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DEUTSCH E

ZEITSCHRIF T

FÜ R

PHILOSOPHI E

Zweimonatsschrif t

2/1997

de r internationale n

philosophische n

Forschung

Charles Larmore Denken und Handeln Pirmin Stekeler-Weithofer Philoso- phie und das Konzept der Öffentlichkeit Lawrence A. Blum Freundschaft als moralisches Phänomen Marilyn Friedman Freundschaft und moralisches Wachstum Monika Keller Moral und Beziehung: eine entwicklungspsycho-

logische Perspektive Georg Henrik

schaffende Tätigkeit Reinhard Pitsch Zum Briefwechsel zwischen Wolfgang

Harich und Georg Lukäcs Wolfgang Harich - Georg Lukäcs: Briefwechsel

von Wright Begriffsanalyse ist eine

Akademie Verlag

ISSN 0012-1045 Dtsch. Z. Philos., Berlin 45 (1997 ( 2. 181-328

INHALT

Charles Larmore (New York): Denken und Handeln

Pirmin Stekeler-Weithofer [Leipzig-: P-iür-ce-^e und d-.r- Konzept der Öffentlichkeit

Schwerpunkt: Die Moralität von Freundschaften

ncw*!

.

.

I?-'

215

Lawrence A. Blum

(Boston): Freundschaft als moralisches Phänomen

 

217

Marilyn Friedman

(St. Louis):

Freundschaft und moralisches Wachstum

23-5

Monika Keller (Berlin): Moral und Beziehung: eine entwicklungspsychologische Perspektive

.

.

24?

Interview

Georg Henrik von Wright (Helsinki): Bsgriffsanalyse ist eine schaffende Tätigkeit

 

26~

Archiv

Reinhard Pitsch (Berlin/Wien): Zurr. Briefwechsel zwischen Wolfgang Harich und Georg Lukäcs

 

278

Wolfgang Harich - Georg Lukäcs: Briefwechsel

 

28!

Rezensionen

Sigurd Thorgeirsdottir (Rostock/Reykjavik): Die Moral persönlicher Beziehungen. Fez. zu:

Monika Keller: Moralische Sensibilität: Entwicklung in Freundschaft und Familie 30c

Urs Marti (Bern): Von Mcssengesellschaft und Männlichkeitswahn. Rez. zu:

Sidonia Blättler: Der Pöbel, die Frauen etc. Die Massen in der politischen Philosophie des 19. Jahrhunderts

30?

Gunnar Schmidt (Berlin): Ein pragmalistisches Modell deliberativer Demokratie. Rez. zu:

John Dewey: Die Öffentlichkeit und ihre Probleme

312

Geert Keil (Berlin): Die Metapher - klüger als ihr Verfasser? Rez. zu:

Bernhard Debatin: Die Rationalität der Metapher. Eine sprachphilosophische und kommuni- '

kationstheoretische Untersuchung

318

DEUTSCH E

ZEITSCHRIF T

FÜ R

PHILOSOPHI E

Zweimonatsschrift

der internationalen philosophischen

45. Jahrgang • 1997 • Heft 2

Forschung

Herausgeber Axel Honneth (Berlin], Hans-Peter Krüger (Potsdam), Herta Nagl-Docekal (Wien), Hans Julius Schneider (Potsdam)

Wissenschc ? , licier 3e'ra' Karl-Otto Apel (FranKrurt/M.), Shiomo Avineri (Jerusalem). Pierre Bourdieu (Paris), Hubert L. Dreyfus (Berkeley), Yehuda Elkana (Jerusalem), Jürgen Habermas (Frankfurt/M.), Dieter Henrich (München), Gerd Irrlitz (Berlin], Friedrich Kambartel (Frankfurt/M.), Jean-Francois Lyotard (Paris), Jürgen Mittelstraß [Konstanz], Nelly Motrosilova (Moskau), Hilary Putnam (Cambridge), Nicholas Rescher (Pittsburgh), Paul Ricceur (Nanterre), Richard Rorty (Charlottesville), Herbert Schnädelbach (Berlin), Charles Taylor (Montreal)

Redaktion Mischka Dammaschke

^§jP Akademie Verlag

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Herausgeber: Prof. Dr. Axel Honneth. Prof. Dr. Hans-Peter Krüger. Frei. Dr. Herta Magl-Docekal. Prof Dr Hons Julius Schneider

Anschrift der Redaktion: Dr. Mischko Dommaschke (veronKv. Redokteur). Akademie Verlag GmbH, Mühlen- stroße 33-34, D-l 3 i 37 Berlin: Telefon: (0 30) 47 88 93 80. E-Mail: dzphil-Sakodemie-verlog de. Sekretariat: Andrea Grommbauer: Telefon: (0 30| 47 88 93 1 6. Anzeigenannahme: Telefon (0 30) 47 88 °3 65. Verlag: Akademie Verlag GnbH . Mühlenstr. 33-3 4 D-l 3 1 87 Berlin;

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i Deutsche Zeitschrift für Philosophie im Inlernei

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Es verlängert sich jeweils um weitere 6 Hefte, falls es nicht gekündigt wird.

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Dtsch. 2 . Philos

Berlin 45 (1997) 2. 27S-2N0

ARCHIV

Zum

Briefwechsel zwischen Wolfgang Harich und Georg Lukäcs

Denke n heißt: aufs Ganz e gehen. Wolfgang Harich s Loyalität kannte keine Grenzen ,

weder taktische noch strategische. Lukäc s war - klüger ? - weiser? - in jedem Fall alter,

also erfahrener.

marxistischen Philosophen dieses Jahrhunderts und dem

Marxismus . Ei n welthistorischer Augenblic k zerriß das Geflecht von Freundschaft. Kon -

genialität. Solidarität, vielleicht Liebe. De r Rest blieb Schweigen.

deutschen

De r Briefwechsel belegt die Wahlverwandtschaft zwischen de m größte n

tragikötatos"

des

Die Stimme n der Toten dringen zu uns. währen d sie schweigen, schreien sie. Unsere

Arbeit ist dennoc h nicht voyeuristisch. nicht Gie r an Intim a der Toten, sondern notwendige

Fortsetzung von deren Werk. Ma g auch kein Prinzip Hoffnun g meh r durchdringen, mag

auch der Fein d gesiegt zu haben scheinen, gilt dennoch für beide der Spruc h des Cato aus

l 'tica

VICTRI X

Di e

CAVS A DII S PLACVIT . SE D VICT A

CATONI .

siegende

Sache gefiel den Göttern , doch die besiegte dem

Cato .

bekommen , weil ich

mich hier an der Universität für eine gerechte Würdigun g Hegels gegen Stalin mit allen

Mittel n des Einflusses von Geor g Lukäc s eingesetzt habe." 1

Deutsche

Zeitschrift für Philosophie Wolfgan g Haric h nac h Verhaftun g un d Proze ß zeit seine s

„Ich habe mein erstes Parteiverfahren, schweren Herzens, deswegen

Im Gegensat z z u andere n Zeitschrifte n der DDR . etw a Sinn und Form, war die

Leben s verschlossen. Dami t wurde das von den

Organen"

über Haric h

verhängt e Berufs-

verbot weiterer philosophischer Tätigkeit, verbunden mit angeordneter

Beschränkun g auf

die vermeintlich harmlosere Literaturgeschichte, auch von dieser Zeitschrift exekutiert.

Deshal b ist es u m so erfreulicher, da ß gerade hier der Briefwechsel von einem Gründungs -

herausgebe r sowi e spätere n Chefredakteu r der Deutschen Zeitschrift für Philosophie mi t

einem ihrer bekanntesten Autore n erstmals veröffentlicht werden kann.

Lukäcs-Archiv s enthalten 33 Briefe Harich s an Lukäc s

(darunter einen an dessen Fra u Gertrudi , die durchgehend i m Original vorliegen, sowie

32 Briefe vo n Lukäc s an Harich . durchgehend in Kopie . All e Briefe sind maschinen-

schriftlich, teils vo m Absende r selbst geschrieben, teils diktiert. Haric h sandte seine Briefe

Die Beständ e des Budapester

1 Vgl. : Erklärung Dr. Wolfgang Harichs. Eröffnung der Alternativen Ringvorlesung des Win- tersemesters 1993.94 a m 26. Oktobe r 1993 an der Humboldt-Universitä t zu Berlin, veröffentlicht

Wolfgang Harich-(iesell-

von der Hochschulgiuppe Demokratischer Sozialisten (Archiv der

Divcii. Z . Philos. 45 ( W >

2

279

mit private m Briefkopf , unte r Briefköpfe n der Deutschen Zeitschrift für Philosophie ode r

des Aufbau-Verlags

weggelassen.

Auslassungen

schriebene Wörte r sind durchgehend

von Lukäc s wurde an zahlreichen Stellen korrigiert: Schrägstriche (/) sind nach den Vor -

Orthographie

ge-

(so auc h den

des

letzten

durch

Punkte

offiziösen"

Brief vo m 18. März.

1953).

Mit

Ausnahm e

sind

Briefes wurden

(

Anreden . Schlußformeln

unterstrichen

wiedergegeben:

usf.

oder

die

)

gekennzeichnet:

als unterstrichen

gesperrt

lagen gegeben: handschriftliche Korrekture n wurde n zumeist ohne Vermer k berücksichtigt.

Von der Korrespondenz. - soweit diese sich i n den Bestände n des Lukäcs-Archiv s der

Bibliothek der Ungarischen Akademi e der Wissenschaften in Budapest befindet - wird

hie r etw a ein Dritte l wiedergegeben . De r übrig e Teil betrifft Detail s der Lektoratsarbei t an

Bücher n und Artikel n von Lukäcs . zumeist Stilistik und Fragen der Zusammenstellung von

Sammelbänden . Soweit diese Erörterunge n ernstere Bedeutun g beanspruchen können ,

sind sie hier gegeben. Fü r Text un d Auswah l vorliegender Publikation trägt

der Heraus-

geber dieses Briefwechsels die Verantwortung.

 

Die

in Budapest

archivierten

Briefe aus

dem

Nachla ß von Lukäc s weisen

vor allem i n

1956 gravierende Lücke n auf. Offensichtlich wurde diese

von

Lukäcs" Frau Gertrud . Diese hatte ja bereits währen d des Moskaue r Exils Lukäcs ' Biblio-

thek von \ erlernten Autore n der Lenin-Zei t

der Verhaftung verbunden Hausdurchsuchung allzu offensichtliches

entzogen. Di e Briefe i m Nachla ß Wolfgang Harich s hingegen sind vermutlich vollständig,

bei dessen Verhaftung von den l'ntersuchungsorganen des

währen d der Haft an dessen Mutte r herausgegeben wurde.

Im Proze ß gegen Haric h wurde der Briefwechsel nicht verwandt. De r Nachla ß Harich s

gelangte ins Amsterdame r Institut für Sozialgeschichte und wird derzeit erst erfaßt, wes-

MfS beschlagnahmt und noch

Belastungsmaterial"

den Jahren 1955 und besonders

brisante"

Korresponden z

von

allem

Verfänglichen

gereinigt"

gesäubert",

wahrscheinlich

und damit demXKWDbe i der mit

da die gesamte Hab e Harich s

halb er nicht berücksichtigt werden konnte.

D e r vollständig wiedergegebene letzte Brief Harich s z u Lukäcs ' 85. Geburtstag blieb

unbeantwortet. Seil der Haftentlassung Harichs war der Kontak t zerstört - durch Ver-

leumdungen des zwei Jahre zuvor entlassenen Walter Janka. die im Lukäcs-Archi v vor-

liegen. Sowohl Lukäc s wie auch Haric h hatten damit einen kongenialen Diskussions-

partner verloren, die Sache der

Erneuerun g war schwer geschädigt: die gestörte, zerstörte Beziehung zu Lukäc s aber war

geworden.

Frühgeschicht e der Deutschen Zeitschrift für

Philosophie

aber auch ein

die

Quelle n der Hartmann -

ist nunmehr belegt, da ß Haric h der erste un d einzige Anrege r dieser Rezeptio n war -

Lukäc s umgibt: Eindeuti g

Teil der Tragik von Wolfgang Harich s Lebe n

des Marxismus " (Lukäcs) . die ontologische

Renaissance

übe r die

D e r Briefwechse l gibt Auskünft e

sowie zur

Pfuhl

aus

Hegel-Debatte "

Ignoranz

und

und

der fünfziger

übler

Nachrede

des

Jahre.-'

zu m

späte n

Durc h die Publikatio n wird

Versiegen gebracht,

der

Genien-Rezeptio n

mag dies auch die unterschiedlichsten (Budapester) Schul-Kriliker des späte n Lukäc s

stören."

2 Vgl. hierzu auch Peter Feist. Wolfgang Harich und die Hegeldiskussion der 511er Jahre in der DDR .

in: Ei n Streiter für

Gedenkkolloquium 1996). hg. v. Siegfried Prokop. Berlin 1996.55-60.

Deutschland. Auseinandersetzung mit Wolfgang Harich (Berliner Harich-

3 A m unverschämtesten lstvan Hermann in: ders

Georg Lukäcs. sein Lehen und Wirken. Wien

19S6. der auf S. 184 sowohl die Gehlen - als auch die Hartmann-Rezeptio n obskuren Ungarn

280

Die wichtigste Erkenntnis

 

Archiv

au s de r Korresponden z ist jedoch die notwendig

werdende

Zuordnun g vo n etwa 10 Druckseite n aus de r Verfasserschaft Lukäcs* z u de r Harichs. Da s

gesamte Kapite l übe r di e Deutsch-Französischen Jahrbücher i m Aufsat z Zur philosophi-

schen Entwicklung des jungen Marx entstamm t de r Fede r Harich s (siehe Briefe vo m

die s

nicht erwähnt 4 , der hoffentlich bald vorliegende dritte Ban d der Werkausgabe Lukäcs ' wird

es z u berücksichtigen haben.

17.

Apri l un d 4 . Ma i 1953) . I n de n vorliegende n

Ausgabe n diese r Abhandlun g wurd e

Ein e

vollständige

un d kritische

Ausgab e

Harich-Gesellschaft" i n

vorbereitet.

Verbindun g mit de r

des Briefwechsels wird

Internationalen

Wolfgang

Geor g Lukäcs-Gesellschaft "

vo n de r

Reinhard

Pirsch. Berlin

Wien-

zuschreibt (letztere

wurde dies für Hanman n bereits 1984 von Frank Benseier, den Lukäc s selbst zum Herausgeber der Lukäcs-Werkausgabe designierte, im Nachwort zum zweiten Band von: Zur Ontotogie des gesell- schaftlichen Seins. Neuwie d 19S4: für Hartmann und Gehle n vom Herausgeher der Gehlen-Werk- ausgabe Kaii-Siegbert Rehberg i n seinem Vortrag auf dem Essener Lukäcs-Kolloquium 1989:

zutiefst verachteten Jözsef Szigetü). Richtig vermutet

gar de m vo n Lukäcs

Instrumentaliliit und Entlastung. Motive Arnold Gehlens nn Werk von Georg Lukäcs. abgedruckt in: Diskursühersehneidungen. Georg Lukäcs und andere, hg. v. Werner Jung. Bern 1993. 101-125. Vgl. auch Stefan Dornuf. Zur Gehlen-Rezeption Wolfgang Harichs: sowie Reinhard Pitsch. Harich

und N. Hartmann, in: Ein Streiter für Deutschland, a. a. O

77-87.88-101.

4 Unter dem Titel: Der junge Marx. Pfullingen 1965. sowie im Sammelband: Schriften zur Ideologie

und Politik, hg. v. Peter Ludz. Neuwied 1967.

'•' De r Herausgebe r

de s nachfolgende n

Briefwechsels . Dr . Reinhar d Pitsch . is t wissenschaftliche r

Sekretär der

Wolfcanc Harich-Gesellschaft"".

