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DAS DEUTSCHE NACHRICHTEN-MAGAZIN

Hausmitteilung
30. Dezember 2006 Betr.: Titel, SPIEGEL-Gespräch, Somalia

V iele Jahrhunderte lang waren Frauen und Männer, die angeblich in die Zukunft
sehen und, bestenfalls, vor Katastrophen warnen konnten, anerkannte Intellektuelle:
Propheten und sogenannte Sibyllen, wie sie auch Michelangelo Buonarroti im 16. Jahr-
hundert auf das Deckengewölbe der Sixtinischen Kapelle in Rom gemalt hat. Die
„Delphische Sibylle“, eine von fünf Wahrsagerinnen, gilt
als eindrucksvollste Gestalt unter ihnen, fragend schaut
sie in die Ferne, als habe sie in der Schriftrolle etwas gele-
sen, das ihr Sorgen macht. Das vatikanische Fresko inspi-
rierte den US-amerikanischen Illustrator Tim O’Brien, 42,
zum Titelbild dieser Ausgabe. SPIEGEL-Autor Mathias
Schreiber, 63, hat zurückverfolgt, mit welch bisweilen selt-
samen Methoden Menschen seit je versuchen, die großen
und kleinen Katastrophen des Lebens im Voraus zu erfah-
ren oder nachträglich zu deuten. Wahrsagen, Sterndeutung
und Alltagsmagie zählen dazu – und das große Wort vom
Walten des Schicksals, so Schreiber, habe „noch immer

AKG
seine Berechtigung“. Es könne helfen, „das Unerklärliche
zu ertragen“ (Seite 100). „Delphische Sibylle“

S eine Meinung sagt er öfter und lauter als manch einer seiner Vorgänger, und nicht
selten wagt sich Bundespräsident Horst Köhler, 63, bis in die Tagespolitik vor – was
früher als Tabubruch galt. Auf Parteien und die Befindlichkeiten ihrer Würdenträger
nimmt er dabei keine Rücksicht: Gleich zweimal verweigerte er, zum Verdruss von
Kanzlerin Angela Merkel, 52, seine Unterschrift unter Gesetze. Wie sehr sich Köhler
dazu bekennt, „notfalls unbequem“ zu
sein, wurde deutlich, als er im Berliner
Schloss Bellevue die Redakteure Stefan
Aust, 60, Jan Fleischhauer, 44, und Ga-
bor Steingart, 44, empfing. Rasch geriet
das SPIEGEL-Gespräch zur politischen
WERNER SCHUERING

Tour d’Horizon, doch der Bundespräsi-


dent machte auch seinem Unmut über
handwerkliche Fehler bei der Gesetz-
gebung Luft. So wundere er sich, „wenn
Aust, Köhler, Steingart, Fleischhauer mir ein Gesetz vorgelegt wird, für das
bereits ein Korrekturgesetz in Arbeit ist“.
Ob ihm der Wind besonders scharf ins Gesicht wehe, wenn er die Arbeit der Großen
Koalition kritisiere? Köhler blieb gelassen. Er habe einen Amtseid geleistet, „Wind-
messungen überlasse ich anderen“ (Seite 22).

R echerchen in Somalia sind gefährlich – das Land versinkt im Chaos. Als Thilo Thiel-
ke, 38, Afrika-Korrespondent des SPIEGEL mit Sitz in Nairobi, in die von islamis-
tischen Milizen beherrschte Hauptstadt Mogadischu reiste, folgte er der Empfehlung sei-
ner schwerbewaffneten Eskorte, wegen der Gefahr von Anschlägen „nie länger als fünf
Minuten an einem Ort zu bleiben“. Radikale Islamisten lassen Mitbürger exekutieren,
die in Cafés Sportsendungen sehen, andere werden ausgepeitscht. Die international
anerkannte, von Äthiopien und den USA unterstützte somalische Übergangsregie-
rung residiert in der Stadt Baidoa, aber auch dort sei die Lage, so Thielke, „äußerst
angespannt“. Als Politiker sich im Parlament prügelten, geriet der SPIEGEL-Mann
beinahe in Haft; als es zu teils militanten Demonstrationen kam, fand er gerade noch
auf sicherem Uno-Gelände Zuflucht. Nun kämpft Äthiopien mit der Übergangsregie-
rung gegen die Islamisten. Es drohe, sagt Thielke, „ein langer Krieg“ (Seite 80).

Im Internet: www.spiegel.de d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 3
In diesem Heft
Titel
Zufall oder Schicksal? Seit Jahrtausenden
beschwören die Menschen die höhere Macht
von Vorsehung und Verhängnis ............................ 100

Deutschland
Panorama: Elitetruppe KSK hat Nachwuchs-
sorgen / Zuwanderung Hochqualifizierter soll

JOERG MUELLER / VISUM


erleichtert werden / Islamische Organisation
baut Netz an deutschen Universitäten aus ............. 13

PEMAX / IMAGO
Konjunktur: Warum die heimische Wirtschaft
2007 schwächer wachsen wird ................................ 16
Reformen: Kurt Beck entdeckt die Langsamkeit ... 18
Staatsoberhaupt: SPIEGEL-Gespräch
mit Bundespräsident Horst Köhler über seinen Berliner Kaufhaus Arbeiter (bei VW in Wolfsburg)
Reformehrgeiz und sein Plädoyer für eine
umfassende Entwicklungspolitik ............................ 22
Regierung: Aus Gleichstellung wird
„Gender Mainstreaming“ ...................................... 27
CSU: Parteichef Stoiber in Bedrängnis .................. 30
Wie viel Wachstum schafft das Land? Seiten 16, 58
Tourismus: Schlechte Aussichten Die deutsche Wirtschaft wird auch 2007 wachsen, wenn auch langsamer. Höhere
für bayerische Wintersportorte .............................. 32 Steuern und Abgaben dürften die Kauflust dämpfen, auf dem Jobmarkt blüht vor
Gentechnik: Wie viel Schutz vor allem die Zeitarbeit, der Osten des Landes fällt weiter zurück. Damit die Konjunk-
manipuliertem Saatgut ist nötig? ........................... 34 tur auf Trab kommt, müsste die Große Koalition mehr tun als bisher.
Radikale: Der G-8-Gipfel in Heiligendamm
im Visier militanter Linker .................................... 36
Affären: Wie Beamte in Mecklenburg-Vorpommern
mit Bundessubventionen mauschelten ................... 38
Kirche: Das verblüffende Miteinander von
Katholiken und Muslimen in Duisburg-Marxloh ... 40
Humanitäre Hilfe: Humedica-Projektleiter
Nachfolgedebatte
Hans Musswessels über seine Geheimdiplomatie
mit den Rebellen in Darfur und die Not
um Stoiber Seite 30
in den Flüchtlingslagern ........................................ 43 Von dem Ansehensverlust nach

DANIEL KARMANN / PICTURE-ALLIANCE/ DPA


seiner Entscheidung gegen einen
Gesellschaft Ministerposten in Berlin hat sich
Szene: Internet als Nachbarschaftshelfer / Doku- Edmund Stoiber nie richtig er-
mentation über das Alltagsleben der Deutschen ... 44 holt – durch die Schnüffelaffäre
Eine Meldung und ihre Geschichte ........................ 45
Schiffbruch: Wie drei verschollene
um die Fürther Landrätin Ga-
briele Pauli landete der CSU-

SEYBOLDT-PRESS
Fischer dem Meer entkamen und nun
von Hollywood entdeckt werden ........................... 46 Chef nun auf einem neuen Tief-
Ortstermin: In Regensburg darf ein EU-Beamter punkt. Die Frage, wer Stoiber
die Folgen Brüsseler Vorschriften kennenlernen .... 52 nachfolgen könnte, wird in der
Partei heftig diskutiert. Stoiber Pauli
Wirtschaft
Trends: Finanzminister Steinbrück muss
weniger Schulden aufnehmen / Rente mit 67
schmälert Rendite / ABM kaum noch gefragt ........ 54
Geld: Der Dax gehört zu den globalen Gewinnern /
Chancen und Risiken auf den Rohstoffmärkten ..... 57
Arbeitsmarkt: Weshalb die Boombranche
Die Gleichmacher Seite 27
Zeitarbeit eine neue Zweiklassengesellschaft Ein Begriff macht Karriere: Das Schlagwort „Gender Mainstreaming“ sickert in den
schaffen könnte ..................................................... 58 politischen Betrieb ein und entwickelt sich zum bürokratischen Großprojekt. Gleich-
Unternehmer: Die Drogeriemarkt-Größe Götz stellungspolitiker aller Couleur lassen sich damit auf ein Erziehungsprogramm ein,
Werner entwickelt sich zum Wanderprediger ........ 62 das nicht nur die Lage der Menschen ändern will, sondern den Menschen selbst.
Steuern: Der deutsche Fiskus hat
eine halbe Milliarde Euro verschenkt .................... 64
Immobilien: Die überraschenden Bahnpläne
für den Berliner Flughafen Tempelhof ................... 65
Spielbanken: Ein österreichischer
Casino-Profi versucht, den deutschen
Glücksspielmarkt aufzurollen ................................ 68
Kalkofe: „Unser Fernsehen ist am Ende“ Seite 72
Innovationen: Ein Bremer Mittelständler feiert Oliver Kalkofe hat sich mit Spott übers
mit Sexspielzeug internationale Erfolge ................. 69 Fernsehen selbst einen festen Platz im
TV gesichert. Sein Urteil über das Pro-
Medien gramm 2006 – mit einer Flut von Teleno-
Trends: Interview mit dem Deutschland-Chef von velas wie „Sturm der Liebe“ – fällt bitter
JO BISCHOFF / ARD

Universal Music, Frank Briegmann, über die Chancen aus: „Unser Fernsehen ist am Ende.“
seiner kriselnden Branche / Journalistenverband Immerhin weiß er, wie’s besser ginge.
fürchtet um Informantenschutz ............................. 70
Fernsehen: Vorschau / Rückblick .......................... 71
Polemik: Der TV-Macher und -Kritiker Oliver ARD-Telenovela „Sturm der Liebe“
Kalkofe über die Krise des deutschen Fernsehens ... 72
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Ausland
Panorama: Marokkos Machthaber wollen Wahlsieg
der Islamisten verhindern / Eine EU-Vorschrift zum
Terrorschutz beunruhigt Europas Spediteure ........... 77
Somalia: Krieg am Horn von Afrika .................... 80
Turkmenistan: Der Turkmenbaschi ist tot,
es lebe Turkmenbaschi .......................................... 82
Polen: Warschau fordert, die deutschen Heimat-
vertriebenen endlich in die Schranken zu weisen ... 83
Naher Osten: Christen auf der Flucht .................. 84
Norwegen: Ministerpräsident Jens Stoltenberg
über die Erschließung des Nordmeers ................... 88
Liberia: Wie Afrikas erste Präsidentin verhindern
will, dass ihr Land erneut ins Chaos stürzt ............ 90
Global Village: Das Gedächtnis von Shanghai ..... 94

PETER CASOLINO / CORBIS


Kultur
Himmelszeichen Meteoriten-Regen Szene: Der dänische Künstler Jan Egesborg über
seine Aktion gegen den iranischen Präsidenten
Ahmadinedschad / Starke deutsche Kinoindustrie ... 97
Das Wirken des Schicksals Seite 100 Schauspieler: SPIEGEL-Gespräch mit
dem britischen Star Michael Caine über seine
Neben Propheten, Sterndeutern und Handlesern haben auch große Geister wie Karriere und seinen neuen Film „Prestige“ .......... 114
Aristoteles oder Goethe das Wirken des „Schicksals“ für ungeheuerliche Wendun- Film: Ken Loachs melancholisches Epos
„The Wind That Shakes the Barley“ ..................... 117
gen des Lebens in Anspruch genommen. Auch heute noch glauben, laut SPIEGEL-
Debatte: Der niederländische Schriftsteller
Umfrage, 52 Prozent der Deutschen, dass eine „höhere Macht“ ihr Leben beeinflusst. Leon de Winter über die Zukunft Israels ............. 118
SPIEGEL-Edition: Isabel Allendes latein-
amerikanische Familiensaga „Das Geisterhaus“ ... 120
Jahresbestseller ................................................ 121
Verlage: Skurriler Guerilla-Krieg
Ungeliebte Christen bei Suhrkamp ....................................................... 122
Nahaufnahme: Existenzkrise bei der legendären
Musikzeitschrift „Spex“ ....................................... 124
Seite 84
Gewalt, Terror und der wachsende Wissenschaft · Technik
Einfluss der Islamisten bedrohen die Prisma: Englisch-Unterricht vom Handy /
im Nahen Osten als Minderheit le- Frösche als Hochstapler ....................................... 126
benden Christen. Viele von ihnen Luftfahrt: Luxusjets für Superreiche ................... 128
AXEL KRAUSE / LAIF

verlassen deshalb ihre Heimatländer Tiere: Nilpferdschwemme in Kolumbien .............. 131


in der arabischen Welt. Medizin: Warum erreichen Erkenntnisse der
klinischen Forschung so spät die ärztliche Praxis? ... 132
Futurologie: Interview mit dem
Prozession ägyptischer Kopten Zukunftsforscher Karlheinz Steinmüller
über die Technologien des 21. Jahrhunderts ......... 134

Sport
Extrembergsteigen: Eine 83-Jährige führt
Liberias Hoffnung S. 90 eine Chronik über die Himalaja-Expeditionen ..... 136
Vatikan: Der Kirchenstaat entdeckt den Fußball ... 139
Ellen Johnson-Sirleaf ist die erste Prä-
sidentin Afrikas. Nach 14 Jahren Ge-
CANDACE FEIT / WPN / AGENTUR FOCUS

metzel in ihrem Heimatland muss sie Briefe ...................................................................... 6


Impressum, Leserservice ................................. 140
verhindern, dass Liberia wieder ins Chronik ............................................................... 141
Chaos abrutscht. Denn noch immer Register .............................................................. 142
haben Warlords viel Macht, eine Personalien ........................................................ 144
ganze Generation kennt nichts ande- Hohlspiegel /Rückspiegel ................................ 146
res als Gewalt. Titelbild: Illustration Tim O’Brien für den SPIEGEL

Johnson-Sirleaf
Gutes neues Jahr
Wer wird die Hitparaden stür-
men, die Bestsellerliste an-
Die Technik der Zukunft Seite 134 führen, einen Oscar gewin-
nen? Der KulturSPIEGEL, das
Biologische Fabriken, spirituelle Erlebnisse im Supermarkt, die Verschmelzung von Magazin für Abonnenten,
Mensch und Maschine – im SPIEGEL-Interview wagt der Zukunftsforscher Karl- stellt 50 Menschen vor, die
heinz Steinmüller einen Ausblick auf technologische Trends des 21. Jahrhunderts. 2007 von sich reden machen.

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Briefe

artiger Betrügereien durch blutrünstige


Priester und Propheten zu reduzieren ist
„Alle Gottheiten sind von Menschen ebenso dumm wie unsachlich. Die Reli-
gemachte Konstrukte, die der Identitätsstiftung gionsgeschichte des Judentums und beson-
ders des Christentums ist ganz sicher auch
dienen und die somit alle gleich wahr eine Kriminalgeschichte – aber gleichzeitig
oder besser: gleich falsch sind. Diese Erkennt- auch eine Geschichte der Hoffnung, der
nis würde unseren Planeten zu einem Befreiung, der Zuwendung und der Begeg-
nung mit einem liebenden Gott.
friedlicheren, sichereren und lebenswerteren Mauer (Bad.-Württ.) Dr. Thomas Löffler
Ort machen!“
Selten habe ich einen sprachlich so tenden-
Michael Dienstbier aus Freiburg zum Titel „Gott kam aus Ägypten – ziös gegen das Judentum gerichteten Text
Pharao Echnaton und die Geburt des Monotheismus“ in einer deutschen Zeitschrift gelesen wie
SPIEGEL-Titel 52/2006 Ihren Titel, in dem es heißt: „Der Mohel
nahm das Baby, ritzte mit dem Fingernagel
dessen Vorhaut ein und riss sie ab – ein blu-
Identität als sein auserwähltes Volk zu be- tiges Attentat, das sich wie ein Mal in den
Alleinherrscher im Himmel wahren. Wären die Israeliten damals noch Körper einbrannte … Es ist dieser Ritus,
Nr. 52/2006, Titel: Gott kam aus Ägypten – Pharao Anhänger einer polytheistischen Religion der zur Ausbildung einer kollektiven kulti-
Echnaton und die Geburt des Monotheismus gewesen, sie hätten ihre Götter und sich schen Identität der Juden führte.“ Später
selbst an die fremde Vorherrschaft assimi- heißt es, „jenes blutige Werk“ präge „die
Kann man tatsächlich monotheistische ge- liert und wären vermutlich im Lauf der jüdische Seele bis heute“ – von dieser Theo-
genüber polytheistischen Religionen als Zeit im fremden Volk aufgegangen. rie gibt es keine positive Lesart!
potentiell gewalttätiger charakterisieren? Wiesbaden Dr. Traugott Flamm Gelsenkirchen Chajm Guski
Mal ganz abgesehen davon, dass man sich
an einem derart umfassenden universalhis- Das Ärgerliche am diesjährigen Feldzug des
torischen Vergleich leicht verhebt, ist es SPIEGEL gegen die Religion ist, dass er ver-
doch unstrittig, dass sich erst mit dem Mo- kennt, dass das Destruktive, das den mono-
notheismus moralische, zivilisatorische und theistischen Religionen unleugbar anhaftet,
auch rationale Dimensionen in den Reli- seine Ursachen ja nicht in dem Gedanken an
gionen ausbildeten, die die archaischen einen letzten liebenden und sinngebenden
Religionen in der Form gar nicht kannten. Ursprung allen Seins hat, sondern in der
Wenn man das ausblendet und demge- Konkretisierung dieser Gottesvorstellung,
genüber das angebliche Gewaltpotential des der der Mensch eigentlich nur schweigend
Monotheismus hervorhebt, kommt man und anbetend begegnen soll, die er aber
zwangsläufig zu einem gänzlich unhistorisch immer wieder in eine triviale Weltwirklich-
argumentierenden, wertindifferenten post- keit umzusetzen versucht. Dann wird der
modernen Unfug! Monotheismus allerdings zum Gegenteil des
Hannover Werner Nienhaus Suchenden im Judentum, des Liebenden im
Christentum und der Hingabe im Islam. Und
Ob Zeus, Gottvater, Allah oder Buddha, dann wird Gott zu einer Trivialität wie die
alle sind letztlich Produkt evolutionärer Ent- Teile einer Kaffeemaschine – und nicht zu
wicklung im Rahmen aufsteigender Ver- einem alles umfassenden Sinn, der verur-
nunft des Menschen zur Beantwortung der sachte, dass alles ist und nicht nichts.
Frage nach Herkunft, Werden und Verge- Clausthal-Zellerfeld Thomas Gundermann
AKG

hen. Ihre originäre Bedeutung liegt sicher in


einer Art mentalem Schutzmechanismus Echnaton-Büste Der gut recherchierte Bericht zeigt auf,
zur Bewältigung seines universalen Ver- Nur Produkte evolutionärer Entwicklung? dass viele Menschen durch die Religio-
lorenheitsgefühls. Dies ist dem Menschen nen einen Realitätsverlust erleiden. Hinzu
dienlich, daher durchaus vernünftig. Das ei- Dass das Alte Testament ein vielstimmiger kommt oft noch eine zynische Ignoranz
gentliche Elend begann stets mit der Insti- Chor ist, bei dem weiß Gott nicht jede der Naturgesetze. Alle Regierungen, die
tutionalisierung sogenannter Religionen, de- Stimme angenehm und/oder sympathisch mit Hilfe der Religionen ihre Macht erhal-
ren Verselbständigung zwecks Erhaltung ist, ist nun wahrlich keine grundstürzende ten wollen, werden am Ende von macht-
von Macht und Einfluss und der hierzu Erkenntnis. Aber die gesamte jüdische Re- gierigen Religionsführern abgelöst werden.
dienenden Manipulation von Religionszu- ligionsgeschichte auf eine Anhäufung bös- Holzwickede (Nrdrh.-Westf.) Klaus Jakob
gehörigen bis hin zur Verfolgung Anders-
gläubiger. Halten wir uns deshalb im Inter-
esse des irdischen Friedens an den Spruch,
den man meines Wissens Friedrich dem
Vor 50 Jahren der spiegel vom 2. Januar 1957
Boni für Pensionäre Ruheständler des Bauministeriums werden als Ange-
Großen zuschreibt: Chacun à sa façon! stellte weiterbeschäftigt. Europäische Nuklearallianz Frankreich will Atom-
Bedburg (Nrdrh.-Westf.) Leonhard Köhlen bomben bauen. Erdöl Der Tiger von Kum. Italienische Riten Neofaschisten
führen das Duell wieder ein. Klaus Manns „Mephisto“ Schlüsselroman
Für die religiösen Führer der aufsässigen is- erscheint mit 20-jähriger Verspätung auf Deutsch – in Ost-Berlin. Ungarn-
Serie Teil 8. Rhein-Überquerung Erste asymmetrische Großbrücke geplant.
raelitischen Stämme war dieser strenge, Luftaufklärung Amerikanische Enttarnungstechnik deckt Tricks auf.
unerbittliche Jahwe absolut notwendig. Sie Diese Artikel sind im Internet abzurufen unter www.spiegel.de
brauchten diesen Alleinherrscher im Him- oder im Original-Heft unter Tel. 08106-6604 zu erwerben.
mel ganz besonders während der langen Titel: Verteidigungsminister Franz Josef Strauß
Babylonischen Gefangenschaft, um ihre
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Briefe

Keine Täuschung
Nr. 36/2006, Adressbücher: Geflutete Briefkästen

In Ihrem Beitrag schreiben Sie, das „MR-


Formular mit Branchenbuch-Briefkopf“
sehe aus, als käme es von den „Gelben
Seiten“. Durch das Wort „Korrekturab-
zug“ werde zudem suggeriert, dass bereits
ein geschäftlicher Kontakt bestehe. Hierzu
zitieren Sie einen Juristen, der dies für
„arglistige Täuschung“ hält. Sie erwecken
so den Eindruck, wir würden versuchen,
unseren Kunden durch die Gestaltung un-
serer Formulare vorzutäuschen, diese kä-
men von den „Gelben Seiten“. Dies ist un-
zutreffend. In dem – in Ihrem Artikel nicht
abgedruckten – Teil der Vertragsbedin-
gungen wird daher ausdrücklich darauf
hingewiesen, dass wir mit den Gelben Sei-
ten Verlagen in keiner geschäftlichen Ver-
bindung stehen. Auch schreiben Sie, dass
ich mich zu den Vorwürfen nicht äußern
wollte. Tatsächlich hatte ich aber eine Fra-
ge beantwortet und wegen der übrigen um
Fristverlängerung gebeten.
Rostock Herbert Rossa
MR Branchen und Telefon Verlagsgesellschaft

Der Sozialstaat frisst seine Kinder


Nr. 50/2006, Wohlstand: Geteilte Republik – Oben sollen
die Löhne steigen, unten wächst der Armutssockel

Wer mit wachen Augen durch die Stadt


geht, sieht klar und deutlich, dass die Armut
auch in den Städten nicht mehr zu leug-
nen ist. Menschen, die auf Bänken hocken,
abgeschrieben von der Gesellschaft, lange

HECHTENBERG / CARO
Demonstration gegen Sozialabbau
Viele haben resigniert

Schlangen vor den Suppenküchen und


Frauen und Kinder, die voller Scham ihre
Armut verbergen. Eine gute fachliche Kin-
derbetreuung und Ganztagsschulen sind
unabdingbar, damit unsere Kinder in der
„globalen Welt“ gleiche Chancen haben
wie Kinder in den Nachbarstaaten.
Lübeck Helga Lietzke

