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Hausaufgabe aus dem Deutschen


fertiggestellt am: 6. November 1995

anläßlich des

25. Schülerwettbewerbs zur politischen Bildung 1995

Abgabetermin: 8. November 1995

Zu bewerten durch: Herrn StD Robert Griebel

• Karl-Theodor-von-Dalberg-Gymnasium Aschaffenburg •
Inhaltsverzeichnis:

1. Das Ende des Zweiten Weltkriegs und seine Folgen


2. Heimat - was ist das?
3. Bericht einer unmittelbar betroffenen Person
3.1. Der Tag nach dem Kriegsende
3.2. Polnische Herrschaft
3.3. Umzug nach Grafenort
3.4. Vertreibung aus Grafenort
3.4.1. Fahrt mit dem Güterzug
3.4.2. Auffanglager in Mittelwalde
3.4.3. Flüchtlingslager in Mariental
3.5. Einweisung nach Ovelgönne
3.6. Umzug nach Pflaumheim
4. Der Eingliederungsprozeß in die neue Heimat
4.1. Soziale Eingliederung
4.2. Wohnungssuche
4.3. Inanspruchnahme staatlicher/behördlicher Förderungen
4.4. Arbeitsbeschaffung
5. Zusammenfassung

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Das Ende des Zweiten Weltkriegs und seine Folgen

Es geschah am Dienstag, dem 8. Mai 1945. Ein Schrei der Erleichterung ging durch die Massen
der deutschen Bevölkerung: Der Zweite Weltkrieg war offiziell für beendet erklärt, die bedingungs-
lose Kapitulation war beschlossene Sache. Das Deutsche Reich hatte sämtliche Rechte an die alli-
ierten Siegermächte abzugeben. Was dieses politische Ereignis, das auf den ersten Blick einen solch
positiven Eindruck hinterläßt, für einen großen Teil der deutschen Bevölkerung bedeutet hat, ist
nicht in Worten auszudrücken.
Nach dem verlorenen Krieg bemächtigten sich die Alliierten großer Teile Deutschlands, was
zur Folge hatte, daß alle Bewohner dieser Gebiete ihre Heimat verlassen mußten. Zwar sind schon
während des Krieges unzählige Menschen geflüchtet, vor allem aufgrund politischer Verfolgung,
doch besteht immer noch ein gewaltiger Unterschied zwischen freiwilliger und erzwungener Aus-
reise. Die Bandbreite der Vertreibungen war vielfältig: Vertriebene kamen aus den baltischen Staa-
ten, aus Ost- und Westpreußen, aus Danzig, aus Pommern, aus Brandenburg, aus Polen, aus Nieder-
und Oberschlesien, aus dem Sudetenland, aus den Karpaten und aus Rußland, aus Ungarn, aus Ju-
goslawien und aus Rumänien in die alliierten Besatzungszonen.

Die Zahl der Vertriebenen (nach Herkunftsgebieten)


Deutsches Reich
(Ostgebiete)
Schlesien

Tschechoslowakei

Ostpreußen

Ost-Pommern

Ost-Brandenburg

Übrige Gebiete
0 1 Mio. 2 Mio. 3 Mio. 4 Mio. 5 Mio.
29.10.1946 13.09.1950
Daten wurden entnommen aus: Literatur 1, S. 128 (siehe Quellenverzeichnis)

Abb. 1: Diagramm über die Zahl der Vertriebenen und deren Herkunftsgebiete

Heimat - Was ist das?

Heimat - Was sich unter diesem unscheinbaren Begriff verbirgt, ist nur jenen Menschen, die in
den Nachkriegsjahren von alliierten Besatzungsmächten vertrieben worden waren, wirklich be-
wußt. Für diese Leute ist Heimat mehr als nur ein geographischer Bereich, in dem sie geboren und

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aufgewachsen sind, vielmehr ist es ein Teil ihrer Geschichte, denn in den meisten Fällen werden sie
nie wieder die Möglichkeit haben, dort zu leben.
Viele dieser Menschen trauern um den Verlust ihrer alten Heimat. Das ist in gewisser Weise
verständlich, denn wen würde es nicht unangenehm berühren, wenn er gezwungen wäre, seine ge-
wohnte Lebensumgebung zu verlassen?
Was dies für den einzelnen bedeutet, ist wohl am ehesten durch einen Augenzeugenbericht zu
schildern; eine unmittelbar betroffene Person gab über ihr Schicksal bereitwillig Auskunft.

