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Münster 2006 FernAkademie

Touristik

Tourismuskunde I für Reiseleiter


Andreas Damson

Ausbildung zum/zur Reiseleiter/in – Fachkunde


Zum Autor
Andreas Damson wurde am 21.02.1966 in Stuttgart
geboren. Nach seinem Studium der Ethnologie und
Geographie M.A. (Abschluss 1993) war er mehrere
Jahre weltweit als Reiseleiter für Wikinger Studienrei-
sen tätig. Außerdem arbeitete er als Reiseleiter für
die TUI. Seit einigen Jahren ist er bei Wikinger Rei-
sen für Auswahl, Einsatz, Schulung und Weiterbil-
dung der Reiseleiter verantwortlich. Nebenberuflich
ist er Referent beim Förderverein zur Schulung von
Reiseleitern e.V. (FSR) in Hagen. Darüber hinaus ist
er weiterhin als Reiseleiter aktiv.

2003 überarbeitet und aktualisiert von Ulrich Gries

2
Vorwort

Der Beruf des Reiseleiters mag vielen als ein Traumberuf


erscheinen. Er kann es für Sie werden, wenn drei notwen-
dige Kriterien zutreffen: die passende Lebenseinstellung,
geeignete persönliche Voraussetzungen und schließlich
eine fundierte Vorbereitung und Ausbildung.

Wenn Sie sich während des Studiums des vorliegenden


Bandes in punkto Lebenseinstellung und persönlicher Vor-
aussetzungen hier wiederfinden, dann kann sich die Faszi-
nation dieses außergewöhnlichen Berufes Ihnen in voller
Breite offenbaren. Das Bindeglied hierzu, nämlich das
notwendige Know-how des Reiseleiters samt seinem Hin-
tergrundwissen, soll Ihnen in dieser und den folgenden
Lektionen vermittelt werden.

Zunächst erschließt sich Ihnen die Welt des Reisens an-


hand eines geschichtlichen Rückblicks. Über die Entste-
hung und die Bedeutung des Reisens in unserer Gesell-
schaft Bescheid zu wissen heißt, die Motivation der Rei-
senden sowie die Gründe für die Entstehung verschiedener
Reiseformen zu begreifen. Dementsprechend hilft Ihnen
dieses Bewusstwerden, mit dem Reisenden richtig umzuge-
hen, mitsamt seinen Erwartungen und seinen Bedürfnissen,
aber auch seinen Träumen, Ängsten und Nöten. Eine diffe-
renzierte Klärung der verschiedenen Begriffe für das
„Unterwegssein“ eröffnet Verständnismöglichkeiten für
die verschiedenen Ansprüche der Menschen, mit denen Sie
es als Reiseleiter zu tun bekommen und die wir dann als
„Gäste“ bezeichnen.

Ein realistisch dargestellter Tagesablauf einer Reiseleite-


rin soll beispielhaft widerspiegeln, mit welchen Anforde-
rungen und Aufgaben, aber auch mit welchen beeindru-
ckenden Erlebnissen, Begegnungen und Ereignissen Sie im
Beruf unter Umständen rechnen können.

Eine ausführliche Definition des Begriffs „Reiseleiter“


mitsamt seinen Aufgaben, Tätigkeitsbereichen und seiner
Situation vor Ort beinhaltet die Unterscheidung zweier
wichtiger Untergruppen – der des Standortreiseleiters und
der des Rundreiseleiters.

Dem Reiseleiter, der im Zielgebiet weitgehend die Rolle ei-


nes alleine Handelnden im Umgang mit Gästen und Gäste-
gruppen, aber auch mit den Bewohnern und Institutionen
des Zielgebiets einnimmt, kommt in erster Linie die Auf-
gabe eines Vermittlers zu. Er steht mit seiner Funktion

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stets zwischen verschiedenen Interessenlagen, und eine
seiner Hauptaufgabe ist es, alle Seiten zu befriedigen. Hier
werden Aufgaben und Anforderungen ausführlich be-
schrieben sowie Möglichkeiten erörtert, um diese zu erfül-
len.

Im Anschluss daran werden die verschiedenen Reisearten


und -formen vorgestellt, die von Reiseleitern „beherrscht“
werden müssen, da die Arten sich nicht trennen lassen, wie
es die Einteilung suggerieren mag. Jede Reiseart birgt
Elemente der anderen, und nur die Kenntnis des Gesamten
bildet den kompetenten Reiseleiter.

Ein angefügtes Glossar listet die im Text mit * gekenn-


zeichneten Fachbegriffe erklärend auf. Das Literaturver-
zeichnis am Ende soll Ihnen eine weiterführende vertie-
fende Lektüre ermöglichen.

Anmerkung: Die Verwendung des Begriffs „Reiseleiter“


bezieht selbstverständlich die Reiseleiterinnen mit ein. Dies
gilt für alle männlichen Personalbegriffe.

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Inhaltsverzeichnis

Lerninhalte 7
Lernziele 7

1 DIE WELT DES REISENS 8

1.1 Historischer Exkurs zur Entstehung des Reisens 8

1.2 Definitionen: Reisen, Urlaub, Ferien und Erholung 14

2 ALLTAG AUF MAURITIUS –


EIN TAG IM LEBEN EINER STANDORTREISELEITERIN 20

3 DER REISELEITER –
DEFINITION EINES AUßERGEWÖHNLICHEN BERUFS 32

3.1 Definitionen 33
3.1.1 Definition: Reiseleiter, Reiseführer 33
3.1.2 Definition: Reisebegleiter 34
3.1.3 Definition: Gästeführer 35
3.1.4 Definition: Local Guide – der einheimische Reiseleiter 36
3.1.5 Persönliche Voraussetzungen -
die spezifische Lebenssituation des Reiseleiters 37
3.1.6 Der Reiseleiter als Dienstleister 39
3.1.7 Der Reiseleiter als Alleskönner 40
3.1.8 Alltag in der Fremde 43

3.2 Der Standortreiseleiter 44


3.2.1 Definition 44
3.2.2 Aufgaben des Standortreiseleiters 44

3.3 Der Rund- und Studienreiseleiter 46


3.3.1 Definition 46
3.3.2 Aufgaben des Rundreiseleiters 47

4 DER REISELEITER ALS VERMITTLER 51

4.1 Mittler zwischen den Kulturen 51

4.2 Vermittler von Information 56


4.2.1 Information über Land und Leute 60
4.2.2 Information über reisetechnische Sachverhalte 63

5
4.3 Die Vermittlung zwischen den Leistungsträgern 66
4.3.1 Definition 66
4.3.2 Aufgaben 66
4.3.3 Beachtung einheimischer Strukturen 67
4.3.4 Partneragenturen 68

5 DER REISELEITER IM BLICKPUNKT 71

5.1 Aus der Sicht der Gäste 72

5.2 Aus der Sicht des Veranstalters 74

5.3 Aus der Sicht des Zielgebiets – die Perspektive der "Bereisten" 76

6 REISEARTEN UND -FORMEN 81

6.1 Gruppenreisen 81
6.1.1 Charakteristik der Gruppenreisen 81
6.1.2 Rundreisen 85
6.1.3 Studienreisen 86
6.1.4 Themenreisen 88
6.1.5 Zielgruppenspezifische Reisen 89

6.2 (Ferien-) Freizeiten 90

6.3 Cluburlaub, Freizeitparks und -Resorts 91

6.4 Aktivurlaub 93

6.5 Sanfter Tourismus 96

6.6 Öko-Tourismus 99

6.7 Incoming – Outgoing 100

7 GLOSSAR 104

8 LITERATUR 108

9 PRÜFUNGSAUFGABEN 109

6
Lerninhalte
Diese Lektion hat folgende Inhalte:

– eine Einführung in die Welt des Reisens mit einem


historischen Exkurs
– ein ausführliches Beispiel aus dem Alltag einer Reise-
leiterin
– genaue Beschreibung und Definition der Tätigkeit ei-
nes Reiseleiters
– Unterscheidung verschiedener Formen der Reiselei-
tung
– Reiseleiter als Vermittler zwischen Gästen, Veranstal-
ter und Zielgebiet
– Reisearten und Reiseformen

Lernziele
Das ist Ihr Wissen, wenn Sie die vorliegende Lektion
durchgearbeitet haben:

– Sie können die Bedeutung des Reisens historisch ein-


ordnen und wichtige Begriffe definieren.
– Sie kennen die Unterschiede zwischen den Begriffen
Reiseleiter, Reiseführer, Reisebegleiter, Gästeführer
und Local Guide.
– Sie können den Standortreiseleiter vom Rundreiselei-
ter abgrenzen und können deren Aufgabengebiete be-
schreiben.
– Sie wissen, welche Aufgaben sich einem Reiseleiter
stellen, z. b. als Informationsvermittler, als Vermittler
zwischen verschiedenen Kulturen oder zwischen Gäs-
ten und Leistungsträgern.
– Ihnen ist bekannt, welche Erwartungen an den
Reiseleiter von den Gästen und vom Veranstalter ge-
stellt werden. Sie können sich auch in die Perspektive
der ‚Bereisten‘ versetzen.
– Sie können verschiedene wichtige Reisearten und
-formen unterscheiden. Sie haben zusätzliche Kennt-
nisse erworben über besondere Reiseformen wie etwa
(Ferien-) Freizeiten, Cluburlaub, Aktivurlaub und
Studienreisen.

7
1 Die Welt des Reisens

1.1 Historischer Exkurs zur Entstehung


des Reisens

Die Kenntnis über die Entstehung und Entwicklung des Das Reisen ist Bestandteil
Reisens in seiner historischen Dimension befähigt Sie als unserer Kultur.
Reiseleiter, die hohe Bedeutung dieses in unserer Gesell-
schaft immens wichtig gewordenen Aspekts der Lebens-
qualität richtig zu bewerten. Beim Reisen handelt es sich
nicht nur um eine zeitgemäße Modeerscheinung, sondern
um die Offenbarung von Sehnsüchten, die Möglichkeit der
Persönlichkeitsentwicklung und vor allen Dingen die Ge-
währleistung der Wiederherstellung der Schaffenskraft.
Hierzu hat sich das Reisen als Bestandteil unserer Kultur in
den letzten Jahrhunderten entwickelt.

Dies ist vielleicht vielen Reisenden nicht bewusst, denn


manch einer reist eben, „weil es die Nachbarn auch tun“,
ohne sich dabei Gedanken zum soziokulturellen Wert des-
sen zu machen. Dennoch ist es für ein besseres Verständnis
Ihres Berufs und Ihrer Gäste vonnöten, sich des hohen
Stellenwerts des Reisens innerhalb unserer Gesellschaft
bewusst zu werden. Dies ist in erster Linie durch die Ana-
lyse der Motive für das Reisen und deren Entwicklung er-
gründbar.

Die Geschichte des Reisens lässt sich bis in früheste Zeiten Reisetätigkeiten lassen sich
der historisch belegbaren Epochen der Menschheit zurück- bis in die frühe Mensch-
verfolgen. Aber auch darüber hinaus geben archäologische heitsgeschichte zurückver-
Funde Auskunft über verschiedene Reisetätigkeiten verein- folgen.
zelter Menschen und Menschengruppen in prähistorischer
Zeit. Meist waren die Motive dieser „Reisen“ im Sinne von
„Fortbewegen von einem Ort zum anderen“ andere, als wir
sie heutzutage kennen: Es waren hauptsächlich Zwänge,
die die Menschen aus wirtschaftlichen oder politischen
Gründen veranlassten, ihre Heimat zu verlassen, um an
anderen Orten ihr Auskommen, ihre Existenz oder ihre
Sicherheit zu finden.

Teilweise brachen ganze Völkerschaften auf, um mitunter


durch Eroberungen, Kriegszüge, Überfälle oder schlicht
durch die Erschließung und Urbarmachung unbewohnter

8
Die Welt des Reisens

Gebiete die Lebensumstände zu verbessern. Es sind dies


die Motive, in der Ferne sein Glück zu suchen. Diesen For-
scherdrang entwickelten bereits viele Kulturen weltweit,
was jedoch nicht immer in unserem europäischen Bewusst-
sein vorhanden ist.

Nicht immer barg die Begegnung mit Fremden ein Kon-


fliktpotential. Oftmals waren Händler gern gesehene Rei-
sende, die Waren aus der Ferne mitbrachten, aber auch
lokale Waren einkauften, was einen teilweise regen Handel
bedeutete, der für beide Seiten lukrativ war. Diese Reisen
waren jedoch stets existentiell zweckgebunden, sie bein-
halteten noch nicht das Element des Reisens aus nichtwirt-
schaftlichen Gründen.

Die erste in der Alten Welt bekannt gewordene Reisekultur Die erste bekannt gewor-
wurde durch die Römer entwickelt. Dank der immensen dene Reisekultur wurde
Erstreckung des Römischen Imperiums, in seiner Hoch- durch die Römer entwickelt.
phase von Schottland bis Mesopotamien reichend, bedeu-
tete die Beherrschung und Befriedung weiter Teile der be-
kannten Welt die Möglichkeit, sich innerhalb eines kultu-
rell und politisch „römisch“ geprägten Raumes relativ si-
cher und gut organisiert fortzubewegen.

Zwei Arten des Reisens entstanden: Einerseits erreichten Es entstanden zwei Arten
innerhalb dieser sozial differenzierten Gesellschaft einige des Reisens.
wenige Adlige die Möglichkeit, sich aus Gründen der Er-
holung und der Demonstration ihres hohen wirtschaftlichen
und gesellschaftlichen Ranges, sich in den nun entstehen-
den Bade- und Kurorten in Italien ihren Reisefreuden hin-
zugeben. Es entwickelten sich regelrechte Badezentren für
die Oberen Roms in Ostia und an der Riviera, wo diese
sich während der heißen Sommermonate in elitärem Kreis
vor den Toren der Stadt dem Vergnügen und der Erholung
widmeten.

Andererseits entstand als eine Art Nebenerscheinung der Schon zur Zeit des Römi-
Feldzüge für einen kleinen Kreis an gebildeten Heeres- schen Imperiums fanden
funktionären die Gelegenheit, während ihrer Expeditionen Reisen zu Orten mit kultu-
nach Griechenland, Ägypten und später auch Palästina an reller Bedeutung statt.
die Stätten der damaligen Weltgeschichte zu treten, um
sich von den Überresten der damals noch hoch im Kurs
stehenden Kulturvölker der Hellenen und des Orients
überwältigen zu lassen. Es war dies eine Art Versuch, die
Erfolge dieser antiken Kulturen nachzuvollziehen. Die Fas-
zination, die von diesen Stätten ausging, ermunterte weitere
Gelehrte, Adlige oder Begüterte, es ihnen gleich zu tun.

9
Die Welt des Reisens

Die Erfahrungen und Erkenntnisse schlugen sich in einigen


literarischen Werken nieder, die man heutzutage ohne
weiteres als die Vorreiter der klassischen Reiseführer* be-
zeichnen könnte. Teilweise bildete diese Nachfrage an Rei-
sen zu friedlichen Zwecken bereits in den entsprechenden
Zentren eine regelrechte „touristische“ Infrastruktur. Her-
bergen, Gasthäuser, ja sogar Gästeführer konzentrierten
sich an jenen Punkten, die man z. b. in Griechenland noch
heute auf jeder klassischen Rundreise ansteuert. Die Person
des lauthals auf die fremden Besucher einredenden
Gästeführers fand sogar Eingang in einigen spöttischen
Stellen der griechischen Komödie und des Theaters,
sozusagen ein Vorbote der kritischen
Tourismusbetrachtung.

Als das Römische Reich zerfiel, geriet auch für eine lange Mit Zerfall des Römischen
Zeit die kulturelle Errungenschaft des Reisens in Europa in Reiches geriet das Reisen
Vergessenheit. Es existierte durch die Ausbreitung für lange Zeit in Vergessen-
verschiedener Reiche, z. b. der Araber oder der Völker heit.
Mittelasiens, die durch die Völkerwanderungen in Europa
einfielen, nicht mehr die Sicherheit, im Schutze einer
Zentralmacht durch die bloße Ausweisung als Person
römischer Nationalität relativ mühelos voranzukommen.
Straßen zerfielen, Schifffahrtswege wurden zu gefährlichen
Passagen, massive Besteuerung durch Wegezoll und nicht
zuletzt die Bedrohung der Fremden als Feinde machten das
Reisen nahezu unmöglich.

Das Mittelalter gestand nur zuweilen Kaufleuten, Gesand- Im Mittelalter hinderte das
ten, Pilgern, Studenten und Handwerkern das Umherziehen Gesetz der „Schollenbin-
zu. Drei Vierteln aller Menschen in Mitteleuropa, meist dung“ das Volk am Reisen.
Bauern, wurde per Dekret untersagt, sich von ihren Hei-
matgefilden zu entfernen. Das Gesetz der sog. „Schollen-
bindung“ zwang die Bauern, ihre Felder zu bearbeiten. Es
lag nicht im Interesse der Mächtigen, dass das Volk zu
neuen Ufern aufbrach. Die Herrschenden selbst jedoch
machten sich vereinzelt auf, um vor allem in Italien und
besonders in Rom auf den Spuren der Imperatoren zu wan-
deln. Noch immer war das Römische Reich Vorbild als
eine zentralistisch organisierte Weltmacht. Politische und
religiöse Gründe waren das Hauptmotiv dieser seltenen
Exkursionen.

Die frühe Neuzeit ab dem 16. Jahrhundert brachte Verän- Während der Renaissance
derungen im Bewusstsein für „Schöne Künste“, Architek- standen Bildungsreisen
tur, Literatur und Wissenschaft. Im Zuge der Renaissance hoch im Kurs.
entdeckten adlige Kreisen die Antike wieder. Der Drang,
sein Wissen zu erweitern und die Welt zu „erfahren“

10
Die Welt des Reisens

mündeten in einer großen Unternehmung, der sog. „Grande


Tour“, einer Reise, die primär zum Zwecke der Bildung
dienen sollte und bald zum Standard für
„Nachwuchsführungskräfte“ in Staat und Gesellschaft
wurde. Die Grand Tour führte von London über Paris nach
Italien, welches sich in dieser Zeit zur führenden
Kulturnation entwickelt hatte. Die gesammelten Eindrücke
wurden literarisch verwertet, Reiseaufzeichnungen und
Tagebücher wurden veröffentlicht. Es entstanden sogar
Anleitungen zum richtigen Reisen und Theorien darüber,
welches wohl die beste Methode sei, den größtmöglichen
Bildungseffekt zu erzielen.

Waren es bis zum Ende des 17. Jahrhunderts die Kultur- Ab dem 18. Jahrhundert
metropolen, die die Adligen und Begüterten anlockten, so veranlasste die Natur die
war es ab dem 18. Jahrhundert ebenso die Natur. Jean- Menschen zum Reisen.
Jacques Rousseaus Betrachtungen zum Menschen in seiner
Beziehung zur Natur sensibilisierte die Gebildeten für die
Wahrnehmung der Landschaft als „Fundus an Echtheit und
Reinheit“. Es zog die Herrschaften förmlich in die Berge
der Alpen, wo die kontrastive Welt bitterer Armut und fas-
zinierender Bergwelt Raum zum Philosophieren über die
Natur des Menschen gab.

Bereits im 19. Jahrhundert machten die Bergbewohner aus


der Not eine Tugend und schafften den Grundstein der bis
heute hoch differenzierten touristischen Infrastruktur der
Alpen. Vornehme Hotels und Casinos entstanden vor allem
für die englische „Upper Class“, die sich in die Sommerfri-
sche der alpinen Bergwelt begab. Aus dieser Zeit erwuchs
auch die Sportart des Skifahrens, wohlgemerkt als eine
englische „Erfindung“ in den Schweizer Alpen. In diesen
damals angelegten Strukturen war die Entstehung des Al-
pen-Massentourismus unseres Jahrhunderts begründet.

Die Industrialisierung, die in England begann, hatte mit der Mit der Industrialisierung
Erfindung der Eisenbahn und der sozialen Umstrukturie- bekam auch die breite

11
Die Welt des Reisens

rung von hauptsächlich landwirtschaftlicher Wirtschafts- Masse die Möglichkeit, zu


weise hin zur Industrienation den Weg zum Reisen für die reisen.
breiteren Massen geebnet. Eine Trennung der Lebenswel-
ten in die der Arbeit in den Fabriken und die der Freizeit,
welche es in dieser Art vormals nicht gab, und die gesetzli-
che Verankerung des Urlaubs (1918) erlaubte allmählich
auch einfacheren Gesellschaftsschichten den Gedanken und
auch die wirtschaftliche Möglichkeit, zu reisen.

Die in der Tourismusgeschichte als Initialzündung und Thomas Cook wird als ers-
Geburt der Pauschalreise betrachtete Unternehmung ist die ter Reiseveranstalter im
des Baptistenpredigers Thomas Cook, der im Jahre 1841 heutigen Sinne verstanden.
eine Ausfahrt für 540 Personen mit der Eisenbahn inner-
halb Englands unternahm und dabei Fahrt und Unterkunft
in einem Preis veranschlagte. In den Folgejahren ver-
schickte er u.a. über 3000 Schulkinder; er unternahm
Fahrten für Anti-Alkoholiker und wird als erster Reisever-
anstalter im heutigen Sinne verstanden. Sein Verdienst war
es, gerade den einkommensschwächeren Schichten die
Möglichkeit zum Reisen zu geben. Als die Bahngesell-
schaften selbst auf die Idee kamen, als Organisatoren sol-
cher Fahrten aufzutreten, wechselte Cook auf den Konti-
nent und war lange Jahre danach noch erfolgreich als
Betreiber von „Reisebüros“ und lokalen Agenturen. Seine
Pauschalarrangements* enthielten meist Fahrt, Unterkunft,
später Visabeschaffung, Eintritte, Bankdienste sowie sach-
und sprachkundige Reiseleitung. Diese Reisen führten ge-
gen Ende seiner Aktivitäten bereits bis nach Ägypten und
Palästina.

Ein Nachfolger der Branche, Carl Stangen, organisierte Im Jahre 1878 wurde die
bereits 1878 die erste Weltreise, die zur Sensation geriet. erste Weltreise organisiert.
Bereits hier waren schließlich die vormals auslösenden
Motive des Reisens Bildung, Vervollkommnung der eige-
nen Persönlichkeit oder „Bewährung in der Fremde“ dem
neuen Reisemotiv gewichen: Die ersten Vergnügungsfahr-
ten wurden durchgeführt. Sie dienten dem Genuss von Mi-
lieu, Natur und Bildungsgütern. Heute erinnern
Studienreisen noch in Ansätzen an die klassische
Bildungsreise.

Schon damals wurde das Reisen in der Gruppe, zum Zwe- Nach dem Ersten Weltkrieg
cke der Erholung und des gemeinsamen Erlebens unter wurde innerhalb der indus-
dem Blickwinkel der schwierigen Lebensverhältnisse der triellen Arbeitswelt der Jah-
Arbeiterschaft während des Zeitalters der Industrialisierung resurlaub eingeführt.
gesehen. Später wurde diese Art des Reisens auch in Zu-
sammenhang gebracht mit den hehren Werten der Völker-
verständigung und des kulturellen Austauschs. Im Zuge

12
Die Welt des Reisens

dieser Entwicklung nahm die organisierte Reise stetig mehr


Kontur an. Es fanden sich danach und vor allem nach dem
Ersten Weltkrieg aufgrund der Einführung des Jahresur-
laubs innerhalb der industriellen Arbeitswelt Anbieter von
Eisenbahn-, Schiffs- und auch in den 1930er Jahren
vereinzelt bei Flugreisen.

Das Dritte Reich drängte die Entwicklung durch die


Konzentration des Reiseaufkommens auf Ziele im eigenen
Land zurück förderte dadurch aber einen immer breiteren
Inlandstourismus. Die Institution „Kraft durch Freude“
mitsamt ihren Ansprüchen an die Wiederherstellung der
Arbeitskraft im Sinne der Politik war geradezu eine
staatlich gesteuerte Tourismus-Industrie mit dem Ziel, alles Der Zweite Weltkrieg unter-
Potential im eigenen Land zu behalten. Dieser neue Ansatz brach die Reisetätigkeit na-
wurde durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen. Die hezu in ganz Europa.
Reisetätigkeit kam durch die Kriegswirren in nahezu ganz
Europa zum Erliegen.

Die Jahre des Wirtschaftswunders nach dem Krieg und den Als Folge des Wirtschafts-
anschließenden beiden Jahrzehnten brachten eine Welle ins wunders entwickelte sich
Rollen, die der Vorreiter des Massentourismus der 70er während der 70er und 80er
und 80er Jahre war. Die Sommerferien am Meer oder in Jahre der Massentouris-
den Bergen wurden für viele Familien zum Standard, denn mus.
die erwirtschafteten Mittel begannen zunehmend über das
Notwendige zur Befriedigung der existentiellen Bedürf-
nisse hinaus zu wachsen. Überschüsse wurden investiert in
Besitz, Statussymbolen oder auch Reisen. Besonders in den
70er Jahren wurde das Reisen zur Selbstverständlichkeit.
Die in den Zielländern langsam aber stetig verbesserte tou-
ristische Infrastruktur erlebte eine bis dahin unbekannte
Dimension der Nachfrage. Dies hatte zur Folge, dass ein
Bauboom in den Mittelmeerländern einsetzte, der zügellos
und scheinbar ohne jede Kontrolle das ökologische und
sozial tragbare Maß überschritt.

In den 80er Jahren entwickelte sich ein Bewusstsein der Während der 80er Jahre
kritischen Auseinandersetzung mit dem Reisen dieser Art fand eine Veränderung der
(s. Kap. 4.1. und 6.5.). Neue Strömungen wie z. b. die des Reisementalität statt.
„Sanften Reisens“ entstanden, der Bedarf nach alternativen
Urlaubsgestaltungen und die unterschiedlichen Reisearten
und -veranstalter trugen spürbar zu einer Veränderung der
Reisementalität bei. Zum einen ist das Reisen inzwischen
zu einem beliebten Statussymbol gereift, zum anderen er-
laubt die Freizeitgestaltung durch eine Zunahme des Jah-
resurlaubs vielen Deutschen zwei bis drei Urlaubsreisen im
Jahr. Das gewachsene Bedürfnis, sich abseits dieser durch
das massive Touristenaufkommen unattraktiv gewordenen

13
Die Welt des Reisens

Ferienziele zu bewegen, und schließlich das ökologische


Bewusstsein dieser Zeit machten ein Umdenken der Reise-
branche unabdingbar.

Die Motive, die sich im Laufe der Jahrhunderte zwar in ih-


rer Wertigkeit leicht verschoben haben, sind jedoch nach
wie vor gültig: Man sucht nach persönlicher Entfaltung
jenseits der eigenen Welt, die durch ihre Struktur dieser
Entfaltung Grenzen setzt. Man sucht den Kontakt mit dem
Fremden und Andersartigen, den Reiz des Neuen und Un-
bekannten. Die Suche nach Erholung, Bildung und Erleb-
nissen sowie nicht zuletzt der Zwang, die Erwartungen der
Gesellschaft zu erfüllen, haben sich nur unwesentlich ge-
wandelt.

Bis heute ist die Touristikbranche weltweit der größte In- Die Touristikbranche ist
dustriezweig mit den meisten direkt oder indirekt daran weltweit der größte Indust-
beteiligten Arbeitsplätzen. Reisen steht bei den Deutschen riezweig.
noch ganz oben bei den Konsumwünschen und wird noch
immer häufig als „unverzichtbar“ bezeichnet. Kleinere
Rezessionen in der deutschen Wirtschaft und auch die
politische Instabilität mancher Reiseziele lassen die Lust
der Deutschen am Reisen allerdings trüben. Terror,
Entführungen und Sicherheitsbedenken haben in den
letzten Jahren das Reiseaufkommen vor allem in islamisch
geprägten Ländern stark zurückgehen lassen. Profitiert
haben von dieser Entwicklung regionalere Reiseziele.
Wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Prozesse
führten allerdings insgesamt zu einem deutlichen Einbruch
der Touristenzahlen und damit zu einer ernstzunehmenden
Krise im Tourismus.

Dennoch darf man davon ausgehen, dass die


Tourismusbranche noch lange Jahre Wachstum erbringen
wird.

1.2 Definitionen: Reisen, Urlaub, Ferien


und Erholung

Im folgenden werden Sie mit den Begriffen „Reisen“,


„Urlaub“, „Ferien“ und „Erholung“ vertraut gemacht, die
allesamt scheinbar ähnliche Inhalte bergen, im Detail je-
doch wichtige Feinheiten beinhalten, die für eine differen-
zierte Sichtweise im Beruf notwendig sind. Zuerst erfolgt
jeweils eine Kurzdefinition, anschließend wird das jeweils

14
Die Welt des Reisens

Besondere im Unterschied zu den anderen Begriffen her-


vorgehoben.

Reisen
Der Begriff „Reise“ stammt aus dem althochdeutschen Eine Reise ist eine Fortbe-
Wort „reisa“ für „Aufbruch“. Im Mittelhochdeutschen wegung nach Orten außer-
wurde daraus „Reise“ und bedeutete zudem „Kriegszug“. halb des ständigen Wohn-
Wie im historischen Exkurs in Kap. 1.1. geschildert, war sitzes.
mit dem Reisen zunächst lange Zeit nicht der Selbstzweck,
sondern es waren handfeste existentielle Gründe für das
Reisen verantwortlich. Die neuen Inhalte des Reisens, das
Vergnügen, die Erholung und die Bildung, vervollkomm-
nen den Begriff: Eine Reise ist eine Fortbewegung nach
Orten außerhalb des ständigen Wohnsitzes zwecks Erho-
lung, Erlebnis, Sport, Bildung, Kultur, Vergnügen, ge-
schäftlicher oder beruflicher Betätigung oder aus Anlass
familiärer Ereignisse (Verwandtenbesuche).

„Reise“ sagt also nichts aus über eine bestimmte Gewich-


tung der genannten Motive, es schließt jedoch die negati-
ven Kriterien einer Bewegungsrichtung wie z. b. Flucht
oder Vertreibung aus. Der Begriff beinhaltet die Bezeich-
nungen Urlaub, Ferien und Erholung, wenn mit diesen eine
Bewegung von A nach B verbunden ist.

Urlaub
Dieses Wort entspringt dem heutigen Wortstamm „erlau- Der Begriff Urlaub bedeutet
ben“. Der Begriff Urlaub erfuhr seine Bedeutung ur- „die Erlaubnis wegzuge-
sprünglich in der Zeit, als im Mittelalter die Untergebenen hen“.
die Erlaubnis des Herrschenden bedurften, sich aus ihren
Heimatgefilden zu entfernen. In höheren Kreisen erteilte
der Adel seinen Rittern „urloup“, um von dannen zu gehen.
Der englische Begriff „leave“ entstand aus dem selben
Wortstamm und bedeutet „Abschied“. Im engeren Sinne ist
dies also „die Erlaubnis wegzugehen“ oder „Abschied zu
nehmen“. Später „beurlaubte“ man verschiedentlich Be-
dienstete oder Angestellte auch unfreiwillig, es kam also
einer Entlassung bzw. einer Befreiung vom Dienst gleich.
Speziell in der Militärsprache fand der Begriff Eingang im
Sinne einer Unterbrechung des Dienstes, eines Heimatur-
laubes. Heute noch bedeutet in der Schweiz „Urlaub“ le-
diglich die vorübergehende Befreiung vom Militärdienst.
Die Bezeichnung für die bezahlte Freizeit während eines
Arbeitsverhältnisses wird als „Ferien“ bezeichnet.

15
Die Welt des Reisens

Im heutigen Deutsch beschreibt der Begriff einerseits eben Heutzutage beschreibt „Ur-
die bezahlte Abwesenheit von der Arbeit, die man zur Er- laub“ die bezahlte Abwe-
haltung und Regeneration der Arbeitskraft erhält, zum an- senheit von der Arbeit.
deren bezeichnen wir als Urlaub die spezifische Form der
Freizeitgestaltung jenseits der Tagesfreizeit, was über meh-
rere Tage bis hin zu einem längeren Zeitraum von mehre-
ren Wochen andauert. Darüber hinausreichende Zeiträume
können zwar auch als Urlaub bezeichnet werden (z. b. Er-
ziehungsurlaub), hierfür wäre jedoch eine weitere Spezifi-
zierung nötig. Man kann den Urlaub zu Hause verbringen,
jedoch ist mit „Urlaub machen“ häufig die Abwesenheit
vom Wohnort, also eine Reise gemeint. Im weiteren wird
jede Reise zum Zwecke der Erholung und des Vergnügens
heutzutage als Urlaubsreise interpretiert. Im Vergleich zur
o.g. Definition für „Reise“ fallen also z. b. dienstliche Rei-
sen, Geschäftsreisen und Verwandtenbesuche etc. aus die-
ser Kategorie heraus.

Urlaubsreisen beinhalten inoffiziell stets eine etwas lege-


rere Reiseart. Eine extreme Reiseart wie z. b. eine For-
schungsreise unter schwierigen Bedingungen könnte
schwerlich als „Urlaub“ bezeichnet werden, obgleich sie
vielleicht privat und während des Tarifurlaubs stattfindet.
Das Kriterium „Erholung“ ist dicht an den Begriff „Ur-
laub“ gekoppelt. Im Unterschied zu „Ferien“ wird „Ur-
laub“ als Rechtsbegriff für Erwachsene verstanden; die
freie Zeit bei Kindern und Jugendlichen wird als „Ferien“
bezeichnet.

16
Die Welt des Reisens

Ferien
Ursprünglich aus dem Lateinischen (lat. feriae – freie
Tage, Feiertage) wurde der Begriff „Ferien“ in der Ge-
richtssprache geprägt. Die Zeiten, an denen das Gericht
nicht tagte, wurden als „Ferien“ bezeichnet. Auch Univer-
sitäten und Schulen, also Bildungseinrichtungen und In-
stitutionen mit hohem sprachlichen Niveau, eigneten sich
diese Bezeichnung an. Heute noch bezeichnen in Italien
„giorni feriali“ die Feiertage; und, wie erwähnt, sind bei
schweizerischen Arbeitnehmern die bezahlten freien Tage
nicht „Urlaub“, sondern „Ferien“.

