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Silvia Baumann

Silvia Baumann ANDERE LÄNDER – ANDERE SITTEN: Alltagskultur … Tradition … Verhaltensregeln … Religion … Tabus

ANDERE LÄNDER – ANDERE SITTEN:

Alltagskultur … Tradition … Verhaltensregeln … Religion … Tabus … Mann und Frau … Stadt- und Landleben … usw.

… Religion … Tabus … Mann und Frau … Stadt- und Landleben … usw. Ku l

Ku l t u r

S c h o c k

PORTUGAL

Silvia Baumann KulturSchock Portugal

„Was an diesem Land bezaubert, ist seine Seele (Der Romancier und Reiseschriftsteller Reinhold Schneider über Portugal, 1984)

Impressum

Silvia Baumann

KulturSchock Portugal

erschienen im REISE KNOW-HOW Verlag Peter Rump GmbH Osnabrücker Str. 79 33649 Bielefeld

© Peter Rump 1. Auflage 2010 Alle Rechte vorbehalten.

Gestaltung Umschlag: Günter Pawlak (Layout), Klaus Werner (Realisierung) Inhalt: Günter Pawlak (Layout), Anna Medvedev (Realisierung) Karten: travel@media Abbildungen: Lou Avers (la), außer S. 178 Zé Luis Elvas (ze)

Lektorat: Dhaara Petra Volkmann

Druck und Bindung: Fuldaer Verlagsanstalt GmbH & Co. KG ISBN 978-3-8317-1927-3 Printed in Germany

Dieses Buch ist erhältlich in jeder Buchhandlung Deutschlands, der Schweiz, Österreichs, Belgiens und der Niederlande. Bitte informieren Sie Ihren Buchhändler über folgende Bezugsadressen:

Deutschland Prolit GmbH, PF 9, D-35461 Fernwald (Annerod) sowie alle Barsortimente Schweiz AVA-buch 2000, Postfach, CH-8910 Affoltern Österreich Mohr Morawa Buchvertrieb GmbH, Sulzengasse 2, A-1230 Wien Niederlande, Belgien Willems Adventure, www.willemsadventure.nl

Wir freuen uns über Kritik, Kommentare und Verbesserungsvorschläge, gern per E-Mail an info@reise-know-how.de.

Alle Informationen in diesem Buch sind von der Autorin mit größter Sorgfalt gesammelt und vom Lektorat des Verlages gewissenhaft bearbeitet und überprüft worden.

Da inhaltliche und sachliche Fehler nicht aus- geschlossen werden können, erklärt der Verlag, dass alle Angaben im Sinne der Produkthaftung ohne Garantie erfolgen und dass Verlag wie Autorin keinerlei Verantwortung und Haftung für inhaltliche und sachliche Fehler übernehmen.

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Silvia Baumann

KulturSchock

Portugal

Ich widme dieses Buch allen Reisenden auf der Suche nach neuen Horizonten …

Inhalt

„Uma Palavra“ – Ein Wort vorweg

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Ein Blick zurück – bis heute

13

„Pré-História“ – Vorgeschichte „Lusitanos“ und „Romanos“ (5. Jh. v. Chr. bis 6. Jh. n. Chr.) „Mouros“ und „Cristianos“ (8. Jh. bis 13. Jh.) „Reconquista“ und das Königreich „Portucale“ (12. Jh. bis 14. Jh.) Aufbruch zu unbekannten Ufern:

mit Entdeckergeist zur Kolonialmacht (15. Jh. bis 17. Jh.) „Monarquias“ und „Repúblicas“ – von der Monarchie zur Republik (16. Jh. bis 20. Jh.) Faschismus und Salazarismus:

„Stolz und allein“ (1928–1974) Die Nelkenrevolution (25. April 1974) Portugal als EU-Land (seit 1986) Die Geschichte Portugals im Überblick

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„Bagagem Cultural“ – kulturelles Gepäck

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Ethnische Einflüsse, Ursprünge der Bevölkerung Leben am Rand Europas Religion und Kirche Glaube und Aberglaube Feste, Bräuche, Traditionen „Ser e Sentir“ – vom Sein und Fühlen Nationale Identität und Patriotismus „Alma Lusa“ – tiefgründige Volksseele mit komplexer Wirkung Problemfall „Educação“ – das Bildungssystem

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Die Gesellschaft heute – Staat, Politik und Wirtschaft

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Staatsaufbau, Regierungsform und Parteien Außenpolitik Gesetz und Korruption Kriminalität Justiz – die Mühlen der Gerechtigkeit mahlen langsam Wirtschaftslage und Konjunktur Einkommensverhältnisse und Sozialsysteme Stadt und Land Ein- und Auswanderung

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„O dia a dia“ – Der Alltag in Portugal

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„Vícios“ – Alkohol, Rauchen, Drogen „Trabalho“ – Arbeitsleben Hygiene Kunst und Kultur Medien Mode und Zeitgeschmack Natur- und Umweltschutzdenken „Gooool!“ Sport, Freizeit, Urlaub Sprache Tagesrhythmus Telefon und Kommunikation „Morar“ – Wohnen

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„Mulheres, homens, familia“ – Frauen, Männer und Familie im Fokus

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Demografische Entwicklung Lusitanische Machos und gestresste Frauen Frauen in der portugiesischen Gesellschaft „A Vida“: Geburt, Jugend, Alter, Tod

226

226

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„Estrangeiros“ – als Fremde in Portugal

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Das Bild von Touristen und von Deutschen Typisch Portugiesisch – was dem Fremden sofort auffällt Begegnungen, Begrüßungen, Verabschiedung Gastfreundschaft Verabredungen und Ausgehen Zu Gast in der Familie Essen und Trinken Einkaufen Namen und Anrede Gesprächsverhalten Konfliktverhalten Behörden und Polizei Zeitverständnis, Professionalität, Verbindlichkeit Sicherheit Arbeitskollegen Umgang mit Tieren Verkehr und Transportmittel Auswandern nach Portugal „Enfim“ – zu guter Letzt

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Exkurse zwischendurch

„Lenda da Amendoeira“ – das Mandelbaum-Märchen

 

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Inês de Castro – Königin nach dem Tod

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Das Geschäft mit Menschen

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„Os Lusíadas“ – mittelalterliches Entdeckerepos

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Manuelinik – portugiesischer Einfallsreichtum Dom Sebastião – die verlorengegangene Zukunft

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Marquês de Pombal – aufgeklärter Erneuerer

 

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António de Oliveira Salazar

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„Grândola Vila morena“ von José (Zeca) Afonso (1929–1987)

 

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Portugiesen und Spanier – ungleiche Geschwister

 

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„Os Homens do Norte“ – die Menschen aus dem Norden

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Entschleunigung im Alentejo

 

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Europas größter Stausee – der Grande Lago und das verschwundene Dorf

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. Das Fest der „Mãe Soberana“

Der Wallfahrtsort Fátima

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(„Höchste Muttergottes“) in Loulé

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Stierkampf auf Portugiesisch

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Fernando Pessoa – ein einsames Genie

 

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. Coimbra – viel besungene Universitätsstadt am Rio Mondego

Die portugiesische Flagge

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Anhang

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Glossar „Para Ler“ – zum Lesen Portugal im Kino Informatives aus dem Internet Musikalische Melancholie zum Einstimmen Register Übersichtskarte Die Autorin

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Die Wallfahrtskapelle Igreja Nossa Senhora do Mar in Zambujeira do Mar

Die Wallfahrtskapelle Igreja Nossa Senhora do Mar in Zambujeira do Mar

092pgl Foto: la

Freimaurer versus Opus Dei

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Korruption im Amt

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„Aldeias Históricas“ – historische Dörfer in neuem Gewand

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Typisch portugiesische Berufe Nobelpreisträger José Saramago – verehrt im Ausland, umstritten daheim

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Stichwort Azulejo-Kunst

 

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Erosion – eine Gefahr für die portugiesische Küste

 

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Brände gefährden den Waldbestand

 

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Problemfall „Água“

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. Schatzdächer und arabische Türen

Vorsicht Falle!

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Der Fall der transsexuellen Gisberta „As três Marias“ – Die Drei Marias

Gewalt gegen Kinder

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Weinland Portugal

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Außergewöhnliche Unterkünfte: „Pousadas de Portugal“ &

Co.

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Bacalhau“ – eine Freundschaft fürs Leben

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. Kleines Kaffeelexikon à la Portugal:

 

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Spitznamen – „alcunha“

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„Pontes perigosas“ – gefährliche Brücken

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„Pontes perigosas“ – gefährliche Brücken . . . . . . . . . . .

„Uma Palavra“ – Ein Wort vorweg

Als Seemacht trugen die Portugiesen im Mittelalter ihre eigene Kultur in die ganze Welt hinaus und fanden sich gleichzeitig als Fremde auf unbe- kannten Kontinenten wieder. Sie trafen auf Eingeborene, Händler und Kaufleute in Afrika, Amerika und Asien und waren dabei selbst Objekt der Neugierde der ansässigen Völker. Unbedarfte nackte Indios standen bis an die Zähne bewaffneten, muffelnden, bärtigen Seefahrern gegenüber. Der Schreck dürfte auf beiden Seiten groß gewesen sein. Portugals Ge- schichte begründet sich von jeher auf dem interkulturellen Austausch mit anderen Völkern. In Sachen Choque Cultural sind die Portugiesen erfahre- ne Insider. Doch welche Kulturschocks erwarten Besucher im Land der Entdecker? Eine ganze Reihe, allerdings machen sich diese in Portugal nicht auf Anhieb bemerkbar. Zu gut verstehen sich die Portugiesen auf das Verdrängen der Wirklichkeit und die Imagepflege. Sie leben offen und angepasst, tolerant und solidarisch im europäischen Miteinander und hü- ten doch ihre tief verwurzelte „Inselmentalität“ als dem Meer zugewand- tes Land. Das Spannende an Portugal: Nichts ist wie es scheint. Portugal ist die älteste Nation Europas, eines der ersten Mitgliedsländer der EU, ein beliebtes Ferienziel. Alles Dinge, die die nationale Brust mit Stolz erfüllen. Es ist aber auch schwer zu durchschauen und widersprüch- lich, kann mit dem heutigen Europa wenig anfangen. Der Pauschaltourist wird vielleicht die unverbindliche Höflichkeit der an Feriengäste gewöhn- ten Einheimischen und schöne Küstenlandschaften in Erinnerung behal- ten. Wer sich länger im Land aufhält, tiefere Einblicke in die alma lusa – die portugiesische Seele – nimmt, wird bisweilen Situationen erleben, die ihn staunend, schmunzelnd oder auch irritiert zurücklassen. Das „lusitanische Haus“, als Metapher für Portugal, macht es Fremden nicht leicht, es gibt viele Rätsel auf. Auch die harte undeutliche Ausspra- che der Einwohner erschwert die Annäherung. In manchen Fällen hilft nur eine typisch portugiesische Überlebenstaktik: paciência, Geduld. Die Portugiesen selbst sind sich weitgehend einig, wenn es um die De- finition des Portugiesisch-Seins (Ser Português) geht. Sie glauben an die Einzigartigkeit ihrer Wesensart und sind überzeugt davon, dass ein Nicht- portugiese diese nicht nachempfinden kann. Wohl deshalb gibt es auch keine wörtliche Übersetzung für das Wort saudade, den Ausdruck für die nationale Melancholie. Wer Portugal und seine Menschen begreifen will, muss seine Geschich- te kennen. Mit Wehmut schaut das kleine Land am Rand Europas auf ein verlorenes Weltreich zurück und richtet den Blick gleichzeitig in sehn- süchtiger Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Geprägt von einer mehr als

vierzigjährigen Diktatur unter António de Oliveira Salazar war es jahrzehn- telang schlichtweg inexistent auf der politischen Weltbühne. Millionen Portugiesen emigrierten in dieser Zeit aus einem verarmten Land, viele davon kamen wohlhabend zurück. Heute ist Portugal selbst ein Einwan- derungsland und kennt somit die Probleme und Herausforderungen bei- der Seiten der Medaille. Dieser KulturSchock-Band handelt vom Dilemma einer komplexen Na- tion mit großer Vergangenheit und schwieriger Gegenwart. Einem kleinen Land, das für sich in Anspruch nimmt, die Globalisierung in Gang gesetzt zu haben und nun in der modernen globalisierten Welt hart um seinen Platz kämpfen muss. Einem Volk des Südens, das salzigen Stockfisch aus dem Norden liebt und mit den traurigen Akkorden des Fado sein Schicksal beweint. Alle, die dem Rätsel Portugal etwas näher kommen wollen: Bem Vindo e Boa Sorte – Herzlich Willkommen und viel Glück!

Silvia E. Baumann

12

EIN BLICK ZURÜCK – BIS HEUTE

„E navegámos tanto tempo São Gabriel Santa Maria Frol de la Mar Não há dúvida temos um passado Talvez demais Talvez tanto que não deixa lugar para o futuro Mas fomos pelo mar chegámos longe E agora Portugal o que será de ti se não formos capazes de chegar Aqui“

„Und wir sind so lange zur See gefahren São Gabriel Santa Maria Frol de la Mar Zweifelsohne haben wir eine Vergangenheit Zu viel der Vergangenheit vielleicht So viel dass für die Zukunft kein Raum bleibt Aber wir haben Meere erobert sind weit gekommen Und nun Portugal was soll aus dir werden Wenn es uns nicht gelingt Hier anzukommen“

(Manuel Alegre, portugiesischer Politiker und Poet, aus dem Gedicht „Chegar Aqui“)

Entdeckerdenkmal im Lissabonner

Entdeckerdenkmal im Lissabonner

Stadtteil Belém mit Heinrich dem Seefahrer an der Spitze

„Pré-História“ – Vorgeschichte

Während der letzten Eiszeit um 40.000 v. Chr. kam ein neuer Mensch von den Steppen Zentralasiens nach Südeuropa. Seine genetische Basis un- terschied sich kaum von unserer heutigen: Cro-Magnon – Nomade, Jä- ger und Sammler – bevölkerte auch die Iberische Halbinsel. Er traf ver- mutlich auf die letzten Neandertaler, die im Laufe der Zeit ausstarben. Dieser Homo Sapiens des Paläolithikums (Altsteinzeit) war anpassungsfä- higer und weiter entwickelt als die Neandertaler. Wo er lebte, hinterließ er zahlreiche Spuren seiner Kunstfertigkeiten wie Höhlenmalereien und Zeichnungen. Im Rahmen einer archäologischen Studie für einen in den 1950er-Jah- ren geplanten Staudamm entdeckten Wissenschaftler eine Reihe prähisto- rischer Ritzmotive von Hirschen, Auerochsen, Pferden und Gämsen auf ei- ner Länge von über 17 Kilometern an Felswänden entlang des Flusses Côa im Nordosten Portugals. Die Felsgravuren von Foz Côa sind die ältesten Spuren menschlicher Besiedelung auf portugiesischem Territorium. Histo- riker ordnen sie den Cro-Magnon-Menschen zu. Die Anzahl der Gravuren und ihre Lokalisierung unter freiem Himmel machen sie einzigartig in Westeuropa. Experten schätzen ihre Entstehung auf 28.000–18.000 v. Chr., womit Foz Côa weltweit zu den bedeutendsten Kultplätzen des Jungpaläolithikums zählt. Dieses Puzzleteil der steinzeitlichen Menschheitsgeschichte auf portu- giesischem Boden sorgte für eine jahrelange hitzige Debatte zwischen Verfechtern des Staudamms und Verteidigern des historischen Erbes. 1995 beendete der damalige Premierminister António Guterres das Geze- ter und stoppte den Bau. Drei Jahre später erklärte die UNESCO die Gra- vuren von Foz Côa zum Weltkulturerbe. Hinterlassenschaften späterer Steinzeitkulturen zwischen 5000 und 2000 v.Chr. finden sich praktisch im ganzen Land von Nord bis Süd verteilt. Die meisten davon liegen im südli- chen Alentejo: Hünengräber, Großsteingräber, Dolmen, Menhire, Stein- kreise und -reihen. Am eindrucksvollsten ist der Kromlech von Almendres bei Évora. Dort stehen 95 mannshohe Hinkelsteine im Kreis inmitten einer Olivenhainlichtung. Experten vermuten eine heidnische Sonnenkultstätte aus der Zeit um ca. 5000–3000 v. Chr., womit der Cromeleque de Almen- dres das älteste Megalith-Monument der Iberischen Halbinsel wäre.

Citânia de Briteiros, älteste

Citânia de Briteiros, älteste

keltiberische Ansiedlung in Portugal östlich von Braga

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010pgl Foto: la „Lusitanos“ und „Romanos“ (5. Jh. v. Chr. bis 6. Jh. n. Chr.) „Há

„Lusitanos“ und „Romanos“ (5. Jh. v. Chr. bis 6. Jh. n. Chr.)

„Há nos confins da Ibéria um povo que nem se governa nem se deixa governar.“ „Am äußersten Rand Iberias gibt es ein Volk, das sich weder selbst regiert noch sich regieren lässt.“ (Julius Cäsar über die Lusitaner)

Ab 2000 v. Chr. begann die Völkerwanderung der Iberer. Vermutlich von Afrika aus kamen diese nach Westeuropa und besiedelten vorwiegend die südlichen Gebiete Spaniens und des heutigen Portugals. Auf sie geht der Name Iberia oder Iberische Halbinsel zurück. Es folgten die Kelten, ein Volk aus dem Norden Europas, dessen Ursprünge bis heute Anlass zu Sa- gen und Legenden bieten. Man vermutet, dass die Celtos ab 1000 v. Chr. (eventuell auch schon früher) auf der Iberischen Insel einwanderten. Ein Teil der keltischen Stämme, vorwiegend aus dem zentralen Siedlungsbe- reich, vermischte sich mit den Iberern zu den Keltiberern. Nicht zu ver- wechseln ist die Volksgruppe der Keltiberer mit den keltiberischen Völ- kern, die in eigenen Kulturen als Iberer und Kelten Seite an Seite in friedli- cher Koexistenz lebten. Von den Keltiberern weiß man, dass sie in runden Wehrhäusern (castros) lebten und sich in mit Ringmauern umgebenen

Dörfern organisierten (citânias). Die Citânia de Briteiros bei Braga war die größte keltische Ansiedlung in Portugal, an die 200 Rundhäuser wurden dort originalgetreu restauriert und geben einen guten Einblick in die Le- bensweise der früheren Bewohner. Zwischenzeitlich gingen noch zahlreiche andere Völker auf der Iberi- schen Halbinsel ein und aus. Die Phönizier tummelten sich an der Süd- und Westküste auf der Suche nach Silber und Kupfer. Viele portugiesische Städte wurden von den Fenícios, wie sie auf portugiesisch heißen, gegrün- det. Ab dem 6. Jh. v. Chr. kamen die Griechen, die erstmals von der Regi- on Iberia sprachen, wohl abgeleitet vom Fluss Ebro (Iberus). Auch sie er- richteten Handelsstützpunkte. Ihre Verwandten, die Karthager, ließen sich später in der Region nieder. Sie trieben Handel mit Salz und Edelmetallen und gerieten mit den ansässigen Keltiberern in Konflikt, weil sie die Vor- herrschaft über das Land beanspruchten. Als größter und rebellischster Stamm der Keltiberer gelten die Lusita- ner, die im 2. und 1. Jh. v. Chr. im Westen der Iberischen Halbinsel im Ge- biet zwischen den Flüssen Douro und Tejo siedelten. Die im Norden des Douro ansässigen Galizier zählten später ebenso zu den Lusitanern. Der Name könnte auf die keltischen Worte Lus und Tanus zurückgehen, was „Stamm des Lusus“ heißt. Lusus, nach der römischen Mythologie der Sohn des Bacchus, wäre somit der Stammvater der Lusitaner. Die Lusitaner ver- ehrten mehrere Gottheiten, denen sie Tier- und Menschenopfer brachten. Sie lebten ebenfalls in Rundhäusern und fertigten ihre Kleidung aus Wolle und Ziegenfellen. Aufgrund archäologischer Funde weiß man, dass sie ähnlich wie die Römer eine Badekultur mit Dampf- und Kaltbädern pfleg- ten. Was ihre sozialen Strukturen betrifft, geht man davon aus, dass sie in monogamen Beziehungen lebten. Einige Studien vertreten die Meinung, die Lusitaner seien bereits vor den Iberern auf der Halbinsel ansässig ge- wesen. Bekannt ist, dass es sich um einen kriegerischen Stamm handelte. Die Portugiesen sehen die Lusitaner als ihre direkten Vorfahren und die Galizier als ihre genetischen Verwandten an. Luso heißt „portugiesisch“ (luso-alemão z. B. bedeutet „portugiesisch-deutsch“). Im deutschen Sprachraum spricht man in Fachkreisen auch von lusofon oder lusophon als Synonym für portugiesischstämmig. Das Studienfach Portugiesisch heißt „Lusitanistik“ und der Begriff „Lusitanien“ steht in historischem Sinn für das heutige Portugal. Ab dem 3. Jh. v.Chr. begann die römische Expansion in Iberia. Im Zwei- ten Punischen Krieg (218–206 v. Chr.) besiegten die Römer die Karthager und vertrieben sie von der Iberischen Halbinsel. Das römische Imperium breitete sich unaufhaltsam aus. Schwierig gestaltete sich die Eroberung des Nordwestens, wo die Lusitaner heftigen Widerstand leisteten. Der be-

kannteste Anführer der Lusitanos war Viriatus, der im nördlichen Viseu standhaft gegen die Romanos kämpfte. Er galt als eine sehr charismatische Erscheinung und soll laut Aufzeichnungen ein großer Kriegsstratege ge- wesen sein, der selbst bei den römischen Legionären Anerkennung und Respekt fand. Im spanischen Zamora wird der Held ebenfalls als Verteidi- ger der Stadt verehrt, weil er in acht entscheidenden Schlachten die Un- abhängigkeit gegenüber Rom erstritt. Mit seiner Ermordung, ermöglicht durch einen erkauften Verrat von dreien seiner eigenen Leute im Jahr 139 v. Chr., endete die Ära der lusitanischen Rebellen. Die Kämpfe wurden beigelegt und der Frieden mit der pax romana be- siegelt. Bis dahin hatten die Römer die Iberische Halbinsel in Hispania Ul- terior und Hispania Citerior unterteilt, ein Gebiet, das ungefähr dem heu- tigen Andalusien und der spanischen Mittelmeerregion entsprach. Kaiser Augustus teilte nun, im Jahr 69 n. Chr. die Provinz Hispania in drei Regio- nen ein: Lusitania, welches das Gebiet des heutigen Portugals ohne die nördliche Douro-Region bis zur spanischen Extremadura umfasste, Baeti- ca im Süden und Tarraconensis im Norden und Osten Iberias. Die Haupt- stadt Lusitanias war Emerita Augusta, das heutige spanische Mérida. An-

dere strategisch wichtige Städte in Lusitanien waren Pax Julia (Beja), Balsa (Tavira), Olissipo (Lissabon), Salacia (Alcaçer do Sal) und Myrtilis (Mérto- la). 700 Jahre lang, bis ins 5. Jh. n. Chr., dominierte das Imperio Romano auch diesen Teil Europas.

