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4j Arabische Schriftzeichen in der Renaissancemalerei

, l Von Sibylla Schusteb-Walseb, Grenoble

In der Festschrift Caskel* beschreibt R. Sellheim* einen Altar des

Masaccio mit einer auffallenden Besonderheit: Im Heiligenschein der


Madonna finden sich — in Spiegelschrift, wie Sellheim feststellt —
arabische Schriftzeichen. Er deutet diese als Sahäda und knüpft
daran einen Hinweis auf den vermuteten Stifter des Altars, einen

prominenten Florentiner Levantekaufmann.


Dieser erstaunliche Zusammenhang wäre bei der Vorliebe der
Renaissancemalerei für versteckte Andeutungen durchaus denkbar.
Nun gibt es aber in dieser Epoche eine größere Anzahl von Beispielen
für mit arabischen Zeichen geschmückte Heiligenscheine, die teils
früher, teils später als der Altar des Masaccio zu datieren sind*.

Aus der Fülle der Beispiele seien hier angeführt:

Pietro da Rimini, Gemälde Nr. RF 2287 im Louvre, Paris, ent¬


standen 2. Viertel des 14.Jh. : Arabische Lettern im Nimbus

mehrerer Heiliger.

Gentile da Fabriano (1370—1450), Anbetung der Könige, Acca¬


demia dei Belli Arti, Florenz, entstanden 1423: Lettern im Nimbus

von Maria und Joseph.*

Antonio Filarete (1410— ca. 1470), Bronzetüren für St.Peter in


Rom, entstanden um 1431: Schrift im Nimbus Christi*.

Sandro Botticelli (1444/5—1510), Madonna mit Jesus und Jo¬


hannes, im Louvre, Paris, entstanden um 1472: Arabische Lettern
im Nimbus des Jesusknaben.

Betrachtet man diese Beispiele näher, so zeigt sich, daß nicht nur

im Nimbus, sondern auch an den Gewandsäumen verschiedener Figuren


Schriftbänder abgebUdet sind. Das heißt : die Schriftbänder treten nicht

1 Leyden 1968.
' Rudolf Sellheim: Die Madonna mit der Schahada, a.a.O. p. 308—315.
3 Datiert 23. Aprü 1422.
* Bei H. Lavoix: De V ornamentation arabe dans les oeuvres des maitres
italiens. In: Gazette des Beaux Arts 16 (1877), p. 15—19.
5 G. SouLiEB : Les characteres coufiques dans la peinture toscane. In : Gazette
des Beaux Arts 1924, p. 347—368.
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als isolierter Zierat oder sinnvoll gemeinte Beschriftung im Heiligen¬


schein auf, sondern setzen das Muster der Borten an den Gewändern
fort.
So hat die Madonna des Masaccio auch Schrift am Halsaussschnitt.

Auf dem Gemälde des Fabriano tragen ein König und ein Knappe
Gewänder mit Schriftborten. Auf den Bronzetüren von St. Peter zeigen
die Kleider der Apostel Petrus und Paulus arabische Lettern.
Eine solche Zierde auf den Gewändern der Mutter Gottes oder von

Heiligen ist keine Seltenheit. Von Giotto bis Ralfael lassen sich reichlich
Beispiele anführen. Selbst Skulpturen der Madonna mit aufgemalten
Schriftborten am Gewandsaum sind vorhanden*. Ein Gang durch die

Galerie italienischer Maler im Louvre bringt zwanzig zweifelsfreie


Darstellungen von Gewändern mit arabisch beschriftetem Saum.

Man kann geradezu von einem ikonographischen Topos sprechen:


Der Madonna gebührt ein orientalisch-kostbares Gewand, gekenn¬

zeichnet durch ein mehr oder weniger getreu abgebildetes arabisches


Schriftband am Halsausschnitt und Saum des Kleides, an der Ein¬

fassung des blauen Mantels und aueh oft am Kopfschleier. Dabei ist
unerheblich, ob die Schrift leserlich, nur angedeutet, spiegelverkehrt
oder zum reinen Muster stilisiert ist ; sie soll nur die kostbare Herkunft
des Gewandes aus dem Orient beweisen.

