~~.35 Der »G egenen tw urf~<, also
d ie Version d er Nationalversammlung, wollte d ieses Verbot ei-
nes al lgemeinpo litischen Mand ates zumindest nur auf a lle rein
»d ienstlichen Versammlungen({ beschränkt w issen.36
118 Ralf Pröve

Seide Entwürfe sahen zudem eine strikte behördliche Anbin-


dung vor. Per königlicher Verordnung könne »die Bürgerwehr
einzelner Gemeinden oder Kreise ihres Dienstes (für maximal
sechs Monate Dauer] enthoben oder aufgelöst werden« (§ 3).Jl
Zudem dürfe die Bürgerwehr nicht ohne obrigkeitliche Requi-
sition zusammentreten und müsse jederzeit den Anordnungen
der Behörden Folge leisten. Bei Zuwiderhandlungen kann »der
Verwaltungs=Chef des Regierungsbezirks sie vorläufig ihres
Dienstes entheben«.38
Auch über den Wortlaut des Treueeides herrschte zwischen
den beiden Entwürfen nur im GroBen und Ganzen Überein-
stimmung. 39 Diese allgemeinen Regelungen trafen auf breite
Zustimmung lediglich der politischen Mitte. Die radikalen oder
demokratischen Stimmen verurteilten die Dominanz des hilfs-
polizeilichen Aufgabenbereiches und kritis ierten die strikte be-
hördliche Anbindung ..a Es sei die Absicht des Ministeriums,
wie es im Leitorgan der radikalen Partei hieß, die Bürgerwehr
,)aller Selbstständigkeit« zu berauben und sie zu einer »bloßen
blind handelnden Maschine, (... ) zu einem willenlosen Werk-
zeuge in der Hand der Regierung« zu machen . Der Willkür des
Königs und der Regierung seien hiermit keine Grenzen ge-
setzt.'1 Der Eid müsse vielmehr lauten: »Ich schwöre Schutz der
Verfassung und Treue dem König so lange derselbe die Verfas-
sung achtet «. ~2 Die konservative Seite hielt sich mit ihrer Kritik
zunächst eher zurück, da man das Gesetz, das die Wehren fest
in das lnstitutionengefUge einbinden sollte, als Fortschritt ge-
genüber den bisherigen frei und unabhängig agierenden Bür-
gerwehren betrachtete. lmmerhin sollten bei Verkündung des
Gesetzes alle ),fliegenden CorpS« und »wilden Bürgenvehren«
aufgelöst werden (§ 121). Freilich wurden trotzdem jene Para-
graphen beanstandet, die der »Regierung Schwierigkeiten be-
reiten« könnten.,(J
Diese in vielen Bereichen konservativen oder doch zumin-
dest den staatlich-obrigkeitlichen Zugriff auf die Bürgerwehr
ermöglichenden Regelungen mägen überraschen, da sie von ei-
ner immerhin gemäßigt-liberalen Regierung stammten. Zu be-
achten ist freilich, daß die Berliner Bürgerwehr im Mai und Juni
immer weiter nach »links« driftete, da sich Beamte und Besitz-
bürger sukzessive zurückzogen und verstärkt junge Männer
aus dem unterbürgerlichen Milieu nachrückten'" - eine Ent-
wicklung, die in vielen europäischen Städten zu beobachten
Politische Partizipation und soziale Ordnung 11 9

war.4S Zugleich zeigte sich die Ordnungsformation zum Ärger


der Liberalen immer weniger willens bzw. fähig, bei Tumulten
wirksam einzuschreiten. Eine wichtige Etappe dieser Entwick-
lung stellte der Zeughaussturm vom 14. Juni dar, als die Bür-
gerwehr tatenlos zusah, wie Arbeiter und Gesellen in das Zeug-
haus eindrangen und sich mit Waffen versorgten.46 Vor d iesem
Hintergrund stellt der Entwurf also durchaus eine Reaktion auf
diese En twicklungen der vorhergehenden Wochen dar.
Dennoch sah die Regierung für ihre lnitiative selbst Erklä-
rungs- und Rechtfertigungsbedarf. In umfänglichen »Motiven«
wurden die Beweggründe erläutert.47 Zunächst wurde die Idee
der Volksbewaffnung auch in ihrer politisch-revolutionären Zu-
spitzung durchaus verteidigt,oI8 um zugleich darauf hinzuwei-
sen, daß eine feste Anbind ung an die Regierung jedoch notwen-
dig sei. Immerhin, so die Überlegung.. würde eine konstitutio-
nelle Regierungsform den Willen des Volkes vertreten und sei
darum weisungsbefugt gegenüber den Ordnungsformatio-
nen:49 »Der Wille der Nation kann sich nicht zugleich durch die
verfassungsmäßigen Organe, und durch die Bürgerwehren ein-
zelner Städte aussprechen, die unter sich in Widerspruch sein
können, oder wenn s ie es zufällig nicht sind, jedenfalls nicht
den Beruf haben, die Gesetze und die Vollziehung derselben
erlassenen Verordnungen und Beschlüsse ihrer Prüfung zu un-
terwerfen. Die Gefahr einer solchen Prüfung würde um so grö-
ßer sein bei bewaffneten Bürgerschaften, indem der Versuch,
dem Ergebnisse der Berathung durch die Gewalt der Waffen
Ge ltung zu verschaffen, geradezu zum Bürgerkriege fü h ren
würde.«50
Die Regelung des potentiellen Personenkreises ebenso wie
die Klärung der Gleichberechtigung von Stadt und Land fiel
lapidar und eindeutig aus: .. Es soll in jeder Gemeinde des Kö-
nigreichs eine Bürgerwehr bestehen «; sowie: »Jeder Preuße
nach vollendetem 24 . und vor dem zurückgelegten SO. lebens-
jahre is t [... ] zum Dienste in der Bürgerwehr derjenigen Ge-
meinden berechtigt und verpflichtet, in welcher er seit wenig-
stens einem Jahr sich aufgehalten haksl Ein Stellvertreterwe-
sen wurde verboten. In ihren »Motiven (( hatte die Regierung
ihre weitreichende Regelung damit begründet, daß das Gesetz
»auf dem Prinzip der allgemeillen Volksbewaffnung« beruhe. In
diesem Sinne sollten auch Dienstboten und »alle diejenigen, für
welche der laufende Dienst eine zu drückende Last sein wü rde«
OOQ49J76

120 Ralf Pröve

nicht ausgeschlossen werden; es sollte ihnen aber zugleich frei-


gestellt werden, sich in die sogenannte zweite Dienstliste ein-
tragen zu lassen, auf d er nur jene aufgeführt würden, »welche
nur in auBerordentlichen Fällen zum Dienste heranzuziehen«
seien.52 Ein Passus, der angesichts der notwendigen Ausgaben
für Uniform und Ausrüstung oder der verdienstlosen Ausfall-
zeiten wohl weniger d em ökonomischen Schutz der Knechte,
Gesellen und Arbeiter als vielmehr deren latentem Ausschlu ß
dienen soll te.
Kontrovers wurde in der Öffentlichkeit vor allem die Wahl
der Anführer und der Bürgerwehrgerichte diskutiert. In heiden
Entwürfen wurde die Selbstergänzung per geheimer Wahl bei
absoluter Stimmenmehrheit bis einschließlich d es Bürgerkom-
paniechefs vorgesehen . Der Majors-Rang sollte durch indirekte
Wahl, also durch Stimmenabgabe nur der Chargen, der Rang
des Obersten durch den König besetzt werden, der dafür zuvor
eine Liste von drei Kandidaten erhielt. 53
Während die liberale Öffentlichkeit den Wahlmodus weitge-
hend lobte und allenfalls die Ergänzungsweise der Richter-
schaft vari.ieren woll te, sahen die Konservativen den Wahl pa-
ragraphen als »Träger der Anarchie'" der zum »Untergraben
aller Autorität« führen würde.54
In den Monaten August und September gewannen die alten
Kräfte immer deutlicher an Einfluß. Einerseits gelang es der Re-
g ierung in Berlin, mit der Konstablerwache su kzessive eine Si-
cherheit.saltcrnative aufzubauen, die durchaus als Kampfansage
an die Bürgerwehr verstanden werden konnte; andererseits wur-
den den Obrigkeiten besonders unliebsame »fliegende Verbän-
d e« überwacht und schikaniert.5S Ein Fanal war der Schweidnit-
zer Zw ischenfall vom 31. Juli, der sich zu einer parlamentari-
schen Krise ausweitete, in deren Folge schließlich im September
die gemäßigt-liberale Regierung Auerswa ld / Hansemann durch
d as »bürokratische Ministerium« Pfuel abgelöst wurde.56
Im Oktober schließlich standen in Berlin d ie »Zeichen auf
Sturm«. Auf breiter Linie hatte die sogenannte Fronde zum Ge-
gensch lag ausgeholt. Vor d en Toren Berlins wartete General
Wrangel mit seinen Truppen auf d en Befehl zum Einmarsch,
der König ließ am 16. Oktober d en Belagerungszustand verhän-
gen und berief schließlich Anfa ng November mit d em Kabinett
des Grafen von Brandenburg eine konservative Beamtenregie-
rung.S7 Anfang November kam es zur Vertagung und zuletzt
49~76

Politische Partizipation und soziale Ordnung 121

zur Schließung der Rumpf-Nationalversammlung, am 10. No-


vember rückte General Wrangel in Berlin ein. Das Kriegsrecht
w urde über d ie Stad t verhängt, alle politischen Klubs geschlos-
sen sowie die Versammlungs- und Pressefreiheit eingeschränkt:
die Revolution war in Berlin beendet. Eine d er ers ten Maßnah-
men war die Au flösung der Bürgerwehr. In seiner Auflösungs-
verfügung vom 11. November bezog sich Friedrich Wilhelm IV.
auf den Auflösungsparagraphen des neuen Bürgerwehrgeset-
zes. Die Berliner Bürgergarde habe zwar, so d er König, »bei ein-
zelnen Gelegenheiten anerkennenswerther Weise für die Ruhe
und Siche rheit der Stadt gewirkt((, jedoch habe sie sich in den
letzten Tagen u nd Wochen geweigert, "d en Maaßregeln der
Staats-Regierung« zu entsprechen . Vor allem habe sie verbote-
nerweise bis zuletzt diejenigen I,Mitglieder der Nationa l-Ver-
sammlung (, welche ihre »ungesetzlichen und wirkungslosen
Berathungen fortgesetzt [hätten,] unter ihren Schutz genom-
men (; dieses sei ein »die Ord nung gefährdendes Widerstreben«
und müsse beendet werden.SB
Zu Beginn dieser letzten Etappe, am 13. Oktober, wurde das
Bürgerwehrgesetz unter der Regierung von Pfuel d er National-
versa mmlung vorgelegl.* Nah ezu alle Änderungen des Parla-
mentsentwurfes waren unberücksichtigt geblieben und insbe-
sondere die strikte behördliche Anbindung nochmals verstärkt
worden. Gegen d ie Stimmen der opponierend en Ab geordneten,
die einen Tag später ein »dissentirendes Votum« abgaben,60
wu rde der Entwurf gebilligt und erlangte am 17. Oktober Ge-
setzeskraft. 61 Mit diesem Tage wu rden alle bish erigen Ord -
nungsformationen für aufgelöst erklärt. Nunmehr war die Bür-
gerwehr zum Zwangsinsti tut geworden, d enn alle Gemeinden
waren jetzt zum Aufbau verpflichtet; alle Kosten hatten die Ver-
antwortlichen selbst zu tragen. Am 1. Januar 1849 erging eine
Weisung d es Innenministeriums an alle Regierungen, in ihrem
Amtsbereich zu prüfen, ob alle noch au f den Aprilverordnun-
gen beruhenden I,wilden( Formationen aufgelöst b zw. entspre-
chend dem Oktobergesetz reorganisiert worden seien. 62 Ob-
wohl gegen d ieses Gesetz wie berei ts bei seiner Beratung im Juli
und August vor al lem die entschiedenen Liberalen und Demo-
kraten polemisierten und es in der Provinz zu Widerstands-
ma ßnahmen und Protestkundgebungen kam, war die Rechte
doch auch nich t zufrieden. In dem Maße. wie d er Siegeszug der
Reaktion im Herbst voranschri tt und beträchtlich an Terrain ge-
00049~76

122 Ralf Pröve

wann, wollten konservative Stimmen bald auch von einer insti-


tutionell fes t angebund enen O rdnungs-Bürgervvehr nich ts
mehr wissen. So notierte d er Hochschullehrer Henning in ei-
nem »Pro Memoria « für d as Innenminis terium ironisch, aus d er
Tatsache, daß »d ie Umsturzparteien« d ieses Gesetz so sehr kri-
tisiert hätten, könne man schließen, d aß es ein gutes sei. ln der
Tat, so Henning weiter, sei damit d ie »tumultuarische, ja anar-
chische Gestalt« der »w ilden« Formationen beendet worden.
Doch seien immer noch so v iele gefährliche Regelungen entha l-
ten, die zum Beispiel d as »Bekritteln der Vorgesetzten« ermög-
lichten, d aß eine Revision dringend geboten sei. 63 Da die neuen
Bürgerwehren mit ihrem restriktiven Z uschnitt bei d er Bevöl-
kerung nur wenig Anklang fanden, nutzte dies die Regierung,
indem s ie am 24. Oktober 1849 auch diese O rdnungs-Bürger-
wehren a uflöste; zugleich w urden alle »vom Staate verabreich-
ten Waffen « zurückgeford ert. 6oI Mit welcher Akribie diese Ent-
waffnung vo rgen ommen w urde, zeigt das Eingangszi tat des
Breslauer Kaufman ns Hempel.
Das Ende der Volksbewa ffn ungskon zeption und ihrer spezi-
fi schen Aus fo rmung, egal ob Sicherheitsverein, Bü rgerwehr
oder Nationalga rde, wurde durch m ehrere Faktoren eingeleitet.
Einerseits hatte der Siegeszug des Militärs in offener Konfron-
tation (etwa in Wien oder in Baden) mit den unzureichend aus-
gestatteten Milizen und FreiwiUi genverbänden d en Ausgang
der Revolution mehr als eindeutig entsch ied en .
Doch vt=rband sldl damit mehr als nur der Ausga ng eines
ungleichen machtpolitischen Duells. Zugleich war die Volksbe-
waffnun g derart unmittelbar und symbolhaft mit der Revolu-
tion verknüpft - hatte doch die von den Fürs ten und Regierun-
gen erpreßte Herausgabe von Gewehren aus s taa tlichen Zeug-
häusern d en scheinbaren Sieg de r Bew egung im März
versinnbildlicht - , d aß im Herbst 1848 und 1849 d ie Entwaff-
nung der Bevölkerung und d ie Auflös ung aller Bürgerwehren
zur unabdingbaren Notwendigkeit gehörte, um d en Sieg der
alten Eliten med ien wirksa m und demonstrativ anzuzeigen.
Vor allem aber hatten d ie revol utionären Ereignisse d en Für-
sten und konserva ti ven Kreisen die Brisan z der Volksbewaff-
nung vor Augen geführt; selbst jene, die zu Beginn d es Jahres
noch hofften, mit einer Ord nu ngs-Bürgerweh r die Bewegung
zu kanalisieren und d as Besitzbürgertum zu Verbündeten zu
gew innen, nahm en nun Abstand . Zu sehr ha tten Waffen in den
Politische Partizipation und soziale Ordnung 123

Händ en von radikalen Demokraten und »roten Pöbelhaufen{(,


die soziale und politische Reformen verlangten und diese of·
fensichtlich unter Anwendung von Gewa lt auch durchzusetzen
beabsichtigten, gezeigt, daß die alten Ängste vor einem Um·
s turz der bestehenden Ordnung durchaus real gewesen waren.
Andererseits hatte die politische und sozioökonomi sche
Doppelkrise maßgeblichen Anteil daran, d aß die Vo lksbewaff·
nung auch bei unmittelba r Betroffenen in dieser Form keinen
Anklang fand .
Mit d er rapiden Zunahme der gesellschaftlichen Verwerfun·
gen in d en 1840er Jahren und vor allem 1848 konnten die durch
Klassengegensätze und diametrale Interessen von Tagelöhnern
und Besitzbürgern ausgelösten Risse nicht mehr gekittet werden.
Bereits im Frühjahr 1848 kam es zu alternativen, miteinander
konkurrierenden KJassen·Ordnungsformationen, bestehend je·
weils aus Tagelöhnern und Arbeitern oder aus Besitzbürgern, in
ein und derselben Stadt. Gemeingeist und Bürgersinn oder die
innere und äußere Freiheit der Heimatstadt hatten ihre Zugkraft
weitgehend verloren; für die Besitzbürger stand einzigdieSiche-
rung ihres Eigentums im Vordergrund . Das Besitzbürgertum
floh in Scharen aus dem Ideen-Gebäude einer unsicher gewor·
denen kommunalen und au tarken Bürgergesellschaft unter das
sichere Dach des zwar militarisierten und autokratischen, jedoch
die Eigentumsverhältnisse garantierenden Staates.
Angesichts d er wortreichen Bekundungen und vollmundi-
gen Versprechungen der Liberalen in Festreden und Versamm-
lungen, aber auch angesichts d er Prahlereien einzelner Beteilig-
ter in den Kneipen, sa h zudem die nächtliche Realität in den
Straßen und an den Sladttoren oftmals recht ernüchternd und
kläglich aus. Die Euphorie über d en politischen Erfolg und der
Stolz über den eigenen Statuszugewinn verflogen schnell wäh-
rend eines 24stündigen Wachdienstes. Alkohol im Dienst, schla -
fende Wachposten oder verwaiste Tore und Mauem gehörten
zum Alltag - und waren im übrigen für die Gegner der Einrich-
tung w illkommene Argumen tationshilfen. Sowie der Reiz des
Neuen verflogen war, ließen Elan und Einsatzbereitschaft rapi-
de nach, was zunächst die Aufnahme von Männem aus unter-
bü rgerlichen Schichten beförderte, auf längere Sicht aber auf
eine Auflösung d er Ordnungsformation hinauslief.
Der anfängliche Vorteil von Bürgergarde oder Bürgerwehr,
auf einer Mischung alteuropäischer und moderner Elemente zu
124 Ralf Pröve

ba sieren, beg ünstigte zugleich deren Zersetzungserscheinun-


gen. Erstens zeig te sich, d aß die ambitionierte Regelung, alle
Verpflichteten heranzu ziehen u nd eine Stellvertretung zu er-
schweren oder sogar zu verbieten, sich nicht mit der neuen,
marktorientierten Wirtscha ftsweise vertrug. Sicherlich, d ie per-
sönliche Dienstverpflichtung sollte den Bruch mit der alten tra-
ditionellen Pra xis anzeigen, d en Reihedienst mit klingender
Münze abzugelten und Tagelöh ner für einen Wachd ienst zu
d ingen. Dieses Verfahren paßte nicht in die neue Zeit, in d er
Gemeingeist und Bürgersinn eine persönliche Teilnahme vor-
sahen. Doch übersah man, d aß es zum einen auch bereits im
18. Jahrhundert eine ganze Reihe guter Gründe d afü r gegeben
hatte, daß etwa Kaufleute und Schmiedemeister nur mittelba r
ihrer genossenscha ftli chen Verpflichtung nachgekommen wa -
ren. Zum anderen war der ökonomische Zwang im Zeitalter
von Gewerbefreiheit u nd verschärftem Preis- und Konk urren z-
druck derart gewachsen, daß wed er Arbeiter, d ie etwa in einer
Fabrik ihren Taglohn verrichte ten, noch Hand wer ksmeister,
Händler oder Apo theker ohne erhebliche wirtschaftli che Ein-
buBen ihren Dienstverp flichtungen entsprechen konnten.
Zweitens erwies sich gerad e der so gewünsch te ö ffentliche
Aufgabenbereich als fatal. Zwar erwuchsen aus der staa tlichen
Aufwertung zunächst Prestige und Imagegewinn, d och resul-
tierte hieraus ein enormer Arbeitseinsa tz. Die der Kommune
vorgesetzten Behörden nutzten d ie Formatio nen ungeniert als
O rdnunl:;s bO ttd und Hilfs p o lIzeitruppe aus. Die von den Ob-
rig keiten d urchaus gewollte Überlastung sollte einer weiteren
Politisierung der Bürger einen Riegel vorschieben. Tatsächlich
haben d ie permanente Überford erung der Männer und d ie Be-
lastung d er Formationen mit aufwendigen Ga misonstätig kei-
ten wesentlich zum lmageverlust der Ordnungs formationen
beigetragen. Dieser Imageverlust war dann oftm als so erheb-
lich, d aß er sich selbst nach dem Abflauen d er Unruhen u nd
also einem Rückga ng d er hohen Dienstfrequenz nich t mehr
verbesserte. Das Di lemma komplett machten gezielte staatliche
Eingriffe, d ie d ie Unab hängigkeit der Formationen schmälerten
oder au f andere Weise die Attraktivität der Ein richtung minder-
ten. Die Folge waren b reite Absetzbewegungen und Dienstver-

weIgerungen.
Die eigentlichen Sieger der Revolution, die Armeen, wurden
nicht zuletzt nach d iesen Erfahrungen sukzessive ausgebaut
49~7b

Politische Partizipation und soziale Ordnung 125

und erhielten in Preußen-Deutschland in d en 1860er Jahren und


1871 eine verfassungsexempte Stellung, die maßgeblich an der
Militarisierung von Staat und Gesellschaft im 19. Jahrhundert
beteiligt war und den alten Eliten für weitere 50 Jahre bis 1918
bzw. soga r bis 1945 die Macht sichern sollte. Es wäre wohl etwas
vermessen, das Ende der Volksbewaffnung bzw. der bürgerli -
chen Ordnungsformationen allein dafür verantwortlich zu ma-
chen, doch bildete diese Entwicklung sowohl ein profundes in-
diz wie auch ein nicht unwichtiges Ins trumentarium für eine
spezifisch deutsch e EntwickJung, die sich von der in anderen
westl ichen Lä ndern unterschied. Eine autarke Bürgermiliz
nach amerikanischem, fran zösischem, holländischem oder
Schweizer Muster hätte stattdessen wesentlich zur d emokrati-
schen Durchdringung der Gesellscha ft im 19. Jahrhund ert bei-
tragen können .

Anmerkungen

1 Dieser Beitrag fußt auf Ergebnissen meiner soeben abgeschlossenen


und eingereichten Habilitationsschrift: Stadtgemeindlicher Republikanis-
mus und »bewaffnete Macht d es Volkes... »Civile-o O rdnungsformationen
und kommunale Leitbilder politischer Partizipation in Spätaufldärung.
Vormärz und Revolution .
2 Kar! Friedrich H empel, Die Breslauer Revolution, bearb. von Nor-
bert Conrads, in: Denkwürdige Jahre 1848 1851, Köln 1978, 5.3-94, hier
5.22 /.
3 Ebd., S. 86.
4 Zu Protesten in den l830er und 1840er Jahren vgl. etwa Manfred
Gailus, Straße und Brot. Sozia ler Protest in den deutschen Staaten unter
besonderer Berücksichtigung PreuBens, 1847- 1849, Göttingen 1990; oder
Hans-Gerhard Husung, Protest und Repression im Vormärz. Norddeutsch-
land zwischen Restauration und Revolution, Göttingen 1983.
5 Wie Hans·Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd . 2:
Von der Reformära bis zu r indus triellen und politischen »Deu tschen Dop--
pelrevolution~ 1815-1845/ 49, München 1987, S. 380 f. , resümiert, wurde
das Militär im Vormärz »an den Rand der Enhvkklung .. gedruckt, so daß
eine "erstaunliche militärische und militärpolitische Erstarrung« zu be0b-
achten sei.
6 Zur Sicherheitspolizei und Gendarmerie vgl. Albrecht Funk, Polizei
und Rechtsstaat. Die Entwicklung des staatlichen Gewaltmonopols in Preu-
Ben 18 4 ~ 1 914 , Frankfurt / M. 1986; RalphJessen, Polizei im Indus trierevier.
126 Ralf Pröve

Mode misierung und He rrschaftspra xis im westfälischen Ruhrgebiet


1 8 4~ 1 9 14, Göttingen 1991; sowie Peler Nitschke, Verbrechensbekämpfung
und Verwaltung. Die En tstehung der Polizei in der Grafschaft Lippe,
1700-1814, Münste r 1990.
7 Programmatischen Charak te r erhalten im Vormärz ea rl von Rotteck,
Über stehende Heere und Nationalmiliz, Freiburg/ Brsg. 1816; sowie earl
Theodor Welcker, Heerwesen: Landwehrsystem, in: Staats-Lexikon, Bd . 3,
1836. 5. 589-607. Eine modeme Ideengeschichte der .. Volksbewaffnung ..
muß erst noch geschrieben werden. In den militärgeschichtl khen Abhand-
lungen ebenso wie in den Arbeiten über FruhliberaLismu5 w ird dieses Pro-
blem wenn überhaupt nur am Rande erwähnt und nie in seiner semanti-
schen Komplexität untersucht. VgL hier etwa exemplarisch Manfred
Messerschmidt, Die politische Geschichte der preußisch-d e utschen Armee,
in: Deutsche Militärgeschichte in sechs Bänden 164& 1939, München 1983,
Bd . 2, Abschnitt Vier, S. 9- 380. Die meis ten Arbeiten zur .. Volksbewaffnung ..
befanden sich o hnehin im Dunstkreis der .. Wiederwehrhaftmachung.. im
Dritten Reich und sollten damals eine ideologische Schneise von den Befrei-
ungskriegen bis zu r Wehrmacht ziehen. Vgl. hier etwa Reinhard Höhn, Ver-
fassungskampf und Heereseid. Der Kampf des Bürge rtums um das Heer
(1815-1850), Leipzig 1938; sow ie Ernst Rudolf H ube r, Heer und Staat in d e r
deutschen Geschichte, Hambu rg 1938.
8 Nach wie vor fe hl t es an einer Gesamtdeutung des Libera lismus im
19. Jahrhundert, die vornehmlich d ie rea le sozialgeschichtliche Ebene mit
jene r d e r Ideenwelten und Parteiprogramme verknüpft. Vor allem de r Früh-
libera lismus als diffuses, kaum eingrenzbares Sammelbecken bestimmter
Anschauungen und Überze ugungen, die s ich o ft genug widers prechen, is t
ungenügend e rforscht . Die beste Gesamtdeuhmg weiterhin von Dieter Lan-
gewiesche, Liberalismus in Deutschland, Frankfu rt / M. 1988.
9 Ko nkret zu r Rolle des Militärs in Vormä rz und Revolutio n vgl. Wolf-
ram Siemann, Heere, Freischaren, Barrikaden. Oie bewaffnete Macht als In-
SlrulI\~nl der Innenpolitik in Europa 161 5- 1&17, in: Diele r Langewiesche
(Hg .), Revo lution und Krieg. Zur Dynamik historischen Wandels seit dem
18.Jahrhundert, Paderhorn 1989, 5. 87-102; Bernhard Mann, Soldaten ge-
gen Demokraten? Revolution, Gegenrevolutio n, Krieg 181S 1850, in: ebd .,
5.103-116; Jö rg Calließ, Militär in der Krise. Die bayerische Ar mee in der
Revo lution 1848/ 49, Boppard 1976; sowie mit zeitgeb undenem marxisti-
schen Blickw inkel Emil übermann, Soldaten, Bürger, Militariste n. Militär
und Demokratie in Deutschland, Stuttgart 1958. VgJ. jetzt auch z u d iesem
Problem e tliche Beiträge in Ute Frevert (Hg.), Militär und Gesellschaft im
19. und 20. Ja hrh undert, Stuttgart 1997.
10 Zur Germanisierung und Relativierung des Freiheitsbildes im Zuge
der preußischen Befreiungs kriegs-Ideologie vgl. Michael ]eisrnann, Das Va-
terland der Feinde. Studien zum nationalen Feindbegriff und Selbstver-
s tändnis in Deutschla nd und Frankreich 1792- 19 18, Stuttgart 1992, S. 27-
102.
11 Frierlrich Wilhe lm Schulz, Das Rech t des deutschen Vo lkes und die
Beschlüsse des Frankfurter Bundestages vom 28ten Juni 1832, in: Hartwig
Brandt (Hg .), Res tauration und Frühliberal ism us 1814-1840, Darms tadt
1979, S. 418-423, hier S. 422 f.
Politische Partizipation und soziale Ordnung 127

12 David Hansemann, Denkschrift für Friedrich Wilhelm IV. über Preu-


ßens Lage und Politik [18401, in: Joseph Hansen (Hg.), Rheinische Briefe
und Akten zur Geschichte der politischen Bewegung 1~18S0, 2 Bde., Es·
sen 1919, S. 11-81, hier S. 29.
13 Amold Ruge, Eine Selbstkritik des Liberalismus [18431, in: Hans
Fenske (Hg.), Vormärz und Revolu tion 1840-1849, Darmstadt 11991 ,
S. 74-80, h ier S. 78 f.
14 Karl Mathy, Bericht über die Heppenheimer Tagung am 10. Oktober
1847, in: Fenske, Vormärz, S. 239-243, hier 5. 240 und 5. 242.
15 Weiter heißt es: _Der waffengeübte und bewaffnete Bürger kann al-
lein den Staat schützen. Man gebe dem Volke Waffen und nehme von ihm
die unerschwingliche Last, welche die stehenden Heere ihm aufe rlegen .. .
Zitiert nach Ka rl übermann (Hg.), Flugblätter der Revolution. Eine Aug-
blattsammlung zurCeschichteder Revolution von 1848/ 49 in Deutschla nd,
Berlin (Ost) 1970, 5. 48.
16 Weitere Punkte waren Pressefreiheit. Schwurgerichte und ..sofortige
Herstellung eines deutschen Parlaments.., vgl. Adresse der Mannhcimer
Bürgerversammlung an die Kammer vom 27. Februar 1848, in: Fenske, Vor-
märz, S. 265.
17 Vgl . Adolf Walft Berliner Revolutions-Chronik. Darstellung der Ber-
liner Bewegung im Jahre 1848 nach politischen, soda len und literarischen
Beziehungen, 3 Bde., Berlin 1851 - 1854, Bd. I, S. 17.
18 Vgl. ebd ., Bd. I, S. 96.
19 Vgl. Ka rl August Vamhagen von Ense, Tagebücher, 12 Bde., Leipzig
11863-1869, Bd. IV, S. 287; Wolf!. Revolutions-Chronik, Bd. I, S. 88 f.
20 Vgl. hierzu mit detaillierten Schilderungen Amtliche Berichte und
Miltheilungen über die Berliner Barrikadenkämpfe am 18. und 19. März.
Von Augenzeugen und Mitkämpfern aus dem Bürger- und Soldatens tande,
Berlin 1848; Kar! Ludwig von Prittwitz, Berlin 1848. Das Erinnerungswerk
des Generalleutnants Kar! Ludwig von Prittwitz und andere Quellen zur
Berliner Märzrevolution und zur Geschichte Preußens um d ie Mitte des
19. Jahrhunderts, bearb. und eingel. von Gerd Heinrich, Berlin 1985. Zu den
militärischen Toten Klaus Schwarz, Oie Verluste der preußischen Armee in
der Berliner Märzrevol ution 1848, in: Der Bär von Berlin 13 (1964), S. 50-67;
zu den zivilen Opfern Jürgen Kuczynski/ Ruth Hoppe, Eine Berufs- bzw.
auch Klassen· und Schichtenanalyse der Märzgefallenen 1848 in Beflin, in:
Jah rbuch für Wirtschaftsgeschichte 1964/ IV, S. ~276.
21 Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kultulbesitz (im folgenden
GStA) Beflin, Rep. 77, Titel 244a, Nr. 1, f. 1. Wei ter hieB es: .. Oie Kosten der
Bewaffnu ng trägt de r Staat...
22 Einer der ha uptverantwortlichen I.nitia toren beim ersten Au fbau der
Bürgerformationen. der Stadtrat Kar! Philipp Nobiling. machte dies in einer
.. Nachschrift .. vom 17.4.1848 deutlich: _Die erste Organisation der Bürger-
wehr woUte durchaus nicht eine allgemeine VoLksbewaffnung. im Gegent-
heil das ganze sollte den Charakter eines Communal Instituts tragen .. ;
Brandenburgisches Landeshauptarchiv (im folgenden BLHA) Potsdam. Pr.
Br. Rep. 37 Boitzenburg. Nr. 4029, f. I-17. Hauptaufgabe sei, so Nobiling
weiter, aUein die Ordnungswahrung: .. Es soUte darauf ankommen, der Ar-
128 Ralf Pröve

mee den unerfreulichen Beruf abzunehmen, fortwährend und von vornher-


ein die Exekution Polizei zu übernehmen .. ,
23 So hieß es denn auch in der Verordnung vom 19.3.1848 weiler: .. Oie
Schützengilde wird auf der Stelle einberufen und außerdem eine angemes-
sene Zahl von Bürgern sogleich annirt .. ; GStA Beflin, Rep. 77, Titel 244a,
Nr. 1, f. 1. Vgl . außerdem Wolff, Revolutions-Chronik, Bd. 1, 5.333. Wie No-
biling notierte, übte die Gilde anfangs »einen sehr guten Einfluß.. auf die
gesamte Bürgerwehr aus; BLHA Potsdam, Pr. Sr. Rep.37 Boitzcnburg,
N r. 4029, f. 1- 17.
24 Wie Oberbürgermeister Kraus nick bemerkte, dürfe sich eine " Volks-
bewaffnung .... überhaupt nur auf die eigentlichen Bürger und die sonst zu-
verlässigen Bürger erstrecken. nicht aber aul die ungebundene Masse der
besitzlosen untersten Klassen ausdehnen«; vgl. Prittwitz, Berlin, S. 328. Wie
Nobiling schrieb, haUe man am 22.3.1848 im Schloß »eine Anzahl in ihren
Aemtern oder bürgerlichen Verhältnissen ausgezeichneter Männer, fast alle
mit dem eisernen Kreuz geschmückt, versammelt und s ie ersucht, s ich an
die Spitze der formirten 12 Abtheilungen zu stellen ..; BLHA Potsdam, Pr.
Br. Rep. 37 Boitzenburg, Nr. 4029, f. 1-17.
25 In diesem Sinne äußerte s ich Nobiling dazu einige Wochen später:
,.Mit voller Absicht war nicht gesagt, wie weit sich d ie Bewaffnung er·
strecken sollte, wer dazu heranzuziehen, wer auszuschließen sei«. BLHA
Potsdam, Pr. Br. Rep. 37 Boitzenburg, NT. 4029, f. 1- 17.
26 Diese Doppelsicht, einmal auf die zurückliegende Entwicklung, ein-
mal auf die kommende n Ereignisse, hat dazu beigetragen, daß die neue
O rdnungsrnacht in de r Forschung konträr bewertet wurde. Charakterisiert
s ie Funk, Polizei, S. 62, als »radikale Fronts tellung zu den bisherigen Orga-
nen .. , so urteilt demgegenüber Rüdiger Hac htmann, Berlin 1848. Eine Poli-
tik- und Gesellschaftsgeschichte de r Revolution, Bonn 1997, S. 270, die Bür-
gerwehr sei »im Gegenteil (... J zwecks Dämpfung de r Revolution ins
Leben gerufen worden«.
27 Zl.Inticlut naHe: Ina.n ab AnfUhn.: r mit d.em Polizc! präsid.enten von
Minutoli und dem Landwehrgeneral von Aschoff der Regierung genehme
Personen benannt. Vgl. Bericht von Nobiling vom 17.4.1848 in: BLHA Pots-
dam, Pr. Br. Rep. 37 Boitzenburg. Nr. 4029, f. 1- 17. Von Aschoff habe, so die
Schilderung Nobilings, auf de r entscheidenden Versammlung der einzel-
nen Bürgerwehroffiziere darauf gedrungen, »sich selbst der Versammlung
a ls Kandidat für das Kommando vorzustellen, indem dies der Wunsch Sr.
Majestät des Köni gs sei«. Dis kutiert wurde überdies, einen Prinzen als Chef
zu benennen, vo r allem aber ..einen praktischen Soldaten an die Spitze der
Bürgerwehr zu s tellen«.
28 Am 22.3.1848 haUen sich lediglich 2.400 Personen im Schloß versam-
melt. Erst Anfang April stieg die Anzahl s prunghaft auf 15.000, 20.000 und
schließlich annähe rnd 30.000 Mitglieder an.
29 Ein Exemplar findet sich etwa in SLHA Potsdam, Pr. Sr. Rep.1,
Nr. I205.
30 Gesetzsammlung für die Königlich Preußischen Staaten 1848: N T. 17
(5. 111 ) (Nr. 2959) Verordnung über Befugnisse der Bürgerwe hr vom
19. April 1848. Des weiteren hieß es: "Die Bürgerwehren s ind dahe r insbe-
sondere befugt, von ihren Waffen Gebrauch z u machen, wenn s ie bei ihren
49~76

Politische Partizipation und soziale Ordnung 129

Dienstleistungen angegriffen oder mit einem Angriff gefährlich bedroht


werden oder Widerstand durch Thätlichkeit oder gefährliche Drohung
stattfindet. Eben so sind sie befugt, bei einem Auflauf von den Waffen Ge-
brauch zu machen, wenn nach zweimaliger Aufforderung des Befehlsha-
bers die versammelte Menge nicht auseinander geht... Abgedruckt auch in
Ernst Rudolf Huber (H g.), Dokumente zur deutschen Verfassungsgeschich-
te. Bd. I: Deutsche Verfassungsdokumente 1803-1850, Stuttga rt )1978,
S. 452.
31 Vgl. Ingo Matema / Wolfgang Ribbe (Hg.), Brandenburgische Ge-
schichte, Berlin 1995, S. 477-48 1.
32 Die Grundungsinitiative erhielt der Landrat, der gemeinsam mit der
Orts-Polizeibehörde einen solchen Verein ,.aus zuverlässigen, wohlgesinn-
ten und wehrhaften Ortseinwolmem.. ins Leben rufen durfte. Ausdrücklich
sollten ..Studenten und Schüler ebenso, wie die vom täglichen Erwerbe le-
bende Volksklasse davon ausgeschlossen« bleiben. Amts=Blatt der König-
lichen Regierung. 1830, Stück 42, 15.10.1830, NT. ISO: S. 228-229.
33 Unterzeichner war das erst am 25.6. berufene Koalitionskabinett un-
ter dem Ministerpräsidenten Rudolf von Auerswald und dem liberalen Au-
Ben- und Finanzminister David Hansemann.
34 .. Entwurf eines Gesetzes über die Errichtung der Bürgerwehr mit
den durch die Central-Abtheilung in Vorschlag gebrachten Abänderun-
gen ... GStA Berlin, Rep. 77, 1iteI244a, Nr. 1, f. 98-107.
3S Entwurf eines Gesetzes, § 1. GStA Berlin, Rep.77, Titel 244a, NT. 1,
f. 39-48, hier f.39. Im »Entwurf einer vorläufigen Verordnung« vom April
wurde ausschließlich der hilfspolizeiliche Aspekt betont und zum Zweck
bestimmt, »die 5chutz.männer in ihren Dienstverrichtungen zu unterstüt-
zen und an dem zur Aufrechthaltung der öffentlichen Sicherheit anzuord-
nenden Wachdienste Theil zu nehmen« . GStA Berlin, Rep. 77, Titel 244a,
Nr. 1, f. 49-59, hier f. 49 (Artikel 1).
36 [Gegen-]Entwu.rf eines Gesetzes; GStA Serlin, Rep. 77, Titel 244a,
Nr. 1, f. 98-107, hier f. 98 (§ 1). Zusammen mit dem »Gegenentwurf« erstat-
tete die parlamentarische Kommission am 17.8. einen neunundzwanzigsei-
ligen Bericht; ebd., f. 108-122.
37 Der »Gegenentwurf« sah lediglich einige Milderungen vor. So müß-
ten »wichtige Gründe« vorliegen und seien diese in der »Auflösungs=Or-
dre .. auch anzugeben. Auch sollte nach der Auflösung ein Wiederaufbau
n icht erst nach sechs, sondem bereits nach drei Monalen erfolgen; ebd., § 3.
38 Gesetzentwurf, § 4 u. § 6. Im »Gegenentwurf« wurde lediglich wie-
derum »unler Angabe der Grunde.. gefordert (§ 4).
39 Durch die Verschiebung eines Substantivs erhielt der Eid des ,.Ge-
genentwurfes.. einen anderen Zungenschlag. Während d.ie Regierungs-
ko mmission ..Treue und Gehorsam dem Könige, de r Verfassung und den
Gesetzen des Königreiches .. allen werdenden Bürgerwehrmännem in den
Mund legen wollte, lautete der ,.Gegeneid«: »Ich gelobe Treue dem Könige
und Gehorsam der Verfassung und den Gesetzen des Königreichs .. ; jeweils
§ 7.
40 Typisch hier etwa Friedrich Wilhelm Alexander Held, Bürgerwehr-
gesetz=Entwurf bei Gaslicht betrachtet, in: Locomotive Nr. 87 vom
18.7.1848.
00049~76

130 Ralf Pröve

41 Ebd. Diese Kritik wurde so zugespitzt: .. Wenn also die Regierung die
Absicht hat, durch irgend einen Staatsstreich die Verfassung zu vernichten;
so b raucht sie nur kurz vo rher die Bürgerwehr der gröBeren Städte und
besonders in de r Hauptstadt aufzulösen".
42 Ebd. Daß Held nicht ohne Rückendeckung argumentierte, bewies
das Ergebnis der Bürgerwehrchefwahl Anfang August: Immerhin fast 2.700
Bürgerwehnnänner (23.3 %) votierten fü r Held.
43 Komitee des patriotischen Vereins in einem Schreiben an das lnnen-
ministerium vom 1.9.1848; GStA Berlin, Rep. n , TItel 244a, Nr. 1, f. 133 1.
44 Zudem existierten.. teilweise bereits seit den Märztagen, sogenannte
freie oder fliegende Corps, die nur locker mit der Bürgerwehr assoziiert
waren und sich unter anderem aus dem Handwerkerverein, dem Arbeiter-
verein und dem Handlungsgehilfenverein zusammensetzten; vgl. Hacht-
mann, Be.rlin, S. 185-189; sowie den Bericht des Polizeipräsidenten an das
Innenministeri um vom 23.4.1850; GStA Berlin, Rep. n , TItel 244a, NT. I,
f. 273-285.
45 Vgl. etwa für Wien Wolfgang Häusler, Von der Massenarmut zur Ar-
beiterbewegung. Demokratie und soziale Frage in de r Wiener Revol ution
von 1848, Wien 1979, bes. S. 223-240; sowie für Paris Mark Traugott, Armies
of the POOT. Detenninants of Working..class Participation in the Parisian
Insu rrec tion of lune 1848, Princeton 1985, bes. S. 34 82.
46 Dieser Vorfall führte nicht nur in Berlin zu umfangreichen Untersu-
chungen vor einer Kommission der Bürgerwehr oder vor dem Kriegs- und
Kriminalgerichten, sondern wurde auch in den Provinzen als Fanal wahr-
genommen. Eine unmittelbare Folge war ein Kommandowechsel der Bür-
gerwehr. Vgl. etwa Wolff, Revolutions..chronik, Bd. II1, S. 25 1-376.
47 Im folgenden GStA Berlin, Rep. n, TItel 244a, Nr. 1, f. 21 - 37.
48 "Als in den Märztagen de r Drang nach politischer Freiheit sich in
allen Theilen des Vaterlandes kund gab, war es insbesondere auch die all-
gemeine Volksbewaffnung, für welche lebhafte Wünsche ausgesprochen
wurden. Es lag denselben d ie Idee zum Grunde, daS das Volk in de r Lage
sein müsse, die Freiheit, das lange vorenthaltene, endlich errungene Gut,
gegen jeden Angriff zu vertheidigen. Der Angriff, gegen welchen das Volk
gerüstet sein wollte, wurde natürlich von der Seite erwartet, von welcher
die Freiheit vorenthalten sei, von welcher man die Geneigtheit voraussetz-
te, wieder zu nehmen, was nur mit Widerstreben gegeben worden sei; m it
einem Worte, man wollte gerüstet sein gegen die Bestrebungen der Regie-
rung. d ie verfassu ngsmäßige Freiheit zu zerstören und die Herrschaft des
Absolutismus wieder an ihre Stelle zu setzen. Mochte ein solches Mißtrau-
en mehr, mochte es weniger gerechtfertigt sein, in dem Momente des Über-
ganges von dem absoluten Königthum zu einer konstitutionellen Regie-
rungsfo rm ist es jedenfalls erklärbar...
49 .. Nicht minder gewiß aber ist es, daß ein Gesetz, welches eine be-
waffnete Macht mit der Bestimmung organisieren wollte, die verfassungs-
mäßige Freiheit gegen Angriffe der Regierung selbst zu schützen, der Wider-
spruch gegen die Idee des Staates in sich schließen würde. Der Wille des
Volkes ist es, welcher in einem freien Lande herrschen soll. Die republika-
niscpe und die konstitutionelle Regierungsform weichen nun in den Mit-
teln voneinander ab, den wahren Willen des Kernes der Nation zu erfahren
Politische Partizipation und soziale Ordnung 131

und demselben Geltung zu verschaffen. Unter einer konstitutionellen Re-


gierungsform ist es ein Axiom, daß der Gesammtwille sich kund gebe
durch d ie Übereinstimmung des Königs und des oder de r anderen Zweige
de r gesetzgebenden Gewalt. Die Bürgschaft dafü r, daß d er Ausdruck d es
Gesammtwillens nicht auf die Dauer hinausgeschoben - von dem Veto kein
unverständiger Gebrauch gemacht - und daß der ausgesprochene Wille
vol1:rogen werde, liegt in der Verantwortlichkeit der Minister, noch mehr in
der Unmöglichkeit, daß ein Ministerium am Ruder bleibe, welches die Ma-
jorität in den Kammern weder für sich hat, noch durch eine Auflösung der-
selben erlangen kann. So lange aber die Kammern und das Ministerium in
d er Gesetzgebung zusammenwirken, so lange die Kammern dem Ministe-
rium ihr Vertrauen nicht entziehen, muß das, was von ihm ausgeht, als
verfassungsmäßig angesehen werden...
50 Daß eine solche Befürchtung nicht aus der Luft gegriffen war, offen-
barte die Haltung de r radikalen Partei, die als HaupU.weck der Bürgerwehr
die Verteidigung der Verfassung verstand: .. Demgemäß würde also die Stei-
lung der Bürgerwehr vorzugsweise eine gegen die Regierung gerichtete
sein müssen; die Bürgerwehr kaM vorzugsweise nu r als Wache des Volkes
(Nationalgarde) gegenüber der Regierung betrachtet werden .. ; Held, Bür-
gerwehrgesclz::: Entwurf.
51 § 2 und § 8; in beiden Entwürfen bestand der gleiche Wortlaut. Es
folgten die üblichen Befreiungsregelungen für Richter, Bürgenneister, Mi·
nister, Geistliche, Ortsschulzen, Gendannen und alle sonstigen verbeamte-
ten Personen.
52 §§ 14-1 6 (Entwurf). Neben dieser . Hü llswehr .. wurden alle anderen
Männer in der sogenannten ersten Dienstliste gefaßt.
53 §§ 42-52 (Entwurf) und §§ 44-54 (Gegenentwurf). Auch hier ergaben
sich nur wenige Differenzen, so etwa, daß alle sechs (Entwurf) bzw. alle drei
Jahre (..Gegenentwu rf.. ) neu zu wählen sei.
54 Vgl. etwa d ie Beiträge in der National-Zeitung Nr. 102 (15.7.) und
N r. 103 (16.7.) sowie die Eingabe des konservativen patriotischen Vereins
an das Innenministerium vom 1.9.; G5tA Berlin, Rep. 71, 1iteI244a, Nr. l,
r 133f.
55 Vgl. HachtmaM, Berlin, 5. 447 f.
56 1m schlesischen Schweidnitz hatte Militär auf Bürgerweh r geschos-
.,n.
57 Vgl. Ernst Rudolf H uber, Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789.
Bd. 2: Der Kampf um Einheit und Freiheit 1830 bis 1850, Stuttgart 31988,
5. 746-749 (Zitat S. 745).
58 BLHA Potsdam, Pr.Br. Rep. 2 A I XII 9, Nr. 2498, f. 8.
59 Stenographische Berichte, m, 74. Sitzung vom 13. 10.1848,5. 1533 ff.
60 Stenographische Berichte, lll, 75. Sitzung vom 14.10.1848, S. 156 1. Be-
mängelt wurde in diesem Votum, daß die Bürgerwehr keiner wirklichen
Volksbewaffnung gleichkomme, daß man keine .. politische Institution zum
Schutz der Freiheit", sondern eine .. bewaffnete Polizeirnacht.. geschaffen
habe, und daß d ie freie Wahl der Anführer beeinträchtigt worden sei.
61 Gesetzsammlung für d ie Königlich PreuBischen Staaten 1848; Nr. 47
(Nr. 3047) (5. 289-319) Gesetz über die Errichtung de r Bürgerwehr vom
17.10.1848; sowie (Nr. 3048) (S.31O) Verord nung. betreffend die Ausfiih·
132 Ralf Pröve

rung des Gesetzes über die Errichtung der Bürgerwehr vom 17.10.1848. Zur
unmittelbaren Reaktion auf das Gesetz vgl. für BerUn Hachtmann, Berlin,
5. 441-443.
62 GStA Berlin, Rep. 77, 1iteI244a, NT. 2f. 83 f.
63 Das Pro Memoria datiert vom 15.2.1849; GStA Beflin, Rep. 77, litel
244a, Ne. 2 f. 90-94.
64 Gesetzsamml ung für die Königlich Preußischen Staaten 1849; N ... 37
(Ne. 3181) Gesetz, betreffend die Aussetzung der Errichtung und Umfor-
mung der Bürgerwehren vom 24.10.1849 (5. 402).
49~75

Rüdiger vom Bruch

Die Universitäten in der Revolution 1848/49


Revolution ohne Universität-
Universität ohne Revolution?

In der Pfingstwoche des Jahres 1848 strömten a us allen deut-


schen Landen studentische Delegationen nach Eisenach, um er-
neut, w ie schon 1817, auf einem Wartburgfest für ein politisch
erneuertes einig Vaterland einzutreten und zugleich die deut-
sche Universität an Haupt und Gl iedern zu reformieren. Begei-
stert nahmen die Versammelten ein von dem Berliner Studenten
Reinert entworfenes Manifest an die deutschen Studenten an,
in dem es hieß: »Commilitonen! Die Revolutionen dieses Jahres
haben die Verhältnisse aller Stände bis in's Tiefste erschüttert,
auch die des unsrigen; die Revolution ist die Mutter der studen-
tischen Reform «. Und wenig später: »Was uns leitete bei allen
8erathungen, [... ] es ist der große Gedanke, der die ganze po-
litische Welt bewegt: ein freies, einiges Deutschland .«1
Bei diesem einen Treffen der Studenten blieb es nicht; in den
beiden Revolutionsjahren fanden insgesamt fünf Kongresse
statt, auf denen die universitas magistrorum et scholarium, frei-
lich getrennt nach Lehrenden und Lernenden, um Universitäts-
reform in einer neu zu gestaltenden politischen Ordnung rang
und beides nicht nur aufeinander bezog, sondern oft genug aus
den Leitideen einer vom Einheitspa thos gespeisten Hochschul-
reform die Maximen für die politische und soziale Gestaltung
des Gemeinwesens, der Nation bzw. der Einzelstaa ten herleite-
te. Ende September trafen sich die Studenten erneut auf der
Wartburg, um eine Petition an die Nationalversammlung zur
Umgestaltung der Universitäten zu beraten. 2 Etwa gleichzeitig
kamen in Jena auf Einladung des Sena ts Professoren und Do-
zenten zu einem Kongreß zusammen.) Einen sehr anderen Cha-
rakter besaß Ende 1849 eine Tagung preußischer Professoren in
Berlin, zu der das preußische Unterrichtsministeriu m eingela-
den hatte;4 einen wiederum sehr anderen Charakter ein von jun-
134 Rüdiger vom Bruch

gen Dozenten im August 1848 in Frankfurt am Main organisier-


ter Kongref.t der aus junghegelianischen Impulsen heraus die
Gründung einer freien deutschen Akademie erörterte, gewis-
sermaßen als altemative Herausforderung zur bestehenden
Universität.s
In der kompromißlos konsequenten Zuspitzung ihrer theo-
retisch begründeten Vorstellungen für eine freie Akademie lie-
ßen sich die in frankfurt um Arnold Ruge gescharten Dozen-
ten keinesfalls von den Studenten auf der Wartburg übertref-
fen, auch nicht von deren die Pfingstversarnmlung prägenden
Wortführern, welche fast durchweg dem ProgTeS angehörten,
also jenen kleinen Studentengruppen, die schon vor Beginn
des »tollen Jahres« aus linkshegelianisch-philosophischem
Gedankengut Grundsätze für eine widerspruchsfrei veranker·
te allgemeine Hochschule in einer allgemeinen Bürgergesell·
schaft entwickelt hatten . In der Regel studierten s ie Jurispru·
denz, nicht selten literarisch beeinflußt von dem scharfsinni·
gen Radikalismus der in Frankfurt tagenden Dozenten. So
verwundert nicht, daß 120 Jahre später im Gefolge der Studen·
ten· (und Assistenten·)Bewegung von 1968 ein his tori sch ver·
gewissernder Rückbezug auf 1848/ 49 als Legitimationsfolie
ebenso wie als Nachweis kontextualer Einzigartigkeit ins Spiel
gebracht wurde.€>
Gegenüber derartigen ideologiekritischen Ansätzen ver·
merkten die Zeitgenossen 1848 einen vermeintlichen Z usam·
menhang zwischen radikalen 'limdenzen unter jungen Dozen·
ten und ihrem sozial ungeschützten Status als Privatdozenten.
Sie waren zur Lehre befugt und ergänzten, oft genug als inno·
vativer Sauerteig, das universitäre Lehrangebot, freilich ohne
Alimentation und damit nicht der Staatskasse zur Last fallend .
Die auf bloBe Hoffnung gegründete Privatdozentur, also auf ein
in den Sternen stehendes künftiges Ordinariat, e tabli erte im
deutschen Universitätssystem des 19. Jahrhunderts eine nicht
öffentlich abgedeckte, sondern privat, über die Familie oder
über Nebenerwerb zu finanzierende »Risikopassage((, deren
gemäß Max Weber prinzipiell plutokratischer Charakter im Fal·
le fehlender familiärer Unterstützung zu einem Sich· Durch·
schlagen mutierte? Wissenschaft als Beruf meinte im deutschen
Fall in erster Linie ein motivierendes Arbeitsethos, nicht eine
laufbahnkanalisierende Versorgung. So heißt es etwa in einem
Spottgedicht um 1848: »Privatdozent ist krank und bleich/ an
49~76

Die Universitäten in der Revolution 1848/ 49 135

Hunger und an Durst nur reich / I... ) weil ihn nicht zahlen tut
der Staat / wird er ein roter Demokrat. «8
Die Revolutionsjahre 1848/ 49 wühlten Professoren und Stu-
denten auf, sie schürten Hoffnungen und nährten gelegentlich
auch Ängste; zahlreiche Protagonisten der fünf zentralen Ver-
sammlungen verstanden sich als Vordenker für eine Neuord-
nung der einen Nation gemäß einer als Laboratorium der Mo-
deme gedachten Hochschulreform. Andere changierten zwi-
schen gemäßigter Detailreform und Bewahrung. Wer sich als
Vordenker nationaler Schicksalsfragen empfand, wurde bald
schmerzlich belehrt: Jene fünf Kundgebungen blieben reizvoll-
markante Farbtupfer in den revolutionären Unruhen, die deut-
sche Universitätslandschaft erwies sich als ein vielgestaltiger
Fleckerlteppich, der markante regionale und lokale Differenzen
widerspiegelt und eben darum ohne schlagkräftigen Einfluß
auf die jeweiligen Handlungsebenen blieb.9 Mochten sich viele
Hochschulangehö rige auch vor Ort und in den zentralen
Hochschulversammlungen als Vordenker nationaler Einheits-
gestaltung durch Universitätsreform empfinden, so blieb doch
beherrschend die durch Statusinteressen und lokale bzw. regio-
nale Besonderheiten charakterisierte Zersplitterung der deut-
schen Hochschullandschaft. Auf Meinungsführerschaft be-
dachte Aktion versandete durchweg in nachvollziehender Re-
aktion. Es blieb der Frankfurter Nationalversammlung als
gesamtstaatlicher Handlungsebene vorbehalten, mit dem
Mehrheitsentscheid zum Entwurf von § 152 der Verfassung:
»Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei « die Minimalessenz
der Debatten rechtsförmig zu fi xieren; in der nachfolgenden
Reaktionsära fand diese Formulierung Eingang in die Verfa s-
sungen Preußens und ÖSterreichs und wurde in subtil disku-
tierten Variationen dann in die Weimarer Reichsverfassung und
in das Bonner Grundgesetz aufgenommen .1O
Sicherlich haben prominente Hochschullehrer, wie etwa mit
Dahlmann, Grimm und Gervinus, drei der »Göttinger Sieben«
von 1837, das intellektuelle Format, die argumentativen Muster
der Frankfurter Nationalversammlung mitgeprägt, doch führt
eine solche Sichtweise von unserem Thema fort. Zwar wurde
die später gängige Formel vom »Professorenparlament« schon
1848 vorgezeichnet, wenn etwa im Herbst dieses Jahres Georg
Herwegh in einem bitteren Gedicht textet: »Zu Frankfurt an
dem Main / Die Wäsche wird nicht rein;/ Sie bürsten und sie
136 Rüdiger vom Bruch

bürsten,! Die Fürsten bleiben Fürsten,! Die Mohren bleiben


Mohren / Trotz aller Professoren / Im ParIa- Parla- Parlament /
Das Reden nimmt ke in End!«11 Doch zum einen ist mit Blick auf
49 Hochschullehrer unter insgesamt 812 Abgeordneten die Le-
gende vom »Pro fessorenparlament{( längst aufgegeben wor-
den, w ird mit Blick auf die berufliche Stellung von einem Be-
amtenparlament, mit Blick auf die vorherrschende berufliche
Ausbildung von einem Juristenparlament (60 %) gesprochen. 12
Zum anderen gelangt so d er korporative O rt Universität als
Handlungsebene nicht ins Visier, u nd eben hierum geht es in
diesem Bei trag.
Doch verlohnt eine solche Fragestellung überhaupt, verha r-
ren wir bei ei nem randständigen Thema ? Die nach wie vor
ma ßgeblic he Revolutions-Monographie von Wolfram Sie-
mann vermag in ihrer sehr d ifferenzie rten Ana lyse der unter-
schiedlichen Handlungsebenen auf die Un iversitäten gänzlich
zu verzichten ; auch eine dichte Fallstudie zur bayerischen
Residenz(und Universitä ts)s tadt München verme rkt eher am
Rande s tuden tische Unruhen sowie zauderndes Taktieren im
akademischen Senat und bei einzelnen Professoren. ll Ähnlich
e rnüchternd wirkt der Befund in d en heiden herausragenden
neueren Gesa mtdarste llungen deutscher Geschichte im
19. Jahrhundert: Bei Thom as Nipperdey kommt im Universi-
tätskapitel keine Revolution vor, im Revolutionskapitel keine
Universi tät. U Hans-U lrich Wehler spart im U nive rsi tä ts kapitel
gleichermaßen die Revolutio n aus und erwähn t im voluminö-
sen Revolutio ns teil Studenten und Professoren lediglich in e i-
nem Absatz. IS
Eine ähnliche Einschätzung findet sich - mit einer Ausnahme
- in einigen neueren Gesamtdars tell un gen z ur (d eutschen) Uni-
versitätsgeschichte, in d enen die revolutionären Un ruhen
] 848/ 49 nicht eigens vermerkt werden. 16 Anders s ieh t es aus
kritisch geschä rfter US-amerikanischer Distanz aus, wenn ge-
mä ß der leitenden O rientierung am Beziehungsgenecht von
Staat, Gesellschaft und H ochschule Wechselwirkungen zwi-
sch en H ochschulrefo rmansätzen und natio naler Neugestal-
tung 1848 / 49 unte rsucht oder in einer d eu tschen Studentenge-
schichte das Revolutionsgeschehen gemäß der Leitthese »vom
nationalen Liberalismus zum illiberalen Natio na lismus« übe r-
prüft wird Y So vermag es vielleicht doch der Mühe wert zu
sei n, in diesem d er Märzrevolution geW idme ten Band auch die
Die Universitäten in der Revolution 1848/ 49 137

Universitäten zu mustern, zu denen eine umfangreiche Spezi-


allileratur vorliegt. l !

