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284 zur politischen Bildung / izpb

Überarbeitete Neuauflage 2013

Demokratie

2 Demokratie

Inhalt

Demokratie – Geschichte eines Begriffs .........................4

Grundzüge der athenischen Demokratie ..................... 6

Institutionen und Verfahren ................................................................9

Athen – Vorbild für moderne Demokratien? .................................. 10

Prinzipien republikanischen Denkens ......................... 14

Antikes Rom .............................................................................................. 14

Mittelalterliche Stadtrepubliken ...................................................... 16

Wege zur modernen Demokratie ...................................... 18

Politik der kleinen Schritte – England .............................................20

Demokratiegründung – Amerikanische Revolution .................24

Kontroverse über Identitäre und

Repräsentative Demokratie ................................................................ 25

Wendepunkt für Europa – Französische Revolution .................29

Entwicklungen im 19. und 20. Jahrhundert .............. 32

Wandel zur Massen- und Parteiendemokratie ...........................36

Politisierung der sozialen Frage ........................................................ 37

Ordnungspolitische Teilung nach 1945 ......................................... 40

Wellen der Demokratisierung ............................................................ 41

Erfolgs- und Risikofaktoren für Demokratien ........ 42

Was eine Demokratie funktionsfähig werden lässt .................42

Weitere Voraussetzungen .................................................................... 45

Messbarkeitskriterien .......................................................................... 49

Strukturunterschiede und Herausforderungen ....... 52

Parlamentarisches und Präsidentielles System ......................... 52

Konkurrenz, Konkordanz, Verhandlung ......................................... 53

Repräsentative und direkte Demokratie ....................................... 54

Mittler für die Politik ............................................................................. 57

Digitale Demokratie ...............................................................................58

Erschwernisse demokratischen Regierens .................................. 60

Entwürfe globaler Demokratie ...........................................62

Demokratie – nach wie vor die beste

Herrschaftsform? ........................................................................... 64

Literaturhinweise und Internetadressen.................... 66

Der Autor ............................................................................................... 67

Impressum ........................................................................................... 67

Informationen zur politischen Bildung Nr. 284/2013


3

Editorial

W ie beschwerlich der Weg zu Freiheit, Selbstbestim­


mung und Demokratie sein kann, zeigt sich momen­
tan in den arabischen Ländern, in denen 2011 der „Arabische
wicklung der Demokratie­
auffassung bei. In den fol­
genden Jahrhunderten nahm
Frühling“ Hoffnungen auf politischen und gesellschaftlichen dann die römische Repu­
Wandel weckte. Doch auch in vermeintlich gefestigten De­ blik mit ihrer Rechts- und
mokratien sind Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Chancengleich­ Gerechtigkeitsauffassung
heit und Möglichkeiten der politischen Teilhabe nie auf eine Sonderstellung ein und
ewig gewährleistet. Ihr Fortbestand hängt vielmehr von der gab entscheidende Impulse
individuellen Bereitschaft ab, sich für die Verwirklichung, für die Ausprägung moderner Rechtsstaaten, wie sie im Lau­
Bewahrung und ständige Erneuerung der Demokratie ein­ fe des 17. und 18. Jahrhunderts in England, den USA und in
zusetzen. Den Einzelnen eröffnet ein demokratisches System Frankreich entstanden. Neben dem Prinzip der Gewaltentei­
eine Vielzahl an konkreten Mitwirkungsmöglichkeiten: vom lung setzte sich auch die Ansicht, das Recht auf Leben und
Engagement in Parteien, (politischen) Vereinen, Bürgeriniti­ Freiheit als vorstaatliches Recht zu respektieren, nach und
ativen oder NGOs über die Teilnahme an Demonstrationen nach durch.
bis hin zum Einreichen von Petitionen bei Parlamenten, um Nachdem zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Zuge der Res­
so z. B. auf Missstände aufmerksam zu machen – und nicht tauration die Freiheitsbewegungen in Europa zunächst aus­
zuletzt natürlich, indem man sich im Rahmen von Wahlen an gebremst worden waren, bildeten sich in der zweiten Hälfte
der Auswahl geeigneter politischer Führungskräfte beteiligt. des Jahrhunderts schließlich politische Parteien heraus. In
Demokratien bieten so im Vergleich zu anderen Herr­ Deutschland wurde ein demokratisches System allerdings
schaftssystemen immer noch den größten Spielraum, um erst mit der Weimarer Verfassung von 1919 Wirklichkeit – je­
individuellen Interessen Geltung zu verschaffen. Neben doch war es nicht von langer Dauer. Erst mit der Verabschie­
Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und möglichst weit gefasster dung des Grundgesetzes im Jahr 1949 konnte – zunächst
Chancengleichheit fördern demokratische Systeme auch die allerdings nur in Westdeutschland – die Demokratie wie­
ökonomische Entfaltung – mit ein Grund, warum sie für vie­ derhergestellt werden. Auch in anderen Regionen der Welt
le Menschen erstrebenswert sind. Auf der anderen Seite der setzten sich im Zuge verschiedener „Wellen“ demokratische
Medaille stehen Erfordernisse wie eine erhöhte Eigenverant­ Ordnungen durch.
wortung und die Fähigkeit, die erstrebten Ziele fair und unter Ein zweiter Schwerpunkt dieses Heftes richtet den Blick auf
Umständen langwierig auszuhandeln, dabei Kompromisse Funktionslogik und Strukturunterschiede moderner demo­
einzugehen und das Gemeinwohl im Blick zu halten. Das ist kratischer Systeme sowie auf Herausforderungen, die ihnen
bisweilen kein leichtes Unterfangen. Und ihre vermeintliche beispielsweise durch die Globalisierung entstehen können.
Schwerfälligkeit bei der Lösung akut auftretender, drängen­ Untersucht wird, unter welchen Umständen demokratische
der Probleme hat demokratischen Systemen immer wieder Strukturen gefestigt oder gefährdet werden können und mit
Kritik eingetragen. welchen Konzepten demokratisches Regieren auf globaler
Doch was macht Demokratie eigentlich aus, wie hat sie sich Ebene möglich sein könnte.
entwickelt, wie funktioniert sie, welche Spielarten gibt es, Der Aufbruch in den arabischen Ländern 2011 hat gezeigt,
und welche Ideen liegen ihr zugrunde? Dieses Heft bietet ei­ dass demokratische Prinzipien nach wie vor Strahlkraft ent­
nen umfassenden Einblick in die Prinzipien demokratischen wickeln und es stets Menschen gibt, die bereit sind, für ihre
Denkens und Handelns. Neben den ideengeschichtlichen Rechte, für Menschenwürde und demokratische Teilhabe auf
Grundlagen werden die historischen Entwicklungen bis hin die Straße zu gehen. Die weltweiten Proteste der Occupy-Be­
zur modernen Demokratie dargestellt sowie aktuelle Tenden­ wegung, die ihren Ausgangspunkt in Nordamerika hatten,
zen und neue Herausforderungen für demokratische Systeme führen ihrerseits vor Augen, dass auch in gefestigten Demo­
aufgezeigt. kratien aktiv gegen Missstände und für den Fortbestand de­
Die Ursprünge des demokratischen Gedankens liegen im mokratischer Ideale gekämpft werden muss.
antiken Athen. Insbesondere Philosophen wie Platon, Aristo­
teles oder Polybios trugen mit ihren Analysen zur Weiterent­ Magdalena Langholz

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4 Demokratie

Hans Vorländer

Demokratie – Geschichte
eines Begriffs

REUTERS / Hamad I Mohammed


Demokratie ist nicht einfach zu definieren. Von der
Antike bis zur Gegenwart unterliegt sie Deutungskontro­
versen, und die Staaten, die sich als Demokratien be­
zeichnen, weisen in ihrer politischen Ordnung beträchtliche
Unterschiede auf.

Anfang 2011 wird in vielen Ländern der arabischen Welt der Wunsch nach
Demokratie laut. Demonstranten im September 2012 in Bahrain

„D ie Verfassung, die wir haben [...] heißt Demokratie, weil


der Staat nicht auf wenige Bürger, sondern auf die Mehr­
heit ausgerichtet ist.“ So definierte der griechische Staatsmann
Dabei ist gerade in der Gegenwart die Idee der Demokra­
tie von großer Attraktivität. In Wellen hat sie sich über die
Welt ausgebreitet – wenngleich sie nicht überall und jeweils
Perikles (circa 500-429 v. Chr.) die Demokratie im Athen seiner nicht gleich stark und stabil ihren Siegeszug vollenden
Zeit. Diese Bestimmung von Demokratie als einer Mehrheits­ konnte. Die erste Welle begann in den 1820er-Jahren und
herrschaft scheint so klar und eindeutig zu sein, dass sie zu Be­ dauerte bis etwa 1926. In diesem Zeitraum etablierten sich
ginn des 21. Jahrhunderts einem Entwurf einer Europäischen 29 Demokratien.
Verfassung als Motto vorangestellt wurde. Aber der Eindruck Mit dem Faschismus in Italien setzte der Beginn einer
der Eindeutigkeit täuscht. Dass Demokratie eine Verfassungs­ rückläufigen Entwicklung ein, die die Zahl der Demokratien
form ist, in der es auf die Mehrheit ankommt, mag noch relativ zunächst wieder auf zwölf reduzierte. Aber nach dem Zwei­
unumstritten sein. ten Weltkrieg bewirkte eine zweite Demokratisierungswelle,
Aber schon die Frage, wie diese Mehrheit die Herrschaft aus­ dass sich in den 1960er-Jahren wieder 36 Demokratien bil­
üben soll, führt zu sehr unterschiedlichen Auffassungen und den konnten. Und im Zuge einer dritten Welle der Demokra­
Formen der Demokratie. Soll die Mehrheit ihre Herrschaft di­ tisierung zwischen 1974 und 1990 schafften etwa 30 Staaten
rekt, durch Versammlungen und Abstimmungen, oder indirekt, den Übergang zu Formen demokratischer Herrschaft. Nicht
durch Bestellung von Vertretern, ausüben? Auch der Rückgriff zuletzt die friedlichen Revolutionen von 1989/90 in Mittel­
auf den griechischen Wortursprung, nach dem demos „Volk“ und und Osteuropa haben zu diesem Trend erheblich beigetra­
kratein „herrschen“ bedeutet, bringt keine Klarheit. Denn er sagt gen. Schließlich haben die mit den Stichwörtern „Arabischer
weder, ob die Herrschaft des Volkes unmittelbar oder mittelbar Frühling“ oder „Arabellion“ bezeichneten Entwicklungen in
ausgeübt werden soll, noch, ob die Herrschaft des ganzen Volkes Tunesien, Ägypten, Libyen und Marokko die Frage nach einer
gemeint ist, wie es der Begriff nahelegt, oder die Herrschaft der neuen, vierten Welle demokratischer Umformung ehemals
Vielen, also einer qualifizierten Mehrheit, reicht – ganz abgese­ diktatorischer oder autoritärer Staaten aufkommen lassen.
hen von der Frage, was mit der Minderheit geschieht. Gleichwohl haben sich in diesen Ländern sehr widersprüch­
Außerdem stellt sich die Frage, ob in der Demokratie alle liche und unterschiedliche Praktiken der Demokratie heraus­
Bürgerinnen und Bürger umfassend und zu jeder Zeit am Be­ kristallisiert, die nicht alle wirklich demokratisch genannt
ratungs-, Entscheidungs- und Ausführungsprozess der Politik werden können.
beteiligt werden müssen und sollen, oder ob das Geschäft der Auch diese Tatsache verdeutlicht noch einmal, dass es kei­
Politik arbeitsteilig unternommen werden kann, indem eini­ neswegs nur eine Form, nur ein Modell der Demokratie, das
ge wenige beraten und entscheiden, das Volk aber vor allem gar „universell“ genannt werden könnte, gibt bzw. gegeben
bei Wahlen – und bisweilen bei Sachabstimmungen – beteiligt hat. Vielmehr unterscheiden sich die Demokratien in ihrer
wird. Die Perikleische Definition, so eingängig sie zunächst er­ historischen, sozialen und kulturellen Form genauso wie in
scheinen mag, ist erst der Auftakt einer Diskussion über sehr un­ ihren jeweiligen Voraussetzungen, Bedingungen und demo­
terschiedliche Begriffe, Modelle und Praktiken der Demokratie. kratischen Gehalten.
Nicht von ungefähr konstatierte deshalb schon Aristoteles im Der Begriff der Demokratie taucht erstmals im antiken Grie­
4. Jahrhundert v. Chr.: „Jetzt aber meinen einige, es gäbe bloß chenland auf. Eine der ältesten Quellen ist der Geschichts­
eine Demokratie [...], doch das ist einfach nicht wahr.“ schreiber Herodot (484-425 v. Chr.), der im 5. Jahrhundert v. Chr.

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Demokratie – Geschichte eines Begriffs 5

festhält, dass Kleisthenes die demokratia in Athen eingeführt Erst in der Neuzeit, besonders im Zuge der Amerikanischen
hat. Dort durchlebte die antike, klassische Demokratie von und Französischen Revolution im 18. Jahrhundert, gewann der
508/507 bis 322 ihre Blütezeit mit weitgehender Selbstregie­ Demokratiebegriff seinen ursprünglichen positiven Bedeu­
rung der athenischen Bürgerschaft. tungsgehalt wieder. Unter dem Eindruck der Revolution von
Aber bereits zu dieser Zeit stieß die Demokratie auf heftige 1848 bemerkte beispielsweise der französische Politiker und
Kritik, begegneten ihr vor allem Vertreter der griechischen Philosoph François Guizot (1787-1874), die Demokratie sei zu ei­
Philosophie, wie Platon (427-347 v. Chr.) und Aristoteles nem „universellen Begriff“ geworden, den nun eine jede Regie­
(384-322 v. Chr.), mit großer Zurückhaltung. Der Demokra­ rung, Partei und Macht auf ihre Fahne schreiben müsse. Denn
tiebegriff wurde von ihnen mit „Pöbelherrschaft“ gleichge­ Demokratie wurde nun als Herrschaft des Volkes, vor allem als
setzt, einer Herrschaft der armen, ungebildeten Masse, und Volkssouveränität begriffen, aus der heraus sich das gesamte
blieb danach für viele Jahrhunderte überwiegend negativ politische Gemeinwesen eines Staates begründen und recht­
besetzt. fertigen lassen musste.

Platons Staat Sie selbst aber kümmern sich nur um den eine Richterstelle verbietet, dass du dann
Gelderwerb, um die wahre Tüchtigkeit nichtsdestoweniger Beamter oder Richter
Platons Lehre war von den schlechten Er­ aber so wenig, wie es die Armen tun. [...] sein kannst, wenn dich die Lust dazu packt –
fahrungen mit der attischen Demokratie Wenn sie nun, beide in ihrer Art, mit­ ist ein solches Leben nicht gottvoll und
geprägt, mit ihren Verfassungsänderun­ einander in Berührung kommen, Herrscher wonnig für den Augenblick? [...]
gen, ihrem Niedergang und ihrem Zerfall und Beherrschte, [...] steht da oft ein Dazu die Sorglosigkeit und Geringschät­
im Verlauf des Peloponnesischen Krieges armer Kerl, hager und sonnenverbrannt, zung, ja Verachtung, die dieser Staat
gegen Sparta von 431 bis 404 v. Chr. in der Schlacht neben einem bleichge­ unserem als wichtig betonten Grundsatz
sichtigen Reichen, der viel überflüssiges für die Staatengründung entgegenbringt:
Nunmehr müssen wir doch die Demokra­ Fleisch an sich trägt, und sieht ihn in wer nicht eine überragende Anlage habe,
tie behandeln, [...] ihre Entstehung und seiner Atemnot und Hilflosigkeit – glaubst werde niemals ein tüchtiger Mann, wenn
ihren Charakter, um dann den Charakter du nicht, jener Arme erkennt da, dass er nicht schon von Kindheit auf in Spiel
des ihr entsprechenden Menschen solche Schwächlinge den Reichtum nur und Ernst mit dem Schönen umgehe. Mit
erkennen und beurteilen zu können. [...] ihrer, der Armen Feigheit verdanken; welch erhabner Pose lässt die Demokratie
Der Übergang von der Oligarchie zur und so fordert er, einer den andern, auf, dies alles weit unter sich und kümmert
Demokratie hat seine Ursache wohl darin, wenn sie für sich sind: Die Männer sich nicht um die Verhältnisse, aus denen
dass das Verlangen nach dem selbstge­ gehören uns, sie sind ja nichts wert! [...] ein Politiker kommt, sondern schätzt
wählten höchsten Gut, dem möglichst Eine Demokratie entsteht also, wenn jeden, wenn er nur seine gute Gesinnung
großen Reichtum, unstillbar wird. [...] die Armen siegen und ihre Gegner töten dem Volke gegenüber beteuert. [...]
Da die Herrschenden auf Grund ihres oder verbannen, alle übrigen aber nach Diese und ähnliche Vorteile hat die De­
Vermögens an der Macht sind, wollen gleichem Recht an Verfassung und mokratie; sie ist – scheint es – eine an­
sie die jungen Leute nicht durch ein Gesetz Ämtern teilnehmen lassen und die Ämter genehme, herrenlose und bunte Verfassung,
davor zurückhalten, in ihrer Zügellosigkeit möglichst nach dem Lose vergeben. [...] die ohne Unterschied Gleichen und
ihr Hab und Gut durch Verschwendung zu­ Wie lebt man nun in der Demokratie? Ungleichen dieselbe Gleichheit zuteilt. [...]
grunde zu richten. Sie wollen es ja auf­ Wie sieht eine solche Verfassung aus?
kaufen und darauf Geld verleihen, um noch Denn offenbar werden wir unter diesen Platon, Der Staat (Politeia), Achtes Buch, 555b-558c, übers. und
reicher und angesehener zu werden. [...] Leuten den demokratischen Menschen hg. von Karl Vretska, Reclam Verlag, Stuttgart 2004, S. 379 ff.

Da man sich in der Oligarchie um die finden. [...]


Zügellosigkeit nicht kümmert, sondern Fürs erste sind die Menschen frei, der
ihr freien Lauf lässt, zwingt man auch treff­ Staat quillt über in der Freiheit der Tat
liche Menschen bisweilen in die Armut und der Freiheit des Worts, und jedem ist
hinein. [...] erlaubt zu tun, was er will! [...]
Da sitzen nun diese Leute im Staat, mit Sie scheint also die schönste aller Staats­
Stacheln und Speeren gerüstet, die einen verfassungen zu sein. Wie ein Kleid
verschuldet, die andern ohne bürgerliche mit farbenprächtigen Blumen bunt ge­
Ehre, die dritten mit beiden Lasten, voll schmückt ist, so ist auch sie mit allen
von Hass und Racheplänen gegen die Be­ Charakteren bunt durchsetzt und von
sitzer ihrer Habe und gegen die anderen, prächtigem Anblick. [...]
auf Umsturz bedacht. [...] Dass es in einem solchen Staat keinen
Nun aber bringen die Herrschenden Zwang gibt zur Übernahme von Ämtern,
picture-alliance / akg-images

durch ihr Vorgehen die Untergebenen in auch nicht, wenn du geeignet bist, auch
die geschilderte Lage, sich selbst aber und keinen Zwang zum Gehorsam, wenn
ihre Söhne gewöhnen sie von jung auf an du nicht willst; dass man dich nicht zum
Schwelgerei und machen sie zu körperli­ Krieg zwingt während eines Krieges
cher und geistiger Arbeit untauglich und oder zum Frieden während des Friedens,
schwächlich im Ertragen von Lust und wenn du nicht Frieden halten willst;
Leid und träge dazu! [...] oder wenn ein Gesetz dir ein Amt oder Platon (427-347 v. Chr.)

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6 Demokratie

Hans Vorländer

Grundzüge der
athenischen Demokratie

Die antike griechische Polisdemokratie ruft mit ihrem


hohen Grad an bürgerlicher Beteiligung Bewunderung,
aber auch Kritik hervor. Die politische Theorie antiker
Denker wie Platon und Aristoteles gilt als wegweisend für

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die Entwicklung der modernen Demokratie.

Rede- und Überzeugungskunst gelten in der Antike als wichtige Fähigkei­


ten eines Politikers. Berühmt dafür ist Demosthenes, der ab 346 v. Chr. die
Geschicke Athens leitet. Kreidelithographie von 1832

I n den Jahren 508/07 bis 322 v. Chr. herrschte in Athen eine


direkte Demokratie, mit einer Bürgerbeteiligung, deren Aus­
maß von keiner späteren Demokratie wieder erreicht worden
zurückgeht auf das griechische ta politika, nämlich „das, was
die Stadt angeht“, war „Politik“ die Angelegenheit des Bür­
gers in der Polis. Das ist das bleibende Vermächtnis der grie­
ist. Jeder Bürger konnte an der Volksversammlung sowie an chischen Demokratie, wenngleich aus heutiger Perspektive
den Gerichtsversammlungen teilnehmen, jeder Bürger war darauf hinzuweisen ist, dass Frauen, Sklaven und Metöken –
befugt, ein Amt zu bekleiden. Wie schon das Wort besagt, das Bewohner ohne Bürgerstatus, sehr oft Fremdarbeiter – nicht

Aus einer Rede des Perikles gleich und unsere Stadt, und den ver­ Thucydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges /
Thukydides, hg. und übers. von Georg Peter Landmann,
schiedenen Tätigkeiten zugewandt, ist Artemis und Winkler Verlag, Düsseldorf/Zürich 2002,
[…] Die Verfassung, nach der wir leben, doch auch in staatlichen Dingen keiner (Buch II 37 und 40), S. 111 ff.

vergleicht sich mit keiner der fremden; ohne Urteil. Denn einzig bei uns heißt
viel eher sind wir für sonst jemand einer, der daran gar keinen Teil nimmt,
ein Vorbild als Nachahmer anderer. Mit nicht ein stiller Bürger, sondern ein
Namen heißt sie, weil der Staat nicht schlechter, und nur wir entscheiden in
auf wenige Bürger, sondern auf eine den Staatsgeschäften selber oder
größere Zahl gestellt ist, Volksherr­ denken sie doch richtig durch. Denn wir
schaft. Nach dem Gesetz haben in den sehen nicht im Wort eine Gefahr fürs
Streitigkeiten der Bürger alle ihr Tun, wohl aber darin, sich nicht durch
gleiches Teil, der Geltung nach aber hat Reden zuerst zu belehren, ehe man
im öffentlichen Wesen den Vorzug, zur nötigen Tat schreitet. Denn auch da­
wer sich irgendwie Ansehen erworben rin sind wir wohl besonders, daß wir
hat, nicht nach irgendeiner Zugehörig­ am meisten wagen und doch auch, was
keit, sondern nach seinem Verdienst; wir anpacken wollen, erwägen, indes
und ebenso wird keiner aus Armut, wenn die anderen Unverstand verwegen und
er für die Stadt etwas leisten könnte, Vernunft bedenklich macht. Die größte
durch die Unscheinbarkeit seines Namens innere Kraft aber wird man denen mit
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verhindert. Sondern frei leben wir Recht zusprechen, die die Schrecken und
miteinander im Staat […]. Wir vereinigen Freuden am klarsten erkennen und da-
in uns die Sorge um unser Haus zu- rum den Gefahren nicht ausweichen. […] Perikles (ca. 500-429 v. Chr.)

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Grundzüge der athenischen Demokratie 7

als Bürger im politischen Sinne des Wortes galten und des­ und durch die Abschaffung der Schuldknechtschaft aus der
halb auch von der Beteiligung ausgeschlossen blieben. Sklaverei befreite. Die Bevölkerung wurde in vier Vermögens­
Die Demokratie in Athen bildete sich eher langsam, Schritt klassen eingeteilt.
für Schritt, im 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. heraus. Die Re­ Solon setzte damit zugleich auch die Voraussetzungen einer
formen von Solon im Jahre 594 v. Chr. und von Kleisthenes politischen Neuordnung durch, weil das alte, aristokratische
508/507 v. Chr. brachen die Macht des Adels und schufen die Prinzip der auf Herkunft und Abstammung basierenden ge­
Grundlagen für die politische Beteiligung breiterer Volks­ sellschaftlichen Stellung durchbrochen wurde. Er erweiterte
schichten. Die erfolgreiche Zurückweisung der beiden persi­ damit die Beteiligungsrechte für die unteren Schichten des
schen Einfälle in Griechenland (490 und 480 v. Chr.) stärkte Volkes und erschütterte die Vorherrschaft einiger weniger ad­
die Demokratie, deren goldenes Zeitalter vor allem mit dem liger Familien.
Namen Perikles (ca. 500-429 v. Chr.) verbunden ist.
Er bestimmte für mehr als dreißig Jahre die Politik Athens
und schloss einen fünfzehnjährigen Frieden mit der konkur­
rierenden Stadt Sparta. Im Peloponnesischen Krieg zwischen
Athen und Sparta von 431 bis 404 v. Chr. zeigten sich vorüber­
gehend Krisen der Demokratie, die dann jedoch bis etwa 322
v. Chr., bis in die Epoche Alexander des Großen hinein, eine
neue Blüte erlebte. Danach endete die klassische Epoche der
athenischen Demokratie: Nach Alexanders Tod (323 v. Chr.)
und der Vernichtung der athenischen Flotte im Krieg zwi­
schen Griechenland und Makedonien wurde Athen von den
siegreichen Makedoniern in ihr Reich eingegliedert.

akg / De Agostini Pict.Lib.


Wegbereitende Reformen

Solon (circa 640-561/558 v. Chr.) hatte große soziale Missstände


in Athen behoben, indem er mittels der sogenannten Lasten­
abschüttelung die verarmten Bauern von ihren Hypotheken Solon (ca. 640-561/558 v. Chr.)

http://bildung.freepage.de/cgi-bin/feets/freepage_ext/41030x030A/rewrite/olymp100/ssolon.htm

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8 Demokratie

Zur neuen Grundlage der politischen Ordnung wurden die


Gemeinden, die Demen. Diese waren, modern gesprochen,
Kommunen lokaler Selbstverwaltung. Hier entstand eine
politische Gemeinschaft, in der sich ein Sinn für bürger­
schaftliches Handeln und politische Verantwortung entwi­
ckeln konnte. Die Demen wiederum delegierten eine ihrer
Bürgerzahl entsprechende Quote von Mitgliedern in einen
ebenfalls neu geschaffenen „Rat der Fünfhundert“, die so­
genannte Boule.
Gleichzeitig gelang es Kleisthenes, die Demen wieder
in dreißig sogenannte Trittyen zusammenzufassen. In je
zehn dieser Trittyen waren die Regionen von Stadt, Küste
und Binnenland eingeteilt. Indem Kleisthenes je eine Trit­
tys aus den verschiedenen Regionen zu einer neuen Phy­
le kombinierte, waren nicht nur „Querschnitte“ durch die
Regionen hergestellt, sondern die gesamte Bevölkerung
http://www.ohiochannel.org/

Attikas war nun auch nach repräsentativen Kriterien poli­


tisch neu zusammengesetzt. Ein neues politisches Gemein­
wesen ersetzte das alte, auf Klientelbindungen beruhen­
de System von Abhängigkeiten und Patronage der alten
aristokratischen Ordnung. Zwei weitere Reformen verhal­
fen der Demokratie in Athen dann schließlich zum vollen
Durchbruch. Zum einen wurde der Areopag, der Adelsrat,
Kleisthenes (570-506 v. Chr.) als letzte Bastion der Aristokratie entmachtet, seine Be­
fugnisse – Überwachung der Gesetze, Verfahren bei poli­
tischen Delikten, Beamtenkontrolle – wurden gestrichen
Kleisthenes (570-506 v. Chr.) reformierte dann 508/507 die oder auf das Volk übertragen.
gesamte Sozialstruktur und legte damit die Basis für die De­ Zum anderen führte Perikles, der für mehr als 30 Jahre
mokratie in Athen. Mit der territorialen Neueinteilung Athens das „goldene Zeitalter“ der Demokratie in Athen prägte,
löste er die alten Stammesverbände auf, zerbrach so die Diäten ein. Dies waren Tagegelder für die Bürger als Aus­
Machtstrukturen der adligen Familien und schuf eine einheit­ gleich für den Verdienstausfall, den sie durch die Teilnah­
liche, nicht mehr von der sozialen Herkunft abhängige politi­ me an Versammlungen und die Übernahme von Ämtern
sche Bürgerschaft. erlitten.

http://bildung.freepage.de/cgi-bin/feets/freepage_ext/339483x434877d/rewrite/olymp100/skleist.htm

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Grundzüge der athenischen Demokratie 9

Institutionen und Verfahren

Die Bürger Athens (mit Ausnahme von Frauen, Sklaven und


Metöken) übten die volle Gesetzgebungs-, Regierungs-, Kontroll­
und Gerichtsgewalt aus. Sie beschlossen in der Volksversamm­
lung die Gesetze, wählten die Beamten, kontrollierten die ge­
wählten und erlosten Amtsträger, prüften die Amtsführung und
bestimmten die Richter. Teilnehmen an der Volksversammlung
konnte jeder, der in die Bürgerlisten der Demen eingetragen
war. Jeder Bürger besaß ein Rederecht. In den Gerichtsversamm­
lungen waren jährlich 6000 über das Los bestimmte Personen
tätig, das entsprach in etwa einem Fünftel der Bürgerschaft.
Die Volksversammlung (Ekklesia) war das Machtzentrum der
Athener. Doch nicht immer alle der 30 000 bis 35 000 erwachse­
nen Bürger zu Zeiten des Perikles besuchten die Volksversamm­
akg / North Wind Picture Archives

lung. Es nahmen wohl aber immer mindestens 6000 Personen


teil, die für die Beschlussfassung notwendige Zahl. Ort der Ver­
sammlung war die Pnyx, ein Hügel ungefähr vierhundert Meter
westlich der Agora. Die Volksversammlung trat häufig zusam­
men, so gab es allein etwa vierzig für das jeweilige Amtsjahr
festgelegte Pflichtsitzungen. Sie dauerten nicht länger als einen
Tag und wurden mit Angabe des Verhandlungsgegenstandes
Versammlungen und politisches Debattieren gehören zum Kern der athe­
vier Tage vor dem Sitzungstermin durch öffentlichen Anschlag
nischen Polisdemokratie. Dies gilt nicht nur für den Areopag, den 508/07 auf dem Markt angekündigt. Es ging in den Volksversammlun­
entmachteten Adelsrat (hier in einem Holzschnitt, 19. Jh.), sondern auch gen um die Kontrolle der Amtsträger, die Versorgung und Sicher­
für die Volksversammlung, die seine Funktionen übernimmt. heit Athens, die Erhebung politischer Anklagen, Konfiskationen,
Erbansprüche sowie um Petitionen, ebenso wurden Fragen des
Kultes und der Gesandtschaften behandelt. Abstimmungen er­
folgten durch Heben der Hand.
Ein besonderes Verfahren war der Ostrakismos, das Scherben­
gericht. Es war von Kleisthenes eingeführt worden und bot die
Möglichkeit, politische Führer, von denen die Athener meinten,
dass sie ihrer Stadt großen Schaden zufügten, für zehn Jahre in
die Verbannung zu schicken. Dieses Verfahren vollzog sich in
zwei Stufen. Jedes Jahr konnte das Volk in einer Volksversamm­
lung durch Handheben darüber abstimmen, ob es einen Ostra­
kismos geben sollte. War dies der Fall, fand das Scherbengericht
zwei Monate später auf der Agora statt, indem jeder Bürger eine
Tonscherbe (ostraka) einwarf, auf der er den Namen des zu Ver­
bannenden eingekratzt hatte. Zwanzig Jahre nach Einführung
hielten die Athener 487 v. Chr. erstmals ein Scherbengericht ab,
um einen Verwandten des ehemaligen Tyrannen zu verbannen,
das letzte wurde 417 v. Chr. durchgeführt.
Der Rat der 500 (Boule) bereitete die Volksversammlung vor. Er
setzte sich aus je fünfzig Vertretern der zehn Phylen zusammen.
Von diesen war jeweils eine für ein Zehntel des Amtsjahres, also
36 Tage, geschäftsführend. Der Rat beriet die Gegenstände der
Volksversammlung, verabschiedete ein vorläufiges Dekret und
bestimmte die Tagesordnung. Die großen politischen Debatten
picture-alliance / AKG

fanden allerdings immer vor der Volksversammlung statt. Inso­


fern vollzog sich die Politik in Athen wirklich dort und nicht im
Rat. Der vorbereitende Ausschuss, die sogenannte Prytanie, los­
te täglich einen Vorsteher aus, der gleichzeitig dem Rat und der
Auf Tonscherben (wie diesen von 460 v. Chr.) ritzen die Bürger Athens die Volksversammlung vorsaß. Der tägliche Wechsel im Vorsitz ließ
Namen der Politiker ein, die unter Verdacht des Machtmissbrauchs stehen keine Machtverstetigung zu und bezeugte damit die gleichen
und für zehn Jahre in die Verbannung geschickt werden sollen. Beteiligungs- und Einflusschancen eines jeden.

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10 Demokratie

akg-images / Nimatallah
akg-images / John Hios

Mit einer Bronzescheibe (4. Jh.) fällen die Richter ihr Urteil. Der hohle Griff Auslosungsgerät für die Vergabe öffentlicher Ämter. Es stammt aus der
bedeutet Schuldspruch. Die Inschrift lautet: „Amtliche Stimmscheibe“. Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr..

Athens Demokratie erstreckte sich auch auf die Gerichte, die nen, der Richter, bestimmt. Der Beschluss der Nomotheten besaß
wegen ihres besonderen Charakters als Gerichtsversammlun­ Gesetzeskraft, er bedurfte nicht der Bestätigung durch die Volks­
gen bezeichnet werden müssen. Die Dikasterien waren reine versammlung.
Laiengerichte und allen Bürgern über dreißig Jahren zugäng­ Allgemein sollten diese Institution und das neue Verfahren
lich. 6000 Bürger bestimmte das Los jährlich zu Richtern. Be­ größere Sicherheit in der Gesetzgebung und eine höhere Stabili­
rufsrichter gab es nicht. Die Richter hatten einen Eid zu leisten, tät der Demokratie gewährleisten. Denn die Volksversammlung
der sie verpflichtete, in Übereinstimmung mit den Gesetzen so­ war keineswegs frei von Stimmungen und den Gefährdungen
wie den Beschlüssen von Volk und Rat zu urteilen. Aus diesem der Demagogie.
Kreis vereidigter Richter wurden die einzelnen Gerichtshöfe So wurden für die innenpolitischen Krisen von 411/10 und
bestellt, die von unterschiedlicher Größe waren. Für öffentliche 404/403, in denen die Demokratie für kurze Zeit aufgehoben und
Prozesse betrug ihre Zahl etwa fünfhundert Richter. Manchmal durch ein oligarchisches System ersetzt worden war, vor allem
wurden bei wichtigen Prozessen mehrere solcher Einheiten die Volksversammlung und die Demagogen, die Stimmführer in
gebildet, sodass dann einige tausend Richter zur gleichen Zeit ihr, verantwortlich gemacht.
tagen konnten. Eine weitere Maßnahme zur Sicherung und Stabilisierung
Zur Idee der athenischen Demokratie gehörte es weiterhin, der Demokratie in Athen war die Einführung einer Klagemög­
dass jeder Bürger als befähigt erachtet wurde, ein Amt zu be­ lichkeit gegen vermeintlich gesetzeswidrige Beschlüsse der
kleiden. Die etwa siebenhundert Amtsträger wurden prinzipiell Volksversammlung. Ein Bürger konnte eine sogenannte gra­
durch das Los bestimmt, ihre Amtszeit war strikt begrenzt, und phe paranomon gegen den Beschluss der Volksversammlung
sie unterlagen lückenloser Kontrolle und Rechenschaftslegung. oder des Rates anstrengen, das Volksgericht anrufen und den
Nur wenige herausgehobene Ämter, die besondere Kenntnis­ Antrag stellen, den Beschluss für nichtig zu erklären und den
se erforderten, wie etwa die Finanzverwaltung, der Städtebau, Antragsteller zu bestrafen. Wenn sie der Klage entsprachen,
die Wasserversorgung und das Amt der Strategen, der militä­ hoben die Gerichtsversammlungen die Entscheidungen der
rischen Befehlshaber, die vor allem für die äußere Sicherheit Volksversammlung auf. Athens unmittelbare Demokratie, wie
und die Kriegsführung zuständig waren, wurden durch Wahl sie sich im 5. Jahrhundert herausgebildet hatte, schien so im
vergeben. 4. Jahrhundert den Weg zu einer gemäßigten Demokratie zu
Ansonsten war das Los das Symbol für bürgerschaftliche gehen, die ihre Stabilität durch Sicherungsmechanismen zu
Gleichheit, weil es gesellschaftliche Stellungen, Vermögens- verbürgen suchte.
unterschiede und unterschiedliche Interessen neutralisierte.
Das Losverfahren verhinderte Protektionismus und andere
Formen der Bevorteilung im Prozess der Ämterbesetzung. Nir­
gends drückte sich das Ideal der gleichen Chance auf Teilhabe
und Teilnahme an der Politik so klar aus wie in der atheni­ Athen – Vorbild für moderne
schen Demokratie.
Um 403/402 v. Chr. wurde noch die Institution der Nomothe­
Demokratien?
ten geschaffen. Damit ging eine Relativierung der Macht der
Volksversammlung einher. Denn das Gesetzgebungsverfahren In Athens demokratia übte das Volk die volle Gesetzgebungs-,
wurde so geändert, dass die Nomotheten die bedeutenderen, Regierungs-, Kontroll- und Gerichtsgewalt aus. Damit war
also höherrangigen Gesetze erlassen sollten, wohingegen die die Demokratie in Athen ein Regime direkter, unmittelbarer
Volksversammlung nur nachrangige Gesetze verabschieden Herrschaft des Volkes, das auf umfassender Beteiligung aller
konnte. Die Nomotheten wurden aus dem Kreis der Geschwore- Bürger beruhte und keine Unterschiede zwischen Arm und

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Grundzüge der athenischen Demokratie 11

Reich kannte. Die Bürger bildeten in der Ekklesia die Legisla­ ren von der politischen Urteilskraft eines jeden, auch des
tive und in der Dikasteria die Judikative. Dort, wo die Bürger gewöhnlichen Bürgers, überzeugt. Erziehung, Kultvereine,
die Ämter besetzten, bildeten sie zugleich auch die Exekutive. Theater und auch die Volksversammlung waren Institutio­
Der athenische Demos besaß also eine beispiellose Macht­ nen politischer Bildung, in denen sich das politische Urteils­
konzentration. Gesetzgebende, richtende und ausführende vermögen ausbilden und schärfen und sich zugleich auch
Gewalt gingen vom Volk aus und verblieben auch bei ihm. ein Grundkonsens einstellen konnte, der den Prozess des
Regieren und Regiertwerden waren eins – oder gingen, wie Beratens und Entscheidens wesentlich erleichterte.
Aristoteles formulierte, „wechselweise“ vonstatten.
Vielen galt und gilt deshalb die athenische Demokratie als Die Grenzen der Polisdemokratie zeigen sich in folgenden
das Modell einer Demokratie schlechthin, an dem auch mo­ Punkten:
derne Demokratien immer wieder gerne gemessen werden. ¬ Keineswegs alle Bewohner Athens waren Bürger und da­
Vor allem die direkte, unmittelbare Beteiligung der Bürger im mit frei und gleich im Vollbesitz politischer Rechte. Von den
Prozess der Entscheidung, in der Ausübung von Ämtern und 60000 Männern unter den 200 000 Einwohnerinnen und
in der Rechtsprechung war vielen ein Grund für den Vorbild­ Einwohnern waren nur etwa 30 000 Vollbürger. Frauen, Me­
charakter. Für andere indes war genau jene uneingeschränkte töken und Sklaven besaßen keine Bürgerrechte und waren
Herrschaft des Volkes ein Schreckbild, denn die Demokratie nicht befugt, an der Polisdemokratie teilzuhaben.
konnte – demagogischen Einflüssen ausgesetzt – leicht in eine ¬ Unveräußerliche Menschenrechte, wie das Recht auf Mei­
Tyrannei umschlagen. Eine stabile Demokratie war deshalb nungsfreiheit oder das Recht einer Opposition oder Minder­
für diese kritischen Stimmen nur in einer gemäßigten, reprä­ heit gegen die Mehrheitsherrschaft der Demokratie, kannte
sentativen Regierungsform vorstellbar. die Antike nicht. Gleichheit vor dem Gesetz (isonomia), wie
Ist die antike, unmittelbare Demokratie Athens ein Vorbild die Athener sie verstanden, kann deshalb nicht in eins ge­
für moderne Demokratien? Grundlegende Unterschiede be­ setzt werden mit der Gleichheit an individuellen, vor allem
stehen, vor allem haben sich die Voraussetzungen und Struk­ an die Person gebundenen Rechten. Der Einzelne definierte
turen verändert. sich durch seine Mitgliedschaft in der athenischen Polis, hier
¬ Die Demokratie der athenischen Polis kannte im Gegensatz und nur hier war er frei und gleich. Seine politische Freiheit
zu modernen Demokratien weder ein Parlament noch Par­ drückte sich im Rederecht (isegoria) in der Volksversamm­
teien. Im Zentrum stand das Zusammenkommen, das Mit- lung und in der gleichen Zugangschance zu Ämtern aus.
einander-Reden, das Abwägen der Argumente und schließ­ ¬ Wo in der polis die formale Gleichheit galt, da herrschte im
lich das Treffen einer Entscheidung. Alle Bürger besaßen das oikos, im Bereich des Wirtschaftens, des Sozialen, des priva­
Recht der Rede, es wurde von ihnen erwartet, dass sie sich ten Haushaltes, die Ungleichheit. In der Familie, im privaten
an der politischen Willens- und Entscheidungsbildung be­ Haushalt gab es Hierarchien, der Mann war der „Despot“.
teiligten. Die wichtigste Waffe in der Auseinandersetzung Das Soziale und Ökonomische gehörte nicht zu den Themen
war die Kunst der Überzeugung, der sich die Redner bedie­ der Volksversammlung, Wirtschaftspolitik oder eine Politik,
nen mussten, um Einfluss nehmen zu können. Entschieden die sich dem Ausgleich sozialer und ökonomischer Unter­
wurde mit Mehrheit, was Perikles in seiner Gefallenenrede, schiede im Zeichen sozialer Gerechtigkeit verschrieben hät­
die Thukydides überliefert hat, zu der Aussage führte, dass te, gab es in der Demokratie Athens nicht. Zwischen oikos
„Demokratie Regieren durch die Mehrheit“ ist. Die unterle­ und polis bestand eine strikte Trennung.
gene Minderheit fühlte sich der Majorität verpflichtet und ¬ Durchsetzung und Entfaltung der athenischen Demokra­
stand loyal zu der getroffenen Entscheidung. Konflikte ent­ tie beruhten auf Bedingungen, die nicht ohne Weiteres
lang von Partei- oder Fraktionslinien gab es nicht. Durch die auf andere Demokratien übertragbar sind. Die Seekriege
Möglichkeit, Volksversammlungsbeschlüsse vor den Volks­ beförderten den Einschluss der Ruderer und Besitzlosen in
gerichten überprüfen zu lassen, wurde die persönliche Ver­ die Bürgerschaft und machten damit die Polisdemokratie
antwortung der die Volksversammlung prägenden Redner erst zu einer Herrschaft freier und gleicher Bürger. Das See-
gestärkt. Damit begegneten die Bürger auch den Gefahren reich, der Attisch-Delische Seebund, brachte auch Tribute
der Demagogie.
¬ Die Athener Demokratie kannte kein Berufspolitikertum.
Jeder Bürger war berechtigt, an der Volksversammlung teil­
zunehmen. 6000 Bürger waren in der Regel bei der Volks­
versammlung, 200 bis 500, manchmal bis 1000 bei den
Gerichtsversammlungen anwesend, 500 Bürger waren Mit­
glieder des Rates, und 700 hatten jedes Jahr ein Amt inne.
Die faktische Beteiligung war also, angesichts von etwa
30000 Vollbürgern, außerordentlich hoch. Die moderne
Spaltung zwischen Regierenden und Regierten, zumeist
Getty Images / Hulton Archive

verstärkt durch räumliche Distanz und institutionelle Re­


präsentanz, war der athenischen Demokratie fremd.
¬ Die athenische Demokratie lebte vom Engagement ihrer
Bürger und von der gemeinsamen Sorge um das Gemein­
wesen. Um noch einmal Perikles in der Überlieferung von
Thukydides zu zitieren: „Wir vereinigen in uns die Sorge
um unser Haus zugleich und unsere Stadt [...] [d]enn einzig Polis und oikos, der Bereich des Privaten, sind in Athen strikt getrennt. Das
bei uns heißt einer, der daran gar keinen Teil nimmt, nicht Familienessen auf einem Flachrelief, entstanden ca. 500 v. Chr., verdeut­
ein stiller Bürger, sondern ein schlechter.“ Die Athener wa­ licht die innerfamiliäre Hierarchie mit dem Hausherren an der Spitze.

