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RIJKSUNIVERSITEIT GRONINGEN

STUDIEN ZU DIONYSIOS VON ALEXANDRIA

Proefschrift

ter verkrijging van het doctoraat in de Letteren aan de Rijksuniversiteit Groningen op gezag van de Rector Magnificus, dr. F. Zwarts, in het openbaar te verdedigen op donderdag 16 september 2010 om 14.45 uur

door

Ekaterina Ilyushechkina geboren op 4 februari 1978 te Moskou, Russische Foederation

Eerste promotor:

Tweede promotor:

Copromotor:

Beoordelingscommissie:

Prof. dr. M. A. Harder Prof. dr. R. R. Nauta Dr. J. W. Drijvers

Prof. dr. A. P. M. H. Lardinois Prof. dr. A. V. Podossinov Prof. dr. G. C. Wakker

ISBN: 978–90–367–4503–1 (electronische versie) ISBN: 978–90–367–4504–8 (gedrukte versie)

Vorwort

Diese Studie zu Dionysios Periegetes haben über alle vier Jahre meines Aufenthalts an der Rijksuniversiteit Groningen meine Doktormutter, Prof. Dr. M. Annette Harder, sowie mein erster Betreuer, Dr. Jan Willem Drijvers, und mein zweiter Betreuer, Prof. Dr. Ruurd R. Nauta, unermüdlich begleitet und beharrlich vorangetrieben. Für unsere unzählbaren Treffen mit immer produktiver Besprechung meiner Zwischenergebnisse, für ihre freundliche Kritik sowie für anregende Hinweise gilt ihnen mein allererster Dank. Annette möchte ich auch für ihre gemütlichen Weihnachtsabende bei ihr zu Hause, Jan Willem für mehrere Gespräche, bei denen nicht nur Dionysios besprochen wurde, und Ruurd für seine ständige Bereitschaft, mit Rat und Tat zu helfen, danken. Den Mitgliedern der Beurteilungskommission, Prof. Dr. Gerry Wakker (Groningen), Prof. Dr. André Lardinois (Nijmegen) und Prof. Dr. Alexander Podossinov (Moskau) gilt mein Dank für die Sorge, womit sie mein Manuskript gelesen und kommentiert haben. Alexander Podossinov möchte ich extra für sein gründliches Lesen meiner früheren Texten und nützliche Bemerkungen dazu von Herzen danken. Den Kollegen (Gerry, Stephanie, Remco, Wytse, Bea) und Freunden (vor allem Katrin, sowie Jetze, Jörn, Christina, André) am Groninger Instituut van Griekse en Latijnse Taal en Cultuur danke ich für die angenehme Atmosphäre, die nicht nur die gemeinsamen Mittagessen, sondern auch das alltägliche Arbeiten zum Vergnügen gemacht hat. Der Niederländischen Nationalen Forschungsschule OIKOS und vor allem ihrer Direktorin Prof. Dr. Ineke Sluiter (Leiden) verdanke ich das interdisziplinäre Forum, bei dem ich den Verlauf meiner Forschung in diesen Jahren mehrmals vorstellen konnte. Während meiner Arbeit in Groningen hatte ich zweimal die Möglichkeit, am Groninger Workshop für Hellenistische Dichtung teilzunehmen: zuerst als Zuhörerin (2006) und später als Referentin (2008). Für mannigfaltige Diskussionen und Anregungen bin ich sämtlichen Teilnehmern, vor allem aber Prof. Dr. Adolf Köhnken (Münster), Prof. Dr. Christian Pietsch (Münster), PD Dr. Robert Kirstein (Münster) und Dr. Martine Cuypers (Dublin) zu großem Dank verpflichtet. Prof. Dr. Stefan Radt (Groningen), Prof. Dr. Christiana Reitz (Rostock), Prof. Dr. Piet Schrijvers (Leiden) sowie Prof. Dr. Henk Jan de Jonge (Leiden) halfen mir mit ihrem wissenschaftlichen Rat und wichtigen Impulsen in entgegenkommender Weise, wofür ich ihnen meinen herzlichsten Dank schulde. Auch danke ich Prof. Dr. Martin Hose (München) und Prof. Dr. H.-J. Gehrke (Freiburg – Berlin), mit denen ich einzelne Teile meiner Arbeit während meiner Reisen in Deutschland besprochen habe. Die mir während meiner Arbeit an Dionysios Periegetes zugesendeten Materialen und Hinweise von Dr. Martin L. West (Oxford), Prof. Dr. Onofrio Vox (Bari), Dr. Stephan Heilen (Illinois), Dr. Amedeo A. Raschieri (Torino) und Dr. Enrico Magnelli (Firenze) waren mir ebenfalls eine große Hilfe. Mein vierjähriger Aufenthalt in Groningen wurde durch die finanzielle Unterstützung eines Ubbo-Emmius-Stipendiums der Groninger Universität gefördert. Außerdem möchte ich

mich hier auch bei ICOG (Instituut voor Cultuurwetenschappelijk Onderzoek Groningen) und OGWG (Onderzoekschool Geesteswetenschappen Groningen), vor allem bei Prof. Dr. Herman W. Hoen, Drs. Marijke R. B. Wubbolts und Dr. Erica M. A. van Boven, für ihre Hilfsbereitschaft in allen diesen Jahren sowie für die einführenden Seminare für promovendi bedanken. Ich möchte meinen Freunden, Frau Dr. Annemarie Ambühl (Groningen) und Frau Dr. Anke Ritter (Amsterdam), für ihre großzügige Hilfe bei mehrfachen Korrekturen des Manuskripts danken: Der Text wäre ohne ihre freundliche Hilfe nicht zustande gekommen. Zwei weitere Freunde – Valerio Cugia und Maria Antonietta Loi – ermutigten mich während meiner Promotion in Groningen und steckten mich stets mit ihrem Temperament an; dafür und für ihre Zusage, mir als Paranymphen während der abschließenden Prüfung zur Seite zu stehen, bin ich ihnen von Herzen dankbar. Mein ganz besonderer Dank gilt der Familie Tielkes: Olja, René, Daniël und Taras (Amsterdam), die mich schon seit Jahren fasziniert, unterstützt, inspiriert und begeistert – und im letzten Jahr auch zu meiner zweiten Familie geworden ist. Meinen allergrößten Dank schulde ich meinen Eltern, die mir ununterbrochen und unerschöpflich zur Seite stehen.

Inhaltverzeichnis

VORWORT

 

5

INHALTVERZEICHNIS

7

VORBEMERKUNGEN

11

TEIL I. DIE ERDBESCHREIBUNG DES DIONYSIOS PERIEGETES: ZWISCHEN DEM FACHTEXT UND DER DICHTUNG

17

Kap. 1. Das Werk: Titel, Inhalt, Autorschaft

17

1.1

Titel

18

1.2

Inhalt

20

1.3

Zum Problem der Attributionsgeschichte des Textes

30

1.3.1

Zum Gebrauch von Akrosticha in den antiken dichterischen Texten

vor Dionysios

31

1.3.2 Das erste Akrostichon in der Periegese des Dionysios

33

1.3.3 Das zweite Akrostichon im Gedicht des Dionysios

35

1.4.

Zusammenfassung

43

Kap. 2. Das Weltbild des Dionysios Periegetes

45

2.1 Der

Ozean als Weltmeer

 

46

2.2 Die Form der Landmasse und ihr Aufbau

51

2.3 Raumerfassung im Gedicht des Dionysios Periegetes

55

 

2.3.1 Die Vogelperspektive

55

2.3.2 Der hodologische Raum

57

2.3.3 Räumliche Orientierung

61

2.4 Die Landkarte des Dionysios Periegetes?

67

 

2.4.1 Imaginäre Meridiane

68

2.4.2 Vergleiche der Kontinentumrisse mit geometrischen Figuren

70

2.5 Die Quellenfrage

 

73

 

2.5.1 Eratosthenes von Kyrene

76

2.5.2 Poseidonios

der Rhodier

80

2.5.3 Strabon von Amaseia

87

2.6 Zusammenfassung

 

93

Kap. 3. Gattungsaspekte

95

3.1 Das Gedicht des Dionysios Periegetes und die epische Tradition

96

3.2

Die Erdbeschreibung des Dionysios als didaktisches Werk

105

3.2.1 Die Fiktion

des

Dialoges

107

3.2.2 Aufbau des Werkes und Kompositionsmittel

116

Kap. 4. Die poetische Technik des Dionysios Periegetes

127

4.1

Hexameter

127

4.2 Sprache

 

133

4.3 Stil und Mittel sprachlicher Darstellung

136

4.4 Epische

Elemente

147

4.5

Intertextualität

152

4.5.1 Arat

153

4.5.2 Kallimachos

159

4.5.3 Apollonios Rhodios

165

4.6

Zusammenfassung

169

Kap. 5. Mythologische Vergangenheit im Werk des Dionysios Periegetes

171

5.1

Götter

174

5.2 Heroen

 

181

5.3 Historische Siedlungs- und Heiligtumsgeographie

187

5.4 Zusammenfassung

196

TEIL II. DIE ANGABEN DES DIONYSIOS PERIEGETES ÜBER DAS SCHWARZMEERGEBIET

199

Einleitung

 

199

Kap. 6. Die Umrisse des Schwarzen Meeres und seine Charakteristika

205

6.1

Der Vergleich der Umrisse des Pontos Euxeinos mit einem skythischen Bogen bei

Dionysios

 

205

6.2 Charakteristik des Pontos als Doppelmeer

208

6.3 Der Skythische Bogen des Dionysios

209

6.4 Zusammenfassung

213

Kap. 7. Klima und Landschaft des nördlichen Schwarzmeergebietes

215

7.1 Dionysios’ Kenntnisse der Zonenlehre

215

7.2 Einzelne Beschreibungen des Klimas im nördlichen Teil der Oikumene

218

7.3 Der skythische Winter in der Beschreibung des Dionysios

221

7.4 Zusammenfassung

225

Kap. 8. Pontische Völker und Stämme

227

8.0 Einführung

 

227

8.1 Die erste Route: Das nördliche Istros-Ufer entlang in Richtung

Maiotis-Mündung

 

229

8.2 Die zweite Route: Um die Maiotis herum und die nordöstliche (kaukasische) Küste

8.3

Die dritte Route: Den Landstreifen zwischen dem Euxeinischen (Schwarzen) und dem

Hyrkanischen (Kaspischen) Meer entlang

8.4 Die vierte Route: Vom Phasis und den Kolchern aus, die südliche Küste des Pontos

251

entlang

bis zum Thrakischen Bosporos

257

Kap. 9. Pontische Gewässer und Gebirge

273

9.0 Einführung

273

9.1 Die Funktionen der Gewässer und Gebirge in der Periegese

des Dionysios Periegetes

274

9.2 Das allgemeine Schema der Flussbeschreibung

277

9.3 Die pontischen Gewässer in der Erdbeschreibung

277

9.4 Die pontischen Gebirge im Gedicht des Dionysios

293

ANHANG. Das Schicksal der Periegese in den späteren Jahrhunderten

297

I. Die handschriftliche Tradition und die Editionen von Dionysios’ Werk

297

II. Die Überlieferungsgeschichte der Periegese und der byzantinische Kommentar des Eustathios

302

III. Der Einfluss der Periegese auf die spätantike und byzantinische Literatur

305

ZUSAMMENFASSUNG

311

LITERATURVERZEICHNIS

315

Liste der

Abkürzungen

315

Einzelne Ausgaben der Erdbeschreibung des Dionysios Periegetes und Übersetzungen in

die modernen Sprachen

317

Forschungsliteratur

318

Nachschlagewerke und

Lexika

344

Geographische Atlasse der antiken Welt

345

SAMENVATTING

347

Vorbemerkungen

Vorbemerkungen

Dionysios von Alexandria, auch Periegetes genannt, war ein älterer Zeitgenosse der berühmten Geographen Marinos von Tyros und Klaudios Ptolemaios (2. Jh. n. Chr.), für sein Werk wählte er aber die didaktische Richtung der deskriptiven und nicht der mathematischen Geographie. Die Erdbeschreibung (οἰκουµένης περιήγησις) des Dionysios ist das einzige ganz erhaltene antike geographische Lehrgedicht: In knapp zwölfhundert Hexametern gibt seine Periegese das Bild der ganzen damals bekannten Welt wieder – der Oikumene und des sie umfließenden Ozeans, verschiedener Länder und Meere, sowie Völker und Stämme. Durch sein Vokabular, mit seinen zierlichen Redewendungen, seinen gewandten Beschreibungen und Katalogen erinnert das dionyseïsche Gedicht an die hellenistische, verfeinerte Dichtung. Dionysios kann aber als Dichter auch nicht auf Bilder aus Mythen bzw. der Religion verzichten; er bringt in seinem Text das Mythische mit antiquarischen Themen zusammen. Seine angeführten umfangreichen Kenntnisse gehen auf die von ihm benutzten geographischen und poetischen Quellen zurück: Er selbst hat sich eingestandenermaßen nie auf eine wirkliche Reise begeben. Somit ist Dionysios eher ein Schreibtischgelehrten als ein Praktiker. Der knappe Umfang seines Textes gründet sich einerseits auf die verkürzte Bearbeitung der von Dionysios benutzten Vorlagen, andererseits auf seine bewussten ästhetisch-literarischen Bedürfnissen. In seinem Werk tritt Dionysios nicht nur als geographischer Didaktiker hervor, sondern auch als Dichter, der seine künstlerischen Ambitionen auf den ersten Platz stellt. Trotz einer gewissen Schematisierung des Stoffes war das Werk des Dionysios sowohl beim gebildeten Publikum als auch bei unerfahrenen Lesern beliebt und wurde bereits seit der Spätantike und bis in die Neuzeit als Schultext benutzt. Im 4. Jh. dichtete der hohe römische Staatsbeamte Rufus Festus Avienus den dionyseïschen Text frei in lateinischen Hexametern unter dem Titel Descriptio Orbis Terrae nach; um 500 entstand eine neue, getreuere, lateinische Übersetzung, die vom gelehrten Grammatiker Priscianus aus Konstantinopel stammt. All dies weist auf ein wachsendes Interesse an Dionysios und dem Stoff seines Werkes in den westlichen Gebieten des Römischen Reiches. Im 12. Jh. schrieb Eustathios, der größte byzantinische Gelehrte aus der Epoche der späten Komnenen und später Bischof von Thessaloniki, einen ausführlichen Kommentar zum Gedicht des Dionysios. Außer dem Dionysios-Kommentar stammen von ihm umfangreiche Kommentare zur homerischen Ilias und Odyssee sowie zu den Oden Pindars; die Gegenüberstellung solcher Autoritäten wie Homer und Pindar mit Dionysios zeigt anschaulich, wie hoch Periegetes und sein Gedicht vom späteren Publikum geschätzt wurden 1 . Von der modernen Forschung wurde das dionyseïsche Gedicht aber lange Zeit unverdienterweise wenig erörtert, was ein für einen sehr gut erhaltenen antiken Text (134

1 Mehr zur Überlieferungsgeschichte des Textes s. den ANHANG.

- 11 -

Vorbemerkungen

Handschriften) höchst enttäuschende Sachlage ist. Noch vor einigen Jahrzehnten war das Werk des Dionysios quasi völlig vergessen; nach den um die Jahrhundertwende (19.-20. Jh.) veröffentlichten Arbeiten von A. GÖTHE, E. ANHUT, U. BERNAYS und M. I. ROSTOWZEW verlor die Forschung jegliches Interesse an Dionysios und seinem Werk. Es wurde damals nur selten von Historikern der antiken Geographie (E. H. BUNBURY, J. O. THOMSON) kurz erwähnt und meist negativ eingeschätzt: Sie versuchten, das dionyseïsche Weltbild von einer modernen kartographischen Weltauffassung her zu beurteilen – dies kann natürlich dem Text und seiner Zeit nicht gerecht werden und führt zu Widersprüchen. Heutzutage hat sich die einst gefestigte Ansicht, dass das Gedicht gar nicht bemerkenswert sei, radikal geändert, und die Forschung hat nunmehr einen Neubeginn mit einer aktiven Erarbeitung des Dionysios und seines Werkes gemacht. Dieses geographische Lehrgedicht besitzt einen Wert sowohl für Klassische Philologen als auch für Althistoriker. Unter den wichtigsten Meilensteinen muss man die Tätigkeit von PATRIK COUNILLON nennen, der im Jahre 1983 eine kritische – leider nicht veröffentlichte – Ausgabe der Erdbeschreibung im Rahmen seiner Dissertation vorbereitete und im Dezember 2002 die erste internationale Table Ronde zum Thema „La Périégèse de la terre habitée de Denys d’Alexandrie” an der Universität von Bordeaux (Frankreich) organisierte 2 . Zu einem bedeutsamen Ereignis wurde im Jahre 1990 die Erscheinung einer gründlichen Monographie über die Textgeschichte des dionyseïschen Gedichtes von ISABELLA O. TSAVARI und der von ihr ebenfalls verwirklichten modernen kritischen Ausgabe der Erdbeschreibung 3 . Für Anerkennung des dionyseïschen Gedichts und das in den letzten Jahren steigende Interesse an ihm gibt es eine Reihe von Gründen: Es erschienen auch neue archäologische und epigraphische Zeugnisse, die Forschungsmethoden zur antiken Geographie wurden erweitert, und es gibt jetzt mehrere Übersetzungen der Erdbeschreibung des Dionysios in die wichtigsten modernen Sprachen 4 . Aber bis heute fehlt in der Forschung immer noch eine zusammenfassende Monographie zu Dionysios und seiner Periegese. Meine Forschungsarbeit möchte die konkreten historisch-geographischen Zeugnisse des Dionysios Periegetes untersuchen, die das antike Schwarzmeergebiet kennzeichnen. Die Beschreibung des Schwarzmeerraums habe ich nicht nur deswegen als Hauptthema ausgewählt, weil er einer meiner Lieblingsferienorte ist: Der Pontos und die ganze umliegende Gegend nahmen immer einen besonderen Platz in der antiken historischen und literarischen Tradition ein. Mit der Großen Kolonisation des 8.-6. Jhs. beginnend zeigten die Griechen seit jeher Interesse nicht nur an Italien, sondern auch am Pontosgebiet: Hier wurden neue Poleis gegründet, wichtige Kontakte geknüpft sowie Handelsbeziehungen mit einheimischen, meistens skythischen, Stämmen und Völkern entwickelt. Ethnonyme und Toponyme des Schwarzmeergebietes werden in der griechischen literarischen Tradition seit Hekataios von Milet (6. Jh. v. Chr.) erwähnt. Herodot (484–425 v. Chr.) widmete der Beschreibung von Landschaften, Sitten und Leben der pontischen Völker und von damit

2 COUNILLON (1983); die Materialien des Runden Tisches s. in: RÉA. 2004. 106 (1). P. 177–

262.

3 TSAVARI (1990 a ); TSAVARI (1990 b ); s. auch: TSAVARI (1992).

4 S. den entsprechenden Abschnitt in der BIBLIOGRAPHIE.

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Vorbemerkungen

verbundenen Mythen in seinem Werk den bekannten Skythischen Logos. Griechische Tragiker, Redner, Philosophen, Schriftsteller und Dichter schilderten die mythologische und historische Vergangenheit in ihrer Verbindung zu der Geographie des Schwarzen Meeres. Dionysios Periegetes benutzt das reiche literarische Erbe seiner Vorgänger, so dass sein geographischer Raum des Pontos ebenso in eine mythologisch-historische Vergangenheit zurückgeschoben wird: Im Rahmen seiner imaginären Fahrt entlang der pontischen Küste werden Völker und Stämme aufgelistet, die diese Gegend im fernen Altertum und nicht zur Zeit des Dichters bewohnten. So steht im Gedicht des Dionysios Periegetes der geographische Raum des Pontos mit seinen archaischen Toponymen und Ethnonymen kaum in Beziehung zu dem – mit Dionysios zeitgenössischen – kaiserlichen Rom. Trotz der Betonung der Unterschiede zwischen der zivilisierten und der barbarischen Lebensart innerhalb des ganzen Gedichtes sieht Dionysios das Schwarzmeergebiet aber auch als Teil der gesamten Oikumene. Das Lehrgedicht des Dionysios ist eine der wichtigsten Quellen für geographische Kenntnisse und einer der wenigen Texte, in dem Angaben über die historische Geographie des Pontosraums, die in anderen antiken Quellen fehlen, erhalten sind. In diesem Zusammenhang sind die Daten des Dionysios über das antike Schwarzmeergebiet von einem besonderen Interesse für die Rekonstruktion der ethnogeographischen Situation am Pontos und der Navigationspraktik von der griechischen Kolonisation bis zur römischen Zeit: sie wurden in der modernen Forschung bisher nicht in dem Maße beachtet, wie sie es sicher verdienen. Während neue Materialien und Kommentare beispielsweise zum antiken Italien in den neuesten zweisprachigen Ausgaben von A. A. RASCHIERI (2004) und E. AMATO (2005) kaum eine Ergänzung bzw. Verbesserung brauchen, gibt es in den aktuellen wissenschaftlichen Arbeiten zur Erdbeschreibung praktisch keine Anmerkungen oder Schlussfolgerungen zur Geschichte, Ethnogeographie und Kultur des antiken Schwarzmeergebiets. Mit dieser Arbeit über die dionyseïsche Beschreibung des Schwarzmeergebiets möchte ich daher diese bedauerliche Lücke schließen. Außerdem gibt es noch keine Studien, die die Erforschung der Angaben des Dionysios über den Pontos und den Kaukasus von einem historisch-geographischen Standpunkt aus mit einer philologischen Untersuchung kombinieren. Die oben genannten Umstände machen es notwendig, meines Erachtens, die geographischen Angaben des Dionysios Periegetes über das Schwarzmeergebiet sowie den Kaukasus zu sammeln und sie ausführlich in philologischer Hinsicht, sowie als Zeugnis der reichen literarischen Tradition zu untersuchen. Wegen des reichen Umfangs der Angaben aus der antiken Tradition, die sich im Werk des Dionysios finden, sowie der Abhängigkeit des Autors von früheren literarischen Mustern, umfasst der chronologische Rahmen meiner Dissertation eine Zeitperiode vom 6.-5. Jh. vor Chr. bis zum ersten Viertel des 2. Jhs. nach Chr. In die Untersuchung werden auch die Angaben aus den lateinischen Übersetzungen des dionyseïschen Gedichts von Avienus (4. Jh.) und Priscianus (6. Jh.) sowie aus dem Kommentar des Eustathios (12. Jh.) einbezogen. In meiner Arbeit werden also drei Hauptrichtungen berührt: (1) als Zielsetzung dient eine historisch-philologische Analyse der Angaben des Dionysios über das Schwarzmeergebiet. Eine korrekte Wahrnehmung dieser Angaben durch die heutigen Leser ist aber kaum möglich ohne eine detaillierte Betrachtung (2) des gesamten Weltbilds des

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Vorbemerkungen

Dionysios einerseits und (3) der von ihm gewählten didaktischen Form sowie seiner poetischen Technik andererseits. Damit erhebe ich keine Ansprüche auf ein systematisches Bild – im Rahmen einer Doktorarbeit wäre dies auch kaum möglich, denn das Werk des

Dionysios stellt einen Themenkreis zur Verfügung, der zu breit ist für den Rahmen dieser Arbeit. Meine Auswahl der Themen ist daher durch die Fragestellungen geprägt, denen die frühere Forschung wenig oder gar keine Aufmerksamkeit schenkte. Die Arbeit will die folgenden Forschungsprobleme angehen:

1)

Die Stellung des dionyseïschen Werkes in der antiken narrativen Tradition zu definieren;

2)

Das Weltbild des Dionysios Periegetes und seine Raumvorstellungen zu charakterisieren;

3)

Das Spezialproblem des Verhältnisses eines geographischen Textes und einer graphischen

Karte im Werk des Dionysios zu analysieren; 4) Die im Gedicht des Dionysios verwendeten antiken Quellen aus verschiedenartigen Kategorien (historischen, geographischen und literarischen) festzustellen und den Grad ihres Einflusses auf Dionysios zu bestimmen; 5) Das Verhältnis von literarischer und wissenschaftlicher Kenntnis im Werk des Dionysios zu zeigen, die wahrheitsgetreuen und die erdichteten Zeugnisse voneinander abzugrenzen und somit mögliche Kriterien für die Glaubwürdigkeit der historisch-geographischen Angaben, unter anderem in seiner Darlegung des Schwarzmeergebiets, zu entwerfen; 6) Die Daten des Dionysios zur Ethnogeographie des antiken Schwarzmeergebiets aufgrund der früheren Tradition sowie der geographischen und literarischen Besonderheiten der Erdbeschreibung ausführlich zu analysieren. Die Untersuchung des ausgewählten Textes soll absichtlich an der Nahtstelle von verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen (der Alten Geschichte, der Literaturwissenschaft, der Linguistik, der Textgeschichte sowie der Klassischen Archäologie), vor allem aber im Rahmen der Klassischen Philologie geschehen. Eine wissenschaftliche Neuerung besteht außerdem in der komplexen Benutzung von literaturwissenschaftlichen Methoden in Kombination mit der historischen Quellenkritik sowie in der Einführung in den wissenschaftlichen Umlauf einer Reihe von Angaben über die Landschaften und die Bevölkerung des antiken Schwarzmeergebiets, insbesondere vor dem Hintergrund des Problems der antiken Karten und der textuellen Landesbeschreibung im Werk des Dionysios Periegetes.

