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Wendepunkte der Geschichte

Bismarcks Triumph – Deutsches Reich ausgerufen!


von
Alexander Emmerich

1. Auflage

Bismarcks Triumph – Deutsches Reich ausgerufen! – Emmerich


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Theiss Verlag, Stuttgart 2011

Verlag C.H. Beck im Internet:


www.beck.de
ISBN 978 3 8062 2404 7
+ + + Die Kaiserproklamation im Spiegelsaal zu Versailles + + + 9 + + +

++ + Die Kaiser-
proklamation im
Spiegelsaal zu
Versailles + ++
Seit Sommer 1870 tobt der Deutsch-Franzö-
sische Krieg, und seit dem 19. September des
gleichen Jahres belagern deutsche Truppen
Paris. Frankreich ist militärisch praktisch be-
siegt, doch das eigentliche Kriegsziel Otto von
Bismarcks, die Einheit Deutschlands, ist erst
durch die Kaiserproklamation am Morgen des
18. Januar 1871 vor den Toren der franzö-
sischen Hauptstadt erreicht: im Schloss von
Versailles.
+ ++ 10 +++ Die Kaiserproklamation im Spiegelsaal zu Versailles + + +

+++ Noch immer toben Kämpfe zwischen sem trüben, aber milden Wintertag: Die
deutschen und französischen Truppen. deutschen Fürsten, Politiker, Generäle
Paris ist seit Tagen von den Deutschen und hochrangigen Soldaten haben sich
umstellt. Während der Belagerung wird nach den Kämpfen gegen die Franzosen
das Versailler Schloss von den deut- in Schale geworfen, um diesen Tag mit
schen Truppen als Lazarett genutzt. besonderer Würde zu begehen. Hinter
Versailles am Morgen des 18. Janu- ihnen liegt ein Feldzug, der im Sommer
ar 1871: Schon früh am Morgen, noch 1870 begonnen und bereits im Septem-
vor Sonnenaufgang, bricht Hektik aus. ber mit dem Sieg über Napoleon III.
Die verletzten Soldaten müssen wei- bei Sedan die Entscheidung gebracht
chen – auf Befehl von ganz oben. Man hatte.
brauche den Spiegelsaal des Schlosses. Unter den hochrangigen Politikern
Ärzte und Schwestern gehorchen. Sie und Soldaten sind auch der preußische
räumen das Schloss. Bald dringen zu König Wilhelm und der preußische Mi-
ihnen auch die ersten Gerüchte für den nisterpräsident Otto von Bismarck, der
Aufwand durch: An diesem Tag soll eigentliche »Macher« dieses Tages. Für
im Versailler Schloss die Proklamation ihn, den künftigen deutschen Reichs-
der deutschen Einheit und des neuen kanzler, ist dieser Tag jedenfalls der
deutschen Kaisertums stattfinden. An- größte in der deutschen Geschichte –
dere wollen wissen, es handele sich um und sein ganz persönlicher Erfolg. Da-
eine Feierlichkeit des Hauses Hohen- ran hat er keinen Zweifel. Seit Jahren
zollern. hatte er mit diplomatischer Raffinesse
Wo vor wenigen Stunden noch Ver- und konservativer Politik auf diesen
wundete versorgt wurden, laufen schon Augenblick hingearbeitet. Seit seinem
bald die Vorbereitungen für die unbe- Amtsantritt im Jahr 1862 will Bismarck
kannte Feier auf Hochtouren. Jeder An- die Einigung Deutschlands herbeifüh-
wesende weiß es und spürt es bis in die ren – unter preußischer Führung! Was
Fußspitzen in den militärischen Stie- die Revolutionäre von 1848/49 nicht
feln: Heute wird deutsche Geschichte vermocht hatten, das sollte ihm gelin-
geschrieben! Und das im wahrsten Sinn gen.
des Wortes. Keine preußische, keine Während im Versailler Schloss die
bayerische, keine badische – deutsche Vorbereitungen laufen, bereitet sich
Geschichte! Vielleicht wird dieser Tag Otto von Bismarck in Ruhe auf die Kai-
sogar einmal als einer der bedeutend- serproklamation vor. Dabei schweifen
sten Tage in der deutschen Geschichte seine Gedanken ab, und er sinniert über
gefeiert werden. Entsprechend ange- die vergangenen Jahre. Seit der napole-
spannt sind die Protagonisten an die- onischen Zeit haben die Deutschen um
+ + + Die Kaiserproklamation im Spiegelsaal zu Versailles + + + 11 + + +