Die vom SPIEGEL sehr markant beschrie-


bene Zwei-Klassen-Gesellschaft gibt es
schon lange. Der Unterschied ist nur, dass es
der ersten Klasse heute noch besser geht,
während die zweite Klasse in jeder Bezie-
hung verarmt. Es ist verdammt schwer
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geworden, sich emporzuarbeiten. Deshalb
haben viele resigniert. Sie sehen für sich Einzigartiges Schmierentheater
und ihre Kinder keine Perspektive jenseits Nr. 51/2006, Gesundheit:
von Hartz IV mehr. Sie beteiligen sich Wie die Große Koalition vor den Rauchern einknickte
nicht mehr am kulturellen Leben, weil sie
dafür kein Geld haben. Sie beteiligen sich Nein, so war es bestimmt nicht. Richtig ist
nicht mehr an Wahlen, weil sie keine Hoff- vielmehr, dass sich in der Koalition verstärkt
nung auf Besserung haben. jene zu Wort gemeldet haben, die bei einem
Dresden Andreas Meißner Rauchverbot die Rentenkassen vollends vor
dem Kollaps sahen, da die Bevölkerung dann
Der deutsche Sozialstaat frisst seine Kinder noch älter werden könnte. Deshalb gibt es
und dabei gezielt die Kinder aus unteren bestimmt bald neue Slogans auf den Schach-
sozialen Schichten mit niedrigem Bildungs- teln wie „Zug für Zug die Rente sichern“.
niveau. Er frisst sie, indem er sämtliche Gel- Mulfingen (Bad.-Württ.) Hartmut Tiemann
der vernichtet, die benötigt würden, um ih-
nen Chancengleichheit zu ermöglichen, und
indem er ihnen eine Zukunft hinterlässt,
die er mit äußerster Brutalität und Rück-
sichtslosigkeit ausbeutet. Erstaunlich, dass
es gerade „Sozial“-politiker sind, die diesen

ULRICH BAUMGARTEN / VARIO IMAGES


„Sozial“-staat so vehement verteidigen.
Göttingen Jens Hansen

Vermögensteuer zum 1. Januar 1997 von


der Regierung Kohl ausgesetzt, Steuern auf
„unverdientes“ Vermögen (Erbschaften) im
internationalen Vergleich nach wie vor auf
niedrigem Niveau, Talkshows, die sich dem
Thema Armut mit der Fragestellung „Reich Raucher in einer Kneipe
durch Hartz IV?“ nähern („Sabine Chris- Minderheitsverträglicher Kompromiss?
tiansen“). Dazu eine negative Reallohnent-
wicklung bei gleichzeitig explodierenden Diese unsägliche Posse, mit der – offen-
Kapitaleinkünften in den vergangenen zehn sichtlich von Anfang an – in voller strategi-
Jahren. Sich über die Spaltung des Landes scher Absicht und wider jedes bessere Wis-
zu empören ist mehr als angebracht – nur sen über die Gesundheitsgefährdung durch
wundern sollte sich nun wirklich niemand! Passivrauchen selbst die elementarsten
Köln Tim Engartner Rechte einer Mehrheit der Bevölkerung mit
Füßen getreten werden, steht bei mir nun
Das neue alte Opulentiat aus Bossen, Ban- ganz oben auf einer Liste von 27 Gründen,
kiers, Beratern und Entertainern genießt warum ich von meinem Wahlrecht keinen
die wohlstandsmehrenden medialen Insze- Gebrauch mehr machen werde.
nierungen, während das gemeine Volk im Haltern (Nrdrh.-Westf.) Werner Bednarzik
Parkett beeindruckt applaudiert. Es kauft
und konsumiert und wird ob seiner klein- Das ist eine perfekte Blamage und ein ein-
karierten Neidgefühle gemaßregelt – schließ- zigartiges Schmierentheater, was die Re-
lich müssen naturgegebene Tüchtigkeit und gierungskoalition da inszeniert. Da hat es
außergewöhnliche Leistung sich auszahlen. die Bundesregierung doch tatsächlich ge-
Das Prekariat sollte sich was schämen. schafft, das umzusetzen, was ihr die Ziga-
Bonn Prof. Dr. Dr. Theo R. Payk rettenindustrie vorgeschrieben hat. War
das zu erwarten? Ich glaube, ja. Wir haben
Auf diesen Artikel habe ich wohl 15 Jahre hier das gleiche Affentheater wie beim
gewartet. In meiner nordostdeutschen Um- Dosenpfand, der LKW-Maut, der Recht-
gebung musste ich nach dem Fall der Mau- schreibreform oder beim Rußfilter.
er zusehen, wie auf der einen Seite die Bil- Radolfzell (Bad.-Württ.) Rudi Stierle
dungseinrichtungen verwahrlosten und auf
der anderen überdimensionierte Konsum- Wie die Regierung seit dem Antidiskrimi-
tempel mit Hilfe von Landesförderungen in nierungsgesetz mit dem Thema „Nichtrau-
die Höhe gezogen wurden. Ein gut funktio- cherschutz“ umgegangen ist, löste bei vielen
nierendes Bildungsmodell, das ideologiebe- Bürgern gefühlte Diskriminierungsängste
reinigt mit dem heutigen in Finnland iden- aus. Assoziationen in Richtung Ausgrenzen
tisch war, wurde abgeschafft und stattdessen und Wegsperren kamen auf. Nun aber er-
ein bayrisches Modell eingeführt, das ge- wächst eine neue Zuversicht, die auf dem
nau die heutigen Probleme mit sich bringt. Bremspotential der Länderfürsten Althaus,
Ich wünsche mir eine Regierung, die die Müller und Wulff – und hoffentlich auch von
üppigen Steuereinnahmen dazu aufwendet, Herrn Oettinger – basiert; eine Zuversicht,
die Bildungseinrichtungen und Kitas auf die auch einen minderheitsverträglichen
Vordermann zu bringen. Die nächste Ge- Kompromiss mit den militanten Flügeln der
neration wird es uns danken. Nichtraucher-Community einschließt.
Rostock Siegfried Wittenburg Karlsruhe Dr. Bernhard Kuczera

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Briefe

Das Gezerre darum, welches Bundes- oder darum gehen, dass einem Kunden ein Bild Nahrungsaufnahme und -umsetzung nicht
Landesgesetz denn nun anwendbar sei, um gefällt, als dass es großen Gewinn verspricht. für alle möglichen Reparatur- und Restau-
das Rauchen zum Beispiel in Restaurants zu Wiener Neudorf (Österr.) Dr. Peter Mitmasser rationsprozesse der Zellen und -verbände
verbieten, kann ich nicht begreifen. Im ihrer Geschöpfe adäquat nutzbar gemacht
Grundgesetz heißt es im Artikel 2, Absatz (1): Wenn Sie wüssten, dass viele Galeristen hätte.
„Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung nebenbei Taxi fahren oder als Kellner im Bochum Prof. Dr. Hermann Unger
seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Restaurant arbeiten müssen, um ihre Ga-
Rechte anderer verletzt …“ und in Ab- lerie finanzieren zu können. Wenn Sie Das bahnbrechende Ergebnis einer ameri-
satz (2): „Jeder hat das Recht auf Leben und wüssten, dass jedes Jahr eine große Zahl kanischen Ernährungsstudie an Affen: Wer
körperliche Unversehrtheit …“ Wenn es von Galerien aus Deutschland ins Ausland maßhält, bleibt auch im Alter länger jung
dann noch weiter heißt: „In diese Rechte abwandert, weil sich bei uns die Arbeits- und fit. Müssen für solche Binsenweisheiten
darf nur auf Grund eines Gesetzes einge- konditionen stetig verschlechtern. Wenn wirklich Affen, unsere nächsten Verwand-
griffen werden“, so ist die Situation sogar Sie wüssten, dass viele Galeristen ihr Herz- ten, mehr als 15 Jahre lang in einen fens-
umgekehrt: Raucher dürften also nur dann blut hergeben für ein paar tausend Euro terlosen Raum gesperrt werden? Und: Eine
und dort in Anwesenheit von Nichtrauchern Monatsumsatz. Wenn Sie wüssten, dass die Pille soll selbst das Maßhalten überflüssig
rauchen, wenn ihnen ein Gesetz dies aus- meisten Galerien aus Überzeugung und machen? Diese funktioniert natürlich nur
drücklich erlaubt, oder? Wenn die Politik Idealismus bestehen, weil sie an die Kunst bei Mäusen und auch nur in Megadosie-
meine Grundrechte nicht schützen will, soll- und deren Inhalte glauben und ihre Arbeit
te man eine Klage beim Verfassungsgericht in fortsetzen, solange sie es finanziell durch-
diesem Sinne einreichen. halten können. Wenn Sie wüssten, wie
Köhlen (Nieders.) Sigrid Steffens viele Galerien jedes Jahr in Deutschland
schließen – vielleicht wäre Ihnen dann ein
Was ist dies denn bloß wieder für eine interessanter Artikel gelungen. Wenn Sie
Weicheier-Regierung, die nicht in der Lage behaupten, dass eine Galerie es sich sogar
ist, endlich einmal ein richtig vernünftiges leisten kann, Kunst zu verschenken, kann
Gesetz auf den Weg zu bringen und damit ich Ihnen als ehemaliges Vorstandsmitglied
Tatsachen zu schaffen, die in anderen Län- und Schatzmeister des Bundesverbands

JEFF MILLER
dern längst gang und gäbe sind? Wo bleiben Deutscher Galerien versichern, dass es
denn die verfassungsrechtlichen Bedenken, nichts umsonst gibt.
wenn es darum geht, als Nichtraucher un- Berlin Rafael Vostell Versuchsaffen Canto, Owen
behelligt in ungetrübter Luft sein Essen ge- Der Natur ein Schnippchen schlagen
nießen zu wollen, ohne gleichzeitig über das Die Kunst und der Künstler haben keine
aufgezwungene passive Mitrauchen einer ge- Macht. Aber Mächte bedienen sich ihrer. rungen. Wirkung und Nebenwirkung beim
sundheitlichen Gefährdung ausgesetzt zu Kunsterwerb, Kunstbesitz, Mäzenaten- und Menschen unbekannt. Wozu sollen solche
sein, dieser legitime Anspruch aber durch Sammlertätigkeit schaffen Prestige und Tierversuche gut sein? Glauben die Götter
das rücksichtslose Qualmen der ewig Unbe- Imagepflege und bei einigem Geschick im in Weiß tatsächlich, man könnte der Natur
lehrbaren immer wieder unterminiert wird? Hochpreissegment sogar materiellen Ge- auf so simple Weise ein Schnippchen schla-
Berlin Rainer Wiesner winn. Es hat sich die Klientel der Kunst- gen und einen so komplexen Vorgang wie
verwerter und -benutzer geändert, nicht die das Altern beim Menschen aufhalten?
Mechanismen und Interessen. Der eine Braunschweig (Nieders.) Dr. Corina Gericke
Einen Vorteil hat das Ganze kauft sich einen Londoner Fußballverein, Ärzte gegen Tierversuche

Nr. 50/2006, Kunstmarkt: Hedgefonds entdecken das um zu demonstrieren, wer in den Top Ten
Milliardengeschäft mit der Malerei der illustren, globalen Gesellschaft spielt, Es gibt eine einfachere Erklärung für die le-
der andere einen Neo Rauch. Sobald der bensverlängernde Wirkung des Hungerns:
Wenn jetzt Hedgefonds ins Geschäft mit der bildende Künstler im Geschäft ist und seine Dass pflanzliche Inhaltsstoffe giftig oder
bildenden Kunst einsteigen, wird es bald Werke auf dem Markt sind, ist es aus mit akut gesundheitsschädlich sein können, ist
nur noch um Show und nicht mehr um seiner Macht. Öffentlich gemachte Kunst durch Erfahrung längst bekannt. Dane-
„Kunst“ – so schwierig die auch zu definie- dient einzig und allein der Steigerung des ben enthält pflanzliche Nahrung unter der
ren sein mag – gehen. Einen Vorteil hat das Nutzens der Kunstbesitzer. Das war so, das Unzahl sonstiger Bestandteile mit hoher
Ganze: Die vielen „kleinen“ lokalen Künst- ist so, und das wird auch so bleiben. Aber Wahrscheinlichkeit auch solche, deren
ler werden einen besseren Markt vorfinden besser, sie kaufen Kunst statt Kanonen! nachteilige Wirkung nicht sofort oder nach
als bisher, weil die „große“ Kunst längst un- Hamm/Sieg Volker Niederhöfer kurzer Zeit evident wird, sondern erst
leistbar geworden ist. Es wird wieder mehr nach jahre- oder jahrzehntelanger Auf-
nahme zu erkennbaren Gesundheitsschä-
BRABYN/SIPA/DE KOONING FOUND./VG BILDKUNST, BONN 2007

Zu schmaler Kost ist zu raten den oder Alterungsprozessen führt. Es ist


dann faktisch unmöglich, bestimmte Nah-
Nr. 50/2006, Medizin:
US-Forscher entwickeln eine Jungbrunnen-Pille rungsbestandteile als Ursache dafür zu
identifizieren und den Menschen vor ihnen
Es wäre ein Irrtum, zu glauben, dass die zu warnen. In diesem Dilemma kann man
Menschheit diese Fakten in ihrer nach zig nur zu schmaler Kost raten.
Jahrtausenden zählenden geistigen und Frankenthal (Rhld.-Pf.) Dr. Josef Peterhans
kulturellen Entwicklung ignoriert hätte.
Vielmehr gibt es zum Beispiel in den Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe – bitte mit An-
schrift und Telefonnummer – gekürzt zu veröffentlichen.
großen Religionen durchweg die meist Die E-Mail-Anschrift lautet: leserbriefe@spiegel.de
jahreszyklisch angeordneten Fastenzeiten.
Schließlich ist es auch schwer vorstellbar,
In einer Teilauflage dieser SPIEGEL-Ausgabe befinden
dass die Evolution die Gelegenheit für die sich Beilagen des SPIEGEL-Verlags/Abo, Hamburg, SPIE-
Auktion bei Christie’s in New York Nutzung der – freiwillig oder unfreiwillig – GEL-Verlag/Studiosus Lesereisen, Hamburg, sowie die Ver-
Prestige, Imagepflege, materieller Gewinn zu durchlebenden Ruhezeiten zwischen legerbeilage SPIEGEL-Verlag/KulturSPIEGEL, Hamburg.

10 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
Panorama Deutschland
AU S L A N D S E I N S ÄT Z E Kämpfer plus rund 600 Mann Unterstüt-
zungskräfte – wird deutlich unterschrit-

Elite ohne Nachwuchs ten. Bisher sind nur gut 35 Prozent der
Posten für Kommando-Soldaten besetzt.
Dabei rechnet das Verteidigungsministe-

D ie Bundeswehr hat erhebliche Pro-


bleme, geeignete Soldaten für ihre
Eliteeinheit Kommando Spezialkräfte
tere Auslandseinsätze in Krisen- und
Kriegsregionen kaum schaffen kann. Die
Sollstärke des im baden-württembergi-
rium allein für die Beteiligung an der
Anti-Terror-Operation „Enduring Free-
dom“ in Afghanistan mit einem Bedarf
(KSK) zu finden, so dass die Truppe wei- schen Calw stationierten Verbandes – 400 von bis zu 100 Elitesoldaten. Zu den
Spezialitäten der besonders geschulten
KSK-Soldaten gehören Geiselbefreiun-
gen, Terrorabwehr sowie Informations-
beschaffung. Wie schwierig es ist, für der-
art gefährliche Einsätze Nachwuchs zu
rekrutieren, zeigte das jüngste Auswahl-
verfahren. Von rund 350 Interessenten
wurden gerade einmal 9 nach harten Eig-
nungstests zu der dreijährigen Ausbildung
zugelassen. Etlichen der Freiwilligen
mangelte es an körperlicher Leistungs-
fähigkeit, die meisten wurden aber von
den Psychologen aussortiert: Gefragt sind
ruhige und rationale Soldaten. „Rambo-
HANS-JUERGEN BURKARD / BILDERBERG

Typen können wir nicht gebrauchen“, so


Heeresinspekteur Hans-Otto Budde. Er
will trotz des Personalmangels „keine Ab-
striche“ bei den äußerst strengen Aus-
wahlkriterien machen.

KSK-Soldaten im Wüstentraining

Z U WA N D E R U N G mann den Vorstoß. So hätten 2005 bun- SPD


desweit gerade einmal 900 Hochqua-
Ausländer rein lifizierte eine Niederlassungserlaubnis
erhalten, Selbständige so gut wie gar
Ost-Sozialdemokratin
M it einer Bundesratsinitiative will
Niedersachsen das Zuwanderungs-
nicht. Mit der gleichen Bundesratsini-
tiative strebt Niedersachsen aber auch
geißelt Lebenslügen
recht ändern lassen, um Hochqualifi-
zierte und Selbständige aus dem Aus-
land nach Deutschland zu locken. Nach
erhebliche Verschärfungen im Auslän-
derrecht an. So sollen geduldete Aus-
länder für Maßnahmen, die etwa der
N ach der Union droht nun auch der
SPD eine Debatte um vermeintli-
che Lebenslügen. Die Sprecherin der
dem von Innenminister Uwe Schüne- Feststellung ihrer wahren Identität die- ostdeutschen SPD-Bundestagsabgeord-
mann (CDU) ausgearbeiteten Gesetz- nen, 24 Stunden in Gewahrsam genom- neten, die aus Thüringen stammende
entwurf sollen Hochqualifizierte nicht men werden dürfen. Für das Schwänzen Iris Gleicke, bezeichnet in einem Dis-
mehr wie bisher mindestens 85 500 Euro von Integrationskursen sieht die Bun- kussionspapier zum Arbeitsmarkt „die
im Jahr verdienen müssen, um eine desratsinitiative Bußgelder vor; jugend- lange auch von Sozialdemokraten ver-
Niederlassungserlaubnis zu bekommen, liche Serienstraftäter sollen ihren Ab- fochtene Idee, Vollbeschäftigung durch
sondern nur noch 64 125 Euro. Bei schiebeschutz verlieren. Senkung der Lohnnebenkosten, durch
Selbständigen, die heute Entlastung der Unternehmen“ errei-
mindestens eine Million chen zu können, als „tatsächliche Le-
Euro investieren und zehn benslüge“. Zudem sei „der Glaube, al-
Arbeitsplätze schaffen müs- len Willigen“ lasse sich ein Job auf dem
sen, sollen die Grenzen auf regulären Arbeitsmarkt verschaffen,
fünf Arbeitsplätze und eine „Fata Morgana“. Der „Traum von
25 000 Euro gesenkt werden der klassischen Vollbeschäftigung“ sei
– das Stammkapital für die „ausgeträumt“. Deshalb plädiert
Gründung einer GmbH. Gleicke dafür, neben dem ersten Ar-
„Aus Angst, dass Auslän- beitsmarkt und dem auf Arbeitsbeschaf-
der unsere Sozialsysteme fungsmaßnahmen basierenden zweiten
belasten könnten, haben nun auch noch einen „dritten Arbeits-
wir die Hürden viel zu markt“ zu installieren. Bund, Länder
REA / LAIF

hoch gelegt. Das Ergebnis und Kommunen sollten „ein flächen-


ist die völlige Abschot- deckendes Angebot“ etwa im Pflegebe-
tung“, begründet Schüne- Indische Software-Spezialistin reich schaffen, so Gleicke.
d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 13
Panorama
U N I V E R S I TÄT E N

Geld von Milli Görüs


D ie vom Verfassungsschutz beobach-
tete islamische Organisation Milli
Görüs baut mit Studentenkongressen
und Studienstipendien ihr Netz an deut-
schen Universitäten aus. So unterstützt
die Vereinigung strengreligiöse Frauen,
die wegen des Kopftuchverbots an türki-
schen Universitäten zum Studieren nach
Deutschland kommen. Milli Görüs ver-
gebe europaweit jährlich rund 250 Stu-
dienstipendien, davon etwa 150 an Frau-
en, die aufgrund von Kopftuchverboten
in ihrer Heimat in Deutschland oder
KLAR / ULLSTEIN BILDERDIENST

Österreich studierten, erklärte Mesud


Gülbahar, zuständig für Jugendarbeit in
der Milli-Görüs-Zentrale im rheinischen
Kerpen. Der Großteil aller Fördergelder
– in der Regel 300 bis 400 Euro monat-

Silvester im Hamburger Hafen

FEUERWERK

Explosive Witwenmacher
CARO / SÜDDEUTSCHER VERLAG

I m Jahr 2006 ist die Zahl der beschlag-


nahmten Feuerwerkskörper deutlich
angestiegen. 2005 hatte der Zoll zwi-
und -prüfung getestet und gelten als ge-
fährlich. Größter Fang der Fahnder war
2006 ein Chinese, der Ende November
schen Januar und November in 1086 Fäl- 185 Kartons mit chinesischem Feuer-
Studentin an der TU Berlin len insgesamt 21260 illegale Kracher und werk aus Belgien holte. Das Schmug-
rund 100 Kilogramm Sprengstoff sicher- gelgut war als Nudeln getarnt. Als Be-
lich – gehe an Studenten in Deutschland, gestellt, 2006 stieg die Zahl der Verfah- amte der Bundespolizei ihn stoppten,
die Stipendienzahl steige. Für März hat ren um rund 30 Prozent auf 1410. Die saß der Mann rauchend am Steuer des
Milli Görüs zu einem europaweiten Stu- geschmuggelten Kracher, überwiegend vollgepackten Lieferwagens. Die Kra-
dententreffen im nordrhein-westfäli- aus Polen und Tschechien mit Namen cher mit einem Gesamtgewicht von
schen Hagen eingeladen. „Wir erwarten wie „Super Szok“, „Gigant Maroon“ mehr als einer Tonne wurden vom Zoll
rund 1500 Studenten überwiegend aus oder „Witwenmacher“, sind nicht von beschlagnahmt und vom Kampfmittel-
Deutschland – allesamt Mitglieder oder der Bundesanstalt für Materialforschung räumdienst abtransportiert.
Sympathisanten“, so Gülbahar.

CASINOS no-Mitarbeiter die Ausweise


ihrer Gäste nur dann zeigen las-
Kontrolle für Zocker sen, wenn die bei ihnen Geld
abheben oder Roulette und

E ine Grundsatzentscheidung des


Oberlandesgerichts Hamm hat den
Schutz von spielsüchtigen Casino-Besu-
Baccarat spielen wollen. Um
solche Kontrollen zu umgehen,
hatte sich der spielsüchtige
chern erheblich verstärkt: Danach kön- Rentner das Geld zum Daddeln
nen Spieler, die trotz Spielsperre an die überwiegend an normalen EC-
Spielautomaten gelassen werden, dort Geräten rund um das Casino
MATTHIAS GROPPE

verzocktes Geld von der Spielbank besorgt.


zurückverlangen. Im jetzt entschiede- Die Spielbanken fürchten dras-
nen Fall erstritt ein Rentner, der sich tische Gewinneinbußen, sollte
selbst wegen Spielsucht hatte sperren das Urteil rechtskräftig werden.
lassen, vom Casino Bad Oeynhausen Casino in Bad Oeynhausen Viele Gäste würden sich von
aber nicht am Weiterspielen gehindert solchen Kontrollen „diskredi-
worden war, knapp 58 000 Euro nebst sucht zu befürchtenden wirtschaftlichen tiert fühlen und dann lieber in die
Zinsen. Die Sperre, so die Richter, ver- Schäden zu bewahren“ – sie müsse also Spielhallen abwandern“, so Matthias
pflichte die Spielbank, den zwanghaften auch den Zugang zu den Automaten Hein von der Interessen- und Arbeits-
Spieler vor den „aufgrund seiner Spiel- kontrollieren. Bislang müssen sich Casi- gemeinschaft Deutscher Spielbanken.
14 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
Deutschland
LEHRER SPIEGEL: Sollten die Schulbehörden dar-
aus nicht gleich Pflicht-Prüfungen ma-
„Falsche Vorstellungen“ chen?
Erdsiek-Rave: Nicht vor dem Studium.
Ute Erdsiek-Rave (SPD), 59, scheiden- Aber eine verpflichtende Eignungsprü-
de Präsidentin der Kultusministerkon- fung sollte am Ende der Bachelor-Phase
ferenz (KMK) und Bildungsministerin stehen, bevor die Studenten in den
in Schleswig-Holstein, über Eignungs- Masterstudiengang gehen, der direkt
tests für angehende Lehrer auf den Beruf vorbereitet.
SPIEGEL: Welche Eigenschaften sind
SPIEGEL: Eine Studie der Universität denn wichtig?
Potsdam hat ergeben, dass 30 bis 40 Erdsiek-Rave: Grundvoraussetzung ist,
Prozent der Lehramtsstudenten dass man Kinder mag. Man braucht zu-
für den Beruf nicht geeignet sind, etwa dem eine starke Persönlichkeit und
weil sie schüchtern und labil sind. Im muss natürliche Autorität ausstrahlen.
März soll sich die KMK mit diesen Er- SPIEGEL: Wie erklären Sie es sich, dass
kenntnissen beschäftigen. Was wollen so viele Menschen Lehrer werden
sie tun? möchten, die dafür ungeeignet sind?
Erdsiek-Rave: Die Auto- Erdsiek-Rave: Sie haben
ren dieser Studie haben vielleicht falsche Vorstel-
unter anderem auch ei- lungen von dem Beruf.
nen Test für angehende Der hat einerseits leider
Lehrer entwickelt. Ich ein negatives Image – an-
halte die Idee für gut dererseits erwarten aber
und gehe davon aus, dass auch viele, dass der Job
zumindest einige Länder nicht so schwer ist und
das aufgreifen werden. man viel Freizeit hat. Es
Wer Lehrer werden will, ist auch zu Unrecht der
könnte mit einem sol- Eindruck entstanden, der
chen Test schon am Ende Lehrerberuf sei ein Halb-
AXEL SCHMIDT / ACTION PRESS

der eigenen Schulzeit tagsjob, in dem man pri-


herausfinden, ob der Be- ma Beruf und Familie
ruf für ihn geeignet ist. vereinbaren kann. In der
Wir machen ja auch an- Praxis sind viele dann
dere Tests, um jungen geschockt, wie schwer
Leuten die Berufswahl und zeitintensiv die Ar-
zu erleichtern. Erdsiek-Rave beit tatsächlich ist.