Eine Untersuchung dieser Charakteristika ist bereits 1924 von

G. Soulier' unternommen worden. Er datiert sein frühestes Beispiel,


ein schriftverziertes Gewand auf den Fresken Deodato Orlandis in der

Kirche San Pietro in Grado in Pisa, auf das Jahr 1275. Von da an

erscheinen die orientalischen Stoffe häufiger als Vorhänge, Gewänder,


Schleier und Wandteppiche. Man findet sie gleichermaßen bei Giotto
wie bei der Schule des Duccio di Buoninsegna in Siena, bei den Floren¬
tinern bis hin zu Raffael, wie bei dem Meister von F16malle. Es kann

vorkommen, daß dieselbe Vorlage nicht nur auf verschiedenen Ge¬

mälden identisch wiedergegeben wird, sondern sogar auf demselben


Gemälde zwei- oder dreimal wiederholt wird*.

° Holzskulptur der Madonna im Kloster Wienhausen bei Celle, entstanden


run 1280: Goldene Kufi-Borte an Ausschnitt und Saum; Madonna von
Villenueve-lös-Avignon (KoUegierrkirehe), bemalte Elfenbeinstatue aus dem
14. Jh. : Blütenkufi an Ausschnitt rmd Mantel.
' G. Soulier: Les imfluences orientales dans la peinture toscane. Diss. Paris
1924, hier p. 185—194.
9 So zum Beispiel Duccio di Buoninsegna, Maestä, Siena Dommuseum, wo
die Madonna, Santa Caterina und Sant' Agnese denselben Schleier tragen.
Derselbe erscheint auch auf den Madonnenbildern von Brüssel (Coheotion
Stoclet), von Siena (Pinacoteca), von Bern (K\mstmuseum) imd von Perugia
(Pinacoteca).
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Gelegentlich tragen nicht nur Heilige, sondern auch Gestalten in


welthcher Tracht Schriftbänder am Mantel und am Obergewand.
Bernardo Parentino (1434—1531) kleidet einen Soldaten in eine
schriftverzierte Tunika (Das Leben des Hl. Antonius, Abt von San
Marco, Galleria Dorla Pamphili, Nr. 222). Auf einem Gemälde des
Pesellino (1422—1457), das ein Wunder des Hl. Sylvester illustriert,

tragen die römischen Notabeln mit arabischen Lettern verzierte Tuni¬


ken und Umhänge (Palazzo Dorla, Rom).
Aus diesen häufigen Darstellungen läßt sich ableiten, daß wir es mit
den Wiedergaben realer Stoffe zu tun haben. Diese Annahme ist mit
echten Stoffresten oder ganzen erhaltenen Gewändern zu belegen.
In den Schätzen französischer und deutscher Kathedralen sind uns

Seiden und Mischgewebe mit Inschriften aus dem Vorderen Orient


erhalten. So gab es im Schatz der Marienkirche in Danzig eine Brokat-
casula ägyptischer oder persischer Herkunft aus dem 14. Jahrhundert
mit einem deutlichen Schriftband in der Rückenmitte*. Im Diözesan-

museum Bamberg wird ein Schleierstoff mit schöner kufischer Inschrift

gezeigt, der aus dem Grabe Papst Clemens II. im Bamberger Dom
stammt (f 1047) und aus Bagdad importiert sein soll. Neuerdings ist
bei Grabungen im Bremer Dom aus einem Bischofsgrab ein Gewand¬
bruchstück mit Schriftborte — vermutlich mamlükischer Herkunft —

zu Tage gekommen*".
Außer geistlichen Gewändern besitzen wir auch Zeugnisse für welt¬
liche Kleidungsstücke aus dem genannten Zeitraum. Unter den Staats¬
ornaten der deutschen Kaiser in der Wiener Hofburg befindet sich der
sogenannte Reichskleinodienmantel, der um 1133 in Sizilien für den
normannischen König Roger II. hergestellt wurde. Sein Saum ist mit
einer breiten goldenen Borte in arabischer Schrift bestickt. Ebenfalls
aus dem Sizilien des 12. Jahrhunderts stammt der Mantel Kaiser

