Sie sind auf Seite 1von 54

Miljenko Jergovic

FREELANDER
Roman

Aus dem Kroatischen


von Brigitte Döbert

Schöffling & Co.


Der Verlag dankt dem Ministerium der Republik Kroatien
für die freundliche Förderung der Übersetzung dieses Buches.

Freelander

Deutsche Erstausgabe

Zweite Auflage 2010


© der deutsdien Ausgabe:
Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung GmbH,
Frankfurt am Main 2010
Originaltitel: Freelander
Copyright © Miljenko JergoviCiActes Sud 2007
Alle Rechte vorbehalten
Satz: Reinhard Amann, Aichstetten
Druck & Bindung: Pustet, Regensburg
ISBN 978-3-89561-393-7

www.schoeffling.de
D a sieht man, wie sich alles gegen einen kehrt! «,
sagte Professor Karlo Adum, als der Postbote
gehen wollte. Der hätte sich nur verabschieden brau-
chen, mit der Rechten wie ein Fähnrich a. D. an die
Schläfe tippen und zum Aufzug drehen müssen, aber
\

der Professor gab sich nicht geschlagen, sondern wie-


derholte die Formel zum dritten oder vierten Mal: »Da
sieht man, wie sich alles gegen einen kehrt!«, und da-
nach konnte d~r Postbote nicht fortgehen, sondern
musste warten, bis die Zeit wieder reif war, bis sich
Seufzer und Achselzucken aneinandergereiht hatten,
Augenbrauen und Mundwinkel wenigstens drei Mal in
die Höhe geschnellt waren, so wie alte Männer ihr Bei-
leid bekunden oder die Neuigkeit von einem Tumor in
der Prostata erzählen, der vielleicht keiner ist, die Ärzte
haben ja keine Ahnung, trotzdem gehen die Augen-
brauen hoch, wenn es ein Tumor ist und wenn der
Tumor wächst und wenn es da unten auf- und wieder
zugemacht wird, denn dafür gibt es keine Worte, und
Worte lassen sich nur vermeiden, indem sich die Augen-
brauen heben und senken, und wenn Augenbrauen-
zucken olympische Disziplin würde, wären unsere Leute
Olympiasieger, vor allem die Bewohner der Hochhäu-
t
\
!

ser in N ovi Zagreb und unter denen wiederum vor allem zurück, müsste er wegen der Knie in Frührente, dann
die Rentner. wäre jeder Bewohner des Hochhauses gezwungen, sei-
Der Postbote, der Adum seit gut fünfundzwanzig nen Nachnamen für alle sichtbar anzubringen. Davor
Jahren kannte, weil er seit fünfundzwanzig Jahren die grauste den Leuten. Herr Apostolovski aus dem zwei-
Post in Zaprude austrug, hatte ihm nie seinen Namen ten Stock, ein pensionierter Arzt, der früher im Militär-
gesagt, und es interessierte Karlo Adum auch nicht. krankenhaus gearbeitet hatte, bat auf der Hauptpost
Falls ihm je der Gedanke gekommen sein sollte, dass um die Adresse des Briefträgers für den Bezirk Zaprude.
dieser schnauzbärtige Mann aus dem Dorf Triic, Vuk Eine Beschwerde? Nein, keinesfalls! Also eine Indis-
Karadzics Geburtsort, einen Namen haben musste, kretion, bekam er zu hören. Lazari, der Taxifahrer, klap-
hätte er es wohl für unanständig gehalten, ihn danach perte mit dem Auto auf der Suche nach dem Postboten
zu fragen. Vor allem nach 1990. Einem aus Triic konnte und seiner Stefa an einem Wochenende sämtliche Kur-
die Frage nach seinem Namen nur unangenehm sein. bäder ab, um dem Mann alle erdenkliche Unterstüt-
Deswegen blieb der Postbote besser der Postbote, als zung der Bewohner des Hochhauses sowohl in m~dizi­
den er ihn all die Jahre kannte, ihn und Ehefrau Stefa nischer wie in jeder anderen Hinsicht anzubieten, auch
aus Kriz sowie die drei Töchter Dubravka, Jadranka jedwede finanzielle Unterstützung, damit er nur ja nicht
und Planinka, die er noch nie gesehen, von denen er aber die Erwerbsunfähigkeit beantragte. Natürlich fand er
gehört hatte, und zwar nicht nur vom Postboten, son- ihn nicht, denn der Postbote war in Bizovacke Toplice,
dern auch von den Nachbarn, denen es nicht passte, dass und wie hätte er ihn da finden sollen, wo doch Aposto-
der Postbote mit Stefa für zwei Monate wegen seiner lovski gesagt hatte, Bizovacke Toplice sei nicht für
Knieprobleme zur Kur ging und von einem Alkoholi- Knieprobleme. Am Ende kehrte der Postbote gesund
ker vertreten wurde, der jeden Brief falsch einwarf und und wie neugeboren zurück. Alle freuten sich. Auch
sich damit herausredete, auf den Briefkästen stünden Karlo Adum und seine Frau Ivanka, obwohl die Be-
nicht die Namen der jetzigen Bewohner, sondern von schriftung ihres Briefkastens - Adum-Schwartzer - die
Menschen, die 1968 hier eingezogen waren, manchmal tatsächlichen Verhältnisse widerspiegelte und sie nichts
sogar von Menschen, die hier nie gewohnt hatten, aber zu befürchten hatten, sollte eines Tages ein anderer Brief-
weil der Postbote auch so wusste, wo wer war, waren träger eingesetzt werden.
die Namen nicht notwendig; den eigenen Namen am »Da sieht man, wie sich alles gegen einen kehrt!«,
Briefkasten empfanden die Leute als Gipfel der Indis- wiederholte Karlo Adum zum vermutlich siebten Mal
kretion. Kehrte der Postbote jedoch nicht aus der Kur und ließ den Postboten endlich seines Weges ziehen.
Es war Freitag, in der Hand hielt er ein ungeöffnetes tröstete sie und schüttete Salz aus einer Schachtel mit
Telegramm, er wird es später auf den Küchentisch legen der Aufschrift Soda-Salz Tuzla auf den Fleck, wie der
und sicher nicht vor dem Abendessen öffnen. Die meis- Albaner vor dem Spiel am Sportplatz gekochte Mais-
ten Menschen fürchten sich vor Telegrammen, weil sie kolben salzt und dabei freundlich lächelt, damit ihn die
sich vor Tod, Krankheit und Unglück fürchten. Eine Fans der ortsansässigen Mannschaft nicht verprügeln.
gesegnete Minderheit freut sich über Telegramme, weil Genau so salzte der Rektor die verweinte Lehrerin, Salz
sie Telegramme erwartet, die alle Alltagssorgen fort- zieht alle Flecken heraus, glauben Sie mir, liebe Kolle-
pusten. Karlo Adum war das Telegramm gleichgültig, gin, und lächelte sie mit der Ergebenheit des Opfers an.
und so vergaß er es, tja, das Leben hatte sich eben gegen Karlo sah ihn, während er seine Sachen in einen Koffer
ihn gekehrt. packte, hin und wieder an und genoss es, dass der Rek-
Es fing damit an, dass der 31. Dezember 2005, wie tor seine Blicke nicht bemerkte. Endlich konnte er
ihm schriftlich mitgeteilt wurde, sein letzter Arbeitstag sehen, was ihm jahrelang entgangen war, wie der rasende
war. Er hätte mit Schuljahresende gehen sollen, aber Vorspann japanischer Filme.
Karlo nutzte sein gesetzliches Recht, bis zum Ende des Als er sich verabschiedete, erwiderte niemand seinen
Kalenderjahres zu bleiben, in dem er das vierzigste Jahr Gruß. Sie dachten, Kollege Adum würde seine Sachen
im Arbeitsleben stand. So hieß das offiziell. ins Auto tragen und dann noch einmal hochkommen.
Die letzten vier Monate verbrachte er entweder im Drei Monate später, Ende März, hatte Ivanka die ers-
Lehrerzimmer oder in der Schulbibliothek und gab kei- ten Schwindelanfälle. Sie verstummte mitten im Satz,
nen Unterricht, und seine Kollegen nahmen ihn schon griff sich an die Stirn, als hätte sie etwas vergessen. N e-
nicht mehr wahr. Als er sein Fach im Lehrerzimmer ben dem Herd stand ein Stuhl bereit, auf den setzte sie
ausräumte, stand der Tisch hinter ihm voller Saft- und sich, wenn ihr, während sie die Polenta rührte, schwarz
Coca-Cola-Flaschen, Plastikbechern, einem Teller mit vor Augen wurde, ganze Galaxien rasten durch dieses
aufgeschnittenem Schinken, der wie ein Chemielabor Schwarz, ganze Zeitalter und Blumentöpfe mit Stief-
roch, und ekligem Gummikäse, so bleich wie ein Kin- mütterchen.
dertod. Man stieß auf das neue Jahr an, laut schreiend »Das ist die Frühjahrsmüdigkeit«, tröstete sie ihn,
gingen die Lehrer der Abschlussklassen ein und aus, die der sich Sorgen machte, »das ist bloß die Frühjahrs-
Musiklehrerin, Magda Simic, eine alte Jungfer aus Ku- müdigkeit.«
tina, schüttete sich Heidelbeersaft auf die weiße Bluse Dann ging sie ins Krankenhaus, um sich gründlich
und brach vor allen Leuten in Tränen aus, der Rektor untersuchen zu lassen, bekam über Beziehungen einen

>10< >11<
Platz im Rebro. Karlo fuhr nach Hause, um ihr ein aber er schützte unaufschiebbare Termine oder eine
Nachthemd, Toilettensachen und etwas zum Lesen zu Reise nach Split vor, bis die Einladungen seltener wur-
holen - er packte Doktor Schiwago ein, den hatte sie den, das Telefon tagelang nicht klingelte, er ging zum
zum letzten Mal 1977 in Podaca am Meer gelesen -, Supermarkt Brot kaufen und keinen Schritt weiter, und
aber in der Stadt war viel los, der Verkehr war wegen eines Tages hatten ihn alle vergessen. Auch für die
des Besuchs eines amerikanischen Politikers zusammen- Nachbarn auf derselben Etag~ wurde er unsichtbar. Er
gebrochen, und er brauchte lange, bis er wieder im Kran- lief an ihnen vorbei wie der Schatten des Maurers, der
kenhaus war, volle zwei Stunden, und als er es endlich bei dem Bau des Hochhauses tödlich verunglückt war.
geschafft hatte, reichte ihm Doktor Sremec die Hand Nur der Postbote war ihm geblieben.
und sagte: »Du bist aus yuks Heimat, du kannst dir sicher vor-
»Es tut mir leid, lieber Professor, Ihre Frau ist von stellen, was das heißt, wenn sich das Leben verkehrt«,
uns gegangen!«, er drückte ihm die Hand, und der Postbote lachte und
und in diesem Moment hatte Professor Adum den erwiderte etwas und beides so laut, dass es durchs Trep-
Eindruck, dass nicht zwei Stunden, sondern mindes- penhaus hallte und die Lider hinter den Spionen zusam-
tens zwei Jahre seit ihrem Abschied verstrichen waren, menzuckten.
und fühlte sich schuldig, weil er Ivanka so lange allein Karlo Adum, pensionierter Gymnasiallehrer für Ge-
gelassen hatte. schichte, lag auf dem Sofa und las Zeitung. Der Ton am
Dann war die Beerdigung, Männer mit grauen Anzü- Fernseher war abgedreht, der amerikanische Präsident
gen und Krawatten liefen durchs Haus, überwiegend bewegte stumm die Lippen, der Fernfahrer lag auf dem
alte Männer, und Frauen mit schwarzen Lacktaschen Lenkrad, während Blut über sein Gesicht floss, durch
und grauen Haaren, die bläulich wie das Meer vor Vis die zerschossene Scheibe sah man Wüste und eine paläs-
schimmerten, ein tiefes Meer voll blinder, hässlicher tinensische Fahne, über Kroatien wechselten sich Sonne
Fische, und alle umarmten den Witwer, als wollten sie und weiße Schäfchenwolken ab, neben Kroatien gähnte
sich von ihm verabschieden, als würde er dem Sarg in ein dunkler, gesichtsloser Abgrund in Form von Bos-
die Dunkelheit des Krematoriums nachspringen und nien, über dem es weder Sonne noch Wolken gab, die
sich mit dem lautlosen Aufzug ins Feuer begeben. In Spieler von Dinamo Zagreb fielen sich gegenseitig um
den Tagen danach riefen sie an, fragten nach seinem Be- den Hals, die SkiläuferinJanica Kostelic hatte ein Kinn
finden, luden ihn zum Mittagessen ein, es war die Jah- wie der Boxer im Trickfilm, Frauen aus Sestine ließen in
reszeit, in der man gern kräftige Rinderbrühe kocht, einem Werbefilm aus der Zeit vor dem Zweiten Welt-

>12< >1J<
krieg Regenschirme kreisen, und im Abspann drehte davon überzeugt, dass er nicht träumte, wenn er sich
sich, anders als früher, als Karlo noch jung war, kein schon an keinen Traum erinnern konnte.
Globus. Gegen halb drei wachte er auf.
Bald sah er zum Bildschirm,. bald in die Zeitung, Er stand über der Kloschüssel und wartete auf den
während sich draußen zwischen den Hochhäusern von Strahl, zog ab und ging in die Küche, um ein Glas Was-
N ovi Zagreb die Dunkelheit herabsenkte und langsam ser zu trinken, wartete, bis der Spülkasten voll war und
die Turopolje-Ebene verschlang. wieder Stille herrschte, so dass er auf die nächtlichen
Er schloss die Augen, hörte die Autos, die Richtung Geräusche im Hochhaus lauschen konnte, das Schnar-
Stadt fuhren, wo in Kürze das Nachtleben beginnen chen, das Dauerweinen eines Kindes, den Lift auf dem
würde, die Straßenbahnen, die über die Brücke rumpel- Weg nach oben oder unten, das Wasser in den 1,eitun-
ten, weit entfernt krachten Schüsse und Gewehrsalven, gen, Stimmen im Treppenhaus und wieder Stille, die
die auf einen neuerlichen, wie auch immer gearteten, nicht lange anhielt, weil irgendwo eine Klospülung be-
aber jedenfalls großen kroatischen Sieg hindeuteten. tätigt wurde. Nachts rauschten ganze Niagarafälle
Wo wird denn freitags gespielt?, dachte Professor durchs Hochhaus. Er horchte und dachte an die Men-
Adum, und dann überlegte er, ob es überhaupt Freitag schen, die in diesem Moment irgendwo ins Wasser
war oder nicht doch schon Samstag, der Fußballtag - sprangen, in einen Fluss oder einen See oder ins Meer,
die Demokratie unterschied sich in erster Linie dadurch Gott, wie viele mögen es sein, dort, wo es Tag ist, und
vom Sozialismus, dass die Spiele der Fußballliga sams- dort, wo es Nacht ist, ertränken sich Menschen, und er
tags und nicht mehr sonntags stattfanden -, nur um hörte seelenruhig dem Wasser zu, das durch die Fall-
dann an das Telegramm zu denken, das er nicht aufge- rohre fließt oder gefangen in den Windungen der Heiz-
macht, sondern in die Küche gelegt hatte, aber er war körper gluckert.
sich nicht mehr sicher, ob der Postbote wirklich ein Adum schaltete nicht das Licht ein, sondern saß im
Telegramm gebracht hatte oder er sich das nur einbil- Dunkeln, legte die Arme um die Knie und lauschte. Er
dete, dann döste er wieder ein, und sicher geisterte das wartete darauf, dass gegen vier die Wecker rasselten.
Telegramm durch seine Träume, bis es ihm gänzlich Die weckten Frauen, die ihren Männern die ersten mor-
entfiel. gendlichen Antibiotika verabreichten, dann die Herz-
Professor Adum merkte sich Träume nicht. Und was mittel und all die Medikamente, die den Menschen ein
er sich nicht merkte, das gab es nicht. So war er wie die langes Sterben ermöglichen. So dachte Professor Adum
meisten Menschen mit ähnlich gelagerten Problemen darüber. Und so hatte er im Lehrerzimmer geredet,
denn solche Dummheiten mochte Ivanka nicht hören, zehnten Jahr Dominis' Travarica, wann immer ihn Pro-
bis es eben so gekommen war, dass er keinem mehr etwas fessor Adum auf ein Gläschen einlud, und bekam zu
erzählen konnte. Weihnachten und Ostern je eine Flasche geschenkt, und
Gegen elf klingelte der Postbote. Er öffnete und trotzdem waren die Vorräte noch nicht einmal zur Hälfte
wollte die Post in Empfang nehmen. Aber der Postbote aufgebraucht, so viel Schnaps hatte der Verstorbene auf
kam mit leeren Händen. . . Vorrat gebrannt.
»Ist was Schlimmes passiert?« Der Professor hielt das Telegramm und wunderte
»Keine Ahnung ... wo denn?« sich:
»Na, bei Ihnen.« »Tadija Melkior Adum, ja, stimmt, das war mein On-
»Nein, Gott bewahre, wie kommen Sie darauf?« kel, und ob dieser Teufel mein Onkel war, der ältere.
»Ich dachte nur ... « Bruder meines verstorbenen Vaters, Ilija Baltazar
»Kommen Sie doch herein, wollen Sie einen Schnaps? Adum, aber wissen Sie, ich bin sechsundsechzig, ich bin
Sie sind ganz blass, schwerer T~g.« ein alter Mann, meinen Vater hat Gott mit nicht einmal
»Nein, ich wollte nur sehen, ob mit Ihnen alles in zweiundfünfzig zu sich gerufen, und ich soll glauben,
Ordnung ist.« dass sein älterer Bruder jetzt erst gestorben ist? Er war
»Aber warum soll denn nicht alles in Ordnung sein?« fünf Jahre älter! Wenn ich richtig rechne, wäre mein
»Wegen dem Telegramm, dachte ich ... Ob Sie was Vater jetzt siebenundneunzig, das heißt, Tadija wäre
brauchen.« hundertzwei geworden. Sie können sagen, was Sie wol-
»Ach, gut dass Sie mich daran erinnern, das habe ich len, da hat sich doch jemand einen üblen Scherz erlaubt.
noch gar nicht aufgemacht.« Oder jemand will mich hereinlegen. Die Zeiten sind
Postbote und Professor ·saßen auf dem Balkon, der so, Menschen sind zu allem fähig. Man kann nicht vor-
Postbote trank Schnaps, kroatischen Kräuterschnaps, sichtig genug sein, mein Lieber!«
Travarica, der noch vom verstorbenen Dominis stammte, »Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?«,
dem Kroatisch- und Literaturlehrer, der mit der Pen- fragte der Postbote.
sionierung nach Jelsa gezogen war und dort Jahr für »Das ist das nächste Problem. Ich habe ihn nie kennen
Jahr Schnaps gebrannt und mit Heilkräutern eingela- gelernt. Die beiden zerstritten sich kurz nach meiner
gert hatte, bis man ihn eines Tages tot auffand. Er war Geburt, da war ich vielleicht ein halbes Jahr alt. Das war
wie Ivanka zwischen Galaxien, Zeitaltern und Stief- mehr als ein Streit, da ist Blut geflossen, die haben im
mütterchen gestorben. Der Postbote trank schon im Treppenhaus mit Pistolen und Äxten rumgefuchtelt

>16<
und mein Vater hat dabei den Daumen der rechten Hand geworden, sie haben Diphtherie und Keuchhusten be-
verloren. Können Sie sich das vorstellen, wenn der kommen und nur knapp überlebt. Zum Glück kam
Daumen weg ist? Das ist wie wenn Sie keine Hand mehr dann bald das Frühjahr. Das hat mein Vater über Onkel
haben, nur ein bisschen schlimmer, weil Sie die vier Fin- Tadija erzählt. Auch in seinen anderen Geschichten war
ger ständig daran erinnern, dass Sie mit denen nichts Tadija noch ein Kind, der geliebte große Bruder, der ihn
mehr anfangen können. Mein Vater hat so lange mit den beschützte und mit nach Amerika nahm.«
Fingernägeln über die Küchenwand gekratzt,bis sie ge- »Und er hat nicht erzählt, was später vorgefallen
blutet haben. Der fehlende Daumen hat ihn letztlich ist?«
umgebracht. Wie ein Hund ist er verreckt, nur weil er »Nein, nie.«
nicht wusste, was er mit seinen Fingern anfangen soll. »Seltsam, dass er nicht von dem Erwachsenen gere-
Er hätte bestimmt noch zwanzig, dreißig Jahre gelebt, . det hat.«
wenn ihm der Bruder auch die Finger abgehackt hätte.« »Geredet hat er von ihm, ihn aber eigentlich immer
»Worüber haben sich die beiden gestritten?« nur verflucht. Die Augen sollen ihm herausfallen, soll
»Ich weiß es nicht, darüber wurde zu Hause nicht ge- er doch statt Finger lauter Daumen haben, die Nägel
redet.« sollen ihm in die Zunge und in das Ding zwischen den
»Hat er den Bruder manchmal erwähnt?« Beinen wachsen ... So ein Zeug hat er erzählt, während
»Ja, natürlich. Er erzählte, wie sie sich während des er mit den Fingernägeln die Wand bearbeitete. Dem
Ersten Weltkriegs in dem schlimmen Winter 191 5, als Ärmsten fielen noch nicht einmal gute Flüche ein, er
ihnen das Holz ausging und der Großvater in Galizien redete zusammenhangloses, dummes Zeug, vor dem
kämpfte, unter der Bettdecke warmgehalten haben. Sie sich kein Kind gefürchtet hätte. Aber er hat gekratzt, er
stellten ihre Fußsohlen aneinander und strampelten hat gekratzt, bis die Nägel an der nutzlosen rechten
dann mit den Beinen, als würden sie Fahrrad fahren. Sie Hand nicht mehr nachwuchsen. Es hat Jahre gedauert,
radelten nach Amerika, nur sie beide, aber sie kamen nie bis ich begriff, wen er da verflucht hat. Er vermischte
an, weil sie immer vorher einschliefen. Viele Kinder die Kindergeschichten von seinem älteren Bruder nie
sind in diesem Winter im Schlaf erfroren, aber die bei- mit dem erwachsenen Tadija Adum. Und wenn er von
den hat das Fahrradfahren gerettet, nicht so sehr Feder- Tadija, dem Teufel, erzählte, dachte er nie an den Bru-
bett und Steppdecke. Als ihnen die Mutter, also meine der.«
Großmutter Anka, erklärte, dass man nicht mit dem »Hat sich der Onkel je nach Ihnen erkundigt?«
Fahrrad nach Amerika fahren kann, sind beide krank »Soviel ich weiß, nicht. Wenn doch, hat es mir meine