Von den Hauptrichtungen der entworfenen Untersuchung ausgehend ist der ganze erste Teil der Arbeit eine Art einführende Studie zur Erdbeschreibung des Dionysios Periegetes insgesamt; dieser Teil dient dazu, eine möglichst breite Basis zur Wahrnehmung des Dionysios als Autor und der Besonderheiten seines Gedichts zu schaffen und in einer allgemeinen Form zu zeigen, wie gut oder getreu die geographische und didaktische Tradition der Nützlichkeit und der Unterhaltung dient und passt. Der zweite Teil dieser Untersuchung betrachtet dann detailliert die Art und Weise des Dionysios, das Schwarzmeergebiet zu beschreiben, und wird damit zu einer Fallstudie: Während es sich im ersten Teil um zusammenfassende bzw. theoretische Aspekte des ganzen Textes der Erdbeschreibung (außer den Pontos-Passagen) handelt, werden hier konkrete Abschnitte des Dionysios zur pontischen

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Vorbemerkungen

Gegend auf dem Hintergrund seines gesamten Weltbildes und poetischen Technik sowie der früheren antiken geographischen Tradition ausgewertet. Die in jedem konkreten Fall mir selbst gestellten Aufgaben sind den einzelnen Kapiteln vorangestellt; die Kapitel enden mit Schlussfolgerungen. Für die griechischen Passagen der Erdbeschreibung habe ich die Ausgabe von IS. O. TSAVARI (1990 b ) unter Berücksichtigung von späteren Verbesserungen ihrer Kritiker benutzt; die deutsche Übersetzung der dionyseïschen Passagen stammt von A. FRUHWIRTH (1990) – in einzelnen Fällen mit eigenen Änderungen.

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Teil I. Kap. 1. Das Werk: Titel, Inhalt, Autorschaft

Teil I. DIE ERDBESCHREIBUNG DES DIONYSIOS PERIEGETES: ZWISCHEN DEM FACHTEXT UND DER DICHTUNG

Kapitel 1. Das Werk: Titel, Inhalt, Autorschaft

1.1 Titel

1.2 Inhalt

1.3 Zum Problem der Attributionsgeschichte des Textes

1.3.1 Zum Gebrauch von Akrosticha in den antiken dichterischen Texten vor Dionysios

1.3.2 Das erste Akrostichon in der Periegese des Dionysios

1.3.3 Das zweite Akrostichon im Gedicht des Dionysios

1.4. Zusammenfassung

Dieses Kapitel vereinigt zwei Aspekte: Einerseits wird hier der Text des dionyseïschen Gedichtes von einer formalen Seite betrachtet – es geht dabei um Titel und Inhalt, andererseits wird die Autorschaft untersucht, die sich in zwei Akrosticha im Text der Erdbeschreibung versteckt. Das Kapitel beginnt mit der Betrachtung der Gedichtsbenennungen, die in zahlreichen Handschriften des 10.-14. Jhs. mit dem Werk des Dionysios erhalten sind, und ihrer Stichwörter „Periegese“ und „Oikumene“ (1.1). Der nächste Abschnitt besteht aus der Darlegung des Gedichtsinhalts, die mit einigen Anmerkungen zum Verlauf des dionyseïschen Erzählens sowie seiner Methode der Vereinigung verschiedenartiger Elemente versehen wird (1.2). Das umfangmässig ziemlich kurzes Werk des Dionysios umfasst die Beschreibung des ganzen Weltozeans und der darin liegenden Oikumene mit drei Kontinenten und Inseln. Der Inhalt des Gedichtes besteht hauptsächlich aus zahlreichen Aufzählungen (bzw. Katalogen) verschiedener Orts-, Gewässer- und Völkernamen und enthält sowohl reale als auch mythologische Angaben, was auf einen buchwissenschaftlichen Charakter des Werkes weist. Bis zum 19. Jh. wurde das geographische Lehrgedicht Erdbeschreibung verschiedenen Autoren des 1.-3. Jhs. oder sogar der byzantinischen Zeitperiode zugeschrieben; um diese früheren irrtümlichen Vorschläge der Attribution des Textes und um die Entdeckung der zwei von GUSTAV LEUE im Text der Periegese gefundenen Akrosticha, die den Autorennamen und die Entstehungszeit des Werkes bestimmen lassen, geht es im Abschnitt 1.3. Durch das Verrätseln von autobiographischen Daten im Text des Gedichtes schließt sich Dionysios einer Tradition des literarischen Spiels zwischen Autor und aufmerksamem Leser an; dem Gebrauch von Akrosticha in den antiken dichterischen Texten vor Dionysios ist daher ein kurzer Exkurs gewidmet (1.3.1). Im weiteren wird die Geschichte der späteren Erforschung

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Teil I. Kap. 1. Das Werk: Titel, Inhalt, Autorschaft

der dionyseïschen Akrosticha nach LEUES Entdeckung kurz dargelegt, die Lebenszeit des Dionysios weiter präzisiert und meine eigene Interpretation des zweiten Akrostichons vorgeschlagen (1.3.2 und 1.3.3). Das Kapitel endet mit einigen Schlussfolgerungen (1.4).

1.1 Titel

Bereits in den anonymen Scholien zum Lehrgedicht des Dionysios von Alexandria, deren Entstehungszeit um die Wende vom 4. zum 5. Jh. angesetzt wird 1 , findet sich der Beiname des Autors „Periegetes“ 2 , der aber nicht durch den Ruhm des Autors als Reisender oder Führer 3 , sondern durch die Entlehnung vom Titel seines (wohl bekanntesten) 4 Werkes zu erklären ist: Οἰκουµένης Περιήγησις (wörtl. „Herumführung um die bewohnte Welt“) 5 . Dies lässt darauf schließen, dass das Stichwort zum Gedichtstitel – Periegese – praktisch von Anfang an in der Geschichte des Textes anwesend war. Die Überlieferungstradition dieses Titels kann man auch in zwei frei ins Lateinische übersetzten Versionen des dionyseïschen

1 Zur Entstehungszeit der Scholien: KNAACK (1903) 922; TSAVARI (1990¹) 19 und 37–41; (1990²) 13; FRUHWIRTH (1990) 6. Zur „Anonymität“ der Scholien: „Nur eine Handschrift, der – von Müller so bezeichnete – Codex Q (= Cod. Paris. suppl. 36, saec. XVI), nennt als Verfasser der Scholien einen – sonst völlig unbekannten – Demetrios von Lampsakos; A. Diller (1936, 127–129) konnte nachweisen, daß dieser Demetrios seine „Existenz“ nur der Eigenmächtigkeit des Kopisten besagter Handschrift, eines gewissen Constantius Palaeocappa (gest. 1551), verdankt“ (FRUHWIRTH (1990) 6.

2 Γένος ∆ιονυσίου Ἀλεξανδρέως τοῦ περιηγητοῦ (Schol. ad Dion. Per. GGM II, 427); Περιηγητοῦ ∆ιονυσίου [βίος] (LUDWICH 1885 = 1971, 575). Vgl. die Erwähnung des Beinamens „Periegetes“ im Zusammenhang mit Dionysios und seinem Gedicht in antiken Scholien zu Aeschylos (Schol. Aesch. Prom. vinc. 782, ed. Herington: ὁ περιηγητής), zu Aristophanes (Schol. Aristoph. Plut. 586, ed. Dübner: ὁ Περιηγητής) und zu Nikandros (Schol. Nic. Ther. 175, ed. Crugnola: ∆ιονύσιος ὁ περιηγητής).

3 Vgl. die zwei LSJ-Artikel περιήγησις und -ηγητής, in denen die erste Bedeutung der aktiven Tätigkeit entspricht („leading round and explaining“; „one who guides strangers, cicerone“), und die zweite – eine passive Behandlung davon darstellt („geographical description“; „author of geographical description“); zum Periegetes als Führer s. auch den RE-Artikel von BISCHOFF (1937).

4 Außer der Periegese werden Dionysios von den spätantiken und byzantinischen Quellen auch andere Werke zugeschrieben (praktisch alle verloren), und zwar ∆ιοσηµείαι („Himmelszeichen“), Γιγαντιάς („Gigantiade“), Βασσαρικά („Über Bakchanten“), Ὀρνιθιακά („Über Vögel“) und Λιθιακά („Über Steine“), wovon nur das letzte Werk möglicherweise tatsächlich von ihm stammt; mehr dazu s. z. B.: AMATO (2005) 67–74. Die ∆ιοσηµείαι sind uns durch ihre Erwähnung in der so genannten Vita Chisiana des Dionysios Periegetes bekannt (s. dazu: RÜHL (1874), COLONNA (1957), KASSEL (1985)), wenige Fragmente der Λιθιακά, der Βασσαρικά und der Γιγαντιάς sind bei MÜLLER (1861, xxvi–xxviii) angeführt, die Ὀρνιθιακά liegen uns nur in Form einer anonymen Prosaparaphrase unter dem Titel Ἰξευτικά vor (dazu: GARZYA (1963), PAPATHOMOPOULOS (1976)) (FRUHWIRTH (1990) 20–21, n. 70).

5 So BERNHARDY (1828, 518–521); vgl.: „Er (sc. Dionysios) ist ὁ περιγητής wie Strabon ὁ γεωγράφος und Homer ὁ ποιητής“ (BISCHOFF (1937) 726).

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Teil I. Kap. 1. Das Werk: Titel, Inhalt, Autorschaft

Gedichtes von Avienus (Descriptio orbis terrae, 4. Jh.) 6 und von Priscianus (Periegesis, 6. Jh.) 7 verfolgen.

Unter den 44 Haupthandschriften des 10.-14. Jhs. mit dem Text der Erdbeschreibung, die der letzten kritischen Ausgabe des dionyseïschen Gedichts von IS. O. TSAVARI zugrunde gelegt wurden 8 , findet sich in den vier ältesten Handschriften des 10.-13. Jhs. ebenso der Titel, der dem Original anscheinend am nächsten steht oder sogar mit ihm identisch ist:

∆ιονυσίου Οἰκουµένης Περιήγησις 9 (der Titel wiederholt sich auch in neun Handschriften des 13.-14. Jhs.); später tritt dieser Titel in einigen Variationen mit Wortumstellung oder mit Präzisierung der Herkunft des Autors auf: ∆ιονυσίου Περιήγησις Οἰκουµένης (1280), ∆ιονυσίου Ἀλεξανδρέως Οἰκουµένης Περιήγησις (13. / 14. Jh.), ∆ιονυσίου Ἀλεξανδρέως Περιήγησις Οἰκουµένης (13.-14. Jh.). In den jüngeren Handschriften wurden auch andere Titelvarianten fixiert 10 , woraus hervorgeht, dass der Beiname des Autors „Periegetes“ ungefähr im 13. Jh. das Wort Periegese aus der Benennung seines Werkes verdrängt hat.

Ἡ περιήγησις bedeutet traditionell eine Art geographischer Beschreibung, die „mit dem Gestus des Fremdenführers bestimmte Orte und ihre Geschichte“ beschreibt, d. h. die

geographische Komponente ist dabei untrennbar mit der historischen verknüpft 11 . Die erhaltenen Fragmente der griechischen, meistens hellenistischen, Periegeten lassen einige solchen Werken gemeinsame Züge bestimmen: z. B. topographische Hinweise (wie

„an dem Fluss/

“ u. ä.), die Beschreibung geographischer Objekte begleitende

Erklärungen, lokale Mythen 12 . In Bezug auf das Gedicht des Dionysios ist aber die Benennung Periegese breiter zu verstehen als nur die Gesamtheit der Züge einer periegetischen Beschreibung. Im Fall des dionyseïschen Werkes schließt der Titel Periegese auch Elemente der deskriptiven Geographie (Charakterisierung von Ländern und Örtlichkeiten), des Periplus (Beschreibung einer Meeresküste, wie sie sich bei einer Umsegelung darbietet) und sogar – zu einem niedrigeren Grad – der mathematischen Erdbeschreibungen ein.

dem Berg/ der Stadt

„nordwärts/ südwärts / westwärts/ ostwärts von

“,

„rechts/ links von

“,

Das Lexem ἡ Οἰκουµένη (sc. γῆ) „die Oikumene, die <bewohnte> Welt“ kommt im Text des Dionysios nie vor; es findet sich nur im Titel, was sogar eine spätere und nichtautorisierte Erfindung des Gedichttitels vermuten lässt. Die Vermeidung des Wortes

6 Editionen des Textes: GGM II, 177–189; VAN DE WOESTIJNE (1961).

7 Editionen des Textes: GGM II, 190–199; VAN DE WOESTIJNE (1952).

8 TSAVARI (1990²).

9 Die vier Handschriften sind: A = Paris. Suppl. gr. 388 (10. Jh.), B = Paris. gr. 2771 (10.-11.

Jh.), W¹ = Guelferb. Gud. gr. 46 (11. Jh.), E = Paris. gr. 2852 (13. Jh.) (TSAVARI (1990²) 32–

33.

10 Βίβλος ∆ιονυσίου τοῦ Περιηγητοῦ (13./ 14. Jh.) und Βιβλίου ὁ Περιηγητής (13./ 14. Jh.),

∆ιονυσίου περὶ Γεωγραφίας (1300), ∆ιονυσίου Ἀλεξανδρέως Κόσµου Περιήγησις (14. Jh.), ∆ιονυσίου τοῦ Περιηγητοῦ (14. Jh.), Ἀρχὴ σὺν Θεῶ τῶν τοῦ Περιηγητοῦ ∆ιηγήσεων (14. Jh.), ∆ιονύσιος Περιηγητὴς Γεωγράφος (14. Jh.), Ἀρχὴ ∆ιονυσίου τοῦ Περιηγητοῦ (14. Jh.).

11 KORENJAK (2003) 15.

12 S. u.a.: SCHNAYDER (1950); MARCOTTE (2002) LXII–LXIV.

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Teil I. Kap. 1. Das Werk: Titel, Inhalt, Autorschaft

Οἰκουµένη im dionyseïschen Text kann jedoch damit erklärt werden, dass das Lexem zur Prosa gehört 13 – in einen Hexameter passt das Wort nicht. In der Erdbeschreibung benutzt Dionysios für die Benennung der Oikumene als Erdfläche bzw. bewohnter Landmasse die poetischen Lexeme χθών („Land, Landmasse“) und γαῖα („Land“); dies zeigt seine Orientierung auf die epische Tradition und betont sein Hauptinteresse, das geographische Material in eine dichterische Form zu kleiden. Wenn die Wörter χθών/ γαῖα im Kontext des dionyseïschen Gedichts als Äquivalente der οἰκουµένη betrachtet werden können, kann man auch sagen, dass die Lexeme χθών/ γαῖα neben ihrer traditionellen Bedeutung „Land, Erde“ im Text der Erdbeschreibung einen zusätzlichen Sinn bekommen, und zwar an bestimmten Stellen als „Oikumene“ zu verstehen sind (vgl. vv. 1, 4, 41); die Wörter wurden bereits von Eustathios von Thessaloniki in seinem Kommentar der dionyseïschen Periegese gleichgesetzt 14 . Wenn man die Gestalt der ganzen Oikumene nach Dionysios’ Vorstellungen betrachtet, kann man sehen, dass sie zwei Aspekte einschließt – einen geographischen und einen politischen. Geographisch ist die Oikumene nach Dionysios eine Insel in der Form einer Schleuder, durch den Weltmeer-Ozean umgekränzt und in drei Erdteile gegliedert; dabei umfasst sie sowohl bewohnte als auch unbewohnte (vgl. vv. 39, 759) Gebiete. Politisch bedeutet Oikumene soviel wie Wohnplatz der Menschheit; die Antithese „zivilisierte – unzivilisierte“ Welt wird von Dionysios nur im rhetorischen Rahmen durchgeführt, nicht aber so streng betont, da er die ganze Oikumene als Herrschaftsgebiet des Römischen Reiches beschreibt und auch barbarische Stämme dazuzählt.

1.2 Inhalt

Das Werk des Dionysios Periegetes ist das am besten erhaltene antike geographische Lehrgedicht 15 . In 1186 Hexametern findet sich die Beschreibung des Ozeans, der drei Kontinente (Libyen = Afrika, Europa, Asien) und der Inseln 16 . Die „Kürze“ wurde zum Zeichen der poetischen Spitzenprodukte bereits in der Buchkultur des Hellenismus, war „das Resultat einer stilisierten Verfeinerung“ 17 . Der knappe Umfang des dionyseïschen Werkes

13 Nachweisbar findet es sich erstmals bei Herodot: Αἱ δ' ἐσχατιαί κως τῆς οἰκεοµένης τὰ κάλλιστα ἔλαχον (III 106), vgl.: ἡ Αἰθιοπίη χώρη ἐσχάτη τῶν οἰκεοµένων (Herod. III 114), als ein bewohnter Teil der Erde im Gegensatz zu einem unbewohnten. Mehr zum Begriff „Oikumene“ in der antiken Literatur findet sich im ausführlichen RE-Artikel von GISINGER, F. (1937²) 2123–2174.

14 S. Eust. ad Dion. Per. 1, 4, 19, 39, 45, 58, 175, 327, 384, 666, 718, 1143, wo Eustathios das Wort οἰκουµένη in Bezug auf verschiedene Abschnitte aus dem dionyseïschen Text benutzt.

15 BRODERSEN (1994) 5; SCHINDLER (2000) 173. 16 Die Verse 118 und 917 erscheinen nicht in den lateinischen Übersetzungen des dionyseïschen Textes von Avienus und Priscianus, so dass die beiden Verse von den meisten Forschern als unecht betrachtet werden (LEUE (1884), MÜLLER (1861), TSAVARI (1990²), FRUHWIRTH (1990), RASCHIERI (2004), AMATO (2005); noch dazu gibt es in Vers 919 von unbekannten Umfang. So gehen die meisten Ausgaben der Periegese von ihrem Umfang in 1186 Versen aus (G. KNAAK hingegen spricht von 1185 (1187) Hexametern, ebenso wie P. COUNILLON (1985); CHR. JACOB nennt 1187 Verse). Dazu s. z. B.: FRUHWIRTH (1990) 3–4.

17 HOSE (2008), hier 295.

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Teil I. Kap. 1. Das Werk: Titel, Inhalt, Autorschaft

erklärt sich außerdem auch aus dem Regelwerk, nach dem solche didaktischen Gedichte traditionell zusammengestellt wurden (vgl. die von Hesiod, Arat, Nikander). Die Länge eines didaktischen Werkes war damals auch von der Länge einer Papyrusrolle abhängig, auf der nur für ca. 1000–2000 Verse Platz war 18 . Außerdem ist zu vermuten, dass Dionysios sein Gedicht nicht lang werden lässt, weil er mehrere Quellen verkürzt bearbeitet 19 . In diesem Zusammenhang zieht das von Dionysios im Epilog erwähnte Verb ἐπέδραµον (aor. von ἐπιτρέχω) „ich habe flüchtig erwähnt“ die Aufmerksamkeit auf sich, womit der Dichter die gedrängte Kürze seines Erzählens im Rahmen des „brevity topos“ 20 einer dichterischen Periegesis betont: ἤδη γὰρ πάσης µὲν ἐπέδραµον οἶδµα θαλάσσης, / ἤδη δ' ἠπείρων σκολιὸν πόρον, „Denn schon habe ich den Wogenschwall des gesamten Meeres, schon den krummen Verlauf der Erdteile flüchtig erwähnt“ (vv. 1184–1185). Der Inhalt der Periegese des Dionysios kann man in einer Tabelle zusammenfassen; der folgende Gliederungsvorschlag soll nicht mehr als eine Orientierungshilfe für den Leser sein:

vv. 1–26: Prolog 21 vv. 1–3: Ankündigung des Lehrgedichtsthemas (d. h. Geo- und Ethnographie) vv. 3–9: Die schleuderförmige Landmasse (als Insel im Ozean), geteilt in drei Kontinente – Libyen, Europa und Asien vv. 10–25: Eine kurze Beschreibung der Grenzen zwischen den drei Kontinenten v. 26: Rekapitulation

vv. 27–169: Der Ozean vv. 27–40: Der Ozean und die Namen seiner vier Teile vv. 41–42: Rekapitulation vv. 43–55: Vier Ozeangolfe (d. h. innere Meere) vv. 56–57: Rekapitulation vv. 58–168: Das Mittelmeer als der größte Ozeansgolf und seine Teile vv. 58–61: Ankündigung des Themas „Mittelmeer“ vv. 62–63: Der erste Musenanruf v. 169: Rekapitulation

vv. 170–1165: Die Landmasse (d. h. die drei Kontinente und die Inseln)

18 VAN SICKLE (1980) 8. 19 Zur Periegese als didaktischem Werk, sowie zu den literarischen und historisch- geographischen Quellen des Dionysios s. mehr unten: Teil I. Kap. 2. Das Weltbild des Dionysios Periegetes (Die Quellenfrage); Teil I. Kap. 3. Gattungsaspekte (Die Erdbeschreibung des Dionysios als didaktisches Werk); sowie Teil I. Kap. 4. Die poetische Technik des Dionysios Periegetes (Intertextualität).

20 HUNTER (2004) 219.

21 Mehr zur Frage, wie viele Verse im Gedicht des Dionysios zum Prolog zu zählen sind, in Teil I. Kap. 3. Gattungsaspekte (Die Erdbeschreibung des Dionysios als didaktisches Werk).

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Teil I. Kap. 1. Das Werk: Titel, Inhalt, Autorschaft

v. 170: Ankündigung des Themas „Landmasse“ vv. 170–173: Das erste Ansprechen des Lesers vv. 174–269: Beschreibung Libyens vv. 174–183: Die Umrisse Libyens vv. 184–220: Völker und Stämme Libyens vv. 221–231: Der Nil vv. 232–260: Ägypten vv. 261–269: Rekapitulation

vv. 270–446: Beschreibung Europas vv. 270–280: Die Umrisse Europas

v.

270: Ankündigung des Themas „Europa“

vv. 270–280: Das zweite Ansprechen des Lesers vv. 281–297: Völker und Stämme West- und Nordeuropas vv. 298–330: Der Istros vv. 302–320: Völker und Stämme nördlich des Istros

v.

320: Rekapitulation

vv. 321–330: Völker und Stämme südlich des Istros

v.

330: Rekapitulation

vv. 331–446: Die drei Halbinseln Südeuropas (Iberien, Italien, Hellas)

v.

331: Ankündigung

vv. 331–333: Allgemeine Beschreibung vv. 334–338: Iberien

vv. 339–382: Die Umrisse und Völker Italiens

v.

345: Ankündigung „Völker Italiens“

v.

383: Rekapitulation

vv. 384–399: Die Länder zwischen Italien und Hellas (Libyrnien, Illyrien,

Thrakien, Orikien) vv. 400–446: Die Umrisse und Völker von Hellas (mit der Peloponnes)

vv. 447–619: Beschreibung der Inseln

vv. 447–449: Der zweite Musenanruf (Ankündigung des Themas „Inseln“) vv. 450–553: Inseln im Mittelmeer (d. h. im inneren Meer)

v.

554: Rekapitulation

vv. 555–611: Inseln im Ozean (d. h. im äußeren Meer) vv. 555–557: Ankündigung „Inseln im Ozean“

 

vv. 612–619: Rekapitulation

vv. 620–1165: Beschreibung Asiens vv. 620–649: Die Umrisse Asiens vv. 636–649: Der Tauros (als Grenze zwischen Nord- und Südasien) vv. 650–651: Der dritte Musenanruf (Ankündigung des Themas „Asien“)

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Teil I. Kap. 1. Das Werk: Titel, Inhalt, Autorschaft

vv. 652–705: Völker und Stämme an der nord-östlichen Küste des Pontos (vom Tanais bis zum Phasis) vv. 660–678: Der Tanais vv. 666–678: Exkurs über den skytischen Winter

v.

679: Rekapitulation

vv. 691–694: Der Phasis vv. 695–705: Die kaukasische Landenge (zwischen dem Pontos und dem Kaspischen Meer) vv. 706–725: Das Kaspische Meer vv. 707–717: Selbstaussage des Dichters (Einführung zum Thema „Kaspisches Meer“) vv. 718–725: Die Umrisse des Kaspischen Meeres vv. 726–760: Völker und Stämme rings ums Kaspische Meer und östlich davon

v.

726: Ankündigung

v.

761: Rekapitulation

vv. 762–796: Völker und Stämme am Südpontos vv. 762–764: Ankündigung vv. 797–798: Rekapitulation vv. 799–880: Beschreibung Kleinasiens

v.

