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Leutnantsbuch

Leutnantsbuch
81. Offizieranwärterjahrgang
des Heeres

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Leutnantsbuch

Herausgegeben
im Auftrag des Inspekteurs des Heeres
durch Bundesministerium der Verteidigung
Führungsstab des Heeres
53123 Bonn

Verantwortlich für den Inhalt:


Oberst i.G. Uwe Nerger

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Leutnantsbuch

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis 3
Grußwort des Inspekteurs des Heeres 7
Offizieranwärter Frank – Der Alarmposten 12
Offizieranwärter Frank – Die Landstreitkräfte
und der Heeresoffizier: Was kommt auf mich zu? 18
Offizieranwärter Frank – Der Bierdeckel 23
Das Zeitspiel 34
Der erste Marsch 41
Führungsverantwortung im Gefecht 44
RAHMAT BAY – Gefecht von morgens
bis abends 51
Das Grab 57
Beförderungsappell zum Gefreiten 63
Offizieranwärter Frank – Im Offizierkasino 65
Nicht nur der erste Eindruck zählt 68
Der neue Leutnant 71
Loyalität 75
Der erste Einsatz 78
Hochzeit in Hessen 83
Der Lebensabschnitt 86
Hölle 90
Die Feldjägerkontrolle 94
Nur noch 100 Meter! 97
Offizieranwärter Frank – Der Abend 100
Offizieranwärter Frank – Selbstbestimmtheit 102
Offizieranwärter Frank – Im Restaurant 122
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Leutnantsbuch

Der Feuerkampf 124


Vorurteile 129
Kameradschaft 133
Der Entsatz: Erfahrungen eines Forward Air
Controllers im Gefecht 137
Offizieranwärter Frank – An der Offizierschule 141
Feldposten KHANABAD 145
Jointness 149
Der Brief 153
Glauben hilft! 157
Der Spind 160
Die Truppenpsychologin 163
Primus inter pares 166
Schule ist anders, aber wichtig 170
Mein Spieß 173
Offizieranwärter Frank – Erfolgsfaktoren 177
Offizieranwärter Frank – Ausbildungswochenende 188
Einsatz beim OMLT in AFGHANISTAN 191
Medien im Einsatz 195
Der kühle Kopf! 198
Führen von irgendwo 203
Haar- und Barterlass, Piercing und Tatoos 205
Totengedenken 210
Vom Pendeln als Soldat 213
Beim Handgranatenwerfen 216
Bergebereitschaft RC North –
„Logistik in Nebenfunktion!“ 219
Yes, Ma’am! 224
Auf der Standortschießanlage 231

Offizieranwärter Frank – Verabschiedung 234

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Leutnantsbuch

Offizierabend mal anders 239


Soldaten muslimischen Glaubens in der Bw 243
Erlebnisse im Stab PRT KUNDUZ 245
Todesnachricht 250
Das Offizierkasino 256
Das Einführungsgespräch 260
Der „robuste Soldat“ 263
Der Suizid 265
Die Gneisenaukaserne 268
… lieber spät als nie! 273
Der Anschlag 275
Team „Hotel“ 277
Der Hochwassereinsatz 280
„Dat hann isch verjess …“ 284
Der NIJMEGEN-Marsch 287
Auslandsstudium USA 294
„Regen“ 296
Die Veteranen 301
Das Dilemma 303
HALMAZAG 307
Menschenführung im Einsatz 312
Allein unter Grenadieren 317
Unter Männern 321
Ein Tag im Ausbildungsverband des
Gefechtsübungszentrums Heer 327
Nach dem Studium 330
Das offene Ohr 334
Die Gruppe in der AGA 337
Soldatenwallfahrt nach LOURDES 341
Als Seelsorger in AFGHANISTAN 345
Das Selbstverständnis des Heeres 356
Namenspatron 81. Offizieranwärterjahrgang 358

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Leutnantsbuch

Namensliste 81. Offizieranwärterjahrgang 364


Wo finde ich mehr? 389
Glossar 396
Eigene Notizen 400

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Leutnantsbuch

Grußwort des Inspekteurs des Heeres,


Generalleutnant Werner Freers

I n einer Welt, in der alles im Fluss ist, alles einem


ständigen Wandel unterliegt, in der wir uns einer
wachsenden Fülle von Informationen und erforderlichen
Entscheidungen gegenüber sehen, stellt sich die drängende
Frage nach Orientierung: „Was ist wichtig – wie handele ich
richtig?“
Bei der Suche nach Antworten auf diese Frage soll Ihnen
dieses Buch helfen, das für Sie als Offizieranwärter
geschrieben wurde – von Kameraden für Kameraden.
Für uns Soldaten gilt in ganz besonderem Maße, dass sich
unsere Einsatzrealität verändert hat – hierfür gibt es
zahlreiche Anzeichen: Begriffe wie „Gefecht“, „Kampf“,
„Krieg“, „Gefallene“ und „Veteranen“, sind nicht nur in der
Truppe, sondern auch im öffentlichen Raum in Deutschland
angekommen.
Es ist gelebte Wirklichkeit, aber auch Teil unseres
Selbstverständnisses als Soldaten im Heer und der
Landstreitkräfte, im Mittelpunkt der Einsätze zu stehen: im
Kampf mit dem Gegner, in gemeinsamer Ausbildung und
Operation mit Partnern, zum Schutz und im Dialog mit der
Bevölkerung, und im vernetzten Ansatz mit zahlreichen
weiteren Organisationen und Institutionen.

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Leutnantsbuch

Als militärische Führer verlangt dies viel von uns ab:


Professionelle Beherrschung unserer Einsatzgrundsätze und
-verfahren, körperliche und psychische Belastbarkeit ebenso
wie charakterliche Festigkeit, um in schwierigen,
unübersichtlichen Lagen und in Gefahr bestehen zu können.
In wenigen Jahren werden Sie als junge Offiziere zunächst
die Führungsverantwortung für Teileinheiten übernehmen.
Gerade die Züge und Einheiten bilden den Kern unseres
Heeres – sie sind die Basis unseres Erfolges im Einsatz. Es
ist daher unsere besondere Verantwortung, Sie, unsere
angehenden Offiziere, bestmöglich auf Ihre kommenden
Aufgaben als Offizier und Teileinheitsführer vorzubereiten.
Wenn Sie anschließend selbst in der Ausbildung und im
Einsatz vorn stehen, werden die Ihnen anvertrauten Frauen
und Männer auf Sie schauen und darauf bauen, dass Sie als
Leutnant Ihre Führungsaufgabe erfüllen. Man wird sich an
Ihrem persönlichen Vorbild orientieren, um auch unter
größter Belastung mit Ihnen gemeinsam zu bestehen und
füreinander einzustehen.
Unser Dienst als Soldaten zeichnet sich durch eine große
Vielfalt unterschiedlicher Lagen aus, in denen es nicht allein
auf gute Ausbildung ankommt – Situationen, in denen wir
unsere Entscheidungen nicht auf unsere militärischen
Kenntnisse und Fertigkeiten allein gründen können, sondern
uns auch an wertegebundenen Prinzipien orientieren.
Auf welchen Grundwerten und Tugenden basiert letztlich
unser Tun und Handeln? Welche Charaktermerkmale und
Fähigkeiten sollten künftige Offiziere und militärische
Führer besitzen? Was ist das Besondere an dem von uns
gewählten Beruf? Dies sind Fragen, die auch mich als junger
Soldat bewegten. Bei meiner Suche nach Antworten haben
mir Gespräche mit Kameraden ebenso geholfen wie die
Situationen, in denen mich vorbildliches Verhalten anderer

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Leutnantsbuch

beeindruckt hat. Manchmal habe ich aber auch Verhalten


gesehen, bei dem ich zum Urteil kam: „Das werde ich anders
machen, wenn ich einmal Verantwortung trage.“
Eigenes Erleben, Gespräche und Diskussionen mit
Kameraden, meine Erfahrungen im Einsatz ebenso wie in
der Führung des Heeres haben zu meiner Überzeugung
beigetragen, dass unser Beruf stets zwei Erfordernisse
miteinander verbinden muss.
Zum einen müssen wir als Soldaten in der Lage sein, uns
ständig auf die sich wandelnden Herausforderungen und
konkreten Anforderungen der aktuellen und der zukünftigen
Einsätze auszurichten. Wie sehr sich sogar das Gesicht eines
laufenden Einsatzes wandeln kann, erfahren wir nicht zuletzt
am Beispiel des Einsatzes in Afghanistan. Unsere
Bereitschaft zum Wandel und diesen auch selbst zu
gestalten, setzt die Fähigkeit Veränderungsbedarf zu
erkennen, Kreativität und Überzeugungskraft voraus.
Zum anderem muss unser Dienst als Soldaten von Werten
und Prinzipien geprägt sein. Prinzipien wie Verlässlichkeit,
Teamgeist, Toleranz und Offenheit gegenüber anderen
Menschen und Auffassungen, Aufgeschlossenheit für
fremde Kulturen, Bescheidenheit – aber auch
Selbstbewusstsein im Vertrauen auf das eigene militärische
Können und Führungswille, sind nach meiner Überzeugung
für Offiziere unerlässlich.
Um Ihnen zu veranschaulichen, welchen Herausforderungen
Sie sich als angehende Offiziere zukünftig stellen müssen, in
welchen Situationen Sie möglicherweise Entscheidungen
treffen müssen, haben einige Ihrer lebensälteren Kameraden
eigene prägende Erlebnisse für Sie aufgeschrieben – zum
Lesen und zum Nachdenken.

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Leutnantsbuch

Sie finden in diesem Buch authentische Beiträge, Gedanken


und Erfahrungen aus dem alltäglichen Dienstbetrieb, aus
unserer Lebenswirklichkeit in Deutschland, aus Ausbildung
und Übung sowie aus dem gesamten Spektrum unserer
Einsätze. Alle Beiträge wurden von Kameraden für
Kameraden geschrieben, unabhängig von Dienstgrad,
Ausbildungsgang, Laufbahn, Alter und Geschlecht. Daher ist
dieses Buch auch keine Vorschrift, sondern eine Sammlung
von Erlebnissen und Lebenserfahrung anderer –
Lebenserfahrung die Ihnen helfen soll, sich ein eigenes
Urteil zu bilden.
Das Buch soll Ihnen keinen Weg verbindlich vorschreiben.
Es soll Ihnen stattdessen helfen, für sich einen inneren
Kompass zu entwickeln, um Ihre persönliche Reise als
Offizier anzutreten und zu gestalten. Es will Ihnen bewusst
keine Musterlösungen anbieten, sondern Sie vielmehr
anregen, Ihre eigene Position zu reflektieren und sie mit
neuen Erkenntnissen zu verbinden.
Das Buch will Eindrücke und Erfahrungen vermitteln und
auch Freude am Lesen bereiten. Möglicherweise kommen
Sie dabei zu Erkenntnissen, die für Sie neu und spannend
sind – so wie es mir im Laufe meines Dienstes als Soldat
bislang ergangen ist und noch täglich ergeht. Vielleicht
kommen Sie dabei auch zum Ergebnis, dass scheinbar
gegensätzliche Grundsätze keineswegs so unvereinbar sind,
wie es zunächst einmal erscheint: dass fordernde und harte
Ausbildung einerseits und menschliches Mitgefühl einander
keineswegs ausschließen; dass modernste Ausrüstung und
Führungsverfahren und zeitlose Führungsprinzipien sehr
wohl zusammengehen; dass moderne Menschenführung und
charakterliche Eigenschaften wie Klugheit, Gerechtigkeit,
Tapferkeit und Mäßigung miteinander zu tun haben; oder
dass eigene Meinungsbildung und soldatischer Gehorsam

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Leutnantsbuch

sehr wohl zusammengehören – und dass man als Offizier im


21. Jahrhundert mit Freude in Freiheit dienen kann.

Im November 2011

Freers
Generalleutnant
Inspekteur des Heeres

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Offizieranwärter Frank

Der Alarmposten

K älte. Meine Füße gehören nicht mehr zu mir, sie


scheinen neben mir zu liegen wie Eiswürfel. Das
Schwarz der Stiefel ist längst dem Braun des Schlamms
gewichen, die Füße schmerzen. Die ersten Blasen hatte ich
schon vorgestern, nach dem 30-Kilometer-Marsch in der
Nacht. Ich hatte sie aufgestochen und versorgt. Die Blasen,
die ich danach bekommen habe, habe ich gar nicht mehr
wahrgenommen. Dann haben sie sich mit Blut gefüllt, sind
aufgeplatzt und tun inzwischen fast nicht mehr weh. Kälte.
Wahrscheinlich spüre ich deshalb kaum noch etwas.
Abgefroren. Hoffentlich nicht, denke ich. Durchhalten. Zum
Sani soll ich gehen – wegen der Blasen. Noch wenige
Stunden, und unsere Übung ist vorbei. Ich werde das schon
schaffen. Auch ohne Sani. Jetzt nicht aufgeben.

Ich bin Frank, Offizieranwärter (OA) in einem OA-Bataillon


des Deutschen Heeres, seit fünf Monaten Soldat und liege
im Schnee. „Minus fünf Grad“, hat der Gruppenführer
gesagt. „Zieht euch warm an“, hat er gesagt, bevor er uns als
Alarmposten eingeteilt hat. Es ist 03.45 Uhr und die Nacht
nimmt kein Ende. Durchhalten.

Was mache ich eigentlich hier? Schon wieder dieser


Gedanke! Der lässt mich heute Nacht einfach nicht los.
Noch fünfzehn Minuten, dann kommt Peter und löst mich
ab. Auf ihn ist Verlass. Er wird schon nicht zu spät kommen.
Ich werde dann zu den anderen ins Gruppennest gehen, noch
ein paar Minuten ruhen – das brauche ich. Dann der
Endspurt. Sachen packen, zurück in die Kaserne, eine heiße
Dusche, Schlaf – mindestens 24 Stunden!
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Offizier werden wollte ich. Menschen führen. Technik


beherrschen. Abwechslung im Beruf haben. Maschinenbau
studieren. Und jetzt das. Kälte. Endlich kommt meine
Ablösung und reißt mich aus meinen Gedanken.

Auf dem Weg in das Gruppennest begegne ich noch


Hauptmann Meier, unserem Kompaniechef. Ich finde das
schon sehr beachtlich, dass er die ganze Übung mit uns
draußen verbracht hat. Er ist ohnehin ein feiner Kerl. Ganz
offen im Umgang mit uns, mit klaren Vorstellungen von
seinem Beruf. Besonders gefällt mir seine Art, uns
„Anfänger“ ernst zu nehmen und uns immer wieder
aufzubauen. Unser Hauptmann ist seit kurzem Berufssoldat.
Er ist Panzergrenadier und hat schon einige Verwendungen
hinter sich. Studiert hat er an der Universität der
Bundeswehr in München, Maschinenbau glaube ich. Genau
weiß ich es eigentlich gar nicht.
Bevor ich mich weiter auf den Weg in das Gruppennest
mache, erkundigt er sich noch nach meinen Füßen und
macht mir Mut, bis morgen früh durchzuhalten. Michael
geht es noch schlechter als mir; Annette hält wacker mit und
hofft wie alle anderen auf das Ende der Übung.

Ich sitze jetzt schon zwei Stunden im Bus auf dem Weg in
die Kaserne. Geschafft! Die Übung habe ich fast
überstanden, ein wenig stolz bin ich jetzt schon. Ich glaube
aber, dass mir erst in ein paar Tagen bewusst wird, was wir
alles gemeinsam in dieser Übung überstanden haben. Zuerst
einmal heißt es, Ausrüstung und Material wieder auf
Vordermann zu bringen, dann uns selbst. Mit Peter und
Marcel werde ich heute nach Dienstschluss essen gehen. Das
haben wir uns verdient – und danach bekommen wir endlich
unseren Schlaf.

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Leutnantsbuch

Vorhin habe ich mit Peter über meine Gedanken der letzten
Nacht gesprochen, als ich mich wirklich mehrfach gefragt
hatte, was ich eigentlich hier tue. Ihm ginge es manchmal
ähnlich, hat er geantwortet. Er denke oft an die Zeit vor der
Bundeswehr, an seine Freunde und an seine Familie – und
natürlich auch an seine Freundin Denise. Letztes Wochen-
ende habe er sich mit seinen „alten“ Schulkameraden
getroffen. Ein paar von ihnen sind auch beim Bund, aber
über die ganze Republik verteilt. Einige haben schon mit
dem Studium begonnen und von ihren ersten Erfahrungen
erzählt. Unglaublich, was die so erleben – auf vielen Partys
und in langen Nächten. Ganz davon abgesehen, dass auch
wir hier lange Nächte haben, kann man schon ein bisschen
neidisch werden auf die. Die kämpfen nicht mit Blutblasen
bei minus fünf Grad! Peter und ich waren uns aber einig,
dass auch das vorbeigehen wird. Spätestens beim Chinesen
heute Abend.
Trotzdem kann man den Gedanken, dass wir als Offiziere
schon etwas Anderes tun, etwas Herausfordernderes als
andere in ihren Berufen, nicht ganz wegwischen.

Wir haben auch schon häufig im Hörsaal über dieses Thema


gesprochen. Kurz vor unserer Übung hatten wir erst einen
Unterricht von Hauptmann Meier zu den Besonderheiten
von Landstreitkräften. Ich erinnere mich noch, als er davon
sprach, dass wir als Heeressoldaten im Einsatz immer
„mitten drin“ sind, dass unsere Kampfdistanz der Blick-
kontakt ist und dass der Heeressoldat auf den sogenannten
„letzten 100 Metern“ fast immer auf sich allein gestellt ist.
Sicher sind das Besonderheiten, die es nicht in vielen
anderen Berufen in dieser Ausprägung gibt. Das Gleiche gilt
auch für die Führungsleistung, denke ich. Ein militärischer
Führer entscheidet am Ende über Leben und Tod. Und zwar

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Leutnantsbuch

bewusst. Das gibt es bestimmt nur in sehr wenigen anderen


Berufen.
Gerade fahren wir durch das Kasernentor. Die Scheiben im
Bus sind immer noch beschlagen, die Luft zum Schneiden
dick. Kein Wunder, wenn 35 Soldaten mit Gepäck nach
sechs Tagen Geländeleben „ausdünsten“. Draußen steht
unser Kompaniechef Hauptmann Meier und nimmt uns in
Empfang. Unser „Spieß“ hatte mal wieder eine gute Idee
und für heißen Tee gesorgt. Das tut gut.
Während wir noch Tee trinken, unterhalten wir uns in einer
kleinen Gruppe über das, was hinter uns liegt. Alle sind
ausgelaugt und stolz zugleich. Die Übung war schon ein
Höhepunkt in unserer bisherigen Ausbildung. Wir kennen
jetzt unsere Leistungsgrenzen und wissen, worauf es
ankommt, wenn man durchhalten will.
Die Unterhaltung löst sich langsam auf, Ausrüstung und
Material müssen jetzt abgeladen werden und wir müssen uns
zusammen darum kümmern, dass wieder alles dort
hinkommt, wo es hingehört.

Nach dem Waffenreinigen stellt sich Hauptmann Meier zu


uns. Zuerst wird es ein wenig ruhiger. Das legt sich aber
schnell wieder, und wir unterhalten uns weiter über unsere
Erlebnisse. Er erzählt auch von sich und seiner Ausbildung,
von seinen Erfahrungen und Vorstellungen. Wir hören
gespannt zu und stellen schnell fest – viel verändert hat sich
nicht. Ich habe den Eindruck, dass unser Hauptmann ein
Mann ist, der genau weiß, was er will und was der
Offizierberuf von ihm erwartet.

Inzwischen sind ein paar Wochen vergangen und ich bin in


einem Panzergrenadierbataillon gelandet. Hier mache ich
mein Truppenkommando. Ich lerne etwas über die
Truppengattung und sammle erste Erfahrungen als
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Hilfsausbilder. Annette und Peter sind auch dabei, dazu noch


Markus, Jonas, Marcel, Michael und Cindy.
Seit meiner Zeit im OA-Bataillon habe ich immer wieder an
meine Erlebnisse gedacht. Aber ich frage mich immer noch:
Was tue ich hier eigentlich? Zugegeben, mein Bild über
meinen Beruf hat sich schon etwas gefestigt, ganz klar ist es
mir aber immer noch nicht. Jeden Tag kommen neue
Eindrücke dazu.

Der Bataillonskommandeur hat uns schon am ersten Tag zu


sich geholt. Er hat offen mit uns gesprochen und gesagt, was
auf uns zukommt. Am Ende hat er uns Hauptmann Seidel
vorgestellt. Er ist Kompaniechef der 3. Kompanie und wird
uns für die Dauer des Truppenkommandos führen. Er wurde
uns als Fähnrichoffizier zugeteilt. Macht einen strengen
Eindruck, der Hauptmann.

Standortschießanlage.
G 36 Schießen. Allgemeine Grundausbildung. Ich bin heute
als Hilfsausbilder in der Parallelausbildung eingesetzt und
unterstütze Hauptfeldwebel Schmieder.

In der Pause vorhin habe ich einen Entschluss gefasst. Ich


werde Hauptmann Seidel ansprechen, ob er mir mehr von
seinem Berufsverständnis erzählen kann. Es interessiert
mich einfach. Vielleicht finde ich Antworten auf meine
Frage, die ich mir während der Übung so oft gestellt habe.
Ich glaube, Hauptmann Seidel kann man auch danach
fragen.

Also nehme ich meinen Mut zusammen und melde mich bei
unserem Fähnrichoffizier. Ich frage ihn, ob er bereit wäre,
mir einmal mehr über sein Verständnis vom Offizierberuf zu
erzählen. Ich erkläre ihm, was mich derzeit beschäftigt.
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Geduldig hört er mir zu, lächelt. Dann überlegt er kurz und


schlägt vor, dass wir, die jungen Offizieranwärter, doch
einmal im Kasino mit ihm darüber sprechen könnten. Ja, er
würde uns gerne erzählen, wie er so denke und welches
berufliche Selbstverständnis er entwickelt habe. Ich freue
mich darüber und sage den anderen Bescheid.

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Leutnantsbuch

Offizieranwärter Frank

Die Landstreitkräfte und der Heeresoffizier: Was kommt


auf mich zu?

D ienstagabend, Offizierkasino.
Wir sind Hauptmann Seidels Einladung gefolgt und
noch ein wenig unsicher, ob wir eintreten sollen oder nicht.
Was, wenn Hauptmann Seidel schon auf uns wartet? Markus
ergreift als erster die Initiative und schlägt vor: „Lasst uns
einfach hineingehen – nur dann wissen wir, ob Hauptmann
Seidel schon da ist oder nicht!“ Also betreten wir das Kasino
und gehen zunächst zielstrebig auf den Barraum zu. Wir
grüßen beim Eintreten mit einem Kopfnicken in die Runde
und sehen Hauptmann Seidel am Tresen stehen, mit einer
Ordonanz in ein Gespräch vertieft.
„Ah, da sind Sie ja!“, sagt Hauptmann Seidel und winkt uns
zu sich. „Ich habe gerade abgesprochen, dass wir uns in das
Kaminzimmer zurückziehen können. Da haben wir etwas
mehr Ruhe.“
Hauptmann Seidel begrüßt uns nacheinander und wir gehen
gemeinsam in das Kaminzimmer um die Ecke. Es ist ein
schön eingerichteter Raum mit vielen alten Büchern, aber
ohne eine abgeschlossene Tür. Es gibt nur einen großen
Durchgang in den Barraum, sodass man immer sieht, „was
sonst noch so los ist“.

Nachdem wir alle etwas zu trinken bestellt haben, beginnt


Hauptmann Seidel mit einer Frage: „Was ist für Sie
eigentlich das Besondere am Heer?“ Wir schauen uns etwas
überrascht an, schließlich kennen wir die Unterschiede der
Teilstreitkräfte und der anderen Organisationsbereiche! Aber
er lässt nicht locker.

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Cindy bringt unsere Meinung auf den Punkt: „Es ist die
besondere Herausforderung, die Heeressoldaten auf den
sogenannten letzten einhundert Metern bewältigen müssen.“
Sie erklärt diese besondere Situation so, wie wir sie auch
schon im OA-Bataillon einmal besprochen hatten. Wir alle
stimmen zu.

„Ganz richtig“, sagt Hauptmann Seidel. „Allerdings glaube


ich, dass die Sache noch ein bisschen komplexer ist. Ich
versuche Ihnen das einmal mit meinen Worten zu erklären.“
Und dann erzählt er uns, dass das Heer ein sehr
differenziertes „Unternehmen“ ist. Neben der Führung der
Divisionen des Heeres geht es darum, einsatzbereite und
motivierte Soldaten für alle Einsatzoptionen verfügbar zu
haben. Das ist ein Kernelement im „Unternehmen Heer“.
Hier geht es um das Vorbereiten von Menschen auf
gefährliche, ja zum Teil lebensgefährliche Aufgaben in
ungewohnten, instabilen Regionen unserer Erde.
„Natürlich gilt das für alle Soldaten der Bundeswehr.
Eigentlich ist der wesentliche Punkt, dass wir Heeres-
soldaten bodengebunden unseren Auftrag erfüllen. Wir sind
es, die in Landoperationen die „boots on the ground“ stellen.
Damit ermöglichen wir letztlich erst, dass militärische
Operationen langfristig erfolgreich sein können“, sagt
Hauptmann Seidel.

Er gibt uns zwar recht, dass damit verbunden die letzten 100
Meter, der Blickkontakt etwas Besonderes sind, weil wir am
Ende auf uns allein gestellt sind, betont aber, dass auch
andere Kräfte in dieser Situation stehen können. Das kann
man besonders gut an den laufenden Stabilisierungs-
operationen auf dem Balkan und in AFGHANISTAN sehen.
Das sind Landoperationen.

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„Das Heer hat ja nun eine lange Tradition. Mit


Landoperationen hat es die meiste Erfahrung – hier ist das
Heer der Spezialist“, ergänzt er, „und wird unterstützt durch
die Streitkräftebasis und den Zentralen Sanitätsdienst. In
beiden Organisationsbereichen werden viele Soldaten des
Heeres verwendet. Die Laufbahn eines Heeresoffiziers wird
immer wieder geprägt sein durch einen Wechsel zwischen
diesen Bereichen.“

Dann erläutert er weiter: „In Landoperationen fehlen meist


sichere Planungsgrundlagen, das Umfeld ist komplex und
dynamisch, die Lagen wechseln häufig und plötzlich. Das
erfordert eine vertrauensvolle Führung, um den Führern
Handlungsspielraum und die Möglichkeit zur kreativen
Entfaltung zu geben. Führer aller Ebenen müssen daher
so ausgebildet und vorbereitet sein, dass sie auch in
Situationen, in denen sie auf sich gestellt sind, hand-
lungsfähig bleiben und im Sinne des Ganzen Ent-
scheidungen treffen können. Das setzt das Wissen um die
übergeordnete Absicht voraus und die Freiheit, den Weg zur
Zielerreichung im vorgegebenen Rahmen selbst zu
bestimmen.“

Hauptmann Seidel erklärt uns das an einem Beispiel: Als er


im Einsatz bei ISAF war, musste er eine Patrouille zu Fuß in
einem sehr belebten Viertel von KABUL führen. Nicht nur,
dass er für seine Soldaten und die Erfüllung des Auftrages
verantwortlich war, nein – auch der unmittelbare Kontakt
zur Bevölkerung hat ihm damals „zu schaffen gemacht“. Da
wurde man in der Menge geschoben, Kinder haben ihn
angefasst, ältere Menschen angesprochen. Manchmal konnte
auch der Übersetzer, der immer in seiner Nähe war, nicht
weiterhelfen – einfach weil oft Informationen im
Stimmengewirr untergingen. Da war er allein, er war auf
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Leutnantsbuch

sich gestellt. In diesem Moment, so erklärt er uns, wurde


ihm klar, wie wichtig es ist, den Auftrag zu kennen und die
nötige Handlungsfreiheit zu haben, ihn auch umzusetzen und
entsprechende Entscheidungen zu treffen. Hierzu gehören
auch die Verfügbarkeit von Material und eine entsprechend
fundierte Ausbildung.

„Das haben Sie sicher schon gehört“, erklärt er weiter, „dass


das Führen mit Auftrag oberstes Führungsprinzip deutscher
Streitkräfte ist. Es folgt nicht nur den Erfordernissen des
Gefechtes, sondern betont eine Führungsphilosophie, die den
ethisch bewussten, mitdenkenden und eigenverantwortlich
handelnden Soldaten in den Mittelpunkt stellt. Nur so ist die
Qualität, die Flexibilität und die Schnelligkeit in Opera-
tionen gewahrt“, sagt Hauptmann Seidel.

„Das hört sich jetzt zwar etwas aufgesetzt an, aber denken
Sie einmal darüber nach! Ich hatte in der Situation in
KABUL die Verantwortung für meine Patrouille. Meine
Soldaten haben mir vertraut und ich habe meinen Soldaten
vertraut. Führen mit Auftrag beruht auf gegenseitigem
Vertrauen. Führen mit Auftrag fordert Vorgesetzte und
Untergebene. Führen mit Auftrag verlangt von jedem
Soldaten den Willen, Ziele zu erreichen, die Bereitschaft zur
Initiative, zur Zusammenarbeit und zu selbstständigem
Handeln im Rahmen des Auftrags.“

Es entsteht eine Pause. Wir denken nach.

„Aber ich wollte ja nicht über Führen und über


Führungsphilosophie reden. Vielleicht kommen wir später
hierauf noch einmal zurück. Ich wollte Ihnen ja mein
Verständnis vom Besonderen des Heeres erklären“, sagt
Hauptmann Seidel und fährt fort:
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Leutnantsbuch

Heeressoldaten werden für die Durchführung von


Landoperationen ausgebildet. Diese verlangen eine
besondere Expertise, weil sie in ihrem Wesen sehr
spezifische Anforderungen an Soldaten stellen, die sich im
wesentlichen durch ein unklares, schnell wechselndes
Lagebild, die zeitliche und örtliche Gleichzeitigkeit von
Kampf, Stabilisierung und humanitärer Hilfe und manchmal
auch das Fehlen klarer Abgrenzungen von Gegner und
eigener Truppe kennzeichnen lassen. Hinzu kommt für jeden
Soldaten des Heeres die erlebbare und unmittelbare
Konfrontation mit der Geographie und ihren Menschen, sei
es im Kampfeinsatz mit dem zu bekämpfenden Gegner oder
im Friedenseinsatz mit der Bevölkerung, deren Vertrauen es
zu gewinnen gilt.
„Erinnern Sie sich an die Bilder im KOSOVO, als unsere
Soldaten mit den Panzern mittendrin waren in der
Demonstration – oder an die Bilder aus AFGHANISTAN,
als die Patrouille zu Fuß auf dem Marktplatz KUNDUZ Ge-
sprächsaufklärung durchführte“, sagt Hauptmann Seidel.

„Und genau deswegen“, ergänzt Hauptmann Seidel, „wenn


wir als Heeressoldaten „im Feuer“ stehen, erleben wir die
Auswirkungen unseres Handelns unmittelbar. Wir müssen
auch Unwägbarkeiten mitberücksichtigen. Diese haben oft
maßgeblichen Einfluss auf den Verlauf der Operation. Dem
eigenen Willen begegnet der unabhängige Wille von
Gegnern, zivilen Akteuren wie internationalen, staatlichen
und nichtstaatlichen Organisationen, der örtlichen Bevölke-
rung, Flüchtlingen und anderen Kräften.“

Wieder eine Pause. Schwere Kost. Markus, Peter und


Annette tauschen fragende Blicke aus. Aber ich glaube, dass
wir alle verstanden haben, worum es Hauptmann Seidel
geht.
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Leutnantsbuch

Offizieranwärter Frank

Der Bierdeckel

„G ut“, sage ich. „Wie geht es aber jetzt weiter? Meine


eigentliche Frage war doch, was das Besondere am
Offizierberuf ist. Schließlich werden wir ja zu militärischen
Führern ausgebildet, und das bedeutet doch eine Menge
mehr, als zu wissen, was das Besondere an Landstreitkräften
ist.“

„Es muss doch greifbare, verständliche Eigenschaften von


Offizieren geben, die das Besondere dieses Berufes
ausmachen“, ergänzt Cindy und schaut ein wenig
hilfesuchend zu Frank und Jonas hinüber, die zustimmend
nicken.

Das war das Startzeichen. Hauptmann Seidel schaut in die


Runde. Ich glaube, am liebsten hätte er die Ärmel
hochgekrempelt und uns einen Vortrag zum Thema
gehalten. Stattdessen steht er wortlos auf, holt sich aus dem
Barraum ein paar Bierdeckel und setzt sich wieder zu uns.

„Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Sie werden zu
militärischen Führern ausgebildet – das vergisst man
manchmal im täglichen Betrieb, zwischen Märschen,
Lehrgängen und Vorbereitung auf das Studium. Ich habe mir
selbst erst ein Bild von dieser Besonderheit unseres Berufes
gemacht, als ich Zugführer war.

Aber denken Sie daran: Ausbildungsgänge verändern sich.


Sie werden ständig den neuen Gegebenheiten und
Anforderungen an den Soldaten, an den Offizier, angepasst.
Mein Ausbildungsgang unterscheidet sich deutlich von
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Leutnantsbuch

Ihrem. Dies gilt allerdings nicht für die Werte, Tugenden


und Prinzipien, die Grundlage und Leitgedanke unseres
Berufes sind. Diese haben damals wie heute unverändert ihre
Gültigkeit behalten.

Hauptmann Seidel rückt Bierdeckel und Stift zurecht und


fährt fort: „Wenn man führen will, dann muss man ein klares
und einfaches Konzept von Führung im Kopf haben, an dem
man sich zu Beginn seiner Führungsaufgabe orientieren
kann. Ich habe mir so ein Bild – wie gesagt – erst recht spät
gemacht. Das war übrigens mit ein Grund dafür, dass ich
mich gefreut habe, als Sie mich neulich auf der
Standortschießanlage angesprochen haben. Ich will Ihnen
einmal meine Idee, meine Vorstellungen erklären. Sie
werden sehen: Zu meinen Ideen gibt es bestimmt hunderte
von Beispielen aus dem täglichen Leben in unserem Beruf.“

Plötzlich kommt aus der Kaminecke ein wohl etwas zu laut


geratener Kommentar: „Das, was Hauptmann Seidel zu
sagen hat, unterschreibe ich sofort …!!“

Ruckartig gehen die Köpfe in Richtung Kamin. Dort sitzt ein


Major, der uns wohl zugehört hat. „Kommen Sie doch zu
uns“, sagt Hauptmann Seidel und winkt den Major heran. Er
stellt ihn als Major Setzinger vor, der zum Nachbarbataillon
gehört. Major Setzinger sagt: „Entschuldigen Sie meinen
Zwischenruf, aber ich habe mit Hauptmann Seidel schon
öfter hier gesessen und mit ihm über sein Berufsbild
diskutiert. Mit seinen Vorstellungen steht er nicht allein!“

„Also“, fährt Hauptmann Seidel fort, „was bedeutet Führen


eigentlich für mich? Welche Erwartungen stelle ich damit an
einen jungen Offizier? Vielleicht finde ich ein paar
Hilfestellungen, die Sie zum Nachdenken anregen.“
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Leutnantsbuch

„Ich sehe drei Kernbereiche“, sagt Hauptmann Seidel und


beginnt mit dem Bleistift schwungvoll eine Skizze auf einem
leeren Bierdeckel. „Die ersten beiden Bereiche nenne ich
Selbstbestimmtheit und Erfolgsfaktoren. Keine Angst, ich
erkläre noch, was ich damit meine.

Der dritte Bereich, nämlich die Kunst, Menschen unter


wechselnden Bedingungen erfolgreich führen zu können,
baut auf den beiden ersten Bereichen auf. Diese bilden die
Grundlage. Führen bedeutet dabei für mich, dass ich sowohl
den Menschen als auch den Auftrag in den Mittelpunkt
meines Denkens und Handelns stelle. Man könnte auch von
einem werte- und auftragsorientierten Führen sprechen.“
Major Setzinger hat es sich inzwischen bequem gemacht.
Wir sind alle gespannt, wie das jetzt weitergeht mit dem
Seidelschen Konzept, mit seinem „Operationsplan“.
„Selbstbestimmtheit und Erfolgsfaktoren sind wichtig, wenn
ich mich einer Führungsaufgabe widme. Ich muss doch mein
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Leutnantsbuch

eigenes Potenzial und die zentralen Faktoren des Erfolges im


Offizierberuf kennen, muss wissen, was und wie ich es am
erfolgreichsten tun kann. Wenn ich nicht weiß, wie ich mein
Potenzial einsetzen soll, bleibe ich mit Sicherheit erfolglos.
Es sind wenige grundlegende Regeln, die aber wichtig sind“,
sagt Hauptmann Seidel und fährt fort: „Die Kunst,
Menschen zu führen – ich nenne das einmal generell
Führungskunst – kann ich Ihnen mit drei einfachen
Handlungslinien, sozusagen Anweisungen, erklären. An
diesen drei Linien kann man sich, da bin ich überzeugt, gut
orientieren.“

Zustimmendes Nicken von Major Setzinger. Schwungvolle


Ergänzungen mit Bleistift folgen von Hauptmann Seidel auf
einem weiteren Bierdeckel.

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Leutnantsbuch

So richtig kann ich allerdings noch nicht erkennen, was die


Skizze am Ende darstellen soll. Einen Plan für den Angriff
oder die Interpretation eines modernen Kunstwerks?

Hauptmann Seidel fährt fort: „Die drei Linien sind: „Führe


und gestalte!“, „Entscheide und verantworte!“ und „Sei
beispielhaft!“ Alle drei Linien stehen gleichwertig
nebeneinander – also nageln Sie mich bitte nicht auf eine
Reihenfolge fest. Ich habe lange überlegt, wie ich diese drei
Linien so erkläre, dass man auch etwas damit anfangen
kann. Am einfachsten ist es, wenn man zu jeder Linie ein
paar Fragen stellt. Das habe ich auch getan. Übrigens hat
Major Setzinger mir dabei ein paar gute Anregungen
gegeben.“

Jetzt schaltet sich Annette ein: „Herr Hauptmann, sind die


Begriffe Selbstbestimmtheit und Erfolgsfaktoren nicht ein
bisschen – na ja – sperrig? Ich meine, auf den ersten Blick
kann ich damit nur schwer etwas anfangen. Mit dem Begriff
Führungskunst, also der Kunst Menschen zu führen, geht es
mir da schon besser. Das ist uns allen hier geläufiger – oder
etwa nicht?“ Zustimmung von allen Seiten.

„Ja, ja“ antwortet Hauptmann Seidel, „ich verstehe, was Sie


meinen. Aber ich glaube, Sie werden sehen, wie die drei
Bereiche zusammenhängen – das erklärt einiges.“

„Wo war ich stehen geblieben?“, fragt Hauptmann Seidel,


spricht aber gleich weiter: „Genau! Die drei Handlungslinien
der Führungskunst! Also, in der Linie „Führe und gestalte!“
kann ich mir zum Beispiel folgende Fragen vorstellen:
- Kenne ich die Menschen, erkenne ich ihre Motivation
und ihre Ziele, nehme ich die Menschen an, so wie
sind?
27
Leutnantsbuch

- Frage ich aus wirklichem Interesse am Menschen, höre


ich ihnen zu, rede ich mit den Menschen, nehme ich mir
ausreichend Zeit, entwickle und fördere ich eine offene
Gesprächsatmosphäre?
- Führe und gestalte ich wirklich aktiv, habe ich einen
„Operationsplan“ entwickelt, beteilige ich andere, habe
ich die Fähigkeit und die notwendige Handlungs-
freiheit, meine Ziele umzusetzen?
- Stimmt das Zusammenspiel und die Balance von dem,
was ich erreichen will, was andere erreichen wollen,
mit dem gemeinsamen Ziel überein, stimmt die
Richtung, wo muss nachgesteuert werden?
- Ermögliche ich Mitwissen, Mitentscheiden, Mitver-
antworten – zumindest immer dann, wenn dies möglich
ist?
- Fördere ich den Zusammenhalt und das Dazu-
gehörigkeitsgefühl meiner Soldaten, besteht eine innere
Struktur in der Gruppe, im Zug, in der Kompanie,
welche verbindenden „Rituale“ und Symbole gibt
es?
- Gehe ich verantwortbare Risiken ein, wie treffe ich
meine Entscheidungen?

Hauptmann Seidel holt tief Luft. Die braucht er auch nach so


vielen Fragen! Diesen Moment nutzt Major Setzinger. Er
ergänzt: „Ich stelle mir auch immer die Frage, wie ich
Führung praktiziere, ob ich loyal bin, ob ich Fürsorge nach
unten und oben ausübe, ob ich konstruktiv mitwirke,
zielgerichtet informiere und ob ich meine Verantwortung
auch deutlich mache.“

Hauptmann Seidel ergänzt seine Skizze und macht ein paar


Notizen. Dazu sagt er: „Wenn ich diese Fragen zu-

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Leutnantsbuch

sammenführe, dann komme ich auf fünf knappe Auffor-


derungen:
- Höre zu!
- Kommuniziere!
- Bringe zusammen!
- Setze Ziele!
- Schaffe Ordnung!
Das ist doch einfach, oder? Sie sollten sich ruhig die Fragen
einmal durch den Kopf gehen lassen. Vielleicht haben Sie
auch noch Ergänzungen oder Anregungen für mich. Nehme
ich gerne auf!“

Nachdem wir uns noch etwas zu trinken bestellt haben, sagt


Hauptmann Seidel: „Ich weiß natürlich, dass mein Ge-
dankengebäude, das ich Ihnen hier aufmale, ziemlich
komplex ist. Merken können Sie sich ohnehin nicht alles,
aber darum geht es auch nicht. Sie sollen einfach einmal ein
Gefühl dafür bekommen, wie ich so an die Sache herangehe.
Ihnen werden sicherlich im Laufe der Dienstzeit noch
weitere Fragen einfallen, die Sie noch ergänzen können.
Lassen Sie mich noch kurz die anderen beiden Linien
skizzieren: In der Linie „Entscheide und verantworte!“ stelle
ich mir folgende Fragen:
- Gebe ich Antworten und kann ich den Sinn von Maß-
nahmen und Entscheidungen erklären, was ist sinn-
stiftend?
- Unterscheide ich zwischen den unterschiedlichen
Persönlichkeiten und der Art der Durchsetzung meiner
Befehle?
- Halte ich Maß, verliere ich das Wesentliche nicht aus
den Augen, konzentriere ich mich bzw. meine Kräfte?
- Erhalte ich mir meine Entscheidungsfreiheit durch
Klarheit und Einfachheit?

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Leutnantsbuch

- Übernehme ich immer die volle Verantwortung für


getroffene Maßnahmen und Entscheidungen?
- Bewahre ich meine Soldaten vor Schäden und
Nachteilen?“

Wieder ergänzt Hauptmann Seidel seine Skizze und gibt uns


schlagwortartig eine verkürzte Version dieser Fragen. Er
sagt: „Entscheiden und verantworten“ ist für mich
besonderes wichtig. Wir als Offiziere müssen uns diesen
Herausforderungen zu jeder Zeit stellen. Ich verkürze die
wesentlichen Aussagen auf weitere fünf Forderungen:
- Entscheide!
- Unterscheide!
- Übernimm Verantwortung!
- Gib Antworten!
- Halte Maß!“

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Leutnantsbuch

„Und letztlich ist es wichtig, dass wir beispielhaft sind“,


mischt sich Major Setzinger ein. „Genau“, gibt Hauptmann
Seidel zurück. „Können Sie sich vorstellen, was damit
gemeint ist?“, fragt er in die Runde.

Peter sagt: „Ich muss mir die Frage stellen, ob ich mich
selbst beispielhaft verhalte, ob ich ein Vorbild bin“, und
Annette ergänzt: „Letztlich muss ich mich fragen, ob ich das
vorlebe, was ich von meinen Soldaten verlange!“

„Völlig richtig“, sagt Hauptmann Seidel. Wir in der Runde


fangen langsam an, uns „warm zu laufen“. Hauptmann
Seidel hat uns richtig neugierig gemacht, und dass Major
Setzinger noch dabei sitzt, zeigt auch, dass die Ideen kein
Hirngespinst eines Hauptmanns sind.

Hauptmann Seidel fährt fort: „Ich stelle mir zusätzlich noch


folgende Fragen:
- Bin ich Vorbild auch in der Erfüllung meiner Pflichten?
- Lebe ich die Werte und Tugenden vor?
- Gebe ich Orientierung und persönlichen Halt?
- Stimme ich mit mir selbst überein?“

„So“, sagt Hauptmann Seidel, „bevor wir uns mal kurz die
Beine vertreten, will ich Ihnen auch für die Linie „Sei
beispielhaft!“ meine Empfehlungen mitgeben:
- Sei stimmig!
- Gib Orientierung!
- Sei Vorbild!“

„Also ich für meinen Teil brauche jetzt einmal fünf Minuten,
um frische Luft zu schnappen. Kommt jemand mit raus in
den Garten?“, fragt Hauptmann Seidel. Die Runde erhebt
sich, wir gönnen uns zehn Minuten Pause. Um neun Uhr soll
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Leutnantsbuch

es weitergehen, dann will Hauptmann Seidel uns ein paar


Erlebnisse erzählen, die uns zurück in die Praxis holen
sollen. Major Setzinger hat noch hinzugefügt, dass er auch
die eine oder andere Geschichte aus seiner Chefzeit
beitragen kann.

Beim Aufstehen schaue ich noch einmal auf die Seidelsche


Skizze. Doch kein abstraktes Kunstwerk!

Also auf geht’s: Pause.

Nach der Pause kommen wir alle wieder zusammen und


stellen uns im Barraum zusammen. Hauptmann Seidel steht
schon dort mit zwei anderen Offizieren und unterhält sich
angeregt. Als wir Offizieranwärter hinzukommen, sagt er:
„Darf ich Ihnen zwei Kameraden vorstellen. Major
Waldmann und Hauptmann Ulrich. Wir sind damals

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Leutnantsbuch

zusammen in die Bundeswehr eingetreten. Ich habe beiden


eben erzählt, warum wir uns heute Abend hier getroffen
haben. Major Waldmann ist Kompaniechef. Ich habe ihm
die Bierdeckel gezeigt und ihn gefragt, ob er Ihnen nicht ein
paar Geschichten erzählen kann, die zu den einzelnen
Themen passen.“

„Ja“, antwortet Major Waldmann, „ich habe gerade in


meiner jetzigen Verwendung oft festgestellt, dass Ordnung
das halbe Leben ist. Wenn man sich als Chef nicht optimal
organisiert, dann kann einem alles schon mal über den Kopf
wachsen. Ich hatte einen Kompanieoffizier, der war so ein
Fall. Im Grunde eine ehrliche Haut und richtig fleißig. Ich
erinnere mich noch gut an ihn.“
Hauptmann Ulrich mischt sich in die Unterhaltung ein und
sagt: „Ich kenne auch einige gute Beispiele aus meiner
Zugführerzeit. Wenn’s jemanden interessiert …?“

Cindy und Jonas ermuntern beide, uns ihre Erfahrungen


mitzuteilen. „Ich für meinen Teil“, sagt Jonas, „lerne gerne
aus den Erfahrungen anderer. Schließlich muss man nicht
gleich alle Fehler wiederholen, die andere schon einmal
gemacht haben.“
„Herr Major, wie wäre es, wenn Sie uns Ihre Geschichte von
Ihrem Kompanieoffizier erzählen?“, fragt Hauptmann
Seidel. Major Waldmann nickt und bestellt sich noch eine
Fassbrause.
„Also, es war im letzten Jahr. Da ging es in meiner
Kompanie ganz schön zur Sache – unsere Auftragsbücher
waren voll.“

Er beginnt zu erzählen …

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Leutnantsbuch

Das Zeitspiel

D a saß er. Mein Kompanieoffizier. Um 07.05 Uhr. Heute


war Gefechtsdienst angesetzt. Er aber hatte Ringe unter
den Augen. Übermüdet. Unkonzentriert. Nicht, weil wir
gerade von einer Übung wiedergekommen waren. Nicht,
weil er einen Dienst als Offizier vom Wachdienst hinter sich
hatte. Nein. Einfacher Grundbetrieb. Was war los? Diese
Frage stellte ich ihm.
Er antwortete: „Wir – die Soldaten, die ich vom
Fernmeldezug zugeteilt bekam für die Vorbereitung der
Kommandeurtagung, und ich – waren gestern noch bis um
halb eins im Offizierkasino und haben die Aufträge
umgesetzt, die der G 3 letzte Woche erteilt hat. Sieht jetzt
super aus! Und den Gefechtsdienst musste ich auch noch
vorbereiten – meinen gedachten Verlauf und so. Da war es
mal wieder drei Uhr. Ich bin ganz schön ausgepumpt. Chef,
kann nicht der Leutnant mit seinem Fernmeldezug das
Biwak übernächste Woche vorbereiten? Ich schaff´ es nicht
mehr! Ich weiß noch nicht ’mal, wie ich heute den
Gefechtsdiensttag überleben soll.“

Offene Worte. Eine Selbstoffenbarung.


Die Überlastung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Hatte
ich ihn zu sehr ’ran genommen? Er hatte in diesem Monat
das „Rules of Engagement (ROE)“-Schießen im Rahmen der
EAKK-Ausbildung durchzuführen, die Vorbereitung des
Tagungssaals im Offizierheim für die Kommandeurtagung
als Projektoffizier zu überwachen und zu steuern und für den
nächsten Monat das Biwak vorzubereiten.
„Vielleicht hast Du das!“, sagte ich mir. Ein schlechtes
Gewissen machte sich bei mir breit. Der Gedanke ließ mich
nicht mehr los und so ließ ich den Leutnant und
Fernmeldezugführer – hier in der Kompanie der Mann für
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Leutnantsbuch

alle Fälle – kommen, und beauftragte ihn, den Kom-


panieoffizier bei der Vorbereitung des Biwaks zu unter-
stützen.
Er, der lebens- und diensterfahrene Offizier des militär-
fachlichen Dienstes lächelte – eigentlich wie immer – und
sagte: „ Klar, wir machen das schon! Aber eine Frage stelle
ich mir bei unserem jungen Kompanieoffizier immer wieder:
Hat er eigentlich schon etwas von Zeitmanagement gehört?
Das Biwak müsste doch längst in trockenen Tüchern sein.
Der Befehl dazu ist doch schon drei Monate alt!“
Er hatte Recht. Der Befehl zur Vorbereitung des ROE-
Schießens lag meinem Kompanieoffizier seit drei Monaten
vor, die Kommandeurtagung war ihm seit einem halben Jahr
bekannt und das Biwak sowie seine Aufgabe als
Projektoffizier, für die er sich mit Begeisterung angeboten
hatte, um zu zeigen, was er alles drauf hat, war ihm bewusst
seit Herausgabe des Jahresausbildungsbefehls.

Zeitmanagement. Offensichtlich nicht jedermanns Sache.


Aber ein Grundbaustein für den Offizierberuf.
Zeitmanagement lässt sich erlernen. Auch ich erinnere mich
an meine Schul- und die erste Uni-Zeit, als wir immer „kurz
vorm Dicken“ anfingen zu lernen, den Stoff ins Kurz-
zeitgedächtnis hämmerten und diesen nach der Klausur
einfach löschten.
Aber schon während der weiteren Semester merkte ich, dass
ich mich besser organisieren musste, um die Scheine alle
rechtzeitig zu haben, mich zeitgerecht auf Prüfungen
vorzubereiten und schließlich auch die Diplomarbeit
rechtzeitig erfolgreich zu beenden.
Also nahm ich mir die Zeit, um einmal mit meinem
Kompanieoffizier über diese Dinge zu sprechen. Bei einer
Tasse Kaffee in meinem Büro sprach ich ihn darauf an:

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Leutnantsbuch

„Organisieren. Was heißt das? Und was ist das, Zeit-


management?
Sicherlich gibt es unterschiedliche Definitionen und
Auffassungen. Für mich kann ich aber Folgendes feststellen:
Ebenso wie in der Truppenführung ist eine saubere
Auswertung des Auftrags der Schlüssel zum Erfolg. Das
Erfassen der Absicht dessen, der einen Auftrag erteilt hat,
das Erkennen der wesentlichen eigenen Leistung und
natürlich die Berücksichtigung etwaiger Auflagen – das ist
nun mal das A und O, im Grundbetrieb nicht anders als im
Einsatz.
Und jetzt kommt das Zeitmanagement ins Spiel. Es hat zum
Ziel, erhaltene Aufträge so über der Zeitachse zu struk-
turieren, dass eine zeitgerechte Auftragserfüllung überhaupt
erst möglich wird.

Wenn Sie erkennen, was zur Erfüllung der wesentlichen


Leistung alles nötig ist, dann müssen Sie die notwendigen
Tätigkeiten aufschlüsseln und auf einem Zeitstrahl fixieren.
Der Endpunkt des Zeitstrahls beschreibt dabei einen
Zeitpunkt vor dem eigentlichen Termin, um vorneweg einen
Zeitpuffer zu haben. Dann zerlegen Sie die notwendigen
Tätigkeiten in einzelne Arbeitsschritte und ordnen jedem
Schritt ein Zeitpensum zu.
Diese Zeiten können Sie berechnen (z.B. Anmarsch mit Kfz)
oder Sie legen Ihre oder die Erfahrungswerte von
Kameraden zugrunde. Planen Sie dabei Schritt für Schritt
und setzen Sie die Tätigkeiten an den Anfang, die entweder
mit dem meisten Aufwand verbunden sind oder von denen
man weiß, dass sie von anderer Seite oder von anderen
mitbearbeitet werden müssen (z.B. Übungsanmeldung).
Wenn Sie jeden Schritt in logischer Abhängigkeit
zueinander auf dem Zeitstrahl fixiert haben, haben Sie schon
einen wesentlichen Schritt getan.
36
Leutnantsbuch

Aber: Zeitmanagement verlangt von Ihnen Disziplin.


Schieben Sie die Punkte nicht nach hinten. Organisieren Sie
die Einzeltätigkeiten so, dass Sie gleichmäßig auf der
Zeitachse zu tun haben. Sind Ihnen Kameraden zur Seite
gestellt oder Soldaten unterstellt, delegieren Sie nach
folgendem 5 – W – Schema:

- Wer macht
- Was?
- Wann?
- Wie? und
- Warum?

Machen Sie nicht alles selbst. Um die Übersicht nicht zu


verlieren, ist es ratsamer, lieber weniger selbst zu erledigen,
aber dafür die Fäden in der Hand und den Überblick zu
behalten, denn Sie tragen die Verantwortung. Es ist und
bleibt gleichwohl Ihr Auftrag!

Die Arbeit, die ich Ihnen hier in groben Zügen dargestellt


habe, werden Sie in großen Stäben bei Projekten wieder-
finden: Den Plan für die Stabsarbeit.

Sie mögen sich vielleicht fragen: „Wie soll ich mir denn
Freiheit schaffen? Beim Bund ist mir doch alles vor-
gegeben!“
Grundsätzlich haben Sie mit dieser Aussage recht,
wenngleich ich mit gewissen weiteren Prinzipien auch die
mir erteilten Vorgaben dazu nutzen kann, mir Freiraum zu
schaffen.
Denken Sie daran: Als Offizier werden Sie stets vor die
Herausforderung gestellt, zu planen und zu organisieren. Sie
werden mit anderen zusammenarbeiten und auch delegieren.

37
Leutnantsbuch

Arbeiten Sie an sich. Vielleicht befolgen Sie aber noch die


weiteren Vorschläge und Tipps, die Sie für sich umsetzen
können.

1. Schaffen Sie Schwerpunkte – Das Eisenhower-Prinzip


Als Offizier werden Sie zunehmend mit administrativen
Dingen zu tun haben. General Eisenhower – der spätere US-
Präsident – ging dabei folgendermaßen vor: Er sichtete und
sortierte die Unterlagen/Aufträge wie folgt:
a. Wichtig und dringlich
b. Wichtig und nicht dringlich
c. Nicht wichtig, aber dringlich
d. Nicht wichtig und nicht dringlich.

Die wichtigen und dringlichen Aufträge bearbeitete er


selber. Die wichtigen und nicht dringlichen sowie die
dringlichen aber nicht wichtigen Aufträge delegierte er. Die
nicht wichtigen und nicht dringlichen Aufträge vernichtete
er. Das soll natürlich nicht heißen, dass Sie jetzt alle
Aufträge ignorieren können, die Sie selbst als unwichtig und
nicht dringlich einstufen. Das ist stets eine Frage der
jeweiligen Führungsebene. Und Eisenhower hatte sicherlich
ganz andere Verantwortung und Schwerpunkte als Sie!

Voraussetzung für solch eine Vorgehensweise ist vielmehr,


dass Sie den Führungsprozess beherrschen und im Rahmen
der Auswertung des jeweiligen Auftrages die wesentliche
Leistung erkennen und richtig einzuordnen wissen. Hier
muss man zunächst Erfahrung gewinnen.

2. Das Kieselprinzip
Das Kieselprinzip beschäftigt sich intensiv mit dem
Zeitmanagement.

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Leutnantsbuch

Stellen Sie sich Ihre Zeit als eine Flasche vor, die Sie mit
einer vorgegebenen Anzahl von Kieselsteinen füllen sollen.
Sie haben dazu große und kleine Steine. Alle zusammen
füllen die Flasche komplett. Wie gehen Sie vor?
Sicherlich werden Sie zuerst die großen, dann die kleinen
und zuletzt die kleinsten Steine in die Flasche füllen, weil
nur diese zwischen den größeren Steinen hindurchgleiten
und so die kleinsten Lücken füllen.
Und das ist schon das Geheimnis!

Nehmen Sie die Vorgaben Ihrer übergeordneten Führung


und füllen Sie sie als Steine in Ihre Flasche. Nehmen Sie
sich aber auch für sich und Ihren unterstellten Bereich Zeiten
als große Steine heraus. Werden Sie aktiv und warten Sie
nicht, bis man Sie mit Aufträgen erdrückt und Sie
gezwungen sind, „Ihren“ großen Stein zu zertrümmern,
damit er noch in Ihre Flasche passt.“

Mein Kompanieoffizier hatte verstanden. Er wusste, er


musste sich verändern, um Erfolg zu haben. Und er tat es
auch.
Mittlerweile ist er ein sehr erfolgreicher Kompaniechef und
vermittelt „seinen“ Offizieranwärtern die Theorie des
Zeitmanagements.

HI
Führe und gestalte! Der Kompaniechef erkennt, dass sein
Kompanieoffizier Anleitung und Unterstützung braucht. Er
hilft ihm, indem er ihm seine Sicht- und Vorgehensweise
erläutert, ohne ihn dabei bloßzustellen.
Schaffe Ordnung, setze Ziele und halte die wichtigen Fäden
in der Hand! Wer andere führt, muss sich zuallererst auch

39
Leutnantsbuch

selbst führen können. Das bedeutet, dass Ziele setzen und


Ordnung schaffen nicht nur nach außen wichtig ist, sondern
dass jeder zunächst bei sich selbst beginnen muss.

40
Leutnantsbuch

Der erste Marsch

Z wei Wochen waren wir beim „Bund“, als unser erster


Marsch auf dem Dienstplan stand. An einem warmen
sonnigen Morgen standen wir Rekruten angetreten vor dem
Kompaniegebäude. Mir war bange, ob die Strapazen eines
solchen Marsches auszuhalten sind.
„Guten Morgen, zwote Gruppe!“ – „Guten Morgen, Herr
Fahnenjunker!“
Ich bin überrascht: Unser Fahnenjunker, der als stell-
vertretender Gruppenführer bei uns in der Allgemeinen
Grundausbildung eingesetzt ist, steht vor uns, in der gleichen
Ausrüstung, wie er sie uns befohlen hatte: Kampfanzug,
Rucksack und Gewehr. Er wird wohl mitmarschieren denke
ich, während er darüber spricht, welchen Sinn es hat,
körperliche Anstrengungen auszuhalten.
„Noch was, Männer“, sagt er, „wer glaubt, dass ihn etwas
drückt, oder dass er nicht mehr kann, meldet sich. Wir
werden dann schon eine Lösung finden. Noch Fragen?“ Da
niemand fragt, marschieren wir los.
Ich staune – in der Gruppe herrscht Hochstimmung. Wir
marschieren, unser Gruppenführer marschiert mit. Seine
markige Stimme ermuntert. Er fragt: „Na, geht’s noch?“ Es
geht sogar gut.

Nach etwa zehn Kilometern meldet sich ein Kamerad auf die
Frage des Gruppenführers, ob jemand Beschwerden habe,
und klagt, er könne bald nicht mehr weiter marschieren,
denn er habe eine große Blase am Fuß und seine
Achillessehne sei schon vor dem Marsch gereizt gewesen.
Unser Fahnenjunker lässt die Gruppe anhalten, befiehlt dem
fußkranken Soldaten, ihm sein Gepäck und Gewehr zu
geben und sagt laut, dass es die ganze Gruppe hören kann:
„Wenn es noch schlimmer wird, müssen Sie es sagen. Aber
41
Leutnantsbuch

keine Angst: Wir lassen Sie nicht einfach liegen. Wir


werden schon einen Weg finden, wie wir Sie mitkriegen.“
Damit ist alles ausgesprochen. Unser Gruppenführer hängt
sich den zweiten Rucksack vorne darüber. „Hat sonst noch
jemand Beschwerden?“ Nun ist uns klar, wie in solchen
Fällen der Marsch weitergeht: Ein Kamerad übernimmt das
Gepäck des Fußkranken, notfalls wird dieser auch getragen.
Den ersten Fall hat ja der Gruppenführer freiwillig selbst
übernommen.
Auf dem Rückweg lässt der Gruppenführer kurz vor der
Kaserne noch einmal halten. Er fragt den jungen Soldaten,
dessen Gepäck und Gewehr er trägt: „Alles klar soweit?
Glauben Sie, dass Sie die letzten Meter wieder mit Ihrer
Ausrüstung schaffen?“ Nachdem der „Fußkranke“ sein
Gepäck wieder aufgenommen hat, spricht der Gruppenführer
uns alle an. „Bis zur Kompanie wollen wir uns jetzt alle
noch einmal zusammenreißen. Bleiben Sie dran: Wir sind
eine Gruppe!“
Als wir dann an der Kompanie ankommen, staune ich
wieder, was jetzt geschieht. Der Gruppenführer lobt uns,
eine solche Leistung hätte er nicht erwartet, ausgezeichnet
wären wir marschiert. Er betont: „Heute haben Sie gelernt,
dass eine Gruppe immer nur so stark ist, wie ihr schwächstes
Glied. Es kommt also immer darauf an, sich um das
schwächste Glied zu kümmern, es aufzubauen und zu
stärken. Dann stimmt am Ende auch die Gruppenleistung!“
Nach Jägerart treten wir dann weg: „Horrido – Joho.“ Bis
zum Nachmittag haben wir frei.

HI

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Leutnantsbuch

Trage Verantwortung! Gebe Beispiel! Führe!


Der Fahnenjunker erklärt den Sinn körperlicher
Anstrengungen, kann eine Lösung anbieten, falls Probleme
auftreten, (Verantwortung tragen) und marschiert mit
derselben Ausrüstung wie seine Soldaten. Er erduldet die
gleichen Strapazen und verlangt damit von seinen Soldaten
das, was er selbst beispielhaft erträgt (Beispiel geben). Seine
eigene Person und Leistung stellt er mit dem geschlossenen
Marsch in die Kaserne in den Hintergrund. Die Gruppe
zählt. Den „Fußkranken“ verletzt er damit nicht in seiner
Ehre, sondern erkennt seine Leistung an und hilft ihm, sein
Gesicht zu wahren. Er vermittelt ihm das Gefühl, ein
vollwertiges Gruppenmitglied zu sein. Er fördert damit den
Gruppenzusammenhalt, motiviert zur Kameradschaft und
stärkt das Selbstvertrauen sowie das Selbstbewusstsein jedes
Einzelnen. Er zeigt auch, wie eine Gruppe funktionieren
muss, damit am Ende die Gesamtleistung der Gruppe
stimmt, nicht nur die Einzelner. Hier zeigt sich eine
gelungene Synthese aus individueller Leistungsfähigkeit und
dem Gruppenauftrag (Menschen führen).

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Leutnantsbuch

Führungsverantwortung im Gefecht

W ir sind in KUNDUZ, AFGHANISTAN. Erst vor


kurzem ist die Lage hier so eskaliert, dass der
Kommandeur des Regionalkommandos Nord die Quick
Reaction Force (QRF) geschickt hat. 300 Männer und
Frauen – Jäger, Panzergrenadiere, Aufklärer und Sanitäter.
Die Verantwortung für deren Einsatz und deren Leben liegt
bei mir.
Wir haben gewusst, dass es gefährlich werden würde. Ich
habe den Soldaten schon seit Beginn der Ausbildung vor
Monaten gesagt, dass wir ins Gefecht gehen würden. Aber
„Fallen“? Jeder glaubt doch, dass es ihn nicht treffen wird.
Und sind wir dem nahezu unsichtbaren Feind nicht
überlegen? Drei Mal standen meine Soldaten zu diesem
Zeitpunkt schon im Feuerkampf. Muss ich nicht gerade
deshalb mit raus? Mit nach vorne? Ich möchte mit jedem
Zug draußen gewesen sein, damit die Männer ihren
Kommandeur sehen. Kann ich dort führen, wenn es darauf
ankommt? Keiner möchte getroffen werden, keiner möchte
sterben – auch ich nicht. Also doch lieber im Feldlager
bleiben? Hier ist der Gefechtsstand. Objektiv betrachtet kann
ich von hier besser führen. Oder doch nach draußen, aber
weiter hinten, wo immer hinten ist? Die Frauen und Männer
haben einen Anspruch darauf, dass ich sie so führe, dass sie
möglichst unversehrt bleiben – an Körper und Seele – und
gleichzeitig gilt es, den Auftrag zu erfüllen. Also muss ich
mit raus. Und wenn ich wirklich getroffen werden sollte?
Dann übernimmt der Stellvertreter, ich weiß, dass er das
kann.
Zwei Tage später stehen rund 100 meiner Soldaten bei
BASOZ und SULJANI, keine 20 Kilometer westlich von
KUNDUZ, fünf Stunden lang in einem schweren Gefecht.
Auf Seiten der Aufständischen gibt es viele Tote und
44
Leutnantsbuch

Verwundete. Wieder drei Tage später stehen andere Kräfte


von uns erneut in einem mehrstündigen Gefecht bei
GERDAN. Diesmal haben wir zwei Verwundete, der
Hauptgefreite H. wird schwer verwundet und überlebt den
Tag nur knapp. 15 Stunden später ist er in DEUTSCHLAND
im Bundeswehrkrankenhaus in KOBLENZ.
Die Bilanz nach sechseinhalb Monaten Einsatz: 14-mal
standen Soldaten meines QRF-Bataillons im Gefecht. Es gab
dabei fünf Verwundete und sieben psychisch Verwundete.
Drei Ehrenkreuze für Tapferkeit, für beispielhafte Taten im
Zuge der beiden genannten Gefechte, und 20 Ehrenkreuze in
Gold in besonderer Ausführung wurden verliehen. Die
Voraussetzungen für die Ende 2010 neu eingeführte
„Einsatzmedaille Gefecht“ erfüllen weit über 200 Soldaten.
Jeder militärische Führer weiß, dass sich seine Planung und
seine Entscheidungen unmittelbar als konkrete Gefährdung
der eigenen Soldatinnen und Soldaten niederschlagen. Auch
wenn der militärische Führer und die ihm unterstellte Truppe
alles richtig, ja perfekt machen könnten, kann es im Gefecht
früher oder später zu Verwundeten oder sogar Gefallenen in
den eigenen Reihen kommen. Und obwohl das Wissen
darum in der Ausbildung vermittelt wird oder werden sollte,
trifft die Erkenntnis, dass die eigene Entscheidung
unausweichlich ein Risiko für Leben und Tod der
eingesetzten Soldaten nach sich zieht, den militärischen
Führer nach dem ersten Gefecht, spätestens nach den ersten
eigenen Verlusten, mit unvorstellbarer Wucht. Das damit
verbundene Dilemma, nämlich zur Erfüllung des Auftrages
die eigenen Soldaten diesem Risiko für Leib und Leben
aussetzen zu müssen, ist unauflöslich. Nur der militärische
Führer, der sich diese Verantwortung immer wieder bewusst
macht, wird daraus die richtigen Konsequenzen für sein
Verhalten ziehen und verantwortlich handeln können.

45
Leutnantsbuch

In der Vorbereitung des Einsatzes bedeutet verantwortliches


Führen daher, frühzeitig aus einer Beurteilung der Lage
heraus die Ausbildung auf die gefährlichsten Situationen,
denen die eigene Truppe begegnen wird, auszurichten. Das
Abarbeiten der Vorgaben höherer Führungsebenen reicht
dabei nicht aus. Dazu gehört auch, den Soldaten des
Verbandes und ihren Angehörigen ehrlich und klar zu sagen,
was im Einsatz passieren kann, wie man dem begegnen
möchte und die Gefahren nicht schönzureden. Solches
Verhalten führt in der Einsatzvorbereitung zu Widerständen,
aber die Soldaten danken es, wenn die Situation eingetreten
ist.
In unserem Fall habe ich den Schwerpunkt der Ausbildung
auf die Abwehr und das Verhalten im Hinterhalt gelegt und
den Soldaten immer wieder gesagt, dass das Bataillon ins
Gefecht gehen wird. Im ersten Gefecht hat sich diese
Hartnäckigkeit ausgezahlt und nicht nur das Überleben aller
dort kämpfenden Soldaten, sondern auch den Erfolg über
den angreifenden Feind ermöglicht.
Im Einsatz bedeutet verantwortliches Führen, neben
vorausschauender Planung und stetig weiterzuführender
Ausbildung, neben dem Durchsetzen von Regeln und
Sicherheitsbestimmungen, vor allem Fürsorge. Um die mit
der Länge des Einsatzes ansteigende Routine und damit
verbundene möglicherweise wachsende Sorglosigkeit in
kontrollierte Bahnen zu lenken, sind häufig als unbequem
empfundene Entscheidungen zu treffen sowie Regeln und
Sicherheitsbestimmungen durchzusetzen. Dass auch dies
eine Form von Fürsorge ist, wird von vielen Soldaten nur
schwer eingesehen und bedarf daher immer wieder der
Erklärung. Der militärische Führer ist hier auch gefordert,
ein Klima der Überwachung und Kontrolle zu vermeiden.
Früher oder später lassen Anspannung und Nervosität des
Einsatzes nach und weichen dem Gefühl der Erfahrung, der
46
Leutnantsbuch

unaufgeregten Vorbereitung der kommenden Aufträge, des


Wissens um ein bevorstehendes Gefecht, in welchem die
Soldaten glauben – wie bei den Gefechten zuvor –
erfolgreich zu sein. Der Verband und mit ihm jeder Einzelne
ist kampferfahren geworden. Besonders zu diesem Zeitpunkt
kommt es für den militärischen Führer darauf an,
Nachlässigkeiten zu unterbinden und Verhaltens-
auffälligkeiten zu erkennen. Wichtig sind rechtzeitige
Ruhephasen für die Einheiten und Teileinheiten des
Verbandes.
Es kommt daher besonders darauf an, dass die Führer und
Unterführer sich um ihre Soldaten kümmern, Gespräche
geführt werden und gegenseitig aufeinander geachtet wird.
Gerade mit zunehmender Einsatzdauer sind Härten und
Belastungen immer wieder zu erklären.
Das Gefecht verläuft nach den Berichten der beteiligten
Soldaten und meiner eigenen Erfahrung auf allen
Führungsebenen zunächst wie in der Ausbildung.
Meldungen, Entscheidungen, Befehle – alles wie auf dem
Übungsplatz. Und doch lastet immenser Druck auf dem
militärischen Führer, denn er weiß, dass es keine
Übungsunterbrechung geben wird. Alles was passiert und
gerade gemeldet wird ist real. Jede Entscheidung, die er jetzt
trifft, kann das Leben der eigenen Soldaten gefährden. Keine
Entscheidung zu treffen ist jedoch das Schlimmste, was dem
Verband, der Kompanie oder dem Zug passieren kann und
gefährdet das Leben der Soldaten noch weit mehr. Die
persönliche Furcht vor Feindfeuer oder einem Sprengsatz,
welcher das eigene Fahrzeug treffen kann, kommt hinzu,
wird aber noch überlagert von der anhaltenden Befürchtung,
dass im nächsten Moment die Meldung über eigene Verluste
erfolgen kann.
Noch mehr als im Alltag des Einsatzes gilt im Gefecht, dass
die Soldaten ihre militärischen Führer erleben wollen. Zwar
47
Leutnantsbuch

kann nicht jeder Soldat den Kommandeur sehen, aber viele


Soldaten können ihn am Funk hören. Jetzt kommt es darauf
an, wie in der Ausbildung zu handeln und vor allem am
Funk ruhig zu bleiben. Die unterstellten Führer und alle
Soldaten die den Funk mithören können, schöpfen
Zuversicht, wenn jetzt so geführt wird, wie es geübt wurde
und so wie sie ihren Kommandeur kennen.
Von unschätzbarem Wert ist dabei der Erfolg im ersten
Gefecht. Hier zeigt sich, ob das Richtige ausgebildet und
geübt wurde und ob Führer und Geführte im Feuer bestehen
können. Für den Führer entscheidet sich, ob die Soldaten
ihm weiter zutrauen, sie erfolgreich im Gefecht zu führen.
Wird das erste Gefecht nicht nur überstanden, sondern
gewonnen und gelingt dies gar ohne eigene Verluste, dann
schöpft die Truppe daraus unbeschreiblich viel
Selbstvertrauen. Diese Faktoren entscheiden über die
Bereitschaft, sich dem nächsten Gefecht zu stellen und die
Zuversicht, es zu gewinnen. Dermaßen gestärkt steigen dann
auch die Chancen der Truppe, im nächsten Gefecht wirklich
wieder erfolgreich zu sein.
Der Kommandeur muss deswegen noch mehr als sonst alles
daran setzten, dass der Verband gerade im ersten Gefecht
erfolgreich ist. Zu seiner eigenen Vorbereitung gehört, dass
er das Handwerkszeug des Offiziers, nämlich Taktik,
beherrscht. Zur Vorbereitung der eigenen Truppe gehört es,
keinen Zweifel daran zu lassen, dass man ins Gefecht gehen
und dass man es erfolgreich führen wird.
In belastenden Situationen, insbesondere in der
Nachbereitung von Gefechten, bedeutet verantwortliches
Führen noch mehr als im Einsatzalltag Fürsorge,
Gesprächsführung und Zuhören. Es kommt darauf an
zuzuhören, was die Soldaten zu sagen haben. Soldaten, die
im Kampf standen, wollen sich mitteilen, und dabei nicht
nur die Bilder aus ihren Köpfen loswerden, sondern auch
48
Leutnantsbuch

hören, dass sie richtig gehandelt haben. Und dies nicht nur
vom Psychologen, Arzt oder Seelsorger, sondern vom
Zugführer, Kompaniechef und Kommandeur. Die
psychologische Nachbereitung durch die „Spezialisten“ darf
darüber aber nicht vernachlässigt werden. Vielmehr bilden
beide Nachbereitungsgespräche, das erste unmittelbar nach
dem Gefecht mit den Vorgesetzten und das zweite in
zeitlichem Zusammenhang danach mit einem Spezialisten,
eine Einheit.
„Mein Kommandeur hat während des Einsatzes mehrmals
mit mir gesprochen, er hat sich meine Sorgen angehört.“ Erst
nach dem Einsatz habe ich erfahren, dass die für mich
selbstverständlichen kleinen Gespräche, besonders mit den
Mannschaften, auf dem Weg zum Essen, vor dem Container
oder in einer Betreuungseinrichtung und vor allem das
Abgehen der Fahrzeuge unmittelbar vor Verlassen des
Feldlagers, für meine Soldaten wichtig waren. Der
Kommandeur muss sich Zeit nehmen, mit den Soldaten zu
reden.
Nach dem ersten Gefecht mit zwei Verwundeten habe ich
daher den Verband antreten lassen und zu den Soldaten
gesprochen. Die Truppe will hören, dass sie erfolgreich war
und dass es notwendig war, das Risiko einzugehen. Hilfreich
war dabei für uns, dass der Grund des Einsatzes an diesem
Tag, nämlich der Entsatz eines in einen Hinterhalt geratenen
Zuges des PRT KUNDUZ, jedem einleuchtete.
Der Auftrag erfordert es auch, Risiken und Wagnisse
einzugehen. Die Fähigkeiten des militärischen Führers
entscheiden dabei wesentlich mit über den Ausgang des
Gefechts. Er muss sich darauf einstellen, dass die eigenen
Befehle dazu führen werden, dass Soldatinnen und Soldaten
zu Schaden kommen können. Das Leben der eigenen
Soldaten ist ein hohes Gut, welches man nicht leichtfertig
riskieren darf. Wer aber unter allen Umständen Verluste
49
Leutnantsbuch

vermeiden will, der zaudert und verpasst den richtigen


Moment der Entscheidung. Letztlich setzt er dadurch seine
Soldaten höheren Risiken aus und wird die Verluste, die er
vermeiden wollte, umso bitterer erfahren.
Nur wer dies für sich akzeptiert, auf Verluste eingestellt ist
und gleichzeitig keinen Zweifel an der Entschlossenheit
lässt, das Gefecht zu gewinnen, kann seine Truppe zum
Erfolg führen.

HI
Train as you fight; Härten und Entbehrungen teilen; Führen
von vorn; die beste Fürsorge ist eine harte Ausbildung und
Drill; wer wagt, gewinnt!
Dies sind Stichworte, die uns allen geläufig sind. In der
Schilderung dieses Kommandeurs zeigt sich, wie sich diese
einzelnen Elemente im Einsatz zu einer Einheit zusammen-
setzen und welche Bedeutung sie erlangen. Für den
militärischen Führer – unabhängig auf welcher Ebene –
muss es daher die vornehmste Pflicht sein, bereits im
täglichen Dienst die Ausbildung so zu gestalten und
auszurichten, dass die Soldaten den Führer erleben können
und das erlernte Verhalten immer weiter gefestigt wird.

