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MARTIN WALSER

DES LESERS
SELBSTVERSTÄNDNIS
EIN BERICHT UND
EINE BEHAUPTUNG
PARERGA 12
Walser • Des Lesers Selbstverständnis
MARTIN WALSER
DES LESERS
SELBSTVERSTÄNDNIS
EIN BERICHT UND
EINE BEHAUPTUNG
PARERGA 12

EDITION ISELE
Als ich, um meine Mutter nicht zu enttäuschen, eine
Dissertation schreiben sollte, blieb nichts anderes
übrig, als über den Autor zu schreiben, der mich
während meiner Studentenjahre gehindert hatte, an-
dere Autoren wirklich zu lesen: Franz Kafka. Aber als
ich über ihn etwas schreiben wollte, stellte sich heraus,
daß ich ihn nicht verstanden hatte. Obwohl ich die
drei Romane und die Erzählungen zwei-, drei-, vier-
mal gelesen hatte, hätte ich nicht aufschreiben kön-
nen, was die »Strafkolonie« bedeute. Die »Verwand-
lung« interpretieren, das hieß für mich damals, aussa-
gen, ja beweisen, was ein Literaturwerk unter allen
Umständen bedeutet. Man war erzogen worden zum
Glauben, in einem Literaturwerk sei eine Bedeutung
sozusagen verborgen. Die müsse man herausbringen.
Inzwischen bin ich Adressat von Schülerpost und
erfahre so, daß im Deutschunterricht Schülerinnen
und Schüler darin geübt werden, die Bedeutung von
Büchern zu entdecken, die ich geschrieben habe. Der
Lehrer weiß offenbar die Bedeutung, darf sie aber den
Schülern nicht sagen. Ich weiß, meinen die Schüler,
die Bedeutung. Findige Schülerinnen oder Schüler
rufen mich abends an oder schreiben mir und fragen:
Wie haben Sie das und das gemeint? Stimmt es
wirklich, wie der Lehrer sagt, daß der Name Klaus
Buch ein sprechender Name ist, in dem sich die
Bedeutung Klau’ das Buch verbirgt und so weiter. Ich

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antworte dann, daß es nach meiner Erfahrung im
Umgang mit Literatur keine privilegierte Bedeutungs-
schöpfung gebe, daß vielmehr jede Leserin und jeder
Leser ein Naturrecht auf die eigene Empfindung und
Leseerfahrung habe. Lehrern gegenüber füge ich hin-
zu: Noten könne man ja nicht nur danach geben, wie
nah der Schüler der vom Lehrer gehüteten Bedeutung
komme, sondern auch danach, wie eine Schülerin und
ein Schüler ihre eigene Leseerfahrung zu vermitteln
imstande seien. Auch daß Schülerinnen und Schüler
mit einem Text gar nichts anfangen können, sage ich
dann dazu, sei darstellens- und begründenswert und
trainiere mindestens so sehr wie das Suchen und
Finden und Darstellen der offenbar ostereihaft ver-
steckten Bedeutung.
Ich habe als Student die Erfahrung machen müssen,
daß mein gewissermaßen naturwüchsiges Lesen nicht
bedeutungsorientiert ist, ja für Bedeutungsfindung
oder -schöpfung nichts bringt. Ich habe Kafka nicht
anders gelesen als Karl May. Ich kann überhaupt nicht
auf zweierlei Art lesen. Die Sätze, die ich lese, leben
davon, daß sie in mir beantwortet werden. Beantwor-
tet durch Erfahrungen, die von diesen gelesenen Sät-
zen geweckt, mobilisiert, bewußt gemacht werden.
Alles, was ich je erlebt, gesehen, gedacht, gefühlt,
geliebt, gehaßt, gefürchtet habe, kann da aufgerufen
werden. Vorausgesetzt, ich kann mit dem Buch, das

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ich lese, etwas anfangen. Jeder Leser beantwortet jeden
Satz, der da schwarzweiß und dimensionslos auf Pa-
pier steht, mit sich selber. Er inszeniert diesen Satz
ganz von selber in seiner Vorstellung. Was da in einem
vor sich geht, ist auch mit dem Traum vergleichbar.
Lesend reproduziert man ja nicht einfach Gehabtes,
Erfahrenes, sondern produziert aus eigenem Bedürf-
nis mit Hilfe eines Textes eine Welt, die es tatsächlich
nicht gibt. Was uns in der wirklichen Welt fehlt,
stattet uns als Leser aus, macht uns als Leser potent.
Was uns fehlt, macht uns schöpferisch. Nicht das
Zuvielhaben macht schöpferisch, sondern das Zuwe-
nighaben, also der Mangel. Novalis: »Der Roman ist
aus dem Mangel der Geschichte entstanden.« Novalis
macht in seiner Passage über den Roman, der aus dem
»Mangel der Geschichte« entstanden ist, keinen Un-
terschied zwischen Lesen und Schreiben, er fährt
nämlich fort: »Er (der Roman) setzt für den Dichter
und Leser divinatorischen, oder historischen Sinn
und Lust voraus.« Dichter und Leser sind also gleich
gesonnen. Wenn der Welt, in der man lebt, nicht
ernsthaft etwas fehlte, würde man nicht lesen. Und
wenn uns nichts fehlte, würden wir auch nicht schrei-
ben. Man liest also aus den Gründen, aus denen man
schreibt.
Wir können überlegen, was uns, als wir acht Jahre alt
waren, fehlte und uns so zu Karl May-Lesern werden

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ließ. Es heißt, man verschlinge Karl May. Das ist ein
unvollkommenes Bild. Man produziert die Not, die
Gefahr, die Treue, den Verrat, die Gemeinheit, den
Edelmut, die Rettung. Man produziert zu den Huf-
spuren, die schon ein bißchen abbröckeln, also älter
als drei Tage sind, Angst und Hoffnung; man erlebt
in sich das Anrecht auf Rettung aus der immerwäh-
renden Gefahr. Ein Kind, das sich sicher fühlt, liest
nicht Karl May. Nichts ist diesem Lesen so fremd wie
die Frage nach der Bedeutung. Bei Kafka und Karl
May. Es gibt aber die Frage, ob jemand ein Buch
verstanden habe. Das klingt, als sei ein Buch etwas
ganz Bestimmtes. Verstehe man es nicht als dieses
ganz Bestimmte, habe man es falsch verstanden oder
mißverstanden. Ich glaube eher, daß es einem Buch
gegenüber kein Mißverständnis gibt, da jeder Leser,
wenn er ein Buch liest, mit diesem Buch immer nur
sich versteht, nicht das Buch. Das Buch ist, hat Proust
gesagt, eine Art optischen Instruments, mit dessen
Hilfe der Leser in seinem eigenen Leben lesen könne.
Das halte ich für eine sehr zurückhaltende Beschrei-
bung dessen, was beim Lesen passiert. Sogar das deut-
lich empfundene und erlebte Nichtverstehen eines
Buches muß überhaupt nicht die Lese-Intensität min-
dern. Ich habe Kafka wirklich nicht verstanden, aber
ich hätte antworten können, wie die Wirtstochter
Maritornes im »Don Quixote« dem Pfarrer antwortet,

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als der sie fragt, was sie von den Rittergeschichten
halte: »Ich weiß es selbst nicht, hochwürdiger Herr,
… ich höre auch mit zu, und wenn ich es nicht verste-
he, so gefällt es mir doch.« Ich habe nicht gewußt, was
das heißen soll, daß Josef K. verhaftet wird und darf
doch weiterhin in die Bank gehen und arbeiten; er hat
mich ganz beansprucht, weil er Hilfe sucht, wie nur
der Hilfe sucht, der keine Aussicht auf Hilfe hat. Den
»Prozeß«-Leser möchte ich sehen, der sich, wenn er
die zahnräderhaft ineinandergreifenden Kapitel die-
ses Romans liest, noch fragt, was das alles bedeute.
Das weiß man, ohne es zu wissen. In dem Augenblick,
in dem man liest, wie Josef K. zu Titorelli kommt,
erinnert man sich doch daran, daß man oft genug bei
Titorelli war, man kennt den Verschlag, die alles
vereitelnden Störungen. Man war oft genug gezwun-
gen, Hilfe zu suchen, Hilfe zu erwarten, und hat die
Erfahrung gemacht, daß jedes Hilfesuchen, jede Hil-
fe-Erwartung eine diesem Suchen und Erwarten ganz
genau entsprechende Ablehnung provoziert, ja gera-
dezu produziert. Also uns muß niemand etwas über
Titorelli oder den Domgeistlichen mit seiner eitel
zugespitzten Türhüterparabel erzählen. Jede Fakultät
schüttelt uns auf ihre Art ab. Mit diesen Erfahrungen
und den daraus entstandenen Ängsten und Hoffnun-
gen inszenieren wir als Leser diesen Roman, jeden
Roman. Immer vorausgesetzt, wir können mit einem

