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SE 2017S 230042

Emotionssoziologie
Sommersemester 2017
Mag. Dr. Otto Penz

Angstklima im Post-Fordismus
- Welsche Ängste entwickeln prekär Beschäftigte -

ALEKSIC Dejan (01549307)


Abgabedatum: 31.08.2017.
Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung............................................................................................................................ 1
1.1. Überblick ..................................................................................................................... 1
1.2. Forschungsstand .......................................................................................................... 2
2. Begriffe ............................................................................................................................... 3
2.1. Prekarität ..................................................................................................................... 4
2.2. Soziale Ängste und Angstklima in Arbeitswelt .......................................................... 6
3. Zur Identifizierung der Ängste: mehr als Angst vor Arbeislosigkeit..................................... 10
3.1. Zeitarbeit .................................................................................................................... 10
3.2. Hausarbeit .................................................................................................................. 12
3.3. Scheinselbstständigkeit ............................................................................................... 12
3.4. Kreative Arbeit .......................................................................................................... 13
Fazit.......................................................................................................................................... 16
Literatur.................................................................................................................................... 17
1. Einleitung

Wenn wir über Beschäftigungsverhältnisse reden, das Erste, was einem einfällt ist, dass
sie sich seit einigen Jahrzehnten merkwürdig ändern, und zwar, dass sie immer unsicherer bzw.
prekärer sind.
Da es viele Studien über atypische Beschäftigungsformen und Prekarität gibt, aber
Wenige von denen den emotionalen Zustand bzw. die emotionellen Auswirkungen der
ArbeiterInnen, die eine Folge genannter Änderungen sind, berücksichtigen, werden wir in
dieser Arbeit der Frage nachgehen, „welche Ängste entwickeln prekär Beschäftigte?“. Wir
werden uns mit der Qualität der Gefühls-Ebene bei prekär Beschäftigten, die aus der unsicheren
und ungeschützten Beschäftigungsverhältnissen resultiert, beschäftigen und zwar anhand von
bestehenden Studien und Daten über prekäre Beschäftigungsformen.
Wir werden feststellen, dass die Prekarität kein rigider Begriff ist, sondern dass es eher
eine Prekaritätsskala gibt, an deren Vertikale sich verschiedene Beschäftigungsformen auf
verschiedene Höhe befinden. In dem Zusammenhang, werden wir die Qualität und die
Intensität der Emotionen der prekär Beschäftigte (Ängste und Angstklima, ihr Gegenstand und
Konsequenzen) zu identifizieren versuchen.
Wir werden zeigen, dass soziale Angst ein wichtiges kollektives Phänomen ist, das
breite Auswirkungen hat, und dass sie zu einem Angstklima bei einer sozialen Gruppe - in
unserem Fall prekär Beschäftigte- , führen könnte.
Die folgenden Überlegungen sollen als eine Skizze oder ein Entwurf verstanden
werden, als Hypothesen, die an dieser Stelle nicht getestet werden, aber für eventuelle weitere
Forschungen genutzt werden kann.

1.1. Überblick

Beschäftigungsverhältnisse haben sich, zusammen mit den allgemeinen


wirtschaftlichen Strukturen, in Richtung Flexibilisierung und Profit, wesentlich geändert. Alle
Studien, ob sie sich mit dem europäischen, amerikanischen, oder ausschließlich mit dem
österreichischen Arbeitsmarkt beschäftigen, zeigen, dass der Trend der Änderungen ungefähr
in den 70er Jahren angefangen hat.
Das Ergebnis dieses Wandels ist das Wachstum sogenannter, atypischer, unnormaler
oder prekärer Beschäftigungsformen.1 Darüber einigen sich ebenso die Autoren aus dem
Bereich Arbeitssoziologie. Laut eine von denen: „Employment relations have become more
precarious and uncertain, and workers have generally become more insecure“2.
Die Gründe, die hinter diesem W

1
Der Unterschied zwischen atypisch, un-normal, unsicher und prekär, im Kontext von
Beschäftigungsverhältnisse, wird später analysiert
2
Arne Kalleberg (2011): Good jobs, bad jobs : the rise of polarized and precarious employment systems in the
United States, 1970s to 2000s, Russell Sage Foundation, New York; S. 82.

1
andel stehen, betreffen die Strategien der Unternehmen, die um mit der immer stärker
Konkurrenz kämpfen zu können, die Produktionskosten verkleinern mussten, doch das soll an
dieser Stelle nicht unser Thema sein, sodass wir das nur kurz analysieren werden,. Da die
größten Kosten die Löhne der ArbeiterInnen sind, haben die Unternehmen
Beschäftigungsformen flexibilisiert. Dabei hat ebenso die hohe Arbeitslosigkeit in den 80er
und 90er Jahren eine wichtige Rolle gespielt. Die Arbeitsuchende waren bereit, minder
geschützte Positionen zu akzeptieren, indem die obengenannte Strategie der Unternehmen
funktioniert hat, und, was auch wichtig ist, der Trend der Flexibilisierung hat nicht aufgehört,
sondern findet noch immer statt.
Beschäftigungsverhältnisse und ihre Änderungen sind deswegen sehr wichtig, weil die
Arbeit, der Beruf und damit verbundene Bedingungen, eine der wichtigsten Dimensionen des
Lebens jedes Einzelnen sind. Daran anschließend, lässt sich konstatieren, dass die
Beschäftigungsverhältnisse in einer unmittelbaren Beziehung mit den anderen
gesellschaftlichen Institutionen, wie u. a. Familie, Bildung, Politik oder Gesundheitswesen
stehen. „Employment relations represent the dynamic social, economic, psychological, and
political relationships between individual workers and their employers“3.
Was unser Thema in diesem Kontext relevant macht, ist gleichzeitig die Feststellung,
dass die ArbeiterInnen allgemein unsicherer geworden sind, was sich auf Emotionen und
Gefühle der ArbeiterInnen bezieht, und der Mangel an Studien in Bereich Emotionssoziologie,
die sich nicht nur mit der wirtschaftlichen Dimension der Prekarität beschäftigen, sondern auch
mit der emotionalen Ebene, mit dem immer häufiger unsicheren Zustand in dem die
ArbeiterInnen sich befinden, und seine, sowohl individuelle, als auch gesellschaftliche
Konsequenzen.

1.2. Forschungsstand

Wie schon gesagt, es sind nicht viele Werke, die Emotionen im Kontext von Prekarität
erforschen, zu finden. Es gibt aber viele Studien, seitdem die Emotionen ins Zentrum von
soziologischen Interessen gebracht werden, die Themen wie Gefühlsarbeit,
Gefühlsmanagement oder Gefühle im kognitiven Kapitalismus bearbeiten.
Zwei Felder, deren Zusammenhang wir hier zu analysieren versuchen, einerseits
Emotionssoziologie, und andererseits Arbeitssoziologie, sind beide sehr fruchtbare Felder, mit
vielen verschiedenen Studien, sowohl über Emotionen und Gefühle im Kontext der
Arbeitswelt, als auch über Prekarität und prekäre Beschäftigungsverhältnisse.
Eine der Pioniere der Emotionssoziologie ist Arlie Hochschild, mit ihrer berühmtesten
Studie, „Das gekaufte Herz“4, in welchem sie sich mit der Gefühlsarbeit beschäftigt. Obwohl
das Thema unserer Arbeit nicht die kognitive Gefühlsarbeit ist, ist es für uns wichtig, weil sie
die Abgrenzung zwischen Gefühlsarbeit (emotional labor - professionell) und
Gefühlsmanagement (emotional managment - privat) aufzeigt.
Die Studien aus der Emotionssoziologie, die Prekarität als Gegenstand haben,
beschäftigen sich hauptsächlich mit dem sogenannten, kognitiven Kapitalismus und „Creative“
oder „Immaterial Labor“.