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12 Demokratie

So hielt der Philosoph Sokrates (469-399 v. Chr.) die Demo­


kratie für ein im Grunde absurdes Unternehmen, weil sie
alle wichtigen politischen Entscheidungen in die Hände ei­
ner Mehrheit von gewöhnlichen Bürgern legte. Er verglich
den Staat mit einem Schiff, das auch nicht dadurch lenkbar
sei, dass alle Entscheidungen den Abstimmungen all jener
unterworfen würden, die auf dem Schiff reisten. Platon, der
das undemokratische Sparta dem demokratischen Athen
vorzog, hielt Orientierungslosigkeit, Beliebigkeit und Sit­
tenverfall für Begleiterscheinungen der Demokratie. Damit
zeichnete Platon ein Zerrbild von der Wirklichkeit der athe­
nischen Demokratie, das seiner tiefen Enttäuschung über
bpk

Das Theater ist ein wichtiger Bestandteil des kulturellen und religiösen den Tod seines vom Volksgericht verurteilten Lehrers Sokra­
Lebens in der athenischen Polis. Eines der wichtigsten Theater Athens ist tes geschuldet war.
das Dionysostheater. Holzstich (o.J.) Aber auch von Aristoteles (384-322 v. Chr.) wird die radikale
Demokratie abgelehnt. Er bevorzugte eine gemäßigte Demo­
kratie, in der die Macht des Volkes darauf beschränkt blieb,
und Zahlungen, ermöglichte weiträumigen Warenaus­ die fähigsten Amtsträger zu wählen und von ihnen Rechen­
tausch und sicherte so die enormen finanziellen Aufwen­ schaft zu fordern, aber die Entscheidungen selbst von Beam­
dungen Athens. Die Demokratie, die Diäten für die Bürger, ten treffen zu lassen. Aristoteles schwebte, wie er in seiner
die Wohltätigkeit, der Kultus und das Theater verursach­ Verfassungslehre ausführte, als ideale politische Ordnung
ten erhebliche Kosten. Dies wurde zum Teil durch die eine Mischung aus Demokratie und Oligarchie, gleiche Wahl­
sogenannten Liturgien, durch die Umlage der Finanzie­ rechte für alle Bürger, aber Wahl der Entscheidungsträger
rung auf vermögende Bürger, aufgebracht. Bis zum Ende nach Kompetenz und Ansehen vor. Aristoteles nannte diese
des 5. Jahrhunderts v. Chr. half aber eben auch das Imperi­ Verfassung „Politie“.
um, die Demokratie zu finanzieren. Bei ihr handelte es sich um eine gemäßigte Demokratie,
¬ Die direkte Demokratie Athens mit ihrem hohen Grad an die Bürger dieser Polis besaßen gleiche Bürgerrechte, aber
Bürgerbeteiligung und der herausragenden Stellung und abgestufte Möglichkeiten der politischen Beteiligung an
Bedeutung der Bürgerschaft war ein politisches Gemein­ der Herrschaftsausübung. Aus der Verfassungsform der
wesen auf kleinem Raum. Athen war zwar die größte Polis Oligarchie bezog die „Politie“ ihre Mäßigung, weil nun die
in Griechenland, die Bürgerschaft betrug aber unter Perik­ Ämter wählbar waren. In Aristoteles' Modell einer Misch­
les kaum mehr als 35000 und unter Demosthenes (384-322 verfassung finden sich also drei Gedanken, die für die mo­
v. Chr.) etwa 30000 Bürger, die Stadtfläche umfasste nicht derne Demokratie wegweisend werden sollten. Konstitutiv
mehr als 2500 Quadratkilometer. Politik, die Angelegen­ für ein politisches Gemeinwesen ist die Aktivbürgerschaft,
heit des Bürgers, war von Raum und Zahl her also über­ dies ist der Gedanke der Demokratie. Herrschaft aber muss,
schaubar. Das unterscheidet die Polisdemokratie von der wenn sie im Interesse des Gemeinwesens ausgeübt wird,
großflächigen Demokratie des neuzeitlichen Territorial- eingeschränkt sein, und dies auch dort, wo der Demos
und Nationalstaates. herrscht. Das ist das Prinzip der Limitierung von Herr­
¬ Die Praxis der athenischen Versammlungsdemokratie hat schaft, das sich dann vor allem im 18. und 19. Jahrhundert
gezeigt, welches Selbstgefährdungspotenzial der Demo­ als Prinzip der liberalen Demokratie herausbilden sollte.
kratie innewohnt. 411 v. Chr. und dann ganz ähnlich 404 v. Und schließlich versprach die Mischung von Verfassungs­
Chr. hatte die Volksversammlung – in Zeiten kriegerischer formen nicht nur eine gemäßigte Herrschaft, sondern auch
Auseinandersetzungen mit Athens Hauptkonkurrenten politische Stabilität.
um die Vorherrschaft Griechenlands, Sparta – für die Ab­
schaffung der Demokratie gestimmt und jeweils die Macht
vorübergehend einigen wenigen Männern anvertraut, die
ihre Herrschaft aber jeweils in die Richtung einer Oligar­
chie entwickelten. Damit war das Paradoxon der Demokra­
tie erkennbar geworden, das auch die moderne Demokra­
tie im 20. Jahrhundert beschäftigen sollte. Denn wenn das
Volk, der Demos, frei ist, alles zu tun, dann kann es auch
die Demokratie, seine eigene Herrschaft, abschaffen und
durch andere Ordnungsformen, Tyranneien oder Diktatu­
ren wie im 20. Jahrhundert, ersetzen. In Athen wurde zwar
die Demokratie relativ schnell wieder hergestellt, aber die
Ereignisse gaben den Kritikern der Demokratie, allen vo­
ran dem griechischen Philosophen Platon (427-347 v. Chr.),
Recht, dass nämlich die Demokratie eine sehr instabile
Herrschaftsform sei, in der Demagogen leichtes Spiel ha­
ben, weil das Volk, „einfach in den Sitten, unstet in den
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Meinungen und verführbar durch Versprechungen“, letzt­


lich also nicht in der Lage sei, verantwortlich mit der eige­
nen Herrschaft umzugehen. Sokrates (469-399 v. Chr.)

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Grundzüge der athenischen Demokratie 13

Die Verfassungslehren des Verfassungstypologie nach Aristoteles


Aristoteles und des Polybios
Ziel der Herrschaft
[...] Bis heute maßgeblich ist die Syste­
matisierung der Verfassungslehre Zahl der Herrschenden Gemeinwohl: zum Nutzen Partikularwohl: zum Nutzen
durch Aristoteles, die scheinbar ein­ Aller des jeweils Herrschenden
fach, aber vollkommen schlüssig
die Staatsformen nach der Zahl der Re­ Einer Königtum/Monarchie Tyrannis
gierenden unterscheidet: Entweder
Wenige/Einige Aristokratie Oligarchie
regiert einer oder wenige oder „alle“.
[...] Neben diese Unterscheidung nach Viele/Alle Politie Demokratie
der Zahl tritt die nach der Qualität
der Herrschaft: ob sie auf das Gemein­
wohl zielt oder statt dessen auf das
Wohl der Regierenden. [...]
Ein neues, aber auf den klassischen und auch nur so lange diese Eigen­ 5. Wenn aber deren Söhne diese Macht­
Grundbegriffen beruhendes Modell schaften anhalten. Das ist die Herr­ stellung übernehmen, haben sie
hat Polybios entworfen. Polybios war schaft des Einzelnen [...] keinen Begriff mehr von den Leiden der
Politiker, Stratege und Gesandter. 2. Durch Gewöhnung wird daraus das Tyrannis, der Bedeutung der Rede­
Nach der Niederlage der griechischen Königtum [...], indem man sich freiheit und anderer Bürgerrechte. Die
Städte des achaiischen Bundes 168 v. Chr. einem anerkannten Herrscher auch herrschende Schicht transformiert
gegen die Römer wurde er zusam­ dann unterordnet, wenn dieser alt sich zur Oligarchie und tendiert zu Hab­
men mit 1000 anderen Mitgliedern der und schwach geworden ist. Die Königs­ sucht, Korruption und skandalösen
achaiischen Führungsschicht nach würde kann auch auf die Nachkom­ Sittenverstößen.
Rom gebracht, wo diese Gruppe jahre­ men übergehen, weil der Glaube auf­ 6. Die Volksmenge stürzt die Oligar­
lang auf einen Prozess, den die kommt, dass jemand, der von guten chen und muss nun selbst die Herr­
Römer ihnen machen wollten, zu war­ Männern abstammt, auch selbst durch schaft übernehmen. Dies wiederum
ten hatte. [...] Polybios entwickelt Erziehung oder Vererbung besondere geht so lange gut, wie noch Menschen
nun etwas, was er für ein Naturgesetz Fähigkeiten haben könnte. Statt der leben, die sich an die Gewaltherrschaft
der Verfassungsentstehung und Gewalt beginnen nun Moral und Recht erinnern und neuen Entartungen
Verfassungsfolge hält. In Wirklichkeit zu herrschen. vorbeugen. Danach aber unterliegt auch
handelt es sich um ein geschichts­ 3. Die Nachkommen jedoch entfernen diese Staatsform den unerbittlichen
philosophisches Schema der zeitlichen sich von den Untertanen, bean­ Formen des Verfalls, die neue Genera­
Abfolge verschiedener Verfassungen spruchen Sonderrechte und erregen tion gewöhnt sich daran, fremdes
nach Prinzipien theoretisch erfassbarer dadurch Neid, Hass und Zorn. Aus Gut zu verzehren, schließt sich groß­
Notwendigkeit. [...] dem Königtum wird die Tyrannis. sprecherischen Führern an, raubt und
Dieses Abfolgemodell besteht aus 4. Diese wird durch Verschwörungen nimmt Vertreibungen vor, bis sich
sechs Schritten: der Edelsten, Lautersten und Mutigs­ wieder ein Alleinherrscher findet. [...]
1. Staaten entstehen neu nach Natur­ ten gestürzt, weil diese am wenigsten Polybios’ Lehre vom Kreislauf der
katastrophen oder in Notsituationen. die Zumutungen und Anmaßungen Verfassungen ist scharfsinnig gedacht,
Die Menschen sammeln sich dann um der Herrschenden ertragen konnten. erhellend und in ihrer immanenten
Führerpersönlichkeiten, die durch Damit regiert nun eine aristokratische Kausalität außerordentlich über­
Körperkraft und Kühnheit regieren Führungsschicht. zeugungskräftig. Sie hat nur einen Nach­
teil: Sie ist empirisch falsch. Die
Lehre, die Ablösung einer Verfassungs­
form und der Umschlag in die andere
vollziehe sich jeweils in der nächsten,
spätestens übernächsten Generation,
ist nicht generalisierbar. [...]

Walter Reese-Schäfer, Antike politische Philosophie zur Einfüh­


rung, Junius Verlag, Hamburg 1998, S. 147 ff.
wikimedia.org / Manfred Werner – Tsui
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Aristoteles (384-322 v. Chr.) Polybios (201-120 v. Chr.)

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14 Demokratie

Hans Vorländer

Prinzipien republikani­
schen Denkens

bpK / Münzkabinett SMB / Dirk Sonnenwald


Recht, Gesetz und Gemeinwohl gelten als Grundlagen der po­
litischen Ordnung in der antiken römischen Republik. Ihr
Mischverfassungssystem ist nicht nur für die mittelalterlichen
Stadtrepubliken beispielgebend, sondern wirkt bis heute nach.

Dieser römische Silberdenar zeigt eine Wahlszene. Ein kniender Wähler


(li.) empfängt vom Amtsdiener das Abstimmungstäfelchen, ein Wähler
(re.) wirft eines in die cista (lat. für Kasten).

D as republikanische Denken geht auf die römische Antike


und die Republik Roms zurück. Rom selbst war keine De­
mokratie, sondern eine Oligarchie, eine Herrschaft der heraus­
trollieren, eine Zusammenarbeit zwischen den sozialen Kräf­
ten, vor allem Patriziern und Plebejern, und den politischen
Gewalten zu erzwingen und schließlich politische Stabilität
ragenden und angesehenen Männer. Die sogenannte Nobili­ zu gewährleisten.
tät, eine kleine Gruppe von Patriziern (von lat.: patres, Väter), In der römischen Mischverfassung gingen das monarchi­
dem grundbesitzenden Geburtsadel, und von wohlhabend sche Element, in Form des Konsulates, das aristokratische, in
gewordenen Plebejern (von lat.: plebs, Volk), vor allem Bauern Form des Senates, und das demokratische Element, in Form
und Handwerkern, konnte mittels eines ausgeklügelten Kli­ des Volkes, eine Verbindung ein. Auch Polybios hielt, wie schon
entel- und Patronagesystems die politischen Entscheidungen zuvor Aristoteles, eine Kombination unterschiedlicher Verfas­
weitestgehend kontrollieren. sungsformen für den Garanten freiheitlicher Ordnung und
Der Senat war das entscheidende Machtzentrum, in ihm politischer Stabilität. Konsuln, Senat und Volksversammlung
wurde über die wichtigsten offiziellen Geschäfte verhandelt hatten, so die Analyse von Polybios, ein System des Gleichge­
und abgestimmt. Die Volksversammlung hatte zwar nach wichtes ausgebildet, das auf einem institutionellen Wechsel­
den Ständekämpfen zwischen Plebejern und Patriziern (von spiel, auf gegenseitiger Einwirkung und wechselseitiger Kon­
500-287 v. Chr.) an Einfluss gewonnen, doch besaß sie keine trolle der Institutionen beruhte.
direkten Entscheidungs- und Kontrollrechte. Indes war die Damit war für Polybios ein Ausgleich zwischen Adel und
Volksversammlung der Ort, wo die von der Nobilität vertrete­ Volk geschaffen worden und zugleich eine Balance zwischen
ne Politik dem Volk als Ganzes präsentiert wurde und wo das den unterschiedlichen politischen Organen. Selbst wenn His­
Volk eine gewisse Einwirkungsmöglichkeit besaß. toriker immer wieder bezweifelt haben, dass dieses Misch­
verfassungssystem in Rom faktisch so, wie es Polybios ideal­
typisch beschrieben hat, existierte, blieb die Ansicht erhalten,
dass ein solches Mischverfassungsmodell positive Auswirkun­
gen zeitigt: Mäßigung der Macht, Ausgleich sozialer Kräfte
Antikes Rom und Kontrolle politischer Institutionen durch ihre wechselsei­
tige Verschränkung. So ließ sich aus der Analyse der antiken
Republik Rom ein konstruktiver Beitrag für die Ausgestaltung
Die römische Republik hat im politischen Denken der nachfol­ moderner Demokratien gewinnen. Das republikanische Den­
genden Jahrhunderte zunächst sehr viel direkter und stärker ken und seine Überlieferung halfen mehr als 18 Jahrhunderte
nachgewirkt als Athens Polisdemokratie. Das lag auch an der später, ein Modell gemäßigter, auf Gewaltenteilung und Ge­
Faszination, die der Aufstieg Roms, die Eroberung Italiens bis waltenkontrolle basierender Demokratie zu begründen.
ca. 270 v. Chr. und die anschließende Errichtung des Weltrei­ Nach republikanischer Denkart musste eine politische Ord­
ches bis ca. 130 v. Chr. hervorriefen. Schon früh hatte sich der nung, wollte sie gut und gerecht sein, auf Recht, Gesetz und
griechische Historiker Polybios (201-120 v. Chr.) um eine Erklä­ Gemeinwohl beruhen. So hatte auch der römische Staats­
rung für den Aufstieg Roms zur Weltherrschaft bemüht. Er sah mann und Philosoph Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.),
ihn vor allem in der Elastizität der römischen Verfassung be­ der in der Phase des Niedergangs der römischen Republik die
gründet, die es ermöglichte, Macht zu begrenzen und zu kon- Prinzipien der republikanischen Staatsform noch einmal ge­

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Prinzipien republikanischen Denkens 15

Hermann Kinder / Werner Hilgemann, dtv-Atlas der Weltgeschichte, Band 1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution, München 2006, S. 74.

nau beschrieb, in seiner Schrift „De re publica“ festgehalten: communione) vereinigt ist.“ Damit war zugleich ausgespro­
„Es ist also das Gemeinwesen die Sache des Volkes (res publica chen, dass eine Republik, als „Sache des Volkes“, ihre Bürger an
res populi), ein Volk aber nicht jede irgendwie zusammenge­ der Formulierung der Gesetze und des Gemeinwohls zu betei­
scharrte Ansammlung von Menschen, sondern die Ansamm­ ligen hatte, worunter indes keineswegs eine direkte und un­
lung einer Menge, die in der Anerkennung des Rechtes (iuris mittelbare Partizipation aller freien und gleichen Bürger wie
consensu) und der Gemeinsamkeit des Nutzens (utilitatis in der athenischen Polisdemokratie zu verstehen war.

Staat als Angelegenheit des ist schließlich […] diejenige Verfassung, bei auch die Begabungen aller nicht gleich
Volkes der alles in der Hand des Volkes liegt. [...] sein, so müssen doch ganz gewiss die Rechte
Aber in Monarchien haben alle übrigen gleich sein für alle, die in demselben Staat
Der römische Staatsmann und Philosoph zu wenig Anteil an dem gemeinsamen Recht Bürger sind. Denn was sonst ist der Staat als
Cicero bekleidete in seiner Laufbahn die und der planvollen Leitung des Staates; die Rechtsgemeinschaft seiner Bürger? [...]
höchsten politischen Ämter der Republik. in der Aristokratie kann die Menge, da ihr
In seinen Schriften verteidigte er den jede Beteiligung an der planvollen Leitung Marcus Tullius Cicero, De re publica / Vom Staat, Erstes Buch,
Staat als eine Angelegenheit des Volkes und an der Macht fehlt, kaum Anteil an 25(39)-32(49), Lateinisch/ Deutsch, übers. und hg. von
Michael von Albrecht, Reclam Verlag, Stuttgart 2013,
(„Est igitur ... res publica res populi“). der Freiheit haben; und in der Demokratie, S. 57 ff.
wenn alles vom Volk entschieden wird (und
[...] [J]ede Bürgerschaft, das heißt jede ver­ mag dieses noch so gerecht und maßvoll
fassungsmäßige Ordnung eines Volkes, sein), ist die Gleichheit selbst ein Element der
jeder Staat, der ja [...] Sache des Volkes ist, Ungerechtigkeit, da sie keine Rangabstu­
muss irgendwie durch planvolle Leitung ge­ fungen kennt. [...]
lenkt werden, um auf die Dauer bestehen Daher halte ich eine vierte Staatsform für
zu können. Diese planvolle Leitung [...] muss diejenige, welche die meiste Anerkennung
entweder einem Einzelnen übertragen wer­ verdient: nämlich eine, die aus den
picture alliance / Keystone / Röhnert

den oder bestimmten Auserwählten oder drei genannten maßvoll gemischt ist. [...]
von der Gesamtheit aller Bürger übernom­ Weil somit das Gesetz das Band der bür­
men werden. Wenn also alle Macht in der gerlichen Gemeinschaft ist, das Recht aber
Hand eines einzelnen ist, nennen wir diesen Gleichheit vor dem Gesetz bedeutet – auf
„König“ und die Verfassung dieses Staates welcher Rechtsgrundlage kann die Gemein­
„Monarchie“. Ist [die Macht] aber in der schaft der Bürger dann erhalten bleiben,
Hand Auserwählter, dann heißt es, der Staat wenn es keine gleichen Bedingungen für die
werde von der Entscheidungsgewalt der Bürger gibt? Ist man schon nicht für gleich­
Optimaten regiert (Aristokratie). Demokratie mäßige Verteilung des Geldes und können Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.)

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16 Demokratie

In gleicher Weise wurden auch die freien Land- und Reichsstäd­


te Deutschlands, die Niederlande, Brabant und Flandern sowie
die Schweizer Eidgenossenschaft und ihre Kantone regiert.
Innerhalb der Stadt galt die Freiheit der Person, Bürger waren
gegen willkürliche Verhaftung geschützt. Stadtbürger konnten
über ihren Besitz verfügen. Die Stadtregierung aus nur weni­
Mittelalterliche Stadtrepubliken gen Bürgern war darauf verpflichtet, das Gemeinwohl zu för­
dern und im Konsens mit allen Bürgern zu regieren, „der Stadt
ewigen Frieden und reine Gerechtigkeit zu bewahren“, wie es
So verhielt es sich in Mittelalter und früher Neuzeit auch in beispielsweise die Verfassung von Siena 1309 formulierte.
den Stadtrepubliken Italiens, die an die römische Tradition an­ Das republikanische Denken überdauerte die Konflikte und
knüpften. In Oberitalien hatte sich bis zum Ende des 12. Jahr­ den Niedergang der italienischen Stadtrepubliken, der im
hunderts eine Reihe von Städten, darunter Arezzo, Florenz, Ge­ 15. Jahrhundert einsetzte. Es erhielt sich die Überzeugung,
nua, Mailand, Padua, Pisa und Siena, eine Eigenständigkeit im dass eine gerechte und gute politische Ordnung der Tugend
Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und gegenüber der Regierenden, des Konsenses der Bürger und der Achtung
den Machtansprüchen des Papstes gesichert. des Gemeinwohls bedarf, um auf Dauer friedlich und stabil
Während diese Städte nach außen Autonomie besaßen und zu bleiben.
diese auch gegen Übergriffe zu sichern suchten, beruhten sie Diese Tradition des sogenannten bürgerschaftlichen Repu­
im Innern auf Selbstregierung. Selbstregierung hieß nun nicht, blikanismus, die sich auch in der englischen und schottischen
dass, wie in Athen, alle Bürger die Gesetze gaben, sie ausführten Tradition seit dem 17. Jahrhundert findet, blieb für das demo­
und über ihre Einhaltung wachten. Es etablierte sich ein politi­ kratische Denken der nachfolgenden Jahrhunderte und für die
sches System, in dem Räte, bestehend aus den angesehensten Begründung der modernen Demokratie nachhaltig wirksam
Bürgern und Amtsträgern, die vollziehende und rechtsprechen­ und stellt auch heute noch für die Renaissance des Gedankens
de Gewalt ausübten, wohingegen die einfachen Bürger ledig­ von der Bürgergesellschaft einen bedeutenden historischen
lich Wahl- und Zustimmungsrechte besaßen. Bezugspunkt dar.

Machiavellis Analysen gen kaum mehr als acht bis zehn Bürger Männer und ohnmächtiges Volk gibt, kann
verbannt, ganz wenig hingerichtet und man zweifeln, in wessen Hände man am
Der aus Florenz stammende Philosoph nicht viele zu Geldstrafen verurteilt wurden. besten den Schutz der Freiheit legen soll.
und Geschichtsschreiber Niccolò Ebensowenig kann man mit einigem Bei den Lakedämoniern und in unserer Zeit
Machiavelli (1469-1527) stellt in seinen Grund den Staat als desorganisiert bezeich­ bei den Venezianern wurde er in die Hände
Schriften Aspekte der praktischen Politik nen, wenn er so viele Beispiele hervorra­ des Adels, bei den Römern jedoch in die
in den Mittelpunkt. Er nimmt dabei gender Tüchtigkeit aufzuweisen hat; denn Hände des Volks gelegt.[...]
immer wieder Bezug auf das römische gute Beispiele entstehen durch gute Er­ Bei genauer Untersuchung wird man
Reich, analysiert dessen Politik und ziehung, gute Erziehung durch gute Gesetze schließlich zu folgendem Schluß kommen:
zieht daraus normative Schlüsse für die und gute Gesetze durch Parteikämpfe, es kommt darauf an, ob man einen Staat
Staatslenker seiner Zeit. die viele unüberlegt verurteilen. Wer deren im Auge hat, der ein mächtiges Reich wer­
Ausgang genau untersucht, wird finden, den will wie Rom, oder einen Staat, dem es
[…] Ich behaupte, daß diejenigen, die die daß sie nie eine Verbannung oder eine Ge­ genügt, Bestehendes zu erhalten. Im ersten
Kämpfe zwischen Adel und Volk verdam­ walttat zum Schaden des öffentlichen Fall muß man in allem wie Rom handeln,
men, auch die Ursachen verurteilen, die in Wohls zur Folge hatten, wohl aber Gesetze im zweiten kann man Venedig und Sparta
erster Linie zur Erhaltung der Freiheit Roms und Einrichtungen zum Besten der allge­ nachahmen. [...]
führten. Wer mehr auf den Lärm und das meinen Freiheit. [...] Ich behaupte, daß jeder Niccolò Machiavelli, Discorsi. Gedanken über Politik und
Geschrei solcher Parteikämpfe sieht als auf Staat die ihm eigenen Mittel und Wege Staatsführung. Deutsche Gesamtausgabe, übers., eingeleitet
deren gute Wirkungen, der bedenkt nicht, haben muß, dem Ehrgeiz des Volks Luft zu und erläutert von Dr. Rudolf Zorn, 3., verbesserte Aufl.,
Kröner Verlag, Stuttgart 2007, S. 18 ff.
daß in jedem Gemeinwesen das Sinnen und machen, besonders aber die Staaten, die
Trachten des Volks und der Großen ver­ sich bei wichtigen Dingen des Volks bedie­
schieden ist und daß alle zu Gunsten der nen wollen. So war es in Rom üblich, daß
Freiheit entstandenen Gesetze nur diesen das Volk, wenn es ein Gesetz durchsetzen
Auseinandersetzungen zu danken sind. wollte, entweder die oben genannten Mittel
Dies ersieht man ohne weiteres an dem Bei­ anwandte oder den Kriegsdienst verweiger­
spiel Roms; denn von den Tarquiniern te, so daß man es zur Besänftigung wenigs­
bis zu den Gracchen, also in einem Zeitraum tens teilweise zufriedenstellen mußte. [...]
von mehr als 300 Jahren, hatten die Un­ Wer einem Staatswesen eine Verfassung
ruhen in Rom selten Verbannungen zur zu geben hat, tut immer klug daran, Vor­
Folge und ganz selten Blutvergießen. sorge für den Schutz der Freiheit zu treffen.
Man kann also diese Unruhen weder für Dies ist eine der notwendigsten Einrichtun­
schädlich halten, noch den Staat für inner­ gen; von dieser hängt es ab, ob die bürger­
lich zerrissen, wenn in dieser ganzen Zeit liche Freiheit von längerer oder kürzerer
bpk

durch die politischen Auseinandersetzun­ Dauer ist. Da es in jeder Republik mächtige Niccolò Machiavelli (1469-1527)

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Prinzipien republikanischen Denkens 17
picture alliance / united archives / WHA / 91020

Im Palazzo Pubblico in Siena stellt ein Wandfresko des Malers Ambrogio Lo­ in eine Schale mit Münzen greift, mit einer Sanduhr die Mäßigung (Tem­
renzetti (um 1290–1348) die „gute“ und die „schlechte“ Regierung mitsamt perantia) und die strenge Gerechtigkeit (Justitia). Justitia ist ein weiteres
ihrer jeweiligen Folgen für Stadt und Land allegorisch gegenüber. Während Mal dargestellt im Zentrum der Figurengruppe im linken Bildteil. Sie blickt
die „schlechte Regierung“ als dämonisches Gruselkabinett erscheint, ver­ hinauf zu einer Engelsfigur, der Weisheit (Sapientia), die den Griff der Waa­
mittelt die „gute Regierung“ ein Bild der Ruhe und der Ordnung. ge der Gerechtigkeit in der Hand hält. Ihr zu Füßen sitzt als weitere Frauen­
Hier thront der gute Regent mit seinen Ratgeberinnen: Über seinem figur Concordia (Eintracht). Sie verbindet zwei Bänder, die von den Waag­
Haupt schweben der Glaube (Fides), die Liebe (Caritas) und die Hoffnung schalen herabfallen zu einer Kordel, die sie an eine Reihe von teils einfach,
(Spes). Vom Betrachter aus links vom Regenten sitzen mit einer hell leucht­ teils vornehm gekleideten Männern weiterreicht. Diese schreiten in Rich­
enden Öllampe die Klugheit (Prudentia), schwer bewaffnet die Stärke (For­ tung des Regenten, dessen Hand das andere Ende der Kordel hält. Durch die
titudo) und ganz außen, lässig zurückgelehnt, der Frieden (Pax); vom Be­ gerechte Regierung eines tugendhaften Herrschers sollen die Bürger aller
trachter aus rechts vom Regenten die Großherzigkeit (Magnanimitas), die gesellschaftlichen Schichten so in Eintracht verbunden sein.
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Ganz anders sieht es aus im Fall der „schlechten Regierung“, der Gewalt­ Schlag ausholt. Geiz (Avaritia), Hochmut (Superbia) und Eitelkeit (Va­
herrschaften (Tyramnides). Hier sitzt ein gehörntes Ungeheuer auf dem nagloria) umschweben den Tyrannen, während die Gerechtigkeit (Justi­
Thron. Die Ratgeber dieses Herrschers sind zur Linken der halb mensch­ tia), gefesselt und ihrer Waage beraubt, zu seinen Füßen liegt. Mord und
liche, halb tierische Betrug (Fraus), der ein Lamm mit Skorpionsschwanz Totschlag herrschen in der Stadt.
liebkosende Verrat (Proditio) und die Grausamkeit (Crudelitas), die ei­
nen Säugling mit einer Schlange terrorisiert; zur Rechten das tierische (Vgl. Dagmar Schmidt, Der Freskenzyklus von Ambrogio Lorenzetti über die
Mischwesen Aufruhr (Furor), mit Säge und in zweifarbigen Kleidern die gute und die schlechte Regierung. Eine danteske Vision im Palazzo Pubblico
Zwietracht (Divisio) und kampfbereit der Krieg (Guerra), der bereits zum von Siena, Dissertation der Universität St. Gallen, 2003, S. 58 ff. und S. 72 ff.)

Informationen zur politischen Bildung Nr. 284/2013


18 Demokratie

Hans Vorländer

Wege zur modernen


Demokratie

Die moderne Demokratie entsteht im 17. und 18. Jahr­


hundert infolge politischer, kultureller und sozialer

ClassicStock / akg-images
Veränderungen. Wegweisend für ihre Ausgestaltung
sind die Entwicklungen in England, Frankreich und
den USA.

Benjamin Franklin, Thomas Jefferson, John Adams, Robert R. Livingston


und Roger Sherman (v.l.n.r.) diskutieren den Entwurf der amerikanischen
Unabhängigkeitserklärung.

D ie moderne Demokratie unterscheidet sich wesentlich


von der antiken Demokratie und den Republiken des spä­
ten Mittelalters. Sie hat sich nur langsam durchgesetzt und ist
von Herrschaft und die Absolutheit der Gewalt bestanden,
wie Jean Bodin (1529-1596), der Theoretiker der Souveränität,
1576 schrieb, geradezu darin, Gesetze ohne die Zustimmung
auf sehr unterschiedlichen Wegen als Ergebnis von Revolutio­ der Untertanen zu erlassen. Eine demokratische Revolution
nen und Kämpfen zwischen unterschiedlichen sozialen Grup­ alleine hätte das Problem der Souveränität noch nicht lösen
pen und politischen Kräften entstanden. Dabei konnte sie können. Denn trat der Demos an die Stelle des Monarchen,
zwar an die antike und republikanische Tradition anknüpfen, dann wurde zwar der Träger der Herrschaft ausgewechselt,
musste sich jedoch auch an Voraussetzungen und Bedingun­ das Problem der Bindungen und Beschränkungen aber blieb
gen anpassen, die sich seit dem 17. Jahrhundert grundlegend bestehen. Politische Souveränitätsausübung musste jedoch
verändert hatten. Insofern musste die moderne Demokratie generell beschränkt werden, um zu verhindern, dass sie zur
neu erfunden werden. Despotie entartete.
¬ Während sowohl die athenische Polisdemokratie wie auch ¬ Die Reformation und die anschließenden Religions- und
die mittelalterlichen Stadtrepubliken kleinräumige politi­ Bürgerkriege hatten das Thema der Religionsfreiheit und
sche Ordnungen gewesen waren, hatten sich nun großflä­ der Toleranz aufgebracht. Damit wurde einerseits der
chige Territorialstaaten herausgebildet. Die Menschen kann­ Grundstock für ein genuin personalgebundenes Verständ­
ten sich in der Regel nicht mehr untereinander, und es war nis von Freiheit gelegt und andererseits die Macht des
schwierig, wenn nicht gar unmöglich, regelmäßig zu Ver­ weltlichen Staates in Frage gestellt, über diese individuel­
sammlungen zu erscheinen und jederzeit Ämter zu überneh­ le Glaubens- und Bekenntnisfreiheit verfügen zu können.
men. Deshalb mussten sich die Strukturen der politischen Glaubensfreiheit wurde zum politischen Postulat unter­
Willens- und Entscheidungsbildung verändern. Es bedurfte schiedlicher religiöser Bekenntnisse. Hier lag eine der Wur­
anderer Institutionen, um die Beteiligung möglichst vieler zeln für die Forderung nach der Garantie individueller Frei­
Bürger, in welcher Form auch immer, sicherzustellen. heits- und Grundrechte. Die andere Wurzel entsprang der
¬ Der moderne, neuzeitliche Flächenstaat war von Fürsten philosophischen Bewegung der Aufklärung, die zwischen
und Königen geschaffen und regiert worden, die für ihre dem 16. und dem 18. Jahrhundert in ganz Europa die traditi­
Herrschaftsgewalt, zumindest in der Zeit des Absolutismus, onellen Vorstellungen von Gott, Welt und Mensch erschüt­
ungeteilte Souveränität beanspruchten. Die Herrschaftsaus­ terte und die allumfassende „Befreiung des Menschen aus
übung war von allen Beschränkungen und auch von allen seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Immanuel
Zustimmungserfordernissen abgekoppelt. Die Souveränität Kant) forderte.

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Wege zur modernen Demokratie 19

picture-alliance / akg-images / Erich Lessing


ullstein bild – ullstein bild

Die Reformation befreit die Individuen aus ihrer Unmündigkeit gegenüber … wächst der Wunsch nach Ordnung und einem starken Herrscher. Im
der Kirche (hier das Titelbild der ersten Bibelübersetzung). Als infolge- absolutistischen Frankreich ist dies König Ludwig XIV, der von 1643-1715
dessen aber europaweit blutige Unruhen ausbrechen, … herrschte. Gemälde von Pierre Mignard aus dem 17. Jh.