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Buch etwas anfangen. Nicht verstehen muß man
Bücher, man muß mit ihnen etwas anfangen können.
Es gab Leute, die schrieben über den »Prozeß«-Roman
Bücher im psychoanalytischen Vokabular, im marxi-
stischen oder im existenzialistischen Vokabular oder
in germanistisch gestützten Vokabularen. Einige Jahr-
zehnte später zog der Literaturwissenschaftler Horst
Steinmetz Bilanz: »Die unzähligen, ja unzählbaren
Deutungen, Interpretationen, Analysen, die in den
letzten fünfzig Jahren Kafka gewidmet worden sind,
haben unsere Kenntnisse über diesen Autor und sein
Oeuvre unendlich vermehrt; und doch ist es, als ob
die Werke daraus gleichsam unberührt hervorgegan-
gen seien, als ob wir dem Kern ihres Wesens nicht
nähergekommen seien. Auf jeden Fall haben wir ihn
nicht in den Griff bekommen … Die Interpretations-
anstrengungen haben innerhalb des relativ kurzen
Zeitraums von fünfzig Jahren alle methodischen und
inhaltlichen Möglichkeiten ge- und benutzt, die
Theologie, Psychologie, Kulturwissenschaft, Soziolo-
gie, Philosophie, Semiotik, aber auch Stilistik, Text-
linguistik oder Kommunikationswissenschaft zu bie-
ten haben. Trotzdem: Unser Drang, Kafkas Texte zu
deuten, Wege zu ihrem Verständnis zu finden, ist
noch immer nicht befriedigt. Es ist, als ob die Texte
noch immer auf ihre erste und grundsätzliche Deu-
tung warten. ... Offenbar verfügen Kafkas Texte über

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eine besondere Resistenz gegenüber allen Deutungs-
versuchen.« Er empfiehlt dann »ein Moratorium der
uns beinahe zur Gewohnheit gewordenen Kafka-Aus-
legung.« Allen »hermeneutischen Aktivitäten« liege
als Zielvorstellung »die Enthüllung einer im Text
irgendwo angesiedelten semantischen Einheitlich-
keit« zugrunde, »der Nachweis« einer »inneren Sinn-
gestalt«. Da aber darüber im Fall Kafka kein »Konsens«
habe erreicht werden können, fragt Steinmetz, ob wir
bei Kafka oder überhaupt jetzt gezwungen sein könn-
ten, auf »semantische oder sonstwie beschreibbare
Positivität« zu verzichten. Das wäre »der Typ eines
Kunstwerks«, sagt Steinmetz, »das sich in seiner Funk-
tion als Sinn- und Bedeutungsganzes nur im Akt
individueller oder subjektiver Sinn- und Bedeutungs-
zuerkennung erfüllt«. Dank sei Kafka, daß er die
Literaturwissenschaft einmal dazu gebracht hat, dem
Konsens abzuschwören und das Lesen und Verstehen
als »subjektive Sinn- und Bedeutungszuerkennung«
zuzulassen. In deutscher Normalsprache: etwas in
einen Text hineinzulesen ist wichtiger als etwas aus
ihm herauszulesen. Und das nicht nur beim Kunst-
werktypus Kafka plus 20. Jahrhundert, sondern über-
haupt. Man hätte das ohne Rezeptionstheorien schon
aus älteren Schriften lernen können. Lichtenberg,
zum Beispiel: »Es gibt eine Art von Lektüre, wobei der
Geist gar nichts gewinnt, und viel mehr verliert, es ist

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das Lesen ohne Vergleichung mit seinem eigenen
Vorrat und ohne Vereinigung mit seinem Meinungs-
System.« Wenn wir, was wohl erlaubt ist, unter »Mei-
nungs-System« nicht den flotten Vorrat des zum Ab-
ruf Angelesenen, sondern das Bewußtsein verstehen,
dann ist das unser Satz: was wir lesen, vergleichen und
vereinigen wir mit unserem Bewußtsein. Dazu brau-
chen wir keine Vokabulare, sondern die allmählich
deutlich werdende Erfahrung, daß geschrieben wird
aus den Gründen, aus denen gelesen wird.
Als ich, um meine Mutter nicht zu enttäuschen, etwas
Literaturwissenschaftliches schreiben wollte, war ei-
nes ganz sicher: meine eigene Leseerfahrung war nicht
gefragt. Ich muß allerdings zugeben, daß ich wahr-
scheinlich nicht imstande gewesen wäre, meine Le-
seerfahrung zu formulieren. Von eigener Erfahrung
Gebrauch zu machen in einer wissenschaftlich sein
wollenden Sache –, das hätte ich nicht gewagt. Nach-
träglich kann ich halbwegs ermessen, daß Lesen eine
Lebensart ist. Man kann, um sich zu begegnen, in den
Spiegel schauen, auf alte und neuere Fotos, aber auch
in ein Buch. Man begegnet sich da. Lesen ist nicht
etwas wie Musikhören, sondern wie Musizieren. Das
Instrument ist man selbst. Man spielt sich, spielt sich
auf nach Noten Gogols, Dostojewskis, Nietzsches,
Hölderlins. Auszudrücken, was dabei in einem pas-
siert, setzt Ausdrucksfähigkeiten voraus, die man

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nicht entwickelt hat, weil sie nicht gefragt waren. Egal
ob jemand etwas von sich aus oder in Erfüllung einer
Pflicht liest, wenn er etwas über seine Leseerfahrung
aussagen soll, begibt er sich – so will es der Brauch –
zuerst einmal aus sich hinaus, sucht Hilfe bei Tradi-
tionen des Verstehens, bei Jargons, Vokabularen, Me-
thoden. Daß er aber der Wichtigste ist, daß es auf ihn
oder auf sie mehr ankommt als auf alle Hilfsmittel,
das wissen Leserin und Leser gar nicht mehr. Sie gehen
zu Titorelli, zum Domgeistlichen und erfahren, daß
es genau die Hilfe nicht gibt, die sie suchen. Oder sie
lassen sich täuschen. Sie arbeiten mit an ihrer Täu-
schung und tun so, als seien die angebotenen Ver-
ständnisweisen auch ihre eigenen.
Ich konnte also über die Bedeutung kafkaischer Texte
nichts sagen. Meine Leseerfahrung war eine unüber-
schaubare Folge von Details und Stimmungen. So-
bald ich diese Frequenz des Konkreten verließ und
meine Leseerfahrung in einer allgemeineren Mittei-
lungsform addieren wollte, war alles zerstört. Meine
Leseerfahrung, mein jahrelanges Zusammenleben mit
Kafka kam in der begrifflichen, literaturwissenschaft-
lich tendierenden Mitteilung nicht mehr vor. Ich wich
aus. Sozusagen instinktiv. Ich fing einfach an, die
Machart zu beschreiben und nannte die Dissertation
dann: Beschreibung einer Form. Keine Interpretation,
reine Inventarisierung. Runde zwanzig Jahre später

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interessierte ich mich, nicht ganz freiwillig, für Ironie.
Da mußte Kafka neu gelesen werden. Und um ihn
und Robert Walser vom Humoristen Thomas Mann
gebührend zu unterscheiden, war es nötig, sich auch
der Sprachfrequenz zu stellen, auf der Bedeutungen
anzutreffen sind. Das Ergebnis: (1972 ff.): der »Pro-
zeß«-Roman hat sich mir dargestellt als eine Selbst-
mordgeschichte, die in Gang gesetzt wird durch ein
Legitimationsdefizit. Wer, um leben zu können,
Rechtfertigung braucht, findet keine. Er ist verloren.
Auch die »Verwandlung« entpuppte sich jetzt als
Selbstmordgeschichte; angestoßen diesmal durch den
Verlust der Fähigkeit, Geld zu verdienen; mit dem
Verlust der Fähigkeit, Geld zu verdienen, geht die
menschliche Zurechnungsfähigkeit und damit die
Menschenähnlichkeit überhaupt verloren. Gregor
bringt sich um. Und den K. des »Schloß«-Romans
mußte ich jetzt dem exemplarischen deutschen Ent-
wicklungsromanhelden Wilhelm Meister vergleichen.
Hier und dort eine Schloßgesellschaft. Aber bei Goe-
the eine Schloßgesellschaft, die souverän pädagogisch
alle Irrungen des Helden auffängt und zu seinem
Besten lenkt. Bei Kafka eine Schloßgesellschaft, die so
konstruiert ist, daß jeder Behauptungsversuch des
Helden zu dessen Aufhebung, also Vereitelung führt,
was in der Folge in einer vollkommenen Erschöpfung
enden muß.