3
Ebenda; S. 82.
4
Arlie Hochschild (2006): Das gekaufte Herz : die Kommerzialisierung der Gefühle; The managed heart, Erw.
Neuausg., Frankfurt am Mein

2
In dem Kontext sind die Studien5 von italienischer, autonomistischen marxistischen
Schule6 erwähnenswert. Im Geiste des Marxismus konzentrieren sie sich auf „Potenza“, eine
neue Art der Kollektivität der ArbeiterInnen, die ein Ergebnis der Verbreiterung der
Kommunikation zwischen post-Industrie ArbeiterInnen ist. In erwähnter Arbeit von Gill und
Pratt wurden neben dem Begriff „Potenza“ auch „Immaterial Labor“ und „Social Factry“
bearbeitet und die empirischen Forschungen erwähnt, mit Betonung auf Affekte, Temporalität,
Solidarität und Subjektivität.
Die Arbeit von Angela McRobbie7 beschäftigt sich teilweise ebenso mit den Gefühlen
der prekär Beschäftigte im kognitiven Kapitalismus, wobei ihr Schwerpunkt auf im Bereich
des Feminismus liegt. McRobbie hat Feminismus in den autonomistischen Kontext gebracht
und festgestellt, was die Eigenschaften der Frauen-Arbeitskraft in kreativer Industrie sind.
Eine Studie, die u. a. Ansprüche an emotionalen Zustand der prekär Beschäftigte in
Kanada hat, ist die Studie8 von Howard Steinberg. Obwohl Emotionen nicht im Zentrum der
Arbeit stehen, einige der Fragen mit denen sich die Arbeit beschäftigt, ist die Selbsterklärung
und Selbstwahrnehmung von prekär Beschäftigten über ihre Position und Beschäftigungsstatus
und die Herausforderungen und Risiken im Bezug auf die prekäre Beschäftigung.
Noch eine erwähnenswerte Studie9 ist die von David Hesmondhalgh und Sarah Baker,
die in einem Kapitel unter selbigem Titel „Unsicherheit und Ungewissheit“ („Insecurity and
Uncertanity) schreiben, welches, sich auf den emotionalen Zustand der prekär Beschäftigte
bezieht. Anhand von Interviews ermitteln sie mit ArbeiterInnen aus der kreativen Industrie,
dass die Unsicherheit wesentlich zugenommen hat.
Der negative Einfluss von prekären Beschäftigungen auf die Gesundheit ist in einigen
Studien10 zu finden.
Was aber für obengenannte Werke über Emotionen in Prekarität charakteristisch ist,
dass sie die Prekarität hauptsächlich bei Gefühls- oder Freelancearbeit, „creative“ und
„immaterial Labor“, die Arbeit in sogenannter „cultural“ Industrie und Post-Fordismus
analysieren. Also, diese Studien begrenzen sich auf die Analyse von prekärsten
Beschäftigungsformen. Wie schon gesagt, Prekarität bezieht sich sowohl auf Teilzeitarbeit (die
im Vergleich zu anderen Formen der prekär oder atypisch Beschäftigten, viel mehr geschützt
ist), als auch auf Scheinselbstständige „cultural Labor“, LeiharbeiterInnen oder Freelancers-
ArbeiterInnen, die bei ihren Jobs eine starke Unsicherheit und Ungewissheit, Zeit- und
Ortsüberschreitung erleben. Wir werden hier versuchen, mehrere Ebenen von Prekarität zu
berücksichtigen, um zu zeigen, welche sind von welchen Emotionen, bzw. Ängste betroffen.

2. Begriffe

5
Vgl. z.B. Rosalind Gill, Andy C. Pratt (2008): Precarity and Cultural Work In the Social Factory? Immaterial
Labour, Precariousness and Cultural Work, in: Theory Culture & Society, Vol.25(7-8), S.1-30 (Obwohl Gill und
Pratt nicht die Vertreter der Authonomisten sind, handelt es sich hier hauptsächlich um Ansichten dieser Schule)
6
Sogennante „Operaismo“ Schule
7
Angela McRobbie (2011): Reflections On Feminism, Immaterial Labour And The Post-Fordist Regime, in:
New Formations, 70, 1, S. 60-76
8
Howard Steinberg (2015): Learning to Freelance: Casual Employment in the Live Entertainment and
Production Industry, Guelph Ontario, Canada
9
David Hesmondhalgh, Sarah Baker (2011): A very complicated version of freedom: Conditions and
experiences of creative labour in three cultural industries; in: Variant: Cross currents in culture, 41, S. 34.-38.
10
Z.B. Benach, Muntaner (2007): Precarious employment and health: Developing a research agenda.
Journal of Epidemiology and Community Health, 61, S. 276–277; oder: Tompa, Scott-Marshall, Dolinschi,
Trevithick, Bhattacharayya (2007): Precarious employment experiences and their health consequences: Towards
a theoretical framework. Work, 28, S. 209–224.

3
Die Begriffe, die unsere Fragestellung, „welche Ängste entwickeln prekär
Beschäftigte?“ bestimmen, sind, also, Ängste, bzw. Emotionen und prekär Beschäftigte. Um
in der Lage zu sein, die Antwort auf die Frage zu geben, müssen wir zunächst feststellen, was
wir unter diesen Begriffen verstehen, bzw. wir sollen sie für unsere Zwecke operationalisieren.

2.1. Prekarität

Was die allgemeine Bedeutung und die Etymologie von Prekarität betrifft, ist es, laut
„The Free Dictionary“:11
1. Dangerously lacking in security or stability: a precarious posture; precarious footing on th
e ladder.
2. Subject to chance or unknown conditions: "His kingdom was still precarious; the Danes fa
r from subdued"(Christopher Brooke).
3. Based on uncertain, unwarranted, or unproved premises: a precarious solution to a difficult
problem.
4. Archaic Dependent on the will or favor of another.
Der Begriff kommt aus dem Lateinischen, laut derselben Quelle, „precārius, obtained
by entreaty, uncertain“12
In die soziologische Anwendung ist der Begriff parallel mit dem wirtschaftlichen
Wandel und Flexibilisierung der Beschäftigungsformen in den 70er Jahren eingetreten und ist
einer der wesentlichen Begriffen in heutiger Arbeitssoziologie geworden. Was Prekarität
ebenso für die Emotiossoziologie relevant macht, ist die Tatsache, dass im Zusammenhang mit
Prekarität immer das Gefühl der Unsicherheit einhergeht und zwar als ein dauerndes
Angstklima.
Was unter prekär Beschäftigte verstanden wird, ist nicht einfach zu differenzieren. In
der Chrestomatie über Prekarität, herausgegeben von Gerry und Jannine Rodgers,13 versucht
G. Rodgers darzulegen, nach welchen Kriterien eine Beschäftigungsform als prekär
identifiziert werden könnte, indem er vier Kategorien ermittelt. Erstens, Sicherheit der
weiterlaufenden Arbeit, zweitens, Kontrolle über die Arbeitsbedingungen, drittens, Schutz,
entweder durch Gesetze oder Gewerkschaften, und viertens, Einkommen.
Obwohl die Kategorien nicht einfach gemessen werden können, ist Rodgers der
Meinung, dass nur die Kombination der Faktoren die Prekarität macht und dass das Ausmaß
der Prekarität bei verschiedenen Beschäftigungsformen variiert. In seinen Worten: „The simple
dichotomy between secure, regular jobs, and precarious atypical jobs may be missleading“ 14
Es ist an dieser Stelle auch wichtig, einen Unterschied zwischen atypischer und prekärer
Beschäftigung zu machen. Während typische Beschäftigungsformen negativ bestimmt sind,
also, obwohl es auch bei deren Definition Schwierigkeiten gibt, alles was nicht eine normale
Beschäftigung ist, erfasst die Prekarität, laut Rodgers, Dimensionen von Instabilität, Mangel
an Schutz, Unsicherheit und soziale und ökonomische Schwäche. Demzufolge können wir
sagen, dass alle prekäre Beschäftigungen atypisch sind, aber nicht alle atypische prekär sind.

