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MaRco DRägeR

(K)Ein Hoch auf Kaiser Wilhelm?


Die Kaiserproklamation in Versailles
aus der Sicht unterschiedlicher Selbstzeugnisse

Das Kaiserreich ist ein Standard- auf deren subjektive Wahrnehmungen Staaten, die durch ihren Beitritt zum
thema des Geschichtsunterrichts, und Deutungen. Die multiperspek- Norddeutschen Bund nach dem Sieg
die Reichsgründung ein curricular tivisch zusammengestellten Quellen über Frankreich die Reichsgründung
fest verankerter Aspekt. In (nahezu) aus verschiedenen Gattungen (z. B. ermöglichen sollten. Einerseits setzte
jedem Schulbuch findet man Anton Brief, Memoiren, Tagebuch), kon- Otto von Bismarck, bestärkt durch
von Werners kanonisches Gemälde zentrieren sich daher auf Eindrücke, die der Reichsgründung zugeneigte
der Kaiserproklamation in Versailles, Gefühle und Stimmungen der zeitge- öffentliche Meinung, die süddeut-
meist in der Friedrichsruher Fassung nössischen Teilnehmer, nicht auf eine schen Staaten unter Druck, indem er
mit Bismarck im Zentrum. „faktizistische“ Rekonstruktion der ihnen den Ausschluss aus dem Zollver-
Von Werners feierlich-erhabene Abläufe. ein androhte. Andererseits gestand er
„offizielle“ Deutung des Ereignisses ihnen erhebliche Sonderrechte z. B. in
und die euphorische Stimmung in den Bereichen Eisenbahn, Post- und
weiten Teilen der Bevölkerung (vgl. Die Reichsgründung Fernmeldewesen zu, die ihre Autonomie
Ullrich 1997, S. 21 f.) angesichts der zumindest in Teilen bewahren sollten.
Reichsgründung stehen in Kontrast „Es war bitterkalt im Spiegelsaal des Vor allem die Zustimmung des
zu den Erlebnissen der Teilnehmer der Schlosses von Versailles, an jenem bayerischen Monarchen war für Bis-
Kaiserproklamation. Diese Unterrichts- 18. Januar 1871, als das deutsche marck von erheblicher Bedeutung. Die
sequenz stellt Selbstzeugnisse der Kaiserreich ausgerufen wurde.“ (Ull- scheinbare Initiative von Ludwig II., im
Teilnehmer zusammen und fokussiert rich 1997, S. 19) Mit diesen Worten leitet sogenannten „Kaiserbrief“ Wilhelm I.
Volker Ullrich seine Studie über das die seit 1806 ruhende Kaiserkrone an-
Kaiserreich ein. Er beschreibt damit zutragen, ging auf Bismarck zurück,
ZielgRuppe: Sekundarstufe I/II jedoch weniger das Wetter an jenem der sich die bayerische Zustimmung
MethoDe: Multiperspektivische Textanalyse „Reichsgründungstag“ als vielmehr erkauft hatte. Als die finanziellen
KoMpetenZen: Perspektivenübernahme die generelle Atmosphäre in Versailles. Zugeständnisse Bismarcks an den
Vorausgegangen waren monatelange bayerischen König 1890 bekannt
ZeitbeDaRf: 3 bis 4 Unterrichtsstunden
Verhandlungen mit den süddeutschen wurden, lösten sie einen Skandal aus

