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Kommunikationssoziologie

GRIMM
WiSe 2015/16
Zusammenfassung

1. Kommunikation und Gesellschaft



Der Bergdoktor
Forschungsfragen, Bergdoktor-Experiment

• Reduzieren romantische Nebennarrative das Stresserleben bei der Rezeption der krankheits-
bezogenen Szenen und medizinischen Beratungsleistungen in der BD-Folge?

• Kann die BD-Folge relevantes medizinisches Wissen vermitteln? In welcher Weise beeinflussen
romantische Nebennarrative den Wissenstransfer?

• Erhöht die BD-Folge die Bereitschaft des Publikums, Gesundheitsvorsorge zu treffen? Welche Rolle
spielen dabei die romantischen Nebennarrative?

• Verbessert die BD-Folge das Image von Ärzten. Inwieweit wird der Image-Transfer durch die
Nebennarrative verändert?

• Wie interagieren Stresserleben, Wissenstransfer, Vorsorgeverhalten und Image-Bildung bei der


Rezeption der BD-Folge?

Filmgruppen des Bergdoktor-Experiments

Prä – Post Design: 3 randomisierte Gruppen


Wirkung = Differenz der Prä + Post Messung

• Treatment-Variable: Romantik.

• Untersuchungszeitraum: Mai-Juni 2013, 114 Studierende und Nicht-Studierende

• Abhängige Variablen: emotionaler Stress, Narratives Engagement/Involvement, Wissenstransfer,


Vorsorgeverhalten, Arztbild. Des Weiteren werden Angstbewältigungsstil und Romantik-Affinität
untersucht.

• Gruppeneinteilung:
G1: Krankheitsbezogene Kernsequenzen KS mit gesundheitsrelevanten Informationen (=EE-Info),
G2: Romantische Liebesgeschichte des Arztes vor idyllischer Bergkulisse + KS,
G3: Romantische Liebesgeschichte des Arztes vor idyllischer Bergkulisse + KS + Fortsetzung der
Liebesgeschichte und tränenreicher Abschied;

Der Bergdoktor: Gruppe 3


Liebesnarrativ 1: Romantisches Treffen auf der Alm (linke Seite).
Kernsequenz verbunden Gesundheitsproblem: Dramatisches Rettung eines Patienten.
Liebesnarrativ 2: Tränenreicher Abschied von der Geliebten (rechts).

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• Ergebnisse, Bergdoktor: Eindrucksbildung

ðUnterhaltungswert lebt von der angstbesetzten Rezeption der krankheitsbezogenen


Kernsequenzen. Durch Reduzierung des Stresses mittels romantischer Nebennarrativen wird der
Unterhaltungswert verringert.

ðDie Informationsqualität wird durch die romantischen Nebennarrative in unterschiedlicher Weise


beeinflusst. Das Romantische Treffen alleine verringert, die vollständige Liebes-Sequenz inklusive des
tränenreichen Abschieds erhöht den Informationsgehalt.

Ergebnisse, Bergdoktor: Rezeptive Beteiligung und Wissenstransfer

ðDer Wissenstransfer wird überraschender Weise unter Bedingungen geringer rezeptiver Beteiligung
erhöht.

ð Zwei Erklärungsmöglichkeiten:
a) Die romantischen Nebennarrative erzeugen eine kognitive Irritation, die eine
aufmerksamkeitssteigernde "Orientierungsreaktion" (Sokolov) auslöst.
b) Die romantischen Nebennarrative stoßen auf kognitive "Widerstände" bei den Rezipienten ("Anti-
Kitsch-Affekt"). Frei werdende Aufmerksamkeitspotenziale kommen dem gesundheitsbezogenen
Wissenstransfer zugute.
Unklar erscheint vorläufig, warum die Effekte der Rezeptions-Störung und des erhöhten
Wissenstransfers unter Bedingungen des romantischen Treffens ohne Abschied am höchsten sind und
durch Hinzufügen der Abschiedsszene gemildert oder ins Gegenteil verkehrt werden.

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Ergebnisse, Bergdoktor: Gesundheitsvorsorge

ðDas offene Ende der Liebesgeschichte verringert die Steigerung der Vorsorgebereitschaft.
gesundheitsrelevanten Informationen. RomNar=Romantisches Narrativ mit Arzt und Geliebter vor

ðDie Liebesgeschichte ohne Abschiedsszene lenkt aus zwei Gründen von gesundheitsbezogenen EE-
Botschaften ab:
a) Das offene Ende provoziert Fragen und absorbiert Aufmerksamkeit;
b) Die Message der offenen Liebesgeschichte passt inhaltlich nicht zu den EE-Botschaften.

ðEE-Botschaften:
Kernsequenz: Medizinische Detailinformationen und implizierte Hauptbotschaft: Vorsorge ist wichtig.
RomNar1: Ärzte haben auch ein Privatleben, das sie stark vereinnahmt.
RomNar2: Im Falle eines Konflikts zwischen Privatleben und beruflichen Pflichten entscheiden sich
Ärzte für Letzteres.

Ergebnisse, Bergdoktor: Ärzte-Image

ðRomantische
Nebennarrative
verbessern das
Ärzte-Image
insbesondere dann,
wenn die implizierte
EE-Botschaft (Ärzte
sind pflicht-
bewusst!) gut mit
den EE-Botschaften
der Kernsequenzen
(Gesundheitsinform
ation, Vorsorge)
harmoniert.

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Was ist Kommunikationssoziologie?

Kommunikationssoziologische Arbeitsfelder:
• Kommunikation im sozialen Kontext:
o Situations- und Prozessanalysen
o Wirkungs- und Nutzungsperspektiven
o Mikro- und makroanalytische Betrachtungen
• Einfluss der modernen Massenmedien auf die Entwicklung der Gesellschaft
• Wirkungen der Gesellschaft auf form und Inhalt von Kommunikation
• Kommunikation als....
o Sozialisationsagentur
o Instrument bei der konfliktaustragung
o Orientierungshilfe/Instrument der Problemlösung
o Grundlage der Moralentwicklung
o Grundlage für Erlebnissuche und Motivationsverstärkung
o Funktionale und dysfunktionale Kommunikationen in Organisationen


Kommunikationssoziologische Untersuchungsperspektiven:
IPKW-Projekt: “Geschichtsvermittlung im Fernsehen“
Struktur und Kontextanalyse: Analyse der Produktion und Distribution geschichtsthematisierender
Fernsehsendungen in Europa
Analyse des Programmangebots: Inhaltsanalyse geschichtsthematisierender Fernsehdokumentationen
und Spielfilme
Wirkungsanalyse 1: Experimente zur Wirkung geschichtsthematisierender TV-Sendungen (u.a.
Holocaust-Dokumentation "Nacht und Nebel“)
Wirkungsanalyse 2: Begleitende Panel-Untersuchung zur Ausstrahlung einer
geschichtsthematisierenden TV-Sendung auf 3Sat, ORF, SRG und ZDF
à Kommunikationssoziologische Dimension?



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Untersuchungsdesign des TV Super Nanny-Projekts


• Inhaltsanalyse von Super Nanny-Sendungen in Österreich, Deutschland, England, USA
• Online-Umfrage von Fernsehzuschauern zum Erziehungsstil und der Bewertung von Super Nanny-
Sendungen
• Gruppendiskussionen / Tiefeninterviews mit Partizipanten (Super Nannies, mitwirkenden
Familien), Fernsehzuschauern und Experten (PsychologInnen, PädagogenInnen) zu
Einstellungen, Motiven und Bewertungen von Super Nanny-Sendungen
à Kommunikationssoziologische Dimension?

Untersuchungsdesign des IPKW-Projekts "Medien, Patriotismus, Integration"
• Panel-Befragung vor und nach der Fußball-Europameisterschaft in Österreich zur Mediennutzung, zum
Patriotismus und zu Einstellungen gegenüber Migranten
• Inhaltsanalyse von Zeitungsberichten und TV-Nachrichten zum Bild des "Ausländers" in den
Nachrichtenmedien
• Fallstudie zu Integrationskonflikten in Telfs: Tatort-Krimi, Interviews mit Regisseur und Beteiligten.
à Kommunikationssoziologische Dimension?

Untersuchungen zu Medien und Gewalt
• Inhaltsanalyse von Gewaltdarstellungen in Spielfilmen und Kriegsberichten
• Experimente zur Wirkung von Gewaltdarstellungen: Prä-Post-Design, Variation von der
Gestaltungsform ("saubere" versus "schmutzige Gewalt", Gewaltdarstellungen mit und ohne
"happyending")
• Zuwendungsdispositionen der Rezipienten zu Gewaltdarstellungen: Geschlecht, Alter,
Bildung, Katastrophensensitivität, Sensation Seeking, Ängstlichkeit, Angstbewältigungsstil
à Kommunikationssoziologische Dimension?

Definition von Massenkommunikation
Unter Massenkommunikation verstehen wir jene Form der Kommunikation, bei der Aussagen




...an ein disperses Publikum vermittelt werden.

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Modelle der Massenkommunikation


I. Einfaches Kommunikationsmodell:

Kommunikationspsychologische Betrachtung:
• Individuelle Bedingungen des Senders und Empfängers
• Prozesse im Sender und Empfänger
Kommunikationssoziologische Betrachtung:
• Soziale Bedingungen des Senders und Empfängers
• Interaktion zwischen Sender und Empfänger
• Einbettung der Interaktion zwischen Sender und Empfänger in den sozialen Kontext

II. Kommunikationsmodell von Schramm (1954):
Schramm modifizierte das "Circular Model Of
Communication" (s. II/5) für die Beschreibung der
Massenkommunikation. Das zentrale Element ist hier
die Medienorganisation. Sie erhält Informationen aus
verschiedenen Quellen, interpretiert diese, kodiert und
versendet viele identische Nachrichten an die
Empfänger.

Die einzelnen Empfänger dekodieren und interpretieren jeder für sich und kodieren anschließend
wiederum, um die Nachricht in der mit ihnen verbundenen Gruppe wiederum zu interpretieren und ggf.
entsprechend zu handeln. Daraus folgt dann die Rückkopplung zur Senderorganisation.
⇨ Massenkommunikation hat eine soziale Anbindung
⇨ Soziologischer Aspekt durch Verbindung jedes einzelnen Rezipienten mit einer Gruppe

III. Kommunikationsmodell von Gerbner (1956):
In verbaler Form ähnelt George Gerbners Modell von 1956 der Lasswell Formel:
Jemand - nimmt ein Ereignis wahr - und reagiert - in einer bestimmten Situation
– auf eine bestimmte Art und Weise - und produziert Material - in bestimmter
Form - in einem bestimmten Kontext - das Inhalt vermittelt - mit bestimmten
Konsequenzen. Im Modell ist berücksichtigt, dass menschliche Kommunikation
subjektiv, selektiv, veränderlich und unvorhersehbar ist und ferner, dass
menschliche Kommunikationssysteme offene Systeme sind.

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⇨ es geht darum wie Ereignisse in der Gesellschaft angepriesen werden


⇨ Ereignis steht im Mittelpunkt
⇨ Beziehung zwischen Kommunikator und Ereignis im Vordergrund
⇨ erklärt die Produktion von massenmedialen Inhalten

IV. Kommunikationsmodell von Westley und McLean (1957):

Die Kommunikationswissenschafter unterscheiden zwischen der Advocacy-Role, der Channel-Role und
der Behaviorial-System-Role. Fokussiert wird auf die Selektionsprozesse, auch die
Feedbackmöglichkeiten werden stark betont, Abhängigkeiten von der Medienorganisation und der
Gesellschaft werden vollständig ausgeblendet. Das ursprüngliche Modell stammt aus dem Jahr 1957.
Das Modell ist m. Einschätzung gut dafür geeignet zwischen Ereignis, Kommunikationsquelle und
medialem Kommunikator zu unterscheiden. Der Kommunikator als "Gatekeeper" für die mediale
Öffentlichkeit entscheidet letztlich was genau an die Öffentlichkeit vermittelt wird.

X=Ereignis,
A=Advocacy-Role (Kommunikator),
C=Channel-Role (Vermittler),
B=Behavioral-System- Role (Rezipient)


V. Kommunikationsmodell von Riley und Riley (1959):

In der Modellkonzeption von Riley/Riley steht die soziale Verflochtenheit der Kommunikationspartner
im Mittelpunkt. Es geht davon aus, dass sowohl der Kommunikator wie auch der Rezipient Mitglieder
von sozialen Gruppen sind, und durch diese auch geprägt werden (z.B. durch: Vorherrschende Normen,
gruppenspezifische Wertbindungen, Regeln des Anstandes etc.). Somit nimmt das Modell Bezug auf die
soziologischen Gruppen- und Systemzusammenhänge der Massenkommunikation. Einerseits beeinflusst
der Massenkommunikationsprozess das Gesamtsozialsystem, andererseits wird es davon selbst
beeinflusst.

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VI. Kommunikationsmodell von Maletzke (1963):

Der Kommunikator (K) porduziert seine Aussage (A) durch Stoffwahl und Gestaltung. Dabei wirkt
mitbestimmend: Seine Persönlichkeit, seine allgemeinen sozialen Beziehungen, Einflüsse (Zwang) der
Öffentlichkeit und die Tatsache, dass der Kommunikator meist in einem Produktionsteam arbeitet. Die
Aussage (A) wird durch das Medium (M) zum Rezipienten geleitet. Sie muss dabei den technischen und
dramaturgischen Besonderheiten des Mediums angepasst werden. Der Akt des Auswählens, das Erleben
der Aussage und die resultierende Wirkungen auf den Rezipienten hängen von verschiedenen Faktoren
ab: Persönlichkeit des Rezipienten, sozialen Beziehungen und Eigenarten des Mediums die verschiedene
Wirkungen auf den Rezipienten haben kann. Der obere Pfeil im Schema deutet an, das trotz der
Einseitigkeit der Massenkommunikation ein Feedback zustande kommt
⇨ Öffentlich ⇨ durch technische Vermittlung ⇨ indirekt ⇨ einseitig

VII. Handlungstheoretischer Nutzenansatz nach Renckstorf:

⇨ Fokus Rezeptions- und Nutzungsseite


⇨ Gesellschaft und Merkmale sind ursächlich für Situationsdefinitionen die zu Handlungen führen
⇨ Handlungspläne entstehen aus Situationsdefinitionen & Problemen

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2. Was die Gesellschaft zusammenhält


Teil 1: Pioniere der soziologischen Forschung und Theorienbildung

Emile Durkheim (1858-1917): Die soziale Tatsache
• Die Gesellschaft ist mehr als die Summe der Individuen.
• Gesellschaft hat einen übersubjektiven Kern. Sie besteht aus „sozialen Tatsachen“, die als „System
von Verhaltensregeln“ dem Individuum gegenübertreten und zwingenden Charakter annehmen können.
Die „soziale Tatsache“ ist eine „allgemeine“ und für den Einzelnen „äußerliche“ Realität.
⇒ Gesellschaftliche Institutionen als „objektive Realität ́“ außerhalb unseres Bewusstseins
⇒ Moralische Autorität des Kollektivs
⇒ Trennung von Individuum und Gesellschaft/ Differenzierung zwischen individueller und
gesellschaftlicher Perspektive
⇒ Begründung der Soziologie als empirische Wissenschaft (zur Analyse sozialer Tatsachen)

Gesellschaft als moralisches Subjekt
• Moral: System von Pflichten und Obligationen.
• Gesellschaft als moralische Person, die sich qualitativ von den individuellen Personen unterscheidet.
• Moral beginnt in Augen der Allgemeinheit erst mit Selbstlosigkeit und Hingabe.
• Selbstlosigkeit nur dann sinnvoll, wenn das Subjekt, dem wir uns unterordnen einen höheren Wert
besitzt als wir Individuen => Kollektivität oder auch Göttlichkeit.

Moralische Autorität
• Gesellschaft bezieht ihre moralische Autorität nicht aus ihrer Rolle der moralischen Gesetzgebern,
aber sie ist befähigt, diese gesetzgeberische Rolle zu spielen, weil sie in unseren Augen mit einer
wohlbegründeten moralischen Autorität begabt ist.
• Das Wort „moralische Autorität“ steht im Gegensatz zur materiellen Autorität, zur physischen
Suprematie.
• Gesellschaft als ein psychisches Wesen, das dem unseren überlegen ist, uns von der Natur befreit und
Herrschaft über Dinge gibt.
• Der Gläubige neigt sich vor Gott, weil ihm das Sein, insbesondere sein geistiges Sein, seine Seele, von
Gott zu stammen scheint. Aus den gleichen Gründen hegen wir ein solches Gefühl gegenüber der
Kollektivität.


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Krise der Moral


• Traditionelle Moral ist heute zerrüttet, daraus folgt, dass die Moral uns weniger als ein Pflichtenkodex,
als eine festgelegte, für uns verbindliche Disziplin vor Augen tritt denn als ein erahntes, aber noch sehr
unbestimmtes Ideal, das uns anzieht.

Individuum und Gesellschaft
• Fortschreitende Emanzipierung des Individuums impliziert keine Schwächung, sondern eine
Veränderung des gesellschaftlichen Bandes.
• Das Individuum unterwirft sich der Gesellschaft, und diese Unterwerfung ist die Bedingung seiner
Befreiung: sich von den blinden, nicht-rationalen, physischen Kräften befreien, gelingt nur, wenn
Mensch diesen Kräften ebenso starke rationale Kräfte entgegensetzt, in deren Schutz er sich begibt:
nämlich die Gesellschaft.
• Indem er sich in ihrem Schatten niederlässt, entsteht eine gewisse Abhängigkeit zur Gesellschaft die
aber befreiend ist
• Kein Gegensatz von Individuum und Gesellschaft, aber Spannungsverhältnis

Arbeitsteilung – Solidarität
• Durch Arbeitsteilung entstehen Trennwände zwischen den Individuen, die ein besonderes
integrationserfordernis für entwickelte moderne Gesellschaften begründen.
• Die Rolle des Kollektivbewusstseins verringert sich in dem Maße, indem sich die Arbeit teilt
• Aufgrund der „zentrifugalen Kräfte“ und „ungeheuren Komplexität“ der Gesellschaft lässt sich diese
nicht mehr von einem Zentrum (Gott, Papst, König, Philosophie) kontrollieren à Dezentrierung
• „Mechanische Solidarität“:
In wenig entwickelten „segmentären Gesellschaften (Ansammlung von Clans) beruht der
gesellschaftliche Zusammenhalt auf Ähnlichkeit und wird durch traditionelle, feststehende,
sanktionsbewehrte Regeln sichergesellt (System kollektiver Überwachung). Gesellschaft „verfügt“ über
das Individuum. Das Individuum geht im Ganzen auf. Mechanische Solidarität spielt im Krieg eine
besonders große Rolle.

• „organische Solidarität“:
Je heterogener die Gesellschaft, desto geringer werden Kollektivbewusstsein und die mechanische
Solidarität. Das durch Arbeitsteilung entstandene Kohärenzdefizit muss durch Ausdehnung individueller
Freiheiten zur Selbstregulation und Selbstbindung kompensiert werden. „Organisierte“ Gesellschaften
prägen daher spezialisierte Organe aus, die als kontraktuelle Strukturen (Funktionssysteme,
Kommunikationsmedien, Wertsphäre, besondere Moralität) für den Zusammenhalt sorgen.

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Ferdinand Tönnies (1855-1936): Gemeinschaft und Gesellschaft


• Gemeinschaft = traditionelle Sozialform, die für die Betroffenen um ihrer selbst willen bedeutsam ist
(z.B. Dorf, Stadtrepublik).
o Erscheinungsformen: Verwandtschaft, Nachbarschaft, Freundschaft
o Psychische Verfassung: „Gefallen, Gewohnheit, Gedächtnis“
o Ganzheitlich-expressiver „Wesenswille“
o Vertrauen und Dauerhaftigkeit der sozialen Beziehungen

• Gesellschaft = zweckbestimmte Sozialform, die durch einen Vertragsschluss (Hobbes, Rousseau)
gegründet werden kann.
o Erscheinungsformen: feudale Gesellschaft, kapitalistische Klassengesellschaft,
Interessensverbände
o Psychische Verfassung: Eigennutz (Verrechnen, Vergleichen), tatsächliche oder hypothetische
Vertragsorientierung (Fiktionalisierung)
o Zweckrationaler „Kürwille“
o politische Setzung, permanente kritische Überprüfung

Kritik der öffentlichen Meinung
• Die Öffentliche Meinung (ÖM): prägende universale geistige Kraft.
o Mentaler Ausdruck des „gesellschaftlichen Willens“
o Dialektischer Ursprungsort der ÖM sind Religion und Sitte
o ÖM beeinflusst nachhaltig das rechtliche, wirtschaftliche, soziale, politische und moralische Leben. Sie
fungiert wie ein Gerichtshof, der öffentlich relevante Handlungen nach ethisch-vernünftigen Kriterien
beurteilt.
o ÖM ist „immer erfolgreicher in der Vernichtung und Untergrabung überlieferter Anschauungen wie
hergebrachter Institutionen“

• öffentliche Meinung(en) (öM):
o Allerdings wird die ÖM in ihren konkreten Ausdrucksformen (vor allem in Presseerzeugnissen) immer
gebrochen durch parteiliche und wirtschaftliche Interessen.
o Öffentlich geäußerte Meinungen (öM) sind „Waffen“ im Klassen-, Stände- und Parteienkampf.