die Einheit ihrer Sprach- und Kultur- galt und wie kein anderer Ort Macht
nation gerungen. Das Haus Habsburg, und Glanz der Grande Nation, des nun-
das jahrhundertelang die Kaiserwürde mehr von den vereinten deutschen
innegehabt hatte, nahm die Vormacht- Truppen geschlagenen Weltreiches, ver-
stellung ein. Doch gelang es Preußen körperte. Für die Deutschen ist Ver-
nicht zuletzt durch seine Politik, Öster- sailles jedoch vor allem ein neutraler
reich aus dem Deutschen Bund zu ver- Ort, denn Bismarck will mit allen Mit-
drängen. Noch einmal ruft er sich den teln verhindern, dass über den Ort der
Krieg gegen Österreich 1866 ins Ge- Kaiserproklamation ein Streit zwischen
dächtnis: Der Sieg Preußens war ein den deutschen Fürsten ausbricht. We-
entscheidender Schritt auf dem Weg der Berlin noch die alte Hauptstadt des
zur Reichsgründung. Man stelle sich Deutschen Bundes, Frankfurt am Main,
nur vor, welche militärische, wirtschaft- kommen dafür infrage.
liche und politische Kraft ein verein- Gegen zehn Uhr marschieren deut-
tes Deutsches Reich entwickeln würde. sche Soldaten in Galauniform rings um
Endlich soll Deutschland unter Preu- das Schloss auf. Sie stehen Spalier, als
ßens Führung geeint und ein moderner begleitet von feierlicher Musik die Fah-
Nationalstaat sein! Bismarck schmun- nen, Flaggen und Standarten der vor
zelt … Paris liegenden deutschen Truppen in
Während der »Eiserne Kanzler« sei- das ehemalige Königsschloss gebracht
ne Paradeuniform anlegt, wird sein und im prachtvollen Spiegelsaal aufge-
Schmunzeln zu einem breiten Grinsen. baut werden. Nach den harten Kämp-
Er kann den Moment kaum fassen und fen der letzten Monate genießen die
hält inne, denn er hat sein großes Ziel Soldaten das prächtige Farbenspiel.
erreicht. Ein Moment der Freude über- Aus Gründen der militärischen Si-
kommt den sonst so kühlen Politiker. Er cherheit ist die Kaiserproklamation bis
hat für das große Ereignis einen beson- kurz vor Beginn der Zeremonie offi-
deren Tag und Ort gewählt: den für ziell als »Begehung des Ordensfests
Preußen so bedeutsamen 18. Januar, des hohenzollerschen Hausordens vom
denn an diesem Tag wurde Friedrich I. Schwarzen Adler« maskiert. Nur die
im Jahr 1701 zum ersten preußischen beteiligten Armeeeinheiten sind ein-
König gekrönt – Ausgangspunkt für den geweiht.
Aufstieg Brandenburg-Preußens und Dann warten die aufmarschierten
des Hauses Hohenzollern zu einer euro- Soldaten auf den preußischen König,
päischen Großmacht. Und das Schloss unter dessen Führung sie in den Krieg
zu Versailles, das von jeher als Symbol gegen Frankreich gezogen sind. Hier im
des französischen Selbstverständnisses Spiegelsaal von Versailles wird er vor
+ ++ 12 +++ Die Kaiserproklamation im Spiegelsaal zu Versailles + + +