KRANKENKASSEN nom den drohenden Anstieg der Kran-


kenkassenbeiträge aufhalten. Viele
Fusion in der Not AOK-Landesverbände gehören schon
heute zu den teuersten Krankenversiche-

K arl Lauterbach, Ex-Berater von Ge-


sundheitsministerin Ulla Schmidt
(SPD), fordert die Fusion aller 16 AOK-
rungen Deutschlands, mit Beiträgen von
bis zu 16,7 Prozent. Und sie würden,
prognostiziert Lauterbach, noch teurer
Landesverbände zu einem Bundesver- werden müssen, weil viele Landesver-
band. Damit will der Gesundheitsöko- bände sich mit Billigung der jeweiligen
Landesregierungen hoch-
verschuldet und keine Al-
tersrückstellungen gebil-
det hätten. „Die AOK
von Berlin, Mecklenburg-
Vorpommern und dem
Saarland“, so Lauterbach,
seien ohne Erhöhung der
JENS BÜTTNER / PICTURE-ALLIANCE / DPA

Beiträge oder Reduzie-


rung der Leistungen
„möglicherweise dem-
nächst nicht mehr lebens-
fähig“. Eine Fusion in der
Not hingegen würde Kos-
ten sparen, auch könne
ein Bundesverband bes-
ser mit Kliniken und Ärz-
AOK-Zentrale Schwerin ten verhandeln.
d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 15
Deutschland

KON J U N KT UR

Auf ohne Schwung


Die deutsche Wirtschaft hat sich aus der Stagnation befreit. Von ihrer einstigen Top-Position als
Lokomotive Europas ist sie indes weit entfernt: Eine überdehnte Bürokratie lähmt viele Branchen,
der Osten fällt weiter zurück, neue Abgaben drohen. Kann das aktuelle Wachstum von Dauer sein?

D
er fränkische Spielzeugproduzent So macht auch das Regieren
Entlastung
Playmobil gehört zu jenen Fabri-
kanten, die Händler dem soge- Berliner Neujahrsgrüße der Bürger,
Spaß. Kanzlerin Angela Mer-
kel, die Deutschland im Som-
Neuregelungen ab 1. Januar 2007 in Mrd. ¤
nannten Premiumsegment zurechnen. Ein mer noch zum „Sanierungsfall“
einfaches Polizeiauto mit Besatzung kostet erklärte, sieht im aktuellen Auf-
24 Euro. Der Renner des Jahres 2006 war Arbeitslosenversicherung Der Bei- schwung nun einen Beleg für
das „Krankenhaus mit Einrichtung“ – 120 tragssatz sinkt von 6,5 auf 4,2 Prozent. 17,6 „die richtige Politik“ ihres Ka-
Euro teuer und in vielen Geschäften seit Elterngeld Mütter oder Väter können binetts. Ihr SPD-Vizekanzler
Mitte Dezember ausverkauft. bei der Geburt eines Kindes Elterngeld Franz Müntefering brüstet sich,
„Obwohl wir Überstunden und Sonder- beantragen, wenn sie bis zu 14 Monate die Große Koalition habe viel
schichten eingelegt haben, sind wir mit der die Ausübung ihres Berufs unterbrechen
0,7 „für Wachstum und Beschäfti-
Produktion nicht mehr nachgekommen“, (67 Prozent des letzten Nettolohns, maximal gung getan“. Wirtschaftsminis-
sagt Geschäftsführerin Andrea Schauer. 1800 Euro monatlich). ter Michael Glos (CSU) führt
„Die Nachfrage war einfach zu groß.“ die positiven Wirtschaftsdaten
Ob Spielzeug, Plasmafernseher oder Le- wie selbstverständlich auf die
dermöbel – ein solches Weihnachtsgeschäft politische „Erfolgsbilanz dieser
haben die Einzelhändler der Republik schon
Differenz aus
Ent- und Mehr-
25 Mehrbelastung
der Bürger, Bundesregierung“ zurück.
lange nicht mehr erlebt. Von Hamburg belastung Mrd. ¤ Wie gut die Konjunktur
in Mrd. ¤
bis München standen die Kunden Schlange läuft, hat die Politiker selbst
vor Drehtüren, Rolltreppen und Kassen. Die überrascht. Noch im Frühjahr
Warenhäuser meldeten Umsätze wie seit hatten sie für 2006 ein Wachs-
Jahren nicht. Marktforscher registrierten tum von 1,6 Prozent vorherge-
die Rückkehr von Luxus, Glanz und Gla- Mehrwertsteuer Sie erhöht sich 19,4 sagt. Jetzt rechnet Glos damit,
mour. Die Boulevardblätter fabulierten gar von 16 auf 19 Prozent. dass die Zahl am Ende wohl
vom „Abebben der Geizwelle“ und einem bei 2,5 Prozent liegen wird.
„Kaufrausch zu Weihnachten“. Krankenversicherung Der Beitrags- Ähnlich soll es 2007 weiter-
satz steigt von durchschnittlich 14,3 7,0
7,4
Das Weihnachtsgeschäft war der Höhe- gehen, hoffen die Berliner
punkt eines konjunkturellen Aufschwung- auf ca. 15 Prozent. Koalitionsspitzen.
jahres, das viele der hiesigen Wirtschaft Rentenversicherung Der Beitragssatz Die Konjunktur habe „Fahrt
schon gar nicht mehr zugetraut hatten. Jah- klettert um 0,4 Prozentpunkte auf 4,1 aufgenommen“, konstatiert
relang war das deutsche Wachstum an der 19,9 Prozent. SPD-Chef Kurt Beck und zeigt
Nulllinie entlanggedümpelt. In- und aus- sich überzeugt, dass die deut-
ländische Fachleute hatten den Standort Versicherungsteuer Ab 1. Januar sche Wirtschaft die Trendwen-
Deutschland als „kranken Mann Europas“ beträgt der Regelsatz nicht mehr 16, 1,7 de bereits geschafft habe. Auch
verspottet. Und nun das? sondern 19 Prozent. Kanzlerin Merkel sieht die
Auf den ausländischen Märkten melde- Steuersparmodelle Weitere Republik wieder auf dem Weg,
ten heimische Chemie-, Maschinenbau- Beschränkung der Verlustverrechnung. 1,6 sich als wirtschaftliche „Loko-
oder Elektrokonzerne einen Absatzrekord motive Europas“ zurückzu-
nach dem anderen. Im Inland legten sich Pendlerpauschale Die Entfernungs- melden.
die Unternehmen erstmals seit Jahren pauschale wird reduziert. Erst ab dem Wer würde was dagegen
21. Kilometer können Fahrtkosten mit 1,3
wieder in großem Stil neue Fabrikanlagen haben? Nach fünf Jahren
oder Werkhallen zu. Auch in notorischen 30 Cent je Kilometer abgesetzt werden. Stillstand und Zukunftsangst
Krisenbranchen wie der Bauindustrie Sparerfreibetrag Er reduziert sich von könnte das Land einen dauer-
brummte das Geschäft dermaßen, dass 1370 auf 750 Euro (Ledige).
0,6 haften Aufschwung gut ge-
mancherorts bereits Zement oder Dämm- brauchen. Doch die Experten
platten knapp wurden. Arbeitszimmer Die Absetzbarkeit wird sind skeptisch.
Selbst der seit Jahren in Agonie erstarr- erheblich erschwert.
0,1 Zwar präsentieren sich die
te Arbeitsmarkt sendete neue Lebenszei- Reichensteuer Der Spitzensteuersatz bundesdeutschen Unternehmen
chen: Zum Jahresende 2006 sank die Zahl nach jahrelangen Entlassungs-
der Erwerbslosen erstmals seit vier Jahren
für hohe, nichtgewerbliche Einkünfte 0,1 wellen so fit und wettbewerbs-
steigt um 3 Prozentpunkte auf 45 Prozent.
wieder unter die Vier-Millionen-Grenze. fähig wie lange nicht. Zum Ju-
Überrascht von der Serie guter Nach- Finanzauskunft Verbindliche Auskünfte bel aber bestehe „kein Anlass“,
ohne
richten, schwärmten die Volkswirte der US- der Finanzämter zu schwierigen Steuer- Angabe sagt Hans-Werner Sinn, Chef
Investmentbank Goldman Sachs von einer fragen sind zukünftig gebührenpflichtig. des Münchner Ifo-Instituts für
„Wiedergeburt der deutschen Wirtschaft“. sonstige: Wirtschaftsforschung.
7,4 Mrd. ¤
16 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
Kanzlerin Merkel*, Warenhaus (in Leipzig)
Erst Sanierungsfall, dann Kaufrausch

Was die Republik derzeit erlebt, nennen


er und andere Fachleute einen zyklischen
Aufschwung, wie er sich am Ende jahre-
langer Abschwungphasen fast zwangsläufig
einstellt. Die Wirtschaft stagniert nicht
mehr, doch von der Dynamik früherer Jah-
re ist das Land ebenfalls weit entfernt.

ROBERTO PFEIL / AP
Selbst im jüngsten Boom liegt die Zu-
wachsrate lediglich im europäischen Mit-
telfeld. Und in 2007, so prognostizieren die
Experten, dürfte der Aufstieg schon wieder
abgebremst werden. Das Wachstum geht
weiter, so lautet die Prognose, aber die Re-
publik erlebt einen Aufschwung ohne rech-
ten Schwung.
Grund sind die Steuern und Abgaben,
die zur Jahreswende in einem Umfang
erhöht wurden wie nie zuvor in der Ge-
schichte (siehe Grafik).
Noch in der Silvesternacht stellen Mil-
lionen Einzelhändler, Tankstellenpächter
und Restaurantbesitzer in ihren Kassen-
systemen den Umsatzsteuerprozentsatz von
„16“ auf „19“ um – und werden so im Lauf
des Jahres 2007 rund 20 Milliarden Euro zu-
sätzlich in die staatlichen Kassen lenken.
Die beschlossenen Einschnitte bei Pend-
lerpauschale, Eigenheimförderung und
Sparerfreibetrag belasten die Bürger mit
über drei Milliarden Euro, die Erhöhun-
gen von Renten- und Krankenkassenbei-
trägen schlagen mit weiteren elf Milliar-
den zu Buche.
Dass die Regierung im Gegenzug den
Beitrag zur Arbeitslosenversicherung senkt,
verbessert die Bilanz nur mäßig: Unterm
Strich, so die Prognose der Ökonomen,
wird der Staat Wirtschaft und Verbrau-
chern 2007 rund 25 Milliarden Euro ent-
reißen – und so den Konsum gleich auf
mehrfache Weise drosseln.
Zum einen haben die Bürger weniger
Geld im Portemonnaie und können ent-
sprechend weniger ausgeben. Zum an-
deren treibt die höhere Mehrwertsteuer
die Preise in die Höhe, was der Kauflust
gleichfalls schlecht bekommt. Und schließ-
lich fallen all jene Möbel, Autos und Heim-
computer, die viele Bürger im Vorgriff auf
die Steuererhöhung bereits in 2006 gekauft
haben, in 2007 als Umsatzbringer aus.
Ein schwieriges Jahr für den privaten
Verbrauch erwarten deshalb die Ökono-
men – und prognostizieren, dass der Steu-
erschock das Wachstum in 2007 deutlich
dämpfen wird. Wie tief der Einschnitt aus-
fällt, darüber freilich gehen die Meinungen
auseinander.
Während die Mehrheit der Konjunktur-
experten lediglich eine kleine Delle er-
WALTRAUD GRUBITZSCH / DPA

wartet, sagt beispielsweise die Global-Mar-


kets-Abteilung der Deutschen Bank einen
wahren Absturz voraus. Ihre Wachstums-

* Am 4. April 2006 bei der Begrüßung der Teilnehmer des


Innovationsgipfels im Berliner Kanzleramt.

d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 17
Deutschland

prognose: allenfalls ein Prozent. Wer recht


behält, wird sich weniger an den deutschen
Ladenkassen entscheiden als in den Im-

Stoppsignal aus Mainz mobilienbüros von New York und Los An-
geles, an den Börsen von Tokio oder Sin-
gapur und in den Fabrikhallen von Shang-
Mit seinem Plädoyer für weniger Reformen bringt SPD-Chef hai oder Guangdong.
Wie nie zuvor hat die deutsche Wirtschaft
Kurt Beck den Koalitionspartner gegen sich auf. in den vergangenen Jahren vom Wachstum

W
er Kurt Beck einen pfälzischen nungslos benannte, liegt nicht im der Weltwirtschaft profitiert. Wie nie zuvor
Gemütsmenschen nennt, wird Interesse der Kanzlerin. Auch des- hängen die verbliebenen Industriejobs hier-
wenig Widerspruch ernten, halb bemühte sich Regierungssprecher zulande nun vom Geschäftsgang in den glo-
schon gar nicht bei ihm selbst. Der ge- Thomas Steg vergangene Woche, Ta- balen Boomregionen ab.
wichtige SPD-Chef liebt Weinfeste und tendurst zu reklamieren: „Die Koali- Entsprechend nervös blicken die Mana-
Wochenmärkte, und wenn er eine poli- tion hat noch ausreichend Arbeit und ger bei DaimlerChrysler, Bayer oder
tische Botschaft unters Volk bringen wird sich über nicht ausreichende Ar- Siemens auf jedes Konjunktursignal aus
will, tut er dies am liebsten im breiten beit zu keinem Zeitpunkt beklagen ihren wichtigsten Auslandsmärkten, allen
Idiom seiner waldreichen Heimat. müssen.“ voran den USA. Die größte Volkswirtschaft
„Immer mal langsam mit de Leut“, Aber vielleicht waren damit ja auch der Welt hat in den vergangenen Jahren
befand Beck vergangenen Mittwoch im nur die Vorhaben gemeint, über die die einen ungewöhnlich langen Wachstums-
Interview mit der „Welt“ – und alle Koalition längst schon hatte Einigkeit zyklus erlebt. Das Bruttosozialprodukt
wussten sofort, was gemeint war. erzielen wollen. Bei der Gesundheits- stieg Quartal für Quartal um drei, vier, fünf
Schluss mit weiteren Reformen, signa- reform versteift sich der Widerstand Prozent. Das 300-Millionen-Einwohner-
lisierte der Mainzer Ministerpräsident der unionsregierten Länder.
den Deutschen. Die Politik habe ihnen Der geplante Krankenkassen-
in den vergangenen Jahren schon ge- fonds, so räumen inzwischen
nug zugemutet, jetzt seien die „Gren- viele Parlamentarier von CDU
zen der Belastbarkeit“ langsam er- und CSU ein, muss wahr-
reicht. scheinlich erneut verschoben
Becks volksnahe Einlassung löste im werden.
weihnachtlich dahindämmernden Re- Nicht weniger unsicher ist,
gierungsviertel umgehend hektische ob die verabredete Arbeits-
Betriebsamkeit aus. Kanzlerin Angela marktreform zustande kommt.
Merkel schickte ihren Regierungsspre- Im zuständigen Koalitionsgre-
cher zum Widerspruch an die Mikro- mium existieren bislang nur
fone, und führende Unionspolitiker unverbindliche Expertenpapie-
meldeten den erwünschten Protest an. re; dafür driften die Pläne der
„Das hieße Stillstand für Deutsch- Parteien seit Wochen ausein-
land“, erregte sich CSU-Landesgrup- ander. Die SPD will in mög-
penchef Peter Ramsauer. Und der lichst vielen Branchen Min-
baden-württembergische Ministerprä- destlöhne einführen, die Uni-

HENNING SCHACHT / ACTION PRESS


sident Günther Oettinger (CDU) on will genau dies verhindern.
schimpfte: „Es ist das falsche Signal, Für die SPD wiederum sind die
wenn Kurt Beck schon jetzt eine ab- Vorschläge des nordrhein-west-
schließende Liste mit Reformaufgaben fälischen Ministerpräsidenten
ausgibt.“ Er könne „vor politischem Jürgen Rüttgers (CDU) tabu,
Müßiggang nur warnen“. das Arbeitslosengeld für Ältere
Tatsächlich hat Beck nur ausgespro- länger laufen zu lassen.
chen, was in Berlin derzeit ohnehin Hinzu kommt, dass es auch Sozialdemokrat Beck: Volksnahe Einlassung
viele denken. Die Konjunktur läuft bes- zu den längst vereinbarten Re-
tens, die Arbeitslosenzahlen sinken: formen bei Rente und Unternehmen- Land wurde zum Motor der Weltkon-
Warum sollte die Regierung die gute steuern Vorbehalte gibt. Vor allem in junktur.
Stimmung durch neue Reformdrohun- der SPD gelten beide Projekte als ex- Zuletzt jedoch deutete vieles auf eine
gen verderben? trem unpopulär. Kurskorrektur hin: Der völlig überhitzte
Der Arbeitsplan des Berliner Partei- So stieß Becks Entdeckung der Immobilienmarkt kühlte deutlich ab. Weil
enbündnisses fürs kommende Jahr ist Langsamkeit im eigenen Lager auf die Importe vor allem aus Fernost weiter
schon jetzt überschaubar. Wenn die Re- ungeteilte Zustimmung, und zwar links rasant stiegen, kletterte auch das Außen-
gierung die noch ausstehenden Projek- wie rechts. „Mit den massiven Zu- handelsdefizit in dramatische Höhen. Chi-
te bei Rente, Gesundheit, Pflege und mutungen zum 1. Januar ist die Be- na, Japan und Co. halten amerikanische
Unternehmensteuern abgearbeitet hat, lastungsgrenze bei weitem über- Staatsanleihen in Billionenhöhe und haben
bleibt für die Große Koalition nicht schritten“, befand Juso-Chef Björn mit Washington den größten Schuldner der
mehr viel zu tun, der Vorrat an Ge- Böhning. Präsidiumsmitglied Martin Menschheitsgeschichte zum Handelspart-
meinsamkeiten wäre ausgeschöpft. Ei- Schulz, der eher den Pragmatikern in ner. Inflationsängste gingen um – und Sor-
gentlich könnte sie dann jederzeit aus- der SPD zuzuordnen ist, kommentier- gen vor explodierenden Energiepreisen.
einandergehen. te: „Beck hat recht – ja zu Reformen, Kurzum: Ein Abschwung schien eigentlich
Dass Beck die inhaltlichen Grenzen aber im Rahmen des sozial Verant- unausweichlich, im Grunde überfällig.
des Berliner Bündnisses derart scho- wortbaren.“ Doch bislang ist nichts dergleichen passiert.
Das US-Wachstum hat sich zwar deut-
lich abgeschwächt, doch mit zuletzt 2,9
18 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
Prozent ist es immer noch stärker
als in fast allen Ländern Europas.
An der Wall Street erklomm der
Dow-Jones-Index Spitzenwerte.
Und die Amerikaner strapazieren
ihre Kreditkarten nach wie vor.
Die häufig phantastischen Wert-
steigerungen ihrer Häuser und
Wohnungen haben viele genutzt,
um Kredit für weitere Einkäufe
aufzunehmen, Sparen bleibt wei-
terhin verpönt.
Der robuste Konsumrausch
der US-Bürger hat mittlerweile
auch die Anleger an der Wall
Street angesteckt. Noch vor eini-
gen Monaten blickten sie wegen
des schwächeren Wachstums der
JÖRG MODROW / LAIF

Volkswirtschaft zurückhaltend in
die Zukunft. Jetzt macht sich
wieder gute Laune breit.
Monat für Monat erforscht
Merrill Lynch die Stimmung unter Containerhafen in Hamburg, Druckmaschinenmontage (in Würzburg): Wie nie zuvor vom Wachstum der
Managern von Investmentfonds.
Rund 60 Prozent von ihnen glauben schon spürbar gestiegen sind – trotz niedrigerer es folglich im aktuellen Jahresausblick von
wieder, dass die Wirtschaft in 2007 ähnlich Wachstumsraten. Zudem legten die Expor- Goldman Sachs. Die Bank erwartet sogar
stark oder stärker wächst als 2006. Noch im te zu, und die Inflationsängste milderten eine „erneute Beschleunigung der Wachs-
Oktober teilten nur 32 Prozent von ihnen sich ab: Seit Juni hat die US-Notenbank tumsraten“, sobald die Anpassung des
diese Einschätzung. Lediglich 8 Prozent er- Fed die Zinsen nicht mehr erhöht. Etliche Immobilienmarkts erfolgt ist. Die Unter-
warten aktuell, dass das Land in eine Re- Analysten erwarten, dass die Währungs- nehmensfinanzen seien in fast allen In-
zession rutschen könnte. hüter auch in absehbarer Zukunft keinen dustrien grundsolide. Das Gesamtbild der
Für vorsichtigen Optimismus spricht Grund zum Einschreiten sehen. Eine „Re- US-Wirtschaft, so der Bericht, sei „auf ver-
auch, dass die Beschäftigtenzahlen zuletzt zession scheint unwahrscheinlich“, heißt nünftige Art erfreulich“.
Im Dezember meldeten die Fir-
men wichtiger Industriebranchen,
dass rund 20 Prozent ihrer offenen
Stellen nicht besetzt werden kön-
nen. Der Fachkräftemangel beein-
trächtige bereits heute das Wirt-
schaftswachstum, so der Deutsche
Industrie- und Handelskammertag.
An den sogenannten Problem-
gruppen des Arbeitsmarkts dage-
gen geht der aktuelle Aufschwung
weitgehend vorbei. In kaum ei-
nem anderen Land Europas ist der
Anteil der Langzeitarbeitslosen so
hoch wie hierzulande. Nirgendwo
sonst ist die Arbeitslosenquote bei
den über 55-Jährigen so hoch wie
in der Bundesrepublik.