Die Römer hinterließen Straßen, Brücken, Viadukte, Tempel, Villen und Städte – vor allem aber ihre Sprache, aus der sich das heutige Portugiesisch entwickelte. Co- nimbriga nahe der Universitäts- stadt Coimbra oder Milreu bei Fa- ro sind wichtige Ausgrabungsstät- ten dieser Zeit. Ebenso Évora mit einem römischen Tempel aus dem 1. Jh., der die historische Alt- stadt krönt. Im Volksmund wird er Dianatempel genannt, war aber

krönt. Im Volksmund wird er Dianatempel genannt, war aber Lusitanischer Freiheitskämpfer und Stammeschef Viriatus in

Lusitanischer Freiheitskämpfer und

Lusitanischer Freiheitskämpfer und

Stammeschef Viriatus in Viseu

tatsächlich dem Gott Jupiter geweiht. Die Römer führten die landwirt- schaftliche Produktion ein und gründeten Latifundien (von Sklaven be- wirtschaftete Landgüter) mit Oliven-, Wein- und Weizenanbau. Mit dem Abbau und Handel von Salz und Kupfer brachten sie Wohlstand in das Gebiet. Etwa ab dem 4. Jh. begann die Christianisierung in Lusitanien. Die ersten christlichen Gemeinden entstanden in Braga (Bracara Augus- ta) und Évora (Ebora). Während das römische Imperium im 5. Jh. zerfiel, wanderten germani- sche Stämme ein, darunter Vandalen, Alanen und Sueben. Letztere sollen für die vielen Zischlaute in der portugiesischen Sprache wie auch im ver- wandten Galizisch verantwortlich sein. Sie siedelten im Gebiet des heuti- gen Galiciens und des nördlichen Portugals. Vor allem die Westgoten be- stimmten während der nächsten 200 Jahre die Geschicke des heutigen Portugals. Die Westgoten (port. Visigodos) waren im Gegensatz zu den Römern bis dahin arianische Christen nach der Lehre des Arius. König Rek- kared I. (gest. 601 in Toledo) trat aber im Jahr 589 zur römisch-katho- lischen Kirche über und ordnete dies für das gesamte Westgotenreich an. Die Bevölkerung musste zwangskonvertieren. Die beiden einzigen Über- bleibsel kirchlicher Architektur der Westgotenzeit in Portugal sind die Ka- pelle Capela de São Frutuoso in Braga und die Kirche São Giões in Naza- ré. Die Westgotenherrschaft war geprägt von Standesfehden und Territo- rialkämpfen mit rivalisierenden germanischen Stämmen.

„Mouros“ und „Cristianos“ (8. Jh. bis 13. Jh.)

„Ich grüße Dich, mein Silves, Abu Bacil, mein Freund, die so liebgewonne- “

nen Stätten meiner unvergesslichen Jugend (Inschrift am Stadtgarten von Silves zu Ehren von Al-Mu’tamid Ibn Abbad, 1061–1091, maurischer Poet und Gouverneur von Silves)

Ab 711 begannen die Araber mithilfe von nordafrikanischen Berbern ihren Feldzug auf der Iberischen Halbinsel. Mouros (Mohren oder Mauren, was so viel wie „dunkelhäutig“ heißt) nannten die Christen die einfallenden Stämme abfällig. Der Maurenanführer Tariq Ibn Ziyad überquerte die Straße von Gibraltar und besiegte den letzten Westgotenkönig Roderich im südlichen Andalu- sien. Das Westgotenreich war zu diesem Zeitpunkt bereits instabil und zerrüttet. So hatten die Eroberer leichtes Spiel. Bis 714 eroberten sie fast zwei Drittel der Iberischen Halbinsel und integrierten die neuen Gebiete in das Kalifat von Damaskus.

Im Jahr 756 erklärte Abd al Rahman die Unabhängigkeit des Emirates von Córdoba mit dem Königreich Al-Andalus und machte Córdoba zur Hauptstadt. Córdoba entwickelte sich fortan zu einem der bedeutendsten Kulturzentren der damaligen Welt. Auch Lusitanien wurde eingegliedert. Später zerfiel das Emirat von Córdoba in die Taifa-Königreiche. Die Regi- on der heutigen Algarve gehörte zum Fürstentum Al-Gharb („Der Wes- ten“) mit der Hauptstadt Xelb (heute Silves). Auch Xelb hatte eine heraus- ragende Stellung im muslimischen Reich und wurde im 11. Jh. zu einer blü- henden Metropole, die selbst das damalige Lissabon an Schönheit über- bot. Wissenschaftler, Mediziner, Astronomen, Dichter, Geografen und an- dere trugen zum kulturellen Aufschwung der Stadt bei. Der Rio Arade för- derte den Handel im Mittelmeerraum, da er damals noch schiffbar war und die Stadt direkt mit dem Meer verband. Ein reger Tauschhandel mit dem Orient entstand. Die Errungenschaften und der kulturelle Einfluss der maurischen Be- satzer brachten viel Positives für die Region. Bewässerungssysteme wur- den eingeführt, die bis heute Orangen- und Zitronenplantagen versorgen. Das maurische Wasserschöpfrad nora (arabisch: na’ura) ist im Süden Por- tugals überall zu sehen. Die meisten der dazugehörenden Tiefbrunnen entstanden im 8. bis 10. Jh., bei vielen wurden Fundamente aus römischer Zeit entdeckt. Neue Fischfangmethoden mit Netzen (Arte Xávega) brach- ten den Einheimischen Fortschritt und Wohlstand. In den Burgen baute man Zisternen für Frischwasser und Lebensmittelspeicher. Die neuen Her- ren pflanzten Mandel- und Zitrusbäume und kultivierten die Böden. Die Gewinnung von Olivenöl nach römischem Vorbild erlangte mit den Ara- bern neue Bedeutung und hatte in der maurischen Kultur einen beson- ders hohen Stellenwert. Die gesundheitsfördernde Wirkung des „flüssigen Goldes“ war seinerzeit bereits bekannt. Die Olive heißt im Portugie- sischen Azeitona, das Olivenöl Azeite – Wörter arabischen Ursprungs. Der Olivenbaum (Ölbaum) dagegen ist der Oliveira, was vom Lateinischen hergeleitet ist. Die Römer hatten ihn ins Land gebracht. Orientalische Einflüsse haben sich auch in der Architektur bewahrt. Die für die Algarve typischen Minarettschornsteine, Bogenfenster oder kubi- schen weißen Häuser wie in Olhão erinnern an marokkanische oder tu- nesische Gebäude. Die in ganz Portugal üblichen blau-weißen, zuweilen auch bunten Kachelfliesen, die Azulejos, gehen ebenfalls auf maurisches Erbe zurück. Ihr Name leitet sich vom arabischen ’az-zuley oder al zuleich’ ab: „kleiner polierter Stein“. Im Vergleich zum andalusischen Nachbarn ist jedoch das architektonische Erbe der Mauren in Südportugal eher be- scheiden. Großartige Kunstwerke wie die Mezquita von Córdoba oder die Alhambra de Granada sucht man hier vergebens, übrig geblieben sind le-

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012pgl Foto: la diglich einige Burgen oder Stadtmauern. Dazu muss erwähnt werden, dass Andalusien 250 Jahre

diglich einige Burgen oder Stadtmauern. Dazu muss erwähnt werden, dass Andalusien 250 Jahre länger unter arabischer Herrschaft stand als das westliche Al-Gharb. Die Kunstschätze sind zudem weitgehend erhal- ten geblieben, was in Portugal nicht der Fall war: Alles, was an die arabi- schen Besatzer erinnerte, fiel der Zerstörungswut der christlichen Kreuz- ritter zum Opfer. Moscheen wurden niedergebrannt und Kirchen darüber errichtet. Die restlichen Spuren verwischte das Erdbeben von 1755. (Sie- he auch das Kap. „Monarquias und Repúblicas“.) Erst seit den 1990er-Jahren besinnt sich Portugal auf seine arabischen Wurzeln unter einem anderem Blickwinkel als der feindlichen Invasion einer fremden Kultur mit islamischem Glauben. Das wichtigste Ausgrabungszen- trum Portugals aus der arabischen Epoche ist die Kleinstadt Mértola, die im Südosten des Alentejo an den Ufern des Guadiana liegt. Die Pfarrkirche Nossa Senhora da Assunção (Mariä Himmelfahrt) wurde in die einstige Moschee integriert und ist somit die einzige erhaltene Mezquita Portugals. Der gesamte Ort ist ein archäologisches Experimentierfeld aus römischen und arabischen Überbleibseln. Mértola begreift sich heute als lebendige Kulturstätte mit dem Ziel der Erhaltung des historischen Erbes. Man erkennt zunehmend die positiven kulturellen Hinterlassenschaften der arabischen Herrschaft. Moderne Historiker sprechen von dieser Epo- che als einer Zeit des Fortschritts und der religiösen Toleranz zwischen Muslimen, Juden und Christen, die mit der Reconquista endete, der Rück- eroberung besetzter Gebiete durch die Christen.

„Lenda da Amendoeira“ – das Mandelbaum-Märchen An der Algarve blühen zwischen Dezember und Februar die
„Lenda da Amendoeira“ – das Mandelbaum-Märchen
An der Algarve blühen zwischen Dezember und Februar die Mandelbäu-
me in strahlendem Weiß oder zartem Rosa. Das folgende Märchen dazu
kennt in Portugal jedes Kind und es wird auch gern den Besuchern der
winterlichen Algarve erzählt. Die gleiche Geschichte gab es schon vor
Tausenden Jahren in Persien und danach im spanischen Maurenreich.
Im einstigen „Al-Gharb“ gehörte sie zu Xelb (heute Silves) wie die Man-
delbäume.
„Es war einmal
ein Maurenprinz, der eine blonde nordische Schön-
heit heiratete. Al-Mu’tamid lebte fortan mit seiner Gattin Gilda glücklich
in einem wunderschönen Ort namens Xelb im Reich Al-Gharb. Doch
nach einiger Zeit trübte sich das junge Glück und die Prinzessin wurde
Winter für Winter immer trauriger und verschlossener. Der Prinz wuss-
te sich nicht zu helfen und versuchte herauszufinden, warum seine An-
gebetete so betrübt war. Der Grund war ganz einfach: Die Schwedin hat-
te Heimweh nach dem Norden und seinen schneebedeckten Winterland-
schaften. Da hatte der verliebte Gemahl eine findige Idee: Heimlich ließ
er Tausende von Mandelbäumchen aus seiner Heimat nach Al-Gharb
bringen und um sein Kastell herum anpflanzen. Im nächsten Winter ge-
schah das Wunder. Als die Prinzessin wie immer wehmütig aus dem
Fenster blickte, schaute sie auf ein Meer schneeweißer Blüten so weit ihr
Auge reichte. Von da an lebte das Paar glücklich und zufrieden bis an
sein Ende im sonnigen Al-Gharb
über die weiße Pracht.“
und Besucher freuen sich bis heute

„Reconquista“ und das Königreich „Portucale“ (12. Jh. bis 14. Jh.)

Die Reconquista, die christliche Rückeroberung der von den Mauren be- setzten Regionen und Städte der Iberischen Halbinsel, fand im Rahmen der christlichen Kreuzzüge um die Befreiung Jerusalems statt. Sie begann bereits im 8. Jh. im nordiberischen Königreich Asturien. Einige westgoti- sche Ritter hatten sich vor den Invasoren in die kantabrischen Berge ge- flüchtet, von wo aus sie den Widerstand organisierten. Pelayo (auch Pela-

Rückbesinnung: maurische Alltagszenen in Silves

Rückbesinnung: maurische Alltagszenen in Silves

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gius), ein adeliger Kämpfer König Roderichs besiegte dort im Jahr 722 den maurischen Feldherrn Alquama in der Schlacht von Covadonga. In den folgenden Jahrhunderten weiteten sich die Rückeroberungsak- tionen südwärts aus. Die Kreuzritter hatten die Aufgabe, das Christentum zu verteidigen und die besetzten Gebiete von den islamischen Mauren zurückzuerobern. Außerdem sollten sie den Pilgerweg nach Santiago de Compostela schützen. Die Reconquista machte den schon damals existie- renden Jakobswegs erst allgemein bekannt. Als Schutzpatron der Christen war der Heilige Jakobus (span. Santiago) schon früh auserkoren worden. Er soll den christlichen Truppen als Santiago Matamouro, als dubioser „Maurentöter“ mit geschwungenem Schwert auf einem Pferd erschienen sein und ihnen so den Sieg gebracht haben. Ein christlicher Pilgerweg kam der Kirche und den römisch-katholischen Königshäusern gerade recht. Er wurde dementsprechend gefördert und musste gesichert werden. Zu die- sem Zweck wurden eigens Orden gegründet, wie der militärische Santia- go-Orden (12. Jh.), der zunächst nur in Nordspanien am Jakobsweg agier- te, später vom Papst auch in der Rückeroberung Portugals eingesetzt wur- de. Das Symbol der Santiago-Ritter war das rote Schwertkreuz (Cruz da Espada) auf weißem Grund. Das Schwert ziert heute noch die Jakobsmu- schel als Symbol der Jakobspilger. Das Territorium des heutigen Portugals stand zu diesem Zeitpunkt weit- gehend unter arabischer Verwaltung, bis auf eine Region im Norden um die Stadt Porto. Als Condado de Portucale gehörte diese Grafschaft zum

bis auf eine Region im Norden um die Stadt Porto. Als Condado de Portucale gehörte diese

Königshaus Kastilien-Leon. Der Name Portucale geht auf die Siedlung Ca- le an den Ufern des Douro zurück. Der Begriff Cale stammt womöglich vom griechischen kalles („schön“), nach anderer Meinung könnte er auch aus dem Phönizischen abgeleitet sein. Die Siedlung war zu römischer Zeit ein wichtiger Hafen mit dem lateinischen Namen Portus Cale („Schöner Hafen“). Später wurde sie zur Stadt Porto und das Land zu „Portugal“. König Alfons VI. von Kastilien übertrug seinem Schwiegersohn Heinrich von Burgund die Verwaltung dieser Grafschaft. Heinrich strebte von An- fang an eine Ablösung der kastilischen Lehensherrschaft an. Sein Sohn Afonso Henriques oder Alfons I. (1109–1185) übernahm diese Haltung. Die Unabhängigkeit verteidigte Alfons I. auch gegen die Anhänger seiner Mutter Dona Teresa, die sich als Tochter des kastilischen Königs gegen ein eigenständiges Portugal aussprach. Die entscheidenden Erfolge und damit Ansehen und Macht erzielte Afonso Henriques 1139 in der Schlacht von Ourique, wo er fünf Maurenfürsten in einem Zug besieg- te. Er nutzte die Gunst der Stunde und kündigte die Lehen-Abhängigkeit zum kastilianischen Königshaus auf. Die fünf Burgen in Portugals Flagge erinnern daran. Nach dem Sieg rief Alfons I. das portugiesische Königreich Portucale aus und erklärte sich zum König der neuen Nation. Er begründete die ers- te Dynastie Portugals, die der Burgunder, und ging als Alfons der Eroberer in die Geschichte ein. Im Vertrag von Zamora (1143) erkannte das Kö- nigshaus Kastilien-Leon den neuen Staat an, doch erst 1179 gab Papst Ale- xander III. seinen Segen und legalisierte das Königreich mit der Bulle Ma- nifestis Probatum. Ohne die Unterstützung der Kirche wäre die Gründung eines christlichen Reiches und somit die Formierung Portugals nicht mög- lich gewesen. Die Territorialstreitigkeiten zwischen Portugal und Kastilien gingen dennoch weiter. Bis heute sprechen die Portugiesen vom „Wunder von Ourique“, denn wie ein Mirakel scheint es, dass sich das kleine Land als eine eigene Nati- on behaupten konnte. Alfons I. kam in der Stadt Guimarães im Norden des Landes zur Welt, weshalb der Ort gemeinhin als die Wiege Portugals gilt. Dort, vor der stattlichen Burg São Miguel steht sein kriegerisches Bronzedenkmal. Aqui nasceu Portugal („Hier wurde Portugal geboren“) prangt in großen Lettern am städtischen Wehrturm Torre de Menagem der mittelalterlichen Stadt.

Die Wiege der Nation: Castelo São Miguel in Guimaraes

Die Wiege der Nation: Castelo São Miguel in Guimaraes

Inês de Castro – Königin nach dem Tod

Mittelalterliche Königshäuser lieferten schon von jeher den Stoff für die schönsten Romanvorlagen. Auch in der Geschichte der portugiesischen „Casas Reais“ mangelt es nicht an Tragik, Liebe und grausigen Verbre- chen. Das herzergreifendste Beispiel für eine wahre große Liebesge- schichte ist die des Königs Dom Pedro I. (1320–1367) und seiner Angebe- teten Inês de Castro (1320 oder 1325–1355). Dom Pedro, Sohn des Königs Afonso IV. und der Königin Beatriz, wurde 1336 in zweiter Ehe mit der kastilischen Prinzessin Dona Constanza ver- heiratet, um die Thronfolge zu sichern. Seine erste arrangierte Ehe war kinderlos geblieben. Im Gefolge der Prinzessin kam die 20-jährige Schön- heit Inês de Castro an den Hof nach Coimbra. Sie war die Tochter des ga- lizischen Edelmanns Pedro de Castro und Urenkelin des kastilischen Kö- nigs D. Sancho IV. Der junge Prinz und Inês verliebten sich heftig ineinan- der. Mit Constanza hatte Pedro zwei Söhne, von denen der Erstgeborene starb. Die Ehe aber war eine Farce und der Prinz machte aus seiner Liebe zu Inês keinen Hehl. Bei der Geburt des dritten Kindes verschied die un- glückliche Constanza. Damit war der Weg für Inês und Pedro frei. König Afonso und Königin Beatriz missbilligten diese illegitime Bezie- hung. Sie sorgte für Unruhen im Königshaus und beim Papst. Man fürch- tete spanische Machtansprüche und sorgte sich um die Thronfolge Fernan- dos, Constanzas Sohn. Um eine Eskalation und öffentlichen Streit mit dem Thronfolger zu ver- meiden, schickte der König Inês ins Exil nach Albuquerque zwischen Spa- nien und Portugal. Doch hielten die Liebenden die Flammen ihrer Leiden- schaft mithilfe geschmuggelter Briefe aufrecht. Nach kurzer Zeit holte Pedro Inês zurück nach Coimbra. Dort lebten sie einige Jahre glücklich zu- sammen, bekamen drei Söhne und eine Tochter. Man munkelte über eine heimliche Heirat der beiden. König Afonso kochte vor Wut über diesen Un- gehorsam. Zudem hielten sich hartnäckige Gerüchte, Inês könnte für ih- ren Sohn die Thronfolge in Anspruch nehmen. Der König entschied, sich ihrer zu entledigen, bevor sie womöglich Königin würde. Am Abend des 7. Januar 1355 – Dom Pedro war mit Gefährten auf der Jagd brachen drei Männer in den Palast von Coimbra (später als Quinta das Lagrimas, Palast der Tränen, bekannt) ein, wo Inês mit den Kindern verweilte. Eiskalt und brutal schnitten sie ihr vor den Augen der schreien- den Kinder die Kehle durch und ließen sie blutüberströmt zurück. Das Blut färbte die Palastquelle Fonte dos Amores dunkelrot. Pedro fand seine

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014pgl Foto: la Geliebte so hingerichtet auf dem Boden liegend vor, als er in der Nacht

Geliebte so hingerichtet auf dem Boden liegend vor, als er in der Nacht zu- rückkam. Blind vor Hass erklärte er seinem Vater den Krieg. Nach dem Tod des Königs bestieg Pedro 1357 den Thron und nahm Rache an den Mördern. Bei lebendigem Leib ließ er ihnen die Herzen herausschneiden und soll sie danach öffentlich verspeist haben. Im Kloster Alcobaça nördlich von Lissabon ließ der untröstliche König zwei Grabmale errichten, eines für Inês und eines für ihn selbst. Die bei- den sollten sich bei der Auferstehung zum Jüngsten Gericht in die Augen schauen können. Pedro ordnete die Exhumierung des Körpers und eine königliche Beisetzung für seine Inês an. Mit einem morbiden Spektaktel verabschiedete sich der König mit allen Staatsehren von der Liebe seines Lebens. Der Legende nach ließ er den einbalsamierten Leichnam prunk- voll gekleidet und gekrönt auf den Thron setzen. Dann mussten die Lan- desfürsten der Toten die königlich beringte verwesende Hand küssen. Besuchern des Klosters Alcobaça läuft beim Anblick der Sarkophage des berühmtesten Liebespaares Portugals noch immer ein kalter Schauer über den Rücken. Heute pilgern portugiesische Liebespaare zum Treueschwur zur Fonte dos Amores im Palácio das Lagrimas nach Coimbra.