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UnTerrIchT

und warfen ein anderes Licht auf die Glanz: Sie wird stattdessen recht nüch- im vorangegangenen Unterricht von
Reichsgründung. tern beschrieben. Die meist zeitnah ver- Werners Gemälde interpretiert worden
Doch nicht nur diese staatsrecht- fassten Selbstzeugnisse dokumentieren sein, vor allem in Hinblick auf die zahl-
lich-politische Dimension der Reichs- während und nach der Proklamation reichen „Fehler“ und Anachronismen
gründung sorgte für eine diplomatische eine geradezu niedergeschlagene (vgl. Gaethgens 1990; Sauer 2007, S. 118 ff.).
Verstimmung in Versailles, auch die Stimmung.
Disposition des designierten Kaisers Dadurch, dass sie eine andere Auf-
gab Anlass zur Besorgnis. Wilhelm I. fassung des Ereignisses artikulieren, unterrichtsdramaturgie
übernahm nämlich keineswegs bereit- bieten sie eine neue Perspektive auf
willig die ihm zugedachte Rolle. Noch die Reichsgründung. Die Textquellen Als Einstieg bieten sich eine Analyse
bis zum 17. Januar hatte es Streit um stehen der Bildaussage des berühm- der Ansprache des Kaisers an die
den Titel gegeben, ob ein „Kaiser von ten Gemäldes diametral entgegen. Fürsten (M 1) sowie der damals verle-
Deutschland“ − diese Variante bevor- Sie ergänzen und „korrigieren“ das senen Kaiserproklamation (M 2) an − ver-
zugte Wilhelm I. − oder ein „deutscher Gemälde, das nicht die historischen knüpft mit der Frage, welche Darstel-
Kaiser“ proklamiert werden solle, wie Gegebenheiten, sondern die er- lung und Bewertung der Reichsgrün-
es offiziell vorgesehen war und worauf wünschte Tradierung und damit eine dung darin zum Ausdruck kommt. In
man sich mit den süddeutschen Staa- Interpretation der Reichsgründung der Erarbeitungsphase sollen dann ver-
ten geeinigt hatte, um das Missver- darstellt. Durch den Vergleich und schiedene Selbstzeugnisse (M 3 bis M 9)
ständnis zu vermeiden, mit dem Titel die Kontrastierung der verschiede- analysiert werden. Die Schülerinnen
seien Territorialansprüche verbunden. nen Medien wird bei den Lernenden und Schüler arbeiten heraus, wie die
Wilhelms Auffassung nach war das Bewusstsein für die Stärken und beteiligten Personen den Ablauf wahr-
seine Stellung als preußischer Monarch Schwächen der jeweiligen Gattungen genommen und welche Bedeutung sie
höherrangig als die eines deutschen Text bzw. Bild sowie die Vermitt- diesem Ereignis beigemessen haben.
Kaisers und er befürchtete durch die lung von Inhalten mit diesen Medien Dazu verfassen sie ein kurzes Statement
Annahme der Kaiserkrone eine He- geschärft. Durch die Dekonstruktion ihrer Person. Dies kann in Einzel-, Part-
rabstufung der borussischen Würde. der Bildaussage anhand von Selbst- ner- oder Gruppenarbeit geschehen. Ei-
Deshalb stand er der von Bismarck zeugnissen reflektieren die Lernen- ne Binnendifferenzierung ist durch die
vehement vorangetriebenen Reichs- den die Perspektivität von Geschichte unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade
gründung skeptisch gegenüber. und werden dazu in die Lage versetzt, der Materialien möglich (Reihenfolge
Schließlich beugte er sich aber dem selbst unterschiedliche historische Per- nach zunehmender Schwierigkeit: M 4,
Druck Bismarcks und seines Sohnes spektiven einzunehmen. M 8, M 9, M 3, M 5, M 7, M 6).
und fügte sich seinem – aus seiner Als Vorwissen sollten die Ler- Die Ergebnissicherung erfolgt
Sicht – „unabwendbaren“ Schicksal nenden die Einigungskriege sowie durch eine Diskussion im Plenum. Ein-
(vgl. M 5, M 9). Eine solch pessimistische die politische Stellung Bismarcks zelne Lernende, Paare bzw. Gruppen
Stimmung schlägt sich auch in vielen in Preußen bzw. im Norddeutschen stellen die Perspektive ihres Protago-
Selbstzeugnissen nieder. Bund kennen. Darüber hinaus sollte nisten vor und füllen eine Denkblase
Der 18. Januar war deshalb ausge- auf einer Folie von Anton von Werners
wählt worden, weil sich am 18. Januar Gemälde (M 11) aus. Sie vergleichen
1701 Kurfürst Friedrich III. in Königs- die divergierenden Perspektiven und
berg selbst zum ersten preußischen diskutieren anschließend über die
König Friedrich I. gekrönt und damit unterschiedlichen Erkenntnisse, die
das preußische Königtum begründet verschiedene Arten der historischen
hatte. Die Wahl dieses Datums sollte Überlieferung ermöglichen.
den Aufstieg der Hohenzollern Eine Hausaufgabe kann im
vom Kurfürstentum zum Kaisertum Training von Perspektivenübernah-
verdeutlichen. me bestehen. Dazu versetzen sich
die Lernenden selbst in die histo-
rischen Akteure und verfassen aus
Didaktische Überlegungen dieser Rolle heraus entsprechende
Selbstzeugnisse. Folgende Aufgaben-
Bismarcks Führungsrolle und sein stellungen sind denkbar:
Rang als „Reichsgründer“, wie sie An- • Formuliere als Kaiser Wilhelm
ton von Werners Gemälde illustriert, einen Tagebucheintrag zum 18. Ja-
wurde zwar in der Öffentlichkeit − nuar 1871.
sowohl zeitgenössisch als auch post- • Formuliere als Otto von Bismarck
hum − positiv bewertet, im Umfeld des einen Tagebucheintrag zum 18. Ja-
Herrschers teilten jedoch nur wenige nuar 1871.
diese Auffassung. In den vorhandenen • Stell dir vor, du bist der zwölfjäh-
Selbstzeugnissen verliert die bildlich Von Werners Bild der Kaiserproklamation war rige Prinz Wilhelm und gratulierst
Teil der Alltagskultur im Kaiserreich: In dieser
als Spektakel inszenierte Kaiserpro- Version von 1910 (S. 28) war sie Teil eines deinem Großvater Kaiser Wilhelm
klamation ihre Erhabenheit und ihren Werbebildes als Kaufanreiz für Kaffeeersatz. zu seinem neuen Titel. Verfasse ein

