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276 REZENSIONEN REZBNSIONEN 2.77

Jones, M. (2009): Phase space: geography, relational thinking, and beyond. In: Progress in Human sich kundig mit der Geschichte und der kritischen Debatte zum Ansatz der Kulturerdteile ausein-
Geography 33 (4), 487-506.
Koselleck, R. (1979): Vergangene Zukunft zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt: ander sowie zu Theorie und Funktion von Modellen. Exemplarisch führt er schließlich seine „Mo-
Suhrkamp. dellbildung" vor, d.h. hier eigentlich ein graphisches Schaubild der „nordamerikanischen Stadt"
Lefebvre, H. (1991 [1974]): The production of space. Oxford: Blackwell. mit schematischer räumlicher Gliederung (mittig der Central Business District, darum angeordnet
Massey, D. (1992); Politics and Space/Time. In: New Left Review 196, 65-84. ethnische Viertel, Shopping Center, Vororte), mit Wirkungspfeilen („Pendlerbewegung", „Subur-
Massey, D. (1994); Space, place, and gender. Minneapolis: University of Minnesota Press. banisierung") und weiteren spiegelstrichartigen Merkmalen („hoher Grad an Kommunikations-
Massey, D. (2004); Geographies of Responsibility. In: Geografiska Annaler: Series B, Human
Geography 86 (i), 5-18. und Informationsdichte"). Das gewonnene Schema soll sich vor allem für den Schulunterricht eig-
Thrift, N. (2000): It's the little things. In: Dodds, K und Atkinson, D. (Hrsg.): Geopolitical Tradi- nen und will den Schüler/-innen „dezidiertere Blickwinkel auf die postmoderne Stadtentwicklung
tions: A Century of Geopolitical Thought. London: Routledge, 380-387. [bieten] als das jene unzähligen ökonomisch geprägten VeröflFentlichungen der Global-City und
Werfen, B. (1995): Sozialgeographie alltäglicher Regionalisierungen. Stuttgart: Steiner. Weltstadtdiskussion zum Ausdruck bringen können" (S. 308).
Das Ergebnis überzeugt in keiner Beziehung. Pur didaktische Zwecke ist das als „exemplari-
DR. VEIT BACHMANN
sehe Modellbildung" präsentierte Schaubild zuallererst überladen. Vor allem wird nicht deutlich,
Goethe-Universität Frankfurt am Main, Institut für Humangeographie, inwiefern die zuvor akribisch durchgesehene Forschung zum Themenfeld Globalisierung und Stadt
Theodor-W.-Adorno-Platz 6, 60629 Frankfurt am Main, E-Mail: veitb(a)uni-frankfurt.de das finale Schema überhaupt substantiell bereichert hat. Die „stichpunktartige Merkmalsbeschrei-
bung" auf dem Schaubild - hierunter fallen etwa „hoher Grad an Finanzaktivitäten" oder „Steu-
erung und Kontrolle der Weltwirtschaft" - entspricht dem gemeinsamen Nenner grundlegender
Handbuchliteratur zur Global City These. Zudem sind die im Schema erwähnten Prozesse nahezu
durchweg ökonomisch determiniert (allein die Behauptung einer „kulturellen Homogenisierung"
GZ 105, 2017/3-4, 276-279
sticht heraus; bleibt aber in der Bedeutung opak (S. 289)). „Dezidiertere Blickwinkel", geschwei-
ge denn solche jenseits einer ökonomisch determinierten Stadtentwicklung, ergeben sich daraus
Brühne, Thomas nicht.
Städte in verschiedenen Kulturräumen. Diskursanalytische Studien Wie kommt es, dass der sorgfältige Durchgang durch eine breite Stadtforschungsliteratur und
und exemplarische Modellbildung die kundige Auseinandersetzung mit Diskurstheorie und der Methode der Diskursanalyse zu so
Hamburg: Verlag Dr. Kovac, 2016, 408 S., (Geographica - Schriftenreihe wenig Ertrag führen? In meinen Augen handelt sich Thomas Brühne durch den zugrunde gelegten
Geowissenschaften und Geographie, Bd. 14), ISBN 978-3-8300-8846-2, € 99,80 „stadtgeographischen" Stadtbegriff und das Festhalten an dem Kulturerdteilkonzept grundsätzli-
ehe Probleme ein. Durch diese Setzungen kann die diskursanalyüsche Methode das dekonstruk-
Diskursanalyse ist inzwischen zu einem selbstverständlichen Werkzeug in geographischer For- tivistische Potential nicht entfalten, welches den Aufwand dieser Methode überhaupt rechtfertigt.