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Aggregatzustand der öffentlichen Meinung (öM)


1. „Luftartig“ öffentliche Meinung des Tages
⇒ Sie hält sich selbst für die einzige öffentliche Meinung und wird fälschlicherweise dafür gehalten. Sie
ist instabil, innerlich fragwürdig und voller Vorurteile. Entspricht am wenigsten dem Anspruch eines
moralischen Handlungssubjekts.
2. „Flüssige“ öffentliche Meinung
⇒ Wechselnde Konturen im längeren Zeitablauf. Vorstellungen und Stimmungen in einer bestimmten
Periode
3. „Feste“ öffentliche Meinung
⇒ Grundüberzeugungen, Leit-Vorstellungen, Werte einer Gesellschaft von großer Beständigkeit und
Überzeugungskraft

Theodor Geiger (1891-1952): Moral und Recht
• Kohärenz in modernen Gesellschaften resultiert aus einem Funktionsverlust von Moral Aufgrund des
Auseinanderfallens verschiedener Moralanschauungen (Moral-Schisma) würde eine Orientierung an der
Moral zu einer Desintegration der Gesellschaft führen.
⇒ Gegenthese zu: Moral garantiert die Integration der Gesellschaft (Durkheim, Parsons)
• Prozess der Ent-Institutionalisierung der Moral:
o Einstmals unhinterfragbare Autoritäten werden relativiert
o Das Recht wird verstaatlicht (Gewaltmonopol, formale Normierungsverfahren, legitimierte
Sanktionen)
⇒ Das Recht expandiert und überlässt der Moral nur jene Bereiche, in die es (noch) nicht vorgedrungen
ist
⇒ Im Gegenzug entsteht eine eigene moralische Beurteilungs- und Verurteilungsinstanz, die jedoch
zunehmend einem Prozess der sozialen und kommunikativen „Zerstäubung“ unterliegt.

Soziale Schichtung
= soziale Lagen, Einkommensverhältnisse, Berufsgruppenzugehörigkeit und Gruppenidentitäten
• Setzt sich vom marxistischen Begriff der „Klasse“ ab (Besitz, Nichtbesitz von Produktionsmitteln als
Definitionskern von sozialen Großgruppen)
• Setzt sich von Konzepten der Massengesellschaft, denen zufolge „atomisierte Individuen“ den
Einflüssen der Medien schutzlos ausgeliefert sind
• Unterscheidung Schicht und Schichtbewusstsein
• Ausgangspunkt für eine Sozial-Charakterologie
⇒ Anschlussstelle für „realistische“ Medienwirkungs-Theorien

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Max Weber (1864-1920): Soziale Handlung


Soziales Handeln (einschließlich Unterlassen und Dulden) ist am vergangenen, gegenwärtigen oder
zukünftig erwartbaren Verhalten anderer ausgerichtet.
Soziales Handeln ist bestimmt:
• zweckrational: Abwägen zwischen Zielen, Mitteln, Folgen
• wertrational: (irrational) fixiert auf den Eigenwert eines Zwecks
• affektuell: durch Gefühle/ Stimmungen ausgelöst
• traditionell: Gewohnheit
⇒ Mediennutzungsverhalten

Gesinnungsethik – Verantwortungsethik
Definition:
• Ethisch orientiertes Handeln kann unter zwei voneinander grundverschiedenen, unaustragbaren
gegensätzlichen Maximen stehen: 1. gesinnungsethisch 2. verantwortungsethisch
• Nicht identisch mit Gesinnungslosigkeit und Verantwortungslosigkeit
• Verantwortungsethik: für die (voraussehbaren) Folgen seines Handelns aufkommen
• Gesinnungsethik: Hierbei werden Handlung und deren Folgen reflektiert
Keine Ethik kommt um die Tatsache herum, dass die Erreichung „guter Zwecke“ in zahlreichen Fällen
daran gebunden ist, dass man sittlich bedenkliche oder mindestens gefährliche Mittel in Kauf nimmt.
à Selbstverständnis von Journalisten

Moral aus der Sicht von Journalisten
Untersuchungsdesign des ProfCom-Surveys 2009/10
§ Erhebungsmethode: Personalisierte Online Interviews mit Journalisten und PR-Fachleuten in
bislang 6 Ländern: Österreich, Deutschland, Bulgarien, Türkei, Finnland, Schweiz.
§ Realisiert mit „Globalpark“
§ Erhebungszeitraum: 2009/10 (3.Reminder)
§ Fragebogenentwicklung: IPKW Burkart/Grimm
§ 4221 ausgefüllte Fragebögen



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Wertehierarchie
Werte im Werte-Hierarchie-Test sind definiert als allgemeine Zielorientierungen von Personen im
sozialen Raum, die helfen, in Konflikt- und Problemsituationen „moralisch“ richtige und sozial
akzeptierte Entscheidungen zu treffen. Wertorientierungen lassen sich danach unterscheiden, ob sie
den Bestand der Gesellschaft (sozialer Zusammenhalt, strukturelle Voraussetzungen) und/oder den
Bestand des Individuums in der Gesellschaft (Selbstverwirklichung, individueller Anteil) absichern.

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Moral- Konzept von Lawrence Kohlberg (1995):


1. Gesellschaftliche Werte 1: Solidarität/Zusammenhalt (gesellschaftliche Werte, die auf den sozialen
Zusammenhalt gerichtet): Hilfsbereitschaft/Solidarität, Vertrauen/Ehrlichkeit, Harmonie,
Liebe/Zuneigung;
2. Gesellschaftliche Werte 2: Ordnung (gesellschaftliche Werte, die einen strukturellen Soll-Zustand
beschreiben): Gerechtigkeit/Fairness, Gleichheit/Gleichwertigkeit, Sicherheit, Ordnung;
3. Vermittlungswerte (Werte, die zw. Individuum und Gesellschaft vermitteln): Anpassung/Konformität,
Tradition, Toleranz, Leistung;
4. Individualwerte 1: Selbstverwirklichung (auf Selbstverwirklichung des Einzelnen ausgerichtet):
Freiheit/Selbstbestimmung, Macht/Stärke, Wissen/Fähigkeiten, Schönheit;
5. Individualwerte 2: Gratifikation (zielen auf persönliche Gratifikationen ab): Spaß/Genuss,
Stimulation/Abwechslung, Erfolg/Ansehen, Wohlstand/Reichtum.

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Fragen zur Rolle der Moral in der Gesellschaft


Über die Rolle der Moral in der Öffentlichkeit kann man geteilter Meinung sein. Wie oft treffen die
nachfolgenden Aussagen Ihrer Ansicht nach in der Realität zu.

• Item1: Über die Moral siegt die legitimatorische Macht des Faktischen: Ist eine ökonomische/
politische Entscheidung erst mal getroffen, dann wird sie früher oder später auch akzeptiert.

• Item2: Gegen die Macht ökonomischer und politischer Gruppen sind moralisch begründete Positionen
in der öffentlichen Diskussion chancenlos.

• Item3: Mit einer ausgefeilten Kommunikationsstrategie lassen sich auch die moralischen
Überzeugungen von Mehrheiten kippen.

• Item4: Selbst eine noch so gut ausgeklügelte Kommunikationsstrategie ist zum Scheitern verurteilt,
wenn sie die moralische Überzeugung der Mehrheit gegen sich hat.

• Item5: Wer die moralische Akzeptanz in der Öffentlichkeit verliert, kann seine politischen und
ökonomischen Interessen nicht mehr wirksam durchsetzen.

• Item6: Mit einer überzeugenden moralischen Argumentation kann man die Macht von ökonomischen
und politischen Interessensgruppen beschneiden.

Moralische Überzeugungen von JournalistInnen: Kennwertbildung


§ "Moral-Power" (MOPOW) bringt zum Ausdruck, in welchen Ausmaß sich Moral nach Auffassung
der Befragungspersonen gegenüber den alternativen Machtresourcen Ökonomie und Politik
durchsetzen kann. Ist MOPOW hoch ausgeprägt, dann ist eine Voraussetzung dafür erfüllt, eine
diskursanwaltliche Rolle von JournalistInnen in Moralprozessen in der Gesellschaft zu bejahen.
Ist MOPOW niedrig entfällt eine motivationale Komponente zur Erfüllung diskursanwaltlicher
Funktionen. Kennwertbildung aus Item 1(-, im Sinne von Nichtzustimmung codiert), 2(-), 5,6.

§ "Manipulierbarkeit von Moral" (MANMO) zeigt an, inwieweit Moral in der Gesellschaft nach
Einschätzung der Befragungspersonen mit propagandistischen Mitteln manipuliert werden
kann. In diesem Fall nehmen JournalistInnen entweder eine moralpessimiste Haltung ein, der
zufolge eine Gestaltungsaufgabe in Moralproprozessen verneint wird, oder aber die
JournalistInnen beteiligen sich im Sinne eines Moralzynismus an der Moralmanipulation im
Interesse gesellschaftlicher Gruppen. Beides ginge zu Lasten einer diskursanwaltlichen Funktion
der JournalistInnen in Moralprozessen der Gesellschaft. Kennwertbildung aus Item 3, 4 (-, im
Sinne von Nichtzustimmung codiert).


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§ "Moralischer Optimismus (MOOPT) spiegelt wieder, in welchen Ausmaß die Rolle von
JournalistInnen in der Gesellschaft darin besteht, die Macht der Moral in der Gesellschaft
diskursanwaltlich zu begleiten.MOOPT setzt sich aus zwei latenten Einstellungs-Dimensionen im
Hinblick auf Moral in der Gesellschaft zusammen: a) Moral stellt eine gesellschaftliche Macht als
Legitimationsressource dar, die sich gegenüber den Machttypen Ökonomie und Politik in
gewissem Maße durchsetzen kann; b) die Aufgabe der Journalisten besteht darin, die
Moralprozesse in der Gesellschaft, diskursanwaltlich zu begleiten. Das Gegenteil von
"Moralischem Optimismus" ist Moralzynismus (niedrige Werte von MOOPT). Berechnungsweise:
MOOPT=MOPOW-MANMO.

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Moral und Gesellschaft aus Sicht von JournalistInnen

• MOPOW: Die Macht der Moral gegenüber Ökonomie und Politik wird am höchsten von den
türkischen JournalistInnen, am niedrigsten von den bulgarischen eingeschätzt. Österreichische,
deutsche und finnische JournalistInnen sehen die Macht der Moral im mittleren Bereich
angesiedelt. Meinungsbildung setzen sich vor allem bulgarische und türkische JournalistInnen
zum Ziel.

• MANMO: Als am meisten propagandistisch beeinflussbar halten die bulgarischen JournalistInnen die
Moral. Aus ihrer Sicht lassen sich moralische Ansichten in der Bevölkerung in hohem Maße
manipulieren. Die Moral als "Fels in der Brandung" sehen vor allem die finnischen
JournalistInnen. In der Türkei wird dies etwas pessimistischer eingeschätzt als in Finnland. Dies
überrascht insofern, als Moraloptimismus und Moral-Power hier deutlich am höchsten bewertet
werden.

• MOOPT: Der moralische Optimismus ist im Journalismussystem der Türkei am höchsten und in
Finnland hoch ausgeprägt, gefolgt von der Schweiz. Das Gegenstück hierzu ist Bulgarien, in dem
der moralische Optimismus am geringsten entfaltet ist. Österreich und Deutschland liegen im
Mittelfeld – mit allerdings tendenziellen moralpessimistischen Überzeugungen. Das bedeutet,
dass insbesondere die türkischen Journalisten der Moral eine große gesellschaftliche Relevanz
zuschreiben, während die bulgarischen Journalisten in höherem Maße moralskeptischen
Überzeugungen anhängen.

2. Was die Gesellschaft zusammenhält.


Teil 2: Integration durch Konflikt
Georg Simmel (1858-1918): „Streit“
• Der Kampf ist ohne Rücksicht auf seine Folge- oder Begleiterscheinungen „eine Vergesellschaftungs-
form“.
• Streit ist mehr als Gleichgültigkeit zwischen den Elementen.
• Die Gesellschaft benötigt ein bestimmtes quantitatives Verhältnis von Harmonie und Disharmonie,
Assoziation und Konkurrenz, Gunst und Missgunst, um zu einer bestimmten Gestaltung zu gelangen.
• „So dürfte es keine soziale Einheit geben, in der die konvergierenden Richtungen der Elemente nicht
von divergierenden unablöslich durchzogen wären.“
• Zum Beispiel die Ehe/Mann-Frau-Partnerschaft: „Die Distanz z.B zwischen zwei verbundenen
Menschen, die ihr Verhältnis charakterisiert, erscheint uns oft als das Ergebnis einer Zuneigung, die
eigentlich eine viel größere Nähe bewirken müsste, und einer Abneigung, die sie eigentlich ganz
auseinander treiben müsste; indem beides sich nun gegenseitig einschränkt, komme eben jenes
tatsächliche Distanzmaß heraus.“

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Soziale Funktion von Konflikten


• Feindseligkeiten hindern Grenzen zwischen Gruppen am Verschwimmen.
• Opposition gewährt innere Genugtuung, Ablenkung und Erleichterung – wie es unter andere
psychologischen Umständen gerade die Demut und die Geduld tut.
• Aversion in der Großstadt: Ohne Aversion würde das großstädtische Leben, dass einem mit unzähligen
anderen in Berührung bringt, keine ausdenkbare Form haben. Die ganze Organisierung dieses Verkehrs
beruht auf einem mannigfaltigen Stufenaufbau von Sympathien, Gleichgültigkeiten und Aversionen der
kürzeren und dauernden Art.
• Kampfspiel: „Ja, die Normierung des Kampfspiels ist oft eine so rigorose, unpersönliche, beiderseitige
mit der Strenge eines Ehrenkodex beobachtete, wie Vereinigungen zu Kooperationen sie kaum
aufweisen.
• Rechtsstreit: ist der Streit schlechthin, es tritt nichts ein, was nicht in den Streit als solchen
hineingehört und nicht dem Streitzweck dient. Es kann auch zu einem Formalismus des Kampfes führen,
der sich dem Inhalt gegenüber selbstständig macht. Die Wechselbeziehung zwischen Dualistik und der
Einheit des soziologischen Verhältnisses zeigt so der Rechtsstreit nicht weniger als das Kampfsiel; das
Äußerste und Unbedingte des Kampfes kommt zustande, indem es der strengen Einheit gemeinsamer
Normen und Bedingtheiten umgeben und getragen ist.
• Kampf zwischen Wissenschaftlern

Konkurrenzen
• Konkurrenzen sind Kämpfe, bei denen sich beide Parteien bemühen, um ein und denselben
Kampfpreis.
• Indirekte Kampfform, die nicht in erster Linie aus Offensive und Defensive besteht.
• Preis wird von dritter Seite überreicht
⇒ „Die tiefsten Tendenzen des modernen Lebens, die sachliche und die personale, haben in der
Konkurrenz einen ihrer Treffpunkte gefunden, in denen sie unmittelbar praktisch zusammengehören
und so ihre Entgegensetztheiten als einander ergänzender Glieder einer geistesgeschichtlichen Einheit
erweisen.“

Kampf und Nähe
• Menschen, die viel Gemeinsames haben, tun sich oft schlimmeres, ungerechteres Unrecht, als ganz
Fremde. Dem Fremden, mit dem man weder Qualitäten noch weitere Interessen teilt, steht man
objektiv gegenüber, man reserviert die eigene Persönlichkeit, deshalb nimmt die einzelne Differenz
nicht so leicht den ganzen Menschen mit.
o Hass zwischen Nachbarstaaten o Hass zwischen Männern und Frauen o Familienkonflikte
o Hass gegen Renegaten o Streit innerhalb einer politischen Fraktion

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Gruppe und Feindseligkeit


• es besteht eine Beziehung zwischen der Struktur jedes sozialen Kreises und dem Maß von
Feindseligkeiten, das er unter seinen Elementen gestatten kann.
• Je enger vereinheitlicht die Gruppe ist, desto mehr kann die Feindschaft zwischen ihren Elementen
ganz entgegensetzte Bedeutungen haben. Z.B. einen inneren Antagonismus ohne
auseinanderzubrechen, andererseits kann der Gruppe, deren Lebensprinzip eine erhebliche
Einheitlichkeit und Zusammengehörigkeit ist, durch innere Zwistigkeit bedroht werden.
• Je reiner negativ oder destruktiv eine Feindschaft ist, desto leichter wird sie eine Verbindung unter
solchen zustanden bringe, für deren Gemeinsamkeit sonst jegliches Motiv fehlte.
⇒ synthetische Kraft gemeinsamer Gegnerschaft

Kampf – Krieg – Zentralisation
• Der Kämpfende muss sich »zusammennehmen«, d.h. all seine Energien müssen gleichsam in einem
Punkt konzentriert sein.
⇒ Wechselwirkung zwischen despotischer Verfassung und kriegerischen Tendenzen
⇒ Extreme, zentralistisch organisierte Parteien bedingen sich wechselseitig.
⇒ Verfolgte Minoritäten, die sich abschließen und zentralistisch organisieren: Ablehnung von
Zugeständnissen durch die Majorität, um die innere Geschlossenheit zu wahren.

Negative Kämpfe
Nicht alle Kämpfe erfüllen soziale Funktion. Falls Kampfzweck auf die totale Vernichtung zielt oder die
Kampfeslust sich als solche verselbstständigt, dann werden Konflikte zur Bedrohung für den
Gemeinschaftsverband.
• Wenn ein solcher Kampf schlechthin auf Vernichtung geht, so nähert er sich allerdings dem Grenzfall
des Meuchelmordes, in der Beisatz des vereinheitlichenden Elements gleich Null geworden ist; sobald
dagegen irgend eine Schonung, einer Grenze der Gewalttat vorhanden ist, liegt auch schon ein
sozialisierendes Moment, wenn auch nur ein zurückhaltendes, vor.“ (296) (z.B. Versklavung statt Tötung)

• Ein anderer Grenzfall scheint gegeben, wenn der Kampf ausschließlich durch Kampflust veranlasst ist.
Sobald ein Objekt ihn entfacht, ein Haben- oder Herrschenwollen, Zorn oder Rache, gehen nicht nur von
dem Gegenstande oder zu erreichenden Zustande Bedingungen aus, die den Kampf gemeinsamen
Normen beiderseitigen Restriktionen unterwerfen.



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Zusammenfassung

Beendigung von Konflikten


Wechselwirkung von Kampf und Frieden:
• Im Nacheinander wie Nebeneinander des gesellschaftlichen Lebens verschlingen sie sich derartig, dass
sich in jedem Friedenszustand die Bedingungen für den zukünftigen Kampf, in jedem Kampf die für den
künftigen Frieden herausbilden.
Techniken der Konfliktbeendigung:
• Erschöpfung der Kräfte • Wegfall des Streitobjekts
• Sieg/Niederlage • Kompromiss
• Versöhnung; zweiter Bruch kann nicht mehr geheilt werden => Unversöhnlichkeit

Lewis A. Coser (1913-2003): Theorie sozialer Konflikte

• Die TSK knüpft an Simmel ́s Überlegungen zum Streit an und wendet sich gegen den
Strukturfunktionalismus (Talcott Parsons). Parson betont die integrierende Rolle von Werten
(Anpassung) und sieht in Konflikten eine Systemgefährdung. Coser erkennt die positiven Funktionen von
Konflikten für die Systemstabilisierung ohne Möglichkeit von dysfunktionalen Konflikten auszuschließen.
o Fehlende Konflikte sind kein Zeichen von Systemstabilität: verweist eher auf Instabilität und
Unbeweglichkeit, moderne Gesellschaften gewinnen Stabilität durch überlappende Konflikte (immer
nur teile von Persönlichkeiten einbezogen, dienen daher als Puffer, erhöhen Anpassungsfähigkeit und
Flexibilität des Systems).
o Zusätzlich sorgen Sicherheits-Ventil-Institutionen (z.B. Duell, Theater, Sündenböcke) für die
Entsorgung potenziell dysfunktionaler Konflikte, mildern aber druck zum Wandel, können daher selbst
dysfunktional werden.
o Wenn Konflikte den Zusammenbruch von Systemen einleiten, dann liegt das nicht an den Konflikte,
sondern an fehlender Konfliktinstitutionalisierung bzw. an der Starrheit des Systems.

o Konflikte müssen vom Grundkonsens entkoppelt werden. Konflikte, die den Grundkonsens betreffen,
können zerstörerisch wirken.