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aRbeitsauftRäge unD eRwaRtungshoRiZont
einstieg mit unterrichtsgespräch (M 1/M 2) mationen (z. B. über die Gestaltung des Raumes, die anwesen-
1. Diskutiert, welche Bewertung der Reichsgründung in M 1 und den Personen, deren Uniformen eine textliche Beschreibung
M 2 zum Ausdruck kommt. wäre viel umfangreicher als das Gemälde)
→ Tonfall von Ansprache und Proklamation sind protokollarisch → das Bild dokumentiert das Ereignis, es ist aber kein Abbild,
höflich (M 1) und sachlich-nüchtern (M 2) sondern bereits eine Interpretation; Bilder sind eine eigene
→ Reichsgründung und Annahme der Kaiserwürde durch Wil- Quellenart, auch bei ihnen ist Quellenkritik nötig
helm I. auf Wunsch der Fürsten, nicht durch seine eigene → das Bild ist nur eine Momentaufnahme, die Textquellen hin-
Initiative (M 1 und M 2) gegen geben Informationen über den Ablauf des Ereignisses
→ keine Begeisterung des designierten Kaisers für seine neue → das Bild liefert Informationen zur Mentalitätsgeschichte (z. B.
Aufgabe, Übernahme der Kaiserwürde nur aus Pflichtgefühl große Bedeutung des Militärs im Kaiserreich) und zeitgenössi-
(M 2) schen sozialen Wertvorstellungen (die Herrscher stehen erhöht
→ trotz „erzwungener“ Amtsübernahme verspricht er, sich zum auf einem Podest)
Wohle Deutschlands einzusetzen (M 1 und M 2) → „Propaganda-Faktor“ und „normative Wirkung“ des Historien-
→ Wilhelm I. hofft auf Gottes Beistand bei der Bewältigung seiner bildes: es hat eine Wirkungsabsicht und legt fest, wie ein
Aufgaben als Kaiser (M 1 und M 2) Ereignis gesehen und überliefert werden soll
→ die Selbstzeugnisse beinhalten subjektiv-individuelle Wahrneh-
erarbeitung (M 3 – M 9; arbeitsteilige gruppenarbeit) mungen, Deutungen und Emotionen, das Gemälde bietet eine
1. Analysiert ein Selbstzeugnis eines Teilnehmers der Kaiser- offizielle, feierlich erhabene Deutung der Reichsgründung
proklamation. Notiert in Stichpunkten, wie die beteiligte Person → die Textquellen liefern differenzierte „Hintergrundinformationen“
den Ablauf der Ereignisse wahrgenommen hat. zu den Gedanken und Gefühlen der abgebildeten Personen,
2. Fasst zusammen, welche Bedeutung die Person dem Ereignis die das Bild weder darstellen kann noch will
beigemessen hat. → viele Selbstzeugnisse sehen die Kaiserproklamation kritisch
3. Verfasst ein kurzes Statement der Person zur Reichsgründung und stehen dem Vorgang skeptisch gegenüber, das Gemälde
und bereitet euch darauf vor, diese Perspektive im Plenum vor- dagegen bringt großen Jubel zum Ausdruck, es existieren also
zustellen. Unterschiede zwischen beiden Quellenarten in Bezug auf die
„Stimmung“ anlässlich der Kaiserproklamation
ergebnissicherung: unterrichtsgespräch (M 11) → Notwendigkeit von Quellenkritik zur Beseitigung der kognitiven
Stellt die Perspektive der von euch analysierten Person im Ple- Dissonanz; man muss vor allem Vorwissen bzw. Hintergrund-
num vor und notiert ihr kurzes Statement auf der Folie. informationen zu Anlass, Auftraggeber und Adressat, der
Entstehungsgeschichte des Gemäldes, dem Wandel seiner
Reflexion in partnerarbeit Funktion sowie den anderen Versionen haben, um es als
1. Vergleicht in Partnerarbeit den Eindruck, den die Selbstzeug- retrospektive, erwünschte Darstellung der Kaiserproklamation
nisse von der Kaiserkrönung geben, mit der Darstellung der einordnen zu können, die mit der historischen Wirklichkeit in
Zeremonie in Anton von Werners Bild. vielen Punkten nicht übereinstimmt
2. Überlegt, welche Art der historischen Informationen die Bild- → Ergänzung und „Korrektur“ der monoperspektivischen
quelle bietet und welche ihr den Selbstzeugnissen entnehmen Bildquelle durch multiperspektivische Textquellen
konntet. → Schärfung der Gattungskompetenz (Pandel) durch Vergleich
→ die Bildaussage ist komprimiert und liefert zusätzlich, quasi und Kontrast verschiedener Quellengattungen, Erkenntnis von
„nebenbei“ und unintendiert, detaillierte realienkundliche Infor- Stärken und Schwächen der jeweiligen Gattung

Glückwunschschreiben. → Diese Antworten aus der Perspektive Bühl-Gramer, C.: Anton von Werner: Die Prokla-
mierung des Deutschen Kaiserreichs 1871,
Aufgabe ist besonders interessant, dieser Person. in: Wobring, M./Popp, S. (Hg.): Der europä-
weil die Lernenden ihre Ergebnisse • Zeichne dein eigenes Bild der ische Bildersaal. Europa und seine Bilder.
Analyse und Interpretation zentraler Bild-
mit dem Original (M 10) vergleichen Kaiserproklamation, das die Aus- quellen, Schwalbach/Ts. 2013, S. 86 − 97.
können. Deshalb sollte M 10 zuvor sagen der Selbstzeugnisse berück- Deuerlein, E.: Die Gründung des Deutschen
Reiches 1870/71 in Augenzeugenberichten,
nicht thematisiert worden sein. sichtigt. Düsseldorf, 1970.
• Schreibe als Großherzog Friedrich I. • Du bist ein wohlhabender Bürger Gaethgens, T. W.: Anton von Werner. Die Prokla-
mierung des Deutschen Kaiserreiches. Ein
einen Brief an deine Frau Luise, die und möchtest gern ein Bild der Kai- Historienbild im Wandel preußischer Politik,
Tochter des Kaisers. Schildere ihr serproklamation für dein Wohn- Frankfurt a. M., 1990.
Kohl, H. (Hg.): Die Begründung des Deutschen
darin die Umstände und Schwie- zimmer. Schreibe dem Maler einen Reichs in Briefen und Berichten der führen-
rigkeiten der Kaiserproklamation. Brief und erkläre ihm, was auf dei- den Männer, Leipzig, 1912.
Pandel, H.-J.: Die Reichsgründung 1871 im His-
• Du bist Reporter im Kaiserreich nem Gemälde dargestellt sein soll. toriengemälde: Anton von Werners „Kaiser-
und sollst für deine Zeitung ein Begründe deine Entscheidung. proklamation“ in zwei Fassungen, in: Ge-
schichte lernen, Folienmappe, Seelze 1998.
Interview mit einem Augenzeugen Sauer, M.: Bilder im Geschichtsunterricht,. Ty-
der Kaiserproklamation führen. Literatur
pen, Interpretationsmethoden, Unterrichts-
Suche dir eine geeignete Person Bartmann, D.: Der Maler der Kaiserproklama- verfahren, Seelze, 32007.
tion, in: Ders. (Hg.): Anton von Werner. Ullrich, V.: Die nervöse Großmacht. Aufstieg
aus, überlege dir Fragen und for- Geschichte in Bildern, München, 1993, und Untergang des deutschen Kaiserreichs
muliere auch die entsprechenden S. 332−369. 1871−1918, Frankfurt a. M., 1997.