schung geworden und wird gerade auch für Themen der Stadtforschung regelmäßig fruchtbar ge- Gleich zu Beginn trifft Brühne die folgenreiche Festlegung, die Stadt als etwas an und für sich
macht. Ungewöhnlicher und allein daher beachtenswert mutet da die Verknüpfung an, die Thomas Begreifbares untersuchen zu wollen. Brühne beobachtet die Zunahme von Literatur im Ttiemen-
Brühne in seiner Habilitationsschrift unternimmt. Unter dem Titel „Städte in verschiedenen Kul- feld Stadt und Globalisierung und hat den Anspruch, daraus ein Wissen zu formen, was „Stadt"
turräumen" möchte Brühne diskursanalytische Werkzeuge zur Hilfe nehmen, um etwas über Groß- heute ist und wie sich dieses Ding „Stadt" dann in verschiedenen Kulturräumen anders darstellt.
Städte weltweit zu erfahren. Brühne geht es im Kern darum, die „kulturraumspezifischen" (S. 308) Analog zu Gerhard Hards Warnung vor der Frage nach ,dem Raum' führt jedoch auch die Frage
Merkmale des globalen Phänomens Großstadt zu identifizieren. Daraus sollen dann Schaubilder nach ,der Stadt' (in verschiedenen Kulturräumen) nicht weit. Die Frage setzt Z.B. voraus, dass Stadt
entstehen (die so genannte „exemplarische Modellierung"), welche die typischen Merkmale der „im Gegensatz zu fast allen anderen Wörtern der Sprache nur eine Bedeutung oder wenigstens eine
heutigen Großstadt für jeweilige Kulturräume herausstellen und insbesondere für den Geographie- allen Gebrauchsweisen gemeinsame Kernbedeutung habe: was eine ganz unwahrscheinliche [...]
Unterricht in der Schule veranschaulichen. Ein auf Anhieb irritierender Fixpunkt ist für ihn dabei Hypothese wäre." (Hard 2003, zi) Genau davon geht Brühne allerdings aus, unter verkehrter Beru-
das Kulturerdteilkonzept. Macht es Sinn, Städte nach kulturgenetischen (realistischen) Kriterien fung aufWittgenstein (S. 12). Statt nach einer nicht sinnvoll zu bestimmenden BegrifFsbedeutung
zu sortieren, und inwiefern kann eine (konstruktivistische) Diskursanalyse zu einem solchen Vor- der Stadt,an sich' zu fragen, wäre jedoch immer erst darzulegen, in welcher Weise ein bestimmter
haben Sachdienliches beitragen? Das vorliegende, handwerklich sehr sorgfältig erarbeitete Buch ist StadtbegrifF für den jeweils untersuchten Sachverhalt relevant ist. Wie Hard schreibt, kann über
gut geeignet, diese Fragen kritisch zu prüfen.
Realitätstauglichkeit und Wiridichkeitskontakt eines Begriffs nur ein konkreter Forschungskontext
Zunächst zum Inhalt im Detail. Was Brühne als „diskursanalytische Studien" bezeichnet, stellt informieren (Hard 2003). Die Bestimmung des Forschungskontextes bleibt in der vorliegenden
sich als sorgfältige, methodisch angeleitete und auf knapp 200 Seiten ausgebreitete Sortierung ge- Arbeit jedoch aus. Diffus ist von dem „Forschungsfeld der Global Cities, Megastädte, Metropolen
genwärtiger Forschungsstände im Themenfeld Globalisierung und Stadt heraus. Sodann setzt er und World-Cities" (S. 311) die Rede. In diesen Debatten wird aber als .Stadt' jeweils etwas anderes
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verhandelt. In den Debatten zu Weltstadt und Global City geht es um Stadt als Stadtentwicklung Marcuse, P. (2006): Die Stadt - Begriff und Bedeutung. In: Berking, H. (Hrsg.): Die Macht des
(im Sinne räumlich gebundenen Handelns) und wie dieses Handeln mit Prozessen wirtschaftlicher Lokalen in einer Welt ohne Grenzen. Frankfurt/M.: Campus, 201-2,15.