den deutschen Fürsten die Gründung Die Gründung des Reiches ist Bismarcks
des Deutschen Reiches verkünden und Werk, seinetwegen soll der preußische
die Kaiserwürde annehmen. König nun deutscher Kaiser werden –
Die Vorbereitungen im Schloss sind obwohl Wilhelm es gar nicht möchte.
beinahe abgeschlossen. Es ist vorgese- Als Wilhelm in Versailles ankommt,
hen, dass Wilhelm am Ende des Saales wird er von der 1. Kompanie der preu-
auf einer Erhöhung steht und hinter ßischen Königsgrenadiere empfangen,
ihm die Fahnen der deutschen Fürsten. die am Eingang des Schlosses auf ihn
In der Mitte des Saales errichten die wartet. Er schreitet die Garde ab, pas-
Helfer einen provisorischen Altar. Dafür siert das Reiterstandbild Ludwigs XIV.
verwendet man einen Tisch aus dem und betritt den Spiegelsaal von Ver-
Audienzzimmer Ludwigs XIV., des Son- sailles. Ihm schließen sich alle in Paris
nenkönigs. Der Tisch, der auf seiner anwesenden deutschen Fürsten an. So-
Platte eine Mosaiklandschaft der Nie- bald Wilhelm den ersten Fuß in den
derlande trägt, wird mit einer roten Spiegelsaal setzt, beginnt ein Chor von
Felddecke der 1. Garde-Infanterie- Sängern aus drei preußischen Regimen-
Division bedeckt. Und um ihn herum tern »Jauchzet dem Herrn alle Welt«,
versammeln sich nun alle Geistlichen, eine Vertonung von Psalm 60, zu sin-
welche die deutschen Truppen auf gen.
ihrem Frankreichfeldzug begleiten. Bald Wie vorgesehen stellt sich Wilhelm
darauf füllt sich der Spiegelsaal. Nun gegenüber dem Altar auf. Um ihn ver-
treten die Angehörigen der deutschen sammeln sich die Fürsten des künfti-
Armeen aller Waffengattungen und gen Deutschen Reiches und symbolisie-
Ränge ein und nehmen Aufstellung. ren so ihre Einheit. Ihnen folgen die
Als im Versailler Schloss alles ange- Prinzen, Generäle und Minister der ein-
richtet ist, verlässt König Wilhelm von zelnen deutschen Staaten. An der Spit-
Preußen um 12 Uhr mittags sein Quar- ze der Politiker steht der preußische
tier und fährt in einer offenen Kutsche Ministerpräsident Otto von Bismarck.
zum Versailler Schloss. Er ist sich be- Er verzieht keine Miene. Zeitzeugen
wusst, dass er als preußischer König werden später berichten, dass er wäh-
aufbricht und als deutscher Kaiser zu- rend der gesamten Kaiserproklamation
rückkehren wird. Auf der Fahrt zum grimmig und verstimmt dreinblickte.
Schloss drehen sich seine Gedanken um Die Feierlichkeiten im Spiegelsaal
seinen engsten Vertrauten Bismarck. von Versailles beginnen mit einem Got-
Für den Bruchteil einer Sekunde ver- tesdienst, den der königliche Hofpredi-
flucht er Bismarck, der ihn in diese ger Bernhard Rogge – umringt von acht
zwiespältige Situation gebracht hat. protestantischen Feldgeistlichen – ab-
+ + + Die Kaiserproklamation im Spiegelsaal zu Versailles + + + 13 + + +