OLIVER LANG / DDP


Doch anstatt die Probleme an-
zupacken, haben die Mitglieder des
Kabinetts Merkel die Arbeiten auf
der Reformbaustelle Deutschland
Weltwirtschaft profitiert weitgehend eingestellt. Den Bür-
gern seien keine Veränderungen
Behalten die Analysten recht, bleibt der Bürokratie hierzulande weite Teile des Bin- mehr zuzumuten, befand SPD-Chef Kurt
US-Konjunktur ein Einbruch erspart. Da- nenmarkts lahmlegt. Von der Handwerks- Beck vergangene Woche (siehe Seite 18).
mit verbessern sich auch die Aussichten ordnung über das Baurecht bis zu den Ho- Schon fühlen sich viele Beobachter an
für jene Länder, die Amerikas Konsumen- norarvorschriften für Freiberufler greift der die fatale „Regieren macht Spaß“-Periode
ten mit Waren beliefern. Allen voran sind Staat deutlich stärker in die Wirtschaft ein der rot-grünen Vorgänger-Regierung er-
das die Exportgiganten aus Asien, die nun als in vielen anderen Industrieländern. innert. Kaum hatte der damalige Kanzler
ebenfalls mit einer Fortsetzung des Auf- Deutlich zurückgeblieben dagegen sind Gerhard Schröder sein Amt angetreten,
schwungs rechnen. die Aufwendungen für Forschung und Bil- belebte der Internet-Boom der New Eco-
Chinas Wirtschaft soll nach dem Willen dung. Länder wie Finnland oder Schweden nomy die Wirtschaft kräftig.
der Regierung in 2007 um nicht weniger als haben allein die öffentlichen Investitionen in Überrascht von den unerwartet günsti-
acht Prozent zulegen. Aber auch den japa- Schulen oder Universitäten in den vergan- gen Konjunkturdaten, verschob die Regie-
nischen Konzernen geht es so gut wie lange genen Jahren auf rund 6 Prozent ihres Brut- rung geplante Reformen am Arbeitsmarkt
nicht. Nippons Banken trugen ihre gigan- toinlandsprodukts gesteigert. In Deutsch- und im Gesundheitswesen – und wandte
tischen Berge von faulen Krediten weit- land liegt der Anteil bei 4,4 Prozent. sich lieber den angenehmen Seiten des
gehend ab. Einige Institute treten neuerdings Auch der Aufbau Ost kommt nicht vor- Berliner Politikbetriebs zu. Es lief ja auch
wieder als Investoren auf dem Weltmarkt an. In 2006 wuchs die Wirtschaft in den ohne schmerzhafte Schnitte.
auf, von dem sie sich Anfang der neunziger neuen Ländern erneut schwächer als in Kurz darauf stürzte die Konjunktur ab –
Jahre gedemütigt zurückgezogen hatten. den alten. Statt aufzuholen, fällt der Osten und die rot-grüne Regierung geriet völlig
Bleibt die weltweite Konjunktur 2007 ökonomisch weiter zurück. aus dem Tritt. Die Arbeitslosenzahlen ex-
tatsächlich auf Kurs, können auch die deut- Vor allem aber gehen die jüngsten Ver- plodierten, die öffentliche Verschuldung
schen Unternehmen aufatmen. Je mehr besserungen bei der Beschäftigung an den stieg, die SPD-Basis rebellierte. Die eilig in
Aufträge sie aus Amerika und Asien in ihre eigentlichen Problemgruppen des Arbeits- Gang gebrachten Hartz-Reformen kamen
Bücher holen, desto eher können sie mög- markts vorbei. Laut Statistik suchen fast dann viel zu spät, um kurzfristig etwas aus-
liche Ausfälle durch den Steuerschub zu vier Millionen Deutsche einen Arbeits- richten zu können.
Hause ausgleichen. platz. Doch für eine Tätigkeit in den flo- Damit sich die Geschichte nicht wiederholt,
Nach der jüngsten, noch unveröffentlich- rierenden Branchen der Exportindustrie will die neue Regierung nun zumindest den
ten Jahresprognose des Deutschen Instituts ist ein großer Teil von ihnen nicht geeignet. Anschein von Handlungsstärke erwecken.
für Wirtschaftsforschung wird das Brutto- Noch im Januar möchte sich das
inlandsprodukt in 2007 um 1,7 Prozent Merkel-Kabinett in Berlin zu einer
zulegen. Das wäre zwar ein guter halber
3,2
Zartes Pflänzchen Klausursitzung zusammensetzen.
Prozentpunkt weniger als 2006, würde aber DIW-Prognose Ob dabei die anstehenden Projekte
ausreichen, damit sich auch der Aufwärts- Aufschwung bei Arbeitsmarkt, Rente und Ge-
trend auf dem Arbeitsmarkt fortsetzt. Wenn Veränderung des sundheit vorangetrieben werden, ist
nichts Unvorhergesehenes geschieht, so das deutschen Bruttoinlands- noch nicht absehbar. Doch darauf
Institut, werden Deutschlands Firmen 2007 produkts gegenüber 2,3 kommt es den führenden Koali-
rund 400 000 Jobs schaffen. dem Vorjahr in Prozent tionspolitikern auch gar nicht an.
Das wäre eine deutlich bessere Bilanz als 1,7 Die Hälfte des Geschäfts ist
in den Stagnationsjahren nach dem Absturz Psychologie, haben sie von der
der New Economy. Eine echte Trendwende 1,2 1,2 Wirtschaft gelernt. Deshalb soll
aber ist derlei noch immer nicht. Der Auf- 0,9 bei dem Treffen, so ein Vertrauter
schwung verdeckt nur die strukturellen von Vizekanzler Müntefering, vor
Schwächen der deutschen Wirtschaft, an allem „das Binnenklima in der
denen sich seit Amtsantritt der neuen Re- 0 –0,2 Großen Koalition verbessert wer-
gierung wenig verändert hat. Seit langem 2000 2001 2002 2004 2005 2006 2007 den“. Stimmung ist alles.
2003 Schätzung
kritisieren Experten, dass die überbordende Frank Hornig, Michael Sauga

d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 21
Deutschland

SPI EGEL-GESPRÄCH

„Ich weiche nicht aus“


Bundespräsident Horst Köhler, 63, über seinen kritischen Blick auf die Gesetzgebung der Großen
Koalition, die Reformbereitschaft der Deutschen und seine Forderung, militärische
Einsätze wie in Afghanistan oder im Irak stärker mit Entwicklungspolitik zu verzahnen

WOILFGANG KUMM / DPA


Staatsoberhaupt Köhler: „Mir geht es um die Treue zum Grundgesetz“

SPIEGEL: Herr Bundespräsident, die Große SPIEGEL: Sie haben gerade zum zweiten Mal SPIEGEL: Es gebe in diesem Fall verschie-
Koalition reibt sich an Ihnen. Der Prä- innerhalb weniger Wochen die Unterschrift dene Rechtsstandpunkte, sagt die Bundes-
sident nervt, heißt es bis hinauf in die unter ein Gesetz verweigert, das Ihnen zur kanzlerin. Auch die Regierung habe das
Spitzen der Regierungsfraktionen. Erle- Ausfertigung vorgelegt wurde. Die Situa- Gesetz sehr sorgfältig prüfen lassen, ohne
ben wir nun das Unbequem-Sein, das tion ist mit dem Wort „notfalls“ genügend dass verfassungsrechtliche Bedenken vor-
Sie zu Beginn Ihrer Amtszeit angekündigt gekennzeichnet? gebracht wurden. Wie zwingend war die
hatten? Köhler: Das Verbraucherinformationsge- Ablehnung?
Köhler: Ich habe gesagt, ich werde offen setz, auf das Sie sich beziehen, wurde mir Köhler: Im Zuge der Föderalismusreform
sein und notfalls unbequem. Das war mei- im Oktober zur Ausfertigung zugeleitet. sind im September Änderungen des
ne Einstellung von Anfang an, und das Ich habe es sorgfältig geprüft. Dabei stell- Grundgesetzes in Kraft getreten. Seither
wird auch so bleiben. te sich heraus, dass dieses Gesetz nicht mit darf der Bund keine Aufgaben mehr an
den Vorschriften des Grundgesetzes im die Kommunen übertragen, genau dies
Das Gespräch führten die Redakteure Stefan Aust, Jan Einklang stand. Deshalb war ich an der aber sah das Gesetz vor. Die Bundesregie-
Fleischhauer und Gabor Steingart. Ausfertigung gehindert. rung konnte die verfassungsrechtlichen
22 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
Bedenken nicht ausräumen. Damit war die selbstverständliche Standards in der Ge- eine arbeitsmarktpolitische Kurskorrektur
Lage klar. setzgebung sein. verbunden, die jetzt zu wirken beginnt.
SPIEGEL: Fällt es Ihnen schwer, einem Ge- SPIEGEL: Es gibt die Auffassung, dass dem Dazu hat auch der Paradigmenwechsel
setz die Unterschrift zu verweigern? Bundespräsidenten in Ermangelung einer bei der Auszahlung des Arbeitslosengel-
Köhler: Das macht keine Freude. Und ich ernsthaften, starken Opposition in einer des beigetragen. Für mich ging es nicht
weiß, dass die Bundesregierung und der Großen Koalition eine besondere Rolle zu- ums Tagesgeschäft, sondern es geht um
Gesetzgeber nicht das Grundgesetz ab- kommt, dass er also eine Kontrollfunktion Stetigkeit und Beharrlichkeit, damit wir
sichtlich unterlaufen wollen. ausübt, die er sonst so nicht hätte. den Durchbruch zu mehr Beschäftigung
SPIEGEL: Karlsruhe sei die richtige Instanz, Köhler: Das Institutionengefüge hat Be- schaffen.
die Verfassungsmäßigkeit von Gesetzen zu stand unabhängig von den Mehrheitsver- SPIEGEL: Steckt dahinter eine generelle Kri-
klären, nicht der Bundespräsident, sagen hältnissen im Parlament. Und die Opposi- tik an Tempo und Tiefe des Reformpro-
Regierungsvertreter. tion, das ist auch in Zeiten einer Großen zesses in Deutschland?
Köhler: Nach meinem Amtsverständnis hat
der Bundespräsident nicht nur ein Prü-
fungsrecht, sondern auch eine Prüfungs-
pflicht. Er ist nach dem Grundgesetz Teil
des Gesetzgebungsverfahrens. Das hat das
Bundesverfassungsgericht schon vor lan-
ger Zeit bestätigt. Im Übrigen ist der Weg
nach Karlsruhe offen, auch wenn der Bun-
despräsident ein Gesetz nicht unter-
schreibt.
SPIEGEL: Wir erleben also einen selbstbe-
wussten und damit auch machtbewussten
Präsidenten.
Köhler: Einen pflichtbewussten. Mir geht
es um die Treue zum Grundgesetz. Der
Bundespräsident ist kein Unterschriften-

ULLSTEIN BILDERDIENST / DDP


automat. Von den Bürgern wird erwartet,
dass sie sich an die Gesetze halten. Dann
sollten sie sich auch darauf verlassen kön-
nen, dass der Bundespräsident prüft, ob
die Gesetze nach den Vorschriften des
Grundgesetzes zustande gekommen sind.
SPIEGEL: Verbirgt sich hinter Ihrer Weige- Kabinettsmitglieder im Bundestag
rung auch die Einschätzung, dass in einer „Die notwendige grundlegende Erneuerung
Großen Koalition, die sich immer einer
übermächtigen parlamentarischen Mehr- Deutschlands haben wir noch nicht geschafft.“
heit gewiss sein kann, eher nachlässig, viel-
leicht sogar schlampig regiert wird? Koalition die Opposition im Bundestag. Köhler: Wir schaffen kein Vertrauen, wenn
Köhler: Gesetze regeln oft komplexe Sach- Wenn im Zuge des Gesetzgebungsverfah- wir zwei Schritte vor und anschließend
verhalte. Das bringt viele technische rens dem Bundespräsidenten mehr Arbeit wieder einen oder zwei zurück machen.
Schwierigkeiten mit sich. Und nicht selten auf den Tisch gelegt wird, weiche ich die- SPIEGEL: Ist das Reformtempo nach der
kommen Gesetze leider auch unter erheb- ser Arbeit nicht aus. Wahl unter der Großen Koalition schneller
lichem Zeitdruck zustande, das erhöht SPIEGEL: Kann es auch umgekehrt sein, dass oder langsamer geworden?
Fehlerrisiken. Aber für eine solide Gesetz- dem Bundespräsidenten bei einer Großen Köhler: Die Große Koalition hat vor allem
gebung ist Sorgfalt ein zwingendes Gebot. Koalition der Wind besonders scharf ins mit der Föderalismusreform und der Ren-
SPIEGEL: Die Direktorin des Instituts für Gesicht weht, wenn er sich kritisch zur po- te mit 67 Handlungsfähigkeit bewiesen.
Steuerrecht an der Universität Köln, Jo- litischen Arbeit äußert? Damit knüpft sie an die historisch wich-
hanna Hey, hat neulich vorgerechnet, dass Köhler: Der Bundespräsident muss sein tige Kurskorrektur der früheren Bun-
heute 20 Prozent aller Gesetze dazu die- Amt pflichtgetreu und glaubwürdig aus- desregierung an, die unter dem Titel
nen, Vorgängergesetze zu reparieren. Das üben. Er hat einen Amtseid geleistet. Agenda 2010 stand. Ich halte diese Linie
ist doch keine akzeptable Zahl. Windmessungen überlasse ich anderen. für richtig.
Köhler: Ich weiß nicht, ob diese Rechnung SPIEGEL: Sie sagen, Sie weichen der Arbeit SPIEGEL: Wird sie genügend fortgesetzt?
stimmt. Allerdings will ich auch nicht ver- nicht aus. Sie haben sich aber auch zu- Köhler: Es ist zu früh für ein endgültiges Ur-
hehlen, dass ich mich wundere, wenn mir sätzlich Arbeit aufgehalst. Anlässlich des teil.
zum Beispiel ein Gesetz vorgelegt wird, CDU-Parteitages in Dresden äußerten Sie SPIEGEL: Da sind Sie also noch nicht über-
für das bereits ein Korrekturgesetz in Ar- sich sehr kritisch zu einem Vorschlag des zeugt?
beit ist. Ich denke dann an die Bürger, die nordrhein-westfälischen Ministerpräsiden- Köhler: Die notwendige grundlegende Er-
das alles verstehen sollen. ten Jürgen Rüttgers, die Bezugsdauer des neuerung Deutschlands haben wir noch
SPIEGEL: Das heißt, Sie unterzeichnen vie- Arbeitslosengeldes für Ältere zu erhöhen. nicht geschafft. Da stehen wir erst am An-
le Gesetze, die Sie eigentlich für un- Haben Sie sich da nicht zu weit ins politi- fang. Wir haben allen Grund, uns über den
zulänglich halten? sche Tagesgeschäft vorgewagt? starken Wirtschaftsaufschwung zu freuen.
Köhler: Ich frage mich, ob wir nicht auch ei- Köhler: Arbeitslosigkeit ist das soziale Vor allem die deutsche Industrie hat ihre
nen Blick auf die Gesetzgebungskultur Grundproblem in Deutschland. Und diese Wettbewerbsfähigkeit deutlich verbessert.
werfen sollten, wenn wir uns auf die Suche Arbeitslosigkeit hat sich auch aufgrund von Das ist aber kein Grund, sich schon wieder
nach den Ursachen für die Distanz zwi- politischen Versäumnissen über Jahrzehn- zurückzulehnen.
schen Bürgern und Politik machen. Gründ- te aufgebaut und verfestigt. Mit der SPIEGEL: Im Augenblick muss man den Ein-
lichkeit und Transparenz sollten jedenfalls Reformpolitik der vergangenen Jahre war druck haben, dass die guten Wirtschafts-
d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 23
Deutschland

zahlen eher zur Selbstzufriedenheit der Dem Land mangelt es weder an Ideen Hartz-IV-Empfänger. Führen wir hier die
politischen Klasse beitragen. noch an Bürgern, die bereit sind, sie um- richtige Diskussion, wenn wir über eine
Köhler: Das ist Ihre Benotung. Ich sage, wir zusetzen. Das ist nicht das Problem. Aufstockung der Lohnersatzleistungen
sollten den Aufschwung nutzen, um weiter SPIEGEL: Sondern? reden?
voranzukommen: zum Beispiel bei der Köhler: Der Staat überfordert sich selbst mit Köhler: Es ist jedenfalls eine Diskussion,
nachhaltigen Absenkung der Lohnneben- dem Anspruch, dem Einzelnen jedes Risiko die sich noch nicht genügend der Realität
kosten, bei der Neugestaltung der Finanz- und jede Unsicherheit abzunehmen. Ich fin- und der Ehrlichkeit verpflichtet sieht. Ich
beziehungen zwischen Bund und Ländern de, die Menschen sollen Freiheit erfahren empfinde Hochachtung für die Frau an der
und bei einer nationalen Kraftanstrengung und Unterstützung bei der Verwirklichung Kaufhauskasse. Was sie an Steuern zahlt,
für Bildung sowie Forschung und Ent- ihrer eigenen Ideen erleben. Damit können finanziert auch den Sozialstaat. Menschen
wicklung. Im Aufschwung steckt eine wir am besten Kreativität mobilisieren. Des- wie sie sollten nicht das Gefühl haben
Chance für alle. halb ist es zum Beispiel auch richtig, den müssen: Eigentlich ist es ökonomisch irra-
SPIEGEL: Auch für die Armen in Deutsch- Weg vom betreuenden und nachsorgenden tional für mich, überhaupt noch arbeiten
land? Ausweislich einer gerade vom Statis- Sozialstaat hin zum vorsorgenden – ich sage zu gehen.
tischen Bundesamt veröffentlichten Studie lieber investiven – Sozialstaat zu gehen. Das SPIEGEL: Erwarten Sie von den Bürgern all-
leben Millionen unterhalb der Armuts- ist für mich ein Sozialstaat, der den Men- gemein mehr Kraftanstrengungen?
grenze. schen vor allem Chancen eröffnet, der aber Köhler: Die große Mehrheit der Bürger
Köhler: Wenn wir weniger Langzeitarbeits- auch ihre Verantwortung sieht. strengt sich an, und das verdient alle An-
lose hätten, gäbe es auch weniger Armut in SPIEGEL: Muss man dann nicht aber auch erkennung. Es muss nur klar sein: Es
Deutschland. Wir haben einfach zu lange über die Höhe staatlicher Transferleistun- braucht eine große Anstrengung der Ge-
darüber hinweggeschaut, dass da inzwi- gen reden? Was das verfügbare Einkom- sellschaft insgesamt, unseren Wohlstand zu
schen Millionen Menschen in einer Situa- men angeht, gibt es keinen großen Unter- halten, und eine noch größere, ihn weiter
tion verharren, in der sie für sich keine schied zwischen einem Arbeitslosen und zu steigern. Die Regierung in Dänemark
Perspektive sehen oder nicht mehr sehen demjenigen, der in einer der unteren zum Beispiel hat das erkannt. Sie hat eine
wollen. Lohngruppen arbeitet, ein Umstand, den Strategie formuliert, wie ihr Land aus der
SPIEGEL: Aber können Sie eine Kraftan- die Experten seit Jahren bemängeln. Globalisierung bestmöglich Nutzen ziehen
strengung der Politik erkennen, daran et- Köhler: Derjenige, der arbeitet und auch kann. Im Vorwort steht, dass es Dänemark
was grundlegend zu ändern? Arbeit unter schwierigen Bedingungen an- gutgeht – und genau deshalb sei jetzt der
richtige Zeitpunkt, sich für die Zukunft zu
wappnen. Die Dänen sagen also: Wenn du
stark bist, nutze deine Kraft, um dich auf
das Kommende vorzubereiten. Die meisten
Reformvorschläge gelten übrigens For-
schung und Bildung.
SPIEGEL: In den skandinavischen Staaten,
Finnland vorneweg, sind die Sozialausga-
ben gesunken. Dafür haben sie das Geld in
die Bildung investiert.
Köhler: Eine Studie im Auftrag der Hans-
Böckler-Stiftung hat gerade festgestellt,
dass wir in Deutschland europaweit an der
Spitze stehen bei der Höhe unserer So-
zialaufwendungen im Verhältnis zur volks-
wirtschaftlichen Leistung, aber weit hin-
ten in Bezug auf die Wirksamkeit dieser
Aufwendungen. Unsere Sozialpolitik ist
demnach in hohem Maße ineffizient. Wir
könnten mehr für die Bürger tun, mit den
MARGARET MOLLOY

gleichen Ausgaben.
SPIEGEL: Es gibt in Deutschland 26,5 Millio-
nen Empfänger von Transferzahlungen, ge-
nauso viele, wie als Beschäftigte in die So-
Totenehrung für im Irak gefallene US-Soldaten (in Kalifornien) zialkassen einzahlen. Ein Präsidiumsmit-
„Die Europäer haben den Amerikanern Erfahrung bei glied der CDU hat uns vor kurzem gesagt,
dass die Politik der Volksparteien sich zu-
der Begegnung mit anderen Kulturen voraus.“ nehmend auf die Verschiebung der Mehr-
heitsverhältnisse einzustellen beginnt.
Köhler: Ich erkenne viel Bewegung im nimmt, soll besser dastehen als jemand, Köhler: Wenn eine Demokratie nur nach
Land. Den Preis für die beste Schule der von Lohnersatzleistungen lebt. Das dem Gesetz der größeren Zahl funktioniert,
Deutschlands zum Beispiel bekam eine sollte auch ein durchgehendes Leitprinzip trägt sie möglicherweise den Keim ihres
Grundschule in Dortmund, weil sie für bei der geplanten Neuordnung des Nied- eigenen Niedergangs in sich. Deswegen
Kinder aus 26 Nationen ein vorbildliches riglohnsektors sein. braucht es eben auch politische Führung.
Klima für kreatives Lernen geschaffen hat. SPIEGEL: Armut beginnt laut den jetzt vor- SPIEGEL: „Mehrheit ist der Unsinn, Ver-
Die Schulleiterin hat gesagt, wir brauchen gelegten Zahlen im Falle einer vierköpfi- stand ist stets bei wen’gen nur gewesen“,
für unsere Schule eine Vision, und wir gen Familie in Deutschland bei einem ver- sagte einst Friedrich Schiller.
brauchen Spielraum für eigene, praktische fügbaren Einkommen von 1798 Euro netto. Köhler: Da bin ich ein bisschen optimisti-
Lösungen vor Ort. Im Grunde lautete ihre Eine Frau, die heute an einer Kaufhaus- scher. So viel Wissen und Informiertheit in
Botschaft: Lasst uns bitte machen. Und auf kasse sitzt und mit ihrem Verdienst ihre der Breite gab es historisch noch nie. Das
diese Haltung stoße ich überall im Land. Familie durchbringt, hat weniger als ein gibt mir Zuversicht. Es will mir nicht in
24 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
den Kopf, dass es nicht möglich sein soll, kämpften Süden zu gehen, zumindest nicht Köhler: Es hängt davon ab, wie wichtig uns
eine Politik zu definieren, bei der ich zwar mit Bodentruppen. Einige Nato-Partner eine wirksame internationale Stabilitäts-
dem einzelnen Menschen Veränderung zu- haben sehr deutlich gemacht, dass sie das politik ist, die über das Militärische hin-
mute, aber doch auch die vernünftige Aus- nicht akzeptabel finden. Ist das eine kluge ausreicht. Politisch ist es geboten, dass sich
sicht habe, dass es hinterher allen insge- oder eher eine ärgerliche Entscheidung des der Westen darüber klar wird, welche Rol-
samt nachhaltig bessergeht. deutschen Parlaments? le Afghanistan für weitergehende Fragen
SPIEGEL: In der Politik hat sich die Auffas- Köhler: Die Bundeswehr ist mit gutem internationaler Stabilität spielt.
sung durchgesetzt, dass mit dem Wort „Re- Grund eine Parlamentsarmee. Deshalb SPIEGEL: Die westliche Interventionspoli-
form“ keine Wähler zu gewinnen sind. Der habe ich diese Entscheidung nicht zu be- tik hat einen eindeutig militärischen
Impetus zur Veränderung rückt damit im- werten. Für mich wirft die Situation in Schwerpunkt …
mer weiter in den Hintergrund. Afghanistan eine grundsätzlichere Frage Köhler: … was ich kritisch sehe. Das mi-
Köhler: Das wäre schlecht, denn wir kön- auf, nämlich: Was wollen wir eigentlich mit litärische hat leider das zivile Element zu-
nen vieles nur bewahren, wenn wir auch
vieles ändern. Im Gespräch mit den Bür-
gern kann ich nicht erkennen, dass man
mit dem Thema Reform von vornherein
scheitern muss. Aber man braucht über-
zeugende Erklärungen, was sich warum in
Deutschland ändern sollte, was der welt-
weite Wandel für uns bedeutet und welche
Chancen er für uns birgt. Die meisten Bür-
ger wollen Ehrlichkeit und können sie auch
verkraften, selbst wenn sie mit Zumutun-
gen verbunden ist. Sie sagen mir: „Es muss
gerecht zugehen, dann machen wir auch
mit.“ Und mit Gerechtigkeit meinen sie
nicht das kleinliche Berechnen kurzfristi-
ger Vor- und Nachteile, sondern sie mei-
nen: Gerechtigkeit bei den Chancen. Also:
Die Leute können mit Freiheit umgehen,
und vernunftbegabt sind sie auch.
SPIEGEL: Stimmt der Eindruck, dass Sie in