Universitätsrejormen - die Hochschule


in BiirgergeselIscllaft Imd Staat

Die zentrale Frage lautete: wie ließ sich der revolution äre Geist
de r nationalen Bewegung für Unive rsitäts reformen nutzen,
über deren Notwendigkeit wie auch Stoßrichtung erst noch ei-
ne Verständigung zu erfolgen hatte und die bei allem nationa-
len, auch die Universitäten ergreifenden Einheitspathos doch
mit den jeweils zuständigen einzelstaatlichen Regierungen aus-
zuhandeln waren? Taugte der revolutionäre Elan überhaupt für
Uni versitätsreformen oder aber eröffnete sich gar die Chance,
von der Korporation und ihren Gliedern aus eine geistige
Speersp itze der gesamtnationalen Erneuerung zu formieren?
Nicht zufällig wurde immer wieder der Geist d er Urburschen-
schaft beschworen, erinnerte man zum anderen an die von Ber-
lin 1810 ausstrahlende kulturnationale Umformung der deut-
schen Universitäten, an die mit Berlin verknüpften Pläne einer
nationalen Bildungsanstalt sowie an parallele Ideen einer Na-
tionalerziehung.19 Der Grundgedanke, daß eine altehrwürdige
Insti tution wie die Universität nur als eine universitas semper
reformanda vor Verkrustung und Erstarrung geschützt werden
könne, war gerade dem 19. Jahrhundert nicht fremd , das mit
d er reformierten Forschungs universität die ältere Arbeitstei-
lung zwischen wissenserzeugender Gelehrtensozietä t und wis-
senssichernder Lehranstalt überwunden und sich einem stür-
mischen Fortschreiten in den Einzelwissenschaften geöffnet
hatte, welches auch deren (im deutschen Fall) nun fast ganz in
den Universitäten aufgehobene Verfassungsgestalt nicht unbe-
rührt lassen konnte. So begleitet in Wellen unterschiedlicher
Dichte eine Debatte um Reformerfordernisse dieser Reformuni-
versität das gesamte Jahrhundert und beschränkte sich keines-
wegs au f Phasen politischer Unruhe und Umgestaltung .20 Be-
reits 1909 musterte der Berliner Kirchen- und Staa tsrechtslehrer
Wilhelm Kahl etwa hundert seit 181gerschienene Schriften über
Universitätsreformen. 21 Nach frühen Einzelschriften und der
138 Rüdiger vom Bruch

dann folgenden Siedehitze der Revolutionsjahre 1848/49 kon-


statiert Kahl zunächs t Ermüdungserscheinungen, dann seit den
späten fünfziger Jahren Jahren eine ),Einkehr von der Äußer-
lichkeit zur Innerlichkeit(, während wiederum nach der Reichs-
gründung und verstärkt seit den achtziger Jahren Jahren »eine
Strömung vom Innerlichen zum Äußerlichen, ein Reformzug
vom Wissenschaftlichen zum Organisatorischen, vom geistigen
In halt zur rechtlichen Form« zu beobachten sei.22
Ein genauerer Blick auf jene von Kahl für die späten fünfzi-
ger Jahren Jahre vermerkte Wende mag von Nutzen sein. Ein
Jahrzehnt nach der gescheiterten Revolution, gegen Ende der
Reaktionsära, nahm Rudolf Heyrn 1858 eine ungezeichnete
scharfs innige Analyse in seine »PreuBischen Jahrbücher « auf
über »Die deu tschen Universitäten im 19. Jahrhundert(. Der
nach wie vor lesenswerte historische Überblick läBt in dreifa-
cher Hinsicht aufhorchen, indem er Spannun gen der universi-
tären Korporation in einer rechtsstaatlich-liberalen Bürgerge-
sellschaft thematisiert, reale Schranken der Idee akademischer
Lehr- und Lemfreiheit aufzeigt sowie eine dem Ideal geistiger
Aristokratie zuw iderlaufende Nivellierung des Wissens im Ge-
folge wissenschaftlicher Spezialisierung beobachtet. So heißt es
zu den Auswirkungen der Reaktion a uf die Universitäten: »Die
Jahrzehnte lange Bevormundung der akademischen Sena te, die
Beschränkungen des Vocationsrechtes d er Facultäten, Beförde-
rungen einer mit dem Bewußtsein der Nation und der kirchli-
chen Gem einde im Widerspruch stehenden politischen und re-
ligiösen Orthodoxie und die Verkümmerung des Privatdocen-
turns haben einen nachtheiligen Rückschlag a uf den Charakter
unserer jüngeren Gelehrten inner- und auBerhalb der Facultä-
ten geübt. «23 Wie läBt sich der vom Autor beschworene und von
bloß formalen, altererbten Äu Berlichkeiten d er akad emischen
Korporation wie Talare und Titel abzugrenzende ~~co rporative
Geist« in der von ihm geforderten liberalen Bürgergesellschaft
bewahren, wenn der Sa tz gilt: "Keine Aristokratie ist natürli-
cher als die der Gelehrten«? Bitter vermerkt er, »daB grade die-
jenigen, welche sonst, so oft es sich um die Forderung bürger-
licher Rech tsgleichheit im Staate handelt, für ständische Glie-
derung und »organische« Einrichtungen schwärm en , der
corporativen Selbständigkeit der Un iversitä ten au s se rviler
Fügsamkeit gegen d en Ministerialwillen am meisten vergeben
haben «.2~ Und schlieB lich malt der Autor in einem zweifachen
Die Universitäten in d er Revolution 1848/ 49 139

Niedergangsszenario die Erschütterung d es Bollwerks univer-


sitäre Korporation aus: »Zwei Merkmale der Deflorescenz d es
akademischen Körpers treten hervor: ein inneres und ein äuße-
res. jenes: in d er fortschreitenden Isolirung der Facultäten
durch die überwiegende Richtung auf das Empirische in d er
Wissenschaft; dieses, das äußere, zum Theil nur d ie Folge des
inneren, in der fortschreitenden Nivellierung des akademi-
schen Bürgerthums (wei teren Sinnes) mit der allgemeinen
durch die Abschwächung seiner organisirend en Kraft, und
zwa r der Form nach durch die Lockerung dercorporativen Ban-
de, sowie durch das Aufgeben nach Außen schützender Exem-
tionen; dem Gehalte nach durch d ie unverkennbare Tendenz
zu r falschen Popularisirung ihres Besitzes nicht nur, sondern
auch [... ) zu einer Art Communismus im Wissen.«25 Um es zu-
zuspi tzen: eine korporativ verfaßte Geistesaristokratie beginnt
sich a ufzulösen; mit d er Preisgabe d er auch inneruniversitär
umstri ttenen Sondergerichtsbarkeit werden Schutzmechanis-
men gegen Willkür und Zugriff von außen abgebaut; ein sich
durchsetzender Wissenschaftsgeist einzelfachlicher Positivie-
rung gräbt d er Idee der Universität von innen heraus das Was-
ser ab.
So argumentiert nach einem Jahrzehnt der Reaktion und der
Sprachlosig keit ein Anwalt liberaler Bürgergesellschaft, der
sich Rechenschaft ablegt über das letzte halbe Jahrhundert
deutscher Universitätsgeschichte. Ein Streiflicht nur, gewiß,
aber d och ein markantes. Jene, die 1849 als Unterlegene wichen,
verarbeiten ihre Erfahrungen in einem neuen politischen wie
wissenschaftlichen Umfeld . Wir werden darauf zurückkom-
men. Wichtiger is t im Moment, wie genau vieles von dem auf
den Punkt geb racht wird, was d as Thema »Die Universitäten
in der Revolution von 1848/ 49( so sperrig, so widersprüchlich
macht. Denn jene Apotheose der universitären Korporation als
einer Aristokratie d es Wissens und der Gelehrten verweist auf
eine in den Reformen zu Beginn des Jahrhunderts bereits selbst
angelegte Konfliktlage, auf eine Überforderung, die Menschen-
tum mit Wissenscha ftsgeist koppelt, Orientierungsfunkti onen
einer auf wissenschaftliches Ethos gegründeten Aristokratie in
rasch sich wandelnden modernen Gesellschaften einfordert.
Um nur zwei Beispiele herausz ugreifen: In einem vielbeachte-
ten (und bezeichnenderweise vor der Gesellschaft für Hoch-
schulpädagogik gehaltenen ) Vortrag über »Wandlungen im
140 Rüdiger vom Bruc h

Wesen d er Universität seit 100 Jahren« forderte 1913 der Philo-


soph, Päd agoge und Bildungshistoriker Eduard Spranger, bei
aUen notwendigen Anpassungsleistungen an moderne Erfor-
dernisse nicht d ie eigentliche Aufgabe der Uni versität a us d en
Augen zu verlie ren. Für Spranger hieB das: »Totalweltan schau -
ung«.26 In anderer Akzentsetzung, aber nicht minder verrä te-
risch, charakterisierte zwölf Jahre später der Orientalist und
zeitweilige preußische Kultusmlnister ea rl Heinrich Becker,
der gegen hefti ge universitäre Widerstände die Organisa tion,
Sozialgestalt und Lehrinhalte der Hochschulen für d ie Anfor-
d erungen d es demokra tisch en Parteienstaa tes um zu rüsten
suchte, die Universitäten ohne jegliche Ironie als ),Gralsburgen
reiner Wissenschaft". 27
Mit d iesen Hinweisen gela ngen einige Grundprobleme der
im frühen 19. }ahrhundert e rneuerten d eutschen Universität in
d en Blick. Die d er sog. " Humboldt-Universitä t« zugrundelie-
genden Maximen veranlaßte n eine unen tschiedene Gemenge-
lage im Beziehungsgeflecht zwische n Universitä t und Staa t.
Zum einen kann de r Erfolg dieses Reformmodells nicht von ei-
nem Strukturvva ndel im Selbstverstä ndnis groBer Teile d er Stu-
d ierenden selbst abgekoppelt werden. So w urde in jüngerer Zeit
auf Prozesse d er Selbstdisziplinierung und d er Einübung in bür-
gerliche Verantwortungsethik bei Teilen der jugendlichen BiJ-
d ungsschichten um 1800 hingewiesen, welche das Modell eine r
w issenschaftlich grundie rten Staatsbürgergesellschaft wesent-
lieh unterfü tterten und das nationale Pathos d er Urburschen-
schaft in einen gesamtgesellschaftlichen Begründungszusam -
menhang einfügen. 28 Betrachten w ir h ingegen die dem Berliner
Reformm odell von 1810 z ugrundeliegenden, wenn a uch nur teil-
weise Idee in Wirklichkeit überführenden Denkschriften , dann
springt ein p rinzipielles Spannungsverhältnis ins Auge. 19 Das
mit d em Namen Wilhelm von Humboldt verknüp fte, argume n-
tati v wesentlich dem Theologen Friedrich D.E. Schleie rmacher
verpflichtete Universi tätsmodell begründete in Anlehnung an
die Spä tsch ri ft des Philosophen lmmanuel Kant über den "Streit
der Fakultä ten" von 1798 einen Vorrang der nu r a uf Wa hrheits-
suche ausgerichteten philosophischen Fa kultät vor d en drei be-
rufsvorbereitenden (bisla ng oberen) Fakultä ten im Sinne einer
prinzipiell offenen und unabschließbaren, nur d er Wahrheit im
Sinne rational begründeter, logische r Widerspruchsfreiheit ver-
pflichteten Forschung. Diese d ie modernen Forschungsuniver-
Die Universitäten in der Revolution 1848/ 49 141

sität stimulierende Maxime wurde verknüpft mit dem neuhu·


manistischen Ideal individueUer Se.lbstentfaltung. Freilich, ein
auf Fo rschungsgesinnung gegründetes Persönlichkeitsideal,
kondensiert in Wilhelm von Humboldts berühmter FormuliE!-'
rung von »Einsamkeit und Freiheit« und keineswegs untypisch
für den »Geist der Goethezeit«, das mochte in der »Gralsburg«
reiner Wissenschaft auf eine handlungsleitende »Totalweltan·
schauung« abzielen, begründete aber für s ich noch keinenstaats·
bürgerlichen Verantwortungsraum im gesellschaftlichen Mitein·
ander.
DemgegenÜber setz te sich der Philosoph Johann Gottlieb
Fichte, der neben Schleiermacher gleichfalls eine Denkschrift für
die neu zu errichtende Berliner Universität verfaßt hatte, 1808
leidenschaftlich für eine Nationalerziehung ein, die freilich vor
allem auf eine Abwehr der französischen Fremdherrschaft ab-
zielte und sich weit von Fichtes vormaliger Jenaer Antrittsrede
»Über die Bestimmung des Gelehrten « entfernte, welche unter
dem Einfluß der revolutionären Ereignisse in Frankreich eine
weltbürgerlich gestimmte Sozialverantwortung der Gelehrten
propagiert hatte. Bereits hier deutete sich eine Grundspannung
zwischen einem Rückzug in eine »machtgeschützte Innerlich-
keit(( (Thomas Mann) und einem neuen nationalen Patriotismus
an, w e lcher seinerseits bürgerlich-liberale Ideen mit glühender
Vaterlandsliebe zu versöhnen trachtete, aber im Kern bereits die
1848 erneut aufflammende und seit 1866 zunehmend einseitig
kanalisierte Spannung zwischen nationalem Liberalismus und
illiberalen Nationalismus vorwegnahm. Die zunächst subkutan
zu beobachtende, bei den Zentenarfeiern 1913 schließlich zur
Eindeutigkeit sich neigende semantische Spannung zwischen
der Charakterisierung der Erhebung von 1813 als Freiheits- oder
Befreiungskriege illustriert diesen ProzeB.30
Unterstützt wurde eine Distanz von politischer Parteinahme
in den politisch-gesellschaftlichen Auseinandersetzungen des
Vormärz im universitären Raum durch ein neuartiges Verständ-
nis e ines kultumational überwölbten Kulturstaats, in dem die
Geb ildeten, sowohl die Professoren, als auch die ganz überwie-
gend für den Staatsdienst Auszubildenden, als Staatsbeamte
eine überparteilich-ausgleichende Position jenseits widerstrei-
tender Interessen einzunehmen hatten.)1 Gleichwohl steht nicht
außer Frage, daß die mächtigen liberal-demokratischen Strö-
mungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus solchen
142 Rüdiger vom Bruch

ideologischen wie sozialgeschichtlich faßbaren Begrenzungen


auch in der Universität herausdrängten. Gewiß, die organisierte
geistige Kraft der Urburschenschaft erlosch weitgehend unter
den Nackenschlägen und Knebelungen der Karlsbader Be·
schlüsse,32 mancherlei studentische Unruhen wie jene in Mün-
chen, die den Landesherm 1830 zur vorübergehenden Schlie-
ßung der Universität veranlaßten, enthielten keinen artikulierten
politischen Wirkungswillen,33 die studentischen Verbindungen
richteten sich mehrheitlich in biedermeierlicher Subkultur mit
zugleich aufstiegsfördemden Patronageerwartungen ein ,J.I
Doch gelang es den Behörden weder, die Burschenschaftsbewe-
gung gänzlich zu zerschlagen, trotz der massiven Repressionen
nach dem fehlgeschlagenen Frankfurter Aufstand von 1833,
noch die nun aufkommende, theoriegeleitete Bewegung der Pro-
greBstudenten wirksam zu unterbinden. Zu Recht ist schlieBlich
immer wieder auf die öffentliche Meinungsführerschaft jener
»politischen Professoren(( insbesondere in den südwestdeut~
sehen konstitutionellen Staaten hingewiesen worden, die vor~
wiegend als Staatswissenschaftier und Juristen den Ideenhaus~
halt möglicher und gedanklich abgesicherter bürgerüch~libera~
ler und rechtsstaatlicher Umgestaltungen diskursiv vorgaben.35
Es war nicht zuletzt jene mit den Universitätsreformen im frühen
19. Jahrhundert geschaffene kultumationale Wettbewerbss itua~
tion, die vergleichbare Studienbedingungen und Berufungs~
chancen im deutschsprachigen Kulturraum eröffnete, welche
zugleich auch politische Beweglichkeit förderte. Studenten
wechselten Hochschulen wie Bildungsreisende, sie folgten an-
gesehenen Lehrern, ohne einschneidende curriculare Restriktio-
nen befürchten zu müssen, auch wenn die Landeskindervor-
schriften für Staatsexamina den StudienabschJuB nonnierten.36
Professoren ließen sich unter Qualitätskriterien wegberufen und
vermochten sich damit zugleich politischer Kontrolle zu entzie-
hen. Insofern begünstigte die Liberalisierung des akademischen
Arbeitsmarktes eine Fluktuation von Personen und Ideen, wel-
che die politischen Instrumentarien der Restaurationsära immer
wieder unterliefen.
49~75

Die Universitäten in der Revolution 1848/ 49 143

Göttingell 1837 - ein Vorspiel?

Gleichwohl prägten einzelstaatliche und lokale Besonderheiten


einen freiheitlichen Gestaltungswillen. Prägnant zeigte sich
dies in der berühmten Protestation der Göttinger Sieben von
]837, welche immer wieder als Fanal für die Revolution elf jah-
re später gewertet wurd e, zugleich aber sehr plastisch lokale
Beschränkungen einer verantwortungsethisch motivierten Wi-
derständigkeit belegt.J7
Besehen wir diesen Fall etwas genauer, da in dichter Bünde-
lung bereits wesen tl iche Konfliktlagen der Revolutionsjahre
vorgezeichnet sind. Anla ß der Protestation war bekanntlich
nicht ein politisches Vorpreschen der Sieben, sondern der Wi-
derruf der Verfassung durch Ernst-August von Hannover, dem
sich die Grimm und Gervinus nicht beugen wollten. Hinter die-
sem konstitutionellen Konflikt stand aber zugleich ein seit ]830
andauernder Kampf zwischen der Universität Göttingen und
einer Regierung, die die korporative Selbstverwaltung ein-
schränken und die Macht der Professorenoligarchie brechen
woll te. Dieser Konflikt blieb auch in der Folgezeit ungelöst und
trug mit dazu bei. daß die Unruhen 1848 in Göttingen eine un-
gewöhnlich spektakuläre Resonanz fanden. Es begann alles in
den Nachwehen der französischen julirevolution von 1830 mit
einem sog. Privatdozentenaufstand in Göttingen im Januar
1831, der die mittelgroße Stadt mit etwa 10.000 Einwohnern zu-
tiefst beunruhigte. Denn für die Bürger war die Universität ein
Segen, aber einer mit Widerhaken. Die Stadt lebte weitgehend
von der Universität, nicht nur von den Studenten, sie war zu-
dem wegen des Niedergangs selbständiger städtischer Gewer-
be neben dem beherrschenden Dienstleistungssektor auf tech-
nische Modernisierungen angewiesen, wie sie von der Univer-
sität etwa bei den mechanischen Werkstätten ausgingen. Zwar
unterstützten auch viele Bürger d ie Verfassungsforderungen
der jungen Dozenten, doch als König Wilhelm IV. nach den
Unruhen 1831 drohte, die ganze Universität zu schließen, di-
stanzierte sich die Bürgerschaft sogleich von den Unruheköp-
fen und zeigte Wohlverhalten. 1833 gestand der König ein
Staatsgrundgesetz mit bescheidenen Mitwirkungsmöglichkei-
ten der Bürger zu, eben dies hob sein Nachfolger sogleich im
Sommer 1837 auf, und dagegen protestierten die Sieben am
]8. November.
144 Rüdiger vom Bruch

Die Resonanz auf diese mutige Tat war in ganz Deutschland


und darüber hinaus ungeheuer, nur nicht im Land Hannover
und in Göttingen selbst, wo sich heftige Kritik an den Sieben
erhob. So will es eine weit verbreitete Lesart, doch die Wirklich-
keit war weitaus komplexer. Die Bürgerschaft taktierte und la-
vierte, bei den DeputiertenwahJen im Göttinger Magistrat fand
sich keine Mehrheit für einen der Regierung genehmen Kandi-
daten, nach drei Neuwahlen wurde in zähem Ringen ein Kom-
promißkandidat gefunden. In der Sache teilte die Bürgerschaft
offenbar weithin den Protest gegen die Aufhebung der Verfas-
sung, sie kritisierte vor allem die Form, welche den landes-
herrn erneut zu scharfen Drohungen wie Schließung bzw.
Translokation der Universität veranlaßten. Die s tandortgebun ~
dene Bürgerschaft sah sich - im Unterschied zu den prinzipiell
mobilen Studenten und Professoren - in ihrer Existenzgrund~
lage bedroht; tatsächlich fanden die entlassenen und als Gelehr~
te hoch geachteten Sieben bald anderswo Anstellung.
Diese Hinweise schmälern in keiner Weise die auf Rechts~
staatlichkeit pochende Protestation der Sieben, sie korrigieren
aber ein einseitiges schwarz~weiß~Gemälde und machen auf je
spezifische Konfliktlagen aufmerksam, welche bereits auf
Spannungen zwischen den zentralen Studenten- und Dozen~
tenkundgebungen und der äußers t buntscheckigen Situation je~
weils »vor Ort(( in der Revolution selbst hinweisen.
Der Fall Göttingen 1837 erweist sich für unser Thema in fünf-
facher Hinsicht als lehrreich. Spektakuläre Aktionen wie der
Auszug der gesamten Göttinger Universität 1848 setzen erstens
eine langfristig vorbereitete politische Sensibilisierung der Kor~
poration voraus, wie sie anderswo nur selten gegeben war. Dar~
aus folgt zweitens, daß die Universität als politisch sich artiku~
lierende Korporation von Lehrenden und Lernenden nur dort
Gewicht erlangte, wo eine präzise und über inneruniversitäre
Detailfragen hinausreichende Stoßrichtung gegeben war, wie
hier mit der konstitutionellen Bewegung. Auch anderswo droh~
ten 1848 Landesherren bei Aufmüpfigkeit mit Schließung der
Universität, was bei geringem korporativem Selbstbewußtsein
und starken innerunivers itären Spannungen sogleich ein Ein-
lenken bewirkte.
Damit ist dritteilS die Frage von Selbstbewußtsein und Ab~
hängigkeit thematisiert. Während neben Göttingen nur die ver-
mögende und von hohem korporativen Selbstbewußtsein ge-
49~75

Die Universitäten in der Revolution 1848/ 49 145

tragene badische Universität Heidelberg, zudem intellektuelles


Zentrum für die bewaffneten Aufstände in der Pfalz, ungeach-
tet städtischer Wirtschaftsinteressen die scha rfe Waffe eines
(vorübergehenden) Auszuges der Studenten führte, duckte sich
die zweite badische und vormals vorderösterreichische Landes-
universität Freiburg, wirtschaftlich darbend, völlig von den
Staatszuschüssen abhängig und mit einem geringen korporati-
ven SelbstbewuBtsein ausgestattet, sogleich bei der ersten
SchlieBungsandrohung. Ähnlich reagierte die kleinstädtisch-
kleinstaatliehe Universität GieBen im GroBherzogtum Hessen
auf wirtschaftliche Pressionen und Auflösungsdrohungen, ging
es doch auch um die Existenz von in der Regel noch wenig re-
nommierten Hochschullehrern, welche an eine rettende Beru-
fung an eine andere Universität nicht zu denken wagten.
Wiederum anders stellte sich die Situation in den beiden
hauptstädtischen Aktionszentren Berlin und Wien dar. Hier wie
dort beteiligten sich vor allem Studenten, aber auch Hochschul-
lehrer an den Barrikadenkämpfen. Doch während in Wien, uno
typisch genug, die Aula der Universität Ausgangspunkt und
Zentrum der Revolution wurde, verharrte die Berliner Univer-
sität trotz ihrer exponierten Mittelpunktlage eher im Schatten
der Märzunruhen. Während in Wien ein sozial relativ gering
differenzierter Lehrkörper mit einem nur kleinen Anteil an Pri-
vatdozenten und eine durch politische Reaktion und Nationa-
litätenprobleme zugleich aufgewühlte Studentenschaft gegen
die Staatsleitung wie auch gegen ein antiquiert-verkrustetes
und zugleich straff zentralistisches Universitätssystem anrann-
ten, dessen Modemisierung erst seit 1849 unter dem Grafen
Thun einsetzte,38 so war demgegenüber die Berliner Korpora-
tion durch scharfe Spannungen innerhalb des Lehrkörpers ge-
kennzeichnet. Denn mit dem wissenschaftlichen Ansehen die-
se r Hochschule einher ging eine überdurchschnittlich hohe
Zahl von geistig beweglichen, aber vielfach mittellosen Privat·
dozenten, ferner rührten sich die zahlreichen und nur äuBerst
kärglich besoldeten auBerordentlichen Professoren, welche so-
ziale BessersteJlung_und korporationsrechtliehe Mitwirkung
verlangten, dcyni( aber einen GroBteil der um ihre Privilegien
fürchtendenJ)rdinarien an die Seite der restaurativen Staatsbü-
rokratie tri !l>en.39
Vierten zeigt das Göttinger Beispiel von 1837, damit auf die
vielfältig n Konstellationen vor Ort im Revolutionsjahr vora us-
146 Rüdiger vom Bruch

weisend, daB jeweils unterschiedliche lnteressenlagen und


Handlungsrestriktionen einerseits in den Hochschulen selbst,
andererseits aber auch in den Bürgerschaften und Magistraten
der beherbergenden Universitätsstädte zu beachten sind, daß
der Blick allein auf die Universitäten nicht genügt. 1848 sprühte
in einigen Universitätsstädten der revolutionäre Funke in der
Bürgerschaft auf, griff dann auf die Universität über oder hat
dort kaum Resonanz gefunden. In anderen FäDen blieb eine
aufmüpfige Hochschule von der umgebenden Stadt abgeschot-
tet, weil vor allem studentische Unruhen von der Bürgerschaft
scharf mißbilligt wurden. In wieder anderen Fä llen verbünde-
ten sich einzelne progressive Kräfte an der Universität mit vor-
wiegend bildungsbürgerlichen politischen Zirkeln in der Stadt·
bürgerschaft. Als Grundmuster schälte sich, freilich nicht aus·
nahmslos, heraus: je kleiner die Universitätsstadt, als d esto
beherrschender erwies sich die von der dortigen Universität
ausgehende politische Schwerkraft.
Fünftens lassen die bisherigen Beobachtungen bereits erken-
nen, daß die aus der Universität heraus organisierten zentralen
Kundgebungen 1848/49 zwar maßgebliche Argumentations·
muster von Hochschulreform in einer revolutionären Situation
spiegeln, daß sie aber keine eigenständige Handlungsebene be-
gründeten, da die Teilnehmer anschließend in ihrer Hochschule
mit sehr unterschiedlichen Problemen konfrontiert wurden, die
sich ungleich stärker als handlungsbestimmend erwiesen und
zentrale universitätspolitische Willensbildungen verhinderten.

Die Studenten ;1/ der Revolutioll4{)

In der Frühphase der Revolution hoben sich die Universitäten


kaum von den genereUen bürgerlichen Stimmungslagen und
Forderungskatalogen ab. Das zeigt etwa ein genauerer Blick auf
die Entwicklung in Berlin,41 wobei uns hier wie in diesem ge·
samten Abschnitt die Studenten vor allem beschä fti gen sollen.
Anfang März 1848 war das Berliner Straßenbild durch Volks·
versammlungen geprägt, an denen sich natürlich auch Studen·
ten und Dozenten beteiligten, während Versuche, die Aula der
Universität Unter den Linden als einen zentralen Kundge·
Die Universitäten in der Revolution 1848/ 49 147

bungsort zu nutzen, anfangs am Widerstand des Rektors schei·


terten und heftige Debatten zw ische n gemäßigten und radika·
len Studenten bei einer Versammlung von sechshundert Studie·
renden im Vorraum de r verschlossenen Aula von Mitgliedern
der christlichen Studentenverbindung Wingolf gesprengt wur·
den . Als nach dem 13. Mä rz mit den soz ia lrevolutionären For·
derungen von Industriearbeitern sich die Lage verschärfte, es
zu e rsten Straßenkämpfen kam, die von einem studentischen
Corps unterstützte Bürgerwehr in eine prekäre Frontstellung
zw ischen Aufständischen und dem aufmarschi erten Militär ge·
riet, da vertieften sich sogleich die Spannungen zwischen den
politischen s tudentischen Lagern. Doch dieGemäßigten setz ten
bei einer (nun möglich en) Aulaversammlung am 17. März eine
Abfuhr jener kleinen radikalen G ruppen durch, d ie im Namen
der Stude ntenschaft Aufrufe an das Berliner Volk proklamie re n
wollten.
Mit de m (dem Kronprinz und spä te ren Kaiser Wilhelm I.
angelasteten) blutigen Einsatz d er Truppen gegen die Volksver·
sammlung vor dem Schloß am 18. März und d em nachfolgen·
den Barrikadenbau durch Bürge r aus a llen Schichten verände r·
te sich die Situation schlagartig, in de r Stadt wie in der Univer·
sitä t. Während die Mehrzahl de r Studenten die Forderung nach
Bewaffnung bislang mit der Schaffung von Ruhe und Ordnung
begründet ha tte, stellten sie sich nun auf die Seite der Revolu·
tion, um allerdings nach kurzer Zeit sich wieder in mehrheitlich
konstitutionelle und eine zunehmend isolierte Minderhe it von
Republikanern aufzuspalte n . Scharfsinnige Linkshege lianer
unter den Berliner Priva tdozenten gewannen wie kaum anders·
wo eine treue studentische Anhängerschaft, doch die überwie·
gende Mehrzahl der Studierenden und erst recht der Professo·
renschaft setzte auf Mäßigung und Verständigung mit der
Staatsautorität. Nie wurde die Berliner Aula - im Gegensatz zu
Wien - Zentrum der revolutionären Bewegung; die links·intel·
lektuelIen studentischen Führer verließen noch im Somme r Ber·
lin, in der Aula wurde ga r dem konservativen Minister Arnim
Asyl gewährt, als er vor e inem wütenden Angriff der Berliner
Bevölkerung flüchten mu ßte. Nur e inma l noch schien die Aula
der Universität zu einem Han dlungszen trum aufzurücken, als
mi t dem Wiedererstarken der Reaktion beim Einmarsch Wran·
gels am 10. November die nun vorübergehend geeinte Berline r
Studentenschaft die Aula der von gewaltsamer Auflösung be·
148 Rüdiger vom Bruch

drohten preußischen Nationalversammlung zur Verfügung


stellen wollte. Doch der neue Rektor August Boeckh lehnte dies
entschieden ab, und er fand Unterstützung bei sechzig Profes-
soren (überwiegend Ordinarien), die in einem Gutachten dem
König das Recht zur »Verlegung« und zur »Vertagung« des Par-
laments bestätigten. Der Protest der Studenten und eine Gegen-
erkJärung junger Dozenten verhallten wirkungslos.
Wie besonders war der Berliner Fall? Offenbar nich t in der
Anfangsphase. Weitgehend einheitlich verlief die Studentenbe-
wegung an deutschen Universitäten im März 1848, als die
sog. Märzforderungen mit ihren liberal-konstitutionellen Stoß-
richtungen gegen polizeistaatliehe Unterdrückung und für bür-
gerliche Freiheiten an allen bislang genauer untersuchten
H ochschulen mit überwältigender Mehrheit unterstützt wur-
den, als zum anderen die dann das studentische Pfingsttreffen
auf der Wartburg prägende Progreßbewegung sich noch nicht
in der doppelten Stoßrichtung von Nationalstaatsgestaltung
und Universitätsreform formiert hatte.
Insofern ordnen sich die überall anzutreffenden s tudenti-
schen Versammlungen, Adressen und Aufrufe in die allgemeine
s tadtbürgerliche Aufbruchsbewegung ein. In einzelnen mittel-
deutschen Mittelstaaten, wie in Leipzig, Göttingen und Jena,
trugen sie unmittelbar zur Etablierung liberaler Märzministe-
rien bei. Doch wenn wir nach dem weiteren Verlauf fragen,
dann ergibt sich eine verwirrende Vielfalt, die auf jeweilige Son-
derlagen verweist. Abgesehen von der einen Ausnahme Wien
mit der Au la als Zentrum der revolutionären Bewegung blieben
die deutschen Universi täten und die in ihr versammelten Stu-
denten allenfalls Subzentren mit allerdings teilweise beträcht-
licher Ausstrahlung.
In großen Flächenstaaten wie Preußen und Bayern bildeten
die zugleich mit einer Universität ausgestattete Kapitalen den
eigentlichen Bezugspunkt in sehr unterschiedlicher Weise.
Während in Berlin Verbitterung über die Reaktion des Staates
überwog und zu Radikalisierungsschüben führte, aber die Stu-
dentenschaft, von kurzen Momenten abgesehen, nicht in soli-
darischen Aktionen einte und erst recht kein politisches Bünd -
nis der Korporation insgesamt bewirkte, fiel die bayerische
Metropole München durch einen entschiedeneren, freilich tak-
tisch-elastisch verpackten Reformwillen ihrer Univers ität auf,
welche sich (ähnlich wie die freili ch stärker gesamtpolitisch ar-
49~7S

Die Universitäten in der Revolution 1848/ 49 149

gumentierende württembergische Landesuniversität Tübin-


gen) allerdings mehr auf Fragen der engeren Hochschulreform
als auf bürgerliche Freiheits rechte konzentrierte.42 Gegenüber
der mit einem unmittelbaren staatlichen Zugriff konfrontierten
Universität in der Landeshauptstadt vermochten sich die baye-
rischen Provinzuniversitäten Erlangen und Würzburg einiger-
maßen erfolgreich gegen polizeistaatliche Übergriffe in studen-
tischer und zugleich gesamtkorporativer Geschlossenheit zur
Wehr zu setzen, begünstigt durch einen geringen studentischen
Radikalis mus, durch den Verzicht auf eine in den Hauptstädten
zwangsläufig thematisierte staatspolitische Umgestaltung und
damit die Konzentration auf korporativ-ständische und auf ge-
nerelle bürgerrechtliche Interessen.
Spektakuläre Form nahmen die Auseinandersetzungen mit
den studentischen Auszügen in Göttingen und Heidelberg an.
Doch während die Göttinger Aktion von der gesamten Korpo-
ration getragen wurde, ging es doch um jenen seit 1831 schwe-
lenden konstitutionellen Dauerkonflikt, den wir bereits ken-
nengelemt haben, während man in Göttingen also diese stoß-
richtung der Volksbewegung mit einigem Erfolg vorantrieb,
scheiterten die Aktionen in Heidelberg an dem gemeinsamen
Widerstand von Prorektor, Senat und staatlichen Behörden. Es
ging nicht mehr nur um konstitutionelle Freiheitsrechte, ob-
gleich gerade Heidelberger Professoren im Vormärz die liberale
Opposition in Baden führend beeinflußt hatten, jetzt verselb-
ständjgten sich die auf die Hochschule selbst bezogenen Ideen
einer Neugestaltung in enger Wechselwirkung mit dem Radi-
kalisierungsprozeß in der Pfalz und in Baden. So spaltete der
in alter universitätsgeschichtlicher Tradition stehende studen-
tische Auszug die Korporation und verlief letztlich im Sande.
Ein Jahr später, im Mai 1849, unterstützte dann eine Studenten-
legion den bewaffneten Kampf um die Reichsverfassung, vor-
übergehend ergriff der Student Schlöffel als Regimentskommis-
sar des revolutionären Landesausschusses die Macht in der
Stadt, doch der Senat der Universität hielt sich sorgsam zurück,
entzog am 13. August nach dem Scheitern des Aufstandes 29
Studierenden da s akademische Bürgerrecht und beglück-
wünschte den Großherzog am 31. August zu seiner Rückkehr.43
Überblicken wir das Verhältnis von Hochschule und städ ti -
schem Umfeld, dann ergibt s ich folgendes Bild. In mehreren klei-
nen Universitätsstädten standen die Hochschulen und vor-
150 Rüdiger vom Bruch

nehmlich die Studenten als zentraler Unruhemotor einer kaum


beteiligten Bürgerschaft gegenüber, während in einigen Mittel-
städten ein reger Austausch erfolgte, wohingegen in den Groß-
städten Leipzig und Berlin die akademische Bewegung im Wind-
schatten konkurrierender G ruppen in der Stadt selbst verharrte.
In den norddeutschen Küstenstädten übte - mit Ausnahme des
mecklenburgischen Rostock - das selbstbewußte Großbürger-
tum einen disziplinierenden Einfluß auf die Universitäten und
ihre Studenten im Sinne gemäßigt-liberaler Fordenmgen aus.
Während im preußisch-rheinischen Bonn ein ungewöhnlich ak-
tiver, wenn auch kleiner Zirkel von Studenten sich um Carl
Schurz gruppierte, allerdings von der Stadt und den Universi-
tä tsgremien gleichermaßen bekämpft wurde, verbündeten sich
im thüringischen Jena Studenten und Bürger in aUgemeinpoliti-
sehen Freiheitsforderungen, wohingegen vor allem in den tradi-
tionsreichen und mächtigen Studentenverbindungen Gegen-
strömungen envuchsen. Eine einzigartige Situation ergab sich in
Breslau, wo Studenten sich mit Kleinhandwerkern und Bauern
solidarisierten, erklärbar vor dem Hintergrund der sei t 1844 an-
dauernden Hungerunruhen und sozialen Spannungen in Schle-
sien, eine einzigartige Situation auch in der Saalestadt Halle, wo
unter d em Einfluß d es Historikers Heinrich Leo, Reaktionär und
»Studentenvaterl' zugleich, ein aktiver studentischer Konserva-
tivismus das Gesicht der Universität während der Revolution
prägte.
Neben dem ~ziehungsgeflecht Universität und Stadt (bzw.
Region wie in Schlesien oder den sächsischen und badischen
Aufstandsgebieten) ist die Größe der einzelnen Universitäten
zu beachten. Bei kleinen Universitäten bis zu etwa dreihundert
Studenten beherrschte die Korporation zwar das (klein)städ ti-
sehe Leben, doch traten allgemeinpolitische Forderungen hin-
ter h ochsch ulspezifische Problemlagen zurück, zumal, wie wir
bereits für Freiburg und G ießen sahen und dies au ch auf Mar-
burg z utraf, landesherrlich es Desinteresse die Existen z der
Hochschule ernstlich gefährdete. Doch gab es auch hier keine
einheitlichen Aktionsmus ter, in Marburg etwa förderte der Se-
nat die stud en tische Bewegun g, während er sie in Freiburg
än gstlich be hind erte. Stud en tische Auszüge, aufsehend erre-
gend g roß und z ugleich noch leicht organisierbar, erfolgten
kaum zufällig in mittelgroßen Universitäten bis zu sechshun -
d ert Studenten. In größeren Universitäten verhinderte eine
49~7b

Die Universitäten in der Revolution 1848/ 49 151

hochdifferenzierte allgemein. und hochschulpolitische Lager-


bildung von vornherein ein geschlossenes Auftreten der Kor·
poration.
Wir haben es bei den studentischen Initiativen also mit einer
ungemein zergliederten Landschaft zu tun; hinzu traten kaum
lösbare Spannungen zwischen den Verfechtern staatsbürgerli .
cherGleichheit und den Anhängemständisch·korporativer Pri·
vilegien, wie sich an dem Dauerstreit um die akademische (Son·
der·)Gerichtsbarkeit zeigte. Auf der Wartburg und in Eisenach
fanden sich Mehrheiten gegen eine solche Exemtion, doch vor
Ort wollten in etwas schiefer Allianz dann die Corps auf ge·
wohnte Privilegien nicht verzichten, während gemäßigt pro·
gressive Gruppen je nach der politischen Lage an ihrer Hoch·
schule eine besondere akademische Gerichtsbarkeit als Schutz
gegen polizeistaatliche Eingriffe betrachteten.
Vor diesem Hintergrund sind die studentischen Treffen 1848
auf der Wartburg und in Eisenach als sehr ambivalent einzu·
schätzen. Zum einen beeindruckt, mit welcher Unbefangenheit
hier (wie auch bei dem Frankfurter Dozententreffen und den
Vorstößen von Extraordinarien bei der Jenaer Professoren ver·
sammlung) in der Fülle von Anträgen und Diskussionspunkten
praktisch alles zur Disposition gestellt wurde, vom Fakultäten·
modell bis zur einzelstaatlichen Universitätsstruktur, von der
an das Abitur gebundenen Zugangsberechtigung bis zu einer
freien Volksuniversität. Auch sollte die auf beiden Studenten·
treffen erkennbare Durchschlagskraft des Progreß nicht unter-
schätzt werden. An dem Pfingsttreffen beteiligten sich über par·
lamentarisch·repräsentative, nicht über direktdemokratische
Vertretungen etwa 10 % der gesamten deutschen Studenten-
schaft; im September bekannten sich 49 der insgesamt 57 stu-
dentischen Parlamentsmitglieder in Eisenach zur demokrati-
schen Staatsform."" Demgegenüber traten in der gesamten Stu-
dentenschaft etwa 5 % aktiv für die Revolution ein und nur 12 %
begrüßten überhaupt politische Veränderungen . •5 Das verdient
Beachtung, um die oft unterschätzte Stoßkraft des mit Blick auf
Aus bildung und künftige Berufe als jugendliche »Beamtenop·
position ( charakterisierten Progreß zutreffend zu gewichten.
Auf der anderen Seite spiegeln die Protokolle eine erhebliche
Bandbreite studentischer politischer Mentalität in dieser Zeit
wider, wie wir in drei Punkten sehen können.
Erstens: nicht nur die akademische Gerichtsbarkeit war auf
152 Rüdiger vom Bruch

dem Pfingsttreffen umstritten, bereits die demokratischen Ma-


nifestationen spalteten in der Frage Einheitsrepublik oder auch
republikanische Verfassungen in den Einzelstaaten. Theoreti-
sche Abstraktion und ein Gespür für einzelstaatliche Besonder-
heiten rieben sich hier wie anderswo. Sodann stand den Demo-
kraten nicht nur die »Rechte«, sondern vornehmlich das ),Zen-
trum « gegenüber, das in Fragen der Hochschulreform, die also
den unmittelbaren eigenen Lebensbereich betrafen, mit den
"Linken«, in den allgemeinpolitischen Verfassungsfragen indes
gegen sie stimmte.
Zweitens: lm Zentrum der Forderungen stand ein linkshege-
lianisch-theoretisch gespeistes Gesamtheitsmodell, aus dem
konkrete nationale Zielsetzungen, eine nationalstaatliehe Um-
formung der Universitäten und die Idee einer Allgemeinen Stu-
dentenschaft abgeleitet wurden. Ironischerweise kam es zu ei-
nem nationalen ZusammenschluG nur auf der Gegenseite, näm-
lich im Kösener Seniorenconvent der Korporierten; die Idee
allgemeiner Studentenausschüsse scheiterte hingegen an inner-
studentischen Fragmentierungen und dem Beiseitestehen der
Verbindungsstudenten. Zwar wurden zunächst an den meisten
Universitäten solche Ausschüsse gebildet, doch schon im Juli
setzten Auflösungstendenzen ein und die meisten zerfielen
dann ganz, oft auf äußeren Druck. Nur in Tübingen, Würzburg
und München konnten sich solche Ausschüsse einige Zeit hal-
ten, gingen dann aber aufgrund studentischer Wahlmüdigkeit
ein.
DritteilS schließlich scheiterten die Aktivsten, die Progreßstu-
denten, an ihren inneren Widersprüchen. Sie waren überwie-
gend Juristen und stammten zumeist aus bildungsbürgerlichen
Elternhäusern, sie bildeten die politisch am weitesten sensibili -
s ierte und zudem theoretisch geschulte Speerspitze der jugend-
lichen d eu tschen Bildungsschicht in dieser Zeit. Ihr Einheitspa-
thos veranlaßte sie zu erstaunlichen Gedankenexperimenten,
doch s ie wurden aufgerieben durch interessegeleitete Veralltäg-
lichung, durch Widersprüche zwischen nationaldemokrati-
schen Zielen und den sperrigen Hochschulreformfragen,46 und
das revolutionäre Engagement blieb für die meisten von ihnen
ein bloßes Zwischenspiel. Sofern sie nicht zu den Waffen gegrif-
fen hatten oder emigriert waren, mußten aus weislich von Stich-
proben die Progreßstudenten nur kurzfristige und (im Unter-
schied zu den Folgen des Hambacher Festes) milde Sanktionen
49J75

Die Universitäten in der Re volution 1848/ 49 153

hinnehmen, besetzten sie später in der Regel geachtete Beam-


tenpositionen, offenbar kaum jemand mußte in die Wirtschaft
ausweichen,"? Einiges spricht d afür, daß v iele d er studentischen
Wortführer von 1848 ein Jahrzehnt später als Dreißiger und
Mittdreißiger mit dem 1859 gegründeten Deutschen National-
verein im Sinne eines gemäßi gten liberalen Nationalismus sym-
pathisierten und eine neue Ära von dem 1848 scharf kritisierten
preuß ischen Kronprinzen und nunmehrigen Monarchen er-
warteten, d aß sie d ann 1866/ 67 d en Frieden mit Bismarck in
der neuen Nationalliberalen Partei schlossen. Es bliebe zu prü-
fen, wieweit ein Theodor Mommsen die Ausnahme darstellte,
e in Feuerkopf, der auch als bedeutender Gelehrter noch nach
de r Jahrhundertwend e d er Bürgerges innung von 1848 treu
blieb.
Das Protokoll des Wartb urgtreffens hatten Friedländer und
Giseke mit einer scharfsinnigen Analyse d er Universitäten im
d eutschen Partikularismus eingeleitet und dann emphatisch
ausgerufen: ))Das sind die Zustände, unter denen wir die Uni-
versitäten betreten haben. Das sind die Hochschulen des Staates
d es Protestantismus! Das sind die Freiheiten, die man d er ge-
bildets ten Jugend d er gebildetsten Nation zu ihrer Entwicke-
lung gönnte!«.J8 Nach der Präsentation aller Beschlüsse heißt es
dann am Ende d es Protokolls selbstbewußt und besorgt zu-
g leich: »Wie haben unsere Väter die Köpfe geschüttelt, als sie
die Gelübde der Freiheit lasen, die wir von der Wartburg aus
unserem Vo lke vorlegten, und die nicht aUe im »)constitutionel-
len « Sinn verfaß t sind! Wie werden unsere Lehrer, Rector und
Senat, die Hän de über dem Kopf zusammenschlagen, wenn wir
ihnen vortragen, daß wir unser volles akademisches Bürger-
recht, daß w ir Sitz und Stimme im Senat, Mitwirkung bei d er
Verwaltung und gar bei der Wahl der Professoren verlangen!«49
Ende d es Jahres führte der Mitunterzeichner Giseke d ann d as
Scheitern d er demokratischen und hochschulpolitischen Lin-
ken au f interne Streitigkeiten, auf abstraktes Theoretisieren zu-
rüc k, das kon krete Aussagen scheute. 50 Ein Jahrzehnt später
schrieben zwei vormals in Jena führende Studenten poli tiker
rückblicken d: ))Wir meinten, Philosoph ie sei Hegel und wo-
möglich d er von Ruge und Feuerbach interpretierte Hegel, und
diese sehr unrichtige Überzeugun g und Selbstgew ißheit mach-
te uns vor d er Zeit abstrakt und blasiert; wir stand en in einem
religiös-politischen Formel- und Schablonenthum .«51
154 Rüdiger vom Bruch

Ausblick

Wir haben uns auf die Studenten konzentriert und sollten nach-
tragen, daß mit dem Scheitern der Revolution auch alle anderen
Ansätze zu einer Universitätsreform schei terten. Insbesondere
die Forderungen von Privatdozenten und Extraordinarien nach
akademischer Rechtsgleichheit und sozialer Sicherung verhall -
ten wirkungs los und wurden erst ein halbes Jahrhundert später
in dem neuen Umfeld einer interessenpolitisch organisierten
Massen - und Industriegesellschaft erneut a ufgegriffen, erst
nach d em politischen Systemwechsel 1918 in bescheidener
Form und eher ansatzweise gelöst. S2 Allerdings erscheint frag-
lich, ob auch ein weiterhin einzelstaatlich gegUedertes, auf Erb-
kaisertum, Nationalversammlung und Reichsverfassung ge-
gründetes nationales Gemeinwesen eine einschneidende Hoch-
schulreform bewirkt hätte, berücksichtigt man die nich t
einheitliche, aber schon im Herbs t 1848 nur zu geringen Zuge-
ständnissen sich verstehende Abwehrphalanx einer durchaus
zutreffend als Ordinarienun iversität zu charakteris ierenden
Korporation. Listen wir die Forderungskataloge innerha lb der
Universitäten auf, d ann fand vor allem das Anklang, was auf
eine durchaus nicht unproblematische (Rück?)Gewinnung der
Autonomie in Verbindung mit dem Katalog bürgerlicher Frei-
heitsrech te abzielte. Schwieriger lagen die Dinge bei der Be-
schneidung oder gar Abschaffung überkommener Privilegien,
zumal hier d ie in Verbindun gen organisierten Studenten eine
Allianz mit Wortführern jener Ordinarien universität eingingen.
Daß die allgemeinpolitische Forderung nach Ausdehnung des
Wahlrechts auch das Mitbestimmungsproblem in der Universi-
tät aufwarf, war nicht zu verkennen, doch hatte s ich gerade
über diesen Punkt, der die gesamtgesellscha ftli che Machtfrage
betraf, d as deutsche Bürgertum im Verlauf der Revolution zer-
spalten. Und wenn in den Augen der ProgreBstudenten die er-
neuerte Universität als Modell für einen zu schaffen den demo-
kratischen Nationalstaat dienen sollte, dann überforderte dies
d ie ))G ralsburgen (( einer liberalen Kultumation volls tändi g.
Es kann aUenfalls die Frage gestellt werden, ob und inwieweit
die während der Revolution von sehr vielen Dozenten und Pro-
fessoren vorgelegten Konzepte zur Erweiterung der korporati-
ven Autonomie und der Lehrfreiheit in den folgenden Jahrzehn-
ten trotz d es Scheitems ins titutioneller Reformen die Praxis der
49~75

Die Universitäten in der Revolution 1848/ 49 155

staatlichen Hochschulpolitik beeinflußten.53 Damit wird aber die


Handlungsebene in jedem FaU verlagert, von gewählten Gre-
mien z u den einzelstaatlichen KuJtusbürokratien. ),ln den Revo-
lutionsjahren hatte sich die Reformbewegung zum Teil noch mit
der politischen Bewegung verbündet und sich mit ihren gegen
den Staat gerichteten Reformforderungen an die Kammern der
einzelnen Länder und an die Frankfurter Nationalversammlung
gewandt. Nach der Revolution lehnten die Universitäten eine
Beschäftigung des Landtags und der politischen Parteien mit
hochschulpolitischen Fragen ab, weil dies dem Grundsatz der
korporativen Autonomie nicht entspreche..24
Wenn im Anschluß an Peter Moraw die deutsche Universi-
tätsgeschichte mit der Humbold tschen Reformuniversität in ih-
re klassische Phase eintrat,55 und das Jahrhundert zwischen
1810 und 1914 gar als ))Hochklassik(( erscheint, dann ist eine
solche Blütephase nicht von der 1848/ 49 nur vorübergehend
unterbrochenen Beziehungsgeschichte zwischen (Obrigkeits-)
Staat und Universität abzukoppeln. Diese Geschichte ist einge-
spannt zwischen zwei Pole, bezeichnet durch den liberalen
Staatsmann Wilhelm von Humboldt, für den der Staat in Fragen
der Wissenschaft nichts zu suchen hatte, der aber selbstver-
ständlich mit dem Berufungsrecht des Staates die Korporation
vor ihren eigenen Unzulänglichkeiten schützen wollte,56 und
den )'a llmächtigen(( Ministerialdirektor im preußischen Kultus-
ministerium Friedrich Althoff, dessen so gar nicht auf die Ideale
von 1848/ 49 eingeschworenes ),System(, die Effizienz der deut-
schen Hochschullandschaft um 1900 in einer zuvor wie danach
einzigartigen Weise steigerte. 57 Daß dieses System zwei Seiten
hatte, daß die ihm innewohnende Tendenz zur Bürokratisie-
rung Effizienzsteigerung mit selbstherrlicher Mißachtung von
Persönlichkeitsrechte n verknüpfte, das haben kritische Zeitge-
nossen gesehen und auf eben jenen Obrigkeitsstaat zurückge-
führt. ss In der Regel scheint aber die deutsche Universität solche
Widersprüche verdrängt zu haben. War es ein Mißverständnis,
war es Selbstbetrug oder war es Geschichtsklitterung, wenn
Eduard Spranger 1913 schrieb: })In diesen Männern [sc. wie W.v.
HumboldtJlebte also die Überzeugung, daß Forschen und leh-
ren nur in voller Freiheit gedeihen, daß die Universität deshalb
die freiesten Formen erhalten und als ein Staat im Staate be-
trachtet werden müsse. Und darin liegt denn z ugleich, daß die
Prinzipien der liberalen politischen Weltanschauung mit denen
00049~16

156 Rüdiger vom Bruch

identisch sind, auf denen auch die Universität des 19. J a hrhun ~
d erts errichtet wurde. (... ] Es ist bekannt, daß die Versuche, den
Universitäten das konservative Gepräge aufzudrücken, nicht
gelangen, d aß vielmehr im Jahre 1848 - man denke etwa an
Amold Ruge - die alten liberalen Tendenzen mit erneuter Kraft
herausschlugen, und daß die Universitätsprofessoren von den
Göttinger Sieben bis zur Paulskirche und darüber hinaus bis in
die Gegenwart hinein die Träger d es nationalen Liberalismus
gewesen sind((.59

Anmerkungen

I Abgedruckt in: Max Friedländer/ Robert Giseke, Das Wartburgfest


der deutschen Studenten in der P6ngstwoche des Jahres 1848, Leipzig 1848,
S.46.
2 Carl Schurz, Der Studenten kongress zu Eisenach am 25. September
1848. Seine Bedeutu ng und seine Resultate, Bonn 1848.
3 Verhandlungen deutscher Universitätslehrer übe r die Reform der
deutschen Hochschulen in der Versammlung zu Jena vom 21.-24. Septem~
ber 1848, hg. von O. Domrich / H. Häser, Jena 1848.
4 Verhandlungen der Conferenz zur Beratung von Reformen in der
Verfassung und Verwaltung der preußischen Universitäten, Berlin Dec:.
1849.
5 VI;;1. Rudo lph Jun~, Fran kfurter Iloch &:hulplii nc IJS·I 1866, Ldpzi~
1915; grundlegend zu allen fünf Kongressen Karl Griewank, Deutsche Stu-
denten und Universitäten in der Revolution von 1848, Weimar 1949.
6 Vgl. etwa Rai ner Lersch, Wissenschaft und Mündigkeit. Die dida k~
tische Aufgabe der Hochschulreform in demo kratischer Gesellschaft sei t
1848, Bochum 1975; Gerda Bartol, Ideologie und studentischer Protest. Un-
tersuchungen zur Ents tehung deutscher Studentenbewegungen im 19. und
20. ]ahrhundert, München 1977.
7 Vgl. die an eine Max-Weber-These angelehnte empirisch-soziologi-
sche Stud ie von Ma rtin Schmeiser, Akademischer Hasard. Das Berufs-
schicksal der deutschen Universitä t 1870-1920, Stuttgart 1994.
8 Zit. nach Alexander Busch, Die Geschichte des Privatdozenten, Stutt-
gart 1959, S. 130.
9 Zur Analyse de r die Revolutionszeit bestimmenden Handlungsebe-
nen vgl. Wolfram Siemann, Die deutsche Revolution von 1848/ 49, Frank-
furt/M . 19&5.
10 Vgl. Raine r A. Müller, Die d eutsche Universität als Freiheitsraum -
Verfassungen und Parteiprogramme 1848 bis 1949, in: Bemd Rill (Hg.), Frei-
heitliche Tendenzen d er Deutschen Geschichte, Regensburg 1989, 5.62-84.
Die Universitäten in der Revolution 1848/49 157

11 Zitiert nach Siemann, Revolution, S. 124.


12 Ebd., S. 126.
13 Karl-]osep h Humme l, München inder Revolution von 1848/ 49, Göt-
lingen 1987, bes. S. 67-81, 379 ff.
14 Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt
und s tarker Staat, München 1983.
15 Hans-U1rich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bel.. 2: 1815-
1945/ 49, München 1987.
16 H ans-Weme r Prahl, Sozialgeschichte des Hochschulwesens, Mün-
ehen 1978; Ders./ lngrid Schmid t-Harzbach, Oie Universität. Eine Kultur-
und Sozialgeschichte, München 198 1; Thomas Ellwein, Oie d eutsche Uni-
versi tät vom Mittelalter bis zur Gegenwart, 2. überarb. Aufl., Frankfurt / M .
1992; vgl . dagegen den infonnativen Abschnitt zu 1848 bei Rainer A. Müller,
Geschichte de r Universität. Von der mittelalte rlichen Universität z ur d eut-
schen Hochschule, München 1990, S. 78ff.
17 C ha rles E. McClelland, State, Society, and University in Germany
1700- 1914, Cambrid ge 1980, S. 22 1 ff.; Konrad H . ]arausch, Deutsche Stu-
denten 1800-1970, Frankfurt/ M. 1984, S. 47 ff.
18 Neben de r Darstellung der zentralen Kundgebungen durch G rie-
wan k, von einem tragisch endenden, »bürgerlichen« His toriker im Jubilä-
umsjahr 1948 in der SBZ verfaßt, vgl. auch eine (unvollständige) Auflistung
der zahlre ichen Lokalstudien zu SerHn, Sonn, Gießen, Tübingen, Heidel-
berg bei Rüdiger vom Bruch, Uni versitätsreform als soziale Bewegung. Z ur
Nicht-Ordinarienfrage im späten deutschen Kaiserreich, in: Geschichte und
Gesellscha ft 10 (1984), S. n - 91; sowie als erste Gesamtdarstellung die ex-
zellente Monographie von Heide Thielbeer, Universität und Politik in der
Deutsche n Revolution von 1848, Bonn 1983.
19 Z ur generellen Orientierung vgl. Georg Jäger / Heinz-Elmar Teno rth,
Pädagogisches Denken, in: Karl-Ernst ]eism ann/Peter Lundgreen (H g.),
Handb uch de r deutschen Bildungsgeschichte, Bd . 1lI (1800-1870), Mün-
che n 1987, S. 71-104, sowie R. Steven Turner, Universitäten, in: ebd., S. 221-
249.
20 Vgl. Gert Schubring (Hg.), .. Einsamkeit und Freiheit" neu besichtigt.
Universitätsreformen und Disziplinenbildung in Preußen als Modell für
Wissenschaftspolitik im Europa des 19. Jahrhunderts, Stuttgart 1991.
21 Wilhelm Kahl, Geschichtliches und Grundsätzliches aus der Gedan-
kenwelt übe r Universitä tsreformen. Rede zur Gedächtnisfeier des Stifters
der Berliner Universität Friedrich Wil helm 111. in der Aula am 3.8.1909, Ser-
lin 1909.
22 Ebd., S. 17, 27; vgl. auch vom Bruch, Universitätsrefo rm, S. n f.
23 Rudolf Haym, Die d eutschen Universitäten im neunzehnte n Ja hr-
hundert, in: Preußische Ja hrbücher 2 (1858), S. 107-141 , Zitat S. 135.
24 Ebd., S. 132.
25 Ebd., S. 128.
26 Ed uard Spranger, Wandlungen im Wesen der Universität seit 100
Jah ren, Leipzig 1913, S.35.
27 Carl He inrich Hecker, Vom Wesen derdeutschen Universitä t, Leipzig
1925, S. 7.
158 Rüdiger vom Bruch