Dtsch. Z . Philos

Berlin 45 (1997) 2. 281-304

Wolfgang Harich - Georg Lukäcs

Harich an Lukäcs. 5.9. 52

Briefwechsel

Das Sektierertum, gegen Jas Sie sich in Ihrem Schreiben mit Recht wenden, ist bei uns in der Tai eine schlimme und gefahrliche Erscheinung. In einem Lande, in dem es rechts den Halleschen Pietis- mus und links den Börne gegeben hat. nimmt es natürlich auch die entsprechende Färbung an. und schön ist die nicht.

Ich schreibe Ihnen heute, «eil ich folgende Anliegen auf

dem Herzen habe:

2. Vor einigen Tagen wurde in Berlin eine neue philosophische Vierteljahre »Zeitschrift der DD R

unter dem Titel

der Grundtendenz und der Mehrzahl der Beiträge marxistisch, aber unter Mitarbeit bürgerlicher

Philosophen, sofern ihr Schaffen humanistisch-progressive und rationale Tendenzen aufweist, resp.

Ei n

echter Lukäcs pro Nummer wäre uns hochwillkommen. Beachten Sie bitte, da ß ai angesichts des standigen Hinsterben» philosophischer Zeitschriften in Westdeutschland mit Interesse und Auf-

nahmebereitschafi auch bei der :-u::y

auf dem Gebiet der Philosophie auße r dem dunkel aphoristischen Bloc h fast nur noch märkische r Sand existiert, der entweder von sektiererischen Genossen ä la Schrickel oder von halbwegs loyal gestimmten bürgerlichen Professoren minderer Güte produziert wird.

3. Zu m Schluß eine private Anfrage: Kennen Sie die vierbändige Ontotogie von Nicolai Hartniann

Aufbau der realen Welt"'.

Philosophie der Natur"). und wenn ja - v\ ie stehen Sie dazu? Hartmann , der 1951) in Götringen ver-

starb, steht uns durch die materialistische Grundtendenz seiner Philosophie von den bürgerlichen Phi- losophen der Gegenwart relativ am nächsten, sofern er nicht gerade von gesellschaftlichen Frauen spricht. Bemerkenswert ist seine radikale Gegnerschaft gegen alle Formen des offenen oder getarnten subjektiven Idealismus, gegen die Existentialismen, die er haßte, gegen Mythos. Irrationalismus u. dgl . abei auch gegen idealistische und positivistische lendenzen in der Philosophie der Naturwissen- schaftler, gegen den Vitalismus in der Biologie, gegen Einsteins Gleichzeitigkeiisdefinition und gegen

(

hiteüigenz /i . rechnen is:. und b i dat.! bei uns in der DD R

Die Linie: In

Deutsche

Zeitschrift für philosophische Wissenschaft"

naturwissenschaftlich-materialistisch orientiert ist. Verbreitungsgebiet:

-r'i.-h.'"

Zur

Grundlegung der

Möglichkeit

und

Der

die Leugnung der Kausalität auf Grun d der Heisenbergschen Unschärferelation usw. In meiner Ent- wicklung war Hartniann - während des Krieges - ein Durchgangspunkl zum Marxismus, sozusagen

Materialismus und Empiriokritis-

mein Feuerbach, seinem Einfluß verdanke ich es. da ß ich Lenins

mus". als ich es zufällig in die Hand bekam, mit großem Emst studierte, was mich dann wiederum auf

da ß Hartman n (der

den Marxismu s überhaup t neugierig machte. Nu n ist i m Westen die Lage so.

freilich nicht zu den Modegrößen gehört) objektiv die Funktion einer letzten Auffangstellung der bürgerlichen Ideologie ausübt. Alles, was eine gesunde rationale Orientierung hat. was sich angewidert

282

Wolfgang Harich-Geor g Lukäcs. Briefwechsel

vom Idealismus, vom Tiefsinnsgeschwätz katholischer und existentialistischer Herkunft abwendet,

ohne sich aber zum Marxismus durchringen zu können oder zu wollen (wobei sich ordinäre Furcht vor

behördlichen Schikanen mit Aversion gegen unsere Sektierer paart), schwört auf Hartmann. Denn bei

Philosophie beginnt nicht mit sich selbst: sie setzt das

in Jahrhunderten angesammelte Wissen und die methodische Erfahrung aller Wissenschaften voraus,

nicht weniger aber auch die zweischneidigen Erfahrungen der philosophischen Systeme. Au s alledem

hat sie zu lernen. Von dem ungeheuren Unsin n einer .voraussetzungslosen Wissenschair ist sie

jedenfalls weiter entfernt als irgendein anderer

immer - aufrichten will, wird unweigerlich die am meisten zeitbedingte schaffen. Wer wollte sich heute

noch einreden, dieser Ironie alles denkerischen Schicksals entgehen zu können? L'nd doch - wer

daraus umgekehrt den Schluß ziehen wollte, es verlohne sich um die systematische Arbeit nicht mehr,

wäre erst recht im Irrtum. E r hätte die Lehre nur zur Hälfte begriffen. Denn geschichtliche Relativität

hebt den Charakter des Näherungswertes in einem vergänglichen Erkenntnisstadium nicht auf-, auch

dann nicht, wenn von dessen Lehrgehah nicht- in spätere und reifere Einsicht übergeht. Lehrreich sind

eben auch Irrtümer, und aller Fortschritt geht den Weg des Ringens mit dem Irrtum. Es ist keineswegs

utopisch, als Forschender mit der vollen Fragwürdigkeit der eigenen Einsichten zu rechnen und

dennoch unbeirrt forizuarbeiten

Zeit forscht, wissend, da ß seine Arbeit bestenfalls ein Glied in der Kette geschichtlicher Denkarbeit

ist. bald überholt vom nächsten Schritt des Eindringens. - der gerade hat am ehesten die Aussicht,

vor dem Forum späterer Generationen Geltung beanspruchen kann. 1 Oder -

über

rie auf die mathematischen Messungsverhältnisse in Raum und Zeit, so behält sie recht. Nimm t man

die in ihr gezogenen Konsequenzen, den Raum und die Zeit selbst betreffend, im buchstäblichen

Sinne, so behält sie unrecht. Da ß sie selbst die Grenze, die hier zu ziehen wäre, nicht einhält, ist ihr

Fe'"'er

dynamische Verhalten der Materie und der Kraftfelder, rechtfertigt aber keinen weitergehenden

Schluß

quenz dahin ziehen, daß zwar die Metrik der realen Raum- und Zeitverhältnisse dynamisch-physi-

kalisch bedingt ist. da ß aber eben darum ihre Relativ itäl nicht die Beschaffenheit des

der Realzeit selbst betrifft."--Oder-gegen die Leugnung der Kausalität auf Grun d der sogenannten

Zufälligkeit der mikromechanischen Prozesse: .Ao n Seilen der Physik ist die Unterscheidung von Kau -

salität und Naturgeseizlichkeit nicht immer mit der nötigen Schärfe festgehalten worden. Da s ist einer

der Gründe, warum man die Kausalität dort fallenlassen zu müssen gemeint hat. wo die Gesetzlichkeit

der klassischen Phvsik versagt. Tatsächlich läßt sich hier nur ein fester Zusammenhang aufweisen: Die

Gesetze der klassischen Physik setzen die Kausalität voraus und verlieren ohne sie den Boden unter

den Füßen: die Kausalität ihrerseits setzt diese Gesetze nicht voraus, sie kann an sich auch ohne sie be-

Was im Gebiet der atomaren Prozesse versagt, ist zunächst nur die Faßbarkeit der Gesetze.

stehen

Diese Faßbarkeit ist die exakte, mathematisch-mechanische. Was also fehlt hier der Kausalerkennt-

nis? Ma n kann antworten: Das Wissen um die causa efficiens. Das bedeutet, daß die Kollokationen der

Realfaktoren, welche die Teilursachen bilden müßten, nicht faßbar sind, mit ihnen also auch die

etwas zu schaffen, was

.Philosophie für

Hartmann kann man zum Beispiel lesen:

Die

Wissenszweig." 1 Oder:

Wer

eine

Wer bewußt aus der Problemlage seiner Zeit heraus und für seine

Recht

und Grenzen der Relativitätstheorie":

Beschränkt

man den Kern der Relativitätstheo-

Die dem Rau m und der Zeit zugeschriebene Reiativ itäi bezieht -ich tatsächlich p.ur aul das

Die Ontotogie darf ohne Rücksicht auf die spekulativen Schlüsse der Theorie ihre Konse-

Realraumes und

1

V. Hartmann. Oer Aufbau der realen Welt. Berlin 19fi4\ X

2

Unterstreichung handschriftlieh

5

\ . Hartniann. Die Philosophie der Natur. Berlin 197&-. Yll l

Dtsch. Z . Philos. 45 11997) 2

2S3

Gesamtursachen. Was aber folgt aus der Unfaßbarkeit? Doch nicht, da ß es hier gar keine Ursachen gäbe! Was mit bestimmten Erkenntnismitteln nicht - oder noch nicht - greifbar ist. braucht doch des-

wegen im Realzusammenhang nicht z u fehlen

ei betrifft die Ar t der Überlegung, des Ansatzes, der Rechnung, nicht den Gehalt des Gesetzes selbst,

auf dessen Fassung wir hinsteuern. Nicht das Gesetz ist statistisch, sondern der Zugang zu ihm . Frei- lich so. wie wir es fassen, sagt es über die wirkliche Bewegung des einzelnen Atom s oder Elektrons

nichts aus.

aus exakt. Sie

genauer erfaßt

Kann denn im Durchschnitt eine Gesetzlichkeit bestehen, die mit der Zahl der Fälle auf einen bestimmten Wert zu konvergiert - wobei sich auch die Streuung und der durchschnittliche Fehler

durchaus noch berechnen lassen - : ohne da ß in den

Wie kann ein Häufigkeitsmaximum dann auch nur eine bestimmte Lage in der statistischen Kurse einnehmen? Ohne jede Ordnung in den Kollokationen wäre das ja gerade nicht möglich: mit ihr aber doch nur. wenn die Kollokationen Gesamtursachen sind. Sieht man näher zu. wie der Physiker seine Gleichung ansetzt, so findet man auch in seinen Überlegungen stets das Rechnen mit der bestimmten Gesamtlagc und ihrer Variabilität. Diese aber ist gerade die Kollokation der L'rsachenmomente. Übrigens: Die Wahrscheinlichkeitsrechnung betrifft keineswegs bloß die .Größe der subjektiven Erwartung". Sie ist gerade die Erhebung des Envartimgsmaßes ms Objektive: sie stellt es auf eine im realen Geschehen selbst bestehende Basis. Wäre diese Basis direkt zu erfassen, so würde die Erwar-

tung in exakte Xbraussage übergehen. D a sie nur genähert faßbar ist. bleibt die Voraussage am Durch-

Uberhaupt ist der Ausdruc k .statistisch" irreführend,

sondern nur etwas über die Bewegung aller im Durchschnitt. Abe r diese Aussage ist durch-

unterliegt dem Gesetz der großen Zahl, welches besagt, da ß der Durchschnitt umso wird, je größer die Anzahl der Fälle ist. von denen wir ausgehen. Was bedeutet das nun'.'

Realfällen selbst eine Determination bestünde?

schnitt hängen.

Das ändert aber nichts daran, da ß eine

Basis realer

Determiniertheil in den Teil-

prozessen selbst

schon vorhanden

sein mu ß

Gerade die statistischen

Gesetze sind ein Beweis dafür,

daß in der scheinbar .regellosen" Mannigfaltigkeit der Einzelfälle doch strenge Kausalabhängigkeit

herrscht, und zwar unabhängig votv. Grade ihrer F'rkeimbarkei'

fälle ja auch nicht: sonst ließen sie sich nicht diskutieren. Sie sind - wenigstens vorerst - nur nicht voll

Auffassung der Oniologie gibt nicht nur das Wert-

vollste preis, was die deutsche Philosophie in ihrer Blütezeit (von Kant bis Hegel i zur Einsicht gebracht

hat. sie macht vielmehr die höchste Seinsschicht, die des geschichtlichen Geistes, geradezu ungreifbar usw."" A n anderer Stelle: .Ao n altersher ist z. B . die Todesangst der Menschen von spekulativen Fana-

ausgenutz t worden . Statt sie den Unwissende n auszureden , schürt e un d nährt e ma n

sie mit den gewagtesten Jenseitsvorsiellungen. Un d doch liegt es auf der Hand , da ß hier jede reelle

Fühlung mit dem Kommenden fehlt, jeder Anhaltspunkt, ob überhaupt der Tod sonderlich wichtig für den Menschen ist. Als bloßes Aufhören - mehr wissen wir von ihm nicht - ist er es jedenfalls nicht. Er- schreckend mu ß e r natürlich für den sein, der das Leben ausschließlich aus dem Belange der eigenen Person heraus führt und die Well als bloß die seinige versteh;: die habituelle Verkehrtheit des sich- selbst-Wichtignehmens rächt sich am Ich-Menschen. Relativ gleichgültig wird der Tod für den. der sieh selbst in unverfälscht ontischer Einstellung als geringfügiges Individuum unter Individuen sieht, als Tropfen im Gesamtstrom des Weltgeschehens, des geschichtlichen wie des noch größeren kosmischen, und in Ehrfurcht vor dem Großen sich zu bescheiden weiß. Das isl die natürliche Haltung des Men-

Dasein"

schen i n eier noch ungebrochenen Lebensverwui zelung. Das Wichtigtun mit dem eigenen

tiker n gew issenlos

erkennbar." : Oder - gegen Heidegger:

Ganz unerkennbar Mnd die Einzel-

Heideggers

und der

je

seinigen'" Welt ist immer schon Entwurzelung , künstliche Steigerung des Selbst zu m allein

5

379 ff.

2S4

VV'olfgang Harich-Geor g Lukäcs. Briefwechsel

Existierenden, oder gar supersiitiöve Einschüchterung des moralisch aus dem Gleis Geworfenen.

Soweit sie nicht das vitale Widerstreben gegen die Auflösung ist oder der Wunsch, noch Leistungen zu

sollbringen, ist alle Todesangst ansuggerierte, selbstgemachte Pein. Das metaphysische Gaukelspiel

der Angst, gesteigert durch die Unmoral zuchtloser Selbstquälerei, ist die unversiegbare Quelle end-

loser Irrung. Es berührt wunderlich, wenn man sieht, daß ernsthafte Denker in der Durchbildung

philosophischer Theorien diesem Gaukelspiel verfallen und die Angst zum Ansatz der Selbstbe-

sinnung auf das Echte und Eigentliche des Menschen machen. So Martin Heidegger in seiner be-

kannten Anabs e der Angst, und zwar mit ausdrücklicher Bevorzugung der Todesangst. E r folgt darin

dem unseligsten und raffiniertesten aller Selbstquäler, die die Geschichte kennt. Sören Kierkegaard.