11
http://www.thefreedictionary.com/precariousness (09.08.2017.)
12
Ebenda; Stand: (09.08.2017)
13
Gerry Rodgers (Hrsg.) (1989): Precarious jobs in labour market regulation: the growth of atypical
employment in Western Europe, International Institute for Labour Studies, Brussels
14
Ebenda, S. 5.

4
Bei seinem Versuch, Prekarität zu definieren, unterscheidet Rodgers drei verschiedene
Gruppen der prekär Beschäftigte.
Erstens, „temporary wage work“ und „part-time work“, das was Talos15 die Zeitarbeit
nennt. Unter Zeitarbeit können wir neben erwähnten, befristeter- und Teilzeitarbeit, ebenso
Leiharbeit und geringfügige Arbeit zählen. Das ist die archetypische Forme der atypischen
Arbeit und, laut Rodgers, ist es fraglich inwiefern, zum Beispiel, Teilzeitarbeit, noch atypisch
ist, wenn wir das Ausmaß dieser Beschäftigungsform berücksichtigen.
Bei befristeten Verträgen ist es problematisch zu generalisieren, weil sie oft genauso
wie Unbefristete behandelt werden (zum Beispiel Probezeit), aber da die befristet Beschäftigte
hauptsächlich keine bezahlten Urlaube oder Bonusbezahlungen bekommen, ist es zu
konstatieren, dass diese Form der Beschäftigung auch prekär ist.
Was die Teilzeitarbeit betrifft, da sie so häufig auftritt, kommt es in Frage, ob, und
inwiefern das prekär ist. Es gibt beispielsweise viele Studenten, die Teilzeit beschäftigt sind,
und zwar als gewünschte Beschäftigungsform. Einerseits kann das Studium sehr schwierig im
Zusammenhang mit einer Vollzeitbeschäftigung gehen, aber andererseits brauchen Studenten
oft zusätzliche Mittel, und die Teilzeitarbeit erscheint als ein perfekter Kompromiss.
Teilzeitarbeit hat auch eine starke Geschlechtsdimension16, da das hauptsächlich
„frauenspezifische“ Arbeitsform ist. Nichtsdestotrotz ist, laut Rodgers, ein wesentlicher Anteil
der teilzeitbeschäftigten Frauen, genau mit dieser Beschäftigungsform zufrieden, im Sinne
dessen, dass sie genau solche Jobs wünschen.
Den Anteil der Arbeitskräfte, der nach solchen Jobs strebt, können wir nicht als prekär
beschäftigt betrachten. Wie Rodgers konstatiert, „Nevertheless, part-time work is not
necesserily precarious. (kursiv im Original)“17
Deswegen, wenn wir Zeitarbeit als prekär bezeichnen, zählen wir die oben genannten
Fälle nicht, da sie atypisch sind, aber nicht prekär. Das sind u.a. befristet aber
Vollzeitbeschäftigte, die gleich wie unbefristet Beschäftigte behandelt sind, mit einer hohen
Wahrscheinlichkeit auf einen unbefristeten Vertrag, oder diejenige, die atypische Jobs, als
gewünscht wählen (Studenten oder teilweise Frauen).
Die zweite Gruppe der prekären Beschäftigungsformen wäre Hausarbeit, Telearbeit
oder Freelance-Arbeit. Rodgers, sich auf Daten aus Großbritannien und Italien beziehend, stellt
fest, dass die Hausarbeit unregelmäßig und schlecht bezahlt wird, begleitet von
Schwierigkeiten, die soziale Sicherheit zu erhalten.
Unter Hausarbeit werden wir hier alle Jobs, die von Zuhause erledigt werden, aber nicht
gleichzeitig als selbstständig bezeichnet werden können, verstehen, denn das wird, wegen der
spezifischen Besonderheiten (obwohl es auch oft von Zuhause gemacht wird), eine eigene
Gruppe der prekären Beschäftigungen.
Freelance Beschäftigungen überschneiden sich in der Regel mit der Hausarbeit und
deshalb würden wir Freelance- aufgabe- und webbasierte, kurzfristige Arbeit, auch in diese
Kategorie zählen.
Die letzte Gruppe, die Rodgers definiert, ist die selbstständige Arbeit (self-
employment). Diese Art der Arbeit ist eine sehr breite Kategorie, da man viele sehr produktive
selbstständige ArbeiterInnen finden kann. Die haben hauptsächlich, im Gegensatz zu den

15
Emmerich Talos (Hrsg) (1999): Atypische Beschäftigung: Internationale Trends und sozialstaatliche
Regelungen, Manzsche Verlags- und Universitätsbuchhandlung, Wien, S. 419
16
Vgl. Ebenda, S. 418.
17
Gerry Rodgers (Hrsg.) (1989): Precarious jobs in labour market regulation: the growth of atypical
employment in Western Europe, International Institute for Labour Studies, Brussels, S. 5.

5
prekären Selbstständigen, einen höheren Lohn und höhere Ausbildung, was u. a. von Bettio
und Villa18 vorgeschlagene Differenzierungskriterien sind.
In deutscher Sprache gibt es einen noch präziseren Begriff, nämlich,
Scheinselbstständigkeit. Der beinhaltet schon die prekäre Dimension, da es heißt, dass die
Selbständigkeit nur scheinend ist, indem alle produktiven Selbstständige, die auch gut
verdienen und die Kontrolle über die Arbeitsbedingungen haben, aus der Kategorie
ausgeschlossen wären. Da bleiben, also, diejenige, die de facto abhängig beschäftigt sind, und
nur de jure als Selbstständige behandelt werden, am häufigsten sind das ein Einmann-
Unternehmen. Die Scheinselbstständigen sind gleichzeitig prekär beschäftigt, aber die
ArbeitgeberInnen haben keine Verantwortung wie bei „normal“ Angestellten, was die
Sozialversicherung oder das Krankengeld betrifft.19
Da die Arbeit von Rodgers aus dem Jahr 1989. stammt, ist inzwischen eine neue Art
der prekären Beschäftigung entstanden, und zwar, die schon erwähnte, culltural, intelectual
labor oder „creative class of model entrepreneurs“20. Das sind, vor allem, Künstler, Designer
und neue, sogenannte, Media ArbeiterInnen (media workers).
Immaterial Labor (in weiterem Text – kreative Arbeit) ist der Begriff, den die
autonomistischen Autoren21 in die Nutzung eingeführt haben. Diese Art der Arbeit, laut Hardt
und Negri,22 erstellt immaterielle Ware in Forme der Leistungen, kulturelle Produkte, Wissen
oder Kommunikation. Kreative ArbeiterInnen haben mit HausarbeiterInnenn und
Scheinselbstständigen viele Ähnlichkeiten, aber nicht genug um zu einer von dieser Kategorien
zu gehören. Da das ein populäres Thema in heutiger soziologischer Literatur ist und da die
kreativen ArbeiterInnen ziemlich spezifisch sind, werden wir sie als eine eigene Gruppe
betrachten.
Die Unterscheidung und die Bestimmung von genauen Kategorien der prekären
Beschäftigungsformen ist eine sehr komplexe Aufgabe und deshalb würden wir uns mit
unseren operationalisierten Definitionen (oder Entwürfen zur Definitionen) der prekären
Beschäftigungsformen zufrieden geben, da die quantitative Bestimmung der Kriterien die
Ansprüche unserer Arbeit überschreitet.23
Mit der Hilfe der vier Gruppen, die wir hier identifiziert haben, werden wir, nachdem
wir auch Emotionen (Angstklima) für unsere Zwecke operationalisieren, versuchen,
charakteristische Ängste für die vier verschiedenen Kategorien zu identifizieren.