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1 Die Ansprache des Kaisers an die Fürsten – Quelle –
Während der Proklamation des Kaiserreiches in Versailles am 18. Januar 1871 hielt Kaiser
Material

Wilhelm I. folgende Ansprache an die Fürsten:


Durchlauchtigste Fürsten und Bundesgenossen! gegebene Vertrauen und meinen Entschluß aus-
In Gemeinschaft mit der Gesamtheit der deut- gesprochen, Ihrer Aufforderung Folge zu leis-
schen Fürsten und Freien Städte haben Sie sich ten. Diesen Entschluß habe ich gefaßt in der
der von des Königs von Bayern Majestät an 15 Hoffnung, daß es mir, unter Gottes Beistande,
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5 mich gerichteten Aufforderung angeschlossen, gelingen werde, die mit der Kaiserlichen Wür-
mit Wiederherstellung des Deutschen Reiches de verbundenen Pflichten zum Segen Deutsch-
die deutsche Kaiserwürde für mich und meine lands zu erfüllen. Dem deutschen Volke gebe ich
Nachfolger an der Krone Preußen zu überneh- meinen Beschluß durch eine heute von mir er-
men. Ich habe Ihnen, durchlauchtigste Fürsten, 20 lassene Proklamation kund, zu deren Verlesung
10 und meinen andern hohen Bundesgenossen be- ich meinen Kanzler auffordere.
reits schriftlich meinen Dank für das mir kund- Kaiser Wilhelms des Großen Briefe, reden und Schriften, ausgewählt und erläutert von ernst
Berner, Bd. 2: 1861−1888, Berlin 1906, S. 251.

2 Die Proklamation des Deutschen Kaiserreiches – Quelle –


Der preußische Ministerpräsident und Außenminister und spätere Reichskanzler Otto von
Material

Bismarck verlas am 18. Januar 1871 die folgende Bekanntmachung im Spiegelsaal in Versailles.
Die Proklamation wurde zeitgleich auch als Flugblatt in Deutschland veröffentlicht:

(Stand: 28. Oktober 2013)


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3 „Etwas Ihres Pinsels Würdiges“ – Quelle –
In seinen Memoiren beschreibt der Maler Anton von Werner (1843 – 1915) die Umstände
Material

seiner Teilnahme an der Kaiserproklation in Versailles am 18. Januar 1871 folgendermaßen:

Da erhielt ich am 15. Januar vormittags Ein besonderer Schmuck war […] in der Galerie
10 Uhr beim Schlittschuhlaufen auf der nicht zu sehen. […] Das plötzliche Verstummen
Karlsruher Schießwiese folgendes Telegramm: 35 des Geschwirres der Unterhaltung ließ darauf
„Geschichtsmaler v. Werner, Karlsruhe. S. K. schließen, daß die Festlichkeit beginnen sollte.
5 H. der Kronprinz läßt Ihnen sagen, daß Sie hier […] Und nun ging in prunklosester Weise und
etwas Ihres Pinsels Würdiges erleben werden, außerordentlicher Kürze das große historische
wenn Sie vor dem 18. Januar hier eintreffen Ereignis vor sich, das die Errungenschaft des
können. Eulenburg, Hofmarschall.“ 40 Krieges bedeutete: die Proklamierung des
Ich kaufte mir sofort einen dicken Reisepelz und Deutschen Kaiserreiches! Das also war es, was
10 fuhr 3 Uhr nachmittags […] ab. [Am 18. Januar] der Kronprinz Friedrich Wilhelm als etwas
um 4 Uhr früh kamen wir […] in Versailles an. meines Pinsels Würdiges in seinem Telegramm
Ich schlief noch ein paar Stunden […] und bezeichnet hatte!
begab mich gegen 8 Uhr ins Hauptquartier des 45 Der Vorgang war gewiß historisch würdig,
Kronprinzen. […] Graf Eulenburg fragte mich und ich wandte ihm meine gespannteste Auf-
15 zunächst zu meiner höchsten Verwunderung, ob merksamkeit zu, zunächst natürlich seiner äu-
ich einen Frack mitgebracht hätte, und stellte ßeren malerischen Erscheinung, notierte in
mir dann einen Passierschein aus: „Auf Befehl aller Eile das Nötigste, sah, daß König Wil-
seiner Königlichen Hoheit des Kronprinzen ist 50 helm etwas sprach und daß Graf Bismarck mit
der Träger dieser Zeilen, Herr v. Werner, heute hölzerner Stimme etwas Längeres vorlas, hörte
20 vormittag zu der Festlichkeit im Schloß einzu- aber nicht, was es bedeutete, und erwachte aus
lassen. Versailles, 18. Januar 1871. Eulenburg, meiner Vertiefung erst, als der Großherzog von
Hofmarschall.“ Baden neben König Wilhelm trat und mit lauter
Also um eine Festlichkeit handelte es sich! Stimme in den Saal hineinrief: „Seine Majestät,
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55
[…] Ich begab mich um 11 Uhr ins Schloß, Kaiser Wilhelm der Siegreiche, Er lebe hoch!“
25 […] Offiziere aller Grade vom Leutnant bis Ein dreimaliges Donnergetöse unter dem Geklirr
zum General stiegen in ununterbrochenem der Waffen antwortete darauf, ich schrie mit und
Zuge die Treppe hinauf. […] es mochten 600 konnte natürlich dabei nicht zeichnen; von unten
bis 800 Offiziere oder mehr sein, ich hatte noch 60 her antwortete wie ein Echo sich fortpflanzend
nie ihrer so viele auf einem Fleck zusammen das Hurra der dort aufgestellten Truppen. Der
30 gesehen. Ich war zunächst verblüfft und fragte historische Akt war vorbei: es gab wieder ein
mich, was aus diesem Gewirr wohl „meines Deutsches Reich und einen Deutschen Kaiser!
Pinsels Würdiges“ sich entwickeln würde. […] Anton von Werner: erlebnisse und eindrücke 1870−1890, Berlin 1913, S. 30−34.