Bericht einer unmittelbar betroffenen Person

Anna Stonjek (72)1, Witwe, geboren in Grafenort, einer kleinen Ortschaft im ehemaligen
Schlesien, wurde nach dem Krieg im Alter von 22 Jahren aus ihrer Heimat vertrieben, während sich
ihr Ehepartner in Schleswig-Holstein in Kriegsgefangenschaft befand. Sie berichtet über den Mor-
gen des 9. Mai 1945 in Falkenhain, wo sie zu diesem Zeitpunkt mit ihrer restlichen Familie gelebt
hat, folgendes:
“Als um 9 Uhr morgens die Ankunft der russischen Soldaten bevorstand, hatten wir große
Angst. Wir hatten die Russen bisher nur als Fratzen von den Plakaten der Nationalsozialisten ge-
kannt. Wie erstaunt waren wir da, als die Russen lärmend und grölend auf ihren Pferdewagen anka-
men, uns begrüßten und uns bedeuteten, zu lachen und uns zu freuen! Sie müssen über das Kriegs-
ende überglücklich gewesen sein.”
Während die Russen, wie Anna Stonjek erwähnt, ihr und ihrer Familie während dieser Zeit
niemals etwas getan hatten, änderte sich die Situation schlagartig, als im September 1945 die Polen
die Herrschaft über dieses Gebiet übernahmen.
Diese nutzten die Rechte, die sie über die deutsche Bevölkerung hatten, stark aus. Vor allem
Bauern, die in der Zeit des Dritten Reiches polnische Arbeitskräfte in ihrem Dienst hatten, litten
nun schwer unter der polnischen Herrschaft, indem sie jeglicher Rechte über ihren Besitz beraubt
wurden. Jeder Deutsche war nun verpflichtet, als Erkennungsmerkmal eine weiße Armbinde zu tra-
gen. Das Haus der Stonjeks wurde von einer vierköpfigen polnischen Familie übernommen. Diese
räumten der Familie Stonjek lediglich einen Platz in der Waschküche ein, ein Ort, der beim besten
Willen keinen angemessenen Wohnraum für sieben Personen darstellt. Zum Glück wurde ihnen
nach einem Gespräch mit dem polnischen Bürgermeister die Mitbenutzung der Küche sowie die
Belegung zweier weiterer Zimmer genehmigt.
Als Anna Stonjek bewußt wurde, daß die Ausweisung aus ihrer Heimat nun bald erfolgen wür-
de, zog sie mit ihrem einjährigen Sohn, ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester in ihren Ge-
burtsort Grafenort.
Dort erfuhr sie am 20. März 1946 von einem polnischen Gemeindesekretär, daß es am näch-
sten Tag “losgehen” würde. Und in der Tat standen am Morgen des 21. März polnische Soldaten vor

Die Verwendung sämtlicher Namensangaben wurden von den betroffenen Personen, soweit erforderlich, ausdrücklich
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genehmigt.
Die Verwendung und Veröffentlichung der Illustrationen wurde, mit Rücksicht auf eventuelle Urheberrechte,
█████████ ausdrücklich gestattet.