Theorie sozialer Konflikte
Konflikte können verstanden werden als • Transaktionen von Feindseligkeiten; • Haltung/Einstellung.
Konflikte haben Einfluss auf die Identität und den Zusammenhalt von Gruppen:
• Wir-Gefühl; • In-group versus out-group.

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Konflikte erfüllen eine soziale Funktion für die Gesellschaft:


• Gruppenbildung, Gruppenzusammenhalt; • Normen und Werte treten ins Bewusstsein;
• Machtverhältnisse können eingeschätzt und ausbalanciert werden; • Integration durch Kompromiss;
• Steigerung der Flexibilität und Anpassungsfähigkeit sozialer Strukturen

„Echte“ und „unechte“ Konflikte


• „echte“ Konflikte (realistic conflicts):
o Zwei oder mehr Parteien stellen Forderungen aus Frustration oder Gewinnkalkulation. „Echte“
Konflikte müssen nicht in Kampfsituationen, sondern können auch in Verhandlungen oder anderen
funktionalen Äquivalenten münden. Es besteht die Wahl der Mittel. Der Konfliktverlauf wird durch das
konkrete Verhalten der Parteien ausgelöst, ist auf ein „Objekt“ gerichtet.
• „unechte Konflikte“ (unrealistic conflicts):
o Diese Konflikte werden nicht von äußeren „Objekten“, sondern von inneren Spannungszuständen
bestimmt. Der „unechte“ Konflikt dient ausschließlich zur Spannungsentladung (ähnlich „Triebentladung
bei Sigmund Freud). Konfliktverlauf ist impulsiv, ungeregelt und kaum institutionalisierbar.

⇒ Die Unterscheidung von „realistic“ und „unrealistic conflicts“ ist bedeutsam im Hinblick auf
unterschiedliche Techniken der Konfliktbewältigung (Konfliktregulierung, Konfliktdämpfung,
Konflikttransformation)

Kritik von Ralf Dahrendorf an Coser
• Herrschaft als Ursache und Begleiterscheinung sozialer Konflikte werde vernachlässigt. Coser
vertrete eine Gleichgewichtstheorie der Konflikte, die mit den asymmetrischen Machtverhältnissen in
der Gesellschaft nicht vereinbar ist.
• Die eruptive Wirkung von Konflikten werde unterschätzt ebenso wie die Folgen für den sozialen
Wandel.
• Coser vertrete ein individualistisches Konfliktkonzept. Strukturell erzeugte Gegensatzbeziehungen
von Normen und Erwartungen geraten aus dem Blick. Demgegenüber betont Dahrendorf den
überindividuellen Charakter sozialer Konflikte.

⇒ Dahrendorf knüpft an der Klassentheorie von Karl Marx an und erweitert sie zu einer Theorie der
Interessenskonflikte. Im Mittelpunkt der Theorie stehen bei Dahrendorf vertikale Konflikte und
fundamentale Auseinandersetzungen um Macht und Herrschaft (z.B. Konflikt zwischen fordernden und
saturierten Gruppen, zwischen politischen Parteien des Konservatismus und solchen, die am
gesellschaftlichen Wandel interessiert sind). Soziale Konflikte sind unvermeidlich und nützlich, wenn sie
institutionalisiert werden können.

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2. Systematisierung und Weiterentwicklung der TSK


Unterscheidung von Konflikten nach:

• Art des Konflikts: Soziale Gemeinschaften, Organisationen, Individuen
• Mittel der Konfliktaustragung: der Streik/Demonstrationen, Wettkampf, Dabatten
• Ziele des Konflikts: Verteilungskonflikte (um knappe Güter), Konflikte um soziale
Rangordnungen, Regel- und Normenkonflikte

⇒ Alle Arten von Konflikten können grundsätzlich auch mit Gewalt ausgetragen werden.
⇒ Als besonders schwierig in der sozialen Handhabung erscheinen Konflikte, die durch Identitätsfragen
(Gruppenzugehörigkeit, nationale Identität etc.) oder religiöse Themen (Gläubige gegen Ungläubige,
Gläubige gegen Andersgläubige, etc.) aufgeladen werden.

Dubiel: Demokratischer Dauerstreit
• Gesellschaftsdiagnose

• Unterstellt eine „moderne Dynamik der Ausdehnung des potenziell Strittigen“, das durch
„Erosion überpolitischer, streittranszendenter Autoritätsquellen“ (v.a. Religionskritik,
Wissenschaftskritik) beschleunigt wird.

• Werterelativismus: moderne demokratische Gesellschaften begründen sich durch eine
institutionell auf Dauer gestellte Infragestellung ihrer selbst, Antworten werden dabei immer
„gegensätzlicher, weil sich der öffentliche Dauerstreit über die politische Selbsteinwirkung der
Gesellschaft aus deren ökonomischen und kulturellen Spaltungen speist.

• Am Beispiel der Transformation von Klassenkampf in Tarifkonflikt macht Dubiel deutlich, wie
Konflikte „eingehegt“ werden können. → „Emergenz eines gemeinsamen politischen Raumes im
Streit“.

• Dubiel setzt sich mit Albert Hirschman auseinander, der zwischen »teilbaren Konflikten« (z.B.
ökonomische Interessenskonflikte) und »unteilbaren Konflikten« (z.B. Anerkennungs-
/Identitätskonflikte) unterscheidet. Für »unteilbare« Konflikte stehe noch kein
„Zivilisierungsmuster“ zur Verfügung. Nach Hirschman käme es darauf an, Strategien und
Verfahren zu entwickeln, die es erlauben, den Streit um »unteilbare« Güter in einen Streit um
»teilbare Güter« zu transformieren.

⇒ Dies hält Dubiel aber für illusorisch: „Das orientierende Paradigma eines erfolgreich
gehegten Konflikts ist für mich nicht der Kompromiss konkurrierender strategischer
Gruppen, sondern der unblutige Dauerstreit der demokratischen Öffentlichkeit.“

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3. Medien und Integration

Medienintegration – Differenzierung und Konflikt (Jäckel)


• Medien stellen Angebote bereit, die selektiv genutzt werden.
• Dabei kann auch das vermeintlich Unvereinbare zum Zwecke der
Aufmerksamkeitssteigerung temporär zusammengeführt werden.
• Konfrontation ist interessanter als harmonischer Gleichklang.
• Lesart ist nicht festgelegt und gewährleistet die Chance auf Anschlusskommunikation.

⇒ Davon zu unterscheiden ist die integrative Macht von Medienereignissen, die im Sinne von „Medien-
Events“ ein Zusammengehörigkeitsgefühl in Freud und Leid evozieren können.
⇒ Offen bleibt hier die Frage, ob und ggf. auf welche Weise Medien an Wertevermittlung und
normativer Integration der Gesellschaft beteiligt sind.

Kommunikative Integration (Weßler)
Nach Weßler 3 Vergemeinschaftsformen:
1. Kollektive (regelmäßiger Austausch, Mitgliedschaft, Identifikation, Handlungsfähigkeit)
2. Symbolische Gemeinschaften (regelmäßiger Austausch, Mitgliedschaft, Identifikation, z.B.
soziale Schichten, Klassen und Berufsgruppen)
3. Soziale Netze (regelmäßiger Austausch)

Kritisiert wird das Integrationsmodell von Winfried Schulz, das am Prinzip der Einheitlichkeit orientiert
ist und Medienintegration mit geringem Umfang des Channel-Repertoires und hohen Überschneidungen
zwischen den Channels definiert.

Anforderungen an die Integrationsfunktion von Massenmedien nach Schulz:
• hohe Einheitlichkeit des Medienangebots
• große Übereinstimmung der Mediennutzungsmuster
• möglichst einheitliche Themenauswahl und Werte-Färbung.

Symbolische Gemeinschaften sind aber gerade durch Abgrenzung von anderen Symbolgemeinschaften
definiert und können daher dem Einheitlichkeitsprinzip grundsätzlich nicht entsprechen.
Wichtig sei unter Integrationsgesichtspunkten die Beziehung zwischen den Symbolgruppen:

• die durch Indifferenz
• durch Wertschätzung oder
• durch Konflikt gekennzeichnet sein kann.

⇒ Unterscheidung zwischen „genuinen“ Konflikten (Kampf um Ressourcen) und „ethnisierten
Konflikten“ (Zugehörigkeit zu einer Symbolgemeinschaft bestimmt die Konfliktwahrnehmung).

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⇒ Für genuine Konflikte schlägt Weßler „Integration durch Konfliktkommunikation“ vor:


„General-interest-Medien und Gruppenmedien tragen in dem Maße zur Entstehung eines
gemeinsam geteilten gesellschaftlichen Raumes und damit zur Integration der Gesellschaft bei, wie sie
die Erfahrung zivil ausgetragener und überstandener gesellschaftlicher Konflikte ermöglichen, wie sie
also zur Organisation solcher Konfliktaustragungsprozesse beitragen.“

Integration durch Konfliktkommunikation beinhaltet:
1. Gegenseitige Beobachtung der gesellschaftlichen Gruppen über Medien;
2. Nutzung nach individuellen und Gruppenpräferenzen, sofern dies nicht zur dauerhaften
Ausblendung vorhandener Konflikte führt;
3. Konfliktkommunikation ohne Entwertung und durch Fokussierung von Interessen statt Positionen.

4. Medien und Integration: Grundlegende Modelle, Berichterstattung über "Ausländer", Integration


und Unterhaltung

Integrationsaufgabe der Medien:


• Homogenität/Einheitlichkeit als Integrationsaufgabe (nach Schulz) wird heute meistens als eher
unrealistisch und unerreichbar kritisiert.

• Differenzierte/komplexe Gesellschaften werden nach Jäckel integriert durch
o Anschlusskommunikation
o Medien-Events
o Normen
• Nach Wessler können "genuine" Konflikte durch Konfliktkommunikation integriert werden:
o Gegenseitige Beobachtung
o Mediennutzung nach differenziellen Gruppenpräferenzen
o Konfliktaustragung ohne Entwertung durch Fokussierung von Interessen statt Konflikten
• - "Ethnisierte" Konflikte könnten durch Konfliktkommunikation angeheizt werden.

Medienberichterstattung über „Ausländer“
Das Bild des ‚Gastarbeiters‘ in der Presse (Delgado)

Delgado liefert die erste systematische Inhaltsanalyse zur Presseberichterstattung über Ausländer im
deutschsprachigen Raum. Untersucht wurden insgesamt 3069 Artikel von Zeitungen in Nordrhein-
Westfalen:

Untersuchungszeitraum:

1. Rezessionsperiode(1.5.1966-31.8.1967=16Monate;AnzahlderPresseberichte:1240;
2. Stagnationsperiode(1.9.1967-30.4.1968=8Monate;AnzahlderPresseberichte:659);
3. Vollbeschäftigungsperiode(1.5.1968-31.8.1969=16Monate;AnzahlderPresseberichte:1170).

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Ergebnisse:
- Überbetonung der Sensations-Kriminalitäts-Kategorie (126f);
- negative Tendenz herrscht vor;
- Vernachlässigung der sozialen Probleme von ausländischen Arbeitnehmern;
- einzelne positive Beispiele.

• Image der »Gastarbeiter«: „Das Image der »Gastarbeiter« allgemein zeigt zwei dominanten positive
Eigenschaften: Zufriedenheit und Geschicklichkeit. Aufgrund der negativen Dimensionen wird jedoch der
»Gastarbeiter« als ein »leichtlebiges«, unangepasstes, unsauberes und ungeschicktes Wesen erlebt. Das
Image der »Gastarbeiter« im Spiegel der nordrhein-westfälischen Presse entspricht den in Deutschland
bestehenden Stereotypen über »Südländer« schlechthin“.


Allgemeine Trends der Berichterstattung über Migranten
George Ruhrmann et al. (2006) fassen inhaltsanalytische Befunde diverser Studien zur
Medienberichterstattung über Migranten wie folgt zusammen:

1. Medien stellen Migranten als besonders kriminell oder als anders problematische Gruppe, z.B.
als Terroristen dar.
2. Bestimmte Nationen sind überrepräsentiert und werden nur in bestimmten stigmatisierten
Rollen gezeigt.
3. In der Regel kommen Migranten als Objekte von Aussagen und kaum als Subjekte von
Kommunikation vor.
4. Positives Eigengruppenverhalten und negatives Fremdgruppenverhalten werden abstrakter
beschrieben als negatives Eigengruppen- und positives Fremdgruppenverhalten (‚lingusitic
intergroup bias’. ’Integrierte Ausländer’ können somit als Ausnahme von ‚kriminellen
Ausländern’ dargestellt.
5. In der Berichterstattung über Migranten wird vor allem die Verwendung des Nachrichtenfaktors
‚Negativität’ akzentuiert;
6. Gemäß dem Nachrichtenfaktor ‚Kulturelle Nähe‘ wird zudem zwischen ‚erwünschten’ und
‚weniger erwünschten’ Personengruppen unterschiede.
7. ‚Ausländer’ werden im Hinblick die Nachrichtenfaktoren ‚Einfluss’, ‚Prominenz’ und
„Personalisierung’ als einflusslos dargestellt.
8. Zunehmende Verwendung von Gewalt- und Konflikt-Bilder insgesamt, so auch in der
Migrantenberichterstattung.

⇒ Grundtenor: Nachrichtenmedien tragen zur Stigmatisierung/Diskriminierung von Minderheiten


bei und erschweren die Integration.

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TV-Nachrichten über Migranten nach Ruhrmann et al.


Untersucht wurden alle Nachrichtenbeiträge in Hauptnachrichtensendungen von ARD, ZDF, RLT und
SAT1, die im Zeitraum Januar bis Dezember 2003 ausgestrahlt wurden und einen Bezug zu Migranten
bzw. Migration aufwiesen (N=285). Der Grundtenor früherer Untersuchungen wird weitgehend
bestätigt. Allerdings gibt es auch abweichende neue Trends:

1. Die meisten Berichte zu Migranten/Migration stehen im Kontext von Terror (35,1%), gefolgt von
Kriminalität (34,4%). Dem entspricht gegenüber früheren Untersuchungen eine
Schwerpunktsverlagerung in Richtung des Frames „Terrorismus“. Die etablierte Assoziation
Migranten-Kriminalität wird somit um eine weitere Gewaltfacette bereichert und damit die
Konstruktion einer Bedrohung durch Ausländer zusätzlich verstärkt.

2. Die Autoren stellen aber auch einen positiven Trend zu mehr aktiven Beiträgen von Migranten
fest, die immerhin in 16% der Beiträge zu Wort kommen. 1987 waren es 0%, 2000 10%.

3. Im Rahmen der Berichterstattung über Gewalt gegen Ausländer wird ein Frame
„Rechtsradikalismus“ eingeführt, der Erwartungen von Journalisten und das damit verbundene
Auswahlverhalten bei der Nachrichtenselektion beeinflusst.
Beispiel: Im Juni 1997 ertrank im Schwimmbad des sächsischen Sebnitz der 6-jährige Joseph, Sohn von
Renate Kantelberg-Abdulla und ihres aus dem Irak stammenden Mannes, unter bisher ungeklärten
Umständen. Drei Jahre später löste die Behauptung der Mutter, ihr Kind sei von „Rechtsextremisten“
ermordet worden, einen deutschlandweiten medialen Empörungssturm aus: „Neonazis ertränken Kind –
eine ganze Kleinstadt schaut weg“, so titelte sinngemäß die „Bild-Zeitung“.

⇒ „Terrorismus“ als Meta-Frame / Tendenz zur Differenzierung von Medieneffekten.

Integration und Unterhaltung


Ausländer und Ausländerfeindlichkeit in Unterhaltungsgenres
Unterhaltungsgenres sind insofern an sozialen Integrations- /Desintegrationsprozessen beteiligt, als sie

1. Minderheiten thematisieren (oder ignorieren),


2. Stereotypen über soziale Gruppen konstruieren (Eigenschaften der Mehrheitsgesellschaft,
Eigenschaften von Minderheiten),
3. eine Moral transportieren (welche die Ausgrenzung von Minderheiten erleichtert oder
erschwert).

⇒ Daher sind Unterhaltungsgenres (ebenso wie Medieninformationen) im Hinblick auf


Integration/Desintegration prinzipiell ambivalent. Dies gilt insbesondere für solche
Unterhaltungsgenres, die einen Bezug zu Deutungsschemata (Frames) haben, die im Rahmen des
Migrationsdiskurses verwendet werden:

- z.B. Kriminalfilme (Kriminalisierung, Viktimisierung bestimmter Gruppen im Rahmen des Kriminalitäts-
Frames),

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- Politthriller über Terrorismus (Feindbildkonstruktionen im Rahmen des Terrorismus-Frames),
- realitätsnahe Soaps (Zusammenleben zwischen Angehörigen der Mehrheitsheitsgesellschaft und
Migranten im Rahmen des Multikulturalismus-Frames).

⇒ Aufgrund der Fundierung der Unterhaltung in kulturübergreifenden anthropologischen


Befindlichkeiten der Menschen ist die Unterhaltung jedoch besonders gut geeignet, Gruppenbildung mit
einer universellen Moral der Intergruppen-Toleranz zu verbinden.

Kino als politische Integrationsagentur (Dörner)


Dörner vertritt die Auffassung, dass Medienunterhaltung integrative politische Identitätsmodelle
unterbreitet, die weithin unterschätzt werden. Bei seiner Interpreta- tion von US-amerikanischen
Mainstream-Filmen orientiert er sich an den von Bellah und Kollegen entwickelten vier Grundkategorien
der amerikanischen Kultur:

1. Biblische Tradition; 2. Republikanismus;


3. utilitaristischer Individualismus; 4. expressiver Individualismus.

Analysiert werden vier Filme mit schwarzen Protagonisten im Hinblick auf Integrationsangebote: Lethal
Weapon III, Sister Act, The Distinguished Gentleman, Malcolm X.

⇒ „Alle hier untersuchten Beispiele sind Ausformungen unterhaltender Utopien, die dem Publikum auf
vergnügliche Weise Identifikations- und Integrationsangebote unterbreiten. Das Spektrum der
Integrationsmodelle reicht von der expressiven Männerfreundschaft und der schwarz-weißen
christlichen Gemeinschaft über partizipatorisches Engagement bis zum republikanischen Kampf für eine
Politik, in der alle ethnischen Gruppen einander anerkennen und gleichberechtigt behandeln. Allen
gemeinsam ist der integrative Bias im Sinne der klassischen Traditionen amerikanischer Kultur.“

Migration in der Krimireihe „Tatort“


Christina Ortner fragt nach positiven Integrationspotenzialen fiktionaler TV- Sendungen. Im Hinblick
auf die Krimireihe „Tatort“ kommt sie zu folgendem Ergebnis:

⇒ „Die fünf analysierten Tatort-Filme beleuchten das Thema Migration vielseitig, distanzieren sich
deutlich von Ausländerfeindlichkeit und zeigen Beispiele für konfliktfreies Zusammenleben auf.
Vereinzelt werden auch Kriterien für gesellschaftliche Zugehörigkeit hinterfragt. Obwohl
Migrantenfiguren durchweg eher positive Eigenschaften aufweisen, werden stereotype Vorstellungen
zum Teil bestärkt; darüber hinaus dominieren die deutschen Figuren maßgeblich die Erzählperspektive.“
(Ortner 2007: 5)

⇒ Tatort-Filme, die im rechtsradikalen Milieu angesiedelt sind, sensibilisieren für die Probleme der
Ausländerfeindlichkeit. Gleichzeitig wird aber auch Verantwortung von der Mehrheitsgesellschaft
genommen, die sich es sich in einem quasi-neutralen Beobachterstatus in „eigener Nicht-Betroffenheit“
bequem machen kann (Heitmeyer 2007).

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Projekt „Medien-Patriotismus-Inetgration“ (IPKW)


Multiperspektivische Forschung zur Rolle der Medien innerhalb des Integrationsdiskurses
– Inhaltsanalyse der Presseberichterstattung und der TV-Nachrichten zu den Themen Migration und
Integration unter Berücksichtigung des "Patriotismus"-Frames

– Panel-Befragung
a) zu Einstellungen der Mehrheitsbevölkerung gegenüber "Migranten" / zu Einstellungen von
"Migranten" gegenüber Mehrheitsbevölkerung (zweiseitige Vorurteilsforschung),
b) zur nationalen Identität der Mehrheitsbevölkerung (Patriotismus) und der Gruppenidentität von
Migranten (Patriotismus und kulturelle Differenz) und
c) zur Mediennutzung (Presse, Fernsehen, Internet)

o Einfluss der Medien auf Patriotismus und Vorurteil bzw. auf Gruppenidentität und Vorurteil
o Einfluss des Sports auf Patriotismus und Vorurteil bzw. auf Gruppenidentität und Vorurteil

– Fallstudien zur Effizienz medialer Kommunikationspolitiken im Integrationsdiskurs

o Wirkung kriminalitätsbezogener Presseberichte und TV-Nachrichten


o Wirkung der politischen Berichterstattung mit Migrations-/Integrationsbezug
o Wirkung von Fernsehdokumentationen mit Migrations-/Integrationsbezug
o Wirkung von TV-Unterhaltung mit Migrations-/Integrationsbezug
o Wirkung von TV-Geschichtssendungen (Dokumentationen, Spielfilme)
o Wirkung von Integrations-Kampagnen


TV-Dokumentation zu Integrationskonflikten in Telfs
Problemstellung
Die Primingforschung postuliert Reihenfolgeeffekte insofern, als sie Einflüsse von Medienprimes auf
anschließende Rezeptionshandlungen und nachfolgende externe Effekte untersucht und belegt.