799–802: Ankündigung

vv. 881–1165: Beschreibung Südasiens vv. 881–886: Das dritte Ansprechen des Lesers (Ankündigung des Themas „Südasien“) vv. 887–896: Die Umrisse Südasiens vv. 897–923: Koilesyrien, Syrien vv. 924–926: Arabischer Golf vv. 923–959: Arabia Felix vv. 933–934: Ankündigung vv. 960–961: Rekapitulation vv. 962–969: Exkurs über die Eremben vv. 970–975: Assyrien; Armenien vv. 976–1013: Mesopotamien (Euphrat, Tigris, Babylon) vv. 1014–1052: Gebiete nord-östlich von Mesopotamien; Medien; Parthien vv. 1053–1079: Persien vv. 1053–1055: Ankündigung vv. 1080–1106: Gebiete und Völker westlich des Indus (von Karmanien bis zum Indus) v. 1080: Ankündigung vv. 1088–1093: Der Indus vv. 1107–1165: Indien vv. 1128–1129: Ankündigung

vv. 1166–1186: Epilog

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Teil I. Kap. 1. Das Werk: Titel, Inhalt, Autorschaft

In den ersten Versen seines Werkes kündigt Dionysios sein Lehrgedichtsthema an, und zwar die Beschreibung der Erde mit ihren Flüssen, Städten, Völkern sowie des sie umfließenden Ozeans 22 ; so werden die Hauptobjekte seiner Beschreibung (d. h. Geo- und Ethnographie) bereits in den ersten drei Versen aufgezählt. Dionysios teilt mit, dass das ganze Land als eine Insel im Ozean liegt und der Form nach einer Schleuder (d. h. einem rautenförmigen oder elliptischen Tuch) gleicht (vv. 3–7); die Landmasse wird in drei Kontinente aufgeteilt – Libyen (= Afrika), Europa und Asien 23 , Dionysios markiert kurz ihre Grenzen im Wasser und im Land (vv. 7–26) 24 . Dann folgt die Aufzählung des westlichen, nördlichen, östlichen und südlichen Ozeansteils und der mit dem Ozean verbundenen Golfe, d. h. der inneren Meere 25 . In diesem Abschnitt über den Ozean wird zum ersten Mal eine katalogartige Beschreibung eingeführt, die für das Werk des Dionysios Periegetes kennzeichnend ist 26 .

Von der allgemeinen Beschreibung des Ozeans und seiner Meeresbusen kommt Dionysios zur detaillierten Betrachtung des Mittelmeeres, des größten der Ozeangolfe (vv. 58–169); der Mittelmeerbeschreibung geht ein Musenanruf voran (vv. 62–63) 27 . Während Dionysios sich gedanklich von den Herakles-Säulen – von West nach Ost – der Mittelmeerküste entlang bewegt, zählt er die es bildenden Teile 28 sowie die darin liegenden

22 ἀρχόµενος γαῖάν τε καὶ εὐρέα πόντον ἀείδειν / καὶ ποταµοὺς πτόλιάς τε καὶ ἀνδρῶν ἄκριτα φῦλα, / µνήσοµαι Ὠκεανοῖο βαθυρρόου „Beginnend, das Land und das weite Meer zu besingen und die Flüsse und Städte und unscheidbar vielen Stämme der Menschen, werde ich den tiefströmenden Ozean erwähnen“ (Dion. Per. 1–3). Mehr zur Gestalt des Ozeans in der Periegese unten: Teil I. Kap. 2. Das Weltbild des Dionysios Periegetes (Der Ozean als Weltmeer).

23 µίαν δέ ἑ καίπερ ἐοῦσαν / ἄνθρωποι τρισσῇσιν ἐπ᾿ ἠπείροισι δάσαντο· / πρώτην µὲν Λιβύην, µετὰ δ᾿ Εὐρώπην Ἀσίην τε „wiewohl sie aber eine einzige ist, teilten die Menschen sie in drei Erdteile auf: als den ersten Libyen, hernach Europa und Asien“ (Dion. Per. 7–9). Mehr zur Oikumene und zu den Erdteilen in der Periegese unten: Teil I. Kap. 2. Das Weltbild des Dionysios Periegetes (Die Form der Landmasse und ihr Aufbau).

24 Die didaktische Richtung diktiert Dionysios, seinem Leser die Orientierung im Stoff mit abschließenden Rekapitulationen (vgl. vv. 26, 41–42, 56–57, 169, 261–269, 320, 330, 383, 554, 612–619, 679, 761, 797–798, 960–961, 1166) oder Ankündigungen eines neuen Themas (vv. 1 ff., 58, 170, 270, 331, 345, 447 ff., 555 ff., 650 f., 726, 762 ff., 799 ff., 881 ff., 933, 1053 ff., 1080, 1128 f.) zu erleichtern (EFFE (1977, 188). Mehr dazu s. unten: Teil I. Kap. 3. Gattungsaspekte (Die Erdbeschreibung des Dionysios als didaktisches Werk).

25 In seinem Lehrgedicht führt Dionysios die Beschreibungen von ethnogeographischen Objekten – der Ozeanteile, Meere, Völker und Stämme usw. – entlang imaginären „Routen“; ausführlicher zum Fachwort „Route“ und seiner Rolle im Werk des Dionysios sowie zum Ozean unten: Teil I. Kap. 2. Das Weltbild des Dionysios Periegetes (Raumerfassung).

26 Mehr zu den Katalogen im dionyseïschen Gedicht unten: Teil I. Kap. 3. Gattungsaspekte (Das Gedicht des Dionysios Periegetes und die epische Tradition).

27 Zur Funktion der Musenanrufe in der Periegese des Dionysios unten: Teil I. Kap. 3. Gattungsaspekte (Die Erdbeschreibung des Dionysios als didaktisches Werk).

28 Das Iberische, das Galatische, das Ligystische, das Tyrsenische, das Sardonische, das Sikelische, das Adriatische, das Ionische, das Pharische, das Sidonische, das Issische und das Ägäische Meer.

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Teil I. Kap. 1. Das Werk: Titel, Inhalt, Autorschaft

Inseln 29 und Kaps 30 auf, die als Orientierungspunkte auftreten und dem Leser bei der Bestimmung der Meeresgrenzen oder der Strömungsrichtungen helfen sollen. Nach Dionysios gehören zum Mittelmeer auch die Propontis (das heutige Marmarameer), der Pontos Euxinos (das heutige Schwarze Meer) und die Maiotis (das heutige Asowsche Meer), die er im Nord- Osten des Mittelmeeres platziert.

Die weitere Behandlung ist den einzelnen Kontinenten und den Inseln gewidmet, wobei Dionysios zuerst die westliche Hälfte der Oikumene (mit Libyen, Europa und den Mittelmeersinseln) und danach die östliche Hälfte der Oikumene (mit Nord- und Südasien) beschreibt; vor den Teil mit den Kontinenten stellt er das erste Ansprechen des Lesers (vv. 170–173) 31 . Zu Beginn des „Kontinenten“-Teils mit der Beschreibung Libyens (vv. 174–269) vergleicht Dionysios dessen Umrisse mit einem rechtwinkligen Trapez (v. 174) oder – in einem anderen Vers – mit einem rechtwinkligen Dreieck (v. 274); die Trapezspitze bildet Gades im Westen, die Basis ist das Arabische Meer im Osten, die Gebiete der Äthiopier und der Eremben im Süden stellen einen weiteren Winkel dar; im Zentrum Libyens liegt der Tritonische See.

Libyen
Libyen

Abb. 1: Libyens Umrisse in Form eines Trapezes oder eines rechtwinkligen Dreiecks

Weiter werden sowohl die Stämme entlang der Mittelmeerküste Libyens 32 als auch Küstentoponyme und Hydronyme aufgezählt wie Karthago, die beiden Syrten, Neapolis und Kyrene. Von Kyrene gedanklich weiterführend nennt Dionysios die Stämme in den inneren Ländern Libyens 33 und die Äthiopier an der süd-östlichen Spitze des Kontinents (vv. 184– 220). Zehn Verse widmet Dionysios der Beschreibung des Nils (vv. 221–231) und richtet danach seine Aufmerksamkeit auf Ägypten: Hierüber erzählt er in einem gesonderten Exkurs (vv. 232–260). Die Umrisse Ägyptens vergleicht Dionysios mit einem gleichseitigen Dreieck (was von der Form des Nils und seines Delta bestimmt wird) und schreibt den Ägyptern die allerersten Errungenschaften in Landwirtschaft, Haustierzüchtung und Astronomie zu; unter den Städten Ägyptens nennt er seine Heimatstadt, Alexandria, mit der gegenüber liegenden

29 Kyrnos, Sizilien, Kreta, Sporaden.

30 Pachynos, Kriumetopon, Kasion.

31 Mehr zur Funktion des Ansprechen des Lesers im dionyseïschen Gedicht unten: Teil I. Kap. 3. Gattungsaspekte (Die Erdbeschreibung des Dionysios als didaktisches Werk).

32 Die Maseisylier, die Masyleer, die Lotophagen, die Nasamonen.

33 Die Asbysten, die Marmariden, die Gätuler, die Nigreten, die Pharusier, die Garamanten, die Blemyer.

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Teil I. Kap. 1. Das Werk: Titel, Inhalt, Autorschaft

Insel Pharos, Siene sowie Theben. Die Beschreibung Libyens endet Dionysios mit der Erwähnung Pelusiums („der nach Peleus benannten Stadt“), das östlich des Nil liegt (vv. 261–

269).

Auf ähnliche Weise beschreibt Dionysios Europa (vv. 270–446) und vergleicht dabei dessen Umrisse und Größe mit Libyen (vv. 270–280); die Spitze Europas bildet eine der Herakles-Säulen (vv. 281–282, 335–336) oder das Heilige Kap, das auch „das Kopfende Europas“ genannt wird (s. v. 562). Die Basis Europas bildet der Fluss Tanais, der Europa von Asien trennt (s. vv. 14–16).

Europa Libyen
Europa
Libyen

Abb. 2: Umrisse Libyens und Europas

Mit dem Erzählen über Europa beginnt Dionysios wieder mit den westlichen Grenzen der Oikumene, wobei er sowohl die Iberer, die im Norden an die Britten und die westgermanischen Stämme grenzen, als auch die Pyrenäen und den Fluss Eridanos erwähnt. Danach bewegt er sich gedanklich weiter in östlicher Richtung, zu den Alpen (vv. 281–297), und lässt die Apenninhalbinsel und Hellas für einige Zeit außen. Dionysios überquert in seinen Gedanken den Rhein und nennt Völker und Stämme am Istros, bis an die asiatische Grenze Europas 34 . Nach diesem Abschnitt beginnt Dionysios – wieder einer „Route“ von West nach Ost folgend – die Beschreibung der Iberischen, Apennin- und Hellenischen Halbinsel, die Europa wie ein dreifacher Sockel von der Seite des Mittelmeers herabstützen (vv. 331–333). So wird Iberien zweimal beschrieben; zur vorigen Gestalt der Iberischen Halbinsel fügt Dionysios den Berg Alybe im Westen, die Stadt Tartessos im Osten und den Stamm der Kempser im Norden hinzu und markiert dabei die äußeren Grenzpunkte des Landes (vv. 334–338). Besondere

34 Die Länder nördlich des Flusses besiedeln die östlichen Germanen, die Sarmaten, die Geten, die Daken, die Bastarnen, die Alanen, die Tauren, die Agaven, die Hippemolgen, die Melanchlenen, die Neuren, die Hippopoden, die Gelonen sowie die Agathyrsen (vv. 298– 320), südlich vom Istros wohnen die Gerrher, die Noriker, die Pannonier, die Mysier sowie die Thraker (vv. 321–330). Ausführlicher zu den Stämmen und Völkern am Nordufer des Istros unten: Teil II. Kap. 8. Pontische Stämme und Völker (Die erste Route).

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Teil I. Kap. 1. Das Werk: Titel, Inhalt, Autorschaft

Aufmerksamkeit wird auf die Umrisse und auf die Bevölkerung der Apenninhalbinsel (44 Verse) und der Panhellenischen Halbinsel (46 Verse) gerichtet. Die Gestalt der Italischen Halbinsel wird durch die Apenninen bestimmt, die die ganze Halbinsel von Nord nach Süd, von den Alpen bis zur „Sikelischen Furt“ (v. 344), in der Mitte durchschneiden. Die das Land besiedelnden Völker zählt Dionysios traditionell vom nord-westlichen Punkt her auf 35 . In Hellas beschreibt Dionysios sowohl Gebiete und Völker auf der Peloponnes 36 , als auch Gebiete und Bevölkerung von Binnengriechenland 37 ; dabei erwähnt der Periegetes auf der Peloponnes meistens Flüsse 38 und im nördlichen Griechenland nennt er meistens Berge 39 (vv.

400–440).

Seine Beschreibung Europas beendet Dionysios mit der periphrastischen Erwähnung des delphischen Heiligtums des Apollo (vv. 441–446) 40 und bittet dann in einem Musenanruf um Hilfe bei der weiteren Aufzählung der Inseln (vv. 447–449). Wieder seinem Prinzip folgend beginnt Dionysios von Westen, mit der Insel Gadeira, und bewegt sich gedanklich zum Osten des Mittelmeeres 41 . Einen gesonderten Abschnitt widmet er den griechischen Inseln 42 ; es folgen die Inseln im Pontos (Leuka) und in der Maiotis (vv. 450–554). Weiter wird die Erzählung mit einer Liste der äußeren Inseln fortgesetzt, die sich in verschiedenen Ozeanteilen befinden – die Liste beginnt traditionell im Westen und kehrt im Uhrzeigersinn wieder zurück (sozusagen eine Miniatur-Ringkomposition) (vv. 555–619) 43 . Es ist bemerkenswert, dass Dionysios im ersten Teil des Gedichtes mit der Ozeanbeschreibung beginnt und danach zum Mittelmeer kommt, während er im „Insel-Abschnitt“ andersherum zuerst die Inseln im Mittelmeer und dann erst die Ozeaninseln aufzählt.

35 Die Tyrsener, die Pelasger, die Latiner, die Kampaner, die Peukenter, die Leukaner, die Brentier, die Lokrer, die Metapontier, die Sauniten, die Marser, die Iapyger, die Tergesträer. Was die Toponyme und Hydronyme Italiens betrifft, so bestehen sie außer dem Tiber, Rom, der Parthenopeia = Neapolis, den Sirenenfelsen und dem Silarosfluss aus den Namen der Magna Graecia: die Kaps Leukopetra und Zephyros, die Städte Lokroi, Kroton, Sybaris, Taras, der Fluss Aisaros sowie zwei Städte im Osten – Hyria und Tegestra (vv. 339–383). Zwischen den Italischen und Panhellenischen Halbinseln nennt Dionysios Libyrnien, die Hylleer, die Bulimer, Illyrien, die Keraunischen Berge, Thrakien und Orikien (vv. 384–399).

36 Triphylien, Asea, die Eleier, die Amykläer, die Apidaneischen Arkader, die Argeier, die Lakonen.

37 Attika, die Böoter, Lokris, Thessalien, Makedonien, Dodona, die Ätolier, die Kephallenier, Phokis.

38 Den Alpheios, den Eurotas, den Melas, den Kraphis, den Iaon, den Ladon sowie den Berg Erymanthos.

39 Den Haimos, den Arakynthos, die Thermopylen, den Parnasos sowie die Flüsse – den Ilissos, den Acheloos und den Kephisos. 40 Zur Beschreibung des Apollo-Heiligtums s. auch Teil I. Kap. 5. Mythologische Vergangenheit im Werk des Dionysios Periegetes (Götter).

41 Über die Gymnesischen Inseln, Busos, Sardo = Sardinien, Kyrnos, Korsis, die Aiolos- Inseln, Trinakrien, die Inseln in beiden Syrten und im Adriatischen Meer, Kypros, Rhodos.

42 Die Kykladen, die Sporaden, die Ionischen Inseln.

43 Erytheia, die Hesperischen Inseln, die Bretanischen Inseln, Thule, Chryse, Taprobane, Ogyris, Ikaros.

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Teil I. Kap. 1. Das Werk: Titel, Inhalt, Autorschaft

Am Anfang des Asienabschnitts vergleicht Dionysios die Umrisse Asiens mit einem Konus, der der Gestalt der beiden Kontinente, Libyens und Europas, entspricht, nur etwas kleiner. Nach Dionysios läuft die Grenze zwischen Europa und Libyen durch das Mittelmeer, während das von West nach Ost ausgedehnte Gebirge Tauros die Grenze zwischen den nördlichen und südlichen Teilen Asiens bildet. Während sich am äußersten westlichen Punkt der Oikumene die Herakles-Säulen befinden, stehen im äußersten Osten der bewohnten Erde die Dionysos-Säulen. Vor die Beschreibung Asiens stellt er die gesamte Kontinentansicht aus der Vogelperspektive (vv. 620–649).

Europa
Europa
Libyen
Libyen
N.Asien Tauros S.Asien
N.Asien
Tauros
S.Asien

Abb. 3. Die Umrisse Libyens, Europas und Asiens in Form zweier gleichschenkliger Dreiecke

Die präzise Beschreibung Asiens fängt mit einem Musenanruf an (vv. 650–651). Dem Beschreibungsprinzip „von West nach Ost“ folgend beginnt Dionysios seine Erzählung über den nördlichen Teil Asiens mit der im Schwarzmeergebiet liegenden Maiotis und dem Tanais, geht dann der östlichen Pontosküste entlang und zählt dabei die dort wohnenden Völker und Stämme auf (vv. 652–705) 44 . Dann biegt Dionysios ostwärts ab (statt hier mit der Beschreibung des südlichen Pontos zu beginnen, wie man erwarten würde). Er geht den Umrissen des Kaspischen Meeres nach (vv. 718–725) und zählt die Stämme in seiner Nähe auf (vv. 726–734) 45 ; diesen Abschnitt ergänzt Dionysios mit einer Selbstaussage (vv. 707– 717). Weiter verfolgt Periegetes in östlicher Richtung die Flüsse Mardos, Araxos, Iaxartos und die hier wohnenden Stämme 46 und erreicht so die Ostgrenzen des nördlichen Asiens, Siedlungsgebiet der Serer (vv. 735–761).

44 Die Maioten, die Sauromaten, die Sinder, die Kimmerier, die Kerketer, die Toreter, die Achaier, die Heniocher, die Zyger, die Tindariden, die Kolcher, die kaukasischen Iberer sowie die Kamariter. Ausführlicher zur dionyseïschen Beschreibung der Maiotis und der nord- östlichen (kaukasischen) Küste des Pontos s. unten: Teil II. Kap. 8. Pontische Völker und Stämme (Die zweite Route). 45 Die Skythen, die Thyner, die Kaspier, die Albaner, die Kadusier, die Marder, die Hyrkanier, die Tapyrer, die Derkebier und die Baktrer.

46 Die Massageten, die Chorasmier, die Saker, die Tocharer sowie die Phrunen.

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Teil I. Kap. 1. Das Werk: Titel, Inhalt, Autorschaft

Danach kehrt Dionysios zur vorher unterbrochenen Beschreibung des Euxinischen Pontos zurück und benennt im Uhrzeigersinn die Völker an seiner südlichen Küste (vv. 762– 798) 47 . Die Beschreibung des nördlichen Teils Asiens endet mit einem ausführlichen Bericht über Kleinasien: über die hier wohnenden Völker 48 , über seine Länder 49 , Städte 50 , Flüsse 51 und Bergspitzen 52 (vv. 799–880). Vor dem Abschnitt über den südlichen Teil Asiens spricht er den Leser nochmals direkt an (vv. 881–886), danach erzählt er weiter von der Mittelmeerküste – über Koilesyrien (mit den Bergspitzen Kasion und Libanos an seinen Grenzen und einem Katalog von 12 Städten) und Arabia Felix (ihren Einwohnern stellt Dionysios die benachbarten armen Eremben gegenüber) in die östliche Richtung, über das „andere Syrien“ (das die Kappadoken im Binnenland und die Assyrier an der Meeresküste besiedeln), Mesopotamien 53 , über die benachbarten Länder 54 , danach die Kaspische Pforte und das reiche Persien (mit den Flüssen Koros und Choaspes), über die benachbarten Stämme 55 sowie die Indien besiedelnden Völker 56 und ihre Flüsse 57 (vv. 897–1151). Die Beschreibung des südlichen Asiens und Indiens beendet Periegetes mit einer kurzen Geschichte vom Sieg des Dionysos-Bacchos über die indischen Stämme, wonach an den östlichen Grenzen der Oikumene die Dionysos-Säulen aufgestellt wurden (vv. 1152–1165). Im Epilog des geographischen Lehrgedichts erklärt Dionysios die Vielfältigkeit der Länder, Völker, Meere, Strömungen, Berge und ihrer Besonderheiten durch den Schaffenswillen des großen Zeus und anderer Götter (vv. 1166–1186) 58 . Indem Dionysios damit zu den im Prolog angekündeten Themen zurückkehrt, endet er sein Werk mit einer schönen Ringkomposition.

47 Die Byzerer, die Becheirer, die Makronen, die Phylirer, die Mossyniker, die Tibarener, die Chalyber, die Amazoniden, die Paphlagonen, die Mariandyner, die Bithynen. Ausführlicher zur Beschreibung der südlichen pontischen Küste bei Dionysios unten: Teil II. Kap. 8. Pontische Völker und Stämme (Die vierte Route).

48 Die Chalkidenser, die Bebryker, die Lykier, die Pamphylier, die Lykaonen, die Pisidier, die Kilikier. 49 Mysien, Kleines und Grosses Phrygien, Äolien, Ionien, Mäonien, Pamphylien, Kommagenien.

50 Ilios, Milet, Priene, Ephesos, Aspendos, Korykos, Perge, Phaselis, Telmessos, Lyrbe, Selge, Tarsos, Lyrnessos, Mallos, Anchiale, Soloi.

51 Kios, Sangarios, Xanthos, Simoeis, Maiandros, Paktolos, Kaystros, Eurymedon, Pyramos, Pinaros, Kydnos.

52 Ida, Tmolos, Kragos, Kassios. 53 Mit den Flüssen Euphrat, Teredon, Tigris, dem See Thonitis sowie dem berühmten Babylon.

54 Die Länder der Armenier, der Matiener, der Kisser, der Messabaten, der Chaloniten, der Geler, der Marder, der Atropatenier, der Meden.

55 Die Saber, die Pasargader, die Tasker, die Karmanier, die Gedroser, die Ariber, die Oreter, die Arachonten, die Satraiden, die Ariener.

56 Die Inder, Dardanier, Toxiler, Saber, Skodrer, Peukalier, Gargariden.

57 Indos, Ganges, Hydaspes, Akesines, Kophes, Hypanis und Magarsos.

58 Mehr zur Struktur des Epilogs unten: Teil I. Kap. 3. Gattungsaspekte (Die Erdbeschreibung des Dionysios als didaktisches Werk).

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Teil I. Kap. 1. Das Werk: Titel, Inhalt, Autorschaft

Es wurde deutlich, dass das dionyseïsche Werk hauptsächlich aus zahlreichen Listen verschiedener Toponyme, Hydronyme und Ethnonyme besteht, die vom Autor mit erklärenden „Übergängen“ verbunden sind. Die realen Reisewege und Ortsnamen werden von Dionysios in seiner Periegese mit den Routen der mythologischen Geographie der Argonauten und des Odysseus, des Herakles und des Dionysos vereinigt 59 . Dies alles verweist auf die Tatsache, dass Dionysios in seinem Werk stark buchwissenschaftlich und antiquarisch interessiert gewesen sein muss 60 .

1.3 Zum Problem der Attributionsgeschichte des Textes

Das geographische Gedicht des Dionysios Periegetes Erdbeschreibung enthält weder direkte Hinweise auf die Epoche, in der das Werk geschaffen wurde, noch den Namen seines Autors. Die spätantiken und mittelalterlichen Vermutungen über die Herkunft des Dionysios und über die Zeit, in der er sein Gedicht geschrieben haben könnte, sind widersprüchlich. So glaubt z. B. ein anonymer Autor der griechischen Scholien 61 sowie ein byzantinischer Biograph aus dem Codex Chisianus (14. Jh.) 62 , dass Dionysios zu Zeiten des Römischen Reiches gelebt habe. Im Lexikon von Suda finden sich die Namen von mehreren Dionysii, die zu verschiedenen Zeiten als Autoren einer Periegese galten, und zwar eines Dionysios von Korinth, eines Dionysios von Milet, eines Dionysios von Rhodos und – in einem einzelnen Artikel – eines Dionysios aus dem römischen Ägypten, der mit der berühmten alexandrinischen Bibliothek verbunden war 63 . Der Kirchenvater und Geograph des 12. Jhs.

59 Ausführlicher zu den indirekten Hinweisen des Dionysios auf seine Benutzung der literarischen Quellen und zu seinen vermutlichen Quellen unten: Teil I. Kap. 2. Das Weltbild des Dionysios (Die Quellenfrage) sowie Teil I. Kap. 4. Die poetische Technik des Dionysios Periegetes (Intertextualität). Zu Parallelen zwischen der Erdbeschreibung des Dionysios und der Argonautika des Apollonios Rhodios s. auch Teil II. Kap. 8. Pontische Völker und Stämme (Die vierte Route). 60 Mehr zur buchwissenschaftlichen und antiquarischen Richtung im 2. Jh. s. z. B.: REARDON (1971), bes. 229–231 (unter den Dichtern des 2. Jhs. erwähnt der Forscher auch den Dionysios Periegetes, analysiert sein Werk jedoch nicht). 61 ∆ιονύσιος ὁ περιηγητὴς γέγονεν υἱὸς ∆ιονυσίου (∆ίωνος et ∆ιώνου var. lect.) Ἀλεξανδρέως (υἱὸς ∆ιώνου Ἀλεξάνδρου ἢ κατά τινας ∆ιονυσίου Codex C). Γέγονε δὲ ἐπὶ τῶν τῶν Ῥωµαϊκῶν χρόνων µετὰ Αὔγουστον Καίσαρα ἢ ἐπ᾿ αὐτοῦ. [Οἱ δὲ κατὰ Νέρωνα τὸν Ῥωµαίων βασιλέα φασὶ γενέσθαι. Ἄδηλον δὲ πόθεν γέγονε καὶ τίνων γονέων. Haec addit codex Ω]. Φέρονται δὲ αὐτοῦ καὶ ἄλλα συγγράµµατα, Λιθιακά τε καὶ Ὀρνιωιακὰ καὶ Βασσαρικά· ὧν τὰ µὲν Λιθιακὰ ἐκρίθησαν ἴδια ∆ιονυσίου καὶ αὐτὰ διὰ τὴν τοῦ χαρακτῆρος ὁµοιότητα· τὰ δὲ Βασσαρικὰ διὰ τὴν τραχύτητα οὐκ ἄξια τούτου κριθέντα εἰς τὸν Σάµιον ἀνηνεχθησαν ∆ιονύσιον, τὰ δὲ Ὀρνιθιακὰ εἰς ἄλλον τινὰ Φιλαδελφέα ∆ιονύσιον (Schol. ad Dion. Per. 1–12 Müller). Τὴν δὲ Λιβύην προέταξει ὅτι Λίβυς ἦν ἢ διὰ τὸν Νεῖλον (Schol. ad Dion. Per. 23–24 Müller).