50
Leutnantsbuch

RAHMAT BAY – Gefecht von morgens bis abends

E in Hügel im Norden von AFGHANISTAN. Etwa 20 m


hoch, 30 m im Durchmesser und spärlich bewachsen
befindet er sich ein paar hundert Meter südlich von
RAHMAT BAY, einem Dorf im südlichen CHAHAR
DAREH. In Sichtweite liegen die Wracks von zwei
Tanklastern, deren Reste auf einer Sandbank im KUNDUZ-
RIVER sichtbares Zeichen dafür sind, dass wir uns hier in
einem Kriegsgebiet befinden oder juristisch richtig: in einem
Gebiet, in dem ein bewaffneter, nicht internationaler
Konflikt tobt.
Nach einer unruhigen Nacht fällt das Aufstehen schwer. Die
Klamotten haben die Nässe der Nacht aufgesaugt und keiner
der Soldaten der Kompanie hat viel, die meisten gar keinen
Schlaf bekommen. Wir befinden uns mitten im Feindgebiet
und standen die halbe Nacht im Feuerkampf mit
Aufständischen. Der Auftrag der Kompanie ist es, über drei,
vielleicht auch mehr Tage das Gebiet um den beschriebenen
Hügel zu sichern. Hier haben sich afghanische
Sicherungskräfte eingegraben, um die Bauarbeiten an der
MISCHA-MEIER-Brücke über den KUNDUZ-RIVER zu
schützen. Auch dieser Name steht für eine Realität, mit der
wir uns hier auseinandersetzen müssen – mit der von Tod
und Verwundung. Mit zwei Fallschirmjägerzügen, einem
Panzergrenadierzug sowie den Unterstützungskräften der
Kompanie haben wir die Stellung über Nacht gehalten. Am
Fuß des Hügels soll ein Checkpoint entstehen und die
Stellungen der afghanischen Sicherungskräfte sollen weiter
ausgebaut werden. Bis zum Abschluss dieser Maßnahmen
sollen wir vor Ort bleiben, danach sollen die Afghanen hier
allein die Verantwortung übernehmen.
Überall blicke ich an diesem frühen Morgen in müde, aber
entschlossene Gesichter. Zunächst gilt es, sich einen
51
Leutnantsbuch

Überblick bei Tageslicht zu verschaffen. Es gibt ein karges


Frühstück, danach weise ich als Einsatzoffizier der
Kompanie die Unterstützungskräfte in die Lage ein:
Nachdem Aufständische am frühen Abend zuvor einen
Halbzug Schützenpanzer, der zur Gefechtsaufklärung
eingesetzt war, angegriffen haben, entwickelte sich ein
Gefecht bis in die Nacht hinein. Wir konnten den Feind mit
unseren schweren Waffen zurückschlagen. Dabei ist
allerdings ein Schützenpanzer MARDER, nachdem er von
zwei Seiten beschossen wurde, in einen Graben abgeglitten.
Teilweise unter Feuer konnte er geborgen werden. Mit
einem Infanteriezug haben wir uns im Zuge des KUNDUZ-
RIVER und des Verbindungsweges zu unserem Feldlager
zur zeitlich begrenzten Verteidigung eingerichtet. Ein
Panzergrenadierzug und ein weiterer Infanteriezug befinden
sich auf der westlichen Seite des Flusses und haben
Stellungen um den Hügel bezogen. Absicht ist es, die
Stellung zu halten und so die Bauarbeiten zu ermöglichen.
Der Kompaniechef befindet sich auf dem Hügel.
Das Wetter an diesem Morgen ist schön, es wird ein heißer
Tag werden. Mit dem Tactical CIMIC Team mache ich mich
auf den Weg zum Hügel. Nach den Gefechtshandlungen der
Nacht ist ein Bewohner aus RAHMAT BAY zum Hügel
gekommen und möchte mit uns sprechen. Wir versuchen zu
klären, ob Zivilisten oder Gebäude in der Nacht zu Schaden
gekommen sind. Er berichtet, dass, nachdem die Frauen und
Kinder schon am Vortag das Dorf verlassen haben,
Aufständische von Norden in die Ortschaft eingedrungen
seien. Mit diesen hatten wir es in der Nacht zu tun, aber auch
im Südwesten befand sich der Feind in Stellung. Sie seien
noch in der Nacht wieder ausgewichen. Mittlerweile habe
die gesamte Bevölkerung aus Angst die Ortschaft verlassen.
Von dem Führer der afghanischen Sicherungskräfte erfahren
wir, dass die Aufständischen beschlossen haben, heute den
52
Leutnantsbuch

Hügel zu überrennen und die afghanischen Sicherungskräfte


zu töten. Gegen ihren Anführer haben die Aufständischen
eine Blutsfehde ausgerufen. Die afghanischen Bauarbeiter,
die den Checkpoint aufbauen sollen, sind mittlerweile an der
Arbeit.
Schon am frühen Vormittag geht es wieder los. Ein
Vorposten der afghanischen Sicherungskräfte, einige
hundert Meter südwestlich des beschriebenen Hügels, wird
beschossen. Die feindlichen Stellungen werden von uns
aufgeklärt, liegen aber mit über 2.000 m außerhalb der
Waffenreichweite. Es entwickelt sich ein kleineres
Scharmützel, noch nichts was einen beunruhigen muss. Die
afghanischen Sicherungskräfte halten die Stellung. Wir
fragen uns, ob das schon der angedrohte Angriff ist oder ob
der Gegner noch mehr Kämpfer in Stellung bringt. Weitere
Aufklärungsergebnisse haben wir noch nicht. Die
Gesprächsaufklärung mit dem Dorfbewohner und die
Bauarbeiten können noch weiterlaufen. Der Dorfbewohner
berichtet, dass die Aufständischen sich wahrscheinlich auch
aus dem Norden wieder annähern. Ein Halbzug
Schützenpanzer soll den Vorposten der afghanischen
Sicherungskräfte verstärken. Ich nehme Verbindung zu den
Bauarbeitern auf, um zu prüfen, wie lange die Arbeiten noch
dauern und um sie über die aktuelle Lage zu informieren.
Und dann geht mal wieder alles sehr schnell. Der Halbzug
Schützenpanzer wird aus Süden angegriffen. Aufständische
haben sich teilweise unter Tarnschals versteckt und
versuchen die Schützenpanzer aus nächster Nähe unter Feuer
zu nehmen. Mehrere Gegner werden getötet, teils aus nur
30 m Entfernung. Dies ist nur der Auftakt für das eigentliche
Gefecht. In schneller Abfolge werden wir aus Süden,
Westen und Norden beschossen. RPGs fliegen über unsere
Köpfe und detonieren über den Stellungen. Überall pfeift
feindliches AK- und MG-Feuer durch die Luft. Die
53
Leutnantsbuch

Schützenpanzer und die Granatmaschinenwaffen


(GraMaWa) rattern los und nehmen den Feind unter Feuer.
Vom Hügel aus versuchen wir uns einen Überblick zu
verschaffen. Der Feind koordiniert Feuer und Bewegung
sehr gut. Während wir aus dem Norden beschossen werden,
versuchen die Aufständischen im Westen und Süden näher
an unsere Stellungen zu gelangen. Wieder pfeifen RPG
durch die Luft, noch größere Geschosse schlagen ein und
treffen ein Haus in der Nähe des Hügels. Die
Schützenpanzer und die Granatmaschinenwaffe fügen dem
Gegner weitere Verluste zu. Den Aufständischen gelingt es
trotzdem im Norden bis an den Rand der Ortschaft, nur
wenige hundert Meter vom Hügel entfernt, vorzudringen.
Sie nutzen Gebäude und Gräben. Bewegungen sind schwer
aufzuklären, selten kann man mal einen Kopf sehen, meist
nur die Abschüsse der RPGs. Aus der Nordstellung des
Hügels beobachte ich den Südrand von RAHMAT BAY,
Mündungsfeuer blitzt aus einem Graben auf, Dreck spritzt
mir ins Gesicht und Geschosse pfeifen mir um die Ohren. Es
knallt laut links neben mir und das Feuer verstummt. Einer
unserer Scharfschützen hat punktgenau getroffen. Wieder
ein Feind weniger. Während des Gefechts wird dies auch
innerlich als Erfolg gewertet. Der Gedanke an den Tod des
Gegners kommt erst später. Ich schaue hinter mich auf die
GraMaWa-Stellung. Wir stehen unter schwerem Feuer und
die Soldaten bleiben ruhig. Sie arbeiten absolut professionell
und setzen dem Feind schwer zu. Dieses Bild beeindruckt
mich auch in späteren Gefechten immer wieder. Am Ende
des Einsatzes werden es über 15 schwere Gefechte gewesen
sein. Die Kampfgemeinschaft der Kompanie funktioniert.
Mal wieder stelle ich fest, wie ruhig und kontrolliert der
Feuerkampf geführt wird. Die Zugführer und der Chef
strahlen Ruhe aus, die sich auf die Soldaten überträgt. Nie

54
Leutnantsbuch

hat man das Gefühl, das Gefecht könnte uns aus den Händen
gleiten.
Der Feuerkampf läuft schon mehrere Stunden. Kampfjets
sind in der Luft, können jedoch nicht wirken oder die
Entscheidung zum Einsatz dauert zu lang, sodass die Chance
vergeben wird. Die Munition wird langsam knapp und die
Sonne brennt. Der Gegner lässt trotz Verlusten nicht von
seinem Angriff ab. Auf einmal knallt es laut im Norden. Von
einem der Schützenpanzer wurde eine Panzerfaust auf eine
Stellung der Aufständischen gefeuert. Der Schuss sitzt und
der Feind ist kurzzeitig beeindruckt. Kurz vor Verschuss der
GraMaWa-Muniton, kommt Nachschub aus dem Feldlager.
So schnell wie möglich lasse ich die Munition verteilen.
Dies ist nur eine Aufgabe eines Einsatzoffiziers. Dem
Kompaniechef muss man so weit wie möglich den Rücken
freihalten, damit er sich auf das taktische Führen im Gefecht
konzentrieren kann.
Im Süden halten die afghanischen Sicherungskräfte ihre
Stellung. Schwierig ist es, sie von den Angreifern zu
unterscheiden. Manche haben das gelbe Tape zur Erkennung
angebracht, viele allerdings auch nicht. Ständig muss unser
Sprachmittler abklären, wer Freund und wer Feind ist. Die
Gefahr von Friendly Fire ist somit allgegenwärtig. Oftmals
kann man nur an der Richtung erkennen, in die geschossen
wird, wer zu wem gehört. In der Tiefe des Raumes können
wir erkennen, wie der Feind außerhalb unserer Reichweite
Bewegungen von Nord nach Süd und umgekehrt durchführt.
Der Gegner kennt uns genau. Derweilen werden wir weiter
aus drei Himmelsrichtungen angegriffen. Erst am späten
Nachmittag lassen die Gefechte nach. Der Feind weicht
langsam aus. Die letzten RPG fliegen und dann ist es
plötzlich wieder ruhig. Die Schutzkompanie löst uns später
in der Stellung ab. Gegen Abend hat die Kompanie das
Feldlager wieder erreicht. Mir dröhnt der Kopf. In der Hitze
55
Leutnantsbuch

des Gefechts habe ich zu wenig getrunken. Alle Soldaten der


Kompanie sind, zumindest physisch, wieder heil im
Feldlager. Einen Soldaten müssen wir später mit
psychischen Problemen nach Hause schicken. Er hatte
hinten vom Schützenpanzer einen nur 30 m entfernten
Aufständischen erschießen müssen.
Viel Zeit, um über dieses 24-stündige Gefecht
nachzudenken, bleibt nicht. Wir bereiten die Ausrüstung
nach und munitionieren wieder auf. Bis zum nächsten
Auftrag vergehen keine Tage, sondern oftmals nur Stunden.
Ich bin stolz darauf, was die Kompanie geleistet hat, stolz
auf jeden einzelnen. Diese Belastung, gepaart mit schweren
Gefechten, kann nur durch ein gutes inneres Gefüge der
Kompanie, das Funktionieren der kleinen Kampf-
gemeinschaften sowie durch aufmerksame Fürsorge und
Betreuung aufgefangen werden. Mit dieser Kompanie gehe
ich überall hin.

HI

56
Leutnantsbuch

Das Grab

„W o ist denn dieser Typ schon wieder?“ Das waren die


ersten Worte meines Chefs, an einem sonnigen
Montagmorgen. Wir wollten schnell unser Material aus der
Waffenkammer holen, die „Böcke“ (unsere Kampfpanzer
LEOPARD 2) aufrüsten und dann noch ein paar Grundlagen
vertiefen, bevor wir in wenigen Tagen nach Bergen verlegen
wollten.
Der „Typ“ war unser Versorgungsdienstfeldwebel. Ein
junger, dynamischer Stabsunteroffizier, der aber in letzter
Zeit etwas andere Prioritäten in seinem Kopf hatte als den
Dienst. Etwa einen Monat zuvor hatte er seinen
Motorradführerschein erfolgreich bestanden und fast sein
ganzes Erspartes in eine neue, grün lackierte Ninja gesteckt.
Da er nun schon über 25 war, durfte er das Ding auch sofort
„offen“ fahren. Ich muss ja gestehen, irgendwie war ich ganz
schön neidisch.
Unser Stabsunteroffizier war sichtlich stolz auf sein neues
Spielzeug und hatte schon innerhalb weniger Tage mehrere
hundert Kilometer auf dem Tacho. Immer wenn er Zeit
hatte, ob in der Mittagspause oder kurz vor Dienstschluss, er
war mal „kurz weg!“. Dass unter diesen Bedingungen
natürlich auch seine Dienstpflichten litten, war eigentlich
nur eine Frage der Zeit. Nun war es an diesem
Montagmorgen auch wieder so.
Er hatte am Freitag als letzter den Waffenkammerschlüssel
genutzt und sollte ihn eigentlich an der Wache abgeben.
Jetzt, am Montag war er nicht da, aber sein Gehilfe durfte
theoretisch auch den Schlüssel empfangen. Doch es gab
nichts zu empfangen. Da der Chef langsam die Geduld
verlor und unser Spieß schon mehrfach vergeblich auf dem
Handy die Verbindungsaufnahme versucht hatte, wurde die
ganze Lage immer angespannter. Gegen neun Uhr wurde es
57
Leutnantsbuch

dem Chef zu bunt. Er ließ sich die Nummer der Familie


unseres Versorgungsdienstfeldwebels geben und rief dort an.

Selten verändern Telefonate ein Leben, aber oft verändern


Informationen einen klar geplanten Ablauf. Schlimm wird es
nur dann, wenn die Kombination aus beidem passiert. Der
Chef ließ sein ganzes Führerkorps in den U-Raum
einrücken. Ich habe schon einige Gesichtsregungen dieses
Mannes kennengelernt, diese Mimik in Verbindung mit
einer blassen Hautfarbe war aber auch für mich völlig neu.
„Männer, ich muss Ihnen allen eine traurige Mitteilung
machen. Unser Versorgungsdienstfeldwebel hatte am
Samstag einen schweren Motorradunfall mit tödlichem
Ausgang.“
Allein diese wenigen Worte ließen uns alle nur noch
einander fassungslos anschauen. „Ich erwarte die Offiziere
und Zugführer in fünf Minuten im Besprechungsraum, es
verlässt zunächst keiner den Bereich. Wegtreten.“

Langsam ließ die Lähmung bei uns nach und eine


verwirrende Leere entstand. Viele der Unteroffiziere kannten
unseren Versorgungsdienstfeldwebel seit seiner Grund-
ausbildung. In den drei Jahren Dienstzeit, die er in der
Kompanie verrichtet hatte, vom Panzerschützen bis zum
Stabsunteroffizier, war er ein fester Bestandteil des Gefüges
geworden. Langsam bildeten sich kleine Gesprächsgruppen.
„Weißt du noch damals, als er hier angefangen hat. Mann,
den konnte man ja mit nur einem Blick einschüchtern, und
was für ein toller Kerl er dann geworden ist. Ich glaub’ es
einfach nicht.“ „Irgendwie war das doch klar – keine
Erfahrung und dann so eine Maschine.“ Viele Stimmen
erklangen in den folgenden Minuten und Stunden, aber das
Fazit war: Keiner wollte und konnte es fassen.

58
Leutnantsbuch

Der Chef hatte die Zugführer und Offiziere zusam-


mengerufen, um weitere Schritte zu besprechen. „Meine
Herren, ich kann es selber kaum glauben. Der Spieß und ich,
wir werden heute Mittag zur Familie fahren. Wie Sie ja
sicherlich alle wissen, kommt unser Versorgungsdienst-
feldwebel – kam er – aus der Nähe. Ich werde die Familie
fragen ob es einen militärischen Rahmen geben soll bei der
Beerdigung oder ob überhaupt eine Teilnahme von uns
erwünscht wird. Dazu machen Sie sich bitte schon mal
Gedanken, wer sich bei Bedarf als Ehrengeleit zur Ver-
fügung stellt.“

Da saßen wir nun und wussten nicht wirklich weiter. Einer


meiner engeren Kameraden kannte unseren Versor-
gungsdienstfeldwebel seit der Grundausbildung, er war dort
sein Hilfsausbilder gewesen. Seine erste Reaktion auf die
Anfrage vom Chef war: „Klar, da gibt es keine zwei
Meinungen, ich mach’ das jedenfalls.“ Aber irgendwie
wurde mit der Zeit ein Bild in seinem Kopf klarer, was ihm
sichtlich Schmerzen bereitete. „Sag’ mal, kannst Du nicht
vielleicht. Na ja, ich hab’ zwar gesagt, aber irgendwie ...“
„Ich mach’ das, klar.“

Am Nachmittag nahm uns der Chef nochmals zusammen,


um uns etwas genauer zu informieren. „Der Spieß und ich
haben heute den wohl schwersten Dienst im Rahmen unserer
Aufgaben verrichtet. Wir haben die Familie besucht. Wer es
wirklich wissen will, kann gerne nachher mit mir oder dem
Spieß über den genaueren Unfallhergang reden, ich will Sie
aber nicht damit belasten. Die Familie war sofort
einverstanden, als wir ihr einen militärischen Rahmen für die
Beerdigung angeboten haben. Vor allem würde sie sich über
eine rege Teilnahme der Kameraden freuen und geehrt

59
Leutnantsbuch

fühlen. Ich glaube, dass er es sich so gewünscht hätte, waren


die genauen Worte seiner Mutter.“
Ich habe mir dann den Unfallhergang schildern lassen. Nur
so viel, es war weder unvermeidlich noch schnell vorbei
gewesen. Aber er wurde unter anderem auch aus diesem
Grund verbrannt und sollte mit einer Urne beigesetzt
werden.
Das militärische Zeremoniell sieht bei einer Beerdigung im
Sarg sechs Soldaten als Ehrengeleit vor. Bei einer Urne ist
die Besonderheit, dass das Ehrengeleit nur bei der
Trauerfeier zugegen ist.

Normalerweise wird jeder formale Akt vorgeübt. Nicht bei


diesem Anlass. Die Totenwache wurde einmal eingewiesen
und das war es. Keiner von uns fühlte sich auch nur in der
Lage, eine Wiederholung mehr zu durchlaufen. Wir einigten
uns darauf, dass wir am Tag der Beisetzung nochmals die
wichtigsten Punkte, wie Weg und Platz klärten, mehr aber
auch nicht.
Freitag derselben Woche war dann die Beisetzung. Was ich
mir nicht hatte vorstellen können war eingetreten: Fast
einhundert Kameraden aus dem Bataillon nahmen in
Uniform an der Trauerfeier teil. Als wir dort angekommen
waren, erhielten die sechs Kameraden der Totenwache den
Formaldiensthelm des Wachbataillons, der deutlich leichter
und grau ist. Wir gingen nochmals den Weg ab und stellten
uns dann in die kleine Kapelle, in der die Urne bereits
aufgestellt war.
Ich persönlich behaupte ja von mir, mit vielen Situationen
klar zu kommen und eigentlich nur durch Weniges
erschüttert zu werden. Die folgenden dreißig Minuten aber
machten mich so betroffen, dass ich sie mein Leben lang
nicht vergessen kann.

60
Leutnantsbuch

Es war zwar Sommer, aber zum Anlass passend, war der


Himmel recht wolkenverhangen. Dennoch waren die
Seitenflügel der kleinen Kapelle geöffnet, so dass alle
Anwesenden zumindest teilweise der Trauerzeremonie
beiwohnen konnten.

Nun standen wir sechs in Hab-Acht-Stellung um die Urne,


ich hinten links, und warteten auf das Eintreffen der Familie
und Freunde. Die Großmutter kam als Erste herein und fiel
vor der Urne auf die Knie, wo ein Bild unseres
Versorgungsdienstfeldwebels aufgestellt worden war. Dort
weinte sie haltlos und wurde von ihrer Tochter, der Mutter
unseres Kameraden, in den Arm genommen und zum
Sitzplatz in der ersten Reihe geleitet. Auch der Vater ließ
seiner Trauer freien Lauf. Doch erst die nächste Person, die
die Kapelle betrat, riss mich aus meiner stoischen Haltung
heraus. Es war der Bruder unseres Kameraden, aber keiner
hatte mir gesagt, dass der Zwillingsbruder war. Ich glaube,
erst in diesem Moment habe ich realisiert, was ich hier tat
und wo ich stand. Ein Gefühl der Trauer und Leere breitete
sich in mir aus, etwas, was ich noch nie vorher gekannt
hatte. Ein Gefühl, das mir mein Leben lang in Erinnerung
bleiben wird.

Nach der Trauerfeier wurde die Urne zur letzten Ruhestätte


getragen, wo sich dann die Familie und die Freunde zuerst
verabschiedeten. Dann kam das zweite unbekannte Gefühl in
mir hoch, hemmungslose Trauer, wie ich sie vorher schon
beim Vater gesehen hatte. Als unser Kommandeur vor dem
Grab in Grundstellung ging und mit einem militärischen
Gruß unserem verstorbenen Kameraden die letzte Ehre
erwies und während ein Trompeter „Ich hatt’ einen
Kameraden spielte“, flossen mir nur noch die Tränen die
Wangen hinunter. Auch wenn ich in Hab-Acht-Stellung am
61
Leutnantsbuch

Grab stand, weinte ich wie ein kleines Kind. Einhundert


Soldaten standen auf dem Friedhof und jeder einzelne erwies
die letzte Ehre.
Der letzte, der dies tat, war ich.
Auch heute noch, einige Jahre nachdem ich den Standort
verlassen habe, denke ich jeden Jahrestag an meinen
Kameraden. Wenn ich dann zu meinen Eltern fahre, komme
ich auf dem Heimweg immer an dem Standort vorbei.
Entweder auf dem Hinweg, aber meistens auf dem
Rückweg, fahre ich dann zu dem Friedhof, auf dem „mein“
Versorgungsdienstfeldwebel begraben liegt und zünde eine
Kerze an. Und bis jetzt war immer eine Kerze oder eine
Blume am Grab und selbst das kleine Wappen unserer
Kompanie ist dort noch erhalten geblieben. Ein guter
Kamerad, den wir dort verloren haben, ist unersetzlich, aber
die Erinnerung an ihn tragen wir immer im Herzen.

HI

62
Leutnantsbuch

Beförderungsappell zum Gefreiten

A m 30. September war es endlich soweit. Nach all dem


Stress, dem harten Geländedienst und dem Sport sowie
der umfangreichen Vorbereitung für die Wehrrechtsklausur
wurden wir endlich erlöst. Wir im Offizieranwärterbataillon
(OA-Btl) sollten den ersten Teil unserer Offizierausbildung
beenden und das Symbol dafür sollte unsere erste
Beförderung sein.
Die sogenannte „Schulterglatze“ sollte heute verschwinden
und wir „Gefreite OA“ werden. Es war natürlich etwas ganz
Besonderes, da die Masse von uns noch nie befördert wurde
und wir nicht wirklich wussten, was uns erwartete.
Auf dem Dienstplan stand Anzugkontrolle um 17.00 Uhr
und danach um 17.30 Uhr Beförderungsappell. Und so lief
das Ganze dann auch ab. Nachdem unsere Stiefel auf
Hochglanz poliert und auch die letzten vergessenen Taschen
geschlossen waren, warteten wir alle auf den Befehl zum
Heraustreten. Mir war schon ziemlich mulmig zumute, weil
ich nicht genau wusste, ob jeder einzeln vor die Front
gerufen werden sollte oder ob es eine Gemeinschafts-
beförderung werden sollte. Irgendwer hatte nämlich das
Gerücht gestreut, es könne passieren, dass jeder einzeln die
Gefreitenklappen verliehen bekommt.
Als es dann endlich soweit war und der Befehl zum
Heraustreten kam, traten wir vor dem Gebäude, wie üblich,
in Linie an. Das für uns schon als normal empfundene Ritual
der Anzugkontrolle wurde natürlich auch nicht vergessen.
Ganz im Gegenteil war es diesmal unser Zugführer
persönlich, der den Anzug eines jeden Soldaten überprüfte.
Dieses kleine aber dennoch wichtige Detail machte uns
deutlich, dass ein ganz besonderes Ereignis vor uns lag.
Dann erst marschierten wir zu dem Platz, an dem der Appell
stattfinden sollte. Es regnete in Strömen und der Wind blies
63
Leutnantsbuch

ziemlich kalt. Das war uns aber egal. Wir waren stolz,
endlich befördert zu werden.
Nach einer Ansprache unseres Kompaniechefs, der darüber
sprach, was wir alles bereits geleistet hätten und was noch
auf uns zukäme, wurden wir dann zugweise zum Gefreiten
ernannt. Es war ein Festakt. Trotz des schlechten Wetters
hatten wir bisher eine solche Zeremonie nur bei der
Vereidigung erlebt. Danach ging unser Zugführer mit den
Gruppenführern durch die Reihen und „schlug“ uns die
Gefreitenklappen auf die Schultern. Man merkte schon, dass
selbst die Ausbilder stolz waren, auf die Taten, die wir bis
jetzt vollbracht hatten und das wir uns so gut geschlagen
haben. Jeder wurde vom Zugführer und von allen Ausbildern
beglückwünscht. Auch der Kompaniechef ging von Soldat
zu Soldat und gratulierte persönlich. Er ließ es sich natürlich
auch nicht nehmen, den Schlachtruf auszubringen. Ein
würdiger Abschluss.

HI
Pflege Traditionen und militärische Rituale, insbesondere
wenn eine Truppe zu einem guten Ausbildungsabschluss
gekommen ist oder ein besonderes Ziel erreicht hat.
Beförderungen, aber auch einfaches Lob „vor der Front“
oder in Appellform stärken die Motivation und Verbun-
denheit einer Gemeinschaft.

64
Leutnantsbuch

Offizieranwärter Frank

Im Offizierkasino

D raußen hat es schon vor einiger Zeit begonnen, dunkel


zu werden. Major Waldmann und Hauptmann Ulrich
haben uns mit ihren Erzählungen gefesselt, von Müdigkeit
kann keine Rede sein.

„Es tut mir sehr leid“, sagt Major Waldmann, „aber leider
muss ich Sie jetzt verlassen. Ich habe meiner Tochter
versprochen, noch einmal über ihre Hausaufgaben zu sehen.
Wenn ich jetzt nicht loskomme, dann hängt der
Familiensegen schief!“ Major Waldmann erhebt sich,
wünscht uns allen noch einen schönen Abend und sagt: „Das
war eine nette Runde mit Ihnen! Vielleicht sehen wir uns ja
noch einmal, und Sie haben bis dahin eigene Erlebnisse zu
berichten!“
Hauptmann Ulrich schließt sich sogleich an und
verabschiedet sich auch. Beim Hinausgehen sehe ich, wie
Hauptmann Ulrich sich noch kurz mit zwei Oberstleutnanten
unterhält. Hauptmann Seidel entschuldigt sich kurz und geht
zu Hauptmann Ulrich und den zwei Stabsoffizieren.
Währenddessen bestellen wir uns noch etwas zu trinken und
unterhalten uns.

„Sag’ mal Markus, was machst Du am Wochenende? Bleibst


Du hier oder fährst du wieder nach Hause?“, fragt Annette.
„Geburtstagsfeier“, antwortet er und fährt fort: „Mein
Bruder hat Geburtstag. Wenn der feiert, dann ist immer
ordentlich was los.“
„Und wie sieht es bei Euch aus?“, fragt Annette in die
Runde. Schnell haben sie, Markus, Cindy und ich uns
verabredet, am Freitagabend zusammen ins Kino zu gehen.
65
Leutnantsbuch

Wir wissen zwar noch nicht, was gezeigt wird, aber wir sind
uns sicher, dass wir einen Film finden, der unser aller
Geschmack trifft.

„Was haltet Ihr eigentlich von den Erzählungen eben?“ fragt


Peter. „Ich meine – kommt das wirklich alles so auf uns zu?
Da kann einem ja ganz anders werden.“

„Also ich kann mir schon vorstellen, dass wir noch viel in
dieser Richtung selbst erleben werden. Ob natürlich immer
alles so war, wie es uns erzählt wird …“, sagt Markus und
wird von Cindy unterbrochen.
„Ich glaube nicht, dass bei den Erzählungen irgendetwas
Besonderes dazugedichtet wurde. Für mich hat sich das alles
sehr realistisch angehört.“

Gerade als Jonas etwas erwidern will, kommt Hauptmann


Seidel wieder aus dem Barraum zurück. Die beiden
Oberstleutnante, die sich draußen mit Hauptmann Ulrich
unterhalten hatten, folgen ihm.
„Kameraden, ich stelle Ihnen Oberstleutnant Stokiwsky und
Oberstleutnant Zander vor! Ich habe gerade mit beiden über
unsere Runde hier gesprochen. Ich habe Ihnen gesagt, was
wir hier tun. Und siehe da, beide haben gefragt, ob sie sich
ein wenig zu uns setzen dürften. Als ich ihnen von den
Geschichten von Major Waldmann und Hauptmann Ulrich
erzählt habe, waren sie gleich begeistert.“

„Stimmt“, sagt Oberstleutnant Zander, „solche Geschichten


bleiben bei fünfundzwanzig Dienstjahren nicht aus! Mir sind
da spontan welche eingefallen!“ Oberstleutnant Stokiwsky
nickt und deutet damit an, dass auch er mit dem einen oder
anderen Erlebnis zu einem interessanten Abend beitragen
kann. Er merkt noch an: „Auch wenn ich nicht alles selbst
66
Leutnantsbuch

erlebt habe, einige Beispiele von Kameraden hätte ich auch


noch zu bieten. Die passen auch sehr gut zu Ihrem Thema.“

Und dann folgt ein Erlebnis dem anderen …

67
Leutnantsbuch

Nicht nur der erste Eindruck zählt

E inem bekannten Sprichwort zufolge gibt es für den


ersten Eindruck keine zweite Chance. Dass sich aber
gerade der junge Offizier vor einem vorschnellen und
pauschalen Urteil in Acht nehmen sollte, beweist folgende
Geschichte.
Ich war gerade Fähnrich und hatte dann – wie damals üblich –
meinen ersten Zug in der Allgemeinen Grundausbildung
übernommen. Nach der Einschleusung, der Einkleidung und
der ärztlichen Untersuchung stand auch gleich der erste
Physical-Fitness-Test (PFT) der Rekruten an. Einer der
Rekruten fiel mir durch besonders schlechte Ergebnisse auf.
Ich nahm mir vor, auf die vermeintliche „Schwachstelle“
meines Zuges ein besonderes Augenmerk zu richten. Bei den
ersten Ausbildungen verhielt er sich sehr passiv, was meinen
negativen Eindruck zunächst noch bestärkte. Als ich den
Zug zum ersten Mal im Eilmarsch auf die Schießbahn führte
und der Soldat immer mehr zurückfiel, ließ ich ihn austreten
und an meiner Seite laufen.
„Was ist mit Ihnen los?“, fragte ich. „Ich kann nicht mehr!“,
lautete die Antwort. Ich beschloss ihn an seiner Ehre zu
packen und ihn somit zu motivieren. „Wissen Sie, warum
Sie nicht mehr können? Weil Sie selbst gar nicht wissen,
was alles in Ihnen steckt! Sie können viel mehr, als Sie
selbst von sich denken. Beweisen Sie sich selbst und Ihren
Kameraden, dass Sie es können! Laufen Sie nicht für mich,
sondern für Ihre Ehre! Und wenn Sie heute Abend fix und
fertig ins Bett fallen, dann können Sie stolz auf sich sein,
weil Sie alles gegeben haben. Und jetzt laufen Sie weiter.“
Da der Soldat anschließend weitergelaufen ist, schienen
meine Worte gewirkt zu haben.
Am Abend stellte ich seine Leistung positiv vor dem
angetretenen Zug heraus. Seit diesem Ereignis schien der
68
Leutnantsbuch

Soldat wie verwandelt und fortan gab er immer sein Bestes.


Dadurch stieg auch sein Ansehen innerhalb der Gruppe, die
sah, dass hier ein guter und engagierter Soldat heranwuchs.
Bei allem plötzlichen Ehrgeiz blieb er jedoch immer ein
guter Kamerad und integrierte sich voll in die Gruppe. Nun
war er nicht mehr die „Schwachstelle“, sondern eine Stütze
seiner Gruppe und seines Zuges. Sein Gruppenführer und ich
versuchten, diesen Prozess durch Lob und gutes Zureden
weiter zu fördern. Am Ende der Allgemeinen Grund-
ausbildung hatte er sich enorm gesteigert und gehörte beim
PFT zu den besten Soldaten des Zuges. Als ich ihn am Ab-
schlussabend der Allgemeinen Grundausbildung nach seinen
Schlüsselerlebnissen in der Grundausbildung fragte, sagte er,
dass ihn meine Ansprache beim Eilmarsch motiviert und er
viel über sich selbst gelernt habe.

HI
Der Offizier ist gerade in schwierigen Situationen als
Führer, Erzieher und Ausbilder gefordert. Daher ist es
wichtig, voreilige Festlegungen und Urteile über das
Leistungsvermögen der Soldaten zu vermeiden. Für den
militärischen Vorgesetzten kommt es darauf an, das
jeweilige Leistungsvermögen seiner Soldaten zu erkennen
und zu fördern, ohne diese zu überfordern.
Wer mit Herz und Verstand führt und die Stärken und
Schwächen seiner Soldaten kennt, wird seine Soldaten nicht
nur zweckmäßig einsetzen, sondern darüber hinaus das
gegenseitige Vertrauen stärken und die sichere Gefolgschaft
seiner Männer und Frauen erzielen.
Der angemessene Gebrauch von Lob und Tadel zur
Würdigung der Leistungen sowie das Erzeugen von Einsicht

69
Leutnantsbuch

in die Notwendigkeit des Auftrages fördern die Motivation


und die Einsatzbereitschaft der Soldaten.

70
Leutnantsbuch

Der neue Leutnant

N ach erfolgreichem Studium ging es für mich wieder


zurück in die Truppe. Eigentlich war der Standort, zu
dem ich nachts nun auf der Autobahn quer durch die
Republik unterwegs war, überhaupt nicht mein
„Erstwunsch“ und zudem musste ich auch noch mein
Bordeaux-Barett gegen ein vermeintlich minderwertigeres,
grünes eintauschen. Kurzum, meine Stimmung und die
Erwartungshaltung gegenüber meiner neuen Heimat in der
Truppe wurden von Kilometer zu Kilometer düsterer.
Als ich dann spät nachts todmüde beim Unteroffizier vom
Dienst (UvD) meiner Kompanie den Schlüssel für eine karge
Stube erhielt, wartete ein Umschlag auf dem Bett, in dem
neben einem kurzen, aber herzlichen Willkommensgruß
meines zukünftigen Kompaniechefs der Hinweis stand, ich
solle gar nicht erst auspacken, denn gleich morgen früh
würde man zum Truppenübungsplatz Sennelager verlegen,
und da sei ich auch als der neue Zugführer des I. Zuges
höchst willkommen und sogleich in der Pflicht.
Nach fast vier Wochen Übungsplatz in der „Senne“ hatte ich
als Zugführer so ziemlich alles falsch gemacht, was falsch
zu machen war. Das aus meiner Sicht höchst komplizierte
Schießen der Verbundenen Waffen, verregnete Nacht-
schießen in der Stellung, Jagdkampf, endloser Technischer
Dienst und wenig Schlaf, hatten meine Studienbräune
erbleichen lassen und selbst die anstehende Beförderung
zum Oberleutnant konnte mich nicht recht erheitern.
Für meine zum Teil ohne Studium in der Truppe
„gewachsenen“ Zugführerkameraden stand sehr schnell fest:
„... den nimmt sich der Kommandeur schon bald zur Brust,
denn im Kreise der anderen, erfahreneren Oberleutnante
konnte ich abends beim Bier kaum Erfolgserlebnisse des
Übungsplatzes beisteuern und auch der Hinweis, dass meine
71
Leutnantsbuch

Diplomarbeit sicher noch in einschlägigen Fachkreisen


Beachtung finden würde, konnte nicht wirklich beein-
drucken.
Nachts allein mit mir bilanzierte ich selbstkritisch, dass mein
Auftreten im neuen Bataillon mit perfekt sitzender
Selbsteinkleiderjacke und einem Bündel guter Vorsätze, in
diesem Verband nun zukünftig meine geistes-
wissenschaftlichen Impulse geben zu können, gründlich in
die Hose gegangen war!
Es drängten sich mir Gedanken auf, die nun noch vor mir
liegenden Jahre der Verpflichtungszeit möglichst „unge-
schoren“ herumzubringen, recht bald die Initiative zu
ergreifen und die Fühler nach einer zivilberuflichen Zukunft
auszustrecken.
Meine damalige Freundin hatte mir sowieso erklärt, dass ihr
Lebensmittelpunkt sicher nicht mit wechselnden, Pro-
vinzstandorten in Einklang zu bringen sei und so fühlte ich
mich zunehmend verunsichert über dieses Berufsbild, zu
dem ich als ehemaliger Wehrpflichtiger und Offizier-
anwärter mit glühendem Idealismus gestanden hatte und bei
dem ich jetzt das Gefühl hatte, ich sei mir vielleicht zu
schade für die nun unweigerlich folgenden Jahre in der
„Schlammzone“.
Eines Tages klopfte es jedoch an meiner Stubentür und mein
Stellvertreter als Zugführer, ein altersgleicher Oberfeld-
webel, und der Zugführer des III. Zuges, ein erfahrener,
„außendienstgestählter“ Hauptfeldwebel, suchten das Ge-
spräch mit mir. Beiden fühlte ich mich kameradschaftlich
verbunden, hatten sie mir doch auf dem Übungsplatz mit Rat
und Tat zur Seite gestanden und manchen berechtigten
„Anschiss“ seitens meines Kompaniechefs abwenden
können.
Sie spürten meinen Unmut und kamen gleich zur Sache.
Auch sie hätten Erfahrung gebraucht, um als Zugführer fest
72
Leutnantsbuch

im Sattel zu sitzen. Ihrer Meinung nach hätte ich alle


Voraussetzungen, dies ebenfalls zu schaffen und sie würden
mir dabei auch weiterhin stets – und ohne Konkurrenzneid –
zur Seite stehen. Ich müsste mich allerdings auch ein
bisschen mehr bemühen mit dem „Kopf in die Truppe“
zurückzukehren.
Das habe ich dann auch getan. Ich durfte für fast zwei
weitere Jahre den I. Zug führen, und auch wenn ich danach
tatsächlich kurzzeitig als S 2-Offizier eingesetzt wurde, so
denke ich heute noch gerne an die damaligen Jahre in der
Schlammzone zurück, die auch nicht mit der Funktion des
Kompaniechefs oder Bataillonskommandeurs endeten, son-
dern durch Einsätze und multinationale Übungsverpflich-
tungen nur ein anderes Gesicht bekamen.
Ich habe bis heute mit beiden Zugführer-Kameraden von
damals ein über die Jahre ungebrochen freundschaftliches
Verhältnis gepflegt. Einer ging als Oberstabsfeldwebel in
den Ruhestand und schon ist sein Sohn in der nächsten
Generation Feldwebel in „unserer“ Truppe. Der andere hat
eine Tochter, die ebenfalls als Feldwebel in die Fußstapfen
des Vaters getreten ist.
Ich habe diese Erfahrungen nicht vergessen und hätte es mir
nie verziehen, wenn ich damals die Flinte ins Korn geworfen
hätte.
Ich habe später als Kommandeur den „neuen“ Leutnanten
immer besondere Aufmerksamkeit geschenkt und bemühte
mich bei der Dienstaufsicht, gegenüber ihren Fehlern fair
und vielleicht ein bisschen nachsichtiger zu bleiben als es
ihre Kompaniechefs waren. Aber meine Leutnantsjahre
waren eben durch diese besondere Kameradschaft geprägt,
die ich als junger Offizier von meinen Zugführerkameraden
erfahren durfte. Wir waren eine echte „Kleine Kampf-
gemeinschaft“, die ich jedem jungen Offizier von Herzen zu
erleben wünsche.
73
Leutnantsbuch

Es ist eben noch kein Meister vom Himmel gefallen, auch


nicht bei den Fallschirmjägern!

HI
Führe und Gestalte! Höre zu!
Rat kann und muss man auch von jüngeren und
berufserfahrenen Feldwebeldienstgraden annehmen. Hierzu
muss man gesprächsbereit sein und den Mut haben, aus
Erfahrungen anderer zu lernen. Dabei darf man sich nicht
entmutigen lassen – man muss mit sich selbst stimmig sein
und darf nicht zu früh aufgeben.
Akzeptiere Dich selbst, sei selbstbestimmt und beispielhaft!

74
Leutnantsbuch

Loyalität

N och heute bewahren viele Offiziere meines Jahrganges


dieses kleine Papierkärtchen auf. Diese mit „Zehn
Tugenden des Offiziers der gepanzerten Kampftruppen“
bezeichnete, etwa 10x5 cm große Karte erinnert uns an die
Zeit unserer Offizierausbildung. Sie war so etwas wie eine
ethische Richtschnur für das Handeln als militärischer
Führer. Auf der Rückseite befanden sich oft eigene Notizen
wie etwa die Doppelschrittzahl oder die Größe der ABC-
Schutzausstattung. Die Tugenden waren von eins bis zehn
durchnummeriert, ohne dass die Nummerierung jedoch
Rückschluss auf den Stellenwert geben sollte.
Jeder von uns hat wohl eine der Tugenden für sich als die
Wichtigste definiert. Nach zehn Jahren Bundeswehr ist mir
mein Kärtchen wieder in die Hände gefallen. Auch ich habe
in den Jahren der Offizierausbildung meine „Lieblings-
tugend“ definiert.
Für mich stand Loyalität an erster Stelle und ich würde diese
Wahl auch heute wieder treffen.
Loyalität ist für mich Ausdruck einer inneren Verbundenheit
zu einer Gemeinschaft oder Person. Grundlage dieser
Verbundenheit sind gemeinsame Werte und der Wille, diese
gemeinsamen Werte zu vertreten – und wenn erforderlich –
auch mit seinem Leben zu verteidigen. Loyalität beruht auf
einer Geisteshaltung, einer inneren Überzeugung.
Loyalität ist mir so ans Herz gewachsen, weil sich Mängel in
vielen anderen Tugenden kompensieren lassen. Loyalität
setzt jedoch einen gefestigten Charakter voraus. Loyalität
kommt von innen heraus. Sie ist eine Überzeugung, ein
inneres „Wollen“. Einstellungen und Überzeugungen sind
ideelle Werte, die man auch mit Geld nicht ändern kann.
Auch Söldner können fleißig und mutig sein – loyal sind sie
in der Regel nicht.
75
Leutnantsbuch

Über die Jahre habe ich viele Beispiele für loyales Verhalten
erleben dürfen. Dabei macht es zunächst keinen Unterschied
in welche Richtung Loyalität gelebt wird. Loyalität ist keine
Einbahnstraße. Leider habe ich auch illoyale Soldaten
erleben müssen. Positive Beispiele überwiegen jedoch,
weshalb ich eines davon kurz schildern möchte.
Im Einsatz 2008 mussten wir einen unserer Oberleutnante an
den Stab einer höheren Führungsebene abgeben. Unsere
Einheit wurde von vielen deutschen Soldaten im Einsatzland
seinerzeit kritisch betrachtet. Entsprechend wurde im Lager
über die Einheit und Einzelpersonal getuschelt. Gerüchte
wurden gestreut. Der junge Oberleutnant bot also gute
Gelegenheit nachzubohren. Von ihm wurden Informationen
erwartet, die Einblicke in unsere Vorgehensweise erlaubten.
Eines Tages wurde er von einem anderen Offizier des Stabes
gefragt, ob er der Ansicht sei, unser Kommandeur würde
„angemessen führen“. Der Oberleutnant antwortete, dass
ihm selbst ein Urteil zunächst nicht zustehe und im Übrigen
der Kommandeur „im Feuer von vorne“ und mit großem
Erfolg geführt habe. Soweit ich weiß, ist der Oberleutnant
nie wieder zu diesem Thema „befragt“ worden. Aus
meiner Sicht hat sich dieser Oberleutnant loyal verhalten
und dem Reiz des Gewinns an Aufmerksamkeit durch
Informationsweitergabe widerstanden. Ich habe das Ver-
halten als beispielgebend wahrgenommen. Diese Loyalität
zu unserer Einheit ist Zeichen unseres starken Zusammen-
halts.
Die kleine Karte mit den zehn Tugenden hat also bis in die
Einsatzrealität hinein ihre Bedeutung für mich nicht
verloren. Sie bleibt für mich nach wie vor ein Baustein der
gelegentlichen Besinnung auf mein berufliches
Selbstverständnis.

76
Leutnantsbuch

HI
Loyalität kommt aus dem Französischen und bedeutet Treue.
Sie bezeichnet das Festhalten an getroffenen
Vereinbarungen, das Einhalten von Gesetzesvorschriften
oder die Treue gegenüber einer Autorität, einem
Vorgesetzten, aber auch einem Kameraden oder
Untergebenen. Als Soldaten beurkunden wir mit dem Eid
unsere Treue und Verbundenheit zu Staat und Gesellschaft
und damit unsere Loyalität zu den Werten unserer
Demokratie. Als Vorgesetzte geben wir durch unser
gesamtes Verhalten ein Beispiel, für diese Werte einzutreten.

„Es ist nicht der Eid, der den Mann glaubhaft macht;
sondern es ist der Mann, der den Eid glaubhaft macht.“
(sinngemäß)
Aischylos, griechischer Tragödiendichter

77
Leutnantsbuch

Der erste Einsatz

M eine Frau habe ich bereits ein Jahr vor meinem


Dienstantritt bei der Bundeswehr in der Schule
kennen gelernt. So erlebten sie und ich von Anfang an
gemeinsam die Vorteile, aber auch die Belastungen, die der
Beruf des Offiziers mit sich bringt. Ich bemühte mich von
vornherein, sie an meinem militärischen Leben möglichst
intensiv teilnehmen zu lassen. So nahm sie mit mir
gemeinsam an fast allen Veranstaltungen vom öffentlichen
Gelöbnis bis zum Offizierabend teil. Da ich innerhalb der
ersten drei Jahre fünf Mal ausbildungsbedingt den Dienstort
wechselte, erforderte das von ihr viel Organisation und
auch das Zurückstellen von persönlichen Freundschaften.
Das bestärkte mich in der Hoffnung, in ihr die Richtige
fürs Leben gefunden zu haben. So nutzten wir dann
meine Versetzung zum Studium, um auch endlich
zusammenzuziehen. Es brachte einige kleinere Schwierig-
keiten mit sich, nach knapp vier Jahren Wochen-
endbeziehung plötzlich ganztägig aufeinander zu sitzen.
Nach einigen Wochen zeigten sich dann aber auch die
Vorteile des Zusammenlebens. In diesen Zeitraum fiel auch
die Entscheidung zu heiraten. Allerdings kam einer
schnellen Hochzeit die Geburt unserer ersten Tochter
„dazwischen“, so dass wir als „kleine“ Familie vor den Altar
traten.
Zu diesem Zeitpunkt, ungefähr fünf Jahre nach meinem
Dienstantritt, glaubten wir beide, alle Schwierigkeiten des
Soldatenlebens wie Wochenendbeziehungen, lange Abwe-
senheiten aufgrund von Lehrgängen und Übungsplatz-
aufenthalten zu kennen. Die wirkliche Belastung erfolgte
aber erst mit dem ersten Einsatz.
Nach dem Studium wurde ich in ein Bataillon, welches in
Thüringen stationiert war, versetzt. Da meine Frau gerade
78
Leutnantsbuch

mit unserer zweiten Tochter schwanger war, stand sofort


fest, dass wir gemeinsam von HAMBURG nach Thüringen
ziehen würden. Die Eingewöhnungszeit nach dem Studium
war kurz. Es war anfänglich durchaus schwierig, sich an
unregelmäßige Dienstzeiten und Nachtausbildungen zu
gewöhnen. Plötzlich wurden die Trennungen bei
Übungsplatzaufenthalten deutlich belastender, besonders
dann, wenn Probleme mit den Kindern, wie Krankheiten
oder Trennungsschmerz, aufkamen. Wir lernten im ersten
Jahr vor allem die vorhandene Zeit intensiv zu nutzen. So
war besonders der Sonntag grundsätzlich Familien-
ausflugtag, selbst wenn das Wetter nicht mitspielte.
Nach etwa einem Jahr wurde der Einsatz in
AFGHANISTAN für das gesamte Bataillon Gewissheit. Da
ich im Einsatz nicht auf einem truppengattungsspezifischen
Dienstposten eingesetzt werden sollte, standen im Jahr vor
dem Einsatz allein drei Monate an lehrgangsgebundener
Ausbildung an. So wurde, wie zu Beginn der
Offizierausbildung, wieder die Autobahn zur wichtigsten
Verbindung zwischen mir und meiner Familie. Neben der
fachlichen Ausbildung war die militärische enorm wichtig
und schlug ebenfalls mit insgesamt sechs Abwesen-
heitswochen zu Buche. Damit war ich innerhalb des letzten
Jahres vor dem Einsatz insgesamt viereinhalb Monaten nicht
zu Hause. Das belastete meine Familie sehr stark, da auch
der Dienst am Heimatstandort fordernd und zeitintensiv
blieb.
Je näher der Einsatz rückte, umso mehr traten Fragen über
die Gefahr in den Vordergrund. Ich führte stundenlange
Gespräche mit meiner Frau, um ihr die Risiken eines
Einsatzes zu erläutern. Mir war stets bewusst, dass die
Teilnahme an einem Auslandseinsatz nicht risikolos und ein
fester Bestandteil meines Berufes ist. Dies ändert jedoch
nichts an den Ängsten und Befürchtungen der Familie. Ich
79
Leutnantsbuch

versuchte auch meiner mittlerweile vierjährigen Tochter die


Notwendigkeit des Einsatzes näher zu bringen. Dies fiel mir
sehr schwer, da sie häufig nach dem „Warum?“ und dem
„Wieso?“ fragte und ich ihr sicherlich nicht immer klar und
kindgerecht antworten konnte.
Der Tag des Abfluges war schlimmer als gedacht. Bis zur
Gepäckabgabe überspielten alle ihre Anspannung. Als es
dann aber doch soweit war und besonders meinen Töchtern
klar wurde, dass der Papa wirklich weggeht, brachen
sprichwörtlich die Dämme und ich musste schnell gehen, um
mich zu beruhigen.
Die ersten 14 Tage im Einsatz waren für mich sehr einfach.
Ständig erlebte ich Neues und war sehr stark abgelenkt. Das
brachte ich auch während der Telefonate zum Ausdruck.
Erst hinterher erzählte mir meine Frau, wie schwer ihr die
ersten 14 Tage fielen. Die Erziehung der Kinder, die damals
sehr sensibel auf meine Abwesenheit reagierten, fiel nun in
die alleinige Verantwortung meiner Frau, wodurch ihre
Freiräume zusätzlich eingeschränkt wurden. Gleichzeitig
wollte sie mich aber nicht am Telefon mit ihren Sorgen
belasten. Mit der Zeit gewöhnte man sich an die Trennung
und das tägliche Telefonat ersetzte ein wenig das
Zusammensein. Sehr schwer wurde es immer dann, wenn
ich Bilder oder kurze Videos aus der Heimat erhielt. Das
waren für mich sehr intime Momente, die mir mein
Stubenkamerad zum Glück immer zugestand. Er war im
Gegensatz zu mir schon fünfmal in AFGHANISTAN und
damit deutlich routinierter. Ihm gebührt ein großer Anteil an
meinem gut überstandenen Einsatz.
Schwierig wurde es immer dann, wenn ich auf mehrtägigen
Patrouillen war und schlechte Nachrichten in die Heimat
gelangten. Das nächste Telefonat nach der Rückkehr ins
Feldlager wirkte dann immer sehr angespannt. Es fällt einem
als Soldat schwer zu verstehen, warum Nachrichten aus
80
Leutnantsbuch

einer anderen Ecke AFGHANISTANS die Angehörigen zu


Hause so belasten. Erst heute verstehe ich, dass die
Hilflosigkeit und unzureichende Informationslage zu Hause,
deutlich belastender sind, als der Einsatz selbst. Man kann
die Lage realistischer einschätzen und damit auch
entsprechend reagieren.
Als sich der Einsatz nach sechs Monaten dem Ende näherte,
wurde ich täglich aufgeregter. Es erinnerte mich ein bisschen
an den Tag, als ich meine Frau damals das erste Mal
angesprochen habe. Ich machte mir tausend Sorgen, ob mich
meine Familie wieder so annimmt, wie es vorher der Fall
war. Vom Flug bekam ich so gut wie nichts mit. Als ich
dann in die Wartehalle des Flugplatzes kam, sah ich mich
um, konnte jedoch meine Familie nicht finden. Das war
schrecklich. Ich suchte nach meiner deutschen Sim-Karte
und rief meine Frau an. Sie waren aufgrund einer
Fehlinformation am falschen Flugfeld und brauchten noch
einige Minuten. Ich erwartete sie auf dem Parkplatz. Das
Wiedersehen war unbeschreiblich. Meine beiden Töchter
waren so groß geworden! Und meine kleine Tochter, die
beim Abflug gerade einmal „Papa“ sagen konnte, sprach in
Sätzen mit mir. Meine Frau hatte sich zum Glück nicht
verändert. Auf der stundenlangen Heimfahrt habe ich sechs
Monate komprimiert am Stück wiedergegeben. Ich glaube,
meine Familie wollte seit dieser Heimfahrt nichts mehr von
mir wissen, da sie alles schon gehört hatten.
Die schwierigste Zeit sollte uns jedoch erst in den nächsten
Wochen bevorstehen. Ich hatte unmittelbar nach meiner
Rückkehr noch nicht begriffen, dass das Leben auch ohne
mich weitergegangen ist. Meine Frau hatte viel Stress durch
die Kinder und ihren Beruf. Zum Glück hatten meine Eltern
und Schwiegereltern sie tatkräftig unterstützt.
Der Einsatz war manchmal gefährlich. Aber ich war gut
ausgebildet, wusste was ich tat und die Kameradschaft half
81
Leutnantsbuch

über viele schwere Momente hinweg. Gleichzeitig musste


man sich um nichts kümmern. Das Essen wurde immer
gekocht, die Wäsche gewaschen und selbst der
obligatorische „Papierkram“ war überschaubar. Meine Frau
musste aber demgegenüber all das bewältigen, was wir uns
zuvor geteilt haben. Nicht nur ich brauchte nach dem Einsatz
eine Auszeit, sondern auch meine Frau. Heute, mit einigem
Abstand, ist mir das klar und ich werde es besonders für den
nächsten Einsatz beherzigen. Meine Familie ist nunmehr
wieder genauso glücklich wie vor dem Einsatz. Wir haben es
alle gut überstanden. Ich halte Offenheit für den Schlüssel
zum Erfolg. Ich habe mit meiner Frau über Gefahren des
Einsatzes und die Folgen einer möglichen Verwundung oder
gar meines Todes gesprochen. Das hat bestimmt die
Situation für sie nicht sonderlich erleichtert, aber es machte
den Einsatz insgesamt erträglicher. Ich bin meiner ganzen
Familie und insbesondere meinen Eltern und Geschwistern
dankbar für den engen Zusammenhalt und die gegenseitige
Hilfe. Bei meiner Frau bin ich mir sicherer den je, die
Richtige gewählt zu haben und ich versuche es ihr heute
häufiger durch kleine Gesten zu verdeutlichen, als vor dem
Einsatz. Egal wie wichtig der Dienst ist, für mich genießt
meine Familie heute mit Abstand die höchste Priorität.
Gerade das Wissen „Zu Hause läuft es!“ gab mir die
Möglichkeit, den Einsatz möglichst professionell anzugehen
und die bestmögliche Leistung abzurufen.

HI

82
Leutnantsbuch

Hochzeit in Hessen

W ie viele andere Offiziere habe auch ich meine


zukünftige Ehefrau während des Studiums kennen
gelernt. Und wie fast alle anderen Offiziere wurde ich nach
dem Studium in MÜNCHEN in einen kleinen Standort
versetzt, dessen Namen ich bis zu diesem Zeitpunkt
bestenfalls aus dem Verkehrsfunk kannte.
Der avisierte Zugführerdienstposten und die Gewissheit,
dass meine Freundin bald ebenfalls an den Standort ziehen
würde, ließen mich meinen Dienst in Nordhessen aber sehr
zuversichtlich antreten. Da ich mich im Bataillon schnell
sehr wohl gefühlt habe und meine Freundin als Anwältin in
der nahen Großstadt Fuß gefasst hatte, wollten wir nach
einem Jahr unser bisher größtes Privatprojekt „die Hochzeit“
angehen. Zunächst galt es zu klären, wann, wo und in
welchem Rahmen die kirchliche und die standesamtliche
Trauung stattfinden sollten. Gar nicht so einfach, wenn die
Heimatorte beider zukünftigen Ehepartner mindestens
300 km vom aktuellen Wohnort entfernt liegen. Nach
gründlichem Abwägen der Möglichkeiten haben wir uns
entschieden, die standesamtliche Hochzeit in der
Garnisonsstadt und die kirchliche Trauung in München zu
feiern.
Nach einem größeren Polterabend, an dem u.a. auch
Kameraden des Offizier- und Unteroffizierkorps des Batail-
lons/der Batterie teilgenommen haben, erwarteten wir
eigentlich keine große Abordnung von Soldaten am
Standesamt, zumal die Trauung an einem Freitag um zwölf
Uhr stattfinden sollte und der Anteil der Wochenendpendler
im Bataillon sehr hoch war. Um auf alle „Eventualitäten“
vorbereitet zu sein, beschlossen wir aber zur Vorsicht „eine
Extraflasche Sekt“ mit zum Standesamt zu nehmen, um im

83
Leutnantsbuch

Bedarfsfall mit einer möglichen „Minidelegation“ anstoßen


zu können.
Die Flasche schien aber überflüssig zu sein, da auf dem Weg
zum Standesamt auf dem historischen, übersichtlichen
Markplatz weit und breit kein Soldat zu sehen war. Ein
bisschen enttäuscht war ich schon, aber die bevorstehende
Zeremonie ließ keine Zeit zum Sinnieren.
Als wir nach (erfolgreicher) Trauung das Rathaus verließen,
hatte sich die Szenerie jedoch gänzlich verändert. Wie aus
dem Nichts erschienen, bildeten die Unteroffiziere der
Batterie in voller Tagesdienststärke ein Spalier, in dem so
ziemlich alles in die Luft gehalten wurde, was die Zugkeller
einer Artilleriebatterie so hergeben. Vom „Geschossansetzer
bis zur Richtlatte“. Die „Formation“ wurde vom Chef
kommandiert, der Spieß war der Zeremonienmeister und das
Offizierkorps des Bataillons die „Feiermasse“. Unglaublich
und mir bis heute rätselhaft, in welcher „gedeckten Auf-
stellung“ diese große Gruppe vorher „untergezogen“ war.
Nach dem Absolvieren eines Minihochzeitsparcours und
mehreren Böllerschüssen aus einem kleinen mitgeführten
Geschütz (von einem zivilen Verein) wurde auf das
bedeutende Ereignis angestoßen. Auch hier hatte der Spieß
vorgesorgt, denn mit unserer „Reserveflasche“ wäre es ein
bescheidenes Vergnügen geworden. Meine Frau, unsere
Familien, die zivilen Trauzeugen und ich waren zutiefst
beeindruckt von der umfangreichen, perfekten und streng
geheimen Vorbereitung durch die Kameraden und
insbesondere durch deren Bereitschaft, an einem Freitag
auch deutlich nach dem Dienstschluss noch mit uns zu
feiern, da der Standort wie bereits erwähnt, insbesondere aus
dem Verkehrsfunk bekannt ist.
Als frischgebackener Ehemann konnte ich dann in den
Folgejahren als Zugführer und Chef noch mehrmals an
diesem Ritual der Ehrerweisung für ein Brautpaar teil-
84
Leutnantsbuch

nehmen. Es war jedes Mal ein großes Vergnügen. Doch am


schönsten war die Überraschung bei der eigenen Hochzeit.

HI

85
Leutnantsbuch

Der Lebensabschnitt

J etzt ist es genau 12 Monate her, seitdem mein neues


Leben begann. Ich kann mich noch ganz genau daran
erinnern, wie ich mich fühlte, als ich im Zug nach Idar-
Oberstein saß. Mir war ganz schön mulmig zumute. Zwei
Wochen zuvor hatte ich noch mein Abikleid an und jetzt
sollte ich in ein paar Tagen Flecktarn tragen und die
härtesten Monate meines bisherigen Lebens erfahren. Zum
Glück saß Robin mit mir im Zug, ich habe ihn bei einem
Truppenbesuch kennengelernt. Es tat gut, dass man
zumindest einen kannte! Kaum im Offizieranwärterbataillon
(OA-Btl) angekommen, ging der Stress schon los. Wie der
Zufall es wollte, war Robin in meiner Gruppe. Wir lernten
schnell die Bürokratie der Bundeswehr kennen. In nur
wenigen Stunden hatten wir einen Haufen Zettel in die Hand
gedrückt bekommen und unterschrieben. Natürlich lernten
wir auch unsere Stuben- und Gruppenkameraden kennen.
Wir waren zwei Mädels in unserer Gruppe: Anita und ich.
Wir sind in den folgenden Wochen unzertrennlich
geworden, ein perfektes Buddy-Team. Schon am nächsten
Morgen um 05.00 Uhr ging es los. Ich hatte kaum
geschlafen und war furchtbar aufgeregt. In den nächsten
zwei Tagen lernten wir in jeder freien Minute marschieren,
erst in Zivil, dann im Sportanzug und schließlich in
Uniform. Haben wir uns gefreut, als wir endlich „richtige“
Soldaten waren. Schon nach drei Tagen war unsere
Vereidigung. Meine Eltern und meine Freunde waren eigens
400 km angereist um mich bei diesem denkwürdigen
Augenblick zu begleiten! Mein Vater war richtig geschockt,
als er mich das erste Mal nach vier Tagen Bundeswehr sah.
Der wenige Schlaf und der ganze Stress (zu diesem
Zeitpunkt dachte ich doch ernsthaft, dass das schon Stress
sei …) hatten mir ganz schön zugesetzt. Aber dennoch sind
86
Leutnantsbuch

wir alle voller Stolz mit unseren blauen Baretten ins


Sportstadion einmarschiert.
Und dann, am nächsten Tag, ging es erst richtig los:
Berge kannte ich bisher nur aus dem Skiurlaub. Dort wurde
ich mit dem Lift hoch transportiert und konnte ganz
entspannt auf Skiern den Berg hinunter fahren. Bei der
Bundeswehr läuft das anders … Am Anfang habe ich bereits
die Koppeltragehilfe alleine für verdammt schwer
gehalten … Zu diesem Zeitpunkt konnte ich mir beim besten
Willen nicht vorstellen, wie ich mit voller Ausrüstung 15 km
in diesen Bergen marschieren sollte – das war einfach
undenkbar für mich. Aber alles lief von Woche zu Woche
besser und unsere Gruppe wuchs von Tag zu Tag enger
zusammen. Wir erkannten schnell, dass wir diese Strapazen
nur im Team überstehen konnten: Bei Anstiegen wurde ich
unauffällig mit der Schulterstütze von hinten geschoben,
dafür habe ich mich dann revanchiert, indem ich Knöpfe
annähte, am Wochenende Kuchen backte und für alle stets
ein offenes Ohr und einen guten Ratschlag hatte. Das war so
in Ordnung, weder ich noch die Jungs hatten damit ein
Problem. Nach ein paar Wochen brauchte ich diese kleinen
Hilfen dann auch nicht mehr, der ständige Sport machte sich
positiv bemerkbar. Mittlerweile sind Märsche von 20 km
Länge mit Ausrüstung kein Ding der Unmöglichkeit mehr!
Nach einem Monat stand dann das erste Biwak an. Anita und
ich teilten uns natürlich ein „Zelt“ und wir hatten unseren
eigenen Frauenwaschplatz … Das konnten wir gar nicht
verstehen. Wir wollten keine besondere Behandlung! Aber
es wurde so befohlen, also haben wir es so umgesetzt. Es
war trotzdem eine dumme Situation, wenn sich die sechs
Frauen unseres Zuges morgens an ihren separaten
Waschplatz verzogen haben. Wir fühlten uns in diesen
Momenten ausgeschlossen.

87
Leutnantsbuch

Aber einen entscheidenden Vorteil hatten wir Frauen: Wir


waren kleiner und mussten dementsprechend nicht so tiefe
Kampfstände graben. Es ist ein großer Unterschied, ob die
Stellung 1,80 m oder 1,60 m tief sein muss!
Während dieser sechs Monate bin ich fast wöchentlich an
meine Grenzen gestoßen, habe feststellen müssen, was der
Körper macht, wenn man völlig übermüdet ist, habe das
Gefühl kennengelernt, wenn man im Stehen einschläft und
dass ein Stuhl doch etwas ganz Besonderes sein kann. Selbst
Kleinigkeiten erhielten da eine besondere Bedeutung: Zum
Beispiel in Ruhe eine Mahlzeit zu sich zu nehmen oder
einmal bis acht Uhr ausschlafen zu können. Zwischendurch
habe ich mich oft gefragt, ob ich das körperlich durchhalte,
aber ich habe gekämpft und ich habe durchgehalten! Im
Nachhinein war es gar nicht so schlimm, in manchen
Momenten vermisst man diese Zeit sogar (wenn man
beispielsweise an der Offizierschule des Heeres (OSH) in
der 10. Unterrichtsstunde sitzt). Ich habe in diesen sechs
Monaten eine unglaubliche Kameradschaft kennengelernt
und möchte nicht einen Tag aus dieser Zeit missen.
Nach dem Offizieranwärterlehrgang (OAL) Teil 1 folgten
für mich die Sprachenschule und dann das Truppen-
kommando. Uns wurde im OAL immer nur gesagt, dass die
Kombination „Obergefreiter, OA und weiblich“ in der
Truppe ganz fatal sein kann … Na super! Aber auch diese
drei Monate verliefen prima. Man sollte nicht immer alles
glauben, was die Ausbilder sagen: Vieles ist einfach nur
„Psycho-Stress“! Die Rekruten haben mich als ihre Aus-
bilderin voll und ganz akzeptiert und auch die Zugsoldaten
haben nach einer Woche festgestellt, dass viele Dinge eben
einfach nur Klischees sind!
Zurzeit befinde ich mich an der OSH und bewältige neue
Herausforderungen. Aber auch die haben es in sich! Wenn

88
Leutnantsbuch

alles gut läuft, geht es im Oktober an die Uni nach Hamburg.


Das wird bestimmt auch noch einmal eine tolle Zeit!
Ich habe meine Entscheidung, zur Bundeswehr zu gehen,
bisher keinen Tag bereut. Ich stehe jeden Morgen auf und
freue mich auf den kommenden Tag! Ich genieße die Zeit.
Einfach ist diese Ausbildung nicht, aber sie bereitet mir
Freude und macht mich auch stolz, dass ich durchgehalten
und gekämpft habe.

HI

89
Leutnantsbuch

Hölle

E s war an einem der ersten Tage im neuen Jahr. Ich war


als Seelsorger für die Soldaten im PRT KUNDUZ
eingesetzt.
Nachdem ich mich wie immer beim Mittagessen reichlich
mit Salaten eingedeckt hatte, suchte ich nach einem Sitzplatz
und ließ meinen Blick über die Tischreihen wandern. Ich
entdeckte einen Oberleutnant, den ich aus meinem
Heimatstandort kannte und länger nicht mehr gesehen hatte
– auf ihn steuerte ich zu. Mampfend hielten wir ein kleines
Pläuschchen darüber, wie wir die Feiertage verbracht haben
und wie es so geht. Dabei kamen wir unvermeidlich auf
einen Dauerbrenner, auf den ich immer wieder stieß: Die
Frage der mangelhaften Ausstattung. Sommerklamotten im
Winter... und andere Erlebnisse mit unverständlichen
Entscheidungen der „übergeordneten Führung“, die einem
das Leben im Einsatz nicht unbedingt erleichtern.
Kopfschüttelnd hörte ich ihm zu.
Als unser Gespräch langsam auslief, mischte sich von der
Seite ein Hauptmann vom EOD (Explosive Ordnance
Disposal) in unsere Unterhaltung. „Herr Pfarrer, kommt man
eigentlich in die Hölle, wenn man etwas Unerlaubtes tut, um
jemandem zu helfen?“ Weil ich normalerweise nicht gerade
damit rechne, beim Mittagessen eine komplexe theologische
Frage gestellt zu bekommen, musste ich erst einmal
überlegen. Außerdem meinte ich aus dem breiten Grinsen
der anderen Nachbarn schließen zu können, dass dies nicht
ganz ernst gemeint zu sein schien. Also spielte ich den Ball
zurück: „Woher wissen sie, dass es eine Hölle gibt?“ Nun
war mein Nachbar erst mal „am Schalten“. Ich schob nach:
„Ich müsste schon genauer wissen, um was es geht!“ Er
druckste weiter herum, bis er dann mit dem Spruch kam:
„Das ist so geheim; wenn ich es ihnen verraten würde,
90
Leutnantsbuch

müsste ich Sie erschießen.“ „Verstehe“, sagte ich lachend


und meinte zu ihm, dass er bestimmt keinen Fachvortrag
über die Hölle als Ort der ewigen und zeitlichen Strafen des
jüngsten Gericht hören wollte und fragte, ob er denn ein
schlechtes Gewissen habe. Ausweichendes „hmtja“ und
Schulterzucken. Ich sagte, dass ich wirklich weder wüsste,
was die Wehrdisziplinarordnung oder das Strafgesetzbuch
dazu sagen würden, noch was bei Gott auf die Verletzung
seiner Gebote steht. Ich wüsste nur, dass Jesus seine Freunde
immer aufgefordert hätte, sich für den Kameraden – in
seiner Sprache: den Nächsten – einzusetzen. Und dass die
Regeln für den Menschen da sind und nicht die Menschen
für die Regeln.
Ob ihn das zufrieden gestellt hat, weiß ich nicht, wir haben
jedoch noch eine ganze Weile rumgefeixt. Ich hatte hinterher
ein paar „Bekannte“ beim EOD und musste schmunzeln,
was einem beim Mittagessen so alles begegnen kann.
Knapp zwei Wochen später war ich im Stab unterwegs, um
einem der Polizisten, der in unseren Gottesdiensten Gitarre
spielt, meine Liedvorschläge vorbeizubringen. Doch die Tür
war verschlossen. Ich schaute mich um, wer mir wohl einen
Streifen Tesafilm geben könnte, damit ich meinen Zettel an
seine Tür heften könne. Drei Türen weiter entdeckte ich ein
offenes Büro. Einige Soldaten waren darin vor einem
Bildschirm versammelt und in ein Gespräch vertieft.
„Entschuldigen Sie die Störung ...“ fing ich an, da entdeckte
ich den Hauptmann vom EOD unter den Anwesenden. Und
während mir einer der belgischen Kameraden einen Tesa-
Roller in die Hand drückte, raunte mir der Hauptmann zu:
„Herr Pfarrer, ich war in der Hölle! In der IED-Hölle
(Improvised Explosive Device)!“
In Sekundenbruchteilen fügten sich in meinem Kopf
verschiedene Puzzle-Teile zusammen. Zwei Tage zuvor war
die QRF (Quick Reaction Force) bei der Absicherung des
91
Leutnantsbuch

Besuches des afghanischen Präsidenten in KUNDUZ


eingesetzt. Sie mussten mitten im „Taliban-Gebiet“ Stellung
beziehen. Beim Versuch die Straße nach IED, den selbst-
gebastelten Sprengsätzen, der Aufständischen abzusuchen,
stieß man auf eine Minensperre und als man sich ans Werk
machen wollte, um die ersten beiden Sprengfallen zu
„räumen“, kamen schon die ersten RPG (Rocket Propelled
Grenade) geflogen. Ich hatte bisher nur dürre Informationen
aus der Abendlage, doch nun wurde mir klar: „Sie waren das
auf der LOC Banana!?!“
Der Hauptmann nickte nur und erzählte mit wenigen Sätzen,
dass er noch nie so viele „Sauereien“ auf einem Haufen
gesehen hätte. 200 m Straße zugepflastert mit allem, was die
Bombenbauerwerkstatt zu bieten hat.
Auf einmal hatte „Hölle“ eine ganz andere Bedeutung: Kein
Begriff für alte Schauermärchen, mit denen die Kirche den
Menschen Jahrhunderte lang Angst machte und einen harten,
strafenden Gott predigte, nicht irgendwas im Jenseits. Nein,
ganz real und greifbar, ein Ort des Schreckens, der Qual und
des Todes. Keine 20 km entfernt. Die Vorstellung davon,
was hätte passieren können und was diese „Basteleien“
bewirken können, hatte gereicht, um diesem erfahrenen
Soldaten unter die Haut zu gehen. Das konnte ich spüren.
Ich war berührt davon, hier keinem harten Kämpfer
begegnet zu sein, der mit einem lockeren, sarkastischen
Spruch, Schulterklopfen und lautem Lachen die ganze
Geschichte bei Seite wischte, sondern einem Mann, dem
man abspüren konnte: Das hat mich nicht kalt gelassen.
Während er sich wieder seiner Besprechung zuwendete, lief
ich schnell in mein Büro und holte ihm ein kleines Zeichen:
Einen Engel auf einer Bronzeplakette – ein sogenannter
Handschmeichler. Den drückte ich dem Hauptmann in die
Hand mit den Worten: „Hier, als Erinnerung, dass wir auch
in der Hölle nicht allein sind und sie mit seiner Hilfe
92
Leutnantsbuch

durchschreiten können!“ Das „Danke“ und die leuchtenden


Augen zeigten mir: Botschaft angekommen.
Wiederum einige Wochen später, als wir bei einer Tasse
Kaffee in der Gottesburg saßen, fragte ich den Hauptmann
noch einmal, wie er denn eigentlich mit diesen ganzen
Belastungen umgeht. Ganz spontan sagte er: „Ich habe eine
Art Log-Buch. Da schreibe ich alles rein, was passiert. Auch
meine Gefühle. Und wenn ich das Gefühl habe, einer aus
meinem Trupp ist nach einem Einsatz „durch den Wind“,
dann sage ich ihm: Hier ist das Buch. Schreib!“
Diese Geschichte habe ich in mein Schatzkästchen für
wertvolle Erfahrungen gepackt. Sie zeigt mir, wie Soldaten
um ihr inneres Gleichgewicht ringen, und darum, Mensch zu
bleiben – auch mit den Erfahrungen von Tod und Gewalt.
Und sie zeigt, wie wichtig der offene Umgang mit Gefühlen
ist und dass auch ein Führer gewinnen kann, wenn er mal
schwach ist. Und ich habe aus ihr gelernt: Hölle ist nicht die
Strafe Gottes im Jenseits für all den Mist, den wir anrichten.
Hölle ist das, was Menschen sich einander antun. Zum
Beispiel in AFGHANISTAN.
Wie gut, wenn man jemanden hat, der mit einem geht.

HI

93
Leutnantsbuch

Die Feldjägerkontrolle

V or einigen Wochen trat ich meinen Dienst im


Feldjägerdienstkommando an. Bis in die Haarspitzen
motiviert und bereit für große Taten. Schnell merkte ich
jedoch, dass die großen Taten erstmal warten mussten.
Zunächst einmal hieß es, den Zug zu übernehmen und in der
neuen Umgebung klar zu kommen. Klar zu kommen hieß für
mich, in der komplexen Welt der Feldjägerei mit all ihren
Facetten zu jeder Zeit an jedem Ort „aus der Hüfte heraus“
auf jede noch so ins Detail gehende Fachfrage richtig und
umfassend Auskunft geben zu können. Der Offizier, der sich
hier „nur“ als Führer ohne eigenes handwerkliches Können
versteht, würde früher oder später untergehen. Also machte
ich mir selbst zur Auflage, mir den Respekt des unterstellten
Bereiches nicht über meine „Sterne“, sondern über meine
Kompetenz zu erarbeiten – ohne mich dabei anzubiedern.

Eines Tages führte mich meine Dienstaufsicht zu meiner


Schichtgruppe D, die eine Kraftfahrzeugkontrolle vorbereitet
hatte. Als ich an der Kontrollstelle eintraf, wurde mir
ordnungsgemäß gemeldet, anschließend wurde ich ein-
gewiesen. Kaum war die Einweisung abgeschlossen, fuhr ein
Soldat aus Richtung der angrenzenden Kaserne mit einem
Dienstkraftfahrzeug unaufgefordert in die Kontrollstelle ein.
Sofort war klar: Der Mann hat ein Problem. Wild
gestikulierend stieg er aus und fing sofort an zu schimpfen:
„Wer hat Euch erlaubt, meine Fahrzeuge zu kontrollieren?“
Der Mann war Oberstleutnant.

Blitzartig schoss mir die in der Ausbildung vermittelte


„V.I.R.-Regel“ (Verständnis, Interesse, Regelung) in den
Kopf. Der Soldat war im Rang deutlich über mir und doch
war ich ihm fachlich vorgesetzt. Die Blicke meiner Feldjäger
94
Leutnantsbuch

sprachen Bände: „Herr Leutnant, Sie sind dran!“ Nicht weil


meine Feldjäger nicht in der Lage gewesen wären, die Lage
zu bereinigen, sondern weil sie mir sonst meine Autorität
untergraben und die Gelegenheit genommen hätten, die
Situation selbst zu bereinigen. Die Lage war klar: Ich war
gefordert.
Wen hatte ich da überhaupt vor mir?
Worin war sein Verhalten begründet?
Hat er bewusst oder unbewusst ausgeblendet, dass wir in
diesem Aufgabenbereich seine Vorgesetzten waren?
Wie konnte ich die Lage klären, ohne dass dabei jemand sein
Gesicht verlor?

Der Oberstleutnant hatte mich gar nicht als ranghöchsten


Feldjäger erkannt. Für ihn waren wir alle Feldjäger und er
wandte sich an den nächsten Feldwebeldienstgrad. „Herr
Oberstleutnant!“, sagte ich, „ich habe zwar noch keine
Ahnung, was Sie so auf die Palme bringt, aber ich
verspreche Ihnen, wir werden das Problem gemeinsam
lösen.“ Ich bat ihn höflich zur Seite, um alleine mit ihm zu
sprechen. Der Oberstleutnant ging, wenn auch widerwillig,
darauf ein:
„Is´ doch Unsinn, was Ihr hier veranstaltet, meine Fahrzeuge
hier vor der Kaserne abzufischen!“
„Herr Oberstleutnant! Ich bin Leutnant G. vom Feldjäger-
dienstkommando. Darf ich fragen, wer Sie sind?“
„Ich bin der Technische Stabsoffizier des Bataillons, dessen
Fahrzeuge Sie hier die ganze Zeit `rausziehen … und wir
kommen zu nichts mehr.“

Jetzt wurde mir natürlich einiges klar. Ich zeigte ihm trotz
seiner Einwände mein Verständnis, um ihn zu besänftigen.
Als ich ihm schließlich mitteilte, dass die Kontrolle gar auf
ausdrücklichen Wunsch und in Absprache mit dem
95
Leutnantsbuch

Kasernenkommandanten stattfand, war die Gesprächsbasis


sogleich eine andere. Es war dem gestandenen Stabsoffizier
offensichtlich unangenehm, denn er hatte nun begriffen, dass
sein Verhalten unangemessen war. Hinzu kam die Tatsache,
dass er keine Kenntnis von der Anforderung des Kaser-
nenkommandanten hatte. Das Gespräch nahm eine ver-
söhnliche Wendung.

„Von welchem Kommando kommen Sie noch mal? Oh, da


müssen Sie aber weit anreisen, um die Kontrolle zu
machen.“ Wir bewegten uns langsam auf meine Kameraden
zu, die bereits voller Erwartung waren, wie sich die Lage
weiterentwickeln würde. Plötzlich zog der Technische
Offizier seine Zigarettenschachtel aus der Brusttasche und
bot allen eine „Kippe“ an. Deutlicher konnte ein unaus-
gesprochenes Friedensangebot nicht sein. Nach einer
gemeinsamen Zigarette verabschiedete sich der Oberst-
leutnant mit einem freundlichen „Nix für ungut!“ und fuhr in
die Kaserne zurück; und zwar ohne sein Gesicht zu
verlieren. Als er außer Sichtweite war, erntete ich von
„meinen“ Feldjägern anerkennende Blicke. Gesprochen
wurde über den Vorfall nicht mehr.

HI
Zeige Zivilcourage gegenüber Vorgesetzten und finde dabei
den richtigen Ton!
Auch Vorgesetzte können Fehler begehen oder in einer
Sache irren. Kameradschaft und Verantwortungsbewusstsein
erfordern dann, Sie auf Ihr Fehlverhalten oder auf Ihren
Irrtum in der gebotenen Form hinzuweisen. Gute
Vorgesetzte werden dafür dankbar sein.

96
Leutnantsbuch

Nur noch 100 Meter!

S ommer 2005. Altenstadt im Schongau. 35 Grad im


Schatten. Völlig erschöpft schleppe ich mich im
Laufschritt mit den anderen Fahnenjunkern meiner
Ausbildungsgruppe Richtung Unterkunft. „Gleich habe ich
es geschafft!“, denke ich mir, schließlich kann ich das
Fenster meiner Stube bereits sehen.

Ich befinde mich auf dem Einzelkämpferlehrgang Teil 1,


habe die 48-Stunden-Durchschlageübung fast hinter mir und
gefühlte 100 km Gewaltmarsch in den Beinen. Ich bin an
den Grenzen meiner körperlichen Leistungsfähigkeit
angelangt und will eigentlich nur noch Ruhe haben. „Nur
noch 100 Meter!“, brüllt uns der Ausbilder schon seit
15 Minuten hinterher und treibt uns so immer wieder an.
Auch wenn diese Entfernungsangabe der tatsächlichen
Distanz nicht einmal annähernd entsprach, half es doch ein
wenig durchzuhalten.
Als ich den Eingang der Ausbildungsinspektion dann
endlich im Blick habe und ich mich schon auf eine heiße
Dusche freue, reißt mich plötzlich der Befehl „Rechts
schwenken“ aus meinen Tagträumen. Das kann doch nicht
sein Ernst sein, fluche ich in mich hinein. Jedem war klar,
was dieses „Rechts schwenken!“ bedeutete: Es ging noch
einmal auf die Hindernisbahn!
Ein Blick in die Augen meiner Kameraden verriet mir, dass
sie genau wie ich am Ende ihrer Kräfte waren und nur noch
aus Trotz durchhielten. Keiner von uns wollte sich die Blöße
geben, so kurz vor dem Ziel noch aufzugeben und dem
Ausbilder die Genugtuung zu verschaffen, uns „gebrochen“
zu haben. Viermal wurden wir noch im Gruppenrahmen mit
vollem Gepäck über die Hindernisbahn geschickt, bevor der
Ausbilder zufrieden mit unserer Zeit war.
97
Leutnantsbuch

Nach einer kurzen Pause verlegten wir erneut im Laufschritt


Richtung Unterkunftsbereich, diesmal jedoch ohne weitere
Einlagen. Nachdem wir noch wie in Trance die Waffen
gereinigt und die Ausrüstung nachbereitet hatten, bekamen
wir endlich den langersehnten Dienstschluss und konnten
unsere „Wunden lecken“. Ich habe nur noch kurz geduscht
und bin dann erschöpft, aber glücklich ins Bett gefallen. Ich
hatte den Lehrgang erfolgreich bestanden und am nächsten
Tag würde mir das begehrte Abzeichen verliehen werden!
Eine Auszeichnung, von der ich einige Monate zuvor noch
nicht einmal zu träumen gewagt hatte.

Nachdem wir fast ein Jahr lang intensiv auf diesen Lehrgang
vorbereitet worden waren, unzählige Orientierungsmärsche
absolviert hatten und immer wieder mit Gepäck gelaufen
waren, war mit dem morgigen Tag das Ziel erreicht. Nach
all den Horrorgeschichten, die ich von den älteren
Kameraden über diesen Lehrgang bereits gehört hatte, habe
ich selbst kaum daran geglaubt, es schaffen zu können. Und
nun war es vollbracht und so langsam realisierte ich an
diesem Abend, was ich da geleistet hatte.

Der nächste Tag war ein Kontrastprogramm zu den


entbehrungsreichen Wochen zuvor mit einem gemütlichen
Weißwurstfrühstück. Unsere Ausbilder waren natürlich auch
dabei. Zuerst waren wir skeptisch, ob dies eine gute Idee
war, schließlich hielten sich unsere Sympathien für sie in
Grenzen, angesichts der Torturen, die wir dank ihnen in den
letzten Wochen durchlitten hatten. Doch fernab von
Ausbildung und Drill waren auf einmal alle durchaus nette
Kameraden.

HI
98
Leutnantsbuch

Erst im Nachhinein wurde uns klar, warum uns die


Ausbilder so hart rangenommen hatten. Ohne diese harte
und fordernde Ausbildung wäre es nicht möglich gewesen,
das eigentliche Lehrgangsziel, jeden an seine persönlichen
Grenzen zu führen, zu erreichen.
Ich musste mir eingestehen, dass ich meine Ausbilder
zunächst falsch eingeschätzt und als „stumpfe Schleifer“
abgestempelt hatte. Während der vier Ausbildungswochen
selbst empfand ich diesen Lehrgang als notwendiges Übel
der Offizierausbildung und sah keinen Sinn darin, mich den
teilweise an Schikane grenzenden Forderungen der
Ausbilder auszusetzen. Heute denke ich jedoch gerne an
diese Erfahrungen im Grenzbereich zurück und bin immer
noch stolz darauf, nicht aufgegeben und den Lehrgang mit
Erfolg abgeschlossen zu haben.
Ich bin der festen Überzeugung, dass mich diese vier
Wochen nachhaltig geprägt und charakterlich gefestigt
haben. Das auf diesem Lehrgang gelernte
Durchhaltevermögen wird mir sicherlich auch in Zukunft
noch behilflich sein, schwierige und stressige Situationen –
insbesondere im Einsatz – erfolgreich zu bewältigen.

99
Leutnantsbuch

Offizieranwärter Frank

Der Abend

D ie Ordonanz betritt den Raum und plötzlich ist es ganz


ruhig. In den letzten Stunden haben wir angeregt den
Erzählungen zugehört, über sie diskutiert oder einfach auch
nur geschmunzelt. Jetzt sagt die Ordonanz: „Meine Herren,
darf ich Ihnen noch etwas zu trinken bringen? Nor-
malerweise schließen wir in 30 Minuten – aber wenn Sie
noch länger bleiben möchten – kein Problem.“

Hauptmann Seidel blickt in die Runde. Wir schauen uns alle


etwas ratlos an. „Also, wenn Sie mich fragen“, sagt
Oberstleutnant Stokiwsky, „wird es Zeit, zu Bett zu gehen.“
Wieder verstohlene Blicke zwischen uns und fragende
Blicke zwischen uns und Hauptmann Seidel, der dann sagt:
„Ich glaube, wir haben alle ein paar Stunden Schlaf verdient!
Ich nehme an, Sie sind einverstanden, wenn wir für heute
Schluss machen. Wir können uns ja jederzeit noch einmal
zusammensetzen.“

Wir sind einverstanden.