4 „Alles so kalt […] und herzlos und leer …“ – Quelle –


Prinz Otto von Bayern schilderte am 2. Februar 1871 in einem Brief an seinen Bruder, den
Material

bayerischen König Ludwig II., seine Empfindungen während der Kaiserproklamation am


18. Januar 1871 in Versailles:

Ach Ludwig, […] ich kann Dir gar nicht Kaiser neigen zu sehen; ich war eben von Kind-
beschreiben, wie unendlich weh und schmerzlich heit an so was nicht gewöhnt; mein Herz wollte
es mir während jener Zeremonie zu Mute war, zerspringen. Alles so kalt, so stolz, so glänzend,
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wie sich jede Faser in meinem Innern sträubte so prunkend und großtuerisch und herzlos und
5 und empörte gegen all das, was ich mit ansah. 15 leer … Endlich drängte man sich durch diese
Lief es doch dem gerade entgegen, für was ich Knäuel zurück und aus dem Saale hinaus. Mir
tief innerlich glühe und was ich von Herzen war’s so eng und schaal1 in diesem Saale, erst
liebe und wofür ich mit Freuden mein Leben draußen in der freien Luft atmete ich wieder auf.
einsetze … Welchen wehmütigen Eindruck Dieses wäre also vorbei.
10 machte es mir, unsere Bayern sich da vor dem Michael Doeberl: Bayern und die Bismarckische reichsgründung, München und Berlin 1925, S. 174 f.

Erläuterung 1 Ermüdend, eintönig, öde, langweilig


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5
1 König Wilhelm stellt sich quer – Quelle –

Kronprinz Friedrich Wilhelm trug zum 17. Januar 1871 die folgenden Bemerkungen über
Material

die mühsamen und erfolglosen Beratungen der Titelfrage in sein Tagebuch ein, die der
Kaiserkrönung in Versailles am 18. Januar 1871 vorausgegangen waren:

Je deutlicher sich aber die Konsequenzen von 30 zu der bis dahin liebgewordenen Stellung eine
„Kaiser und Reich“ im Lauf der Verhandlungen neue hinzuzufügen, ohne dadurch Land oder
zeigten, desto aufgebrachter wurde der König. Haus zu schädigen […]
Schließlich brach er in die Worte aus, nur ein Der König wies diese doch unleugbaren
5 Scheinkaisertum übernähme er, nichts weiter historischen Tatsachen förmlich zurück und rief
als eine andere Bezeichnung für „Präsident“; 35 in wallender Aufregung aus: „Mein Sohn ist mit
er müßte sich mit einem Major vergleichen, dem ganzer Seele bei dem neuen Stande der Dinge,
der „Charakter als Oberstleutnant“ verliehen während ich mir nicht ein Haar breit daraus
worden sei1. Nun es soweit gekommen wä- mache und nur zu Preußen halte.“ Ich machte
10 re, müßte er zwar dieses Kreuz tragen, doch ihn noch aufmerksam, daß er sowohl wie seine
wolle er dafür auch der alleinige sein, wes- 40 Nachkommen berufen seien, das gegenwärtig
halb er sich verbäte, daß man von ihm erwarte, hergestellte Reich zur Wirklichkeit und Wahr-
der preußischen Armee eine gleiche Zumutung heit zu machen – aber vergebens! Im höchsten
wie seiner eigenen Person zu machen, er wolle Zorn sprang der König schließlich auf, brach
15 daher nichts von einem „Kaiserlichen Heere“ die Verhandlungen ab und erklärte, von der zu
hören, weil er wenigstens unsere Armee vor 45 morgen angesetzten Feier nichts mehr hören zu
dergleichen bewahren möchte […]. wollen.
Ferner sagte er in äußerster Aufregung, er könne Unverrichteter Sache und einer den anderen
uns gar nicht schildern, in welcher verzweifelten fragend, was nun eigentlich geschehen würde,
20 Stimmung er sich befände, da er morgen von dem verließen wir die Präfektur, in welcher eben
alten Preußen, an welchem er allein festhielte 50 einer jener Auftritte stattgefunden hatte, die
und fernerhin auch festhalten wollte, Abschied mir nur zu gut bekannt sind […]. Ich war nach
nehmen müßte. Hier unterbrachen Schluch- diesen Auftritten so unwohl geworden, daß ich
zen und Weinen seine Worte. Nun redete ich medizinieren mußte; später erfuhr ich, daß der
25 ihm allen Ernstes gut zu, in dem ich auf unsere König abends gar nicht zum Tee erschienen war.
Hausgeschichte hinwies und kurz schilderte, wie 55 Unter solchen Eindrücken leiteten wir die zu
aus dem Burggrafentum die Kurwürde und aus morgen angesetzte großartige deutsche Feier
dieser die Krone entstanden sei, wobei die Fürs- ein!
ten doch auch jedesmal genötigt gewesen wären,
heinrich Otto Meisner (hg.): Kaiser Friedrich III. Das Kriegstagebuch von 1870/71, Berlin und leipzig 1926, S. 337 f.

Erläuterung
1 Der sogenannte „Charaktermajor“ war in der preußischen
Armee ein unbesoldeter Ehrentitel. Obwohl der Inhaber die-
ses Titels nur Hauptmann war, durfte er sich formal mit dem
nächsthöheren Rang, nämlich Major, anreden lassen. Das Glei-
che gilt für einen „Charakter-Oberstleutnant“, der nur Major
war, aber als Oberstleutnant tituliert wurde. Der Titel war also
mehr Schein als Sein; überdies erhielt man ihn nur, wenn man
sich bewährt hatte, und auch dann erst bei der Verabschiedung
in den Ruhestand.
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Skizze des Kronprinzen


Friedrich Wilhelm für das
Bild der Kaiserproklamation
von Anton von Werner.