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Ich erwähne diese Entwicklung zu einer Art Kafkaver-
ständnis nur, weil ich gestehen muß, daß Kafka, seit
ich ihn verstehe, nicht mehr zu den Autoren gehört,
die ich immer wieder lese. Am wenigsten verstehe ich
noch immer das »Schloß«. Das kann ich immer noch
lesen. Aber der »Prozeß« bringt nichts mehr. Irgend-
wann habe ich festgestellt, daß ich, wenn ich jetzt
diesen Roman aufschlage, die aufgeschlagene Stelle
sofort als die und die Station auf der Selbstmordstrek-
ke identifiziere; die Bedeutung der Stelle ist sofort
präsent; wie von Meßinstrumenten geliefert; ablesbar
auf dem Interpretations-Armaturenbrett. Bedeutung
erkannt. Weiterlesen. Das heißt, das Lesen wurde zu
einer fast mechanischen Repetition von Bedeutungs-
signalen. Früher, vor der ausgearbeiteten Deutung,
war jede Lektüre anders verlaufen. Zwar waren auch
da schon Leseerfahrungen gespeichert gewesen, aber
man war eben längst nicht mehr der, der man bei der
ersten oder der, der man bei der zweiten Lektüre
gewesen war. Oder man war eben im Augenblick nicht
der. Jetzt kommt es auf meinen momentanen Zustand
gar nicht mehr an, weil mir eben jede Prozeßpassage
jetzt gleich ihre Funktion auf der Selbstmordstrecke,
also ihre Bedeutung, ihren Sinn anbietet. Ich weiß
nicht, ob das Deuten und das Bedeutungfinden zu
solchen Fixierungen führen müssen. Ich jedenfalls
habe zu berichten, daß die von mir erarbeiteten Kaf-

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ka-Interpretationen weitere Leseerfahrungen mit die-
sem Autor verhindert haben. Wenn man so Bestimm-
tes herausgelesen hat aus dem Werk, lassen Lust und
Kraft, etwas hineinzulesen, nach. Ich hoffe, es gehe
anderen anders. Ein Satz E.T.A. Hoffmanns kommt
mir dazu sehr einschlägig vor: »Das Beschauen eines
Gemäldes kann nur sehr kurz dauern; denn das Inter-
esse ist ja doch verloren, sobald man erraten kann, was
es vorstellen soll«.
Ich erkläre mir den interesseschädigenden Einfluß des
Wissens auf den Lesenden so: Wenn man als Leser
auf das Gelesene hauptsächlich mit Meinungen rea-
giert, macht man keine Erfahrungen mehr. Je mehr
Meinung, desto weniger Erfahrung. Meinungen, glau-
be ich, können erfahrungsabweisend wirken. Für jene
Daseinssteigerung, die durch Lesen bewirkt werden
kann, scheinen Meinungen geradezu Giftcharakter zu
haben. Soll man also einem Text oder einem Autor
gegenüber auf Meinungen verzichten? Das ließe sich
ohnehin nur wünschen, aber kaum realisieren. Mei-
nungen sind eben die kürzestmögliche Aufbewah-
rungs- und Verkehrsform für alles, was im Erlebnisau-
genblick viel mehr und etwas ganz anderes ist als eine
Meinung. Ganze Berufsfelder unserer Kultur wären
ohne das Verkehrsmittel Meinung gar nicht mehr zu
organisieren. Ich weiß nur, daß das Ergebnishafte, das
Meinungen an sich haben, das Gegenteil dessen ist,

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was beim Lesen erfahren wird. Meinung tendiert zum
Urteil; das klingt nach: Es reicht. Nach: Bescheidwis-
sen.
Zum Glück habe ich als Leser auch die Erfahrung
gemacht, daß Verstehenwollen oder -müssen nicht zu
einer Meinung ÜBER den Text fuhren muß. Zwei
Beispiele: Goethe, »Wilhelm Meister«; Robert Wal-
ser, »Jakob von Gunten«. »Wilhelm Meister« las ich
als Student pflichtgemäß und konnte mit diesem
Buch nichts anfangen. Ich fand es edel lackiert, elfen-
beinern, eine von schönen Redensarten tönende Klas-
sik-Öde. Mir ist allerdings der Versuch, durch dieses
Buch durchzukommen, schon wegen des dazu nöti-
gen Willensaufwands in Erinnerung geblieben. Weil
ich merkte, daß ich auf dieser Klassikglätte andauernd
nur folgenlos ausrutschte, schrieb ich beim Lesen
Sätze heraus. Zitate. Auf Zettel. Fast keine Seite blieb
ohne Zettel. Ich wollte mir das glatte Klassikgelände
verfügbar, durchdringbar, abrufbar, brauchbar ma-
chen. Es kam kein bißchen zu jener Daseinssteige-
rung, die mir Old Shatterhand, Robinson, Hyperion,
Raskolnikow und Josef K. beschert hatten.
Zwanzig Jahre später las ich den »Wilhelm Meister«
wieder. Wieder mit dem Kugelschreiber in der Hand.
Ich durchsuchte das Buch diesmal wie ein verdächti-
ges Quartier nach Indizien. Dieses Buch war schließ-
lich geschrieben worden in den Jahren des Ausbruchs

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der französischen Revolution. Und was stand drin?
Daß ein Bürger zur Zeit nur auf der Bühne eine Art
Selbstverwirklichung erfahren und betreiben könne.
Was dem Adeligen möglich sei, nämlich alles an ihm
und in ihm zu entfalten, gehe dem Bürger, der immer
nur an seiner Leistung gemessen werde, verloren. Nur
eben in der Kunst nicht. Auf dem Theater nicht.
Dieser so programmierende Wilhelm merkt rechtzei-
tig, daß auch die Künstlerkarriere das harmonische
Selbstbewußtsein nur auf Widerruf gewährt. Gelten,
ohne beweisen zu müssen, daß man auch ist, was man
gelten will, kann man eben doch nur als Adeliger. Also
wird die theatralische Sendung überwunden, Wilhelm
entwickelt sich unter der geheim bleibenden Leitung
der nichts als favorisierenden Adelsgesellschaft zum
Schwager des ökonomisch fortschrittlichsten Adeli-
gen und darf am Schluß entscheiden, ob er als Invest-
mentmakler für die Adelsgesellschaft lieber in Ruß-
land oder in Amerika Geld anlegen will. In Europa,
das sieht Goethe, von den französischen Vorgängen
erschreckt, viel zu pessimistisch, in Europa, meint er,
sei das Kapital durch weitere politische Umwälzungen
nur noch gefährdet. Aber nichts als realistisch und
zukunftssicher ist Goethes Erzählerentscheidung, den
bürgerlichen Helden nicht in einem Künstlerroman
zu verdampfen, sondern ihn in einer privilegierten
und tatsächlich auch progressiven, nahezu demokra-

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tisch tendierenden Ökonomie landen zu lassen. Daß
es aber Selbstbewußtsein für den Bürger nur gibt,
wenn er zum Adel desertiert, habe ich von 1970 bis
75 diesem Buch und seinem Verfasser verübelt. Aber
ich las das Buch da schon viel unangestrengter, gieri-
ger als in den Fünfzigerjahren. Ich wollte Meinungen
nähren mit meiner Lektüre. Ich las gleich noch die
einschlägig wichtigen Bücher jener Neunzigerjahre
mit. Die unwillkürlichen Gegen- und die Parallel-
schriften: Jean Pauls »Hesperus«, Fichtes »Wissen-
schaftslehre«, Forsters Berichte aus Paris, Friedrich
Schlegels Flunkereien vor und nach 1800 und die
Genauigkeit stiftenden Anmerkungen des Novalis.
Und natürlich las ich, wie Thomas Mann die von ihm
gedrechselte Goethepuppe jahrzehntelang zur Behe-
bung eigener Rechtfertigungsnöte eingesetzt hat. Das
war ein reines Meinungsgewoge. Ich las nur, um
eigene Legitimationsdefizite zu beheben. Ich las, um
rechtzuhaben. Das kann, gebe ich zu, auch spannend
sein. Ich wollte einen Beitrag liefern zur Klärung des
nach meiner MEINUNG unter Germanisten arg belie-
big gebrauchten Ironiebegriffs. Dazu war eben das
Wort Selbstbewußtsein nötig. Dazu mußten die repu-
blikanisch-demokratischen Beiträge Fichtes und Jean
Pauls und die Beiträge des späteren Metternich-Agen-
ten Friedrich Schlegel ausgewertet werden. Es teilte
sich die Welt in links und rechts. Links Forster, Jean

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Paul, Fichte. Rechts Goethe, Friedrich Schlegel, Adam
Müller, Thomas Mann. Aber wie Newton hatte auch
ich mich, um viel zu sehen, auf die Schultern eines
Riesen gestellt. Zweier Riesen sogar: Hegel und Kier-
kegaard. Und dadurch endete die Selbstbewußtseins-
klärung dann doch nicht in der Sackgasse, in der es
vor lauter Lichtlosigkeit nur noch den Tastsinn für
links und rechts gibt: ich erklomm allmählich die
dritte Stufe der »Wilhelm Meister«-Lektüre, konnte
wieder meinungsfrei lesen, und zum ersten Mal wurde
der Text Leseerfahrung. Der Roman erzählte mir jetzt,
wie einer zu Selbstbewußtsein kam, dem an nichts
soviel liegt wie an dieser Selbstbewußtseinsausbil-
dung; aber Wilhelm Meisters Selbstbewußtsein bleibt
eben trotz des Adelsprädikats problematisch, prekär;
das hatte ich vorher, als ich nur Indizien gegen den
bürgerlichen Deserteur sammelte, eifrig überlesen. Ich
hatte mir eine Art Parteilichkeit gegenüber Goethe
angemaßt, die nur einem Zeitengenossen gegenüber
sinnvoll oder verständlich sein kann. Ich habe Goethe
sozusagen haftbar gemacht für das, was Thomas
Mann mit ihm angestellt hat. Das ist eifriger als nötig.
So war ich eine Zeitlang unempfindlich geworden für
Wilhelms erhaltene Leidensfähigkeit. Und hätte doch
bei Schiller alles Nötige lesen und lernen können.
Schiller hat sich auch Sorgen gemacht um Goethes
Ebenbild Wilhelm. Schiller war auch nicht begeistert