Gerade die Angst ist der denkbar schlechteste Führe r zu m Echten und Eigentlichen." Gerade sie ver-

fall: grundsätzlich jedem Truge - sei es der Tradition oder der selbstverschuldeten Vorspiegelung

usw"-Dies e Zitaienlese mag genügen, um die Ande r Wirkung zu kennzeichnen, die Nie. Hartniann

auf Intellektuelle ausübt. Das gesellschaftlich Wichtigste ist. daß sein Widersachertum gegen die

diversen Spielarten des modernen Obskurantismus seine objektive Bundesgetiossensehaft auf natur-

wissenschaftlichem Gebiet - sogar die Möglichkeit der Vcrerbbai keil erworbener Eigenschaften gibt

er. ohne je von Mhschurin-Lvssenko gehört zu haben, grundsätzlich zu - mit einem blöden Eklek-

tizismus in allen historischen und gesellschaftlichen Fragen Hand in Hand geht: So bringt er es

beispielsweise fertig, die beiderseitigen

winden", da ß er erklärt, der Geschichtsprozeß werde sowohl vom Geistigen, als auch vom

Überspitzungen"

Ökonomi-

über-

von Hegel und Marx dadurch

zu

schen her determiniert: der Fehler beider Denker liege darin, da ß jeder von ihnen nur den einen

gesehen und daher überschätzt habe. (Natürlich hat er von Marx keine Zeile gelesen: und

Faktor"

von Plechanow. der diese

hat. kannte er nicht einmal den Namen. Im übrigen pflegte er dem Marxismus historischen

Relativismus in der Ideengeschichic und pragmatisiische Tendenzen in der Erkenntnistheorie zu

unterstellen. Studenten in Göttingen. Schüler Harimunns. vor denen ich anläßlich einer Yortragsreise

durch Westdeutschland sprach, waren denn auch sichtlich erstaunt zu hören, da ß man im „Osien".

wenn man als Philosoph am Begriff der objektiven Wahrheit festhalte, nicht gerade mit sibirischer Ver-

bannung bedroh! werde. Von demselben Hartniann waren die Jungens aber vortrefflich in der Argu-

mentation gegen Dewey und Konsorten gedrilli worden. I - Ich glaube, da ß dies alles für Sie ein wenig

interessant sein wird, und ich würde gerne von Ihnen erfahren, ob Sie sich mit Hartmanns Philosophie

beschäftigt haben, wie Sie sie einschätzen, und ob Sie eine Auseinandersetzung mit ihr für lohnend

hallen.

Faktoren'-Theorie

und den dazugehörigen Eklektizismus längst kritisiert

Lukäcs an Harich. 16.9.52

Sie über die deutsehen Wurzeln des Sektierertums sagen, isl sehr interessant. Die L T naus-

Sektieiertum s für eine verhältnismäßig lange Periode ist aber mit den Bedingungen des

sozialistischen Aufbaus in einer kapitalistischen Umkreisung, mit der objektiven Unvermeidbarkeit

rollbarkeil des

Was

des Kadermangels etc. so eng verknüpft, da ß wir für eine lange Zeit nur hoffen können, eine bestimmte

Dieser Sa u wird von Lukacs in: Zur Ontotogie des gesellschaftlichen Seins. Neuwied 1984.13J. [.42Nzitierri Auf-

hat p:inz:-.ven J.-i I l.u-fn.iniiw n On:. vy: .

.

N N . Hurimann . Zu r Grundlegung der

9 Gleiches behauptet Harich in seiner Rezension von Hanmanns releotogisclws Denken. Deutsche Zeitschrift für

Oniologie . Berlin 1965'. LS2

Philosophie. Ig. 1 1953. Hctt 2. auch hier ohne Belegstelle.

Disch. Z . Philos. 45

1

2

285

Form der sektiererischen Ideologie auszurotten, bald danach entsteht jedoch eine neue. Die Sowjet-

union ist in jeder Hinsicht weit entwickelter als wir: dennoch haben wir -u m nur von den letzten Jahren

zu sprechen - die Herrschati des Manismus, den Neorappismus und die Theorie vom konfliktlosen

Dram a erlebt. Dieser Kampf w ird schließlich siegreich enden, aber es ist ein ganz anderer Weltzustand

notwendig, damit die Überwindung des Sektierertums eine endgültige sei. Ich will Sie damit nicht

mutlos machen: Sie sind noch jung genug, um die endgültige Liquidation des Sektierertums zu

erleben.

Was die Verknüpfung der eventuellen Ausgabe meines Hegels mit einer Ausgabe der Jugend-

werke von Hegel selbst betrifft, so halle ich diesen Plan für bedenklich. Ich glaube nicht, da ß man die

Jugendweihe Hegels auch bei vielen Auslassungen zu einer solchen allgemeinen Lektüre machen

kann , w ic. dies etw a be i Herde r möglic h ist. Wi r dürfe n nie vergessen, da ß jen e Werk e Hegels , mit dene n

er eine dauernde geistige Macht geworden i-t. die seiner Reife sind Logik. Ästhetik. Geschichte der

Philosophie. Ich könnte mir z. B . vorstellen, da ß jemand - nicht ich - aus den drei Banden der

Hegeischen Ästhetik eine lesbare Ausgabe von einem Band macht, der im Kampf um die Entfaltung

der Theorie eines tief aufgefaßten

Literatur eine Rolle spielen könnte. Ebenso w iehtig könnte werden, eine Ausgabe der kleinen Logik

mit Zusätzen, nicht wie bei Meinen für die ideologische Hebung der Wissenschaftler etc. Der junge

Realismus, um die Großzügigkeit in der Auffassung von Kunst und

Hegel kann meines Erachtens nie eine solche aktuelle geistige Macht werden, selbst die unerhört

Lektüre, selbst für die gebildetsten

geniale

Massen. Dazu kommt noch, da ß das Ausspielen des jungen Hegel gegen den reiten eine Tendenz der

imperialistischen Reaktion war. In meinem Buch habe ich versucht, die Wahrheit festzustellen Da ß

der junge Hegel in mancher Hinsicht einen fortschrittlicheren Standpunkt einnahm als der nach

darf die Tatsache nicht verdunkeln, da ß die für die Entwicklung der

Napoleons Sturz resignierte,

Dialektik ausschlaggebenden Werke in der Berliner Periode entstanden sind. Ihre Ausführungen über

die Hegelfrage haben aber in mir den Gedanken angeregt: Meiner hat nach der Befreiung die große

Logik neu herausgegeben. Wäre es nicht möglich - eventuell mit Hilfe der Akademie der Wissen-

schaften-, auf den Plan der Herausgabe einer Gesamtausgabe Hegels zurückzukommen. Man könnte

dabei sehr vieles der Meinerschen allen Ausgabe ausnützen, natürlich müßte am Gesamtplan vieles

geändert werden. Denken Sie über diesen Einfall nach.

Phänomenologie

des Geistes" is; eine viel zu schwere

3. Was N . Hartmann betrifft, so kenne ich ihn sehr wenig. Ich habe seinen Vortrag auf dem Hegel-

kongreß in Berlin gehört und darin eine gewisse Tendenz zur Objektivität der Wirklichkeit wahr-

führenden Neuhegelianern scharf angegriffen. Daraufhin

enttäuscht. 1 " D a ich mich dann später wirklich eingehend

genommen. E r wurde deshalb auch von den

las ich sein Hegelbuch, war aber davon sehr

nur mit den Ideologen des Irrationalismus befaßt habe, kam ich nicht dazu, die Werke Ilarlmanns ein-

gehend zu studieren. Die Zitate, die Sie geben, zeigen, da ß es sich hier tatsächlich um eine eigenartige

Erscheinung handelt. Ich verstehe also sehr gut. da ß er Ihnen in Ihrer Jugendentwicklung geholfen hat.

in Vgl. Die Zerstörung der Vernunft. Berlin 1955-. Berlin I9S+V 454:

Ein

einzige moderne Philosoph, der posi-

tiv zur Dialektik steht. Nicolai Hartniann. nivstilizieii -le vollständig, macht :iu< ihr eine rätselvolle Gottesgabc

" Ahnlich bereits 1931 Karl August \ \ itltogel in seinen- Bericht über u. a. den von Lukäcs

angesprochenen Berliner

Reter.it Nikolai Hamnaiins. der in einer allerdings skeptischen, relativistischen Weise das

Problem einer Realdialeklik immerhin stellte, wurde von dem launigen Conferencier der Tagung, dem Hcselherausgeher Georg Lasson. durch die Blume gerügt." i I9l

Nov. 1931.1" ff.:

des Genies

Hett 11.

Der

Der Faschismus .beerbt Hegel", in: Die Linkskurve. 3. Jg

2S6

Wolfgang Harich-Georg Lukäcs. Briefwechsel

Was nun die Ausnützung dieser Frage betrifft, so glaube ich. gibt es zwei Möglichkeiten, die beide aus-

nützbar sind. Erstens können wir ganz ruhig Hartniann - bei aller Kritik und aller Vorbehalte - in der

Propaganda unter den bürgerlichen des Westens als Verbündeten ausnützen. Ich meine methodologisch

in der Art wie - natürlich mutatis mutandis - Lenin Haeckel im Kampf gegen die Machisten ausgenützt

hat. Natürlich würde ich raten, wenn es sich um Probleme der modernen Naturwissenschaft handelt.

Fachleute zu konsultieren, damit wir nicht naturwissenschaftlich falsche Positionen aus eikenntnis-

theoretisehen Gründe n verteidigen. Zweitens - und das wäre Ihre Aufgabe - wäre eine eingehende

Studie über das Gesamtwerk Harimanns sehr nützlich. Es müßte gezeigt werden, daß er einerseits einen

kritisch vielfach richtigen Kampf gegen subjektiven Idealismus und Irrationalismus gefühlt hat. daß

aber ein solcher Widerstand von idealistischer Seite aus nicht mehr möglich ist. Ei n solcher Aufsatz

müßte natürlich in einem sachlich entschiedenen, aber sonst sehr ruhigen und höflichen Ton geschrie-

ben sein, damit er in der westlichen Intelligenz einen Eindruck mache.

Harich an Lukäcs. 20. 9. 52

Mit gleicher Post-aber nicht mit Luftpost, da dies nicht so eilig ist-schicke ich Ihnen eine eigens

für Sie angefertigte Information über ein neues anthropologisch-philosophisches Werk:

- seine Natur und seine Stellung in der Welt" von Arnol d Gehlen. " Nach meiner Meinung ist dieses

Buch die bei weitem talentvollste Leistung, die ein bürgerlicher Philosoph in unserer Zeil vollbracht

hat. Merkwürdigerweise war Gehlen (der sich in letzter Zeit uns nähert und sieh seit Kriegsende sehr

ehrenhaft verhält) seit den Weimarer Tagen politisch ein strammer Nazi - aus fehlgeleiteter Aversion

gegen bürgerliche Demokratie und Liberalismus, machte aber in seiner Philosophie wiederum vom

Nazimm kaum Gebrauch. Ich glaube, daß es Sie im Zusammenhang mit Ihrem Irrationalismus-Buch

interessieren wird, von Gehlens Leistung zu erfahren: Denn hier haben wir ein Beispiel dafür, da ß man

an die von den Irraiionalisten so verhimmelten Instinkte auch ganz anders herangehen kann. Gehlen

zeigl nämlich, daß unsere Instinktschwäche Resultat und Voraussetzung alles eigentlich Menschlichen,

vor allem der Handlung ist. die die zentrale Kategorie seines anthropologischen Ansatzes darstellt.

in großer Breite und Ausführlichkeit die Erkenntnis,

daß Sprache und Denken eine Einheit bilden, konkretisiert. Bitte lesen Sie sich doch die fünfzehn

Schreibmaschinenseilen meiner Information durch. Wenn das Buch Sie interessiert, schicke ich es

Ihnen. Wenn man es mit marxistischen Augen liest und sich die darin enthaltenen rationellen Ge -

gew innt ma n eine Füll e neue r Aufschlüsse ,

auch für psychologische, ethische, charakterologische. sprachwissenschaftliche und ästhetische Pro-

sichtspunkte un d Forschungsresultate

Außerde m ist das Buch bemerkenswert, weil es

Der Mensch

kritisch aneignet",

bleme.

Lukäcs an Harich. 13. III. 52

Ich werde selbstverständlich Ihren Bericht über das Buch von Gehlen mit Interesse lesen. D a ich

ich jetzt Zeit haben werde, das Buch selbst durchzu-

sehr beschäftigt bin. glaube ich nicht, da ß

aber

nehmen.

11 Harich betrachtet offenbar die Neuauflage fälschlich als Erstauflage, die bereits 194(1 erschien. Die tion " übe r Gehle n i*t im Lukäcs- Archiv nicht erhalten.

Informa-

Dtsch . Z . Philos. 45(19971 2

2X7

Harich an Lukäcs. 24.10. 1952

Da s Buch von Gehlen würde ich Ihnen in einem Exemplar schicken, das Sie dann behalten

könnten. Wenn Sic Ihr Vorhaben, eine Ethik / u schreiben, verwirklichen werden, wird Ihnen das darin

enthaltene Forschungsmaterial über die Zusammenhänge Arbeit-Praxis Handlung-Motivation des

Handelns usw. sicher nützlich sein. Den n nicht wahr? - bei der bloßen Beteuerung, da ß Menschen

Handelnde" sind, kann man es doch nicht bewenden lassen. D a ist doch auch auf sehen des

Subjekts eine Menge ethisch Qualifizierbares mitgesetzt.

zweifellos

Lukäcs an Harich. 18. I L 1952

Da ß Sie mir das Buch von Gehlen schicken, ist mir sehr angenehm: bei der Arbeit an der Ästhetik

werde ich es sicher lesen. , :

Harich an Lukäcs. 13.12. 1952

Ich habe mich inzwischen an die Lektüre der

Zerstörung

der Vernunft" gemacht und möchte

meinen, da ß das eines der wichtigsten un d nötigsten Bücher ist. die i n dieser Zeit Uber Deutschland

und für Deutsche gesehrieben w urden - sozusagen der Schlußpunkt i hoffentlich!) hinter all dem. was

bei uns seit über hundert Jahren an geistig Üble m geherrscht und das Denken in aller Flerren Länder

mehr oder weniger verpestet hat. Ich bin überzeugt, da ß das Buch ziemliches Aufsehen erregen und

vielen anspruchsvollen Köpfen, die noch im Dunkeln tappen, wenigstens sehr zu denken geben und

sicher auch manchem die Augen öffnen wird. E s wäre wirklich zu wünschen, daß es auch im

Westen

erschiene, nicht nur um des Kompensationsgeschäftes mit dem Europa-Verlag willen, bei dem für uns

Hegel" herausspringen soll, sondern vor allem wegen der zu beeinflussenden Intelligenz,

der man den Kierkegaard, das Diltheysche

und den anderen Dreck so gründlich austreiben muß., wie es hier geschieht. -

das Klagessche Widersachertum von

der

Junge

und

Sinnverstehen".

Geist"

Leben"

Nicht ganz einverstanden bin ich mit dem. was Sie gelegentlich hier und da über formale Logik, formal-

logisches Denken usw. sagen, z. B . in dem Abschnitt über Schelling und in dem Uber Kierkegaard. Ich

oder Marxismus". Seile 54. auszusetzen, wo es einmal beißt,

formallogische" Überspannung des Freiheilsbegriffs i bei Sartre l zu seiner Vernichtung führe.

Was diese Überspannung angeht, so gibt es keine einzige Regel der formalen Logik, die dergleichen

halte dasselbe schon an

daß die

Existenzialismus

legitimierte, im Gegenteil: gerade der Satz der Identität verbietet falsche Verallgemeinerungen, und

gerade dialektisches Denke n ist i n der Befolgung dieses formallogischen Axioms konsequenter als das

metaphysische. " - En d was die Kritik de: Schelling und I lege! an der formalen Logik betrifft, so be-

ruht sie. glaube ich. auf fundamentalen Mißverständnissen, nämlich auf einer falschen Identifizierung

der metaphysischen Beschränktheit mil der formallogischen Richtigkeit. Die Ansicht, daß die Über-

zeugung von der absoluten Verbindlichkeit der formallogischen Geseize für das Denken entweder zu

einem Beharren in metaphysischer Beschränktheit oder aber - Kehrseite! - zu m Irrationalismus

gegenüber dem dialektischen Charakter der Realität führe, halte ich für falsch. Ich werde Ihnen, wenn

es Sie interessiert, nächstens zwei Logik-Autsätzc und das Lekioratsgutachien über die

der Vernunft" schicken, wo das näher begründet wird. Natürlich kann und will ich Ihnen damit keine

Zerstörung

Änderung oktroyieren oder auch nur empfehlen. E s handelt sich hier ja um ein durchaus noch

12

Tatsächlich stützt sich Die Eigenart des. hiherischen stark auf Gehlen.