SHAH MARAI / AFP


letzter Zeit verstärkt das Gefühl hatten,
Sie müssten als Bundespräsident etwas
deutlicher werden?
Köhler: Ich finde, die Bürger haben ein
Recht zu wissen, was der Bundespräsident Deutsche Soldaten in Afghanistan
über bestimmte Dinge denkt. „Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass es
SPIEGEL: Derzeit bewegen auch eine Reihe
von schwerwiegenden außenpolitischen immer auch um Leben oder Tod gehen kann.“
Fragen die Bürger. Vor allem die Türkei
sorgt für Unmut, die ihre Häfen nicht für dem Nordatlantikpakt? Die Nato ist das nehmend überlagert. Dabei liegt für Af-
das EU-Land Zypern öffnen will. Ist die Bündnis des Westens. Ich glaube, dieses ghanistan seit 2001 ein integriertes Kon-
Türkei für Sie ein europäisches Land? Bündnis sollte nach innen gestärkt, ja re- zept für den Wiederaufbau vor, und
Köhler: Geografisch liegt nur ein Zipfel der vitalisiert werden. Das verlangt aber auch Deutschland war daran maßgeblich be-
Türkei auf dem europäischen Kontinent, eine Neugewichtung zwischen den mi- teiligt. Ich weiß, wie schwierig die Um-
und überwiegend gehört das Land einem litärischen und den politischen Aufgaben setzung dieses Konzepts gerade im Süden
anderen Kulturkreis an. der Nato. ist. Ein zentrales Problem bleibt der
SPIEGEL: Was bedeutet das für die Frage SPIEGEL: Die Deutschen müssen das Töten Mohnanbau. Bis heute hat niemand einen
eines Beitritts zur Europäischen Union? lernen, wurde dem Koordinator der Plan entwickelt, wie zum Beispiel den
Köhler: Dass die Beschlusslage der eu- deutsch-amerikanischen Beziehungen Drogenbaronen Einhalt geboten werden
ropäischen Staats- und Regierungschefs Karsten Voigt kürzlich bei einem Wa- kann.
weiter gilt, nämlich mit der Türkei über ei- shington-Besuch gesagt. Stimmt das? SPIEGEL: Sie plädieren also für einen Neu-
nen Beitritt zu verhandeln, ergebnisoffen. Köhler: Wir müssen uns darüber im Klaren anfang?
SPIEGEL: Dabei bleibt es? sein, dass es bei Auslandseinsätzen der Köhler: Ich glaube, wir benötigen einen in-
Köhler: Das wäre mein Rat. Die Verhand- Bundeswehr immer auch um Leben oder tegrierten Ansatz mit einem entwick-
lungen werden dabei noch viele Jahre dau- Tod gehen kann. Und es muss unser Inter- lungspolitischen und einem diplomatischen
ern. Ein Blick auf die Krisenherde der Welt esse sein, dass militärischen Einsätzen im- Überbau. Das Militärische ist dann nur
und besonders auf den Nahen Osten zeigt, mer eine Friedenslogik übergeordnet ist. noch ein Element einer Gesamtstrategie
dass es nicht im Interesse Deutschlands und Die Menschen in Afghanistan müssen also und kann im Erfolgsfall zunehmend in den
Europas ist, wenn sich die Dinge dort noch erkennen können, dass die Anwesenheit Hintergrund treten. Die Erneuerung der
mehr komplizieren. In jedem Fall sollten fremder Soldaten einer besseren Zukunft Nato sollte dahin gehen, Friedenspolitik
wir peinlich darauf achten, dieses große für sie selbst dient. Die Bundeswehr hat stärker als Entwicklungspolitik zu definie-
und wichtige Land nicht vor den Kopf zu dies mit ihrer Unterstützung der zivilen ren. Das erfordert auch eine enge Zusam-
stoßen. Aufbauarbeit etwa bei Schul- und Straßen- menarbeit zwischen Nato und Vereinten
SPIEGEL: Der deutsche Bundeswehreinsatz bau gut vermittelt. Aber hierüber muss in Nationen. Wenn das Bündnis eine solche
in Afghanistan ist in die Kritik geraten. der Nato insgesamt Klarheit geschaffen Zielsetzung glaubwürdig und mit Nach-
Deutschland hat sich festgelegt, im Nor- werden. druck vermittelt, dann gibt es Hoffnung
den zu bleiben und nicht in den um- SPIEGEL: Können wir noch gewinnen? für einen Neuanfang im Verhältnis zwi-
d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 25
Deutschland

schen dem Westen und den anderen Na- Köhler: Ich glaube, dass die Menschen im Köhler: Die russische Demokratie wird
tionen der Welt. Nahen und Mittleren Osten dem Grund- möglicherweise nie ganz unseren Vorstel-
SPIEGEL: Ist so auch dem Irak-Schlamassel satz nach dasselbe wünschen wie die lungen entsprechen. Das ist aber auch
zu entkommen? Menschen bei uns: dass sich das Leben nicht zwingend für eine gute Zusammen-
Köhler: Die Grundaussage, dass ohne eine lohnt. Nur wer nichts zu verlieren hat, ist arbeit.
entwicklungspolitische Dimension, die empfänglich für Extremisten. Das geht SPIEGEL: Ist Präsident Wladimir Putin eher
glaubwürdig am Wohlergehen der Be- über das Religiöse weit hinaus. Der Be- ein Opfer der Umstände oder einer der
völkerung ausgerichtet ist, kein militä- völkerungswissenschaftler Gunnar Hein- Drahtzieher hinter den jüngsten Turbu-
rischer Einsatz mehr vielversprechend sohn aus Bremen sieht zum Beispiel lenzen?
ist, gilt für den Irak genauso wie für Af- nicht so sehr in einem aggressiven Islam Köhler: Ich verfüge nicht über Informatio-
ghanistan. das größte Konfliktpotential, sondern in nen, die über das hinausgehen, was auch
SPIEGEL: Hat nicht derjenige, der von vorn- dem raschen Anwachsen einer perspektiv- Ihnen zugänglich ist. Ich kann Ihnen aber
herein seine Teilnahme ausschließt, sein losen Jugend in vielen arabischen Län- sagen, wie ich Präsident Putin bei früheren
Recht verwirkt, in der Irak-Debatte das dern. Begegnungen erlebt habe: als einen außer-
große Wort zu führen? SPIEGEL: Ihre Schlussfolgerung? ordentlich sachkundigen Politiker mit der
Fähigkeit, sich auf das Nächstliegende zu
konzentrieren. Und das war am Ende der
neunziger Jahre zunächst einmal die Wie-
derherstellung von staatlicher Ordnung und
Handlungsfähigkeit. Später erlebte ich ihn
auch als ernsthaften Reformer mit wachsen-
dem machtpolitischem Selbstbewusstsein.
SPIEGEL: Putin, der Gute?
Köhler: Das Verhältnis, das die russische
Führung bisweilen etwa zu Pressefreiheit
oder zu anderer Leute Eigentum ent-
wickelt, kann man kritisch beurteilen. Das
veranlasst mich aber nicht, mich an Spe-
kulationen und Verdächtigungen zu betei-
ligen, die darüber weit hinausgehen.
SPIEGEL: Nochmals unsere Frage: Putin ist
aus Ihrer Sicht also ein Opfer, kein Täter?
Köhler: Manche sagen, was wir derzeit er-
leben, sei bereits Teil des Machtkampfes
um die Nachfolge des Präsidenten. Ich
weiß es nicht. Es ist richtig, dass Außen-
minister Steinmeier die russische Führung
ITAR-TASS / REUTERS

aufgefordert hat, eine rasche Aufklärung


der jüngsten Morde an Kritikern der Re-
gierung herbeizuführen.
SPIEGEL: Nun ist Russland ein Land, mit
Russischer Präsident Putin (im Hauptquartier des Militär-Geheimdienstes im November 2006) dem wir eine Art Energiepartnerschaft ein-
„Die russische Demokratie wird möglicherweise nie gehen. Außenminister Frank-Walter Stein-
meier denkt sogar an eine europäisch-rus-
ganz unseren Vorstellungen entsprechen.“ sische Freihandelszone. Sind das Überle-
gungen, die Sie teilen?
Köhler: Ich glaube nicht, dass irgendjemand Köhler: Ein Grundpfeiler jeder sinnvollen Köhler: Wir müssen konstruktiv mit Russ-
in Deutschland oder Europa hier das große Strategie des Westens lautet für mich, jedem land sprechen. Ich finde, der Bundeaußen-
Wort führen will. Es wird im Westen ins- Bürger dieser Völker das Gefühl zu geben: minister verfolgt eine vernünftige Linie.
gesamt darum gehen, gemeinsame politi- Wir wollen, dass auch er die Möglichkeit SPIEGEL: Auch Sie sind Präsident, aber ei-
sche Ziele zu definieren und dann Zusam- hat, frei von Not und Furcht zu leben. Wenn ner mit sehr eingeschränkter Machtbefug-
menarbeit zu organisieren. Eine Haltung, es gelingt, in dieser Frage Glaubwürdigkeit nis. Guckt man da bewundernd auf einen
die da heißt: Wer es sich eingebrockt hat, zu gewinnen, dann trocknet den Funda- Präsidenten wie Putin?
muss es auch allein auslöffeln, ignoriert mentalisten der Nährboden aus. Köhler: I wo. Ich bin unserem Land und
langfristige deutsche und europäische In- SPIEGEL: Schauen wir nach Russland: Wie seinem Grundgesetz treu. Und ich glaube,
teressen. ist Ihr Blick heute auf einen Staat, der im dass Deutschland in den vergangenen 60
SPIEGEL: Das ist die Haltung in großen Tei- Moment vor allem dadurch auffällt, dass er Jahren demokratische Reife und politische
len der SPD. brutale Methoden gegenüber den Kritikern Statur gewonnen hat.
Köhler: Das ist nicht mein Eindruck. Ich des Präsidenten anwendet? SPIEGEL: Und das wird uns vom Ausland
glaube, die Europäer haben den Amerika- Köhler: Russland ist ein bedeutendes Land gutgeschrieben?
nern Erfahrung bei der Begegnung mit an- mit ganz eigener Kultur und Geschichte. Köhler: Draußen in der Welt haben die
deren Kulturen voraus. Das wird zuneh- Wir haben allen Grund, dieses Land mit Deutschen einen guten Ruf. In Afrika und
mend erkannt. Und die Erfahrung von Respekt und großer Aufmerksamkeit zu Lateinamerika sagen die Leute: Ihr seid
Transformation haben wir in der Europäi- behandeln. Deshalb müssen wir dennoch leistungsfähig. Ihr seid fair. Jetzt sagen die
schen Union selbst gemacht. Das kann Menschenrechtsfragen oder Mordfälle wie Leute sogar in London und New York: Ihr
doch hilfreich sein. in der jüngsten Vergangenheit offen an- habt Humor. Das zeigt mir: Das Land ist
SPIEGEL: Viele gehen davon aus, dass ein sprechen. Es wird aber möglicherweise auf einem guten Weg.
aggressiver Islam keinerlei Aussöhnung noch lange dauern, bis wir sagen können … SPIEGEL: Herr Bundespräsident, wir dan-
sucht. Eine Fehleinschätzung? SPIEGEL: … das sind lupenreine Demokraten. ken Ihnen für dieses Gespräch.
26 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
UWE LEIN / AP
Politikerin von der Leyen (in einer Kita in München): „Gleichstellung als Erfolgsstrategie“

ihn vor kurzem in die 24. Ausgabe aufge-


REGIERUNG
nommen hat?
Hinter dem sperrigen Anglizismus steckt

Der neue Mensch mehr als klassische Frauenförderung, wie


sie die Gleichstellungsbeauftragten im Sinn
haben, die es heute in jeder größeren Ver-
waltung gibt. Gender Mainstreaming will
Unter dem Begriff „Gender Mainstreaming“ haben Politiker nicht nur die Lage der Menschen ändern,
ein Erziehungsprogramm für Männer und Frauen sondern die Menschen selbst.
gestartet. Vorn dabei: Familienministerin Ursula von der Leyen. Das englische Wort „Gender“ beschreibt
die erlernte Geschlechterrolle, es drückt

D
er Nationalpark Eifel ist ein schö- Man könnte die Sache für das Ergebnis die Vorstellung aus, dass Männer und
ner Flecken Erde zwischen Bonn einer übereifrigen Bürokratie halten, wäre Frauen sich nur deshalb unterschiedlich
und Aachen. Lichte Buchenwälder da nicht diese merkwürdige Wendung verhalten, weil sie von der Gesellschaft
wechseln sich ab mit duftenden Heidewie- „Gender Mainstreaming“. Die Spitzenleu- dazu erzogen werden. Das ist kein neuer
sen. Es ist ein Ort, an dem alle Menschen te im Kanzleramt kennen sie ebenso wie Gedanke, Simone de Beauvoir schrieb
gleichermaßen Ruhe und Erholung finden, die Angestellten in Rathäusern und schon 1949: „Man kommt nicht als Frau
Männer wie Frauen; ein Ort, so möchte Kreisämtern, sie ist eingedrungen in die zur Welt, man wird es.“
man meinen, wo der Geschlechterkampf Verwaltung des Staates, leise, aber mit be- Neu ist, dass die Idee Eingang in die
pausiert. trächtlicher Wirkung. Gender Mainstrea- Politik gefunden hat, und dort entfaltet sie
Das Umweltministerium Nordrhein- ming ist Leitprinzip für alle Bundesbehör- eine tiefgreifende Wirkung. Denn wenn
Westfalen traute dem Frieden nicht und den, so steht es in der Geschäftsordnung das Geschlecht nur ein Lernprogramm ist,
schickte ein Expertenteam los, eine Sozio- der Regierung, zwölf Bundesländer sind dann kann man es im Dienst der Ge-
login, eine promovierte Ökotrophologin, mit ähnlichen Regelungen nachgezogen, schlechtergerechtigkeit auch umschreiben.
sie hatten einen wichtigen Auftrag: „Gen- das CSU-regierte Bayern genauso wie der Das ist ein Ziel des Gender-Mainstrea-
der Mainstreaming im Nationalpark Eifel – rot-rote Berliner Senat. ming-Konzepts. Nach dem Antidiskrimi-
Entwicklung von Umsetzungsinstrumen- Vor allem Bundesfamilienministerin Ur- nierungsgesetz ist dies nun das zweite ge-
ten“. Das klingt kompliziert, aber dahinter sula von der Leyen (CDU) ist die Sache ein sellschaftspolitische Projekt von Rot-Grün,
stand die Überzeugung, dass Sexismus Anliegen. In ihrem Haus gibt es ein eigenes das unter der neuen Bundesregierung mit
nicht vor den Grenzen eines Naturschutz- Referat Gender Mainstreaming und Anti- Elan weiterbetrieben wird.
gebiets haltmacht. diskriminierung, das Thema nimmt auf der Wer eine Vorstellung davon bekommen
Nach elf Monaten Arbeit legte das For- Internet-Seite des Ministeriums breiten möchte, wie Gender Mainstreaming in der
scherteam einen 67-seitigen Abschlussbe- Raum ein. Gleich zu Amtsbeginn beklagte Praxis funktioniert, muss bei Ralf Puchert
richt vor. Es empfahl zum Beispiel, Bilder die neue Ressortchefin: „Mit Gender vorbeischauen. Puchert hat es sich zur
von der Hirschbrunft möglichst aus Wer- Mainstreaming hinken wir der internatio- Lebensaufgabe gemacht, einen anderen
bebroschüren zu streichen, denn so etwas nalen Entwicklung hinterher.“ Mann zu formen, er verfolgt den Gedan-
fördere „stereotype Geschlechterrollen“. Was aber bedeutet Gender Mainstrea- ken, seit er in den achtziger Jahren an der
Die Landesregierung überwies 27 000 Euro ming, ein Begriff, der inzwischen so ver- TU Berlin studiert hat. 1989 schloss er sich
für die Studie. breitet ist, dass die Redaktion des Duden mit vier anderen Pädagogen aus seiner
d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 27
Männergruppe zusammen
und gründete „Dissens“, ei-
nen Verein für eine „aktive
Patriarchatskritik“.
Inzwischen sind die meis-
ten Männergruppen im Or-
kus der Zeitgeschichte ver-
schwunden, Dissens aber ist
ein florierender Betrieb mit
20 Mitarbeitern, eine Art
Allzweck-Anbieter für pro-
gressive Geschlechterarbeit.
Die späte Blüte verdankt der
Verein auch dem Umstand,
dass Gender-Mainstreaming-
Projekte seit einigen Jah-
ren großzügig gefördert wer-
den; Aufträge kamen schon
von der Stadt Berlin, der
Bundesregierung, der EU-
Kommission.
Spezialgebiet des Vereins
ist Jungenarbeit. Von dieser
J. H. DARCHINGER

hat Dissens eine sehr eigene


Vorstellung, denn es geht da-
bei auch darum, Jungs früh
zu Kritikern des eigenen Ge-
schlechts zu erziehen. Es gibt Feministinnen (1975 in Bonn): „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“
ein einprägsames Beispiel,
wie die Gender-Theorie Eingang gefunden wie sie schreiben. Das Ziel einer „nicht- „Neue Wege für Jungs“, eine Art Berufs-
hat in die angewandte Pädagogik. identitären Jungenarbeit“ sei „nicht der beratung für männliche Teenager. Es ist
So spielten Dissens-Mitarbeiter bei ei- andere Junge, sondern gar kein Junge“. eine Reaktion auf den „Girls’ Day“, den es
ner Projektwoche mit Jungs in Marzahn Gender Mainstreaming ist eine Reak- schon länger gibt und mit dem junge
einen „Vorurteilswettbewerb“, an dessen tion auf die Klage vieler Feministinnen in Mädchen dazu gebracht werden sollen, Be-
Ende die Erkenntnis stehen sollte, dass den neunziger Jahren, dass die traditio- rufe wie Ingenieur oder Techniker zu ler-
sich Männer und Frauen viel weniger un- nellen Instrumente der Frauenförderung nen und sich nicht auf klassische Frauen-
terscheiden als gedacht. Es entspann sich nicht ausreichten. Deswegen sollen nun berufe wie Altenpflegerin oder Friseurin
eine heftige Debatte, ob Mädchen im Ste- Gleichstellungsbemühungen in alle Be- zu beschränken. Es ist eine sinnvolle Sache.
hen pinkeln und Jungs Gefühle zeigen reiche des öffentlichen Lebens Einzug Auf den ersten Blick erscheint auch
können, Sätze flogen hin und her. Am halten, man will in den „Mainstream“ „Neue Wege für Jungs“ durchaus vernünf-
Ende warfen die beiden Dissens-Leute staatlichen Handelns und dabei auch tig, die Macher werben mit Postern, auf de-
einem besonders selbstbewussten Jungen Männer dazu bringen, auf Macht und nen lässige Teenager einer fröhlichen Zu-
vor, „dass er eine Scheide habe und nur so Einfluss zu verzichten. „Gender Main- kunft entgegenblicken. Eigenartig ist nur,
tue, als sei er ein Junge“, so steht es im streaming“ sei ein Projekt, „das die Pri- dass „Neue Wege für Jungs“ den männ-
Protokoll. vilegien von Männern als sozialer Gruppe lichen Schulabgängern genau jene Pflege-
Einem Teenager die Existenz des Ge- in Frage stellt“, sagt Sabine Hark, eine der und Sozialberufe empfiehlt, zu denen man
schlechtsteils abzusprechen ist ein ziem- führenden Gender-Theoretikerinnen in Mädchen nicht mehr raten will, weil sie zu
lich verwirrender Anwurf, aber das nah- Deutschland. geringe Karriereaussichten bieten.
men die Dissens-Leute in Kauf, ihnen ging Seit gut anderthalb Jahren finanziert das Es ist unbestritten, dass in Deutschland
es um die „Zerstörung von Identitäten“, Bundesfamilienministerium die Aktion von echter Gleichberechtigung keine Rede
Deutschland

sein kann. In den Vorständen der 30 Dax- „Kompetenzzentrum“ eingerichtet, in dem


Unternehmen sitzt keine einzige Frau, nur acht Wissenschaftler darüber wachen, dass
acht Prozent der Professuren in der höchs- Gender Mainstreaming korrekt in den
ten Besoldungsgruppe sind weiblich be- Staatskörper eingepflanzt wird. In jedem
setzt, und Männer verdienen in vergleich- Berliner Bezirksamt hängt am Schwarzen
baren Positionen in Großunternehmen im Brett inzwischen ein Fortschrittsbericht der
Schnitt immer noch 23 Prozent mehr als „Gender-Geschäftsstelle“.
ihre Kolleginnen. Vor allem der Bund sorgt dafür, dass die
Die Frage ist nur, ob Gender Mainstrea- Experten zu tun haben. Das Verkehrs-
ming die richtige Antwort darauf ist. Denn ministerium zahlte 324 000 Euro für das
es ist ein Unterschied, ob der Staat sich Papier „Gender Mainstreaming im Städte-
darum bemüht, Benachteiligungen mit ge- bau“, und dabei kam unter anderem
zielter Förderung zu beseitigen – oder ob er heraus, dass sich die Herren der Stadt
sich herausnimmt, neue Rollenbilder für Pulheim bei Köln gern eine Boulebahn
die Menschen zu entwickeln und dabei beim Neubau des Stadtgartens wünschen.
schon Jugendliche in den Dienst eines Das Bundesumweltministerium hat 180 000