62 ∆ιονύσιος ὁ Περιηγητὴς υἱὸς µὲν ∆ιονυσίου ἦν, γένει Ἀλεξανδρεὺς ἐκ πολιτείας ἐνδόξου, τοῖς δὲ τῶν αὐτοκρατόρων ἦν χρόνοις, ὡς αὐτὸς ἐν τούτῳ τῷ ποιήµα τί φησι Ῥώµην τιµήεσσαν ἐµῶν µέγαν οἶκον ἀνάκτων (Codex Chisianus R IV 20, 1–5 Rühl).

63 1177: <∆ιονύσιος,> Κορίνθιος, ἐποποιός· Ὑποθήκας· Αἴτια ἐν βιβλίῳ α (ἐν βιβλίοις γ Eudoc.), Μετεωρολογούµενα· καὶ καταλογάδην Ὑπόµνηµα εἰς Ἡσίοδον· Οἰκουµένης

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Teil I. Kap. 1. Das Werk: Titel, Inhalt, Autorschaft

Guido von Pisa meint, der Dichter sei „Dionysios aus Ionien, der 20 Jahre als Bibliothekar in Rom gearbeitet habe“ 64 . Der byzantinische Gelehrte Eustathios von Thessaloniki (12. Jh.) nennt den Autor in seinem Kommentar zur Periegese „Libyer“ (d.h. aus Nordlibyen stammend) 65 . Erst am Ende des 19. Jahrhunderts gelang es, den Geburtsort des Dionysios und seine Autorschaft zu attribuieren und den chronologischen Rahmen seines Gedichtes zu bestimmen. Dies alles wurde aufgrund der zwei von GUSTAV LEUE im Text der Erdbeschreibung entdeckten Akrosticha (vv. 112–134 und 513–532) ermöglicht: Die zwei Akrosticha ließen den Forscher darauf schließen, dass das geographische Werk von einem Dionysios aus dem ägyptischen Alexandria stammt, der zur Regierungszeit des römischen Kaisers Hadrian (117– 138) lebte 66 . LEUES Entdeckung hat jedoch zu keiner endgültigen Lösung der Autorschaftsfragen geführt – nach seinen Veröffentlichungen erschien eine ganze Menge von Publikationen zu diesem Thema und das bis heute noch 67 . Die Forscher diskutieren weiter über die Glaubwürdigkeit und Interpretation der Daten beider Akrosticha.

1.3.1 Zum Gebrauch von Akrosticha in den antiken dichterischen Texten

Indem Dionysios die Daten über sich selbst in den Akrosticha verschlüsselt, schließt er sich einer langen Tradition des literarischen Spiels zwischen Autor und aufmerksamen Lesern an. Man pflegt zu glauben, die Quellen des Akrostichons lägen in der nahöstlichen Dichtung;

περιήγησιν δι᾿ ἐπῶν. ταῦτα δὲ εὗρον καὶ ἐν ∆ιονυσίῳ τῷ τὰ Λιθιακὰ γράψαντι· πότερος οὖν αὐτῶν οὐκ οἶδα.

∆ 1180: <∆ιονύσιος,> Μιλήσιος, ἱστορικός. Τὰ µετὰ ∆αρεῖον ἐν βιβλίοις ε , Περιήγησιν

οἰκουµένης· Περσικὰ Ἰάδι διαλέκτῳ· Τρωικῶν βιβλία γ · Μυθικά· Κύκλον ἱστορικὸν ἐν

βιβλίοις ζ .

1181: <∆ιονύσιος,> Μουσωνίου, Ῥόδιος ἢ Σάµιος, ἱστορικός· ἦν δὲ καὶ ἱερεὺς τοῦ ἐκεῖσε

ἱεροῦ τοῦ ἡλίου. Ἱστορίας τοπικὰς ἐν βιβλίοις , Οἰκουµένης περιήγησιν, Ἱστορίας

παιδευτικῆς βιβλία ι . ὑπολαµβάνω ὅτι ∆ιονύσιος ὁ Περιηγητὴς Βυζάντιος ἦν, διὰ τὸν ποταµὸν Ῥήβαν.

∆ 1173: <∆ιονύσιος,> Ἀλεξανδρεύς, ὁ Γλαύκου υἱός, γραµµατικός· ὅστις ἀπὸ Νέρωνος

συνῆν καὶ τοῖς µέχρι Τραϊανοῦ καὶ τῶν βιβλιοθηκῶν προὔστη καὶ ἐπὶ τῶν ἐπιστολῶν καὶ πρεσβειῶν ἐγένετο καὶ ἀποκριµάτων. ἦν δὲ καὶ διδάσκαλος Παρθενίου τοῦ γραµµατικοῦ, µαθητὴς δὲ Χαιρήµονος τοῦ φιλοσόφου, ὃν καὶ διεδέξατο ἐν Ἀλεξανδρείᾳ. Diesen Grammatikos Dionysios erwähnt in einem Artikel E. L. BOWIE (1982, 41 und 57).

64 De qua Sybari refert Iuvenalis satiricus [Sat. VI 296], latius tamen Dionisius Ionicus, qui Romae bibliothecarius per annos fuit viginti et orbem metro heroico graeco carmine descripsit: Est, inquit, magnum latibuli aggestum seductae Sybaris, incolas gementis ruentes, ob cultum Alphei oppressos (ed. PINDER–PARTHEY (1860) 466). 65 Ὁ δὲ ∆ιονύσιος Λίβυς µὲν ἱστορεῖται τὸ γένος, συγγράψαι δὲ καὶ ἄλλα βιβλία λέγεται, Λιθιακά etc. ut apud scholiastam (Eust. ad Dion. Per. epist. P. 215 Müller).

66 LEUE (1884); LEUE (1925). Später wurde von P. COUNILLON (1981, 514–522) noch ein Akrostichon in der Periegese gefunden (ΣΤΕΝΗ, vv. 307–311), das aber keine neue Information zur Datierung des Werkes bringt.

67 S., z. B., Artikel von WACHSMUTH (1889); NAUCK (1889); KLOTZ (1909); JACOB (1984); JACOB (1991); WHITE (2001) oder STOCK (2002), der das Werk auf ca. 300 n. Chr. datiert.

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Teil I. Kap. 1. Das Werk: Titel, Inhalt, Autorschaft

nachdem das Akrostichon sich aus akkadischen Zauberspruchgebeten, biblischen Klagen Jeremias und Sprüchen Salomos entwickelt hatte, bekam es in der Antike – hauptsächlich schon zu hellenistischer Zeit – neben wortspielerischen noch zusätzliche Funktionen 68 . Das den Forschern vorliegende antike Material lässt jedoch den Schluss zu, dass sich das Akrostichon im archaischen und klassischen Griechenland unabhängig von der nahöstlichen Tradition ausbreitete und seine Blütezeit in dichterischer Form im Hellenismus erreichte 69 . Betonung, Rhythmus, Reim und andere poetische Mittel wirken natürlich auf das Gehör ein, während der Gebrauch eines Akrostichons vor allem auf eine visuelle Wahrnehmung zielt und zudem an einen gebildeten Leser ganz besondere Anforderungen stellt 70 . Wenn man ein – wahrscheinlich 71 – zufälliges Akrostichon von Homer (ΛΕΥΚΗ: Il. XXIV 1–5) außer Acht lässt 72 , dann findet sich eines der ältesten Beispiele in Papyrusfragmenten des Chairemon (Ende des 5. Jhs. v. Chr.), in dem das Akrostichon den Namen des Autors bildet (ΧΑΙΡΗΜ-: F 14 b Snell). Danach finden sich die Akrosticha des Philostephanos, eines gelehrten Dichters zur Zeit des Kallimachos (3. Jh. v. Chr.) 73 , die des Arat von Soloi (3. Jh. v. Chr.), der das astronomische System des Eudoxos von Knidos dargelegt und darin Mythen über Sternzeichen verwendet (ΛΕΠΤΗ: Phaen. 783–787) 74 . Überdies sind die Akrosticha eines jüngeren Zeitgenossen von Arat bekannt, des Nikander von Kolophon (3.–2. Jh. v. Chr.), in dessen beiden Gedichten E. LOBEL den Autornamen gefunden hat (ΝΙΚΑΝ∆ΡΟΣ: Ther. 345–353 und σΙΚκΝ∆ΡΟΣ: Alex. 266–274) 75 . Es gibt auch ein Akrostichon im jambischen Proömium zu einem dem Eudoxos zugeschriebenen astronomischen Traktat des 2. Jh. v. Chr. (ΕΥ∆ΟΞΟΥ ΤΕΧΝΗ: F 137 Lasserre) 76 , und schließlich gibt noch eines im geographischen Gedicht des Dionysios, Sohnes des Kalliphon (1. Jh. v. Chr.), in dem die Buchstaben der ersten 23 Proömiumverse den Namen des Autors bilden (∆ΙΟΝΥΣΙΟΥ ΤΟΥ ΚΑΛΛΙΦΩΝΤΟΣ) 77 .

68 Zum Problem der Akrosticha in der Antike s.: GRAF (1893); VOGT (1966); COURTNEY (1990); BRAND (1992).

69 KAZANSKI (1997) 131–145.

70 Vgl.: […] tum vero ea quae acrostichis dicitur, cum deinceps ex primis versus litteris aliquid conectitur, ut in quibusdam Ennianis Q. ENNIUS FECIT. Id certe magis est attenti animi quam furentis (Cic. De div. II 111). 71 S. dazu: KORENJAK (2009) 392–396, der auf dem Beispiel der dionyseïschen Erdbeschreibung zeigt, dass Dionysios Periegetes dieses Akrostichon bei Homer gesehen und darauf im eigenen Text gespielt hat.

72 Der zufällige Charakter dieses Akrostichons war bereits den antiken Kommentatoren des Homer offensichtlich, s. z. B.: Gell. NA XIV 6, 4; Eust. ad Hom. Il. XXIV 1–5, p. 856 (van der Valk). Andere Meinung hat aber DAMSCHEN (2004) 105, Anm. 55, der bezweifelt, dass es sich bei ΛΕΥΚΗ um eine Zufälligkeit handelt.

73 LLOYD-JONES / PARSONS (1983) 335–336 (F 691–693).

74 Eigentlich stellt das literarische Akrostichon des Arat einen anderen Typus dar: Es geht dabei nämlich nicht um eine Unterschrift des Autors, sondern um eine verschlüsselte Bedeutung; zum arateïschen Akrostichon s.: JACQUES (1960); DANIELEWICZ (2005) mit weiteren Beispielen und mehr Literatur zu den Akrosticha bei Arat.

75 LOBEL (1928).

76 PAGE (1950) 467–469.

77 Die neueste kritische Ausgabe des Textes s.: MARCOTTE (1990).

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Teil I. Kap. 1. Das Werk: Titel, Inhalt, Autorschaft

1.3.2 Das erste Akrostichon in der Periegese des Dionysios

οιαὶ δ' ἑξείης προτέρω φρίσσουσι θάλασσαι, σµαρικοῦ πνοιῇσιν ἐλαυνόµεναι βορέαο, ρθὸν φυσιόωντος, ἐπεὶ κατεναντία κεῖται· Ναῦται δὲ πρώτην Φαρίην ἅλα κικλήσκουσιν, στατον ἐς πρηῶνα τιταινοµένην Κασίοιο Σιδονίην δ' ἑτέρην, ὅθι τείνεται ἐς µυχὰ γαίης <Ἰσσοῦ ἄχρι πτόλιος, Κιλίκων χώρην παραµείβων,> σσικὸς ἑλκόµενος βορέην ἔπι πόντος ἀπείρων, Οὐ µὲν πολλὸν ἄνευθεν ἰσόδροµος· ἄγχι γὰρ ἤδη σπληγι δνοφερῇ Κιλίκων ἀποπαύεται αἴης· Τῆµος ἐπὶ ζέφυρον στρεπτὴν ἐπερεύγεται ἅλµην. ς δὲ δράκων βλοσυρωπὸς ἑλίσσεται, ἀγκύλος ἕρπων, Νωθής, τῷ δ' ὑπὸ πᾶσα βαρύνεται οὔρεος ἄκρη ρχοµένῳ· τὼς κεῖνος ἑλίσσεται εἰν ἁλὶ κόλπος, Νήχυτος, ἔνθα καὶ ἔνθα βαρυνόµενος προχοῇσιν. Τοῦ µὲν ἐπὶ προχοῇς Παµφύλιοι ἀµφινέµονται, σσον ἐπιπροβέβηκε Χελιδονίων ἐπὶ νήσων· Σῆµα δ' ἔχει ζεφύρου Παταρηΐδα τηλόθεν ἄκρην. Φράζεο δ', ἐκ κείνου τετραµµένος αὖτις ἐπ' ἄρκτοις, Αἰγαίου πόντοιο πλατὺν ῥόον, ἔνθα τε κῦµα ησσόµενον νήσοισι περιβρέµεται Σποράδεσσιν· Οὐ γάρ τις κείνῳ ἐναλίγκια κύµατ' ὀφέλλει, ψόθι µορµύρων, ἕτερος πόρος ἀµφιτρίτης

„Anschließend aber im Voranschreiten sind zwei Meere ruppig und rauh, getrieben von den Böen des Ismarischen Boreas, des geradewegs auf sie zuschnaubenden, da sie ihm gegenüber liegen:

Seeleute rufen die erste Pharische Salzflut, die sich zum äußersten Vorsprung des Kasion spannt; Sidonische das andere, sich erstreckend in die innersten Winkel des Landes hinein – bis zur Stadt Issos, an der Kilikier Land entlang – der unendliche Issische Golf, sich hinziehend nach Norden, – nicht allerdings weit fort gleichlaufend: denn nahe schon bremst er sich vor dem Land der Kilikier in einer dunklen Kehre; alsdann speit er die dem Zephyros zugekehrte Salzflut hin. Wie ein grimmig blickender Drache sich windet, gekrümmt kriechend, träg, doch unter ihm die ganze Bergesspitze beschwerend, wenn er einherzieht, so windet sich jener Golf in der Salzflut, weit ausgegossen, hier und da von Flutmassen beschwert. An dessen Flut nun siedeln ringsum die Pamphylier – soweit, bis er an die Schlupfwinkel der Schwalbeninseln vorgerückt ist; Grenzmal des Westens aber ist ihm die ferne Landspitze Patara. Doch merke auf, von jenem aus wiederum zum Bärengestirn gewandt, den breiten Pfad des Ägäischen Meeres, wo die Woge, sich brechend, die Inseln der Sporaden rings umtost;

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Teil I. Kap. 1. Das Werk: Titel, Inhalt, Autorschaft

denn keiner türmt jenem vergleichbare Wogen empor, hoch oben brausend, - kein anderer Pfad des Meeres!“ (Dion. Per. 112–134).

Also lautet das erste von G. LEUE in der Periegese entdeckte Akrostichon folgendermaßen:

∆ΙΟΝΥΣ[Ι]ΙΟΥ ΤΩΝ ΕΝΤΟΣ ΦΑΡΟΥ ”<ein Werk> des Dionysios <unter den> auf dieser Seite von Pharos <wohnenden>“. Daraus kann man schließen, dass der Autor des Werkes Dionysios hieß und sein geographisches Gedicht im ägyptischen Alexandria schrieb. Die im ersten Akrostichon benutzte Präposition ΕΝΤΟΣ (cum gen.) ist bereits für die homerischen und hesiodeïschen Epen üblich; in der Erdbeschreibung wird die Präposition in räumlicher Bedeutung benutzt: d. h. „an dieser Seite, in den Grenzen, nebenan“ und soll auf das gegenüber Pharos liegende Alexandria hinweisen. Die Insel Pharos war mit der auf dem Festland liegenden Stadt Alexandria durch einen Damm verbunden und für die meisten Ausländer bzw. Reisenden durch ihren weltweit berühmten Leuchtturm bekannt 78 . So macht Dionysios sich durch die Erwähnung von Pharos bzw. des Leuchtturms von Pharos für alle Nicht-Ägypter bekannt und weist auf seine Herkunft aus dieser Gegend hin 79 . Seine Zugehörigkeit zu Ägypten und Alexandria möchte er ebenfalls durch die Nennung des Pharischen Meeres (Φαρίην ἅλα, v. 115) innerhalb des ersten Akrostichons nochmals betonen. So kann man sehen, dass Dionysios sich nicht auf die formale Seite (hätte er doch sein erstes Akrostichon an den Anfang des Gedichtes platzieren können) sondern auf die inhaltliche orientiert. Der Dichter hätte sich bzw. sein Werk im Akrostichon auch als ∆ΙΟΝΥΣΙΟΥ ΤΟΥ ΑΛΕΞΑΝ∆ΡΕΩΣ bezeichnen können, bevorzugt jedoch anscheinend eine angemessene und feinere Redewendung.

Der Entdecker des Akrostichons G. LEUE ergänzte das Akrostichon mit den ersten Buchstaben der vorangehenden drei Verse (ΕΜΗ ∆ΙΟΝΥΣ[Ι]ΙΟΥ ΤΩΝ ΕΝΤΟΣ ΦΑΡΟΥ), ἐµή („meine“, vv. 109– 111) bedeute dabei ποίησις („Schöpfung“) 80 . G. F. UNGER meinte, ἐµή sei als ἐµὴ πατρίς oder ἐµὴ πόλις zu verstehen; H. DIELS möchte das Akrostichon mit ἐστὶν ἡ βίβλος oder ἐστὶν ἡ τέχνη ergänzen 81 . A. NAUCK bevorzugte die Lesart ἔπη („Epos“) an dieser Stelle, wobei er in v. 110 seine eigene Konjektur vorschlug: πολλόν statt µακρόν, die oft von den antiken Autoren ausgetauscht wurden; er stützte sich dabei auf den Gebrauch von πολλόν bei Dionysios selbst (in vv. 147, 360,

78 Der erste und berühmteste Leuchtturm der Antike wurde in den Jahren 299–279 v. Chr. von Sostratos von Knidos auf Pharos errichtet (Strabo XVII 1 – 6 C 791–792; Plin. nat. hist. XXXVI 83 u.a.), am Anfang des 14. Jhs. n. Chr. zerstört; die Abbildungen des Leuchtturms von Pharos sind vor allem durch alexandrinische Münzen bekannt (KEES (1938) 1858–1859).

79 Einige Besonderheiten des Gedichtes zeugen ebenso von der Herkunft des Dionysios aus Alexandria: So fällt es ins Auge, dass die Beschreibung Ägyptens (des Nil-Flusses, von Syene, Theben, des Memnon-Riesen, der „makedonischen“ Stadt Alexandria u.a.) in seinem Gedicht ziemlich viel Platz einnimmt (vv. 220–259) – besonders im Vergleich zum knappen Umfang des ganzen Werkes (1186 Verse insgesamt). Dionysios schreibt Ägypten die führende Rolle in der Entwicklung der antiken Zivilisationen zu: Nach seinen Worten sei der Ackerbau eben bei den Ägyptern geboren und hätten die Ägypter die astronomische Gliederung eines landwirtschaftlichen Jahres berechnet.

80 LEUE (1884) 176. Diese Ergänzung des ersten Akrostichons verteidigt auch E. AMATO (2004, 1; 2005, 57), der seinerseits aber ἐµή als Περιήγησις interpretiert.

81 UNGER (1887) 53; DIELS (1890) 34.

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Teil I. Kap. 1. Das Werk: Titel, Inhalt, Autorschaft

398, 400) 82 . C. WACHSMUTH findet jedoch es überhaupt nicht notwendig, ἐµή / ἔπη ins Akrostichon einzuschließen, weil bereits der Genetiv ∆ΙΟΝΥΣ[Ι]ΙΟΥ für die Autorschaftsattribution reiche. Er beweist dies mit einem ähnlichen Gebrauch des Genetivs im Akrostichon eines Vorgängers unseres Dionysios, und zwar des Autors eines anderen geographischen Gedichtes, des Dionysios, Sohnes des Kalliphon: ∆ΙΟΝΥΣΙΟΥ ΤΟΥ ΚΑΛΛΙΦΩΝΤΟΣ (vv. 1–23). Die Buchstabenverbindung ἐµή / ἔπη hält WACHSMUTH für eine zufällige (ebenso wie in vv. 204–207, wo man τῆλε „weit“ lesen kann), da der Inhalt der das erste Akrostichon bildenden Verse 112–134 einen bündigen Abschnitt darstelle: Diese Passage ist einer Beschreibung der Pharos-, Sidonischen und Issischen Meeren gewidmet. Ich teile WACHSMUTHS Meinung und begrenze das erste Akrostichon der Periegese mit den Versen 112-134.

Mit seinem verschlüsselten Namen schließt sich also Dionysios Periegetes der längst vor ihm ausgestalteten poetisch-didaktischen Tradition der Autorschaftsbefestigung in Akrosticha an; dies kann sowohl auf eine Neigung des Autors zum Wortspiel als auch für ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein hinweisen, und vielleicht auch darauf, dass er viel von seinen Lesern erwartete.

1.3.3 Das zweite Akrostichon im Gedicht des Dionysios

Θηητὸς δέ τίς ἐστι βαθὺς πόρος Αἰγαίοιο, ντὸς ἔχων ἑκατέρθεν ἀπειρεσίων στίχα νήσων, σσον ἐπὶ στεινωπὸν ὕδωρ Ἀθαµαντίδος Ἕλλης, Σηστὸς ὅπῃ καὶ Ἄβυδος ἐναντίον ὅρµον ἔθεντο. Εὐρώπης δ' αἱ µὲν λαιῆς ὑπὸ νεύµατι χειρὸς ώονθ' ἑξείης, Ἀσίης δ' ἐπὶ δεξιὰ κεῖνται, Μῆκος ἐπ' ἀρκτῴοιο τιταινόµεναι βορέαο. τοι δ' Εὐρώπης µὲν Ἀβαντιὰς ἔπλετο Μάκρις Σκῦρός τ' ἠνεµόεσσα καὶ αἰπεινὴ Πεπάρηθος· νθεν καὶ Λῆµνος, κραναὸν πέδον Ἡφαίστοιο, Πέπταται, ὠγυγίη τε Θάσος, ∆ηµήτερος ἀκτή, µβρος Θρηϊκίη τε Σάµος, Κυρβάντιον ἄστυ. Αἳ δ' Ἀσίης πρώτην αἶσαν λάχον, ἀµφὶς ἐοῦσαι ῆλον ἐκυκλώσαντο, καὶ οὔνοµα Κυκλάδες εἰσί· ύσια δ' Ἀπόλλωνι χοροὺς ἀνάγουσιν ἅπασαι, σταµένου γλυκεροῦ νέον εἴαρος, εὖτ' ἐν ὄρεσσιν νθρώπων ἀπάνευθε κύει λιγύφωνος ἀηδών. Νῆσοι δ' ἑξείης Σποράδες περὶ παµφαίνουσιν, Οἷον ὅτ' ἀνεφέλοιο δι' ἠέρος εἴδεται ἄστρα, γρὰ νέφη κραιπνοῖο βιησαµένου βορέαο.

„Betrachtenswert aber ist der tiefe Pfad der Ägäis, in sich fassend zu beiden Seiten eine Zeile unendlicher Inseln, soweit bis zum engporigen Wasser der Athamastochter Helle hin,

82 NAUCK (1889) 325. LEUE hat die von NAUCK vorgeschlagene Konjektur angenommen und auf dieser Grundlage noch zusätzliche Gedanken ausgeführt, s. LEUE (1925).

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wo sich Sestos und Abydos den jeweils gegenüberliegenden Hafen anlegten. Zu Europa gehörig die einen – unter dem Wink der linken Hand tummeln sie sich der Reihe nach; die Asiens aber liegen zur Rechten, der Länge nach sich ausdehnend zum arktischen Boreas. Zu Europa, wohlan nun, gehörig war und ist die Abantische Makris – und Skyros, die windgepeitschte, und die steile Peparethos; von da aus liegt auch Lemnos, der felsige Boden des Hephaistos, ausgebreitet – und die altehrwürdige Thasos, der Demeter Kornküste, Imbros und die Thrakische Samos, die Korybantenstadt. Welche aber von Asien den ersten Anteil erlosten, rundherumliegend kreisten sie Delos sich ein – und heißen mit Namen Kykladen; als Dankesopfer führen sie allesamt dem Apollon Reigentänze auf, wenn gerade neu der süße Frühling sich einstellt, während in den Bergen abseits der Menschen die hellstimmige Nachtigall brütet. Anschließend aber leuchten klar ringsum die Sporadeninseln, wie wenn durch den wolkenlosen Luftraum Gestirne sich sehen lassen, sobald die dunstfeuchtigen Wolken der reißende Boreas in seine Gewalt gebracht hat“ (Dion. Per. 513–532).