>18<
Mutter nicht erzählt. Sie ist vor fünf Jahren gestorben, beunruhigte den Professor, denn er hatte seinen alten
und bis dahin hat sie ihn insgesamt vielleicht zwei-, Volvo vor dem Markt geparkt, und dort wendeten die
dreimal erwähnt. Und zwar nur, wenn ich sie zufällig Lkws häufig.
während der Abendnachrichten im Altenheim besuchte Er stand auf und sah hinunter. Vom sechzehnten
und da Bilder vom belagerten Sarajevo gezeigt wurden, Stock aus sollte man alles sehen, aber er konnte nicht
dann sagte sie: Jetzt kriegt der alte Teufel, was er ver- orten, aus weleher Richtung das Motorengeräusch kam;
dient hat, es gibt einen Gott! Dann bekreuzigte sie sich, der Lkw war von Bäumen verdeckt.
und das versetzte mir einen Schlag. Im Fernsehen sieht Er zog Schuhe an, warf einen Blick in den Spiegel,
man, wie in den Straßen einer Stadt Blut fließt, und sie strich über den Schnauzer und ging hinaus. Es dauerte,
preist Gott dafür. Einfach war das nicht.« bis der Aufzug kam, auch darüber regte er sich ein wenig
»Bestimmt nicht!«, bestätigte der Postbote und ge- auf. Vor dem Haus klaubten Kinder leere Flaschen auf.
nehmigte sich noch einen Travarica. »Onkelehen, Onkelehen! «, rief ein Junge hinter ihm
So saßen sie auf dem Balkon, es war Mittag vorbei, her. Der Professor drehte sich um, die Kinder lachten
aber die Sonne brannte nicht mehr, es war Ende August und zeigten mit dem Finger aufeinander: »Der war's,
und die Jahreszeit zwischen Sommer und Herbst brach der war's!« Mindestens ein Dutzend Kinder, vielleicht
an, in der sich der Mensch am wohlsten fühlt. Schließ- mehr, als wären sie klassenweise zur Reinigungsaktion
lich sah der Postbote auf die Uhr, stand auf und ging mit ausgerückt. Er sah zu ihnen hin, wollte sagen, sie sollten
jenem Stöhnen zur Tür, das auch als Verabschiedung sich schämen, brachte aber nichts heraus. Er gähnte wie
durchgeht, und Professor Adum rutschte tiefer in den ein Karpfen in der Fischabteilung beim Filetieren, und
Liegestuhl und hielt das Gesicht in die Sonne. Er hätte dann rutschte ihm heraus:
bis zum Abend so liegen können und weder gefroren »Ihr scheißungezogenen Bengel!«
noch geschwitzt. Man hörte das Geschrei vom Schulhof, Er erschrak über seine eigene Stimme - hoffentlich
ein paar Jungs spielten Fußball, einer brüllte: »Sascha, hatte ihn keiner der Nachbarn gehört -, drehte sich um
Sascha, ach fick dich, Sascha«, wie in einem Film über und wechselte die Straßenseite. Die Kinder lachten in
Illegale, in dem man bis zum Schluss nicht weiß, ob seinem Rücken. Waren da nur Jungs oder waren es
Sascha nun ein Mann oder eine Frau ist. Vom Markt in Mädchen oder beides ? Komisch, dass ihm in letzter
Utrina drang der Geruch von CevapCiCi und Benzin he- Zeit solehe Sachen entgingen.
rauf, und irgendwo röhrte ein Lkw, der sich in einer Der Volvo stand so da, wie er ihn vorgestern bei der
Gasse verkeilt hatte und nicht wenden konnte, und das Rückkehr aus der Stadt abgestellt hatte. Orangefarben,

>20< >21<
Originallackierung, Baujahr 1975, unfallfrei, erster Pozaic, dessen Namen man in Briefen nicht erwähnen
Halter ... Vor einem Jahr hatte er versucht, ihn zu ver- durfte, weiler auf dem Bild einer Militärparade zu se-
kaufen, aber als ihm so ein Schnösel zweihundert Euro hen war, wie er Pavelic auf einem Schimmel mit ge-
dafür anbot, nahm er davon Abstand und meldete sich zücktem Säbel im Namen des früheren kroatischen
nicht mehr auf Anzeigen. Er wollte mindestens drei- Oberkommandos der Truppen an Isonzo und Piave
bis viertausend für den Wagen bekommen. Es war ein Meldung erstattet, pensionierter österreichisch-unga-
gutes Auto, zuverlässig, es ließ einen nie im Stich. All rischer Offiziere, siebzig-, achtzigjähriger Greise, de-
die Jahre hatte er ihn gepflegt, zweimal pro Jahr große nen der Poglavnik mit der Umbenennung in Reserve-
Inspektion machen lassen, regelmäßig den Ölstand verband des kroatischen Heeres oder wie das damals
geprüft, war immer nur auf asphaltierten Straßen ge- hieß eine Ehre erwies, und auch wenn sich der alte
fahren und nie schneller als hundertdreißig ... Der Pozaic während des Bestehens des unglückseligen Staa-
Volvo schaffte durchaus hundertsechzig, hundertsieb- tes nie wieder in einer Uniform oder in der Nähe der
zig, aber der Professor glaubte fest, dass ein Auto wie U stascha blicken ließ, packte Tante Silva wegen dieser
ein gutes Pferd war, das im lockeren Trab die halbe Welt einen, auf der Titelseite der Spremnost veröffentlichten
umrundet, das man aber nur in Todesgefahr oder wenn Fotografie beim Anmarsch der Partisanen solche Furcht,
die eigene Frau in den Wehen liegt im Galopp reiten dass sie den Greis bis nach Schweden und Stockholm
darf. Der Professor hatte sich nie in Todesgefahr befun- ins Exil trieb, wo der Feldmarschall in den sechziger
den und Frau Ivanka, Gott sei ihrer Seele gnädig, konnte Jahren mit hundert Jahren starb, woraufhin Tante Silva
keine Kinder haben, und so war der Volvo nie schneller Heimweh nach Zagreb bekam, sich aber nicht zurück-
als hundertdreißig gefahren, er hatte ihn nur im Trab traute, obwohl sie niemandem etwas getan hatte, son-
geritten und dreißig Jahre, und manches Jahr darüber dern lieber die Neffen und Nichten, die es Gottseidank
erhalten. Jetzt aber standen sich Halter und Auto gegen- gab, nach Stockholm einlud und in ihrer großen, hellen
über, beide alt und müde, an dem einen zerrte bereits Wohnung direkt an einem Kanal unterbrachte, auf dem
die Schwerkraft des Grabs, während das andere angeb- Enten, Schwäne und andere Wasservögel schwammen
lich nur noch zweihundert Euro wert war, kaum so viel und ins Fenster schauten, als wollten sie sich vergewis-
L
wie die beiden Tankfüllungen, die er 1975 nach Stock- sern, dass dort Gäste aus dem fernen Süden weilten.
holm benötigt hatte, dem Venedig des Nordens, wohin Er stand vor dem Markt, betrachtete den Volvo und
der Professor und Frau Ivanka auf Einladung von Tante fand es unfassbar, dass der gerade mal so viel wert sein
Silva gefahren waren, der Witwe des Feldmarschalls sollte wie das Benzin bis Stockholm. Wesentlich teurere

>22< >23<
Autos, die derzeit durch Zagreb fuhren, würden es schen werden sich auf dem Mond ansiedeln und Mond-
nicht bis Stockholm schaffen, etliche würden auf hal- autos fahren ...
bem Weg liegen bleiben, irgendwo mitten in Deutsch- Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, mit dem
land auf der Autobahn auseinanderfallen, aber der Volvo alt zu werden und darin alles zu beerdigen, was
Volvo, der nachweislich bis zum Nordpol fahren würde, ihm wichtig war. Doch genau das hatte der Professor
war praktisch wertlos. Nur ein altes Auto ist noch we- getan: In dem Volvo hatte er seine Mutter und den Bru-
niger wert als ein alter Mensch. So ist das halt. Schade, der der Mutter und Ivanka beerdigt. Er hatte die fixe
dass das keiner in einem Zeitungsartikel oder besser Idee, sinnlos wie jede fixe Idee, aber trotzdem konnte er
noch in einem Buch aufschreibt, dachte der Professor, sich ihrer nicht erwehren, dass sein Leben wieder einen
denn dieser Satz bliebe als nackte Wahrheit haften, eine Sinn bekäme, wenn er den Volvo losschlagen und ein
von vielleicht zehn oder fünfzehn nackten Wahrheiten
im Leben.
Er war dem Volvo wie einem letzten Freund verbun-
L
neues Auto kaufen könnte. Es wäre ein Zeichen, dass
sein Leben nicht mit vierunddreißig aufgehört hatte.
Faktisch jammerte der professor7"br etwas, wo-
J
den, wollte ihn aber trotzdem los sein, weil ihn das Auto rüber sich jeder andere gefreut hätte.
an etwas erinnerte, das ihm Angst einjagte und von dem »Oho, dreißig Jahre lang ein AU)'b Jahren, das nicht
er nicht sagen konnte, was es war. 1975, als er zum Ent- kaputtgeht! Hat Gott denn ganzsl1'e armen Kfz-Mecha-
setzen des ganzen Lehrerzimmers einen nagelneuen niker vergessen?«, hatte der P$Zl~tbote laut lachend ge-
I
Volvo gekauft hatte, wie ihn weder der Mittelstürmer sagt, als der Professor von pem neuen Auto und den
von Dinamo Zagreb noch der Bildhauer fuhr, der Titos metaphysischen Defiziten.iI'~s alten erzählte.
Denkmäler baute, war Karlo Adum vierunddreißig Bis tief in die Nacht siß Karlo Adum in der Küche
Jahre alt gewesen. Für das Geld hätte man damals ein und las das TelegraDfrh. Wenn er am Ende ankam,
Haus in Sestine oder zwei Wochenendhäuschen auf kehrte er an den Ap'fang zurück und analysierte den
I

Hvar bekommen, aber das war ihm egal, er war jung, Text, den er berei~s' auswendig kannte, Wort für Wort,
und solange man jung ist, muss man sich seine Wünsche einschließlich de'~ Namens des Unterzeichnenden: Dr.
erfüllen, und er hatte sich diesen Volvo gewünscht. Mit Jozo Sunaric, Advokat. Vielleicht war es eine Falle. Es
dem Alter kommen andere Autos, billiger in der An- hatte einenJ6~0 Sunaric gegeben, der war 1918, als das
schaffung und im Verbrauch, Hauptsache, man ist ge- erste Jugo'~'lawien gegründet wurde, zu dem März-
sund und der Kopf sitzt auf den Schultern, Karlo wird Treffen jlon Politikern aus allen südslawischen Län-
noch dies und das fahren, bei dem Anfang, die Men- dern der österreichisch-ungarischen Monarchie nach
r--
I Der Professor hatte um sechs aufstehen und um halb hinter sich abschloss, kam ihm zum ersten Mal der
sieben auf der Autobahn sein wollen, doch der Traum Gedanke, er würde nicht zurückkehren. Das ist in
hat ihn aus dem Takt gebracht. Bis er gewaschen, ange- Ordnung, solche Sachen gehen einem halt durch den
zogen und rasiert war und das Hemd noch einmal ge- Kopf, wenn man eine Pistole dabei hat, tröstete sich
wechselt hatte, weil er auf das erste Rasierschaum kle- der Professor.
ckerte, war es zehn. Eine halbe Stunde später erreichte Er legte sie zusammen mit dem Pass ins Handschuh-
er die Mautstation. Da fiel ihm die Pistole ein, die er zu- fach. Das tat er ohne zu überlegen, wie man es in Filmen
sammen mit dem Reisepass unter dem Bett hatte liegen sieht. Vielleicht gestand er es sich zu diesem Zeitpunkt
lassen. Er wendete mitten auf der Straße und fuhr unter noch nicht ein, aber Professor Karlo Adum hatte das
den Augen erstaunter Polizisten und Fahrer, die vor der Gefühl, wichtiger zu sein. Und mindestens zehn Jahre
Autobahn Schlange standen, nach Zagreb zurück. jünger. Er hatte mehrere Stufen auf einmal genommen,
Er parkte vor dem Hochhaus. Es war Montag, die als er das Hochhaus verließ, das war seit mindestens
Menschen arbeiteten, es gab viele freie Parkplätze, bis zwanzig Jahren nicht mehr vorgekommen, aber er fuhr
auf ein paar Tauben und den Hund von Poparie, dem genau so schnell wie sonst auch: innerhalb der Stadt
pensionierten Staatsanwalt, war alles ruhig. Der Cocker- sechzig, auf der Autobahn hundertzehn - mochte er
spaniel kläffte und jagte die Vögel und machte sich selbst heute Morgen jünger sein, der gute alte Volvo war
wichtig, und der Professor schielte zum Hochhaus hi- es nicht. Der Volvo war der Grund seiner Reise. Aber
nüber, um nicht zufällig Poparie in die Arme zu laufen vielleicht bildete sich das der Professor nur ein.
und sein Reiseziel erklären zu müssen. An der Abzweigung nach Ivanie tankte er. Auf dem
Es war ein schöner Tag, es ist immer schönes Wetter, Weg zur Kasse fiel ihm ein, dass er den Wagen nicht ab-
wenn man verreist, aber eigentlich lieber bleiben würde. geschlossen hatte. Vor einem Diebstahl hatte er keine
Vor dem Nachbarhaus stand ein Krankenwagen, am Angst, wohl aber, dass jemand ins Handschuhfach
Hauseingang roch es nach' angebrannter Milch, am schauen - da legen Leute oft ihre Wertsachen hinein,
Spiegel im Fahrstuhl lief Spucke herunter. Wer immer Sonnenbrillen, Mobiltelefone, Geldbörsen - und die
sich darin sah, sah sich angespuckt. An der Wand neben Pistole finden könnte. Und ihn anzeigen würde. Pro-
dem Spiegel klebte ein Foto der heiligen Muttergottes fessor Karlo Adum dachte ernsthaft, einer, der sich an
von Marija Bistrica und darunter stand: »Möge Gott fremden Eigentum vergreift, könnte ihn wegen uner-
dieses Haus segnen.« la4bten Waffenbesitzes anzeigen. Später, als er darüber
Er holte Pistole und Reisepass, und als er die Tür nachdachte, fiel ihm selbst auf, wie aberwitzig diese
Annahme war, Kriminelle zeigen niemanden an, und mit seinem Volvo aus den Siebzigern war bestimmt
Pistolen im Auto sind für sie nichts Ungewöhnliches. weder kriminell noch wichtig. Der war ein Niemand,
Wer weiß, am Ende genießt eine Crvena Zastava Bau- den konnte man wegpusten, was immer er tut, tut er
jahr I966 bei Dieben hohes Ansehen, vielleicht war es zum letzten Mal, der schaufelt schon an dem Grab, in
eine gute, wertvolle Waffe, ein Schießeisen für Lieb- das er sich bald legt.
haber, für Leute wie Toni Glowatzki oder den verstor- Der Dicke schmeißt die Karte über den Tresen, fast
benen Relja Basic. wäre sie auf den Boden geflogen, und Professor Adum
Während er einem älteren Mann in dem schmierigen sieht genau, wie er auf den Mann schießt und der mit er-
Overall mit der Aufschrift INA seine Diners Card hin- hobenen Händen rückwärts in die Scheibe fällt, wäh-
hielt und der genervt stöhnte, weil er mit Bargeld besser rend er langsam, einen Schritt nach dem anderen, mit
, zurecht kam, malte sith der Professor aus, wie Relja einem Gesicht wie Relja Basic und den Taschen voll
Basic aus der Innentasche statt des Portemonnaies eine Geld zum Volvo geht.
Pistole holte und mit gedämpfter Stimme wie auf den »Auf Wiedersehen.«
Grammofonplatten in den Antiquariaten auf der Ilica »Auf Wiedersehen und gute Reise«, antwortet der
sagte: Dies ist ein Überfall, bitte legen Sie das ganze Tankwart automatisch. Eine oder zwei Minuten später
Bargeld auf den Tresen. Oder wie ein Crvena-Zastava- wird er den Alten mit der Diners-Karte vergessen haben.
Liebhaber sagen würde: Mann, schieb die Kohle rüber. Zu beiden Seiten der Straße flogen Telegrafenmasten,
Während der Professor seinen Gedanken nachhing, Mais- und Hopfenfelder und alte Umspannhäuschen
stöhnte und seufzte der Tankwart, weil die Maschine vorbei, die lange vor dem Krieg mit der Werbung für
partout die Karte nicht lesen konnte und es ihm wahn- die Elektronska Industrija Nis bemalt worden war; die
sinnig wichtig war, dass der ,alte Kerl vor ihm sein Stöh- Buchstaben der subversiv-feindlichen Aufschrift konnte
nen bemerkte, seine UnHöflichkeit missbilligte oder man noch ahnen. Professor Adum bremste vor jedem
irgendetwas sagte, damit er endlich einen Grund hatte, Häuschen auf neunzig ab, las, buchstabierte und fragte
zu explodieren und herumzubrüllen. Die Zeiten sind sich, ob außer ihm niemand die Reklame für eine Firma
schwer und gefährlich, man muss schon aufpassen, wen bemerkte, die es nicht mehr gab und deren Fernseher
man anschreit, wenn man an einen Kriminellen gerät, längst schon durchgebrannt waren; neben der Straße
macht der einen fertig, gerät man an ein hohes Tier, rennt standen hohe Schornsteine vor grauen Fabrikhallen mit
der direkt zum Chef, so oder so hat man verloren, wenn zerbrochenen Fensterscheiben, endlose Wiesen mit nicht
man sich wehrt. Aber der mickrige, elende Rentner da gemähtem Gras, verrottende Stoppelfelder, die in der
spätsommerlichen Sonne kurz vor der Selbstentzün- Ober- und Unterlängen der deutschen Buchstaben häss-
dung standen, Hochspannungsleitungsmasten mit roten lich und drohend schimmerten. Er hatte geweint, als
Warnblitzen, die an ss-Offiziere in BBc-Dokumenta- ihn die Mutter zu diesem Bus gebracht hatte. Er bettelte,
tionen erinnerten, dann wieder Telegrafenmasten, einer in einen anderen gesetzt zu werden, auf dem halb zer-
nach dem anderen, aber vielleicht waren auch das störten Bahnhof standen fünf weitere Busse, und in alle
Hochspannungsleitungen, überlegte der Professor, nur stiegen Kinder ein, die von ihren Eltern begleitet wur-
eben ältere aus der Zeit vor dem Krieg, denn wer den, aber sein Bitten und Betteln waren umsonst. Mach
braucht heute noch Telegrafen oder hätte von jeman- mir keine Scherereien!, sie zerrte ihn grob zur Tür, wäh-
dem gehört, der einen Telegrafen benutzt. Auf einem rend ihm das Blut gefror beim Anblick der Buchstaben.
1 Rastplatz standen drei Sattelschlepper mit großen roten Er glaubte genau zu wissen, wohin ihn ein solcher Bus
Halbmonden uhd Buchstaben auf der Plane. Der Pro- bringen würde. Sie setzte ihn nach hinten, weit weg von
.fessor schüttelte sich, so unangenehm war ihm der An- der Tür, damit er nicht wegrannte, gab ihm einen feuch-
1
blick. Er dachte an Männer, die vermutlich in ihren ten Kuss auf die Backe und ging. Seine Mama Cica,
Kabinen schliefen, unrasiert und verschwitzt, mit fetti- JosipaAdum, geborene Stambolija, Schneiderin und
gen schwarzen Haaren und leichtem Schlaf, sie wachen Modistin, Salon Mona Gi~zia, Aleksandrova 54. Das,
bei jedem Rascheln auf, denn sie sind es gewohnt, so zu so h~tte sie ihm beigebracht, solle er sagen, wenn er mal
schlafen und zu reisen, um Frau und sieben Kinder da- verloren ginge. Und dann gab sie ihm bei dem Wort
heim in Istanbul, Ankara oder Izmir zu ernähren. Modistin und beim Salon Mona Grazia eine Ohrfeige,
Während er sich die schlafenden Türken vorstellte, schalt ihn einen begriffsstutzigen Dummkopf, der sie
überlegte sich Professor Karlo Adum zum ersten Mal, alle noch ins Gefängnis bringen würde. Er war klein,
wohin er selbst fuhr. Von diesem Gedanken wurde ihm ganz, ganz klein, in den Bergen rundum wurde noch ge-
leicht übel und schwummerig. Er zog die Nase hoch, schossen, man hörte das Echo britischer Bomben, und
schluckte den Schleim hinunter und beschloss, an etwas er verstand nicht, warum er plötzlich nicht mehr Mo-
anderes zu denken. distin sagen durfte und Mama ihn für Mona Grazia ohr-
Er erinnerte sich, dass er 1948 im Mai, auf den Gip- feigte. Vor ein paar Tagen oder Monatennoch, eigent-
feln der Berge lag noch Schnee, mit dem Bus ans Meer lich bis gestern, bis zu dem Sonntag, an dem Bischof
gefahren war. Der Bus war olivgrün und auf beiden Sei- Ivan Evandelist Bonbons in glitzernden Papierchen mit
ten mit Fraktur beschriftet, die Beschriftung war mit dem Bild des Poglavnik darauf an die Kinder verteilt
gewöhnlichem Kalk übermalt worden, durch den die hatte, hatte sie ihn geküsst, weil er in einem Atemzug
alles von Mama Cica bis Mona Grazia nachgesprochen merte. Auf der anderen Seite der Scheibe standen Ma-
hatte, und ihm gesagt: »Wer ist Mamas Stolz, wer ist mas, aber nicht Mama Cica. Sie war gegangen und hatte
Mamas kleiner Duce, Mamas Schutzengel, Mamas Füh- nicht zurückgeschaut. Die Mamas winkten ihren Kin-
rer.« Während Männerbeine in hohen, schwarzen Stie- dern, ihn bemerkten sie nicht einmal, oder jede hielt ihn
feln über das Parkett spazierten, das nach Petroleum für das Kind einer der anderen Mütter. Fast sechzig
roch, und der Widerhall deutschen Lachens zu hören Jahre später dämmerte ihm, dass es so gewesen sein
war, nahm Mama die Maße für Schulterbreite und Bein- musste, dass sie ihn nicht absichtlich ignoriert hatten.
länge ab und sagte dabei mit trauriger Stimme: »Wenn Damals hatte er geglaubt, sie wüssten ganz genau, dass
Sie wieder nach Zagreb gehen, dragi moj Oberst Spit- er allein war, dass seine Mama weggegangen war und
zer, mein lieber General Mrkonjic, mein lieber Freu- nie mehr zurückkommen würde, während sie da waren
denreich, denkt an eure verlassene Mona Grazia, die in und bis zum Schluss blieben, ihren Söhnen zum Ab-
dieser finsteren orientalischen Provinz zurückbleibt.« schied winkten, wie die kroatischen Mütter beider Reli-
Karlo verband diese Zeit mit dem Geschmack von gionen auf dem Bahnhof gemeinsam mit Ivan Evandelist
Schokolade und dem Geruch von Petroleum. und drei Hodschas den Rittern gewinkt hatten, die nach
Und gerade als er aus der Erinnerung an Schokolade Stalingrad fuhren, um Europa gegen die asiatische Ge-
herausgewachsen war und so viel Verstand hatte, dass er fahr zu verteidigen. Mütter, die stolz auf ihre Söhne
nie, nicht einmal im Schlaf, in die Wortreihe - Mama sind, bleiben.
Cica, Josipa Adum, geborene Stambolija, Schneiderin, Im Fraktur-beschrifteten Bus fuhren die, die ~terJjen
Volkshandwerksbetrieb - ein Wort einbaute, von dem mussten. I