M. MITCHELL
sozialpädagogischen Projekts zu stellen, Euro für die Studie „Gender Greenstrea-
das auf einer zweifelhaften theoretischen ming“ übrig, zu deren Ergebnissen gehört,
Grundlage steht. Mediziner Money dass es geschlechterpolitisch sinnvoll wäre,
Der amerikanische Mediziner John Die Realität beugte sich nicht der Theorie wenn es auch mal „Motorsägenkurse für
Money war einer der Ersten, die wissen- Frauen“ gäbe.
schaftlich zu beweisen versuchten, dass fessorin Judith Butler. Für Butler ist die Und das nächste Projekt steht schon auf
Geschlecht nur erlernt ist, er war einer Geschlechtsidentität der meisten Men- der Tagesordnung. Seit März liegt im Bun-
der Pioniere der Gender-Theorie. Money schen eine Fiktion, eine „Komödie“, die desfamilienministerium eine „Machbar-
ging bei seiner Forschung nicht zimperlich aufzuführen sie von frühester Kindheit an keitsstudie Gender Budgeting“, sie hat
vor: Im Jahr 1967 unterzog er den knapp eingebläut bekommen. Das Zusammenle- 180 000 Euro gekostet, der Haushalt etli-
zwei Jahre alten Jungen Bruce Reimer ei- ben von Mann und Frau und das sexuelle cher Ministerien wurde dafür untersucht.
ner Geschlechtsumwandlung; dessen Penis Begehren zwischen den unterschiedlichen Würde es umgesetzt, müsste jeder einzel-
war zuvor bei einer Beschneidung ver- Geschlechtern betrachtet sie als Ausdruck ne Finanzposten danach abgeklopft wer-
stümmelt worden. Schon bald zeigte sich, eines perfiden Repressionssystems, der den, ob er geschlechterpolitisch korrekt
dass sich die Realität nicht Moneys Theo- „Zwangsheterosexualität“. ausgegeben wird. Es wäre der Sieg der
rie beugen wollte. Schon als kleines Kind Es ist leicht, Butler für das Produkt eines Bürokratie über die Vernunft, denn es ist
riss sich Brenda, wie Bruce nun hieß, die etwas überdrehten amerikanischen Uni- schwer zu klären, ob nun eher Frauen oder
Kleider vom Leib, um Mädchenspielzeug versitätsbetriebs zu halten. Aber das hie- Männer einen Vorteil haben, wenn die Re-
machte sie einen weiten Bogen. Als Bren- ße, ihre Wirkung zu unterschätzen. An je- gierung Steinkohlesubventionen zahlt oder
da mit 14 erfuhr, dass sie als Junge auf der der zahlreichen deutschen Hochschu- einen neuen Kampfhubschrauber bestellt.
die Welt gekommen war, ließ sie die Ge- len, die Gender-Studien anbieten, gehört Inzwischen dämmert es vielen in der
schlechtsumwandlung rückgängig machen. Butler zum Kanon, und für die Studenten Union, dass ein Projekt wie Gender Main-
Im Frühjahr 2004 erschoss sich Bruce Rei- bieten sich immer mehr Möglichkeiten, streaming kaum mit der Programmatik
mer mit einer Schrotflinte. das Erlernte in die Praxis umzusetzen. einer konservativen Partei zu vereinbaren
Noch heute führt jede neue Den Gender-Theoretikern ist ist. „Ich frage mich wirklich, ob wir damit
Studie über die Gründe für es gelungen, aus ihrer akade- den richtigen politischen Schwerpunkt set-
das unterschiedliche Verhalten mischen Nischendisziplin ein zen“, grummelt der Unionsfraktionsvize
der Geschlechter zu heftigen bürokratisches Großprojekt zu Wolfgang Bosbach. Bisher war es immer
Debatten. Das liegt vor allem machen. Position der Union, sich aus dem Privatle-
daran, dass es eine politische Bis in die Provinz sind ben der Menschen möglichst herauszuhal-
Frage ist, ob Natur oder Kul- die Gender-Arbeiter schon ten; sie wollte den Staat nach ihrem Willen
tur den Menschen zu Mann vorgedrungen. Für die Dorf- formen, aber nicht die Bürger.
MARKUS KIRCHGESSNER / LAIF

oder Frau macht. Würden erneuerung von Jützenbach, Ursula von der Leyen hat sich eine
Gene und Hormone das Ver- einer 550-Einwohner-Gemein- Doppelstrategie überlegt, um der Kritik
halten der Menschen steuern de im Südharz, gab das Erfur- auszuweichen. Öffentlich wird die Minis-
wie eine Fernbedienung, dann ter Landwirtschaftsministeri- terin das Wort Gender Mainstreaming
könnten Gegner einer echten um einen „Gender-Check“ für nicht mehr in den Mund nehmen, in einer
Gleichstellung der Geschlech- 15000 Euro in Auftrag, der un- Leitungsbesprechung in ihrem Haus
ter es zu einer Art Naturgesetz Professorin Butler ter anderem zu der Erkenntnis wurde verfügt, dass künftig die Formel
erklären, dass Frauen ihr Le- Radikale Vertreterin führte, dass in der freiwilligen „Gleichstellungspolitik als Erfolgsstrategie“
ben in Sorge um Kind und Feuerwehr nur eine einzige zu verwenden sei. Aber das ändert nichts
Heim verbringen müssen. Das erklärt wie- Frau Dienst tut. Die Freiburger Stadtver- an ihrer Linie.
derum, warum viele Feministinnen und waltung hat einen Leitfaden für Erzieher Wer den „Newsletter zu Gleichstel-
Gender-Theoretiker so vehement bestrei- herausgegeben, damit „negativen Einwir- lungspolitik“ des Ministeriums abonniert,
ten, dass es überhaupt einen Unterschied kungen jungmännlicher Dominanz“ schon findet unter der Rubrik „Neues aus dem
gibt zwischen Mann und Frau außer Pe- im Kindergarten begegnet wird. GenderKompetenzZentrum“ weiterhin
nis und Vagina. Sie fürchten, dass alles Kaum ein Bürger weiß, was Gender regelmäßig Erfolgsmeldungen. Von der
andere als Rechtfertigung benutzt wird, Mainstreaming heißt, die deutschen Staats- Leyen hat schon zu Beginn ihrer Amtszeit
um Frauen Rechte und Lebenschancen diener aber bekommen immer ausgeklü- klargemacht, dass sie sich im Gegensatz
vorzuenthalten. geltere Leitfäden dazu auf den Tisch, es zur Kanzlerin nicht mit einer Politik der
Die wohl einflussreichste und radikalste gibt Pilotprojekte, Lehrgänge und Mach- kleinen Schritte begnügen will. „Ich möch-
Vertreterin der Gender-Theorie ist die barkeitsstudien. An der Berliner Humboldt- te in diesem Land etwas bewegen“, sagte
im kalifornischen Berkeley lehrende Pro- Universität hat die Regierung eigens ein sie. René Pfister

d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 29
Deutschland

vor zwölf Tagen, als die Fürther Landrätin


Gabriele Pauli, 49, dem Ministerpräsiden-
CSU
ten bei einer CSU-Vorstandssitzung vor-
warf, er lasse sie bespitzeln. Das gesamte

Blockade der Kandidaten Führungspersonal der CSU erstarrte. „So


wichtig sind Sie nicht“, sagte Stoiber nur.
Früher wäre die Sache damit erledigt ge-
wesen. Früher wäre auch Frau Pauli erle-
Ministerpräsident Edmund Stoiber geht angeschlagen aus der digt gewesen.
Spitzelaffäre hervor, in der Partei wird überlegt, ihn aus Stattdessen trug sie den Sieg über ihren
dem nächsten Landtagswahlkampf möglichst herauszuhalten. Parteichef davon. Stoibers Büroleiter Mi-
chael Höhenberger, der im Um-

I
n den vergangenen Wochen wurde Ed- feld Paulis geschnüffelt haben
mund Stoiber häufiger von politischen soll, musste vier Tage später ge-
Erinnerungen übermannt. Dann sah er hen. Er war einer der engsten
sich selbst, vor 13 Jahren, als schneidigen Vertrauten des Ministerpräsi-
Innenminister, dem in München die Zu- denten, er ist seit rund drei
kunft gehörte. Der bayerische Minister- Jahrzehnten an seiner Seite.
präsident Max Streibl war tief in einen Fi- In der Partei wird seither
nanzskandal verstrickt, der als Amigo-Af- ziemlich ungehemmt über Stoi-
färe in die Geschichte eingehen sollte. Die bers politische Zukunft disku-
CSU steckte in einer ernsten Krise, die tiert. Immer mehr Landtags-
nächste Landtagswahl rückte näher. abgeordnete zeigen ihre Sym-
Alles wartete auf eine Entscheidung, da pathie für die Forderung der
trat Stoiber vor die CSU-Abgeordneten Landrätin Pauli, den Spitzen-
und sagte: „Wenn Max Streibl aufhören kandidaten für die Landtags-
sollte – ich traue mir das zu.“ Es war das wahl 2008 nach einer Urabstim-
Signal zum Sturz des Ministerpräsidenten. mung in der Partei zu benen-
Streibl musste zurücktreten, Stoiber wurde nen. Selbst der bayerische Um-
sein Nachfolger. weltminister Werner Schnapp-
Wenn der CSU-Chef an das Entschei- auf lehnt eine Mitgliederbefra-
dungsjahr 1993 zurückdenkt, dann bleibt gung nicht mehr grundsätzlich
ihm ein Trost: Der 65-Jährige sieht gegen- ab – für die Stoiber-Getreuen
wärtig niemanden, der ihn stürzen könnte. das Zeichen, dass die Gruppe
Denn eigentlich wäre es wieder Zeit für der Stoiber-Kritiker bis ins Ka-
einen Führungswechsel. Das ist die andere binett Fuß gefasst hat.
Botschaft der Putschgeschichte, die Stoiber Alles kommt nun wieder
in diesen Tagen im kleinen Kreis reminis- hoch: der Ärger über Stoibers
zierend zum Besten gibt. sprunghafte Art, Politik zu be-
Seit er sich vor einem Jahr zu der Ent- treiben, der Unmut über sein
scheidung durchrang, doch lieber Minis- ewiges Zaudern und über einen
terpräsident in Bayern zu bleiben, als Mi- Führungsstil, der ihm als CSU-
nister in Berlin zu werden, hat er es in der Generalsekretär einst den
Heimat schwer. Stoibers Ansehen hat sich Beinamen „blondes Fallbeil“
von der Absage an Kanzlerin Angela Mer- einbrachte.
kel, die viele als Flucht vor der Verant- Stoiber war nie zimperlich,
wortung verstanden, nie mehr richtig wenn es darum ging, Widersa-
erholt. In einer am Donnerstag veröffent- cher zu Fall zu bringen. Schon
lichten Umfrage äußerten sich deutlich we- früh hat er einen Kreis von Ver-
niger als die Hälfte der Befragten zufrieden trauten um sich geschart, die
mit seiner Arbeit. In der Staatskanzlei wer- sich in der Kunst des politischen
tet man die 43 Prozent schon als Erfolg. Armdrückens verstanden und
Die Auftritte Stoibers auf der Bundes- dabei auch vor Drohungen
bühne werden allenthalben mit Kopf- nicht zurückschreckten.
schütteln verfolgt. Zweimal hat der CSU- Der frühere CSU-Chef Theo
Chef 2006 in Nachtsitzungen mit den Spit- Waigel denkt noch immer mit
zen von SPD und CDU Kompromisse zur Wut an jene Wochen zurück,
Gesundheitsreform ausgehandelt, jedes als er den glücklosen Streibl
Mal hat er hinterher den Beschluss wieder als Ministerpräsidenten ablösen
in Frage gestellt. „Ganz blöd sind die Leu- wollte. Plötzlich setzte es An-
te nicht“, sagt ein Mitglied der CSU- rufe bei den Chefredaktionen
Führung. „Ich kann mich nicht damit brüs- der Münchner Lokalzeitungen,
ten, dass in Berlin keine Beschlüsse gegen in denen, mit der Bitte um
die CSU gefällt werden, und gleichzeitig Quellenschutz, darauf hinge-
kritisieren, was die da in Berlin für einen wiesen wurde, dass Waigels
SEYBOLDT-PRESS

Unsinn machen.“ Frau krank sei und er seit län-


Wie brüchig Stoibers Stellung auch par- gerem eine Geliebte habe.
teiintern ist, weiß die Öffentlichkeit spätes- Bis heute ist unklar, wer hin-
tens seit jenem verhängnisvollen Montag Regierungschef Stoiber: Beamte für die Drecksarbeit ter der Verbreitung der Gerüch-
30 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
te steckte. Klar ist, dass Stoiber deutlich, und jeder wusste, dass
davon profitierte. damit nicht nur Höhenberger ge-
Die Drecksarbeit lässt Stoiber meint war.
gern von seinen Beamten erledi- Herrmann ist der aussichts-
gen. Der jetzt geschasste Höhen- reichste Kandidat für die Stoiber-
berger war sein bevorzugter Mann Nachfolge, aber er ist beileibe
fürs Grobe. Höhenberger gehört nicht der einzige. Bundesver-
zu den Menschen, die sich am braucherschutzminister Horst
wohlsten im Hintergrund fühlen, Seehofer, 57, hat ebenfalls Pläne.

ASTRID SCHMIDHUBER / IMAGO


enorm fleißig, mit einem Blick fürs Er ist an der Basis der beliebteste
Detail, dabei erstaunlich ruchlos, CSU-Politiker, er rechnet sich

MARC-STEFFEN UNGER
wenn es der Sache dient. Nach sei- gute Chancen aus, Parteichef zu
ner Wahl zum CSU-Chef 1999 werden.
schickte ihn Stoiber in die Partei- Auch Wirtschaftsminister Er-
zentrale, zunächst als Büroleiter, win Huber, 60, hat seine Hoff-
2001 dann als Geschäftsführer. Er Kandidaten Herrmann, Seehofer: Die Zeit ist nicht reif nungen auf das Amt des Minis-
sollte Generalsekretär Thomas terpräsidenten noch nicht auf-
Goppel kontrollieren. Höhenberger leiste- dass die Landrätin ihm nicht wirklich ge- gegeben; Thomas Goppel, 59, inzwischen
te ganze Arbeit. Goppel erhielt eines Tages fährlich werden kann, dafür hat sie zu we- Wissenschaftsminister, werden ebenfalls
einen Brief, der seine eigene Unterschrift nig Gewicht im Partei-Establishment. Ambitionen nachgesagt. Sie alle belau-
trug. Er hatte den Brief nie zuvor gesehen. Die Wortführer halten sich bislang ern und blockieren sich gegenseitig. Das
Höhenberger, so wird berichtet, hatte ihn zurück. Es gibt eine Reihe von Leuten mit ist im Augenblick Stoibers Lebensversi-
in Goppels Namen aufgesetzt. Unter- Ambitionen, daran liegt es nicht. Frak- cherung.
schrieben hatte ein Automat. tionschef Joachim Herrmann, 50, will Stoi- Das ist auch der Grund dafür, dass die
Als Stoiber voriges Jahr die Flucht aus bers Nachfolger als Ministerpräsident wer- Chance einiger Stoiber-Gegner, mit ihrer
Berlin antrat und politisch so geschwächt den, das wissen alle. Aber er kann sich Forderung nach einer Urwahl des Spitzen-
war wie noch nie zuvor, richtete sich der nicht offen gegen Stoiber stellen, dafür ist kandidaten durchzukommen, nicht sehr
Zorn der Abgeordneten als Erstes gegen die Zeit noch nicht reif. Andererseits muss groß ist. Beim CSU-Parteitag im Oktober
seine Mitarbeiter. Vor allem Stoibers Re- er den Abgeordneten zeigen, dass er ihm wiesen die Delegierten einen entspre-
gierungssprecher Martin Neumeyer stand gegenüber eigenständig auftritt. Ein Duck- chenden Antrag mit überwältigender
plötzlich im Zentrum der Kritik. Neumey- mäuser kann nicht bayerischer Minister- Mehrheit zurück. Jetzt schlägt Pauli eine
er war im System Stoiber am Ende so ein- präsident werden. Mitgliederbefragung vor, die den Parteitag
flussreich geworden, dass er sogar Minister Als die Spitzelaffäre losbrach, schwieg nicht bindet. Doch Führungsfragen regeln
zurechtweisen konnte. Auf ihn hörte Stoi- Herrmann zunächst. Als die Empörung die Mächtigen in der CSU gern unter sich.
ber mehr als auf die politische Führung immer größer wurde, sagte er: „Die Staats- Eine Urabstimmung wäre unkontrollierbar
der CSU. kanzlei sollte sich auf gute Politik kon- – allerdings sieht die Satzung die Möglich-
Einige Abgeordnete forderten seinen zentrieren und nicht auf die Suche nach keit einer derartigen Befragung der Par-
Kopf. Stoiber versetze Neumeyer – nach Gegnern von Edmund Stoiber.“ Das war teibasis bisher auch nicht vor.
oben. Er ist nun Amtschef in der Staats- In der Staatskanzlei macht man
kanzlei, mächtiger als je zuvor. „Es ist wie sich damit Mut, dass nur noch we-
früher“, stöhnt ein CSU-Spitzenmann. nig Zeit für einen Führungswech-
„Neumeyer weist die Ministerien an, wel- sel bleibt. Im Frühjahr 2008 sind
che Pressemitteilungen sie herausgeben die wichtigen Kommunalwahlen.
sollen.“ Nichts fürchten Kommunalpoliti-
Daran wird auch die Pauli-Affäre nichts ker mehr als eine Führungsdebat-
ändern. Stoiber ist nach seinem Rückzug te zur Unzeit, Uneinigkeit wird
aus Berlin noch abhängiger von seinen vor allem von konservativen
Mitarbeitern als zuvor. Es gibt nicht mehr Wählern hart bestraft.
viele, denen er wirklich vertrauen kann, In der Parteizentrale, die wie
genau besehen sind da nur noch die Leu- die Staatskanzlei noch fest in der
te, die mit ihm stehen und fallen. Hand des CSU-Chefs ist, rechnen
Höhenberger wird in Stoibers Nähe deshalb alle damit, dass der Minis-
bleiben, in welcher Funktion auch immer. terpräsident des Freistaats auch
Stoiber hatte seinen Mann partout halten nach der Landtagswahl im Herbst
wollen. Erst als Höhenbergers Gesprächs- 2008 wieder Edmund Stoiber
partner, der Fürther Wirtschaftsreferent heißen wird.
Horst Müller, bei dem sich der Büroleiter Es gibt bereits erste Überlegun-
über das Privatleben Paulis erkundigt hat- gen für den Wahlkampf, abge-
te, die Vorwürfe bestätigte, kam man in stimmt auf die schwierige Lage.
der Staatskanzlei zu der Einschätzung, „Diesmal sollen die Inhalte im
dass Höhenberger nicht mehr zu halten Vordergrund stehen“, sagt ein
sei. Das sei ein „Aushorchen auf einem Wahlkampfmanager, was vor-
DANIEL KARMANN / DPA

Niveau gewesen, das nicht das meine ist“, nehm umschreiben soll, dass ein
sagte Müller. reiner Personenwahlkampf als un-
Für Stoiber geht es jetzt darum, Zeit zu geeignet gilt. „Das Land mit Stoi-
gewinnen und den Kreis der Gegner klein ber-Plakaten zupflastern, das wird
zu halten. Bislang haben sich Kommunal- nicht mehr gehen“, sagt der Par-
politiker und Hinterbänkler öffentlich auf Bespitzelte CSU-Landrätin Pauli teistratege bedauernd.
die Seite Paulis geschlagen. Stoiber weiß, Früher wäre sie erledigt gewesen Ralf Neukirch

d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 31
Gefährdete Winterwelt Höhenlage ausgewählter Skigebiete in den Bayerischen Alpen Oberstdorf SCHWEIZ
815 m
Ober-
Zugspitze 2962 m Hindelang maiselstein
825 m 859 m LIECHTENSTEIN
Ö STE R R E ICH
Garmisch-
Spitzing Partenkirchen
1085 m 720 m
Nord

Mit Schneekanonen beschneite in Hektar


Mittenwald Fläche in den Bayerischen Alpen 400
Ober-
920 m ammergau 300
840 m Nesselwang
Wallbergbahn/ Lenggries/ 867m 200
Sudelfeld Tegernsee Brauneck
1090 m 790 m 100
700 m D E U T S C H L A N D
0
1998 99 2000 01 02 03 04 05 06

Gruppe die Modernisierung rund 14 Mil- bayerischen Orte erwischt es demnach fast
TOURISMUS
lionen Euro kosten lassen. komplett: Schon bei zwei Grad Tempera-

Petrus und Die Investitionsfreude mag erstaunen


angesichts der Perspektiven, die dem Win-
tersport in den deutschen Alpen drohen.
turanstieg sind 87 Prozent der Pisten zu-
künftig nicht mehr als „schneesicher“ ein-
zustufen. Schon in einigen Jahrzehnten

Kanonen Wer die Skier, die er unter dem Christ-


baum gefunden hatte, gleich ausprobieren
wollte, der musste sich schon in Hoch-
lagen begeben, um auf einer ordentlichen
dürften Abfahrten unterhalb von 1500 Me-
tern schlicht unmöglich sein.
Als „schneesicher“ definiert die OECD
Örtlichkeiten, die pro Jahr an mindestens
Über Weihnachten konnten sich die
Schneedecke zu carven. Orte wie Leng- 100 Tagen eine Schneedecke von rund 30
bayerischen Wintersportorte gries oder Bayrischzell meldeten über Zentimetern aufweisen. In den Alpen sind
mit der Zukunft vertraut machen – Weihnachten: Ski und Rodel mies. das derzeit rund 600 Skigebiete. Nur ein
Ski fahren war allenfalls Dass es irgendwann im neuen Jahr Grad weitere durchschnittliche Erwärmung
in höheren Lagen möglich. schneit, davon gehen selbst die lautesten werde ihre Zahl auf 500 mindern. Und jedes
Mahner unter den Klimaforschern aus. So- weitere Grad bedeutet das Aus für weitere

F
rohgelaunt schweben zwei Männer gar mächtig weiße Winter wie der vorige, 100 Skigebiete. Der Klimaexperte Shardul
im gepolsterten Vierersessellift auf als viele Hausbesitzer um ihre papp- Agrawala kam auf diese bedrohlichen Pro-
den Stümpfling. Es sind der Münch- schneebelasteten Dächer fürchteten, sind gnosen, nachdem er riesige Datenmengen
ner Unternehmer Stefan Schörghuber, immer mal wieder möglich. Der Genosse durch den Rechner geschickt hatte. Bereits
Mehrheitsgesellschafter der „Alpenbah- Trend jedoch ist erbarmungslos mit den die Jahre 1994, 2000, 2002 und 2003 waren
nen Spitzingsee GmbH“, und Erwin Hu- Freunden des alpinen Skilaufs. die wärmsten der vergangenen 500 Jahre.
ber, der Wirtschaftsminister des Freistaats Nach einer zum Saisonstart vorgelegten Natürlich kennen auch Investoren wie
Bayern. Sie haben sich in dicke Winter- Studie der Organisation für wirtschaftliche Schörghuber diese Daten. Mal abgesehen
mäntel gehüllt, auch wenn das Thermo- Zusammenarbeit (OECD) gefährdet die davon, dass sie gern daran erinnern, wie
meter auf 1504 Metern leichte Plusgrade Erderwärmung im schlimmsten Fall zwei sich zuweilen auch Klimaforscher wider-
anzeigt. Drittel aller Skigebiete in den Alpen. Die sprechen, handeln sie durchaus realitätsnah:
Unterwegs passieren sie ei- An der Wallbergbahn am Te-
nen nierenförmigen künstlichen gernsee (790 Meter) ließ Schörg-
Wasserspeicher mit einem Fas- huber Sessel- und Schlepplifte
sungsvermögen von 42 000 Ku- abbauen – und errichtete eine
bikmetern. Eine Pumpstation 6,5 Kilometer lange Rodelbahn,
bringt das reine Bergwasser zu die ab 10 Zentimeter Schneeauf-
den 25 Schneekanonen, die die lage die Touristen anlocken soll.
Pisten „schneesicher“ machen Die weiße Pracht spielt für den
sollen. Alpentourismus von morgen
Der Politiker Huber ist vom möglicherweise nur noch eine
Konzernchef Schörghuber an Nebenrolle. Der Konzern setzt
FRANK MÄCHLER / PICTURE- ALLIANCE / DPA

diesem Dezember-Mittag einge- auf Wandern, Wälder und Well-


laden, den neuen Skizirkus ein- ness, auf „einen Mix von Som-
zuweihen. Die Beförderungska- mer- und Winteraktivitäten“,
pazität in dem Skigebiet ober- wie Schörghuber-Sprecher Hol-
halb des Schliersees wurde von ger Lösch formuliert. Einerseits.
stündlich 1700 auf 4800 Perso- Andererseits kann sich die
nen erhöht. Inklusive Beschnei- Wintersportindustrie auf die
ungsanlagen, Berghütten und Standortpolitik der bayerischen
Ausgleichsmaßnahmen für die Regierung verlassen. Der Land-
Natur hat sich die Schörghuber- Minister Huber, Investor Schörghuber: Verpulverte Fördergelder? tag lockerte 2004 die Beschrän-
32 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
Deutschland

kungen zum Betrieb von Beschneiungsan-


lagen – seitdem wuchs die Fläche der
künstlich beschneiten Pisten um fast ein
Fünftel (siehe Grafik Seite 32).
Und so wird munter geklotzt, in Hin-
delang, in Garmisch-Partenkirchen, wo we-
gen der Ski-WM 2011 rund 100 Millionen
Euro in die Infrastruktur gesteckt werden,
oder eben am Spitzingsee. Nicht mal die
enormen Kosten für Wasser, Energie und
die Pistenraupen, die jeden erzeugten Ku-
bikmeter Schnee drei bis fünf Euro teuer
machen, schrecken ab: Pro Pistenkilometer
kalkulieren die Betreiber rund 200000 Euro.
Geradezu manisch reiste Wirtschaftsmi-
nister Huber im gemäßigten Frühwinter
von einem Liftausbau zur nächsten Eröff-
nung einer Batterie von Schneekanonen –
als ob er sich persönlich gegen den Klima-
wandel stemmen könnte. „Es reicht leider
nicht, zu Petrus zu beten“, argumentiert
Huber, „mutiges Handeln ist das Gebot
der Stunde, ich befürworte Investitionen in
Beschneiungsanlagen.“
Dass Huber bei seinen politischen Geg-
JOERG MUELLER / VISUM

nern damit Widerspruch herausfordert,


wird ihn nicht erschrecken. Christine
Markgraf vom Bund Naturschutz fordert
angesichts der Erderwärmung einen sofor-
tigen Stopp des „bayerischen Ausbau-
wahns“, die Grünen im Münchner Landtag Weizenzucht in Gatersleben: „Wer trägt den Schaden, wenn sie auskreuzen?“
klagen über „verpulverte“ Fördergelder:
„Mit Schneekanonen kann man nicht den
GENTECHNIK
Klimawandel bekämpfen.“
Unangenehm für den Wirtschaftsminis-
ter ist hingegen, dass schon Kabinettskol-
legen offen Front machen. Umweltminister
Werner Schnappauf hält den Ausbau tiefer
gelegener Skigebiete „ökonomisch und
„Hosut“ gegen „Dickkopf“
ökologisch“ für unsinnig: „Das sind Fehl-
Gentechnische Forschung an Pflanzen soll nach dem Willen von
investitionen der Zukunft.“ Agrarminister Horst Seehofer künftig erleichtert werden –
Es sind Leute wie Schnappauf, die die für die Bauern aber gelten weiterhin strenge Haftungsregeln.
Stimmung am Berg allmählich verändern.