. ;

L eiJ:, Hl;: h ".'>c'".!:f:lic::

288

Wolfgang Harich-Geor g Lukäcs . Briefwechsel

umstriuen.es Problem, un d die Diskussion dieser Fragen ist allenthalben noch im Fluß, auch i n der

S L . Ich

tik, die daran hängenden Mißverständnisse über den Satz des Widerspruchs usw

unserer theoretischen Literatur gänzlich verschwinden werden, und zwar als ein Überbleibsel des deutschen Idealismus, das nicht zum Erbe gehört, sondern nur gedankenloserweise mitgeschleppt wurde, weil es dringendere Fragen - Fragen auf Leben und Tod nämlich - zu klären gab als die der formalen Logik. -

10. Da s Buc h von Gehle n habe ich besorgt. E s wird Ihnen werden.

bin aber der festen Überzeugung, da ß die ganze Gegenüberstellung formale Logik - Dialek-

eines Tages aus

in de n nächsten Tagen zugeschickt

Lukäcs an Harich. 18. 2.1953

Bei dieser Durchsicht meines Archivs bin ich auf ein anderes alles Manuskript gestoßen, das even-

tuell für die Philosophische Zeitschrift brauchbar sein könnte. Es isi ein Aufsatz von über 30 Seiten

Jahr-

büchern" . Es sind einige interessante Gedanken darin, sein Nachteil ist. da ß er in 1942 für ein Hand -

buch geschrieben wurde und darum ein bißchen trocken geschrieben ist. nicht frei und essayistisch. Ich lasse jedenfalls eine Kopie herstellen und werde Sie ihnen schicken.

über die philosophische Entwicklung

des jungen

Marx

bis zu den

Deutsch-Französischen

Harich an Lukäcs. 4.3.1953

Ich möchte Ihnen heute, wie ich es in meinem letzten Schreiben bereits ankündigte, noch einige

Fragen stellen, die sieh auf die

freiheit-

Phrasendrescherei, in der Situation nach dem Zweiten Weltkrieg die Ideolo-

gie und Propaganda unserer Feinde ist. Bei aller Richtigkeit dessen, was Sie in den vorhergehenden Kapiteln über die Tendenz der reaktionären Kritik an den westlichen Demokratien in den piäfaschi-

stischen Strömungen sehreiben, scheint es mir nun angesichts der gegenwärtigen Situation gut zu sein, auf einige berechtigte Momente etwas stärker hinzuweisen, die ganz zweifellos in der rechten Kritik an der westlichen Demokratie. wie sie in Deutschland geübt wurde, trotz allen extrem-falschen Konse- quenzen, die daraus gezogen wurden, vorhanden waren. Dieser Hinweis bezieht sich vor allem auf die Einleitung, namentlich auf Seite 36 derselben. Die berechtigten Momente könnten z. B . - dies wäre

eines Unpolitischen" von Thomas

Mann, die sich ja auf dieser Linie der Kritik von rechts an der westlichen Demokratie bewegen. Thomas

mit einer so

ehrlichen Leidenschaft durchlebte, zum großen Vorteil seiner weiteren Entwicklung stets davor be-

wahrt geblieben, auf liberale Phrasen, wenigstens als Gestalter, hereinzufallen. Daher die großartige

Zauberer"

und auch Serenus Zeitblom i m

Faustus" gezeichnet sind. Da s ist doch etwas unbedingt

Ironie, mit der Herr Settembrini im

Mann ist. wie mir scheint, gerade weil er die Entwicklungsphase

ein Vorschlag - illustriert werden am Beispiel der

Zerstörung

der Vernunft" beziehen.

1) Au s Ihrem Nachwort geht sehr klar hervor, da ß die direkte Apologie, d. h. die

demokratische"

Betrachtungen

der

Betrachtungen"

Mario

und der

Zauberberg",

Doktor

der Mann aus Rom in

Positives. Natürlich soll die scharfe Entlarvung der rechten Kritik an der westlichen Demokratie, die Entlarvung ihrer Rolle in der ideologischen Vorbereitung des Faschismus, in keiner Weise abge-

schwächt werden. Ihre Argumentation wird jedoch sachlich viel stärker und gleichzeitig zeitgemäßer im Hinblick auf die Situation nach 1945. wenn Sie die berechtigten Momente, vielleicht in ein paar einzuschaltenden Sätzen, v ielleicht am Beispiel der Entwicklung Thomas Manns, stärker hervorheben, als es im vorliegenden Manuskript der Fall ist.

Dtseh. Z . Philos. 45 1199*1 2

289

2) Kritisc h siehe ic h gew isseti

Stelle n de r Einleitun g gegenüber , i n dene n Sie meine s Erachten s de m

Kampf der werktätigen Massen gegen den Imperialismus in Deutschland nicht ganz gerecht werden. Meine Kritik bezieht sich zunächst auf Seite 4344 der Einleitung, wo Sie schreiben, da ß der offen und streng obrigkeitliche Charakter der allen Form der Reaktion, solange die I lerrschall der I lohenzollem unerschüttert w ar oder wenigstens zu sein schien, die Majorität der Bevölkerung in der Stimmung einer begeisterten 1 ovahlät festhalten konnte. Das ist unbedingt richtig für die Massen des Kleinbürgertums und für gewisse Teile der Arbeiteraristokratie, und wenn man das Wort „Majorität" streng statistisch

versteht, so stimmt es sicher. Abe r da ist die vor

demokratischer Wählerstimmen. die Tatsache, daß. den letzten Wahlergebnissen vor dem Ersten Welt- krieg entsprechend, doch etwa ein Drittel des deutschen Volkes - und zwar dasjenige Drittel, auf das es qualitativ ankommt - bereit war. den Losungen des sozialdemokratischen Parleivorstandes angesichts der Beschlüsse von Hasel. Kopenhagen und Stuttgart zu folgen, und dann von der Führung der Sozialdemokratie buchstäblich über Nacht mit der Burgfriedenspolitik überrumpelt wurde. (Es gibt eine sozialdcmokralische Theorie, die den Verrat von 1914 mit dem Chauvinismus der Massen entschuldigt und dies verschleiert.i In diesem Zusammenhang mochte ich gleichzeitig auch darauf

hinweisen, daß Ihre Ausführungen über die \ertuhrbarkeii nun auch der Arbeiterklasse in der Zeil der Weltwirtschaftskrise, über ihre zunehmende Neigung, nun ebenfalls auf den Irrationalismus hereinzufallen, mir etwas zu stark dosiert zu sein scheinen. Was Sie über die Pseudo-Vernunft igkeit der sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Politik schreiben, die durch die Krise jäh ad absurdum geführt wurde, wodurch die irrationalistischen Strömungen auch ii: den Müssen einen Auftrieb erhielten, ist natürlich im Allgemeinen richtig. Wenn man jedoch die Wählerstimmen in dieser Zeil betrachtet, so sieht man fest: 1. Die Nazis aktivieren die bisherigen Nicht-Wähler und übernehme n die Wähler der bürgerlichen Mittelparteien, werden also von ratlosen Kleinbürgermassen gewählt. 2. Die

bleibt fast gleich. 3. Di e für die

Stimmenzahl von Sozialdemokralen und Kommunisren

kommunistische Partei abgegebenen Stimmen vermehren sich beträchtlich auf Kosten der Sozial-

demokratie, d. h. daß in der Arbeiterklasse in der Zeit der Krise größere Massen als vorher bereit waren, den richtigen Weg. den der kommunistischen Partei, zu gehen, während beträchtliche andere

Vernünftigkeit"

Teile des Proletariats nach wie vor an der

der Sozialdemokratie trotz der Krise fest-

dem Ersten Weltkrieg zunehmende Zahl sozial-

zusammen

hielten. Die Anzahl der Arbeiter, die in der Situation der Krise den Nazis folgten, ist verhältnismäßig verschwindend gering gewesen, und das blieb so bis zu den Wahlen im Frühjahr 1933. Hitler hat das Klassenbewußtsein des deutschen Proletariats erst nach 1935 brechen können , als er einerseits die Organisationen der Arbeiterklasse, die revolutionären w ie die reformistischen und opporlunistisehen. zerschlug, und andererseits gleichzeitig die Arbeitslosigkeit durch die Knegsrüstung beseitigte. Mi r scheint also, da ß an der Stelle, an der Sie vom Eindringen des Irrationalismus ins deutsche Proletariat sprechen. Ihre Ausführungen ein wenig konkretisiert werden müßten.

3.

Zu m Kapitel über die Lebensphilosophic möchte ich folgende Bemerkungen machen:

a) Ich würde das Heidegger-Zitat auf Seile 18U. damit der Inhalt verständlich werde, ein klein wenig

Wer ist nicht dieser und nicht jener, nicht

man selbst und nicht einige und nicht die Summe aller usw.- Auf diese Weise würde, auch für den philo-

sophisch nicht Gebildeten, ganz klar werden, was die Heideggersche Theorie des eine Verächtlichmachung jeder Gesellschaftlichkeit.

besagen will:

erweitern, und zwar so. da ß es mit den Worten beginnt:

Das

Man"

b) Ich verstehe nicht ganz, was Sie auf Seite 1$~ mit der

mechanischen

Dualität von Rau m und Zeil "

im undialektischen Rationalismus meinen. Da ß Raum und Zeit nicht ohne einander existieren, ist eine Tatsache. Nichtsdestoweniger sind sie aber voneinander qualitativ unterschieden, was die klassische Physik mit Recht hervorhebt t in diesem Punkt ist sie nicht mechanistisch). und was von positiv istischen

290

Wolfgang

Harich-Geor g Lukäcs. Briefwechsel

Einstein-Anhängern zu l'nrecht geleugnet wird, wobei es freilich auch Genossen gibt, die diese Leug-

liung der qualitativen Unterschiedenheit von

da ß diese Relativ iston Ihre Bemerkung gegen die konnten.

dialektisch" halten. Mi r scheint,

von Raum und Zeit für sich ausnutzen

Rau m und Zeit für

Dualität"

cl Au f Seite 203 würde Ihre

zeigte, dal:' in Klages' Kritik an

Dinge"

Polemik gegen Klages stärker und überzeugender werden, wenn sie

Moment steckt, als

der

realiter in der Tat nur relativ stabile Stadien und Konfigurationen von materiellen Prozessen

Ding"-Vorstellung

insofern ein berechtigtes

sind, während unser Bewußtsein es ist. das diese relative Stabilität irrigerweise als absolut auffaßt. Selbstverständlich bleibt es völlig richtig, daß bei Klages aus diesem berechtigten Moment nichts

Rationelles hei ausspring;, sondern da ß er. im Gegenteil, die Kritik an der demagogisch benutzt, um seinen Irrationalismus zu begründen.

Klage s ei n unmittelbare r Vorläufe r der sogenannte n nationalso -

zialistischen Weltanschauung sei. was deren offizielle Philosophie auch immer dankbar anerkennt. Sie

kommen dann auf Vorbehalte der Nazis gegen Klages zu sprechen. Hierbei erwähnen Sie den wichtig-

sten Grund dieser Vorbehalte nicht: Klages predigte ein Id\ llikertum. lehnte Kriege ab - und zwar als Ausgeburten des lebensfeindlichen „Geistes" - und übte unter diesem Gesichtspunkt auch Kritik an

psychologischen I rrur.genschatten

Nietzsches"). Die nazistischen Vorbehalte gegen Klages könnten also in dieser Hinsicht noch konkre- tisiert werden: Die Nazis benutzten seinen extremen Irrationalismus, der ihnen willkommen war. fingen abergenauandem Punkt an. die Klagessehe Verächtlichmachung des Geistes nicht mehr mitzumachen,

ablehnt. Die Propaganda für den Krieg war ihnen

also sogar

4. Eine unkorrekte Formulierung benutzen Sie meiner Meinung nach, in Ihrem Kapitel über den

Geschichte

erkenne und anerkenne. Richtiger wäre zu sagen: E r erkennt, daß die Geschichte objektiven Gesetz-

mäßigkeiten unterliegt, und daß diese Gesetzmäßigkeiten für die menschliche Vernunft erkennbar

sind. Von Sektierern könnte Ihnen diese Ihre Formulierung leicht so ausgelegt werden, als ob Sie den

Standpunkt des Marxismus mit Hegeischen idealistischen Kategorien i wiedergäben.

und dialektische Logik"

absehe - . was mir bei der Lektüre Ihres wunderbaren und so außerordentlich wichtigen Buches an Einwänden gekommen ist. Auch hier, genau wie bei den stilistischen Korrekturen, handelt es sich selbstverständlich nur um Fragen, nur um Vorschläge, die ich nicht mißzuversiehen bitte. Insgesamt sind diese Einwände (vielleicht mit Ausnahme der ersten, die sich auf die Beurteilung der deutsehen Arbeiterklasse beziehen), nicht so gravierend, als da ß das Lektorat des Aufbau-Verlages Ihnen ihre Befolgung empfehlen müßte. Sie können sie. wenn sie Ihnen einleuchten, wenn Sie sie für richtig hallen, befolgen. Sie können es aber auch sein lassen. Ich halte es für meine Pflicht. Sic darauf auf- merksam zu machen, weil mir sehr daran liegt, daß das Buch, in allen Punkten völlig unanfechtbar, eine Freude für alle unsere Genossen und Freunde und ein schwerer Schlag für unsere Feinde wird.

Vernunft in der Geschichte" I

CÜCJI wichtiger als die Ii ratio, wenn beides einmal nicht zusammenging wie sonst.

wo Klages die Kriege als Werke eben dieses

der Übermensch-Konzeption Nietzsches (in seinem Buch:

Ding'-Mirslellung

nur

d i Au f Seite 2U5 schreibe n

Sie. da ß

Die

Geistes"

Neuhegelianismus. Sie schreiben dort, da ß der Marxismus die

Vernünftigkeil"

der

Dies ist alles - wenn ich von der schon früher erwähnten Frage:

formale

Lukäcs an Harich. 10.3.1953

Ebenfalls im Kapitel I. bin ich mit Ihrer zweiten Anregung nicht einverstanden. Jeder, der in den

entscheidenden

Jahren 32 33 in Deutschland war. weiß, wie v icle Junuarbeiter. Anhänger von Rotfront

Dtsch. / . Philos. 45(1997) 2

291

z u Je n Naz i übergelaufe n sind . Al s Änderun g schlag e ic h nu r vor. S. 4-1 i n de r Zeil e 1. da s Wor t

wältigend" zu streichen. 1 , 1

Kapitel

187. Ich schlage vor. statt

20.'. Es scheint mir gerade hei Klages nicht angebracht, von der relativen Berechtigung seiner

Kritik zu sprechen, da von einer wenn auch reaktionär gerichteten dialektischen Kritik des Ding-

begriffs sich bei ihm keine Spur findet.

Satzes heißen:

werden" eingefügt

werden: „zweitens und vor allem, weil bei Klages zu den verderblichen, kultuizeisetzenden Folgen des

Geistes auch der Krieg gehört. Das ist natürlich ein Punkt, wo für die Nationalsozialisten jede Pietät

dem verdienstvollen Vorläufer gegenüber aufhören muß. Diesen

Die Änderung beim Neuhegelianismus ist richtig. Ich habe die Stelle nicht gefunden, bitte korrigie-

ren Sie diese im Sinne Ihres Briefes.

über -

IM S. ISO. Mi t der Einfügung des Heideggerzitats bin ich einverstanden.

Dualität"

„starre Gegenüberstellung " zu setzen.