Grabmal des Dom Pedro I. im Kloster Alcobaça

Grabmal des Dom Pedro I. im Kloster Alcobaça

Das portugiesische christliche Königreich expandierte nach und nach gen Süden. Das strategisch wichtige Lissabon (Al-Ashbouna zu dieser Zeit) befand sich aber noch immer in arabischer Hand. Im Jahr 1147 se- gelten 164 Schiffe im Rahmen des zweiten Kreuzzugs mit deutschen, fran- zösischen und englischen Kreuzrittern gen Palästina und machten in Porto Halt. Afonso Henriques fehlten die Truppen für eine Eroberung Lissabons. Also ließ er den Bischof von Porto mit den Kreuzfahrern einen Deal aus- handeln. Für ihre Unterstützung bei der Rückeroberung von Lissabon soll- ten sie das Recht auf die Plünderung der Stadt erhalten. Die Kreuzritter zö- gerten zunächst, da sie ihre Reise nach Jerusalem nicht hinausschieben wollten, sahen aber gleichzeitig eine gute Gelegenheit, ihre Reisekasse aufzubessern. Also stimmten sie zu und rückten nach Lissabon vor, um Afonso Henriques zu unterstützen. Von Juli bis Oktober 1147 dauerten die Kämpfe um und die Belagerung von Lissabon, schließlich mussten die Mauren nach herben Verlusten aufgeben. Die Kreuzritter machten reiche Beute bei den Plünderungen und zogen weiter gen Palästina, einige lie- ßen sich auch in Portugal nieder. Das Königshaus Burgund konzentrierte sich nun auf die Südprovinzen, die noch immer von den Mauren kontrolliert wurden. Afonsos Sohn, Dom Sancho I., erzielte Erfolge mit der Eroberung von Silves. Letztendlich konn- te die Algarve aber erst im Jahr 1250 mit Unterstützung der Santiago-Rit- ter (Ordem de Santiago) in das Königreich „Reinado de Portugal e do Al- garve“ eingegliedert werden. 1256 erklärte der König Lissabon zur Haupt- stadt und der Hofstaat zog von Coimbra nach Lisboa um. Die Machtkämpfe zwischen Kastilien und Portugal gingen derweil wei- ter. Kastilien-Leon hatte die Ablösung des einstigen Lehens noch nicht ver- wunden und griff den Nachbarn immer wieder an. Erst der Friedensver- trag von Badajoz besiegelte im Jahr 1267 die Landesgrenzen, so wie sie weitgehend bis heute bestehen. Dichterkönig Dom Diniz (1279–1325) ließ im 13. Jh. die Grenze zu Kastilien sicherheitshalber mit fast einhundert Burgen befestigen. Bis 1383 herrschte die Dynastie der Burgunder über Portugal. Der letzte Burgunderkönig Dom Fernando war mit Dona Leonor Teles, der Tochter des kastilischen Königs Johann von Kastilien, verheiratet. Nach dem Tod Fernandos, der keine legitimen männlichen Nachkommen hatte, begann der Thronfolgestreit. Der adelige Ständerat (cortés) wählte den Großmeister des Ordens von Avis, Johann von Avis (1357–1433), zum neuen König João I. Dieser war der uneheliche Sohn des Königs Dom Pe- dro I. und dessen Geliebter Teresa Lourenço. Die kastilischen Verwandten reklamierten aber den portugiesischen Thron für die Königswitwe Dona Leonor Teles, was zu erneuten Machtkämpfen führte. In der historischen

Schlacht von Aljubarrota 1385 gelang João I. mit seinem Befehlshaber Nu- no Álvaro Pereira und mit der Unterstützung englischer Bogenschützen der Befreiungsschlag gegen den Erbfeind Kastilien-Leon. Er begründete mit dem Haus Avis die zweite portugiesische Dynastie. Zum Dank für den Sieg ließ er das Kloster Santa Maria da Vitoria in Batalha bauen. Das wich- tigste gotische Bauwerk im Land steht seither symbolisch für Portugals Un- abhängigkeit. Unter der Avis-Dynastie stieg Portugal zur führenden See- und Kolonialmacht auf. Die militärische Hilfe Englands legte den Grundstein für den histori- schen „Tratado de Windsor“, eine langfristige Allianz zwischen beiden Ländern. Besiegelt wurde der Pakt 1387 mit der Heirat Joãos I. und Philip- pa de Lencastre, der Enkelin des englischen Königs Edward III. Deren vier- ter Sohn, Prinz Heinrich, sollte später die ausschlaggebende Rolle bei den portugiesischen Entdeckungsfahrten spielen.

Aufbruch zu unbekannten Ufern:

mit Entdeckergeist zur Kolonialmacht (15. Jh. bis 17. Jh.)

„Aqui

onde a terra acaba e o mar começa“

„Hier

wo das Land endet und das Meer beginnt“

(Luís de Camões, aus „Os Lusiadas“)

Das ruhmreichste Kapitel in Portugals Geschichte begann mit Heinrich dem Seefahrer (Henrique O Navegador, 1394–1460). Sein Name ziert heute Straßen, Restaurants und Denkmäler im ganzen Land. Der Prinz kam am 3. März 1394 als vierter Sohn des Königs João I. und seiner engli- schen Gemahlin Philippa de Lencastre zur Welt. Er gilt als Wegbereiter der glorreichsten Epoche des kleinen Königreichs. Einer Zeit, die die Gestal- tung unserer heutigen Weltkarte maßgeblich mitbestimmte. Dazu muss erwähnt werden, dass Portugal Ende des 14. Jh. gerade ein- mal eine Million Einwohner zählte. Die meisten davon waren Bauern und Leibeigene von kirchlichen und weltlichen Großgrundbesitzern. In der Hauptstadt Lissabon lebten nicht mehr als 40.000 Menschen. Das Vorha- ben, einen unbekannten Ozean mit Schiffen zu befahren, grenzte nach damaligem Wissensstand an Wahnsinn. Die Visionen und Studien einer kleinen wissenschaftlichen Elite und das Kapital des Christusritterordens machte die maritime Expansion Portugals überhaupt erst möglich.

Die christliche Seefahrt

Die Motivation, das Meer mit Karavellen zu erforschen, hatte handfeste Gründe und fand Unterstützung durch den Militärorden Ordem de Cristo. Zum einen wollten die Christusritter das Christentum in die Welt hi- naustragen und den Islam bekämpfen. Die erfolgreichen Rückeroberun- gen der eigenen Gebiete aus maurischer Hand motivierten zusätzlich und der Papst förderte diese Idee. Der Christusorden war die portugiesische Folgevereinigung der Templer. Als Papst Clemenz im Jahr 1314 den ein- flussreichen Templerorden auf Drängen des französischen Königs Philipp des Schönen in ganz Europa verbot, änderten die portugiesischen Or- densbrüder ihren Namen und verlegten ihren Hauptsitz 1319 vom nördli- chen Tomar nach Castro Marim an die Algarve. Das rote Kreuz mit den acht auslaufenden Ecken, das Symbol der Templer, erhielt rasch ein klei- neres weißes Kruzifix in der Mitte. Es thronte fortan auf den Segeln der portugiesischen Schiffe und wurde so zum Symbol der christlichen Ex- pansion. Zum anderen war der europäische Landweg nach Indien und China seit der Eroberung Ägyptens und Konstantinopels im 15. Jh. durch die Osma- nen versperrt. Der Handel mit Gewürzen und Seide galt aber als sehr ein- träglich und so suchte man nach einem Seeweg nach Asien. Die Berichte Marco Polos (1254–1324) von seinen Orientreisen brachten Kartenmate- rial und Informationen über das Morgenland. Heinrich der Seefahrer, der gleichzeitig der Großmeister der Chris- tusritter war, investierte große Teile des Ordensvermögens in die mariti- me Expansion und deren wissenschaftliche Erforschung. Auch soll er auf der Suche nach Bodenschätzen gewesen sein. Zweifelsohne aber war er ein Mann mit Visionen und einem unerschöpflichen Wissensdurst, der seiner Zeit weit voraus war. Heinrich selbst fuhr trotz seines Beinamens nur einmal zur See. 1412 lief er von Lagos mit 19.000 Mann nach Nord- afrika aus und eroberte das marokkanische Ceúta. Mit 21 Jahren erhielt Henrique o Navegador dafür den Herzogtitel und die Handelsrechte über die Stadt. Gleichzeitig wurde er Gouverneur der Algarve. In dieser Zeit lebte er in Sagres, widmete sich Studien und Forschung und umgab sich mit den wichtigsten und besten Wissenschaftlern, Geografen, Kar- tografen und Navigatoren jener Zeit. Ob er tatsächlich, wie oft angege-

In Bronze verewigt: Heinrich der Seefahrer in Lagos

In Bronze verewigt: Heinrich der Seefahrer in Lagos

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ben, eine Seefahrerschule in der mittelalterlichen Festung Fortaleza de Sagres unterhielt, ist nicht nach- gewiesen. Heinrichs wichtigstes Projekt war die Konstruktion der Karavelle, eines für diese Zeit völlig neuar- tigen Schiffstyps mit Segeln. Vorbil- der waren unter anderem mau- rische und nordeuropäische Schif- fe. Im Mittelmeerraum waren bis dahin nur schwerfällige langsame Galeeren bekannt. Mit der portu- giesischen Caravela entstand ein Segelschiff, das sicherer und leich- ter zu manövrieren war als alle bis- herigen Modelle. Die frühen Kara- vellen waren mit dreieckigen Latei- nersegeln ausgestattet, die das Se- geln mit dem Wind ermöglichten. Später kamen Dreimaster mit quadratischen Rahsegeln zum Einsatz. In der christlich-mittelalterlichen Welt glaubte man zwar nicht, wie spä- ter behauptet, dass die Erde eine Scheibe sei, dennoch war der Respekt vor dem unbekannten Ozean enorm. Im Mar Tenebroso, dem Meer der Finsternis, endete nach mittelalterlichen Vorstellungen die Welt. Heinrich räumte mit diesem Aberglauben auf. Sein Wissensstand basierte auf der Kenntnis einer runden Erdkugel. Er studierte Meeresströmungen und Windrichtungen, Gestirne und Astronomie und benutzte dazu ein neuar- tiges Messgerät, die Armillarsphäre. Dazu bediente er sich auch ganz un- christlich der Kenntnisse der feindlichen arabischen Gelehrten. Auch der 1459 in Nürnberg geborene Martin Behaim, dessen „Erdapfel“ der älteste bis heute erhaltene Globus ist, reiste später als Wissenschaftler auf den portugiesischen Karavellen mit. Die einfachen Seemänner fürchteten Meeresungeheuer und Himmels- stürme. Es war daher nicht nur eine technische Meisterleistung, sondern vor allem der herausragende Mut der Seefahrer, der die Fahrten über den unbekannten Ozean hinaus ermöglichte. Freilich spielten auch die safti- gen Prämien für die Kapitäne eine Rolle. Die Besatzung der Flotten be- stand aus einfachen Bauern, die weder lesen noch schreiben konnten, Sträflingen, die mit dem Dienst die Aussicht auf Straferlassung erhielten sowie Mitgliedern des mittleren Bürgertums und der niederen Aristokra-

die Aussicht auf Straferlassung erhielten sowie Mitgliedern des mittleren Bürgertums und der niederen Aristokra- 29

tie, die sich einen gesellschaftlichen Aufstieg mittels ruhmreicher Entde- ckungsfahrten erhofften. Die Überfahrten auf den Schiffen waren alles an- dere als komfortabel. Die Männer lebten auf engstem Raum zusammen. Es gab weder Duschen noch Toiletten. Die navegadores trugen monate- lang dieselben Kleider, die nie gewaschen wurden. Der Gestank an Bord muss bestialisch gewesen sein, ganz abgesehen von den Krankheiten, die aufgrund der mangelnden Hygiene und einseitigen Ernährung um sich griffen. Heinrich der Seefahrer selbst erlebte nur die frühen Entdeckungen. 1418 stieß João Goncalves Zarco in einem Sturm auf die kleine Insel Porto San- to, wo er einen sicheren Ankerplatz fand. Zunächst hisste er nur die por- tugiesische Fahne und kehrte wieder um. Zwei Jahre später entdeckte er auf einer weiteren Expedition nur wenige Seemeilen weiter westlich eine üppig bewaldete Insel mit einem Überfluss an Vegetation und Süßwasser. Ilha da Madeira (Holzinsel) nannte er das neue Eiland. Bauern aus der Algarve wurden als Siedler für die Insel angeworben und die ersten Zu- ckerrohrplantagen entstanden. An Mariä Himmelfahrt 1427 sichtete Dio- go de Silves die erste der neun Azoreninseln, die er Ilha de Santa Maria taufte. Das nach und nach entdeckte Archipel nannten die Seefahrer Açores, weil sie die ersten gesichteten Vögel für Habichte (açores) hiel- ten. Die Azoren wurden im 15. und 16. Jh. mit portugiesischen und flämi- schen Bauern besiedelt. Rinderzucht, Mais- und Weinanbau begannen zu florieren. Damit war der Grundstein für den Beginn der Kolonialmacht Portugal gelegt.

Der Beginn der Sklaverei

1434 gelang es Gil Eanes aus Lagos, das Kap Bojador an der Nordwest- küste Afrikas zu umsegeln. Das kam damals einer Sensation gleich, denn das Kap war wegen „kochender Wasser“ und sengender Hitze gefürchtet und seine Umsegelung bedeutete die Überwindung einer wichtigen psy- chologischen Hürde. Gleichzeitig begann damit eine wenig rühmliche Seite der Menschheitsgeschichte. Von der westafrikanischen Küste brachten die Seefahrer neben exo- tischen Gewürzen, Pflanzen und Tieren auch dunkelhäutige Menschen mit. 1444 wurden die ersten Sklaven auf dem Markt von Lagos verkauft. Zunächst kamen sie aus Nordafrika, ab 1446 mit der Entdeckung von Por- tugiesisch-Guinea von der westafrikanischen Küste. Die ersten Sklaven wurden als Arbeiter auf den Zuckerrohrplantagen der Insel Madeira ein- gesetzt. Eines der menschenunwürdigsten Kapitel der Geschichte nahm seinen Lauf.

Mit den beträchtlichen Einnahmen aus dem Menschenhandel finanzier- te das Königreich seine kostspieligen Expeditionsfahrten. Papst Nicolaus V. erteilte dem Sklavenhandel in Portugal und Spanien 1454 den christli- chen Segen mit der Rechtfertigung der Missionierung der heidnischen Völker. Im Namen des Evangeliums wurden afrikanische Männer, Frauen und Kinder in ihrer Heimat auf barbarische Weise eingefangen, wie Vieh auf die Karavellen verfrachtet und auf öffentlichen Märkten in Portugal und später auch in Brasilien verkauft. Die brasilianischen Indios waren nach Ansicht der Kolonialherren als Sklaven nicht brauchbar, denn sie blieben in ihrem natürlichen Umfeld und konnten leicht in die Urwälder flüchten. Zudem starben viele durch von den Europäern eingeschleppte Krankheiten, auf die ihr Immunsystem nicht vorbereitet war. Sie waren weder vom Körperbau noch von ihrem stolzen Wesen her für Feldarbeit geeignet. Selbst Papst Nicolaus riet dazu, „das zarte Wesen“ der Indianer zu schonen. Diejenigen, die nicht an Krankheiten starben, wurden von den Bandeirantes (portugiesische Aus- kundschafter) niedergemetzelt. Der Großteil der indigenen Bevölkerung Brasiliens wurde während der portugiesischen Kolonialisierung ausge- löscht. Das heißt, man benötigte für die boomenden Zuckerrohr-, Kakao- und Baumwollplantagen schnell alternative Arbeitskräfte, die daraufhin aus Afrika eingeschifft wurden. In der portugiesischen Geschichte wird dieser Aspekt der Entdecker- epoche häufig damit relativiert, dass die Spanier viel brutaler mit Afrika- nern und Indios verfahren seien, genannt sei nur der berüchtigte brutale Inka-Eroberer und Peru-Entdecker Francisco Pizarro. Die propagierte Vor- stellung von den „sanften portugiesischen Kolonialherren“ ist jedoch größtenteils ein Mythos und liegt in der romantisch verklärten Realitäts- verweigerung der meisten Portugiesen begründet. Demgegenüber steht ein altes Zitat der Eingeborenen aus den afrikanischen Kolonien Portugals:

„Gott hat die Weißen und die Schwarzen erfunden. Die Portugiesen aber, die hat der Teufel erfunden.“ Ein portugiesisches Sprichwort, das in Brasilien jedes Kind kennt, heißt dagegen: „Gott hat die Weißen, Schwarzen und Indios geschaffen, die Portugiesen schufen die Mischlinge.“ Gern bezeichnen sich die Portugie- sen im Zusammenhang mit ihrer Kolonialgeschichte als die „Erfinder“ der mestiços (Mischlinge), da sie im Gegensatz zu den Spaniern die Eingebo- renen nicht töteten, sondern sich mit ihnen vermischten. Die Bevölkerung Brasiliens ist das Resultat dieses Kulturencocktails. Doch auch die Ge- schichte der portugiesischen Kolonialzeit war überwiegend geprägt von Gewalt und Menschenrechtsverletzungen. Kaum eine Kolonialmacht steht hier besser da als die andere.

Das Geschäft mit Menschen

Über den Handel mit der „Ware Mensch“ ist in der portugiesischen Litera- tur wenig zu lesen. Dieses dunkle Kapitel der Geschichte ist unattraktiv und wird gern ignoriert. Über eine Entschuldigung, wie sie im Juni 2009 von der nordamerikanischen Regierung unter Barack Obama an alle Nachkommen afrikanischer Sklaven ausgesprochen wurde, wird hier nicht nachgedacht. Der ehemalige Staatspräsident Jorge Sampaio meinte bei öffentlichen Feierlichkeiten zur Kolonialgeschichte, für eine Abbitte gä- be es keinen Anlass. Die Portugiesen dominierten über Jahrhunderte das Monopol auf dem Sklavenmarkt. Nachdem Gil Eanes den Seeweg nach Afrika erschlossen hatte, begann neben dem Geschäft mit Gewürzen und Gold auch bald der Handel mit Menschen. Das erste Schiff mit Sklaven aus Westafrika lande- te 1441 in Lagos und erregte großes Aufsehen im Land. Schnell erkannte man, dass mit den afrikanischen Arbeitskräften gutes Geld zu verdienen war, schließlich mussten die kostspieligen Entdeckungsreisen finanziert werden. Bald fuhren Karavellen mit dem gezielten Auftrag aus, Sklaven einzufangen. Millionen Menschen wurden von Afrika aus nach Portugal und später in die brasilianische Kolonie verschleppt. Mehr als 52.000 Schwarzafrikaner kamen allein zwischen 1575 und 1591 nach Portugal. Über 440.000 Menschen wurden in nur drei Jahren von Afrika nach Bra- silien verschifft. Historiker sprechen von knapp zwei Millionen afrikani- schen Sklaven, die zwischen 1700 und 1810 nach Brasilien kamen und auf Zuckerrohr- und Kakaoplantagen schuften mussten. Und dann gab es noch Abertausende Männer, Frauen und Kinder, die während der Über- fahrt aufgrund der unmenschlichen Bedingungen ums Leben kamen: Zu- sammengepfercht wie Tiere waren die Menschen Krankheiten, Hunger und mangelnder Hygiene ausgesetzt.

