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Prof.

Konrad Stolz

Freier Wille und rechtliche


Betreuung
Willensfreiheit: philosophische
Diskussionen

Nach Ansgar Beckermann


http://www.philosophieverstaendlich.de
Wann kann Entscheidung einer Person
(P) als frei gelten ?
• P muss eine Wahl zwischen Alternativen haben; sie muss anders
handeln bzw. sich anders entscheiden können, als sie es tatsächlich
tut. (Die Bedingung des Anders-Handeln- oder Anders-
Entscheiden-Könnens)

• Welche Wahl getroffen wird, muss von P selbst abhängen.


(Urheberschaftsbedingung)

• Wie P handelt oder entscheidet, muss ihrer Kontrolle unterliegen.


Diese Kontrolle darf nicht durch Zwang ausgeschlossen sein.
(Kontrollbedingung)
Willenfreiheit und Determinismus:

1. Determinsmus:
für jedes Ereignis gibt es eine Menge von anderen
Ereignissen, auf die es mit (naturgesetzlicher)
Notwendigkeit folgt.

2. Ist Determinismus wahr ?

3. Wenn ja: Verhältnis Willensfreiheit und Determinismus


Positionen zum Verhältnis Freiheit und
Determinismus

• Kompatibilismus Die These, dass Freiheit und


Determinismus vereinbar sind.

• Inkompatibilismus Die These, dass Freiheit


und Determinismus nicht vereinbar sind.

• Libertarianismus : Determinismus ist falsch.


• Freiheitsskeptiker: es gibt keine Freiheit
gibt, weil der Determismus wahr ist.
Inkompatibilismus

Wenn der Determinismus wahr ist,

dann kann ich mich niemals anders entscheiden und


niemals anders handeln, als ich es tue.

dann gehen meine Entscheidungen und Handlungen


nicht auf mich zurück, sondern auf die
vorhergehenden Ereignisse, durch die sie
determiniert sind.

dann können meine Entscheidungen und Handlungen


nicht frei sein, weil ja von vornherein feststeht, wie
ich mich entscheide und wie ich handele.
Libertarianismus

Eine Handlung nur frei, wenn sie weder naturgesetzlich


determiniert ist noch rein zufällig stattfindet, sondern durch
den Handelnden selbst hervorgerufen wird.
(Libertarianismus: )

Wenn ich vor der Frage stehe, ob ich A oder B tun soll, habe ich in
der Regel sowohl Gründe für A als auch Gründe für B.

Aber weder diese Gründe noch andere Umstände determinieren


meine Entscheidung.

Vielmehr bin ich selbst es, der sich angesichts der Gründe für A
oder für B entscheidet. Und nichts im vorherigen Weltlauf
determiniert, wie ich mich entscheide. Wenn ich mich für A
entscheide, könnte ich mich unter genau denselben Bedingungen
auch für B entscheiden.
Kompatibilismus:
Freier Wille und Determinismus sind miteinander
vereinbar

David Hume:

"freier Wille" ist nicht die Fähigkeit, unter exakt gleichen

inneren und äußeren Bedingungen jeweils eine andere

Entscheidung treffen zu können, sondern eine hypothetische

Fähigkeit, eine andere Entscheidung treffen zu können, wenn der

Mensch psychologisch durch andere Überzeugungen oder

Wünsche anders disponiert gewesen wäre.


Thomas Hobbes:

Willensfreiheit bedeutet, dass eine Person dann frei handelt,

wenn sie eine Handlung wolle und auch anders handeln könnte,

wenn sie anders handeln wolle. In diesem Sinne bedeutet

Willensfreiheit also nichts anderes als Handlungsfreiheit


Freie Wille und Determinsums vereinbar,
denn..

