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Soziale Selektivität

SEMINAR: DAS DEUTSCHE SCHULSYSTEM: ENTSTEHUNG,


STRUKTUR UND STEUERUNG
DOZENT: PROF. DR. CHRISTIAN REINTJES
SEMESTER: SS 2018
REFERENTEN: PASQUAL BRANDHORST, HANI HAJIR,
LENA HIMMELREICH, SWANTJE TIMMERMANN
Gliederung

—  Entwicklung der Bildungspolitik


—  Verlauf der Bildungsexpansion in 2 Bahnen
—  Ergebnisse der Bildungsexpansion
—  Die 4 Dimensionen der Chancenungleichheit
à Geschlecht
à Region
à soziale Herkunft
à Ethnie
—  Der Ertrag von Bildung

Aktivierungsphase
—  Wiederholung
—  eigene Erfahrungen
—  Aufgabe
Entwicklung der Bildungspolitik

—  Bildungsexpansion
—  Kinder nach 2. WK länger auf besseren Schulen
(Ost wie West)

—  Verlauf der Bildungsexpansion


¡  2 Bahnen:
à Bildungsweg des „niederen“ und „mittleren“ Schulweges
à Bildungsweg des „höheren“ Schulweges
Bildungsweg des „niederen“ und
„mittleren“ Schulweges

—  Verlängerung der Pflichtschulzeit


—  Ausdehnung der Ausbildungszeit
—  Berufsbildung wird zum Normfall
—  Verlagerung der Schülerströme
¡  Gründung von Realschulen
Bildungsweg des „höheren“ Schulweges

—  Anstieg der Übergänge zum Gymnasium


—  ansteigende Erfolgsquote
—  Verringerung der internen Selektion auf dem Gymnasium
—  Ausbau von Gesamtschulen
—  Ausbau der zum Abitur führenden Bildungsgänge
—  Entmonopolisierung des Gymnasiums

à große Expansion, ABER im internationalen Vergleich lange nicht


führend
Ergebnisse der Bildungsexpansion

—  Verlierer
Ø  nicht alle SuS nehmen an Expansion teil
Ø  immer noch SuS ohne abgeschlossene Berufsausbildung
Ø  Ausbildungsplatzmangel

—  Gewinner
Ø  immer mehr Hochschulabsolventen
Die 4 Dimensionen der Chancenungleichheit

—  das Bildungs-/Ausbildungssystem wirkt daran mit, dass Kinder


unterschiedlicher Gruppen mit unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit
zu unterschiedlichen Qualifikationen gelangen
Dimension „Geschlecht“

—  wichtiger Ertrag der Expansions-/Reformjahre:


im allgemein bildenden Schulsystem ziehen Mädchen mit den Jungen
gleich oder überholen diese

Erreichen von Schulabschlüssen von Mädchen/


jungen Frauen 2012 in %
60 55
49
50
42
40
40

30

20

10

0
ohne Schulabschluss Hauptschulabschluss mittlerer Schulabschluss allgemeine
Hochschulreife

Mädchen/junge Frauen
Dimension „Geschlecht“

Prozess des Gleichziehens und Überholens


verdeutlicht an PISA 2012:

—  Leseverständnis: durchschnittlich 44 Testpunkte mehr als Jungen


—  Mathematik: nur 13 Testpunkte hinter den Jungen
—  Naturwissenschaften: kein Leistungsunterschied

à Mädchen insgesamt leistungsstärker


Dimension „Geschlecht“

Wechsel in berufliche Ausbildung (Daten 2012):


Quoten der Studienanfänger und
Hochschulsbasolventen im Jahr 2012 in %
80
58.9 56.1
60
40 32.2 29.4

20
0
Studienanfänger Hochschulabsolventen

Frauen Männer

Bereich der Berufsausbildung außerhalb der Hochschule:


—  Übergangssystem, das keinen Ausbildungsabschluss vermittelt: nur 41,5%
Frauen
—  Ausbildung im dualen System: 40,5% Frauen
—  vollzeitschulische Berufsausbildung: 62,2% Frauen
Dimension „Region“
—  regionalen Disparitäten à Einfordern von Chancengleichheit  

—  Disparitäten zwischen den Bundesländern ebenso wie innerhalb der Länder

—  Spannweite von 37,2 % (Sachsen-Anhalt) bis hin zu 78,8 % (Baden-


Württemberg) an Hochschulabsolventen
 
—  Spannweite ohne Hauptschulabschluss von 4,8 % in Bayern bis hin zu 11,9 % in
Mecklenburg-Vorpommern

2012:
—  Kompetenzbereich Lesen Neuntklässler:
1.  Bayern 509 Ø Testpunkte
2.  Bremen 469 Ø Testpunkte
—  Punkte Bildungsstandards in Mathematik Neuntklässler:
1.  Sachsen 536 Ø Testpunkte
2.  Bremen 471 Ø Testpunkte
Dimension „Region“

