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Szene: Garten (V.

3072 – 3208)

Welche Seite im Menschen ist stärker? Die des Bösen oder die des Guten? Johann
Wolfgang von Goethe setzt sich mit dieser Frage in seinem Lebenswerk „Faust. Der
Tragödie erster Teil“ auseinander.

Das Drama spielt im 18. Jahrhundert und wurde 1808 zum ersten Mal veröffentlicht.
Goethe beginnt im Jahre 1773 seine Arbeit am „Urfaust“ und schließt „Faust. Eine
Tragödie“ erst im Jahre 1806 ab. Daher ist es auch nicht möglich, eine Epoche für den
„Faust“ zu bestimmen, da er die Epochen Aufklärung, Sturm und Drang und Klassik
umfasst.

Das Drama „Faust I“ handelt über die Lebenssinnsuche der Hauptfigur, des in die Jahre
gekommenen Gelehrten Heinrich Fausts. Alles Wissen der Erde kann Faust nicht zufrieden
stellen. Der Teufel in Gestalt des Mephistos will Faust zu sich holen, dieser schließt mit
ihm eine Wette ab. Die Wette besagt, dass Faust Mephistos Knecht wird, sobald Faust
folgende Worte sagt: „Verweile doch [du Augenblick]! du bist so schön!“ (V. 1700). Im
Vorspiel von „Faust I“ gibt Gott jedoch zu verstehen, dass Fausts Seele ihm gehören wird.
Zwischen Gott und Mephisto läuft ebenfalls eine Wette. Mephisto will Faust von seinem
Glauben an Gott abbringen.

Mephisto lässt mit Hilfe einer Hexe Faust um 20-30 Jahre verjüngen und zeigt ihm ein Bild
der „schönen Helena“. Faust sieht nun in der bürgerlichen, gerade heiratsfähig gewordenen
Frau, Gretchen, das weibliche Idealbild.

Sie wird von ihm schwanger und verzweifelt, so dass sie das Kind nach der Geburt tötet.
Für den Kindesmord wird sie verurteilt, in einem Kerker wartet sie auf ihre Hinrichtung.
Faust kann Gretchen befreien, doch Gretchen lehnt seine Hilfe ab und stellt sich gegenüber
Gott ihren Taten. „Faust I“ endet mit der Rettung Gretchens durch Gott.

Gretchens Kindesmord erhält die Basis für die Beurteilung in der Szene „Garten“. In dieser
Szene spazieren Faust mit Gretchen und Mephisto mit Marthe, Gretchens Nachbarin,
zusammen durch einen Garten. Dabei beraten sie dringliche Angelegenheiten. Goethe lässt
originell zwei unterschiedliche Pärchen wie auf einer Drehscheibe im Wechselspiel
auftreten.

In dieser Szene treffen Faust und Gretchen das zweite Mal aufeinander, die sich in der
Szene „Straße I“ zum ersten Mal kurz begegnet sind. Da Faust von der Hexe verzaubert
wurde, ist für ihn Gretchen als schöne Frau erstrebenswert: „Beim Himmel, dieses Kind ist
schön!/ So etwas hab ich nie gesehn.“ (V. 2609 f.) Gretchen war von Fausts Charme derart
überwältigt, dass sie ihn direkt wieder erkannt hat, als er in den Garten kam: „Saht Ihr es
nicht? ich schlug die Augen nieder.“ (V. 3165) Gretchen und Faust schwelgen in
Erinnerungen von ihrer ersten Begegnung. Gretchen kann es immer noch nicht
nachvollziehen, warum Faust sie für schön empfindet.
Gretchen stellt sich in dieser Szene selber vor, indem sie Faust von ihrem alltäglichen
Leben berichtet: „Wir haben keine Magd; muss kochen, fegen, stricken/ Und nähn, und
laufen früh und spat“ (V. 3111) Durch Gretchens Erzählung erhält der Leser einen Einblick
in Gretchens Leben und entdeckt dabei, dass sie dem Kleinbürgertum angehört. Des
Weiteren erfährt man, welche Werte beim Kleinbürgertum gelten. Gretchen arbeitet viel im
Haushalt und musste sogar ihre kleine Schwester großziehen, die nachher allerdings
gestorben ist: „Ich zog es auf, und herzlich liebt es mich. […] Und so erzog ich’s ganz
allein,/ Mit Milch und Wasser; so ward’s mein.“ (V. 3125 ff.) Gretchen ist durch diese
Mutterrolle schnell erwachsen geworden und musste früh Verantwortung übernehmen. Ihre
Liebe und ihr Verständnis für Kinder werden deutlich. Sie widerspricht sich mit dem Satz:
„Ich hatte mit dem Kind wohl meine liebe Not;/ Doch übernähm ich gern noch einmal alle
Plage,/ So lieb war mir das Kind.“ (V. 3122) Sie befindet sich im weiteren Verlauf des
Dramas nicht in der Lage, sich wieder um ein Kind kümmern zu können, das zu allem
Unmut auch noch unehelich zur Welt gekommen ist. Sie müsste sich als ledige Mutter um
ein Kind kümmern.

