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Warum Italien am Abgrund steht - Finanzmarktkrise - derStandard.at › Wirtschaft 19.11.

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Warum Italien am Abgrund steht


THOMAS MAYER, ANDREAS 357 POSTINGS
SCHNAUDER
14. November 2018, 18:29

Der Währungsfonds warnt vor einer Schuldenkrise und


Rezession Italiens. Nur einschneidende Reformen könnten das
Land auf Vordermann bringen

Die Reaktion der EU-Kommission auf die demonstrative


Weigerung der italienischen Regierung, im Budget die
geforderten nachhaltigen Korrekturen vorzunehmen, fiel kühl
aus. Das Kollegium werde eine Stellungnahme zum Schreiben
aus Rom Mitte nächster Woche abgeben, wenn auch die
Budgetentwürfe anderer Mitgliedstaaten auf der Tagesordnung
stehen, sagte ein Sprecher in Brüssel.
foto: reuters / tony gentile Auf Inhalte ging er nicht ein, er bestätigte lediglich, dass der
Schlafstellen für Obdachlose wie hier in einer Kirche in
Rom zeugen von wachsender Armut in Italien.
Brief aus Rom fristgerecht vor Mitternacht eingegangen war.
Damit deutete die Kommission an, dass es für Italien keinerlei
Sonderbehandlung geben werde. Das Faktum, dass die
Budgetansätze aus Italien nicht nur der Größenordnungen
wegen – einer Verdreifachung der bisher geplanten
Neuverschuldung, 2,4 statt 0,8 Prozent des BIP – weit
überzogen seien, hatte Wirtschafts- und Währungskommissar
Pierre Moscovici bereits im Warnbrief aus Brüssel vor zwei
Wochen festgehalten.

Marode Struktur

Was von immer mehr Ökonomen betont wird: Italien leidet nicht
nur an maroden Staatsfinanzen, sondern an tiefer liegenden
Strukturproblemen. Wie schlecht es um das Land bestellt ist, hat
nun der Internationale Währungsfonds (IWF) in einem Bericht
festgehalten. Die wichtigsten Punkte:

· Stagnation Die Wirtschaft hinkt nun schon seit Jahrzehnten


hinterher, was sich negativ auf die Geldbörsen der Italiener
auswirkt. Die privaten Realeinkommen liegen heute auf dem
gleichen Niveau wie vor 20 Jahren. Der sonst nüchterne IWF
bringt seine Einschätzung drastisch zum Ausdruck: "Die
Lebensbedingungen von Menschen mittleren und jüngeren
Alters sind erodiert." Angesichts einer Arbeitslosigkeit von zehn
Prozent versuchen immer mehr Italiener ihr Glück im Ausland,
die Emigration stieg auf den höchsten Stand seit fünf Jahren.
Vor allem jüngere Personen ziehen weg, was weitere negative
Folgen für Wachstum und Pensionssicherung haben wird.

· Steuersystem Als besonders wachstumsfeindlich gilt die


Besteuerung: Arbeit wird hoch, Vermögen kaum belastet. Da
auch die Pensionsausgaben die zweithöchsten der Eurozone
sind, ortet der IWF eine Begünstigung älterer Generationen

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gegenüber jüngeren. Der Fonds sieht in den Steuerplänen


Roms keine grundlegende Reform und befürchtet, dass die
Änderungen der Regierung – Einheitssteuer für Selbstständige
und die Begünstigung nicht entnommener Gewinne – die
Unsicherheit erhöhen und das Geschäftsumfeld beschädigen
werden. Stattdessen plädiert der Fonds für eine umfassende
Reform und Abkehr von den notorischen Amnestien, die nur die
Steuermoral verschlechterten.

· Arbeitsmarkt Der IWF kritisiert die im internationalen


Vergleich hohen Kosten, die mit einer Beendigung von
Arbeitsverhältnissen verbunden sind. Darin sieht der Fonds
einen negativen Anreiz für Betriebe, neue Leute einzustellen.
Zudem wird im Länderbericht eine Dezentralisierung der
Lohnfindung empfohlen, um strukturelle Arbeitslosigkeit zu
beseitigen und Produktivitätsverbesserungen auf regionaler
Ebene zu erzielen.

· Pensionen Die Reduktion des faktischen Antrittsalters wird die


Pensionsausgaben erhöhen, die Beschäftigung Älterer
reduzieren und den Generationenkonflikt anheizen, warnt der
Währungsfonds. Die Problematik ist für die Experten besonders
gravierend, da Pensionssystem und folglich Staatsfinanzen in
den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten besonders unter Druck
gerieten.

· Staatsfinanzen Insgesamt befürchtet der IWF wegen der


höheren Ausgaben eine Steigerung des Defizits auf annähernd
drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die höheren
Staatsausgaben hätten negative Effekte in Form höherer Zinsen
auf Anleihen der Republik. Steigende Schulden und dadurch
notwendige Sparmaßnahmen könnten eine Rezession
auslösen. (Thomas Mayer, Andreas Schnauder, 14.11.2018)

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