2.2. Soziale Ängste und Angstklima in Arbeitswelt

Emotionen waren lang ausschließlich der Gegenstand der Psychologie, aber seit dem
sogenannten „emotional turn“ in den 80er Jahren sind sie ins Zentrum der Aufmerksamkeit
von Soziologen gerückt.

18
Ausführlicher in: Bettio, Villa: Non-wage work and disguised wage employment in Italy; in: Ebenda, S. 149.-
178.
19
Ausführlicher in: Petra Koch (2010): Selbstständigkeit in der virtualisierten Arbeitswelt, Kassel Univ. Press,
Kassel
20
Vgl. Rosalind Gill, Andy C. Pratt (2008): Precarity and Cultural Work In the Social Factory? Immaterial
Labour, Precariousness and Cultural Work, in: Theory Culture & Society, Vol.25(7-8), S.1-30
21
Vgl. Hardt, Negri (2000): Empire, Cambridge, Mass., Harvard University Press, London
22
Vgl. Ebenda
23
Ein solcher Versuch in: Martin Olsthoorn: Measuring Precarious Employment: A Proposal for Two Indicators
of Precarious Employment Based on Set-Theory and Tested with Dutch Labor Market-Data; in: Social
Indicators Research, 2014, Vol.119(1), S. 421-441

6
Wie Soziologin Eva Illouz das formuliert hat: „Emotionen sind gewiss eine
psychologische Entität, aber sie sind ebenso und vielleicht sogar noch stärker kulturelle und
soziale Entitäten. Über Emotionen verwirklichen wir kulturelle Formen des Personalseins, so
wie sie in konkreten und unmittelbaren, aber stets kulturell und sozial definierten Beziehungen
ausgedrückt werden.“24
Seitdem werden Emotionen in verschiedenen soziologischen Kontexten, wie
Sozialisation oder Geschlechter, als gesellschaftliche Produkte und allgemein in
Wechselwirkung mit Gesellschaft, auf Makro und Mikro Ebene erforscht.
Einer der fruchtbarsten Felder in Emotionssoziologie sind Emotionen in Arbeitswelt,
was auch das Thema dieser Arbeit betrifft. Man kann sagen, dass die Emotionssoziologie mit
Emotionen in Arbeitswelt angefangen hat, da die Werke von Hochschild über Gefühlsarbeit
und Emotionsmanagment als Beginn der Disziplin bezeichnet werden könnten.
Obwohl wir uns hier mit Emotionen bezüglich der Arbeit beschäftigen, betrifft unser
Thema das emotionale Klima, das die Ursache in Arbeitsbedingungen, aber breitere
Auswirkungen, auch auf das Leben außer Arbeit, haben könnte. Uns interessieren nicht
ausschließlich Emotionen am Arbeitsplatz und ihr Management zuhause, sondern die
allgemeinen Auswirkungen der prekären Arbeitsbedingungen auf Emotionen der
ArbeiterInnen.
Der prekäre Zustand wird in letztem Kapitel als unsicher und ungewiss beschrieben und
eine Folge daraus könnte das Gefühl der Unsicherheit oder Angst entstehen. Die Angst –
soziale Angst, die in diesem Kontext herrscht, soll aber deutlich von der Angst als primäre,
darwinistische, „fight or flight“ Emotion unterscheiden werden. In seiner Arbeit25 über
soziale Struktur und Emotionen, schreibt Jack Barbalet im siebten Kapitel über soziale Angst.
In der Einleitung erwähnt er, dass sich schon Weber und Spinoza mit Hoffnung und sozialer
Angst beschäftigt haben.
In seiner Überlegungen über Angst, fängt Barbalet von Darwin an, und konstatiert, dass
er sich auf die evolutive Natur der Angst konzentriert hat, Gefahr als Ursache und „flight“ als
Reaktion betrachtet, was wenig mit sozialer Angst zutun hat.
Die Ursache der sozialen Angst identifiziert Barbalet, sich auf Theodore Kemper
beziehend, als Mangel an Macht oder Übermaß an Macht bei anderen. Eine Folge des Mangels
an Kraft wäre Hilflosigkeit und abhängig davon, ob man für den Mangel an Macht selbst
verantwortlich ist oder nicht (was Kemper „attribution of agency“ nennt), wäre die Reaktion
„fight“ oder „flight“. Das heißt, dass nicht nur die unteren Klassen Angst haben können,
sondern auch die Eliten. In dem Fall, wo Eliten Angst haben, wäre aber die Reaktion eher zu
kämpfen und soziale Struktur zu ändern damit sie die Privilegien behalten.
Bezüglich der Prekarität, können wir uns daran anschließen und vermuten, dass die
konkrete Ursache der Angst in diesem Fall, der Mangel an Macht, die Beschäftigungsform
beeinflussen zu können (die Flexibilisierung der Arbeitsverträge zu verhindern) wäre, ein
Konzept, das ursprünglich aus der Arbeitslosigkeit in den 80er und 90er Jahren stammt. Kurz
gesagt, prekär Beschäftigte hätten einen Mangel an Macht gegenüber dem post-fordistischen
Arbeitgeber, können die Arbeitsbedingungen nicht beeinflussen und könnten sich deshalb in
einem Angstklima befinden.

24
Eva Illouz (2007): Gefühle in Zeiten des Kapitalismus, Frankfurt am Main: Suhrkamp, S.10
25
Vgl. Jack Barbalet (1998): Emotion, Social Theory, and Social Structure : A Macrosociological Approach,
Cambridge University Press, Cambrige