man stirbt und das einen unverhofft metallischen Ge- Noch heute zog sich ihm alles zusammen bei dem
schmack im Mund nach sich zieht, gerade da, erinnerte Gedanken, der ihn in den schlimmsten zehn Stunden
sich Professor Adum, während er mit dem Volvo durch seines Lebens seit dem Betreten des Busses verfolgt
die pannonische Ebene glitt und Zagreb im vormittäg- hatte, denn mit vollendetem siebten Lebensjahr glaubte
lichen Strahlen und Vergessen hinter sich zurückließ, er, in der alten deutschen Rostschüssel, einer Kriegs-
weckte ihn Mama vor Morgengrauen und brachte ihn beute, die der Kinderabteilung im Volkskrankenhaus
zum Busbahnhof und diesem hässlichen, olivgrünen zur Nutzung überlassen worden war, zum Tode verur-
Bus mit Frakturbuchstaben, die mit einer löchrigen teilt zu sein.
Kalkschicht mehr schlecht als recht abgedeckt waren. In dem Bus saßen nur Jungen, die meisten jünger als
Er saß da, die Stirn an die Scheibe gelehnt, und wim- er, riesige Wasserköpfe, rasierte Glatzköpfe mit unge-
sund roter Gesichtsfarbe. Sie ähnelten sich, sahen aus war kräftiger und dicker als er, wenn auch nicht älter.
wie Brüder, leere Blicke und halboffene Münder, schlitz- Der Erzieher hatte ihn bereits zweimal mit dem Rie-
äugig wie die betrunkenen Mandarine im Bilderbuch men auf die nackten Beine geschlagen und dabei Karlo
Vom Opiumkrieg, Zagreb 1944, das ihm Mama zum jedes Mal nur knapp verfehlt. Auf der Haut des Jungen
Durchblättern gegeben hatte, wenn er Fieber hatte oder brachen zwei rote Schlangen auf, eine war am oberen
sie spät am Abend das Haus verließ, weil sie es nicht Ende blutig, und um diese Schlangen bildeten sich blaue
mehr ertrug, den Vater fluchen und mit blutigen Finger- Venen und gerissene Äderchen. Die Schlange sollte in
nägeln die Wand kratzen zu hören. Einige Buben fingen den nächsten Stunden wachsen und über die Beine des
laut an zu heulen, als ein bleicher, blauäugiger Jüngling Jungen wandern und die Farbe von Rosarot in ein
mit runden Brillengläsern, kaum größer als ein Zwerg, schreckliches Dunkellila umschlagen, wie die Paspeln
den Bus startete und zwei-, dreimal zum Abschied hupte. und der Saum am Mantel von Hochwürden Sabol.
Die anderen kauerten sich in die zerrissenen, dreckigen Karlo dachte, wenn er schreit, kriegt er auch was auf
Ledersitze und zogen die schmutzigen, gelben Vorhänge die Beine.
übers Gesicht, wahrscheinlich' in der Hoffnung, sie Und holte mehrfach Luft, um zu schreien, traute sich
würden auch verschwinden, wenn sie selbst nichts mehr aber nicht. Er betrachtete seine dünnen Oberschenkel,
sahen. Einige fingen an, völlig unmenschliche Schreie sie waren dreckig, weil er sich die Hände daran ab-
auszustoßen, und hörten bis zum Ende der Fahrt nicht wischte, und verschwitzt, und er dachte voll Angst, dass
mehr auf, aber diese Schreie störten die Begleitpersonen sich im Moment des Schmerzes alles verändern würde.
nicht im mindesten. Nur wenn welche laut losbrüllten Aber jetzt, während der Fahrt mit der Pistole im
oder sich von ihrem Platz erheben wollten, schwang der Handschuhfach, konnte er schreien, so viel er wollte.
Erzieher einen dünnen, glä:ozenden Lederriemen, eine Verschwunden waren der Bus und die Jungen darin,
Art improvisierte Peitsche, und ließ sie auf die nackten verschwunden auch die beiden Begleitpersonen und
Oberschenkel klatschen, genau hinter dem Saum der der blonde Fahrer, der SerjoZa hieß und so groß war wie
kurzen Hosen, anschließend heulte der Getroffene eine ein Siebenjähriger, verschwunden die Reihe enger,
Weile über den unerwarteten Schmerz, schrie aber nicht schrecklicher Schluchten mit grünen Flüssen unten in
mehr so laut. der Tiefe, die gewundene Straße und die Tunnels, in
Einer dieser Schreihälse saß neben Karlo. Er hatte die denen der Bus beinah stecken geblieben wäre, verklun-
Augen von einem, der zu allem bereit ist. Wenn er gen das Lied, das die Schreie der Kinder übertönte:
brüllte, bekam Karlo es mit der Angst zu tun. Der andere »0 Marijana, süße kleine Marijana ... «
[ . Wenn Professor Karlo Adum daran dachte, dass er
nach über einem halben Jahrhundert nach Sarajevo zu-
rückkehrte, wurde er noch langsamer. Während er so
über die Autobahn schlich, kam ihm nicht einmal in den
Sinn, dass er umdrehen und zllrückfanren könnte. Es
war aus, so schien ihm, es war aus, seit er in Rente gegan-
gen und seine Ivanka gestorben und sein Leben ein einzi-
ges Warten auf den Tod war und nichts sonst. Aber weil
er noch nicht gestorben war, konnte dieses Telegramm
wenigstens sein Leben ändern, dieses wunderliche, un-
glaubliche Telegramm, in dem Doktor Jozo Sunaric den
drei Erben (Namen in Klammern) mitteilte, »dass der
Pensionär Tadija Melkior Adum in Sarajevo im Ange-
sicht des Herrn, Jesus Christus, verschieden ist und in
seinem Testament, das er mit amtsgerichtlicher Beglau-
bigung bei Unterzeichnetem hinterlegt hat, die persön-
liche Anwesenheit bei der Verlesung des letzten Willens
zur Vorbedingung für einen Anteil an dem nicht unbe-
trächtlichen Erbe erklärt hat. Den Tag der Testaments-
eröffnung wird Unterzeichneter nach dem ausdrück-
lichen, im Testament niedergelegten und amtsgerichtlich
beglaubigten Wunsche des Erblassers festsetzen, sobald
die drei Begünstigten in Sarajevo eingetroffen sind oder
schriftlich bzw. mündlich erklärt haben, auf die Anreise
und damit auch auf das Erbe verzichten zu wollen, oder
sofern sie sich nicht innerhalb einer angemessenen Frist
fernmündlich oder anderweitig bei Unterzeichnetem ge-
meldet haben sollten und dieser daraus auf eine Zurück-
weisung des Erbe~ schließen kann.«
. 'I
Sollte es sich um eine Falle handeln, dachte Professor über Sarajevo wusste, nichts von der Stadt wusste, ob-
Adum, wäre er nicht weiter traurig, aber er würde sich wohl"e;jedes Mal Sarajevo gesagt hatte, wenn ihn Schal-
auch nicht unter Wert verkaufen; sollte man ihn in Sara- terbeamtinnen oder Polizisten nach seinem Geburtsort
jevo ausrauben wollen, würde er sich mit allen Mitteln fragten, aber da hatte der Professor nie an das echte
verteidigen. Sollte es hingegen keine Falle sein, sollte, Sarajevo gedacht, die echte bosnische Stadt, das Wort
Tadija Melkior Adum, sein Onkel und der Familienteu- war vielmehr eine Chiffre, eine inhaltsleere, bedeu-
fel, tatsächlich über hundert Jahre alt geworden sein tungslose Losung, die er aussprechen musste, um zu
und ihm etwas hinterlassen haben, dann dürfte es tat- beweisen, dass er er war, Karlo Adum, der Gymnasial-
sächlich etwas zu erben geben. Tadija war rücksichtslos lehrer für Geschichte mit einer Magisterarbeit über die
und empfand keine Gewissensbisse wegen des Daumens Rezeption von George Washington im kroatischen
seines Bruders, wollte sich aber wohl freikaufen, bevor Schrifttum des 19. Jahrhunderts; das Wort Sarajevo
er zu seinem Schöpfer ging, und dafür wären ein-, zwei- hatte er ausgesprochen, wie die Lautsprecher am Flug-
tausend Kuna zu wenig, spekulierte der Professor. Es hafen Hunderte von Städtenamen verkünden: routiniert
würde, so hoffte er, für ein neues Auto reichen, so dass und kalt und ohne Gedanken daran, dass die jeweilige
er sich von dem guten alten Volvo trennen konnte, der Destination Menschen etwas bedeuten könnte.
ihn, so gern er ihn hatte, denn etwas Lieberes als dieses Ihn erschreckte der Gedanke, dass Sarajevo anders
Auto besaß er auf dieser Welt nicht, an die Naivität und war und er in Kürze mit den Formen dieses Seins kon-
Unvernunft seiner Jugend erinnerte. Er hatte ihn als frontiert sein würde. Nur das und sonst nichts ging ihm
vierunddreißigjähriger Gymnasiallehrer für Geschichte durch den Kopf. Bei der Ausfahrt Nova Gradiska glich
erworben, in einer Zeit, die er wie alle anderen Kroaten Sarajevo der Angst vor dem Tod.
und Katholiken hinter sich Jassen musste. Und sollte er Er hielt bei einem Schnellrestaurant an einer Tank-
einen Tag später tot umfallen, dann wenigstens als freier stelle. Das Auto stellte er so ab, dass er es durchs Fens-
Mann. ter sehen konnte, überlegte kurz und schob die Pistole
Er hatte, während er an der Ausfahrt Nova Gradiska doch in die Jackentasche. Eines Sommers, 1981 oder
vorbeifuhr, eigentlich nur Angst, weil er Sarajevo nicht 1982, jedenfalls nach Titos Tod, verbrachten Ivanka
kannte, nicht wusste, was das für eine Stadt war, nicht und er die Sommerferien in Trpanj auf Peljesac. Der
wusste, ob ihn jemand am Nachnamen erkennen und an Volvo stand vor dem Haus, in dem sie ein Zimmer ge-
Rache denken würde, trotz der vielen Bilder vor allem mietet hatten, eine private Unterkunft, »Zimmer frei«,
während des Krieges in Presse und Fernsehen nichts eine Camera obscura mit Blick auf einen gesprengten
11
Felsen, in dem die Toilette gebaut werden sollte, aber vier Tische für Gäste standen, die nichts essen wollten.
dann wurde Onkel Miho krank und alles ging zum Die Kellnerin kam, eine große, dunkle Frau mit einem
Teufel, ach ein elendes, elendes Leben ... Und so er- Bläschen an der Lippe - eigentlich hieß das Herpes,
wachten sie sieben Tage lang jeden Morgen mit Blick aber dem Professor war Bläschen lieber -, und sagte,
auf diesen gesprengten Felsen statt mit Meerblick, wie hier sei Selbstbedienung und er könne hundert Jahre da
in der Anzeige der Vecernji list versprochen, um am sitzen und würde nicht bedient.
achten Morgen von einer panisch an ihre Tür klopfen- »Und wer hält mir den Platz frei, wenn ich auf-
den Vermieterin geweckt zu werden: Heilige Jungfrau, stehe?«, fragte er.
hilf mir, Höllenschlund ..., sie schrie lauter wirres Zeug, »Hier wird kein Platz freigehalten«, raunzte sie ihn
Karlo stand auf, rannte in Unterhosen aus dem Zimmer, an, und er betrachtete das Bläschen, das offensichtlich
die Vermieterin sprang zur Seite und sprach mehrere anschwoll und aussah, als würde es jeden Moment plat-
passende Gebete, er war schon im Hof bei dem Volvo, zen.
dessen Scheibe eingeschlagen war und auf dessen Bei- »Mich hat eine Schnake gestochen«, sagte sie, »heute
fahrersitz ein ordentlich gelegter Haufen menschlichen morgen. Glaubst du mir nicht, oder?«
Kots lag. Der Dieb hatte sich vermutlich geärgert, weil »Doch.«
er nichts zum Stehlen gefunden hatte. Sie fuhren am sel- »Nein, nein, das ist mir doch klar«, lachte sie.
ben Tag nach Zagreb zurück. Der Volvo roch nach tro- »Warum sollte ich es nicht glauben?«
pischen Früchten aus der Spraydose, und Ivanka weinte »Weil es wie Aids aussieht, oder? Genau wie Aids.«
die ganze Zeit. »Davon verstehe ich nichts.«
»Denk doch an die Unglücklichen in Kambodscha«, »Wie soll denn das gehen. Alle wissen es, sie tun nur
er wollte sie trösten, »die wllrden vertrieben und durf- so. Sag schon, was willst du trinken. Ich bring's dir, ob-
ten überhaupt nichts mitnehmen. Dabei haben sie seit wohl das nicht mein Job ist.«
zwei-, dreihundertJahren in ihren Häuschen gewohnt.« »Kaffee, meine Liebe, und Mineralwasser.«
»Wirklich so lange?«, fragte Ivanka durch die Trä- »Ach nein, und Mineralwasser! Ich habe dir doch ge-
nen. sagt, dass das nicht mein Job ist und ich dir nur einen
An die Flüchtlinge aus Kambodscha mussten sie spä- Gefallen tue.«
ter immer denken, wenn es ihnen nicht gutging. »Gut, dann eben ohne Mineralwasser.«
Professor Karlo Adum nahm also seine Pistole und »Ich heiße Kata«, sagte sie, als sie mit Kaffee und Mi-
setzte sich im Restaurant in die Nähe des Ausgangs, wo neralwasser zurückkam. »Nur damit du weißt, wer dir
einen Gefallen getan hat, und es nicht vergisst. Kata, ten, das ihnen für lächerliche vierzig Kuna pro Person
merk dir das.« in diesem Restaurant am Weg nach Krakau oder War-
»Mach ich, Kata.« schau geboten wurde, auf dem Weg in die Privathölle
Entlang der Glasvitrinen, in denen kroatische Natio- eines weiteren Winters, den man überleben musste und
nalgerichte dampften, die aus Töpfen, Krematorien und während dem man gut verdienen muss, um in einem
Mikrowellenherden aufgeschöpft wurden, schob sich Jahr wieder ans Meer zu fahren, nach Kroatien, in unser
,0 eine Schlange polnischer Touristen mit gelben Tabletts ach so schönes Kroatien, in dem heißblütige Südslawen
in den Händen. Zwei Busse mit Krakauer Kennzeichen am frühen Morgen Teile ihrer Toten herausholen, ge-
standen hinter der Tankstelle auf dem Parkplatz, die sotten und gebraten, Schwein und Rind, und zum sieb-
Fahrer standen daneben, rauchten und passten auf. Sie ten, achten Mal im heißen Dampf, im Mikrowellen-
trugen grüne Uniformen, wie Offiziere eines ehemali- herd, im heißen Öl oder im Backofen mit Schweinefett
gen Heeres. Man sah, dass sie Zeit hatten, sie würden aufwärmen und ihren Gästen aus dem Norden als jenes
warten, egal, wie lange es dauerte, sie hatten es nicht eilig, Einzige präsentieren, was sie wirklich können, sie sozu-
Polen war weit weg. Und die Reisenden öffneten die sagen als eine Art Substrat des Kroatentums anbieten.
Glasdeckel und nahmen sich Wiener Schnitzel, Sarma, . Und die Nordslawen hauen Gott sei Dank rein, auch
Pasticcio, Moussaka, Grenadiermarsch, CevapciCi in die Franzosen und Deutschen hauen rein, denn sie glau-
abgestandenem, fest gewordenem Öl, das an die zuge- ben ihren Gastgebern rückhaltlos selbst dann noch,
frorenen Flüsse des Nordens im Winter 1940 erinnerte, wenn sie infolge des ranzigen Öls oder des verdorbenen
Weißkohleintopf, Topfenstrudel gekocht und gebraten, Schweinefleischs am ganzen Körper einen N esselaus-
aufgeschnittenen Braten und Kirschstrudel. Sie nahmen schlag bekommen, zumal das Fleisch so schmeckt, als
von allem ein bisschen, ordl1eten es auf ihren Tellern an, stamme es aus einem der Massengräber in der näheren
manche hatten zwei oder gar drei Teller auf ihren Tab- Umgebung, ob aus einem, in das Serben Kroaten war-
letts, denn auf einen hätten die ganzen kroatischen fen, oder einem, in das Kroaten Serben warfen, das ist
Gerichte gar nicht gepasst, die den Polen in den vergan- den Touristen sowieso egal, wer denkt bei einer Fahrt
genen drei Wochen, die sie in Vodice oder Rogoznica ans Adriatische Meer, an die schönste und abwechs-
verbracht hatten, so gut gemundet hatten, dass sie, auch lungsreichste Küste der Welt, schon darüber nach, ob
nachdem sie die Heimfahrt mit Ausflügen nach Medu- bei den letzten Massakern mehr Serben von Kroaten
gorje, Mostar und Sarajevo hinausgezögert hatten, jetzt oder mehr Kroaten von Serben umgebracht wurden. So
voll Sehnsucht nach dem bisschen Kroatischen hasch- uninformiert und uninteressiert an unserer Geschichte
die Gäste sonst sein mögen, sie wissen doch genau, dass bei, gewohnt, dass ihr Leben nicht allzu viel wert ist,
es den Südslawen im Blut liegt, sich nichts schuldig zu dass man mit wenig zufrieden sein muss, so gingen sie
bleiben, und dass sie die heute offenen Rechnungen in und schaufelten sich die Teller voll, lachend, den Blick
fünfzig Jahren begleichen werden, so wie die von vor in eine glücklichere Zukunft gerichtet, gingen sie, glück-
fünfzig Jahren gestern beglichen wurden. Und da es lich, weil ihnen niemand was verbietet, niemand sie
beim Blut kein Gleichgewicht gibt, wird unser südsla- schlägt oder schmäht, so wie sechzig Jahr zuvor ihre
wisches Schlachten ebenso wie das Aufwärmen toter Großväter, die mit Seife in den Händen und einem Hand-
Schweine und Rinder in kroatischen Nationalgerichten tuch über der Schulter nach der langen Fahrt im Vieh-
nie ein Ende haben. In der langen heldenhaften Ge- waggon in die modernsten deutschen Duschen gingen.
schichte Kroatiens ist kein einziges Wiener Schnitzel je Er sah sie, der Professor, behext von ihrer Disziplin, er
weggeworfen worden. sah sie und konnte nicht glauben, dass diese Polen zum
So sah Professor Karlo Adum der endlosen Schlange zweiten, dritten, hundertsten Mal in einem Jahrhundert
von Polen und Polinnen in kurzen Hosen und bunten so leicht an der Nase herumzuführen sind. Und da sit-
Röcken mit ihren sonnenverbrannten, sich schälenden zen sie, glücklich und zufrieden kauen sie Wiener
Beinen zu, den blonden, verschorften Kindern, die vom Schnitzel und zermalmen kroatische Sarma, während
Sommerurlaub in Dalmatien ganz zerstochen und zer- ihnen die Restaurantbesitzer bezaubert zuschauen und
schlagen waren, er sah sie vorbeigehen und ihre Teller denken, dass ihre kroatischen Kinder sich an diesen
füllen, glücklich und zufrieden, und wenn einer voll fünfzehn Tage alten und fünfzehnmal aufgewärmten
war, stellten sie einen zweiten und dritten aufs Tablett, Wiener Schnitzeln vergiften würden, aber schau, die
überzeugt, genug Zeit zu haben, um alles aufzuessen, kleinen Polen essen sie, und es passiert ihnen nichts.
die ewig optimistischen Polen, die melancholischen Denn würde ihnen was passieren, würden ihre Eltern
Verwandten Chopins, in der Schlange vom kroatischen im nächsten Jahr bestimmt nicht wiederkommen, aber
Schnellrestaurant auf der Autobahn Zagreb-Belgrad, sie kommen wieder, bei Gott, und kommen immer wie-
mitten in historischen Umständen, von denen sie nichts der, Jahr um Jahr, glücklich, weil der Kommunismus
wussten, sie gingen an ihm vorbei und sahen ihn nicht, gestürzt ist und sie jedes Jahr zu ihren Brüdern im Süden
sie ahnten nicht, dass er eine Pistole in der Hosentasche mit ihren Nationalgerichten, den CevapciCis und Mous-
hatte und in der Pistole sechs Patronen und zweihun- sakas fahren dürfen, in denen - so wie das Polenturn in
dert weitere in einer Schachtel, die tief in Ivankas Kof- Chopin und Sienkiewicz - unser ganzes Kroatenturn
fer versteckt war, die disziplinierten Polen gingen vor- enthalten und verkörpert ist. Das, wodurch wir uns als