Unteilbarkeit der Souveränität

Der französische Philosoph und Staats­ Die wahren Attribute der Souveräni­ ihm Nachdruck, so daß das Gesetz eher
rechtler Jean Bodin (1529-1596) gilt als tät sind nur dem souveränen Fürsten akzeptiert wird. [...]
der theoretische Begründer des staat­ eigen. [...]
Jean Bodin, Über den Staat (Buch 1), Auswahl, Übers.und
lichen Absolutismus. Geprägt durch Das hervorragendste Merkmal der Nachwort von Gottfried Niedhart, Reclam Verlag, Stuttgart
die Religionskriege im Frankreich des fürstlichen Souveränität besteht in 2005, S. 19, 39,41, 42
16. Jahrhunderts sucht er den zerrütte­ der Machtvollkommenheit, Gesetze für
ten Staat theoretisch auf die Grund­ alle und für jeden einzelnen zu erlassen,
lage eines absoluten Souveränitätskon­ und zwar, wie ergänzend hinzuzufügen
zeptes zu stellen. ist, ohne daß irgendjemand – sei er nun
höhergestellt, ebenbürtig oder von nie­
[...] Der Begriff der Souveränität bein­ derem Rang – zustimmen müßte. Wenn
haltet die absolute und dauernde nämlich der Fürst nur mit Zustimmung
Gewalt eines Staates [...]. Souveränität eines über ihm Stehenden Gesetze
bedeutet höchste Befehlsgewalt. [...] erlassen kann, so ist er selbst Untertan;
Da es auf Erden nach Gott nichts Grö­ wenn es nur in Übereinstimmung mit
ßeres gibt als die souveränen Fürsten, die einem ihm Ebenbürtigen geschehen
Gott als seine Statthalter eingesetzt hat, kann, so teilt der Fürst seine Befugnisse
damit sie der übrigen Menschheit befeh­ mit jemandem; wenn die Gesetzgebung
len, ist es notwendig, auf ihre Stellung an die Zustimmung der Untertanen (des
achtzuhaben, um in Unterwürfigkeit ihre Senats oder des Volkes) gebunden ist,
Majestät achten und verehren und über so ist der Fürst nicht souverän. Die Namen
sie in Ehrerbietung denken und sprechen der Großen eines Landes, die man bei
akg-images

zu können. Wer sich gegen den König Gesetzestexten angefügt findet, bewirken
wendet, versündigt sich an Gott, dessen nicht die Gesetzeskraft. Vielmehr be­
Abbild auf Erden der Fürst ist. [...] zeugen sie den Vorgang und verleihen Jean Bodin (1529-1596)

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20 Demokratie

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Die Manufakturen tragen zur Entwicklung einer kommerziell-industriellen Gesellschaft bei, in der zunehmend
selbstbewusste Bürger Teilhabe an der Macht fordern. Spielkartenfabrikation in Paris um 1680

¬ Hinzu trat mit der Entstehung einer kommerziell-indus­ Politik der kleinen Schritte – England
triellen Gesellschaft die Forderung nach ökonomischer Be­
tätigungsfreiheit und nach Sicherung eines durch Arbeit
entstandenen Besitzes. Die soziale und ökonomische Struk­ In England verlief der Weg zur modernen Demokratie über die
tur der alten, ständisch gegliederten Gesellschaft mit ihren Ausbildung einer konstitutionellen Monarchie, eine schritt­
feudalistischen und zunftmäßigen Behinderungen freien weise Stärkung des Parlamentes und eine allmähliche Erwei­
Wirtschaftens trug nicht länger. Der aufsteigende bürger­ terung des allgemeinen Wahlrechtes. Bis auf die Zeiten der
liche Stand forderte die Beendigung der privilegierten, nur Magna Charta von 1215 geht die Idee zurück, dass keine Steuer
auf Geburt gegründeten Vorherrschaft des Adels. ohne gemeinsame Beratung im Königreich erhoben werden
¬ Daraus folgte die Notwendigkeit einer anderen Rechtferti­ durfte. Der König benötigte den Rat, aber auch die Zustim­
gung politischer Machtausübung, denn die herkömmliche, mung von Männern aus seinem Reich, um die Finanzen fest­
auf dem Gottesgnadentum des Herrschers basierende alte zustellen. Daraus entwickelte sich um die Mitte des 13. Jahr­
Ordnung, die davon ausging, dass der Herrscher von Gott hunderts die Institution des Parlamentes, das laut Statuten
eingesetzt ist, war spätestens mit der Enthauptung Charles I. mindestens einmal jährlich tagen sollte.
Stuart in England 1649 in ihrer Gültigkeit erschüttert wor­ Während zunächst in diesen Parlamenten vor allem adlige
den. Es galt daher, Staat und Herrschaft neu zu begründen Großgrundbesitzer vertreten waren, bildete sich seit dem 14.
und nach den durch die Aufklärung propagierten „Grund­ Jahrhundert die Vorstellung des Parlamentes als einer Vertre­
sätzen der Vernunft“ auszurichten. Nicht von ungefähr tung aller Kreise und Gemeinden des Königreiches heraus. Da­
setzt hier die Denkfigur eines Vertrages zwischen Indivi­ her erhielten nun auch die „Gemeinen“, die commons, Zugang
duen zur Legitimierung einer politischen Ordnung ein. Der in die Vertretung. Später entwickelte sich hieraus das House
Gesellschaftsvertrag, der auf der Zustimmung der Einzel­ of Commons, das Unterhaus. Natürlich war dieses Parlament
nen beruhte, wurde zur neuen Grundlage des Staates. Der noch keine demokratische Vertretungskörperschaft. Erst die
Gesellschaftsvertragsgedanke verband sich mit den aus Wahlrechts- und Parlamentsreformen des 19. und 20. Jahrhun­
dem Naturrecht hergeleiteten Ideen von der Unveräußer­ derts führten zur vollen Parlamentarisierung der konstitutio­
lichkeit von Leben, Freiheit und Eigentum des Individu­ nellen Monarchie und zur Demokratisierung des Parlamen­
ums. Eine jede politische Ordnung war nun vom Einzelnen tarismus. Doch führte die frühe Etablierung des Parlamentes
und seiner Freiheit her zu denken. Damit erhob sich das als Gesamtvertretung des englischen Commonwealth zu zwei
Problem, wie mit der Unterschiedlichkeit von Interessen entscheidenden Weichenstellungen:
und Wertvorstellungen der Individuen umgegangen wer­ Zum einen bewirkte das parlamentarische Zusammenwir­
den sollte. ken von König, Oberhaus und Unterhaus schon früh eine Ba­
lance sozialer Kräfte und politischer Gewalten. Der französi­
Die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen sche Staatsrechtler und Philosoph Charles-Louis de Secondat,
mündeten in die Forderungen nach einer Beschränkung der Baron de la Brède et de Montesquieu (1689-1755) hat in seiner
Herrschermacht, nach Trennung der Gewalten und in die Vor­ Schrift „Vom Geist der Gesetze“ eindrucksvoll beschrieben, wie
stellungen von der Souveränität des Volkes. Politische Realität sich die englischen Institutionen von König, Oberhaus und
wurden diese Forderungen auf verschiedenen Wegen: in Eng­ Unterhaus wechselseitig verschränkten und damit gegensei­
land über die Bürger- und Religionskriege des 17. Jahrhunderts, tig kontrollierten. Er sah darin eine Mischverfassung monar­
in Nordamerika in der Unabhängigkeitserklärung der USA von chischer, aristokratischer und demokratischer Elemente, die
1776 und den nachfolgenden Verfassungen, in Frankreich über seiner Einschätzung nach die Herrschaft mäßigte und Freiheit
die Revolution von 1789 und in Deutschland erst im Laufe des garantierte. Diese Form der Gewaltenteilung, die eigentlich
19. Jahrhunderts. eine Gewaltenkontrolle und Gewaltenbalance (checks and

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Wege zur modernen Demokratie 21
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Die König John abgerungene Magna Charta von 1215 sicherte den Engländern
Rechte zu und gilt bis heute als wichtige Quelle des britischen Verfassungsrechts.

balances) selbstständiger Institutionen darstellt, geht somit


nicht nur auf die antiken Vorläufer der Mischverfassung, son­
dern auch auf die Entwicklung des englischen Parlamentaris­
mus im Rahmen einer Monarchie zurück.
Die andere nachhaltige Wirkung des frühen britischen Par­
lamentarismus, die für das Verständnis der modernen, reprä­
sentativen Demokratie wesentlich wurde, war die Vorstellung
von responsible government. Nach ihr war es das Recht der Bür­
ger, ihre Repräsentanten auszuwählen und sie für ihre Aus­
führung von Amt und Mandat verantwortlich zu machen –
eine Auffassung, die schon die athenische Praxis der Rechen­
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schaftsablegung und -kontrolle der Amtsträger auszeichnete,


die aber auch der republikanischen Tradition bürgerschaft­
licher Selbstregierung entstammte. Das Verhältnis zwischen
Repräsentierten und Repräsentanten beruhte zum einen auf
Zustimmung, zum anderen auf Vertrauen.
Diese Theorie einer Repräsentation auf Zeit hatte sich
1642 führen die Gegensätze zwischen Parlament und Krone in England bereits im 17. Jahrhundert herausgebildet, vor allem in den
zum Bürgerkrieg. Nach dem Sieg Cromwells wird König Charles I. 1649 in Auseinandersetzungen, die von der Enthauptung Charles I.
London hingerichtet. 1649 über Oliver Cromwells Interregnum (1649-1658) bis zur
Glorious Revolution von 1688/89 andauerten. Die Levellers,
eine radikal-demokratische Bewegung, die die Sache des
Parlamentes gegen den König in den 1640er-Jahren verfoch­
ten und die Ausweitung der Wahlrechte gefordert hatte,
gehörten ebenso zu den Verfechtern dieser Auffassung wie
der bedeutende Philosoph der englischen Aufklärung John
Locke (1632-1704).
Locke definierte in seinem politischen Hauptwerk, den
„Zwei Abhandlungen über die Regierung“, die er ab 1679 ge­
schrieben hatte, die staatliche Ordnung als Vertragsverhält­
nis zwischen der Regierung und den Bürgern. Die Regierung
war auf Zustimmung und Vertrauen angewiesen, sie übte
die Amtsgeschäfte in „Treuhänderschaft“ für die Bürger aus.
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Bei Zuwiderhandlungen der Repräsentanten konnten die


Repräsentierten, die Bürger, ein Widerstandsrecht geltend
machen.
Locke war es auch, der den Zweck der eingesetzten Re­
gierung an die Wahrung individueller, natürlicher Rechte
band. Zu diesen Bürgerrechten zählte der Schutz von Leben,
Freiheit und Eigentum. Wenn er diese Rechte summarisch
Die Rückseite des 1651 von Oliver Cromwell eingeführten immer wieder als Eigentumsrechte bezeichnete, so meinte
Staatssiegels zeigt eine Sitzung des House of Commons.

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22 Demokratie

er damit, dass Leben, Freiheit und Besitz im Eigentum des englische Entwicklung der Gewährung von Freiheiten auf
Individuums standen und ihm nicht, vor allem nicht durch den Punkt gebracht, nahm mit seiner Begründung, es han­
willkürliches Regierungshandeln, wieder genommen wer­ dele sich hierbei um natürliche Rechte des Menschen, aller­
den konnten. dings eine radikale Zuspitzung vor, weil nun die Freiheiten
Entscheidend für Lockes Staatskonzeption, die noch kei­ als vorstaatliche und unveräußerliche Rechte des Einzelnen
ne dezidiert demokratische Theorie darstellte, war nun, verstanden wurden.
dass diese Rechte zugleich die Grenzen des Regierungshan­ Die Bedeutung der Lockeschen Konzeption war kaum zu
delns festlegten. Nur auf der Grundlage eines allgemeinen überschätzen, weil sie das Modell einer Demokratie auf­
und veröffentlichten Gesetzes konnte überhaupt in die ge­ zeigte, welches die Verfahren repräsentativ-demokratischer
schützten Freiheitsräume der Bürger eingegriffen werden. Willens- und Entscheidungsbildung mit der Wahrung indi­
Dabei durften aber die Rechte selbst nicht verletzt werden. vidueller Rechte und Freiheiten verband. Hier sollten die Re­
Locke hatte damit die mit der Magna Charta beginnende volutionäre von 1776 in Nordamerika anknüpfen.

Gewaltentrennung

Der französische Staatsrechtler und die Streitsachen der einzelnen zu mit gesonderten Ansichten und Inte­
Philosoph Charles-Louis de Secondat, richten. [...] ressen. [...]
Baron de la Brède et de Montesquieu Da in einem freien Staate jeder, dem Die vollziehende Gewalt muss in
(1689-1755) gilt als Begründer der mo­ man einen freien Willen zuerkennt, den Händen eines Monarchen liegen.
dernen Lehre von den drei staatlichen durch sich selbst regiert sein sollte, so Denn dieser Teil der Regierung, der
Gewalten und ihrem Verhältnis zuei­ müsste das Volk als Ganzes die gesetz­ fast immer der augenblicklichen Hand­
nander. In seinem Hauptwerk „Vom gebende Gewalt haben. Das aber ist in lung bedarf, ist besser durch einen
Geist der Gesetze“ (1748) beschreibt den großen Staaten unmöglich, in als durch mehrere verwaltet, während
er die Grundlagen und Voraussetzungen den kleinen mit vielen Misshelligkeiten das, was von der gesetzgebenden
für eine gute Regierung. verbunden. Deshalb ist es nötig, dass Gewalt abhängt, häufig besser durch
das Volk durch seine Repräsentanten mehrere als durch einen Einzelnen
[...] Die politische Freiheit des Bürgers das tun lässt, was es nicht selbst tun angeordnet wird. [...]
ist jene Ruhe des Gemüts, die aus dem kann. [...] Alle Bürger [...] müssen das
Vertrauen erwächst, das ein jeder zu Recht haben, ihre Stimme bei der Wahl Charles de Montesquieu, Vom Geist der Gesetze, übers. und
seiner Sicherheit hat. Damit man diese des Repräsentanten abzugeben, mit hg. von Ernst Forsthoff, 2. Aufl., Mohr Verlag, Tübingen 1992,
S. 214 ff. (XI. Buch, 6. Kapitel)
Freiheit hat, muss die Regierung so Ausnahme derer, die in einem solchen
eingerichtet sein, dass ein Bürger den Zustand der Niedrigkeit leben, dass
anderen nicht zu fürchten braucht. ihnen die allgemeine Anschauung kei­
Wenn in derselben Person oder der nen eigenen Willen zuerkennt. [...]
gleichen obrigkeitlichen Körperschaft Zu allen Zeiten gibt es im Staat Leute,
die gesetzgebende Gewalt mit der die durch Geburt, Reichtum oder
vollziehenden vereinigt ist, gibt es keine Ehrenstellungen ausgezeichnet sind.
Freiheit; denn es steht zu befürchten, Würden sie mit der Masse des Volkes
dass derselbe Monarch oder derselbe vermischt und hätten sie nur eine
Senat tyrannische Gesetze macht, Stimme wie alle übrigen, so würde die
um sie tyrannisch zu vollziehen. Es gibt gemeine Freiheit ihnen Sklaverei
ferner keine Freiheit, wenn die richter­ bedeuten. Sie hätten an ihrer Verteidi­
liche Gewalt nicht von der gesetzge­ gung kein Interesse, weil die meisten
benden und vollziehenden getrennt Entschließungen sich gegen sie richten
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ist. Ist sie mit der gesetzgebenden würden. Ihr Anteil an der Gesetzgebung
Gewalt verbunden, so wäre die Macht muss also den übrigen Vorteilen an­
über Leben und Freiheit der Bürger gepasst sein, die sie im Staate genießen.
willkürlich, weil der Richter Gesetzge­ Das wird der Fall sein, wenn sie eine
ber wäre. Wäre sie mit der vollzie­ eigene Körperschaft bilden, die berech­
henden Gewalt verknüpft, so würde der tigt ist, die Unternehmungen des Vol­ Charles de Montesquieu (1689-1755)
Richter die Macht eines Unterdrückers kes anzuhalten, wie das Volk das Recht
haben. Alles wäre verloren, wenn hat, den ihrigen Einhalt zu gebieten.
derselbe Mensch oder die gleiche Kör­ So wird die gesetzgebende Gewalt
perschaft der Großen, des Adels oder sowohl der Körperschaft des Adels wie
des Volkes diese drei Gewalten aus­ der gewählten Körperschaft, welche
üben würde: die Macht, Gesetze zu ge­ das Volk repräsentiert, anvertraut sein.
ben, die öffentlichen Beschlüsse zu Beide werden ihre Versammlungen
vollstrecken und die Verbrechen oder und Beratungen getrennt führen,

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Wege zur modernen Demokratie 23

Gegen das Gottesgnadentum

Der englische Arzt und Philosoph John


Locke (1632-1704) gehört zu den be­
deutendsten Philosophen der englischen
Aufklärung. Seine Hinwendung
zum Empirismus bereitet in England
die Entwicklung der modernen
Naturwissenschaften vor. In seinem
politischen Hauptwerk, den „Two
Treatises on Government“ von 1690,
wendet er sich gegen damals gängige

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Herrschaftstheorien des Gottesgna­
dentums. In der zweiten Abhandlung
über die Regierung legt Locke dar,
dass die Grundlage der staatlichen
Ordnung ein Vertragsverhältnis – der
sogenannte Gesellschaftsvertrag – John Locke (1632-1704)
zwischen der Regierung und den Bür­
gern sei.

[...] §87 Der Mensch wird, wie nachge­ schreitungen, die unter den Mitgliedern Gesellschaft und (soweit es mit den
wiesen worden ist, mit einem Rechts­ der Gesellschaft begangen werden öffentlichen Wohl vereinbar ist) jeder
anspruch auf vollkommene Freiheit und die es der Bestrafung für wert er­ einzelnen Person in ihr ist. Diese Le­
und uneingeschränkten Genuß aller achtet, das Strafmaß festzusetzen, gislative ist nicht nur die höchste Ge­
Rechte und Privilegien des natürlichen das man für angemessen hält (also zu walt des Staates, sondern sie liegt
Gesetzes in Gleichheit mit jedem der Macht, Gesetze zu erlassen), auch geheiligt und unabänderlich in
anderen Menschen oder jeder Anzahl und zugleich zu jener Gewalt, jegliches den Händen, in welche die Gemein­
von Menschen auf dieser Welt geboren. Unrecht zu bestrafen, das einem schaft sie einmal gelegt hat. Keine Vor­
Daher hat er von Natur aus nicht der Mitglieder von jemandem zugefügt schrift irgendeines anderen Menschen,
nur die Macht, sein Eigentum, d. h. sein wird, der nicht zu dieser Gesellschaft in welcher Form sie auch verfaßt, von
Leben, seine Freiheit und seinen Be­ gehört (also zu der Macht über Krieg welcher Macht sie auch gestützt sein
sitz gegen die Schädigungen und An­ und Frieden), und das alles zur Erhal­ mag, kann die verpflichtende Kraft
griffe anderer Menschen zu schützen, tung des Eigentums aller Mitglieder eines Gesetzes haben, wenn sie nicht
sondern auch jede Verletzung dieses dieser Gesellschaft, soweit es möglich ihre Sanktion von derjenigen Legis­
Gesetzes seitens anderer zu verurteilen ist. [...] Und hier liegt der Ursprung der lative erhält, die das Volk gewählt und
und sie so zu bestrafen, wie es nach legislativen und exekutiven Gewalt ernannt hat. Denn ohne sie könnte
seiner Überzeugung das Vergehen ver­ der bürgerlichen Gesellschaft: sie hat das Gesetz nicht haben, was absolut
dient, sogar mit dem Tode, wenn es nach stehenden Gesetzen zu urteilen, notwendig ist, um es zu einem Ge­
sich um Verbrechen handelt, deren Ab­ wie weit Verbrechen, die innerhalb des setz zu machen, nämlich die Zustim­
scheulichkeit nach seiner Meinung Gemeinwesens begangen wurden, zu mung der Gesellschaft. […]
die Todesstrafe erfordert. Da aber keine bestrafen sind. Ebenso muß sie durch
politische Gesellschaft bestehen ein gelegentliches Urteil, das durch John Locke, Zwei Abhandlungen über die Regierung, hg.
kann, ohne daß es in ihr eine Gewalt die jeweiligen Umstände des Falles be­ und eingeleitet von Walter Euchner, übers. von Hans Jörn
Hoffmann, 12. Aufl., © der deutschen Übersetzung Suhrkamp
gibt, das Eigentum zu schützen und gründet wird, entscheiden, wie weit Verlag, Frankfurt/M. 2007, S. 253 ff.
zu diesem Zweck die Übertretungen aller, Schädigungen von außen bestraft
die dieser Gesellschaft angehören, werden sollen. In beiden Fällen aber
zu bestrafen, so gibt es nur dort eine po­ darf sie auf die gesamte Kraft ihrer
litische Gesellschaft, wo jedes einzelne Mitglieder zurückgreifen, wenn dies
ihrer Mitglieder seine natürliche notwendig sein sollte. [...]
Gewalt aufgegeben und zugunsten der §134 Das große Ziel, das Menschen,
Gemeinschaft in all denjenigen die in eine Gesellschaft eintreten,
Fällen auf sie verzichtet hat, die ihn vor Augen haben, liegt im friedlichen
nicht davon ausschließen, das von ihr und sicheren Genuß ihres Eigentums,
geschaffene Gesetz zu seinem Schutz und das große Werkzeug und Mittel
anzurufen. Auf diese Weise wird das dazu sind die Gesetze, die in dieser
persönliche Strafgericht der einzelnen Gesellschaft erlassen worden sind. So
Mitglieder beseitigt, und die Gemein­ ist das erste und grundlegende po­
schaft wird nach festen, stehenden sitive Gesetz aller Staaten die Begrün­
Regeln zum unparteiischen und ein­ dung der legislativen Gewalt, so wie
zigen Schiedsrichter für alle. [...] das erste und grundlegende natürliche
§88 So gelangt das Staatswesen zu Gesetz, das sogar über der legislativen
einer Gewalt, für die einzelnen Über- Gewalt gelten muß, die Erhaltung der

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24 Demokratie

akg / North Wind Picture Archives

Im Dezember 1773 versenken als Indianer verkleidete Kolonisten zum Zeichen ihres Protestes gegen
das Mutterland Teeladungen im Bostoner Hafenbecken. Die Boston Tea Party gilt als wichtiges Sym­
bol der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung. Holzschnitt, 19. Jh.

Demokratiegründung – Amerikanische Revolution

Zunächst hatten die Bewohner der 13 englischen Kolonien in ment respektiert wurden: Ihr Wahlspruch „No taxation with-
Nordamerika Rechte und Freiheiten ganz in der Tradition des out representation“ bedeutete den Auftakt zur Revolution.
Mutterlandes als althergebrachte Rechte verstanden. Als Eng- Die Nordamerikaner lösten sich von England und gründeten
land aber für die Kolonien Nordamerikas die Steuerlast erhö- die Vereinigten Staaten von Amerika. Sie entwickelten dabei
hen wollte, ohne diesen Gelegenheit zur Mitsprache zu geben, ein Verständnis von vorstaatlichem Recht, welches der Unab­
gelangten die Kolonisten zu der Auffassung, dass ihre Rechte hängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 ihren revolutionären
weder von der englischen Krone noch vom englischen Parla- Charakter gab.

Virginia Bill of Rights

Die „Virginia Bill of Rights“ von 1776 höchsten Grad von Glück und Sicherheit Abschnitt 8. Bei allen schweren oder
gilt als älteste Grundrechteerklärung hervorzubringen, und die am wirk­ kriminellen Anklagen hat jedermann
der Neuen Welt. samsten gegen die Gefahr schlechter ein Recht, Grund und Art seiner An­
Verwaltung gesichert ist. [...] klage zu erfahren, den Anklägern und
[...] Abschnitt 1. Alle Menschen sind von Abschnitt 4. Kein Mensch oder keine Zeugen gegenübergestellt zu werden,
Natur aus in gleicher Weise frei und Gruppe von Menschen ist zu ausschließ­ Entlastungszeugen herbeizurufen und
unabhängig und besitzen bestimmte lichen und besonderen Vorteilen und Vor­ eine rasche Untersuchung [...] zu ver­
angeborene Rechte, [...] und zwar den rechten seitens des Staates berechtigt. [...] langen, [...] auch kann er nicht gezwun­
Genuss des Lebens und der Freiheit, die Abschnitt 5. Die gesetzgebende und gen werden, gegen sich selbst auszu­
Mittel zum Erwerb und Besitz von die ausführende Gewalt des Staates sollen sagen; niemand kann seiner Freiheit
Eigentum und das Erstreben und Erlan­ von der richterlichen getrennt und beraubt werden außer durch Landes­
gen von Glück und Sicherheit. unterschieden sein; die Mitglieder der gesetz oder [...] Urteil. [...]
Abschnitt 2. Alle Macht ruht im Volke beiden ersteren sollen [...] in bestimm­ Abschnitt 12. Die Freiheit der Presse ist
und leitet sich folglich von ihm her; ten Zeitabschnitten in ihre bürgerliche eines der starken Bollwerke der Freiheit
die Beamten sind nur seine Bevollmäch­ Stellung entlassen werden und so in [...].
tigten und Diener und ihm jederzeit jene Umwelt zurückkehren, aus der sie
verantwortlich. ursprünglich berufen wurden. [...] Hartmut Wasser, Die USA – der unbekannte Partner,
Abschnitt 3. Eine Regierung ist oder Abschnitt 6. Die Wahlen der Abgeord­ Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 1983, S. 38 ff.

sollte zum allgemeinen Wohle, zum neten, die als Volksvertreter in der
Schutze und zur Sicherheit des Volkes, Versammlung dienen, sollen frei sein;
der Nation oder Allgemeinheit ein­ alle Männer, die ihr dauerndes Interesse
gesetzt sein; von all den verschiedenen und ihre Anhänglichkeit an die Allge­
Arten und Formen der Regierung ist meinheit erwiesen haben, besitzen das
diejenige die beste, die imstande ist, den Stimmrecht. [...]

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Wege zur modernen Demokratie 25

Diese liest sich in Teilen wie ein Zitat aus Lockes Zweiter Ab­ Entwurfs waren die „Federalists“. Sie entwickelten eine De­
handlung über die Regierung – Thomas Jefferson, der die De­ mokratietheorie für den modernen Nationalstaat. In der
claration of Independence im Wesentlichen verfasste, zählte leidenschaftlichen Diskussion zwischen den „Federalists“
Locke zu seinen Lieblingsphilosophen. Die Regierung sollte und ihren Gegnern, den „Anti-Federalists“, die den Ent­
nach solchen Grundsätzen eingerichtet und ihre Gewalten wurf ablehnten, spielte auch noch ein – nicht anwesender –
in der Form organisiert werden, wie es den Bürgern zur Ge­ Dritter eine entscheidende Rolle, ein französischer Philo­
währleistung ihrer Sicherheit und ihres Glückes geboten soph, von dessen eigener Demokratietheorie sich die Fed­
schien. Vor allem aber war es Ziel- und Zweckbestimmung eralists distanzierten. Die moderne Demokratie stand am
aller staatlichen Gewalt, die als „selbstevident“ bezeichne­ Scheideweg.
ten „Wahrheiten“ zu achten: „dass alle Menschen gleich ge­
schaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen un­
veräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben,
Freiheit und das Streben nach Glück gehören; dass zur Siche­
rung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen einge­ Kontroverse über Identitäre und Reprä­
setzt werden, die ihre rechtmäßige Macht aus der Zustim­
mung der Regierten herleiten; dass, wann immer irgendeine
sentative Demokratie
Regierungsform sich als diesem Ziel abträglich erweist, es
Recht des Volkes ist, sie zu ändern oder abzuschaffen und Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) gehört zu den bedeu­
eine neue Regierung einzusetzen“. tendsten Philosophen und Schriftstellern Frankreichs im
Dementsprechend wurde die neue politische Ordnung 18. Jahrhundert. Seine Wirkung erstreckte sich jedoch weit
eingerichtet. In elf der dreizehn Einzelstaaten entwickelten über Frankreich hinaus, nämlich auf Europa und auf das
gewählte Repräsentativversammlungen neue Verfassun­ revolutionäre Nordamerika. Viele Denker und Politiker be­
gen. In New Hampshire und Massachusetts gab es verfas­ riefen sich auf ihn, so beispielsweise die Revolutionäre in
sungsvorbereitende Konvente, in Massachusetts wurde 1778 Frankreich, aber auch Philosophen wie Immanuel Kant in
der Verfassungsentwurf direkt den Bürgerversammlungen Deutschland. Rousseau verfasste viele Schriften, auch Ver­
der Gemeinden zur Billigung vorgelegt. Überall wurden fassungsentwürfe. Von besonderer politischer Bedeutung
Grundrechte kodifiziert, die Virginia Bill of Rights von 1776 war seine Schrift „Vom Gesellschaftsvertrag“ von 1762, die
war die erste moderne Grundrechteerklärung. seinen Ruf als Demokratietheoretiker begründete. Rous­
Leben, Freiheit und Eigentum bzw. das Streben nach seau stellte darin eine zentrale Frage. „Wie können Anders­
Glück galten als unveräußerliche, natürliche Rechte und denkende zugleich frei und Gesetzen unterworfen sein,
markierten die Grenzen politischer Macht. Sie durften we­ denen sie nicht zugestimmt haben?“ Rousseau geht es um
der von der Regierungsgewalt noch von der wahlberechtig­ die Freiheit, genauer um die Wiedergewinnung der Frei­
ten Mehrheit verletzt werden. Repräsentanten und andere heit, die er im absolutistischen Frankreich seiner Zeit eher
Inhaber öffentlicher Ämter sollten nur kurze Amtszeiten in eine Knechtschaft verwandelt sieht, ganz gemäß seiner
haben. Die politischen Gewalten von Legislative, Exekutive einleitenden Feststellung: „Der Mensch ist frei geboren und
und Judikative wurden geteilt, die Organe kontrollierten überall liegt er in Ketten.“
sich gegenseitig.
Damit entstanden zum ersten Mal demokratische Verfas­
sungen, die auf der Souveränität des Volkes beruhten. Dieses Rousseaus Gesellschaftsvertrag
regierte nicht direkt, sondern durch Repräsentativkörper­
schaften, zumeist zwei Kammern, Abgeordnetenhaus und Zur Wiederherstellung der Freiheit ist es nach Ansicht Rous­
Senat. Das Wahlrecht war durch Eigentumsklauseln be­ seaus notwendig, einen Gesellschaftsvertrag auszuhandeln.
schränkt, die im Durchschnitt von drei Vierteln der weißen, Der Einzelne beschließt mit seinen Mitmenschen die Grün­
männlichen Erwachsenen erfüllt werden konnten. Die Exe­ dung eines politischen Gemeinwesens, mit dem Zweck, all­
kutive bestand aus einem Gouverneur, der, wie die Repräsen­ gemeine Gesetze zur Wahrung der Freiheit zu erlassen. Das
tanten, nur für ein Jahr gewählt wurde. Die Amerikanische Gesetz etabliert und sichert Freiheit, zugleich verlangt es
Revolution hatte damit in den Einzelstaaten repräsentative aber auch von den Bürgern, dass sie sich ihm unterwerfen.
Demokratien auf der Grundlage von Verfassungen und mit Diese paradox anmutende Konstruktion lässt sich nur dann
einer herausragenden Geltung der Grund- und Bürgerrechte rechtfertigen, wenn sich die Bürger selbst die Gesetze gege­
institutionalisiert. Ein neuer Typus von Demokratie, die Ver­ ben haben. Und so ist es vor allem die Idee der Selbstgesetz­
fassungs- und Grundrechtedemokratie, war geboren. gebung, die Rousseau in das Zentrum seiner Überlegungen
Aber dieses System bestand nur in den Einzelstaaten, stellt: Nur der, der sich selbst die Gesetze gibt, kann sich auch
und es war gefährdet. Eine einheitliche Verfassung kam zu­ an sie gebunden fühlen.
nächst nur in Form eines Staatenbundes zustande. Die Ar­ Dieser Grundsatz wird zu einem allgemeinen Prinzip für
ticles of Confederation wurden 1781 – von den Staaten, nicht das politische Gemeinwesen erweitert. Es ist das Volk, das
dem Volk – verabschiedet. Sie etablierten nur lose Bindun­ sich selbst die Gesetze gibt. Damit erst schafft es Freiheit
gen zwischen den Staaten mitsamt ihren verschiedenen in einem politischen Sinne, verpflichtet sich selbst aber zu­
Interessen, und ihre Institutionen schienen so schwach, gleich, den Gesetzen zu folgen. Das ist der Kern seiner The­
dass die Probleme der Finanzierung von Revolution und orie von der Souveränität des Volkes als der entscheidenden
Unabhängigkeitskrieg sowie die Frage einer gemeinsamen Gesetzgebungsinstanz.
Außenhandelspolitik nicht gelöst werden konnten. So kam Für Rousseau ist es die Aufgabe des Bürgers, selbst die Ge­
es 1787 in Philadelphia zum Versuch, eine neue Verfassung setze zu beschließen. So blickt er kritisch auf England, wo sich
für einen Bundesstaat zu entwerfen. Die Befürworter des seit dem 17. Jahrhundert ein System konstitutioneller Monar­

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26 Demokratie

So scheint zwischen Rousseau und der repräsentativen, par­


lamentarischen Demokratie ein unüberbrückbarer Gegensatz
zu bestehen. Gesetzgebung war für Rousseau nur durch das
Volk selbst möglich, hier stand ihm die direkte, unmittelbare
Versammlungsdemokratie Athens vor Augen.
Das Gesetz, vom Volk beschlossen, verkörpert für Rousseau den

SZ Photo / Süddeutsche Zeitung Photo


Gemeinwillen. Diese volonté générale zielt auf das öffentliche Wohl
und hat nach Rousseaus Auffassung immer Recht, kann nicht irren.
Sollte jemand anderer Meinung sein, dann beweise dies nichts an­
deres, „als dass ich mich getäuscht habe und dass das, was ich für
den Gemeinwillen hielt, es nicht war“. Dann muss er gezwungen
werden, dem Gemeinwillen Folge zu leisten. Damit wollte Rous­
seau zum Ausdruck bringen, dass der Einzelne dem Gemeinwillen,
der sich im Gesetz ausdrückt, verpflichtet und unterworfen ist.
Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) Für Rousseau kam es darauf an, dem Gesetz und dem Ge­
meinwohl eine allgemeine Verbindlichkeit zu geben. Nur so
schien ihm Freiheit in einem stabilen Gemeinwesen zu sichern
chie herauszubilden begonnen hatte, in dem König und Par­ zu sein. Doch haben Rousseaus Formulierungen zu erheblichen
lament Gesetze gemeinsam beschlossen. Die Ausführung des und auch politisch folgenreichen Missverständnissen geführt.
Volkswillens durch eine Repräsentationskörperschaft, durch Denn wenn der Gemeinwille immer Recht hat und der Einzelne
Parlamente, ist für Rousseau eine Illusion: „Das englische Volk sich ihm unbedingt fügen muss, dann kann eine solche Konzep­
glaubt frei zu sein. Es täuscht sich gewaltig, es ist nur frei wäh­ tion zu einer Tyrannei des Gemeinwillens führen, die die Frei­
rend der Wahl der Parlamentsmitglieder; sobald diese gewählt heit des Einzelnen vernichtet.
sind, ist es Sklave, ist es nichts. Bei dem Gebrauch, den es in Auch ist es möglich, die Rousseausche Konstruktion für die Al­
den kurzen Augenblicken seiner Freiheit von ihr macht, ge­ leinherrschaft einer einzigen Partei zu bemühen, die für sich be­
schieht es ihm Recht, dass es sie verliert“. ansprucht, den Gemeinwillen zu kennen und zu repräsentieren,

Herrschaft des Gemeinwillens Summe von Kräften zu bilden, stärker als Körperschaft, die von ihren Gliedern Staat
jener Widerstand, und diese aus einem genannt wird, wenn sie passiv, Souverän,
Der französische Philosoph Jean-Jacques einzigen Antrieb einzusetzen und gemein­ wenn sie aktiv ist, und Macht im Vergleich
Rousseau (1712-1778) gehörte zu den sam wirken zu lassen. mit ihresgleichen. Was die Mitglieder
bedeutendsten Schriftstellern Frankreichs Diese Summe von Kräften kann nur betrifft, so tragen sie als Gesamtheit den
im 18. Jahrhundert. Nicht zuletzt seine durch das Zusammenwirken mehrerer Namen Volk, als Einzelne nennen sie sich
Mitarbeit an der Encyclopédie weist ihn entstehen: da aber Kraft und Freiheit jedes Bürger, sofern sie Teilhaber an der Souve­
als einen Aufklärer und Vorbereiter der Menschen die ersten Werkzeuge für ränität, und Untertanen, sofern sie den
französischen Revolution aus. seine Erhaltung sind – wie kann er sie ver­ Gesetzen des Staates unterworfen sind. [...]
Sein Demokratiebegriff bezieht sich pfänden, ohne sich zu schaden und ohne Aus dem Vorhergehenden folgt, daß
auf kleine politische Einheiten, deren die Pflichten gegen sich selbst zu vernach­ der Gemeinwille immer auf dem rechten
männliche Bürgerschaft eine homogene lässigen? [...] Weg ist und auf das öffentliche Wohl
politische Gruppe bildet. Die Sicherung Das ist das grundlegende Problem, abzielt: woraus allerdings nicht folgt, daß
der individuellen Freiheit, des Besitzes dessen Lösung der Gesellschaftsvertrag die Beschlüsse des Volkes immer gleiche
und der Person steht bei Rousseau darstellt. Richtigkeit haben. [...]
unter dem Verdacht des Sonderwillens. Die Bestimmungen dieses Vertrages [...] Es gibt oft einen beträchtlichen Unter­
lassen sich bei richtigem Verständnis schied zwischen dem Gesamtwillen und
[…] Ich unterstelle, daß die Menschen jenen sämtlich auf eine einzige zurückführen, dem Gemeinwillen; dieser sieht nur auf das
Punkt erreicht haben, an dem die Hinder­ nämlich die völlige Entäußerung jedes Gemeininteresse, jener auf das Privatinter­
nisse, die ihrem Fortbestehen im Natur­ Mitglieds mit allen seinen Rechten an das esse und ist nichts anderes als eine Summe
zustand schaden, in ihrem Widerstand den Gemeinwesen als Ganzes. [...] von Sonderwillen: aber nimm von eben­
Sieg davontragen über die Kräfte, die Dieser Akt des Zusammenschlusses diesen das Mehr und das Weniger weg, das
jedes Individuum einsetzen kann, um sich schafft augenblicklich anstelle der Einzel­ sich gegenseitig aufhebt, so bleibt als Sum­
in diesem Zustand zu halten. Dann kann person jedes Vertragspartners eine sitt­ me der Unterschiede der Gemeinwille. [...]
dieser ursprüngliche Zustand nicht weiter­ liche Gesamtkörperschaft, die aus ebenso Um wirklich die Aussage des Gemein-
bestehen, und das Menschengeschlecht vielen Gliedern besteht, wie die Versamm­ willens zu bekommen, ist es deshalb wichtig,
würde zugrunde gehen, wenn es die Art lung Stimmen hat, und die durch ebendie­ daß es im Staat keine Teilgesellschaften
seines Daseins nicht änderte. sen Akt ihre Einheit, ihr gemeinschaftli­ gibt und daß jeder Bürger nur seine eigene
Da die Menschen nun keine neuen Kräfte ches Ich, ihr Leben und ihren Willen erhält. Meinung vertritt. […]
hervorbringen, sondern nur die vor­ Diese öffentliche Person, die so aus dem
Jean-Jacques Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag oder Grund­
handenen vereinen und lenken können, Zusammenschluß aller zustande kommt, sätze des Staatsrechts, in Zusammenarbeit mit Eva Pietzcker
haben sie kein anderes Mittel, sich zu trug früher den Namen Polis, heute trägt neu übers. und hg. von Hans Brockard, Reclam Verlag, Stutt­
erhalten, als durch Zusammenschluß eine sie den der Republik oder der staatlichen gart 2008, S. 16 ff.