Außerdem ist Gretchens Familie sehr sparsam und bescheiden. Obwohl der Vater bei
seinem Tod ein kleines Vermögen hinterlassen hat, zeigt Gretchens Mutter dies nicht. Sie
leisten sich nichts Besonderes, sondern leben wie zuvor: „Wir könnten uns weit eh´r als
andre regen:/ Mein Vater hinterließ ein hübsch Vermögen,/ Ein Häuschen und ein Gärtchen
vor der Stadt.“ (V. 3116 ff.) Darüber hinaus lernt man die Sexualmoral des
Kleinbürgertums kennen: „Ich war bestürzt, mir war das nie geschehn“ (V. 3169) Gretchen
bezieht sich auf Fausts Verhalten während ihrer ersten Begegnung. Im Kleinbürgertum
wird von einem Mädchen erwartet, ihre Tugend zu behalten. Bis zum diesem Zeitpunkt ist
dies Gretchen auch gelungen, und somit verkörpert Gretchen das Idealbild eines
kleinbürgerlichen Lebens.

Gretchen befragt im weiteren Verlauf das Blumenorakel und erhält dadurch die freudige
Nachricht, dass Faust das gleiche für Gretchen empfinden könnte, wie sie auch für ihn: „Er
liebt mich!“ (V. 3183) Faust, der dies mitbekommen hat, ergreift daraufhin Gretchens
Hände, um ihr mitzuteilen, dass das Blumenorakel Recht hat: „Ja, mein Kind! Lass dieses
Blumenwort/ Dir Götter-Ausspruch sein. Er liebt dich!“ (V. 3185) Doch, dass Faust
Gretchens Liebe nicht erwidern kann, beweist er dadurch, dass er das Verhalten von
Gretchens Verliebtheit durch das Blumenorakel nicht erkennt: „Was soll das? Einen
Strauß?“ (V. 3179) Faust geht es nur darum, seine sinnlich-sexuelle Erfüllung zu
befriedigen. Dies lässt auch darauf zurückführen, dass in dem Gespräch zwischen Faust und
Gretchen hauptsächlich Gretchen redet. Faust wirkt durch seine kurzen Sätze desinteressiert
und scheint nur die sexuelle Erfüllung im Blick zu haben. Nachdem sich Faust und
Gretchen ihre Liebe gestanden haben, „überläuft“ es Gretchen. Für die beiden Personen
gibt es kein Halten mehr und beide wünschen sich die sinnlich-sexuelle Erfüllung.