>60< >61<
Kroaten fühlen, worauf wir am meisten stolz sind und nicht zu verletzen. Ihre Rücksichtnahme kennt keine
wofür wir jeden, der es uns nehmen wollte, verprügeln Grenzen, und deshalb hätte der Professor nie laut ge-
würden, macht uns gleichzeitig zu österreichischen An- sagt, dass die Sarma aus der Türkei und Serbien, dass
alphabeten und türkischen Wilden. Das weiß Professor r das Wiener Schnitzel aus Österreich kommt, dass der
Karlo Adum, aber ihm würde nie einfallen, es laut zu Grenadiermarsch und die Moussaka Formen der kroa-
sagen. Denn was sollte er tun, hätte man ihn so reden tischen kulturellen und zivilisatorischen Anverwand-
1
gehört, wie sollte er erklären, wer er ist und warum er lung und Vermengung, aber definitiv nicht ursprüng-
so von den Kroaten und dem Kroatenturn denkt. Es ist lich kroatisch sind und dass schließlich ziemlich wenig
nicht wichtig, dass er das nur denkt, wenn es um Sarma auf dieser Welt rein kroatisch ist, außer zum Beispiel
und Strudel geht, die widerlichsten unserer Spezialitä- der U stascha. Die ist rein kroatisch.
ten, labberiger als Nudeln und schlechter als unreifer Er marschierte auf dem Parkett der Mona Grazia und
Kuhkäse, Spezialitäten, die nicht aus einer unserer Re- sang das Kampflied von des Führers Falken, und Mama
gionen stammen, sondern aus dem Hotel Esplanada, Cica tanzte ausgelassen im Takt ...
denn unsere Identität ist vor allem die von Zimmer- Er trank den Kaffee aus, saß noch ein Weilchen, bis
mädchen und Empfangschefs, im historischen Sinn sind die Polen von ihren Tischen und Stühlen aufstanden
wir Kellner, die nur auf ein gutes Trinkgeld aus sind, und alle gleichzeitig zu ihren Bussen strömten. Er sah
und dafür, siehst du, dafür haben wir sogar drei Wörter: ihnen nach und dachte an ihre Mägen. Er dachte, dass es
trinkgelt, bakschisch und napojnica, und wir haben nicht leicht war, Pole zu sein, denn dann steckst du drin
auch unseren Staat immer nur als ein Trinkgeld bekom- und siehst nicht weg wie ein Junge in einer kleinen
men, zuerst von Hitler und dann auf noch groteskere schwarzen Uniform.
Weise von Franjo Tudman.,. Kroaten sind bei Vukovar Er warf die Pistole ins Handschuhfach und drehte
und in der bosnischen Posavina mit dem Namen Tudman den Zündschlüssel.
auf den Lippen und der Dankbarkeit eines Kellners im So langsam er auch fuhr, Slavonski Brod kam immer
Herzen gefallen, dachte Professor Adum, aber er schwieg näher und mit ihm die Grenze, über die er fahren
wie ein Grab. Er wusste, wie teuer ihn ein falsches Wort musste. Er verstand seine Angst nicht, er wusste schon
zu stehen kommen konnte. Er spürte die Empfindlich- selbst nicht mehr genau, wovor er alles Angst hatte,
keit der Kroaten, was wiederum bedeutete, dass er selbst aber er musste fahren, es gab nicht die Möglichkeit zur
ein echter Kroate war. Kroaten liegt es im Blut, dass sie Umkehr, denn er ließ nichts zurück, alles war tot oder
empfindlich sind und schweigen, um andere Kroaten Vergangenheit, war ein Taschenspielertrick, mit dem er

>62<
--- - - - - - - - - - - -

sich selbst hereingelegt hatte, als er sich vor langer Zeit autder Autobahn fuhr er kaum fünfzig Stundenkilo-
nicht getraut hatte, und deswegen musste er jetzt diese meter, ringsum hupten und winkten erzürnte Renn-
Grenze überfahren, gleichgültig, was dieser Übertritt fahrer, mit einem Dampfschifftuten überholten ihn auf-
bringen mochte. gebrachte türkische Lastwagenfahrer, auf allen Seiten
Eine neue und sehr konkrete Angst erfasste ihn, als er kochte und brodelte das spätsommerliche Babyion,
daran dachte, dass die bosnischen Polizisten oder Zoll- gnädiger und geduldiger sind nur die Fahrer mit Belgra-
beamten die Pistole finden könnten. Er erinnerte sich der Kennzeichen oder aus N ovi Sad; sie hupen und
an einen amerikanischen Film, in dem ein Tourist in der winken nicht, sondern machen sich so unsichtbar wie
Türkei mit einem Bröckchen Haschisch erwischt wird. möglich, damit sie so schnell wie möglich die ~er.1J~~che
Ob es ein Spiel- oder ein Dokumentarfilm war, daran Grenz~.erreichen und wieder zu Hause sind, Barbaren
konnte er sich nicht mehr erinnern, auch nicht daran, werden, die nach Schnaps und Zwiebeln sti~ken und
woher der Amerikaner das Haschisch hatte - zumal der hupen, was das Zeug hält. Wie kastriert sind doch die
Professor zu den Menschen gehörte, die nur schwer Serben, wenn sie sich auf kroatischem Boden befinden!
glauben können, dass ein ehrlicher, normaler Mensch Aber der Professor bemerkte sie nicht. Er überlegte,
auch nur weiß, was Haschisch ist -, aber er hatte sich wie er sich umbringen könnte, wie er sich die Pistole
sein eigenes Entsetzen genau gemerkt und das tiefe Mit- schnappen, sie dem Zöllner aus den Händen reißen und
leid mit einem Mann, der in ein türkisches Gefängnis sich in den Mund schießen könnte. Er überdachte die
muss unter türkische Mörder, Vergewaltiger und Kin- Bewegungen, die er machen müsste, die Geschwindig-
derschänder, unter Leprakranke und Syphilitiker, mit- keit und Kraft, die nötig wäre, und es schien ihm schon
ten in eine fremde Sprache, von der er nicht ein Wort möglich zu sein, vor allem wenn der Zöllner ein nicht
verstand, der Professor hatte, sich das Entsetzen gemerkt, allzu starker Bosnier wäre.
unter Tausenden von fremden Menschen einsam zu Wenig später fand er es albern. Er hatte noch immer
sein, einsamer als Robinson, eine Hölle, schrecklicher Angst, war in kalten Schweiß gebadet, aber er musste
als die aus Schwefel und Feuer, die Gott den Sündern über die Vorstellung lachen, dass ein Zöllner ein dreißig
zugedacht hat. Aus Sicht des Professors war die Hölle Jahre altes Auto und den alten Mann, der es fährt, aus-
der Türken schlimmer als der Tod. einandernimmt. Und wie er so lachte, beschleunigte er
Wenn sie die Pistole fänden, müsste er sich auf der leicht.
Stelle umbringen. Aber wie, wenn sie ihm die Pistole Er stoppte vor dem Zahlhäuschen an der Ausfahrt
wegnahmen? Ihm stand der kalte Schweiß auf der Stirn, Slavonski Brod. Auf den endlos langen Autobahnen in
Deutschland, die Hitler in der Zeit vor der Massenver- heit der Erscheinungen und der Schmerz der persön-
nichtung der Juden gebaut hatte, als ihn Briten und lichen Lebenserfahrung, unwichtig und vorübergehend
Amerikaner noch als Freund betrachteten, der sie vor bleibt: Vergangen, noch bevor es sich ereignet hat.
dem Kommunismus und den semitischen Wucherern " Vor dem Häuschen wartete eine Schlange von zwan-
bewahrt, auf Hitlers Autobahnen also steht in ordent- zig Automobilen. Als wären wir mitten in der Hoch-
lichen weißen Druckbuchstaben auf Schildern in ein saison, ärgerte sich Professor Adum. Lieber Gott, wie
und demselben Blau und Alter »Ausfahrt«. Ausfahrt muss das erst im Juli oder Anfang August sein, wie
ist viel präziser als »Ausgang«, wie der kroatische Be- lange muss man da warten? Da siehst du mal wieder,
griff izlaz buchstäblich übersetzt hieße, in »Ausfahrt« was für ein wunderliches Ding die Sprache ist, räso-
schwingt etwas mit, das dem Rhythmus des Reisens nierte er weiter mit sich selbst, wohl getragen von dem
vollkommen entspricht, und der Professor dachte, auch Stolz aufdie Entdeckung Ausfahrt/izlaz: Wenn du die
bei Slavonski Brod müsste statt izlaz Ausfahrt stehen. " Hitze'im Sinn hast, sprichst du von Heu-
sommerliche
Dann würden die Autofahrer den Sinn einer Autobahn monat und Erntemonat, aber wenn es um die Hochsai-
besser verstehen, auf der weder Viecher herumlaufen son geht oder um die Autoschlangen an der kroatischen
noch überfahrene Katzen und Hunde kleben dürften, Grenze im Sommer, dann werden aus Heumonat und
sondern die sauber, grau und farblos wie der Zen und Erntemonat Juli und August. Die Sprache hat ihre eigene
mit einem Koan jede Autofahrt zur geistigen Übung Vernunft, der Professor war von seiner Entdeckung
machen sollte, zur Meditation, zum Schwelgen in der ganz begeistert, sie weiß, dass zu dem Knattern der Mo-
Erfahrung des Heiligen Geistes, vor dem der Mensch toren Juli und August irgendwie besser passen, während
unbedeutend und beinahe vernachlässigbar klein wird, Heumonat und Erntemonat näher an Ökologie und J
auch wenn er zugegeben jm Fall eines Unfalls eine Natur sind.
ziemlich große Blutlache hinterlässt. Für diesen Hei- Am Anfang der Kolonne stal)tl lein Sattelschlepper,
ligen Geist hat Hitler seine Autobahnen gebaut, der und nichts ging voran. Aus dep.'Fen~tern schauten Fah-
Deutsche sollte begreifen, wie unendlich unbedeutend rerköpfe heraus, winkten defu Mann im Zahlhäuschen
er vor dem unendlichen Deutschtum war, und auch zu, boten ihm Geldscheil)~(an,die dieser nicht annahm,
nachdem er sie über die Ausfahrt verlassen hatte stets dann mischten sich and~~e ein, offenbar handelte es sich
bedenken, dass wirklich und wichtig nur das ist, was in um ein Missverständ"riis oder einen Streit, ihn interes-
der Anonymität und Nichtanwesenheit entlang der sierte, was es nun yl~r, er wäre so gern ausgestiegen, aber
Autobahn geschieht, während alles andere, die Bunt- sobald er ausst~(itk, das war klar, würde es weitergehen.

>66<
mindestens zehn Jahre jü,Jlgtr~:"Er selbst kam sich vor stadt teilte und die er jahrelang überquert hatte, wenn er
wie einer dieser üb~!:>Jq~mdertjährigen aus Peru oder aus Zaprude zur Arbeit in die Schule ging. Wir werden
Bolivien, wo ei9-.B13'~-Team den ältesten Mann der Welt einmal, so hatte er damals gedacht, in den alten Teil der
entdeckt ha~ Stadt ziehen, dahin, wo Universitätsprofessoren, Politi-
I Kurz vor der Grenze verzog er sein Gesicht zu einem ker, gebürtige Zagreber oder die alles in allem erfolgrei-
Lächeln, als sehe er eine rührselige Szene aus einer ro- chen Leute wohnen. Auch daran hatte er gedacht, als er
mantischen Komödie und könne jeden Moment in Trä- im Herbst 1975 versuchte, Assistent von Ivkov zu wer-
nen ausbrechen oder auch laut herauslachen. den. Aber es hatte nicht sollen sein, also lebte er weiter-
Die schönäugige, rotwangige Grenzpolizistin, ein hin im Ghetto der Erfolglosen, dort, wo die Zugereis-
slawonisches Mädchen von kaum achtzehn Jahren, be- ten wohnen, die sonntags weder zu Verwandten essen
mühte sich um einen strengen Gesichtsausdruck, aber noch zu Theater-Matineen gehen, dort, wo die Men-
es gelang ihr nicht so recht. Panisch sah sie den Alten schen wohnen, die sich ihre Genehmigung selbst ertei-
I '
an und gab ihm seinen Pass nicht zurück, sondern hielt len müssen, abends, wenn sie sich schlafen legen, dort,
ihn in der Hand, als müsste sie ihm noch eine Frage stel- wo die Menschen wohnen, diel zu Zeiten Jugoslawiens
len, aber welche? Der Professor regte sich nicht im min- unvollendete Jugoslawen waren und heute ebenso un-
desten auf und änderte auch nicht im mindesten seinen vollendete Kroaten sind, weil sie in dem Zagreb jenseits
Gesichtsausdruck, er lächelte sein lautloses Methusa- der Save wohnen, dem Zagreb, das in Wirklichkeit ein
lem-Lachen, bis sie ihm das blaue Büchlein reichte und Jugoslawien im Kleinen ist. Novi Zagreb ist wie ein
stotternd sagte: Friedhof für Bastarde, die außerhalb des Bereichs für
»Seien Sie vorsichtig, es wird bald dunkel.« die getauften Seelen bestattet werden.
Wer weiß, was die Ärmste bei diesen Worten im Sinn Aber hier sah die Save a,nders aus, gefährlicher, tiefer
hatte, ob er sie an den Großvater erinnerte oder einen und dreckiger. Auf der anderen Seite, auf die er nun
Alten aus ihrem Dorf, der spät in der Nacht durch die fuhr, sah man dreckig~ graue, mehrstöckige Häuser,
Gegend gelaufen, in einen Graben gefallen und wegen Ruinen, aus denen Bäume wuchsen, eine dreckige, un-
der eisigen Kälte erfroren war. Auf jeden Fall würde die ordentliche Uferstraße mit verrosteten Laternen und
Grenzpolizistin so etwas wohl kaum zu einem anderen zerbrochenen Lampen, die offensichtlich noch in sozi-
sagen. alistischer Zeit gesetzt worden waren. Das war also
Er fuhr über die Brücke. Unter der Brücke floss die Bosnien. Ihn überlief ein Schauder bei dem Anblick,
Save, dieselbe Save, die Zagreb in Altstadt und Neu- aber nicht schlimm, unblutig - wie der Dichter sagen
würde. Er hatte sich damit abgefunden, den Fluss zu Gulag-Verwalters angesehen, die nur noch größer
überqueren, zusammen mit dem einzig wertvollen wurde, als ihm Professor Adum in seinem gepflegten
Ding, das er noch besaß und von dem er sich befreien Russisch etwas von kroatisch-ukrainischer Freundschaft
wollte, deswegen hatte er sich ja auf diese Reise bege- erzählte. Alle Polizisten in unglücklichen und armen
ben. Für einen kurzen Moment empfand er Mitleid mit Ländern, in Diktaturen und korrupten Oligarchien
dem Volvo, der zum ersten Mal in seinen dreißig Jahren werden bei Wörtern wie Freundschaft nervös. Dieser
nach Bosnien kam, jenes Land, das die Mutter mit dem Ukrainer damals hatte ihn weggescheucht wie den letz-
dreizehnjährigen Karlo einige Tage nach dem Tod seines ten Straßenköter, und dieser Bosnier fragte:
Vaters verlassen hatte, und er hatte bis vor drei Tagen »Was anzumelden? Aufenthaltsort? Grund der
geglaubt, er würde niemals zurückkehren und niemals Reise?« Geschickt wich er Phrasen aus, bei denen er
Bosnien besuchen, nicht einmal für kurze Zeit, er wollte sich direkt an den Angeredeten hätte wenden müssen,
nicht an Bosnien denken, sich nicht daran erinnern, er um sich seiner eigenen administrativen Überl~genhei~
wollte aus seiner Erinnerung so viel wie möglich tilgen, nicht zu berauben und zu einem alten Mann Sie und
die frühe Kindheit, und die wenigen Jahre danach, alles, Herr sagen zu müssen.
was ihn an Leid und Unglück erinnerte, an Hunger und Er winkte ihn durch, als würde er eine Schmeißfliege
Kinderkrankheiten, Lungenentzündung, Diphtherie, verscheuchen, und so fand sich Karlo Adum in Bos-
Scharlach, Keuchhusten, Windpocken, Johanniskraut, men.
an Sarajevo tief im vom Fluss eingegrabenen Talkessel Eine lehmverschmierte Asphaltstraße voller Schlag-
und an Worte, aus denen die Selbstlaute geflohen sind, löcher führte durch die Stadt. In Bretterbuden, zusam-
so dass sie dumpf wie eine Drohung und die Splitter mengezimmert aus ein paar Maurerbohlen, wurden CDS
explodierter Bomben herabprasseln. Der Professor be- mit Filmen und Musik verkauft. Die Händler1winkten
trauerte die tote Maschine seines alten Autos, das kurz ihm, er solle anhalten, mit Gesten beschri~ben sie, was
vor seiner Verschrottung durch ein Land fahren musste, ihr Stand z~ bieten hatte. Sie imitierten mit unsichtbaren
aus dem er geflohen war. Gitarren Gitarrenspieler, malten Frauenbrüste, größer
/) Der bosnische Zöllner sah aus wie der Ukrainer, der als die allergrößten, und ein alter Mann, deutlich älter
ihn vor einem Dutzend Jahren an der ungarischen als der Professor, zeigte mit dem Finger auf ein Plakat
Grenze aufgehalten hatte, als er zu einem kroatisch- von Anna Nicole Smith, das mit Reißzwecken an die
ukrainischen Freundschaftstreffen nach Kiew fuhr. Der Wand des Kioskes gepinnt war, faltete dann die Hände
Ukrainer hatte ihn mit der kalten Verachtung eines wie zum Gebet und verdrehte die Augen gen Himmel.