Ob die Entscheidungen deterministisch längst


festgelegt sind, spielt im kompatibilistischen Sinne
keine Rolle, da der freie Wille die determinierte Zukunft
nicht kenne. Für Kompatibilisten bedeutet die Freiheit
des Willens letztlich also, nach Gründen zu handeln,
die dem Handelnden nicht bewusst sind.
Willensfreiheit nach Locke:
Eine Person ist in einer Entscheidung frei, wenn sie
erstens die Fähigkeit besitzt, vor der Entscheidung
innezuhalten und zu überlegen, was zu tun richtig
wäre, und wenn sie zweitens die Fähigkeit besitzt,
dem Ergebnis dieser Überlegung gemäß zu
entscheiden und zu handeln.

§ 20 StGB lautet:
"Ohne Schuld handelt, wer bei Begehung der Tat wegen einer krankhaften
seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung oder
wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit
unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu
handeln"
Handlungsfreiheit und Willensfreiheit

• Der Handelnde muss auch über Willensfreiheit


verfügen – über die Fähigkeit, seinen eigenen
Willen zu bestimmen, zu bestimmen, welche
seiner Motive, Wünsche und Überzeugungen
handlungswirksam werden sollen.

• Beispiel Drogensüchtiger: er kann zwar tun, was


er will, aber in seinem Willen, in seinen
Entscheidungen ist er nicht frei. Sein Wille führt
gewissermaßen ein Eigenleben. Auch wenn er
sich anders entscheiden möchte, sein Wunsch,
Drogen zu nehmen, wird sich durchsetzen. Der
Drogensüchtige ist diesem Wunsch
gewissermaßen hilflos ausgeliefert. Ihm fehlt ist
Willensfreiheit.
Freier Wille und Hirnforschung
Neurowissenschaftler Roth, Walter und Singer:

• Freie Wille ist eine Illusion

• Willensakt geht neuronalen Prozessen nicht voraus

• Stattdessen ergibt sich nachträglich die bloße Illusion, sich frei


entschieden zu haben

• Das Empfinden, etwas zu wollen - der „Willensakt“ also -


resultiert als illusionäres Epiphänomen aus den corticalen und
subcorticalen Prozessen, die bei der Vorbereitung einer
Willkürhandlung ablaufen.
Ansgar BECKERMANN 2002

„Dass unsere Entscheidungen durch neuronale Prozesse

determiniert sind, muss keineswegs heißen, dass sie nicht frei

sind. Die Frage ist vielmehr, durch welche neuronalen

Prozesse sie determiniert sind – durch Prozesse, in denen

Gründe und Überlegungen eine Rolle spielen, oder durch

(zwanghafte) Prozesse, bei denen das nicht so ist.“ ()


Freier Wille und Rechtswissenschaft

Art. 2 Grundgesetz

(1)Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner


Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer
verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige
Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche
Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist
unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund
eines Gesetzes eingegriffen werden.
Freier Wille und Strafrecht
Grundsatz Willensfreiheit und Verantwortlichkeit:

§ 20 StGB Schuldunfähigkeit wegen seelischer


Störungen
Ohne Schuld handelt, wer bei Begehung der Tat
wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen
einer tief greifenden Bewusstseinsstörung oder
wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen
seelischen Abartigkeit unfähig ist, das Unrecht der
Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu
handeln.
BVerfGE 22, 180/219 f

.. denn der Staat hat von Verfassungs wegen nicht das


Recht, seine erwachsenen und zur freien
Willensbestimmung fähigen Bürger zu bessern oder
zu hindern, sich selbst zu schädigen
Freier Wille und Zivilrecht

BGB setzt grundsätzlich Willensfreiheit des


Volljährigen Menschen voraus
§ 104 BGB
Geschäftsunfähig ist:
• 1.wer nicht das siebente Lebensjahr vollendet hat,
• 2.wer sich in einem die freie Willensbestimmung
ausschließenden Zustand krankhafter Störung der
Geistestätigkeit befindet, sofern nicht der Zustand
seiner Natur nach ein vorübergehender ist.
Freier Wille und Betreuungsrecht

§ 1896 Abs. 1a BGB:

Gegen den freien Willen des Volljährigen darf


ein Betreuer nicht bestellt werden.