Expansion und Wohlstand

Die Entdeckungen und damit einhergehenden Kolonisierungen machten aus dem kleinen Königreich Portugal eine Weltmacht. In zwei Jahrhunder- ten stieg die junge Nation am äußersten Rand Europas zu einem Übersee- Imperium auf, das weite Teile der Welt dominierte. Die neuen Territorien brachten mit Rohstoffen, Gold, Sklaven und Gewürzen Wohlstand in die königliche Staatskasse. Vor allem Pfeffer, Zimt und Nelken brachten hohe Gewinne ein. Die Gewinne aus dem Pfefferhandel waren gar so einträg-

Im Europa des 17. Jahrhunderts gehörte es in elitären Kreisen zum gu- ten Ton, Haussklaven zu halten. Nach christlichen Maßstäben galten die afrikanischen Ureinwohner als Ungläubige und Menschen zweiter Klasse, die man ohne Unrechtsbewusstsein als Eigentum betrachten konnte. Man legte ihnen Halsbänder an und schrieb darauf den Famili- ennamen des Eigentümers. Außerdem fehlten im eigenen Land Arbeits- kräfte für den Bau von Kirchen und Palästen und die Landwirtschaft, denn viele Portugiesen fuhren mit den Expeditionsschiffen zur See oder waren in den Restaurationskriegen gegen Spanien umgekommen. Lagos galt ab 1445 als der Hauptumschlagplatz für die „Menschenware“. Zu- nächst kamen die Sklaven aus den islamischen Gegenden Nordafrikas, später aus Westafrika. Im speziell für afrikanische Angelegenheiten ge- gründeten Casa da Guiné wurde über den Handel Buch geführt. Im Ge- bäude des ehemaligen Zollamts, der Alfândega in der Algarve-Stadt La- gos, stellten Händler die frisch eingetroffene „Ware“ zur Versteigerung aus. Die Engländer und Holländer nahmen den Portugiesen später das Sklavenmonopol ab. Das einträgliche Geschäft lief trotzdem noch bis ins 19. Jahrhundert hinein recht gut. Im Jahre 1761 wurde der Menschen- handel zwar von Premierminister Marquês de Pombal verboten, Köni- gin Maria I. hob dieses Verbot jedoch später wieder auf. Erst im Jahr 1869 kamen die letzten „escravos“ in Portugal frei, in Brasilien sogar erst 1888. Das historische Gebäude des Sklavenmarktes von Lagos, bisher als Kunstgalerie genutzt, sollte nach Wünschen der Stadtverwaltung rechtzei- tig zum 550. Todestag Prinz Heinrichs des Seefahrers im Jahr 2010 eine Bestimmung als bisher einziges Museum zur Geschichte der Sklaverei in Portugal erhalten. Da das Gebäude aber der Armee gehört und diese sich gegen das Vorhaben stellt, ist die weitere Nutzung eines der historisch wichtigsten Gebäude der Algarve ungewiss.

lich, dass sich die Überfahrten selbst bei Verlust eines Schiffes der Han- delsflotte noch rechneten. 1471 beherrschte Portugal bereits die gesamte nordmarokkanische Halbinsel bis zur Straße von Gibraltar. Es erhob auch Anspruch auf die Kanarischen Inseln, musste jedoch 1479 die spanische Herrschaft aner- kennen. Als Bartolomeu Dias im Jahr 1488 erstmals das Kap der Guten Hoffnung umsegelte, war Heinrich der Seefahrer schon seit 28 Jahren tot. Madeira und die Azoren entwickelten sich zu strategischen Hafenstütz- punkten und zu wichtigen Zentren der Zuckerproduktion. Das „weiße

Gold“ brachte gute Umsätze. Es folgte die Inbesitznahme von Angola, Kap Verde, Portugiesisch-Guinea und den Inseln São Tomé und Príncipe. Unter König Manuel I. fand Vasco da Gama 1498 den lange gesuchten Seeweg nach Indien. Portugal konnte sich somit das Handelsmonopol für Gewürze zwischen Asien, Afrika und Europa sichern, was maßgeblich zum Aufschwung des Landes beitrug. Pedro Álvares Cabral, Abkömmling eines Adelsgeschlechts aus Belmon- te in Zentralportugal, stieß im Jahr 1500 eher zufällig auf Brasilien, denn auch er war auf dem Weg nach Indien. Er landete an der Küste Bahias in Santa Cruz da Cabralia bei Porto Seguro, empfangen von mit bunten Fe- dern geschmückten nackten Indianern. In einigen Büchern ist zu lesen, die Indios hätten die portugiesischen Karavellen schon kilometerweit gero- chen, so stark sei der Gestank der hölzernen „Ungeheuer“ gewesen. Die Portugiesen ihrerseits waren überrascht von der absolut unschuldigen Naivität der Eingeborenen und begannen, die Genitalien der Frauen und Männer genauer zu studieren, was die Indios zum Erstaunen der weißen

„Os Lusíadas“ – mittelalterliches Entdeckerepos Der verarmte Aristokrat und Poet Luís Vaz de Camões
„Os Lusíadas“ – mittelalterliches Entdeckerepos
Der verarmte Aristokrat und Poet Luís Vaz de Camões (1524–1580) war
ein literarischer Spross der Entdeckerepoche. Der Abenteurer erlangte
mit seinen 1572 gedruckten „Lusiaden“ („Os Lusíadas“) Ruhm. Ein na-
tionales Heldenepos, das für Portugal die gleiche Bedeutung hat wie Ho-
mers „Odyssee“ für Griechenland oder Cervantes „Don Quijote de la
Mancha“ für Spanien.
Camões war bekannt als Lebemann und Haudegen: Er verlor ein Au-
ge bei einem Duell, saß mehrfach im Gefängnis und musste unzählige
Male wegen unrühmlicher Liebschaften flüchten. Siebzehn Jahre lang
begleitete er die Seefahrer auf den Karavellen und schrieb seine Erlebnis-
se in zehn Gesängen und über 8000 Versen nieder, eine mittelalterliche
Reisereportage in Gedichtform. Gleichzeitig sind die „Lusiaden“ eine
idealisierte Hommage an die Eroberer, gewidmet König Sebastião.
Luís de Camões erlebte Portugal sowohl als winziges Königreich wie
auch als koloniale Großmacht. Er bezeichnete Portugal als „lusitanisches
Haus“ und die Expansion seines kleinen Heimatlandes als „in die Welt
verstreute portugiesische Seele“. Der Dichter starb mit 56 Jahren am 10.
Juni 1580 in Lissabon völlig verarmt an der Pest. Sein Todestag ist heute
portugiesischer Nationalfeiertag und seine „Lusiaden“ sind das wich-
tigste epische Werk Portugals.
Manuelinik – portugiesischer Einfallsreichtum Eine architektonische Besonder- heit Portugals ist der nach König
Manuelinik – portugiesischer Einfallsreichtum
Eine architektonische Besonder-
heit Portugals ist der nach König
Manuel I. benannte ausschweifen-
de Bau- und Dekorationsstil der
„Manuelinik“. Unter Manuel I.
(1495–1521), auch „der Glück-
liche“ genannt, erlebte Portugal
seine glorreichste Zeit: faszinie-
rende Entdeckungen, Macht und
Reichtum. Die neuen Eindrücke,
die Seeleute und Wissenschaftler
aus den fremden Ländern mit-
brachten, inspirierten Künstler
und Steinmetze. Es entstand ein
ganz eigener Stil, der im krassen Gegensatz zu den schlichten und stren-
gen Formen der Spätgotik stand. Fenster, Portale und ganze Paläste wur-
den mit üppigen Verzierungen ausgestattet, Fantasie und Spielerei wa-
ren keine Grenzen gesetzt. Segeltaue, Knoten, gewundene Seile, Anker,
Pflanzen, Muscheln, Korallen, Karavellen – ein kurioses Gemisch be-
stimmte den Stil. Das Kreuz des Christusritterordens und das Symbol
Dom Manuels, die Armillarsphäre (ein mittelalterliches astronomisches
Messgerät, auch auf der portugiesischen Nationalflagge zu finden), wa-
ren immer integriert. Später kamen weitere Elemente und Stile aus der
italienischen Renaissance hinzu.
Die schönsten Beispiele für Manuelinik sind das Kloster Jerónimus
und der Torre de Belém in Lissabon, das manuelinische Fenster des Con-
vento do Cristo von Tomar, die alle Elemente des ausgefallenen Stils ver-
einen. An der Algarve kann man das Eingangsportal der Kirche Luz de
Tavira und der Igreja Matiz in Alvor bewundern sowie das manuelini-
sche Fenster des Gouverneurspalasts von Lagos, von dem aus übrigens
Dom Sebastião (siehe auch den Exkurs „Dom Sebastião – die verloren ge-
gangene Zukunft“) seiner letzten Messe vor dem verhängnisvollen Feld-
zug beiwohnte.
Manuelinik in Vollendung : Torre de Belém am Tejo-Ufer Lissabons
046pgl Foto: la

Ankömmlinge „weder beschämte, noch irritierte“, wie ein zeitgenössi- scher Jesuit beschrieb. Zunächst wurde nur die brasilianische Küste besie- delt. Später entsandte man die Bandeirantes (Fahnenträger) ins Hinterland, um das Territorium zu erkunden. Diese erledigten ihre Aufgabe gründlich und keineswegs zimperlich. Auf ihren Landnahmen töteten sie die Indios wahllos wie wilde Tiere. Brasilien wurde unterteilt und zeitweise den Je- suiten zur Verwaltung und Missionierung übergeben. Das südamerikani- sche Land entwickelte sich zur wichtigsten Rohstoffquelle und größten

Die ehemaligen portugiesischen Kolonien auf einen Blick • 1419: Madeira Archipel – Autonome Region Portugals
Die ehemaligen portugiesischen Kolonien auf einen Blick
• 1419: Madeira Archipel – Autonome Region Portugals
• ab 1427: Azoren – neun Inseln, Autonome Region Portugals
• 1446: Portugiesisch-Guinea (Guiné Bisau oder Guinea-Bissau) –
Kolonisierung ab 1640, Unabhängigkeit 1974
• 1460: Kapverdische Inseln (Kap Verde) – Unabhängigkeit 1975
• 1484: São Tomé und Príncipe und Angola – Unabhängigkeit 1975
• 1498–1544: Mosambik – Unabhängigkeit 1975
• 1498–1510: Goa, Kalkutta – Rückgabe an Indien 1954
• 1500: Brasilien – Unabhängigkeitserklärung 1822
• 1512: Ost-Timor – Entdeckung, Kolonisierung 1610, Unabhängigkeit
1975, Besetzung durch Indonesien, Befreiung und Staatsgründung
von Timor-Leste (port. Name) bzw. Timor Lorosae (Name in der Lan-
dessprache Tetum) 2002
• 1513: Macau – Rückgabe an China 1999

Kolonie des Königreiches. Goldminen und tropische Hölzer (pau brasil) schwemmten Reichtum in die Kassen des Mutterlandes. Mit den Entdeckungsfahrten und Eindrücken aus der Neuen Welt ent- wickelte sich zeitgleich ein landeseigener Architekturstil, der nach König Manuel I. als Manuelinik in die Architekturgeschichte einging. Auch der erste Weltumsegler Fernão de Magalhães (1480–1521) besser bekannt als Ferdinand Magellan, war Portugiese, wenngleich er seine Staatsangehörigkeit änderte, um unter spanischer Flagge segeln zu dürfen. Sein Ruhm war zwar kurz, aber dennoch von immenser Bedeutung für die Weltgeschichte. Die Meerenge zwischen Feuerland und dem südamerikani- schen Kontinent wurde nach ihm Magellanstraße genannt. Auf der Philippi- neninsel Cebu traf ihn ein tödlicher Giftpfeil des einheimischen Häuptlings und Freiheitskämpfers Lapu-Lapu. In Cebu City ist das Denkmal des Stam- mesanführers, der die Spanier bekämpfte, ein beliebtes Ausflugsziel. Christoph Kolumbus (1451–1506) warb zunächst bei der portugiesi- schen Krone, damals unter König João II., um Unterstützung für seine Ex- peditionspläne zur Entdeckung des westlichen Seewegs nach Indien. Die lehnte ab. Ein historischer Fehler, wie sich später herausstellen sollte. Viele Portugiesen ärgern sich noch heute darüber, dass Kolumbus trotz aller Er- folge der Portugiesen als der Entdecker der Neuen Welt gilt. Immer wie- der versucht man in pseudo-wissenschaftlichen Studien zu beweisen, dass Cristóvão Colombo in Portugal geboren wurde. Es gibt sogar einige Auto- ren, die Kolumbus als portugiesischen Spion sehen wollen. Und sein un- ehelicher Sohn Fernando Zarco soll angegeben haben, sein Vater sei in dem kleinen Alentejo-Dorf Cuba geboren. Bisher ließ sich all dies nicht belegen. Sicher ist, dass Kolumbus mit Filipa Moniz Perestrello verheiratet war. Sie war eine Tochter des italienischstämmigen Gouverneurs der zu Madeira gehörenden Insel Porto Santo und Nachfahrin eines alten portu- giesisch-französischen Kreuzrittergeschlechtes. Mit seiner Familie lebte Kolumbus einige Zeit auf Porto Santo, wo sein einstiges Wohnhaus in Vila Baleira heute als Museum fungiert.

„Novos Mundos“ – neue Welten

„E se mais mundo houvera, lá chegará“ „Und gäbe es noch mehr an Welt, dort fasst’ es Boden“ (Luís de Camões in „Os Lusíadas“ über seine Heimat Portugal)

Spanien und Portugal beherrschten die Welt. Um militärische Konflikte zwi- schen den beiden mächtigsten katholischen Nationen zu verhindern, teilte Papst Alexander VI. 1494 im Vertrag von Tordesillas die Hoheitsgebiete auf.

Die Division verlief in einer imaginären Linie von 100 spanischen Leguas (ca. 480 Kilometer) vom Nord- bis zum Südpol durch den Atlantischen Ozean, westlich der kapverdischen Inseln. Spanien erhielt alle Gebiete westlich dieser Trennlinie (Amerika). So sollten die neuen Entdeckungen des Kolumbus für Spanien gesichert werden, die man zum damaligen Zeit- punkt noch für Indien hielt. Dagegen legte Portugal Einspruch ein und die Trennlinie wurde nach langen Debatten und dem Insistieren von König João II. um weitere 270 Leguas (ca. 1770 Kilometer, was dem heutigen 46. Längengrad entspricht) nach Westen verschoben. Damit landete Por- tugal einen strategischen Schachzug und garantierte sich nicht nur den kompletten Osten mit der Afrika-Route und dem Gewürzhandel Asiens, sondern – wie später erst bekannt – auch Brasilien. Einige Historiker gehen davon aus, dass die portugiesischen Kartografen schon Teile des brasilia- nischen Küstenverlaufs kannten, weil sie so beharrlich auf dieser veränder- ten Teilung bestanden. Wissenschaftliche Belege gibt es aber dafür nicht. Der Papst stimmte der Änderung zu und die Spanier akzeptierten kurioser- weise die neue Grenze. Die konkurrierenden Seemächte England, Frank- reich und Holland lehnten den Vertrag kategorisch ab. Sechs Jahre später landete, wie oben schon angeführt, Pedro Álvaro Ca- bral im heutigen brasilianischen Bundesstaat Bahia nahe Porto Seguro, welches ungefähr in der Mitte der brasilianischen Küstenlinie liegt. Terras de Vera Cruz (später Brasil) nannte er das Land. So wurde Brasilien zur größten lusofonen Kolonie und ist bis heute das einzige portugiesisch sprechende Land Lateinamerikas. Bis 1545 bauten die Portugiesen ihre Herrschaft bis hin zu den Moluk- ken, Java, Japan und dem chinesischen Macau aus. Mit Gold und Sklaven machte das Königreich in den folgenden Jahrzehnten ein Vermögen. Während die maritime Expansion außenpolitisch die Horizonte erweiterte, versank das Mutterland in katholischem Fanatismus. König João III. (auch „der Fromme“ genannt) führte 1536 die Inquisition in Portugal ein, die im Laufe der Jahrhunderte viele Opfer fordern sollte. Die Glorie der Entdeckungen endete abrupt mit einer unüberlegten Ex- pedition des unerfahrenen jungen Königs Dom Sebastião. Der Regent starb 1578 in Nordafrika und sein Tod läutete gleichzeitig das Ende der Ära der Expansionen und Entdeckungen ein. Aufgrund fehlender Nachkommen war er der letzte Vertreter der Avis-Dynastie. Sein Großonkel fungierte zwei Jahre lang als Übergangsregent, bis die Nachfolge geregelt war. Philipp II. von Spanien machte als Enkel des portugiesischen Königs Manuel I. seine Ansprüche geltend und wurde vom Ständerat Cortés de Tomar zum König Philipp I. von Portugal gewählt. Der portugiesische Adel erhoffte sich, die Silberminen der spanischen Kolonien würden auch Portugal zugute kom-

men. Ein anderer – unehelicher – Enkel Manuels I., António Prior de Crato, forderte ebenfalls den Thron ein. Er begann eine Revolte, wurde aber von den eigenen Adelshäusern nicht unterstützt und musste nachgeben. Die folgenden sechzig Jahre, von 1580 bis 1640, gehörte Portugal unter der philippinischen Dynastie mit Filipe I., Filipe II. und Filipe III. zum Império da União Ibérica (dem Kaiserreich der Iberischen Union).

Dom Sebastião – die verloren gegangene Zukunft Eines der in portugiesischen Augen tragischsten Kapitel der
Dom Sebastião – die verloren gegangene Zukunft
Eines der in portugiesischen Augen tragischsten Kapitel der nationalen
Geschichte ist mit dem blutjungen König Dom Sebastião verbunden. Se-
bastião kam 1554 als Enkel des Königs João III. auf die Welt. Sein Vater
war kurze Zeit davor verstorben und das Volk hoffte innigst auf einen
männlichen Thronfolger. So wurde das Kind schon vor seiner Geburt
zum „Desejado“, dem Ersehnten. Als Sebastião drei Jahre alt war, starb
auch der Großvater und der Junge wurde zum König gekrönt. Die Re-
gierungsgeschäfte übernahm zunächst ein Großonkel, doch bereits mit
14 Jahren ergriff Sebastião selbst die Macht. Von Jesuiten erzogen,
galt er als fanatisch religiös. Sein größter Wunsch war die Ausbreitung
des Christentums in Nordafrika.
Militärisch absolut unerfahren machte er sich 1578 von Lagos aus mit
20.000 Soldaten auf den Weg nach Marokko. Am 3. August traf das por-
tugiesische Heer bei Alcaçer Quibir auf eine maurische Übermacht. 8000
Männer starben, darunter auch der 24-jährige König und mit ihm fast
der gesamte Jungadel Portugals. Die Lösegelder für die überlebenden Ge-
fangenen ruinierten das Land. Die Nachricht vom Tod Sebastiãos traf
Portugal wie ein Schlag. Niemand wollte wahrhaben, dass der Hoff-
nungsträger umgekommen sei. Da der Leichnam nie gefunden wurde,
entstand ein wahrer Mythos um den „Verschollenen“. Man hielt verzwei-
felt an dem Glauben fest, dass der Retter irgendwann zurückkäme. Die
Dynastie Avis hatte keine weiteren Erben, so machte der spanische König
Philipp II. Ansprüche auf den Thron geltend.
Ein Trauma, das bis heute nicht überwunden zu sein scheint. (Siehe
auch den Exkurs „Portugiesen und Spanier – ungleiche Geschwister“.)
Die Mystifizierung des glücklosen Königs, auf dessen symbolische
Rückkehr man heute noch wartet, wird Sebastianismus genannt. Damit
ist auch eine Art passiver Wartehaltung der Portugiesen gemeint: Immer
wenn es der Nation schlecht ging, hoffte man erneut – vergeblich – auf
eine wundersame Rettung durch die Rückkehr Dom Sebastiãos.

„Monarquias“ und „Repúblicas“ – von der Monarchie zur Republik (16. Jh. bis 20. Jh.)