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über den Deserteur Wilhelm. Schiller hat in einem
Brief an Goethe im Juli 1796 fabelhaft schön und
genau formuliert, daß Wilhelm ja trotz seiner Karriere
kein Adeliger werde. Er, Schiller, könne »sich einer
gewissen Sorge um ihn (Wilhelm Meister) nicht er-
wehren«, er befürchte, daß Wilhelm in der Adelsum-
gebung für immer in »Inferiorität« gefangen bleiben
werde. Auf jeden Fall, das Selbstbewußtseinsprojekt
des Deserteurs Goethe und die Projekte der Kleinbür-
ger Jean Paul und Fichte, die alle auch Reaktionen auf
die französische Revolution waren und die auch im
Jahr 1794 zu erscheinen begannen, diese Projekte
»Wilhelm Meister«, »Hesperus« und »Wissenschafts-
lehre« sind einander, wie mir allmählich aufging, nä-
her als es mir zuerst lieb gewesen wäre. Wilhelm
Meisters Variationen über »So ist denn alles nichts«
sind den Gegenkarrieren der Jean Paul-Helden im
»Hesperus« verwandt: der Kleinbürger ist in Wirklich-
keit ein Adelssohn, und der Adelige ist der Kleinbür-
ger. Später, in der »Ästhetischen Vorschule«, formu-
liert Jean Paul das fabelhafte Projekt der Epoche, das
bei Hegel in EINEM Wort »Sichselbstwerden« heißt,
in einer dröhnenden Tautologie: Wir, sagt er, »drin-
gen mit mehr Selbstbewußtsein auf mehr Selbstbe-
wußtsein«. Fichte, der andere große Kämpfer an der
Selbstwerdungsfront: »Das höchste Interesse und der
Grund alles übrigen Interesses ist das für uns selbst«.

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Der Satz, in dem Jean Paul mit Hilfe von mehr
Selbstbewußtsein mehr Selbstbewußtsein schaffen
will, beginnt aber mit einem Hinweis auf ein Datum:
»Doch seit Klopstock … dringen wir mit mehr Selbst-
bewußtsein …« usw. Also: in Deutschland bleibt das
Menschenrecht, das in Frankreich per Revolution
formuliert wird, Literatur. Und ich traue mich nicht
mehr zu sagen: es bleibe nur Literatur. Ohne jede
Bezugnahme auf etwas Gesellschaftliches zwar hat der
Leinwebersohn Fichte sein Selbstbewußtseinsprojekt
betrieben. Nach Art der Geometrie, verspricht er in
seiner »Wissenschaftslehre«, werde er Selbstbewußt-
sein ableiten. Er konnte es nur deduzieren, praktizie-
ren nicht. Die Antwort auf den Mangel behebt ihn
also überhaupt nicht. Sie macht ihn aber anschauba-
rer. Und während der Arbeit an der Antwort auf den
Mangel wird man stärker, als man ist. Die Beantwor-
tung des Mangels ist eine Art zu existieren. Da zu sein.
In altehrwürdigen Wörtern: man ist nicht mehr nur
Objekt, sondern spielt sich auf, fühlt sich als Subjekt.
Es ist ein Unterschied, ob man sich etwas gefallen läßt
oder sich wehrt. Nicht das Ergebnis ist wichtig, sondern
die Erfahrung des Sichwehrens. Aus dem schreibenden
Sichwehren kann eine Lebensart werden. Genauso
kann das Lesen als Sichwehren zur Lebensart werden.
Wir, die Nachgeborenen und immer noch nicht Sta-
bilisierten, nicht Legitimierten, nicht Geretteten, wir

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können mit den Sätzen Goethes, Jean Pauls, Fichtes
unsere eigenen Mangelerfahrungen durchmusizieren.
Lesend geht es einem genau wie es dem Schreibenden
gegangen sein mag. Fichte, Jean Paul, Goethe waren,
nachdem sie geschrieben hatten, wieder anfechtbar,
das Selbstbewußtsein blieb prekär. Aber so lange sie
schrieben, waren sie offenbar gut dran. Geschrieben
zu haben, gelesen zu haben nützt nichts. Nur schrei-
ben hilft. Lesen hilft.
Aber unterschlage ich da nicht doch die Hauptsache,
den Ertrag, das Ergebnis? Die Bibliotheken, in denen
die Bedeutung gerettet, der Sinn, der gestiftete, gehor-
tet ist? Da scheiden sich vorübergehend die Wege.
Hier der Weiterleser, dort der Sinngewinner. Der
Weiterleser antwortet in jeder Lesesekunde mit seiner
ganzen Erfahrung auf die Antwort, die der Autor
seinen Mangelerfahrungen gegeben hat. Der Weiter-
leser kam, soweit es um mich geht, zu Kierkegaard,
also zu den Texten, die entstanden sind gegen jede
Positivität. Kierkegaards ausschlaggebende Mangeler-
fahrung: Wir haben zuviel zu wissen gekriegt und
fangen zu wenig damit an. Kierkegaard schreibt, be-
ziehungsweise ist gegen den »direkten Ausdruck«, ge-
gen alle Positivität. Die »Gegensätzlichkeitsform«
nennt Kierkegaard seine Form der Mitteilung. »Ge-
genfrost der Sprache« nannte es Jean Paul. Der Aus-
druck kann dem, was ausgedrückt werden soll, nicht

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direkt entsprechen. Innenwelt und Außenwelt blei-
ben inkommensurabel. Ein Innenleben, in dem Un-
endlichkeit Platz hätte, soll sich einrichten in der
brutalen Endlichkeit der menschlichen Kondition.
Diese Erfahrung führt immer zu genau so viel Pathos
wie Komik. Wenn davon überhaupt eine Mitteilung
an andere zu machen ist, dann eine indirekte, eben
durch die »Gegensätzlichkeitsform«. Kierkegaard hat
das am Ausdruck für religiöse Erfahrung durchexer-
ziert. Da heißt es dann: »… die Gewißheit des Glau-
bens ist ja kenntlich an der Ungewißheit …«. Die
Religiosität läßt Kierkegaard aufhören, »sobald die
Ungewißheit die Form der Gewißheit ist.« Es sage
niemand, die für den literarischen Ausdruck ursächli-
che Erfahrung sei eine andere als die für den religiö-
sen. Der Roman, der die Geschichte des nicht gelin-
gen könnenden Selbstbewußtseins erzählt, verliert
doch seine Qualität, wenn er schon beim Lesen oder
nach dem Lesen dazu dienen soll, eine Lehre zu
liefern für dies oder das, eine Lehre, die dann zu jenem
Vorrat von zuviel Wissen gehört, mit dem wir zu
wenig anfangen. Dagegen kann, behaupte ich, das
Lesen, das nicht auf Ertrag scharf ist, unwillkürlich
effektiv sein. Solange man liest, erfährt man sich als
einen, der man zwar, wenn man nicht mehr liest, nicht
mehr ist, aber die Erinnerung an den, der man lesend
war, ist eine Erinnerung an einen tätigen Geist, an

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einen, der komischer und pathetischer existiert als der,
der nur seinem Paßbild gleichsieht. Das Selbstver-
ständnis des Lesers beim Lesen kommt keine Sekunde
lang zur Ruhe. Dem Leser ist es, solange er liest,
zumute, wie es dem Bibelgott während der Schöp-
fungstage zumute gewesen sein muß. Der hat die Welt
ja auch nur geschaffen, weil er sie brauchte, um sich
selbst zu verstehen. Einen anderen Weltschöpfungs-
grund kann es schlechterdings nicht geben.
Am wenigsten ist dieser Gefahr, im Positiven zu en-
den, sich Erträge einzubilden, Lehren zu ziehen, auf
dem Papier bleibenden Sinn einzuheimsen, am we-
nigsten ist dieser Gefahr der Leser des »Jakob von
Gunten« ausgesetzt. Ich glaube, deshalb ist dieser
unrettbar negative Roman unter den groß zu nennen-
den Romanen in deutscher Sprache der unbekannte-
ste geblieben. Wer rasch zu Sinn kommen muß und
ohne andauernden Meinungsgewinn nicht weiterle-
sen kann, der kann mit diesem Buch nichts anfangen.
Es gibt Literaturbetriebsgrößen, die können diese Er-
fahrung nicht machen, ohne das Buch, mit dem sie
nichts anfangen konnten, zu schmähen. Als wäre das
Buch daran schuld, daß sie mit ihm nichts anfangen
können.
Vielleicht ist es aber auch eine Wirkung der Thomas
Mann-Lektüre, daß man Robert Walser nicht lesen
kann; der reizvolle rhetorische Flirt mit der Negativi-

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tät, den Thomas Mann so virtuos betreibt, verhält sich
zur Negativität des Jakob von Gunten wie das Parfüm
zu der Blume, nach der es heißt.
Kierkegaard sagt einmal, um die Methode des Sokra-
tes verständlich zu machen: wenn jemand in Athen
Zeuge eines sokratischen Dialogs geworden sei und
dann irgendwo anders erzählt hätte, was er da gehört
hatte, dann hätte er nichts von dem mitgeteilt, was in
diesem Dialog passiert ist. Man kann von der Ironie,
von der Negativität dieser Methode, nichts in direkter
Mitteilung berichten. Es geht das verloren, worauf es
ankommt: die Versuchung, das Negative mitzuma-
chen, zu teilen, sich anzueignen; die Versuchung,
praktisch zu werden. Man kann zwar die vielen kurzen
Abschnitte, aus denen der »Jakob von Gunten« be-
steht, nacherzählen, aber man hat damit nichts von
dem mitgeteilt, was wirklich in diesen Abschnitten
passiert. Zur Verdeutlichung: Thomas Mann teilt an-
dauernd direkt mit, was gerade passiert. Er teilt es auch
mit, wenn man das, was er jetzt gerade erzählt, nicht
direkt verstehen dürfe, es handle sich nämlich um
Ironie, und zwar um eine von der und der Sorte. Er
sagt, warum etwas negativ oder positiv verstanden
werden soll. Er teilt direkt mit. Alles. Daß er das dann
sprachlich verbrämt und stilistisch verklausuliert,
zeigt vielleicht, daß ihm die plane Direktheit seiner
schlichten Mitteilung unerträglich gewesen wäre. An-