„Aber eines möchte ich noch anfügen“, sagt Hauptmann


Seidel. „Morgen Vormittag vor der Formalausbildung sind
noch zwei Stunden Verfügungszeit für mich als Fähn-
richoffizier angesetzt. Ich biete Ihnen an, das vorhin auf
den Bierdeckeln Erläuterte noch ein wenig zu vertiefen. Ein
paar Details hätte ich da noch – ohne Sie langweilen zu
wollen.“

Ich antworte sofort: „Ja, ich würde da schon gerne noch ein
paar Zusatzinformationen bekommen. Und keine Angst Herr
100
Leutnantsbuch

Hauptmann, Sie langweilen uns bestimmt nicht! Oder seht


Ihr das anders?“

Nachdem kein Widerspruch von den anderen kommt, sagt


Hauptmann Seidel: „Gut, dann sehen wir uns morgen früh
im Kompaniebesprechungsraum zu einer kurzen Runde.“

Wir stehen auf, verabschieden uns, zahlen unsere Rechnung


und gehen gemeinsam zu unseren Unterkünften. Wir sind
nachdenklich geworden.

101
Leutnantsbuch

Offizieranwärter Frank

Selbstbestimmtheit

„G uten Morgen, Kameraden!“, sagte Hauptmann Seidel.


„Guten Morgen, Herr Hauptmann!“, antworteten wir.
Wir sitzen im Kompaniegebäude der 3. Kompanie im
Kompaniebesprechungsraum. Eine völlig andere Atmo-
sphäre als gestern Abend im Offizierheim. Es war ein
schöner und interessanter Abend. Ich hatte mich gestern
noch kurz mit Annette, Peter, Markus, Jonas, Marcel und
Cindy unterhalten. Wir waren einer Meinung. Die
verschiedenen Ausführungen und Erzählungen haben uns
gefesselt. Manches war zwar „schwere Kost“, aber es hat
sich gelohnt, mit den „Alten“ über das Berufsbild des
Offiziers zu sprechen.
Heute will Hauptmann Seidel uns noch ein paar Hinter-
grundinformationen zu den Begriffen Selbstbestimmtheit
und Erfolgsfaktoren mitgeben. Wir sind gespannt.

„Ich hatte Ihnen gestern ja schon „angedroht“, dass ich


Ihnen heute noch einige meiner Überlegungen zu unserem
Berufsbild mit auf den Weg geben möchte. Die Begriffe
Selbstbestimmtheit und Erfolgsfaktoren kennen Sie ja schon.
Ich reiche unseren Bierdeckel noch einmal herum – Sie
erinnern sich. Beide Bereiche sind von zentraler Bedeutung
für die Führungskunst.“

Der Bierdeckel macht seine Runde. Wir erinnern uns. Cindy


flüstert: „Wir sollten uns das Modell abmalen. Können wir
sicher noch einmal gut gebrauchen.“

102
Leutnantsbuch

„In zwei Stunden haben Sie Formalausbildung. Ich denke,


Sie werden noch ein bisschen Zeit brauchen, um sich auf
Ihre Funktion als Hilfsausbilder vorzubereiten. Deshalb
fange ich gleich mit dem Begriff Selbstbestimmtheit an.

Ich habe sechs Aufforderungen zusammengestellt, die den


Begriff der Selbstbestimmtheit beschreiben. Sie ist einer der
beiden Schlüssel zur Führungskunst. Gleichzeitig eröffnen
die Anforderungen auch eine Möglichkeit zur Selbst-
reflexion und eigenen Positionsbestimmung. Für mich
persönlich ist es sehr wichtig, über mich selbst nach-
zudenken, an mir zu arbeiten, um mich weiterzuentwickeln.
Hier heißt meine Devise: Wer sich nicht verändert, wird
stehen bleiben, steht in der Gefahr zu scheitern und wird
letztendlich auch keine Zufriedenheit im Leben finden. Aber
genau darum geht es im Leben. Doch dazu später mehr.

1. Gehöre Dir selbst!


In der ersten Aufforderung geht es darum, sich bewusst zu
werden, dass Sie selbst die Verantwortung für Ihr Leben
tragen. Das bedeutet, nur derjenige, der sich selbst gehört
und über sein Leben entscheidet, ist fähig andere zu führen.
Für mich bringe ich das so auf den Punkt: Ich versuche, eine
eigenständige, eigenverantwortliche und selbstbestimmte
Persönlichkeit zu sein und nehme auf Inhalt, Form und
Richtung meines Lebens Einfluss.

Es wird aber auch deutlich, dass die Gestaltung des eigenen


Lebens ein aktiver Prozess ist. Das ist nicht jedem Menschen
bewusst und die meisten planen ihren Jahresurlaub besser als
ihr eigenes Leben. Ich jedenfalls freue mich, wenn ich
wieder eine Entscheidung für mein Leben bewusst gefällt
oder ein Ziel erreicht habe. Dann spüre ich, dass ich wirklich
lebe, mein Leben nutze und mir selbst gehöre.
103
Leutnantsbuch

2. Nimm Dich wahr!


Nimm Dich so wahr, wie du wirklich bist. Wer dieser
Aufforderung folgen will, braucht Mut, Ehrlichkeit,
selbstkritische Distanz und den Willen zur Objektivität sich
selbst gegenüber. Einzugestehen, dass man eine bestimmte
Fähigkeit nicht hat oder in nicht ausreichendem Maße, fällt
uns oft sehr schwer. Aber ich bin mir sicher, dass man an
dieser Aufgabe wächst und ein Profil gewinnt. Gute
Menschenführer sind authentisch, haben ein ausgeprägtes
Profil, geben auch Schwächen und Fehler zu. Schwächen
darf man haben, sie sollten nur das eigene Leben nicht
bestimmen. Erfolgreiche Menschenführer haben aber auch
klare Vorstellungen von den Dingen, die ihnen wichtig sind,
setzen somit Schwerpunkte und besitzen ein Gespür für das,
was richtig oder falsch ist.

3. Zeige Persönlichkeit!
Ihre besondere Aufgabe als Vorgesetzter besteht darin,
Führer, Erzieher und Ausbilder Ihrer Soldaten zu sein. Die
Motivation des Soldaten, sich für eine Sache einzusetzen
und zu begeistern, ja zu kämpfen und unter allen denkbaren
Bedingungen des Einsatzes optimale Leistungen zu
erbringen, hängt entscheidend davon ab, wie er behandelt
wird, wie er sich selbst in der Gruppe erlebt, wie seine
persönlichen Bindungen sind. Wichtig ist für ihn, in
welchem Maße er den Vorgesetzten als Mensch und Vorbild
erlebt und wie seine emotionalen und sozialen Bedürfnisse
befriedigt werden. Wie er geachtet und respektiert wird. Die
meisten Soldaten kämpfen im Krieg nicht in erster Linie für
hehre Ideale, sondern für die kleine Kampfgemeinschaft und
ihren nächsten Vorgesetzten!

104
Leutnantsbuch

Es ist ganz offensichtlich, dass nicht jeder zum Vorgesetzten


und militärischen Führer geeignet ist. Wodurch zeichnet sich
ein vorbildlicher Vorgesetzter aus?

Der Schlüssel zum Erfolg als Vorgesetzter und Führer liegt


in Ihrer gereiften und gefestigten Persönlichkeit, in Ihrer
menschlichen Stabilität und Unbescholtenheit. Beispielhafte
Führerpersönlichkeiten schaffen ein Verhältnis gegen-
seitigen Vertrauens zu ihren Soldaten, indem sie das
Gespräch mit ihnen pflegen, ihre Ideen und Auffassungen
anerkennen und sie – wo möglich – in den militärischen
Alltag mit einbeziehen. Sie berücksichtigen die Bedürfnisse
und Gefühle ihrer Soldaten und fördern ihre Fähigkeit zur
Selbstständigkeit, Mitwirkung und Mitverantwortung.

Die besondere Ausstrahlung, das so genannte Charisma des


militärischen Führers, das unmittelbar mit dem Kern seiner
Persönlichkeit verknüpft ist, beruht stets auf überzeugendem
fachlichen Können, Selbstbewusstsein, Charakterstärke,
Intuition, Einstellungsfähigkeit auf schnell wechselnde
Situationen, persönlicher Unabhängigkeit sowie auf Ein-
fühlungsvermögen und einem ausgeprägten Normen- und
Wertebewusstsein. Mit solchen Vorgesetzten identifizieren
sich Untergebene bereitwillig, ihnen vertrauen sie, ihnen
leisten sie Gefolgschaft. Für solche Vorgesetzte sind sie
letztlich auch bereit zu kämpfen und ihr Leben einzusetzen.

Übrigens ist mein Kommandeur nach meiner Meinung ein


solcher Führer. Mit ihm würde ich jederzeit an jedem Ort in
den Einsatz gehen.

Weil von meiner Persönlichkeit viel abhängt, muss ich


wissen, wer ich bin, welche Stärken und Schwächen ich
habe und wie ich damit umgehe. Nichts gefährdet die
105
Leutnantsbuch

Führung von Soldaten mehr als persönliche Unsicherheit,


Entscheidungsschwäche oder Forderungen, die ich an andere
stelle und selbst nicht erfüllen will oder kann.

Lassen Sie mich die vier Persönlichkeitstypen kurz be-


schreiben, die mir bisher begegnet sind:

- Entscheider haben ihre Ziele klar vor Augen und wissen


genau, wie sie diese erreichen. Unentschlossen zu
wirken, halten sie für eine Schwäche, gleiches gilt bei
Zögern oder Zaudern. Sie entscheiden lieber falsch, als
zu lange zu warten. Sie gehen mit anderen Menschen
nicht gerade zimperlich um und nehmen auf Emp-
findlichkeiten wenig Rücksicht. Macher lieben Heraus-
forderungen und setzen sich und anderen strenge Maß-
stäbe. Niemand sollte ihren Führungsanspruch in Frage
stellen.

- Stimmungsmacher sind eloquent und lieben es, unter


vielen Menschen zu sein. Ein großer Bekanntenkreis ist
ihnen wichtig, und sie kommen mit Fremden schnell ins
Gespräch. Oftmals sind sie auch kreativ, lassen sich
gerne von neuen Dingen anregen und haben selbst viele
Ideen, setzen aber die wenigsten um.

- Beständige sind Menschen, auf die man sich absolut


verlassen kann. Sie sind vorsichtig, mit wem sie
Freundschaft schließen. Nur wenn andere auch an echter
Freundschaft interessiert sind, kommen sie zusammen.
Daher haben sie einen kleinen Bekanntenkreis mit engen
Freunden. Das Familienleben lieben sie. Sie sind die
geborenen Teamplayer und können sich hervorragend
auf andere einstellen, nehmen Rücksicht und sind bereit

106
Leutnantsbuch

ihre eigenen Interessen unterzuordnen. Für alles, was sie


tun, brauchen sie Zeit und Ruhe.

- Analytiker nehmen sich viel Zeit. Sie durchdenken ein


Problem bis ins letzte Detail und suchen die perfekte
Lösung. An Kontakten mit anderen sind sie nicht
sonderlich interessiert. Sie wirken sehr distanziert.
Freundschaften halten aber bei ihnen ein Leben lang. Sie
brauchen für alles einen Plan, eine Struktur und
genügend Zeit. Spontaneität ist nicht ihre Sache.

Grundsätzlich glaube ich, dass kein Persönlichkeitstyp in


„Reinkultur“ vorkommt, sondern immer auch Eigenschaften
anderer Typen in sich vereinigt. Wichtig ist es, diese
unterschiedlichen Faktoren der Persönlichkeit in sich selbst
und in den verschiedenen Lebenslagen zu erkennen sowie zu
lernen, damit umzugehen. Nur dann kann man sein Potenzial
angemessen entwickeln und wirkungsvoll nutzen.
Jeder Mensch wird durch einen Persönlichkeitstyp besonders
geprägt. Aber erst das Vorhandensein anderer Eigenschaften
und deren bewusste und situationsgerechte Nutzung führen
zu einer ausgeglichenen Persönlichkeit, der man gerne folgt.

Ich habe lange über Werte nachgedacht. Gar nicht so


einfach. Aber ein paar grundlegende Ideen habe ich schon
entwickelt.
Genauso wichtig wie das Erkennen der eigenen Persön-
lichkeit ist ein gemeinsames oder ähnliches Grundverständ-
nis vom Zusammenleben und menschlichem Miteinander. In
diesem Zusammenhang kommt den Werten, die man
verinnerlicht hat und für die man „einsteht“, eine besondere
Bedeutung zu. Hier liegt die Grundlage für ein – ich nenne
es – werteorientiertes Führen.

107
Leutnantsbuch

Was sind denn jetzt eigentlich Werte? Werte sind für mich
Vorstellungen und Überzeugungen, die ein menschliches
und zivilisiertes Zusammenleben beschreiben und allgemein
oder zumindest von vielen in einer Gesellschaft als wertvoll
und wünschenswert anerkannt sind. Ziel ist, dass ein
menschliches Leben in Gemeinschaft glücken und gelingen
kann. Werte sind somit Zielvorgaben, die es wert sind,
verfolgt zu werden und für sie auch Risiken in Kauf
zunehmen. Neben allgemein gültigen Werten gibt es noch
individuelle Werte, die je nach Persönlichkeitstyp und
Lebensalter unterschiedlich sind oder unterschiedliche
Bedeutung oder Gewichtung haben.

Es ist für mich als Offizier sehr wichtig, mich mit Werten
auseinander zu setzen. Sie liefern mir Motivation und
Fundament für meine Tätigkeit als Führer, Ausbilder und
Erzieher meiner Soldaten und können mir helfen, schwierige
Lagen im Einsatz besser zu bewältigen und in Extrem-
situationen oder Grenzfällen zu bestehen.

Werte spielen im Selbstverständnis und Handeln des


Soldaten eine herausgehobene Rolle. Auf der Grundlage von
Werten, wie sie in der christlich abendländischen und
humanistischen Kultur entwickelt wurden, rechtfertigt sich
mein Einsatz als Soldat. Wir sind ihnen verpflichtet, wir
treten für sie ein und richten unser Handeln nach ihnen aus.

Das haben Sie sicher in dieser oder in einer ähnlichen Form


schon einmal gehört. Ich will Sie auch nicht langweilen,
denke aber, dass man sich immer wieder einmal bewusst
machen muss, aus welchem Kulturkreis man kommt und wie
sich dieser entwickelt hat. War von Ihnen schon einmal
jemand im Museum der Deutschen Geschichte in Berlin?“,
fragt Hauptmann Seidel.
108
Leutnantsbuch

Aus unserem geistigen Höhenflug herausgerissen, schauen


wir uns an. Offensichtlich war ich der einzige, der schon
einmal dort war.

„Ja, ich, Herr Hauptmann“, sage ich und ergänze: „Ein sehr
interessantes Museum über die Deutsche Geschichte, aber
man braucht viel Zeit. Wenn man erst ’mal „durch“ ist,
bekommt man schon eine ganz gute Vorstellung von unserer
Kultur – und wie wir hier in Europa in eine Jahrtausende alte
Zivilisation eingebettet sind.“

Hauptmann Seidel pflichtet mir bei: „Sie sagen es! Ich kann
nur empfehlen, dieses Museum zu besuchen, wenn Sie ’mal
in Berlin sind. Aber noch einmal zurück zu den Werten.
Ich habe für mich ganz persönlich einmal meine Werte
zusammengefasst. Also wertvolle Dinge in meinem Leben,
die erstrebenswerte Vorstellungen von einem friedlichen
Zusammenleben und einem eigenen zufriedenen und
erfüllten Leben beschreiben. Sie sind einerseits allgemein-
gültige, andererseits individuelle Werte. Die allgemein-
gültigen Werte Recht, Freiheit und Sicherheit bilden damit
eine gesellschaftliche Norm. Die individuellen Werte
werden von vielen Offizieren mitgetragen.

Recht beinhaltet die Bindung der Gesetzgebung an die


verfassungsmäßige Ordnung, die Bindung der vollziehenden
Gewalt und der Rechtsprechung an Recht und Gesetz,
Gewaltenteilung, Garantie der Grundrechte, den Rechts-
schutz und die Unabhängigkeit der Gerichte.

Freiheit umfasst die Grundrechte in einer Demokratie wie


freie Entfaltung der Persönlichkeit, Glaubens- und
Bekenntnisfreiheit, Recht auf freie Meinungsäußerung,
Versammlungsfreiheit, Vereinigungsfreiheit, Solidarität,
109
Leutnantsbuch

Freizügigkeit, Freiheit der Berufswahl, um nur einige zu


nennen.

Sicherheit steht für Frieden und Schutz der physischen und


psychischen Unversehrtheit des Menschen. Also auch für die
unantastbare Würde eines jeden Menschen sowie die Summe
der Grund- und Menschenrechte, auf die man selbst nicht
verzichten kann. Dies bedeutet, nicht gewalttätig gegenüber
sich selbst und anderen zu sein, keinem anderen Schaden
zuzufügen, niemanden zur Gewalt zu verleiten und keine
Gewalt zu verherrlichen.

Balance im Leben zu halten, bedeutet, ein ausgewogenes


Leben zwischen den beruflichen und privaten Tätigkeiten zu
führen und auf die Bedürfnisse der Familie, das eigene
Wohlbefinden und sein Selbst zu achten. Eine Balance
besteht auch in einem regelmäßigen Wechsel zwischen
Aktivität und Ruhe sowie zwischen Alleinsein und
Gesellschaft.

Familie und soziale Kontakte innerhalb einer Gemeinschaft


sind Keimzelle und Kernpunkte menschlichen und
staatlichen Zusammenlebens.

Nächstenliebe, soziales und kulturelles Engagement und


ehrenamtliche Tätigkeiten halten eine Gesellschaft zu-
sammen, machen sie lebenswert, stiften Sinn und festigen
ein gemeinsames Wertgefüge.

Wohlbefinden ist als Grundlage zur Bewältigung psy-


chischer und physischer Belastungen erforderlich und macht
das Leben lebenswert.

110
Leutnantsbuch

Persönlichen Raum zu haben, bietet die Möglichkeit, frei zu


atmen und sich wohl fühlen zu können. Genügend Zeit für
sich selber zu finden ist lebensnotwendig. Stille, in die man
sich zurückziehen kann, um die notwendige Distanz und
Gelassenheit zu erhalten oder zurückgewinnen zu können.

Naturverständnis und Umweltbewusstsein meint, die


Schöpfung mit allen Sinnen zu erfahren und als Geschenk zu
begreifen, das auch den künftigen Generationen als
Lebensgrundlage erhalten bleiben muss.

Geistiges Wachstum hilft schließlich, Sinnzusammenhänge


zu erkennen, zu verdichten und auch anderen vermitteln zu
können.

Wenn wir über Werte sprechen, dann müssen wir auch über
Tugenden sprechen.

Tugenden helfen, die den Werten zugrunde liegenden


Zielvorstellungen, zu verwirklichen. Sie sind so etwas wie
eine ethische Wegbeschreibung und dienen gleichsam als
„Handwerkszeug“, um der eigenen Verantwortung in den
unterschiedlichen Anforderungen und Lebenssituationen
gerecht werden zu können. Sie sind also charakterliche
Fähigkeiten und innere Einstellungen, um sich gemäß den
Werten richtig und gut zu verhalten. Tugenden geben damit
dem menschlichen Miteinander eine Ordnung. Sie
berücksichtigen dabei die universell geltende „Goldene
Regel“: „Keinem anderen antun, was man selbst nicht
erleiden möchte“. Dabei müssen Tugenden im Laufe des
Lebens eingeübt und weiterentwickelt werden. Dies kann
nur im Kontext von Erfahrungen und Erlebnissen geschehen.

111
Leutnantsbuch

Es gibt eine Vielzahl von Tugenden und deren Kate-


gorisierungen. Ich orientiere mich an den vier klassischen
Kardinaltugenden, die für Menschen, denen Macht und
Verantwortung anvertraut wurden, besonders wichtig sind,
und an den soldatischen Tugenden der Bundeswehr. Zur
weiteren Orientierung habe ich noch andere Tugenden
ergänzt, die jeder nach seinem eigenen Bedürfnis
verinnerlichen kann.

Lassen Sie mich ein paar Worte zu den sogenannten


klassischen Kardinaltugenden sagen, die uns bereits aus der
Antike überliefert sind. Sie haben davon sicher schon einmal
gehört. Diese vier Tugenden haben ihren Namen von dem
lateinischen Wort ‘cardo’ erhalten. ‘Cardo’ bedeutet ‘Tür-
angel’. Kardinaltugenden sind also gleichsam die Dreh- und
Angelpunkte in einem Wertesystem. Gerechtigkeit, Klug-
heit, Tapferkeit und Mäßigung sind die Kardinaltugenden,
an die sich weitere Tugenden anschließen.

Die Gerechtigkeit steht an erster Stelle und bildet wiederum


die Grundlage für die übrigen Kardinaltugenden. Sie meint
einen nach moralischen Maßstäben angemessenen Ausgleich
von Interessen und ist die anerkannte Norm menschlichen
Zusammenlebens unter Verzicht auf Privilegien. Durch
Fairness und verlässliche Partnerschaft gilt es, dem anderen,
aber auch sich selbst, gerecht zu werden. Nach der
realistischen Sicht der Dinge – damit ist eben die Klugheit
gemeint – gilt es, die Situation gerecht zu interpretieren.
- Der Gerechte fordert das Gleichgewicht zwischen
Rechten und Pflichten.
- Der Gerechte benachteiligt niemanden.
- Der Gerechte richtet auf und ordnet.
- Der Gerechte will es zum Guten richten.

112
Leutnantsbuch

- Der Gerechte wurzelt in der Menschenwürde und


den Menschenrechten.
- Der Gerechte fordert Chancengleichheit.
- Der Gerechte handelt fair und ist berechenbar.
- Der Gerechte scheut keine Rechenschaft.
- Der Gerechte fordert den Ausgleich zwischen
Individualismus und Kollektivismus.
- Der Gerechte ist barmherzig.

Die Klugheit ist die Fähigkeit zu angemessenem Handeln


in einem konkreten Einzelfall, unter Berücksichtigung aller
für die Situation relevanten Faktoren, individuellen Hand-
lungsziele und sittlichen Einstellungen. Es gilt der Grund-
satz: Zuerst denken, dann handeln. Durch Selbstreflexion
werden das Urteilsvermögen und die Entscheidungs-
kompetenz gestärkt, um so vernünftig und nicht zufällig zu
handeln. Im Zusammenhang mit Klugheit wird seit Platon
die Weisheit synonym genannt. Weisheit befähigt als
„Frucht“ der Klugheit zum rechten Urteil und befähigt
weiter, die Konsequenzen des Handelns zu erkennen und zu
übernehmen.
- Der Kluge entwickelt einen Sinn für die Realität.
- Der Kluge ist scharfsinnig und stellt Fragen.
- Der Kluge reflektiert und durchschaut
Zusammenhänge.
- Der Kluge bleibt bodenständig.
- Der Kluge lernt aus Fehlern.
- Der Kluge ist vorausschauend.
- Der Klügere gibt nach, wenn es nicht wirklich um
substantielle Dinge geht.

113
Leutnantsbuch

Die Tapferkeit ist die menschliche Fähigkeit, einer


schwierigen Situation mit der Überzeugung entgegen zu
treten, etwas Gutes und Richtiges zu tun, ohne eine Garantie
auf die eigene Unversehrtheit zu erhalten. Tapferkeit wird
daher verstanden als Mut zum sittlich begründeten
Standpunkt und zum höchsten persönlichen Einsatz unter
Inkaufnahme von Risiken bis zur Hingabe des eigenen
Lebens. Tapferkeit stellt nach Aristoteles die ausgewogene
Mitte zwischen Tollkühnheit und Feigheit dar. Sie ist damit
die konkrete und energische Umsetzung von Klugheit und
Gerechtigkeit in die Tat.
- Der Tapfere verteidigt das sittliche Gute.
- Der Tapfere ist bereit, dafür Verwundung und sogar
den eigenen Tod hinzunehmen.
- Der Tapfere hält mehr stand, als dass er angreift.
- Der Tapfere ist verlässlich und gibt seine Hoffnung
nicht auf.

Die Mäßigung, oft auch Besonnenheit genannt, als ein


bewusstes Maßhalten zwischen einem ungesunden Übermaß
und vollständigem Verzicht, wirkt jedem Extrem entgegen
und lässt Spannungen gar nicht erst entstehen. Das Maß
zwischen Müßiggang und Arbeitssucht ist Disziplin und
Fleiß, das Maß zwischen Geiz und Verschwendung ist
Großzügigkeit und zwischen blinder Gefolgschaft und
Willkür ist es Loyalität.
- Der Maßvolle sucht das richtige und „angemessene“
Mischungsverhältnis zwischen Zuviel und Zuwenig.
- Der Maßvolle bestimmt stets das rechte Maß neu.
- Der Maßvolle meidet jegliches Extrem.
- Der Maßvolle kennt seine Grenzen.

114
Leutnantsbuch

Weil der Philosoph Platon für diese hier dargestellten


Zusammenhänge einmal das sehr treffende Bild von einem
Wagenlenker und einem Pferdegespann verwendet hat,
spricht man bei den Kardinaltugenden manchmal auch von
dem 'Viergespann'.

Das Christentum kennt aber auch die sogenannten drei


christlichen Kardinaltugenden, die im 13. Kapitel des Ersten
Korintherbriefes dargestellt werden, nämlich Glaube,
Hoffnung und Liebe. Und an erster Stelle steht dabei die
Liebe. Diese Tugenden werden oft als Kreuz, Anker und
Herz dargestellt. Vielleicht lesen sie diesen schönen Text im
Neuen Testament einmal nach – ich versichere Ihnen, es
lohnt sich.

Soviel zunächst einmal zu den sogenannten Kardinal-


tugenden.“

„Herr Hauptmann“, schaltet sich Annette aufgeregt ein,


„jetzt weiß ich endlich auch, was Kreuz, Anker und Herz in
diesem Zusammenhang bedeuten. Meine Oma hat mir
nämlich ein goldenes Halskettchen vererbt, an denen diese
drei Symbole als Anhänger aufgereiht sind. Meine Oma hat
sich also sicher etwas dabei gedacht und ich habe das bis
eben gar nicht gewusst! Aber ich hätte da gleich noch eine
Frage. Sind diese Tugenden nicht, na ja, ein bisschen wenig?
Mir fallen auch noch ganz andere Tugenden ein, die mir hier
einfach fehlen. Ganz besonders natürlich typische Tugenden
unseres Berufes. Ich meine aber auch, dass es noch viel
mehr Tugenden gibt, die wohl auch in unterschiedlichen
Berufen unterschiedlich „bewertet“ werden.“

115
Leutnantsbuch

„Ja, was ist zum Beispiel mit Respekt oder Pünktlichkeit?“,


fragt Peter.
„Recht haben Sie! Ich war ja auch noch nicht ganz fertig!
Soldatische Tugenden sind für mich Kameradschaft, Treue
und wiederum Tapferkeit.

Kameradschaft ist die Pflicht jedes Soldaten, seinem


Kameraden unter allen Umständen – auch unter
Lebensgefahr – beizustehen. Das Besondere an der
soldatischen Kameradschaft ist, dass sie nicht an persönliche
Verbundenheit im Sinne von Freundschaft oder bloßer
Kumpanei gebunden ist, sondern von jedem Soldaten als
Dienstpflicht gefordert wird. Die Kameradschaft verpflichtet
alle Soldaten, die Würde, die Ehre und die Rechte des
Kameraden zu achten und ihm in Not und Gefahr
beizustehen. Die Pflicht zur Kameradschaft schließt
gegenseitige Anerkennung, Rücksicht, Fürsorge und
Achtung fremder Anschauungen ein.

Treue gegenüber der Bundesrepublik Deutschland und


damit Treue gegenüber unserer Werteordnung sowie dem
Primat der Politik meint die Anerkennung und gewissenhafte
Umsetzung von verbindlichen Weisungen der demokratisch
legitimierten Bundesregierung. Neben der Umsetzung gehört
zur Treue auch, alles, was die Auftragserfüllung beein-
trächtigen würde, zu unterlassen. Treue zeigt sich in
bestimmten Verhaltensweisen wie Einsatzbereitschaft, Zu-
verlässigkeit, Gehorsam und der gewissenhaften Erfüllung
der soldatischen Pflichten. Die besondere Treuepflicht für
Soldaten beinhaltet auch die Hinnahme von erhöhten
Gefahren. Treue basiert auf Vertrauen und Loyalität.

116
Leutnantsbuch

Tapferkeit habe ich ja bereits als Kardinaltugend


dargestellt. Weil diese Tugend aber die klassische
Soldatentugend darstellt, will ich sie noch etwas genauer
ausführen. Sie gilt als fester Bestandteil der soldatischen
Treuepflicht. Hier wird dem Soldaten verdeutlicht, dass er in
Überwindung persönlicher Angst handeln soll und im
äußersten Fall auch sein Leben für die durch ihn zu
verteidigenden Güter einsetzen muss. Tapferkeit ist damit
ein Ziel der Erziehung und Selbsterziehung des Soldaten,
dessen Wille zur treuen Pflichterfüllung stärker als die
Furcht ist. Die Verteidigung von Recht und Freiheit macht
somit den Einsatz des ganzen Menschen notwendig.
Die soldatischen Tugenden ergeben damit eine Norm für den
Soldatenberuf mit Gesetzescharakter.
Und es gibt selbstverständlich – wie Sie schon festgestellt
haben – eine Menge weiterer Tugenden. Ich habe mir einmal
ein paar aufgeschrieben, was mir dabei noch so in den Sinn
gekommen ist. Und weil mir dazu eine Systematik schwer
fällt, habe ich sie einfach alphabetisch geordnet.“

Hauptmann Seidel kramt in seiner Tasche, zieht einen Zettel


heraus und liest vor:

„Achtsamkeit, Anständigkeit, Aufgeschlossenheit,


Aufmerksamkeit, Aufrichtigkeit, Ausdauer,
Ausgeglichenheit, Barmherzigkeit, Beharrlichkeit,
Bescheidenheit, Besonnenheit, Beständigkeit, Dankbarkeit,
Demut, Disziplin, Durchsetzungswille, Echtheit, Ehrlichkeit,
Entschlossenheit, Fairness, Flexibilität, Geradlinigkeit,
Gelassenheit, Großmut, Güte, Hingabe, Höflichkeit,
Kritikfähigkeit, Lernfähigkeit, Menschlichkeit, Mitgefühl,
Mitleid, Mut, Objektivität, Offenheit, Opferbereitschaft,
Ordnungssinn, Pflichtbewusstsein, Pünktlichkeit,
Rechtschaffenheit, Respekt, Sachlichkeit, Sauberkeit,
117
Leutnantsbuch

Selbstbeherrschung, Selbstlosigkeit, Sparsamkeit,


Solidarität, Taktgefühl, Tatkraft, Toleranz,
Unbestechlichkeit, Unparteilichkeit,
Verantwortungsbewusstsein, Vernunft, Verschwiegenheit,
Vertrauen, Wahrhaftigkeit, Zurückhaltung.

Die Liste ist sicher nicht vollständig und Sie können sich ja
selbst überlegen, welche Tugenden Ihnen noch fehlen.
Wichtig ist: Mit der Beschreibung der eigenen Persön-
lichkeit, den Werten und Tugenden ist die eigene Wahr-
nehmung abgeschlossen.

Lassen Sie mich noch einmal zu den Aufforderungen


zurückkommen, die ich in Bezug auf die Selbstbestimmtheit
genannt hatte. Ich habe da noch ein paar mehr.

4. Akzeptiere Dich!
Nimm Dich so an, wie Du wirklich bist! Die Selbst-
wahrnehmung ist die eine Seite der Medaille, die aber nichts
ist ohne die andere Seite, das Annehmen der eigenen
Persönlichkeit mit ihren verinnerlichten Werten, Über-
zeugungen und Tugenden. Sich zu akzeptieren, wie man
wirklich ist, bedeutet nicht, vor weniger ausgebauten
Fähigkeiten oder gar Schwächen zu resignieren. Die Auf-
forderung zur Selbstakzeptanz meint, Stärken und
Schwächen richtig einzuschätzen, das Entwicklungspoten-
zial der eigenen Persönlichkeit zu erkennen und auf
angemessene und sinnvolle Weise damit umzugehen.

Nur wenn ich mich selbst annehme, gewinne ich an


Selbstvertrauen und kann auch andere mit ihren Stärken und
Schwächen annehmen. Tue ich dies nicht, besteht in hohem
Maße die Gefahr, an der Erfüllung meiner Aufträge zu
scheitern.
118
Leutnantsbuch

Oftmals stelle ich fest, dass man sich mit anderen Soldaten
vergleicht. Der ist besser oder schlechter als ich. Mein
Selbstwert oder auch meine innere Freiheit sollten aber nicht
aus dem Vergleich mit anderen entstehen, sondern aus
eigener realistischer Einschätzung dessen, was ich
tatsächlich will und kann. Diese Art der Selbstbeurteilung ist
schwer und erfordert intensives Nachdenken über die eigene
Person und ihr Verhalten. Eine Portion Humor oder etwas
Selbstironie können dabei hilfreich sein.

Daher gilt: Sei echt und glaubwürdig, verstelle Dich nicht,


sonst wirst Du unter Belastung und extremen Bedingungen
scheitern, möglicherweise sogar Dein Leben und das anderer
Menschen gefährden.

5. Genüge Dir selbst!


Mit dieser Aufforderung will ich die Kardinaltugend der
Mäßigung nochmals aufgreifen, da ich sie gerade in der
heutigen Zeit, in der die Möglichkeiten scheinbar grenzenlos
sind, für sehr gefährdet halte. Ich möchte deutlich machen,
dass wir eine eigene ausbalancierte und gefestigte Position
entwickeln müssen. Dies bedeutet immer auch, die Extreme
zu meiden, sich zu mäßigen und nicht jedem Trend
ungeprüft zu folgen. Maß halten ist dabei die Tugend, die
alles in eine verantwortungsvolle Richtung lenkt.
Für mich bedeutet „Genüge Dir selbst“ konkret Folgendes:
- Die eigenen Bedürfnisse und Wünsche gut kennen, sie
steuern und kontrollieren können. Ich muss nicht alles
haben, nicht alles sofort haben, nicht jedem Trend oder
jeder „Modetorheit“ folgen.
- Entspannungsmomente bewusst nutzen, Zeit mit mir
allein verbringen und so Abstand zu meinen Aufgaben
gewinnen. Gelassenheit den Dingen gegenüber ent-
wickeln, die nicht in meiner Hand sind.
119
Leutnantsbuch

- Die eigene Leistungsfähigkeit und ihre Grenzen gut


kennen, realistische Erwartungen haben und keine über-
zogenen Ansprüche stellen.

6. Behalte die Kontrolle!


Ich habe bereits mehrfach gesagt, dass das Nachdenken und
die Kontrolle des eigenen Verhaltens für uns als Offiziere
besonders wichtig sind. Damit meine ich, dass ich mein
Verhalten ständig beobachten, Beweggründe erkennen und
mein konkretes Handeln im Umgang mit Menschen
analysieren muss. Nur auf diese Weise kann ich mich
weiterentwickeln und den anvertrauten Soldaten gerecht
werden. Dies bedeutet manchmal auch, Distanz gegenüber
den Dingen zu besitzen und vorschnelle Reaktionen zu
vermeiden.

Zusammenfassend auf den Punkt gebracht kann man sagen:


„Sei wie Du bist!“ – eine selbstbestimmte Persönlichkeit.
Das ist der erste Schlüssel zur Führungskunst, ein steiniger
lebenslanger Weg mit vielen Höhen und Tiefen, den man
aber als Offizier mit Führungsverantwortung frühzeitig
antreten muss. Nur wer sich selbst führen kann, kann auch
andere Menschen führen. Und im Sinne der Inneren Führung
möchte ich dazu noch ergänzen: Wer Menschen führen will,
muss Menschen mögen.“

Hauptmann Seidel blickt uns nach diesen Ausführungen der


Reihe nach an. Es herrscht eine fast feierliche Stille. Wir
hören nur das Gekritzel von Cindy, die angefangen hat, sich
einige Notizen zu machen.

„Sie brauchen sich das nicht aufzuschreiben“, sagt


Hauptmann Seidel. „Ich habe vor einigen Monaten ein paar
Notizen dazu gemacht. Kein Vortrag oder so, einfach nur ein
120
Leutnantsbuch

paar Stichworte. Das gebe ich Ihnen gerne mit, vielleicht


können Sie ja mal einen kleinen Vortrag daraus entwickeln.
So etwas kann man immer gut gebrauchen – besonders im
Kameradenkreis. Schließlich sind Sie nicht alleine als
Offizieranwärter!“

Nach einer kurzen Pause kommen wir „geplättet“ in den


Kompaniebesprechungsraum zurück. Hauptmann Seidel
lächelt uns an und sagt: „Lassen Sie sich nicht entmutigen
durch meinen theoretischen Vortrag! Denken Sie an die
vielen Geschichten, die wir gestern ausgetauscht haben.
Daran können Sie all das messen, was ich Ihnen eben zu
erklären versucht habe. Außerdem geht das Leben weiter! In
vierzig Minuten stehen Sie vor der Front auf dem
Formalausbildungsplatz! Da müssen Sie konzentriert sein.
Auf geht’s!“

Annette, Peter, Markus, Jonas, Marcel, Cindy und ich


bedanken uns bei Hauptmann Seidel, auch wenn wir noch
nicht alles verarbeitet haben.

„Herr Hauptmann, Sie hatten angeboten, uns Ihre Notizen


verfügbar zu machen. Wir sind ja nur noch kurze Zeit hier.
Wäre es möglich, dass wir die Unterlagen noch in dieser
Woche bekommen?“

„Kein Problem“, antwortet Hauptmann Seidel mit einem


Blick auf seine Uhr. „Sie müssen los, sonst wird es eng für
die Formalausbildung!“ Dann scheucht er uns aus dem
Besprechungsraum.

121
Leutnantsbuch

Offizieranwärter Frank

Im Restaurant

H eute ist Donnerstag und Offizierweiterbildung stand auf


dem Ausbildungsprogramm. Wir haben das Blücher-
museum in KAUB am RHEIN besucht und bei einer
Geländebesprechung den Blücherschen Rheinübergang in
der Neujahrsnacht 1814 nachvollzogen. Uns war gar nicht
bewusst, dass die Befreiungskriege (1813–1815) eine der
Traditionslinien der Bundeswehr sind. Annette, Peter,
Markus, Jonas, Michael, Cindy und ich sitzen am Abend mit
den Teilnehmern der Weiterbildung in der „Bachforelle“,
einem kleinen und netten Restaurant in KAUB und lassen
den Ausbildungstag ausklingen. Heute war viel von
Tapferkeit die Rede gewesen und wir erinnern uns an den
Vortrag von Hauptmann Seidel vor wenigen Tagen im Be-
sprechungsraum der 3. Kompanie, als er von der Kardinal-
tugend „Tapferkeit“ sprach.

„Ja, das stimmt“, ergänzt an dieser Stelle der Kommandeur,


der sich zu uns an den Tisch gesetzt hat, „auch in unserer
Bundeswehr haben wir genügend Beispiele, von denen wir
etwas über Tapferkeit lernen können“.

Dann fragt ein Hauptmann, der neu an den Tisch gekommen


ist: „Wie kommen Sie denn auf den Begriff der Tapferkeit?
Ich habe vorhin schon das ein oder andere Gespräch
aufgenommen, das unsere jungen Offizieranwärter hier
geführt haben.“

Hauptmann Seidel ergreift das Wort. „Wenn Sie erlauben,


Herr Oberstleutnant“, wendet er sich an den Kommandeur
und fährt fort: „Wir, das heißt diese Offizieranwärter hier
122
Leutnantsbuch

und ich, haben schon einige Male zusammen gesessen und


uns über das Besondere unseres Berufes unterhalten.
Eigentlich fing alles ganz harmlos an, als sie mich fragten,
was mein berufliches Selbstverständnis sei. Seitdem haben
wir während verschiedener Gespräche mit anderen
Offizieren immer wieder Erlebnisse ausgetauscht, die das
Besondere am Offizierberuf ein wenig verdeutlichen. Und
gerade heute, als Herr Schmidt, der Museumsführer, uns
sehr bewegend von den Ereignissen während der Be-
freiungskriege erzählte, kamen wir auf den Begriff
Tapferkeit zu sprechen.“

„Ach so“, antwortet der Hauptmann und legt seine Stirn ein
wenig in Falten. „Aber Recht gebe ich Ihnen, Herr
Oberstleutnant! Tapferkeit als soldatische Tugend erleben
wir auch in unserer Bundeswehr – und das nicht nur in den
Einsätzen!“

Der Kommandeur, der gerade sein Essen bestellt hat,


ermuntert alle am Tisch, ein Erlebnis oder eine kleine selbst
erlebte Geschichte zu erzählen. Er meint, das sei eine gute
Gelegenheit, einmal über Tapferkeit nachzudenken. Fast
hört sich das wie ein Auftrag an, entsprechend ruhig bleibt
der Tisch. Der Kommandeur schaut in die Runde. Endlich
meldet sich ein Oberleutnant zu Wort.

„Ich weiß zwar nicht einhundertprozentig, ob der Begriff


Tapferkeit passt, aber ein Erlebnis hatte ich, das ich gerne
erzählen möchte.“ Und so beginnt erneut der Austausch
eigener Erfahrungen. Erlebnisse werden erzählt, dazwischen
wird kurz diskutiert. Meistens aber bleiben die kleinen
Geschichten für sich im Raum stehen und wirken aus sich
heraus. Dann folgt der erste Bericht …

123
Leutnantsbuch

Der Feuerkampf

J eder Einsatz ist anders, aber seit vielen Monaten ist die
Bedrohung für deutsche Soldaten im Einsatz für ganze
Kontingente, für alle Soldaten mit ihren unterschiedlichen
Funktionen und Aufgabenbereichen, unmittelbar, ja fast
schon hautnah geworden. „Rocket attack, rocket attack”
schallt es auch immer wieder durch die Unterkünfte der
Soldaten des Provincial Reconstruction Teams (PRT)
KUNDUZ, wenn, zumeist nachts, Aufständische Raketen
oder Mörser auf Soldaten des internationalen
Wiederaufbauteams abfeuern. Insbesondere die Raketen mit
ihrem teilweise unheimlichen Heulen sorgen für Unruhe,
klingen sie doch wie das tödliche „Konzert“ der
Stalinorgeln, das wir nur aus alten Kriegsfilmen kennen. Das
Gefühl der Ohnmacht, überrascht zu werden, nur ein-
geschränkt aktiv der Bedrohung entgegentreten zu können
und nicht zuletzt die Feigheit der Terroristen, lässt
gelegentlich fast verzweifeln. Tod und Verwundung rücken
in realistische Nähe.

In dieser Lage waren besonders die Späher mit ihren


Spähtrupps gefordert, Aufklärungsergebnisse zu gewinnen
und das Lagebild zu verdichten, um so den Gegner stellen zu
können.
In einer Nacht verlässt ein verstärkter Spähtrupp wieder
einmal das PRT KUNDUZ, um mögliche Raketen-
abschussstellungen aufzuklären. Nach über zwei Stunden
klärt ein FENNEK etwa zehn Personen auf. Sind das die
vermuteten Aufständischen oder doch einfach nur harmlose
Bauern? Teilweise arbeiten die Bauern in AFGHANISTAN
aufgrund der Temperaturen bis tief in die Nacht hinein.
Traktoren rumpeln über die Felder bis weit nach Mitternacht
– aber zehn Personen?
124
Leutnantsbuch

Vielleicht verabschieden sich die Männer nur nach beendeter


Arbeit voneinander und verabreden sich für den morgigen
Tag. Und in der Tat, die Gruppe trennt sich. Einige gehen in
ein nahegelegenes Gehöft, andere bewegen sich in Richtung
der Spähtruppstellung. Der satte Vollmond erleuchtet das
durchschnittene Gelände. Schatten huschen über die
trockenen Felder, die für den Winter vorbereitet werden.
Viele tausend Meter entfernt sieht man durch die
Restlichtverstärker die Scheinwerfer der Traktoren, die
monoton hin und her fahren. Schließlich bewegt sich eine
Gruppe von etwa vier Personen 800 Meter ostwärts der
FENNEK. „Hoffentlich werden wir nicht gleich doch noch
aufgeklärt“, denkt sich der Spähtruppführer. Zum Glück
verschwinden die Personen in einem Hohlweg und in der
nächsten Stunde bewegen sich nur noch kleine Punkte im
Wärmebildgerät: wahrscheinlich die Köpfe, die sich im
Hohlweg immer hin und her bewegen.
Die Bediener der FENNEK nutzen professionell die
Fähigkeiten ihrer Beobachtungsausstattung aus. Zwei
Personen im Hohlweg graben, zwei Personen gehen ständig
hin und her. Der Spähtruppführer beurteilt die Lage: Dort
wird entweder ein Wassergraben ausgebessert oder doch ein
Angriff vorbereitet. Die übergeordnete Führung wird jetzt in
kurzen Abständen über die Lageentwicklung informiert.

Vorerst werden keine weiteren Kräfte an die aufgeklärten


Personen herangeführt. Eine Reserve steht westlich rund 40
Minuten Geländefahrt entfernt bereit, um gegebenenfalls zu
unterstützen. Die Personen weichen auf einmal aus, sie
rennen förmlich auseinander. „Jetzt sind wir doch aufgeklärt
worden“, ruft jemand. Aber bereits nach einigen Minuten
tauchen sie an anderer Stelle, jetzt 600 Meter ostwärts des
Spähtrupps wieder auf. Und wieder können nur die
vermuteten Köpfe in einem Hohlweg aufgeklärt werden. Der
125
Leutnantsbuch

Spähtruppführer lässt jetzt einen Zweimanntrupp absitzen.


Dieser nähert sich bis auf 400 Meter an. Zwei quer
verlaufende Hohlwege trennen den abgesessenen Spähtrupp
und die Personen. Gespräche werden aufgeklärt, immer
wieder leuchtet kurz der Schein von Taschenlampen auf. Es
sind wohl doch Bauern. Aber wenn es keine Bauern sind,
was passiert im Feuerkampf mit den beiden abgesessenen
Soldaten. Also Aufnahme der Soldaten durch den DINGO,
der Spähtrupp bleibt mit Wärmebildgerät am Feind, oder
Bauern, oder Feind ... In einem ist sich der Spähtruppführer
sicher: Er ist noch nicht aufgeklärt worden, jede eigene
Bewegung muss vermieden werden. Und der Spähtrupp wird
bestehen – so oder so.
Alle Waffen sind bereits auf den Hohlweg gebracht – für
den Fall, dass die Bauern doch „nebenberuflich“
Aufständische sind. Der Spähtruppführer ist auf sich allein
gestellt. Er trifft die Entscheidungen vor Ort, er führt seine
Männer im Gefecht, er trägt für seinen Entschluss, für sein
Handeln und das Handeln seiner Männer die Verantwortung.
Auf einmal schlagen grelle Flammen aus dem Hohlweg. Der
Spähtruppführer befiehlt allen verfügbaren Kräften eine
Feuerzusammenfassung auf den Hohlweg.
Die Granatmaschinenwaffe, über die der Spähtruppführer
bei seinem eigenen FENNEK verfügt, speit ihre Granaten
aus; kurze Flugzeit und überall im Hohlweg detonieren die
Flugkörper, die überall Staubwolken aufwirbeln. Absicht des
Spähtruppführers ist es, mit der Granatmaschinenwaffe die
Raketen, die jetzt gestartet werden sollen, aus ihrer
Abschussposition zu bringen. Gleichzeitig sollen die MG
des Alpha-Wagens und des DINGOs die feindliche
Sicherung niederhalten oder vernichten. Die erste Rakete
rauscht heulend los! Sie ist wie die anderen auch bereits aus
der Position gebracht worden und geht scharf tief nach
Süden ab. Plötzlich saust ein Feuerball ein, zwei Meter
126
Leutnantsbuch

oberhalb der FENNEK über die Stellung. „RPG-Beschuss“,


dröhnt es auf dem Funkkreis. Der Spähtruppführer selbst
leitet den Feuerkampf über Luke. Der Feind hat sich im
Zuge des Hohlweges in die Flanke des Spähtrupps
verschoben. Die Raketen wurden mit Brennpapier gezündet,
wie die Untersuchungen am Folgetag ergaben – die
Aufständischen hatten also Zeit gehabt, auszuweichen.

Durch die überraschenden Granaten sind sie zum


Feuerkampf gezwungen worden. Das MG-Feuer wird auf
die Stelle des RPG-Abschusses gelenkt. Kraftfahrer klären
Dreckspritzer vor dem FENNEK auf. Der Spähtruppführer
hört Geräusche, die ihm vertraut vorkommen: „Das klingt
hier oben wie im Schusskanal auf der Schießbahn. Ich
glaub’, die schießen mit Kalashnikoff (AK)!“ Immer wieder
sausen die Raketen über den Stellungsbereich. Jetzt kommt
es auf die kleine Kampfgemeinschaft an. Auch wenn es am
Funk gelegentlich laut wird – professionell beziehen die
Besatzungen mit ihren Fahrzeugen Wechselstellung. Der
Feuerkampf wird weiter geführt. Der Feind wird zum
Ausweichen gezwungen. Der Spähtrupp löst sich in einem
Zuge und nimmt Verbindung mit der Reserve auf. Erneut
tritt er der Reserve voraus auf die Abschussstelle an. Der
Feind war geflüchtet, der Spähtrupp aber verblieb zur
Überwachung bis zum Morgen in der Stellung.
Mit Entschlossenheit und Initiative sind Raketen in dieser
Nacht vom PRT Kunduz abgelenkt worden. Umsicht und
Selbstvertrauen, verbunden mit soldatischer Professionalität,
haben den Feind geworfen.

HI

127
Leutnantsbuch

Die Bedrohung hat sich seit dem Ende des „Kalten Krieges“
erheblich gewandelt. Sie ist asymmetrisch geworden. Die
eigene Truppe kämpft nicht mehr am Vorderen Rand der
Verteidigung (VRV), sondern wird von Terroristen und
feindlichen Kräften bedroht, die sich in ihrer jeweiligen
Umgebung bewegen wie „Fische im Wasser“.
Umso mehr ist die Urteilsfähigkeit, zugleich aber auch die
Entschlossenheit und Initiative jedes einzelnen Führers, in
einem schwierigen Umfeld zu entscheiden, genauso gefragt
wie die Professionalität und Befähigung zum Kampf jedes
einzelnen Soldaten.
Insofern haben sich Rahmenbedingungen und Umfeld
verändert. Die Grundtugend, mit der die unterschiedlichen
soldatischen Fähigkeiten und Fertigkeiten zusammengeführt
werden, ist aber geblieben, wie bei diesem verstärkten
Spähtrupp in vielen Nächten im Raum KUNDUZ: Die
„kleine Kampfgemeinschaft“ lebt von Kameradschaft,
Zusammenhalt und gegenseitigem Vertrauen.

128
Leutnantsbuch

Vorurteile

„ H offentlich kommst Du nie in eine Situation, wo Du auf


die angewiesen bist!“ „Das Einzige, was die
verteidigen, ist ihr Leben.“ Es hagelte von allen Seiten auf
mich ein, während ich mich in der Vorbereitung für meinen
Einsatz im SUDAN befand. Die Kritik am Einsatzkontingent
aus BANGLADESCH nahm kein Ende: Kein NATO-
Standard hier; keine professionelle Ausbildung; Englisch?
Fehlanzeige. Ich war ernüchtert, sollte ich doch als
unbewaffneter Militärbeobachter in diesem Kriegsgebiet auf
professionelle Force Protection angewiesen sein. Ich
beschloss, diesen Worten kein Gehör zu schenken und mir
mein eigenes Urteil zu bilden.
Der erste Kontakt mit den bengalischen Offizieren der
Infanteriekompanie meiner Teamsite war freundlich, die
Gastfreundschaft herzlich. Die Offiziere sprachen in
feinstem britischen Englisch, sie waren weltoffen und
gebildet, sie führten die Kompanie mit straffer Hand und in
britischer Tradition. Aber Gastfreundschaft impliziert leider
keine professionelle Arbeitsweise, Kampfgeist oder
Tapferkeit. Unser Sektor-Hauptquartier hatte uns über die
Weihnachtszeit sämtliche Patrouillentätigkeiten aufgrund
der Sicherheitslage untersagt. Die Lord’s Resistance Army
(LRA) zog mordend und plündernd durch den KONGO und
den SÜDSUDAN. Obwohl die UNO-Truppen kein primäres
Ziel waren, wollte unser Sector Commander sein Glück
nicht herausfordern. Sein Vorgänger im Amt hatte Opfer
unter seinen Soldaten zu beklagen und wir alle wussten,
wozu die LRA mit ihren Kindersoldaten in der Lage war.
Wir saßen im Feldlager und vertrieben uns die Zeit mit
Nahbereichspatrouillen, Stabsarbeit, Volleyball und Cricket.

129
Leutnantsbuch

Einen ersten Eindruck von der Professionalität unserer


Schutzkompanie bekam ich während der nächsten Wochen.
Da der Innendienst die Moral der Teamsite aufzufressen
drohte, begannen wir Mitte Januar wieder mit Patrouillen in
unserem Verantwortungsbereich. Nach dem klassischen
Schema Befehlsausgabe – Patrouille – Debriefing
absolvierte ich meine ersten Aufträge und erlebte hoch
motivierte Soldaten und eine angenehme Arbeitsweise.
Ich liege im Bürocontainer auf meinem Feldbett und kann
nicht schlafen. Es ist kurz nach Mitternacht und ich bin Duty
Officer der Teamsite. Dem Umstand geschuldet, dass
Militärbeobachter sich im Einsatz selbst versorgen und
einquartieren, sind in dieser Nacht lediglich zwei von uns im
Feldlager einquartiert. Die Anderen sind in ihren
Unterkünften außerhalb. Lediglich unsere Infanterie-
kompanie sichert das Feldlager.
Es ist ruhig und das Summen der Klimaanlage lässt mich im
Halbschlaf versinken. Plötzlich reist mich ein Funkspruch
von David, unserem Automechaniker, aus dem
Dämmerzustand. Ich bin plötzlich hellwach. Überfall auf ein
Dorf, gerade zwei Kilometer von unserer Teamsite entfernt.
Ich frage David, was da los ist. Er meldet, dass die LRA mit
Macheten und Stöcken sein Dorf überfällt, wahllos tötet und
Kinder entführt. Außerdem bewegen sich ca. 500 Menschen
in Richtung unserer Teamsite, um möglicherweise Schutz
bei uns zu suchen. Mein Puls rast. Ich springe zum Tactical
Operation Center (TOC) und treffe auf einen der Zugführer.
Ich schildere die Lage und er lässt die Quick Reaction Force
(QRF) alarmieren, die Wachen verstärken und weckt seinen
Kompaniechef. Über Funk rufe ich jeden einzelnen der
Militärbeobachter, schildere die Lage und rate ihnen, ihre
Unterkunft nicht zu verlassen. Dann wecke ich den
Teamsite-Leader.

130
Leutnantsbuch

Nach fünf Minuten rollen zwei SPz leise in ihre


Alarmstellungen, die QRF steht bereit. Ruhig, ohne Hektik
werden die Wachen verstärkt. Inzwischen ist der
Kompaniechef geweckt worden und führt nun selbst. Die
Zugführer lassen ihre Züge zur Befehlsausgabe sammeln,
der Arzt bereitet sein Forward Medical Team vor. Im
Briefing Room der Militärbeobachter sitzen nun unser
Teamsite-Leader, der Kompaniechef und ein Zugführer,
unser G 2 und ich. Wir beraten an der Karte die Lage. Die
Evakuierungsrouten sind eingefahren. Innerhalb von fünf
Minuten könnten wir anfangen unser Personal aus ihren
Quartieren zu evakuieren.
Wir warten ab. Die Wache am Main Gate meldet eine
Gruppe von Menschen auf dem Weg zum Tor und weitere
auf dem Weg in die Stadt. Wenn jetzt die Flüchtlinge ins
Lager wollen, droht die Lage zu eskalieren. Unsere Teamsite
ist zu klein, wir können keine Zivilisten aufnehmen.
Außerdem könnten sich Rebellen unter die Flüchtlinge
gemischt haben. Dem souveränen Auftreten der Wache zum
Dank wenden sich die Flüchtlinge ab.
Inzwischen sind seit der Alarmierung mehr als zwei Stunden
vergangen. Wir haben Funkkontakt zu allen Teilen, die
außerhalb des Feldlagers wohnen. Sie sind in relativer
Sicherheit. Inzwischen, so erfahre ich von meinem
deutschen Kameraden in unserem deutschen Quartier, sind
Bürgerwehren mit Macheten, Pfeil und Bogen und
Kalaschnikow unterwegs, um die Rebellen zu jagen. Von
südsudanesischen Polizisten oder Armeeeinheiten sieht und
hört man in dieser Nacht nichts.
Unser Teamsite-Leader, der Kompaniechef und ich
beschließen erst nach Sonnenaufgang auf Patrouille zu
fahren. Mit stehender Kommunikation ist die
Bedrohungslage für uns UN-Truppen überschaubarer
geworden. Außerdem will keiner riskieren, bei Dunkelheit in
131
Leutnantsbuch

die Schusslinie zu geraten oder ein zufälliges Opfer von


Selbstjustiz zu werden. Die verstärkte Wache sichert unsere
Teamsite und für den Fall einer Eskalation gibt der
Zugführer den Vorbefehl zur Evakuierung. Die Nerven sind
bei allen zum Zerreißen gespannt, aber alle behalten einen
kühlen Kopf.
Die Sonne steigt langsam über den Horizont und mit
zunehmender Helligkeit sinkt die Gefahr, da die LRA sich
ausschließlich im Schutz der Dunkelheit bewegt. Nach und
nach treffen die Militärbeobachter in der Teamsite ein und
wir bemannen die Patrouillen. Wir fahren los, um die Toten
und Verwundeten zu zählen und die Flüchtlinge zu
registrieren. Guten Morgen, Afrika.

HI
Lass’ Dich nicht von Vorurteilen vereinnahmen, sondern
mache Dir Dein eigenes Bild. Vorurteile und
Überheblichkeit beschränken Dich und die Zusammenarbeit
mit fremden Kulturen. Sei offen im Umgang mit Deinen
Verbündeten und nimm ihre Erfahrungen an.

132
Leutnantsbuch

Kameradschaft

R ückblende:
KOSOVO – Feldlager PRIZREN – Sommer.
Die Lage im KOSOVO stellte sich uns damals als
überwiegend ruhig und übersichtlich dar, die Menschen
waren zumeist freundlich und entgegenkommend. Auch
wenn überall das aufrichtige Bemühen um Frieden und
Normalität förmlich greifbar war, sollte das Land in diesem
Sommer noch nicht zur Ruhe kommen, denn in
MAZEDONIEN eskalierte die Lage, Auswirkungen
vielfältiger Art beeinflussten auch das KOSOVO. Die Lage
war „ruhig, aber nicht stabil“.

Wir verfolgten die Ereignisse in MAZEDONIEN mit großer


Sorge, denn ein Überschwappen der Gewalt war aufgrund
der vielfältigen Verbindungen nicht auszuschließen wenn
nicht sogar wahrscheinlich. So kam die zuweilen absurd
anmutende Stimmung zustande, einerseits im Feldlager in
relativem Frieden den Auftrag zu erfüllen, andererseits mit
großer Sorge nach Süden zu blicken. Häufig war gerade
diese widersprüchliche Situation Gegenstand von Ge-
sprächen auch abends im Kameradenkreis.
Den berühmten „freien Kopf“ sowie Ablenkung verschaffte
mir der Sport und so lief ich nahezu jeden Morgen mit einem
Kameraden, der ebenfalls aktiver Läufer war, noch vor dem
Frühstück meine Runden im Feldlager, auch wenn dies sehr
frühes Aufstehen von uns verlangte. Dafür hatten wir dann
aber die Laufstrecke fast für uns alleine.
An jenem Morgen regnete es in Strömen, die Sicht war
schlecht und das Lager wirkte wie ausgestorben. Auf Höhe
des geschotterten Kfz-Abstellplatzes, wo ein Teil der
Strecke über einen flachen Wall führte, hörten wir einen
Schuss brechen, aus dem Augenwinkel nahm ich eine
133
Leutnantsbuch

Gestalt, offensichtlich einen unserer Soldaten wahr, der in


Deckung ging, ca. 40–50 m entfernt. Auch wir gingen in
Deckung, der Regen hatte einen Teil der Straße in einen
kleinen Bach verwandelt. Beobachten war angesagt, aber wir
konnten nichts Verdächtiges erkennen. Der Soldat lag noch
immer vor uns, jedoch seltsam still und wie eingefroren. „Da
stimmt was nicht“, sagte ich in der Annahme zu meinem
Kameraden, der Soldat sei beschossen worden. Kurz
blickten wir uns an und spurteten ohne vorherige Absprache
gleichzeitig zu dem Soldaten. Sofort war klar, was hier
geschehen war – er hatte sich selbst mit dem Gewehr in den
Mund geschossen. Das war ein schrecklicher Anblick, wie er
im strömenden Regen so vor uns lag.
„Ich hole Hilfe“, sagte mein Kamerad. Ich selbst kümmerte
mich um den Soldaten: Puls und Atmung überprüfen, danach
stabile Seitenlage und ständiges Ansprechen. Schnell war
jedoch klar, dass die Verletzungen wohl zu schwer waren.
Da die Frühstückszeit näher kam, nahm auch der Per-
sonenverkehr zu, jedoch war die Masse ganz offensichtlich
froh, dass sich schon jemand um den Soldaten kümmerte.
Sein Atem wurde immer schwächer und unregelmäßiger,
setzte schließlich ganz aus. Genau in diesem Moment kam
der Rettungsarzt und übernahm sofort. Er konnte den
Soldaten zwar wieder reanimieren, aber dennoch verstarb
dieser dann einige Tage später in Deutschland.
Insgesamt war ich wohl zehn Minuten alleine mit dem
Kameraden, zehn Minuten, die mir wie eine Ewigkeit
vorkamen. Voller Blut wie ich war, ging ich in meine
Unterkunft. Jeder, der mir begegnete, machte einen großen
Bogen um mich. Doch in der Unterkunft warteten meine
Kameraden auf mich, ich wurde nicht bedrängt, aber sie
waren da.
Nachmittags dann „der offizielle Part“, Vernehmungen,
Zeugenaussagen, Skizze erstellen und vieles mehr. Dann
134
Leutnantsbuch

folgten Gespräche mit dem Psychologen, dem Pfarrer und


dem Kommandeur. Sie bemühten sich aufrichtig um mich,
im Grunde genommen kannte ich sie aber kaum. Den Abend
verbrachte ich dann wieder im engsten Kameradenkreis und
ihnen konnte ich mich dann auch richtig öffnen. Schließlich
kannte ich sie schon aus meinem Heimatverband. Bis in die
Nacht sprachen wir die Ereignisse immer wieder durch, spät
ging es zu Bett. Ich habe in dieser Nacht tief und fest
geschlafen, auch in der Folge erlebte ich keine „Flashbacks“
oder andere Auffälligkeiten an mir.

Rückblickend kann ich feststellen, dass mir das Verarbeiten


der Geschehnisse im Kameradenkreis mehr gebracht hat als
das Aufarbeiten durch Fachpersonal, so wichtig und
zwingend erforderlich das ebenfalls ist. Der Zusammenhalt
in der Gruppe, das persönliche Kennen, letztlich die
Kameradschaft waren es, die mir Halt gaben. Daher kann ich
feststellen:
Kameradschaft gibt es auch heute noch und sie hat nichts
von ihrer Bedeutung verloren. Der Führer, der angesichts der
fortschreitenden Technisierung in allen Bereichen diese
Erkenntnis nicht frühzeitig verinnerlicht und lebt, wird sich
nach meiner festen Überzeugung im Extremfall schwer tun.

HI
Betreuung und Fürsorge, wie sie durch Vorgesetzte,
Experten und Einrichtungen der Bundeswehr geleistet
werden, sind wertvolle Beiträge, um vor allem im Einsatz
Betroffenen Hilfe und Beistand zu leisten. Unabhängig
davon ist es aber vor allem eine gelebte Kameradschaft, die
in solchen Situationen verbindet und trägt. Den Zugang zu
Menschen, die Extremes erlebt haben und dadurch starken

135
Leutnantsbuch

Belastungen ausgesetzt wurden, findet jedoch meist nur,


wer über Menschenkenntnis, Einfühlungsvermögen und
Vertrauen verfügt. Der persönliche Kontakt und das
vertrauensvolle Gespräch mit den Kameraden vermitteln
Hilfe und Stärke. Sie sind durch nichts zu ersetzen.

136
Leutnantsbuch

Der Entsatz:
Erfahrungen eines Forward Air Controllers im Gefecht

W ir befinden uns in der Polizeistation CHARRAH


DARREH bei KUNDUZ in Nord-AFGHANISTAN.
Am Abend zuvor wurden wir alarmiert, um eine Operation
durchzuführen. Diese wurde aufgrund eines Sandsturmes
verschoben. Nach einer unruhigen Nacht sind wir nun mit
zwei Infanteriezügen, einem Joint Fire Support Team und
einem Führungselement als Reserve für eine Operation des
Provincial Reconstruction Team (PRT) KUNDUZ
eingesetzt. 45 Grad Celsius im Schatten, die Posten auf den
Türmen können sich nur schwer konzentrieren. Der Rest
spielt Karten, redet, döst, lässt seinen Gedanken freien Lauf.
Wir sind schon recht lange zur Unterstützung in KUNDUZ
und wissen, dass der heutige Ansatz des ALPHA-Zuges des
PRT im Raum HAJI AMANULLAH vermutlich nicht gut
ausgehen wird. Warten – alle freuen sich schon wieder auf
eine Dusche im PRT, auf normale Toiletten. Heute
Nachmittag sollen wir wieder in das PRT verlegen. Entfernt
hört man ein Funkgespräch. Bei dem Führungsfahrzeug der
Task Unit wird es hektisch. Wir wissen: Es geht los!
Schutzweste anziehen, Smock, Weste, Waffen, alles wird
kontrolliert. Vorbefehle an den Trupp: Marschbereitschaft
herstellen. Dann Sammeln der Führer. Wir bekommen die
Lageinformation, dass der ALPHA-Zug des PRT
angesprengt wurde und nun auf der LOC LITTLE PLUTO
im Feuerkampf steht. Möglicherweise wieder ein groß
angelegter Hinterhalt mit dem Ziel, die DEU Kräfte zu
vernichten. Alles geht sehr schnell. Marschreihenfolge und
viele Details sind schon befohlen. Wir rollen los. Der Helm
wird noch einmal festgezogen, die Waffe ist nicht in der
Halterung, sondern liegt schon fest in den Händen. Wir
schweigen. Ich gebe von Zeit zu Zeit Lageinformationen an
137
Leutnantsbuch

meinen Trupp: „Noch 5.000 – Noch 4.000 … Noch 500.“


Wir halten bei mehreren Lehmhütten, es sieht hier aus wie in
einer kleinen Marktstraße, absitzen.
Wie sind ca. 300 m nördlich des letzten Fahrzeugs vom
ALPHA-Zug. Vorne hört man den Feuerkampf. Wir gehen
zum Führer der Task Unit und schlagen vor, nach vorne zum
Zug zu springen, um dort zu unterstützen. Wir bekommen
eine Deckungsgruppe, der Rest sichert rundum. Ein Zug soll
die gegnerischen Kräfte rechts umfassend angreifen. Ich
wechsle auf den Zugkreis des ALPHA-Zuges. Die Straße
vor uns ist landestypisch geschottert, rechts ein abgemähtes
Kornfeld, links leicht abfallendes Gelände. Vor uns können
wir einen TPz FUCHS sehen, das letzte Fahrzeug vom
ALPHA-Zug. Die Deckungsgruppe ist in Stellung. Ich gehe
mit meinem zweiten Forward Air Controller (FAC) und dem
Vorgeschobenen Beobachter (VB) Mörser links im Zuge der
Straße vor.
Die Flugzeuge sind schon seit Beginn des Feindkontakts –
im Einsatz sagt man nur noch TIC (Troops in Contact) –
angefordert. Sporadisch rufe ich über Funk: „Any callsign,
KRAUT 2.0 how do you read?” Keine Antwort. Wir sind ca.
30 m vorgekommen. Es zischt in unserer rechten Flanke.
Der zweite FAC und ich gucken uns an. Man spürt das
Adrenalin in den Körper strömen. Ein komisches Gefühl,
aber für uns nichts Neues. Das Blickfeld wird enger, alles
läuft in Zeitlupe ab. Die zweite RPG kann man schon ganz
langsam fliegen sehen, sie verfehlt uns nur knapp. Man
nimmt das metallische Klacken der Kalaschnikows viel
deutlicher wahr. Auf der Straße spritzt Dreck auf: „Beschuss
von rechts“, höre ich uns rufen. Wir können den Rauch der
zuletzt abgeschossenen RPG noch deutlich in der Luft
stehen sehen. Im Zuge einer Schilfreihe klären wir feindliche
Kräfte auf, die sich verschieben, um dann das Feuer auf uns
wieder aufzunehmen. Wir erwidern das Feuer. Das erste
138
Leutnantsbuch

Magazin ist zur Beruhigung, sehr schnelles Einzelfeuer,


danach gezielter. Wir müssen schnellstmöglich die örtliche
Feuerüberlegenheit schaffen; es darf keine Zweifel an
unserer Entschlossenheit geben. Unser Feuer verfehlt seine
Wirkung im Ziel nicht, langsam wird es auf der anderen
Seite beim Gegner ruhiger...
Unterschiedliche Möglichkeiten eigenen Handelns schießen
mir durch den Kopf: Vor zu ALPHA – zu weit. Hier bleiben
– keine Option. Immer noch keine Flieger – ausweichen!
Das eigene Deckungsfeuer liegt gut im Ziel und wir weichen
aus.
Kurzes Sammeln, neuer Entschluss: Wir folgen den rechts
angreifenden Kräften. Ich wechsle erneut den Funkkreis:
„Zwei Verwundete“ klingt es über den Äther. Einer der
beiden kommt uns gestützt von einem Kameraden entgegen.
Schulterdurchschuss. Wir erreichen die Stellung der Gruppe.
Der zweite Verwundete liegt am Boden, wimmert, wird
erstversorgt und schließlich geborgen. Bauchdurchschuss
direkt unterhalb der ballistischen Schutzweste. Dem
Umstand, dass wir einen beweglichen Arzttrupp und einen
Sanitätstrupp bei uns haben, verdanken die beiden
Kameraden ihr Leben. Sie werden stabilisiert, eine
Infanteriegruppe sitzt mit auf. Beide Fahrzeuge verlegen
zum PRT. Die Lageinfo, dass beide überleben werden,
erreicht uns noch vor Ort. Ein gutes Gefühl.
„KRAUT 2.0, HAWG 53 how do you read?“ Endlich höre
ich den mit starkem texanischen Akzent sprechenden Piloten
der US-Streitkräfte. Zwei A-10, Standardbewaffnung für 60
Minuten. Ich gebe ein Lageupdate, markiere die eigene
Position mit Rauch, MG-4 Leuchtspur und 40 mm Spreng
werden zum Markieren der gegnerischen Stellungen und
Kräfte genutzt. Der Pilot hat beides im Blick, sucht nach den
Gegnern. Nichts – entweder sind sie ausgewichen oder
wurden im vorherigen Feuerkampf vernichtet. Wir
139
Leutnantsbuch

entschließen uns zu einem Tiefflug. Ich überwache den


gesamten Bereich mit den A-10. Kein Schuss bricht mehr.
Ich bin ärgerlich und glücklich zugleich. Die Verwundeten
sind bereits im PRT und die Bergung des angesprengten
DINGO läuft langsam, aber sicher an. Abends sind alle
wieder im PRT. Endlich duschen. Der Entsatz des A-Zuges
des PRT war erfolgreich, die erste Entsatzoperation der
Quick Reaction Force (QRF) erfolgreich.
Am nächsten Morgen spüren wir den Muskelkater, die
Nachbereitung des Materials und des Personals beginnt.
Auswertung, Gespräche, Sport, Ruhe bis morgen. Wir
verlegen wieder in den Raum …

HI
Ein Einsatz birgt sehr hohe Belastungen in sich.
Gefechtssituationen im Einsatz fordern jeden Soldaten zu-
sätzlich. Besonders bei Vorgesetzten zeigt sich hier jenseits
seiner Ausbildung der Stand seiner körperlichen und geisti-
gen Fitness und vor allem seine Charakterfestigkeit. Nimmt
man es mit militärischen Grundsätzen und seiner Selbst-
disziplin im Grundbetrieb nicht so genau, werden Mängel im
Einsatz schnell offensichtlich und für jeden erkennbar.
Bereite Dich nicht erst kurz vor dem oder im Einsatz darauf
vor, sondern arbeite ständig an Deiner Professionalität. Im
Ernstfall kann das Leben Deiner Soldaten und Dein Eigenes
davon abhängen.

140
Leutnantsbuch

Offizieranwärter Frank

An der Offizierschule

I nzwischen sind wir – die OA-Mannschaft – schon fast alte


Hasen. Wir sind an der Offizierschule des Heeres (OSH)
in Dresden, dem letzten Ausbildungsabschnitt vor Beginn
unseres Studiums. Hauptmann Seidel haben wir seit unserem
Truppenkommando nicht mehr gehört oder gesehen.
Wahrscheinlich hat er genauso viel zu tun wie wir.
Nur einmal, da haben wir über verschiedene Ecken erfahren,
dass er wohl versetzt werden soll.

Nach unserem Truppenkommando gingen wir gemeinsam in


die Sprachausbildung nach IDAR-OBERSTEIN. Das war
eine schöne Zeit – endlich einmal wieder mit Englisch be-
schäftigen. Nicht, dass ich kein Englisch könnte, aber die
Praxis fehlt einfach. Und im Laufe der Zeit vergisst man
natürlich auch das ein oder andere. Außerdem ist es ja
wichtig für unser Studium, dass wir unsere Punkte für die
neuen Bachelor- und Master-Studiengänge zusammen-
bekommen – und da ist die Sprachausbildung ein wichtiger
Bestandteil.

Heute ist Donnerstag, wir sitzen im Hörsaal und warten auf


unseren Hörsaalleiter. Er hat sehr kurzfristig erfahren, dass
er versetzt wird – leider, wie wir meinen. Das „Pferd“ im
laufenden Rennen zu wechseln, geht meistens nicht gut!
Aber egal. Mit dem Neuen – da sind wir uns einig – werden
wir uns schon arrangieren. Noch wissen wir nicht, wer es ist.

„Achtung“, ruft der Hörsaalsprecher, als unser Hörsaalleiter


den Raum betritt. Dann meldet er. Wir werden begrüßt,

141
Leutnantsbuch

grüßen zurück. Der Hörsaalleiter erklärt, dass der „Neue“


gleich komme, er sei noch beim Inspektionschef.
Plötzlich geht die Tür auf. Im Türrahmen – wir können es
erst gar nicht glauben – steht Hauptmann Seidel. Getuschel
unter unserer OA-Mannschaft.

„Das kann doch nicht sein!“, flüstert mir Cindy in das linke
Ohr. „Das ist doch nicht der Hauptmann!?“, ergänzt Markus,
ebenfalls mit gedämpfter Stimme in das andere Ohr.

„Doch, doch – das ist er, wie er leibt und lebt“, sage ich leise
zu beiden, „aber mit einem Unterschied: Er ist Major!“

Na herzlichen Glückwunsch, denke ich, besser hätten wir es


kaum treffen können. Mit Hauptmann, bzw. jetzt Major
Seidel haben wir uns immer gut verstanden. Schnell legen
sich meine Befürchtungen wegen des „Neuen“ und unser
Hörsaalleiter stellt ihn uns vor. Major Seidel grinst uns ein
wenig an. Ich denke, er wusste schon, dass wir in seinem
Hörsaal sind. Bestimmt hat er die Liste der Lehrgangs-
teilnehmer gründlich studiert.

Wenn ich so an die Zeit des Truppenkommandos


zurückdenke, kommt es mir vor, als wären Jahre vergangen.
Ich kann es kaum glauben, dass jetzt Major Seidel wieder
vor uns steht. Das trifft sich gut, denke ich, denn im
Truppenkommando hatte er uns versprochen, seine
„Theorie“ weiter zu erläutern und uns seine „Schriften“
mitzugeben. Zu beidem ist es aber damals nicht gekommen,
es war einfach zu viel los im Bataillon. Er hatte sich auch
dafür entschuldigt und gesagt: Man sieht sich immer
zweimal im Leben!

142
Leutnantsbuch

Jetzt werden wir ihn festnageln, denke ich, und nicht locker
lassen, bis wir alles wissen. Während der Sprachausbildung
hatten wir noch ein paar Mal darüber gesprochen, dass es
schön gewesen wäre, wenn unser Fähnrichoffizier die
„Sache zum Abschluss“ gebracht hätte. Jetzt ist es soweit!

In der Pause begrüßt uns Major Seidel herzlich, unsere


Namen hat er jedenfalls nicht vergessen. Und er hat auch
nicht vergessen, dass er uns noch „etwas schuldet“, spricht
uns gleich darauf an.

„Wenn Sie Lust haben, dann setzen wir uns am Mon-


tagabend wieder nett im Kasino zusammen“, sagt Major
Seidel kurz vor Ende der Pause.
„Ich habe zwei Freunde hier getroffen, mit denen ich mich
verabredet habe. Die kennen unsere berühmten „Erlebnis-
abende“, habe ihnen davon erzählt. Ich wette, da kommt
noch mehr zusammen.“

Wir sind begeistert, sagen zu und verabreden uns für


neunzehn Uhr am kommenden Montag im Kasino. Dabei
vergessen wir nicht, ihm zur Beförderung zu gratulieren.

Später dann:

„Major Steegemann“, stellt sich der Herr Major vor. Er ist


einer von den beiden Freunden, die Major Seidel
angekündigt hatte. Der andere heißt Major Krause. Wir sind
im Kasino und freuen uns auf den Abend. Major
Steegemann scheint erst kürzlich aus einem Einsatz
zurückgekommen zu sein. Er hat schon angedeutet, dass er
hiervon eine Menge zu berichten hat. Major Krause ist nur
zufällig in Dresden. Er hat sich mit seiner Frau ein

143
Leutnantsbuch

„kinderloses“ langes Wochenende gegönnt, und fährt erst


morgen an seinen Standort zurück.

„Major Seidel hat mir schon viel von Ihnen erzählt“, sagt
Major Krause. „Ich kann Ihnen sagen, dass ich mir auch
schon das ein oder andere Mal die Frage gestellt habe, was
das Besondere an unserem Beruf ist. Am Anfang meiner
Dienstzeit sogar ziemlich oft. Ich hätte damals gerne einen
Ansprechpartner gehabt, mit dem ich einmal unser
berufliches Selbstverständnis hätte besprechen können. Das
war aber leider nicht so.“

Nach einer Weile, in der wir unsere Erlebnisse der


zurückliegenden Wochen und Monate ausgetauscht haben,
sagt Major Seidel: „Wie sieht es denn aus bei Ihnen, haben
Sie noch ein offenes Ohr für ein paar Erlebnisse. Ich würde
da gerne noch von einer Erfahrung berichten, die ich selbst
gemacht habe und die gut in unsere Linie passt. Und Major
Steegemann und Major Krause sicher auch.“

Peter sagt: „Natürlich Herr Major! Deswegen sitzen wir


doch wieder zusammen! Allerdings muss ich gestehen, dass
ich schon bald die vielen Erlebnisse nicht mehr auseinander
halten kann. Wir haben schon soviel gehört …“

„Ja, das kann ich mir vorstellen“ sagt Major Seidel und
ergänzt: „Ich habe sogar vor kurzem angefangen, einige
meiner Erlebnisse aufzuschreiben – sozusagen ein
persönliches Erlebnistagebuch. Mal sehen, was ich daraus
noch mache.“

Dann beginnen die Anwesenden zu erzählen …

144
Leutnantsbuch

Feldposten KHANABAD

K napp zwei Wochen sind wir schon in diesem staubigen


Feldposten, ein kleiner Lehmverschlag in der Nähe von
KUNDUZ. Die Kompanie der afghanischen Nationalarmee
(ANA, Afghan National Army), die wir als OMLT
(Operational Mentoring and Liasion Team) begleiten, soll
durch ihre Anwesenheit im Raum KHANABAD für
Sicherheit sorgen. Täglich führen wir mit unseren
Kameraden der ANA Überprüfungen durch den Einsatz von
beweglichen Checkpoints auf der Verbindungsstraße nach
KUNDUZ durch. Dazu kommen noch passive und aktive
Sicherungsmaßnahmen bei Tag und Nacht. Fast immer um
Mitternacht fängt der Beschuss auf der anderen Seite des
Flusses an, wobei sich die Afghanen auf der anderen Seite
gegenseitig beharken, angeblich kämpfen dort Taliban gegen
Miliz. Die Lichtfinger der Leuchtspurgeschosse geben dabei
Rückschluss auf die Abfeuerstelle und das Ziel. Obwohl die
andere Flussseite nur 800 m entfernt ist, wird das Feuer nicht
auf unsere Stellung eröffnet. Dabei wissen die gegnerischen
Kräfte schon seit langem, dass wir hier liegen. Sie wissen
aber auch um unsere Nachtkampffähigkeiten, genau wie
mein Pendant, der afghanische Kompaniechef. Jeden Tag
zieht er mehr Soldaten von der Nachtwache ab, weil er
meint, dass wir Deutschen das eh viel besser könnten. Ich
denke darüber nach, ihm in einem Vier-Augen-Gespräch zu
sagen, dass es so nicht weiter geht. Wir sind hier, um ihn zu
unterstützen und nicht um seine Arbeit zu machen.
Die hygienischen Zustände sind miserabel, das Essen
eintönig, die latente Gefahr allgegenwärtig. Irgendwie ist es
zu ruhig, ich werde ein komisches Gefühl nicht los. Plötzlich
ein langer Feuerstoß aus dem vorderen Bereich des
Feldpostens. Auf afghanischer Seite helle Aufregung, ich
alarmiere meine Jungs. Sofort werden alle Alarmstellungen
145
Leutnantsbuch

besetzt, meine für diesen Auftrag unterstellte deutsche


Verstärkung aus dem Provincial Reconstruction Team (PRT)
KUNDUZ bezieht blitzschnell aus den Feldbetten heraus die
Alarmstellungen, während die Mentoren ihre Pendants auf
der afghanischen Seite suchen. Unter Sicherung des ständig
besetzten Alarmpostens werden die übrigen Fahrzeuge mit
Rumpfbesatzungen und die abgesetzten Schwerpunktwaffen
besetzt sowie Verbindungsaufnahmen durchgeführt.
Absprachen zwischen den einzelnen Kampfständen und
Fahrzeugen finden statt, erste Meldungen gehen über den
Funk. Der Mörser-Mentor meldet Einsatzbereitschaft der
afghanischen 82-mm-Mörser. Da ich in diesem Fall nicht
nur Kompaniementor, sondern auch verantwortlicher Führer
vor Ort bin, habe ich doppelt zu tun. Plötzlich meldet meine
rechte Sicherung eine Gruppe von etwa sechs Personen mit
Handfeuerwaffen in 300 m Entfernung, Bewegungsrichtung
auf den Feldposten. Es ist stockdunkel. Die Gruppe wurde
durch die Wärmebildgeräte aufgeklärt, die stationär in den
Fahrzeugen und in kleineren Versionen abgesessen bei der
Infanterie genutzt werden. Die fertiggeladenen Signal-
pistolen werden aus den vorbereiteten Halterungen gehoben.
Die deutschen Soldaten verfügen zwar über Nachtsichtgeräte
und sind somit nachtkampffähig, unsere afghanischen Ka-
meraden, die bei dieser Dunkelheit so gut wie „blind“ sind,
verfügen aber über eine Feuerkraft, auf die ich nicht
verzichten will.
Die Situation spitzt sich zu, die Personen kommen immer
näher. Ich befehle Feuervorbehalt. 200 m vor eigener
Stellung habe ich wie jeden Abend in der Dämmerung noch
Bodenleuchtkörper verlegen lassen. Der Verbrauch ist recht
hoch, da streunende Hunde gerne mal durch die Verdrahtung
laufen, aber dennoch sind sie ein hervorragendes Mittel, um
tote Räume und Annäherungswege des Gegners zu
überwachen. Gleichzeitig ergeben sie eine zweckmäßige
146
Leutnantsbuch

Feuereröffnungslinie, sobald eine Identifizierung


durchgeführt werden konnte. Allen deutschen Soldaten ist
die Lage der Bodenleuchtkörper bekannt. Aufgrund einer
durchgeführten Geländetaufe sprechen wir alle eine Sprache.
Dann die Meldung: Aufgeklärte Personen haben Helme auf.
Sofort setze ich meinen Stellvertreter ein und nehme
Verbindung mit dem afghanischen Kompaniechef auf.
Endlich finde ich den ANA-Chef. Er steht auf der LOC,
flankiert von mindestens acht Soldaten und schaut
unglücklich die Straße hinunter. Ich frage ihn unter
Zuhilfenahme meines Sprachmittlers, ob sich eigene Kräfte
in unserer Flanke vor dem Feldposten befinden. Er verneint;
er habe sechs Soldaten entlang dieser Straße geschickt, um
einen gegnerischen Spähtrupp, nicht aber in unsere rechte
Flanke aufzuklären. Ich gebe diese Information per Funk an
unsere Sicherung weiter, befehle Feuerverbot und lasse den
ANA-Chef seine Männer wieder „einsammeln“, welche in
der stockdunklen Nacht die Orientierung verloren hatten. Ob
es je einen feindlichen Spähtrupp gab, wird nie geklärt
werden. Der ANA-Posten hatte etwas gesehen und das Feuer
eröffnet …

HI
Alles was Du in im Rahmen Deiner Ausbildung gelernt hast,
solltest Du auch im Einsatz beherzigen. Die Grundsätze
haben unverändert Gültigkeit, allein wie Du sie anwendest,
bleibt Dir überlassen und steht in Abhängigkeit zur
jeweiligen Situation.
Stell’ Dich im Einsatz auf die verschiedensten Aufträge und
Lageentwicklungen ein. Sei immer geistig flexibel, eine
„Bedienungsanleitung“ für jede Lage gibt es nicht. Beurteile

147
Leutnantsbuch

die Lage stets umfassend, wäge ab; handle schnell, aber


nicht übereilt.