Heinrichs VL, der in Regensburg aufbewahrt wird. Er trägt ein Schrift¬


band im Mittelstreifen auf dem Rücken und Schrift in einem Stern¬

medaillon**. Die Signatur eines arabischen Künstlers oder Stifters,


wenn auch auf lateinisch, trägt ein Mantel Kaiser Heinrichs II. im
Bamberger Diözesanmuseum**.

" O. VON- Falke: Oeschichte der Seidenweberei. Berhn 1913, p. 308.


1» ZEITmagazin Nr. 14, 28. März 1975, p.32. Die Inschrift lautet:
sultän al-'azim ,, Erhabener Sultan".
11 Inschrift im Mittelstreifen: al-'izz wa'n-nasr wa'l-iqbäl, zu deutsch:
,,Ruhm, Sieg und Glück!" Im Medaillon: „'amila ustäd 'Abd al-'Aziz", zu
deutsch: ,, Verfertigt vom Meister 'Abd al-'Aziz". Angaben siehe Artikel
„riröz" EI* von A. Gbohmann.
■" Inschrift: „PAX ISMAHELI QVI HOC ORDINAVIT".
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Dies sind nur einige wenige Belege aus dem großen Schatz islamischer
Stoffe und Gewänder, die ihren Gebrauch in kirchlichen und weltlichen
Diensten überdauert haben. Sie haben nicht nur die abendländische

Industrie angeregt, sondern wurden auch von Künstlern immer wieder

dargestellt.
Ihr zeitlich begrenztes Auftreten und die ,,Mode" der italienischen
Malerschulen, sie abzubilden, legt nahe, den historischen Hintergrund
zu untersuchen.
Islamische Herrscher hielten sich Hofmanufakturen mit besonderem

Rechtsstatus, sogenannte där at-tiräz'^^. Diese Werkstätten stellten

die ursprünglich dem ausschließlichen Gebrauch des Herrschers —


Chalife, Sultan oder Emir — vorbehaltenen Gewänder her, und zwar
in verschiedenen Techniken: Weberei, Wirkerei, Stickerei.

Die Schriftborten enthielten Titel, Segenswünsche für den Herrscher,


Datierungen und Herstellungsvermerke der Werkstatt. Eine große
Anzahl Tiräz-StoSe aus ägyptischen Gräbern führt E. Kühnel in der
Sammlung des Dahlemer Museums vor**. Aus der Textsammlung wird
ersichtlich, daß die Bedeutung der Inschrift vom Handwerker nicht

immer verstanden wurde. Es finden sich im Rapport wiederkehrende


Kürzel wie nasr min Allah (,,Sieg von Gott") zu dekorativen Schnör¬

keln stilisiert; daneben gibt es ganz verstümmelte Anhäufungen von


Lettern. Hier waren offenbar schriftunkundige Handwerker tätig, die
nach einer mißverstandenen Vorlage arbeiteten**.
Nicht anders erging es den abendländischen Seidenwebern, als sie

begannen, die orientalischen Stoffe nachzuahmen: Die Schrift geriet


zum reinen Ornament. Diese Entwicklung spiegelt sich folgerichtig in
der Malerei: Die Schrift ist zum unleserlichen Schmuckelement ge¬
worden, nur spurenweise sind Stilrichtungen wie Blühendes Küfi oder
Tulut zu erkennen. Wie Soulier** entdeckte, war den Malern jedoch
zum Teil bewußt, daß es sich boi den Ornamenten um Schrift handelte.