D
Die Stammtischparolen, wonach die grü- ie kleine Gemeinde Gatersleben in klärt, warum dieser Freilandversuch
nen Klimaforscher „ein Schmarrn“ ver- Sachsen-Anhalt ist stolz auf ihre „außergewöhnlich“ sei.
breiten würden, werden seltener. Die weit zurückreichende Geschichte. „Erstmals soll der Beweis erbracht wer-
Kundschaft hat bereits auf die erschwerten Steinzeitliche Werkzeuge wurden hier ge- den, dass grüne Gentechnik herkömm-
Verhältnisse reagiert. „Kürzere Aufent- funden, Waffen, Knochen und mit Band- lichen Züchtungsmethoden überlegen sein
haltszeiten, spontane Umbuchungen, ski- Ornamenten verzierte Hausgeräte. Im Jahr kann.“ Die Chemikerin will den Protein-
ferne Aktivitäten“, fasst Garmisch-Parten- 964 wurde das Dorf erstmals urkundlich gehalt des Futterweizens verbessern, ohne
kirchens Tourismusmanager Peter Nagel erwähnt. Doch auch die Zukunft ist in dem dabei dessen Ertrag zu schmälern. An die-
den Trend zusammen: „Die Leute checken 2600-Einwohner-Ort präsent: Anno 2006 sem Ziel scheitern konventionelle Saat-
im Internet die Web-Kamera, ob heute ist Gatersleben wichtiger Stützpunkt für züchter seit Jahrzehnten.
Schnee gefallen ist, und fahren los.“ die Genforschung – als Heimat des Leib- Was Weschke als erfolgversprechendes
Die Entwicklung scheint nicht aufzuhal- niz-Instituts für Pflanzengenetik und Kul- Experiment auslobt, stößt anderen bitter
ten zu sein. Man kann sie allenfalls verzö- turpflanzenforschung (IPK). auf: Denn unter dem Dach des staatlich
gern, mit noch mehr Technik. Es gibt näm- Dieser Tage schießen ganz besonders finanzierten Instituts lagert auch Deutsch-
lich das Bakterium „Pseudomonas Syrin- gehegte Triebe aus der Schwarzerde der lands größte Pflanzensamen-Bank, mit
gae“. Das abgetötete Bakterium lässt als Magdeburger Börde: Winterweizen mit 148 847 Saatgutmustern, darunter 28 622
Kristallisationskern Wasser schon bei rund Genen aus der Gerste und aus der Acker- vom Weizen. Der „schwarze behaarte
fünf Grad plus zu Schnee gefrieren. Mit bohne. „Hosut“, „XAP“ und „Sutap“ Winteremmer“ etwa ist dabei, ein robuster,
ihm produzieren Schweizer Dörfer im Wal- nennen die Wissenschaftler ihre drei im standfester Weizen mit schwarzer Ähre,
lis und im Berner Oberland Schnee auch Labor erzeugten Forschungslinien. Ein „Kuwerts Ostpreußischer Dickkopf“ oder
bei Plustemperaturen – ein echter Wettbe- Schäferhund, ein Wachmann mit Schwarz- „Strubes Roter Schlanstedter“ – ein letzt-
werbsvorteil in der alpinen Aufrüstung. rotgold-Aufnäher auf dem Sweater und mals 1960 in Nordostdeutschland ange-
Ob die biologische Wunderwaffe scha- zwei Kameras bewachen den 1200 Qua- bautes Getreide mit sperrig begrannter ro-
det, ist in der Forschung umstritten. In dratmeter großen Acker. Stolz steht ter Ähre.
Deutschland ist das Schneedoping jeden- Winfriede Weschke, die Erfinderin des Damit sie ihre Keimfähigkeit nicht ver-
falls verboten. Noch. Sebastian Knauer Projekts, in der Spätherbstsonne und er- lieren, müssen die wertvollen Körner aus
34 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
der Tiefkühltruhe geholt werden, um sich schen Bauern im Nacken sitzen, nicht der Universität Louisiana neben konven-
im Freiland zu vermehren. Nur 500 Meter lassen: Die Forscher dürfen ein bisschen tionellem Saatgut freigesetzt und danach
von den genmanipulierten Hosut-, XAP- mehr im Freien experimentieren. Für die komplett aus dem Verkehr gezogen – so
und Sutap-Organismen entfernt wächst Bauern aber sollen weiterhin die strengen dachte man.
derzeit herkömmlicher Winterweizen her- Haftungsregeln gelten, die noch Seehofers Jahre später wurde das Malheur offen-
an: „Stella“ und „Faktor“ aus der IPK-Sa- grüne Vorgängerin Renate Künast erlas- sichtlich: Genveränderter Samen tauchte
menbank. sen hatte. bei etlichen US-Reisbauern auf, belastete
Nicht alle sehen darin eine gute Nach- Die Folgen marodierender Genmani- Ernten waren bereits in aller Welt verkauft.
barschaft: „Es ist fahrlässig, wenn ausge- pulationen will kaum ein Ackersmann Wie das geschehen konnte, ist bis heute
rechnet in einer solchen Schatztruhe der auf die eigene Kappe nehmen. Seit der ein Rätsel.
Menschheit genveränderte Samen ausge- ersten landwirtschaftlichen Zulassung für Die Rückrufaktion des kontaminierten
bracht werden“, schimpft der Biologe Hen- genverändertes Saatgut vor einem Jahr Nahrungsmittels kostete die Branche in
ning Strodthoff von Greenpeace. „Wer Deutschland rund zehn Millionen Euro.
trägt den Schaden, wenn sie in die alten Allein der Hamburger Großhändler Eury-
Weizensorten auskreuzen? Diese Sorten za, in dessen Sorte „Oryza Ideal Reis“ be-
gingen für immer verloren.“ lastete Körner gefunden wurden, musste
Das sei alles nur Panikmache, wehren 400 Tonnen zurückrufen; rund 10 000 Ton-
die Gaterslebener Forscher ab: „Wir er- nen Reis wurden insgesamt vom deutschen
halten hier seit Jahrzehnten Samen. Obers- Markt genommen.
tes Prinzip ist, dass die sich nicht vermi- Würde für derlei Fälle in Deutschland
schen dürfen“, sagt IPK-Direktor Ulrich künftig der Staat haften?
Wobus. „Deshalb treffen wir alle notwen- Nur bedingt, sagt Wolfgang Köhler,
digen Sicherheitsvorkehrungen, so dass die Referatsleiter für Gentechnik beim Bun-
transgene Saat nicht auskreuzen kann.“ deslandwirtschaftsministerium. Keinesfalls
Hundertprozentige Sicherheit gebe es in werde der Bund teure Rückrufaktionen
der Biologie freilich nie. „Wer auf absolu- bezahlen müssen. Er werde lediglich für
te Gentechnik-Freiheit pocht, muss den „unmittelbare Schäden“ einer Auskreu-
Anbau von genveränderten Pflanzen ganz zung von Freilandversuchen aufkommen:

WOLFGANG KUMM / AP
verbieten.“ wenn etwa ein benachbarter Landwirt die
Der Professor und seine Mitstreiter eigene Ernte nicht vermarkten kann, weil
fühlen sich seit Ende November ermutigt: diese nach einer unbeabsichtigten Bestäu-
Überraschend genehmigte ihnen das Bun- bung mit Genpollen nicht mehr als gen-
desamt für Verbraucherschutz und Le- technisch unbelastet gilt.
bensmittelsicherheit die Freisetzung ihres Obstbäuerin, Minister Seehofer (in Berlin) Sollte allerdings erst bei einer späteren
genetisch veränderten Saatguts. Auch der Verunglückter Spagat Lebensmittelkontrolle die Genverschmut-
zeitgleich von Bundeslandwirtschaftsmi- zung auffliegen, könnte der Bauer der An-
nister Horst Seehofer (CSU) vorgelegte UMFRAGE: GENTECHNIK geschmierte sein. Er haftet immer dann für
Entwurf für ein neues Gentechnik-Recht die Kosten einer Rückrufaktion aus den
sei „ein gutes Signal“. „Würden Sie ohne Bedenken Supermarktregalen, wenn er seinem Ab-
Das ist verständlich, kommt der Entwurf gentechnisch veränderte nehmer – also zum Beispiel der Mühle –
doch den Wissenschaftlern in vielerlei Hin- vorher schriftlich garantiert hatte, dass sei-
sicht entgegen: So sollen die Felder expe- Lebensmittel kaufen?“ ne Ware frei von Gentechnik sei.
rimentierfreudiger Anbauer nicht mehr Weil solche Garantien nicht selten ver-
so eindeutig ausgewiesen werden wie bis- JA 13 % langt werden, fordert die Bauernlobby eine
her, um sie vor Gegnern der Gentechno- klare Ergänzung in Seehofers
logie besser zu schützen. Außerdem soll
die Forschung in Labor und Freiland er-
NEIN 76 % Novelle: „Es muss geregelt
werden, dass derjenige, der
leichtert werden. genveränderte Organismen
Kern der geplanten Gentechnik-Novelle 6% nur wenn sie billiger sind testet, auch die Felder des Nachbarn vor
ist indes eine Neuregelung der Haftungs- der Ernte beprobt“, sagt Jens Rademacher
garantie. Sie trägt die Handschrift von TNS Forschung für den SPIEGEL vom 5. bis 7. Dezember; vom Deutschen Bauernverband. Bislang
1000 Befragte; an 100 fehlende Prozent: „weiß nicht“/
Forschungsministerin Annette Schavan keine Angabe müssen die Landwirte selbst für die Kos-
(CDU), einer glühenden Verfechterin der ten derartiger Nachweise aufkommen –
grünen Gentechnik. zum Beispiel, wenn sie den Babykost-
Danach will der Bund die Risiken öf- für eine schädlingsresistente Maissorte hersteller Claus Hipp aus Pfaffenhofen
fentlich finanzierter Forschung künftig ab- wird diese gerade mal auf 1800 Hektar beliefern wollen, der ganz auf Bio-
sichern. Risiken sind das, die nicht einmal angebaut – also auf 1 Promille der dafür kost setzt.
die Versicherungsbranche für kalkulierbar geeigneten Anbaufläche. Denn wenn ein „Ein Unding“, erklärt Ulrich Kelber,
hält. Nun soll der Steuerzahler einstehen, Bauer mit seiner Gensaat Pech hat, haften Vizevorsitzender der SPD-Fraktion, „wer
wenn etwas schiefgeht: Es werde „ange- weder der Bund noch die Hersteller – auf Gentechnik verzichtet, darf doch
strebt, Haftungsfälle aufgrund von Aus- Chemiemultis wie Monsanto, BASF oder nicht für den Nachweis zur Kasse gebeten
kreuzungen durch den Bund abzudecken“, Syngenta. werden, dass seine Produkte gentechnik-
heißt es in Seehofers Entwurf. Wie teuer bereits ein wissenschaftlicher frei sind.“ Zumal derlei Nachweise teuer
Was nach einem weitgehenden Ein- Gen-Unfall auf überschaubarer Fläche sind: Eine einzige Genanalyse kostet an
knicken Seehofers gegenüber Forschungs- werden kann, zeigte sich jüngst in den Ver- die 300 Euro.
ministerin Schavan aussieht, ist ein ver- einigten Staaten. Die Ausgangssituation Verbraucherminister Seehofer sieht das
unglückter Spagat. Denn von seiner kri- war ähnlich wie in Gatersleben beim IPK: Dilemma, ist aber ratlos: „Uns ist nicht
tischen Haltung will der CSU-Minister, Gensaat wurde zwischen 1999 und 2001 eingefallen, wie wir das Problem realistisch
dem die gentechnikfeindlichen bayeri- von einer staatlichen Reisforschungsstation lösen können.“ Annette Bruhns

d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 35
Deutschland

muten deshalb, dass zumindest einige die-


RADIKALE
ser Gruppen untereinander in Kontakt ste-

Klares hen. Bei den Tätern könnte es sich um eine


Mischung aus altgedienten Antiimperialis-
ten und aktionsorientierten Autonomen

Zeichen handeln. Sollte die klandestine Allianz


tatsächlich existieren, nötigt ihre Konspi-
ration den Ermittlern ein gewisses Maß an
Respekt ab. „Wir haben zwar eine Vorstel-
Mit Anschlägen auf Unternehmer
lung von dem Profil der Täter, aber keine
und Politiker bereitet sich die konkreten Hinweise auf einzelne Personen
militante Linke auf den G-8-Gipfel oder Gruppen“, räumt der Hamburger
im Juni in Heiligendamm vor. Verfassungsschützer Manfred Murck ein.
Das Bundeskriminalamt ist besorgt. Dabei wird der „Gipfelsturm“ (Pro-
testaufruf) von linksradikalen Gruppen be-

E
s war gegen 3 Uhr früh in der Nacht reits seit gut einem Jahr akribisch vorbe-
vom ersten auf den zweiten Weih- reitet. Im August 2005 meldete sich eine
nachtstag, als die besinnliche Ruhe Hamburger Gruppe in der Szene-Postille

MAURIZIO GAMBARINI / DPA


im feinen Hamburger Stadtteil Winterhude „Interim“ zu Wort und schlug jene „mili-
empfindlich gestört wurde: Vor einer ge- tante Kampagne zu G-8“ vor.
diegenen Backsteinvilla ging ein Mini in Und als hätte es eines Beweises der
Flammen auf. Flaschen, gefüllt mit Farbe, Ernsthaftigkeit bedurft, erläuterte die Grup-
flogen im Schein des Feuers gegen die Fas- pe seitenlang, warum sie zuvor den Dienst-
sade, zerbarsten und hinterließen blaue wagen von „Hamburgs wichtigstem Indu-
Flecken am roten Stein. Anschlagsziel Mirow-Haus strieboss“ („Bild“) Werner Marnette abge-
Herr des Hauses ist Thomas Mirow, 53, „Sturm auf die Rote Zone“ fackelt hatte: weil Marnettes Norddeutsche
Staatssekretär im Bundesfinanzministeri- Affinerie in der ausbeuterischen Tradition
um und dort zuständig für internationale des Kolonialismus stehe.
Finanzmärkte. Der einstige Hamburger Seitdem beteiligen sich diverse Unter-
Wirtschaftssenator und Bürgermeisterkan- grundzellen vor allem aus den beiden
didat der Sozialdemokraten ist in der Großstädten Hamburg und Berlin an der
Steinbrück-Behörde beauftragt, den G-8- Kampagne. So
Gipfel im Juni im Nobelbadeort Heili- • deponierte in Berlin die „militante
gendamm an der Ostsee zu organisieren. Gruppe“ im Deutschen Institut für Wirt-
Mirow sitze an „strategischen Schalthebeln schaftsforschung im November 2005 ei-
der Macht“, heißt es in dem Bekenner- nen Brandsatz;
schreiben, das am nächsten Tag bei der • fackelte Ende April 2006 eine Gruppe
„Hamburger Morgenpost“ einging. „fight 4 revolution crews“ den Mit-
JAN WOITAS / DPA

Der Anschlag auf Mirows Haus ist der subishi des Chefs des Hamburgischen
jüngste einer ganzen Serie von militanten Weltwirtschaftsinstituts, Thomas Straub-
Aktionen gegen Politiker und Unterneh- haar, ab;
mer in Berlin und Norddeutschland. Weil • bewarfen Unbekannte Ende August 2006
die zunehmende Zahl der Attacken im Soldaten in Heiligendamm* das Haus des mecklenburg-vorpommer-
Vorfeld des Treffens der Staats- und Re- Showdown an der Ostsee schen Ministerpräsidenten Harald Rings-
gierungschefs der acht wichtigsten Indu- torff mit Steinen und Farbe.
strienationen den Sicherheitsbehörden Zu dem Anschlag auf Mirow bekannte Seit Monaten schon ist das Treffen der
mehr und mehr Sorge bereitet, hat Gene- sich denn auch auf drei engbeschriebenen internationalen Polit-Prominenz das do-
ralbundesanwältin Monika Harms den Seiten eine Gruppe „Kolonialismus und minierende Thema der außerparlamenta-
Hamburger Fall übernommen und das Krieg in der militanten Anti-G-8-Kampa- rischen Linken. Mitte November trafen
Bundeskriminalamt (BKA) mit den Er- gne“, die mit ihrer Aktion „ein klares Zei- sich rund 450 Globalisierungskritiker in
mittlungen betraut. „Die bisherigen Straf- chen“ setzen wollte – sowohl für die „Mo- Rostock, um über dezentrale Blockaden,
taten geben Anlass zu großer Besorgnis“, bilisierung für Juni 2007, wie auch in den Großdemonstrationen und andere Formen
warnt BKA-Präsident Jörg Ziercke, es ge- Tagen des Gipfels selbst“. des Protestes zu beraten. Für die Sicher-
be unter den Protestlern ein Die Gruppe stellte ihre Tat heitskräfte bedeutet der 90 Millionen Euro
„großes Gewaltpotential“. in eine Reihe mit dem Feuer, teure Gipfel eine der größten Herausfor-
Eine Woche lang wird der das „Autonome Gruppen“ im derungen der Nachkriegsgeschichte.
Luxuskurort Heiligendamm Oktober 2005 im Berliner Der Showdown an der Ostsee gilt als
Anfang Juni im Mittelpunkt Gästehaus des Auswärtigen eine Art „Wiederbelebungsprogramm für
der Weltöffentlichkeit stehen. Amts legten und das einen eine eigentlich kriselnde militante Linke“,
Kamerateams aus allen Kon- Millionenschaden verursach- wie ein Ermittler formuliert. Im optimalen
tinenten werden nicht nur fil- te, sowie mit dem Brandan- Fall, hoffen die nächtlichen Brandstifter,
men, wie Angela Merkel ihre schlag im Oktober 2006 auf springe der Funke auch auf die vielen Glo-
Amtskollegen empfängt, son- den Sitz der Deutschen balisierungskritiker über, die bislang nicht
ULRICH PERREY / DPA

dern auch, wie bis zu 100 000 Afrika-Linien in Hamburg mit Gewalttaten aufgefallen seien: „Ob aus
Demonstranten jenseits eines wegen deren Rolle in der den dezentralen Blockaden ein Sturm auf
weiträumigen Hochsicherheits- deutschen Kolonialgeschich- die Rote Zone wird“, heißt es in einem
zauns gegen die international te. Sicherheitsexperten ver- jüngst veröffentlichten Protestaufruf, hän-
höchst umstrittene Zusam- Staatssekretär Mirow ge „von den Kräfteverhältnissen vor Ort
menkunft protestieren. „Keine Hinweise“ * Nach dem Bush-Besuch im Juli 2006. ab“. Holger Stark, Andreas Ulrich

36 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
Deutschland

von den Regierenden geduldet wird: nen Immobilienunternehmer aus dem


A F FÄ R E N Hauptsache, das Geld aus der Bundeskas- Raum Münster auf falsche Bescheinigun-
se fließt. gen des Bauamts Sassnitz gestoßen, mit

Frisierte Was die Ermittlungen brisant macht, ist


die Tatsache, dass auch „leitende Mitar-
beiter der Finanzverwaltung“ zu den Be-
deren Hilfe der Mann Fördermittel in Höhe
von gut 600 000 Euro kassiert hatte.
Weil er den Verdacht hatte, dass sein

Dokumente schuldigten zählen, so Oberstaatsanwalt


Peter Lückemann. Sie stehen im Verdacht,
die illegalen Praktiken gekannt und nichts
Fall nur einer von vielen ist, informierte
der Fahnder seine Vorgesetzten, die die
Akten nach Mecklenburg-Vorpommern
In Mecklenburg-Vorpommern dagegen unternommen zu haben. schickten. Darin findet sich die Schilde-
ermitteln Staatsanwälte gegen rung einer Dienstbesprechung in der Ober-
„Das ist haltlos“, sagt Ministeriumsspre-
Unternehmer und hohe cher Bliemel. Ein gewagtes Statement, finanzdirektion (OFD) Rostock, die die
Ministerialbeamte. Ihr Verdacht: denn nun gerät auch Finanzministerin Verantwortlichen schwer belastet.
Sigrid Keler (SPD) in den Sog der Ermitt- Im Oktober 2002 habe der Leiter der
Subventionsbetrug und Untreue. lungen. Bislang unbekannte Akten bele- OFD-Steuerabteilung die Teilnehmer der
Runde „zur Zurückhaltung bei der Über-
prüfung gemeindlicher Bescheinigungen
aufgefordert; insbesondere sollten straf-
rechtliche Maßnahmen unterbleiben, um
kommunale Vertreter nicht unnötig in
Schwierigkeiten zu bringen“.
Einer dieser Vertreter, gegen den die
Rostocker Staatsanwaltschaft dank der
Amtshilfe aus dem Münsterland nun er-
mittelt, ist der Sassnitzer Bürgermeister
Dieter Holtz (Die Linke.PDS). Er soll Mit-
arbeiter seines Bauamtes angewiesen ha-
ben, Kerngebietsbescheinigungen „inves-

KLAUS GRABOWSKI / PICTURE-ALLIANCE / DPA


torenfreundlich“ auszustellen. Holtz be-
streitet die Vorwürfe.
Auch Hinrich Seidel, Leiter der Steuer-
abteilung im Schweriner Finanzministe-
rium, weist die Darstellung der Ermittler
zurück. Seines Wissens habe es im fragli-
chen Zeitraum keine Dienstbesprechung
in der OFD gegeben. Und: „Der zuständi-
ge Beamte hat sich auch zu keinem ande-
Hafenstadt Sassnitz (Rügen): Abzockerei im Armenhaus der Republik ren Zeitpunkt so geäußert“.
Ein interner Vermerk, den eine

S
tephan Bliemels Start stand unter kei- Mitarbeiterin Seidels im Juli ver-
nem guten Stern. Am 27. November fasst hat, belegt jedoch ein auffäl-
trat er seinen Job als Sprecher des lig geringes Interesse der Ministe-
Finanzministeriums von Mecklenburg-Vor- rialen, die illegale Selbstbedienung
pommern an. Nur einen Tag später durch- zu stoppen: Demnach hatte die
FOTOS: J. KOEHLER / BILDERMEER.COM

suchten Staatsanwälte aus Rostock und OFD bereits im April 2001 über
Beamte des Landeskriminalamtes auf der „Probleme in den Finanzämtern“
Insel Rügen das Finanzamt Bergen, die des Landes berichtet. In „einer
Verwaltung der Hafenstadt Sassnitz sowie Reihe von Fällen“ bestünden
Büros und Wohnungen diverser Bauherren „Zweifel an der Richtigkeit der Be-
– und brachten eine Affäre ins Rollen, die scheinigungen“. Es folgte ein Brief-
den 28-Jährigen seitdem in Atem hält. wechsel zwischen Finanz-, Bau-
Der Verdacht der Ermittler: Subven- und Innenministerium, in dem das
tionsbetrug und „Beihilfe hierzu“. Seit Politiker Holtz, Keler: Hauptsache, das Geld fließt Problem beschrieben wurde. Straf-
1999 soll das Sassnitzer Bauamt Unter- anzeige gestellt hat keiner.
nehmer mit Gefälligkeitsbescheinigungen gen: Der großzügige Umgang mit Beschei- Selbst als der münstersche Steuerfahn-
versorgt und Bauvorhaben „in den Wohn- nigungen, der Investoren ermöglichte, zehn der Anfang 2006 das Schweriner Finanz-
und Außenbereichen“ der Stadt „fälschli- Prozent der Baukosten aus der Bundes- ministerium über seine Recherchen infor-
cherweise“ als Projekte im Kerngebiet kasse abzuzocken, war nicht nur in Sassnitz mierte, bat der zuständige Referent im Mi-
deklariert haben. Mit den frisierten Doku- üblich und seit 2001 im Finanzressort nisterium mehrere Finanzämter im Lande,
menten sollen die Bauherren dann bei den bekannt. Auch im Bau- und im für die bei Fällen im eigenen Beritt „von einer
Finanzämtern Investitionszulagen ergau- Kommunalaufsicht zuständigen Innen- Rückforderung der Investitionszulage bzw.
nert haben – es geht um viele Millionen, ministerium war den Verantwortlichen damit in Zusammenhang stehenden Er-
die laut Gesetz nur für Immobilien in seitdem klar, wie und in welchem Maße mittlungen zunächst abzusehen“.
Kerngebieten gewährt werden durften. abgeräumt wurde. Doch dem illegalen Trei- Erst jetzt soll die Kommunalaufsicht die
Ein Fall mit Symbolcharakter, der weit ben Einhalt geboten haben sie nicht. Bescheinigungspraxis – zumindest in Sass-
über Rügen hinausweist. Denn er verdeut- Dass es mit der Ruhe der Beamten jetzt nitz – rückwirkend prüfen und zu Unrecht
licht, in welchem Maße Abzockerei offen- vorbei ist, haben sie einem Steuerfahnder gezahlte Investitionszulagen zurückfor-
bar zum Alltag im Armenhaus der Repu- aus Nordrhein-Westfalen zu verdanken. dern. Das aber geht nur bis zum Jahr 2002.
blik zählt und mit wie viel Langmut sie Der war bei seinen Ermittlungen gegen ei- Der Rest ist verjährt. Gunther Latsch

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Deutschland

YAVUZ ARSLAN / DAS FOTOARCHIV


Pfarrer Kemper, Kindergartengruppe in der St.-Peter-Kirche: „Der Nikolaus ist ein Türke“

KIRCHE

Das Wunder von Marxloh


Kohle und Kirchen gehörten einst zusammen in Duisburg.
Das Bild hat sich dramatisch gewandelt: Wo die Zahl der Katholiken
merklich schrumpft, entsteht Deutschlands größte
Moschee. Doch die Christen stellen sich auf die Nachbarn ein.