148
Leutnantsbuch

Jointness

„W ie wäre es denn mit DIEZ an der LAHN? Da finde


ich auf jeden Fall einen Dienstposten für Sie“, so
mein Personalführer während des Einplanungsgesprächs an
der Universität der Bundeswehr MÜNCHEN. Auf mein
fragendes Gesicht hin zückte er schnell seine
Deutschlandkarte. „Zwischen FRANKFURT AM MAIN
und KÖLN, direkt an der A 3 und auch nicht weit weg von
Ihrer Heimat.“ „Das hört sich doch gut an“, schoss es mir
durch den Kopf, also willigte ich in die aufgezeigte
Verwendungsplanung ein.

Wenige Monate später meldete ich mich beim Per-


sonaloffizier des Regiments, ein sogenannter Heeresuni-
formträger mit schwarzer Litze. Ein Pionier also, daneben
gab es noch zahlreiche Logistiker, doch etwa die Hälfte des
Offizierkorps war, wie ich, in der Luftwaffe groß geworden.
Meinen Platz fand ich erst einmal im S 3-Bereich. Anhand
einiger Präsentationen lernte ich das Regiment kennen.
Neben Auftrag und Gliederung des Stabes gaben mir vor
allem die unterstellten Verbände Rätsel auf: ein Versor-
gungs- und Ausbildungszentrum, ein Spezialpionierbataillon
und zwei Logistikbataillone. Der S 3-Offizier erklärte mir
den Auftrag der Bataillone, er war ausgebildeter Nach-
schuboffizier und hatte somit fundierte Kenntnisse über das
Regiment, das zur Streitkräftebasis gehört.

Am Nachmittag des zweiten Tages gab es die erste


Besprechung. Anlass war die Zusage der Bundesregierung,
die Bundeswehr im Rahmen der Humanitären Hilfe in
Südostasien einzusetzen. Dort hatte wenige Tage zuvor ein
verheerender Tsunami gewütet, dem insgesamt mindestens
180.000 Menschen zum Opfer gefallen waren.
149
Leutnantsbuch

Während der Besprechung hieß es dann: „Zur Koordination


der Unterstützungsleistungen wird ein Lagezentrum
eingerichtet. Leutnant M., der in dieser Minute davon
erfährt, wird mit unserem wehrübenden Major dort
eingesetzt.“ Da musste ich erst mal schlucken. Am nächsten
Morgen ging es gleich los, zunächst das Büro einrichten,
Computer besorgen und anschließen, Dokumente lesen und
Verbindungen zu den Verantwortlichen im Einsatz-
führungskommando der Bundeswehr, dem Kommando
Schnelle Einsatzkräfte Sanitätsdienst, der Flugbereitschaft in
KÖLN-WAHN und den unterstellten Bataillonen knüpfen.

Das Telefon klingelte. „Hier Oberstleutnant S. aus BANDA


ACEH. Schicken Sie mir mal die IATA per E-Mail.“ „Ja,
...“, dann riss die eh’ schon schlechte Verbindung ab. Der
Rückruf hatte keinen Erfolg. Das Mobilfunknetz der
indonesischen Insel war aufgrund der vielen Helfer
überlastet. Ich hatte keine Ahnung, was IATA bedeutet und
wo ich danach suchen sollte. Also begab ich mich auf die
Suche nach jemandem, der mir weiterhelfen konnte. Im
Bereich Materialbewirtschaftung traf ich auf einen
Hauptmann, den ich danach fragte. „IATA ist die
„International Air Transport Association“. Deren Bestim-
mungen sind für den weltweiten Flugverkehr verbindlich.
Fragen Sie mal bei Verkehr und Transport nach“, so seine
Antwort. Zwei Büros weiter der nächste Versuch:
„Oberstleutnant S. hat mich gerade angerufen, er benötigt
die Transportbestimmungen der IATA. Können Sie mir da
weiterhelfen?“ „Klar hab ich die Bestimmungen, ich sende
sie gleich an den Oberstleutnant.“ Nach nur zwanzig
Minuten war die Vorschrift via Internet auf dem Weg um die
halbe Welt nach INDONESIEN.

150
Leutnantsbuch

Jeder Soldat hat sich bewusst für eine Teilstreitkraft oder


eine Truppengattung entschieden, entweder weil er dort
seiner Traumverwendung nachgehen kann oder von den
Fahrzeugen, Schiffen oder Flugzeugen fasziniert ist. Jeder
hat einen gewissen „Waffenstolz“ entwickelt und macht
Witze über andere Bereiche. Jointness steht im Allgemeinen
militärischen Sprachgebrauch für das Zusammenwirken der
Teilstreitkräfte und militärischen Organisationsbereiche in
einer Operation. Für die Streitkräftebasis bedeutet Jointness
die Zusammenarbeit aller in der Streitkräftebasis ein-
gesetzten Soldaten, gleichgültig ob Sie ursprünglich aus dem
Heer, der Luftwaffe oder der Marine kommen. Es geht nicht
darum, seine militärische Identität zu verlieren oder zu
verleugnen, sondern sein Wissen an der richtigen Stelle
einzubringen, alle davon profitieren zu lassen und
gemeinsam Herausforderungen zu bewältigen. Nur so ist ein
derart vielfältiges und facettenreiches Arbeitsfeld, wie die
Logistik, zu bewältigen.

HI
Die Streitkräftebasis ist der zentrale militärische
Organisationsbereich zur Unterstützung der Bundeswehr im
Einsatz und im Grundbetrieb. Sie unterstützt die Teil-
streitkräfte Heer, Luftwaffe und Marine sowie den Zentralen
Sanitätsdienst der Bundeswehr durch die Wahrnehmung
von Aufgaben, die streitkräftegemeinsam effektiver und
effizienter erbracht werden können.
Durch diese Konzentration werden die Teilstreitkräfte
entlastet, Synergieeffekte genutzt und das Leistungs-
vermögen der Streitkräfte insgesamt gesteigert.

151
Leutnantsbuch

Die Erfahrung, einer gemeinsamen Sache zu dienen und mit


anderen zusammenzuarbeiten, stärken das Gemeinschafts-
gefühl und die soldatische Identität.

152
Leutnantsbuch

Der Brief

D ie Telefonzellen waren wieder einmal alle belegt – bis


auf die zwei, die schon seit einiger Zeit defekt waren.
Niemand schien sich darum zu kümmern. Im Einsatz ist das
besonders ärgerlich, weil die Verbindung nach Hause eine
Bedeutung bekommt, die nur versteht, wer selber schon
einmal für ein paar Monate im Einsatz war.
Aus einer der Zellen kam Oberfeldwebel M. heraus und
stapfte mit verdrießlicher Miene an mir vorbei. „Na, junger
Kamerad“, sprach ich ihn an, „wie geht’s?“ Er schaute mich
unsicher an und antwortete: „Wenn Sie’s wirklich wissen
wollen – mir geht’s heute total beschissen. Und Sie können
mir auch nicht helfen. Das ist was Privates.“
Es war bereits „Rec-time“, wie man heute im Einsatz zum
Dienstschluss sagt. Daher lud ich Oberfeldwebel M., mit
dem ich bereits in der Transall auf dem Herflug ins
Gespräch gekommen war, zu einem Getränk in die OASE
ein. Er willigte nach kurzem Zögern ein – sein Abend war
offensichtlich eh’ schon verdorben und konnte nicht mehr
schlechter werden.

Auf dem Weg zur OASE kamen wir langsam ins Gespräch.
Sein Anruf zu Hause war voll in die Binsen gegangen. Er
hatte sich so auf die Unterhaltung mit seiner Frau gefreut
und auf die Stimme seines kleinen Sohnes, der am Ende
immer noch etwas ins Telefon plappern durfte.
Stattdessen hatte sich der Junge eine schwere Erkältung
zugezogen und hustete erbärmlich. Und die Frau war von
Anfang an gereizt gewesen. Sie hatte wegen der Erkrankung
des Kindes die ganze Nacht nicht geschlafen und schließlich
am Telefon geweint, weil sie sich überfordert und
alleingelassen fühlte. Sie war wohl mit ihren Nerven
ziemlich am Ende und dann hatte irgendwie ein Wort das
153
Leutnantsbuch

andere gegeben. Nach wechselseitigen Vorwürfen hatte sie


einfach aufgelegt – ohne ein Abschiedswort.

Kein Wunder, dass Oberfeldwebel M. jetzt so griesgrämig


war. Als wir in der OASE vor unserem Getränk saßen, fragte
ich vorsichtig: „Haben Sie Ihrer Frau eigentlich schon mal
einen Brief geschrieben?“ – „Ja, damals, ganz am Anfang,
als wir uns kennen lernten. Es war sogar ein Liebesbrief. Ich
glaube, sie hat ihn heute noch in ihrer Schmuckkassette
versteckt.“ – „Und seitdem haben Sie ihr nie wieder etwas
geschrieben?“ – „Nein, wozu auch – es gibt doch Handys
und Telefon. Schreiben ist so umständlich und hier im
Einsatz dauert die Post doch ewig.“
Ich prostete dem Schreibmuffel zu und erzählte ihm, wie ich
das mit meiner Verbindung nach Hause hielt. Dabei hielt ich
ihm ganz bewusst einen kleinen Vortrag und er hörte mir
geduldig zu:

„Selbstverständlich rufe ich auch so oft wie möglich an.


Aber ich schreibe meiner Frau auch jede Woche einen Brief,
meistens am Samstag, wenn ich dafür mehr Zeit habe. Das
Briefeschreiben ist natürlich gerade anfangs etwas
ungewohnt und anstrengend. Aber Sie werden sehen – bald
macht es Ihnen keine Mühe mehr. Und Ihrer Frau machen
Sie damit eine richtige Freude. Denn jedes Telefongespräch
hier ist schneller zu Ende als einem lieb ist. Ihren Brief aber
kann sich Ihre Frau auf das Nachtkästchen legen. Da liegt
dann sozusagen ein Stück von Ihnen neben ihr. Das ist
vielleicht sogar besser als ein Bild, weil so ein Brief Ihre
Gedanken ausdrückt, Ihre Gefühle, Ihre Wünsche und Ihre
Hoffnungen, aber auch Ihre Sorgen und Ihre Befürchtungen.
Das liegt ganz an Ihnen und wie gut Sie das formulieren
können. Aber Übung macht den Meister. Dann ist so ein
Brief nicht nur ein beschriebenes Stück Papier, sondern ein
154
Leutnantsbuch

Ausdruck meiner Persönlichkeit und vielleicht sogar ein


Stück meiner eigenen Geschichte, die ich damit nicht nur
weitergebe, sondern auch bewahre.“
Oberfeldwebel M. schaute mich mit großen Augen an: „So
habe ich das noch gar nicht gesehen. Eigentlich haben Sie ja
recht. Vielleicht sollte ich meiner Frau einfach ’mal wieder
einen Brief schreiben.“
„Ja“, bestärkte ich ihn, „tun Sie das am besten noch heute
Abend. Dann können Sie gleich Ihren missglückten Anruf
aufarbeiten. Oder glauben Sie, dass Sie in Ihrem Brief alle
diese Vorwürfe noch einmal aufwärmen werden, die Sie sich
heute gegenseitig an den Kopf geworfen haben?“ – „Nein,
natürlich nicht. Mir tut es doch jetzt schon leid, was ich da
wieder alles von mir gegeben habe!“

„Sehen Sie“, sagte ich, „genau das ist der große Vorteil beim
Briefeschreiben. Man kann in aller Ruhe überlegen, was
man wirklich loswerden will. Was einmal ausgesprochen ist,
bleibt ausgesprochen. Und wenn es der größte Unsinn war.
Einen missglückten Brief kann ich in den Papierkorb werfen
und noch mal anfangen. Dann muss mir hinterher auch
nichts leid tun. Und wenn’s am Anfang wirklich schwer
fällt, dann setzen Sie doch einfach einen Entwurf auf und
schreiben ihn dann ins Reine. Ich sage Ihnen jetzt schon,
Ihre Frau wird den Brief gar nicht mehr aus der Hand geben.
Vielleicht schreibt Sie Ihnen dann auch zurück. Wäre doch
schön, wenn man ab und zu ’mal so ein leicht parfümiertes,
buntes Kuvert öffnen könnte. Und jetzt sage ich Ihnen noch
ein Letztes. Wenn Sie sich beide regelmäßig schreiben,
haben Sie am Ende ein kleines gemeinsames Einsatz-
tagebuch in Briefform. So eine gemeinsame Erinnerung ist
dann schöner und wertvoller als jedes Kontingentbuch. Und
übrigens: unsere Feldpost ist ganz schön fix!“

155
Leutnantsbuch

Als ich Oberfeldwebel M. einige Tage später wieder an den


Telefonzellen traf, strahlte er über das ganze Gesicht:
„Meine Frau hat gestern meinen Brief bekommen. Und
meinem Junior geht es auch wieder besser. Ich glaube, sie
hat sich über meinen Brief mehr gefreut als über meinen
Liebesbrief damals. Er war aber auch mindestens doppelt so
lang, wenn nicht sogar länger! Ich habe schon wieder
geschrieben. – Aber Telefonieren finde ich trotzdem
schöner!“

HI
Im Einsatz gewinnen Betreuungsleistungen wie zum Beispiel
private Fernmeldeverbindungen ins Heimatland eine
besondere Bedeutung. Die gewohnten Heimatstandards
können aber nicht immer gewährleistet werden. Dann
kommt es darauf an, sich auf eine alte Tugend
zurückzubesinnen – das Briefeschreiben. Die Feldpostämter
in den Einsatzländern sind sehr leistungsfähig und zuhause
freuen sich alle auf einen Feldpostbrief. Früher war das oft
monatelang das einzige Lebenszeichen. Heute ist der
persönliche Brief eine Möglichkeit, einen Einsatz für die
Angehörigen im wörtlichen Sinn „begreifbarer“ und damit
transparenter zu machen. Auch das schafft Verständnis und
Vertrauen.

156
Leutnantsbuch

Glauben hilft!

M eine Mutter war streng katholisch und so wurde ich


auch erzogen. Als kleiner Bub schon war ich in
kirchlichen Jugendgruppen und Ministrant. Mit der Pubertät
kam dann der Bruch. Ich ging auf Tauchstation und hatte mit
Kirche nicht mehr viel am Hut. Ich wurde sozusagen
„U-Boot-Christ“ und tauchte nur noch gelegentlich in der
Kirche auf.
Doch dann kam mein erster Auslandseinsatz. Die Monotonie
der 7-Tage-Woche, unterbrochen nur durch den freien
Sonntag-Vormittag, der gewöhnlich zum Containerputzen
oder zum Kirchgang genutzt wurde. Wir hatten zwei
Militärseelsorger, die sich mit dem Sonntagsgottesdienst
abwechselten. Ich hatte mir vorgenommen, sowohl den
katholischen als auch den evangelischen Militärpfarrer
zumindest einmal in ihrem Kirchenzelt zum Gottesdienst zu
besuchen. Ich war von beiden angenehm überrascht. Ihre
Predigten hatten ganz realen Bezug zu unserem Einsatz, zu
Dingen die uns beschäftigten. So ging ich über Monate
wieder regelmäßig in die Kirche und kam beim
Kirchenkaffee, dem anschließenden Kaffeetrinken, mit
anderen Gottesdienstbesuchern ins Gespräch. Das Wort
Gespräch wähle ich bewusst; denn es war mehr als
Diskussion, Debatte oder Meinungsaustausch. Es waren
persönliche Gespräche, in denen man ein Stück seiner
Gefühle, seines Glaubens und seiner Zweifel preis gab und
sich ein gutes Stück weit offenbarte, wie ich es außerhalb
der Familie oder dem engsten Freundeskreis nicht für
möglich gehalten hätte.
Nach dem Einsatz suchte ich dann den Kontakt zu meinem
Standortpfarrer, und siehe da, auch er ist ein ganz
vernünftiger Mensch.

157
Leutnantsbuch

Er brachte mich mit anderen Soldaten zusammen, die sich


mit ähnlichen Fragen der vermeintlichen Widersprüche
zwischen Soldat- und Christ-Sein beschäftigten und gab mir
Schriften der GKS zu lesen.
Diese Gemeinschaft Katholischer Soldaten ist mir mitt-
lerweile zur geistigen Heimat geworden. Das christliche
Menschenbild und die abendländischen Werte, die im Kern
ja christliche sind, habe ich als das Fundament meines
soldatischen Dienens erkannt.
Im SFOR-Einsatz, wo wir einer geschundenen Bevölkerung
die Chance auf ein Leben ohne Willkür und Gewalt, auf
einen friedlichen Wiederaufbau und eine Aussöhnung der
Ethnien ermöglicht haben, war alles ganz einfach. Als
Offizier, der noch in Zeiten des Kalten Krieges zur Bun-
deswehr gekommen war, war ich stolz: Ich war vom
„Kriegsverhinderer“ zum Friedensgestalter geworden.
Doch später im ISAF-Einsatz, als es um Schusswechsel mit
Aufständischen, um getötete Kameraden und Taliban ging,
die Raketen auf unser Lager schossen und mit Sprengfallen
und „Suicide-Bombern“ unsere Konvois angriffen, wurde es
schwieriger.
Doch genau hier bewahrt mich mein christliches Men-
schenbild vor Rache und Überheblichkeit. Ich erkenne in der
afghanischen Bevölkerung ebenso das Ebenbild Gottes wie
in den Europäern. Ich begegne ihr mit Respekt und bin in
ihrem Land, um ihr zu helfen. Dennoch kann ich den Feind
aber genauso konsequent bekämpfen, ja notfalls sogar töten,
wenn dies die einzige Möglichkeit ist, ihn von seinen
Kampfhandlungen abzubringen. Natürlich braucht man nicht
zwingend ein christliches Wertefundament, um die Regeln
des Kriegsvölkerrechtes einzuhalten. Aber die Erfahrungen
anderer Streitkräfte zeigen, dass dort, wo die Angst vor
Strafverfolgung und ein prägendes Wertefundament fehlen,
die Hemmschwellen sinken.
158
Leutnantsbuch

Als Offizier, der einen so unmittelbaren Bezug zu Ver-


wundung und Tod, zum Töten und getötet werden hat, und
dies nicht nur für sich selbst, sondern auch die Verant-
wortung trägt, ist mir eines klar: Der christliche Glaube gibt
mir einen inneren Wertekanon, der auch dann noch wirkt,
wenn in einer Ausnahmesituation jede äußere Aufsicht fehlt.
Dann meldet sich die innere Stimme mit ihrem klaren: „Das
tut man nicht!“

HI
Kritische Entscheidungs- und Gefechtssituationen erfordern
ein reflektiertes ethisches Wertefundament. Daher müssen
die ethischen Dimensionen des Dienens im Frieden und
Einsatz notwendiger Bestandteil soldatischer Ausbildung
sein. Der christliche Glaube und das christliche Wertefunda-
ment können hier, im Sinne eines Kompasses, Wegweiser
und Handlungsmaxime sein. Andere Religionen können das
auch.

159
Leutnantsbuch

Der Spind

N ach dem Offizieranwärterlehrgang wurde ich mit zwei


anderen Kameraden zum ersten Truppenpraktikum
kommandiert.
„In der Truppe weht ein rauher Wind”, sagte einmal einer
unserer Gruppenführer. Mit einem Mal wurden wir in die
Welt der Allgemeinen Grundausbildung geworfen. Immer
genauestens die Befehle und Zeiten einhalten, immer ein
korrekter Anzug – das soldatische Vorbild beginnt eben
schon in grundlegenden Dingen. Die Feldwebel, allesamt
mit Einsatzerfahrung, achten sehr genau darauf. Da fragt
man sich natürlich, was der Auslandseinsatz, das dortige
Gefecht und dessen Ausgang mit einem korrekten Anzug
gemein haben?
Die ersten Tage der Grundausbildung sind vergangen, die
neuen Rekruten hatten die Arzttermine sowie die
Einkleidung hinter sich. Heute erhielten wir den Befehl, den
Spindbau unserer Soldaten genauestens zu prüfen. „Und
wenn da eben was nicht zu 100 Prozent passt, dann Sachen
raus, zeigen und nochmal machen lassen”, so unser
Zugführer zuvor. Nur wenn den Rekruten von Anfang an die
korrekten Dinge beigebracht werden, würden sie zu
disziplinierten Verhalten, Ordnung und Sauberkeit erzogen
und somit dafür sensibilisiert werden.
So betrete ich eine Stube meiner Gruppe. Sofort wird mir
gemeldet, wie es den Soldaten beigebracht wurde. Bei der
Spindkontrolle fallen drei Soldaten auf, deren Unterhemden
nicht ordentlich gefaltet sind. Ich spreche das an, ziehe sie
heraus und zeige wie es richtig geht, jetzt müssen die
Rekruten selbst neu falten. Einem will es nicht gelingen,
seine Faltweise unterscheidet sich deutlich von denen der
Kameraden. Ich weise ihn darauf hin, dass er dies weiterhin

160
Leutnantsbuch

intensiv üben soll. Der Erfolg wird sich dann von ganz
alleine einstellen.
Soldatisches Verhalten fängt schon bei einfachen Dingen
wie dem Spindbau an. Und auf die Frage eines Rekruten,
warum wir denn so penibel seien, antwortete ich mit genau
diesem Satz. Durch korrektes Verhalten entsteht
Verhaltenssicherheit, im Extremfall kann dadurch ein
Menschenleben gerettet werden.

Nach zwei Monaten kam ein neuer Oberfeldwebel – ein


Reservist – in den Zug. Einer vom „alten Schlag”, wurde uns
von den Feldwebeln gesagt. Seine Körperhaltung macht vom
ersten Moment deutlich, dass er sein Auftreten als
militärischer Führer sehr ernst nimmt und dies konsequent
umsetzt – Oberkörper raus, Bauch rein, aufrechtes Stehen
und direkter Blickkontankt zum jeweiligen Gesprächs-
partner.
Natürlich waren wir geschockt, als der Oberfeldwebel
unsere Stube kontrollieren wollte. Gerade durch den
Zeitaufwand für die Ausbildungen hatten wir die eigene
Stube ziemlich vernachlässigt: Hier ein paar Klamotten, da
ein ungemachtes Bett und dort in der Ecke ungereinigte
Ausrüstung.
Es reicht genau einmal, dass er mit ruhiger, jedoch
bestimmender Stimme sagt, dass er diesen „Zustand” nie
wieder haben wolle. Nachdem er die Stube verlassen hatte,
waren wir immer noch ziemlich perplex. „Wozu denn die
Bude hier saubermachen?” oder „Das Ding hatte ich doch
genug gereinigt!” gehören zu den Standardsprüchen.
Moment mal! Sind wir nicht Offizieranwärter und
Vorgesetzte, die jetzt und natürlich auch künftig selbst ein
Vorbild in Haltung und Pflichterfüllung sein wollen?

161
Leutnantsbuch

HI
Damals ging uns allen auf einmal ein Licht auf. Selbst wenn
die Rekruten niemals unsere Stube betreten würden, haben
wir trotzdem eine Vorbildfunktion. Als Führer muss ich,
selbst wenn es mir schwer fällt, den „eigenen
Schweinehund” überwinden. Gerade wenn man durch den
langen und anstrengenden Dienst viel zu wenig Zeit und
Schlaf bekommt, kommt es darauf an, nicht nachzulassen.
Jede Tat oder Unterlassung ist Ausdruck unseres
Selbstverständnisses als künftiger Offizier – die Maxime
heißt: Führen durch Vorbild.

162
Leutnantsbuch

Die Truppenpsychologin

„II. Zug stillgestanden! – Zur Meldung – Augen rechts!“.


Oberleutnant H. freut sich an diesem Morgen
besonders auf seine Männer und Frauen, da er in dieser
Woche die erste „scharfe“ Patrouille führen wird. Für das
zweite Fahrzeug hat er Feldwebel F. ausgewählt, der bereits
seinen zweiten Auslandseinsatz absolviert und seinem
Zugführer durch ruhige und verlässliche Auftragserfüllung
und kameradschaftliche Fürsorge seiner Gruppe gegenüber
aufgefallen war. Auch der Kompaniechef hat Feldwebel F.
als „sichere Bank“ für diffizile Aufträge beurteilt.

Am nächsten Morgen bemerkt Oberleutnant H. bei der


Befehlsausgabe ein leichtes Zucken im Gesicht unter der
Helmkante bei Feldwebel F., das sich auf dem Weg zu den
Fahrzeugen verstärkt und beim Öffnen der Fahrertür zu
einem hektischen Zittern wird. Die Beruhigungsversuche
durch gutes Zureden und einen freundschaftlichen Armdruck
bringen kaum Besserung, vielmehr wirkt Feldwebel F.
zunehmend gestresst. Der Zugführer entschließt sich
kurzfristig Oberfeldwebel M. mitzunehmen und beantragt
beim Spieß für Feldwebel F. eine Belegart 90/5 zur
ärztlichen Begutachtung erstellen zu lassen.

Die truppenärztliche Untersuchung bescheinigt ihm eine


gute körperliche Fitness und keinerlei medizinische
Einschränkung, sodass alle und allen voran Feldwebel F.
das „Ereignis“ für eine kurzzeitige Schwäche halten.
(Kameraden vermuten Ärger zu Hause, zu wenig Schlaf und
etwas zuviel Alkohol). Feldwebel F. versichert seinem
Zugführer, dass er sich nunmehr im Griff habe und voll
einsatzfähig sei.

163
Leutnantsbuch

Der II. Zug rückt am nächsten Morgen mit Feldwebel F. zu


den Fahrzeugen ab und sitzt auf. Oberleutnant H. kontrolliert
seine Teams persönlich und bemerkt bei Feldwebel F. nun
eine Blässe im Gesicht, durchsetzt von kleinen und großen
roten Flecken. Oberleutnant H. nimmt Feldwebel F. vom
Fahrzeug und gibt ihm den Auftrag, mit dem S 6-Feldwebel
des Bataillons Fernmelde-Gerät auf Vollzähligkeit und
Funktionalität zu überprüfen. Am Abend nimmt er ihn
beiseite und führt ein persönliches Gespräch mit ihm, um
dessen Situation besser einschätzen zu können. Neben
privaten Sorgen mit der Verlobten erfährt er dabei auch von
der unmittelbaren Nähe seines Gruppenführers zu einem
Anschlag während seines ersten Auslandseinsatzes. Bei der
weiteren, genauen Abklärung dazu verhält sich F. reserviert
und wird zunehmend einsilbig. Er scheint auch weniger
ansprechbar zu sein. Oberleutnant H. erinnert sich an einen
Unterricht zur psychologischen Einsatzvorbereitung in
Hammelburg und regt an, dass sein Feldwebel mal bei
der Truppenpsychologin, Oberstleutnant S., vorbeischauen
könnte.

Feldwebel F. ist entsetzt und verteidigt sich spontan: „Ich


bin doch nicht meschugge und lasse mir vom
Seelenklempner die Karriere versauen!" Andererseits
bemerkt er wohl, dass sich sein Verhalten in einer Weise
verändert hat, die er sich nicht mehr selbst erklären kann,
und ganz besonders sein nervöses Zittern und das
Herzpochen, wenn er zur Patrouille aufsitzen soll, lassen ihn
nicht zur Ruhe kommen. Durch seine Feldwebelkameraden,
von denen einer ähnliche Stressfolgen nach einem schweren
Verkehrsunfall schildert, lässt er sich doch zu einem Besuch
bei der Truppenpsychologin bewegen und vereinbart gleich
am nächsten Tag einen Termin. Im Gespräch mit Frau
Oberstleutnant S. ist ihm dann aber zunächst einmal mulmig
164
Leutnantsbuch

und er stottert anfänglich unsicher, was ihm aber durch die


freundliche Akzeptanz und sichere Gesprächsführung
schnell genommen wird. Es wird ihm bewusst, dass es
Situationen, auch im Soldatenleben, gibt, die einen unver-
mittelt mit aller Wucht treffen können und damit unsere
sonst auf Konsequenz getrimmten Sinne in der Schreckens-
lage auseinander driften und ganz erhebliche „Speicher-
fehler“ im Gehirn produzieren. Erinnern ist danach nur
teilweise, zum Beispiel an ein unbestimmtes Gefühl des
Unbehagens und der Angst, möglich, ohne zu wissen, wozu
dieses in der eigenen Erfahrung gehört!
Stück für Stück kann so in diesem ersten Gespräch mit der
Truppenpsychologin eine Verbindung zwischen einem rot-
grünen Aufkleber am Handschuhfach seines Fahrzeugs (als
„Auslöser“ seiner Erregung) und irgendwie, wenn auch sehr
diffus, mit dem Anschlag aus dem ersten Auslandseinsatz
aufgezeigt werden.
Auf diese Weise findet Feldwebel F. nach und nach die
Versatzstücke seiner Erinnerung und kann diese so
zusammenbauen, dass das problematische Geschehen ge-
ortet werden kann (eine kleine afghanische Flagge, die er
kurz vor der Detonation der Bombe in einem vorbei-
fahrenden Fahrzeug gesehen hatte und die entsetzlichen
Schreie der Kameraden aus dem Fahrzeug vor ihm, denen er
nicht helfen konnte).
Im weiteren Verlauf der Gespräche merkt Feldwebel F., wie
beim Aufarbeiten dieser Erkenntnis eine große Last von
seiner Seele fällt, er sein altes Selbstvertrauen wiederfinden
und mit Zuversicht seine weitere Karriere planen kann.
Oberleutnant H. ist froh, seinen leistungsfähigen Feldwebel
wieder einsetzten zu können. Wie gut es doch war, sich an
diesen Unterricht aus der Einsatzvorbereitung im richtigen
Moment erinnert zu haben.

165
Leutnantsbuch

Primus inter pares

I ch hatte noch nie solche Schmerzen. Dennoch überrascht


es mich wieder, zu welchen Höchstleistungen der
menschliche Körper imstande ist. Es ist Mittwochnacht und
seit Montagmorgen bin ich zwischen 90 und 100 km
marschiert, ich weiß es gerade nicht so genau. Eben haben
wir einen weiteren Durchlaufpunkt und damit 10 Minuten
Pause erreicht. Als ich meinen Rucksack quasi fallen lasse,
fühle ich mich im ersten Augenblick wie eine Feder. Die
letzten Tage sind an Schultern, Rücken und Beinen beileibe
nicht spurlos vorüber gegangen. Immerhin trägt jeder von
uns 30 kg Gepäck, inklusive Koppel und Gewehr. Ich werfe
mir schnell meinen Kälteschutz über, lehne mich mit dem
Rücken an den Oberfeldwebel der hinter mir sitzt, und lasse
die letzten Tage und Wochen Revue passieren.

Es ist Februar und ich bin mitten im Vorbereitungs-


programm für die Eignungsfeststellung zum Kommando-
soldaten. Am Montagmorgen, vor zwei Tagen gegen 1 Uhr
früh, sind wir zu einem 150 km Trainingsmarsch
aufgebrochen. Wir sind die ersten 75 km bis zu unserem
Biwak-Raum marschiert, den wir in der Nacht erreicht
haben. Gestern und heute Vormittag hatten wir Seil- und
Kletterausbildung, aber auch ein Grillabend am offenen
Feuer durfte nicht fehlen. Und seit ein paar Stunden sind wir
wieder auf dem Rückmarsch, die zweiten 75 km.
Im Ganzen war der Lehrgang eine „neue“ Situation für
mich, immerhin war ich vor vier Jahren als Zugführer zuletzt
im Gefechtsdienst. Freilich war die Vorbereitung hierfür
auch körperlich anstrengend, aber nach einer so langen Zeit
im Studium und in einer folgenden Ämterverwendung ist es
erst einmal ungewohnt, wieder als Teil einer Gruppe im Feld
ausgebildet zu werden. Hinzu kommt nicht nur, dass ich zu
166
Leutnantsbuch

den älteren Teilnehmern gehöre, sondern auch, dass ich als


einziger Hauptmann der Dienstgradhöchste bin. Es gibt eine
handvoll Offiziere. Der Großteil der Teilnehmer ist
Feldwebel oder Stabsunteroffizier und bis zu acht Jahre
jünger als ich.
Aber wir haben uns alle der gleichen Herausforderung
gestellt, und das ist es was hier zählt. Doch so einfach war es
am Anfang nicht, als „der Hauptmann“ einfach mit dazu
zugehören. Viele Jüngere kennen Soldaten dieses
Dienstgrades nur als Kompaniechef, und das führt zu
Zurückhaltung. Wie ist der so? Packt der mit an? Kann man
mit dem überhaupt normal reden? Erwartet der eine
Sonderbehandlung, oder kann der „einer von uns“ sein?
Diese Bedenken muss man kennen. Ich glaube, hier hätte
mir Arroganz genauso wenig weiter geholfen wie
übertriebene „Kumpelhaftigkeit“. Wer sich, als Gleicher
unter Vielen, nicht einbringen kann, der wird hier scheitern.
Wer aber vergisst, dass er Offizier ist, wird es auch nicht
leicht haben, denn die Kameraden vergessen es nicht. Es
wird immer wieder von den Offizieren ein Quäntchen mehr
als von anderen Soldaten erwartet, mit gutem Beispiel
voranzugehen, auch hier. Der Offizier verliert nicht den
Überblick, und er ist gewiss nicht der erste, der irgendwo
aufgibt, auch hier nicht. Er muss immer ein bisschen der
Führer bleiben, auch wenn er es gerade nicht ist.
Dazu fällt mir eine Geschichte von gestern Abend ein. Als
ich mich mit einem der Stabsunteroffiziere unterhalte,
geraten wir über irgendeine Kleinigkeit in Streit, den wir
dann auch mit einer etwas derberen Wortwahl ausfechten.
Daraufhin gesellt sich ein Feldwebel dazu und meint, dass
der Stabsunteroffizier so nicht mit mir reden könne,
immerhin wäre ich ein Hauptmann und könnte irgendwann
wieder sein Vorgesetzter sein. Er hat recht. Genau um diesen
Spagat geht es hier, den rechten Mittelweg zwischen
167
Leutnantsbuch

„Kumpel“ und Dienstgradhöherem zu schaffen. Das macht


schließlich die Kameradschaft aus, oder?
Und die funktioniert hier. Es ist egal, welche Dienstgrade
hier nachts im Zelt zusammenrücken, weil sie vor Kälte
nicht schlafen können. Es ist egal, wer in der Pause aufsteht
und die Wasserflaschen der anderen einsammelt und mit
auffüllt, damit die restliche Gruppe sitzenbleiben kann. Es
ist auch egal, ob der Ausbildungsleiter im Dienstgrad unter
oder über einem steht. Seine Erfahrung und Motivation wird
gerne angenommen, für einen herablassenden Blick von
oben ist hier kein Platz.

Ich werde wachgerüttelt. Meine „Lehne“, der Oberfeldwebel


hinter mir, ist aufgestanden. Ich bin wohl doch eingedöst,
und das Aufstehen und Aufsetzen des Rucksacks kommen
mir unendlich lang und quälend vor. Ich weiß nicht, ob ich
die restliche Nacht durchhalte. Viele von unserer Gruppe
mussten bereits aufgeben. Aber ich habe ein gutes Gefühl,
weil ich von Kameraden umgeben bin, auf die ich mich,
unabhängig ihres Dienstgrades, verlassen kann, und die sich
auf mich.
Also weiter. Einen Fuß vor den anderen. Was hat der
Oberstabsfeldwebel, der Zugführer, am Sonntag noch
gesagt? Alles hat ein Ende, man muss es nur erreichen …

HI
Kameradschaft ist ein Ausdruck des Zusammengehörig-
keitsgefühls unserer Streitkräfte. Gerade in belastenden
Situationen hilft Kameradschaft, diese besser durchzustehen
– gemeinsam als Team. Sie gilt auch über Dienstgrad-
gruppen hinweg. Als Offiziere sind wir besonders
verpflichtet, Kameradschaft zu fördern, ohne dabei in
kumpelhaftes Verhalten zu verfallen.
168
Leutnantsbuch

Unter Belastung stehen wir als Offiziere besonders im Fokus


und sind oftmals mehr gefordert als andere.

169
Leutnantsbuch

Schule ist anders, aber wichtig

E s ist wie immer: Die Versetzungsverfügung ist


unterschrieben und der Reisetag steht kurz bevor. Die
letzten Worte meines Kommandeurs entsprachen nicht
denen, die ich mir erhofft hatte. Er sagte, dass der Dienst an
der Schule eine fordernde und nicht gerade ruhige Aufgabe
sei, welche oftmals noch anstrengender sei, als die hier in
der Truppe. Ich lächelte innerlich, in dem Wissen darüber,
dass ich jetzt, am Anfang des Jahres, schon genau sagen
konnte, wie oft und wie lange ich außerhalb der Dienststelle
sein würde. Ganz im Gegensatz zu meiner alten Einheit, wo
kurzfristige Übungsunterstützung und andere, mehrwöchige
Abstellungen üblich waren. Im Vorfeld sagte man mir, dass
sich Aufenthalte außerhalb des Standortes in meiner neuen
Dienststelle auf vier Wochen im Jahr beschränkten. Jeder,
der dieses aus meiner alten Einheit hörte, sah mich nur mit
neidischen Blicken an. „Endlich hast du Zeit für Deine
Familie!“, sagten sie zu mir. Genau das war es, was mich
dazu bewog, an die Schule zu gehen. Was sollte schon groß
passieren - an einer Schule, wo sich die Dienstzeiten streng
am Lehrplan ausrichten?
Es war Montag gegen 07:00 Uhr als ich mich erstmals in
meiner neuen militärischen Heimat meldete. Auf dem Flur
herrschte hektisches Treiben. Hauptleute und
Hauptfeldwebel gingen zügig im Gefechtsanzug und mit
getarntem Gesicht über den Flur. Was war denn hier los?
Eine Alarmübung? Der Chef begrüßte mich und gab mir zu
verstehen, dass ich gerade recht käme. Ich solle gleich am
nächsten Tag mit meinem Vorgänger, dessen Hörsaal gerade
die Prüfung „Führung im Gefecht“ ablegte, mitgehen. Der
nächste Hörsaal sollte ja von mir geführt werden. So stand
ich bereits am Folgetag im Gefechtsanzug vor der
Waffenkammer und hörte Befehle, Motorengeräusche, Pfiffe
170
Leutnantsbuch

und Flüche. Der Tag verging und gegen 16:30 Uhr war noch
immer kein Dienstschluss absehbar. Das fängt ja gut an,
dachte ich insgeheim. Ich fragte meinen Kameraden, ob dies
üblich sei? Er antwortete mit einem knappen Lächeln: „Ja!
Dafür hat man andere Freiheiten.“ Das wollte ich genauer
wissen. Er erklärte mir, dass es Phasen gäbe, in denen man
unter „Volllast“ fahre und solche bei denen weniger zu tun
sei. Es käme darauf an, wie man diese Zeiträume nutze.
Vieles hinge natürlich vom Chef ab, aber der wisse genau,
was er an uns habe.
Ich reagierte etwas ungläubig, da ich doch extra mit meiner
Familie an den neuen Dienstort gezogen war, um möglichst
viel Zeit mit dieser zu verbringen. Also studierte ich
nochmals den Lehrgangsablauf und stellte fest, dass ich
meine Familie mindestens ebenso wenig zu Gesicht
bekommen würde wie zuvor.
Meine Frau hatte zunächst Schwierigkeiten diese Situation
nachzuvollziehen, da auch sie von anderen Voraussetzungen
ausgegangen war.
Wir benötigten einige Wochen, um zu verstehen, was mein
Vorgänger mit seinen Aussagen meinte. Schnell stellte ich
fest, dass auch meine jungen Soldatinnen und Soldaten einer
strengen aber zugleich auch fürsorglichen Hand bedurften.
Ich begriff, dass ich ihnen auch nach Dienst die Richtung
weisen musste. Intensive und fordernde Ausbildung schaffen
erst die Voraussetzungen für gute Leistungen und lassen den
jungen Führer später im Einsatz in Extremsituationen
bestehen. Persönliche Probleme sowie individuelle Stärken
und Schwächen lassen sich ebenfalls nicht ausschließlich
während der Rahmendienstzeit erkennen. Ich verstand, dass
diese Aufgabe meiner Aufgabe als Familienvater sehr
ähnelte. Auf einmal waren es alle meine Kinder.
Und der Chef? Der sorgte sich nicht nur um mein
Wohlergehen, sondern zumindest indirekt auch um das
171
Leutnantsbuch

meiner Familie. Er gab mir in den wenigen „Ruhephasen“


die zweifellos notwendigen Freiräume für den „Kampf an
der Heimatfront“, kümmerte sich aber auch um meinen
Nachwuchs in unseren Diensträumen, wenn ich keine andere
Möglichkeit der Kinderbetreuung hatte. Er hielt
Zusatzbelastungen so gering wie möglich und zeigte allen,
dass auch bei unserem kleinen Haufen jeder für den Anderen
einspringt. Wo sonst hat man die Möglichkeit, so viele
angehende Führer auszubilden, zu erziehen und damit
letztlich entscheidend für die Zukunft zu prägen. Diese
Erkenntnis, die gelebte Kameradschaft und die
Erfolgserlebnisse im Zuge der Ausbildung wirkten sich auch
positiv auf unser Familienleben aus. Dabei ist mir ein
Ausspruch meines ersten Kommandeurs besonders präsent.
Er sagte seinerzeit: „Wenn es zu Hause funktioniert, dann
hat der Soldat auch den Kopf für seinen militärischen
Auftrag frei!“

HI
Der Dienstherr schafft die Rahmenbedingungen für die
Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wir als Einheit, als
Kameraden und insbesondere als militärische Führer
müssen sie allerdings mit Leben füllen.

172
Leutnantsbuch

Mein Spieß

K OSOVO. Wir hatten mit dem Einsatz unserer


Kompanie an der Grenze zu ALBANIEN wirklich
Glück gehabt. Eigenes Lager, interessanter Auftrag, weit
weg vom Bataillon eingesetzt und eine ausgesprochen gute
Kameradschaft untereinander. Damit beste Voraus-
setzungen, um den sechsmonatigen Einsatz gut zu bestehen.
Ich selbst war zu diesem Zeitpunkt frischgebackener
Kompaniechef und sah den Herausforderungen dieses
Einsatzes optimistisch entgegen, da ich meine Soldaten gut
kannte, ihnen sehr viel zutraute und ihnen vor allem
vertraute.
Es war ein Tag wie jeder andere. Die Soldaten der Züge
gingen ihren Aufträgen nach, das Instandsetzungspersonal
reparierte unsere defekten Fahrzeuge und mein Kompa-
nieeinsatzoffizier musste sich, wie an vielen anderen Tagen
auch, um Besuchergruppen kümmern, die sich ein Bild
von der Grenze und den durchgeführten Absicherungs-
maßnahmen machen wollten.

Bei mir klingelte währenddessen das Telefon und ich erhielt


erste Informationen bezüglich eines zusätzlichen Auftrags
vom Kommandeur persönlich. Wir sollten in Kürze
gemeinsam mit einem österreichischen Zug einen be-
stimmten Grenzabschnitt über einen klar definierten
Zeitraum überwachen, da wir Informationen über geplante
Schmuggelaktivitäten erhalten hatten. Diese sollten wir
unterbinden. Der Kommandeur wies mich im Rahmen seines
fernmündlichen Vorbefehls nochmals ausdrücklich darauf
hin, wirklich nur das unbedingt erforderliche Personal in
diesen Auftrag einzuweisen, um die Möglichkeit eines
Durchsickerns von Informationen möglichst gering zu

173
Leutnantsbuch

halten. Die Befehlsausgabe sollte dann am darauf folgenden


Tag im Gefechtstand unserer Task Force erfolgen.

Ich war sofort Feuer und Flamme und begann sogleich


damit, mir Gedanken zu machen, was jetzt als nächstes zu
tun wäre und wen ich ins Boot holen sollte. Schnell stand für
mich fest, welchen Zug ich einsetzen wollte und umgehend
holte ich mir den Zugführer heran, um mit ihm zusammen
erste Absprachen zu treffen. Zwischenzeitlich hatte ich auch
den österreichischen Zugkommandanten telefonisch errei-
chen können und mit ihm ein Treffen für den folgenden Tag,
noch vor der Befehlsausgabe durch den Kommandeur,
vereinbart. Darüber hinaus bekam mein Feldwebel Aufträge
zur Materialbeschaffung und -vorbereitung und stürzte sich
gleich darauf ebenfalls in die Vorbereitung.

Als am nächsten Tag der Zugkommandant mit einer kleinen


Abordnung bei uns im Lager zu den vereinbarten Ab-
sprachen eintraf, begannen wir umgehend auf Grundlage
der uns bis dahin bekannten Fakten weiter an der Umsetzung
des Auftrages zu arbeiten. Der Versorgungsdienstfeldwebel
meldete mir während der Besprechung, dass die Vor-
bereitungen abgeschlossen seien und das zusätzliche
Material bereits in seinem Materialkeller eingelagert und zur
Ausgabe vorbereitet sei. Alles lief nach Plan!
Gemeinsam machten wir uns später auf den Weg zum
Gefechtsstand der Task Force, wo uns der Kommandeur in
den anstehenden Auftrag einwies. Unsere bisherigen
Planungen konnten nahezu zu 100% übernommen werden
und es sollte bereits in den frühen Morgenstunden des
Folgetages losgehen.
Nach Rückkehr in unser Lager machten wir uns alle an die
abschließende Umsetzung und bereiteten uns auf den
Auftrag vor. Im Eifer des Gefechts lief ich plötzlich meinem
174
Leutnantsbuch

Spieß „in die Arme“, der mich – so empfand ich das in


diesem Moment – sehr eigenartig ansah und mich fragte,
was hier eigentlich los sei. Ihm war natürlich nicht
verborgen geblieben, dass hier irgendetwas lief, von dem er
aber noch nichts Konkretes wusste. In diesem Augenblick
fiel es mir wie Schuppen von den Augen ... der Spieß! Ich
hatte den Stabsfeldwebel völlig außer Acht gelassen und
nicht daran gedacht, dass natürlich auch er mit ins Boot hätte
geholt werden müssen.

Nun stand er vor mir, sichtlich verärgert und erwartete eine


Antwort. Um die Sache zu klären, gingen wir in sein Büro
und ich informierte ihn ausführlich über das geplante
Vorhaben, woraufhin er mich auf mehrere Dinge auf-
merksam machte, an die ich bislang noch nicht gedacht hatte
und die zweifelsohne in seinen Aufgabenbereich fielen.
In diesem Moment musste ich mir eingestehen, dass es ein
Fehler war, mein Fehler, den Spieß nicht gleich mit
einzubeziehen. Ich bedankte mich für die zusätzlichen
Hinweise, die er mir gegeben hatte. Ich war froh, dass er die
ganze Sache sehr professionell anging und sie nicht
persönlich nahm. Er hatte sicherlich schon mehrmals in
seiner Zeit als Kompaniefeldwebel mit jungen Offizieren zu
tun, die ab und an etwas übereifrig an Dinge herangegangen
waren, und so machte er auch mir auf kameradschaftliche
Weise deutlich, woran bei der Planung und Umsetzung
solcher Aufträge zusätzlich noch so gedacht werden muss!
Dies war mir eine ausgesprochene Lehre, die ich während
meiner gesamten Zeit als Kompaniechef nicht wieder
vergaß. Die Zusammenarbeit mit meinem Spieß lief von
diesem Zeitpunkt an noch viel, viel besser und intensiver.
Nicht zuletzt lag das zweifelsohne auch daran, dass der
Spieß in angebrachter Weise reagierte. Wir jungen Offiziere

175
Leutnantsbuch

sollten uns solcher Ratschläge auf keiner Ebene entziehen


und diese dankbar annehmen.
Gerade die Erfahrungen lebensälterer Kameraden, ganz
unabhängig von Dienstgrad und Laufbahngruppe, geben uns
jungen Offizieren die Möglichkeit, reicher an Wissen und
Erfahrung zu werden, die es uns zu einem späteren
Zeitpunkt ermöglichen, zweckmäßig, zielgerichtet und vor
allem richtig zu handeln!

HI
Bei aller Notwendigkeit, schnell zu handeln und Befehle zu
erteilen, sollte zunächst gelten: Ruhe bewahren, Überblick
verschaffen, klare Lagebeurteilung anstellen! Dabei ist es
kein Zeichen von Schwäche, Ratschlag bei erfahrenen
Kameraden zu suchen. Der Führer bezieht die Fähigkeiten
und Kenntnisse seiner Soldaten immer mit ein, versteckte
Talente erkennt er im Gespräch.
Beteilige Deine Untergebenen und binde sie in der Phase
der Beurteilung der Lage und der Entscheidungsfindung
aktiv ein. So erreicht man Einsicht in die Notwendigkeiten
des Auftrags und Gefolgschaft! Ausklammern demotiviert,
Beteiligung motiviert!
Und wenn einmal ein Fehler geschehen ist und wie in
diesem Fall der Spieß „vergessen“ wurde: Gestehe Fehler
in aller Offenheit ein, suche das Gespräch! Auch so entsteht
Vertrauen!

176
Leutnantsbuch

Offizieranwärter Frank

Erfolgsfaktoren

„N eben der Auseinandersetzung mit der eigenen


Persönlichkeit ist die Auseinandersetzung mit dem
Beruf von grundlegender Bedeutung. Wer nicht aus tiefster
Überzeugung hinter dem Beruf des Offiziers steht, wird
keinen Erfolg haben, gefährdet letztendlich sich selbst und
seine ihm anvertrauten Soldaten“, sagt Major Seidel.

Wir sitzen im Biergarten des Kasinos der Offizierschule des


Heeres in Dresden, die Sonne scheint und es geht uns gut.
Major Seidel hatte sich richtig gefreut, uns wieder zu sehen.
Deshalb sind wir seinem Angebot sofort gefolgt, uns noch
einmal zusammenzusetzen. Obwohl wir im Moment ein
wenig „unter Druck“ stehen, kommt uns eine Abwechslung
gerade recht.
„Erinnern Sie sich noch an Ihr Truppenkommando? Damals
im Hörsaal – kurz vor der Formalausbildung – als ich Ihnen
meine Gedanken zur Selbstbestimmtheit erklärt habe?“, fragt
Major Seidel. Natürlich erinnern wir uns noch, wenn
inzwischen auch etwas Zeit vergangen ist!
„Und an die Bierdeckel, die ich während unseres ersten
Treffens künstlerisch gestaltet hatte?“, ergänzt Major Seidel.
„Ich habe sie sogar noch“, erwähnt er fast beiläufig, kramt in
seiner Aktentasche und zieht sie mit einem Lächeln heraus.
Triumphierend hält er die Bierdeckel hoch, legt sie dann auf
den Tisch und sagt: „Ich hatte neben dem Begriff
Selbstbestimmtheit auch den Begriff Erfolgsfaktoren
erwähnt. Um die Sache für Sie „rund“ zu machen, möchte
ich Ihnen auch hierzu noch ein paar Erläuterungen geben.
Allerdings bin ich heute ein wenig unter Zeitdruck, weil
heute Abend noch eine Vortragsveranstaltung im
177
Leutnantsbuch

Militärhistorischen Museum ist, gleich hier um die Ecke. Ich


nehme an, das kennen Sie.“
Ich nutze die Zeit, die Major Seidel braucht um die
Bierdeckel auf dem Tisch zu sortieren und bestelle einen
Latte Macchiato. Nachdem auch die anderen bestellt haben,
fährt Major Seidel fort:

„Betrachten wir zunächst noch kurz die Unterschiedlichkeit


der Menschen. Dabei stellt man fest, dass die Menschen bei
gleichen Startbedingungen, z.B. bei einem Lehrgang, mit
gleichen Ressourcen auskommen müssen, die gleichen
Hindernisse nehmen müssen, trotzdem unterschiedlich
erfolgreich sind und die Ergebnisse teilweise erheblich
voneinander abweichen. Aber nicht nur das, erfolgreiche
Menschen kommen nicht nur schneller am Ziel an und
stehen vorne, sondern sie kommen zu diesem Ergebnis auch
noch auf andere Art und Weise. Oftmals mit einer gewissen
Leichtigkeit. Woran liegt das?

Es liegt vor allem am unterschiedlichen Begabungs- und


Fähigkeitspotenzial der Menschen, ihrer jeweiligen
lebensgeschichtlichen Entwicklung und ihrer Fähigkeit zu
lernen. Aber das ist nicht alles. Sie kennen, bewusst oder
unbewusst, die grundlegend notwendigen Faktoren, der
zweite Schlüssel zur Führungskunst, die einen im Beruf
erfolgreich werden lassen. Ohne diese ist eine erfolgreiche
Führung von Menschen ebenfalls nicht möglich. Schnell
wird man die freiwillige Gefolgschaft verlieren.

Für den Begriff Erfolgsfaktoren habe ich mir auch ein paar
Merksätze zurechtgelegt.

178
Leutnantsbuch

Finde Deine Motivation!


Allgemein ist eine Handlung nur sinnvoll, wenn es einen
Zusammenhang zwischen Weg und Ziel gibt. Zusammen-
hänge müssen also erkennbar sein, Zusammenhanglosigkeit
ist demzufolge Sinnlosigkeit. Dieser Sinnzusammenhang ist
die Grundlage der eigenen Lebens- bzw. Berufsmotivation.
Er definiert, worum es im eigenen Leben und im Beruf
überhaupt geht. Die schlüssige und überzeugende Beant-
wortung der Frage, warum man den Beruf des Offiziers
gewählt hat, vermittelt Sinn und stellt damit die eigentliche
Motivationsquelle dar. Wie kann man sonst die physischen
und psychischen Entbehrungen, mit denen man als Offizier
und Heeressoldat konfrontiert wird, ertragen?
Um sich der Beantwortung zu nähern, erscheinen in einem
ersten Schritt folgende Lebensfragen nachdenkenswert:
- Wofür möchte ich mein Leben nutzen?
- Welche Lebenswünsche, z.B. berufliche, finanzielle,
private, will ich mir erfüllen?
- Welche Lebensweise, z.B. Gestaltung, Ablauf,
Rhythmus, Themen, Einsatz der Ressourcen, familiäre
Situation, räumliches Umfeld, Gesundheit, möchte ich
verwirklichen?
- Welche Leistungen, z.B. Ergebnisse, „Werke“, An-
erkennung, Befähigung, möchte ich erreichen?
- Welche meiner Anlagen, Begabungen und Stärken
möchte ich weiterentwickeln und ausschöpfen?
- Welchen zentralen Verantwortungen möchte und soll ich
in meinem Leben gerecht werden?
- Worauf kommt es an, damit ich meine Lebensfreude und
Lebenszufriedenheit auf Dauer erhalten kann?

Durch die Beantwortung erkennt man seine eigenen


Zielvorstellungen. Damit kann ein Teil der Sinnzusammen-
hänge beantwortet werden. Das ist etwas sehr Wertvolles,
179
Leutnantsbuch

denn ohne Ziel stimmen jede Richtung und jeder Weg. Der
Beruf ist einer der Lebensbereiche, um diesen Vorstellungen
näher kommen zu können.

Ob und wie weit man den Weg des Heeresoffiziers gehen


will, hängt meiner Meinung nach auch von der
Beantwortung folgender Fragen ab:
- Kann ich mich mit den aufgezeigten allgemeingültigen
Werten und Normen unserer freiheitlichen demokrati-
schen Grundordnung und den besonderen soldatischen
Tugenden, die teilweise sogar gesetzliche Pflichten dar-
stellen, identifizieren?
- Kann ich mit den Einschränkungen meiner Grundrechte
durch die militärischen Erfordernisse leben?
- Kann ich mich mit den aufgezeigten Besonderheiten von
Landstreitkräften identifizieren?
- Kann ich mit den physischen und psychischen Heraus-
forderungen des Soldatenberufes zurechtkommen?

Die Sicherung und Förderung der eigenen positiven


Stimmung ist von besonderer Bedeutung im Leben
insgesamt. Dabei spielen Glück und Zufriedenheit eine
wesentliche Rolle.

Ich habe mich immer wieder gefragt, was Glück und


Zufriedenheit eigentlich bedeuten. Ich habe darauf ein paar
Antworten gefunden.

Dabei bedeutet Glück für mich:


- eine positive Situation zu erleben, in der mir etwas
Unerwartetes und auch Unverdientes gleichsam in den
Schoß fällt,

180
Leutnantsbuch

- einen Augenblick zu erleben, in dem ich mich auf eine


positive und angenehme Erfahrung freuen kann oder
diese Erfahrung machen darf.

Somit ist Glück eine Sache der Gegenwart und der eigenen
Wahrnehmung. Daher ist es sinnvoll, sich im Beruf solche
glücklichen Momente bewusst zu vergegenwärtigen.
Ebenso wichtig ist es jedoch, sich seine negativen Gedanken
bewusst zu machen, da diese das Glücksempfinden massiv
beeinträchtigen. Nur wer Macht über seine Gedanken
besitzt, kann verhindern, dass sie zur schlechten Gewohnheit
werden.

Zufriedenheit hingegen entsteht für mich in der Rückschau


und der Gesamtbetrachtung aller Erfahrungen, die sich
zwischen den Gegensätzen z.B. Gelingen und Misslingen,
Gesundheit und Krankheit, Fröhlichsein und Traurigsein
abgespielt haben. Ich bin zufrieden, wenn ich insgesamt eine
positive Bilanz aus meinen Erfahrungen gezogen habe und
meine „wertvollen Zustände“ – meine Werte – erreichen,
erfahren und vermitteln konnte. Dabei helfen mir negative
Erfahrungen, die positiven zu erkennen und wertzuschätzen.

Glückliche Momente dienen dabei mit zum Ausbalancieren


der Gegensätze. Somit gehören Glück und Zufriedenheit
zusammen.

Es gilt noch zwei entscheidende Fragen zur Berufs-


motivation zu beantworten:
- Wann erfahre ich glückliche Momente, auch wenn sie
noch so klein sind, im täglichen beruflichen Leben als
Soldat?
- Zeigt sich im täglichen Rückblick, ob ich meine mir
wertvollen Dinge, auch wenn diese noch so klein sind,
181
Leutnantsbuch

erreichen, erfahren oder vermitteln konnte und somit


Zufriedenheit erlange? Wertvolle Dinge sind dabei für
mich erstrebenswerte Zustände.

Mit der Beantwortung dieser Fragen wird der eigene Weg


zum Ziel ständig reflektiert. Entsteht kein Sinn-
zusammenhang mehr, ist das Ziel also nicht erreichbar, muss
ich die Konsequenzen ziehen. Unmotivierte Menschenführer
sind nicht verantwortbar.

Wenn man seine berufsspezifischen Motive kennt und


verinnerlicht, dann hat man eine gute Startgrundlage. Jetzt
kommt es noch darauf an, die Motivation in die richtigen
Bahnen zu lenken. Um diese Bahnen herauszufinden, ist ein
Denken in größeren Zusammenhängen notwendig, bevor
man konkrete Ziele formuliert und dann entsprechend
handelt.

Denke in größeren Zusammenhängen!


Es ist notwendig, Ziele zu formulieren, die sich aus den
Gegebenheiten und Vorstellungen der über oder unter einem
stehenden Ebene logisch ableiten bzw. in den Gesamt-
zusammenhang stellen lassen. Das hat Aussicht auf Erfolg.
Daher ist die Absicht der übergeordneten Führung Aus-
gangspunkt aller Überlegungen. Dieser Ansatz verhindert
nicht ein kreatives Denken und Handeln.
Um dieses Denken in Zusammenhängen zu fördern, sind
Verwendungen auf unterschiedlichen Führungsebenen und
Ausbildungen auf der jeweils nächsthöheren Ebene
bestimmendes Merkmal des Offizierberufs.

Damit aber nicht genug. Von einem Offizier wird erwartet,


dass er sich selbst um Informationen bemüht, um
Zusammenhänge zu erkennen, diese zu vermitteln, also
182
Leutnantsbuch

sinnstiftend wirkt. Sei es durch die aufmerksame Verfolgung


der Außen- und Sicherheitspolitik der Bundesrepublik
Deutschland, die Beobachtung gesellschaftlicher, geistiger
und kultureller Strömungen, das Studium der Militär-
geschichte oder die Auseinandersetzung mit neuen Techno-
logien. All das hat Auswirkungen auf den täglichen Dienst
und ist in eigenen Entscheidungsprozessen mit zu berück-
sichtigen.

Setze Dir Ziele!


Ziele sind notwendige Bezugspunkte für menschliche
Aktivitäten. Sie dienen uns als wesentliches Mittel, das
eigene Handeln zu strukturieren und in definierten Bahnen
zielgerichtet zu leiten. Ziele sollten immer sowohl lang- als
auch mittel- sowie kurzfristig angelegt und erreichbar sein.

Dabei muss man ein paar wenige Grundregeln beachten:


- Ein Ziel soll konkret, eindeutig und präzise formuliert
sein.
- Ein Ziel und ein Erreichungsgrad müssen überprüft
werden können, also messbar sein.
- Ein Ziel soll Ansatzpunkte für positive Veränderungen
aufzeigen.
- Ein Ziel soll zwar hoch gesteckt, aber immer noch
erreichbar sein.
- Ein Ziel soll einen ausreichenden zeitlichen Bezug mit
einem festen End(zeit)punkt haben.

Dieses Ziel wird in eine Planung umgesetzt, ausgebildet und


überwacht. Neben dem Fachwissen gehören ebenfalls
bestimmte Fähigkeiten wie Projektplanungsmethoden,
Gesprächs- und Moderationstechniken, Zeitmanagement,
Konfliktmanagementwissen und andere Kompetenzen dazu,
die man sich aneignen muss.
183
Leutnantsbuch

Schaffe Dir Freiheit!


Schon bei der Bestimmung und planmäßigen Umsetzung
von Zielen wird deutlich, dass dies nur möglich ist, wenn
Spielräume und Freiheiten gesichert und gefördert werden.
Persönliche Freiheit muss mit Freiräumen korrespondieren,
die ich den Soldaten, die ich führe, einräume.

Dazu ist es wichtig,


- Entscheidungen rechtzeitig zu treffen und nicht auf die
„lange Bank“ zu schieben,
- Optimismus und Zuversicht zu vermitteln,
- Maß zu halten,
- eine „klare Linie zu fahren“ und berechenbar zu sein,
- Übersicht zu bewahren,
- zu vereinfachen, wo es möglich und zweckmäßig ist;
denn „nur das Einfache hat Erfolg“,
- ehrlich zu sein.

Die Beschränkung von Sachverhalten auf das Wesentliche


gibt Spielräume und Entfaltungsmöglichkeiten für unser
Handeln als militärische Führer.

Mache das Beste aus einer Lage!


Diese Aussage zielt auf eine bestimmte innere Einstellung,
ohne die man keinen Erfolg hat. Die persönliche Motivation
und die Bestimmung von Zielen, Methoden und Mitteln ist
die eine Sache, das konkrete, situationsbezogene Handeln
eine andere. Man kann nicht erwarten, dass nur durch
Zielvorgabe und Projektplan oder Operationsplan alles
gleich planmäßig läuft. Oftmals treten schon beim ersten
Schritt Widerstände oder andere Hindernisse auf.

184
Leutnantsbuch

Daher sind das Können und die innere Einstellung,


- das Beste aus einer bestimmten Ausgangslage zu
machen,
- unter ungünstigen und schwierigen Bedingungen
handlungsbereit und handlungsfähig zu bleiben und
dabei auch hart gegen sich selbst sein zu können,
- Chancen zu erkennen und Gestaltungsmöglichkeiten zu
finden und zu nutzen,
von entscheidender Bedeutung.

Die geleistete Vorarbeit, wie das Verständnis der Zu-


sammenhänge, die Definition von Zielen und die Gedanken
zur Planung, leiten dann das eigene Handeln. Das führt
letztendlich zum Erfolg. Ziele zu setzen, Chancen zu nutzen
und sie zu verwirklichen gehören zusammen.

Entwickle Dich weiter!


Erfolg hat man nur, wenn man die innere Bereitschaft und
den Willen hat, an sich selbst zu arbeiten, sich selbst
weiterzuentwickeln, also lebenslang zu lernen. Sei es in der
Persönlichkeitsentwicklung oder beim Erwerb neuer
Fähigkeiten. Immer gilt: „Wer meint, fertig zu sein, bleibt
stehen“ bzw. „Wer sich nicht verändert, der wird verändert“.
Hierbei spielt die eigene Handlungsfreiheit und wie ich sie
für mich zu nutzen verstehe, eine bedeutende Rolle.

Halte Dich fit!


Die Forderung nach körperlicher Fitness und Robustheit ist
für den Offizier unerlässlich. Ich möchte in diesem
Zusammenhang aber noch auf einen anderen Aspekt
hinweisen.

Um Ziele in die Tat umsetzen zu können, braucht man


Energie und Schaffenskraft. Wenn aber die körperliche
185
Leutnantsbuch

Leistungsfähigkeit nachlässt, wird das Erfolgreichsein


schwieriger. Gerade dann muss man verstärkt auf seinen
Körper achten und die vorhandenen Kräfte effektiv ein-
setzen.

Im Zusammenhang mit unserer körperlichen Leistungs-


fähigkeit ist auch die Beachtung des „biologischen“
Rhythmus’ notwendiger denn je. Es ist nicht gut, immer
unter „Volllast“ zu fahren. Dies gilt für uns selbst, aber auch
für die Menschen, die wir führen. Nur der Wechsel zwischen
Aktivität und Entspannung bringt den Erfolg. Die
Fehlerhäufigkeit nimmt ab, der klare Blick bleibt bestehen,
die Gesamtübersicht und die persönliche Motivation bleiben
erhalten oder nehmen sogar zu. Dies ist eine Art von
Fürsorge sich selbst und anderen gegenüber.“

Major Seidel holt tief Luft. Unsere Getränke sind längst leer,
und ein bisschen haben wir den Eindruck, dass Major Seidel
unter Zeitdruck steht. Es ist sieben Uhr, um acht geht seine
Veranstaltung los. Deshalb sage ich:
„Herr Major, ich glaube, das müssen wir erst einmal
verarbeiten. Sie hatten uns doch angeboten, uns Ihre Notizen
mitzugeben. Steht das Angebot noch?“
„Keine Frage, natürlich!“, antwortet er. „Allerdings muss ich
jetzt bald los, sonst komme ich zu spät. Wir werden ja sicher
noch Zeit haben, weiter über unser Projekt zu sprechen. Ich
habe da so eine Idee … mehr verrate ich Ihnen aber nicht. In
zwei Wochen ist unser Ausbildungswochenende. Dann
haben wir freitags Sportfest und abends werden wir grillen.
Wie wäre es, wenn wird uns dann noch einmal
zusammensetzen? Ich will versuchen, noch den ein oder
anderen zu gewinnen, der uns aus seinem Soldatenleben
erzählt. Kann ja nicht schaden, oder?“

186
Leutnantsbuch

„Das ist eine gute Idee“, antwortet Cindy und wir bestätigen
dies durch Kopfnicken. Dann verabschieden wir uns, Major
Seidel geht direkt los und wir bleiben noch ein wenig sitzen.
Jetzt schmeckt auch schon ein Weizenbier.

187
Leutnantsbuch

Offizieranwärter Frank

Das Ausbildungswochenende

W eitsprung, 5.000-Meter-Lauf, Kugelstoßen und


Schwimmen habe ich schon absolviert, der Rest sollte
kein Problem sein.
Dann habe ich das Sportabzeichen für dieses Jahr auch
erledigt. Ich halte es für wichtig, die Bedingungen möglichst
früh im Jahr abzulegen. Dann kommt man am Ende nicht in
Zeitnot. Außerdem macht es auch mehr Spaß, dies
gemeinsam zu tun. Ich sage das auch immer den anderen,
dass man hier nicht nachlässig sein darf.
Unser Sportfest im Rahmen des Ausbildungswochenendes
hier an der Offizierschule des Heeres steht unter einem guten
Stern, das Wetter wird auch weiterhin mitspielen – strahlend
blauer Himmel! Bevor wir Offizieranwärter uns nachher mit
Major Seidel treffen, werden wir aber noch an ein paar
Spaßvorhaben im großen Rahmen teilnehmen. Ich habe
mich für Sackhüpfen entschieden, Markus für den
Eierhindernislauf. Annette und Cindy sind in der
Damenmannschaft beim Tauziehen gemeldet und Jonas ist
freiwillig als Schiedsrichter dabei.

Von Major Seidel habe ich bis jetzt noch nichts gesehen,
aber wir hatten uns ja auch erst für den gemütlichen
Ausklang verabredet. Grill- und Lagerfeuerromantik.
Allerdings hatte ich vorhin ganz kurz ein Gespräch mit
Major Steegemann, den ich ja noch aus dem Gespräch im
Kasino kenne. Er sagte, dass er auch zu uns kommen würde
und noch den ein oder anderen Interessierten mitbrächte.
Das kann wieder ein schöner Abend werden, denke ich.

188
Leutnantsbuch

Auf dem Weg zu den Duschen treffe ich Jonas. Die


sportlichen Aktivitäten haben wir hinter uns, jetzt heißt es,
sich fein machen für den geselligen Teil. Jonas sagt:
„Wir sollten Major Seidel noch einmal auf die schriftlichen
Erlebnisberichte ansprechen. Ich fände das eigentlich ganz
gut, wenn man die einzelnen Erzählungen sammelt bevor
man sie irgendwann wieder vergisst.“

„Ja“, antworte ich, „das hatte ich mir auch schon überlegt.
Wir werden ihn darauf ansprechen. Übrigens: Ich habe am
Wochenende auch schon angefangen, mein Erlebnis im
Offizieranwärterbataillon aufzuschreiben. Damals, als ich
während der Übung so oft darüber nachgedacht habe, was
ich eigentlich da gerade tue.“

Nach dem Duschen schlendern Jonas und ich zurück zum


Sportplatz, wo es schon nach Gegrilltem riecht. Nach kurzer
Zeit sehen wir die anderen, und dann auch Major Seidel,
Major Steegemann und einen weiteren Stabsoffizier, den wir
nicht kennen.

Wir treffen uns auf halbem Weg, begrüßen uns, und


vereinbaren, zuerst einmal für das leibliche Wohl zu sorgen.

„In einer halben Stunde am Lagerfeuer“, sagt Major Seidel,


und wir stimmen zu.

Als wir gemütlich in einer kleinen Runde um das Feuer


sitzen, beginnt Major Seidel:
„Bevor wir uns anhören, was Major Steegemann und Major
Schmidthuber zu erzählen haben, möchte ich mit Ihnen noch
eine Idee besprechen, die ich letztens auf der Fahrt nach
Hause hatte. Ich hatte Ihnen ja versprochen, weitere
Erlebnisse und Erfahrungen zu sammeln – nach Möglichkeit
189
Leutnantsbuch

in niedergeschriebener Form. Ein paar Beiträge habe ich


auch schon zusammen. Ich glaube fest daran, dass Sie nicht
die einzigen Offizieranwärter oder Offiziere im Heer oder in
der Bundeswehr sind, die sich die Frage nach dem
Besonderen an unserem Beruf gestellt haben. Wie wäre es,
wenn wir unsere Ideen und Erlebnisse einfach einmal
zusammenschreiben. Bestimmt gibt es andere, die eine
solche „Sammlung“ als Anregung aufnehmen und auch – so
wie wir – gemeinsam über die Inhalte sprechen.“

„Genau das haben Frank und ich heute auch gedacht“,


pflichtet Jonas bei. „Wir fänden das richtig gut – auch für
uns. Bestimmt kommt wieder eine Zeit, in der wir uns eine
solche Sammlung noch einmal vornehmen – als Bettlektüre,
oder einfach so, wenn einmal Zeit dafür ist.“

„Als Arbeitsbegriff für unsere Sammlung“, fährt Major


Seidel fort, könnten wir „Das Leutnantsleben“ oder „Das
Leutnantsbuch“ wählen. Aber das können wir ja noch einmal
später besprechen.“

„Herr Schmidthuber“, sagt Major Steegemann, „Sie hatten


doch neulich auch so ein tolles Erlebnis. Vielleicht beginnen
Sie einfach mal mit Ihrer Geschichte, ich bin sicher, dann
fallen uns noch weitere ein!“

Alle nicken und Major Schmidthuber beginnt zu erzählen.


Das wird sicher ein langer Abend, hier am Lagerfeuer … mit
Muskelkater und großer Zufriedenheit – insbesondere für
Markus, der seinen Eierhindernislauf gewonnen hat.

190
Leutnantsbuch

Einsatz beim Operational Mentoring and Liaison Team


(OMLT) in AFGHANISTAN

F ast drei Monate beim Einsatzunterstützungsverband


KABUL waren bereits vergangen, als mich der
Kommandeur in meinem Dienstzimmer aufsuchte. Er
meinte, dass wir mal im Schatten des Kompanieblockes
„eine rauchen gehen“ sollten. Das war in der Zeit unserer
Zusammenarbeit – mittlerweile fast eineinhalb Jahre – bisher
noch nicht vorgekommen, zumal ich Nichtraucher bin. Mir
war also klar, dass irgendetwas vorgefallen sein musste.
Sofort dachte ich an die Kräfte meiner Kompanie, die in
KABUL bei angespannter Sicherheitslage unterwegs waren.
Doch der Wind wehte aus einer komplett anderen Richtung.
Der Kommandeur eröffnete mir, dass die Bundeswehr
kurzfristig einen weiteren Ausbildungsauftrag für die
Afghanische Armee (ANA) bekommen hat und dazu sei ab
sofort qualifiziertes Personal abzustellen – Personal, das sich
bereits im Einsatz befindet. Für diese Kameraden würde sich
der Einsatz also um weitere Monate verlängern.
Aufgrund meiner im Vorjahr gesammelten Erfahrungen
sollte ich den Dienstposten des Senior Mentors übernehmen
und damit ein OMLT führen. Dabei wird dem Schlüssel-
personal eines afghanischen Bataillons jeweils ein deutscher
Soldat zugeordnet, der dann im laufenden Dienstgeschäft als
Mentor fungiert. Die Arbeit im OMLT stellt aus vielerlei
Sicht eine besondere Herausforderung dar.
Die OMLT wirken immer mit anderen Nationen, welche
benachbarten, übergeordneten oder unterstellten Verbänden
der ANA beratend zur Seite stehen, zusammen. Damit die
Zusammenarbeit möglichst friktionslos verläuft, ist hier
zwingend interkulturelle Kompetenz und ein hohes Maß an
Kommunikationsfähigkeit gefordert, da durch die hohe
Anzahl an Nationen und Schnittstellen mit unterschied-
191
Leutnantsbuch

lichem Sprachniveau und verschiedenen Akzenten auch das


eigene Englisch nicht immer verstanden wird. Außerdem
müssen aufgrund der hohen Dienstgraddichte im OMLT alle
anfallenden Tätigkeiten, wie Versorgungsfahrten, Tech-
nischer Dienst, Stuben- bzw. Containerreinigung im Team
erledigt werden. Auch wenn man als Führer der oft zitierte
„primus inter pares“, der Erste unter Gleichen ist, an den
besondere Anforderungen gestellt werden, muss alles im
gemeinschaftlichen Rahmen bewältigt werden.
Die größte Herausforderung liegt aber im eigentlichen
Auftrag selbst. Für Ausbildung und Beratung werden meist
Sprachmittler benötigt. Hierbei kommt es immer zu einem
unvermeidlichen Zeitverzug und einer gewissen Unsicher-
heit, ob das Gesagte auch so verstanden wurde oder mir die
Absicht der afghanischen Kameraden auch richtig über-
mittelt wurde.
Neben diesen Rahmenbedingungen, die an sich schon eine
gewisse Gelassenheit und diplomatisches Geschick ver-
langen, befindet sich die ANA in einem rasant verlaufenden
Entwicklungsprozess, der fast täglich Überraschungen mit
sich bringt. Die Führer der ANA lassen sich grob in drei Ka-
tegorien einteilen: Die mit Ausbildung im russisch geprägten
System, die mit westlich orientiertem Ausbildungsgang und
die ehemaligen Mudschaheddin, die aufgrund ihrer Stellung
in der afghanischen Gesellschaft sehr einflussreich sind.
Allen ist aber die afghanische Gelassenheit gemein: z.B. Tee-
trinken und lange Diskussionen während des täglichen
Dienstes.
Aufgabe der internationalen Mentoren ist es, die afghanischen
Führer zu beraten und ihnen Standardverfahren aufzuzeigen,
damit der tägliche Routinedienst, der Ausbildungs- und
Gefechtsdienst organisiert und planbar abläuft. Vieles aus
dem uns vertrauten Dienstbetrieb der Bundeswehr ist bei

192
Leutnantsbuch

einer Armee in der Aufstellung noch nicht vorhanden, so-


dass wirkliche Pionierarbeit geleistet werden muss.
Wenn beispielsweise ein afghanischer Soldat Urlaub nehmen
wollte, benötigte er die Unterschriften des Gruppenführers,
des Zugführers, des Kompaniechefs, des Spießes, des Rech-
nungsführers, dann die des stellvertretenden Kommandeurs
und letztendlich die des Bataillonskommandeurs selbst.
Jeder einzelne Führer will immer an jedem Vorgang beteiligt
werden und versucht Einfluss zu nehmen. Dadurch dauerte
es entsprechend lange, bis dann bspw. der Urlaub genehmigt
ist. Der beantragte Zeitraum ist dann oft schon verstrichen.
Nur mit intensiver Überzeugungsarbeit, dass man dem un-
terstellten Bereich vertrauen kann und dadurch den Kopf
für die wichtigen Führungsaufgaben frei hat, konnten wir
eine Vereinfachung herbeiführen. So waren am Ende nur
noch die Unterschriften des Zugführers, des Spießes und des
Kompaniechefs erforderlich. Allerdings ließ sich der Kom-
mandeur noch melden, wer wann im Urlaub war. Die Ver-
einfachung bewirkte auch, dass die Soldaten meist zur bean-
tragten Zeit frei bekamen, was deren Motivation natürlich
deutlich steigerte.
Wenn man dann noch erfährt, dass der afghanische Kom-
mandeur dieses Verfahren stolz bei der Kommandeur-
besprechung als Fortschritt schildert und damit deutlich
wird, dass die afghanischen Kameraden aus Überzeugung
und nicht nur aus Höflichkeit einen Rat befolgen, dann wird
man für sein eigenes weiteres Handeln motiviert.

HI
Der Offizierberuf fordert u.a. ein hohes Maß an Offenheit,
Flexibilität sowie Kommunikations- und Belastungsfähigkeit
– sowohl im Grundbetrieb als auch im Einsatz. Die Einsätze

193
Leutnantsbuch

der Bundeswehr finden grundsätzlich im multinationalen


Umfeld und in fremden Kulturkreisen statt. Deshalb ist
gerade hier bei den Soldaten – auf der Basis des im Grund-
gesetz verankerten Menschenbildes – kulturadäquates Ver-
halten, d.h. der offene, sensitive, tolerante und respektvolle
Umgang mit fremden Kulturen, Sitten und Gebräuchen
unerlässlich. Um darüber hinaus angemessen auf sich
ändernde Rahmenbedingungen reagieren zu können, kommt
es darauf an, auf die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten,
die hochwertige Ausbildung sowie auf das Können der
Soldaten zu vertrauen, um einen Auftrag – und erscheint
dieser zu Beginn noch so schwierig – erfolgreich erfüllen zu
können.