26
dererseits hat seine kommentierlustige Kontaktfreu-
digkeit Thomas Mann zum Lieblingsautor aller Leser
gemacht, die Freude daran haben, in jedem Augen-
blick zu wissen, warum sie das lesen, was sie gerade
lesen. Germanisten, Kritiker, Fachleute jeder Art las-
sen sich von diesem Autor die Stichworte zurufen, die
sie dann zu meinungsgesättigten Betrachtungen an-
schwellen lassen können. Für Leute, die auch gern mal
was schreiben, sich deshalb aber nicht gleich in exi-
stenzielle Kosten stürzen wollen, ist Thomas Mann
einfach ein Segen. Diese Leute wollen den Roman als
verbrämte Geschichtsphilosophie, sie verlangen von
jeder Seite den Mehrwert an Sinn sozusagen bar.
»Jakob von Gunten« dagegen ist ein Übungsbuch;
man muß beim Lesen der vielen Kurzkapitel die
Textbewegung probeweise mitmachen, sonst kann
man das gar nicht lesen. Eingeübt soll werden, daß die
einzige Würde die Nichtswürdigkeit sei. Das als Be-
wußtsein, Gefühl, Lebensstimmung, Daseinspraxis.
Jakob macht es uns vor als Zögling der Schule Benja-
menta. Die nur für Selbstbewußtseinstraining kon-
struierte Dienerschule Benjamenta gibt sich von der
ersten Seite an preis. Sofort wird mitgeteilt, daß man
hier nur das Selbstbewußtsein, eine Null zu sein,
erwerben kann. Und trotzdem glaubt man natürlich
nicht, was dann in jedem der vielen kurzen Kapitel in
immer neuen Spiegelungen und Schärfen und Un-

27
schärfen durchgespielt wird. Eine Folge von Selbst-
bewußtseinsvernichtungen zum Erwerb des einzigen
verläßlichen Selbstbewußtseins: das ist das Selbstbe-
wußtsein der Null. Nur der sich seiner Nichtswürdig-
keit andauernd Bewußte ist gegen gefährliche Erschüt-
terung geschützt. Diese radikale Negativpädagogik
turnt man lesend mit, speist sie mit eigener Erfahrung.
Keine Meinung ist möglich. Nur das Weitermachen.
Die Einübung im Nichts. Diese Art Text könnte man
Vollzugstext nennen. Dank der vollkommenen Ironie
des Autors läßt sich nichts Positives absondern, kein
Sinn gewinnen. So wenig wie etwa aus dem Schmer-
zensreichen Rosenkranz. Das ist auch ein Text, den
man nachbeten muß, wenn man etwas davon haben
will. Vollzugstext eben. Deshalb kann man den Jakob
so oft lesen und wird auf diese Einladung, Nichtswür-
digkeit in sich durchzusetzen, jedesmal anders reagie-
ren. Man kann auf eine seriöse Versuchung nicht
zweimal gleich reagieren. Für eine Art Textwunder
halte ich es, daß die Kraft dieser Prosavorgänge beim
wiederholten Lesen wächst. Das hat diese Prosa mit
Hölderlingedichten gemeinsam. Ich habe bisher die
160 Seiten des »Jakob von Gunten« wie ein 1600-Sei-
tenbuch gelesen, in dem der Text zehnmal enthalten
ist. Und ich kann immer noch weiterlesen. Wahr-
scheinlich wird es ein 3200-Seitenbuch werden. Man
hat von diesem Buch nur etwas, so lange man es liest.

28
Das ist wie beim Musizieren. Musizierthaben ist nicht
Musizieren. Gesungenhaben ist nicht Singen. Gelebt-
haben ist nicht Leben. Gelesenhaben ist nicht Lesen.
Weil die, die mit Robert Walser nichts anfangen
können, ihm am liebsten Geschwätzigkeit vorwerfen,
möchte ich seine Methode mit einem Licht beleuch-
ten, das Novalis geliefert hat. »Monolog« heißt die
kurze Prosastudie, in der die Methode des »Jakob von
Gunten« sowohl beschrieben als auch vorgeführt
wird. Ich zitiere die wichtigsten Sätze dieses Vorgangs:
»… das Eigentümliche der Sprache, daß sie sich blos
um sich selbst bekümmert…« »ein … fruchtbares Ge-
heimnis, – daß wenn einer blos spricht, um zu spre-
chen, er gerade die herrlichsten … Wahrheiten aus-
spricht. Will er aber von etwas Bestimmtem sprechen,
so läßt ihn die launige Sprache das lächerlichste und
verkehrteste Zeug sagen.« »… so manche ernsthafte
Leute … merken … nicht, daß das verächtliche Schwat-
zen die unendlich ernsthafte Seite der Sprache ist.«
»… wer in sich das zarte Wirken ihrer innern Natur
vernimmt, und danach seine Zunge oder seine Hand
bewegt, der wird ein Prophet sein, dagegen wer es wohl
weiß, aber nicht Ohr und Sinn genug für sie hat,
Wahrheiten wie diese schreiben, aber von der Sprache
selbst zum Besten gehalten …« »Wenn ich damit das
Wesen und Amt der Poesie auf das deutlichste ange-
geben zu haben glaube, so weiß ich doch, daß es kein

29
Mensch verstehen kann, und ich ganz was albernes
gesagt habe, weil ich es habe sagen wollen, und so
keine Poesie zu Stande kommt.«
Ich habe nur die Teile zitiert, die das Dilemma des
Wollens beschreiben, der Sprache gegenüber: die
Nutzlosigkeit der Absicht beim Reden und Schreiben;
die Ohnmacht der Vernunft beim Ausdrucksvorgang.
Der Text beschreibt die Methode, indem er sie anwen-
det. Auf sich selbst. Der Inhalt des Textes ist seine
Form. Das Dilemma des Wollens der Sprache gegen-
über wird uns nicht nur durch die Gedankenfolge
mitgeteilt, sondern die Gedankenfolge produziert
selbst als ihre Form dieses Dilemma. Weil Novalis
etwas Bestimmtes hat sagen wollen, ist keine herrliche
Wahrheit, also nichts ausdrücklich Sprachliches ent-
standen. Als man noch gefragt wurde: Wollen Sie mit
dem, was Sie schreiben, die Welt verändern? – heute,
zwanzig Jahre später klingt die Frage so grotesk wie sie
ist –, habe ich mit eher schlechtem Gewissen klarzu-
machen versucht, daß man schreibend nichts wollen
kann, da die Sprache sich nicht kommandieren läßt;
daß man die Sätze, die entstehen, zwar ablehnen,
nicht aber beliebig Sätze herbefehlen kann. Zur Er-
weiterung des Novalis-Textes könnte man sagen, daß
man auch als Leser nichts wollen kann, sondern allen-
falls reagieren kann »auf« das Wirken jener »inneren
Natur« der Sprache, die man liest. Man erlebt dabei

30
nicht nur den Text, sondern sich als Vollzieher dieses
Textes, sich als Antwort auf das, was man liest. Im Text
begegnet man sich. Unwillkürlich. Wenn ich zum
x-ten Male lese:

Reif sind, in Feuer getaucht gekocht


Die Frucht und auf der Erde geprüfet und
ein Gesetz ist,
Daß alles hineingeht, Schlangen gleich,
Prophetisch, träumend auf
den Hügeln des Himmels.

Wenn ich diesen Text wieder lese, entwickelt er sich


jedesmal anders; manchmal komme ich gar nicht
hinein, dann bleibt er mächtig verschwommener Or-
gelklang, wie wenn man außen an der Kirche vorbei-
geht; aber manchmal entfalten die Wörter in mir eine
Bilderfolge für die Schwere der Erinnerung; der Leser
wird zum Hallraum für die großen Wörter. Aber ich
kann das Gedicht nicht interpretieren, ich kann es nur
lesen. Und zwar immer wieder.
Zurück zum Roman, zu dem der Geschwätzigkeit
geziehenen »Jakob von Gunten«, dessen Sprache sich,
wie Novalis vorschreibt, »blos um sich selbst beküm-
mert«, der, wie Novalis vorschreibt, »blos spricht, um
zu sprechen«, und der deshalb, wie Novalis sagt,
»gerade die herrlichsten … Wahrheiten ausspricht«.