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der Haustür und verwiesen Anna Stonjek und ihre Familie des Hauses. Es war ihnen lediglich die
Mitnahme von Handgepäck gestattet, und niemand von ihnen wußte auch nur im geringsten, wo-
hin die Reise mit dem bereitgestellten Güterzug gehen würde. Jedoch war die Fahrt nach einigen
Kilometern schon beendet, und sie wurden unter Aufsicht russischer und polnischer Soldaten als
Gefangene in ein Auffanglager in Mittelwalde gebracht. Am nächsten Tag wurde eine Leibesvisi-
tation durchgeführt und die Fahrt mit dem Güterzug fortgesetzt.
Anna Stonjek berichtet: “Wir waren 33 Personen in einem Güterwaggon. Die Versorgungslage
war katastrophal, wir mußten unsere Notdurft im Freien verrichten, wenn der Zug anhielt; ein klei-
ner Ofen war zwar vorhanden, wir konnten ihn jedoch aus Platzmangel und aus Mangel an Holz
nicht in Betrieb setzen. Wann immer wir ins Freie blickten, sahen wir verwüstete Felder und brach-
liegendes, unbebautes Land. Dieser Anblick war für uns schrecklich. Als wir jedoch dann die Gren-
ze zur sowjetischen Besatzungszone überfuhren, änderte sich das Landschaftsbild schlagartig. Die
Felder waren grün, wir sahen bepflanzte Gärten, der Anblick war wunderschön!”
Nach einer insgesamt achttägigen Fahrt hielt der Zug schließlich in Frankfurt an der Oder.
Erst jetzt durften die Vertriebenen ihre Armbinden ablegen, und ihnen wurde im Wartesaal des
Bahnhofs ein wenig Essen serviert.
Später erfolgte der Weitertransport nach Mariental in der britischen Besatzungszone; von
dort aus wurden die Vertriebenen in verschiedene Gebiete aufgeteilt. “Wir wurden einem Bauern-
hof in Ovelgönne, einem Dorf im Landkreis Wesermarsch bei Bremen, zugewiesen. Wir wurden
dort von den Eigentümern des Bauernhofes sehr freundlich aufgenommen, obwohl schon sechs
Vertriebene dort Unterkunft hatten. Die Menschen im Dorf waren sehr nett zu uns, es hat keine
Probleme gegeben. Nach vier Wochen bekamen wir dann eine größere Wohnung im Dorf.”

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Nach einigen Monaten wurde bekannt, daß sich der Vater Anna Stonjeks in einem Dorf in
Schleswig-Holstein befindet, demzufolge zogen ihre Mutter mit ihrer Schwester zu ihm. Anna
selbst wurde nun eine kleinere Wohnung zugewiesen, wo sie einige Monate verbrachte, bis sie am 3.
August 1946 den Wohnort ihres Ehemannes, Georg Stonjek, erfuhr. Er hatte nach seiner Entlas-
sung aus der Kriegsgefangenschaft eine Unterkunft in Pflaumheim bei Aschaffenburg gefunden
und in Eigenregie eine Suchaktion gestartet, indem er Suchanzeigen an die Verwaltungen verschie-
dener Gemeinden schickte (siehe Abb. 3).
Nun zog Anna Stonjek mit ihrem Sohn im September 1946 zu ihrem Ehemann.

Der Eingliederungsprozeß in die neue Heimat

Es ist in gewisser Weise schwierig, die Eingliederung in die neue Heimat darzustellen, da im
vorliegenden Fall nicht eindeutig zu erkennen ist, ob nun Ovelgönne in Norddeutschland oder
Pflaumheim in Bayern als die neue Heimat Anna Stonjeks anzusehen ist; es existieren für beide
Fälle plausible Erklärungen. Einerseits ist Ovelgönne der erste Ort im westlichen Deutschland, mit
dem Anna Stonjek nach der Vertreibung überhaupt in Berührung gekommen ist und in dem sie ein
Obdach gefunden hat, andererseits hat sie dort bei weitem weniger Zeit, nämlich etwa ein halbes
Jahr, verbracht als in der neuen Heimat in Süddeutschland. Aus letztgenanntem Grund liegt es
wohl doch näher, Pflaumheim als ihre neue Heimat zu bezeichnen.
Anna Stonjek ist jedoch während ihrer Neueingliederung auf vielfältige Schwierigkeiten gesto-
ßen. Zunächst ist sie, wie sie berichtet, mit der katastrophalen Armut konfrontiert worden, die in
diesem Gebiet herrschte, da es im Gegensatz zu ihrer alten Heimat ein Kriegsgebiet gewesen war.