7
Was den Gegenstand der Angst betrifft, bringt Barbalet das selbstverständliche Konzept
von Gefahr in Frage. Er stellt fest, dass die Änderung selbst potenzielle Angstquelle sein kann,
und dass das Objekt der Angst nicht das bedrohliche Subjekt ist, sondern die Aussicht der
Verletzung: „The object of fear, then, is not adequately conceptualized as a threatening agent
who or which should be avoided. Rather the object of fear is an expectation of negative
outcome. This is implicit in the idea that fear is the emotional response to danger, for the
concept of danger refers not to an event or agent, but to a liability or prospect of injury. The
object of fear, then, is a prospect, the prospect of harm or injury.“26
Die temporale Dimension ist dabei wichtig weil der Gegenstand der Angst nicht ein
Subjekt oder ein Fall ist, sondern eine Aussicht, etwas, das noch nicht passiert ist, aber was
eine Wahrscheinlichkeit hat, dass es passieren wird. Das Subjekt wäre nur in die Angst
involviert, indem es etwas wahrscheinlich tun wird, anhand von früherem Verhalten. Die
Temporalität wäre, laut Barbalet, der Unterschied zwischen Angst und Wut. Während Wut eine
Reaktion auf ein bestimmtes Subjekt, Objekt oder Fall ist und kurz dauert, ist Angst eine
Emotion, die nicht so präzise konkretisiert werden kann und bezieht sich nur auf potenzielle
schlechte Ergebnisse. In Barbalets Worte: „(...) threat has first a phenomenological nature
before, if at all, a physical one, have to be untangled.“27
Auf unser Interessensgebiet angewendet, wäre der Gegenstand der Angst von prekär
Angestellte nicht der Arbeitgeber selbst, gegenüber dem sie keine Macht haben, sondern die
Aussicht, als eine Folge des Mangels an Macht, einen Job zu verlieren, nicht genug zu
verdienen oder dass sie nicht gut geschützt sind.
Im Kontext der Arbeitswelt, analysiert Barbalet vor allem Angst vor Arbeitslosigkeit:
„the facts of unemployment are felt as fears, hanging over the white collar world (Kursiv im
Original)“28 Sich weiter auf Robert Blackburm und Michael Mann beziehend, konstatiert Barbalet,
dass es sowohl in den USA als auch in Großbritannien Arbeitslosigkeit eine reale Möglichkeit für
alle ArbeiterInnen ist (obwohl die Arbeitslosigkeit mehr bestimmte Ethnizitäten, Religionen und
Qualifikationen trifft) und deshalb haben die meisten ArbeiterInnen Angst vor Arbeitslosigkeit. .Wir
könnten ergänzen, dass anhand von unseren früheren Überlegungen über Prekarität, die
Arbeitslosigkeit auch bei bestimmten Beschäftigungsformen wahrscheinlicher ist. Nämlich,
Teilzeitarbeit, befristete Arbeit, Leiharbeit oder Freelance-arbeit. Das heißt, dass die Arbeitslosigkeit
(aber auch ein nicht genügender Lohn, die Unregelmäßigkeit, der Mangel an Kontrolle und Schutz
und die Unsicherheit) als Angst gefühlt werden könnte. Die allen Dimensionen, und nicht nur Angst
vor Arbeitslosigkeit, könnten bei verschiedenen prekären Beschäftigungsformen im verschieden
Ausmaß ein allgemeines Angstklima erstellen.
Die Sozialität an Angst vor Arbeitslosigkeit spiegelt sich, laut Barbalet, nicht nur in die
Tatsache, dass der Gegenstand der Angst sozial ist, sondern auch, dass die Angst von einer sozialen
Entität erlebt wird. Er differenziert die soziale Gruppe, deren Mitglieder ähnliche
Lebensbedingungen und auch Emotionen haben, obwohl sie nicht im Kontakt miteinander sind, von
der Gruppe, deren Mitglieder in einer unmittelbaren Beziehung gesetzt sind. Für die zweite Variante
der Beziehung ist es nicht nötig, dass alle Angst haben, um ein Angstklima zu formieren. Da die
prekären ArbeiterInnen (es ist ein globales Phänomen und nicht alle ArbeiterInnen sind im Kontakt)
eine soziale Gruppe sind, würden wir davon ausgehen, dass alle prekär Beschäftigten Angst haben,

26
Ebenda, S. 155.
27
Ebenda, S. 157.
28
C. Wright Mills (1951): White Collar: the American Middle Classes, Oxford University Press, New York;
Zitiert nach: Ebenda

8
aber wegen der oben erwähnten Feststellung über das Angstklima, lässt sich vermuten, dass auch
die Familie der prekären ArbeiterInnen vom Angstklima betroffen werden können. Die Mitglieder
der Familie, die nicht eine solche Beschäftigungsform ausüben, hätten selbst keine Angst, aber da
es, wie wir gesehen haben, wenn es um eine enge soziale Gruppe geht, nicht nötig ist, dass alle
Angst haben um sich in einem Angstklima zu befinden, könnten sie ebenso darunter leiden. Das
weist darauf hin, dass die Prekarität ein breites Phänomen ist, das nicht nur prekär Beschäftigte
betrifft, sondern auch ihre Umgebung.
Die Emotionen von Angst, bzw. Angstklima haben also einen kollektiven Charakter, der für
die Gruppenidentität eine wesentliche Rolle spielt. In Barbalets Worte: „Emotional climates are sets
of emotions or feelings which are not only shared by groups of individuals implicated in common
social structures and processes, but which are also significant in the formation and maintenance of
political and social identities and collective behavior. Emotional climate therefore includes emotional
tones and patterns which differentiate social groups or categories by virtue of the fact that they are
shared by their members and unlikely to be shared with non-members.“29
Die Angst vor Arbeitslosigkeit ist auch in der Arbeitswelt als eine abstrakte Institution sehr
wichtig. Da die Angst immer wieder die Autorität des Arbeitsgebers gegenüber Angestellten
beibehalten hat, wird sie für die „industrielle Disziplin“ ausgeübt. Das ist eine Art der
„Emotionsinstitutionalisation“, ein Phänomen, über das Gordon schreibt: „Emotions may be
legitimated by becoming attached to social institutions. When we think of a social institution, we
often think of a particular emotion associated with it. Marriage means institutionalized love and
sexual expression; the military means organized anger or the collective joy of battle, (...) religion
governs sadness over death and loss, while sports, games, and play systematically generate novelty
leading to surprise. Institutionalization stabilizes and formalizes the occasion, expressive paradigm,
and social meaning of an emotion.“30 Daran anschließend, wenn wir über die Autorität und Macht
von ArbeitgeberInnen gegenüber ArbeiterInnen reden, reden wir über institutionalisierte Angst.
Im nächsten Kapitel werden wir zeigen, welche konkrete Ängste prekär Beschäftigte,
abhängig vom Ausmaß der Prekarität, das sie erleben, bzw. von der Gruppe der prekären
Beschäftigungsform, die sie ausüben, entwickeln könnten.

29
Ebenda, S. 159.
30
Steven Gordon (1990): Social Structural Effects on Emotion. In: Theodore D. Kemper (Hrsg.): Research
Agendas in the Sociology of Emotions. State Univ. of New York Press, Albany, S. 167.

9
3. Zur Identifizierung der Ängste: mehr als Angst vor Arbeislosigkeit

Wie wir schon festgestellt haben, sind viele Schattierungen bei prekären
Beschäftigungsformen zu finden. Deshalb werden wir für unsere Analyse die Gruppen der prekären
Jobs nutzten, um die Generalisierung zu vermeiden. Nämlich, Zeitarbeit, Hausarbeit,
Scheinselbstständigkeit und kreative Arbeit.
In letztem Kapitel, über soziale Angst, haben wir gezeigt, dass ein großer Anteil der
Beschäftigten, obwohl in verschiedenem Ausmaß, die Angst vor Arbeitslosigkeit fühlt. Das gilt
nicht nur für prekär Beschäftigte, sondern für alle. Was aber bei prekär Beschäftigten anders ist, ist,
dass sie ein breiteres Spektrum an Ängsten hätten. Die Situation ist nicht schwarzweiß, wie bei
„normal“ Beschäftigten: 1) berufstätig, verdient genug und geschützt oder 2) arbeitslos; sondern
obwohl berufstätig, verdienen sie in vielen Fällen nicht genug oder sind nicht genug geschützt, und
zusätzlich die Angst vor Arbeitslosigkeit fühlen können, denn im Fall vom Jobverlust könnten sie
sogar das Wenige, das sie haben, verlieren.