Gefragt wird danach, inwieweit die zeitliche Struktur eines Kommunikats als Variable des journalistischen
Primings die Verarbeitung von Ausländer- und Inländerimages bei der rezeptiven Aneignung beeinflusst.

o Welche Darbietungsreihenfolge hat einen vorurteilsverstärkenden, welche einen


toleranzsteigernden Effekt?
o Welche Rolle spielen Gegenargumente für die Persuasion im Sinne einer interkulturellen
Toleranzsteigerung?
o Wie interagieren persuasionskonforme und persuasionskontrastive Medienprimes mit der
zeitlichen Ordnung des Kommunikats?
o Inwiefern wirkt sich der soziale Status der Rezipienten als Einheimischer oder Migrant auf das
rezeptive Priming aus?

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Wirkung einer TV-Dokumentation zu Integrationskonflikten


Rezeptionsexperiment, ORF-Dokumenation zu Telfs:

§ Untersuchung am Beispiel einer ORF-Dokumentation zu Konflikten zwischen zugewanderten


und etablierte Einwohnern in Telfs (Tirol).
§ Die Dokumentation wurde in vier verschiedenen Versionen präsentiert. Treatment-Variablen
waren die Reihenfolge der Argumente sowie das Auftreten eines ausländerkritischen Politikers.

Prä-Post-Design:
§ Prä-Fragebogen, einige Tage vor dem Experimenttermin auszufüllen, u.a. mit Erhebungen zu
Meinungen und Einstellungen zu Integration und einem speziell entwickelten Instrument zur
Vorurteilsmessung (Heitmayer, Zick, et al., 2008).
§ Post-Fragebogen nach der Vorführung einer der vier Dokumentations-Varianten mit Fragen zum
Film und der Wiederholung der Meinungs- und Einstellungstests.

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Meinungswandel

§ Vielzahl Meinungseffekte mit überwiegend ausländerfreundlicher Tendenz.


§ Allerdings verweist das Statement zur kulturelle Bereicherung durch multikulturelles
Zusammenleben, das postrezeptiv stärker abgelehnt wird als zuvor, auf Grenzen der
Integrationsfähigkeit.

Einfluss der Zeitstruktur:

§ Die interessante, involvierende und einfühlsame Variante mit dem beginnenden Migranten-
Block führt zu einem Verzicht auf die Forderung, dass Migranten besondere Anpassungs- und
Assimilationsleistungen erbringen sollten.

Einfluss von Gegenargumenten:

§ Dasselbe Statement einer Anpassungsforderung verliert durch den FPÖ-Politiker an Akzeptanz.


Das rezeptive Priming folgt in diesem Fall der Logik eines Umkehreffekts: Gerade weil der FPÖ-
Politiker gegenüber Ausländern ein Anpassungsleistung fordert, grenzen sich die Rezipienten
von dieser Position umso stärker ab.

⇒ dialogisches Priming

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Fazit zum Rezeptionsexperiment ORF-Doku Telfs

§ Geblocktes Priming in der Variante BA mit den beginnenden Statements der Migranten in Telfs
ist gegenüber der Variante AB mit beginnenden Einheimischen-Argumenten kommunikativ
überlegen.
§ Das verzahnte Priming war in Verbindung mit ausländerkritischen Politikerargumenten in
höherem Maße integrationsförderlich als unter der Bedingung ohne die Argumente des FPÖ-
Politikers.
§ Zwar setzt sich überwiegend das journalistische Priming im rezeptiven Output durch, doch
ergeben sich graduelle Unterschiede der Verarbeitung in Abhängigkeit vom sozialen Status des
Rezipienten als Einheimischer oder Migrant.

⇒ Perspektive: Theorie des dialogischen Priming, bei dem die zeitliche Anordnung von zentraler
Bedeutung für analogische oder kontrastive Koppelung von Medienprime und Verarbeitungsweise
und damit für das persuasive Potenzial des Kommunikats ist.

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Tatort „Baum der Erlösung“



Story:
1. Türkisches Mädchen wird ermordet,
offenbar weil sie einen österreichischen
Freund hat. Sie wird aufgefunden
erhängt an einem Baum – „Baum der
Erlösung“
2. Zwei antagonistische Familien /
Integration Konflikt

- Tirolische Familie Larcher

v Familienoberhaupt: Klaus Larcher


v Sohn Christian ist verliebt in Melisa Ozbay (wird nicht toleriert von Klaus Larcher)
v Sohn Georg

− Türkische Familie Ozbay

v Familienoberhaupt: Kazim Ozbay


v Tochter Ayse wird ermordet
v Tochter Melisa ist verliebt in Christian Larcher (wird nicht toleriert von Kazim and Serkan)
v Son Serkan: sehr aggressiv, er will türkische Kultur bewahren

3. Mörder wird entlarvt

4. Epilog: Versöhnung zwischen den ehemaligen „Feinden“


Experimental-Gruppen zum Tatort-Krimi „Baum der Erlösung“

G1 Tatort-Krimi: Täter ist Inländer.

G2 Tatort-Krimi: Täter ist Ausländer

G3 Tatort-Krimi: Täter ist Inländer + Versöhnendes Ende.

⇒ Prä-Post-Design, Teilnehmer sind Migranten und Einheimische

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Qualitative Untersuchung
Reaktionen von Migranten und Einheimischen auf den Integrationskonflikt im Film:

o Der Film wurde von den Migranten überwiegend als "spannend" und als "tragisch" bewertet.
o Einige Migranten halten die Auflösung des Falles mit dem österreichischen Mörder für "realistisch",
andere nicht.
o Während zumindest einige Migranten den harmonischen Nachspann positiv bewerten, sind die
Reaktionen der befragten Einheimischen fast unisono negativ.
o Mehrheit der Einheimischen hält den Film für realistisch, allerdings sei das gezeigte Verhalten
abzulehnen und die Darstellungsweise problematisch.
o Die Mehrheit der Nichtmigranten empfindet die Fall-Auflösung als unangenehm und kritikwürdig.

Fazit zur rezeptiven Aneignung des Tatort-Krimis „Baum der Erlösung“ durch Migranten und
Einheimische

o Die kommunikative Leistungsfähigkeit fiktionaler Film-Erzählungen gegenüber Dokumentationen


besteht in der größeren Gestaltungsfreiheit der Repräsentationsbeziehung zur sozialen Realität. So
lassen sich in der Fiktion:
a) Einzelaspekte akzentuieren, die vom gesellschaftlich Durchschnittlichen abweichen,
b) Handlungsmöglichkeiten aufzeigen, die bislang nicht oder ungenügend wahrgenommen werden;
c) zukünftige Situationen erlebbar machen.

o Während die Dokumentation zum Integrationskonflikt in Telfs sich auf die Darstellung des Konflikt
beschränkt und die Positionen der Konfliktparteien – unter Aussparung des Problems der
Kriminalität – miteinander konfrontiert, wird in der Krimi-Fiktion "Baum der Erlösung" der Konflikt
kriminell gesteigert und in einen narrativen Zusammenhang eingebettet, der eine tragische
Erschütterung auslösen soll und die Perspektive einer Versöhnung andeutet. Damit wird potenziell
eine Einsicht in die Wünschbarkeit der Überwindung des Integrationskonfliktes emotional
eindringlich vermittelt.

o Die ermittelte narrative Struktur des Films" Baum der Erlösung" führt nur bei einem Teil der
Rezipienten zu den beabsichtigen emotionalen und kognitiven Reaktionen. Während Migranten
ohne starken Integrationskonflikt die Appellstruktur des Films mit vollziehen, reagieren
einheimische Nichtmigranten stärker distanziert. Insbesondere der romantisch-versöhnende
Nachspann wird von der Mehrheit der befragten Einheimischen als extrem unrealistisch
empfunden und mit z.T. starker Aversion beantwortet. Auch die Auflösung des Falles mit dem
österreichischen Mörder wurde kritisiert. Während einige Migranten einem Einheimischen eine
solche Tat nicht zutrauten, begründeten Nichtmigranten ihre Kritik mit einer zu starken
Orientierung an "political correctness".

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5. (Des-)Integration durch Mediengewalt

Parallelität von Medien und Gewalt

Alternative Erklärungsansätze:
• Medienwirkungsthese: Der Konsum
violenter Medieninhalte bedingt eine
Erhöhung der Aggressivität und
Gewaltbereitschaft.

• Zuwendungsthese: Eine erhöhte Aggressivität und Gewaltbereitschaft bedingt eine verstärkte
Zuwendung zu violenten Medieninhalten.
• Aufschaukelungsthese: Aggressivität/Gewaltbereitschaft und Medienkonsum verstärken sich
wechselseitig.
• Abschaukelungsthese: Sinkender Medienkonsum führt zu sinkender Aggressivität/
Gewaltbereitschaft

Wirkungstheorien der Mediengewalt

"Klassische" Wirkungshypothesen, denen zufolge der Medienkonsum die Aggressivität beeinflusst:
• Stimulations-Hypothese (Berkowitz und Geen 1966)
• Katharsis-Hypothese (Feshbach 1955, 1956, 1961,1964)
• Die Inhibitions-Hypothese (Berkowitz und Rawlings 1963)
• Lernen am Modell (Bandura, 1961, 1979)
• Abstumpfungs-Hypothese (Thomas 1977)
• Erregungs-Hypothese (Zillmann 1971)

Kritik der "klassischen" Mediengewalt-Wirkungsforschung:
1. Starke Fokussierung auf Aggressionseffekte, Angstprozesse werden kaum beachtet.
2. Wirkungsvoraussagen widersprechen sich im Hinblick auf die Erhöhung (Stimulation,
Modellernen, Abstumpfung, Erregung) bzw. die Verringerung medial induzierter
Gewaltbereitschaft (Katharsis, Inhibition).
3. Einige Medienwirkungstheorien stimmen überein, dass Gewaltdarstellungen aus der
Täterperspektive verarbeitet werden, Möglichkeit von Opferidentifikation wird vernachlässigt.
4. Die Wirkungsvoraussagen sind pauschal. Einfluss von Gestaltungsfaktoren auf die Richtung der
Wirkung wird ignoriert. Wahrscheinlichkeit von eintretenden Gewalteffekten verkürzt.
Persönlichkeitsfaktoren der Rezipienten sowie situationale Einflüsse als Filtervariable zur
Abschwächung oder Erhöhung von Gewalteffekten angesehen.
5. Mediengewalt-Wirkungsforschung wird seit den 60iger Jahren durch politisch motivierte
Positionierungen bestimmt.

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Kommunikationssoziologie GRIMM
WiSe 2015/16
Zusammenfassung

6. methodische Mängel bestehen in vielen Wirkungsuntersuchungen (Einmalmessungen), die zu


einer künstlichen Verlängerung von wissenschaftlichen Debatten führen.
7. Durch die Durchsetzung von lerntheoretischen Aggressionstheorien dominiert heute ein linear-
analoges Medienwirkungsverständnis, demzufolge der Darstellungsinhalt die Richtung des
Effekts bestimmt. Das imitationstheoretische Erbe, welches das Vorbildlernen überschätzt und
die Möglichkeit negativen Lernens im Sinne des Vermeidungsverhaltens überschätzt.

Medienberichterstattung über „Gewalt gegen Ausländer“

Medien als Brandstifter ?
• Vergleich Verlaufskurven rechtsradikaler Straftaten nach der Kriminalitätsstatistik mit der
Medienberichterstattung im Umfeld der Gewalttaten gegen Ausländer
• Nachahmungsstaaten
• Gewalt hat eine suggestive Wirkung vor allem auf männliche Jugendliche
• Nach Bandura werde der Nachahmungseffekt noch erhöht, wenn die Mediengewalt
„erfolgreich“ ist
• Untersucht wurden 2891 Meldungen zu Ausländer und Asylwerber. Der Vergleich beider
Verlaufskurven „rechtsextreme Straftaten“ und Berichterstattung über Ausländer und
Asylwerber bringen zunächst keinen klaren Befund
• Nach Aufteilung des Zeitraums in zwei Perioden ergeben sich die erwarteten Resultate
• 1 Periode: August 90 – September 92 sind die Kreuzkorrelationen zwischen vorausgehender
Berichterstattung und nachfolgender Gewalt gegen Ausländer bei einer Zeitverzögerung von 1
Woche am höchsten.
• Durch Schlüsselereignisse kam ein Erfolg im Sinne der Straftäter (Verlegung der Asylbewerber)
• Laut Bandura werden Medienmodelle insbesondere dann nachgeahmt wenn sie Erfolg haben
• 2 Periode: hier dominierten Lichterketten und Protestaktionen gegen „rechte“ Ausschreitungen

Kritik an der Brosius & Esser – Studie
• lediglich verbale Zusammenfassungen der originalen Nachrichtenbeiträge, die nachträglich
codiert wurden – fragwürdiges Konzept
• Zeitreihen vergleich ist prinzipiell geeignet um kausale Zusammenhänge zu ermitteln, einfache
Kreuzkorrelationen sind nicht hinreichend
• Wirkungstheorie der Autoren (Suggestion, Imitation) geht von einem linear-analogen
Verständnis der Relation Medien-Rezipient aus, demzufolge Rezipienten genau das tun, was
ihnen in den Medien an Handlungsmodellen vorgeführt wird, ist mit empirischen Befunden der
Mediengewalt-Wirkungsforschung nicht vereinbar.
• Chance auf öffentliche Beachtung in der gegebenen Situation besonders hoch. Es handelt sich
daher nicht um einen Suggestions-/Imitationseffekt, sondern um die Vermittlung von
Gewaltmotivation, die sich aus der dargestellten Gesamtsituation ableiten.

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Kommunikationssoziologie GRIMM
WiSe 2015/16
Zusammenfassung

• Befunde widersprechen teilweise explizit dem Postulat suggestivimitativer Effekte à


Fehlinterpretation von Banduras Theorie à Medienberichte über Gewalt gegen Ausländer
(unter geeigneten Rahmenbedingungen) verstärken eine gewaltkritische Einstellung der
Rezipienten.

⇒ Medienberichte über Gewalt gegen Ausländer sind daher keineswegs automatisch „Brandstifter“ im
Sinne einer Auslösung suggestivimitativer Gewalttaten.

Neuere Mediengewalt-Forschung 1: Versuch einer Integration

• General-Aggression-Model (GAM)
o basiert auf sozialen und sozial-kognitiven Theorie von Bandura, Berkowitz & Huesmann
o Der Durchbruch gelang bei der Analyse komplexer Entscheidungs- und
Bewertungssituationen im Rahmen automatisierter Alltagsroutinen
o Das Modell fokussiert die „Person in der Situation“ und versucht die Bedingungen für
die Auslösung gewalttätiger Episoden in laufenden Interaktionen zu klären
o Aus einer Serie von Lernepisoden entwickelt sich dann (potenziell) eine aggressive
Persönlichkeit



• Kritik am GAM:
o GAM-Modell ist der komplexeste Versuch, Lernprozesse bei der Rezeption von
Mediengewalt kognitionspsychologisch zu fundieren und mit Prozessen der
Abstumpfung zu verknüpfen um diese in eine Theorie der Persönlichkeitsentwicklung zu
integrieren. Weitere Persönlichkeitsfaktoren und Situationseinflüsse bei der
Herausbildung aggressiver Dispositionen werden berücksichtigt. Einseitigkeiten der
„klassischen“ Lerntheorien (Berkowitz, Bandura) bleiben erhalten.
o GAM hält an einer vorgefassten Aggressionssteigerungsperspektive fest
o Persönlichkeitsfaktoren und Situationseinflüsse als Filtervariablen bei der Herausbildung
einer aggressiven Persönlichkeit

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Kommunikationssoziologie GRIMM
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Zusammenfassung

o Vermeidung violenten Verhaltens zwar anerkannt, aber weder im Zusammenhang mit


der Mediengewalt-Rezeption noch im Hinblick auf die Zieldimension einer "friedfertigen
Persönlichkeit" thematisiert
o Angstprozesse bei der Mediengewalt-Rezeption ausgeblendet
o Einflüsse der Kommunikatgestaltung auf das Endergebnis der Rezeption vernachlässigt

Neuere Mediengewalt-Forschung 2: Differenziale der Mediengewalt:

Integrative und desintegrative Potenziale
• Wirkung von Spielfilmgewalt:
o Versuchsaufbau:
§ Vor der Filmvorführung: Schriftliche Befragung – prärezeptive Messung
(Mediennutzungsverhalten, psycho-soziale Merkmale, momentane
Befindlichkeit)
§ Begleitend zur Filmvorführung: Physiologische Messungen (Puls und
Hautwiderstand)
§ Nach der Filmvorführung: Schriftliche Befragung – postrezeptive Messung
(Eindrucksdifferentiale, Offene Erinnerungsfrage, momentane Befindlichkeit,
psycho-soziale Merkmale
§ aus den Messungen → Wirkung = signifikante Abweichung zwischen Prä- und
Postmessung










• Allgemeine Wirkungstrends bei Gewaltdarstellungen:
o Starke Angstvermittlung bei der Mediengewalt-Rezeption
o Tendenz zur Entwicklung von Aggressionshemmungen und zum Abbau reaktiver
Aggressivität (negatives Lernen)
o Abbau von Empathiebereitschaft (aufgrund von opferbedingtem Einfühlungsstress)
o Abbau von Toleranz (zur Vermeidung von Gewaltkonflikten, Entwicklung latenter
Feindseligkeit)
o Feindbildkonstruktionen anhand aversiv empfundener Gewalttäter
o Neigung zum Abbau von Scary World-Ansichten aufgrund von Distanzierungsbestreben
(es sei denn, es besteht eine direkte Betroffenheit)

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Zusammenfassung

„Saubere“ Gewalt vs. „schmutzige“ Gewalt:


• Differenzielle Wirkung von Gewaltästhetiken (Kampsortfilm-Experiment, N=186):
o Nur „Schmutzige“ Gewalt steigert mehr als nur „saubere Gewalt“ die Angstreaktion der
Rezipienten
o Nur „Schmutzige“ Gewalt erhöht mehr als nur „saubere Gewalt“ die
Aggressionshemmung.
o Eine Abfolge „Schmutzige Gewalt → Saubere Gewalt“ mindert signifikant die reaktive
Aggression (mehr als alle anderen dramaturgischen Module).
o Scary World-Ansichten werden vor allem bei final platzierter „sauberer Gewalt“
abgebaut.

Versuchsgruppen:
(Savage Street-Experiment, N=92)
Gruppe 1: „Männergewalt gegen Frau à Frauengewalt gegen Mann“
Gruppe 2: „Frauengewalt gegen Mann à Männergewalt gegen Frau“

Unerwartete Aggressionssteigerung
(Savage Street-Experiment)

– Männer beantworteten die Sequenz „Männergewalt gegen Frauen→Frauengewalt gegen


Männer“ mit einer Erhöhung ihrer Aggressions- und Gewaltbereitschaft. Frauen reagierten auf
dieselbe Sequenz mit einer Verringerung ihrer Gewalttendenz.

– Männer reagierten auf die Sequenzfolge „Frauengewalt gegen Männer→Männergewalt gegen


Frauen“ mit einer Verringerung ihrer Aggressions- und Gewaltbereitschaft. Frauen zeigten unter
den gleichen Filmbedingungen extreme Angstreaktionen. Hier war zwar kein Anstieg reaktiver
Aggressionen festzustellen, aber doch eine Erhöhung von Gewaltlegitimation und politischer
Gewaltbereitschaft.

– Die Sequenz „Männergewalt gegen Frauen→Frauengewalt gegen Männer“ führte zu einem


signifikanten Abbau von Scary World- Ansichten (vor allem bei Frauen).