Ausdrückliche Klarstellung, das Betreuerbestellung


gegen freien willen gegen Menschenwürde (Art. 1)
und allgemeine Handlungsfreiheit (Art. 2 GG)
verstößt (BtDrucks.15/2494, S. 28)
Voraussetzungen für freien
Willen
• Einsichtsfähigkeit
• Fähigkeit, nach dieser Einsicht zu handeln

Fehlt eine Voraussetzung:


„natürlicher Wille“, der Betreuerbestellung
nicht verhindern kann
Frage an den Gutachter:
• Ist der Betr. noch in der Lage, seinen – der
Bestellung eines Betreuers entgegen stehenden-
Willen in Bezug auf die jeweiligen Aufgabenkreise im
Wesentlichen unbeeinflusst von seiner Krankheit
bzw. Behinderung frei zu bestimmen, d.h. den Willen
frei zu bilden und nach den zutreffend gewonnenen
Erkenntnissen zu handeln (BayObLG BtPrax 2003,
28)
Fallbeispiel 1 und freier Wille ?

• Junge Frau bricht ohne äußeren Anlass Studium ab,


begegnet vertrauten Menschen mit Misstrauen,
nimmt aus Angst vor Vergiftung nur noch
Lebensmittel in Originalverpackungen zu sich,
vernachlässigt – im Gegensatz zu bisher – ihre
persönliche Hygiene und lehnt den Rat ihrer
Angehörigen, zum Arzt zu gehen, entschieden ab,
weil sie sich für gesund hält:
Fallbeispiel 2 und freier Wille ?

Mann im mittleren Lebensalter trinkt nach Scheidung


und Arbeitsplatzverlust seit etwa 10 Jahren
zunehmend Alkohol (Bier, Schnaps), verliert Wohnung,
lebt auf der Straße, immer wieder notfallmäßige
stationäre Behandlung wegen Alkoholvergiftung,
stationäre Entziehungsbehandlung lehnt er ab,
körperlich vernachlässigt, Stimmung wechselhaft,
äußert, er habe sich mit dem Leben auf der
Straße abgefunden
Fallbeispiel 3 und freier Wille ?

Mann ca. 60 Jahre alt, lebt seit vielen Jahren auf


einem überdachten Fußgängersteg über einen
kleinen See in einem Vorort einer Stadt, sein Lager
bestellt als Müll und alten Kleidungsresten, bei
großer Kälte macht er ein kleines Feuer, wirkt stark
verwahrlost, lehnt Wohnheim, Krankenhaus usw. ab,
weil er dort beklaut und von Geheimdiensten
beobachtet werde, nur im Freien sei er sicher. In
kalten Wintern besteht Erfrierungsgefahr, auch ist er
ständig der Gefahr rechtsradikaler Übergriffe
ausgesetzt. Noch ist er am Leben.
Freier Wille und rechtliche Betreuung

• Einwilligungsvorbehalt
• Unterbringung
• Zwangsbehandlung
• Zwangsernährung
• Patientenverfügung
Rechtliche Betreuung und
Geschäftfähigkeit

• Betreuerbestellung hat keinen Einfluss auf


Geschäftsfähigkeit

• Konkurrierende Willenserklärungen des Betreuten


und seines Betreuers möglich

• Falls durch Willenserklärungen des Betreuten


erhebliche Gefahr für seine Person oder Vermögen
droht: Einwilligungsvorbehahlt gem. § 1903 BGB
Einwilligungsvorbehalt § 1903 BGB
und freier Wille:

BayObLG B. v.4. 2. 1993; MDR 1993, 545:

Die Anordnung eines


Einwilligungsvorbehalts setzt voraus, dass
der Betreute aufgrund einer psychischen
Erkrankung seinen Willen nicht frei
bestimmen kann.”
BayObLG, B.v.4.2.1997 FamRZ 1997, 90

1. Die Bestellung eines Betreuers für den


Aufgabenkreis Vermögenssorge kann auch
erforderlich sein, um eine (weitere) Verschuldung
eines Betroffenen zu verhindern, selbst wenn er
vermögenslos ist.