Globalisierung zusammenhängt. Bei Megastadt geht es um Stadt als Raum lokalen Handelns und
welche Hürden für Steuerbarkeit und Risikomanagement auf dieser subnationalen Maßstabsebene DR. HENNING FÜLLER
entstehen (Marcuse 2006). Die Zusammenhänge zwischen diesen Debatten sind der Analyse wert, Humboldt-Universität zu Berlin, Geographisches Institut, Unter den Linden 6,10099 Berlin,
sie lassen sich aber nur begreifen, wenn nicht undifFerenziert „die Stadt" in unterschiedlichen Kul- E-Mail: henning.fueller(a)geo.hu-berlin.de
turräumen untersucht wird.
Ausgehend von einem derartigen essentialistischen Stadtbegriff wird die Diskursanalyse bei
Brühne folgerichtig zu einer reinen Handreichung für die systematische Durchsicht und Katego-
risierung von Inhalten domestiziert. Die erkenntnistheoretische Fundierung der Diskursanalyse
im Poststrukturalismus wird durchaus referiert, für die eigene Analyse aber über den Verweis auf
einen ominösen „Methodenmix" geflissentlich entsorgt. „Das praktische methodische Vorgehen
l^ vermengt jedoch die teilweise erkenntnistheoretisch nicht kompatiblen Perspektiven miteinander
im Sinne eines Methodenmixes" (S. 49). Was für Brühnes „individuelles Forschungsdesign" üb-
rig bleibt, ist eine rein inhaltsanalytische Version der Diskursanalyse, die ihm vor allem als Sortie-
rungs- und Systematisierungshilfe dient. „Nach fast 100 Jahren Stadt- und Metropolenforschung ist
die Literatur teilweise in sich theoretisch widersprüchlich und unübersichtlich geworden, was die
Wahl der diskursanalytischen Untersuchungsmethodik im Nachhinein als unumgänglich erschei-
neu lässt" (S. 2.15). Zu diesem Zweck eingesetzt, kulminieren die „diskursanalytischen Studien" al-
lerdings vor allem in der Erkenntnis, „dass die Spezial diskurse Global Cities, Megastädte, Metropo-
len und World Cities theoretisch sowie konzeptionell enge Querverbindungen aufvyeisen" (S. 307).
Welcher Art diese Verbindungen sind, welche blinden Flecke die Diskurse konstituieren, welche
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Regelhaftigkeiten diese Spezialdiskurse prägen und inwiefern es zu Verschiebungen gekommen ist,
all diese diskursanalytisch ertragreichen Fragen bleiben hier unbeantwortet.
Schwach erscheint mir schließlich das Argument für das Festhalten am Konzept der Kulturerd-
teile. Nach Referat unterschiedlicher kritischer Auseinandersetzung mit dem Konzept reicht es für
Brühne hin, dass die Einteilung didaktisch-heuristischen Wert habe um „Grundzüge anderer Kul-
turen kennenzulernen und räumlich zu strukturieren" (S. 308). Selbstverständlich ist die Funktion
der Wissenschaft Komplexität zu reduzieren. Gewisse Komplexitätsreduktion, so anschaulich sie
den Gegenstand auch macht, wird aber falsch. Der Anspruch und die Aufgabe von wissenschaft-
licher Geographie - gerade auch für den Schulunterricht - muss weiter reichen als „die Stadt in
verschiedenen Kulturräumen zu essentialisieren und zu versuchen, diese Essenz in Grundzügen auf
ein Schaubild herunter zu brechen. Unter anderem die Disfcurstheorie stellt einen Versuch dar, die
Prozesse begreifbar zu machen, die zu denn führen, was wir in vielfältiger Weise als Stadt erfahren,
konzipieren und gesellschaftlich relevant machen. In dieser Weise können und sollten diskursana-
lytische Studien für Stadtgeographie fruchtbar gemacht werden und schließlich Hilfsmittel für den
Unterricht bereitstellen. Das vorliegende Buch bietet dafür wenig Hilfreiches.

Literatur:

Hard, G. (2003): Eine „Raum"-KIärung für aufgeweckte Studenten. In: Hard, G. (Hrsg.): Dimen-
sionen geographischen Denkens. Aufsätze zur Theorie der Geographie. Osnabrücker Studien
zur Geographie. Göttingen: V&Runipress, 15-2,8.