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Kleine Einführung in die

Lenin’sche Imperialismustheorie

Victor Sherazee
Einleitung
Lenins Schrift „Der Imperialismus als
höchstes Stadium des Kapitalismus“

1917 verfasst und 1918


nach dem Sturz des
Zarismus veröffentlicht
In einer „‚Sklaven‘sprache“
geschrieben (Hinweis auf
die zaristische Zensur)
Allgemeinverständlicher
Abriss
Lenins Schrift „Der Imperialismus als
höchstes Stadium des Kapitalismus“

„In der Schrift wird der Beweis erbracht, daß der Krieg
von 1914--1918 auf beiden Seiten ein
imperialistischer Krieg (d. h. ein Eroberungskrieg, ein
Raub- und Plünderungskrieg) war, ein Krieg um die
Aufteilung der Welt, um die Verteilung und
Neuverteilung der Kolonien, der ‚Einflußsphären‘ des
Finanzkapitals“ (LW 22, S. 194).
I.
Konzentration der Produktion
und des Kapitals
Konzentration, Kombination und
Monopolisierung

Konzentration der Produktion ist stärker als die der


Arbeit
Kombination
Größere Stetigkeit der Profitrate
Ausschaltung des Handels
Erlangung von Extraprofiten
Eindämmung der Konkurrenz
Monopolisierung
Entwicklung vom Konkurrenz-
kapitalismus zum Monopolkapitalismus

1860er und 70er Jahre: äußerste Entwicklungsstufe


der freien Konkurrenz
Ab der Krise 1873: Entwicklung zu Kartellen; sie
bleiben aber die Ausnahme
1900 bis 1903: Kartelle werden zur Grundlage des
Wirtschaftslebens
Kartelle, Sydikate und Trusts

Kartelle vereinbaren...
...Verkaufsbedingungen
...Zahlungstermine
...Absatzgebiete
...Preise
...die Verteilung der Profite
Beispiel: Das Rheinisch-Westfälische Kohlensyndikat,
das 95,4 % der Kohlenförderung im Rhein-Ruhr-
Gebiet kontrollierte
II.
Verschmelzung des Bankkapitals
mit dem Industriekapital
Lenins Inspirationsquelle: „Das
Finanzkapital“ von Rudolf Hilferding

Autor: der deutsche


Sozialdemokrat Rudolf
Hilferding
1910 veröffentlicht
Von Karl Kautsky als
„vierten Band des Kapitals“
gelobpreist
These: Herrschaft des
Finanzkapitals
Zentralisation und Monopolisierung
beim Bankkapital

„Die 9 Berliner Großbanken mit den ihnen


angegliederten Instituten verwalteten Ende 1909:
11.276 Millionen Mark, damit rund 83% des
gesamten deutschen Bankkapitals. Die ‚Deutsche
Bank‘, welche mit ihren Konzernbanken an 3
Milliarden Mark verwaltet, ist neben dem preußischen
Eisenbahnfiskus die größte -- dabei höchst
dezentralisierte -- Kapitalzusammenfassung der alten
Welt“ (LW 22, S. 215).
Verschmelzung des Bankkapitals mit
dem Industriekapital

Angliederung von Kleinbanken an die Großbanken


Immer vollständigere Abhängigkeit des
Industriekapitalisten von der Bank, nach Lenin
„kommandieren“ die Großbanken die
Industrieunternehmen
Personalunion und Verschmelzung durch
Aktienbesitz, durch Eintritt der Bankdirektoren in
die Aufsichtsräte oder Vorstände der
Industrieunternehmen und andersherum
III.
Kapitalexport
Kapitalexport

Für den alten (Konkurrenz-)Kapitalismus war der


Warenexport kennzeichnend, für den neuen
Monopolkapitalismus der Kapitalexport.
Unterkonsumptionsthese: Es entsteht ein
ungeheurer „Kapitalüberschuss“ in den
fortgeschrittenen Ländern
Kapitalexport ins Ausland, in rückständige Länder,
wo die Profite für gewöhnlich hoch sind, etwa in
Form von Staatsanleihen (bspw. Rumänien,
Russland und Ägypten)
Die internationale Anleihe

Kapitalexport in Form der internationalen Anleihe:


Beispielsweise Kauf von rumänischen Staatsanleihen
durch deutsche Banken. Die durch die Staatsanleihen
erhaltenen Mittel dienen wiederum der Beschaffung
von Eisenbahnmaterial von deutschen Unternehmen.
Beispielsweise Kauf von ägyptischen Staatsanleihen
durch britische und französische Bankhäuser;
Finanzierung der Baumwoll- und Zuckerwirtschaft, von
Staudämmen und des Suezkanals; Ausbeutung der
ägyptischen Bauern durch das europäische Kapital (vgl.
Rosa Luxemburg GW 5, S. 365--391)
IV.
Aufteilung der Welt unter die
kapitalistische Großmächte
Die Aufteilung der Welt unter die
Kapitalistenverbände

Entstehung internationaler Kartelle; Beispiel:


Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft (AEG) und
General Electric Company (GEC)
„Und nun schließen 1907 der amerikanische und der
deutsche Trust einen Vertrag über die Aufteilung der
Welt. Die Konkurrenz wird ausgeschaltet. Die GEC
‚erhält‘ die Vereinigten Staaten und Kanada, der AEG
werden Deutschland, Österreich, Rußland, Holland,
Dänemark, die Schweiz, die Türkei und der Balkan
‚zugeteilt‘“ (LW 22, S. 252).
Koloniale Eroberungen

„Je höher entwickelt der Kapitalismus, je stärker


fühlbar der Rohstoffmangel, je schärfer ausgeprägt die
Konkurrenz und die Jagd nach Rohstoffquellen in der
ganzen Welt sind, desto erbitterter ist der Kampf um
die Erwerbung von Kolonien“ (LW 22, S. 265).
Lösung sozialer Probleme im Mutterland durch
Kolonien: Cecil Rhodes: „Ich war gestern im Ostende
von London (Arbeiterviertel) und besuchte eine
Arbeitslosenversammlung. Und als ich nach den dort
gehörten wilden Reden, die nur ein Schrei nach Brot...
Koloniale Eroberungen

...waren, nach Hause ging, da war ich von der


Wichtigkeit des Imperialismus mehr denn je überzeugt
... Meine große Idee ist die Lösung des sozialen
Problems, d.h., um die vierzig Millionen Einwohner des
Vereinigten Königreichs vor einem mörderischen
Bürgerkrieg zu schützen, müssen wir Kolonialpolitiker
neue Ländereien erschließen, um den Überschuß an
Bevölkerung aufzunehmen, und neue Absatzgebiete
schaffen für die Waren, die sie in ihren Fabriken und
Minen erzeugen. Das Empire, das habe ich stets...
Koloniale Eroberungen

...gesagt, ist eine Magenfrage. Wenn Sie den


Bürgerkrieg nicht wollen, müssen Sie Imperialisten
werden“ (zit. n. LW 22, S. 261).
V.
Der Imperialismus als
besonderes Stadium des
Kapitalismus
Karl Kautskys These vom
„Ultraimperialismus“

Die Aufteilung der Welt führt nicht zu einer


Eindämmung der Konkurrenz, sondern zu einer
Verschärfung. Denn die Aufteilung der Welt unter
den Kapitalistenverbänden schließt die
Neuaufteilung nicht aus.
„‚Interimperialistische‘ oder ‚ultraimperialistische‘
Bündnisse sind daher in der kapitalistischen
Wirklichkeit, und nicht in der banalen
Spießerphantasie englischer Pfaffen oder des
deutschen ‚Marxisten‘ Kautsky, notwendigerweise...
Karl Kautskys These vom
„Ultraimperialismus“

...nur ‚Atempausen‘ zwischen Kriege“ (LW 22, S.


301).
Fäulnis und Parasitismus

Herausbildung einer Rentierschicht, die nur vom


„Kouponschneiden“ lebe
Entstehung von „Wucherstaaten“ und Umwandlung
ganzer Landstriche von der Landwirtschaft in
Gebiete für das Amüsement der Reichen (bspw.
Südengland)
Bestechung der „Arbeiteraristokratie“ durch
Extraprofite
Zusammenfassung
Zusammenfassung

„1. Konzentration der Produktion und des Kapitals, die


eine so hohe Entwicklungsstufe erreicht hat, daß sie
Monopole schafft, die im Wirtschaftsleben die
entscheidende Rolle spielen
2. Verschmelzung des Bankkapitals mit dem
Industriekapital und Entstehung einer Finanzoligarchie
auf der Basis dieses ‚Finanzkapitals‘
3. der Kapitalexport, zum Unterschied vom
Warenexport, gewinnt besonders wichtige
Bedeutung; ...
Zusammenfassung

4. es bilden sich internationale monopolistische


Kapitalistenverbände, die die Welt unter sich teilen
und
5. die territoriale Aufteilung der Erde unter die
kapitalistischen Großmächte ist beendet. Der
Imperialismus ist der Kapitalismus auf jener
Entwicklungsstufe, wo die Herrschaft der Monopole
und des Finanzkapitals sich herausgebildet, der
Kapitalexport hervorragende Bedeutung gewonnen, die
Aufteilung der Welt durch die internationalen Trusts...
Zusammenfassung

...begonnen hat und die Aufteilung des gesamten


Territoriums der Erde durch die größten
kapitalistischen Länder abgeschlossen ist“ (LW 22, S.
271).
Imperialismus heute?
Konzentration des Kapitals und „Neuer
Protektionismus“

„Imperialism, Lenin wrote a century ago, is defined by


five key features: the concentration of production; the
merging of financial and industrial capital; exports of
capital; transnational cartels; and the territorial
division of the world among capitalist powers. Until
recently, only dyed-in-the-wool Bolsheviks still found
that definition relevant. Not anymore: Lenin’s
characterization seems increasingly accurate“ (Jean
Pisani-Ferry: „Europe and the new imperialism“).
Vielen Dank für Eure
Aufmerksamkeit!