>80< >81<
Es sah aus, als würde er in diesem Moment sterben, über Zejtinlik, den serbischen Soldatenfriedhof bei
nachdem er all seinen Besitz, eine Bretterbude in dieser Thessaloniki, und bei Folkloreaufführungen in Guca.
Wüstenei am Ende der Welt und ein faules Maisfeld, Er blickte sich um und fühlte sich so sicher wie ein
ausgesät auf Antipersonenminen, dieser drittklassigen tschechischer Tourist kurz nach dem Grenzübertrit.{i
/
Männermörderin vermacht hätte, deren Vulva eine mit hundert geschmuggelten Dosen Leberpastete. //
erstklassige Euthanasiemaschine ist. Anna Nicole Smith Schnell verschwanden die Stadt und die Brette1i15uden
ersetzt den Lapot: Einst in der schlimmen Zeit führten mit den CDS. Rechts der Straße verrosteten di!i/~chorn­
die Söhne ihre kraftlos gewordenen Alten in den Wald steine einer Raffinerie. Ein Verkehrsschild/~ahnte in
und schlugen ihnen in einem unerwarteten Moment Übereinstimmung mit Theorie und Pra:X;i~/der interna-
kräftig mit einem speziellen Holzhammer auf den Hin- tionalen Verteidigung und des gesells,c~iftlichen Selbst-
terkopf, und heute kommen aus Amerika digitalisierte schutzes, das Fotografieren sei streng§tens verboten.
Aufnahmen von solchen Frauen, die nachweislich bes- In dem grauen, undurchdringlic)1~n Gestrüpp, einem
ser wirken als der Lapot, sie töten sauberer und schmerz- Urwald aus Unkraut, stand alle f'~fzig Meter ein Schild
l
j

loser. mit Totenkopf, ein Warnhimv"efs, dass das Gelände ver-


Der Professor drehte sich nach dem Onkel um, der mint war. Unsere Leute hab€h besondere Ehrfurcht vor
vor dem Plakat der Anna Nicole Smith betete. So einen dem Totenkopfsymbol. Fl{ andere Völker ist es nur ein
hatte er seit Jahren nicht gesehen. Er ~tug den gleichen Zeichen für Todesgefah,l, das Emblem der Piraten, der
langen Schnurrbart wie Vuk Karad,zic, war klein und Heimatlosen auf hohe~ See, die sich von jeder Flagge
krummbeinig, steckte in olivgrün~ti Pluderhosen, hatte losgesagt haben, oi{~r auch nur ein Zeichen für die
eine Sajka auf dem Kopf, geradi I
als sei er gestern von jugendliche UnalJ~epasstheit pickeliger Jungen, die in
der Front in Griechenland ,~ürückgekehrt und danke Alabama, N ew Ntexico oder Texas Totenköpfe ins Schul-
I
jetzt in der heimatlichen D<,ffkirche der Ikone der Mut- heft zeichnetyund auffallen wollen, und wenn ihnen das.
tergottes Tricheirousa, d..fss sie ihn vor Krankheit und nicht gelin!?i,t, stehlen sie ihrem Vater das automatische
den Kugeln der DeutJ(hen bewahrt habe. Genau ge- Gewehr, v6it dem der jedes Wochenlende mexikanische
/
nommen hat es solcie Physiognomien und Gestalten Einwal)derer, Bären oder Wildschweine jagt, und er-
auch vor dem Krie/nicht gegeben. Jugoslawien war ein s~hie~n im Schulhof ein gutes Dutzend Jungen und
reiches Landifinem die Armen wie die Armen im Wes- Mä chen, bis ihnen Spezialkräfte der Polizei, natürlich
ten aussahen . d städtische, nicht bäuerliche Lumpen i Notwehr, mit einem Dumdum-Geschoss den Ver-
trugen. Gre' e mit Sajkas sah man nur in Monografien stand und den Dickschädel ausblasen. Später werden
»Nein.« zen Fleck in Form eines M auf der Stirn, lag mit heraus-
»Ich weiß, ich weiß, deswegen hab~/[ch ja gefragt. gerissenen Eingeweiden in einer Blutlache, und daneben
Denken Sie künftig daran.« /'/' saß eine junge Frau heulend mitten auf der Straße. Sie
»Gut, das werde ich tun«, er ti<chte mit der Hand hielt den Kopf des Pferdes im Schoß. Als der Professor
nach seinem Portemonnaie, wq.r(ufhin der Torwart ihn näher kam und ausstieg, lebte der Schimmel noch.
mit der Geste serbischer Knj~(penwirte stoppte, mit der Aus fast geschlossenen Lidern sah ein großes, dunk-
sie dem Dorfarzt oder de;rl Popen erklären, die Rech- les Auge den Unbekannten an und sah ihn plötzlich
nung gehe aufs Haus: »,H~ute wird nicht gezahlt, heute nicht mehr an, wurde starr, verlor augenblicklich den
Abend hast du Glüd( du musst nichts bezahlen, nur Glanz, und Professor Adum überlief eine Gänsehaut.
zweihundert Met7l~eiter hat ein Lastwagen ein paar Mit einem Blinzeln war ein pferdeauge erloschen. Gott
Pferde erwischt,/aie liegen auf der Fahrbahn. Fahr vor- hatte ihm leicht wie einem Kind die Seele genommen.
sichtig daran,/~orbei, damit dir nichts passiert.« Der Die Frau wiegte sich im Rhythmus ihres Schluch-
Torwart s~tierte zum Abschi~d. ze:qs, ein gleichmäßiger, genauer und unerbittlicher
r Der Professor fuhr los und holte, als ihn die Polizis- Zehnsilbler, der aus Tausenden von Wörtern, Sätzen und
} ten nicht mehr sehen konnten, die Pistole aus dem Versen bestand und kein Fortkommen kannte und in
Handschuhfach und steckte sie in die Tasche seines Sak- dem jeder Buchstabe zu viel eine Beleidigung dieses
kos. Es war inzwischen ganz dunkel, und Professor traurigen gestorbenen Pferdseins und der aufrichtigen
Karlo Adum glaubte an einen Hinterhalt. Er war bereit weiblichen Trauer gewesen wäre.
zu schießen, aber nicht als er selbst, sondern als ein ande- Er ging an ihr vorbei. ,'
rer. So wirkte die Pistole auf ihn. Sobald er sie bei sich Einige Schritte weiter lagen Orangen. Er kickte einei
hatte oder sobald er sich an den Gedanken, ein bewaff- aus Versehen weg und erschrak, dachte, er habe ein,
neter Mann zu sein, gewöhnt hatte, fing er jedes Mal an, lebendiges Wesen getreten oder ein pferdeorgan, die
sich selbst zu beobachten. Er sah sich als literarische Blase, die Leber oder das Herz. Dann erkannte er eine
Figur, der Kamila Emericki aus Die Fahne, oder auch große, aufgeplatzte Orange, und auf einmal sah er viele
als James Bond, je nach Stimmung. Orangen, so viele, dass der Asphalt darunter ver-
Er hielt zwanzig Meter vor einem Gegenstand auf schwand, auf dem er ging, er schlurfte und schob die
der Fahrbahn. Orangen mit dem Fuß beiseite, um nicht draufzutreten.
Im ersten Moment konnte er es nicht richtig erken- Dann wieder eine Blutlache, in der ein Rappe lag,
nen. Das erste Pferd, ein Schimmel mit einem schwar- schwarz wie die Nacht, mit gebrochenem Bein, aus dem
weiß die Knochen leuchteten. Er war tot, die Augen er- chenem Bein und Kopfwunde. Sie brüllte, jaulte, gab
loschen, der Kopf verdreht. Aus dem Maul stieg bluti- Laute von sich, die nicht nach Pferd klangen, auch nicht
ger Schaum, Bläschen für Bläschen, wie wenn ein Kind aus der Welt der Menschen stammten, auch nicht nach
in der Badewanne mit dem Shampoo spielt. Schmerzen oder überhaupt einem Gefühl klangen. Es
Links der Straße lag der Lastwagen, aus dem die waren nur sehr laute Zeichen ihrer Anwesenheit, ihres
Orangen gekullert waren, ein Sattelschlepper mit slowe- Bemühens, noch einige Momente zu leben. Vor der
nischem Kennzeichen, überschlagen an der Böschung. Stute, die Arme zur Hälfte in ihr verschwunden, hockte
Überall lagen Orangen und leuchteten wie Sonnen- ein junger Mann und versuchte, ein Fohlen herauszu-
untergänge. Neben dem Lastwagen saß ein Mann, den holen.
Kopf zwischen den Händen weinte er, Blut lief ihm »Gib nicht auf, mein Liebling, gib nicht auf, Schatz! «,
über das Gesicht, eine Wunde klaffte an der Stirn, aber schrie er, um sie zu übertönen.
das war dem Mann anscheinend gleichgültig. Der Pro- Was will er mit dem Fohlen, dachte der Professor
fessor ging zu ihm und legte ihm die Hand auf die kalt, es überlebt ohne Mutter doch nicht.
Schulter. Der junge Mann sah hoch.
»Nicht weinen, mein Sohn, alles wird gut.« »Kann man helfen?«, fragte der Professor.
»Nein, nein, das kann nicht mehr gut werden, das ist »Unmöglich«, stöhnte er und schrie wieder: »Gib
das Ende.« nicht auf, mein Liebling, gib nicht auf, Schatz!«, wäh-
Der Professor war überrascht. Das war kein Slowene. rend die Stute ihm mit ihrer gebrochenen Stimme ant-
Aus irgendeinem Grund erschien ihm das wichtig, und wortete, und das Ritual ging weiter.
er dachte, dass er den besser nicht angefasst hätte. Er »Quälen Sie sich doch nicht länger.«
hatte ihn trösten wollen, weil sie beide Ausländer waren, »Mann, hau ab, zieh Leine«, knurrte ihn der Junge
aber da stellt sich heraus, dass der Mann gar kein Aus- an, »du hast ja keine Ahnung.«
länder ist, sondern mit stark bosnischem Akzent Er ging zum Fahrer zurück, bot ihm an: »Soll ich
spricht, mit dem sonst nur die Männer sprachen, die. dich ins Krankenhaus fahren?«, aber der Fahrer wehrte
sich am Bahnhof in Zagreb als Arbeitskräfte anboten. mit den Händen ab und sagte, er dürfe nicht abhauen,
Mechanisch griff er in die Jackentasche, die Pistole war was immer passieren würde, er dürfe nicht abhauen, er
an ihrem Platz. hätte die Pferde vön den Leuten umgebracht und müsse
Er ging weiter, bis zu der Stelle in der Mitte der Fahr- bleiben, bis man sehe, wie es weitergeht.
bahn, an der eine große scheckige Stute lag, mit gebro- »Was soll da zu sehen sein?«, den Professor packte
die Wut, jene Wut, die die Ärzte packt, wenn sich tod- mehr. Von diesem Dodik Milorad wusste er nichts,
kranke Patienten weigern, ihre Medikamente zu neh- schon seit fünfzig Jahren mied er alle Nachrichten über
men, weil sie die Verdauung beeinträchtigen. bosnische Herrscher, Sekretäre und Gauner, egal, wel-
»Ich gehe nicht weg, bei meinem Gott, Hasan ist chem Glauben sie anhingen. Seit den Zeiten von Rodo-
nicht so einer, der läuft nicht weg«, gab der zurück. ljub Colakovic kannte er kaum ihre Namen. Professor
Die Frau schluchzte noch immer mit dem Kopf des Karlo Adum bildete sich viel ein auf seine Fähigkeit,
Schimmels im Schoß. Sie erzählte die Geschichte von alles auszublenden, was ihn nicht interessierte. Er brüs-
einem traurigen Pferdeleben, von einem auserwählten tete sich damit auch vor den Schülern in seinen Klassen
Pferd, bestimmt, von einem Auserwählten geritten zu und glaubte tatsächlich fest, er könne bewusst ausblen-
werden. Es war ein Hengstfohlen, zwölf Monate alt, am den, was er nicht wissen wollte, vergessen, was er sich
Samstag sollte er nach Banja Luka überführt werden, in nicht merken wollte, er brüstete sich damit, dass er
einen fürstlichen Stall. Dort hätten sie ihn gehegt, an nicht sein musste, was er nicht sein wollte.
den Sattel gewöhnt, an Reiter gewöhnt, und der Un- Daran lag ihm besonders viel.
glückliche hatte ein sanftes Te~perament, er hätte sich Er setzte sich in den Volvo, fuhr um die Pferde he-
schnell daran gewöhnt, alles für den Tag, an dem der rum, über die Orangen und durch die Blutlachen, und
Vorsitzende Milorad Dodik sich auf ihn geschwungen setzte langsam seinen Weg fort. Er dachte an das, was an
hätte und mit ihm wie auf einem Wirbelwind die Parade seinen Reifen klebte, dachte, dass es aussah wie Blut-
und durch ganz Serbien geritten wäre. Denn der Schim- orangensaft. Den würde er wohl nicht mehr trinken
mel hatte auf der Stirn einen Fleck in Form eines M. Der können, egal, wie stark er an seine Fähigkeit zu verges-
Fleck war ein Wink des Schicksals, ein Hinweis, für sen glaubte. Er legte die Pistole wieder ins Handschuh-
wen er bestimmt war. fach.
Bis der Laster mit den Orangen kam. Bald danach wurde er schläfrig.
Er hörte der Frau noch ein wenig zu, die ihn nach wie Die Fahrt war monoton, der vollkommen sternlose
vor nicht bemerkte, sOndern sich an einen wandte, der Himmel lag tief auf der Landschaft, ganz selten sah man
nicht da war, an Gott, so wie sie ihn sich vorstellte, ein Lichter durch die Bäume und Busche glitzern. Profes-
Gott, der Klagen offenbar nur in regelkonformen Ver- sor Adum gähnte, und vom Gähnen schossen ihm die
sen annahm. Gott hat kein Ohr für prosaische Sätze. Tränen in die Augen, und dann sang er laut Leo Martins
Als sie das dritte Mal den Vorsitzenden Milorad Do- Lied Odiseja über einen Frühling in Belgrad Anfang
dik erwähnte, hatte er genug und teilte ihre Trauer nicht der Siebziger, grölte aus vollem Hals, um die Müdigkeit
zu verscheuchen, während auf der Gegenfahrbahn eine Dies ist, meine verehr~en Herren Soldaten, eine jener
Lastwagenkolonne mit internationalen Militärkennzei- Szenen in der Geschichte der Menschheit, in denen hei-
chen an ihm vorbeifuhr. Einer nach dem anderen würden lige Bücher geschrieben werden. Diese Frau hier, deren
sie an die Unglücksstelle kommen, 0 Gott, was werden Rhythmus, wie die Schwarzen unter Ihnen wohl wis-
sie denken, wenn sie den jungen Mann mit den Armen sen, dem Rhythmus von Eminem oder wie dieser junge
in der Stute sehen. Und hören: »Gib nicht auf, mein Mann heißt ähnelt, rezitiert ungeschriebene Teile der
Liebling, gib nicht auf, Schatz!« Bibel, und zwar in der orthodoxen Lesart. Hört ihr zu,
Er schämte sich für das, was hinter seinem Rücken meine Lieben, denn dieser Frau widerfährt soeben
geschehen würde. Und das verscheuchte die Müdigkeit. etwas, was der Menschheit vor fünf- oder zehntausend
Er schämte sich, denn die fremden Soldaten werden Jahren widerfahren ist. Und dieser Mann, vermutlich
nicht verstehen, was sie zu sehen bekommen. Pferdelei- ihr Ehemann, redet der Stute mit den zärtlichsten Wor-
chen mitten auf der Straße, eine schluchzende Frau mit ten zu, die er kennt und die er noch nie zu seiner Frau
dem Kopf eines Paradeschimmels im Schoß, ein junger gesagt hat, denn er will die Stute so lange am Leben hal-
Mann, der sich als Geburtshelfer bei einer Stute ver- ten, bis das Fohlen da ist. Wenn die Stute stirbt, stirbt
sucht, ein Fohlen retten will, dem die Mutter stirbt, ein auch das Fohlen. Verstehen Sie das?
slowenischer Hasan, der Orangen geladen hatte und Er hielt im Geiste diese Rede, bjs er dachte, die Sol-
jetzt mit einer blutenden Kopfwunde weint, aber nicht daten würden ihm sowieso nichtlzuhören, egal, in wel-
ins Krankenhaus will. cher Sprache er sie anredete~,iabei konnte Professor
Das werden sie nicht verstehen, dachte der Professor. Adum ein wenig Deutsch /lind Französisch und auf
Wenn er noch etwas jünger oder verrückter gewesen Russisch perfekt lachen fnd / zuprosten. So waren d"le
wäre, noch daran geglaubt hätte, man könne Menschen Zeiten gewesen, er hatr~ nie die Gelegenheit bekom-
etwas erklären, hätte er auf der Stelle kehrtgemacht und men, für ein halbes J a~r nach Paris oder Berlin zu ge-
wäre an den Ort zurückgefahren, an dem jetzt die Last- hen, sich von der Pktei
, schicken zu lassen, so wie sie
wagenkolonne stand. Er hätte ihnen einen Vortrag über andere geschickt 91atte, er hatte nur jahrelang die Abend-
die Geschichte dieser Gegend gehalten oder auch nur schule in d~earschauer Straße besucht, Russisch-
gebeten, leise zu sein, zu warten, zuzuhören, wenn sie kurse belegt, s er noch von der Promotion über Juraj
ein bisschen was verstehen, denn so etwas haben sie Krihnics A abasis träumte, Französischkurse, als er
noch nicht erlebt. Und werden es auch nicht mehr er- hätte Bra~el lesen müssen, nach dem gescheiterten
leben. We~hsel an die Uni dann Deutschkurse, weil er sich auf
sich an wie zwei Gentlemen im Tanzsaal der Titanic, die ber seit gestern Abend hatte er nichts mehr geges-
darauf warteten, dass ihre Damen den letzten Tan2;/~it . Alles mögliche geht einem durch den Kopf, wenn
den Schiffskavalieren tanzten. / Hunger hat. Er betrachtete die Restaurants entlang
Nur einmal hatte er sich an ihn gewandt: Wie er in sei- Wegs und suchte eins, vor dem er halten konnte. Alle
nem bekanntesten Roman Franz Josef den Ersten, König r hundert Meter wurde mit Lammfleischgerichten
und Kaiser, Franz Josef den Zweiten habe~ennen kön- orben, janjetina hätte er dazu gesagt, jagnjetina
nen? Falsch, mein Herr, hatte der gean,t\V-ortet, aber die ß es hier und das g kratzte in seinen Ohren, ohne die-
Frage war dem Schriftsteller sichtlicltunangenehm und g hätte Professor Adum vielleicht gehalten, denn er
dass der Professor ihn danach beurteilte. Dabei hatte er te nichts gegen Lammfleisch am Spieß, aber in dem
nur zeigen wollen, dass er das Buch gelesen hatte ... en Laut, in dem g lag eine Drohung, eine höhere
Er ertrug es nicht, ihn V{r~derzusehen, wenn der mdheit, die ihn abstieß. Jagnetina ist serbisch, ein
Schriftsteller bemerkte, dal Ivanka fehlte, er ertrug uchtes kyrillisches Wort, dachte der Professor, und
nicht, dass die Kassiereri,l im Laden nach ihr fragte, hte nach Gründen, nicht vor einem der Restaurants
dass der Verkäufer an q,er Tan:kstelle in Slobostina er- halten, die Sultanspalast, Anatolien, Sidney und
wähnte, er habe sie lan~e nicht gesehen. thatova Sofra hießen, und der Buchstabe gab ihm
/
Als sie starb, hatt~ er keine Anzeige in die Zeitung er Recht, aber warum betete man dann zum Lamm
gesetzt und nicht z;rigelassen, dass Todesanzeigen in der ttes mit g: jaganjac Boiji?
Umgebung aufgyhängt wurden. Er hatte alles getan, da- s wird wohl doch so gewesen sein, dass ihn das gaus
mit andere Merischen, die sie nur vom Sehen kannten, eren Gründen störte. Er fürchtete sich einfach vor
glauben konJJten, sie beide würden diesen Freitag vor en, die nicht wussten, wie überflüssig dieses g war,
dem Bildsyhirm sitzen und Fanny und Alexander die aus einer Welt kamen, in der das g nicht über-
schauen. Ivtan sah ihnen an, dass sie solche Filme liebten. sig war. Wegen solch feiner Unterschiede fließen
Vor ;titiben Gedanken war er immer auf dieselbe 'me von Blut. Die Zeit war nicht reif, dass er seinen
Weise/geflohen. Er aß ordentlich. Professor Karlo rag dazu leistete.
Adu,th war nie dick gewesen, seit der Gymnasialzeit ußer Restaurants mit Lammfleisch, vor denen in
I
w9g er fünfundsiebzig Kilo, aber hätte man gewogen, spätsommerlichen Sonne weiße Betonschwäne und
ras er im Leben alles gegessen hatte, wäre eine Menge hgemachte antike Säulen mit Kapitellen voll falschem
jtür drei sehr dicke Menschen herausgekommen. So un- cl und der rostigen Bräune schlechter Armierungen
glücklich war er, so dunkel wurde es in seinem Kopf. erten, säumten nur kleine, anspruchslose Kneipen