In unserem Sprachgebrauch wird die Bezeichnung lediglich Ferien bezeichnen in


für Schulferien, Semesterferien, Betriebsferien oder im Sinne erster Linie die freie Zeit
der saisonalen Urlaubsperioden benutzt (Ferienfahrpläne, bei Kindern, Schülern und
Ferienveranstaltungen, Sommerferien etc.). Die Verbindung Studenten.
mit Reisen ist jedoch damit noch nicht zwingend hergestellt.
Ferien bezeichnen also in erster Linie lediglich die Zeiträume
für Schüler und Studenten, die sie mit eigenen Aktivitäten
füllen können. Ihre Existenz wird wie bei „Urlaub“ mit der
Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit begründet. Bei
einigen Reisearten wird der Begriff noch verwendet, wie z. b.
Reiterferien, Ferien auf dem Bauernhof oder auf dem Lande.
Somit wird diese spezifische Zielgruppe von der Reisebran-
che anvisiert.

Erholung
Unter Erholung versteht man die Wiederherstellung der Unter Erholung versteht
Arbeitskraft bzw. Regeneration des Körpers und des Geis- man die Wiederherstellung
tes nach dauerhaften Anstrengungen und das Sammeln von der geistigen und körperli-
chen Kräfte.

17
Die Welt des Reisens

Kräften zur weiteren Bereitstellung der eigenen Energien.


Es handelt sich dabei um sowohl physische als auch psy-
chische Erholung. Im Zuge der Industrialisierung Ende des
letzten Jahrhunderts wurde die Umstrukturierung der Ar-
beitswelt und somit die strikte Trennung von Arbeitszeit
und Freizeit vollzogen. Diese gab es in der landwirtschaft-
lich geprägten Gesellschaft so vorher nicht. Es entwickelte
sich nach langem Kampf mit den Vertretern der Arbeiter-
interessen die Bereitschaft der Industriellen, den Arbeitern
Phasen der Ruhezeit zur Gewährleistung der weiteren Pro-
duktivität zu gewähren.

Erholung ist heute durch eine Vielfalt an Möglichkeiten zu Die Erholung ist bei jeder
erlangen, sowohl durch reine Kräfteschonung als auch Reiseveranstaltung wesent-
durch den bewussten und gezielten Einsatz der Körper- und licher Faktor.
Geisteskräfte, so z. b. durch Sport oder geistiger Beanspru-
chung wie Lernen, fremde Eindrücke gewinnen und Ab-
wechslung genießen. Den Erholungsfaktor schließt heut-
zutage kein Reiseveranstalter aus seiner Programmgestal-
tung aus. Es ist jedoch keineswegs möglich, für alle Men-
schen einen Konsens bezüglich der Empfindung von Er-
holung zu erlangen; hierbei gehen die Bedürfnisse zu weit
auseinander.

Zusammenfassung
Die Motivation zum Reisen hat sich in der Mensch-
heitsgeschichte gewandelt von der Suche nach wirt-
schaftlichen Vorteilen zum Reisen des Vergnügens
wegen, zumindest für Mitteleuropäer. Waren es bei
den Römern und später im Mittelalter hauptsächlich
Adlige, die das Privileg des Reisens genossen, be-
gann in der Neuzeit das Bürgertum, hauptsächlich zu
Bildungszwecken Reisen zu unternehmen. Die ersten
Pauschalreisen wurden im 19. Jahrhundert durchge-
führt. In der Nachkriegszeit wurde das Reisen für
viele Deutsche möglich aufgrund des wirtschaftlichen
Aufschwungs. Vor allem die 1970er und 1980er Jahre
wurden zum Zeitalter des Massentourismus. Dieser
störte besonders die ökologischen und sozialen
Strukturen der Mittelmeerländer empfindlich. Die
Folge war ein Bewusstseinsprozess, der zuerst die
Philosophie des „Sanften Tourismus“, später des
„Nachhaltigen Tourismus“ hervorbrachte. Trotzdem
erwuchs die Reisebranche zum weltweit größten
Wirtschaftszweig.

18
Die Welt des Reisens

Die Betrachtung der sprachlichen Herleitung der Beg-


riffe "Reise", "Ferien", "Urlaub" und "Erholung" zeigt,
dass die ursprünglich sehr verschiedenen Bedeutun-
gen im heutigen Zusammenhang nicht mehr so klar
zu trennen sind. Die Reisebranche misst dem Erho-
lungsfaktor auf allen Arten von Reisen hohe Bedeu-
tung bei. „Reisen“ beinhaltet jede Form des Orts-
wechsels, „Ferien“ entspricht mehr einer Vokabel des
schulischen und universitären Bereichs, während
„Urlaub“ hauptsächlich die Freizeitphase bei Arbeit-
nehmern bedeutet und darüber hinaus als die Zeit
angesehen wird, die man mit Reisen jenseits des
Wohnorts zubringt, also der „Urlaubsreise“.

19
2 Alltag auf Mauritius –
ein Tag im Leben einer Standortreiseleiterin

6.30 Uhr. Der Wecker klingelt unbarmherzig. Antje Wag- Um 6.30 Uhr klingelt für die
ner springt aus dem Bett, stolpert in Richtung Lärmquelle Reiseleiterin der Wecker.
und findet schließlich schlaftrunken den Aus-Knopf. Die
Gäste vom Nebenzimmer dürften nichts gehört haben,
schließlich waren die bis mindestens 3.00 Uhr unterwegs,
das konnte man deutlich vernehmen. „Die Glücklichen …“,
denkt Antje, denn sie hat heute einen schweren Tag vor
sich. Schnell ins Bad, dann zum Frühstück. Um halb acht
steht schon der erste Termin an: Verabschiedung der Gäste
aus Zimmer 9 und 24. Für sie ist der Urlaub heute zu Ende.
Ein paar Worte des Dankes, gute Wünsche für die Heim-
reise, kurz noch einen diskreten Blick in die Unterlagen,
nein, alles erledigt. Glücklicherweise übernimmt Antjes
Kollege Bernd den Flughafentransfer*, ansonsten wäre es
sehr eng geworden heute.

Bereits um zehn vor acht sammeln sich die ersten Gäste an Um 8.00 Uhr startet die
der Rezeption für den heutigen Halbtagesausflug. Ein so Reiseleiterin mit einer
gutes Angebot lassen sich nur wenige der neu Angekom- Gruppe von Gästen zur
menen entgehen: Schnupper-Tour quer über die Insel Mau- Schnupper-Tour über die
Insel.
ritius mit Badestop auf der Ile-aux-Cerfs. Um acht Uhr
einmal kurz gezählt, da fehlen noch zwei … warten. Ein

20
Alltag auf Mauritius …

Plausch übers Wetter, wir haben Glück, die Regenzeit ist


schon so gut wie vorbei, heute ist Urlaubswetter, letzte
Woche hatten wir öfters einmal einen kräftigen Schauer, da
mussten alle Teilnehmer die Regencapes überziehen, aber
na ja, wenn Engel reisen … zufriedenes Lächeln in den
Gesichtern. Schon wieder fünf Minuten mit Small Talk
überbrückt, wo bleiben bloß die beiden aus Zimmer 33?
Antje will gerade zur Rezeption, um im Zimmer anzurufen,
da tauchen sie beide auch schon auf, etwas verschlafen,
aber gerade noch rechtzeitig.

Die Gruppe von 16 Gästen besteigt den Bus. Mikroanspra-


che: „Einen wunderschönen guten Morgen, meine Damen
und Herren, und herzlich willkommen auf unserer Rund-
fahrt über die Insel des Zuckerrohrs …“ Auch wenn Antje
diese Begrüßung bereits zigmal von sich gegeben hat,
heute verspürt sie wieder einmal richtig Lust, das Staunen
über die Schönheit der Insel und die Ahs und Ohs zu ver-
nehmen, die sie ihren Gästen heute einmal mehr entlocken
wird. Die Fahrt beginnt, Antje setzt sich, denn bei diesem
Verkehr kann und will sie sich nicht dadurch gefährden,
dass sie im Stehen zu den Teilnehmern spricht. Ein Blick
zurück in den Bus, und schon hat sie wieder die Gesichter
und teilweise auch die Namen ihrer Reisenden parat. Das
hat sie gelernt: Am ersten Tag jeden zweimal mit Namen
angesprochen, das sitzt … meistens. Das mürrische Ehe-
paar, das sie vorgestern gleich bei der Ankunft auf dem
Flughafen auf die „chaotische“ Buchung in der Zentrale
angesprochen hat, scheint seine Urlaubslaune gefunden zu
haben. Tja, die herrliche Szenerie verändert manche Men-
schen. Schon gestern morgen beim Einführungs-Cocktail
schienen sie den Ärger im Vorfeld der Reise vergessen zu
haben. Antje weiß um die Hektik der Hochsaison in der
deutschen Zentrale, hatte auch um Verständnis gebeten,
dass da auch einmal etwas daneben gehen kann, „aber nun
sind Sie ja hier und der Urlaub kann beginnen“ hatte sie
gesagt. Das war dann auch wohl der Fall.

Die beiden jungen Männer in ihren Hawaii-Hemden sind ja


schon von Anfang an in bester Laune gewesen, da waren
keine Worte nötig, die Verständigung klappte aus dem Ef-
feff. Auffallend viele Paare dieses Mal, denkt Antje. Die
sind mit sich selbst zufrieden. Von einem weiß sie aus der
Zentrale, dass sie auf Hochzeitsreise sind. Gestern morgen
haben sie sich auch recht überschwänglich für den Blu-
menstrauß bedankt, den Antje auf ihr Zimmer bringen ließ.

21
Alltag auf Mauritius …

Dem anderen Pärchen, das sich nach der ersten Nacht


gleich an Antje gewandt hat, weil ihr Zimmer nicht den
versprochenen Meerblick hatte, konnte durch einen Zim-
merwechsel auch geholfen werden. Sie bewohnen nun ein
Appartement, welches sogar eine Klasse höher eingestuft
ist, aber der Hotelier hatte überbucht, und das ist eben nun
sein Beitrag zur Lösung des Problems. Wie gut, dass sich
Antje so gut mit ihm versteht. Ihre Kollegin Friederike
hatte neulich Pech, es waren keine anderen Zimmer mehr
frei. So musste sie einem älteren Ehepaar nach Absprache
mit der Zentrale gleich 50 Euro als Entschädigung vor Ort
auszahlen, selbstverständlich gegen die Einverständniser-
klärung, dass somit keine weiteren Regressansprüche*
geltend gemacht werden können. Trotzdem bleibt in so ei-
nem Fall ein ungutes Gefühl zurück.

Die Dame hinten links im Bus hatte Antje gestern bei der
Buchung dieses Ausflugs nach den Sehenswürdigkeiten
gefragt, besonders ein abseits gelegener Hindu-Tempel hat
ihr Interesse geweckt. Dieser steht zwar nicht auf dem Pro-
gramm, meist bleibt aber noch ein wenig Zeit auf der
Rückfahrt, um einen kurzen Fotostopp einzulegen. Hof-
fentlich auch heute, denn nur wegen dieses Tempels hatte
die Dame den Ausflug gebucht.

Von Zeit zu Zeit greift Antje nach dem Mikrophon, um im Während der Fahrt weist die
Vorbeifahren auf einige interessante Dinge am Wegesrand Reiseleiterin von Zeit zu
hinzuweisen. Gestern abend hatte sie schon eine Einfüh- Zeit auf interessante Dinge
rung in die Geographie Mauritius’ gegeben, für diejenigen, am Wegesrand hin.
die Interesse hatten. Fast alle der neuen Gäste haben zuge-
hört, das hatte ihr richtig Spaß gemacht. Anders wie bei
Friederike, die jedes Mal stöhnt, weil kaum Gäste kommen,

22
Alltag auf Mauritius …

wenn sie eine Info-Runde ankündigt. An was liegt das


wohl, denkt sich Antje und grinst. „Fahrtbegleitender
Kommentar“ heißt das, sie liebt es auch, über ihre Insel zu
sprechen, nur eins kann sie nicht: das Vorlesen von Passa-
gen aus den Epen der Hindus während der Fahrt, das be-
kommt ihrem Magen nämlich aufgrund der Kurven gar
nicht. Sie bevorzugt eher die freie Rede, auch über Ge-
schichten aus dem Alltag der Mauritianer, die sie ja auch
selbst mitbekommt, schließlich hat sie während der 6 Mo-
nate auf Mauritius schon eine Menge Freunde gewonnen
und erlebt selbst bereits eine Art Alltag.

Die Gäste hören gespannt zu, stellen Fragen, viele Fragen,


die sie aber alle gerne beantwortet, auch mehrmals,
schließlich ist es sehr laut im einheimischen Bus – kein
Vergleich mit dem Komfort und der Ruhe eines modernen
Reisebusses auf Deutschlands Autobahnen. Aber reges
Interesse gibt Antje die Gelegenheit, ihr Wissen
einzubringen, und das befriedigt ungemein. Aber die Frage
des Studienrats nach dem Monatseinkommen der
Grundschullehrer auf Mauritius kann sie nicht beantworten.
Also verspricht sie, im Hotel in ihren Unterlagen
nachzusehen und ihm heute abend die Frage zu be-
antworten. Der Lehrer gibt sich zufrieden; aber Antje ist
sich sicher, dass er die Frage nicht vergessen wird, sie
muss also wirklich nachschauen. Auf jeden Fall wird sie
ihm die Frage später unaufgefordert beantworten.

Mittlerweile sind anderthalb Stunden Fahrt vergangen, es Nach anderthalb Stunden


steht der erste Rundgang in Curepipe an. Keine berau- Fahrt steht der erste Rund-
schend schöne Stadt, aber eben eine, die nicht auf Touris- gang an.
mus ausgerichtet ist, sondern das wahre Leben der Mauriti-
aner zeigt. Ein paar Instruktionen für eigene Unternehmun-
gen, die Bestimmung des Treffpunktes und schon schwär-
men die Teilnehmer aus. Antje hatte angeboten, selbst ei-
nen Rundgang zu unternehmen, wer will, kann sich an-
schließen. Erstaunlich viele bleiben in ihrer Nähe, obgleich
sie versichert, dass die Erkundung der Stadt und des
Marktes auf eigene Faust völlig ungefährlich ist. So
schlendert Antje mit sieben Unschlüssigen über den Markt
und erklärt die verschiedenen tropischen Früchte.

23
Alltag auf Mauritius …

Später setzt sich die Kleingruppe in Antjes Lieblingscafé,


dessen Besitzer sich freut, Antje „and her friends“ wieder
einmal zu treffen. Antje wird natürlich eingeladen, schließ-
lich verschafft ihr Kommen mit einer Gruppe dem Wirt ein
Geschäft. Ein Pläuschchen auf Französisch und schon er-
zählt der Wirt der Gruppe von seinen neuen Errungen-
schaften in der Küche, aber er schimpft auch über die Poli-
tiker, die schon wieder die Steuern für das Gaststättenge-
werbe erhöht haben. Antje übersetzt fleißig, die Gäste hö-
ren amüsiert zu. Ein Spaßvogel ist er schon, und die Mau-
ritianer sind sowieso anscheinend ein nettes Völkchen,
folgert die Gruppe. Den Kontakt zu den Einheimischen
jenseits der Hotels empfindet Antje als sehr wichtig, die
Gäste stimmen ihr zu.

Treffpunkt am Bus, alle da … bis auf die beiden vom Mor- Zwei Bummler aus der
gen. Die haben es wirklich nicht mit der Pünktlichkeit. Gruppe müssen freundlich
Antje schwant, dass sie die beiden einmal freundlich darauf davon überzeugt werden,
hinweisen muss, doch etwas pünktlicher zu sein, damit pünktlich an den Treff-
nicht die ganze Gruppe zu warten hat. Nach zehn Minuten punkten zu sein.
schlendern die beiden dann des Weges, als sei nichts ge-
schehen. Antje hatte Mühe, die Gruppe bei Laune zu hal-
ten. Zum Glück war gerade eine Parade im Anmarsch,
Motive für die Fotografen. Antje merkt, dass sie ihren
Groll unterdrücken und freundlich bleiben muss, aber sie
schafft es während der Fahrt, in freundlichem Plauderton
die beiden zu überzeugen, doch beim nächsten Mal pünkt-
lich am Treffpunkt zu sein.

24
Alltag auf Mauritius …

Die Fahrt geht weiter durch Zuckerrohrfelder, vorbei an Als nächstes ist ein zwei-
malerischen Dörfern, durch einen dichten Wald, in dem stündiger Badeaufenthalt
ganz versteckt ein Wasserfall zu einem Spaziergang ein- geplant.
lädt. Schließlich kommt die Gruppe in Ile-aux-Cerf an,
einem paradiesischen Badestrand wie aus dem Bilderbuch.
Ein Boot bringt die Gruppe hinüber auf die vorgelagerte
Hotelinsel und Antje wünscht den Gästen einen angeneh-
men Badeaufenthalt. Treffpunkt in zwei Stunden am
Bootssteg. Ein zwinkernder Blick auf die beiden „Bumm-
ler“, die diesen mit einem verständigen Lächeln beantwor-
ten.

Bevor Antje jedoch Zeit hat, selbst ein kurzes Bad zu neh- Für eine Dame aus der
men, auf das sie sich schon den ganzen Vormittag bei 28° Gruppe müssen Kreislauf-
C im Schatten gefreut hatte, wird sie von einer stillen medikamente besorgt wer-
Dame beiseite gezogen und darauf aufmerksam gemacht, den.
dass diese ihre wichtigen Kreislauf-Medikamente im Hotel
vergessen hat. Was nun? Die Dame, bleich vor Schreck,
beginnt, nervös zu werden. Erst einmal beruhigen; in dem
5-Sterne-Hotel auf der Insel ist eine Apotheke integriert,
sie würde einmal nachschauen, ob das Medikament dort
aufzutreiben ist. Antje zögert, ob sie die Dame für eine
halbe Stunde alleine lassen kann, sie scheint nicht gerade
belastbar zu sein.

Jetzt ist eine Entscheidung gefordert. Also schnell den Na-


men des Medikaments auf einen Zettel geschrieben, dem
Bootsjungen Bescheid gesagt, ein paar Banknoten in die
Hand gedrückt, und erst einmal in den Schatten mit der
Dame. Ein kühles Getränk, die Beine hochlegen. Ob das so
richtig war? Hoffentlich ist die Medizin vorrätig, zur Si-
cherheit sollte ein Arzt in Curepipe verständigt werden, der
im Ernstfall zur Gruppe stoßen könnte; diese Info hatte sie
dem Bootsjungen ebenfalls auf den Zettel geschrieben.
Jetzt heißt es warten und bangen.

Nach 15 Minuten kommt er wieder; in der Hand ein Päck-


chen mit exakt dem gewünschten Präparat! Welch ein
Glück! Die Dame beruhigt sich, nimmt eine Tablette und
fühlt sich schon besser. Dabei ist genau zu beachten, dass
nur auf ausdrücklichen Wunsch eines Gastes ein Präparat
im Notfall herbeigeschafft werden darf. Auf keinen Fall
dürfen Medikamente verabreicht werden, hat Antje auf
ihrem Reiseleiterseminare erfahren.

Wie da die Psyche mitspielt, wundert sich Antje. Wie gut,


dass in dem Hotel aufgrund seines Standards so viele ältere
Touristen wohnen, da ist eine gut ausgerüstete

25
Alltag auf Mauritius …

Hausapotheke obligatorisch. Antje kann die Dame jedoch


nicht alleine lassen; sie geht mit ihr in eine Snackbar,
wacht mit Argusaugen über den Zustand der Dame. Das
war es dann wohl mit dem Baden, denkt sie sich, aber was
soll’s? Nächste Woche bin ich ja wieder hier, und dann …

Diesmal sind beim Treffpunkt alle pünktlich versammelt. Zu den Aufgaben der Rei-
Frau Griese ist in einen Seeigel getreten. Der Stachel ist seleiterin gehört es, auf
aber glücklicherweise nicht steckengeblieben, so wird es Gefahren, wie z. b. Sonnen-
keine Entzündung geben, beruhigt Antje. Die meisten der brand, hinzuweisen.
Urlauber sind begeistert von ihrem Strandaufenthalt, einer
trällert unablässig das Bacardi-Lied. Die Warnung vor
Sonnenbrand haben alle anscheinend ernst genommen,
keiner war leichtsinnig. Auch wenn sich Antje manchmal
wie ein Miesepeter vorkommt, der dauernd vor irgend et-
was warnt, so hatte sie noch nie Probleme mit solchen Ge-
fahren. Durch ihre charmante und humorvolle Art, diese
Hinweise zu geben, hat sich noch keiner die Urlaubslaune
nehmen lassen, das haben ihr die Gäste schon mehrfach
bestätigt. Darüber ist Antje froh, denn dies gehört zu ihren
Aufgaben als Reiseleiterin.

Die Stimmung ist glänzend, es stehen noch ein paar Stopps Eine kaputte Straße zwingt
auf dem Programm, und Antje bemerkt, wie die Dame mit die Reiseleiterin dazu, das
ihrem Interesse für Hindu-Tempel immer mehr dem er- Programm spontan zu än-
hofften Ereignis entgegenfiebert. Plötzlich ein Stau! Mitten dern.
auf Mauritius...Straßenarbeiter winken dem Busfahrer Zei-
chen zum Wenden zu. Später stellt sich heraus, dass der
letzte Regenfall vor einer Woche ein Straßenstück wegge-
spült hat. Keine Chance. Der Reisebus muss einen Umweg
nehmen, also kein Hindu-Tempel.

Der besagten Dame, Frau Schubert, dämmert, dass sie


heute nicht zu ihrem Ziel findet, und fängt an, sich lauthals
über die Zustände zu beschweren. Das hätte Antje nicht
erwartet, dass hierbei so wenig Verständnis für „höhere
Gewalt“ an den Tag gelegt wird. Eben war die Stimmung
doch noch so gut! Frau Schubert lässt sich nicht beruhigen,
sie schimpft nun auch über die Reiseleitung, die dies hätte
wissen müssen. Ein stiller Mitreisender schließt sich dieser
Meinung an. Antje ärgert sich, der Tag hatte so gelungen
begonnen. Majid, der Fahrer, murmelt etwas von „tradi-
tion“.

Antje versucht, die neue Fahrtroute auf der Karte nachzu-


vollziehen. Die Gruppe diskutiert durcheinander. Antje
braucht einen Moment Konzentration, dann fällt ihr auf der
Karte eine Markierung auf, die sie vorher stets übersehen

26
Alltag auf Mauritius …

hatte. Majid nickt lächelnd, dann passiert der Bus eine


kleine Brücke, der Fahrer lenkt den Bus auf einen Feldweg.
Die Gäste wundern sich. Antje versucht auf Creole, sich
mit Majid zu verständigen, ein paar Worte genügen, und
dann fährt Antje alle Geschütze auf: „Meine Damen und
Herren, ich freue mich, Sie heute als erste Gruppe unseres
Unternehmens Zeuge eines einmaligen Ereignisses werden
zu lassen – wir haben die Ehre, im Heimatdorf unseres lie-
ben Fahrers Majids an der Initiationsfeier seines Neffen
beizuwohnen. Wir sind nicht Zeuge einer touristischen
Folklore, sondern mitten im richtigen Mauritius, also lassen
Sie uns kurz für eine halbe Stunde eintauchen in das Trei-
ben. Aber bedenken Sie, es ist etwas besonderes, hier dabei
zu sein“ … die überraschten Gesichter sprechen Bände,
einer klatscht spontan, plötzlich ein Schwall an Begeiste-
rung, tobender Applaus, und schon fährt der Bus am Orts-
rand in den Schatten eines Banyan-Baumes.

Für eine halbe Stunde nun schwelgt eine Gruppe Reisender


zwischen Faszination und Erstaunen über die gastfreundli-
che Aufnahme der Fremden im Dorf, die jedoch zum
Glück keinen Tumult auslösen, sondern gespannt den Ze-
remonien lauschen können. Antje bedankt sich beim Dorf-
vorsteher für die Erlaubnis, dem Ritual beizuwohnen, dann
fährt die Gruppe wieder zurück zur Hauptstraße und weiter
nach Grand-Baie zum Hotel.

Die begeisterten Stimmen voll des Lobes auf diesen Le-


ckerbissen lebendiger Kultur, diese Farben, die Gewänder,
habt Ihr die geschmückten Frauen gesehen? Ganz hinten
wurden Opfer gebracht, habt Ihr das auch gesehen? Mir hat
einer einen selbstgebrannten Schnaps angeboten, der war
vielleicht stark … Eine tolle Sache, Frau Reiseleiterin!
Vielen Dank, Majid! Dies war der Höhepunkt des heutigen
Tages! Ein wunderschöner Tag … Kein Wort mehr über
den verpassten Tempel, so kommt manchmal eins zum
anderen, denkt sich Antje, und lehnt sich entspannt zurück.

Ankunft im Hotel unter Applaus und der Zusicherung vie-


ler Gäste, den nächsten Ausflug sicherlich wieder mit
Antje zu unternehmen. Zufrieden zerstreut sich die Gruppe.

Weiter geht es zur Sprechstunde im Hotel, zwei weitere


Hotels müssen heute noch angefahren werden, da dort
keine eigene Repräsentanz* vorliegt. Eile ist geboten,
schließlich hat der Umweg eine ganze Stunde gedauert.
Ungeduscht im Ausflugs-Outfit dann zum Counter*. Ein
Paar wartet schon. Sieht nicht unsympathisch aus. „Guten

27
Alltag auf Mauritius …

Tag zusammen, wie war Ihr Tag heute? Was kann ich für
Sie tun?“ Die Beratungen dauern die ganze Stunde. Klei-
nere Mängel in den Zimmern gilt es zu beheben, Rückflüge
müssen bestätigt werden, Mietwagen werden bestellt. Ein
junges Paar möchte um eine Woche verlängern, es sind
aber keine Zimmer mehr frei, vielleicht in einem anderen
Hotel? Telefonate werden geführt.

Nächster Tagesordnungs-
punkt ist die Sprechstunde
im Hotel.

Da sind die beiden jungen Männer mit den Hawaii-Hem-


den ja wieder, sie sind natürlich wieder dabei, wann ist
denn der nächste Ausflug? Frau Schubert, geht es Ihnen
denn wieder so richtig gut? Ein Trinkgeld? Aber nein, Frau
Schubert, ich habe doch gerne mit Ihnen in der Snackbar
gesessen, keine Ursache. Ist dies nicht eine liebe Frau,
denkt sich Antje. Sie musste an die Frau denken, die ihr vor
vier Wochen aus Dankbarkeit bei einem ähnlichen Fall
während ihres Aufenthaltes ein Paar Socken gestrickt hatte
und dieses ihr dann am letzten Abend überreicht hatte. Erst
als sie abgeflogen war, hatte Antje bemerkt, dass die Frau
ihr zusätzlich noch einen Geldschein hineingesteckt hatte,
die Gute …

Mit ihrem PKW macht sich Antje auf zum nächsten Hotel,
in Trou-aux-biches. Es ist schwül, mittlerweile läuft Antje
der Schweiß. Im Hotel selbst eine kleine Unterredung mit
dem Rezeptionisten*, der ihr schon seit Monaten schöne
Augen macht, aber die Gespräche laufen stets auf ge-
schäftlicher Ebene ab. Was muss der Mann denken? Eine
ledige junge Frau mit 28 Jahren alleine in einem fremden
Land? Ihr freundliches aber bestimmtes Auftreten macht
dem Mann an der Rezeption klar, dass hier nichts zu ma-
chen ist. Weiter zum Info-Counter*. Niemand da? Keine
Fragen? Keine Beschwerden? Auch gut, dann eine kleine
Pause bis zum Ende der Sprechstunde. Beim Durchsehen

28
Alltag auf Mauritius …

der Unterlagen fallen ihr einige Dinge auf, die sich jedoch
telefonisch mit dem Büro in Port Louis klären lassen.

Die Kollegen vom Konkurrenzunternehmen schauen kurz


vorbei, der Klatsch der vergangenen Tage wird schnell er-
zählt. Hier in der Ferne arbeitet man nicht gegeneinander,
sondern man hilft sich aus, auch wenn es die Konkurrenz
ist. Hast Du schon gehört …? Was ist eigentlich mit…?
Die Straße von Ile-aux-Cerf ist weggespült …! Heute
abend geben Gaby und Jack eine Party? Dann muss Antje
weiter, das letzte Hotel für heute. Auf dem Weg dorthin
gerät sie in eine Polizeikontrolle. Woher, wohin, Ihre Ar-
beitserlaubnis? Aber die Herren von der Polizei sind
freundlich in Mauritius, das ist nicht überall so.

Sprechstunde, letzter Teil: Einige der Urlauber vom Hotel Einige Erklärungen über die
Casuarina sind aufgebracht, die Straße, die das Hotel vom Gebräuche auf der Insel
Strand trennt, ist zwar im Katalog erwähnt, aber sie ist schaffen bei den Gästen
durch Festivitäten im Moment stark befahren. Einige Er- Verständnis für damit ver-
klärungen über die Feste auf Mauritius zu dieser Zeit bundene Beeinträchtigun-
gen.
schafft Verständnis, die meisten konnten sich überhaupt
nicht in das Leben in diesem Land hineinversetzen. Antje
bedauert bisweilen, dass manche Urlauber Mauritius für
eine reine Badeinsel halten. Viel zu schade, um seine Fe-
rien nur am Strand zu verbringen.

Die Erklärungen machen die Gäste neugierig, Antje ist


wieder in ihrem Element. Sie kommt dabei natürlich auch
auf einen Ausflug in den Süden der Insel zu sprechen, den
sie den Gästen für Mittwoch anbietet. Sieben der umste-
henden Gäste melden sich spontan dafür an, eine gute
Quote für einen solchen Abend. Nebenbei werden noch
einige Telefonate mit Autovermietungen und Transferun-
ternehmen geführt, auch der Flughafen wird wegen ver-
schobener Abflugzeiten konsultiert. Dann bewegen sich
auch die letzten Gäste zufrieden in Richtung Abendessen.

Unterwegs zu ihrem Auto trifft Antje noch auf einen Rei- Am Abend vertritt die Rei-
seleiterkollegen, der sie in Eile fragt, ob sie heute abend seleiterin einen erkrankten
nicht einen erkrankten Kollegen vertreten kann, es handele Kollegen.
sich um einen Vortrag über mauritianische Flora, den Gäs-
ten könne nicht mehr abgesagt werden. Auch das noch!
Also kurz ins eigene Hotelzimmer, das die Zimmermäd-
chen in letzter Zeit etwas vernachlässigt haben; sie selbst
kommt seit Tagen nicht mehr zum Saubermachen. Eine
Dusche, dann in Schale geworfen. Als Snack ein Müslirie-
gel, den ihr ein Gast aus Deutschland dagelassen hat,
schmeckt nach Heimat … Dann rafft sich Antje auf, den

29
Alltag auf Mauritius …

Gästen des Kollegen etwas über die Pflanzenwelt der Insel


zu erzählen.

Antje referiert ein halbe Stunde lang, dann beginnt die Fra-
gerunde. Einige der versammelten Gäste reißen Themen
an, in denen sich Antje nicht besonders gut auskennt, ge-
rade hier scheinen sich einige mit Vorliebe fest zu bohren.
Das kann nerven, und das nach einem solchen Tag. Aber
sie schlägt sich wacker und bleibt freundlich. Nach einer
Stunde wird Antje dann aus den Fängen der Wissbegieri-
gen entlassen. Zu ihrem Erstaunen erntet sie einen don-
nernden Beifall. „Gut, das war’s für heute“, denkt Antje,
sichtlich erschöpft.

Zufrieden mit ihrer Leistung am heutigen Tag kommt


Antje in ihrem Zimmer an. Auf ihrem Balkon nimmt sie
noch einen Schlaftrunk zu sich, da winkt ihr plötzlich Ma-
jid vom Parkplatz aus zu. „Next time temple okay?“ ruft er.
Antje lacht. Der Gute hatte ihr heute ziemlich deutlich aus
der Patsche geholfen, selbst Frau Schubert hatte sich noch
bei ihr bedankt und war auch ohne ihren Tempel sehr zu-
frieden mit dem Erlebten. Antjes Blick schweift in die
dunkle Ferne über die Palmen in Richtung Meer, welches
sie am nächsten Morgen in Form eines genüsslichen Bades
erst einmal genießen wird. Der Wind weht friedlich. „Ich
liebe Mauritius“ denkt sich Antje.

Zusammenfassung

30
Alltag auf Mauritius …

Das geschilderte Beispiel zeigt einen realistischen


Tagesablauf einer Standortreiseleiterin in ihrem
Einsatzgebiet Mauritius. Es wurde die mögliche Kom-
bination aus einem Halbtagesausflug und den Aufga-
ben der Standort-Gästebetreuung beschrieben. Sie
erhalten dadurch Einblick in die Vielfalt der Tätigkei-
ten und Anforderungen, aber auch der Erlebniswelt
der Reiseleitung. Viele solcher Ereignisse und Situa-
tionen können ohne weiteres in allen Zielgebieten
und bei allen Formen der Reiseleitung auftreten, je-
doch ist die Bandbreite des Möglichen kaum zu um-
reißen, denn Reiseleitung stellt immer einen realen
Ausschnitt des Lebens dar, welches ebenso wenig in
einem konformen Bild erscheint.
Des weiteren flossen im Beispiel Methoden und Ar-
beitsweisen einer Reiseleiterin ein, auf die in den fol-
genden Kapiteln im einzelnen eingegangen wird. Die
Fülle des beschriebenen Tages ist nicht repräsentativ
für alle Tage während einer Reiseleitung, jedoch
wurde bewusst die Situation des vollen Einsatzes
betont, mit der Sie als Reiseleiter zumindest phasen-
weise rechnen sollten.