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6 Eine schwierige Aufgabe – Quelle –
Großherzog Friedrich I. von Baden, der Schwiegersohn von Wilhelm I., notierte in seinem
Material

„Tagebuch von Versailles 1870/71“ folgende Anmerkungen zur Kaiserkrönung am 18. Januar
1871 in Versailles:

Großartig war dieser Tag in seinen Eindrücken, wie heute. Er schloß damit, zu sagen, wenn der
groß ist er in seiner Wirkung auf alle, die König beschlossen hat, so habe ich nichts mehr
ihn miterlebten, und groß wird er sein in 50 zu sagen und ich muß es Ihrem Ermessen über-
der Erinnerung und in den Folgen […]. Zur lassen, das zu tun, was dieser schwierigen Lage
5 richtigen Beurteilung des Ganzen gehört auch entspricht. Ich erwiderte, es könne für mich nur
das einzelne, und daher werde ich fortfahren, einen Weg geben, d. h. noch in der letzten Stunde
auch heute alles zu schildern, ob es gleichwohl zu versuchen, die Gegensätze zu vermitteln; ich
in manchen Teilen geeignet ist, der Weihe des 55 wolle den König von der Lage unterrichten und
Tages etwas Abbruch zu tun. Es soll eben nichts, ihm die Bedenken des Bundeskanzlers mittei-
10 auch nichts Großes im Leben ohne schwache len. […] Der König war sehr ungehalten dar-
Seite bleiben. Schon früh morgens bekam ich über und äußerte sich in heftigen Ausdrücken
einige Sendungen vom König und vom Kron- über Graf Bismarck. Ich suchte ihn dadurch zu
prinzen, die sich auf die gestrige, sehr peinliche 60 beruhigen, daß ich ihm vorschlug, ich wolle
Unterredung bezogen. […] so setzte mich der das Hoch so ausdrücken, daß weder die eine
15 König in Kenntnis, daß, obgleich Graf Bismarck noch die andere Bezeichnung genannt werde,
den Titel „Kaiser von Deutschland“ nicht wolle, worauf der König etwas unwillig erwiderte: „Du
solle ich doch diese Bezeichnung gebrauchen, kannst das machen, wie du willst, ich werde
wenn ich nach dem Akt der Proklamierung das 65 mich später doch nur so nennen, wie ich es will,
Hoch ausbringe. Das gleiche schrieb mir der nicht wie Bismarck es bestimmen will.“ Nun
20 Kronprinz, […] freilich mit dem Bemerken, war ich wiederum auf mich selbst angewiesen,
der Bundeskanzler sei dagegen. Ich war also da der König sich abwandte und uns aufforderte,
zwischen den König und den Bundeskanzler ihm in den großen Saal zu folgen. Da ich dem
gestellt und sollte doch auf den Kaiser ein 70 König mit dem Kronprinzen folgte, so mach-
Hoch bringen. Zu einer Auseinandersetzung te ich letzterem den Vorschlag, nur „Kaiser
25 war keine Zeit mehr; ich mußte also suchen, Wilhelm“ zu sagen, womit er einverstanden
die betreffenden Personen unmittelbar vor der war. […]
Feier zu sprechen. Nun kam die Reihe an mich – ich trat zum
So ergab sich […] Gelegenheit, den Grafen 75 Kaiser heran, verbeugte mich und bat um die
Bismarck zu sprechen, der mir mit der Frage Erlaubnis, die Versammlung zu einem Hoch
30 entgegenkam, die ich an ihn richten wollte. Er auf ihn einladen zu dürfen. Nickend erteilte der
sagte mir, da er vernommen, daß ich nach der Kaiser die Genehmigung, und ich rief so laut
Proklamierung das Hoch ausbringe, so erachte er wie möglich in die harrende, aber lautlose Ver-
sich verpflichtet, mich in Kenntnis zu setzen, daß 80 sammlung: Seine Kaiserliche und Königliche
der König den Titel „Deutscher Kaiser“ sanktio- Majestät, Kaiser Wilhelm, lebe hoch, hoch,
35 niert habe und er mich daher bitte, diese Bezeich- hoch! – Es begann nun ein begeistertes sechs-
nung bei meinem Ausspruch berücksichtigen zu faches Hochrufen, das man gehört haben muß,
wollen. Ich erwiderte dem Bundeskanzler, daß aber nicht beschreiben kann. Darauf reichte mir
der König mir sogar den Wunsch ausgesprochen 85 der Kaiser die Hand in äußerst herzlicher Weise
habe, „Kaiser von Deutschland“ zu sagen, ich und wandte sich dann an den Kronprinzen.
40 sei daher in einer sehr unangenehmen Lage, da […] Wir begleiteten den Kaiser die Treppe
ich nur das tun wolle, was endgültig beschlossen hinab, und als er in den Wagen stieg, um nach
worden sei, und doch aufgefordert werde, das seiner Wohnung zu fahren, erschollen ebenso
Gegenteil auszusprechen. Der Bundeskanzler unzählige Hurras von den in Massen aufgestell-
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war ganz außer sich vor Ärger und klagte über ten Truppen. − Hiermit endete diese wichtige
45 den König und über die Unmöglichkeit, auf sol- Feier, deren Großartigkeit wesentlich in der Ein-
che Art Geschäfte zu machen, und besonders, fachheit bestand.
wenn es sich um so große Staatsaktionen handle
Badische historische Kommission (hg.): Großherzog Friedrich I. von Baden und die deutsche Politik von 1854−1871.
Briefwechsel, Denkschriften, Tagebücher, Bd. 2, Berlin und leipzig 1927, S. 321−325.