2. In einem solchen Fall ist in der Regel auch die


Anordnung eines Einwilligungsvorbehalts
erforderlich.“
Unterbringung und freiheitsentziehende
Maßnahmen (§ 1906 BGB) und freier
Wille
• Unterbringung zur Vermeidung von
Selbstgefährdung verfassungsrechtlich nur zulässig,
wenn der Betreute auf Grund seiner Krankheit
seinen Willen nicht frei bestimmen kann (BayObLG
FamRZ 93,600)

• Entsprechend bei freiheitsentziehenden Maßnahmen


gem. Abs. 4
Unterbringung und
Verhältnismäßigkeitsgrundsatz
„Freiheit zur Krankheit“
Z. B.: BVerfG, 23. 3. 1998 - 2 BvR 2270/ 96
(Unterbringung 1996 wg. „Wanzen“ im Ohr seit
1964):

• Die Freiheit der Person ist ein so hohes Rechtsgut,


dass sie nur aus besonders gewichtigem Grund
angetastet werden darf

• Strengen Prüfung am Grundsatz der


Verhältnismäßigkeit
(BVerfG:)

• Die Fürsorge der staatlichen Gemeinschaft schließt


auch die Befugnis ein, den psychisch Kranken, der
krankheitsbedingt keine Einsicht in Schwere seiner
Erkrankung und Notwendigkeit von
Behandlungsmaßnahmen nicht beurteilen kann oder
trotz einer solchen Erkenntnis sich infolge der
Krankheit nicht zu einer Behandlung entschließen
kann, zwangsweise in einer geschlossenen
Einrichtung unterzubringen, wenn sich dies als
unumgänglich zur Abwendung einer drohenden
gewichtige gesundheitliche Schädigung von dem
Kranken abzuwenden.
Dies gilt nicht ausnahmslos, weil wegen des
Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes bei weniger
gewichtigen Fällen eine derart einschneidende
Maßnahme unterbleiben muss und somit auch dem
psychisch Kranken in gewissen Grenzen die "Freiheit
zur Krankheit" belassen bleibt (vgl. BVerfGE 58, 208
[224 ff.]).
Zwangsbehandlung und freier Wille
Im Rahmen einer gesetzlichen Betreuung

BGH, B. v. 1. 2. 2006 - XII ZB 236/ 05- Auszug

Der Betreuer ist als gesetzlicher Vertreter des


Betreuten grundsätzlich befugt, in ärztliche
Maßnahmen auch gegen den natürlichen Willen eines
im Rechtssinne einwilligungsunfähigen Betreuten
einzuwilligen.

Im Rahmen einer genehmigten Unterbringung nach §


1906 Abs. 1 Nr. 2 BGB umfasst diese Befugnis
ausnahmsweise auch das Recht, erforderlichenfalls
einen der ärztlichen Maßnahme entgegenstehenden
Willen des Betreuten zu überwinden
Voraussetzungen für Zwangsbehandlung
nach BGH:

1. Einwilligungsunfähgikeit des Betreuten


2. Einwilligung des Betreuers
3. Erforderlichkeit / Verhältnismäßigkeit
4. Möglichst Bezeichnung der Behandlung im
Unterbringungsbeschluss
In der Genehmigung einer Unterbringung nach § 1906 Abs. 1
Nr. 2 BGB (ist) die von dem Betreuten zu duldende
Behandlung so präzise wie möglich anzugeben ist, weil sich
nur aus diesen Angaben der Unterbringungszweck sowie
Inhalt, Gegenstand und Ausmaß der von dem Betreuten zu
duldenden Behandlung hinreichend konkret und bestimmbar
ergeben …