31
3 Der Reiseleiter –
Definition eines außergewöhnlichen Berufs

Kaum ein Beruf birgt so viele verschiedene Facetten der Der Beruf des Reiseleiters
unterschiedlichsten Ausübungsmöglichkeiten und Aufga- birgt viele verschiedene
benbereiche. Der Begriff selbst dient hier als Überbegriff Ausübungsmöglichkeiten.
für alle Unterarten, die an anderer Stelle ausführlich be-
sprochen werden. Die einzelnen Arten der Reiseleitung −
ob Standortreiseleitung oder Rundreiseleitung, ob Stadtfüh-
rung oder Expeditionsleitung − bedürfen im Prinzip dersel-
ben Palette an Kenntnissen und Fertigkeiten, obwohl die
Berufsbilder sich nach außen hin manchmal in nichts zu
gleichen scheinen.

Mitunter ist die Quintessenz der Reiseleitung die persönli- Die Reiseleitung lebt von
che Art der Umsetzung und Gestaltung der Arbeit. Keine der Persönlichkeit des Rei-
Reiseleitung gleicht der anderen. Immer sind Menschen seleiters.
daran beteiligt, die ihren eigenen Stil pflegen und ihre ei-
genen Erfahrungen machen und nutzen. Es ist einem Rei-
seleiter wenig geholfen, wenn er sich in eine Schablone
drängen lässt, die nicht seinem eigentlichen Naturell ent-
spricht. Die Reiseleitung lebt von der persönlich gefärbten
Art und Weise. Die Gäste wünschen sich keine normierten
und somit austauschbaren „Arbeitsverrichter“, sondern den
individuellen und persönlichen Reiseleiter.

Die im folgenden erklärten verschiedenen Begriffe für


„Reiseleiter“ mögen allesamt feine Unterschiede heraus-
stellen, die jedoch keiner festumrissenen allgemeingültigen
Definition unterliegen. Lediglich die verschiedenen Reise-
veranstalter haben diesbezüglich ihre eigene Anschauung
gemäß ihrer Firmenphilosophie, die Gäste wiederum die
ihre. Der Reiseleiter selbst mag sich aus persönlichen
Gründen für den einen oder anderen Begriff entscheiden, je
nach Berufsauffassung. Hiervon zu unterscheiden sind je-
doch die internen Differenzierungen mancher Reiseveran-
stalter mit hierarchisch gegliederter Betriebsstruktur, wie
zum Beispiel TUI oder Thomas Cook, die u.a. Reiseleiter
von Chefreiseleitern unterscheiden. Von diesen veranstal-
terspezifischen Strukturen soll jedoch an dieser Stelle nicht
die Rede sein, vielmehr soll Ihnen hier der gemeinsame
Nenner aller Reiseleiter dargestellt werden.

32
Der Reiseleiter − Definition …

3.1 Definitionen

3.1.1 Definition: Reiseleiter, Reiseführer

Der Begriff „Reiseleiter“ schließt die „Leitung“ einer Reise Der Reiseleiter ist eine Füh-
ein; der Reiseleiter ist somit in einer leitenden Funktion rungsperson.
tätig. Der ebenfalls häufig verwendete Begriff „Reisefüh-
rer“ geht sogar noch weiter, denn hier wird die Führungs-
persönlichkeit unterstrichen, die der Reiseleiter ausfüllt
(viele Reiseleiter lehnen die Bezeichnung „Reiseführer“
jedoch unter dem Hinweis auf deren Parallelbedeutung ab,
nämlich der eines Buches über ein bestimmtes Urlaubs-
ziel).

Diese herausragende Stellung einer Einzelperson gegen-


über den Gästen oder der Reisegruppe bedeutet, in der
Lage zu sein, diese „führen“ zu können. Neben fachlicher
Kompetenz gehört hierzu ein hohes Maß an „Sozialer
Kompetenz“*. Selbstsicherheit, nicht zu verwechseln mit
Überheblichkeit, ist ebenso unabdingbar. Die Fähigkeit,
alleine durch sein Auftreten den Gästen zu vermitteln, dass
sie dem Reiseleiter größtes Vertrauen entgegenbringen und
seinen Ausführungen Glauben schenken können, ist eine
wichtige Eigenschaft einer solchen Führungsperson. Seine
Gewandtheit, sowohl (fremd-) sprachlich, als auch in bezug
auf die gängigen Regeln des Benehmens, sorgen für die
Ausstrahlung einer Person, der sich eine Gruppe von Men-
schen gerne anschließen möchte.

In schwierigen Situationen hilft eine gewisse Autorität, um


Entscheidungen, die vom Reiseleiter getroffen werden
müssen, plausibel begründen und auch durchsetzen zu
können. Diese Autorität kann durchaus im positiven Sinn
verstanden werden, man spricht hier von einer „natürlichen
Autorität“, die den Gästen jedoch nicht als Zwang oder gar
als Drill erscheinen darf, sondern von diesen als kompe-
tente Entscheidungsfähigkeit interpretiert werden sollte.

Die zentrale Aufgabe des Reiseleiters ist das erfolgreiche Zentrale Aufgabe des Rei-
Gelingen einer Reise bzw. des Reiseteils, der in seinen seleiters ist die erfolgreiche
Verantwortungsbereich fällt (beispielsweise arbeiten oft- Durchführung einer Reise
mals mehrere Reiseleiter in einem Zielgebiet mit unter- bzw. eines Reiseteils.
schiedlich gestaltetem Aufgabenspektrum, aufgeteilt in
Tagesausflugsleitung, Hotelbetreuung und Transfers o.ä.).
In jedem Falle jedoch ist immer gültig, dass das Wirkungs-
feld bereits vor dem Eintreffen bzw. der Übernahme der

33
Der Reiseleiter − Definition …

Reisegäste bei den hierzu notwendigen Vorbereitungen


beginnt. Über die gesamte Reisedauer sowie über das Rei-
seende hinaus (in Form der Nachbereitung) obliegt ihm die
Verantwortung über die erfolgreiche Durchführung.

Gleichzeitig gilt der Reiseleiter als Repräsentant des Reise-


unternehmens bzw. des Reiseveranstalters. Er vertritt des-
sen Interessen, sorgt für die ordnungsgemäße Abwicklung
verwaltungstechnischer Aufgaben. Er gilt als Mittler zwi-
schen Reiseveranstalter und evtl. zwischengeschalteter
Partneragentur* vor Ort und ist in manchen Bereichen die-
sen gegenüber weisungsbefugt. Er dient letztendlich ge-
genüber den Gästen als Ansprechpartner bei Problemen,
Beschwerden* und Reklamationen*, für deren Behebung
und Abhilfe er zu sorgen bzw. über die er beim Veranstal-
ter zu berichten hat. Ebenso unterliegt ihm ein Teil der
Qualitätskontrolle des Reiseprodukts. Stete Berichterstat-
tung über Veränderungen vor Ort und mögliche Verbesse-
rungen des Programms gehören hierzu.

3.1.2 Definition: Reisebegleiter

Ein häufig anzutreffender Begriff ist der des „Reisebeglei- Ein Reisebegleiter erfüllt
ters“, der bei Rundreisen auftritt. In der Tourismusbranche kompensatorische und
existiert zwar keine einhellige Meinung über den Aufga- Kontrollfunktionen.
benbereich eines solchen, jedoch scheint sich im Bewusst-
sein festgesetzt zu haben, dass ein Reisebegleiter selbst
nicht Dreh- und Angelpunkt des Gelingens der Reise sein
kann. Vielmehr trägt dieser zur Kontrolle der Leistungser-
füllung – meist einer eingeschalteten Partneragentur vor
Ort – bei. Vor allem aber ist er für die Betreuung der Gäste
zuständig.

In diesem Fall ist in der Regel ein einheimischer Reiseleiter


für die technisch-organisatorischen und informationsver-
mittelnden Aufgaben zuständig. Der vom Reiseveranstalter
mitgeschickte Begleiter dient dann lediglich als Repräsen-
tant der Firma und ist für kompensatorische Aufgaben zu-
ständig, wie für Übersetzungen und notwendige Erläute-
rungen, die der einheimische Reiseleiter nicht vermitteln
kann, als auch für die Lösung von Verständigungsschwie-
rigkeiten, besonders interkultureller Natur. Er ist insofern
für den reibungslosen Ablauf und den Reiseerfolg verant-
wortlich, als er diese zwar nicht in erster Linie gestaltet,
jedoch mitverfolgt und dann eingreift, wenn Komplikatio-
nen entstehen.

34
Der Reiseleiter − Definition …

Manche Reisearten sind jedoch von der Konzeption her


nicht auf einen Reiseleiter (im Sinne o.g. Definition) an-
gewiesen. Als Beispiel seien hier Busrundreisen für junge
Menschen genannt, die lediglich auf den Transport und die
Unterkunft ausgerichtet sind. Ein Tagesprogramm ist darin
häufig nicht enthalten, weswegen sich die Aufgaben des
Begleiters auf ein Minimum reduzieren. Ein wichtiges
Unterscheidungsmerkmal zum Reiseleiter ist nicht zuletzt
aus diesem Grunde ein weitaus geringeres Honorar.

3.1.3 Definition: Gästeführer

Die Europäische Kommission zur Normierung (CEN) hat Unter einem Gästeführer
2002 definiert, dass eine Person als Gästeführer bezeichnet versteht man einen „ein-
werden soll, wenn sie die Besucher in der Sprache ihrer heimischen“ Reiseleiter.
Wahl führt und das kulturelle und natürliche Erbe eines
Gebiets vermittelt. Außerdem verfügen Gästeführer
normalerweise über eine gebietsspezifische Qualifikation,
die üblicherweise von den zuständigen Stellen ausgegeben
und/oder anerkannt wird.

Hingegen ist der Reiseleiter eine "Person, die im Auftrag


des Reiseveranstalters den Reiseablauf leitet und
beaufsichtigt, und dabei sicherstellt, dass das Programm so
durchgeführt wird, wie die Beschreibung des
Reiseveranstalters, die Grundlage des Reisevertrages ist,
vorgibt, und die örtliche praktische Information gibt".

Folglich kommen Gäste- oder Stadtführer vor allem bei


lokalen Besichtigungen, kürzeren Veranstaltungen wie z. b.
einer Stadtrundfahrt oder einem Rundgang durch einen Ort
oder bei Tagesausflügen zum Einsatz.

35
Der Reiseleiter − Definition …

Oftmals wird ein Gästeführer dort eingeschaltet, wo die


Gesetzgebung das Engagement eines einheimischen –
meist lizenzierten – Führers vorschreibt. Selbst in Ländern
der Europäischen Union wie Italien, Griechenland oder
Spanien sind Führungen bei archäologischen Stätten,
Stadtführungen, Museumsführungen etc. durch einen
einheimischen Gästeführer obligatorisch. Vielfach kommt
es dann zu einer Kooperation zwischen dem deutschen
Reiseleiter und dem Gästeführer.
In manchen Fällen, in denen bei einem solchen Programm-
punkt die Anwesenheit des eigentlichen Reiseleiters nicht
erforderlich ist, führt der Gästeführer auch alleine. Er ist
Spezialist in und auf seinem Gebiet, so dass im Normalfall
sein Wissens- und Kenntnisstand größer ist als der eines
Reiseleiters, der naturgemäß nicht die langjährige Erfah-
rung in einem bestimmten Zielgebiet haben kann. Hier
steht der Gästeführer als Spezialist dem Reiseleiter als
Generalisten gegenüber. Da dies jedoch eine sehr produk-
tive Kooperation bedeuten kann, wird dies auch gerne als
eine qualitätssteigernde Ergänzung zur Reiseleitung ver-
standen.

3.1.4 Definition: Local Guide –


der einheimische Reiseleiter

Ähnlich wie beim Gästeführer ist der „local guide“* in Der „local guide“ ist in vielen
vielen Ländern der Welt eine vom Gesetzgeber vorge- Ländern eine vorgeschrie-
schriebene Institution. In Ländern der sog. Dritten Welt ist bene Institution.
das allgemeine Lohnniveau häufig so niedrig, dass die be-
triebswirtschaftliche Kalkulation einer Reise die Doppelbe-
setzung der Reiseleitung zulässt; hilfreich sicherlich auch
in Ländern, wo es eine solche Gesetzgebung nicht gibt.
Dies bedeutet in den meisten Fällen eine Teilung der Auf-
gabenbereiche. Hier agiert der einheimische Reiseleiter
meist als Organisator und Referent für spezielle Themen
lokaler Besonderheiten. Der vom Veranstalter mitgesandte
Reiseleiter dient dann hauptsächlich als Vermittler, Über-
setzer, Referent für Erläuterungen allgemeinerer Themen,
Koordinator des gesamten Reiseablaufs sowie als direkter
Ansprechpartner für die Gäste bei Problemen, die den Ver-
anstalter betreffen (z. b. Reklamationen).

Bei Gruppenreisen kommen hierzu besonders die Aufga-


ben eines Reiseleiters zum Tragen, welche z. b. die Steue-
rung gruppendynamischer Prozesse* und den Gruppenall-
tag allgemein betreffen (s. Kap.3.2.), die ein einheimischer
Reiseleiter oftmals nicht beherrschen kann, da er als Ange-

36
Der Reiseleiter − Definition …

höriger einer anderen Kultur ein weitaus umfangreicheres


Ausbildungsprofil (z. b. in psychologischer Hinsicht) auf-
weisen müsste. Der Reiseleiter ist in diesem Falle jedoch
weiterhin der letztendliche Entscheidungsträger, der dem
einheimischen Guide übergeordnet ist, bzw. der diesem
weisungsbefugt ist.

Bei erfahrenen und gut ausgebildeten local guides, die auch


mit der Firmenphilosophie vertraut sind und die in der
Lage sind, sich in eine mitteleuropäische Gästepsychologie
hineinzuversetzen, verzichten viele Reiseveranstalter auch Ein local guide kann unter
auf die Entsendung eines eigenen Reiseleiters. Diese finan- Umständen die Aufgaben
eines Reiseleiters über-
zielle Ersparnis ermöglicht diesen Reiseveranstaltern so nehmen.
eine moderatere Reisepreispolitik, was jedoch ein immen-
ses Vertrauen in die Partneragentur, die den Guide stellt,
voraussetzt. Hierbei fällt nämlich die Kontrollfunktion des
Reiseleiters weg, der die Interessen des Veranstalters ver-
tritt, ebenso die Rolle des Repräsentanten des Unterneh-
mens, bei dem die Gäste in der Heimat gebucht haben.

Wird die Reiseleitung ausschließlich von einem einheimi-


schen Reiseleiter durchgeführt, obliegt diesem naturgemäß
der gesamte Aufgabenbereich der Reiseleitung. Einige
Reiseveranstalter nehmen neuerdings auch gleich
qualifizierte Einheimische unter Vertrag.

Da dieser Lehrgang den Beruf des „Reiseleiters“ zum


Thema hat, wie er unter der o.g. Definition gehandelt wird,
wird im weiteren Verlauf durchgängig diese Bezeichnung
verwendet. Sämtliche Variationen der Berufsausübung
werden im jeweiligen Zusammenhang gesondert bezeich-
net.

3.1.5 Persönliche Voraussetzungen – die


spezifische Lebenssituation des Reiseleiters

Zur Aufgabe eines jeden Reiseleiters gehört die Begeiste- Ein Reiseleiter sollte Be-
rungsfähigkeit für ein Zielgebiet. Fühlt er sich darin wohl, geisterungsfähigkeit für sein
wird es nicht schwer fallen, diese Begeisterung an die Zielgebiet besitzen.
Gäste weiterzugeben. Hierfür zu sorgen ist jedermanns
eigene Aufgabe. Ausgeglichenheit, Fröhlichkeit, Elan und
Optimismus kann man besitzen; aber die Kunst ist es, diese
Eigenschaften auch langfristig zu bewahren, besonders
unter den ungewöhnlichen Umständen des Lebens in einem
fremden Land.

37
Der Reiseleiter − Definition …

Nicht zuletzt spielen hierbei ausgewogene zwischen- Beziehungen zwischen Rei-


menschliche Beziehungen eine wichtige Rolle. Es sind sich seleiter und Gästen sind
allerdings die meisten Reiseveranstalter einig darüber, dass unerwünscht bzw. verboten.
allzu persönliche oder gar intime Beziehungen zwischen
Reiseleitern und Gästen nicht erwünscht oder sogar verbo-
ten sind. Der Grund hierfür ist die nachvollziehbar einsei-
tige Konzentration auf eine Person aus der Gruppe bzw. die
Vernachlässigung der anderen Reiseteilnehmer. Diese je-
doch haben ein Anrecht auf die gleiche Aufmerksamkeit
seitens des Reiseleiters, die dann jedoch nur schwer jedem
einzelnen Gast entgegengebracht werden kann.

Wenn in Kapitel 3.2. und 3.3. in Standortreiseleitung und Zwischen Standortreiselei-


Rundreiseleitung unterschieden wird, existiert jedoch eine tung und Rundreiseleitung
Reihe von Kriterien der persönlichen Voraussetzungen, die bestehen spezifische Unter-
für beide Arten der Reiseleitung gültig sind. Im einzelnen schiede.
wird im jeweiligen Unterkapitel auf die spezifischen Unter-
schiede eingegangen, die unter anderem darin bestehen,
dass die Standortreiseleitung einen längeren Aufenthalt in
einem Zielgebiet, die Rundreiseleitung die stete Entsen-
dung ins Zielgebiet mit einer Reisegruppe und die jewei-
lige Rückkehr mit zwischenzeitlichem Heimataufenthalt
bedeutet.

Sowohl das kurz- als auch das langfristige Leben in einem Der Reiseleiter nimmt im
Land, wo andere Urlaub machen, unterscheidet sich gravie- Gastland eine andere Stel-
rend von dem Eindruck, den man auf eigenen Urlaubsrei- lung ein als der Tourist.
sen von diesen gewinnt. Der Reiseleiter ist dort bei der
Arbeit, er verbringt einen großen Teil seiner Zeit mit Auf-
gaben, die ihm vorgeschrieben sind.

Der Reiseleiter nimmt eine andere Stellung im Gastland ein


als der Tourist. Während die Gäste als „Touristen“ wahr-
genommen werden, wird der Reiseleiter oft als „ausländi-
scher Arbeitnehmer“ aufgefasst. Dies kann ihm die reale
Welt des Zielgebiets näher bringen, da durch diese andere
Einordnung im Denken der Einheimischen viel Beschöni-
gendes und „Folkloristisches“ beiseite gelassen wird.

Der Reiseleiter gilt als Kollege, der nicht nur zum Spaß in
diesem Land ist. Seine Anwesenheit wird als Bestreitung
seines Lebensunterhalts verstanden, wofür man in der Re-
gel viel mehr Verständnis entgegenbringt, als es bei Rei-
senden um des Vergnügens Willen der Fall ist. Außerdem
ist der Beruf eines Reiseleiters wesentlich anerkannter als
in Deutschland. Dadurch bieten sich Möglichkeiten, soziale
Kontakte aufzubauen, die über den touristischen
Zusammenhang hinausgehen.

38
Der Reiseleiter − Definition …

3.1.6 Der Reiseleiter als Dienstleister

Eine lange Zeit in Vergessenheit geratene, in letzter Zeit Der Reiseleiter sollte zur
jedoch auch wieder in Deutschland wiederentdeckte Eigen- Dienstleistung gegenüber
schaft des Menschen ist die Dienstleistungsbereitschaft. seinen Gästen bereit sein.
Der Aspekt des „Dienens“ war im Zuge der Demokratisie-
rung unseres Landes und der Abschaffung adliger Hierar-
chiestrukturen immer mehr auf Ablehnung gestoßen. Dass
der Kunde König ist, begreift man erst wieder in jüngster
Zeit, dass man sich um ihn bemühen muss, wenn er nicht
zur Konkurrenz abwandern soll.
Hier scheint es nun zwei Arten des Dienstleistungsgedan-
kens zu geben: Einerseits erhebt man die zeitgemäße Fas-
sade der Höflichkeitsfloskeln und Werbeslogans zur Ma-
xime, empfindet aber weiterhin seine Kunden als einzig
störendes Sandkorn in der Maschinerie des Vertriebs, ande-
rerseits findet man zu einem ganz neuen Menschenbild,
welches einem den Enthusiasmus verleiht, der es erlaubt,
seinem Kunden zu „dienen“, ohne dass man sich dabei
verraten und gedemütigt fühlt.

Beide Aussagen sind extreme Varianten. Bei der Frage


nach der richtigen inneren Einstellung eines Reiseleiters
bleibt jedoch nur die letztere, und dies aus folgendem
Grund: Reisegäste, die den Reiseleiter prinzipiell rund um
die Uhr mit kleineren oder größeren Problemen behelligen
können, erfordern gerade diesen Bewusstseinsprozess.
Wenn wir in den Gästen Menschen mit ihren Träumen,
Ängsten und Nöten sehen, anstatt zahlende Kunden, die
„bearbeitet“ werden müssen, kann uns dies viel Reibung
ersparen.

Wenn der Reiseleiter hier „Menschlichkeit“ und „Güte“


investiert, erhält er ein Vielfaches von dem zurück, was er
erhalten würde, wenn er sein stereotypes Programm ab-
spielt. Auch wenn es hier teilweise sehr schwierige Situati-
onen geben kann, beispielsweise wenn dem Reiseleiter im
Umgang mit einem Gast Aggressionen und auch verlet-
zende Worte entgegengebracht werden, die eigentlich per-
sönlich genommen werden könnten, ist dem Reiseleiter
mehr geholfen durch Kompensation in Form von Höflich-
keit, Sympathie und der Bereitschaft, trotz Widerwillen zur
Lösung des Problems alle Hebel in Bewegung zu setzen.
Die Fähigkeit, als professioneller Dienstleister Dinge hin-
zunehmen, die man vielleicht als Privatperson nicht hin-
nehmen würde, ist erstaunlicherweise erlernbar und zeugt
von Professionalität. Die Erfahrung vieler Reiseleiter zeigt

39
Der Reiseleiter − Definition …

die Wahrheit des Sprichwortes, wonach es so


zurückschallt, wie man es in den Wald hineinruft.

3.1.7 Der Reiseleiter als Alleskönner

Die Liste der fachlichen Voraussetzungen und persönlichen Die fachlichen und berufli-
Kompetenzen für den Beruf des Reiseleiters ist endlos. chen Voraussetzungen für
Natürlich erwartet realistischerweise niemand ein solches den Beruf eines Reiseleiters
Multitalent, wie es folgende Aufzählung vermuten lässt. sind sehr vielfältig.
Dennoch seien hier die von den Gästen als „erwünscht“
bezeichneten Kriterien zunächst einmal aufgelistet:
• möglichst Beherrschung der Landessprache
• fundierte Kenntnisse über Land und Leute
• möglichst viel Erfahrung an Reiseleitungen im Zielge-
biet
• fachspezifische Kenntnisse (Botanik, Geologie, Ornitho-
logie etc.)
• Insiderwissen (Tipps für eigene Unternehmungen)
• Schaffen von Kontaktmöglichkeiten zu Einheimischen
• perfektes Organisationstalent
• sympathische Erscheinung
• kompetenter Gesprächspartner
• Begeisterungsfähigkeit
• rhetorisches Geschick
• packende Vortragskunst
• präzises Timing
• klare Informationsvermittlung
• Pünktlichkeit
• Ausgeglichenheit
• einnehmende Persönlichkeit
• Sensibilität
• Aufmerksamkeit auch gegenüber zurückhaltenden Gäs-
ten
• Geselligkeit
• Hilfsbereitschaft
• Ideen und Impulse für besondere Unternehmungen
• Engagement über die Arbeitszeit hinaus
• ständige Erreichbarkeit bzw. Ansprechbarkeit.

Je nach Reiseart und Publikum kommen hierzu noch di-


verse Geschicke, wie z. b. Automechaniker, Koch, Fahrer,
Animateur*, Sportlehrer, Wanderführer, Kofferträger,
Krankenpfleger, Seelsorger etc. hinzu. Jeder Reisegast legt
hierbei jedoch seine eigenen Schwerpunkte. Den Reiselei-
ter, der all diese Erfordernisse erfüllt, gibt es nicht. Jedoch

40
Der Reiseleiter − Definition …

sollte man anstreben, diejenigen Kriterien auszubauen,


welche Charaktereigenschaften betreffen sowie an den er-
warteten Fähigkeiten zu arbeiten, die fachlicher und somit
erlernbarer Natur sind.

Definitiv nicht erwünscht und bisweilen auch nicht toleriert


sind Eigenschaften wie:

• Profilneurosen
• Überheblichkeit und Arroganz
• Unpünktlichkeit und ungepflegtes Erscheinungsbild
• Faulheit und Unentschlossenheit
• joviale Kumpelhaftigkeit
• undurchsichtige Nebengeschäfte und Abrechnungsmoda-
litäten
• provisionsorientiertes Aufsuchen bestimmter Geschäfte
und Lokale
• Orientierungslosigkeit
• Dienst nach Vorschrift
• Bevorzugen bestimmter Teilnehmer aufgrund persönli-
cher Sympathie
• Rücksichtslosigkeit gegenüber Leistungsschwächeren
(bei Aktivreisen)
• Informationsvermittlung nur an Teile der Gruppe
• häufige Abwesenheit (Desinteresse!).

Die erforderlichen formalen Voraussetzungen sind eher für Die Einstellungskriterien für
den Arbeitgeber von Bedeutung als für die Reisegäste. Die Reiseleiter variieren je nach
Einstellungskriterien variieren von Reiseveranstalter zu Reiseart und Zielgruppe.
Reiseveranstalter, ebenso von Reiseart zu Reiseart. Auch
spielt die Gästezielgruppe eine Rolle bei der Auswahl der
Reiseleiter-Bewerber: So können z. b. bestimmte Alters-
grenzen nach oben oder auch nach unten existieren, vor-
nehmlich weibliche oder männliche Bewerber bevorzugt
werden oder auch – und dies betrifft vor allem die Reiseart
betreffende Merkmale – die berufliche Vorbildung der
Kandidaten.

41
Der Reiseleiter − Definition …

Studienreiseveranstalter bevorzugen in der Regel Bewerber Spezialveranstaltungen er-


mit abgeschlossenem, einschlägigem Hochschulstudium fordern spezielle Fähigkei-
oder zumindest Studenten im höheren Fachsemester. Gute ten des Reiseleiters.
Voraussetzungen bringen z. b. Archäologen, Biologen,
Ethnologen, Geographen, Historiker, Kunsthistoriker,
Kulturwissenschaftler, sonstige Geisteswissenschaftler etc.
mit, gute Chancen haben aber auch Kandidaten mit
langjährigem Aufenthalt in einem Zielgebiet und sehr guter
Allgemeinbildung.

Spezialveranstalter legen Wert auf die Beherrschung rele-


vanter Fähigkeiten. Zum Beispiel erfordert die Mitarbeit
bei einem Sportreiseveranstalter sportliche Kondition, die
evtl. durch Vereinsmitgliedschaft Beherrschung diverser
Sportarten wie Skifahren, Windsurfen, Tauchen, Bergstei-
gen oder Tennisspielen nachgewiesen wird. Veranstalter
von Gesundheitsreisen und Kuraufenthalten benötigen Rei-
seleiter mit entsprechender Vorbildung im medizinischen
Bereich (Ärzte, Krankenschwestern, Sporttherapeuten, Er-
nährungsberater oder -wissenschaftler) usw.

Die breite Masse der Reiseveranstalter von nicht speziellen


Pauschalreisen* jedoch betont in erster Linie die Persön-
lichkeit sowie persönliche positive Eigenschaften, die einen
gesicherten und erfolgreichen Umgang mit den Gästen ge- Die meisten Reiseveran-
stalter erwarten vom Rei-
währleisten. Hierzu genügt formal oft eine mittlere Schul-
seleiter eine positive Per-
bildung (Mittlere Reife). sönlichkeit.
Willkommen sind Berufsausbildungen im kaufmännischen
Bereich, bevorzugt in der Reisebranche, z. b.
Reiseverkehrskaufleute, oder Berufe, die den Umgang mit
Menschen beinhalten. Darüber hinaus ist zumindest
Englisch in Wort und Schrift notwendig und je nach
Zielgebiet eine weitere Fremdsprache, die vor Ort
gesprochen wird. Eine gute Allgemeinbildung und eine
gewisse Reiseerfahrung gelten als zwingend.
Zielgebietskenntnisse einer oder mehrerer Destinationen*
sind für eine variable Einsatzmöglichkeit entscheidend.
Hier gilt es, sich als kompetenten Landeskenner
darzustellen, der seine Kenntnisse auf der Basis persönli-
cher Erfahrung erlangt hat, und der dies überzeugend ver-
mitteln kann.

42
Der Reiseleiter − Definition …

3.1.8 Alltag in der Fremde

Je nach Einsatzgebiet erfordert die Lebenssituation vor Ort Das Leben in der Fremde
auch schon mal ein gewisses Maß an Entbehrungen gegen- erfordert vom Reiseleiter
über den gewohnten Umständen. Fremdes Essen auf Dauer, eine gewisse „Leidensfähig-
klimatische Gegebenheiten, besondere Gesundheitsvor- keit“.
sorge, ein anderer Kulturkreis etc., all dies sind Umstände,
die kurzfristig vielleicht als exotisch positiv aufgefasst
werden, langfristig jedoch der bewussten Auseinanderset-
zung bedürfen.

Um einen allzu großen „Kulturschock“* zu vermeiden, ist


es notwendig, sich eigene Freiräume zu schaffen. Dies
können auf Rundreisen kleinere Zeiträume sein, in denen
man ungestört ist. Jeder Gast hätte Verständnis dafür, dass
man sich an dem einen oder anderen Abend zurückzieht z.
b. unter dem Hinweis, sich auf den morgigen Tag vorbe-
reiten zu müssen. Diese Kompensationsmittel schaffen
einerseits Stressbewältigung, andererseits sind sie ein Weg,
aus der „Fremde“ ein Stück „Heimat“ zu gestalten, eine Art
heilsamen Alltag also.

43
Der Reiseleiter − Definition …

3.2 Der Standortreiseleiter

3.2.1 Definition

Der Standortreiseleiter unterscheidet sich vom Rundreise- Der Standortreiseleiter wird


leiter in erster Linie dadurch, dass er in seinem Einsatzge- über einen längeren Zeit-
biet über einen längeren Zeitraum ohne nennenswerte Un- raum in einem bestimmten
terbrechungen eingesetzt ist. Dies kann von einem Zeit- Gebiet eingesetzt.
raum von drei Monaten bis zu einigen Jahren reichen. Es
kann dies ein bestimmtes Hotel, ein Urlaubsort, eine Ur-
laubsregion oder sogar ein gesamtes Urlaubsland sein, je
nachdem, wie sein Aufgabenbereich vom Veranstalter de-
finiert ist. Ebenso ist dies abhängig von der hierarchischen
Struktur der Mitarbeiter vor Ort, die viele Reiseveranstalter
zur Koordination ihres Zielgebiets aufgebaut haben.

In der Regel vergrößert sich der Verantwortungsbereich


eines Mitarbeiters im Zielgebiet, je höher er innerhalb die-
ser Struktur angesiedelt ist. Dies wiederum ist – wie in al-
len Betrieben der freien Wirtschaft üblich – abhängig von
der Leistung, den spezifischen Qualifikationen und nicht
zuletzt der Dauer der Betriebszugehörigkeit.

In diesem Falle werden die Reiseleiterbezeichnungen je


nach Veranstalter verschieden gewählt: Reiseleiter, Chef-
reiseleiter, Gebietsleiter, Regionalleiter etc., ebenso unter-
scheiden sich die einzelnen Tätigkeitsfelder je nach Status.
Während Berufsanfänger die klassischen Aufgaben der
Reiseleitung übernehmen, werden mit zunehmendem Ver-
antwortungsgrad vermehrt Verwaltungs-, Koordinations-
und Verhandlungsaufgaben wahrgenommen. Auch Bera-
tungs-, Mitarbeiterschulungs- und Produktgestaltungsauf-
gaben kommen mit aufsteigender Stellung hinzu.

3.2.2 Aufgaben des Standortreiseleiters

Die klassischen Aufgaben des Standortreiseleiters variieren Die Aufgaben des Standort-
je nach Zielgebiet, Reiseart und Zielgruppe der Gäste. Im reiseleiters variieren je nach
folgenden sind die Hauptaufgaben aufgelistet, die für die Reiseart, Zielgebiet und
meisten Standortreiseleiter gültig sind: Zielgruppe.

44
Der Reiseleiter − Definition …

• Begrüßung der Gäste beim Eintreffen im Zielgebiet


(Flughafen, Hotel o.ä.)
• Transferbegleitung zum Hotel
• Einchecken der Gäste im Hotel, Zimmervergabe
• Informationen geben zu Hotel, Infrastruktur (Geldwech-
sel, Post, Sicherheitshinweise etc.) und Urlaubsort all-
gemein zur ersten Orientierung

• Informationen geben über Reiseablauf, Sprechstunden-


zeiten, Besonderheiten
• regelmäßige Sprechstunden im Hotel abhalten
• Beschwerden und Reklamationen aufnehmen, ggf. Ab-
hilfe schaffen
• Tagesausflüge, Besichtigungen, Rundfahrten und Veran-
staltungsbesuche anbieten, verkaufen und durchführen
• Zusammenarbeit mit Leistungsträgern koordinieren
(Transfer-, Busunternehmen, Restaurants, Autovermie-
tungen etc.)
• Flugrückbestätigungen und Umbuchungen vornehmen
• Informationsveranstaltungen durchführen
• ggf. Vorträge, Referate, Diashows durchführen
• veranstalterspezifische Besonderheiten (Cocktailabende
organisieren, Begrüßungsrunden, Abschiedsabende etc.)
durchführen
• Transferbegleitung zum Flughafen, Verabschiedung
• Reiseleiterberichte verfassen
• Reiseleiterabrechnungen erstellen
• Kommunikation mit der Zentrale (Veranstalter,
Regionalbüro o.ä.).