Sie verbargen in der pseudoarabischen Schrift gotische Zeichen, die

sich zu einem Gebet oder Segensspruch zusammenfügen. Ein besonders

13 Dazu ausführlich A.Gbohmaiot a.a.O.


i-" E.KÜHNBL: Islamische Stoffe aus ägyptischen Gräbern. Berhn 1927.
i^ Vergleichbare Schwierigkeiten soheint der Schöpfer des bereits ange¬
führten Mantels Kaiser Heinrichs II. kurz nach der Jahrtausendwende
gehabt zu haben. Die lateinische Randumschrift lautet: O DECVS EVROP.iE
CESAR HEINRICE BEARE ANGEAT IMPREIUM IBTI REX QUI
REGNA WNE, womit wohl gemeint war: O DECVS EVROPAE CAESAR
HEINRICE BEATE AVGEAT IMPERIVM TIBI REX QUI BEGNAT
IN AEVUM (O Zierde Europas, glücklicher Kaiser Heinrich, der König,
der in Ewigkeit regiert, mehre Dein Reich).
" a.a.O.
94 Sibylla Schtjsteb-Walseb

schönes Beispiel liefert Fra Angelico in der 'Marienkrönung' im


Louvre*'.

Die Tiräz-Werkstätten waren ursprünglich dem Chalifenhof in


Damaskus und später Bagdad angegliedert. Mit der Entwicklung des
islamischen Reiches hielt sich jedoch bald jeder halbwegs unabhängige
Hof eine Manufaktur. Die Normannen fanden bei der Eroberung von
Sizilien in Palermo (1072) eine Där at-Tiräz vor, die sie übernahmen
und für den eigenen Gebrauch weiterarbeiten ließen. Dort sind die
Prunkmäntel angefertigt, die durch die Verbindung von Heinrich VI.
und der Erbin von Sizilien, Konstanze, an das deutsche Kaiserhaus

und damit in deutsche Schatzhäuser gelangten.


War im Chalifenreich die Produktion zunächst nur auf den Bedarf

des Herrschers ausgerichtet, so versah sie in der Folge den ganzen Hof
und Würdenträger bis über die Grenzen des Reiches hinaus: man
stellte die 'Ehrengewänder' her, in alter Zeit vom Herrscher einmal

getragene Anzüge, die — mit Charisma behaftet — als besondere Gnade


an verdiente Würdenträger verliehen wurden. Später wurde daraus

ein geläufiges Ehrengeschenk. Die Kleider waren neu und eigens in


großer Menge zum Verschenken hergestellt.
War es zunächst den abendländischen Kaufleuten unmöglich, diese
Prunkausstattungen zu kaufen, so wurden sie im späteren Islam bald

profaniert und im Handel zu haben. Die letzten Mamlukensultane in


Ägjrpten mußten sogar die Ausstattungen im Bazar teuer erwerben**.
Dort wußten sich auch Venezianer und Florentiner die begehrten Wert¬
stücke zu verschaffen.

Die Materialien dieser Kleidung variieren naturgemäß in den ver¬


schiedenen Epochen. Im frühen Islam war die rare Seide nur als Wirk¬
material oder Stickgarn für die feinen Ornament- und Schriftborten
gebräuchlich. Nach dem Mongolensturm webte man Kleider und Mäntel
ganz aus dem exquisiten Stoff. Mit andern Mustern entwickelt sich
dabei ein Schriftdessin, das in Blumen, Palmetten, Kreuze oder Kreise

aufgelöste Sprüche oder Formeln im Rapport wiederholt. Im Heide¬

kloster Wienhausen bei Celle ist ein solcher Seidendamast als Reliquien¬
hülle erhaltengeblieben. Darstellungen auf Gemälden sind reichlich bei
B. Klesse verzeichnet**.