Robespierre-Affekt
• definiert als ein Versuch, eine als „offen“ perzipierte Gewaltkette durch die Usurpation (=offene
Gewalt) von Strafgewalt eigenmächtig zu schließen
• Robespierre-Affekt = Rache in moralischem Gewand
• Kommunikationswissenschaftliche Terminologie zur Bezeichnung eines nichtimitativen Typus
medieninduzierter Aggression der von der moralischen Empörung lebt und diese in
Gewaltbereitschaft gegen „Täter“ übersetzt
• kennzeichnet aber auch einen weit verbreiteten Aggressionserzeugungsmechanismus außerhalb
der Medien

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Versuchsgruppen:
(Klasse 1984-Experiment, N=120)

Gruppe 1: (Standarddramaturgie mit Happy End): Schülergewalt à Lehrergewalt à Lehrergewalt
scheitert à Eskalation/Schülergewalt wird bestraft;
Gruppe 2: (tragischer Schluss): Schülergewalt à Lehrergewalt à Lehrergewalt scheitert
Gruppe 3: (offene Gewaltkette I): Schülergewalt à Lehrergewalt;
Gruppe 4: (offene Gewaltkette II): Lehrergewalt à Schülergewalt

Tragik-Effekt
(Klasse 1984-Experiment)
• Die Tragikversion des „Klasse 1984“-Films ist der Standarddramaturgie bezüglich des
Aggressionsabbaus überlegen.

• Im Unterschied zum ansonsten vorherrschenden Toleranzabbau durch Mediengewaltrezeption


hat die Tragikversion der „Klasse 1984“-Sequenzen die Toleranzvermittlung erleichtert.
Während die Variante mit Happy End den üblichen Toleranzabbau reproduzierte, zeigten vor
allem die Erwachsenen (aber auch Jugendliche) angesichts des tragischen Endes eine
Toleranzsteigerung.

• Mitleid und Hilfsbereitschaft wurden ebenfalls durch die Tragikversion erhöht.

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Zusammenfassung

Erweitertes Modell der Opferrezeption


• Erweiterungsdimensionen:
o Moral-Akkumulation (affirmative Opferrezeption) (zur Bekräftigung des eigenen
Opferstatus: Akkumulation „moralischen Kapitals“)
o Täter-Scham (bereuende Opferrezeption) (moralische Reinigung der Täter bzw. der
Nachfahren von Tätern)
o Heldenverehrung (admirative Opferrezeption) (Opfermut von Helden und Märtyrer:
Dankbarkeit gegenüber Helden, sozialer Zusammenhalt)



Wirkung von Nachrichtengewalt
Filmgruppen
Experiment: 11 September (N=96)

Gruppe 1: Opferbilder ohne Kommentar
Gruppe 2: Opferbilder mit Angst-Kommentar
Gruppe 3: Opferbilder mit Aggressions-Kommentar

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Kommunikationssoziologie GRIMM
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Schlussfolgerungen: Wirkung von Gewaltdarstellungen
• Gewaltdarstellungen können sowohl integrative, friedensstiftende als auch desintegrative,
gewaltförderliche Wirkungen entfalten.
• hängt von der Kontextuierung der Gewalt innerhalb des Kommunikats sowie von psychosozialen
und kulturellen Bedingungen der Rezipienten ab
• Rezipienten sind keine Imitationsautomaten, die Vorgaben in den Medien ungeprüft
übernehmen, sie können einer Überredungsabsicht des Kommunikats aktiv Widerstand leisten
oder die Rezeptionsvorgabe nach Maßgabe eigener Überlegungen kreativ erweitern
• Gewaltdarstellungen lösen als Primäremotion Angst aus
• Der weitere Prozess folgt weniger dem Modell linear-analoger Übertragungen (Täterimitation,
Scary World-Effekt) als vielmehr der Logik der Angstverarbeitung

• Sekundäre und tertiäre Effekte der Angstverarbeitung:
o Erhöhung der Erregungskontrolle und Empathieabbau;
o Distanzierungsbestreben durch Abgrenzung einer idyllischen Zone im Nahbereich;
o Vermeidungsverhalten (z.B. Gewaltkritik, Feindbildkonstruktionen);
o Depressive Hilflosigkeit bei fehlenden Handlungsperspektiven;
o Moralische Empörung und Violenzsteigerung (Robespierre-Affekt);
o Toleranzsteigerung und prosoziales Verhalten (Tragik-Effekt).


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6. VORTRAG: "Unterhaltung ist Information - Edutainment-Programme im Spannungsfeld von


Belehrung und Vergnügen"


Trennung Unterhaltung - Information lässt sich z.Bsp. auch in Firmen sehen
Information und Entertainment kann jedoch verbunden werden → These: Unterhaltung ist nur dann
Unterhaltung, wenn sie einen gewissen Informationswert besitzt!

HISTORIE: MEDIENNUTZUNG
Die meisten Menschen assoziieren Fernsehen mit Unterhaltung
Auf der Ebene der einzelnen Gratifikationen (Warum sehen sie fern?) wird der Unterhaltungsfaktor
jedoch weniger wichtig! Oft genießen die Menschen eine Show die auf angenehme Weise bildet

Bespiel Märchen: Wer Gutes tut, wird belohnt → Vor dem Schlafengehen gelesen motiviert es, am
nächsten Tag gut zu sein → Gratifikation, Hoffnung auf bessere Aussichten , zu harte Bestrafung ist böse,
Liebe setzt sich gegen das Böse durch, Dinge hinterfragen

Beispiele für misslungene Kommunikation im Bereich Entertainment Education:

I Kalenderreform
17./18. Jhdt.: Kolporteur bringt Lesestoffe unters einfache Volk → Obrigkeit hatte Angst, sie würden
Revolution anstacheln → verteilten aber nur Erbauungs-, Moralliteratur
Man hatte Angst vor dem lesenden Volk, Misstrauen gegen die Informationsverbreitung (Pädagogen)
und versuchte Informationsverbreitung zu steuern mittels Zensur und Volkspädagogischen Initiativen:
In das populäre Material (Bsp. Kalender) nützliche Informationen implementieren (Verhalten bei
Aderlass zusätzlich zu Liebes-, Gespenstergeschichten,...)
Es kommt ein neuer Kolporteur heraus: Gesittet, Propagandist der Volkserklärung oder ein Edutainer

Es kam zu einer Krise der Kalenderproduktion Ende 18. Jhdt. durch Einfluss der Volkspädagogen:
Populäre fiktionale Erzählungen (Gespenstergeschichten) wurden ersetzt von moralischen Hinweise,
Pamphlete gegen den Aberglauben und Verehrungstexte für den Fürsten (Vorbeugung gegen
Revolution). Es kam zum Widerstand gegen die Belehrungshaltung → Versuche, pure Unterhaltung zu
pädagogisieren, garantiert ethische Verfasstheit der Gesellschaft, kann aber Widerstände im Publikum
provozieren

II Hum Log
• Erste indische Soap Opera
• Behandelt Paar-, und Familienkonflikte
• Am Ende soll sich die romantische Liebe durchsetzen

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Informationsminister will Aufklärung: Gefahr von zu vielen Kindern, Notwendigkeit von


Empfängnisverhütung zum Schutze der eigenen Gesundheit, "Fehlverhalten" zwischen Geschlechtern
verhindern → Menschen waren dagegen → These: Weil die implementierte Botschaft im Widerspruch
zum eigentlichen Unterhaltungsinhalt stand → Romantische Liebe ist schön und wir haben sie als Ziel
vor Augen vs. Man muss aufpassen, denn es gibt ein Sozial- und Gesundheitsrisiko

III Tierschutzsendung
Jürgen Fliege zeigte negative Bilder und positive Bilder des Umgangs mit Tieren (Monologische Struktur
der Überredung)
Publikum reagierte nicht stark auf die Aufforderung zum Tierschutz
Wenn man merkt, dass man pädagogisch beeinflusst wird, will man sich nicht ändern (Die Würde des
Rezipienten darf nicht angetastet werden, man muss dem Rezipienten die Wahl lassen)

IV Musik zu Nachrichten
Deutsches Privatfernsehen in den 1980ern bringt Musikuntermalung zu Nachrichten → Protest

UNTERHALTUNG
Gibt es schon lange (Märchen Mythen,... heute als Soaps [die Grundthemen bleiben gleich]) →
anthropologische Notwendigkeit
Dies erklärt Louis Bosshart mit drei Grundfunktionen des Märchens (und der Unterhaltung):
• Innere Wünsche und Hoffnungen können zum Ausdruck gebracht werden
(Artikulationsfunktion)
• Minderung von Ängsten und Zwängen
• Soziale Integration und Kontrolle
• (Orientierungsfunktion: Unterhaltung ist Information weil sie Orientierung fürs Leben gibt)

Sense Making nach Brenda Dervin:
Unterscheidet verschieden Problemsituationen im Alltag (Bsp. Entscheidungsprobleme) → Inwiefern
greift Unterhaltung in diese Situationen ein?
These: Menschen wenden sich Unterhaltung zu, die gewissermaßen die Lösung für ihr Problem ist
(und der Teil, der zur Lösung beiträgt ist die Information)

Unterhaltung ist eine spielerische Tätigkeit, die vom normalen Alltag abgegrenzt ist und eigenen Regeln
folgt und emotionale Spannung erzeugen soll
Merkmale des Spiels (in Bezug auf Unterhaltung):
• Unterhaltung als Spiel ist eine freie Tätigkeit (instrumentelle Form der Belehrung/Überredung →
Befreiungsprinzip der Unterhaltung verletzt → Widerstand des Publikums, Reaktanz)
• Nicht das gewöhnliche Leben
• Abgeschlossenheit und Begrenztheit
• Unbedingte Ordnung
• Spannung

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Zusammenfassung

INFORMATION
Claude Shannon: Information als technisches Vermittlungsproblem → wird vom Sender ins Gehirn des
Rezipienten vermittelt

Niklas Luhmann: Information als Unterschied, der bei einem späteren Ereignis einen Unterschied
ausmacht → Nachdem ich die Information aufgenommen und danach gehandelt habe, ist der
Informationsprozess abgeschlossen (z. Bsp. wenn der Schirm eingepackt ist, nachdem ich den
Wetterbericht gesehen habe)
Information als Zustandsänderung: Der Rezipient wird informiert → er bringt den Rezipienten in Form,
beeinflusst ihn (Bsp. Arbeitslose sehen in Aschenputtel, dass sie aufsteigen können und hegen dadurch
Hoffnung → sie werden also durch die Information des Märchens [Aufstieg ist möglich] geformt [Hegen
von Hoffnung])

Unterhaltung ist eine Realitätsdoppelung (Ich beziehe mich auf die Personen im Fernsehen → zwei
Realitäten), die von ihrem Informationsgehalt leben. Sie machen für den Rezipienten einen Unterschied,
diese Kommunikation vollzogen zu haben oder nicht (z. Bsp. wenn ich schlecht gelaunt bin, schaue ich
etwas Lustiges und werde davon in meiner Laune beeinflusst) → Informationen vollziehen sich IM
Rezipienten → Information ist also das, was sich im Rezipienten ändert, nicht das, was im
Medienformular drin steht

Prä-Post-Rezeptionsexperimente: Zu zwei Zeitpunkten, da sich die Information durch den Unterschied
definiert (Vor und nach Erhalt der Information). Differenz ist der Informationszuwachs.
Information ist also eine Zustandsveränderung des Rezipienten, oft unter dem Gesichtspunkt
Alltagssituation bewältigen zu müssen/wollen.

Bsp. Emergency Room: Hilft die dramatische Action bei der Gesundheitskommunikation?
• Action steigert Intensität des Stress-, und Unterhaltungserlebens → KEIN Gegensatz zwischen
Stress und Unterhaltung (im Stress liegt sogar ein unterhaltendes Moment)
• Dramatische Geschichte als Einladung, in die Geschichte einzutauchen
• Wissenstransfer profitiert von der Action, aber nur, wenn die Rahmenerzählung geschlossen ist
(Wer war die Ursache des Terroranschlages, der gezeigt wurde?) Präventive
Gesundheitsmaßnahme wird durch die dramatische Action mit offener Geschichte eher
beeinträchtigt

Bsp. Bergdoktor: Wie wirkt sich Liebelei des Doktors auf Ärzteimage, Bereitschaft für Vorsorgeverhalten
und Praktizieren eines gesunden Lebensstils aus?
• Stress und Unterhaltungswert sinken durch Liebesszenen
• Informationsqualität sinkt durch eine nicht abgeschlossene Rahmenhandlung
Auch im Romantikbereich gibt es einen Anti-Romantikeffekt (Misstrauen der Idylle gegenüber)
Arzt führt ein ausgedehntes Liebesleben. Durch das Ende, in dem sich der Arzt FÜR die Patienten und
gegen die Frau entscheidet, kommt es zu positivem Imageeffekt und Wille zur Gesundheitsvorsorge.

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Kommunikationssoziologie GRIMM
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Zusammenfassung

Unterhaltung muss als Information verstanden werden, um ihren (Un)Wert verstehen und kontrollieren
zu können.
EE Model of Moved Information: Bei Edutainment geht es um Verbindung verschiedener
Informationstypen und -ebenen. Die Messages auf den unterschiedlichen Ebenen müssen mit dem zu
vermittelnden Inhalt kompatibel sein (Kohärenzregel).

6 POSTULATE ZU INFORMATION UND UNTERHALTUNG
• Information und Unterhaltung können nicht überschneidungsfrei voneinander getrennt werden
• Unterhaltungswert einer Sendung hängt nicht nur vom Emotionswert ab, sondern wesentlich
von Information (Unterhaltung = Information)
• Informativen Gehalt hat die Unterhaltung primär im lebensweltlichen Bezugsrahmen des
Rezipienten (Wir haben Erfahrungen im Alltag → Entscheidungs-, Problemdrucksituationen →
Wollen mit Unterhaltung zu einer Lösung beitragen [Damit erklärt sich Erfolg von Reality TV])
• "Mischung" von Information und Unterhaltung entsteht durch ein Integrationsproblem von
verschiedenen Informationsebenen
• Störungsfreie Kommunikation gelingt dann, wenn die das Unterhaltungserlebnis konstituierende
Information, die der Rezipient aktiv aussucht, mit der vom Kommunikator intendierten
Information kompatibel ist
• Weil Unterhaltung im wesentlichen Informationsgehalt für den Alltag herstellt, ist Infotainment
dadurch gekennzeichnet, dass der Informationsgehalt im lebensweltlichen Bezugsrahmen mit
dem systemischen Bezugsgehalt übereinstimmt

7. Gesellschaftssystem und Realität der Massenmedien

Systemtheorie nach Talcott Parsons (1902-1979)


Von der Handlungs- zur Systemtheorie
• Ausgangspunkt: Frage nach der Möglichkeit gesellschaftlicher Ordnung
• Minimale Voraussetzung dafür: Reproduktion der Art und Produktion der Mittel
• knüpft u.a. an Weber („soziales Handeln“, ethische Grundlagen der Gesellschaft) und
Durkheim („soziale Tatsache“, „moralisches Subjekt“) an
• ursprünglich geht Parson von: zielgerichtete Handlung als kleinste soziale Einheit aus
(Phase der voluntaristischen Handlungstheorie)
• Später: rückt strukturelle Rahmenbedingungen von Handlungen im Vordergrund, die
funktional der Systemerhaltung dienen (Strukturfunktionalismus)

• Strukturelle Bestandteile der Gesellschaft sind:
o 1. Sozialisierte Personen
o 2. Soziale Beziehungen
o 3. Institutionelle Regeln
o 4. Kulturelle Werte

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Zusammenfassung

Sub-Systeme
• Organismus (organism system): Genetisch strukturierte Einheit von Organen.
• Personale System (personality system):Um das Problem der Bedürfnisbefriedigung herum
organisiertes Sub-System integrierter Handlungen eines Akteurs.
• Soziales System (social system): Interaktion zwischen zwei oder mehreren Akteuren mit
wechselseitiger Orientierung aneinander und der Gesamtheit der Handlungen.
• Kulturelles System (cultural system): Organisation von Institutionen und der darin verkörperten
Werte.
⇒ Übergreifende Stabilität ergibt sich aber erst aus der Überschneidung aller vier Systeme. So
funktioniert beispielsweise die Vermittlung zwischen sozialem und kulturellem System über die
Ausbildung eigener Institutionen der sozialen Kontrolle. Das personale System ist mit den
anderen Sub-Systemen über Internalisierung und Sozialisierung verknüpft.

Das AGIL-Schema
Alle biologischen und nicht-biologischen Systeme müssen vier Voraussetzungen erfüllen:
• A – adaption: Anpassung an die knappe Umweltressourcen
• G – goal attainment: Auswahl geeigneter Ziele und effizientes Agieren
• I – integration: Abstimmung der Teile und Funktionseinheiten
• L – latent pattern maintenance: Systemerhaltung und Kontrolle von Abweichungen

Normen und Werte
• Werte: primäre Funktion für die Aufrechterhaltung der Strukturen eines Sozialsystems.
• Normen: primär integrierend; regulieren die Vielzahl jener Prozesse, die zur Verwirklichung
strukturierter Wert-Verpflichtungen beitragen.
• Primäre Funktion der Kollektivität: betrifft das tatsächliche Erreichen von Zielen im Sinne des
Sozial-Systems.
• primäre Funktion der Rolle für das Sozialsystem ist eine adaptive (z.B. Dienstleistungen)
⇒ Struktur-Funktionalismus

Interaktion – Sprache – Kommunikation
• Interaktion: Prozess, der für soziale Systeme charakteristisch ist
• Konzentriert sich auf symbolische Ebene = linguistische Ebene des Ausdrucks und der
Kommunikation

⇒ „Kommunikationsprozesse beeinflussen für gewöhnlich die Empfänger von Botschaften. Der
Input einer Botschaft kann einen Output stimulieren, der in gewissem Sinn eine Antwort ist. Es
besteht jedoch auch die Alternative, dass keine Antwort erfolgt, besonders wenn Botschaften
»publiziert« (z. B. in einer Zeitung gedruckt) werden, so dass »jedermann« sie zur Kenntnis
nehmen kann oder nicht und darauf antworten kann oder nicht.“

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Kommunikationssoziologie GRIMM
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Zusammenfassung

⇒ „Entscheidung = der Prozess, der zu einer Antwort führt, die in irgendeiner Beziehung zu
einem oder mehreren Kommunikations-Inputs steht => findet in einer »Black-Box« – der
Persönlichkeit des Handelnden – statt. Insofern die Kommunikation Teil eines sozialen
Prozesses ist, agiert die Persönlichkeit in einer Rolle, deren Charakter von ihren Beziehungen zu
den tatsächlichen oder potentiellen Empfängern der Botschaft sowie zu den Quellen der ihr
übermittelten Kommunikations-Inputs abhängig ist.“

Entwicklung der Systemtheorie
Systemtheoretische Ansätze:
• Struktur-funktionaler Ansatz der Systemtheorie:
o Strukturbegriff ist dem Funktionsbegriff vorgeordnet
o Ausgangspunkt: Annahme, dass alle sozialen Systeme notwendigerweise bestimmte
Strukturen aufweisen
o Forschungsleitende Frage: Welche funktionalen Leistungen müssen vom System
erbracht werden, damit dieses System mit seinen gegebenen Strukturen erhalten
bleibt?
o Nachteil: dass Strukturen weitgehend als gegeben vorausgesetzt und deshalb gerade
nicht selbst auf ihre Funktion hin befragt werden. Alle sozialen Systeme haben
Strukturen aber warum?

• Systemfunktionaler Ansatz:
o Prom. Vertreter: Walter Buckley und James Miller
o Systeme als komplexe, anpassungsfähige und zielgerichtete Gesamtheiten
o Zeichnen sich gegenüber einfacheren lebenden Systemen (z.B. Zelle oder Organismus)
dadurch aus, dass sie bei veränderten Umweltbedingungen ihre Struktur verändern
oder ausbauen können à Erhaltung der Leistungs- oder Überlebensfähigkeit
o Forschungsleitende Frage: Welche strukturellen Anpassungsleistungen müssen soziale
Systeme unter bestimmten veränderlichen Umweltbedingungen leisten, um ihre
wesentlichen Systemfunktionen erfüllen zu können?
o Nachteile: In der Konzentration auf interne Systemprozesse liegen zugleich Stärken und
Schwächen: berücksichtigt durchaus die Umweltbedingtheit sozialer Systeme, doch ist
immer noch die Erhaltung eines bestimmten Systems unter variablen
Umweltbedingungen und bei Einbeziehung der Möglichkeit der Strukturänderung
Bezugspunkt der Analyse.

• Funktional-struktureller Ansatz:
o Prom. Vertreter: Luhmann
o Frage nach der Funktion von Systemen
o Systemtheorie = System-Umwelt-Theorie
o Bezugspunkt der Analyse außerhalb des Systems: in der Relation zwischen System und
Umwelt

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Kommunikationssoziologie GRIMM
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Zusammenfassung

o Sinn von Systemen: ausgegrenzte Bereiche erschaffen, die es ermöglichen, die


menschliche Aufnahmekapazität überwältigende Komplexität der Welt in spezifischer
Weise zu erfassen und zu verarbeiten
o Fortschritt dieser Theorie: Betonung von Relationen; soziale Gebilde als komplexe,
sinnhaft konstruierte Einheiten, die bestimmte Probleme lösen müssen um in Umwelt
Ziel zu erreichen, vor allem müssen sie das grundlegende Problem der Verarbeitung
von Komplexität lösen, weil dass die Vorbedingung für das Erreichen aller anderen Ziele
ist.