hält. Rogge ist immerhin bereits seit der Kaiserwürde zu verkünden. Dabei
zwei Tagen in die Planung der Feier ein- steht er genau an der Stelle, an der frü-
geweiht. Die versammelten deutschen her der Thron der französischen Könige
Fürsten und Politiker stimmen in den stand. Für die Repräsentanten der deut-
Choral »Sei Lob und Ehr’ dem höchsten schen Mittel- und Kleinstaaten hält
Gut« ein. Rogge, der das ihm vom preu- Wilhelm eine kurze Ansprache. Mehr
ßischen König am Morgen persönlich soll es nicht sein. Bismarck will nicht,
verliehene Eiserne Kreuz am Talar trägt, dass das neue Kaisertum sich in die Tra-
tritt nach vorn und gibt den obligato- dition der römisch-deutschen Kaiser
rischen Befehl: »Helm ab zum Gebet!« stellt. Wilhelm ist ebenfalls dagegen.
Anschließend beten alle zusammen den Denn er versteht sich zuallererst als
für diesen Tag so passenden Psalm 21: preußischer König. Der Kaisertitel ist
»Herr, der König freuet sich in deiner ihm im Grunde seines Herzens zuwider.
Kraft, und wie fröhlich ist er über deine Für das Volk und die Nachwelt hält Wil-
Hilfe!« Rogge beginnt danach mit seiner helm daher keine Krönung, sondern
Predigt, die »Demut« als zentrales Motiv eine Proklamation, die als Kaiserprokla-
hat. Er verwendet dabei die preußisch- mation in die Geschichte eingehen
hohenzollerische Geschichte als theolo- wird.
gische Erzählung, deren Höhepunkt das Nun tritt Bismarck aus der Mitte der
aktuelle Geschehen in Versailles sei. Fürsten an die Treppenstufen der Erhö-
Dies unterstreicht er mit Psalm 126,3: hung und vollzieht tonlos und ohne
»Der Herr hat Großes an uns gethan, jede Emotion die Kaiserproklamation
deß sind wir fröhlich.« Im weiteren Ver- und damit die Einheit Deutschlands so-
lauf der Predigt kritisiert er Frankreich wie die Gründung des neuen Deutschen
und stellt Ludwig XIV. als biblischen Ne- Reiches. Anschließend tritt Großherzog
bukadnezar dar, der sich über alle erho- Friedrich von Baden nach vorn und
ben hat. Dabei deutet er effektvoll auf bittet Wilhelm, seinen Schwiegerva-
das mittlere Deckengemälde, das Lud- ter, ein Hoch auf ihn aussprechen zu
wig XIV. über den Nachbarreichen und dürfen. Wilhelm gewährt ihm den
nahe am olympischen Himmel zeigt. Wunsch, woraufhin der Großherzog der
Dann fährt der königliche Hofprediger gespannt wartenden Versammlung im
mit der feierlichen Liturgie fort, die Spiegelsaal die Worte entgegenschmet-
schließlich mit einem donnernden »Nun tert: »Seine Kaiserliche und Königliche
danket alle Gott« beschlossen wird. Majestät, Kaiser Wilhelm, lebe hoch!«
Nun kehrt Ruhe ein. Wilhelm I. Dieser Ausruf ist von größter Bedeu-
steht erhobenen Hauptes im Spiegel- tung, denn der Großherzog umgeht da-
saal von Versailles, um die Erneuerung mit die Problematik des Kaisertitels –
+ ++ 14 +++ Die Kaiserproklamation im Spiegelsaal zu Versailles + + +

war Wilhelm I. nun »Kaiser von Danach schreitet Kaiser Wilhelm I.