Die Tiräz-Stofife wurden nicht unbedingt in der Manufaktur des

Herrschers hergestellt, den sie nennen. Als üppiges Geschenk kamen

1' Fra Angehco (1387—1455), Couronnement de la Vierge, 314 Cat. 1280


Paris, Louvre.
18 Siehe Kühnbl: Islamische Stoffe, p. 15, nach einer Stelle bei Maqrizi.
*' B.Klesse : Seidenstoffe in der italienischen Malerei des vierzehnten Jahr¬
hunderts. Bern 1967.
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die Ballen von weit her. So gelangten im Jahre 1323 700 Stücke Seide
mit bereits eingewebten Titeln als Präsent einer mongolischen Gesandt¬
schaft an den Hof des Mamlukensultans Näsir ad-Din (1309—1340)*°.
Auch in den Schätzen europäischer Klöster und Kirchen findet man
solche zentralasiatischen oder sogar chinesischen Seiden mit arabischer
Schrift, so ein Meßgewand in Regensburg** ; ehemals in Danzig und in
Berlin gab es sogar Stücke aus dem oben erwähnten mongolischen
Ehrengeschenk**.
Die Schriftbänder auf den Stoffen bedeuteten in der islamischen

Welt also zunächst die Zuneigung an einen Fürsten; sie zählten seine
Titel auf und wünschten ihm Segen**. Später enthielten sie mehr
fromme Kurzformeln, oder sie konnten für den Bedarf modebewußter

Herren und Damen auch mit Gedichten und Zitaten geschmückt sein**.
Für das Abendland, das die Schrift ja kaum verstand, waren sie

jedoch der Hauch des Exklusiven, außerordentlich Teuren und umso


heißer Begehrten. Es ist nur natürlich, daß die Maler diese Epoche ihren
Madonnen und Heiligen in aller Pietät das Beste zudachten, was in
Italiens Städten zu haben war.

In den Sammlungen alter Seidenstoffe finden sich jedoch nicht nur


Textihen mit 'echter' arabischer Schrift. Die italienischen Seidenweber

von Lucca, Venedig und Florenz, die im 13. Jahrhundert ihre Kunst

zu entwickeln begannen, nahmen natürlich die Importstoffe als Vor¬

lage und wandelten die Muster nach ihrem Verständnis ab. Auch die
Teil eines Musters bildende Schrift — sei es als ornamentale Füllung

pflanzlicher Motive oder Schriftrollen — kehrt häufig wieder. Reste


solcher Stoffe sind unter anderm im 'Musee des Tissus' in Lyon zu
sehen. In der Zusammenstellung von B. Klesse** finden sich nicht

wenige arabisierende Muster, die in die Malerei eingegangen sind.


Hier greifen Geschichte der Seidenweberei und des Seidenhandels
ineinander über. Die Seide, eine chinesische Erfindung, war im Westen
schon länger bekannt. Nach Tacitus verbot ein Senatsbeschluß den
Römern das Tragen von Seidenkleidern, um den massiven Abfluß von

Gold einzudämmen**. Erst die byzantinische Hofkultur brachte den


Gebrauch der Seide als Zeremoniengewand und damit eine hohe

Siehe Falke p. 37.


21 Siebe Falke a.a.O.
22 Siehe Falke Abbildimg Nr. 287.
22 In dieser Tradition stehen auch die bereits erwähnten Kaisermäntel.
Die Erklärung, die S. v. Pölnitz : Die Bamberger Kaisermäntel. Weißenhorn
1973, p. 32—35, zum Mantel Kaiser Heinrichs II. gibt, ist denmach abwegig.
2* Siehe Grohmann: firäz a.a.O.
25 Siehe oben.
26 Tacitus: Annales II 33 (16 n.Chr.).
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Webereikunst mit sich. Das Rohmaterial wurde noch eingeführt, die

fertigen Stoffe nach ganz Europa und teils auch nach Asien wieder
ausgeführt. Selbst arabische Werkstätten bedienten sich byzantinischer
Seiden, wie uns der schon erwähnte Reichskleinodienmantel aus

Sizilien zeigt: er ist aus Importseide gefertigt und arabisch bestickt.