31
Aber – und daran muß erinnert werden – sie sind nicht
positiv, sie sind eine seriöse Versuchung, endlich
negativ zu operieren. Wenn wir diesen Text lesen
beziehungsweise nachbeten, sind wir in Versuchung,
ernst zu machen mit solchen Jakobsätzen: »Ich re-
spektiere ja mein Ich gar nicht, ich sehe es bloß, und
es läßt mich kalt.« Oder: »Wie glücklich bin ich, daß
ich in mir nichts Achtens- und Sehenswertes zu erblik-
ken vermag.« Das ist das absolute Gegenprogramm
zum Repräsentanten plus Märtyrer-Programm aus Lü-
beck. Und es ist ein Programm, das ich lesend nicht
mit Meinungen beantworte, sondern eben mit Selbst-
bewußtseinsbewegungen. Es gibt dieses Jakobpro-
gramm nur ein einziges Mal, nur in diesem Buch. Es
nützt überhaupt nichts, über dieses Buch zu sprechen.
Wer es nicht liest, hat nichts davon. Wer es liest, hat
auch nicht etwas davon, sondern allenfalls sich. Sein
Selbstverständnis auf eine bewegungsreichere Art; auf
eine anarchische Art. In seiner Passage über den Ro-
man hat Novalis auch gesagt, der Roman sei »gleich-
sam die freye Geschichte.« Und: »Er bezieht sich auf
keinen Zweck und ist absolut eigenthümlich.« Ich
halte die Jakobübungen zur Einübung eines uner-
schütterlichen Nichtswürdigkeitsbewußtseins für
»keinen Zweck«, sie sind wahrhaft zwecklos. Diese
Einübung im Nichts kann nicht gelingen. Keinem.
Das ist einfach das Gegenprogramm gegen eine Welt,

32
in der jeder Horizont von Repräsentanten verfinstert
wird. Man kann auf diesen Jakob nicht mit Meinun-
gen antworten, weil er die Sprachfrequenz der Mei-
nungen nicht intoniert. Es drückt sich in ihm keine
Meinung aus. Noch einmal zur Verdeutlichung Tho-
mas Mann. Seine Figuren treten nicht für sich auf,
sondern immer für etwas, dessen Funktionär oder
dessen Ausdruck sie sind. Tonio Kröger ist weniger
Tonio Kröger als Künstler. Und als er Künstler erlebt,
die noch reiner Künstler sind als er, sieht er, daß er
auch Bürger ist. Dann ist er deutlicher Bürger als
Tonio Kröger. Die Frage, ob er jenseits der Entwick-
lung zum Künstler als Bürger und Bürger als Künstler
noch etwas sei, stellt sich ihm nicht. Es wäre unfair
gegen den Autor, diese Frage zu stellen. Sein Leser
weiß immer, warum er das liest, weil über das, was er
durch das Lesen erfährt, kein Zweifel bestehen kann.
Zweifelhaftes wird so behaglich als Zweifelhaftes vor-
geführt, daß an der Zweifelhaftigkeit kein Zweifel
bestehen kann. Es handelt sich immer um eine ausge-
zeichnete Zweifelhaftigkeit. Der Leser weiß, was er
davon zu halten hat. Und er weiß es vom Autor. Man
stimmt zu oder lehnt ab. Und es ist in diesem Zusam-
menhang nicht wichtig, ob man zustimmt oder ab-
lehnt, wichtig ist, daß man nur zustimmen oder ab-
lehnen kann. Die Selbstentdeckung Tonio Krögers als
Bürgerkünstler, das sorgfältig beherrschte beziehungs-

33
weise stilisierte Todesverhältnis Hans Castorps, die
ins Unbelangbare gebastelte Goethefigur in »Lotte in
Weimar« –, man muß diese Figuren, die immer für
etwas stehen, die uns ihre historische Zusammenge-
setztheit als ihr Problemprofil präsentieren, man muß
sie mit Meinungen beantworten. Ich muß. Ich kann
sie nicht lesen wie ich Raskolnikow, Myschkin, Tschit-
schikow und Jakob von Gunten erfahre. Statt Perso-
nen weiter und weiter zu erzählen, wiederholt Tho-
mas Mann lieber deren inneres und äußeres Signale-
ment. Das, wofür sie stehen, bleibt jeweils das gleiche;
also muß der Autor nur die als Leitmotivkunst gefei-
erte Steckbriefdeutlichkeit wieder herstellen, dann
kann die Figur die von ihr zu exekutierende Funktion
wieder ausüben. So kommt allmählich eine gravitäti-
sche Cartoon-Manier zustande, die bei jedem Figu-
renauftritt stilistisch bekennt, wie stolz sie darauf ist,
daß ihr wieder einmal Vorstellbarkeit gelungen ist.
Und Sinnstiftung noch und noch. Und Meinungsge-
winn ohne Ende. Jeder darf sich eingeladen fühlen zur
direkten Fortschreibung. Wie schwer machen es ei-
nem dagegen Bücher, die die Meinungsfrequenz der
Sprache kaum oder gar nicht nutzen! Kann ich dann
von meinem Lesen in der Sprachart berichten, die in
dieser Literatur gar nicht vorkommt? Muß ich Mei-
nungsbeute und Sinngewinn vorweisen? Wenn der
»direkte Ausdruck« der Daseinsschwierigkeit am we-

34
nigsten gerecht wird, muß ich als Leser, als Verstehen-
der, dann nachträglich so tun, als sei nur der Autor an
der Front, der Leser aber immer in der Etappe? Muß
ich positiver werden als der Autor? Bedeutung und
Sinn … mir wäre es lieber, wenn das nicht das wäre,
was man aus den literarischen Sachen gewinnen kann
erstens durch Eindampfen des Konkreten und dann
durch Konstruktion raffinierter Niederschlagskondi-
tionen zur Gewinnung flüssigen Sinns. Was ich lesend
erlebe bei Gogol, Dostojewski, Flaubert und Robert
Walser, ist nicht die Bedeutung des Textes und nicht
dessen Sinn; mich erlebe ich als jemanden, der vom
Text nicht per Bedeutung, sondern sozusagen mate-
riell bewegt wird. Was ich da so zäh und hilflos
auszudrücken versuche, ist nichts anderes als die
Angst, das, was im Autor zur Literatur wird, könnte
bei der Lektüre, die der Sinn- und Bedeutungssuche
dient, schlicht verlorengehen. Ich möchte lieber glau-
ben, daß im Lesenden auch dann Sinn produziert
wird, wenn er ihn nicht direkt in jedem Satz abschöp-
fen kann. Wenn ich mich wochenlang dem Fürsten
Myschkin überlasse, erlebe ich unter anderem, wie in
mir eine Beschämung wächst. Ich möchte Myschkin
sein. Bin es aber nicht. Aber wieviel lieber lasse ich
mich durch Fürst Myschkin beschämen als durch
Jesus Christus! Andererseits verhalte ich mich Na-
stassja Filippowna gegenüber eher wie Rogoshin. Da-

35
her die Scham. Aber Dostojewski und Myschkin las-
sen Rogoshin doch ganz und gar gelten. Die Scham,
ein Rogoshin zu sein, liest man in das Buch hinein.
Ein Buch voller Elend und Niedertracht, und kein
Hauch von Verurteilung. Nichts als Pathos und Ko-
mik. Jeder Leser möchte natürlich Myschkin sein,
möchte diesen Grad des Menschseins erreichen. Aber
dann bist du für alle anderen der Idiot … Das ist Lesen.
Du stehst auf dem Spiel. Es gelingt keine Distanz.
Stürmisch erlebst du den Zugewinn an Innenlicht und
Innenraum, also an Selbstgefühl, und sei’s durch Be-
schämung. Du bist noch zu beschämen. Und wie. Das
rechnest du dir hoch an. Das spürst du sogar als eine
Art Kraft. Du bist eben, solange du liest, stärker als du
bist. Wenn sich das halten könnte, dieses durchs
Lesen gesteigerte Selbstverständnis! Man könnte es
eine Lust nennen. Wenn man die wenigstens anderen
mitteilen könnte! Man kann aber offenbar nicht lesen
für andere. Oder gar nur für andere. Als Lese-Profi.
Der Lese-Profi als Textvermesser, Urteilsinstanz und
Sinnverteiler. Und zwar schlechthin und hauptsäch-
lich für andere. Wäre das nicht doch ein bißchen
bedauerlich: die erhaltene Leidensfähigkeit von Wil-
helm Meister bis Jakob von Gunten wird in einer
positiven Erkenntnisbeute als transportabler Sinn re-
gelmäßig an Studierende verteilt?
Wie soll man sich also überhaupt nachträglich Re-

36
chenschaft geben über das, was einem beim Lesen
unwillkürlich passiert ist? Sicher ist, daß der Versuch,
sich nachträglich über die Leseerfahrung Rechen-
schaft zu geben, die Leseerfahrung so sehr verändern
kann wie die Niederschrift des Traums den Traum.
Ich glaube, daß der Leseerfahrung bei ihrer Nieder-
schrift regelmäßig Gewalt angetan wird. Der Segen der
unwillkürlichen Erfahrung wird ins Licht der Mei-
nung gezerrt und dabei geht das Ausschlaggebende
verloren oder wird doch durch die Ansprüche der
Meinungsrationalität deformiert; es muß ja etwas Be-
weisbares zustande- beziehungsweise herauskommen.
Man muß recht haben. Und nichts ist dem Leser beim
Lesen weniger wichtig als das Rechthabenmüssen.
Aber nachträglich soll sich seine Leseerfahrung in
Konkurrenz mit anderen Leseerfahrungen behaupten.
Aber als Leser war er gerade das nicht: ein konkurrie-
rendes Individuum. Aber als konkurrierendes Indivi-
duum benutzt er Vokabulare wie Waffen. Her mit
Freud! Da steht dann in der wissenschaftlichen Zeit-
schrift, daß zwischen »Verwandlung« und »Strafkolo-
nie« eine Entwicklung stattfinde »von der anal maso-
chistischen homosexuellen Libidoorganisation zur
oral aggressiven«. Vielleicht ist es schon fatal, ein Buch
nur zu lesen, um es zu interpretieren oder zu beurtei-
len. Man bringt das Buch in eine Verhörsituation. Ich
glaube, ein Verhörender macht keine Erfahrung. Er