—  nicht ausschließlich Ausdruck landesspezifischer Entwicklungen

—  Übergangsquoten von Grundschulen in die weiterführenden Schulen 2012:


regionale Ausdifferenzierungen
à  Übergangsquoten Hauptschule: 2,4 % in Bochum bis zu 9,2 % in Gelsenkirchen
à  Übergangsquoten Gymnasien: 30,5 % in Gelsenkirchen bis zu 44,6 % in Essen

—  Innerhalb der Kommunen ungleiche Bildungschancen:


Gymnasiale Übergangsquote Stadt Essen
1.  Im nördlichen Stadtteil Altendorf 20%
2.  Im Stadtteil Bredeney im Süden der Stadt dagegen 85%

—  Genauere Betrachtung:
Überlappung von Erklärungsansätzen, welche soziale und ethnische
Zusammensetzung der Bevölkerung konkreter Regionen
hervorheben
Dimension „Soziale Herkunft“:
Elementar- und Primarbereich

—  im Elementarbereich gering ausgeprägte schichtspezifische


Unterschiede (94,1% der Drei- bis unter Sechsjährigen besuchen 2013
eine Kindertageseinrichtung)

—  Primarbereich: keine schichtspezifische Ausprägung


(Grundschule als eine Schule für alle Kinder; Schulpflicht)
Dimension „Soziale Herkunft“:
Sekundarbereich
—  Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildung hat in
Deutschland doppelte Ausprägung:
1) herkunftsspezifische Chancen des Kompetenzerwerbs
2) herkunftsspezifische Chancen, anspruchsvolle Schultypen zu besuchen
—  durchschnittliches Leistungsniveau am Ende der Grundschulzeit
variiert schichtspezifisch:
Dimension „Soziale Herkunft“:
Sekundarbereich
—  IGLU 2011 zeigt, dass Kinder aus sozial „starken“ Familien am Ende
der vierten Klasse im Durchschnitt leistungsstärker sind als Kinder aus
sozial „schwachen“ Familien
—  Kinder aus „oberen Dienstklassen“ haben eine 3,4-fache Chance für
eine Gymnasialempfehlung durch die Lehrperson
—  Eltern aus „oberer Dienstklasse“ setzen sich häufig über
Grundschulempfehlung hinweg:

à in Deutschlands Schulen sind Bildungschancen in unerträglich starkem


Ausmaß vom familiären Hintergrund geprägt
Dimension „Soziale Herkunft“:
Hochschulbereich

—  Kinder aus Akademikerfamilien treten zu 77% ein Hochschulstudium


an
—  Kinder aus Familien, deren Eltern keinen akademischen Abschluss
haben, nur zu 23%

à hohes Ausmaß an schichtspezifischer Ungleichheit ist Folge der


vollzogenen sozialen Selektivität
Dimension „Soziale Herkunft“:
Weiterbildungsbereich/berufliche Karriereaussicheten

Weiterbildungsbeteiligung (2012):
—  Gruppe derer, mit Hauptschulabschluss als höchstem Abschluss 32%
—  Gruppe derer, die Hochschulreife erlangten 64%
à sehr hohes Niveau, schichtspezifische Unterschiede erkennbar schwächer
ausgeprägt

—  „langer Arm des kulturellen Kapitals“ macht sich trotz erfolgreicher Bildung/
Ausbildung bemerkbar:
Herkunftsspezifische Verteilung in
Führungspositionen (Stand 2001) in %
19
20

15 13
9
10
6
4
5 2

0
Führungsposition von Unternehmen Führungsposition in Spitzenunternehmen

Arbeiterklasse/Mittelschicht gehobenes Bürgertum Großbürgertum


Dimension „Ethnie“:
Die Kinder der Arbeitsmigranten als „neue“ Benachteiligte

—  2013: 16,5 Mio. Menschen (20,5% der Bevölkerung) mit Migrationshintergrund


—  33,6% der 0- bis 15-Jährigen mit Migrationshintergrund
—  bis dahin übliche Bezugnahme auf „Ausländer“

à Lage der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund im deutschen


Bildungssystem zu beschreiben fällt schwer

—  „Menschen mit Migrationshintergrund“: Migrantinnen und Migranten und ihre


Nachkommen unabhängig von der tatsächlichen Staatsbürgerschaft

—  überall da, wo die Datenlage es erlaubt, Bezug auf das Migrationskonzept

—  infolge der unterschiedlichen Bezugsgruppen & verwirrender Datenlage


à Verzicht auf die Analyse von Entwicklungen im Verlauf der vergangenen Jahre
Dimension „Ethnie“:
Die Kinder der Arbeitsmigranten als „neue“ Benachteiligte

—  Vorschulischer Bereich:
1.  98 % der Drei- bis unter Sechsjährigen Kinder ohne Migrationshintergrund besuchen
Kindertageseinrichtung
2.  Nur 85% der Kinder mit Migrationshintergrund
à schwerwiegende Benachteiligungen schon beim Schulstart
à im Verlauf der Schulkarrieren wächst die Ungleichheit weiter an