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Wege zur modernen Demokratie 27

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John Jay (1745-1829) Alexander Hamilton (1755-1804) James Madison (1751-1836)

dann aber abweichende Meinungen unterdrückt und politische Unter „Federalists“ werden die drei Politiker der amerika­
Minderheiten zwingt, sich ihrem absoluten Herrschaftsanspruch nischen Gründungsgeschichte verstanden, die zwischen
zu fügen. Eine totalitäre Demokratie, die Freiheit zerstört, aber 1787 und 1788 gemeinsam unter dem Synonym „Publius“ –
nicht sichert, wie Rousseau es beabsichtigt hatte, ist die Folge. eine Anspielung auf den römischen Gesetzgeber Publius Va­
Rousseau hatte große Sympathien für eine Form politischer lerius – den Entwurf der Verfassung der Vereinigten Staaten
Ordnung, in der Identität zwischen Regierenden und Regier­ von 1787 verteidigten und deren Ratifizierung forderten: John
ten besteht, einer identitären Demokratie also, wo gesetzge­ Jay (1745-1829), Alexander Hamilton (1755-1804) und James Ma­
bende und ausführende Gewalt, Legislative und Exekutive in dison (1751-1836). Insgesamt veröffentlichten sie 85 Artikel in
einer Hand, nämlich der des Volkes, liegen. verschiedenen Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen (v.a.
Das Vorbild war die griechische Polisdemokratie, in der die im Staate New York). Sie gelten bis heute als wichtiger Kom­
gesamte Bürgerschaft nicht nur die Gesetze in der Volksver­ mentar der amerikanischen Verfassung.
sammlung beschloss, sondern auch berechtigt war, die ausfüh­ Der bekannteste Artikel stammt von James Madison, dem
renden Ämter und die Gerichte selbst zu besetzen. Rousseau späteren Präsidenten der Vereinigten Staaten. In diesem Ar­
ist gleichwohl realistisch genug, eine solche Form identitärer tikel, dem Federalist Paper Nr. 10, umreißt Madison die grund­
Demokratie für so voraussetzungsvoll zu halten, dass sie nur sätzliche Rolle des Pluralismus für die politische Willensbil­
von einem „Volk von Göttern“ eingerichtet werden könnte. dung in einem modernen Flächenstaat, um Demokratie und
Zu diesen Voraussetzungen zählt er „viele schwer zu verei­ republikanische Freiheit miteinander zu versöhnen.
nigende Dinge“: einen „sehr kleinen Staat“, eine „Einfachheit Die Federalists befürworten insbesondere eine bundesstaat­
in den Sitten“, eine „weitgehende Gleichheit der gesellschaft­ liche Ordnung, die mit der Verfassung von 1787 begründet wer­
lichen Stellung und der Vermögen“ sowie „wenig oder gar den sollte. Das bedeutete vor allem eine Stärkung der Kompeten­
keinen Luxus“. Kleinräumigkeit, soziokulturelle Homogenität, zen des Zentralstaates. Ihre Gegner, die Anti-Federalists, setzten
sozioökonomische Gleichheit und bürgerschaftliche Tugend sich dagegen für die Beibehaltung der Autonomie der Einzelstaa­
(„kein Luxus“) waren Bedingungen, auf die die moderne De­ ten im Rahmen des 1776/81 geschlossenen Staatenbundes ein.
mokratie allerdings nicht mehr ohne Weiteres gegründet wer­ Während sich die Anti-Federalists auf Rousseau beriefen,
den konnte. Resignierend hielt Rousseau deshalb fest: „Eine so distanzierten sich die Federalists von ihm und hielten ihren
vollkommene Regierung passt für Menschen nicht.“ Gegnern entgegen, dass in einer modernen Gesellschaft von
einer Homogenität der Anschauungen und Wertvorstellun­
gen, genauso wie von einer Gleichheit der ökonomischen Ver­
Demokratietheorie der Federalists hältnisse nicht mehr auszugehen war. Sie bezweifelten nicht
nur deren historische Existenz, sie glaubten auch, dass Ver­
Rousseaus Demokratieauffassung ist in Teilen anti-parlamen­ stand und Fähigkeiten der Menschen so unterschiedlich sind,
tarisch und anti-pluralistisch. Dies stieß beispielsweise auch dass es von vornherein illusorisch sei, gleichgerichtete An­
auf die Kritik der amerikanischen Verfassungsväter, die 1787 in schauungen und Interessen anzunehmen – es sei denn, man
bewusster Abgrenzung zu Rousseau eine repräsentative, auf unterdrücke die Pluralität von Meinungen und Interessen auf
Gewaltenteilung basierende Demokratie entwarfen. Sie fragten gewaltsame Weise oder man beseitige die Freiheit. Beide Mit­
sich, wie ein großer Territorialstaat so eingerichtet und verfasst tel lehnten die Federalists ab.
werden könnte, dass er demokratischen Ansprüchen genügte. Wenn zudem nicht mehr unbedingt vorausgesetzt werden
Dabei stellten sie die veränderten sozialen, ökonomischen und konnte, dass die Menschen per se tugendhaft und deshalb
kulturellen Bedingungen in Rechnung, die Rousseau für die bereit seien, die eigenen Interessen hinter das Gemeinwohl
identitäre, „reine“ Demokratie vorausgesetzt hatte. Gerade weil zurückzustellen, so war der Ausgangspunkt nun ein ganz an­
die von Rousseau genannten vier Grundlagen der „einfachen“ derer. Eine „Gesellschaft ohne Tugend“ musste demokratisch
Demokratie in ihren Augen nicht mehr bestanden, war die direk­ verfasst werden. Dabei sollte an der Souveränität des Volkes,
te, unmittelbare Demokratie Athens nicht mehr praktizierbar. wie auch Rousseau befunden hatte, kein Zweifel bestehen, zu­
Rousseau hatte diese Konsequenz gescheut, die amerikanischen mal schon 1776 im Namen des Volkes die revolutionäre Ablö­
Federalists zogen sie: Die Transformation zur repräsentativen, sung vom englischen Mutterland betrieben und die Unabhän­
parlamentarischen Demokratie war das Gebot der Stunde. gigkeit ausgerufen worden war.

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28 Demokratie

Die Federalists argumentierten weiter, dass es im Wesentli­ ralität von Werten, der Vielfalt von Interessen und der Unter­
chen darauf ankomme, die Auswirkungen unterschiedlicher schiedlichkeit von gesellschaftlichen Gruppierungen ging für
Interessen und Wertvorstellungen der Bürger zu kontrollieren sie kein Weg vorbei.
und nicht deren Ursachen, nämlich die Freiheit und die Unter­ Daraus ergaben sich die institutionellen Konsequenzen für
schiedlichkeit der Menschen, zu beseitigen. Damit formulier­ das demokratische Regierungssystem. So galt es, für die Verei­
ten sie eine Antithese zu Rousseau, dessen Ansicht, Partiku­ nigten Staaten von Amerika eine Demokratie zu etablieren, die
larwillen und abweichende Meinungen müssten im Interesse einerseits auf der Souveränität des Volkes und der Herrschaft
des Gemeinwillens ignoriert oder unterdrückt werden, sie ent­ der Mehrheit beruhte, andererseits aber die Freiheit der Ein­
schieden zurückwiesen. zelnen und der Gruppen erhalten sowie einer Tyrannei durch
Was sie factions nannten, waren Interessengruppen und die Mehrheit wehren konnte. Demokratische Mehrheitsherr­
Parteiungen, deren Existenz sie für unvermeidlich hielten, schaft und liberale Machtbegrenzung sollten in einem System
weil sie in der menschlichen Natur und im unterschiedlichen gemäßigter Demokratie miteinander vereinbart werden. Des­
Gebrauch des menschlichen Verstandes angelegt seien. Mehr halb hielten die Federalists Athens Versammlungsdemokratie
noch: Unterschiedliche Meinungen und Interessen seien die und Rousseaus identitäre Demokratie für nicht tauglich für
Folge der politischen Freiheit. Unsinnig aber sei es, die Freiheit einen großen Flächenstaat.
abzuschaffen, die für das politische Leben so unerlässlich sei Stattdessen plädierten sie für ein repräsentatives, auf Wahl
wie die Luft zum Atmen. Und gänzlich abwegig sei es, „alle von Abgeordneten und Mandatsträgern basierendes System.
Bürger mit den gleichen Meinungen, den gleichen Leiden­ Dabei sollte die Wahl von Repräsentanten und Senatoren ge­
schaften und den selben Interessen zu versehen“. Die Fede­ währleisten, dass Entscheidungen nicht unter dem Druck von
ralists akzeptierten also die veränderten politisch-sozialen zufällig zustande gekommenen oder manipulierten Mehrhei­
Grundbedingungen der modernen Gesellschaft. An der Plu­ ten, sondern auf der Grundlage nüchterner und distanzierter

Federalist-Artikel Nr. 10 Der Einsatz für religiöse, politische und Republik sind erstens: die Übertragung
andere Überzeugungen in Wort und der Regierungsverantwortung in der
[…] Keiner der vielen Vorteile, die von Tat, die Bindung an verschiedene poli­ Republik auf eine kleine Anzahl von Bür­
einer sinnvoll aufgebauten Union zu er­ tische Führer, die voller Ehrgeiz um gern, die von den übrigen gewählt
warten sind, verdient sorgfältiger un­ Vorherrschaft und Macht ringen, oder an werden, zweitens: die größere Anzahl von
tersucht zu werden als der, mittels ihrer andere Persönlichkeiten, deren Schicksal Bürgern und das größere Gebiet, über
die Gewalt von Parteienkämpfen die menschlichen Leidenschaften er­ die die republikanische Herrschaft ausge­
brechen und unter Kontrolle halten zu regt haben – all dies hat die Menschheit dehnt werden kann. […]
können. [...] immer wieder in Parteien gespalten, sie Es ist hauptsächlich dieser [zweite] Um­
Mangelnde Stabilität, Ungerechtigkeit mit Feindseligkeit gegeneinander erfüllt stand, der das Entstehen von Parteiungen
und Konfusion waren, wenn sie in die und sie dazu gebracht, einander eher zu in der Republik weniger fürchten läßt
Volksversammlungen Einzug gehalten peinigen und zu unterdrücken als um des als in der reinen Demokratie. Je kleiner
hatten, in der Tat die tödlichen Krank­ gemeinsamen Wohls willen zusammen­ eine Gemeinschaft ist, um so geringer
heiten, an denen die Volksregierung überall zuarbeiten. […] wird wahrscheinlich die Zahl der Parteien
zugrundegegangen ist. Zugleich sind sie Die am weitesten verbreitete und dauer­ und Interessengruppen sein, aus denen
nach wie vor ein beliebtes und ergiebiges hafteste Quelle von Parteiungen ist sie sich zusammensetzt. Je geringer die
Thema, aus dem die Gegner der Freiheit jedoch immer die ungleiche Verteilung Zahl der Parteien und Interssengruppen,
ihre am bestechendsten wirkenden Argu­ des Eigentums gewesen. Besitzende und um so eher wird eine Partei eine Mehr­
mente beziehen. […] Besitzlose haben immer verschiedene heit erringen. Und je kleiner die Zahl der
Unter einer Parteiung verstehe ich eine Interessengruppen innerhalb der Gesell­ Individuen, die eine Mehrheit bilden,
Anzahl von Bürgern, sei es die Mehrheit, schaft gebildet. […] und je kleiner der Bereich, innerhalb des­
sei es eine Minderheit, die von gemein­ Diese vielfältigen und einander wider­ sen sie operieren, um so leichter werden
samen Leidenschaften oder Interessen sprechenden Interessen zu regulieren, ist sie zu einer Einigung gelangen und ihre
getrieben und geeint sind, welche im die wesentliche Aufgabe der modernen Ge­ Unterdrückungsabsichten ausführen
Gegensatz zu den Rechten anderer Bürger setzgebung. Der Umgang mit Parteien und können. Erweitert man den Bereich, so
oder den ständigen Gesamtinteressen Parteiungen gehört also zu den normalen umschließt er eine größere Vielfalt an
der Gemeinschaft stehen. Erfordernissen der Regierungstätigkeit. […] Parteien und Interessengruppen. Damit
Es gibt zwei Methoden, das Übel der Eine Republik [...], also eine Regie­ verringert sich die Wahrscheinlichkeit,
Parteiung zu kurieren: erstens: durch rungsform mit Repräsentativsystem, […] daß eine Mehrheit ein gemeinsames
Beseitigung ihrer Ursachen, zweitens: verspricht, das gesuchte Heilmittel zu Motiv hat, die Rechte anderer Bürger zu
durch Kontrolle ihrer Wirkungen. bieten. Wenn wir untersucht haben, worin verletzen. [...]
Zur Beseitigung der Ursachen von Par­ sich die Republik von der reinen Demo­
teiungen gibt es wieder zwei Methoden: kratie unterscheidet, werden wir sowohl A. Hamilton, J. Madison, J. Jay, Die Federalist Paper, Vollst. Aus­
erstens: die Freiheit aufzuheben, der sie das Wesen des Heilmittels erkennen gabe, hg., übers., eingeleitet und mit Anm. versehen von
Barbara Zehnpfennig, 2. Aufl., C. H. Beck Verlag, München 2007,
ihre Existenz verdanken, zweitens: jedem als auch die Wirksamkeit, die ihm aus der S. 93 ff. und S. 97 ff.
Bürger dieselbe Meinung, dieselben Union erwachsen muß.
Leidenschaften und dieselben Interessen Die beiden großen Unterschiede
vorzuschreiben. […] zwischen einer Demokratie und einer

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Wege zur modernen Demokratie 29

Zugleich spiegelte ihrer Ansicht nach diese Vielzahl von Institu­


tionen auf Bundes- und Einzelstaatsebene die gesellschaftliche
und föderale Vielfalt des großflächigen Gesamtstaates wider.
Machtkämpfe und Interessenkonflikte, wie sie in der Politik seit
der Antike überliefert und von den Federalists sehr genau stu­
diert worden waren, schienen nun begrenzbar zu sein durch ein
System gegenseitiger Kontrolle und institutioneller Balance.
Mit der Ratifizierung der amerikanischen Verfassung war
für den großen Flächenstaat der Vereinigten Staaten von
Amerika das System der repräsentativen Demokratie geboren
worden. 1800/1801 vollzog sich der erste reguläre, in einem
repräsentativ-demokratischen System vollzogene Wechsel ei­
ner Regierung, und es sollte auch der Beginn der Parteiende­
mokratie sein. Aus den factions, den Parteiungen, waren Par­
teien geworden, sie schienen geeignet, die in einer modernen
Gesellschaft auftretenden unterschiedlichen Werte und Inte­
ressen zu bündeln und in das politische System einzubringen.
Zugleich rekrutierten die Parteien politisches Führungsperso­
picture-alliance / akg-images

nal und setzten sich dafür ein, dass dieses Wahlämter beset­
zen konnte. Anders als Rousseau erkannten die Federalists die
Pluralität von Interessen und Parteiungen explizit an, Demo­
kratietheorie und Pluralismustheorie gingen eine nachhaltig
wirksame Verbindung ein.

In den USA entwickeln sich im 19. Jahrhundert Parteien, aus denen das
politische Führungspersonal rekrutiert wird. Illustration zur Präsidenten­
wahl 1844, die die Demokratische Partei gewinnt.
Wendepunkt für Europa – Französische
Beratung von Repräsentanten gefällt wurden. Das Repräsen­
Revolution
tationssystem war als Filter für einen Willensbildungsprozess
zu verstehen, an dessen Ende vernünftige und gerechte Ent­ Die Französische Revolution, die am 14. Juli 1789 mit dem
scheidungen getroffen werden konnten. Sturm auf ein Gefängnis, die Bastille, begann, stellt für
Zugleich etablierten die Federalists ein komplexes System das kontinentale Europa einen entscheidenden Wende­
von checks and balances, von Gewaltenkontrolle und Gewal­ punkt dar. Mit der Souveränitätserklärung des Bürgertums
tenbalance. Dieses System sah nicht nur die Aufteilung der und der Deklaration der Menschen- und Bürgerrechte vom
staatlichen Gewalt in selbstständige, separate Institutionen
vor. Ganz im Sinne der Theorie von Montesquieu kam es zu­
sätzlich darauf an, diese Institutionen so miteinander zu
verkoppeln, dass sie sich gegenseitig kontrollierten und ein
Gleichgewicht ausbildeten. Außerdem wurde dieses System
sowohl in horizontaler wie auch in vertikaler Hinsicht eta­
bliert: zwischen den einzelnen Organen auf Bundesebene,
aber auch zwischen dem Bundesstaat und den Einzelstaaten.
Dieses System doppelter Gewaltenhemmung und Gewal­
tenbalance, von föderaler Ordnung und Verschränkung der
Organe, sollte vor allem eine Machtzusammenballung in den
Händen weniger verhindern. Es ließ aber auch den einzelnen
Einheiten großen Freiraum zu demokratischer Selbstbestim­
mung. So gab die föderale Ordnung den amerikanischen Ein­
zelstaaten weitgehende Kompetenzen und in sehr vielen Be­
reichen das Recht der ausschließlichen Gesetzgebung.
Auf Bundesebene wiederum besaßen der Kongress, also das
Repräsentantenhaus und der Senat, und der amerikanische
Präsident, der zugleich Chef der Exekutive war, unterschiedliche
Kompetenzen, teilten sich aber dennoch in manche Gewalten,
wie zum Beispiel in die der Gesetzgebung. Sie war zwar Sache
des Kongresses, aber der Präsident besaß in bestimmten Fällen
akg-images

ein Vetorecht. Hier kontrollierten sich die Institutionen, indem


sie aufeinander einwirkten. Von diesem Mechanismus der
Trennung und der Verschränkung der Gewalten erhofften sich Am 14. Juli 1789 stürmt die Pariser Bevölkerung die Bastille und zerstört
die Federalists ein hohes Maß an Effektivität, aber auch eine das Gefängnis. Dies ist der Beginn der Revolution in Frankreich. Zeitgenös­
wirksame Begrenzung der Macht der einzelnen Institutionen. sisches Aquarell nach Claude Cholat

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30 Demokratie

26. August 1789, die sich später in der Französischen Verfas­


sung wiederfindet, konnte die absolutistische Herrschaft des
Ancien Régime gestürzt und die Befreiung aus der feudalisti­
schen Gesellschaftsordnung erreicht werden.
Die bürgerliche und individuelle Rechtsgleichheit bildete
den Grundstein für eine demokratische und freiheitliche Re­
gierungsform auf dem europäischen Kontinent. Somit schien
Frankreich wie die nordamerikanischen Einzelstaaten den
Weg der Verfassungsdemokratie zu gehen, denn das gewal­
tenteilige, repräsentative Demokratiemodell war zunächst
Grundlage der postrevolutionären Ordnung. So hielt Artikel 16
der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte fest, dass zu
einer Verfassung die Garantie der individuellen und bürgerli­

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chen Rechte sowie die Trennung der Gewalten gehören. Und
der Revolutionstheoretiker Abbé de Sieyès (1748-1836) zählte
ebenfalls Menschen- und Bürgerrechte sowie Repräsentation Tugendterror der Jakobiner: Verurteilung von gefangen genommenen,
und Gewaltenteilung zu den wesentlichen Bestandteilen einer vermeintlichen Oppositionellen im September 1793 (Radierung von 1849).
gesetzmäßigen Regierung. Die Ereignisse in Frankreich führen in Deutschland zu Desillusionierung
und Skepsis gegenüber demokratischen Experimenten.
Sieyès, Geistlicher und Politiker, gab dem auftretenden Bür­
gertum eine Stimme, indem er dessen Forderung nach politi­
scher Gleichberechtigung Ausdruck verlieh. In seiner Schrift
„Was ist der Dritte Stand?“ begründete er die Gleichsetzung errichtete eine radikale Demokratie ohne föderale Gliederung,
des Bürgertums, des nach Klerus und Adel Dritten Standes, aber mit einer starken demokratischen Zentralgewalt. Von
mit der gesamten französischen Nation und reklamierte so Repräsentation, Gewaltenteilung und Beschränkung durch
für ihn die Souveränität. Alles schien auf eine gemäßigte De­ Grund- und Menschenrechte war nicht mehr die Rede. Damit
mokratie zuzulaufen, an deren Spitze weiterhin ein Monarch löste der Nationalkonvent seine Demokratievorstellung aus
stand. Doch die Revolution radikalisierte sich und erfasste die dem republikanisch-kleinräumigen Kontext, der Rousseau so
breite Masse des Volkes. In ihrer zweiten Phase schaffte der wichtig gewesen war.
Nationalkonvent unter dem maßgeblichen Einfluss einer sei­ Gleichwohl beriefen sich die Jakobiner unter ihrem Führer
ner Gruppierungen, der Jakobiner, 1793 die Monarchie ab und Maximilien Robespierre (1758-1794) auf Rousseau, indem sie

Französische Verfassung können nur durch das Gesetz bestimmt tigen, vollziehen oder vollziehen lassen,
werden. sollen bestraft werden; jeder Bürger hin­
(vom 3. September 1791) 5. Das Gesetz hat nur das Recht, solche gegen, vorgeladen oder festgenommen
Handlungen zu verbieten, die der Gesell­ kraft des Gesetzes, soll sogleich gehorchen;
[...] 1. Die Menschen werden frei und gleich schaft schädlich sind. Alles, was durch er macht sich durch Widerstand strafbar.
an Rechten geboren und bleiben es. Die das Gesetz nicht verboten ist, kann nicht 8. Das Gesetz soll nur solche Strafen
gesellschaftlichen Unterschiede können verhindert werden, und niemand kann festsetzen, welche unbedingt und offenbar
nur auf den gemeinsamen Nutzen ge­ genötigt werden, zu tun, was das Gesetz notwendig sind, und niemand kann
gründet sein. nicht verordnet. bestraft werden, als kraft eines vor Bege­
2. Der Endzweck aller politischen Verei­ 6. Das Gesetz ist der Ausdruck des all­ hung des Verbrechens eingesetzten,
nigung ist die Erhaltung der natürlichen gemeinen Willens. Alle Staatsbürger sind verkündeten und rechtlich angewandten
und unabdingbaren Menschenrechte. befugt, zur Feststellung desselben per­ Gesetzes.
Diese Rechte sind die Freiheit, das Eigen­ sönlich oder durch ihre Repräsentanten 9. Da jeder Mensch so lange für un­
tum, die Sicherheit, der Widerstand mitzuwirken. Es soll für alle das gleiche schuldig erachtet wird, bis er für schuldig
gegen Unterdrückung. sein, es mag beschützen oder bestrafen. erklärt ist, so soll, wenn seine Verhaftung
3. Der Ursprung aller Souveränität liegt Da alle Bürger vor seinen Augen gleich für unumgänglich gehalten wird, alle
seinem Wesen nach beim Volke. Keine sind, so können sie gleichmäßig zu allen Härte, die nicht notwendig wäre, um sich
Körperschaft, kein einzelner kann eine Würden, Stellen und öffentlichen Ämtern seiner Person zu versichern, durch
Autorität ausüben, die nicht ausdrück­ zugelassen werden auf Grund ihrer Fähig­ das Gesetz streng unterbunden werden.
lich hiervon ausgeht. keit und ohne anderen Unterschied, 10. Niemand soll wegen seiner An­
4. Die Freiheit besteht darin, alles als den ihrer Tugenden und ihrer Talente. sichten, auch nicht wegen der religiösen
tun zu können, was einem andern nicht 7. Kein Mensch kann angeklagt, in Haft beunruhigt werden, sofern ihre Äuße­
schadet. Also hat die Ausübung der genommen oder gefangengehalten wer­ rung die durch das Gesetz errichtete öffent­
natürlichen Rechte jedes Menschen keine den, als in den durch das Gesetz bestimm­ liche Ordnung nicht stört. [...]
Grenzen als jene, die den übrigen Glie­ ten Fällen und in den Formen, welche
Gerhard Commichau (Hg.), Die Entwicklung der Menschen-
dern der Gesellschaft den Genuß dieser es vorgeschrieben hat. Diejenigen, welche und Bürgerrechte von 1776 bis zur Gegenwart, 6. Aufl.,
nämlichen Rechte sichern. Diese Grenzen willkürliche Befehle veranlassen, ausfer­ Muster-Schmidt Verlag, Göttingen 1998, S. 75 ff.

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Wege zur modernen Demokratie 31

seine Ansicht aufgriffen, dass sich das demokratische Gemein­ der Führung der Regierungsgeschäfte verstanden. Damit war
wohl nicht mit partikularen Willen und pluralen Interessen eine Antithese zum radikalen demokratischen Republikanis­
vertrüge. Deshalb wollten sie eine homogene Gemeinschaft mus der Jakobiner formuliert. Wurde dieser von dem Königs­
der Bürger schaffen, auch wenn sie sich dabei repressiver berger Philosophen Immanuel Kant (1724-1804) als ein „Des­
Mittel bedienen mussten. Robespierre definierte einen Ka­ potism“ bezeichnet, so war die „wahrhaft republikanische“
talog demokratischer Tugenden als neue „Staatsbürgerreli­ Regierung für ihn nur auf gewaltenteilig-repräsentativer
gion“ – bezeichnenderweise auch ein Begriff von Rousseau – Grundlage möglich.
und rechtfertigte damit den Terror der Jakobiner, dem in den Die Republik war für Kant eine „Vereinigung von Menschen
Jahren 1793 und 1794 tausende politisch Andersdenkende zum unter Rechtsgesetzen“ mit dem Zweck, die Freiheit zu sichern.
Opfer fielen. Fast schien es, als sollte damit bewiesen werden, Obwohl Kant und Rousseau in diesem Punkt übereinstimmten,
dass die von Rousseau formulierten Voraussetzungen einer unterschied sich Kant von Rousseau doch darin, dass er weder
radikalen und identitären Demokratie doch herstellbar seien, das Volk noch eine repräsentative Versammlung mit der Gesetz­
was die Federalists vehement bestritten hatten. Aus einer ge­ gebung beauftragte. Der Gesetzgeber, so hielt Kant fest, musste
mäßigten Demokratie wurde so aber eine Diktatur, der sich seine Gesetze nur so geben,„als ob sie aus dem vereinigten Wil­
nach einer vorübergehenden Direktoriumsregierung ab 1799 len eines ganzen Volkes haben entspringen können“. Das „als
die Herrschaft Napoleon Bonapartes anschließen sollte. ob“ ermöglichte Kant, das Geschäft der Gesetzgebung auch in
Es war der Tugendterror der Jakobiner, der in Deutschland die Hände eines aufgeklärten Monarchen zu legen, Kant dach­
zu einer großen Desillusionierung über die Möglichkeiten te hierbei an Friedrich den Großen von Preußen.
einer demokratischen und zentralstaatlichen Republik Insofern war der Philosoph kein Theoretiker der Volkssou­
führte. Bei aller anfänglichen Sympathie für die Französi­ veränität. Er misstraute dem Volk als politischem Akteur,
sche Revolution in vielen, vor allem südwestdeutschen und wenngleich er dem „vereinigten Willen des Volkes“ eine
linksrheinischen Gebieten plädierten Politiker und Intellek­ durchaus regulative Bedeutung zuerkannte. Kants Republi­
tuelle in Deutschland, so wie die Federalists, so wie Sieyès, kanismus war also nicht spezifisch demokratisch, so wie die
doch überwiegend für eine Republik der repräsentativen Demokratie in Deutschland bis zur Revolution von 1848/49
Demokratie, in der sich nach ihrer Annahme Freiheitsliebe auch nicht auf der Tagesordnung stand. Der „deutsche Weg“
und Selbstbestimmung der Bürger besser miteinander ver­ wollte vielmehr über Reformen und Kompromisse, die zwi­
einbaren ließen. schen Monarch und aufgeklärtem Bürgertum zu vereinba­
Reform, nicht Revolution hieß die Devise. In Anlehnung an ren waren, ein freiheitliches Regierungssystem etablieren,
historische Vorbilder wurde die Republik als eine moderate das, durch eine Verfassung gesichert, die Rechtmäßigkeit
Form der Herrschaft, vor allem als eine gesetzmäßige Art staatlichen Handelns garantieren sollte.

Despotismus contra Alle Regierungsform nämlich, die nicht tative System, in welchem allein eine
Republikanismus repräsentativ ist, ist eigentlich eine republikanische Regierungsart möglich,
Unform, weil der Gesetzgeber in einer ohne welches sie (die Verfassung
Der Königsberger Philosoph Immanuel und derselben Person zugleich Voll­ mag sein welche sie wolle) despotisch
Kant setzte dem friderizianisch ge­ strecker seines Willens [...] sein kann [...]. und gewalttätig ist. [...]
prägten Obrigkeitsstaat Preußen das Man kann daher sagen: je kleiner
Immanuel Kant, Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie,
Ideal der Aufklärung entgegen. das Personale der Staatsgewalt (die Zahl Politik und Pädagogik, Werkausgabe Band XI, hg. von Wilhelm
der Herrscher), je größer dagegen die Weischedel, 9. Aufl., Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1991, S. 204 ff.
[...] Der Republikanism ist das Staats­ Repräsentation derselben, desto
prinzip der Absonderung der ausführen­ mehr stimmt die Staatsverfassung zur
den Gewalt (der Regierung) von der ge­ Möglichkeit des Republikanism, und
setzgebenden; der Despotism ist das der sie kann hoffen, durch allmähliche Re­
eigenmächtigen Vollziehung des Staats formen sich endlich dazu zu erhe­
von Gesetzen, die er selbst gegeben hat, ben. Aus diesem Grunde ist es in der
mithin der öffentliche Wille, sofern er Aristokratie schon schwerer als in
von dem Regenten als sein Privatwille der Monarchie, in der Demokratie aber
gehandhabt wird. – Unter den drei unmöglich, anders, als durch gewalt­
Staatsformen ist die der Demokratie, im same Revolution zu dieser einzigen voll­
eigentlichen Verstande des Wortes, kommen rechtlichen Verfassung zu
notwendig ein Despotism, weil sie eine gelangen. Es ist aber an der Regierungs­
exekutive Gewalt gründet, da alle art dem Volk ohne alle Vergleiche
über und allenfalls auch wider einen (der mehr gelegen, als an der Staatsform
picture alliance / dpa

also nicht mit einstimmt), mithin alle, (wiewohl auch auf dieser ihre meh­
die doch nicht alle sind, beschließen; rere oder mindere Angemessenheit zu
welches ein Widerspruch des allgemeinen jenem Zwecke sehr viel ankommt). Zu
Willens mit sich selbst und mit der jener aber, wenn sie dem Rechtsbegriffe
Freiheit ist. gemäß sein soll, gehört das repräsen­ Immanuel Kant (1724-1804)

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32 Demokratie

Hans Vorländer

Entwicklungen im 19. und


20. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert gründen sich auch in Deutschland


Parteien, ihre Einflussmöglichkeiten auf die Politik bleiben
allerdings gering. Während die Weimarer Republik am
mangelnden Rückhalt in der Gesellschaft scheitert, erlebt die

akg-images
Demokratie nach 1945 weltweit einen neuen Aufschwung.

Straßenkämpfe in Berlin am 18./19. März 1848. Die Revolutionäre kämpfen


für liberale Reformen und demokratische Bürgerrechte …

Z u Beginn des 19. Jahrhunderts hatte es die Demokratie


in ganz Kontinentaleuropa schwer. Denn die alten, stän­
disch-feudalen und monarchischen Kräfte bestimmten die
Verhältnisse nach den Napoleonischen Kriegen. Die Epoche
der Restauration, vom Wiener Kongress 1815 eingeleitet, hat­
te die demokratischen und liberalen Bewegungen zunächst
zum Erliegen gebracht.

Scherl / Süddeutsche Zeitung Photo


Erst mit der Juli-Revolution 1830 in Frankreich konn­
ten die Freiheitsforderungen des Bürgertums wieder an
Gewicht gewinnen. So wurden auch in Deutschland, vor
allem in den südwestdeutschen Ländern, nach 1830 die
Forderungen nach Bürger- und Freiheitsrechten, nach po­
litischer Teilhabe, nach Parlamentarisierung und teilwei­
se auch nach republikanisch-demokratischen Reformen
wieder lauter. Die Verfassungs- und Nationalbewegung in
Deutschland war allerdings nur in Teilen eine demokrati­ …, die insbesondere in der Restaurationszeit stark beschnitten worden waren.
sche Bewegung. Liberalen Reformern – vor allem aus den Eine zeitgenössische Karikatur zeigt die Knebelung der Meinungsfreiheit.
norddeutschen Ländern – , die zu Kompromissen mit den
bestehenden Fürstenhäusern bereit waren, standen repu­
blikanisch-demokratische Revolutionäre – vor allem aus
Südwestdeutschland – gegenüber. Das schwächte die Nati­
onalversammlung, die nach der Revolution von 1848 in der
Frankfurter Paulskirche zusammentrat. Ihr Verfassungs­
entwurf beanspruchte zum ersten Mal in Deutschland die
Souveränität des Volkes für sich, entwickelte auch einen
Grundrechtekatalog, scheiterte aber letztlich an den fakti­
schen Machtverhältnissen.
Als der König von Preußen die ihm angebotene Kaiser­
krone ablehnte und die Reichsverfassung nicht in Kraft trat,
war der Versuch fehlgeschlagen, auch in Deutschland eine
Verfassung auf demokratischem und revolutionärem Wege
einzuführen. In der Folge blieb das monarchische Prinzip er­
halten, Verfassungen, die in den Einzelstaaten erlassen wur­
bpk

den, konnten sich nicht auf die Volkssouveränität berufen. Als Ergebnis und maßgebliche Errungenschaft der Revolution findet am
Auch die Verfassung des Deutschen Reiches von 1871 be­ 16. September 1848 schließlich die erste Sitzung der erstmals frei gewähl­
ruhte auf dem monarchischen Prinzip. Nicht das Volk war ten Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche statt.

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Entwicklungen im 19. und 20. Jahrhundert 33

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Träger der Staatsgewalt, sondern die Gesamtheit der Fürs­ Reichstag nach allgemeinem und gleichem Wahlrecht ge­
ten und Stände. Folglich lag die Souveränität bei der Vertre­ wählt, konnte aber gemäß Verfassung keinen Einfluss auf
tung der Mitgliedstaaten, beim Bundesrat. Ihm saß der vom die Regierungsbildung nehmen. Der Reichskanzler wurde
Kaiser ernannte Reichskanzler, bis 1890 Otto von Bismarck, vom deutschen Kaiser ernannt.
vor. Der deutsche Kaiser, zugleich preußischer König, war Schon 1869 war im Norddeutschen Bund das allgemeine
als Staatsoberhaupt Präsident des Bundes. Zwar wurde der und gleiche Wahlrecht für Männer eingeführt worden. Ab

Demütigung der Demokratie kämpft worden, sondern musste als ein Demokraten, anzuwenden. Zugleich schuf
Gnadengeschenk „von oben“ entgegenge­ es sich auf dieser Grundlage ein neues
[...] Die Reichsverfassung von 1871 war für nommen werden. Mehr noch, sie war ein nationales Selbstbewusstsein gegenüber
die liberale und demokratische Bewe­ Geschenk ausgerechnet aus der Hand des den demokratischen westlichen Nachbarn.
gung in Deutschland ein schwerer Schlag, machtpolitisch erfolgreichen und spöt­ Dieses psychologische Arrangement
dessen demütigende Wirkung tief nach­ tischen Gegners Bismarck. Die psychologi­ mündete darin, dass man in den Ersten
gewirkt hat und im politisch-psychologi­ schen Wirkungen waren folgenschwer. Weltkrieg mit großer Begeisterung für
schen Klima bis in die Gegenwart hinein Während bis dahin die drei Elemente Kaiser und Vaterland und zugleich einer
zu spüren ist. Diese Demütigung bestand der bürgerlichen Bewegung – das demo­ tiefen Verachtung für die Demokratie
nicht in der nur halben demokratischen kratische, das liberal-rechtsstaatliche eintrat und dass man begann, die „Ideen
Legitimität der Reichsverfassung, also in und das nationale – eine Einheit gebildet von 1914“ gegen die „Ideen von 1789“
ihrem Doppelcharakter von Fürstenbund hatten [...], fiel nun das demokratische auszuspielen. Die Idee von 1789 war der
und Reichstagsgesetz, und sie bestand Element heraus. Es hatte sich nicht aus demokratische Verfassungsstaat. Die
auch nicht in den Beschränkungen der de­ eigener Kraft durchsetzen können und Idee von 1914 lief auf die Verachtung des
mokratischen Verfassungselemente, also sogar im Sieg noch verloren, da sein Erfolg Verfassungsstaates durch die Deutschen
insbesondere in der völligen Unabhän­ von den Fürsten ohne Not „bewilligt“ hinaus, die in ihrem Bemühen um den de­
gigkeit der Regierung vom Reichstag. Sie worden war. Das deutsche Bürgertum mokratischen Verfassungsstaat geschei­
bestand paradoxerweise im Gegenteil konnte sich auf die Dauer nicht mit einer tert waren und sich mit ihrem Demütiger
gerade darin, dass sie die großen Hoffnun­ Position identifizieren, die ständig identifiziert hatten, und die nun Gele­
gen der bürgerlichen Bewegung wenigs­ verloren hatte. Es begann seinen großen genheit fanden, durch den Krieg gegen
tens zu einem Teil erfüllte, nämlich die Bezwinger zu verehren. Es lernte den die westlichen Demokratien an seinem
Herstellung der nationalen Einheit und machtpolitischen Realitätssinn Bis­ Triumph teilzuhaben. [...]
die Schaffung einer nationalen und marcks zu bewundern, dem Spötter Recht
zugleich demokratischen Repräsentation zu geben, die höhnische Attitüde der Martin Kriele, Einführung in die Staatslehre: die geschicht­
lichen Legitimitätsgrundlagen des demokratischen Verfas­
im Reichstag. Denn die Erfüllung dieser politischen „Rechten“ anzunehmen und sungsstaates, 6., überarbeitete Aufl., Kohlhammer Verlag,
Wünsche war nicht aus eigener Kraft er­ sie selbst nach „links“, gegenüber den Stuttgart 2003, S. 286 f.

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34 Demokratie

© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 710 051

Die politische Emanzipation der Praxis der bürgerlichen Familie im Laufe nes wetteifern (zu) können“. Und sein
Frauen des 19. Jahrhunderts herausgebildet Berliner Kollege Heinrich von Treitschke
hatte: die klare Rollenverteilung zwischen sekundierte: „Obrigkeit ist männlich ...
[…] Männer und Frauen waren im Deut­ den Geschlechtern, welche den Männern Das ist ein Satz, der sich eigentlich von
schen Kaiserreich weit von einer Gleich­ die Sphäre der Berufs- und Erwerbsar­ selbst versteht.“
berechtigung entfernt. Das Bürgerliche beit, den Frauen hingegen die Sorge um Selbstverständlich war es für Männer
Gesetzbuch (BGB), das im Jahr 1900 in Haushalt und Familie vorbehielt. […] daher auch, daß Frauen das Wahlrecht
Kraft trat, fixierte vielmehr die rechtliche Auch im öffentlich-politischen Raum vorenthalten wurde. Eben das „Stimm­
Benachteiligung der Frauen, und das war die Dominanz der Männer rechtlich recht der Frauen“ aber war, wie die
flächendeckend für das ganze Reich. Zwar abgesichert. Seit Mitte des 19. Jahrhun­ Berliner Publizistin und Frauenrechtlerin
trug es in seinem Allgemeinen Teil dem derts war Frauen eine Betätigung in po­ Hedwig Dohm bereits 1876 schrieb, „der
Zeitgeist Rechnung, indem es den Frauen litischen Vereinen und Parteien un­ Schritt über den Rubikon“. Denn Frauen
einen vollgültigen Rechtsstatus zuer­ tersagt. (Eine Ausnahme machten hier würden solange der Gewalt von Män­
kannte; doch wurden im Besonderen Teil lediglich Baden und – seit 1893 – Ham­ nern ausgesetzt sein, „bis das weibliche
des Familienrechts dem Ehemann wei­ burg.) Erst durch das 1908 verabschiede­ Geschlecht Teil hat an der Abfassung der
terhin erhebliche Vorrechte eingeräumt: te Vereinsgesetz wurde dieses Hindernis Gesetze, von denen es regiert wird“.
Er war das Haupt der Familie, entschied auch in Preußen aus dem Weg geräumt. Doch blieb den Kämpferinnen für das
„in allen das gemeinschaftliche eheliche Damit war das männliche Politikmono­ Frauenstimmrecht in Deutschland (wie
Leben betreffenden Angelegenheiten“; pol zwar formell durchbrochen, aber fak­ übrigens auch in weniger obrigkeits­
er war juristischer Vormund seiner Kinder, tisch bestand es weitgehend fort. Politik staatlich geprägten Ländern wie England
seine Meinung gab in Erziehungsfragen galt im Kaiserreich als ausgemachte und Frankreich) vor 1914 der Durch­
den Ausschlag; er verfügte über das Männersache. Frauen – so erklärte etwa bruch versagt. Erst mit dem Zusammen­
Vermögen, das seine Frau in die Ehe ein­ der Bonner Historiker Heinrich von bruch des Kaiserreichs 1918 erhielten
brachte, und er konnte seiner Frau Sybel – seien von Natur aus unfähig zu Frauen erstmals das Wahlrecht und da­
auch verbieten, erwerbstätig zu sein, wenn „logischem Raisonnement“ und „me­ mit die Möglichkeit, ihre politischen
dadurch die „ehelichen Interessen“ thodischer Dialektik“; sie würden in der Interessen zur Geltung zu bringen. […]
beeinträchtigt wurden. […] politischen Arena nur den „charakteris­
Volker Ullrich, Die nervöse Großmacht 1871-1918. Aufstieg
Insgesamt schrieb das Familienrecht tischen Reiz der Weiblichkeit“ einbüßen, und Untergang des deutschen Kaiserreichs, 2. Aufl.,
als allgemeine Norm fest, was sich in der ohne doch „mit der Arbeit des Man­ Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M. 2010, S. 313 f.