28 Vgl. Wollgang Hardtwig, Sozialverhalten und Wertewandel der ju-


gendlichen Bildungsschicht im Übergang zur bürgerlichen Gesellschaft
(17.-19. Jahrhundert), in: Vierteljahrschriit für Sozial- und Wu1schaftsge-
schichte 73 (1986), S. 305-335; Ders., Krise de r Universität, studentische Re-
fonnbewegung (1750-1819) und die Sozialisation der jugendlichen deut-
schen Bildungsschichi, in: Geschichte und Gesel lschaft 11 (1985), S. 155-176.
29 Eine Edition der wichtigsten Denkschriften nebst ergänzenden Kor-
respondenzen und Rezensionen besorgte zuletzt Ernst Müller (Hg.), Gele-
gentliche Gedanken über Universitäten von Engel, Erhard, Wolf, Fichte,
5chleiennacher, Savigny, v. Hurnboldt, Hege!, Leipzig 1990; zur Gewich-
tung dieser Anregungen im Sinne einer realitätsfonnenden Verankerung
der sog... Humboldt-Universität.. als eine Kanl-5chleiennacher-Universität
vgl. Rüdiger vom Bruch, A Slow Farewell to Humboldt? Stages in the Hi-
story of German Universities. 1810-1945, in: Mitchell G. Ash (Hg.), German
Universities. Pas t and Future - Crisis or Renewal, Providence 1997, S. 3-32.
30 Vgl. etwa Diele r Düding/ Peter Friedemann/ Paul Münch (Hg.), Öf-
fentliche Festkultur. Politische Feste in Deutschland von de r Aufklärung bis
zum Ersten Weltkrieg, Hamburg 1988, hier insbesondere den Beitrag von
Wolfram Siemann, Krieg und Frieden in der historischen Gedenkfeier des
Jahres 1913, S. 298-320.
31 Vgl. immer noch Frilz K. Ringer, Die Gelehrten. Der Niedergang der
deutschen Mandarine 1890-1933, Stuttgarl 1983.
32 Vgl. Manfred Brümmer, Staat konlra Universität: Die Universität
Hal1e-Wittenberg und die Karlsbader Beschlüsse 1819-1848, Weimar 1991.
33 Vgl. Hummel, München, S. 67.
34 Vgl. Jarausch, Studenten; sowie als eine (bedenklich unkritische)
Binnenansicht Paulgerhard Gladen, Gaudeamus igitur. Stude ntische Ver-
bindungen - einst und jetzt, München 1986.
35 Vgl. aus der umfangreichen Literatur etwa Hans Fens ke, Gelehrten-
politik im liberalen Südwesten. 1831}-1880, in: Gustav Schmidt / Jöm Rüsen
(Hg.), Gelehrtenpolitik und politische Kultur in Deutschland 1830-1930,
Bochum 1986, S. 39-58; sowie als eine den Vormärz mit dem Revolutions-
geschehen verzahnende lokale Fallstudie Eberhard Sieber, Der politische
Professor um die Mitte des 19. Jahrhunderts, in: 500 Jahre Eberhard-Karls-
Universi tät Tübingen, hg. von Hansmartin Dccker-Hauff/ Gerhard Ficht-
ner / Klaus Schreiner, bearb. von W!lfried Setzler, Tübingen 1977, S. 285-306.
36 Zum Gesamtkomplex der Normierung von Prüfungen vgl. Peler
Lundgreen, Zur Konstituierung des »Bildungsbürgertums«: Berufs- und
Bildungsauslese der Akademiker in Preußen, in: Wemer Conze/ Jürgen
Kocka (Hg.), Bildungsbürgertum im 19. Jahrhundert, Teil I: Bildungssystem
und Professionalisierung in internatio nalen Vergleichen, Stuttgart 1985,
S.79-108.
37 Vgl. aus der reichen Literatur besonders: Die Göttinger Sieben. An-
sprachen und Rede n anläßlich der 150. Wiederkehr ihrer Protestatio n (Göt-
tinger Universitätsreden, H .S5), Göttingen 1988; Rudolf von Thadden, 1837
- die Universität im Königreich Hannover, in: Bemd Moeller (Hg.), Statio-
nen der Gö ttinger Universitälsgeschichte, Götlingen 1988, S.46-67; Hart-
mut Boockmann, Göttingen. Vergangenheit und Gegenwart einer europäi-
schen Universität, Göttingen 1997, S. 42 ff.
Die Universitäten in der Revolution 1848/49 159

38 Zur österreichischen Entwicklung vgl. Silvester Lechner, Gelehrte


Kritik und Res tauration: Mettemichs WlSSenschafts- und Pressepolitik und
die Wiener »Jahrbücher der Literatur« (1818-1849), Tübingen 1977; Hans
Lentze, Die Universitätsrefonn des Ministers G raf Leo Thun-Hohenstein,
Graz 1962; Walter Höflechner, Die Baumeister des künftigen Glücks. Frag-
ment einer Geschichte des Hochschulwesens in ÖSterreich vom Ausgang
des 19. Jahrhunderts bis in das Jahr 1938, Graz 1988.
39 Vgl. Erich J.e. Hahn, The Junior Facult y in ,.Revolt,,: Reform Plans
for Herlin University in 1848, in: American Historical Review 82 (1977),
S.875-895.
40 Zur Entlastung des Anmerkungsapparats wird fü r das folgende auf
die zahlreichen Spezialuntersuchungen hingewiesen (vgl. Anm. 18), insbe-
sondere auf das von Heide lhielbeer präsentierte Material.
41 Einzelnachweise bei Thielbeer, Universität, S. 91 ff.
42 Zu München vgl. neben Hummel auch Wolfgang König. Universi-
tätsreform in Bayern in den Revolutionsjahren 1848/ 49, München 1977; zu
Tübingen Eberhard Sieber, Stad t und Universität Tübingen in der Revolu-
tion vo n 1848/ 49, Tübingen 1975; Ders. (Hg.), Dokumente zur gescheiterten
Tübinger Universitätsrefonn in der Revolution von 1848/ 49, Tübingen
1977.
43 Vgl. Thielbeer, Universität, S. 58 ff.
44 Vgl. Ja rausch, Studenten, S. 52lf.
45 Thielbeer, Universität, S. 140.
46 Auf die verwickelten Detailfragen in den Hochschulreform-Ausein-
andersetzungen kann h ier nicht eingegangen we rden, vgJ. hierzu Grie-
wank, Jarausch und lhielbeer.
47 Vgl. Thielheer, Universität, S. 128 ff.; sowie als Anhang 11 d ie berufs-
biographischen Lis ten, S. 250-254.
48 Friedländer/Giseke, Wartburgfest, S. 11 .
49 Ebd., S. 59.
50 Robert Giseke, Die Entwicklung der demokratischen Partei in Bres-
lau, in: Grenzboten, 2. Sem., 111. Band, Leipzig 1848.
51 Richard und Rohert Keil, Geschichte des Jenaer 5tudentenlebcns
1548-1858, Leipzig 1858, 5.628.
52 Vgl. zum späten Kaiserreich vom Bruch, Universitäts reform; ferner
als (nur teilweise realisiertes) Konzept für Reformen in der Weimarer Repu-
blik earl Heinrich Becker, Gedanken zur Hochschu lreform, Leipzig 1919.
53 Vgl. König, Universitätsreform, S. 273.
54 Ebd., 5. 274; dies im Anschluß an Norbert Andemach, Der Einfluß
der Parteien a uf das Hochschulwesen in Preußen 1848-1918, Göttingen
1972.
55 Peter Moraw, Aspekte und Dimensionen älterer deutscher Universi-
tätsgeschichte, in: Peter Moraw / Volker Press (Hg.), Academia Gissensis.
Beiträge zur älteren Gießener Universitätsgeschichte, Marburg 1982,5. 1-
43.
56 Vgl. Wilhelm von Humboldt, Über die innere und äußere Organisa-
tion de r höheren wissenschaftlichen Anstalten in Herlin, in: Schriften zur
Politik und zum Bildungswesen (Wilhelm von Humboldt, Werke in fünf
OOQ49J7b

160 Rüdiger vom Bruch

Bänden. Bel. 4). Darmstadt l 1969. 5 . 255-266; Wilhelm von Humboldts Uni-
versitätsidee - ihre Bedeutung für die Hochschulbildung heule. Berlin 1988;
Günther Hool. Umden Zustand der Universität zum Besseren zu reformie-
ren. Aus acht Jahrhunderten Universitätsgeschichte. Wien 1994.
57 Vgl. Bemhard vom Brocke (Hg.), Wisse:nschaftsgeschichte und \o\Iis-
senschaftspolitik im Industriezeitalter. Das ..System Althoff.. in historischer
Perspektive, Hildesheim 1991 ; Bemhard vom Brocke/ Peter Krüger (Hg.).
Hochschulpolitik im Föderalismus. Die Protokolle der Hochschulreferen-
ten der deutschen Bundesstaaten und ÖSterreichs 1898 bis 1918. Berlin 1994.
58 Vgl. Rüdiger vom Bruch, Max Webers Kritik am ..System Althoff.. in
universitätsgeschichtlicher Perspektive. in: Berliner Journal für Soziologie
5 (1995), S. 313-326.
59 Spranger. Wandlungen. S. 12 f.
Konrad Canis

Die preußische Gegenrevolution


Richtung und Hauptelemente der Regierungspolitik
von Ende 1848 bis 1850

In seiner Säkularbetrachtung zur Revolution fand es Friedrich


Meinecke vor fünfzig Jahren eine »rätselhafte Tatsache«, »daß
diese ganze Revolution von ]848 im Anfang so leicht siegen und
in ihrem weiteren Verlaufe dann mit verhältnismäßig geringer
Mühe niedergeworfen werden konnte.<,1 Meineckeempfahl, sich
der Haltung des deutschen Bürgertums zuzuwenden, wollte
man das Rätsel lösen. Das ist inzwischen in der Forschung viel-
fach geschehen, ohne daß das Rätsel ganz gelöst worden wäre.
Für eine Antwort auf Meineckes Frage ist es daher geboten, den
Rahmen weiter zu stecken und neben einer veränderten Einstel-
lung des Bürgertums in Deutschland am Ende der Revolution
auch das gegenüber dem März 1848 rapide gewandelte Verhal-
ten der preußischen Regierung zu beachten.
Anfang 1848 waren di~ Widersprüche zwischen den einzel-
nen Richtungen 'der Opposition gegen das herrschende System
vorübergehend in den Hintergrund getreten, weil dessen Un-
fähigkeit zum sozialen und politischen Wandel die tiefe Krise
von Staat und Gesellschaft auf die Spitze trieb. In Berlin war es
vor dem 18. März die Militärführung, die mit blutigen Exzessen
die unterschiedlichen Bewegungen geradezu in die gleiche
Richtung provozierte und dadurch das revolutionäre Gesche-
hen in Gang setzte.
Das liberale Bürgertum sah sich anschließend seinen Zu-
kunftsvorstellungen näher als je zuvor. Emporgetragen durch
eine Revolution, die es nicht gewollt hatte, sah es den Weg für
den Wandel frei - und zwar einen tiefergreifenden Wandel, als
es ihn vor der Revolution in seinem Streben nach politischer
Mitbestimmung dem alten System offeriert hatte.
Für einen Teil der Eliten dieses geschlagenen, aber weitge-
hend funktionsfähig gebliebenen Systems bedeutete dieser
162 Koruad Canis

Trend Gefahr und Chance zugleich. Bei diesem Personenkreis


leitete die Schockwirkung der Revolution einen ProzeB des
Umdenkens ein, der beträchtliche Wirkung erlangen sollte. Fle-
xibilität und Reformbereitschaft traten an die Stelle verstockter
Starrheit. Dieser Prozeß verlief freilich bei den Repräsentanten
des Hofes, des Militärs, der Bürokratie und des Großgrundbe-
sitzes keineswegs einheitlich. Oft spielte die Taktik eine Rolle,
wenn diese nun plötzlich sich zu 8efünvortern des konstitutio-
nellen Prinzips aufschwangen. Doch besonders im Militär und
in der Bürokratie wirkten teilweise durchaus noch Id een der
Reformzeit nach, und solche Wortführer, die vor der Revolution
eher im Hintergrund gestanden hatten, traten nun nach vorn.
Die Camarilla, das informelle Zentrum dieser konservativen
Bewegung, inspirierte nach der Märzrevolution die konzeptio-
nelle Debatte um eine für Adel und Monarchie akzeptable
Spielart des Konstitutionalismus. Auch die Anfang November
eingesetzte Regierung der Gegenrevolution bewegte sich auf
dieser Linie - schon deshalb, weil die Minister d er hohen Bü-
rokratie, der Generali tät und dem Wirtschaftsbürgertum ent-
stammten.
Diese Blickrichtung deutet darauf hin, daß das Bürgertum
der Hauptadressat der konservativen Bes trebungen war. Es
sollte rechts· und machtpolitisch partiell zufriedengestellt, je-
doch langfristig zu einem sekundären Bündnispartner dome-
stiziert werden.
Die erste Phase der Gegenrevolution - von Anfang Novem-
ber 1848 bis Mitte Januar 1849 - begann, als General Friedrich
Wilhelm Graf von Brandenburg das Ministerpräsidentenamt
übernahm und mit einem Staatsstreich die preußische Konsti-
tuante ausschaltete. Er vertagte und verlegte sie zunächst. Zu-
gleich bot sich die Regierung jedoch auf drei Ebenen dem Bür-
gertum als Bundesgenosse an und konnte dabei von dem ent-
scheidenden Vorteil ausgehen, auch nach der Mä rznied erlage
über die staatlichen Machtapparate zu verfügen. Erstens setzte
sie auf Kooperation bei einer gewaltsamen Niedervverfung der
Revolution . Die Basis dafür war das gemeinsame Interesse, das
System der sozialen Ungleichheit und besonders die bestehen-
de Eigentumsordnung zu bewahren. Zweitens bekannte sie
sich zu einer monarchischen Spielart des konstitutionellen Sy-
stems, die die Krongewalt in das Machtzentrum rückte, den
parlamentarischen Lnstanzen jedoch ein Mitspracherecht ein-
Die preußische Gegenrevolution 163

räumte. Drittens sprach sie sich für einen preußisch-deutschen --


Bundesstaa t aus, der die nationalen Einheitsforderungen mit
d em Ziel einer Hegemonie des preußischen Staa tes in Deutsch-
land verband .2
Eine von der Regierung konzipierte Erklärung König Fried-
rich Wilhelms IV. vom 8. November 1848 formulierte diese zen·
tralen Vorhaben: es gehe darum, die Souveränität der Krone ge-
gen den Sou veränitätsanspruch des preußischen Parlaments zu
wahren und dieses bei Widerspruch aufzulösen; Preußen als
Großmacht zu rehabilitieren, indem es die Stü tze »der werden·
d en Einheit Deutschlands« bei »Souveränität seiner Könige und
Fürsten •• bilde und die Paulskirche auf die Grenze der Verfas·
sungsvereinbarung zurü ckverweise; gegen Rebellion »mit
rücksichtsloser Energie« einzuschreiten.)
Die Regierung hatte es in diesem Augenblick vor allem mit
zwei unterschiedlichen Tendenzen im Bürgertum zu tun. Wäh·
rend bildungsbürgerliche Eliten in den Parlamenten, besonders
in der preußischen verfassungsgebenden Versammlung und
d ort initiiert vor allem durch die demokratische Linke, in Rich·
tung auf ein bürgerlich-parlamentarisches System drängten
und des halb die konservative Regierungsseite zum Handeln
zwangen, beklagten Unternehmer verminderte Umsätze, die
sie auf die anhaltende pol itische Unruhe und Instabilität scho-
ben." Das Verlangen na ch Ruhe und Ordnung gewann im
Herbst 1848 generell breitere Wirkung, erfaBte auch kleinbÜr·
gerliche und bäuerliche Kreise und wurde zu einem sozialen
Ferment der Gegenrevolution in einem doppelten Sinne. Es
schwächte die Basis d er revolutionären Bewegung. Zugleich
konnte die Regierung der Staatsstreichpolitik breitere Resonanz
sichem, indem sie die »zweite« Revolution als Gefahr überhöh·
te und instrumentalisierte.
Die Rechnung ging auf. Anders als im März vermied die Re-
gierung, als sie die Konstituante ausschaltete, jegliche Provoka-
tion. Es gelang, Berlin ruhig zu halten. Gleichwohl waren alle
Vorkehrungen ge troffen, Störungsversuche im Keim zu er-
sticken.5 Proteste gab es in manchen Provinzen, besonders in
Schlesien und Sachsen. Gegen sie wu rde Militär eingesetzt. Die
Geister schieden sich, als die linke Majorität der Konstituante
als ihren letzten Beschluß die Steuerverweigerung durchsetzte.
Im liberalen Bürgertum wuchs die Distanz zu dieser Versamm-
lung rapide.6
00049~76

164 Koruad Canis

Das galt besonders für die Liberalen in der Nationalver-


sammlung in Frankfurt. Ihre Kritik resultierte freilich nicht al-
lein aus dem Linkstrend der preußischen Konstituante, sondern
auch aus ihren eigenen deutschland politischen Vorstellungen.
In ihrer Mehrheit standen diese Liberalen in großdeutscher
Reichstradition. Als später allein die kleindeutsche Lösung rea·
listisch schien, schwebte ihnen zwar, so illusionsreich das an-
mutet, ein preußisches Reichsoberhaupt vor, jedoch nicht eine
Hegemonie des preußischen Staates, vielmehr ein parlamenta-
risches Deutschland, in das Preußen weitgehend aufgehen soll-
te? Noch am 8. Dezember verlangte Heinrich von Gagern, daß
Preußen zum Ausgleich dafür, daß es das Reichsoberhaupt
stellte, nsich ganz und unbedingt der Nationalversammlung
und der Zentralgewalt [... ] anschlösse<,.8
Drei Tage zuvor hatte die Berliner Regierung eine Verfassung
für Preußen oktroyiert, und auch sie besaß ihre deutschland po-
litische Komponente. Ein modemes, lebensfähiges, eigenstän-
diges konstitutionelles Preußen sollte sich als Partner der Ver-
einbarung mit größerem Gewicht als bislang der Paulskirche
präsentieren. Die Paulskirche hat, so scheint es, dieses Faktum
wenig reflektiert; sie befand sich freilich in einer Zwickmühle,
konnte sie doch den - zwar begrenzten - Fortschritt der Kon-
stitution nicht gut mißbilligen.
Es handelte sich um eine Verfassung nach monarchisch-kon-
stitutionellem Muster. Die exekutive Gewalt stand allein dem
König zu, nur er durfte Minister ernennen und entlassen. Die
gesetzgebende Gewalt übte er gemeinsam mit dem Landtag
aus. Mit seinem absoluten Vetorecht vermochte er jedoch Ge-
setzesbeschlüsse der Kammern abzuweisen und mit seinem
Notverordnungsrecht Regelungen mit faktischer Gesetzeskraft
ohne das Parlament zu erlassen. So gab es weder Gewaltentei-
lung noch parlamentarische Ministerverantwortlichkeit. Bür-
gerliche Grundrechte wurden geWährt, d och gewichtige Aus-
nahmeparagraphen eingebaut, durch die sie in Zeiten der Krise
leicht außer Kraft gesetzt werden konnten. Ein Revisionsvorbe·
halt sollte spätere Korrekturen ermöglichen. 9
Manchen Politikern des Camarillakreises, die für eine strikte
Konterrevolution und ständ ische Rezepte votierten, ging das,
was die Verfassung zugestand, entschieden zu weit und in die
fal sche Richtung. So markiert der Verfassungserlaß den Aus-
gangspunkt für einen tiefen Widerspruch zwischen einer hoch -
49J7b

Die preußische Gegenrevolution 165

konservativen Strömun~ die am Hofe, unter dem Landadel


und in Teilen des höheren Staatsapparats starken Einfluß besaß,
und der reaHtätsbezogenen, flexiblen reformkonservativen Po-
litik der Regierung. Er vertiefte sich rasch, als er sich auf die
DeutschJandpolitik ausdehnte, und führte in den beiden fol-
genden Jahren öfters geradezu zur Lähmung der Regierungs-
politik. »Nicht das Beste, das Mögliche sei zu tun«, mahnte
Brandenburg das Haupt der Camarilla, den General Leopold
von Gerlach. 1o Doch zu beeindrucken vermochte er ihn nicht.
Dagegen traf im Bürgertum die Verfassung auf viel Akzep-
tanz. Ihr geistiger Vater, Friedrich Julius Stahl, veröffentlichte
zwei Tage nach der Oktroyierung eine Flugschrift, in der er ihre
Prinzipien auf die Formel brachte: »Eine Gewähr der Ordnung
des Ganzen und der Stellung und des Besitztums des Einzelnen
bietet nur eine selbständige starke königliche Gewalt.(]] Es wa-
ren naturgemäß mehr gemäßigte als linke Liberale, die zu-
stimmten.]2
Die Regierung ließ der Verfassung eine,Yielzahl praktischer
Schritte folgen, um die innere Konsolidierung fortzuführen. Sie
drücken das politische Profil des Staatsministeriums ebenso
wie seine Strategie und Taktik besonders anschaulich aus. Er-
stens leitete es mit kleinen und mittleren Nachbarstaaten, zuerst
mit Anhalt-Dessau, dann mit beiden Mecklenburgs, Verhand-
lungen ein, die eine Kooperation des Militärs herbeiführen soll-
ten, um revolutionäre Aufstände niederzuschlagen.13 Zweitens
ging die Regierung in der praktischen Innenpolitik daran, die
staatlichen lnstanzen mit administrativen Mitteln die in der
Verfassung gewährten Freiheiten demonstrativ und restriktiv
begrenzen zu lassen . Die Behörden wurden zu einer »kräftigen
Handhabung« der gesetzlichen Ordnung ebenso aufgefordert
wie zur Entlassung von Beamten, ,)welche dieser Anforderung
nicht genügen «. Administrativ eingeschränkt wurden beson-
ders die Presse- und die Versammlungsfreiheit. ]4 Drittens muß-
te der Regierung daran liegen, aus der Ende Januar 1849 bevor-
s tehenden Wahl zum Landtageine starke konservative Fraktion
hervorgehen zu lassen, um die beabsichtigte Verfassungsrevi-
sion n icht nach links ausufern zu lassen. Da diese Wahlen nach
allgemeinem und gleichem Wahlrecht stattfanden, sollten sozi-
alpolitische Initiativen die Ernsthaftigkeit des Reformansatzes
unterstreichen. Ein Handwerkerparlament wurde einberufen,
um eine neue Gewerbeordnung vorzubereiten. Einen ers ten
166 Konrad Canis

Schritt bedeuteten die im Februar 1849 eingeführten Gewerbe-


räte und Gewerbegerichte. Die gegen den Staatsstreich rebellie-
renden Bauern in Schlesien erhielten eine Regelung der Ablö-
sung zu günstigen Sätzen versprochen. IS Bereits Anfang des
neuen Jahres traten dort staatliche Kreisgerichte an die Stelle
von etwa 2000 Patrimonialgerichten.
In der zweiten Phase der Gegenrevolution - von Mitte Januar
bis Ende April 1849 - stand die deutsche Politik im Mittelpunkt.
Wenn das Kabinett dafür die Kooperation mit der Paulskirche
suchte, ergab sich das nicht allein aus dem Bestreben, die Libe-
ralen für den eigenen Kurs zu gewinnen. Vielmehr traf Leopold
von Rankes Begründung für eine preußisch-deutsche Initiative,
zu derer im Oktober 1848 in einer Denkschrift die Staatsführung
aufforderte, im neuen Ministerium eine verbreitete Grundstim-
mung: im Blick auf die deutsche Nationalbewegung und die Pra-
xis des Zollvereins konstatierte Ranke die längst zwischen
Deutschland und Preußen bestehende gegenseitige Durchdrin-
gung, die einen wachsenden Teil seiner Macht und europäischen
Bedeutung in seinen Zusammenhang mit Deutschland verlage-
re.16 Es sind zugleich Ansätze der Erkenntnis, die über ein Jahr-
zehnt später Bismarck leitete: in einer Zeit raschen gesellschaft-
lichen Wandels mit einer preußischen Deutschlandoffensive
auch die Lebensfähigkeit einer nur partiell modemen preußi-
schen Monarchie unter Beweis zu stellen. Der Zollverein erwies
sich dafür als wichtiges Instrument, bewies er doch auf materi-
eUem Gebiet, wie effizient und zukunftsträchtig nationale Kon-
zentration unter preußischer Hegemonie war.
Ministerpräsident Brandenburg war überzeugt, Preußen
werde den vollen Sieg über die Revolution erst »durch Aufstel-
lung einer neuen Schöpfung« gewinnen Y Die kleindeutsche
Bundesstaatslösung, die er anvisierte, war freilich nicht iden-
tisch mit dem Konzept der Paulskirche. Für ihn galt als Haupt-
ziel, die Hegemonie des preußischen Staates in Deutschland,
und damit einen Zugewinn an Macht und Stabilität für Preußen
durchzusetzen.
Es fehlen genauere Analysen darüber, wie weit nationales Be-
wuBtsein Eingang in die konservativen Strömungen gefunden
hat. Da die Revolution bei den Konservativen zuerst eine von
preußischem Patriotismus geprägte partikularstaatliche Ab-
wehrreaktion hervorrief,18 konnte eine Verkoppelung des bun-
desstaatlichen Ziels mit der preußischen Hegemonie bei ihnen
49J76

Die preußische Gegenrevolution 167

am ehesten auf Akzeptanz rechnen. Bismarck hat den »preußi-


schen Patriotismus(, Brandenburgs in den Befreiungskriegen
verwurzelt gesehen und fand ihn schon deshalb von »deut-
schem Nationalgefühl durchsetzt" .19
Preußen leitete seine Initiative mit der Zirkulardepesche
vom 23. Januar ein, nachdem die Wiener Regierung klarges tellt
hatte, daß sie lediglich zu einem revidierten Staatenbund zu·
rückkehren wolle. Berlin indes nahm nun die von Heinrich von
Gagern stammende Doppelbundsidee auf. Ein "engerer« Bund,
faktisch ein preußisch-kleindeutscher Bundesstaat, sollte mit
Österreich einen Staatenbund bilden. Für dieses Ziel sollten
Verhandlungen eingeleitet werden mit Wien, Frankfurt und
den Bundesstaaten.
Doch das Verhältnis zu ÖSterreich verschlechterte sich rasch.
Ministerpräsident Felix Fürst Schwarzenberg hielt rigoros an
seiner strikten Ablehnung eines Bundesstaates fest. "Wir wür-
den es eher aufs äuBerste ankommen lassen«, drohte er der Re-
gierung in Berlin.20 Am 9. März bot er an, mit der gesamten
Habsburgermonarchie in den Deutschen Bund einzutreten. Auf
Zustimmung in den Einzelstaaten, auch in der Bevölkerung,
besonders in Süddeutschland, in denen landesspezifisch ge-
prägtes Bewußtsein gewachsen und eine preußische Lösung
wenig populär waren, konnte eine solche Idee durchaus rech-
nen. ln ihr jedoch die weitreichende, kühne Zukunftsaltemative
eines 70-Millionen-Reiches zu sehen,21 scheint eine erstaunliche
Interpretation, handelte es sich doch, zumal in dieser frühen
Phase, um eine von Abwehr motivierte, nicht ausgereifte und
durchkonstruierte Idee, die wohl allein das Ziel verfolgte, die
Frankfurter und die Berliner Pläne zu durchkreuzen.
Widerspruch gegen die preußische Deutschlandpolitik kam
auch von den europäischen Großmächten. Das Gleichgewicht
der groBen Mächte hatte bislang auf der Vielfalt MitteJeuropas,
der Zersplitterung Deutschlands beruht. Hatten sich die großen
Mächte bereits g~gen jeden Wandel gestellt, der Schwerkraft im
europäischen Zentrum zu konzentrieren drohte, verstärkten
sich ihre Vorbehalte jetzt noch, weil dieser Wandel mit einer
Revolution verknüpft war, oder, genauer, aus ihr hervorzuge-
hen drohte. Den schärfsten Einspruch dabei formulierte die rus-
sische Führung. Sie verwarf das preußische Ziel, indem sie den
Nationalstaat generell als Werk der Revolution desavouierte.
Sie verlangte, Front zu machen gegen die Paulskirche, und ver-
00049~76

168 Konrad Canis

sprach militärischen Beistand, was nichts anderes als die ver-


steckte Drohung bedeutete, militärisch zu intervenieren. Fak-
tisch beanspruchte sie über das östliche Mitteleuropa eine he-
gemoniale Stellung. Sie zu konservieren war doppelt motiviert,
außenpolitisch wie gesellschaftlich. Rußland sollte abgeschirmt
bleiben gegenüber dem gesellschaftlichen WandeL 22
Von Frankfurt aus lief der Druck auf Preußen in entgegenge-
setzter Richtung. Eine knappe Mehrheit der Nationalversamm-
lung bot Ende März dem preußischen König die Kaiserkrone
an. Doch zugleich zielte sie darauf, die von ihr erarbeitete
Reichsverfassung in eigener Souveränität in Kraft zu setzen, in-
dem sie mit dem Angebot der Krone faktisch verlangte, die
Konstitution zu akzeptieren. Diesen Bruch des Prinzips der Ver-
einbarung hinzunehmen, war die preußische Regierung nicht
nur aus grundsätzlichen, sondern auch aus spezifischen Erwä-
gungen nicht bereit, hatten doch die Gagern-Liberalen, um sie
zur Zustimmung zum Erbkaisertum zu bewegen, der demokra-
tischen Fraktion Simon Konzessionen in zwei Grundsatzfragen
der Verfassung gemacht, die Brandenburg für unannehmbar
hielt: das suspensive Veto des Kaisers trat an die Stelle des ab-
soluten Vetos und das allgemeine und gleiche Wahlrecht an die
Stelle des Zensus-Wahlrechts.
So fiel die Antwort des Königs eher ablehnend aus, eindeutig
war sie nicht. Sie war, vor allem auf Betreiben der Regierung,
hinhaltend. Noch suchte Brandenburg den Bruch mit der Pauls-
kirche zu vermeiden. Gegen den Souveränitätsanspruch der
Nationalversammlung setzte er noch einmal das Vereinba-
rungsprinzip und den »Antrag der deutschen Regierungen«.23
Gerade auf diese Regierungen wuchs indes der Druck ihrer
Parlamente und der öffentlichen Stimmung. 28 Regierungen
stimmten der Kaiserwahl zu, zugleich aber auch - ohne Bedin-
gung - der Reichsverfassung. Die vier Königreiche lieBen Berlin
nicht im Zweifel darüber, daß sie ihr negatives Votum nur noch
aufrechterhalten woHten, wenn Preußen mit der Ablehnung der
Verfassung vorausging. Zuletzt zeichnete sich auch in beiden
preußischen Kammern ein positives Votum zur Frankfurter
Reichsverfassung ab.
Hält man sich diese Konstellation der politischen Kräfte Mitte
April in Deutschland vor Augen, drängt sich der Eindruck auf,
daß es eine reelle Chance für den Frankfurter Bundesstaats- und
Verfassungsplan gab - vorausgesetzt, Preußen nahm das Ange-
49~7b

Die preußische Gegenrevolution 169

bot und die Verfassung an. Ein Übergang auf friedlichem, vor-
w iegend parlamentarischem Wege zu einer bürgerlich-parla-
mentarischen Monarchie schien au f einmal möglich . Es waren
deshalb auch nicht in erster Linie die erwähnten gravierenden
Korrekturen in der Verfassung - über die eine Einigung noch
keineswegs ausgeschlossen war-, durch die sich die preußische
Regierung zur Absage an Frankfurt gezwungen sah, sondern d er
ganze inzwischen von der Pauls kirche dominierte politische
Prozeß, der seinen Lauf zu nehmen drohte, die Konstellation der
politischen Kräfte insgesamt. Alles spitzte sich in dieser drama-
tischen Situation auf die Kernfrage zu, welche Seite das Gesetz
des Handelns bestimmte, die Paulskirche oder Preußen. Wollte
die preußische Regierung den Staat Preußen in seiner traditio-
nellen Struktur, aber auch in seiner neuen, noch keineswegs s ta-
bilen konservativ-konstitutionellen politischen Spezifik und
wollte sie seine Aussicht auf die Hegemonie in Deutschland be-
wahren, mußte sie d as Paulskirchenangebot ablehnen.
Die folgenden Ereignisse trieben den Grundkonflikt auf die
Spitze. Die Zweite Kammer des Landtages überschritt ebenso
w ie die Paulskirche die Grenzen ihrer Kompetenz. Am 21 . April
nahm d ie Kammer die Reichsverfassung als rechtsgültig an.
Wenige Tage später verlangte sie, den Belagerungszustand in
Berlin aufzuheben . Die Paulskirche forderte die Regierungen,
die noch zögerten, auf, die Reichsverfass ung anzunehmen.
Es war für die preußische Regierung der letzte Augenblick,
um beiden Parlamenten die Initiative zu entwinden. Am
27. Ap ril löste sie den Landtag auf. Einen Tag später wies sie
das Angebot der Kaiserkrone ebenso zurück wie d ie Reichsver-
fa ssung in ihrer derzeitigen Gestalt. Im Gegenzug forderte sie
die Regierungen der deutschen Staaten auf, mit ihr neue Ver-
handlungen über Bundesstaat und Verfassung aufzunehmen.
Dieser Vorstoß der preußischen Regierung leitete die dritte
Phase der Gegenrevolution - von Ende April bis Juli - ein. Er
sollte gegenüber der Paulskirche und der Reichsverfassungs-
kampagne die Initiative für den eigenen Weg in der Bundes-
staatsfrage zuruckgewinnen. Diesem Ziel war der militärische
Einsatz preußischer Truppen gegen d ie Kampagne eindeutig
untergeordne t, er sollte ihr di enen . Ein Verfassungsentwurf
wurde vorgelegt, d er auf der Frankfurter Konstitution aufbau-
te, mit den wichtigen Korrekturen allerd ings, die die Regierung
immer wieder geltend gemacht hatte: dem absoluten Vetorecht
170 Konrad Canis

d es p reußischen Exekuti v-Oberhaupts und dem Dreiklassen-


wahlrecht für das Volkshaus. Um dessen Kompetenz weiter zu
reduzieren, wurde ein sechsköpfiges Fürstenkollegium vorge-
sch lagen, das sich gemeinsam mit dem Oberhaupt und dem
Reichstag in d ie legislativen Rechte zu teilen hatte.
Doch mehr als die Verfassungsbestimmungen wa r es d ie in-
itiative selbst, d ie die erstrebte preußische Hegemon ie sichern
sollte. Sie bedeutete einen neuen Anlauf, der sich in seiner Ziel-
setzung von der Januardepesche keineswegs entfern te. Diese
Kontinuität der Deutschland politi k der Regierung Branden-
burg gilt es hervorzuheben, weil in der Historiog raph ie die
Unionspolitik in ihrer Eigenständigkeit überbewertet und sie
gewöhnlich auf d en Namen Rad owitz red uziert wird .24 Taf·
sächlich war Radowi tz nur der Beauftragte der Regierung für
die Verhandlungen mit den Bundesstaaten, und Brand enbu rg
ließ den General schon d eshalb gern im Vordergrund agieren,
um in hei klen Si tuationen sich von ihm abgrenzen zu können
und den eigenen Bewegungsspielraum zu bewah ren. Der äu·
ßere Rahmen, d en die Unionspolitik anvisierte, wa r nichts an·
deres als der Gagernsche Doppelbun d, den Brandenb urg im Ja·
nuar 1849 als Hülle für eine p reußische Hegemonie aufgegri f·
fen ha tte.
Nur wenn sie den Vorteil der mi litärischen Präsenz in den
von den Verfassungskämpfen geschwächten Klein· und Mittel·
staaten nutzte, rasch handelte und schnell entschied, solange
sich ÖSterreich auf d en Kampf gegen d ie Revolution in Ungarn
und Italien zu konzentrieren ha tte, meinte d ie Regierung das
Ziel erreichen zu können. Die Hektik der Verhandlungen er·
leichterte es jedoch d en dem Vorhaben Preußens abgeneigten,
allerdings von ihm temporär abhängigen Regierungen Sach·
sens und Hannovers, Scheingefechte zu führen und d en letzten
En tscheid ungen auszuweichen. Umgekehrt erhielt d er Opti·
mismus der Fü hrung in Berlin Auftrieb, als süddeutsche Regie·
rungen von ihr Truppen gegen die Aufstände in Bad en und d er
Pfalz anforderten. Der militärische Erfolg Preußens gewährlei;
ste auch d en po litischen, gab der Ministerpräsident dem als Be-
fe hlshaber nach Süddeutschland entsandten Prinzen Wilhelm
mit au f den Weg.25
Als im Juli 1849 der Aufs tand in Baden militärisch erstickt
war, hatten sich Bayern und Württemberg d em Unionsprojekt
jedoch nicht angeschlossen. Es erwies sich als Fehlei nschät·
49~75

Die preußische Gegenrevolution 171

zung, auf die politische Wirkung der Militärhilfe gleichsam im


Selbstlauf zu setzen; der günstig scheinende Zeitpunkt war
überdies verflossen. Das Ende, das die Volksrevolution fand,
erwies sich nun auch als Riegel für die bundesstaatliche Alter-
native. 26
Es erhebt sich die Frage, ob ein anderer als der von Branden-
burg eingeschlagene Weg gangbar gewesen wäre. Daß es zu
viele und zu starke Gegenkräfte gab, ist nicht zu übersehen.
Lediglich im deutschen Wirtschaftsbürgertum und, halbherzig,
bei den gemäßigten Liberalen fand die Unionspolitik An-
klang.27 Die Schubkraft der nationa len Bewegung blieb ihr we-
gen des Hegemonieziels weitgehend fremd. Besonders in Mit-
tel- und Süddeutsch1and stand Preußen im Ruf, die Dominanz
von Obrigkeit, Bürokratie und Militär in einem konservativen
Staatswesen zu verkörpern und die liberalen Freiheiten und die
historisch gewachsene Eigenständigkeit zu bedrohen. Katholi-
ken befürchteten protestantische Vorherrschaft. Die Regierun-
gen der deutschen Königreiche, die sich allein durch den Druck
der Nationalbewegung auf die Unionsverhand lungen eingelas-
sen hatten, nutzten diese Stimmung, um Zeit zu gewinnen, die
kritische Periode nochmals verstärkter revolutionärer Aktivitä-
ten im Zuge der Reichsverfassungskampagne zu überstehen.
Von Anfang an keinen Zweifel an ihrem entschiedensten Wi-
derspruch ließen die preußischen Hochkonservativen, ÖSter-
reich und Rußland. Es hört sich geradezu fundamentalistisch
an, wenn die »Kreuzzeitung« der Regierung vorhielt, sie habe
das »Knie gebeugt vor dem Popanz der Revolution( und von
ihr verlangte, »die Vermischung der deutschen Einheit mit der
deutschen Revolution« zu korrigieren. 28 Auch im Verhältnis mit
Wien war die Schärfe kaum noch zu überbieten. »Wir werden
nächstens aufeinander schießen((, drohte Schwarzenberg. 29
Auch der Zar kündigte Krieg als »beinahe unvermeidlich« an. JO
Doch war das ernst gemeint? Am Ausklang der Revolution
konnte ein Krieg unberechenbare, gefahrdrohende Folgen zei-
tigen, besonders wenn Rußland ÖSterreich zu Hilfe kam. Zu
erwarten war dann, daß der preußische Staat und die nationale
Bewegung gemeinsam gegen den äußeren Feind kämpften. Ein
Sieg in diesem Kampf konnte durchaus zur Konstituierung ei-
nes preußisch-deutschen Reiches führen, zugleich aber auch
verfassungspolitische Zugeständnisse erzwingen, die bislang
ausgeschlossen waren. Sogar mit einer Neubelebung der Revo-
172 Koruad Ca"is

lution, unter nationalem Vorzeichen, muBte gerechnet werden.


So spricht manches dafür, daß der diplomatische und ideologi.
sehe Druck ÖSterreichs und Rußlands auf Preußen und ihre
nicht einmal verschleierte Kooperation mit den preußischen
Hochkonservativen deshalb so massiv waren, weil sie alle wuß-
ten, über solchen Druck hinaus nicht gehen zu können.
Die Entschlußkraft der Berliner Regierung zu beeinträchti-
gen vermochte dieser massive Widerspruch sehr wohl. Denn
auch ihr verbot sich eine rigorose Offensive aus den gleichen
Gründen wie ihren Gegnem. Auch sie hatte, wenn sie den in-
ner- und außerdeutschen Widersachern entschlossen den
Kampf angesagt hätte, zu bedenken, ob sie der Revolution dann
nicht einen neuen Nährboden verschaffte. So blieben in dieser
instabilen Lage für die Pläne sämtlicher Auguren die Aussich-
ten unsicher. Für die Regierung Brandenburg blieb allein der
eingeschränkte Mittelweg; e r vermied die Extreme und suchte
die begrenzte Kooperation mit allen Seiten außer mit den revo-
lutionären Kräften.
ln der vierten Phase der Gegenrevolution - vom Juli 1849 bis
zum März 1850 - standen die innerpreußischen Fragen im Vor-
dergrund : die Revision der Verfassung und neue Reformgeset-
ze. Die Unionspolitik s tagnierte. Doch diese beiden Bereiche
blieben im Zusammenhang. Da in der neu gewählten Zweiten
Kammer des Landtages die Unionspolitik noch eine Mehrheit
fand, war die Regierung nicht im Zweifel, ihre innenpolitischen
Ziele nur verwirklichen zu können, wenn sie an ihrem deut-
schen Kurs festhielt. 31 Unzweifelhaft: der günstigste Zeitpunkt
für eine Verwirklichung war vorbei. Doch eine Minimalvariante
versuchte die Regierung noch zu retten. Sie mußte auch ihr Ge-
sicht wahren. Und es gab den taktischen, den manipulatori-
schen Aspekt gegenüber den Liberalen.
Zusätzlich geschwächt wurde die Unionspolitik durch die
lnitiativen Schwarzenbergs, die auf vielfältige Weise in den Mit-
tels taaten die Gegenkräfte zu s tärken trachteten. Als erstes
konnte Schwa rzenberg Berlin dafür gewinnen, die provisori-
sche Zentralgewalt in einem Interim bis Mitte 1850 gemeinsam
zu übernehmen. Für ihn bedeutete dies den ersten Schritt zur
Wiederbelebung des Deutschen Bundes. Brandenburg und
Radowitz dagegen interpretierten ein solches Interim als Schritt
in die Richtung des »weiteren Bundes«.J2 Sie verkannten die
Lage, denn für diese Alternative fehlte bei dem Stillstand in der
49~75

Die preußische Gegenrevolution 173

Frage des »engeren Bundes( jegliche Basis. Zweitens operierte


Schwarzenberg nun erfolgreich mit militärischen Hilfszusagen
an die Königreiche. Als Preußen seine Truppen aus Sachsen ab-
zog, um die vor neuen Unruhen besorgte Dresdener Regierung
politisch unter Druck zu setzen, sprang Wien in die Bresche und
konzentrierte Ende 1849 Truppen an der Grenze in Böhmen und
erleichterte Beust den Austritt aus dem Dreiköni.~sbündnis. 13
Im Februar 1850 inspirierte Schwarzenberg ein Ubereinkom-
men der süd - und mitteldeutschen Königreiche gegen die
Unionspolitik. Drittens versuchte er mit einem wirtschaftspoli-
tischen Unterbau dieser Politik zusätzliche Stabilität zu verlei-
hen, indem er den Plan einer mitteleuropäischen Zollunion auf-
griff, den sein Handelsminister Bruck entworfen hatte. Schwar-
zenberg hatte vor allem den Zoll verein im Visier, weil er wußte,
welche tragende Säule des preußischen Hegemonieplans er
darstellte. Zwar bestand im Bürgertum Süddeutschlands eini-
ges schutzzöllnerisches Interesse, doch ernsthaft gefährden
konnte der Vorstoß den Zollverein nicht. Auf dieser Ebene gab
es für Schwarzenberg bislang nichts zu gewinnen. Es blieb da-
bei: das eigene Interesse diktierte fast allen mittels taatlichen Re-
gierungen, sich in der deutschen Frage politisch auf ÖSterreich,
wirtschaftlich auf Preußen hin zu orientieren. 34
Der Stillstand der Unionspolitik wurde zudem genährt
durch einen wachsenden Zwiespalt, der nicht wenige preußi-
sche Konservative besonders aus Armee und Bürokratie gera-
dezu politisch lähmte. Sie konnten das Ziel der preußischen He-
gemonie und die von der Regierung angestrebte Unionsverfas-
sung nicht in Einklang bringen. Entsprechend formulierte
Bismarck im Landtag die Alternative: entweder konservativ-so-
lidarische Kooperation mit ÖSterreich zur Vernichtung der Re-
volution oder preußisch-kJeindeutsche Expansionspolitik ge-
gebenenfalls mit Krieg . Es verwundert nicht, daß er für keinen
der beiden Wege plädierte.lS
Die nationalpolitische Initiative Berlins stagnierte freilich
noch aus anderen Gründen: die innenpolitischen Kontroversen
gewannen in dieser Phase der Gegenrevolution ein solches Ge-
wicht, daß die deutsche Frage auf den zweiten Platz rückte. Als
die Verfassungsrevision Anfang 1850 abgeschlossen war, hatte
die Regierung ihren mittleren, konservativ-konstitutionellen
Weg behaupten können und Korrekturen auf ein Minimum re-
duziert. Der Erfolg resultierte freilich aus einem harten Kampf,
174 Konrad Canis

den sie an zwei Fronten führen muBte: gegen die liberale Linke
und gegen die konservative Rechte. Eine demokratische Linke
gab es nicht mehr. Sie hatte s ich aus Protest gegen das Dreiklas-
senwa hlrecht an der Wahl vom 17. Juli nicht beteiligt und damit
sich und die Liberalen um manche Chancen gebracht. Die Li-
beralen und die Konservativen ihrerseits e rwiesen sich in bei-
den Kammern als äußerst heterogen. Eine starke Stellung besaß
die äußerste, hochkonservative Rechte, auch wegen ihres Ein-
flusses auf den König und am Hofe.
Die Liberalen konzentrierten sich darauf, das absolute Veto-
recht des Monarchen ein wenig zu entwerten und die Parla-
mentsrechte in d er Ste uerbewilligungsfra ge zu stär ken, indem
s ie d em Landtag nun doch eine Art Steuerverweigerungsrecht
zuzubilligen beantragten. Durchsetzen konnten s ie das a ller-
dings nicht.
Viel wirkungsvolle r war de r Vorstoß von hochkonserva ti ver
Seite. In d er deutschen Politik traten sie der Regie rung fun da-
mentaloppositionell entgegen - nun starteten sie auch in der
Verfassungsfrage einen Generalang riff.l6 Beid e Wege sollten
zum gleiche n Ziel führen: zur totalen Restauration . Auch die
Argumente glichen sich auf heiden Feldern: Die Hochkonser-
vativen unte rstellten der Regierung bedenkenlos Näh e zur Re-
volution. Es wäre gewiß verkehrt, darin primä r taktisches Kal-
kül z u sehen . Für sie zeichnete sich vielmehr eine umfassende
Machteinbuße ab. Sie fühlten sich gleichsam doppelt bed roht,
sowohl durch die Oeutschland- als durch die Verfassungspoli-
Hk Brandenburgs. Wie gefährdet s ie ihre Sonderstellung sahe n,
zeigte sich, als sie die Grundrechte ins Visier nahmen. Sie hatten
die oktroyierte Verfassung allein unter taktischem Vorzeichen
verdrossen akzeptiert und als ein Provisorium betrachtet. Wenn
sie nun aufgeregt zeitweilig sogar den Sturz de r Regierung und
ein eigenes Kabinett ins Kalkül zogen, verdeutlicht das freili ch
auch, wie weit s ich ihre Vorstellungswelt von den Realitäten
entfe rnte.
Ihr Revisionseifer konzentrierte sich schließlich a uf d as Ziel,
die Erste Kammer als Stä ndeersa tz personell so z u s trukturie-
ren, daß s ie als Machtorgan des Großgrundbesitzes fu ngieren
konnte. Auch d ieses Ans innen wehrte d ie Regierung ab. Die
Mitgliedschaft in der Kammer richte te sich schließ lich nach
dem Kriterium der Höchstbesteuerung. Das war ein wichtiges
Signal. Denn ebenso wie das Wahlrecht nach Steue rklassen be-
49375

Die preußische Gegenrevolution 175

vorzugte auch diese Entscheidung den gesamten großen Besitz.


So zeigen heide Regelungen, wie die Regierung ihr seit Novem-
ber verfolgtes Ziel, das Bürgertum für ihren Kurs zu gewinnen,
zu ve rwirklichen trachtete. Sie strebte die Symbiose von Groß-
bürgertum und Großgrundbesitz als Herrschaftselite an.
Als alle grundlegenden Revisionspläne gescheitert waren,
raffte sich die hochkonservative Opposition noch einmal zu ei-
nem Totalangriff auf. Der König sollte den Eid auf die Verfas-
sung verweigern.
Diesem Ansinnen widersetzte sich Brandenburg entschlos-
sen. Mit großem Ernst wandte er sich an den König. Eindrucks-
voll beschwor er ihn, die durch die Revolution vorgeprägten
begrenzten inneren und äußeren Alternativen für die preußi-
sche Politik endlich zur Kenntnis zu nehmen; auch Friedrich 1I.,
lebte er heute, würde eine Verfassung geben, ))um nicht wählen
zu müssen zwischen einem anderen siebenjährigen Krieg, der
nicht mehr geführt werden kann, und einem Zurückziehen auf
sich selbst, welches der Weg zum Untergang wäre«.)7 Der König
beugte sich diesen Argumenten. Resigniert notierte Edwin v.
Manteuffel, der Gewährsmann der Camarilla: »Unsere innerste
Überzeugung (ist), (... ] daß Preußen nur durch eine Diktatur
zu retten (... ] is t. « Doch »d ie Zeit, dieser Überzeugung Eingang
zu verschaffen, ist noch nicht gekommen.,.38
Von ihren Verfassungsprinzipien ließ sich die Regierung
auch bei ihren neuen Reformvo rhaben leiten. Eine neue Ge-
meindeordnung, die junkerliche Privilegien im Gutsbezirk re-
duzierte, und ein Grundsteuergesetz, das die Befreiung des
Großgrundbesitzes von dieser Steuer aufhob, vermochte der
konservative Widerstand noch zu verhindern. Generell eta-
blierte sich die lokale ländliche Ordnung noch mehr als bisher
als AuffangsteIlung für die Macht der alten Staatseliten. Doch
das Gesetz, das den noch abhängigen Bauern das Recht gab,
sich von ihren Lasten abzulösen, setzte die Regierung im März
1850 durch :~ Es unterschied sich kaum von der liberalen Vor-
lage Patows aus dem Revolutionsja hr, die damals vom Groß-
grundbesitz heftig bekämpft worden war. An die Stelle der
Landabtretung trat der Loskauf, für den alle Beschränkungen
wegfielen. Der Bauer wurde persönlich frei , und er wurde Ei-
gen tümer. Doch hatte er meist eine neue Abhängigkeit in Kauf
zu nehmen, weil er sich gewöhnlich bei den Rentenbanken ver-
schulden mußte, um sich freizukaufen. Das Gesetz wirkte sich
00049~16

176 Koruad Canis

besonders in der von den Bauernunruhen hauptsächlich betrof-


fenen Provinz Schlesien aus, in der bislang mehr Bauern als an-
derswo noch die Arbeitsrente zu leisten hatten.
Der finanzielle Vorteil führte dazu, daß viele Großagrarier
das Gesetz am Ende billigten. Sie mußten sich wie die Regie-
rung im Landtag von Bismarck, als dem Vertreter der äußersten
Rechten, vorhalten lassen, daß sie die pure Nützlichkeit über
das altetablierte Recht stellten und somit einem revolutionären
Prinzip huldigten.<CO Dessen ungeachtet fiel die Opposition in
diesem FaU schwächer aus als sonst.
Diesem Gesetz kommt in der Geschichteder preußischen Ge-
genrevolution eine wesentliche Rolle zu, denn es gab einen
wichtigen Impuls, die Bauernschaft mit dem Staat auszusöh-
nen. Mehr noch: Es stellte das letzte in einer ganzen Reihe von
sozialpolitischen Gesetzen dar, die im Konnex mit der Verfas-
sungspolitik und dem Dreiklassenwahlrecht die am Ende
durchaus erfolgreiche Strategie der Regierung offenbaren: auf
der Grundlage der sozialen Ungleichheit die Interessen aller Be-
sitzenden zum Tragen zu bringen und ihnen jeweils spezifi-
sches politisches Gewicht zu verleihen - abgestuft ansteigend
von unten nach oben. Die Verfassung benötige eine Form, so
schrieb Brandenburg dem König, )lwelche die durch Besitz und
Bildung berechtigten Klassen befriedigt, ohne die Autorität der
Regierung zu schwächen(.41 Flexible Interessenpolitik trat vor
starre Prinzipien politik. Zugleich hatten Verfassung und Refor-
men die rechtliche Gleichheit der Bürger formal hergestellt. Alle
diese Maßnahmen richteten sich demonstrativ sowohl gegen
die extrem konservative wie gegen die entschieden liberale und
die revolutionäre Ideologie. Brandenburg war sich gewiß, daß
die Gleichheit zu weit gediehen war, als daß sich eine rein stän-
dische Ordnung noch hätte retten lassen:&2
In der fünften Phase der Gegenrevolution - von März bis
November 1850 - stand noch einmal die deutsche Politik im
Mittelpunkt. Weil die Regierung mit einem nahen Beitritt der
deutschen Königreiche zur Union realistischerweise nicht mehr
rechnete, bezog sie eine Art Rückzugsstellung, indem sie die
engere Union auf eine Verbindung mit den Kleinstaaten zu re-
duzieren beabSichtigte. Dafür hoffte sie auch auf Akzeptanz in
Wien. Für lebensfähig erachtete sie diese Minimalvariante, weil
d ie meisten Kleinstaaten fortwährend auf Preußen angewiesen
waren, auch auf seine Truppen, zumal im Frühjahr 1850 mit
49J7b

Die preußische Gegenrevolution 177

neu er Revolutionsgefa hr aus Frankreich gerechnet wurde. 4J


Diese deu tschland politische Zielsetzung näherte sich nun auch
den Vorstellungen von konserva tiven Kritikern an, die sich in-
zwischen mehr von p reußischem Prestige und d er Überlegung
bestimmen ließen, die bisherige d eu tsche Politik in einer redu-
zierten Variante nicht einfach faUenlassen zu sollen."
Auf d em Erfurter Reichstag, d er über d ie Unionsverfassung
befand, trafen Liberale und Konserva tive noch einmal zum al-
ten Streit aufeinan der. Kön igliches oder p arlamentarisches Sy-
stem la utete Stahls Kampfaufruf.4s Es b lieb eine Geisterbe-
schwörung. Es ha lf den Liberalen nichts, daß sie sich diesmal
noch nachgiebiger zeigten als bislang schon. Fü r d en Minister-
präsidenten Bran denburg bedeutete d er Reichstag ohnehin nur
einen Nebenschau p latz. 46 Doch als im Mai nur 12 der 26 Teil-
nehmers taaten d en Fürstenkongreß der Union beschickten und
auch diese sich nicht zu einem Einführungsbeschlu ß verstan-
den, und als gleichzeitig die bislang so gutwilligen Liberalen
d ie Regierung wegen ihres Zaudern hefti g angriffen, sah der
Reg ierungschef Mitte August alle Mittel - außer d er Gewalt -
erschöpft und gab d ie bisherige d eutsche Politik aufY Als letz-
ten Funken Hoffnun g hielt er fest, sich mit Wien über eine preu-
ßisch-österreichische Parität im Deutschen Bund zu einigen, die
eine Dominanz Preu ßens im Norden ermöglichen sollte, ge-
stützt allein auf seine Macht, ohne d en ))lästigen l( Reichstag.
Schw arzenberg zielte jedoch nicht auf den Kompromiß mit
Preußen, sondern auf d essen Unterwerfung. Als erstes restau-
rierte er d en Bund estag. Noch ignorierten ihn Preu ßen und d ie
Unionsstaaten. Für Juli 1850 berief Wien die Bundesstaaten zu
einer Zollkonferenz nach Kassel mit dem Ziel, den Zollunions-
plan nun du rchz usetzen. Da sich die König reiche in der Zwick-
mühle befanden - ihre Absicht, politisch Eigenständ igkeit zu
behaupten, ließ sie zu dem Bruckprojekt neigen, ihr wirtschaft -
liches Interesse d agegen verwies sie zum Zollverein - blieb die
preu ßische Delega tion mit ihrer Taktik, auf Zeitgew inn zu set-
zen und d ie Tarifreform zu verschieben, erfo lg reich .0&8
Nach d iesem m ißgl ücktem Auftakt bot sich Schwarzenberg
jedoch bald eine sehr viel sicherere Chance zu einer a uf die Un-
terordnung Preußens unter eine ös terreichische Präroga tive zie-
lenden Offensive, und zwa r als Dänemark in der hols teinischen
Statthalterschaftsfrage und Kurhessen in seinem Verfass ungs-
konflikt um militä rische Intervention d es Bundes baten. Seide
178 Konrad Canis

Krisenherde versprachen, den preußisch-österreichischen Kon -


flikt auf die Spitze zu treiben und jede Halbheit auszuschließen.
In d er schleswig-holsteinischen Frage mußte sich Preu ßen seit
1848 d en Vorwurf der Großmächte, besonders Rußlands, gefal-
len lassen, im Bunde mit d er Revolution zu agieren. Die hessi-
sehe Frage war für Berlin deshalb heikel, weil das Kurfürsten-
tum formell der Union angehörte und ein Mi!itä reinsatz die
Verbindung zwischen d en beiden voneinander getrennten Ter-
ritorien d es preußischen Staates gefährd ete.
Als der Deutsch e Bund auf Betreiben Schwarzenbergs tat-
sächlich einen Beschluß zur Intervention in Kurhessen zugun-
sten d er hochkonservativen Regierung Hassenpflu g traf, löste
dies in Preußen einen Schock aus. Wegen d es Info rmationsvor-
sprungs erlaßte er zuerst die Berliner Zentrale. Brandenbu rg
konnte nunmehr seine Linie, die Un ionspo litik sa chte ve r-
sickern zu lassen, um dafür die bundespolitische Machtteilung
mit Österreich einzutau schen, nicht mehr durchhalten. Die
Konserva ti ven sahen jetzt das Prestige Preußens ma ssiv be-
d roht. Leopold von Gerlach warnte besorgt, d aß unehrenha ftes
Nachgeben das Land demoralisieren werde. 49
Als am 1. November ÖSterreich in Kurhessen einz umarschie-
ren beschloß, stellten sich Brandenburg auch im Staatsministe-
rium unerwartete Schwierig kei ten entgegen, d en zuvor mit
d em Zaren in Warschau verabred eten Schritt, die Union zu li -
quidieren, zu verwirklichen. Nach drei Tagen härtesten Streits
hatte er sich jedoch beha uptet. ~ Kurz d arauf, am 6. November,
brach er gesundheitlich zusammen und bezahlte die extreme
Belastung der zurückliegend en Wochen und Monate mit d em
Leben.
In den nächs ten Tagen weitete sich die verbreitete Erregung
in Deutschland zu einer fö rmlichen Kriegsstimmung aus.51 Sie
erfaßte Konservative, Liberale und Demokraten und reichte in
Preu ßen von d eutsch-nationaler bis zu preu ßisch-patriotischer
Prägung. Demokraten klagten die Mächte d er Reaktion, Kon-
servative d ie Mächte des Absolutismus an und meinten dabei
übereins timmend ÖSterreich und Rußland. Doch da rf die sozia-
le Vielfalt der Stimmung nicht über ihr Ausmaß tä uschen, d as
wir nicht genau kennen. Ungefährlich für die Regierung war
die Situa tion frei lich nicht. Sich in einen Krieg hineinreißen zu
lassen, konnte innenpolitisch noch immer zu unkontrollierba-
ren Folgen führen . Sä mtliche GroBmächte sahen aus ein em
49076

Die preußische Gegenrevolution 179

möglichen Krieg erneut die Gefahr der Revolution erwachsen.