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1
7 „Morgen ist hier großer Mummenschanz“ – Quelle –
Oberstleutnant Paul Bronsart von Schellendorf, im Deutsch­Französischen Krieg Abteilungschef
Material
im Großen Generalstab, kommentierte am 17. und 18. Januar 1871 die Kaiserkrönung in
Versailles in seinem Tagebuch folgendermaßen:

Morgen ist hier großer Mummenschanz1, d. h. Moment bin, muß ich doch anerkennen, daß
es soll der deutsche Kaiser proklamiert werden, sie viel Erhebendes hatte und ihren besonderen
am alten Krönungstag der preußischen Könige. historischen Hintergrund darin findet, daß eben
[…] [D]ie Helden des Zeremoniells [sind] schon 25 im alten Königsschloß zu Versailles, dem Tempel
5 eingetroffen, darunter der Minister des könig- Louis’ XIV. das neue deutsche Reich gegründet
lichen Hauses und der Graf Stillfried2. […] Was wird. Aber man mußte warten, bis man diesem
aber eigentlich los ist, weiß noch niemand. […] als Morgengabe den sicheren Besitz von El-
Die Proklamation des Kaisers fand statt, einge- saß und Lothringen entgegenbringen konnte.
leitet durch eine kirchliche Feier, bei welcher 30 Zwar legte der vom Kanzler vorgelesene Aufruf
10 Divisionsprediger Rogge […] die Rede hielt, eine an das deutsche Volk schon die Hand darauf,
lange, aber ziemlich schwache Rede, welche sich indem er hervorhob, daß die längst verlorene
nur zum Schluß ein wenig auf die Höhe des Mo- Grenze wiederhergestellt werden müsse, um
ments erhob. Sonst trug sie mehr den Charakter Sicherheit gegen weitere Angriffe zu haben. Vor-
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einer Hausandacht. Der improvisierte Altar stand 35 her verlas der König eine Ansprache an die um
15 einer nackten Venus gegenüber, ein allerdings im ihn versammelten deutschen Fürsten und nachher
Schloß von Versailles schwer zu vermeidendes brachte der Großherzog von Baden das Hoch auf
Verhältnis. Den großen Saal […] füllten zahl- den neuen deutschen Kaiser aus. In diesem Hoch,
reiche Offiziere und Deputationen der um Paris sowie der folgenden herzlichsten Begrüßung der
stehenden Regimenter. Fast alle kommandie- 40 Fürsten, schien mir die Feier zu gipfeln, welche
20 renden Generale waren anwesend […]. Obwohl durch eine Art von militärischer Cour3 ihren
ich gegen die ganze Feier im gegenwärtigen Abschluß fand. Peter rassow (hg.): Paul Bronsart von Schellendorff:
Geheimes Kriegstagebuch 1870−1871, Bonn 1954, S. 295−299.
Erläuterungen
1 Maskenball, Maskerade, Schauspiel; 2 Rudolf von Stillfried-Rattonitz: Direktor des preußischen Hausarchivs und
Oberzeremonienmeister; 3 Feierliches Vorbeigehen

8 Die Ereignisse des 17. Januar 1871 – Quelle –


In seinen „Gedanken und Erinnerungen“ (1898) berichtete Bismarck von den Schwierig­
Material

keiten, den preußischen König Wilhelm I. zur Annahme des Kaiser­Titels zu überreden:

In der Schlußberatung am 17. Januar lehnte er die in dieser Form ausgebracht werden könne, war
Bezeichnung Deutscher Kaiser ab und erklärte, 25 das Durchschlagendste meine Berufung auf die
er wolle Kaiser von Deutschland oder gar nicht Tatsache, daß der künftige Text der Reichsver-
Kaiser sein. […] Damit stand er auf, trat an das fassung bereits durch einen Beschluß des Reichs-
5 Fenster, den um den Tisch Sitzenden den Rücken tags in Berlin präjudiziert1 sei. Die in seinen
zuwendend. Die Erörterung der Titelfrage kam konstitutionellen Gedankenkreis fallende Hin-
zu keinem klaren Abschluß; indessen konnte 30 weisung auf den Reichstagsbeschluß bewog ihn
man sich doch für berechtigt halten, die Zere- den König noch einmal aufzusuchen. Die Unter-
monie der Kaiserproklamation anzuberaumen, redung der beiden Herrn blieb mir unbekannt,
10 aber der König hatte befohlen, daß nicht von dem und ich war bei Verlesung der Proklamation in
Deutschen Kaiser, sondern von dem Kaiser von Spannung. Der Großherzog wich dadurch aus,
Deutschland dabei die Rede sei. Diese Sachlage 35 daß er ein Hoch weder auf den Deutschen Kaiser,
veranlaßte mich, am folgenden Morgen, vor der noch auf den Kaiser von Deutschland, sondern
Feierlichkeit im Spiegelsaale, den Großherzog auf den Kaiser Wilhelm ausbrachte. Se. Majestät
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15 von Baden aufzusuchen als den ersten der hatte mir diesen Verlauf so übel genommen, daß
anwesenden Fürsten, der voraussichtlich nach er beim Herabtreten von dem erhöhten Stande
Verlesung der Proklamation das Wort nehmen 40 der Fürsten mich, der ich allein auf dem freien
würde, und ihn zu fragen, wie er den neuen Kaiser Platze davor stand, ignorierte, an mir vorüber-
zu bezeichnen denke. Der Großherzog antwortete: ging, um den hinter mir stehenden Generalen die
20 „Als Kaiser von Deutschland, nach Befehl Sr. Hand zu bieten, und in dieser Haltung mehrere
Majestät.“ Unter den Argumenten, welche ich Tage verharrte, bis allmählich die gegenseitigen
dem Großherzoge dafür geltend machte, daß 45 Beziehungen wieder in das alte Geleise kamen.
das abschließende Hoch auf den Kaiser nicht Bismarck, Otto von: Gedanken und erinnerungen, München 1962, S. 364−365.