…dazu gehören bei einer Behandlung durch Verabfolgung von


Medikamenten in der Regel auch die möglichst genaue Angabe
des Arzneimittels oder des Wirkstoffes und deren (Höchst-)
Dosierung sowie Verabreichungshäufigkeit; insoweit kann es
sich empfehlen, vorsorglich auch alternative Medikationen für
den Fall vorzusehen, dass das in erster Linie vorgesehne
Medikament nicht die erhoffte Wirkung hat oder vom
Betreuten nicht vertragen wird.
Freier Wille
und
Künstliche Ernährung in der
Altenhilfe
Künstliche Ernährung muss
medizinisch
angezeigt sein

Künstliche Ernährung
ist Eingriff in die körperliche
Integrität
Recht auf freie Selbstbestimmung
steht grundsätzlich allen Menschen zu
(Art. 2 GG)

Selbst bestimmen (bezüglich


Ernährung und medizinischer
Behandlung) kann jedoch nur,
wer einwilligungsfähig ist
Einwilligungsfähig ist,
wer Art, Bedeutung und
Tragweite der Maßnahme
– nach entsprechender ärztlicher
Aufklärung und Beratung –
zu erfassen und seinen Willen hiernach
zu bestimmen vermag.
Prüffragen zur
Einwilligungsfähigkeit
• Ist Willensentscheidung von gewisser
Dauer ?

• Hat Betr. Entscheidungsspielraum ?

• Werden (einigermaßen) Konsequenzen der


Entscheidung überblickt ?

• Ist Willensentscheidung im Rahmen der


Persönlichkeit nachvollziehbar ?
• Ist Willensentscheidung (irgendwie)
realitätsangemessen und sozialkonform ?

• Können Ergebnisse des Denkens und Wollens


sprachlich ausgedrückt werden ?

• Ist Willensentscheidung begründbar und kann sie


gegen Einwände verteidigt werden ?

• Bietet Willensentscheidung Ansätze zur


Umsetzung ?
Einwilligungsunfähiger Patient
kann nicht selbst entscheiden
Einwilligungsunfähigkeit z.B.
• wegen einer fortgeschrittenen
Demenz
• einer schweren psychischen
Erkrankung
• erheblichen geistigen Behinderung
• wegen komatösen Zustands
Bei Einwilligungsunfähigkeit:
Stellvertretende Einwilligung
des Betreuers mit
Aufgabenkreis
Gesundheitssorge
Betreuer entscheidet nach
ärztlicher Aufklärung
(stellvertretend)
über künstliche Ernährung

(vormundschaftsgerichtliche Genehmigung
nicht erforderlich, da künstliche Ernährung
z.B. über PEG i.d.R. nicht „gefährlich“ i.S.v.
§ 1904 BGB)
Künstliche Ernährung unter Zwang ?

Bei einwilligungsfähigen Patienten:


unzulässig
Bei einwilligungsunfähigen Patienten
nur ausnahmsweise zulässig, wenn

• Zur Lebenserhaltung dringend erforderlich


• Betreuer zustimmt
• die eingesetzten Zwangsmittel
verhältnismäßig sind
• bei wiederholter oder dauerhafter
Freiheitsentziehung
vormundschaftsgerichtliche Genehmigung
eingeholt wird (§ 1906 Abs. 4 i.V.m.Abs. 1
Nr. 2 BGB)
• Keine entgegenstehende
Patientenverfügung vorliegt
Künstliche Ernährung zur Verzögerung
des Todeseintritts
„Grundsätze der Bundesärztekammer
zur ärztlichen Sterbebegleitung“ (I.):