Der Standortreiseleiter muss seinen Gästen den Urlaubs- Der Standortreiseleiter


aufenthalt so angenehm wie möglich gestalten, Probleme muss seinen Gästen den
aus dem Weg räumen und Möglichkeiten zur kreativen und Urlaub so angenehm wie

45
Der Reiseleiter − Definition …

aktiven Urlaubsgestaltung aufzeigen. Er soll den Gästen möglich gestalten.


ein Höchstmaß an Erholung ermöglichen, durch seine ei-
gene Ausstrahlung Urlaubslaune vermitteln und dadurch
zufriedene Kunden schaffen, die bei ihrer nächsten Reise
wieder beim selben Veranstalter buchen. Er soll den Gästen
das Urlaubsland näher bringen durch die Vermittlung von
Kenntnissen über Land und Leute sowie durch Animieren
zur Teilnahme an Tagesausflügen und Besuchen landesty-
pischer Gegebenheiten.

In Zielgebieten, in denen hauptsächlich Rundreisen durch-


geführt werden und der Schwerpunkt weniger auf Standort-
reisen (z. b. Badeurlaub, Clubaufenthalt) liegt, geht die
Funktion des vor Ort ansässigen Reiseleiters teilweise über
in die des Rundreiseleiters mit Standortbetreuung. Man
kann hier eher von einem Standortrepräsentanten sprechen,
der sowohl die Aufgaben des Standortreiseleiters als auch
die des Rundreiseleiters erfüllt.

3.3 Der Rund- und Studienreiseleiter

3.3.1 Definition

Im Unterschied zum Standortreiseleiter kommen je nach Rund- und Studien-


Ausrichtung des Reiseveranstalters Rund- bzw. reiseleiter betreuen meist
Studienreiseleiter zum Einsatz. Diese werden meist mit der eine Einzelgruppe während
Betreuung einer Einzelgruppe beauftragt, und zwar der gesamten Reise.
beginnend am Abflughafen bzw. bei Busrundreisen am
Sammelpunkt am Abfahrtsort. Er führt die Reise in voller
Länge und kehrt in der Regel mit der Gruppe nach
Reiseende zurück. Er hat seinen festen Wohnsitz in der
Quellgebiet der Gäste und ist jeweils nur während der Zeit
der Reiseleitung im Zielgebiet.

46
Der Reiseleiter − Definition …

Viele Rundreiseleiter gestalten sich jedoch ihren Jahresab-


lauf unterschiedlich. Teilweise verbringen sie einen länge-
ren Zeitraum, z. b. den einer Sommersaison, im Zielgebiet
und leiten – z.t. mit Unterbrechungen – mehrere Rundrei-
sen nacheinander, wenn der Reiseveranstalter keinen Wert
darauf legt, dass die Reisegruppe von der Heimat an be-
gleitet wird bzw. dorthin zurück. Oft ist es auch möglich,
einen privaten Aufenthalt voranzustellen bzw. anzuhängen.
Wichtigstes Kriterium ist jedoch, dass der Rundreiseleiter
über die gesamte Dauer der Reise ausschließlich der
Gruppe zur Verfügung steht.

3.3.2 Aufgaben des Rundreiseleiters

Neben der reibungslosen Organisation des Reiseablaufs Ein Aufgabenschwerpunkt


liegt ein verstärkter Schwerpunkt in der Vermittlung von des Rundreiseleiters liegt in
Landeskunde. Hierzu zählen in erster Linie Themengebiete der Vermittlung von Lan-
wie Geschichte, Flora und Fauna, Geographie, Geologie, deskunde.
die gesellschaftlichen Umstände im Land, die politische
Situation, Informationen über Volksgruppen, Religion,
Brauchtum, Festlichkeiten, Kunst- und Kunstgeschichte,
einheimische Küche und Musik usw.

Der Rundreiseleiter ist – zusätzlich zur technischen Durch- Der Rundreiseleiter ist zent-
führung – verstärkt Garant des Reiseerfolgs. Er ist die zent- rale Persönlichkeit innerhalb
rale Persönlichkeit über den gesamten Reisezeitraum hin- der Reisegruppe.
weg. Dieser variiert zwischen einer und vier Wochen, was
bedeutet, dass hier eine ganz andere Dimension von Füh-
rungspersönlichkeit vorhanden sein muss als bei Standort-
reisen. Während bei der Standortreiseleitung die Gäste
meist nicht als „Gruppe“ auftreten, sondern als eine Grup-
pierung vieler Einzelgäste, herrscht bei Rundreisen ein fest
umrissenes Gruppengefüge.

Dies bedeutet, dass es den Gästen bewusst und von diesen


meist auch erwünscht ist, dass ein sog. „Gruppengefühl“
entsteht, d.h., die Gruppe formiert sich als „Gemeinschaft
auf Zeit“. Die Steuerung der dabei auftretenden gruppen-
dynamischen Prozesse* ist eine der Hauptaufgaben des
Rundreiseleiters. Es sind somit hohe psychologische Fä-
higkeiten gefordert. Man spricht hier auch von „Gruppen-
handling“. Konflikt- und Krisenmanagement fallen in man-
chen Situationen ebenso in diesen Bereich.

Vom Rundreiseleiter wird – besonders bei Studienreisen –


erwartet, dass im Verlauf der Reise bei den Gästen ein Ge-
samteindruck des bereisten Zielgebiets entsteht. Die ver-

47
Der Reiseleiter − Definition …

mittelten Kenntnisse sollten angereichert sein mit persönli-


chen Erfahrungen und Erlebnissen seitens der Gäste. Je
nach Ausrichtung der Reisephilosophie des Veranstalters
existiert mittlerweile eine Bandbreite an Methoden, Vorga-
ben und Strategien, wie der Reiseleiter der Rundreise einen
veranstaltertypischen Charakter verleiht.

Viele Reiseveranstalter haben sich im Laufe der Zeit auf


verschiedene Reisearten spezialisiert, wie z. b. Studienrei-
sen, Wanderreisen, Trekking-Touren, Städtereisen, Kultur-
reisen (Konzerte, Opern, Musicals), Radreisen etc. Ebenso
haben die meisten ein Motto bzw. einen Firmenslogan für
ihre Reiseform ausgegeben. Ob diese nun eine besonders
ökologische, eine besonders komfortable oder auch lan-
destypische Reiseart in den Vordergrund stellt, stets be-
deutet dies für den Rundreiseleiter, den entsprechenden
Geist zu vermitteln.

Für den Rundreiseleiter stellt der Zeitraum der Rundreise Während einer Rundreise
eine besondere Beanspruchung dar, da er auf dieser kaum muss der Reiseleiter 24
über Möglichkeiten des Rückzugs verfügt. Er ist in die Stunden pro Tag zur Verfü-
Reisegruppe und ihre Gemeinschaft ebenso eingeschlossen gung stehen.
wie die Gäste selbst. Darüber hinaus steht er dieser prinzi-
piell 24 Stunden pro Tag zur Verfügung − auch wenn er
berechtigt ist, sich von Zeit zu Zeit abends zurückzuziehen:
Im Notfall hat er zur Stelle zu sein. Die Umstände auf
Rundreisen lassen manchmal keinen Feierabend zu.

Die Entsendung eines Rundreiseleiters hängt in den meis- Der Rundreiseleiter sollte
ten Fällen mit seiner speziellen Landeskenntnis eines be- über spezielle Kenntnisse
stimmten Zielgebiets zusammen. Reiseveranstalter, bei des Zielgebietes verfügen.
denen der Faktor „Reiseleitung“ ein wichtiges Qualitäts-
merkmal darstellt, legen Wert darauf, dass der Reiseleiter
Spezialist in „seinem Land“ ist, das er kennt und wodurch
er eine kompetente Arbeit erbringen kann. Manche Reise-
veranstalter, speziell diejenigen aus dem unteren Preisseg-
ment, können sich solche „Spezialisten“ oftmals nicht
leisten. Vielfach lässt es die teils schwierige Einsatzpla-
nung auch nicht zu, immer den jeweiligen Landeskenner
parat zu haben.

Manche kleinere Veranstalter verfügen jedoch auch nicht


über eine so durchgängige Reiseterminabfolge in einem
Zielgebiet, um einen Rundreiseleiter bezahlen zu können,
der nur in einem Zielgebiet tätig ist. Die Folge sind häufig
wechselnde Einsatzgebiete, manchmal auch in Zielgebie-
ten, die der Reiseleiter selbst noch nicht vorher bereist hat.
Andererseits haben viele Rundreiseleiter Kompetenzen in

48
Der Reiseleiter − Definition …

mehreren Zielgebieten, was wiederum dem Arbeitgeber


eine flexible Einsatzgestaltung ermöglicht. Die Gäste je-
denfalls wünschen sich in ihrem Urlaubsland zunehmend
den Reiseleiter, der sich sehr gut auskennt und über viel
Erfahrung im Zielgebiet verfügt. Im Zuge der steigenden
Gästeansprüche verschreiben sich immer mehr Reiseveran-
stalter dem Prinzip der „Konzentration auf die Kernkom-
petenz“.

Zusammenfassung
In diesem Kapitel haben Sie die verschiedenen Defi-
nitionen der Begriffe kennen gelernt, die die Person
betreffen, die direkt oder indirekt für die Durchführung
einer Reise verantwortlich ist. Der Reiseleiter ist im
Vergleich zum Reisebegleiter und Gästeführer bzw.
local guide derjenige, der für den reibungslosen
Ablauf einer Reise verantwortlich ist. Die Reise steht
und fällt mit ihm. Er ist gleichzeitig Repräsentant des
jeweiligen Veranstalters gegenüber den Gästen und
den Leistungsträgern. Der Begriff Reiseführer kommt
diesem gleich, wird jedoch nicht so häufig verwendet.
Der Reisebegleiter hingegen ist nicht in dem Maße an
der Organisation vor Ort beteiligt, er hat mehr kontrol-
lierende Funktion und ist Ansprechpartner und
Betreuer für die Gäste, ebenso Repräsentant des
Veranstalters. Als Gästeführer werden meist
einheimische Spezialisten bezeichnet, die sowohl auf
einer Rundreise als auch bei einem Ausflug vor Ort
eine Stadt-. Objekt- oder Museumsführung
übernehmen. Der Local Guide hingegen reist
während der Rundreise zumindest stellenweise
neben dem deutschen Reiseleiter mit, meist um die
Organisation vor Ort zu erledigen und um sein
spezialisiertes Wissen den Gästen zu vermitteln.
Wenn kein deutscher Reiseleiter mitreist, obliegen
ihm die gesamten Aufgaben des Reiseleiters.
Bei den persönlichen Voraussetzungen für den Beruf
des Reiseleiters wurde auf die spezifische Lebens-
weise des Reiseleiters hingewiesen. Eine Reihe von
Eigenschaften sind wichtig, um über längere Zeit im
Ausland unter fremden Bedingungen leben und ar-
beiten zu können. Besonders die sozialen Kontakte
und zwischenmenschlichen Beziehungen sind ein
Thema, welches bewusst angegangen werden muss.
Um eine erfolgreiche Reiseleitung tätigen zu können,

49
Der Reiseleiter − Definition …

müssen Sie sich Ihrer psychischen Ausgeglichenheit


sicher sein.
Die Bereitschaft zur Dienstleistung ist ein unumgäng-
liches Muss für Sie als Reiseleiter. Sie müssen Ihren
Gästen „dienen“ können, ohne mit Ihrem Stolz in
Konflikt zu geraten. Sie sollten großzügig, verständ-
nisvoll und hilfsbereit sein, selbst wenn der unmittel-
bare Dank dafür ausbleiben kann. Erfahrungsgemäß
gestaltet sich jedoch bei einer entsprechenden Ein-
stellung die Arbeit als positives Erlebnis, da man sehr
viel Persönliches und Menschliches zurückerhält.
Eine Reihe von Fähigkeiten und Kenntnissen werden
bei Reiseleitern vorausgesetzt. Alle die hier erwähn-
ten zu erfüllen, ist jedoch nicht möglich. Einige der
verlangten Eigenschaften stellen Talente dar, die sich
ausbilden lassen, andere wiederum eine fachliche
Kompetenz, die sich aneignen lässt. Die formalen
Voraussetzungen der Veranstalter als Arbeitgeber
sind verschieden, jedoch in einem sind sich alle einig:
Der Bewerber muss eine positive Persönlichkeit sein.
Die Definition des Standortreiseleiters und die des
Rundreiseleiters mitsamt der Beschreibung ihrer Auf-
gaben unterstreicht die Verschiedenheit des Berufs in
sich. Teilweise vereinen sich Anforderungen und Tä-
tigkeitsbereiche, manchmal liegen die Schwerpunkte
auf verschiedenen Aspekten. Während für den
Standortreiseleiter die technische Organisation und
die Betreuung von Einzelgästen von größerer Be-
deutung ist, kommen auf den Rundreiseleiter durch
den Gruppenzusammenhang vermehrt Aufgaben in
psychologischem Bereich zu. Auch gebietet die Natur
von Rundreisen ein erhöhtes Maß an Vermittlung von
Kenntnissen über Land und Leute. Teilweise ver-
schwimmen die Grenzen zwischen Standortreiselei-
tung und Rundreiseleitung jedoch, weil sich beide
Reisearten kombinieren lassen, sei es in Form von
Tagesausflügen beim Badeurlaub oder bei Rundrei-
sen mit integriertem oder anschließendem Standort-
aufenthalt. Als eine Sonderform gilt die
Standortstudienreise.

50
4 Der Reiseleiter als Vermittler

In nur wenigen Berufen ist man von so verschiedenen Dem Reiseleiter fällt die
Menschengruppen mit unterschiedlichen Interessen umge- Rolle des Vermittlers in drei
ben wie im Beruf des Reiseleiters. Wenn Menschen ver- Hauptbereichen zu.
schiedener Herkunft, Bildung, Nationalität, Kultur, unter-
schiedlichem sozialen Status und vor allen Dingen ver-
schiedener Interessen aufeinandertreffen, wie es in der
Welt des Reisens ständig der Fall ist, wird der Reiseleiter
als Vermittler aktiv. Seine Aufgabe ist es, zwischen den
Menschen zu vermitteln, so dass eine Reise zum Erfolg
wird. Diese Vermittlungsfunktion lässt sich in drei Haupt-
bereiche aufteilen:

– Vermittler zwischen den Kulturen: Der Reiseleiter


leistet einen Beitrag zur Völkerverständigung. Er ist die
Schnittstelle zwischen den Reisenden und den soge-
nannten „Bereisten“, also den Einwohnern des bereisten
Landes.
– Vermittler von Information: Ob es sich um Lan-
deskunde, um Hinweise zum Reiseablauf oder um Ori-
entierungshilfe handelt – Information schafft Verständnis
und Transparenz. Der Reiseleiter gibt sein Wissen weiter,
um den Gästen in jeder Hinsicht zur Seite zu stehen.
– Vermittler zwischen den Leistungsträgern: Auch in der
wirtschaftlichen Zusammenarbeit ist Kommunikation
zwischen den beteiligten Partnern unabdingbar. Die
Leistungsträger, also alle an der Reiseorganisation betei-
ligten Partnerunternehmen, müssen koordiniert und der
Kontakt zu ihnen gepflegt werden, so dass alle Interes-
sen, einschließlich die des Reiseveranstalters, im Sinne
einer produktiven Kooperation befriedigt werden. Hier
spielt der Reiseleiter als Repräsentant des Unternehmens
die Schlüsselrolle.

4.1 Mittler zwischen den Kulturen

Reisen alleine bildet nicht zwangsläufig. Oftmals entstehen Eine Aufgabe des Reiselei-
Missverständnisse zwischen Kulturen aus Unkenntnis der ters besteht in der Vermitt-
„Anderen“. Die Aufgabe des Reiseleiters ist es, nicht nur lung zwischen den Kulturen
die bereiste Region seinen Gästen näher zu bringen, son- und den Reisegästen.
dern auch, darauf zu achten, dass ein Gleichgewicht des

51
Der Reiseleiter als Vermittler

Interesses für beiden Seiten besteht, u.a. dass die Einheimi-


schen vor Ort einen Sinn darin sehen, dass Menschen aus
der Fremde zu ihnen kommen. In den meisten Ländern der
Welt ist Reisen um des Vergnügens willen kein Bestandteil
der Kultur, wie es in Europa der Fall ist. Wirtschaftliche
oder kulturelle Gründe lassen dies nicht zu.

In Ländern der sog. Dritten Welt trifft man oftmals auf In Ländern der „Dritten
Unverständnis seitens der einheimischen Bevölkerung, Welt“ treffen Touristen oft
wenn man als Tourist aus fernen Ländern anreist, nur um auf Unverständnis seitens
deren Land zu sehen. Vielfach kennen die Menschen dort der einheimischen Bevölke-
das Reisen nur als eine Handlung, die zur Bestreitung des rung.
Lebensunterhalts dient, etwa um Handel zu treiben. Man
reist, um Verwandte zu besuchen, aber auch aus wirt-
schaftlich oder politisch motivierten Gründen. In solchen
Ländern kann es zu Spannungen kommen, die im Extrem-
fall zu Feindseligkeiten zwischen den Einheimischen und
den Reisenden führen. Dies kann aus Neid auf den wirt-
schaftlichen Vorteil geschehen, ebenso aus Empfindungen
heraus, die in der Kolonialzeit geprägt wurden. Meist
gründen sie aber in der Unsicherheit und Unkenntnis des
Gegenübers.

Ebenso kann der bloße Anblick der Verhältnisse in einigen


Ländern bei vielen Touristen Fehleinschätzungen, Vorur-
teile oder gar Ablehnung erzeugen. Die mangelhaften Hy-
gieneverhältnisse, die gesellschaftlichen Umstände, die
fremden Lebensgewohnheiten, der anders gelagerte Bezug
zu Zeit und Ordnung etc., alles dies sind Faktoren, die vom
Reisenden oft nicht genügend analysiert werden, aber so-
fort eine bestimmte Meinung entstehen lassen. Die sprach-
lichen Barrieren verhindern, dass die Reisenden mit den
Einheimischen ins Gespräch kommen. Zwar werden in
vielen Urlaubsländern immer mehr Fremdsprachenkennt-
nisse erworben, oft jedoch nur aus dem Grund, mit den
Touristen Geschäfte machen zu können. Die hierbei ange-
wandte Form der „Völkerverständigung“ führt manchmal
eher zur Verstimmung als zur Freundschaft.

Auf der anderen Seite spielen Vorurteile eine Rolle. Man- Vorurteile der Reisenden
che Reisende fahren in Länder mit einer vorgefertigten führen oft zu einem ver-
Meinung, die sie sich im Laufe ihres Lebens über be- fälschten Bild der bereisten
stimmte Kulturen und Lebensweisen gebildet haben. Da Region.
viele kulturelle Aspekte jedoch nicht durch bloßes An-
schauen und Besichtigen verstanden werden können, bleibt
so oftmals ein Lerneffekt aus. Der Tourist nutzt seine
schon vorgeprägten Erklärungsmuster, um festzustellen,
dass alles so ist, wie er es sich gedacht hatte. Interpretatio-

52
Der Reiseleiter als Vermittler

nen einer Kultur finden statt, die u.U. zu einem unvollstän-


digen, wenn nicht gar verfälschten Bild über eine bereiste
Region führen.

Als Beispiel sei auf die Kleidervorschriften der Frauen in Aufgrund verschiedener
islamischen Ländern verwiesen. Während die einheimi- Denkweisen kommt es oft
schen Frauen sich an diese halten, kann es den Anschein zu Missverständnissen zwi-
haben, dass diese von der Gesellschaft gestaltete Tradition schen Touristen und ein-
nicht für Touristinnen gültig ist. Es scheint so, dass dies heimischer Bevölkerung.
von der einheimischen Bevölkerung vielerorts toleriert
wird. Jedenfalls bleiben Sanktionen aus, wie sie jedoch −
wie immer man auch hierzu stehen mag – für die einheimi-
schen Frauen verhängt werden würden.

In kaum einem islamischen Reiseziel werden Europäerin-


nen beschimpft oder gar geächtet, wenn sie mit kurzärme-
ligen T-Shirts angetroffen werden. Dies mag zu dem
Schluss verleiten, die einheimische Bevölkerung hätte sich
etwa „daran gewöhnt“. In der Tat spielen sich jedoch bei
den Einheimischen unterschwellige Denkprozesse ab, die
sich in Form der Betrachtung europäischer Frauen als „un-
ehrenhaft“, „untugendhaft“ und somit „verachtungswürdig“
widerspiegeln.

Hier ist der Reiseleiter als Verhinderer solcher Missver- Aufgabe des Reiseleiters ist
ständnisse gefordert. Er tritt in einem solchen Falle als es, zwischen den verschie-
Vermittler auf, denn er weiß um die Denkstrukturen in dem denen Denkweisen von
jeweiligen Land sowie auch um die oftmals vorherrschende Einheimischen und Gästen
zu vermitteln.
Unkenntnis seiner Gäste. Hier kann das Reisen als solches
„bildend“ wirken. Der Reiseleiter hat das Wissen um die
traditionellen Werte der „bereisten“ Kultur und somit die
moralische Verpflichtung, diese seinen Gästen zu vermit-
teln. Dabei sollte natürlich nicht mit dem erhobenen Zeige-
finger belehrend, sondern informativ vorgegangen werden.
Kein Gast sollte jedoch zu etwas gezwungen werden, es sei
denn, es besteht durch Nichtbefolgen der „Ratschläge“, z.
b. in orthodoxen Ländern oder solchen mit strenger Ge-
setzeslage, die Möglichkeit der Gefährdung der Gäste bzw.
des Reiseablaufs.

Mittlerweile versuchen alle Reiseveranstalter, den Die meisten Reiseveran-


Grundprinzipien eines umwelt- und sozialverträglicheren stalter folgen dem Prinzip
Reisens zu folgen und werben damit in ihren Katalogen. des umwelt- und sozialver-
Wie ernsthaft jedoch die einzelnen Unternehmen diese träglichen Reisens.
Politik betreiben, ist unterschiedlich. Einige Veranstalter
(z. b. Studien-, Erlebnis- oder Abenteuerreiseveranstalter)
pflegen eine Philosophie des Reisens mit betontem Kontakt
zur einheimischen Bevölkerung, der sich von den

53
Der Reiseleiter als Vermittler

„üblichen“ Kontaktsphären Hotel, Markt oder


folkloristischen* Darbietungen abhebt. Es werden Besuche
von Einheimischen in Dörfern oder Einrichtungen
inszeniert, die über das Besichtigen und das Einkaufen von
Souvenirs hinausgehen. Dabei werden zwanglos Kontakte
hergestellt, die auch ohne Sprachkenntnisse zu
verbindenden Erlebnissen werden können.

Oftmals genügen Gesten und vielfach auch ein gemeinsa-


mes Lachen, bis die beidseitig vorhandenen Hemm-
schwellen überwunden sind. Wichtig ist hierbei die wün-
schenswerterweise vom Reiseleiter hergestellte gemein-
same Verständigungsgrundlage, so dass auch von den Ein-
heimischen verstanden wird, wer da aus welchem Grund zu
Besuch ist. Vielfach tritt dann nämlich das auf, was hier-
zulande als „Gastfreundschaft“ bezeichnet wird. Wenn die
Einheimischen durch die Vermittlung des Reiseleiters auch
ihrerseits etwas über die Lebensgewohnheiten z. b. der
Deutschen erfahren, findet eine Art „Kulturaustausch“
statt, der dann zu der vielfach zitierten „Völkerverständi-
gung“ beiträgt.

Welches sind nun Ihre konkreten Möglichkeiten und Auf- Der Reiseleiter hat viele
gaben als Reiseleiter, Vermittler zwischen den Kulturen zu Möglichkeiten, als Vermittler
sein? Die folgenden Punkte sollen hierzu Aufschluss ge- zwischen den Kulturen zu
ben: fungieren.

• Intensive Auseinandersetzung mit der Kultur des Reise-


ziels.
• Der Versuch, sich so weit wie möglich in die Perspek-
tive der Einheimischen hineinzuversetzen, um dadurch
in der Lage zu sein, Verständnis bei den Gästen zu
schaffen.
• Erklärende Informationen zur Kultur in Form von
Einführungen und Vorträgen geben.
• Begegnungen inszenieren, Gespräche mit Einheimischen
anregen.
• Kontakte zu Einheimischen pflegen, um selbst in die
Kultur einbezogen zu sein. Dadurch können Sie Insider-
Informationen erhalten. Diese Kontakte für die Begeg-
nungen mit Gästen zu nutzen ist sinnvoll, weil hierbei
die Einheimischen nicht unvorbereitet mit den „Frem-
den“ konfrontiert werden.
• Kulturvermittelnde Aktivitäten anregen, z. b. den Gästen
kleine „Sprachkurse“ für einfache Dialoge geben.
• Die Gäste am Alltagsleben teilnehmen lassen, ohne
dabei unerwünscht in die Lebenssphäre der
Einheimischen einzudringen, z. b. durch aktive

54
Der Reiseleiter als Vermittler

Teilnahme an lokalen Tanzveranstaltungen, Festen oder


durch die Nutzung einheimischer Infrastruktur wie Bus,
Eisenbahn oder auch einmal das Fischerboot für eine
Inselrundfahrt anstelle des Touristenbootes.
• Traditionelle Werte erläutern, um keine
Verhaltensregeln zu brechen (Kleidervorschriften,
spezifische Tabus, religiöse Vorschriften, andersartige
Mimik und Gestik, Essensrituale, geschlechtsspezifische
Verhaltensvorgaben etc.).
• Hinweise geben auf negative Folgen typisch touristi-
scher Untugenden, wie Verteilen von Geschenken an
Kinder (die dann zum Betteln „erzogen“ werden) oder
das unsensible „Ablichten“ fotogener Einheimischer mit
der Kamera ohne vorheriger Erlaubnis.
• Schaffung von Verständnis für anders gelagerte Auffas-
sungen, z. b. bezüglich Pünktlichkeit, Sauberkeit, Ord-
nung, Gerechtigkeit sowie Wertvorstellungen, Normen
etc. Kulturbedingte Hintergründe hierfür aufzeigen.
• Verständnis für die Reisenden auch bei den Einheimi-
schen schaffen.
• Die Einheimischen, soweit möglich, bei Begegnungen
mit einbeziehen, ihnen auch Auskünfte geben, z. b. über
die eigene Herkunft, das Leben in der eigenen Heimat,
die Reisemotive oder sonstiges, was diese interessieren
könnte. Niemals bei Erläuterungen vor der Gruppe, z. b.
über das Sortiment des Obsthändlers, über diesen spre-
chen, ohne sich zuerst mit ihm selbst kurz unterhalten zu
haben.
• Hinweise auf Gefahren im Reiseland nicht in Verbin-
dung mit der Mentalität der Einheimischen bringen.
• Auftretende Konflikte zwischen Gästen und Einheimi-
schen lösen, vermittelnd wirken, auf eventuelle Provo-
kationen schlichtend reagieren.
• Übersetzungshilfe leisten, besonders wenn Gäste mit
Einheimischen ins Gespräch kommen. Nicht das Ge-
spräch selbst in die Hand nehmen.
• Benimmregeln der Gäste „kontrollieren“ (ohne Zwang!),
ggf. „Tipps“ geben und steuernd eingreifen.
• Für einen guten bleibenden Eindruck sorgen, bei den
Einheimischen sowie bei den Gästen.

Das Berufsethos eines jeden Reiseleiters sollte mittlerweile


jenes sein, mit reinstem Gewissen und mit den vorhande-
nen Möglichkeiten eine für beide Seiten förderliche Be-
gegnung zu inszenieren, sowohl für die Reisenden als auch
für die „Bereisten“. Auch wenn es bei manchen Reisever-
anstaltern hierzu keine besonders ausgeprägte Philosophie
und Methode gibt, dies zu erzielen, ist es jedem Reiseleiter

55
Der Reiseleiter als Vermittler

möglich, seinen Beitrag im Rahmen des Machbaren in die-


sem Sinne zu leisten, ohne die Interessen seines Arbeitge-
bers und seine professionellen Aufgaben zu vernachlässi-
gen. Die Gäste, das Gastland und nicht zuletzt der verant-
wortungsbewusste Arbeitgeber werden es ihm danken.

4.2 Vermittler von Information

Die Aufgabe des Reiseleiters in bezug auf die Informati-


onsvermittlung ist unter zwei Gesichtspunkten zu betrach-
ten:

a) Information über Land und Leute


b) Information über reisetechnische und organisatorische Sachverhalte.

Eine ergiebige Informationsweitergabe seitens des Reise- Von der Informationsver-


leiters ist grundlegender Erfolgsgarant für das Gelingen mittlung des Reiseleiters
einer Reise. Ob Rundreiseleiter oder Standortreiseleiter, für hängt der Erfolg einer Reise
beide Arten gilt das Prinzip, dass um so weniger Probleme ab.
und Missstände zur Entfaltung kommen, je transparenter
eine Reiseleitung gestaltet ist. Unzufriedenheiten, Miss-
stimmungen und Beschwerden entstehen oft durch unklare,
verwirrende, unverständliche oder gar nicht erfolgte Mit-
teilungen des Reiseleiters. Dies kann dadurch verhindert
werden, dass sich der Reiseleiter stets vor Augen hält, dass
der Gast bei Reiseantritt keine Vorkenntnisse zu haben
braucht, sondern dafür bezahlt hat, die zu einer Reise not-
wendigen Informationen zu erhalten. Macht er sich frei von
der Vorstellung, jedermann „wisse ohnehin Bescheid“ über
verschiedene Sachverhalte, kann er sich mühelos in die
Gäste hineinversetzen, um Bedürfnisse, Erwartungen und
Fragen vorhersehen zu können.

Dies ist notwendig, denn die wenigsten „wissen ohnehin


Bescheid“. Mancher Reiseleiter hält sich schon so lange in
einem Zielgebiet auf, dass ihm nicht mehr bewusst ist, was
für einen gerade angereisten Mitteleuropäer im Zielgebiet
neu und unverständlich sein kann. Geht man davon aus,
dass man es in der Regel zwar mit verständigen Erwachse-
nen zu tun hat, die jedoch aus völlig anderen heimatlichen
Zusammenhängen heraus meist ohne größere Vorbereitung
im Urlaubsziel eintreffen, dürfte die Überlegung gerecht-
fertigt und angebracht sein, lieber mit grundlegendsten
Informationen aufzuwarten. Dies auch auf die Gefahr hin,
bei manchen der Gäste auf Bekanntes zu stoßen. Be-
schwerden über die mangelnde Informationsvermittlung
des Reiseleiters kommen häufig vor, kaum vernommen

56
Der Reiseleiter als Vermittler

werden hingegen Stimmen von Gästen, denen der Reise-


leiter zu viel an Information zugetragen hat.

Ob es sich um eine Information der Kategorie a) oder b) Informationen müssen


handelt: Wichtig ist in jedem Falle, dass diese an alle Gäste grundsätzlich an alle Gäste
weitergegeben wird. Und hier ist besonders wichtig, dass weitergegeben werden.
der Reiseleiter prüft, ob er von jedem auch verstanden
wurde. Es darf ihn dabei nicht stören, wenn er sich gele-
gentlich wiederholen muss, auch mehrmals. Jeder der
Gäste hat das gleiche Anrecht auf diese Informationen,
nicht diejenigen etwa ein größeres, die ständig die Nähe
des Reiseleiters aufsuchen und in seinem Umkreis inoffi-
zielle Aussagen aufschnappen.

Informationen, die alle Gäste betreffen, müssen auch vor Die Information durch den
allen, etwa in Form einer Ansprache, gegeben werden. Sol- Reiseleiter sollte sachlich
che, die nur einzelne betreffen, sollten diesen auch einzeln erfolgen.
mitgeteilt werden, und zwar so, dass nicht der Eindruck des
Ausgrenzens anderer Gäste entsteht. Bei Form und Wort-
wahl muss darauf geachtet werden, dass Doppeldeutigkei-
ten, vage Angaben und Ironie vermieden werden. Diese
erzeugen Missverständnisse, auch wenn man den Eindruck
hat, innerhalb einer Gruppe mit hohem gegenseitigen Ver-
ständnisgrad verstanden worden zu sein. Nach jeder An-
sprache sollte der Reiseleiter die Gelegenheit für Rückfra-
gen geben, nur so kann er sich rückversichern, dass alle
Informationen auch aufgenommen werden.

Eine weitere Erfolgsmethode jeder Reiseleitung ist das Eine Erfolgsmethode der
Prinzip „Prävention durch Information“. Auftretende Reiseleitung ist „Prävention
Schwachstellen einer Reise, die sich nicht abwenden las- durch Information“.
sen, können durch erklärende Vorabhinweise zumindest
abgemildert werden. Diese Schwachstellen können z. b.
bestimmte infrastrukturelle Probleme in den Zielländern
sein (gelegentlicher Stromausfall, langsames Hotelperso-
nal, schlechtere Busqualität, Routenumstellungen bei „Hö-
herer Gewalt“*, Wartezeiten, Einschränkungen bei Hotel-
einrichtungen durch Bauarbeiten, Flugplanumstellungen,
Streiks etc.). Ohne dem Thema „Reiserecht“ in dieser
Reihe vorgreifen zu wollen, sei hier zu den Aufgaben des
Reiseleiters hinzugezählt, drohende Beschwerden und Re-
klamationen durch Schaffen von Verständnis für Situatio-
nen, die den Reiseablauf einschränken könnten, im Vorfeld
abzuwenden. Stellt man seine Gäste vor vollendete Tatsa-
chen, so dass ein Mangel erst im Moment der direkten
Konfrontation erkannt wird, sind die Gemüter bereits so
erregt, dass eine Besänftigung kaum mehr erfolgen kann.