• Funktional-genetischer Ansatz:
o Gekennzeichnet durch ein starkes Interesse an Prozessen, systeminterne Prozesse
stehen im Vordergrund
o betont die prozessualen Aspekte der Systembildung als Stabilisierung einer selektiven
Differenz zwischen Innen und Außen
o anfänglich vernachlässigte evolutionäre Perspektive der Systemtheorie tritt spätestens
mit diesem Ansatz in den Mittelpunkt des theoretischen Interesses.

• Theorie selbstreferentieller Systeme:
o Ausgangspunkt: komplexe Systeme stellen für sich selbst ein Problem dar und müssen
sich mit sich selbst beschäftigen
o Luhmann bringt diese Aspekte zur Sprache mit: reflexive Mechanismen,
Selbstthematisierung, Reflexion oder Selbstreferenz => führt zur Theorie der
Autopoiesis (Maturana & Varela)
o Autopoiesis: Autopoietische Systeme erscheinen entgegen den systemtheoretischen
Grundpostulat als Ganzheiten, die in ihrem Kernbereich, in ihrer inneren
Steuerungsstruktur geschlossen sind. In der Tiefenstruktur ihrer Selbststeuerung sind
die geschlossenen Systeme und insofern, nur insofern! – gänzlich unabhängig und
unbeeinflussbar von ihrer Umwelt.

Luhmann (1927-1998): „Realität“ der Massenmedien“

Begriff der „Massenmedien“

• Mit Begriff sollen alle Einrichtungen der Gesellschaft, die sich zur Verbreitung von
Kommunikation technischer Mittel der Vervielfältigung bedienen, erfasst werden.
• Druckpresse (Bücher, Zeitschriften, Zeitungen)
• photographische oder elektronische Kopierverfahren, sofern sie Produkte in großer Zahl mit
noch unbestimmten Adressaten erzeugen
• Auch die Verbreitung der Kommunikation über Funk: sofern allgemein zugänglich

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Kommunikationssoziologie GRIMM
WiSe 2015/16
Zusammenfassung

• Keine Massenmedien: Massenproduktion von Manuskripten, Vorträge, Theateraufführungen,


Ausstellungen, Konzerte (wohl aber eine Verbreitung solcher Aufführungen über Filme oder
Disketten),
• Entscheidend: keine Interaktion unter Anwesenden zwischen Sender und Empfänger
stattfinden kann. à durch Zwischenschaltung von Technik ausgeschlossen
• zwei Selektoren am Werk: die Sendebereitschaft und das Einschaltinteresse, die zentral nicht
koordiniert werden können
• Organisation, welche die Kommunikation der Massenmedien produzieren, sind auf
Vermutungen über Zumutbarkeit und Akzeptanz angewiesen führt zur à Standardisierung aber
auch Differenzierung ihrer Programme (keine individuumsgerechte Vereinheitlichung)

„Realität der Massenmedien“
• Besteht in eigenen Operationen (drucken, funken , lesen, darüber reden, usw.)
• Verbreitungsprozess nur auf Grund von Technologie möglich
• Arbeitsweise strukturiert und begrenzt, was als Massenkommunikation möglich ist
• Arbeit der Maschinen sowie ihr mechanisches/elektronisches Innenleben werden nicht als
Operation im System angesehen!
• Sinnvoll: Realität der Massenmedien als die in ihnen ablaufenden, sie durchlaufenden
Kommunikationen anzusehen
• Kantischer Terminologie: MM erzeugen eine transzendente Illusion: Sequenz von
beobachtenden Operationen
• Für zweite Verstehensmöglichkeit muss man Einstellung eines Beobachters 2. Ordnung
einnehmen à eines Beobachters von Beobachtern...
• Realitätsverdoppelung durch Beobachter 1. Ordnung der Beobachter 2. Ordnung beobachtet
usw.
• MM müssen als beobachtende Systeme zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz
unterscheiden
• MM können sich nicht selbst für die Wahrheit halten => sie müssen folglich Realität
konstruieren und zwar im Unterschied zur eigenen Realität noch eine andere.

Informations-Begriff
• Information = nach Gregory Bateson ‚irgendein Unterschied, der bei einem späteren Ereignis
einen Unterschied ausmacht’
• Luhmann: „Wahrnehmung und Sprache stellen Überfluss von Unterscheidungen bereit, nur das
was kurzfristig oder längerfristig im Gedächtnis blieb, macht den Unterschied“

Verwandlung von Information in Nicht-Information:
• Informationen sind nicht wiederholbar à sobald sie Ereignis werden => Nichtinformation
• Nachricht, die ein zweites Mal gebracht wird behält zwar Sinn, verliert aber ihren
Informationswert
• Das ist der Grund, warum der Zwang entsteht ständig für neue Information zu sorgen.

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Kommunikationssoziologie GRIMM
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Zusammenfassung

• MM erzeugen einen Bedarf die redundierten (nicht notwendige) Informationen durch neue
Informationen zu ersetzen
=> fresh money und new information sind zentrale Motive der modernen
Gesellschaftsdynamik.

Irritation und zweiteilige Information:
• Massenmedien dienen der Erzeugung und Verarbeitung von Irritation
• Mit dem Konzept „Irritation“ erklärt Luhmann die Zweiteilung des Informationsbegriffs:
o 1. Komponente: ist freigestellt, einen Unterschied zu registrieren, der sich als
Abweichung von dem einzeichnet, was schon bekannt ist.
o 2. Komponente bezeichnet die daraufhin erfolgende Änderung der Strukturen des
Systems, also die Eingliederung in das, was für die weiteren Operationen als
Systemzustand vorausgesetzt werden kann. Es geht wie gesagt um einen Unterschied,
der einen Unterschied macht.

Unterhaltung – Spiel – Realität
• Realitätskonstruktion durch Unterhaltung vollzieht sich durch Realitätsverdoppelung
• Luhmann: „Unterhaltung = Spiel“
• Realitätsverdoppelung: die als Spiel begriffene Realität wird aus der normalen Realität
ausgegliedert, ohne diese negieren zu müssen
• Spiel enthält in jeder seine Operationen immer auch Verweisungen auf die gleichzeitig
existierende reale Realität
• Subtext, der die Teilnehmer einlädt, das Gesehene oder Gehörte auf sich selber zu beziehen
• ständig mitlaufender Vergleich à Formen der Unterhaltung unterscheiden sich wesentlich
danach, wie sie Weltkorrelate in Anspruch nehmen: bestätigend oder ablehnend
• das Schema, in allen sozialen Beziehungen mit dem Unterschied von Anschein und Wirklichkeit
zu rechnen, wird zum festen Bestand einer Kultur
• Auch die Sonderrealität der Unterhaltung entsteht durch Information
• Informationen stets rekursiv vernetzt, sie ergeben sich auseinander, aber sie lassen sich auch in
der Sequentialität ordnen im Hinblick auf mehr oder weniger unwahrscheinliche Resultate
• Narrativer Kontext: was eine Handlung ist, wie weit sie in ihre Vergangenheit und ihre Zukunft
ausgreift und welche Merkmale des Handelnden zur Handlung gehören und welche nicht. Für
jede Einschränkung der Bedeutung einer einzelnen Handlung ist der Bezug auf andere
Handlungen unentbehrlich
• Fassung des Informationsproblems setzt Subjekte voraus, die „die Charaktere der Erzählung mit
sich selbst vergleichen à Zuschauer wird dazu gebracht, sich selbst als Beobachter von
Beobachtern zu begreifen & ähnliche oder auch andere Einstellungen in sich selbst zu
entdecken
• Unterhaltungsvorführungen haben somit immer einen Subtext, der die Teilnehmern einlädt, das
Gesehene oder Gehörte auf sich selber zu beziehen

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Kommunikationssoziologie GRIMM
WiSe 2015/16
Zusammenfassung

• Psychische Systeme, die an Kommunikation durch Massenmedien teilnehmen, um sich zu


unterhalten, werden dadurch eingeladen, auf sich selbst zurückzuschließen

Selektivität von Nachrichten und Berichten
• Realitätskonstruktion durch Nachrichten und Berichte vollzieht sich durch Selektion
• Bei Information, die im Modus der Nachrichten und Berichterstattung angeboten werden, wird
vorausgesetzt und geglaubt, dass sie zutreffen, dass sie wahr sind
• Da aber Wahrheit die Massenmedien nur unter stark limitierten Bedingungen interessiert, geht
es um eine unvermeidliche, aber auch gewollte und geregelte Selektivität.

Selektoren nach Luhmann:
1. Überraschung
2. Konflikte
3. Quantitäten
4. Lokaler Bezug
5. Normverstöße
6. Reproduktion von Moral
7. Zurechnung auf Handeln
8. Aktualität und Rekursivität
9. Meinungsäußerung
10. Routine

Nachrichtenselektionen im Krieg
Zwei Grundthesen zur Nachrichtenselektion im Rahmen der Kriegs- und Krisenberichterstattung

1. Aufgrund der Wirksamkeit von Nachrichtenfaktoren (z.B. Negativismus, Dramatisierung,
Personalisierung) tragen Medien zur Verschärfung von Konflikten und zur Konstruktion von Feindbildern
bei.
2. Medien folgen Politik-Medien-Politik-Zyklen: das heißt, die Nachrichtenjournalisten wählen gemäß
dem jeweils vorherrschenden politischen Trend aus und orientieren sich mehrheitlich an der Politik der
Regierung.









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Kommunikationssoziologie GRIMM
WiSe 2015/16
Zusammenfassung



Nachrichtenselektion im Krieg

v Die Nachrichtenselektion in der europäischen Presse war im Hinblick auf den Irak-Krieg 2003
überwiegend kriegskritisch. Nur in britischen Zeitungen gab es während der Militäraktionen
ein (leichtes) Übergewicht kriegsbefürwortender Argumente.

v Nachrichtenselektion im Krieg variiert in Abhängigkeit vom nationalen und kulturellen


Kontext. Der Nachrichtenfaktor "Negativismus" ist somit kein universell wirksames
Selektionskriterium, das einen Automatismus der Konfliktverschärfung in Gang setzt. Der
interkulturelle Vergleich belegt länderspezifische Spielräume des journalistischen Handelns.

v Medien können die militärische Konfliktaustragung begünstigen, sie können aber auch
kriegskritische und friedensbefürwortende Positionen einnehmen.

v Der Einfluss von Regierungen auf die Nachrichtenselektion im Krieg ist begrenzt. Die
Nachrichtenselektion während des Irak-Kriegs wich in Deutschland und in Italien markant von
der Position der jeweiligen Regierung ab. Die Presseberichterstattung folgte hier keinem
mechanistischen Widerspiegelungsspostulat in Bezug auf offizielle Regierungspositionen,
sondern wurde von einer Logik der Komplementariät und der Politikkontrolle beherrscht.

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Kommunikationssoziologie GRIMM
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Zusammenfassung

Reflexive Unterhaltung

„Taff Treuetest“: Reality TV Format
- Ausstrahlung: seit 2010 auf einem privaten deutschen Fernsehsender
- Teil eines Lifestyle News Magazins
auf ProSieben
- Lockvogel der Treue testet

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Kommunikationssoziologie GRIMM
WiSe 2015/16
Zusammenfassung



Fazit: Treuetests, Beziehungen & Mate-Guarding
à Treuetest-Show reduziert Mate-Guarding Strategien der ZuseherInnen
à Kein Kultivierungseffekt

o Vorgeführte Untreue lässt nicht an der eigenen Beziehung zweifeln


o Untreue wird nicht höher eingeschätzt

à Treuetest-Show fördert negatives Lernen: Ablehnung von Untreue


à Realitätsverdoppelung im Reality TV führt zur Selbstreflexion der Rezipienten

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Kommunikationssoziologie GRIMM
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Zusammenfassung

8. Gesellschaftskritische Theorien
• Frankfurter Schule,
• Cultural Studies,
• Theorie des kommunikativen Handelns

Kritische Theorie (Frankfurter Schule)

Entwicklung der Kritischen Theorie
• Tradition der Gesellschaftskritik - neomarxistische Ausrichtung
• Personen:
o Max Horkheimer, Erich Fromm, Friedrich Pollock, Leo Löwenthal, Theodor
Wiesengrund-Adorno, Herbert Marcuse, Jürgen Habermas
• Frankfurter Institut für Sozialforschung
o Von Carl Grünberg 1924 gegründet.
o Ziel: Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung und des Sozialismus
o 1939 übernimmt Max Horkheimer die Leitung/ in den 60er Jahren Adorno
• Emigration in die USA
o Autorität und Familie
o Studien zum autoritären Charakter im Auftrag der US-Regierung
• Theoretische Debatten
o Positivismusstreit
o Habermas – Luhmann – Debatte
• Für die Kommunikationswissenschaft relevante Grundlagenwerke
o Authoritarian personality
o Dialektik der Aufklärung
o Der eindimensionale Mensch
o Radio Research
o Strukturwandel der Öffentlichkeit
o Theorie des kommunikativen Handelns

Autoritäre Persönlichkeit
• Ist für Adorno, Frenkel-Brunswick, Levinson und Sanford ein Syndrom psychosozialer
Eigenschaften, welche die Grundlage für vorurteilshaftes, z.B. antisemitisches Verhalten und
antidemokratische bzw. faschistische politische Systeme ermöglicht.
• Konzept baut auf der Psychoanalyse von Freud auf
o sieht die Grundlage für Vorurteilhaftigkeit in frühkindlich verursachten defizitären
Charakterstrukturen
• Studie von Universität Berkely ergab:
o Weitgehende Korrelation zwischen Antisemitismus und antidemokratischem Denken,
zwischen Antikommunismus und faschistischem Potential und eine Parallele zwischen
funktionaler Religionsgläubigkeit und Ethnozentrismus

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Kommunikationssoziologie GRIMM
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Zusammenfassung

• Autoritarismus-Skala (F-Skala)
o Conventionalism: Festhalten an Hergebrachtem
o Authoritarian Submission: Autoritätshörigkeit/-unterwürfigkeit
o Authoritarian Aggression: Tendenz, Verstöße gegen hergebrachte Werte ahnden zu
wollen
o Anti-Intraception: Ablehnung des Subjektiven, Imaginativen und Schöngeistigen
o Superstition and Stereotype: Aberglaube, Klischee, Kategorisierung und
Schicksalsdeterminismus
o Power and Toughness: Identifikation mit Machthabern, Überbetonung der
gesellschaftlich befürworteten Eigenschaften des Ego
o Destructiveness and Cynicism: Allgemeine Feindseligkeit, Herabsetzung anderer
Menschen
o Projectivity: Veranlagung, an die Existenz des Bösen in der Welt zu glauben und
unbewusste emotionale Impulse nach außen zu projizieren
o Sex: Übertriebene Bedenken bezüglich sexueller Geschehnisse

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF)
• Sozialwissenschaftlicher Begriff, der Einstellungen im Bereich Rassismus, Rechtsextremismus,
Diskriminierung und Sozialdarwinismus mit einem integrativen Konzept neu zu fassen versucht
• Knüpft am Konzept der autoritären Persönlichkeit an
• Grenzt sich zugleich aber auch davon ab: Ursachen von GMF werden nicht mehr (allein) in
frühkindlicher Erziehung und Psychodynamik der Persönlichkeit aufgefasst, sondern als komplex
gesellschaftlich verursacht.
• Das Syndrom umfasst die folgenden Subdimensionen:
o Rassismus (Auffassung: Weißen sind zu Recht führend in der Welt)
o Fremdenfeindlichkeit (zu viele Ausländer, abschieben à Arbeitsplätze werden knapp)
o Antisemitismus (zu viel Einfluss von Juden, seien selbst Schuld an Verfolgung)
o Homophobie (Ekel vor Homosexuellen)
o Abwertung von Obdachlosen (Unangenehm in Städten, Entfernen aus Fußgängerzonen)
o Abwertung von Behinderten (Forderungen übertrieben, zu viel Vergünstigungen)
o Islamophobie (ablehnende Haltung gegenüber muslimische Personen)
o Klassischer Sexismus (geschlechtsdiskriminierende Vorstellungen)
o Etabliertenvorrechte (Unterminierung gleicher Rechte, Verletzung der Gleichwertigkeit)
o Abwertung von Langzeitarbeitslosen (Bequemes Leben auf Kosten der Gesellschaft)

Kulturindustrie (Horkheimer 1895-1971 & Adorno 1903-1969)

Ähnlichkeit der Kulturprodukte
• Kultur heute schlägt alles mit Ähnlichkeit.
• Film, Radio, Magazine machen ein System aus.
• Jede Sparte ist einstimmig in sich und alle zusammen.

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Kommunikationssoziologie GRIMM
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Zusammenfassung

⇒ „Alle Massenkultur unterm Monopol ist identisch.“


⇒ „Die rücksichtslose Einheit der Kulturindustrie bezeugt die heraufziehende der Politik.“

Einheit von Manipulation und Bedürfnis
• Im Zirkel von Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis schließt sich die Einheit des Systems
immer dichter zusammen
=> Kulturindustrie bleibt der Amüsierbetrieb, Verfügung über die Konsumenten ist durchs
Amusement vermittelt

Betrogenes Versprechen
• Kulturindustrie betrügt ihre Konsumenten um das, was sie verspricht
• Wechsel auf die Lust, den Handlung und Aufmachung ausstellen, wird endlos prolongiert
• Anpreisung des grauen Alltags, dem sie entrinnen wollen

Flucht aus der Realität
• Kulturindustrie verspricht die Flucht aus dem Alltag à Kulturindustrie bietet als Paradies
denselben Alltag an
• Escape wie elopement sind von vornherein dazu bestimmt, zum Ausgangspunkt zurückzuführen
• Das Vergnügen befördert die Resignation, die sich in ihm vergessen will

Theorie der Repression/ Befreiung (Marcuse)

Der eindimensionale Mensch (1964)
• durch Marcuses Lektüre der ökonomisch- philosophischen Manuskripte des jungen Marx
angeregt, in dem dieser seine Entfremdungstheorie entwickelt
• Marcuse stark von Sigmund Freud und Wilhelm Reich beeinflusst
o In der modernen Industriegesellschaft besteht kein Transzendierungsdruck mehr, weil
die soziale Ungleichheit (im Vergleich zum 19. Jh.) gemildert wurde und Kritik
systemkonform integriert werden kann. Der Pluralismus der Meinungen ist aber
tendenziell autoritär.
o Denn: Individuelles Denken wird durch Massenkommunikation aufgesogen. Es entsteht
eine „affirmative Kultur“, die von der ökonomischen Basis losgelöst wurde.
o Es dominiert quantifizierendes, auf technische (Natur-)Beherrschung abzielendes
„positivistisches Denken“. Die Quantifizierung der Natur im Prozess technischer
Naturbeherrschung führt zu einer Trennung von Wissen und Moral, von Wissenschaft
und Ethik.
o Technik als festes Gehäuse der Entwicklung, nicht als Folge menschlicher Praxis
o Im Medium der Technik verschmelzen Kultur, Politik und Wirtschaft zu einem
allgegenwärtigen „System“ politischer und wirtschaftlicher Technokratie.
o Fortschreitende Automatisierung reduziert die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit
und dehnt die Zone der Freizeit

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Zusammenfassung

o ausgeklügelte Manipulationsstrategien sorgen für eine Bindung ans System: z.B.


Entprivatisierung von Freizeit, repressive Toleranz, Einschränkung der Genussfähigkeit
o Widersprüche zwischen den wachsenden Genussmöglichkeiten und der
Unterdrückung von Sinnlichkeit sollten aber Perspektive der Befreiung eröffnen

⇒ Negation der Gesellschaft als Voraussetzung einer Transformation von Bedürfnissen.
Sinnlichkeit und Natur als Mittel der Befreiung.
⇒ Vernunftstheoretische und triebtheoretische Begründung der Utopie einer freien
Gesellschaft

»Neue Opposition«
• Gewalt der unterdrückten Bevölkerung:
o “Der offenkundige Widerspruch zwischen den befreienden Möglichkeiten der
technischen Umgestaltung der Welt, zwischen dem leichten und freien Leben einerseits
und der Intensivierung des Existenzkampfs andererseits => sich steigernde Aggressivität
der unterworfenen Bevölkerung gegen jedes Ziel
• Neue Art der Opposition:
o diese Opposition richtet sich gegen die Totalität einer gut funktionierenden,
gedeihlichen Gesellschaft
• Moralische Rebellion:
o In dem Maße, wie sich die Rebellion gegen eine funktionierende, wohlhabende und
»demokratische« Gesellschaft richtet, ist sie eine moralische Rebellion gegen die
scheinheiligen, aggressiven Werte und Ziele gegen die blasphemische Religion dieser
Gesellschaft, gegen alles, was sie ernstnimmt, wozu sie sich bekennt – während sie
verletzt, wozu sie sich bekennt

Befreiung mit Gewalt?
• Notwendige Illegalität:
o Eine Opposition, die sich nicht gegen eine besondere Regierungsform oder gegen
bestimmte Bedingungen innerhalb einer Gesellschaft richtet, sondern gegen ein
gesellschaftliches Systems als Ganzes
• Recht gegen Recht:
o Das positive, kodifizierte, durchsetzbare Recht der bestehenden Gesellschaft gegen das
negative, ungeschriebene, nicht durchsetzbare Recht der Transzendenz
• Gewalttätigkeit des Systems:
o Gewalttätigkeit ist in die Wesensstruktur dieser Gesellschaft eingebaut: als akkumulierte
Aggressivität (Kapitalismus), legale Aggression, nationale Aggression
• Ist Widerstand »Gewalt «?
o Angesichts der Reichweite und Intensität dieser sanktionierten Aggression wird die
traditionelle Unterscheidung zwischen legitimer und illegitimer Gewalt fragwürdig.