37
sammelt Punkte für ein Urteil. Das ist zwar eine sich
besonders professionell vorkommende Art zu lesen.
Mir kommt sie aber eher dürftig vor. Je weniger
zielgierig man liest, je unwillkürlicher, desto eher stellt
sich eine Erfahrung ein. Und wenn man sich dann
auch nachträglich beim Reagieren auf das Gelesene
nicht auf Meinungen und Rechthaben reduziert, son-
dern wagt, sich dem unwillkürlich Erfahrenen zu
überlassen, dann besteht die Chance, daß man etwas
über sich erfahrt und ausdrücken kann, was man auf
keine andere Art über sich erfahren und ausdrücken
kann. Wie beim Schreiben. Das Schreiben kann ja
auch nicht zielgierig und sinnsüchtig und bedeutungs-
bezogen verlaufen. Man kann die Sprache nicht kom-
mandieren. Siehe das Novalis-Beispiel. Und wer sich
à la Lichtenberg lesend dem Autor vergleicht und mit
ihm vereinigt, der wird auch nachträglich die Rechen-
schaft über die Leseerfahrung nicht der Chancen be-
rauben, die im Risiko der Unwillkürlichkeit liegen.
Der Tiefstpunkt der Leseerfahrung ist erreicht, wenn
das Lesen nur noch zu der Aussage führen soll, ein
Buch sei gut oder schlecht. Wer auf ein Buch nur noch
mit Lob oder Tadel reagieren kann, demonstriert
damit nur, daß er unseligen Schulverhältnissen le-
benslänglich zum Opfer fällt.
Ich möchte, um Praxis anzudeuten, zur Illustration
dessen, was für mich eine Leseerfahrung ist, hier eine

38
Notiz einfügen, die meine Reaktion auf meine letzte
Lektüre des Schloßromans wiedergibt.
Mit wenig Inhalt wird ein einziges Unverhältnis ent-
wickelt. Bewerber und Stelle sollen möglichst weit
auseinanderklaffen. Jeder Schritt des Bewerbers in
Richtung auf das Ziel wird durch Infinitesimalisierung
auch noch der kleinsten Strecke in einen Stillstand
verwandelt. Alles, was der Bewerber unternimmt, hat
eine das Unternommene aufhebende Folge. Das Un-
verhältnis ist nicht etwa kein Verhältnis. Aber die
Folge ist ihrer Ursache von Mal zu Mal fremder. Die
Folge wird immer mehr zu einer Verhöhnung der
Ursache. Der Bewerber will lernen. Aber das einzige,
was er lernen müßte, ist, daß er nichts lernen kann.
Und eben das kann er, will er weiterleben, nicht
lernen. Wenn er nichts mehr unternähme, würde er
auch den Leerlauf seiner Bemühungen nicht mehr
erleben müssen. Aber da es um seine Niederlassung,
seine Aufnahme, seine Selbstverwirklichung geht,
kann er nicht nichts tun. Aber wenn er etwas tut,
provoziert er die Aufhebung seines Tuns. Natürlich
zermürbt diese Erfahrung. Natürlich will er sich all-
mählich so klein fühlen, wie er offenbar hier gesehen
wird, so unwichtig, so überflüssig. Aber so klein er sich
auch macht, er stört immer noch. Andere haben auch
schon gestört, mit denen ist man auch fertig gewor-
den. Das heißt, man hat sie sich selbst überlassen.

39
Man kann sich darauf verlassen, daß jeder mit sich
selbst fertig wird. In dem Bemühen, sich anzupassen,
opfert er allmählich seine Persönlichkeit, sein Selbst,
um dessentwillen er doch alles auf sich nimmt. Diese
Anpassungs- und Unterwerfungsversuche haben kei-
nen Effekt auf die Gegenseite. Es gibt dort keine
Aufmerksamkeit, die irgendwann einmal sagte, es sei
jetzt genug. Das nicht Greifende, das Leerlaufende
aller Bemühung wird nicht im ganzen Buch sozusa-
gen einmal durchgespielt, sondern in jedem seiner
Elemente. Welchen Teil man auch herausnimmt,
man hat das Muster des Ganzen. Man müßte das
Buch, um es zu begreifen, nicht fertig lesen. Das Lesen
wird zur Wiederholung des einen leerlaufenden Ver-
suchs. Allerdings ist das immer Gleiche nicht immer
dasselbe. Das Unverhältnis läßt sich nicht ausrech-
nen. Der Leerlauf gehorcht keiner Formel. Du bist
überflüssig. Besonders wenn du beweisen willst, daß
du es nicht bist. Da zu sein, heißt überflüssig sein.
Also hör endlich auf, da zu sein. Das ist die Botschaft.
Das Buch verteidigt diese Botschaft. K. geht allen auf
die Nerven. Bevor er da war, hat er nicht gestört. Er
möchte lernen, nicht zu stören. Und gerade dadurch
stört er schon wieder. Das produziert immer reinere
ironische Verläufe. Alles was er für sich tut, wirkt sich
gegen ihn aus. Je mehr er für sich tut, desto mehr tut
er gegen sich. Amalia zeigt die einzige Alternative:

40
Leben in vollkommener Isolation und Verachtung.
Das ist keine Alternative. Das kann man nicht wählen.
Man muß weitermachen. K. macht weiter. Der Leser
kann nichts aus diesem Buch in seine Wirklichkeit
übersetzen. Nichts im Buch heißt in Wirklichkeit das
und das. Es gibt nur diesen Verlauf, dieses Muster. Das
Muster ist rein ironisch. Gleichgültig, welche Erfah-
rungen der Autor mit diesem Buch beantwortete,
welche realen Partikel er zum Bau dieser Maschine
verwendete, das Buch enthält nichts, was wir als sol-
ches kennen. Das Buch enthält nicht mehr Wirklich-
keit als ein Brettspiel. Das Brettspiel kann aus Holz
sein, aus Kunststoff, das spielt keine Rolle. Alles Wirk-
liche ist in einem Brettspiel auf Größen, Verhältnisse
und Bewegungsregeln reduziert. Das Lesen ist also,
weil es keinen Inhalt, keine Geschichte gibt, ein Spiel
auf einem Brett. Das Lesen wird zum Existenzspiel.
Der Text ist ein Exercitium. Die Spielregel heißt, daß
es keine gibt. Die Regel, daß es keine gibt, kann man
nicht lernen. Deshalb ist jede Runde interessant. Man
lernt diese Regel nur dadurch kennen, daß man gegen
sie verstößt. Dafür muß man büßen. Die Lektüre ist
ein angenehmes Existenzspiel. Man macht zwar alles
mit, was K. mitmacht, aber man bezahlt doch nur mit
Spielgeld. Man glaubt keine Sekunde daran, daß es
einem selber genauso gehen könnte. Trotzdem er-
kennt man in K.’s Kampf den eigenen. Aber man hält

41
sich für gewitzt usw. Allerdings, in Wirklichkeit ist
alles viel trüber und mühseliger als auf dem literari-
schen Brett. Frieda, Klamm, Barnabas und Bürgel sind
in Wirklichkeit nicht so leicht zu verstehen wie im
Buch. Im Buch ist alles, wo es hingehört, und sieht
genau aus, wie es dann auch ist. Das Schloß-Spiel ist
zwar ein Spiel, das man nur verlieren kann, aber auch
das macht im Buch mehr Spaß als in Wirklichkeit.
Vielleicht ist dem und jenem »Schloß«-Leser diese
Notiz viel zu wenig Interpretation, zu sehr noch
Nachbetung, überhaupt keine am pädagogischen
Werktag in der Arbeitssituation anbietbare Bedeu-
tung. Überhaupt, wie soll denn das praktiziert werden
können: sich als Leser und als Berichterstatter der
Leseerfahrung dem Risiko der Unwillkürlichkeit an-
vertrauen, dem nicht kommandierbaren Sprachgeist,
der unwillkürlichen Erfahrung des »Sichselbstwer-
dens« durch Lesen und Schreiben, wie soll das denn
bis zur stundenplanmäßig betreibbaren Aktivität ent-
wickelt werden, wie überhaupt lehrbar? Ich überlasse
die Beantwortung dieser Praxisfrage zuerst einmal
Friedrich Nietzsche, der den Philosophen davor be-
wahren wollte, im Gelehrten zu enden. Auch der
Literaturwissenschaftler hat zwei Wege: den zum
Schriftsteller und den zum Gelehrten. Und das sind
nicht zuerst zwei Sprachwege; zuerst sind es eher zwei
verschiedene Seinswege oder -weisen, die erst nach-