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Entwicklungen im 19. und 20. Jahrhundert 35

1871 galt es dann auch für die Wahl zum Deutschen Reichs­
tag. Liberale, sozialistisch-sozialdemokratische und konser­
vative Parteien konkurrierten um die Stimmen der Wähler
und gaben damit unterschiedlichen gesellschaftlichen In­
teressen im politischen Raum Ausdruck. Damit begann, for­
mal gesehen, die Demokratisierung in Deutschland früher
als beispielsweise in England, wo das allgemeine Wahlrecht
erst 1918 durchgesetzt wurde.
Aber diese Demokratisierung blieb folgenlos, weil sie
nicht von der Parlamentarisierung und damit der parlamen­
tarischen Verantwortlichkeit der Regierung begleitet war.
Der Reichstag konnte zwar den Haushalt bewilligen oder
verweigern, er war jedoch nicht befugt, die Regierung und
den Reichskanzler zu wählen oder abzuwählen. Die Macht
lag bei Kaiser und Kanzler.
In England hingegen hatte sich das Parlament längst ei­
nen größeren Einfluss auf die Gestaltung der nationalen Po­
litik erkämpft, wenngleich die Repräsentation in ihm wegen

bpk
der Begrenzung des Wahlrechts nicht allgemein war. Im kai­ Die Revolution Ende des Jahres 1918 ebnet in Deutschland den Weg für
serlichen Deutschland blieben alle Bemühungen, eine Par­ eine parlamentarische Demokratie und eröffnet die Epoche der Weimarer
lamentarisierung und Demokratisierung zu erreichen, ohne Republik. Demonstration vor dem Brandenburger Tor in Berlin
Erfolg. Erst im Zuge der Revolution im November 1918 fiel
nach dem kurzen Intermezzo einer direkten Demokratie von
Arbeiter- und Soldatenräten die Vorentscheidung für die und soziale Grundrechte. Sie gingen mit der Demokratie
Demokratie. Am 6. Februar 1919 tagte die Nationalversamm­ eine Verbindung ein.
lung in Weimar. Sie war im Januar auf Grundlage des allge­ Das Verfassungssystem von Weimar hatte eine demokra­
meinen, gleichen, geheimen und unmittelbaren Wahlrechts tische Ordnung geschaffen, die unter normalen Umständen
aller mindestens zwanzigjährigen Männer und – erstmals – Funktionalität und Stabilität verbürgt hätte. Doch diese Um­
Frauen gewählt worden. Die Weimarer Verfassung trat am stände fehlten im kriegstraumatisierten, von wirtschaftli­
14. August 1919 in Kraft. chen Krisen heimgesuchten Deutschen Reich. Daher setzte
Mit der Weimarer Verfassung war Deutschland eine par­ sehr bald, nach einer kurzen Phase der Stabilisierung in der
lamentarische Demokratie auf konstitutioneller Grundlage Mitte der 1920er-Jahre, ein beispielloser Prozess der „Auflö­
geworden. Sie wies auch plebiszitäre Elemente auf, das Volk sung der Weimarer Republik“, so der Politologe Karl Dietrich
konnte sich in Volksbegehren und Volksentscheiden zu Ge­ Bracher, ein. Schnell zeigte sich, dass sie – für viele mit dem
hör bringen. Zudem wurde der Reichspräsident direkt vom Makel des Friedensvertrages von Versailles behaftet – von
Volke gewählt. Die Weimarer Verfassung enthielt liberale Anfang an eine „ungeliebte“ Republik gewesen war.

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36 Demokratie

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Am 16. Juli 1930 zeigt sich die Schwäche der Weimarer Demokratie: Als die Auch die Wirtschaftskrise und die Massenarbeitslosigkeit untergraben
Mehrheit im Reichstag ihre Zustimmung zum Haushalt verweigert, folgt das demokratische System. Arbeitslose stehen 1932 Schlange vor der Aus­
eine Notverordnung und schließlich die Auflösung des Parlaments. gabestelle für Zeitungen mit Stellenanzeigen.

Die Demokratie, entstanden als Kind der Niederlage im präsidiale Notverordnungspolitik wurde ab 1930 zur Norm.
Ersten Weltkrieg, besaß weder in der Bevölkerung noch bei So schwächte die Ausdehnung der Präsidialmacht die parla­
den politischen und administrativen Eliten ausreichenden mentarische Demokratie, die Widerstandskräfte der Demo­
Rückhalt. Militär, Richterschaft und Beamte waren durch die kraten erlahmten.
monarchisch-obrigkeitsstaatliche Tradition geprägt. Und Die Verfassung konnte die Auflösung der Weimarer Repu­
weil es der Weimarer Demokratie an beherzten Demokraten blik nicht verhindern. Der Reichstag hatte seine Zustimmung
mangelte, konnte sie sich nicht wirksam gegen ihre Feinde, zum Ermächtigungsgesetz vom 23. März 1933 gegeben, damit
gegen Kommunisten und Nationalsozialisten, schützen. In­ schien Hitler seine diktatorischen Befugnisse im Rahmen
stabile parlamentarische Mehrheiten und häufig wechseln­ der Verfassung erlangt zu haben. Doch zuvor schon waren
de Regierungen stärkten die Position des Reichspräsidenten, die Länder gleichgeschaltet und die Kommunisten verhaf­
der bereits durch die Verfassung umfassende Kompeten­ tet worden. Wirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit, die
zen bei der Regierungsbildung, der Parlamentsauflösung Anfälligkeit einer ungeliebten Demokratie, ein obrigkeits­
und der Notverordnungsgebung besaß. Damit konnte der staatliches Beamtentum sowie das Anwachsen extremis­
Präsident, von vielen als Hüter der Verfassung bezeichnet, tisch-totalitärer politischer Kräfte führten letztendlich zur
gegen die Parteien und das Parlament regieren lassen, die nationalsozialistischen Diktatur.

Wandel zur Massen- und Parteiendemokratie

Die Weimarer Republik scheiterte auch daran, dass die brei­ der Massendemokratie den politischen Willensbildungs­
te Mehrheit der Deutschen den Strukturveränderungen der und Entscheidungsprozess. In Deutschland hatten sich
Demokratie Ablehnung entgegenbrachte. Der Wandel zu zwar nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 auch
einer Massen- und Parteiendemokratie hatte die politische Parteien herausgebildet, aber sie konnten wegen der feh­
und parlamentarische Auseinandersetzung zu einem Kampf lenden Parlamentarisierung nicht um die Macht im Staate
unterschiedlicher politischer Interessen und sozialer Klassen konkurrieren.
werden lassen. Der Gewöhnungseffekt an die neuen Formen politischer
Diese Entwicklung hatte sich in den USA bereits in den Auseinandersetzung und politischer Verantwortlichkeit
1830er-Jahren vollzogen. Dort vertraten zwei Parteien unter­ blieb aus. Stattdessen blockierten vielfach Einstellungs­
schiedliche politische Interessen und konkurrierten um die muster aus vordemokratischen Zeiten die Wahrnehmung,
Macht auf nationaler Ebene. Damit war die repräsentative schienen Parteien nur die durch König und Reichspräsident
Demokratie, wie auch in England in der Wende zum 20. Jahr­ verkörperte staatliche Einheit zu „stören“. Kaiser Wilhelm II.
hundert, zu einer Konkurrenzdemokratie geworden, in der die erklärte am Vorabend des Ersten Weltkrieges, er kenne nur
Machtfrage in einem Wettbewerb von Parteien mit der Errin­ noch Deutsche, keine Parteien mehr. Der Anti-Parteienaffekt
gung der Mehrheit bei Wahlen entschieden wurde. schadete der Weimarer Republik und wurde dann im Grund­
Demokratie bedeutet Parteienstreit, weil auch der Volks­ gesetz der Bundesrepublik Deutschland zu überwinden ge­
wille keineswegs homogen ist. Parteien organisieren in sucht.

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Entwicklungen im 19. und 20. Jahrhundert 37

Politisierung der sozialen Frage

Die Transformation zur Parteiendemokratie bedeutete auch


die Politisierung der sozialen Frage, denn Parteien bilden ge­
sellschaftliche Konflikte auf der Ebene des politischen Sys­
tems ab. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als die industrielle
und ökonomische Entwicklung die Gesellschaft in soziale
Klassen zu spalten drohte, organisierten sich Arbeiter in Ge­
werkschaften und in den politischen Parteien der Sozialisten
und der Sozialdemokraten. Die in Klein- und Großbürger­
tum zerfallenden mittleren Schichten gruppierten sich um
(rechts)liberale und konservative Parteien. Der Kampf sozia­
bpk

Abbild der Massen- und Parteiendemokratie der Weimarer Republik:


ler und ökonomischer Klassen und Gruppen wurde von der
Wahlplakate verschiedener Parteien im Vorfeld der Reichstagswahl am
Straße in die Institutionen der parlamentarischen Demokra­
14. September 1930 tie getragen. Er hätte dort kanalisiert, entschärft und zum

Rätedemokratie

[...] Das Ideal der Rätedemokratie übt Werkzeug der Kommune verwandelt. 4. Öffentlicher Dienst durch jederzeit
eine faszinierende Wirkung nicht nur Ebenso die Beamten aller anderen Ver­ kündbare Angestellte, also kein Be­
auf ihre Anhänger, sondern auch auf waltungszweige. Von den Mitgliedern rufsbeamtentum, keine Beamten auf
ihre Gegner aus. Wenngleich es kaum der Kommune an abwärts mußte der Lebenszeit.
irgendwo eine aussichtsreiche politi­ öffentliche Dienst für Arbeiterlohn be­ 5. Die Richter werden gewählt, sind
sche Kraft darstellt, so wirkt es doch in sorgt werden. Die erworbenen Anrechte verantwortlich und absetzbar, also
einem Maße provozierend und freund­ und die Repräsentationsgelder der keine persönliche und sachliche Unab­
feind-polarisierend, das über seine hohen Staatswürdenträger verschwan­ hängigkeit der Richter.
praktisch-politische Bedeutung weit hin­ den mit diesen Würdenträgern selbst. 6. Subsidiaritätsprinzip: Selbstver­
ausgeht. Es wird zu einem zentralen Die öffentlichen Ämter hörten auf, das waltung auf unterer und mittlerer Ebe­
Thema der Auseinandersetzung zwischen Privateigentum der Handlanger der ne soweit wie möglich und Beschrän­
Links- und Rechtsintellektuellen. Zentralregierung zu sein. Nicht nur die kung des Nationalrates auf „die weni­
[...] Vergegenwärtigen wir uns zu­ städtische Verwaltung, sondern auch gen, aber wichtigen Funktionen,
nächst das Modell der Rätedemokratie, die ganze, bisher durch den Staat aus­ welche dann noch [...] übrig bleiben“.
das die Pariser Kommune teils ver­ geführte Initiative wurde in die Hände Von Marx nicht erwähnt, aber
wirklicht, teils in Ausdehnung auf ganz der Kommune gelegt [...].“ aus dem geschichtlichen und sachlichen
Frankreich geplant hat, wie es sich Hiernach sind für die Rätedemo­ Zusammenhang zu ergänzen sind
in der Beschreibung durch Karl Marx kratie also folgende Prinzipien bestim­ folgende Prinzipien:
widerspiegelt. [...] mend: 7. Allgemeines und gleiches Wahl­
„Die Kommune bildete sich aus den 1. Gewalteneinheit, also keine Teilung recht;
durch allgemeines Stimmrecht in in gesetzgebende und vollziehende 8. Öffentlichkeit aller Versammlun­
den verschiedenen Bezirken von Paris Gewalt. Der Zentralrat ist zugleich Ge­ gen;
gewählten Stadträten. Sie waren setzgebungs- und oberstes Exekutiv­ 9. Allzuständigkeit des Rates im Rah­
verantwortlich und jederzeit absetzbar. organ, vereinigt also die Funktionen men der Kompetenzverteilung, die
Ihre Mehrzahl bestand selbstredend von Parlament und Regierung in sich. sich aus dem Subsidiaritätsprinzip er­
aus Arbeitern oder anerkannten Ver­ 2. Mittelbare Wahl (z. B. von Land­ gibt, also weder sachliche Kompe­
tretern der Arbeiterklasse. Die Kommu­ gemeinden bzw. Stadtbezirksräten über tenzschranken noch dem staatlichen
ne sollte nicht eine parlamentarische, Bezirksräte und evtl. Provinzräte zum Eingriff entzogene Freiheitsrechte. [...]
sondern eine arbeitende Körperschaft Nationalrat), also keine unmittelbare
sein, vollziehend und gesetzgebend Volkswahl des Nationalrats. Martin Kriele, Einführung in die Staatslehre: die geschicht­
zu gleicher Zeit. Die Polizei, bisher das 3. Imperatives Mandat und jeder­ lichen Legitimitätsgrundlagen des demokratischen Ver­
fassungsstaates, 6., überarbeitete Aufl., Kohlhammer Verlag,
Werkzeug der Staatsregierung, wurde zeitige Abberufbarkeit der Gewählten Stuttgart 2003, S. 262 ff.
sofort aller ihrer politischen Eigen­ durch die jeweils wählende Körper­
schaften entkleidet und in das verant­ schaft, also keine Unabhängigkeit von
wortliche und jederzeit absetzbare Aufträgen und Weisungen.

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ullstein bild – dpa 38 Demokratie

bpk
Radikale Antwort auf den Ausschluss breiter Bevölkerungsschichten vom Auch die Sozialdemokratie sucht die Arbeiterschaft zu stärkerer politi­
politischen Prozess: das Kommunistische Manifest von Friedrich Engels (l.) scher Beteiligung zu motivieren, wie auf dem Schmuckblatt einer SPD-
und Karl Marx Maifest-Zeitung von 1896 deutlich wird.

Ausgleich gebracht werden können, vorausgesetzt, alle be­ sich beanspruchte und Abweichung und Opposition nicht
teiligten Gruppen und Parteien hätten sich darauf eingelas­ zuließ. Die Volksdemokratie war totalitär in ihrem Anspruch
sen und den reformerischen Weg der Veränderung innerhalb und diktatorisch in ihrem Vollzug, wobei sich ihre Vertreter
des parlamentarischen Systems eingeschlagen. So geschah der inszenierten Zustimmung des Volkes in Form von Mas­
es in England und in den USA, wo dank der Parlamentarisie­ senorganisationen, Aufmärschen und Schein-Wahlen (ohne
rung die Chance der Veränderung auf parlamentarischem wirkliche Auswahl zwischen politischen Alternativen) zu ver­
Wege größer war. sichern suchten.
In Deutschland, dem bis 1918 ein parlamentarisches Regie­ Von konservativer Seite gingen die Vorbehalte gegenüber
rungssystem fehlte und wo die Partei der Sozialisten zeit­ der Demokratie bis auf die Französische Revolution zurück.
weise (1878 bis 1890) verboten war, entlud sich ein Grund­ Bis ins 20. Jahrhundert hinein galt die Demokratie in den
satzkonflikt zwischen revolutionärem und reformerischem Augen autoritärer und monarchistisch gesonnener Kritiker
Weg, in dem Demokratie und Parlamentarismus auf der als schwach, ineffektiv, in sich gespalten, staatszersetzend
Strecke zu bleiben drohten. Die Demokratie und der Parla­ und antinationalistisch. Hinzu trat an der Wende zum 20.
mentarismus wurden in der Weimarer Republik vom linken Jahrhundert ein anderes Motiv. Danach gefährdete die Mas­
wie vom rechten politischen Lager grundsätzlich in Frage sendemokratie die Funktionsfähigkeit der staatlichen Ins­
gestellt und drohten so, zwischen den politischen Extremen titutionen, weil die Masse irrational handele. Nur die Herr­
zerrieben zu werden. schaft von Eliten könne eine politisch stabile Ordnung in der
Von links wurde die repräsentative, parlamentarische und ge­ Massengesellschaft garantieren. Dies lief auf eine Kritik des
waltenteilige Demokratie als Ausdruck der Klassenherrschaft Parlamentarismus und seiner Prinzipien von Beratung und
der Bourgeoisie einer Fundamentalkritik unterzogen. Karl Entscheidung hinaus.
Marx und Friedrich Engels hatten bereits im Kommunistischen Einige Konservative in Deutschland – aber auch in ande­
Manifest von 1848 Demokratie einzig als proletarische Demo­ ren Ländern Europas, allen voran Italien – spitzten nach dem
kratie verstehen wollen, als eine Art Vehikel zur „Erhebung des Ersten Weltkrieg die Kritik noch weiter zu. Ihr Ideal wurde
Proletariats“. Marx beschrieb später die Herrschaftsform der die „Führerdemokratie“, eine Form plebiszitärer, durch einen
sogenannten Pariser Kommune von 1871 als demokratisches Führer geeinten und bestimmten Demokratie, die Parteien,
Rätesystem, als direktdemokratische Herrschaft der Pariser Ar­ Pluralismus und unterschiedliche Interessen zugunsten der
beiter und als ein System radikaler Eingriffe in die politische, Vorstellung einer Schicksalsgemeinschaft zwischen Volk und
gesellschaftliche und ökonomische Ordnung. Führer aufhob.
Die historische Bedeutung des Rätesystems lag für Marx Unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs hatte in
in der Überwindung der bürgerlich-kapitalistischen Gesell­ Deutschland eine Gruppe von „konservativen Revolutionä­
schaft, das Rätesystem war die Keimzelle zukünftiger sozialis­ ren“ ihren antidemokratischen, antiparlamentarischen und
tischer Ordnung, in der Exekutiv- und Legislativgewalt in den antiliberalen Affekten freien Lauf gelassen. Als Lebensweise
Händen der Arbeiter vereint waren. Von hier reichen Verbin­ wie als Herrschaftsform wurde die Demokratie als schwäch­
dungslinien zur Theorie und Praxis späterer marxistisch-le­ lich, der Parlamentarismus als unfähig, der Liberalismus als
ninistischer Partei- und Revolutionspolitik sowie zur Theorie dekadent denunziert. Den „konservativen Revolutionären“
und Praxis der sogenannten Volksdemokratie der sozialisti­ und in der Folge dem Nationalsozialismus fiel es leicht, die
schen Staaten in Mittel- und Osteuropa bis 1989 und 1990. liberale, parlamentarische und gewaltenteilige Demokratie
In der Volksdemokratie gingen Legislativ- und Exekutiv­ für die sozialen, ökonomischen und politischen Krisen der
gewalt eine enge Verbindung ein, der Judikative kam keine 1920er- und 1930er-Jahre verantwortlich zu machen. Dem
kontrollierende Funktion zu. Hier etablierte sich noch ein­ liberalen Demokratiegedanken wurde das Ideal eines tota­
mal eine „identitäre“ Volksdemokratie, wohinter sich aber litären Staates gegenübergestellt – ein Staat des von einem
faktisch die Herrschaft und das Monopol einer Partei verbar­ Führer in nationaler Gemeinschaft geeinten deutschen Vol­
gen, die die Vertretung der Arbeiter- und Bauernklasse für kes, eine Diktatur mit scheindemokratischem Anstrich.

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Entwicklungen im 19. und 20. Jahrhundert 39

Die Führergewalt als unteilbare Einheit

[...] Der Führer vereinigt in sich alle gebunden ist an das Schicksal, an das kennzeichnet, läßt eine Zerlegung der
hoheitliche Gewalt des Reiches; alle Wohl, an die Aufgabe, an die Ehre des staatlichen Gewalt im Stile des liberal­
öffentliche Gewalt im Staat wie in der Volkes. […] demokratischen bürgerlichen Rechts­
Bewegung leitet sich von der Führer­ Durch politische Kundgebungen muß staates nicht zu. Natürlich braucht
gewalt ab. Nicht von „Staatsgewalt“, dann das Volk für die großen Ziele, die auch das völkische Reich eine Gliede­
sondern von „Führergewalt“ müssen ihm gestellt sind, aufgerufen werden. rung der politischen Gewalt nach
wir sprechen, wenn wir die politische Die Entschlüsse und Entscheidungen Funktionen und Zuständigkeitsberei­
Gewalt im völkischen Reich richtig des Führers müssen ihm mitgeteilt und chen. Aber alle Einzelfunktionen
bezeichnen wollen. Denn nicht der Staat verständlich gemacht werden. Das und Einzelkompetenzen stehen sich
als eine unpersönliche Einheit ist der völkische Reich kann auf diesen dauern­ nicht selbstherrlich gegenüber, son­
Träger der politischen Gewalt, sondern den Appell an das Volk nicht verzich­ dern leiten sich aus der Gesamtgewalt
diese ist dem Führer als dem Vollstre­ ten. Denn durch ihn wird das Volk des Führers ab. Das völkische Reich
cker des völkischen Gemeinwillens ge­ zum Erlebnis seiner politischen Einheit kann sogar eine gewisse organisato­
geben. Die Führergewalt ist umfas­ geweckt und zum Einsatz seiner poli­ rische Selbständigkeit einzelner
send und total; sie vereinigt in sich alle tischen Kraft aufgerufen. Die Anord­ Funktionen beibehalten, wenn nur die
Mittel der politischen Gestaltung; nungen des Führers schließlich setzen einheitliche Gesamtgewalt des Führers
sie erstreckt sich auf alle Sachgebiete den Plan unter der Mitarbeit der völ­ den einzelnen Amtsbereichen gegen­
des völkischen Lebens; sie erfaßt kischen Kräfte in die Wirklichkeit um. über fest und sicher gegründet bleibt.
alle Volksgenossen, die dem Führer zu In ihnen tritt die Führergewalt in ihrer Die politische Führergewalt muß
Treue und Gehorsam verpflichtet ganzen Stärke hervor. Die Führerge­ nicht nur der Theorie nach, sondern
sind. Die Führergewalt ist nicht durch walt äußert sich bei diesen Anordnun­ in der konkreten Wirklichkeit alle
Sicherungen und Kontrollen, durch gen in gleichem Maße in der Gesetz­ Einzelfunktionen und Kompetenzen
autonome Schutzbereiche und wohl­ gebung, der Rechtsprechung und der zusammenhalten. Gegenüber allen
erworbene Einzelrechte gehemmt, Exekutive. Sie ist kein Ausschnitt organisatorischen Trennungen und
sondern sie ist frei und unabhängig, aus den verschiedenen staatlichen „Ge­ begrifflichen Unterscheidungen
ausschließlich und unbeschränkt. walten“, sondern sie ist die gesamte muß die Einheit der politischen Gewalt
Aber sie ist nicht selbstherrlich, und sie politische Gewalt, die im neuen Reiche verbürgt bleiben. […]
bedeutet keine Willkür, sondern trägt wieder eine unteilbare und umfas­
ihre Bindung in sich selbst. Sie geht sende Einheit geworden ist. Ernst Rudolf Huber, Verfassungsrecht des Großdeutschen
vom Volke aus, d. h. sie ist dem Führer Die im Weimarer Staat gegebene „Tei­ Reiches, §20 „Die Einheit der Führergewalt“, 2., stark erw. Aufl.,
Hanseatische Verlags-Anstalt, Hamburg 1939, S. 230 f.
vom Volke anvertraut, sie ist um des lung der Gewalten“ ist im völkischen
Volkes willen da, sie hat ihre Rechtfer­ Reich durch die Einheit der Führerge­
tigung aus dem Volk. Sie ist frei von walt überwunden worden. Die To­
allen äußeren Bindungen, weil sie im talität des politischen Wollens und
Inneren ihres Wesens aufs Stärkste Handelns, die das völkische Reich
ullstein bild

„Vollstrecker des völkischen Gesamtwillens“? Adolf Hitler vor HJ-Verbänden auf dem NSDAP-Parteitag 1936
in Nürnberg

Informationen zur politischen Bildung Nr. 284/2013


40 Demokratie

Ordnungspolitische Teilung nach 1945

Nur in Westeuropa konnten sich die Demokratien nach dem Frankreich, Belgien und Italien lange Zeit sehr stark waren,
Zweiten Weltkrieg erneuern oder stabilisieren. In Mittel­ konnten keinen dauerhaft gestaltenden Einfluss nehmen.
und Osteuropa hingegen setzten nach 1947 die von der Sow­ Die christlich-konservativen und die sozialdemokratisch­
jetunion unterstützten und gelenkten Kommunisten ihre sozialistischen Parteien akzeptierten nun die parlamentari­
Vorherrschaft auf gewaltsamem Wege durch, nachdem ihre sche Demokratie, sie verstanden sich überwiegend als Volks­
Versuche – beispielsweise in Ungarn oder in der Tschecho­ parteien, die unterschiedliche Bevölkerungsgruppen in sich
slowakei – auf dem Wege demokratischer Wahlen und mit integrierten. Zugleich konnte die soziale Frage, die die De-
breiten antifaschistischen Koalitionen ihre Herrschaft zu
errichten, vergeblich geblieben waren. In der Folge basier­
ten die „Volksdemokratien“ auf der Vorherrschaft der kom­

picture alliance / dpa / ap / Süddeutsche Zeitung Photo


munistisch-sozialistischen Parteien und ihrer (Zwangs-)
Verbündeten. Europa war somit nicht nur geostrategisch,
sondern auch ordnungspolitisch geteilt, zwischen libera­
len Demokratien im Westen und sozialistisch-kommunisti­
schen Diktaturen im Osten.
Dabei stellte sich sehr schnell die Präsenz der Vereinigten
Staaten von Amerika in Westeuropa als vorteilhaft heraus,
um neue Demokratien zu errichten sowie Parlamentarismus
und Parteiensystem stabilisieren zu können. In den westeu­
ropäischen Demokratien bildeten sich Mehrparteiensysteme
heraus, die sich im Wesentlichen auf drei Säulen, die Konser­
vativen und die Christliche Demokratie auf der einen Seite,
die Sozialdemokratie auf der anderen Seite und die liberalen Stehend applaudiert am 8. Mai 1949 die Mehrheit des Parlamentarischen
Parteien in der Mitte stützten. Rechtsradikale Parteien wa­ Rates nach der Annahme des Grundgesetzes. Nur die zwei KPD-Abgeord­
ren diskreditiert, kommunistische Parteien, die vor allem in neten (vorne, li.) hatten mit Nein gestimmt.

© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 62 110 * ohne Überhangmandate

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Entwicklungen im 19. und 20. Jahrhundert 41

mokratie in der Zwischenkriegszeit belastet hatte, entschärft teil Afrikas, Südostasiens, im Nahen Osten, aber auch in den
werden. Beide großen Parteiengruppierungen setzten sich Nachfolgestaaten der Sowjetunion als Regierungsform unter­
mehr oder minder deutlich sowohl für eine marktwirtschaft­ repräsentiert. Auch verläuft der Übergang von diktatorischen
liche Ordnung wie auch für wohlfahrtsstaatliche Einrichtun­ und autoritären Regimen zu demokratischen Ordnungen kei­
gen ein. Damit war das kapitalistische Wirtschaftssystem so­ neswegs immer so gradlinig, dass die neue Demokratie auch
zial gezähmt, die Arbeiterklasse politisch eingebunden und voll entwickelt und stabil wird, ist oder bleibt. Manche Tran­
die Akzeptanz für die Demokratie gestärkt worden. sitionsprozesse bleiben stecken. Werden Maßstäbe angelegt,
Auch zeichnete sich die Nachkriegsdemokratie durch die zu einer voll entwickelten Demokratie gehören, wie direk­
eine Stärkung von Verfassungs- und Rechtsstaat aus. In den te, geheime und gleiche Wahlen, die rechtsstaatliche Garantie
Verfassungen wurden nachhaltige Vorkehrungen für den von Grund- und Bürgerrechten, ein freies Medien- und Partei­
Schutz der individuellen Grund- und Menschenrechte ge­ ensystem sowie eine lebendige Bürgergesellschaft, so zeigt
schaffen, und die Judikative bekam ein starkes Gewicht, um sich schnell, dass viele neue Demokratien keineswegs alle
über die Einhaltung dieser Rechte zu wachen. In der Bundes­ Merkmale, vor allem nicht sofort und unwiderruflich erfüllen.
republik Deutschland zog das Grundgesetz, die konstituti­ Dies wirft die Frage nach den Bedingungen für erfolgreiche
onelle Grundlage der bundesdeutschen Demokratie, „Leh­ Demokratisierungsprozesse und den Voraussetzungen für die
ren aus Weimar“, um Demokratie und Parlamentarismus Stabilität von Demokratien auf.
zu stärken. Der Bundeskanzler kann seitdem nur durch ein
konstruktives Misstrauensvotum gestürzt werden, Parteien
erhielten eine besondere Funktion als Mittler im Prozess der
politischen Willens- und Entscheidungsbildung.
Die Grundrechte dürfen in ihrem Wesensgehalt auch vom
demokratischen Gesetzgeber nicht eingeschränkt werden,
und die grundlegenden Verfassungsprinzipien sind unauf­
hebbar. Die Demokratie wehrt sich gegen ihre Feinde, unter
anderem mit dem Instrument des Parteienverbotes. Insofern
gab das Grundgesetz der Demokratie in der Bundesrepublik
Deutschland eine „Ewigkeitsgarantie“. Ihre Abschaffung auf
dem Wege der (verfassungsändernden) Gesetzgebung sollte
ein für alle Mal unmöglich gemacht werden. In dieser Rege­
lung zeigte sich ein starker Glaube an die Wirkungsmächtig­
keit der Verfassung, wie auch in der Folge das Grundgesetz
für die bundesdeutsche Demokratie nicht nur instrumentell,
sondern auch symbolisch hohe Bedeutung besaß. Durch das
Grundgesetz wurde die Bundesrepublik Deutschland zu einer
Verfassungs- und Grundrechtedemokratie par excellence.

Wellen der Demokratisierung


© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 603 620, Quelle: Freedom House (2013)
Das 20. Jahrhundert hat der Demokratie ihre größte Krise, aber
auch einen nachhaltigen Triumph beschert. Der deutsche Fall
verdeutlicht diese Paradoxie von Verfall und Aufstieg demo­
kratischer Ordnung in besonderer Weise. Regionale Muster
Generell hatte der Triumph der alliierten Siegermächte im
Zweiten Weltkrieg eine Welle der Demokratisierung zur Fol­ Frei Teilweise frei Unfrei
ge, die in den 1960er-Jahren zu 36 Demokratien führte. Zwi­
schen 1974 und 1990 vollzogen nochmals etwa 30 Länder den Nord- und
Südamerika
24 (69 %) 10 (28 %) 1 (3 %)
Übergang zu Formen demokratischer Herrschaft. Und zuletzt
Asien und pazifischer
führten Proteste, Aufstände und Rebellionen in Staaten Nord­ Raum
17 (43 %) 14 (36 %) 8 (21 %)

afrikas und Arabiens, so in Tunesien, Ägypten und Libyen zum


Zentral- und Osteuro­
Sturz von Diktaturen und autokratischen Regimen. Zu Beginn pa/ Eurasien
13 (45 %) 9 (31 %) 7 (24 %)

des 21. Jahrhunderts kann die Zahl der Demokratien weltweit Mittlerer Osten und
1 (6 %) 6 (33 %) 11 (61 %)
auf etwa 120 Staaten beziffert werden. Es entstanden demo­ Nordafrika
kratische Regime in Lateinamerika, in Südkorea und Taiwan,
Subsahara-Afrika 11 (22 %) 18 (37 %) 20 (41 %)
zum Teil in Afrika und schließlich in den Staaten Mittel- und
Osteuropas sowie im Nahen Osten. Die Demokratie scheint Westeuropa 24 (96 %) 1 (4 %) 0 (0 %)
sich auf einem Siegeszug zu befinden.
Doch wäre ein solches Resümee voreilig. In manchen Regi­
Quelle: Freedom House; Arch Puddington, Freedom in the World 2013: Democratic Breakthroughs
onen der Welt ist die Demokratie nach wie vor eher die Aus­ in the Balance, S. 10; online verfügbar unter: http://www.freedomhouse.org/sites/default/files/
nahme als die Regel. So ist sie beispielsweise in einem Groß­ FIW%202013%20Overview%20Essay%20for%20Web_0.pdf

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42 Demokratie

Hans Vorländer

Erfolgs- und Risikofaktoren


für Demokratien

picture alliance / Marcos Vega / Cordon Press


Nicht immer sind in Demokratien die Bedingungen für Sta­
bilität und nachhaltigen Erfolg gegeben: ein günstiges Um­
feld, eine effektive zivile Kontrolle staatlicher Gewalt sowie
eine pluralistische, aktive Zivilgesellschaft. Auch Säkularisie­
rung und stabile wirtschaftliche Verhältnisse sind wichtig.

Instabile Wirtschaft: Durch die Finanzkrise seit 2008 wurde in einigen


Ländern Südeuropas das Vertrauen in die Demokratie erschüttert. Protes­
te gegen Sparpläne und Arbeitslosigkeit in Madrid 2011

D ie moderne, empirische und vergleichende Demokratie­


forschung hat gezeigt, dass es keinen Determinismus gibt,
der das Eintreten demokratischer Verhältnisse bei Vorliegen der
tern hängen von den konkreten Umständen und Situationen,
aber auch vom Verhalten der jeweiligen politischen Akteurin­
nen und Akteure ab. Doch weist die Demokratieforschung da­
einen oder anderen Voraussetzung erwartbar machen könnte. rauf hin, dass es Zusammenhänge zwischen bestimmten Vor­
So kann auch keine Prognose über den Erfolg von Demokratisie­ aussetzungen und Bedingungen einerseits und der Entstehung
rungsprozessen gegeben werden. Denn ihr Erfolg und ihr Schei- und der Stabilität demokratischer Ordnung andererseits gibt.

Was eine Demokratie funktionsfähig werden lässt

Vier Bedingungen begünstigen zusammen eine funktions­ gleichzeitige internationale Unterstützung etwa durch die
fähige Demokratie: Aufnahme in militärische Bündnisse oder durch die Aus­
¬ Die internationale Lage muss für die Demokratie verträg­ sicht auf Mitgliedschaft in der Europäischen Union half,
lich oder förderlich sein. Keine Demokratie ist unabhängig die neu gegründeten Demokratien im Innern zu stabilisie­
von ihrem Umfeld. Interventionen einer ausländischen ren. In Lateinamerika haben die USA mehrmals, zum Teil
Macht und außenpolitische Abhängigkeiten können die auch gewaltsam interveniert, um demokratisch gewählte
Demokratie fördern, aber auch behindern oder gar zu de­ Regierungen abzusetzen, die ihren geografischen, sicher­
ren Abschaffung beitragen. So hinderte beispielsweise heitspolitischen oder ökonomischen Interessen nicht zu
der Einfluss der Sowjetunion auf Mittel- und Osteuropa entsprechen schienen. Panama, Chile und Guatemala
nach dem Zweiten Weltkrieg einige Länder wie die Tsche­ sind solche Beispiele. Es waren aber auch die USA – und
choslowakei, Ungarn und Polen daran, sich als Demokra­ England –, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Wieder­
tien zu etablieren. Umgekehrt ermöglichte dann aber begründung der Demokratie wesentlich beförderten. Das
auch der Wandel und spätere Zerfall der Sowjetunion den gilt in Sonderheit für Westdeutschland, das die westlichen
Übergang der ost- und mitteleuropäischen Staaten von Besatzungsmächte beim Wiederaufbau der Demokratie
autoritär-sozialistischen Regimen zu Demokratien. Die unterstützten, während die USA gleichzeitig mit ökono­

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Erfolgs- und Risikofaktoren für Demokratien 43

¬ Wichtig für das Gelingen eines Demokratisierungspro­


zesses ist eine effektive zivile Kontrolle polizeilicher und
militärischer Macht. Befindet sie sich in den Händen
Einzelner oder in der alleinigen Verfügungsgewalt von
Gruppen, kommt es nur äußerst selten, wenn überhaupt,
zu freien und fairen Wahlen, der Mindestvoraussetzung
einer Demokratie. Demokratien beruhen auf Recht und
Gesetz. Willkür und Gewaltanwendung sowie die Aus­
schaltung eines freien politischen Willensbildungs- und
Entscheidungsprozesses sind ihnen wesensfremd. Für die
Entstehung und den Erhalt demokratischer Institutionen
ist deshalb die zivile Kontrolle über Polizei und Militär von
existenzieller Bedeutung.
¬ Eine funktionsfähige und stabile Demokratie erfordert die
Existenz einer pluralistisch gegliederten, von staatlichem
Dirigismus freien Gesellschaft, in der die Machtressourcen
in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft breit gestreut sind.
Eine Verteilung der Verfügungsmacht über Kapital, Arbeit,
Geld, physische und psychische Gewalt, Information, Me­
dien und Wissen ist geeignet, eine Machtkonzentration
zu verhindern, die den demokratischen Prozess verzerrt
oder ihn durch die Herrschaft Einzelner oder Cliquen zur
Oligarchie deformiert. Deshalb ist es auch erforderlich,
dass die politischen Gewalten auf unterschiedliche Insti­
ullstein bild – Markus Matzel

tutionen aufgeteilt sind. Nach einhelliger Ansicht Mon­


tesquieus und der Federalists müssen die Gewalten sich
zudem gegenseitig kontrollieren und dadurch ein Macht
zähmendes und Freiheit ermöglichendes Gleichgewicht
herstellen. Darüber hinaus verweisen Alexis de Tocque­
ville (1805-1859) und John Stuart Mill (1809-1873) auf die
Militärisch erzwungener Regimewechsel: Nach der Eroberung durch US- Notwendigkeit, eine Tyrannei der Mehrheit selbst zu ver­
Truppen wird im April 2003 in Bagdad die Statue des ehemaligen Dikta­ hindern. Keine Gruppe in der Gesellschaft darf so mächtig
tors Saddam Hussein demontiert. werden, dass sie andere Gruppen und Minderheiten be­
herrschen oder unterdrücken kann. In einer freiheitlichen,
liberalen Demokratie sollte die Minderheit von heute im­
mer die Chance haben, die Mehrheit von morgen zu wer­
den. Je stärker die Macht auf viele Träger verteilt ist, desto
höher ist der Demokratiegehalt eines Systems. Je stärker
die Macht konzentriert ist, desto niedriger fällt der De­
mokratiegehalt aus. Pluralität in der Gesellschaft, Vielfalt
in der Kultur und Wettbewerb in der Wirtschaft sind also
gute Voraussetzungen für eine stabile und funktionsfähi­
AP Photo / Tsvangirayi Mukwazhi

ge Demokratie.
¬ Zu ihr gehört auch eine aktive Bürgergesellschaft, die mit
ihren vielfältigen Gemeinschaften und intermediären,
zwischen Staat und Gesellschaft vermittelnden Vereini­
gungen wie Parteien, Vereinen und Bürgerinitiativen Bür­
gersinn und damit eine demokratische politische Kultur
ausbildet. So wird die Demokratie als Regierungsform bür­
Fehlende Machtstreuung: Seit 1987 hält Robert Mugabe als Präsident Sim­ gerschaftlicher Selbstregierung gestützt und lebendig ge­
babwes (hier beim Amtseid im August 2013) nahezu alle Macht in Händen. halten. Das Scheitern der Weimarer Demokratie verdeut­
licht, wie wichtig es ist, dass die Bürgerinnen und Bürger
die Demokratie anerkennen und ihren Institutionen ver­
mischen Hilfsprogrammen für die Entwicklung eines trauen, die Verfahren demokratischer Konfliktlösung und
stabilisierenden, rapiden wirtschaftlichen Wachstums politischer Kompromissfindung akzeptieren und die Ent­
sorgten. Die Bundesrepublik Deutschland und auch Japan scheidungen respektieren können. Je mehr Unterstützung
sind die offensichtlichsten Fälle, in denen eine Demokratie- die Bürger zu geben bereit sind, desto ausgeprägter ist die
gründung mit Hilfe demokratischer Siegermächte nachhal- Stabilität der Demokratie, kann sie temporäre Krisen der
tig erfolgreich war. Nicht immer aber können durch militä- Institutionen oder auch wirtschaftliche Probleme ohne
rische Interventionen herbeigeführte Regimewechsel, wie bleibenden Schaden überstehen. Problematisch wird es,
sie in jüngster Zeit in Afghanistan und im Irak erfolgten, wenn der Demokratie auf Dauer die Bewältigung von poli­
als Garanten für erfolgreiche Demokratisierungsprozesse tischen, sozialen und ökonomischen Aufgaben nicht mehr
angesehen werden. zugetraut wird. Dann erzeugen Effizienzprobleme auch