Deutschland«, »Kaiser der Deutschen« von der Erhöhung zu den Fürsten und
oder »Deutscher Kaiser«? Politikern hinab und schüttelt ihre Hän-
Wilhelm bevorzugt – wenn über- de, wobei er Bismarck vollständig über-
haupt – den Titel »Kaiser von Deutsch- geht. Noch am Tag zuvor hatte er dem
land«. Dies könnte ihm aber als An- Ministerpräsidenten mitteilen lassen,
spruch auf die deutschsprachigen Ge- dass er den Tag der Kaiserproklamation
biete Österreichs ausgelegt werden – als den traurigsten Tag seines Leben
und dies will Bismarck mit dem Titel empfinden werde. Bismarck sei dafür
»Deutscher Kaiser« vermeiden. verantwortlich.
Nach diesem Ausruf erschallt sechs- Ein Telegramm trägt die Kunde von
mal ein donnerndes Hoch der Anwe- der Kaiserproklamation in die Welt hi-
senden. Gleich danach – die Fahnen naus. Es sorgt für einen Tag des Jubels
und Standarten der deutschen Fürsten- und Dankes. Doch nicht alle Deutschen
tümer wehen über dem Haupt des neu- stimmen in diesen Jubel ein. Der katho-
en Kaisers – stimmen die Anwesenden lische Prinz Otto von Bayern beispiels-
das »Heil Dir im Siegerkranz« an, das weise empfindet den symbolischen
die Funktion einer Nationalhymne im Gründungsakt als fremdartig. Im Nach-
Kaiserreich übernehmen wird. Kron- hinein schreibt er seinem Bruder, König
prinz Friedrich Wilhelm von Preußen Ludwig II. von Bayern: »Ach Ludwig,
schreibt darüber in sein Tagebuch: ich kann Dir gar nicht beschreiben, wie
»Dieser Augenblick war mächtig ergrei- unendlich weh und schmerzlich es mir
fend, ja überwältigend und nahm sich während jener Zeremonie zumute war
wunderbar schön aus. Ich beugte ein [...]. Alles so kalt, so stolz, so glänzend,
Knie vor dem Kaiser und küsste ihm die so prunkend und großtuerisch und
Hand, worauf er mich aufhob und mit herzlos und leer [...]. Mir war’s so eng
tiefer Bewegung umarmte.« und schal in diesem Saale.«
+ + + Die Kaiserproklamation im Spiegelsaal zu Versailles + + + 15 + + +

++ + Die Reichs-
gründung 1871 + + +
Die Frage nach der Einheit Deutschlands zieht
sich gewissermaßen durch die gesamte deutsche
Geschichte. Bis 1806 hatte das Alte Reich
Bestand, das weit mehr als den deutschspra-
chigen Raum umfasste. Es verstand sich selbst
nie als ein einheitliches, deutsches Reich, denn
die Idee eines Nationalstaates ist jünger als das
Reich im Mittelalter. Daher setzte sich das
Streben nach einer vereinten deutschen Nation
nach 1806 fort und bestimmte weite Teile des
19. Jahrhunderts.
+ ++ 16 +++ Die Reichsgründung 1871 + + +