Sie neigten freilich zur Überbewertung dieser Gefahr - was tat-
sächlich die Friedenssicherheit erhöhte. Sie verstärkten aller-
dings den politischen Druck und täuschten sogar Kriegsbereit-
schaft vor, um den jeweiligen Kontrahenten zum Nachgeben zu
zwingen. So beschloß die Berliner Regierung wegen der öffent-
lichen Erregung zwar die Mobilmachung, aber auf Krieg war
sie nicht aus. Aus dieser Konstellation resu ltierte die anfängli-
che Hochspannung ebenso wie am Ende die friedliche Ent-
scheidung.
Im Vertrag von Olmütz vom 29.11.1850 verzichtete Preußen,
wie sich seit längerem abgezeichnet hatte, schJießlich auch ge-
genüber ÖSterreich auf die Unionspolitik. Wien versprach eine
Reorganisa tion d es Deutschen Bundes, bei der Preußen auf
Gleichberechtigung rechnete. 52 Ersteres - der Verzicht auf die
Union - bildete das letzte Glied in der Kette deutschlandpoliti-
scher Bemühungen, die nun an ihr Ende kam. Letzteres war für
Preußen nicht mehr als eine Hoffnung, die sich rasch zerschlug.
Schwarzenberg konnte seinen Erfolg voll auskosten - und dies
um so mehr, als er den Sieg in einem Konflikt errungen hatte,
der für die Sachentscheidung eigentlich überflüssig war, den er
allein zur Demütigung Preußens angezettelt hatte, um auch die
kleinste Konzession zu umgehen.
Die schwere diplomatische Niederlage Preußens in Olmütz
hat in der Geschichtswissenschaft viel Aufmerksamkeit auf sich
gezogen. Vergleichsweise wenig beachtet wurde dabei die ein-
schneidende längerfristige Wirkung, die für Preußen von dem
Vertrag ausging: die Machtverschiebung im Innem und nach
außen. So wie die bundesstaatlichen Initiativen der letzten Jah-
re und die reformkonservative Gegenrevolution einander be-
dingt und ergänzt haben, so verband sich der Verzicht auf jene
jetzt mit der Wende zur strikten Reaktion. Der König sprach
von Systemwechsel, und O. v. Manteuffel, der neue Minister-
präsident, von einem Wendepunkt, der nun erst zum entschie-
denen Bruch mit der Revolution führe. 53 Das Staatsministerium
verlor die meisten konsequenten Protagonisten des reformkon-
servativen Kurses, die Hoc.hkonservativen gewannen nach ih-
rem deutschland politischen Sieg beträchtlichen Einfluß auch in
der Innenpolitik, die Liberalen befanden sich im Abseits. Doch
die totale Restauration blieb aus. Wiederum war es die Sorge
vor der Revolution, die das Kontrastprogramm nivellierte.
OOO~9~7h

180 Konrad Canis

Der Wandel in der außenpolitischen Stellung Preußens war


noch viel gravierender. Die vorrevolutionäre Konstellation des
europäischen Gleichgewichts d er Mächte war wiederherge-
stellt. Preußen erfreute sich von neuern der Gunst Rußlands,
Englands und Frankreichs, nachdem es, d eutlich geschwächt,
auf eine Vormachtstellung verzichtet ha tte und sich berechen-
bar auf Stillstand einstellte. Das Mißtrauen der großen europäi-
schen Mächte wandte sich jetzt gegen ÖSterreich, das nun in
Mitteleuropa zu dominieren schien . Diese Wende barg für Preu-
ßen die Chance in sich, auch bei einer aktiven Außenpolitik ei-
nen größeren Handlungsspielraum in Rechnung stellen zu kön-
nen.
Die reformkonservative Gegenrevolution blieb also nur eine
kurze Episode. Sie reichte nur von Ende 1848 bis Ende 1850.
Das mag die Neigung gefördert haben, ihre Eigenständ igkei t
zu übersehen. Sie wird teils dem Ende der Revolution, teils dem
Beginn d er Reaktionsperiode zugeschla gen oder auf die
Unionspolitik beschränkt.s.. Indes bestechen ihre klare Grund-
richtung und ihre innere Konsistenz. Brandenburg gab ihr die
Linie, nicht Radowitz.
Weder die Resultate noch ihre Wirkung verschwanden. Das
mona rchisch-konstituti onelle System blieb erhalten, wenn es
auch durch rückwärtsgewandte Gesetze, Institutionen und eine
entsprechende Verwaltungspraxis gleichsam abgeschirmt und
partiell trockengelegt wurde. Die Reformen entfalteten den-
noch ihre Wirkung. Trotz vielfacher Grenzen, Halbhei ten und
Hemmnisse: der Prozeß d er politischen und sozialen Modemi-
sierung unter bürgerlich-kapitalistischem Vorzeichen hatte
auch in Preußen an Fahrt gewonnen. Allein die deutsche Politik
brach ab. Doch sollte es sich nur um einen Aufschub handeln;
die Antriebskräfte kehrten ebenso wieder wie die Chancen und
folglich auch die Rezepte.
Sieht man nämlich genau hin, so fällt die Verwandtschaft die-
ser reformkonserva tiven Politik mit der Bismarckschen Politik
d er sechziger Jahre ins Auge. Das gilt besonders für das Ziel
d es Bundesstaates, bei dem für Brandenburg wie für Bismarck
die preußische Hegemonie das erste Kriterium blieb. Die stra-
tegische Nähe beider Konzepte - des Brandenburgischen und
d es Bismarckschen - drückt sich in einem Symptom aus. Der
Begriff d er "Revolution von oben« findet nicht erst 1866 Ver-
wendung,55 sondern bereits 1849. Am 9.Juli 1849 warnte der
49~7b

Oie preußische Gegenrevolu tion 181

öste rreich ische Botschafter von Prokesch-Osten den preußi-


schen Ministe rpräsiden ten: »Einheit sei nur d urch die Revolu-
tion von unten oder oben oder von beiden zugleich z u errei-
chen «56 Das hieß aber auch : anders als 1866 konnte es 1849 nicht
als siche r gelten, daß d er Weg in den Bun desstaat im lnnem auf
die Revolution von oben - und das hieß zuerst auf den Krieg
gegen Österreich und die deutschen Mittelstaaten - zu begren-
zen war.51 Ebensowenig wäre de r Krieg gegen ÖSterreich au-
ßenpolitisch zu isolie ren gewesen . So waren es als erstes die
unterschiedlichen Bedingungen, die in der Deutschlandpolitik
Bis marck den Erfolg und Brandenburg das Scheitern garantier-
ten. Darauf abzuheben, daß de r General in erster Linie ein Kom-
mißkopf gewesen wäre, wie Bisma rck, selten gerecht im Urteil
über Vo rläufer, späte r behaupteteS!! - das is t gewiß ein Fe hlur-
teil.

Anmerkungen

1 Friedrich Meinecke, 1848. Eine Säkularbetrachtung, Berlin 1948,


S. 13.
2 Der erste Teil dieses Beitrages fußt auf einem soeben fertiggestellten
größeren Aufsatz: Konrad Canis, Vom Staatsstreich zur Unionspolitik. Oie
Interdependenz von innerer, deutsche r und äußerer Politik der p reußischen
Regierung am Ende der Revolution 1848/ 49. Er erscheint 1998 in einem
Studienband mit Beiträgen zur Revolutionsgeschichte. Dort sind auch zu-
sätzliche Quellen- und Literaturbelege angegeben.
3 Geheim es Slaatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (GStA) Berlin, Br.-
Pr. H .-A., Rep. SO, Abt. E, Nr. 5, BI. lOS f.
4 Lotha r GaU, Das wirtschaftliche Bürgertum und die Revolution von
1848 in Deutschland, in: Bürgertum, liberale Bewegung und Nation, Mün-
chen 1996, S. 73.
5 GStA Berlin, Rep . 77, Ttt. 500, Nt . 1, Bd. 3, BI. 7: O . v. Manteuffel an
die Oberpräsid enten 25. 11 .1848.
6 Rolf Luhn, Oie liberale Vereinsbewegung in Preußen von März bis
Dezember 1848, Diss. Jena 1984, S. 251 ff.; Wolfram Siemann, Oie deutsche
Revolut ion von 1848/ 49, Frankfurt / M. 1985, S. 173 ff.; Gunther Hilde-
brandt, Politik und Taktik der Gagem -Libera len in der Frankfurter Natio-
nalversammlung 1848/ 49, Berlin 1989, S. 152 ff.
7 Dieter Langewiesche, Reich, Nation und Staat in der jüngeren de ut-
schen Geschichte, in: His torische Zeitschrift, Bd. 254 (1992), S. 358.
8 GStA Sethn, I.U. HA, Außenministerium I, Nr. 6038, BI. 120 ff.: Bülow
an Bemstorff 8.12.1848.
9 Ernst Ru dolf Huber, Deutsche Verfassungsgeschichte, Bei. 2, Stutt-
00049~7b

182 Konrad Canis

gart 1960, S. 763 ff. Der Verfassungstext ist publiziert in: Emst Rudolf Huber
(Hg .), Dokumente zur deutsche n Verfassungsgeschichte, Bd. 1, Stuttgart
1963, S. 484 ff.
10 Hellmu t Diwald (Hg.), Von de r Revolut ion z um Norddeutschen
Bund. Aus dem Nachlaß von E.L. v. Gerlach, Göttingen 1970, S. (fJJ f.
11 Friedrich Julius Stahl, Die Revolutio n und die constitutionelle Mon-
archie, SerHn 1848, S. 78.
12 Ma nfred Botzenhart, Deutscher Parlamenta rismus in der Revolu-
tionszeit 1848-1850, Düsseldorf 1971, S. 555.
13 GStA Berlin, Br.-Pr. H.-A., Rep . SO, Abt . J, N T. 212, BI. 71 : Branden-
burg an Friedrich Wllhclm Iv. 13.12.1848; Leopold von Ge rlach, Denkwür-
digkeiten, Bd. 1, Berlin 1891, S. 276.
14 Vgl. Canis, Staatsstreich, MS.
15 Joac him Paschen, Demokratische Ve reine und preußischer Staat,
München 1971, S. 122!.
16 Leopold von Ra nke, Sämtliche Wer ke, Bd . 48 u . SO, Berlin 1887,
S. 592 ff.
17 GStA Berlin, Br.-Pr. H.-A, Rep. 51, Ab!.), Nr.46w, BI. 23 ff.: Prom(>-
moria Brandenburgs 6.12. 1849.
18 Langewiesche, Reich, S. 360.
19 Bismarck, Oie gesammelten Werke, Bd . 15: Erinnerung und Gedan-
ke, hg. von Ge rhard Ritter u. Rud olf Stadelmann, Berlin 1932, S. SO!.
20 GStA Berlin, 111. HA, Nr. 699, BI. 76 ff.: Bericht aus Wien 6.2.1 849.
21 So zuletzt Anselm Doering-Mante uffe l. Die deutsche Frage und das
e uropäische Staatensyste m 1815-1871, Münche n 1993, S. 27 f.
22 GStA Berlin, 111 . HA, Außenministerium I, Nr. 6420 und 6421 .
23 Huber, Dokumente, Bd. 1, S. 407 ff.
24 Diese Auffassung geht auf die noch immer in vielem maßgebliche
R:.do ..... il7.-Monogr:.phic von Meinecke zurüc k (Friedrich Meinecke, Rade-
witz und die deutsche Revolution, Berlin 191 3). Sie vertritt z u letzt auch
Sie mann, Revolution, S. 218.
25 GStA Berlin, Br.-Pr. H.-A, Rep .5 1, Abt. 1. NT. 46w, BI . 16ft.: Prome-
moria Brandenburgs 10.6.1849.
26 Meinecke, Radowitz, S. 303.
27 Ralf Weber, Von Frankfurt nach O lmütz. Zur Genesis und Politik des
gotha ischen Liberalis mus, in: Bourgeoisie und bürgerliche Umwälzung in
Deutschland 1789-1871 , hg. von Helmut Bleiber, Berlin 1977, S. 375 ff.
28 Konrad Canis, Joseph Maria von Radowitz. Konterrevolution und
preußische Unionspolitik, in: Männer der Revolution von 1848, Bd. II, hg.
von Helmut Bleiber, BerHn 1987, S. 475 f.
29 GStA BerHn, Rep. 81, Wien I, N r. 176, Bd . 2, BI. 99 ff.: Bericht aus Wien
8.7.1849.
30 Ebd., Br.-Pr. H.-A., Rep. SO, Abt. J, Nr. ll04, BI. 334: Rauch a n Fried-
rich Wilhelm IV. 21.5.1849.
31 Sächsisches Haupts taatsarchiv Dresden, Außenministerium, Nr. 91 3,
BI. 288 f.: Bericht a us Berlin 11.10.1849.
32 Meinecke, Radowitz, S. 336.
49~76

Die preußische Gegen revolution 183

33 G5tA Berlin, Re p . 81, Wien I, Nr. 176, Bd.3, BI. 21 fl.: Berichte aus
Wien 23.10., 15.12., 19.12.1849.
34 Helmut Rumpier, Die deutsche Po litik des Freiherrn von Beus t, Wien
1972, S. 313.
35 Fürst Bismarck als Redner, hg . von W. Böhm, Bel . I, o. J., S. 6S ff.; 1.0-
thar GaU, Bismarck. Der weiBe Revolutionär, Frankfurt/ M. 1980, S. 104 f.;
Ernst Engelberg. Bis marc k. Urpreu Be und Reichsgründer, Berlin 1985,
5. 345 f.
36 Günther Grünt hai, Parlame ntarismus in PreuBen 1848 / 49-1857/ 58,
Düsseldorf 1982, 5. 126 f.f, bes. 5. 159; Hans-Christof Kraus, Ernst Ludwig
von Gerlach, Göttingen 1994, S. 488 ff.; Wilhelm FüßI, Professor in der Po li-
tik: Friedrich Julius Stahl (1802-1861), Göttingen 1988, S. 266 ff.; Botzel"lhart,
Parlamentaris mus, 5. 745 fr.
37 GStA ßerHn, Br.-PT. H.-A., Rep. 50, Abt. J, Nr. 212, BI. lOS: Branden-
burg an Friedrich Wilhe1m IV. 21.12.1849.
38 Ebd ., Re p. 192, Nt E. v. Manteuffel, 0 Nr. 13, BI. 5 H.: Aufz. E. v. Man-
teuIfels Anl. Dezem ber 1849.
39 Walter 5chmidt u. a., Deutsche Gesch ichte, Bel. 4, Berlin 1984,
5. 398 f.; Georg Mo ll, .. Preußischer Weg" und bürgerl iche Umwälzung in
Deutschland, Weimar 1988, 5. 58 ff.
40 Bismarck a ls Redner, S. 125.
41 GStA SerHn, Br.-Pr. H.-A., Rep. 50, A bt.J, N r. 212, BI. 163 f.: Branden-
burg an Friedrich Willielm IV. 4.9.1850.
42 Ebd.
43 Ebd., m. H A, Au ßenministeri um I, Nr. 8264, BI. 163: Bülow an Strot-
ha 13.2.1849; Joscph Maria vo n Radowilz, Nachgelassene Brie fe und Auf-
zeichnungen, hg. vo n W. Mö hring. Stuttgart 1922, 5 . 162 H.; OUo von Man-
teuffe!. Unter Friedrich Wilhelm IV. Denkwürdigkeiten, hg. von H. v.
Poschinger, 1. Bd., Serh n 1901, S. 219 ff. Auch die Londo ner Zentralbehörde
des Bundes der Ko mmunisten hielt im März 1850 e ine Revolution in Frank-
reich für nahe bevorstehend. Vgl. Kar! Ma rx / Friedrich Engels, Werke,
Bd. 7, ßerlin 1960, S. 245.
44 Diwald, Revolution, S. 668 ff.
4S Botzenhart, Parlamentarism us, 5. 767 H.; Walte r Schmidt, Erfurt und
das deutsche Unionsparlament von 1850, in: Ulmann Weiß (Hg.), Erfurt
742-1992, Weimar 1992, S. 525 ff.
46 Radowilz, Briefe, S. 204.
47 Ebd ., 5. 284 f.; Meinecke, Radowilz, S. 445 ff.; Manteuffel, Denkwür-
digkeiten, S. 205.
48 Helmut Böhme, Deutschlands Weg zu r Großmacht, Köln 1%6, 5. 29.
49 Diwald, Revolution, 5. 718.
50 Manteuffel. Denkwürdig keiten, S. 296 ff.
5 1 Wolf ram Siemann, Gesellscha ft im Autbruch. Deutschland 1849-
1871, Frankfurt / M. 1990, S. 32.
52 Hans-Julius 5choeps, Von O lmütz nach Dresden 1850/ 51 , Köln 1972,
5. 19 ff.; Engelberg, Bismarck, S. 356 ff.
S3 Heinrich von Poschinger (Hg.), Preußens auswärtige Politik 1850-
184 Konrad Canis

1858. Unveröffentlichte Dokumente, Bd . I, Berlin 1902, S. 32 ff.; Manteuffel,


Denkwürdigkeiten. S. 384; Siemann, Gesellschaft. S. 31 ff.
54 Die Regierung Brandenburg wird von Siemann als .. Reaktions-Kabi-
nett .. bezeichnet (Revolution. S. 173), von Heinrich Lutz als ..entschieden
konservativ .. (Zwischen Habsburg und Preußen, Berlin 1994. S. 293). G ün-
tcr Wollstein sicht sie etwas differenzierter (Deutsche Geschichte 1848/ 49,
Sluttgart 1986, S. 139 Ef.). Eine monographische Arbeit zum 10ema wäre an-
gemessen. Einzig eine ä.ltere Dissertatio n liegt vor: Fritz Heinemann, Die
Politik d es G rafen Brandenburg. Berlin 1909.
55 Ernst Engelberg. Über die Revolution von oben. in: Zeitschrift für
Geschichtswissenschaft 22 (1974), S. 1184 ff.
56 HHStA Wien, MdÄ. PA 111, Nr. 33, BI. 42: Bericht aus Berlin 9.7.1849.
57 Canis, Radowitz. S. 477 U.
58 Bismarck, Werke. Bd . 15. S. 39.
Heinrich August Winkler

Der überforderte Liberalismus


Zum Ort der Revolution von 1848/ 49
in der deutschen Geschichte

Im Jahre 1948, einhundert Jahre nach d er deutschen Revolution


von 1848 / 49, veröffentlichte der Tübinger His toriker Rudolf
Stad elmann eine Sa mmlung von Aufsätzen zum Thema
»Deutschland und Westeuropa« . Im ersten Aufsatz »Deutsch-
land und die westeuropäischen Revolutionen « trug Stadel-
mann, Autor einer ebenfall s 1948 erschienenen, noch heute le-
senswerten »Sozialen und politischen Geschichte d er Revolu-
tion von 1848.<, eine These vor, die fortan in d er Diskussion um
den »deutschen Sonderweg,c, die his torische Abweichung
Deutschlands vom Westen, eine groBe Rolle spielte: Seit hun-
dert Jahren werde das Volk der Deutschen »in seinem politi-
schen Wollen fast unbesehen von d en anderen Nationen in das
Schubfach der Reaktion geschoben und ein Etikett darüber ge-
klebt mit der Aufschrift: Das Volk ohne Revolution. Der Mangel
an Befreundung mit d er Praxis und d en Ideen der westeuropäi-
sch en Revolutionen, der Mangel an Erfahrung und Erziehung
auf dem Feld d er radikalen Abkehr von der absolutistischen
Vergangenheit der neueren Jahrhunderte ist der eigentliche Pa-
riastempel, der unserer Geschichte aufgeprägt ist seit etwa drei
Generationen. Die Verfemung des deutschen Namens hat in
d em Ausbleiben einer normalen revolutionären Pubertätskrise
d er deutschen Entwicklung ihre erste und wahrscheinlich
wichtigste Wurzel«.!
Soweit der Befund. Auf Stadelmanns Versuch einer Erk.1ä -
rung komme ich noch zurück. Zunächst aber nehme ich seine
These vom ))Volk ohne Revolution(( zum Anlaß, mich der Re-
volution von 1848 in drei Schritten zu nähern: Erstens frage ich
nach der besonderen Herausforderung, vor die sich der gemä-
ßigte Liberalismus damals gestellt sah. Zweitens erörtere ich
die Positionen der demokratischen und sozialistischen Linken.
00049~7h

186 Heinrich August Wmkler

Drittens frage ich nach den Lernprozessen, die durch die Revo-
lution ausgelöst wurden, und damit nach ihren Wirkungen.

1.

Eine »ungewollte Revolution« hat Wolfgang Schieder die Revo-


lution von 1848 genannt. Was die gemäßigt liberalen Vertreter
von Besitz und Bildung angeht, die in der Paulskirche die Mehr-
heit der Abgeordneten stellten, ist das eine zutreffende Formel.
Es war geradezu das hervorstechende Merkmal des Liberalis-
mus im engeren Sinn des Begriffs, daß er seine politischen und
namentlich seine konstitutionellen Forderungen auf dem Weg
der Verständigung mit den Fürsten und ihren Regierungen, also
nicht revolutionär, durchsetzen wollte. Von einer Revolution
wußte man nie, wo sie hinführen würde: Die große Französi-
sche Revolution von 1789 galt deutschen Liberalen gemeinhin
nicht als das Beispiel einer geglückten, sondern einer entglei-
sten Revolution; jakobinische Terreur und napoleonische Herr-
schaft waren aus liberaler Sicht die historischen .)argumenta e
contrario« fü r den Weg der friedlichen Reform.
Im Jahre 1847, am Vorabend der deutschen Revolution, faßte
der aus Düsseldorf stammende, damals in Marburg lehrende
Historiker Heinrich von Sybel in seiner Schrift »Die politischen
Parteien der Rheinprovinz in ihrem Verhältnis zur preußischen
Verfassung« das liberale Credo wie folgt zusammen: »Die Re-
volution ist es, die auf aUen Seiten den ungebändigten Trieb auf
Herrschaft erweckt, der ebenso das Grab der konstitutionellen
Verfassung wie jeder wahren Freiheit genannt werden kann«.
Wenn sich die sozialistischen und kommunistischen Tenden-
zen, namentlich in der Jugend und bei den arbeitenden Klassen,
weiter so ausbreiteten wie im letzten Jahrzehnt, wü rden sie Re-
gierung und Bourgeoisie schlechthin jeden Einfluß auf den vier-
ten Stand , das Proletariat, abschneiden. »Hiergegen gibt es nur
ein Mittel, feste Anknüpfung des Bürgerstandes an die Staats-
gewalt durch politische Berechtigung. Dadurch, und nur da-
durch allein, kann er [der Bürgerstand, H . A. W.) wieder bis zu
seinen letzten Teilen herab in den natürlichen Gegensatz gegen
jene Tendenzen gerückt, dadurch allein eine geistige Kraft er-
49J76

Der überforderte Liberalismus 187

schaffen werden, w elche die öffentliche Meinung in einer ge-


sunden Betrachtung der gesellschaftlichen Zustände festzuhal-
ten vermag«. 2
Die Gefahr, die er von Sozialismus und Kommunismus aus-
gehen sah, war nicht der einzige Grund, weshalb Sybel größten
Wert auf die Feststellung legte, der Standpunkt der Liberalen
sei _toto coelo von demokratischer Begeisterung oder kosmopo-
litischer Spekulation entfernt" und habe »keine Ader mit dem
Radikalismus gemeine<. Die Erörterung des »Ultramontanis-
mus«, der reaktionären Bestrebungen des katholischen Klerus,
führte den Autor zur gleichen Schlußfolgerung, daß der Libe-
ralismus alles Heil nur von einer Verständigung zwischen Bür-
gerstand und Staatsgewalt erwarten konnte. Politische Berech-
tigung, wie Sybel sie verstand , zielte auf die gemeinsame Zu-
rückdrängung der feudalen, klerikalen und radika len Kräfte
durch Staat und Liberalismus. Dem Staat mußte, wenn man
dem Autor folgte, an einer solchen Zusammenarbeit schon des-
halb gelegen sein, weil die liberale Partei die einzige war, die
Reichsstände für ganz Preußen in einer Form begehrte, »in der
sie allein die Festigkeit und Einheit des Staates zu schirmen im-
stande sind«.)
Nachdem der revolutionäre Funke Ende Februar 1848 von
Frankreich aus d en Rhein übersprungen hatte, änderte der
deutsche Liberalismus nicht seine Zielsetzungen, sondern ver-
suchte, diese unter den veränderten Bedingungen einer »unge-
wollten Revolution « zu erreichen. Sybel hatte sich in seiner
Schrift von 1847 nur mit eitlem der beiden großen Ziele der li-
beralen Bewegung befaßt: dem der innerstaatlichen Freiheit -
einem Postulat, das, auf Preußen angewandt, Verfassung und
gesamtstaatliches Parlament bedeutete. Das andere Ziel war die
nationale Einigung. Für den Liberalismus jener Zeit ga lt nicht
mehr die Devise des Badeners earl von Rotteck von 1832, er
wolle »lieber Freiheit ohne Einheit als Einheit ohne Freiheit«.
Seit Beginn der vierziger jahre war die Einheit Deutsch lands
vielmehr zu einer Forderung aufgestiegen, die den gleichen
Rang für sich beanspruchte wie das Verlangen nach verfas-
sungsmäßiger Freiheit. Die Rheinkrise von 1840 hatte zu die-
sem Wandel ebenso beigetragen wie die fortschreitende Indu-
strialiSierung in den Staaten des 1834 gegründeten Deutschen
Zollvereins. Gründe der äußeren Sicherheit wie das wirtschaft-
liche Zusammenwachsen sprachen weiterhin für die Schaffung
188 Heinrich August Winkler

eines deutschen Nationalstaats. Seide Ziele, Freiheit lind Ein-


heit, standen daher auch von Anfang an auf der Tagesordnung
der deutschen Revolution von 1848.4
Im Zusammentreffen der Fo rderungen nach Einheit und Frei-
heit lag die größte Schwierigkeit, vor die sich die deutschen
»Revolutionäre wider WilIen« 1848 gestellt sahen. Die franzö-
sischen Revolutionäre von 1789, 1830 und 1848 hatten es einfa -
cher: Sie fanden den Nationalstaat schon vor, den sie mehr oder
weniger grundlegend verändern wollten . Die deutschen libe-
ralen hingegen mußten jenes Deutschland erst noch schaffen,
das sie sich nur als freiheitlichen Staat vorstellen konnten. Da -
mit war eine Vielzahl von Folgeproblemen verbunden: obenan
die Fragen, wo die Grenzen eines deutschen Nationalstaates lie-
gen sollten; ob auch Nichtdeutsche wie Polen, Dänen, Tsche-
chen, Slowenen und Italiener - Untertanen von Herrschern, de-
ren Territorium teilweise zum Deutschen Bund gehörte - Bür-
ger ein es d eutschen Nationalstaats werden sollten; wie das
Verhältnis dieses Staates zu den Teilen ÖSterreichs zu gestalten
war, die am d eutschen Einig ungswerk nicht teilnehmen woll-
ten oder ko nnten.5
Als die Nationalversammlung am 18. Mai 1848 in Frankfurt
zusammentrat, hatte bereits ein außenpolitischer Konflikt be-
gonnen, der wenige Monate später zu einem schweren Zusam-
menstoß zwischen der Paulskirche und der von ihr eingesetzten
provisorischen Zentralgewalt auf der ein en, der deutschen und
europäischen G roßmacht Preußen auf der anderen Seite führen
sollte. Dänemark hatte sich Schleswig einverleibt, das, anders
als Hols tern, zwar n icht zum Deutschen Bund gehörte, aber mit
Holstein a uf Grund alter Verträge fest verbunden wa r. Am
3. Mai 1848 überschritten Bundestruppen unter dem Oberbe-
fehl eines preu ßischen Generals d ie Grenze zum eigentlichen
Dänemark, was sogleich Rußland und England, zwei Signata r-
mächte der Schlußakte d es Wiener Kongresses von 1815, auf
d en Plan rief. Unter d em Druck von London und SI. Petersburg
unterzeichnete Preußen, ohne sich an die vom Reichs ministe-
rium in Frankfurt aufgestellten Bedingungen zu halten, in Mal-
mö einen Waffenstillstand mit Dänemark, der den Rückzug der
dänischen wie der Bund estruppen aus Schleswig und Holstein
vorsah.
Ln Deutschland erhob sich ein Sturm nationaler En trüstung.
Als das Reichsministe,rium, bar a ller Mittel, PreuBen zur Fort-
49~7b

Der überforderte Liberalismus 189

setzung des Krieges zu bringen, sich in das Unvermeidbare


schickte und seine Bereitschaft zu erkennen gab, d en Vertrag
ungeach tet aller Proteste anzunehmen, rebellierte d ie National-
ve mlung. Nach einer mehrtägigen leid enschaft1lCfien -
batte sprach sie eme knappe Mehrhei t von 238 zu 221 Stimmen
fü r den Antrag d es Historikers Friedrich Christoph Dah lmann
aus, die Maßnahmen zur Ausführung des Waffenstillstandes
einzustellen, also den Bundeskrieg gegen Dänemark fortzuset-
zen. Daraufh in trat noch am gleichen Tag d as Reichsministe-
rium unter d em Fürsten Karl von Leiningen zurück.
Die angemessene parlamentarische Krisenlösun g wäre nun
die Bildung einer Nachfolgeregierung gewesen, die sich auf die
Mehrheit gegen den Waffenstillstand stü tzte. Doch die nega ti-
ve, von der linken mitgetragene Mehrheit in eine positive, gou-
vernementale Mehrheit zu verwandeln, erwies sich als unmög-
lich. Am 16. September beschloß die Nationa lversa mmlung mit
257 zu 236 Stimmen, d en Vollzug des Waffenstillstands nicht
weiter zu behindern.
Die Niederlage der Paulskirche war selbstverschuldet. Da
von vornherein feststand, daß Preußen d en Vertrag von Malmö
nicht w iderrufen würde, war d er Beschluß vom 5. September
wenig mehr als ein Versuch, dem Parlam ent ein Alibi vor d er
d eutschen Öffentlichkeit zu verschaffen. Hätten die d eutschen
Regierungen mit Preußen an d er Spitze getan, was d ie deu tsche
Nationalversammlung ford erte, wäre daraus ein europäischer
Krieg erwachsen. Hätte d ie Nationalversammlung sich nicht
selbst korrigiert, wären d ie deu tschen Regierungen gezwungen
gewesen, mit ihr zu brechen.
Die Selbstberichtigung aber forderte einen hohen Preis. Die
Empörung der Radikalen entlud sich im Frankfurter Aufstand,
in d essen Verlau f zwei konservative Abgeordnete der Paulskir-
che ermordet wu rden, und im zweiten badischen Aufstand, d er
nach vier Tagen niedergeworfen wurde. Die Auflehnung d er
außerparlamentarischen linken führte zur Isolierung d er par-
lamentarischen Linken und zu einem Ruck nach rechts in der
deutschen Nationalversamml ung wie in d er deutschen Gesell -
schaft.
Die Septemberkrise wa rf eine veralJgemeinerba re Lehre ab:
Das Streben nach nationaler Einheit verwies d en d eutschen li-
beralismus auf d ie Machtmittel d es historischen Preußen. Die-
ser Staat wa r im Frühjahr 1848 so wenig zusammengebrochen
00049Jlb

190 Heinrich August Wmkler

wie die andere deutsche Großmacht, Österreich. Weder die


preußischen noch die a ußerpreußischen deutschen Liberalen
wollten einen Zusammenbruch des preußischen Soldatenstaa -
tes, weil Deutschland ohne ihn außenpolitisch nicht handlungs-
fähig war. Für die deutsche Nationalversammlung hatte es nie
eine »Stunde Null « gegeben, in der sie die Chance gehabt hätte,
das militärische Potential Preußens durch eine d eutsche Revo-
lutionsa rmee zu ersetzen. Im September 1848 schlug d ie Stunde
der Wahrheit: Die Nationalversammlung mußte die deutschen
und europäischen Machtverhältnisse anerkennen. Die Alterna-
tive wäre ein europäischer Krieg gewesen, aus dem, nach
. menschlichem Ermessen, nur die Ordnungsmächte oder, sehr
viel weniger wahrscheinlich, die radikale Linke als Sieger hät-
ten hervorgehen können, nicht aber der deutsche Liberal ismus.6
Zu einer anderen Einsicht verhalf das Habsbu rgerreich d er
Nationalversammlung. Am 12. Januar 1849 sprach Rei chsfi-
nanzminister Hermann von Beckerath, Mitglied des rechtslibe-
ralen »Casinosc(, aus, was für viele noch e in undenkbarer Ge-
danke war: »Das Warten auf ÖSterreich ist das Sterben d er d eu t-
schen Einheit. c< Tags da rauf bezeichnete sein Fraktionsfreund
Wilhelm Hartwig Beseler aus Schleswig-Holstein die vom
österreichischen Ministerprä sidenten Fürst Schwarzenberg an-
gestrebte mitteleuropäische Lösung, ein en Zusammenschluß
d es nichtösterreichischen Teiles d es Deutschen Bundes und d er
habsburgischen Gesamtmonarchie, als ein »Reich der Mitte,
welches Europa beherrscht mit 70 Mi1lionen«, ja als ein »po liti-
sches Ungetümc(: »Dieses Reich der Mitte nehmen wir nicht an,
das würde Europa nicht zugeben, und das würde Deutschland
nicht befriedigenc(,7
Die »Kl eindeutschen« Beseler und Beckerath hatten d ie lo-
gik der Machtverhältnisse auf ihrer Seite. In gewisser Weise läßt
sich dasselbe von den »Großösterreichernc, sagen, die einem
großdeutschen Nationalstaat eine Absage erteilten, weil er d as
Ende de r Habsb urgermo narchie bed eu tet hätte. Die »Großdeut-
schen c( dagegen, die immer noch an einen Nationalstaa t unter
Einschluß des deutschen ÖSterreich glaubten, strebten nicht Ge-
ringeres an als die Quadratur des Kreises. Ein Tei l der Groß-
deutschen beharrte aus demokratischer Überzeugung au f der
Integrität des d eutschen Volkes, die nicht irgend welchen d yna-
stischen Interessen geopfert werden d urfte. Ein anderer Teil des
großd eutschen »Lagers«, der katholische und konservative,
49~76

Der überforderte Liberalismus 191

lehnte d en Aussch1uß ÖSterreichs ab, weil er die kulturelle He-


gemonie des Protestantismus und die politische Hegemoni e
Preußens zur Folge gehabt hätte. Aber wie immer das Ziel
))G roßdeutschland« begründet wurde: Mit ÖSterreich, wie es
aus d er Gegenrevolution vom Herbst 1848 hervorgegangen
wa r, ließ es sich nicht erreichen, und gege" dieses ÖSterreich
nach Lage der Dinge auch nicht.
Die Konterrevolution hatte im Dezember 1848 zwa r auch in
Preußen gesiegt: Die Auflösung der Nationalversammlung und
der Erlaß einer o ktroyierten Verfassung durch Friedrich Wil-
helm IV. bedeuteten den Sieg des a lten Staates über das neue
Recht, das aus der Märzrevolution hervorgegangen war. Doch
der preußischen Na tionalversa mmlung tra uerten in der deut-
schen Nationa lversammlung nur wenige Liberale nach: Das
Berliner Parlament hatte weit links von der Paulskirche gestan-
den und diese mehr als einmal durch scharfe Kritik herausge-
fordert, ja ihre Legitimation, für Deutschl and zu sp rechen,
grundsätzlich in Frage gestellt. Dazu kam, daß die oktroyierte
Verfassung auf weite Strecken durchaus liberal war.
Die meisten gemäßigten Liberalen in d er deutschen Natio-
nalversammlung dürften die Meinung des rheinischen Unter-
nehmers Gustav von Mevissen, eines Abgeordneten d es »Casi-
nos«, geteilt haben, der in einem Brief vom 8. Dezember 1848
mit Blick auf d en Staatsstreich Friedrich Wilhelms IV. von einem
»kühnen Griff d es Königs« sprach und den Augenblick für ge-
kommen hielt, »wo alle Männer von politischem Einfluß und
von politischem Mut sich auf den neugeschaffenen Rechtsbo-
den stellen und die hereindrä uende Anarchie bekä mpfen müs-
sen«. Nichts anderes meinte Mevissens Fraktionsfreund Dah1-
mann, als er am 15. Dezember im Plenum der Paulskirche vom
»Recht der rettenden Tat« sprach und damit die Forderung be-
gründete, das künftige deutsche Staa tsoberhaupt müsse ein ab-
sol utes (und nicht nur suspensives, also lediglich aufschieben-
des) Vetorecht gegen Parlamentsbeschlüsse haben.8
ÖSterreich tat im Frühjahr 1849 alles, um der kleindeutschen
Partei zu einer Mehrheit zu verhelfen. Am 9. März - zwei Tage
nachdem Kaiser Franz Joseph d en österreichischen Reichstag
zu Kremsier aufgelöst und eine Gesa mtstaatsverfassung ok-
troy iert hatte - forderte Schwarzenberg die Aufnahme d er
Habsburgermonarchie als ganzer in den neu zu schaffenden
deutschen Staa tenverband . Die Antwort der deutschen •
Natio-
00049~76

192 Heinrich August Winkler

naiversammlung war die Wahl Friedrich Wilhelms IV. zum


Erbkaiser eines kleindeutschen Nationalstaates.
Daß der preußische König die Wahl nicht annahm, markiert
die endgültige Niederlage des Paulskirchenljberalismus. Eine
Widerlegung der kleindeutschen Lösung aber war die Entschei-
dung Friedrich Wilhelrns nicht. Eine großdeutsche Lösung hätte
das europäische Gleichgewicht noch sehr viel stärker erschüttert
als ein preußisch geführter kleindeutscher Nationalstaat. Da ein
großdeutscher Nationalstaat ohne Auflösung des Habsburger-
reiches nicht zu verwirklichen war, hättediese Lösung große Tei-
le Ostmittel- und Südosteuropas revolutioniert, eine russische
Intervention großen Stils provoziert und einen europäischen
Krieg ausgelöst. Die großdeutsche Lösung scheiterte aber schon
daran, daß die Habsburgermonarchie zur Selbstaufgabe weder
bereit war noch gezwungen werden konnte.
Im Frühjahr 1849 war die europäische Gegenrevolution so
erstarkt, daß Preußen nicht mehr mit der Paulskirche paktieren
konnte, ohne die Gefahr eines Krieges mit den heiden östlichen
Großmächten, Rußland und ÖSterreich, herauszufordern . Vor
dem Sieg der österreichischen Gegenrevolution im Oktober
1848 wäre diese Gefahr geringer gewesen, aber damals war die
Paulskirche noch mehrheitlich großdeutsch gesinnt gewesen.
Eine andere Frage ist, ob das Nein des preußischen Königs den
Versuch der Liberalen widerlegt, ihre Ziele auf dem Weg der
Verständigung mit den alten Gewalten zu erreichen. Um diese
Frage zu beantworten, ist es notwendig, die Alternativen zur
liberalen Politik zu prüfen, die 1848/49 propagiert wurden. Da-
mit wende ich mich dem zweiten Teil meiner Überlegungen,
den Positionen der Linken, zu.9

11.

Das krasse Gegenteil von liberaler Verständigungspolitik wäre


die frühzeitige Ausrufung der deutschen Republik gewesen -
das Ziel, das die Führer der badischen Radikalen, Hecker und
Struve, verfolgten, als sie am 12. April 1848 vom Bodensee aus
eine Volkserhebung in ganz Deutschland zu entfesseln versuch-
ten . Der erste badische Aufstand war die Antwort darauf, daß
49~76

Der überforderte Liberalismus 193

das Vorparlament in Frankfurt weder Hecker noch Struve in


den Fünfzigerausschuß gewählt hatte, der bis zur Wahl der
deutschen Nationalversammlung mit dem personell erneuer-
ten Bundestag zusammenwirken sollte. Der äußerste linke Flü-
gel der badischen Revolutionäre sah fortan die Gegenrevolu-
tion auf dem Vormarsch und die gemäßigten Liberalen in der
Rolle von Verrätern. Dem Fünfzigerausschuß in Frankfurt stell-
te sich umgekehrt Heckers Putsch als Anschlag auf die Wahlen
zur Nationalversammlung dar, die auf den Mai angesetzt wa·
ren. Auch überzeugte Demokraten wie Robert Blum waren die-
ser, durchaus begründeten Meinung. Der Aufstand war bald
niedergeschlagen, aber die Wirkung war fatal für die gesamte
Linke: Die Idee der deutschen Republik hatte Schaden genom-
men; im Bürgertum wuchs die Neigung, die Verständigung mit
den Fürsten noch mehr als bisher zur Richtschnur der Politik
zu machen und einen scharfen Trennungsstrich zu Vertretern
radikaler Positionen zu ziehen. 1o
Weder in der deutschen Nationalversammlung zu Frankfurt
noch in der preußischen Nationa lversammlung zu Berlin hat-
ten Radikale nach der Art von Hecker und Struve einen Rück-
halt - von Radikalen im Sinne des Kölner »Bundes der Kom-
munisten« um Marx und Engels ganz zu schweigen. Die mei-
sten Demokraten, ob sie am Fernziel der deutschen Republik
festhielten oder eine volkstümliche, auf das Prinzip der Volks-
souveränität sich gründende Monarchie zu akzeptieren bereit
waren, gingen wie die gemäßigten Liberalen davon aus, daß
die neuen »Märzregierungen« sich in den Dienst von Einheit
und Freiheit stellen würden. Der Konflikt mit Kopenhagen er-
zeugte massiven Zeitdruck: Wer Schleswig nicht Dänemark
überlassen wollte, war auf preußisches Militär angewiesen . Das
Ziel der Einheit verlangte Entscheidungen, die dem Ziel der
Freiheit unter Umständen abträglich sein konnten. In der
schleswig-holsteinischen Angelegenheit fielen die wichtigsten
Entscheidungen bereits vor dem Zusammentritt der beiden Na-
tionalversammlungen.
Die Septemberkrise machte deutlich, daß die Linke vor ei-
nern europäischen Krieg um Schleswig-Holstein nicht zurück-
scheute, aber keinerlei Mittel besaß, die Rechte, vertreten durch
den preußischen König und die preußische Regierung, zu zwin-
gen, eine linke Politik zu betreiben. Diese Erfahrung wirkte auf
die gemäßigten Liberalen ernüchternd, nicht jedoch auf die Lin-
194 Heiruich August Winkler

ke innerhalb und außerhalb der Parlamente. Als Ende Oktober


1848 die Konterrevolution in Wien siegte, forderte Benedikt
Waldeck, der Wortführer der preußischen Demokraten (und
von Haus aus ein katholischer Westfale) in der Berliner Natio-
nalversammlung Preußen im Namen Deutschlands und der
Freiheit zur militärischen Intervention auf. Es war derselbe Wal-
deck, der einige Monate zuvor am gleichen Ort gegen die Wahl
eines der deutschen Nationalversammlung nicht verantwortli-
chen Reichsverwesers, des österreichischen Erzherzogs Johann,
p rotestiert hatte, weil er in diesem den künftigen habsburgi-
sehen Erbkaiser witterte. »Wir wollen das Schwert, das wir so-
lan ge siegreich für Deutschland geführt haben, gern in den
Schoß der Nationalversammlung niederlegen, gern dem Zen-
traloberhaupt Deutschlands übergeben«, erklärte Waldeck am
11 . Juli. »Aber einem Reichsverweser, der für seinen Kopf den
Krieg erklären könnte, dem wollen wir das Schwert Friedrichs
des Großen nicht anvertrauen((.ll
Der Krieg, den die Linke für gerecht hielt, war ein Volkskrieg.
In der Debatte der Paulskirche vom 12. März 1849, in der es um
das preußische Erbkaisertum ging, warnten mehrere Redner,
darunter der konservative Abgeordnete Joseph Maria von Ra-
dowitz, ein Friedrich Wtlhelm IV. freundschaftlich verbundener
preußischer General und bekennender Katholik ungarischer Ab-
stammung, und der fraktionslose Protestant Moritz von Mohl
aus Stuttgart, ein gemäßigter Demokrat und überzeugter Föde-
ralist, vor der Gefahr eines Bürgerkrieges, sollte es zum Bruch
mit ÖSterreich kommen . Die entschiedene Linke aber schien die
Aussicht auf Krieg und Bürgerkrieg nicht zu schrecken. Der Zoo-
loge Kar! Vogt, Mitglied der Fraktion »Deutsches Haus« und
Fürsprecher einer Föderation des ganzen deutschen Reiches mit
dem ganzen ÖSterreich, hielt in einer von der Linken stünnisch
bejubelten Rede den Zeitpunkt für gekommen, zusammen mit
Polen und Ungarn den Entscheidungskampf zwischen West und
Ost auszufechten. »Meine Herren, der heilige Krieg der Kultur
des Westens gegen die Barbarei des Ostens, den dürfen Sie nicht
herabwürdigen und vergiften durch ein Duell zwischen dem
Hause Habsburg und dem Hause Hohenzollern (... ) Nein, mei-
ne Herren, Sie müssen entschlossen sein, diesen Krieg sein zu
lassen, was er sein soll, ein Kampf d er Völker.(12
Vogt war ein bürgerlicher Demokrat. Die Väter des })Wissen-
schaftlichen Sozialismus« gingen in der Militanz ihrer Forderun-
49~7b

Der überforderte liberalismus 195

gen noch weit über das hinaus, was die parlamentarische Linke
verlangte. Die Tatsache, daB Schwarzenberg sich bei seiner ge-
genrevolutionären Politik auf einen groBen Teil der slawischen
Nationalitäten, namentlich der Tschechen, Kroaten und Slowe-
nen, stützen konnte, veranlaBte Friedrich Engels, zur Vernich-
tung dieser Völker aufzurufen. Im Januar 1849 sprach Engels in
der .>Neuen Rheinischen Zeitung« mit Blick auf die Südslawen
von .) Natiönchen«, von .>Völkerruinen« und .>VölkerabfäUen«,
die die Konterrevolution verträten, und drohte: .>Der nächste
Weltkrieg wird nicht nur reaktionäre Klassen und Dynastien, er
wird auch ganze reaktionäre Völker vom Erdboden verschwin-
den machen. « Einen Monat später sagte der gleiche Autor dem
»revolutionsverräterischen Slawentum« einen »Vernichtungs-
kampf und rücksichtslosen Terrorismus - nicht im Interesse
Deutschlands, sondern im Interesse der Revolution« an.
Das Stichwort .>Weltkrieg« hatte Engels von Karl Marx über-
nommen. Marx war in seinem Neujahrsartikel für die •• Neue
Rheinische Zeitung« zu dem SchluB gelangt, die Revolution
werde nur siegen, wenn sie die Gestalt eines europäischen, ja
eines Weltkrieges annehme - eines Krieges, der mit dem Sturz
der französischen Bourgeoisie beginnen und dann sowohl das
kapitalistische England als auch Rußland, die Vormacht der öst-
lichen »Barbarei«, ergreifen müsse: »Revolutionäre Erhebung der
französischen Arbeiterklasse, Weltkrieg - das ist die Inhaltsanzeige
des Jahres 1849.«13
Zu der Zeit, in der diese Artikel erschienen, hatte die Gegen-
revolution in Wien, Berlin und Paris bereits gesiegt. Der Welt-
krieg, den Marx entfesseln wollte, sollte den weiteren Vor-
marsch der Konterrevolution aufhalten und ihre bisherigen
Erfolge dadurch auslöschen, daß er in die proletarische Weltre-
volution umschlug. Die Linke von Karl Marx bis Karl Vogt sah
im russischen Zarenreich mit Recht den Todfeind der europäi-
schen Revolution, und insofern war es konsequent, wenn sie
einen erfolgreichen Krieg gegen die östliche »Barbarei« zur Be-
dingung des Sieges der Revolution erklärte. Waldeck verfolgte,
als er PreuBen zum Kampf gegen die Wiener Konterrevolution
aufrief, nur scheinbar bescheidenere Ziele: Die Ausweitung des
deutschen Krieges zu einem europäischen Krieg wäre sicher ge-
wesen, hätte die preuBische Regierung ihre Politik an dem aus-
gerichtet, was die Linke in heiden Nationalversammlungen, der
Berliner wie der Frankfurter, verlangte.
196 Heinrich August Winkler

Die Linke hatte recht mit ihrer Behauptung, d aß die Kräfte


d es alten Regim es dank d er Verständigungsbereitscha ft d er ge·
mäßigten Liberalen von d en Erschütterungen d es März 1848
sich rasch w ieder hatten erholen können. Aber eine Lösung des
Problems, wie Deutschland zur selben Zeit frei und ein Staat
werden sollte, ha tten die Demokraten und Sozialisten nicht an·
zuhieten. Der linke Ruf nach dem ganz Europa erfassenden Be·
freiungskrieg d er Völker war ein Ausdruck d eu tschen intellek-
tuellen Wunschdenkens, bar jed er Rücksicht auf d ie tatsächli-
chen Krä fteverhältnisse in den einzelnen Gesellschaften wie
zwischen den Staaten und folglich blind fü r die menschlichen
Kosten d er eigenen Desperadopolitik. Wä re d er Krieg a usge-
brochen, d en d ie äußerste Linke forderte, hätte d ie Gegenrevo·
lution wohl in viel größerem Umfang und auf viel blutigere
Weise gesiegt, als es zwischen d em Herbst 1848 und dem Spät·
jahr 1850 geschah . Entsp rechend radika l wäre d ie politische
Nied erlage d er freiheitlichen Kräfte gewesen.
Die »Revol u tionäre w id er Willen« wa ren in d ieser Hinsicht
realistischer. Daß sie sich zunehmend den Konserva tiven annä·
herten, ist auch vor dem Hintergrund d er linken Alternative zu
sehen: Die Utopie vom großen Krieg zur Befreiung d er Völker,
die militante Seite des Traumes vom »Völkerfrühling«, verhal f
de r liberalen Verständigungspolitik zu einem erheblichen Maß
an politischer Plausibilitä t. Denn wenn d ie konsequenten Re·
volutionäre Gelegenheit erhalten hä tten, ihr Programm in d ie
Tat umz usetzen, wä re das Ergebnis vermutlich eine europäi·
sche Katastrophe gewesen.

Ill.