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X. dci

Denn erstens ist Klage«

"

I

nd Z

12. soll nach:

hinausgetragen

Pazifismus und

"

Harich an Lukäcs. 18.3.1953

Ich halle es für meine Pflicht. Sie bei dieser Gelegenheit aber doch nochmals auf den zweiten

Einwand hinzuweisen, den ich in meinem Brief vom 4.5.1953 vorgebracht habe, und den Sie mit dem

Hinweis auf viele Jungarbeiter, die Anhänger von Rotfront waren und zu den Nazis übergelaufen seien,

zurückgewiesen haben. So. wie Sie diese Frage in dem Kapitel über einige Besonderheiten der deut-

schen Geschichte behandeln, sieht es so aus. als ob de: Nazi-Idcoiogie. dem ent-mondänisierten.

populärgemachlen Irrationalismus in den Jahren 1929-33 ein tieler Einbruch in die deutsche Arbei-

terklasse gelungen wäre. Sie schreiben z. B.:

der Arbeiterklasse. E s ist auffallend, da ß diese gegen die Vernunft gerichtete Tendenz breite Massen

gab aber eine verhältnismäßig beträchtliche

Masse, besonders unter den Hingen, infolge der verzweifelten Krisenlage von L'ngeduld geladenen

Arbeiter

stößt man in erster Linie auf eine Verwandlung in

Dabei

ergreift, auch in 1 ' der Arbeiterklasse usw. usw." Oder:

Es

" Ich halte dies aus den folgenden Gründen für bedenklich:

l ) Ihre Darstellung isl nicht richtig oder wenigstens zu wenig differenziert. In der Krise von 1929-33

setzte eine sehr starke Bewegung großer Teile des deutschen Proletariats zur kommunistischen

Partei

K P D und sogar im EKK I die Vorstellung einer unmittelbar heranreifenden Revolution entstehen

konnte. Das war zwar ein Irrtum, aber einmal gab es wirklich kompakte Talsachen, die für diese

Meinung zu sprechen schienen, und zum anderen wurden die objektiven Möglichkeiten durch die

zu spät einsetzende Volksfront-Politik nicht ausgenutzt. Diejenigen Massen des Proletariats, die

auch jetzt noch nicht den Weg der kommunistischen Partei zu gehen bereit waren, hielten immerhin

am Sozialdemokratismus tesi. Das wird klipp und klar durch alle Wahlergebnisse vom Einsetzen

der Krise bis zum Frühjahr 1955 bewiesen. Weil es sich so verhielt, konnte Stalin seine berühmt e

Kennzeichnung des Faschismus als eines S\mptoms der Schwäche der Bourgeoisie, die mit den allen

parlamentarisch-demokratischen Herrschaftsniethoden nicht mehr auskommt, aussprechen. Erst

nach 1935. auf Grun d der Kombination von terroristischer Zerschlagung aller Arbeiterorganisaiio-

hin ein - auf Kosten der Sozialdemokratie, derart, da ß bei führenden Funktionären der

14 Lukäcs selzte seinen Text durch.

15 Lukäcs korrigierte „in" durch

erhebliche

Teile": er. erwendet hierbei die Formulierung Harichs in dessen hand-

schriftlicher Einfügung im folgenden Absatz,

292

Wolfgang Harich-Georg Lukäcs. Briefwechsel

nen. der revolutionären und der opportunistischen, mit der Beseitigung der Arbeitslosigkeit durch

Kriegsrüstung, wurde das Klassenbewußtsein in erheblichen Teilen des deutschen Proletariats zer- brochen. Der Faschismus hat in der Krisensiluation 1929-33 seine Massenbasis in den ratlos gewor- denen Kleinbürgermassen (siehe das Schrumpfen der Xiehtwähler und der Wahler der bürgerlichen Mittelparteien 1 gefunden und ist in dieser Zeit in das de tusche Proletanal nicjji eingebrochen. Dem - gegenüber stellen die Überläufe von Jungarbeitern von Rotfront zu den Nazis (es handelt sich in den meisten Fallen um Rebellionen völlig ungeschulter Halbwüchsiger gegen sozialdemokratische, gar

parteilose, aber in einem nebulöse n Sinne

Betracht kommende Ausnahmeerscheinung dar. die für das Verhalten der Klasse nicht typisch ist und es jedenfalls nicht erlaubt, in einem Buch, das die Geschichte des Irrationalismus von Pascal bis Hiller behandeil. vor. einem I mhr.ich ,ie> Irradona'.ismus : n Massen der deutscher Vrhci'.crklasse za sprechen.

2) In der gegenwärtigen Situation kann es sich unsere Partei nicht gestatten, die notwendige Abrechnung mit der historischen Fehlentwicklung der deutschen Nation derart zu übertreiben, daß die positiven fortschrittlichen Kräfte und Bewegungen in unserer Vergangen heu \erdunkcll oder durch eine undifferenzierte Darstellung bagatellisiert werden. Z u diesen fortschrittlichen Bewegungen gehört unbedingt der Kampf der deutschen Arbeiterklasse in der Zeit der Weimarer Republik bis in die ersten Monate der I litler-Zeit hinein. Diese Bewegung ist tragisch untergegangen und daher histo- risch verhältnismäßig wirkungslos geblieben, in erster Linie wegen des Klassenverrats der rechten sozialdemokratischen Führer und dann wegen der nicht rechtzeitig genug einsetzenden breiten antifaschistisch-demokratischen Volksfront-Politik der kommunistischen Internationale. (Hinzu

kommen noch solche Dinge wie die katastrophale Politik von Leuten wie Heinz Neumann usw

später als Feinde entlarvt wurden, und die esThälmann sosehr erschwerten, die richtige, leninistische

Politik in der Partei vollständig bis in die letzten Gruppen hinein durchzusetzen.) Wenn man die Be- deutung des Kampfes der deutschen Arbeiterklasse in der Zeit der Weimarer Republik abschwächt, so schädigt man das Traditionsbewußtsein, aus dem wir bei unserem gegenwärtigen Kampf Kraft schöpfen müssen.

der Vernunft" ist speziell für Intellektuelle geschrieben. Be i unseren fort-

schrittlich gestimmten Intellektuellen, auf die dieses Buch wirken soll, die begierig danach greifen werden und denen es in ihrer Entwicklung einen entscheidender. Schritt weitet helfen kann, besteht allgemein die Tendenz, die Mitschuld der deutschen Intelligenz am Faschismus mit dem Hinweis auf die erdrückende Massenbewegung. Pöbelbewegung des Faschismus zu beschönigen. Dabei neigen diese Intellektuellen dazu, diese Massenbewegung nicht in ihrer wahren Zusammensetzung aus Klein- bürgertum. Bauern und Lumpenproletariat zu sehen, sondern völlig undifferenziert von einer Mas- senbewegung überhaupt, von Pöbel überhaupt zu sprechen. Dies hai seine Grundlage natürlich in der Unkenntnis des Marxismus und hat zur Folge, daß die betreffenden Intellektuellen in einer überheb- lichen Einstellung zu den Massen verharren. Wenn nun von einem Einbruch des Irrationalismus in die proletarischen Massen in den Jahren 1929-33 gesprochen wird, ja wenn dies in einem marxistischen Buch geschieht, so werden diese Intellektuellen in dieser schlechten Haltung feierlich bestätigt. Unsere Aufgabe ist es aber, ihnen zu zeigen, da ß allein die Massen des deutschen Proletariats dem Faschismus in den Jahren der Weimarer Republik und auch der Krise energischen Widerstand leisteten. Nur wenn wii das den Intellektuellen klar machen, nur wenn wir ihre heutige Abneigung gegen die Nazi-Diktatur dazu ausnutzen, ihnen diese Bedeutung der deutschen Arbeiterbewegung klarzumachen, nur dann kann es uns gelingen, ihnen die richtige Orientierung, die Orientierung aufs kämpfende Proletariat zu gehen.

als

rot"

geltende Väter) eine fast überhaup t nicht in

die

31 Das Buch

Zerstörung

Dlsch. Z . Philos. 45 (199" i 2

293

Den Aufsatz über die Jugendschi iflen von Marx und Engels, den Sie der

für Philosophie" zur Verfügung Mit den herzlichsten Grüßen Wölfgang Harich AUFBA U VERLA G GmbH .

stellen, habe ich inzw ischen erhallen .

1 Schnieder)

I Janka)"

Deutschen Zeitschrift

[Das Manuskript werden \\ ir schon m den nächsten Tagen in Salz geben. Evtl. notwendige Korrek- turen lassen sich in der Fahne machen. \VJ] r

Harich an Lukäcs. 17.4. 53

Lesen Sie bitte, bevor Sie sieh das beiliegende Manuskript ansehen, diesen Brief durch, um nicht gleich übe r eine, w ie Sie meinen könnten , unverschämt e Zumutun g ärgerlich zu werden. E s handelt sich um Folgendes: Bevor ich wußte, da ß Sie uns für unser drittes Heft eine Arbeit zum Marx-Jahr zur Ver- fügung stellen würden, hatte ich mich selbst hingesetzt und die Arbeit an einem Essay über die philo-

sophische Entwicklung des jungen Marx - allerdings noch ein Stück über die

philosophischen Manuskripte" hinausführend - begonnen. Nun traf Ihr Manuskript ein. und ich brach

war. da ß in Ihrem

.Aufsatz das

Heft 3 eine Arbeit von Ihnen veröffentlichen. Inzwischen haben nun Genosse Baumgarten. Ernst Bloch. Genosse Schrickel und ich Ihre Arbeit über die philosophische Entwicklung des jungen Marx

gründlicher gelesen und dabei dann doch an einer Reihe von Punkten übereinstimmend festgestellt

ist ziemlich selten l . da ß sie gew isse Mänge l aufweist, die es

nicht als ratsam erscheinen lassen, sie in der vorliegenden Form - gänzlich ohne Veränderungen - abzudrucken. Sie selbst harten ja seinerzeit gesehrieben, daß auch Sie mit dieser Arbeit nicht mehr ganz einv erstanden seien, daß der Zweck, für den Sie sie vor über zehn Jahren geschrieben hätten. Ihre Mög- lichkeiten der Darstellung beengt hätte usw. Was aber sollten wir nun tun? Einerseits wollten wir auf keinen Fall auf Ihre Arbeit verziehten und auch auf keinen Fall deren Erscheinen etwa bis zum vierten Heft hinausschieben, andererseits war uns klar, da ß Sie gegenwärtig mit der Ästhetik beschäftigt - durchaus keine Zeil zu einer Überarbeitung haben wurden. In dieser Notlage machten die Genossen und Ernst Bloch den Vorschlag, ich solle doch an den beanstandeten Stellen Ergänzungen einfügen, resp. Veränderungen vornehmen, da ich auf Grund meiner eigenen, fragmentarisch vorliegenden Arbeit in die Materie eingearbeitet sei. und Ihnen dann das so veränderte Manuskript zur endgültigen Streichung . Redaktio n usw . zuschicken . Die s hab e ic h nu n getan , un d da s beiliegend e Manuskrip t ISI

i un d eine Übereinstimmun g zwische n uns

diese Arbeil gleich ab. nachdem mir durch die

Wesentliche natürlich viel besser getroffen ist. Außerde m wollte ich ja unbedingt auch in

Ökonomisch-

erste flüchtige Lektüre klargeworden

das Resultat. Die wichtigsten Veränderungen darf ich Ihnen i m folgenden ganz kurz andeuten:

1. Ihr Aufsalz ist sehr kurz, wir haben aber in unserer Zeitschrift ziemlich viel Platz, so da ß Dinge, die Sie nu r hinweisartig angetippt haben, i m Interesse größere r Verständlichkeit und Überzeugungs - kraft ruhig etwas breiter ausgeführt werden können:

2. Dies gilt vor allem lür die Zitate, die Sie anführen. Sie bringen ziemlich viele Zitate, zitieren aber die betreffenden Stellen so äußers t knapp, da ß dem nicht eingeweihten Lese r das Verständnis außer -

ordentlich erschwert wird.

A n all den Stellen, an denen dies der Fall ist. empfahl sich also eine aus-

führlichere Zitierung, ein Hineiiinehmen besonders plastischer Begründungen Marxens, die dem ganzen Beilrag seine allzu viel voraussetzende Abstraktheit nehmen.

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Janka «

294

Wolfgang Harich-Geor g Lukäcs. Briefwechsel

3. Gewisse Dinge, die bei Ihnen nur implizite ausgesagt werden, galt es deutlicher zu akzentuieren,

so z. B . die Tatsache, daß Marx an alle ideengeschichtlichen Quellen, an die er anknüpft. \o n vorn-

herein kritisch herantritt, also keinen Augenblick eigentlicher Hegelianer, eigentlicher Feuerbaehia- ner oder gar utopischer Sozialist oder gar bürgerlicher Ökono m gewesen ist.

4. In Ihrer Würdigung der Doktordissertation sieht es bisweilen so aus. als ob Sie selber Epikurs

Deklination der Atom e für Dialektik (gar für die Dialektik eines Materialisten) hielten. Aber die Deklination der Atom e ist physikalisch pure Unvernunft und von ärgsten Feinden, den physikalischen

Idealisten (Schrödinger z. B . beruft sich auf

Hier kam es darauf an. die Formulierungen etwas vorsichtiger zu machen, also zu sagen, daß Marx in

der Dissertation sich nicht nur der materialistischen Tradition im allgemeinen zuwendet, sondern den Versuch unternimmt, in der materialistischen Tradition Ansätze zur Dialektik aufzuspüren, wobei er - in echt dialektischer Behandlung des Ineinandersteckens von Irrtum und Wahrheit - in der physikali- schen Unvernunft die darin verborgene philosophische Vernunft aufdeckt usw. (Im übrigen ist nach meiner Meinung Demokrit nicht gar so undialeklisch: Die Lehre von der Vielheit der Welten ist eine geniale Antizipation der wissenschaftlichen Einsicht in die nur relativ stabile Gesetzmäßigkeit der

und dialektisch aufgefaßter Zufall ist auf der

erneuert worden.

Epikur gegen

zeitgemäß''

dynamischen Gefüge wie der Sonnensysteme usw

Grundlage der demokritischen Atomistik durchaus möglich, während die epikureische Fundierung der Willensfreiheit in der Willkür der Atombewegungen Indeterminismus, also Idealismus ist. Doch das ist ein weites Feld: und an der - meiner Meinung nach ungerechten - Beurteilung Demokrits habe ich nichts geändert.)

5. De r schwerwiegendste Einwand : Di e Frage Materialismus-Idealismus ist in Ihrem Manuskript

ist erstens von

Ihnen selbst

unmißverständlich behandelt wird. L'n d zweitens hat inzwischen die Alexandrow-Diskussion mit dem Shdanow-Referat stattgefunden. Wenn nun jetzt ein Marx-Aufsatz von Ihnen erscheint, in dem die Frage Materialismus-Idealismus ziemlich unklar gehalten, ziemlich verwischt ist, so wird man zum feil gerechte Vorwürfe gegen Sie erheben, und dabei dann natürlich auch ungerechte, z. B . den des Hegelianisierens. Dies ist umso schlimmer, als in besagtem Heft 3 auch noch ein Aufsatz, von Rugard Gropp über den Gegensatz von Marxscher und Hegelscher Dialektik und einer von Victor Stern über

junge Hegel" erschienen, in dem diese Frage - nach meiner Ansicht - völlig klar und

nicht klar genug herausgearbeitet. De r Aufsatz ist U>42 geschrieben. Inzwischen aber

Der

Marx' Beziehung zum franz. Materialismus erscheinen soll. In diesen Aufsätzen wird zwar nirgends auf Sie Bezug genommen, aber es könnte doch der Eindruck entstehen, als ob in zwei Marx-Aufsätzen von Heft 3 (in denen von Grop p und Stern i gegen den dritten Marx-Aufsatz (nämlich Ihren) implicite polemisiert werde. Das sieht dann entweder so aus. als ob die Redaktion eine tückische Gemeinheit

gegen Sie ausgeheckt hätte, oder aber so.

deren Aufsätze leider nicht glänzend sind. Was also tun? Ich habe vor allem den von Ihnen nur in einem

Nebensatz erwähnten Feuerbach und dessen Einfluß auf Marx breiter gewürdigt. Zunächst habe ich

das wichtige Dokument

habe ich die Bedeutung der

Frühjahr-Sommer 1843 stark betont und bei

Thesen" für die Kritik des Hegeischen Staatsrechts vom dieser Gelegenheit die Manisch e Idealismus-Kritik, die

als Schiedsrichter zwischen Strauß und Feuerbach" erwähnt: dann

als ob die Gemeinheil sich gegen Grop p und Stern richtete,

Luther

Vorläufigen

in den Manuskripten von 1S43 beginnt, auch in ihrer allgemein philosophischen Bedeutung - über die gesellschaftliehen, rechtsphilosophischen Fragen hinaus - (mit Ausblick auf die Heilige Familie, mit

L'nterstreichung der grundsätzlichen Bedeutung für die Überwindung jeder, sei es platonischen, kantischen oder hegelschen Form von Begriffsidealismus) hervorgehoben - ich glaube: in Ihrem Sinne.