>143<
und Lokale, die mit Eintopf, CevapciCi, bosnischen ktor Stipo in Deutschland gearbeitet, war in die Hei-
Spezialitäten und Burek warben, die Straße, die sich an t zurückgekehrt und hatte dort eine Werkstatt eröff-
dem Fluss zwischen den Bergen entlang schlängelte. . Der Ärmste, er wusste nicht, was auf ihn zukommt.
Dort hätte er schon gehalten, aber er hatte Angst, er 're er klug gewesen, wäre er in Frankfurt oder Berlin
könne nicht bestellen, ein Wort falsch aussprechen, sich lieben, hätte Kanäle gebuddel~ oder für einen türki-
mit seinem Akzent verraten und als Ausländer erkannt en Herrn zwei, drei Jahre alte Mercedesse zum
werden, und Professor Adum wollte hier weder als rottplatz gefahren, Kinder gemacht, ihnen deutsche
Ausländer noch als Einheimischer erkannt werden. Er en gegeben, Paul, Franz oder Ingrid, und mit ihnen
wollte niemand sein. lange Muttersprache und Heimat vergessen, bis er
Bei dem ersten Hinweisschild auf Zepce änderte sich es Tages kurz vor der Pensionierung nicht mehr
die Landschaft. Rechts der Straße stand vor dem Berg- o Okic aus Zepce war. Er wäre niemals ein Deut-
gipfel neben einem einsamen zweistöckigen Haus ein er geworden, aber er würde jetzt nicht neben der
gewaltiges Betonkreuz. Zur Linken befand sich ein ße stehen und sich die Hände unter einem Strahl aus
Dorf mit Moschee und einer grünen Fahne auf der em roten Gummischlauch waschen, im wüsten Nie-
Spitze des Minaretts. Zu beiden Seiten der Straße häuf- dsland, zwischen einem hässlichen Betonkreuz
ten sich Reifenhändler und Geschäfte mit Ersatzteilen einer fremdländischen grünen Fahne, in der irrigen
für Autos und Waschanlagen. Nirgends waren Kunden ahme, er stehe vor seiner eigenen Werkstatt und
zu sehen. Die Leute saßen entweder vor ihrem eigenen h das Haus hinter der Werkstatt gehöre ihm sowie
Laden und rauchten, den Blick auf die Landstraße ge- Ar Land irgendwo oben in den Bergen.
richtet, oder sie liefen in fettverschmierten Overalls r bremste, wollte sehen, wie Stipo die Wagen-
herum. Vor der Kfz-Werkstatt Stipo Okic, Mercedes- rniere von den Händen wusch, und wurde so lang-
Doktor, hielt ein junger Mann einen Gummischlauch , dass der FAP hinter ihm ärgerlich hupte, weil er mit
so, dass ein älterer Mann sich mit einer Paste aus einer em Anhänger nicht an ihm vorbeikam. Während er
großen runden Schachtel die Hände waschen konnte, po im Blick zu behalten versuchte, war der Professor
was dieser mit unnatürlich schnellen Bewegungen tat, mer weiter an die Mittellinie gefahren und kurvte mit
als sei das Wasser eiskalt oder kochend heiß. oder fünfzehn Stundenkilometern wie ein Betrun-
Er fuhr langsamer und sah ihnen zu. Der Ältere war er fast über die ganze Straßenbreite. Der FAP-Fahrer
vermutlich Stipo Okic, der Mercedes-Doktor, der Jün- stinksauer und hätte ihm um ein Haar die hintere
gere ein Lehrling vom Land. Wahrscheinlich hatte .~starlge demoliert und den Lack verkratzt.
Er beschleunigte und hielt kurz danach vor dem Res- orden waren. Er konnte den Blick nicht von ihnen
taurant Stradun an. enden, beide wussten das, und es war ihnen lieb, sie
Vor dem gewaltigen Gebäude mit einer Fassade aus nossen es, sie schenkten dem Gast zum Dank kleine
Betonplatten, die an die Steinhäuser in Dubrovnik erin- ufmerksamkeiten, die sich von Mal zu Mal vergrößer-
nern sollte, und der Gipsfigur des heiligen Vlaho vor und vertieften.
der Eingangstür erstreckte sich ein großer asphaltierter Er biss in eine Feige und begegnete sofort dem Blick
Parkplatz mit eingezeichneten Stellplätzen für Autos, h Kellnerin. In stummem Dank nickte er ihr zu und
Busse und - gelb markiert - Behinderte. Eine Grafik am an die Decke hoch, als schaue er in den Himmel und
Boden wie mitten in Zagreb, der Besitzer war wohl ke Gott für seine Gaben, und es war, als fiele ihr ein
mächtig stolz darauf. Unmittelbar rechts vom Eingang in vom Herzen, als hätte sie die Feige nur für ihn
parkte ein silberner Jaguar, der Parkplatz war mit dem m anderen Ende der Welt geholt und als hinge ihr
Hinweis versehen: Reserviert für 427-D-I90, und der ben davon ab, dass diese Feige schmackhaft war.
Jaguar hatte natürlich dasselbe Kennzeichen. Er schenkte sich von dem Travarica ein und nippte
Am Eingang empfing ihn ei~ Kellner, gekleidet in die ran. Der Kräuterschnaps roch nach den Kiefern auf
Tracht von Dubrovnik aus einem vergangenen Jahr- orcula 1972. Er runzelte die Stirn, und sofort traf ihn
hundert mit einer roten Kappe auf dem Kopf. Schwei- er verwirrte Blick des Kellners. Darauf nahm er noch
gend geleitete er ihn zu einem Fenstertisch, verneigte 'n Schlückchen, runzelte die Stirn noch heftiger, wie
sich und verschwand. Darauf erschien eine Kellnerin, n Angeklagter, der sein Urteil in Den Haag anhört,
ebenfalls in Dubrovniker Tracht, mit einem Tablett, auf d schüttelte sich wie ein nasser Hund, der ins Haus
dem drei Schnapsflaschen standen - Travarica, Grappa <->mmt - was seit alters her auf dem Balkan nur eins be-
und Kirsch - sowie ein Weidenkörbchen mit Mandeln euten kann: Der Schnaps ist gut und stark.
und getrockneten Feigen. Sie setzte es vor ihm ab und Er sah in die Karte, und die zwei tanzten weiterhin
entfernte sich wortlos. Dann kam wieder der Kellner ihn herum. Sie regelte mit der Fernbedienung die
mit Gläsern und einem Krug voll Wasser, anschließend limaanlage, er kontrollierte den Weinkühlschrank und
wieder sie mit der Speisekarte. igte dem Professor im Stil einer alten Operninszenie-
So bedienten sie ihn und redeten kein Wort. Worte ng, dass das Restaurant Stradun über einen speziellen
waren nicht notwendig. Jede Bewegung saß, perfekt einkühlschrank verfügte, was selbst in den besseren
einstudiert, über Monate wiederholt, so lange, dass sie okalen in Zagreb nicht der Fall ist.
wie Ballerina und Balletttänzer zu dieser Bewegung ge- Er war der einzige Gast im Restaurant Stradun, und
der Volvo war neben dem Jaguar das einzige Fahrzeug tadtmauer, die Stradun mit Fußgängern, und auf man-
auf dem größten Restaurant-Parkplatz, den er je gesehen en posierte eine Familie: Vater, Mutter, kleiner Sohn.
hatte. Mindestens zweihundert Autos und fünf Busse irekt neben seinem Kopf, ein Stückchen von der Fens-
hatten in den Markierungen Platz. rlaibung entfernt, hing ein Bild, das von der Od Graca
Die Einsamkeit störte ihn nicht, aber er spürte sie s fotografiert worden war. Neben einem Fi~t 1300
immer deutlicher. and ein Mann mit gewaltigen Koteletten und dunklen
Den Kopf in die in eine Ledermappe eingelegte Spei- rillengläsern in kurzen Hosen und einem T-Shirt, auf
sekarte gesteckt, die ihn an die Ledermappe in den Hän- m der Professor das Konterfei Josip Katalinskis er-
den von Miroslav Cangalovic erinnerte, wenn der am nnte. Neben ihm stand eine blonde, breit lachende
Tag der Republik das Revolutionsoratorium sang, sah tau mit dem Jungen an der Hand. Dessen Gesicht war
sich Professor Adum verstohlen um. Er wollte sich mit m Weinen entstellt. Er sah wie eines der Kinder aus,
dem Raum vertraut machen, ohne dass die beiden es e binnen Kürze an einer schweren Krankheit sterben.
mitbekamen, sich einen Überblick verschaffen, die it hinter ihren Rücken lag Dubrovnik in der Sonne.
Umgebung beschnüffeln und ·sich so der Unbehaglich- oberen Rand des Bildes stand mit Bleistift: Juli '75,
keit entledigen, die Menschen befällt, die sich an einem ario will Eis statt Mittagessen.
für sie vollkommen neuen Ort befinden. Er wollte das Über dem Tresen hing ein großes kroatisches Wap-
ohne sie erledigen, ohne ihre Spielchen, Gesichtsaus- n, daneben ein Bild von Franjo Tuaman in der wei-
drücke, Gesten und Vorführungen, aber das war schwie- n Uniform des Admirals, den Blick auf den Horizont
rig, denn sie haschten unerbittlich nach jedem seiner richtet, auf die kleinen Dubrovniks, die über die
Blicke und jeder Bewegung und reagierten darauf mit ände verstreut hingen.
vollendeter Geübtheit. Tintenfisch im Schmortopf, Tintenfischsalat, Tinten-
An den Wänden hingen Hunderte gerahmter Foto- ch mit Kutteln, Tintenfischgulasch, Hummer vom
grafien verschiedener Größe, aber keine größer als eine rill, Scampi vom Grill, Calamari vom Grill, Calamari
Hand, und jede zeigte Dubrovnik. Einige waren bloß ch Matrosenart, dalmatinisches Rumpsteak, Ziegen-
Postkarten, immer aus der gleichen Ecke aufgenom- hmorbraten, Lammbraten \... las er mechanisch, als
men, aus der man die Altstadt mit Hafen und Festungs- i die Speisekarte in einer Fremdsprache verfasst, latei-
anlagen sieht, aber die meisten stammten offensichtlich 'sch oder hebräisch geschrieben, erst beim Lammbra-
aus einem Privatalbum. Auf diesen im Wesentlichen n - jagnjetina - stutzte er, konzentrierte sich auf das
schwarz-weißen Bildern sah man Teile der Stadt, der ngewohnte g, das diesmal nicht wie eine Drohung
klang, sondern wie der traurige Beweis, dass es kein rosa gebraten, Kroketten mit Käsefüllung
'1 Entrinnen gibt. Im Stradun war alles so hergerichtet, gemischten Salat, bitte.«
dass man hätte vergessen können, dass man in Bosnien twas zu trinken?«
war, in der Nähe von Zepce, alles war bis Zur Vollen- Danke, ich trinke Wasser. Und vielleicht noch etwas
dung einer Transformation und einer an Zauberei gren- aps.«
zenden Demonstration unterworfen, dass es zwischen Bitte bedienen Sie sich!«
Zepce und Dubrovnik überhaupt keinen Unterschied r krächzte, als hätte er die Nacht durchgemacht, und
gebe, und damit waren die Kroaten aus Zepce anderen e den harten, drohenden Akzent der Männer, die
Kroaten gleichgestellt, Kroaten von der Ilica oder aus Stadtcafe in Zagreb schwarz Devisen tauschten. Ein
der Vlaska-Straße, aus der Oberstadt, von der Splitska her hatte ihn 1993 aus heiterem Himmel geohrfeigt.
Ulica oder der Stradun, das muss man ihnen zubilligen, fessor Adum hatte die Polizei gerufen, zu zweit
denn sie sind stets und überall auf höchst anrührende en die Beamten aus der Petrinska, aber der Schwarz-
Weise bereit, ihre kroatische Gesinnung zu beweisen ler war natürlich längst über alle Berge. Sie ver-
und zu zeigen. Und so gibt es im Land Bosnien, in dem en seinen Personalausweis. Karlo, Name des Vaters
Land der Schrottplätze, Reifenhändler und Beton- Baltazar, Geburtsort Sarajevo. Und in welcher Be-
schwäne, auf diesem Balkan zwischen grüner Fahne ung stehen Sie, werter Herr, zu dem Herrn, der Sie,
und kyrillischer Schrift eine einzige saubere und abge- Sie sagen, geohrfeigt hat? Sie haben keinerlei Bezie-
leitete Werthaltigkeit, gänzlich gegründet auf der Ver- gen zu ihm? Interessant, sehr interessant, auch er ist
leugnung seines Selbst und seiner Heimat, es gibt diese arajevo geboren, aber Sie haben keine Beziehungen
traurigen, destillierten Kroaten. mander. Woher ich weiß, dass er aus Sarajevo
Und doch schleicht sich ,in ihr Lammfleisch, janje- mt? Weil die Devisenschwarzhändler alle aus Bos-
tina, ein verräterisches g,jagnjetina. Für ein solch win- kommen, Herr Adum, Kroaten befassen sich doch
ziges, aber hinsichtlich Identität und Herkunft wichti- t mit dem Devisenschwarzhandel, während die
ges Detail sind Menschen schon im Schornstein eines at blutet!
Krematoriums gelandet. () hatte der Polizist damals, 1993, vor dem Stadtcafe
Er winkte dem Kellner. ihm geredet, und der Professor hatte sich das ge-
Dieser glitt wie ein schwarzer Schwan zu seinem kt, es hatte sich ihm so ins Gedächtnis eingebrannt,
Tisch, vollführte eine Pirouette um den Stuhl des Profes- s er es bis an sein Lebensende behalten würde, und
sors und hätte sich ihm beinahe auf den Schoß gesetzt. hatte nicht vergessen, wie niedergeschlagen er nach
Hause gegangen war und geschwiegen und auch Ivanka te er Ivanka von seinen Gedanken erzählt, wenn er
nichts erzählt hatte, er log ihr Kopfschmerzen vor und ak aß, und sie hatte sich gegraust. Sie hatte sich so
legte sich ins Bett; sie ließ die Rollläden herunter, damit r gegraust, dass er lügen musste, er habe doch nur
ihn das Licht nicht störte, und er schlief bis zum Abend en Scherz gemacht. Danach bestellte er nie wieder
und stand dann auf, und als sie fragte, ob es ihm besser- Steak, wenn sie gemeinsam essen gingen.
gehe, sagte er ja, sehr gut gehe es ihm, nie fühle man sich etzt war er ganz allein auf der Welt, in einem leeren
so gut, wie wenn man keine Kopfschmerzen mehr hat. taurant, zwischen zwei Balletttänzern, die nur tanz-
Der Kellner hatte dieselbe krächzende Stimme und und am Tanz gibt es keine moralischen Zweifel, er
den Akzent jenes Schwarzhändlers. oss die Ströme von Blut, die in französischen und
Er wollte nicht daran denken. Er betrachtete die Foto- ischen Ebenen vergossen wurden.
grafie und wiederholte für sich: Mario will Eis statt Mit- ls er die Holzkiste öffnete, in der ihm der Kellner die
tagessen. Mario will Eis statt Mittagessen. Mario will nung brachte, erklang eine Rezitation von Gun-
Eis statt Mittagessen. Aus dem Lautsprecher drang leise es Freiheitslied. Er erkannte die Stimme des Schau-
Musik, Buco und Srdan, das Lied von Zelenci, voll hoher lers nicht, wahrscheinlich war es SerbedZija, aber die
Töne, reiner Knabenstimmen und der Atmosphäre der nahme wurde stark beschleunigt abgespielt.
ausgehenden siebziger Jahre. Der Professor schloss die um Abschied begleitete ihn ein anmutiger Damen-
Augen und hörte genussvoll zu. Er spürte einen Luft- ks, eine nach der anderen öffneten sich die Türen,
zug im Gesicht, als tanze die Kellnerin um ihn herum, Kellner krächzte, er möge wiederkommen, worauf-
aber nur solange er die Augen zuließ. ihm der Professor, ohne zu wissen warum, die Hand
Das Steak wirkte von außen mit fünf schwarzen, ver-
kohlten Strichen, den Spure!) der Metallstäbe vom Rost,
verbrannt, aber sobald er es anschnitt, schoss rotes Blut
die Schulter legte.
uf dem Parkplatz stand immer noch kein drittes
o neben dem Jaguar und dem Volvo.
J
aus dem Fleisch, lief über den Teller zwischen die Kro- r fuhr weiter und erreichte",eine Menschenkolonne
ketten und färbte sie ein. Er aß, und was er aß, erinnerte blau-weißen Hemden 11}itSchals und Fahnen. An-
ihn an Krieg, Schützengraben und Heldentod. Wann liefen sie neben cLelStraße, bald schon jedoch in
immer er Steak aß, hatte er die großen Schlachten des er größerer Zah}fuitten auf der Straße, schwenkten
Ersten Weltkriegs vor Augen, genoss die rote Farbe des Fahnen, breiteien
/' die Arme aus, tröteten und tran-
geschnittenen, halb verbrannten Fleisches, so wie es aus ihren:13ierflaschen und scherten sich nicht um
Kindern manchmal gefällt, ein Tier zu quälen. Einmal Autofah;er.

>153<
//
/
traurige Tatsache, dass nicht jeder Brasilianer Fußball, , in Gedanken weit weg von der~~/teben, das er
/
talent hat. ,/ erreichte er den Stadtrand von/2"enica. Der trübe
Professor Milijas, der früher schon wegen MOUl!t~ha grüne Fluss bildete ein Knie,)1nd dahinter erhob
ein wenig Portugiesisch gelernt hatte, merkte schnell, die Stadt mit Hochhausreilkn und Wohnblocks,
/1 dass vier seiner Brasilianer diese Sprache weder spra- im Stil der sechziger und sY~bzigerJahre, dazu Fab-
/
chen noch verstanden, sondern sich heimlich unterei- chornsteine und HochqJen, die niedriger waren als
nander in einer anderen, der unseren näher/th und etwas die der Professor iFl/Magdeburg gesehen hatte,
/
bekannteren Sprache unterhielten und sqrlst hartnäckig zdem aber einen Eindruck der stählernen Kälte von
/
schwiegen. Als er massiv wurde und fl):{t bloßem Auge ialismus, Brüdeyrichkeit, Gleichberechtigung und
ohne besondere Polizeikenntnisse erkannte, dass ihre eitersolidaritär' vermittelten, aufmerksam über-
Pässe gefälscht waren, bekam Pn;>f~ssor Srbo Milijas ht von der Geheimpolizei.
mit den überhaupt nicht feinen :ry.tethoden von Spartak ieses Zenica gefiel ihm, denn so aus der Ferne be-
Mijajilovic, der ihm bei der ByEragung behilflich war, htet, erinnerte es ihn an seine Jugend, an die fünf-
heraus, dass Jose Amadeo ql]esus, Makao, Ronson und sechziger Jahre, Sisak, Smederevo und die
Evidentio de la Prima, Pele, 14nus Simao Resus de Black, mmenkünfte der jungen Selbstververwalter, Vor-
Rivelinho, und Eduardo idson Sabrosa de Segondo, e über die sieben Offensiven des Feindes, die er in
/
Fafa, in Wirklichkeit M~liarem Isajic, Mustafa Selimov- riken in Kroatien und Serbien gehalten hatte, an die
ski, Dorde Asanovic uid Tarzan Horvat hießen. itseinsätze der Jugend beim Bau der Autobahn
Und die Sache ~rde nicht besser dadurch, dass h Serbien. Nichts an dieser Stadt, von der Ferne
Isajic, Selimovski, /Asanovic und Horvat die besten achtet, sah so aus, als sei in den letzten zwanzig
Spieler im Team ,*.raren, di~ einzigen, die im Grunde en, in denen es mit dem Leben von Karlo Adum
etwas Brasilianis~hes an sich hatten. Auf ihren Trikots ab gegangen war, etwas dazugebaut oder verändert
stand weiterh}i Makao, Pele, Rivelinho und Fafa, ob- den.
wohl die Holfnung gering war, dass der heilige Ilija sie her dann sah er an dem Pfeiler einer Überführung
einem reic~ren Klub als Brasilianer verkaufen konnte. ffiti in arabischer Schrift, zweifarbig, sorgfältig ge-
Nach em zweiten Cognac ließ der Professor den mit der Aufmerksamkeit von einem, der nicht
Polizis en Stipo im Vatreni 98 allein die Trauer über die rchten muss, von der Polizei wegen Sachbeschä-
Nie rlage ersäufen und setzte die Reise nach Sarajevo ng eingebuchtet zu werden. Er sah, was er sah,
fort. Um sechs Uhr abends des zweiten Tages seiner t gerne, aber er wusste, dass so etwas vorkam. Män-
I
ner in weißen Kaftanen mit langen Bärten und slawi- Selbstmordattentäter, Mudschahedine und eherna-
scher Physiognomie, ihre unsichtbaren Frauen in ge marxistische Guerilleros filmen entführte Journa-
schwarzen Burkas, schwenken Transparente, drohen sten für ihre lokalen Fernsehkanäle und schneiden
mit Parolen auf Wänden und Bildschirmen und mit en dann mit dem Säbel den Kopf ab. Der Journalist
Fahnen an den Minaretten der Moscheen. Jede Parole "ßt Frau und seine zwei Kinderchen, ein dreijähriges
war mit arabischen Buchstaben geschrieben, mit Säbeln, ädchen und einen einjährigen Jungen, und bittet zum
Ranken und fliegenden Kommata, zum Schrecken derer, tzten Mal seinen Präsidenten, sich zu erbarmen und
die nicht unter dem Schutz dieser Säbel stehen. Der m Gefangenenaustausch zuzustimmen, und in der
schönste Vers von Rumi, Gedanken von al-Ghazali oder chsten Einstellung fliegt sein Kopf durch die Luft,
Avicenna oder eine arabische Übersetzung von Goethe llt über den erdigen Boden und bleibt mit offenen
sehen vollkommen gleich aus, sie werden zur Drohung, ugen liegen, Augen, die sich zu einem Himmel richten,
hinter der die Massen stehen, die über die staubigen es keinen französischen, deutschen, italienischen,
Straßen des Libanon und Syriens aus dem Osten kom- .tischen Gott mehr gibt, aber weiterhin der Gütige
men, über die Türkei, den Bosporus und Griechenland d Gerechte und Barmherzige Herr thront, Allah,
als Selbstmordattentäter und Flugzeugentführer nach sen Name den Menschen im Westen das Blut in den
Europa strömen, Gefolgsleute von Osama bin Laden, ern gefrieren lässt, und schon haben sie einen beding-
dem schönäugigen, belesenen saudisehen Prinzen, der Reflex entwickelt, dass Sein Name auf den Lippen
wie der heilige Franziskus das entspannte Leben eines selbe bedeutet wie der Säbel, der auf den Kopf des
Bonvivant langweilig fand und sich lieber für den Weg tführten Journalisten zusaust.
des Guten opferte. In seinem Opfer war er konsequent, Aber Professor Karlo Adum trug eine Pistole bei
er schwankte nie, wich wed,er vom Weg ab noch hinter- h.
ging er seine Anhänger. Die alltäglichen Schwächen der Mit dieser Pistole verteidigt er sich gegen Osama bin
Menschen, ihre Feigheit, Unzuverlässigkeit, Falschheit en und die Gedanken an ihn, verteidigt sich gegen
und Unsicherheit hielten ihn nicht von seinem Opfer bstmordattentäter und Entführer, verteidigt sich
ab, all das, was wir an anderen verachten und bei uns en eine Parole auf einem Brückenpfeiler, die auf der
selbst verbergen. Nur eins konnte Osama nicht, wenn Öhe geschrieben wurde, in der die Hunde pinkeln,
es an uns sein sollte, auch darüber zu urteilen, er konnte nz sicher kein würdiger Platz, der Gott zu Ehren ge-
nicht bestimmen, was gut ist und für welches Gute es hte, sondern nur gewählt, dass ihn jene sähen und
lohnt, sein Leben zu opfern. hraken, die keine Muslime waren.
I 'I.