57
Der Reiseleiter als Vermittler

Nicht jeder Mangel muss jedoch grundsätzlich als ein sol- Erklärende Hintergrundin-
cher betrachtet werden. Der Reiseleiter hat oftmals die formationen können die
Gelegenheit, z. b. in Momenten einer guten Gruppenstim- Toleranz der Gäste fördern.
mung, im Gespräch reisespezifische Schwachstellen einzu-
flechten, die jedoch in Phasen des harmonischen Zusam-
menseins emotionslos zur Kenntnis genommen werden
können. Verläuft die Reise an sich erfolgreich, sind die
Gäste erfahrungsgemäß bereit, „landestypische“ Umstände
gelassener hinzunehmen. Sie haben dadurch Zeit, sich dar-
auf einzustellen und legen oft eine beachtliche Toleranz an
den Tag. Es geht nicht darum, den Gästen ständig durch
Schwarzmalerei die Urlaubslaune zu verderben, sondern
mit viel Fingerspitzengefühl in einem ruhigen Moment
durch Information mit erklärenden Hintergründen die Er-
wartungshaltung etwas zu senken, um ihnen eine realisti-
sche Vorstellung davon zu vermitteln, was sie erwartet. Ein
Beispiel aus der Praxis soll dies verdeutlichen:

Eine Reisegruppe findet sich zu einer einwöchigen Rund- Beispiel


reise in Madagaskar ein. Der Aufenthalt wird verbunden
mit einem weiteren ein- bis zweiwöchigen Badeaufenthalt
auf Mauritius. Diese beiden Inseln unterscheiden sich ex-
trem bezüglich der touristischen Infrastruktur, dies ist den
meisten Gästen jedoch so nicht bewusst. Es können in Ma-
dagaskar Flugausfälle auftreten, auch sind die Hotels auf
der Rundreise vom Standard her einfach bis schlecht. Das
Land selbst bietet nur für den Botaniker, Zoologen, Völker-
kundler oder den Liebhaber idyllischer Kleinodien Super-
lative, ansonsten verfügt dieses Reiseziel nicht über spekta-
kuläre Sehenswürdigkeiten wie z. b. die Victoria-Fälle oder
das Taj Mahal. Die Zielgruppe des Reiseveranstalters ist
zudem an einen gewissen Hotelstandard gewöhnt und die
meisten Gäste haben eine große Reiseerfahrung weltweit.
Am ersten Abend wird im besten (dem einzig wirklich gu-
ten) Hotel des Landes ein Einführungsabend angeboten.
Die kleine Gruppe trifft sich zu einem gemütlichen Um-
trunk im Bistro des Hotels in der Hauptstadt, dem Aus-
gangspunkt der Rundreise, und lauscht interessiert den
Erläuterungen des Reiseleiters, der zur Gemütlichkeit in
Form eines Willkommensgetränks auf Kosten des Veran-
stalters beiträgt. Die Stimmung ist gut, die Gäste lernen
sich untereinander kennen, man ist froh, endlich im Urlaub
zu sein. Nachdem die Reiseroute auf der Landkarte erklärt,
ein Überblick über die Regionen und auch erste Informati-
onen über das Land selbst gegeben worden ist, stellen die
Gäste eifrig Fragen. Die anfänglich unsicheren Gäste füh-
len sich zunehmend wohler, denn der Reiseleiter strahlt
Kompetenz und Sicherheit aus. Mit viel Sympathie und Be-

58
Der Reiseleiter als Vermittler

geisterung stimmt er die Gruppe auf eine „tolle Reise in


ein faszinierendes und zugleich touristisch unbekanntes
Land“ ein. Dieses „unbekannte Moment“ bedeutet natür-
lich eine gewisse Entbehrung, die jedoch durch die Schön-
heit des Landes und die Liebenswürdigkeit seiner Bewoh-
ner mehr als belohnt wird. Die Gäste freuen sich, ein so
ungewöhnliches Reiseziel gewählt zu haben, Madagaskar
hat etwas „Pionierhaftes“. Die luxuriöse Umgebung des
ersten Hotels, in dem sich die Gäste heute befinden, erfüllt
soweit alle Ansprüche. Dann kommt der Reiseleiter mit viel
Sympathie und einem Schuss Humor auf die zunehmend
schlechter bis nahezu miserablen Hotels zu sprechen, was
jedoch mit der allgemein schlechten wirtschaftlichen Lage
und Infrastruktur dieses Landes der sog. Dritten Welt zu-
sammenhängt. Diese Zusammenhänge erklärt der Reise-
leiter, die Gäste vernehmen bereits jetzt interessiert lan-
deskundliche Hintergründe. Ihnen fällt es nicht schwer,
aufgrund der Beschreibung des lohnenswerten Reiseziels,
bei dem vorher vom Reiseleiter besonders auf die kleinen
versteckten Schönheiten hingewiesen wurde, und die nur
einem kleinen Kreis von Touristen (nämlich dieser
Gruppe!) zugänglich sind, sich auf die bevorstehenden
Entbehrungen einzustellen. Die Gäste können sich aber
aufgrund der Bistro-Atmosphäre an diesem Abend noch
kein richtiges Bild machen. Dies ist auch in diesem Mo-
ment nicht notwendig, trotzdem ist die angedeutete Bot-
schaft angekommen. In zunehmend guter Stimmung begin-
nen die Gäste bereits, Scherze über die künftigen „Abstei-
gen“ zu machen; der Reiseleiter lobt den „Abenteuergeist“
der Gruppe. Diese fühlt sich wiederum in ihrer Identität als
„Pioniere“ bestätigt, ein Gruppengefühl ist entstanden.
Einige Gäste äußern – den Reiseleiter bestärkend -, dass
jemand, der diese Umstände nicht in Kauf nehmen kann,
nicht nach Madagaskar fahren dürfte. Eine Meinung, die
der Reiseleiter zwar niemals selbst so äußern darf, welcher
er jedoch in diesem Moment nicht widersprechen muss. Die
Gruppendynamik tut nun das ihre. Keiner der Gäste würde
sich in diesem Moment zum Außenseiter machen wollen,
indem er sich nicht zu dieser Bereitschaft bekennen würde.
Der Reiseleiter fährt in gemütlicher Runde fort, die positi-
ven Aspekte der Reise in den Vordergrund zu stellen. Am
Ende des Abends sind sich alle einig: Dies wird eine
schöne Reise.

Der weitere Verlauf gestaltet sich nun so, wie es der Rei-
seleiter erwartet hat: Die Reaktion auf die teilweise mise-
rablen Hotels ist eine Mischung aus Sarkasmus und Gal-
genhumor. Jeder erinnert sich an die einführenden Worte

59
Der Reiseleiter als Vermittler

des Reiseleiters und an die gute Stimmung der Gruppe. Die


Entbehrungen werden geduldet, schließlich war man ja
vorgewarnt. Die Erklärungen des Reiseleiters, warum es in
Madagaskar eben keine mit europäischen Verhältnissen
vergleichbare Hotellerie gibt, leuchten bei der Betrachtung
des Landes ein. Die Gruppe findet sich damit ab. Be-
schwerden bleiben aus, an Reklamationen nach der Reise
wird nicht gedacht. Der Reiseleiter nutzt nun die Zeit, mit
den Gästen schöne und interessante Unternehmungen zu
gestalten, die er ansonsten mit Rechtfertigungen und dem
Behandeln von Beschwerden aufgewandt hätte. Die Reise
wird zum Erfolg.

Es ist deutlich geworden, dass es eine Gratwanderung be- Der Reiseleiter ist in der
deutet, mit den Stimmungen der Gruppe richtig umzuge- Lage, suggestiv auf die
hen. Es gehört ein gewisses Maß an rhetorischem Ge- Gruppe einzuwirken.
schick, persönlicher positiver Ausstrahlung und Überzeu-
gungsfähigkeit dazu. Als Reiseleiter ist man oftmals in der
Lage, suggestiv auf Gruppen einzuwirken, wobei hier auch
Gefahren lauern, die bereits angesprochen wurden: Man
muss sich zu jeder Zeit im Klaren darüber sein, dass stillere
Gäste zwar manchmal schweigen, jedoch in ihrem Inneren
bereits die Beschwerdeliste führen. Deshalb ist es notwen-
dig, sich auch durch gelegentliche persönliche Rückfragen
– besonders bei stilleren Gästen – zu vergewissern, dass
man den richtigen Ton angeschlagen hat. Das geschilderte
Beispiel stellt jedoch keinen Garanten für eine Reklamati-
onsvorbeugung dar, es soll lediglich die informellen Mög-
lichkeiten des Reiseleiters verdeutlichen.

4.2.1 Information über Land und Leute

Die Ansprüche der verschiedenen Reiseveranstalter an ihre Die Informationsvermittlung


Reiseleiter bezüglich der Informationsvermittlung über über Land und Leute variiert
„Land und Leute“ sind unterschiedlich. Je nach Spezialaus- je nach Reiseart und Publi-
richtung des Veranstalters, Reiseart und Publikum variiert kum.
der Anspruch von „gar keiner“ diesbezüglichen Informati-
onspflicht bis hin zu Vortragsreisen mit wissenschaftli-
chem Niveau. Die Vorgaben definieren meist die Veran-
stalter selbst. Manchmal erhält der Reiseleiter auch den
Freiraum zum eigenen Ermessen, inwieweit die Gäste über
landeskundliche Inhalte informiert werden wollen. Bei
Veranstaltern von Studienreisen liegt der eindeutige
Schwerpunkt – abgesehen vom Gewährleisten eines rei-
bungslosen Reiseablaufs – eben auf dieser Wissensver-
mittlung. Aber auch bei Veranstaltern von Reisen, die nicht
nur Studienreisen anbieten, ist ein zunehmendes Maß an

60
Der Reiseleiter als Vermittler

Wissensvermittlung erforderlich. Dies betrifft sowohl die


Standortreiseleitung, insbesondere durch Vorträge oder
Erläuterungen bei Tagesausflügen, als auch Rundreisen
(Trekking-Touren, Wanderreisen, Expeditions-Reisen etc.)
sowie alle anderen Reisearten, die den Besuch des Landes
außerhalb der Hotelanlage zum Ziel haben.

Im folgenden werden Formen der Wissensvermittlung dar-


gestellt, die bei allen Arten der Reiseleitung Verwendung
finden.

Direkte Wissensvermittlung
Die „direkte Wissensvermittlung“ beinhaltet die theoreti- Die „direkte Wissensver-
sche Darstellung von Wissenswertem über Land und Leute. mittlung“ stellt Wissens-
Diese kann in Form von Vorträgen, Kurzvorträgen, „fahrt- wertes über Land und Leute
begleitendem Kommentar“ oder direkten Erläuterungen an theoretisch dar.
den jeweiligen Sehenswürdigkeiten erfolgen.

Einige Studienreiseveranstalter schreiben den Reiseleitern


vor, jeweils an bestimmten Tagen, bevorzugt abends im
Hotel, Vorträge über ein bestimmtes Thema zu halten. Dies
kann eine Gesamtübersicht über das Zielland sein (vor-
zugsweise am ersten Abend), die in Geographie, Kultur,
Wirtschaft und die wichtigsten Regionen des Ziellandes
einführt. Weitere abendliche Vorträge beinhalten dann ver-
schiedene Themen: Religion, Geschichte, Kunst usw. Ein
solcher Vortrag sollte nicht länger als eine halbe Stunde
dauern. Erfahrungsgemäß ergibt sich daraus – je nach Inte-
resse der Gäste – durch Fragen eine Verlängerung des „Ge-
sprächs“. Wenn Sie über einen packenden Vortragsstil ver-
fügen, ist das Interesse um so größer. Sie sollten Ihr Publi-
kum nicht allzu sehr strapazieren, wenn Sie gerade ein an-
strengendes Tagesprogramm mit ihm absolviert haben. Die
Aufnahmekapazität der Zuhörer nimmt dann trotz interes-
santer Themenstellung ab. Verschieben Sie in diesem Fall
besser den Vortrag auf den nächsten Tag. Scheuen Sie sich
nicht, Grundsätzliches einzubauen; diese Grundsätzlich-
keiten sind vielen dennoch neu und wert, gehört zu werden.
Hinweise auf Gesehenes oder noch Kommendes sind er-
wünscht und gestalten ein Thema anschaulich. Beenden
Sie Ihren Vortrag mit einem gelungenen Schluss, dann ist
Ihnen viel Beifall sicher.

Kurzvorträge
Kurzvorträge dauern höchstens zehn Minuten. Diese kön- Spezialthemen sollten in
nen nach dem Essen bei Tisch, während die Gruppe noch Kurzvorträgen behandelt
einen Espresso zu sich nimmt, oder bei Wartezeiten auf werden.

61
Der Reiseleiter als Vermittler

dem Flughafen oder auch bei Wanderpausen erfolgen. Sie


sollten dann Spezialthemen beinhalten, z. b. zur Geschichte
der Stadt, die demnächst besucht wird oder etwas zum
Thema Erwerbsgrundlagen, wenn ein Besuch einer Tep-
pichknüpferei bevorsteht.

Fahrtbegleitender Kommentar
Der „fahrtbegleitende Kommentar“ erfüllt gleichzeitig drei Der „fahrtbegleitende Kom-
Funktionen: Er vermittelt landeskundliches Wissen, er mentar“ erfüllt drei Funktio-
überbrückt eine längere Fahrtstrecke, bei der nicht viel zu nen.
sehen ist oder er kommentiert das, was man vom Bus aus
gerade sieht. Hier sprechen Sie im Bus durchs Mikrophon
oder lesen einfach eine passende Passage aus einem Buch
vor. Achten Sie durch zeitweiliges Zuwenden zur Gruppe
hin darauf, dass Sie nicht den falschen Zeitpunkt wählen
und diese bereits eingeschlafen ist, denn Busfahrten dienen
vielfach auch zur Entspannung zwischen den Besichtigun-
gen. Prüfen Sie vorher die Bereitschaft der Gäste, Ihren
Ausführungen folgen zu wollen. Je lebendiger Sie spre-
chen, desto mehr Zuhörer werden Sie haben.

Erläuterungen an Ort und Stelle


Erläuterungen bei Sehenswürdigkeiten stellen die gefrag- Erläuterungen an Ort und
testen Informationen dar. Dies gilt für alle Arten der Rei- Stelle zählen zu den ge-
seleitung. Hierbei ist es wichtig, darauf zu achten, dass Sie fragtesten Informationen.
die gesetzlichen Bestimmungen einhalten. In manchen
Ländern ist es ausländischen Reiseleitern verboten, Erklä-
rungen vor z. b. antiken Stätten oder an, vor oder in Gebäu-
den abzugeben (v.a. Griechenland, Italien und Spanien).
Hier dürfen nur lizenzierte einheimische Führer zu
Gruppen sprechen, ein Sachverhalt, der trotz EU-
Abkommen der freien Arbeitsplatzwahl nicht ganz geklärt
ist. Dann sollten die Kommentare z. b. vorab im Bus oder
morgens im Hotel gegeben werden, nachdem Sie Ihre

62
Der Reiseleiter als Vermittler

Gäste über diesen Umstand informiert haben.


Wenn den Erläuterungen nichts im Wege steht, wählen Sie Die Wahl des Standortes
einen guten Standort, an dem Sie von allen Reisegästen spielt bei Erläuterungen vor
verstanden werden. Meiden Sie laute Straßen, suchen Sie Ort eine wichtige Rolle.
sich eine ruhige Ecke, in der sich die Gruppe evtl. sogar
setzen kann. Sprechen Sie direkt zur Gruppe, auch wenn
Sie die Sehenswürdigkeit dabei nicht selbst im Blick haben
und halten Sie Blickkontakt mit den Gästen. Erklären Sie
das Sichtbare, die Hintergründe und vor allem das
Besondere. Nicht zuletzt sollten Sie auf die auf den ersten
Blick nicht erkennbaren Feinheiten hinweisen, dies
zeichnet Sie als Kenner aus.

Umgang mit Wissenslücken


Wichtig ist es, den Gästen nach jeder Information die Ge- Ein Reiseleiter sollte seine
legenheit für Fragen zu geben. Kein Mensch kann alles Wissenslücken zugeben
wissen, auch Sie werden manche Fragen nicht beantworten können.
können. Wenn der Reiseleiter nicht zugeben kann, Wis-
senslücken zu haben, und er stets durch Ablenken versucht,
sich aus dieser Situation zu befreien, merken dies einige
Gäste schnell, und sie werden weitere Fragen stellen. Man
kann Wissenslücken zugeben, wenn man verspricht, sich
um die Antwort auf eine bestimmte Frage zu bemühen, z.
b. durch Nachschlagen bei Rückkehr im Hotel. Dann
jedoch muss die Antwort auch erfolgen, am besten vor al-
len Gästen. Wenn Sie Ihr Versprechen nicht einhalten,
werden Sie Schwierigkeiten mit Ihrer Glaubwürdigkeit
bekommen.

Indirekte Wissensvermittlung
Die „indirekte Wissensvermittlung“ beinhaltet Erfahrun- Die indirekte Wissensver-
gen, die von den Gästen selbst gemacht, und die vom Rei- mittlung wird von der Rei-
seleiter inszeniert werden. Hierzu gehören z. b. das Probie- seleitung „inszeniert“.
ren von Früchten auf dem einheimischen Markt, das Hören
von lokaler Musik bzw. der Besuch von Konzerten, Ge-
spräche zwischen Gästen und Einheimischen, der Genuss
einheimischer Küche und vieles mehr, das vor allen Dingen
auf persönlicher emotionaler Ebene wahrgenommen wird.
Ihre Aufgabe ist es dabei, den Blick der Gäste für solche
Dinge zu schärfen und die entsprechenden Situationen her-
beizuführen.

4.2.2 Information über reisetechnische Sachverhalte

Hierzu gehören Informationen, die die Gäste erhalten müs-

63
Der Reiseleiter als Vermittler

sen, um sich am Reiseziel zurechtzufinden. Dies betrifft


einerseits den Reiseverlauf mit den Umständen, mit denen Informationen über reise-
die Gäste vertraut gemacht werden müssen, um zu einem technische Sachverhalte
Gelingen der Reise selbst auch beitragen zu können. Dies helfen den Gästen, sich im
sind u.a. Zielgebiet zurechtzufinden.

• Zeitabsprachen (Sprechstunden, Essenszeiten, Flugzei-


ten, Abfahrtszeiten, Fahrtdauer, Pausen etc.)
• Örtlichkeiten (Hoteleinrichtungen, sanitäre Anlagen,
Infrastruktur, Strände, Einkaufsmöglichkeiten, Post,
Banken, Restaurants etc.)
• Transportmöglichkeiten (Bus, Bahn, Taxi, Mietwagen)
• Reisemodalitäten wie Umbuchungsmöglichkeiten,
Fakultativangebote* etc.
• reisespezifische Besonderheiten (Gruppenkasse,
Trinkgelder, Ausrüstung etc.)
• Informationen und Tipps für eigene Unternehmungen
• im Zielland geltende Gesetze, falls von Bedeutung für
die Reise (z. b. Linksverkehr)
• bestehende Gefahren für die Reise (z. b. Taschendiebe)
• Erreichbarkeit des Reiseleiters (Notfall-Telefon o.ä.).

Diese Form der Information dient zunächst zur Befriedi- Im Hinblick auf seine Infor-
gung der Grundbedürfnisse. Die Gäste müssen sich in einer mationspolitik sollte der
fremden Umgebung zurechtfinden, die von ihrer gewohnten Reiseleiter stets einen
verschieden ist. Oftmals sind sich Reiseleiter dessen nicht Schritt weiter denken als die
bewusst, aber es gilt zu vermeiden, dass Fragen bezüglich Gruppe.
der nächsten Möglichkeit des Besuchs einer Toilette oder
des Einkaufs von Getränken unterwegs erst dann gestellt
werden, wenn die Gelegenheit dazu gerade nicht mehr ge-
geben ist.

Ein einfaches Prinzip kann hier Abhilfe schaffen: Denken


Sie stets einen Schritt weiter als die Gruppe. Sie kennen die
Gegebenheiten vor Ort, Sie wissen zum Beispiel, dass es
besser ist, noch schnell die Flughafentoilette zu benutzen,
weil der Transfer zum Hotel zwei Stunden dauert. Verset-
zen Sie sich in die Situation der Gäste, fragen Sie sich, wel-
che Fragen Sie selbst stellen würden, wenn Sie ein Gast aus
der Gruppe wären.

Notieren Sie sich vorher die Punkte, die Sie Ihrer Gruppe
mitteilen möchten. Gäste, die ohne langes Nachfragen er-
giebig informiert werden, fühlen sich in guten Händen. Sie

64
Der Reiseleiter als Vermittler

sparen Zeit und vermeiden Verzögerungen. Um zu verhin-


dern, dass man ständig für jede kleine Information die ge-
samte Gruppe versammeln muss, was jedes Mal eine ge-
wisse Zeit dauert und so den Reisefluss immens hemmt,
sammeln Sie die wichtigsten Informationen und geben Sie
sie den Gästen zum richtigen Zeitpunkt.

Die Erfahrung zeigt, dass es sinnvoll ist, dabei eine gewisse Rituale:
Regelmäßigkeit einzuführen, so wissen die Gäste stets, Die Informationsvermittlung
dass bestimmte Informationen rechtzeitig folgen werden. sollte mit einer gewissen
Bei Rundreisen wählen die meisten Reiseleiter hierzu den Regelmäßigkeit erfolgen.
Zeitpunkt nach dem gemeinsamen Abendessen, um bei der
Besprechung des Programmablaufs für den nächsten Tag
auf die wichtigen Dinge hinzuweisen. Diese Besprechung
bzw. Ankündigung sollte zur Regel werden. Der Pro-
grammablauf sowie der Routenverlauf wird nochmals dar-
gestellt, evtl. anhand einer Landkarte. Hinweise auf die
benötigten Ausrüstungsgegenstände (Regenschutz, Son-
nenschutz, festes Schuhwerk, lange oder kurze Hosen,
Trinkflasche etc.) werden gegeben, ggf. kurze landeskund-
liche Informationen zu den Programmpunkten etc.

So kann immer vor dem Dessert das Programm für den


nächsten Tag bekannt gegeben werden. Sollte die Reise
kein gemeinsames Abendessen beinhalten, kann ein
anderer Zeitpunkt gewählt werden, z. b. kurz bevor die
Gruppe im Begriff ist, für den heutigen Tag auseinander zu
gehen. Besteht kein regelmäßiger Ablauf auf einer Reise, z.
b. wenn bei Rundreisen freie Tage eingebaut sind oder
wenn bei Standortreisen die Gäste unregelmäßig an
Tagesausflügen oder sonstigen Aktivitäten zu einer
„Gruppe“ zusammenfinden, behilft man sich mit einem
schriftlichen Aushang z. b. in der Hotelhalle oder an der
Rezeption. Immer gilt die Vorgabe, dass die gewählte Me-
thode zu Anfang der Reise den Gästen erklärt wird.

Bei Standortreiseleitungen dienen hauptsächlich die Bei Standortreiseleitungen


„Sprechstunden“ zur Informationsvermittlung. Ort und Zeit dienen die Sprechstunden
der Sprechstunden werden bei Reisebeginn den Gästen zur Informationsvermittlung.
bekannt gemacht. Zur Ergänzung dienen die in Hotels an-
gebrachten Informationsaushänge, auf denen die Sprech-
stunden verzeichnet sind. Hier werden auch sämtliche
sonstige Informationen ausgeschrieben, z. b. Angaben zu
Ausflügen, Veranstaltungen usw.

65
Der Reiseleiter als Vermittler

Auf diese Themen der Wissensvermittlung wird ausführ-


lich in Lektion IV dieses Lehrgangs: „Reise- und Freizeit-
psychologie für Reiseleiter“ eingegangen.

4.3 Die Vermittlung zwischen den


Leistungsträgern

4.3.1 Definition

Der Begriff „Leistungsträger“ bezeichnet, wie bereits er- Als „Leistungsträger“ wer-
wähnt, die an der Reiseorganisation und –durchführung den an der Reiseorganisa-
beteiligten Partnerunternehmen. Kaum ein tion beteiligte Partnerunter-
Reiseveranstalter arbeitet ohne Leistungsträger im nehmen bezeichnet.
Zielgebiet, sie sind in der Regel auf die Zusammenarbeit
mit ihnen angewiesen. In diese Kategorie fallen
Einrichtungen wie Hotels, Restaurants, Transport- und
Transferunternehmen (Fluggesellschaften, Schiff-
fahrtsgesellschaften, Busunternehmen), Autovermietungen,
lokale Reiseveranstalter („Partneragenturen“, „local
agents“), lokale Reiseleiter („local guides“), Camping-
plätze etc., die mit dem Reiseveranstalter vertragliche Ab-
machungen im Vorfeld der Reise abgeschlossen haben und
schließlich die Durchführung der touristischen
Dienstleistung erbringen.

4.3.2 Aufgaben

Ihre Aufgabe als Reiseleiter ist es, als Repräsentant des Der Reiseleiter bildet die
Reiseveranstalters, für den Sie tätig sind, dafür zu sorgen, Schnittstelle zwischen Ver-
dass diese Zusammenarbeit in optimaler Weise gewähr- anstalter und Leistungsträ-
leistet ist. Hierzu zählen sowohl die Leistungskontrolle und gern.
-überwachung, die Kontaktpflege und der ständige Aus-
tausch, die Zusammenarbeit bei organisatorischen Belan-
gen, ggf. die Durchsetzung der Geschäftsinteressen des
Veranstalters sowie je nach Verantwortungsgrad und Posi-
tion des Reiseleiters die Verhandlungsführung bei diversen
Geschäftsabsprachen. Letzteres ist in der Regel zwar Auf-
gabe der Produktmanager* bzw. Einkaufsleiter* des Ver-
anstalters, je nach Kompetenz werden verschiedentlich
jedoch auch Reiseleiter, die den persönlichen Kontakt zu
den Leistungsträgern vor Ort haben und das besondere
Vertrauen des Veranstalters genießen, mit solchen Aufga-
ben betraut.

66
Der Reiseleiter als Vermittler

4.3.3 Beachtung einheimischer Strukturen

Die Vorgaben der Zusammenarbeit werden also in der Re-


gel zwischen der Zentrale des Reiseveranstalters und den
Leistungsträgern selbst bestimmt. Der Reiseleiter ist für die
Gewährleistung dieser Zusammenarbeit verantwortlich.
Beide Seiten können jedoch unterschiedliche Interessen
haben. Naturgemäß vertreten Sie diejenigen Ihres Arbeit-
gebers, andererseits ist dieser in gewisser Weise auf eine
produktive Kooperation seitens der Leistungsträger ange-
wiesen. Besonders in Ländern mit andersartigen kulturellen
und wirtschaftlichen Verhältnissen kann man nicht immer
von den Prinzipien ausgehen, die in Deutschland gelten,
nämlich dass in Konfliktsituationen mit Geschäftspartnern
auf die Konkurrenz ausgewichen werden kann.

Sie werden als Repräsentant des Veranstalters mit der Zeit Der Reiseleiter muss als
die Fähigkeit zur interkulturellen Zusammenarbeit entwi- Repräsentant des Veran-
ckeln, das heißt, eine Balance finden zwischen den Bedürf- stalters zwischen verschie-
nissen Ihres Arbeitgebers und den spezifischen Bedingun- denen Geschäftsmentalitä-
gen und Geschäftsgebaren der Leistungsträger. Oftmals ten vermitteln.
spielen in Reisezielen strukturelle Verflechtungen eine
Rolle, die nicht gänzlich durchschaut werden können.
Diese bestehen z. b. aus verwandtschaftlichen Beziehungen
einflussreicher Familien, kastenbedingten (z. b. in Indien)
oder politischen Beziehungen oder aus rein wirtschaftlich
begründeten Machtverhältnissen.

Ein Beispiel: In einem Urlaubsort in Italien befinden sich Beispiel


mehrere Hotels im Besitz zweier bedeutender Familien.
Zugleich sind Teile der Familie an verschiedenen Busun-
ternehmungen beteiligt. Der Hotelier Ihres Hotels nimmt
Ihrem Arbeitgeber übel, dass er mit dem Busunternehmen
der anderen, traditionell konkurrierenden Familie zusam-
menarbeitet. Nun sind Sie jedoch nicht an den Entschei-
dungen Ihres Unternehmens beteiligt, sondern führen le-
diglich dessen Anweisungen aus. Ihre Aufgabe müsste sein,
den Hotelier zu beschwichtigen, etwa unter der Vorgabe,
unparteiisch und neutral mit beiden Unternehmen zusam-
menzuarbeiten und auch ihn nicht zu benachteiligen. Man
könnte vermuten, dass der Reiseveranstalter als Kunde des
Hotels nicht mit Forderungen oder Unmutsäußerungen
konfrontiert wird, jedoch kann dies aufgrund spezifischer
sozialer Strukturen dennoch manchmal vorkommen. Sie
dienen in solchen Momenten als Vermittler zwischen den

67
Der Reiseleiter als Vermittler

Leistungsträgern. Ebenso ist es Ihre Aufgabe, entspre-


chende Verhältnisse dem auftraggebenden Veranstalter
mitzuteilen. Dieser kann dadurch solche Besonderheiten in
seinen Entscheidungen und künftigen Planungen konflikt-
vermeidend berücksichtigen. Die gängigere Situation ist
jedoch die der produktiven Kooperation zwischen Reise-
veranstalter und Leistungsträger.

4.3.4 Partneragenturen

In vielen Fällen setzt sich die Kooperation lediglich aus Die Partneragentur ent-
zwei direkten Geschäftspartnern zusammen, dem Reisever- spricht einem lokalen Rei-
anstalter und einer Partneragentur vor Ort. Diese Agentur severanstalter vor Ort..
entspricht einem lokalen Reiseveranstalter im Zielgebiet,
der sich um touristische Produkte für Reisende aus dem
Ausland kümmert. Man nennt sie auch „Incoming-Agentu-
ren“*, da sie sich mit den „ins Land kommenden“ Reisen-
den beschäftigen (vgl. Kap. 6.7.). Diese Agenturen bündeln
gewissermaßen die Organisation und koordinieren ihrer-
seits die Leistungsträger. Sie bestellen Transfers, reservie-
ren Hotelzimmer und Restaurants, führen Tagesausflüge
durch, stellen die einheimischen Reiseleiter, bestellen Füh-
rungen etc., übernehmen somit Teile des Aufgabenbereichs
des Reiseleiters.

Ihre Aufgabe wäre in diesem Fall die Kontrolle und Über-


wachung der ordnungsgemäßen Durchführung, z. b. durch
Rücksprache über vereinbarte Terminabsprachen mit Bus-
fahrern o.ä. Dies betrifft jedoch hauptsächlich Rundreisen.
In Zielgebieten, in denen sich aufgrund eines hohen Gäste-
aufkommens die Einrichtung eines veranstaltereigenen
Büros lohnt, ist die „Bestellung der Leistungen“, sprich das
Organisieren der Reiseelemente meist den Standortreise-
leitern bzw. Standortrepräsentanten* vorbehalten.

68
Der Reiseleiter als Vermittler

Vielfach greifen die Arbeitsbereiche verschiedener Leis- Die Arbeitsbereiche ver-


tungsträger ineinander. Ein lokaler Gästeführer fährt z. b. schiedener Leistungsträger
mit Ihnen und Ihrer Gruppe im Bus mit, die Gruppe kehrt greifen oft ineinander.
unterwegs in einem Restaurant ein. Bereits hier sind drei
Leistungsträger beteiligt: Busfahrtunternehmen,
Gästeführer und Wirt. Busfahrer und Gästeführer haben im
allgemeinen einen direkten Kontakt zu vielen regionalen
Leistungsträgern, wie z. b. Restaurants. Wenn es Ihr
Programmablauf nicht vorschreibt, wo die Gruppe zu
Mittag isst, weil das Mittagessen fakultativ, also freiwillig
und auf eigene Kosten stattfindet, kann es bereits hier zu
Interessenskonflikten kommen. Der Busfahrer erhält freies
Essen in Restaurant A, der Gästeführer erhofft sich eine
Provision in Restaurant B, wenn er Gruppen dorthin
empfiehlt. Sie selbst haben eine völlig andere Vorstellung,
nämlich die einer gemütlichen Taverne an einem anderen
Ort, von der Sie jedoch wissen, dass Ihr lokaler Begleiter
dort nicht gerne gesehen ist und dort auch nicht verkehrt.

Ihre Aufgabe wäre nun, eine Lösung zu finden, die allen Zu den Aufgaben des Rei-
Parteien gerecht wird, so dass keiner der Beteiligten seine seleiters gehört es, zwi-
etwaige Missstimmung in die Gruppe überträgt. Selbstver- schen den Interessen ver-
ständlich entscheiden Sie im Interesse der Gruppe, denn schiedener Leistungsträger
deren Zufriedenheit hat oberste Priorität, es hängt jedoch zu vermitteln.
von Ihrem Geschick ab, ob die weitere Zusammenarbeit
mit den Partnern weiterhin erfolgreich verläuft. Die Ver-
mittlung zwischen den Leistungsträgern ist in manchen
Fällen nicht weniger anspruchsvoll als die Vermittlung
zwischen unterschiedlichen Interessen innerhalb der
Gruppe.

Bisweilen tritt die Konstellation auf, dass an einer Reise Bei Beteiligung mehrerer
mehrere Agenturen beteiligt sind, z. b. wenn bei Rundrei- Agenturen muss der Rei-
sen verschiedene Städte besucht werden, in denen jeweils seleiter zwischen diesen
örtliche Agenturen für den Programmablauf verantwortlich koordinieren.
sind. Dann besteht Ihre Aufgabe wiederum darin, die An-
einanderschaltung der verschiedenen Agenturen zu koordi-
nieren. In der Praxis könnte dies z. b. bedeuten, dass Sie
drei Tage vor „Übernahme“ der nächsten Agentur bei die-
ser die Ankunft der Gruppe zu einem bestimmten Zeit-
punkt an einem bestimmten Ort und die relevanten Eckda-
ten der Weiterreise melden und rückbestätigen lassen.