194
Leutnantsbuch

Medien im Einsatz

I n Vorbereitung auf den Einsatz als Quick Reaction Force


(QRF) des Regional Command North ISAF informierte
uns unser Bataillonskommandeur und designierter Comman-
der QRF während einer Teileinheitsführerbesprechung auf
dem Truppenübungsplatz in Bergen, dass Medienvertreter
ab jetzt unsere ständigen Begleiter sein würden. Er führte
weiter aus, dass den Journalisten offen zu begegnen sei. Sie
seien dafür verantwortlich, dass über unsere gute Leistung
vor und während des Einsatzes in den Medien berichtet
werde. Damit, so der Kommandeur, trage jeder Einzelne von
uns zum Erfolg des Einsatzes bei!
Im Anschluss an diese Besprechung wurde wenig über die
Worte des Kommandeurs geredet. Medienpräsenz war als
Randnotiz aufgenommen worden. Niemand hätte zu diesem
Zeitpunkt geahnt, welche Ausmaße diese Präsenz noch
annehmen sollte.
In den kommenden Wochen nahm das Medieninteresse an
unserer Arbeit jedoch rasant zu. Medientage, Interviews
einzelner Soldaten und die Begleitung unserer Züge in der
Ausbildung durch Journalisten waren bald an der Tages-
ordnung. Ständig erschienen Berichte über die „Hightech-
krieger des Heeres“ und „… unsere Ausbildung zum Jagen
der Taliban …“. Die meisten Berichte freuten uns, viele
sorgten aufgrund der unmilitärischen Ausdrucksweise für
Erheiterung und sehr wenige erregten unseren Unmut. Die
Haltung der Medien war bei allen Begegnungen offen und
fair. Nie habe ich erlebt, dass Journalisten uns gegenüber
unangemessen oder aufdringlich aufgetreten wären. Auch
wurde niemand zu Grundsatzfragen, wie etwa über den Sinn
einer Mandatserweiterung, interviewt. Die Fragen der Jour-
nalisten waren ebenengerecht und es wurde akzeptiert, wenn
jemand keine Antwort geben konnte oder wollte. Bald schon
195
Leutnantsbuch

waren wir im Umgang mit den Medien routiniert. Diese


bereits vor dem Einsatz gewonnene Routine half im Ein-
satz. Mit Beginn unserer Verlegung nach AFGHANISTAN
nahm das Interesse weiter zu. So gab es schon zu Beginn
einen Medientag in MAZAR-E-SHARIF. Hierbei konnten
sich etwa 70 Medienvertreter einen Eindruck davon
verschaffen, wie die QRF in verschiedenen Szenarien
vorgeht. Es folgten Besuche von Fernsehteams,
Delegationen der „Hauptstadtpresse“ und bundeswehr-
interner Medien. Medienvertreter folgten uns nach POL-E-
KHOMRI, auf Patrouille in SAMANGAN und in die
Gegend um KUNDUZ. Ein Fernsehteam stand neben uns im
Checkpoint bei AYBAK. Manche waren einige Stunden bei
uns und hatten offensichtlich relativ feste Fragenkataloge
abzuarbeiten. Andere blieben für eine Woche und
begleiteten unseren I. Zug in die Region um FEYZABAD.
Dabei konnten sie die QRF hautnah erleben. Wir haben uns
nicht verstellt und keine Fassaden aufgebaut. Wir haben den
Medien als Stellvertreter einer interessierten Öffentlichkeit
gezeigt, was wir machen und welche Probleme uns beschäf-
tigen. Die Journalisten haben mit uns geschwitzt, Staub
geschluckt und gelacht. Sie waren für uns so etwas wie
Gäste und die anfängliche Scheu war gewichen.
Auch nach dem Einsatz zeigten die Medien weiterhin großes
Interesse an uns. Interviews am Rande des Heimkehrer-
appells, Besuche von Rundfunk und Fernsehen im Standort
sowie etliche Berichte über die Einsatznachbereitung sind
hierfür Zeugnis. Ich selbst habe beim Umgang mit den Me-
dien stets gute Erfahrungen gemacht. Den Wunsch, einen
Soldaten bei der Ankunft in Deutschland zu interviewen und
mit ihm den Heimweg anzutreten, mussten wir ablehnen.

196
Leutnantsbuch

Die ersten Stunden zu Hause gehören unseren Liebsten und


keiner noch so interessierten Öffentlichkeit.

HI
Die Pressearbeit, d.h. die Zusammenarbeit mit den Medien,
ist ein wesentlicher Bestandteil der Informationsarbeit der
Bundeswehr. Sie wendet sich insbesondere an Journalis-
tinnen und Journalisten aller Medien im In- und Ausland.
Der Umgang mit den Medien ist grundsätzlich freiwillig.
Wir betrachten die Journalistinnen und Journalisten als
unsere Partnerinnen und Partner und gehen offen und
ehrlich mit ihnen um. Als Soldaten hinterlegen wir die
Visitenkarte unserer Einheit, des deutschen Heeres und der
Bundeswehr.
Die Berichterstattung in den Medien über die Aufgaben des
Heeres, ihre Einsätze und den Alltag der Soldatinnen und
Soldaten informiert die breite Öffentlichkeit unserer Be-
völkerung, erzielt gesellschaftlichen Rückhalt und fördert
das Vertrauen in die Bundeswehr. Sie trägt damit zum er-
folgreichen Bestehen in den Einsätzen bei.

197
Leutnantsbuch

Der kühle Kopf!

I m Spätherbst erhielt meine Einheit den Auftrag im


Einsatzkontingent KFOR eine Sicherungskompanie einer
Task Force zu stellen. Kein außergewöhnlicher oder
besonderer Auftrag, auch nicht für eine Flugabwehrbatterie.
Bei der Erkundung im Dezember wurde aber die Brisanz
dieses Auftrages deutlich. Grenzüberwachung an der Grenze
zu MAZEDONIEN bedeutet Einsatz im Hochgebirge. Die
Ausbildung in allen Teilbereichen begann und schnell
stellten sich die besonderen Herausforderungen an Mensch
und Material heraus.

Im Einsatz angekommen, übernahmen wir die Aufgaben und


lebten uns schnell ein. Wenig Zeit, eine große Fülle an
Aufträgen und Zusatzaufträgen hielten die Einheit auf Trab.
Schnell vergingen die ersten Wochen und die Sicherheit im
Handeln nahm zu. Die Leistungsfähigkeit der Soldaten
nötigte mir als Einheitsführer Respekt ab, und es wurde
schnell deutlich, wie motiviert die Soldaten waren.
Leutnant V. war als Zugführer eines Sicherungszuges
eingesetzt und stellte bereits in der Anfangsphase des
Einsatzes seine Umsicht und Besonnenheit im Umgang mit
seinen Soldaten unter Beweis.
Vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Vorgesetzten und
Untergebenen waren seine Markenzeichen.

So war es auch kein Wunder, dass ein weiterer Zusatzauftrag


zunächst an Leutnant V. erteilt wurde. Die Kompanie hatte
den Auftrag, im Süden des KOSOVO einen Bereich der
Grenzsicherung zu ALBANIEN und MAZEDONIEN von
der türkischen Task Force zu übernehmen. Aufgrund der
Ausstattung und Ausrüstung kam für diesen Auftrag nur
unsere Kompanie in Frage. Dieser Einsatz erforderte es, ein
198
Leutnantsbuch

Höhenlager nahe dem Einsatzgebiet einzurichten, und so


wurde Leutnant V. für einige Wochen zum Kommandanten
dieses Höhenlagers.

Unwegsame Straßen und das überwiegend alpine Gelände


forderten den Einsatz von vorgeschobenen Außenposten im
Gebirge. Diese wurden in Zeitabständen von zwei bis drei
Tagen aus dem Höhenlager versorgt.

Zunehmend wurden die Wetterbedingungen in den


Außenposten schlechter und immer öfter zogen Nebel und
eisige Luft in den Beobachtungsbereich, die die
Auftragserfüllung erschwerten. Leutnant V. hatte es sich zur
Angewohnheit gemacht, den Personalwechsel auf den
Observation Posts selbst durchzuführen und begleitete somit
den Transport von Personal und Material zu den
Außenposten. So konnte er sich ein Bild der aktuellen Lage
verschaffen und das nachfolgende Personal selbst einweisen.
Die Soldaten des Zuges schätzten die Nähe des
Vorgesetzten, machte er ihnen doch so die Wichtigkeit ihres
Einsatzes in diesem unwirtlichen Gelände deutlich. Wechsel
und Transport konnten nur mit dem Überschneefahrzeug
Häglund HUSKY durchgeführt werden, alle anderen
Fahrzeuge versagten hier ihren Dienst.

An einem kalten Morgen im Herbst nahm nun das Schicksal


seinen Lauf. Wie so oft startete der HUSKY zum Wechsel
des Personals zu den Außenposten. Beladen mit neun
Soldaten und Verpflegung für drei Tage, war das
Höhenlager schnell verlassen. Eine dichte Wolkendecke
hing über dem Kosovo und der HUSKY gewann schnell an
Höhe. Oberhalb von 2000 m hatte der erste Frost einen
weißen „Zuckerguss“ auf dem spärlichen Bewuchs
hinterlassen.
199
Leutnantsbuch

Bei der direkten Anfahrt auf den Außenposten 2, auf einer


Höhe von 2114 m geschah das, was im Untersuchungs-
bericht später als Verkettung unglücklicher Umstände
beschrieben wurde. Der steile, mit Berggras bewachsene
Weg war noch feucht vom Frost der Nacht, der HUSKY
bewegte sich langsam auf den Scheitelpunkt des Anstieges
zu. Da der HUSKY über ein automatisches Wandlergetriebe
verfügt, schaltet dieses ab einer bestimmten Drehzahl in eine
höhere Gangstufe. Und genau das tat das Getriebe jetzt.

Der HUSKY, kurz vor dem Scheitelpunkt, hatte nun keine


Leistung mehr zur Verfügung, um sich weiterhin der
Schwerkraft entgegen zu stemmen. Das Fahrzeug begann
rückwärts zu rutschen und geriet in Schieflage. Nach
wenigen Metern kippte der Wagen und begann sich zu
überschlagen.
Durch mindestens vier Überschläge wurde die Karosserie
zertrümmert, die Insassen und die Ausrüstung in ein
Geröllfeld geschleudert. Die Bodengruppe des HUSKY
blieb mit den Ketten nach oben ebenfalls in diesem
Geröllfeld liegen.

Die Soldaten waren alle verletzt, zwei Soldaten davon


schwer.
Obwohl selbst verletzt, begann Leutnant V. sofort, die
leichter verletzten Soldaten einzuteilen. Einen vom
Außenposten herbeigeeilten Soldaten beauftragte er damit,
einen Notruf abzusetzen. Er selbst und zwei weitere
Soldaten begannen mit der Versorgung der Verletzten.
Später erzählte er mir, dass er in diesen Minuten wie in
Trance handelte. Ob nun wie in Trance oder bei vollem
Bewusstsein, die Erstversorgung wurde später vom
eingetroffenen Notarzt als vorbildlich eingestuft und war

200
Leutnantsbuch

verantwortlich dafür, dass den Verletzten kein bleibender


Schaden entstanden ist.
Erst nach dieser Erstversorgung und nach der Betreuung des
unter Schock stehenden Kraftfahrers gestattete Leutnant V.
einem Soldaten, dass dieser ihm auch seine Verletzungen
versorgte.
Über die OPZ der Task Force wurde ein Notruf abgesetzt,
schnell war der für diese Zwecke vorbereitete Hubschrauber
CH 53 in der Luft. Allerdings war der Pilot nicht in der
Lage, die Maschine in der Nähe des Außenpostens zu
landen. Nebel und schlechte Sicht machten eine Landung
unmöglich. Nach einer ersten notfallmedizinischen
Versorgung wurden die Verletzten mit dem inzwischen
eingetroffenen Beweglichen Arzttrupp (BAT) zum nächsten
möglichen Landeplatz des Hubschraubers transportiert und
in das Feldlazarett nach PRIZREN geflogen. Noch am
gleichen Abend wurden zwei Soldaten von der Luftwaffe
nach KÖLN ausgeflogen und dort in ein Bundeswehr-
krankenhaus eingeliefert.

Nach einhelliger Meinung aller Beteiligten ist es dem


umsichtigen und besonnenen Verhalten von Leutnant V. zu
verdanken, dass bei den verletzten Soldaten keinerlei
bleibende Schäden an Leib und Seele entstanden sind.
Alle Soldaten dieser Fahrt wurden im Anschluss an die
medizinische Versorgung durch den Truppenpsychologen
betreut und waren nach wenigen Tagen erneut einsatzbereit.
Lange Gespräche mit dem Kraftfahrer nahmen ihm die
Schuldgefühle und auch dieser Soldat war nach einigen
Tagen bereit, sich erneut hinter das Steuer zu setzten.
Der Einsatz ging ohne weitere tragische Vorfälle zu Ende
und seitdem habe ich Leutnant V. etwas aus den Augen
verloren.

201
Leutnantsbuch

Vor einigen Wochen erhielt ich jedoch die Nachricht, dass er


mittlerweile zum Hauptmann befördert wurde und in die
Laufbahn der Berufsoffiziere übernommen wurde.
Über diese Entscheidung freue ich mich außerordentlich, traf
sie doch den Richtigen, einen vorbildlichen Kameraden und
Vorgesetzten.

HI
Vorbild sein, auch in Notlagen! Der Leutnant schuf dadurch
eine verlässliche Vertrauensbasis, dass er sich unablässig
um seine Männer und Frauen kümmerte – im besten Sinne
des Wortes. Er zeigt Interesse für deren Aufgabenerfüllung,
teilt Belastungen mit ihnen und führt von vorn! Er zeigt
fachliche Kompetenz, auch als Ersthelfer am Unfallort!
Trotz eigener Verletzung bewahrt er die Übersicht,
koordiniert die ersten sanitätsdienstlichen Maßnahmen und
aktiviert die Rettungskette. Die Geschichte zeigt auch:
Unsere Rettungskette funktioniert – und dies nicht nur in
diesem Fall!
Besonnen und kompetent handelnde Führer, eine
funktionierende Rettungskette und eine offene Fehler- und
Gesprächskultur nach dem Unfall schaffen Vertrauen und
die Grundlage für ein rasches Wiederherstellen der
Einsatzbereitschaft!

202
Leutnantsbuch

Führen von irgendwo

I ch befinde mich seit zwei Tagen auf dem Truppenübungs-


platz WILDFLECKEN und nehme mit meinen
Kameraden an der einsatzvorbereitenden Ausbildung teil.
Unsere Gruppe besteht aus einem Oberst, mehreren weiteren
Stabsoffizieren und den Männern aus der „Truppe“.
Vorbereitung für AFGHANISTAN, ein sehr gefährliches
Land – im Süden. Im Norden, so hofften wir damals, im
Bereich des durch die Bundeswehr geführten Regional
Command, würde es hoffentlich etwas anders aussehen. Dort
möge man die Deutschen und freue sich über die zielstrebige
Hilfe und die Unterstützung beim Wiederaufbau des Landes.
Dennoch muss sich jeder Soldat, der die Heimat Richtung
AFGHANISTAN verlässt, auf Gefangenschaft und
Geiselhaft vorbereiten. Aus diesem Grund nehmen wir an
der Ausbildungsstation „Geiselhaft“ teil.
10.00 Uhr: Wir fahren in einem Bus über den Übungsplatz,
als plötzlich vermummte und bewaffnete Milizionäre auf der
Straße stehen. Aus neun Uhr eine MG-Garbe, die den Bus
zum Stehen bringt. Wie es ausgebildet wurde, verhalten wir
uns ruhig und machen keine Anstalten, uns zu wehren. Ohne
Waffen können wir sowieso nichts ändern – Hilflosigkeit!
Der Führer der Geiselnehmer betritt den Bus und schreit mit
ausländischem Akzent: „Wer ist der Chef im Bus?“ Niemand
antwortet – alle warten, Totenstille! Einer der Milizionäre
kommt auf mich zu, nimmt mich am Arm, zerrt mich aus
dem Bus und sagt: „Du Chef!“. Ich denke: „Mist!“. Wider-
sprechen will ich nicht, denn das zieht Sanktionen nach sich.
Es folgen mehrere Stunden Geiselhaft, eine sehr realistische
Ausbildung. Dann ist endlich Schluss!
14.00 Uhr: Einrücken in den U-Raum, um die Schluss-
besprechung durchzuführen. Die ganze Gruppe sitzt müde
auf den Stühlen und trotzdem herrscht ein wenig Unruhe.
203
Leutnantsbuch

Ich kann mich vor Spannung kaum auf dem Stuhl halten,
denn mir brennt eine Frage unter den Nägeln. Doch der
Ausbilder ist schneller und direkter, als ich es in dieser
Situation jemals gewesen wäre und stellt dem Oberst, ohne
Umschweife eine mutige Frage: „Zu Beginn der Geiselhaft-
ausbildung fragte der Anführer der Miliz nach dem „Führer
der Gruppe“. Warum haben Sie sich nicht gemeldet? Es
folgte eine Antwort, die jeder Soldat aus seiner Grundaus-
bildung kennt: „Mich hat niemand zum Führer des Busses
eingeteilt!“

HI

204
Leutnantsbuch

Haar- und Barterlass, Piercing und Tatoos

D ienstagmorgen, 08.30 Uhr:


Seit knapp sechs Monaten bin ich Zugführer in der
4. Kompanie, habe mich nach anfänglichen Höhen und
Tiefen ganz gut bei uns eingewöhnt, die innere tägliche An-
spannung ist schon ein bisschen der Routine gewichen, und
ich kenne auch schon die meisten Offiziere im Bataillon.
Heute um 10.00 Uhr ist Offizierweiterbildung mit allen
zusammen im Offizierheim. Der Rechtsberater (RB) der Di-
vision kommt, die Spieße sind ebenfalls dabei. Ein Kamerad
sagte mir, das geschähe eher selten. Im Schwerpunkt soll es
wohl um das Disziplinarrecht gehen.
Na ja, Wehrrecht war an der Offizierschule des Heeres
(OSH) nie meine besondere Stärke, im UZwGBw fühle ich
mich auch heute noch nicht ganz sicher. Ich werde in
Deckung bleiben, keine Fragen stellen und mich hoffentlich
vor dem Kommandeur und den anderen Offizieren nicht
blamieren, wenn sich jemand an mich wendet.

10.15 Uhr
Nach der Meldung an den Kommandeur durch den
Stellvertreter und einleitenden Worten erklärt der
Kommandeur, wichtig sei ihm die Teilnahme der jüngeren
Offiziere, da auch sie gelegentlich in der Situation seien, den
Chef zu vertreten ...

Toll, das wird ja heiter: Tests für die Oberleutnante und die
Einsatzoffiziere ...
Der Rechtsberater – man nennt ihn RB, ein etwas kühl
wirkender Mensch, Jackett, Krawatte, ausgebeulte Hose, alte
Lederaktentasche, kein großer Sympathieträger – trägt vor,
weniger über einfache Disziplinarmaßnahmen, vielmehr
über den Haar- und Barterlass. Immer wieder gebe es
205
Leutnantsbuch

Beschwerden über diesen Erlass des BMVg, sei es, dass er


vermeintlich zu stark in die Persönlichkeitsrechte des
Einzelnen eingreife, sei es, dass er die Frauen und Männer
ungleich behandle. Da dieser Erlass des BMVg als einer der
ganz wenigen unmittelbaren Befehlscharakter habe, musste
sich der Wehrdienstsenat des Bundesverwaltungsgerichts
schon mit ihm beschäftigen. Über den Minister kann man
sich nur dort beschweren.
Na die haben Sorgen. Zum Glück hatte ich damit noch
keinen Ärger. Meine Jungs haben fast alle ganz kurze, einige
auch gar keine Haare auf dem Kopf und die drei Frauen
tragen ausschließlich Zopf im Dienst. Mit kurzen Haaren
möchte ich sie mir gar nicht vorstellen.
Jetzt, nach einigen Minuten, hat sich die Atmosphäre etwas
gelockert und der „kühle Mensch“ aus dem Divisionsstab
zieht mich durch teilweise heitere Beispiele und präzise
Formulierungen schon fast in seinen Bann. Blicke nach links
und rechts bestätigen mir: Den anderen geht es ebenso.
Mir reicht es, wenn ich mir merkte, dass die Pflicht für
Soldaten, sich kurze Haare schneiden zu lassen, nicht
unverhältnismäßig in die Persönlichkeitsrechte eingreife und
zu dulden sei. Zu der ungleichen Behandlung von
Soldatinnen und Soldaten hat der RB einen Kernsatz gesagt,
der mir einleuchtet: „Gleiches ist gleich, Ungleiches
ungleich zu behandeln“.
Prima.

10.45 Uhr
Nach einer kurzen Pause, ich bin überrascht, wie viele doch
noch rauchen, geht es weiter. Hauptmann L., Chef 2. Kom-
panie, geradlinig, dabei jugendlich, unverheiratet, spricht
manchmal etwas zu laut, hat vorhin das Thema Piercing und
Tatoos angerissen und der Kommandeur bat den RB, darauf
einzugehen.
206
Leutnantsbuch

Achtung, aufgepasst, Oberfeldwebel L. und Feldwebel S.


haben beide Tatoos auf den Oberarmen und Stabs-
unteroffizier F. habe ich in Zivil schon mit einem Ohrring
gesehen; ich mochte diese Kameraden jedoch noch nicht
darauf ansprechen.
Nun würde es etwas komplizierter werden, ruft der RB
freudig, doch er fängt beim Einfachen an. Piercing sei eine
Art von Schmuck, Tatoos ebenfalls. Die Innendienst-
vorschrift bestimme, dass männliche Soldaten zur Uniform
keinen Schmuck tragen dürften, ausgenommen zwei Ringe,
Krawattenspange und Manschettenknöpfe.
Wer trägt so was schon ...? OK. Klare Regelung.
Frauen dagegen dürfen, außer im Einsatz, „dezenten“
Schmuck tragen. Ausnahmen kann der Chef aus
Sicherheitsgründen, z.B. Sport, befehlen. Aber was ist schon
dezent?
Zur Freude aller zeigt der RB einige Fotos „gepiercter
Ungetüme“ und sagt unmissverständlich: Lippen- und
Nasenpiercing sind sicher keine dezenten (Duden:
„vornehm-zurückhaltend, unaufdringlich“) Schmuckstücke.
Sie dürfen während des Dienstes nicht getragen werden. Gut
so. Klare Regelung. Aber was ist mit den auffälligen
Ohrsteckern in Form des Cannabisblattes? Meine Gedanken
spricht für mich Chef 1. Kompanie aus.
Jetzt windet sich nach meinem Geschmack der RB und sagt,
hier müsse jeder Einzelfall betrachtet werden. Dies sei
schließlich die königliche Aufgabe des Disziplinar-
vorgesetzten.
Na toll, das hilft mir kein bisschen weiter, doch nach einigen
Minuten der offenen Diskussion sehe ich ein, dass hier
schlecht ein Katalog des Zulässigen und des Verbotenen
erstellt werden kann.
Der RB fährt fort:

207
Leutnantsbuch

Gleichzeitig sei zu unterscheiden zwischen Schmuck, der


einfach an- und abzulegen sei und demjenigen, der nur
operativ entfernbar sei. Ein Befehl, sich z.B. das Piercing
operativ entfernen zu lassen, ist unzulässig, da der Soldat
oder die Soldatin einen derartigen Eingriff nach § 17 Abs. 4
SG nicht erdulden muss. In der Realität ist dann das
Abkleben mit einem Pflaster die richtige und sinnvollste
Maßnahme.
Auch wichtig für die Beurteilung des Sachverhaltes und das
Durchsetzen des Verbotes ist die Frage, ob das Piercing vor
dem Wehrdienst eingesetzt wurde oder erst nach
Dienstantritt – in Kenntnis des Verbotes – gestochen wurde.
Bei Letzterem läge z.B. eine Dienstpflichtverletzung vor.
Na hoffentlich haben wir bei uns nicht mal so einen Fall ...!
„Und wie verhält es sich mit dem Tatoo, die Schlange von
der Schulter über den Hals bis hin zum Ohr“, fragt der Spieß
der 3. Kompanie. Er hat bestimmt einen konkreten Fall in
der Kompanie im Auge.
Tatoos, oder landläufig Tätowierungen, seien sozusagen
„Permanentschmuck“, und unterlägen denselben Bestim-
mungen wie Piercings. Gibt es dezente Tatoos? Sie seien
durch Pflaster abzudecken, denn der Befehl, sie weg-
operieren zu lassen, sei schlicht nicht durchsetzbar. Aber wie
bei Piercings sei das Stechen von sichtbaren Tatoos während
des Wehrdienstverhältnisses wieder eine Dienstpflicht-
verletzung.

Auf die Frage, wo man dies alles nachlesen könne, musste


der RB passen. Es gäbe hierzu, neben den Aussagen zu
Schmuck in der Anzugsvorschrift ZDv 37/10, keine
ergänzenden Erlasse. Plötzlich wird er „bissig“ und merkte
noch an, dass man auch in Deutschland nicht das ganze reale
Leben in Erlasse und Vorschriften pressen könne.
Schweigen im Raum.
208
Leutnantsbuch

Mit einer persönlichen Anmerkung des Kommandeurs zu


seiner 15-jährigen Tochter entschärfte dieser die Situation
und wollte zum nächsten Thema „Der Vollzug“ überleiten.
Der RB bat noch um einen Satz zum alten Thema: Durchaus
wieder vertrauensvoll riet er uns, ihn bei solchen Fragen
einfach anzurufen, auch dafür sei er schließlich da und
werde ordentlich bezahlt.
OK! Das war ein guter Schlussstrich und insgesamt
überzeugend.

HI
Sei Vorbild! Halte Maß! Es gibt Grenzen der Toleranz.
Die Achtung der Persönlichkeit ist wesentliches Merkmal
und zugleich Forderung unseres Gemeinwesens. Sie findet
jedoch u.a. dort ihre Grenze, wo die Freiheit Anderer
beeinträchtigt wird oder wo zulässige Einschränkungen auf
Angehörige staatlicher Institutionen wirken. Gesellschaft-
liche Erwartungshaltungen hinsichtlich der Haartracht und
dem Tragen von Schmuck sind bei der Bundeswehr in
maßvollen Erlassen niedergelegt. Es ist die Pflicht des
Vorgesetzten, diese Bestimmungen durchzusetzen.

209
Leutnantsbuch

Totengedenken

V or wenigen Tagen bin ich als Militärseelsorger hier im


PRT (Provincial Reconstruction Team) KUNDUZ
eingetroffen, es ist mein zweiter Auslandseinsatz, das zweite
Mal AFGHANISTAN, aber das erste Mal KUNDUZ. Die
Kisten meines Vorgängers sind bereits gepackt, in zwei
Tagen ist sein OUT. Wir sind mitten in der Übergabe. Er
erklärt mir, wer hier für was zuständig ist, wie die Abläufe
sind, was sich bewährt hat und was nicht. Wir prüfen Listen
und unterschreiben Belege. Dann kommt der Kalender: feste
Termine, welcher Pfarrer wann das Wort zur Woche für
Radio Andernach spricht, und so weiter.
Dann wird mein Kollege plötzlich ungewohnt ernst: „Da
sind noch ein paar ganz besondere Termine. Wir haben hier
in unserem Kontingent eine Tradition eingeführt und ich
würde mich freuen, wenn Du sie weiterführst. Du warst ja
schon am Ehrenhain und hast die Namenstafeln für die hier
in KUNDUZ gefallenen Kameraden gesehen. Wir halten
hier immer am Jahrestag eines Gefallenen am Abend bei
Sonnenuntergang am Ehrenhain eine kurze Gedenkfeier;
nichts Großes, zwei Musikstücke, ein Text, ein Gebet. Das
dauert knapp eine viertel Stunde, aber es ist uns allen hier
sehr wichtig geworden. Es wird keiner dorthin befohlen, der
Pfarrer lädt in Absprache mit dem Kommandeur des PRT
dazu ein. Nächsten Monat ist wieder so ein Gedenktermin.“
Das war vor knapp drei Wochen. Jetzt sitze ich hier am
Schreibtisch in der „Gottesburg“, dem Gebäude der
Militärseelsorge und bereite das Gedenken vor. Musik
auswählen, Absprachen mit der Stabskompanie wegen
Lautsprecher und Mikrofon. Das Technische ist schnell
erledigt, aber was soll ich morgen Abend sagen? Natürlich
kurz eine Vita des gefallenen Kameraden, aber dann? Macht
das eigentlich Sinn, diese Gedenken? Ich kenne das
210
Leutnantsbuch

Totengedenken ja aus der Kaserne in Deutschland am


Volkstrauertag. Aber das ist anders, anonymer, eine jährlich
wiederkehrende Zeremonie. Und von den Kameraden, die
mit ihm hier im Einsatz waren, ist ja gar keiner da.
Vermutlich kennt ihn heute hier gar keiner persönlich. Auf
der anderen Seite war er ein Kamerad, der hier in KUNDUZ
seinen Auftrag erfüllt und dabei durch einen heimtückischen
Anschlag sein Leben verloren hat. Sein Name steht am
Ehrenhain, das ist wichtig und damit bleibt er in unserer
Mitte und mit uns heute hier, die wir jetzt unseren Auftrag in
KUNDUZ erfüllen, verbunden. Vielleicht ist so ein
Gedenken auch ein Akt der Kameradschaft und der
Wertschätzung über den Tod hinaus.
Kurz vor 18.00 Uhr; die Sonne verschwindet gerade hinter
den Bergen, langsam füllt sich der Platz am Ehrenhain. Es
kommen immer mehr, mit so vielen hatte ich nicht
gerechnet. Anscheinend jeder, der es möglich machen
konnte ist gekommen. Auch die belgischen Kameraden, die
hier mit uns im PRT sind, habe eine Abordnung geschickt.
Die Spieße stehen mit brennenden Fackeln am Ehrenhain.
Der Kommandeur des PRT, der Vertreter des Auswärtigen
Amtes, die Kompaniechefs, alle sind da. Die Musik fängt an.
Für mich gibt es in diesem Augenblick keinen Zweifel mehr:
Es ist richtig und wichtig, was wir hier heute Abend tun.
Dieses Gedenken sind wir den gefallenen Kameraden
schuldig, aber wir gedenken dabei nicht nur ihrer, sondern
erinnern uns auch an unseren eigenen Auftrag und
versichern uns unseres Rückhalts bei den Kameraden.
Gemeinsames Gedenken verbindet.
In drei Monaten werde ich meinen Nachfolger einweisen.
Dann werde ich ihm dieses Gedenken ans Herz legen, so wie
es mein Vorgänger bei mir getan hat. Es ist unendlich
wichtig und wertvoll.

211
Leutnantsbuch

HI
Den verstorbenen Kameraden ein ehrendes Angedenken zu
bewahren, ist ein Akt der Kameradschaft, auch über den Tod
hinaus.

212
Leutnantsbuch

Vom Pendeln als Soldat

D ie Frage nach der Wahl des Lebensmittelpunkts ist für


einen Offizier nicht einfach und muss bei jeder
Versetzung neu beantwortet werden. Für mich stellte sich
diese Frage erstmals im dritten Dienstjahr an der
Offizierschule des Heeres in DRESDEN. Dies lag nicht da-
ran, dass ich wegen des Offizierlehrganges nach DRESDEN
ziehen wollte. Nein, zu dieser Zeit trat meine heutige Frau in
mein Leben und veränderte dieses deutlich. Plötzlich lagen
die Schwerpunkte an den Wochenenden nicht mehr
ausschließlich bei der Freizeitgestaltung mit meinen
Freunden. Vielmehr kamen erstmals Fragen nach einer
gemeinsamen Zukunft auf. Doch wie will man die bei einer
Wochenendbeziehung so einfach und vernünftig klären?
Schließlich hatte ich meine Freundin ja nicht im Dienst
kennen gelernt. Jeder frisch verliebte Mensch weiß, dass in
einer solchen Zeit Entfernungen keinerlei Hindernisse
darstellen. Aus diesem Grund lief es damals wunderbar.
Gerade frisch verliebt stand schon das Studium an der
Universität der Bundeswehr in MÜNCHEN für mich bevor.
Schon früh war mir klar, dass ein wöchentliches Pendeln
während des Studiums nicht über drei Jahre gut gehen kann.
Daher wurde für uns die Frage eines Umzuges sehr schnell
ein Thema. Sicherlich keine leichte Entscheidung für eine
junge Frau, die sich gerade in den letzten Zügen ihrer
Ausbildung befand und in ihrem sozialen Umfeld fest
integriert war. Uns war klar, dass wir die nächsten Jahre
gemeinsam in MÜNCHEN verbringen wollten.
Für uns war die Aussicht darauf, sich endlich jeden Tag
sehen zu können, einfach fantastisch. Anfänglich lief auch
alles gut, zumindest oberflächlich gesehen. Doch wir hatten
bei unserer Entscheidung vergessen einige wichtige Dinge in
Erwägung zu ziehen. Nach dem Umzug nach MÜNCHEN
213
Leutnantsbuch

merkte ich schnell, wie schwer es für meine Frau war, sich
in einer völlig fremden Stadt zurechtzufinden und neue
Freunde zu gewinnen. Ich war ja Ihre einzige Bezugsperson.
Es dauerte fast ein Jahr, bis ich meine Frau erstmals wieder
so richtig glücklich und zufrieden erlebte. Persönliche
Zufriedenheit speist sich nun mal nicht ausschließlich aus
der Beziehung zu seinem Partner, sondern auch in hohem
Maß über die Arbeit und den Freundeskreis. Sicherlich war
die Entscheidung, in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen,
auf den ersten Blick richtig, jedoch wäre diese schnelle und
vermeintlich leichte Entscheidung unserer Beziehung
beinahe zum Verhängnis geworden.
Um diese Erfahrung reicher, war für uns klar, dass
MÜNCHEN diesmal unser gemeinsamer Lebensmittelpunkt
bleiben sollte. Dies bedeutete jedoch im Umkehrschluss,
dass ich von nun an die 500 km zwischen meinem neuen
Dienstort in Nordthüringen und MÜNCHEN pendeln
musste.
Die wöchentlichen Fahrten fielen mir allerdings nicht
besonders leicht, zumal man die alltäglichen Probleme, wie
Ärger mit dem Nachbarn, zwar am Telefon besprechen,
jedoch nicht selbst vor Ort lösen konnte. Demgegenüber
hielt das Pendeln aber auch positive Überraschungen für
mich bereit, als mich meine Frau beispielsweise an einem
Mittwochnachmittag während des Dienstes besuchte. Die
Frau meines Kommandeurs hatte nämlich alle Ehefrauen
bzw. Lebensgefährtinnen der Offiziere des Bataillons zum
Kaffee eingeladen. Meine Frau entschied sich heimlich am
besagten Tag die 500 km von MÜNCHEN nach
Nordthüringen zu reisen, zumal es für sie als Frau eines
Offiziers selbstverständlich war, an solchen Veranstaltungen
teilzunehmen.
Insgesamt kann ich festhalten, dass unsere damalige
Entscheidung, den Lebensmittelpunkt in MÜNCHEN zu
214
Leutnantsbuch

belassen, richtig war und unsere Beziehung dadurch letztlich


gestärkt wurde.

HI
Sei Dir bewusst, dass sich in jungen Jahren die Prioritäten
im privaten Bereich mit dem Beginn einer mitunter neuen
Beziehung schnell verändern können. Irgendwann zu Beginn
einer Beziehung muss man dem Partner die Besonderheiten
des Soldatenberufes offenlegen – das bewahrt vor späteren
Irritationen. Um die von Dir und Deinem beruflichen
Umfeld geforderte Leistungsfähigkeit als Offizier voll
entfalten zu können, ist es von Vorteil, wenn Du in der Lage
bist, aus Deiner Beziehung Kraft zu schöpfen.
Grundvoraussetzung dafür ist, dass sich Dein Partner
ebenso wohlfühlt. Folglich ist die Wahl des
Lebensmittelpunkts eine Entscheidung mit großer Tragweite,
die gemeinsam und insbesondere nach einem intensiven
Abwägen der Möglichkeiten getroffen werden sollte. Aber
keine Angst, Du bist nicht alleine. Scheue nicht davor zurück
gerade auch lebensältere Kameraden zu befragen. Sie
können Dir mit Ihren Erfahrungen eine wertvolle Stütze bei
der Entscheidungsfindung sein. Denn eines ist klar, diese
Entscheidung will wohl überlegt sein und sollte bei jeder
anstehenden Versetzung erneut auf die häusliche Agenda
gesetzt werden.

215
Leutnantsbuch

Beim Handgranatenwerfen

E s ist Februar, der vorletzte Tag eines Truppenübungs-


platzaufenthalts in BERGEN. Ich bin Oberleutnant in
einer Panzerpionierkompanie und eingeteilt als Leitender
beim Handgranatenwerfen.
Alles läuft reibungslos. Für viele der jungen Kameraden ist
es das erste Mal, dass sie eine Gefechtshandgranate in der
Hand halten. Ich versuche durch erneutes Erläutern des
Ablaufs und vor allem durch das Ausstrahlen von Ruhe, den
Kameraden die Nervosität zu nehmen. Im letzten Rennen ist
ein Gefreiter, der zuvor als Absperrposten eingeteilt war.
Wie die Kameraden vor ihm, weise ich ihn nochmals in den
Ablauf ein, gebe ihm ein Hilfsziel und fange an, die
Kommandos zu geben: „Fertig machen zum Handgranaten-
wurf!“. Die Granate fest an den Oberschenkel gepresst, löst
er den Ring aus der Arretierung und schaut mich an. Für
mich das Zeichen, dass er bereit ist. Auf mein Kommando
„Wurf!“ schaut er mich wiederum an, wirft aber nicht. „Sie
können jetzt werfen!“, war meine Reaktion. Und das tat er
dann auch. Nur eine kleine, aber entscheidende Sache hat er
dabei vergessen – den Splint zu ziehen. Ich sehe den Splint
an der Granate in der Sonne blitzen, ziehe den Gefreiten aber
dennoch an seiner Splitterschutzweste runter, denn sicher ist
sicher. Erwartungsgemäß bleibt der Detonationsknall aus
und wir beide hocken in der Werferstellung. „Fünf Minuten
die Köpfe unten halten!“, höre ich meinen Sicherheits-
offizier (SO), einen erfahrenen Hauptfeldwebel aus dem
Bunker brüllen. „Der Feuerwerker wird gerade informiert!“.
„Meine Fresse!“, denke ich, „Warum muss so etwas denn
immer kurz vor Toresschluss passieren?“ Innerer Gram
steigt in mir auf und ich frage den Gefreiten, der wie ein
Häufchen Elend mir direkt gegenüber kauert: „Was war

216
Leutnantsbuch

das denn jetzt?“ „Ich weiß auch nicht.“, kam nur zurück.
Schweigend verbrachten wir die restlichen vier Minuten.
Wieder zurück im Bunker, warteten wir auf den
Feuerwerker. Derweil unterhielt ich mich mit meinem SO
und legte ihm immer noch leicht angesäuert dar, dass ich den
Gefreiten nicht mehr werfen lassen wolle. Darauf meinte der
Hauptfeldwebel: „Hören Sie. Der Junge ist jetzt total am
Boden. Wenn er nicht mehr werfen darf, ist das sicherlich
alles andere als gut für sein eh schon angekratztes
Selbstbewusstsein. Ich würde ihm sein Erfolgserlebnis
geben.“ Der Feuerwerker traf erfreulicherweise kurz darauf
ein. Ich schilderte ihm das Geschehene und wies ihn ein.
Nachdem er die Granate gefunden und kurz in Augenschein
genommen hatte, nahm er sie auf und kam wieder zurück
zum Bunker. „Hier ist das gute Stück.“
Der Feuerwerker fuhr mit seinem WOLF wieder aus dem
Gefahrenbereich und ich hatte mir in der Zwischenzeit die
Worte des Hauptfeldwebels noch mal durch den Kopf gehen
lassen. „Gefreiter H., zu mir! Gehörschutz rein, Helm auf
und mitkommen.“ In der Werferstellung wies ich den
Kameraden nochmals explizit in die Übung ein und merkte,
wie seine Anspannung nach meinen „besonders“ beruhigen-
den Worten nachließ. Man konnte förmlich sehen, wie der
Gefreite das Gesagte in seinem Kopf noch einmal für sich
durchging. Beim Werfen der insgesamt drei Handgranaten
gab es dann auch keine weiteren Mängel.
Im Nachhinein bin ich froh darüber, dass der Hauptfeld-
webel mich umgestimmt hat, da eine Ausbildung ohne
Erfolgserlebnis wenig Nährwert hat.
Die letzten Tage unseres Truppenübungsplatzaufenthalts
konnte man den besagten Gefreiten mit einem breiten
Lächeln auf den Lippen herumlaufen sehen.

217
Leutnantsbuch

HI
Höre auf erfahrene Kameraden. Gerade ältere Unter-
offiziere mit Portepee haben meist mehr Diensterfahrung.
Die Autorität eines Vorgesetzten wird durch das Annehmen
eines guten Rates nicht geschmälert. Die selbstständige
Unterstützung älterer Kameraden gegenüber einem jungen
Offizier kann sogar Ausdruck von Vertrauen und An-
erkennung sein.

218
Leutnantsbuch

Bergebereitschaft RC North –
„Logistik in Nebenfunktion!“

N eben meiner originären Tätigkeit als Offizier des Stabes


im Logistikunterstützungsbataillon (LogUstgBtl) in
MAZAR-E-SHARIF war ich gleichzeitig Führer der
Bergebereitschaft. Der Auftrag war es, liegengebliebene,
verunfallte oder zerstörte Fahrzeuge im gesamten
Verantwortungsbereich des Regional Command (RC) North
zu bergen oder behelfsmäßig instandzusetzen und wieder in
die entsprechenden Feldlager zu verbringen. Diese
eigentliche Nebenaufgabe sollte letztendlich jedoch die
Einsatzvorbereitung und den Einsatz dominieren. Bereits
unmittelbar nachdem mein Kommandeur mir diese Aufgabe
übertrug, war für mich eines klar: Ich fahre nur mit Männern
und Frauen, die ich selbst auswähle, mit denen ich übe und
denen ich ohne jede Einschränkung vertraue. Das zahlte sich
im Einsatz mehr als einmal aus.
Von besonderer Bedeutung war es für mich, eine
Personalrotation so weit wie möglich zu vermeiden, um von
Anfang an mit der gleichen Mannschaft zu arbeiten. Jeder
sollte den anderen kennen lernen, sich auf die
Besonderheiten des einzelnen einstellen und im Team
wachsen. Dies gelang Dank vieler Übungsvorhaben über
mehrere Wochen und einer frühzeitigen Schwerpunkt-
setzung durch das Bataillon. Vor keinem meiner Einsätze
fühlte ich mich so gut vorbereitet wie vor diesem. Nichts
wurde in der Vorausbildung ausgelassen.
Die durch die umfangreiche und umfassende einsatz-
vorbereitende Ausbildung erzeugte gedankliche Sicherheit
machte dann jedoch der Tod von drei Kameraden in
KUNDUZ unmittelbar vor dem Abflug ins Einsatzland
teilweise zunichte. Plötzlich fragte man sich, ob man
ausreichend vorbereitet sei, und ob man in gefährlichen
219
Leutnantsbuch

Situationen stets die richtigen Entscheidungen trifft. Was ist,


wenn es einen meiner Soldaten oder mich trifft?
Die ersten Tage in MAZAR-E-SHARIF verliefen wie in den
letzten Einsätzen auch. Eine Flut von Vorträgen,
Einweisungen und zusätzlichen Ausbildungen. Schlimm war
in den ersten Tagen die unerträgliche Hitze. Manchmal hatte
man das Gefühl, es würde einem ein Heißluftföhn direkt ins
Gesicht blasen. So extrem hatte ich es bei weitem nicht in
Erinnerung. Es waren letztendlich doch fast zwei Wochen,
die der Körper brauchte, um sich zu akklimatisieren.
Gleichzeitig übernahm ich mit meinem Personal die
Bergebereitschaft für den Bereich des RC North. Das hieß
zwei Wochen 60-Minuten-Bereitschaft, dann Wechsel mit
dem anderen Zug.
Gleich der erste Einsatz verlangte alles ab, was in der
Vorausbildung ausgebildet und verinnerlicht wurde. Als ich
in der Operationszentrale des Bataillons eingewiesen wurde,
fragte ich zweimal nach der Koordinate, weil ich nicht
glauben konnte, dass so weit abseits eigene Truppe ist. In
diesem Fall hatte sich ein beweglicher Arzttrupp, der einem
deutschen Operational Mentoring and Liaison Team
(OMLT) und einem Bataillon der afghanischen
Nationalarmee (ANA) angegliedert war, in einem Flussbett
festgefahren. Eine Verbindung zur Truppe, die über 200
Kilometer entfernt vom CAMP MARMAL operierte,
bestand nur einmal am Tag über Satellit. So verlief die
gesamte Einweisung in den Einsatz über Dritte ohne direkte
Verbindung zur Bergestelle. Eine Lagemeldung folgte der
nächsten. So bildeten wir uns grundsätzlich erst ein klares
Lagebild, bevor die Truppe marschierte. Ein Vorgehen, das
sich aufs Beste bewährte. Auch wenn in mancher Situation
der Zeitfaktor eine Rolle spielte, wurde ohne alle
notwendigen Informationen über die Lage keine
Bergeoperation begonnen. So kam es durchaus vor, dass
220
Leutnantsbuch

durch gezieltes Nachfragen aus einem Transportpanzer


FUCHS schnell ein DURO wurde oder umgekehrt.
Beim Abmarsch gehen einem hunderte Gedanken durch den
Kopf: „Erkenne ich ein mögliches Improvised Explosive
Device (IED)? Finde ich den richtigen Weg? Wie reagiere
ich bei Feindkontakt? Werden die afghanischen Kräfte am
Kopplungspunkt sein?“ Der Marsch zum Ausfallort ist
immer geprägt durch eine ständige Anspannung. Man ist
pausenlos dabei sich zu orientieren, die Verbindung
innerhalb und außerhalb zu halten und die Umgebung zu
beobachten. Manchmal erinnert man sich an die
Vorausbildung, wo eine einzelne Person mit Handy am
Straßenrand stand, die dann als „Spotter“ identifiziert
werden musste. Hier haben so viele ein Handy!
Der Weg zur Bergestelle erwies sich im Weiteren als
Herausforderung. Angefangen bei der Zusammenarbeit mit
den afghanischen Sicherheitskräften, denn noch vor der
Begrüßung kam sofort die Frage nach Betriebsstoffen.
Durch die OMLT waren wir jedoch darauf vorbereitet
worden und hatten immer eine Reserve dabei. Nach
Verlassen der Ring Road zeigte sich uns dann ein anderes
AFGHANISTAN: Straßen oder Wege sind nicht mehr
existent. Man fährt auf Trecks in einer schnelleren
Schrittgeschwindigkeit durch eine Einöde, die unendlich und
vollkommen unbewohnt scheint. Was teilweise sehr
überraschte waren grüne, gut bestellte Felder, die plötzlich
im Nichts auftauchten. Auch ein kompletter Rundumblick
brachte keine Rückschlüsse auf mögliche Besitzer oder
Bauern.
Die Führung durch Kräfte der ANA war keinesfalls
reibungslos. Neben dem Verständigungsproblem gab es
ständig Orientierungsprobleme. Nachdem man das dritte
Mal umgekehrt ist, obwohl man auf der Karte und auf dem
FAUST-System genau seine Position nachverfolgte,
221
Leutnantsbuch

kommen langsam die Zweifel. Nach weiteren


Orientierungshalten und Diskussionen über den richtigen
Weg traf ich die Entscheidung, die Führung selbst zu
übernehmen. Erstaunlich war, dass selbst so weit abseits der
größeren Verkehrswege die Karte mit dem Gelände
vollkommen übereinstimmte. Selbst kleine Pfade waren
genau wiedergegeben. Die Karte ist und bleibt das zentrale
Orientierungs- und Führungsmittel.
Nach einem insgesamt zehn Stunden dauernden Marsch
erreichten wir die Bergestelle. Hier zeigte sich, dass sich die
Vorausbildung und Übungen als geschlossenes Team
bewährt hatten. Kurze Befehlsgebung, schnelle Erkundung,
Einsatz der Sicherung. Alles funktionierte automatisch.
Jeder kennt seinen Platz und weiß um die Tätigkeiten des
anderen.
Die Bergung des ausgefallenen DURO zog sich aufgrund
der schwierigen Ausfallstelle über mehrere Stunden hin.
Zwei Winden mussten eingesetzt werden, um das Fahrzeug
zu stabilisieren und rückwärts aus dem Flussbett
herausziehen. Aber am Ende hat das Zusammenspiel mit der
Truppe vor Ort und meiner Bergemannschaft gut
funktioniert. Ohne die reichhaltige Erfahrung und das
Improvisationstalent meines Bergefeldwebels wäre das
Fahrzeug fast gekippt und womöglich nicht mehr fahrfähig
gewesen.
Dieses Beispiel zeigt, dass die Beurteilung des Geländes und
die Ausbildung unserer Kraftfahrer eminent wichtig sind,
um den Einsatz von Bergemitteln nach Möglichkeit von
vornherein zu vermeiden.

HI

222
Leutnantsbuch

Die Beurteilung der Geländes spielt im Rahmen des


Führungsprozesses ein gewichtige Rolle. Gerade bei dem
Einsatz von Bergemitteln kommt es bei Berücksichtigung der
Geländebedingungen darauf an, dass die Kraftfahrer erfah-
ren und umfassend ausgebildet sind und es sich um ein
bereits vor dem Einsatz eingespieltes „Team“ handelt.
Dabei muss der militärische Führer auch in schwierigen und
unübersichtlichen Lagen den Überblick behalten, Entschlos-
senheit zum Handeln zeigen sowie Mut zu unkonventionellen
und pragmatischen Lösungen haben.

223
Leutnantsbuch

Yes, Ma’am!

N ach Ende meines Studiums im Jahr 2001 brannte ich


darauf, meinen ersten Auslandseinsatz zu absolvieren.
Doch statt Balkan oder Afghanistan wurde ich als
Oberleutnant über den Jahreswechsel 2002/2003 als
Feldjägerzugführer in das ABC-Abwehrbataillon Kuwait
(ABCAbwBtl KWT) eingeplant.
Der Hauptauftrag des Einsatzkontingents war Retten und
Bergen von zivilen Opfern unter ABC-Bedingungen nach
Zerstörung von technischen Anlagen. Der Gesamtumfang
des Kontingents schloss 250 Soldaten ein, wovon sich
jedoch lediglich 52 vor Ort in Kuwait aufhalten sollten.
Diese hatten den Auftrag, die Einsatzbereitschaft des
Materials und die Einsatzvorbereitung des gesamten
Kontingents für den Fall der Aktivierung aufrecht zu
erhalten. Damit bestand der „Zug“ vor Ort nur noch aus
einem Feldjägerfeldwebel und mir, die anderen würden mit
dem Hauptkontingent aufwachsen.
Ferner war das ABCAbwBtl KWT ein Teil eines
multinationalen Großverbandes vergleichbar einer Brigade,
nämlich der Combined Joint Task Force (CJTF) namens
„Consequent Management“, im multinationalen
Abkürzungsdschungel also „CJTF CM“. Führungsnation
waren mit einem Ein-Sterne-General die USA, die zu diesem
Zeitpunkt kurz vor ihrem zweiten IRAK-Krieg standen.
Die Übernahme von den Vorgängern gestaltete sich
mühsam. In allen Dingen zum Thema „Force Protection“
war ich plötzlich der Fachmann, der die Kameraden des
Kontingents beraten sollte. Damit waren meine
Ansprechpartner fast ausnahmslos amerikanische
Stabsoffiziere des Stabes der CJTF CM. Um genau zu sein:
Amerikanische Stabsoffiziere des United States Marine
Corps.
224
Leutnantsbuch

Ein Kennzeichen der Marines ist ihre strikte Hierarchie.


Demzufolge sind auch deutsche Oberleutnante mit
akademischem Grad einfach nur „First Lieutenants“. Und
ohne persönliche Vorstellung durch meinen Vorgänger war
ich eben nur ein Lieutenant eines Verbündeten. Mein
Hauptansprechpartner war der Force Provost Marshal der
CJTF CM, Lieutenant Colonel (LtCol) Amanda Jones. Eine
Frau, Oberstleutnant der Reserve, Militärpolizistin des
United States Marine Corps, Einsatzerfahrung im ersten
Irak-Krieg, im Zivilleben US Cop. Oh, Mann!
Um es klar zu sagen: Ich hatte und habe kein Problem, einen
weiblichen Vorgesetzten zu haben. Allerdings hatte die
Erfahrung, von einem weiblichen LtCol der US-Marines
gerade mal die Existenz-Berechtigung zugesprochen zu
bekommen, für mich eine besondere Qualität; das war mir
als Offizier, der durch die Konzeption der Inneren Führung
geprägt worden war, völlig neu. Zumal sich das bei allen
anderen Ansprechpartnern wiederholte: Ob Camp
Commander, zivile Wachfirma (viele davon auch ehemalige
Marines), Movement Control oder J 5 (Zivil-militärische
Zusammenarbeit): Stets war ich eben nur der „German
Lieutenant“.
Formell konnte ich mich nicht beklagen. Alle
Ansprechpartner waren höflich, korrekt, beantworteten die
Fragen – und blieben unverbindlich. Informationen erhielt
ich nur in dem Maße, wie ich sie erfragte. Hinter allem war
deutlich der Dienstgradunterschied zu spüren und die großen
Vorbehalte bezüglich Verlässlichkeit und Wissen dem
niedrigen Dienstgrad gegenüber. Man nahm mich nur sehr
begrenzt ernst. Gleichzeitig wollte ich natürlich meinen
Auftrag gegenüber dem Kontingent erfüllen – Stichwort
„Force Protection“. Ich war genervt und Anfänge von
Frustration machten sich bemerkbar. So hatte ich mir meinen
ersten Einsatz wirklich nicht vorgestellt!
225
Leutnantsbuch

In dieser Situation erinnerte ich mich an meinen ersten


Kompaniechef nach der Grundausbildung, der mir als
Offizieranwärter folgenden Rat gab: „Oft werden Sie mit
Misstrauen konfrontiert werden. Halten Sie sich an die
formalen Dinge, erfüllen Sie Ihren Auftrag und bleiben Sie
höflich; Höflichkeit ist eine Waffe.“
Mein Feldwebel und ich richteten unser Verhalten danach
aus: Natürlich waren wir zuvor weder unhöflich noch hatten
wir unseren Auftrag nicht erfüllt, aber wir gaben den
formalen Dingen einen neuen Stellenwert. Auch für
Kleinigkeiten bei höheren amerikanischen Dienstgraden,
und jedes Mal neu, auch bei derselben Person mehrfach
täglich: Grundstellung, Gruß, Meldung. Warten auf Gesten
oder Hinweise, bequem zu stehen. Hinter jedem Satz ein
respektvolles „Yes, Sir.“ Oder eben im Falle von LtCol
Jones ein „Yes, Ma’am.“ Damit wurde die Erfüllung meiner
Aufgaben für das Kontingent leichter. Auch bei LtCol Jones.
Bei der Besprechung zu einem bevorstehenden Antreten der
ganzen CJTF CM wies sie darauf hin, dass unser Auftrag
(Absperren von drei oder vier Straßen) ja nicht schwer sei,
und fügte etwas locker hinzu: „It’s not like rocket building.“
Daraufhin schmunzelte ich und entgegnete, Raketen zu
bauen sei auch gar nicht so schwer, ich hätte das ja studiert.
Den Gesichtsausdruck von LtCol Jones kann ich weder
beschreiben noch wiedergeben, dafür war die Botschaft
umso deutlicher: Mit dieser Bemerkung war ich wieder am
Anfang. Mist!
Die Wende kam kurze Zeit später mit einer Command Post
Exercise. Der Stab der CJTF CM sollte seine Verfahren
beüben und verbessern. Dazu wurde ein vorgeschobener
Gefechtsstand im Außenbereich der amerikanischen
Botschaft in KUWAIT-CITY eingerichtet, in dem alle
Nationen vertreten waren. Mein Auftrag war daraufhin die
äußere Absicherung des Forward Command Post vom
226
Leutnantsbuch

Aufbau bis zum Abtransport des Gefechtsstandmaterials.


Dazu wurden mir eine Gruppe Marines und für den ersten
Tag ein tschechischer Scharfschütze auf Zusammenarbeit
angewiesen, wobei wir das einzige schwere Fahrzeug hatten,
einen Transportpanzer FUCHS mit lafettiertem MG. Die
Marines waren mit einem handelsüblichen Leihwagen
ausgestattet. Die Bedrohungslage war gering, jedoch
konnten Anschläge aufgrund der amerikanischen
Vorbereitungen für die Offensive nicht ausgeschlossen
werde. Dazu drei Nationen, drei Sprachen, drei Funkgeräte –
ich nenne es mal eine spannende Aufgabe.
Die Übung begann. Das amerikanische Feinplanungssystem
der Schubladenlösungen hatte nicht alles bedacht, was beim
Aufbau eines vorgeschobenen Gefechtsstandes schief gehen
kann. Nun, aber dafür hatte mich der Dienstherr ja zum
Offizier einer Auftragsarmee gemacht: Die
Raumorganisation (Aufbauplatz des Forward Command
Post, Kfz-Abstellplatz, Zufahrten und Zugänge) war schnell
angepasst und der Plan für die Sicherung erstellte sich damit
quasi von selbst. Die Fahrzeuge wurden von uns in die neue
Raumordnung eingewiesen. Das Sprachproblem wurde
mittels einer einfachen Geländeskizze gelöst, die ebenfalls
zügig in entsprechender Anzahl neu erstellt wurde; die
vorbereiteten Pläne stimmten ja nicht mehr. Alles in allem
nicht optimal, aber eine lösbare Herausforderung. Die
Übung verlief problemlos, es kam die Nacht, der
tschechische Scharfschütze wurde planmäßig abgezogen.
Die Übung wurde mit Einbruch der Dunkelheit
unterbrochen, die Lage angehalten, und es sollte am
nächsten Morgen fortgesetzt werden. Meine Marines hatten
ihrerseits den Auftrag von LtCol Jones, auf jeden Fall beim
aufgebauten Command Post zu bleiben. Ich entschied, dass
auch mein Feldwebel und ich in der Sicherung blieben,
obwohl außer uns keine deutschen Teile mehr vor Ort
227
Leutnantsbuch

waren. „One Team, one Mission!“ Am nächsten Morgen


wurde die Übung fortgesetzt und erfolgreich beendet –
allerdings früher als geplant, etwa um 15:00 Uhr Ortszeit.
Das führte dann dazu, dass sehr schnell das Stabspersonal
ins Camp zurückverlegte. Das Gefechtsstandpersonal baute
den Forward Command Post ab, verstaute das Material und
zu guter Letzt blieben nur noch die Materialverantwortlichen
vor Ort, die Marines zur Sicherung sowie mein Feldwebel
und ich. Der Transport des Materials wurde durch einen
zivilen Vertragspartner geleistet, der allerdings erst für 22:00
Uhr bestellt war. Vor Ort unterstützten wir somit die
amerikanischen Bewacher für amerikanisches Material im
gesicherten Nahbereich der amerikanischen Botschaft, und
würden das bis in die Nacht tun, da der Unternehmer nicht
erreichbar war. Nun schlugen zwei Herzen in meiner Brust:
Einerseits ins Camp verlegen und die eigenen Kräfte
regenerieren, dabei aber die Marines, mit denen wir auch
über die vergangene Nacht etwas zusammengewachsen
waren, vor Ort lassen. Von der Bedrohung her kein Problem,
aber mental doch eine Art „zurücklassen ohne schwere
Waffe“.
Oder andererseits dem Gedanken „One Team, one Mission!“
folgen und vor Ort bleiben, denn in den Gesprächen hatte ich
über die Marines und die amerikanische Befehlstaktik
gelernt: Der Befehl wird worttreu befolgt. Punkt. Und die
Jungs hatten den Befehl, das Material bis zum Verladen zu
bewachen.
Natürlich hätte ich jederzeit ins Camp zurückverlegen
können, ein Telefonanruf hätte genügt. Ich habe mich
dagegen entschieden und damit den Auftrag fortgesetzt. Wir
blieben bis zum Verladen um 22:00 Uhr vor Ort.
Am nächsten Tag erfolgte die Nachbesprechung der Übung
und natürlich auch der äußeren Absicherung. LtCol Jones,
die im Rahmen des Stabes ebenfalls im Forward Command
228
Leutnantsbuch

Post gewesen war und als Force Provost Marshal von mir
auch die geänderte Raumordnung und den Plan für die
Sicherung erhalten hatte, wies mich als erstes darauf hin,
dass viele Dinge, die ich während der Übung getan hatte,
keine Offizieraufgaben seien. Dass ich dies mangels Zeit
und Personal im Verständnis der Auftragstaktik getan hatte,
behielt ich für mich. Dann aber honorierte sie unsere
Auftragserfüllung, da wir ohne Aufhebens die vorhandenen
Planungsfehler der Befehlstaktik korrigiert hatten und so die
Übung ohne Verzug ablaufen konnte: „You made a great job
out there.“ Das entsprach aus ihrem Munde fast einem
Ritterschlag.
Von diesem Tag an änderte sich der Umgang mit LtCol
Jones und mit allen anderen amerikanischen Ansprech-
partnern grundlegend: Man nahm mich, unabhängig vom
Dienstgrad ernst, das Befremdliche nahm ab und das
Vertrauen nahm zu. Plötzlich konnte ich mit dem Camp
Commander oder der Wache Absprachen treffen, die vorher
nur sehr zäh auf dem offiziellen Wege über den deutschen
Kontingentführer möglich waren. Bei Absprachen mit dem
J 5 erhielt ich plötzlich wichtige Zusatz- und Hinter-
grundinformationen. Und auch von LtCol Jones erhielt ich
mehr und mehr Informationen und wurde immer wieder
eingebunden.
Auf dieser Grundlage verfügte ich bereits nach kurzer Zeit
über ein sehr gutes Netzwerk im Camp und konnte nun
meine Aufträge „Wahrnehmung von Sicherheitsaufgaben
sowie Beratung in Sachen ‚Force Protection’ und
„Militärischer Verkehrsdienst“ deutlich besser und einfacher
erfüllen. Damit war auch das Kopfschütteln der deutschen
Kameraden vorbei. Tatsächlich wunderte sich mancher
Offizierkamerad, warum ich so gut informiert war.

229
Leutnantsbuch

Auch die Entscheidung, die Marines nicht alleine


zurückzulassen, hatte sich ausgezahlt: Von diesem Moment
an konnte ich jederzeit auf die acht Soldaten zurückgreifen.
Eine einfache Nachfrage bei LtCol Jones genügte und sie
standen mit Fahrzeug, Waffen und Ausrüstung zur
Verfügung. Und ich benötigte sie mehrmals.
Das „Yes, Ma’am.“ habe ich bis zum Ende des Einsatzes
beibehalten. Zuletzt jedoch nicht aus Kalkül oder
Gewohnheit, sondern aus echtem Respekt. Kannte man
LtCol Jones etwas besser, war sie nämlich ein „Pfundskerl“.

HI
Wenn Du unsicher bist, halte Dich an die Struktur und die
Formalitäten, die Du gelernt hast. Dies ist eine sichere
Hilfe, bis Du Dich selbst im aktuellen Umfeld orientieren
kannst.
Korrektes Auftreten und Höflichkeit gelten auch für Dein
Verhalten gegenüber niedrigeren Dienstgraden!
Erfülle den Auftrag so gut Du kannst. Vertraue auf Deine
Fähigkeiten, Du hattest eine gute Ausbildung. Qualität und
Verlässlichkeit setzen sich immer gegen Vorbehalte und
Misstrauen durch!
Kannst Du Untergebene nicht einordnen, dann achte auf das
Auftreten sowie die Art und Qualität der Auftragserfüllung.
Beides wird Dir helfen, Menschen besser einzuschätzen.

230
Leutnantsbuch

Auf der Standortschießanlage

E s ist ein sonniger, warmer Tag. Ich sitze hier während


der Mittagspause als Teilnehmer eines Übungsschießens
auf der Standortschießanlage abseits auf einem erhöhten
Punkt. Unter mir sehe ich Soldaten mit Essgeschirr bei der
Verpflegungsausgabe durch den Spieß. Hinter mir ändert das
Funktionspersonal den Zielbau für eine neue Schießübung
nach dem Mittagessen.
Viele Sachen gehen mir beim Anblick der anwesenden
Soldaten durch den Kopf. Dort die Soldaten, die sich als
Schützen auf das Schießen konzentrieren können und nun in
der Mittagspause entspannen wollen. Hier das Funktions-
personal, das für den reibungslosen Ablauf und damit für
den Ausbildungserfolg zu sorgen hat.
Bei längerem Betrachten bemerke ich, wie das ein oder
andere Lächeln über mein Gesicht huscht. Meine Gedanken
schweifen zurück in das Jahr 1996. Es ist ein heißer Sommer
und ich sitze ebenfalls mit meiner Mittagsverpflegung auf
der Standortschießanlage und sehe links und rechts neben
mir 50 Rekruten, die hastig und verschwitzt ihr Essen ein-
nehmen. Ich, Panzerschütze, denke an nichts und wünsche
mir nur, diese dicke, warme olive Uniform mit dem schwe-
ren Stahlhelm endlich ablegen zu können, um alle Viere von
mir strecken zu können. Da kommt auch schon mein Zug-
führer, Leutnant Sch., und teilt uns in diesem immer wieder-
kehrenden, Disziplin verlangendem Ton mit, „Antreten in
5 Mike“. Unsere Essbewegungen werden schneller, da uns
bewusst ist, es gibt nur einen Wasserhahn für 50 Soldaten,
das Essgeschirr muss noch verpackt und der Anzug gerichtet
werden.
Nach fünf Minuten sind wir im befohlenen Anzug
angetreten und wundern uns wieder, wie und wann der
Leutnant den Zielbau hat umbauen lassen, sein Funktions-
231
Leutnantsbuch

personal eingewiesen und selbst Verpflegung eingenommen


hat, um nun im gleichen Anzug wie wir vor uns zu stehen.
Es bleibt nicht nur bei der Schießübung. Die von uns allen
mit Frust erwartete Parallelausbildung „ABC-Abwehr“
findet auch noch statt. Leutnant Sch. ist an diesem Tag wie
gewohnt ruhig und fordernd. Er hat seinen Schießtag voll im
Griff und wir jungen Rekruten bemerken keinen einzigen
Fehler des jungen Offiziers. Seine Ausbildungen haben
ohnehin stets Hand und Fuß. Seine Art der Menschen-
führung haben wir in den letzten sechs Wochen sehr zu
schätzen gelernt.
„Jede Gruppe ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied.“
Ein Satz, den wir immer und immer wieder hören, der sich
eingeprägt hat. Er verlangt keine außergewöhnlichen Sachen
von uns und steht selbst immer vorne. Bei jeder Ausbildung
geht unser Zugführer im gleichen Anzug voran, zeigt uns an
allen Stationen persönlich, was er von uns und von den
Gruppenführern verlangt. Wir zollen ihm größten Respekt.
Nun stehe ich vor ihm und melde mich mit nervösen Knien
mit drei Kameraden zur Schießübung.
Er lässt uns rühren, die Schießbücher abgeben und Munition
empfangen. Ich stehe auf meiner Schießbahn und will mich
bei der Aufsicht melden, als ich den Schrei des Leutnants
durch meinen Gehörschutz wahrnehme. Er kommt direkt auf
mich zu und fragt mich, ob er mich anfassen dürfe. Ich nicke
und bemerke dabei, wie mir der Stahlhelm ins Gesicht
rutscht. Der Kinnriemen, wie konnte ich vergessen, ihn nach
der ABC Parallelausbildung wieder korrekt einzustellen. Er
„friemelt“ ein paar Momente an meinem Helm herum und
stellt ihn für mich passend ein. Dies war der erste
Augenblick während meiner bis dahin kurzen Dienstzeit,
dass sich ein Offizier persönlich um mich kümmerte. Mir
war es sehr peinlich doch auch hilfreich zu gleich. Nie werde

232
Leutnantsbuch

ich diesen Augenausdruck und das bestimmende Verhalten


vergessen.
Das Schießen verlief mit sehr gutem Erfolg und wir
verließen abends in einer müden Verfassung die Schießbahn.
Nach Ende der AGA wurde Leutnant Sch. versetzt und ich
verlor dadurch die Verbindung zu einem Vorgesetzten, den
ich sehr geschätzt und bewundert habe.
Im Jahr 2003 stand in meiner Kompanie der Chefwechsel
vor der Tür. Unser Spieß informierte das Unteroffizierkorps
über den Nachfolger. Ein gewisser Hptm Sch. sollte in den
nächsten zwei Wochen die Kompanie übernehmen.
Das Wiedersehen verlief für beide Seiten sehr erfreulich.
Wir waren doch beide sichtlich erleichtert, ein bekanntes
Gesicht wieder zu sehen und Informationen und Erfahrungen
auszutauschen. Die Führung der Kompanie in den folgenden
beiden Jahren verlief genau so, wie ich es mir von ihm
erwartet hatte. Seine straffe Art der militärischen Führung
und seine Persönlichkeit wurden von jedem respektiert.
Jeder war sichtlich froh und hoch motiviert, unter diesem
Offizier dienen zu dürfen.
Mit meiner Übernahme in die Laufbahn der Offiziere des
militärfachlichen Dienstes wurde ich versetzt und unsere
Wege trennten sich erneut. Geprägt von einem charakterlich
anständigen Offizier und der Erfahrung aus neun Jahren
Mannschafts-, Unteroffiziers- und Feldwebeldienstgraden
durchlief ich die Offz-MilFD-Ausbildung.
Da wir in den letzten Jahren immer wieder in Verbindung
standen und ein nahezu freundschaftliches Verhältnis aufge-
baut haben, wusste ich stets um den weiteren Werdegang
meines Kameraden. Er durchlief die Generalstabsausbil-
dung. Er hat sich nie verändert und ist immer derselbe
Mensch geblieben, der er auch schon als Leutnant war.

233
Leutnantsbuch

Offizieranwärter Frank

Verabschiedung

M orgen geht’s los! Endlich Studium – den anderen


„draußen“ nachziehen: Fachbereichsfeste, Vorlesun-
gen, Scheine machen – Surfschein steht ganz oben auf
meiner Liste!
„Wenn Sie sich da mal nicht täuschen“, sagt Major Seidel
als ich ihm davon berichte. „Halten Sie sich ran,
verschwenden Sie keine Zeit und bleiben Sie am Ball! Der
Zug im Studium fährt schnell ab, verpassen Sie den
Anschluss nicht“, hat er gesagt.
Naja, meine Anmerkung war ja auch nicht ganz ernst
gemeint.
Wir OA sind auf dem Weg zum großen Abschiedsabend in
der Reithalle der Offizierschule in Dresden. Danach werden
sich unsere Wege wieder trennen. Ich werde mit Peter und
Cindy nach MÜNCHEN, der Rest nach HAMBURG fahren.
Wir sind alle sehr gespannt, was auf uns zukommt.

Als wir uns der Reithalle nähern, geht von dort eine
eigenartige Stimmung aus. Wir wissen, dass sich ab hier
unsere Wege für mehrere Jahre trennen. Bachelor und
Master sind Begriffe, die uns jetzt beschäftigen werden.

„Jetzt wollen wir erst einmal sehen, was das Festkomitee aus
der Halle gemacht hat“, sagt Cindy, und ich habe den
Eindruck, dass sie etwas schneller wird. Annette schließt
sich an und wir sind alle sehr gespannt auf die kommenden
Stunden. Dann betreten wir die Reithalle.

234
Leutnantsbuch

Wir wurden nicht enttäuscht! Ein sehr festlicher Rahmen –


ja, trotz der Ansprachen! Jetzt sitzen wir an unserem Tisch,
Major Seidel ist mit von der Partie.
Er wollte ja noch andere Offiziere und Offizieranwärter
fragen, ob sie nicht auch einige Erlebnisse aufschreiben
wollen. Die Idee, die Major Seidel entwickelt hat, finden wir
alle sehr gut. Wir haben so viele interessante Geschichten
gehört – die darf man einfach nicht vergessen. Und deshalb
hat er stolz verkündet, dass er schon eine Menge Erlebnisse
gesammelt hat für das Projekt „Leutnantsbuch“.

„Denken Sie daran: Nehmen Sie kein Blatt vor den Mund –
aber bleiben Sie bitte sachlich“, gibt uns Major Seidel im
Flüsterton mit. Der Inspektionschef hatte sich inzwischen
von Tisch zu Tisch begeben und Major Seidel hatte gesagt:
„Sicher wird er Sie fragen, wie Ihnen Ihre Zeit vor dem
Studium als Offizieranwärter gefallen hat, was Sie besonders
beeindruckt hat – und was nicht.“

Kurze Zeit später sind wir in das Gespräch mit dem


Inspektionschef vertieft. Ja, er hat alle Fragen gestellt, die
Major Seidel sozusagen angekündigt hatte. Dann kommt er
plötzlich auf die Idee, von Major Seidel zu sprechen.

„Wenn das klappt, dass Major Seidel viele Erlebnisse von


Soldaten für Soldaten zusammenbekommt, dann wird das
Leutnantsbuch sicher ein Riesenerfolg. Ich werde auf jeden
Fall meinen Teil beitragen, und auch aus meiner Zeit im
Einsatz ein Erlebnis aufschreiben. Major Seidel, wie sieht es
denn aus mit Ihrer Idee?“
Major Seidel antwortet: „Sehr gut, Herr Oberstleutnant! Ich
habe nicht nur in meinem alten Bataillon nachgefragt,
sondern auch in anderen Bereichen, in denen ich noch einige
Kameraden kenne. Ich habe schon wunderbare Erlebnisse
235
Leutnantsbuch

zugeschickt bekommen! Das hätte ich nie gedacht! Wenn


Sie einverstanden sind, dann werde ich das Projekt
Leutnantsbuch weiterverfolgen. Wenn ich dann genug
Erlebnisse zusammen habe, dann könnten wir diese an die
zukünftigen Offizieranwärter verteilen. Ich könnte mir
vorstellen, dass andere – vielleicht sogar die Offizier-
anwärterbataillone – auch ein großes Interesse an so einer
Sammlung haben.“

„Da bin ich mir ziemlich sicher“, antwortet der


Inspektionschef. „Ich habe auch schon ein bisschen
herumtelefoniert. Dabei bin ich auf sehr positive Resonanz
gestoßen. Aber jetzt sagen Sie mal, wie viele Geschichten
konnten Sie denn schon sammeln?“

„Genau weiß ich es nicht, Herr Oberstleutnant, habe noch


nicht gezählt. Aber ich habe für unsere Offizieranwärter hier
jeweils Kopien zusammenstellen lassen. Vielleicht als
„Beruhigungslektüre“ für die ersten Tage an der Uni!“, sagt
Major Seidel mit einem Schmunzeln.

„Dazu habe ich Ihnen – ich hatte es ja versprochen – meine


eigenen Ideen zum beruflichen Selbstverständnis dazugelegt.
Inklusive Bierdeckelkopien!“

Er beugt sich unter den Tisch, unter dem er offensichtlich


etwas abgestellt hat. Dann überreicht er uns einen
Papierpacken, der uns erst kurz aufstöhnen lässt.

Dabei fügt er hinzu: „Ich würde mich freuen, wenn Sie sich
einmal melden, wenn Sie die eine oder andere Geschichte
gelesen haben. Insbesondere interessiert mich Ihre Meinung,
ob sie geeignet sind, Ihren Nachfolgern das Bild des
Offizierberufes anschaulich darzustellen. Ich habe meine
236
Leutnantsbuch

Visitenkarte dazugeheftet, scheuen Sie sich nicht, sie zu


nutzen!
Und wenn Sie Interesse haben, ein bisschen weiter am
Leutnantsbuch zu arbeiten, dann machen Sie ordentlich
Werbung an der Uni. Da gibt es bestimmt viele interessante
Erlebnisse, die ich gut brauchen kann!“

„Na, na Herr Major“, sagt der Inspektionschef, „vergessen


Sie vor lauter Eifer nicht Ihre Hauptaufgabe! Der nächste
Hörsaal kommt bestimmt!“

Der Abend verlief weiter in einer sehr angenehmen


Atmosphäre und wir alle hatten noch viel Spaß.

Am nächsten Morgen dann endgültige Verabschiedung. Wir


haben die Papiere von Major Seidel in den Autos verstaut,
uns noch einmal für die hervorragende Betreuung und das
Interesse, das uns entgegengebracht wurde, bedankt und
machen uns auf den Weg zu unseren schwer bepackten
Autos.

Cindy wird mich zum Bahnhof fahren – ich habe die Masse
meiner Sachen schon bei einem Freund in MÜNCHEN
„eingelagert“ und kann so gemütlich mit dem Zug in
Richtung Süden rattern.

Studium. MÜNCHEN. Biergarten. Surfseen. Berge. Ski


fahren. So ganz kann ich die angenehmen Gedanken an die
Zeit, die vor mir liegt, nicht verdrängen. Sollte ich wohl
auch nicht, auch das gehört dazu!