Auf dem Weg zur deutschen Einheit


Anders als der Zentralstaat Frankreich mit Paris als Hauptstadt,
Regierungssitz und Mittelpunkt des kulturellen und wirtschaft-
lichen Lebens war der geografische Raum, den man als »Deutsch-
land« bezeichnet, schon immer unter verschiedenen Landesherren
aufgeteilt. Demnach bestand Deutschland bereits im Mittelalter
aus unterschiedlichen Ländern und Regionen mit verschiedenen
Zentren der Macht, Politik, Kultur und Gesellschaft. Im Mittelalter
wechselte das Zentrum des Reiches zudem mit den Dynastien und
Herrschern, die an der Macht waren. Oft musste der Kaiser der
Hausmacht eines verbündeten Fürsten vertrauen und kam ohne-
hin nur durch Wahl der Kurfürsten an die Macht.
Dabei waren die mittelalterlichen Kaiser nie, wie es oft in der
populären Vorstellung umschrieben wird, die absoluten Herrscher
eines geeinten Reiches, die machtvoll einen Zentralstaat verwal-
teten wie einst die römischen Kaiser der Antike. Die Kaiser
des Mittelalters waren auf ihre Vasallen angewiesen, die oftmals
eine stärkere Hausmacht besaßen als sie selbst. Die ohnehin nicht
besonders ausgeprägte Zentralgewalt des Kaisers zerfiel im Spät-
mittelalter zusehends, während die Macht der deutschen Fürsten,
vor allem die der Kurfürsten, stetig zunahm und die »Vielstaate-
rei« in Deutschland unterstrich.
Dabei entwickelte sich die deutsche Kleinstaaterei. Bald glich
die Landkarte Mitteleuropas einem Flickenteppich aus Hunderten
weltlichen und geistlichen Besitztümern, die alle geografisch zu
Deutschland zu zählen sind. Ursache hierfür waren die Erbfolge-
regelungen in den einzelnen deutschen Kleinstaaten. Nach dem
Tod eines Fürsten wurde das Land nicht selten unter allen erbbe-
rechtigten Nachfahren aufgeteilt. Diese Erbteilung stand in der
Tradition der Merowinger und Karolinger, die ihre Reiche nach
dem Tod des Königs unter den Nachkommen aufteilten.
Die Primogenitur, das Erbrecht des Erstgeborenen, der darauf-
hin seine Geschwister ausbezahlte, wurde erst 1356 in der Gol-
denen Bulle für die Kurfürstentümer festgeschrieben. In den üb-
rigen deutschen Ländern ging die Zersplitterung jedoch weiter.
Dadurch entstanden Gebilde, deren Territorium nicht mehr zu-
+ + + Auf dem Weg zur deutschen Einheit + + + 17 + + +

sammenhing, sondern aus weit auseinanderliegenden Teilgebie-


ten bestand. Napoleon führte schließlich 1806 den Zusammen-
bruch des Alten Reiches herbei und initiierte eine Flurbereinigung
auf dem deutschen Gebiet, bei der die meisten geistlichen Gebiete
und Freien Reichsstädte an die umliegenden Herrschaftsbereiche
angeschlossen wurden. Dennoch blieb der deutsche Flickentep-
pich bestehen, wenn auch etwas »aufgeräumter«. An dem franzö-
sischen Besatzer rieben sich die deutschen Fürsten. Progressive
Kräfte waren zudem begeistert von der Idee eines geeinten,
starken Nationalstaates – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der
Erwartung, dass Napoleon gemeinsam besiegt werden konnte.
Die Diskussion um den Nationalstaat bestimmte die deutsche
Politik des 19. Jahrhunderts in hohem Maße. Hinzu kam die For-
derung nach Demokratie, Bürgerrechten und einer Verfassung.
Diese Forderung breitete sich vom deutschen Südwesten zu-
nehmend aus und erfasste bald ganz Deutschland. Schließlich
mündeten sie in die Märzrevolution von 1848, mit der ein demo-
kratischer Nationalstaat und eine Verfassung für Deutschland ge-
schaffen werden sollten. Die Kleinstaaterei sollte ein Ende haben.
Innerhalb dieses Prozesses wurde auch die Frage laut, was
denn überhaupt »deutsch« sei. Gleiches Blut? Gleiche Sprache?
Gleiche Kultur? In diesem Zusammenhang ist auch der Text der
ersten Strophe des Deutschlandliedes zu verstehen. »Deutsch-
land, Deutschland über alles« stellte Deutschland nicht über die
anderen Nationen, sondern richtete sich direkt an die deutschen
Fürsten. Das Lied forderte sie auf, ihre lokalen Ränkespiele zu
überwinden und ausschließlich im Sinne der deutschen Einheit
zu handeln. Deutschland sollte über allen deutschen Ländern ste-
hen und die Einheit der Nation das vornehmliche Ziel sein.
Das Ziel der Einheit der Nation wurde am 18. Januar 1871 in
Versailles verwirklicht. Im Deutschen Kaiserreich blieben die
Kleinstaaten als Bundesgenossen bestehen und bildeten die Basis
dessen, was heute die deutschen Bundesländer sind.