Das Zentrum der Manufakturen lag in Syrien, das schon auf anderen
Gebieten der Weberei reichliche Erfahrung besaß. Dorther stammt

auch die persische Seidenindustrie: Schahpür II. siedelte gefangene


syrische Weber in seinem Reiche an*'.
Im 6. Jahrhundert n.Chr. wurde auch im Abendland das Geheimnis

der Rohseidengewinnung bekannt. Von nun an etablierte sich die


Seidenzucht in Griechenland und fortschreitend ebenfalls in Italien. Der

Handel und die Herstellung wurden allerdings überall von Monopolen


eingeengt. Im Mittelalter bis in die Zeit der Kreuzzüge hatten nur die
Städte Pavia und Ferrara das Recht, auf ihren Messen Seide zu ver¬

kaufen**. Die Eroberung des südöstlichen Mittelmeerraums durch den


Islam brachte einen zeitweiligen Zusammenbruch des Handels mit
sich**. Nur die italienischen Städte, die der byzantinischen Hälfte des
Römischen Reiches verbunden geblieben waren, wie Venedig, besaßen

noch Zugang zu den in Byzanz gehandelten oder hergestellten Gütern.


Für die übrigen Gebiete wurde die Seefahrt zum untragbaren Risiko.
Die Lagunenstadt lief bald allen adriatischen, ligurischen und süd¬
italienischen Handelszentren den Rang ab, was Orientimporte betraf.
Während der Kreuzzüge erlaubten dann Reichtum und eine beacht¬
liche Flotte der Republik, sich als Gegenleistung für Transporte der
Kreuzritter und ihre finanzielle Unterstützung beträchtliche Vorrechte
und Besitzungen in den neugegründeten Staaten im Heiligen Land zu
sichern: Ganze Stadtviertel mit allem Handwerk, allen Werkstätten

ging in venezianisches Eigentum über, so unter andern in der Purpur¬


stadt Tyrus*" und in Sidon. Dazu kamen Zollprivilegien in den großen
Handelszentren Avie Antiochia und Latakia, wo im 12. und 13. Jahr¬

hundert die Seidenstraße endete; überall entstanden Niederlassungen


der venezianischen Kaufleute. Diese Expansion brachte nicht nur
einen Strom von kostbaren Textilien nach Europa, sondern mehr und
mehr die Kenntnis von der Herstellungstechnik. Das Rohmaterial

wurde zudem billiger, da leichter zugänglich und regelmäßig eingekauft

" Siebe Falke a.a.O.


2' A.Schaube: Handelsgeschichte der romanischen Völker. München und
Berlm 1906, p. 78.
29 H. Pibenne: Mahomet und Karl der Große. Hamburg 1963, p. 144ff.
3° W.v.Heyd: Geschichte des Levantehandels im Mittelalter. Leipzig 1936,
II p. 154f.
Arabische Schriftzeiohen in der Renaissancemalerei 97

— und im Abendland verbreitete sich die Seidenkleidung unter den

begüterten Schichten der Bürger und des Adels, wo zuvor nur Kirchen,
Klöster und Fürstenhöfe die Mittel für solchen Luxus gehabt hatten.
Die Feinheit der in Italien hergestellten Stoffe nahm rasch zu, und
im 15. Jahrhundert war es so weit, daß der Handelsstrom sich umzu¬

kehren begann : Venedig, Florenz und Lucca exportierten ihre Seiden¬


stoffe in den Orient bis nach Indien**.

Mit dieser Vormachtstellung verschwand das Bedürfnis, die Stoffe


durch 'arabische' Schrift als kostbare Orientware zu kennzeichnen.

Der italienische Erfindungsreichtum und Geschmack hatte aus den

Anregungen des Ostens seinen eigenen Stil entwickelt, der nun über
den fremden gestellt wurde. In der Folge wurden auch die Darstel¬

lungen der arabischen Schriftborten an den Gewändern der Heiligen


zu Beginn des 16. Jahrhunderts selten und verschwanden schließlich.
Aber nicht nur in der italienischen Kunst wurden sie ungebräuchlich
— auch im islamischen Gebiet kamen sie aus der Mode. Das ausgehende