Dass Marthe das Gegenteil von Gretchen ist, wird in dem Dialog zwischen Marthe und
Mephisto deutlich. Zwei Szenen zuvor hat sie erfahren, dass ihr Mann sie im Stich gelassen
hat. Sie möchte die Bestätigung haben, dass er gestorben ist, um sich einem neuen Mann
offenbaren zu können. Auch Marthe gehört dem Kleinbürgertum an, entspricht aber
keineswegs dem Idealbild, so wie Gretchen.
Marthe zeigt in der Garten-Szene ihr offenkundiges Interesse gegenüber Mephisto. „Sagt
grad, mein Herr, habt Ihr noch nichts gefunden?/ Hat sich das Herz nicht irgendwo
gebunden?“ (V. 3153 f.) Marthe ist im Gegenteil zu Gretchen bei weitem nicht so
distanziert, denn sie redet direkt und spricht sogar von der „Lust“. (V. 3167) Gretchen
hingegen greift zu einem kindlichen Blumenspiel und denkt nicht an Sexualität wie Marthe.
Das Gespräch zwischen Marthe und Mephisto ist kürzer. Dadurch ist zu erkennen, dass es
nicht im Vordergrund steht. Auffällig ist aber, dass Marthe immer die Gesprächsthemen
von Faust und Gretchen übernimmt, wenn auch in einem anderen Zusammenhang. Beim
ersten Wechsel zwischen den Paaren übernimmt Marthe das Thema der Reise: „Und Ihr,
mein Herr, Ihr reist so immer fort?“ (V. 3085) Beim zweiten Wechsel übernimmt sie das
Thema, dass ,,die armen Weiber […] doch übel dran" (V. 3149) sind. Sie meint dies aber
ganz anders als Gretchen. Sie erkennt auch nicht die Gefahr Mephistos. Gretchen hingegen
lief „ein Schauer übern ganzen Leib“ (V. 2757) als Mephisto in ihrem Zimmer war. Dies
zeigt wieder den Kontrast zwischen Marthe und Gretchen.

Mephisto ist im Gegensatz zu Marthe sehr wortkarg. Indirekte Aufforderungen, wie


sesshaft zu werden, beantwortet er zweideutig und lässt Marthe sich ihre Deutung
raussuchen. Er gibt keine vernünftigen Antworten, sondern benutzt Sprichworte: „Das
Sprichwort sagt: Ein eigner Herd,/ Ein braves Weib, sind Gold und Perlen wert.“ (V. 3155).
Durch das Gold und die Perlen bezieht er sich auf die Abend-Szene, als Gretchen das
Schmuckkästchen in ihrem Zimmer findet und somit zeigt, dass sie verführbar ist.
Mephisto weiß, wie er die Frauen verführen kann.

Faust und Margarete schweben auf Wolke Sieben und sind sich einig, während Marthe
vergeblich versucht, ein ernstes Gespräch mit Mephisto aufzubauen. Sie ist an diesem viel
umhergekommenen Mann interessiert, der sie aber mit seinen nichts sagenden Antworten
einem Politiker gleich eher verspottet.

Aber auch Faust ist ein Gegensatz zu Gretchen. Es gibt keine Gemeinsamkeiten zwischen
den beiden Personen, außer die der sinnlich-erotischen Beziehung. Faust ist ein
,,Reisender" (V. 3075), ein ,,erfahrener Mann" (V. 3077). Er ist ein Fremder in der
kleinbürgerlichen Welt und Gretchen als unerfahrenes Mädchen hat deshalb Angst, dass sie
Faust langweilt, weil sie auch nicht in so hohen Worten wie er sprechen kann. Der Trank
bei der Hexe hat zwar Fausts Aussehen verjüngt, aber seine Lebenserfahrung hat er
behalten. Dadurch ist das junge Gretchen für den erfahrenen Faust zu unreif.

Die Garten-Szene ist vor allem Gretchen gewidmet. Sie zeigt ihre Stärke, denn sie mussten
den Vater und die Schwester sterben sehen, musste mit dem Glauben leben, dass ihre
Mutter die Geburt des letzten Kindes nicht überleben könne und dennoch kann sie ihrem
Leben positive Seiten abgewinnen.

Weiterhin geschehen Andeutungen auf die zukünftige Katastrophe durch Faust. Der Dialog
zwischen Marthe und Mephisto, in welchem direkt auf Kupplerei angesprochen wird,
beendet die Szene.

Betrachtet man nur die Gretchen-Tragödie unabhängig vom gesamten Drama, kann man die
Garten-Szene als Exposition dieser Tragödie deuten. Faust und Gretchen lernen sich
kennen und noch ahnt Gretchen nichts von der Bedrohung, die auf sie zukommt. Gretchen
ist glücklich, doch Faust sieht bereits das Ende ihrer Liebe bevor: „Ihr Ende würde
Verzweiflung sein.“ (V. 3193)