Im d ritten und letzten Tei l meiner Überlegun gen wende ich


mich den Wirkungen der deutschen Revolution von 1848 zu,
darunter d en Lehren, die unterschiedliche politische Lager aus
dem »tollen Jahr(( zogen. Die An näherung zwischen liberalen
und konservativen Kräften, von der ich eben gesprochen habe,
verlief durchaus nicht nur in einer Richtung - im Sinne einer
An passung der Liberalen an d ie Konserva tiven. Preußen war,
und zwar and ers als ÖSterreich nicht nur nominel1 , seit Ende
1848 ein Verfassu ngsstaat. Damit war d er Hohenzol1ernstaat
49J76

Der überforderte Liberalismus 197

dem Liberalis mus ein beträchtliches Stück entgegengekom-


men. Hatte man Preu ßen vor 1848 nur in wirtschaftlicher und
gesellschaftlicher Hinsicht ein vergleichsweise fortschrittliches
deutsches Land nennen können, so verringerte die oktroyierte
Verfassung vom Dezember 1848 den politischen Abstand zwi-
schen Preußen und d en süddeutschen Staaten. Vom preu ßi-
schen Absolutismus hatte vieles, zumal im Militärwesen, die
Revolution überdauert; ein absolutistischer Staat aber war das
nachrevolutionäre Preußen definitiv nicht mehr.
Die Konstitutionalisierung Preußens ist einer der Gründe,
weshalb das gäng ige Urteil, die Revolution von 1848 sei rund-
um gescheitert, zu kurz greift. Gescheitert is t die Revolution
gemessen an ihrem Doppelziel: d er Freiheit und Einheit
Deutschlands. Weder wurde Deutschland ein freiheitlicher Na-
tionals taat, noch konnte sich der Liberalismus in den EinzeI-
s taaten behaupten. Doch seit 1848 war sehr viel klarer als zuvor,
was »Deutschland« politisch und geographisch bedeutete -
wen jene »Germania « mit dem schwarz- rot-goldnen Banner in
der Linken, mit dem Schwert und einem frei nachempfundenen
Ölzweig in der rechten Hand wirklich verkörperte, vor deren
überlebensgroßem Bild die Abgeordneten in der Paulskirche
fast ein Jahr lang getagt hatten. Die »Kleindeutschen «, vor 1848
eine kleine Minderheit, hatten kräftig an Boden gewonnen. Die
Erfahrungen von 1848 waren notwendig, um im gemäßigten
Liberalismus ein einigermaßen rea listisch es Bild von den Gren-
zen eines deutschen Nationalstaats durchzusetzen.
Die Revolution tat viel, um den Zusammenhalt der Kräfte zu
fördern, die sich vom Ziel eines freiheitlichen und einigen
Deutschland nicht abbringen ließen. Liberale und Demokraten
aus allen Teilen Deutschlands waren in eine engere Beziehung
zueinander getreten, als sie zuvor bestanden hatte. Und auch
inhaltlich war man sich näher gekommen: Seit der gemeinsa-
men Arbeit an der Reichsverfassung und zumal an ihrem
~ Grundrechtsteil gab es gesamtdeutsche Maßstäbe für das, was
es in den Einzelstaaten wie in einem künftigen deutschen Na-
tionalstaat zu erreichen gal t, um die Sache des Fortschritts zum
Sieg zu führen.
Gescheitert war die Revoluti on vor allem an einer politischen
Überforderung des Libera lismus: Es erw ies sich als unmöglich,
Einheit und Freiheit zur gleichen Zeit zu verwirklichen. In den
alten Nationalstaaten des Westens, in Frankreich und England
198 Heinrich August Winkler

zumal, war die nationale Vereinheitlichung über Jahrhunderte


hinweg das Werk von Königen und Ständeversammlungen ge-
wesen. Wer mehr Freiheit wollte, fand den staatlichen Rahmen
schon VO T, in dem die Veränderungen erfolgen sollten. In
Deutschland mußte der staatUche Rahmen für d as Vorhaben
der Liberalen und Demokraten erst noch hergestellt werden.
Die Liberalen im engeren Sinn waren sich durchaus bewußt,
daß sie, während sie am staatlichen Rahmen des neuen
Deutschland arbeiteten, die Machtmittel d er größeren deut-
schen Staaten mit Preußen an d er Spitze benötigten, um das
Werk der nationalen Einigung nach außen, gegen andere Mäch -
te abzusichern. Schon d eswegen (und nicht nur, weil sie die so-
zia le Revolution fürchteten) verbot sich aus ihrer Sicht eine Po-
litik der Konfrontation mit den alten Gewalten - eine Politik,
wie die Linke sie befürw ortete und betrieb.
Der liberale Lemprozeß ließ sich in einem Wort bü ndel n,
d as, weit über Deutschland hinaus, pop ulär wurde, seit es
1853 im Titel eines Buches des liberalen Publizisten Ludwig
August von Rochau a ufgetaucht war: »G rundsätze der Real-
politik. Angewendet auf die staatlichen Zustände Deutsch-
lands«. Realpolitik im Sinne Rochaus hieß vor allem, ei"e Ein -
sicht zu beherzigen: ))Herrschen he iß t Macht üben, und Macht
üben kann nur der, welcher Macht besi tzt«. Für Deutschland
kam infolgedessen a lles darauf an, die Interessen der d eut-
schen Staaten und namentlich der beiden Großmächte ebenso
klar zu erkennen wie d ie Interessen der deutschen Nation.
Preußen und Österreich zugleich für den Dienst der Nation zu
gew innen, sei unmög lich. Es sei nämlich geradez u ei n »Le-
bensinteresse für jeden der heiden G roßstaaten (... ), daß der
andere verhinde rt werde, mit der Na tion gemeinschaftLiche
Sache zu machen«.
Da die Endzwecke ÖSterreichs und jene d er deutschen Na-
tio n nach Meinung des Autors unvereinbar waren, kam nur
Preußen als deutsche Führl'..ngsmacht in Frage. Falls Preußen
sich jedoch damit begnügen sollte, nur bis an die österreichi-
sehen Grenzen vorzurücken, werd e d er Ehrgeiz der Na tion die
Kabinettspolitik zwingen, »den Wettstreit mit ÖSterreich auf ein
schließliches Entweder -Oder zu stellen«. »Kleindeutsch land .<
war für den Realpolitiker Rochau also nur eine Du rchgangssta-
bon nach »)G roßdeutschland«. Damit sprach er nicht für alle
»Kleindeutschen«, aber doch für jene, denen es schwerfiel, Ab-
49~7b

Der überforderte Liberalismus 199

schied von der Vorstellun.g eines deutschen Volkes zu nehmen,


dem auch die deutschen ÖSterreicher angehörten.
Die Lösung der deutschen Frage als außenpolitischer Macht-
frage hatte für Rochau absoluten Vorrang vor der freiheitlichen
Entwicklung im lnnem. Den innenpolitischen Fortschritt konn-
te er sich einstweilen nur im Rahmen jenes Kons titutionalismus
vo rstellen, von dem er doch gleichzeitig schrieb, daß er ledig-
lich »auf höherer Duldung " beruhe - einer Duldung, »die jeden
Augenblick aufhören oder wenigstens an andere Bedingungen
geknüpft werden kann«. Als »Tumplatz, als politische Schule
für Deutschland,< aber war er unentbehrlich . »Nach jedem Sieg,
den die historische Souveränität dem Kons titutionalismus ab-
gewinnt, setzt sie denselben wenigstens in einen Teil seiner
Rechte wieder ein und bereitet s ich dadurch neue Kämpfe«. 14
Radikal andere Schlußfolgerungen als Rochau zog Marx aus
den Revolutionen von 1848, aber in einem stimmte der Londo-
ner Emigrant mit dem liberalen Publizisten überein: in der Er-
kenntnis, daß in der Geschichte alles vom Besitz oder Nichtbe-
sitz der Macht abhing. Für Marx bestand die wichtigste Lektion
des Revolutionsjahres darin, daß das Proletariat die einmal e r-
oberte Macht nur festhalten konnte, indem es die Klassengeg-
ner systematisch unterdrückte. Er gab seine eigene Auffassung
wieder, wenn e r die Position des })revolutionären Sozialismus«
oder »Kommunismus« wie folgt umriß: »Der Sozialismus ist
die Permanenzerklärung der Revolution, die Klassendiktatur
des Proletariats als notwendiger Durchgangspunkt zur Ab-
schaffung der Klassenunterschiede überhaupt«.
Zwei Jahre spä ter rechnete Marx die Einsicht, »daß Klassen-
kampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt«, sogar
zum Kembereich seiner Theorie. Die Erfahrung des Scheitems
»seiner« Revolution führte bei Marx also nicht zu einer Revi-
sion, sondern zu einer Radikalisierung seiner Revolutionstheo-
rie, und mehr denn je orientierte e r sich am vermeintlichen Mo-
dell der modemen Urrevolution: der Französ ischen Revolution
von 1789 und namentlich ihrer terroristischen Phase, der Jako-
binerherrschaft. 15
Ein dritter Lemprozeß war der konservative. Im Jahre 1850
erschien die dreibändige »Geschichte der sozia len Bewegung
in Frankreich« d es Rechtshegelianers Lorenz von Stein. Aus der
Zuspitzung der Klassengegensätze im westlichen Nachbarland
und ihrer Folge, der Errichtung der Herrschaft Louis Napole-
00049~7b

200 Heinrich August Wmkler

ons, folgerte der Autor, daß es nur eine Möglichkeit gab, eine
soiche Enhvicklung in Deutschland und anderen Ländern auf-
zuhalten. Die Monarchie mußte sich als »natürlicher Schutzherr
und Helfer« der »)fijederen, bisher gesellschaftlich und staatlich
unterworfenen KJasse~' begreifen und sich in ein )}Königtum
der sozialen Reform« verwandeln.
Der wichtigste Adressat dieser Empfehlung hieß Preußen. In
einem 1852 veröffentlichten Aufsatz verfocht Stein die Ansicht,
Preußen bestehe aus »zusammengebrachten, von keiner gleich-
artigen Gesellschaftsordnung durchdrungenen Staatsmassen,,;
daher sei für den Hohenzollernstaat nicht die Volksvertretung,
sondern die Regierung das zusammenhaltende und ordnende
Element; PreuBen fehle mithin die »Verfassungsfähigkeit «. Erst
durch eine deutsche Volksvertretung lieB sich Stein zufolge die
Unzulänglichkeit der preuBischen Verfassung ausgleichen.
Faßte man beide Gedankenreihen, die aus der französischen
und die aus der preußischen Geschichte abgeleitete, zusam-
men, so ergab sich daraus ein ehrgeiziges Programm: Der preu-
ßische Staat mußte sich nach innen durch soziale Reformen zu-
gunsten der arbeitenden Klasse, nach außen durch die nationa-
le Einigung der Deutschen von Grund auf neu legitimieren. 16
Zum Exekutor dieses Programmes wurde Bismarck. »Revo-
lutionen machen in Preußen nur die Könige'" bemerkte er wäh-
rend des preußischen Verfassungskonflikts gegenüber Napole-
on III. Die Kriege, die er 1864 gegen Dänemark, 1866 gegen
ÖSterreich und 1870/71 gegen Frankreich führte , waren Teile
einer "Revolution von oben" -die preußische Antwort auf 1848.
Bismarck verwirklichte die Einheitsforderung des Liberalismus
im Sinne der kleindeutschen Lösung. Von den liberalen Frei-
heitsforderungen übernahm er das, was mit den Interessen der
alten Führungsschicht verträglich war, also sehr viel weniger,
als die Liberalen erstrebt hatten. Als er sich rund ein Jahrzehnt
nach der Reichsgründung anschickte, die soziale Frage unter
dem selbstgewählten Etikett des »Staatssoz ialismus« zu lösen,
war der Bruch mit dem Wirtschaftsliberalismus bereits vollzo·
gen und die Nationalliberale Partei, seine parlamentarische
Hauptstütze zwischen 1867 und 1878, gespalten.11
Rudolf Stadelmann hat das Ausbleiben einer erfolgreichen
Revolution in Deutschland mit dem Erbe des aufgeklärten Ab-
solutis mus erklärt, den er als eine Art deutscher Sonderepoche
begriff. »Paradox gesprochen: nicht die deutsche Reaktion, son-
49J75

Der überforderte Liberalismus 201

dern d er deutsche Fortschritt hat Deutschland gegenüber dem


Westen zurückgeworfen . Nur die Idee der Revolution von oben
und die Praxis d es aufgeklärten Verwaltungsstaates, nur das
Vorbild von Herrschern, die als Freunde des Volkes und gerade
des niederen Volkes einen Ruf besaßen weit über die Grenzen
ihres Staa tes hinaus, war stark genug, d en Wettbewerb mit d er
Erklärung d er Menschenrechte aufzunehmen. Das Idea l der Re-
volution von oben hat dem Deutschen das Gefühl vermittelt,
d aß er keinen fremd en Import brauche, um sein Hau s in Ord-
nung zu halten. Und es waren nicht die Fürsten selbst und ihre
Beamten, sondern das aufgeklärte literarische Bürgertum, wei-
ches d ieses Ideal pflegte .•• '8
Von den Fernw irkungen von Bismarcks »Revolution von
oben., läßt sich ähnliches sagen. Als das Kaiserreich im Herbst
1918 zusammenbrach, war eine klassische Revolution von un-
ten in Deutschland scho n ni cht meh r möglich. Deutschland
kannte, dank des von Bismarck 1867 eingeführten al1gemeinen,
gleichen und direkten Reichstagswahlrechts für Männer und
des eben erst, im Oktober 1918, vollzogenen Übergangs zur par-
lamentarischen Monarchie, schon zu viele Elemente von Demo-
kratie, als daß es im Sinne der Jakobiner oder Bolschewiki hätte
1>tabula rasa« machen können. Auf der Tagesordnung stand die
Erweiterung, nicht eine, und sei es auch nur zeitweilige Ein-
schränkung des bereits errungenen Maßes an Demokratie, etwa
in Gestalt einer Diktatur des Proletariats.
Deutschland war auch schon zu industrialisiert für einen to-
talen Bruch mit der Vergangenheit. Rosa Luxemburg irrte sich,
als sie am 31. Dezember 1918 auf d em Gründungsparteitag d er
Kommunistischen Partei Deutschlands meinte, "geführt durch
den Gang der historischen Dialektik und bereichert um die gan-
ze inzwischen zurückgelegte siebzigjährige kapitalistische Ent-
wicklung«, stünd e man nun w ieder an der Stelle, "wo Ma rx
und Engels 1848 sta nden, als sie zum ersten Mal d as Banner des
internationalen Sozialismus aufrollten. Siebzig Jahre d er groß-
kapitalistischen Entwicklung haben genügt, um uns so weit zu
bringen, d aß wir Ernst machen können, den Kapitalismus aus
der Welt zu schaffen.« In Wirklichkeit hatte d ie wirtschaftliche
und geselJschaftliche Enhvicklung den Bedarf an Kontinuität
der alltäglichen öffentlichen Dienstleistungen gewaltig gestei-
gert und jenen für hochindustrialisierte Gesellschaften bezeich-
nenden "Anti-Chaos-Reflex« hervorgerufen, den Richard Lö-
00049~76

202 Heinrich August Winkle r

wenthai zu Recht d en objektiv revolutionshemmenden Fakto-


ren von 1918/ 19 zurechnet. 19
Zwischen den d eu tschen Revolution en von 1848 / 49 und
1918/ 19 g ib t es eine Reihe von auffallenden Parallelen oder, wie
man auf englisch sagen w ürde, von )' recurrent patterns« . Seide
Revolutionen waren in gewisser Weise »ungewollt«, d ie Sozial-
demokraten 1918 ebenso Revolutionäre wider Willen wie die
Liberalen 1848. Beide Ma le unternahm eine Minderheit den Ver-
s uch, die Wahl zur Nationalversammlung gewaltsam zu ver-
hindern und dies d amit zu rechtfertigen, daß die Gemäßigten
die Revolution verraten hätten: Der Heckerpu tsch vom Ap ril
1848 erlebte eine Art Wiederkehr im (mit fragwü rdigem Recht
oft "Spa rtakusa ufs tand « genann ten) Berliner Ja nuarau fstand
von 1919. Marxens Aufruf zum revolutionären Weltkrieg ver-
wandelte sich in Lenins Weltrevolution.
Verändert h atten sich freilich d ie H immelsrichtungen, aus
d enen d ie revolutionären und d ie gegenrevolutionä ren Pa ro len
kamen. Am Beginn einer europäischen Revolu tionsweUe stand
1848 die Pa riser Februarrevolution, am Ende des Ersten Welt-
kriegs d ie russische Oktoberrevolution von 1917. Hätte 1848 / 49
ein Weitertreiben d er Revolution zu einer Intervention des au-
tokratischen Rußland geführt, so nach 1918 eine Nachahmung
des russischen Beispiels in Deutschland zu einem militärischen
Eingreifen d er westlichen Demokratien. Zur Probe au fs Exem-
pel kam es weder im einem noch im anderen Fall . Oie »Macht-
ergreifun g der Extremisten «, in d er Crane Brinton die typische
zweite Phase aller großen Revolutionen sieht, fand nicht s tatt.
Doch auch als bloße Möglichkeit w ar der Ernstfall in beid en
Revolutionen ein politischer Faktor. Er rief Angst hervor und
d iente als Mittel, Angst zu schüren: d ie Angst vor der ro ten Re-
volution, vor Chaos und Bürgerkrieg.20
Der Vergleich läßt sich fortsetzen: 1848 w u rd e der liberalis-
mus d urch d ie Fülle de r zu lösenden Aufgaben ü berfordert,
nach 1918 die Sozialdemokratie. Von d en beiden großen Zielen
d er Revolution von 1848 w urde eines, die na tionale Einheit,
1871 durch Bismarck verwirklich t, das an dere, d ie politische
Freiheit im Sinne eines parla mentarisch regierten Verfassung-
staates, ers t 1918 im Gefolge der militä rischen Nied erl age
Deu tschlands im Ersten Weltkrieg. Die Verknüpfung von N ie-
derlage un d Demokratie wurde zur sch weren Vorbelastun g der
ersten deu tschen Republik. Sie beruhte auf d er wechselseitigen
49~75

Der überforderte Liberalismus 203

Bereitschaft der gemäßigten Kräfte in Arbeiterschaft und Bür-


gertum, miteinander zusammenzuarbeiten. Doch die freiheitli-
chen Kräfte im deutschen Bürgertum waren 1918 längst nicht
mehr so stark wie 1848, und sie wurden im Verlauf der vierzehn
Jahre der Weimarer Republik immer schwächer. Zuletzt stand
die Sozialdemokratie im Kampf um die Erhaltung der Demo-
kratie nahezu isoliert da: von der Rechten des nationalen Ver-
rats, von den Kommunisten des Klassenverrats bezichtigt. Die
Demokratie gegen eine Mehrheit zu verteidigen, die die Demo-
kratie im Grunde nicht wollte, und sich zugleich am eigenen
Anspruch auf die Verwirklichung von mehr sozialer Gerechtig-
keit messen lassen zu müssen: Rudolf Hilferding hat im Som-
mer 1931 diese Herausforderung mit der Quadratur des Kreises
verglichen und von einer »tragischen Situation« der Sozialde-
mokratie gesprochen.2\
Am Ende kommen wir wohl auch bei der Betrachtung der
Revolution von 1848 um den vielmißbrauchten Begriff der Tra-
gik nicht herum. Stadelmann hat in seinem eingangs zitierten,
1946, ein Jahr nach dem Zusammenbruch der nationalsoziali-
stischen Herrschaft, verfaßten und zwei Jahre später veröffent-
lichen Aufsatz das ),Scheitern der 48er Bewegung« verhängnis-
voll für die politische Entwicklung der Deutschen genannt und
dieses Urteil mit einer Metapher zu begründen versucht: »Das
Gift einer unausgetragenen, verschleppten Krise kreist von
1850 ab im Körper des deutschen Volkes. Es war die typische
Krankheit des >Landes ohne Revolutionw.22
Das Scheitern der Revolution von 1848 hat die Wirkungen
gehabt, die Stadelmann beschreibt: Es ist einer der Gründe für
die Schwäche der freiheitlichen Traditionen im Deutschland
des 20. Jahrhunderts oder, um denselben Sachverhalt anders
auszudrucken, die obrigkeitliche Verformung großer Teile des
deutschen Bürgertums oder, noch schärfer, die Brechung des
liberalen Selbstbewußtseins. Und doch greift Stadelmanns Ver-
dikt zu kurz. Denn wenn wir ernst nehmen, was die wirklichen
(und nicht nur widerwilligen) Revolutionäre von 1848 wollten,
müssen wir auch nach den Kosten d es denkbaren Erfolgs dieser
Revolution fragen . Ohne einen großen europäischen Krieg wäre
dieser Erfolg schwerlich zu sichern gewesen. Wollen wir die
gemäßigten Liberalen dafür tadeln, daß sie, bei allen ausufern-
den Visionen von künftiger deutscher Hegemonie, vor dieser
Konsequenz zurückschreckten?
204 Heinrich August Winkler

Aus dem Rückblick von eineinhalb Jahrhunderten haben wir


vielleicht die Chance, differenzierter zu urteilen, als manche Hi-
storiker es 1948, hundert Jahre nach der Revolution, taten . Da-
mals stand die »deutsche Katastrophe«, wie Friedrich Meinecke
die Zeit des Nationalsozialismus genannt hat, ganz im Vorder-
grund der Betrachtung. Die zwölf Jahre von 1933 bis 1945 blei-
ben das zentrale Ereignis der deutschen Geschichte im 20. Jahr-
hundert. Im kollektiven Gedächtnis der Deutschen wirkt diese
Zeit bis heute nach als das große ),argumenturn e contra rio« für
die westliche Demokratie, die viele Deutsche so lange verach-
ten zu können meinten. Eben daraus ergibt sich ein paradoxer
Effekt, der 1948 noch nicht erkennbar war: Der Erinnerung an
das »Dritte Reich «, die extremste Form der deutschen Aufleh-
nung gegen die Demokratie, kommt im Gesamtzusammen-
hang der deutschen Geschichte eine ähnliche Bedeutung zu wie
bei anderen Nationen die Erinnerung an eine erfolgreiche Re-
volution. Es is t eine Erinnerung, die die Demokratie festigt. 23
Die Verfasser der Säkularbetrachtungen von 1948 konnten
nur auf eine deutsche Demokratie, die gescheiterte Republik
von Weimar, zurückblicken. Wir kennen mittlerweile auch die
vielzitierte Erfolgsgeschichte der zweiten deutschen Demokra-
tie, die bis 1990 freilich nur eine westdeutsche Demokratie war.
Daß sie heute eine gesamtdeutsche Demokratie ist, hat seine
Ursache nicht nur im Zusammenbruch des sowjetischen lmpe-
riums. Zum Endc der z",citcn dcutschcn Diktatur trugen a.uch
jene Zehntausende bei, die der Partei- und Staatsführung der
DDR im Herbst 1989 das selbstbewußte Wort entgegenriefen:
))Wir sind das Volk«! Der Begriff »Revolution(, mag für die Er-
eignisse von 1989/90 zu hoch gegriffen sein. Aber das Ergebnis
des Umbruchs ist die Verwirklichung dessen, was die Träger
der Revolution von 1848 erstrebten: Einheit in Freiheit.

AnmerklllTgell

1 Rudolf Stadelmann, Deutschland und die westeuropäischen Revo-


lutionen, in: Ders., Deutschland und Westeuropa. Drei Aufsätze, Laupheim
1948,5. 11-34, hier 5. 14; Ders., Soziale und politische Geschichte der Revo-
lution von 1848, München 11948 e I970).
49J75

Der überforderte Liberalismus 205


2 Wolfgang Schieder, 1848/ 49: Die ungewollte Revolution, in: Carola
Stern / Heinrich August Wmkler (Hg.), Wendepunkte deu tsche r Geschichte
184 ~ 1990, Frankfurt/ M. 1994, S. 17-42; Michael Neumüller, Liberalismus
und Revolution. Das Problem der Revolution in der deutschen libera len
Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, Düsseldorf 1963; Hartwig
Brandt, Die Julirevolution (1830) und die Rezeption der .. prinicipes de
1789.. in Deutschland, in: Roger Dufraisse (Hg.), Revolution und Gegenre-
volution 1789-1830. Zur geistigen Auseinandersetzung in Frankreich und
Deutschland, München 1991, S. 225-235.
3 Heinrich von Sybel, Die politischen Parteien der Rheinprovinz, in
ihrem Verhältniß zur preußischen Verfassung, Düsseldorf 1847, S. 63, 81 f.,
59, 54 (in der Reihenfolge der Zitate; Hervorhebung im Original).
4 Manfred Meyer, Freiheit und Macht. Studien zum Nationalis mus
süddeutscher, insbesondere badischer Liberaler 1830-1848, Frankfurt/ M.
1994, S. 149 (Rotteck); Irmline Veit·Brause, Die deutsch-französische Krise
\'on 1840. Studien zur deutschen Einheitsbewegung, Diss. Köln 1967; Hans-
Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 2: Von der Reformära
bis zur industriellen und politischen .. Deutschen Ooppelrevolution .. von
1815-1845/49, München 1987, S. 125 ff.
5 Hans Rothfels, 1848 - One Hundred Years After, in: The Journal of
Modem His tory 20 (1984), S. 291 - 319; Ders., Das erste Scheitern des Natio-
nalstaates in Ost·Mittel-Europa 1848/ 49, in: Ders., Zeitgeschichtliche Be-
trachtungen, Göttingen 1959. 5.40-53.
6 Veit Valentin, Geschichte der deutschen Revolution 1848-1849, 2
Bde. (' 1931/32) ND, Bd. 2, Köln 1970, S.95ff.; Manfred Botzenhart, Deut-
sche r Parlamentarismus in der Revolutionszeit 1 84~1850, Düsseldorf 19n,
5. 184 H.; Ernst Rudolf Huber, Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789,
Bd. 2: Der Kampf um Einheit und Freiheit 1830 bis 1850, Stuttgart )1988,
5. 587 H.
7 Ste nographischer Bericht übe r die Verhandlungen de r deutschen
cons tituierenden Nationalversammlung zu Frankfurt am Main. Hg. auf Be-
schluß der Nationalversammlung durch die Redactions-Commission u. in
deren Auftrag v. Prof. Franz Wiga rd, 9 Bde., Leipzig 1948/ 49, Bei. 6, S. 4596
(Beckerath), 4626 (Beseler).
8 Joseph Hansen, Gus ta v von Mevissen. Ein rheinisches Lebensbild
1815-1899, Bd . 2, Bonn 1906, S. 448 (Brief an Georg Mallinckrodt); Stenogra-
phische r Bericht, Bd . 6, S. 4096 f. (Dahlmann); Manfred Botzenhart, Das
preußische Parlament und die deutsche Nationalversammlung im Jahre
1848, in : Gerhard A. Ritte r (Hg.), Regierung, Bürokratie und Parlament in
Preußen und Deutschland von 1848 bis zur Gegenwart, Düsseldorf 1983,
S. 14 10.
9 Günter Wollstein, Das "Großdeutschland .. der Pauls kirche. Nationa-
le Ziele in der bürgerlichen Revolution 1848/ 49, Düsseldorf 1977; Rudolf
Lill, GroBde utsch und kleindeu tsch im Spannungsfeld de r Konfessionen,
in : Anton Rausche r (Hg.), Probleme des Konfessionalis mus in Deutschland
seit 1800, Paderbom 1984, 5. 29-47; Peter Borowsky, Was ist Deutschland?
Wer is t de utsch? Die Debatte zur nationalen Identität in de r de utschen Na·
tionalversammlung in Frankfurt und der preußischen Nationalversamm·
lung zu Berlin, in: Bemd-Jürgen Wendt (Hg.), Vom schwierigen Zusammen-
206 Heinrich August Wmkler

wachsen der Deutschen. Nationale Identität und Nationalismus im 19. und


20. Jahrhundert, Frankfurt / M. 1992, 5.81-85; Wolfram Siemann, Die deut·
sehe Revolution von 1848/ 49, Frankfurt/ M. 1985.5.192 ff ..
10 Valentin. Geschichte, Bd. l, S. 46 ff.; Franz X. Vollmer, Die 48er Revo-
lution in Baden. in: losef Hecker u . a., Badische Geschichte. Vom Großher-
wgtum bis zur Gegenwart, Stuttgart 1979, S. 37-64.
11 Verhandlungen der Versammlung zur Vereinbarung der Preußischen
Staats-VerfassunSt 3 Bde., Beflin 1848, Bd . 1, 5.417 (Waldeck, 11.7.1848),
Bd . 3, S. 292 f. (Walde<'k, 31.10.1848).
12 Stenographischer Berichi, Bei. 6, 5. 5807 ff. (Radowitz, 17.3.1849),
5. 5823 (Vogl, 17.3.1849), Mohl (17.3.1849).
13 Karl Marx, Die revolutionäre Bewegung, in: Karl Marx / Friedrich -
Engels, Werke (: MEW), Berlin 1959 H., Bd. 6, S. 148-150, hier S. 150 (Her-
vorhebung im Original); Friedrich Engels, Der magyarische Kampf. in:
ebd., S. 16S-176, hier S. 1n u . 176; Ders., Der demokratische Panslawismus,
in: ebd., S. 271-286, hier S. 286.
14 Ludw ig August von Rochau, Grundsätze der Realpolitik. Angewen-
e
det auf die staatlichen Zustände Deutschlands 1853), hg. u. eingeleitet von
Hans-Ulrich Wehler, Frankfurt / M. 1972. S. 25, 173, 171, 126, 128 (in der Rei-
henfolge der Zi tate).
15 Karl Marx, Die Klassenkämpfe in Frankreich (1850), in: MEW, Bd.. 7,
S.9-107, hier S. 89 f.; Ders., Brief an Joseph Weydemeyer vom 5.3. 1852, in:
ebd., Bd. . 28, S. 503-509, hier S. 508.
16 Larenz von Stein, Geschichte der sozialen Bewegung in Frankreich
von 1789 bis auf unsere Tage, 3 Bde. (1850), ND Darmstadt 1959, Bd . 3: Das
Königtum, die Republik und die Souverä nität der französischen Gesell-
schaft seit der Februarrevolution 1848, S. 37-41; Ders., Zur preußischen Ver-
fassungsfrage (1852), ND Darmstadt 1951 , S. 4, 23.
17 Fürst Otto von Bismarck, Oie gesammelten Werke, Berlin 1924f.,
Dd. 8, S. "59.
18 Stadelmann, Deutschland, S. 28.
19 Hermann Weber (H g .), Der Gründungsparteitag der KPD. Protokoll
und Materialien, Frankfurt/ M. 1969, S. 18O (R. Luxemburg); Richard Lö-
wenthai, Bann und Weimar: Zwei deutsche Demokratien, in: Heinrich Au·
gust Wtnlder (Hg.), Politische Weichenstellungen im Nachkriegsdeutsch-
land 1945-1953, Göttingen 1979, S. 9-25, hier S. l1; Heinrich August
Winlder, Von der Revolution zur Sta bilisierung. Arbeiter und Arbeiterbewe-
gung in der Weimarer Republik 1918 bis 1924, Berlin 21985, S. 19 ff.
20 Crane Brinton, Die Revolution und ihre Gesetze (Orig.: The Anatomy
of Revolution, New York 1938), Frankfurt/M. 1959, S. 211 ff.
21 Rudolf Hilferding, In Krisennot, in: Die Gesellschaft 8 (193I/l1),
S. 1-8, hier S. 1.
22 Stadelmann, Deutschland, S. 31.
23 Friedrich Meinecke, Die deutsche Katastrophe. Betrachtungen und
Erinnerungen, Wiesbaden 1946; Ders., 1848. Eine Säkularbetrachtung. Ber-
lin 1948.
49~75

Günter Schödl

Jenseits von Bürgergesellschaft


und nationalem Staat
Die Völker Ostmitteleuropas 1848/ 49'

Ein Blick auf die noch immer nationalhistorisch zersplitterte,


nur wenig aufeinander bezogene und insofem letztlich ihrer
MaBstäbe unsichere Literatur über ,,1848« als ostmitteleuropäi-
sches Ereignis läBt bestimmte methodisch-interpretative Anlie-
gen als besonders dringlich erscheinen. Zunächst dürfte es ge-
radezu überfällig sein, eine allzusehr philologisch-textbezogen
eingeengte Perspektive entschieden zu erweitem. So sollte die
verbreitete Gewohnheit, von programmatischer Ähnlichkeit
bzw. Übereinstimmung ostmitteleuropäischer und deutschmit-
telA /wes teuropäischer Phänomene allein schon auf entspre-
chend starke, auch gleichgerichtete Dynamik zu schlieBen, eine
Korrektur erfahren. Erst dann wird voll und ganz sichtbar, daB
die Ereignisse von 1848/ 49 in Ostmitteleuropa 2 keinen apriori
harmonisierten , sondern einen auBerordentlich vielfältigen
und konfliktträchtigen Erscheinungsreichtum zeitigten.
Eine zweite methodische Überlegung schlieBt hier an: Die
Auswertung derart ermittelter Befunde, diese kontextgebunde-
ne Erfassung historischer Wirklichkeit ist angewiesen auf den
systematischen Vergleich als weiterem Untersuchungsschritt.
In dieser Hinsicht steht die Forschung - abgesehen von älteren,
weithin ideologisch verzerrten Darstellungen - erst am Anfang,
obwohl es durchaus wertvolle Studien zu einzelnen, meistens
nationalhistorisch definierten Gegenständen gibt. 3 Dieses Defi-
zit ist nicht verwunderlich: Selbst der seit langem intensiver-
örterte Vergleich Deutschlands und Englands im 19. Jahrhun-
dert weist noch immer bestimmte Untersuchungslücken u. a.
bezüglich bestimmter Aspekte von Verfassungswirklichkeit
und Sozialordnung, von Partizipation und Mobilität auf.4 1nso-
fern ist dies angesichts weitaus geringerer Forschungsressour-
cen, vor allem angesichts politischer Kommunikationsbarrieren
00049~lh

208 Günter Schödl

und vielfacher, besonders sprachlicher und staatlicher Zersplit-


terung d es europäischen Ostens um so weniger eine Überra-
schung. Zum soeben erwähnten Vergleich d es englischen und
des deutschen Entwicklungsganges im 19. Jahrhundert, vor al-
lem d es Teilaspekts 1848, weist der osbnittel- bzw. osteu ropa-
bezogene Vergleich noch in anderer Hinsicht eine enge Verbin-
dung auf. Es sind die Transformations- und gesamteuropäi-
schen lntegrationsprozesse unserer Gegenwart, die d en Blick
dafür öffnen, daß das Problem 1848 weder als europäisches
noch als einzelstaatliches Ereignis sinnvoll zu erörtern ist, werm
die geschichtliche Erinnerung einer seit dem Zweiten Weltkrieg
gewachsenen westeuropäisch-atlantischen Bewußtseins- und
Wertgemeinscha ft diese östliche Hälfte Europas mehr oder we-
niger ausklammert, d er Tendenz nach soga r exotisiert. Wie groß
bei d erart tagespolitisch gepräg ter Perspektivenwahl die Ge-
fahr methodischer Verunsicherung und inhaltlicher Anfecht-
barkeit ist, zeigt ebenfalls die Forschungsdiskussion zum Ver-
g leich Deutschland - England im 19.Jahrhundert. Hier ist
jüngst die Kontroverse über einen deutschen Sonderweg erneu-
ert worden :~ Mit guten Gründen wird u. a. kritisiert, daß d ie
These eines vom englisch-westeuropä ischen Modell abwei-
chenden und letztlich d eformierten Modernisierungsprozesses
Deutschlands weitgehend durch Politik und Zeitgeist vorgege-
ben sei, jedenfalls die nötige begriffliche und empirische Fun-
dierung ve rmi ~sen l~ sse .

Die folgenden Darlegungen gelten dem Anliegen, d ie histori-


sche Individualität bestimmter Phänomene - in diesem Falle
Ostmitteleuropas um 1848 - als solche sichtbar zu machen. Da-
mit sind Überlegungen zu d en Möglichkeiten eines systema ti-
schen Vergleichs zunächst innerhalb des europäischen Ostens,
sodann mit Westeuropa und Deutschmitteleuropa verb unden.
Die Vergleichsperspektive wird mehr oder weniger eingeengt
au f zwei Teilaspekte - a uf diejenigen von »Bürgergesellschaft «
und »nationalem Staat((. Diese Sc.hwerpunktsetzung soll einige
knappe Beobachtungen zu Ähnlichkeiten und Unterschieden,
49~76

Jenseits von BürgergeseLlschaft und nationalem Staat 209

auch zur Bewegungsrichtung der Entwicklung im östlichen Eu-


ropa um 1848 ermöglichen.6
Zur Einordnung sei zunächst versucht, die politisch-konsti-
tutionelle und die wirtschaftlich-gesellschaftliche Gesamtsitua-
tion mit einigen wenigen Angaben zu umreißen und zu veran-
schaulichen. Zunächst läßt der Blick auf die politisch-konstitu -
tionel1e Landschaft des östlichen Europa erkennen, daß weithin
die Akteure jenes Wandels, wie er sich in West- und Mitteleu-
ropa seit Französischer Revolution und napoleonischer Ära ab-
zeichnet, noch nicht staatlich oder national definiert sind. Noch
immer bestimmen alte Mächte, vor- und übernationale Monar-
chien, Preußen und ÖSterreich, Ru ßland und Osmanisches
Reich, die staa tlich-territoriale Gliederung des europäischen
Ostens. Aber neue Tendenzen der politischen Durchdringung
und der wirtschaftlich-gesellscha ftlichen Erschließung vom
Zentrum her zeichnen sich ab. Es gibt Zonen geringerer Ver-
dichtung von Macht und Organisation, wo sich autochthone,
auf Selbstbestimmung drängende Dynamik bemerkbar macht.
Dies gilt im Norden für den Aufstand im Königreich Polen ge-
gen die russische Herrschaft ab November 1830 ebenso wie für
die ungarische Reformära, besonders das gewissermaßen evo-
lutionä r-strategische Aufbegehren des »langen Landtagsl( von
1832 bis 1836, und für die ersten serbischen Aufstände zwischen
1804 und 1830 gegen die osmanische Herrschaft, aus der sich
zwischen 1821 und 1830 die Griechen zu lösen vermochten. Ne-
ben diesem Streben nach politiSCher Autonomie, das zum Teil
auch schon als Anspruch aufStaatsbildung auftrat, ist ein zwei-
tes, zeitlich vorgelagertes und weiter verbreitetes Strukturele-
ment zu benennen : von ersten lmpulsen politisch-staatlicher
Emanzipation, die im frühen 19. Jahrhundert aber nicht mit ihm
verbunden sein mußten, nicht scharf zu unterscheiden, hatte
. sich mancherorts schon seit dem mittleren 18. Jahrhundert ein
Streben nach kulturell-ethnischer Selbstvergewisserung und
zuweilen auch na ch ersten Schritten nationaler Identitä tsbil-
dung abgezeichnet. Dies konnte sich - besonders bei den Tsche-
chen, aber auch bei Kroaten, Slowaken und etwas später den
Slowenen - als gew issermaßen symbiotische Auseinanderset-
zung mit dem deutschmitteleuropäischen Verständnis von Kul-
tumation vollziehen. Es konnte andererseits im Weichbild der
Ostki rche als konfessionell-politische Gemeinschaftsbildung
seine Gestaltung finden, was bei Serben und Bulgaren mit d er
210 Günter Schödl

historisch-romantischen Beschwörung vorosmanischer Staat-


Iichkeit verbunden war. Zwar nicht in diesen Formen von na-
tionalem ),Erwachen{( bzw. nationaler )Wiedergeburt« und von
staatsbezogenem Autonomiestreben, aber in abgewandelter Er-
scheinungsweise zum einen der westeuropäisch orientierten
Reformdebatte, zum anderen einer national definierten Staats-
idee sollten auch in Rußland und sogar im Osmanischen Reich
gewisse Echowirkungen im frühen 19. bzw. am Ausgang des
Jahrhunderts zu bemerken sem.
Insgesa mt zeugen schon diese knappen Hinweise davon,
daß es im Osten Europas bereits vor 1848 Strukturmerkmale
und Verlaufsformen des politischen Lebens gab, die es rechtfer-
tigen, von Ähnlichkeit mit West- und Deutschmitteleuropa ,1
vielleicht auch von dessen regelrechter Vorbild wirkung zu
sprechen. Diesen Eindruck verstärken zudem Beobachtungen,
daß auch bei manchen Details von Wandel und Neuerung ge-
radezu eine Nachahmung des Westens zustande kam. So bei
der Einführung bestimmter Teilelemente westlicher politischer
Kultur wie Verfassung und Partei, Parlament und konstitutio-
nelle Monarchie. Aber ein Blick auf die Realität solcher Neue-
rungen, auf die Wechselwirkungen mit ihrer jeweiligen Umge-
bung läßt zugleich die Grenzen solcher Hinweise auf Ähnliches
und Paralleles deutlich werden . So stellten erste Parteien in
Griechenland und in Kongreßpolen seit der Mitte der zwanzi-
ger Jahre, de!>gleichen frühe Ve rfassungen wie die .. türkisch e «
Verfassung in Serbien von 1838 oder der serbische )}Sabor«, ein
Parlament, das allerdings zwischen 1843 und 1858 nur ein ein-
ziges Mal, eben im Jahre 1848 tagte und sich längst vor der er-
sten Verfassung, nämlich aus Repräsentantenversammlungen
entwickelt hatte - so stellten Erscheinungen dieser Art weniger
Ähnlichkeiten mit westlicher Modeme dar als eigenständige,
unter Umständen auch verfehlte und so gar nicht beabSichtigte,
womöglich auch manipulativ-instrumentell gedachte Schöp-
fungen. Eine Variantenbildung dieser Art, hinter der sich im
Extremfall sogar - sei es planvoll herbeigeführt oder als Resul-
tat der regional besonderen Entwicklungsmöglichkeiten - das
Gegenteil des betreffenden modernen, westlichen Bezugsob-
jekts verbirgt, kann nur unter Berücksichtigung des politisch-
gesellschaftlichen Kontextes einem sinnvollen Vergleich unter-
zogen werden.8
Die politisch-konstitutionelle Landschaft in Europas Osten
49~76

Jenseits von Bürgergesellschaft und nationalem Staat 211

jedenfalls entsprach in vielem nicht den Vorstellungen, die man


sich von den Bedingungen des europäischen Modernisierungs-
prozesses dieser Zeit macht. Ganz abgesehen davon, daß - w. o.
erwähnt - die als Träger in Frage kommenden Großgruppen
weder staatlich noch territorial definiert waren und daß insge-
samt der Prozeß nationaler Identitätsbildung weithin noch im
Anfangsstadium steckte, fehlte es auch an den wirtschaftlich-
gesellschaftlichen Voraussetzungen. Balkanische Bauerngesell-
schaften, bipolare Agrarordnungen mit der Grundherr-Kolon
bzw. Kmet-Konstellation sowie eine Mehrheit abhängiger Bau-
ern - diese soziale Struktur entsprach den EXistenzbedingun-
gen des westeuropäischen Modernisierungsprozesses ebenso-
wenig wie eine Gesellschaft ohne die nötige Trägerschicht, sei
es bürgerlicher Mittelstand oder AdeL Immerhin ist einzuräu-
men, daß politisch-kulturelle und Wirtschaftlich-gesellschaftli-
che Strukturelemente dieser Art zumindest zeitweilig über-
sprungen oder überhaupt funktional ersetzt werden konnten .
Dies konnte durch situative Vorbildwirkung, wie sie vom grie-
chischen Unabhängigkeitskampf und von d en polnischen Auf-
ständen, vor allem von der Pariser Julirevolution und den bel-
gischen Unruhen im August 1830 ausstrahlte, ebenso gesche-
hen wie durch außenpolitische Veränderungen. Diese
begünstigten den serbischen bzw. den griechischen Unabhän-
gigkeitskampf, als das Osmanische Reich zunächst durch Ruß-
land, ferner durch Aufstände in Mesopotamien und Arabien,
später durch eine Allianz der Großmächte anderweitig unter
Druck gesetzt wurde.
Mit Vorbehalten dieser Art lassen sich die politisch-gesell-
schaftlichen Verhältnisse d es östlichen Europa im frühen
19. Jahrhundert durch die Beobachtung charakterisieren, daß
ihnen weniger der gesellschaftliche Wandel und das Verlangen
nach einer rechtlich abgesicherten Verfassungsordnung seitens
einer ansatzweise politisierten Öffentlichkeit den Stempel auf-
drückten; es handelte sich hier eher um die weitgehend traditio-
nellen Formen von Verweigerung gegenüber fremder Loyali-
tätsforderung, die mit einem neuen Interesse adliger oder f und
intellektueller Eliten an nationaler Identität einhergehen konn-
ten. Es war - kurz und zugespitzt ausgedrückt - weniger poli-
tischer Modemisierungsd ruck als nationales Autonomiestre-
ben, das auch im Osten Europas am Ausgang der vierziger Jah-
re eine neue Veränderungsdynamik hervorbrachte. Am Beispiel
()()()49~75

212 Günler Sc:hödl

zunäch st üstmitteleuropas im engeren Sinne, vor allem des


tschechischen Falles, sodann im kurzgefaßten Vergleich mit
Osteuropa insgesamt sei dies im folgenden näher betrachtet.

1I

Daß die revolutionäre Entwicklung in den Ländern der böhmi·


sehen Krone seit März 18489 im soeben erwähnten Sinne nicht
nur von den Ereignissen in Frankreich und in Deutschmitteleu·
ropa beeinOußt war, sond ern Besonderheiten aufwies, sollte
sich sehr schnell zeigen. So klar hier auch als konstitutive Ten-
denzen die Ausformung einer Bürgergesellscha ft und d as
Selbstbestimmungsstreben einer Nation hervortraten, so un-
übersehbar waren gewisse Eigenheiten. Auch wenn d as wirt-
schaftlich-gesellschaftliche Erscheinungsbild Böhmens im
19. Jahrhundert d emjen igen Deutschmitteleuropa s in hohem
Maße glich - in einem besond eren Licht steht doch vor allem
die Frage nach dem Subjekt, nach den Trägern der Ereignisse
von 1848, ihrem Selbstverständnis und ihren Zielen. Zwar wich
di e sozial-strukturelle Zusam mensetzung auch der Bevölke-
rung Prags als wichtigstem Schauplatz d es böhmischen »1848«
ni cht wesentlich von deutschmitte leuropäischen Verhältnissen
ab; vor allem hatten sich bereits bürgerliche Mittelschichten
herauszubilden begonnen . Aber gewisse Eigenheiten ließen
diese Anfänge sozialer Modernisierung doch erkennen - gegen-
über deutschmitteleuropäischen, zugleich auch ostmitteleuro-
päischen Parallelen. So bahnte sich in jedem der böhmischen
Länder geWisserma ßen eine Verd opplung des Modernisie-
rungsprozesses an. Auf ein- und demselben Territorium traten
- vielfach miteinander konkurrierend - jeweils eine tschechi-
sche und eine deutsche Verbürgerlichungstendenz zutage. Die-
se Prozesse waren weder territorial kompakt, noch umfaßten
sie je einen klar abgegrenzten TeiJ der böhmischen Länder, zu-
mal die zug rundeliegende nationale Rivalität noch nicht voll
ausgeb ildet war.
Selbst ein nur ansa tzweise systematisch strukturierte r, kur-
zer Blick auf den Ereignisablauf von 1848/49 in Böhmen 10 zeigt,
daß die Cha rakterisierung als »Revolution« nur begrenzt auf
49~76

Jenseits von Bürgergesellschaft und nationalem Staat 213

eine entsprechende Dramatik gegründet werden kann . Abgese-


hen von situ ativen Zuspitzungen und den Prager »Pfingstun-
ruhen« Mitte Juni 1848 handelte es sich nicht um ein revolutio-
nä res Geschehen im Sinne langdauernder Barrikadenkämpfe,
mit Massenmobilisierung und -radikalisierung. Vor allem kam
es nicht z u anhaltender Teilnahme der städtischen Unterschich-
ten und der Landbevölkerung. Wie diese soziale Grenze zum
Mas5ellphänomen nicht überwunden wurde, so auch nicht die-
jenige zwischen Stad t und Land. Daher könnte man für einen
G roßteil des Geschehens eher von »Prager Revolution« spre-
chen als von »Böhmischer Revolution«. Insofern stellte sie von
ihrer Ereignisgestalt, aber auch von ihrem programmatischen
Profil her keineswegs eine voll ausgebildete Parallele zur Revo-
lution, genauer: zu den drei Aufständen in Wien dar. Die initi-
alzünd ung der Mobilisierungs- und Homogenisierungsimpul -
se war auch nicht stark genug, um die historischen Grenzen
zwischen den Ländern der Wenzelskrone, zw ischen Böhmen,
Mähren und Österreichisch-Schlesien zu überspringen.
Dennoch wäre es unberechtigt, dieses Geschehen im Sinne
des Klischees »weit d ahinten im Osten« gewissermaßen zu exo-
tisieren; weder die kleindeutsche Sichtweise d es Bismarckstaa-
tes noch diejenige des Ost-West-Blockdenkens, d ie beide noch
immer nachwirken, werden den besonderen ostmitteIeuropäi-
schen Verhältnissen gerecht. Die Prager Ereignisse von 1848/49
spielten sich nicht irgendwo im Dämmerlicht eines düster-un-
begreiflichen Ostens ab, sondern geographisch und zug leich
politisch in nächster Nähe Wiens als damaligen mitteleuropä i-
schen Zentrums. So ist es ein wichtiger Teilaspekt des sei t d em
Ende des Blockgegensatzes in Gang gekommenen politisch-hi-
storischen Umdenkens, wenn auch am Beispiel »1848" über die
böhmischen Länder als Teil Mitteleuropas, überhaupt über das
östliche Mitteleuropa nachgedacht wird. Eine dieser Art erneu-
erte Verortung im au thentischen zeitgenössischen Kontext legt
- trotz der w. o. envähnten Einwände - die Auffassung nahe,
es habe sich nicht nur um d ie eher zufä lli ge Ähnlichkeit eines
Randphänomens gehandelt, sondern um einen konstitutiven
Bestandteil der staaten- und völkerübergreifenden, in sich zu-
sammenhängenden europäischen Revolution . Deren bestim-
mende Inhalts- und Strukturelemente sind auch in der böhmi-
schen Revol ution anzutreffen. So ist im Hinblick auf die eigent-
liche Prager Revolutionsphase zwischen März und Juni 1848,
00049~75

214 Günter Schödl

also zwischen »Wenzelsbad· Versammlung« als Auftakt und d er


Nied ersc hlagung d er Pfingstunruhen als negativer strategi.
scher Entscheidung, geradezu eine hochgradige Übereinstim-
mung gegeben.
Dieser Einschätzung widerspricht nicht d er Umstand, daß es
während d er weiteren Entwicklung bis zur Auflösung des ver-
fassunggebenden Kremsierer Reichs tags und schließlich dem
Ausnahmezus tand in Prag am 7. Mä rz bzw. 10. Mai 1849 zu
Vorgängen und Gestaltungen anderer Art gekommen ist. Sie
können in höherem Maße als Ausdruck der Landes- und der
überg reifenden Reichspolitik verstanden werden. Verglichen
etwa mit den dram a ti schen Auseinand ersetzungen auf d en
Straßen d er Hauptstadt des Habsburgerreiches, besond ers im
März / Mai und bereits unter proletarischer Beteiligung im Ok-
tober 1848, han delte es sich beim Aufta kt d er böhmischen Re-
volution im Prager Wenzelsbad eher um eine durchaus n icht
um stürzlerische Protest- und Petitionskundgebung. Ihre pro-
g rammatischen Bekundungen bilden zusammen mit d em ab-
lehnend en Antwor tschreiben d es Histo rikers Fra nti~e k Pa -
lacky, den der Fünfzigerausschuß d er d eutschen Nationalbe-
wegung eingelad en hatte, an d en Vo rberei tungen für eine
d eutsche Nationalversa mmlung mitzuwirken, gewissermaßen
d en konzeptionellen Kern jener früh en tschechischen Po litik:
Der Politisierungsschub von März/ Ap ril gewann so erste in-
haltliche Kontu ren. Auch ers te o rganisatorische Ergebnisse tra-
ten zutage: So wurde als erstes G lied einer langen Kette na ti o-
naler Organisa tionsbemühungen, d ie mit dem tschechoslowa-
kischen »Na ti onalrat« von 1916/ 18 ihren Abschl uß finden
sollten, ein tschechischer »Nationalausschu ß« geschaffen. Eine
weitere, ausgesproch en konfliktträchtige frühe Folge d er De-
batten, die sich aus der Wenzelsbad-Kundgebung trotz d er Teil-
nahme auch deu tscher Bürger ergaben, war die beginnende Na-
ti onalisierung d es deutsch-tschechischen Zusa mmenlebens.
Auch wenn regelrechte kollektive Verfeind u ng d am it noch
nicht vorprogrammiert war, so rückte doch ein künftighin prä-
gendes Problem auf die Tagesordnung. Die Zeit d es his torisch
gewachsenen böhmischen Landespatriotismus war abgelau fen ,
und die kultureJl·intellektuellen Bestrebungen »nationaler Wie-
d ergeburt« (»Narodni obrozeni«) erfuhren ihre Metam o rphose
zum Politischen. Vorbe reitet ha tte sich dies kulturell schon seit
d em späten l a. Jahrhundert, und im frühen 19. Jahrhundert wa-
49~76

Jenseits von Bürgergesellschaft und nationalem Staat 215

ren im Vergleich und im Wettstreit mit dem zu dieser Zeit in


Prag noch d ominierenden deutschen Element sprachliches und
politisches Selbstbewußtsein der Tschechen geformt worden.
Verstärkt durch den Generationswechsel in den tschechischen
Führungsschichten seit den frühen vierziger Jahren, wurde dar-
aus eine unumkehrbare Tendenz, die eben 1848 endlich auch
mit politischer Schubkraft ausgestattet wurde: Eine Wechselbe-
ziehung zwischen - erst jetzt gesicherter - tschechischer natio-
naler Identität und übergreifendem Modemisierungsprozeß,
die beide Elemente so eng aneinanderband, daß sie in gewissem
Maße austauschbar werden sollten.
So vorteilhaft, womöglich sogar notwendig diese Kombina-
tion für die Entfaltung der tschechischen Nation auch wurde-
sie erwies sich zugleich als Verhängnis: die Deutschen gerieten
im eigenen Lande unabhängig von ihrem tatsächlichen Verhal-
ten als Verkörperung des Deutschen überhaupt, an dem man
sich zugleich maß und rieb, in die Rolle geWissermaßen eines
für die tschechische nationale Entwicklung prägenden negati-
ven Bezugspunktes, einer Art negativen Elitenersatzes. Es war
die Einsicht in dieses Zerbrechen einer bisher überwiegend
symbiotischen Konstellation tschechischer und deutscher Be-
völkerung in Böhmen, was Palackys paradigmatisch bedeutsa-
me Distanzierung von Parlament und Staat der Deutschen be-
dingte. Wirkungsmächtiger als die im Laufe des Jahrhunderts
sich aufstauenden gegenseitigen Vorurteile und Aggressionen
sollte dieser funktional notwendige Sachverhalt werden, daß
sich die, eben 1848 erst zur Entfaltung kommende tschechische
Nationsbildung von Anfang an in Auseinandersetzung mit der
vorauslaufenden, beeindruckenden und sogleich bedrohlichen
deutschen Parallele herausbildete. Damit war die Zeit vorbei,
in der böhmischer Landespatriotismus und romantischer Sla-
wismus, Loyalität zum Hause ÖSterreich und Beschwörung des
historischen böhmischen Staatsrechtes nebeneinander hatten
existieren können. Zwar erkannten nationalpolitische Mei-
nungsführer wie Palacky und Karel Havlicek Borovsky noch
vor 1848, wie illusionär alle Vorstellungen von slawischer Soli-
d arität waren. Es war ihnen auch nicht verborgen geblieben,
wie schwer es fallen mußte, einen historisch hergeleiteten An-
spruch auf böhmische Staa tlichkeit durchzusetzen. Aber un-
übersehbar war angesichts des Politisierungsschubs, den
,,1848« zumindest den größeren Städten brachte, zug leich dies:
216 Günter Schödl

es wurde als ein Zeichen der Zeit aufgefaBt, daß die Absage an
böhmischen Landespatriotismus, an übemational·humanisti-
sehe Harmonieappelle, gleichermaßen an Panslawismus und
russische Verlockung, nun nicht mehr einen Verzicht auf volle
Entfaltung der eigenen Nation nach sich zog. Angesichts des
gewandelten Zeitgeistes von 1848 und besonders der ungari-
schen und polnischen Vorbilder nebenan war diese Orientie-
rung durchaus selbstverständlich, und doch führte sie nicht zu
entsprechend klaren Positionen bei der anstehenden national-
politischen Programmdiskussion. Die Forderungen der Prager
Petitionsbewegung blieben daher bei den Belangen tsche-
chisch-deu tschen Zusammenlebens sowie der künftigen Bezie-
hung zu Wien strittig bzw. unabgeschlossen-vage. Aber ähnlich
klar wie Palackys Verweigerung gegenüber einem nationalen
Deutschland waren auch die Petita der Wenzelsbad-Versamm-
lung, insofern es um den gemeinsamen politisch-freiheitlichen
Kanon der europäischen Revolution ging. Man forderte in er-
ster Linie das Ende der Mettemichschen Epigonie eines über-
lebten Absolutismus, in Böhmen des Ständesystems; wichtigste
Anliegen waren Verfassung und bürgerliche Freiheitsrechte,
femer die Liberalisierung in Bereichen wie Justizwesen, Ver-
samm lungsrecht und Presse; weitgehend bekannte man sich
auch zum Abschluß der Bauembefreiung. Aber so klar dieses
Bekenntnis zur eigenen Nation und ihrer Entfaltung in den Ka-
tegorien d es Sturmjahrcs 1848 auch crscheint, so zaudcr-nd und
vorläufig blieb doch die na tionalpolitische Ku rsbestimmung
darüber hinaus.
Dieses Moment des Zaudems, des offenkundigen Zurück-
schreckens vor naheliegenden Folgerungen aus prinzipiellen
Erkenntnissen war nicht nur Ausdruck einer Zeit beschleunig-
ter Veränderungen, die wenig Gelegenheit zu abgeklärter Pro-
grammarbeit gegeben hätte - es hat mehr mit Genesis und cha-
rakteristischer Konstellation tschechischer nationaler Politik in
Böhmen zu tun. Beides war in hohem Maße von der Einsicht in
die Übermacht der Verhältnisse bestimmt. Die Protagonisten
tschechischer nationaler Politik, welche als solche bis 1848 oh-
neh in nur Sache einer Minderheit gewesen war, befanden sich
zwar auf der Höhe ihrer Zeit, was die Reflexion über Möglich-
keiten kulturell-nationaler Identitäts- und kollektiver Willens-
bildung betraf, die trotz politischer Ohnmacht gegeben waren.
Sie ließen sich vom pragmatischen Selbstbehauptungsstreben
49~76

Jenseits von Bürgergesellschaft und nationalem Staat 217

des englischen Bürgertums, von Konzepten des englischen li-


beralismus für kompromißorientierte Beteiligung des Bürger-
tums an der Macht mehr noch inspirieren als von der Radika-
lisierung des französischen Konstitutionalismus;ll schließlich
hatte man sich in der vorpolitischen Phase der zwanziger und
dreißiger Jahre an Wunschbildern urslawischer Zustände, be-
sonders slawischer Demo kratie, geradezu berauscht, hatte man
zudem Erwartungen in ein slawisiertes Österreich und in all-
slawische Gemeinschaft gesetzt. Aber der systematisch durch-
dachte Gegenentwurf zur abgelehnten Realität einer innen-
und außenpolitisch, finanziell und herrschaftstechnisch in die
Krise geratenen Monarchie, die außer der Selbsterhaltungsrai-
son des Hauses ÖSterreich kaum noch über eine Staatsidee ver-
fügte, ferner der Gegenentwurf zu den unzureichenden Re-
formofferten des böhmischen Adels, die lediglich eine gewisse
bürgerliche Erweiterung der überlebten Ständeordnung vorsa-
hen -dies alles wurde nicht in seiner vollen systematischen Ent-
faltung präsentiert. So stellte es von vorneherein einen Akt des
Zurückschreckens vor entschiedenen politisch-konstitutionel-
len und sozialen Reformforderungen dar, daß in der ersten
Wenzelsbad-Petition vom 11 . März 1848 nicht innen-, sondern
nationalitäten politischen Postulaten der Vorrang eingeräumt
wurde. Mit Nachdruck wurde eine Verfassungsgarantie für die
Gleichstellung aller Nationalitäten der Monarchie gefordert,
während insgesamt für die tschechische Debatte über das Ver-
hältnis zu den Deutschen in Böhmen selbst eine gewisse Unent-
schiedenheit charakteristisch war. Es handelte sich um ein
Schwanken des national politischen Denkens zwischen konkur-
rierenden grundsätzlichen Auffassungen, die um 1848 weitge-
hend durch Palacky einerseits, andererseits Havlicek Borovsky
als Angehörigem einer jungen, nicht mehr universalistisch-hu-
manistisch geprägten Intellektuellengeneration verkörpert
werden : um das »Schwanken zwischen dem historischen
Staatsrecht (mit der Priorität der Tschechen und der tschechi-
schen Sprache bei Havlicek) und der Autonomie und dem Na-
turrecht (Palackys Gleichberechtigung bei der Landesspra-
chen) ~(. 12
Ein gewisses Zurückschrecken vor der Rolle der TItularna-
lion eines selbständigen Staatswesens stellte die Forderung
nach Ausdehnung des Prinzips der individuellen Gleichberech-
tigung auf die Ebene der Gleichberechtigung von Nationalitä-
218 Günter Schödl

ten dar. Auf der gleichen Linie bewegten sich - als Zentrum der
nationalitätenpolitischen Debatte - die sprach- und verwal-
tungspolitischen Vorschläge dieser Zeit. Im April 1848 trat
selbst ein führender Vertreter der entschiedeneren Richtung
HavHceks, Vaclav Tornek, in diesem Sinne hervor: 1J anders als
gleichzeitig die ungarische Nationalbewegung und ihre Natio-
nalitätenpolitik beharrte Tomek auf weitgehender Zweispra-
chigkeit in Bildungswesen und Staatsverwaltung Böhmens.
Verbunden hiermit waren in der ersten Wenzelsbad-Petition
staatsrechtliche Forderungen, die - wiederum in Anpassung an
den Status quo - nicht etwa der nationalen Staatsbildung gal-
ten, sondern einer Art realistischen Umbaus der Habsburger-
monarchie. Und auch hier erweist ein Vergleich mit der unga-
rischen Problematik, wie ausgeprägt eine innere Unsicherheit,
vielleicht auch unpraktisch-idealistische und politisch unerfah-
rene Haltung der tschechischen Wortführer war. Während die
ungarische Fronde die Restituierung der historischen Staatlich-
keit forderte, zugleich aber eine Stellungnahme zur Loyalitäts-
erwartung der Krone und zu den Vorstellungen anderer Natio-
nalitäten vermied, engten tschechische Politiker durch vorzei-
tige Stellungnahmen ihren reformpolitischen Spielraum ohne
Not selbst ein. Sie legten sich weitgehend auf das Konzept eines
österreichisch-ungarisch-tschechischen Trialismus fest. H Er
sollte zudem die nationale Integration von Böhmen, Mähren
und Schlesien als Ländern der We n zelskrone unte r einem Vize-
könig - ausdrücklich: aus der herrschenden Dynastie - ermög-
lichen.
Stärker kam der reformerische Impetus der Wenzelsbad-Ver-
sammlung bei den im engeren Sinne verfassungspolitischen
Forderungen zur Wirkung, etwa durch das Beharren auf eine
wesentliche Erweiterung und Veränderung des Ständelandta-
ges durch die Wahl von Vertretern der Städte und Landgemein-
den. Auch die - bereits erwähnten - staatsrechtlichen und na-
tionalitätenpolitischen Forderungen nach engerem Zusammen-
schluß der böhmischen Länder unter Aufwertung Prags
enthielten nach den Maßstäben des zeitgenössischen österrei-
chischen Liberalismus einen massiven Modemisierungs im -
puls: sie zielten auf gemeinsame Institutionen der Länder der
Wenzelskrone als Mittel nationaler Integration. Die weitere Ent-
wicklung der Petitionsbewegung, so etwa Palackys Landtags-
initiative von Anfang Mai, bewies eine entschiedene Stoßrich-
49~75

Jenseits von Bürgergesell.sc:haft und nationalem Staat 219

tung. Es ging um Liberalisierung der ständischen Institutionen


und um Abwehr des Plans einflußreicher adliger Reformer und
des böhmischen Gubernalpräsidenten Leopold Graf Thun-Ho-
henstein, ÖSterreich lediglich nach Maßgabe eines historisch
hergeleiteten Kronländerföderalismus umzugestalten - ohne
echte Reform d er ständischen Vertretungskörperschaften und
ohne volle Gleichstellung der Tschechen mit den Deutschen.