Aus dem zweiten Akrostichon im Text der Erdbeschreibung ΘΕΟΣ ΕΡΜΗΣ ΕΠΙ Α∆ΡΙΑΝΟΥ „Gott Hermes zu Hadrian’s Zeiten“ kann man schließen, dass Dionysios von Alexandria sein Gedicht während der Regierung Kaisers Hadrian geschrieben hat, d. h. in den Jahren 117–138. Die Abschnitte mit den zwei Akrosticha zeigen rein formal eine Ähnlichkeit: Die Akrosticha sind von ähnlicher Länge – jeweils 22 und 20 Buchstaben (bzw. Verse). Die beiden Abschnitte ergänzen einander, als ob es dazwischen keinen Text gäbe: Während der erste mit der Erwähnung des Ägäischen Meeres und der darin liegenden Sporaden beendet wird (vv. 130–134), beginnt der zweite mit der Beschreibung des Ägäischen Meeres (v. 513) und der darin liegenden Inseln, die Sporaden stehen am Ende des Abschnittes (vv. 530– 532) 83 . In beiden Texten finden sich zwei Gleichnisse (der Vergleich eines Meeresstroms mit einer sich windenden Schlange, vv. 123–126, und der Sporadischen Inseln mit den am unbewölkten Himmel strahlenden Sterne, vv. 530–532), die auf die homerische Tradition zurückgehen 84 . Dies zeugt nicht nur von einer feinen poetischen Technik des Dionysios, sondern auch von einer betonten innerlichen Verbindung der beiden Abschnitte, die so für einen aufmerksamen Leser die Stellung der Akrosticha im Text gut markiert. Die Forschung ist geteilter Meinung:

(1) das Entstehungsdatum der Periegese: In welcher genauen Zeitperiode von Hadrians Regierung wurde das dionyseïsche Gedichte geschrieben? (2) die Rolle des Gottes Hermes, der im zweiten Akrostichon erwähnt wird. So bestimmt U. BERNAYS ein genaues Datum der Abfassung, und zwar das Jahr 123/124 (oder kurz danach); der Forscher erklärt dies mit einer neuen Ära der Zeitrechnung, die auf

83 Bereits P. COUNILLON (1981, 518–519) hat bemerkt, dass in den beiden Abschnitten das Ägäische Meer erwähnt ist: Der Forscher sieht dabei einen versteckten Hinweis des Dionysios auf die Verbindung der zwei Akrosticha, die „zu beiden Seiten“ (ἑκάτερθεν, v. 514) das Ägäische Meer enthält.

84 Mehr dazu unten: Teil I. Kap. 4. Die poetische Technik des Dionysios Periegetes (Epische Elemente).

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der im Abschnitt mit dem zweiten Akrostichon erwähnten Insel Samothrake (v. 524) nach dem Besuch des Kaisers Hadrian in der zweiten Hälfte des Jahres 123 eingeführt wurde 85 . Weniger präzis sind die anderen Meinungen: Es ist bekannt, dass Hadrian bald nach seiner Proklamation zum Kaiser Grund hatte das Ende des römischen Krieges mit Parthien zu feiern, den sein Vorgänger, Kaiser Trajan, begonnen hatte 86 . Dionysios sagt in seinem Gedicht über die Parther, dass sie durch „die Lanzenspitze des Ausonischen Königs“ gezähmt wurden (v. 1052), was vielleicht auf diese Situation nach dem römischen Sieg hinweist. Gleichzeitig teilt Dionysios aber nichts über den Ägypten-Besuch von Hadrian im Jahre 130 mit, als der Kaiser – unter anderem – den im Gedicht des Dionysios erwähnten Memnon- Riesen (v. 249) besichtigte; dies liegt den Schlussfolgerungen des G. KNAACK zugrunde, der nämlich das Jahr 130 als terminus ante quem der Periegese bezeichnet und das Gedicht in die Anfangszeit der Regierung des Kaisers Hadrian datiert (vor dem Jahr 130) 87 . Wieder anderes, verbindet P. COUNILLON die präzisierte Datierung des Werkes mit dem im Akrostichon erwähnten Hermes, und zwar mit Hadrians Gründung eines religiösen Kultus des Hermes-Antinoos zu Ehren des kaiserlichen Lieblings, der im Jahre 130 bei Hermopolis im Nil ertrunken war 88 .

Die Vermutung COUNILLONS beantwortet jedoch nicht ganz die Frage, warum man die Gottheit Hermes mit Antinoos identifizieren soll. Die Entdeckung der alexandrinischen Münzen bestätigt teilweise, dass es Kaiser Hadrian war, der die Zuschreibung der Identifikation von Hermes und Antinoos vorgenommen hatte 89 , wahrscheinlich weil Hadrian während einer Nilreise gerade bei Hermopolis, einem Kultzentrum des Hermes-Toth in Ägypten, seinen Liebling Antinoos verloren hatte 90 .

85 BERNAYS (1905) 5–17; der Forscher vermutet auch, Dionysios weise durch die Erwähnung von Samothrake im Abschnitt mit dem zweiten Akrostichon darauf hin, dass er selbst Myste- Anhänger des Kabirenkultes von Samothrake war. Der Datierung von BERNAYS folgen auch GÄRTNER (1967, 73) und SOUBIRAN (1981, 30, n. 1).

86 Vgl. SHA, Vita Hadr. VI 3; s. auch: Cass. Dio LXIX 2. (vgl. die Passage über Parthien bei Dionysios: ἀλλ᾿ ἔµπης κατὰ δῆριν ἀµαιµακέτους περ ἐόντας / Αὐσονίου βασιλῆος ἐπεπρήϋνεν ἀκωκή, vv. 1051–1052)

87 KNAACK (1903) 917; eine ähnliche Datierung nehmen an: GÄRTNER (1967) 73; ALSINA (1972) 149: “el año 124, durante el reinado de Adriano”; SOUBIRAN (1981) 30, n. 1: “exactement en 124, sous Hadrien”; BRODERSEN (1994) 11; BOWIE (2004) 178.

88 COUNILLON (1981) 517; vgl.: BOWIE (1990) 77; GREAVES (1994) 14–16; zum Kultus des Hermes-Antinoos s.: BEAUJEU (1955) 111–278. COUNILLONS Meinung tritt auch IS. O. TSAVARI bei, die das Gedicht des Dionysios zwischen den Jahren 130 (Todesjahr des Antinoos) und 138 (Todesjahr des Hadrian) datiert: TSAVARI (1990²) 12; TSAVARI (1990¹)

27–31.

89 Nach den numismatischen Zeugnissen der zwei Münzen aus dem Prägungsjahr 136–137, die während der archäologischen Grabungen in Alexandria gefunden wurden, hat man den verstorbenen Antinoos mit dem Kultus des Hermes-Toth verbunden, der in seiner chtonischen Gestaltung als Psychopompos aufgetreten ist. Auf der Kopfseite (Avers) der gefundenen Münzen ist Antinoos dargestellt, auf dem Revers ist er als Gottheit Hermes auf dem Pferd und mit einem κηρύκειον (caduceus) in der Hand vorgestellt. Die Abbildungen s. in: BMC Greek XII (London, 1892).

90 SHA, Vita Наdr. XIV 5–6.

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Auf ähnliche Weise datiert CHR. JACOB das dionyseïsche Gedicht, der aber das Akrostichon mit dem Namen des Hadrian im Zusammenhang mit der vom römischen Kaiser eingeführten offiziellen Ideologie sieht: Diese bestand aus einer Friedenspolitik in Bezug auf die Nachbarländer, davon resultierender „Hellenophilie“ und aus einer geschickten Handelsentwicklung mit den äußeren Regionen des Reiches, was zu Wohlstand führte. Nach JACOB galt Hermes-Mercurius, der traditionell die Rolle des Schutzherrn für Handelsreisende und Reisende spielt, im Akrostichon als die Personifizierung aller Entwicklungen unter Hadrian. Die Argumentation JACOBS führt dazu, dass die Dichtung des Dionysios nicht früher 130 datiert werden kann 91 .

Auch H. WHITE kehrt kehrt in ihrem Artikel zum Problem der Lebenszeit des Dionysios Periegetes zurück, möchte aber die übliche Datierung des dionyseïschen Lehrgedichtes radikal verändern und eine neue Interpretation des zweiten Akrostichons vorschlagen 92 . Da dieser Versuch sich so extrem von der Meinung anderer Forscher unterscheidet, möchte ich ihn hier ein bisschen ausführlicher diskutieren. WHITE versucht hierbei mit Hilfe eines Teiles der oben genannten antiken und mittelalterlichen Daten nachzuweisen, dass das Leben und Schaffen des Dionysios Periegetes auf die Regierungszeit des Kaisers Augustus oder des Tiberius zurückzudatieren seien 93 . Hierfür führt sie folgende Quellen an: (1) Zwei Stellen aus dem Gedicht des Dionysios, die auf historische Ereignisse anspielen und nach ihrer Interpretation auf die Zugehörigkeit des Werkes zur Regierungszeit des Augustus oder Tiberius hinweisen (vv. 1051–1052 über die Parther und 209– 210 über die Nasamonen); (2) Angaben aus Scholien und aus dem Kommentar des Eustathios von Thessaloniki; (3) einen Abschnitt aus der Naturalis Historia des Plinius d. Älteren (VI 31, 141), in dem WHITE den von Plinius erwähnten Dionysios irrtümlich mit dem Autor der Erdbeschreibung identifiziert und seine Lebenszeit mit der Regierungszeit des Augustus verbindet; (4) schließlich führt sie аls entscheidendes Argument zugunsten einer Revision der üblichen Datierung des Werkes des Dionysios eine neue Interpretation eines der Akrosticha an. Betrachten wir nun WHITES Hauptargumente genauer im Lichte antiker Quellen. WHITE nimmt an, dass Dionysios’ Verse vom Sieg über die Parther auf die Ereignisse des Jahres 20 v. Chr. anspielen 94 . Bekanntlich gelang es damals Tiberius im Auftrag des Augustus, vom Partherkönig Phraates IV. die Feldzeichen zurückzubekommen, die von den Parthern bereits im Jahre 53 v. Chr. während des Rüchzugs des Crassus bei Karrhai und im Jahre 35 v. Chr. von Antonius erobert worden waren. Die aus Parthien zurückgebrachten Feldzeichen wurden im Mars-

91 JACOB (1991) 52.

92 WHITE (2001) 288–290. WHITES Schlussfolgerungen wurden in einem Artikel von E. AMATO (2003) bestritten; meine kritische Argumentation kann man auch in einem russischen Artikel finden: ILYUSHECHKINA (2005).

93 Damit vereinigt sich die Autorin mit den Forschern, die das dionyseïsche Gedicht vor LEUES Entdeckung irrtümlich in das erste Jahrhundert datierten: PASSOW (1825) 47; MÜLLER (1861) xix; BUNBURY (1879) vol. 2, 481–482.

94 φέρβονται δ' ἄγρῃσι δορικτήτου βιότοιο· / ἀλλ' ἔµπης κατὰ δῆριν ἀµαιµακέτους περ ἐόντας / Αὐσονίου βασιλῆος ἐπεπρήϋνεν ἀκωκή, „nähern sie sich doch von den Beutestücken des im Kampf erworbenen Lebensgutes. / Aber dennoch, gleichwohl sie im Streite unbezwinglich sind, / zähmte sie des Ausonischen Königs Lanzenspitze“ (Dion. Per. 1050–1052).

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Ultor-Tempel in Rom aufgestellt, es wurden alljährliche Feste gegründet, ein Torbogen errichtet und Münzen herausgegeben, auf denen man die Übergabeszenen schilderte 95 . Ferner stützt sich WHITE auf die Scholien zur Zeile 1052 (zum Wort Αὐσονίου) 96 und auf den Kommentar des Eustathios, der die Verse über die Parther mit der Regierungszeit des Kaisers Augustus verbindet 97 . Wenn man aber annimmt, dass diese Verse auf historische Ereignisse anspielen, so folgt, dass sich diese Zeilen wahrscheinlicher auf ein anderes Ereignis beziehen, und zwar auf den endgültigen Sieg der Römer über die Parther unter Trajan im Jahre 115, weswegen Hadrian zu Ehren seines Adoptivvaters in Rom einen Triumphzug abhielt 98 . WHITE verbindet die Verse des Dionysios über das nordafrikanische Volk der Nasamonen mit dem bekannten Zug des Cato Uticensis durch die libysche Wüste während des Bürgerkrieges 99 . Der Text enthält jedoch keinerlei Gründe für eine solche Schlussfolgerung; daher auch muss WHITE nach einer Stütze im Kommentar des Eustathios suchen, der jedoch nicht nur den von WHITE benötigten Hinweis auf Cato bringt, sondern eine Reihe weiterer Daten enthält 100 . WHITES Verweis auf die in Lucans Pharsalia bei Catos Wüstenmarsch nebenbei erwähnten Nasamones (Phars. IX 444 und 459) hat keine Beweiskraft, weil es dort keine Angaben über deren Widerstand und auch keine Anhaltspunkte für die von WHITE vertretene Interpretation der Verse des Dionysios gibt. Selbst nähme man das an, nichts wäre durch WHITES Deutung der Verse 208–210 mit einer Datierung in die Regierungszeit von Augustus oder gar Tiberius gewonnen. WHITE benutzt bei der Interpretation der Stelle aus den Scholien nur eine einzelne Handschrift und übergeht dabei die Lesart, die ihrem Standpunkt widerspricht 101 . Diese Scholienangabe über Dionysios von Alexandria verbindet WHITE mit dem von Plinius d. Älteren erwähnten Dionysios

95 Aug. Res gestae, 29; Suet. Aug. 21; Tib. 9. S. auch: KIENAST (1982) 200, 322. 96 Αὐσονίου] τοῦ Νέρωνος. Ἐπὶ τούτου γὰρ ἤκµαζεν ὸ ∆ιονύσιος. Κράσσον γὰρ ῥωµαίων στρατηγὸν ἀνεῖλον, ὃν ἐξεδίκησεν Αὔγουστος ὑποτάξας αὐτοὺς, ὡς µηδὲ δίχα Ῥωµαίων βασιλέα ἵσταντο. Χρώνῳ δὲ πολλῷ ὁ νόµος λέλυται (Schol. ad Dion. Per. 1052). 97 (Φασὶ γὰρ τὸν ὔγουστον κακῶς αὐτοὺς διαθέσθαι, τὴν τοῦ Κράσσου ἧτταν ἀναπαλαίσαντα, ὃν στρατηγὸν ὄντα Ῥωµαίων οἱ Πάρθοι ἀνεῖλον ἡττήσαντες. Οὕτω δέ φασι ταπεινωθῆναι αὐτοὺς τότε, ὥστε προστάξαι τὸν Αὔγουστον µὴ ἄλλως αὐτοὺς βασιλέας ἑαυτοῖς ἐφιστᾶν, ἀλλ' ἢ γνώµῃ τῆς συγκλήτου τῶν Ῥωµαίων βουλῆς (Eust. ad Dion. Per.

1039).

98 SHA, Vit. Hadr. VI 3; KNAACK, G. (1903) 917.

99 κεῖνον δ' ἂν περὶ χῶρον ἐρηµωθέντα µέλαθρα / ἀνδρῶν ἀθρήσειας ἀποφθιµένων Νασαµώνων, / οὓς ∆ιὸς οὐκ ἀλέγοντας ἀπώλεσεν Αὐσονὶς αἰχµή, „Rings in jenem Gebiete ferner magst du wohl die vereinsamten Wohnstätten / der vernichteten Nasamonenmänner beschauen, / welche, da sie Zeus nicht achteten, zugrunde richtete die Ausonische Lanze“, (Dion. Per. 208–210).

100 Τούτους, φησὶ, ∆ιὸς οὐκ ἀλέγοντας ἀπώλεσεν Αὐσονὶς αἰχµὴ, ἀδίκων χειρῶν κατάραντες. Ἀνεῖλον γὰρ δόλῳ Λέντουλον στρατηγόν τινα Ῥωµαίων, ἐκεῖ ἀφιγµένον. ∆ιὸ καὶ ἠνδραποδίσθησαν ὑπὸ Ῥωµαίων. Οἱ δέ φασιν αὐτοὺς καταπολεµηθῆναι, ὅτε ὁ λεγόµενος ἐµφύλιος ἀνῆπτο πόλεµος, συναγωνιζοµένους τῷ Κάτωνι κατὰ τοῦ Καίσαρος (Eust. ad Dion. Per. 209). 101 ∆ιονύσιος ὁ περιηγητὴς γέγονεν υἱὸς ∆ιονυσίου (∆ίωνος et ∆ιώνου var. lect.) Ἀλεξανδρέως (υἱὸς ∆ιώνου Ἀλεξάνδρου ἢ κατά τινας ∆ιονυσίου Codex C). Γέγονε δὲ ἐπὶ τῶν τῶν Ῥωµαϊκῶν χρόνων µετὰ Αὔγουστον Καίσαρα ἢ ἐπ᾿ αὐτοῦ. [Οἱ δὲ κατὰ Νέρωνα τὸν Ῥωµαίων βασιλέα φασὶ γενέσθαι. Ἄδηλον δὲ πόθεν γέγονε καὶ τίνων γονέων. Haec addit codex Ω]. Φέρονται δὲ αὐτοῦ καὶ ἄλλα συγγράµµατα, Λιθιακά τε καὶ Ὀρνιωιακὰ καὶ Βασσαρικά· (Schol. ad Dion. Per. 1–12).

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(Plin. nat. hist. VI 31, 138-141) und sieht dies als endgültiges Argument für ihre eigene These an; jedoch kann dieser, auch würde es sich hier um dieselbe Person handeln, kaum als Autor der von uns betrachteten Periegese gelten 102 . Bei einer näheren Betrachtung des Abschnitts bei Plinius sieht man, dass hier die wichtigsten Entwicklungsstufen aus der Geschichte eines großen Handelszentrums im hellenistischen Osten, der Stadt Spasinou-Charax, dargestellt werden. Spasinou-Charax lag an der Persischen Bucht und wurde später in Alexandria umbenannt 103 . Aus dieser Stadt stammen zwei berühmte griechische Geographen: Dionysios, der am Anfang unseres Zeitalters eine Beschreibung der östlichen Länder verfasst hat, und Isidor von Charax, der häufig mit dem oben genannten Dionysios verwechselt wurde; von seinen Werken sind die Stathmoi Parthikoi („Die parthischen Stationen“) erhalten. Hier geht es aber um den aus Charax stammenden Geographen Dionysios, den Augustus mit der Beschreibung der Expedition des Tiberius beauftragte, weil er die Gegend sehr gut kannte. WHITES Irrtum besteht darin, dass sie zwei verschiedene Dionysii als eine Person identifiziert, die ihre Werke an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten verfassten – der eine Dionysios stammt aus Alexandria, einer Stadt am Zusammenfluss von Euphrats und Euleos, ist ein Kenner der örtlichen Bräuche und Sprachen, Autor eines Werkes über die Geographie des Ostens; der andere Dionysios stammt aus Alexandria in Ägypten und hat ein geographisches Lehrgedicht geschrieben (vgl. das Akrostichon im Gedicht des Dionysios Periegetes: ∆ΙΟΝΥΣ[Ι]ΙΟΥ ΤΩΝ ΕΝΤΟΣ ΦΑΡΟΥ ”<ein Werk> des Dionysios <unter den> auf dieser Seite von Pharos <wohnenden>“, vv. 112–134). WHITE sieht das Hauptziel ihres Artikels in einer neuen Interpretation des zweiten Akrostichons im dionyseïschen Werk (ΘΕΟΣ ΕΡΜΗΣ ΕΠΙ Α∆ΡΙΑΝΟΥ, vv. 513–532). Sie schlägt vor, die Wortverbindung ἐπὶ Ἀδριανοῦ nicht in einer chronologischen, sondern in einer geographischen Bedeutung (in Übereinstimmung mit dem ersten Akrostichon) zu verstehen: „an der Adriatischen Küste“ (“on the shores of the Adriatic”) 104 . Schließlich möchte die Forscherin das Akrostichon folgendermaßen übersetzen: „die Gottheit Hermes ist an der Adriatischen Küste“ (“the God Hermes is on the shore of the Adriatic”). Ihre Erklärung: Hermes, der auf dem Helikon oder auf

102 Charax, oppidum Persici sinus intimum, a quo Arabia Eudaemon cognominata excurrit, habitatur in colle manu facto inter confluentes dextra Tigrim, laeva Eulaeum, II p. laxitate. conditum est primum ab Alexandro Magno, colonis ex urbe regia Durine, quae tum interiit,

hoc in loco

genitum esse Dionysium, terrarum orbis situs recentissimum auctorem, quem ad commentanda omnia in orientem praemiserit Divus Augustus ituro in Armeniam ad Parthicas Arabicasque res maiore filio, non me praeterit nec sum oblitus sui quemque situs diligentissimum auctorem visum nobis introitu operis: in hac tamen parte arma Romana sequi placet nobis Iubamque regem, ad eundem Gaium Caesarem scriptis voluminibus de eadem expeditione Arabica (Plin. nat. hist. VI 31, 138-141, Mayhoff).

103 DROYSEN (1980) 426 (Kapitel „Die Städtegründungen Alexanders und seiner Nachfolger in ihrem Zusammenhang“); TSCHERIKOWER (1927).

104 WHITE bezieht sich dabei auf eine Wortverbindung mit der Präposition ἐπί aus einem

Wörterbuch zum Neuen Testament: ἐπὶ τῆς θαλάσσης (Ioan. 21, 1), in der Bedeutung “an der Küste“ (Moulton–Milligan (1949) s. v. ἐπί), und auf eine Stelle aus der Anthologia Palatina,

πόντον (AP

XII 252, 3). Die Auslassung des im Akrostichon ἐπὶ Ἀδριανοῦ gemeinten Wortes „Meer“ begründet WHITE mit der Stilart des Dionysios selbst: In v. 763 seiner Periegese benutzt Dionysios ein Appellativ Εὐξείνος ohne das Substantiv „Meer“. WHITE stützt sich also auf eine spezielle Bedeutung der Präposition ἐπί und einen untypischen Gebrauch von Ἀδριανός.

deductis, militum inutilibus ibi relictis; Alexandriam appellari iusserat [

]

wo Ἀδριανός als Adjektiv „Adriatisches (sc. Meer)“ gebraucht wird: Ἀδριανὸν

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dem Olympos wohnende Gott der Poesie, diktiere Dionysios Periegetes ein Gedicht, das jener an der Adriatischen Küste aufschreibe. Im Gegensatz zu dieser neuen Deutung des Akrostichons scheint die übliche Interpretation „Gott Hermes zu Hadrian’ Zeiten“ annehmbarer und glaubwürdiger 105 , und aufgrund dieser Interpretation sollte doch das Gedicht in das 2. Jh. datiert werden. Keinesfalls ist diese traditionelle Deutung von WHITE als unmöglich erwiesen worden. Was die von WHITE angeführten antiken und mittelalterlichen Zeugnisse betrifft, so scheinen sie mir eher zweifelhaft, da sie aus dem Kontext isoliert stehen und nicht mit den anderen Zeugnissen verglichen werden. Ihre Argumente scheinen gekünstelt und wenig überzeugend. Meiner Meinung nach gibt es nicht genügend Grunde um an der Datierung der Periegese des Dionysios in die Regierungszeit des Kaisers Hadrian zu zweifeln, d. h. in die erste Hälfte des 2. Jhs. Insgesamt scheinen WHITES Argumentationen und Deutungen der antiken und mittelalterlichen Testimonien zu unsicher, um an der Datierung des Dionysios zu rütteln. Der alten’ communis opinio gehört meines Erachtens weiterhin der Vorzug.

Zum Schluss möchte ich noch zu den zuvor angeführten Erklärungen des Akrostichons ΘΕΟΣ ΕΡΜΗΣ ΕΠΙ Α∆ΡΙΑΝΟΥ „Gott Hermes zu den Zeiten des Hadrian“ meine eigene Vermutung dazu äußern, warum der Name „Hermes“ im Akrostichon des Dionysios erscheint. Lange vor der Entdeckung der Akrosticha im Gedicht des Dionysios bemerkte Eustathios von Thessaloniki in seinem Kommentar zur Erdbeschreibung, Periegetes führe seinen Leser ähnlich Daidalos, der im Flug den Ikaros in seine Kunst einwies; als profunder Kenner der homerischen Texte und Verfasser von zwei Kommentaren zur Ilias und zur Odyssee verbindet Eustathios den Autor unseres geographischen Gedichts mit dem homerischen Hermes 106 , der im göttlichen Auftrag die ganze Erde umfliegt (Eust. ad Dion. Per. epist. P. 210 Müller). Hermes hat Eratosthenes eines seiner Gedichte genannt, wovon ein Abschnitt erhalten ist (F 16 Powell): Dem zufolge betrachtet der himmlische Patron der Reisenden, der normalerweise mit Flügeln an den Füssen (oder mit geflügelten Sandalen) dargestellt ist, von einer gewissen Höhe die Weite der kugelförmigen Erde, die ihrerseits in fünf Klimazonen eingeteilt sei 107 . Es ist bekannt, dass Dionysios den Eratosthenes als eine

105 Als Begründung dafür dienen zahlreiche Beispiele bei griechischen Autoren mit der Präposition ἐπί in der temporalen Bedeutung im Zusammenhang mit dem Namen des Kaisers Hadrian: Acus. III 9 F 5 D.-K. = Suid. s. v. Sabinas (ἐπὶ Ἀδριανοῦ); Athan. Theol. W. 71 (ἐπὶ Ἀδριανοῦ); Euseb. Praeparat. evang. IV 16, 7 (ἐπὶ Ἀδριανοῦ τοῦ αὐτοκράτορος), Demonstr. evang. II 3, 86 (Dindorf); Georgius Monachus, Chronicon 311 M ( = Muralt) (p. 415 de Boor), 313 M (p. 417 de Boor), Chronicon breve v. 110, p. 488 (ἐπὶ Ἀδριανοῦ); Suid. s. v. Hermippos (ἐπὶ Ἀδριανοῦ τοῦ βασιλέως), s. v. Paulos Turios (ἐπὶ Ἀδριανοῦ τοῦ βασιλέως); Ioann. Chrys. Adversus Iudaeos V, 645, 646 (D. Bernardi de Montfaucon, T. I, 2, p. 788–789. Parisiis, 1834) (ἐπὶ Ἀδριανοῦ); Ioann. Lydus, de mens. IV 89 (ἐπὶ Ἀδριανοῦ); Sopater Rhet., Scholia ad Hermogenis status seu artem rhetoricam v. 5, p. 8 (ἐπὶ Ἀδριανοῦ).