—  Grundschulen: SuS ohne Migrationshintergrund beim Leseverständnis im Durchschnitt


42 Testpunkte mehr
—  Sekundarstufe I: In Mathematik 46 Testpunkte mehr

—  Daten im Bezug auf Bildungsabschlüsse:


—  5,1% der deutschen, aber 11,8% der ausländischen Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss
—  42,3% der Deutschen, dagegen jedoch nur 13,7% der „Ausländer“ mit der allgemeiner
Hochschulreife

à unterschiedliche Zugänge und Erfolge im Bereich der beruflichen Ausbildung


Dimension „Ethnie“:
Die Kinder der Arbeitsmigranten als „neue“ Benachteiligte

—  Schichtzugehörigkeit, Beherrschung der Unterrichtssprache und


Schulstruktureffekte als maßgebende Faktoren
—  Mittlerer sozioökonomische Status
à Soziale Schicht prägt Schulkarrieren maßgeblich – insbesondere in
Deutschland

—  72% sprechen Zuhause Unterrichtssprache Deutsch

—  Chancen für Empfehlung für den Besuch des Gymnasiums ungleich


—  Fortsetzung bei Übergang in die Berufsausbildung:
à mit Migrationshintergrund: bei „guten“ bzw. „sehr guten“ Leistungen zu
etwa 40 % in einer betrieblichen Lehre
à Jugendlichen ohne Migrationsgeschichte – bei gleicher Schulleistung – zu
mehr als 60 %

—  Benachteiligung à nicht leistungsorientierte Verteilung


Der Ertrag von Bildung: Lohnt es sich?

—  Wir kennen:
- Die Entwicklung des Schulsystems
- "Gewinner" und "Verlierer" des Schulsystems
à Chancenungleichheit

?? Hat es sich gelohnt ??


Erträge von Bildung

—  Anzahl der Schulabschlüsse/Berufsausbildungen stark gestiegen


—  heutzutage Norm der Gesellschaft
—  Abweichungen = Versagen der Gesellschaft
—  Chancenungleichheit besteht weiterhin
à ethnische, soziale und regionale Einflussfaktoren
—  führt zu ungleichen Lebenschancen und beeinflusst den Lebensweg
Erträge von Bildung

—  Die Chancen einen Arbeits- bzw. Ausbildungsplatz zu bekommen


hängen direkt damit zusammen, welcher Schulabschluss erworben
wurde
—  71,2% aller jungen Erwachsenen ohne Hauptschulabschluss und 83,9%
der jungen Ausländer wechselten von der allgemein bildenden Schule
in das Übergangssystem
—  Ausbildungslosigkeit à Arbeitslosigkeit lebenslang
—  Auswirkungen auf das Einkommen
¡  243.000 Euro mehr mit Berufsausbildung im gesamten Erwerbsleben
¡  1.237.000 Euro mehr mit Hochschulstudium im gesamten Erwerbsleben
Außerberufliche Wirkung

—  Bildungsbeteiligung bietet nicht nur ökonomischen Nutzen


à auch außerberuflicher Einfluss
—  immer mehr Bildungsbeteiligung der Mädchen/jungen Frauen
—  Mädchen haben teils die Jungen überholt
à in den Erstsemestern schon die Mehrheit
à mehr Orientierungsmöglichkeiten und Autonomie
—  ähnliche Entwicklungen im gesundheitlichen Bereich
à hohe Bildung scheint eine gesundere Lebensweise mit sich zu ziehen
—  Personen mit hohem Bildungsniveau haben zudem eine höhere
Lebenserwartung
—  Personen ohne Abschluss leiden häufiger an Adipositas und
Volkskrankheiten
—  Bildung zieht politisches Interesse mit sich
5 Minuten “Pause“, in der ihr das
Handout noch mal durchgehen könnt.
Danach starten wir mit der
Aktivierungsphase
Wiederholung

à Was ist hängen geblieben?

à  Was fandet Ihr besonders interessant?

à  Was wussten ihr schon bzw. was noch nicht?


Eigene Erfahrungen

—  Habt ihr selber Erfahrungen mit Chancenungleichheit


gemacht und vor welchem Hintergrund?
—  Kennt ihr jemanden der Erfahrungen damit gemacht
hat?
—  Wie hat es den weiteren Lebensweg beeinflusst?

—  Wie hätte diese Chancenungleichheit verhindert


werden können?
Aufgabe

Es gibt schon einige Methoden, um die Chancenungleichheit


zu verringern z.B. keine Passfotos mehr auf Bewerbungen,
keine Angabe der Herkunft etc.
à Was kennt ihr für Möglichkeiten, Chancenungleichheit zu
minimieren?
à Fallen euch weitere Möglichkeiten ein, um
Chancenungleichheit zu minimieren?

Findet euch in Gruppen von 3-4 Personen


zusammen und sammelt Ideen.
Wo können Schwierigkeiten entstehen, wenn eure
Methode Verwendung finden würde?