Auf dem Weg nach MÜNCHEN denke ich noch viel an die
anderen. Wir haben uns vorgenommen, uns regelmäßig zu
treffen. Auch wenn die Entfernung zwischen MÜNCHEN
237
Leutnantsbuch

und HAMBURG nicht gerade dazu einlädt. Und außerdem


haben wir uns verabredet, tatsächlich eng in Verbindung zu
bleiben, um dem Projekt Leutnantsbuch, soweit es geht,
noch „ein bisschen unter die Arme zu greifen.“

Ich nehme die schwere Mappe in die Hand, die Major Seidel
uns gegeben hat. Viele Geschichten scheinen es zu sein –
mindestens ein Kilo! Als ich die Mappe aufschlage, finde
ich die Visitenkarte von Major Seidel mit einer persönlichen
Widmung und dem Wunsch nach viel Erfolg im Studium.
Dann beginne ich, die erste Geschichte zu lesen …

238
Leutnantsbuch

Offizierabend mal anders

I ch hatte die Zugführerausbildung erfolgreich durchlaufen


und das Offizierpatent an der Offizierschule des Heeres in
Dresden erworben. Nun war es Zeit, sich im Truppenalltag
auszuprobieren und das Gelernte in einem Truppen-
praktikum gewinnbringend anzuwenden.
Ich wurde als Zugführer in der Allgemeinen
Grundausbildung eingesetzt und hatte mich bereits gut
eingelebt. Zu Beginn war ich natürlich aufgeregt.
Anfängliche Bedenken, ob man ausreichend auf seine
Aufgaben vorbereitet wurde oder ob das Erlernte ausreichen
würde, um in der Truppe zu bestehen, konnten jedoch
schnell beiseite geschoben werden.
Der heutige Tag verlief ruhig. Ich kam gerade von der
Ausbildung zurück, als ich von einem Kameraden an den
heutigen Offizierabend erinnert wurde. Für mich war es die
erste Veranstaltung dieser Art. An der Offizierschule hatten
wir jeden Monat einen „Stil und Formen“ Abend. Wie
bereits im Offizierlehrgang waren auch heute Abend
Dienstanzug mit weißem Hemd oder alternativ der
Gesellschaftsanzug erwünscht. Laut Aussagen von
Kameraden behielt sich der Bataillonskommandeur einen
Termin im Quartal für einen feierlichen Offizierabend vor.
In Dresden hatten wir gelernt, dass solche Veranstaltungen
geselliger Art zur Stärkung des Korpsgeistes der Offiziere,
zum Informationsaustausch, aber auch zur Weiterbildung
genutzt würden. Ich erinnerte mich und hatte wenig Lust auf
den heutigen Abend. Auf dem Offizierlehrgang nannten wir
diese Art von Veranstaltungen immer „Gabelformale“ oder
„Synchronpicken“. Folgendes Bild hatte ich aufgrund
meiner – zugegebenermaßen noch recht geringen –
Erfahrungen in meinem Kopf: fein eingedeckte Tafel;

239
Leutnantsbuch

zwanzig Soldaten stocksteif in hochgeschlossenem Anzug


sitzend und keiner traut sich ein Wort zu sagen.
Lustlos bügelte ich mein Hemd, zwängte mich in meinen
Anzug, drapierte ordentlich die Fliege und machte mich auf
den Weg. Der Weg zum Gebäude, erbaut zu Kaisers Zeiten,
war gesäumt von brennenden Fackeln. Das Bild, welches
sich mir bot, hätte auch ein Gemälde sein können. Ich dachte
mir, dass dies eigentlich ein stimmungsvolles Ambiente sei,
wenn doch nur die Veranstaltungen nicht immer so
stocksteif wären.
Der mit der Vorbereitung betraute Projektoffizier empfing
die eintreffenden Gäste. Bei einem Stehempfang standen
bereits Kameraden und tranken genüsslich ihren Aperitif, zu
meiner Überraschung einen Cocktail. Wie es sich gehört,
drehte ich eine Runde und begrüßte alle Anwesenden.
Nachdem die Runde vollzählig war, bat der Projektoffizier
um Aufmerksamkeit und wies in den Ablauf des Abends ein.
Im Anschluss daran rief er ins Gedächtnis, dass solche
Veranstaltungen auch dazu dienen sollten, den Horizont zu
erweitern, weshalb er sich ein geschichtliches Thema
herausgesucht habe und nun darüber referieren wolle.
Ich machte mich gefasst auf einen einstündigen Monolog
über die Gefechtsführung vergangener Zeiten. Doch
Ausgangspunkt des gewählten Themas war eine
Unstimmigkeit während des Frühstücks über die richtige
Bezeichnung eines Gegenstandes aus der militärhistorischen
Lehrsammlung des Standortes. Am Tag zuvor hatte der
Fähnrichoffizier eine militärhistorische Weiterbildung
durchgeführt. In der Lehrsammlung stand der
Führernachwuchs vor dem Exponat eines Soldaten in
Paradeuniform. Der Fähnrichoffizier erläuterte, dass es sich
dabei um einen Infanterieoffizier mit dem dazugehörigen
Spieß in der Hand handle – eine Art Lanze, welche zur
Paradeuniform getragen und auch zum Kampf eingesetzt
240
Leutnantsbuch

wurde. Der Verantwortliche der Lehrsammlung verbesserte


ihn daraufhin, dass dies kein Spieß sei, sondern es sich
hierbei um einen Sponton handle. Auch am Frühstückstisch
war man sich nicht einig, was denn nun richtig sei. Die
Bezeichnung rührte offenbar aus dem Französischen.
Deshalb zog man den französischen Verbindungsoffizier zu
Rate und fragte, was sich hinter einem Sponton verberge.
Dieser lächelte und sagte, dass es einfach nur der
französische Ausdruck für einen Spieß bzw. eine Lanze sei.
Ein Raunen ging durch die Runde der Offizierveranstaltung.
Es wurde noch kurz auf die Verwendung des Sponton
eingegangen. Man beschränkte die Weiterbildung jedoch auf
diese kleine Anekdote.
Der Kommandeur bedankte sich für diesen informativen
Rückblick in die Historie, verlor ein paar Worte zur
Begrüßung und stellte neu zuversetzte Soldaten vor.
Anschließend erhob man das Glas und prostete auf einen
schönen Abend mit interessanten Gesprächen. Es wurde der
Raum mit der eingedeckten Tafel betreten, Tischkärtchen
verwiesen auf die Sitzordnung. Obwohl keiner neben einem
Kameraden der eigenen Kompanie saß, setzten umgehend
munter die Gespräche ein. Die Chefs und Zugführer
flachsten untereinander. Die Ordonanzen betraten den
Raum, servierten Vorspeise und Salat und bauten parallel
das Buffet auf. Anschließend gab der Kommandeur das
Buffet frei und ermunterte jeden sich ungezwungen zu
bedienen.
Nach dem ersten Gang lehnte man sich gut gesättigt zurück.
In einem Moment der Ruhe bat der Kommandeur nochmals
um Aufmerksamkeit, um Kameraden zu verabschieden. Ein
kurzer Rückblick auf die bisherige Laufbahn und Ausblicke
auf den zukünftigen Posten brachten Erkenntnisse über die
betreffenden Soldaten zum Vorschein, welche selbst
langjährigen Mitstreitern bisher unbekannt waren. Und auch
241
Leutnantsbuch

die Betreffenden selbst fragten sich, woher der Vorgesetzte


diese Informationen wohl eingeholt hatte.
Man prostete auf deren zukünftigen Erfolg. Der
Kommandeur verwies auf das nun bereitstehende Dessert am
Buffet und bat an die vorbereitete Cocktailbar in einem
Nebenraum. Dieser war im Stil einer Lounge eingerichtet, an
der Wand ein großes Lichtelement, im Hintergrund lief
angenehme, moderne Musik. Die Sitzordnung löste sich
zügig auf, die Teilnehmer der Gesprächsrunden wechselten
regelmäßig die Tische bzw. den Standort. Ein kurzer Blick
auf die Uhr zeigte 00:30 Uhr. Die Zeit verging wie im Flug
und noch immer waren die Soldaten in Unterhaltungen
vertieft.
Erst gegen 03:00 Uhr lag ich auf meiner Stube. Ich ließ noch
einmal den Abend Revue passieren und kam zu dem
Ergebnis: stocksteif ist anders. Ich freute mich schon auf die
nächste Quartalsveranstaltung …

HI

242
Leutnantsbuch

Soldaten muslimischen Glaubens in der


Bundeswehr

V or ein paar Jahren begann ich als Offizieranwärter in


einem Transportbataillon meinen Werdegang bei der
Bundeswehr. Bereits am ersten Tag meldete ich meinem
Gruppenführer, dass ich Muslim sei und deshalb kein
Schweinefleisch essen würde. Der Fahnenjunker runzelte ein
wenig die Stirn, lächelte aber zugleich und verwies mich an
den Spieß. Nichts ahnend wer oder was der Spieß sei, suchte
ich das von meinem Gruppenführer besagte Dienstzimmer
auf. Nachdem ich dem Spieß mein Anliegen vorgetragen
hatte, war dieser verwundert und sagte, dass er so einen Fall
noch nie hatte und fragte, warum ich denn kein
Schweinefleisch essen würde. Ich erläuterte ihm die
Situation und er versicherte mir, dass er das mit der Küche
klären und ich bei der Verpflegung berücksichtigt werden
würde. Während der Allgemeinen Grundausbildung konnte
meine Konfession und die damit verbundenen Essensgebote
jedoch nicht immer berücksichtigt werden. Aber, wenn es
beim Essen in der Truppenküche nur ein Gericht mit
Schweinefleisch gab und ich mich als Muslim zu Erkennen
gab, wurde mir kurzer Hand etwas anderes zubereitet. An
Geländetagen oder Übungen gab es für mich häufig einen
„Salatteller“ als Ersatz. Jedoch konnte ich immer den
Schweineanteil aus dem Lunchpaket oder EPA mit
Kameraden tauschen, die mir dafür Käse oder Ähnliches
gaben. Auf dem Einzelkämpferlehrgang in Hammelburg war
Verpflegung auch kein Problem. Es gab sowieso nichts bzw.
nur sehr wenig. An ein bestimmtes Ereignis kann ich mich
aber sehr gut erinnern. Wir waren gerade in der Abschluss-
übung und hatten nur noch einen Tag vor uns. Nach einem
langen Nachtmarsch kam unsere Gruppe völlig erschöpft

243
Leutnantsbuch

morgens früh an den Platz, wo wir verpflegen und ruhen


sollten. Dabei bekamen wir von unserem Ausbilder den
Auftrag, alles Essbare aus dem Wald zu sammeln. Wir
sammelten Pilze, Kräuter, Beeren usw. Pro Gramm unseres
gesammelten Gutes bekamen wir dann den Anteil in Fleisch
getauscht und konnten uns somit für den „letzten Tag“ der
Abschlussübung stärken. Leider war es Schweinefleisch und
ich war der Einzige in der Gruppe, der davon nichts essen
konnte. Die Gruppe erkannte die Situation und stellte sich
kameradschaftlich hinter mich und beschloss, auch nichts
von dem Fleisch zu essen. Von dieser Kameradschaft war
ich überwältigt, da wir alle ausgehungert waren. Ich ver-
sicherte meinen Kameraden, dass ich die Übung auch so
noch durchziehen werde und sie das Fleisch ruhig essen
sollten. Unsere Gruppe beschloss daraufhin, mich für die
Ruhephase aus allen anderen Aufträgen (Sicherung usw.)
herauszunehmen. Einige Zeit später, ich war übermüdet
eingeschlafen, weckte mich unser Hörsaalleiter sehr unsanft
und sagte: „Ich habe gehört, sie konnten nichts essen!
Kommen Sie raus aus dem Zelt, ich hab ein wenig
Putenfleisch für sie besorgt. Aber teilen sie es mit den
Kameraden!“ Tatsächlich hatte der Hauptmann etwas
Putenfleisch für mich besorgt. Diesen fürsorglichen und
kameradschaftlichen Zug meines Hörsaalleiters und meiner
Kameraden werde ich nie vergessen.
HI
Kameradschaft und interkulturelle Kompetenz sind nicht nur
leere Worthülsen. Gehe auf Kameraden mit anderen
religiösen Überzeugungen ein und respektiere sie. Nur
durch praktisch vorgelebte Beispiele wird ein unterstellter
Bereich erkennen, dass Kameradschaft und der damit
verbundene notwendige Respekt vor zunächst als fremdartig
Empfundenem nicht Halt macht.
244
Leutnantsbuch

Erlebnisse im Stab PRT KUNDUZ

K napp ein Jahr nachdem ich mit bestandenem Studium


in die Truppe, d.h. in ein Panzerbataillon,
zurückgekehrt war, saß ich im Flieger nach
AFGHANISTAN. Mein Bataillon war der Leitverband für
das Provinzial Reconstruction Team (PRT) KUNDUZ und
so hatte auch ich mich als noch relativ unerfahrener Offizier
auf der Stellenbesetzungsliste für den Auslandseinsatz in der
Funktion eines Lageoffiziers in der Operationszentrale
(OPZ) des PRT-Stabes wiedergefunden.
Der Beginn unseres Einsatzkontingents in KUNDUZ lag in
einer Phase, in welcher die Aktivitäten des Feindes mit
Beschuss des Lagers und Sprengstoffanschlägen bereits ein
für die Truppe belastendes Ausmaß angenommen hatten.
Schon während der ersten Tage, in denen wir noch durch
unsere Vorgänger in unseren Aufgabenbereich eingearbeitet
wurden, erlebte ich diese Bedrohung im weitesten Sinne
„hautnah“ mit, was der Kommandeur mit den Worten
„Feuertaufe“ kommentierte.
Mit insgesamt zwei Lageoffizieren und zwei
Lagefeldwebeln war unsere OPZ für einen
durchhaltefähigen Schichtbetrieb rund um die Uhr kaum
ausreichend besetzt. Für die Tagschicht konnte maximal
einer aus der „Lage“ entbunden werden, der dann jeweils
Führer der Nachtschicht wurde, die sich außerdem aus einem
Offizier und einem Feldwebel einer anderen Stabsabteilung
zusammensetzte. Die Nachtschicht konnte grundsätzlich mit
weniger Personal auskommen, da nachts meist weniger
Kräfte im Raum operierten als tagsüber. Allerdings
ereigneten sich Feindaktivitäten in der Regel erst nach
Einbruch der Dunkelheit, sodass der Schichtführer in
Abwesenheit des Führungspersonals immer darauf
eingestellt sein musste, in kritischen Situationen zunächst
245
Leutnantsbuch

allein wichtige Entscheidungen zu treffen. Unter diesen


skizzierten Rahmenbedingungen hatte ich mein intensivstes
Erlebnis, als ich erstmalig als verantwortlicher Schichtführer
der Nachtschicht Dienst tat.
Ich war an jenem Abend noch mit der Einweisung in die
Bedienung der Funkgeräte und Führungsmittel beschäftigt,
es war zwischen 19:00 und 20:00 Uhr, als der Funkspruch
einer Fallschirmjägerpatrouille einging: „… Eigenes
Fahrzeug angesprengt! Verwundete! ...“ Ein Wiederholen
des Funkspruchs zum Abgleich verschafft mir ein paar
Sekunden Zeit zum Überlegen. Was ist als erstes zu tun?
Zunächst Lagekarte und Logbuch aktualisieren … Welche
anderen Kräfte sind in der Nähe der angesprengten
Patrouille? … Einen Mann ans Telefon, den anderen ans
Funkgerät einteilen … Wer ist jetzt zu alarmieren, zu
informieren? Das Lager selbst ist in diesem Fall nicht
gefährdet, also keine Alarmierung mit Sirene über
Lautsprecher … Ich gebe über Funk eine Lageorientierung
an alle Kräfte draußen im Raum. Eine weiter entfernte
Patrouille antwortet nicht, vermutlich keine Verbindung,
also über Satellitentelefon anrufen lassen. Währenddessen
alarmiere ich den Führer der Eingreifreserve des PRT, einen
Zugführer der Schutzkompanie, und befehle ihm, welche
Kräfte Marschbereitschaft herstellen sollen:
Sprengstoffanschlag, d.h. zusätzlich zu seinen eigenen
Fahrzeugen und dem Beweglichen Arzttrupp (BAT) noch
Kampfmittelbeseitiger, Erheber/Ermittler der Feldjäger und
Störer der EloKa. Dann das Stammpersonal der OPZ und die
PRT-Führung alarmieren. Zum Glück ist es noch früh am
Abend, da werden alle schnell hier sein. Dann noch die
Kompaniegefechtstände alarmieren. Mein Soldat am Telefon
arbeitet zwischenzeitlich eine Liste von zu informierenden
Stellen ab, darunter zivile Hilfsorganisationen in KUNDUZ
und verbündete US-Amerikaner. Ich weise den J 3 an der
246
Leutnantsbuch

Karte in die aktuelle Lage ein und melde die bisher


veranlassten Maßnahmen. Sehr rasch ist die OPZ voller
Menschen, es wird unübersichtlich. Der Kontingentwechsel
liegt erst wenige Tage zurück, deswegen sind die Abläufe im
Alarmfall noch nicht hinreichend eingespielt. Der
Kommandeur, sein Stellvertreter, der Chef des Stabes,
Stabsabteilungsleiter, Kompaniechefs; viele stehen mehr im
Weg, als dass sie jetzt vor der Lagekarte nützlich sind. Wir
müssen uns auch selbst organisieren, vom Stammpersonal
nimmt jeder seinen originären Arbeitsplatz ein, auch ich an
Funkgerät und Logbuch. Dem Planungsoffizier stecke ich
noch schnell den Meldeblockzettel mit der Erstmeldung der
angesprengten Patrouille zu, die er gleich für die
Abwicklung des nationalen (Einsatzführungskommando der
Bundeswehr in POTSDAM) und internationalen
(übergeordnetes Regionalkommando Nord in MAZAR-E-
SHARIF) Meldewesens benötigt. Dann erst einmal
durchatmen. Der Kommandeur berät sich mit den anderen
Stabsoffizieren, der Kompaniechef der Fallschirmjäger
meldet seinerseits getroffene Maßnahmen und stellt Anträge.
Die zuvor von mir alarmierte Eingreifreserve erhält ihren
Marschbefehl. Aufklärungsmittel werden luft- und
bodengestützt zur weiträumigen Überwachung angesetzt.
Wie zu erwarten, sind keine Feindkräfte im Umfeld der
Anschlagstelle mehr zu erkennen. Die Eingreifreserve bringt
die – zum Glück nur leicht – Verwundeten ins Lager. Die
betroffene Patrouille wird abgelöst. Die Untersuchung an der
Anschlagstelle soll erst bei Helligkeit fortgesetzt werden.
Die abgesetzten Meldungen werden noch mal mit den
Eintragungen im Logbuch abgeglichen, die übergeordneten
Stellen haben wie üblich Rückfragen. Nachdem alle
Maßnahmen getroffen worden sind, wurde unsere
Nachtschicht von der Tagschicht wieder alleine gelassen.

247
Leutnantsbuch

Es ist kurz nach 22:00 Uhr, ich will gerade einen meiner
zwei Soldaten zum Ruhen schicken, da meldet sich ein
Spähtrupp der Aufklärungskompanie, der noch nördlich der
vorherigen Anschlagstelle operiert, am Funk: „… Stehe im
Feuerkampf! Ein FENNEK von RPG getroffen! Ein
Verwundeter! ...“ Das darf doch nicht war sein, denke ich
mir, und der Ablauf beginnt von neuem: Funkspruch
quittieren und versuchen, den Spähtruppführer zu beruhigen,
dann Lageorientierung an alle im Raum. Lagekarte,
Logbuch, Funkgerät und Telefon besetzen, Alarmierung …
Zu fortgeschrittener Stunde dauert es diesmal länger, bis alle
da sind. Mit der Zeit habe ich alle wichtigen Decknamen und
Rufnummern im Kopf. Allgemein funktionieren sämtliche
Abläufe diesmal schon besser; schnell weiß jeder, was zu
tun ist. Der Spähtrupp weicht aus, die Aufträge an die
übrigen Kräfte im Raum werden angepasst, die Reserve
umgegliedert. Nach seiner Ankunft im Lager berichtet der
Spähtruppführer dem Kommandeur zunächst unter vier
Augen vom Feuergefecht.
Kurz nach Mitternacht hat sich die Lage abermals beruhigt
und alle außer der Nachtschicht haben die OPZ wieder
verlassen, sodass ich die Ereignisse in Ruhe Revue passieren
lassen kann. Was für ein Tag, denke ich mir. Letztlich
scheinen wir doch alles richtig gemacht zu haben und ich bin
mit mir und meiner Nachtschicht zufrieden.
Es sollte in den folgenden Monaten noch viele gefährliche
Operationen, zahlreiche Raketenangriffe, Sprengstoff-
anschläge, Schusswechsel und Unfälle mit umfangreichen
Alarmierungen geben, die jeweils unser entschlossenes
Handeln in der OPZ erforderten.
Insgesamt war ich auf die Leistungen unserer OPZ stolz,
weil ich glaube, dass wir trotz ungünstiger
Rahmenbedingungen einen wertvollen Beitrag zum Erfolg
unseres Kontingentes geleistet hatten. Ich selbst hatte im
248
Leutnantsbuch

Einsatz gelernt, dass es in Zeiten, in denen sich die


deutschen Streitkräfte in einem historischen Umbruch
befanden, vor allem als Offizier in der Lage sein muss,
geistig flexibel, vielseitig, psychisch belastbar, zupackend,
Initiative zeigend und entschlussfreudig seinen Auftrag
professionell angehen muss. Nur so war dieser Einsatz auf
der Grundlage erlernter taktischer Einsatzgrundsätze in
Verbindung mit gepflegter Kameradschaft, dies auch und
gerade im internationalen Umfeld unter Rückgriff auf solide
Fremdsprachenkenntnisse, zu bestehen.

HI
Zum Gelingen eines Auftrags ist jeder Soldat auf seinem
Posten bzw. in seinem Aufgabenbereich wichtig. Nicht nur
die Kräfte, die ihren Auftrag außerhalb des Feldlagers
wahrnehmen, sind alleine für den Erfolg einer Operation
verantwortlich. Jeder trägt mit seinen Fähigkeiten zur
gesamten Auftragserfüllung bei. Vielseitigkeit, Flexibilität,
Belastbarkeit und Initiative zeigen ist auf allen
Führungsebenen und in allen Verwendungsbereichen
zwingend notwendig. Dabei kommt es insbesondere darauf
an, auch in hektischen Situationen den Überblick zu
bewahren und – im Sinne der übergeordneten Führung –
Entscheidungen vorzubereiten bzw. zu treffen.

249
Leutnantsbuch

Todesnachricht

I ch habe bereits zwei Einsätze hinter mir. Ich habe im


Feuergefecht gestanden, bin zweimal selbst fast
„draufgegangen“. Die Erfahrungen in den Auslandseinsätzen
haben mich ohne Frage geprägt. Das intensivste und
bewegendste Erlebnis, das mit dem Auslandseinsatz der
Bundeswehr im Zusammenhang stand, fand für mich jedoch
im Heimatland statt.
An einem Dienstag klingelte das Telefon. Ich sah die
Nummer meines Bataillonskommandeurs auf dem Display
und hob nichts Böses ahnend den Hörer ab. Die Stimme
meines Kommandeurs klang gepresst. „Wir haben einen
Soldaten verloren. Der Stabsgefreite M. ist heute in
AFGHANISTAN in einem Feuergefecht gefallen. Die
Angehörigen sind noch nicht informiert.“ Ich konnte das,
was mein Kommandeur gerade gesagt hatte, kaum begreifen.
Einer meiner Soldaten ist tot? Im Gefecht gefallen? Ich war
schockiert. „Ich lasse in den Unterlagen prüfen, wer die
Angehörigen sind, die verständigt werden müssen“,
antwortete ich. Mir drehte sich schier der Magen um.
In den Unterlagen waren die Eltern als zu verständigende
Angehörigen angegeben. Sie wohnten in einer Kleinstadt am
anderen Ende Deutschlands – mindestens acht Stunden
Autofahrt. Wenn ich die Eltern persönlich über den Tod
ihres Sohnes informieren wollte, bevor sie aus den Medien
von den Ereignissen in Afghanistan erführen, würden noch
weitere Stunden vergehen. Verschärft würde diese Situation
dadurch, dass mit dem Stabsgefreiten M. zwei weitere
deutsche Soldaten gefallen sind. Würden die Medien die
Meldungen so lange zurückhalten?
Um die Angehörigen schnellstmöglich zu informieren,
wurde entschieden, dies durch einen Vertreter des
zuständigen Landeskommandos durchführen zu lassen.
250
Leutnantsbuch

Dieser stellte jedoch fest, dass sich die Eltern im


Auslandsurlaub befanden und dort nicht erreichbar waren.
Inzwischen liefen die ersten Tickermeldungen bei den
Nachrichtensendern. Im Videotext war schon von unserem
Standort zu lesen. Was für ein makaberer Wettlauf!
Schließlich gelang es die Verbindung zum Bruder des
Stabsgefreiten M. herzustellen, der in der Nähe seines
Elternhauses lebte. Wie er mir später erzählte, hatte er aus
den Medien bereits vom Tod dreier deutscher Soldaten
erfahren und aus den Standortangaben die richtigen
Rückschlüsse gezogen. Als die Kameraden vom Landes-
kommando am Abend bei ihm eintrafen, war das für ihn die
schreckliche Bestätigung seiner Befürchtungen. Er rief seine
Eltern an, die daraufhin ihren Urlaub abbrachen und mit
Unterstützung der deutschen Botschaft am nächsten Morgen
unmittelbar nach Deutschland zurückkehrten.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich aufgrund der großen Ent-
fernungen bereits meinen Einsatzoffizier in den Heimatort
vom Stabsgefreiten M. in Marsch gesetzt. Nachdem die
Familie M. wieder angekommen war, wurde mein Einsatz-
offizier von den Kameraden des Landeskommandos kurz als
Ansprechpartner der Stammeinheit vorgestellt. Er hinterließ
seine Erreichbarkeit, um als direkter Ansprechpartner vor
Ort in allen Fragen sofort unterstützende Maßnahmen ein-
leiten zu können. Auch wenn diese Maßnahme nicht gerade
schulbuchmäßig war, so hat sie sich in den folgenden Tagen
bei den vielen traurigen Dingen, die für die Familie M. zu
klären waren, bewährt.
Am nächsten Tag verlegte ich zu den Eltern, um ihnen das
Beileid der Kameraden zu übermitteln. Unterstützt wurde
ich dabei von der Truppenpsychologin unserer Brigade, die
mir auf der langen Autofahrt dabei half, mich auf den
schweren Besuch einzustellen. Was sollte ich den Eltern
vom Stabsgefreiten M. eigentlich sagen? Alle Worte, die mir
251
Leutnantsbuch

einfielen, schienen Phrasen zu sein. Ungeeignet, die Trauer,


den Schock und das Entsetzen auszudrücken, das ich
empfand, das wir alle empfanden. Wie konnte ich diese
Empfindungen in Worte fassen, ohne unangemessen
aufzutreten? Unsere Psychologin riet mir, mir für den
Beginn des Besuchs einige Sätze zurecht zu legen, um einen
Einstieg in ein Gespräch zu finden.
Mir stellte sich außerdem die bohrende Frage, wie die Eltern
und der Bruder wohl auf uns reagieren würden. Würden sie
auf uns wütend sein, uns Vorwürfe machen, ablehnend oder
gar aggressiv reagieren? Ich hätte dafür Verständnis gehabt.
Die Psychologin widersprach mir in diesen Befürchtungen
und schilderte mir, wie der Besuch ihrer Meinung nach
ablaufen würde – mit ihrer Prognose lag sie richtig. Und
noch eine Sache beschäftigte mich intensiv. Der
Stabsgefreite M. war mit einer Einheit einer anderen
Division im Einsatz, wir hatten ihn als Kraftfahrer dorthin
abgestellt. Ich selbst hatte meine Kompanie erst vor kurzem
übernommen. Zu diesem Zeitpunkt war der Stabsgefreite M.
bereits zur einsatzvorbereitenden Ausbildung in seinen
Einsatztruppenteil kommandiert worden. Ich hatte ihn also
niemals persönlich kennen gelernt. Konnte ich den Eltern
gegenüber glaubwürdig sein? Die Psychologin versicherte
mir, dass man eigentlich gar nichts falsch machen könne,
wenn man sein Mitleid, seine Trauer, seine Verzweiflung
aufrichtig zum Ausdruck brachte und nicht gestelzt oder
besonders getragen auftrat – sie hat auch damit recht
behalten. Ich bin unserer Psychologin heute noch sehr
dankbar für ihre Unterstützung in dieser Situation, denn ich
hatte bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Erfahrungen im
Umgang mit trauernden Angehörigen.
Schließlich waren wir im Heimatort vom Stabsgefreiten M.
Wir koppelten mit meinem Einsatzoffizier und einem
örtlichen Vertreter des Bundeswehrsozialdienstes, der
252
Leutnantsbuch

gemeinsam mit uns den Besuch durchführen wollte. Die


Familie M. nahm uns traurig, aber freundlich in Empfang.
Der Schock und die Ohnmacht über den Verlust ihres
Sohnes und Bruders waren allgegenwärtig. Ich sprach mit
wenigen Sätzen unser Beileid und Mitgefühl aus. In dem
Gespräch, das sich in der Folge entwickelte, erzählte uns die
Familie viel über das Leben des Stabsgefreiten M., wie er
war und was ihn ausmachte. Viele gemeinsame Erlebnisse
der Familie kamen zur Sprache, Fotos wurden gezeigt. Ich
bemühte mich, die Fragen zum Hergang der Ereignisse
soweit wie möglich zu beantworten. Was mich bei diesem
Besuch jedoch am meisten berührt hat war, dass die Familie
trotz des höchsten Opfers ihres Sohnes und Bruders den Sinn
seines Auslandseinsatzes zu keinem Zeitpunkt in Frage
stellte. Der Vater sagte uns sinngemäß, dass sein Sohn zu
100 Prozent Soldat gewesen sei, er sich über die Risiken des
Einsatzes im Klaren war und er sich als Soldat bewusst für
die Teilnahme am Einsatz entschieden hatte. Die Familie
respektierte und unterstützte jederzeit die Entscheidung ihres
Sohnes und Bruders. Bei aller Trauer, bei aller
Verzweiflung, dürfe man das nicht vergessen. Diese
ausgewogene und reflektierte Geisteshaltung hat mich sehr
beeindruckt.
Bewährt hat sich auch, den Besuch bei den Angehörigen mit
mehreren Personen durchzuführen. Ich selbst fand schnell
persönlichen Zugang zum Vater des Stabsgefreiten M., was
vermutlich an meiner Rolle als Kompaniechef lag. Mein
Einsatzoffizier stand altersmäßig dem Bruder näher als ich
und konnte auf dieser Ebene persönlichen Zugang finden,
der Vertreter des Bundeswehrsozialwerkes zur Mutter. Die
Psychologin hielt sich im Hintergrund, griff aber in Phasen,
in denen die Gesprächspausen zu lang wurden, helfend in
das Gespräch ein.

253
Leutnantsbuch

Nach etwa zwei sehr emotionalen und intensiven Stunden


war unser Besuch beendet. Wir kamen mit der Familie
überein, am nächsten Tag zwei weitere Besuche
durchzuführen. Zum einen sollte es darum gehen, drängende
Fragen und Maßnahmen zu klären. Zum anderen wollten am
Abend des Folgetages Freunde des Stabsgefreiten M. die
Familie besuchen und wir wurden gebeten, dazu zu
kommen.
Zum Treffen am nächsten Abend nahm ich neben meinem
Einsatzoffizier und der Truppenpsychologin auch meinen
Kraftfahrer mit. Er kannte den Stabsgefreiten M. persönlich
gut und war etwa in seinem Alter. Die Freunde nahmen uns
abwartend, aber nicht unfreundlich auf. Viele, teilweise auch
kritische, Fragen waren durch uns zu beantworten.
Insgesamt war aber die Erinnerung an den Stabsgefreiten
M., gemeinsame Erlebnisse im Freundeskreis, sein Leben als
Mensch und Soldat das zentrale Thema des Abends.
Hier bewährte es sich wiederum, Vertreter verschiedener
Ebenen und Bereiche einzusetzen. Während die Psychologin
und ich im Verlaufe des Abends mehr und mehr mit den
Eltern sprachen, entwickelte sich zwischen meinem
Einsatzoffizier und meinem Kraftfahrer ein gutes Gespräch
mit den Freunden.
In den folgenden Tagen galt es, traurige Termine
wahrzunehmen. Mit vielen Soldaten meiner Einheit nahmen
wir gemeinsam mit den Kameraden aus der Einheit der
anderen beiden getöteten Soldaten in einer bewegenden
Zeremonie die Särge mit den Leichnamen in Empfang. Etwa
eine Woche später wurde der Stabsgefreite M. in seinem
Heimatort beigesetzt.
Am nachhaltigsten erinnere ich mich jedoch an die zentrale
Trauerfeier in der Garnison der Einheit, mit der der
Stabsgefreite M. im Einsatz war. Ich saß während der
Gedenkzeremonie in der Kirche neben der Familie M.,
254
Leutnantsbuch

inmitten der Angehörigen aller drei getöteten Soldaten und


war tief betroffen und bewegt. Noch nie habe ich soviel Leid
erlebt, noch nie so sehr fast greifbare Ohnmacht und
Verzweiflung gespürt, noch nie habe ich mir so sehr
gewünscht, Dinge ungeschehen machen zu können wie an
diesem Tag. Und doch war alles, was ich tun konnte, was
wir alle tun konnten, den Angehörigen beizustehen, ihnen zu
zeigen, dass sie nicht allein sind und ihnen eine stützende
Hand zu reichen.

HI
Der militärische Führer sollte sich darüber im Klaren sein,
dass auch er selbst in solchen Lagen schwerwiegenden
Belastungen ausgesetzt ist. Er muss für sich persönlich Wege
finden, damit vernünftig umzugehen. In der Situation selbst
hat er zu funktionieren und anderen Menschen Halt zu
geben. Dazu sollte er versuchen, persönliche Belastungen
für sich selbst weitestgehend auszublenden. Zu gegebener
Zeit jedoch muss der militärische Führer erlebte
Belastungen aktiv verarbeiten, um handlungsfähig zu
bleiben und Spätfolgen für sich selbst zu vermeiden.
Gespräche mit Freunden und Kameraden, ein paar Tage
Urlaub oder Sport sind daher gute Möglichkeiten.

255
Leutnantsbuch

Das Offizierkasino

„S o meine Herren, hier befindet sich also die


Eingangshalle oder das Foyer unseres Offizierkasinos.
Grundsätzlich, wenn Sie im Rahmen einer dienstlichen
Veranstaltung geselliger Art hierher befohlen werden,
sammeln wir uns erst einmal hier. Dazu folgende
Grundregeln!

Im Offizierkasino ist die Grußpflicht in Form des


militärischen Grußes aufgehoben. Wer kann sich vorstellen
warum? Keiner? Nicht nur, weil Sie dann die ganze Zeit
grüßen würden, sondern weil man das Gefühl des
Gemeinsamen hier bewahren möchte, wo Offiziere unter
sich sind. Dennoch erweisen Sie den Anwesenden in einem
Raum beim Betreten Ihren Gruß, indem Sie in Grundstellung
gehen und eine leichte Verbeugung vollziehen. Sammeln Sie
sich im Foyer, gehen Sie ebenfalls kurz in Grundstellung,
wünschen die Tageszeit und beginnen bei der Person, die
Ihnen am nächsten steht, mit der persönlichen Begrüßung.
Danach suchen Sie sich einen Platz in der Runde und
warten.“

So fing meine erste Einweisung in das Offizierkasino an.


Das Kasino an meinem Standort war eines der wenigen, das
noch außerhalb des geschlossenen Kasernenkomplexes lag.
Als junger Offizieranwärter (OA) hatte ich nur selten das
Vergnügen, diese Räumlichkeiten aufzusuchen. Aber
ehrlich: Ich habe mich auch nicht wirklich darum gerissen.
Irgendwie erschien mir das Ganze angestaubt und leblos. Ich
weiß heute noch, wie ungern wir ins Kasino gegangen sind,
irgendwie war es eine Verpflichtung, der keiner von uns die
richtige Bedeutung beimessen konnte.

256
Leutnantsbuch

Neben verschiedenen Vorträgen und der Ausbildung „Stil


und Form“ war das Kasino immer der Ort, an dem einmal im
Monat der Kommandeur „seine“ OA’s zum gemeinsamen
Mittagessen empfing. Im Gegensatz zu den traditionellen
gemeinsamen Essen mit den Offizieren des Bataillons,
waren unsere immer mit einem Kurzvortrag durch ein oder
zwei Kameraden zu vorgegebenen Themen verbunden.
Diese Aufgaben führten nicht wirklich dazu, diesen Ort, zu
dem wir uns eigentlich hingezogen fühlen sollten, zu mögen
oder in unserer Freizeit aufzusuchen. Dies, obwohl uns jeder
Offizierkamerad einen Besuch ans Herz legte.

So verstrichen die ersten Monate der Ausbildung zum


Offizier und es kam zur Versetzung an die Truppenschule.
Auch hier wurde wieder auf Stil und Form sowie Vorträge in
den Räumlichkeiten des Kasinos Wert gelegt. Im Gegensatz
zu meinem alten Standort gab es hier ein „zentrales“
Offizierlager. Hier sollten alle Offiziere des Standortes
untergebracht werden.

Auch einige meiner Kameraden aus anderen Hörsälen


wohnten vom ersten Tag an im Offizierlager. Ich hatte das
Glück, die 18 Monate, die ich zur Truppenschule
kommandiert war, nicht nur im selben Block und in der
selben Stube verbringen zu dürfen, sondern auch genau
gegenüber dem Unteroffizierheim zu wohnen, in dem man ja
ab dem Dienstgrad Fahnenjunker willkommen war. Also
mied ich wiederum die Atmosphäre und Gastlichkeit eines
Offizierkasinos.
An der Offizierschule gab es zwar ein Kasino, aber aufgrund
des Lehrgangs, der Umgebung und der angebotenen
Pizzadienste wurde auch dieses nur selten besucht. Dennoch
wurde es neben den üblichen Vorträgen auch hin und wieder
zum Mittagsessen aufgesucht, meist, wenn es nur
257
Leutnantsbuch

Germknödel oder Eintopf in der Truppenküche gab. Hier


entwickelte sich so etwas wie ein „Wir-Gefühl“. Ich ging
immer mit meinen Kameraden dort hin, und irgendwie fühlte
man sich „unter sich“.

Als ich dann im Dienstgrad Oberfähnrich zurück in mein


altes Bataillon kam, wurde ich in eine Stube im
Dachgeschoss des Offizierheims einquartiert. Hier lernte ich
zum ersten Mal die Vorzüge einer solchen Einrichtung
kennen.
Die Ordonnanzen kümmerten sich fast schon
aufopferungsvoll um uns: Ob bei den Essen à la carte oder
aber während der gemütlichen Abende mit Kameraden im
Kaminzimmer, die Aufenthalte in „meinem“ Kasino waren
einfach unbeschreiblich schön. Gespräche und Feiern, die in
diesem mir noch vor wenigen Monaten so verstaubt
wirkenden Objekt stattfanden, waren wohl die Schönsten die
ich bis dahin während meiner Dienstzeit erlebt habe.
Aber nicht nur die Feiern, sondern vor allem die Gespräche
und der Austausch von Erfahrungen mit älteren Kameraden
dienten meiner Horizonterweiterung.

Heute bin ich nun Oberleutnant und führe einen Zug. Wenn
es mir die Zeit erlaubt, besuche ich gerne mit meinem Chef
oder meinen Zugführerkameraden unser Offizierkasino und
genieße dessen Atmosphäre.

HI
Sei engagiert!
Es muss uns gelingen, auch in der heutigen Zeit unsere
Offizierheime – ob noch eigenständig als Verein geführt
oder aber in privatwirtschaftlicher Leitung – als Orte des

258
Leutnantsbuch

außerdienstlichen und dienstlichen Gemeinschaftslebens zu


erhalten und weiterzuentwickeln. Diese Einrichtungen bieten
eine erstklassige Möglichkeit, sich im Kreise Gleich-
gesinnter auszutauschen, sie bieten Rückzugsräume und die
Möglichkeit zur Entspannung. Dies gilt im Grundbetrieb,
aber auch in den Einsätzen. Dort müssen sich die Be-
treuungseinrichtungen jedoch den örtlichen Gegebenheiten
lageabhängig anpassen.
Was bleibt, ist die Forderung an den Offizier, sich in diesen
Betreuungseinrichtungen persönlich aktiv zu engagieren.
Wir dürfen unsere Kasinos nicht als „outgesourcte“
Gastwirtschaften verkümmern lassen. Sie sind unsere
Einrichtungen, hier wächst das Offizierkorps zusammen.
Hier besteht die Möglichkeit zur aktiven Gestaltung von
Gemeinschaft und gelebter Kameradschaft. Im Offizierheim
lernen sich alle Offiziere und Offizieranwärter auf gleicher
Augenhöhe persönlich kennen. Gespräche gehen idealer
Weise über das rein Dienstliche hinaus. Hier sollten ein
ausgewogenes menschliches Miteinander und ein von
Offenheit und Ehrlichkeit geprägtes Klima des Vertrauens
herrschen. Die älteren Kameraden leben dieses Miteinander
vor. Was im Kasino im Kameradenkreis besprochen wird,
dringt im Regelfall nicht nach draußen. Kritische und von
Vertrauen geprägte Diskussion ist notwendig. Zu falsch
verstandener Kameraderie darf dies allerdings nicht führen.
Dieses gelebte Miteinander ist die Grundlage für eine
gefestigte Kameradschaft. Das am Standort gewachsene
persönliche Vertrauensverhältnis trägt auch unter Belas-
tungssituationen und im Einsatz.
Umso wichtiger ist es, dass bereits der junge
Offizieranwärter von Beginn seiner Dienstzeit an in diese
Einrichtungen eingeführt wird und sie als „sein“ Kasino
erlebt. Je früher er sein Kasino erlebt und sich hier aktiv
engagiert, desto besser.
259
Leutnantsbuch

Das Einführungsgespräch

W ie sagte noch unser Hörsaalleiter an der


Offizierschule des Heeres (OSH)? „Wenn Sie Ihren
Zug übernommen haben, suchen Sie innerhalb der ersten
Wochen das Gespräch mit Ihren Unteroffizieren. Stellen Sie
sich Ihnen persönlich vor und beantworten Sie sich die
Frage: Was weiß ich eigentlich von meinen Untergebenen?“
Für mich rückte zum damaligen Zeitpunkt das Thema in den
Hintergrund.

So sitze ich an einem Mittwochabend in meinem Zug-


führerzimmer und überlege mir, was ich eigentlich über
meine Unteroffiziere wissen will. Und, was ich ihnen von
mir erzählen soll! Natürlich habe ich beim Zugantreten kurz
erzählt, wer ich bin und was ich bereits in der Bundeswehr
erlebt habe – eigentlich waren es bisher nur das Studium und
viele Lehrgänge, also wenig spannende Erlebnisse. Über
mich und mein Privatleben habe ich nur wenig erzählt, will
das eigentlich jemand wissen?
Am nächsten Tag geht es los. Ich habe für jeden
Unteroffizier fünfzehn Minuten eingeplant. Hoffentlich
reicht das aus. Ich beginne mein erstes Gespräch mit
Oberfeldwebel W. Um das Eis zu brechen, erzähle ich
zunächst von mir: „Geburtsort Mönchengladbach, dort die
ganze Jugend verlebt, ... Hobbys Inlineskates, Skifahren und
Fußball, aber nicht in der Bundesliga, ... meine
Lebenspartnerin habe ich in Hamburg beim Studium kennen
gelernt, sie fährt wie ich auch gerne Ski und Inlineskates, ...
zur Zeit wohne ich hier am Standort, bin aber
Wochenendpendler, da meine Partnerin in Hamburg
berufstätig ist ...“ Oberfeldwebel W. strahlt mich an: „Da
gibt es ja einige Gemeinsamkeiten. Ich fahre auch gerne

260
Leutnantsbuch

Inlineskates, bin Gladbach-Fan und ebenfalls Wochenend-


pendler.“
Und dann berichtet er mir von seinen Interessen, aber auch
von einigen Problemen mit seiner Partnerin. Diese seien
wohl auf die Wochenendbeziehung zurückzuführen. Dann
noch der Einsatz und die vielen Übungen, er sei froh, dass
jetzt bald sein Sommerurlaub anstünde und er sich dann
wieder mehr seiner Partnerin widmen könne. Aber auch
dienstlich gibt es eine Menge interessanter Erfahrungen, die
Oberfeldwebel W. zu berichten hat. Er war bereits zweimal
im Einsatz, im KOSOVO und in AFGHANISTAN, und
kannte eigentlich alle Truppenübungsplätze in Nord-
deutschland. Seine Feldwebellehrgänge hatte er als Lehr-
gangsbester bestanden und schließlich weihte er mich in
seine Absicht ein, Berufssoldat zu werden.
Das Gespräch dauert länger als geplant, nach dreißig
Minuten sind wir erst fertig. Aber es hat sich gelohnt, jetzt
wissen wir beide, dass hinter unserer Uniform mehr steckt
als nur Dienstgrad und militärischer Werdegang.
Ich mache mir einige Notizen und nehme diese zu meiner
Handakte.
Einige Tage später: Ich bin auf dem Standortübungsplatz,
mein Zug übt das Einfließen in den Verfügungsraum.
Nachdem ich den Befehl für die Sicherung gegeben habe,
gehe ich den Raum ab. Am Feldposten 1 treffe ich
Oberfeldwebel W., er meldet und trägt mir zur Lage vor. Im
anschließenden Gespräch frage ich ihn: „Na, wie hat
Gladbach gespielt?“ – „Eins zu Null! Ist eben unser Verein,
Herr Oberleutnant“, antwortet er breit grinsend. Wir sind
mitten im Pausengespräch ...

261
Leutnantsbuch

HI
Suchen Sie das offene Gespräch mit Ihren Mitarbeitern.
Fragen Sie nach familiärem Hintergrund, Interessen und
Hobbys. Interessieren Sie sich ehrlich für den Menschen der
in der Uniform steckt. Machen Sie sich vorher Gedanken,
was Sie wissen wollen, und strukturieren Sie das Gespräch.
Seien auch Sie offen und berichten von sich selbst. Sagen Sie
aber auch, was Sie von Ihren Mitarbeitern erwarten, was Sie
erreichen wollen und was Sie auf keinen Fall dulden. Diese
Gespräche sind häufig der Schlüssel, um Pausengespräche
oder Unterhaltungen bei Gemeinschaftsveranstaltungen mit
interessanten Themen zu beginnen, die nicht nur vom
Dienstalltag handeln.

262
Leutnantsbuch

Der „robuste Soldat“

A ls ich nach meinem Schulabschluss in die Bundeswehr


einrückte, war ich ein durchschnittlich sportlicher
Abiturient. Die Ausbilder forderten insbesondere von uns
Offizieranwärtern viel, und ich musste rasch feststellen, dass
ich sportlichen Nachholbedarf hatte. Klar, ich wollte
Gruppenführer werden und musste dafür natürlich körperlich
leistungsfähig sein. Außerdem sollte ich im Anschluss an
meinen Gruppenführerlehrgang nach HAMMELBURG
gehen und den Einzelkämpferlehrgang absolvieren. Dieses
Ziel vor Augen zog ich voll mit, konnte meine
Leistungsfähigkeit, aber auch mein Selbstbewusstsein
deutlich steigern.

Einzelkämpferlehrgang und Gruppenführerlehrgang in einer


Grundausbildungsinspektion liefen dann ausgesprochen gut.
Anschließend wurde ich auf den Zugführerlehrgang
kommandiert und irgendwie schienen sich die Anforde-
rungen zu wandeln. Sport und körperliche Leistungs-
fähigkeit waren zwar ein Bestandteil des Lehrgangs, im
Mittelpunkt standen aber Fähigkeiten eher schulischer
Natur: Klausuren und Wehrrecht, Taktik und Logistik,
Unterrichte und Vorträge. Wenn ich dann am Ende eines
Ausbildungstages auf meine Stube kam, war ich geschafft.
Meistens hielt ich ein kleines Nickerchen und wollte
anschließend die Vor- und Nachbereitung der Ausbildung
erledigen. Aber irgendwie fühlte ich mich matt und ohne
Elan. Ich konnte meine Lehrgangskameraden nicht verstehen
– die machten unmittelbar nach dem Dienst Sport, befassten
sich mit Vor- und Nachbereitung der Lehrgänge und
konnten sogar abends noch in die Stadt gehen – dazu hatte
ich keine Kraft.

263
Leutnantsbuch

Zum Glück gelang es meinen Kameraden, mich trotz meiner


Skepsis zu aktivieren und mit ihnen nach Dienst laufen zu
gehen. Dies verbesserte nicht nur meine Fitness, sondern
steigerte meine gesamte Leistungsfähigkeit – körperlich und
geistig. Das Lernen für Klausuren ging mir plötzlich viel
leichter von der Hand. Mein Selbstbewusstsein stieg und
mich konnte nichts mehr so leicht aus der Bahn werfen. Den
Zugführerlehrgang konnte ich so erfolgreich abschließen.
In meinen folgenden Spezialausbildungen – nämlich der
Hubschrauberpilotenausbildung in den USA und meinem
Studium der Luft- und Raumfahrttechnik in MÜNCHEN –
behielt ich diese Angewohnheit konsequent bei und bin
damit immer gut vorangekommen.
Mittlerweile bilde ich selbst junge Feldwebel- und
Offizieranwärter aus und kann ihnen an meinem Beispiel
recht schnell klar machen, dass sich der körperlich
leistungsfähige, der „robuste Soldat“ auf dem Weg zum
Spezialisten nicht nur leichter tut, sondern dass das ganz
selbstverständlich dazu gehört.

Kürzlich traf ich einen Jahrgangskameraden, der bereits den


Stabsoffizierlehrgang in HAMBURG absolviert hatte –
übrigens mit einem glänzenden Ergebnis – und von seinem
persönlichen Erfolgsrezept berichtete: „Nach dem Dienst
erstmal einen Stunde laufen gehen, damit der Kopf wieder
frei wird. Dann kann man befreit weiterarbeiten.“

HI
Halte Dich fit!
Mens sana in corpore sano – nur in einem gesunden Körper
kann ein gesunder Geist wohnen!
Es ist nicht gut, immer unter „Volllast“ zu fahren. Dies gilt
für uns selbst, aber auch für die Menschen, die wir führen.

264
Leutnantsbuch

Der Suizid

E s war vor ziemlich genau einem Jahr. An einem ganz


normalen Morgen.
Wie immer nahm der Kompaniechef routiniert seinen Dienst
auf. Zunächst nur beiläufig wurde registriert, dass der
Kommandeur an diesem Morgen nicht da war. Irgendwann
im Laufe des Vormittages wurde dann eine Entscheidung
des Kommandeurs benötigt.
Frage an sein Vorzimmer: „Wo ist der Kommandeur?“ –
„Weiß ich nicht.“ – „Gibt’s einen Vertreter?“ – „Keine
Ahnung, ich glaube nicht.“
Enttäuscht zog der Chef wieder ab.
Nachdem im Laufe des Vormittags der Kommandeur
nirgendwo gesichtet wurde, wählte das Vorzimmer die
Privatnummer des Kommandeurs an.

Kurz darauf wurde die Tür des Dienstzimmers des


Kompaniechefs unsanft von außen geöffnet. Der S 3-
Feldwebel aus dem Vorzimmer trat unaufgefordert herein.
Noch bevor der Chef etwas sagen konnte, kam ihm der
Feldwebel mit zittriger Stimme zuvor: „Der Kommandeur ist
tot.“ – „Wie bitte? Was haben Sie gesagt?“ – „Der
Kommandeur hat sich heute Nacht das Leben genommen.“

Für einen Moment herrschte eine entsetzliche Leere und


Stille. Dann fingen im Kopf des Chefs die Bilder an zu
laufen, immer mehr und schneller:
- Bilder vom Kommandeur vor der Front,
- Bilder von guten Gesprächen mit ihm,
- Bilder von seiner untadeligen Dienstauffassung,
- Bilder von seiner strengen und fordernden Dienstaufsicht,
- ... und so weiter. Und am Ende stand über allem die eine
zentrale Frage nach dem „Warum“.
265
Leutnantsbuch

Wenige Tage später stand der Chef als Totenwache am


Grab. Wieder fingen die gleichen Bilder im Kopf an zu
laufen. Aber die unbeantworteten Fragen nach dem
„Warum“ wurden nicht weniger, sondern mehr.
Auf den ersten Blick lief doch alles hervorragend. Der
Kommandeur hatte seinen Verantwortungsbereich um-
fassend im Griff, er stand glänzend da. Seine Karriere schien
ungebrochen, eine förderliche Anschlussverwendung stand
kurz bevor.
- Warum trotzdem diese Entscheidung?
- Hätte man es im Voraus erkennen können?
- Hätte man ihm helfen können?
- Warum hat er sich nicht Kameraden offenbart?

An der letzten Frage blieb der Chef hängen. Hat ein


Kommandeur überhaupt Kameraden? Wo findet er zwischen
den nie nachlassenden Anforderungen seines Vorgesetzten
einerseits und seiner Führungsverantwortung nach unten
andererseits kameradschaftliche Unterstützung? Führungs-
verantwortung macht bekanntlich einsam.

Der § 12 Soldatengesetz fordert von allen Soldaten, Kame-


raden in Not und Gefahr beizustehen. Wie groß muss die
Not eines Kameraden sein, dass er freiwillig seinem Leben
ein Ende setzt. Und keiner hat die Not erkannt!
Hätte der untergebene Chef dem Kommandeur mehr
Kamerad sein müssen?
Hätte der Vorgesetzte des Kommandeurs diesem mehr
Kamerad sein müssen?
Wo beginnt Kameradschaft und wie lebt man sie?
Die Frage nach der Kameradschaft beschäftigte den Chef
lange Zeit. Auch höhere Vorgesetzter haben Anspruch auf
Kameradschaft, auf Kameraden, die gegebenenfalls in der
Not helfen.
266
Leutnantsbuch

Der Chef jedenfalls hatte sich vorgenommen, zukünftig


nicht nur für seinen Bereich, sondern auch „nach oben“
mehr Kamerad zu sein.

Und heute, ein Jahr danach? Die Bilder vom alten


Kommandeur kommen nur noch selten. Der neue
Kommandeur hatte sich schnell eingearbeitet und steht
glänzend da. Alles ist wie immer, jeden Tag nimmt man
routiniert seinen Dienst auf.
„Weiß jemand, wo heute Morgen der Kommandeur ist?“

HI
Höre zu!
Was wissen Führer eigentlich von ihren Kameraden? Wie
weit öffnet man sich selbst gegenüber anderen? Hören wir
auch unseren Vorgesetzten zu? Erkennen wir Zwischentöne?
Versuchen wir, auch die Nöte und Sorgen von anvertrauten
Soldaten und von Vorgesetzten zu erkennen?
Kameradschaft als soldatische Tugend endet nicht bei
Gleichgestellten!

267
Leutnantsbuch

Die Gneisenaukaserne

Geschichte und Tradition im Pausengespräch

G rundausbildung in der „Gneisenaukaserne“. Der junge


Leutnant kommt während der Ausbildungspause mit
einigen Rekruten seines Zuges ins Gespräch. Unvermittelt
fragt ihn ein Soldat, was es eigentlich mit dem Namen der
Kaserne auf sich habe. Gneisenau – das sagt ihm irgendwie
etwas. War das nicht ein Schlachtschiff? Aber wir sind doch
beim Heer!
Dem Leutnant fällt hierzu spontan ein, wie sein
Militärgeschichtslehrer an der Offizierschule mit Leiden-
schaft über die Schlacht bei WATERLOO erzählte. Da
spielte doch Neidhardt von Gneisenau ein wichtige Rolle.
Genau! In der Schlacht bei LIGNY im Juni 1815, einem
Vorgefecht von WATERLOO, hatte die preußische Armee
eine Niederlage gegen Napoleon einstecken müssen.
Feldmarschall Blücher, der bekannte „Marschall Vorwärts“,
war in den Abendstunden auf dem Schlachtfeld verschollen.
In der sinkenden Dämmerung, bei peitschendem Regen und
Wind, versuchten seine Offiziere, ihre verstreuten und
demoralisierten Truppen wieder zu sammeln. Chaos.
Rückzug. Abseits an einer Windmühle steht schweigend
Gneisenau, der Generalstabschef der preußischen Armee.
Allmählich sammeln sich die höheren Kommandeure im
Halbkreis um ihn. Befehlsausgabe. Erstmals ist Gneisenau
allein in der Verantwortung. Er spürt die Einsamkeit des
Kommandos. Vor sich hat er die erschöpfte Armee, im
Rücken die Straße, die nach Osten zur MAAS führt, in die
Heimat. Im Norden sind irgendwo die verbündeten Briten
unter Wellington. Sie sind aber nur über die verschlammten
Wege unter großen Strapazen zu erreichen. Gneisenau sieht
die zweifelnden Blicke seiner Offiziere. Gerade er, der
268
Leutnantsbuch

Intellektuelle, denken sie, der „Schreibtischstratege“ –


ausgerechnet er soll nun einen großen Entschluss fassen!
Gneisenau richtet sich im Sattel auf und weist mit dem Arm
den Weg: „Die Armee geht nach Norden, nach WAVRE!“
Die Offiziere glauben, nicht recht zu hören. Haben diese
Quälerei und dieser Krieg denn nie ein Ende? Doch Stunden
später sind sie auf dem Marsch. Was sie noch nicht wissen:
In wenigen Tagen werden sie bei WATERLOO
Weltgeschichte schreiben. Und Gneisenau – er wird später
als einer der bekannten »Preußischen Reformer« gelten. Die
von ihm gemeinsam mit Gerhard von Scharnhorst, Hermann
von Boyen und Carl von Clausewitz angestoßenen Verände-
rungen im preußischen Heer sind so modern, dass sie bis in
unsere heutige Zeit hinein Gültigkeit besitzen. Wir denken
vor allem an das Leistungsprinzip, die Auftragstaktik, die
höheren Anforderungen an den Bildungsstand des Offiziers,
die Pflicht zur menschenwürdigen Behandlung Untergebener
und natürlich – an die Wehrpflicht!

Spannende Geschichte, denkt der Rekrut. Der Zugführer hat


echt Ahnung! Auch die anderen aus der Gruppe haben
zugehört. Wie lange ist eigentlich noch Pause? Der Leutnant
ist jetzt in seinem Element, er erzählt weiter. Die jungen
Soldaten erfahren, dass sich die Bundeswehr neben den
preußischen Militärreformen noch auf zwei weitere
Traditionslinien stützt. Tradition ist – so lernen sie nebenbei
– nicht dasselbe wie Geschichte, sondern eine werte-
bezogene Auswahl aus derselben. Aber bitte nicht zuviel
Theorie! Dass Oberst Graf von Stauffenberg, der am 20. Juli
1944 versuchte, Hitler mit einer Bombe zu töten, ein
Nachfahre Gneisenaus war, klingt interessanter. Und damit
ist ja auch schon eine Brücke geschlagen zum militärischen
Widerstand gegen Hitler. Namen wie Henning von
Tresckow, Werner von Haeften oder Friedrich Olbricht sind
269
Leutnantsbuch

einigen der Rekruten aus Fernsehdokumentationen bekannt.


Ihr Zugführer macht ihnen nochmals deutlich, dass die
meisten Attentäter des 20. Juli eine feste Bindung an
Heimat, Familie, Tradition und christlichen Glauben
besaßen – die Früchte einer konservativen Erziehung. Ihr
Motiv lautete vor allem, dem Staate und dem Volke
verantwortungsvoll zu dienen. „Unbedingter Gehorsam“ war
ihnen fremd.
Durch die Verbrechen der Nationalsozialisten und die immer
fanatischere Führung des Krieges sahen sich zahlreiche
Offiziere moralisch herausgefordert. Hier denkt manch einer
der Rekruten zurück an die Rede des Bataillons-
kommandeurs, letzte Woche beim Gelöbnis. Da ging es auch
um dieses Thema. Sprach er nicht auch von den Ge-
wissenskonflikten der Männer des 20. Juli? Auch der Leut-
nant erzählt von den schweren inneren Kämpfen, welche
diese Offiziere ausgetragen haben. Kürzlich hat er dazu im
Internet einen Satz Stauffenbergs gelesen, er kann ihn
sinngemäß wiedergeben: „Es ist Zeit, dass jetzt etwas getan
wird. Derjenige allerdings, der etwas zu tun wagt, muss sich
bewusst sein, dass er wohl als Verräter in die deutsche
Geschichte eingehen wird. Unterlässt er jedoch die Tat, dann
wäre er ein Verräter vor seinem eigenen Gewissen.“ Was ist
Gewissen?
Ein schlechtes Gewissen hat wohl jeder der jungen Soldaten
schon einmal gehabt, bemerkt der Leutnant nebenbei, also
ist auch keiner von ihnen »gewissen-los«. Der 20. Juli 1944,
so fährt er fort, zeigt aber, dass eine Gewissensentscheidung
nicht nur bedeuten kann, einmal gegen den Strom
schwimmen zu müssen und sich der Anfechtung auszu-
setzen. Für die Männer um Graf Stauffenberg ging es um
Leben und Tod. General von Tresckow sagte dazu: „Der
sittliche Wert eines Menschen beginnt dort, wo er bereit ist,

270
Leutnantsbuch

für seine Überzeugung sein Leben hinzugeben“. Die


Rekruten hören, dass die Lehren des Widerstandes gegen
Hitler nach über 60 Jahren darin bestehen, dass weder ein
Staat noch eine menschliche Autorität das Recht besitzen,
einen Menschen total zu fordern, sondern allenfalls einen
»mündigen« Gehorsam erwarten dürfen. Es darf nicht Ziel
des Soldaten sein, blind zu gehorchen, sondern gewissenhaft
– also dem Gewissen treu zu sein. Und letztlich soll der
Soldat eben nicht nur Kämpfer sein, sondern auch für die
Durchsetzung und Erhaltung von Grundwerten einstehen.

Viele Rekruten sind nachdenklich geworden. Das war sicher


keine einfache Situation für die Offiziere um Stauffenberg.
So mutig ist bestimmt nicht jeder. Ein Rekrut fragt
schließlich, ob die Bundeswehr denn auch solche berühmten
Soldaten vorzuweisen habe? Sicher, antwortet der Leutnant,
wenn auch nicht so bekannte wie die bisher genannten.
Die meisten der jungen Soldaten hören nun die Namen Wolf
Graf von Baudissin, Ulrich de Maizière und Johann Adolf
Graf von Kielmansegg. Sie erfahren, dass diese Personen
weniger durch herausragende Taten im Krieg bekannt
geworden sind – die Existenz der Bundeswehr hat nämlich
entscheidend dazu beigetragen, seit dem Ende des Zweiten
Weltkrieges den Frieden auf deutschem Boden zu bewahren.
Wahrlich eine Erfolgsgeschichte!

Die Verdienste der sogenannten „Gründerväter“ der


Bundeswehr liegen in anderen Bereichen: Die von ihnen
entwickelte Konzeption der „Inneren Führung“ ermöglicht
es, dass die jungen Rekruten der „Gneisenaukaserne“, die
heute viele Fragen haben, als „Staatsbürger in Uniform“
entsprechend einem zeitgemäßen Menschenbild und einer
modernen Werteordnung ausgebildet, geführt und erzogen

271
Leutnantsbuch

werden. Sie sollen wissen, wofür sie ihren Dienst leisten.


Nicht zuletzt dazu dienen Pausengespräche ...

HI

272
Leutnantsbuch

... lieber spät als nie!

A llgemein wird mir viel Erfahrung nachgesagt. Ich bin


ausgebildeter Flugsicherheitsoffizier (FSO) und ver-
füge über 6000 Flugstunden, davon einen Großteil als Flug-
lehrer. Also ein richtig zuverlässiger Pilot.

Dennoch gibt es Erlebnisse, die eigentlich nicht passieren


dürften. Ein normaler Ausbildungstag mit einem Flugschüler
auf der alten ALOUETTE II, den ich schon seit Wochen
betreute, führte uns zum Außenlandeplatz, an dem wir
Autorotationen üben sollten. Zunächst verlief alles plan-
mäßig, der Schüler machte gute Fortschritte und ich steigerte
den Schwierigkeitsgrad. Leider unterlief mir in der Folge der
Fehler, zu spät einzugreifen. Wir hatten einen zu großen
Anstellwinkel in der Schlussphase und berührten nicht mit
den Kufen, sondern mit dem Hecksporn sehr hart den
Boden. An sich kann so etwas vorkommen. Man stellt die
Maschine ab, informiert die Technik und wartet auf die
Befundung. Im besten Fall fliegt man dann wieder weiter, im
schlechtesten wird die Maschine überführt.

Ich dagegen entschied mich gegen alle Vernunft, zurück zu


fliegen, stellte die Maschine auf dem Hallenvorfeld ab,
absolvierte mein Debriefing und machte mich auf den Weg
nach Hause. Mit Verlassen der Kaserne wurde mir
urplötzlich die Dimension meines Verhaltens bewusst. Ich
drehte um, fuhr zur Technik, sperrte per Eintrag den
Hubschrauber, meldete den Vorfall der Einsatzsteuerung und
informierte den Flugsicherheitsoffizier. Am nächsten Tag
meldete ich vor Dienstbeginn dem Kommandeur den
Vorfall. Mir war klar, dass ich mich mehr als unprofessionell
verhalten hatte. Daher war für mich auch eine disziplinare
Ahndung nachvollziehbar.
273
Leutnantsbuch

Entsprechend unserer Verbandskultur schilderte ich auch im


Rahmen des morgendlichen Briefings mein Fehlverhalten,
um auch darauf hinzuweisen, dass es in der Fliegerischen
Ausbildung immer zu Zwischenfällen führen kann, die man
meldet, um zukünftig vor möglichen Gefahren zu warnen.
Auch bin ich froh, den Mut gefunden zu haben, mich
unverzüglich nachträglich gemeldet zu haben, um weiteren
Schaden zu vermeiden.

HI
Übernimm Verantwortung!
Ehrlichkeit und Verantwortungsbewusstsein gehören zu den
Grundtugenden des Offiziers. Dies auch im Verband oder in
der Einheit zu fördern, ist Aufgabe des militärischen
Führers. Eine gute Verbandskultur stellt sich gegen eine
„Null-Fehler-Mentalität“.

274
Leutnantsbuch

Der Anschlag

I m Mai wurde ich, Oberfeldwebel S., Opfer eines


Selbstmordattentats in KUNDUZ, AFGHANISTAN, bei
dem drei meiner Kameraden ums Leben kamen, sowie zwei
andere Soldaten, darunter ich selbst, schwer verletzt wurden.
Meine Frau, die in DEUTSCHLAND durch die Familien-
betreuungsstelle benachrichtigt wurde, war ab diesem
Moment absolut überfordert und nach einem Nerven-
zusammenbruch nicht dazu in der Lage, aus eigener Kraft
ins Krankenhaus nach KOBLENZ zu kommen und alle
anderen anfallenden Angelegenheiten zu klären.

Ein Hauptmann, der vor Jahren als Leutnant mein Zugführer


war, ist mittlerweile in IDAR-OBERSTEIN stationiert, wo
ich mit meiner Familie lebe. Als er durch einen Zufall von
diesem Unglück sowie von der Tatsache, dass ich ein
Betroffener bin, erfuhr, begab er sich direkt mit den
Soldaten, welche die Nachricht überbrachten, zu meiner
Frau. Von diesem Moment an stand er mit Rat, Tat und
Trost an der Seite meiner Frau und half ihr bei „allen“
anfallenden Angelegenheiten in der schweren Zeit. Darunter
fällt unter anderem, dass er sich um die unzähligen
Telefonate mit Freunden, Verwandten und Behörden und
darüber hinaus um unseren achtjährigen Sohn kümmerte,
Einkäufe erledigte und über drei Wochen hinweg täglich
meine Frau von IDAR-OBERSTEIN nach KOBLENZ ins
Krankenhaus fuhr. Dort war er rund um die Uhr die Stütze
für meine Frau.

Es ist erwähnenswert, dass der Hauptmann über die ganze


Zeit hinweg, obwohl durch die Sache emotional selbst
angegriffen, seinen Dienst weiterhin verrichtete – wenn auch

275
Leutnantsbuch

nur halbtags unter Einsatz von Freistellungen. Auch andere


Vorgesetzte haben sich hierbei verdient gemacht.
Es ist für mich mit Worten unheimlich schwierig zu erklären
und für Außenstehende, die nicht betroffen sind, eventuell
schwer zu verstehen, welch’ unbezahlbare Hilfe und un-
glaublich große Leistung dieser Offizier für meine Frau und
letztendlich auch für mich in dieser Zeit vollbracht hat.

Diese Leistung und dieses Verhalten sind meiner Meinung


nach mustergültig, unübertroffen und werden der Vorbild-
und Fürsorgefunktion eines Offiziers mehr als gerecht.

HI
Zeige Persönlichkeit! Sei Vorbild! Stelle den Mensch in den
Mittelpunkt!
Die Wirkung von eigenem Führungsverhalten auf andere
muss stets reflektiert werden. Kameradschaft ist losgelöst
von hierarchischen Strukturen und stellt den Mensch in den
Mittelpunkt! Deshalb sind Empathie und Fürsorge wichtige
Eigenschaften eines Offiziers.
Darüber hinaus ist es in derart schwierigen Situationen
auch wichtig, professionelle Hilfe anzubieten und auch
anzunehmen. Es gibt inzwischen psychosoziale Netzwerke
(PSN), die auf breiter Fläche diese Hilfe anbieten. Infor-
mieren Sie sich und Ihre Untergebenen über die bestehenden
Möglichkeiten.

276
Leutnantsbuch

Team „Hotel“

N ach meiner bisher wohl schönsten Zeit in der


Bundeswehr – dem Studium der Betriebswirtschaft an
der Universität der Bundeswehr in HAMBURG – wurde ich
mit bestandenem Diplom in ein Panzerbataillon versetzt.
Einerseits war ich froh, nach der langen Zeit des Lernens
und der vielen Klausuren und Prüfungen nun wieder in die
Truppe zu kommen, andererseits war HAMBURG für mich
eine zweite Heimat geworden. Ich wurde also von dieser
pulsierenden Metropole in eine Provinzstadt versetzt.

Die Bataillonsführung des Panzerbataillons befand sich zum


Zeitpunkt meiner Versetzung im Auslandseinsatz in
FEYZABAD, AFGHANISTAN. Der technische Stabsoffizier
führte das Bataillon und setze mich zunächst als Einsatz-
offizier der vierten Kompanie ein. Die „Vierte“ wurde zu
diesem Zeitpunkt durch zwei Oberleutnante der Reserve
geführt, die nach meiner Einschätzung sehr gute Arbeit
leisteten.
In den kommenden Wochen entwickelte sich schnell ein
freundschaftliches Verhältnis zwischen uns und so fiel es
nicht schwer, die Herausforderungen einer Grundausbildung
mit 90 Rekruten, sei es im Bereich der Führung, der Aus-
bildung oder auch im disziplinaren Bereich, zu bewältigen.
Kurze Zeit später endeten jedoch die Wehrübungen beider
Reservisten. Bei der sich nun stellenden Frage, wer die
Kompanie die nächsten Monate führen sollte, fiel die Wahl
auf mich. Eine wahre Herausforderung nach der langen Zeit
der „Abstinenz“ von der Truppe. Auf meinen Schultern
lastete nun die Verantwortung für eine neue Allgemeine
Grundausbildung mit über 150 Soldaten – vom Rekruten bis
zum altgedienten Hauptfeldwebel.

277
Leutnantsbuch

Das Führerkorps der „Vierten“ war trotz Abwesenheit des


Kompaniechefs und des originären Kompaniefeldwebels
eine hocherfahrene und zusammengeschweißte Einheit.
Dieser Umstand erleichterte mir zwar die Arbeit, es entstand
aber auch eine hohe Erwartungshaltung hinsichtlich meiner
Leistungen. Ich hatte die Befürchtung, dass es mir als
jungem, relativ unerfahrenem Oberleutnant schwerfallen
würde, das Vertrauen und die Anerkennung meines unter-
stellten Bereichs als Kompanieführer zu erlangen.

Glücklicherweise gelang es mir nach meiner Einschätzung


relativ schnell, auch von den älteren erfahrenen Porte-
peeunteroffizieren akzeptiert zu werden. Rückwirkend be-
trachtet lag das wohl daran, dass ich mich an die Tipps und
Hinweise meines damaligen Hörsaalleiters an der Panzer-
truppenschule erinnerte und diese umsetzte.

Ich bin mir sicher, dass die „Vierte“ zum damaligen


Zeitpunkt von mir nicht das Können und die Erfahrung eines
originären Kompaniechefs erwartete, sehr wohl jedoch einen
Offizier, der sich mit vollem persönlichen Einsatz um die
Belange der Kompanie kümmert.
In den folgenden zweieinhalb Monaten durfte ich neben dem
normalen Dienstgeschäft den Besuch des Divisions-
kommandeurs, diverse Stationen beim Tag der offenen Tür
und einige Besuche bei der Patengemeinde der Kompanie
vorbereiten und durchführen.
Die Zeit als Kompanieführer direkt nach dem Studium war
eine herausfordernde, aber auch hoch interessante und
schöne Zeit. Kaum ein anderer Beruf ist so abwechslungs-
reich und spannend wie der unsrige.

HI
278
Leutnantsbuch

Wesentlich waren die folgenden fünf Regeln:

- Gehe mit Deinem unterstellten Bereich vernünftig um


und suche das offene Wort.
- Hab’ keine Angst vor neuen Herausforderungen.
- Lass’ Dich vor Deinen Entscheidungen umfangreich
beraten und schöpfe damit das Erfahrungspotenzial
Deiner Untergebenen aus.
- Setze Dich mit all Deiner Kraft und vollem persönlichen
Einsatz für Deinen unterstellten Bereich ein. Häufig
fordert Dich diese ungeteilte Verantwortung über die
Regeldienstzeit hinaus.
- Nimm die Sorgen, Probleme und Nöte Deines unter-
stellten Bereichs ernst.

279
Leutnantsbuch

Der Hochwassereinsatz

A m 01. Juli trat ich meinen Dienst als Offizieranwärter


der Panzergrenadiertruppe an.
Ab Mitte August begann es dann immer häufiger und immer
länger zu regnen. Wir hörten in den Nachrichten von
Hochwasserwarnungen in TSCHECHIEN. Später hieß es
dann, auch Deutschland könnte von Hochwasser betroffen
werden.
Unser Bataillon wurde in Alarmbereitschaft versetzt, auch
unsere Grundausbildungskompanie sollte bei Hochwasser
zum Einsatz kommen. Unser Zugführer, ein junger
Oberleutnant machte uns „heiß“ auf einen Einsatz für den
Katastrophenfall.
Am nächsten Tag stand Verladen der Ausrüstung auf dem
neuen Zusatzdienstplan. Das komplette Bataillon begann
Kampftragetaschen und Seesäcke auf Zehntonner zu
verladen. Es rollten mehr und mehr zivile Busse an und
fuhren auf dem Antreteplatz auf.
Nach dem Essen trat die Kompanie an und unser
Kompaniechef gab bekannt, dass das Bataillon noch heute
nach Sachsen-Anhalt verlegen und an der ELBE eingesetzt
würde. Unsere 4. Kompanie hatte den Auftrag die Ortschaft
Vockerode bei DESSAU vor dem Hochwasser zu schützen.
Nach dem Antreten war noch Zeit, um zu Hause anzurufen.
Da meine Familie auch die Nachrichten verfolgt hatte, war
niemand überrascht, dass wir nun auch in Sachsen-Anhalt
Hilfe leisten mussten und wollten.
Wir kamen in einem Ort mit dem Namen ORANIENBAUM
an und unser Zug bezog fast geschlossen ein Klassenzimmer
der örtlichen Grundschule.
Am folgenden Morgen begann die Arbeit direkt am linken
Ufer der ELBE. Die BAB A 9 war nicht weit entfernt. Wir
wunderten uns allerdings, dass wir keine Fahrzeuge sehen
280
Leutnantsbuch

und hören konnten. Die Autobahn war gesperrt, die Elbe


musste irgendwo bereits weit über die Ufer getreten sein.
Das spornte uns an, sofort mit der Arbeit zu beginnen. Unser
Zug begann den natürlichen Damm mit Sandsäcken zu
verstärken. Wir bildeten eine Kette und reichten uns in
rasendem Tempo die Sandsäcke durch.
Der zweite Tag verlief ähnlich wie der vorherige. Nur
bekamen wir an diesem Tag zusätzliche Unterstützung von
Anwohnern, die helfen wollten, ihr Hab und Gut vor dem
Hochwasser zu retten. Die Pegel waren trotz der Hitze in der
Nacht weiter gestiegen und die untersten unserer Sandsäcke
vom Vortag wurden nass. Die Bevölkerung fuhr nun mit
privaten „Pick-Ups“ und kleinen Nutzfahrzeugen im
Pendelverkehr Sandsäcke zu unserem Damm. So konnten
wir gruppenweise die vielen kleinen Löcher mit Sandsäcken
stopfen und verhindern, dass der Damm brach. Wir kamen
so gut voran, dass unser Kompaniechef zusammen mit der
Feuerwehr beschloss, die Arbeit an diesem Damm
einzustellen. Mein Freund Hans und ich meldeten uns
freiwillig für die Nachtwache am Damm. Ab 20.00 Uhr
waren wir dann mit einem Funkgerät SEM 70, unseren
Rucksäcken, zwei EPA-Rationen Linseneintopf und einem
Esbit-Kocher alleine am neu errichteten Elbdamm. Die
Nacht verbrachten wir in Zweistundenschichten auf der
Autobahnbrücke der A 9.

Der Sandsackwall hielt die Nacht über stand. So konnten wir


uns am nächsten Tag wieder darum kümmern, die kleinen
Löcher abzudichten und den Damm weiter zu verlängern.
Das Technische Hilfswerk (THW) meldete, dass der höchste
Pegelstand erreicht sei und der Wasserstand der ELBE ab
jetzt wieder sinke. Das ließ uns jubeln, da wir nun nicht
mehr damit rechnen mussten, dass unser künstlicher Deich
doch noch einbrechen würde.
281
Leutnantsbuch

Auch die folgende Nacht hielten zwei Kameraden auf der


A 9 Wache, aber die Funksprüche lauteten immer gleich:
„Unser Damm hält!“

Drei Tage später rückten wieder die gesamte Kompanie und


die Bataillonsführung aus nach VOCKERODE. Dort war an
einer anderen Stelle der natürliche Elbdamm feucht
geworden, und nun drohte ein kleines Neubaugebiet
überschwemmt zu werden. Ein Zug wurde wieder zum
Befüllen der Sandsäcke abgestellt, der Rest verlegte zum
Neubaugebiet. Die Anwohner und die Feuerwehr hatten
bereits große Planen ausgelegt. Darauf sollte später ein
mindestens 1,50 Meter hoher und 200 Meter langer Damm
aus Sandsäcken entstehen.
Sofort begannen wir mit der Arbeit. Am ersten Tag schafften
wir bereits eine Höhe von knapp 50 cm. Das würde fürs
Erste das Wasser abhalten. Die Nacht über wurden wir von
einer anderen Kompanie abgelöst.
Als wir am Morgen wieder in dem Neubaugebiet ankamen,
war der Damm bereits auf einen Meter angewachsen. Wir
konnten bis zum Abend mit Hilfe aller Einwohner des
Neubaugebietes, der Feuerwehr und des THW die erforder-
liche Höhe von 1,50 Meter erreichen. Am nächsten Tag hieß
es nur noch Lücken schließen. Einige von uns schrieben
Zettel auf denen stand: „Hier entstand der Oberviechtacher
Damm“ oder „Das Panzergrenadierbataillon war hier“. Diese
Zettel wurden in kleine Plastikflaschen gesteckt und unter
Hunderten von Sandsäcken vergraben.
Die erwartete Flut auf das Neubaugebiet kam auch in den
nächsten Tagen nicht. Die 6. Kompanie, die mit dem
Befestigen des feuchten Elbdammes beauftragt war, hatte
ganze Arbeit geleistet.
Das Bataillon bekam den Befehl, Marschbereitschaft
herzustellen und wir erwarteten ein Fernmeldebataillon als
282
Leutnantsbuch

Ablösung. Am letzten Abend gab es bei der Schule ein


kleines Grillfest unserer Kompanie. Auch der Kommandeur
sowie der Bürgermeister von VOCKERODE waren ein-
geladen. Der Bürgermeister, der von unseren „Flaschen-
andenken“ gehört hatte, verkündete, dass der Sandsackwall,
den wir gebaut hatten, mit Erde aufgeschüttet und dann
mit Blumen bepflanzt werden solle. Zusätzlich solle dieser
Wall den Namen „Oberviechtacher Damm“ tragen. Wir
jubelten ihm zu und freuten uns sehr über diese Ehrung. Am
nächsten Tag verlegten wir in unseren Standort zurück
und setzten die AGA nach drei Tagen Sonderurlaub wieder
fort.

Knapp drei Jahre später befand ich mich zusammen mit fünf
Kameraden aus dem Hochwassereinsatz an der Offizier-
schule des Heeres in DRESDEN. Wir beschlossen,
zusammen nach VOCKERODE zu fahren, um den
„Oberviechtacher Damm“ zu besteigen.
In VOCKERODE angekommen ging es geradewegs in das
altbekannte Neubaugebiet. Von Weitem sahen wir schon den
Damm, den wir damals im Sommer zusammen mit unseren
Kameraden erbaut hatten und in dem wir uns mit unseren
„Flaschenandenken“ verewigt hatten. Der Damm war schön
mit Gras und Blumen bewachsen, ganz so, wie es der
Bürgermeister versprochen hatte. Wir stiegen auf „unseren“
Damm, machten Fotos und gingen noch zu anderen Orten,
an denen wir eingesetzt gewesen waren.
Als wir uns auf den Rückweg machen wollten, sagte einer
von uns: „Es sieht nach Regen aus, meint ihr, wir können es
wagen, hier wegzufahren?“

HI

283
Leutnantsbuch

„Dat hann isch verjess …“

D amals ...
Wie wichtig es für Vorgesetzte ist, gleichgültig welcher
Dienstgradgruppe oder Dienststellung, ständige Fürsorge
und Kontrolle walten zu lassen, wurde mir an einem
sonnigen Donnerstagnachmittag auf einem Standort-
übungsplatz im Saarland bewusst. Ich war Fahnenjunker und
junger Offizieranwärter, als Gruppenführer (damals war es
noch üblich in dieser Dienstgradgruppe als Gruppenführer
eingesetzt zu werden) in einer Allgemeinen Grund-
ausbildung eingesetzt – hatte also „meine Gruppe“, meine
zwölf Rekruten.
Nach einem dreitägigen Übungslager auf dem Stand-
ortübungsplatz marschierten wir in Zugreihe in den Standort
zurück. Zwölf Kilometer galt es zu schaffen und die ersten
vier Kilometer lagen hinter mir und meiner Gruppe. Bei
einer kurzen Pause nach etwa vier Kilometern, meldete sich
einer der Jäger, der aus der Region stammte, zum Austreten
ab. Ich wurde nach vorne zum Zugführer gerufen, der eine
Lageinformation ausgab und den Weitermarsch befahl.
Zurück bei meiner Gruppe, ließ ich während des Aufbruchs
durchzählen – in bewährter Manier mit taktischen Zeichen.
Alle da!

Im Glauben, die Gruppe sei vollzählig und das Material


vollständig, legten wir circa zehn Minuten Marschweg
zurück, als wir erneut kurz halten mussten. Ich zog meine
Gruppe zusammen, ließ sie auf einer Lichtung halten und
führte eine Vollzähligkeitsprüfung der Handwaffen G 3
durch. Ich ließ die Gruppe antreten, die Waffe in
Jägerhaltung. Auf dem Weg an der Gruppe vorbei, sah ich
aus dem Augenwinkel den letzten meiner Jäger, wie
befohlen anständig in Jägerhaltung – allerdings ohne sein
284
Leutnantsbuch

Gewehr … Im Glauben, nach drei Tagen mit nur wenig


Schlaf einer Sinnestäuschung erlegen zu sein, machte ich
Halt, schaute noch einmal, konnte aber erneut kein G 3 in
seinen Händen ausmachen – aber die Jägerhaltung stimmte.
Ich rief meinen Gruppenführerkameraden von der Nachbar-
gruppe heran, bat ihn auch noch einmal auf die Entfernung
zu prüfen, ob dort wirklich kein G 3 bei dem Jäger zu sehen
war oder ob ich halluzinierte. Auch er bestätigte letztendlich:
Die Jägerhaltung stimmt, aber es ist kein G 3 zu sehen …

Mit einer bösen Vorahnung schritten wir zu einer Befragung


des Kameraden. Auf die Frage, wo er denn seine Waffe habe
und warum er ohne diese in der Jägerhaltung stünde, schaute
ich in ein ungläubiges und erschrecktes Augenpaar. Dann
fing der Kamerad an, seine Beintaschen und seine
Brusttaschen abzuklopfen und abzusuchen. Für alle, die mit
dem Gewehr G 3 und dessen Abmessungen nichts anfangen
können – es passt selbst mit eingezogener Schulterstütze
weder in eine Bein- noch in eine Brusttasche …

Der Kamerad blieb denn auch erfolglos beim Abtasten


seines Anzugs, schaute mich seelenruhig an und erklärte mir
in ganz ruhigem und selbstverständlichem Ton im besten
Saarländisch: „Ey, dat hann isch verjess!“ Die Ungläubigkeit
über diese Meldung stand mir ins Gesicht geschrieben,
während mein Gruppenführerkamerad mir auf die Schulter
klopfte und sich breit grinsend auf den Weg zurück zu seiner
Gruppe machte. Ich fragte den Kameraden noch einmal nach
dem Verbleib seiner Waffe. In gleicher Tonlage versicherte
mir der Rekrut erneut, er habe sein Gewehr G 3 vergessen –
das müsse wohl vorhin beim Austreten passiert sein … fügte
er dann etwas kleinlaut hinzu, nachdem sich meine
Gesichtszüge verfinstert hatten. Auf meine Frage, wo er
denn sein Gewehr vergessen habe, bekam ich ganz stolz und
285
Leutnantsbuch

mit einem Fingerzeig in den um uns herum liegenden Wald


die Antwort: „Ey do hinne, am Baum!“ Das hatte gesessen!
Mitten in einem dichten Wald auf einer Lichtung stehend,
erklärt mir mein Rekrut voller Stolz, dass er genau wisse, wo
seine Waffe sei.
Mit einem Zeitansatz von vier Minuten ausgestattet und dem
Hinweis, er möge sehr hoffen, dass das mit Manöver-
munition teilgeladene Gewehr G 3 noch an eben jenem
Austrete-Baum lehnte, machte er sich auf den Weg und kam
– zu unser aller Erleichterung – mit seinem Gewehr pünkt-
lich wieder zurück.

Heute …
Dass die Geschichte gut ausgegangen ist, verdanke ich wohl
einer glücklichen Fügung und der Tatsache, dass das zivil
genutzte Waldstück zu diesem Zeitpunkt wohl menschenleer
war und nur unser Zug dieses Gebiet nutzte. Allerdings
brannte sich dieses Ereignis – neben der Gewissheit, dass
„Hochdeutsch“ als Amtssprache eine dankbare Festlegung
wäre – gehörig in mein Gedächtnis ein und hält mich auch
heute, sieben Jahre nach diesem denkwürdigen Marsch und
in der Position eines Zugführers und stellvertretenden
Kompaniechefs in einer Grundausbildungseinheit immer
wieder dazu an, ständig auf Ausrüstung und Ausstattung
meiner mir anvertrauten Soldaten zu achten. Waffen werden
eben nicht aus der Hand gelegt, an Gegenstände gelehnt oder
ohne Grund und wenn, nur mit einer ordentlichen Übergabe,
an Kameraden übergeben.

HI

286
Leutnantsbuch

Der NIJMEGEN-Marsch

E s ist Dienstag, noch vor Sonnenaufgang, 02.00 Uhr in


der Früh. Ich liege wach auf meinem Feldbett im Camp
HEUMENSOORD. Als Führer einer NIJMEGEN-
Marschgruppe bin ich nervös und freue mich, dass es
endlich los geht. Der erste von vier Marschtagen. Wir sind
25 Fernmelder, die sich der Herausforderung, in Formation
an vier aufeinander folgenden Tagen 40 Kilometer mit zehn
Kilogramm Gepäck zu marschieren, stellen. War unsere
Vorbereitung ausreichend, werden alle Soldaten am Ende
den verdienten Orden erhalten?
Vor acht Wochen hatte mich der Kommandeur gefragt, ob
ich bereit sei, eine offizielle NIJMEGEN-Marschgruppe auf-
zustellen, zu trainieren und natürlich auch in NIJMEGEN zu
führen. Obwohl für meine Kompanie einige Vorhaben ge-
plant waren, die nicht abgesagt werden sollten, sagte ich
nach kurzer Bedenkzeit und Beratung mit meinem Vertreter,
dem Spieß sowie dem Kompanietruppführer zu.
Im Anschluss lief die Planung und Organisation auf
Hochtouren. Es wurden zehn unterschiedlich lange Marsch-
strecken erkundet, Verpflegungspunkte festgelegt, ein wehr-
übender Masseur einberufen, der Truppenpsychologe des
Kreiswehrersatzamtes mit einbezogen, für die Gesangs-
ausbildung das Heeresmusikkorps angesprochen sowie ein
Ausgleichs- und Rahmenprogramm zur Entspannung aus-
geplant. Wir hatten an alles gedacht.
Die gedankliche Vorbereitung war jedoch der bedeutend
leichtere Teil der Aufgabe. Parallel dazu musste ich
Marschierer für dieses Projekt „gewinnen“. Mir war klar,
dass mit dem Befehl zur Teilnahme die Motivation der
Soldaten nicht gleichzeitig gegeben war. Ich setzte
ausschließlich auf Freiwillige. Da es sich bei diesem Auftrag
um eine Herausforderung für das gesamte Regiment
287
Leutnantsbuch

handelte, führte ich mehrere Informationsveranstaltungen


durch. Ich stellte die Absicht und den Ablauf der
Vorbereitung vor. Ich machte deutlich, dass vor der
Ordensverleihung mehr als 600 Kilometer zu absolvieren
seien, diese Herausforderung kein „Spaziergang“ würde,
aber dass die Begeisterung der Bevölkerung und das
besondere Erlebnis des Marsches für viele Strapazen
entschädigen würden.
Tatsächlich gelang es mir, das Interesse von etwa 30
Soldaten aller Dienstgradgruppen aus vier Kompanien des
Regimentes zu wecken. Sogar die Einweisung in der
Grundausbildungskompanie hatte Meldungen zur Folge. Ich
fragte mich aber, ob die jungen Rekruten nach ihrer
Allgemeinen Grundausbildung (AGA), nachdem sie erst
wenige Monate Kampfstiefel trugen und lediglich kürzere
Eingewöhnungsmärsche absolviert hatten, diesen
Belastungen wirklich würden standhalten können?
Was folgte, waren vier Wochen intensiver Vorbereitung am
Standort. Die ersten zwei Wochen waren die schwierigsten.
Die Füße reagieren auf eine solch’ immense Belastung, sie
verändern sich, schwellen an, werden größer. Die Folge sind
Blasen, Blasen, Blasen. Aber Blasen bringen niemanden um.
Auch mit Blasen zu marschieren ist möglich. Fast jeder
Teilnehmer musste diese Erfahrung machen. Jede Blase hat
zu dem eine Ursache: die Stiefel oder die Socken, zu groß
oder zu klein. Diese Ursachen wurden in den folgenden
Tagen immer erfolgreicher abgestellt.
Die ersten Märsche gingen auch an mir nicht spurlos
vorüber. Meine Soldaten erkannten, dass auch ich nicht mit
„Lederhaut“ an den Füßen marschierte. Trotz Blasen stand
ich am nächsten Tag aber wieder vor meiner Gruppe und
befahl „Stiefel – an, Rucksack – auf, vorwärts – marsch!
Keinen Tag überließ ich die Führung der Gruppe meinem
Stellvertreter.
288
Leutnantsbuch

Nach den Tagesmärschen begann erst mein eigentlicher


Dienst. Ich bearbeitete die Post, schrieb Beurteilungen,
nahm an Besprechungen teil und führte Dienstaufsicht bei
der Ausbildung meiner Kompanie. Die Tage waren
manchmal sehr lang und abends war ich richtig kaputt.