106 Vgl. Il. XXIV 343–345, IV 442; Od. X 277.

107 POWELL (1925) 58–63; s. auch: BERGER (1903) 393–394, 398–399; ZANKER (1987) 96–97. In diesem Fragment des Eratosthenes wird von den fünf Gürteln auf der Erdoberfläche (πέντε δέ οἱ ζῶναι) mitgeteilt, zwei davon seien dunkelblau (die unbewohnten Polarzonen), der mittlere sei rot (die unbewohnte heiße Zone), und zwei weitere, die zwischen den kalten und dem heißen Gürtel lägen, stellten gemäßigte (bewohnte) Zonen dar, wo Weizen und andere

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seiner Quellen benutzt hat; darauf weist bereits Eustathios von Thessaloniki in seinem Kommentar zu Dionysios’ Gedicht hin 108 , und davon zeugen auch einige Passagen aus der Periegese des Dionysios, in denen eine Verteilung der Erde in die Klimazonen vermutet wird 109 . Es ist also wahrscheinlich, dass Dionysios Periegetes, der sowohl mit den homerischen Epen als auch mit den Werken des Eratosthenes – und darunter anscheinend auch mit seinem Hermes – vertraut war, den Namen der Gottheit im eigenen Gedicht als eine Anspielung benutzt und damit die Rollen des Hermes auf sich selbst als auf den Autor einer Periegese überträgt 110 , d. h. seine Eigenschaft, von dem Firmament aus die ganze Oikumene zu betrachten, als ob sie auf seiner Hand ausgebreitet läge. Zu der oben genannten traditionellen Gestalt des Hermes als eines geflügelten Boten der Götter, eines Kenners aller Wege und der Geographie im ganzen sowie eines Beschützers der Reisenden kann man noch eine Rolle hinzufügen. Schon zu sehr früher Zeit wurde

Gaben der Eleusinischen Demeter wüchsen; nach Eratosthenes seien diese gemäßigten Zonen von Menschen bewohnt. Der Abschnitt des Gedichtes Hermes widerspiegelt voll und ganz die durch Strabon bekannte Theorie des Eratosthenes über die fünf Klimazonen, die später von Hipparchos erweitert wurde. Zum eratosthenischen Gedicht s. auch: SOLMSEN (1942 = 1968); GEUS (2002) 128. Dieser Abschnitt aus dem Hermes des Eratosthenes wurde zum Archetypen für die Beschreibung der Erde und ihrer Klimazonen in der späteren Dichtung: SCHRIJVERS (2010) 149–176; s. z. B. dasselbe Sujet von den Klimazonen des Eratosthenes in den Georgika des Vergil (I 231–256), dazu: THOMAS (1986).

108 Eust. ad Dion. Per. 1, vgl. Eust. ad Dion. Per. epist. P. 214 Müller: (

ἀναβαίνων πρὸς αὐτῷ τῷ τέλει τοῦ βιβλίου, ὁπηνίκα τὰς τῶν περὶ γῆν διαφορὰς θεωρεῖ, „ und am Ende des Buches steigt er zur Theologie hinauf, als er auf die Klimaunterschiede auf der Erde hinweist“.

109 Wenn Dionysios von der Thule-Insel spricht, die nach dem Geographen des 4. Jhs v. Chr. Pytheos „im äußersten Norden“ liegt, so beschreibt der Periegetes ein Naturphänomen, das sehr an das Polarlicht oder an die Weißen Nächte erinnert (ἔνθα µέν, ἠελίοιο βεβηκότος ἐς πόλον ἄρκτων, / ἤµαθ' ὁµοῦ καὶ νύκτας ἀειφανὲς ἀγκέχυται πῦρ, vv. 582–583); hiermit wird Thule am Polarkreis lokalisiert. In vv. 593–595 teilt Dionysios mit, dass im Himmel über der Insel Taprobane das Krebssternzeichen funkelt – dies würde dann die Insel an der Grenze zwischen der heißen und der gemäßigten Zone lokalisieren, ebenso wie bei Eratosthenes. Und der Herausgeber der Fragmente des Eratosthenes H. BERGER führt die Verse des Dionysios über den Fluss Borysthenes (Ἡχι Βορυσθένεος ποταµοῦ τετανυσµένον ὕδωρ / µίσγεται Εὐξείνῳ Κριοῦ προπάροιθε µετώπου, / ὀρθὸν ἐπὶ γραµµῇ κατεναντία Κυανεάων, vv. 311– 313) auf den Text des Eratosthenes zurück. Diese kann auf Bekanntschaft des Dionysios mit dem Meridianennetz des Eratosthenes hinweisen, – letzterer platziert die Borysthenesmündung an einem Meridian mit Kyaneen (Eratosthen. F III A 38 Berger). Besonders scheint aber die Oikumenengestalt im dionyseïschen Epilog aus Eratosthenes’ Vorstellungen entlehnt zu sein: Periegetes betrachtet die Erde „von oben“ und beschreibt unterschiedliche Zonen darauf (τῷ ῥα καὶ ἀλλοίην ῥυσµοῦ φύσιν ἔλλαχ' ἑκάστη· / ἡ µὲν γὰρ λευκή τε καὶ ἀργινόεσσα τέτυκται, / ἡ δὲ κελαινοτέρη, ἡ δ' ἀµφοτέρων ὑπὸ µορφῇ· / ἄλλη δ' Ἀσσυρίης ἐναλιγκίη ἄνθεσι µίλτου, / ἄλλαι δ' ἀλλοῖαι· τὼς γὰρ µέγας ἐφράσατο Ζεύς, vv. 1175–1179). Mehr zu Eratosthenes als vermutlicher Quelle des Dionysios s. unten: Teil I. Kap. 2. Das Weltbild des Dionysios Periegetes (Die Quellenfrage).

110 So auch JACOB (1982) 30.

καὶ εἰς θεολογίαν

)

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Teil I. Kap. 1. Das Werk: Titel, Inhalt, Autorschaft

Hermes auch mit Rhetorik assoziiert und wurde damit vom Erfinder der Lyra zum Schutzherr von Literatur und Dichtung 111 . Es scheint, dass Hermes im Gedicht des Dionysios ähnliche Funktionen hat. Da Dionysios im ersten Akrostichon seinen Namen verschlüsselt, kann man vermuten, dass er auf ähnliche Weise auch im zweiten Akrostichon nicht nur die Datierung seiner Lebenszeit versteckt, sondern auch seinen eigenen Autorenstatus betont und sich hinter der Maske des Gottes verbirgt. Also folgt hier Dionysios den Regeln eines literarischen Spiels, indem er sich selbst stolz mit Hermes – dem universellen Geographen und auch gelehrten Dichter – identifiziert.

1.4 Zusammenfassung

Aufgrund der verschiedenen Titel des geographischen Lehrgedichts des Dionysios Periegetes, die durch die Handschriftentradition des 10.-14. Jhs. überliefert werden, kann man feststellen, dass das Stichwort „Periegese“ sich anscheinend bereits in einer Variante fand, die dem Archetypen am nächsten stand. Dabei wird der vom Titel abzuleitende Beiname des Autors „Periegetes“ durch indirekte Zeugnisse bereits seit dem 4. Jh. n. Chr. überliefert. Trotz der relativen Kürze des Werkes (1186 Verse) ist es Dionysios gelungen, in seine Periegese eine vielseitige Beschreibung der ganzen Oikumene mit drei Kontinenten, des sie umkreisenden Ozeans, der Inseln im Binnen- und Außenmeer sowie zahlreicher Völker, Städte, Flüsse und Berge einzuflechten. Den knappen Umfang des Werkes kann man einerseits durch die traditionellen Regeln der hellenistischen stilisierten Verfeinerung insgesamt und der didaktischen Gedichte insbesondere (die auch durch die Länge einer Papyrusrolle geprägt wurden), andererseits durch die verkürzte Bearbeitung mehrerer Quellen erklären. Der geographische Raum der antiken Oikumene wird im Gedicht des Dionysios anhand von zahlreichen Namenslisten ausgedrückt, die eine der Arten der archaischen Wissensvermittlung darstellen. Der Hauptteil dieses Kapitels gilt dem Problem der Autorschaft. Es ist bekannt, dass die Erdbeschreibung im Laufe der Textgeschichte verschiedenen Autoren zugeschrieben wurde. Im 19. Jh. hat G. LEUE zwei Akrosticha im Gedicht des Dionysios (∆ΙΟΝΥΣ[Ι]ΙΟΥ ΤΩΝ ΕΝΤΟΣ ΦΑΡΟΥ ”<ein Werk> des Dionysios <unter den> auf dieser Seite von Pharos <wohnenden>“, vv. 112–134 und ΘΕΟΣ ΕΡΜΗΣ ΕΠΙ Α∆ΡΙΑΝΟΥ „Gott Hermes zu den Zeiten des Hadrian“, vv. 513–532) entdeckt, in denen der Dichter die Angaben über sich verschlüsselt hat – danach begann eine neue Interpretationsgeschichte dieser Zeugnisse. Die meisten Gelehrten waren der Meinung, dass die Erdbeschreibung von einem gewissen Dionysios, einem gebürtigen Alexandriner, geschrieben wurde, der während der Regierungszeit des römischen Kaisers Hadrian (117–138) lebte. Auch die Erwähnung des Gottes Hermes im zweiten Akrostichon hat eine lebhafte Diskussion hervorgerufen. Meiner Meinung nach verbirgt sich der Autor selbst hinter der Maske des Hermes, der im 2. Jh. neben

111 ROSE, ROBERTSON (1970). In einer seiner Oden (Carm. II 17, 29–30) benutzt Horaz die ironische Redewendung Mercuriales viri, die u.a. metaphorisch als „Dichter und Gelehrte“ verstanden werden kann (zu Horaz s. NISBET–HUBBARD (1991) 286).

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Teil I. Kap. 1. Das Werk: Titel, Inhalt, Autorschaft

der traditionellen Rolle des reisenden Gottes auch die Züge eines Schutzherrn von Literatur und Dichtung dazu bekam; Dionysios weist damit stolz auf sich selbst hin: als einen universellen Geographen und einen gelehrten Dichter. Akrosticha sind auch Wortspiele, die für gebildete Leser mit guter Auffassungsgabe eine Fundgrube sein können.

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Teil I. Kap. 2. Das Weltbild des Dionysios Periegetes

Kapitel 2. Das Weltbild des Dionysios Periegetes

2.1 Der Ozean als Weltmeer

2.2 Die Form der Landmasse und ihr Aufbau

2.3 Raumerfassung

2.3.1

Die Vogelperspektive

2.3.2

Der hodologische Raum

-

Routen

-

Distanzangaben in Tagesreisen

2.3.3

Räumliche Orientierung

-

mittels Wind- und Himmelsrichtungen

-

mittels Himmelskörpern

-

mittels Hinweisen „rechts – links” (vom Gesichtspunkt eines imaginären Betrachters aus)

2.4 Die Landkarte des Dionysios Periegetes?

2.4.1 Imaginäre Meridiane

2.4.2 Vergleiche der Kontinentenumrisse mit geometrischen Figuren

2.5 Die Quellenfrage

2.5.1 Eratosthenes von Kyrene

2.5.2 Poseidonios der Rhodier

2.5.3 Strabon von Amaseia

2.6 Zusammenfassung

In diesem Kapitel wird vom Weltbild des Dionysios Periegetes die Rede sein, von seinen geographischen Vorstellungen, über die man Angaben im Text der Erdbeschreibung finden kann. Trotz der Tatsache, dass das Weltbild des Dionysios eine Datenkompilation sowohl aus der deskriptiven als auch aus der mathematischen Geographie seiner Vorgänger darstellt, ist es hinreichend originell und verdient im Detail betrachtet zu werden. Dionysios stellt dem Leser ein schematisches Weltbild vor: Der bewohnte Teil liegt wie eine Insel im Zentrum des Weltozeans, der die Grenze der Oikumene umspült und mit vier großen Meerbusen in die Landmasse eindringt (ausführlicher dazu s. 2.1); die ganze Erde ähnelt der Form einer Schleuder und wird in drei Kontinente aufgeteilt (Libyen, Europa, Asien) (ausführlicher s. 2.2). Die bewohnte Welt wird von Dionysios manchmal quasi von außen – aus der so genannten Vogelperspektive, dann wieder durch Weganweisung markanter Punkte geschildert (ausführlicher s. 2.3). Die Raumorientierung wird dabei mittels Wind- und Himmelsrichtungen, Himmelskörpern (vor allem der Sonne und der Sternbilder) sowie Hinweisen „rechts – links“ vom Gesichtspunkt eines imaginären Betrachters aus verwirklicht (ausführlicher s. 2.3). Das Weltbild des Dionysios lässt vermuten, dass es auf eine Landkarte übertragen werden kann oder selbst Kartenbeschreibung ist: Dazu können die von Dionysios verwendete Fachterminologie, seine Vergleiche der Kontinentenumrisse mit geometrischen Figuren und seine Hinweise auf imaginäre Meridiane anregen. Der Erforschung dieser Fragen

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Teil I. Kap. 2. Das Weltbild des Dionysios Periegetes

ist der entsprechende Abschnitt des vorliegenden Kapitels gewidmet (2.4). Dionysios nennt keine geographischen Quellen, die er bei der Verfassung seines kompilatorischen Gedichts benutzt hat, doch kann man aufgrund des Vergleichs seines Weltbildes mit der geographischen Tradition versuchen, die Frage nach den vermutlichen Quellen seines Gedichts zu beantworten (dazu s. 2.5).

2.1 Der Ozean als Weltmeer

Am Anfang seines Gedichts kündigt Dionysios an: Bevor er das Land und das Meer, die Flüsse und die Städte und viele Stämme besingen wird, wird er „den tief strömenden Okeanos“ (Ὠκεανοῖο βαθυρρόου, v. 3) erwähnen, durch den die ganze Landmasse wie eine endlose Insel umkränzt ist (vv. 1–4). So beginnt Dionysios schon von den ersten Versen seines Werkes an ein literarisches Spiel mit dem Leser, wobei er die geographischen Vorstellungen mit der dichterischen Tradition verbindet. In seiner Beschreibung des Ozeans und der Lage der bewohnten Erde schließt Dionysios an die frühionische Tradition an: Dieser Tradition entsprechend wird der Ozean als Weltmeer vorgestellt, das die Oikumene wie eine Insel trägt 1 ; dabei schmückt aber Dionysios seine rein geographische Vorstellung mit dem homerischen Formel-Epitheton βαθυρόος „tief flutend“ (v. 3) 2 und zeigt somit dem Leser seine Absicht, reale geographische Kenntnisse in traditionelle epische Form zu kleiden. Das Wortspiel mit dem homerischen Text führt Dionysios im nächsten Vers weiter, wo er sagt:

πᾶσα χθών, ἅτε νῆσος ἀπείριτος, ἐστεφάνωται/ „(sc. liegt) die ganze Landmasse, wie eine endlose Insel, umkränzt“ (v. 4). Die Wortverbindung ἀπείριτος ἐστεφάνωται ist eine lexikalische Entlehnung vom homerischen Text (Od. X 195: ἀπείριτος ἐστεφάνωται/), wo ἀπείριτος ein hapax legomenon ist. Im homerischen Kontext geht es jedoch um die Insel Aiaia, die vom grenzenlosen Meer (πόντος ἀπείριτος) umgeben ist, während bei Dionysios die endlose Insel der Erdfläche (νῆσος ἀπείριτος) durch den Ozean umkränzt ist 3 . Die Gestalt des erdumfließenden Ozeansstromes 4 als Weltmeer und Weltfluss geht auf die mythopoetische Tradition zurück 5 . Die Erwähnung des Ozeans in den ersten Versen des

1 Zur ionischen Tradition s. z. B.: GISINGER (1937²) 2320.

2 S. diese Redewendung bei Hom. Il. VII 422, XIV 311; Od. XI 13, XIX 434. Die mittlere Position dieser homerischen Formel im Vers wird auch angetroffen in: Hom. h. 4, 185; Hesiod. Theog. 265 (Ὠκεανοῖο βαθυρρείταο); Quint. Smyrn. Posthom. 1, 148; 10, 197.

3 In etwas veränderter Form (ἀπείριτος ἐστεφάνωτο) wird der Ausdruck von Hesiod (Scut. 204: ὄλβος ἀπείριτος) und im homerischen Aphroditehymnos (Hom. h. V 120: ὅµιλος ἀπείριτος) benutzt. Das Adjektiv ἀπείριτος findet sich auch bei Apoll. Rhod. III 971, 1239, IV 140, 682; F 7, 3 Powell (stets in der mittleren Position – also ähnlich wie bei Dionysios). In der dionyseïschen Periegese findet man es noch sieben Mal (vv. 430, 616, 635, 659, 666, 1030, 1062), stets für die Bezeichnung einer rhetorischen Übertreibung, darunter einmal in derselben Formel: ἤπειρος ἀπείριτος ἐστεφάνωται (Dion. Per. 430).

4 Es gibt keine überzeugende Etymologie des Namens „Ozean“ (s. CHANTRAINE (1983–1984), vol. IV. P. 1299); die Parallelformen des Wortes bestätigen eine Hypothese der östlichen Herkunft des Namens Ozean: Ὠγήν· Ὠκεανός, Ὠγενίδαι· Ὠκεανίδαι (Hesych. s. vv.), Ὠγένος (Lyc. Alex. 231), Ὠγηνός (Pherec. F 2 D.–K. = Clem. Alex. Strom. VI 2, 9) (WEST (1997) 146–147).

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Teil I. Kap. 2. Das Weltbild des Dionysios Periegetes

dionyseïschen geographischen Gedichts im Kontext einer traditionellen hymnischen Formel ἀρχόµενος – µνήσοµαι (sc. Ὠκεανοῖο βαθυρρόου) „beginnend – werde ich erwähnen“ (vv. 1– 3) 6 verbinden einige Forscher mit dem traditionellen Gottesanruf und identifizieren den Ozean des Dionysios auch mit dem ägyptischen Gott Nun 7 . Dies scheint jedoch noch nicht überzeugend genug; der Ozean trägt bei Dionysios nur Züge eines geographischen Objekts, denn er stellt eines der vom Dichter ankündigten Themen seiner Erdbeschreibung dar (neben der Landmasse, dem Meer, den Flüssen, den Städten und Stämmen, vv. 1–4) 8 . Durch sein Erzählen über den Ozean bereitet Dionysios den Leser auf die weitere Beschreibung der darin liegenden Landmasse vor.

Ozean Ozean Europa Nordasien Libyen Südasien Ozean Ozean Abb. 4. Der Ozean und die Landmasse
Ozean
Ozean
Europa
Nordasien
Libyen
Südasien
Ozean
Ozean
Abb. 4. Der Ozean und die Landmasse

5 So erscheint der Ozean z. B. in den homerischen Epen einerseits als Meeresgottheit, Urgott, Ahnherr aller Götter und Titanen (Il. XVI 201, 303, 311; XX 77) und andererseits als Kreisstrom, erdumfließender Fluss (Il. XVIII 399, 489; Od. V 285; IX 13; XX 65). Wenn man die Frage der mythologischen Geographie, insbesondere des homerischen Ozeans betrachtet, so sieht man, dass der Ozean bei Homer zweifellos einen Fluss darstellt: An einem seiner Ufer liegt die Oikumene, auf dem anderen befindet sich der Hadesvorhof im kimmerischen Land – um diese Gegend zu erreichen, musste Odysseus den Ozean überqueren (Od. XI 1–22; X 504–512) und danach zu Land bis zu dem von Kirke angewiesenen Ort gehen (Od. XI 20– 22). Vgl. BURR (1932) 95–108; ROMM (1992) 20–25.

6 Zu hymnischen Elementen und Parallelen mit den Argonautika des Apollonios Rhodios im Prolog und im Epilog der Erdbeschreibung des Dionysios Periegetes unten: Teil I. Kap. 3. Gattungsaspekte (Die Erdbeschreibung des Dionysios als didaktisches Werk).

7 So AMATO (2005) 144–148.

8 Vgl. eine Liste derselben Themen seiner Beschreibung im Epilog des Gedichtes: ὑµεῖς δ' ἤπειροί τε καὶ εἰν ἁλὶ χαίρετε νῆσοι / ὕδατά τ' Ὠκεανοῖο καὶ ἱερὰ χεύµατα πόντου / καὶ ποταµοὶ κρῆναί τε καὶ οὔρεα βησσήεντα, „Ihr aber, ihr Erdteile und ihr Inseln in der Salzflut, lebt wohl, ihr Wasser des Okeanos und heiligen Güsse des Meeres, und ihr Flüsse und Quellen und schluchtenreichen Gebirge!“ (Dion. Per. 1181–1183).

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Teil I. Kap. 2. Das Weltbild des Dionysios Periegetes

Die Vorstellung vom Ozean ist bei Dionysios schematisiert: Periegetes nennt vier Teile bzw. Meere des Ozeans und zählt ihre Namen (Eponyme) auf, von Westen ausgehend; dabei bewegt er sich in Gedanken im Uhrzeigersinn nach Norden, Osten und Süden, als ob es ein Periplus wäre (vv. 27–42) 9 . Die Meere des Ozeans werden von Dionysios nach den vier Himmelsrichtungen bezeichnet: nach Westen (der Hesperische, d. h. Westliche Atlas) 10 , nach Norden (das Erstarrte bzw. Tote Meer oder Kronischer Pontos) 11 , nach Osten (das Östliche bzw. Indische Meer) 12 und nach Süden (das Erythräische bzw. Äthiopische Meer) 13 .

Die Benutzung von mehreren Benennungen der einzelnen Ozeansteile weist wahrscheinlich darauf hin, dass diese Bezeichnungen aus verschiedenen Quellen übernommen wurden (vgl. z. B. die Bemerkung des Dionysios ἄλλοι δ᾿ „die anderen (sc. Autoren)“ bei der Erwähnung eines weiteren Namens des nördlichen Ozeansteils – v. 33). Die meisten Namensvarianten (das Erstarrte bzw. Tote Meer und Kronischer Pontos) hat der nördliche Teil des Ozeans; aufgrund dieses Beispiels kann man versuchen, die vermutlichen dionyseïschen Quellen zu dieser Stelle zu

9 σθένος Ὠκεανοῖο, / εἷς µὲν ἐών, πολλῇσι δ' ἐπωνυµίῃσιν ἀρηρώς· „die Flut des Ozeans, der zwar ein einziger ist, doch mit vielen Beinamen bestückt“ (Dion. Per. 27–28); in dieser Formulierung kann man eine Anspielung des Dionysios auf Arat vermuten: Der Ozean in der Periegese ist ein einziger und hat doch viele Namen, so wie Zeus in den Phaenomena, „der von den Menschen in vielerlei Funktion angerufen wird“ (vgl. Phaen. 1–14) (so EFFE (1977)

193).

10 ἤτοι µὲν Λοκροῖο παρ' ἐσχατιὴν ζεφύροιο / Ἄτλας Ἑσπέριος κικλήσκεται „So wird der eine am äußersten Ende des Lokrischen Zephyrs Hesperischer (d. h. Westlicher) Atlas genannt“ (Dion. Per. 29–30).

11 αὐτὰρ ὕπερθεν / πρὸς βορέην, ἵνα παῖδες ἀρειµανέων Ἀριµασπῶν, / πόντον µιν καλέουσι πεπηγότα τε Κρόνιόν τε· / ἄλλοι δ' αὖ καὶ νεκρὸν ἐφήµισαν εἵνεκ' ἀφαυροῦ / ἠελίου· „oberhalb hinwiederum, nach Norden zu, wo die Söhne der kriegswütigen Arimaspen <wohnen>, nennen sie ihn (sc. den Ozean) Erstarrtes und Kronisches Meer; andere wiederum machten ihn auch als Toten bekannt – wegen der kraftlosen Sonne“ (Dion. Per. 30–34); dieselben drei Ozeansnamen finden sich in einem frühbyzantinischen anonymen Werk Geographiae expositio compendiaria (45), was auf eine gemeinsame Quelle für beide Autoren (so GÖTHE (1875) 11) oder auf die Abhängigkeit des Anonymentextes vom dionyseïschen (so ANHUT (1888) 21–22) hinweisen kann. Vgl. auch die spätere Umschreibung des Dionysios des ganzen Nordteils des Ozeans: Σκυθικοῖο βαθὺν πόρον Ὠκεανοῖο „die tiefe Flut des Skythischen Ozeans“ (Dion. Per. 587).