,'
Deswegen hatte Professor Karlo Adum eine Pistole nicht verstehen, wird es ihnen auch laut gesagt.
mitgenommen. weiß der Professor ganz genau, ihm kann niemand
Und er würde noch hinzufügen, erklärte er sich egenteil beweisen.
selbst - wenn schon niemand sonst ihn hören konnte er Professor weiß, warum er die Pistole mitgenom-
'1 und wollte -, dass er bereits damals, vor zweiundfünf- hat.
zig Jahren, als er mit Mama Cica aus Bosnien floh und r spähte umher, suchte weitere Graffiti, aber es gab
sich etwas später darüber klar wurde, dass er nie mehr e. An den Wänden hingen, wer weiß wie lange
in dieses Land zurückkehren, sondern es verschweigen n, ausgebleichte Plakate von politischen Parteien,
würde im eigenen Namen, im vertuschten Geburtsort, ich wie Menschenhaut pellten, sonst nichts. Neben
im Akzent, der wie die Krätze ausbricht und sich auf traße standen vereinzelte Häuser ohne Fassaden,
keine Weise verstecken lässt, bereits damals dachte und denen uralte Autos parkten, Zeitgenossen des Vol-
fühlte er in seinem Kopf und seinem Herzen, wenn meistens Golfs und Jugos 45, und auf gespannten
auch unbestimmt und unausgedrückt, etwas, was heute en, gestützt von langen hölzernen Stangen, trock-
die ganze Welt denkt und fühlt.' Wäsche. Allmählich senkte sich die Dunkelheit he-
Aus der Ferne betrachtet, können Minarette schön nd den Professor verließ die Wut, dass ihn jemand
sein, die Moscheen in Istanbul könnten wie die Kirchen einer arabisch geschriebenen Botschaft hatte er-
Roms sein - Orte, die Touristen besuchen, die sie aus cken wollen.
touristischen Gründen bewundern, ebenso wie sie die enschen saßen am Ufer, daneben qualmte ein Grill,
Museen über den Holocaust und die verkohlten Reste em stand einer im Unterhemd, auf dem Kopf ein
der Konzentrationslager bewundern. Stets beweist ein , dessen vier Ecken zu vier kleinen Knoten gebun-
Japaner mit blitzendem Fotoapparat das wahre Aus- aren, und wedelte mit einer Zeitung, um die Glut
maß dieser Faszination. Zwischen dem Vatikan und der achen. Die anderen starrten wie hypnotisiert in
Hagia Sophia, davon hatte sich der Professor mit eige- Fluss, der wie bei Heraklit floss, und ruhten die
nen Augen überzeugt, gab es keinen Unterschied. darin aus. Es störte sie weder, dass der Fluss
Aber aus der Nähe gesehen, ist ein Minarett etwas sauber und blau war, noch dass zehn Meter hinter
anderes. Wo ein Minarett steht, ist kein Platz für Anders- Rücken der Verkehr floss und auf sie die unver-
gläubige, und das lässt man diese, und sei es mit einem ten Schätze der arabischen Halbinsel als Ruß he-
freundlichen Lächeln, und sei es in einem slawischen gnete, sondern sie genossen wie Menschen in der
Gesicht, täglich spüren, und am Ende, sollten sie die e vor dem Weltuntergang ihr kleines Paradies.

I I
I,
Das brachte ihn etwas ins Wanken. Der Professor stockte fast das Herz, er schrammte die Leitplanke ent-
war kein Fanatiker, das hatte er seit jeher stolz betont. lang, denn direkt neben seinem Ohr drehte sich das rie-
Wenn einem Schüler am Ende des Schuljahres eine Note sige Rad eines gepanzerten Kampfgeräts, Amphibie,
höher zu einem Abschluss mit Auszeichnung verhalf - Panzer, was war das überhaupt.
von Adum konnte er sie immer bekommen. Das wuss- Zum Glück war es das letzte Fahrzeug der Kolonne.
ten alle. Professor Karlo Adum war kein Fanatiker. Das An ihm flatterte ein amerikanisches Fähnchen, so wie
sollte man nicht vergessen, wenn man von ihm redet. So Lastwagen und Jeeps amerikanische Kennzeichen ge-
dachte er auch jetzt, während er die Ärmsten sah, die habt hatten. Der Professor merkte sich die Zahlen us
mit Stojadins und Jugos gekommen waren, grillten und ARMY 265 und us ARMY 272. Er wollte sie an der nächs-

es genossen, den Fluss fließen zu sehen, dass sie wahr- ten Polizeistation anzeigen, doch dann fiel ihm ein, dass
scheinlich Muslime waren und nicht verdient hatten, das zu nichts nütze wäre. Ein Greis aus Zagreb tritt
was er vor kurzem gedacht hatte. irgendwo in der bosnischen Provinz, in einem gottver-
Die Menschen sind unglücklich, dachte Professor lassenen Kaff zwischen Zenica und Sarajevo, in eine
Adum, aber ihr Unglück befähigt sie zu unvorstellbar Polizeiwache und zeigt das amerikanische Militär wegen
bösen Taten. Deswegen hatte er eine Pistole auf die ines Verkehrsdelikts an. Das wäre ein guter Anfang für
Reise mitgenommen. en Film über Sonderlinge. Professor Adum wollte
Wieder fuhr er zu langsam. Mit Lichthupe und der h selbst auf keinen Fall als Sonderling sehen.
normalen Hupe fuhr eine Kolonne Militärfahrzeuge Er zündete eine Zigarette an, die erste in den letzten
auf, Laster, gepanzerte Wagen, Jeeps, und drängte ihn iden Tagen.
auf den Seitenstreifen. Mit dem rechten Rad fuhr er An einer breiteren Stelle hielt er neben einem Müll-
über den Kies neben der Fahrbahn, holperte durch ufen an, den irgendjemand dort abgeladen hatte,
Schlaglöcher und über Hubbel, bis er an die Leitplanke chte und betrachtete den Schaden am Kotflügel sei-
schrammte. Das Blech quietschte und der Plastikschutz alten Volvo. Aus vier breiten Schrammen gähnte
winselte, als Professor Adum zum ersten Mal in dreißig lich wie die Cellulites am Hintern ein~;ehemaligen
Jahren den Lack am Volvo beschädigte. .. nheit das Blech - aber an der Wunde, die die Ame-
Er drückte auf die Hupe, hysterisch hupte er die Last- er dem Professor geschlagen hatten, war er selbst
wagen an, sie sollten sich aus seiner Spur machen, er ld, weil er in seinem Leichtsinn diese Reise unter-
fluchte, aber sie hörten ihn nicht, und es interessierte sie en hatte.
auch nicht. Wieder quietschte das Blech, dem Professor r inhalierte den Rauch und überlegte, wie gern er
/

die Zeit zurückgedreht hätte. Er hätte das Telegramm n .. ~lU"'~,


das Guernica unserer Zeit. Aber der Professor
zerrissen, diese von Anfang an verdächtige Konfabula- dachte weniger über Hasen als über die Amerikaner
tion von Tadija Melkior und Advokat Dr. Jozo Sunaric nach.
vergessen, hätte sich nicht zu einem völlig ungewissen Er kann Osama bin Laden verstehen, er kann sich
Erbe hinreißen lassen, Geld, das ihm ein hundertjähri- sogar mit ihm identifizieren, obwohl er kein Fanatiker
ger Erblasser vermachen will, sondern hätte sein Leben ist und kein Held, aber er kann weder Bush verstehen
gelebt und das Auto gefahren, das ihm seit dreißig Jah- noch seine Schwarze mit der Physiognomie einer häss-
ren treu diente, und es niemals aufs Spiel gesetzt. lichen weißen Dienerin in den Filmen der vierziger
'] Es berührte ihn, dass er gleichsam automatisch den hre, diese Kondolenz-Reis von Bush, und er kann
Volvo als lebendiges Wesen betrachtete, ein verwundetes uch nicht ihre Fahrer verstehen, die sich Tausende
Tier, das neben einem Müllhaufen stand, zwischen auf- ilometer von der Heimat entfernt einen Spaß daraus
geplatzten Tetrapacks mit verdorbener Milch, Plastik- achen, andere Autofahrer von der Straße zu drängen.
tüten mit den Logos österreichischer Supermarktketten, ehaben es eilig. Aber wo müssen Amerikaner in Bos-
einem Berg schimmeligen Brots, grün wie die Glocke in n eilig hinfahren?
der Kirche des heiligen Vlaho, Ölkanister, verbrauchten Während des Kommunismus, während Jugoslawien
Tonerkassetten und alten Farbbändern für Schreibma- s kommunistisches Land galt, gab es in jeder Haupt-
schinen, die niemand mehr brauchen konnte, und einem ~dt der einzelnen Republiken je ein Amerikahaus. Es
Berg von sonstigem Abfall unbestimmbarer Herkunft. in der Regel in der Stadtmitte und hatte große Schau-
Dem Professor kamen die Tränen, das wäre ihm früher ster, hinter deren Scheiben die Amerikaner Fotogra-
nie passiert, und vor lauter Erstaunen heulte er laut los, ihres Landes hängten, ihrer Städte, Dörfer, Wälder
wie er seit seiner Kindheit nicht mehr geheult hatte, so d Wüsten, lauter Bilder von Freiheit, Demokratie
laut, als sollten andere ihn weinen hören. d Wohlstand, bis über die Schmerzgrenze bunt, wie
Er fuhr weiter, vorbei an Kakanj und Catic, an einer rFarbenblinde gedacht, Bilder voller lachender Ge-
furchterregenden Zementfabrik, die wie ein Museum hter von Menschen aller Hautfarben, Bilder von
für moderne Kunst aussah, wie es sich die unterbeschäf- nschen in allen möglichen Trachten, geschmückt mit
tigten Kustoden in Zagreb vorstellen, während sie beim wboyhüten und Indianerfedern. Die Demokratie
Kultusministerium Geld eintreiben, um aus der weiten der Kapitalismus in den Amerikahäusern wirkten
Welt lebende, fluoreszierende Hasen für eine Ausstel- eDisneyland.
lung zu organisieren, der neueste Hit in der bildenden Wenn Professor Adum mit Frau Ivanka auf dem Weg
von einem Antiquariat zum nächsten durch den Zrinje- en die Amerikahäuser Botschaften. In Zagreb wurden
vac spazierte, sah er sich jedes Mal die amerikanischen ie Schaufenster am Zrinjevac mit Gittern und MetalI-
Fotografien in der Auslage an. Manchmal gingen sie hi- tten gesichert, Betonpfosten wurden aufgestellt, Poli-
nein, blätterten in Zeitschriften und Büchern, und die ten verlangten auch von zufälligen Passanten, sich
jungen Angestellten in blauen Uniformen wie von der szuweisen, und in das Gebäude gelangte man nur
Heilsarmee überredeten sie, das eine oder andere mit eh gründlicher Untersuchung. Als die Demokratie
nach Hause zu nehmen. Ivanka nahm gelegentlich ein kam, beziehungsweise die Freiheit, die die Amerika-
Büchlein oder einen Prospekt aus reiner Höflichkeit an, r mit ihren bunten Fotografien beworben hatten,
um die Leute nicht zu beleidigen, warf es aber in den twandelten sich die Schaufenster in Bunker, die Lese-
nächstbesten Papierkorb. Niemals hatte sie einen dieser in stark bewachte Büroräume, und die lächelnden
Prospekte mit nach Hause genommen, obwohl sie gen Männer in ihren blauen Anzügen wurden von
durchaus wie ein Hamster dies und das ins Haus ahlten Mördern und Jägern arabischer Köpfe abge-
schleppte, darunter auch Dinge, die binnen zwei Wo- t. Bald bauten sie eine neue Botschaft in Buzin am
chen Müll werden. Gedruckt auf teuerem Papier, fettig dtrand von Zagreb, die nun mit ihrer Lage und der
wie eine Schweinshaxe, waren die bunten Bildchen aus willigen, von allen vier Seiten sichtbaren Absonde-
dem Amerikahaus Müll, sobald man sie in die Hand an den Kreml erinnert. Hinter ihren gläsernen
nahm. nden thront eine böse Micky Maus.
Aber diese Schaufenster, über denen Fahnen wehten, Gegen die war die kleine Pistole machtlos.
stets gewaschen, groß und breit, so geräumig wie ein Als er sich endlich beruhig~atte, trat er die Zigarette
halbes Basketball-Spielfeld, waren Schaufenster der setzte sich ins Auto undfuhr weiter. Vor dem Ab-
Freiheit. Nicht wegen dem, was darin ausgestellt war, ' I
eig nach Visoko wuJ;;d'e aus der engen Landstraße
denn das war naiv und lächerlich, bunt wie ein Leb- Autobahn. Es ~a~ längst Nacht geworden, das
kuchenherz, sondern weil in ihnen eine Welt gezeigt nlicht der entgegerikommenden Fahrzeuge blendete
wurde, die sich schon von ihren Absichten her von der ,er war müde,Aind er hatte die Nase voll. Nach den
unseren unterschied. Polizisten bewachten die Schau- telpreisen i1fj~arajevo hatte er sich nicht rechtzeitig
fenster des Amerikahauses, damit ja keiner auf die Idee undigt unst~uch nicht, wo man am besten übernach-
kam, einen Stein hineinzuwerfen. Und das hat tatsäch- ~onnt~lEr hatte die Telefonnummer von Re.chtsan-
lich keiner je getan. tSunaf"ic notiert, und das war alles, was er m Sara-
Aber als der Kommunismus zusammenbrach, wur- /
kannte.

>180< >181<
Luft zu bekommen, das Zimmer war sehrßt~~big, ih lle.nsln Zavod vorbei und die Titova Ulica ent-
/'
war, als atmete er mit Kiemen. Er zog ~jc'h an und gin war ein sonniger Tag, der Altweibersommer
hinunter. ;/ die schönste, tragischste Zeit des Jahres, in der
»Oh, Herr Hadum, wie ist Ihr ,~finden? Haben Si öne Tag der letzte sein kann. Diese letzten Tage
/'
Medikamente genommen?«, At,fla imitierte den Zagre bis Ende Oktober anhalten, 1970 dauerten sie,
ber Slang und betonte das nieht vorhandene H, um ch erinnerte, bis zum fünfzehnten November,
zeigen, dass er die Beci,e'litung seines N achnameri ändert nichts an dem Eindruck, dass jeder Tag
kannte. J e ist und man ihn in diesem Bewusstsein ver-
»Wo gibt es hier eil1Restaurant?«, fragte er ihn. sollte. Wenn der Altweibersommer ein Leben
»Vis-a-vis, übe~.die Straße, nächste Ecke links«, sag ne, würden alle Menschen an Gott glauben.
Atila affektiert. / annte den Durchgang wieder, in dem Mona
»Lassen Si%~ich nicht ärgern, einfach die Straße h" wesen war. Er ging hinein, wollte sehen, was
nunter, da pfuden Sie schon ein Restaurant«, rief er de war und stand vor einem verglasten Kafic. Es
Professo/nach. eIbe Gebäude, ein vierstöckiger, grauer Bau aus
Das Restaurant hieß Kleine Küche und hatte gen hisch-ungarischer Zeit mit grünen Rollläden
drei Tische. Er bestellte ein Steak, blutig, zwei jun enstern. Der Professor stand mitten im Hof
Köche hofierten ihm, er war der einzige Gast. Sie fra. te, ob sich hinter den Fenstern etwas bewegte.
ten nicht viel, und dem Professor war nicht nach Red ar keiner da. Das ist oft so bei Altbauten im
er kaute und sah zu, wie sich das Blut im Teller ausb m. Entweder wohnt dort keiner mehr und
tete und die Blumenkohlröschen immer mehr aus d ngen werden als Rechtsanwalts- oder Nota-
Kopf geschossenen Gehirnen kleiner Soldaten an ien genutzt, oder die Leute wohnen schon so
Front bei Verdun ähnelten. dass sie nicht mehr ans Fenster gehen.
Nach dem Essen fühlte er sich besser. Da dachte em Ort war nichts Sentimentales. Nicht ein-
dass er besser nicht wartete, bis es halb sechs war un er Mona Grazia noch vorgefunden hätte, so
Sunaric die Zeit bis zum Sterben verkürzte, besse on 1944 gewesen war, hätte er in das Schau-
setzte sich gleich in den Volvo und fuhr nach Zag chaut, nicht Mama Cica sehen wollen, wie
Hätte er keinen Platten gehabt, er hätte es vielleicht Martini die Beinlänge misst, die Nase um
tan. ite vom Schritt des Oberst entfernt, und Karlo
Zu Fuß lief er ins Stadtzentrum, durch Marijin D .er Uniform, wie er von einem Ende des La-

>212< >21}<
dens zum anderen marschiert und in einem Phantasi Ziffer 3 befestigt war, er stieg die Treppe
Italienisch das Lied vom Duce singt. Auch an dies nd fing an, der Gruppe etwas zu erklären. Pro-
Reise war nichts sentimental, sie war nur voller häs dum spitzte die Ohren, bekam aber nicht ge-
licher Erinnerungen, Druck auf der Brust und Ang um die Sprache zu erkennen. Die Türen zur
um die Pistole. rale öffneten sich immer noch nicht.
Er setzte sich in das Cafe gegenüber der Kathedral Führer redete lange, schwenkte seinen Stecken
Auf der Steintreppe saßen Mittelschüler, Jungen u tete damit auf dies und das, und der Professor
Mädchen, und lachten. Keiner ging hinein oder kam ,dass es sich um Teilnehmer einer katholischen
raus. Er trank Stock, um sich zu zerstreuen und kl .on handeln musste, die Sarajevo besuchten,
im Kopf zu werden, und wettete mit sich selbst, dass sie sich mit ihren Sarkomen, Melanomen,
so lange schauen werde, bis die Tür der Kathedrale pectoris und porösen Hirnschlagadern von der
ging. Wenn das nicht eintraf, würde etwas Schlim ottes von Medugorje alle Angst hatten nehmen
passieren. Die böse Phantasie verriet ihm nicht, nd in Frieden in ihre Heimat zurückgezogen
aber die Drohung war unausgesprochen da. m dort im Sinn eines baldigen Wiedersehens
Er bestellte noch einen Stock. t bald zu sterben. Wer außer Katholiken würde
Und noch einen. viel Zeit vor einer einzigen, im Wesentlichen
Die Schüler standen auf und gingen. santen und künstlerisch wertlosen Kirche ver-
Auf die Steintreppe setzte sich ein junger Mann die auf die Schnelle unter der österreichisch-
kurzem roten Bart und sah nervös auf die Uhr, h hen Besatzung gebaut worden war, eine Art
sein Handy heraus, telefonierte, und das Ganz~ Kaserne eher für die Okkupationskräfte denn
Dutzend Mal. nglückliche Volk, das mit den Besatzern den
Er bestellte noch einen Stock, aber die Tür zur teilte. Später wurde die Kirche ein Beweis
thedrale blieb zu. 'Ösen, nationalen und kulturellen Toleranz, zu-
Er hörte das Martinshorn der Feuerwehr, das r serbischen Karadordes, dann der Kommu-
räusch schnell fahrender Lastwagen, gleichzeitig m während der vier glorreichen Jahre von
Touristengruppe, eine kleine Herde überwiegend Pontifikat erneut das zu sein, was sie unter
Menschen mit rötlichem Teint und hellen Haareri~ ef gewesen war. Auch heute ist die Kathedrale
vor der Kathedrale stehen blieben. is für die muslimische Toleranz, die wie jede
Der Führer hatte einen Stab, an dessen Spitze am Balkan eine subtile Form der Verachtung
gegenüber allen ist, die in der Minderheit geblieben Sie aus Slawonien?«
Der Gedanke gefiel ihm, er wollte ihn sich merken. , aus Zagreb.«
Dann ging der Führer auf die Tür der Kathedrale zu , unmöglich, Sie müssen Slawonen in der Fa-
und die Herde hetzte hinter ihm her. Er drückte di ben«, der Taxifahrer war enttäuscht, er suchte
Klinke, schlug mit der Hand an das dicke Glas, sah sic hler, wie der Mittelstürmer einen Knubbel im
nach einer Klingel um, und der Professor bekam Angs für verantwortlich macht, dass er den Ball über
dass er seinen Schwur nicht einlösen könnte, dass ih geschossen hat.
tatsächlich etwas Schlimmes passieren würde. Aber d" einer Familie gibt es keine Slawonen. Nur der
Tür ging auf, die Herde strömte in den Tempel wie .. im Erdgeschoss kommt von da.«
durch einen Trichter in die Flasche, und der Profess er verstehen Sie sich gut mit diesem Nachbar,
rief den Kellner wegen der Rechnung. n dazu Komsija. Ich mache Witze. Sie sagen, Sie
Auf der BascarSija setzte er sich in ein Taxi, einen Zagreb. Zagreb ist schön, ich hatte dort einen
ten, verrosteten Passat. Am Steuer saß ein schreckli vom Militär, er wohnte im TreSnjevac und hieß
dicker und ebenso geschwätziger Mann mit eine Milovanovic. Kennen Sie ihn zufällig? Zagreb
Schnurrbart wie General Duro Decak. aber vielleicht kennen Sie ihn per Zufall. Vor
»Sie sind nicht von hier?« g habe ich ihn besucht, die Straße hieß Rade
»Nein.« gibt es im TreSnjevac eine Straße mit diesem
»Ich höre das sofort. Ich erkenne nicht nur die Fre r war gut zu mir. Als meine Frau zweiund-
den, ich kann auch die Kunden aus der Innenstadt umkam, wissen Sie, bei einem Granatenbe-
denen aus Alipasa, Vratnik oder Bistrik unterscheid Ild das Telefon ging noch, da hat er mir fünf-
Das sind Stadtteile von Sarajevo, Viertel, wir sagen Mark aus Zagreb geschickt. Das war viel Geld
hala dazu«, schwafelte er, während der Professo ach dir keine Sorgen, Salko, hat er zu mir ge-
chelte und schwieg. »Man hört genau, ob jemand nst es mir nach dem Krieg zurückzahlen.
Mejtas oder aus Bjelave kommt, und von Mejtas en die Verbindungen unterbrochen, ich war
Bjelave gehen Sie zehn Minuten zu Fuß, zweihun eiten, habe zugesehen, dass ich überlebe, vier
Meter Luftlinie, aber die Leute reden anders. Ist das mir meine Mira hinterlassen, ich muss sie
Ihnen auch so?« en, ernähren, vor den Granaten schützen,
»Keine Ahnung, ich kann das nicht auseinande gesagt wäre ich, auch wenn ich ein funktio-
ten.« elefon gefunden hätte, nicht auf die Idee ge-