69
Der Reiseleiter als Vermittler

Zusammenfassung
In diesem Kapitel erfuhren Sie von der Aufgabe des
Reiseleiters als Vermittler. Diese Vermittlerfunktion
kann man in drei Aspekte gliedern:
Zunächst dient der Reiseleiter als Vermittler zwischen
den Kulturen. Er kennt die Kultur des bereisten Lan-
des und hat die Aufgabe, diese den Gästen so plau-
sibel und verständlich wie möglich nahe zu bringen.
Er hat die Chance, Vorurteile abzubauen, seitens der
Gäste und seitens der Einheimischen. Sind Sie sich
als Reiseleiter Ihrer Verantwortung als Medium zur
Völkerverständigung bewusst, können Sie die gröbs-
ten Tourismus-Folgeschäden vermeiden helfen.
Als Vermittler von Information über Land und Leute
erfüllen Sie einerseits die Ansprüche Ihrer Gäste, die
für diese Leistung bezahlt haben, und haben zugleich
die Möglichkeit, bildend tätig zu sein; nicht zuletzt im
Sinne des zunehmenden Interesses am jeweils be-
suchten Urlaubsland. Andererseits hilft Ihnen eine
gute Informationspolitik bezüglich reisetechnischer
Sachverhalte über viele ansonsten auftretende
Schwierigkeiten hinweg.
Schließlich bildet der Reiseleiter auch im Hinblick auf
die Zusammenarbeit mit verschiedenen Leistungsträ-
gern eine Schnittstelle der Vermittlung, nämlich zwi-
schen dem Veranstalter und den Leistungsträgern, z.
b. den Partneragenturen im Zielland, aber auch
zwischen den Leistungsträgern untereinander, die auf
der Reise in Erscheinung treten. Es wurden hierzu
wichtige Aspekte, u.a. die Beachtung einheimischer
Strukturen und die Wichtigkeit der interkulturellen
Kommunikation, betont.

70
5 Der Reiseleiter im Blickpunkt

Sie haben bisher die Rolle des Reiseleiters mitsamt seinen


Aufgabenbereichen und verschiedenen Methoden der Be-
wältigung kennen gelernt. Dieses Kapitel soll Ihnen be-
wusst machen, wie Ihre Person von den mit Ihnen in Be-
rührung kommenden Menschen wahrgenommen wird. Eine
Reflexion Ihrer Rolle erleichtert Ihre Arbeit. Sie verdeut-
licht auch Ihre Position in persönlich-menschlicher und
psychologischer, aber auch in arbeitsrechtlicher und ar-
beitssituativer Hinsicht sowie in bezug auf Ihre Wirkung
auf die einheimische Bevölkerung. Teilaspekte hierzu ha-
ben Sie bereits in Kapitel 4 erfahren. An dieser Stelle wird
konkret die Perspektive

1. der Gäste,
2. des Veranstalters und
3. des Zielgebiets und der Einheimischen

in den bereisten Gebieten dargestellt. Solange Sie sich Ihrer Der Reiseleiter steht stets
exponierten und für alle stets sichtbaren Rolle und Ihrer im Mittelpunkt des Gesche-
Wirkung bewusst sind, bewegen Sie sich auf sicherem Ter- hens.
rain. Wenn Sie jedoch hierfür den Blick verlieren, und dies
ist eine der „Berufskrankheiten“ des Reiseleiters, wird Ihr
Erfolg zunehmend ausbleiben. Als Reiseleiter haben Sie
wenig Möglichkeiten einer professionellen „Supervision“,
also einer durch ständige Gespräche und Auseinanderset-
zungen mit Kollegen und Vorgesetzten erzielte „Kurskor-
rektur“. Ob es sich dabei um die Resonanz der Gäste auf
Ihre Leistung handelt oder Ihre Arbeitsweise als Reprä-
sentant des Veranstalters betrifft, oder ob es Ihre Bezie-
hung zu den Menschen ist, in deren Land Sie arbeiten:
Seien Sie sich der Tatsache bewusst, dass Ihr Beruf etwas
Außergewöhnliches ist. Dementsprechend werden Sie stets
beurteilt. Sie sind Erwartungen ausgesetzt: Sie stehen im
Mittelpunkt des Geschehens. Andererseits haben Sie da-
durch Vorteile, die in wenigen Berufen existieren. Die fol-
genden drei Unterkapitel basieren auf Erfahrungen von
Reiseleitern selbst, auf Gästeresonanzen, die bei Reisever-
anstaltern vermeldet wurden sowie auf Erkenntnissen und
Aussagen von Reiseveranstaltern und Gesprächen mit Eth-
nologen (Völkerkundlern), die von Berufs wegen mit der
Standpunktforschung bei Einheimischen vertraut sind.

71
Der Reiseleiter im Blickpunkt

5.1 Aus der Sicht der Gäste

In den meisten Fällen begegnen die Gäste dem Reiseleiter Die meisten Gäste begeg-
mit einem großen Vertrauensvorschuss. Dies ist ein un- nen dem Reiseleiter mit ei-
zweifelhafter Vorteil. Manche Reiseleiter empfinden dies nem Vertrauensvorschuss.
zwar als Erwartungsdruck, die Erfahrung lehrt jedoch, dass
man diesen Bonus mit etwas Geschick und dem erlernten
Know-how in Erfolg umwandeln kann. Dem Reiseleiter
haftet etwas „weltmännisches“ an, er hat Erfahrung in der
fremden Welt gesammelt, er ist eine Führungspersönlich-
keit. Zudem ist er ein Mensch mit einem interessanten Be-
ruf und einer abwechslungsreichen Biographie – ein Kon-
trast zu vielen Vorstellungen der eigenen Person. Ein
Hauch von Abenteuer umgibt ihn, seine Aura, sein Unter-
haltungswert und seine exotischen Lebensumstände ma-
chen ihn als Person interessant. Auch zeigt die Erfahrung,
dass der Reiseleiter oft als überdurchschnittlich attraktiv
empfunden wird, dies evtl. aufgrund des Umstandes, stets
im Blickpunkt aller zu stehen. Ein beliebter Reiseleiter
wird bisweilen auch, mitunter durch eine spezifische Ur-
laubsstimmung, von manchen Gästen geradezu verehrt.

Gelegentlich geht diese Verehrung jedoch auch einen Gelegentlich wird der Rei-
Schritt weiter, und Sie werden sich in der problematischen seleiter zu sehr „verehrt“.
Situation wiederfinden, dass Sie entweder den Annähe-
rungsversuchen eine Absage erteilen müssen, wie es i.d.R.
Ihr Arbeitgeber „empfehlen“ wird, oder Sie ziehen den
Unmut der anderen Gäste auf sich, denn die Gruppe tole-
riert selten einseitige „Konzentrationen“ auf bestimmte
Teilnehmer. Diese Problematik wurde bereits geschildert,
und eine Empfehlung lautet: Versuchen Sie, den diplomati-
schen Mittelweg zu finden, ohne den Gast in seiner Ehre zu
verletzen und ohne sich zu sehr vereinnahmen zu lassen.
Eine Argumentationshilfe ist in jedem Fall die Berufung
auf Ihre Pflicht gegenüber der Gruppe bzw. den anderen
Gästen.

Gleichzeitig besteht das Risiko, als Reiseleiter aufgrund


des eigenen Selbstbewusstseins bei manchen Gästen als
„arrogant“ zu erscheinen. Vielfach trifft dies auch zu, wenn
die Selbstkontrolle des eigenen Verhaltens ausbleibt. So-
wie es ein Vorteil ist, im Mittelpunkt zu stehen, um eine
Gruppe führen zu können, so kann es ein Nachteil sein,
denn Vorurteile gibt es auch in der anderen Art.

Die Worte des Reiseleiters sind gewichtig. Diese Tatsache Die Worte des Reiseleiters
werden Sie im Beruf schnell feststellen. Entgegen Ihrer sind für die Gäste von gro-
Wahrnehmung innerhalb der Gruppe, bei der Sie sich al- ßer Bedeutung.

72
Der Reiseleiter im Blickpunkt

leine auf viele Gäste einstellen und auf alle Stimmen hören
müssten, hören alle Gäste auf Ihre Stimme und nehmen
jede Ihrer Äußerungen auf. Ein kleiner Scherz, eine rheto-
risch eingeflochtene Übertreibung, eine kurze Notlüge,
nichts entgeht der Gruppe. Es besteht die Gefahr, dass
Missverständnisse, Fehleinschätzungen und Falschauffas-
sungen entstehen. Wenn z. b. im geselligen Gespräch in
gemütlicher Atmosphäre Scherze getrieben werden, bei
denen man sich übereinander lustig macht, können sich die
Gäste dies leisten. Eine Bemerkung vom Reiseleiter jedoch
kann von der betreffenden Person völlig überbewertet wer-
den, ohne dass Sie dies bemerken. Die Situation mag Ihnen
harmlos erscheinen, aber Ihr Wort klingt in jedem Falle
anders. Ebenso im Falle von Diskussionen: Wenn sich
nicht gerade jemand bewusst mit Ihnen messen will, wer-
den Sie feststellen, dass Ihre Argumente von höherer Be-
deutung sind, als es der Inhalt vielleicht vermuten lässt.
Werden Sie sich dessen bewusst, aber vermeiden Sie die
negative Entwicklung dieser Situation. Werden Sie bei-
spielsweise nicht überheblich, lassen Sie die Meinungen
der Gäste gelten, auch wenn Sie eine andere haben. So-
lange der Reiseablauf und die Zufriedenheit Ihrer Gäste
nicht davon gestört sind, müssen Sie auch damit umgehen
können, dass Sie nicht das letzte Wort haben.

Die meisten Gäste erwarten vom Reiseleiter natürlich einen Der Reiseleiter sollte den
reibungslosen Reiseablauf, eine umfassende Information, Gästen stets das Gefühl
eine perfekte Organisation sowie eine Erfüllung verschie- geben, ernst genommen zu
denster Wünsche und Erwartungen. Jedoch ist ihnen meist werden.
auch bewusst, dass der Reiseleiter wie jeder Mensch be-
stimmte Fehler und Schwächen hat. Wenn Probleme ent-
stehen, ist es eine große Hilfe, echte Bemühung zur Lösung
des Problems an den Tag zu legen. Gleichgültigkeit und
Nachlässigkeit lassen oft schnell das Gefühl entstehen, dass
der Reiseleiter die Gäste nicht ernst nimmt. Dies ist einer
der häufigsten Beschwerdepunkte, die so zwar selten for-
muliert werden, jedoch zwischen den Zeilen der Be-
schwerdeschreiben unzweifelhaft durchdringen. Geben Sie
also bei auftretenden Schwierigkeiten den Gästen das Ge-
fühl, dass Sie alles tun, um die Probleme zu beseitigen, und
täuschen Sie diese Bemühung nicht nur vor, sondern seien
Sie wirklich aktiv.

Auf der anderen Seite gibt es unter den Gästen auch dieje- Manchen Reiseteilnehmern
nigen, die zwar eine Reise mit Reiseleitung gebucht haben, sollte der Reiseleiter genü-
aber keinen besonderen Wert auf eine besondere Fürsorge gend Freiraum zugestehen.
legen. Diese Gäste sollte man erkennen, was jedoch nicht
immer einfach ist. Ist dies geschehen, sollte man sich ihnen

73
Der Reiseleiter im Blickpunkt

auch nicht übermäßig aufdrängen. Wichtig ist es, diesen


meist unkomplizierten und selbständigen Teilnehmern
zwar zu zeigen, dass man auch jederzeit für sie da ist, ihnen
aber gleichzeitig genügend Freiräume zugestehen.

5.2 Aus der Sicht des Veranstalters

Für den Veranstalter bedeutet der Reiseleiter dreierlei:

1. Ausführender der Reise in organisatorischer und in-


haltlicher Hinsicht
2. Repräsentant der Firma und somit Aushängeschild
und Werbeträger gegenüber Gästen, Leistungsträ-
gern und auch der Konkurrenz
3. Informant über die Lage im „Außendienst“.

Sie befinden sich als Reiseleiter in einem Arbeitsverhältnis Der Reiseleiter ist dem Ver-
– haupt- oder nebenberuflich –, welches Ihnen Weisungs- anstalter gegenüber wei-
gebundenheit vorgibt. Das heißt, Ihr Arbeitgeber erwartet sungsgebunden.
von Ihnen neben der Erfüllung Ihrer Reiseleiteraufgaben
vor allem Loyalität, Verinnerlichung und Umsetzung der
Firmenphilosophie und die Vertretung seiner Geschäftsin-
teressen.

Es gab lange Zeit die Möglichkeit, als freier Mitarbeiter


auf Honorarbasis einsatz- oder saisonweise tätig zu sein
(die Gesetzgebung ist jedoch diesbezüglich aufgrund der
Sozialversicherungspflicht freier Mitarbeiter momentan im
Wandel). Trotzdem galt und gilt hier noch die Regel:
„Wes’ Brot ich ess’, des Lied ich sing´“. Wenn Sie für ver-
schiedene Reiseveranstalter gleichzeitig tätig sind, wird je-
der von Ihnen den maximalen Einsatz für seine jeweiligen
Interessen verlangen.

Wenn Sie ein festes (befristetes oder unbefristetes) Ar- Der Reiseleiter muss sei-
beitsverhältnis haben, wie es bei vielen der großen Reise- nem Veranstalter gegen-
veranstalter üblich ist, gilt wie bei jeder anderen Firmenzu- über absolut loyal sein.
gehörigkeit auch die absolute Loyalitätsforderung. Die je-
weiligen Vertragsinhalte unterscheiden sich von Unter-
nehmen zu Unternehmen hierbei nur geringfügig.

Wenn im vorigen Unterkapitel die Rede davon war, dass Der Reiseleiter ist Reprä-
Sie aus der Sicht der Gäste als Repräsentant des Veran- sentant des Veranstalters.
stalters erachtet werden, so gilt dies noch vielmehr für die
Perspektive des Veranstalters selbst. Das heißt, Ihr Tun und
Handeln repräsentiert das Engagement Ihres Arbeitgebers,

74
Der Reiseleiter im Blickpunkt

und Sie müssen nicht nur Ihren Ruf erhalten, sondern Der Reiseleiter darf sich
hauptsächlich den seinen, dies ist Ihre Pflicht als Arbeit- nicht auf Kosten des Veran-
nehmer. Manchen Reiseleitern ist es schon zum beruflichen stalters profilieren.
Verhängnis geworden, Fehler oder Probleme, die sie nicht
beseitigen konnten, auf die „mangelnde Kompetenz der
Verwaltungsmitarbeiter in der Zentrale“ abzuwälzen. Die
Reiseleiter selbst „würden ja alles versuchen, wie Sie (die
Gäste) alle sehen“, um dann ihre Verdienste zwar einzu-
heimsen als „die stets Bemühten“, die Kritiken über den
Veranstalter jedoch sind dann meist ungehalten. Eine gute
Bewertung des Reiseleiters bei mangelhaften sonstigen
Leistungen wie Unterkunft, Transport, Buchungsabwick-
lung und -beratung etc., schriftlich erteilt durch Gäste an
die Adresse des Veranstalters, signalisiert oftmals genau
diesen unliebsamen Fall, dass sich der Reiseleiter auf Kos-
ten des Veranstalters profilieren wollte. Reiseleiter müssen
es einfach als Berufsethos auffassen, in jedem Falle den
Veranstalter vor dem Verdacht der unsauberen Arbeit zu
bewahren, dies als Akt der Loyalität.

Durch die Bedeutung Ihrer Person als Repräsentant Ihrer Als Repräsentant seiner
Firma werden Sie auch von Leistungsträgern als wichtige Firma ist der Reiseleiter für
Person betrachtet. Manchmal könnte man dadurch den die Leistungsträger eine
Eindruck gewinnen, die verschiedenen Leistungsträger wichtige Person.
buhlen um Ihre Gunst, um durch Ihre Fürsprache beim
Veranstalter Vorteile zu erzielen. Seien Sie sich des Ge-
wichtes Ihrer Worte und Handlungen bewusst! Leistungs-
träger empfinden all Ihr Tun als das des Veranstalters. Dies
kann für Sie meist von Vorteil sein, weil Sie bei Ihren
Wünschen und Bedürfnissen gegenüber den Leistungsträ-
gern eine Firma hinter sich wissen, die sozusagen der
„Kunde“ der Leistungsträger ist. Mit dieser Verantwortung
ist jedoch ganz vorsichtig gemäß den Interessen des Veran-
stalters umzugehen. Das Ausnutzen solcher „Machtpositio-
nen“ für das eigene persönliche Interesse ist nicht ange-
bracht und zu unterlassen.

Ihre Erfolge in Ihrem Reiseziel lassen sich bemessen, meist Die Rückmeldungen des
durch Gästeresonanzen in Form ausgefüllter und zurückge- Reiseleiters sind für den
sandter Kritikbögen an den Veranstalter. Auch das Aus- Veranstalter von großer
bleiben von Beschwerden und somit ein reibungslos funk- Wichtigkeit.
tionierendes Zielgebiet oder eine problemlos verlaufene
Rundreise wird vom Veranstalter erfreut zur Kenntnis ge-
nommen. Den meisten Reiseveranstaltern ist bewusst, dass
hierbei sehr viel von der Leistung des Reiseleiters abhängt.
Auch hier stehen Sie im Blickpunkt des Veranstalters. Sie
sind ein kompetenter Ansprechpartner und Lieferant von
Informationen, die notwendig sind zur Qualitätssicherung

75
Der Reiseleiter im Blickpunkt

bzw. -verbesserung im Zielgebiet. Es herrscht ein ständiger


Dialog zwischen Ihnen und den Produktabteilungen beim
Veranstalter. Ihre Verbesserungsvorschläge werden genau-
estens untersucht, sie werden eventuell bei Produktgestal-
tungen mit einbezogen. Ihre Beobachtungen vor Ort über
Entwicklungen und Aktivitäten der konkurrierenden Mit-
bewerber, also anderen Veranstaltern, werden mit großem
Interesse zur Kenntnis genommen. In dieser Hinsicht wird
Ihnen über die Reiseleitung hinaus eine wichtige Aufgabe
als „Außendienst“ des Veranstalters übertragen. Je kom-
petenter Sie sich dabei zeigen, um so bessere Aussichten
haben Sie, bei Ihrem Arbeitgeber einen guten Ruf zu erlan-
gen, der Sie in beruflicher Hinsicht weiter bringen kann.

5.3 Aus der Sicht des Zielgebiets –


die Perspektive der "Bereisten"

Eine gute Arbeitsleistung kann allgemein nur derjenige Der Reiseleiter muss sich
erbringen, der mit seiner Umgebung harmoniert. Die mit der Lebens- und Ar-
Freude an der Arbeit ist meist nur dann gegeben, wenn die beitsweise des Gastlandes
äußeren Umstände entsprechend angenehm sind. Ob es arrangieren.
sich dabei um eine Firma mit einem bestimmten Betriebs-
klima oder um die Situation des Reiseleiters handelt, der
sich in einem fremden Land mit einer anderen Kultur und
Lebensweise befindet: In beiden Fällen hilft es, wenn man
sich bewusst wird, dass man zum Gelingen selbst beitragen
kann und natürlich auch entsprechend handelt. Ob Sie sich
als Reiseleiter in Spanien oder Italien befinden, wo „die
Uhren eben anders gehen“, oder ob Sie unter den extremen
Bedingungen einer der unseren vollkommen verschiedenen
Kultur und Religion arbeiten, beispielsweise in islamischen
Ländern: Sie müssen sich mit der jeweiligen Lebens- und
auch Arbeitsweise arrangieren. Sie sollten sich über den
Blickwinkel der Einheimischen informieren, mit denen Sie
zusammenarbeiten bzw. in deren Land Sie leben. Unterlas-
sen oder ignorieren Sie dies, könnten sich Schwierigkeiten
und Reibungen ergeben, die aufgrund der mangelnden
Kommunikation zwischen den Kulturen auftreten. Die Ein-
heimischen haben in jedem Land eine bestimmte − wenn
auch nicht immer einhellige − Meinung über Reisende,
Touristen, Europäer, Deutsche, Reiseleiter etc., kurz: Wenn
Sie diese kennen und eine adäquate Umgangsweise damit
entwickeln, haben Sie viele der Schwierigkeiten nicht, mit
denen z. b. Geschäftsleute, Handelsvertreter, Techniker auf
Montage etc. konfrontiert werden. Diese haben meist nicht
die Zeit, sich auf fremde Mentalitäten einzustellen, und oft

76
Der Reiseleiter im Blickpunkt

sind die Erfolge ihrer Tätigkeiten dadurch geschmälert,


dass kein Interesse oder auch nur keine Zeit besteht, den
Standpunkt des Einheimischen kennen zu lernen.

Wenn Sie sich jedoch die Mühe machen, sich über die Der Reiseleiter sollte sich
Lektüre von Reiseführern hinaus über die Kultur des Ziel- gründlich über die Kultur
gebiets zu informieren, mit Einheimischen ins Gespräch zu des Zielgebietes informie-
kommen oder sogar ganz gezielt mit dieser Fragestellung ren.
im Gedächtnis die Einheimischen nach ihrem Bild über
deutsche Touristen zu befragen, können Sie:

1. Ihren Gästen mehr über die Denkweise der


Einheimischen erklären
2. entsprechend reagieren bei Problemen, die auf
kulturellen Verständigungsproblemen beruhen
3. mit Ihren Gästen gemeinsam einen sozialverträgli-
chen Reisestil* pflegen, da sich dadurch kulturelle
Missverständnisse und somit manche missliche Si-
tuation verhindern lässt.

Wie die Einheimischen Ihre Rolle als Reiseleiter empfin- Die Einheimischen nehmen
den und wie sie mit Ihnen umgehen, lässt sich pauschal den Reiseleiter als Reprä-
natürlich nicht formulieren. Dies hängt von dem jeweiligen sentanten seiner Reise-
Zielgebiet, der dort vorherrschenden Kultur, Ihrem persön- gruppe wahr.
lichen Auftreten oder auch Ihrer spezifischen beruflichen
Aufgabenstellung ab. Grundsätzlich sollten Sie sich jedoch
dessen bewusst werden, dass Sie mit Ihrer Person für die-
jenigen Einheimischen, die Sie als Reiseleiter erkennen,
immer als eine Art Repräsentant Ihrer Reisegruppe wahr-
genommen werden können. Das Verhalten Ihrer Gruppe
kann indirekt auf Sie zurückfallen, da Sie in diesem Fall als
Gruppenoberhaupt und Hauptverantwortlicher betrachtet
werden. Die Erfahrung vieler Reiseleiter zeigt, dass meist
bei verschiedensten Anlässen und in verschiedensten Situ-
ationen die Einheimischen ziemlich bald bemerken, wer
innerhalb einer Gruppe der Ansprechpartner nach außen
ist. Von Ihnen wird erwartet, dass Sie aufgrund Ihrer
Sprachkenntnisse und Ihrer Autorität Probleme ausräumen
können, die beim Kontakt Ihrer Gruppe mit Einheimischen
entstehen könnten.

Als Beispiel wäre hier die Situation zu nennen, in der Sie Beispiel
mit Ihrer Gruppe auf eigene Kosten im Restaurant zu
Abend essen und es anschließend zu Schwierigkeiten beim
Bezahlen kommt. Die Kellner sind in den meisten Ländern
mit der typisch deutschen Einzelabrechnung pro Person
überfordert. Bei Meinungsverschiedenheiten werden Sie

77
Der Reiseleiter im Blickpunkt

als Reiseleiter meistens sofort herangezogen, von den


Gästen als auch von den Bediensteten, um vermittelnd zu
wirken. Bleibt der aufgekommene Streitpunkt ungeklärt,
haben Sie eventuell bei Ihrem nächsten Besuch dieses Re-
staurants mit einer anderen Gruppe gegen das Vorurteil
anzukämpfen, Anführer einer „betrügenden Nation“ zu
sein.

Dieses überspitzt dargestellte Beispiel soll verdeutlichen,


dass seitens der Einheimischen oftmals von Ihnen „ver-
langt“ wird, dafür zu sorgen, dass Reisegäste und „Be-
reiste“ ohne Komplikationen miteinander auskommen. Die
Einheimischen erwarten von Ihnen als Reiseleiter konkret:

• dass landesübliche Sitten beachtet werden


• dass Reisegruppen nicht die Lebenssphäre der Einheimi-
schen stören
• dass die „bereisten“ Einwohner persönlich vom Touris-
mus profitieren
• dass sich Ihre Gäste mit den Gegebenheiten vor Ort
arrangieren
• dass ihnen der gebührende Respekt entgegengebracht
wird
• dass Regeln und Gesetze eingehalten werden, die für die
Einheimischen selbst auch gelten
• dass Ihre Motive, mit Ihren Gästen das Land der Einhei-
mischen zu besuchen, auch plausibel verständlich wer-
den, um sie in ihr Denken integrieren zu können.

Mit der Zeit hat der Massentourismus in vielen Regionen Der Massentourismus hat in
bereits einige Vorstellungen von den fremden Touristen vielen Regionen ein negati-
entstehen lassen, die wir im Sinne eines sozialverträglichen ves Bild der Reisenden ge-
Reisens als negativ empfinden. Dies wären z. b. das Ver- schaffen.
teilen von „Geschenken“, das Bezahlen überhöhter „Tou-
ristenpreise“, der „unendliche Reichtum“ westlicher Rei-
sender etc. Hierzu trugen zweifellos die Vorreiter des un-
sensiblen Tourismus bei; mit den Folgen haben Reiseleiter
heute jedoch nach wie vor zu kämpfen. Manchmal wider-
spricht die Auffassung vom „Sanften Reisen“* bzw.
„Nachhaltigen Reisens“ den Erwartungen der
Einheimischen, die sich im Einzelfall oftmals der negativen
Folgeschäden des Massentourismus nicht bewusst sind.
Dann wiederum steht der Reiseleiter vor der schwierigen
Aufgabe, hier ein Gleichgewicht zu finden zwischen
Erfüllung der jeweiligen Erwartungshaltung und den
Prinzipien des sozialverträglichen Reisens.

An Reisezielen, in denen der Tourismus bereits ein wichti- In vielen Zielgebieten wird

78
Der Reiseleiter im Blickpunkt

ger Wirtschaftszweig geworden ist und in denen die Ein- der Reiseleiter von den Ein-
wohner den Umgang mit Touristen gewohnt sind, wird der heimischen als „Berufaus-
Reiseleiter – wie bereits erwähnt – meist als Ausübender übender“ gesehen.
eines Berufs und nicht als Tourist betrachtet. Die Vorteile
wurden bereits ausführlich beschrieben (vgl. Kap. 3). Die
einheimische Auffassung vom Reiseleiter als demjenigen,
der ihr Land den Touristen näher bringt, schafft darüber
hinaus noch die Erwartungshaltung, dass der mittlerweile
„halbeinheimische Reiseleiter“ seinen Gästen besonders
den Stolz und die Heimatverbundenheit der Einheimischen
vermittelt. Vielfach wird der Reiseleiter dann – fast eupho-
risch – als „einer von uns“ dargestellt, was den Gästen ge-
fällt, denn somit sind sie wiederum mit dem Spezialisten,
dem Insider par excellence, unterwegs. Durch dieses Zu-
sammenspiel des Reiseleiters mit den Einheimischen ist
nicht zuletzt die gelungene Annäherung an die besuchten
Länder und das vertiefte Kennenlernen seitens der Gäste
möglich. Der Wunsch der Einheimischen, die stark im
Tourismus eingebunden sind, beinhaltet somit oft nicht nur
die wirtschaftliche Bereicherung durch die Reisenden, son-
dern auch die Hoffnung auf einen positiven Eindruck ihrer
Heimat.

Manchmal ist der Reiseleiter auch Hoffnungsträger und In Ländern mit brisanter po-
Kontaktperson zur „Außenwelt“, wenn es sich um Zielge- litischer Lage fungiert der
biete mit brisanter politischer Situation handelt. Im sozia- Reiseleiter manchmal als
listischen Kuba oder auch in Tibet werden Reiseleiter oft- „Sprachrohr zur Außenwelt“.
mals mit Gesprächsthemen wie Politik, Unterdrückung,
Armut und sozialer Ungerechtigkeit konfrontiert. Dann
geschieht genau das Gegenteil: Man erhofft sich von Ihnen
als Reiseleiter, dass Sie Ihren Gästen von den Missständen
in dem jeweiligen Land berichten, damit diese Information
nach Europa dringt.

In jedem Fall sollten Sie in der Lage sein, den Blickwinkel


richtig einzuschätzen, unter dem Sie in Ihrer Tätigkeit als
Reiseleiter seitens der Einheimischen betrachtet werden.
Dies erleichtert Ihnen die Arbeit vor Ort immens, und Ihre
Gäste sowie die Menschen, bei denen Sie arbeiten, werden
beiderseits davon profitieren.

Zusammenfassung
Dieses Kapitel widmete sich dem Umstand, dass Sie
als Reiseleiter in dreifacher Weise im Blickpunkt ste-
hen: dem der Gäste, dem des Veranstalters und dem
der Einheimischen vor Ort. Daraus ergibt sich die

79
Der Reiseleiter im Blickpunkt

Notwendigkeit, dass Sie sich Ihrer Situation und der


Rolle bewusst werden, die Sie einnehmen, und wie
sich diese aus der Perspektive der o.g. Beobachter-
gruppen darstellen. Eine bewusste und kritische
Selbstbetrachtung kann Ihnen ersparen, dass Sie die
berechtigten Erwartungen unwissentlich nicht erfül-
len.
In bezug auf die Gäste wurde vermerkt, dass Ihrer
Persönlichkeit mit zunächst großem Vertrauen be-
gegnet wird. Diesen sollten Sie nutzen, was jedoch
aktives Engagement bedeutet. Das Interesse an Ihrer
Person und die Ihnen entgegengebrachte Achtung
vereinfacht einiges, birgt aber wiederum auch Gefah-
ren.
Des weiteren wurde Ihre Stellung als Reiseleiter bei
Ihrem Arbeitgeber besprochen. Gegenüber diesem
gilt absolute Loyalität. Sie sind Repräsentant dessen
und müssen seine Interessen vertreten. Sie werden
vom Veranstalter als „Außendienst“ betrachtet, der
den direkten Kontakt zu den Kunden hat. Ebenso
sind Sie als Qualitätskontrolleur ein kompetenter Ge-
sprächspartner bei der Verbesserung und evtl. der
Neugestaltung des Reiseprogramms in Ihrem Zielge-
biet.
Der Perspektive der Bereisten wurde aus verschie-
denen genannten Gründen hohe Bedeutung beige-
messen; letztendlich dient dies zur Erleichterung der
Arbeit in deren Land. Indem Sie versuchen, sich in
den Standpunkt der Einheimischen und deren Mei-
nung über Sie und Ihre Gäste hineinzuversetzen,
können Sie Ihren Gästen mehr über deren Denken
berichten (Landeskunde!), problemloser mit diesen
kommunizieren und gemeinsam mit Ihren Gästen
somit einen Reisestil pflegen, der geprägt ist von ge-
genseitigem Verständnis. Außerdem wurde im Ein-
zelnen geschildert, was die Einheimischen von Ihnen
als Reiseleiter erwarten und wie Sie von diesen iden-
tifiziert werden könnten. Oftmals befinden sich Rei-
seleiter in einer zwiespältigen Situation, wenn sich z.
b. die Erwartungen der Einheimischen und Ihre
Auffassung eines bestimmten Reisestils nicht decken.
Der sog. „Nachhaltige Tourismus“ ist den meisten
Bewohnern in den Reisezielen kein Begriff, obgleich
er in ihrem Interesse praktiziert wird.

80
6 Reisearten und -formen

In diesem Kapitel lernen Sie die wichtigsten Reisearten Jeder Reiseleiter sollte mit
und -formen kennen, mit denen Sie als Reiseleiter in Be- den verschiedenen Reise-
rührung kommen können. Bedenken Sie, dass der Beruf arten und –formen vertraut
des Reiseleiters nicht auf eine spezifische Art oder Form sein.
des Reisens beschränkt ist, sondern vielfach die Kriterien
der einen Reiseart ebenso bei der anderen auftreten können.
Beispielsweise spielen sich bei Gruppenreisen ähnliche
gruppendynamische Prozesse ab wie bei (Ferien-)
Freizeiten; animatives Geschick benötigt sowohl der Club-
Reiseleiter als auch der Trekking-Leiter; Veranstalter von
Pauschalreisen bieten oftmals auch Möglichkeiten der
individuellen Reisegestaltung etc. Für den angehenden
Reiseleiter − gleich welcher Reiseform − ist es wichtig, die
Bandbreite der Urlaubsgestaltung zu kennen, nicht zuletzt,
um ein kompetenter Gesprächspartner für die Gäste zu
sein, die außerhalb ihres gewöhnlichen Rahmens einmal
ausnahmsweise bei Ihrem Reiseveranstalter gebucht haben.

6.1 Gruppenreisen

6.1.1 Charakteristik der Gruppenreisen

Zu Gruppenreisen als Reiseform wurde allgemein bereits


einiges gesagt, jedoch ist an dieser Stelle der Schwerpunkt
auf diejenigen Aspekte gelegt, durch die sich Gruppenrei-
sen von Nicht-Gruppenreisen unterscheiden.

Wie die Bezeichnung schon verrät, ist das charakteristische Charakteristisch für eine
Merkmal dieser Reiseform die Zusammenfassung der Gruppenreise ist die Zu-
Gäste zu einer Gruppe. Eine Gruppe wird in der Reisebran- sammenfassung der Gäste
che bereits ab 3 Personen als solche bezeichnet. Der Beg- zu einer „Gemeinschaft auf
Zeit“.
riff der Kleingruppe wird von verschiedenen Veranstaltern
unterschiedlich verwendet, meist überschreitet diese jedoch
nicht die Anzahl von 8 Personen. Nach oben hin ist der
Größenbegriff der Gruppe offen, man kann auch noch bei
mehreren hundert Personen von einer Gruppe sprechen, z.
b. die Passagiere eines Kreuzfahrtschiffes beim Landaus-
flug. Die Gruppe definiert sich als eine Art „Gemeinschaft
auf Zeit“, die auf einer Reise über einen mehr oder weniger
langen Zeitraum zusammen reist, mit gleichem Start- und

81
Reisearten und -formen

Endpunkt. Allerdings lautet eine inoffizielle Definition,


dass sich die Anzahl im Rahmen des überschaubaren be-
wegen sollte, um ein sog. „Gruppengefühl“ entstehen las-
sen zu können. Die Gäste sollen sich während der Reise
untereinander kennenlernen, denn dies ist der Grund für
viele, überhaupt eine Gruppenreise zu buchen. Die führen-
den Gruppenreiseveranstalter werben offen damit, dass die
Gruppengröße bewusst niedrig gehalten wird, um eine gute
Kommunikation innerhalb der Gruppe zu ermöglichen und
um im Sinne des „Sanften Tourismus´“ nicht durch ein zu
großes Massenaufkommen den bereisten Regionen Scha-
den zuzufügen.