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Kommunikationssoziologie GRIMM
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Zusammenfassung

o Wenn gesetzliche Gewalt in der täglichen Routine von »Befriedung« und »Befreiung«
unbegrenzte Verbrennungen, Vergiftungen und Bombardierungen einschließt, dann
kann man die Aktionen der radikalen Opposition, ganz gleich wie ungesetzlich sie sein
mögen, kaum mit demselben Namen benennen

Cultural Studies

„Aneignung“ von Texten“
• ein komplexer soziokulturell lokalisierter Vorgang, bei dem neben dem Zeichenmaterial auch
der soziale Kontext (Macht, Ökonomie) einfließt

⇒ Kritik am behavioristisch verkürzten Stimulus-Response-Modell
⇒ Kritik am „Uses and Gratifications Approach“, der die Aktivität des Rezipienten aus
Bedürfnissen und Motiven erklärt und die sozialen Umgebungsbedingungen ebenso wie die
ökonomischen Produktionsbedingungen vernachlässigt

Decoding / Encoding nach Stuart Hall
Rezeptionsweisen:
• 1. Dominant-hegemoniale Position/favorisierte
Lesweise
• 2. Oppositionelle Lesweise
• 3. Ausgehandelte Lesweise
(Mischung aus 1 und 2)


Variabilität der Rezeption nach Fiske
• Decoding / Encoding-Modell von John Fiske weiterentwickelt, der die Reduzierung der
Rezeption auf zwei Grunddimensionen vor dem Hintergrund empirischer Erkenntnisse als zu eng
empfand
o Hochgradige Variabilität der Rezeption nach Person und sozialer Situation
o Radikaler Kontextualismus
o Ethnografische Aneignungsforschung
o Psychoanalytische Screen-Theorie
o Kritik an einem dichotomen Konzept von Hoch- und Massenkultur

• untersucht wurden u.a. populäre „Texte“ (z.B. Fernsehserien, Daily Soaps), die nach Ansicht von
Fiske nicht aus dem Blickwinkel eines kulturelitaristischen Denkens betrachtet werden dürfen,
denen vielmehr variantenreiche, nicht affirmative, z.T. emanzipatorische Lesweisen
eingeschrieben sind.

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Kommunikationssoziologie GRIMM
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Zusammenfassung

Strukturwandel der Öffentlichkeit (Habermas 1)


Feudale Öffentlichkeit
• „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ ist seit Tönnies die erste deutschsprachige systematische
und historische Aufarbeitung des Begriffs „Öffentlichkeit“
• Vorbürgerliche Öffentlichkeit:
o eigener, von einer privaten Sphäre geschiedener Bereich lässt sich für die feudale
Gesellschaft des hohen Mittelalters soziologisch, nämlich anhand institutioneller
Kriterien, nicht nachweisen
o öffentliche Repräsentation von Herrschaft => repräsentative Öffentlichkeit

Bürgerliche Öffentlichkeit
• repräsentative feudale Öffentlichkeit zerbricht zuerst im 17. Jh. in England, im 18 Jh. in
Frankreich (Aufklärung) und spätestens seit 1848 auch in Deutschland und Österreich
• Entstehung einer bürgerlichen Öffentlichkeit von Privatleuten, die zum Dialog zusammentreten
und diskursive Meinungsbildung betreiben
• Es zählt nur das rationale Argument und nicht die von Interessengruppen bestimmten
Machtdemonstrationen und Meinungsverordnungen
• Beeinträchtigt wird der Weg in einen herrschaftsfreien Diskus durch die Übermacht eines
Medienverbunds von Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunk => Demokratie?
• Dem korrespondiert der Weg vom kulturräsonierenden und kulturkonsumierenden Publikum
• neben der Bürgerlichen seit dem 18. Jh. eine „plebejische“ Arbeiteröffentlichkeit

Öffentliche Meinung
• je eine andere Bedeutung wenn:
o als kritische Instanz im Verhältnis zur normativ gebotenen Publizität des Vollzugs
politischer und sozialer Gewalt
o als rezeptive Instanz im Verhältnis zur demonstrativ und manipulativ verbreiteten
Publizität für Personen und Institutionen, Verbrauchsgüter und Programme in Dienst
genommen wird

• In der Öffentlichkeit konkurrieren beide Formen der Publizität, aber »die« öffentliche Meinung
ist ihr gemeinsamer Adressat

• Zwei Begriffe öffentlicher Meinung:
o 1. Durch öffentlichkeitsfähige und meinungsbildende Diskussion zustande gekommen:
räsonierendes Publikum
o 2. Durch institutionelle Macht ohne materialen Kern entstanden

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Zusammenfassung

Theorie des kommunikativen Handelns (Habermas 2)


Drei Welten:
1. Objektive Welt, über die wahre Aussagen gemacht werden können.
2. Soziale Welt geregelter Beziehungen, deren Legitimität und Begründbarkeit geprüft werden
kann.
3. Subjektive Welt bestehend aus Vorstellungen, Erlebnissen und Absichten, die dem Kriterium
der Wahrhaftigkeit genügen sollen.

Handlungstypen:
• Teleologisches Handeln:
o Geltungsanspruch der Wahrheit,
o bezieht sich auf die objektive Welt;
o verwendet Sprache indirekt, z.B. marktvermittelt, und folgt eigenen Interessen.
• Normatives Handeln:
o Geltungsanspruch der Richtigkeit,
o bezieht sich auf die soziale Welt.;
o Sprache dient dem Aussprechen eines schon vorausgesetzten Einverständnisses.
• dramaturgisches Handeln:
o Wahrhaftigkeit/ Aufrichtigkeit,
o Referenzrahmen ist die subjektive Welt;
o Sprache folgt der Logik der Selbstdarstellung.
• Kommunikatives Handeln:
o Verständigung,
o bezieht sich in reflexiver Weise auf alle drei Welten;
o Die Sprachverwendung ist reflexiv, z.B. auf die Prüfung von Geltungsansprüchen
ausgerichtet und setzt die Anerkennung anderer Kommunikationsteilnehmer voraus.

Verständigungsorientiertes Handeln
• darauf ausgerichtet, eine „Einigung zwischen sprach- und handlungsfähigen Subjekten“
herzustellen
• schließt den Verzicht auf die Durchsetzung egoistischer Ziele und manipulativer Einflussnahmen
ein
• Unterschied: strategisches Handeln interessensgeleitet und auf Beeinflussung abgezielt

• Rationalität verständigungsorientierten Handelns:
o 1. Wahrheit konstatierbarer Aussagen, Eingelöst durch empirische Prüfung/
empirischen Nachweis
o 2. Richtigkeit normativer Aussagen, Eingelöst durch Begründungen z.B. im Rahmen des
„kategorischen Imperativs“
o 3. Verständlichkeit der Sprache, Eingelöst durch Explikation
o 4. Wahrhaftigkeit der Meinung, Eingelöst durch Authentizitätsbelege und
Konsistenznachweise z.B. zwischen emotionaler Expression und Handlung

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Kommunikationssoziologie GRIMM
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Zusammenfassung



„Ideale“ Sprechsituation und herrschaftsfreier Diskurs:
• Keine Verzerrungen der Kommunikation durch Herrschaft (politische bzw. ökonomische Macht)
o 1. Gleiche Chancen auf Dialoginitiative und -beteiligung
o 2. Gleiche Chancen der Deutungs- und Argumentationsqualität
o 3. Keine Einflussnahme von außen, d.h. Herrschaftsfreiheit,
o 4. Keine Täuschung der Sprechintentionen.

System und Lebenswelt 1:


• Gesellschaft aus:
o Teilnehmerperspektive handelnder Subjekte als Lebenswelt einer sozialen Gruppe
konzipiert
o Beobachterperspektive eines Unbeteiligten nur als ein System von Handlungen
begriffen
⇒ Deshalb seien „... Gesellschaften gleichzeitig als System und Lebenswelt zu konzipieren

System und Lebenswelt 2: Entkoppelung


• Differenzierungsvorgang zweiter Ordnung:
o System und Lebenswelt differenzieren sich, indem die Komplexität der einen und die
Rationalität der anderen wächst, nicht nur jeweils als System und als Lebenswelt, beide
differenzieren sich gleichzeitig auch voneinander
o Entkoppelung von System und Lebenswelt: erst koextensiv, dann zu einem Subsystem
neben anderen herabgesetzt
o Gleichzeitig bleibt die Lebenswelt das Subsystem, das den Bestand des
Gesellschaftssystems im Ganzen definiert => Institutionalisierung neuer Ebenen der
Systemdifferenzierung
o auf höheren Integrationsniveaus bilden sich neue Sozialstrukturen aus, nämlich Staaten
und mediengesteuerte Subsysteme.
o Zusammenhänge, bei Grad der Differenzierung mit Mechanismen der sozialen
Integration verwoben sind, versachlichen die moderne Gesellschaft zu => Normfreie
Strukturen

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Kommunikationssoziologie GRIMM
WiSe 2015/16
Zusammenfassung

System und Lebenswelt 3: Kolonisierung


• Kolonisierung der Lebenswelt = systemisch induzierte Verformung von kommunikativ
strukturierten Lebenszusammenhängen
• Die selbst durchrationalisierte Lebensweltwelt büßt ihre strukturellen Möglichkeiten zur
Ideologiebildung ein
• Alltagsbewusstsein wird seiner synthetischen Kraft beraubt, es wird fragmentiert
• An die Stelle des ‚falschen‘ tritt heute das fragmentierte Bewusstsein, das der Aufklärung über
den Mechanismus der Verdinglichung vorbeugt
• damit sind die Bedingungen einer Kolonisierung der Lebenswelt erfüllt:
o Imperative der verselbständigten Subsysteme dringen, sobald sie ihres ideologischen
Schleiers entkleidet sind, von außen in die Lebenswelt – wie Kolonialherren in eine
Stammesgesellschaft – ein und erzwingen die Assimilation (Einander-Angleichen
verschiedener gesellschaftlicher Gruppen)


9. Mikrosoziologische Perspektiven: Lebenswelt – Interaktion – Moral
(Schütz, Mead, Goffman, Bergmann&Luckmann)

Strukturen der Lebenswelt (Alfred Schütz)


Alltägliche Lebenswelt
• Lebenswelt
o Ist der Inbegriff einer Wirklichkeit, die erlebt, erfahren und erlitten wird
o Sie ist aber auch eine Wirklichkeit, die im Tun bewältigt wird und unser Tun scheitert
• Alltägliche Lebenswelt:
o Wirklichkeitsbereich, an der der Mensch in unausweichlicher, regelmäßiger
Wiederkehr teilnimmt
o Wirklichkeitsregion, in die der Mensch eingreifen und die er verändern kann; durch
Vermittlung seines Leibes
o Zugleich beschränken Gegenständlichkeiten und Ereignisse, Handlungen und
Handlungsergebnisse anderer Menschen, des Menschen freie Handlungsmöglichkeit =>
setzen ihm zu überwindende Widerstände wie auch unüberwindliche Schranken
entgegen
o Mensch kann sich nur innerhalb dieses Bereichs mit seinen Mitmenschen verständigen
o Es kann sich nur in alltäglicher Lebenswelt eine gemeinsame kommunikative Umwelt
konstituieren
o derjenige Wirklichkeitsbereich, den der „wache und normale Erwachsene in der
Einstellung des gesunden Menschenverstandes“ als schlicht gegeben vorfindet

⇒ „So ist meine Lebenswelt von Anfang an nicht meine Privatwelt, sondern intersubjektiv; die
Grundstruktur ihrer Wirklichkeit ist uns gemeinsam.“

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Kommunikationssoziologie GRIMM
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Zusammenfassung

Räumliche Aufschichtung
Zu unterscheiden:
• Welt in aktueller Reichweite (die meiner unmittelbarer Erfahrung gegenwärtig zugänglich ist)
• Welt in potentieller Reichweite
o gegenwärtig außerhalb der aktuellen Reichweite, kann ich aber selbst wieder herstellen
o es gelten lebensweltlichen Idealisierungen des Und-so-weiter und des Ich-kann-immer-
wieder
• Wirkzone oder manipulative Zone:
o hier kann ich durch direktes Handeln einwirken
o Umfasst Objekte, die sowohl gesehen als auch betastet werden können
o Grundtest aller Realität: Erfahrung des Widerstands
o definiert die »Standardgröße« der Dinge, die ansonsten in Verzerrungen erscheinen
⇒ Primäre und sekundäre Wirkzone

Was ist Sinn?


• eine vom Bewusstsein gestiftete Bezugsgröße
• nicht eine besondere Erfahrung oder eine selbst zukommende EIgenschaft
• Beziehung zwischen Erfahrung und etwas anderem
• Im besten Fall eine andere als die aktuelle, so z.B. eine erinnerte Erfahrung
• Subjektiv sinnvoll:
o Erlebnisse, die über ihre Aktualität hinaus erinnert
o auf ihre Konstitution befragt
o auf ihre Position in einem zuhandenen Bezugsschema ausgelegt

⇒ Wirklichkeitsordnungen durch den Sinn unserer Erfahrung konstituiert, deshalb spricht Schütz
von „geschlossenen Sinngebieten“

Geschlossene Sinnbezirke
• besteht aus sinnverträglichen Erfahrungen
• sind durch einen besonderen Erlebnis- und Erkenntnisstil ausgezeichnet
• z.B. alltägliche Lebenswelt, die Traumwelt, diverse Phantasiewelten, die Welt der
Wissenschaft, die Welt religiöser Erfahrung
• Geschlossenheit beruht auf der „Einheitlichkeit des ihm eigenen Erlebnis- bzw. Erkenntnisstils“
• Wir müssen den Realitätsakzent auf ein anderes Sinngebiet verlegen, wenn wir motiviert sind,
eine andere Einstellung anzunehmen oder wenn wir durch einen »fremden« Eingriff gestört
werden

Urtypus der Realitätserfahrung


• alltägliche Lebenswelt ist der „Urtypus unserer Realitätserfahrung“ à im täglichen Ablauf
wiederholt in sie zurückgeholt, mit gewissen Einschränkungen können wir andere Sinngebiete
als Modifikation der alltäglichen Lebenswelt auffassen. Alltägliche Welt = Quasi-Realität

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Kommunikationssoziologie GRIMM
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Zusammenfassung

Phantasiewelten
• es gibt keinen Widerstand von mich umgebenden Objekten, der zu überwinden wäre
• solange ich in Phantasiewelten lebe, kann ich auch nichts »leisten« im Sinne einer Handlung, die
in die Außenwelt eingreift und sie verändert
• Wichtig: dass das Phantasieren in sich geschlossen bleibt, dass die Absicht zur Tat fehlt

Fiktion und Wirklichkeit


Husserl schreibt in „Erfahrung und Urteil“ über das Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit:
• modifizierte Wirklichkeiten, Wirklichkeiten-als-ob hat derjenige, der in einer Traumwelt lebt
• Erst wer in der Erfahrung lebt, von da aus in die Phantasie »hineinfasst«, kann die Begriffe
Fiktion und Wirklichkeit haben
• Im geschlossenen Sinngebiet der Phantasie:
o Nur die Faktischen „Verträglichkeitszusammenhänge des Alltagslebens“ können
aufgehoben werden
o Die logische Struktur der Einstimmigkeit dagegen behält ihre Gültigkeit

⇒ „Ich kann mich als Zwerg oder Riese phantasieren, aber immer als eine nach außen
abgegrenzte Innerlichkeit.“

Relevanzstrukturen nach Alfred Schütz
• Thematische Relevanz (TR):
o TR ist das, womit ich mich aus guten Gründen emotional und denkerisch beschäftige
o Unterscheide aufgezwungene und freiwillig gewählte thematische Relevanz
• Interpretationsrelevanz (IR):
o IR ist das, was ich zum verstehen einer Situation, einer Handlung, eines Sachverhalts
benötige
• Motivationale Relevanz (MR):
o MR ist das, was in Bezug auf meine Bedürfnisse, Interessen etc. wichtig ist
o Unterscheide Um-zu- und Weil-Motive.

Thematische Relevanz

Vier Hauptformen der »auferlegten« thematischen Relevanz:
1. Unvertrautes zieht im Rahmen des Vertrauten die Aufmerksamkeit auf sich.
2. Im »Sprung« von einem Wirklichkeitsbereich geschlossener Sinnstrukturen zum andern
begegnet man neuen Themen.
3. »Unmotivierter« Themenwechsel bei einer Veränderung der Bewusstseinsspannung.
4. Sozial erzwungene Aufmerksamkeit

⇒ „Die erste Form ist in gewissem Sinn die wichtigste. Sie liegt, wenn man sie in
ihren allgemeinen Zügen auffasst, den anderen Formen zugrunde.“

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Kommunikationssoziologie GRIMM
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Zusammenfassung

»Motivierte« thematische Relevanz:


• wenn man sich in einer Situation nicht routinemäßig orientieren kann, muss man sie auslegen.
• wenn man das im Voraus weiß, wendet man sich ihr auch »freiwillig« zu
⇒ Keine scharfe Grenze zwischen »motiviertem« und »auferlegtem« Themenwechsel

Interpretationsrelevanz
• ein gegebenes Thema in Bezug zu bereits bekanntem Wissen setzen
• läuft solange »automatisch« ab, solange keine ungewöhnlichen, mit dem Wissensvorrat nicht in
Einklang stehenden Phänomene auftauchen, die eine routinemäßige Bewältigung der Situation
behindern
• geschieht etwas Unerwartetes, dann entsteht ein Auslegungsproblem, das gelöst werden muss
⇒ »auferlegte« Interpretationsrelevanz
• Falls jedoch das Thema zum Problem wird, besteht ein Motiv zur mehr oder minder expliziten,
schrittweisen, »urteilenden« Auslegung.
⇒ »motivierte« Interpretationsrelevanz
o eng verbunden mit der thematischen Relevanz, ohne mit ihr identisch zu sein
o unterscheidende Aspekt betrifft die Bedeutung der Themenauslegung für die
Bewältigung einer problematisch gewordenen Situation.