3.1. Zeitarbeit

Unter Zeitarbeit verstehen wir die Arbeit, deren Aufgaben nicht qualitativ oder inhaltlich
viel anders als bei „normalen“ ArbeiterInnen sind, sondern der Unterschied bezieht sich auf
Temporalität ihrer Arbeit: dazu gehören Teilzeitarbeit, befristete Arbeit, oder Leiharbeit.
Die Teilzeitarbeit ist, wie schon gesagt, die üblichste Forme der atypischen Beschäftigungen
und wahrscheinlich auch am wenigsten prekäre Form. Neben der Angst vor Arbeitslosigkeit, für die
wir vermuten, dass sie für die Mehrheit der Beschäftigten charakteristisch ist, könnten die
TeilzeitarbeiterInnen noch andere Unsicherheiten fühlen.
An erster Stelle steht die Angst, dass sie nicht genug verdienen können. Die Tatsache, dass
sie nur Teilzeit arbeiten, bedeutet auch, dass sie nur einen Teil vom Lohn bekommen. „Teil“ am
Begriff „Teilzeit“ weist darauf hin, dass mehr Zeit geblieben ist, dass man noch Zeit hat, in die
Arbeit zu investieren, nach den Standards. Da fällt einem die etwas philosophische Frage ein, wie
die Standards bestimmt sind? Ist es nötig, dass wir so viel arbeiten wie wir momentan arbeiten? Es
könnte sein, dass alles, was mehr als Teilzeitarbeit, in Anbetracht der Technologie, pure
Überproduktion ist.
Philosophische Fragen beiseite, „Teil“ heißt, dass man, weil er nur einen Teil seiner Zeit in
die Arbeit investieren kann, auch nur einen Teil des Lohnes der für die voraussichtlichen
monatlichen Kosten genügend ist, bekommen kann. Die Angst, die diese Tatsache verursachen
könnte, betrifft elementare Lebensbedingungen – materielle Existenz. Das wäre keine „situative“
Angst, die einen konkreten Gegenstand und eine konkrete „fight or flight“ Reaktion als Folge hätte,
sondern eher ein soziales Angstklima, das nicht nur die ArbeiterInnen selbst, sondern auch ihre
Familie betreffen könnte.
Zweitens, haben die TeilzeitarbeiterInnen auch Probleme was den Schutz angeht. Obwohl
die Kriterien nicht überall dieselbe sind und es ist ein bisschen problematisch, auf die Daten aus
verschiedenen Länder zu vertrauen, da diese andere Standards haben. So bezieht sich Rogers in
seiner schon erwähnten Studie31 auf die Daten aus Großbritannien und Frankreich, wo in der Regel

31
Vgl. Gerry Rodgers (Hrsg.) (1989): Precarious jobs in labour market regulation: the growth of atypical
employment in Western Europe, International Institute for Labour Studies, Brussels; eine österreichische Studie
darüber: Eva Florianschütz, Robert Stasny: Leiharbeit – eine Bransche entwickelt sich; in: Wall Strasser, Kaiser,
Wimplingerm Breiner (2008): Gewerkschaften und atypische Beschäftigung: Interessen-Überzeugungen-
Mitglieder, OGB Verlag, Wien

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TeilzeitarbeiterInnen weniger geschützt sind. Wesentlich mehr von TeilzeitarbeiterInnen, im
Vergleich zu Normalbeschäftigten, haben kein Krankengeld oder Altersvorsorge bekommen.
Das ist aber nicht ein drastischer Anteil der TeilzeitarbeiterInnen und es lässt sich vermuten,
dass nur einen Teil von denen, teilweise von der Angst vor der Zukunft betroffen wäre, im Sinne
dass sie, im Falle von beispielsweise Krankheit, nicht geschützt sind.
Was die Integration betrifft, haben die TeilzeitarbeiterInnen auch Probleme, ihrer
Berufsklasse richtig anzugehören. Obwohl sie in den meisten Fällen dieselben Aufgaben erledigen,
weder sie sich so wie die Andere mit dem Beruf identifizieren, noch werden sie von den Anderen
auf solche Weise betrachtet.32 Obwohl die Integrationsprobleme keine Ängste per se verursachen,
könnte das zu einem Mangel an Informationen und Rechten führen, sowie zu Schwierigkeiten bei
Organisierung, was am Ende zu einer Unsicherheit führen könnte.
Keine Zugehörigkeit und geringe Identifizierung mit der Arbeit wäre selbst eine Emotion
aus dem Spektrum der Unsicherheit, und damit sollten sie auch zurechtkommen. Professionelle
Identifikation ist heutzutage vielleicht der wichtigste Teil der Identität, und die Unmöglichkeit, die
professionelle Identität zu formieren, könnte Schwierigkeiten verursachen.
Teilzeitarbeit ist, was die atypische Beschäftigungsformen angeht, am häufigsten mit
befristeter Arbeit kombiniert. Bei einer befristeten Arbeit geht es um eine zeitliche Begrenzung der
Tätigkeit oder um ein Zielschuldverhältnis – „Eingrenzung auf die Lieferung eines festgelegten
Arbeitsproduktes.“33
Befristete Arbeit kann, obwohl sehr oft mit Teilzeitarbeit kombiniert wird, auch eine
Vollzeitbeschäftigung sein. Das heißt, dass das Einkommen oft ausreichend sein könnte, und das
besondere an dieser Forme der prekären Beschäftigungen ist, dass der Vertrag eine Zeitgrenze hat,
nach der befristete ArbeiterInnen arbeitslos sind. Bei vielen befristeten Formen gibt es aber eine
Möglichkeit auf Verlängerung des Vertrages, wie zum Beispiel bei einer sehr häufigen Form –
Probearbeit. Wenn der/die Probe ArbeiterIn die Erwartungen erfüllt, bekommt er/sie einen neuen
Vertrag. Inzwischen aber kann ein großer Druck auf denjenigen, die solche Beschäftigungsform
ausüben herrschen.
Angst vor Arbeitslosigkeit wäre hier nicht wie üblich, die Angst vor einer Ansicht. Die
Arbeitslosigkeit wäre hier eine Gewissheit und es besteht nur eine Möglichkeit, eine Ansicht auf
ihrer Vermeidung. Obwohl das Einkommen genügend sein kann, wäre die Angst vor
Arbeitslosigkeit in dem Fall viel stärker in ihrer Auswirkung auf das Leben der befristet
Beschäftigte.
Die Angst und der Druck wäre noch stärker, wenn es um die Verträge ohne eine Möglichkeit
auf Verlängerung gibt, wie bei Urlaubsvertretung, Ferialjobs oder saisonalen Tätigkeiten. Dabei ist
der Jobverlust eine Sicherheit, was ein dauerndes Angstklima bei befristet Beschäftigte verursachen
könnte.
Das letzte, was wir zur Zeitarbeit zählen ist Leiharbeit. Bei Leiharbeit herrscht ein
„Dreiecksverhältnis“. Angestellte verpflichten sich, im Auftrag vom Überlassungsunternehmen, bei

32
Vgl. zum Beispiel: Johanna Wimplinger; Gerold Gassenbauer: Gerinfügig beschäftigt – das ungeliebte
Gewerkschaftsmitglieder!?; in: Wall Strasser, Kaiser, Wimplingerm Breiner (2008): Gewerkschaften und
atypische Beschäftigung: Interessen-Überzeugungen-Mitglieder, OGB Verlag, Wien. Obwohl es hier um die
geringfügige Arbeit geht, können manche Ergebnisse auch für Teilzeitarbeit gelten, da es unterschiedliche
Standarde für die Bestimmung der Beschäftigungsforme gibt.
33
Andreas Grafl (2012): Atypische Beschäftigungsverhältnisse – Segmentationstheoretische Erklärung und
empirische Analyse der Entwicklung in Österreich, Die Abteilung Wirtschaftswissenschaft und Statistik
der Kammer für Arbeiter und Angestellte, Wien, S. 39.