Als ideale Gruppengröße wird eine Größe zwischen 20 und Als ideale Gruppengröße
40 Personen - je nach Reiseart - angesehen. Bei besonderen gilt eine Teilnehmerzahl
Reisen, z. b. Wanderreisen liegt diese Zahl um einiges zwischen 20 und 40 Perso-
niedriger. Hier wird von führenden Veranstaltern die ma- nen.
ximale Größenzahl von 25 genannt, darüber hinaus ließe
sich eine Wanderreise sinnvollerweise nicht mehr durch-
führen. Bei extremen Reisen wie Expeditionen oder hoch-
alpine Trekking-Touren sind 10 Personen bereits die Ober-
grenze. Bei Busrundreisen mit Besichtigungsprogramm
oder Tagesfahrten sind Gruppengrößen bis 50 Personen an
der Tagesordnung.

Folgende Merkmale sind nahezu allen Gruppenreisen eigen Es gibt Merkmale, die allen
und lassen sich in diversen soziologischen Theorien der Gruppenreisen eigen sind.
Gruppenentwicklung wissenschaftlich belegen:

• Die Gruppe ist meist von Anfang bis Ende zusammen.


• Es spielen sich gruppendynamische Prozesse ab.
• Anfängliche Unsicherheit bei den einzelnen Teilnehmern
weicht zunehmender Sicherheit.
• Gruppen entwickeln sich, Gruppenstrukturen entstehen.
• Gruppenstimmungen, Konflikte und Untergruppenbil-
dung sind möglich.
• Rollenmuster werden geprägt, verschiedene
Gruppencharaktere bilden sich heraus.
• Krisen müssen bewältigt werden.
• Das Stadium der Reife und der Harmonie innerhalb der
Gruppe kann erreicht werden.
• Der Reiseleiter ist einerseits als primus inter pares
(„Erster unter Gleichen“) Teil der Gruppe, andererseits
steht er außen vor.
Die Rolle des Reiseleiters verändert sich im Laufe der Die Rolle des Reiseleiters
Reise: Zuerst gibt er Sicherheit, Orientierung und Informa- verändert sich im Laufe ei-
tionen, dann nimmt er im Zuge der zunehmenden Eigen- ner Reise.

82
Reisearten und -formen

ständigkeit der Teilnehmer einiges an Autorität und straffer


Organisation aus der Gruppe heraus, da diese sich selbst zu
definieren und zu entwickeln beginnt. Der Führungsstil
wandelt sich vom „Autoritären Führungsstil“* zum „Sozi-
alintegrativen Führungsstil“*. Der Reiseleiter ist außerdem
Manager sowie Kontrolleur der ablaufenden Prozesse,
greift meist ein, wenn Konflikte zwischen den Gruppen-
mitgliedern entstehen. Er lässt den Konflikt manchmal
durch die Gruppe selbst regulieren, er verhindert Gruppen-
spaltung und offene Eskalation, er integriert Außenseiter.

Im folgenden soll ein Schema die Gruppenentwicklung und


den Umgang mit ihr verdeutlichen.

Aufgaben für den


Gruppenphasen Methode
Reiseleiter

Ruhe ausstrahlen, Fragen


Allgemeine Orientierungs- Sicherheit und Orientierung
beantworten, Ansprechpart-
phase, Unsicherheit geben
ner sein

Möglichkeiten der Teilneh-


Hilfsbereitschaft, Zuständig-
Orientierung auf Reiseleiter mer aufzeigen, Selbständig-
keitsbereich abgrenzen
keit unterstützen

Bildung von Gruppenstruktu-


Spielregeln überwachen, Auf Außenseiter achten,
ren, Rollendifferenzierung,
Team auf Zeit ansteuern Konfliktmanagement
Normen

Festigung der Gruppe, Zusammenwachsen unter-


Integrationsperson sein
Harmoniestreben stützen

Weniger direkte Führung,


Teilweise gemeinsame Pla-
sozialintegrativer Führungs-
Reife und Wachstum nung, Eigeninitiativen unter-
stil, Selbständigkeit ermögli-
stützen
chen und fördern

Weitere für Gruppenreisen typische gruppendynamische


Prozesse:

Die „Wortführer“ in der Gruppe geben ein bestimmtes Die Wortführer innerhalb ei-
Verhaltensmuster vor und werden zuerst von einigen ner Reisegruppe geben ein
Teilnehmern, dann von vielen zunehmend nachgeahmt. bestimmtes Verhaltens-
Beispiel: Unmutsäußerungen. Wenn sich in den Ge- muster vor.
danken der Teilnehmer erst einmal Kritik über irgend
einen bemängelnswerten Punkt festgesetzt hat, kann der
Reiseleiter die eingeschlagene Denkweise nur mit
Mühe abfangen. Jede Möglichkeit wird von der Gruppe

83
Reisearten und -formen

genutzt, sich in ihrer Kritik bestätigt zu fühlen. Eine


Kettenreaktion der negativen Art kann in Gang gesetzt
werden, wenn der Reiseleiter nicht von Beginn an et-
was unternimmt. Eine Möglichkeit wäre z. b., bei Er-
kennen eines Problems sofort kompensativ, also psy-
chologisch regulierend zu handeln (durch stimmungs-
förderndes Vorkehren der positiven Seiten eines As-
pekts). Genauso gut kann dieser Prozess im positiven
Sinne verlaufen: Eine Reisegruppe ist euphorisch, es
kann sie kein noch so offensichtlich vorliegender Man-
gel zur Kritikäußerung bewegen, weil die Grundstim-
mung als gut und der Reiseverlauf insgesamt als gelun-
gen empfunden wird. Hier ist naturgemäß kein Eingrei-
fen des Reiseleiters notwendig.

Es bilden sich im Verlauf einer Reise Gruppengewohn- Im Verlauf einer jeden


heiten, die sich von Reisetermin zu Reisetermin völlig Reise bilden sich unter-
unterscheiden, obwohl das Programm dasselbe ist. Ein schiedliche Gruppenge-
Beispiel: Eine Island-Reisegruppe, unterwegs mit Ge- wohnheiten heraus.
ländewagen und Zelt, hat sich angewöhnt, ihr mitge-
führtes, selbst zubereitetes Expeditionsessen aufwendig
zu verfeinern. Die Mahlzeiten werden zu einem der
Höhepunkte am Tag. Eine andere Gruppe zu einem an-
deren Reisetermin derselben Reise legt hingegen kei-
nerlei Wert auf das Essen und zieht es vor, jeden dritten
Tag im Restaurant einzukehren. Dementsprechend
eintönig fällt jeweils das Abendessen aus. Woher diese
Unterschiede kommen, mag dahingestellt bleiben.
Wichtig an dieser Stelle ist festzustellen, dass keine
Gruppe der anderen gleicht, was wiederum für den Rei-
seleiter bedeutet, dass jede Reise ein neues Erlebnis
auch für ihn selbst sein wird.

Der sog. „Gruppenkoller“ wird von vielen Reisegrup- Der „Gruppenkoller“ ist ein
pen gefürchtet. Er entsteht aus der Dauerbelastung, für allseits gefürchteter grup-
einen Zeitraum von mehreren Wochen mit immer den- pendynamischer Prozess.
selben, willkürlich zusammengewürfelten Teilnehmern
auf relativ engem Raum einer Gruppenreise unter un-
gewöhnlichen, teils extremen Bedingungen zusammen-
sein zu müssen. Wird diese temporäre Unlust von vie-
len Teilnehmern gleichzeitig empfunden, kommt es
unterschwellig zu Konflikten. Diese müssen zwar nicht
offen zur Sprache kommen, aber es ist eine deutliche
Verschlechterung der Gruppenatmosphäre zu bemer-
ken. Kommt der Konflikt, der vielleicht gar keinen
konkreten Grund hat, zum Ausbruch, droht die Eskala-
tion. Meist reguliert sich diese zwar wieder, geschieht
der Ausbruch jedoch am Ende der Reise, gibt es

84
Reisearten und -formen

manchmal keine Gelegenheit mehr dazu, und die


Gruppe geht im Unfrieden auseinander. Wenn noch ei-
nige Zeit bis zum Reiseende bleibt, ist es günstiger, der
Konflikt wird verarbeitet, als wenn bis zur Heimreise
die Gruppenatmosphäre latent vergiftet ist. Wer erin-
nert sich schon gerne an eine Reise ohne Happy End?
Der Reiseleiter hat in vielen Fällen die Möglichkeit,
dem Gruppenkoller zuvor zu kommen, indem er an
programmfreien Tagen oder Stunden einmal keine fa-
kultative Aktivität (wie z. b. ein zusätzlicher Ausflug,
eine zusätzliche Wanderung) selbst begleitet, sondern
nur Tipps und Anregungen zu Unternehmungen auf ei-
gene Faust anbietet. Würde der Reiseleiter an jeder
vorgeschlagenen Aktivität selbst teilnehmen, hätte dies
u. U. als gruppendynamischer Prozess zur Folge, dass
die meisten Teilnehmer das Angebot nutzen und somit
die Gruppe auch an ihrem freien Tag „zwanghaft“ zu-
sammenbleibt. Ist die Person des Reiseleiters nicht
selbst an einer der vorgeschlagenen Aktivitäten betei-
ligt, können sich die Gruppenmitglieder auf die ver-
schiedenen vom Reiseleiter empfohlenen Möglichkei-
ten verteilen. Ein halber Tag ohne die gesamte Gruppe
lässt den von der Gruppe „erholten“ Reisegast die
Reise erfahrungsgemäß wieder für einen längeren Zeit-
raum innerhalb der Gruppe problemlos genießen.

Im folgenden eine kurze Darstellung der verschiedenen


Reisearten, die vorzugsweise mit Gruppen durchgeführt
werden.

6.1.2 Rundreisen

Unter Rundreisen versteht man zunächst nur das Arrange- Als „Rundreise“ wird ein Ar-
ment aus Fahrt (bestehend aus mehreren Etappen) und rangement aus Fahrt und
Unterkunft, sofern sie sich über mehrere Tage erstreckt. Unterkunft bezeichnet.
Wahlweise kann die An- und Abfahrt bzw. Flug, Verpfle-
gung, ein Programm über die Routenführung hinaus, die
Führung durch eine Reiseleitung, Besichtigungen etc. ent-
halten sein. Der Ausgangspunkt ist nicht zwingend auch
der Endpunkt der Reise, wie es der Name suggerieren mag.
Es kann auch eine Streckenfahrt sein oder eine Standort-
reise mit sternförmigen längeren Tagesausflügen in die
Umgebung. Hierbei unterscheiden allenfalls die Veran-
stalter innerhalb der eigenen Produktpalette.

Der Begriff der Rundreise sagt allerdings kaum etwas über


die Thematik der Reise aus, er kann jedoch auf verschie-

85
Reisearten und -formen

dene andere Reisearten als Überbegriff angewandt werden.


Er schließt jedoch die Eigenschaft ein, dass während der
Reise ein Großteil der Route mit einem Fahrzeug, meist ein
Bus oder Geländewagen, oder bei Spezialveranstaltern
auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln, zurückgelegt wird.
Dabei wird entweder das gesamte Reiseziel bzw. Land, ein
bestimmter Teil oder eine Region des spezifischen Interes-
ses bereist.

6.1.3 Studienreisen

Diese Art von Gruppenreise betont die Vermittlung von Im Rahmen einer „Studien-
Kenntnissen über Land und Leute allgemein oder über spe- reise“ wird ein vertiefter Ge-
zielle Aspekte des bereisten Zielgebiets. Hauptcharakteris- samtüberblick über die be-
tik ist dabei die Führung eines für dieses Reiseland beson- reiste Region vermittelt.
ders kompetenten Reiseleiters bzw. Studienreiseleiters.
Meist sind diese Reisen auf ein zahlungskräftigeres Publi-
kum ausgerichtet, welches der gehobeneren Bildungs-
schicht angehört. Entsprechend hoch ist im allgemeinen der
Standard der Hotels, der Transportmittel sowie der Ver-
pflegung. Dies spiegelt sich konsequenterweise im relativ
hohen Reisepreis wider. Inhaltliche Schwerpunkte können
dabei unterschiedlich gewählt sein.

Reisegäste wollen auf Studienreisen ein Land meist in


seiner ganzen Vielfalt kennen lernen. Während der eine
sich mehr für Kultur interessiert, faszinieren einen anderen
eher landschaftliche Schönheiten. Der Dritte möchte viel
Freiraum zur individuellen Gestaltung, der Nächste in
kurzer Zeit möglichst viel sehen oder hat
ganz spezielle kulinarische oder andere individuelle
Vorlieben. Die Urlaubswünsche der Kunden bestimmen
damit unterschiedlichste Reisevarianten und –inhalte. Eine
moderne Studienreise beinhaltet daher heute die allgemeine
Landeskunde, Flora und Fauna, Geologie, Geographie,
Religion, Geschichte, Kunstgeschichte, Ethnologie,
Archäologie, Kunst und Kulturgeschichte ebenso wie die
Lebenswirklichkeit der Menschen vor Ort. Oftmals folgen
Sie auch einem bestimmten Motto, bieten aber immer mehr
einen Überblick als vertiefende Einblicke in nur ein
Thema. Solche Spezialisierungen fallen daher ehr unter die
Rubrik „Themenreisen“ (s.u.).

Diese Charakterisierung stellt die im Denken der Reisever-


anstalter und in dem seiner Gäste verankerte Vorstellung
der Studienreise dar. Eine weniger aussagekräftige Defini-
tion der Studienreise, nämlich die statistische Definition

86
Reisearten und -formen

dieses Begriffs, beinhaltet lediglich das Pauschalarrange-


ment einer veranstalteten Reise, welches über Transport
und Unterbringung in Form einer durchgängigen Führung
eines besonders qualifizierten Reiseleiters hinausgeht.
Somit wären nahezu alle Gruppenreisen mit Reiseleitung
Studienreisen, was den Begriff allerdings sehr verwässert
und wogegen sich Studienreiseveranstalter vehement
wehren.

87
Reisearten und -formen

6.1.4 Themenreisen

Im schleichenden Kontrast zu Studienreisen, bei denen den Bei einer „Themenreise“


Gästen meist ein vertiefter Gesamtüberblick über die stehen sehr spezielle Mo-
bereiste Region vermittelt wird, stehen Themenreisen, tive im Vordergrund.
welche spezielle Motive verfolgen. Dies kann
Wissensvermittlung über sehr spezielle Themen sein, z. b.
Reisen „auf den Spuren“ eines Schriftstellers oder eines
historischen Architekten, oder Reisen gepaart mit einer
besonderen Aktivität wie z. b. das Fotografieren
(sogenannte Fotoreisen bzw. -safaris) mit einem renom-
mierten Profifotografen als Reiseleiter. Auch Feste können
Mittelpunkte einer Reise darstellen, wie z. b. Reisen zum
Pushkarfest in Indien, welches sich über mehrere Tage er-
streckt. Kulturelle Veranstaltungen wie Opern, Musicals
und Konzerte bilden in letzter Zeit eine verstärkte Nach-
frage an organisierten Reisen, bei denen nach Möglichkeit
mehrere „Events“ („Ereignisse“) auf einer Reise besucht
werden.

Themenreise: Oranier-Route
Die Oranier Route - Auf den Spuren der
Oranier durch Diez
Deutsche Bundesländer und niederländische Provinzen haben
ein starkes Band geknüpft: etwa 1000 Kilometer lang
schlängelt sich die Oranier Route vom südwestlichen,
niederländischen Breda ins nordöstliche, deutsche Schwerin
quer durch Europa. Es ist eine Entdeckungsreise in
niederländische und deutsche Städte und Regionen, die dem
Haus Oranien historisch verbunden sind.
Die Oranier Route besteht im Augenblick aus etwa 25
„Oranierstädten“. Wer die Route bereist, entdeckt Burgen und
Schlösser, Museen, Gärten u.v.m.. Überall haben die Oranier
ihre Spuren hinterlassen, vieles erinnert heute noch sichtbar an
ihren politischen, kulturellen und sozialen Einfluss.
Die Oranier gehören zu den ältesten und bekanntesten
Adelsgeschlechtern Europas und stammen aus dem heutigen
rheinland-pfälzisch/hessischen Grenzraum. Sie begründeten
unter anderem das niederländische Königshaus, der
Thronfolger der Niederlande führt den Titel eines Prinzen von
Oranien.

Die Person des Reiseleiters bei solchen Reisen erfordert Vom Reiseleiter wird eine
eine spezielle Kenntnis des Themengebiets. Spezialisierte detaillierte Kenntnis des
Reiseveranstalter existieren auf dem Reisemarkt in unüber- Themengebietes gefordert.
schaubarer Vielzahl, entsprechend handelt es sich dabei um
Klein- und Kleinstveranstalter. Dennoch versuchen die
großen Touristikunternehmen, sich auch in diesen „Ni-
schen“ zu betätigen, sei es nur aus dem Grund, sich die
verschiedenen Klientel zu sichern und um ihre führende

88
Reisearten und -formen

Stellung insgesamt in der Branche zu sichern. Viele The-


menreisen werden andererseits von Institutionen veran-
staltet, die im eigentlichen Sinne keine touristischen Unter-
nehmen darstellen. Beispielsweise sind Pilgerfahrten, orga-
nisiert von Kirchen und Gemeinden, auch unter dem Beg-
riff Themenreisen zu fassen.

Ebenso werden gelegentliche Unternehmungen von Verla-


gen und Medien, namentlich die „Leserreisen“, oftmals
nicht als „Reiseveranstaltungen“ aufgefasst, sie sind es je-
doch in jeder Hinsicht. Hier schreiben z. b. Zeitungen für
ihre Leser Sonderreisen aus, die ganz allgemeiner, aber
auch ganz spezifischer Natur sein können. Allerdings ver-
wischt hier die Grenze zwischen „Themenreisen“ und
„zielgruppenspezifischen Reisen“.

6.1.5 Zielgruppenspezifische Reisen

Hierunter sind Reisen zu verstehen, die – meist von Spezi- „Zielgruppenspezifische


alveranstaltern – für ganz bestimmte Interessengruppen Reisen“ werden für ganz
angeboten werden. Das Spektrum der Möglichkeiten ist bestimmte Interessengrup-
hierbei genauso vielfältig, wie es verschiedenste Gruppie- pen angeboten.
rungen des Interesses gibt. Im folgenden ist eine Aufzäh-
lung typischer Beispiele zielgruppenspezifischer Reisen zur
groben Orientierung gegeben.

• Behindertenreisen
• Fastenreisen
• Frauenreisen
• Gesundheitsreisen
• Jugendreisen
• Kreativreisen (Malen, Töpfern, Tanzen, Musizieren, Ko-
chen etc.)
• Meditationsreisen
• Seniorenreisen
• Singlereisen
• Sportreisen für Clubs und Vereine (z. b. Kegelclubs)
• Sprachreisen (für Schüler, Austauschreisen)
• Trainingsreisen

Die Liste ließe sich endlos fortsetzen, es sei jedoch darauf


hingewiesen, dass es hierbei keine klare Trennlinie zu den
Themenreisen gibt. Diese formen zwar in erster Linie
durch ihre Inhalte aus den jeweiligen Interessenten eine
Interessengruppe, im Gegensatz zu den hier besprochenen
Reisen, die tendenziell eine bestimmte Bevölkerungs-

89
Reisearten und -formen

gruppe ansprechen sollen, jedoch schließt sich dies gegen-


seitig nicht grundsätzlich aus. Auch hier wird vom Reise-
leiter eine jeweils bestimmte Fachkompetenz erwünscht.

Eine besonders im Aufwind befindliche Gruppenreiseart ist Eine spezielle Form ziel-
die Incentive-Reise*, die eine besondere Erwähnung ver- gruppenspezifischer Reisen
dient. Es handelt sich dabei um Reisen, die von darauf spe- stellt die „Incentive-Reise“
zialisierten Veranstaltern angeboten werden, deren Kunden dar.
oft ausschließlich Firmen und Konzerne sind. Größere
Firmen jedweder Branche bieten oftmals Firmenmitarbei-
tern zur Motivationsförderung oder als eine Art Prämie für
besondere Leistungen die Teilnahme an besonderen Reisen
an. Vielfach sind die Reisen mit Aktivitäten verbunden, die
in Kontrast zu der in der Firma ausgeübten Tätigkeit ste-
hen, z. b. Outdoor-Reisen* für Manager, Trekking-Touren*
mit Survival-Elementen* für Spitzenfunktionäre, oder auch
lediglich Sportreisen für die Belegschaft. Diese außerge-
wöhnlichen Inhalte sollen mitunter die Persönlichkeit jen-
seits des Bürotischs festigen, das Betriebsklima fördern,
das Erlernen von Teamwork ermöglichen etc.

Als die Wirtschaft das psychologische Potential dieser


Form der Personalarbeit erkannt hatte, eröffnete sich der
Reisebranche eine finanzkräftige Kundschaft, welche noch
heute die Wirtschaftsgrundlage für viele Veranstalter be-
deutet. Kompetente Reiseleiter sind hier nach wie vor ge-
fragt.

6.2 (Ferien-) Freizeiten

(Ferien-) Freizeiten bedeuten für Sie als Reiseleiter eine „(Ferien-) Freizeiten“
Möglichkeit, jenseits der kommerziellen werden mehr oder weniger
Reiseveranstaltung tätig zu sein. Der Begriff „Freizeit“ durch die ausführenden
assoziiert im landläufigen Bewusstsein in erster Linie einen Institutionen geprägt.
kirchlichen Kontext, der jedoch auch auf sämtliche andere
soziale Institutionen anwendbar ist. Es ist eine
Gruppenveranstaltung, die in Form einer Reise
durchgeführt wird. Hierbei spielt weniger das Zielgebiet
ein tragende Rolle, als vielmehr das Gruppenerlebnis bzw.
-leben. Ob es sich um kirchliche Veranstaltungen,
Parteifreizeiten, Jugendfreizeiten, Kinderfreizeiten,
Vereinsfreizeiten, Seniorenfreizeiten oder sonstige Formen
handelt: Bei allen wird der Inhalt mehr oder weniger durch
die Institution, die sie ausführt, geprägt.

Obwohl (Ferien-) Freizeiten selten Veranstaltungen sind,

90
Reisearten und -formen

die aus kommerziellen Gründen organisiert werden


(weswegen die Verdienstmöglichkeiten auch nicht mit
anderen Tätigkeitsfeldern zu vergleichen sind), sind
(Ferien-) Freizeiten ein wertvolles „Übungsfeld“ für
Reiseleiter, um Gruppen- und Führungserfahrungen zu
sammeln. Die Ansprüche an die Führungsqualitäten bei
Freizeitleitern sind ebenfalls nicht zu unterschätzen. Somit
wäre es sicherlich kein Nachteil, sich vor dem Einstieg ins
Berufsleben als Reiseleiter dieser Aufgabe zu widmen, um
festzustellen, ob es Ihren Neigungen entspricht, Gruppen
zu führen. Zudem stellt die Erfahrung als Freizeitleiter bei
vielen Reiseveranstaltern ein Pluspunkt auf der Liste der
Qualifikationen dar, wenn es um die engere Wahl bei
mehreren Bewerbern geht.

6.3 Cluburlaub, Freizeitparks und


-Resorts

Der Cluburlaub nahm in den letzten Jahren immer mehr Der Cluburlaub hat in den
an Bedeutung zu. In erster Linie beinhaltet die Bezeich- letzten Jahren mehr und
nung „Club“ nicht etwa eine notwendige „Mitgliedschaft“ mehr an Bedeutung gewon-
in einem Club, sondern vielmehr die Exklusivität seiner nen.
besonderen Art, dort den Urlaub zu verbringen. Die Unter-
scheidung des „Clubs“ von einer „Hotelanlage“, der er im
Grunde zwar entspricht, rührt von den spezifischen Regeln,
Gewohnheiten und der Atmosphäre her, die ihn auszeich-
net.

Clubs heben sich insbesondere durch eine legerere, sport- Schwerpunkt eines Clubur-
lich orientiertere und stimmungsbetontere Urlaubsweise laubs ist die Erholung durch
von herkömmlichen Hotelanlagen ab. Dies hauptsächlich sportliche Aktivität.
durch eine Architektur, die auf besondere Gestaltungsmög-
lichkeiten von Freizeitaktivitäten (hauptsächlich Sport)
ausgerichtet ist, und durch eine Angebotspalette zur Steige-
rung des Urlaubsvergnügens und der Erholung einer Viel-
falt an Unterhaltungseinrichtungen (Bars, Veranstaltungs-
räume etc.). Vielfach herrschen in Clubs eigene Regeln, die
ein entsprechendes „Clubbewusstsein“, eine Identifikation
mit dem Club und eine Abgrenzung zu „draußen“ ermögli-
chen. Beispielsweise durch ein eigenes Zahlungssystem
ohne Bargeld (bei Club Méditerranée z. b. in Form von
„Perlen“, die jeweils eine Betragseinheit darstellen) oder
durch das konsequent eingeführte Duzen untereinander,
ungeachtet von Alter, sozialer Herkunft und beruflicher
Stellung, oder einem clubeigenen Wortschatz immer wie-
derkehrender Begriffe wie Personalbezeichnungen, Akti-

91
Reisearten und -formen

vitäten oder Lokalitäten.

Der Schwerpunkt liegt meist auf sportlicher Betätigung als


Erholungsfaktor. Je nach Zielgebiet etwas differenziert,
ähneln sich jedoch die jeweiligen Clubanlagen verschiede-
ner Clubreiseveranstalter in ihren Prinzipien weltweit. Das
Angebot variiert nur in zielgebietsorientierten Sportarten
wie Tauchen, Skilaufen oder Windsurfen. Überall ausüb-
bare Sportarten wie Golf, Tennis, Bogenschießen, Aerobic,
Volleyball etc. werden meist in allen Clubs eines Veran-
stalters gleichermaßen angeboten. Hierzu werden jeweils
fachkompetente Persönlichkeiten als „Animateure“* einge-
setzt, die verschiedentlich auch die klassischen Aufgaben
eines Standortreiseleiters haben, wie allgemeine Gäste-
betreuung, Informationsweitergabe oder Beherrschung
gruppendynamischer Abläufe.

Die Angebotspalette umfasst Tagesausflüge in die Umge-


bung oder mehrtägige Ausfahrten bis hin zu Rundreisen,
die wiederum den Einsatz klassischer Reiseleiter voraus-
setzen, die sich auf die Durchführung von Rundreisen ver-
stehen.

Freizeitparks und –Resorts


Freizeitparks und -Resorts gewinnen in den letzten Jah- werden immer häufiger für
ren, vor allem in Deutschland, zunehmend das Interesse einen Kurzurlaub genutzt.
von Menschen, die außerhalb des herkömmlichen Urlaubs
kurzfristig und „zwischendurch“ einmal für einige Tage
dem Alltag entschwinden möchten. Solche Parks ziehen
jedoch auch vermehrt Gäste aus dem Ausland an bzw. sind
vielfach auch Höhepunkt einer Reise ins Ausland, wie z. b.
Disneyland und -world in den USA und Paris. Freizeitparks
erfreuen sich aber auch in Deutschland immer größerer
Beliebtheit, z. b. Autostadt Wolfsburg.

92
Reisearten und -formen

Hier besteht die Möglichkeit für Gäste, mehrere Tage lang


die angebotenen Attraktionen und Vergnügungseinrichtun-
gen zu genießen, was in touristischer Hinsicht ein vielfälti-
ges Einsatzgebiet für Reiseleiter darstellt, welches man
zuweilen unterschätzen mag. Ob es die Gästebetreuung
allgemein (Führungen, Hotelbetreuung, Informationsperso-
nal, Hostessen) oder die spezifische Animateurfunktion bei
den verschiedensten Aktivitäten ist, bei der das gesamte
Know-how eines Reiseleiters zum Einsatz kommen kann:
Die Anforderungen an Sie als Reiseleiter entsprechen den
Bedürfnissen dieses Industriezweigs. Überdies stellt er in
Zeiten wirtschaftlicher Instabilität, die sich mitunter auch
auf die Reisebranche auswirken kann, eine Möglichkeit
dar, in diesem Berufsfeld tätig zu sein, wenn sich die An-
zahl der Auslandsreisen einmal verringern sollte. Der Weg
zum Freizeitpark als Kurzurlaub wird sicherlich zu den
Konstanten der Reisebranche zählen.

6.4 Aktivurlaub

Der Begriff „Aktivurlaub“ umfasst die Reiseform, deren Während eines Aktivurlaubs
Schwerpunkt verstärkt auf dem eigenen Erleben durch Ein- trägt der Reisegast durch
bringen körperlicher und geistiger Aktivität liegt. Dem körperliche Eigenleistung
Reisegast wird nicht nur ein Reiseziel „dargeboten“ und dazu bei, das Reiseziel be-
zum mehr oder weniger passiven „Konsum“ angeregt wusst und direkt zu erleben.
durch reine Besichtigungen von Sehenswürdigkeiten und
Vorführungen folkloristischer Elemente, sondern er er-
schließt z. b. zu Fuß durch Wanderungen und Trekking, per
Fahrrad oder auch durch Bergsteigen, Kanu- oder Motor-
radfahren selbst Natur und auch Kultur des jeweiligen Rei-
selandes. Manchmal steht der sportliche Faktor im Vorder-
grund; andererseits soll durch die aktive Erschließung
durch körperliche Eigenleistung der Blick geschärft werden
für ein andersartiges und gemächlicheres Reisen, welches
besonders in sensiblen Regionen abseits der großen Tou-
ristenströme im Sinne des „Sanften Reisens“ angebracht
ist.

Verschiedene Reiseveranstalter, meist spezialisierte Mit- In jüngerer Zeit sind Aktiv-


telstandsunternehmen, haben sich dieser Reiseart ver- urlaube immer mehr ge-
schrieben. Zunächst noch in den letzten Jahrzehnten als fragt.
Nischenprodukt gehandelt, haben sich jedoch in jüngster
Zeit auch die großen Reiseunternehmen diesem Segment*
zugewandt, teils, weil erkannt wurde, dass sich die Reise-

93
Reisearten und -formen

mentalität in Deutschland stetig verändert und zunehmend


eben dieser Reisestil gefragt ist, teils auch aus Gründen der
Vervollständigung der Produktpalette* der Großkonzerne.
So finden sich innerhalb der Touristikbranche mehrere
Sportreise-, Trekking- und Wanderreiseveranstalter, die
mehr oder weniger den Schwerpunkt hierauf legen, jedoch
innerhalb ihres Sortiments auch andere Reisearten anbie-
ten.

Bei den Sportreiseveranstaltern reicht das Spektrum über Der Reiseleiter eines Aktiv-
die gängigen Sportarten hinaus bis zu den exotischen urlaubs muss entspre-
Randsportarten. Je nach Spezialisierungsgrad ergibt sich chende spezielle Fähigkei-
daraus eine zwangsläufige Limitierung, was die Ansprache ten besitzen.
der jeweiligen Zielgruppen betrifft. Veranstalter von
Tauchreisen beispielsweise haben in den letzten Jahren von
der Entwicklung des Tauchens zum Breitensport profitiert,
ebenso Spezialisten für Golfreisen, Surfreisen oder Reiter-
ferien.

Die Spezialisierung und somit hohe Kompetenz der Aus-


richter dieser Reisen haben gegenüber den Großveranstal-
tern den Vorteil, ihr Branchensegment fundierter zu beherr-
schen und auch ihr Publikum direkter erreichen zu können.
So ist das Personal meist auch in fachlicher Hinsicht über-
durchschnittlich kompetent und auf die jeweilige Sportart
spezialisiert. In bezug auf Reiseleitung bedeutet dies neben
den klassischen Anforderungen Spezialkenntnisse im
jeweiligen Bereich. Reiseleiter bei Tauchreisen sind z. b. in
den meisten Fällen in dieser Sportart ausgebildet und ver-
fügen über die entsprechenden Tauchzertifikate. Weniger
deshalb, weil sie direkt an den jeweiligen Tauchgängen der
Gäste beteiligt sind, sondern in erster Linie, um sich voll-
kommen mit dieser Zielgruppe identifizieren zu können,
um ein adäquater Gesprächspartner sowie Berater zu sein
und um den besonderen Bedürfnissen dieser Gäste nach-
kommen zu können.

Eine breitere Zielgruppe sprechen diejenigen Veranstalter Bei Wanderreisen erfolgt


an, deren Schwerpunkt Aktivitäten darstellen, die ohne immer eine Rückkehr zum
größere Vorkenntnisse und Fähigkeiten seitens der Gäste Standort.
ausgeübt werden können. Hierzu zählen Wanderungen, bei
sportlicheren und leistungsfähigeren Gäste auch Trekking-
Touren. Wanderreisen unterscheiden sich von Trekking-
Touren dadurch, dass bei ersteren von einem oder mehre-
ren Standorten aus Tages- oder Halbtageswanderungen
angeboten werden, die immer wieder zurück zum Aus-
gangspunkt, meist Hotels oder Gästehäuser, führen; soge-
nannte Standortwanderreisen. Werden mehrere Wanderre-

94
Reisearten und -formen

gionen angesteuert, können das auch mehrere Standorte


sein.

Unter Trekking versteht man in der Branche, dass zu Fuß Im Rahmen von Trekking-
von einem Standort über einen anderen bis hin zum End- Reisen wird von einem
punkt gewandert wird, wobei die kleinste Trekking-Einheit Ausgangspunkt bis zu ei-
somit mindestens drei verschiedene Übernachtungsorte in nem Endpunkt gewandert.
Folge bedeutet, die zu Fuß erreicht werden. Besonders eig-
nen sich für Trekking-Reisen Zielgebiete mit Bergregionen
bis hin zu hochalpinen Zonen. Eine Rundreise kann ohne
weiteres eine solche Trekking-Einheit beinhalten, sie wäre
dann eine „Rundreise mit Trekking“. Vielfach ist jedoch
eine Trekking-Reise darauf ausgelegt, über einen längeren
Zeitraum mehrere Tagesetappen hintereinander zu schal-
ten, beispielsweise kann eine zweiwöchige Nepal-Trek-
kingreise mühelos eine zehntägige Trekking-Strecke bein-
halten. Im Extremfall können diese Einheiten bis zu drei
oder gar vier Wochen andauern. Wahlweise wird das Ge-
päck dann mit Fahrzeugen, per Träger oder selbst per
Rucksack befördert.