Mit wachsender Bedeutung der Seemächte Großbritannien und Holland im 16. und 17. Jh. verlor das portugiesische Weltreich nach und nach an Einfluss. Unter der Herrschaft Spaniens von 1580 bis 1640 rückte Portu- gal endgültig in die zweite Reihe und fand nie wieder den Weg zur Groß- macht zurück. Besonders unter König Philipp III. erlitt Portugal einige wirt- schaftliche Nachteile. Das Land wurde zur Provinz deklariert und musste Kolonialgebiete abgeben. Diese sechs Jahrzehnte nationaler Demütigung beendete der Herzog von Braganza (oder Bragança, 1604–1656) mit einer Adelsrevolte. 1640 erklärte er sich zum König João IV. und begründete damit die vierte und letzte Dynastie Portugals, die Dinastia de Bragança. Spanien war zu dieser Zeit mit internen Aufständen und dem sogenannten 30-Jahre-Krieg be- schäftigt und konnte somit nicht unmittelbar reagieren. Mit der Rückgewinnung der Unabhängigkeit (Restauração da Inde- pendência) am 1. Dezember 1640 begann Portugal sich wieder auf seine Kolonien zu konzentrieren. Spanien rächte sich kurz darauf gegen den als Verrat bezeichneten Putsch mit einer Kriegserklärung. Portugal erhielt mi- litärische Unterstützung von England, Frankreich und der Schweiz. Erst 1668 erkannte das spanische Königshaus die Unabhängigkeit Portugals an, zum Ausgleich erhielten die Spanier das bis dahin portugiesische Ceú- ta in Marokko. Die Engländer forderten für ihre Hilfe die Handelsstütz- punkte Bombay und Tanger sowie eine Öffnung des portugiesischen Wirtschaftsmarktes für englische Waren. Im Wirtschaftsvertrag „Tratado de Methuen“ von 1703 verpflichtete sich Portugal zur Abnahme engli- scher Textilien und öffnete gleichzeitig den Exportmarkt für Portwein auf die Insel. Der Vertrag wurde im Laufe der Jahre zur Geißel für Portugal und brachte viele Nachteile für die eigenen Wirtschaftszweige, die sich so kaum entwickeln konnten. Derweil brachte die Entdeckung neuer Goldminen in Brasilien Anfang des 18. Jh. wieder Geld ins Mutterland. Über 20.000 Kilogramm Gold flos- sen pro Jahr in die Schatzkammer des Königreichs. Ein rascher Gewinn, den der extravagante und selbstverliebte König João V. (1707–1750) ge- nauso schnell für verschwenderische Hofhaltung und Prachtbauten ausgab. Die meisten mit Gold überzogenen Barockbauten im Land gehen auf seine Regierungszeit zurück. Mit dem Prunkpalast von Mafra setzte er seinem Größenwahn die Krone auf. Größer und prachtvoller als der El Es-

corial des spanischen Hofes sollte er sein. 13 Jahre (von 1717 bis 1730) dauerte der Bau, 52.000 Arbeiter waren im Einsatz. Das Vorhaben riss tie- fe Löcher in den Staatshaushalt. Für das Volk wurden gleichzeitig die so- zialen Ausgaben gekürzt und die Steuern erhöht. Den Bau der städtischen Wasserversorgung ab 1748 in Lissabon mit dem Aqueducto das Águas Li- vres mussten die Bürger mit hohen Verbrauchssteuern auf Fleisch, Wein und Olivenöl selbst finanzieren. Joãos Nachfolger König José I. erbte nicht nur einen tief verschuldeten Staatshaushalt, sondern erlebte das schlimmste Unglück in Portugals Ge- schichte. Am 1. November 1755 um 9.30 Uhr erschütterte ein Erdbeben der Stärke 8,5 auf der Richterskala das Land. Weite Teile Lissabons und Südportugals lagen in Schutt und Asche. Das Beben löste eine gigantische Flutwelle aus, die die Unterstadt Lissabons überflutete. Historiker spre- chen von 20.000 bis 50.000 Opfern, ganz genau weiß niemand, wie viele Menschen tatsächlich an diesem Dia de todos os Santos (Allerheiligen) starben. Tausende Menschen hielten sich zu dieser Zeit in den Kirchen zum Gedenken der Verstorbenen auf. Die Erschütterungen waren in ganz Europa bis hinauf nach Skandinavien spürbar. Mehrere Nachbeben folg- ten in den Tagen darauf. Die Ruinen des Klosters Convento do Carmo in Lissabons Oberstadt ragen bis heute wie ein Mahnmal in den Himmel. Das restliche Europa zeigte sich fassungslos. Zeitgenössische Philoso- phen wie Voltaire und auch Goethe diskutierten über die Ursachen und Auswirkungen der Naturkatastrophe. Voltaire widmete Lissabon das Ge-

Stichwort Erdbeben

Ein großes Erdbeben mit folgendem Tsunami kann in Portugal jederzeit wieder vorkommen. Einige Experten halten es sogar für längst überfäl- lig. Portugal liegt auf der tektonisch aktiven eurasisch-afrikanischen Kontinentalplatte. Eine geologische Verwerfung auf dem Meeres- grund, die Gorringe Bank südwestlich von Sagres, war das Epizentrum des verheerenden Bebens von 1755. Fast täglich gibt es kleine Erschütterungen, die allerdings kaum zu spüren sind. Das letzte größere Erdbeben ereignete sich am 18. 12. 2009 um 1.30 Uhr. Es war genauer gesagt ein Seebeben mit der Stärke 6 auf der Richterskala mit über achtzig registrierten schwächeren Nach- beben. Glücklicherweise verursachten die knapp zwei Minuten anhal- tenden Erschütterungen keine Schäden im Land. Trotz stetem Gefah- renpotenzial verfügt Portugal über kein ausreichendes Frühwarnsystem.

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Marquês de Pombal – aufgeklärter Erneuerer

Sebastião José de Carvalho e Melo, bekannt als Marquês de Pombal, wur- de 1699 in Lissabon als Sohn einer Aristokratenfamilie geboren. Zunächst war er in London und Wien als Diplomat und Ökonom tätig. Unter König José I. wurde er zum Außenminister und später im trostlosen Jahr 1756 zum ersten portugiesischen Premierminister und damit zum eigentli- chen Regenten berufen. Der tatkräftige Markgraf übernahm sein Amt in dem vom Erdbeben fast vollständig zerstörten Lissabon. Eine Legende sagt, der völlig überforderte König José I. soll Pombal nach dem Desaster hilflos gefragt haben: „E ago- ra?“ – „Und nun?“ Dieser soll erwidert haben: „Cuidar dos vivos, e sepul- tar os mortos.“ – „Die Lebenden versorgen und die Toten begraben.“ So lautete denn auch seine erste Anweisung. Es gibt im Portugiesischen noch heute die Redewendung, wenn man nicht weiter weiß: „E agora, José ?“, die auf diese Legende zurückgeht. Pragmatisch, effizient und fortschrittlich koordinierte Pombal den Wie- deraufbau der Hauptstadt. Dabei war sein Handeln ganz im Geist der Auf- klärung stets nach vorn gerichtet und von der Vernunftlehre geprägt. König José, der seit dem Erdbeben an Klaustrophobie litt, wünschte sich breite Straßen und geräumige Plätze. Der Regent selbst lebte bis zu seinem Lebensende aus Furcht vor weiteren Beben in Zeltpalästen. Lissabon wurde nach einem damals hochmodernen Städtebauprojekt komplett neu auf- gebaut, was dem Politiker Pombal hohen Einfluss und große Macht ein- brachte. Die „Baixa Pombalina“, die Unterstadt, ist das Aushängeschild

Pombal hohen Einfluss und große Macht ein- brachte. Die „Baixa Pombalina“, die Unterstadt, ist das Aushängeschild

dieses Wiederaufbaus: weite parallel verlaufende Prachtstraßen, Plätze, klassizistisch geradlinig angelegte Häuser im Schachbrettmuster. Die ers- ten erdbebensicheren Gebäude Europas entstanden und machten Lissabon zur modernsten Stadt der Zeit. Später, im Jahr 1774, nutzte Pombal die Erfahrungen aus der Haupt- stadt, um am portugiesischen Mündungsdelta des Rio Guadiana in nur fünf Monaten eine „königliche“ Stadt aus dem Nichts zu errichten. Vila Real de Santo António wurde nach den gleichen Plänen und mit densel- ben Ingenieuren wie Lissabon gebaut. Nicht zuletzt erhoffte sich der Mi- nister, dem ewigen spanischen Rivalen durch die neue Stadt die Waren- kontrolle und den Fischhandel am Guadiana abzunehmen. Bei seinen Reformbestrebungen im Finanz-, Bildungs- und Handels- wesen war der Marquês zielstrebig und ehrgeizig, er bekämpfte so man- che Lobby mitleidslos, wenn sie ihm im Weg stand. Er ließ die Jesuiten aus dem Land jagen und auch die Abschaffung der Sklaverei war ein er- klärtes Ziel des Politikers. Doch entwickelte er sich selbst zum Despoten und machte sich mit seinem autoritären Führungsstil im Volk zuneh- mend unbeliebt. Nach dem Tod des ihm wohlgesonnenen Königs José I. ging der Thron an die konservative katholische Königin Dona Maria I. über, der die Ma- chenschaften des Erneuerers und Freimaurers ein Dorn im Auge waren. Kurz nach ihrem Amtsantritt 1777 entließ sie den in Ungnade Gefallenen und schickte ihn in die Verbannung in ein kleines Nest im Norden, das bis heute seinen Namen trägt. 1782 starb der Marquês in besagtem Pom- bal resigniert und ignoriert.

dicht Poème sur le desastre de Lisbonne („Gedicht über das Desaster von Lissabon“). Das Beben erschütterte nicht nur die Gebäude und Architektur der Stadt. In dem streng katholischen Land warfen sich Fragen in der gläubi- gen und abergläubischen Bevölkerung auf. Die Tatsache, dass das Un- glück an einem religiösen Festtag geschah und über zwanzig bedeutende Kirchen Lissabons zerstörte, ließ eine göttliche Strafe befürchten. Auch politisch löste das Terramoto de Lisboa grundlegende Änderungen aus. Der vom König geförderte, aber bei der Aristokratie unbeliebte Außenmi- nister Pombal erhielt weitreichende Machtbefugnisse.

Prunkpalast Palácio de Mafra

Prunkpalast Palácio de Mafra

Die Schwäche des tief verwundeten Landes machten sich die Feinde zu- nutze. 1761 marschierten Spanier und Franzosen ein, aber Portugal konn- te seine Unabhängigkeit verteidigen. Die Grenze wurde erneut befestigt und das Heer reformiert. Trotzdem besetzte Napoleon 1807 die Stadt Lissabon und Teile des Landes als Antwort auf Portugals Handelsbezie- hungen mit England. Das Königshaus unter João VI. samt Hofstaat flüch- tete wenig staatsmännisch ins Exil nach Brasilien. Zwölf Jahre lang wurde das Mutterland nun von einer Kolonie aus regiert, was in Europa bis dahin einmalig war. Einmal mehr kamen die Engländer militärisch zu Hilfe und drängten die Franzosen zurück. Dafür nahm die Abhängigkeit zum eng- lischen Beschützer weiter zu, Portugal wurde zum britischen Protektorat. Unter der autoritären Verwaltung des englischen General Beresford, der auch das Oberkommando über die portugiesischen Truppen hatte, wurde die Autonomie Portugals immer mehr beschnitten. Die Unruhen verschärften sich in der Bevölkerung. Eine Gruppe Libera- ler aus Porto revoltierte gegen diese Bevormundung durch England und entfachte einen Putsch. Die Königsfamilie sah sich gezwungen zurückzu- kommen, als 1820 eine radikal-liberale Verfassung ausgerufen wurde. Die- se sah auch die Beendigung der Inquisition vor. Der Königssohn Miguel, ein Anhänger des Absolutismus, weigerte sich, eine solche Verfassung an- zuerkennen. Sein liberal eingestellter älterer Bruder Pedro, der als Verwal- ter in Brasilien geblieben war, favorisierte eine konstitutionelle Monarchie. Der Konflikt verstärkte sich und führte zu einem jahrelangen Bruderkrieg, der als Miguelistenkrieg in die portugiesische Geschichte einging. Dazu kam der Verlust der wichtigsten Kolonie und Einnahmequelle:

1822 erklärte Brasilien seine Unabhängigkeit vom Mutterland. Dom Pe- dro, erstgeborener Sohn des portugiesischen Königs João VI. und eben oppositioneller Bruder Miguels, deklarierte in einem symbolischen Akt „Unabhängigkeit oder Tod“ für Brasilien und erklärte sich zum Kaiser Pe- dro I. von Brasilien. Das mittlerweile tief verschuldete portugiesische Kö- nigreich seines Vaters konnte ihm nichts entgegenhalten. Später dankte er ab, überließ seinem Sohn Pedro II. die Regentschaft über die ehemalige Kolonie und kam ins Mutterland zurück, um Miguel vom in- zwischen bestiegenen Thron zu stürzen. Aus den entscheidenden Kämpfen der Jahre 1832 bis 1834 ging Dom Pedro schließlich als Sieger hervor. Er setzte eine liberale Verfassung ein, ließ alle Männerkloster schließen, be- gann mit dem Bau der Eisenbahnverbindungen und beruhigte die politische Lage. Die Thronfolge übernahm seine Tochter Maria II. Nach einer kurzen Phase der Stabilität unter Maria II. und deren Nachfolger Dom Luis I. nah- men anti-monarchistische Bewegungen in der Bevölkerung zu. Die Eng- länder verlangten inzwischen Gebiete in den portugiesischen Kolonien zur

Schuldentilgung. Es gab immer mehr Unmut gegen die britischen Forde- rungen und republikanische Gruppierungen fanden zunehmend Unterstüt- zung im Volk. Eine erste Revolte im Jahr 1881 scheiterte allerdings. 1889 übernahm König Carlos I. nach dem Tod von Dom Luis I. die Regentschaft. 1890 stellte England seinem „Schützling“ ein Ultimatum, worin es die Abtretung besetzter Kolonien zwischen Angola und Mosambik forderte. Carlos I., den Briten wirtschaftlich und politisch verpflichtet, musste sich beugen. Die Stimmung im Land war aufgeheizt und gipfelte in einem At- tentat, das als „Lissabonner Blutabend“ in die Geschichte einging. Der um- strittene, als Englandfreund und korrupt geltende Carlos I. und sein Kron- prinz Luis Felipe starben am Abend des 1. Februar 1908 im Kugelhagel ei- ner Gruppe anarchistischer Republikaner. Der Königsmord (regicídio) wird bis heute intensiv in der portugiesischen Gesellschaft diskutiert. Der zweitgeborene erst 18-jährige Thronfolger Manuel II. konnte die auf- ständischen Kräfte nicht mehr bändigen und flüchtete ins Exil. Ein Militär- putsch beendete die portugiesische Monarchie. Am 5. Oktober 1910 rief die zuvor gegründete Partido da República die Republik aus. Portugal war damit nach Frankreich und der Schweiz die dritte Republik in Europa. Ei- ne liberale Verfassung regelte 1911 die Grundwerte von Freiheit und Gleich- heit aller Bürger und die Gewaltenteilung. Der Laizismus, das heißt die strik- te Trennung von Kirche und Staat, wurde erstmals im Gesetz verankert. Im Ersten Weltkrieg schlug sich Portugal auf die Seite der Entente. Das Land schickte 100.000 Soldaten in den Krieg, über 7000 von ihnen fielen. Die unruhige Zeit der ersten Republik war geprägt von Anarchie und Cha- os. In den folgenden 15 Jahren erlebte Portugal insgesamt 44 Regierun- gen mit acht Präsidenten und 26 Putschversuchen. Das Großbürger- tum rief zunehmend nach einem „starken Führer“.

Faschismus und Salazarismus:

„Stolz und allein“ (1928–1974)

„Autoridade e liberdade são dois conceitos incompatíveis … Onde existe uma, não pode existir a outra.“ „Autorität und Freiheit sind zwei unvereinbare Konzepte … Wo die eine herrscht, kann die andere nicht existieren.“ (António de Oliveira Salazar)

Im Jahr 1926 beendete ebenfalls ein Militärputsch unter General Carmo- na die politisch instabile erste Republik. Der Zivilist und Nationalökonom

António de Oliveira Salazar

Salazar war kein typischer Diktator. Kein fanatischer Massenverführer wie Hitler, kein Redekünstler wie Mussolini, kein militärisch gedrillter General wie der spanische Franco. Laut Aufzeichnungen war er eher eine blasse, langweilige Person – gleichwohl prägte er Portugals Psyche und Geschichte ebenso nachhaltig wie traumatisch. Er galt als erzkatholisch, tugendhaft, autoritär, geizig und asketisch korrekt – ein moralischer Übervater. António de Oliveira Salazar kam am 18. April 1889 im Bezirk Santa Comba Dão als Kind einer Landarbeiterfamilie zur Welt. Mit Mühe konn- te ihm die Familie eine Schulbildung ermöglichen. Eigentlich hätte er Pfar- rer werden sollen und besuchte dafür einige Jahre das Priesterseminar. Doch früh erkannten Professoren sein Talent für die Wirtschaft und er- möglichten ihm ein Studium der Nationalökonomie an der renommierten Universität von Coimbra. Er beendete das Studium als einer der Besten und lehrte danach als Professor für Volkswirtschaft. 1928 wurde er zum Finanzminister ernannt, vier Jahre später zum Ministerpräsidenten. Mit eiserner Hand herrschte er über ein bewusst in Unbildung und Un- wissenheit belassenes Volk. 1960 bemerkte ein Vertreter des Regimes ganz im Sinne seines Chefs: „Wozu das Land alphabetisieren? Haben nicht Vas- co da Gamas Matrosen, allesamt Analphabeten, den Seeweg nach Indien entdeckt?“ Der „Doutor“, wie Salazar im Volk genannt wurde, lebte zu- rückgezogen in einem spartanisch eingerichteten Seitenflügel des São Ben- to Palasts in Lissabon. Das Leben in der Großstadt war für den bekennen- den Landmenschen eher ein notwendiges Übel. Als Staats- und Privat- mann war sein oberstes Gebot Disziplin und Ordnung. Eigentlich war er eine ganz und gar untypische portugiesische Erscheinung, die im krassen

António de Oliveira Salazar kam an die Macht; zunächst 1928 als Finanzmi- nister, dann ab 1932 als Ministerpräsident. 1933 gründete er den Estado Novo, einen autokratischen Staat mit Einheitspartei (União Nacional), Staatspolizei nach deutschem Gestapo-Vorbild (PIDE – Policia Internacional e de Defesa do Estado) und der Mocidade Portuguêsa (ein Jugendverband ähnlich der Hitlerjugend). Salazar war am Ziel, er hielt alle politischen Fäden in der Hand. In über 40 Jahren Diktatur verwandelte er die Portu- giesen in ein tief traumatisiertes unmündiges Volk. Streng katholisch und autoritär verfolgte er Oppositionelle und politische Gegner. Als unange- zweifelter „Übervater“ kontrollierte Salazar alles und alle im Land. Er setzte dabei auf Patriotismus, Kirche und nationales Ego und schwor das Volk auf

Gegensatz zu den chaotischen Verhältnissen im Land stand. Womöglich war er der „starke Mann“, nach dem sich das von politischen Wirren ge- beutelte Volk gesehnt hatte. Er verkündete öffentlich seine Abneigung ge- gen die Demokratie. Sein Weltbild war geprägt von „Deus e Patria“ (Gott und Vaterland) und „Trabalho e Familia“ (Arbeit und Familie), das Ganze getragen von der in seinen Augen nötigen Autorität. Dabei bezog er sich gern auf die machtpolitischen Manifeste des italienischen Philosophen Ma- chiavelli. Der Geiz brachte Salazar letztendlich im wahrsten Sinne des Wortes zu Fall. Als er im Jahr 1968 auf seinem alten, mit Segeltuch bespannten Stuhl saß, riss der Stoff und der Diktator fiel so unglücklich auf den Kopf, dass er einige Tage später einen Hirnschlag erlitt. Zwei lange Jahre noch wurde eine Farce aufrecht erhalten, die glauben ließ, er hätte immer noch die Zü- gel in der Hand. Selbst seine langjährige Haushälterin spielte laut Auf- zeichnungen das Spiel mit. Der Tod des portugiesischen Regenten am 27. Juli 1970 wurde von vielen Portugiesen beweint, von den anderen gefeiert. Salazar ist und bleibt eine umstrittene Persönlichkeit im eigenen Land. Immer wieder wird versucht, seine menschlichen Seiten hervorzuheben. Und oft sieht man in ihm, im Vergleich zum Nationalsozialismus oder den anderen totalitären europäischen Staatsystemen dieser Zeit, das geringere Übel. Seine Ziehtochter Maria de Conceição Rita, von ihm „Micas“ ge- nannt, veröffentlichte im Jahr 2007 ein Buch mit dem Titel „Os meus 35 anos com Salazar“ – „Meine 35 Jahre mit Salazar“. Darin beschreibt sie den „Senhor Doutor“ als fürsorglichen liebevollen Familienvater. Demge- genüber stehen die Morde und Verhaftungen politischer Gegner und die unzähligen Opfer des Salazar-Regimes, ganz abgesehen von dem trauma- tischen Erbe, das er Portugal aufbürdete.

die drei „F“ ein: Fado (nur portugiesische Musik), Fátima (Religion und Gottesfürchtigkeit), Fußball (Nationalstolz und „Opium fürs Volk“). Salazar gab den einfachen Menschen ein Gefühl von Sicherheit, gleich- zeitig steuerte er Portugal in eine wirtschaftliche und politische Isola- tion. Orgulhosamente só – „Voll Stolz allein“ – wurde zum nationalen Motto. Das Volk sollte bewusst abgeschottet werden, um schädliche Ein- flüsse von „außen“ zu vermeiden. Ein anderer Propagandaspruch lautete:

Tudo para a nação, nada contra a nação. – „Alles für die Nation, nichts ge- gen die Nation.“ Und um die Landbevölkerung auf Kurs zu halten, schürte Salazar falsches Selbstvertrauen, d. h., er schwor die Bevölkerung auf die Illusion einer Wirtschaftspotenz ein, die fern jeglicher Realität lag. Der Sa-

lazarismo propagierte den Größenwahn des Império Ultramar, des Über- seekaiserreichs. Die afrikanischen Kolonien sollten durch und durch „por- tugiesisch“ werden und so die fehlende Größe und politische Bedeutung des Mutterlandes kompensieren. Portugal lebte auf Kosten seiner Kolo- nien, beutete Rohstoffe aus und importierte billige landwirtschaftliche Pro- dukte. Nur so konnte es all die Jahre überleben. Derweil war die Landbe- völkerung praktisch von allen Entwicklungen des restlichen Europa und der Welt ausgeschlossen und so arm wie nie. Über zwei Millionen Portugiesen emigrierten zwischen 1950 und 1970 mit dem Ziel einer besseren Zukunft in andere Länder, vor allem nach Frankreich, Deutschland oder Übersee. Dazu kamen viele politische Flüchtlinge. Im Heimatland waren die Medien zensiert, Frauen durften nur in Ausnahmen Berufe ausüben und waren dem Ehemann rechtlich zum Gehorsam verpflichtet, freie Meinungsäußerung und Demonstrations- recht existierten nicht. Wer dagegen aufbegehrte wurde schonungslos von der PIDE verfolgt. Verhaftungen waren an der Tagesordnung. Wer Glück hatte, wurde des Landes verwiesen, ansonsten warteten Folter, Ter- ror oder gar der Tod. Vor allem die Kommunistische Partei setzte sich mas- siv gegen das Unrechtsregime zur Wehr. Ihre Anhänger wurden dement- sprechend streng überwacht. Wirtschaftlich stärkte Salazar die Macht der Großgrundbesitzer. 70 Pro- zent der Ländereien gehörten einer Handvoll einflussreicher Familien- clans. Eine Oligarchie aus knapp 100 Familien bildete den Machtzirkel um den Diktator, eine elitäre Gesellschaft aus Landadel, Bankiers, Kirchen- oberhäuptern und Militärs. Die restliche Bevölkerung waren arme Bauern, Fischer und Landarbeiter. Nach Ende der Ära Salazar verfügte die Mehr- heit der Bevölkerung nur über eine geringe oder gar keine Schulbildung, die Analphabetenrate der Landbevölkerung lag bei 40 Prozent. Im Zweiten Weltkrieg sicherte Salazar die Neutralität Portugals, womit er sich bei der Bevölkerung beliebt machte. Ideologisch stand er auf der Seite der Nationalisten und belieferte Deutschland und die Alliierten gleicherma- ßen mit Wolfram für die Waffenindustrie. Geheimagenten aller Kriegspar- teien agierten zu dieser Zeit in den Küstenstädten Cascais und Estoril. Die noblen Villenstädte nordwestlich von Lissabon wurden zum Tummelplatz für deutsche und englische Spione. 1943, angesichts eines bereits politisch isolierten und geschwächten Nazideutschlands, erlaubte Salazar den Ame- rikanern die Einrichtung von Luftwaffenstützpunkten auf den Azoren. Ab 1960 begannen Angola, Mosambik und Guinea-Bissau gegen das Mutterland zu revoltieren und forderten ihre Unabhängigkeit ein. Blutige Kolonialkriege ohne Aussicht auf Lösung zermürbten die gegnerischen Parteien und belasteten den portugiesischen Staatshaushalts zunehmend.