35 Erläuterung 1 festgelegt, vorbestimmt

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1
9 Die Stimmung des Kaisers – Quelle –
Am 18. Januar 1871 schrieb Kaiser Wilhelm I. einen Brief an seine Ehefrau Augusta über
Material

seine Gefühle und Gedanken am Tag vor der Reichsgründung:

Eben kehre ich vom Schlosse nach vollbrachtem Bayern) usw. gab dem unbeteiligten Versailles
Kaiserakt zurück! Ich kann dir nicht sagen, in un air de fête4. Um 12 Uhr versammelten sich
welcher morosen1 Emotion ich in diesem letzten 25 die Fürsten in einem der Salons vor der galerie
Tagen war, teils wegen der hohen Verantwortung, des glaces5 […]. Dann ging ich mit den Fürsten
5 die ich nun zu übernehmen habe, teils und vor nach dem Hautpas6 und sprach dieselben mit
allem über den Schmerz, den preußischen Titel kurzen Worten an (abgelesen), worauf Bismarck
verdrängt zu sehen! In einer Konferenz gestern die Proklamierung verlas und Fritz von Baden7
mit Fritz2, Bismarck und Schleinitz3 war ich 30 das erste Hoch auf mich mit dem neuen Titel
zuletzt so moros, daß ich drauf und dran war, ausbrachte, was von der ganzen Versammlung
10
zurückzutreten und Fritz alles zu übertragen! langtönend widerhallte. Es war ein sehr er-
Erst nachdem ich in inbrünstigem Gebet mich greifender Moment!! Es folgte die Gratulation
an Gott gewendet habe, habe ich Fassung und der Fürsten, worauf eine Defiliercour8 stattfand,
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Kraft gewonnen! Er wolle geben, daß so viele und zum Schluß ging ich längs den Fahnen und
Hoffnungen und Erwartungen durch mich in Eisernen-Kreuz-Mannschaften herunter, womit
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Erfüllung gehen mögen, als gewünscht wurde! alles endigte! […] Die Adreßtitulatur an mich
An meinem redlichen Willen soll es nicht von Dir schlage ich dahin vor: An Se. Majestät
fehlen! […] den Kaiser und König, die meinige an Dich
40
Die Feier ist sehr würdig vor sich gegangen. Das findest du analog auf dem heutigen Kuvert. Ich
20
Wetter ist trübe, aber sehr mild. Durch die vielen muß endigen, da die Post wartet.
Ankommenden, das Einrücken der nächst- Dein treuester Freund W.
stehenden Fahnen und Standarten (inklusive Kaiser Wilhelms des Großen Briefe, reden und Schriften,
ausgewählt und erläutert von ernst Berner, Bd. 2: 1861−1888, Berlin 1906, S. 251−254.

Erläuterungen
1 mürrisch, bedrückt, missmutig; 2 gemeint ist Kronprinz Friedrich Wilhelm; 3 Alexander von Schleinitz: Minister des königlichen
Hauses; 4 Festtagsstimmung; 5 Spiegelsaal; 6 Podest, auf dem der Kaiser mit den Fürsten steht; 7 Großherzog Friedrich I. von Baden,
der Schwiegersohn Kaiser Wilhelms I.; 8 feierliches Vorbeigehen

10 Gratulationsbrief seines Enkels an Kaiser Wilhelm I. – Quelle –


Der zwölfjährige Prinz Wilhelm (der spätere Kaiser Wilhelm II.) übermittelte seinem
Material

Großvater seine Glückwünsche Ende Januar 1871 mit diesem Brief:

Lieber Großpapa! hättest. Es scheint nun ein großes Glück, daß Du


Es sind in dieser Zeit so viele wunderbare Deutscher Kaiser geworden bist, denn jetzt sind
Dinge passiert, und so viele große Ereignisse 20 alle kleinen deutschen Fürsten zu einem einzi-
vorgefallen, daß ich meine, Dir wohl einen Brief gen großen und mächtigen Staate verbunden.
5 schreiben zu dürfen; besonders um Dir dafür Jetzt ist endlich die kaiserlose Zeit vorbei und
zu danken, daß Du so gnädig gewesen, an mich das deutsche Reich einig. – Du kannst dir leicht
zu denken und mir zu meinem Geburtstage zu denken, wie ich mich freue, zu einem Geschlecht
gratulieren. So gratuliere ich Dir denn auch 25 zu gehören, welches sich an die Spitze des
von Herzen und mit Ehrfurcht dazu, daß Du deutschen Reiches emporgeschwungen hat, und
10
Deutscher Kaiser geworden bist, und ich hoffe, wie stolz ich bin, einen solchen Papa und einen
daß Du diese Würde noch lange Jahre bekleiden solchen Großpapa zu haben.
wirst. Ich jubelte vor Freude, als ich hörte, daß Lebe wohl lieber Großpapa, Gottes Schutz
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es so gekommen war. Man hatte mir erzählt, wie möge wie bisher auf Dir ruhen; ich hoffe, bald
der König von Bayern Dir den Antrag gemacht, Dich ruhmgekrönt hier als Deutschen Kaiser
15
wie die übrigen Fürsten ihm beigestimmt hätten, begrüßen zu können.
und wie Du dann zuletzt die Krone angenommen Kaiser Wilhelm II.: Aus meinem leben 1859−1888, Berlin und leipzig 7. Auflage 1927, S. 363.

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11
1 Anton von Werners Gemälde der Kaiserproklamation – Quelle –
Material
Otto von Bismarck:
Prinz Otto von Bayern: Wie wird der Großherzog
Was für eine furchtbar lang- das Hoch auf den Kaiser
weilige und angeberische formulieren? Ich bin sehr
Veranstaltung! gespannt, ob er sich an meine
Vorgaben hält. Wie wird
wohl der Kaiser reagieren?

Großherzog Friedrich I. von Baden:


Was für eine schwierige Situation! Anton von Werner:
Gleich muss ich das Hoch auf den So eine prunklose Feier!
Kaiser ausbringen. Aber ich habe schon Und schnell vorbei war sie
eine Idee, wie ich es beiden Seiten auch! Was soll ich denn da
recht machen kann. überhaupt malen?

Kaiser Wilhelm I.:


Hoffentlich ist es bald vorbei!
Ich habe gar keine Lust, zum
Kaiser proklamiert zu werden.
Das macht mich ganz traurig.
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Kronprinz Friedrich Wilhelm: Paul Bronsart von Schellendorff:


Hoffentlich hat sich mein Vater Die Feierstunde ist doch schöner
wieder beruhigt und alles verläuft und erhabener als ich gestern noch
wie geplant. vermutet habe.

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