Eingefügt

wurde

schließlich

ein ganz

neuer

Abschnitt über

die

Deutsch-Französischen

Jahr-

Dtsch. /

Philo-. 45 i 1997) 2

büchcr " unter

proletarischen Klassenstandpunkt widerspiegeln, da ß dies die Voraussetzung lür den entscheidenden

Manuskripten'" - . und da ß i m

Grunde schon in der

der bürgerlichen in die proletarisch-sozialistische Revolution konzipiert wird (und nicht erst in den

Volk verzweifelt*' konnte heuer schwerlich veizichtet

Vorwärts-Artikeln von

eiern Gesichtspunkt, da ß diese den Übergang vom revolutionären Demokraten /u m

qualitativen Sprung ist - noch vor

Einleitung

den

Ökonomisch-philosophischen

zur Kritik der Hegeischen Rechtsphilosophie" das Hinüberwachsen

Kein

1S44). Au f das

werden, da wir uns in Deutschland doch nun in der Situation befinden, wo es sich zeigen wird, ob w ir

jetzt

aus

plötzlicher Klugheit alle unsere frommen

Wunsche" uns erfüllen können .

Manuskripte" komplet-

tiert. Was in Ihrem Manuskript vor allem fehlte. war der Hinweis darauf, da ß die Hegeische mystifi-

zierte Fassung der Kategorie

entsprechenden glän-

zenden Ausführungen in Ihrem

nunmehr auch nicht mehr ganz von Ihnen stammt, so stellt doch das von mir Hinzugefügte zu einem

erheblichen Teil wiederum ein Plagiat an anderen Werken von Ihnen dar.

So viel zu den Gesichlspunkten der Umarbeitung. Lieber Genosse Lukäcs. es wäre sehr schlimm für uns. wenn Sie nun aul dieses Verfahren (das große Mühe gemacht hat und zumindest gut gemeint war) derart sauer reagierten, da ß Sie das ganze Manuskript zurückzogen. I 'nsere Nummer 5 würde dadurch ziemlich kläglich werden, und das wollen Sie uns doch sicher nicht antun. Wenn Sic mit der Umarbei-

tung absolut nicht einverstanden sein sollten, so würden wir eben Ihren Aufsatz über die philosophi- sche I ntvv leklung des jungen Mar x in der Fassung bringen, in der Sie ihn uns geschicki haben: es wäre

rechnen, aber es wäre immer

noch besser, als wenn der Aufsatz gar nicht «»der umgearbeitet erst sehr viel später erschiene. Sie würden uns den größten Dienst erweisen und uns zu steter Dankbarkeit verpflichten, wenn Sie sich sine iraet studio das beiliegende Manuskript voi nähmen, darin herumkorrigierten, wo immer es Ihnen nötig zu sein scheint, und es uns dann zurückschickten. Ich versichere Ihnen, da ß alle Ihre Änderungs und Sireichungswünsche dann haarklein berücksichtigt werden sollen. Da ß Sie allerdings jede der Hin- zufügungen als falsch ansehen, vermag ich mir nicht vorzustellen. Was die stilistische Seite der Frage

eine Mischung

von Dillhey und Robert Neumanns Parodien. Ich kann das. glaube ich. ganz gut. und ich habe einmal,

in meiner bürgerlich-journalistischen Vergangenheit, im Herbst 194.- eine Parodie auf Sie veröffent-

Hinweisen auf Balzac und

Sie.

Hegel in der Klammer, und mit Parallelen zwischen Adele und Mignon. 1 - U m noch eines bitte ich

zwar bedauerlich, und wir müßten dann mit wahrscheinlicher

7 Schließlich wurde die Interpretation

der

Ökonomisch-philosophischen

Entfremdung"

in erster Linie daraus resultiert, daß Hegel die Arbeit nur

als abstrakt-geistige kennt. Ar . diesem Punkt aber ließen sich, ausgezeichnet die

Jungen

Hegel" t Kapitel IV 41 plündern. Wenn also Ihr Marx-Aufsatz,

Prügel"

angeht, so habeich mir ziemliche Mühe

licht, nämlich eine Rezension der

gegeben, mich in Ihren Stil

einzufühlen"-wie

Fledermaus"

von J. Strauß - mit vielen

D a ß der Aufsatz unter Ihrem Namen erseheine. Die gesamte Konzeption und alle wichtigen Einzel- heiten sind von Ihnen Was ich eingefügt habe, ist zum größten Teil auch von Ihnen - wenn auch aus

anderen Werken. Meine Überarbeitung der Sache war eine Ar t gehobener Redakleurstätigkeil. also Kärrnerarbeit, weiter nichts und verdient der Erwähnung nicht. Davon abgesehen, will ich in Hell 3 einen größeren Aufsatz über die Anthropologie von Arnold Gehlen und außerdem noch eine Rezen-

sion über Blochs

Grundlage gemeinsamer Grundprinzipien bunt gescheckt und nach Fülle aussehen - nicht zuletzt im

Interesse der Wirkung.

schreiben, und die Mitarbeiterschaft der Zeitschrift mu ß aut der

Subjekt-Objekt"

2 %

Wolfüana Harich-Geor a Lukäcs. Briefwechsel

Lukäcs an Harich. 4. Mai

1953

Liebe r Genoss e Harich . viele n Dan k fü r Ihre n Brie f un d Ihr e Sendun g vo m 17. I V Si e ware n unbe - gründet ängstlich in hezug auf meine Reaktion. Ich finde Ihre Arbeit sehr gut und nehme Ihren Vor- schlag der Publikation in No . 3. unter meinem Namen an. Ich tue es zwar nach einem gewissen Zögern,

aus

meinen anderen Arbeiten . Ich habe dazu nur eine Bedingung, die ist aber Conditio sine qua non.

ein

Manuskript aus dein Jahre 1942 zugrunde, das als Toi! einer Kollektivarbeit übe r Mar x entworfen wurde und darum in seiner Ausführung einen lexikalisch-abgekürzten Charakter erhielt. D a mich andere Beanspruchungen daran verhinderten, dem Aufsatz die nötige Ausbreitung und Konkreti- sierung zu geben, unterzog sich Wolf gang Harich dieser Aufgabe. Ich spreche ihm für seine selbstlose und hingebungsvolle Arbeit meinen aufrichtigen Dank aus."

Was Ihre Einzelbemerkungen betrifft, so bin ich mit diesen im wesentlichen einverstanden, mit Aus- nahm e der Frage Epikur. Diese Differenz ist aber akademischen Charakters und hat auf die Gestalt

nämlich, daß Epikur mit der Konzeption der Deklination

den. daß . wenn aus den Elcmcntar-

teilen eine qualitativ differenzierte Welt entstehen soll, diese Elementarteile verschiedene Bewe- gungsriehlungen und Intensitäten haben müssen. Natürlich - wie überall in der antiken Naturphilo- sophie - ist dieser Gedanke äußerst abstrakt. Un d bei seiner Anwendun g könne n die gewagtesten und

reaktionärsten (!!!) Reaktionen entstehen. Ich kenne die Arbeit von Schrödinger nicht, weiß aber, was Nietzsche und Bäumler aus Heraklii gemacht haben, weshalb auch dieser Hinweis auf mich keinen

Eindruck macht. Eine wirkliche historische Interpretation der antiken Naturphilosophie fehlt

Ich halte es für durchaus möglich, ja wahrscheinlich, da ß Sie in der Frage Demokrit recht haben. Schon darum, weil es höchst unwahrscheinlich ist. da ß ein antiker Naturphilosoph völlig undialektisch gewesen wäre. Ich neige aber auch dazu, daß man hier die schroffe Trennung von Metaphysik und Dialektik in der Philosophiegeschichte bei den großen Denkern etwas auflockern muß. Das Entwick- lungsschema von Engels ist grundlegend und richtig. Abe r er selbst hat schon auf die dialektischen

Tendenzen bei Diderot hingewiesen und ich glaube, da ß man solche Tendenzen bei den verschieden- sten Denkern finden wird. Denken Sie an meine Interpretation der Ästhetik

ich

junge Hegel und die Probleme der

wegen der Feigheit Opreehts fallenlassen mußte, nämlich:

kapitalistischen Gesellschaft". In diesem Fall könnte der als Ersatz gewählte jetzige Untertitel weg- bleiben, er kann aber auch eventuell bleiben. Schreiben Sie mir darüber Ihre Meinung.

dieses Aufsatzes keinen Einfluß. Ich meine einen genial vorwegnehmenden Gedanken

nämlich am Anfan g des Aufsatzes folgende Anmerkun g zu bringen:

da Ihre Arbeil eine sehr große war und nicht uberall. wie Sie versichern, einfach ein

Plagiat"

Diesem

Aufsatz hegt

gehabt hat. nämlich

noch.

Bei Hegel würde ich vorschlagen, da ß wir zu dem alten, ursprünglichen Titel zurückkehren, den

Der

Harich an Lukäcs. 20. 5.1953

Lieber Genosse

Lukäcs!

Ich danke Ihnen für Ihren Brief vom 4. Ma i 1953. Ihre Änderungswünsche zu der Überarbeitung des Aufsatzes der philosophischen Entwicklung des jungen Marx werden berücksichtigt werden. Wir sind alle sehr froh darüber, da ß Sie über unser Verfahren so wenig ärgerlich waren. Der Aufsatz wird nun aber doch erst im 4. Heft unserer Zeitschrift erscheinen

Harich an Lukäcs . 14. 8. 53

Zeitschrift für Philosophie" angeht, so werden Sie die 25 Sonderdrucke mit

dem Essav über Schellines Irrationalismus inzwischen erhalten haben. Das erste Heft, in dem wir

Was die

Deutsche

Dtsch. Z . Philos. 45 (1997) 2

297

einen Vorabdruck dieser Arbeit brachten, hat trotz des hohen Preises (5.- D M l \\ider Erwarten einen guten und schnellen Absatz gefunden Die 5000 Exemplare sind fast vollständig vergriffen, und be- sonders erfreulich ist die relativ hohe Anzahl westdeutscher Abonnenten. Das erste Beiheft (Proto- koll unserer philosophischen Konferenz über Fragen der Logik) w ird zur Zeit als Buch gebunden und erscheint als solches Ende August. Fast gleichzeitig wird das zweite Heft, mit dem Vorabdruck Ihres

Kierkegaard-Essays, erscheinen. Im dritten Heft, das sich zur Zeit in der Herstellung befindet, bringen

wir nun. wie verabredet. Ihren Essay

den

zuteilung erhielten, wird es nun doch möglich sein, diesen Essav ungekürzt abzudrucken, also auch den

letzten Abschnitt i Vischel" und die Gegenwart) in den Vorabdruck aufzunehmen.

Der neue Kurs unserer Politik, den unsere Partei Anfang Juni einschlug, hat auch für die philo- sophische Zeitschrift gewisse Konsequenzen. Wi r werden einerseits noch stärker als bisher auf marxi- stische Autoren angewiesen sein, deren Arbeiten eine wirksame marxistische Beeinflussung der philosophisch interessierten Intelligenz in Gesamtdeutschland, in Österreich und in der Schweiz gewährleisten, was u. a. bedeutet, dal.' wir Sie als Autor nun auf gar keinen Fall mehr entbehren können. Andererseits werden wir in jedem Heft auch je einen Beitrag eines bürgerliehen Philosophen bringen, der etwas halbwegs Rationelles zu sagen hat. um auf diese Weise die Bereitschaft für gesamt- deutsche Gespräche zu stärken. Schließlich werden wir dem Rezensionenteil eine gesamtdeutsche und internationale Orientierung geben und uns dabei sorgfältiger differenzierend und konkreter auch mit Neuerscheinungen im Westen auseinandersetzen. Unser bisheriger Redakteur. Genosse Schrickel. ist für diese Aufgaben leider ziemlich ungeeignet, da er hartnäckig an der Vorstellung einer abgekapsel- ten DDR-Kultu r festhält, alles suspekt findet, was nicht seinem Ideal, den „Wöprossi philosophii". genau entspricht und andererseits hei jedem Versuch, sich zu einer breiteren Linie durchzuringen, in Opportunismus und Prinzipienlosigkeit abgleitet. Au s Furcht. Fehler zu begehen, hat er uns nun gekündigt, so da ß ab Heft 4 1953 w ieder ich (provisorisch) die Redaktionsgeschäfte leiten muß . solange bis wir eine bessere definitive Lösung gefunden haben

Lind nun noch zu einem anderen, ziemlich heiklen Problem. Bei der Redaktion der philosophischen Zeitschrift ist vor kurzem ein Aufsatz vom Genossen Rugard Gropp über den Gegensatz der materiali- stischen und der Hegeischen idealistischen Dialektik eingetroffen. Neben einigen guten und richtigen Gedanken enthält dieser Aufsatz auch höchst problematische Dinge, die auf der Linie des hiesigen phi- losophischen Sektierertums liegen. Die ganze klassische deutsche Philosophie und insbesondere Hegel werden darin als völlig reaktionär gebraiidmarkt: es wird bestritten, daß der Idealismus der klassischen deutschen Philosophie irgendwelche fruchtbaren, zu seiner Zeit vorwausweisenden Gedanken hätte aufkommen lassen usw. In diesem Zusammenhang w irdallerschärtste Kritik einerseits an Bloch und an- dererseits an Ihnen als einem angeblichen Verwischer des Gegensatzes von Hegel und Marx geübt, wo- bei dem Verfasser sehr vTele Vorurteile und Mißverständnisse unterlaufen, die aber hier, in den Kreisen der subalternen Parteiintelligenz und besonders unter schnellgebackenen alerten jungen Dozenten für dialektischen Materialismus, höchst virulent sind. Obwohl der Aufsatz eine Fülle von Fehlern enthält

(auf denen aber Grop p aufs Heftigste beharrt). können wir es uns nicht leisten, ihn nicht zu veröffentli- chen. Der darin angegriffene Ernst Bloch würde sich dann nämlich dem Vorwurf aussetzen, eine u. a. ge- gen ihn gerichtete Kritik als Herausgeber zu unterdrücken. Außerde m würden wir uns dann unweiger-

lich den Vorwurf des

auch aus einer anderen, konstruktiven Überlegung heraus empfiehlt es sich, den Gropp-Aufsatz hei uns abzudrucken: Die Fehler, die er enthält, sind - wie gesagt - weit verbreitet, und sein Abdruck würde Ge- legenheit geben, mehrere Diskussionen zu beginnen, in deren Verlauf dann über grundlegend wichtige

Karl

Marx und Friedrich Theodor Vischel"" als Vorabdruck aus

Beiträgen

zur Geschichte der Ästhetik". D a wir für dieses dritte Heft eine etwas größere Papier-