15. und beginnende 16. Jahrhundert sahen große politische Umwäl¬


zungen im Osten: Das Osmanische und das Safavidische Reich, ein
türkischer Vielvölkerstaat und ein persischer Nationalstaat, konsoli¬
dierten sich. Durch Religionszwiste und Machtanspruch verfeindet,
hatten doch beiden Staaten ihre kulturelle Wurzel und Tradition im

alten Großreich der Seldschuken. Hinter dem persischen und mongo¬


lischen Sinn für Tier- und Pflanzenmotive trat der 'arabische' Ge¬
schmack zurück. Die Seidenweberei erreichte besonders in Persien

einen neuen Höhepunkt an Feinheit und Phantasie, und auch der

osmanische Stil entfaltete sich zu voller Pracht**. In diesen eleganten


Stoffen, aus denen jetzt die Fürsten ihre Ehrengewänder fertigen
ließen, spielten Schriftbänder keine Rolle als Zierelement mehr.

81 Heyd a.a.O. p. 709—710.


82 Siehe Fatke Abbildungen 534—641.

7 ZDMG 128/1
Zu altpersisch uv^mrSiyuS 'mriyV

Von GoTTrEiED Heeemann, Göttingen

Im Zusammenhang mit dem Ende des Kambyses gebraucht Darius


in der Inschrift von Bisotün (I, 43) den Ausdruck, dieser sei „seinen

eigenen Tod habend gestorben" {uv'mrSiyuS 'mriyt'). Die vieldisku¬


tierte Frage, ob damit ein natürlicher Tod oder aber ein Tod von

eigener Hand gemeint sei, gilt heute weitgehend als entschieden.


Wilhelm Schulze, Hans Heineich Schaedee und andere Gelehrte

haben in iranischen Sprachen außerhalb des Altpersischen und auch


in anderen indogermanischen Sprachen eine größere Anzahl von

parallelen Wendungen aufgespürt, bei denen aus dem Kontext mehr


oder minder klar hervorgeht, daß sie zur Bezeichnung des natürlichen
Todes stehen*. Erst verhältnismäßig spät hat man dabei entdeckt, daß

auch das Neupersische vergleichbare Ausdrücke enthält, die für eine

Deutung von uv'mrSiyus 'mriyV in diesem Sinne sprechen*. Im folgen¬


den soll ein weiterer neupersischer Beleg vorgestellt werden, der viel¬
leicht noch überzeugender als die schon bekannten ist und daher dazu

beitragen könnte, letzte Bedenken etwaiger Zweifler zu zerstreuen.


Die betrefFende Stelle findet sich im Zeyl-e öäme'o't-tawärih-e
RaSldl des Häfez-e AbrO (gest. 1430), einem Werk, das 820/1417 von

Sähroh in Auftrag gegeben wurde und das im Anschluß an die bekannte


Chronik des Großwesirs Rasido'd-Din (gest. 1318) die Zeit von 1304
bis 1393 behandelt. In dem Teil des Buches, der den Ereignissen unter

dem letzten Ilchan Abü Sa'id (1317—1335) gewidmet ist, beschreibt


Häfez-e Abrü den Tod des Großwesirs Tägo'd-Dln 'Alisäh mit folgen¬
den Worten: dar esnä-ye In hälät H'"'äge Tägo'd-Din 'Alisäh ke wazlr

hüd wa säheb-gäh malül wa säheb-feräS gaSt az gäyat-e ehtemäm wa


delhastegl-ye tang-l ke be-häl-e ü büd pädesäh be-'ayädat-e ü raft wa
tablbän-e häzeq moläzamat ml-namüdand fa-ammä maraz mostouU hüd
wa za'f qawi dar awäyel-e Sohür-e sane-ye arba' wa HSrln wa sab'-mi'a
he-rahmat-e haqq peywast wa dar 'ahd-e doulat-e mogül ke dar Irän-
zamin saltanat karde and az ebtedä tä be-än rüz hic kas ke mansab-e

1 Die wichtigste Literatur ist verzeichnet bei Wilhelm Brandenstein


und Manfred Mayrhofer: Handbuch des Altpersischen. Wiesbaden 1964,
S. 149f.
2 Vgl. Jes P.Asmussen: Iranica. In: AO 31 (1968), S. 13f.