42
träglich zu zwei verschiedenen Sprachgebräuchen
führen. Führen können, nicht müssen. Die Einladung
zur Existenzermäßigung, die im Wort Sekundärlitera-
tur enthalten zu sein scheint, ist ablehnenswert.
In seiner Schrift »Schopenhauer als Erzieher« be-
schreibt Nietzsche die Gefahr der jederzeit ausübba-
ren geistigen Tätigkeit. Und aus dieser kritischen Be-
schreibung ergibt sich, glaube ich, eine Wegweisung
zu einer anderen Art Tätigkeit; zu der eben, die ich in
meinern Bericht ein wenig zu propagieren versuchte.
Also, Nietzsche als Wegweiser: »Frage: kann sich ei-
gentlich ein Philosoph mit gutem Gewissen verpflich-
ten, täglich etwas zu haben, was er lehrt? … Muß er
sich nicht den Anschein geben, mehr zu wissen, als er
weiß? muß er nicht über Dinge vor einer unbekannten
Zuhörerschaft reden, über welche er nur mit den
nächsten Freunden ohne Gefahr reden dürfte? Und
überhaupt: beraubt er sich nicht seiner herrlichsten
Freiheit, seinem Genius zu folgen, wann dieser ruft
und wohin dieser ruft? – dadurch, daß er zu bestimm-
ten Stunden öffentlich über Vorher-Bestimmtes zu
denken verpflichtet ist. … Wie wenn er nun gar eines
Tages fühlte: heute kann ich nicht denken, es fällt mir
nichts Gescheites ein – und trotzdem müßte er sich
hinstellen und zu denken scheinen!« Also, in der
schönen Vollmundigkeit des 19. Jahrhunderts: die
»herrlichste Freiheit« sei die, daß einer »seinem Ge-

43
nius« folge. Diesen Genius hat jeder. Der spricht sich
aber nicht in Vokabularen aus, sondern nur in der
einem jeden eigenen Sprache. Die hat auch jeder,
solange er diese »herrlichste Freiheit« nicht einem
Hilfe versprechenden Vokabular unterwirft. »Seinem
Genius« folgen, das ist das, was Novalis nannte, »in
sich das zarte Wirken der Sprache« zu vernehmen,
also eben nicht bei den Vokabularen unterzuschlüp-
fen. Man hat die Sprache nicht als kommandierbare.
Sie ist das am wenigsten Verfügbare. Es sei denn, man
sei Herr einer Manier. Sonst entsteht sie allenfalls und
auf nicht beherrschbare Weise dadurch, daß man es
riskiert, sich ihr anzuvertrauen. Damit ich zum Bei-
spiel meine Leseerfahrung kennenlerne, faßbar ma-
che. Faßbar für mich selbst. Mein Selbstverständnis
zu fördern. Je unwillkürlicher ich dabei verfahre, desto
ergiebiger für mein Selbstverständnis. Glaube ich.
Allerdings, zu dieser erpresserisch dringlichen Emp-
fehlung des riskanten Unwillkürlichen bin ich gekom-
men durch emsig umsichtige Kalkulation und fleißige
Willkür und immer wieder gebremstes Sichgehenlas-
sen. Außer ein paar weitere eifervolle Empfindlichkei-
ten über Thomas Mann habe ich mir so gut wie nichts
erlaubt, was der kalkulierende Verstand nicht billigen
könnte. Das heißt offenbar: die seligmachende Art
läßt sich leichter empfehlen als praktizieren. Das min-
dert meine Empfehlungslust allerdings überhaupt

44
nicht. Ich bin in dieser paradoxen Schlußlage kein
bißchen schlechter dran als meine zwei Hauptge-
währs- oder Gewährshauptleute Novalis und Kierke-
gaard. Novalis sagt am Schluß jenes zitierten »Mono-
logs«, was er da gesagt habe, »sei ganz was albernes«,
weil er es habe »sagen wollen, und so keine Poesie
zustande kommt.« Errettet sich dann mit einer Frage:
»Wie, wenn … mein Wille nur alles wollte, was ich
müßte?« Zugegeben, als ich diesen Monolog zum
ersten Mal las, kam mir diese Frage wie ein Trick vor.
Da will, dachte ich, Novalis die Kurve kriegen. Inzwi-
schen glaube ich, das sei der Ausdruck der allerwich-
tigsten Schreiberfahrung, daß man nämlich schrei-
bend nichts wollen könne beziehungsweise man kann
zwar wollen, aber es nützt halt nichts. Die Sprache
bleibt unser unkommandierbarer Reichtum. So hat,
hoffe ich, meine emsig umsichtige Kalkulation und
fleißige Willkür auch mehr dazu gedient, Unerfahre-
nes, bloß Gedachtes abzuwehren und so Platz zu
schaffen für das Diktat des unwillkürlich Erfahrenen.
Und Kierkegaard: Nachdem er des langen und breiten
entwickelt hat, daß nur die »Gegensätzlichkeitsform«
zum Ausdruck des schlechthin Inkommensurablen
tauge, nachdem er formuliert hat: »Durch direkte
Mitteilung ließ es sich nicht machen, da sich diese
immer nur zu einem Empfänger in Richtung aufsein
Wissen, nicht wesentlich zu einem Existierenden ver-

45
hält«, jetzt merkt er, daß er diese Erfahrung und
Empfehlung ziemlich direkt und gar nicht in der
»Gegensätzlichkeitsform« mitgeteilt hat, und er rettet
sich so: »Was diese meine abweichende Auffassung
über das Mitteilen angeht, so ist mir zuweilen einge-
fallen, ob sich denn nicht dies – betreffs der indirekten
Mitteilung – direkt mitteilen ließe.«
Ich hoffe, das sei ein Trost für uns alle, wenn wir uns
nicht ununterbrochen fähig fühlen, unsere »herrlich-
ste Freiheit« zu gebrauchen, wenn wir also einmal
»unserem Genius« einfach nicht zu folgen vermögen
und dann unsere Mitteilung eben wieder einmal nicht
in unwillkürlicher Genialität, sondern nur in kluger
Willkür verfassen. Wenn nur die Wunschrichtung
erhalten bleibt! Wichtiger als wozu wir uns fähig
fühlen, ist tatsächlich die nicht so recht begründbare
Hoffnung oder gar Zuversicht, daß wir durch die
indirekte Mitteilung, die unwillkürliche, die, mit der
man weniger zielen, weniger beabsichtigen, die man
auch weniger dirigieren kann, daß wir durch die mehr
über uns erfahren als durch jede andere. Wenn wir
dann fürchten müssen, vor lauter Nichtanpassung der
Mitteilung an irgendeinen Adressaten überhaupt kei-
nem mehr außer uns selber verständlich zu sein, dann
sind wir auf einem knospenreichen Weg. Kierkegaard
hat diese unausdenkliche Disziplin auf der Klaviatur
seiner Pseudonyme durchprobiert; als Johannes Cli-

46
macus formuliert er das so: Selbst wenn er mit der
indirekten Mitteilung keinen erreiche, so dürfe er
dann doch von sich sagen, »sich nicht der geringsten
Anpassung schuldig zu machen, um einen zu bekom-
men, der ihn versteht«; sein Trost sei dann, daß er »mit
aller Kraft vergeblich gearbeitet« habe, »es Gott über-
lassend, ob es Bedeutung haben solle oder nicht.«
Sehr viel tiefer sollte man, finde ich, die Ebene, auf
der über Bedeutung entschieden, also interpretiert
wird, nicht ansetzen. Wir alle arbeiten mit aller Kraft,
wir alle, alle produzieren. Interpretieren soll uns Gott
oder die Geschichte oder sonst etwas Langatmiges.
Das wenigstens ist sicher: Wir sollen unsere Mittei-
lung nicht ermäßigen, um noch einem anderen ver-
ständlich zu sein. Im Gegenteil: je rücksichtsloser wir
uns mitteilen, desto mehr erfahren wir über uns. Und
nur darauf kommt es an. Auf unser Selbstverständnis.
Das ist alles andere als eine Empfehlung zur Selbst-
herrlichkeit und -isolierung. Im Gegenteil, je mehr wir
uns bei unserer Mitteilung nach uns selbst richten,
desto mehr erfährt auch ein anderer über uns. Wie
Novalis sagt: »Wir kennen nur eigentlich, was sich
selbst kennt.« Damit sind nun alle Bedenklichkeiten
bedacht, es kann beginnen das Zeitalter der rücksichts-
losen, also der vollkommenen Mitteilung. Das Zeital-
ter, in dem Lesen und Schreiben ineinander überge-
hen wie sonst nur noch Himmel und Meer.

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Martin Walser, 1927 in Wasser-
burg geboren, lebt als Schriftstel-
ler in Überlingen. Zahlreiche
Buchveröffentlichungen (u.a. im
selben Verlag »Nero läßt grü-
ßen … / Alexander und Annette«)
und Literaturpreise. Die Reihe
PARERGA wird herausgegeben
von Klaus Isele. Alle Rechte vor-
behalten. © Edition Klaus Isele,
Eggingen 1993. Gesetzt aus der
Garamond. Gedruckt bei WB
Druck, Rieden. Von diesem
Band erscheint eine Vorzugsaus-
gabe von 50 numerierten und sig-
nierten Exemplaren als Halblei-
nenband in Fadenheftung, die
direkt über den Verlag erhältlich
ist. ISBN 3-86142-008-2.