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Die Lebensmittelversorgung war äußerst knapp, die Bevölkerung war unzufrieden. Das führte un-
glücklicherweise zu einer mangelhaften Akzeptanz von Flüchtlingen, wie Anna Stonjek am eigenen
Leib erfahren mußte. Es gab zwar Einwohner, die sehr freundlich zu ihr waren, vor allem die In-
haberin ihrer Wohnung, die ihr sogar während einer längeren Krankheit Georgs freiwillig zusätzli-
che Zimmer zur Verfügung stellte; doch verhielten sich die meisten Pflaumheimer ablehnend ge-
genüber den Neueinwohnern, ganz im Gegensatz zu den Bewohnern von Ovelgönne, die die Fami-
lie Stonjek immer hilfsbereit und freundlich behandelt hatten. So brauchte Anna, wie sie heute
sagt, ganze neun Jahre, um sich in ihrer neuen Umgebung einigermaßen einzuleben; ein möglicher
Grund dafür könnte sein, daß die Menschen dort wohl mit sich selbst zu sehr beschäftigt gewesen
waren, als daß sie auf Fremde hätten Rücksicht nehmen können.
Mit der Wohnungsbeschaffung hatten Stonjeks weniger Probleme: Auf dem Bauernhof in
Ovelgönne war zwar nur ein kleines Zimmer für sie vorgesehen, was allerdings verständlich er-
scheint, zumal schon sechs andere Vertriebene im Haus untergebracht waren.
Die Situation besserte sich dann, als sie eine eigene Wohnung im Dorf beziehen konnten.
Nach der Ankunft in Pflaumheim verfügte Anna Stonjek mit ihrem Mann zunächst als Untermieter
über einige Zimmer, im November 1946 zogen sie sogar in eine vollständige Mietwohnung um.
Später mieteten sie sich in einem Wohnblock ein und begannen 1962 den Bau eines Eigenhauses,
das sie 1963 bezogen und wo Anna Stonjek, nach dem Tod ihres Gatten 1989, heute immer noch
wohnt.
In dieser Hinsicht ist es interessant zu erwähnen, daß Stonjeks während des gesamten Ein-
gliederungsprozesses ohne jegliche Bezuschussungen von seiten des Staates ausgekommen sind.
Auch haben sie keinerlei Hilfe von Vereinen oder Institutionen in Anspruch genommen, und die
einzige Gelegenheit, da staatliche oder behördliche Hilfen genutzt wurden, hatte im Versenden der
Suchanzeigen Georg Stonjeks bestanden.
Was den Vorgang der Arbeitsbeschaffung betrifft, gab es ebenfalls keine nennenswerten Pro-
bleme, da Georg Stonjek, der aufgrund der ausschließlich hausfraulichen Tätigkeit seiner Ehefrau
der alleinige Erwerbstätige war, zum Zeitpunkt der Ankunft seiner Frau bereits eine Stelle bei ei-
nem Schreinermeister in Pflaumheim hatte. Diese Stelle wechselte er aus Gründen des Hausbaus
mehrmals, blieb aber durchgehend erwerbstätig, bis er nach Jahrzehnten aufgrund einer einseitigen
Erblindung in den vorzeitigen Ruhestand treten mußte.

Zusammenfassung

Anna Stonjek, die es übrigens vehement zurückweist, als Flüchtling bezeichnet zu werden, ist
ihrer Heimat beraubt worden. Sie ist nicht bereit, Pflaumheim als ihre neue Heimat anzuerkennen,
da Heimat für sie ausschließlich das Gebiet darstellt, auf dem man geboren und aufgewachsen ist.
Auf die Frage, ob sie ihre Vertreibung auch heute noch als ungerecht empfindet, antwortet sie:
“Auf jeden Fall. Aber man muß einsehen, daß wir Deutschen den Krieg angefangen hatten und eben
später dafür büßen mußten!”

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Würde Anna Stonjek, wenn sie die Wahl hätte, wieder in ihrer alten Heimat Schlesien leben
wollen? Die Antwort erfolgt sogleich: “Nein. Obwohl ich auch jetzt noch oft großes Heimweh em-
pfinde, möchte ich nicht mehr in Schlesien leben, das ja jetzt zu Polen gehört. Die Menschen, die
dort seßhaft sind, waren zum Zeitpunkt unserer Vertreibung noch gar nicht geboren und haben
mit der gesamten Angelegenheit nichts zu tun. Wer wäre ich, daß ich ihnen ihre Heimat wegnäh-
me?”

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Quellennachweis:
1. Lemberg, Eugen / Edding, Friedrich (Hg.): Die Vertriebenen in Westdeutschland. Ihre Ein-
gliederung und ihr Einfluß auf Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Geistesleben. Kiel 1959

Gespräche wurden geführt mit:


- Anna Stonjek (ehemalige Vertriebene)

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Hiermit versichere ich, daß ich die vorliegende Arbeit selbständig und ausschließlich unter
Verwendung zugelassener Hilfsmittel angefertigt habe.

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Raum für Kommentare, konstruktive Kritik und Anregungen :-)

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