Zwei Drittel der 225.000 Mann starken portugiesischen Armee kämpften in Afrika. Schwere Verluste wurden zum internen Problem für den Allein- herrscher. Man sagt, Portugal verlor in den Kolonialkriegen (Guerras Ultra- mar) genauso viele Soldaten wie die USA zeitgleich in Vietnam. Nicht we- niger Menschen starben auf der afrikanischen Seite. Ende der 1960er-Jahre formierte sich im Militär und unter den linken Studentenvereinigungen zunehmender Widerstand gegen Salazar und seine Politik. Der Anführer der kommunistischen Partei (PCP – Partido Co- munista Português) Álvaro Cunhal war ein berühmter Untergrundheld der Resistência. Zwölf Jahre lang saß er in Peniche im Festungsverlies in Isolierungshaft ein. 1961 konnte er in einer spektakulären Befreiungsakti- on flüchten und ging danach ins Exil in die Sowjetunion und nach Tsche- chien. Auch andere politische Gruppierungen versuchten, vom Exil aus Widerstand zu leisten. Mário Soáres, Gründer der Sozialistischen Partei (PS– Partido Socialista) und späterer Premierminister und Staatspräsident, agierte zunächst von Deutschland und Frankreich aus. 1968 erlitt Salazar einen Hirnschlag, an dem er zwei Jahre später starb. Die Diktatur über- lebte ihn noch vier weitere Jahre. Er hinterließ seinem Nachfolger Marce- lo Caetano ein finanziell ruiniertes, politisch isoliertes und zutiefst verun- sichertes Land.

Die Nelkenrevolution (25. April 1974)

Die führenden Militärs erkannten zunehmend, dass weder die Kolonial- kriege noch die politische Führung eine Lösung für die desolate wirt- schaftliche und soziokulturelle Situation des Landes brachten. Widerstand machte sich auch unter den Soldaten breit. Das unnötige Blutvergießen in den Kolonialkriegen ergab keinen Sinn. Eine Gruppe von Offizieren, die Capitães de Abril – allen voran der mutige Hauptmann Salgueiro Maia – entfachte vom Alentejo aus eine Revolution. Im ganzen Land verteilt for- mierten sich revoltierende Einheiten zum Einmarsch in die Hauptstadt. Sal- gueiros Truppe war die größte und wichtigste Einheit und begann ihren Marsch auf Lissabon von Grandola im südlichen Alentejo aus. Das verbotene Lied „Grândola Vila Morena“ von José Afonso wurde zur historischen Revolutionshymne, die Textpassage O Povo é quem mais or- dena – „Das Volk hat das Sagen“ – zum gefeierten Schlachtruf. Am 25. April 1974 kurz nach Mitternacht ließ die Sendestation des Radioclube Português das Lied über den Äther erklingen: das Startsignal für die Offi- ziere in den Kasernen von Porto, Lissabon und Grandola. Die Revolution ging demnach nicht vom portugiesischen Volk, sondern von einigen Ein-

„Grândola Vila Morena“ von José (Zeca) Afonso (1929–1987)

Am 25. April 1974 um 0.30 Uhr lief das Lied des linken Liedermachers José Afonso als Startsignal für den Putsch der „Capitães do Abril“ im Ra- dio. Vorher war es wegen kommunistischer Tendenzen verboten worden. „Grândola Vila morena“ ist wohl das bekannteste Musikstück in ganz Portugal, hier ein frei übersetzter Auszug:

„Grândola vila morena Grândola vila morena Terra da fraternidade

O povo é quem mais ordena

Dentro de ti, ó cidade

Dentro de ti, ó cidade

O povo é quem mais ordena

Terra da fraternidade Grândola vila morena

Em cada esquina um amigo Em cada rosto igualdade Grândola vila morena Terra da fraternidade“

Grândola, braun gebrannte Stadt Grândola, braun gebrannte Stadt Land der Brüderlichkeit Es ist das Volk, das das Sagen hat In dir, oh Stadt

In dir, oh Stadt Ist es das Volk, das das Sagen hat Land der Brüderlichkeit Grândola, braun gebrannte Stadt

In

jedem Winkel ein Freund

In

jedem Gesicht Gleichheit

Grândola, braun gebrannte Stadt Land der Brüderlichkeit

heiten der Armee und einer linken studentischen Bewegung aus. Die put- schenden Offiziere nahmen die Befehlsgewalt an sich und marschier- ten zum Regierungspalast. Vier Stunden später besetzten sie Lissabon und wurden von einer enthusiastischen Menschenmenge empfangen. Außer vier Toten und einer Handvoll Verletzter verlief die Aktion unblutig, was weitgehend der Vernunft und klugen Strategie Salgueiro Maias zu verdan- ken war. Die Euphorie und Aufbruchsstimmung im Land war groß. Von ei- nem Tag auf den anderen sah man die Freiheit am Horizont. Die linken Revolutionäre hofften auf eine Demokratie und wirtschaftliche Verbesse- rungen sowie Bürgerrechte für das gegeißelte Volk. Die Frauen steckten beim Truppeneinzug rote Nelken in die Gewehr- läufe der Soldaten. Angeblich soll eine Blumenfrau damit begonnen ha- ben, indem sie einem Uniformierten eine rote Nelke schenkte, die dieser in sein Gewehr stülpte. Bilder, die um die Welt gingen und der Revolution ihren Namen verliehen: Revolução dos Cravos – „Nelkenrevolution“. Marcelo Caetano trat zurück. Ein links gerichteter Revolutionsrat wurde einberufen. Die ersten Wochen bis zu einer Regierungsbildung dominier- ten Machtkämpfe zwischen dem konservativen General Spínola und dem sozialistisch geprägten Hauptmann Otelo innerhalb der Bewegung der putschenden Streitkräfte MFA (Movimento das Forças Armadas). Die ers- ten Präsidentschaftswahlen 1976 auf Basis einer neuen Verfassung ge- wann dann aber doch der gemäßigte General Ramalho Eanes. Die Furcht vor einem radikalen Sozialismus und einer Machtübernahme der Kommu- nisten obsiegte. Mário Soáres von der PS (Partido Socialista) wurde der erste frei gewählte Regierungschef nach mehr als 50 Jahren. Ein Refe- rendum besiegelte die neue demokratische Verfassung. Das völlig verarmte Land benötigte dringend Finanzhilfen. Die interna- tionale Gemeinschaft, vor allem Deutschland und Frankreich unterstütz- ten Soáres und seine Regierung sowohl politisch als auch wirtschaftlich. Die neue Regierung gab die verbleibenden afrikanischen Kolonien Mo- sambik, Angola, São Tome und Principe sowie Guinea-Bissau auch auf Druck der UNO auf. Nur Macau verblieb noch bis zur Übergabe an China 1999 unter portu- giesischer Verwaltung. Ost-Timor wurde 1975 von Indonesien annektiert. Die Truppen und Soldaten kehrten traumatisiert und desillusioniert nach Portugal zurück. Mit ihnen kam die Mehrheit der portugiesischen Ein- wohner der afrikanischen Kolonien. Sie ließen ihre Häuser und Geschäfte zurück und kehrten Afrika aus Furcht vor Repressalien der neuen unab- hängigen Regierungen den Rücken. Sie kamen vom kolonialen Wohlstand in ein armes Mutterland und viele hatten ihre Schwierigkeiten, sich dort zurechtzufinden.

Kurzzeitige Aufbruchstimmung

Die ehrgeizigen Reformbemühungen begannen gleich nach Machtüber- nahme der Übergangsregierung des Revolutionsrats 1974. Dazu gehörte auch eine Agrarreform bei der mehr als eine Million Hektar Land ehema- liger Großgrundbesitzer an Kooperativen verteilt wurde. Vor allem im Alentejo wurden die Liegenschaften zunächst aufgelöst. Auch wichtige Industrien und Banken wurden verstaatlicht. Die Landnahmen und Be- setzungen erschreckten das konservative Bürgertum und auch die ähnlich geprägten Kleinbauern aus dem Norden rebellierten gegen diese Politik. Die ganze Welt blickte nach Portugal, je nach politischer Gesinnung be- sorgt oder optimistisch. Viele europäische Linke, darunter zahlreiche Deutsche, strömten in der Hoffnung auf einen sozialistischen Idealstaat ins Land. Von einem „europäischen Kuba“ war gar die Rede. Die sozialen Erneuerungen hielten jedoch nicht allzu lange an. Gleich die neu gewählte Regierung unter Soáres machte die eingeleiteten Refor- men rückgängig und gab die verstaatlichten Ländereien an die Groß- grundbesitzer zurück. Der Druck des westlichen Auslands und die Furcht vor einer kommunistischen Keimzelle im westlichen Europa spielte dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Linken träumten von der idealen Volksdemokratie, die Rechten versuchten, dies mit aller Macht zu verhin- dern. Die großen Ideale der roten Revolution verpufften in der portu- giesischen Realität. Die Ernüchterung über Korruption und Machtspiele in der Politik und über die verlorene Chance zur Gestaltung einer neuen Ge- sellschaft enttäuschte bald viele Portugiesen, die auf mehr Gerechtigkeit gehofft hatten. Das Misstrauen gegenüber der politischen Elite ist in Por- tugal bis heute in weiten Kreisen präsent.

Portugal als EU-Land (seit 1986)

Gemeinsam mit dem wirtschaftsliberal geprägten Premierminister und Ökonomen Aníbal Cavaco da Silva führte der Rechtsanwalt und Sozialist Mário Soáres – inzwischen war er Staatspräsident – Portugal im Jahr 1986 in die Europäische Gemeinschaft. Die gebeutelte Nation stabilisierte sich während der kommenden Jahre als westliche Demokratie. Zunächst er- lebte Portugal mit dem Beitritt Riesenfortschritte in Wirtschaft und Infra-

Modernes Lissabon: Blick über das

Modernes Lissabon: Blick über das

einstige EXPO-Gelände, heute Parque das Nações

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018pgl Foto: la struktur. Bis 1989 bei der Weltbank noch als Entwicklungsland geführt, entwickelte es sich

struktur. Bis 1989 bei der Weltbank noch als Entwicklungsland geführt, entwickelte es sich in den 1990er-Jahren nicht zuletzt mithilfe milliarden- schwerer EU-Fonds recht schnell von einem rückständigen Agrarland zu einer kleinen Industrienation. Die Durchschnittsbürger kamen zu einem Wohlstand, von dem sie vor- her nicht einmal zu träumen gewagt hatten. War in der Zeit der Diktatur noch ausgeprägtes Sparen die Devise, so war jetzt Konsum bis zum Ex- zess angesagt. Die Textil- und Autoindustrie wie auch der Schuhexport florierten lange Zeit. Dagegen waren die Bauern und Fischer einmal mehr die großen Verlierer der genormten EU-Vorgaben. In der Landwirtschaft und Fischerei konnte und kann Portugal weder mit Spanien noch den an- deren europäischen Konkurrenten mithalten. Einzig mit Kork (hier als Weltmarktführer) und Wein ist es auf dem globalen Wirtschaftsmarkt ver- treten. Die Regierungskonstellationen wechselten derweil zwischen So- zialisten (PS) und Sozialdemokraten (PSD). Portugal galt lange Zeit gar als ein Musterschüler Europas. Die 1990er- Jahre waren Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs. 1998 war Lissa- bon Veranstaltungsort für die erfolgreiche Weltausstellung Expo 98. Es er- füllte die Vorlagen für den Eintritt in die Eurozone und setzte 2002 den Übergang zur neuen Währung relativ problemlos um. 2004 war Portugal Gastgeber einer gelungenen Fußballeuropameisterschaft. Die Globalisie- rung und die damit verbundenen Probleme brachten das kleine Land je- doch wieder ins Hintertreffen. Firmen wanderten ab, die Arbeitslosigkeit

schwankte einige Jahre lang zwischen 6 und 8 Prozent. Mitte 2005, nach dem unerwarteten Abschied des konservativen José Manuel Durão Bar- rosos (PSD) aus dem Amt des portugiesischen Ministerpräsidenten (er wurde überraschend zum EU-Kommissions-Präsidenten ernannt) und der äußerst chaotischen Regierungszeit seines Vizeparteichefs Pedro Santana Lopes, war das Haushaltsdefizit auf über 6 Prozent gestiegen. Die Portu- giesen haben Barroso die „Flucht“ nie verziehen. Der damalige Staatsprä- sident Jorge Sampaio setzte Santana Lopes wegen „Unfähigkeit“ ab und löste das Parlament auf. Bei den vorgezogenen Neuwahlen erlangte die Mitte-links ausgerichtete PS mit dem jungenhaften José Socrátes an der Spitze die absolute Mehrheit. Socrátes war bereits unter António Guterres als Umweltminister in der Regierung tätig gewesen. 2006 gewann der wirtschaftsliberale Cavaco da Silva nach einem letzten Duell mit seinem Dauerrivalen, dem damals 82-jährigen Mário Soáres, die Präsident- schaftswahlen. Die neue Regierung erzielte einige Erfolge in der Schul- denbekämpfung, konnte das Defizit auf unter 3 Prozent drücken und die politische Lage des Landes stabilisieren. Doch die globale Finanzkrise hat auch Portugal fest im Griff, der An- schluss an die großen EU-Länder scheint einmal mehr in weite Ferne zu rü- cken. Im September 2009 wurde die PS erneut auf vier Jahre, diesmal nur mit einfacher Mehrheit, in der Regierung bestätigt. Ende 2009 stieg die Ar- beitslosenquote auf 10,3 Prozent an und liegt seither wieder über dem EU- Durchschnitt. Das Haushaltsdefizit explodierte Anfang 2010 auf über neun Prozent. Internationale Finanzexperten warnten vor einer Situation wie im überschuldeten Griechenland, was portugiesische Ökonomen zurückwei- sen: Portugal sei keinesfalls mit Griechenland zu vergleichen.

Portugal heute – zwischen Aufbruchstimmung und Tradition

„Ó mar salgado, quanto do teu sal São lágrimas de Portugal!“ „Valeu a pena? Tudo vale a pena Se a alma não é pequena.“

„Oh portugiesisches Meer, wie viel deines Salzes Sind Tränen von Portugal!“ „Hat es sich gelohnt? Alles lohnt sich Wenn die Seele nicht klein ist.“

(Fernando Pessoa, aus „Mar Português“)

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte 2007 anlässlich der Ausstellung „No- vos Mundos – Neue Welten. Portugal und das Zeitalter der Entdeckun- gen“ im Deutschen Historischen Museum in Berlin: „Die aus den portu- giesischen Entdeckungen resultierenden Begegnungen der ,Alten Welt‘ mit den ,Neuen Welten‘ bestimmten auch in starkem Maße das kollektive Bewusstsein Europas. Die kulturelle Vielfältigkeit Europas macht unser großes gemeinsames Kapital in einer globalisierten Welt aus.“ Sicher hat Europa dem kleinen Portugal viel zu verdanken. Und ebenso sicher bot die Einbindung in die europäische Gemeinschaft dem Land eine Zukunft, die vor der Nelkenrevolution reinste Utopie war. Und heute? Ja, es gibt ein modernes Portugal. Es erscheint in Form von hippen Metrostationen und Shoppingcentern, futuristisch anmutenden Brücken und Bahnhöfen, gläsernen Türmen und Solarparks, ultramodern ausgestatteten Multimedia-Bibliotheken und staatlich geförderten kosten- losen Internetzentren. Wer durch das 1998 im Rahmen der Weltausstellung entstandene Stadt- viertel Parque das Nações (Park der Nationen) im Osten der Hauptstadt Lissabon schlendert, kommt aus dem Staunen kaum heraus. Zur Expo 98 hatte die Stadt das heruntergekommene, brachliegende Hafengelände zu einem hellen, freundlichen und modernen Wohn- und Geschäftspark an den Ufern des Tejo ausgebaut. Das Ganze mit dem Themenschwerpunkt „Lebensraum Meer und Wasser“ – wie könnte es anders sein im Land der Seefahrer. Gebäude und Infrastrukturen der Expo wurden harmonisch in das Stadtviertel integriert. Eine Gondelbahn schwebt dort an einer Res- taurantmeile vorbei, am Aussichtsturm in Segelform Torre Vasco da Gama entlang bis zum Ozeanarium, übrigens dem größten Europas. Superlati- ven wurden geschaffen, ganz wie es der glorreichen Seefahrergeschichte gebührt. Die längste Brücke Europas gleich nebenan ist auch ein Expo- Bauprojekt: 17 Kilometer lang ist die weiße, ebenfalls Vasco da Gama ge- widmete Stahlbrücke über den Tejo. Stararchitekten wie der weit über Por- tugals Grenzen bekannte Siza Vieira verwirklichten sich in den Pavillons und Gebäuden der Expo 98. Doch stehen seither viele der einstigen Pavillons leer und warten noch auf eine praktische Verwertung. Gleichzeitig droht der Parque das Naçõ- es von Jahr zu Jahr in immer kühneren Hochhausreihen und Betonmeilen zu versinken. Das einst weitläufige Gelände, das vor allem durch viel Raum und Licht überzeugte, ist bis auf den letzten Quadratmeter verplant und bebaut und droht vom überhandnehmenden Straßenverkehr ver- schlungen zu werden. Doch nicht nur in der Architektur geht Portugal neue Wege. Junge De- signer und Medienschaffende, Schriftsteller, Künstler, Politiker und Wis-

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019pgl Foto: la senschaftler tun ein Übriges, um ihre Heimat in ein zukunftsgerichtetes Land zu verwandeln

senschaftler tun ein Übriges, um ihre Heimat in ein zukunftsgerichtetes Land zu verwandeln – auch wenn sich die Zukunft bisher hauptsächlich in Lissabon und Porto abspielt. Gleichzeitig gibt es Dörfer im portugiesi- schen Hinterland, deren Besuch einer Reise mit der Zeitmaschine gleich- kommt. Man fühlt sich um fünfzig Jahre zurückversetzt, seit den Zeiten Sa- lazars scheint sich hier kaum etwas verändert zu haben. Alt und Neu, Ver- gangenheit und Zukunft gehen in Portugal vielleicht wie in keinem ande- ren EU-Mitgliedsstaat gemeinsam einher. Was woanders als Folklore prä- sentiert wird, ist in Portugal immer noch alltägliche Realität. Vielleicht ist es gerade dieser vergängliche Charme, der das kleine Land so interessant macht.

„O Futuro“: Iberia – Utopie oder unausweichliches Schicksal?

Portugals Zukunft ist ungewisser denn je. Die Frage hängt wie ein Damo- klesschwert über lusitanischem Himmel: Wird sich Portugal auf Dauer in der globalen Welt behaupten können? Staatspräsident Cavaco da Silva mahnte in seiner Neujahrsansprache im Januar 2010: „Wenn Portugal wei- ter so über seine Verhältnisse lebt, steuert unser Land auf eine explosive Situation zu.“ Nicht wenige meinen, die einzige Chance des Landes läge im Tourismus. Das Klima und die Naturräume seien die größten Trümpfe.