Am Ende der zweiten Woche wollten die Marschierer


wissen, wie ich denn nur so gute Laune haben könne,
obwohl doch jeder wüßte, dass auch ich mindestens drei
Blasen hätte, das Marschieren nun nicht immer Spaß
machte, der Gesang die Schmerzen nicht vertreiben könne
und auch nach den Märschen keine Zeit für mich sei, mir
Ruhe zu gönnen. Meine Antwort war einfach: „Ich habe ein
Ziel: Alle Soldaten dieser Marschgruppe, die in NIJMEGEN
an den Start gehen, werden den verdienten Orden erhalten.
Ich weiß, dass wir alle, wenn wir nur wollen, dieses Ziel
erreichen werden. Nach diesen ersten zwei Wochen weiß
ich, was Sie alle zu leisten im Stande sind, und das macht
mich zuversichtlich. Jetzt müssen nur noch Sie an sich selbst
glauben.“
Das Training am und um den Standort hat die Soldaten
zusammen geschweißt. Dennoch mussten fünf Soldaten
lehrgangsbedingt oder wegen persönlicher Gründe das
Marschieren aufgeben.

Weitere zwei Wochen Vorbereitung mit allen offiziellen


Marschgruppen der Bundeswehrdelegation auf dem
Truppenübungsplatz EHRA-LESSIEN folgten. Obwohl
Marschieren kein Wettkampf ist und es beim Nijmegen-
Marsch nicht auf die Zeit ankommt, wollte meine
Marschgruppe immer die erste sein, die die Tagesetappe
absolviert hatte. Nicht ich war dabei die treibende Kraft,
sondern die Gruppe wollte es. Meinen Soldaten gab das
schnelle Marschieren, das schneller Sein als andere, einen
289
Leutnantsbuch

ernormen Schub, ohne dass der Einzelne überfordert war.


Wir waren einfach gut vorbereitet.

Nach zehn Tagen auf dem Truppenübungsplatz meldete mir


unser Sanitäter, dass Hauptgefreiter S. nicht mehr weiter
machen könne, sein Knie sei als Folge des Marschierens seit
mehreren Wochen geschwollen. Ich suchte das Gespräch mit
dem Hauptgefreiten S.. Er war am Boden zerstört. Nach fast
400 Trainingskilometern machte sein Körper nicht mehr mit.
Er bat mich, mit der Bahn nach Hause fahren zu können. Ich
lehnte zunächst ab. Noch waren fünf Tage Zeit, bevor es in
NIJMEGEN richtig losgehen sollte. Nach Rücksprache mit
dem Delegationsarzt und dem Delegationschef wurde ver-
einbart, den Hauptgefreiten S. aus dem Training heraus-
zunehmen, ihn zu schonen. Sein Knie sollte eine Pause er-
halten. Das Thema wurde während der nächsten Trainings-
märsche intensiv diskutiert. Sollen wir in NIJMEGEN mit
dem Hauptgefreiten S. an den Start gehen. Sollen wir das
Risiko, dass sein Knie wieder anschwillt, eingehen? Am
Abend vor der Verlegung in die NIEDERLANDE wendete
ich mich an die gesamte Marschgruppe: „Wir sind eine
Gruppe. Wir 25 haben über sechs Wochen hart trainiert und
wollen jetzt gemeinsam die Ernte einfahren, die vier Tage in
NIJMEGEN genießen. Als Gruppe sind wir stark genug, um
einem Einzelnen weiterzuhelfen. Wir können das Tempo
reduzieren, die Pausen verlängern, das Gepäck reihum
verteilen. Der Arzt hat zugestimmt, dass Hauptgefreiter S.
wieder marschieren kann, aus medizinischer Sicht gibt es
keine Einwände. Er gehört selbstverständlich zur
Mannschaft dazu.“

Endlich! Die Vorbereitung ist abgeschlossen. Hier und heute


zählt es. Im Camp HEUMENSOORD geht es gleich los. Die
Anspannung ist überall zu spüren. Nach dem Frühstück
290
Leutnantsbuch

schwört der Delegationschef alle Gruppen und Marschierer


noch einmal ein. Unmittelbar vor dem Ausmarsch aus dem
Camp wird die Nationalhymne gespielt und von allen laut
mitgesungen. Ein Gänsehautgefühl macht sich breit.
Stiefel – an, Rucksack – auf, vorwärts – marsch! Die
Eindrücke auf der Strecke übertreffen unsere kühnsten
Erwartungen, die Begeisterung der Bevölkerung kennt keine
Grenzen, die ersten drei Tage vergehen wie im Flug. Die
gute Vorbereitung macht sich bezahlt, es gibt nahezu keine
Probleme. Auch der Hauptgefreite S. hat sich vollständig
erholt, das Tempo ist wie gewohnt hoch, und die Fernmelder
erreichen stets als erste Deutsche Mannschaft das Ziel. Das
erste Bier nach Ankunft geht natürlich auf meine Kosten. Ich
bin stolz auf die Männer.

Der vierte und letzte Tag soll der krönende Abschluss sein.
Doch schon nach dem Wecken meldet sich Unteroffizier K.,
es gehe ihm nicht gut, er habe sich die Nacht über mehrfach
übergeben müssen. Offensichtlich war eine Magenver-
stimmung die Ursache. Er wolle der Gruppe nicht zur Last
fallen und lieber im San-Bereich verbleiben. Vor einer
Entscheidung schicke ich ihn zum Arzt. Nach seiner Be-
handlung und der Einwilligung des Doktors informiere ich
alle. Unteroffizier K. tritt in die erste Rotte ein und gibt das
Tempo vor. Es soll verhindert werden, dass er überfordert
wird. Durch ständigen Gesang zur Ablenkung und weitere
Pausen zwischen den offiziellen Rastplätzen wird die Belas-
tung deutlich reduziert. Die immer heißer strahlende Sonne
um die Mittagszeit, ist dann jedoch nicht mehr auszu-
gleichen. Nach Kilometer 24, vier Kilometer nach dem letzten
Rastplatz mit ärztlicher Versorgung ist Unteroffizier K. mit
seinen Kräften am Ende. Ich befehle sofort eine Pause,
übergebe nach 15 Minuten das Kommando für die Pause an
meinen Stellvertreter, bevor ich mit Unteroffizier K.
291
Leutnantsbuch

gemeinsam die vier Kilometer zum letzten Rastplatz zurück


marschiere. Etwa eine Stunde nach dem Zwischenfall treffen
wir am Rastplatz ein. Wir gehen direkt zum Delegationsarzt,
unterrichten ihn über die Situation. Der Doktor versorgt
Unteroffizier K. sofort, behält ihn für eine weitere Stunde
zur Beobachtung vor Ort und gibt dann grünes Licht für die
Fortsetzung des Marsches. Parallel unterrichte ich meinen
Stellvertreter ständig über den Stand der Dinge, den dieser
an die Soldaten weiter gibt.
Drei Stunden nachdem die unfreiwillige Pause begonnen
hatte, sind wir zurück und werden mit großem Hallo
begrüßt. Unteroffizier K. tritt wieder in der ersten Rotte ein,
sein Gepäck wird alle zwei Kilometer übergeben. Natürlich
sind wir an diesem Tag nicht die Schnellsten, aber wir haben
ohne Ausfall auch den letzten Tag erfolgreich absolviert.
Alle Marschierer erhalten den verdienten NIJMEGEN-
Marschorden aus den Händen ihres Divisionskommandeurs.

Der NIJMEGEN-Marsch ist anstrengend, nein, er ist sehr


anstrengend und einzigartig zugleich. Er ist eine Strapaze
und eine Einladung. Er macht jeden Marschierer leer, bis er
während des Marschierens das Denken einstellt und baut ihn
anschließend wieder auf. Er nimmt alle Kraft und gibt sie
dreifach zurück. Im Kopf ist vieles zu steuern. Der Wille,
etwas zu leisten, ist entscheidend.
Jeder Einzelne meiner Marschierer hatte sich bewährt, war
in seiner Persönlichkeit um eine wichtige Erfahrung reicher,
war gereift. Jeder hat seine Grenzen erfahren und erlebt, was
Kameradschaft bedeutet. Als Marschgruppenführer habe ich
dieses Gefühl noch intensiver erlebt. Ich war verantwortlich
und konnte durch mein persönliches Beispiel, mit den
richtigen Entscheidungen und mit meinem Vertrauen auf die
Leistungsfähigkeit der gesamten Gruppe das Ziel, alle

292
Leutnantsbuch

Marschierer bei der Ordensverleihung vorzustellen, er-


reichen.
Stiefel – an, Rucksack – auf, vorwärts – marsch! Mit diesen
Worten wurde jeder Marschtag begonnen, aber auch die Zeit
nach den vier „Daagsen“, hat dieser Schlachtruf überdauert.
Er passt zum Soldatenleben. Ein Leben in dem es Dinge
gibt, die getan werden müssen, über die man nicht spricht.
Man versucht nicht, sie zu rechtfertigen. Man kann sie nicht
erklären, man kann sie nicht rechtfertigen. Man tut sie
einfach.

Zehn Jahre später trete ich meinen neuen Dienstposten als


Bataillonskommandeur an. Im Rahmen der Übergabe
bespreche ich auch das Personal mit meinem Vorgänger.
Sechs Soldaten, die damals mit mir marschiert sind, bilden
heute wichtige Stützen dieses Bataillons. Aus den
Marschierern sind gute, sehr gute, einsatzbereite und
besonders leistungswillige Soldaten mit der richtigen
Einstellung zum Beruf geworden.
Zwei Wochen nach der Übergabe kommt einer der Soldaten
auf mich zu und fragt: Herr Oberstleutnant, stellen wir
wieder eine NIJMEGEN-Marschgruppe? Ich bin dabei.

HI

293
Leutnantsbuch

Auslandsstudium USA

I n den nun fast acht Jahren bei der Bundeswehr erinnere


ich mich gerne an die Zeit von August bis Dezember 2006
zurück, als ein Kamerad und ich ein Auslandssemester in
den USA verbrachten. Damals wurde es zwei Angehörigen
der Universität der Bundeswehr in HAMBURG ermöglicht,
für fünf Monate die „United States Military Academy West
Point“ zu besuchen, um dort am Studium der amerikani-
schen Kadetten teilzunehmen.
An einem sonnigen Tag erreichten wir im Bundesstaat
NEW YORK die „Academy“, die circa 70 km nördlich von
NEW YORK CITY liegt. Beim Betreten der Einrichtung
entdeckten wir als erstes eine Tafel mit folgender Inschrift:
„A cadet will not lie, cheat, steal, or tolerate those who do.“
Hierbei handelte es sich um den Cadet Honor Code, der auch
unser Leben in den nächsten Monaten prägen sollte. Strikte
Regeln und klare Anweisungen schränkten uns zwar auch in
dem Semester ein, nichtsdestotrotz genossen wir diese Zeit
sehr.
Die kleine Stube teilten wir uns jeweils mit einem ameri-
kanischen Kadetten, der uns bei den ersten Schritten unter-
stützte. Bereits in den ersten Tagen zeigte sich die ameri-
kanische Gastfreundschaft, die uns schnell in das System
integrierte. Das Studium gestaltete sich ein wenig anders zu
dem, was wir an der Universität in HAMBURG gewöhnt
waren. Die Stundenpläne waren strikt organisiert und neben
akademischen Fächern kamen noch ein intensives
Sportprogramm und militärische Ausbildungen auf uns zu.
In Fächern wie „History of the Middle East“ mussten Tests,
Zwischenklausuren und Endklausuren geschrieben sowie
Referate gehalten werden.

294
Leutnantsbuch

Jedoch vernachlässigten wir auch nicht unseren zweiten


wesentlichen Auftrag, nämlich das Kennenlernen von Land
und Leuten.
Trotz der hohen Anforderungen, denen die Kadetten in
„West Point“ unterlagen, waren sie immer bereit, uns zu
unterstützen. Insgesamt kann man sagen, dass die fünf
Monate in den USA fordernd waren, allerdings auch neue
tiefe Freundschaften schafften und uns das amerikanische
System verständlicher machten. „West Point“ war eine
Erfahrung, die mich persönlich weiterbrachte und mir auch
zeigte, dass ein Auslandsstudium in den USA nicht nur viel
Fleiß und Anstrengung erfordert, sondern auch Spaß be-
deuten kann.

HI

295
Leutnantsbuch

„Regen“

D er Transportzug war mit acht LKW MULTI und drei


TPz FUCHS auf dem bekannten, staubigen Rückweg
von BAGRAM nach KABUL. Ein Blick nach hinten auf den
Konvoi zeigte das beruhigende Bild einer konzentrierten
Rundumsicherung an den Maschinengewehren und die
üblichen vermummten Gesichter der Soldaten. Soweit war
alles gut gelaufen, die Straße war frei, und bei konstanter
Marschgeschwindigkeit konnte sich jeder ausrechnen, dass
ausnahmsweise alle pünktlich in die Dienstunterbrechung
gehen würden.
Doch dann zog von Süden her eine dunkelbraune
Wolkenwand rasch auf und zu. Innerhalb von zehn Minuten
wurde der gesamte Konvoi von einer riesigen Staubwolke
verschluckt und die Sichtweite reduzierte sich, trotz
Beleuchtungsstufe 2, auf maximal zehn Meter. Ich befahl die
Weiterfahrt in Schrittgeschwindigkeit und während der
Umriss des hinter mir fahrenden Lkw gerade noch erkennbar
war, drückte sich der Staub in alle sich ihm bietenden
Öffnungen. Nach ein paar Minuten waren Staub und Sand
noch schneller wieder verschwunden als sie gekommen
waren. Dafür begann es, wie aus Eimern zu schütten und
jeder, der aus den Luken heraus sicherte, war sofort
durchnässt. Doch auch dieser Spuk war nach kürzester Zeit
vorbei und schon wenige Kilometer später begannen die
stechende Sonne und der Fahrtwind schon damit, uns wieder
zu trocknen.
Kaum waren wir leicht angetrocknet, als sich uns auch schon
das nächste Hindernis in den Weg stellte. Wo sich auf der
Hinfahrt noch ein nur an dem leicht braungrünen Bewuchs
erkennbares Rinnsal befunden hatte, ergoss sich nun ein 20
Meter breiter, flacher Fluss quer über die Straße. Dieser
hatte den linken Teil der Straße unterspült und einen
296
Leutnantsbuch

Kleintransporter etwa 100 Meter mit sich gerissen. Der lag


auf der Seite in einem flachen, braunen See und war
offensichtlich leer. Dafür hatte sich jenseits des Flusses, in
etwa 300 Meter Entfernung direkt neben der Straße eine
etwa siebzigköpfige Menschengruppe gesammelt. Eine
Menschengruppe an dieser Stelle der Straße war absolut
ungewöhnlich und darüber hinaus war zu erkennen, dass in
der Mitte der Gruppe mindestens ein Feuer entzündet
worden war.
Da wir ausschließlich mit voll beladenen 15 Tonnen MULTI
unterwegs waren, entschied ich sofort, dass eine Durch-
querung des „Flusses“ ungefährlich war und befahl über
Funk langsam und mit erhöhter Aufmerksamkeit weiter-
zufahren.
Als der Konvoi langsam an der Menschengruppe vorbeifuhr,
begannen diese zu winken und auf das Feuer in ihrer Mitte
zu zeigen. Direkt neben dem Feuer standen drei Männer, die
jeweils ein nasses, scheinbar lebloses Kind über das Feuer
hielten.

Absurderweise schoss mir sofort der Gedanke „Jetzt kommt


die Verwundeteneinlage“ durch den Kopf. Dann war die
Entscheidung zu treffen: „Anhalten und helfen“ oder
„Weiterfahren und melden“. Ein kurzer Rundumblick in das
in jede Richtung mindestens einen Kilometer offene und
ebene Gelände ließ den Ort denkbar ungünstig für einen
Hinterhalt erscheinen und ich hatte einen TPz San dabei.
Also schneller Befehl per Funk: „100 m weiter rechts ran
fahren, Maschinengewehre sichern rundum, Beifahrer und
Sanitäter zu mir.“ Absitzen, Verkehrsposten einteilen und
dann gingen wir mit circa zehn Mann auf die Afghanen zu.
Mir war ganz schön mulmig zumute, wie würden die
Afghanen reagieren, hoffentlich machst Du alles richtig. Als
wir auf die Afghanen zugingen, teilte sich die Menge und
297
Leutnantsbuch

man ließ uns unbehelligt zu dem Feuer gehen. Als die


Sanitäter und ich den drei Afghanen, welche die Kinder
trugen, bedeuteten, uns zu folgen, taten sie das anstandslos
und ruhig. Wir führten die drei mit den Kindern hinter den
TPz San, und ich befahl dem Sanitätsfeldwebel, die Kinder
zu untersuchen und dem Funker unsere Position und den
Halt an die Operationszenrale zu melden. Als ich mich
umdrehte, sah ich, wie die Menschenmenge langsam und
ruhig auf uns zukam. Noch während mir die Gedanken im
Kopf herumrasten, was ich am besten befehlen sollte, gingen
meine Soldaten schon freundlich, aber bestimmt auf die
Afghanen zu und bedeuteten ihnen mit Gesten zurück-
zubleiben.
Diese gehorchten sofort, und ich musste nur noch etwas
Ordnung in die „lockere Postenkette“ bringen. Schließlich
meldete mir der Sanitäter, dass wir einen Arzt benötigten.
Wir forderten aus dem nur etwa zehn Kilometer entfernten
Camp einen Beweglichen Arzttrupp (BAT) an, der zugesagt
wurde. Es verging eine knappe Stunde. Die Afghanen
verhielten sich ruhig, nur ich wurde innerlich immer
nervöser – wo bleiben die denn. Als der BAT schließlich
kam, waren wir schon etwa 90 Minuten vor Ort. Der Arzt
übernahm die Behandlung, die allerdings nicht wirklich
reibungslos verlief.
Die Kinder begannen zu „krampfen“ und bis der Arzt alles
unter Kontrolle hatte, waren weitere 90 Minuten vergangen.
Außerdem teilte mir der Arzt mit, dass die Kinder unbedingt
ins Krankenhaus müssten, er sie aber nicht mit zurück ins
Lager nehmen könne. Er schlug eine Verlegung in das Indira
Krankenhaus in der Innenstadt vor. Dies konnte einer
unserer Kameraden, der einige Brocken Arabisch sprach,
den Afghanen auch klarmachen. Ich entschied mich, den
Konvoi zu teilen. Etwa vier Kilometer vor dem Lager bogen
die MULTI in dessen Richtung ab und ich verlegte mit vier
298
Leutnantsbuch

TPz in die Innenstadt. Wir kamen ohne Probleme bis zu dem


Krankenhaus und der Arzt verschwand mit unserem
„Dolmetscher“ im Gebäude, um alles zu regeln. Wir
warteten und warteten und es begann langsam dunkel zu
werden. Als die beiden endlich wieder erschienen, konnten
die Kinder ins Krankenhaus gebracht werden. Unser Arzt
hatte, wie er andeutete, bei den richtigen Leuten das
entsprechende Geld dafür bezahlt. Wieder verschwanden
Arzt und „Dolmetscher“, diesmal mit den Kindern, im
Gebäude. Mittlerweile war es etwa 21.00 Uhr und stock-
dunkel. Alle vier Maschinengewehre waren zwar in die Luft
gerichtet, aber ständig besetzt. Ich konnte die Erleichterung
aller Soldaten spüren, als die beiden schließlich wieder aus
dem Gebäude traten und mir meldeten, dass alles erledigt
wäre. Ich ließ sofort aufsitzen und wir fuhren durch die
nächtlichen Straßen Kabuls zurück ins Camp. Nachdem
mein Oberfeldwebel, der im Zuggefechtsstand auf mich
gewartet hatte, mir meldete, dass er mit den MULTI gut
angekommen war, ging ich zu meinem Kompaniechef, um
mich zurückzumelden.

Laut Aussage des behandelnden Arztes war durch unser


Eingreifen die Genesung der Kinder innerhalb der nächsten
Tage sichergestellt. Hätten wir hingegen nicht reagiert, wäre
ihr Schicksal höchst ungewiss gewesen.

HI
Kein Befehl kann alle Eventualitäten vorab berücksichtigen
und regeln. Hier schlägt die Stunde der Auftragstaktik.
Kenne Deinen Auftrag und, wichtiger noch, die Absicht des
übergeordneten Führers. Nutze in diesem Rahmen Deine
Spielräume. Entscheide und verantworte. Häufig erfordern

299
Leutnantsbuch

außergewöhnliche Lagen ebenso außergewöhnliche Ent-


scheidungen und Maßnahmen. Wäge sorgfältig, auch wenn
nur wenig Zeit bleibt, und räume der Eigensicherung hohe
Priorität ein. Dann fasse Deinen Entschluss und setze ihn
um. Nicht immer wird sich der Erfolg so einstellen wie in
dieser Geschichte. Unabhängig davon wird man aber in der
Rückschau oft zu der Bewertung gelangen: Einen Versuch
war es wert!

300
Leutnantsbuch

Die Veteranen

A nlässlich eines Kommandeurwechsels bei unserem


französischen Patenverband, dem 40e Régiment de
Transmissions in THIONVILLE, war ich als Ehrenzugführer
eingeteilt. Nach dem Appell auf einem großen inner-
städtischen Platz folgte ein Vorbeimarsch der gesamten For-
mation, bestehend aus dem französischen Regiment, meinem
deutschen und einem amerikanischen Ehrenzug, an der
Tribüne der Ehrengäste entlang. Wie in FRANKREICH
üblich, befanden sich die Vertreter diverser
Veteranenverbände mit ihren Fahnen direkt neben dieser
Tribüne. Den Vorbeimarsch mit Blickwendung hatten wir
im Heimatstandort fleißig geübt, eine kleine
Herausforderung bestand noch in der Anpassung an das
Tempo der französischen Marschmusik. Während ich an der
Spitze meiner Formation, direkt gefolgt von unserer
Regimentsfahne, an der Tribüne vorbeimarschierte und den
zweiten Richtungsposten sowie dahinter folgend die
Veteranen in den Blick bekam, entschied ich mich spontan,
die Ehrung per Blickwendung auch den kriegsgedienten
ehemaligen Soldaten zukommen zu lassen. Ich hätte es als
stillos empfunden, ausgerechnet diese Menschen keines
Blickes zu würdigen.
Die Geste war denkbar klein (das Kommando „Augen-
geradeaus“ erfolgte eben nur ein paar Sekunden später als
vom Protokoll gewollt), der Effekt jedoch durchschlagend,
wie ich beim anschließenden Empfang im Offizierheim an
den Mienen der alten Kameraden und den zahlreichen
Gesprächen bemerkte. Zum Hintergrund sei noch ange-
merkt, dass THIONVILLE in Lothringen liegt und die
Bewohner im 20. Jahrhundert mehrmals ihre Loyalität
zwischen FRANKREICH und DEUTSCHLAND wechseln
mussten.
301
Leutnantsbuch

Meine Schlussfolgerungen daraus waren und sind zum


Einen, dass die Blickwendungen in unserer Formal-
dienstvorschrift eine tiefsinnige deutsche Besonderheit und
keineswegs hohler Selbstzweck sind: Beim Ansehen der
Person werden Botschaften ohne Worte ausgetauscht, die
von unersetzlichem Wert sind (hier: „Wir respektieren Eure
Opferbereitschaft“, bei allgemeinen Antreten: „Ich vertraue
Euch – Wir sind da“ und Ähnliches). Zum Andern, dass
einige zentrale geschichtliche und aktuelle Hintergrund-
kenntnisse als Vorbereitung für solche Auftritte unerlässlich
sind.

HI

302
Leutnantsbuch

Das Dilemma

D er HINDUKUSCH – wenn Einsatz, dann hier. Seit


zehn Tagen bin ich nun in AFGHANISTAN. Als
Oberleutnant der Panzertruppe hätte ich hier gerne meinen
Zug geführt. Jetzt habe ich eine Verwendung, die für einen
jungen Offizier ungewöhnlich ist: Ich bin bei CIMIC, und
wenige Monate nach der Versetzung durfte ich auch schon
mit in den Einsatz. Immerhin … Zugegebenermaßen ist die
Tätigkeit sehr viel interessanter als ich sie mir als
Kampftruppenmann vorgestellt habe. Sehr oft unterwegs
sein, der Bevölkerung vor Ort helfen können, und dabei
zwangsläufig viel von Land, Leuten und Kultur
kennenzulernen – das hat viel und gibt mir viel.

Der CIMIC-Trupp, dem ich heute angehöre, wird geführt


von meinem Kompaniechef, einem AFGHANISTAN-
erfahrenen Offizier; außer mir sind noch ein Oberfeldwebel
als Kraftfahrer und unser Sprachmittler dabei. Wir sind seit
gestern mit einer mehrtägigen Patrouille in einer ab-
gelegenen Region im Norden unterwegs. Unsere Aufgabe ist
es, die Patrouille zu begleiten und festzustellen, ob Hilfs-
maßnahmen für die Bevölkerung erforderlich sind; und
wenn ja, in welcher Art und welchem Umfang sie durch die
Bundeswehr geleistet werden können. Es ist meine erste
Fahrt durch dieses Land, und ich bin am zweiten Tag schon
ganz durchgeschüttelt, als wir am frühen Nachmittag unser
erstes Ziel erreichen: ein kleines Dorf mit circa 250
Einwohnern.

Am Ortseingang steht ein Polizist, auf einen großen Stock


gestützt, und winkt uns freundlich zu. Wir halten auf seiner
Höhe an, und unser Sprachmittler lässt sich den Weg zum
Haus des Malik, so wird hier der Dorfälteste bezeichnet,
303
Leutnantsbuch

erklären, mit dem wir sprechen wollen. Kaum hält die


Patrouille in der Mitte des Dorfes an, werden wir von einer
Kinderschar umringt, die uns lauthals schreiend offenbar um
etwas bittet, was ich aber nicht verstehe. Nachdem die
Sicherung steht, geht mein gesamter CIMIC-Trupp in
Begleitung des Patrouillenführers zum Malik, der uns
freundlich begrüßt und uns zum Gespräch auf der Veranda
seines Hauses einlädt. Kurze Zeit später sitzen wir auf dem
Boden der Veranda bei einer Tasse süßen Tees, und es
werden die ersten Höflichkeiten ausgetauscht. Mittlerweile
haben sich etwa 50 Kinder zwischen unserem bewachten
Fahrzeug und dem Haus des Maliks versammelt, die
pausenlos etwas rufen und johlen. Diese lautstarke
Untermalung empfinde ich als Störung, sie tut dem
Gesprächsverlauf aber offensichtlich keinen Abbruch, denn
der Malik und mein Chef bleiben gelassen und unterhalten
sich höflich weiter.

Der Polizist, der uns vorhin den Weg gewiesen hatte, kommt
auf die Kindergruppe zu. Mit strengem Gesichtsausdruck
ruft er den Kindern etwas zu, offensichtlich jedoch ohne
Wirkung. Plötzlich hebt er seinen Stock und schlägt
mehrfach nach den Kindern. Ein kleiner Junge, um die
sieben Jahre alt, kann dem Schlag nicht mehr ausweichen
und wird am Kopf getroffen. Er stürzt hin, die Platzwunde
fängt sofort an zu bluten. Anstatt ihm zu helfen, wendet sich
der Polizist den anderen Kindern zu, um sie mit
Stockschlägen vollends zu vertreiben.

In mir steigt Wut hoch. Was fällt dem ein, so auf Kinder
einzuprügeln. Die haben ihm doch gar nichts getan. Was,
wenn er weitere verletzt? Hat der denn kein Gewissen? Wir
sind hier, um der Bevölkerung zu helfen, und der Polizist als
Vertreter der lokalen staatlichen Gewalt wendet in unnötiger
304
Leutnantsbuch

und überzogener Art und Weise Gewalt gegen Wehrlose an?


Und warum greifen denn noch nicht einmal unsere
Sicherungssoldaten ein? Das kann doch alles nicht sein!

Ich will aufspringen, eingreifen, doch mein Chef hält mich


am Arm fest und raunt mir zu, ohne den Blick von seinem
Gesprächspartner zu wenden: „Bleiben Sie bloß sitzen! Alles
weitere später …!“ Ich bin konsterniert. Gelten hier denn
nicht die gleichen Menschenrechte, die zu vertreten mit zu
unserem Auftrag gehört? Ich habe Mühe, dem weiteren
Gesprächsverlauf zu folgen, sehe, wie die Kinderschar sich
auflöst, wie der verletzte Junge von einem anderen gestützt
in die übernächste Hütte geht, wie der Polizist offenbar
gleichgültig in eine Seitenstraße schlendert …

Eine Stunde später sitzen wir wieder im Fahrzeug und


verlassen gerade das Dorf. Ich setze an: „Herr Major, wieso
haben Sie mich vorhin zurückgehalten? So ein Verhalten
dürfen wir doch nicht zulassen!“

„Herr Oberleutnant, Sie waren kurz davor, vieles zu


vergessen, was Sie in Ihrer Ausbildung gelernt haben. Wir
sind zwar hier, um der Bevölkerung zu helfen, aber wir
befinden uns in einer völlig anderen Kultur mit anderen
Gesetzmäßigkeiten. Das müssen wir akzeptieren, zumal das
Leben des Jungen nicht in Gefahr schien“, so mein
Kompaniechef. „Wenn Sie eingegriffen hätten, hätten Sie
die Gastfreundschaft des Malik verletzt, weil Sie einfach
davon gestürmt wären. Sie hätten die Autorität des Polizisten
untergraben, wenn Sie ihn an seinem Tun gehindert hätten.
Ihr Verhalten hätte letztlich dazu führen können, dass wir
nicht mehr als Gäste und Freunde angesehen würden,
sondern womöglich als Besatzer, mit negativen Folgen für
unsere Auftragserfüllung. Wir müssen akzeptieren, dass dies
305
Leutnantsbuch

der für hiesige Verhältnisse normale Umgang mit Kindern


ist, auch wenn es uns schwer fällt. Vielleicht sind wir sogar
mit verantwortlich dafür, weil erst unser Erscheinen zu
diesem Auflauf geführt hat. Und zu guter Letzt hätten Sie
mit Ihrem spontanen Verhalten ein tolles Beispiel für unsere
Sicherungssoldaten abgegeben. Ich sehe Ihre guten Vor-
sätze, erwarte aber zukünftig von Ihnen, dass Sie überlegter
agieren. Interkulturelle Kompetenz wird im Übrigen gerade
von uns als CIMIC-Soldaten in besonderem Maße erwartet.
Schließlich trägt unsere Aufgabe nicht unmaßgeblich zum
Schutz des gesamten Kontingents bei.“

Je öfter ich über diese Situation nachdenke, umso mehr wird


mir klar, wie Recht mein Kompaniechef hat. So sehr mein
erster Reflex mir richtig erscheint, ein solches, letztlich
unüberlegtes Handelns kann in mehrfacher Hinsicht negative
Auswirkungen haben – für mich wie auch für andere. Sind
wir denn nicht zum Offizier ausgebildet worden, um auch in
unübersichtlichen Situationen erst einen Entschluss zu
fällen, nachdem wir eine Lagebeurteilung angestellt haben?
Und müssen wir nicht auch und gerade in solchen
Momenten einen kühlen Kopf bewahren, ganz gleich, ob es
sich um eine Gefechtssituation handelt oder um eine andere
schwierige Lage? Von uns Offizieren wird doch beispiel-
haftes Verhalten erwartet, und genau das hätte ich beinahe
vermissen lassen. Ein weiteres Mal passiert mir das ganz
bestimmt nicht!

HI

306
Leutnantsbuch

HALMAZAG

E s ist Ende Oktober, in einer Nacht, gegen 02:00 Uhr:


Der G-Zug und die restlichen Teile der 2./Task Force
KUNDUZ marschieren in Richtung Höhe 432 im südlichen
CHAHAR DARREH. So beginnt die Operation
HALMAZAG, die erste große Joint and Combined
Operation des neu aufgestellten Ausbildungs- und
Schutzbataillons (AusbSchtzBtl) KUNDUZ. Ziel ist es,
einen Combat Outpost (COP) nahe der Ortschaft QUAT
LIAM zu errichten und ein Key Leader Engagement (KLE)
mit den lokalen Führern durchzuführen.
Mein Zug marschiert als Spitzenzug bis zum Kfz-
Sammelraum bei der Höhe 432. Nachdem wir diesen
erreicht haben, heißt es für uns erst einmal warten: Warten
auf die AFGHAN NATIONAL ARMY (ANA), die
AFGHAN NATIONAL POLICE (ANP), eine Kompanie der
amerikanischen 10th Mountains Division sowie auf die
Kameraden des belgischen Operational Mentoring and
Liasion Teams (OMLT). Wir nutzen die Zeit, um unsere
Ausrüstung zu überprüfen und letzte Maßnahmen zu treffen.
Wir sollen für 24 Stunden durchhaltefähig sein, da
anschließend die Fahrzeuge auf unsere Stellung
nachgezogen werden sollen. Also ist nur das Nötigste dabei:
Wasser, Munition, Verpflegung, ein paar Sachen zum
Wechseln und was man so für die Nacht braucht. Kurz nach
Sonnenaufgang setze ich mich mit meinen Zug westlich der
Line Of Communication (LOC) LITTLE PLUTO Richtung
Süden mit Ziel ISA KHEL in Marsch, rechts von mir die
ANA und links die Amerikaner. Überraschenderweise bleibt
es während der Annäherung auf die Ortschaft ruhig. Wir
erreichen unser Ziel, eine Schonung am Südrand der
Ortschaft und beziehen eilig Stellung, um uns rundum zu

307
Leutnantsbuch

sichern und Verbindung zu unseren Nachbarn herzustellen.


Die anderen Kräfte gewinnen ebenfalls ihre Angriffsziele.
Plötzlich setzt der Beschuss mit Raketen vom Typ RPG 7
und Handfeuerwaffen aus Osten (nahe der Ortschaft ISA
KHEL) und aus Süden ein. Aufgrund unserer gut gewählten
Stellungen gelingt es uns, den Angriff abzuwehren. Kurz vor
Einbruch der Dunkelheit erfolgt ein erneuter Angriff auf
unsere Stellungen, diesmal aus Südwesten. Es scheint fast
so, als ob die Aufständischen, die so genannten Insurgents
(INS), dieses Vorgehen gewählt haben, um sich ein Lagebild
über unsere Stellungen zu verschaffen. Ich ordne den Zug in
U-Form an, damit wir flankierend vor unseren linken und
rechten Nachbarn wirken können. Dann gebe ich den Befehl
für die Verteidigung, da es sich allmählich abzeichnet, dass
wir noch etwas länger in der Stellung verbleiben werden.
Ohne Murren werden meine Befehle umgesetzt. Meine
Soldaten standen bereits in zahlreichen Gefechten, haben
sich bewährt und sind zu einer eingeschworenen
Kampfgemeinschaft zusammen gewachsen.
Die erste Nacht bleibt ruhig, trotzdem ist eine gewisse
Anspannung allgegenwärtig. Ich mache nicht wirklich ein
Auge zu und rechne jederzeit mit weiteren Angriffen,
obwohl die INS nachts bisher nicht agiert haben. Ab und zu
werde ich aus meinem Halbschlaf gerissen, da die Artillerie
schießt und das Gelände vor unseren Stellungen hell
erleuchtet wird.
Der zweite Tag beginnt ruhig. Der Geruch von EPA-Kaffee
macht sich breit. Doch plötzlich setzt wieder Beschuss ein.
Heftiger und präziser als gestern, doch auch diesmal wehren
wir den Angriff ohne Ausfälle erfolgreich ab. Im Laufe des
Tages versucht der Gegner es erneut, jedoch scheint dies
eher ein Störangriff zu sein, um uns einfach zu beschäftigen.
Er weiß natürlich auch, dass dies Kräfte bindet und sowohl
physisch als auch psychisch anstrengend ist. Die unklare
308
Leutnantsbuch

Lage über Absicht und Stärke des Feindes führt außerdem


dazu, dass wir unsere Fahrzeuge nicht nachführen können.
Ich hätte natürlich Soldaten nach hinten schicken können,
um Material von ihnen zu holen, aber die Gefahr, die Kräfte
in unseren Stellungen zu sehr auszudünnen, halte ich für
nicht zweckmäßig. Daher muss das „Daybag“ zunächst
weiter ausreichen.
Am dritten Tag setzen die INS erneut an. Es scheint, als ob
sie die Schwachstelle der Verteidigungslinie – unsere
Stellung – ausgemacht haben. Diesmal fliegt wirklich alles
in unsere Richtung: RPG, AK-47 und MG-Feuer. Es werden
sogar Mörser eingesetzt, um Kräfte am COP zu binden, die
uns unterstützen könnten. Eine der RPG schlägt kurz über
unseren Köpfen in den Bäumen ein. Glück gehabt, keiner
verwundet. „Geh’ hier bloß nicht drauf, nicht hier, im
afghanischen Niemandsland und bring deine Jungs heil
zurück“, das sind Gedanken, die mir durch den Kopf
schießen und mein Handeln beeinflussen. Ich springe
zwischen den Gruppen hin und her, leite den Feuerkampf
und fordere Feuerunterstützung an. Meine Soldaten arbeiten
mir gut zu und unterstützen mich so gut sie können. Nach
viereinhalb Monaten im Einsatz sind wir alle ein
eingespieltes Team.
Mit Hilfe der SPz MARDER, einer amerikanischen F-15
und unserer Artillerie gelingt es uns, den Angriff
zurückzuschlagen. Schon beeindruckend, welche Wirkung
die 20 mm Kanone des „Eisenschweins“ hat. Die nächsten
Tage verlaufen beinahe alle nach dem gleichen Muster: Die
Stellungen weiter ausbauen, die Zivilbevölkerung
informieren, Verbindungen zu den Nachbarn und der
übergeordneten Führung halten und die gegnerischen
Angriffe abwehren.
Der „Dienst in der Stellung“ zehrt an den Kräften der
Soldaten, aber sie nehmen die Entbehrungen in Kauf und
309
Leutnantsbuch

erfüllen ihren Auftrag ohne zu klagen. Mittlerweile hat


selbst der Letzte erkannt, dass es hier um alles geht und der
kleinste Fehler zu Verwundung oder Tod führen kann. Hinzu
kommt, dass die Männer merken, dass wir diesmal
hartnäckig und standhaft bleiben. Das motiviert und zeigt,
dass wir unser Handwerk beherrschen.
Am fünften Tag erfolgen plötzlich keine Angriffe mehr. Die
Lage hat sich beruhigt und laut Lageinformation meines
Kompaniechefs sind die INS aus dem Raum ausgewichen.
Afghanische Kräfte rücken in die umliegenden Ortschaften
ein, um mit uns zusammen für Stabilität und Sicherheit zu
sorgen. Die Arbeiten am COP sind mittlerweile fast
abgeschlossen und das KLE wurde ebenfalls erfolgreich
durchgeführt. Nach fünf Tagen im Gefecht werden wir durch
die TF MES in der Stellung abgelöst.

HI
Der Erfolg einer Operation wird maßgeblich durch das
Beherrschen des militärischen Handwerks der Soldaten
bestimmt. Die Grundlagen hierfür werden durch eine
fundierte Ausbildung gelegt. Dabei kommt es insbesondere
darauf an, dass die Soldaten diese Ausbildung frühzeitig –
nach dem Grundsatz „train and organize as you fight“ –
gemeinsam absolvieren.
Gerade die derzeitige und künftige Einsatzrealität zeigt, dass
das Beherrschen der allgemeinen Ausbildungsthemen wie
Alarmposten, Stellungsbau und Koordination von Feuer und
Bewegung genauso wichtig ist wie die Anwendung der
taktischen Grundsätze der Operationsarten.
Darüber hinaus ist notwendig, dass insbesondere die Führer
die Einsatzgrundsätze, Verfahren und Leistungsparameter
der im Einsatz relevanten Systeme und Kräfte kennen.

310
Leutnantsbuch

Ferner sind gute englische Sprachkenntnisse unserer Führer


und Unterführer für eine professionelle Zusammenarbeit mit
anderen Nationen und damit für das erfolgreiche Bestehen
im Einsatz imminent wichtig.

311
Leutnantsbuch

Menschenführung im Einsatz

E s war mein erster Einsatz und zum damaligen Zeitpunkt


wusste ich nur in Ansätzen, was mich erwarten würde
und hatte auch nicht mit allem gerechnet.
Der Spähzug FENNEK des PRT (Provincial Reconstruction
Team) KUNDUZ hatte den Auftrag, den Bereich der boden-
gebundenen Spähaufklärung abzudecken. Dies bedeutet
Aufklärung entlang der Marschstrecke, Überwachung ge-
fährdeter Stellen und Patrouille auf gepanzerten Fahrzeugen.

Kern der Vorbereitung ist, alle Soldaten frühestmöglich und


bestmöglich auszubilden.
Das Schaffen von automatischen Reaktionen durch
drillmäßige Ausbildung kann, wenn es hart auf hart kommt,
lebenswichtig sein. „Schweiß in der Ausbildung spart Blut
im Gefecht“, hört sich immer wie eine einfache Floskel an,
wurde für meinen Zug und mich aber schneller Ernst als wir
dachten – doch dazu später mehr.

Menschenführung im Einsatz beginnt lange vor dem Einsatz.


Alleine damit, dass man anfängt, sich Gedanken darüber zu
machen, wen man aufgrund seiner Erfahrung und
Qualifikation mit in den Einsatz nimmt. Darüber hinaus
machte ich mir Gedanken über das zwischenmenschliche
Zusammenspiel, schließlich wäre es nicht sinnvoll gewesen,
Probleme, die einzelne Soldaten miteinander haben, mit in
einen mehrere Monate dauernden Einsatz zu nehmen. Man
sollte dies auch nicht vernachlässigen und denken, dass
erwachsene Menschen damit schon zurecht kommen. Über
einen Zeitraum von vier bis sechs Monaten lässt sich
Dienstliches und Privates nicht trennen. Man muss wissen,
wie man seine Soldaten am besten einsetzen kann, auf wen

312
Leutnantsbuch

man mehr und auf wen man weniger achten muss. Diese
Verantwortung ist unteilbar.
Wir haben viel Zeit und „Schweiß“ in die vorbereitende
Ausbildung gesteckt und jeder von uns war über Monate auf
die vor uns liegenden Belastungen vorbereitet worden. Das
Schaffen von Standards, das gegenseitige Kennenlernen
unserer Stärken und Schwächen, wie auch das Beherrschen
unseres Materials, standen im Vordergrund. Auch die
familiäre Lage der Soldaten muss berücksichtigt werden.
Der Einsatz selbst stellt besonders für junge Soldaten eine
große Belastung dar, viele leiden unter den Ängsten um den
Fortbestand der Beziehung und der oft erstmals langen
Trennung von der Familie.
Daher sollte man den Soldaten und ihrem Umfeld die Zeit
und die Möglichkeit geben, sich auf den Einsatz und die
damit verbundene Trennung vorzubereiten.

Im Juli war es dann soweit, Familie und Freunden auf


Wiedersehen zu sagen und nach AFGHANISTAN zu ver-
legen.

Meine Soldaten und ich mussten in unserem Einsatzzeitraum


direkt mit drei Anschlägen fertig werden. Damit war die
Belastung außergewöhnlich hoch und für uns der Einsatz
etwas anders als für andere Soldaten. Der schwerste
Anschlag folgte im Oktober. Hierbei wurde ein Kraftfahrer
meines Zuges verwundet.
Der Spähtrupp unter Führung meines Stellvertreters war
nach Abschluss seines Überwachungsauftrags auf dem
Rückweg ins Lager. Es war kurz vor Mitternacht und er traf
den Entschluss, südlich von KUNDUZ zurück zu verlegen.
Ungefähr acht Kilometer vom Lager entfernt geriet sein
Spähtrupp in einen Hinterhalt.

313
Leutnantsbuch

Sein Fahrzeug als Führungsfahrzeug wurde mit Geschossen


einer Panzerfaust vom Typ RPG 7 beschossen. Eines der
Geschosse traf das rechte Vorderrad des Spähwagens so
ungünstig, dass es das Rad durchschlug und der Ge-
schosskopf in den Kampfraum eindrang. Dabei wurde der
Kraftfahrer durch die Splitterwirkung verletzt. Die Ver-
letzung war so schwer, dass er zwar den FENNEK noch
einige hundert Meter aus der Gefahrenzone bringen konnte,
danach jedoch sofort versorgt werden musste.
Ich kann die Situation meines Stellvertreters gut nach-
empfinden, erlebte ich eine solche doch selbst erst vor
einigen Monaten. Im August, ebenfalls kurz vor Mitternacht,
südlich vom Lager war ich gerade am Anfang meines
Auftrags und auf dem Weg Richtung Süden, um mit der
Afghanischen Nationalen Polizei (ANP) einen Check Point
zu errichten. Gerade zehn Minuten unterwegs, gab es
plötzlich eine Explosion direkt rechts vor meinem Fahrzeug.
Ich sah bloß ein grelles Licht und vernahm einen lauten
Knall. Ich dachte nicht lange nach, brüllte bloß noch in
meinen Sprechsatz: „Durchstoßen!“ Mein Kraftfahrer gab
sofort Vollgas und mein Systembediener feuerte mit dem
Maschinengewehr grob in Richtung drei Uhr. Der DINGO
hinter uns feuerte daraufhin ebenfalls grob in diese Richtung
und schloss auf mein Fahrzeug auf. Die ANP wusste auf
Grund von Sprachbarriere und anderem taktischen Denken
nicht, was ich wollte und hielt erst an.
Glücklicherweise folgte uns dann auch die ANP, wir
konnten uns 800 Meter entfernt von der Anschlagsstelle
sammeln und alle Fahrzeuge und Besatzungen auf Schäden
und Ausfälle prüfen. Zu unserer positiven Überraschung war
alles in Ordnung.

Anschläge dieser Art bedeuten immer eine extreme


Stresssituation, in der man keine Zeit für langes Denken hat.
314
Leutnantsbuch

Hier muss jetzt das greifen, was man lange und intensiv
geübt hat. In solch einer Situation muss alles wie von alleine
passieren – eben drillmäßig.
Die Verwundung eines Kameraden ist für alle ein schwerer
Moment, er führt die eigene Verletzlichkeit vor Augen und
zeigt auch, dass nicht immer alles gut geht.
Ich selbst erkannte für mich selbst erst hinterher, in einem
Moment der Ruhe, zu wie viel Stress eine solche Situation
führt.
In erster Linie dreht sich alles um den verwundeten
Kameraden – dass es ihm gut geht, was mit ihm passiert. Als
fest stand, dass der Kraftfahrer vorzeitig zurück nach
Deutschland geflogen würde, um die bestmögliche
Behandlung zu bekommen, schaffte dies ein Gefühl der
Zufriedenheit, da ich wusste, dass es ihm bald wieder viel
besser gehen würde. Die Lücke, die aber in einen neun
Mann starken Zug gerissen wird, wenn plötzlich einer fehlt,
ist deutlich spürbar.

Die Angst, die der eine oder andere in sich trug und der
Wunsch, sofort nach Hause zu fliegen, obwohl wir noch
sechs Wochen Einsatz vor uns hatten, zwang mich dazu, als
Vorgesetzter tätig zu werden und alle daran zu erinnern,
warum sie eine Uniform trugen und welche Verantwortung
damit verbunden war. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich nicht
der nette, verständnisvolle Leutnant sein, sondern musste
dafür sorgen, dass mein Zug nicht auseinander brach und ich
meinen Auftrag weiter fortsetzten konnte. Das war auch eine
schwere Zeit für mich; ich musste selber Ruhe und Kraft
finden, um den Kopf wieder frei zu bekommen und um klar
denken zu können.
Ein Grund, weshalb meine Soldaten verstanden, was ich von
ihnen verlangte und mir auch zu hundert Prozent wieder
folgten, war der, dass ich offen war und mich immer
315
Leutnantsbuch

bemühte, meinen Soldaten ein Vorbild zu sein. Ich verlangte


nie mehr von ihnen, als ich mir selbst zutraute. Und auch
dann gab es nur eine Möglichkeit den Zug zusammen zu
halten: „Führen durch Beispiel“. Obwohl ich selber nicht frei
von Sorge war, war ich es, der nach jedem Anschlag als
erster das Lager verließ und in die Nacht hinaus fuhr.

HI

316
Leutnantsbuch

Allein unter Grenadieren

A nfang März war es mal wieder soweit: Ich sollte


„meine“ Panzergrenadierkompanie auf einem zwei-
wöchigen Truppenübungsplatzaufenthalt in meiner Funktion
als Artilleriebeobachter (AB) artilleristisch beraten und
unterstützen. Geübt werden sollte der Kampf um Gewässer;
in diesem Fall das abgesessene Angreifen in Sturmbooten
über die Elbe sowie das Einrichten und Halten eines
Brückenkopfes auf der anderen Seite des Ufers. Schon auf
dem Papier keine einfache Aufgabe.
Ich hatte die Soldaten der Panzergrenadierkompanie schon
bei früheren Übungsplatzaufenthalten als gleichermaßen
fähigen wie auch verschworenen „Haufen“ kennen gelernt.
Die Führer sind gut ausgebildet, professionell im Auftre-
ten und fordernd, aber zugleich fürsorglich zu den
ihnen unterstellten Soldaten. Auch der Kompaniechef – als
„Nordlicht“ typischerweise eher ruhig und ernst im
Auftreten – entsprach voll meinem Bild des Infante-
rieoffiziers. Stets forderte er das Maximum an Leistung
und Engagement, ohne dabei das Wohl und die Bedürfnisse
der ihm anvertrauten Soldaten aus den Augen zu ver-
lieren.
Nach mehreren Tagen der Ausbildung an HAVEL und
ELBE waren wir schließlich soweit: Sehr oft hatten wir
drillmäßig das zu Wasser bringen der Sturmboote geübt, das
Einrücken der Besatzung und das Übersetzen unter dem
Deckungsfeuer der Maschinengewehre im Bug – ich als AB
immer mit in der ersten Welle dabei.
Dann das Signal zum Ausrücken: Man springt ans Ufer und
dann durch offenes Gelände bis in die erste Deckung. Das
plötzlich einsetzende Abwehrfeuer des Feindes und die
gebrüllten Kommandos der Zug- und Gruppenführer hallen
einem in den Ohren. Endlich die Deckung erreicht.
317
Leutnantsbuch

Ein kurzer Blick durch die Reihen. Wie viele haben es


geschafft, wer fehlt? Glück gehabt: Es gab kaum Ausfälle,
die wenigen nach Schiedsrichtereinlagen eingeteilten
„Gefallenen“ oder „Verwundeten“ liegen ein paar Meter
hinter uns im Sand. Laut und eindringlich schallt der Ruf
nach dem Sanitäter über die Uferzone, sodass sich einem
trotz der Übungssituation die Nackenhaare aufstellen.
Unwillkürlich stellt man sich die Frage, wie es wohl
gewesen wäre, wenn hier ein echter Gegner verteidigen
würde, der nicht mit Laserstrahlen schießen würde.
Der Feind weicht wie erwartet aus, wir setzen nach. Den
Handapparat in der linken Hand, die Rechte am Griffstück
folge ich dem Angriff in der „rechten Seitentasche“ des
Kompaniechefs. Unaufhörlich treffen die Lage- und
Feindmeldungen der Zugführer auf dem Kompaniekreis ein.
Binnen Sekunden muss er sie alle aufnehmen, beurteilen und
einen Entschluss fassen. Ein Zögern oder Zaudern kann es
da nicht geben – eine zweite Chance jedoch genauso wenig.
Da, plötzlich: Eine Meldung von dem vorn angreifenden
Zug. Feindliche Baum- und Bausperre aufgeklärt, die das
Nachziehen der Schützenpanzer zum Ausweiten und Halten
des Brückenkopfes unmöglich macht. Sofort der Entschluss
des Kompaniechefs: Der vorn eingesetzte Zug greift unter
flankierendem Deckungsfeuer des Nachbarzuges weiter über
die Sperre an, wirft die Sicherung und sichert anschließend
den Bereich hinter der Sperre, um so die Voraussetzungen
zum Einsatz von Pionieren zu schaffen. Das Gelände ist
denkbar ungünstig, nur ein schmaler Durchlass verbleibt als
Einbruchsstelle für den weiteren Angriff hinter die Sperre.
Geschickt hat der Feind seine Kräfte so in Stellung gehen
lassen, dass unser Angriff sehr lange verzögert wird.
Das Deckungsfeuer des Nachbarzuges setzt ein; der Angriff
beginnt und wird durch das von mir angeforderte Feuer der
Artillerie unterstützt. Sofort bleiben die ersten Teile im
318
Leutnantsbuch

schweren Abwehrfeuer des Feindes liegen. Der Rest der


Soldaten geht in Deckung. Der Angriff beginnt ins Stocken
zu geraten, sein Schwung, und somit der Erfolg des
Angriffs, sind gefährdet. Mit dem Rücken an einen Baum
gelehnt und vor Anstrengung schwer atmend, versuche ich,
mir in dieser unübersichtlichen Lage einen Überblick zu
verschaffen.
Mein Kopf fliegt nach rechts und ich sehe den
Kompaniechef mehr oder weniger offen auf dem Boden
kniend, den Handapparat am Ohr, während sein Funker
neben ihm den Feuerkampf führt. „Wie dämlich“, schießt es
mir in einer ersten Reaktion durch den Kopf, „warum sucht
der sich denn keine Deckung? Wenn er jetzt getroffen wird,
dann steht der Angriff.“ Doch der denkt gar nicht daran:
Scheinbar verärgert wirft er seinem Funker den Handapparat
hin, steht auf, läuft zu einem nahegelegenen Schützentrupp
und fängt an, laut auf sie einzureden: „Los Männer, auf und
weiter angreifen! Wenn wir jetzt hier liegen bleiben, dann
schaffen wir es nie auf die andere Seite der Sperre. Los,
los!“ Dabei packt er sich einen der Soldaten, zieht ihn an
seinem Koppel zu sich hoch und schiebt ihn mit Nachdruck
nach vorne. Ein Gruppenführer erkennt nun auch den Ernst
der Lage, fasst sich ein Herz, springt auf und ruft seiner
Gruppe zu: „Los Männer, mir nach, wir greifen weiter an!“
Dann springt er unter dem Deckungsfeuer der anderen
Gruppen des Zuges über eine hinter der Sperre liegende
Schneise in das nächste Waldstück. Zügig folgt der Rest des
Zuges, der Feind kann dem Angriff nicht mehr länger
standhalten und weicht aus.
Wir haben es geschafft: Die Kompanie hat unter
vergleichsweise geringen Verlusten das Angriffsziel
genommen und somit ihren Auftrag erfüllt. Später am Abend
bei einem Bier in der Betreuungseinrichtung fragte ich den
Kompaniechef, ob er sich des persönlichen Risikos bewusst
319
Leutnantsbuch

gewesen sei, genauso wie den Folgen, die sein Ausfall für
die Kompanie und somit auch für die Gefechtsführung des
gesamten Verbandes hätte haben können. Entgegen seiner
sonst üblichen Art lächelte er mich wissend und in einer
gewissen Art und Weise väterlich an.
„Selbstverständlich“, sagte er. „Aber in so einer kritischen
Situation können und dürfen Sie darauf keine Rücksicht
nehmen! Sie werden nie ein umfassendes Lagebild haben,
wenn Sie sich tief in ein Erdloch oder hinter irgendeine
Deckung kauern und nur über Funk führen. Da müssen Sie
den Kopf schon mal hoch nehmen und darauf vertrauen,
dass Ihnen andere in der Zeit den Rücken frei halten. Und
wenn Sie doch mal ausfallen sollten, dann wird es immer
jemanden geben, der Ihren Platz einnimmt. Sofern Sie Ihre
Leute gut ausgebildet und zum selbstständigen Handeln
erzogen haben. Jeder Mann in der Kompanie muss ersetzbar
sein, auch Ihr Chef. Und dann an der Sperre, als der Angriff
ins Stocken geriet, da ist es an Ihnen als Ihr Führer Sie
weiter anzutreiben. Aber das können Sie nur, wenn Sie
selbst mit persönlichem Beispiel vorangehen. Sie können
von Ihren Soldaten nicht erwarten, ihre sichere Deckung
aufzugeben, während Sie nicht bereit sind, dasselbe zu tun.
Also müssen Sie sich selbst auch mal mehr Risiko wagen als
es Ihre Untergebenen in diesem Moment bereit sind zu tun.
Denn dann sagt der sich ‚wenn der das kann, dann kann ich
das auch!’ Sie geben ihnen damit den nötigen Willen, die
Kraft und den Mut zurück, der nötig ist, um auch unter
diesen Umständen ihre Pflicht zu tun. So verstehe ich
Soldaten im Gefecht zu führen.“

HI

320
Leutnantsbuch

Unter Männern

A ls ich am 1. Juli 2003 meinen Dienst antrat, war ich


besser auf die Bundeswehr vorbereitet, als die
Bundeswehr auf mich. Für Frauen war es seit einiger Zeit
möglich Soldat zu werden, trotzdem sah man uns eher selten
in den verschiedenen Bereichen.
Vermeintlich gut vorbereitet im allerersten Umgang mit
weiblichen Rekruten in diesem Standort, traten uns
ausnahmslos männliche Ausbilder entgegen. Schon bald
zeigten sich die wahren Herausforderungen. Das Antreten
und der Stubendurchgang! Die Frauenstube war auf einem
anderen Flur, dies sollte sicherlich vor unangenehmen
Begegnungen schützen. Doch diese Tatsache verursachte bei
jedem kurzentschlossenen Rausrufen erneut die Frage: „Wo
sind denn die Frauen?“ Stets wurde ein Melder zu Fuß
eingesetzt, was Unmut all derjenigen verursachte, die dazu
eingesetzt wurden. Unsere mit acht Frauen belegte Stube
wurde wie die Höhle des Löwen behandelt. Hier trauten sich
nur die „mutigsten“ Ausbilder herein. Vorzugsweise wurde
ein Gruppenführer geschickt, der auch schon als Sanitäter
verwendet wurde und somit als äußerst erfahren im Umgang
mit weiblichen Kameraden galt. Eine geradezu amüsante
„Vorstellung“ ergab jedes Mal der Blick in den Spind und
die Kontrolle des Stuben- und Revierreinigens als absolute
Paradedisziplin. Ein Blick unter unsere Betten oder die
Kontrolle der Sauberkeit der Damentoiletten und -duschen
war die reinste Komödie.
Nach der Allgemeinen Grundausbildung (AGA) ging es an
die Truppenschulen. Hier hatte man schon Erfahrung mit
weiblichen Soldaten und war auf uns vorbereitet. Daher ließ
es sich der Inspektionschef nicht nehmen, zu betonen, dass
bei zunehmender Dunkelheit und der daraus resultierenden
Zunahme an Lichtquellen, die Vorhänge zu schließen seien.
321
Leutnantsbuch

Wortwörtlich und von allen Jahrgangskameraden gern


zitiert, sagte er: „Posen ist verboten!“ Was auch immer von
ihm beobachtet wurde und diese Belehrung erforderlich
machte, es sollte uns verborgen bleiben. Alles in allem
praktizierte die Truppenschule noch die angenehmste Form
der „Gleichbehandlung“. An dieser Stelle sollten auch jene
männlichen Jahrgangskameraden Erwähnung finden, die
schon damals, die Zukunft der Frauen in der Bundeswehr
lediglich im Sanitätsdienst sahen bzw. immer noch sehen.
Diese fanden in jeder nicht oder nur schlecht abgelegten
Leistung einer Soldatin eine Bestätigung ihrer Ansichten.
Hier kommt oft das Problem der „sich selbst erfüllenden
Prophezeiung“ zur Anwendung. Doch seien einige dieser
uns Frauen vorverurteilenden Kameraden entschuldigt,
betrachtet man noch eine Tatsache. Es gibt zum Leidwesen
der Soldatinnen, die sich jeden Tag aufs Neue beweisen,
immer noch jene, die es schaffen mit unbedachten, das
Klischee reichlich ausfüllenden Handlungen alles
einzureißen, was mühsam aufgebaut wurde. Respekt sei
denjenigen Vorgesetzten gezollt, die es trotz allem
vollbracht haben, die eine von der anderen zu unterscheiden.
Danke auch allen Kameraden, Hörsaalleitern und Chefs, die
uns Frauen nicht immer nur ein Stück begleitet, sondern
auch voran gebracht haben.

Meine nächsten erwähnenswerten Berührungspunkte im


Umgang mit dem anderen Geschlecht hatte ich erst wieder
im Truppenkommando. Als Gruppenführer in der AGA
waren die Erinnerungen an die eigene Grundausbildung
noch so frisch, dass ich es mit der Vorstellung anging, „es
besser zu machen“. Doch die Herausforderungen waren nun
wieder ganz andere. Wer meint, eine Gruppe Männer
gleichen Alters mit abgeschlossener Berufsausbildung zu
führen, könnte sich schwierig gestalten für eine Abiturientin
322
Leutnantsbuch

mit gerade mal einem Jahr „Bundeswehrerfahrung“, der irrt.


Die zehn männlichen Schützen, die ich nun für drei Monate
zur Ausbildung anvertraut bekommen hatte, gingen relativ
unbeeindruckt mit der Tatsache um, eine Frau als
Gruppenführer zu haben. Der militärische Alltag gestaltete
sich überraschend einfach und komplikationslos. Das
größere Problem war mein Zugführer, der aus einer anderen
Truppengattung kam, in der es bis dahin noch keine Frauen
gab. Er war nicht in der Lage seine Rolle als Vorgesetzter
mit Vertrauen, Loyalität und der nötigen Portion an Umsicht
auszufüllen.
Eine Entscheidung war am Anfang zu fällen, da mit mir ein
weiterer weiblicher Fahnenjunker ein Truppenkommando
absolvierte. Entweder führen meine Kameradin und ich eine
Gruppe gemeinsam oder wir verzichten auf unseren
Sommerurlaub. Die Entscheidung fiel leicht, da wir zwei uns
schnell einig waren, dass eine eigene Gruppe für jede die
bessere Alternative war. Schließlich wollten wir unseren
eigenen Führungsstil finden und umsetzen. Rückblickend
möchte ich meine Zeit als Fahnenjunker und Gruppenführer
in der AGA nicht missen, da man nie wieder so prägend auf
„seine“ Soldaten einwirken kann.
Nach bestandenem Einzelkämpfer- und Offizieran-
wärterlehrgang Teil 2 wurde ich erneut in die Truppe
versetzt. Zunächst als stellvertretender Zugführer bis zur
Leutnantsbeförderung, dann erfolgte die Übernahme eines
eigenen Zuges. Meine Erfahrungen waren dabei sehr
unterschiedlich. Ich traf auf „altgediente“ Portepees, die mir
sehr wohlwollend und zum Teil auch väterlich
gegenübertraten. Ich hatte aber auch Begegnungen der
anderen Art. Einer der ersten Sätze, die ich von dem
Hauptfeldwebel hörte, dessen Zug ich später übernahm, war:
„Es gibt zwei Dinge, die ich hasse. Das sind
Offizieranwärter und das sind Frauen bei der Bundeswehr.“
323
Leutnantsbuch

Willkommen in der Wirklichkeit! Ich erfüllte diese beiden


Voraussetzungen, man kann sich leicht vorstellen, wie die
„Zusammenarbeit“ verlief.
An dieser Stelle darf nicht unerwähnt bleiben, dass es in
meinem damaligen Bataillon bereits zwei weibliche
Offizieranwärterinnen vor mir gegeben hatte. So
unterschiedlich diese beiden auch auf das Offizier- und
Unteroffizierkorps gewirkt hatten, so schwer war es dann
sich aufs Neue und unabhängig von früheren Erfahrungen
einen Stand zu verschaffen. Dennoch ist es mir damals
gelungen, eine gute Kameradschaft zu den meisten
Feldwebeldienstgraden aufzubauen. Als Fähnrich und später
Oberfähnrich gehört man doch, meiner persönlichen
Erfahrung nach, mehr zum Portepee- als zum Offizierkorps.
Was sich wiederum schlagartig mit dem Tag der
Beförderung zum Leutnant änderte. Wurde man am
Vorabend noch kritisch im Kreise der Offiziere beäugt und
wohlwollend im Kreise der Feldwebel akzeptiert, kam mit
dem ersten Stern die volle Zuerkennung im Offizierkorps
und die ebenso fast gleichsam bedingte kritische
Betrachtung durch die Portepeeträger in deren Kreise.
Zusammenfassend habe ich allerdings sehr gute Erfahrungen
in meiner Zeit als Zugführer machen dürfen. Ich wusste
immer den einen oder anderen Feldwebeldienstgrad an
meiner Seite, wenn es um Ausbildungsvorbereitungen,
Übungsvorhaben und Fragen zum alltäglichen
Dienstgeschäft ging. Dabei schien es den damals noch
überwiegend jungen Portepeeträgern ziemlich egal zu sein,
dass sie nun eine Frau zur Vorgesetzten hatten. Es spielte
keine Rolle, ob es sich dabei um die Bewältigung des
militärischen Alltags oder auch mal um das gemütliche
Beisammensitzen nach dem Dienstschluss handelte, ob man
nun Kameradin, Vorgesetzte oder Untergebene war. Es war
der unkomplizierte Umgang miteinander, der dazu beitrug,
324
Leutnantsbuch

diese positiven Erlebnisse und die erfahrene Kameradschaft


über die Studienzeit hinaus zu bewahren.
Nach meinem Studium trat ich meinen Dienst als Zugführer
in meiner alten Einheit an und durfte den Großteil meiner
bekannten Portepees wiedertreffen. Das verschaffte mir
einen leichten Einstieg in die Kompanie, eine unbeschwerte
und wie von früher gewohnte, unkomplizierte
Zusammenarbeit. Auch die Integration in das Offizierkorps
und die Zusammenarbeit mit den anderen Oberleutnanten
stellte sich als angenehm heraus. Die von der Brigade
angesetzte taktische Weiterbildung für alle Oberleutnante
nach dem Studium trug zur Bildung einer homogenen
Gemeinschaft der „jungen Offiziere“ bei. Auch die Tatsache,
dass ich der einzige weibliche Offizier meines Standortes
bin, stellt im täglichen Dienst oder bei Veranstaltungen im
Offizierkreis kein Problem dar.

HI
Aus persönlicher Erfahrung kann ich allen Frauen nur
empfehlen: Seht in erster Linie Euren Beruf als etwas
Besonderes und Euch nicht als Frau in diesem Beruf. Denn
Ihr seid immer erst Soldat und dann „Frau“. Versucht es
nicht den Männern zu beweisen, sondern nur Euch selbst.
Versucht nicht Euch einen „männlichen“ Führungsstil
anzueignen, sondern findet Euren eigenen. Natürlich darf
der auch „weiblich“ sein, denn jeder Vorgesetzte hat seine
Eigenarten. Bleibt Eurer Linie treu, aber bleibt offen für
Verbesserungen. Seid in erster Linie Kamerad, Vorgesetzte
und Untergebene, denn nur so wird ein unkomplizierter
Umgang zwischen den Geschlechtern möglich.
Der Beruf des Offiziers ist und bleibt ein ganz Besonderer,
unabhängig davon ob man männlich oder weiblich ist. Wenn

325
Leutnantsbuch

man diesen bewusst und entschlossen ausführt und mit


Freude ausfüllt, wird es in Zukunft noch viel weniger eine
Rolle spielen, ob man Soldat oder Soldatin ist.

326
Leutnantsbuch

Ein Tag im Ausbildungsverband des Gefechtsübungs-


zentrums Heer

D er Tag beginnt wie immer: Um 05:30 Uhr wird


geweckt, alle Soldaten beginnen mit der Vorbereitung
auf den Dienst. Doch was ist nun los? Der II. Zug der
Kompanie betritt gerade in ziviler und militärischer
Ausrüstung den Kompanieblock. Die Soldaten sehen alle
erschöpft aus. Man bekommt nur einige Gesprächsfetzen
mit: „Der Marsch zur Kirche heute Nacht war ein echtes
Highlight“ und „Die Ansprache des Dorfältesten ist dem
Hauptfeldwebel richtig gut gelungen“, oder „Mensch, war
das ein Gefecht. Da haben wir es der Übungstruppe richtig
schwer gemacht am Übergang der Delbe.“ Ein Anderer
wiederum äußert: „Mist, mir ist schon wieder der Kaftan
eingerissen. Wann kommen endlich die neuen Klamotten?“
Ein „normaler Soldat“ würde sich an dieser Stelle fragen:
„Was ist denn bitte hier los?“. Aber das beschriebene Bild
ist Normalität im Ausbildungsverband des Gefechts-
übungszentrums Heer (GefÜbZ H) in der LETZLINGER
HEIDE. Das Aufgabenspektrum der 4. Kompanie, eine
verstärkte Jägerkompanie mit einem Zug WIESEL, umfasst
neben der Darstellung der Operationsarten im Rahmen
Operationen verbundener Kräfte auch die gezielte
Durchführung der einsatzvorbereitenden Ausbildung für die
Truppe, die sich beispielsweise auf ihre Einsätze im
KOSOVO oder in AFGHANISTAN im GefÜbZ H
vorbereiten.

Während die Soldaten des II. Zuges mit der Nachbereitung


beginnen, bereiten sich die anderen drei Züge auf die
Darstellung der heutigen einsatzvorbereitenden Ausbildung
vor. Das kann zum einen bedeuten, dass ein ganzer Zug für
eine Aufgabe eingesetzt wird. Es kann zum anderen aber
327
Leutnantsbuch

auch sein, dass nur ein Feldwebel und ein Mannschaftssoldat


eingeteilt werden, um den Straßenverkehr auf den
Hauptverkehrswegen des Truppenübungsplatzes in der
ALTMARK darzustellen. So wird es uns niemals langweilig,
da jeden Tag eine andere Ausbildung auf uns zu kommt. Die
„Handlungsanweisungen“ werden den entsprechenden
Ausbildungsthemen immer auf den Leib geschneidert und
regelmäßig an die neuesten Erkenntnisse aus den
Einsatzgebieten angepasst.
Ein besonderer Höhepunkt ist für uns der Einsatz als
AFGHAN NATIONAL ARMY, kurz ANA, da dies immer
besonders abwechslungsreich und spannend ist. Zur
normalen Dienstbekleidung gehören dann die typischen
Woodland-Uniformen, wie man sie auch in
AFGHANISTAN sieht. Dabei bilden wir u.a. das Szenario
des „Partnering“ ab, welches die Zusammenarbeit der
Bundeswehr mit der ANA simuliert. Ich selbst bin meistens
beim Operational Mentoring and Liaison Team (OMLT)
eingesetzt. Das bedeutet, dass ich – in der Regel zusammen
mit meinem Kompaniechef – zu den Absprachen mit der
jeweiligen Übungstruppe fahre, um zwischen den beiden
„Nationen“ zu vermitteln und das gemeinsame Vorgehen
von deutschen und afghanischen Soldaten abzustimmen.
Diese so genannten Meetings sind immer sehr fordernd und
werden sehr detailliert vorbereitet, zumal wir hier sowohl als
Ausbilder als auch als taktische Führer in das
Übungsgeschehen eingreifen. Jedes Mal erlebe ich hier
etwas Neues und verinnerliche zugleich die aktuellen
Einsatzbedingungen, auch wenn ich selbst nicht unmittelbar
in den Einsatz gehe. Daher sind Routine und Langweile auch
Fremdwörter für unseren Ausbildungsverband, zumal
ständige Anpassungen an das aktuelle Lagebild während
eines Übungsdurchganges die Regel sind.

328
Leutnantsbuch

HI
Die Laufbahn für Offiziere des Truppendienstes zeichnet
sich durch attraktive, abwechslungsreiche und an-
spruchsvolle Verwendungen aus. Hierzu zählen auch
Verwendungen in den zentralen Ausbildungseinrichtungen
des Heeres, in denen hervorragende und einsatzerfahrene
Ausbilder ihren Dienst versehen und – wie am Beispiel des
GefÜbZ H – im Rahmen der einsatzvorbereitenden
Ausbildung einen wichtigen Beitrag für das erfolgreiche
Bestehen unserer Soldaten im Einsatz leisten.

329
Leutnantsbuch

Nach dem Studium

E ndlich, mein erster Tag in der Truppe nach dem


bestandenen Studium. Mehrere Telefonate mit meinen
neuen Vorgesetzten haben mich eher verunsichert, was
meine weitere Verwendung angeht. Eigentlich werde ich in
eine Kampfkompanie versetzt, soll aber zur Eingewöhnung
erst nochmal als Zugführer in der Allgemeinen
Grundausbildung eingesetzt werden. Da ich zum Ende des
Quartals meinen Dienst antrete, ist mein geplanter
Dienstposten in dieser Zwischenverwendung noch von
einem Leutnant besetzt. Ich bekomme den Auftrag, mir das
Ganze erst mal nur anzuschauen und mich somit auf meine
zukünftige Aufgabe vorzubereiten. Natürlich komme ich
recht schnell mit dem Leutnant ins Gespräch. Er beschreibt
die Zusammenarbeit mit meinen zukünftigen Gruppen-
führern als eher schwierig. „Abends besprechen die Grup-
penführer immer, was sie am nächsten Tag ausbilden und
wo die Ausbildung stattfindet. Stell’ Dich darauf ein, dass
die sowieso ihr Ding durchziehen und Du Dich nicht
durchsetzen kannst.“ Ich mache mir meine Gedanken über
diese Aussage und meine Sorgen steigen. Sind diese
Feldwebeldienstgrade, die teilweise schon die 9. oder 10.
Allgemeine Grundausbildung am Stück hinter sich haben,
wirklich so festgefahren? Kann ich meine eigenen Ideen und
Vorstellungen getrost vergessen? Am nächsten Tag sehe ich
mir die praktische Ausbildung an, um mir ein eigenes Bild
der Leistungsfähigkeit meiner baldigen Ausbilder zu
machen. Als Thema steht das Erkennen und Identifizieren
von Spreng- und Kampfmitteln auf dem Dienstplan. Was ich
vorfinde, macht mich stutzig. An einer Station hält ein
Obergefreiter UA alleine die Ausbildung, hat jedoch weder
Handzettel noch sonstige Ausbildungsvorbereitungen
vorzuweisen. Im persönlichen Gespräch erklärt er, erst am
330
Leutnantsbuch

selben Morgen von seinem Einsatz als Ausbilder erfahren zu


haben. Ich sage ihm, er solle die Ausbildung weiter
durchführen und ich werde der Sache nachgehen. Ich finde
die zwei anderen Gruppen des Zuges, welche untereinander
eine Stationsausbildung abgesprochen haben, ohne die
Gruppe des Obergefreiten in den Stationskreislauf
einzubeziehen. In mir breitet sich Entsetzen aus. Wie soll ich
mit diesen Zuständen in wenigen Wochen eine
Grundausbildung durchführen? Hatte der Leutnant mit
seiner Einschätzung der Ausbilder etwa wirklich recht?
Zurück in der Kompanie frage ich ihn, wie er die
Ausbildung geplant hatte. Er antwortet mir, dass er das nicht
so genau sagen könne, das hätten mal wieder die
Gruppenführer unter sich ausgemacht. Mir reißt der
Geduldsfaden und ich weise den Leutnant ein, dass man als
Zugführer die Pflicht hat, die Ausbildung zu planen und zu
organisieren. Da nach meiner Einschätzung in diesem Zug
einiges unzweckmäßig abläuft, suche ich meinen
Kompaniechef auf. Ich kenne ihn bereits als einen meiner
Ausbilder an der Truppenschule vor dem Studium.
Eigentlich will ich nur etwas über die Zustände in meinem
zukünftigen Zug erfahren und mich über seine Einschätzung
des Personals informieren. Bevor ich jedoch richtig darüber
nachdenke, bin ich schon am Erzählen, was ich bei der
Ausbildung für Mängel erkannt habe. Leider übersehe ich
die Grenze zwischen einem bekannten Kameraden, von dem
ich mir Tipps erhoffe, und meinem Kompaniechef. Nach
meinen Schilderungen muss er natürlich handeln. Er führt
Einzelgespräche mit den Ausbildern und dem Leutnant. Mir
wird erst jetzt bewusst, dass ich durch das Studium wichtige
Grundsätze verdrängt habe. Der Chef wird erst
hinzugezogen, wenn das Problem im eigenen Bereich nicht
mehr lösbar ist. Schnell wird mir klar, dass diese Situation
meinen Stand in der Kompanie nicht verbessern wird. Wenig
331
Leutnantsbuch

später kommt der Kompaniechef auf mich zu und rät mir das
Gespräch mit den Ausbildern zu suchen. Das Ganze hat nun
Wellen geschlagen, die ich nicht bedacht hatte. Ich suche
also das Gespräch mit den Ausbildern und stelle klar, dass
ich keinen vorführen wollte. Ich lasse mir die Situation aus
deren Sicht schildern und werde gefragt, warum ich nicht
zuerst mit dem Verantwortlichen für die Ausbildung
gesprochen hätte und dort die vermeintlichen Mängel
angesprochen habe. Natürlich stellt sich die Lage nach der
Aussprache mit den Gruppenführern anders dar. Das Bild,
das ich vorfand, war eine kurzfristige Übergangslage, die der
zu diesen Zeitpunkt geringen Anzahl an verfügbaren Grup-
penführer geschuldet war und sich kurz darauf besserte. Ich
muss zugeben, dass ich in der Situation nicht darüber
nachgedacht habe. Für mich selbst stelle ich fest, dass ich
somit meine erste Lektion im neuen Bataillon gelernt habe.
Es lag viel Wissen während meiner Studienzeit brach. Im
Nachhinein ärgere ich mich, dass ich über meine
Entscheidung, den Chef hinzuzuziehen, nicht besser
nachgedacht habe. Trotzdem behalte ich den festen Vorsatz,
den Zug nach meinen Vorstellungen zu führen.
Jetzt, fünf Wochen später, stelle ich fest, dass die
Gruppenführer motiviert und leistungsfähig sind. Die
Einschätzung des Leutnants kann ich nicht teilen. Nach
meiner Wahrnehmung hat hauptsächlich jemand gefehlt, der
die Führung des Zuges auch als seine Pflicht
wahrgenommen und übernommen hat. Viele meiner Ideen
und Vorstellungen kann ich umsetzen, bei manchen haben
meine Ausbilder Verbesserungsvorschläge, die ich
angemessen berücksichtige. Ich habe mich im Bataillon
eingelebt und das Verhältnis zwischen den Gruppenführern
und mir ist gut. Und das Wichtigste: Ich habe Spaß an
meinem Beruf!

332
Leutnantsbuch

HI
Stelle Dich Deiner Verantwortung! Binde die Unterführer in
die Lagefeststellung ein! Schenke Vertrauen! Reflektiere
Dein Verhalten!

333
Leutnantsbuch

Das offene Ohr

S eit hundert Tagen sind wir jetzt in AFGHANISTAN und


Ende des Monats geht es nach Hause. Wir waren schon
immer ein gutes Team. Doch der Einsatz hat uns im Zug
noch mehr zusammengeschweißt. Vor allem eine Situation
ist mir noch gut in Erinnerung, die ich so schnell nicht
vergesse. Doch von vorn:

Vor gut drei Wochen – etwa zwei Drittel der Einsatzzeit


hatten wir hier bereits absolviert – traf ich Stefan im
Raucherzelt vor unserem Block. Wir kennen uns seit unserer
Grundausbildung vor zwei Jahren und haben seither nahe-
zu jeden Ausbildungsabschnitt gemeinsam absolviert. Hier
in AFGHANISTAN ist er, so wie ich, Beifahrer und MG-
Schütze auf dem TPz.
An diesem Tag war Stefan irgendwie verschlossen und
längst nicht so gut gelaunt wie sonst. Erst nach einiger Zeit
rückte er damit heraus und erzählte mir, was passiert war.
Seine Freundin und er hatten sich mächtig am Telefon
gestritten. Für beide schien die Trennung durch den Einsatz
und in gewisser Hinsicht wohl auch die Ungewissheit
zunehmend unerträglicher. Zudem hatte Clara, so heißt
Stefans Freundin, zum ersten Mal von Trennung gesprochen.
Sie habe gerade eine schwierige Prüfungsphase und erhoffe
sich mehr emotionalen Beistand, erklärte er mir.
Auch ich hatte in dieser Hinsicht bereits meine Erfahrungen
gesammelt und wusste, wie schwierig es ist, in den wenigen
Minuten Telefonat – noch dazu im Einsatz – nicht das
vermeintlich Falsche zu sagen. Doch Stefan schien
regelrecht niedergeschlagen und verzweifelt zu sein. Bis spät
in die Nacht unterhielten wir uns und ich fasste den
Entschluss, ihm, wenn irgend möglich, eine kleine Auszeit
zu verschaffen.
334
Leutnantsbuch

Am nächsten Tag bat ich unseren Zugführer, einen jungen


Oberleutnant, der ein Jahr zuvor unseren Zug übernommen
hatte, darum, mit Stefan den Dienst am darauf folgenden
Tag tauschen zu dürfen. Da ich allerdings Stefans Situation
auch nicht an die große Glocke hängen wollte, erklärte ich
auf Nachfrage meines Vorgesetzten, dass mich eine
Patrouille in den Osten Mazar-e-Sharifs sehr interessiere,
was zugegebenermaßen auch zutraf. Stefan gewann so einen
Tag im Camp und hatte die Möglichkeit einmal ausgiebig
mit Clara zu sprechen.