1lI

Trotz alledem wurde es für den weiteren Verlauf und die Ergeb-
nisse der bö hmischen Revolution charakteristisch, daß sich
schon im April ein Kompromiß mit den adligen Reformern an-
bahnte. Nach Graf Thuns Vorstellungen wurde die organisato-
rische Plattform der Revolution, der Wenzelsbad-Ausschuß,
durch Umformung zum tschechischen "Nationalausschuß «
entschärft und eingebunden in den Kurs des Gouverneurs. Die-
sem gelang es, die tschechischen Wortführer des Wandels da-
durch für sich einzunehmen, daß er gegen den - für die tsche-
chische Bewegung gefährlichen - Zentralismus der stärker wer-
denden Wiener Linken eine Allianz anbot. Weitere Umstände,
welche - in krassem Unterschied zur ungarischen Nationalbe-
wegung - deren tschechisches Pendant bremsten: zunächst als
äußeres Moment die nationalpolitische Dynamik Frankfurts,
die ihrerseits eine Verschärfung der Wiener Zentralisierungsbe-
strebungen nach sich zog; außerdem machte sich als internes
Hindernis allmählich bemerkbar, daß sich die tschechische Na-
tionalbewegung weder in Schlesien noch in Mähren schon voll
durchsetzen konn te - in Schlesien überhaupt nicht, in Mähren
wiederum kristallisierte sich eine pragmatischere Variante her-
aus, die auf Distanz zu den staatsrechtlichen Forderungen nach
trialistischer Zusammenfassung der böhmischen Länder und
Zentralisierung ihres politischen Lebens ging. ln dieses Bild ei-
ner unter der Übermacht widriger Existenzbedingungen von
Anfang an abgewandelten böhmischen Revolution fügte sich
auch die innenpo litische Komponente ihrer Progra mmatik.
Trotz des Bewußtseins in der Wenzelsbad-Versammlung, daß
ein möglichst breiter Konsens vom liberalen Bürgertum über
00049J7b

220 Günler Schödl

die Studenten bis hin zum städtischen Kleinbürgertum und den


Bauern nötig sei, blieb die insofern naheliegende, weithin pro·
pagierte Forderung nach vollständiger Bauernbefreiung doch
nicht unumstritten . Gegenläufig zur gleichzeitigen sozialen Ra·
dikalisierung der Wiener Revolution kam es beispielsweise
schon am 13./ 14. März im sogenannten Pinkas·Entwurf der Pe·
titionskampagne zu einer Abschwächung der ursprünglichen
Forderung nach völliger Beseitigung der Feudallasten, als nur
noch eine Verbesserung der Lebensverhälmisse angemahnt
wurde. Zunächst wurde der anfängliche Einfluß der vergleichs·
weise radikalen Prager »RepeaHsten« durch wachsende Prä-
senz des begüterten Bürgertums in der tschechischen National-
bewegung gebremst. 15 Dann nahm im April Gouverneur Graf
Thun der Nationalbewegung die Initiative aus der Hand . Es
war nur eine kurze Phase, zwischen 11 . März und etwa Mitte
April 1848, während der - analog zur Entwicklung in Wien, wo
zwischen 13. und 15. März das System Metternich sein Ende
fand - in Böhmen die Revolution in Gestalt des Wenzels-Aus-
schusses von großen Teilen der Bevölkerung tatsächlich als Re--
präsentantin der Nation betrachtet wurde. Auch im Urteil des
Ho fes erfuhr sie alsbald eine deutliche Herabstufung - vor al-
lem im Vergleich zur ungarischen Nationalbewegung. Zwar
konnte die allerseits bedrängte Krone nach der erzwungenen
Annäherung an das konstitutionelle Prinzip von der ungari-
schen Nationalbewegung am 16. März zur indirekten Sanktio-
nierung der ungarischen Autonomie gedrängt werden, zwar
schufen ferner am 18./22. März Aufstände in Mailand und Ve·
nedig sowie am 23. März Sardiniens Kriegserklärung eine wei·
tere Front und nahm die Herausforderung seitens Frankfurts
immer deutlichere inhaltliche Konturen an. Dennoch vermoch-
te die Krone gegenüber der böhmischen Petitionsbewegung ei-
ne ausweichend·abwehrende Position aufrechtzuerhalten: in
der Antwort vom 8. April, welche unter dem Eindruck der be·
ginnenden Vorbereitungen für Wahlen zum böhmischen land-
tag und zum ästerreichischen Reichstag erfolgte, verpflichtete
sich die Regierung nicht zu einer realistischen Reichsreform,
auch nicht zur Einheit der böhmischen Länder und entspre-
chenden konstitutionel1en Einrichtungen. 1m wesentlichen an-
erkannte sie lediglich die konkreten nationalitäten politischen
Anliegen der Petition, also vor allem die Gleichstellung der Na·
tionalitäten und damit die Aufwertung der tschechischen
Jenseits von Bürgergesellsc:haft und nationalem Staat 221

Sprache. Selbst den Anschein einer Zustimmung zu den staats-


rechtlichen Anspruchen der Tschechen suchte sie zu vermeiden,
indem sie nur indirekt, nur durch Hinweis auf zentrale Institu-
tionen, von einer Zusammengehörigkeit der Länder der böh-
mischen Krone sprach: einer Analogie zu dem Entgegenkom-
men gegenüber den »Ländern der Stephanskrone« beugte man
auch dadurch vor, daß nicht von den »Ländern der Wenzels-
krone« , sondern nur vom »Königreich Böhmen« gesp rochen
wurde. 16 Die Prager Deputation nahm das ebenso hin, wie die
Unterscheidung zwischen - verweigertem - verantwortlichem
Ministerium und gemeinsamem Parlament der böhmischen
Länder und andererseits - in Aussicht gestellten - Landesinsti-
tutionen nur für Böhmen.
Daß sich also die Krone sogar in dieser Schwächephase nur
in sehr begrenztem Umfang zu einem Entgegenkommen bereit-
fand , wurde mH jener Kompromißbereitschaft hingenommen,
welche der böhmischen Revolution von Anfang an eigen war.
Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß es - im Zusammen-
hang mit einer zweiten revolutionären Welle in Wien im Mai-
seit Monatsanfang in Prag erneut zu Unruhen kam. Damit war
nun auch die Radikalisierung von Arbeitern verbunden, zu-
gleich die ers tmals signifikante Verschlechterung des tsche-
chisch-deutschen Verhältnisses in Prag, nachdem ein Versöh-
nungsfest im königlichen Wildgarten am 25. Mai gescheitert
war. Vorkommnisse dieser Art konnten die mittlerweile ausge-
testete und einvernehmlich verabredete Strukturierung der po-
litisch-gesellschaftlichen Machtaus übung nicht mehr gefähr-
den. Es blieb bei dem Arrangement zwischen Gouverneur Thun
und dem tschechischen Nationa lausschuß bzw. dem adlig-bür-
ger lichen InteressenkarteU des »Provisorischen Regierenden
Rates«. Dieses hatte Thun am 28. Mai unter Einbeziehung füh-
render tschechischer Politiker wie Palacky und F ranti~ek Rieger
ins Leben gerufen. Obwohl die tschechische Öffentlichkeit hier-
in einen Schritt zu ihrer nationalen Emanzipation erblickte,
handelte es sich um eine weitere Initiative von oben, welche die
Lage in Böhmen nicht etwa gegen den Hof, sondern gegen das
revoltierende Wien gerichtet stabilisieren sollte.
In ihren Grundzügen definierte Palacky die bestimmenden
Anliegen d er böhmischen Revolution, wie sie sich im Frühjahr
1848 während gewissermaßen dieses ersten, weithin bereits
prägenden Durchgangs von programmatischer Konturierung
222 Cünter Schödl

und nationaler Mobilisierung herausgebildet hatten - und zwar


dadurch, daß er sie mit seiner abschlägigen Antwort vom
11. April auf die Einladung nach Frankfurt in d en Kategorien
tschechischer Nationalpolitik zum Ausdruck brachte. Palacky
wies darauf hin, daß die Zugehörigkeit der böhmischen Länder
zum Deutschen Bund als Angelegenheit »von Herrscher zu
Herrscher«, nicht aber »von Volk zu Volk.. aufzufassen sei;17 er
als tschechischer Politiker sei daher weder befugt noch willens,
an der Gestaltung eines deutschen Nationalstaats mitzuwirken.
Für seine eigene, die tschechische Nation, gebe es - wie für die
kle inen Völker zwischen Deutschland und Rußland überhaupt
- nur in einem ÖSterreich, das s ich eben als Völkerbündni s zu
verstehen habe, ein e Zukunft.
Die böhmische Revolution war in dieser Perspektive ein Er-
eignis d er tschechischen Nationalpolitik. lhre politisch-gesell-
schaftliche Gestalt einschließlich d es Verhältnisses zu d en Deut-
schen im Lande war ebenso wie die Beziehungen zum Haus
ÖSterreich von diesem Grundsatz her bestimmt. Im Zen trum
des Revolutionsgeschehens war das kollektive Existenzinteres-
se einer jungen, noch nicht als ganzer mobilisierten Nation po-
sitioniert, dem eine Entwicklungs- und Emanzipations pro-
grammatik nach w esteuropäischem Vorbild zu- und unterge-
ordnet war. Die - kons titutiven - Zielvorstellungen politischer
und gesellschaftlicher Modemisierung, von nationalem Staa t
und bürgerlich e r Gesellschaft, ersch e ine n aber in ihrer Reich -
weite d eutlich verkürzt. Sie wurden in der Revolutio n von 1848
als lnitialereignis "nationaler Wiedergeburt« nach Maßgabe be-
stimmter Umweltbedingungen in einer Art und Weise abge-
wandelt, d ie nicht nur für die böhmischen länder, sondern -
na tiona l-indi viduell unterschiedlich - für Ostmitteleuropa
überhaupt charakteristisch ist .
Mehrere Faktoren sind es gewesen, die im Falle der böhmi-
sch en Revolution, zugleich d es tschechischen Modernisie-
rungsprozesses, für die Herausbildung einer besonderen Er-
scheinungsform des europäischen Ereignisses 1848 gesorgt ha -
ben. Sie nochmals zu nennen, stellt zugleich d en Versuch dar,
ansatzweise ein Betrachtungsmuster für den Vergleich Böh-
mens mit anderen Teilgebieten d es östlichen Europa zu entwer-
fen. Zunächst waren weder in pol itischer noch in gesellschaft-
licher Hinsicht die Voraussetzungen gewissermaßen für einen
direkten Weg in Richtung auf nationale Staatsbildung und Bür-
49~76

Jenseits von Bürgergesel1schaft und nationalem Staat 223

gergesellschaft gegeben. Die Einbindung in die übernationale


Habsburgermonarchie bzw. das Defizit von Staatstradition und
entsprechender Elitenbildung waren ebensowenig zu korrigie-
ren wie die Verzögerung der soziostrukturellen Modernisie-
rung. Wie die reichs- und außenpolitische Konstellation, wie
die unvollendet - unsichere nationale Identitätsbildung, so tru-
gen auch die soziostrukturellen Bedingungen der böhmischen
Revolution zur kompromißartigen Verkürzung ihrer national-
politischen Dimension bei. Eine Nutzung der Emanzipations-
chancen, die das englische liberale Modell des selbstbestimm-
ten Einzelnen und der freien Gemeinde eröffnete, hätte glei-
chermaßen ein starkes, selbstbewußtes Bürgertum und eine
tragfähige Massenbasis vorausgesetzt. Beides war in den böh-
mischen Ländern bis etwa in die siebziger Jahre nicht gegeben.
Die tschechische Nationalbewegung stand 1848/ 49 der politi-
schen und sozialen Übermacht des dynastisch-spätabsolutisti-
schen Vielvölkerstaates und der böhmischen Aristokratie, heide
vor- bzw. übernational geprägt, im Grunde ohne selbsttragende
Dynamik gegenüber. Ohne eine politisch erfahrene Bürger-
schicht, zugleich ohne jede Aussicht, die Unterschichten für ihre
Anliegen in Bewegung setzen zu können . Wirtschaftliche Mo-
dernisierung und soziostrukturelle Differenzierung steckten
noch in den Anfängen. Sie waren zu sehr an das agrarisch-klein-
städtische Milieu gebunden, um einer nationalpolitischen und
sozialen Revolution über einige Wochen hinaus die nötige
Schubkraft verleihen zu können. Außerdem fand man zur Mas-
se der Dorfarmut keinen Zugang und das ohnehin schwache
lnteresse der bäuerlichen Bevölkerung erlahmte nach der end-
gültigen Beseitigung der Erbuntertänigkeit seit Hochsommer
1848. Da ferner - außerhalb Prags - kaum unternehmerisch
starkes Bürgertum existierte und bürgerliche Aufsteiger im
Staatsdienst gemeinhin verösterreicherten, war das soziale Re-
servoir der Nationa lbewegung ganz unzureichend. Im Grunde
waren es lntellektuelle und Studenten oftmals kleinstädtischer
und bäuerlicher Herkunft, daneben besonders in Prag manche
Angehörige der jungen Unternehmerschicht sowie Handwer-
ker und Gewerbetreibende, die als Träger der Revolution und
darüber hinaus der nationalen Bewegung in Frage kamen.
Insofern ist zwar in sozioökonomischer Hinsicht die Tendenz
zu Modernisierung, zur Entstehung einer Bürgergesellschaft er-
kennbar. Zugleich aber auch die Tatsache, daß die - in aller Kür-
00049~7h

224 Günler Schödl

ze erwähnten - Defizite nicht nur das Ergebnis einer zeitlichen


Verzögerung, sondern auch einer gewissen inhaltlich·struktu·
rellen Variantenbildung waren. Obwohl es - anders als sonst
im Osten Europas - im späten 19. Jahrhundert an der Tendenz
zu einer voll entfalteten tschechischen Nationalgesellschaft kei·
nen Zweifel mehr geben konnte, sollte es doch bei bestimmten
sozialen und politischen Echowirkungen bleiben: sie ergaben
sich aus einer gesellschaftlichen Überrepräsentation kleinstäd·
tisch·agrarischen Milieus, auch der unteren Mittelschichten.
Als weiterer Faktor kam die für das östliche Europa charakte·
ristische ethnische Gemengelage hinzu: die Tschechen, die am
Vorabend der Revolution (1847) nur etwa 10,5 % der 37,44 Mio
Personen zählenden Bevölkerung ÖSterreichs stellten, sahen
sich in Böhmen einer vermutlich 30 bis 40 % umfassenden deut·
schen Minderheit gegenüber 18 - einer Minderheit, die sich mit
den österreichischen Deutschen eng verbunden und 1848 in die
deutsche Nationalbewegung einbezogen wußte. Schließlich
war man sich in der tschechischen Führung durchaus der Be·
deutung auch außenpolitischer Einflüsse, bzw. der jeweiligen
Großmächtekonstellation, bewußt. Zumindest 1848/ 49 ließen
die GroBmachtbeziehungen - ungeachtet etwa englischer Kri·
tik an dem epigonal·absolutistischen, verkrusteten System Met·
ternich - keine Chance erkennen, durch Anlehnung an andere
Mächte, vor allem an das lange idealisierte Rußland, einen grö·
Beren Bewegungss pielr<lum zu gewinnen .
Unter Bedingungen dieser Art war der tschechischen Nation,
wie die Ereignisse im Jahre 1848 zeigen, zwar nicht der Weg zu
politisch·gesellschaftlicher Entfaltung schlechthin versperrt -
sie war auch nicht durch ihre besonderen Voraussetzungen a
priori auf einen Sonderweg im Sinne von Unter· und Fehlent·
wicklung verwiesen. Aber die Entwicklungsziele >IOationaler
Staat und BürgergeseUschaft{{, wie sie 1848/ 49 hervortraten,
konnten zunächst nur abgewandelt erreichbar erscheinen. Es
dürfte gerechtfertigt sein, die böhmische Revolution und die
sich daraus ergebende weitere Entwicklung der Tschechen jen·
seits von nationalem Staat und Bürgergesellschaft zu verorten:
es handelt sich nicht um eine regelrechte Alternative zu den
europäischen Ideen und Tendenzen und 1848, sondern um eine
weitere Variantenbildung neben derjenigen, die bereits im Zuge
der deutschen Revolution zustande gekommen war. Hatten
hier das Ziel nationale Staatsbildung und das ethnisch·kultu·
Jenseits von Bürgergesellschaft und nationalem Staat 225

relle Kriterium kollektiver Identitätsbildung als Teil eines um-


fassenden Modernisierungsprozesses anders als in Westeuropa
zentrale Bedeutung erlangt, so lassen sich die Ereignisse in Böh-
men als eine weitere ostmitteleuropäische Variante auffassen.
Eigentlich o rientiert am Vorbild des westeuropäischen, vor al-
lem aber in hohem Maße geprägt durch das deutsche ethnisch-
kulturelle Nationsverständnis, mußte die nationale Bewegung
der Tschechen angesichts übermächtiger reichs- und außenpo-
liti scher, auch sozialer Existenzbedingungen die modemisie-
rungs kons titutiven Entwicklungsziele »nationale Staatsbil-
dung und Bürgergesellschaft(( modifizieren. So wurde durch
1848 in den böhmischen Ländern - eng verzahnt mit den
deutschböhmischen und deutschösterreichischen Verhältnis-
sen - eine tschechische nationale Entwicklung im Augenblick
ihrer Politisierung dergestalt langfristig vorprogrammiert, daß
sie - zum einen - politisch der Tendenz zu einer " Nation ohne
Staat« (" Na rod bez statu«) folgte. Zum anderen richtete sich die
wirtschaftlich-gesellschaftliche Gestaltung dieser "staatsoppo-
sitionellen Nationalgesellschaft«19 nach einer - im Vergleich mit
West- und weithin auch Deutschmitteleuropa - verzögerten Oe-
Agrarisierung, nach stärkerem Agrarbezug von industrialisie-
rung, Urbanisierung und VerbürgerHchung, schließlich nach
überproportionaler Bedeutung von unteren Mittelschichten
und Kleinstadtmilieu . Insgesamt ist dies ein Modemisierungs-
prozeß, der - anders als in West- und Deutschmitteleuropa -
ohne direkte Anknüpfung an eine gleichsam selbstverständlich
wirksame Vorgeschichte von Staatlichkeit und nationaler Iden-
tität in Gang kommen mußte. Statt einer erkennbaren Schritt-
folge national definierter Staatsbildung auch nur bei den Tsche-
chen, geschweige denn bei den sprachlich-ethnisch verwand-
ten Slowaken oder gar der deutschen Bevölkerung der
böhmischen Länder, die auf europäische Maßstäbe einer libera-
len Bürgergesellschaft abgestimmt gewesen wäre, blieb - als Er-
gebnis von »1848(( - aus mittlerer Sicht nur der Kompromiß mit
der Habsburgermonarchie, die ihrerseits zu dieser Zeit noch ge-
gen nationalen Staat und Bürgergesellschaft als existenzieller
Gefahr Front machte. Diesen Kompromißcharakter in seiner Be-
deutung für den weiteren Verlauf der böhmischen Revolution
und die tschechische Nationalbewegung kann ein Blick auf die
folgenden Ereignisse veranschaulichen. So s tellt sich der Prager
Slawenkongreß sei t dem 2. Juni, der durch die Pfingstunruhen
226 Günter Schödl

seit 12. Juni und den Ausnahmezustand vom 18. Juni zum Fias*
ko wurde, weniger als ein Höhepunkt der Revolution denn als
Ausdruck ihrer zu schwachen Dynamik, ihrer unzureichenden
politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen dar. Oie
militärische Niederwerfung kann als logischer Abschluß der ei-
gentlichen »Revolution« aufgefaßt werden. Bereits Mitte Juni
wurden alle Illusionen über Machtverhältnisse und Regenerie-
rungsfähigkeit der angeschlagenen Monarchie beseitigt. Außer-
dem zeigte sich, daß weder die Prager Bevölkerung als solche,
geschweige denn diejenige Böhmens insgesamt und gar dieje-
nige Mährens und Schlesiens sich durch nationalpolitische Pro-
klamationen dieser Art tatsächlich repräsentiert und zu politi -
scher Aktion veraniaßt sahen . Und was die nationalpolitisch
aktiven Intellektuellen betrifft, so wurde deutlich, da ß s ie we-
der politisch handlungsfähig noch zu nationalpolitischer Kon-
sensbildung imstande waren. Die konzeptionellen Widersprü-
che zwischen Palackys ethnischem Föderalismus austroslawi -
schen Zuschnitts und panslawischer, zum Teil auch ru ssischer
Orientierung Jüngerer konnten ebenso wie der Gegensatz zwi -
schen revolutionärer, liberaler Grundhaltung und dem Hilfeer-
suchen der »slawischen Brüder((, die sich der ungarischen Re-
volution bzw. des magyarischen Nationalstaatsstrebens zu er-
wehren hatten, nur rhetorisch verdeckt, nicht aber geklärt
werden.
Diese Einschätzung bestätigt die weitere Entwicklung bis
zum strategischen Abschluß der Revolution in ÖSterreich am
7. März 1849 mit dem Verfassungsoktroi sowie im Mai bzw. Au-
gust mit dem definitiven Ende in Böhmen bzw. in Ungarn und
Venezien. Wie während des Slawenkongresses in nationa lpoliti-
scher Hinsicht, so wird im weiteren Verlaufe des Jahres 1848
durch das Agieren der tschechischen Abgeordneten, besonders
derer aus Böhmen, zusätzlich auch in verfassungspolitischer
Hinsicht das Defizit an gesellschaftlicher Massenbasis als Grund
für konzeptionellen Substanzverlust und zunehmend fragwür-
diges, bloßes Taktieren sichtbar - im Verfassungsgebenden
Reichstag seit dem 22. Juli und gleichermaßen seit d em 22. No-
vember bei dessen Fortsetzung in Kremsier. Die Konstitutions-
und Freiheitsforderungen der Revolution wurden als Bezugs-
punkt ihres parlamentarischen Wirkens mehr und mehr relati-
viert. Sie wurden - unter fortwährenden internen Auseinander-
setzungen - allmählich der Orientierung an einem sich verselb-
49J7b

jenseits von Bürgergesellschaft und nationalem Staat 227

ständigenden, eher opportunistischen Kalkül nationalpoliti~


scher Vorteile geopfert. So näherten sich die tschechischen Ab-
geordneten der Regierung, indem sie sich gegen die demokrati-
sche Linke in Wien wandten. Außerdem geschah dies dadurch,
daß si~ mit der Regierung gem einsam d en nationalstaatsbezo-
genen, antiösterreichischen Zentralismus Frankfurts und Un-
garns zum gemeinsamen Feindbild erkoren . Auch mit d er Auf-
lösung des Kremsierer Reichstags und d em Sichtbarwerden e i ~
ner militärisch-repressiven Initiative von oben fand man sich ab.
Als dann ab August/ Dezember 1851 die alte Ordnung unter bü-
rokratisch-zentralistischem Vorzeichen wieder hergestellt wur-
de, kam es trotz zeitweiligen Autbäumens in Böhmen nur noch
zu einer Welle von Resignation und ratlosem Pessimismus: Pa-
lackys schrittweiser Rückzug aus dem politischen Leben
1849 / 50 legte davon beredtes ZeugniS ab. Daß die böhmische
Revolution, daß der erste Anlauf zu tschechischer Nationa lpoli-
tik auf diese Weise scheiterte, war wohl weniger individuellen
und situativen Irrtümern oder der politischen Unerfah renheit
der schma len tschechischen Führungsschicht, die sich zudem ih-
rer deutschböhmischen Rivalen zu erwehren hatte, zuzuschrei-
ben. Sehr viel mehr war es wohl notwendiges Ergebnis bestimm-
ter politischer und struktureller Existenzbedingungen der böh-
mischen Revolution, die weder den westeuropäischen noch d en
deutschmitteleuropäischen Weg zu Bürgergesellschaft und na-
tionalem Staa t uneingeschränkt ermöglichten.

IV

Ein kurzer Blick a uf einige ausgewählte Aspekte d er Verhältnis-


se im Osten Europas insgesa mt um 1848 läßt zunächst - im Sin-
ne der einleitenden Bemerkungen - deutlich werden: »1848«
war in d er Tat ein »europäisches« Ereignis. Selbst dort, wo es
nicht zu regelrechtem Revolutionsgeschehen kam, waren fast
durchweg zumindest Ansätze dazu oder wenigstens indirekte
Veränderungsimpulse spürbar. Von einem Revolutionsgesche-
hen im engeren Sinne, als ereignismäßiges Analogon zur böh-
mischen Revolution, und eingeschränkt zu Deutschmittele uro-
pa, kann in m ehreren Teillandschaften d es östlichen Mitteleu-
228 Günter Schödl

Topa gesprochen werden. Was den polnischen und litauischen


Bereich betrifft, so konnte zwar im russischen Teilungsgebiet
das nach dem Aufstand von 1830 / 31 errichtete Pazifizierungs·
regime seine anhaltende Wirksamkeit erweisen, aber in Preu·
Ben war trotz der »Versöhnungsära « seit 1840 schließlich im
März 1848 revolutionäres Hervorbrechen polnischen Emanzi-
pationsverlangens nicht zu verhlndem. 20 Ähnlich wie im öster-
reichischen Teilungsgebiet bereits 1846 im FaU der bisherigen
»Freien Stadt(( Krakau scheiterten diese Aktionen eines polni-
schen »Nationalkomitees«, Nach dessen Kapitulation bereits
am 9. Mai 1848 kam es - wie in Krakau - zur Beseitigung der
bisherigen SondersteUung des Großherzogtums Posen.
Programmatisch, auch von Verlauf und Ergebnissen her stär-
ker ausgeprägt war der revolutionäre Charakter der Ereignisse
im Falle der beiden anderen ostmitteleuropäischen Adelsnatio·
nen, in Ungarn und in Kroatien . Die ungarische Revolution ~r·
reich te die Zustimmung der Krone zur Einsetzung eines natiP-
nalen, verantwortlichen Ministeriums unter Lajos Graf Bat-
thyany am 17. März 1848, die Grund lage für das ab April
folgende Reformwerk des Landtags war damit geschaffen. Die
Reformen zielten gleichermaßen auf politisch·staatliche Auto·
nomie und gesellschaftliche Modemisierung. Nach mehreren
Radikalisierungsschritten bis hin zur militärischen Auseinan·
dersctzuns mit der Krone und schließlich 3m 14 . April 1849 zur
Souveränitätserklärung Ungarns führte insbesondere die lnter·
vention des nikolaitischen Rußland schließlich zum Scheitern
auch der ungarischen Revolution. Dazu hatte der Umstand bei·
getragen, daß die Kossuthisten durch schematische Kombina·
tion des historischen ungarischen Staatsrechts mit Versatz·
stücken des westeuropäischen Liberalismus den größten Teil
der nichtmagyarischen Bevölkerungshälfte zum Widerstand
geradezu gezwungen hatten. Die Aussicht auf Ungarn als
magyarischem Nationalstaat, also lediglich auf individuelle Frei-
heiten ohne Absicherung ihrer nationalen Identität machte glei·
chermaßen slowakische, rumänische und serbische Freischa-
ren, vor allem aber die kroatische Nationalbewegung zu Geg·
nem der paradoxen »Iawful Revolution« (lstvan Deak).21
Nicht nur diese ~) Notwehr « gegen die ohnehin drohende
Magyarisierung, sondern auch eigenständige Impulse waren
es, die im März 1848 zum Durchbruch der kroatischen Natio·
nalbewegung geführt haben. Sie trat die Nachfolge der ~)Illyri·
49~7b

Jenseits von BürgergeseUscha ft und nationalem Staat 229

sehen Bewegung«22 an, deren Anliegen die kroatische Au tono-


mie innerhalb Österreichs und ansonsten die kulturelle Einheit
der Südslawen gewesen war. Die »Nationalpartei«( setzte 1848
- unter anderem am 18. Mai durch eine neue Wahlordnung -
wesentliche Sch ritte in Richtung auf Abbau d er ständischen
Ord nung und auf libera l-repräsentative Neuerungen durch.2J
Der z um 5. Juni einberufene Sabor (Landtag) bezog sich bei d er
einseitigen Umwandlung der kroatisch-unga rischen Realunion
in eine b loße Personalunion auf jene kroa tische Staatlichkeit,
die bereits zu Beginn d es 12. Jahrhunderts verlorengegangen
war. Auch in Kroatien erwies sich der Anspruch auf nation ale
Staatsbildung als nicht realis ierbar: er verursachte eine offene
militärische Au sei nandersetzung zwischen den Kroaten unter
der Führung des Banu s (La ndeschefs) Josip JelaCic ab Juni 1848
und der ungarischen Na tionalbewegung - die kroatische Na-
tionalbewegung war damit mehr oder weniger auf Kooperation
mit d er Krone an gewiesen.
So unvolls tänd ig die Umsetzung westeuropäischen liberalen
Reformdenkens und d er N achvollzog revolutionä rer Ereignis-
ablä ufe in dieser ostmittele uropäischen Region auch ausfi elen,
so wenig zweifelhaft kann doch sein, daß die Ereignisse in d en
böhmischen Ländern und in polnischen Teilungsgebieten, in Un-
ga rn und Kroa tien in unmittelbarer Beziehung zu d en gleichzei-
tigen Ereignissen im Westen Europas ihre Gestaltung fand en .
Dies kann nicht in gleichem Maße von bestimmten Vorgängen
we iter im Osten und Süd osten behauptet werden. Während
selbst in Os tmitteleu ropa bei Slowa ken und Slowenen 1848/ 49,
abgesehen von kleineren, vornehmlich intellektuellen Vorläufer-
g ru ppen noch keine entfalteten Nationalbewegungen existier-
ten, aber wenigstens erste Indizien für eine »nachholende« An-
eignung von Liberalism us und Nationalismus gegeben waren,
war d ies im russischen Kaiserreich - sei es im Baltikum, in Weiß-
rußland od er in der Ukraine - ebensowenig zu beobachten wie
bei Rumänen und Balkanvölkern oder im Osmanischen Reich.
Un d dennoch erscheint es gerechtfertigt, im Hinblick auf
1848/ 49 von m ancherlei Wechselbeziehungen und Ähnlichkei-
ten zu sprechen, die - ungeachtet geringer ereignisgeschichtli-
cher Bedeutung - als Anzeichen einer e uropawei ten, in gewis-
sem Sinne einer gesa mteuropäisch en Entwicklungstendenz au f-
gefa ßt werden können.
So könnte man auf d as Baltikum hinweisen, wo zwa r schon
000-49~7fi

230 Günter Schödl

im frühen 19. Jahrhundert durch deutschbaltische Vermittlung


kulturnationale und literarische »Erweckungs«-impulse wirk-
sam wUIden.2~ Es sollte aber noch bis zur Jahrhundertmitte dau-
ern, bevor u . a. dank der Schrittmacherrolle kleiner lntellektu-
ellenzirkel sowie jahrzehntelanger Agrarreformen und ande-
rerseits wegen des seit den sechziger Jahren wachsenden
Russifizierungsdrucks die programmatisch-organisatorischen
Voraussetzungen nationaler Mobilisierung entstanden, die frei -
lich die ungünstigen Rahmenbedingungen des kaiserlichen
Rußland nicht beeinflußten. Im Vergleich dazu wurden den
Ukrainern wesentlich günstigere Chancen der Emanzipation
eingeräumt: das österreichische Galizien avancierte im Früh-
jahr 1848 geradewegs zu einer Art ukrainischem Piemont. Die
Politisierung der dortigen "ruthenischen« bäuerlichen Bevölke-
rungshälfte wurde von Statthalter Franz Graf Stadion plan voll
gefördert - als Gegengift gegen die polnische Nationa lbewe-
gung. Aber erste nationalpolitische Organisations- und Pro-
gramminitiativen ("Oberster Ruthenischer Rat ••/»Holovna
Rus'ka Radacc) blieben angesichts des offenen Bekenntnisses zu
einer gesamtukrainischen Nation und der Forderung nach Au-
tonomie für ein ruthenisches Kronland innerhalb ÖSterreichs
einigermaßen isoliert. So war weder die Masse der Bauern zu
mobilisieren noch überhaupt die nationalpolitische Grundfrage
ukrainischer oder russisch e r Orientierung zu e ntscheiden . Na-
tionalpolitische Radikalität dieser Art brachte letztlich nur die
reformerische Ohnmacht, weithin auch die Isolierung der jun-
gen Elite von der eigenen Nation zum Ausdruck.
Hierin, in der ,>Rolle« von Nationalismus als Reformersatz,
liegt eine Ähnlichkeit mit der rumänischen Entwicklung. An-
ders als ihre Konnationalen im seit 1812 russischen Bessarabien
sowie in den Fürstentümern Moldau und Walachei, anders
auch als die habsburgischen Rumänen in Bukowina und Banat,
hatten diejenigen in Siebenbürgen 25 zunächst die Überwindung
ihres orthodox-unierten Konfessionsgegensatzes und das Stre-
ben nach Gleichberechtigung mit den »ständischen Nationen «
der Magyaren, der Szekler und der »Sachsen« als ihre Aufgabe
begriffen. Schon im späten 18. Jahrhundert begann so die Po li-
tisierung des Bewußtseins ethnisch-kultureller Z usammenge-
hörigkeit, das nach 1816 in die konnationalen Donaufürstentü-
mer, die noch unter osmanischer Hoheit s tanden, transferiert
wurde. Der rumänische Nationalgedanke wurde hier zu einem
49J7b

Jenseits von Bürgergesellschaft und nationalem Staat 231

wesentlichen Versa tzstück jenes "Bojarenliberalismus«, dessen


Refo rmdenken also von ÖSterreich, von der theresianisch-jose-
phinischen Reformüberlieferung her ebenso beeinflußt war wie
vom Liberalismus jüngerer Intellektueller, die vor allem als
Söhne d es mittleren Bojarenadels in Westeuropa studiert hatten .
Aber na tionale Integration und liberale Reform stießen wäh-
rend und - ab 1822 - nach der Phanariotenherrschaft auf wid-
rige Bedingungen: Liberalismus ohne Bürgertum, Nationalis-
mus ohne Na tion w urden zu bloßen Herrschaftsinstrumenten
einer klientelistisch verfaß ten Oberschicht. Sie war an Refor-
men allenfalls im Sinne d er IIEntorientalisierung« von Verwal-
tung, Rechtswesen etc. interessiert.16 Diese Verhältn isse konn-
ten auch durch d ie Revolution in der Walachei nicht in Frage
gestellt werden: Ihre Veränderungsd ynamik reichte led iglich
dazu, den Hospod ar Gheorghe Dimitrie Bibescu am 25. Juni
1848 durch d ie Ko mitees um Ion C. Bratianu zu stürzen und
eine Verfassung vorzubereiten. Auf d em weiteren Weg zur ru-
mänischen Staatsbildung (1 859/ 61), der entsprechend der Frie-
densregelung nach d em Krimkrieg zur Einberufung von Land-
tagen führte, verblaßten diese frühen Spuren konstitutionellen
und sozialen Refo rmd enkens, das allmählich zu klientelisti-
schem Macht- und Interessenstreit d eformi ert wurde, wied er
sehr schnell . Die Revolution in Moldau und Walachei wurde im
t"ferbst 1848 durch russische Intervention beendet. Damit waren
auch die ohnehin geringen Hoffnun gen der rumänischen Na-
tiona lbewegung innerhalb d er Habsburgermonarchie, in Sie-
benb ürgen, unter Führu.ng d es orthodoxen Bischofs Andreiu
~gun a auf gesamtrumänische Staatsbild ung vorerst einmal
zerstört. Daß die siebenbürgischen Rumänen in einem opfertei-
chen Bürgerkrieg 1848/ 49 gegen die lnkorporierung durch Un-
garn, überha upt gegen die ungarische Revol ution, insofem
auch fü r d ie Interessen der Krone einstanden, lohnte ihnen -
eine Parallele zur schlechten Behand lung der Kroaten - die Re-
gierung nicht: da s II Blasendorfer Programm« der siebenbür-
gisch-rumänischen Revolution vom Mai 1848 mit Forderungen
u. a. nach konstitu tioneller Gleichstellung, später nach rumäni-
scher Autonomie innerhalb ÖSterreichs stieß nach 1849 im Zuge
der neoabsolutis tischen Rekonstruktion habsburgischer Macht
ebenso auf Ablehnung wie vorher als ungarische Antithese das
Programm der Kossuth-Beweg ung.
Wie bei den Rumänen in Siebenb ürgen / Banat sowie in den
232 Günter Schödl

Fürstentümern gewissermaßen erst nach Modemisierung der


Konfessions- bzw. der Bojarennation, so war bei Serben (außer-
halb ÖSterreichs) und Bulgaren erst nach internationaler Absi-
cherung der staatlichen Existenz und ersten Anzeichen von
wirtschaftlich-gesellschaftlichem Strukturwandel im späten
19. Jahrhundert, also mehr als ein halbes Jahrhundert nach der
ungarischen »Refo rmära «, die Zeit wenigstens ansatzweiser
Modemisierungsversuche gekommen . Zwar machte sich bei
den Bulgaren bereits in den vierziger Jahren der Prozeß der »>na-
tionalen Wiedergeburt« ("vuzratdane«) bemerkbar:'lJ die osma-
nische Autorität wurde nach fünf Jahrhunderten ungefährdeter
Gültigkeit ebenso wie der griechische Vorrang in Kirche und
Kommerz in Frage gestellt; zwa r konnten auch die Serben au-
ßerha lb der Habsb urgermona rchi e bis 1830, als sie s ich im
Windschatten des osma nisch-phanarioti schen Rückzugs aus
den Donaufürstentümern 1822 und der griechischen Verselb-
s tändigung zwischen 1821 und 27/ 30 selbst der osmanischen
He rrschaft weitgehend entledigten, das mod eme Entwick-
lungsziel nationaler Staa tsbildung realisieren; aber es gab we-
der ein bulgarisches noch ein serbisches »1848«, auch kein -
etwa nur zei tlich versetztes - entwickJ ungslogisches Äq uiva-
lent. Trotz gewisser kulturell-wirtschaftlicher, weithin konfes-
sionell eingebundener Einflüsse von a ußen auf Serben und
Bulgaren, ehva von Conn .. tionnlcn in Süd ungnrn bzw. vom rus -
sische n Odessa aus, war es aber ein im wesentlichen andersar-
tige r Entwicklungsgang, de r sich hier abzeichnete. So ist es
beispielsweise nicht als Beleg für eine Annäherung an die Ideale
der europäischen Revolution, sondern eher für das Ausmaß der
tatsächlichen Distanz zu betrachten, wenn die serbische
Skup~tina (Vorsteherversammlung) im Jahre 1848 einberufen
wurde - es war nur eben zwischen 1843 und 1858 ein einziges
Mal, daß dies geschah. Und die Fortschritte bei der Staatsbil-
dung vollzogen sich nicht in Abstimmung mit politisch-kultu-
rellen und wirtschaftlich-gesellschaftlichen Veränderungen, die
in West- und Mitteleuropa unter vielfacher Abwandlung doch
einen charakteristischen Bedingungs-, Verlaufs- und Wirkungs-
zusammenhang geschaffen ha tten.28 Mit anderen Worten: die
zügige Realisierung des Entwicklungsteilzieles Staatsbildung
durch Rumänen, durch Serben und Bulgaren sowie - unter aus-
schlaggebender Mitwirkung der Großmächte - durch die Grie-
chen kann nicht als Indiz für gleichermaßen zügige Verwirkli-
49J7b

Jenseits von Bürgergesellschaft und nationalem Staat 233

chung anderer Teilziele, ehva einer »Bürgergesellschaft« west-


lichen Typs gelten. Es wäre auch irreführend, darauf einen Ent-
wicklungsvergleich zwischen den genannten Balkannationen
und Polen, Tschechen, i . g. S. auch Kroaten zu gründen, denen
im 19. jahrhundert die Staatsbildung noch nicht gelang. Auf die
Gren zen eines solchen Vergleichs verweist auch das Beispiel der
griechischen Staatsbildung. Sie war nicht Ergebnis eines selbst-
tragenden gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses, son-
d ern überwiegend exogener Einflüsse - zunächst im Jahre 1821
von seiten der moldauischen Phanarioten, d ann mehr und
mehr von seiten der GroBmächte, während sich die autochtho-
ne Dynamik. der Griechen - zersplittert wie sie war - dem os-
manischen militärischen Druck nicht gewachsen zeigte.
In welchem Maße die einzelnen Versatzstücke des west- und
deutschmitteleuropäischen Reformkanons von 1848 im Falle
isolierter Übertragung oder überhaupt der Implementierung in
eine fremde Umgebung ihren ursprünglichen Sinn, ihre Sy-
stemfunktio n einbü Bten und anderen Zwecken als den 1848
eingeford erten nutzba r gemacht werden konnten, zeigt noch
deutlicher als der rumänische Fall eines Liberalismus ohne Mo-
dernisierung und als d er balkan ische Weg zur nationa len
Staa tsbildung ohne vollständige und moderne Nationalgesell-
schaft schließlich d as Schicksal der Ideen von 1848 im Osmani -
schen Reich.2'J Vorbereitet durch den Einfluß westeuropäischer
Vorbilder d er Verwaltungs- und Militärreform en im frühen
19. jahrhundert kam es in den vierziger jahren während der
Tanzimat-Periode (1 839-1861) zur Zeit des Sultans Abdülmecit
zu Grundrechtsga rantien und ersten Ansätzen konstitutionel-
ler Politik. Ihnen folgte 1876 unter Abdülhamit 11. schließlich
die Gewährung einer Verfassung, die allerdings ein Jahr spä ter
sistiert wurde. Aber das Ziel dieser Übernahme isolierter Ein-
zelelemente westlicher Modernität war - neben u. a. der Rück-
sichtnahme besonders auf Forderungen Englands - zweifellos
gerade die Absicherung der Autokratie, keinesfall s ein Ein -
schwenken auf den westlichen Enhvicklungsweg.
234 Günle r Schödl

v
Es ist das Anliegen dieser Ausführungen, am Beispiel der böh-
mischen Revolution von 1848 zunächst auf das Gemeinsa me
von Ostmitteleuropa und d em west- und deutschmitteleuro-
päischen Geschehen hinzuweisen; auf dieser Grundlage wird
die Frage nach Unterschieden, nach dem für OstmitteJeuropa
Charakteristischen gestellt. Daran schließen sich kurze Beob-
achtungen zum Vergleich mit Ost- und Südosteuropa an: mit
der d ortigen Kombination von Reformanleihen und andersar-
tigen oder noch nicht herangereiften Rezeptions- und Anwen-
dungsbed ingungen kontrastiert, tritt das Charakteris tische d er
ostmi tteleuropäisch en Verhältnisse d eutlicher hervor.
Vor a llem dürfte d arau f abzuheben sein, da ß - bei erhebli-
chen national-individuellen Unterschied en im einzelnen - sich
die böhmischen und polnischen, ungarischen und kroa tischen
Revolutionen des Jahres 1848 auf Überlieferungen von ständi-
schen Vertretungskörperschaften und Staatlichkeit bezogen ha-
ben. Dies geschah auch in solchen FäUen, wo - etwa bei den
Tschechen - eine nationale Adelselite längst nicht mehr existier-
te oder - so bei den Kroaten - die eigene Sta atlichkeit schon seit
dem Beginn des 12. Jahrhunderts erloschen war. Auf diese hi -
sto rische Erinnerung, vielfach literarisch hochs tili siert und
emotional überfrachtet, wurde a u c h dann die Forderung nach
Wiederherstellung gegründ et. wenn weder die künftige territo-
riale Ausdehnung noch das nationa le Selbstverständn is geklärt
waren . Weithin war solche inhaltliche Bestimmung nationaler
Staatsbildung im Osten Europas wegen d er vorherrschenden
ethnischen Gemengelage gar nicht möglich. So mag es berech-
tigt sein, davon zu sprechen, das mit West- und Deutschmittel-
europa gemeinsame Entwicklungsziel nationaler Staatsbildung
erfahre in Ostmitteleuropa eine gewisse Abwandlung: es bleibt
zwa r verbindlich, ist aber in d en genannten Fä llen schon des-
wegen unrealisierbar, weil es parallelen Bestrebungen benach-
barter Nationen widersprich t. Auch die politisch-konstitutio-
nelle Zielstellung der Revolution, von den individ uellen Frei-
heitsrechten und rechtsstaa tlicher Sicherhei t bis hin zu
Verfassung und Parlament, ist im os tmitteleuropäischen Re-
formkanon enthalten . Dies gil t unabhängig von bestimmten
Modifizierungen, die sich aus der jeweiligen InteressenJage der
Träger des Revol utionsgesch eh ens ergaben. Diese konn ten


49J7h

Jenseits von Bürgergesellschaft und nationalem Staat 235

nicht identisch sein etwa bei magyarischem oder galizisch-pol-


nischem Hochadel sowie bei tschechischen oder kroatischen
Intellektuellen und kleinen Gewerbetreibenden. Aufs Ganze
gesehen scheinen die konstitutiven Teilziele sowie der poli-
tisch-gesellschaftliche Kontext die These zu erlauben, daß Ge-
meinsamkeit im wesentlichen gegeben war.
Dennoch bedarf es auch hier einer Modifizierung: ein Blick
auf die gesellschaftliche Dynamik, die Forderungen dieser Art
überhaupt zu Geltung brachte, weist auf Charakteristika, wohl
eher: Defizite, Ostmitteleuropas hin . Der Weg zur »Bfugerge-
sellschaft(, auch wenn er das definierte Ziel darstellte, war nur
mit zeitlicher Verzögerung und darüber hinaus mancherlei in-
haltlicher Veränderung möglich . So wenn etwa alte Eliten, ins-
besondere übernationale oder entnationalisierte wie im böhmi-
schen und kroatischen Falle, einem ausgesprochenen Defizit an
Mittelschichten gegenüberstanden. Diese Konstellation kam et-
wa in der unvollständigen magyarischen Sozialstruktur zum
Ausdruck. Ähnliches gilt von De-Agrarisierung und Urbanisie-
rung, von Anfängen industriel1en Proletariats sowie der Inten-
sität nationaler Assimilation und überhaupt der gesellschaftli-
chen Differenzierungsprozesse.
Die »europäischen« Entwicklungstendenzen von 1848, die
Herausbildung von »nationalem « Staat und ~) Bürgergesel1-
schaft«, erfahren also in Ostmitteleuropa nicht nur in ihrem Pro-
grammgehalt, sondern auch bei ihrer Dynamik eine - ihrerseits
variierende - gewisse Abwandlung. Sie kann im Einzelfall über
abgestufte Variantenbildung hinaus bis zu dezidierter Wider-
sprüchlichkeit sowie manipulativer lnstrumentalisierung rei-
chen - dies wurde an einigen Beispielen aus dem ost- und süd-
osteuropäischen Bereich gezeigt. Es handelte sich letztlich nicht
einmal in Ost- und Südosteuropa, geschweige denn im östli-
chen Mitteleuropa um »)$onderwege{( bzw. um einen gemein-
samen anti westlichen Entwicklungspfad, jedenfalls nicht um
eine Alternative zu Bürgergesellschaft und nationalem Staat.
Aber das Ausmaß der Variantenbildung läßt erahnen, wie ge-
wichtig die strukturellen Defizite und die politisch-kulturellen
Hindernisse gewesen sein müssen, die dabei um 1848 wirksam
geworden sind - ihre Langzeitwirkung macht sich auch in den
gegenwärtigen Transformationsprozessen im östlichen Europa
noch bemerkbar.
000-49~76

236 Günter Schödl

Anmerkungen

1 Erweiterte Fassung eines Beitrages zu einer Ringvorlesung an d er


H umbold t-Un iversität zu Berlin im Wmtersemester 1997/ 98. Die Anmer-
kungen, die vor allem Uteraturbelege enthalten, sind kurzgefaßt.
2 Die Begriffe »Ostmitteleuropa .. , ..Mitteleuropa .., »ÖStliches Europa«,
.,Osteuropa« ete., die an sich nie klar voneinander abgegrenzt waren, sind
seit d er Auflösung des ..Ostblocks« erneut in die Diskussion geraten. In den
folgenden Aus führungen - dies bedarf insofern eines ausdrücklichen Hin-
weises - wird ein engerer ..Ostmitleleuropaot-Begriff, der zumindest die
westslawisch- ungarisch-südslawische (slowenisch-kroatische) Region zu-
sammenfaßt, ausgedehnt aufTeile Deutschmitteleuropas sowie auf d ie un-
mittelbar ben achbarten baltisch-ostslawischen und balkanisch-rurkischen
Gebiete. Dieser weite »Ostmitleleuropaot-Begriff ist sicherlich nicht auf alle
Epochen gleichermaBen anwendbar. Vgl. u. a. die einschlägigen Überlegun-
gen von K. Zemack, in: Osteuropa, München 1977, bes. S. 33-41.
3 Weiterfü hrende Anregungen vermitteln einige neuere Sammelbän-
de: K. Mack (Hg.), Revolutionen in Ostmitteleuropa 1789-1989, Wien 1995;
R. Jaworski/ R. Luft (Hg.), 1848/ 49. Revolutionen in Ostmitteleuropa, Mün-
chen 19%; grundlegend für die kom parative Betrachtung: D. Langewiesche
(H g.), Liberalismus im 19. Jahrhundert. Deutschland im europäischen Ver-
g leich, Göttingen 1988, und J. Kocka (Hg.), Bürgertum im 19. Jahrhundert,
3 Bde., München 1988, hier u . a. die Beiträge von Langewiesche, Liberalis--
mus und Bü rgertum in Europa, Bel.. 3, S. 360-394; ferner M. H roch, Das Bür-
gertum in d en nationalen Bewegungen des 19.1ahrhunderts, in: ebd.,
5 . 337-359; Elzbieta Kaczynska, Bürgertum und städtische Eliten, in: ebd.,
S. 466 ~ 87.
" Dazu R. M uru, Dcutochc r und briti5Chcr LibcTn tis m ue im VcrSlci.::h ,
in: Langewiesche, Liberalismus im 19. Jahrh undert, S. 223-259.
5 Vgl. G. Eley, Liberalismus 1860-19 14. Deutschland und Großbritan-
n ien im Verg le ich, in: ebd., S. 260-276.
6 Zur strukt ur- und ent\.Yickl ungsbezogenen Betrachtung Ostmitlel-
europas u. a.: I. Berend / Gy. Ranki, The European Periphery and lndustria-
lization 1780- 191 4, Budapest 1982; P.F. Sugar /0. Treadgold (H g.), A History
of East Central Europe, 11 Bde., Seattle 1974 ff.; A. Wand ruszka / P. Urba-
n itsch (Hg .), Die Habsbu rgermonarchie 1848-1918, bish. 7 Bde., Wien
1973 ff.; Ch. Cholioll'ev / K. Mack/ A. Suppan (Hg.), Nationalrevolutionäre
Bewegungen in Südosteuropa im 19.]ahrhundert, Wien 1992, und W. Con-
ze, Ostmitteleuropa, hg. v. K. Zemack, München 1992.
7 Zum Stand der Forschungsdiskussion über die deutschmitteleuro-
päische Entwicklung seien aus de r umfangreichen Litera tur lediglich ge-
nannt: D. Langewiesche, Europa zwischen Res tauration und Revolution
1815-1849,3. bearb. Auflage, München 1993; H.·U. Wehler, Deutsche Ge-
seilschaftsgeschichte, Bd . 2, München 1987; Th. Nipperdey, Deu tsche Ge-
schichte 1800-1866, München 1983; H. Lutz, Zwischen Habsburg und Preu-
ßen. Deutschland 1815-1866, Berlin 1985; J. Sheehan, German His tory
1770-1866, Oxford 1989; H. Rumpie r (Hg.), Deutscher Bund und deutsche
Frage 1815-1866, Wien 1990; W. Hardtwig. Vormärz, München ·1997; W.
Jenseits von Bürgergesellschaft und nationalem Staat 237

Häusler, Von der Massenarbeit zur Arbeiterbewegung, Wien 1978; W. Sie-


mann, Die deutsche Revolution von 1848/ 49, Frankfurt1 M. 1985; H .-H.
Brandt, Der österreichische Neoabsolutismus, 2 Bde., Göttingen 1978; kurz
und anregend zum tschechisch.o()Stmilleleuropäischen Bezug nunmehr: F.
Seibt, Das Jahr 1848 in der europäischen Revolutionsgeschichte, in: Ja-
w orski / Luft, 1848/ 49, S. 13-27.
8 Zum Problem von Entwicklungsverzögerung und Maßstäben ihrer
Inte rpretation am südslawischen Beispiel: K. Grothusen, Urbanisierung
und Nationsbildung in Jugoslawien, in: Süd ost-Forschungen XUß (1984),
5. 135-180.
9 Vgl. J. Ktcn, Die Konniktgemeinschaft. Tschechen und Deutsche
1780-1918, München 1996, bes. Kap. 2; O . Urban, Die tschechische Gesell-
schaft 1848-1918, 2 Bde., Wien 1994; J. Kotalka, Tschechen im Habsburger-
reich und in Europa 1815-191 4, Wien 1991; Jiti ~taif, Revoluen! leta
1848-1 849 a ~ecke zem~. Prag 1990; zur deutschen Sicht vgl. K. 80s! (Hg.),
Handbuch der Geschichte der böhmischen Länder, 4 Bde., Stuttgart 1974,
hier 2. Bel .; F. Prinz. (Hg.), Böhmen und Mähren (: Deutsche Geschichte im
Osten Europas, Bd. 2), Berlin 1993.
10 Dazu n unme hr: Urban, Tschechische Gesellschaft, Kap. I; J. K. H ~
ensch, Geschichte Böhmens, Münc hen 11987, bes. S. 316-349.
11 Kten, Konfliktgemeinschaft, 5.59; zum längerfristigen geistesge-
schichtlichen Entwicklungszusammenhang: R.G. Plaschka, Von Palacky
bis Pekat. Geschichtswissenschaft und Nationalbewußtsein bei den Tsche-
chen, Graz 1955.
12 Ebd ., S. 82; zu den Fo lgen dieser Debatte für d ie nationalitätcnpoliti-
sche Praxis siehe: A . Klima, Ce!i a Nemci v revoluci 1848-1849, Praha 1988.
13 Ebd., S. 83.
14 Ebd ., 5.78; zum politisch-gesellschaftlichen Rahmen: P. Heumos,
Agrarische Interessen und nationale Politik in Böhmen 1848-1889, Wiesba-
den 1979; Ders., Oie Bauernbefreiung in den böhmischen ländern, in: Ja-
worski / Luft, 1848/ 49, 5.221-237; J. Kolejka, Närody habsburske m onar-
chie v revoluci 1848-1889, Praha 1989.
15 Urban, Tschechische Gesellschaft, S. 45 ff.
16 Ebd., S. 53.
17 Ebd.,S. 60f.
18 Ebd.,S. 3 L
19 Th. Schieder, zit. nach J. Ko ralka / R.J. Crampton, Die Tschechen, in:
Wandruszka /U rbani tsch, Habsburgermonarchie, lII / l, 5. 489-521, hier 5 16
A 95.
20 VgL K.G . H ausmann, Ad elsgesellschaft und nationale Bewegung in
Polen, in : O. Dann (H g.), Nationalismus und sozialer Wandel, Hamburg
1978, 5.23-47; K. Zemack, Polen und Ru ßland, Berlin 1994; Ders. (H g.),
Zu m Verständnis der polnischen Frage in Preußen und Deutschland
Im-187l , Berlin (West) 1987; W. Molik. Entwicklungsbedingungen und
-mechanismen d er polnischen Nationalbewegung im Großherzogtum Po-
sen, in : Berl iner Ja hrbuch für osteuropäische Geschichte 1995, Bel. 2,
5. 17-34; A. GiIl, Die polnische Revolution von 1846, München 1974.
21 Zur ungarischen Revolution neben den einschlägigen Bänden von I.
()()()~9~7h

238 Günter Schörli

Deak, Die rechtmäßige Revolution, 01. Übers. VVien 1989; 1. Varga, Ajobb-
agyfelszabadltas kivivasa 1848-ban, Budapest 1971; F. Glatz/R. Melville
(Hg.), Gesellschaft, Politik und Verwaltung in der Habsburgermonarchie
1830-1918, Budapest 1987; A. Urban, Batthyany Lajos miniszterelnö!<sege,
Budapest 1986, sowie jüngst die Thesen von P. Hanak, Die gesellschahli·
ehen Voraussetzungen der Revolution in Ungarn, in: Jaworski / Luft,
1848/ 49, S. 239-244; sowie die strukturbezogene lnterpretationsskizze von
A. Gergely, Der ungarische Adel und der Liberalismus im Vonnärz, in: Lan-
gewiesche, Liberalismus im 19. Jahrhundert, S. 458 483; zum ostpÜtteleuro-
päischen Vergleich die Detailuntersuchungen bei V. Bacskai (Hg.), Bürger·
turn und bürgerliche Entwicklung in Millel· und Osteuropa, 2 Bde.,
Budapest 1986.
22 Dazu zahlreiche Studien von J. Sidak, bes.: Ders., Studije iz hrvatske
povijesti za revolucite 1848/ 49, Zagreb 1979; wichtig außerdem: W. Kessler,
Politik, Kultur und Gesellschaft in Kroatien und 5lawonien in der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts, München 1981.
23 Zu regionaler Konkretisierung und politisch· kulturellem Gesamtzu·
sammenhang: N. StanCic, Hrvatska nacionalna ideologija preporodnog po'
kreta u Dalmaciji, Zagreb 1980; sowie vor allem das Gesamtwerk von M.
Gross u. a., Povijest prava~ke ideologije, Zagreb 1974.
24 G. v. Rauch, Geschichte der baltischen Staaten, München 11977, hie r
5. 19-34; G.v. Pistohlkors, Baltische Länder (= Deuts<:he Geschichte im
Osten Europas, Bd. 4), Berlin 1994, 5.295-362; zu den benachbarten ostsla·
wischen Modernisierungsansätzen und ihren historis<:hen Voraussetzun·
gen neuerdings: M. Osterrieder, Von der Sakralgemeinschaft zur modemen
Nation, in: E. sthmidt·Hartmann (Hg.), Formen des nationalen Bewußt-
seins im Lichte zeitgenössischer Nationalismustheorien, München 1994,
5. 197-232.
25 K. HItc hilIS, Die RUllIäJ1CII, In: Wilnoll·uszka/Urba.nils.:::h, Ilöbsbu r-
germonarchie, III / 1, 5.585-625; Ders., Die Idee der Nation bei den Rumä·
nen in Transsilvanien 1691- 1848, Bukarest 1989; E. Turczynski, Konfession
und Nation, Düsseldorf 1976; D. Berindei, 1848 in tärile romane, Bu c u~ti
1984.
26 E. Turczynski, Von der Aufklärung zum Frühliberalismus, München
1985, hier S. 8, ferner S. 27 ff., 5. 240-249.
27 N. Reiter (Hg.), Nationalbewegungen auf dem Balkan, Berlin 1983;
F. Adanir, Die makedonische Frage, VViesbaden 1979.
28 Turczynski, Konfession und Nation; W. Behschnitt, Nationalismus
bei Serben und Kroaten 1830-1914, München 19&1; zum südost· und ost·
mitteleuropäischen Vergleich siehe: H. Lemberg, Der Versuch der Herstel·
lung synthetiS<:her Nationen im östlichen Europa im Lichte des Theorems
von Nation· Buildin!;t in: Schmidt-Hartmann, Formen des nationalen Be-
wußtseins, 5. 145-161 ; H. Sundhaussen, Nationsbildung und National is·
mus im Donau·Balkan-Raum, in: Forschungen zur osteuropäischen Ge--
schichte 48 (1992), 5.223-258; Adanir u. a ., Traditionen und Perspektiven
vergleichender Forschung über die historischen Regionen Osteuropas, in:
Berliner Jahrbuch für osteuropäis<:he Geschichte 1996, Bd. 1, S. 11-43.
29 SieheJ . Matuz, Das Osmanische Reich, Dannstadt 1985; Th. Scheben,
Verwaltungsreformen der frühen Tanzimatzeit, Frankfurt / M. 1991; G.
49~76

Jenseits von Bürgergesellschaft und nationalem Staat 239

Schödl, Zur Entstehung des türkischen Nationalismus, in: Ders., Formen


und G renzen des Na tionalen, Erlangen 1990, S. 189-21O; B. Lewis, The
Emergence of Modem Tu.rkey, London 1986; M. Ursinus, Regionale Refor-
men im Osmanischen Reich am Vorabend der Tanzimat, Berlin (West) 1982.
Ludmila Thomas