Als Industrienation wird Portugal nach Meinung aktueller Wirtschaftsex- perten kaum konkurrieren können. Oder wird es sich gar mit seinem Nachbarn Spanien zu einer viel disku- tierten Iberischen Union zusammenschließen? Erörtert wird diese Mög- lichkeit jedenfalls schon seit 2007. Erstmals brachte Nobelpreisträger José Saramago solch futuristische Gedankenspiele in einem Interview mit der portugiesischen Tageszeitung Diário de Notícias ins Spiel. Auch Schrift- stellerkollege Günter Grass, der ein Ferienhaus an der Algarve besitzt und regelmäßig in Portugal weilt, meint, dass „Portugal und Spanien eines Ta- ges eine iberische Union bilden werden“. Portugal als eine Provinz Ibe- rias, auf einer Ebene mit Andalusien oder Katalonien? Bisher stehen nach Umfragen 70 Prozent der portugiesischen Bevölkerung einem solchen „historisch belasteten“ Szenario ablehnend gegenüber. Doch ist Portugal schon jetzt in hohem Maße wirtschaftlich abhängig von Spanien. Sei es im Bankensektor, wo die Banco de Santander und die Banco de Bilbao feder- führend sind, oder in der Wasserwirtschaft. Schließlich entspringen Portu- gals wichtigste Flüsse im Nachbarland. Auf die Frage, ob die Portugiesen denn einen Anschluss an Spanien akzeptieren würden, meinte Saramago:

„Ja, wenn man den Menschen erklärt, dass das Land nicht aufhört zu exis- tieren, sondern nur in anderer Form weiterlebt.“ Der portugiesische Au- ßenminister Luís Amado reagierte prompt und empfahl, diese Aussagen unter der Kategorie „Literatur“ abzulegen. Die Frage ist nur, wird das klei- ne Land in absehbarer Zukunft eine Alternative haben?

Die Geschichte Portugals im Überblick

28.000–8000 v. Chr.: Die Höhlengravuren von Foz Côa und Escoural entstanden, erste nachweisbare Spuren menschlicher Besiedelung auf portugiesischem Territorium. ab 6000–2500 v. Chr.: Megalithgräber zeugen von Besiedelungen in der Steinzeit und Kupferzeit. ab 2000 v. Chr.: Beginn der Völkerwanderung der Iberer ab 1000 v. Chr.: Keltische Stämme aus dem Norden lassen sich auf der Iberischen Halbinsel nieder. Ein Teil davon vermischt sich mit den iberi- schen Einwohnern. Die Lusitaner als größte keltiberische Stammes- einheit errichten Castros und Citânias, befestigte Siedlungen zur Vertei- digung.

Zeitreise: Bauer im Hinterland der Algarve

Zeitreise: Bauer im Hinterland der Algarve

ab 500 v. Chr.: Phönizische und griechische Seefahrer und Händler le- gen Handelsstützpunkte an. Die Karthager dominieren das Mittelmeer und nehmen schließlich die Standorte der Phönizier ein. ab 218 v. Chr.: Römische Truppen erobern die Stützpunkte der Kartha- ger und kolonisieren die Iberische Halbinsel. Die Lusitaner wehren sich unter der Führung Viriatos standhaft. Erst der gewaltsame Tod (139 v. Chr.) des Nationalhelden bringt den Sieg für die Römer. Lusitanien wird der römischen Provinz Hispania Ulterior eingegliedert. 1. Jh. v. Chr.–4. Jh. n. Chr.: Unter Kaiser Augustus wird Hispania Ulte- rior in Báetica (etwa das heutige Andalusien), Tarraconensis und Lusita- nia (das heutige Portugal bis zum Douro-Fluss) aufgeteilt. Die Römer führen die Latifundienwirtschaft und die Salzgewinnung zum Konservie- ren von Fisch ein; sie bauen Städte und Brücken. ab 4. Jh.: Vandalen und Alanen fallen in die römische Provinz ein und dringen bis zur Algarve vor. Westgoten lösen sie ab und errichten die ersten christlichen Bischofssitze in Braga, Evora und Faro. Nach und nach christianisieren die Westgoten die Iberische Halbinsel. ab 711: Araber brechen von Gibraltar aus auf, um den Westgotenkö- nig Roderich zu besiegen. Sie erobern die Iberische Halbinsel bis auf die Pyrenäen, gründen das Emirat von Cordoba und integrieren Lusi- tanien. ab 8. Jh.: Beginn der christlichen Reconquista, der Rückeroberung der Iberischen Halbinsel durch die Christen, vom spanischen Königreich Asturien aus: ab 12. Jh. Expansion in portugiesisches Gebiet. 11. Jh.: Das Emirat von Córdoba zerfällt, es entsteht das Fürstentum Al- Gharb („der Westen“) mit Xelb als Hauptstadt. Eine kulturelle Blütezeit in Baukunst, Musik und Literatur beginnt. 11.–12. Jh.: Graf Heinrich von Burgund erhält vom kastilischen Schwie- gervater Afonso IV. die Grafschaft Portucale als Lehen. 1139: Afonso Henriques, der Sohn Heinrichs von Burgund, erreicht die Unabhängigkeit der Grafschaft Portucale und ernennt sich zum König von Portugal. Er befreit Lissabon aus der Herrschaft der Mauren. Wie- derkehrende Angriffe Kastiliens gegen das abtrünnige Portugal 1249: Endgültige Rückeroberung der südlichen Gebiete Alentejo und Al- garve durch Afonso III. und die Ritter des Santiago-Ordens der Algarve. Weiterhin Kämpfe zwischen Kastilien (erst ab dem 15. Jh. ist die Rede von einem geeinten Spanien) und Portugal 1267: Der Friedensvertrag von Badajoz regelt den Grenzverlauf zwi- schen Portugal und Kastilien 1279–1325: Dom Diniz, „der Dichterkönig“, lässt die Grenzen zu Kasti- lien mit über 100 Burgen verstärken.

1385–1580: Die portugiesische Herrscherdynastie Aviz (oder Avis) be- ginnt mit König João I. Unter seiner Herrschaft wird Portugal zur führen- den See- und Kolonialmacht. 1412–1513: Entdeckung und Gründung der wichtigsten Kolonien Portugals 1536: Einführung der Inquisition unter König João III. (Johann, der Fromme) 1580–1640: Spanien (mit den Königreichen Kastilien-Leon, Asturien, Aragon, Katalonien) und Portugal sind unter Philipp II. und Phillip III. vereint. 1640: Der Herzog von Braganza beendet die spanische Herrschaft über Portugal und lässt sich zum König João IV. krönen. Die Kämpfe mit dem Nachbarland dauern bis zur Anerkennung der Unabhängigkeit Portu- gals durch Spanien im Jahre 1668 an. Ceúta fällt an Spanien. 1705–1750: In der portugiesischen Kolonie Brasilien werden Goldminen entdeckt. Die Verschwendungssucht des Königs João V. stürzt das Land trotz fließender Geldquellen in den Ruin. Portugal gerät in finanzielle Abhängigkeit von England. 1750–1777: Der aufgeklärte Absolutismus gewinnt durch König José I. in Portugal an Bedeutung. Der Marquês de Pombal, sein Ministerpräsident, treibt Reformen im Geist der Aufklärung voran. Die Jesuiten werden ent- machtet und enteignet. Vorläufige Beendigung der Inquisition 1. November 1755: An Allerheiligen legt ein Erdbeben mit nachfolgen- der verheerender Flutwelle große Teile der Algarve-Küste und Lissabons in Schutt und Asche. Das Epizentrum wird im Atlantik zwischen Marok- ko und der Algarve-Küste bei der Gorringe-Bank lokalisiert. 1777: Maria I. macht alle Reformen nach dem Tod von José I. rückgängig. Die Inquisition wird wieder eingesetzt. Später verliert die Königin den Verstand. 1807–1814: Französische Truppen unter Napoleon besetzen Portugal insgesamt dreimal. Die portugiesische Königsfamilie flüchtet nach Bra- silien. 1814–1820: Die Engländer vertreiben Napoleon, degradieren Portugal jedoch zu einem britischen Protektorat. 1820: Von Porto aus beginnt eine liberale Revolution. Die Engländer werden abgesetzt. João VI. muss aus Brasilien zurückkommen und eine freiheitliche Verfassung anerkennen. 1821: Die Inquisition wird beendet. 1822: Die brasilianische Kolonie erklärt unter Pedro I. ihre Unabhängigkeit. 1826: Die Söhne Joãos VI., Thronfolger Pedro IV. (zugleich Pedro I. von Brasilien) und der jüngere Miguel verfeinden sich. Anhänger des liberal eingestellten Pedro und des reaktionär-konservativen Miguel entfachen einen Bürgerkrieg, die sogenannten „Miguelistenkriege“.

1832: Pedro besiegt seinen Bruder und ruft eine liberale Verfassung aus und führt gesellschaftliche Reformen durch. Pedro übergibt seiner Toch- ter Maria II. die Regentschaft. 1834–1889: Regentschaften von Königin Dona Maria II., Dom Luis I. und ab 1889 König Carlos I. 1890: Britisches Ultimatum an Portugal, Teile der afrikanischen Kolonien abzugeben. Carlos I. muss sich beugen, was zu internen Unruhen führt. 1908: König Carlos I. und sein Thronfolger Luis Filipe werden in Lissabon ermordet. 1910: Nach einem Militärputsch wird am 5. Oktober die Republik ausge- rufen. Innerpolitische Probleme und 44 Regierungswechsel beuteln die junge Republik. 1926: Durch einen weiteren Militärputsch kommt General Fragoso Car- monas an die Macht. 1933: Antônio de Oliveira Salazar, Finanzminister und Gründer der fa- schistischen Partei „União Nacional“ wird Ministerpräsident. Mit ihm be- ginnt der Estado Novo und eine vierzigjährige Diktatur. Unter Salazar wird Portugal zu einem rückständigen Agrarland. Über zwei Millionen Portugiesen suchen aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Verhält- nisse Arbeit im Ausland. 1939–1945: Im Zweiten Weltkrieg bewahrt Portugal Neutralität. Die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland werden im Jahr 1943 ab- gebrochen. 1949: Portugal wird NATO-Mitglied. 1960: Beginn der Unabhängigkeitskämpfe in den afrikanischen Kolonien 1974: Der Unmut gegen die Diktatur und die kostspieligen Kolonialkrie- ge nimmt zu. Die linksgerichtete unblutige „Nelkenrevolution“ beendet die Ära Salazar. 1975: Gründung der Volksparteien Partido Socialista (PS) und der PSD (Partido Social Democrata) 1975: Angola, Mosambik, Guinea-Bissau und die Kapverdischen Inseln erhalten ihre Unabhängigkeit. 1976: Mário Soáres wird erster freigewählter Premierminister Portugals seit 50 Jahren. 1986: Portugal wird Mitglied der EG (heute Europäische Union). 1985–1995: Aníbal Cavaco da Silva (PSD, Partido Social Democrata) wird Premierminister und regiert mit absoluter Mehrheit. Sein autoritärer und konservativ geprägter Führungsstil wird Cavacismo genannt. 1995: Die Sozialisten erringen einen Wahlsieg. António Guterres löst Aní- bal Cavaco da Silva als Regierungschef ab. Jorge Sampaio, ebenfalls So- zialist, wird Staatspräsident.

1998: Lissabon ist Gastgeber für die Weltausstellung (Expo 98) und prä- sentiert sich zukunftsorientiert und modern. 1999: Macau, die letzte überseeische Provinz Portugals, wird an China zurückgegeben. 2002: Guterres tritt zurück. Am 18. 03. 2002 gewinnt die PSD die Wah- len knapp und bildet mit der rechts-populistisch ausgerichteten PP (Par- tida Popular) unter Paulo Portas eine Koalition. Der neue Premierminis- ter heißt José Manuel Durão Barroso. Vor Ende der Legislaturperiode geht Barroso als Chef der EU-Komission nach Brüssel. Pedro Santana Lo- pes wird als Nachfolger eingesetzt. Staatspräsident Sampaio löst das Par- lament 2005 auf und setzt Neuwahlen an. 2004: Portugal ist Austragungsort der Fußballeuropameisterschaft. Die portugiesische Nationalmannschaft verliert unter dem brasilianischen Trainer Felipe Scolari tragisch im Finale gegen Griechenland, das von dem Deutschen Otto Rehagel trainiert wird. 2005: José Socrates und die PS gewinnen die Wahlen mit absoluter Mehrheit, ein Jahr später wird Aníbal Cavaco da Silva Staatspräsident. 2009: Die PS mit José Socrates gewinnt die Parlamentswahlen mit einfa- cher Mehrheit.

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„BAGAGEM CULTURAL“ – KULTURELLES GEPÄCK

„O povo português é, essencialmente, cosmopolita. Nunca um verdadeiro português foi português: foi sempre tudo.“ „Das portugiesische Volk ist, im wesentlichen, kosmopolitisch. Nie war ein wirklicher Portugiese portugiesisch: Immer war er alles.“

(Fernando Pessoa)

Junge Frauen in Ausgehtracht des Minho in Viana do Castelo

Junge Frauen in Ausgehtracht des Minho in Viana do Castelo

Ethnische Einflüsse, Ursprünge der Bevölkerung

Obwohl in Portugal die unterschiedlichsten Völker und Kulturen ein- und ausgingen, wird die portugiesische Bevölkerung von Genomforschern als weitgehend homogen definiert. Studien belegen, dass die genetische Ba-

sis der Portugiesen praktisch seit mehr als 40.000 Jahren unverändert ist. Womit sie eines der ältesten Kulturvölker des europäischen Kontinents sind. Kulturelle und ethnische Ursprünge gehen vor allem auf die Lusita-

ner,

Römer und Mauren (überwiegend Berber aus der heutigen Region

des

Irak und Arabien) zurück. Im Norden waren die Einflüsse der Kelt-

iberer stärker: Viele Nordportugiesen sind blond und hellhäutig. Im Sü- den, vor allem an der Algarve und dem Alentejo, dominiert das maurische Erbe, schwarze Haare und dunkle Augen überwiegen. Eine 2008 veröf- fentlichte Studie eines internationalen Forscherteams im American Journal of Human Genetics verwies ebenso auf jüdische Wurzeln. Zwanzig Pro- zent der Spanier und Portugiesen stammen demnach von jüdischen Se-

pharden, elf Prozent von nordafrikanischen Mauren ab. Dazu kommen noch die mestiços, die Nachkommen von portugiesischen Vätern und afri- kanischen, indischen oder indianischen Müttern, sie waren jedoch zu- meist in den Kolonialländern geblieben. Derzeit sind 5 Prozent der portugiesischen Bevölkerung als Einwande-

rer registriert, die meisten stammen aus den ehemaligen Kolonien Angola,

Kap

Verde, Mosambik und Brasilien. Auch osteuropäische Immigranten,

vor

allem aus Weißrussland und der Ukraine tragen heute zum Kulturen-

mix

bei.

„Africanos“

Eine vom Staatssekretariat für Jugendfragen herausgegebene Studie von

2002 gibt an, dass sich die Mehrheit der farbigen Jugendlichen nicht als Portugiesen definiere, obwohl 26 Prozent im Land geboren sind und mehr als 25 Prozent länger als 10 Jahre in Portugal leben. Nur 4 Prozent

der Befragten sahen sich in der weißen portugiesischen Gesellschaft re-

präsentiert. 80 Prozent dieser Jugendlichen fühlten sich demnach im All-

tag aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert, vor allem bei Behörden, in

Krankenhäusern, Schulen und vor Gerichten. Die Mehrheit der Portugie-

sen hält sich dagegen für tolerant und aufgeschlossen.

Die meisten afrikanischen Einwanderer stammen aus den ehemaligen

Kolonien Angola, Mosambik, Kap Verde oder Guinea-Bissau. Letztere

sind mehrheitlich muslimischen Glaubens. In jüngerer Zeit kommen auch

viele Marokkaner nach Portugal, weil sie in Spanien keine Arbeitsplätze

mehr finden. Die ersten Afrikaner wurden im 15. Jh. mit den Karavellen als Sklaven nach Portugal verschleppt. Historiker sprechen von 150.000 Sklaven, die auf diesem Wege nach Portugal kamen. Im 16. Jh. war jeder fünfte Lissabonner schwarzafrikanischer Herkunft. Die Versklavten muss- ten in den Herrenhäusern dienen und konnten behandelt werden, wie es den Donos („Eigentümern“) beliebte. (Siehe auch den Exkurs „Das Ge- schäft mit Menschen“.) Mit der Freigabe der Kolonien nach der Nelkenrevolution kamen so- wohl in Afrika geborene Portugiesen als auch die im Kolonialkrieg kämp- fenden Soldaten mit ihren afrikanischen Familien zurück ins Heimatland. Auch wurden Arbeiter für die Bauwirtschaft in Portugal angeworben. Die Bevölkerung war auf die Fremden nicht vorbereitet. Das konservativ ge- prägte Mutterland konnte weder mit den retornados (den „Rückkehrern“) noch mit den pretos, wie die Schwarzafrikaner abfällig genannt wurden (und bis heute genannt werden), etwas anfangen. Bis die afrikanischen Einwanderer mit Respekt und Toleranz rechnen konnten, sollten noch vie- le Jahre vergehen. Offen zugeben würde den Rassismus gegenüber dun- kelhäutigen Ausländern niemand. Sicherlich muss man den Portugiesen beim Umgang mit den Fremden einen hasserfüllten Rechtsradikalismus absprechen. Man wird kaum von gewalttätigen Übergriffen auf Minderheiten hören. Dennoch ist die Dis- kriminierung unterschwellig in der Gesellschaft vorhanden. Die öf- fentliche Meinung stellt sich unter farbigen Einwanderern immer noch Menschen mit geringer oder fehlender beruflicher Qualifikation vor. Ku- rioserweise verbinden die nordeuropäischen Länder vielfach genau das gleiche Image mit portugiesischen Arbeitern. Im Sport und in der Musik dagegen steht man Afrikanern oder afrikanisch-stämmigen Menschen durchweg positiv gegenüber. Der Fußballer Eusébio beispielsweise war in den 1960er-Jahren einer der ersten afrikanischen Sportler, der für ein por- tugiesisches Nationalteam spielte. Er erfreut sich bis heute großer Aner- kennung im Land. Die afrikanischen Einwanderer, die nach 1974 ins Land kamen, sahen sich einer desolaten Wohnsituation ausgesetzt. Für die vielen Menschen gab es entweder überhaupt keine Wohnungen oder nur völlig unzumut- bare. In den Innenstädten wollte man keine Afrikaner haben, in den Vor- orten war nicht genügend Wohnraum vorhanden. Gettos bildeten sich, nicht zuletzt aufgrund der fehlenden Initiative der lokalen Gemeindever- tretungen, die der Ausgrenzung tatenlos zusahen. Bis heute sind Straßen- viertel in den Bezirken Amadora, Loures, Odivelas, Cascais, Almada und Setúbal die größten Krisenherde im Land. Das Leben in Favela-ähnlichen Blechsiedlungen und hohe Kriminalitätsraten machen hier den Menschen

und auch den Behörden zu schaffen. Erst in der letzten Zeit wird versucht, mithilfe von Sozialarbeitern und individualisierten Projekten dem Problem der Gettoisierung und gesellschaftlichen Ausgrenzung beizukommen. Seit einigen Jahren ist zudem ein Rückgang der Einwanderungszahlen von Afrikanern aus Portugiesisch sprechenden Ländern, die traditionell die größte Immigrantengruppe bildeten, zu verzeichnen.

„Brasileiros“

Brasilianer sind seit Kurzem die zahlenmäßig größte Einwanderungsgrup- pe in Portugal. Im Jahr 2008 waren laut der portugiesischen Ausländer- und Grenzbehörde insgesamt 440.277 Immigranten legal gemeldet. Da- von waren 100.000 Brasilianer, zweit- und drittgrößte Gruppe sind Ein- wanderer aus Kap Verde und der Ukraine. Viele Portugiesen sprechen, wenn es um die Brasilianer geht, gern von einer Art Vater-Sohn-Beziehung oder auch vom país irmão, dem Bruder- land. Schließlich seien doch fast alle Brasilianer Kinder des Kolonial- reichs. Viele der brasilianischen Einwanderer haben daher auch einen portugiesischen oder anderen europäischen Pass. Sie stammen aus allen Regionen, aus allen Gesellschaftsschichten und aus allen Berufszweigen Brasiliens: Von den viel diskutierten dentistas, die den einheimischen Zahnarztkollegen angeblich die Patienten streitig machten, bis zu Service- kräften in Gastronomie und Hotellerie und den umstrittenen meninas, die in Portugals Bordellen arbeiten bzw. arbeiten müssen. Der kulturelle Abstand zwischen Brasilianern und Portugiesen ist trotz langer Kolonialgeschichte groß. Das liegt auch daran, dass sich in Brasilien im Laufe der Zeit diverse Einwanderungsgruppen und Kulturen mischten und man sich recht bald vom rein portugiesischen Einfluss löste. Trotz gemeinsamer Sprache und trotz – oder vielleicht gerade wegen – der gemeinsamen Geschichte. Fast könnte man schon von gegenseitiger Hassliebe sprechen. Einerseits ist man sich schon aufgrund von Verwandt- schaftsverhältnissen nahe, andererseits kann man jeweils mit der anderen Mentalität wenig anfangen. Die Portugiesen ihrerseits sind gleichermaßen fasziniert wie neidisch auf die lebensfrohen, temperamentvollen Brasilia- ner. Die wiederum dagegen halten die Portugiesen für langweilig und grob, außerdem seien sie ständig am Jammern, obwohl sie doch im rei- chen Europa leben. Zwar integrieren sich die meisten brasilianischen Im-

Brasilianischer Musiker und Immigrant: Oséas

Melo

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020pgl Foto: la migranten gut in die portugiesische Gesellschaft, doch sind die Vorurteile auf beiden Seiten

migranten gut in die portugiesische Gesellschaft, doch sind die Vorurteile auf beiden Seiten latent vorhanden. Im Fußball verhalfen die brasiliani- schen Ballkünstler schon vielen Vereinen und selbst der seleção (wörtlich:

„Auswahl“ = die portugiesische Fußballnationalmannschaft) zu Erfolgen. Dennoch sind die Stars nicht überall in der Bevölkerung gern gesehen. „Hat man denn nicht genug talentierte einheimische Spieler?“, ist immer wieder in den Medien zu hören.