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44 Demokratie

Wider die Tyrannei der Mehrheit Das Recht eines jeden Volkes findet sei­ Stellen wir uns dagegen eine gesetz­
ne Grenze an der Gerechtigkeit. [...] gebende Gewalt vor, die die Mehrheit
Das Buch „De la democratie en Amérique“ Wenn ich daher einem ungerechten repräsentiert, ohne notwendig der
(Über die Demokratie in Amerika) von Gesetz den Gehorsam verweigere, spre­ Sklave von deren Leidenschaften zu
Alexis Clérel de Tocqueville (1805-1859) che ich keineswegs der Mehrheit das sein; eine ausführende Gewalt, die eine
erschien 1835, drei Jahre nach einer Recht ab, zu befehlen; ich appelliere le­ angemessene Macht besitzt, und eine
Amerikareise, die der Verfasser im Auf­ diglich von der Souveränität des Volkes richterliche Gewalt, die von den ande­
trag der französischen Regierung an die Souveränität der Menschheit. [...] ren beiden Gewalten unabhängig ist;
zur Untersuchung des amerikanischen Was ist denn die Mehrheit im ganzen auch dann haben wir eine Demokratie,
Gefängniswesens unternommen genommen anderes als ein Individuum aber für die Tyrannei wird es kaum
hatte. Der eigentliche Reiseanlass war mit Ansichten und Interessen, die meis­ noch Chancen geben. [...]
jedoch eher das Studium der amerikani­ tens denen eines anderen Individuums,
schen Demokratie und die Rückschlüsse genannt Minderheit, zuwiderlaufen? [...] Alexis de Tocqueville, Über die Demokratie in Amerika,
für Staat und Gesellschaft in Frankreich. [U]nd niemals werde ich die Befugnis, ausgewählt und hg. von J.P. Mayer, Reclam Verlag, Stuttgart
2006, S. 145 ff.
Tocqueville ist Empiriker und ein schlechthin alles zu tun, die ich einem
überzeugter Verfechter der Demokratie, Einzelnen unter meinesgleichen ver­
die er für die neue, kommende Staats­ sage, einer Mehrheit zugestehen. [...]
form hält, vor deren Gefährdungen er Es gibt auf Erden keine an sich selbst
allerdings warnen will. so ehrwürdige, keine mit so geheilig­
tem Recht ausgestattete Macht, daß ich
[…] Ich halte den Grundsatz, daß im Be­ sie unkontrolliert handeln und unge­
reich der Regierung die Mehrheit eines hindert herrschen lassen wollte. Sobald
Volkes das Recht habe, schlechthin alles ich daher sehe, daß man das Recht
zu tun, für gottlos und abscheulich, und die Möglichkeit, schlechthin alles

Scherl / Süddeutsche Zeitung Photo


und dennoch leite ich alle Gewalt im zu tun, irgendeiner Macht zugesteht,
Staat aus dem Willen der Mehrheit man mag sie nun Volk oder König,
ab. Widerspreche ich mir damit selbst? Demokratie oder Aristokratie nennen,
Es gibt ein allgemeines Gesetz, das man mag sie in einer Monarchie oder
nicht bloß von der Mehrheit irgendeines in einer Republik ausüben, sobald
Volkes, sondern von der Mehrheit aller ich das sehe, sage ich: Das ist der Keim
Menschen, wenn nicht aufgestellt, so zur Tyrannei, und ich werde ver­
doch angenommen worden ist. Dieses suchen, unter anderen Gesetzen zu
Gesetz ist die Gerechtigkeit. leben. [...] Alexis de Tocqueville (1805-1859)

Für die Freiheit Andersdenkender Arten obrigkeitlicher Bedrückung. Sie Übergriffe zu schützen ist für eine gute
bietet zwar für gewöhnlich nicht die Sicherung des menschlichen Lebens
Der englische Philosoph John Stuart äußersten Strafmittel auf; aber sie läßt ebenso unentbehrlich wie der Schutz
Mill ist zu den bedeutendsten Denkern weniger Wege zum Entkommen, sie gegen politischen Despotismus. [...]
des Liberalismus zu rechnen. In seiner dringt viel tiefer in die Einzelheiten des
Jugend stand er unter dem Einfluss des Lebens und versklavt die Seele selbst. John Stuart Mill, Über die Freiheit, hg. von Horst D. Brandt,
Bentham’schen Utilitarismus. Er be­ So genügt es nicht, sich gegen die übers. von Else Wentscher, 2., verbesserte Aufl., Felix Meiner
Verlag, Hamburg 2011, S. 9
ruht auf dem Grundsatz: Wenn nur Tyrannei der Machthaber zu schützen,
jeder rational gemäß seiner eigenen man muß sich auch schützen vor der
Wünsche und frei von staatlichen Ein­ Tyrannei der herrschenden Meinung und
griffen handelt, dann führt das zum des herrschenden Gefühls, vor der
größten Glück für eine immer größere Absicht der Gesellschaft, durch andere
Zahl von Menschen. Darüber hinaus Mittel als bürgerliche Strafen ihre ei­
widmete sich Mill auch der Frage der genen Ideen und Praktiken denjenigen
Vereinbarkeit von Liberalismus und als Verhaltensregeln aufzuzwingen,
Demokratie. In der Schrift „Consider­ die davon abweichen. Man muß sich
ations on Representative Govern­ hüten vor der Neigung der Gesellschaft,
ment“ bietet er als Lösung ein parla­ die Entwicklung und, wenn möglich,
ullstein bild – The Granger Collection

mentarisches Regierungssystem an. die Bildung jeder Individualität zu hin­


dern, die mit den Wegen der Allge­
[…] Die Gesellschaft kann ihre eigenen meinheit nicht übereinstimmt, und alle
Befehle vollstrecken und tut das auch, Charaktere zu zwingen, sich nach
und wenn sie schlechte statt guter Be­ ihrem eigenen Muster zu richten. Es gibt
fehle gibt oder sich überhaupt in Dinge eine Grenze für das berechtigte Ein­
mischt, mit denen sie sich besser nicht greifen der kollektiven Meinung in die
befaßte, so übt sie eine soziale Tyrannei persönliche Unabhängigkeit, und
aus, die furchtbarer ist als manche diese Grenze zu finden und sie gegen John Stuart Mi
Mill (1809-1873)

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Erfolgs- und Risikofaktoren für Demokratien 45

Kirche und Religion sind Teile der autonomen Bürgergesell­


schaft. Doch gilt für alle Demokratien das Gebot der Trennung
von Religion und Politik.
Hier liegt der Hauptunterschied zu vielen arabischen und
asiatischen Gesellschaften. Das Verhältnis von Demokratie und
Religion gestaltet sich in ihnen anders, weil es keinen vergleich­
baren historischen Prozess von Aufklärung und Säkularisie­
rung gegeben hat. Die Traditionen von Konfuzianismus, Bud­
dhismus und Hinduismus beispielsweise sind aber keineswegs
per se demokratiefeindlich, wie Japan und Indien zeigen. Doch
gibt es religiöse Strömungen in den Regionen Asiens und Ara­
ullstein bild – Tanner

biens, die eine eher hierarchische, autoritäre Regierungsform


bevorzugen.
Allgemeingültige Aussagen über das Verhältnis des politi­
schen Islam zur Demokratie lassen sich indes nicht treffen, zu
vielfältig sind die religiösen Strömungen und die staatlichen
Aktive Bürgergesellschaft: Die Gewerkschaftsbewegung Solidarnośč (hier Ordnungen. In manchen Staaten stellt der Islam nicht nur eine
in Danzig 1990) aktiviert die Massen zu politischer Beteiligung und ebnet Religion, sondern zugleich die Ordnungsform des politischen
den Weg zur Demokratisierung Polens. Systems selbst dar. Vielen Gesellschaften der islamischen
Welt fehlt eine Tradition der persönlichen, intellektuellen,
Legitimitätseinbußen. Eine politische Kultur mit einer ak­ wirtschaftlichen und politischen Freiheit, die einen schnellen
tiven Bürgergesellschaft ist in der Lage, Effizienzprobleme Prozess grundlegender Demokratisierung befördern könnte.
aufzufangen, weil die Beteiligten nicht alleine auf staat­ Gleichwohl können sich auch in mehrheitlich islamischen
liche Entscheidungsprozesse und staatliche Leistungen, Gesellschaften Prozesse der Demokratisierung einstellen, wie
sondern auch auf ihre eigene Aktivität und Leistung, ih­ die jüngsten Entwicklungen in Ägypten, Tunesien oder Liby­
ren Beitrag als Staatsbürger setzen. Solche bürgergesell­ en zeigen, wo es Teilen der protestierenden Zivilgesellschaft
schaftlichen Kulturen benötigen vor allem Länder, die den gelang, autokratische oder diktatorische Herrschaft zu über­
Übergang von Diktaturen zu demokratischen Regierungs­ winden. Zugleich erweisen sich hier aber auch die Rivalitäten
formen vollzogen haben, einen sich über viele Jahre hin­ unterschiedlicher religiöser Strömungen innerhalb des Islam –
ziehenden Anpassungsprozess. Menschen, die Jahrzehnte verschärft durch soziale und ethnische Konfliktlagen – als
lang politisch entmündigt wurden, verwandeln sich nicht Problem bei der schnellen Herausbildung stabiler demokrati­
von heute auf morgen in die aktiven und gestaltenden scher Strukturen. Und dort, wo sich, wie in der Türkei, unter
Bürger, von denen die Demokratie letztlich lebt. Hierzu dem Einfluss des Staatsgründers Kemal Atatürk, ein säkularer
bedarf es aufbauender Erfahrungen, der Eingewöhnung Staat herausgebildet hatte, der die Trennung von Staat und Re­
in demokratische Willensbildungs- und Entscheidungs­ ligion etablierte, kann es zu Auseinandersetzungen zwischen
prozesse und schließlich auch der Überzeugung, dass die Verfechtern konservativer religiös-kultureller Vorstellungen
Demokratie bei allen Schwächen die mit Abstand beste und „Modernisierern“ kommen, die auf der Einhaltung von
Staatsform ist. Menschen- und Bürgerrechten genauso bestehen wie auf den
grundlegenden demokratischen Prinzipien wie Meinungs-,
Versammlungs- und Pressefreiheit, die für eine freie demokra­
tische Öffentlichkeit konstitutiv sind.
So wichtig eine offene Bürgergesellschaft und eine lebendi­
Weitere Voraussetzungen ge politische Kultur für die Demokratie sind, so sehr hat die

Als eine politisch-kulturelle Voraussetzung für die Demokratie


wird auch immer wieder die Trennung von Staat und Religion
genannt. Historisch gesehen, konnten sich die modernen Demo­
kratien erst entwickeln, als die Staaten, nicht zuletzt infolge der
Bürger- und Religionskriege, die institutionelle Trennung von
Kirche und Religion vollzogen und eine weltliche Herrschafts­
ordnung etabliert hatten. Die Säkularisierung scheint also zu
den Bedingungen erfolgreicher Demokratie zu gehören. Aller­
ADEM ALTAN / AFP / Getty Images

dings haben sich in den Demokratien des Westens sehr unter­


schiedliche Verhältnisse zwischen Staat und Kirche, Politik und
Religion herausgebildet. Die Trennung verläuft in Frankreich
schärfer als in Deutschland. Hier ist der Staat in religiösen Din­
gen zu Neutralität verpflichtet, gewährt den Religionsgemein­
schaften in der Öffentlichkeit jedoch Raum zur Entfaltung und
zieht die Kirchensteuern ein. In den USA existiert eine, von Tho­
mas Jefferson sogenannte wall of separation, die es dem Staat Umstrittenes Verhältnis von Religion und Politik: Türkische Frauen de­
verbietet, sich mit einer Religion zu identifizieren, zugleich aber monstrieren im Juli 2010 in Ankara für das Tragen von Kopftüchern an
religiöse Äußerungen, auch im öffentlichen Raum, erlaubt. Universitäten und in staatlichen Einrichtungen.

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46 Demokratie

Demokratie exportieren

Demokratie lässt sich messen. Wie mit sehr machtvoll werden. […] Wer das den Mangel an Aufklärung. Alles Hinder­
einem Fieberthermometer. Mal geht Pflänzchen auf seinem Feld entdeckt, nisse auf dem Weg zur Demokratie –
die Kurve hoch, mal geht sie runter. Wo der weiß: Nun geht es um Alles – um angeblich. Dann wurde missioniert: mit
auch immer auf der Welt gewählt, pro­ die Macht, das Geld, um Frieden und Sta­ Stiftungen, mit Geld und guten Wor­
testiert, geputscht und bestochen wird: bilität. Denn die Demokratie ist der ten, auf Konferenzen und Studienreisen.
Immer steht die besorgte Ärzteschaft Feind der unkontrollierten Macht, der Das Ergebnis: Von außen ist diesem
am Bett, um Puls, Temperatur und Herz­ Mauschelei, der Korruption und der Moloch kaum beizukommen, ein demo­
schlag zu notieren. Die Daten werden Bereicherung. […] kratischer Reifeprozess ist eine zutiefst
in Tabellen eingetragen, in Kuchengra­ Die Geschichte des Demokratieexports innergesellschaftliche Sache. [...]
fiken gepresst, auf Powerpoint über­ steckt voller Missverständnisse und Das westliche Lebensmodell ist – mit
tragen. Tragödien, aber am Ende war es genau kulturellen Einschränkungen – noch
Der Aufwand ist immens, der Erkennt­ dies: Die Idee der Demokratie wurde ex­ immer attraktiv. Seine Gerechtigkeit ist
nisgewinn groß – zumindest für die portiert, sie pflanzte sich fort, sie krallte erstrebenswert, aber mehr noch der
Politikwissenschaft, die Soziologen und sich fest, sie wuchs und gedieh. Denn Wohlstand. Und da liegt die vielleicht
die Spendensammler, die auf der Suche am Ende werden die Werkzeuge der De­ letzte Chance für die etablierten Demo­
sind nach neuen Geldgebern im immer mokratie – Wahlen, die Dominanz kratien.
gleichen Kampf um mehr Gerechtig­ des Rechts –, zu einem Zweck eingesetzt: Volle Mägen machen gute Demo­
keit und Freiheit. Denn darum geht es um Herrschaft zu erlangen. Demokra­ kraten, heißt es lakonisch. Übersetzung
am Ende: Wie viel Gerechtigkeit und tie ist ein Instrument der Machtaus­ für die politische Arbeit: Leistet Ent­
Freiheit gibt es auf der Welt? […] übung, so wie alle anderen Herrschafts- wicklungsarbeit, schickt Geld, fördert
Wie einst die Missionare das Christen­ formen auch. [...] Arbeitsprojekte, helft bei Investitionen.
tum in die Welt trugen, so unter­ Unabhängig aller theoretischen De­ Von alldem ist zu wenig geschehen in
stützen nun politische Stiftungen und batten um ihre perfekte Passform und den arabischen Revolutionen. [...]
Staaten die Gedanken von Freiheit, vermeintliche Überlegenheit bleibt
Selbstbestimmung und Gerechtigkeit. indes die Frage, ob sich das Prinzip wei­ Stefan Kornelius, „Des Volkes Wille geschehe“, in: Süddeutsche
Sie bringen ihn aus wie eine Saat auf terpflanzen lässt – zum Beispiel in Zeitung vom 6. Juli 2013

unbestelltem Feld. Die Eigentümer die­ arabische Gesellschaften. [...]


ser Äcker sind in der Regel nicht Über die Demokratiefähigkeit der ara­
erfreut über diese Feldfrüchte – die bischen Welt wurde viel geschrieben,
neue Saat könnte sich als resistenter auch viel Unsinn: über die mächtige
erweisen als die von ihnen bevorzug­ Kraft der Religion, über das patriarcha­
ten Monokulturen. lische Gesellschaftsbild, die unüber­
Demokratie ist ein interessantes windbaren Stammes- oder Clan-Struktu­
Pflänzchen: Wenn sie wächst, kann sie ren, den Nepotismus, den Fanatismus,

Demokratie in der islamischen Welt

Schon 2004 haben Pippa Norris und Mehrheitsbeschluss, aufgrund ihrer reli­ sellschaft auf dem Koran und der Scharia
Ronald Inglehart in ihrer […] Studie giösen Verfasstheit nicht akzeptieren. fußen muss. Dies braucht aber nicht
„Sacred and Secular“ herausgearbeitet, Denn der Mehrheitsbeschluss richtet sich zu heißen, dass der Koran und das aus
dass es zwischen den westlichen Ge­ möglicherweise gegen das Gebot Gottes. ihm entwickelte Gesetz buchstaben­
sellschaften und den muslimischen reli­ Hassan bezieht sich auf eine von ihm getreu angewendet wird. Denn hier kom­
giösen Gesellschaften keine signifi­ selbst durchgeführte Umfrage. 93 % aller men die Interpretation religiöser Vor­
kanten Unterschiede hinsichtlich der von ihm befragten Indonesier, Pakis­ schriften und ihre praktische Umsetzung
Akzeptanz dessen gibt, wie Demokratie taner und Ägypter erklärten, dass eine is­ ins Spiel. Sie ist ein weites Feld: Denn
in der Praxis gelebt werden soll. Das­ lamische Gesellschaft auf dem Koran Scharia ist nicht gleich Scharia und Islam
selbe gelte für die Akzeptanz demokra­ und auf der Sunna fußen müsse, also eben ist nicht gleich Islam.
tischer Werte. […] Gegen Norris und nicht auf dem Mehrheitsbeschluss, son­ Es gibt genug Möglichkeiten, das is­
Inglehart könnte man einwenden, dass dern auf dem Gesetz Gottes. Das ist eine lamische Recht neu und modern zu inter­
sich diese Begeisterung für die Demo­ Aussage, die auch heute oft ängstlich pretieren. […] Ein Staat, der auf Koran
kratie nur auf das Wählen beziehe. Mit zitiert wird, wenn es um die Zukunft der und Sunna fußt, kann also durchaus ein
dem Mehrheitsentscheid, sollte dieser arabischen Welt geht. […] demokratischer sein. Es liegt allein an
dem göttlichen Gesetz zuwiderlaufen, Vermutlich ist nur die Frage falsch ge­ der Interpretation und Deutung des
würden sich Muslime dagegen schwer stellt. Ein Moslem kann auf die Frage: Rechts, das in diesem Staat eingeführt
tun. So argumentiert beispielsweise „Muss eine Gesellschaft auf dem Koran werden wird. […]
Riaz Hassan in seiner Studie „Faithlines. und der Scharia fußen?“ nicht einfach
Muslim Conceptions of Islam and mit Nein antworten. Es gehört zu dem Katajun Amirpur, „Das demokratische Potenzial der arabischen
Society“. Er sagt, Muslime könnten ein Verständnis, das er von sich selbst und Welt“, in: Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte, 1-2/2012, S. 39 ff.
Wesensprinzip der Demokratie, den von seiner Religion hat, dass eine Ge­

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Erfolgs- und Risikofaktoren für Demokratien 47

Geschichte die Notwendigkeit eines überlappenden Konsen­ Als Bedingung einer stabilen Demokratie wird immer wieder
sus zwischen den einzelnen Gruppierungen einer Gesellschaft auf das Bestehen einer marktwirtschaftlichen Ordnung ver­
erwiesen. Moderne Gesellschaften haben sich in ihrem Inne­ wiesen. Dieser Zusammenhang zwischen Marktwirtschaft
ren sehr stark pluralisiert, Einwanderergesellschaften bilden und Demokratie ist allerdings umstritten. Zum einen verfü­
unterschiedliche Teilkulturen über sprachliche, kulturelle, gen viele ältere Demokratien über liberale, wenngleich nicht
religiöse, ethnische oder regionale Merkmale aus. Wenn die­ immer staatsfreie Wirtschaften, und sie sind vergleichsweise
se Teilkulturen starke eigene Identitäten erzeugen, sich von reiche Länder. Zum anderen aber finden sich kapitalistische
anderen abgrenzen und auf Anerkennung ihrer Unterschied­ Marktwirtschaften auch in halbdemokratischen und autoritä­
lichkeit in den politischen Institutionen pochen, können De­ ren Regimen. Und Staaten, die in den letzten Jahrzehnten den
mokratien in erhebliche Belastungsproben geraten. Denn eine Übergang von der sozialistischen Plan- zur Marktwirtschaft
Politik der Wahrung partikularer Identitäten kollidiert mit vollzogen, haben dies zum Teil nur unter halbdemokratisch zu
den Verhandlungs- und Kompromissnotwendigkeiten demo­ nennenden Vorzeichen getan.
kratischer Entscheidungsverfahren. Einerseits schafft eine freie Wirtschaft Wohlstand. Und die­
Staaten mit großen kulturellen Unterschieden haben hierbei ser ist fast schon eine Garantie für die Demokratie: Je reicher
eigene Lösungen gesucht und zum Teil gefunden. Diese können ein Land ist, desto größere Chancen bestehen für eine demo­
im Schutz von Minderheiten liegen, in der Förderung und Inte­ kratische Staatsverfassung. Eine fortdauernd prosperierende
gration sprachlich und kulturell verschiedener Bevölkerungstei­ Marktwirtschaft erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein
le, aber auch in der Bereitstellung besonderer politischer Rechte autokratisches oder halbdemokratisches Land zu einer vollen
auf Wahrung der eigenen Identität. Föderale Ordnungen kön­ Demokratie entwickeln kann.
nen eine Antwort auf die Forderung nach kultureller und poli­ Marktwirtschaften besitzen aber andererseits auch ein Ge­
tischer Selbstbestimmung sein, um auf diese Weise auch eine fährdungspotenzial für die Demokratie. Erstens erzeugen sie,
Abspaltung entlang kultureller oder sprachlicher Grenzen zu vor allem in der Entstehungsphase, aber auch in Perioden
verhindern. Die USA, Kanada, die Schweiz und Belgien sind sol­ großer Dynamik, soziale und ökonomische Ungleichheiten,
che Länder mit hoher sprachlich-kultureller Heterogenität. die auf die Demokratie und ihre Institutionen durchschlagen
Ein Mittel politischer Integration kann aber auch darin be­ können. Die Folge sind soziale Konflikte, die nicht immer auf
stehen, konsensuale Abstimmungsverfahren unter Einbezie­ demokratischem und parlamentarischem Wege zu schlichten
hung der Repräsentanten von Minderheiten herbeizuführen, sind. Auch können Machtzusammenballungen auf dem Markt
um auf diese Weise die Majorisierung von einzelnen Bevöl­ in Form von Monopolen, Trusts und Kartellen die Politik unter
kerungsteilen zu vermeiden. Indes besteht immer die Gefahr, Druck setzen. Technologische Entwicklungen tragen zu wirt­
dass die Einräumung besonderer Autonomie- und Sprachen­ schaftlicher Dynamik und Wohlstand bei, erzeugen aber auch
rechte auch Fliehkräfte der (Ab-)Spaltung freisetzt, die im strukturelle Krisen, beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt. Das
schlimmsten Fall zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen – wie Gleiche gilt für die Prozesse der Globalisierung von Finanz-,
zum Beispiel im Libanon – führen, auf jeden Fall aber, wie in Waren- und Arbeitsmärkten und der damit einhergehenden
Belgien oder Spanien, zu permanenten Konflikten zwischen Verringerung demokratischer Einflussnahme und national­
Sprachgruppen (Flamen und Wallonen) oder Landesteilen, die staatlicher Regulierung. Krisen des globalen Finanzsystems
nationale Autonomie für sich beanspruchen (Katalonien und erzeugen Krisen demokratischer Staaten, und transnationale
Baskenland), führen. Lösungsmechanismen sind manchmal nur zum Preis der Auf-
Getty Images / David Ramos

Unabhängigkeitsbestrebungen als Herausforderung für die Demokratie: In Katalonien treten viele Bürgerinnen
und Bürger für ein Recht auf Selbstbestimmung und die Loslösung von Spanien ein.

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48 Demokratie

gabe einzelstaatlicher demokratischer Souveränitätsrechte menordnungen und Regulierungen zur Einhaltung von Ar­
zu implementieren. So ist es in Deutschland beispielsweise beits-, Gesundheits- und Umweltstandards gehörten ebenso
umstritten, ob Maßnahmen zur Lösung der sogenannten dazu wie sozial- und wohlfahrtsstaatliche Maßnahmen, von
Euro- und Finanzkrise zu einem Verlust des Einflusses der der Arbeitslosen-, Renten- und Krankenversicherung bis zur
Nationalstaaten und ihrer Parlamente auf die Entscheidungs­ Sozialhilfe. Gleichzeitig haben moderne Demokratien Insti­
prozesse der Europäischen Union und besonders der Europä­ tutionen zur Kontrolle der Geldströme und transnationale
ischen Zentralbank führen und damit eine Aushöhlung des Einrichtungen etabliert, die die Selbstregulierung der Wirt­
Demokratieprinzips bewirken. schafts- und Finanzsysteme stärken und überwachen sollen,
Demokratien haben, das zeigt die historische Erfahrung, auch wenn sie vielleicht nicht immer effizient erscheinen mö­
aber auch gelernt, mit den Gefährdungspotenzialen einer frei­ gen. Marktwirtschaft und Demokratie stehen zwar in einem
en Wirtschaft umzugehen. Sie sind lernfähige Systeme, die es Verhältnis wechselseitiger Bestärkung, doch ist dieses von
ermöglichen, soziale und ökonomische Probleme im politi­ Spannungen und Konflikten nicht frei. Diese können sich zu
schen System hörbar und lösbar zu machen. So gelang es, den einer Krise der Demokratie auswachsen, wo sich deregulierte
Kapitalismus des 19. Jahrhunderts zu einer marktwirtschaftli­ globale Märkte jeglicher Einflussnahme demokratischer Po­
chen Ordnung zu transformieren und die sozioökonomischen litik entziehen, die ökonomischen, ökologischen, finanziellen
Folgewirkungen durch sozialpolitische Maßnahmen abzu­ und sozialen Folgeprobleme aber den politischen Systemen
mildern. Wettbewerbs-, Kartellgesetzgebung, staatliche Rah­ und ihren Bürgern auflasten.

Postdemokratie sie sowohl den Markt als auch die Demo­ Händen wäre. [...] Der deutsche Ordolibe­
kratie unterhöhlen. [...] ralismus wollte freie Märkte, die in ein
[…] Die Trennung von Wirtschaft und Po­ Sowohl das demokratische Gemeinwe­ Rechtssystem eingebettet sind, das das
litik [...] ist aus drei Gründen schwierig. sen als auch der Markt weisen gegen­ Überleben der die Produktionsmittel
Erstens ist der Staat die Hauptquelle für wärtig Defizite auf, die an bestimmten besitzenden Mittelklasse gewährleistet,
Maßnahmen gegen Marktversagen. Punkten auf besorgniserregende Weise die wiederum die politische Dominanz
Zweitens ist der Markt auf ein funktionie­ miteinander zusammenhängen. des Großkapitals einerseits und der Arbei­
rendes Rechtssystem angewiesen; das Die Demokratie leidet darunter, daß die terklasse andererseits verhindern sollte;
betrifft mindestens die Etablierung eines Öffentlichkeit heute weder in sich ein­ zugleich wollte auch er die Konzen­
anerkannten Zahlungsmittels und heitlich genug noch nah genug an der Po­ tration und Verflechtung von politischer
Maßnahmen gegen dessen Fälschung, litik ist, um hinreichend Druck auf die und wirtschaftlicher Macht verhindern.
weiterhin auch Sanktionen gegen Politiker auszuüben, wenigstens im Ver­ Doch diese älteren Schulen des Wirt­
Vertragsbruch und den Schutz von Pa­ gleich zu Unternehmen. Die beiden wich­ schaftsliberalismus werden der globali­
tenten und Urheberrechten. [...] tigsten Mechanismen, die zwischen der sierten Wirtschaft nicht gerecht [...].
So sehr die Wirtschaft in dieser Hinsicht Öffentlichkeit und den politischen Eliten Zwar hat die Globalisierung eine erheb­
vom Staat abhängig ist, so sehr kann vermitteln, die Parteien und die Massen­ liche Zunahme an Wettbewerb ge­
sie auf der anderen Seite Einfluß auf die medien, werden dafür immer ungeeigneter. bracht und den Konsumenten in vielen
Politik nehmen. In einer Demokratie Die Parteien wurzeln kaum noch in den Marktbereichen Vorteile verschafft.
läßt sich kaum verhindern, daß Wohl­ Interessen großer Bevölkerungsgruppen, Zugleich sind durch sie aber auch Sek­
stand mit politischem Einfluß einher­ weshalb sie sich anderswo nach finan­ toren entstanden, in denen die Notwen­
geht. Der Wohlhabende kann mit Hilfe zieller Unterstützung umsehen müssen, um digkeit, weltweit zu agieren, von den
seines Geldes gleichgesinnte Politiker die Verbindung zur Bevölkerung auf Unternehmen eine gewisse Größe ver­
und Parteien unterstützen oder anders­ andere Weise wiederherzustellen. Nur bei langt. Das stellt ein hohes Marktzu­
denkende von seiner Meinung zu Konzernen und Superreichen lassen gangshindernis dar, das einigen wenigen
überzeugen versuchen. Er kann die öf­ sich solche Ressourcen in größerem Maß­ Großkonzernen nützt, die in besonderem
fentliche Meinung mit Kampagnen stab auftreiben. Die für die Demokratie Maß von Netzwerkexternalitäten pro­
beeinflussen oder Zeitungen und andere unverzichtbaren Massenmedien wiederum fitieren. Daraus resultiert die wachsende
Medien, deren Besitzer er ist, zu diesem werden zunehmend zu Marionetten der Ungleichheit innerhalb der und zwi­
Zweck instrumentalisieren. Obwohl Großkonzerne und Superreichen, die die schen den Nationalstaaten, die sich daran
sowohl Demokratie als auch Marktwirt­ demokratische Meinungsbildung auf zeigt, daß einige wenige Personen und
schaft sich dazu bekennen, den Ein­ diese Weise mit ihren ganz speziellen Unternehmen enorme Reichtümer an­
fluß der Reichen eindämmen zu wollen, Interessen dominieren. [...] häufen. [...]
tragen sie auf ihre jeweilige Weise Diese Entwicklungen werden nicht nur Der Sieg des Neoliberalismus auf ideo­
zum Gegenteil bei. [...] Macht und Reich­ für die Demokratie, sondern auch für logischem Gebiet hat dazu geführt,
tum sind konvertierbare Währungen. die Marktwirtschaft zum Problem. Es gibt daß wir in viel zu hohem Maß von einer
Auch dadurch vergrößert sich die keine politische oder ökonomische Wirtschaft abhängig sind, die nur zum
Ungleichheit in marktwirtschaftlich Theorie, die zeigt, daß das Gemeinwohl Teil vom Markt, viel mehr aber von Kon­
geprägten Gesellschaften. [...] bei Großkonzernen, die weitgehend frei zernen bestimmt wird. [...]
Von allen Formen des Marktversagens von den Einschränkungen des Wett­
sind daher jene die gefährlichsten, bewerbs sind oder ihn zu dominieren
Colin Crouch, Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus,
welche die unverhältnismäßige Konzen­ vermögen und sich zur Hauptquelle Postdemokratie II, übers. von Frank Jakubzik, © der deutschen
tration von Wohlstand befördern, da politischer Macht entwickeln, in guten Übersetzung Suhrkamp Verlag, Berlin 2011, S. 74 ff. und S. 227 ff.

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Erfolgs- und Risikofaktoren für Demokratien 49

Messbarkeitskriterien

Um den demokratischen Gehalt politischer Systeme und sei­ lungsfreiheit, Pressefreiheit, also die politischen Freiheits-
ne Messbarkeit hat es große theoretische und auch empirische und Partizipationsrechte. Der ungehinderte Austausch von
Kontroversen gegeben. Bei der Erörterung dieser Frage muss Informationen und Meinungen und ein freier Prozess von
zwischen verschiedenen Demokratiebegriffen unterschieden Kommunikation und Interaktion müssen gewährleistet sein.
werden. Hinzu treten verfassungs- und rechtsstaatliche Sicherungen,
die für die Gleichheit der Grundrechte und den Schutz des
Individuums bürgen. Exekutive und legislative Akte müssen
Wahldemokratie von der Judikative überprüft werden können. Erforderlich
sind deshalb die politische Unabhängigkeit und Neutralität
Reguläre, freie und faire Wahlen, unterschiedliche Parteien, der Justiz sowie die Trennung der Gewalten von Legislative,
aus denen eine Auswahl getroffen werden kann, und die Ab­ Exekutive und Rechtsprechung. Die liberale Demokratie setzt
wahlmöglichkeit von Regierungen sind wesentliche Merk­ also den Rechts- und Verfassungsstaat voraus.
male, Minima einer Demokratie. Nur durch Wahlen sind Zur vollentwickelten Demokratie gehört auch eine leben­
Regierungen in Demokratien legitimiert, Entscheidungen dige Bürgergesellschaft Sie stellt Öffentlichkeit her, schafft
zu treffen und diese auszuführen. Wo gewählt wird, müssen Formen und Arenen direkter Beteiligung – vielfach auf lokaler
Alternativen zur Auswahl gestellt werden, d. h. Kandidie­ Ebene –, erzeugt und artikuliert gemeinschaftliche Werte und
rende oder Gruppen von Kandidierenden, als Parteien oder gesellschaftliche Interessen – auch außerhalb von Parlamen­
Wählergemeinschaften. Der Ökonom und Sozialphilosoph ten. Außerdem übt sie Konfliktregulierung und Willensbil­
Joseph Schumpeter hat eine solche Minimaldefinition von dungsprozesse ein und bildet eine politische Kultur aus, in der
Demokratie wie folgt formuliert: „Die demokratische Metho­ die Bürgerinnen und Bürger ihre Demokratie stützen und zu
de ist diejenige Ordnung der Institutionen zur Erreichung einer eingeübten Lebensform werden lassen.
politischer Entscheidungen, bei welcher Einzelne die Ent­
scheidungsbefugnis mittels eines Konkurrenzkampfes um
die Stimmen des Volkes erwerben.“ Unvollständige Demokratie

Bei weitem nicht alle Demokratien weisen sämtliche Merk­


Vollständige Demokratie male dieses umfassenden Demokratieverständnisses auf.
Staatswesen, die dahinter zurückbleiben, können als unvoll­
Ein anspruchsvollerer Demokratiebegriff fordert eine Garan­ ständige oder, wie die empirische Demokratieforschung auch
tie der grundlegenden Menschen- und Bürgerrechte, der in­ formuliert, als „defekte“ Demokratien bezeichnet werden. In
dividuellen Grundrechte wie Schutz von Leben, Freiheit und ihnen sind zwar allgemeine, freie, gleiche und faire Wahlen
Eigentum sowie das Recht auf Meinungsfreiheit, Versamm­ möglich, womit im Unterschied zu autokratischen Regimen
REUTERS / Sergei Karpukhin

Russland gilt vielen als Beispiel einer unvollständigen Demokratie. Proteste gegen die Machtwillkür
Präsident Putins und für die Freilassung politischer Aktivisten in Moskau im Juni 2013

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50 Demokratie

formal gesehen das Prinzip der Volkssouveränität erfüllt ist. system. Oder aber das politische Institutionensystem bzw. die
Von umfassenden Demokratien unterscheiden sich unvoll­ jeweiligen im Amt befindlichen Regierungen verweigern oder
ständige Demokratien aber vor allem dadurch, dass die bür­ erschweren die Wahrnehmung von Partizipationsrechten.
gerlichen Freiheits- und Schutzrechte des Individuums nur Die empirisch-quantitative Demokratieforschung ermit­
eingeschränkt gelten und die Rechtsstaatlichkeit oder die Kon­ telte, dass die Zahl der „elektoralen Demokratien“, der Wahl­
trolle von Exekutive, Legislative und Judikative nicht gänzlich demokratien, seit 1990 insgesamt angewachsen ist, doch der
gewährleistet sind. Als weiteres Unterscheidungsmerkmal Anteil der liberalen und vollständigen Demokratien größe­
gilt das Fehlen eines öffentlichen Raumes, in dem sich bürger­ ren Schwankungen unterliegt. Demokratisierungsgewinnen,
schaftliches Engagement und eine lebendige Zivilgesellschaft wie sie zuletzt in den Staaten des Nahen Osten und Nordafri­
entwickeln können. Eine mögliche Ursache dafür wäre ein ein­ kas zu verzeichnen waren, stehen neuere antidemokratische
geschränktes Medien-, Informations- und Kommunikations­ Tendenzen wieder entgegen. Zivilgesellschaften haben sich

Demokratie in der Krise pa wehren sich interne politische Kräfte „Politeia 2.0“
immer stärker gegen das, was Thomas
Demokratie heißt, die Wahl zu haben. [...] Friedman die „goldene Zwangsjacke“ der [...] Mary Karantza [...] sitzt in ihrem [...]
Deshalb wird der demokratische Prozess Eurozone genannt hat. Unglücklicher­ Büro […] [im] Zentrum Athens [...].
zur Farce, wenn die Opposition nach der weise – mit Blick auf das Projekt Europa – Ihr Loft dient als Labor. Das Experiment:
Regierungsübernahme dieselben un­ kommt der Druck auf die halbsouverä­ eine griechische Zivilgesellschaft auf­
populären Maßnahmen verteidigt, die nen Regierungen Südeuropas von sozialen zubauen. Karantza ist, zusammen mit
zur Abwahl der vorherigen Regierung ge­ Bewegungen und radikalen Parteien Ähnlichdenkenden, Pionierin dieser
führt haben. Manche Politiker recht­ rechter und linker Prägung, die zuneh­ neuen Bewegung. An einer Glasscheibe
fertigen dieses Verhalten mit dem Argu­ mend – wenn nicht von vornherein – in ihrem Büro klebt in dicken, roten
ment, es gebe zu dieser Politik keine euroskeptische Positionen vertreten. Po­ Lettern ein Bukowski-Zitat: „A chance
Alternative. Und an dieser Aussage ist pulismus hält immer stärker Einzug in for change is somewhere.“ Irgendwo
durchaus etwas Wahres dran. Die po­ die Politik. [...] existiert eine Chance auf Veränderung.
litische Klasse hat um der Effizienzsteige­ Bislang scheint die Vorstellung, dass ein [...] Für Karantza bedeutet die Krise
rung willen freiwillig auf weite Teile EU-Austritt alles nur noch schlimmer diese Chance. Sie hat, gemeinsam mit
des Handlungsspielraums verzichtet, den machen würde, die Oberhand zu behal­ Stephania Xydia, 26, „Imagine the City“
sie einmal besaß. [...] ten – allerdings nur knapp. Die Menschen gegründet. Die Nichtregierungsorga­
Demokratisch gewählte nationale Re­ in den südeuropäischen Ländern glauben nisation ist eine Koordinierungsstelle für
gierungen werden für etwas verant­ noch immer mehrheitlich, dass ihnen Bürgerinitiativen, zugleich aber auch
wortlich gemacht, für das ihnen ein Haupt­ innerhalb der Europäischen Union eine eine Art Umerziehungsmaßnahme mit
kontrollinstrument, nämlich die Geld­ bessere Zukunft bevorsteht. [...] dem Ziel eines besseren Managements
politik, fehlt. Diese befindet sich nämlich Demokratie ist mit der „goldenen in Städten und Dörfern.
in den Händen unabhängiger Zentral­ Zwangsjacke“, die den Schuldenstaaten Die Griechen, sagt Stephania Xydia,
banken und internationaler Behörden. von drei nicht gewählten, stark von hätten nie gelernt, sich am öffentlichen
Auch das andere Hauptkontrollins­ den Gläubigerstaaten beeinflussten Insti­ Leben zu beteiligen, es selbst zu ge­
trument, die Fiskalpolitik, kontrollieren tutionen (Europäische Kommission, stalten. „Der Staat hat uns behandelt wie
die Regierungen der Eurozone nur teil­ Europäische Zentralbank, Internationaler unmündige Kinder, und die meisten
weise, da diese durch europäische Verträge Währungsfonds) aufgezwungen wird, waren froh darüber.“ [...] Seit es „Imagine
reglementiert ist. Infolgedessen hat de­ nicht vereinbar. Die innenpolitischen the City“ gibt, können die Bürger un­
mokratische Politik heute offenbar nichts Gegenkräfte werden irgendwann die Ober­ tereinander leichter Informationen aus­
mehr mit echten Wahlmöglichkeiten zu hand gewinnen, wie sich am Beispiel tauschen, Gutachten und Statistiken
tun. [...] vieler Demokratien, die in der Vergangen­ etwa. Bürgermeister können nun nicht
Trotz zahlreicher Regierungswechsel hat heit vor ähnlichen Herausforderungen mehr schnell ein neues Rathaus oder
sich an der Sparpolitik nichts geändert. standen, gezeigt hat. [...] Angesichts des einen neuen Dorfplatz bauen, Dinge, die
Ob nun rechts- oder linksorientierte Re­ Fehlens eines demokratisch legitimierten niemand braucht – außer den Verant­
gierungen an der Macht sind, spielt so Prozesses auf europäischer Ebene könn­ wortlichen, die die Aufträge ihren Freun­
gut wie keine Rolle. [...] Die Öffentlichkeit te es sein, dass sich die Länder Südeuropas den zuschanzen.
kann vielerorts beobachten, dass ein entscheiden müssen: zwischen dem Ver­ Es bewegt sich etwas in Griechenland
Regierungswechsel nicht zu einem Politik­ bleib in der Eurozone und der Rettung der in diesen Monaten. [...] Es gibt nun zivilen
wechsel führt. [...] Demokratie im eigenen Land. Widerstand, der andere Ziele hat, als
Was geschieht, wenn Wahlen anstehen lediglich eigene Interessen durchzuboxen.
und es keine echten politischen Alter­ Sonia Alonso, „Wenn es keine Wahl gibt – Was die Eurokrise In Thessaloniki wehren sich Bürger nicht
nativen gibt? Bislang sind in Südeuropa für die südeuropäischen Demokratien bedeutet“, in: WZB einfach nur gegen die geplante Privati­
Mitteilungen, Heft 139, März 2013, S. 32 ff.
Regierungen, die an der Verabschie­ sierung der städtischen Wasserwerke, son­
dung von Sparpaketen festhalten, allesamt dern sie haben als Kollektiv selbst ein
gescheitert. Das Regime blieb aber trotz Angebot für den Kauf eingereicht. „136“
der großen Rezession stabil. Zum Glück für heißt die Bewegung, weil jeder, der
die Zukunft der Demokratie in Südeuro­ mitmacht, 136 Euro zahlen müsste,