Das tat er dann auch. Irgendwie schien unser Zugführer


allerdings doch etwas mitbekommen zu haben. Vielleicht
war ihm schlichtweg Stefans Niedergeschlagenheit aufge-
fallen. Jedenfalls schaffte er es, am darauffolgenden Wochen-
ende, an dem mehrere Video-Live-Konferenzen zu den
Familien nach Deutschland geplant waren, auch einige
Minuten für Stefan und seine Freundin zu reservieren – ein
weiteres Mosaiksteinchen, das seine Wirkung nicht ver-
fehlte. Mittlerweile ist Stefan nahezu wieder der alte und
freut sich, ebenso wie Clara, aufs Monatsende.

Auf mich wartete allerdings noch eine ganz andere


Überraschung, als ich während des Antretens vergangene
Woche durch unseren Zugführer vor die Front geholt wurde.
„Vor allem im Einsatz erstreckt sich Kameradschaft weit
über das Dienstliche hinaus. Einsatzbelastungen betreffen
uns alle. Umso erleichterter bin ich festzustellen, welchen
Stellenwert Teamgeist in diesem Zug hat. Neben mir steht
ein Soldat, der nicht nur im Dienst mit vorbildlichem Einsatz
überzeugt, sondern auch außerhalb des Dienstes für seine
Kameraden ein offenes Ohr hat und auch zusätzliche
Belastungen nicht scheut, wenn er damit anderen helfen

335
Leutnantsbuch

kann. Ich bin froh, solche Kameraden um mich zu wissen“,


erklärte er dann vor versammelter Mannschaft.

Auch wenn es mir vielleicht ein wenig peinlich war, ich bin
normalerweise niemand, der gern im Mittelpunkt steht, war
ich auch stolz auf das Gesagte. Doch lag mir auch daran,
unserem Zugführer, als ich ihn später traf, zu erklären, wie
selbstverständlich das Ganze für mich war. Seine Reaktion
verblüffte mich: „Wissen Sie, Herr Hauptgefreiter, es ist
immer einfach, vieles schnell als selbstverständlich hin-
zunehmen. Ihr Verhalten war schlichtweg vorbildlich, so
etwas sollte nicht verschwiegen werden.“

Lob ist ebenso wie Tadel ein wesentliches Führungsmittel.


Leider wird es oft vernachlässigt. Doch gerade zur Festigung
des Teamgeistes, wirkt vor allem Anerkennung nicht nur
unmittelbar auf den Betroffenen, sondern auch auf sein
unmittelbares Umfeld motivationssteigernd.

HI
Lob und Anerkennung kommen gegenüber dem Tadel oft zu
kurz, obwohl sie wesentlich zur Motivation beitragen und
auch den Teamgeist fördern. Es ist ein Zeichen echter
Kameradschaft, belastete Kameraden bei der Bewältigung
ihrer Probleme zu unterstützen. Eine solche Hilfsbereitschaft
wird auch von anderen wahrgenommen und gewürdigt.

336
Leutnantsbuch

Die Gruppe in der AGA

I m Alter von damals 22 Jahren war ich zum ersten Mal


verantwortlich für zehn Soldaten im Alter von 19 bis 24
Jahren. Es stellte sich schnell heraus, dass diese Gruppe sehr
heterogen war – ein ‚Querschnitt der Gesellschaft’, wie man
immer so sagt. Die jungen Soldaten unterschieden sich
deutlich in ihren Bildungsniveaus, der körperlichen Ver-
fassung, der Einstellung zur Bundeswehr und in privaten
Vorlieben. Wenn ich jetzt in meiner kleinen DIN A 6-
Gruppenführerkladde von damals nachlese, finde ich dort
unterschiedlichste Beschreibungen:
- Der Sohn eines ehemaligen DDR Botschafters in der
damaligen Sowjetunion, Triathlet, mit dem Ziel des
Studiums „Hotelmanagement“ in der Schweiz, der
Interesse an der Übernahme ins Reservistenverhältnis
zeigte.
- Der Offizieranwärter auf Widerruf, der während dieser
Grundausbildung die persönliche Entscheidung pro/
contra Übernahme SaZ 12 zu fällen hatte.
- Der 19-jährige Rekrut, der als engster Verwandter für
die Betreuung der sich in psychiatrischer Behandlung
befindlichen Großmutter verantwortlich war und sich
schnell als informeller Führer herauskristallisierte.
- Der Wasserinstallateur aus Stade, der mit einem
Hauptschulabschluss einerseits kein überdurch-
schnittliches Bildungsniveau hatte, sich andererseits
durch seine praktischen Fähigkeiten, sein Engagement
und seinen Humor auszeichnete und ein Leistungsträger
der Gruppe war.
- Ein arbeitsloser Tischler, der in der 7. Klasse seine
Schulausbildung abgebrochen hatte, mit Problemen im
privaten Bereich sowie mit der körperlichen Fitness.

337
Leutnantsbuch

All’ diese unterschiedlichen Charaktere mit ihren ver-


schiedensten Fähigkeiten vereinten sich nun in meiner
Gruppe. Meine Aufgabe war es nun, als Ausbilder das
soldatische Grundhandwerkszeug zu vermitteln. Als Führer
und Erzieher wollte ich aus der Summe von Einzelpersonen
eine Gruppe bilden, die zusammenhielt und stolz darauf war,
in eben dieser 5. Gruppe zu sein.

Bei der Umsetzung dieses Zieles war ich dann mit


Problemen konfrontiert, mit denen ich zuvor nicht gerechnet
hatte. Ein Wehrpflichtiger hatte z.B. einen sehr prägnanten
eigenen Körpergeruch, gepaart mit einer ungenügenden
Körperhygiene. Bei der Übung von Schleiftricks im Rahmen
der Sanitätsausbildung wurde er deswegen gemieden. Um
einer Ausgrenzung aus der Gruppe und möglichen
Pflichtverletzungen wie „Pflicht zur Gesunderhaltung“,
„innerdienstliche Wohlverhaltenspflicht“ oder „Pflicht zum
Gehorsam“ frühzeitig entgegenzuwirken, musste ich also
handeln. Leider (oder zum Glück) gibt es für solche und
viele andere Probleme des Truppenalltags keine Patent-
lösungen, die in Vorschriften oder Ausbildungshilfen, auf
den speziellen Fall zugeschnitten, nachzulesen sind.
Mit Gesprächen, dem Befehl zur Durchführung ange-
messener Körperhygiene, verstärkter Dienstaufsicht, „Erzie-
herischen Maßnahmen“ oder Disziplinarmaßnahmen nach
der Wehrdisziplinarordnung steht ein bunter Strauß an Maß-
nahmen unterschiedlichen „Eskalationsniveaus“ zur Verfü-
gung. Ich führte mit dem Soldaten ein Vieraugengespräch,
zeigte ihm auf, dass seine mangelnde Hygiene das Zu-
sammenleben und -arbeiten der Gruppe belastet und befahl
ihm, sich täglich zu waschen bzw. zu duschen. Dies zeigte
für einige Zeit Erfolg.
Etwa eine Woche später teilte mir der Spieß mit, dass er dem
Soldaten eine schriftliche Ausarbeitung zum Thema
338
Leutnantsbuch

„Hygiene im Felde“ aufgetragen hatte, da dieser mit stark


verschmutztem Essgeschirr bei der Essensausgabe erschien.
Ich befahl dem Rekruten, mir nach Dienst die Ausarbeitung
vorzulegen. Gegen 17.00 Uhr meldete er, dass er die
Ausarbeitung nicht verfassen könne. Ihm fehlten einfach die
geistigen Fähigkeiten, um eine solche Problemstellung zum
Thema „Hygiene“ schriftlich zu erörtern. Ich nahm mir
daraufhin Zeit, um ruhig mit dem Soldaten gemeinsam die
Ausarbeitung zu Papier zu bringen. Dabei öffnete er sich
und berichtete von persönlichen Problemen, einer laufenden
Vaterschaftsklage und dem Tod eines nahen Angehörigen,
die er zuvor für sich behalten hatte.

Am Ende dieses Tages war ich froh, mehr über „meinen


Problemsoldaten“ erfahren zu haben. In der restlichen Zeit
der Allgemeinen Grundausbildung besserte sich das Ver-
halten des Soldaten, wenngleich er weiterhin manchmal die
eigene Körperhygiene vernachlässigte. Ich beließ die „Er-
ziehung“ auf meiner Ebene. Welches Verhalten hier richtig
war oder was ein anderer an meiner Stelle getan hätte, möge
jeder für sich beurteilen.
Es passt nicht jede Maßnahme x (wie schriftliche Aus-
arbeitung für verschmutztes Essgeschirr) auf jeden Soldaten
y (der selbstständig eine solche nicht schreiben kann).
Dies war ein Beispiel für eine Herausforderung während
meines Gruppenführerpraktikums. Für mich war dies die
schönste Aufgabe meiner bisherigen Dienstzeit, da ich als
Gruppenführer in der AGA während und auch außerhalb des
Dienstes sehr viel Zeit mit den mir anvertrauten Soldaten
verbracht habe. So konnte ich die Stärken und Schwächen
meiner Soldaten und auch meine eigenen erfahren. Man wird
von seinen Untergebenen hier und auch in anderen
Verwendungen mit Vorgesetztenfunktion nicht nur als

339
Leutnantsbuch

militärischer Vorgesetzter in dienstlichen Belangen, sondern


auch als Ratgeber für allgemeine Dinge, wie Berufs-
perspektiven oder private Probleme, wahrgenommen, ob-
gleich man kaum älter ist als sie.

HI

340
Leutnantsbuch

Soldatenwallfahrt nach LOURDES

D er Standortpfarrer hatte im Lebenskundlichen Unter-


richt davon gesprochen, dass Menschen verändert aus
Lourdes zurückkommen. Was hat er damit gemeint?
Neugierig geworden, habe ich mich für die Internationale
Soldatenwallfahrt nach LOURDES angemeldet.
Wir trafen uns an einem sonnigen Montagmorgen Ende Mai
am KÖLNER Hauptbahnhof. Hier wartete eine bunte Menge
aus Soldatinnen und Soldaten sowie zivilen Mitarbeiterinnen
und Mitarbeitern aus der gesamten Bundeswehr. Unser Mili-
tärpfarrer begrüßte uns und wir bekamen erste Instruktionen.
Im Zug vernahmen wir eine Stimme aus dem Zuglaut-
sprecher. Es war eine Durchsage des Militärischen Trans-
portführers (MTF). Er gab präzise Anweisungen zum allge-
meinen Verhalten während der Wallfahrt, zur Trageweise
der Uniform, Alkoholverbot usw. Dann meldete sich noch
der Pilgerleiter und lud zu einem gemeinsamen Gebet zu
Beginn der Wallfahrt ein. Der Einladung wurde nicht immer
gefolgt, weil wenige sich als gläubige Christen offenbaren
wollten. Kameradschaft und Geselligkeit waren kein Problem
– aber Stille im Gebet erzeugte Unbehagen.
Gegen Mittag des nächsten Tages fuhr der Zug im Bahnhof
Lourdes ein. Zunächst ging es in geschlossener Marsch-
formation durch die Stadt hoch zum Zeltlager. Die gut drei
Kilometer Fußweg sollten mit einem Lied verkürzt werden.
Wir sollten das Halleluja nach Taizé singen. Das Vorhaben
wurde aber nach kläglichem Versuch schnell wieder aufge-
geben.
Wir wurden in großen Zelten untergebracht und hatten Zeit,
uns mit den Lagereinrichtungen vertraut zu machen. Ins-
gesamt war das Zeltlager sehr einfach ausgestattet. Dafür
gab es in der Stadt alles reichlich. Bevor wir das Zeltlager
aber verlassen durften, gab es eine Befehlsausgabe. Auch
341
Leutnantsbuch

gab es einen Tagesdienstplan mit Hinweisen, an welchen


Veranstaltungen unser Sonderzug geschlossen teilnehmen
würde. Das waren zum Glück nur sehr wenige Veranstal-
tungen, sodass jeder sein eigenes Programm zusammen-
stellen konnte. Angebote gab es genügend. Fast 20.000
Soldatinnen und Soldaten aus mehr als 40 Nationen ver-
sammeln sich bei der jährlichen Internationalen Soldaten-
wallfahrt und eben so viele Zivilisten wollen sich dieses
Spektakel nicht entgehen lassen. Entsprechend bunt und ge-
füllt war die Stadt.
Zum gemeinsamen Eröffnungsgottesdienst wurde es zum
ersten Mal Ernst. Da traten eine Soldatin und ein Soldat nach
vorne und sie bekannten sich in wilder Ehe zu leben, ein
weiterer bekannte sich zur Homosexualität. Zuerst glaubte
ich an eine ungeheuerliche Störung des Gottesdienstes. Doch
durch den Hauptzelebranten wurden wir aufgefordert, uns
mit den Problemen unserer nächsten Kameraden auseinander
zu setzen und sich nicht zu verschließen bzw. nicht weg-
zuschauen.
Nach dem Gottesdienst gingen viele nachdenklicher ge-
worden in die Stadt und vielfach wurde über das Erlebte
weitergesprochen.
Abends kam ich schnell mit anderen Kameraden ins Ge-
spräch. Viele sagten, dass sie eigentlich wegen der abend-
lichen Feiern und der internationalen Begegnung nach
LOURDES gekommen sind. Als die Kameraden sich so
unterhalten, sieht man so „ein Leuchten in ihren Augen“.
Irgendetwas ist schon passiert an diesem Ort, wo der
Legende nach dem kleinen Mädchen Bernadette die Mutter
Gottes erschienen war.
Am nächsten Morgen regnete es in Strömen und die gute
Laune vom Vorabend ist im Zeltlager auf einen
unterirdischen Tiefpunkt gerutscht. Gegen Mittag ging ich
hinunter in die Stadt. Die Cafés waren mit Soldaten gefüllt.
342
Leutnantsbuch

Viele Nationen hatten Musikkorps mitgebracht, die durch


die Stadt zogen und dort, wo der Jubel besonders groß war,
wurde spontan ein Platzkonzert gegeben.
Nur im Heiligen Bezirk fand man Ruhe vor dem Trubel.
Dort hatte Bernadette auf Geheiß der Mutter Gottes nach
einer Quelle des Lebens gesucht.
Man muss sich vorstellen, dass sich ein Rahmenprogramm
in fast beliebigen Sprachen täglich wiederholt. Alle wollen
einen Gottesdienst an der Grotte feiern, eine Lichterprozes-
sion organisieren usw. Jede Pilgergruppe kommt zu ihrem
Recht.
Ein Höhepunkt war die Ankunft der kranken Soldaten und
Soldatinnen der Bundeswehr. Gerne meldet man sich für den
Sonderdienst der Krankenbetreuung. Immer gibt es mehr
Freiwillige als zu Betreuende.
Anschließend fand ein gemeinsamer Kreuzweg mit dem
Militärbischof statt. Die Kameraden, die den beschwerlichen
und steinigen Weg bergan nicht gehen konnten, wurden auf
Tragen hinaufgetragen. An jeder Station wurden die Kranken
abgesetzt. Obwohl das Tragen sehr schmerzhaft war, mochte
niemand abgeben.
In der Stille der Nacht trafen sich Soldaten an der Grotte
zum Gebet. Man wird plötzlich und nachhaltig von diesem
Ort ergriffen. Diese besondere Erfahrung und das Erlebnis
bleiben mir unvergessen. Ich habe viele betrübte Soldaten
erlebt, die mit einem Lächeln im Gesicht weggegangen sind.
Auch die Augen der vielen Kranken waren voller Hoffnung
und leuchteten heller als die von manchem augenscheinlich
Gesunden.
Es gäbe noch soviel zu erzählen von diesem besonderen Ort.
Nach fast einer Woche in LOURDES, mit viel Nach-
denklichem, aber auch viel gelebter Kameradschaft, mussten
wir uns verabschieden.

343
Leutnantsbuch

Wir marschierten geschlossen zur Marienstatue im Heiligen


Bezirk, um Abschied zu nehmen. Und wieder sangen wir das
Halleluja von Taizé. Diesmal sangen alle mit.
Schließlich setzte sich der Zug durch die Nacht in Be-
wegung. Es war merkwürdig ruhig in den Abteilen. Was hatte
der Standortpfarrer gesagt. „Ihr kommt als anderer Mensch
zurück.“ Und es stimmt. LOURDES war und ist ein außer-
gewöhnliches Erlebnis und für jeden eine sehr individuelle
Erfahrung – in jedem Fall aber eine Bereicherung.

344
Leutnantsbuch

Als Seelsorger in AFGHANISTAN – Erfahrungen und


Einsichten aus einer anderen Welt *

„E s hat gut getan, Ihnen morgens beim Waschen zu


begegnen. Sie haben trotz Kälte und Dreck so viel
Optimismus ausgestrahlt. Das hat mir richtig Kraft für den
Tag gegeben“, so die freundliche Anerkennung eines
Oberstabsarztes mir gegenüber an seinem letzten Tag im
März 2002 im Camp Warehouse in KABUL. Zunächst
freute ich mich ganz einfach über dieses Lob. Dann aber
wurde mir auch deutlich: Dieser Dank enthält im Kern das
Seelsorgekonzept der Einsatzbegleitung: Teilen der Lebens-
bedingungen als Seelsorge. Das ist ungewöhnlich. Ich habe
als Pfarrer bisher ganz unterschiedliche Formen von
seelsorgerlicher Betreuung kennen gelernt: Die Bedeutung
der Besuche im Gemeindepfarramt, das Ritual, wenn ich
Menschen in Übergangssituationen begleite, das Seelsorge-
gespräch in Konflikt- und Belastungssituationen.
Im Einsatz jedoch ist Seelsorge noch viel elementarer. Sie
besteht vor allem im Mitgehen mit den Soldaten und im
Erleben und Bewältigen der gleichen Lebensbedingungen.
Und schön – wie mein Beispiel zeigt –, wenn wir Pfarrer
dabei Optimismus und Humor ausstrahlen. Das klingt sehr
einfach. Doch als leicht habe ich diese an mich gestellte An-
forderung in AFGHANISTAN nicht empfunden. Im Gegen-
teil. Aber dennoch als spannend und facettenreich. Darüber
will ich in diesem Aufsatz erzählen.

Der Aufbruch
„Ich habe mich drei Mal zu Hause von meiner Frau und
meinen Kindern verabschiedet. Und dann stand ich abends
wieder vor der Tür. Das war das absolute Chaos. Ich bin
immer noch sauer. Aber was konnte ich dagegen tun?“
Diesen Kommentar über den Aufbruch in DEUTSCHLAND
345
Leutnantsbuch

im Januar 2002 habe ich oft von den Soldaten der Luft-
landebrigade gehört.
Tatsächlich war der erste Teil der Verlegung der ISAF-
Soldaten nach AFGHANISTAN durch sich dauernd
ändernde politische Vorgaben gekennzeichnet. Der Abflug
verzögerte sich deshalb fortlaufend. Auch die Aufstellung
der Kontingente. Und das alles ereignete sich zeitgleich zu
den Weihnachtsvorbereitungen in den Familien. Mein katho-
lischer Kollege und ich haben es ganz ähnlich erlebt. Die
innere Anspannung während des Christfestes 2001 werde ich
nicht so schnell vergessen.

Warum haben die wechselnden Lagen und unterschiedlichen


Einplanungen die Soldaten so erschöpft und verbittert? Ich
glaube zum einen, weil die Alarmierung mitten in die
Vorbereitungen des Weihnachtsfestes platzten. Wir alle
freuten uns auf unser familiäres Weihnachtsfest. Und auf
einmal schien es eher unwahrscheinlich, dass wir Weih-
nachten überhaupt noch zu Hause sein würden.
Zum anderen hatten Soldaten den Eindruck, vor ihren
Angehörigen und Freunden das Gesicht zu verlieren. Sie
hatten angekündigt, beim Afghanistaneinsatz dabei zu sein –
dann waren sie vielleicht auf einmal doch nicht mehr dabei.
Sie sollten im Dezember fliegen – auf einmal verzögerte sich
alles, und es würde vielleicht sogar Februar werden. „Bist du
immer noch da? Wir dachten, du bist schon weg?“, fragten
auch mich Freunde ein wenig schmunzelnd.

Inwiefern konnten wir als Seelsorger den Soldaten helfen?


Ich denke, es war für die Soldaten sicherlich zum einen
hilfreich, dass wir Pfarrer mit ihnen gemeinsam die
Ungewissheiten des Aufbruchs trugen. Ich erinnere mich an
den Tag nach Weihnachten, als wir zusammen auf gepackten
Seesäcken und Kampftragetaschen in einem Büro des
346
Leutnantsbuch

Stabsgebäudes saßen und der kommenden Dinge harrten.


Unserer inneren Unruhe haben wir durch Witzeleien Luft
gemacht. Das hat geholfen und natürlich wurde auch an
diesem Tag nichts aus dem Abflug.

Wichtig ist weiterhin, dass der Pfarrer das Geschick der


Soldaten als Zivilist teilt. Der Pfarrer steht außerhalb der
Hierarchie und ist vor allem Werten wie Gerechtigkeit und
Fürsorge verpflichtet. Damit ist er so etwas wie ein
Bremsschuh für mögliche Willkür und Ungerechtigkeit.

Ja, er ist – dritter Gesichtspunkt – in den Augen vieler so


etwas wie ein Repräsentant von Öffentlichkeit, ein Fenster
nach draußen, durch das in das System und in die inneren
Abläufe der Bundeswehr hineingeschaut werden kann. Das
begrenzt das Gefühl des Ausgeliefertseins, das sich beim
einzelnen Soldaten in Situationen wie der Alarmierungs-
phase für den Afghanistaneinsatz leicht einstellen kann.

Ankunft im Camp Warehouse in KABUL


„Ach, jetzt kommt unser Beistand, nun kann uns ja gar
nichts mehr passieren!“ So sind mein katholischer Kollege
und ich von einigen Soldaten begrüßt worden, nachdem
wir am 19. Januar 2002 im Camp Warehouse in KABUL
eintrafen. Die Fahrt vom Flughafen BAGRAM, wo wir
landeten und von den Kameraden in Empfang genommen
wurden, bis nach KABUL glich zuweilen einer Reise durch
eine Mondlandschaft. Die Zerstörung aufgrund der jahre-
langen Kämpfe gerade in diesem Gebiet war allgegenwärtig
und erzeugte deprimierende Anblicke. Schließlich erreichten
wir KABUL.
Die Menschen in KABUL staunten uns in den Bussen an. So
viele ausländische Soldaten hatten sie schon lange nicht
mehr gesehen. Wir überspielten unsere eigene Unsicherheit
347
Leutnantsbuch

durch freundliches Zulächeln. „Hoffentlich passiert hier


nichts!“, habe ich nur gedacht. Denn wir waren eingepfercht
in einen schrottreifen afghanischen Kleinbus und wären
im Falle von bewaffneten Übergriffen ziemlich wehrlos
gewesen. Das waren die Anfänge. Doch – wie schon ange-
deutet – schließlich erreichten wir unser Feldlager.

Die Bezeichnung „warehouse“ – auf deutsch „Lagerhaus“


passt, denn das Camp Warehouse ist der ehemalige Bauhof
von KABUL mit großen Werkstatt- und Lagerhallen und
einem mehrstöckigen Bürogebäude. Das Ganze ungefähr
zehn Kilometer außerhalb der Stadt an der Straße von
KABUL nach JALALABAD gelegen.
Allerdings haben die mehrjährigen selbstzerstörerischen
Kämpfe der Mudschaheddin gegeneinander auch diese
Einrichtung nicht unbeschadet gelassen. Im Gegenteil: Die
Hallen sind zum Teil vollständig zerschossen und ein-
gefallen, das Gelände ist vollgestellt mit Baugeräteschrott
und in den Mauern des Stabsgebäudes gab es Mitte Januar
noch keinen Strom, kein Wasser, keine Scheiben vor den
Fenstern, keine Kanalisation.

Ein zuständiger Soldat empfing uns herzlich, wenngleich mit


einigen Frotzeleien und markigen Sätzen. Wahrscheinlich
wollte er uns auf diese Weise die Chance nehmen, allzu sehr
unserer Enttäuschung über den Zustand des Gebäudes und
über die abendliche Kälte in den Räumen nachzuhängen.
Auch waren bei weitem noch nicht so viele Zelte aufgebaut
wie erhofft. Die sehnsüchtig erwarteten Warmluftgeräte
fehlten natürlich auch. Alles war sehr karg. In der Nacht fiel
die Temperatur schließlich bis minus 20 Grad. Aber wir
hatten ja gute Schlafsäcke bekommen. Und nachdem ich
endlich einige Tabletten gegen meine Kopfschmerzen (wir

348
Leutnantsbuch

befanden uns auf einmal auf 1.800 Meter Höhe!) geschluckt


hatte, bekam meine Zuversicht wieder die Oberhand.

Ich habe als Soldatenseelsorger eine ganze Zeit gebraucht,


bevor ich mich an diese gängige Bezeichnung „Beistand“
gewöhnt hatte. Es schien mir zu viel Ironie mitzuschwingen.
Irgendwann habe ich begriffen, dass von Seiten der Soldaten
viel Ehrlichkeit in dieser Bezeichnung enthalten ist. Oft
genug sehen Soldaten in uns den einzig verbliebenen
Beistand, der eine gehörige Portion Autorität und Vortrags-
recht vor höheren Vorgesetzten hat. Von seelsorgerlicher
Betreuung in Konfliktsituationen ganz abgesehen. Ja und
dann ist mir irgendwann deutlich geworden, dass der Pfarrer
in den Augen der Soldaten tatsächlich so etwas wie die
„Nähe Gottes“ verkörpert. Für die Soldaten bedeutet deshalb
die Begleitung durch den Pfarrer, auch fern von daheim
nicht außerhalb der Fürsorge Gottes geraten zu sein. Diese
Gewissheit kann durchaus eine Hilfe sein, wenn Gefühle der
Fremdheit und Verlorenheit einen zu überwältigen drohen.

Der Raum der Militärseelsorge


„Befehlsfreie Zone“ – diese Bezeichnung hatten wir an den
Raum der Militärseelsorge im Stabsgebäude befestigt. Der
Raum lag im Parterre, nahe dem Treppenhaus. Wir waren
also stets im Blickfeld und leicht erreichbar. In den ersten
Wochen eines neuen Kontingents sind die Soldaten noch mit
dem Aufbau beschäftigt. Die Neuigkeitserfahrungen und die
viele Arbeit lassen das Bedürfnis nach intensiven
Einzelgesprächen eher in den Hintergrund treten. In der
Fallschirmjägertruppe wird ohnehin vieles Persönliche in der
engen und verbindlichen Gemeinschaft der Gruppen und
Trupps besprochen.

349
Leutnantsbuch

Wir sahen aber schnell die entscheidende Betreuungslücke


und machten aus unserem Raum eine erste Betreu-
ungseinrichtung. Voraussetzung dafür waren die preiswerten
Teppiche, die uns ein afghanischer Mitarbeiter besorgte, und
die den Raum wohnlich machten. Mein Mitarbeiter in
OLDENBURG schickte mir ein Heißluftgerät, das wir
mithilfe eines technisch versierten Mitbewohners tatsächlich
an einen Generator vor dem Haus anschließen konnten und
das dafür sorgte, dass es bei uns einige Grade wärmer war
als im restlichen Gebäude und erst recht draußen. Außerdem
versorgte uns mein Mitarbeiter mit Instantkaffee und
Keksen, die wir unseren Besuchern anboten.
Dieser Raum der Militärseelsorge wurde stark frequentiert,
oft von 8 Uhr morgens bis 23 Uhr nachts. Und von allen
Dienstgradgruppen. Da war der Dreisternegeneral und Be-
fehlshaber Einsatzführungskommando, der einmal auf unsere
Einladung hin vorbeischaute, eine kleine Pioniergruppe war
regelmäßig Gast, um sich aufzuwärmen, der Chef des Stabes
machte mit einer Zigarette und einem Cappuccino bei uns
Pause, „Instler“ kamen und viele andere Soldaten aus allen
Dienstgradgruppen, um sich eine Auszeit zu nehmen, um
einmal kurz den Blicken ihrer Vorgesetzten zu ent-
schwinden, um die Gemeinschaft zu genießen und sich
auszutauschen. Special guest war die Schriftstellerin Siba
Shabib („Nach AFGHANISTAN kommt Gott nur noch zum
Weinen“), sie gab bei uns eine Autogrammstunde usw. usw.

Und wir? Wir mussten einfach da sein, gastfreundlich


einladen, Zeit haben und vor allem gut zuhören. Doch nicht
immer wurden wir Seelsorger gebraucht, zuweilen reichte
einfach schon der Raum. So werde ich nie vergessen, wie
einmal ein älterer Unteroffizier kam, um für sich zu sein und
zu weinen.

350
Leutnantsbuch

Patrouillenbegleitung
„Blackman soll seine Schulterklappen runternehmen!“ Die
Aufforderung kam per Funk aus dem Führungsfahrzeug vom
Leiter der Gruppe. Blackman war mein Spitzname bei
einigen Fallschirmjägern. Ich konnte die Aufforderungen des
Patrouillenführers, eines Oberfeldwebels, gut nachvollziehen
und hatte meine Schulterstücke schon selbst vorher abge-
nommen. Ich wollte unsere afghanischen Gesprächspartner
in dieser Anfangsphase nicht irritieren oder gar provozieren.
Damit hätte ich den Dienst unserer Einsatzsoldaten zu-
sätzlich erschwert.
Ich begleitete eine abendliche Patrouille, die vom Camp
Warehouse in die Stadt KABUL in ihren Verantwortungs-
bereich fuhr. Freundlicherweise muteten die Soldaten mir
nicht wie sich selbst zu, auf der Ladefläche des Zweitonners
Platz zu nehmen, sondern ich durfte in der Führerkabine
mitfahren. Sie ahnten wohl, dass ich nicht die gleiche
körperliche Widerstandskraft gegen die Kälte, den eisigen
Wind und den Schnee haben würde.
In KABUL werden wir zuerst ein Polizeiquartier in unserer
Verantwortungsregion ansteuern, um zusätzlich afghanische
Polizisten aufzunehmen. So gestaltet sich die Auftrags-
durchführung. Denn die ISAF-Soldaten (ISAF heißt: Inter-
national Security Assistence Force, also Unterstützungs-
truppe) haben nicht die Verantwortung für die Situation in
KABUL, sondern unterstützen lediglich die einheimischen
Kräfte bei ihrem Bestreben, für Sicherheit zu sorgen. Diese
Patrouillen sind wirklich nicht ungefährlich. Die britischen
Fahrzeugkolonnen sind häufiger beschossen worden. Auch
die Sicherheitskräfte wirken nicht unbedingt zuverlässig.

Oberfeldwebel G. möchte auch vor diesem Hintergrund


ungern, dass ich als Pastor erkennbar bin. Er kann das
Verhalten seines afghanischen Partners noch nicht genau
351
Leutnantsbuch

einschätzen. Ja, am Anfang empfand er mich eher als


zusätzliche Belastung. „Jetzt muss ich auf Sie auch noch
aufpassen.“ Doch das änderte sich schnell. Seine
eingeschworene Gruppe, er und ich kamen uns schnell
näher. Er fand mein Interesse an seinem Dienst gut und
beteiligte mich deshalb an allen Gesprächen, die er führte.
Zum Beispiel mit den Polizeioffizieren. Einmal besuchte er
sogar den Gottesdienst. Ein Gegenbesuch bei Blackman
sozusagen. Ein paar Tage, bevor er nach Deutschland flog,
winkte mich der Oberfeldwebel in sein Zelt. „Ich habe etwas
für Sie!“ Er zog aus seiner Tasche ein ledernes Halsband mit
einem Stein. In den Stein war ein Kreuz eingeritzt. „Das
habe ich für Sie gemacht!“

Die Brüdergemeinde
Am Sonntagnachmittag fuhren mein katholischer Kollege
und ich immer zur Brüdergemeinde. Die Brüdergemeinde
bestand aus drei bzw. zwei Brüdern, die zur so genannten
„Christusträgerbruderschaft“ gehörten und die in KABUL
zwei ambulante Kliniken und ein Arbeitsbeschaffungs-
projekt betrieben. Bruder Tschak und Bruder Retho waren
schon über 30 Jahre in KABUL. Sie hatten selbst über
die schlimme Zeit der Mudschaheddinkämpfe, während der
ein Großteil KABULS zerstört worden war, in der Stadt
ausgehalten. Nur während des Bombenkrieges der USA
hatten sie kurzzeitig ihre Wohnungen und Kliniken ver-
lassen. Die Brüder wohnten in der ehemaligen Residenz des
DDR-Botschafters im Diplomatenviertel KABULS. Sie
hatten das über viele Jahre völlig unbewohnte Haus gerettet,
als es nach Raketentreffern drohte auszubrennen. Zu den
Gottesdiensten, die wir am Sonntagnachmittag mit den
Brüdern, den kleinen Schwestern Jesu in KABUL und vielen
Mitarbeitern von NGOs feierten, brachten wir auch immer
Soldaten mit. Die genossen es, das Lager einmal für einige
352
Leutnantsbuch

Stunden verlassen zu können, in einem richtigen


Wohnzimmer zu sitzen und sich mit Zivilisten über die
Situation in AFGHANISTAN auszutauschen. An eine
Situation erinnere ich mich noch besonders. Fast eine ganze
Stabsabteilung hatte sich für die Fahrt zu den „Brüdern“
angemeldet.

Auf dem Gelände angekommen und uns per Funk in der


OPZ „abgemeldet“, stellte ich die Soldaten den Brüdern vor.
Doch kaum hatten sie die Veranda des Gebäudes betreten,
versanken die Soldaten ins Schweigen. Ich ahnte, was in
ihnen vorging. Sie blickten auf den Rasen, die Blumen, die
Sträucher. Sie genossen den Schatten und die kultivierte
Natur. Und auf einmal fiel der ganze Druck des Kabuler
Lagerlebens von ihnen ab. Die Enge im Camp, die
Anspannung aufgrund der Rivalitäten im Stab, die
Erschöpfung aufgrund der fast täglichen Sandstürme und der
brutalen Hitze (es war mittlerweile Sommer), die Sorgen um
das Zuhause. Und sie wurden ganz ruhig.
Und sammelten wieder Kraft.

Verteilen von Kinderschuhen


Die Kinderschuhe waren von unseren Angehörigen in
Deutschland gesammelt worden und die Luftlandever-
sorgungskompanie organisierte den Transport nach KABUL.
Wir selber fuhren dann mit den Schuhen zu Schulen, deren
Leiter vorinformiert worden waren. So wussten alle Be-
scheid, als wir mit unserem Geländewagen und Zweitonnern
auf den Schulhof vorfuhren. Der Schulleiter – oder die
Schulleiterin – kamen uns mit ihren Helfern schon entgegen
und begrüßten uns herzlich. Abgesehen von der Kern-
mannschaft beteiligten wir an diesen Aktionen immer wieder
neue Soldaten. Diese breiteten die Hunderten von Kin-
derschuhen dann auf Bänken auf dem Schulhof aus. Die
353
Leutnantsbuch

Kinder traten klassenweise an unsere Auslagen und suchten


sich unter unserer Beratung ein paar aus. Oder wir trugen sie
sackweise in Abschätzung der richtigen Schuhgröße für die
Altersstufe in die Klassen. Und dort wurden sie dann in
unserem Dabeisein und unter Aufsicht des Klassenlehrers
verteilt.

Ursprünglicher Anlass für diese Aktion war die Betroffen-


heit unserer Soldaten über die vielen Kinder in KABUL, die
trotz Kälte und Schnee auch im Januar keine oder nur ganz
unzulängliche Schuhe trugen. Diese Bedürftigkeit tat uns
sehr Leid. Der zweite Grund war: Wir wollten unsere
eigenen Ohnmachtsgefühle überwinden. Denn die frierenden
Kinder im Januar 2002 in KABUL waren ja nur die Spitze
des Eisbergs. Man darf nicht vergessen, wir waren in ein
Land gekommen, in dem seit über 20 Jahren Krieg herrschte.
AFGHANISTAN war nicht nur zerstört, sondern zerfallen
in die Machtbereiche verschiedener Provinzfürsten, die häu-
fig genug untereinander verfeindet waren. Und manchmal
hatten wir den Eindruck, unser Engagement in KABUL ist
letztlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir haben
nicht die Möglichkeiten, ein Bedingungsgefüge zu schaffen,
unter dem die Menschen ihr Land und ihren Staat wieder
aufbauen können. Zu sehr hat der Krieg die Menschen ge-
prägt.

Natürlich sollte unsere Aktion nicht an die Stelle einer


nüchternen Bestandaufnahme treten. Aber sie konnte
Gedankenspiralen der Ohnmacht und Resignation unter-
brechen. Und sie konnte uns das Gefühl geben: Wir können
etwas tun! Denn Afghanistan besteht nicht nur aus vom Krieg
und Terror traumatisierten Menschen, die passiv geworden
sind. Genauso warten in den Schulen zum Beispiel viele
Kinder, um endlich wieder etwas zu lernen. Und wir selber
354
Leutnantsbuch

sind nicht zum Scheitern verurteilt, sondern das in KABUL


Erreichte wird mit der Zeit auf das ganze Land ausstrahlen.
Veränderung ist möglich.
Ist diese Sichtweise naiv? Ich glaube nicht. Und ich sehe
auch keine Alternative zu dieser Hoffnung.

*) Dieser Beitrag wurde mit freundlicher Genehmigung des


Evangelischen Kirchenamtes für die Bundeswehr abgedruckt.
Der Autor, Militärpfarrer Jürgen Walter, hat diesen in dem Buch
„Für Ruhe in der Seele sorgen – Evangelische Militärpfarrer im
Auslandseinsatz der Bundeswehr; Hrsg. Evangelisches Kirchen-
amt für die Bundeswehr, Bonn, 2003“ veröffentlicht.

355
Leutnantsbuch

Selbstverständnis des Heeres

Das Grundgesetz regelt die parlamentarische Kontrolle und


Kommandogewalt über die Bundeswehr. Es betont den Pri-
mat der Politik, der die militärische Führung der politischen
Führung unterordnet. Streitkräfte und Staat stehen in einem
besonderen Treueverhältnis. Das Selbstverständnis der An-
gehörigen des Heeres begründet sich in diesem Rahmen aus
der Verpflichtung, der Bundesrepublik Deutschland treu zu
dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes
tapfer zu verteidigen.

Die Merkmale des Selbstverständnisses des Heeres


• Das Heer ist Kern der Landstreitkräfte und Träger der
Landoperationen im Rahmen von Einsätzen zum
Schutz Deutschlands und seiner Bürgerinnen und Bür-
ger, bei internationaler Konfliktverhütung und Kri-
senbewältigung, bei der Unterstützung der Bündnis-
partner, bei Rettung, Evakuierung und sonstigen
Hilfeleistungen.

• Das Heer muss weltweit in den unterschiedlichsten


geografischen, klimatischen und kulturellen Regionen
kämpfen, schützen, helfen und vermitteln können.

• Das Heer setzt die Werte und Normen des Grund-


gesetzes durch Anwendung der Prinzipien der Inneren
Führung um und wendet zur Erfüllung seiner Aufga-
ben die Grundsätze der Auftragstaktik an.

• Das Heer steht in der Tradition der Heeresreformer


um Gerhard von Scharnhorst, der Widerstands-
kämpfer des 20. Juli 1944 und seiner eigenen über
356
Leutnantsbuch

50-jährigen Geschichte, nicht zu vergessen, tugend-


haftes Verhalten und herausragende Einzeltaten aus
unserer langen Militärgeschichte. Dies wird in seinen
Truppenteilen, seinen Truppengattungen und seinem
militärischen Brauchtum erlebbar.

• Das Heer ist stets durch Vielfalt gekennzeichnet.


Diese Vielfalt spiegelt sich in den unterschiedlichen
Truppengattungen wider.

• Das Heer steht nie allein, sondern es erfüllt seinen


Auftrag zusammen mit anderen Angehörigen der Bun-
deswehr und ihrer verbündeten Streitkräfte.

Die Leitsätze der Angehörigen des Heeres


Wir Soldatinnen und Soldaten des Heeres
• dienen unserem Land treu und diszipliniert. Dafür
sind wir bereit, Opfer und Entbehrungen auf uns zu
nehmen und unser Leben einzusetzen;

• sind stolz auf unser militärisches Können und be-


strebt, uns ständig weiter zu entwickeln – Einsatz-
bereitschaft und Einsatzfähigkeit sind Richtschnur
unseres Handelns;

• bestehen im Einsatz alleine oder im Team mit Tapfer-


keit, Mut, Kompetenz und Besonnenheit;

• leben Toleranz und Kameradschaft, sind offen für


Neues und achten fremde Kulturen;
• sind bescheiden, selbstkritisch und wollen Vorbild
sein. Wir bekennen uns zu unserer Tradition und zu
unserem militärischen Brauchtum.

357
Leutnantsbuch

Namenspatron des
81. Offizieranwärterjahrganges
des Heeres

Fritz Erich Fellgiebel


(1886 – 1944)

Vorgesetzte und Untergebene, Weggefährten und


Zeitzeugen schildern ihn als einen Mann der Tat –
willensstark, idealistisch, humanistisch gebildet, fordernd
und dennoch immer den Menschen in den Mittelpunkt seines
Handelns stellend. Den Tod vor Augen, ruft er im August
1944 vor dem „Volksgerichtshof“ stehend dem
Henkersknecht des Dritten Reiches, Roland Freisler, zu: „Na
dann beeilen Sie sich mit dem Aufhängen, Herr Präsident,
sonst hängen Sie eher als wir“.
Wer ist dieser noch in seiner Todesstunde mutige Offizier,
der im Dritten Reich sowohl ein herausgehobener
Funktionsträger in der Wehrmacht als auch ein Mann der Tat
im Zuge des gescheiterten Attentats und Staatsstreichs am
20. Juli 1944 war? Was prägt ihn in seinem militärischen
und persönlichen Werdegang? Wie und warum findet er zum
Widerstand gegen Hitler?
Fritz Erich Fellgiebel wird am 4. Oktober 1886 in
Poepelwitz nahe Breslau als Sohn einer schlesischen
Gutsbesitzerfamilie geboren, wächst jedoch nahe Posen im
deutsch-polnischen Grenzgebiet auf. Wesentliche
Charaktereigenschaften bilden sich bereits während seiner
Schulzeit heraus – Fellgiebel erhält eine streng
humanistisch-wissenschaftliche Prägung, die ihn lebenslang

358
Leutnantsbuch

auszeichnet. Nach Erlangung der Hochschulreife tritt er im


September 1905 als Fahnenjunker in das Telegraphen-
bataillon 2 (Frankfurt/Oder) ein; eine noch junge, wenig
bekannte und beliebte Truppengattung des preußischen
Heeres. 1907 zum Leutnant befördert, verbringt Fellgiebel
die Jahre vor dem Kriegsausbruch 1914 sowohl an Schulen
als auch in der Truppe. Im Ersten Weltkrieg ist er zunächst
Führer einer leichten Funkenstation der 4. Kavalleriedivision
(vergleichbar einem Kompaniechef einer Gefechtsstand-
kompanie), später Nachrichtenoffizier auf der Ebene
Division und Armee. Er macht rasch auf sich aufmerksam.
Hohe Improvisationsgabe, Entschlussfreude, Ideenreichtum,
strukturiertes Denken und Handeln zeichnen ihn besonders
aus. General Hans von Seeckt – später der prägende Kopf
der Reichswehr – fördert ihn gezielt. Fellgiebel wird
Generalstabsoffizier und Ic (G 2) einer Armee an der
Westfront; eine herausfordernde und herausragende Position
zugleich.
Als Generalstabsoffizier wird er 1919 in die Reichswehr
übernommen, dient sowohl in der Truppe als auch in
Stabsverwendungen. 1926 wird Fellgiebel Leiter der
Chiffrierstelle im Reichswehrministerium und erkennt
schnell die Bedeutung und die Notwendigkeit
weitreichender, stabiler und sicherer Nachrichtenver-
bindungen. Dies wird ihm später, als er verantwortlich für
alle Nachrichtenverbindungen des Heeres und der
Wehrmacht zeichnet, von hohem Nutzen sein.
Die Anfangszeit des Dritten Reiches bringt für Fellgiebel
wie viele seiner Kameraden eine kometenhafte militärische
Karriere mit sich. Zwischen 1933 und 1938 steigt er vom
Kommandeur einer Nachrichtenabteilung hin zum
Inspekteur der Nachrichtentruppe und der
Wehrmachtsnachrichtenverbindungen auf; er wird in
Personalunion sowohl Chef des Heeresnachrichtenwesens
359
Leutnantsbuch

als auch der Wehrmachtsnachrichtenverbindungen. Ende


1932 noch Major, ist Fellgiebel im Oktober 1938 bereits
Generalmajor, wird 1940 Generalleutnant und kurz darauf
General der Nachrichtentruppe. Ein sehr rascher, in dieser
Zeit allerdings nicht untypischer Aufstieg, der Fellgiebel
jedoch im Gegensatz zu vielen anderen nicht korrumpiert. Er
überzeugt durch weitreichende, anspruchsvolle
konzeptionelle Arbeit. Er ist Motor und Herz der
Nachrichtentruppe; sein Handeln und Wirken
revolutionieren die Führungsverbindungen und die
Führungsfähigkeit der Wehrmacht bis zum Ende des
Zweiten Weltkrieges. Ohne Fellgiebel als Verantwortlichen
und Vordenker dieser wegweisenden Strukturen wäre die
Wehrmachtführung kaum in der Lage gewesen, derart
weitreichende Operationen auf verschiedenen
Kriegsschauplätzen zu führen. Darin liegen das militärische
Verdienst Fellgiebels, aber auch seine persönliche Tragik.
Immer wieder wird ein Widerspruch konstruiert – einerseits
habe Fellgiebel durch sein Wirken den Krieg erst
ermöglicht, dann diesen verlängert; andererseits habe er als
Mann des Widerstandes versucht, ihn gewaltsam zu
beenden.
Dem Regime begegnet Fellgiebel seit 1933 mit
zunehmender innerer Distanz. Seine humanistische Bildung,
seine Wertvorstellungen, sein Glaube an soldatische und vor
allem menschliche Tugenden machen ihn zu keinem
Anhänger des Nationalsozialismus. Er, der fachlich am
höchsten Qualifizierte seiner Truppengattung, wird zu einem
wichtigen Funktionsträger des Regimes, das ab 1937/1938
durchaus seine Geisteshaltung erkennt, aber auf ihn nicht
verzichten kann. Den sich im Frühsommer 1938 im Zuge der
Sudetenkrise abzeichnenden Krieg hält er für falsch, ja für
Existenz gefährdend. Dies lässt ihn in engen Kontakt mit der
sich formierenden Militäropposition um die Generale Beck
360
Leutnantsbuch

und Halder treten; diese Verbindungen intensivieren sich im


Laufe des Krieges und machen Fellgiebel später zu einem
unverzichtbaren Teil des Attentats und Staatsstreichversuchs
am 20. Juli 1944. Auch die scheinbaren militärischen
Erfolge der ersten Kriegsjahre ändern an seinen Ansichten
nichts. Er lässt sich nicht berauschen; er bleibt seinen
zutiefst humanistischen, an die Majestät des Rechts und das
Gewissen gebundenen Wertvorstellungen stets treu. Immer
offener Kritik und Widerspruch äußernd, wird Fellgiebel
rasch unter intensive Beobachtung durch die
Sicherheitsbehörden gestellt. Nicht ausreichende Verdachts-
momente sowie seine fachliche Unverzichtbarkeit führen
jedoch noch zu keinen Konsequenzen. Das Regime meidet
den persönlichen Kontakt zu diesem „missliebigen General“
– das Oberkommando der Wehrmacht trägt dafür Sorge,
dass er nicht in die unmittelbare Nähe Hitlers vordringt.
Gegen Ende des Jahres 1943 tritt Fellgiebel zum inneren
Kreis des militärischen Widerstandes um Stauffenberg,
Olbricht und anderen hinzu. Er, der Herr aller Heeres- und
Wehrmachtnachrichtenverbindungen ist, wird zu einem
unverzichtbaren Mitverschwörer, verfügt er doch über die
notwendigen Kontakte und Möglichkeiten, vor allem den
unter dem Decknamen „Unternehmen Walküre“ geplanten
Staatsstreich rasch und umfassend zur Verteilung zu
bringen. Seine verschiedenen in Personalunion ausgeübten
Dienstposten machen ihn zudem zu einem idealen
Verbindungsmann zwischen den einzelnen
Widerstandsgruppen und -zentren. Vor allem ist Fellgiebel
wie seine Mitstreiter zutiefst überzeugt von der
Notwendigkeit, dem Recht, dem Gewissen, der
Menschlichkeit endlich die ihnen zustehende Bedeutung
zurückzugeben und damit Deutschland in dieser
schicksalhaften Stunde zu retten.

361
Leutnantsbuch

Am 20. Juli 1944 setzt Fellgiebel alles daran, die ihm im


Zuge des Staatstreiches übertragene Funktion durchzusetzen.
Seine Aufgabe ist es, die Fernmeldeverbindungen des
Führerhauptquartiers „Wolfsschanze“ möglichst lange zu
lähmen. Das erweist sich als eine unerfüllbare
Herkulesaufgabe, stehen doch zahlreiche Nachrichten-
verbindungen der SS und anderer Teilstreitkräfte nicht unter
seiner Kontrolle. Er versucht mit höchstem persönlichen
Einsatz vor Ort das Unmögliche noch möglich zu machen –
vergebens. Als er erkennt, dass Hitler das Attentat überlebt
und bereits die ersten Gegenmaßnahmen aus Ostpreußen
heraus anlaufen, warnt er mit einer letzten verzweifelten
Nachricht die Mitverschwörer in Berlin: „Es ist etwas
Schreckliches geschehen; der Führer lebt!“
Das Regime reagiert rasch. Noch am Abend des 20. Juli
1944 wird Fellgiebel im Führerhauptquartier festgenommen
und im Anschluss unter menschenunwürdigen Umständen in
der Gestapohaft gefoltert. Er bleibt standhaft, auch nachdem
er durch den „Ehrenhof“ aus der Wehrmacht ausgestoßen
und am 10. August 1944 durch den „Volksgerichtshof“ unter
dem Vorsitz Roland Freislers zum Tode verurteilt wird.
Erich Fellgiebel wird nach weiteren vier Wochen der
Folterhaft zusammen mit anderen Widerstandskämpfern am
4. September 1944 in Berlin-Plötzensee durch den Strang
hingerichtet.
Das Leben und Wirken General Erich Fellgiebels gilt noch
heute zu Recht als in besonderem Maße Tradition stiftend.
In seiner Person vereinen sich sowohl zeitlose soldatische
Tugenden als auch hervorragende militärische Leistungen.
Sein zutiefst humanistisches Weltbild machte es ihm
möglich, auch im Unrechtsregime des Dritten Reiches stets
integer zu bleiben. Seine feste Überzeugung, dass
Gewissensorientierung, Menschlichkeit und rechtsstaatliche
Werte grundlegende Voraussetzungen für das Handeln eines
362
Leutnantsbuch

Offiziers sind, blieb bis zu seinem Tode bestehen. Mit


General der Nachrichtentruppen Erich Fellgiebel starb am
4. September 1944 nicht nur ein militärisch höchstbegabter
Soldat und ein in besonderem Maße Beispiel gebender
Offizier – es starb ein wahres Vorbild.

363
Leutnantsbuch

Name Vorname
Aicher Andreas
Alin Benedikt
Al-Kainaeai Ashraf
Angerhausen Tobias
Aqdas Farhad
Arier Muhammet Kaan
August Robin
Bach Julian
Baitinger Jakob
Barth Daniel
Bauer Niklas
Baumann Julian
Becher Tobias Peter
Bensch Eric Frank
Betz Andreas
Bickel Mathias
Birner Patrick
Bischler Denis
Blankenstein Robin
Bökenbrink Eric
Bonke Jan Hendrik Richard
Boonkoom Narubase
Bräuling Sebastian
Bretz Sebastian
364
Leutnantsbuch

Breuer Johannes
Breuer Raphael
Breunig David
Brodd Felix
Brommund Matthias Kurt Georg
Brückner David
Brukner Benjamin
Bug Niklas
Busche Sven
Czens Christopher
Dahlhoff Luca
Dannhauer Robin
Dapfer Tobias
Dargel Tobias
Dauner Julian
Dening Ole
Deselaers Christoph
Diehl Jan
Djamali Philipp Darius
Dobelmann Marcel
Doliwa Fritz
Dorn Jason
Drexler Tobias
Drosdek Sebastian
Dulz Mike
Düsel Moritz
Düsel Ralph
Ebert Marietta
Eckstein Kilian Christoph
Eder Isabelle
Egerndorfer Stefan
Ehrlich Ilja
Ehrlich Stefan

365
Leutnantsbuch

Eismann Lucas
Elster Gerald
Felker Waldemar
Fischer Maximilian
France Sven
Friedrich Alexander
Gallert Tobias Frank
Galozy Tobias
Garibov Ilkin
Geißelsöder Jörg
Geissler Sarah-Christin
Gerstlacher Martin
Giar Jonathan Marcel
Goldhammer Ike
Gollub Pascal
Göttfert-Keichel Maximilian
Götz Benedikt
Götze Nils-Florian
Graf Ralf Leonhard
Grießer Maximilian
Gruber Andreas
Gunkel Ricarda
Günther Eric
Haller Jonas
Hanifi Ghulam Ali
Hansen Jannik
Hardkop Lennart
Haß Maximilian
Haupt Pascal
Heidari Behazd
Heimerdinger Carlo
Heiß Bernhard
Herrling Jens
Herrmann Felix
366
Leutnantsbuch

Hiller Jan
Hoffmann Hans
Hoffmann Waldemar
Högner Andreas
Hoja Fabian
Höllich Raoul
Holzapfel Felix
Hösl Daniel
Hovsepyan Tigran
Hoyer Franz
Jander Timm Manuel
Janzen Benjamin
Jost Johannes Peter
Jung Armando
Kallert Erik
Kampa Nils
Kampmann Jan
Kaske Tibor
Käther Daniel
Kerner Mathias
Kessel Jasper
Kießling Steven
Kiktenko Maik
Kirschner Danny
Klauß Christoph
Klemm Konstantin
Kloiber Klaus
Klora Dennis
Kneer Lucas Frederik
Koch Leonhard
Kocher Daniel
Köhler Rainer Karl-Heinz
Kolbeck Andreas

367
Leutnantsbuch

König Kilian Bernhard


König Sven-Eric
Korber Christian Dominik
Koßner Michael
Krahn Kevin
Kraning Florian
Kresse Sarah
Krischke Landolf Laurin
Krischker Thorsten
Krogmann Tim
Kühn Marcus
Kühnl Sebastian Thomas
Küpfer Jonas
Kuschel Kai
Lane Connor
Lauer Dominik
Laupert Eric
Lauterbach Lucas
Lauterbach Matthias
Lehmann Moritz Paul
Leinert Johann Philipp
Lengning Nico
Lieb Fabian
Liese Robert
Litzinger Thorsten
Lörper Lennart Sebastian
Ludwig Raphael Ramon
Maerkel Fabian
Maier Matthias
Mast Artur
Mielke Johannes
Mieth Christoph
Miethaner Markus
Möbius Benedikt
368
Leutnantsbuch

Moser André
Mrklas Erik
Müller Matthias
Nabers Sebastian
Nadiry Ahmed Jawid
Neutert Jan-Peter
Nguyen Duc Anh Stefan
Niggl Stefan
Ochs Torben Alexander
Oehme Stefan
Oppitz Maximilian
Oswald Lorenz
Ott Christian
Pahlke Simon
Petersohn Hendric
Pichler Benjamin
Piller Maximilian
Pless Matthias
Puglisi Lukas-Santo
Raatz Lukas
Rajewski Christian
Rapp Timo
Recafina Paolo
Recknagel Roland
Reiser Thomas
Rettig Bastian
Retzer Johannes
Reuthlingshöfer Maurice
Richter Philipp
Rickert Matthias
Riedel Paul
Rieger Raik
Ringer John

369
Leutnantsbuch

Röder Shanna
Rödiger Robin
Röhr Richard
Runge Maik
Ruppert Laurenz
Ruttor Sven
Sabellek Maik
Saoud Sayed Amanudin
Saussele Mario
Schäfer Robert
Scheffler Florian
Scheid Philipp
Schmalz Torben
Schmickl Christian
Schmidt Daniel
Schmidt Franz
Schmidt Martin
Schmitt Sebastian
Schneider Dieter
Schneider Rick
Schneider Tassilo-Friedrich-Alexander
Schnell Rick
Schubmann Fabian
Schuler Maximilian
Schulle Patrick
Schulz Robin
Schulze Sebastian
Schwarz Dennis
Schwerna Tobias
Senkleiter Edmund
Shakir Omid
Shin Jung won
Siebeneichler Marco
Siebert Benjamin
370
Leutnantsbuch

Siebke Justin Oliver


Silantev Alexander
Speth Malte
Stark Martin
Stelter Julian
Stenglein Bastian
Steppich Florian
Stiefler Thomas
Stock Winfried
Stoff Christofer
Stox Eike Kristof
Strempel Hagen Harald Hans Helmut
Ströbel Maximilian
Süß Christoph
Tabbert Ricardo
Teumer Andy
Thorn Jan Alexander
Traut Marco
Troitskiy Konstantin
Urban Kevin Dennis
Vlasic Markus
Vollmann Mario
von Katte von Julius
Lucke
Wagner Daniel
Wahrenburg Gero
Walz Marcus Reiner
Wedemeier Timo
Weichsel Eric
Weinert Henry
Weiß Daniel
Welsch Thomas
Wermuth Robin

371
Leutnantsbuch

Werner Daniel
Wernien Dennis
Wertmann Heinrich
Weygandt Tobias
Wiedemann Richard-Till
Wiehn Nico
Wimmer Michael
Winkler Gregor
Wolf Caspar
Wolkenstörfer Stefan
Woodvine Stephan
Yaftali M. Musadiq
Zielony Marco
Zimmermann Claudius
Zipper Carsten
Zobel Tobias
Zumbusch Christopher

372
Leutnantsbuch

Name Vorname
Altermann Michael
Altmann Tom Oliver
Bacherle Julia Christine
Badur Isabel
Bald Philipp
Barfuß Sebastian
Bauer Thomas
Baum Jonas
Behr Daniel
Beier Jan
Bergen Daniel
Bernhardt Lutz
Bickelmann Tristan Sebastian
Bischoff Selina Martina
Böcherer Jan Niklas
Borgelt Matthias
Borkenhagen Timo
Budell Stefanie
Buyken Felicitas
Cechova Tereza
Chodaton Saint Claire
Christensen Olliver
Claaßen Nico

373
Leutnantsbuch

Dännart Lars
Degen Madeleine
Delzeit Thomas Jürgen
Diallo Marco
Diasso Abdou
Dikmann Alexander
Doemen Jan
Dornseifer Marco
Dr. Blos Michael
Dr. Geiger Stephanie
Dustmann Marcel Philipp
Eichner Lutz
Engels Christian
Euler Marcus
Faizi Mohammad Mustafa
Fiedler Konrad
Fisahn Fabian
Fischer Tobias
Friedrich Marc Emanuel
Funke Sebastian
Gelhaus Carsten
Gidaszewski Marc
Glatt Florian
Glock Dominic
Goedecke Daniel
Greif Maximilian
Gusek Martin
Guzdek Peter
Hagemann Sebastian
Hammer Daniel
Hannappel Lars
Hansen Enrico
Harder Svenja
Hausmann Florian
374
Leutnantsbuch

Heibach Maxim
Heimann Manuel
Hermann Tom
Hermanns Daniel Karl
Hermanns Sven
Hies Tobias
Hofschneider Dario Andreas
Horner Lena Heidi
Huchstedt Pascal
Hufeland Florian
Huschens Tanja
Huss Christian
Israel David
Jaeger Tim
Jakob Jasmin
Jelic Aleks
Kah Maximilian
Keitmann Sebastian
Keller Timo
Knabe Nicole
Kohnen Maurice
Krangemann Simon
Kranz Marcel
Krichel Christian
Kröger Lars
Kübler Melanie
Kurz Hannah
Lang Marcel
Langenhagen Matthias
Längler Thorsten
Lebek Christian Thomas
Lefebre Marcel
Lefherz Tobias

375
Leutnantsbuch

Leicht Arndt
Leinenbach Deborah
Lier Heinrich
Lo Cicero Marco
Lorenz Maximiliane Katharina
Lucas Michelle Marianne
Lüer Mathias
Luther Tim
Mahn Marie-Theres
Marr Aileen
Marzinek Arne Felix
Merdzik Michael Oliver
Mertens Marcus
Messerschmidt Micha
Möller Vanessa Xenia
Müller Tim
Muradov Mahsar
Neuenfeldt Kai
Ney Michael
Nogrady Tristan
Nolte Thomas
Obers Andreas
Oertelt Sarah-Tabea
Oster-Daum Andreas
Paliot Matthias
Passarelli Sandro
Pfaff Florian Max
Pfau Dennis
Pilgrim Markus
Pille Tobias
Pilsl Vanessa
Pilz Nadine
Prey Fabian
Radke Timo
376
Leutnantsbuch

Rang Maximilian
Raouf Hamid
Rehberg Malte Christian
Rodemann Tim
Röhrig Malte
Rothenbusch Frederic
Röttger Benedikt
Rulff Robin
Safaryan Loris
Salzmann Matthias
Sarsenov Murat
Sartoris Manuel
Schächtele Miriam
Schkrock Pertti
Schmachtel Jonas
Schmelzer Stefan
Schmidt Gregor
Schneider Kevin
Schneider Fabian
Schneider Daniel
Schneiß Christian Alexander
Schöneberg Nico Frank
Schoupa Roman
Schröder Johannes
Schulz Florian
Schwäble Florian
Seibel Simon
Seidel Andre David
Seifert Aljona
Selleske Philip
Sincke Linda
Speck Dennis
Specovius Jan

377
Leutnantsbuch

Steinhart Nick Christopher Torsten


Strohmeier Sandra
Stüsser Andreas
Szymanowski Patrick
Thiombiano Issa
Tix Janek
Trambacz Jan
Uukongo Jacob
Waffenschmidt Mario
Wagner Kai
Wagner Waltraud
Walliser Markus Hermann
Weber Alexandra
Weber Markus
Wieland Stephan
Wilczek Patrick
Winkelmann Ina
Winter Anna
Wirtz Michel
Wittke Marcel
Wöhrle Matthias
Wolf Alexander
Wons Julian
Yothaprasert Pawarit
Zeitschel Laura
Zohner Jonathan
Zwingmann Ike

378
Leutnantsbuch

Name Vorname
Adomeit Sebastian
Anders Viktor
Arndt Nick
Arndt Claudia
Autera Christopher David
Bach Bastian Johannes
Bannick Julia Annika
Barneoud Marion
Bauer Diana
Baum Jan
Becker Hendrik
Becker Dennis
Beenk Vincent
Bellini Yvonne Anina
Natascha Konstantina
Benecke Timm Adrian
Bernack Phillip
Biskupski Konstantin
Blaszczyk David Sebastian
Blücher Marcus
Boje Jan
Bojko Dimitri
Bonacker Dario Philipp
Bormann Tobias

379
Leutnantsbuch

Borsutzki Alexander Karl


Brand Max
Brandenburg Gunnar
Breetz Nico
Brettschneider Christian
Breuer Arijan
Brohm Nicola Julius Alexander
Brokopf Andy
Bruns Stefan Herbert
Burgdorf Nils
Carstens Daniel Andreas
Christians Oliver Malte
Clausen Oliver
Dake Florian
David Felix-Tobias
Deistung Philipp
Dettmer Norman
Diekamp Bendt
Dudzik Manuel
Dunken Philipp Martin
Durhold Julia
Emrich Lennart Heinrich Albert
Engelhardt Pascal
Erb Florian
Erber Jean Christoph
Eyrich Julia Gabriele
Fabert Tom
Falkowski Nathalie Marie
Fleißner Pascal
Folkens Marcel
Förster Simone
Gabrysch Paul-Moritz
Geisel Alexander
Geistlinger Kevin
380
Leutnantsbuch

Gisselbrecht Raphaël
Gnaß Soraya
Gnida Marcel
Göbel Yvonne
Götze Lisa Marie
Graf von Ferdinand Siegfried
Plettenberg-Lehnhausen Ida Mariano
Gribow Daniel
Griesbach Nils
Griesch Max
Grittner Florian
Guder Tony Niko
Hahler Markus
Haker Bennet
Hallemann Jens Tobias
Harenberg Guido
Harms Alexander Hartmut
Harms Heiko
Hartig Daniel
Heger Tobias
Hegwein Joscha
Heidebrecht Svend
Heinisch Christoph
Hempelmann Marius
Henning Janek
Heppner Ralf
Herbers Philipp
Hermann Florian Alexander Daniel
Herm-Meyer Kai
Herrmann Johannes
Heurich Thore
Heyden Kai-Uwe
Hillebrand Dennis Maurice

381
Leutnantsbuch

Hillmann David Alexander Wolfgang


Hlozek Nils
Holl Caroline
Hornung Patrick
Hummel Max Peter
Hummrich Dennis
Hundt Tina
Hüners Arne
Jacob Gustaf Afonso
Jakob Stefanie
Jarchow Lodewig Mikola
Jendral Julien Andre
Jentsch Anne Manuela
Johne Lisann
Johnson Darren
Kaiser Kilian
Kanak Nils Jörn
Kannewurf Ramon
Kempa Jean Steven
Kern Sergei
Kipek Matthäus
Klein Julian
Klein Lukas Julian Frederik
Klesch Lucas
Klinger Dennis
Klose Björn
Kluge Mirko Fabian Julian
Knorr Markus Julian
Köhler Christian
Köhler Marius
Kollenbrandt Marcel
Kollrepp Sven
Kolm Alexander
Kordts Jan
382
Leutnantsbuch

Koschinsky David
Krause Moritz Thomas
Krause Daniel
Krebs Markus
Kremer Tim-Oliver
Kroß Moritz
Krug Richard
Kruth Florian-Marcus
Kuchenbäcker Martin
Kühn Teo
Kuhr Swantje
Külpmann Inga
Kunitz Janosch Paul Jonas
Kupsch Jan-Torben
Kürti Tim
Kürzel Jan-Frederic
Kuska Christoph
Lahn Marco
Langner Dominique Sarah
Lawitzke Eric
Lehmann Christian
Lehmann Robert
Lehmann Lena
Leifke Keno
Leuer Max Henri
Lindner Sebastian
Ljungberg Laurentius Damian Fiete
Losereit Janina
Losse Markus
Loth Joel
Lozac-Hmeur Pierre-Owen
Lücking Sebastian

383
Leutnantsbuch

Lütje Heike Marlene Anna


Katharina Hedwig
Luttkau Alexander
Mackert Philipp Andreas Christian
Mahlmann Kevin
Maifret Guillaume
Mehler Alexander
Metzler Felix
Meyer Alexis
Michalik Natalie Monika
Milbradt Dennis
Möller Gideon-Phillip
Müller Simon Tobias
Müller Alexej
Müller Niklas
Münch Peter
Nagel Bernhard
Nent Vincent
Nierath Eike-Christian
Nikolovski Slavimir
Noltensmeier Julian
Odenwald Marcel
Oetzmann Timon
Orzechowski Ralf
Özürün Burak Lütfi
Paetzel Alina
Pakheiser Axel
Parge Peter Marc Andre
Paschkowski Tim
Peter Sascha
Petruck Jörn
Plakity Stephan
Radulovic Oliver
Ramoser Hannes
384
Leutnantsbuch

Rausch Martin Manfred


Razny David
Reichel Kevin
Reichsgraf Carlo Suitbert Paulus
von Plettenberg
Reinhardt Tim
Reinholdt Hannes
Reppin Sebastian
Richter Sascha
Riedel Erik
Riehle Carl-Philipp Ludolf
Rippl Tobias Volker
Romanowski Patrik Robert
Römer Maureen Lafayette
Rösch Andreas Heinrich Rudolf
Rösler Marvin
Rüber Linus
Runz Kai-Hendrik
Sahling Merlin Lukas
Schadeck Tobias
Scharnbeck Manuel
Scheel Arne Andreas
Schiffer Marten Julian
Schillerwein Madelaine
Schilling Philipp
Schmidt Vladimir
Schmitz Jonathan
Schmok Patrick
Schnare Dorothea
Schnittger Bastian
Schomacker Kathleen
Schratz Maximilian
Schreiber Philipp

385
Leutnantsbuch

Schröder Frederik
Schucht Sabrina
Schuck Julian-Marcel
Schuck Marc-Nicolai
Schulz Konstantin Tillmann
Schulz Patrick
Schumacher Marleen
Schumann Rene
Schumm Claus
Schunicht Rainer Herbert
Schütz Philipp Josef
Schwertfeger Franziska
Selle Robert
Shaker Muhamad
Siebert Sebastian
Singh Sanjay
Skambraks Patrick
Skoruppa Patrick
Skoruppa Björn
Sluma Jan
Söffge Sascha
Spieker Hendrik
Stach Adrian
Stahlschmidt Sören Richard
Steen Kevin
Steinmeyer Timo
Sterzl Chris Björn
Stieben Alexander
Stobbe Patrick
Stöckemann Jannik Christian
Stöwesand Thilo
Stratiychuk Artem
Strümpel Ronald
Suhk Mischa Pierre Benjamin
386
Leutnantsbuch

Tenkhoff Felix
Thiele Philipp Sören
Thielke Tom
Thimme Tizia Gudrun
Tiemann Nils
Tinnemeier Eike-Thorben
Vahrenholz Carl Philipp
Van de Loo Nicolas
Van De Velde Niklas
von Stern Marcel Trond
Vorländer Jens
Voß Ole
Walter Lea Allessandra
Walterbach Jay Amadeus
Weirich Kristin
Weise Juliane
Werner Matti Ants
Wernsing Jan-Hendrik
Wilk Anne
Wilking Kim Julian
Willms Jan
Wirthwein Martin
Wittkopp Julian
Woicke Jan
Wolter Constantin
Wörmcke Florian
Zacher Florian
Zander Eric
Zarfl Hendrik
Zimmermann Daniel
Zoller Benito

387
Leutnantsbuch

388
Leutnantsbuch

Wo finde ich mehr?

Die grundlegenden Dokumente für den Dienst in der


Bundeswehr müssen von jedem Offizieranwärter gekannt
werden. Dazu zählen vor allem das „Weißbuch 2006 zur
Sicherheitspolitik Deutschlands und zur Zukunft der
Bundeswehr“ sowie die Zentrale Dienstvorschrift 10/1 (vom
28.01.2008) „Innere Führung“.
Das Weißbuch erläutert die Sicherheitspolitik Deutschlands
in ihren strategischen Rahmenbedingungen und in ihren
Werten, Interessen und Zielen.
Die ZDv 10/1 legt die Konzeption der Inneren Führung fest.
Als grundlegende Vorschrift für den Dienst in der
Bundeswehr bietet sie eine werteorientierte und praxisnahe
Anleitung für erfolgreiches Führen.

Die Vorschriftenstellen, Truppen- und Stabsbüchereien


sowie die Bibliotheken an den Bildungseinrichtungen der
Bundeswehr führen oft sehr reichhaltige Bestände an
Fachliteratur, nicht nur zu militärspezifischen Themen.
Informieren Sie sich auch über deren Neuanschaffungen.

Die folgenden Empfehlungen zum Weiterlesen sind nach


einigen zentralen Themenbereichen geordnet, die in enger
Beziehung zu wesentlichen Aussagen dieses Buches stehen.
Dabei wurden aus der Fülle der vorhandenen Literatur nur
Buchtitel zur Vertiefung der Thematik ausgewählt, die als
Standardwerke gelten, sich einer guten Lesbarkeit erfreuen
und im Regelfall erschwinglich sind. Einige Titel sind leider
nur noch über Bibliotheksausleihe oder antiquarisch
erhältlich. Lassen Sie sich von den genannten Büchern
ansprechen. Sie bilden eine wertvolle, kleine Handbibliothek
für die Stunden der Bildung und Betrachtung.

389
Leutnantsbuch

Philosophie

Kunzmann, P./Burkard, F.-P./Wiedmann, F./Weiß, A.:


dtv-Atlas zur Philosophie.

Schischkoff, G. (Hrsg.): Philosophisches Wörterbuch.

Weischedel, W.: Die philosophische Hintertreppe. Die


großen Philosophen in Alltag und Denken.

Ethik und Lebensführung

De officio. Zu den ethischen Herausforderungen des


Offizierberufs. (Hrsg. im Auftrag des Evangelischen
Militärbischofs vom Evangelischen Kirchenamt für die
Bundeswehr).

Knigge, A. Freiherr von: Über den Umgang mit Men-


schen.

Pieper, J.: Das Viergespann. Klugheit, Gerechtigkeit,


Tapferkeit, Maß.

Innere Führung

Reeb, H.-J./Többicke: Lexikon Innere Führung.

Hartmann, U.: Innere Führung. Erfolge und Defizite der


Führungsphilosophie für die Bundeswehr.

Schlaffer, R./Schmidt, W. (Hrsg.): Wolf Graf von


Baudissin 1907 – 1993. Modernisierer zwischen totali-
tärer Herrschaft und freiheitlicher Ordnung.
390
Leutnantsbuch

Führungskompetenz

Oetting, D. W.: Auftragstaktik.

Oetting, D. W.: Motivation und Gefechtswert. Vom Ver-


halten des Soldaten im Kriege.

Spannagel, P.: Von Friedrich II zu Graf Wolf von


Baudissin: Betrachtungen der Leitbilder deutscher Offi-
ziere und Ausbilder.

Sicherheitspolitik

Bundesakademie für Sicherheitspolitik (Hrsg.): Sicher-


heitspolitik in neuen Dimensionen. Kompendium zum
erweiterten Sicherheitsbegriff.

Meyer, E.-Ch./Nelte, K.-M./Schäfer, H.-U.: Wörterbuch


zur Sicherheitspolitik. Deutschland in einem veränderten
internationalen Umfeld.

Münkler, H.: Wandel des Krieges. Von der Symmetrie


zur Asymmetrie.

Tradition und militärisches Brauchtum

Abenheim, D.: Bundeswehr und Tradition. Die Suche


nach dem gültigen Erbe des deutschen Soldaten.

de Libero, L.: Tradition in Zeiten der Transformation.


Zum Traditionsverständnis der Bundeswehr im frühen
21. Jahrhundert.

391
Leutnantsbuch

Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.): Symbole


und Zeremoniell in deutschen Streitkräften vom 18. bis
zum 20. Jahrhundert.

Transfeldt, W., Stein, H.-P. (Hrsg.): Wort und Brauch in


Heer und Flotte.

Militärgeschichte

Bremm, K.-J./Mack, H.-H./Rink, M. (Hrsg.):


Entschieden für Frieden. 50 Jahre Bundeswehr.

Keegan, J.: Das Antlitz des Krieges.

Fiedler, S./Ortenburg, G.: Taktik und Strategie, Waffen.


Von den Landsknechten bis zu den Millionenheeren. 10
Bände.

Hammerich, H./Schlaffer, R. (Hrsg.): Militärische


Aufbaugeneration der Bundeswehr 1955-1970.
Ausgewählte Biographien.

Hammerich, H./Kollmer, D./Rink, M./Schlaffer, R.: Das


Heer 1955-1972. Konzeption, Organisation, Aufstellung.

Heuser, B.: Clausewitz lesen. Eine Einführung.

Huck, S.: Geschichte der Freiheitskriege. Begleitbuch


mit CD-ROM.

Luckszat, J.: Die Reichseinigungskriege. Begleitbuch


mit CD-ROM.

392
Leutnantsbuch

Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.):


Grundkurs deutsche Militärgeschichte. 3 Bände und 1
DVD.

Müller, R.-D./Volkmann, H.-E.: Die Wehrmacht.


Mythos und Realität.

Schieder, Th.: Friedrich der Große.

Frieser, K.-H.: Blitzkrieg-Legende. Der Westfeldzug


1940.

Widerstand

Benz, W./Pehle, W.-H.: Lexikon des deutschen


Widerstandes.

Hosenfeld, W.: Ich versuche jeden zu retten. Das Leben


eines deutschen Offiziers in Briefen und Tagebüchern.

Klemperer, K./Syring, E./Zitelmann, R. (Hrsg.): „Für


Deutschland“. Die Männer des 20. Juli.

van Roon, G.: Widerstand im Dritten Reich. Ein


Überblick.

Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.): Aufstand


des Gewissens. Militärischer Widerstand gegen Hitler
und das NS-Regime.

Kriegsbriefe und Tagebücher

Baumann, M. (Hrsg.): Feldpostbriefe. Briefe deutscher


Soldaten aus Afghanistan.
393
Leutnantsbuch

Groos, H.: Ein schöner Tag zum Sterben. Als


Bundeswehrärztin in Afghanistan.

Hammer, I./zur Nieden, S. (Hrsg.) Sehr selten habe ich


geweint. Briefe und Tagebücher aus dem Zweiten
Weltkrieg von Menschen aus Berlin.

Klemperer, V.: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten.


Tagebücher 1933–1945.

Klepper, J.: Unter dem Schatten deiner Flügel. Aus den


Tagebüchern der Jahre 1932–1942.

Kuhlen, K.: Um des lieben Friedens willen: Als


Peacekeeper im Kosovo.

Witkop, P. (Hrsg.): Kriegsbriefe gefallener Studenten.

Kriegsbriefe gefallener deutscher Juden. Mit einem


Geleitwort von Franz Josef Strauß.

„Ich will raus aus diesem Wahnsinn“. Deutsche Briefe


von der Ostfront 1941–1945. Aus sowjetischen Archi-
ven. Mit einem Vorwort von Willy Brandt.

Weitere Klassiker zur Militär- und Kriegsgeschichte

Bamm, P.: Die unsichtbare Flagge.


Eksteins, M.: Tanz über Gräben. Die Geburt der
Moderne und der Erste Weltkrieg.
Fallada, H.: Jeder stirbt für sich alleine.
Flex, W.: Der Wanderer zwischen beiden Welten. Ein
Kriegserlebnis.

394
Leutnantsbuch

Fontane, T.: Der Krieg gegen Frankreich 1870-71. Ein


Kriegsbericht in 2 Teilen.
Fontane, T.: Schach von Wuthenow. Erzählung aus der
Zeit des Regiments Gensdarmes.
Hasek, J.: Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk.
Jünger, E.: Das gesamte Frühwerk.
Köppen, E.: Heeresbericht.
May, K.: Der Weg nach Waterloo.
Lawrence, T.E.: Unter dem Prägestock.
Lernet-Holenia, A.: Die Standarte.
Plievier, Th.: Stalingrad.
Ranke-Graves, R. von: Strich drunter.
Remarque, E.M.: Im Westen nichts Neues.
Renn, L.: Adel im Untergang.
Renn, L.: Krieg/Nachkrieg.
Roth, J.: Radetzkymarsch.
Tuchman, B.: August 1914.
Unruh, K.: Langemarck. Legende und Wirklichkeit.

395
Leutnantsbuch

Glossar
Kategorisierung der Beiträge Leutnantsbuch
1. Menschenführung
2. Politische Bildung
3. Dienstgestaltung und Ausbildung
4. Informationsarbeit
5. Organisation und Personalführung
6. Fürsorge und Betreuung
7. Vereinbarkeit von Familie und Dienst
8. Seelsorge und Religionsausübung
9. Tod und Verwundung
10. Auftreten des Offiziers

zusätzlich wird zwischen Grundbetrieb (GB) und Ein-


satz (E) unterschieden.

Beitrag Kategorie GB E

Der Bierdeckel 1,3,5 X


Das Zeitspiel 3,5 X
Der erste Marsch 1 X
Führungsverantwortung
im Gefecht 1,6,9,10 X
RAHMAT BAY –
Gefecht von morgens X
bis abends 1,9,10 X
Das Grab 9
Beförderungsappell X
zum Gefreiten 1,5
Nicht nur der erste
Eindruck zählt 1,3 X
Der neue Leutnant 1,5,10 X

396
Leutnantsbuch

Beitrag Kategorie GB E

Loyalität 1,10 X
Der erste Einsatz 4,6,7 X
Hochzeit in Hessen 1,6,7 X
Der Lebensabschnitt 4 X
Hölle 1,6,8 X
Die Feldjägerkontrolle 1,10 X
Nur noch 100 Meter! 1,10 X

Der Feuerkampf 1,2,3 X


Vorurteile 1,2,10 X
Kameradschaft 1,6 X
Der Entsatz:
Erfahrungen eines FAC
im Gefecht 1,6,9,10 X

Feldposten
KHANABAD 1,10 X
Jointness 4,5 X
Der Brief 6,7 X
Glauben hilft! 8 X
Der Spind 10 X
Die Truppenpsychologin 1,6,8 X
Primus inter pares 1,10 X
Schule ist anders, aber
wichtig 3,7 X
Mein Spieß 1 X

Einsatz beim OMLT in


AFGHANISTAN 1,3,5 X
Medien im Einsatz 3,4 X
Der kühle Kopf 1,6,10 X

397
Leutnantsbuch

Beitrag Kategorie GB E

Führen von irgendwo 10 X


Haar- und Barterlass,
Piercing und Tatoos 1,10 X
Totengedenken 8,9 X
Vom Pendeln als
Soldat 7 X
Beim Handgranaten-
werfen 1,10 X
Bergebereitschaft RC
North – „Logistik in
Nebenfunktion!“ 1,4 X
Yes, Ma’am! 1,2,10 X
Auf der Standort-
schießanlage 1,10 X
Offizierabend mal
anders 1,3,10 X
Soldaten muslimischen
Glaubens in der Bw 6,8 X
Erlebnisse im Stab
PRT KUNDUZ 10 X
Todesnachricht 1,4,6,8,9,10 X
Das Offizierkasino 4,6 X
Das Einführungs-
gespräch 1 X
Der „robuste Soldat“ 3 X
Der Suizid 6,9 X
Die Gneisenaukaserne 2,3 X
... lieber spät als nie! 10 X
Der Anschlag 1,6,7,9,10 X
Team „Hotel“ 1,10 X
Der Hochwasser-
einsatz 10 X
398
Leutnantsbuch

Beitrag Kategorie GB E

„Dat hann isch


verjess …“ 3 X
Der NIJMEGEN-
Marsch 1 X
Auslandsstudium USA 2,3 X
„Regen“ 5,6 X
Die Veteranen 2,4 X
Das Dilemma 2,4,10 X
HALMAZAG 1,9,10 X
Menschenführung im
Einsatz 1,3,6,7,9,10 X
Allein unter
Grenadieren 1,3,10 X
Unter Männern 1,3 X
Ein Tag im Aus-
bildungsverband des
GefÜbZ H 3,10 X
Nach dem Studium 1,3,10 X
Das offene Ohr 1,6 X
Die Gruppe in der
AGA 1,6 X
Soldatenwallfahrt nach
LOURDES 8 X
Als Seelsorger in
AFGHANISTAN 8 X

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Leutnantsbuch

Notizen

Auf den folgenden Seiten können Sie Ihre eigenen Auffas-


sungen zu Ihrem beruflichen Selbstverständnis als Offizier
des Deutschen Heeres oder Anmerkungen zu Ihrem per-
sönlichen Werdegang niederschreiben.

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