Russische Reaktionen auf die Revolution


von 1848 in Europa

Die Gesch ichte sei schnell erzählt: Der konservative russische


Zar kam d en von d er Revolution in Bedrängnis gera tenen eu-
ropäischen Monarchen mit seiner Armee zu Hi lfe. Diese Einmi-
schung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten wurde
von Souveränen dieser Staaten herbeigesehnt und außerdem
entsprach sie d en Verpflichtungen, die die Mitgliedsstaaten d er
Heiligen Allianz 1B15 eingegangen waren und die zumindest
formell zu diesem Zeitpunkt noch ihre Gü ltigkeit besaßen. Sie
war d emnach doppelt begründet. Die russische Armee, das
Lieblings kind des Zaren, erwies sich im Ungamfeldzug als
kampffähig, d . h. auch immun gegenüber der Revolutionsseu:,
ehe, eine Tatsache, für die sowohl die damaligen Anhänger d er
Revolution als auch später die Historiker nach Erklärung such-
te n . Rußland als Genda rm E uropas w ar die Variante von Mar-x
und Engels - ein Schlagwort, in welchem Differenzierungen
keinen Platz hatten. Rußland als Retter Europas war die zweite
Variante, ein Urteil, in d em russische Stimmen überwogen; am
bekanntesten darunter war die Äußerung des Dichters und
Staatsmanns Fedor Tjutschew. Rußland als Opfer der Willkür
des herrschenden reaktionären Regimes des Zaren und des von
ihm geschaffenen Überwachu ngs- und Unterdrückungsappa -
rates - so lautete, von dem erwähn ten Muster etwas abwei-
chend, das Urteil d er liberalen Historiographie vor 1917 und
der offi ziellen sowjetischen Geschichtsschreibung. Das in be-
zug auf die Geschichtsschreibung ungebräuchliche Adjektiv
»offiziell ( zielt auf Auftragsarbeiten oder Jubiläumsschriften
wie etwa die 1952 in der Akad emie der Wissenschaften in Mos-
kau unter der Leitung der Professoren F. V. Potemkin und A. I.
Molok erarbeitete zweibänd ige Kollektivarbeit »Revoljucii
1848 1849«, die insgesamt knapp 1.500 Seiten umfaßt. Daß Ba -
kunin in d ieser Arbeit auf sieben Seiten erwähnt wird, während
49~7b

Russische Reaktionen auf die Revolution von 1848 in Europa 241

StaHns Name auf dreiundsiebzig Seiten vorkommt, daß Niko·


laj I. weit weniger erscheint als Karl Marx, sagt noch nicht all·
zu viel über die Qualitä t der Arbeit aus, jedoch sehr viel über
die Zeit, in d er sie ents tanden war. In der damaligen sowjeti·
schen Geschichtsschreibung spiegelte sich ein Kompromiß
zweie r Richtungen wider - der revisionistisch-nationa len und
d er o rthodox-revolutionären, wobei erstere insgeheim an ältere
konservative Vorbilder anknüpfte. Wesentliche Beiträge für das
Gesamtbild , in dem die Gestalt Nikolaj l. unverhältnismäßig
hervorgeh oben wird, ha tten Männer wie der Historiker Schil-
der in Ru ßland um die Jahrhundertwende oder Theodor v.
Bemhardi und Theodor Schiemann in Deutschland erbracht. l
Schiemanns Band IV d er »Geschichte Rußlands unter Kaiser
Nikola us 1.(, erschien 1919 und enthält Gedanken, die dem
rechtskonservativen Historiker wohl nach d er Erfahrung beider
Revol utionen - d er russischen und der deutschen 1917-1918-
in den Sinn gekommen waren. Die gegenwä rtige Beschäftigung
mit diesem Problem in Rußland zeichnet sich - neben d er Re·
habilitierung des Zaren vor allem in d er politischen Publizistik
- durch die Bemühung aus, ein von einseitiger Fixierung auf
den Herrscher freies Bild zu entwerfen. Allerdings droht das
Revolutionsthema darin hinter anderen, vor allem kulturologi-
schen Aspekten zu verschwinden.2
Die Auseinandersetzung mit der europäischen Revo lution
von 1848 gehört zu d en Schlüsselerfahrungen Rußlands. Ohne
ihre Berücksichtigung sind die Weitsicht der führenden russi-
schen Revolutionäre siebzig Jahre s päter ebensowenig zu ver·
stehen w ie die Besonderheiten d es russischen Konservatismus·
entwurfs, der zunehmend auf die Behinderung europäischer
Einflüsse sowie die rep ressive Bekämpfung d er revolutionären
Ansätze gerichtet war. Diese beiden Fragen s tehen im Mittel·
punkt der folgenden Überlegungen .
Die Annäherung an das Problem der Revolution im 19. Jahr-
hundert erfolgt s tets, im FaUe Rußlands nicht anders als im üb-
rigen Europa, mH Rückblick auf die Große Französische Revo·
lution. Die Bewältigung d ieses Ereignisses w ies in Rußland von
Anfang an einige Besonderheiten auf. An ers ter Stelle is t die
bemerkenswert untypische Kluft zwischen den begeis terten
Anhängern und den skeptischen Kritikern der französischen
Ereignisse zu nennen. Während zu den skeptischen Kritikern
Männer des Geistes wie Niko laj Karamsin gezählt werden, fi-
242 Ludmila Thomas

gurieren auf der anderen Seite die Namen einflußreicher Staats·


männer. Zu den begeisterten Anhängern liberalen Geistes und
umwälzender Reformen müssen vor allem d er Zar Alexander I.
und seine engsten Berater, darunter Michail Speranskij, gezählt
werden. Diese Feststellung ist nicht neu, Historiker aus ver·
schiedenen Ländern lieferten mehr oder weniger bewußt Quel-
lenbeweise für diese These. Selbst nach dem Rußlandfeldz u g
Napoleons war der Za r vom Einfluß liberaler Veränderungen
nach französischem Muster nicht gänzlich geheilt, was sowohl
in seinen polnischen Experimenten als auch in den Auseinan-
dersetzungen mit Mettem ich sichtbar wurde. Alexanders ln-
konsequ enzen im liberalen Vorgehen - zu diesem Zeitpunkt,
wie auch schon davor - werden andererseits als Beweis d afür
angeführt, daß er die Rolle des Liberalen lediglich gespielt ha-
be.3 Der bekannte Kulturhistoriker B. Egorow zum Beispiel er-
klärt die Schwäche des russischen Liberalismus im 19. Jahrhun-
dert mit dem ausgeprägten Despotismus d er Selbstherrschaft.
Den Ha ß Puschkins und seiner Freunde im Kreis der Adelsop-
position gegen den Zaren bringt er mit dem Wandel von d essen
Ansichten in die konservative Richtung in Verbindung.
Daß unter den geistigen Vätern der konserva tiven Richtung ,
der von Puschkin und den Dekabristen stets verehrte Dichter
und Historiker Nikolaj Karamsin zu find en ist, wird absichtlich
wenig beachtet. Der G rund dafiir liegt ni cht nur in d er Wid e r-
sprüchlichkeit von Karamsins Wirken, obwohl auch dieses zur
Begriffsverwirrung beigetragen hat: Bis heute wird er sowohl
zum Begründer der liberalen Richtung als auch zum konse-
quenten Vertreter der konserva tiven Politik erklärt. Wenn Wis-
senschaftler wie Leontowitsch oder Egorow ihn in d ie liberale
Strömung einordnen und bereit sind, sein e Ablehnung einer
Verfassung für Rußland oder gar der Bauernbefreiung zu über-
sehen, so hängt d as m. E. mit seinem eigentümlichen Weltbild
zusammen. Der politische Konservatismus, der sich vor allem
in der Haltung zur französischen Revolution äußerte, rührte bei
ihm nicht von der Ignoranz gegenüber Westeuropa, sondern
von der Kenntnis und Verehrung der europäischen Kultur her,
d eren Entwicklung er durch die Revolution bedroht sah. Fü r
die gebildete russische Adelsgesellschaft war Karamsin aber
vor allem d er Autor der "Geschichte des Russischen Staa tes«,
eines Werks, dessen Bedeutung stets verkannt wird, wenn man
ihn als Beitrag zur Geschichtswissenschaft betrach tet. Es wa r
49~75

Russische Reaktionen auf d ie Revolution von 1848 in Europa 243

ein Ereignis der russischen Kulturgeschichte. Das Geschichts-


werk steht am Beginn der neuen russischen Literatur, neben
Dichtungen von Baratynski, Wjasemskij und Ryleew, neben
Puschkins Werk, das neben Priva tlyrik philosophische Ge-
schichtsbetrachtungen und publizistische Tätigkeit beinhaltete.
Karamsins sanfter Konservatismus anerkannte den russischen
Nachholbedarf hinsichtlich der europäischen Au fklärun gs-
ideen, d ie in Rußland für ihre Wirkung ei nfach noch Zeit
brauchten. Karam sin wies der kommenden Generation den
Weg zu einer schöpferischen kulturerhaltenden Tätigkeit jen-
seits aller Machtambitionen und Umstürze. Last not least war
darin Platz für den russischen Patriotismus, ohne welchen der
russische Konservatismus nicht denkbar ist. Dieser Aspekt ist
um so bemerkenswerter, als er zur Verbindung von Patriotis-
mus und Opposition gegen den Zaren führt. Za r Alexander I.
war nur konsequent in seinem Liberalismus, wenn er sich als
Sieger über Napoleon in Paris feiern lieB. Den verärgerten rus-
sischen Generälen hat er damit ungewollt die Chance überlas-
sen, sich als die eigentlichen Patrioten an der Spitze des Vater-
ländischen Krieges unter ihresg leichen betrachten zu lassen.
Die Verschwörung der Dekabristen wäre ohne die Mitwissen-
schaft eines dieser Generäle, Ermolow, nicht soweit gediehen.~
Daß Puschkins Zarenhaß wie auch die Bewegung der Deka-
bristen eigentlich gegen Alexander 1. und nicht gegen seinen
Nachfolger NikoJaj 1. gerichtet war, wird ebenfalls oft über-
sehen.
Karamsins Haltung zu Alexander ist noch in anderer Hin-
sicht bemerkenswert. Es ist die Auffassung vom göttlichen Ur-
sprung der Macht des Zaren, eine These, die nicht nur als Be-
gründung für die Legitimität der Herrschaft Anwendung fand,
sondern auch als Anlaß, den Gehorsam zu verweigern, sofern
Zweifel an der Übereinstimmung zwischen dem Handeln des
Za ren und dem Gottesa uftrag angemeldet und bewiesen wer-
den konnten. Diese These bildete nicht nur den Rahmen für
gerechtfe rtigte Opposition oder auch Widerstand; sie wa r eben-
so die Begründung fü r eine nachsichtige Haltung gegenüber
der Staatsmacht, d ie sich als Selbstherrschaft deklarierte und
zugleich ohnmächtig hingenommen hatte, daß die Untertanen
über den göttlichen Ursprung einzelner Machtäußerungen mit-
zubestimmen beanspruchten. Diese Haltung bildete für viele
eine Zuflucht, eine Möglichkeit, die monarchische Macht im
00049~7fi

244 Ludmila Thomas

Prinzip zu akzeptieren, ohne sich an die Befehle d es jeweiligen


Zaren gebunden zu fühl en. In d er späten Regierungszeit von
Nikolaj 1., d. h. in der Zeit der Revolution, war diese Haltung
vor allem unter Slawophilen verbreitet. So fonnulierten sie ihre
Kritik in Traktaten, in denen sie einen idealen Herrscher be-
schrieben und damit dem Za ren indirekt die Entfernung vom
göttlichen Auftrag vorhielten .
Die russische Gesellschaft zur Zei t der Revolution von 1848
verfügte also sehr wohl über Spielräume, die ihr erlaubten, d er
Verführung d er Revolution zu widerstehen, ohne sich anderer-
seits mit der Politik des Zaren zu identifizieren, aber auch ohne
die Konsequenz, die zur Verabsolutierung des Terrors im Sinne
des Zwangs der Enbnachtung des Herrschers führen konnte.
Ungelöste soziale Probleme auf dem Lande, Mißernten, e ho-
leraepide mien, Brände, die Jahr für Jahr Dörfer und Städte
vernichteten - all diese Mißstände und Katastrophen riefen Un-
ruhen hervo r. Doch weder d er Zar noch di e Instituti on der
Selbstherrschaft waren dadurch ernsthaft gefährdet. Die Gefahr
erblickte man außerhalb d es Landes, analog - wie man mein-
te -, zu 1812, als die russische Armee das Vaterland vor den
revolutionären Horden verteidigt hatte. Diese Verankerung d~ r
Ereignisse im kollektiven Gedächtnis war ein wesentlicher
Grund, warum die Entscheidung des Zaren, gegen die europäi-
sche Revolutio n militärisc h vor zugehe n , n icht als eine dem gro-
ßen Teil der Oberschicht aufgezwungene Aktion betrachtet
werden kann. Ein Jahr später war diese Stimmung nicht mehr
vorhanden, was hauptsächlich mit der Haltung d es Za ren zu-
sammenhing. Doch zu dieser Zeit wuchs dem russischen Kon-
servatismus ein neuer Verbündeter heran. Die liberale intelli-
genz, deren prominentester Vertreter im Ausland Alexander
Herzen war, erwies sich durch d ie Enttäuschung über die west-
eu ropäischen Verhältnisse in ihrer Aktivität gelähmt.
In den historischen Untersuchungen, die die Person Niko-
laj I. zum Mittelpunkt haben, ragen bis heute die Arbeiten von
Schild er und Schiemann eindeutig hervor, nicht zuletz t d es-
halb, weil sie die im 19. Jahrhundert durchaus verbrei tete Me-
thode, die Landesgeschichte an der Biographie des Herrschers
zu exemplifizieren, voUkommen beherrschten. Ihre Quellenla-
ge ist unterschiedlich. Schiemann konnte von d en Quellen pro-
fitieren, die Schil der zur Verfügung standen. Sein eigener Bei-
trag, zumindest in dem Teil über die Revo lutionszeit, be-
49J75

Russische Reaktio nen auf die Revolution von 1848 in Europa 245

schränkt sich auf den Briefw echsel d es Herrscherpaares sow ie


auf Tagebuchaufzeichnungen d er Zarin . Beeindruckend ist die
Schil derung d er ersten Reaktion des Zaren auf den Ausbruch
d er Revolution in Paris. Freude über d en Sturz d es ihm verhaß-
ten Louis Philippe vom »usurpierten Thron« war die erste Emp-
fi nd ung, die er in einem Brief an den Sch wager Fried rich Wil -
helm 1lI. nach Berlin mitteilte. Darauf folgte die Feststellung,
daß beide - der russische Kaiser wie der preußische König -
unmittelba r in ihrer Existenz bedroht seien. Die militärische
Abwehr, für d ie der Kaiser 350.000 Mann in Aussicht gestellt
hatte, war d as erste, was ihm als Antwort auf die Herausforde-
rung der Pariser Revolu tion eingefallen war. Doch um etwas
abwehren zu können, mu ß man vorher angegriffen worden
sein, un d Ni ko laj gestand, daß ihm am liebsten gewesen wäre,
wenn d ie Franzosen g leich die Grenze über d en Rhein über-
schritten und nicht gewarte t hätten, bis die Revolution in
Deutschland ausgebrochen sei. Der Ton des Briefes gleicht d em
einer Anweisung: Zwei große Armeen seien aus Truppenkon-
tingenten d er deutschen Länder bereitzustellen, zwischen beide
würde sich die russische Armee stellen, um in d rei Monaten
gemeinsam marschieren zu können. Das war am 7. März. Die
Nachrichten aus Berlin und aus Wien in den nächsten Wochen
versetzten Za r Nikolaj r. d ann in Panikstimmung. Am meisten
hat er befürchtet. d aß ÖSterreich und Preußen unter dem Druck
der Aufständischen die Unabhängig keit Po lens proklamieren
würden. In dieser Stimmung entstand d as Manifest an d as rus-
sische Volk, d as d er Zar eigenhändig verfaßt hat. Darin ist von
der Bedrohung der G renzen durch Aufruhr und Anarchie die
Red e, die von Frankreich ausgehend schne ll auf Deutschland
übergegangen und "mit einer Frechhei t sich verbreiteten, die
im Verhältnis zur Nachgiebigkeit der Regierungen wuchscc. Der
Schlußsa tz »Gott ist mit uns! Versteht es, ihr Völker, und unter-
werft euch, denn mit uns ist Gott! (, tauchte in den Äußerungen
des Zaren in den nächsten Monaten wie ein Refrain oder eine
Selbstbeschwörung auf.5
Die völkerrech tlichen Konsequenzen dieses Manifests gaben
du rchaus Anlaß zu r Sorge, d enn der Tatbestand der g roben Ein-
misch ung in d ie inneren Angelegenheiten mehrerer eu ropäi-
scher Staaten war mit keinen Verträgen zu entschu ldigen. So-
wohl der russische Außenminister als auch d er Botschafter in
Berlin hatten d ies sofort erkannt und versucht, eventuelle Kon-
246 Ludmila Thomas

sequenzen durch einen besänftigenden Kommentar zu vermei-


den.
Auch der zweite Zarenauftritt in diesen Tagen - beim Emp-
fang einer Adelsdelegation - zeugt davon, daß Nikolaj die Er-
eignisse als unmittelbare Bedrohung interpretierte. Er umarmte
jeden Anwesenden und beteuerte, daß im Landesinneren nach
seinen Informationen »aufrichtige Ergebenheit und der Eifer
für Thron und Vaterland e! herrschten . In der Aufforderung an
den Adel, er saUe dem Zaren in seiner Eigenschaft als dessen
"Polizei« helfen, die Ordnung aufrechtzuerhalten, sieht Schie-
mann zurecht die nackte Furcht vor d em Übergreifen der Revo-
lutio n auf Rußland .6 Wie ernst seine Befürchtungen waren,
zeigte sich auch in der Erleichterung über die ausgebliebenen
inneren Unruhen schon im Winter 1849, vor allem aber in dem
Jubel über den günstigen Ausgang des Ungarnfeldzugs im
Sommer ]849. Daß das verzweifelte Ansinnen der geschlagenen
ungarischen Rebellen, ihre Heimat lieber der russischen Krone
unter dem liberalen Großfürsten Konstantin Nikolaewitsch als
König anzuvertrauen, s tatt die bisherige Stellung Ungarns im
Habsburgerreich zu rekonstituieren, d em Kaiser schmeichelte,
ist gewiß nicht überraschend. I
Nicht zu verstehen s ind im Kontext solch glücklicher Fügun.
gen seine Aktivitäten im Frühjahr 1849 im eigenen Land: Nach·
d e m e r sich Anfang April während der Osterwoche, die e r in
Moskau verbrachte, ausgiebig hatte feiem lassen, ließ er am
Schluß und als Höhepunkt d er Feierlichkeiten ein e Maskenauf·
führung als Huldigung Rußlands an England veranstalten, mit
der vor Vertretem d es englischen Hofes zugleich der Reichtum
sowie die landschaftliche und nationale Vielfalt Rußlands de·
monstriert wurden. Dahinte r verbarg s ich d er Gedanke eines
politischen Bündnisses mit England, eine Vorstellung, die den
Zaren schon seit 1844 beschäftigte. Es soUte, nach Schiemann,
»die beiden einzigen Völker verein t vorführen, d ie von den re·
volutionären Wirren des Jahres 1848 unberührt geblieben wa·
ren «.i Gleichwohl verspürte er, nachdem er in die Hau ptstadt
St. Petersburg zurückgekehrt war, das Bedürfnis, mit jedem
scha rf abzurechnen, d er Ungehorsam zeigte. Bei der Jugend
entdeckte er nicht genug Respekt, es mißfiel ihm auch das Aus·
sehen der Moskauer Stud enten und d er Intellektuellen der s la·
wophilen Richtung. Es fo lgte die »Bärtekampagne«, während
der viele angesehene und bekannte Bürger von der Polizei, wie
49~76

Russische Reaktionen auf die Revolution von 1848 in Europa 247

150 Jahre zuvor, aufgefordert wurden, sich die Bärte abzurasie-


ren. Während in dieser Aktion das Vorbild Peters I. lebendig
schien, entsprach die Verfügung, die Zah l der Studierenden im
Reiche zu reduzieren, weil angeblich zu viele Jugendliche stu-
dierten und zu wenige die Militärlaufbahn wählten, weder der
aufldärerischen Tradition noch einer für die Modem e offenen
Politik. Der Höhepunkt dieser Serie von Willkürakten war das
Hinrichtungsspektakel, das als Schlußakt des Petraschewskij-
Prozesses auf Veranlassung des Zaren veranstaltet wurde. Zum
ersten Mal tat sich hier in Gestalt d es Zaren ein neuer Typus d es
russischen Konservativen auf. Es ist der Typu s, der in der zwei-
ten Hälfte des Jahrhunderts in dieser politischen Strömung vor-
herrschend wird: der mit großer Macht ausgestattete Staa tsdie-
ner, der als oberste POicht die Erhaltung d er Ordnung und Un-
terdrückung jeden Widerspruchs, aber auch aller Initiativen
ansieht. Isoliert und belächelt im Kreise der Intelligenz sa h er
in der Bildung wie in der Hinwendung zu europäischen Idealen
der sozialen Umgestaltung eine Gefahr für die innere Stabilität.
Die harmlos klingend e, selbst gewählte Bezeichnung »ochrani-
teli <. - Beschützer, O rdnungshüter - hatte sehr bald einen be-
drohlichen Klang erhalten, nachdem die neue polizeiliche Be-
hörde zur Bekämpfung revolutionärer Umtriebe als »)otdelenie
ochrany« in den Hauptstädten installiert worden war. »Ochran-
ka« nannte man diese Ordnungshüter etwas verächtlich, worin
die Einstellung zum Ziel ihrer Tätigkeit zum Ausdruck kam.
Man brachte sie nicht mehr mit d er drohenden Gefahr aus d em
Westen in Verbindung, sondern mit den willkürlichen Verfol-
gungen eigener Mitbürger.
In seiner vollen Ausprägung trat dieser Typus dann erst nach
dem Krimkrieg und den großen Reformen der sechziger Jahre
hervor. Die reservierte Haltung gegenüber den westeuropäi-
schen Ereignissen bezog sich in diesen Kreisen zuerst auf die
Methoden der Revolutionsbekämpfung; Kompromißlösungen
hielt man in der Umgebung des Zaren für nicht angebracht,
genauso wenig Reformen, die zur Reduzierung der monarchi-
schen Gewa lt hätten führen können. Der Krimkrieg und die
Niederlage vertieften d ie Entfremdung vom Westen durch das
verbreitete Gefühl, von seiten der europäischen Regierungen
verraten worden zu sein.
Für d en weiteren Verlauf der Entwicklung in Rußland war
nicht unwichtig, daß eine Zeit lang auch die liberalen Kreise
248 Ludmila Thomas

von Europa enttäuscht waren. Am deutlichsten ist diese Hal-


tung in Zeugnissen derer festzustellen, die sich an der Seite der
Revolution in die e uropä ischen Belange einmischten. Alexan -
der Herzen und Michail Bakunin sind von der Forsch ung be-
sond ers hervorgehoben worden: Herzen von der russischen
und spä ter sowjetischen Geschichtsschreibung, Bakunin von
der w estlichen. Die geteilte Vo rliebe erklärt sich am wenigsten
aus d er Rolle d er heiden Revolutionäre unmittelba r wäh rend
de r Revolutionszeit, sie betrifft mehr ihren späteren Werde-
gang. Zufälle spielen na türlich auch eine RoUe.
Unter d en Russen, die in d er europäischen Revolutionsge-
schichte des 19. Jahrhun derts ihren Platz gefund en haben, s teht
Michail Bakunin mit an erster Stelle. Besonders beeindruckend
ist d ie s prachliche Vielfalt d er Untersuchungen über ihn, wobei
die Tatsache, daß er in mehreren europäischen Sprachen p ub li -
zierte, n icht ohne Einfluß auf diesen Umstand blieb. Im übrigen
weist heute die »Bakuniniane«, wie einer der Beteiligten die Ba-
kuninforsch ung bezeichnete, so viele spannende Episoden, so
viel unerwartete Z uspitzu ngen und Wend ungen auf, daß man
vermuten könnte, d as Forschungsobjekt lasse d ie Unruhe sei-
nes Lebens in den Schicksalen seiner Biographen wei terwir-
ken.' Darunter find en w ir ukrainische Forscher in Deutschland
wie Dragomanov, russische Emigranten in Prag und Belgrad
w ie Ewreinow, sowje tisch e D iss ide nten in den USA w ie Boris
Nikolaew skij, tschechi sche Fo rscher wie Cejchan, deutsche Hi-
sto riker in Prag wi e Jose f Pfitzner, ganz abgesehen von Ba-
kunins Zeitgen ossen , Freund en , Verwandten , Gegnern und
Mitkämpfern, die zahlreiche Zeugnisse in französisch, deu tsch,
ita lienisch, englisch, polnisch, tschechisch und russisch hinter-
lassen haben. Zu den besonders oft und widersprüchlich inter-
pretierten Episoden seiner Tätigkeit gehören seine »Beich te« an
den Zaren, sein e Mitarbeit an dem von dem Provokate ur Net-
sch aew verfaßten »Ka techis mus des Revolutionärs« sow ie sei-
ne Z usa mmens töße mit Kar! Marx bei d er I. Internationa le. Bei
den deutschen un d ös terreichischen Zei tgenossen Bakunins
wa r seine Teilnahme am Slawen-Kongreß in Prag An fang Junj
1848 besonders unpopulär. Oie Verdächtigung - an deren Ver-
brei tu ng Engels und auch Ma rx beteiligt waren - , er sei ein Spi-
on des Zaren, sp ielten bei der Isolierung, in d ie er in Frankreich
und in Deu tschland geriet, eine Rolle. Um so unbegrün deter
erschein t mir Peter Scheiberts Einschätzung, Bakunin sei ein
49~76

Russische Reaktionen auf die Revolution von 1848 in Europa 249

Symbol d afür, wie u nreif die deutsche Revolution von 1848 ge·
wesen sei, denn gerade in diesem Teil seiner Aktivitäten zeigte
er sich vielen seiner Freunde, die in d er Revolution eine maß·
gebende Rolle spielten, überlegen.9
Bakunin war in d en Kreisen d er d eutschen Intellektuellen in
d en Jahren vor der Revolution nicht zu ignorieren. Davon zeug t
einerseits sein schon 1842 in den Deutschen Jahrbüchern für
Wissenschaft und Kunst unter dem Titel »Die Reaktion in
Deutschland . Ein Fragment von einem Franzosen« erschiene-
ner Artikel, in dem er zum Schritt von d er Theorie zur revolu-
tionären Tat auffo rde rte. Um sein Inkognito kümmerte sich
Ba kunin allerdings wenig. »Die Lust d er Zerstörung ist eine
schaffende Lust« - nicht nur d ieser berühmte Satz und die Er·
wähnung Rußlands, dem eine große Zukunft in diesem Rausch
der Zerstörung zugedacht wird, führen auf die Spur d es russi·
schen Rebellen, sondern auch die von geradezu religiösem Pa·
thos erfüllte Aufforderung, mit d er Bakunins spä tere westeuro-
pä ische Biographen große Schwierigkeiten hatten: »Thut Bu ße!
Das Reich des Herren ist nahe! laßt uns d arum d em ewigen
Geist vertrauen, der nur deshalb zerstört und vernichtet, weil
er der unergründliche und ewig schaffende Quell alles Lebens
iSt. «IO Ein auf andere Weise spektakuläres Zeugnis sind die in
Bakunins Briefen d okumentierten Kontakte mit Vamhagen von
Ense, Georg Herwegh und auch George Sand, d eren Einfluß auf
den linken Sinneswandel der zuerst nur am Studium d er Werke
Hegels interessierten Russen schon J. Pfitzner zu beweisen ver-
suchte. 1I
Eine Erklärung für manches andere Rätsel in Bakunins Ver-
halten kann eine genauere Untersuchung der Frage bringen,
welche Rolle seine russische Herkunft für ihn wirklich spielte.
Es existieren von ihm drei größere Darstellungen dieses Pro·
blems, die alle der Forschung erst relativ spät zur Verfügung
standen: d ie schon erwähnte »Beich te«, die erst Anfang d er
zwanziger Jahre veröffentlicht wurde; d ie in sächsischer Haft
geschriebene Stell ungnahme »Meine Verteidigung«, d ie Vaclav
Cejchan veröffentlichte, und schließlich die anon ym 1849 er·
schienene Schrift »Russische Zuständ e«, d ie Boris Nikolaewskij
1929 in russisch herausbrachte und d ie erst 1996 von Wolfgang
Eckhard t im Original herausgegeben wurde.
Eine vergleichende Analyse dieser d rei Texte steht für einige
Aspekte noch bevor. Wahrscheinlich würde sie helfen, das Ge·
250 Ludmila Thomas

wicht der taktischen Momente, die mit den jeweiligen Entste-


hungsumständen dieser Schriften zusammenhingen, zu relati-
vieren. Denn abgesehen davon, daß einige Fragmente in den
heiden letzteren Texten wörtlich übereinstimmen, lassen sich
politische Schlußfolgerungen, die Bakunin aus den Zustands-
schilderungen zog, sehr großzügig interpretieren. Er war offen
für die Idee der Volksmacht, doch ob an der Spitze der neuen
O rdnung ein Bauemführer wie Pugatschow, ein Adelsrevolu-
tionär wie Pestet oder ein Vertreter der Romanowd ynastie ste-
hen sollte, das überließ er ganz der Volks- oder auch der Völ-
kerentscheidung.
Aus seiner Sicht sollte der Wille der revolutionären Masse
und nicht d er in Diplomatie und taktischem Vorgehen geübten
nationalen lntel1igenz auch die sogenannte slawische Frage ent-
scheid en. »Bruder! Traut nicht den diplomatischen Küns ten.
Polen haben sie ins Verderben gestürzt, sie werden auch euch
ins Verderben srurzent', heißt es in seinem Aufruf an die Slawen
1848.12 Auf dem Slawenkongreß, in dessen Tagungen und in
Couloirgesprächen er wie ein »weißer Rabe« herumirrte, fiel
seine Naivität nur deshalb auf, weil sie sich von der ausgeklü·
gelten Naivität seiner tschechischen oder polnischen Opponen-
ten abhob. Zu weilen unterschieden sie sich auch nur in der Vor-
stellung von d er Herkunft des Monarchen, den sie an der Spitze
des s lawis c he n Staatsgebildes gesehe n haben .
Ein solches Moment d er doppelten Inkonsequenz - der natio-
nalen und der demokratischen - gab es bei Bakunin im Sommer
1848, als er plötzlich d ie Möglichkeit sah, die Konterrevolution
mit Hilfe d es Zaren, der an der Spitze der Slawen stehen sollte,
zu bekämpfen. Als dies nicht gelang, begann Bakunin an der
slawischen Herkunft des Zaren zu zweifeln: »Denn wer istdieser
Nikolai? Ein Slawe? Nein, ein holstein-gottorpscher Herr auf sIa-
wischern Throne, ein aus der Fremde stammender Tyrann«. In
dieser Episode war Bakunin selbst ein Taktiker, der gla ubte, d en
Na tionalismus der anderen für seine Revolutionsoptionen aus-
nutzen zu können. Versöhnlicher dagegen klang das Fazit inder-
seiben Schrift: »Dem d eutschen Volke sollt ihr die Hand bieten.
Nicht den Despoten Deutschlands, mit denen ihr jetzt im Bunde
steht, und das gerade soll t ihr nicht tun . Nicht jenen d eutschen
Pedanten und Professoren in Frankfurt, jenen (... ) ehrgeizigen
Literaten, welche (... ] die meisten deutschen Zeitschriften mit
Schmähungen (... ] gegen Polen und Tschechen angefüllt h aben,
49~75

Russische Reaktionen auf die Revolution von 1848 in Europa 251

jenen deutschen Spießbürgern, welche sich über jedes Unglück


der Slawen freuen. Aber dem deutschen Volke, das aus der Re-
volution hervorgeht«.'3Diese ganze monarchische Verirrung Ba-
kunins 1848, die Ewreinow als »politisches Gaunerstück .. be-
zeichnete,14 kann schon deswegen nicht unbeachtet bleiben, weil
sie ihre Fortsetzung in Bakunins Ansichten über die sechziger
Jahre, z. B. in der Einschätzung des sibirischen General-Gouver-
neurs, Grafen Murawjow, hatte.15
Für das Verständnis der von Cejchan veröffentlichten )>Ver-
teidigung« Bakunins für das sächsische Gericht, ist die parado-
xe Rolle wichtig, in die er glaubte geraten zu sein. Er war über-
zeugt, daß man ihn für einen russischen Spion hielt und ver-
su chte diesen für ihn lästigen Verdacht zu entkräften. Von
einem Polen erwarte man selbstverständlich, daß er bei jeder
Unruhe dabei sei, aber ein Russe? »Diese Betätigung eines Rus-
sen an dem allgemeinen Streben zur Freiheit erscheint so son-
derbar, daß viele sich eine solche nicht anders als durch unna-
türliche Ursachen erklären«.16 Daß ihm die Beteiligung an dem
Freiheitskampf die Todesstrafe bescheren würde, erkannte er,
nachdem er seine Selbstverteidigung fertiggesteUt hatte. Daß
dagegen der Verdacht, ein russischer Spion zu sein, in den Au-
gen der sächsischen Richter eine weniger harte Bestrafung ver-
dienen würde, war zu erwarten, ebenso wie die Aussicht, nach
Rußland überstellt zu werden und dort eine noch härtere Strafe
e rle iden zu müssen. Bakunin hoffte also auf die Begnadigung
nach der Todesstrafe in Sachsen und widersetzte sich dem Ruf-
mord, den der Spionageverdacht implizierte. Andererseits
wollte er offenbar an diesem Wendepunkt seines Lebens Bilanz
ziehen. Immerhin schwebte über ihm das Damoklesschwert des
Todesu rteils, unter seinen Freunden verbreitete sich bereits die
Nachricht von seinem Tod. Vermutlich war Bakunin unter deut-
schen Revolutio nären niemals so populär gewesen wie wäh-
rend der Zeitspanne, in der man an seinen Tod glaubte. Ab-
schiedsbriefe, die Bakunin im Kerker zusätzlich plagten, 17 kön-
nen als eine makabre Bestätigung dafür angesehen werden, daß
tote Helden nicht nur im Krieg, sondern auch in d er Revolution
stets die g rößten Helden sind . Ernster zu nehmen ist das Ge-
ständnis von Georg Herwegh in einem Brie f an Feuerbach Ende
1851: »Seit mein Freund Bakunin tot ist, kenne ich keinen Men-
schen mehr, der ein wirklich revolutionäres Naturell hat, nach
der Gefühls- wie nach der Verstandsseite hin, als Dich und Wag-
252 Ludmila Thomas

ner.«18 Der gewissenhafte Historiker 5cheibert hat diesen Brief


nicht verschwiegen, obwohl dessen Aussage eine Antwort auf
die Frage nach der Wirkung Bakunins enthält, die wenig zum
Urteil von der Unreife d er Revolution paßt. So heißt es bei
Scheibert: »Nichts kennzeichnet so sehr die Ratlosigkeit jener
Jahre, als daß dieser Russe, der eigentlich nichts mitbrachte als
den festen Wil1en, auf jeden Fall die Revolte zu versuchen, im-
mer wieder den Finger am Abzug halten konnte, (... I so, daß
1848 und 1849 durch ihn mitgeprägt werden sollten .{{19 Nicht
weniger als über Bakunins Rolle ist Scheibert übrigens auch
über Richard Wagners »radikalen Primitivismust< von 1848/49
ersta unt, so daß der Verdacht aufkommen kann, daß er die At-
mosphäre dieser Revolution nicht nachzuvollziehen vermochte
und da ß ihm das Ziel, eine Linie zwischen Bakunin und Lenin
zu ziehen, wichtiger war als die Einschätzung von Bakunins
tatsächlicher Rolle in Deutschland .
Ana logien zu einem solchen Historiker-Verhalten bietet im
übrigen auch die russische Bakunin- und Alexander Herzen-
Forschung. Schon sei t den sechziger Jahren des 19. Jahrhun-
derts benötigte die russische liberale Gesellschaft einen solide-
ren Anwalt für die Versöhnung mit der revolutionä ren Tradi-
tion Westeuropas als es Bakunin zu sein schien. Für diese RoUe
wurde Alexander Herzen auserwählt - und die russischen Mar-
xis te n fo lg te n diesem Mus te r nach 1917. Michail Lcmke gab be-
reits vor der Revolution eine zweiundzwanzigbändige Werk-
ausgabe heraus. Daß die sowjetische daraufhin d reißig Bänd e
umfassen mußte, bedarf kaum der Erwähnung, hatte aber auch
zur Folge, daß eine wirkliche Popularität Herzens in d er Sowjet-
union sich nur anhand seiner schöngeistigen Versuche und sei-
ner Erinnerungen einstellen konnte. Herzens Briefe und Korre-
spondenzen aus der Revolutionszeit und unmittelbar danach
unterscheiden sich nicht wesentlich von dem, was wir über Ba-
kunin in diesen Jahren wissen. Nicht ganz so bedingungslos
wie bei Bakunin war die Begeisterung für die zerstörerische
Kraft d es aufgebrachten Volkes; nicht ganz so unvermitte lt und
zwa nghaft wie bei Bakunin waren Herzens Hoffnungen, d aß
der revolutionäre Funke auch auf Rußland übersp ringen möge.
Tiefer und nachhaltiger dagegen ist bei Herzen die Verzweif-
lung über die Niederschlagung der Revolution. Keine Rolle
spielt bei Herzen die konfuse Konstruktion eines Volkszaren in
Verbindung mit der Idee des Slawenbundes. Lediglich in der
49J7b

Russische Reaktionen auf d ie Revolution von 1848 in Europa 253

Einstellung zu d en polnischen Revolutionären trafen sich eine


Zeit lang Bakunins und Herzens Ansichten . Die bekannte
Schrift Herzens ~) Vom anderen Ufer«, schon 1851 veröffentlicht,
ist ein wehmütiger Abschied von Illusionen über die Möglich-
keiten der Revolution in Europa . »Du hast gesiegt, Galiläer(,
heißt es am Schluß seiner Schrift in Ansp ielung auf das bibli-
sche Motiv der Auseinandersetzung Christi mit der offiziellen
Rel igion und der Regierungsrnacht. Christus als erster Revolu-
tionär - d ieses Bild, auf das Herzen später nochmals zurück-
griff, find et sich in Anlehnung an ihn auch während der O kto-
berrevolution wieder.
Alexan der Herzens Haltung zu den Ereignissen in Rußland
und Westeuropa lä ßt sich auf der subjektiven emotionalen Ebe-
ne auf zwei Extreme zurückführen: Einerseits war für ihn die
Erfahrung nicht zu leugnen, daß die Zustände in Westeuropa
nach d er Niederschlagung der Revolution für einen Oppositio-
nellen immer noch unvergleichlich günstiger waren als in sei-
ner Heimat; daher d er Entschluß, im Exil zu bleiben und von
dort aus den Kampf weiterzuführen. Dieser Aspekt tritt in sei-
nen polemischen Schriften nicht deutlich hervor, da die Enttäu-
schung über die Niederlage d er Revolution mit den privaten
Katastrophen in seinem Leben zusammentraf und seine pessi-
mistischen Visionen noch verstärkte. Andererseits verspürte er
d as Bedürfnis, sein Verbleiben im Exil vor den Freunden in Ruß-
land zu rechtfertigen, um nicht als Verräter oder Überläufer zu
gelten. In diesem Zusammenhang steht auch seine Überemp-
findlichkeit gegenüber allen Anzeichen einer kritischen Beur-
teilung russischer Zukunftsaussichten, die er in d er westeuro-
päischen Publizistik zu finden glaubte. Die Gründe, die für ein
Verbleiben in Europa sp rachen, faßte er daher folgendermaßen
zusammen:
~) ln Europa hat man den im Ausland Lebenden nie als Ver-
brecher und d en nach Amerika Ausgewanderten nie als Verrä-
ter betrachtet. Bei uns gibt es nichts dergleichen . Bei uns war
die Einzelperson s tets unterdrückt, verschwand in der Menge,
bemühte sich nicht einmal hervorzutreten . Das freie Wort wur-
de bei uns stets als Dreistigkeit, Originalität, als Rebellion be-
trachtet; der Mensch verschwand im Staa te, löste sich in der
Gemeinde auf (... ] Wenn Rußland nicht so weiträumig wäre,
wenn die fremdländische Machtordnung nicht so unklar auf-
gebaut wäre und so unordentlich gehandhabt würde, könnte
254 Ludmila Thomas

man ohne Übertreibung sagen, daS in Rußland kein einziger


Mensch leben könnte, der sich auch nur irgend wie seiner Wür-
de bewußt wäre.«20 Herzen sah demnach Freiräume für die
Entfaltung des Individuums im Versagen des Staatsapparates
und nicht umgekehrt . Unbewußt fügten sich die heiden Revo-
lutionäre, Herzen wie Bakunin, in die Tradition der Rechtlosig-
keit des Individuums, indem sie ihr Fembleiben von Rußland
zu begründen und zu entschuldigen suchten. Für die Heimat
nützlich zu sein war die beste Entschuldigung. So entstand bei
Herzen die Idee einer freien, der russischen Zensur nicht unter-
stellten Druckerei; er setzte sie um mit der Gründung der Zeit-
schrift »Die Glocke«; deren Aufgabe sahen die heiden Heraus-
geber - Herzen und Ogarew - , in der Vorbereitung der Bauern-
befreiung. Damit haben sie sich eine zentrale Position in jenen
Auseinandersetzungen gesichert, die letztlich zu einer weiteren
Schwächung der Liberalen unter der russischen Oberschicht
beigetragen haben .
Zuvor jedoch waren die Überraschungen und Enttäuschun-
gen zu verkraften, die de r Krimkrieg und sein Ausgang den
Russen bereiteten. Das Hineingleiten in einen Krieg, in wei-
chem RuBland nicht nur die europäische Öffentlichkeit, son-
d ern auch die groBen europäischen Mächte gegen sich vereint
gefund en hatte, hing einerseits mit der euphorischen Selbst-
überschätzun g der russ isch en Militärmacht durch den Za re n
zusammen, andererseits aber auch mit der Mißachtung der Di-
plomatie - einer Mißachtung, in welcher der Zar übrigens nicht
nur mit Bakunin, sondern auch mit den einfluBreichen Staats-
beamten übereinstimmte. Die Neigung, die völkerrechtlichen
Vereinbarungen beliebig auszulegen oder gar leichtferti g zu
miBachten, kann als .?ine Folge d er russischen Auffassung von
Rechtsnormen überhaupt gedeutet werden: der durch formell-
rechtliche Schranken in der lnnenpolitik nicht gebundene Mon-
arch war schwer zu bewegen, solche Schranken in d er Außen-
politik zu akzeptieren. Die Konflikte mit der Türkei, die schlieB-
lieh zum Krimkrieg führten, begannen nicht - wie offi ziell
deklariert wurde - wegen der Lage der chris tlichen Sla wen-
minderheiten im os manischen Reich, sondern wegen d er Wei-
gerung des GroBwesirs, polnische Flüchtlinge, die an der un-
garischen Revolution teilgenommen haben, an di e russ ische
Regierung auszuliefern. Die Stationierung englischer und fran-
zösischer Geschwader an den Dardanellen und in Smyrna hatte
49~7b

Russische Reaktionen auf d ie Revolution von 1848 in Europa 25S

Ende 1849 eine Kompromißlösung und eine nur kurzfri stige


Beilegung d es russ isch-türkischen Konflj kts ermöglicht. Au-
Benminister Nesselrode hatte sich zunächst mit d er von d er tür-
kischen Seite unterb reiteten Auskunft zufrieden erklärt, wo-
nach der Großteil der 1.100 polnischen Flüchtlinge zu eng li-
schen bzw. französischen Untertanen geword en oder zum
Islam übergetreten seien. Für diejenigen, d ie noch die russische
Staa tsangehörigkeit besaßen, war vom Großwesir die Auswei-
sung aus der Türkei in Aussicht gestellt worden.
Im übrigen erlebte der in d en Jahrzehn ten zuvor auf ver-
schiedene Bewährungsproben gestellte Pa triotismus d er russi-
schen Oberschicht im Krimkrieg eine sonderba re Verwandlung.
Die Belagerung und Verteidigung des Schwarzmeerhafens Se-
wastopoi brachte eine neue Welle des Patrio tismus hervor, die
durchaus verglichen werden ka nn mit der Stimmung d es
»opoltschenie« (der Bürgerwehr) 1812, mit d er Rußland d er Ok-
kupa tion der westlichen Territori en einschließlich Moska us
d urch die napoleonische Armee entgegengetreten wa r. Ein neu-
es Element war jedoch die tatsächliche Angst vor einem mögli-
chen siegreichen Ausgang des Krieges. Eine Gesellschaft, die
kurz zuvor auf d ie »Dreieinigkeit« der offiziellen Ideologie -
Selbstherrschaft, Rechtgläubigkeit und Volkstümlichkeit - ein-
geschworen worden war, war bereit, die Niederlage im Krieg
hinzunehmen, wenn d iese die Stärkung der Selbstherrschaft
verhinderte. Dieser vielfach dokumentierte SinneswandeJ21
kön nte als ein Zeichen d er politischen Unreife einer Gesell-
schaft interpretiert werden, d ie ihre Grundsä tze immer dann zu
ändern bereit ist, wenn eine Kriegsnied erlage droh t. Doch ge-
rade bei diesem Prinzip der Selbstherrschaft, d as d en imperia-
len Bestand d es Russischen Reiches berührte, war Sinneswan-
del bis d ahin selten und nu r bei Einzelpersonen zu beobachten
gewesen: Untersuchungen aus jüngster Zeit, z. B. d urch d en
Kulturhistoriker Egorow, versuchen die Tiefenwirkungen d es
imperialen Denkens auf den russischen Volkscharakter nachzu-
weisen. 22 Dabei ist anhand von Belegen aus Folklore und Chro-
niken nich t nur eine unkritische Einstellung, sondern sogar Zu-
stim mung von seiten des Volkes gegenüber den von d er Regie-
rung geführten Eroberungskriegen d eu tlich geworden. Es sei
kein Fall bekannt, in dem es seine Stimme gegen einen solchen
Feldzug erhoben habe.lJ
Kurz vor dem plötzlichen Tod Nikolaj I. erregte in Peters-
256 Ludmila Thomas

burg und in Moskau eine anonym verbreitete Schrift Aufsehen.


Der Auto r der Broschüre war, wie sich erst Jahrzehnte später
herausstellte, der bekannte Gelehrte und Publizis t Boris Niko-
laewitsch Tschi tscherin. Es is t anzunehmen, daß die ersten le-
ser um die Identität d es Verfassers wußten. Doch schon in der
nächsten Generation stand die Meinung über ihn, den Begrün-
der der konservativen ),Staatsschu)e.(, so fest, daß man ihm die
heftige Polemik gegen die offi zielle Außenpolitik, wie sie in der
Broschü re offenkundig wa r, nicht mehr zutraute. Der Weg zum
konserva ti ven Reformanhän ger begann mit d er Begeisterung
für die Errichtung der Republik 1848 in Paris. Die Ernüchterung
kam im Sommer, als - w ie er später schrieb -, »die demokrati-
schen Massen begannen, ohne jed en Sinn und Anlaß d ie Ein-
rich tungen zu zerstören, die für sie geschaffen wurden. Als d er
Aufruhr beseitigt wurde, neigte ich zu gemä ßigtem RepubLika.
nertum und meinte, daß die Republik unter diesen Bedingun·
gen sich festigen könnte. Aber schon die Präsidentenwahlen ha·
ben meinen Glauben an d ie Demokratie erschüttert . Das Ziel
entfernte sich in meinen Augen in d ie mehr oder weniger fe m e
Zukun ft. Enttäuscht von der lebendigen Kraft der Demokra tie
verlor ich auch d en Glauben an die theoretische Bedeutung d es
Sozia lismus.<,24 Die ervvähnte Schrift, überschrieben mit •• Die
Orientfrage vom russisch en Standpunkt .. , trägt den Charakter
eines s taa ts m ä nnisch kon zip ierte n Gegen e ntwurfs sow ohl Zllr
o ffiziellen Lagebeurteilung als auch zu den Darstellungen in
der westlichen Presse; die letztere w ürde den Kriegsausbruch
au f d ie »nicht zu befriedigende Eitelkeit .. Ruß lands zuruckfüh·
ren. Tschitscherin schilderte die Opferbereitschaft d er kämpfen.
d en Truppen auf d er Krim und auch das Engagement der rus·
sischen Provinz für die moralische und materielle Unterstül·
zu ng der Armee. Insgesa mt habe der Krieg die Verbindung
zw ischen dem Volk und d em Za ren restlos zerstört. Gegen die
offiziell verb reitete Ansicht, Ru ßland führe d en »Hei ligen
Krieg .. um den Schutz d er christlichen Bevölkerung in der Tü r-
kei, wandte er sich mit besonderer Schärfe: Wenn, meinte er, die
Türkei zu verurteilen wäre, d ann nicht wegen der Glaubensun·
terschiede zum orthodoxen Christentum, sondern wegen d er
inneren politischen Struktur, deren Refonnierung Rußland nie
unterstü tzt habe. »WoHen wir tatsäch lich glaubhaft machen, d ie
Be freiung der Unterdrückten in der Türkei anzus treben, wäh-
rend (... J unser Po len unter d er Last d es verhaßten Jochs lei-
49~75

Russische Reaktionen auf die Revolution von 1848 in Europa 257

det?« 2S Anderseits hielt Tschitscherin das politische Ziel d es


Krieges, d as er klar als Erweiterung d er russischen Herrschaft
im O rient definierte, für völlig legitim: Jeder Staat solle um sei-
ne Bedeutung und seinen Einfluß auf die anderen Sorge tragen.
Die politische Kunst bestehe nur darin, dieses Ziel mit mög-
lichst geringen Opfern zu erreichen, das bedeutet, die Zeit, den
Ort und die Mittel richtig zu wäh len. Im Rückblick auf die eu-
ropäische Politik seit 1815 kritisierte Tschitscherin die Einflüsse,
die von Metternichs außenpolitischem Konservatismus ausge-
gangen seien. Diese Politik sei lediglich für Österreich vorteil-
haft gewesen, d as auf dem Status quo beharren mußte, weil es
keine Zu kunft gehabt habe. Rußland jedoch habe in der Außen-
politik verstand en, solchen Einflüssen zu widerstehen. Anders
d agegen sei d ie Innenpolitik des Zaren zu beurteilen, in der er
keine Korrekturen durch das Volk und die Opposition, keine
Einschränkungen durch das Gesetz zu fürchten gehabt habe.
Später kritisierte Tschitscherin nicht weniger scharf die Politik
der nächsten Zaren - er erlebte noch drei -, und nur für einen,
Alexander 1I., empfand er wirkliche Hochachtung. An seiner
Überzeugung, daß die ideale Regierungsform für Rußland die
konsti tutionelle Monarchie sei, änderte diese Kritik nicht das
mindeste.
Tschitscherins Schrift ist für unseren Zusammenhang des-
halb so wichtig, weil sie eine Charakteristik d er Stellung Ruß-
lands in Europa nach 1848 und vor 1853 enthält: Rußland sei
seit 1849 auf dem Höhepunkt seines Ruhmes und seiner Macht
gewesen; es habe sich in alle d eutschen Angelegenheiten ge-
mischt, ÖSterreich vor d em Niederga ng gerettet und zugleich
PreuBens ehrgeizige Pläne durchkreuzt. Rußland sei in Europa
als ein unbesiegbarer Koloß angesehen worden, der, an der Spit-
ze eines konserva tiven Mächtesystems, den von inneren Unru-
hen erfa ßten Westen sich zu unterwerfen drohte.26
Die Geschichtswissenschaft ha t die Aufgabe, Urteile der
Zeitgenossen über die Ereignisse zu relativieren. Daß das Urteil
über die russischen Aktionen in Europa 1848 / 49 heute milder
ausfällt als vor 150 Jahren, beobachten wir nich t nur in Rußland .
Erwähnt sei hier immerhin auch der frühere US-Außenminister
Kissinger, der in seinem Traktat über die Außenpolitik darauf
hinwies, es habe Perioden gegeben, »besond ers die vierzig Jah-
re nach dem Ende der napoleonischen Kriege, in d enen Ruß-
land keinen eigenen Nutzen aus seiner ungeheuren Macht zog,
258 Ludmila Thomas

sondern sich ganz in den Dienst des Schutzes konservativer


Werte in Mittel- und Westeuropa steHte(e. v Im Unterschied zu
den konservativen Königshöfen in West- und Mitteleuropa, die
sich über Weltanschauungen definierten, die von einem starken
Moment der Selbstkontrolle geprägt waren, haben die Zaren
sich in den Dienst von Kreuzzügen gestellt und hielten die re-
publikanischen Bewegungen schlichtweg für unmo ralisch. Der
Aspekt der unterschiedlichen Auffassungen von Legitimität,
der auch schon für Tschitscherin wichtig war, erlaubte es Kis-
singer, die Ereignisse und Verwicklungen im europäischen
Mächtesystem 1848/ 49 ausgewogener zu beurteilen als die
Zeitzeugen jener Ereignisse. Doch wenn auch die russische Re-
gierung keinen besonderen Nutzen aus ihrer Macht ziehen
konnte, war sie deshalb doch so wenig uneigennützig wie ihre
west· und mitteleuropäischen Verbündeten und Gegner. Erbar·
mungslos war sie vor allem gegen das eigene Volk.

Anmerkungen

1 N. K. Schilder, Imperator Nikolaj I. Ego shisn' i zarstwowanie, SI. Pe-


tersburg 1903; Theodor Schiemann, Geschichte Rußlands unter Kaiser Ni-
kolau. I., Ud. IV; Bcrlin 1919; Thcodo r von Bcrnh"rdi, RuRl"nd im Miin. .md
April 1854, in: Historische Zeitschrift 71 (1893),5. 414-455; Ders., Rußland,
wie es Nikolaus I. hinteriäßt, in: ebd . 72 (1894), 5. 247- 290, 441-479.
2 Vgl. G5. Knabe, Materialy k lekzijam po obschtschcj teorii kultury i
kulture antitsdtnogo mira, Moskau 1993, S. 94 f.
3 Vgl. N. Eidelman, PosJednij letopisez, Moskau 1983; B. F. Egorow,
Ewoluzija russkogo liberalisma v XIX weke: ot Karamsina do Tsehitsche-
rina, in : Is istorii russkoj kultury, Bd. V. Moskau 1996, S. 480 f.
4 S. A. Ekschtut, V poiske istoritscheskoj altemativy. Aleksandr 1., ego
spodwishniki, dekabristy, Moskau 1994.
5 Schild er, 5. 632.
6 Vgl. Schiemann, S. 142 ff.
7 Ebd., 5 . 186 f.
8 Hier sei nur auf vielversprechende Forschungseinsätzc unter Förde-
rung und Anleitung Prof. David B. Rjasanows verwiesen, die d ie Anregun-
gen des monumentalen Werks des Anarchisten Max Nettlau mitberücksich-
tigen: Ju. M. 5teldow (Hg.), Sobranie sotschinenij i pisem 1828-1876, Bde.
1-4, Moskau 1926-1935; auch W. Polonskij, Materialy dlja biografii M. Ba-
kunina, Bde. 1-3, Moskau 1923-1928. Vgl. dazu neuerdings historiographi-
sehe Auskünfte von Wolfgang Eckhardt, in: Michael Bakunin, Russische
Zustände, Berlin 1996.
49J?S

Russische Reaktionen auf die Revolu tion von IM8 in Europa 259

9 P. Schcibert, Von Bakunin zu l...enin. Geschichte der russischen revo-


lu tionären Ideologien 1840-1895, Leiden 1956.
to Die Reaktion in Deutschland. Ein Fragment von einem Franzosen,
in: Deutsche Jahrbücher für WISSenschaft und Kunst, Nr. 125, 21.10.1842,
S. I002.
11 Bakuninstudien von Dr. josef Plittner, in: QueUen und Forschungen
aus dem Gebiete der Geschichte, hg. von der Historischen Kommission der
Deutschen Gesellschaft der Wissenschaften und Künste fü r die Tschec:ho-
slawische Republik, Prag 1932, H. to, S. 13-34.
12 Aufruf an d ie Slawen. Von einem russischen Patrioten Michael Ba-
kunin, Mitglied des Slawenkongresses in Prag. Koethen 1848, S. 4.
13 Ebd ., S. 24, 32.
14 B. A. Ewreinow, Poslednij etap slawjansko; dejatelnosti Bakunina, in:
Nautschnye trudy russkogo nar<KInogo uniwersiteta w Prage, Bd. 5, 1944,
S. I09.
15 Vgl. Bakunins Briefe an A. Herzen. in: M. Dragomanov, Michail Ba-
kunins sozial-politischer Briefwechsel mit Alexander I. Herzen und Ogar-
jow, Stutlgart 1895, S. 11- 15.
16 Vaclav Cejchan, Bakunin v Cechach, Prag 1929.
17 Pfitzner, S. 63 ff.
18 Zitiert nach Scheibert, S. 279.
19 Ebd ., S. 266.
20 A. I. Herzen. Ausgewählte philosophische Schriften, Moskau 1949,
5. 359.
21 Selbst in dem stark patriotisch gefarnten Werk von E. Tarle, Der
Krimkrieg. Moskau 1944, wird dieser Aspekt ausführlich erläutert.
22 B. F. Egorow, Otscherki po istorii russkoj kultury XIX veka, in: Is isto-
rii russ koj kultury, Bd. V, S. 51 ff.
23 Diese Beweisführung erscheint auf den ersten Blick etwas naiv, zu-
mal a uch bei Sagen und Legenden anderer Völker solche Zeugnisse nicht
leicht zu finden sind. Vermutlich hängt d as mit dem Charakter der Quellen
und nicht mit den Enstellungen des Volkes zusammen. Po litische Publizi-
stik, aber auch literarische Texte und Kunstwe rke würden Egorows Frage-
stellung rechtfertigen.
24 B. N. Tschitscherin, Wospominanija, Moskva 4O-ch godow, Moskau
1929, S. 210. Vgl. auch G. M. Hamburg.. Boris Chicherin - Early Russian Li-
beralism 1829-1866, Stanford 1992.
25 Das Manuskript befindet sich in der Handschriftenabteilung der
Russischen Staatsbibliothek SI. Petersburg.. Bestand 1000-3-1392.
26 Ebd.
27 Henry A. Kissinger, Die Vemunft der Nationen. Über das Wesen der
Außenpolitik, Berlin 1996, S. 148.
OOO~9~7h

Ha rtmut Kaelble

1848: Viele nationale Revolutionen


oder eine europäische Revolution?