Osteuropäer

Ende der 1990er-Jahre begann eine Einwanderungswelle aus osteuropäi- schen Ländern, es kamen vor allem Menschen aus der Ukraine, Molda- wien, Russland und Rumänien nach Portugal. Portugal und Spanien wurden für viele osteuropäische Emigranten die neuen Auswanderungziele, nachdem die nordeuropäischen Staaten die Einreise erschwert hatten. Schätzungen aus dem Jahr 2002 geben 50.000 Ukrainer, 10.000 Moldawier, 9000 Rumänen und 6000 Russen als legal eingewanderte Menschen in Portugal an. Vor allem die Ukrainer integrie- ren sich sprachlich und wirtschaftlich recht schnell. Es gibt bereits zahlrei- che Zeitungen in kyrillischer Schrift. Den meisten Osteuropäern wird ei- ne hohe Lernfähigkeit zugesprochen. Auch seien die Eltern schulpflichti- ger Kinder anspruchsvoller und engagierter als portugiesische Eltern, wenn es um die Ausbildung ihrer Kinder geht. In Sprachschulen erweisen sich besonders ukrainische Teilnehmer als Musterschüler und erzielen teil- weise höhere Noten als die einheimischen Schüler. Trotz oftmals guter be- ruflicher Qualifikation arbeiten die meisten Osteuropäer auf dem Bau, in der Landwirtschaft oder als Reinigungskräfte.

Asiaten

Ebenfalls in den 1990er-Jahren, als sich Portugal noch im wirtschaftlichen Aufschwung befand, kamen Chinesen, Inder und Pakistaner ins Land. Die Chinesen widmeten sich meist dem Gastronomiegewerbe oder dem Ein- zelhandel. Lojas Chinesas, wo es alles (und das vor allem billiger als in an- deren Läden) gibt, sprießen seither landesweit wie Pilze aus dem Boden. Im Jahr 2002 waren knapp 7000 Chinesen, 1200 Inder und 900 Pakista- ner in Portugal gemeldet. Traditionsgemäß gibt es auch viele Einwanderer aus der ehemaligen Kolonie Goa und als Macau 1999 an China überging, kamen zahlreiche sogenannte Luso-Chinesen (mit portugiesischen und chinesischen Vorfahren) nach Portugal. Die wenigen Pakistaner und Inder im Land leben meist auch vom Einzelhandel oder von der Gastronomie. Die Integration der asiatischen Mitbürger bereitet kaum nennenswerte Probleme. Sie leben diskret und ohne größere Schwierigkeiten im Land.

Vermeintliche „Zigeunerromantik“ im Alentejo Hinterland

Vermeintliche „Zigeunerromantik“ im Alentejo Hinterland

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„Ciganos“ – die ethnische Minderheit in Portugal

la „Ciganos“ – die ethnische Minderheit in Portugal In Portugal leben nach offiziellen Schätzungen derzeit um

In Portugal leben nach offiziellen Schätzungen derzeit um die 40.000 Roma. Man geht davon aus, dass die Volksgruppe der Sinti und Roma bereits im 12. Jh. aus Indien nach Europa kam. Der erste literarische Hinweis in Portugal geht auf das Theaterstück „Farsa de Ciganos“ („Das Spiel der Zigeuner“) von Gil Vicente aus dem Jahr 1521 zurück, wo der mittelalterliche Dramaturg erstmals das Leben des fahrenden

Volkes beschreibt. Auch heute le- ben viele Familien als Nomaden oder halb-sesshaft und sind mehr oder weniger gut in die portugiesische Gesellschaft integriert. Das Leben der Ciganos, wie die Portugiesen die Roma nennen, ist aller- dings alles andere als romantisch. „Sie sind Portugiesen, doch die am meisten diskriminierte Minderheit“, meint José Gabriel Bastos vom Stu- dienzentrum für ethnische Minderheiten der Universität Lissabon. In den Großstädten leben die meisten Ciganos in Sozialwohnungen. Seit 1996 er- halten diejenigen, die einen festen Wohnsitz nachweisen können, eine staatlich finanzierte Sozialhilfe, was jedoch die Armutssituation nicht we- sentlich verbesserte. Oft leben die Familienclans in Baracken oder Blech- hütten, wenn nicht gar ohne festes Dach über dem Kopf in provisorischen Teppichzelten. Die Ciganos sind augenscheinlich wesentlich ärmer als bei- spielsweise ihre Verwandten in Spanien oder Frankreich. Nicht selten trifft man noch auf Großfamilien, die mit Pferdewagen und Eseln unterwegs sind. Am häufigsten sind sie als Händler auf den beliebten Monatsmärkten präsent, wo sie Kleider, Schuhe, Geschirr oder Schmuck anbieten. Mittler- weile sind die Mercados (Märkte) oder Feiras (Straßenmärkte) regelrechte Touristenattraktionen. Eines der größten Probleme ist die mangelnde Schuldbildung. Die Ro- ma-Kinder besuchen nicht immer die Schule und wenn, dann kommt es häufig vor, dass die Mädchen ab ihrem 10. Lebensjahr vom Unterricht fern gehalten werden. Die Eltern fürchten vor allem Beziehungen und Heiraten außerhalb ihrer Gemeinschaft und sehen die Bildungseinrichtungen als Gefahr für ihre Kultur an. Im Jahr 2009 beklagte der Präsident des Natio- nalen Kinderschutzbundes, Armando Leandro, laut Nachrichtenagentur

Portugiesen und Spanier – ungleiche Geschwister

Im Bewusstsein vieler Ausländer sind die beiden iberischen Völker ein und dasselbe oder sich zumindest sehr ähnlich. Das ist ein Missverständnis:

Trotz einiger historischer und äußerlicher Gemeinsamkeiten und ver- wandtschaftlicher Verwicklungen unterscheiden sich Portugiesen und Spanier wesentlich in ihrer Mentalität und vor allem in ihrer Sprache. Das Portugiesische und das Spanische haben zwar die gleiche Basis, die sich aus dem Vulgärlatein der Römer ableitet, doch sind Aussprache und Wort- schatz komplett verschieden. Die Spanier tun sich schwer mit Portugie- sisch, die Portugiesen dagegen sprechen und verstehen überwiegend Spa- nisch und beschweren sich über das mangelnde Bemühen der Nachbarn. Das Misstrauen zwischen den beiden Völkern ist offenkundig. Ein altes portugiesisches Sprichwort sagt: „Da Espanha, só vem maus ventos e maus casamentos.“ – „Aus Spanien kommen nur schlechte Winde und schlechte Hochzeiten.“ Was sich auf den kalten Ostwind und die strategi- schen Hochzeiten der mittelalterlichen Dynastien (die sich meist negativ auf Portugal auswirkten) bezieht. Diese populäre Aussage zitierte Portu- gals bekanntester Politiker Mário Soares einst in einem 1981 veröffentlich- ten Buch. Von dem spanischen Journalisten Eduardo Sotillos darauf ange- sprochen, antwortete er: „Schauen Sie, Sotillos, ein Land wie Portugal braucht eine Selbstbestätigung. – Und dazu eignet sich nichts besser, als die nationale Selbstaufwertung gegen den dominanteren Nachbarn einzu- setzen.“ Jahre später schlug die spanische Tageszeitung „El Pais“ in die

portugiesische Identität formierte sich zum Groß-

gleiche Bresche: „

teil in der Opposition und Vorsicht gegenüber dem größeren Nachbarn.“ Die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen der beiden Länder sind heutzutage partnerschaftlich ausgerichtet. Der interkulturelle Aus- tausch floriert vor allem im Bereich des Tourismus. Dennoch ist besonders auf portugiesischer Seite noch immer ein Hauch von Argwohn zu spüren. Zu oft wurde man von Spanien gedemütigt und diskriminiert. Vertrauen ist gut, Vorsicht noch besser, ist die Devise. Aus diesem Grund werden auch Vorstöße zum Thema einer „Iberischen Union“ heftig und emotional diskutiert. (Siehe dazu auch das Kap. „Ein Blick in die Zukunft: Iberia – nur eine Utopie?“.) Die Spanier selbst scheinen Portugal oft nicht wirklich wahrzunehmen, allenfalls als günstiges Ausflugs- und Ferienziel. Fragt man nach ihrer Meinung über Land und Leute, fallen die Antworten meist dürftig aus:

„Was sollen wir schon über die Portugiesen denken?! Sie sind unsere ar-

die

men Nachbarn.“ Die Portugiesen ihrerseits halten die „hermanos“ (hinter vorgehaltener Hand wohlgemerkt) für laut und aggressiv. Gleichzeitig schauen sie neidisch hinüber zum Nachbarn. Im Grenzbereich, wo schon immer Handelsbeziehungen und Schmuggel mit den Spaniern florierten, sind die Animositäten nicht ganz so ausgeprägt. Portugal ist ein kleines Land und kann im wirtschaftlichen Bereich kaum mit Spanien konkurrieren. Kaufkraft und Pro-Kopf-Einkommen der Portugiesen sind weitaus geringer als das ihrer Nachbarn. Dennoch ist das Land in vielen Dingen weiter entwickelt als Spanien. So gibt es bei- spielsweise in ganz Portugal, teilweise auch in den kleinsten Dörfern, staatlich geförderte kostenlose Internetzentren, die sich „Espaço Internet“ nennen. Auch die Stadtbibliotheken sind generell mit Internetzugang aus- gestattet. Und schon seit Jahren wird in Portugal der Müll getrennt. Auch im Bereich der Hygiene haben die Portugiesen in den letzten zehn Jahren große Fortschritte gemacht. In den Restaurants ist es heutzutage generell sehr sauber. Niemand wird an der Theke, wie in Spanien oft üblich, Pista- zienschalen, Zigarettenkippen oder sonst irgendwelchen Müll auf den Bo- den werfen; oder in Geschäften offene Lebensmittel wie Brot oder Wurst mit bloßen Händen anfassen. Auch das Nichtraucherschutzgesetz von 2008 hat sich in Portugal ohne große Probleme durchgesetzt. Während es in Spanien fast nur Raucherlokale gibt, sind in Portugal alle gastronomi- schen Betriebe rauchfrei, mit Ausnahme von kleinen Bars und Pubs. An- dererseits ist das portugiesische Bildungs- und Gesundheitswesen im Ver- gleich zu Spanien sehr rückständig. Der größte Unterschied zwischen den beiden Völkern liegt eindeutig in der Mentalität. Die Portugiesen sind reservierter und weniger spontan als die Spanier. Die in Spanien frenetisch gefeierte Osterwoche „Semana Santa“ beispielsweise nimmt im ebenso katholischen Portugal nicht an- satzweise solche theatralischen Ausmaße an. Es gibt zwar auch Umzüge und Prozessionen, die aber im Gegensatz zu den pompösen „Romarias“ in Südspanien wie Trauerzüge wirken. Überhaupt sind Portugals „festas“ ge- nerell weniger temperamentvoll als die „fiestas“ der Nachbarn. Fernando Pessoa beschrieb die Spanier als „Volk der Intensität“, während er seine Landsleute als „Volk der Gefühle und Angst“ charakterisierte. Vielleicht ist die Musik hier das beste Barometer: die Portugiesen weinen beim Fado, die Spanier tanzen zum Flamenco. (Siehe auch das Kap. „Denkweisen und Verhaltensformen“.)

Ein Stichwort darf bei einer Spanien-Portugal-Diskussion nicht fehlen:

der Dauerstreitfall Olivenza. Olivenza oder Olivença (portugiesische Schreibweise) ist eine Stadt mit 12.000 Einwohnern, am linken Guadiana- Ufer in der Provinz Badajoz gelegen, das zur spanischen Extremadura gehört. Sie liegt 25 Kilometer von Portugal entfernt und stand einstmals unter portugiesischer Verwaltung. Grund für die hitzigen Gebietsstreitig- keiten ist der Friedensvertrag von Badajoz aus dem Jahr 1801, in dem Oli- venza Spanien zugesprochen wurde. Die Portugiesen erkennen diese Rege- lung nicht an, da der Vertrag eine Nichtangriffsklausel beinhaltete, welche Spanien später verletzte. Also sei die Abtretung Olivenzas an Spanien rechtlich ungültig. Die Einwohner des Ortes wurden nie gefragt, ob sie zu

Lusa, dass so viele Roma-Kinder die Schule allzu früh abbrechen. Er halte dies „für eine gefährliche Situation“ und forderte zum „interkulturellen Dialog“ auf, um den Kindern den Zugang zum Bildungssystem und somit eine Zukunft in der Gesellschaft zu garantieren. Auch in Portugal herrscht Schulpflicht, doch die Gerichte drücken oft aus Rücksicht auf die Kultur der Roma ein Auge zu. Der Großteil der Familien lebt weitgehend abge- schottet ohne Einflussmöglichkeit der staatlichen Jugendbehörden. Die Beziehung der restlichen Bevölkerung zu den Cigano-Clans ist nicht einfach. Viele Portugiesen beklagen sich darüber, dass die Gemeinschaft größtenteils keine Steuern zahlen würde. Obwohl man sich offiziell gern von jeglichem Rassismus freispricht, sind die Angst und das unterschwelli- ge Misstrauen gegenüber der Minderheit deutlich zu spüren. Hinter vor- gehaltener Hand sind viele Vorurteile zu hören, vor allem auf den Dörfern, doch laut sagen würde dies niemand.

Leben am Rand Europas

„A Europa jaz, posta nos cotovelos:

De Oriente a Ocidente jaz, fitando,

E toldam-lhe românticos cabelos – Olhos gregos, lembrando.

O

cotovelo esquerdo é recuado;

O

direito é em ângulo disposto

Aquele diz Itália onde é pousado;

Este diz Inglaterra onde, afastado,

A mão sustenta, em que se apoia o rosto.

Portugal gehören wollen und diese Frage stellt sich auch nicht, da die Men- schen sich als Spanier fühlen. Auf der Homepage der Stadtverwaltung wird eine Zugehörigkeit zu Portugal klar abgelehnt. Die spanische Bevöl- kerung weiß von den Gebietsansprüchen der Portugiesen kaum etwas. Dies ist nur ein Thema auf der anderen Seite des Flusses. Offiziell hat Por- tugal die Stadt nie eingefordert, die Souveränität Spaniens aber auch nie anerkannt. Seit 1986 geht der Disput mit anekdotischen Zügen über die Organe der Europäischen Union weiter, die portugiesischen Abgeordneten bringen das Thema immer wieder auf die Tagesordnung. Bisher wurde diesem Anliegen seitens der anderen EU-Mitglieder allerdings wenig Beachtung geschenkt.

Fita, com olhar sphyngico e fatal,

O

Ocidente, futuro do passado.

O

rosto com que fita é Portugal.“

„Europa liegt auf ihren Ellenbogen und schaut vom Orient zum Okzident. Ihr Antlitz von romantischem Haar umflogen – Erinnerung in Griechenaugen brennt. Ihr linker Arm sich rücklings biegt, ihr rechter ist im Winkel angelegt; Italien heißt das Land, auf dem er liegt, England das zweite Land, das breit die Hand stützt, die ihr Antlitz trägt. Gen Westen schaut sie, Sphinx der Schicksalsqual, auf das Zukünftige der Vergangenheit. Europas Antlitz – das ist Portugal.“

(Fernando Pessoa, aus „Esoterische Gedichte/Mensagem/Botschaft/ Englische Gedichte“)

Portugal ist ein überschaubares Land. Mit knapp 90.000 Quadratkilome- tern Fläche ist es gerade mal so groß wie Bayern und Hessen zusam- men. Die Entfernungen sind schnell zurückgelegt. Von Nord nach Süd misst die längste Strecke 690 Kilometer, von Ost nach West knapp 220 Ki- lometer. Von Porto kommt man beispielsweise mit dem Auto in knapp fünf Stunden bis zum südlichen Faro, von Lissabon zur spanischen Gren- ze dauert die Fahrt weniger als drei Stunden.

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Die wichtigsten Städte von Nord nach Süd sind Braga, Braganza, Por- to, die Hauptstadt Lissabon, Coimbra, Evora, Beja und Faro. Auf der Land- karte stellt sich uns Portugal als schmales Rechteck am südwestlichen En- de des europäischen Kontinents dar. Es nimmt gerade mal ein Sechstel der Iberischen Halbinsel ein, umgeben vom einzigen Nachbarn Spanien, zu dem es eine 1200 km lange Landesgrenze im Norden und Osten gibt. Die Portugiesen bestehen darauf, dass die natürlichen Grenzen zwischen bei- den Ländern gottgewollt seien. Ein Wermutstropfen für die portugiesische Seele ist, dass drei der vier wichtigsten Flüsse im Nachbarland entspringen. Der Tejo ist mit 1007 Kilometern der längste von ihnen. Er durchquert als Tajo weite Teile Spa- niens, bis er in Lissabon in den Atlantik mündet. Der Douro (span. Due- ro) ist 895 Kilometer lang, seine Täler beheimaten sowohl Portugals als auch Spaniens wichtigste Weinbaugebiete. Der Guadiana mit 744 Kilo- metern ist über weite Strecken ein Grenzfluss. Er entspringt in der spani- schen La Mancha und mündet bei Vila Real de Santo António an der Al- garve ins Meer. Ein rein portugiesischer Fluss ist der Mondego mit 234 Kilometern Länge. Er entspringt in der Serra da Estrela, fließt an der Uni- versitätsstadt Coimbra vorbei und mündet bei Figueira da Foz in den At- lantik. Der Westen und auch der Süden Portugals liegen am Meer. Die 832 Ki- lometer lange Atlantikküste ist abwechslungs- und facettenreich: Von fla-

Portugals liegen am Meer. Die 832 Ki- lometer lange Atlantikküste ist abwechslungs- und facettenreich: Von fla-

chen weißen Sandstränden bis hin zu ockerfarbenen Felsenbuchten und steilen Schieferklippen ist alles zu finden. Der Atlantik war und ist für Por- tugal das Tor nach Amerika, Asien und Afrika. Dazwischen liegen das Azo- renarchipel (neun Inseln) und Madeira (mit Porto Santo) als grüne Tupfer im endlosen Blau. An der Westküste befinden sich gleich zwei geografisch bedeutende Orte: Das Cabo da Roca nördlich von Lissabon markiert die westlichste, das Kap São Vicente bei Sagres an der Westalgarve die süd- westlichste Stelle Kontinentaleuropas. Dort steht auf 60 Meter hohen wellenumtosten Klippen Europas lichtstärkster Leuchtturm. Das Kap ist dem Heiligen Vinzenz (Schutzpatron von Lissabon) geweiht, weil laut Le- gende dessen Gebeine nach seinem Märtyrertod hier in einem Boot be- gleitet von zwei schwarzen Raben angeschwemmt worden sein sollen. In der Antike und bei den Römern galt das benachbarte Felsplateau der Pon- ta de Sagres als eine heilige Stätte. Promontorium Sacrum hieß dieses mys- tische in den Atlantik ragende „Ende der Welt“. Die Präsenz des Ozeans als Fenster zur Welt hat das kleine Land von jeher geprägt, viel mehr als die östliche Grenze zum restlichen Europa, denn Spanien wirkte über Jahrhunderte wie ein Bollwerk gegen die konti- nentalen Nachbarn. Nicht umsonst basieren Portugals ruhmreichste Zei- ten auf der Erkundung der Welt über das Wasser. Die Nähe zum Meer ist nach wie vor der größte Trumpf des Landes, der Atlantik ist sowohl Trans- portweg und Lebensgrundlage als auch wichtigste Touristenattraktion. Die Verbindung aus Sonnenschein, mildem Klima und paradiesischen Stränden lässt vor allem Südportugal zunehmend zum Fluchtort für regen- müde Mittel- und Nordeuropäer werden.

„Regiões Portuguêsas“ – die Regionen im Kurzportrait

So klein das Land flächenmäßig ist, so vielfältig sind seine Naturräume und deren Bewohner. Der Norden mit den Regionen Minho und Trás-os-Montes ist grün und feucht, Zentralportugal (As Beiras) birgt mit der Serra da Estrela ein (wenn auch bescheidenes) Skigebiet und die höchste Bergkette des Festlandes mit dem 1993 Meter hohen Torre. Den mit 2351 Metern höchsten Berg Portugals, den Pico, findet man auf der gleichnamigen Azoreninsel. Süd- portugal besteht aus den Regionen Terras do Sado, Alentejo und der Al- garve, der bekanntesten Tourismusdestination des Landes. 119 Menschen

Das westlichste Ende Europas: Cabo da Roca

Das westlichste Ende Europas: Cabo da Roca

leben laut Statistik auf einem Quadratkilometer portugiesi- schen Bodens (im Vergleich da- zu: in Deutschland