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Dritten, die Arbeitsleistungen zu erledigen. Sie haben, anhand vom Kollektivertrag, einen
Mindestlohn garantiert, aber ihrer Lohn hängt in Wirklichkeit vom Beschäftigerbetrieb ab.
Deshalb könnten sie schon erwähnte Probleme mit dem Einkommen haben, und auch mit
der Unsicherheit und potenzielle Arbeitslosigkeit: „Aufgrund ihrer unterschiedlichen Einsätze
schwankt das tatsächliche Einkommen von ZeitArbeiter/-innen. Die Lebensplanung wird
schwieriger. Wer kann schon langfristige finanzielle Verpflichtungen übernehmen, wenn er/sie
nicht weiß, wie viel Geld am Ende eines Monats am Konto ist? Welche Bank gibt jemandem einen
Kredit, dessen tatsächliches Einkommen großen Schwankungen unterliegt?“34

3.2. Hausarbeit

Wie bei allen anderen prekären Beschäftigungen, wäre das erste Problem das Einkommen.
In der schon erwähnten Studie35 über Prekarität von Gerry Rodgers, zeigen die Daten aus
Großbritannien und Italien, dass die Hausarbeit weniger und unregelmäßiger bezahlt ist. Es ginge
wieder um die Existenz. Die Unsicherheit, ob sie am Ende des Monats genug Mittel haben.
Dieselben Daten zeigen auch, dass die HausarbeiterInnen schwer einen
Sozialversicherungsstatus erhalten können. Ohne soziale Sicherheit kann man keine gewisse
Zukunft haben. Das kann die Angst davor, was passieren könnte, worüber man aber keine Kontrolle
hat verursachen. Der Gegenstand dieser Angst wäre sogar nicht das, was ein Subjekt tun könnte,
wie üblich für die soziale Angst. Hier wäre das Subjekt die Natur, eine Möglichkeit nicht mehr in
der Lage zu sein, zu arbeiten, und davor nicht geschützt zu werden.
Das nächste wäre die Frage der Einsamkeit. Wahrscheinlich ist der wichtigste Teil unseres
sozialen Lebens das Arbeitsleben. Die Leute, mit denen wir am häufigsten im Kontakt sind, sind
unsere ArbeitskollegInnen. Bei einer Vollzeitbeschäftigung verbringt man genau so viel Zeit am
Arbeitsplatz wie mit der Familie. Damit, dass man die Zeit mit anderen verbringt, bedeckt man die
grundlegende psychologische Bedürfnisse, wie Anschlussmotivation bzw. Affiliationsbedürfnisse.
Das Angstklima, wegen der schlechten Arbeitsbedingungen, könnte nur verstärkt werden,
wenn wir den Mangel an menschlichen Kontakt und Möglichkeiten auf Organisation
berücksichtigen.

3.3. Scheinselbstständigkeit

Laut Rodgers sind Scheinselbstständige „(...) some undertaking irregular, marginal oder
illegal forms of work, others subcontracting their labor in disguised forms of wage work whitch by-
pass most forms of social protection.“36
Das Einmann-Unternehmen wäre das Ergebnis der Tendenz der modernen Korporationen,
die Verantwortung gegenüber den Angestellten zu vermeiden, indem sie sie mit einem Vertrag, der
eigentlich kein Arbeitsvertrag ist, verbinden, aber in Wirklichkeit ist dieses Verhältnis nicht anders
als ein Arbeitsverhältnis.

34
Eva Florianschütz, Robert Stasny: Leiharbeit – eine Bransche entwickelt sich; in: Wall Strasser, Kaiser,
Wimplingerm Breiner (2008): Gewerkschaften und atypische Beschäftigung: Interessen-Überzeugungen-
Mitglieder, OGB Verlag, Wien, S. 154.
35
Vgl. Gerry Rodgers (Hrsg.) (1989): Precarious jobs in labour market regulation: the growth of atypical
employment in Western Europe, International Institute for Labour Studies, Brussels
36
Ebenda, S. 5.

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Damit könnte die Verantwortungen vermieden und auch die Macht der ArbeiterInnen
verkleinert werden, denn sie wären nicht mehr echte ArbeiterInnen, sondern UnternehmerInnen,
was zu einem Wettbewerb, anstatt zu einer Kooperation führen kann.
Petra Koch zitiert Reiserer, der über Selbstständigkeit sagt, dass das ein Versuch ist, „eine
bisher voll steuerpflichtige und sozialabgebenpflichtige Tätigkeit zur Vermeidung der Abgaben aus
dem Arbeitsverhältnis in diese (Schein-) Selbstständigkeit zu führen.“37
Das heißt, dass das größte Problem der Scheinselbstständige nicht das Einkommen wäre.
Obwohl sie nur Bruttogehalt bekommen und da könnte es auch der Raum für die Ausbeutung geben,
muss es nicht sein, dass sie weniger bezahlt sind. Das entscheidende wäre, dass die Firma, mit der
sie in einem Arbeitsverhältnis sind, gar keine Verpflichtungen gegenüber ihnen hätte.
Im Fall der Arbeitslosigkeit hätten sie keine Rechte auf Arbeitslosengeld, denn was die
Gesetze betrifft, waren sie überhaupt nicht arbeitstätig. Auch während der Arbeitstätigkeit, im Fall
der Krankheit, könnten sie kein Krankengeld bekommen, und ganz zu schweigen von bezahltem
Urlaub.
Während bei den ZeitarbeiterInnen der Fokus auf das Einkommen und die Angst davor, ob
sie alle monatliche Kosten abdecken können existieren könnte, wäre bei den Scheinselbstständigen
das Hauptproblem der Schutz und die Sicherheit. Das könnte ebenso zu einem Angstklima führen,
und zwar, obwohl sie genug verdienen können während sie arbeiten, und über die Lebenskosten
keine Sorgen haben, könnten sie Ungewissheit über die Zukunft erleben. Im Fall, dass sie nicht
arbeiten können, wären sie ganz wenig oder gar nicht geschützt.
Das Angstklima wäre hier inhaltlich und was den Gegenstand betrifft anders, aber
nichtsdestoweniger, wäre es stark genug, um das Leben wesentlich zu beeinflussen.

3.4. Kreative Arbeit

Die letzte prekäre Beschäftigungsform, die wir differenziert haben, ist vielleicht am
kompliziertesten, denn sie beinhaltet alle obengenannte Varianten der Prekarität und überschneidet
sich sowohl mit Zeit- und Hausarbeit, als auch mit Scheinselbstständigkeit und Freelance-Arbeit.
Laut David Hesmondhalgh und Sarah Baker, „a number of studies of artistic labour, based primarily
on survey data, have generated clear findings. This research suggests that artists tend to hold multiple
jobs; there is a predominance of selfemployed or freelance workers; work is irregular, contracts are
shorter-term, and there is little job protection; career prospects are uncertain; earnings are very
unequal; artists are younger than other workers; and the workforce appears to be growing.“38
Was das Einkommen betrifft, konstatieren Hesmondhalgh und Baker, sich auf Willis und
Dex beziehend, nicht nur, dass es gesunken ist, sondern auch, dass die Arbeit umsonst zugenommen
hat: „labour supply is bursting with graduates willing to work for free or for very low wages to get
a foothold in the industry.“39 Die Tatsache, dass es so viele „newcomers“ gibt, bedroht den Status

37
Reiserer: Wird durch die „Hartz“ – Gesetze die Selbständigkeit abgeschafft und die Selbstständigkeit
gefördern, in DStR 2003, 292; zitiert nach: Petra Koch (2010): Selbstständigkeit in der virtualisierten
Arbeitswelt, Kassel Univ. Press, Kassel, S. 63.
38
David Hesmondhalgh, Sarah Baker (2011): A very complicated version of freedom: Conditions and
experiences of creative labour in three cultural industries; in: Variant: Cross currents in culture, 41, S. 34.
39
Willis, J., Dex, S., (2003): Mothers returning to television production work in a changing environment. In:
Beck, A. (Ed.), Cultural Work: Understanding the Cultural Industries. Routledge, London, pp. 121-141.; zitiert
nach: Ebenda