Lukäesianertums"

zuziehen, was in den genannten Kreisen als Todsünde gilt. Aber

298

Wolfgang Harich - Georg Lukäcs. Briefwechsel

Fragen Klarheit geschaffen und die betreffenden Fehler überwunden w erden könnten. Die 7u klärenden Fragen sind etwa die folgenden: 1. Fortschritt und Reaktion in der klassischen deutschen Philosophie. 2. Idealistische und materialistische Dialektik. 3. Größe und Grenzen der marxistischen Erschließung des deutschen philosophischen Erbes durch Lukäcs. 4. Die Problematik der Hegel-Interpretation von Ernst Bloch. Ich würde also vorschlagen, mit dem Gropp-Aufsatz folgendermaßen zu verfahren: Wir ver-

öffentlichen diesen Aufsatz zunächst ungekürzt und kommentarlos in der Rubrik

4. Heftes. In Heft 1 1954 beginnen wir dann eine Diskussion unter breiter Beteiligung aller an der Sache

Interessierten, angefangen von linken Sektierern bis zu bürgerlichen Philosophen i wobei sich dann son- derbare Übereinstimmungen herausstellen werden i. Im Verlaufe dieser Diskussion würde ich eine ziem- lich heftige Kritik an Gropp veröffentlichen und gleichzeitig versuchen, all das. was an seinen Aulfas- sungen richtig ist. herauszuarbeiten und zu würdigen. Im weiteren Verlauf der Diskussion müßten dann auch Sie Stellung nehmen, wobei sehr wahrscheinlich ist. da ß Sie einen Zweifrontenkrieg gegen rechts

und

schlimm wäre es. wenn Sie unserer Zeitschrift auf Grund von Taktlosigkeiten, die in dem Aufsatz von Gropp enthalten sein mögen. Ihre weitere Mitarbeit entzögen. I m diese Möglichkeit (an die ich aller- dings nicht zu glauben vermag) von vornherein auszuschalten und um der Diskussion eine gute Atmo- sphäre zu sichern, werde ich veranlassen, daß Ihnen der Aufsatz von Gropp. bevor er in Satz gegeben wird, abschriftlich zugeht. Falls Sie darin Formulierungen finden sollten, durch die Sie sich verletzt fühlen, und von denen Sie meinen, da ß sie mit sachlicher Kritik nichts zu tun haben, würde ich Sie bitten, mir dies zu schreiben: ich w ürdc dann bei Genossen Gropp durchsetzen, da ß er gewisse Formulierungen ändert. Allerdings darf hierbei nicht vergessen werden, daß Gropp mit gewissen E n Verschämtheiten, die er sich Ihnen gegenüber herausnimmt, nicht allein dasteht - weder in Deutschland noch im internatio- nalen Maßstab - und da ß die Diskussion in unserer Zeitschrift immerhin die Möglichkeit bietet, mit die- sen Unverschämtheiten, je exemplarischer sie in Erscheinung treten, desto gründlicher abzurechnen.

werden führen müssen. - Hallen Sie diesen Vorschlag für grundsätzlich fruchtbar? Sehr

Diskussion"

unseres

links"

von Ernst von Salomon zu

der Vernunft" beziehen. Wissen Sie. da ß

dieses Buch die in Deutsehland meistgelesene Nachkriegs-Neuerscheinung ist? Al s ich vor einem Jahr

zu einer Vortragsreise in Westdeutschland war. fand ich kaum jemanden, der es nicht wahrhaft ver- schlungen hätte - von pensionierten Hitler-Generälen bis zu achtzehnjährigen Ladenmädchen, von Theodor Litt bis zu einem Genossen Taxi-Chaut'feur. der in Heidelberg als Kassierer der K P fungiert.

Fragebogen"

einmal in einer unserer Zeitschriften (etw a

A u s diesem Grunde, wegen dieser Massenresonanz wäre es sehr wichtig, wenn Sie den

lesen, ein Buch, auf das Sie sich am Ende der

Im Krankenhaus

habe ich endlich Zeit gefunden,

den

Fragebogen"

Zerstörung

und Form " i einer gründlichen und gut abgewogenen

Kritik unterzögen. Es wäre auch im Hinblick auf von Salomon selbst sehr gut. der von merkwürdigen Prämissen her mit uns sympathisiert. (Sie erinnern sich der Schilderung Bodo L'hses. der Behandlung

des Reichstagsbrandes und der Stellungnahme zu Marx!?)

R S. Hat Genosse Janka Ihnen wegen Rudolf Hayms geschrieben? Wir wollen dessen Herder- Biographie zum Herder-Jubiläum im Dezember 1953 neu herausbringen, wohl wissend, da ß sie Pro-

blematisches in Fülle enthält. Wi r glauben jedoch, da ß sie ihres Materialreichtums wegen unentbehr-

lich ist und den Herderlegenden der imperialistischen Är a gegenüber, wie sie auch in der DD R (von

Korff etc.) nach wie vor verbreitet werden, große Vorzüge aufweist. Janka wollte bei Ihnen. Paul Rilla

und Hans Mayer anfragen, ob Sic auch dieser Meinung sind. Mit der Herder-Biographie Havms wol- len wir dann i m Aufbau-Verla g die Pflege des Erbe s der liberale n Literarhistorike r des 19. Jahrhun -

Jahre

- meines Erachtens - noch die

von Humboldt" in Fräse

derts beginnen (Gerv in ins. Heitner. Georg Brandes. Haym). wobei von Hay m für die nächsten

Sinn

Romantische

Schule" und der

Wilhelm

Diseh. Z . Philo-. 45 (1.997) 2

299

kämen - weniger das Hegel-Buch (Jessen Ausgrabung im Grunde auf eine Unterstützung der Fehler

des Genossen Gropp hinausliefei. - Ich wäre froh, wenn Sie sich bald in positivem Sinne zu unserem

Haym-Herder-Projekt äußerten. Hay m wird - gerade wegen des Guten, das er geleistet hat - von der

bürgerlichen Literaturwissenschaft hierzulande mit Verachtung behandelt. Ich sehe in ihm einen,

wenn auch nur partiellen und oft unzuverlässigen. Bundesgenossen gegen die Garde der Herder-

Verfälscher von Unger über Nadler bi- Kor ff und bin

im übrigen der Meinung, da ß der Aufbau-Verlag

einer neuen fortschrittlichen Literaturgeschichtsschreibung große Dienste leisten könnte, wenn er

neben ihren Werken noch einerseits die von Mehrin g und andererseits das Beste, was von Gcrvinius.

Hettner. Brandes und Haym überliefert ist. herausbrächte.

Lukäcs an Harich. 29.11.1953

darin ganz

scharf zu allen Dummheiten in der Hegelfrage Stellung nehmen, und da meinem Gefühl nach wir nicht

weit von einer richtigen Lösung der Dinge bei unseren Freunden stehen, halte ich ein solches Vorwort

nicht für richtig: es wäre wahrscheinlich verfrüht oder verspätet. Natürlich kann sich die Frage vv ährend

der Drucklegung ändern, wir haben aber bis dahin noch reichlich Zeil zu einer Neueiuscheidung.

Was den Hegel betrifft, so bin ich im Augenblick gegen ein neues Vorwort. Ich müßte

Harich an Lukäcs. 2. Dezember

1953

Gleichzeitig habe ich mir erlaubt, für Sie die soeben

zu bestellen. 1

mann, ein Nachlaßwerk,

erschienene

Ästhetik"

von Nicolai Hart-

Harich an Lukäcs . 31.

Dez.

1953

In

Heft

2 195-1

wollen

wir

dann

Ihren

Aufsatz

Zu

r philosophischen Entwicklun g des

jungen Mar x (1840 bis 1844 r veröffentlichen, den ich heute i n Satz gebe. Di e Fahnen werden Ihnen,

sobald sie vorliegen, geschickt werden. De r Aufsatz wird dann im Laufe des Jahres 1954 an die

über Realismus" (Aufbau-Verlag) gestellt werden.

Spitze der zweiten vermehrten Auflage der

wissenschaftliche Kon-

Essays

Zu m 150. Todestag von Herder fand in Weimar eine ziemlich interessante

ferenz stau mit Referaten über Herders Philosophie, über seine Bedeutung für die Literaturgeschichte

und über seine Beziehungen zur Musik. Es war erstaunlich, was da alles an dauernd Fruchtbarem und

heute noch Zeitgemäßem zutage gefördert und besprochen wurde. Sehr anregend war der Diskus-

sionsbeitrag von Günther Jacoby. dem Greifsvvalder realistischen üntologen. der nicht Kant, sondern

Herder an den Anfang der klassischen deutschen Philosophie stellt. E r griff dabei liberale Anti-Hegel-

Argumente von Haym bis Gropp auf. um zu dem Schluß zu kommen, daß Hegel eigentlich ganz über-

flüssig gewesen wäre, da man alles, was bei diesem fruchtbar sei. schon bei Herder finden könnte - aber

ohne preußischen Konservatismus, ohne

kommunistischen Herren Kollegen mit Recht mißfällt", dafür mit einem Inter-

nationalismus, der die Lappländer und die Irokesen einbeziehe, niit einem Evolutionismus, der. im

Lierschie d zu Hegel, auch auf die Natur ausgedehnt werde, mit Stalinscher untrennbarer Einheit der

Sprache und Denke n usw. usw. Mi t diesen Ausführungen leitete der alte Herr wahre Exzesse der Kritik-

ohne Schwerverständlichkeit, kurz:

ohne all das. was

Begriffskonsiruktionen".

den

19 Positionen aus der Ästhetik Hanmanns werden in der 1962 beendeten liigenart lies Ästhetischen mehrfach diskutiert: Lukäcs zitiert ebenfalls bereits 1962 Das Pi ohlem <.<•< geistigen Seins sowie Teleologisches Denken: di Naturphilosophie Hanmanns wird hier nur generell erwähnt.

300

Wolfaana Harich-Geor a Lukäcs. Briefwechsel

losigkeit gegenüber Herder, gerade bei den anwesenden Genossen, aus. Begeisterung herrschte vor allem

über die Anti-Kant-Polemiken des allen Herder, und es hätte nicht viel gefehlt, da ß der Weimarer Kon-

sistoi ialrat /u m Begründer des dialektischen und

die Proportionen ein wenig richtigzustellen, sah ich mich genötigt, nun denn doch das relativ Überlegene an Kant herauszustreichen Ich berichte Ihnen dies, um Ihnen zu zeigen, welche Konsequenzen das Anti- Hegelt um unter anderem in der DD R zeitigt: auf der Suche nach einem anderen Nichtsuhjektivisten in der deutschen philosophischen Tradition \o r Mar x stößt man auf Herder und ist von der Fülle des Guten bei diesem dann so entzückt, daß man die Proportionen richtiger Wertung nun völlig verzerrt.

historischen Materialismus ernannt worden wäre. L'm

Harich an Lukäcs. 7.4.1954

Deutschland" neulich den Angriff von Gropp gelesen. Sic kennen

ja die Vorgeschichte des Aufsatzes von Gropp über die marxistische dialektische Methode und ihren Gegensatz zur idealistischen Dialektik Hegels, eines Aufsatzes, in dem die Hegel-Interpretationen von

Ihnen. Bloch. August Cornu und Fritz Behrens angegriffen werden. Diesen Aufsatz bringen wir in den Heften 1 und 2 des Jahrganges 1954. und zwar wegen seiner Länge in zwei Teilen. Grop p war das nicht recht, und nachdem er uns brieflich bedroht hatte, für den Fall, daß der Aufsatz nicht vollständig in einem Heft erscheine, hieltfe] er auf einer gesellschaftswissenschaftlichen Konferenz in Berlin eine

für Philosophie".

Au f derselben Linie liegt der Artikel im

und Hegelianer angegriffen, und von mir schreibt Gropp, ich würde meine redaktionelle Tätigkeit in

der

meint: seine eigenefn] i zu verhindern. Di e Sache sieht äußerlich sehr böse aus. ist aber nicht ernst zu

für Philosophie" dazu ausnutzen, die Veröffentlichung marxistischer Arbeiten (er

Deutschland". Sie werden dort als Sozialdemokrat

flammende Rede gegen den angeblichen Sozialdemokratismus in der

Vielleicht

haben Sie im

Neuen

Zeitschrift

Neuen

Zeitschrift

nehmen. Unsere Parteileitung wußte von dem Artikel Gropps nichts und mißbilligt ihn. Der Redak- teur beging den Fehler, ihn abzudrucken, ohne sich über den wahren Sachverhalt zu erkundigen. Jetzt

wutschnaubend beim Leipziger Philosophischen Institut

auszubooten versucht und ausgerechnet ich ihm. Bloch, diese auch ganz übertriebene Reaktion aus-

Jedenfalls habe ich

jetzt die hohe Ehre, von Gropp in ein und demselben Artikel angegriffen worden zu sein wie Sie. Sie werden aber verstehen, wie mir zumute ist. wenn ich in dieser Situation einen Brief von Ihnen erhalte,

reden muß . die wir uns angesichts des Kadermangelseinfach nicht leisten können.

ist die Lage die.

da ß Ems t Bloch den Grop p

in dem ich bezichtigt werde. Sie zu boykottieren. 1 "

Die Korrekturen des Aufsalzes

philosophischen Entwicklung des jungen Marx" für die

Zeitschritt" habe ich dankend erhalten, ebenso die restlichen Korrekturen über den

Zur

Philosophische

jungen Hegel.

Lukäcs an Harich. 19.4.1954

Lieber Genosse Harich.

vor allem möchte ich Ihnen sowie den Genossen Janka und Schröder für den schönen Geburtstags-

brief aufs herzlichste danken. Sie haben darin gerade das Wesentliche unserer Verbundenheit

ausge-

sprochen: nämlich da ß

ich für den Aufbau-Verlag nicht ein

ausländischer"

Autor bin. dessen

Werke

—' * Ein Brief mit diesem Vorwurf findet sich nicht in den

Beständen des

Lukäcs-Archivs. Lukäcs urgiert jedoch

mehrfach bei Harich und Janka Biicheisendiinsen . sowohl aus DDR - als auch aus westdeutschen Verlagen sowie aus West-Berliner Antiquariaten.

Dlsch. Z . Philos. 45 i IW ) 2

301

eventuell sogar vollständig erscheinen, der aber die eigenen Problem e Deutschlands doch

behandelt, sondern ein Teilnehmer des Kampfes um die Wiederherstellung der autochlonen Kultur

und nationalen Einheit des freien deutschen Volks. Die Anerkennung dieser Teilnahme seitens des

Verlags hat mich deshalb tief berührt.

von außen "

Harich an Lukäcs . 19. 5.1954

Ende Ma i findet hier eine kleine Konferenz der Parteiphilosophen un d derer, die es werden

wollen, statt. Vier Tagesordnungspunkte: 1. Genosse Gropp über Entstellungen der marxistischen

Philosophie in der DDR : 2. Genosse Harich über unser Verhältnis zur klassischen deutschen Philo-

sophie: 3. Genossen Besenbruch und Heise über einige aktuelle Fragen der marxistischen Ästhetik:

Genosse Kosing: Kritik der bisher erschienenen Hefte der Philosophischen Zeitschrift. In den Ein-

ladungen findet sieh die Bemerkung, daß die Referenten ihre persönliche Meinung wiedergäben.-D a

nun die anderen Referenten alle links neben sieh selber stehen, werde ich sicher fürchterliche Prügel

beziehen. Was Gropp für Entstellungen der marxistischen Philosophie hält, wissen Sie ja. Besenbi tich

und Form " über die Empfindung des Schönen übel i zum

Teil übrigens nicht ganz mit Unrecht, aber unter maßloser Überspitzung dessen, was sieh tatsächlich

dagegen einwenden ließe). Kosing gar hat gegen die philosophische Zeilschrift die schlimmsten Res-

sentiments. Es gehl ihm wie dem Mann, der beim Zahnarzt im Wartezimmer ein Buch liest, das ihm

nichts als Kopfschütteln abnötigt,

Dramaturgie" von

Lessing handelt, un d es kopfschüttelnd weglegt mit den Worten: „Die Sorgen vo n Herr n Lessing

mochte ich auch mal haben." In diesem Sinne findet

mit Kier-

kegaard „völlig abwegig", während er andererseits die logisch-mathematischen Formeln von Karl

Schröter von wegen ihrer Exaktheit und als Symbole des Bündnisses mit fortgeschrittener bürgerlicher

Wissenschaft durchgehen läßt Na. ich werde tüchtig zuriickprügeln. - A propos: Wie linden Sie denn

und Heise nehmen mir einen Aufsatz in

Sinn

dann feststellt, daß e- sich um die

Hamburgische

Kosing z. B, eine Auseinandersetzung

die Philosophische Zeitschrift'.".' Ich finde: Es läßt sich sicherlich viel dagegen sagen, aber sie hat einen

Vorzug: daß sie für einigermaßen anspruchsvolle philosophisch interessierte Intelligenz genießbar und

interessant ist. und das ist doch schon etwas.