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Erfolgs- und Risikofaktoren für Demokratien 51

herausgebildet, aber repressive staatliche Maßnahmen be­ ein Trend zur unvollständigen Demokratie erkennen. Rück­
hindern ihre Aktivitäten. Gleichwohl gehen von ihnen, wie schläge zeigen sich hier vor allem in Form von Einschränkun­
die Ereignisse in Tunesien, Libyen und Ägypten gezeigt ha­ gen der Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit, der
ben, starke Impulse gegen autokratische Herrschaftsformen Behinderung von Nichtregierungsorganisationen und der
aus, die sich auch auf Nachbarländer und ganze Regionen unabhängigen Justiz. Zahlreiche junge Demokratien haben
erstrecken. noch einen weiten Weg zu einer konsolidierten, vollständi­
Bei den unvollständigen Demokratien handelt es sich ganz gen Demokratie vor sich. Selten ist ein Rückfall dieser unvoll­
überwiegend um junge Demokratien. Sie sind in allen Re­ ständigen Demokratien in ein offen autokratisches Regime
gionen anzutreffen, besonders häufig jedoch in Lateiname­ beobachtbar, doch ist die Gefahr ständig präsent, dass eine
rika und Asien. Mittel- und Osteuropa schneiden besser ab. schleichende Umformung in autoritäre, halb-demokratische
Auch in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion lässt sich Regierungssysteme stattfindet.

sollten die Behörden auf das Angebot Und so gibt es plötzlich Raum für diejeni­ ten. Die Älteren haben das nie gelernt,
eingehen. gen, die neue Regeln aufstellen wollen. sie hatten sich eingerichtet in einem
[...] Es gehe nicht unbedingt um Men­ Für Veränderung. Für mehr Miteinander. System, in dem nicht Leistungen zählen,
talitäten, sagt Mary Karantza: „Lebt ein 3000 Initiativen wurden in den vergan­ sondern die Verbindungen zu denen,
Grieche in Dänemark, verhält er sich genen drei Jahren gegründet, überall in die mehr Einfluss haben. Der größte
irgendwann wie ein Däne, zahlt Steuern Griechenland. Sie alle haben dasselbe Wunsch der Eltern für ihre Kinder war in
und trennt den Müll. Ein Deutscher Ziel: etwas besser zu machen als zuvor. Es ganz Griechenland lange Zeit derselbe:
hingegen, der auf dem Peloponnes wohnt, gibt jetzt Lebensmittelkooperativen, ein Job im Öffentlichen Dienst. [...]
hört auch auf, seine Wasserrechnung Gemeinschaftsgärten, soziale Apotheken, [Mary Karantza] hat oft überlegt, ihr Land
zu bezahlen – weil sie sowieso nur unregel­ Nachbarschaftshilfe für die Ärmeren. […] zu verlassen. [...] „Es gibt hier so viele
mäßig bei ihm eintrifft und keiner da­ Andreas Roumeliotis, ein ehemaliger Möglichkeiten, etwas zu verändern“, sagt
nach fragt.“ Journalist, [...] lebt [...] auf Kreta und bas­ sie, „wir dürfen nicht gehen.“
Die Spielregeln des Staates, sagt telt an einem sozialen Netzwerk: Unter Im Herbst starten die beiden Frauen
Karantza, bestimmten die Handlungsweise der Adresse enallaktikos.gr sollen von ihr neues Projekt. Dabei geht es nicht mehr
einer Gesellschaft. Und für die meisten September an alle sozialen Bewegungen um Städte, sondern um den Staat.
Griechen war der Staat lange vor allem im Land erfasst sein; die neue Infra­ Die beiden planen eine Art Verfassungs­
ein Feind. Das Gemeinwesen wurde struktur der Solidarität, ob Suppenküche konvent, sie haben ihrem Vorhaben ei­
sabotiert, wo immer es möglich war. [...] oder Kleiderbasar, kann dann auf nen großen Namen gegeben: Politeia 2.0.
Es sind die alten Spielregeln, die Grie­ Google Maps abgerufen werden. Alle, die etwas Neues wollen für Grie­
chenland in die Krise geführt haben. Die „Was wir jetzt leisten müssen, ist ei­ chenland, sollen mitmachen. [...]
politische Klasse mag sie vorgegeben gentlich Aufgabe des Staates“, sagt
haben, aber fast jeder hat sich daran ge­ Roumeliotis. Aber der Staat ist am Ende, Julia Amalia Heyer, „Lebenszeichen aus Athen“, in:
halten. Jetzt ist das Spiel zu Ende, es ist finanziell und moralisch. [...] SPIEGEL 33/2013, S. 92 ff.

kein Geld mehr da für [...] Korruption und Es sind vor allem die Jüngeren, die den
Vetternwirtschaft [...]. Aufbruch wollen und dafür hart arbei­
Photo Iakovos Hatzistavrou / Art-of-Focus

In Griechenland nimmt seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 die Armut zu. Helfer einer Suppenküche
in Athen versorgen Bedürftige mit Essen.

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52 Demokratie

Hans Vorländer

Strukturunterschiede und
Herausforderungen

Die moderne Demokratie orientiert sich an zwei Grund­

ullstein bild – Christian Bach


formen, dem parlamentarischen oder dem präsidentiellen
System. In beiden fungieren Parteien und Medien traditi­
onell als Mittler, ergänzt durch die Informations- und die
Beteiligungsmöglichkeiten des Internets.

Das Zentrum der parlamentarischen Demokratie in Deutschland: der


Deutsche Bundestag

Parlamentarisches und Präsidentielles System

Die moderne Demokratie hat zwei Grundformen ausgebildet, nach 1989/90 überwiegend Präsidialdemokratien einge­
die sich in der Zuordnung der Institutionen von Parlament, Re­ richtet worden. Im Falle Frankreichs wird von einem semi­
gierung und Staatsoberhaupt unterscheiden. präsidentiellen System gesprochen, weil es dort neben dem
¬ In der parlamentarischen Demokratie geht die Regierung vom Volk gewählten Präsidenten auch einen Premierminis­
aus dem Parlament hervor. Sie ist in Amtsführung und ter gibt, der sowohl vom Staatspräsidenten wie vom Parla­
Amtsdauer vom Vertrauen des Parlaments bzw. seiner ment abhängig ist.
Mehrheit abhängig, was in der Regel zu einer engen Verbin­
dung zwischen Regierung und Parlamentsmehrheit führt. Unabhängig von dieser grundlegenden Unterscheidung gibt
Der Regierungschef wird vom Parlament gewählt und ist es eine Reihe von Varianten in der Struktur der Repräsenta­
auf dessen Vertrauen angewiesen. Als Mutterland der parla­ tionskörperschaften, die sich aus der historischen Tradition
mentarischen Demokratie gilt England. Auch die Bundesre­ und der politischen Kultur des jeweiligen Landes erklären.
publik Deutschland ist eine parlamentarische Demokratie. Zweikammersysteme wie in Großbritannien, in denen neben
¬ Die präsidentielle Demokratie zeichnet sich durch eine das gewählte Parlament noch ein Oberhaus mit ernannten
strikte Trennung von Parlament und Regierung aus. Der Mitgliedern tritt, haben aus vordemokratischen, ständestaat­
Präsident, der die Funktionen des Regierungschefs und des lichen Zeiten überlebt.
Staatsoberhaupts in sich vereint, geht aus einer Volkswahl Ganz überwiegend ist eine zweite Kammer heute aber in fö­
hervor. Er darf nicht dem Parlament angehören und ist, deralen Systemen eine regionale Vertretungskörperschaft. Im
ungeachtet der parlamentarischen Mehrheitsverhältnisse, US-Senat, neben dem Repräsentantenhaus Teil der Legislative,
auch nicht vom Parlament absetzbar. Umgekehrt kann er sitzen je zwei direkt gewählte Vertreter aus den Einzelstaaten.
aber auch nicht das Parlament auflösen. Der deutsche Bundesrat ist als Vertretung der Länder hinge­
Muster einer präsidentiellen Demokratie sind die Verei­ gen nicht als echte zweite Kammer anzusehen, weil er nicht
nigten Staaten von Amerika. In Lateinamerika überwiegen durch Volkswahl bestimmt, sondern aus Beauftragten der Lan­
präsidentielle Systeme, auch in Ost- und Mitteleuropa sind desregierungen zusammengesetzt ist.

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Strukturunterschiede und Herausforderungen 53

Konkurrenz, Konkordanz, Verhandlung

In modernen Demokratien können auch Entscheidungspro­


zesse und Regierungsstil unterschiedlich strukturiert sein.
¬ In der Konkurrenzdemokratie werden Konfliktregelun­
gen und Entscheidungen wesentlich vom Mehrheits­
prinzip und vom Wettbewerb der politischen Parteien
AP Photo / Christophe Ena

geprägt. Ausgangspunkt ist die Vorstellung, dass der


Wettbewerb von Eliten bei Wahlen zu klaren Alterna­
tiven und zur Ausbildung eines Zweiparteiensystems
führt. Ferner wird davon ausgegangen, dass eine stabile
und effektive Mehrheitsregierung entsteht, der eine star­
ke Opposition als Regierungsalternative gegenübersteht.
Semi-präsidentielles System in Frankreich: der seit 2012 amtierende Das Musterbeispiel für diese Form der Wettbewerbsde­
Staatspräsident François Hollande (li.) mit seinem Premierminister mokratie ist das britische Regierungssystem. Vorteile der
Konkurrenzdemokratie bestehen in der Struktur klarer
Alternativen und der Chance effektiven Regierens. Nach­
Parlamentarisches und Präsidentielles teile sind in tief greifenden Politikwechseln und der Ge­
Regierungssystem im Vergleich fahr einer Dominanz von Mehrheiten über Minderheiten
zu sehen.
Parlamentarisches Regie­ Präsidentielles Regierungs­ ¬ In der Konkordanzdemokratie werden Konfliktregelungen
rungssystem Deutschland system USA
und politische Entscheidungen weniger über den Wettbe­
Mehrheit des Bundestages Gewaltenteilung – Präsident
Verhältnis
Legislative – Exekutive
und Kabinett bilden Regie­ hat keine Mehrheit im werb, als vielmehr über Verhandlung, Kompromiss und
rungsmehrheit Kongress
Proporz gesucht. Alle wichtigen sozialen Kräfte und poli­
Beratungsgremium des
Kabinett
Kollegialorgan; Zugehörigkeit
zu Bundestag und Regierung:
Präsidenten; Zugehörigkeit tischen Gruppen einer Gesellschaft sollen an der Willens­
kompatibel
zu Kongress und Regierung:
inkompatibel
und Entscheidungsbildung beteiligt werden. Konkordanz­
Präsident vom Volk gewählt demokratien fanden oder finden sich in der Schweiz, in
Kanzler vom Bundestag
Wahl des Chefs der Exekutive
gewählt
durch Wahlmänner und Österreich, in Belgien und den Niederlanden. Ihre Vorteile
-frauen
Abwahl des Chefs der Konstruktives Misstrauens­
bestehen in der Integration aller gesellschaftlichen (ethni­
nicht möglich
Exekutive votum schen, sprachlichen, kulturellen und religiösen) Gruppen,
Vertrauensfrage;
möglich nicht möglich ihrer Repräsentation auf der politischen Entscheidungs­
Parlamentsauflösung
vorhanden: Minderheit des
ebene und im Schutz von Minderheiten. Nachteile sind im
Opposition
Bundestages
nicht vorhanden
langwierigen Aushandlungsprozess, im hohen Konsens­
Rolle der Parteien in der

zentral; Parteienstaat marginal bildungsbedarf und im Entscheidungsergebnis (Kompro­


Verfassungswirklichkeit

miss auf kleinstem gemeinsamem Nenner) zu sehen.


geschlossen: Präsident ist
geteilt: Kanzler und Bundes­
Exekutive Chef der Exekutive und
präsident
Staatsoberhaupt
Reine Formen der Konkurrenz- und Konkordanzdemokratie
kommen in der politischen Wirklichkeit nicht vor: „Demokra­
tien sind sämtlich von Konkurrenz und Konkordanz bestimmt
und unterscheiden sich allein im Mehr oder Weniger an
Wettbewerb und Aushandeln“, so der Politologe Rainer-Olaf
Schultze. Generell lässt sich in allen liberalen Demokratien
ein wachsender Stellenwert von Verhandlungssystemen und
Konsenslösungen beobachten.
¬ Unter Verhandlungsdemokratie wird die Überlagerung von
Parteienwettbewerb und Mehrheitsverfahren durch ein auf
Verhandlung und Konsensfindung abgestelltes Netzwerk
von Entscheidungsträgern aus Politik, Verwaltung und In­
REUTERS / Saul Loeb / Pool

teressengruppen verstanden. Ziel ist dabei, Verhandlungs­


pakete zu schnüren, die es den Beteiligten erlauben, den so
erarbeiteten Ergebnissen zuzustimmen.
¬ Verhandlungsdemokratien kommen dort vor, wo die poli­
tische Macht geteilt ist, sodass Mehrheitsentscheidungen
Das präsidentielle System der USA basiert auf der Logik von checks and nicht zustande kommen oder zu hohe Kosten verursachen
balances: Neben dem Präsidenten hat auch der Kongress bedeutende würden, weshalb die Suche nach einem umfassenden Kon­
Machtbefugnisse. sens in einzelnen Sachfragen zielführender erscheint.

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54 Demokratie

REUTERS / UK Parliament via Reuters TV / POOL New


FABRICE COFFRINI/AFP / Getty Images

In der Schweiz bilden die vier größten politischen Parteien die Regierung … Großbritannien hingegen gilt als Beispiel für eine Konkurrenzdemokra­
(hier die Vereidigung 2011). Die Alpenrepublik wird gemeinhin zu den tie. Dies wird auch im Unterhaus sichtbar, wo sich Regierung und Opposi­
Konkordanzdemokratien gezählt, ... tion gegenüber sitzen.

¬ Formen der Verhandlungsdemokratie finden sich im ko­ schaftliche Elemente der stadtrepublikanischen Tradition er­
operativen Föderalismus (Bund-Länder- und Länder-Län­ halten. Sodann gibt es auf der mittleren Ebene föderalistisch
der-Verhältnis), in Mehrparteiensystemen, in Koalitionsre­ organisierter Demokratien – in Deutschland und den USA bei­
gierungen, in korporatistischen Strukturen der Beteiligung spielsweise auf der Ebene der Bundesländer – Verfahren der
(Regierung verhandelt mit Interessengruppen und Wirt­ direkten Beteiligung in sogenannten Volksinitiativen, Volks­
schaftsverbänden) und in sogenannten Runden Tischen begehren und Volksentscheiden.
von politischen Kräften und gesellschaftlichen Interessen­ Hierbei handelt es sich um Instrumente der Volksgesetz­
gruppen. gebung. Mittels einer Volksinitiative kann eine bestimm­
¬ Die Vorteile der Verhandlungsdemokratie bestehen da­ te, in der Verfassung festgelegte Zahl von Wahlberech­
rin, dass auch in komplexen politischen Regelungsfeldern tigten eine Gesetzesvorlage beim Parlament einbringen.
Lösungen erzielt werden können. Problematisch ist der Beschränkungen hinsichtlich des Gegenstandes, etwa der
Mangel an Transparenz und Kontrolle bei vielen Verhand­ Ausschluss finanzwirksamer Initiativen, hängen von den
lungsprozessen. Wenn zudem verbindliche Entscheidungen konkreten Verfassungsbestimmungen ab. Durch ein Volks­
außerhalb der dafür vorgesehenen Parlamente getroffen begehren lässt sich sodann ein Volksentscheid herbeifüh­
und legitimiert werden, gefährdet dies das Prinzip der re­ ren, zum Beispiel, wenn das Parlament eine Gesetzesvorla­
präsentativen Demokratie. ge der Volksinitiative nicht beschließt. Volksbegehren und
Volksentscheid bedürfen, wollen sie erfolgreich sein, der
qualifizierten Mehrheit eines zuvor festgelegten Quorums
von Wahlberechtigten.
Neben diesen plebiszitären Instrumenten der Volksgesetz­
Repräsentative und direkte Demokratie gebung finden sich als Formen der direkten Demokratie auch
Volksbefragungen (Referenden), in denen Regierung und Par­
lament das Volk über wichtige Gegenstände und Themen be­
Die moderne Demokratie ist eine repräsentative Demokra­ fragen können. Zu unterscheiden sind bindende und konsul­
tie. Sie beruht auf einer Stellvertretung auf Zeit. Repräsen­ tative Referenden. Auch ist – je nach Verfassungslage – über
tanten werden vom Volk in Repräsentativkörperschaften, in Volksinitiativen die Einbringung von Resolutionen oder Ap­
Parlamente und Versammlungen, gewählt, um dort die poli­ pellen allgemeiner Art möglich.
tischen Entscheidungen zu beraten und zu treffen. Der Volks­ Die zentrale, national- oder bundesstaatliche Ebene wird
wille drückt sich dabei vor allem in Wahlen aus. Aber kann beherrscht von den Institutionen der repräsentativen Demo­
sich die Volkssouveränität auf diesen periodischen Wahlakt kratie. Instrumente direkter Bürgerbeteiligung auf zentral­
beschränken oder gibt es andere, direkte Formen der Einfluss­ staatlicher Ebene gibt es jedoch beispielsweise in Ländern
nahme der Bürgerinnen und Bürger? Hat das Volk neben der wie Italien, Frankreich, Irland, Australien, Neuseeland und
Wahl bei Personalentscheidungen auch eine Wahl bei Sach­ Dänemark sowie in einigen Ländern Ost- und Mitteleuropas.
entscheidungen? Direktdemokratische Verfahren erweitern die Beteili­
Formen direkter Bürgerbeteiligung finden sich in moder­ gungschancen der Bürgerinnen und Bürger, erhöhen die
nen Demokratien auf verschiedenen Ebenen, zunächst im Integrationsfähigkeit und befördern die Legitimität des de­
kommunalen Rahmen in Gestalt von Planverfahren, Bürger­ mokratischen Systems. Sachentscheidungen werden direkt
begehren und Bürgerentscheiden. Hier haben sich bürger­ von den Bürgerinnen und Bürgern getroffen, die damit in

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Strukturunterschiede und Herausforderungen 55

die politische Verantwortung eintreten und diese, auch im


Fall des Scheiterns einer Initiative oder des Unterlegenseins
bei einem Referendum, nicht auf ihre Repräsentanten ab­
wälzen können.
Formen direkter Demokratie bringen jedoch erfahrungs­
gemäß nicht immer eine hohe Beteiligung der Bürgerschaft
mit sich. Manchmal sind es nur einige wenige Aktivisten,
die sich der Instrumente direkter Demokratie bedienen, um
ihre Interessen durchzusetzen. Zudem stehen Formen direk­
ter Demokratie in einem Spannungsverhältnis zu den Insti­
tutionen der repräsentativen Demokratie.
Die Praxis zeigt, dass direktdemokratische Verfahren vor
allem in der Konkordanzdemokratie, in der alle wesentli­
chen Entscheidungen durch den Konsens nahezu aller rele­
vanten politischen Gruppen getroffen werden, ein sinnvolles
Korrektiv darstellen. Die Schweiz ist ein solches Beispiel. In
Konkurrenzdemokratien mit einer starken Stellung des Par­
lamentes und zwei großen Parteiengruppierungen, die um
die Mehrheit bei Wahlen werben, wie etwa in Großbritanni­
en, sind direkte Formen der Demokratie dagegen selten.
Sie geraten hier in eine Konkurrenz zum repräsentativen
parlamentarischen Entscheidungsprozess. Beispielsweise
könnte die parlamentarische Opposition in Versuchung
geraten, plebiszitäre Verfahren für ihre Zwecke zu instru­
mentalisieren und damit die Oppositionsarbeit aus dem
Parlament heraus zu verlagern. Allerdings gibt es auch in
Konkurrenzdemokratien mit nicht ganz so fest gefügtem
Parteienwettbewerb und einer Tradition bürgerschaft­
licher Beteiligung Sachplebiszite genauso wie in (semi-)
präsidentiellen Demokratien, wenn sich der Präsident der
Zustimmung der Bevölkerung in wichtigen Fragen versi­
chern will.
Das bundesdeutsche Grundgesetz legt ein starkes Gewicht
© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 95 090
auf die repräsentativen Komponenten. Hierfür sind in erster
Linie historische Gründe verantwortlich. Der Parlamentari-

Qualitätskriterien direktdemo­ Minderheit? Man spricht deshalb von kratie als Routineverfahren und direkter
kratischer Verfahren Referenden „von oben“ und Referenden Demokratie als Ausnahmeverfahren zu
„von unten“. [...] unterscheiden.
Direkte Demokratie heißt, knapp gesagt, Ein zweites Unterscheidungskriterium Stellt man hohe qualitative Anforderun­
dass die Stimmberechtigten nicht ist der Zeitpunkt des Volksentscheids. gen an die direkte Demokratie, so liegt
nur Personen wählen, sondern auch über Erfolgt er, bevor der eigentliche Sachent­ deren Kern darin, dass eine politische Min­
Sachfragen entscheiden können. Es scheid getroffen ist, oder werden die derheit auch gegen den Willen der Mehr­
wäre indessen zu einfach, weltweit die Stimmberechtigten erst zu den Urnen heit mit ihrem Anliegen an die Stimmbür­
Volksabstimmungen über Sachfragen gerufen, nachdem der Entscheid schon gerschaft gelangen kann. [...]
statistisch zu erfassen und aus einer Zu­ gefällt worden ist? [...] Direkte Demokratie ist nie Alternative,
nahme den Schluss zu ziehen, die Im zweiten Fall kann man kaum von sondern immer Ergänzung, Korrektiv, Ba
Stimmberechtigten hätten mehr über ihr verstärkter Partizipation sprechen. Weite­ lancierung der repräsentativen Demokra
eigenes Schicksal zu sagen. Sachabstim­ re Unterscheidungskriterien sind die tie. [...] Die repräsentative Demokratie ist
mungen allein machen noch keine direk­ Bestimmung des Abstimmungsgegenstan­ gewissermaßen das „Betriebssystem“, ohne
te Demokratie. Um die Frage nach dem des (nur durch die Staatsorgane oder auch das die Programme „Demokratie“ und
tatsächlichen Ausmaß der politischen durch Stimmberechtigte?), das Verfahren „direkte Demokratie“ nicht lauffähig sind.
Partizipation zu klären, ist der Blick auf der Abstimmung (gesetzlich geregelt oder Repräsentative Demokratie ist keine – von
das Detail notwendig. [...] ad hoc festgelegt?), die Verbindlichkeit des der direkten Demokratie aus betrachtet –
Das erste wichtige Unterscheidungskri­ Ergebnisses (dezisiv oder bloß konsulta­ Demokratie 2. Klasse, sondern die Voraus­
terium, wenn man Sachabstimmungen tiv?) sowie das Ausmaß der Kontrolle der setzung jeder Art von Demokratie. [...]
analysiert, ist jenes der Auslösung. Wer hat Abstimmung durch die Regierung. Be­
die Kompetenz, einen Gegenstand sieht man sich die direktdemokratische Silvano Moeckli, „Sachabstimmungen machen noch keine
direkte Demokratie“, in: Karl Schmitt (Hg.), Herausforderungen
zur Volksabstimmung zu bringen? Nur Praxis in einem bestimmten Staat, so der repräsentativen Demokratie, Nomos Verlagsgesellschaft,
die politische Mehrheit oder auch eine scheint es sinnvoll, zwischen direkter Demo­ Baden-Baden 2003, S. 103 ff.

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56 Demokratie

sche Rat, der die Verfassung ausarbeitete, wollte Lehren aus


dem Scheitern der Weimarer Republik ziehen, verzichtete
daher auf plebiszitäre Elemente und verfolgte vorrangig die
Absicht, das parlamentarische Regierungssystem mit einer
herausgehobenen Stellung des Kanzlers („Kanzlerdemokra­
tie“) zu stärken. Das Grundgesetz hat in seinem Artikel 20
zwar prinzipiell festgehalten, dass die Staatsgewalt „vom
Volke in Wahlen und Abstimmungen“ ausgeübt wird, vor­
gesehen sind Volksentscheide aber bislang nur bei Maß­
nahmen zur Neugliederung des Bundesgebietes, und zwar
in den davon betroffenen Ländern (Artikel 29). Anders sieht

© Heiko Sakurai
es auf der Ebene der Bundesländer und Kommunen aus, wo
es zahlreiche, in den letzten Jahrzehnten ausgeweitete und
praktizierte Formen direkter Demokratie gibt.

Lobbyismus als Gefahrenpotenzial

Lobbyismus ist kein neues Phänomen. privaten Krankenversicherungen und in der politischen Klasse wird zumindest
Industrie, Unternehmen und Verbände der Finanzwirtschaft in Leitungsebenen der Eindruck erweckt, dass sich die
erkannten schon früh die strategischen verschiedener Ministerien der [2009] Rollenunterschiede zwischen Parlamen­
Vorteile der geschickten Platzierung neu gewählten christlich-liberalen Koali­ tariern bzw. Regierungsvertretern
ihres Personals in Spitzenfunktionen der tion nährte den Verdacht der offenen und Lobbyisten zunehmend auflösen.
Ministerien. […] Klientelpolitik und der Verlagerung von
Sechs grundlegende, sich wechselseitig Lobbymacht in die politische Adminis­ Sechstens.
verstärkende Tendenzen und Vorkomm­ tration. Die offensiv von den Banken geforderten
nisse haben in den vergangenen Jahren und von der Politik eingelösten „Ret­
das unkontrollierte Macht- und Gefah­ Viertens. tungsaktivitäten“ im Zuge der Finanz­
renpotenzial des Lobbyismus öffentlich Fragwürdige Praktiken der Politikfinan­ krise, eine verstärkte Finanzierung des
sichtbarer gemacht und eine spürbare zierung über Sponsoring, Spenden, „unterfinanzierten Gesundheitssystems“
Nervosität unter führenden Politikern bezahlte Reden – verbunden mit tatsäch­ aus Steuermitteln oder die orchestrier­
erzeugt: lichen oder unterstellten direkten Ge­ ten Forderungen der Wirtschaftslobby
genleistungen – führte zum weit verbrei­ gegenüber der Kanzlerin und anderen
Erstens. teten Eindruck, dass Lobbyisten sich politischen Akteuren vermitteln zuneh­
Die Formulierung von Gesetzen, Ver­ den Zugang zur Politik über eine „geziel­ mend den Eindruck, dass die „Lobby
ordnungen oder Textbausteinen für te Landschaftspflege“ kaufen können. als fünfte Gewalt“ Spitzenpolitiker und
Gesetze durch externe Anwaltskanzleien Die Ausdehnung dieser Grauzone in Parlamentarier in der Wirtschaftskrise
stellen die Gesetzgebungskompetenz Verbindung mit der Praxis der Politikfi­ massiv „bearbeitet“ und zu günstigen
des Parlaments in Frage. Teilweise wurden nanzierung katalysiert die auf anderen Entscheidungen für einzelne Interessen­
Kanzleien beauftragt, die gleichzeitig Feldern wahrgenommene Ausdehnung gruppen bewegt. [...]
von diesen Gesetzen direkt betroffene des Lobbyeinflusses.
Mandanten vertreten, etwa aus dem Das skizzierte Klima der Kooperation hat
Bankensektor. In der vergangenen Legis­ Fünftens. sich über Jahre entwickelt. […]
laturperiode [2005-2009] waren Groß­ Der direkte Wechsel von Ministerpräsi­ Neu ist, dass Politiker die engen Koope­
kanzleien an mindestens 17 Gesetzes­ denten, Ministern, Staatssekretären rationsbeziehungen intensiv und
und Verordnungsentwürfen beteiligt. und Spitzenpolitikern als Berater und routiniert pflegen und die jeweilige juris­
Lobbyisten in die Industrie hat in den tische und politische „Expertise“ offensiv
Zweitens. vergangenen Jahren massiv zugenom­ nutzen. In einmaliger Offenheit hat
Die Platzierung von sogenannten „Leihbe­ men. In Einzelfällen wollten sie dabei ein Bundestagsabgeordneter diesen Ver­
amten“ in den Ministerien. Dieser von sogar noch ihr politisches Mandat behal­ schmelzungsprozess analysiert: „Der
der Industrie und dem damaligen Innen­ ten, wie etwa der ehemalige hessische Lobbyist wird zum scheinbaren Helfer des
minister Otto Schily eingefädelte „Seiten­ Minister für den Bundesrat und Europa, Abgeordneten oder Beamten, er unter­
wechsel“ wurde im April 2008 in einem Volker Hoff, der als Cheflobbyist zu Opel stützt ihn mit Argumenten, Formulie­
Bericht des Bundesrechungshofs akribisch wechseln und trotzdem Mitglied des rungshilfen, Studien. Alles hilfreiche
dokumentiert und das entsprechende Landtags bleiben wollte. Die hohe Zahl Dinge, um selbst im politischen Wettbe­
„Risikopotenzial“ für die Unabhängigkeit von Lobbyisten aus den früheren rot-grü­ werb zu bestehen. Die eigenen Inte­
der staatlichen Verwaltung taxiert. nen Regierungen irritiert nicht nur die ressen und Ziele verschmelzen mit denen
„Altvorderen“, für die sich dieser Wechsel der Lobby.“ [...]
Drittens. ohne Abkühlungsphase nicht mit der
Thomas Leif, „Von der Symbiose zur Systemkrise“, in:

Der Wechsel von mehreren Spitzen­ parlamentarischen Ehre verträgt. Durch APuZ 19/2010, s. 3 ff., online abrufbar unter: http://www.bpb.de/

lobbyisten aus der Atomindustrie, den diesen dichten Verschmelzungsprozess apuz/32761

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Strukturunterschiede und Herausforderungen 57

Mittler für die Politik

Die Bürgerinnen und Bürger bringen sich in der Demokratie besetzt werden, kann der „Parteienstaat“ Zivilgesellschaft
nicht alleine in Wahlen und Abstimmungen zu Gehör. Im und bürgerschaftliche Öffentlichkeit erdrücken.
Miteinander-Reden und Miteinander-Handeln wird bürger­ In den letzten Jahren haben vor allem die sogenannten
schaftliche Öffentlichkeit ausgebildet. Gerade in einer ent­ Volksparteien Einbußen an Mitgliedern, Wählern und Ver­
wickelten und lebendigen Demokratie gibt es Initiativen, trauen hinnehmen müssen. Volksparteien sorgten lange Zeit,
Organisationen, Verbände und Vereine, in denen sich Men­ vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg in Westeuropa, für ein
schen engagieren und für ihre Belange eintreten. Diese Form hohes Maß an politischer Integration, weil sie nicht nur unter­
der Öffentlichkeit ist auch meinungsprägend für politische schiedliche gesellschaftliche und kulturelle Strömungen, son­
Entscheidungsprozesse. Die Zivilgesellschaft artikuliert auf dern auch alle sozialen Schichten in den politischen Prozess
diese Weise politische Willensbekundungen, die dann auf von Meinungs- und Entscheidungsbildung einbanden und
den formalen Verfahrenswegen demokratischer Institutio­ somit die wichtige Aufgabe der Vermittlung von Gesellschaft
nen Entscheidungsprozesse beeinflussen und strukturieren und Staat wahrnahmen. Die gewandelten Partizipationsfor­
können. Die entwickelte Demokratie lebt davon. Dort, wo men von Bürgern – außerhalb von Parteien, in Bürgeriniti­
die etablierten Institutionen der repräsentativen Demokra­ ativen, Ad-hoc-Gruppen und Protestgemeinschaften (Attac,
tie eine zu große Distanz zu den Bürgern einnehmen oder Occupy) – haben den traditionellen Parteien ebenso zugesetzt
Strukturen zu erstarren drohen, können Zivilgesellschaft wie die Individualisierung von Lebenslagen, die gemeinsa­
und Bürger Veränderungen im politischen System und bei me, milieubasierte Programmarbeit kaum noch befördern.
gesellschaftlichen Belangen bewirken. Gerade die neuen Gleichwohl ist immer wieder das Entstehen neuer Parteien
Kommunikationsmedien, die digitalen sozialen Netzwerke, oder politischer Gruppierungen (in Deutschland u.a. „Die
ermöglichen ganz neue Mobilisierungs-, Protest- und Orga­ Piraten“) zu beobachten, die neue Themen und veränderte
nisationsformen der Zivilgesellschaft. gesellschaftliche Problemlagen (so die Fragen der Digitalisie­
Im Prozess der Willensbildung und Vermittlung von Poli­ rung der Lebenswelt) in die Ebenen politischer Willens- und
tik sind traditionell zwei Institutionen der Demokratie von Entscheidungsbildung transportieren. Oft entstehen solche
besonderer Bedeutung: die Parteien und die Medien. Parteien in und aus Protestbewegungen, wobei ihre anfäng­
liche Aufmerksamkeit nicht immer ihrem tatsächlichen Ein­
fluss entsprach. Nur wenige Protestparteien haben sich im
Parteien parlamentarischen Raum auf Dauer behaupten können.

Parteien sind immer wieder als „Transmissionsriemen“ zwi­


schen Bürgerschaft und Staat, zwischen der Gesellschaft und
den Institutionen des Regierungssystems bezeichnet worden.
In der Tat verdichten die Parteien Meinungen, Bedürfnisse
und Interessen, die in der Gesellschaft existieren und speisen
sie in die politischen Beratungs- und Entscheidungsprozesse
ein. Deshalb müssen sich die Parteien innerhalb ihrer eige­
nen Organisation nach demokratischen Grundsätzen richten
und über die Herkunft ihrer Finanzmittel Auskunft geben.
Zugleich müssen die Parteien „responsiv“ sein, das heißt auf
die Belange der Gesellschaft und der Menschen hören und
versuchen, Antworten auf Probleme zu geben.
Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland hat den
Parteien einen privilegierten Platz im Willensbildungspro­
zess eingeräumt. Problematisch kann die Stellung der Par­
teien werden, wenn sie ihre Aufgaben entweder nicht oder
zu umfassend erfüllen. Das Erstere ist der Fall, wenn sie die
gesellschaftlichen Präferenzen missachten und sie nur un­
zureichend vertreten. Der zweite Fall tritt ein, wenn Parteien
eine zu beherrschende Rolle im Prozess der demokratischen
Willensbildung verkörpern und ihre Rekrutierungsfunktion
für das politische Führungspersonal überdehnen. Die De­
mokratie lebt von gleichen Zugangschancen zu Ämtern und © Deutscher Bundestag
Mandaten, wenn diese aber weitestgehend über Parteien

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58 Demokratie

Digitale Demokratie

Das Internet ist nicht nur eine technologische Revoluti­


on des Marktes, auf dem Waren und Dienstleistungen ge­
tauscht und Informationen zugänglich gemacht werden,
sondern es stellt auch eine Chance für die politische Kom­
munikation dar.
In der Perspektive einer „digitalen“ oder „elektronischen“
Demokratie scheint eine völlig neue, auf Gleichheit der Be­
teiligungschancen beruhende Struktur der Meinungs-, Wil­
lens- und Entscheidungsbildung möglich zu werden, die die
Strukturdefekte öffentlicher Kommunikation zu überwin­
REUTERS / Pawel Kopczynski

den in der Lage ist. Zum Internet, so die Erwartung, hat ein
jeder Zugang, es kann interaktiv, in wechselseitiger Kommu­
nikation genutzt werden. Auf diese Weise entsteht ein öf­
fentlicher Raum, der in seiner egalitären Struktur der athe­
nischen Agora gleicht. Vollkommene Transparenz erscheint
genauso möglich wie allumfassende Beteiligung.
Medien sind für eine freiheitliche Demokratie unabding­ So hoch die mit dem Internet verknüpften Aussichten auf
bar und prägen das Bild der Politik in der Öffentlichkeit. eine gleichberechtigte politische Kommunikationskultur
sind, so realistisch müssen jedoch die Funktionsbedingun­
gen eingeschätzt werden. Besonders die Vorstellung einer
Medien technologisch gestützten Beratung aller über alles hat sich,
soweit sie erprobt worden ist, als eine kaum auf Dauer durch­
Die Medien sind für eine freiheitliche und funktionsfähige zuhaltende Praxis erwiesen – nicht nur, weil nicht alle zu je­
Demokratie schlechthin konstitutiv. Massenmedien stellen der Zeit in der Lage sind, sich an Prozessen der politischen
die Kommunikationsmittel bereit, die unter den Bedingun­ Meinungs- und Willensbildung zu beteiligen und weil politi­
gen moderner Flächenstaaten eine öffentliche Meinungs­ sche Entscheidungsnotwendigkeiten repräsentativ verfasste
und Willensbildung erst ermöglichen. Damit diese unge­ Verfahren erfordern, die Verantwortlichkeit und Kontrolle
hindert vonstatten gehen kann und um eine Kontrolle der erkennen lassen. Sondern vor allem auch, weil nicht jeder
Regierenden durch die Öffentlichkeit zu gewährleisten, ist bzw. jede Zugang zum Internet hat oder dieses in gleichem
die Freiheit der Presse ganz wesentlich. Medien können Umfang nutzen kann. Das Problem sozialer Selektivität, die
zum Problem werden, wenn sie die öffentliche Agenda be­ ungleiche Beteiligung aufgrund unterschiedlichen sozialen
stimmen und sich die Politik umgekehrt der Massenmedien und kulturellen Hintergrunds, besteht auch in der Nutzung
bedient, um Einfluss auf die Bürgerinnen und Bürger zu neh­ digitaler Medien im politischen Bereich fort.
men. Heute wird vielfach von einer „Mediendemokratie“ Vor allem aber fehlt im Internet eine direkte zwischen­
gesprochen, der auf Seiten der Bürgerinnen und Bürger die menschliche Form der Kommunikation, die für die Politik
„Zuschauerdemokratie“ gegenübergestellt wird. des Miteinander-Redens und Miteinander-Handelns seit
Medien prägen das Bild der Politik in der Öffentlichkeit. der antiken Demokratie als wesentlich angesehen wird. Der
Unterschiedliche Anbieter auf dem Medienmarkt konkur­ durch das Netz hergestellte öffentliche Raum ist ein virtuel­
rieren dabei um die Gunst der Zuschauer. Dabei kann ein ler, dem es an jener Komponente des direkten Austausches
Bild demokratischer Prozesse entstehen, das mehr der Lo­ „von Angesicht zu Angesicht“ fehlt, die für Meinungs-, Wil­
gik medialer Aufmerksamkeitserzeugung entspricht als lens- und Entscheidungsbildungsprozesse notwendig ist.
den realen Abläufen und Funktionsbedingungen demokra­ Gleichwohl ist das Internet eines der wichtigsten Medien
tischer Politik. zur politischen Information, Orientierung und Wissensbil­
Medien laufen unter dem Diktat von Auflagen und Ein­ dung geworden und hat deshalb auch für Bürgergesellschaft
schaltquoten Gefahr, weniger auf politische Information und Demokratie eine herausragende Bedeutung gewonnen.
und investigativen Journalismus als auf Unterhaltungsfor­ Außerdem bieten digitale soziale Netzwerke die Chance zur
mate und Formen reißerischer Berichterstattung zu setzen. schnellen und effizienten Mobilisierung und Organisation.
Skandalisierung, Dramatisierung und Personalisierung las­ Die Erhebungen von Bürgern in der arabischen Welt sind
sen Argumente und politische Positionen zurücktreten und ohne die neuen Kommunikationsmedien kaum vorstell­
vermitteln so ein höchst einseitiges Bild, das dem Verständ­ bar gewesen. Die digitalen Netzwerke ermöglichen mithin
nis der Menschen für die demokratischen Prozesse genauso eine neue Form von politischer Öffentlichkeit, die sich weit­
wenig förderlich ist wie dem sachbezogenen Aushandeln gehend der unmittelbaren Kontrolle staatlicher Behörden
von Kompromissen durch die politischen Entscheidungs­ entzieht, wenngleich auch hier zunehmend Maßnahmen
träger. der Überwachung Platz greifen. Aber diese greifen vor allem

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Strukturunterschiede und Herausforderungen 59

picture alliance / ZB / Jan Woitas

Die Piratenpartei zeigt mit Hilfe des Modells der Liquid Democracy Möglichkeiten einer digital ge­
stützten Basisdemokratie auf.