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der alten ArbeiterInnen. Die Firmen haben das Gefühl, dass alle für sie arbeiten möchten, und
werden arrogant und respektlos.40
Die Arbeitszeit ist sehr flexibel und oft werden die normalen acht Stunden überschritten,
was auch nicht bezahlt wird.41 Turrini und Chicchi argumentieren in ihrer Studie,42 dass die kreative
Arbeit die Messbarkeit verloren hat, weil das eine hybride Beschäftigungsform ist. Die Arbeit
überschneidet sich mit dem Alltagsleben und man kann nicht genau abgrenzen, wann jemand
arbeitet und wann nicht.
Hesmondhalgh und Baker schreiben auch über die Unsicherheit der kreativen
ArbeiterInnen: „workers ‘find uncertainty a problem; they dislike it and it causes stress for the
majority.“43 Die Unsicherheit bezieht sich auf die „Löcher“ in der Tätigkeit. Die Jobs sind
kurzfristig und unregelmäßig.
Die Zitate aus den Interviews, die Hesmondhalgh und Baker mit den kreativen
ArbeiterInnen durchgeführt haben zeigen, was für ein Angstklima unter denen herrscht. „Many
spoke of nervousness, anxiety and even panic as a regular part of their working lives.“44
Die Befragten sagten, u.a.: „It is really insecure because you know it [a big gap in
employment] could happen at any point and it’s quite a nervous thing to be “; „You are
constantly living sort of on the edge; chasing up things that you should be paid for“; „I’m never
going to work again and it’s impossible to earn a living and I should go and get a [proper] job
really - working at a bank or something“45
Zwei Tatsachen könnten wir konstantieren: 1) die kreative Arbeit ist am prekärsten von
allen und 2) die kreative ArbeiterInnen geben sich damit zufrieden.
Neben den Aussagen darüber, wie unsicher sie sich fühlen, sind sie immer wieder
bereit, sich für die Kariere-Aussicht zu opfern. Anscheinend leben sie in einem starken und
unaufhörlichen Angstklima, aber im Unterschied zu anderen prekären ArbeiterInnen, verfolgen
sie ein Ziel, sie glauben, dass es sich lohnt, weil sie fühlen, dass der „Big Job“ um die Ecke ist,
und sehen, dass die wenigen Erfolgreichen in der Branche viele Privilegien genießen. Auf diese
Hoffnung ist die kreative Industrie aufgebaut.
Die kreativen ArbeiterInnen befinden sich deshalb in einer konstanten Rationalisation,
in einem „hybriden“ Zustand, charakterisiert von einer kognitiven Dissonanz, bewusst
ausgebeutet zu sein, aber eine Karriere zu verfolgen, selbstständig und (schein-) unabhängig
zu sein, denn die Arbeit ergibt in dem Fall mehr Sinn, sogar wenn sie prekär ist.
Die Ausbeutung in diesem Sinn ist auch eine Art Selbstausbeutung. Ein Manager in der
Musikindustrie sagt, dass er zufrieden ist, dass er auch am Abend arbeitet, wo er außerhalb des
Büros ist, und Meetings hat: „It’s really varied, which is lovely. I don’t have a routine at all“46.
Ein Redakteur eines Magazins sagt ebenso, dass er genießt, beschäftigt zu sein: „I’m going to
have a breakdown one of these days because I’m working ridiculous hours and working on

40
Vgl. David Hesmondhalgh, Sarah Baker (2011): A very complicated version of freedom: Conditions and
experiences of creative labour in three cultural industries; in: Variant: Cross currents in culture, 41, S. 34. – 38.
41
Vgl. Ebenda
42
Mauro Turrini, Federico Chicchi: Precarious subjectivities are not for sale: the loss of the measurability of
labour for performing arts workers; in: Global Discourse, 3:3-4, S. 507-521
43
Dex, S., Willis, J., Paterson, R., Sheppard, E., (2000): Freelance workers and contract uncertainty: the effects
of contractual changes in the television industry. Work, Employment & Society 14, 283-305. Zitiert nach: David
Hesmondhalgh, Sarah Baker (2011): A very complicated version of freedom: Conditions and experiences of
creative labour in three cultural industries; in: Variant: Cross currents in culture, 41, S. 34. – 38.
44
Ebenda. S. 36.
45
Ebenda. S. 36.
46
Ebenda. S. 35.

14
weekends and doing all this crazy stuff’. I enjoy it, admittedly, but when it starts affecting you,
that’s really bad.“47
Es geht also um eine starke Unsicherheit und ein Angstklima, sowohl über das
Einkommen als auch über die „Tätigkeitslöcher“, aber gleichzeitig könnte Stolz als Emotion
identifiziert werden – sie kämpfen und opfern sich für einen größeren Sinn, für den „Big Job“,
der wahrscheinlich nie kommen wird, aber der versprochen wird und so nah ist. Das macht sie
zufrieden und wenn sie nach einem anstrengenden Tag nach Hause kommen, auf einer Ebene
glücklich.

47
Ebenda. S. 35.

15
Fazit

Unser Ziel hier war, auf die Frage, „welche Ängste entwickeln prekär Beschäftigte“, zu
antworten, und zwar mit der Hilfe der bestehenden Studien und Sekundärliteratur, die sich mit
prekär Beschäftigten befassen. Da es nicht viele Studien darüber gibt, haben wir qualitative
und quantitative Daten über die prekären Beschäftigungsformen benutzt, um eine Skizze über
die Emotionen der ArbeiterInnen zu konstruieren, anhand von Barbalets Überlegungen über
soziale Angst, ihre Subjekte, Objekte und Auswirkungen. Da wir keine eigenen Daten für
unsere Zwecke erhoben und analysiert haben, soll diese Arbeit als eine Aufstellung von
Hypothesen über die Ängste von prekär Beschäftigten dienen.
Wir haben zunächst konstatiert, dass die Prekarität ein vielschichtiges Phänomen ist.
Das heißt, dass es mehrere Dimensionen von Prekarität gibt, die nur zusammen eine
Beschäftigung als prekär oder nicht prekär bestimmen. Wir haben weiter festgestellt, dass alle
prekär Beschäftigte in einem Angstklima leben könnten, aber abhängig davon, welche von
Dimensionen der Prekarität sie betreffen, Sicherheit, Kontrolle, Schutz, oder Einkommen, wäre
der Inhalt des Angstklimas unterschiedlich.
ZeitarbeiterInnen wären, an erster Stelle, von nicht genügendem Einkommen, und auch
von Mangel an Schutz betroffen. Sie könnten auch Probleme haben, sich mit dem Unternehmen
zu identifizieren, besonders bei befristeter oder Leiharbeit.
HausarbeiterInnen hätten ähnliche Probleme. In der Regel haben sie ein niedriges
Einkommen und weniger Schutz als normale ArbeiterInnen. Auch das Problem der
professionellen Identifizierung und Einsamkeit könnte dabei konstatiert werden.
Scheinselbstständige können im Unterschied zu genannten Formen gut bezahlt werden
und eine Vollzeitbeschäftigung ausüben, aber der Schwerpunkt wäre auf Unsicherheit und
Mangel an Schutz. Obwohl sie in einem Arbeitsverhältnis mit einem Unternehmen sind, haben
sie keine Rechte, wie „normale“ ArbeiterInnen, weil sie als selbstständig (Einmann-
Unternehmen) gelten.
Kreative Arbeit ist eine am neusten entstandene und schnell wachsende Form der
prekären Beschäftigung. Wir können vermuten, dass diese Branche am prekärsten ist, aber dass
die kreativen ArbeiterInnen am stärksten motivierten sind. Das würde daran liegen, dass sie
eine Karriereaussicht verfolgen, die viel verspricht, was aber nur eine Strategie der Industrie
wäre, sich billigere und motivierte Arbeitskraft zu erschaffen. Es könnte konstatiert werden,
dass die kreativen ArbeiterInnen sehr ausgebeutet und unsicher sind, haben viele Ängste über
ihre Existenz, aber dass sie gerne mitmachen, weil sie stolz auf ihre Selbstständigkeit und
Selbstorganisation sind.

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Literatur

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Erklärung und empirische Analyse der Entwicklung in Österreich, Die Abteilung
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