12 αὐτὰρ ὅθι πρώτιστα φαείνεται ἀνθρώποισιν, / ἠῷον καλέουσι καὶ Ἰνδικὸν οἶδµα θαλάσσης· „wo wiederum zuallererst sie (sc. die Sonne) den Menschen sich zeigt, nennen sie ihn (sc. den Ozean) Östlichen und Indischen Wogenschwall des Meeres“ (Dion. Per. 36–37).

13 ἄγχι δ' Ἐρυθραῖόν τε καὶ Αἰθόπιον καλέουσιν / πρὸς νότον „nahebei aber nennen sie ihn (sc. den Ozean) den Roten und Äthiopischen – nach Süden zu“ (Dion. Per. 38–39). Mit dem Namen Ἐρυθραῖόν πόντος bzw. Ἐρυθρὰ θάλασσα bezeichnete man seit Herodot (II 11, vgl. II 8) das südöstliche Weltmeer (vgl. Eratosth. F B 48 Berger = Strabo XVI 4, 2 C 767–768; Agathem. F III B 49; Strabo XVI 3, 1 C 765; Ptol. Geogr. VI 7, 8) sowie das heutige Arabische Meer (und nicht das Rote Meer, vgl. Pind. Pyth. IV 251; Aesch. bei Strabo I 33). Zum Problem der griechischen Farbbezeichnungen (das „rötliche“ Meer) im allgemeinen s.:

IRWIN (1974) 3–30; DÜRBECK (1977) 1–58. Für eine Liste der Erklärungsversuche des Namens „Erythräisches Meer“ s.: KORENJAK (2002) 220–221 (mit Material aus der augusteischen und frühkaiserzeitlichen Dichtung).

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Teil I. Kap. 2. Das Weltbild des Dionysios Periegetes

rekonstruieren 14 . So spricht Pytheas von Massalia (4. Jh. v. Chr.), dessen Daten uns in der Wiedergabe des Strabon bekannt sind, von einem „Erstarrten Meer“ (πεπηγυῖα θάλαττα, Pyth. F 2 Roseman = Strabo I 4, 2 C 63 – für den nördlichsten Meeresbereich). Der „Kronische Pontos“ wird bei Apollonios von Rhodos (Κρονίης ἅλς, Apoll. Rhod. IV 327, 507–510, hier geht es aber um den Nordteil der Adria) und in den orphischen Argonautika erwähnt (ἔµπεσε (sc. Ἀργώ) δ᾿ Ὠκεανῷ, Κρόνιον δέ ἐκικλήσκουσι / πόντον Ὑπερβόρεοι µέροπες, νεκρήν τε θάλλασσαν, Orph. Arg. 1081–1082). Derselbe Name des „Kronischen Pontos“ findet sich auch bei Philemon (einem wohl in der Zeit zwischen Augustus und Vespasian lebenden Geographen, von dem eine Schrift über Meere und Inseln Nordeuropas stammte), deren Abschnitt vom Kronischen Meer über Plinius bekannt ist (mare Cronium, Plin. nat. hist. IV 95); eine so späte Quelle hätte Dionysios jedoch kaum verwendet – er stützt sich normalerweise auf die ältere Tradition. Einen etymologischen Versuch der Namenserklärung des Kronischen Meeres unternimmt Plutarch am Schluss seines Werkes De facie in orbe lunae: Er schildert einen Mythos (und folgt dabei dem Poseidonios), wonach Kronos von Zeus auf eine glückselige Insel in diesem Meer weit hinter Britannien ins Exil verbannt wurde (Κρόνιος πέλαγος, Plut. De facie in orbe lunae 941a). In den Scholien zu dieser Stelle bei Dionysios und im Kommentar des Eustathios werden nur die Verse des Apollonios Rhodios genannt (IV 327), wobei dem Kontext des Dionysios eher die Passage aus den orphischen Argonautika ähnelt, in der nicht nur der Kronische Pontos, sondern auch das Tote Meer erwähnt wird. Die Bezeichnung „das Tote Meer“ (mit der Beschreibung des für die nördlichen Gegenden charakteristischen Klimas) stammt wohl wieder von Pytheas (F 21 Roseman = Plin. nat. hist. IV 95: mortuum mare) 15 .

Die Gliederung des Wasserraums in vier Teile ist für die frühgriechische und hellenistische geographische Tradition sehr ungewöhnlich. In einer ausführlicheren Form erscheint dieses Verteilungsprinzip erst in der spätrömischen Zeit, und zwar in der Cosmographia des Julius Honorius (4.–5. Jh.): Er hat die Oikumene nach den Ozeansbenennungen in vier Teile getrennt und danach alle geographischen Objekte fortlaufend nach den Himmelsrichtungen aufgezählt 16 . Einige Forscher meinen jedoch, die Vierteilung der Oikumene sei lange vor Honorius von der antiken Tradition entdeckt worden, und sie verweisen dazu auf die Angaben des Polybios (2. Jh. v. Chr.) über die Himmelsrichtungen (III 36, 6–7), auf die Windrose des Timosthenes von Rhodos (3. Jh. v. Chr.), dessen Werk uns in der Wiedergabe des Agathemeros (ca. 4. Jh.) bekannt ist (II 6), auf Pomponius Mela (1. Jh.), der griechische Quellen in seiner Geographie verwendet hat (I 1), und auf das Lexikon des Stephanos von Byzanz (s. v. ἤπειρος; 6. Jh.) 17 . Die Vierteilung des Ozeans setzt mindestens zwei kreuzweise laufende imaginäre Linien voraus, was an die Traditionen der Mathematikgeographie erinnert und an den Namen

14 Mehr zum Problem der dionyseïschen geographischen Quellen s. unten.

15 Vgl. Diog. Oenoand. F 21 Smith: sowohl Diogenes als auch Plinius d. Ältere meinen sicher wohl den Nördlichen Ozean bzw. das Baltikum und nicht das Tote Meer in Palästina. S. ausführlicher dazu: KAPPELER (1990) 7–18.

16 Die Ausgabe des Textes von RIESE (1878 = 1964) 24–55.

17 RITSCHL (1842) 518–519; KUBITSCHEK (1885) 304–305; MILLER (1898) 7, 70; SCHWEDER (1903) 510. Von einigen Forschern wird die Vierteilung der Oikumene nach den vier Himmelsrichtungen auf die alttestamentliche Tradition zurückgeführt (im Buch des Propheten Daniel 2, 39 geht es um vier Weltherrschaften, 7, 2 ff.; 7, 17; 8, 20 ff.), s. dazu: RIESE (1878 = 1964) 24–25.

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Teil I. Kap. 2. Das Weltbild des Dionysios Periegetes

des Eratosthenes und seines Nachfolgers Poseidonios denken lässt 18 . Im Fall der dionyseïschen Periegese kann man nur teilweise von der Verwendung des oben genannten mathematischen Prinzips sprechen, da Dionysios gleichzeitig die bereits für die ionische Geographie traditionelle Weltgliederung in die Erdteile nicht ablehnt, aber auch Meere, Länder und Völker nach den Prinzipien von Periploi und von Chorographien beschreibt. Auf ähnliche Weise kennzeichnet Dionysios neben den vier Ozeansteilen auch vier große Ozeansgolfe (vv. 43–57) 19 : Im Westen ist dies das sich von Libyen bis ins Pamphylische Land hinziehende Hesperische Meer (d. h. das Mittelmeer) 20 , im Norden verbindet ein anderer Golf den Ozean mit dem Kaspischen oder – einer anderen Tradition folgend – Hyrkanischen Meer 21 , und im Süden liegen zwei Golfe, der Persische und der Arabische – einer davon befindet sich symmetrisch (buchstäblich „gegenüber“ ἀντία, v. 53) in Bezug auf das Kaspische Meer und liegt auf derselben Länge, der andere befindet sich auf derselben Länge mit dem Euxeinischen Pontos, aber südlicher davon 22 . Dionysios fügt hinzu, dass es außer den vier großen Ozeansgolfen noch eine unendliche Zahl von kleineren gibt (v.

57).

Danach beschreibt Dionysios im Detail den größten der Ozeansgolfe – das Hesperische Meer bzw. das Mittelmeer, welches sich – nach seinen Worten – zu allen Kontinenten hinkehrt 23 , und listet dabei alle seine Strömungen, d. h. die es bildenden

18 Vgl. Strabo II 5, 16 C 120: „Da die Gestalt im Ganzen so beschaffen ist, scheint er nützlich zwei gerade, sich rechtwinklig schneidende Linien anzunehmen, von denen die eine durch die ganze größte Länge, die andere durch die ganze Breite laufen soll – die eine wird zu den Parallelen, die andere zu den Meridianen gehören“ (Übers. v. S. Radt).

19 Dabei wiederholt die Passage des Dionysios über die vier großen Ozeangolfe (vv. 43–57) fast wörtlich Strabons Abschnitt zu demselben Thema (II 5, 18 С 121). Die beiden Autoren gehen anscheinend ursprünglich von den Vorstellungen des Eratosthenes über die großen Golfe als Ozeansteile aus. Zur Frage nach den Angaben des Eratosthenes und denen des Strabon als Quellen des Dionysios s. unten.

20 ἤτοι µὲν πρώτιστον, ὃς ἑσπερίην ἅλα τίκτει, / συρόµενος Λιβύηθεν ἔσω Παµφυλίδος αἴης· „wohlan nun, zuerst der, der die westliche Salzflut gebiert, sich hinschleppend von Libyen bis ins Pamphylische Land“ (Dion. Per. 45–46).

21 δεύτερος αὖτ' ὀλίγος µέν, ἀτὰρ προφερέστατος ἄλλων, / ὅστ' ἀποκιδνάµενος Κρονίης ἁλὸς ἐκ βορέαο / Κασπίῃ αἰπὺ ῥέεθρον ἐπιπροΐησι θαλάσσῃ, / ἥντε καὶ Ὑρκανίην ἕτεροι διεφηµίξαντο, „als zweiten ferner den zwar geringen, jedoch vor anderen vorzüglichsten, welcher, sich abspaltend von der Kronischen Salzflut von Norden aus, seine steilabschüssige Flut zum Kaspischen Meer hin entsendet, das andere auch als Hyrkanisches allseits bekannt machten“ (Dion. Per. 47–50).

22 τῶν δ' ἄλλων, οἵτ' εἰσὶν ἀπαὶ νοτίης ἁλὸς ἄµφω, / εἷς µὲν ἀνώτερος εἶσι, τὸ Περσικὸν οἶδµα προχεύων, / ἀντία Κασπίης τετραµµένος ἀµφιτρίτης· / ἄλλος δ' Ἀραβικὸς κυµαίνεται ἔνδοθι κόλπος, / Εὐξείνου πόντου νοτιώτερον ὁλκὸν ἑλίσσων „von den übrigen aber, welche von der südlichen Salzflut ausgehend liegen, ist der eine weiter oberhalb, den Persischen Wogenschwall hervorgießend, der Kaspischen See entgegengekehrt; als anderer aber wogt eingebettet der Arabische Golf, einen südlicheren Zug windend als das Euxeinische Meer“ (Dion. Per. 51–55). 23 νῦν δ' ἁλὸς ἑσπερίης ἐρέω πόρον, ἥτ' ἐπὶ πάσαις / ἠπείροις λοξοῖσιν ἐπιστρέφεται πελάγεσσιν, / ἄλλοτε µὲν νήσοισι περίδροµος, ἄλλοτε δ' αὖτε / ἢ ὀρέων ἢ πέζαν ὑποξύουσα πολήων, „nun aber werde ich den Gang der westlichen Salzflut besprechen, welche zu allen

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Teil I. Kap. 2. Das Weltbild des Dionysios Periegetes

kleineren Meere, auf 24 . Der Dichter richtet sich hier zum ersten Mal an die Muse, bittet sie von den „gewundenen Pfaden“ des Mittelmeeres zu künden und führt seine Erzählung von Westen nach Osten, bis zum Pontos Euxeinos und der Maiotis. Auffallend ist die Tatsache, dass die Mittelmeerteile bei Dionysios nach den Prinzipien eines Periplus aufgezählt werden:

entweder in Bezug auf (а) das (durch ein Volk oder einen Stamm bewohnte) Küstenland, oder auf (b) eine Insel(gruppe), ein Kap. Der Leser kann sich dabei im geographischen Raum mit Hilfe von dispositionellen Bemerkungen orientieren (z. B. „von – bis hin“, „daneben“, „danach“ u. a.) 25 .

So grenzt z. B. das zwischen Libyen und Europa liegende Iberische Meer an die benachbarten Küsten (vv. 69–70), das Galatische Meer an Land und Hafen von Massalia (vv. 74–75); die Grenzen des Ligurischen Meeres liegen beim Kap Leukopetra (d. h. dem Weißen Fels) der Apenninhalbinsel (v. 79); das südlicher liegende Tyrrhenische Meer grenzt an Libyen und zwei Syrten (v. 84 und 201); das Ionische Meer ist durch die Illyrische und die Ausonische Küste begrenzt (vv. 94–99); das Pharische Meer streckt sich der ägyptischen Küste entlang bis zum Berg Kasion östlich vom Nil hin (vv. 115–116), das Sidonische von der ägyptischen Küste nordwärts bis zur Stadt Iss in Kilikien (vv. 117–118); an die Propontis grenzt ein „breiter Schlauch Festlandes“ (v. 139), den verschiedene Völker und Stämme Asiens besiedeln (v. 138); im Pontos treten zwei Kaps hervor – das europäische Kriumetopon und das asiatische Karambis (vv. 150– 155). Gleichzeitig umspült das Sardische Meer die Insel Kyrnos (d. h. Korsika) (vv. 81–82), das Sikelische Meer umströmt das Kap Pachynos an der östlichen Spitze Siziliens und erreicht dann das andere Kap Kriumetopon auf Kreta (vv. 84–90). Die anderen Mittelmeersteile stellen einen gemischten Typus dar und werden von Dionysios sowohl in Bezug auf das Land als auch auf die Inseln erwähnt: so erstreckt sich das Issische Meer von der kilikischen Stadt Iss (v. 118) bis zu den Helidonischen Inseln (v. 128), das Ägäische Meer umkränzt einerseits Hellas (v. 401), andererseits reicht es über die Sporadischen Inseln bis zur Insel Tenedos (vv. 132–137).

So stellt sich Dionysios Periegetes den Ozean als einheitliches Weltmeer vor, das die darin liegende Landmasse wie eine Insel umströmt und ihre Grenzen bildet. Dionysios nennt vier Ozeanteile, die nach den Himmelsrichtungen platziert sind, während er sich dabei im Uhrzeigersinn von West nach Ost bewegt. Die vier großen Ozeangolfe dringen in die Landmasse ein, die Bestandteile bzw. Meere des größten davon – des Mittelmeeres mit dem Pontos Euxeinos und der Maiotis – werden von Dionysios ausführlich aufgezählt.

2.2 Die Form der Landmasse und ihr Aufbau

Bevor die Frage über die Landmasse und ihren Aufbau in der Periegese besprochen wird, sollte man daran denken, dass Dionysios das Lexem ἡ οἰκουµένη (sc. γῆ, „Oikumene) im Text seines Gedichtes nicht benutzt 26 , sondern die poetischen Lexemen χθών („Erde, Landmasse“) und γαῖα („Erde, Land“) verwendet. Einerseits ist diese Wahl durch das Metrum

Erdteilen sich hinkehrt mit gekrümmten Meeren, bald Inseln rings umlaufend, bald wiederum den Saum – sei es von Bergen, sei es von Städten – sanft beschabend“ (Dion. Per. 58–61).

24 Zu den meisten von Dionysios erwähnten Mittelmeersteilen s.: BURR (1932).

25 Ausführlicher dazu s. unten in diesem Kapitel: „Der hodologische Raum“.

26 Zu diesem Wort im Titel des Gedichtes s. oben: Teil I. Kap. 1. Das Werk: Titel, Inhalt, Autorschaft (Titel).

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bedingt 27 , andererseits mit dem Hauptziel des Dionysios verbunden, das geographische Material als Epos darzubieten. Die ganze Landmasse sieht Dionysios also wie eine Insel durch den Ozean umkränzt und der Form nach nicht ganz „kreisrund, sondern beidseitig spitz zulaufend gegen die Pfade der Sonne hin, einer Schleuder gleichend“ (vv. 5–6) 28 . Dass Dionysios die Inselgestalt der Erdfläche als von allen Seiten vom Ozean umströmt betont, weist darauf hin, dass sein Weltbild unter dem Einfluss der Vorstellungen der ionischen Geographen oder eher ihrer Nachfolger – der hellenistischen Gelehrten Eratosthenes und Poseidonios – entstand 29 . In seiner Definition von Landmasse als Schleuder (σφενδόνη) 30 verwendete er die Oikumenengestalt des Poseidonios (σφενδονοειδής, Posid. F 200а E.–K. = Agathem. I 2) 31 . Wenn man von diesen Entlehnungen von den Lehren des Eratosthenes und des Poseidonios ausgeht, kann man auch vermuten, dass sich Dionysios an die Theorie von der Kugelgestalt der Erde hielt (wofür es im Text des Gedichts indirekte Bestätigungen gibt) 32 – direkt weist jedoch nichts darauf hin, auch nicht auf seine Ansicht zur Lage der Oikumene auf der Erde. Das Werk des Dionysios entspricht nicht den Aufgaben der kosmologischen und physikalischen Naturphilosophie, sondern denen der kulturhistorischen Ethnographie.

27 Das Wort ἡ οἰκουµένη gehört zum prosaischen Wortschatz (erstmal bei Herod. III 114) und kann nicht in den Hexameter eingeflochten werden. Was die dichterische Redewendung des Dionysios betrifft, so findet sie eine Parallele in einem thematisch ähnlichen Abschnitt des Euphorion: Ὠκεανός, τῷ πᾶσα περίρρυτος ἐνδέδεται χθών (Euphorion. F 122, 1 Powell).

28 Die späteren Zeugnisse des Agathemeros und eines Autors der Scholien zum dionyseïschen Gedicht berichten davon, dass Demokrit als einer der ersten über die gestreckte Form der Oikumene geschrieben habe (GGM (Müller) II. 471 (1. 2); Schol. in Dion. Per. (Müller) II. 428 (A 7–10). Eudoxos von Knidos meinte, dass die Länge der bewohnten Welt zweimal größer als ihre Breite sei. Unter dem Einfluss der Zonenlehre des Eudoxos befand sich Aristoteles, der seine Aufmerksamkeit auf die Theorie der Kugelgestalt der Erde richtete (Arist. Meteor. II 5 362b 11). Dikearchos von Messene bestimmte die Ausdehnung der Erde in der westöstlichen Richtung. Die Vorstellung über die ausgedehnte Form der Oikumene wurde später von den hellenistischen Gelehrten – Eratosthenes, Krates von Mallos, Hipparchos, Poseidonios – entwickelt (NICOLET (1988) 92–99).

29 Vgl. Eratosth. F II B 27 Berger = Strabon II 5, 5 C 112: „In einem dieser beiden Vierecke nun – in welchem, ist, wie es scheint, gleichgültig – liegt, sagen wir, die bewohnte Welt bei uns, umspült vom Meer und einer Insel ähnlich“ (Übers. v. S. Radt). Mehr zu Eratosthenes, Poseidonios und Strabon als vermutlichen Quellen von Dionysios s. unten in diesem Kapitel.

30 Der Wortgebrauch von σφενδόνη, womit im späteren Griechischen die Schleuder bezeichnet wurde, ist bereits im homerischen Epos vorzufinden (Il. XIII 600: im militärischen Sinn; s. auch Il. XIII 716); vgl.: Aesch. Agam. 1010; Eurip. Phoen. 1142; Aristoph. Nub. 1125; Thuc. IV 32; Plato. Legg. VIII 834 A. Eustathios von Thessaloniki fügt in seinem Kommentar zur Periegese hinzu, dass ein Wort mit derselben Wurzel, ὀπισθοσφενδόνη, von den Komödiendichtern zur Erzeugung eines komischen Effektes verwendet wurde (Eust. ad Dion. Per. 7).

31 GÖTHE (1875) 8; BERNAYS (1905) 47–48; BERGER (1880) 16; EDELSTEIN, KIDD (1971– 1990) Vol. II (2). 716–717; TSAVARI (1990 b ) 35. Mehr zu Poseidonios als vermutlicher Quelle der Erdbeschreibung s. unten in diesem Kapitel.

32 Ausführlicher s. unten: Teil II. Kap. 7. Klima und Landschaft des nördlichen Schwarzmeergebietes (Dionysios’ Kenntnisse der Zonenlehre).

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Europa N.Asien Libyen S.Asien
Europa
N.Asien
Libyen
S.Asien

Abb. 5. Die drei Kontinente nach Dionysios Periegetes: Lybien, Europa und Asien

Dionysios teilt die ganze Landmasse in drei Kontinente – Libyen, Europa und Asien, und unterstützt damit die in der Antike meistverbreitete Tradition der dreiteiligen Gliederung der Erde. Das homerische Epos enthält noch keine Unterscheidung von Erdteilen. Einer der ersten Versuche einer dreiteiligen Gliederung stammt von Hekataios von Milet (FGrHist 1 F 18a = Schol. Apoll. Rhod. IV 257–262 b) 33 – dies hielt jedoch später Herodot (IV 36) nicht davon ab, bei der Beschreibung des Konflikts zwischen den Griechen und den Persern die Meinung von einer zweiteiligen Gliederung der Erde (Europa und Asien) zu vertreten (dieser lag jedoch ein politisches Ziel zugrunde). Als ersten Kontinent nennt Dionysios sowohl im Prolog zur Periegese als auch in seiner weiteren Beschreibung Libyen (dann Europa und Asien) 34 , was sich von der geographischen Tradition absetzt: Gewöhnlich nahm Libyen nach Größe und Bedeutung bei den antiken Autoren den dritten oder zweiten Platz ein 35 . Die besondere Bedeutung, die Libyen im Gedicht des Dionysios hat, kann man mit der möglichen Herkunft des Autors der Periegese aus diesem Kontinent erklären 36 .

33 Den Scholien zu Apollonios Rhodios zufolge ging Hekataios bei seiner Schilderung der Argonautenfahrt von einer direkten Verbindung sowohl des Nil als auch des Phasis mit dem Okeanos aus – d. h. die Flüsse bilden die Wassergrenzen sowohl zwischen Libyen und Asien als auch zwischen Asien und Europa; s. dazu auch: GISINGER (1924) 554–555; ZIMMERMANN (1999) 59–73, 187–189.

34 Die ähnliche Reihenfolge bei der Aufzählung der Kontinente wiederholt sich bei: Hipparch. F 10 Dicks ( = Strabo I 3, 15 C 57); Strabo II 5, 26 C 126; Mela I 8; Plut. Pomp. 45, 7 (Chronologie der Triumphe des Pompeius); Schol. ad Dion. Per. 1.

35 Libyen wird auf dem dritten Platz erwähnt bei: Strabo II 5, 26–33 C 126–131 (Europa – Asien – Lybien); Strabo III–X (Europa), XI–XVII 2 (Asien), XVII 3, 1–23, C 824–839 (Libyen); vgl. Herod. II 16, 1; Ps.-Arist. mund. 3, p. 393b–394b; Plin. nat. hist. III 3; Dion Chrys. IV 49; Aristeid. Or. XXVII 32; Cass. Dio XLVIII 28, 4; auf dem zweiten Platz: Strabo XVII 3, 24 C 839; Agathem. 10 GGM II 474; Eus. Vita Const. III 7, 1; Proc. Goth. I 12; ausführlicher dazu s.: ZIMMERMANN (1999) 67–73.

36 Vgl.: Ἰστέον δὲ ὅτι προτάττει τῶν ἄλλων τὴν Λιβύην καὶ νῦν καὶ ἐν τοῖς ἑξῆς, οὐ κατά τινα περιηγητικὴν ἀνάγκην, ἀλλὰ καὶ οἷα Λίβυς φιλῶν τὰ οἰκεῖα, καὶ οὕτω τὸ ἑαυτοῦ ἔθνος τῶν

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Nachdem Dionysios alle drei Kontinente aufgezählt hat, berichtet er von den Grenzen dazwischen und bemerkt dabei, dass neben einer „Insel-Theorie“ (wonach die Landmasse durch die Flüsse geteilt wird) eine „Kontinental-Theorie“ existierte (wonach die Kontinente durch die Landengen gegliedert wurden) 37 . Bei einer dreiteiligen Gliederung der Erde verlief traditionell die Wassergrenze zwischen Libyen und Europa durch das Mittelmeer – die Angaben darüber finden sich auch bei Dionysios 38 ; von Asien wurde Libyen durch den Nil getrennt 39 ; Europa und Asien teilte der Fluss Tanais (der heutige Don) 40 . Der „Kontinental- Theorie“ entsprechend wird Libyen von Asien durch die Landenge zwischen dem Arabischen Meer und dem Mittelmeer abgetrennt, während die Landenge zwischen dem Pontos Euxeinos und dem Kaspischen Meer Europa von Asien abgrenzt 41 . Im weiteren Text seiner Periegese hält sich Dionysios meistens an die „Insel-Theorie“ 42 .

λοιπῶν προτιθέµενος, „Man muss wissen, dass er Libyen jetzt und im weiteren vor anderen (sc. Kontinenten) nicht wegen einer periegetischen Notwendigkeit platziert, sondern weil er selber Libyer ist und seine Heimat liebt, so dass er sein Volk allen anderen voranstellt(Eust. ad Dion. Per. 7, Übers. meine – E. I.). Zur Herkunft des Dionysios aus dem ägyptischen Alexandrien s. oben: Teil I. Kap. 1. Das Werk: Titel, Inhalt, Autorschaft (Autorschaft).