Liquid Democracy

ZEIT ONLINE: Was will Liquid Democracy? ZEIT ONLINE: Könnte eine Liquid Demo­ ZEIT ONLINE: Demokratie ist mühsam
Andreas Nitsche: Für uns ist das ein cracy in der Zukunft Wahlen ersetzen? und anstrengend, wer sich beteiligen
Organisationsprinzip, das die Nachteile Nitsche: Es handelt sich um eine Vision, will, muss sich einarbeiten, muss sich in­
der beiden Demokratieformen kom­ ein Gedankenexperiment. Eine Liquid­ formieren. Kann ein System wie Liquid
pensieren will: Direkte Demokratie führt Democracy-Gesellschaft lässt sich zwar Democracy so etwas vereinfachen oder
zu einer Überforderung der Menschen; nicht für alle Zeiten ausschließen. Ich eher nicht?
parlamentarische Demokratie hat zwar kann allerdings aus heutiger Sicht keinen Nitsche: In der Demokratie herrscht Ar­
den Vorteil der Arbeitsteilung, ist dafür realistischen Weg dahin sehen. beitsteilung – professionelle und gewählte
aber statisch – wer mitmachen will, Es ist beispielsweise unklar, ob die voll­ Politiker arbeiten sich in die Themen
muss sich wählen lassen. Liquid Demo­ ständige Aufhebung der Arbeitsteilung ein und entscheiden. An Arbeitsteilung ist
cracy will die Arbeitsteilung dynami­ zwischen Politik und Bürger, also jeden solange nichts auszusetzen, wie sie zur
sieren: Jeder beteiligt sich genau da selbst, Bürger zum Politiker zu machen, über­ Zufriedenheit aller funktioniert. Bei Liquid
wo er etwas beitragen will und kann. In haupt ein sinnvolles Ziel ist. Und es bräuch­ Democracy muss es nicht unbedingt ein
anderen Gebieten kann er seine Stimme te eine Gesellschaft, die komplett dis­ professioneller Politiker sein, der entschei­
einem Menschen oder einer Gruppe kriminierungsfrei ist, in der es keine exis­ det, es kann jeder sein. Der Vorteil: Wenn
übertragen, er kann sie an jemanden tenziellen Ängste auslöst, wenn man zu mir als Bürger etwas nicht gefällt, kann
delegieren, dem er vertraut. seiner Meinung steht und seine Position ich bei Liquid Democracy viel schneller in­
vertritt, in der es keine Abhängigkeit tervenieren und meine Stimme an je­
ZEIT ONLINE: Wird nicht mit der Dele­ zwischen Arbeitgebern und Arbeitneh­ mand anderes übertragen. Es ist aus meiner
gation genau der Punkt übernommen, mern gibt. [...] Sicht daher demokratischer, weil die Be­
der bei der parlamentarischen Demo­ Es gibt aber auch technische Hürden. teiligten einem Menschen aufgrund
kratie kritisiert wird? Dass man seine Mit einem Computer kann man nicht seiner Taten Gewicht geben und nicht bei­
Stimme einmal abgibt, dann aber wählen. Denn es gibt keinen Weg, über spielsweise aufgrund der Aufmerksamkeit,
nicht mehr entscheiden kann, was die Computer und Internet geheim abzu­ die er in den Medien genießt. Es bietet
Gewählten damit tun? stimmen und das Ganze dabei vertrauens­ die Möglichkeit, dass jemand, der eine bril­
Nitsche: Eben nicht. Man kann sich jeder­ würdig zu gestalten. Ergebnisse sind lante Idee hat, auch die entsprechende
zeit selbst an einer Diskussion beteili­ einerseits immer manipulierbar und ande­ Aufmerksamkeit in diesem Bereich be­
gen oder abstimmen. Wenn man das tut, rerseits würde irgendwo die Information kommt und damit auch die Macht verlie­
werden gleichzeitig die eventuellen anfallen, wer was gewählt hat. Aus dem hen bekommt, das Thema zu verhandeln.
Delegationen für das Thema ausgesetzt. Grund wurden Wahlcomputer höchstrich­ [...]
terlich abgelehnt. Deswegen sagen wir,
LiquidFeedback sollte nur dort benutzt wer­ Kai Biermann im Interview mit Andreas Nitsche, einem der
den, wo namentliche Abstimmungen Programmierer von Liquid Feedback, „Repräsentative
Demokratie wollten wir gar nicht infrage stellen“, ZEIT Online,
möglich sind und jeder weiß, worauf er 15. Februar 2013
sich einlässt. [...]

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60 Demokratie

reaktiv, die Nutzer und Follower haben zunächst den Vorteil Bildungsangebote, Kommunikations- und Organisationsmög­
schneller, wechselseitiger Information und Aktivierung. lichkeiten in einem zuvor nicht gekannten Ausmaß bereit­
Hinzu treten die Vorteile des sogenannten electronic stellt. Doch schafft Onlinekommunikation nicht per se eine
government: Verwaltungsprozesse können vereinfacht und besser informierte politische Öffentlichkeit oder gar mehr
bürgernah organisiert werden, Steuererklärungen lassen Demokratie. Blogs und Tweets können auch demagogisch
sich bald elektronisch abgeben, Ausweise über das Internet wirken. Noch gibt es keine zuverlässigen und gesicherten Ver­
beantragen, Auskünfte digital einholen. Damit können auch fahren, wie digitale Willens- und Entscheidungsbildungen
administrative Abläufe transparenter gestaltet werden. mit jener Rationalität geführt werden können, an der die Ver­
Insgesamt also erhöht das Internet die Beteiligungs- und fahren der repräsentativ verfassten Demokratie sich messen
Zugangschancen, indem es Interessierten Informations- und lassen müssen.

Erschwernisse demokratischen Regierens

Ein demokratisches Regierungssystem hat zwei Funktio­ Weil die Demokratie Probleme, seien es wirtschaftliche, so­
nen zu erfüllen. ziale oder andere, nicht immer schnell und effizient zu lö­
¬ Es soll Probleme lösen und allgemein verbindliche Ent­ sen in der Lage ist, wird die Frage nach politischer Führung
scheidungen fällen. bedeutsam. Auch eine Demokratie ist, besonders in Krisen-
¬ Es soll den Willen des Volkes berücksichtigen und die Be­ und Umbruchzeiten, ohne politische Führung nicht funkti­
teiligung der Bürgerinnen und Bürger gewährleisten. onsfähig. Deshalb kommt es entscheidend auf die Auswahl
des politischen Führungspersonals an. Wichtig ist aber auch,
Optimale Problemlösung, institutionelle Responsivität und dass die Institutionen der Demokratie, wo es notwendig ist,
bürgerschaftliche Partizipation befinden sich, wie die Praxis Führung und Entscheidungsfähigkeit des politischen Sys­
zeigt, allerdings nicht selten in einem Spannungsverhältnis. tems zulassen.
Da ist zunächst das Problem der Überforderung. In Konkur­ Konkurrenzdemokratien, die auf klaren Alternativen zwi­
renz um die demokratische Macht überbieten sich Parteien, schen politischen Parteien und auf Mehrheitswahlrecht ba­
Gruppierungen oder einzelne Personen bei Wahlen zuwei­ sieren, tun sich hier leichter. Konkordanzdemokratien, auch
len gegenseitig mit Versprechungen, um die Stimmen der ausgeprägt föderalistische Demokratien – wie beispielswei­
Wählerschaft zu gewinnen. Doch gelingt es den Wahlsie­ se die deutsche – sind entschieden schwerfälliger. Das eine
gern, einmal im Amt, kaum noch, alle Versprechungen ein­ muss nicht schlechter als das andere sein, die Unterschiede
zulösen, weil die Zwänge der Realität es nicht zulassen. müssen nur für die Entscheidungsprozesse und ihre Beurtei­
Gleichzeitig meiden es demokratische Politiker, die Erwar­ lung, nicht zuletzt durch Medien, Bürgerinnen und Bürger,
tungen der Stimmbürger zu enttäuschen und die Verspre­ beachtet und in Rechnung gestellt werden.
chungen zu korrigieren, weil sie den Machtverlust bei nach­
folgenden Wahlen fürchten. Die Demokratie steht so immer
in der Gefahr, sich selbst zu überfordern, die Bürgerinnen
und Bürger zu enttäuschen und deshalb Vertrauen und Zu­
stimmung zu verlieren.
Hinzu tritt das Effizienzproblem. Der Prozess demokrati­
scher Beratung und Entscheidung braucht Zeit. Einerseits
wollen die vielen unterschiedlichen Meinungen und Interes­
sen der Einzelpersonen und Verbände gehört und möglichst
auch berücksichtigt werden.
Andererseits ist gerade der formale Entscheidungsprozess
in einer föderal organisierten, gewaltenteiligen Demokratie so
komplex, so mit Hürden und Blockaden versehen, dass schnel­
le Entscheidungen eher die Ausnahme als die Regel sind. Weil
Gerhard Mester / Baaske Cartoons

demokratische Entscheidungsprozesse auf der Beteiligung


möglichst vieler Individuen, Gruppen und Parteien beruhen,
ähneln sie nach einem Vergleich des deutschen Soziologen
und Nationalökonomen Max Weber dem „beharrlichen Boh­
ren dicker Bretter“. Das „Politik machen“ in der Demokratie be­
darf daher neben der „Leidenschaft“ ganz besonders auch des
„Augenmaßes“ und der Geduld.

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Strukturunterschiede und Herausforderungen 61

Fünf Herausforderungen der Demokratie

[...] Ideen politischer Ordnung lassen den Fallen für Demokratien: „Demo­ heit und das damit einhergehende
sich nur dann über den zeitlichen und kratie verspricht allen Reichtum, veränderte Sicherheitsdenken. [...] Die
geographischen Raum ihrer Entste­ Glück und Erfüllung, nährt aber in uns Verantwortung für Sicherheit wird
hung verbreiten, wenn sie eine eigen­ die Frustration und bringt uns dazu, in wachsendem Maße vom Individuum
ständige Attraktivität aufweisen mit unserem Los nie zufrieden zu sein. auf die Politik verlagert, und sie droht,
können. [...] [...] In einer egalitären Gesellschaft Politik, gerade auch demokratische
Dies [...] begründet gleichzeitig eine ist der Erfolg einer Minderheit und die Politik, nachhaltig zu überfordern. [...]
der wesentlichen Ursachen für Verbitterung der anderen unerträg­ Sicherheitsdenken, das Streben nach
den Zerfall des Sowjetimperiums. Sein lich: Da wir alle gleich sind, ist jede Über­ Absicherung persönlicher Risiken
Niedergang hatte lange vor der legenheit skandalös.“ durch staatliche Fürsorge, war eines
praktischen Erosion von Politik und Auch hier finden wir wieder eine Me­ der zentralen Denkmuster, die die
Wirtschaft längst in den Köpfen daille mit zwei Seiten: Die in die Demokratie der letzten Jahrzehnte be­
der Menschen begonnen. [...] Demokratie eingebaute, die natürlich gleitet haben. Das Phänomen als
Zweitens dürfte eine der wirkungs­ gewollte Gleichheit, sie schlägt nur solches ist weder verwunderlich noch
mächtigsten Herausforderungen aus allzu leicht um in Konformismus oder neu. [...]
wachsenden Phänomenen demokrati­ Neid. [...] Bei allen mittlerweile längst globa­
scher Selbstüberforderung entstehen: Aber es sind gar nicht so sehr die lisierten Gefahrenherden für mensch­
Ursachenzuweisungen an die Fehlleis­ theoretischen Werte der Demokratie – liches Zusammenleben lässt sich ein
tungen von Politikern – ohne hier im die Gewährung von Freiheit und Teufelskreis beobachten, den Ulrich
Einzelfall beschönigen oder entschul­ Gleichheit etwa –, sondern es ist ganz Beck wie folgt formuliert: „Denn Ge­
digen zu wollen – sind vielleicht zu banal ihre materielle, ihre ökono­ fahren werden industriell erzeugt,
vorschnell und vor allem zu einfach. Zu mische Leistungsfähigkeit, die ihren ökonomisch externalisiert, juristisch
den zentralen Entwicklungsmustern Siegeszug in Europa und ihre Attrakti­ individualisiert, naturwissenschaftlich
gerade demokratischer Systeme gehört vität für noch nicht demokratisch legitimiert und politisch verharm­
jedoch der Trend, die Erwartung an regierte Völker zu erklären scheint. [...] lost. Dass dadurch Macht und Glaub­
die Regelungskapazität von Politik kon­ Und wenn Demokratien hierbei würdigkeit von Institutionen zerfallen,
tinuierlich zu steigern. [...] in Schwierigkeiten geraten, wenn die tritt erst dann hervor, wenn das Sys­
Je mehr Probleme der Daseinsvor­ Basare des ökonomischen Überflusses tem auf die Probe gestellt wird“. In der
sorge des Einzelnen dem Staat aufge­ nicht mehr ganz so überquellen wie Tat: Ein automatisierter Glaube an
bürdet werden, um so mehr werden gewohnt, dann geraten auch Demokra­ die selbstverständliche und zwangs­
Politiker zu den Adressaten steigender tien in die Gefahr, entzaubert zu wer­ läufige Überlebensfähigkeit demo­
Erwartungen ihrer Wähler. [...] den. [...] Wir sehen nur noch, was wir kratischer Systeme erscheint mehr als
Zu einer dritten zentralen Heraus­ sehen wollen: Und das sind eben zweifelhaft. [...]
forderung künftiger Politik in demo­ nicht die Leistungen demokratischer
kratischen Systemen wird das Span­ Ordnungen, sondern nun haupt­ Eberhard Sandschneider, „Transformation, Globalisierung und
nungsverhältnis zwischen Eigenverant­ sächlich ihre Schwächen. die Zukunft der repräsentativen Demokratie“, in: Karl Schmitt
(Hg.), Herausforderungen der repräsentativen Demokratie,
wortung und Staat, anders formuliert Der vierte Gesichtspunkt unter­ Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2003, S. 48 ff.
zwischen individueller Freiheit, An­ streicht diesen Wahrnehmungseffekt
spruchsdenken und der Entzauberung mit Nachdruck: Es geht um die Rolle
der Politik werden. Individuelle Frei­ von Medien [...]. Statt Probleme zu
heit ist für uns längst ein Gut an sich. lösen, fliehen wir in Scheinwelten. Ein
[...] Dabei scheinen wir eines zu Knopfdruck genügt und die jeweils
vergessen: Die Erlangung individueller gewünschte Mischung aus Abenteuer,
Freiheit ist gleichbedeutend mit der Schönheit und „schöner neuer Welt“
ersehnten Loslösung normativer Fes­ (Huxley) verbreitet sich wohlig in
seln, aber nur zum Preis des Verlustes unseren Wohnzimmern. Die steigende
von Sicherheit und der Übernahme Komplexität unseres Daseins verlangt
von Verantwortung für das eigene Tun. eigentlich immer schnellere und kom­
So einfach ist das: Wer frei ist oder plexere Entscheidungen von uns.
es sein will, ist auch verantwortlich für Statt diese zu treffen, verzichten wir
das, was er tut. [...] auf unseren Status als mündige
Aber genau hier setzt der Verdrän­ Bürger und versuchen dem Zwang zu
gungsmechanismus ein. Statt sich der entkommen, grundlegende Entschei­
eigenen Verantwortung zu stellen, dungen selbst treffen zu müssen. [...]
tendiert das moderne Individuum nur Der Kreis zwischen Legitimität, in­
allzu leicht dazu, zwar die Vorzüge der dividueller Verantwortung und kollek­
Freiheit in vollen Zügen zu genießen, tivem Handeln schließt sich.
die Kehrseite aber, die Verantwortung, Fünftens schließlich werden demo­
abzuschieben auf ein Kollektiv, das kratische Repräsentativsysteme
wir üblicherweise Staat nennen. [...] herausgefordert durch steigende Er­
Genau hier liegt eine der entscheiden­ wartungen ihrer Bürger an Sicher­

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62 Demokratie

Hans Vorländer

Entwürfe globaler Demo­


kratie

Die Globalisierung macht zunehmend politisches Handeln


außerhalb nationalstaatlicher Grenzen erforderlich. Ver­
schiedene Konzepte globalen Regierens zeigen die Möglich­

REUTERS / Chip East


keit demokratischer Prozesse auf. Kann die Europäische
Union in diesem Zusammenhang als Modell dienen?

Weltpolitik von oben: Die UNO bemüht sich um eine gerechtere Weltordnung.
UN-Generalsekretär Ban Ki-moon vor der UN-Vollversammlung 2008

Ö konomische, technologische und kommunikative Prozesse


halten sich immer weniger an die mehr oder minder künst­
lichen Grenzen von (National-)Staaten. Und damit wachsen auch
die Probleme und der politische Regelungsbedarf in den über­
staatlichen Bereich hinein. Global vernetzte Ökonomien eröff­
nen einen relativ eigenständigen transnationalen Raum, in dem
Politik weitestgehend durch Kooperation zwischen Regierungen

B. Sauer-Diete / bsd-photo-archiv
stattfindet. Diese Formen des Regierens jenseits des demokrati­
schen Nationalstaates sind aber ohne eine direkte demokrati­
sche Legitimation. Deshalb bestehen Befürchtungen, dass die
ursprünglich territorial gebundene und begründete parlamenta­
risch-repräsentative Demokratie an Substanz verliert, hingegen
die Gestaltungsmacht transnationaler Politik ohne direkte demo­
kratische Legitimation anwächst.
Es gibt Überlegungen, wie diese Prozesse wieder demokratisch Weltpolitik von unten: NGOs wie Attac fungieren als Triebkräfte einer
eingefangen werden könnten. transnational vernetzten Zivilgesellschaft und fordern mehr Mitsprache
¬ Einer Anregung zufolge könnten die Vereinten Nationen zu bei der Lösung von Weltproblemen.
einem globalen demokratischen System ausgebaut werden,
das an die Stelle der traditionellen nationalstaatlichen Demo­
kratie eine demokratische Weltordnung treten lässt. Doch ist Grund der modernen Kommunikationstechnologien, geben,
eine solche Hoffnung illusionär. Es fehlt erkennbar an der ins­ aber für ein globales demokratisches Regierungssystem fehlt
titutionellen Infrastruktur für eine globale, demokratisch orga­ es an nahezu allen Voraussetzungen.
nisierte Weltregierung. Auch die Einbindung der nicht-demo­ ¬ Das Modell globaler zivilgesellschaftlicher Demokratie geht
kratischen Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen ist ebenso von einem wachsenden Einfluss transnationaler Bewegun­
unklar wie die demokratische Legitimation und Bürgernähe gen und Gruppierungen aus und entwickelt von dort her die
einer solchen Weltregierung. Außerdem würde diese einen Vorstellung einer globalen Basisdemokratie. Es gibt eine Rei­
Weltstaat voraussetzen. Dessen Existenz scheitert aber zum he von sogenannten Nicht-Regierungsorganisationen – von
einen am Wunsch der Einzelstaaten nach Beibehaltung ihrer Amnesty International über Transparency International bis
Souveränität. Zum anderen ist aus Gründen der Sicherung in­ zu Greenpeace – und transnational agierenden Protestbewe­
dividueller und politischer Freiheiten ein Weltstaat aber auch gungen – von Attac bis Occupy – die mittlerweile zu wichti­
gar nicht wünschenswert. Und schließlich hat die Geschichte gen Akteuren auf der globalen Ebene geworden sind. Sie sind
der Demokratie gezeigt, dass es eine gemeinsame politische imstande, Weltöffentlichkeit für sich zu mobilisieren und ein
Kultur geben muss, die eine Demokratie zu stützen in der Lage Gegengewicht zu den ökonomischen Global Players, den welt­
ist und die auf einer gemeinsamen Erfahrungs- und Vorstel­ weit agierenden großen Unternehmen und Banken, zu bilden.
lungsgemeinschaft ihrer Bürgerinnen und Bürger beruht. Eine Aber damit ist noch kein Prozess demokratisch verantwortli­
Vorform der Weltöffentlichkeit mag es zwar, vor allem auf cher Willens- und Entscheidungsbildung und auch keine Fol-

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Entwürfe globaler Demokratie 63

geverantwortung institutionalisiert. Eine Elitenherrschaft von Von daher scheinen zwei Wege realistischer zu sein, um die Welt
Aktivisten kann schwerlich demokratisch genannt werden. sicherer für die Demokratie zu machen.
Dem Modell globaler zivilgesellschaftlicher Demokratie fehlt ¬ Zum einen sind die Demokratisierungsbemühungen der
ein repräsentatives Element, das schon im nationalstaatlichen Staaten mit nicht-demokratischen oder nur halb-demokra­
Rahmen für eine demokratische Struktur unentbehrlich ist. tischen Regierungssystemen zu unterstützen. Die Förde­
¬ Es wird ein Modell kosmopolitischer Demokratie diskutiert, rung zivilgesellschaftlicher Entwicklungen, freier Medien
das auf die Herausbildung eines transnationalen politischen und die Sicherung der Menschen- und Bürgerrechte tragen
Raumes mit dem Entwurf eines komplexen politischen Mehr­ entscheidend zur Transformation von autoritären und halb­
ebenensystems antwortet. Hierunter wird ein mehrstufiges demokratischen Staaten zu entwickelten und konsolidierten
Institutionengefüge verstanden, das von der lokalen über die Demokratien bei. So kann die Anzahl der Demokratien in der
regionale, die nationalstaatliche bis zur supra- und transnati­ Welt weiter gesteigert werden. Das ist auch deshalb von Be­
onalen Ebene reicht. deutung, weil Demokratien, wie die historische Erfahrung
zeigt, sehr viel eher bereit und in der Lage sind, Konflikte un­
Föderal organisierte Bundesstaaten sind hier das Vorbild, und tereinander friedlich beizulegen und nicht kriegerisch aus­
ein föderalistisch aufgebautes Europa könnte als Modell dienen. zutragen.
Kosmopolitisch nennt sich diese Demokratie, weil zugleich die ¬ Zum anderen können Demokratien ihre Handlungsfähig­
Rechte der Bürgerinnen und Bürger in allgemeinen Grund- und keit auch in den Zeiten der Globalisierung erhalten, indem
Menschenrechten garantiert und durchgesetzt werden. sich Staaten zu regionalen politischen Verbänden zusam­
Solche Modelle globalen Regierens, globaler oder kosmopo­ menfinden. Ein solcher ist beispielsweise die Europäische
litischer Demokratie sind bislang reine Zukunftsentwürfe. Sie Union. Als Zusammenschluss von 28 Staaten zeigt sie exem­
versuchen, Antworten auf die Herausforderungen durch die plarisch, wie Verfahren und Institutionen in demokratischer
Globalisierung zu geben, übersehen dabei aber, dass die nati­ Willens- und Entscheidungsbildung auch jenseits eines Na­
onalstaatliche Demokratie keineswegs an das Ende ihrer Ent­ tionalstaates, in supranationalen politischen Verbänden,
wicklungsmöglichkeiten gekommen ist. etabliert werden können.
Denn demokratische Nationalstaaten fungieren weiterhin
als Kristallisationskerne internationaler Zusammenarbeit auf Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, dass demokrati­
vielen ökonomischen, sozialen, sicherheitspolitischen oder um­ sches Regieren in supranationalen Einrichtungen wie der EU ein
weltpolitischen Politikfeldern. Vor allem bietet die Begrenzung komplexer Prozess ist, der auf zwei Säulen ruht: erstens auf der
der Demokratie auf einen nationalstaatlichen Rahmen die Ge­ Legitimation durch die Einzelstaaten, die sich mit den anderen
währ für ein dichtes Netzwerk demokratischer Institutionen, in Partnern vertraglich verbunden haben, und zweitens auf einer
denen sowohl die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger wie Legitimation durch die Bürgerinnen und Bürger, die Repräsen­
auch verantwortliches und kontrollierbares Entscheiden mög­ tanten in eine gemeinschaftliche Körperschaft, in diesem Fall
lich ist. das Europaparlament, wählen.

Demokratie in Europa Man kann darin auch weiterhin ein be­ und Menschrechtsschutzes geworden. [...]
denkliches Defizit an Demokratie sehen. Und schließlich funktioniert gerade
[…] Die europäische Integration ist einer Doch die Bewertungsmaßstäbe haben sich die komplizierte Verschachtelung der euro­
der mächtigsten Prozesse in der globalen verschoben, und die Realität europäischer päischen Institutionen, auch wenn ihre
Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg […]. Demokratie hat sich in den letzten zwanzig je einzelne demokratische Legitimation teil­
In den […] Jahrzehnten, zwischen dem Jahren auch jenseits des klassischen In­ weise nur indirekt und vom Bürger weit
Vertrag von Maastricht von 1992 und dem stitutionengefüges entwickelt – teils gegen­ entfernt ist, als ein System von „checks and
Vertragsschluss von Lissabon 2007, ist läufig zur nationalstaatlichen Demokratie, balances“, das autoritärer Konzentration
Europa auf dem Weg zu einer politischen teils aber auch im Einklang mit deren und Exekution von Macht immer wieder
Union ein beträchtliches Stück vorange­ Veränderungen. [...] So lässt sich europä­ effektiv entgegenwirkt. [...]
kommen. […] ische Demokratie durchaus ohne ein So wird man im Rückblick auf die letzten
Wie schon seine Vorläufer seit Maas­ souveränes europäisches Volk und ohne sechzig Jahre, und sogar bis heute, den
tricht 1992 stärkte der Lissabon-Vertrag die parlamentarische Regierung denken vielleicht wichtigsten Beitrag der Europä­
„Verfassungsorgane“ der Union im Sinne und existiert als solche auch schon in vielen ischen Integration zur Demokratie nicht
der klassischen Demokratietheorie: in der Dimensionen. Seit dem Vertrag von Maast­ in ihrer eigenen demokratischen Verfasst­
Stärkung des Parlaments gegenüber Kom­ richt gibt es neben der Staatsbürger­ heit, sondern in ihrer Sicherung und För­
mission und Ministerrat; zugleich mit dem schaft der Einzelstaaten eine (daraus abge­ derung eines Europas der demokratischen
Versuch der Stärkung einer europäischen leitete) Unionsbürgerschaft, die den Nationalstaaten sehen können. [...]
Exekutive in dem Amt eines Präsidenten EU-Bürgern unter anderem Freizügigkeit Nirgendwo hat die Europäische Union
des Europäischen Rates und eines „Hohen und das kommunale Wahlrecht an ihrem eine Diktatur gestürzt und eine Demokra­
Vertreters“ der EU für die Außen- und Wohnort, auch außerhalb ihres Heimat­ tie errichtet, aber immer wieder als Magnet
Sicherheitspolitik. Aber von einer national- staates, garantiert. und Stabilisierungsanker der Demokratie
staatlichen Demokratie bleibt das insti­ Im Einklang mit nationalen Entwick­ gewirkt. [...]
tutionelle Gefüge der Europäischen Union lungen spielt der individuelle Rechtsschutz
Paul Nolte, Was ist Demokratie? Geschichte und Gegenwart
auch nach dem Vertrag von Lissabon eine immer wichtigere Rolle – die EU ist (bpb-Schriftenreihe Bd. 1251), C. H. Beck Verlag, München 2012,
weit entfernt. [...] zu einer maßgeblichen Agentur des Grund- S. 383 ff.

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64 Demokratie

Hans Vorländer

Demokratie – nach wie


vor die beste Herrschafts-
form?
Die Demokratie hat sich im Laufe der Geschichte immer
wieder flexibel an veränderte Gegebenheiten angepasst
und konnte ihre Herausforderungen und Probleme bewäl­

© John Ditchburn
tigen. Daher scheint sie auch heute noch die best­
mögliche Herrschaftsform zu sein.

S chon seit ihrer Entstehung in der Antike trifft die Demokratie


immer wieder auf Kritik und zeitweilig sogar auf Feindschaft.
Neben politischer Polemik gibt es auch begründete Kritik, die Pro­
und Zeithorizonte eingeschränkt. Wie sich internationale Organi­
sationen und Regime wirklich demokratisieren lassen, ist nach
wie vor ungeklärt, das Modell der Nationalstaaten ist hierzu nur
bleme benennt, die mit der Demokratie zusammenhängen und bedingt tauglich.
von ihr erzeugt werden. Zuletzt sind folgende Kritikpunkte vorge­ Das Partizipationsverhalten der Bürger hat sich gewandelt, un­
tragen worden: konventionelle Formen sind häufiger zu finden als vor 50 Jahren,
Erstens wird die Komplexität und mangelnde Transparenz de­ als politische Aktivität weitgehend an Parteien und ihre Vorfeld­
mokratischer Entscheidungsverfahren kritisiert. Verantwortlich­ organisationen (beispielsweise Gewerkschaften, Kirchen, Vereine
keiten seien in der Mehr-Ebenen-Demokratie, die von den Kom­ oder Jugend- und Studentenorganisationen) gebunden waren.
munen über die Länder, den Nationalstaat bis zur Europäischen Auch haben sich die Felder des gesellschaftlichen Engagements
Union reicht, nicht mehr erkennbar und folglich auch nicht zure­ sehr stark in Richtung der punktuellen und begrenzten Betätigung
chenbar und kontrollierbar. verschoben. Auch das Kommunikationsverhalten von Bürgern
Zweitens werde der demokratische Prozess von Strukturen hat sich mit den digitalen sozialen Netzwerken verändert: Mit
transnationalen Regierens überlagert, welche aber nicht oder nur ihnen lassen sich Flashmobs, spontane Protestaktionen wie auch
unzureichend demokratisch legitimiert seien. Shitstorms organisieren, die, je auf ihre – manchmal aggressiv­
Drittens erfüllten Parteien ihre Vermittlungsfunktion zwischen demagogische – Weise, Politik und Politiker in der repräsentativ
der Gesellschaft und dem Staat nur unzureichend, weshalb die verfassten Demokratie herausfordern. Insgesamt hat die Sphäre
Bürger ihnen das Vertrauen entzögen und ihre Mitgliedschaft auf­ der Öffentlichkeit durch die massenmediale Überlagerung auf
kündigten. der einen und die digitale Fragmentierung auf der anderen Sei­
Viertens nähmen die Medien ihre aufklärende und bildnerische te einen erheblichen Strukturwandel durchlaufen, der in seinen
Aufgabe für die Politik nicht mehr wahr, Unterhaltung ersetze In­ Folgen für die Institutionen der Demokratie noch nicht wirklich
formation, Stimmungen träten an die Stelle von Inhalten. absehbar ist. Auf jeden Fall erfordern weltweite Kommunikation
Schließlich hätten die Finanzkrisen seit 2008 gezeigt, dass glo­ und beschleunigte Wechsel von Themen und Agenden sofortige
bal agierende Investoren, Banken und Unternehmen einerseits Reaktionen der Politik, die die mediatisierten, in den Institutionen
und supranationale Regime wie Weltbank oder Welthandelsorga­ und Verfahren der repräsentativen Demokratie sich vollziehen­
nisation andererseits die Welt „regierten“ und an die Stelle der De­ den, komplexen Entscheidungsprozesse schwerfällig aussehen
mokratie die Herrschaft der freien, deregulierten Märkte getreten lassen. Die Demokratie wird hier mit einem Erwartungsdruck un­
ist. mittelbarer Handlungsfähigkeit konfrontiert, der in Krisenphasen
Gewiss kommen in diesen Kritikpunkten Besorgnisse, Probleme zwar gerechtfertigt erscheinen mag, aber in Normalzeiten den
und Gefährdungen der Demokratie zum Ausdruck. Vielfach haben langwierigen Entscheidungs- und Kompromissbildungsprozessen
sie auch mit grundlegenden Veränderungen, sogenannten Trans­ widerspricht.
formationen, der repräsentativen Demokratie zu tun. Das Bewusstsein der Gefährdungen und Herausforderungen
Die Globalisierung von Märkten, aber auch von Problemen, die der gegenwärtigen Demokratie darf die Maßstäbe der Kritik indes
regional oder einzelstaatlich nicht zu lösen sind, hat die politi­ nicht so weit verschieben, dass die Demokratie viel zu hohen nor­
schen Entscheidungsstrukturen grundlegend verändert. Suprana­ mativen Erwartungen ausgesetzt wird und ihr in einer Krise des­
tionales Krisenmanagement hat demokratische Handlungsräume halb kaum noch Chancen gegeben werden – wie das beispielswei­

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Demokratie – nach wie vor die beste Herrschaftsform? 65

se in der Rede von der „Postdemokratie“ (Colin Crouch) der Fall ist. Maßnahmen in Reaktion auf die „soziale Frage“ beispielsweise die
Hier werden Entwicklungen der letzten Jahrzehnte auf der Folie soziale Demokratie herausgebildet. Gleichwohl vermag die Demo­
eines vermeintlich „goldenen Zeitalters“ der Demokratie beurteilt kratie keineswegs alle Probleme zu lösen. Immer wieder wird ihr
und in den Veränderungen das nahende Ende der Demokratie di­ vorgehalten, dass sie nur die gut organisierten und machtvoll ar­
agnostiziert. Vor solchen alarmistischen Warnungen sollten indes tikulierten Interessen berücksichtige und dabei nur die kurzfristi­
ein Schuss Realismus und eine nüchterne Bilanz der Geschichte gen Ziele, nicht aber das nachhaltige Gemeinwohl, auch nicht die
der Demokratie schützen. Belange nachfolgender Generationen, im Auge habe. Das mag in
Nach wie vor gilt der Ausspruch des englischen Staatsmannes der Tat eine Achillesferse der Demokratie sein, aber ein prinzipiel­
Winston Churchill vom 11. November 1947 bei einer Rede im Un­ ler Einwand gegen diese Herrschaftsform ist es nicht.
terhaus: „Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen – Die Demokratie ist die einzige Herrschaftsform, die es den Bür­
abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit aus­ gerinnen und Bürgern erlaubt, Regierende zu sanktionieren, ohne
probiert worden sind.“ Oder, mit einem Demokratieforscher for­ das politische System selbst beseitigen zu müssen. Politische
muliert, „die zweitbeste Demokratie ist immer noch besser als die Führung kann ausgewechselt werden, weil es in der Demokra­
beste Nicht-Demokratie“. Die Demokratie mag nur als das kleinere tie nur Herrschaft auf Zeit gibt. Die Opposition von heute kann
Übel angesehen werden, vereint aber andererseits so viele Vorteile morgen schon Regierung sein, aus einer Minderheit kann eine
auf sich, dass sie als die beste bekannte Herrschaftsform bezeich­ Mehrheit werden. Transparenz ermöglicht Kontrolle und schützt
net werden kann. vor Machtmissbrauch. Konflikte können bewältigt werden, ohne
Einer dieser Vorteile ist ihre Lernfähigkeit, die sie in die Lage dass die Kontrahenten zu Mitteln der Gewalt greifen müssen. Und
versetzt, auch große Herausforderungen zu bestehen, Probleme vor allem: Nur der Wille der Bürgerinnen und Bürger, artikuliert
zu bewältigen und dabei ihre Nachteile so zu verarbeiten, dass in Wahlen und Abstimmungen, begründet und legitimiert die
sie gestärkt aus Krisen hervorgeht. So ist die Demokratie eben Herstellung kollektiv verbindlicher Entscheidungen. Nur die De­
keine einfache Volksherrschaft mehr und damit nicht in Gefahr, mokratie bietet den Menschen die Chance, sich umfassend an
den Befürchtungen der Kritiker in Antike und früher Neuzeit zu Willensbildung und Entscheidungsfindung zu beteiligen, ihre
entsprechen, sie führe zu „Pöbelherrschaft“ (Aristoteles), zu Verfall Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, und das in vielen
(Platon) und Anarchie (Machiavelli). Weisen: vom Engagement in Parteien über Bürgerinitiativen bis
Die moderne Demokratie ist gemäßigt, basiert auf Gewalten­ zu Protestaktionen. Denn schon die alten Griechen wussten es, als
trennung, repräsentativer Willens- und Entscheidungsbildung sie die Demokratie erfanden: Die Politik ist vor allem die Sache der
und, ganz entscheidend, auf Recht und Verfassung. Mit der Ach­ Bürgerschaft.
tung von Recht und Gesetz, mit unabhängigen Gerichten und
einer Verfassungsgerichtsbarkeit kann auch der von Alexis de
Tocqueville und John Stuart Mill in der Mitte des 19. Jahrhunderts
beschworenen Gefahr einer Tyrannei der Mehrheit begegnet wer­
den. Individuen und Minderheiten müssen sich nicht bedingungs­
los einer Mehrheit beugen, die sich ja auch irren kann. Leben, Frei­
heit und Eigentum genießen den Schutz des Rechtes. Individuelle
Freiheit und demokratische Selbstregierung lassen sich in der mo­
dernen Demokratie miteinander vereinbaren.
Auch für das sogenannte Paradox der Demokratie wurde eine
Lösung gefunden. Wird sie als unbegrenzte Mehrheitsherrschaft
verstanden, dann hätte diese Mehrheit auch die Möglichkeit, die
Demokratie abzuschaffen. Heutige Demokratien errichten Hin­
dernisse der Selbstpreisgabe. Zum einen stößt die schlichte Mehr­
heitsherrschaft an die Grenzen des Rechtes und der Verfassung,
zum anderen versucht die Demokratie schon im Vorfeld, solchen
Bestrebungen entgegenzutreten, die eine Abschaffung der De­
mokratie – sei es mit Gewalt oder auf parlamentarischem Wege –
fordern. Die Demokratie ist, in Deutschland vor allem nach den Er­
fahrungen von Weimar, wehrhaft geworden.
Demokratien haben auch gelernt, mit grundlegenden gesell­
schaftlichen Problemen umzugehen. Sie können besser als nicht­
demokratische Systeme zwischen Staat und Gesellschaft vermit­
teln. Durch Repräsentativität und Responsivität ihrer Institutionen
greifen sie Problemlagen aus der Gesellschaft auf und entschärfen
sie, indem sie sie zu allgemein verbindlichen Entscheidungen ver­
arbeiten. So hat sich durch die Entwicklung wohlfahrtsstaatlicher

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66 Demokratie

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Der Autor

Prof. Dr. Hans Vorländer, geb. 1954, hat seit 1993 den Lehrstuhl für Po­
litische Theorie und Ideengeschichte an der Technischen Universität
Dresden inne.
Seine Forschungsschwerpunkte sind: Politisches Denken und Verglei­
chende Politikforschung, Theorie, Geschichte und Empirie der Demo­
kratie, Verfassungstheorie und Verfassungspolitik, Parteien sowie Po­
litisches System und Politische Kultur der USA.
Seine Anschrift lautet:
Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte
Institut für Politikwissenschaft
TU Dresden
01062 Dresden

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