Motivationsrelevanz
• entsteht dann, wenn die Auslegung des Themas in der jeweiligen Situation zu einer
handlungsrelevanten Entscheidung führt, die mit (lebenswichtigen) Bedürfnissen und Interessen
in Zusammenhang steht
• Ziel, einen Sachverhalt zu verwirklichen; z.B. die Motivation, eine Gefahrenquelle zu beseitigen
(er entfernt einen Gegenstand, um eine Gefahr zu beseitigen)
⇒ »Um-zu-Motive« (=finale Relevanz)
• Motivationen, die aus einer biographischen Bedingtheit resultieren, z.B. er entfernt den
Gegenstand, weil er aufgrund früherer Erfahrungen besonders ängstlich ist
⇒ »Weil-Motiv« (=kausale Relevanz)

Um-zu- und Weil-Motive in der Unterhaltung


Spezielle Um-zu-Motive der Talkshow-Nutzung
• Kognitive Stimulation: Neugier
o weil ich mich für das Leben anderer Leute interessiere
o weil man Dinge sehen kann, die man ansonsten nicht sieht
o weil die Themen aus dem Leben gegriffen sind
• Kognitive Reflexion: Orientierung
o weil es mich amüsiert, wie dämlich manche TS-Gäste sind

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Zusammenfassung

• Emotionale Stimulation: Erlebniswert


o weil es um Gefühle geht, die jeder kennt
• Emotionale Reflexion: Gefühlsmanagement
o um abzuschalten
• Para-soziale Interaktion
o weil man sich über ModeratorIn so schön aufregen kann
o weil ModeratorIn ein so netter Mensch ist
• Soziale Interaktion
o weil ich es mir gerne mit Freunden anschaue
o weil man durch Gespräche über TS neue Leute kennen lernen kann





TS-Motivgruppen nach Wichtigkeit
1. Kognitive Reflexion
2. Kognitive Stimulierung
3. Alltagsferne
4. Alltagsnähe
5. Emotionale Reflexion
6. Emotionale Stimulierung
7. Para-soziale Interaktion
8. Soziale Interaktion

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Interaktion und Identität (Herbert Mead)


Geist und Identität
• Geist:
o entsteht aus der Kommunikation durch Übermittlung von Gesten innerhalb eines
gesellschaftlichen Prozesses oder Erfahrungszusammenhanges
o nicht die Kommunikation durch den Geist
• Identität:
o entwickelt sich
o bei der Geburt anfänglich nicht vorhanden
o entsteht aber innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungs- und Tätigkeitsprozesses, d.h.
im jeweiligen Individuum als Ergebnis seiner Beziehungen zu diesem Prozess als Ganzem
und zu anderen Individuen

Objektivierung des »Selbst« und Kommunikation


• Bedeutung der »Kommunikation« liegt in der Tatsache, dass sie eine Verhaltensweise erzeugt, in
der der Organismus oder das Individuum für sich selbst ein Objekt werden kann
• Der Einzelne erfährt sich – nicht direkt, sondern nur indirekt aus der besonderen Sicht anderer
Mitglieder der gleichen gesellschaftlichen Gruppe oder aus der verallgemeinerten Sicht der
gesellschaftlichen Gruppe als Ganzer, zu der er gehört
• bringt die eigene Erfahrung als einer Identität oder Persönlichkeit nicht direkt oder unmittelbar
ins Spiel, sondern nur insoweit, als er zuerst zu einem Objekt für sich selbst
• andere Individuen für ihn auch nur Objekte
• der Einzelne wird zum Objekt für sich selbst, indem er die Haltungen anderer Individuen
gegenüber sich selbst innerhalb einer gesellschaftlichen Umwelt oder eines Erfahrungs- und
Verhaltenskontextes einnimmt
⇒ Kommunikation mit signifikanten Symbole

Der/Das verallgemeinerte Andere


• = die organisierte Gemeinschaft, oder gesellschaftliche Gruppe, die dem Einzelnen seine
einheitliche Identität gibt
• Der/Das verallgemeinerte Andere = die Haltung der ganzen Gemeinschaft
• Gemeinschaft übt die Kontrolle über das Verhalten ihrer einzelnen Mitglieder aus à in dieser
Form tritt gesellschaftlicher Prozess oder die Gemeinschaft als bestimmender Faktor in das
Denken des Einzelnen ein
• Jeder Gegenstand im Hinblick auf den der Mensch handelt oder auf den er gesellschaftlich
reagiert, ist für ihn ein Element des verallgemeinerten Anderen

=> Beim abstrakten Denken nimmt der Einzelne die Haltung des verallgemeinerten Anderen
gegenüber sich selbst ein, ohne Bezug auf dessen Ausdruck in einem anderen Individuum. Beim
konkreten Denken nimmt er diese Haltung insoweit ein, als sie in den Haltungen gegenüber
seinem Verhalten bei jenen anderen Individuen ausgedrückt ist, mit denen er in der jeweiligen
gesellschaftlichen Situation oder Handlung verbunden ist.

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»Ich« und »ICH«


Das »Ich« reagiert auf die Identität, die sich durch die Übernahme der Haltungen anderer entwickelt.
Indem wir diese Haltungen übernehmen, führen wir das »ICH« ein und reagieren darauf als ein »Ich«.
Das »Ich« ist die Reaktion des Organismus auf die Haltungen anderer; das »ICH« ist die organisierte
Gruppe von Haltungen anderer, die man selbst einnimmt. Die Haltungen der anderen bilden das
organisierte »ICH«, und man reagiert darauf als ein »Ich«.

⇒ »ICH« als Zensor: Gewissen
⇒ Selbstbehauptung und Kontrollverlust: es gibt anerkannte Bereiche, in denen sich ein Individuum
behaupten darf, bestimmte Rechte, die es innerhalb dieser Grenzen hat Wenn aber der Druck zu groß
wird, werden diese Grenzen nicht beachtet, das Individuum drückt sich möglicherweise gewalttätig aus.
Dann herrscht das »Ich« als dominierendes Element über das »ICH«.
⇒ Selbstverwirklichung: „Wir können uns selbst nur insoweit verwirklichen, als wir den
anderen in seiner Beziehung zu uns erkennen. Indem der Einzelne die Haltung der anderen
einnimmt, ist er fähig, sich selbst als Identität zu verwirklichen.
⇒ Unterschiedliche Werte-Universen von »Ich« und »ICH«

»Kategorischer (Sozial-)Imperativ«
• In unserem reflektiven Verhalten rekonstruieren wir immer die unmittelbare Gesellschaft
• Wir nehmen bestimmten definitive Handlungen ein, die Beziehungen zu anderen notwendig
machen
• Verändern sich die Beziehungen, verändern sich auch die Gesellschaften à ständiges
rekonstruieren
• Man muss im Hinblick auf alle im Spiele befindlichen Interessen handeln = kategor. Imperativ
⇒ „Meiner Meinung nach fühlen wir alle, dass man die Interessen anderer auch
dann anerkennen muss, wenn sie den eigenen Interessen entgegenstehen, und
dass der dieser Erkenntnis folgende Mensch nicht etwa sich selbst opfert,
sondern zu einer umfassenderen Identität wird.“

Selbstrespekt
• Mensch muss sich seinen Selbstrespekt bewahren
• es ist unter Umständen notwendig, dass er sich gegen die ganze Gemeinschaft stellt, um diesen
Selbstrespekt zu verteidigen
• er macht das im Hinblick auf eine seiner Meinung nach höhere und bessere Gesellschaft als die
bereits existierende
• Beides ist für moralisches Verhalten entscheidend:
o Dass es eine gesellschaftliche Organisation gibt
o Und sich das Individuum sich zu behaupten weiß
• Methode der Moral: alle Interessen, die einerseits die Gesellschaft und andererseits das
Individuum bilden, in Betracht zu ziehen

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Interaktionsrituale und Selbst-Darstellung (Erving Goffman)


Maske als wahres »Selbst« (Robert Ezra Park)
• Das Wort Person bezeichnet in seiner ursprünglichen Bedeutung eine Maske
• Jedermann spielt überall und immer mehr oder weniger bewusst eine Rolle
• In diesen Rollen erkennen wir einander; in diesen Rollen erkennen wir uns selbst
• Die Maske ist unser wahreres Selbst (truer self):
o das Selbst, das wir sein möchten
• Vorstellung unserer Rolle wird zu unserer zweiten Natur und zu einem integralen Teil unserer
Persönlichkeit
• Wir kommen als Individuen zur Welt, bauen einen Charakter auf und werden Personen
⇒ Ausdruckskontrolle
⇒ Selbstdarstellung

Theater und Bühne des Lebens


• Auf der Bühne werden Dinge vorgetäuscht
• Im Leben hingegen werden Dinge dargestellt, die echt, dabei aber nur unzureichend geprobt
sind
• Auf der Bühne stellt sich ein Schauspieler in der Verkleidung eines Charakters vor anderen
Charakteren dar, die wiederum von Schauspielern gespielt werden
• das Publikum ist der dritte Partner innerhalb der Interaktion, ein wichtiger Partner der aber
nicht da wäre wenn die Vorstellung Wirklichkeit wäre
• Im wirklichen Leben sind die drei Partner auf zwei reduziert:
o die Rolle, die ein Einzelner spielt
o Rollen, die andere spielen; aber diese anderen bilden zugleich das Publikum

Interaktion, Darstellung, Rolle


• »Interaktion«:
o Der wechselseitige Einfluss von Individuen untereinander auf ihre Handlungen während
ihrer unmittelbaren physischen Anwesenheit
• »Darstellung«:
o die Gesamttätigkeit eines bestimmten Teilnehmers an einer bestimmten Situation, die
dazu dient, die anderen Teilnehmer in irgendeiner Weise zu beeinflussen.
o Wenn wir einen bestimmten Teilnehmer und seine Darstellung als Ausgangspunkt
nehmen, können wir diejenigen, die die anderen Darstellungen beisteuern, als
Publikum, Zuschauer oder Partner bezeichnen
• »Rolle«:
o Das vorherbestimmte Handlungsmuster, das sich während einer Darstellung entfaltet
und auch bei anderen Gelegenheiten vorgeführt oder durchgespielt werden kann
• »soziale Rolle«:
o Ausübung von Rechten und Pflichten, die mit einem bestimmten Status verknüpft sind
o soziale Rolle umfasst eine oder mehrere Teilrollen

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o jede dieser verschiedenen Rollen können von dem Darsteller bei einer Reihe von
Gelegenheiten vor gleichartigem Publikum oder vor dem gleichen Publikum dargestellt
werden

Zweiteilung des Selbst


• Darsteller:
o ein geplagter Erzeuger von Eindrücken, der mit der allzumenschlichen Aufgabe
beschäftigt ist, ein Schauspiel zu inszenieren
• Schauspielfigur:
o im typischen Fall als eine gute Figur betrachtet, deren Geist, Stärke und andere
positiven Eigenschaften durch die Darstellung offenbart werden sollen
• Eigenschaften des Darstellers und die seiner Rolle gehören grundlegend verschiedenen
Bereichen an
• »Rollendistanz«
o Trennung zwischen dem Individuum und seiner mutmaßlichen Rolle
• Es gibt immer eine Hinterbühne mit Geräten, in der der Körper sich formen kann, und eine
Vorderbühne mit feststehenden Requisiten. Der ganze Apparat der Selbstinszenierung ist
umständlich à bricht manchmal zusammen und enthüllt dann seine einzelnen Bestandteile.

Was ist »Image«?


• = der positive soziale Wert definiert werden, den man für sich durch die Verhaltensstrategie
erwirbt, von der die anderen annehmen, man verfolgte sie in einer bestimmten Interaktion
• in Termini sozial anerkannter Eigenschaften umschriebenes Selbstbild, - ein Bild, das die
anderen übernehmen können
• eine Person hat ein Image, wenn ihre Verhaltensstrategie ein konsistentes Image vermittelt, das
durch Urteile und Aussagen anderer Teilnehmer, durch die Umgebung dieser Situation bestätigt
wird
• »falsches Image«:
o wenn Informationen über seinen sozialen Wert irgendwie ans Licht gebracht werden,
die selbst mit größter Mühe nicht in die von ihm verfolgte Strategie integriert werden
können.
• »gar kein Image«:
o wenn er an einer Interaktion mit anderen teilnimmt, ohne eine der Verhaltens-
Strategien bereit zu haben, die von Teilnehmern in solchen Situationen erwartet
werden.
• Zeigt sich jemand bestrebt zur Imagepflege:
o Gesellschaft spricht von Stolz: aus Eigeninteresse
o Ehrgefühl: Pflichtgefühl gegenüber größeren sozialen Gruppen,
o Würde: nach einem physischen oder psychischen Angriff

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Techniken der Imagepflege


• Sind Handlungen, die vorgenommen werden, um all das, was man tut, in Übereinstimmung mit
seinem Image zu bringen
• dienen dazu, »Zwischenfällen« entgegenzuarbeiten – das sind Ereignisse, deren effektive,
symbolische Implikationen das Image bedrohen

Grundlegend Techniken:
• Rücksichtnahme
• Gelassenheit
• Diskretion
• Zurückhaltende Bescheidenheit
• Taktvolle Blindheit
• Absichtliche Nichtbeachtung von Verstößen gegen die rituelle Ordnung

Korrektive Techniken:
• Warnung
• Rückzug zur Vermeidung eines Imageverlustes
• Punkte sammeln
• Aggressiver Ausgleich


Kooperative Korrekturen:
• Entschuldigung
• Gegenseitige Selbstverleugnung
• »nach Ihnen, Alfons«-Technik
• Erleichterung der Imagepflege anderer
⇒ Stillschweigende Kooperation ist Normalzustand

Darstellung und Moral


• Der Einzelne versucht in seiner Eigenschaft den Eindruck aufrechtzuerhalten, zahlreiche
Maßstäbe zu erfüllen, nach denen man Produkte beurteilt.
• Darsteller leben mehr als wir glauben in einer moralischen Welt, wenn sie den Eindruck
aufrechterhalten möchten, dass sie zahlreiche Maßstäbe erfüllen, nach denen man sie und ihr
Produkt beurteilt
• Sind nicht mit der moralischen Aufgabe der Erfüllung dieser Maßstäbe beschäftigt, sondern mit
der amoralischen Aufgabe einen überzeugenden Eindruck zu vermitteln
• Unsere Handlungen haben es also weitgehend mit moralischen Fragen zu tun, aber als
Darsteller sind wir nicht moralisch an ihnen interessiert. Als Darsteller verkaufen wir nur die
Moral.

⇒ Soziologie des Betrugs ?



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Kommunikative Konstruktion von Moral (Bergmann & Luckmann)


Moralische Kommunikation (Bergmann&Luckmann)
• Frage: Wird diese Handlung von den Beteiligten selbst überhaupt als moralisch relevante
Handlung wahrgenommen, und wie kommt die moralische Interpretation im kommunikativen
Austausch der Beteiligten zum Ausdruck?
• Für eine auf Kommunikation umgestellte Konzeption von Moral gilt: Es gibt gar keine
moralischen Phänomene, sondern nur eine moralische Kommunikation über Phänomene.
• Moral wird zu einem fortlaufenden Resultat der kommunikativen Konstruktionsleistung aller die
an einem sozialen Geschehen beteiligt sind
• Wir sprechen von moralischer Kommunikation dann, wenn in der Kommunikation einzelne
Momente der Achtung oder Missachtung, also der sozialen Wertschätzung einer Person,
mittransportiert werden und dazu ein situativer Bezug auf übersituative Vorstellungen von “gut”
und “böse” bzw. vom “guten Leben” stattfindet

Protomoral
• = gemeinsames Fundament, das den wechselvollen Zuschreibungen, was als »gut« und »böse«
zu gelten hat, zugrunde liegt
• jenes universale Strukturelement der Lebenswelt, das in der historischen gesellschaftlichen
Konstruktion, Aufrechterhaltung und Vermittlung jeweiliger moralischer Kodes vorausgesetzt ist

Elemente der Protomoral:



• Wertbezug:
o Bewertungsleistungen bilden eine konstitutive Komponente der Protomoral.
o Etwas einen Wert zuzusprechen, bedeutet, es höher zu bewerten als etwas anderes
o Nicht alle Modi des Bewertens sind jedoch für moralische Urteile relevant, denn Werte
sind konstitutive Bestandteile des subjektiven Sinns von Handlungen
• Akteursbezug:
o Die moralische Bewertung zielt immer auf eine Wert-Schätzung des Handelnden hinter
der Handlung oder hinter dem Gegenstand ab.
o moralische Urteile zielen immer auf das Ansehen, das Image, die Ehre oder den Ruf des
Moralisierungsobjekts und nicht auf die begrenzte Beurteilung einer Leistung
• Wahlmöglichkeit:
o Wertende Urteile über Handlungen oder Handelnde werden erst dadurch zu
moralischen Urteilen, als dass den Akteuren die Möglichkeit und Fähigkeit
zugeschrieben wird, zwischen verschiedenen Handlungsprojekten zu wählen.
o Kompetente Handelnde nehmen für sich die Fähigkeit in Anspruch, zwischen
verschiedenen Handlungsentwürfen und -verläufen zu wählen, was die Voraussetzung
dafür ist, Verantwortung für diese Handlungen zu übernehmen.
o Entsprechend dem Prinzip der Reziprozität der Perspektiven wird diese Fähigkeit zur
Wahl zwischen verschiedenen Handlungsentwürfen auch all denjenigen attribuiert, die
als Interaktionspartner anerkannt werden

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Merkmale moralischer Kommunikation


1. Personalisierung: Bewertung der (ganzen) Person
2. Generalisierung: Verallgemeinerung von Handlungsweisen der Person
3. Abstraktion: von der Einzelhandlung wird abgesehen

⇒ Bei der personalisierenden Abstraktion wird die Interpretation einer Handlung zu einem
Charaktermerkmal oder zur Persönlichkeit des Handelnden, wobei der Handelnde oftmals als Vertreter
eines sozialen Typus dargestellt wird

Achtung und Ächtung - Risiken der moralischen Kommunikation
• durch die jeweilige Ausprägung dieser proto-moralischen Komponenten können gewissermaßen
die Grenzen der Gesellschaft festgelegt werden
• Diejenigen, auf welche diese protomoralischen Eigenschaften nicht angewandt werden, werden
damit zu außerhalb der Gesellschaft Stehenden gemacht und ausgeschlossen
• Während die Zuerkennung protomoralischer Qualitäten zur „Achtung” führt, führt deren
Verweigerung oder Entzug zur »Ächtung«
⇒ Protomoral als einer Kernstruktur menschlicher Sozialität
• wer in alltäglichen Kommunikationssituationen moralisiert, läuft selbst Gefahr, moralisch
beurteilt und sanktioniert zu werden
⇒ Polarisierung nach einem binären Schema von »gut« und »böse«
⇒ „Moralisierung setzt die Beteiligten unter Bekenntnisdruck, sie offeriert dafür zum Ausgleich
der Gemeinschaftserfahrung und Solidarität
⇒ moralische Erpressung: bei der Handelnde sich in einer moralisch polarisierten Situation zu
einer Parteinahme wider besseren Wissens gezwungen sehen
⇒ Moralisierungsepidemien
⇒ Das Risikokalkül der Moral-Agenten bedingt vielfach ein Ausweichen auf indirekte bzw.
verdeckte Formen des Moralisierens.

Wertevermittlung durch Talkshows


• Werte im Sinne des Werte-Hierarchie-Tests (WHT) sind definiert als
o allgemeine Zielorientierungen von Personen im sozialen Raum
o Diese helfen, in Konflikt- und Problemsituationen „moralisch“ richtige und sozial
akzeptierte Entscheidungen zu treffen

Wertgruppen (Anlehnung und Erweiterung an jene von Kohlberg)


• 1. Sozialwerte (gesellschaftliche Werte, die auf den sozialen Zusammenhalt gerichtet sind):
o Hilfsbereitschaft, Vertrauen, Harmonie, Liebe;
• 2. Strukturwerte (gesellschaftliche Werte, die einen strukturellen Soll-Zustand beschreiben):
o Gerechtigkeit, Sicherheit, Ordnung;
• 3. Vermittlungswerte (Werte, die zw. Individuum und Gesellschaft vermitteln):
o Anpassung, Toleranz, Leistung;

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• 4. Individualwerte der Selbstverwirklichung (auf Selbstverwirklichung des Einzelnen


ausgerichtet):
o Freiheit, Macht, Schönheit;
• 5. Individualwerte der Gratifikation (zielen auf persönliche Gratifikationen ab):
o Spaß, Erfolg, Wohlstand.


Heterogenität der Talkshow-Moral (sh. Experiment 1 und 2. Moralvermittlung)
1. Verstärkung von Sozialwerten wie Liebe, Hilfsbereitschaft und Vertrauen
2. Relevanzminderung von Strukturwerten wie Sicherheit, Ordnung und Gerechtigkeit
3. Beibehaltung der Individualwerte
=> Heterogenität der Moral durch Konkurrenz von Sozial- und Individualwerten

Dialogische versus monologische Vermittlungsform
Merkmale der Fliege-Sendung:
• eindringliche Verbal-Appelle,
• Gräuelbilder,
• positive beispielgebende Handlungsmodelle,
• künstlerisch gestaltetes Finale

Reaktanz des Publikums:


Keine stärkere Unterstützung für folgende Statements
• Ein Tier fühlt genauso wie ein Mensch.
• Tiere haben die gleichen Rechte wie Menschen.
• Um Tiertransporte überflüssig zu machen, sollte man auf Fleisch verzichten.
• Der Tierschutz muss deutlich verstärkt werden.

Merkmale der Arabella-Sendung zur Jugendgewalt


• eindringliche Verbal-Appelle,
• Gräuelbilder,
• positive beispielgebende Handlungsmodelle,
• Gegenmeinung, die sich den Überredungsversuchen in der Talkshow widersetzt
• Aktives Publikum

Reaktanz der Reaktanz


Keine signifikante Veränderung der Zustimmung zu folgenden Statements:
• Man kann Gewalt niemals rechtfertigen.
• Konflikte sollten immer mit Worten und nicht mit körperlicher Gewalt ausgetragen werden.

Signifikante Abnahme der Zustimmung zu folgendem Statement:


• Wenn man angegriffen wird, hat man das Recht, zuzuschlagen.

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Form der Kommunikatgestaltung und Effizienz der Wertevermittlung


• Die dialogische Kommunikatgestaltung (zwei Standpunkte treffen aufeinander) entwickelt
empirisch nachweisbar eine höhere Effizienz der Moralvermittlung als das monologische
Konzept der direkten und unrelativierten Überredung
• Eine pluralistische (wenn auch nicht beliebig vielgestaltige) Struktur der Moral auf der
Darstellungsebene erhöht die Chance des kommunikativen Erfolgs.

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