Maßnahmen zur Verlängerung des Lebens


unterlassen oder nicht weiterführen, wenn
diese nur den Todeseintritt verzögern
würde. In dieser Situation kann nur noch
symptomorientierte lindernde Behandlung
und Sterbebegleitung geleistet werden.
(Passive Sterbehilfe)
Künstliche Ernährung bei
irreversibel tödlich verlaufender
Krankheit,
bevor der Sterbevorgang
eingesetzt hat:
Rechtsprechung:

• Beendigung der lebenserhaltenden


Maßnahme (z.B. der künstlichen
Ernährung) bei valider
Patientenverfügung grundsätzlich
zulässig

• (Passive Sterbehilfe im weiteren


Sinne oder Hilfe zum Sterben)
BGH 17. 3. 2003: Leitsätze

„Ist ein Patient einwilligungsunfähig


und hat sein Grundleiden einen
irreversiblen tödlichen Verlauf
angenommen, so müssen
lebenserhaltende oder -verlängernde
Maßnahmen unterbleiben, wenn dies
seinem zuvor - etwa in Form einer sog.
Patientenverfügung - geäußerten Willen
entspricht.“
„Dies folgt aus der Würde des
Menschen, die es gebietet, sein in
einwilligungsfähigem Zustand
ausgeübtes Selbstbestimmungsrecht
auch dann noch zu respektieren, wenn
er zu eigenverantwortlichem
Entscheiden nicht mehr in der Lage
ist.“
„Ist für einen Patienten ein Betreuer
bestellt, so hat dieser dem Patientenwillen
gegenüber Arzt und Pflegepersonal in
eigener rechtlicher Verantwortung und
nach Maßgabe des § 1901 BGB Ausdruck
und Geltung zu verschaffen.“
„Seine Einwilligung in eine
ärztlicherseits angebotene
lebenserhaltende oder -verlängernde
Behandlung kann der Betreuer jedoch
nur mit Zustimmung des
Vormundschaftsgerichts wirksam
verweigern.“
„Für eine Einwilligung des Betreuers
und eine Zustimmung des
Vormundschaftsgerichts ist kein
Raum, wenn ärztlicherseits eine
solche Behandlung oder
Weiterbehandlung nicht angeboten
wird - sei es dass sie von vornherein
medizinisch nicht indiziert, nicht
mehr sinnvoll oder aus sonstigen
Gründen nicht möglich ist.“
BGH 08.06.2005 - XII ZR 177/03:

„Verlangt der Betreuer in


Übereinstimmung mit dem behandelnden
Arzt, dass die künstliche Ernährung des
betreuten einwilligungsunfähigen
Patienten eingestellt wird, so kann das
Pflegeheim diesem Verlangen jedenfalls
nicht den Heimvertrag entgegensetzen.“
„Auch die Gewissensfreiheit des
Pflegepersonals rechtfertigt für sich
genommen die Fortsetzung der
künstlichen Ernährung in einem
solchen Fall nicht.“
Aus den Gründen:
„a) Die mit Hilfe einer Magensonde
durchgeführte künstliche Ernährung ist ein
Eingriff in die körperliche Integrität, der
deshalb der Einwilligung des Patienten
bedarf.....
Eine gegen den erklärten Willen des
Patienten durchgeführte künstliche
Ernährung ist folglich eine rechtswidrige
Handlung, deren Unterlassung der Patient
analog § 1004 Abs. 1 Satz 2 in Verbindung
mit § 823 Abs. 1 BGB verlangen kann.“
„Dies gilt auch dann, wenn die begehrte
Unterlassung - wie hier - zum Tode des
Patienten führen würde.
Das Recht des Patienten zur Bestimmung
über seinen Körper macht
Zwangsbehandlungen, auch wenn sie
lebenserhaltend wirken, unzulässig ....
b) Die künstliche Ernährung des Klägers
widersprach dem vom Betreuer als
wirklicher oder mutmaßlicher Wille des
Klägers geäußerten Willen.......“