Harich an Lukäcs . 29. 7.1954

Ich trage mich jetzt mit dem Plan eines Buches, nachdem ich bei der Havm-Einleilung zum ersten

Mal in meinem Leben das Gefühl halte, so etwas schaffen zu können. Der Titel soll lauten: „Alex und die

Philosoph.cn". und es soll autobiographisch erzählt werden. Un d zwar: Alex ist der Genosse, der mich -

in den Kriegsjahren - auf dem Wege über gemeinsame illegale Arbeit zur Partei gebracht hat. 2 1 Die Phi-

losophen - das sind die lebenden und toten Denker, mit denen ich mich seil meinem fünfzehnten Le-

bensjahr herumschlug. Dazu gehören Kant und Hegel, aber auch Nicolai Hartmann. Klages. Heidegger

usw. und nicht zuletzt, sondern vor allem ein verrückter Neuruppiner Studienrat Kuntz. der das Richard

Wagner-Kränzchen leitete, in dem ichmeine ersten Schritte zur Philosophie tat i Zarathustra-Lektür e und

21 Es handelt sich um Alex Vogel. Chef der lockeren Widerstandsgruppc „Emst" -

ein erstklassiger Organisator

und ein Mann, der titvi Leichen geht" IHarich im Interview mit Schivelbusch. vgl. Wolfgang Schivelbusch. Vor dem Vorhang. Das geistige Berlin 1945-194:*. München 1995. " I f.i. Schivelbusch diskutiert die These, daß Vogel Spitzel der Gestapo gewesen >ei. wahrend der Harich-Biograph Siegfried Prokop \ ogcl für einen Doppelaccnlen eine- sowjetischen Geheimdienstes hall, der am la g vor Harich- Verhaftung 195Amit einer Xlilitarmaschmenach Moskau gellogen sei.

302

Wolfsang Harich-Georg Lukäcs, Briefwechsel

Platon-Dialoge mit verteilten Rollen». Die Systeme der Philosophen werden ironisierend veranschauli-

chend erzählt wie Kriegserlebnisse. Liebeserlebnisse usw

wüchsiger daraus unmittelbar praktische Schlußfolgerungen fürs Leben zieht, bald nazistische, bald

pseudo-antinazistische. bald geradezu verrückte t z. B . beim radikalen Ernstnehmen des subjektiven Ide- alismus i. Hineinverweben will ich die märkische Kleinstadt, das Berlin der Nazizeit, das Wehrmachts- gefängnis. Der Held ist keiner, sondern ein Zwitter von intellektuell-anarchistischem Drückeberger, dem die Zumutungen seitens der Nazis unbequem sind, und wirklichem, aber sehr unreifem Antifaschisten, bis er dann endlich besagtem Alex in die Hände fällt. E r ist übrigens auch ein Mittelding zwischen dem braven Soldaten Schweijk und dem jungen Joseph bei Thomas Mann, aber mit der Philosophie als zen- tralem geistigem Interesse. Die Schwierigkeit des Ganzen liegt in zweierlei: erstens in der Ehrlichkeil, zweitens darin, da ß die Ironisierung der bürgerlichen Gegenwartsphilosophie eine schweijk hafte Dar- stellung des Faschismus erheischt, die aber doch das Grauenhafte nicht verniedlichen darf. Das erste hoffe ich mit zusammengebissenen Zähnen und mit Schulung an Augustinus. Rousseau. Sir Samuel Pe-

pys Tagebüchern und Brechts

halten, wie ich das zweite schaffen soll, ist mir noch völlig schleierhaft. Dazu kommt: Die Sache mu ß von

A bis Z aus kleologiekriiik bestehen, wie die Zerstörung der Vernunft, und doch so prall und deftig volks-

tümlich sein, da ß z. B. Klages wie ein Cafehaus-Tarzan w irkt. Ferner: Der Kommunist Alex darf nicht sen- timental idealisiert werden. Er muß vielmehr Züge von Primitiv iiät. Vicrielbiklung. Neigungen zum Til- mudismus und zum Sektierertum aufweisen, dazu einen biederen Haeckel-Materialismus mit dem Mar- xismus vermischen, und sich dabei doch wie ein Gigant neben dem Zwergenvolk der Philosophen aus- nehmen, wie ein riesiger Wegweiser zur Wahrheit. Enden soll die Sache mit dem Kriegsende 1945. Finden Sie. daß man sich an ein so sonderbares Projekt heranwagen soll'.'

und es wird gezeigt, wie ein frühreifer Halb-

Dreigroschenroman"

(eine komische

Mischung, nicht wahr?) durchzu-

Lukäc s an Harich. 18. 8.1954:

Was den Plan Ihres Romans betrifft, so hat er mich sehr interessiert. De r Ideengehalt ist sehr aktuell und w ichtig. Die geplante Weise der Ausführung kann eine gute sein. Hier hängt aber alles von der Durchführung, und zwar nicht bloß von der technisch schriftstellerischen Durchführung, sondern von der dichterischen Konzeption alles ab. Ich meine folgendes: theoretische Auseinandersetzungen

in Dichtwerken sind immer langweilig auch wenn sie witzig sind, wenn sie bloß theoretisch bleiben,

wenn nicht jede Replik in ihm gedanklichen Gehalt und in ihrer Ausdrucksqualität unverbrennbar mit dem konkreten Sosein eines besfimmter. ivpi-che n Mensche n verbunden K . Da s zu gestalten ist natür - lich sehr schwer. Aber Thomas Mann hat im Zauberberg und Faustus gezeigt, da ß es auch in unseren Tagen durchaus möglich ist. Da ß es früher möglich war. zeigt eine große Literatur von Pialos Gast- mahl bis zu Balzac und zu den großen Russen. / Es kommt also alles darauf an. daß Sie die Gestallen und Situationen so ausdenken, da ß die abstraktesten und karikiertesten Gedankengänge als orga- nische Ausdrucksweisen konkreter Charaktere erscheinen.

Lukäcs an Harich. 9.2.55

Bei dieser Gelegenheil möchte ich Ihnen nu r die Anregung machen: Der Haymsche Herder ist

sehr schön un d nützlich

einmal den Winkehnann von Justi neu herauszugeben' E s ist in seiner Ar t ein bedeutendes Buch und heute vollkommen verschollen.

ich danke

Ihnen für das zugeschickte Exemplar!

Ware es aber nicht gut.

Dtsch. Z . Pliilos. 45 (1997) 2

303

Harich an lukäcs . 17.2.55

Nun noch eine Bitte. Wir haben im vorigen Jahr damit begonnen, eine kleine philosophische

Bücherei im Aufbau-Verlag herauszugeben, von der wir jährlich etwa S bis 10Titel bringen werden.

der menschlichen Kopf-

arbeit" von Dietzgen: in der Herstellung befinden sich Kants

rie des Himmels". Herders

der Ungleichheit". Im

Rahmen dieser Reihe wollen wir nun auch eine Schopenhauer-Publikation bringen, d. h. sie soll kein Werk von Schopenhauer und auch keine Auswahl aus Werken von ihm enthalten, sondern die besten kritischen Abhandlungen über ihn zusammenlassen. Ei n Werk von Schopenhauer selbst würde den progressiv gestimmten Charakter der Reihe zerstören und wäre im übrigen auch deswegen überflüssig,

Tschcrnyschewskis

Erschienen sind bisher

eines Geistersehers" von Kant und

Naturgeschichte und Theo-

Feuerbachs Schriften zur Kritik der Philosophie Hegels.

Träume

Wesen

Allgemeine

Metakritik".

Anthropologisches

Prinzip" und Rousseaus

Ursprung

weil alle Antiquariate bei uns mit Schopenhauer-Ausgaben reichlich verseilen sind, so da ß Studierende die Texte jederzeit bekommen können. Abe r für eben diese Studierenden fehlt ein Büchlein über Scho- penhauer. Wir haben nun daran gedacht, im Rahmen unserer kleinen philosophischen Bücherei ein

Buch

Kritik der Philosophie Arthu r Schopenhauers" herauszugeben, das die folgenden Beiträge

enthalten soll: 1. die glänzende, in biographischer Hinsicht außerordentlich instruktive, in der Sache scharf ablehnende, wenn natürlich auch liberal-bornierte Schopenhauer-Kritik von Rudolf I laym aus

den

Jahrbüchern", die seit Jahrzehnten völlig unbekannt und auch antiquarisch und in

Bibliotheken kaum noch aufzutreiben ist: 2. den Schopenhauer-Aufsatz von Franz Mehring und 3. den Abschnitt über Schopenhauer aus der .Zerstörung der Vernunft". Dem ganzen Bändchen würde ich

eine kurze Einleitung von 4 Seiten voranstellen, in der diese Zusammenstellung zu begründen und kurz zu den Grenzen der Haymschen Schopenhauer-Kritik kritisch Stellung zu nehmen wäre. Bei dem

Abschnitt aus der

formulieren, daß sich formell eine in sich geschlossene Arbeit ergibt. Wären Sie damit einverstanden?

der Vernunft" würde ich außerdem die ersten beiden Sätze so neu

Zur

Preußischen

Zerstörung

Z u r Ansicht schicke ich Ihnen mit gleicher Post den ersten Band unserer kleinen philosophischen Bücherei, aus dem Sie den Charakter der ganzen Reihe ersehen können.

des Winckclmann von Justi ist in unserem Verlag seit langem vorgesehen: es fehlt

uns nur noch der geeignete Herausgeber, der das Buch mit einer kritischen Einleitung versehen könnte. Er müßte zwei Dinge in sich vereinigen: den marxistischen Standpunkt, der ihn zu einer klaren Ein- schätzung der Justischen Position befähigte, und eine ziemlich gründliche Kenntnis des gegenw artigen Entwicklungsstandes der Archäologie, damit auch die Punkte, in denen Justi rein fachwissenschafl- uch überholt ist. in der Einleitung herausgestellt werden könnten. Einen solchen Mann zu finden, ist

nicht ganz leicht, aber grundsätzlich hallen wir an dem Projekt fest. Zunächst werden wir jedoch die Literaturgeschichte des Is. Jahrhunderts von Hermann Hetiner und eventuell die Hutten-Biographie von David Friedrich Strauß herausbringen. Sie sehen: unser Verlag ist eifrig bemüht, die von Nietzsche

Die Herausgabe

so geschmähten

Bildungsphilister'

des 19. Jahrhunderts zu reaktivieren. Das ist auch eine Ar t Poli-

tik des

kleineren

Übels".

Harich an Lukäcs. 28.

10.55

Was Ihre Anfrage bezüglich der westdeutschen Hegel-Gesellschaft betrifft, so möchte ich Ihnen im Vertrauen sagen, da ß ich diese Gründung nicht für seriös halte. Herrn Beyer kenne ich nur aus

Zeitschrift für Philo-

Damp f in

allen Gassen" zu sein. Ich kann Ihnen also nicht raten, sich dieser Gründung anzunehmen. Wahr-

sophie" eingereicht hat. Holz ist ein hochbegabter junger Mann , der aber dazu

einem völlig verworrenen Beilrag über Dietzgen. den er einmal der

Deutschen

Hans

304

Wolfsan a Harich-Geor e Lukäcs . Briefwechse l

scheinlich wird e> das Beste sein, wenn Sie die Herren wissen lassen, da ß Sic ihre Bestrebungen

weitem mit Sympathie und Interesse verfolgen werden, aber leider aus Arbeitsüberlastung usw. usw.

von

usvv. ::

Wolfgang Harich

Zu m 13. Apri l 1970

Lieber, hochverehrter (ieorg Lukäcs !

Wenn Sic einmal Müdigkeit verspüren sollten und das Bedürfnis, vom Schreiben auszuruhen, dann

vergessen Sie. bitte, zwei Dinge nicht.

Erstens: Tizian war 95 Jahre alt. als er sein

Mysterium

der Dorncnkrönung " schul - ein Wunder an

hochbetagter Produktiv ität. das die Malerei dem philosophischen Gedanken nicht länger voraushaben

sollte. Ihr dieses Monopol endlich streitig zu machen, dafür scheint Budapest das geeignetste Klima,

dafür wären Sie der beste Mann.

Zweitens: Der Marxismus wird voraussichtlich das Denken des 21. Jahrhunderts total beherrschen.

Es wäre besser für ihn und für die in seinem Geist umzugestaltende Welt, er täte dies mit Hilfe von

allem, was in Ihrem immensen Gehirn steckt, ohne bislang zu Papier gebracht zu sein. Ihre bisherige

Lebensleistung, von den frühen Literaturessavs bis zu den 1 800 Seiten der

der Gesellschaft" erst im Werden begriffen, noch

wurde - schlimm

für unser nicht allzu ethisches Zeitalter - um der Ontologie willen unvollendet vorläufig beiseite

gelegt. Nichts davon vv ird die Kultur der Zukunft entbehren können, wenn sie die Phase der Gärung ,

aus der sie hervorgeht, glücklich hinter sich bringen will Jede neue Gestalt des Weltgeistes pflegt,

laut Hegel, sich in ihrer ersten Erscheinung mit fanatischer Feindseligkeit gegen die ausgebreitete

Systematisierung des früheren Prinzips zu verhalten und auch furchtsam zu sein, sich in der Aus-

dehnung des Besonderen zu verlieren. Hinsichtlich der jetzigen neuen Gestalt darf hinzugefügt

werden, da ß ihr ein mehr

rigkeit herausfinde.

stehen der zweite und dritte Teil Ihrer

tischen", ist gewaltig. Abe r noch ist Ihre

Besonderheit

Ethik"

des Ästhe-

Ontologie

Ästhetik"

leider aus. und gar Ihre

als hundertjähriger Georg Lukäcs nottun wird, damit sie aus dieser Schwie-

In diesem Sinne grüße ich Sie in Liebe. Dankbarkeit und Verehrung

Ihr

Wolfgang Harich""

einer theoretischen Konferenz der DK P in Mörfelden, zitiert von der FA Z am I. Juni 1992». hängt mit Holz'

H.i -ich «s •• l

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propagandistischen Vor- und Nachworten zu seinen I» her<emmgen des französischen Rassisten Charles Mayei Zusammen, die bereits 195p in der Dentseiien Zeitschriftfllr Philuscphie in einem sehr kritischen Artikel Joachim Höppner hinterfrngt wurden-einer der wenigen Beiträge, die sowohl im Originalheft 5 wie in dem nach Harichs Verhaftung vom Ideologieappar.it Llbrichts zusammengestellten Hell 5'» erschienen. Genaueres zu Hol z un d Maye r Ln: Weg un d Ziel . Wien . Hef t ? 1992. 2? Dieser Brief, der auch seinerzeit in der Frankfurter Rundschau sowie von [-'rank Benselcr in der I lauszeitschrift

von

des Luchierhand-Verlage s a,l Ceniy Ltikiicf nun Ä5. Geburtstag veröffentlich t wurde, blie b unbeant-

wortet.