37 Vgl. Eratosth. F II C 22 Berger = Strabo I 4, 7 С 65: „Nachdem er (sc. Eratosthenes) anschließend davon gesprochen hat, dass viel von den Kontinenten geredet worden ist und Manche sie durch die Flüsse (den Nil und den Tanais) voneinander trennen und sie so zu Inseln machen, Andere durch die Landengen (der zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzen Meer und der zwischen dem Roten Meer und dem Ekrhegma), und Letztere sie als

Halbinseln bezeichnen, sagt er (

38 ἀλλ' ἤτοι Λιβύη µὲν ἀπ' Εὐρώπης ἔχει οὖρον / λοξὸν ἐπὶ γραµµῇσι, Γάδειρά τε καὶ στόµα Νείλου, „Aber wohlan, Libyen nun hat als schräglinige Abgrenzung von Europa Gadeira und die Mündung des Nils“ (Dion. Per. 10–11).

39 ὅς ῥά τε καὶ Λιβύην ἀποτέµνεται Ἀσίδος αἴης, / ἐς λίβα µὲν Λιβύην, ἐς δ' αὐγὰς Ἀσίδα γαῖαν, „und er (sc. der Nil) schneidet sich auch Libyen ab vom Asiatischen Land, zum Libs hin Libyen, zum Frühlicht hin das Asiatische Land“ (Dion. Per. 230–231). 40 Εὐρώπην δ' Ἀσίης Τάναϊς διὰ µέσσον ὁρίζει, / ὅς ῥά θ' ἑλισσόµενος γαίης διὰ Σαυροµατάων / σύρεται ἐς Σκυθίην τε καὶ ἐς Μαιώτιδα λίµνην, / πρὸς βορέην, „Europa aber schneidet von Asien im Norden der Tanais, welcher ja im Zentrum (sc. der Schleuder), sich windend durch das Land der Sauromaten, sich nach Skythien und in den Maiotischen See hinschleppt“ (Dion. Per. 14–17). Die feste Vorstellung der antiken Geographie vom Tanais (dem heutigen Don) als einem Grenzfluss zwischen Europa und Asien entstand ziemlich früh (vgl. Aesch. Prom. vinct. 729– 735; Strabo VII 4, 5 C 310; Mela I 15; Plin. nat. hist. III 3; Arr. PPE. 29; Anon. PPE 42, 28; Ptol. Geogr. III 5; Oros. I 2, 5; Amm. Marc. XXXI 2, 13; Rav. Anon. II 20), wobei auch andere Meinungen zum Grenzenproblem existierten (vgl. Herod. IV 45: „als Grenzen hierfür (sc. für Europa und Asien – E. I.) wird der kolchische Phasis angenommen. – Andere setzen für den Phasis den maietischen Tanais und die kimmerischen Hafenplätze“, – übers. v. J. FEIX).

41 ἄλλοι δ' ἠπείροισι διὰ χθόνα νοσφίζουσιν. / ἰσθµὸς ἄνω τέταταί τις ὑπέρτατος Ἀσίδος αἴης, / Κασπίης τε µεσηγὺ καὶ Εὐξείνοιο θαλάσσης· / κεῖνον δ' Εὐρώπης Ἀσίης θ' ὅρον ηὐδάξαντο· / ἄλλος δ' αὖ µακρὸς καὶ ἀθέσφατος ἐς νότον ἕρπει, / Ἀραβίου κόλποιο καὶ Αἰγύπτοιο µεσηγύ, / ὅς ῥά τε νοσφίζοι Λιβύην Ἀσιήτιδος αἴης, „Andere wiederum zerteilen durch Festlandgebiete die Landmasse: Eine Landenge liegt empor gestreckt, die höchste des Asiatischen Landes, mitten zwischen dem Kaspischen und dem Euxeinischen Meer; jene

)“

(Übers. v. S. Radt).

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2.3 Raumerfassung im Gedicht des Dionysios Periegetes

Nachdem Dionysios das allgemeine Weltbild mit den drei Kontinenten vorausgestellt hat, beginnt er den inneren Raum der Welt mit Details zuzufüllen und ihn damit zu strukturieren – dank der Beschreibungen auf der Erde liegender Länder, Städte, geographischer Objekte und sie bewohnender Völker und Stämme. Dionysios verwendet dabei zwei traditionelle, quasikartographische Formen der Raumerfassung: die „vertikale“ (der sogenannte „Blick von oben“ bzw. „Vogelperspektive“) und die „horizontale“ (markante Punkte und imaginäre Routen bzw. der sogenannte hodologische Raum) 43 . Diese Methode des Verhältnisses vom Ganzen und seiner Teile verbreitet sich über alle Niveaus der von Dionysios geschilderten Oikumene und lässt ihn geometrische (Dreiecke, Rhomben usw.) und chorographische bzw. periegetische (Flüsse, Völker, Länder usw.) Beschreibungsweisen kombinieren. Mit der Raumerfassung ist auch die Frage nach der Raumorientierung der antiken Menschen verbunden. Im Gedicht des Dionysios werden verschiedene Orientierungsweisen vorgeschlagen – nach Himmelskörpern, Winden, Himmelsrichtungen, Hinweisen „rechts – links“ vom Standpunkt eines imaginären Betrachters. Der Dichter zeigt einerseits seine Fachkenntnisse und seine Traditionsnachfolge, andererseits möchte er auch Abwechslung bringen in seinen geographischen Text.

2.3.1 Vogelperspektive (vertikal) Die „imaginäre“ bzw. „mentale“ Beschreibung aus der Vogelperspektive (der so genannte Blick von oben) spiegelt seit jeher in der antiken Dichtung eine der Formen der

Raumerfassung wider 44 . Als eines der frühesten Beispiele hierzu wird meistens eine homerische Passage erwähnt, in der Zeus – auf einem hohen Berg sitzend – seinen Blick von

Troja

abwendet und die vor ihm liegenden Ebenen der Thrakier und der Mysier betrachtet (Il.

XIII

1–6) 45 : Dieser geographische Überblick wird im Epos aus der so genannten

Götterflugperspektive geboten. Von einer bewussten Verwendung der literarischen Methode „Blick von oben“ kann man jedoch ernsthaft erst seit der hellenistischen Zeitperiode sprechen. Ein Beispiel findet sich in den Argonautika des Apollonios Rhodios, in denen sich vor dem vom Olympos hinunterfliegenden Eros eine Übersicht der vor ihm ausgedehnten

Länder öffnet (III 164–166). D. MEYER meint, eine solche quasikartographische Beschreibung aus der Götterflugperspektive befinde sich im Rahmen der epischen Tradition, während sich die Schilderung des südpontischen Flusses Thermodon mit seinen 96 Armen aus

verkündeten sie als Grenze zwischen Europa und Asien. Eine andere wiederum, lang und unsagbar groß, kriecht gen Süden, mitten zwischen dem Arabischen Golf und Ägypten, welche füglich Libyen vom Asiatischen Land trennt“ (Dion. Per. 19–25).

42 So sagt z. B. Dionysios, als er die Einwohner der ägyptischen Stadt Pelusion (h. Port Said) erwähnt: οὐ µὲν ἐκεῖνοι / ἀνέρες ἐν Λιβύεσσιν ἀρίθµιοι· ἦ γὰρ ἐς αὐγὰς / ἑπταπόρου Νείλοιο νενασµένον ἔλλαχον ἄστυ, „nicht freilich sind jene Menschen unter die Libyer zählbar: Denn ja eine im Osten des siebenpfadigen Nil angesiedelte Stadt erlosten sie“ (vv. 262–264).

43 BRODERSEN (1995) 113 ff.

44 JACOB (1982) 215–239; JACOB (1985) 83–107.

45 SCHRIJVERS (2010) 150.

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Teil I. Kap. 2. Das Weltbild des Dionysios Periegetes

der Vogelperspektive (II 972–984) auf die geographische Fachliteratur stütze 46 . Das klassische Beispiel der Vogelperspektive ist aber der berühmte Abschnitt aus dem Epyllion Hermes des Eratosthenes (F 16 Powell), in dem der himmlische Patron der Reisenden von einer gewissen Höhe aus die Weite der kugelförmigen Erde betrachtet, die nach den fünf „Klimazonen“ eingeteilt ist 47 . Die Beschreibung des Eratosthenes wurde danach Archetyp für alle späteren Darstellungen der Erde und ihrer Klimazonen in der griechischen und römischen Poesie, insbesondere in der Lehrdichtung 48 . Im geographischen Gedicht des Dionysios Periegetes gibt es keine epische Götterflugperspektive, weil die Götter darin keine handelnden Personen sind. Die Erdbeschreibung ist jedoch voll von geographischen Schilderungen aus der Vogelperspektive. Dank dieser Methode gelingt es dem Autor (und gleichzeitig auch dem Leser), sich vom beschriebenen Objekt abzuerheben und es sich als Ganzes vorzustellen 49 . So beginnt das Gedicht z. B. mit der Gestalt der schleuderförmigen Landmasse, die als Insel im Weltozean liegt und in drei Kontinente gegliedert ist (vv. 4–9): Eine solche Sicht der ganzen Oikumene

ist nur mit Hilfe des „Blicks von oben“ möglich. Auf ähnliche Weise gehört ein gedachter

Überblick über jeden der Kontinente oder über einzelne Länder zur Vogelperspektive, wobei ihre Umrisse „von oben“ auch mit geometrischen oder anderen bekannten Figuren verglichen

werden; es ist aber zu bemerken, dass diese Vergleiche mit Figuren der Anschaulichkeit des

zu beschreibenden geographischen Objekts dienen und daher eigentlich in das Gebiet der

Didaktik gehören 50 . Im Epilog des dionyseïschen Gedichts kann man sogar offensichtliche Allusionen auf das oben erwähnte Fragment aus dem eratosthenischen Hermes (F 16 Powell) erkennen: Dionysios spricht von verschiedenen Klimazonen der Erde, die sich nicht nur durch ihre Farbe, sondern auch durch Naturbesonderheiten unterscheiden (vv. 1175–1179). In beiden Gedichten werden die Erde und ihre Klimagürtel von den Dichtern quasi von oben bzw. außen betrachtet. Vor diesem Hintergrund fällt noch eine der dionyseïschen Anreden des Lesers auf, in der der Dichter sagt, dass er „das Erscheinungsbild der gesamten Festlandmasse in Worte kleiden wird“, damit der Leser, wenn er es auch nicht gesehen hat, „eine leicht faßliche Anschauung“ habe: νῦν δέ τοι ἠπείρου µυθήσοµαι εἶδος ἁπάσης, / ὄφρα καὶ οὐκ ἐσιδών περ

46 MEYER (1998) 214, Anm. 101. 47 POWELL (1925) 58–63; s. auch: BERGER (1903) 393–394, 398–399. Zum Inhalt des Fragments s. Teil I. Kap. 1. Das Werk: Titel, Inhalt, Autorschaft, Anm. 105. Zum eratosthenischen Gedicht s. auch: HILLER (1872, mit Kommentar auf lateinische Sprache); SOLMSEN (1942 = 1968); GEUS (2002) 110–128. Dieselbe Sujet über die Klimazonen des Eratosthenes s. auch in den Georgika des Vergil (I 231–256), s. dazu: THOMAS (1986).

48 Vgl. Lucr. De rerum natura. 204 f.; Verg. Georg. I 231–239 u.a.; Ovid. Met. I 45–51; Horat. Od. I 13, 17–24 etc. S. auch: SCHRIJVERS (2010) 149–176.

49 Bereits Eustathios von Thessaloniki bemerkte in seinem Kommentar zur Erdbeschreibung, dass Dionysios seinen Leser führe wie Daidalos, der im Flug den Ikaros lehrte; weiter

vergleicht Eustathios Dionysios mit dem homerischen Hermes (vgl. Hom. Il. XXIV 343–345,

IV 442; Od. X 277), der im göttlichen Auftrag die ganze Erde umfliegt (Eust. ad Dion. Per.

epist. P. 210 Müller).

50 Ausführlicher zu den Vergleichen der Kontinenten- und Länderumrisse mit verschiedenen Figuren bei Dionysios s. unten in diesem Kapitel.

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ἔχοις εὔφραστον ὀπωπήν (vv. 170–171). Hier wird ὀπωπή im Sinn „optischer Eindruck“, „bildliche Vorstellung“ benutzt, d. h. Dionysios meint damit eine literarische Beschreibung, die mit Hilfe der „Blick von oben“-Methode im inneren Auge des Lesers das Oikumenebild erschaffen wird 51 .

2.3.2 Der hodologische Raum (horizontal) Routen Nachdem Dionysios das gesamte Weltbild „von oben“ dargeboten hat, landet er in seinen Gedanken wieder auf der Erde und beginnt einzelne geographische Gebiete – den Ozean und seinen größten Golf, das Mittelmeer, alle Kontinente und die Inseln – detailliert zu beschreiben. Dabei verwendet er die für antike Periegesen kennzeichnende Beschreibungsweise einer Route, die einer imaginären Linie folgt: Dionysios zählt parataktisch ethno- und geographische Objekte (Wasserraum, Kontinente und Inseln, ihre Küsten- und Binnengebiete, die sie bewohnenden Völker und Stämme) vom Gesichtspunkt eines gedachten, sich im Raum bewegenden Subjekts auf und führt den Leser entlang der imaginären „Routen“ 52 . Diese archaische Form der Raumerfassung ist mit einer vorwärtsgerichteten Blickrichtung verbunden und stellt so eine horizontale Linie dar 53 . Der Leser soll der Beschreibung folgen und so eigentlich zusammen mit dem Autor eine imaginäre lineare Bewegung entlang einer Route machen 54 . Diese hodologische (vom griech.

51 SCHNEIDER (1882) 36; FRUHWIRTH (1990) 90.

52 „Nun aber werde ich den Gang (πόρον) der Hesperischen Salzflut besprechen“ (v. 58); „Ihr aber, o Musen, möget die gewundenen Pfade (σκαλιὰς κελεύθους) künden, euren Ausgang nehmend – reihum – vom Hesperischen Ozean“ (vv. 62–63); „Wenn du aber auch von Europa den Umriss (πόρον) willst, werde ich ihn dir mitnichten verhehlen“ (v. 270); „Doch merke auf Europas restlichen Verlauf (λοιπὸν πόρον)“ (v. 331); „Du aber, Zeustochter Muse, künde mir den heiligen Pfad (ἱερὸν πόρον) aller Inseln“ (v. 448); „Die Musen aber mögen eine schnurgerade Spur (ἰθύντατον ἴχνος) ziehen“ (v. 651); „Leicht aber könnte ich dir wohl auch dieses Meer beschreiben, ohne zwar fernab seine Pfade (πόρους) gesehen zu haben“ (vv. 707–708); „Nun wiederum werde ich wohl den Verlauf (πόρον) des am Meer gelegenen Asien verkünden“ (v. 799); „Leicht aber könnte ich dir wohl den restlichen Verlauf (λοιπὸν

πόρον) des Landes Asiens verlauten (

aufgemerkt haben“ (vv. 881–884); „Als Türriegel des Asiatischen Landes - , wo ein Pfad (κέλευθος) Wandernden nach Norden hin und nach Süden ausgebreitet ist“ (vv. 1036–1037); „Doch merke auf – zum Frühlicht hin – den restlichen Verlauf (λεπτὸν πόρον) des Asiatischen Landes“ (v. 1080); „Denn schon bin ich hingeeilt über den Wogenschwall der gesamten See, über der Erdteile krummen Verlauf (σκολιὸν πόρον)“ (vv. 1184–1185).

53 S. die wichtigsten Studien zum Thema: VAN PAASSEN (1957); JANNI (1984); JANNI (1998); PRONTERA (1984); BRODERSEN (1995); GEHRKE (1998). 54 Im Kontext des dionyseïschen Gedichts hat der Begriff „Route“ keine strenge terminologische Bedeutung – dafür benutzt Dionysios vielfältigen frühepischen Wortschatz (s. EBELING (1880–1885), s.v. ἡ κέλευθος). Außerdem werden die Lexeme „Route“ (πόρος, κέλευθος) im Text der Erdbeschreibung manchmal unabhängig von der oben angeführten Semantik verwendet und dienen z. B. für Hinweise auf Sonnenbewegung (πρὸς ἠελίοιο κελεύθους, v. 6), auf Himmelsrichtung (ἑξείης δὲ πόροιο πρὸς αὐγὰς ἠελίοιο, v. 487), auf die für Seeleute gefährliche Sizilische (heute Messenische) Meerenge (ὀλοὴ ναύτῃσι κέλευθος, v.

473), auf die linke – für einfahrende Schiffe – Küste des Adriatischen Meeres (ἀλλ᾿ ὁπότ᾿

).

Denn solltest du mir diesen Pfad (κέλευθον) genau

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ἡ ὁδός „Weg, Strecke“) 55 Beschreibungsweise setzt Ausgangs- und Endpunkte des Weges, eine bestimmte Richtung und markante Punkte (Flussmündungen, Kaps, Bergspitzen u. ä.) voraus; und wenn sich auch die Aufzählung der geographischen Objekte dabei etwas seitlich abbiegt, so kehrt sie später doch zielgerichtet zur Hauptlinie zurück 56 . Eines der frühesten Beispiele einer solchen Beschreibung stellt eine Passage der Ilias dar, in der Heras Route geschildert wird – wie die Göttin vom Olympos über die Hügel Pieriens, die Täler Emathiens, über Thrakien und den Berg Athos zur Insel Lemnos fliegt; sowohl Ausgangs- und Endpunkt der göttlichen Route als auch einzelne markante Punkte dazwischen werden von Homer angegeben (Il. XIV 225–230). Als Ausgangspunkt einer Route dient im dionyseïschen Gedicht immer der westlichste Punkt des zu beschreibenden Objektes – in Europa und Libyen sind dies die Säulen des Herakles, von denen ausgehend Dionysios den Ozean (vv. 29 ff.), das Mittelmeer (vv. 64 ff.), Libyen (vv. 184 ff.), dann Nord- (vv. 281 ff.) und Südeuropa (vv. 331 ff.), die Inseln des Mittelmeers (vv. 450 ff.) und die des Ozeans (vv. 555 ff.) beschreibt. Bei der Beschreibung Asiens liegt der westlichste Punkt an der Maiotis und am darin mündenden Tanais (vv. 652 ff.). Eine besondere Route stellt die in Asien von West nach Ost ausgedehnte Bergkette Tauros dar, die auf diesem Kontinent den Nord- (vv. 620–880) vom Südteil (vv. 881–1079) abtrennt. Gesondert wird die Route der östlichen Gegend Asiens beschrieben (vv. 1080–

1165).

Den Routen mit markanten Punkten entsprechend werden von Dionysios ethnogeographische Angaben gemacht, wodurch er in einzelnen Textpassagen jeweils einen bestimmten Regionsteil beleuchtet. So wird z. B. ein Teil der imaginären periploischen Beschreibung des Mittelmeers in drei Routen aufgeteilt: von Sizilien nordwärts – in die Adria (vv. 91 ff.), südwärts – zu den Syrten (vv. 103 ff.) und ostwärts – bis zur Kreta (vv. 109 ff.). Von Kreta bahnt Dionysios eine Route bis zum Berg Kasion, der sich ostwärts von der Nilmündung befindet (vv. 115 ff.), und die andere zum Patarischen Kap in kleinasiatischen Lykien (vv. 117 ff.). Vom Patarischen Kap geht die dionyseïsche Route zur Insel Tenedos im Hellespontos (vv. 130 ff.), von wo sie dann weiter bis zur Maiotis läuft (vv. 135 ff.). Die Beschreibung Libyens beginnt mit einer Route, deren Ausgangspunkt im Westen bei den Säulen des Herakles liegt: Vor allem wird dabei die nördliche Küste Libyens bis zu den beiden Syrten (vv. 184 ff.) beschrieben, dann biegt die Erzählung ab, einer Route in den Binnengebieten Libyens entlang (vv. 211 ff.), und wird mit einer Route dem Nil entlang beendet (vv. 222 ff.), wobei die darauf folgende Passage der ausführlichen Beschreibung Ägyptens gewidmet ist (vv. 232 ff.). Auf ähnliche Weise führen mehrere Routen durch Europa: Eine davon liegt nordwärts von den Säulen des Herakles (vv. 281 ff.), die andere läuft den Alpen entlang (vv. 294 ff.); und weitere zwei – nord- (vv. 302 ff.) und südwärts (vv. 321 ff.) vom Istros – beschreiben die entsprechenden

Ἀδριάδος σκαιὸν πόρον ἀµφιτρίτης εἰσελάσῃς ἐπὶ νηός, v. 481), auf den Sternenpfad (αἰθερίων ὁδὸς ἄστρων, v. 717), oder auf den Nyseïschen Pfad beim indischen Ganges, der zu den Dionysischen Säulen am östlichen Rande des Ozeans führt (Νυσαίην κέλευθον, v. 1159). 55 Der Begriff „hodologisch“ wurde zum ersten Mal in einem Artikel des deutschen Psychologen K. LEWIN (1934) angeführt und später im Buch von P. JANNI (1984) in Bezug auf geographische Beschreibungen verwendet und ausgearbeitet. 56 JANNI (1984) 13–14, 79–90; GEHRKE (1998) 164.

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Gegenden und dort wohnenden Völker und Stämme. Schließlich gehört zur Mittelmeerroute – die Dionysios von den Säulen des Herakles bis zur Attischen Küste legt – eine detaillierte Beschreibung der drei europäischen Halbinseln – der Pyreneischen, der Apenninen und der Balkanischen (vv. 331 ff.). Eine „heilige“ (ἱερὸς πόρος, v. 448) Route verbindet die im Mittelmeer und im Pontos Euxeinos liegenden Inseln, die eine große Bedeutung für die Seeleute von damals hatten (vv. 448 ff.). Die Ozeansinseln, die die Oikumene von der äußeren Seite umgeben, werden im Uhrzeigersinn vom Westen nach Osten aufgezählt und stellen eine besondere Liste dar (vv. 555 ff.). Die Routenbeschreibung Nordasiens fängt Dionysios mit dem Periplus der Maiotis (d.h. des westlichsten Punktes im asiatischen Teil der Oikumene) an (vv. 652 ff.), dann geht er in seinen Gedanken die kaukasische Küste des Pontos entlang – bis zur Landenge, die das Schwarze Meer mit dem Kaspischen Meer verbindet (vv. 680 ff.); nach dem Periplus des Kaspischen Meeres (vv. 718 ff.) wird die südpontische Küste des Pontos von Osten nach Westen beschrieben (vv. 762 ff.). Die zwei anderen Routen enthalten Beschreibungen Klein- (vv. 799 ff.) und Südasiens (vv. 881 ff.); als eine Route in Südasien über Syrien, Arabien und Mesopotamien die Kaspischen Pforten erreicht, und geht dann aber südabwärts weiter, nach Persien (vv. 1053 ff.). Die übrige Route in Ostasien fängt in Karmanien an und dehnt sich in östliche Richtung aus bis zum Indusstrom, von wo ostwärts bis zu den Säulen des Dionysos an der Ostozeansküste Indien liegt (vv. 1080 ff.).

Eine Route ist die Verbindung zwischen zwei bestimmten geographischen Punkten und gibt einen bestimmten Raum wieder. Der geographische Raum einer Route ist immer mit topographischen (Städte, Flussmündungen, Berge, Kaps u.a.), ethnischen (Völker, Stämme) oder sakralen (Heiligtümer, Tempel, Grabstätten) Objekten angefüllt, die als markante Punkte der Route hervortreten – sie markieren verschiedene Routenteile und umfassen gleichzeitig die ganze Region.

Distanzangaben in Tagesreisen Im Rahmen der hodologischen Tradition macht Dionysios in seinem Text zweimal Angaben zur Entfernung zwischen zwei geographischen Objekten, die in Tagesreisen dargestellt sind. Die geographischen Objekte können dabei Punkte einer oder zwei verschiedener Routen darstellen. So befinden sich z. B. die sich gegenüber liegenden pontischen Kaps Karambis und Kriumetopon nach dionyseïschen Angaben in einer Entfernung, die „ein Lastschiff wohl bis zum dritten Tag zurückgelegt haben mag“:

αἵτ' ἄµφω συνίασιν ἐναντίαι, οὐ µὲν ἐοῦσαι / ἔγγυθεν, ἀλλ' ὅσον ὁλκὰς ἐπὶ τρίτον ἦµαρ ἀνύσσαι, „diese beiden laufen, sich gegenüber liegend, aufeinander zu, obzwar sie nicht nahe beisammen sind, sondern soviel entfernt, wieviel ein Lastschiff wohl bis zum dritten Tag zurückgelegt haben mag“ (vv. 154–155).

Solche hodologischen Distanzangaben hatten in antiken Quellen einen subjektiven und damit nur sehr annäherungsweisen Charakter 57 . Die seltene Verwendung dieses Mittels im Kontext

57 Vgl. Herod. I 72, 103, III 26, IV 181 ff., 107 f, V 49, 108; Ps.-Scymn. F 28 Marcotte: ( ) ἀπὸ Καράµβεως πλοῦν νυχτθήµερον, “(sc. Kriumetopon) von Karambis eine Nacht- und Tagesfahrt entfernt liegt”. Mehr hierzu s.: GEHRKE (1998) 183.

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