>216<
kommen, Kamerad Rastko anzurufen und zu war der gut, ich habe ihn siebenundsieb-
wie's ihm geht. Heute tut mir das leid. Für ihn ware uro-Dakovie-Saal gehört. Jude, Russe, und im
fünfhundert Mark auch viel Geld. Aber fünfundneu ein Zigeuner. Spielt natürlich Klassik, aber man
zig, als das Telefon wieder ging, habe ich seine NumII1 er morgen bei uns im Volksensemble anfan-
als Erste gewählt. Da meldet sich eine Frau, ich sage, ie te. Solche Leute gibt's nicht mehr.«
will Rastko Milovanovie sprechen, meinen Kamerade aben Sie gut gesagt, das glaube ich auch.«
und die Nutte sagt wie aus der Pistole geschossen, hi 'stalles den Bach runtergegangen, mein Herr.
wohnen keine Tschetniks mehr! Ich sag Ihnen was, e dpol schmilzt, das Packeis schwimmt weg, es
schuldigen Sie, Sie sind Kroate, aber die Ustasch en Schnee mehr und keinen Winter. Die Kin-
Nutte soll der Teufel holen.« ~n nicht mehr Schlitten fahren. Und die Leute
»Ja, es gibt komische Leute.« noch, wer welchen Glauben hat und welcher
»Ganz genau, das haben Sie gut gesagt. Aber wiss ät angehört, aber nicht, was das für ein Mensch
Sie was, kein Scherz, jetzt höre ich, dass Sie aus Zag en Sie, Sie sind Kroate, ich Bosniake, was
sind. Meine Güte, Slawonien, man hört den weich wir mehr.«
feinen Klang, ein bisschen näselnd, wie wenn Mi TI kein Kroate.«
N ovosel redet. Mich kann keiner täuschen. Also sieb ie leben dort. Irgendwas sind Sie.«
undneunzig habe ich am Flughafen gestanden, und «, seufzte der Professor.
stieg dieser Schriftsteller ein, der jetzt bei uns lebt. S Nonne empfing ihn. Sie sagte, Doktor
sich und ich frage ihn, na, wieder in der Heimat? he es nicht gut, er habe sich sehr aufgeregt,
geht's in Zagreb? Macht's Tudman noch lange, der erren Mihailo Adum und Petar Ivanean hät-
doch krank sein? Ich mach alles, damit er redet. D gt, das Testament interessiere sie nicht, sie
waren wir noch nicht mal losgefahren. Sage ich, alten Herrn angeschrien. Dass sie sich nicht
weiß, wo ich dich hinfahren soll, nach Mejtas fahre nd den Menschen schämen!
dich. Woher weißt du das?, fragt er. Kumpel, Salko arie saß auf seinem Bett mit dem aufgestell-
alles, Salko hat ein gutes Ohr, Salko hat Geige ge und Kissen im Rücken. Auf dem Brett, das
im Volksensemble, bis der Zeigefinger steif wurde. ich zum Schreiben nutzte, lag eine weiße
ihn dir an, er ist immer noch steif! Mann, ich wa mit roten Stickereien. Auf der Tischdecke
Geiger, Menuhin war nichts gegen mich.« ßes, versiegeltes Kuvert. Gegenüber dem
»Menuhin war gut«, bestätigte der Professor. en drei schwarze Ledersessel, ein Tischchen

>218<
mit drei Gläsern und einem Krug Wasser. In e, während er nach Sarajevo fuhr, an der Aus-
Kristallkörbchen, das aus einer alten Aussteuer ch Plehan, als ihm im Traum die Leute in Fran-
stammen schien, lagen Schokoladenstückchen. habit erschienen waren, wusste Professor
dass es kein Erbe gab, er fühlte sich wie ein
r Er gab dem Anwalt die Hand und setzte sich.
Der Alte brach das Siegel und öffnete mit einem ec
ten deutschen Offiziersdolch das Kuvert. Der Prof
apler und Verräter, denn er hatte den getäuscht,
,schief wie die Titanic, vor dem Hotel Maure-
sor betrachtete das Messer, das in Zagreber Antiqu nd. Mit der Zeit hatte er die Angst verloren, es
ten einen guten Preis erzielt hätte. Während J me Falle sein, dass ihn jemand entführen wolle,
Sunaric mit zittriger Stimme das Testament seines la e Verfehlung, dass er sich zu dieser Reise hatte
jährigen Freundes verlas, dem der Professor nichts n lassen, wurde dadurch nicht geringer.
aufmerksam zuhörte, sondern sich seinen Geda uschte er den letzten Worten von Tadija Mel-
über den deutschen Dolch und Jozo Sunarics Ac s Testament:
seele überließ, denn ihn stieß das Pathos von Tä gesamten Ersparnisse, ~ie in der Züri-
Melkior Adum ab, der in seiner Ansprache an die unter Kontonummer 345231II2, Chiffre
Neffen einräumte, er habe sie seit ihrer Kindheit r, liegen und 120000 Schweizer Franken zu-
mehr und Mihailo noch nie gesehen, um dann all di r seit 1987 nicht beigeschriebenen Zinsen be-
fühlsbeladenen Bewertungen anzuführen, mit d llen zu gleichen Teilen unter Mihailo Adum,
Eltern während der sonntäglichen Mittagessen ihre can und Karlo Adum aufgeteilt werden, oder
nen Kinder empfangen und begleiten. Der Prof er drei genannten, die zur Verlesung des Tes-
wollte keines dieser Worte an sich heranlassen, e rschienen sind, während Abwesende ausge-
sie an sich abgleiten und beobachtete, wie sich Sti ind. Geistig gesund, kurz vor der Begegnung
quälte, erheblich schlechter aussah als am Morge Herrn, ve1traue ich diese Blätter (insge-
sehr schlecht Luft bekam, es war, als würde er sie .ten, in Buchstaben sieben, durchnummeriert
jedem gelesenen Wort mehr und mehr auflösen Blatt) Rechtsanwalt Doktor Jozo Sunaric an,
verschwinden. in der Schweizer Botschaft in Sarajevo. Un-
Der Professor hegte keinerlei Hoffnung, ein V. mit den Initialen TMA.«
gen zu erben. Noch bevor er die Nummer gewählt is ließ das letzte Blatt sinken, unterschrieb an
die der Rechtsanwalt in seinem Telegramm nannte, ehenen Stelle und wies zur Tür.
bevor er wusste, was es mit der Klarissinnenansta nnen gehen, ich bin fertig. Seien Sie nicht

>220< >221<
böse, Sie haben noch nicht einmal Ihren Saft getm <abnB:en zugeteilt wurden, nach denen die
ken.« benannt wurden. Das könnte die Peiton-
Der Professor nahm den Aktendeckel mit den Dok ·n. So hieß in jener Zeit das Glück.
menten und verabschiedete sich von dem Rechtsanw undemüde, der alte Professor Karlo Adum,
aber der sah ihn nicht mehr an und antwortete nic einsam an der Straße stand, die in die Stadt
Die Nonne begleitete ihn zum Ausgang. Sie wünsc en Häusern, in denen kein Licht eingeschal-
ihm viel Glück, gab ihm aber nicht die Hand. als sei der Strom ausgefallen, und winkte mit
Er stand am Rand der Straße, die in die Stadt füh and einem roten Golf.
und wartete auf ein Taxi. Neben der Straße standen e' ahrer war ein knochiger, verbrauchter Mann,
stöckige Einfamilienhäuser aus den siebziger Jahr äßig gesprächig. Er rauchte und aschte aus
Vor jedem Haus war ein Garten. Manche hatten S . Hatte er eine Zigarette aufgeraucht, zün-
und Tomaten angepflanzt, in anderen standen Ros ie nächste an.
und vor einigen Häusern wuchsen Unkraut und Gr ,dass es mir nicht guttut«, sagte er und hielt
wucherten verwilderte Fliederbüsche, halb vertroc or die Schachtel hin.
ter Efeu und vernachlässigte Kletterrosen. In die atte er sich eine angezündet und den ersten
Häusern lebten wohl unglückliche Menschen, dac aIiert, bereute er es. Er bekam immer weniger
er, Menschen, die im Krieg den Sohn, den Bruder 0 .. rde sich die Atmosphäre zusammenziehen,
den Verstand verloren hatten und sich dann aufgab ungenfans, die von einem Fußballspiel zu-
Zum ersten Mal dachte er an solche Menschen, , die ganze Luft weggeatmet. Es waren H un-
ersten Mal an den Krieg in Sarajevo. Wenn er noch le azierten an der Miljacka, schwenkten Fahnen
musste Murats Vater Salem heute über neunzig Jahre Fanlieder. Sie strömten auf die Fahrbahn,
sem. ahn klingelte, um sie zu vettreiben, und der
I
Lange fuhr kein einziges Auto auf der Straße, agte:
auch kein Taxi, und der Professor vertrieb sich die ein großer Sieg!«
mit Gedanken an die Menschen in den weißen Häus Professor hielt seine Zigarette und führte
hinter den Gärten mit asymmetrischen Dächern u und, als würde er rauchen, denn es war ihm
Fassaden, die an ein kubistisches Frauenporträt erinn , eine geschenkte Zigarette sofort wieder
ten. Ähnliche Siedlungen waren damals in ganz Jugos en. Er konnte nicht reden, war dem Taxi-
wien gebaut worden, Häuschen, die den Arbeitern je bar für seine Schweigsamkeit und rauchte,

>222<
als wolle er sich umbringen, indem er die eigene 'e Stufen schon mal aufgefallen waren oder ob
mitsamt dem Rauch einsog. ohne sie zu sehen, hoch- und runtergegangen
Bevor sie das Mauretanija erreichten, steckte aren hässliche, unbearbeitete Betonstufen wie
Taxifahrer die dritte Zigarette an. unfertigen Neubau. Der Professor stieg sie
Die Scheibe an der Fahrertür des Volvos war d tröstete sich, dass ihm das Treppensteigen
schlagen. Der Einbrecher hatte das völlig wertlose mer schwergefallen sei und er nur noch nie
radio herausgerissen und das Handschuhfach d nachgedacht hatte, erst jetzt denke er darüber
wühlt. Aus dem Armaturenbrett ragten Drähte war schwül, er war weit weg von zu Hause,
Sitz war voller Glassplitter, und auf dem Boden en schweren Tag hinter sich, es war wohl nor-
Karamellbonbons. Er öffnete den Kofferraum es einem dann schwerer fällt als sonst.
stellte fest, dass der Wagenheber, der Werkzeugk Ihre Grippe, was ist mit Ihrer Grippe?«, rief
und Ivankas alter Regenmantel geklaut waren. unten, »passen Sie auf, dass sie nicht die Lunge
wollte jemand mit einem alten Regenmantel? Ihrem Alter ist das schnell passiert und dann
Atila saß hinterm Tresen und las Zeitung. Halali geblasen und Sie sitzen im Express zum
Nase hatte er eine lächerliche Brille, ein weibisch Passen Sie auf, mein Herr, obwohl es auch
rotes Gestell in Schmetterlingsform. cht wäre, wenn Sie sicher unter dem Kreuz in
»Ach, Sie sind es, lieber Hadum! Ich darf Sie do egraben werden. In Zagreb beschweren sie
nennen? Sie sind in Sarajevo geboren, da wissen on, dass es in Sarajevo keine Kreuze mehr
um die Wärme zwischenmenschlicher Beziehung Ihrem Beispiel würden Sie zum Bestehen der
»An meinem Auto wurde die Scheibe eingeschl en Nation in Bosnien beitragen.«
»Nicht möglich! Das soll vor unserem Hotelp fessor konnte sich nicht umdrehen, er konnte
sein? Ich fasse es nicht. Soll ich die Polizei rufen, tionisten nicht antworten, ihm nicht mit einer
sie das aufnimmt?« rohen, denn er rang um Luft und versuchte
Adum antwortete nicht, sondern ging zur ieren, worüber er früher nie nachgedacht
und in sein Zimmer. Die Stufen waren mindeste Fuß auf die nächste Stufe heben und dabei
pelt so hoch wie heute Morgen, ihm ging die Pus d ausatmen. Komisch, dass ihm das nie auf-
während er nach oben stieg, er betrachtete seine r, dabei war es keine kleine Sache, keine
spitzen, als würde das beim Hochklettern helfe ,auf der Treppe ein Gleichgewicht zwischen
konnte sich beim besten Willen nicht daran eri nge zu finden.

>224< >225<
Wie Jan Vennegoor of Hesselink, der in der und betrachtete die beiden Gegenstände auf
zehnten Minute den Ball ins spanische Tor köpft. 'chen Synthetikdecke, ein Vorkriegsprodukt
Professor Adum saß spät in der Nacht vor dem Fe ks aus Vukovar, und fand, das wäre ein guter
seher und wartete, dass der Reporter in Eurosport .. r einen Thriller. Schade, dass solche Filme
Namen aussprach: Jan Vennegoor of Hesselink. gedreht werden.
fielen die Augen zu, er schlief in seinem Sessel sich angezogen aufs Bett.
wurde von dem Geschrei im Stadion wach, aber er noch zu früh, um schlafen zu gehen, es war
nicht locker. Dieser Name, so ungewöhnlich wie t einmal halb neun. Er wollte sich ein wenig
Burenkrieg und die nepalesische Flagge, waren und dann noch einmal hinaus, um etwas zu
Nachtgebet. Wenn er den hörte, konnte er ruhig nahm die Blätter aus dem Aktendeckel, las den
zufrieden schlafen gehen. es Testaments noch einmal durch. Zürich-
Atemlos erklomm er die letzte Stufe. ntonummer 34523 II 12, Chiffre Freelander.
Er schnaufte, während er sein Zimmer aufschl sich so eine Chiffre aus? Der Kunde oder die
Schau, schau, heute hatten sie seine Sachen nicht du ija Melki6r Adum hatte seit Ende 1986 die
wühlt. Er öffnete das Fenster und sog die kalte Ab ht mehr beischreiben lassen, also hatte er
luft ein. Da schien ihm alles in bester Ordnung zu h die Chiffre nicht mehr geändert. Hatte es
also hatte ihn grundlos die Panik erfasst, es gibt s on den Freelander gegeben, den Landrover,
Tage, wichtig ist nur, dass man sich beruhigt und der Name erst später auf den Hinterteilen
melt. Er schaute hinunter in den betonierten Ho obile, die den Professor im Volvo überhol-
dem sich das historische Match zwischen LjubiCic
Federer abspielte, das Ljubicic verlieren musste, sicher, dass es den Freelander 1986 noch nicht
ohne Niederlage kein Opfer. Sobald sie anfangen i tte, und überlegte, wie Tadijas Chiffre aus
winnen, Menschen wie Völker, sind sie keine , aus leeren Worten entstanden war. In Zü-
mehr. Dann wird das Leben erst schwer. oder Bern, in Graz, Wien oder Salzburg, wo
Er dachte, dass er wieder klar denke. Er sollte to eröffnete, hatten sie einen Greis aus einem
Leserbrief schreiben. In seinem Alter war das ein. en Land vor sich, aus einer Stadt, die nur be-
Gehirnjogging. weil ein österreichisch-ungarischer Prinz
Er holte die Pistole aus der Tasche und legte sie et worden war, und die jenseits dieser Infor-
Bett, neben den Aktendeckel mit Tadijas Testame t existiert, es gibt sie nicht, und sie lebt nicht,

>226<
/

so wenig wie die Städtchen in Polen, der Bukovin Angst vor Atila; der im Traum nicht vor-
mänien, Bulgarien, Transsilvanien, die sich Isaac B 'tweit aufgerissenen Augen und halb offenem
vis Singer und Gregor von Rezzori ausgedacht rtete der tote Professor, dass Atila einträfe. Er
dann ausführlich beschrieben haben. Während e 'cht, dass eine schmale eisige Schlange in sei-
Konto eröffnete, war Tadija Melkior Adum .. d und die Kehle hinunterkroch ...
! Bankangestellten wie die Figur aus einem M" erz klopfte, im Kopf pulsierte ein starker
Hätten sie gewusst, dass er seinem eigenen Brude . Er wusste nicht, was los war, ob er noch
Daumen abgehackt hatte, wären sie davon übe und in seinem Traum wieder lebendig wurde
gewesen, dass er nur im Märchen vorkam. Er spra er wach war und der Boden in seinem Zimmer
wunderliches, angestaubtes Deutsch, wie Karlos öhnen der Pauken und dem Schmettern von
eine Sprache, in der Hochzeitszeremonien, Offi n bebte. Es war, als würde Mahlers Sympho-
bälle und Begräbnisse bewahrt waren, die Verl rbien Richtung Albanien und Makedonien ab-
von Verlautbarungen über Belobigungen und damit sie sich mit örtlichen Noten und Sitten
zeichnungen, vergeben von Pranz Josef dem E echerne Töne dröhnten vom Erdgeschoss hi-
einer Sprache, mit der die Gerichtsdiener in den n Himmel und hoben Professor Karlo Adum
provinzen der österreichisch-ungarischen Mon Bett.
sprachen, aber auch die Polizisten in den Erinne auf die Uhr, noch eine halbe Stunde bis Mit-
von Stefan Zweig. Dieser Greis gehörte zu kein
len Land, und die Zeit, in der er gelebt hatte, war die Pistole auf dem Kopfkissen und ging
nen Bankzeiten vorbeigelaufen, in seinen Reisepa m Atila endlich die Meinung zu geigen. Er
standen imaginäre AngabeIl über Heimat und na Tür hinter sich zu, aber der Knall war nicht
Zugehörigkeit, die Anamnese von Staaten, die in denn von unten drang ein wilder, schneller
verschwinden. Deswegen war er für sie ein Free herauf, der jedes andere Geräusch schluckte.
ein Staatenloser in statu nascendi, einen, den es die Treppe hinunter, überraschend leicht-
mehr geben wird, ein Mann aus einem freien L schrie Atila an, der an seinem Tresen die Zei-
Landstreicher ohne gültige Papiere, einer ohne tila lachte ihn aus und fachte seinen Zorn nur
zeln ... Der Professor dachte sich immer schlim-
Professor Adum schlief und träumte von der ecklichere Flüche aus: Die tote Mutter, den
mit den blinden Fenstern und sich selbst im Sa verfluchte er, die drei Schwestern, den Bru-

>228<
der - Bürger Jozef Antal und die neun Monate wenn in seiner Lunge noch Luft für Wei-
Tochter des Bruders! Du biederst dich den Musli en wäre,
an, brüllte er Atila an, du bist Serbe, worauf der te die Pistole an sich und sah die Betonstufen
Lachen keine Luft mehr bekam, erst rot wurde
dann blau anlief, als ersticke er an einem Bissen B Karlo Adum sammelt Kraft für diese eine,
und Karlo Adum spürte, wie seine Wut über ihn cheidende Bewegung. Dann wirft er die Pis-
nauswuchs und sich zur Gänze in einen verkramp reppe hinunter. Man hört das Metall auf den
Zorn verwandelte, der seine Hände, Füße und Ei agen, dann scheppert sie weiter und springt
weide, Kopf und Augen zusammenzog. de der Treppe. Laut ist dieses Geräusch, die
Und sein Herz blieb stehen, weil dem Kopf keine den es bestimmt hören. Professor Karlo Adum
leidigungen mehr einfielen. h, er glaubt, dass Rettung naht.
Er wachte auf, rang nach Luft, hatte Schmerzen
Brust, im Brustkorb, als würde der von pneumati
Hämmern zerbrochen und zerhröselt. Er bekam k
Ton heraus, konnte nicht aufstehen. Er hielt sich a
Pistole fest und kroch Richtung Zimmertür. Irgen
gelang es ihm, sie zu öffnen, dann versuchte er
zu schreien, aber aus seiner Lunge drang nur ein
haftes Zischen. Das erschöpfte ihn total.
Vielleicht vergingen fünf Minuten, vielleicht
Stunden oder fünf Jahre, während er durch den
kroch. Holzsplitter bohrten sich unter Nägel und'
Handflächen, aber es tat nicht weh. Wenn er es sc
einzuatmen, roch er den starken Geruch nach
Ruß, DDT und Wanzen, nach Balibegovica cikma
a-vis Bäckerei Behdzet, und nicht einmal jetzt,
er, ist Mama Cica da, um mir zu helfen, in Opatija
spaziert am Meer entlang mit Major Stefanovic, u
überschwemmte Trauer, größer als jeder Zorn,

>23°<