Wir sind gewohnt, d ie Revolution von 1848 als eine na tionale


Revoluti on a nzusehen - wi r, das heiß t d ie Franzosen, Deut-
schen, Schweizer, Ita lie ner, ÖSterreiche r, Polen, Ungarn, Tsche-
chen, also d ie H istorike r a us den Ländern Europas, die 1848
eine Revolu tion erlebten . Allen ist na türlich bewußt, d aß d iese
Revolution nicht nur im jeweils eigenen Land sta ttfand, son-
dern auch in Nachbarlä ndern. Die europäischen His torike r se-
hen deshalb die Revolution von 1848 meist als eine Vielzahl von
' lO tiorralen Revolutionen an, normalerweise aber nicht als eine
gem einsame europäische Revolution. Man sp richt dahe r in d en
Handbüchern zur eu ropä ischen Geschichte und in den inte rna-
tionalen Überblicken zu 1848 meis t von den Revolutionen von
] 848. 1 Der französische Historike r Cha rIes Pouthas ha t diese
Sicht der Revolutio n von 18 48 sch o n vor e ine m h albe n Ja h rhun-
de rt pointiert formuliert, sah in der Unterschiedlichkeit de r Re-
volutionen von ]848 sogar den Grund für ihr Scheitern : »Ein
Blick au f Europa, d as vielleicht nie im Verlauf seiner Geschichte
eine solche Gemeinsamkeit d er Ereignisse gezeigt ha t, läßt e r-
ke nnen, daß de n Revolutionen von 1848 schl ießlich nur die Tat-
sache der Revolution gemeinsam war. [. . . ]ln Wirklichkeit ha t-
te jede [Revolution ] eigene Ursachen und Zielrichtungen . [.. . ]
Ihre Unvereinbarkeit von einem Land zum anderen, und selbst
in ein und demselben Land haben sie isoliert und durch ihre
Widersprüchlichkeit so gut wie neu tralisiert. Die Revolutionen
von 1848 sind an ihrer Komplexität zugrunde gegangen .«2
Auch in d en Augen von Dieter Langewiesche, de r 1988 eine n
m uste rgültigen europäischen Überblick schrieb, »gab es keine n
einheitliche n europäischen Revolu tionsverlauf«.3
Die Revolutionen von 1848 w urden allerdings auch als eine
ge meinsa me europäische Revolution inte rpretiert. Schon man-
che Zeitgenossen sah en d iese Revolution als ein gemeinsa mes
49375

1848: Eine europäische Revolution? 261

internationales Ereignis. Der französische Schriftsteller und Po·


litiker Alexis d e Tocqueville sagte in einer Rede vor befreunde--
ten Politikern im Januar 1848: »Fühlen Sie nicht mit einer Art
instin ktiver Intuition, die nicht erklärt w erden kann, aber un·
trüglich is t, d aß der Boden Europas aufs neue erzittert? Merken
Sie - wie sage ich? - den Revolutionssturm nicht, der in d er Luft
li eg t ?«~ Auch eini ge jüngere Interpreten d es 19. Jahrhunderts
und spez iell d er Revoluti on 1848 vertreten diese Sicht. Eric
Hobsba wm schrieb 1962 im ersten Band seiner mehrbändigen
Geschichte Europas: »Niemals ist eine Revolution universaler
vorausgesagt worden [... ]. Ein ganzer Kontinent wartete, be·
reit jede Revolutionsnachricht fa st so fort von Stadt zu Stadt
über elektrische Telegraphen weiterzugeben. [... ] 1848 brach
die Explosion l os .(~ Roger Price gibt seinem vor wenigen Jahren
erschienenen Buch über 1848 zwar den Untertitel »Kleine Ge-
schichte d er europäischen Revolutionen «; aber auch er möchte
»dem Sinn einer Folge von Ereignissen, d ie einen ganzen Kon·
tinent erfa Bten, auf d en Grund« gehen.' Eine ganze Reihe an·
d erer Historiker sprechen zwar von d en Revolutionen von
1848. behandeln sie aber d e facto 1848 häufig als eine gemein.
sa me europäische Revolution. Man darf freilich diese Position
weder unter d en Zeitgenossen noch unter d en heutigen Histo·
rikern überschätzen. Sie ist eine Minderheitsp osition. Nicht nur
Historiker einzelner na tionaler Revolutionen, sondern auch in-
ternational vergleichende Histo riker vertreten meist die klassi-
sche Sicht einer Vielzahl von nationalen Revolutionen von 1848.
Was spricht für d ie klassische Sicht einer Vielzahl nationaler
Revol utionen, w as spricht für die Interpretation einer gemein.
sa men europäischen Revolution? Ich werde die Hauptargu·
mente fü r heide Positionen vortragen und am Ende versuchen.
eine Bi lanz zu ziehen. Dabei möchte ich n icht den Eindruck er·
wecken, als ob es über diese Frage einen Historikerstreit mit
klar abgesteckten Lagern gibt. Ich habe zwar fast aUe folgenden
Argumente aus den Arbeiten von Histo rikern übernommen.
Die Gegensätze d er beiden Positionen bei der Interpretation der
Revolu tion von 1848 sind aber zum überwiegenden Teil meine
eigene In szenierung.
Zuers t d ie Argumente für eine Vielzah l von Revolutionen
1848. Wenn ich recht sehe, gibt es fü r Historiker fünf Gründe
dafür, nicht von einer gemeinsamen europäischen Revolution
von 1848 zu sprechen:
262 Hartmut Kaelble

1. Ein erstes Argument gegen eine einheitliche europäische


Revolution von 1848: Diese Revolution war keine europaweite
Revolution, da sie in wichtigen Teilen Europas ausblieb. Sie
fand weder in Großbritannien, noch in den Niederlanden oder
Belgien, noch in den skandinavischen Ländern noch in Spani-
en oder Portugal noch im damals noch gröBtenteiis vom osma-
nischen Reich beherrschten Südos teuropa, auch nicht in dem
schon unabhängigen Griechenland , schließlich auch nicht im
Zarenreich statt. Man kann diese Länder nicht einfach als Aus-
nahmen von der europäischen Normalsituation d eklarieren.
Sie umfassen zu breite Teile Europas. Rund die Hälfte der Eu-
ropäer wohnten damal s in diesen Ländern. Vor alle m aber
kann man die Gründe für das Ausbleiben der Revolution in
diesen Ländem nicht über einen Leisten schlagen. Sicher lä ßt
sich für einen beträchtlichen Teil dieser Länder, für Spanien,
Rußland , den osmanisch okkupierten Teil Europas das Aus-
bleiben der Revolution auf besonders massive Repression zu-
rückführen . Frau Thoma s und Herr Schödl weisen in ihren
Beiträgen zu Osteuropa in di esem Band dara uf hin. Aber
scho n unter d iesen Ländem muß diese Repression sehr ver-
schieden gedeutet werden . In Spanien und Portugal steht sie
am Ende der Einführung liberaler Verfassungen 1812 und am
Ende von Bürgerkriegen während d er 1830er Jahre, in Ruß-
Innd odeT in SüdostcuTopa dagcgcn nic ht. DarübeT hin a u s fa fh
für Großbritannien, für die skandinavischen Länder, für Belgi-
en und die Niederlande diese Erklärung der politischen Re-
pression nicht. Man kann eher argumentieren, da ß zumindes t
Großbritannien schon im 17. Jahrhundert seine Revolution er-
lebt hatte, es daher politisch schon zu liberal war, als da ß es
nochmals eine Revolution brauchte. Die skandinavischen län-
der gingen grundsätzlich in der Geschichte einen nichtrevolu-
tionären Weg der Durchsetzung mod erner Verfassungen? Wie
auch immer man das Au sbleiben d er Revolution in allen die-
sen Ländern erklärt: Das Faktum bleibt, daß in wichtigen und
völlig verschiedenen Tei len Europas, in dem wirtschaftlich
mod ernsten Teil im Nordwesten Europas ebenso wie in dem
bevölkerungs tärksten La nd Europas im Osten und im zurück-
geb liebensten, einer Fremdherrschaft unterworfenen Teilen im
Südosten Europas, die Revolution von 1848 ausblieb. Sie war
daher - so das Argument - in Europa nur ein regionales, kein
wirklich europäisches Ereign is.
49375

1848: Eine europäische Revolution? 263

2. Ein zweites Argument ist der klassische Einwand gegen


eine einheitliche europäische Revolution von 1848: Diese Revo-
lutio n war in jedem europäischen Land eine andere Revolution,
gemessen an ihrem Zeitablauf, ihren Zielen, ihren Trägern, an
der Reaktion der Herrschenden und an ihren Folgen. Einige
Länder wie Frankreich, Süditalien und die Schweiz waren un-
abhängig voneinander Startländer d er Revolution; andere Län-
der w ie Deutschland, ÖSterreich, Ungarn, Tschechi en, Polen
waren dagegen Nachfolgeländer. Die Ziele der Revolution wa-
ren trotz damals neuer internationaler Verkehrs- und Kommu-
nikationstechniken, der Eisenbahnen und des Telegraphen, in
jedem Land andere. Die sozialen Ziele reichten von der Ablö-
sung der Feudallasten in Ungarn bis zur Arbeilsschutzgesetz-
gebung und Arbeitsbeschaffung für Industriearbeiter in Frank-
reich . Das politische Ziel der Errichtung eines Nationalstaates
hatte in jedem Land eine andere Bedeutung. In Frankreich war
dieses Ziel bedeutungslos, da ein Nationalstaat schon bestand.
In der Schweiz wurde eine Föderation von Kantonen erfolg-
reich in einen Nationalstaat umgebaut. ln Deutschland ging es
um die erfolglose Forderung des Umbaus eines Staatenbundes
in einen Nationalstaat, dessen Grenzen allerdings schwer zu
ziehen waren. ln Italien fehlte der erfolglosen Forderung nach
einem Nationalstaat die Voraussetzung eines Staatenbundes. ln
Ungarn, Polen, Tschechien, teilweise auch in Italien richtete sich
die erfolglose Forderung nach einem Nationalstaat vor allem
gegen die Habsburger Monarchie, auch unter diesen Ländern
mit vielfältigen Unterschieden.
Weiter stieß die Revolution von 1848 auf völlig unterschied-
liche Rea ktionen der Herrschenden vom blitzartigen Zuge-
ständnis einer Verfassung in den Niederlanden, in Dänemark
oder im Königreich Neapel bis zu erbarmungslosen standrecht-
lichen Erschießungen jedes Verdächtigen in Ungarn oder Ba-
den. Die Revolution von 1848 führte daher zu ganz unterschied -
lich intensiven Konflikten, kostete in der Schweiz mit Einschluß
d es Sonderbundskriegs rund hundert Menschenleben, dagegen
allein in Ungarn über hunderttausend Menschen das Leben.8
Die Revolution von 1848 hatte vor allem auch in jedem Land
andere Folgen. Sie war in einigen wenigen Ländern ein Erfolg,
erbrachte in Belgien ein etwas offeneres Wahlrecht, in d en Nie-
derlanden und in Dänemark eine liberalere Verfassung, in der
Schweiz eine libera lere Verfassung und die Konstitution einer
264 Hartmut Kaelble

modemen Schweizer Nation. In den meisten anderen europäi-


schen Ländern war die Revolution von 1848 dagegen eher ein
Mißerfolg, jedenfalls gemessen an den Forderungen der Anhän-
ger der Revolution. Insgesamt glich - so das Argument - keine
dieser zahlreichen europäischen Revolutionen der anderen .
3. Ein drittes grundlegenderes Argument: Die Revolution
von 1848 spielte für die säkularen Weichenstellungen der euro-
päischen Geschichte keine zentrale Rolle. Revolutionen gehör-
ten zwar wesentlich zu einer bestimmten politischen Phase Eu-
ropas, in der das Ancien Regime abgelöst und durch moderne
politische Verfassungen und modeme Wirtschaftsmärkte er-
setzt wurde. Revolutionen sind vielleicht sogar eine welthisto-
Tische Besonderheit Europas und des Westens. Jedenfalls wurde
sie im Westen erfunden, in anderen Teilen der Welt hingegen
nur nachgeahmt, in Südamerika ebenso wie in China oder Süd-
ostasien. Aber die Revolution von 1848 war in dieser welthisto-
risch bedeutsamen Ereigniskette von westlichen Revolutionen
ein Nebenschauplatz. Die entscheidenden Revolutionen waren
die beiden englischen Revolutionen, vor allem aber die ameri-
kanische Revolution von 1776 und die französische Revolution
von 1789. Diese Revolutionen haben die Menschenrechte, die
Teilung der Macht zwischen Parlament und Monarch bzw. Prä-
sident, die Liberalisierung der Wirtschaft und den privaten Ei-
gcntuIT\sschutz durchgesetzt, :luch die erst.e n sozialstaatlichen
Konzepte aufgebracht. Nicht nur das: In der französischen Re-
volution von 1789 wurde auch schon vorgeführt, wie eine sol-
che Revolution nach kurzer Zeit scheitern konnte. Gegenüber
diesen Revolutionen entwickelte die Revolution von 1848 keine
grundsätzlich neuen Konzepte, war auch in ihrem Scheitern
nicht neuartig. Die großen vergleichenden Untersuchungen zu
den Revolutionen in der Welt oder in Europa behandeln daher
die Revolution von 1848 entweder nur zweitrangig oder über-
schlagen sie völlig wie etwa die klassische historische Analyse
von R. R. Palmer in seinem »Age of the dernocratic revolution «
oder die klassische sozial wissenschaftliche Analyse von Theda
Skocpol oder die jüngste Gesamtdarstellung der europäischen
Revolutionen CharIes Ttlly.9 Die Revolutionen von 1848 - so das
Argument - sind kein zentra les Ereignis in der Kette der euro-
päischen Revolutionen, sondern eher ein Nachklatsch der frü-
heren großen Revolutionen in davon bisher unberührten Gebie-
ten Europas, mit klaren Wirkungsgrenzen in noch weiter zu-
49375

1848: Eine europäische Revolution? 265

rückgebliebenen Gebieten, in Rußland und im osmanisch ok·


kupierten Teil Europas.
4. Ein viertes Gegenargument, das nirgends ausgesprochen
aber immer selbstverständlich vorausgesetzt wird: Die Revolu ·
tion von 1848 war im strikten Sinne keine Revolution Europas,
weil es überhaupt kein europäisches Machtzentrum, keinen eu·
ropäischen Staat, keine europäische Monarchie gab, die man
hätte revolutionieren können, auch keine europäische Haupt-
stadt, in der Ereignisse von europäischer Tragweite hätten statt-
fi nd en können. Im polyzentrischen Europa mit seinen vielen
politischen Machtzentren konnte es 1848 nur viele Revolutio-
nen geben.
Das war nicht nur eine Frage des damals bestehenden euro-
päischen Staatensystems, sondern auch der Konzepte der Re-
volution von 1848. Während die nationale Einheit in vielen eu-
ropäischen Revolutionen von 1848 eine zentrale Rolle spielte,
verlangte so gut wie niemand nach einer europäischen Einheit
im modemen supranationa len Sinn. Die wesentlichen Forde-
rungen der Revolution von 1848 wurden fast nie auf die euro-
päische Ebene übertragen: Fast niemand forderte eine mehr als
nur deklamatorische europäische Menschenrechtscharta, eine
europäische Verfassung, die mehr als ein internationaler Ver·
trag wa r, ein europäisches Parlament mit den Kompetenzen ei·
nes normalen Parlaments, einen europaweiten unbegrenzten
Wirtschaftsmarkt. Auch die wenigen Europäer, d ie 1848 über-
haupt europäische Einheitspläne entwickelten, die Franzosen
Hen ri Feuquerai, Littre und Francisque Bouvet, d er Scho tte
CharIes Mackay" der Italiener Carlo Cattaneo und die Deut-
schen Amold Ruge und Julius Fröbel, gingen über die Forde-
rung nach einem europäischen Staatenbündnis nicht hinaus.
Nur d er französische SchriftsteUer Victo r Hugo, damals eine
Ausnahme, verö ffentlichte schon modeme, später vielzitierte
Vorstellungen von einer eu ropäischen Einheit, allerdings eher
als feme Zukunftsvision, nicht als Ziel der damaligen Tagespo-
litik, auch nicht sehr präzise in den Details. lO Unter den Histo-
rikern bleibt Heinz Gollwitze r, der 1951 die Revolution von
1848 für einen »Brenns piegel « in d er Entwicklung der Europai-
dee hielt, auf einer vereinzelten Position.\1
Überhaupt fehlte es 1848 an der Vorstellung von einemgleicll-
berechtigten modus vivendi zwischen den europäischen Natio-
nen. Zwa r war der Glaube an ein friedliches Zusa mmenleben
00(l49~7b

266 Hartmut Kaelble

von Republiken, an d en Völkerfrühling, weit verbreitet. Aber


die Revolution von 1848 war gleichzeitig tief vom d en Natio·
nalismen des 19. Jahrhunderts und den Suprematien einiger eu·
ropäischer Nationen über andere geprägt. Sie spalteten die Eu·
ropäer und belasteten auch die Revolution von 1848 mit natio·
nalistischen Konflikten schwer. Die deutschen Anhänger der
Revolution anerkannten die Autonomieforderungen der Dä·
nen, Polen und Tschechen quer d urch d ie politischen Richtun·
gen meist nicht an, die österreichischen Anhänger d er Revolu ·
tion meist nicht die Autonomieforderungen der Italiener, Un·
garn, Polen und Tschechen, die ungarischen Revolutionäre
nicht die Autonomie der Rumänen, Kroa ten, Slowaken und Ser·
ben Y Das Verhältnis zwischen den europäischen Nationen
blieb häufig von Herrscha ftsans pruchen der einen Nation über
die andere bestimmt. Von einer europäischen Revol ution von
1848 könnte man - so das Argument - nur sprechen, wenn es
entweder schon einen europäischen Staa t ge.g eben hätte oder
wenn die Anhänger der Revolution wenigstens eine europäi·
sehe Verfassung gefordert und dabei schon realisierbare Kon·
zepte von einem gleichrangigen Zusammenleben d er europäi.
schen Nationen entwickelt hätten .
5. Ein fünftes Argument gegen eine einheitliche Revolution
von 1848 hat mehr mit der Interpretation dieser Revolution
durch die Historiker zu tun : Die Historiker haben bis her die
Geschichte d er Revolution von 1848 überwiegend im nationa·
len Rahmen geschrieben. Die Revolutionen von 1848 sind fester
Bestandteil der nationalen Geschichtsinterpretation geworden.
Vor allem in Deutschland, in der Schweiz, in Österrei ch, in
Tschechien, in Ungarn ist die Einordnung der Revolution von
1848 zentral für das demokratische Selbstverständnis und seine
Konstruktion der Geschichte. Symbole drücken das in manchen
Ländern aus. In Unga rn wurde die wichtigste Persönlichkeit
der Revolution von 1848, Lajos Kossuth, auf einem der Geld·
scheine aufgenommen. In Deutschland ist der Revolution von
1848 in der offiziellen Dauerausstellung zur deutschen Ge·
schichte im Deutschen Dom am Berliner Gendarmenmarkt im ·
merhin ein zentraler Raum zugewiesen worden.
In der Interpretation der europäischen Geschich te besitzt die
Revolution von 1848 dagegen bisher selten einen solchen Platz.
Unter der Perspektive der europäischen Einheit werden an dere
Entwicklungen wie - um nur die Neues te Geschichte zu erwäh ·
1848: Eine europäische Revolution? 267

nen - die Aufklärung des 18. Jahrhunderts, der Pazifismus und


die Verständigungsdiplomatie der Zwischenkriegszeit, der eu-
ropäische Widerstand gegen Hitler, die Europabewegung nach
dem Zweiten Weltkrieg, die Gründerzeit der europäischen In-
stitu ti onen in den 1950er Jahren als Etappen einer Geschichte
der europäischen Einheit herausgehoben . Die Revolutionen
von 1848 gehören dazu nicht. Sie gelten letztlich doch als Teil
der nationalen Zerklüftung Europas im 19. Jahrhunderts, we-
nigstens nicht als eine starke Bewegung dagegen. Warum soll
man sich - so das Argument - um die Sicht einer einheitlichen
europäischen Revolution von 1848 bemühen, wenn sie für die
Gesamtinterpretation der europäischen Geschichte keine große
Bedeutung haben wird?!3
Diese Argumente wirken sicher so überzeugend, daß man
sich fragt, wie man überhaupt von einer einheitlichen europäi-
schen Revolution von 1848 sprechen kann. Aber fand die Revo-
lution von 1848 wirklich nur in der einen Hälfte Europas statt?
War wirklich jede Revolution von 1848 eine Sonderentwick-
lung? War die Revolution von 1848 wirklich ein welthistori-
sches Hintertreppenereignis? War sie für die Geschichte Euro-
pas als Ganzes tatsächlich so bedeutungslos? Auch die Sicht
von einer europäischen Revolution von 1848 hat wichtige Ar-
gumente für sich.
1. Es gab 1848 nicht zwei säuberlich voneinander getrennte
Europas, ein revolutionäres Europa und ein von der Revolution
unberührtes Europa. Auch der scheinbar unrevolutionäre Teil
Europas wurde von dieser Revolution massiv beeinflußt. Die
starke Wirkung dieser Revolution in den scheinbar unrevolu-
tionären Teilen Osteuropas behandeln Frau Thomas und Herr
Schödl in ihren Beiträgen über Rußland und über Südosteuro-
pa. Ich verweise darauf. Ähnlich stark war der Einfluß der Re-
volution von 1848 auf die unrevolutionären Teile West- und
Südeuropas. In den Niederlanden gab es Aufstände in Amster-
dam und Den Haag. Ohne den raschen Erlaß einer moderneren
Verfassung vor aUem unter Einfluß des Historikers und späte-
ren Regierungschefs (1849-53) J. R. Thorbecke hätte wahr-
scheinlich auch die Niederlande zu dem revolutionären Teil Eu-
ropas gehört.!' Belgien erhielt bereits bei seiner Entstehung 1831
eine der damals liberalsten europäischen Verfassungen und
verwirklichte damit schon damals Forderungen der späteren
Revolution von 1848. Trotzdem sah sich auch Belgien 1848 zu
268 Hartmut Kaelble

einer ganzen Reihe rascher politischer Reformen, darunter auch


zu einer für Kontinentaleuropa recht offenen Wahlrechtsreform
gezwungen, die zu einer breiten liberalen Mehrheit im Paria·
ment führten. 15 In Dänemark berief der König 1848 unter dem
Eindruck der Revolution südlich des Landes eine liberale Re-
gierung und erließ 1849 eine Verfassung. In Schweden sah sich
die Krone gezwungen, zumindest eine liberale Regierung zu
emennen. 16 Auch in Großbritannien hatte das Ausbleiben der
Revolution von 1848 viel mit der für damalige Verhältnis libe-
ralen politischen Struktur, allerdings auch mit der Schwäche
der Chartistenbewegung und mit frühem massivem Einsatz der
Polizei gegen Unruhen zu tunY In Irland wurde 1848 ein Auf-
stand versucht, fand aber in der durch die Hungersnöte der
1840er Jahre demoralisierten Bevölkerung wenig Unterstüt-
zung und besaß wegen einer politischen Führungskrise des
Landes keine Kraft. 18 ln den südeuropäischen Ländern Spanien
und Griechenland, in denen die wichtigen Revolutionen in an-
deren Zeiträumen stattfanden, entstanden zumindest einzelne
regional begrenzte Aufstände, die durch die übermächtige Ar-
mee niedergeschlagen wurden. 19 Der französische Historiker
Charles Pouthas spricht deshalb - wie schon erwähnt - für ganz
Europa von einer »Gemeinsamkeit der Ereignisse«, der briti-
sche Historiker Eric Hobsbawm von »einer gemeinsamen Stim-
mungs- und Stillage. ein er eigenartig romantisch-utopischen
Atmosphäre und einer ebensolche Ausdrucksgebärde«, der
deutsche Historiker Theodor Schieder von einem »allgemeinen
Erregungszustand«.20 Die Revolution stand als potentielle Dro-
hung über ganz Europa, kam aber in manchen Teilen Europas
durch Repression, in anderen Teilen durch rasche liberale Re-
formen der Monarchen, in wieder anderen Teilen Europas
durch die Schwäche der Liberalen nicht zum Ausbruch.
2. Darüber hinaus war nicht jede Revolution von 1848 eine
völlige Sonderentwicklung. Die Revolutionen von 1848 wiesen
auch unverkennbare Gemeinsamkeiten auf. Trotz aller Komple-
xität und Vielfalt war die Revolution von 1848/ 49 ein gemein-
sames Ereignis, gab es gemeinsame historische Ursachen, ge-
meinsame Ziele, eine gemeinsame, in sich verflochtene Träger-
schicht, aber auch starke Verflechtungen der Gegner der
Revolution, überhaupt eine starke Wechselwirkung zwischen
den nationalen Ereignissen, schließlich auch ein gemeinsames,
fast gleichzeitiges Scheitern.
1848: Eine europäische Revol ution? 269

Schon auf d en e rsten Blick ähnelten sich die Revolutionen


von 1848/ 49 in ihrem Zeitablauf. Sie waren vor allem äußerst
kurz, da uerten im Ganzen nicht viel mehr als ein Jahr, waren
d amit weit kürzer a ls d ie groBen kla ssischen Revolutionen. Sie
began nen zwischen Januar und März 1848 mit Unruhen fast
gleichzeitig überall in Europa, in Ita lien, Deutsch1and, Frank·
reich, ÖSterreich, Belgien, Spanien, England . Sie endeten l w i·
sehen Mai und Aug ust 1949 mit der Erstickung der Revolution
d urch Armeetruppen gleichzeiti g in Sizilien, in Frankreich, im
Kirchenstaa t, in Deutschland, in Ungarn, in Norditalien.21
Die Revolutionen von 1848 besaßen zudem unverkennbare
gemeinsa me Hau ptursachen: die Agrar· und Ernährungskrisen
unmittelbar vor der Revolution; der Vertrauensverlust d er Re-
gierungen vor allem im Bürgertum; die Krisenstimmung in d er
breiteren Bevölkerung, d ie durch d en Verfall d es Ancien Re·
gimes und durch di e ersten Anfängen der Industria lisierung
ausgelöst wurde; die seit der fran zösischen Revolution aufge·
stauten Erwartungen in Verfassungen und in die Sicherungen
d er Menschenrechte; die na tiona len Bewegungen wirkten in
fast allen europäischen Lä nd ern, wenn auch in sehr unter·
schied licher Gewichtung. Das gemeinsa me Modell wa r die
fran zösische Revolution von 1789. Gleichzeitig hatte sich das
Zusa mmenwachsen Europas im Vergleich zur fran zösischen
Revolutio n von 1789 durch d as en tstehende Eisenbahnnetz,
durch die neuen Telegraphen, auch durch die erheblich weiter
entwickelte Presse erheblich verstärkt . Dadurch gewannen die
gemeinsa men Ursachen in ihrer internationa len Wirkung noch
an Gew icht.
Wenigstens eine Trägerschicht war für alle europä ische Re·
volu tionen als treibende Kraft wichtig: die Intellektuellen. Sie
waren nach d er französischen Revolution von 1789 von d en eu·
ropäischen Regierungen mit großem Mi ßtrauen beobachtet und
verfolgt worden, ha tten mühsam eine wirtschaftl iche Basis und
eine öffentliche politische Rolle zu erreichen versucht, standen
aber über die Staatsgren zen hinweg o ft in engem interna tiona·
len Austausch miteinander. Für sie wa r die Revolution von 1848
d er g roße Aufbruch, >leine Revol ution d er Intellektuellen", wie
Chrislophe Charle es mit Vorbehalten a usd rückt. »Zum ersten-
ma i scha ffen d ie Unruhen und der Legi tim ationsverlust einiger
Mächte für kurze Zeit Raum für geistige und po litische Freiheit
auf europäischer Ebene. (. .. 1 Der etwas naive und in d er Fol-
00049071>

270 Hartmut Kaelble

gezeit heftig kritisierte Überschwang dieser Jahre resultiert aus


dem scheinbaren Zusammentreffen d er lange erträumten Welt
mit dem tatsächlichen Gang der Geschichte.«22 Es hat damit zu
tun, daß auch die Ziele der Revolutionen von 1848 ähnlich wa-
ren. Vier grundsätzliche Ziele der Revolutionen 1848 wurden
mit unterschiedlicher Gewichtung in allen Ländern verfolgt:
die Forderung nach liberalen Verfassungen, nach frei en natio-
nalen Wirtschaftsmärkten, nach Nationalstaaten, auch schon
nach sozialstaatlicher Sicherhei t.
Schließlich gab es auch viel an europäischer Gemeinsamkeit
in d en Ursachen für das Scheitern der Revolution: in d er Über-
lastung der Revolution mit zu vielen groBen Zielen; in der Re-
formbereitscha ft, aber Revolutionsabneigung breiter Teile d es
Bürgertums; in den für die Zeitgenossen unlösbaren Nationa li-
tätenkonflikten; im Scheitern einer po litischen Allianz zw i-
schen Bürgertum und den städ tischen wie ländlichen Unter-
schichten. Breite Gemeinsamkeiten gab es allerdings auch in
den Grenzen des Scheitem s und in d er Fortwirkung der Revo-
lution: in d er dauerhaft en Politisierung der Öffentlichkeit, im
wachsenden Gewicht d er Intellektuellen in ihr, in der neuen
Ro lle der Massen in der Politik, im Ende einer romantisch-uto-
pischen politischen Orientierung, in d er wachsenden Bedeu-
tung von Verfassungen und auf längere Sicht in d er breiteren
Z ula ssung von Meinungs- und Pressefre iheit.
Diese Geschichte der gemeinsamen europäischen Revolu-
tion von 1848 zu skizzieren, ist kein imaginäres Zukunftspro-
jekt. Sie ist im Kern bereits geschrieben. Seit dem Jahrhundert-
jubiläum der Revolution vor fünfzig Jahren arbeiten einzelne
Historiker daran. Dazu gehören auch international bedeutende
Namen. Ich erwähne nur die wichtigsten europäischen Synthe-
sen : L.Namier schrieb scho n 1946 ein Essay, in dem er d ie Ulu-
sionen d er europäische Revolution von 1848 und ihr Scheitern
vor allem den europäischen Intellektuellen anla stete.23 Pierre
Renouvin untersuchte 1948 zur 1ahrhundertfeier der Revolu-
tion von 1848 die verschiedenen Vorschläge in Europa für eine
europäische Einheit in der Revol ution 1848. 24 Charles Pouthas
stellte 1949 in einem europäischen Überblick zur Revolution
von 1848 die gemeinsam en europäischen Entwicklungen den
na tionalen Besonderheiten gegenüber.25 1ean Sigmann schrieb
1970 einen gründlichen europäischen Überblick über d.ie Revo-
lution von 1848, verfolgte dabei allerdings vor allem die inner-
49375

1848: Eine europäische Revolution? 271

europäische Vielfalt und Unterschiedlichkeiten.26 Jacques Go·


d echo t schrieb 1971 die lange Vorgeschichte und Geschichte der
Revolutio n von 1848 in einem chronologischen europäischen
Überblick.27 Peter N. Steams behandelte 1974 in einer europäi·
schen Gesamtschau die Hauptträgerschichten und Hauptgeg·
ner, die räumliche Ausstrahlung und da s Scheitern, das Wei·ter·
wirken der Revolution von 1848 als Ganzes.28 Theodor Schieder
schrieb 1977 ein Buchkapitel über ).die Revolution von 1848«,
in dem er intensiv auf die nationalen Geschichten dieser Revo-
lutio n einging, aber auch breit die gemeinsamen europäischen
Ursachen und Folgen behandelte.29 Roger Price veröffentlichte
1988 eine kurze europäische Darstellung der Revolution 1848,
ihrer Ursachen, ihres Ablaufs, ihrer Unterdrückung und ihrer
Weiterwirkung.)O Dieter Langewiesche behandelte 1988 in einer
gelungenen Forschungssynthese die Debatte der Hi storiker
über die Ursachen der Revolutionen von 1848 und über die
Gründ e für ihr Scheitern, erfaBt dabei ebenfalls die Revolution
von 1848 in ihrer europäischen Gesamtheit. 31 Jonathan Sperber
befaBte sich 1994 im europäischen Zusammenhang mit dem so-
zia len und politischen Kontext, dem Ereignis, den Phasen und
den Auswirkungen der Revolution von 1848.32 Alle diese und
andere Historiker sprechen zwar meist diszipliniert von den Re·
volutionen von 1848, präsentieren sie aber über weite Passagen
als einen historischen Gesamtgegenstand, schreiben letztlich
über die Revolution von 1848.),3
3. Die Revol utio n von 1848 wird in der Literatur über die
Ereign iskette der groBen europä ischen Revoluti onen unter-
schätzt. Sie war nicht einfach ein Abklatsch der französischen
Revo lution auf Sparflamme, unoriginell, kürzer, rasch geschei-
tert. Sicher brachte die Revolution von 1848 für das Konzept
der Menschenrechte, der Machtteil ung zwischen Parlament
und Monarch, des libera len Wirtschaftsmarktes, d er sozialstaat-
lichen Sicherung keine grundsätzlich neuen Ideen hervor. Sie
enthielt aber d och eine ganze Reihe von neuen Entwicklungen.
Sie war weit stärke r als die Revolution von 1789 eine interna-
tionale Revolution . Sie war nicht mehr wie noch die französi·
sche Revol ution von 1789 eine Revolution in nur einem Land
mit groBen europäischen Folgen, sondern umgekehrt eine eu-
ropaweite internationale Revolution, die bisher allerdings pri-
mär in ihren nationa len Folgen gesehen wurde. Die Revolution
1848 war darüber hinaus von vornherein weit stärker als die
00049~lb

272 Hartmut Kaelble

französische Revolution von 1789 vom europäischen Nationa-


lismu s geprägt. Dieser Nationalismus war zumindest in
Deutschland und in der Habsburger Monarchie ein entschei-
dender Faktor für ihr Scheitern. Die französische Revolution
von 1789 dagegen begann als internationale Menschenrechtsre-
volution. Auch wenn sie nach und nach vom französischen Na-
tionalismus eingeholt und bestimmt wurde, begründete sie
doch eine lange, bis heute weiterwirkende Tradition internatio-
naler Menschenrechtsbewegungen.34 Sch ließlich war die Revo-
lution von 1848 nicht nur kürzer, sondern scheiterte auch ein-
deutiger als die großen vorhergehenden Revolutionen . Sie mar-
kiert dabei das Ende der Serie von großen Revolutionen, die aus
illlleren sozialen und politischen Krisen entstanden und entwe-
der die Umverteilung der Macht durch eine Verfassung - dafür
steht eher die französische Revolution von 1789 - oder die
Durchsetzung eines Nationa lstaa tes - dafür steht eher die ame-
rikanische Revolution - erbrachten. Revolutionen brachen nach
1848/ 49 in Europa in der Regel nur noch aus, wenn sich - wie
am Ende des preußisch-französischen Kriegs 1870/71 die Kom-
mune oder am Ende des Ersten Weltkriegs die Revolution von
1917 und die Revolution von 1918 - Herrschaftssysteme durch
einen verlorenen Krieg selbst grundlegend geschwächt hatte.
Dieses Ende der langen Kette der klassischen westl ichen Revo-
hitionen h<tt e ine gan ze Reihe von G ründen : die a llm ähl ich
Auswirkung der lndustrialisierung beendete die traditionellen
Agrar- und Hungerzyklen, die auch noch für die Revol ution
von 1848 ein Auslöser waren; der wachsende europäische Na-
tionalismus, der die internationalen liberalen Bewegungen
schwächte und zu einem der anerkannten Faktoren für das
Scheitern der Revolution von 1848 gehört; die Lehren, die die
Gegner der Revolution aus den Revolutionen von 1789 und
1830 gezogen hatten und die die Kürze der Revolution von 1848
mit erklären; die Erfahrungen der europäischen Intellektuellen,
die nach 1848/ 49 zwar zunehmend Einfluß in der europäischen
Öffentlichkeit gewannen, aber nach der Erfahrung von 1848 vor
Revolutionen zurückschreckten; der Wandel d er europäischen
politischen Regime, in denen Massenorganisationen und Inter-
essenverbände in den die politischen Entscheidungsprozessen
eine wachsende Rolle spielten und die d aher offen er erschienen
als die meisten europäischen Staaten vor 1848.35 Damit im Zu-
sammenhang war schließlich die Revolution von 1848 auf lange
1848: Eine europäische Revolution? 273

Sicht doch s tärker als d ie französische Revolution von 1789 ein


dauerhafter Schub bei der Durchsetzung der Kernfreiheiten e i ~
ner funkti onierenden politischen Öffentlichkeit, der Meinungs-
und Pressefreiheiten. Auf die französische Revolution von 1789
fo lgte ei ne Zeit der verschärften Meinungs- und Pressekontrol-
le, wie sie das Ancien Regime in weiten Teilen Europas nicht
gekannt hatte. Nach d er Revolution von 1848 hingegen erreich-
ten die intellektuellen in den meisten europäischen Ländern
nach einer vorübergehenden Repressionszeit einen recht gro-
ßen Entfaltungsspiel raum . Trotz aller weiterbestehenden Be-
d rohungen und Einschränkungen der Meinungs- und Presse-
freihei t war die Zeit nach 1848 die eigentliche Periode des Auf-
s tiegs de r Intellektuellen zu einem Faktor der Politik.36
4. Es ist schließlich auch nicht einzusehen, warum die Revo-
lution von 1848 nur Kembestandteil von nationaler Geschichts-
interpretation sein kann und warum sie die Historiker der eu~
ropäischen Einheit bisher eher links liegen ließen. Auch für eine
Geschichte Europas, die die Einheit Europas und das heutige
europäische Selbstverständnis als Fluchtpunkt wählt, is t die Re~
volu tion von 1848 bedeutsam. Mehrere Argumente sprechen
dafür.
- Eine Geschichte der europäischen Einheit kann nicht nur ei-
ne Geschichte von Einhei tschüben sein, sondern sollte auch
diejenigen Perioden als Teil der europäischen Geschichte auf-
nehmen, in denen Gegentendenzen zu einem geteilten, zer-
splitterten, durch innere Konflikte geschlagenen Europa im
Vordergrund stehen. Nur aus solchen Perioden der Zersplit-
terung Europas lassen sich spätere Einheitstendenzen verste-
hen. Zudem verschwinden Einheitstendenzen niemals völ-
lig. Auch im Zeitalter des Höhepunktes des Nationalstaates
blieb Europa eine Einheit als Zivilisation, und viele Europäer
verstanden Europa in diesem Sinn auch als Einheit. Auch
wenn die Revolution von 1848 in ihrer Wirkung im ganzen
Europa eher weiter aufsplitterte, sollte sie doch stärker in den
Kanon der europäischen Geschichte aufgenommen werden.
Die Revolution von 1848 war in ihren Zielen sicher nicht eu~
ropä isch. Die Einheit Europas war weder für die Anhänger
noch für die Gegner der Revolution ein wichtiges Thema.
Trotzdem ist damit auch unter dem Blickwinkel einer euro-
päischen Einheit nicht alles über die Revolution von 1848 ge-
sagt. Sie enthält andere, wichtige Tendenzen zu einer euro-
274 Hartmut KaeJble

päischen Einheit: Sie war die intemationalste und damit


auch europäischste unter denn großen Revolution des 17. bis
19. Jahrhunderts. Die Revolution von 1848 wie ihre Gegenre·
volution fanden auf der europäischen Bühne statt. Sie war in
ihren Zielen national, aber in ihrem Verlauf und in ihren Ge·
meinsamkeiten europäisch. Das ist wichtig, weil man die Ge·
schichte Europas nicht nur als eine Serie von zielgerichteten
europäischen Einheitsprojekten schreiben kann, sondern zu
ihr auch die den Europäern oft gar nicht bewußten, zumin·
dest von ihnen nicht unbedingt gewoUten Gemeinsamkeiten
gehören sollten. Europa war nicht nur eine geplante und ge-
wollte, sondern oft auch eine gelebte Zivilisation. Das trifft
auch für die Revolutionen von 1848 zu: Sie gehören zur Ge-
schichte des gelebten Europa, nicht des gew6Uten Europa.
- Die Geschichte Europas sollte sich schließlich nicht in der
Geschichte einer gewollten oder gelebten europäischen Ein-
heit erschöpfen, sondern auch eine Geschichte des europäi-
schen Selbstverständnisses, seiner kurzen und langen Wur-
zeln, sein. Zu dem heutigen europäischen Selbstverständnis
gehören vor allem vier Elemente: innereuropäische Friedens-
sicherung, eine funktionierende Demokratie, ein liberaler
Wirtschaftsmarkt und soziale Sicherung durch den Staat. Die
Revolution von 1848 hat sicher im ersten dieser Zielsetzun-
gen , in der innereuropäischen Friedensi cherun g eh er ver-
sagt, jedenfalls keine neuen realistischen Konzepte erbracht.
Aber in den anderen Perspek tiven des heutigen europäi-
schen Selbstverständnisses hat sie wichtige Entwicklungs-
schübe eingeleitet. Sie hat in manchen Ländern direkt zu li-
beraleren Verfassungen geführt, in anderen Ländern zumin-
dest die Erwartungen in Verfassungen, in eine bessere
Sicherung der politischen Grundrechte und in eine Machttei-
lung zwischen Monarch, Parlament und Gerichten, ver-
s tärkt. Sie hat auch die Liberalisierung der europäischen
Wirtschaft verlangt, im östlichen Teil Europas vor allem die
Ablösung von feudalen Abhängigkeiten der ländlichen Un-
terschichten, in den westeuropäischen Gesellschaften eher
die weitere Verbürgerlichung, die Gleichheit vor dem Recht,
den Schutz des individuellen Eigentums weiter angemahnt.
Sie hat schließlich besonders in Frankreich und Deutschland
zu einer öffentlichen Debatte über die soziale Sicherung
durch den Staat geführt. Sicher führte die Revolution von
1848: Eine europäische Revolution? 275

1848 nur in wenigen Ländern zu klaren, einschneidenden,


dauerha ften Entscheidungen in diesen Bereichen. Aber sie
hat zumindest diesen Forderungen breiteres Gehör in derÖf·
fentlichkei t verschafft, politische Erwartungen erzeugt und
dad urch dazu geführt, daß spätere liberale, manchmal auch
konserva tive Regierungen diese Forderungen allmählich
umsetzten. Aus allen diesen Gründen sollte die Revolution
von 1848 ihren Platz auch in einer Geschich te Europas haben,
die nicht nur eine Addi tion von Nationalgeschichten, son·
dem ein e Geschichte der europäischen Gemeinsamkeiten is t.
Sie beko mmt diesen Platz auch schon eingeräumt.

Anmerkungen

1 Vgl. die Verwend ung des Ausdrucks .. Revolutionen von 1848« bei:
Dieter Langewiesche, Euro pa zwischen Res tauration und Revolution,
1815-1849, München 1985, S. 71 ff.; Jacques Godechot, Les revolutions d e
1848, Paris 1971 ; Jean Sigmann, 1848. Les revolutions romantiques et
dCmocratiques d e l'Europe, Paris 1970 (engi.: 1848. The Romantic and [)e...
mocratic Re volutions in Europe, Landon 1973); Peter N. 5 teams, The revo-
lutions of 1848, Landon 1974; 5. Schmidt, Zu Problemen d e r e uropäischen
bürgerlichen Revolutionen von 1848/ 49, in: Zeitschrift für Geschichtswis-
senschaft 27 (1979), 5. 639-659; Horst 5tuke / Wilfried Forstmann (Hg.), Die
e uropäischen Revolutionen von 1848, Königstein 1979; P Jones, The 1848
revolutions, 1981 ; Jonathan Sperber, The European Revolutions, 1848- 1851,
Cambridge 1994; S. Miller, Ma king modem European his tory, Ho undsmill
21997, S. lOS ff.
2 CharIes H. Pouthas, Die Komplexität von 18 48 (1949), in: Stu-
ke / Forstmann, Die europäischen Revolutionen, 5. 29.
3 Langewiesche, Europa, 5. 71; vgl. seinen sehr kJaren Überblick übe r
die Einheitlichkeit und Vielfalt de r Revolu tionen von 1848 in : ebd ., 5. 159 ff.
4 Alexis de Tocqueville, Erinnerungen 11850), 5 tuttgart 1954, 5. 52.
5 Eric Hobsbawm, The age of revolu tions 1789-1848, New York 1%2,
5. 361 f.
6 Roger Price, 1848. Klei ne Geschichte der europäischen Revolutionen,
Berlin 1992,5. 9 (eng!.: The Revolutions o f 1848, Landon 1988).
7 So Sträth (Hg.), Democratisation in Scandinav ia in comparison, Gö-
leborg 1987.
8 Schweiz: Geschichte der Schweiz und der Schweizer, Basel 1986,
5. 630 f.i Ungarn: Price, 1848. Kleine Geschichte, S. 98.
9 Vgl. R. R. Palmer, The age of the democralic revolution. A politicaJ
history of Europe and America, 1760-1800, Princeton 1959; CharIes liUy,
276 Hartm u t Kaelble

Die europäischen Revolu tionen, München 1993; Theda Skocpol, States and
50cial Revolution: A Comparative Analysis 01 Francc, Russia and China,
Cambridge 1979; Dies., Sodal revolutions in the modem warld, Cambridgc
1994; vgl. a . j. A. Coldstone, The comparative and historical study of revo-
lutions, Annual Review of Sociology 8 (1982).
10 Vgl. zur Einschätzung der Europadebatte in d er Revolution 1848:
P. M . Lützeler, Die Schriftstel Jer und Europa. Von der Romantik h is zur Ge-
genwa rt, Münche n 1992, S. 144 Ef.; B. Duroselle, L'idee d 'Europe dans ]'hi-
s toire, Paris 1%5, 5. 212 fi.; Pierre Renouvin, L'idee d 'Etat- Unis d 'Europe
pend an t 1a crise d e 1848. in: Actes du congres h is to rique du Centenaire de
la R~volution de 1848, Pa ris 1948, 5. 31-45 (gründlicher, s keptischer Über-
blick); Ders., L'idee de federation europeenne dans la pensee politique du
XIXe siede, Oxford 1949, S. 8 ff.; Heim Gollwitzer, Europabild und Europa-
gedanke. Beiträge zur deutschen Geis tesgeschichte d es 18. und 19. Jahrh un-
d erts, München 195 1, S. 323 fL ; Martin Göhring. Europäische Revolutionen
als Etappen europäischen Zusammenschlusses, in: Ders. (Hg.), Eu ropa -
Erbe und Aufgabe, Wiesbaden 1956, S. 169 f.; V. Valentin, Geschichte des
Völkerbundgedankens in Deutschland, Berlin 1920; B. Voyenne, Histoire de
l'iMe europeenne, Paris 1964, S. 130 ff.; C. C u.rcio, Europa, Storia di un'idea,
2 Bde., Florenz 1958, Bd. 2, S. 681 ff.; R. H . Foerster, Eu ropa . Geschichte einer
politischen Idee, München 1967, S. 280 Uf. Neben Hugo schlug auch der
Belgier Louis Bara 1849 schon s upranationale Institutionen für Europa vor.
Sein Vorschlag wu rde aber erst 1872 veröffentlicht (vgl. Renouvin, L'idee
d ' Etats Unis, S. 38 f.).
11 Gollwitzer, Europabild, S.323; aber auch er vermag keine europäi-
sche Einheitsvo l'Stel lung in Deutschland zu präsen tieren, die eine modem e
s upranationale Zielrichtung besaß und mehr als bloße internationale Alli-
anzen vorschlug.
12 Vgl. I'rltt, UW8. Kleine Geschichte, 5.87; A. Klima, The boUrgeoIS
revol ution of 184~9 in CentraJ Europe, in: R. Porter/ M oTeich, Revolution
in His tory, Cambridge 1986, S. 78, 86 ff.; Martin Broszat, Zweihunde rt Jahre
d eu tsche Polcnpolitik, Frankfurt / M. 11972, S. 109 ff.; Sigmann, 1848,
S. 334 L; Langewiesche, Europa, S. 165 f.
13 Vgl. a ls Beispiele einer solchen Interpretation: Rene Girault, Das Eu·
ropa de r Historiker, in : Raine r Hudemann / Hartmu t Kaelble / KlausSchwa-
be (Hg .), Europa im Bl ick der His toriker. Europäische Integ ration im
20. Ja hrhundert: Bewußtsein und Institutionen, München 1995, S. 55 ff.; V.
Pomian, Europa und seine Nationen, Berlin 1990.
14 H . Lad emacher, Geschichte der N ied erlande, Darmstadt 1983,
S. 227 f.; E. H . Kossmann, The Low Counlries 1780-1940, Oxford 1978,
S. 192 fL, 201 ff.; Michael Erbe, Belgien, Niederlande, Luxemburg. Geschich-
te des niederländischen Rau mes, Stuttgart 1993, S. 243 ff.
15 Erbe, Belgien, S. 218 f.; Martin Kirsch, Der monarchische Konstitutio-
nalismus im 19.Jahrhundert - Frankreich (1789-18n / 79) im europäischen
Vergleich, Oiss. Berlin 1997, passim .
16 Steams, The revolu tions, S. 169 f.; Sigmann, 1848, S. 104 ff.
17 G. Rude, Warum gab es 1830 und 1848 in England keine Revolution?,
in: Stuke / Forstmann, Die europäischen Revolu tionen, S. 42 f.; W. Langer,
Das Mus ter de r städtischen Revolutionen von 1848, in : ebd ., S. 49 ff.
49315

1848: Eine eu ropäische Revolution? 277

18 J.c. Beckett, Geschichte Irlands, Stuttgart 1997, S. l96ff.; Steams,


The re\'olutions, S. 171.
19 D. Dakin, The unification of Greece 1770- 1923, Landon 1973, S. 81
(Dakin sieht allerdings keinen Zusammenhang mit den anderen Revolutio-
nen in Europa); W. L Bcmecker/ H . Pietschmann, Geschichte Spaniens,
Stullgart l l997; Langewiesche, Europa, S. 71.
20 Po uthas, Die Komplexität, in: Stuke/ Forstmann, Die europäischen
Revolutionen, S. 29; Eric H obsbawrn, Die Blütezeit des Kapitals. Eine Kul-
turgesch ichte de r Jahre 1848-1875, Franklurt/ M. 1975, S. 26; Theodor Schie-
der, Staatensystem als Vonnacht der Welt 1848-1918, Frankfurt / M. 11982,
S. 18.
21 Vgl. d ie verdienstvolle synoptische Ereignistafel bei Langewicsche,
Europa, S. 237 ff.
22 C hristophe Charle, Vordenker der Modeme. Die Intellektuellen im
19. Ja hrhundert, Frankfurt / M . 1997, S. 92 1.; vgl. auch L Namier, 1848: The
revolution of intellectuals 11 9461, Neuausgabe Oxford 1992.
23 N amier, 1848; vgJ. zuvor schon : B. C roce, Geschich te Europas im
19. Jah rhu ndert 119321, Zürich 1979.
24 Renouvin, L'idee d 'Etats Unis; kurz auch Göhring, Europäische Re-
volutione n.
25 Pouthas, La complexite de 1848, in: 1848. Revue des revolutions con-
tempo raines 184 (1949), S. 1-1 3 (deutsch in : Stuke/ Forstmann, Die europäi·
sehen Revolutionen); vgl. auch Priscilla Robert.son, Revolutions o f 1548. A
sodal history, New Vo rk 1952.
26 Sigmann, 1848.
27 Godechot, Les revolutions.
28 Stea ms, The revolutions, S. I1-68, 167- 250. M. Kossok s prach in
einem kurz danach veröffentlichten Aufsatz zwar von der europäischen
Revolution von 1848, interessierte sich aber ausschließlich fü r das von Marx
postulierte Entwicklungsgefälle zwischen den einzelnen nationalen
Revolutionen, also nur fü r innereuropäische Unterschiede. Vgl. M. Kossok,
Bemerkungen zur Frage d es europäischen Charakters der Revolution
1848/ 49, in: Wissenschaftliche Zeitschri ft der Universitä t Rostock 1974,
S. 507-51O.
29 Theodor Schieder, Staatensystem, S. 11-57.
30 Price, 1548. K1eineGeschichte; ein interessanter internationaler Über-
blick, aber leider unter einem nicht begründeten Ausschluß von Frankreich
und Ita lien: Klima, The bourgeois revolution.
31 Langewicsche, Europa, S. 161-170; vgl. auch Ders., Die Rolle der Mi-
litärs in den europäischen Revolutionen von 1848/ 49, in: W. Bacho fer / W.
Fischer (Hg.), Ungarn - Deutschland, München 1983; Ders., Gesellschafts-
und verfassungspolitische Handlungsbedingungen und Zielvorstellungen
europäischer Liberaler 1848, in: Wolfgang Schieder (Hg .), Liberalismus in
der Gesellschaft des deutschen Vormärz, Göttingen 1983.
32 Sperber, The European Revolutions.
33 Ich habe aus Zeitgründen darauf verzichten müssen, die Überblicks·
werke zur Geschichte Europas systematisch auf die Behandlung der Rev~
lution von 1848 durchzugehen. Fürden Wandel d es Blicksder Europäer auf
1848 wäre das sicher aufschlußreich .
278 Hartmul Kaelble

34 Zuletzt: S. Wahnich, L' impossible citoyen. L'l!:lranger dans le dis-


rollIS de la revolution francaise, Paris 1997.
35 Anregend zum Vergleich von 1789 und 1848: E. Labrousse 1848,
1830, 1789. Wie Revolutionen entstehen, in: I. A. Hartig (Hg .), Geb1rt der
bürgerlichen Gesellschaft 1789, Frankfurt / M. 1979; Sperber. The Eu:opean
Revolutions. S. 245 ff.
36 Charle, Vordenker, S. 92 ff.
49J75

Autorin und Autoren

RÜDlGER VOM BRUCH, geb. 1944, Dr. phil., seit 1993 Professor fü r Wissen-
schaftsgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Veröffetltlic/ulIIgetl
u. 11.: Wissenschaft, Politik und öffentliche Meinung. Gelehrtenpolitik im
deutschen Kaiserreich, H us um 1980; Weltpolitik als Kulturmission. Pader-
bo m 1982; Hl'.rausgeber von: Weder Kommunismus noch ~pita lismus.
BürgerlicheSozialreform in Deutschland vom Vormärz bis zur Ära Adenau-
er, München 1985; Ku ltur und Kulturwissenschaften um 1900, 2 Bde., StulI-
gart 1989 u. 1997; H istorikerlexikon, München 1991.
KONRAD C... N1S, geb. 1938, Dr. phii., seit 1980 Professor fü r Deutsche Ge-
schichte an der H umboldt-Universilät zu Berlin. Verö/frtltlichutlge'l U. Il .: Bis-
ma rc k und Waldersee. Die außenpolitischen Krisenerscheinungen und das
Verhalten des Generals tabes 1882-1890, Berlin 1980; Von Bismarck zur Welt-
politik. Deutsche Außenpolitik 1890 bis 1902, Berlin 1997.
LAURENZ DEMPS, geb. 1949, Dr. phii., Professor für Territorialgeschichte an
der Humboldt-Uni versitäl. Veriiffentlichwlgen u. a.: Berlin wird Weltstadt,
2. Aufl ., Leipzig 1997 (zus. mit Harald Brost); Der Gendarmen-Markt, Die
Neue Wache, Der Schiffbauerdamm, Der Pariser Platz, Das Hotel Adlon
(zus. mit Carl Ludwig Paeschke).

WOLFG .... NG H .... RDTWlG, geh. 1944, Dr. phi!., 1985-1991 Professor fü r Neuere
Geschichte an der Universität Erlangen-Nümberg, seit 1991 Professor für
Neuere Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Veröffrntlic/IU'I -
gen 11. 11.: Geschichtsschreibung zwischen Alteuropa und moderner Welt. Ja-
rob Burckhardt in seiner Zeit, GÖllingen 1974; Vormärz. Der m onarchische
Staat und das Bürgertum, 4. ergo Aufl., München 1997; Geschichtskultur
und Wissenschaft, München 1990; Nationalis mus und Bürgerkultur in
Deutschland, 1500-1914, Cöllingen 1994; Genossenschaft, Sekte, Verein.
Bd . 1: Vom Spätmittela lter bis zur Französischen Revolu tion, München
1997; Herausgeber von: Übe r das Studium der Geschichte, München 1990;
Soziale Räume in der Urbanisierung. München 1990 (zus. mit Klaus Tenfel-
de); Deutschlands Weg in die Modeme. Po litik, Gesellschaft, Kultur, Mün-
chen 1993 (zus. mit Harm-Hinrich Brandt); Kulturgeschichte Heute, Göttin-
gen 1996 (zus. mit Hans-Ulrich Wehler).

H ARThiUT KAEl8LE, geb. 1940, Dr. phi!., 1971- 1991 Professor für Sozial- und
Wirtschaftsgeschichte an de r Freien Universität Berlin, seil 1991 Professor
für Sozialgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Vtröffelltlichun-
gm II. a.: Auf dem Weg zu einer europäischen Gesellschaft. Eine Sozialge-
schichte Westeuropas 1880-1980, München 1987; Nachbarn am Rhein: Ent-
fremdung und Annäherung der französischen und deutschen Gesellschaft
seit 1880, München 1991; Herausgeber von: Nationalismus, Nationalitäten,
Supranationalität, Stuttgart 1993 (zus. mit Heinrich A. Winkler); Sozialge-
280 Autorin und Autoren

schichteder DDR. Stuttgart 1994 (zus. mit Jürgen Kocka u. Hartmut Zwahr);
Europa im Blick der Historiker. Europäische Integration im 20. Jahrhundert:
Bewußtsein und Institutionen, München 1995 (zus. mit Ra ineT Hudemann
u . Klaus Schwabe); Gesellschaften im Vergleich. Frankfurt 1997 (zus. mit J.
Schriewer).

WOlfG.... NG KAscHUBA, geh. 1950. Dr. phi!., seit 1992 Professor für Europäi-
sche Ethnologie an der Humboldl-Universitäl zu Berlin. VuöJ!mtlichungm
u. a.: Lebenswelt und Kultur der unterbürgerlichen Schichten im 19. und
20. Jahrhundert, München 1990; Kulturen - Identitäten - Diskurse. Perspek-
tiven Europäischer Ethnologie, Bcrlin 1995.

PETER NIEDERMÜllER, geb. 1952, Dr. phi!., seit 1996 Professor fü r Europäische
Ethnologie an der Humboldt-Uni\lers itäl zu Berlin. VuöjJtlltlichlmgen u. a.:
The Alter Ufe of Peasant Cul ture: Objectsand Rituals, Budapest 1989; Her-
ausgeber von: Life History as C ultural Construction / Perfo rmance, Buda-
pest 1988 (zus. mit Tamas Hofer).

RALF PROvE, geb. 1960, Dr. phii., seit 1992 WISsenschaftlicher Assistent am
Ins titut für Ccschichtswissenschaften der Humboldt-Univcrsität zu Berlin.
Veröjflmt/icJlUlIgm u. a.: Stehendes Heer und städtische Gesellschaft im
18.}ahrhundert, München 1995; Wege ins Ungewisse. Reisen in der Frühen
Neuzeit, Frankfurt 1997 (zus. mit H. T. Cräf); Herausgeber von: Krieg und
Frieden. Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit, Paderbom 1996
(zus. mit B. R. Kroener); KJio in Uniform? Probleme und Perspektiven eine r
modemen Militärgeschichte der Frühen Neuzeit, Köln 1997.

GONTER ScHOOL, geh. 1944, Dr. phil ., sei t 1992 Professor fOr Geschichte Ost-
milteleuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. VeröfferltlichuIIgm
u. a.: AJldeutscher Verband und deutsche MlOderheltenpohtlk 10 Ungarn,
Frankfurt u. a. 1978; Formen und Grenzen des Natio nalen, Erlangen 1990;
Kroatische Nationalpolililc: und ..Jugoslavcostvo-, München 1990; Land an
der Donau, Berlin 1995.

LUDMJLA THOMAS, geb. 1934, Dr. phi!.. 1964-1991 Wissenschaftliche Mitar-


beiterin an der Akademie d er Wissenschaften der DDR, scill992 Professorin
für GesdUchte Osleuropas an der Humboldt-Univcrsität zu Berlin. Veröf-
ftlltlichulIgOl u. a.: Geschichte Sibiriens. Von den Anfängen bis zur Gegen-
wart, Berlin 1982; Streben nach Wellmachtpositionen. Rußlands Handels-
flotte 1856-1914, Berlin 1995; Herausgeberin von: Deutsch-russische Bezie-
hungen. Ihre welthistorischen Dimensionen vom 18. }ahrhundert bis 1917,
Berlin 1992 (zus. mit Dietmar Wulff) .

H EINRICH Au<:USf WINKLER, geb. 1938, er. phii ., 1972- 1991 Professor für
Neuere und Ncueste Geschichte an der Universität Freiburg. seit 1991 Pro-
fessor für Neueste GEschichte an der Humboldt-Univcrsität zu Berlin. Ver-
öffentlichungen u. a. zur Geschichte des Liberalismus. des Nationalsozialis-
mus und der deutschen Arbeiterbewegung. zuletzt: Weimar 191 8-1933. Die
Geschichte der ersten deutschen Demokratie, 2. Aufl ., München 1994;Streit-
fragen der deutschen Geschichte, München 1997.

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