Die Anforderungen an Sie als Reiseleiter sind hierbei be- Bei Wander- bzw. Trekking-
sonders groß. Sie sind gleichzeitig Wander- bzw. Trekking- Reisen sind die Anforde-
führer als auch Reiseleiter mit den klassischen Aufgaben. rungen an den Reiseleiter
Je nach Veranstalter und Zielgruppe sind die Anforderun- besonders hoch.
gen an die Gäste bezüglich der körperlichen Konstitution
verschieden. Meist werden diese im Katalog durch eine
Klassifizierung des Schwierigkeitsgrads in bestimmte Ka-
tegorien ausgeschrieben. Dies verhindert jedoch nicht, dass
sich zuweilen einzelne Gäste überschätzen oder sich nicht
über den besonderen Charakter dieser Reisen und ihrer
Belastungen in physischer und psychischer Hinsicht be-
wusst sind. So sind Sie als Reiseleiter manchmal in der
misslichen Lage, unterschiedliche Leistungsfähigkeiten
innerhalb der Gruppe vereinen zu müssen. Meist ist der
Gruppenzusammenhang durch den außergewöhnlich nahen
und persönlichen Kontakt innerhalb der Gruppe recht posi-
tiv geprägt. Eine bestimmte Wanderer-Mentalität, die Ka-
meradschaft und gegenseitige Hilfestellung beinhaltet, ist
in den meisten Gruppen erfahrungsgemäß vorhanden. Die
besonderen Schwierigkeiten und Gefahren, die sich bei
Wanderungen und Bergtouren für die Teilnehmer ergeben,
z. b. durch Verletzungen, Überbelastungen oder strecken-
bedingte Abgelegenheit ohne eine nahe medizinische Ver-
sorgung, bedingen zumindest die Beherrschung von So-
fortmaßnahmen am Unfallort, medizinischer Ersthilfeleis-
tung (1. Hilfe Schein) sowie die Mitführung einer gut
bestückten Reiseapotheke. Die meisten Veranstalter dieser

95
Reisearten und -formen

extremeren Reiseart bereiten ihre Reiseleiter jedoch in


Form von speziellen Schulungen auf diese Aufgaben vor.

6.5 Sanfter Tourismus

Der „Sanfte Tourismus“* wurde bereits in Kap. 4.1. aus- Der „Sanfte Tourismus“
führlich in die Thematik einbezogen und seine Werte be- stellt die heutzutage erstre-
schrieben. An dieser Stelle wird die Entstehung und Ent- benswerte Reiseform dar.
wicklung des Begriffs und seine Bedeutung als – zumin-
dest nach der Meinung dieses Autors – weitgehend erstre-
benswerte Reiseform dargestellt. „Reiseform“ ist in diesem
Zusammenhang als Charakteristik zu verstehen, die die
meisten Reiseveranstalter ihren Reisen zu verleihen versu-
chen, denn es wird nicht zuletzt durch den Druck der Öf-
fentlichkeit mehr und mehr zum Zwang, diesem Anspruch
Folge zu leisten.

Der Begriff selbst wurde zum ersten Mal im Jahre 1980 in Im Gegensatz zum Mas-
einem Artikel im Magazin „GEO“ von Prof. Robert Jungk, sentourismus ist der Sanfte
Technische Universität Berlin, erwähnt. Kommend aus der Tourismus durch einen so-
„Zukunftsforschung“, die ursprünglich militärischen Zwe- zial- und umweltverträgli-
chen Reisestil geprägt.
cken diente, sich jedoch im Laufe der 70er und 80er Jahre
verstärkt der friedlichen Nutzung widmete, stellte Jungk
die Frage nach den Entwicklungsperspektiven des Mas-
sentourismus und seinen sozialen und vor allem ökologi-
schen Folgeschäden. Er skizzierte ein Szenario der fort-
schreitenden Verschlechterung der sozial- und naturräumli-
chen Voraussetzung, die für das Reisen an sich jedoch das
Hauptmotiv darstellten. Wenn nicht schnellstens ein Um-
denken erfolgte, so Jungk, würde der Kollaps am Ende
nicht ausbleiben.

In den Zeiten der kritischen Auseinandersetzungen mit


soziopolitischen und ökologischen Themen während der
80er Jahre traf diese These auf offene Ohren. Schnell kon-
kretisierten sich massive Vorwürfe seitens des alternativen
Spektrums an die Adresse der Großkonzerne wie TUI und
Neckermann: Das geflügelte Wort der „typischen Necker-
männer“ als Prototypen von konsumorientierten Massen-
touristen machte die Runde. Eine breite Bewusstseinsent-
wicklung setzte ein; die angegriffenen Konzerne waren
gezwungen, Initiativen zu starten, um ihr in Verruf gerate-
nes Image zurechtzurücken. Alsbald wurde aus der Recht-
fertigungsmentalität eine Strategie des Angriffs nach vorn.
Zahlreiche Methoden wurden entwickelt, den Vorwürfen
die Grundlage zu entziehen. Diese lauteten u.a.:

96
Reisearten und -formen

• umweltbelastende Aktivitäten (Müllerzeugung, man-


gelnde Abwasserregulierung der Hotels, unangemesse-
ner Ressourcenverbrauch vor Ort etc.)
• Massenaufkommen von Touristen in sozial sensiblen
Regionen
• Finanzverflechtungen zu Ungunsten der bereisten Län-
der (Gelder fließen durch entsprechende Besitzverhält-
nisse in die Ursprungsländer zurück, anstatt im bereisten
Land zu bleiben)
• Umweltverschmutzung durch zunehmenden Kerosin-
verbrauch im Flugverkehr
• Abhängigkeitsverhältnisse in den Zielländern vom Tou-
rismus als monokulturellem Wirtschaftszweig, ohne pla-
nerische Gestaltung und Gewährleistung von Stabilität,
besonders gefährdet durch Schwankungen der Nachfrage
• Nachkoloniale Machtverhältnisse zwischen den
Industrienationen und den Zielländern.

Die jahrelang anhaltende Diskussion und die Analyse der


Bedingungen zur Abhilfeschaffung sowie die Erstellung
von Handlungskonzepten erbrachten eine beachtliche
Reihe von Lösungsmodellen. Allerdings fand die Ent-
wicklung nicht reibungslos statt; skurrile Erscheinungen
blieben nicht aus, da es naturgemäß an Erfahrungswerten
mangelte.

Ein Beispiel: Die Nutzung von einheimischen Transport-


mitteln wurde als „landestypisch“ und durch die Teilhabe
am Profit durch lokale Transportunternehmen als positiv
betrachtet und proklamiert. Der Effekt war jedoch, dass
zwar die Reisegruppe mit dem Linienbus fuhr, die einhei-
mische Bevölkerung jedoch aufgrund der Belegung durch
eine 30-köpfige Reisegruppe keinen Platz mehr fand. Dies
bedeutete, dass eine Phase der fortschreitenden Vervoll-
kommnung auf diesem Gebiet notwendig war.

In diesem Zusammenhang entstand die englische Bezeich- Eine Vervollkommnung des


nung „sustainable tourism“*, zu Deutsch: „Nachhaltiger sanften Tourismus stellt der
Tourismus“*, eine Reiseform also, die langfristig nicht nur „Nachhaltige Tourismus“
Gelder im Land belässt und sozioökologisch angemessen dar.
verläuft, sondern außerdem gewährleistet, dass auch im
zweiten und dritten Schritt keine Umkehr der erreichten
Lebensverbesserung der Einwohner in den Zielgebieten
erfolgt.

Mittlerweile haben sämtliche Reiseveranstalter entspre-


chende Ansätze formuliert, wie sie in Sinne eines „sanften

97
Reisearten und -formen

Reisens“ vorgehen; vielfach dokumentiert auf den ersten


Seiten der Reisekataloge bei der Darstellung des Firmen-
profils und der -philosophie. Diese Ansprüche jedoch um-
zusetzen und die Umsetzung zu kontrollieren ist nicht zu-
letzt Aufgabe des Reiseleiters.

Es ist mittlerweile kaum mehr zu überschauen, in welcher Jeder Veranstalter entwi-


Form und in welchem Ausmaß sich die Aktivitäten der ein- ckelt eigene Methoden zur
zelnen Reiseveranstalter darstellen und wo sich überall Umsetzung eines umwelt-
Möglichkeiten bieten, in Sinne eines Nachhaltigen Touris- und sozialverträglicheren
mus zu wirken. Deswegen begnügen wir uns an dieser Tourismus.
Stelle mit der Auflistung der von Prof. Jungk entwickelten
Gegenüberstellung von Elementen des „Harten Reisens“
und denen des „Sanften Reisens“. Um die konkrete Umset-
zung sind die jeweiligen Veranstalter mit Hilfe von hausei-
genen Methoden bemüht.

„Hartes Reisen“ „Sanftes Reisen“


Massentourismus Einzel-, Familien- und Freundesreisen

Wenig Zeit Viel Zeit


Angemessene, auch langsame Verkehrs-
Schnelle Verkehrsmittel
mittel
Festes Programm Spontane Entscheidungen

Außengelenkt Innengelenkt

Importierter Lebensstil Landesüblicher Lebensstil

„Sehenswürdigkeiten“ Erlebnisse

Bequem und passiv Anstrengend und aktiv


Vorhergehende Beschäftigung mit dem
Wenig oder keine geistige Vorbereitung
Reiseziel
Keine Fremdsprache Sprachenlernen

Überlegenheitsgefühl Lernfreude

Einkaufen („Shopping“) Überlegt Geschenke bringen


Erinnerungen, Aufzeichnungen, neue
Souvenirs
Erfahrungen
Knipsen und Ansichtskarten Fotografieren, Zeichnen, Malen

Neugier Takt

Laut Leise

98
Reisearten und -formen

6.6 Öko-Tourismus

Unter Öko-Tourismus ist die Reiseform zu verstehen, de- „Öko-Tourismus“ bezeich-


ren bewusst als Programm definierter Schwerpunkt die net eine Reiseform, die be-
Einhaltung der Prinzipien eines umwelt- und sozialverträg- wusst einen umwelt- und
lichen Reisestils ist. Sowohl der Vertrieb der Reisen trägt sozialverträglichen Reisestil
dem Umweltgedanken Rechnung (z. b. die Kataloge sind einhält.
aus Recycling-Papier hergestellt, sie sind mit einer Schutz-
gebühr versehen und sollten nach Gebrauch zurück- oder
an Freunde und Bekannte weitergegeben werden) als auch
die Durchführung sind nach strengen Auflagen konzipiert.
Bestandteile der Reisen sind u.a. Themenreisen mit speziell
ökologischer Ausrichtung. Beispiele sind u.a. die Ökologie
einer Reiseregion, Umweltinitiativen im besuchten Land,
der organisierte Austausch mit Initiativen und Umwelt-
gruppen im Reiseziel, Besuch von Ökocamps*, Workshops
zum Thema Umwelt, Umweltsäuberungsaktionen wie der-
einst vom ATE (Arbeitkreis Trekking- und Expeditionstou-
rismus) organisierte „Clean-up-Trek“ im Annapurna-Ge-
biet Mitte der 90er Jahre, bei dem die mitreisenden Gäste
den von Trekkern am Wegesrand hinterlassenen Müll be-
seitigten etc. Vielfach werden von Veranstaltern dieser
Reiseform Spenden zur Unterstützung von Umweltkam-
pagnen und -initiativen gesammelt und diesen zugeführt.
Teilweise erhalten sie auch Zuwendungen in Form von
Fördergeldern aus Bundesmitteln.

Einige der konsequent verfolgten Ziele dieser Anbieter


sind der Verzicht auf Flugreisen, bei besonders fernen
Zielen zumindest erst ab einer gewissen Reisedauer (ab
zwei bis drei Wochen), die konsequente umweltgerechte
Müllentsorgung vor Ort (Verbrennen von Papier, Vergra-
ben von Kompost, Rückführung von Restmüll), die Ver-
sorgung durch kooperierende, biodynamisch orientierte
Nahrungsmittelerzeuger usw.

Das angesprochene Publikum legt dabei besonderen Wert Der Öko-Tourismus stellt
auf die Ideale des Veranstalters, ist dadurch auch bereit, eine kostenintensive Rei-
einen Mehrpreis zu bezahlen, um die Aufwendungen dieser seform dar.
kostenintensiveren Reiseform zu kompensieren.

Der Begriff Öko-Tourismus hat sich im Laufe der Zeit be- Als „Eco-Tourism“ wird na-
sonders in Ländern der sog. Dritten Welt etwas von der turnahes Reisen insbeson-
Ursprungsbedeutung entfernt. Vielerorts wird „Eco-Tou- dere in den Ländern der
rism“ nunmehr die Reiseform verstanden, die wir unter sog. Dritten Welt verstan-
Aktivurlaub bzw. „naturnahem Reisen“ in Kap. 6.4 behan- den.

99
Reisearten und -formen

delt haben. Der ökologische Aspekt wird reduziert zu ei-


nem intensiven Umgang mit der Natur, etwa in Form von
Regenwaldwanderungen, Canyoning, Kayakfahren etc. Im
weitesten Sinne erstreckt sich die Bedeutung vielleicht
noch auf „Ferien auf dem Bauernhof“ in einer entspre-
chenden Naturregion, nicht jedoch auf sozialpolitisch mo-
tiviertes Reisen.

6.7 Incoming – Outgoing

Die letzten beiden hier aufgeführten Begriffe „Incoming“* „Incoming-Tourismus“ be-


(engl. „hereinkommend“) und „Outgoing“* (engl. „ausge- zeichnet den ins Land he-
hend“) bezeichnen die Bewegungsrichtung von Reisenden. reinkommenden Reisever-
Als Incoming-Tourismus bezeichnet man den Reisever- kehr.
kehr, der „ins Land kommt“, also in unserem Fall den aus-
ländischen Tourismus nach Deutschland. Outgoing-Tou-
rismus bedeutet entsprechend den umgekehrten Reisever-
kehr, nämlich von Deutschland ausgehend ins Ausland.
Sogenannte Incoming-Agenturen in einem jeweiligen Ur-
laubsland außerhalb Deutschlands sind die Agenturen, von
denen in Kap. 4.3 die Rede ist, die „Partneragenturen vor
Ort“. Sie kümmern sich um die in ihr Land kommenden
Gäste.

Reisen ausländische Touristen nach Deutschland, so wer- „Outgoing-Tourismus“ be-


den sie durch die Reiseveranstalter ihres Heimatlandes zeichnet den ins Ausland
hierher befördert, welche dann als Outgoing-Agenturen gehenden Reiseverkehr.
fungieren. Diejenigen Organisationen, die in Deutschland
für uns selbst weniger in Erscheinung treten, die es jedoch
in einer erstaunlichen Anzahl gibt, agieren somit als Inco-
ming-Agenturen. Genau genommen bezieht sich das Gebiet
nicht nur auf das Reiseland, sondern im einzelnen auch auf
die spezifische Region, die Stadt oder auch das Dorf, wel-
ches besucht wird. So sind beispielsweise die an der Orga-
nisation von Ferien in Bayern für Gäste aus Norddeutsch-
land einbezogene Unternehmen bayrische Incoming-Ver-
anstalter in bezug auf das norddeutsche Publikum.

Diese Definition sollte Ihnen bewusst machen, dass es eben Der Incoming-Reiseverkehr
nicht nur den deutschen Reiseverkehr ins Ausland gibt, erschließt dem Reiseleiter
sondern dass auch ausländischer Tourismus auf Deutsch- ein Arbeitsgebiet unter um-
land ausgerichtet ist, der nach ähnlichen Mustern verläuft. gekehrten Vorzeichen.
Für Sie als Reiseleiter bedeutet dies wiederum ein enorm
erweitertes Arbeitsfeld unter umgekehrten Vorzeichen.
Denn der gravierende Unterschied liegt in der Situation,
jeweils ausländischen Gästen das eigene Land näher brin-

100
Reisearten und -formen

gen zu müssen und es mit einer Nationalität zu tun zu ha-


ben, die nicht die Ihre ist. Dies bedeutet zweifaches Um-
denken: Sie müssen Ihr Land und das Ihnen als völlig nor-
mal und vertraut Erscheinende einem Publikum vermitteln,
welches mitunter nicht die geringsten Vorkenntnisse über
unsere Kultur besitzt, geschweige denn Ihren Erläuterun-
gen folgen kann, wenn Sie sich der schwierigen Situation
nicht bewusst sind, die Sie auf Auslandsreisen mit den „lo-
cal guides“ haben. Hierbei war die Rede von der Aufgabe
des deutschen Reiseleiters, die Gesamtzusammenhänge
erklärend darzustellen, die der einheimische Reiseleiter
nicht zwingend überschauen kann, weil er seine spezifische
Perspektive hat. Wenn Sie z. b. in Deutschland mit einer
japanischen Reisegruppe unterwegs sind, müssten Sie
meist japanisch oder zumindest Englisch sprechen, zudem
Ihre eigene Kultur dem japanischen Denken plausibel ver-
ständlich machen. Hierzu ist eine genaue Kenntnis der
Kultur der anreisenden Gäste notwendig. Sprachkenntnisse
sind von Vorteil, unabdingbar ist in jedem Fall eine Refle-
xion der eigenen Kultur.

Zusammenfassung
Bei der Darstellung der verschiedenen Reisearten
und –formen wurde zuerst die Gruppenreise allge-
mein ausgeführt. Dieser Überbegriff beinhaltet ver-
schiedene Reisearten, jedoch kennzeichnet sie eine
Reihe typischer Merkmale. Ihre Hauptcharakteristik
ist das Vorhandensein einer Gruppendynamik und
der Ablauf gruppendynamischer Prozesse, die Sie als
Reiseleiter erkennen und mitunter steuern müssen.
Es bilden sich Gruppenstrukturen, die sich im Laufe
der Reise entwickeln und verändern. Anhand kon-
kreter Beispiele wurde herausgestellt, dass die psy-
chologischen Fertigkeiten des Reiseleiters speziell
bei dieser Reiseform besonders gefordert sind. Eine
Beschreibung verschiedener Arten der Gruppenreise
(Rundreisen, Studienreisen, Themenreisen und ziel-
gruppenspezifische Reisen) stellte die jeweils spezifi-
schen Schwerpunkte heraus. Während Rundreisen
anhand knapper Kriterien definiert werden können,
liegt die Betonung der Studienreise auf der inhaltli-
chen Gestaltung der Wissensvermittlung, Themenrei-
sen können als Reisen mit besonders spezialisierten
Interessenten bezeichnet werden, wobei die zielgrup-
penspezifischen Reisen von vornherein auf be-
stimmte Bevölkerungsgruppen abzielen.

101
Reisearten und -formen

(Ferien-) Freizeiten stammen eher aus dem nicht-


kommerziellen Sektor, stellen aber für den Reiseleiter
ein ähnliches Betätigungsfeld dar. Viele Reiseleiter
haben vor ihrem Einstieg in den Beruf
Gruppenerfahrungen bei (Ferien-) Freizeiten
gesammelt.
Der Cluburlaub erfährt in jüngster Zeit einen enormen
Aufwind. Sein zentrales Thema ist Erholung durch
sportliche Aktivität und ein clubeigenes Ambiente.
Unter die Rubrik Aktivurlaub fallen sämtliche Reise-
arten wie Wanderreisen, Trekking und sonstige aktive
Methoden, das Reiseziel bewusst und in direkter Be-
rührung mit Natur und Kultur zu erleben. Hierbei sind
besondere Fähigkeiten des Reiseleiters erforderlich.
Die Beschäftigung mit dem „Sanften Tourismus“,
heute als „Nachhaltiger Tourismus“ bezeichnet,
brachte Ihnen die Entstehung des sozial- und um-
weltverträglichen Bewusstseins in bezug auf Reisen
näher. Dies führt direkt zu der Verantwortung, die Sie
tragen, wenn Sie mit Ihren Gästen in den Zielgebie-
ten unterwegs sind. Eine Gegenüberstellung von
Kriterien des „sanften Reisens“ mit denen des „harten
Reisens“ ließ Raum zur eigenen Betrachtung Ihrer
persönlichen Methoden.
Der Begriff des Öko-Tourismus ist zweifach zu ver-
stehen. Einerseits ist die Reiseart gemeint, die ein
überdurchschnittliches Engagement beim Praktizie-
ren von nachhaltigem Tourismus an den Tag legt
bzw. ökologische Themen und Methoden beinhaltet.
Andererseits wird vielfach in Ländern der sog. Dritten
Welt die Reiseart als „Eco-Tourism“ bezeichnet, die
unserer Definition von Aktiv-Reisen mit Betonung der
Bewegung in der Natur entspricht.
Der Unterschied von Incoming und Outgoing wurde
erklärt, nicht zuletzt, um einen weiteren Bewusst-
seinsprozess in Gang zu bringen: Die Institution der
Incoming-Agenturen, mit denen Sie als Reiseleiter
vor Ort im Ausland zusammenarbeiten, sind in unse-
rem eigenen Land in gleicher Weise existent und ak-
tiv – für ausländische Touristen. Die tragende Rolle
der Partneragenturen in unseren Reisezielen wurde
ausführlich beschrieben, jedoch wurde an dieser
Stelle Wert auf die Feststellung gelegt, dass eine An-
stellung als Reiseleiter im eigenen Land bedeuten
würde, die gleiche schwierige Aufgabe zu haben wie
ein local guide für unsere Gruppen. Dies bedeutet

102
Reisearten und -formen

eine intensive Beschäftigung mit der Denkweise der


Touristen aus anderen Kulturen und die Herausforde-
rung an den Reiseleiter, das eigene Land zu erklären.

103
7 Glossar

A/a
Animateur von lat. animare: „beleben“, „beseelen“. Der Animateur
hat die Aufgabe, Menschen zu motivieren, in Stimmung zu bringen
oder auch nur zur Aktivität zu animieren.
Autoritärer Führungsstil psychologischer Begriff. Die Führungs-
person liefert klare Vorgaben und Entscheidungen und führt diese
durch. Dies kann auch indirekt, jedoch stets unmissverständlich ge-
schehen.

B/b
Beschwerde reiserechtlicher Begriff. Mündlich oder schriftlich vor-
getragene Mängelbekundung von Kunden gegenüber dem Veran-
stalter bzw. seinen Leistungsträgern. Zuweilen werden Stellung-
nahmen, Abhilfeleistung, jedoch nicht explizit eine Rückerstattung
verlangt. (siehe „Reklamation“).
Burn-Out-Syndrom engl. „ausbrennen“, psychologischer Begriff
für Abnutzungserscheinungen bei Motivation und Engagement im
Beruf.

C/c
Counter engl. „Schalter“, „Pult“, Verkaufs- und Beratungsstelle z. b.
im Reisebüro, Check-In-Counter am Flughafen: Abwicklungsstelle
der Abreisemodalitäten.

D/d
Destination engl. Bestimmungsort, Zielgebiet; in der Schifffahrt
wird der Begriff auch für den letzten vertraglich vereinbarten Lan-
deplatz verwendet.

E/e
Einkaufsleiter berufliche Position in Betrieb, bei Reiseveranstalter
z. b. Leiter Hoteleinkauf, Flugeinkauf etc.

104
Glossar

F/f
Fakultativangebot zusätzlich angebotene touristische Leistung, auf
eigene Kosten und Verantwortung der Gäste bei freiwilliger Teil-
nahme.
Flughafentransfer siehe „Transfer“
Folklore Darbietung traditioneller Veranstaltungen wie Tanz, Musik
etc.; im touristischen Sinne: Darbietung für Touristen.

G/g
Gruppendynamische Prozesse psychologischer Begriff für typi-
sche psychologische Entwicklungen und Abläufe innerhalb von
Gruppen.

H/h
Höhere Gewalt reiserechtlicher Begriff. Faktor bei Störung des Rei-
seablaufs durch Unwetter, politische Krisen oder unabwendbaren
technischen Problemen (z. b. bei Flugsicherheit).

I/i
Incentive-Reise Reiseart für Firmen, um Mitarbeiter zu motivieren,
zu belohnen oder Teambewusstsein zu trainieren.
Incoming-Agentur siehe Partner-Agentur
Info-Counter siehe „Counter“

K/k
Kulturschock sozialpsychologischer Begriff für psychischen Aus-
nahmezustand, hervorgerufen durch Überforderung bei extremen
kulturell verschiedenen Gegebenheiten.

L/l
Leistungsträger Produzent einer Reiseleistung wie z. b. Hotel, Re-
staurant, Busunternehmen, Fluggesellschaft etc.
Local guide engl. „einheimischer Führer“, einheimischer Reiseleiter
im Zielgebiet.

105
Glossar

N/n
Nachhaltiger Tourismus Begriff für die vervollkommnete Art des
„Sanften Tourismus“ unter Einbezug tiefgreifender Analysen der so-
zialen und ökologischen Strukturen vor Ort. Die bereisten Zielge-
biete sollen nachhaltig und langfristig vom Tourismus profitieren.

O/o
Öko-Camp Unterkunftsanlage auf ökologischer Basis; meist erfolgt
die Verpflegung durch biodynamische Erzeugnisse etc.
Outdoor-Reise engl. „vor der Tür“, extreme Reiseart, die den di-
rekten Bezug zur Natur impliziert, die Teilnehmer sind auf wenige
Hilfsmittel angewiesen.
Outgoing-Agentur engl. „ausgehend“, Begriff für das Gegenteil
von „Incoming-Agentur“; im eigentlichen Sinne Reiseveranstalter,
der Gäste aus dem eigenen Land in andere Reiseziele bringt.

P/p
Partner-Agentur lokaler Reiseveranstalter im Zielgebiet, der mit
deutschem Reiseveranstalter kooperiert und Teile der Organisation
vor Ort übernimmt.
Pauschalarrangement Kombination aus einzelnen Reiseelementen
wie z. b. Flug, Hotel, Mietwagen oder Verpflegung zu einem „Ge-
samtpaket“, das der Kunde in Form eines Gesamtpreises bezahlt.
Produktmanager bestimmte berufliche Position im Betrieb (z. b.
bei Reiseveranstalter Leitung touristischer Produktabteilung und
Länderbereiche).
Produktpalette Sortiment an verschiedenen Reisearten, die von ei-
nem Reiseveranstalter angeboten werden.

R/r
Regressanspruch Anspruch des Reisegastes auf Zahlung von
Rückerstattung bei mangelnder Reiseleistung seitens des Reisever-
anstalters.
Reiseführer literarische Publikation mit Thema Reisen in einem
spezifischen Zielgebiet.
Reklamation reiserechtlicher Begriff: mündlich oder schriftlich vor-
getragene Mängelbekundung bei Formulierung einer Rückerstat-
tung.

106
Glossar

Repräsentanz Vertretung eines Reiseveranstalters im Zielgebiet,


meist in Form eines Büros oder eines Standortreiseleiters.
Rezeption (auch: Empfang) Aufnahmeraum, Empfangsbüro im Fo-
yer eines Hotels, wo sich ankommende Reisende melden und vom
Hotel angebotene sowie andere Serviceleistungen verlangen können.

S/s
Sanftes Reisen siehe Sanfter Tourismus
Sanfter Tourismus Begriff von R. Jungk für einen umwelt- und so-
zialverträglichen Reisestil. Geprägt in den 80er Jahren, komplettiert
durch den Begriff des „nachhaltigen Tourismus“ (siehe nachhaltiger
Tourismus).
Segment lat. „Teil“, Reisesparte, Reiseart, Bereich
Soziale Kompetenz soziologischer Begriff für Fähigkeiten im
menschlich-persönlichen Bereich.
Sozialintegrativer Führungsstil psychologischer Begriff. Die
Führungsperson lässt die Gruppe an Entscheidungen teilhaben, ver-
sichert sich jedoch der sinnvollen Zielausrichtung und steuert mit-
unter die Entscheidungsprozesse.
Sozialverträglicher Reisestil Reisestil, der dem Schutz der sozia-
len Gegebenheiten und Strukturen Rechnung trägt.
Standortrepräsentanz siehe Repräsentanz
Survival engl. „Überleben“, Survival-Trainings dienen zum Erlernen
von Fähigkeiten im Umgang mit der Natur bzw. der Selbstfindung.
Sustainable Tourism engl. „nachhaltiger Tourismus“, siehe nach-
haltiger Tourismus

T/t
Transfer Beförderung von Gästen oder Gepäck von einem Ort zum
anderen, meist wird der Begriff benutzt beim Abholen von Gästen
vom Flughafen zum Hotel o.ä. bzw. umgekehrt.
Trekking Reiseart, die die Hintereinanderschaltung von Tageswan-
der-Etappen beinhaltet.

107
8 Literatur

Born, Volker: Destination Reiseleitung. F.S.R. e.V.; Ha-


gen, 1990.

Günter, Wolfgang: Handbuch für Studienreiseleiter. Starn-


berg, 1982.

Hinske, N & Müller, M. J. Reisen und Tourismus. Trier,


1975.

Hunziker, W. & Krapf, K. Beiträge zur Fremdenverkehrs-


lehre und Fremdenverkehrsgeschichte. Bern, 1941.

Jungk, Robert. Wieviel Touristen pro Hektar Strand? GEO


10/1980.

Mäder, Uli. Vom Kolonialismus zum Tourismus – von der


Freizeit zur Freiheit. Zürich, 1987.

Niemeyer, Wolfgang. Reiseleitung – Zur Stellung des Rei-


seleiters in der interkulturellen Kommunikation.
Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung; Basel,
1985.

Opaschowski, Horst. Tourismusforschung. Opladen, 1989.

Studienkreis für Tourismus e.V. Handbuch für Reiseleiter.


München, 1966.

Periodika
• FVW International, Zeitung für die Tourismuswirtschaft
• Reisebüro Bulletin
• Touristik Aktuell
• TID – Touristik Kontakt 2002, Hamburg, 2002

Internet
• www.bvgd.de Bundesverband der Gästeführer in
Deutschland
• www.drv.de Deutscher Reisebüro- und
Reiseveranstalter Verband e.V.
• www.fvw.de Umfassender Site der
Zeitschrift mit Stellenmarkt
(s.o.)
• www.reiseleiterverband.de Reiseleiterverband

108
9 Prüfungsaufgaben

1. Beschreiben Sie die Hauptgründe für die Entwicklung des


Massentourismus. Zeigen Sie anhand eines von Ihnen gewählten
Beispiels typische Auswirkungen durch den Tourismus auf.

2. Nennen Sie die Aufgaben, die unsere Beispiel-Reiseleiterin Antje


an diesem Tag auf Mauritius zu erledigen hat.

3. Erläutern Sie vier der persönlichen Tricks, die Antje angewandt


hat, um ihre Gäste zufrieden zu stellen.

4. Zwischen Reiseleiter und Reisebegleiter gibt es wesentliche


Unterscheidungsmerkmale. Bitte stellen Sie in tabellarischer Form
die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede zwischen Reiseleiter
und Reisebegleiter dar.

5. Warum müssen Reiseveranstalter in vielen Ländern zusätzlich zu


ihrem deutschen Reiseleiter einen örtlichen Reiseleiter
engagieren? Welche Aufgaben erfüllt der deutsche Reiseleiter auf
einer Rund- bzw. Studienreise, wenn ein local guide zusätzlich
eingesetzt wird?

6. Nennen Sie in einem Land Ihrer Wahl 10 konkrete Themen, über


die Sie während einer zweiwöchigen Studienreise auf längeren
Busfahrten in Form von Vorträgen referieren. Wie lassen sich
diese Themengebiete während der Reise auch indirekt vermitteln?

7. Sie werden auf einer Wanderung mit Ihrer Reisegruppe von einem
Gast aufgrund Ihrer mangelnden botanischen Kenntnisse vor der
gesamten Gruppe brüskiert. Wie verhalten Sie sich?

8. Zeigen Sie drei der Vorteile auf, die Sie als Reiseleiter haben,
wenn Sie sich eingehend mit der Sichtweise der Einheimischen
beschäftigen. Was ist Ihrer Meinung nach das größte Problem in
diesem Zusammenhang?

9. Weshalb ist eine präzise und klare Informationsweitergabe bezüg-


lich reisetechnischer Sachverhalte so immens wichtig? Nennen Sie
die zwei wesentlichen Informationsarten, die ein Reiseleiter
vermitteln muss. Geben Sie jeweils ein eigenes Beispiel dafür.

10. Was versteht man unter einem „Gruppenkoller“? Beschreiben Sie


eine Methode, mit der Sie diesem gefürchteten Phänomen auf
längeren Rundreisen vorbeugen können.

109
Prüfungsaufgaben

11. Was sind die Hauptmerkmale einer Studienreise? Recherchieren


Sie bitte, welche Varianten von den großen deutschen
Studienreiseveranstalter angeboten werden. Stellen Sie diese bitte
Tabellarisch dar und ziehen Sie ein kurzes Fazit, welche
Unterschiede Sie ausmachen können?

12. Erklären Sie den Unterschied zwischen einer Trekking-Reise und


einer Wanderreise.

13. Besorgen Sie sich aus einem Reisebüro Katalogmaterialien von


max. 3 verschiedener Reiseveranstaltern und beschreiben Sie
jeweils deren konkrete Prinzipien und Vorgehensweisen, um
„nachhaltiger“ Tourismus zu betreiben.

14. Erläutern Sie die Gründe und die verschiedenen Möglichkeiten ei-
ner Incentive-Reise.

15. Erklären Sie den Unterschied zwischen Incoming- und Outgoing-


Tourismus und erläutern Sie die Aufgaben des Reiseleiters einer
Incoming-Agentur in Deutschland.

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Umschlagsrückseite (Beispiel Lehrgang Touristikfachkraft)

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Touristik
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