B
laue Stunde im Duisburger Stadtteil jubelten deutschen Papstes. In Marxloh be- Früher hatte das Ruhrbistum einmal ei-
Marxloh. Ein paar Tage vor Weih- stätigt sich das, was Bundesinnenminister nen Kirchenführer, der sich ein Stück Koh-
nachten hat der katholische Pfarrer Wolfgang Schäuble (CDU) anlässlich der le in den Bischofsring einfassen ließ. Er
Michael Kemper, 45, zum abendlichen Ker- Islamkonferenz im Herbst beschrieb: „Der sollte die Einheit von Arbeiterschaft und
zengottesdienst in die altehrwürdige Kirche Islam ist Teil Deutschlands und Europas“, Kirche demonstrieren. 60 000 Katholiken
St. Peter eingeladen. Das Gotteshaus bietet erklärte er und forderte unmissverständ- zählten in den siebziger Jahren allein zu
300 Besuchern Platz, gekommen sind zwölf lich, sich dieser Realität zu stellen. Der Is- den drei Marxloher Gemeinden, jetzt sind
Gläubige, zumeist Rentner. Die kleinen lam „ist Teil unserer Gegenwart und unse- es gerade mal 3300. Im Jahr 2004 gab es
Kerzen in den Händen der Anwesenden rer Zukunft“. nur noch 30 Taufen und eine einzige kirch-
wirken wie Irrlichter im riesigen, dunklen Doch was Schäuble als Mahnung für die liche Trauung, die Braut war katholisch,
Kirchenschiff. kommende Epoche verstanden wissen der Bräutigam konfessionslos. „Eine be-
Ein paar hundert Meter weiter drängen wollte, erweist sich in Duisburg-Marxloh stimmte Sozialgestalt der Kirche geht zu
sich die Besucher in die Merkez-Moschee. nur als verspäteter Versuch, einen Prozess Ende“, sagt der katholische Bischof von
Früher war hier ein Tapetengeschäft. Jetzt zu beschreiben, der längst unumkehrbar Essen, Felix Genn.
sind selbst Nebenräume, Flur und Eingang ist. Mehr noch: In diesem Stadtteil zeigt Der Bischofsring mit dem Stück Kohle ist
bis auf den letzten Zentimeter belegt, als sich, dass es auch gelingen kann, ihn zum inzwischen im Museum gelandet. Doch das
Imam Sadik Çaglar, 41, mit dem Vorbeten Nutzen von Alteingesessenen und Zuge- Pfarrhaus neben St. Peter steht noch heute
beginnt. Im nächsten Sommer will er mit wanderten gleichermaßen zu gestalten. für die Zugehörigkeit der Kirchengemein-
seiner Gemeinde umziehen in ein würdi- Denn das Besondere an der neuen Mo- de zur Ortsgemeinde. Es wurde aus dem
geres Domizil, in dem sich dann gut 1200 schee ist nicht die Größe, sondern die ge- gleichen roten Backstein errichtet wie die
Menschen versammeln können – in plante interreligiöse Begegnungsstätte mit Bergmannshäuser von Marxloh, in denen
Deutschlands größter Moschee. Bistro, Bibliothek, Bildungswerk und Be- einst Steiger und Hauer lebten.
Die muslimische Gebetsstätte wird in sucherräumen für Marxloher Katholiken Pfarrer Kempers Schreibtisch quillt über
Sichtachse von Pfarrer Kemper liegen – – einer der Gründe dafür, dass der Bau von Papieren, sein Tag ist voller Termine:
aber auch in seinem Visier? Wie eine der Moschee hier nicht wie anderswo auf Hausbesuche, Seelsorgegespräche, hinzu
Machtdemonstration wirkt der Bau: 34 Ablehnung stößt. Und das Außergewöhn- kommt der Kampf um die Stellen des Kir-
Meter hoch ist das Minarett der im osma- liche an den Katholiken vor Ort ist, dass sie chenchorleiters und seiner Pfarrsekretärin.
nischen Stil gehaltenen Moschee mit ihren sich der Veränderung stellen und sie nicht Er muss eine, vielleicht sogar zwei seiner
2500 Quadratmetern Nutzfläche. Der Sie- einfach nur über sich ergehen lassen. drei Kirchen aufgeben. St. Paul, ein paar
ben-Millionen-Euro-Bau entsteht auf dem Ein Gleisbett führt von der alten christ- Straßen weiter, wurde bereits geschlossen.
einstigen Kantinengelände der Zeche Wal- lichen zur neuen muslimischen Glaubens- Sie gehört zu den rund hundert Gottes-
sum. stätte. Einst wurden die Schienen von häusern, die auf der Streichliste der
Die schrumpfende Christenschar auf der Zeche und Stahlwerk genutzt, von der Bistumszentrale in Essen stehen. „Die Kir-
einen, die wachsende muslimische Ge- Industrie, die den Menschen mehr als nur che verabschiedet sich mit ihren Gebäuden
meinde auf der anderen Seite, das ist die Arbeit gab. Nun könnte die Moschee zum strukturell aus der Fläche“, sagt Kemper.
raue Wirklichkeit im Heimatland des be- Symbol einer neuen Zeit werden. 897 Briefe hat er vor Weltjugendtag und
40 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
Merkez-Moschee*
„Glauben macht mitmenschlich“

zurück, wo einst das Firmenschild prangte.


In einer der heruntergekommenen Wohn-
anlagen wurden einige Nachkriegsszenen
von Sönke Wortmanns Fußball-Melodram
„Das Wunder von Bern“ gedreht.
Doch inzwischen glauben viele an ein
Wunder von Marxloh, und zwar nicht nur
die Politiker, die es bei der Grundstein-
legung und beim Richtfest der Moschee
beschworen. Das liegt entscheidend an
den Führern der Merkez-Gemeinde. Sie
gehören zum Ditib, dem größten muslimi-
schen Dachverband in Deutschland. Er ist
den laizistischen Prinzipien des türkischen
Staates verpflichtet, eng mit dem Präsidi-
um für religiöse Angelegenheiten der Tür-
kei verbunden. Ditib-Vertreter nahmen an
der Islamkonferenz teil, Ditib-Gemeinden
legen Wert auf „interreligiösen Dialog“,
sie sind nicht im Visier der Verfassungs-
schützer.
Die Gegend sei nicht auffälliger als an-

CHRISTIAN BAUER / ACTION PRESS


dere Stadtteile, so die Polizei, die auch hier
nur eine Tagwache betreibt, die um 23 Uhr
schließt. „Marxloh“, lobt der Integrations-
minister von Nordrhein-Westfalen, Armin
Laschet (CDU), „ist ein Beispiel, wie der
Bau eines Gebetshauses Integration und
Dialog fördern kann. Das Klima ist keines
der Abgrenzung, sondern der Offenheit.“
Papstbesuch an die verbliebenen jungen sche Außenministerium. „Angst“, sagt der Schon die Idee zum Neubau der Mo-
Katholiken zwischen 16 und 30 Jahren ver- Imam beim Tee, „Angst sollte man vor schee war ein Gemeinschaftswerk. Sie ent-
teilt – und ihnen das Angebot gemacht, Menschen haben, die nicht glauben. Denn stand tausend Meter unter Tage im Berg-
nach Köln mitzufahren. „Die Resonanz“, wenn man an Gott glaubt, wird man nie werk beim Gespräch zwischen deutschen
sagt er, „war gleich null.“ die Rechte anderer verletzen.“ Sein ka- und türkischen Arbeitskollegen. Der
Stellvertretend für seine 2000 Jahre alte tholischer Kollege formuliert es ähnlich: Marxloher Katholik Wolfgang Köhler, 62,
Institution will er sich in Marxloh auf Rea- „Glauben macht mitmenschlich“, und war dabei, als seine Kollegen darüber dis-
litäten einstellen, die in Berlin-Neukölln dann erzählt Kemper davon, wie sich in kutierten, eine Moschee zu bauen. Inzwi-
oder in der Kölner Südstadt kaum anders Marxloh alles auf eine geradezu irritierend schen ist Köhler Rentner, in seiner Frei-
aussehen. „Wenn hier das Zusammenleben harmonische Weise vernetzt und verwebt: zeit hat er Türkisch gelernt. Überall wird er
von Christen und Muslimen nicht klappt“, das Katholische mit dem Muslimischen, mit Handschlag begrüßt – auch auf einem
fragt Pfarrer Kemper, „wo denn dann?“ das Deutsche mit dem Türkischen – und Dachboden in der Kaiser-Wilhelm-Straße,
Rund 60 000 Muslime leben in Duisburg, wie aus dem alten allmählich das neue wo sich acht zwölfjährige Mädchen ver-
in Marxloh rund 9000. „Die bauen jetzt Ruhrgebiet Gestalt annimmt. schiedenster Herkunft einen „internatio-
die großen Moscheen wie wir vor 40 Jah- Natürlich gilt auch der Stadtteil Marxloh nalen Club“ eingerichtet haben.
ren die Kirchen im Ruhrgebiet“, stellt Ka- als Problemviertel. „Wer kann, ist schon Die 75 Kinder des kirchlichen Kinder-
tholik Kemper fest und zieht daraus den weggezogen“, sagt die Postbotin auf der gartens kommen inzwischen aus mehr
Schluss: „Marxloh muss ein Stadtteil wer- Hauptstraße. Von vielen Unternehmen als 20 Nationen. Besonders gern bringen
den, in dem sich Menschen begegnen.“ blieb nur ein Schatten auf der Hauswand muslimische Eltern ihre Kinder in den ka-
Vor Jahren machte ein evangelischer tholischen Kindergarten, „weil
Kollege aus einem anderen Duisburger dort wenigstens religiöse Werte
Stadtteil bundesweit Schlagzeilen, weil er vermittelt werden“, wie eine Mut-
vehement den Bau einer Moschee ver- ter erklärt. Neulich habe ihm,
hindern wollte. Kemper dagegen wurde erzählt Kemper, eine muslimi-
Mitglied im Beirat der Moschee-Begeg- sche Mutter amüsiert berichtet,
nungsstätte und war beim Richtfest im Sep- dass ihr Ibrahim am Mittagstisch
tember dabei. Vorbeter Çaglar und dessen ein Kreuzzeichen geschlagen und
liberaler muslimischer Gemeinde über- ein christliches Gebet gesprochen
brachte er Segenswünsche: „Wir freuen habe, wie es im Kindergarten
YAVUZ ARSLAN / DAS FOTOARCHIV

uns, dass eine Gebetsstätte entsteht.“ üblich sei.


Çaglar stammt aus Bolu am Schwarzen Eine andere Mutter erzählt von
Meer, für vier Jahre ist er nach Duisburg ihrem Sohn Mohammed, der nach
entsandt, bezahlt wird er über das türki- einem Gottesdienst aufgeregt nach
Hause kam. „Wisst ihr was?“, sag-
Moschee-Kuppel, Kirche St. Peter
Das neue Ruhrgebiet nimmt Gestalt an * Beim Richtfest am 8. September 2006.

d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 41
Finanzmanagerin, eine Sozialwissen-
schaftlerin bei der Duisburger Stadtent-
wicklungsgesellschaft, eine der muslimi-
schen Frauen hat evangelische Theologie
studiert – die einzige, die zum Treff mit
Kopftuch erscheint.
Ihre Blechbaracke dient als Begeg-
nungsstätte, in der auch Deutschkurse an-
geboten werden. Die in Duisburg gebore-

FOTOS: YAVUZ ARSLAN / DAS FOTOARCHIV


ne Zülfisiyah Kaykin wird den künftigen
Treff leiten. Natürlich weiß sie, dass eine
Moschee auf Bedenken und Widerstände
trifft, besonders weil sie die größte
Deutschlands werden soll: „Wir wollen
einen offenen Ort mit Nachbarschaftstref-
fen. Wir wollen unsere eigene Heimat mit-
gestalten.“ Leyla Özmal, die Sozialwissen-
schaftlerin, ist sicher, dass die Moschee zur
Imam Çaglar, Brautmodengeschäft in Marxloh: „Wir wollen unsere Heimat mitgestalten“ Revitalisierung des gesamten Ortes beitra-
gen wird: „Jetzt ist die Zeit, gemeinsam
te er, „der Nikolaus ist ein Türke.“ Zur Auf dem Boden vor ihnen ausgebreitet Regeln und Werte zu entwickeln.“
Weihnachtszeit sind die Gottesdienste für liegt die Berufskleidung des katholischen Sie hoffen auch, dass der neue Bau Be-
die Kindergartenkinder zum Thema Niko- Bischofs Nikolaus von Myra, wie der Pfar- sucher anlockt. Ein Dorado für türkische
laus ein Renner. Leyla, eine junge musli- rer erklärt. Das Nikolauslied wird gesun- Hochzeitspaare ist Marxloh schon jetzt. Im
mische Mutter mit Kopftuch, hält die gen. Mittendrin sitzen Mütter mit Kopf- Zentrum des Stadtteils reiht sich ein orien-
schwere Eingangstür zur katholischen Kir- tuch auf den Kirchenbänken. Der ge- talisches Brautmodengeschäft an das an-
che auf. Eine Erzieherin kommt herein und mischte Kreis um Kemper sieht aus wie dere. Familien reisen aus Belgien, den Nie-
erregt sich über die Nachrichten, die sie eine Kinderversammlung der Uno. derlanden oder dem Saarland an, um hier
aus Köln vernommen hat. „Was wir hier „Yapilim – mal sehen, was abgeht“, Goldschmuck und Abendkleidung in gro-
machen, soll also nach dem Willen von rufen sich die Halbwüchsigen mit ihren ßem Stil zu erwerben.
Kardinal Joachim Meisner nicht mehr Basecaps in der Hauptstraße zu, bevor sie Entsteht so mitten im Ruhrgebiet ein
stattfinden. Gut, dass wir zum Bistum spätabends in den Internet-Cafés ver- Kontrastprogramm zu gescheiterten Dia-
Essen gehören!“ Mitte Dezember hatte schwinden. Die Macher der neuen Begeg- logversuchen? Eine weise Entscheidung
Meisner gegen solche multireligiösen Fei- nungsstätte wollen genau an diese Jugend- der Moschee-Erbauer nahm den Deut-
ern gewettert. Kinder hätten, meint er, ei- lichen heran, mit Freizeit- und Bildungs- schen ein Gutteil ihrer Ängste. Sie ver-
nen Anspruch darauf, ihren Glauben un- angeboten locken. Dabei werden sie mit zichteten auf ein Recht, das ihnen eigent-
vermischt kennenzulernen. den Katholiken zusammenarbeiten. lich niemand hätte streitig machen kön-
Die Kinder des katholischen Kindergar- Zum harten Kern der Optimisten vor nen: Der Muezzin-Ruf wird hier nicht
tens St. Peter und ihre Erzieherinnen feiern Ort zählt auch eine Gruppe türkischer erschallen. Und noch zu einer zweiten
das muslimische Zuckerfest wie das christ- Frauen, derzeit untergebracht in einem symbolischen Geste waren die Bauherren
liche Weihnachten, Ostern oder Fasten- mit Rosen bemalten, vergitterten Con- bereit. Das Minarett wurde auf exakt
brechen gemeinsam. Es ist die nächste Ge- tainer gleich neben dem Moschee-Bau. 34 Meter beschränkt – damit es nicht höher
neration Marxloher, die einträchtig in der Sie sind in Deutschland geboren, zumeist ist als der Turm der katholischen Kirche
katholischen Kirche dicht beim Altar sitzt. im Ruhrgebiet aufgewachsen. Eine ist St. Peter. Peter Wensierski
Flüchtlinge im Lager Gereida in Darfur
„Ein fast vergessener Krieg“

SPIEGEL: Könnten die rund 20 000 für Dar-


fur geforderten Uno-Blauhelme das Mor-
den beenden?
Musswessels: Trotz aller Kritik hat die Uno
in den Lagern einen sehr guten Ruf. Wenn
die Blauhelme mit einem starken Mandat
kämen, würden es sich einige Gruppen

GREGOIRE KORGANOW / RAPHO / LAIF


zweimal überlegen, ob sie das nächste Dorf
überfallen oder nicht.
SPIEGEL: Die sudanesische Regierung un-
ter Umar al-Baschir verhinderte bislang er-
folgreich den Einsatz der Uno.
Musswessels: Das ist eine Frage der Di-
plomatie. Ich denke, da bewegt sich mo-
mentan einiges hinter den Kulissen. Man
darf allerdings nicht die logistische Her-
ausforderung vergessen, die eine 20 000
H U M A N I TÄ R E H I L F E
Mann starke Truppe mit sich bringt. Es gibt
dort nicht ausreichend Wasser. Das heißt,

„Soldaten mit Notizblöcken“ Sie müssen Brunnen bauen. Sie müssen


Pipelines anlegen. Wir reden hier von zwei
bis drei Milliarden Euro im Jahr.
SPIEGEL: In diesem Jahr sind zwölf huma-
Humedica-Projektleiter Hans Musswessels über nitäre Helfer umgebracht worden. Erst in
seine Geheimdiplomatie mit den Rebellen in Darfur und die Not der vorvergangenen Woche wurde wie-
in den Flüchtlingslagern. der ein Hilfskonvoi überfallen. Haben Sie
Angst?
Musswessels, 42, leitet seit als zwei Millionen muss- Musswessels: Ja. Die brauche ich auch,
September 2005 die Projekte ten flüchten. Darf man da damit ich vorsichtig bleibe. Uns dürfen
der Flüchtlingshilfe Hume- schweigen? auch die kleinsten Veränderungen nicht
dica im Sudan. Als eine der Musswessels: Es ist nicht entgehen. Wenn zum Beispiel plötzlich ein
letzten deutschen Hilfsorga- unsere Aufgabe, Politik zu Baum die Straße versperrt, der nicht um-
ULRIKE DEMMER / DER SPIEGEL

nisationen in Darfur führt machen. Wir brauchen gute gefallen, sondern gefällt worden ist, kann
Humedica unter anderem Kontakte zu allen Parteien, das eine Falle sein. Da ist es besser umzu-
fünf Kliniken und zwei um überhaupt arbeiten zu drehen und wegzufahren. Bisher sind wir
Schulen im Krisengebiet. können. Zum Glück sind höchstens beklaut worden.
auch Rebellenführer heute SPIEGEL: Wie ist die Sicherheitslage in den
SPIEGEL: Im Moment ziehen mit Satellitentelefon ausge- Flüchtlingslagern?
viele Organisationen aus Si- stattet, so dass wir jederzeit Musswessels: Einige Lager sind wie eine
cherheitsgründen ihre Mitarbeiter aus zumindest bei denen eine kleine Sicher- Stadt mit knapp 100 000 Menschen. Natür-
Darfur ab. Können Sie zwischen schwer- heitsgarantie erbitten können. Ohne die lich gibt es da Verbrechen. Die Flüchtlinge
bewaffneten Milizen überhaupt noch ar- fahren wir nirgendwohin. Trotzdem kön- leben auf engstem Raum, die Frustration ist
beiten? nen wir im Kleinen vielleicht was bewegen. groß. Da reicht schon ein Gerücht, und es
Musswessels: Speziell in West-Darfur ist SPIEGEL: Wie sieht das aus? kommt zu massiven Unruhen. Im Sommer
es wirklich zu gefährlich geworden. Aber Musswessels: Bei einer Vergewaltigung ha- zum Beispiel verbreitete sich die Nachricht,
auch im Süden, in Nyala, wo Humedica ben wir zum Beispiel schon mit Zustim- dass eine Hilfsorganisation das Wasser mit
arbeitet, müssen wir sehr vorsichtig sein. mung der betroffenen Frau eine schriftliche Chlortabletten nicht reinigen, sondern ver-
Mit dem, was wir tun, aber auch mit dem, Anzeige an die Polizei weitergegeben. giften wolle, um so das Flüchtlingsproblem
was wir sagen. Einige Organisationen SPIEGEL: Was hat die Polizei unternommen? zu lösen. Einige Mitarbeiter der Organisa-
mussten schon den Rückzug antreten. Musswessels: Man könnte annehmen, tion sind ums Leben gekommen. Die auf-
SPIEGEL: Warum? nichts. Aber das entzieht sich unserer gebrachte Menge hat sie erschlagen.
Musswessels: Weil die lokalen Behörden Kontrolle. Für die Sicherheit der Men- SPIEGEL: Wie ist die Situation aktuell?
sie behindert haben. Sie hatten wohl zu schen sind die sudanesische Regierung und Musswessels : Durch die Kämpfe der letz-
deutlich über die Probleme im Land ge- die Soldaten der Afrikanischen Union zu- ten Wochen mussten wir allein im Camp
sprochen. ständig. Deshalb ist es wichtig, dass das Otash rund 15 000 Neuankömmlinge un-
SPIEGEL: Und Humedica hält sich raus? Mandat der Afrikanischen Union verlän- terbringen. Die Versorgung speziell in den
Musswessels: Wenn ich in Rebellengebie- gert wird. entlegenen Gebieten wird immer schlech-
ten arbeite, kann ich nicht zwischen guten SPIEGEL: Die Afrikanische Union, kurz AU, ter. Die internationalen Gelder fließen
und schlechten Rebellen unterscheiden. ist in Darfur mit rund 7000 Soldaten und nicht mehr so. Deshalb müssen viele Or-
Wir erklären, wer wir sind und dass wir Polizisten präsent, gilt aber als schlecht ganisationen ihre Arbeit einschränken.
den Menschen helfen wollen. Das ist un- ausgerüstet und unterfinanziert. SPIEGEL: Warum gehen die Gelder aus?
sere Aufgabe. Musswessels: Die Soldaten dürfen nur mit Musswessels: Die Wahrnehmung dieser
SPIEGEL: Seit der Konflikt 2003 eskalierte, dem Notizblock danebenstehen, um die Katastrophe lässt nach. Die Krise in Darfur
sind laut Uno mehr als 200 000 Menschen Morde und Überfälle aufzuschreiben. Aber dauert nun schon drei Jahre – und ist in-
von Regierungskräften, Milizen, Rebel- solange die AU vor Ort ist, gibt es zumin- zwischen ein fast vergessener Krieg.
len und Banditen getötet worden. Mehr dest Zeugen. Interview: Ulrike Demmer

d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 43
Szene

Was war da
los, Herr Puchkow?
Der russische Arbeiter Michail Puchkow,
46, über die Freiheit unter dem Meeres-
spiegel

„Dieses U-Boot ist mein Lebenstraum.


Ich habe es selbst konstruiert und gebaut,
ohne Anleitung, alles reine Improvisa-
tion. Es wiegt 2300 Kilogramm, ist 5 Meter
lang und 1,2 Meter breit. 20 Jahre habe
ich daran gebastelt, immer nachts nach
der Arbeit in der Fabrik. Manchmal habe
ich bis morgens durchgearbeitet. Ich bin
im Kalten Krieg aufgewachsen, damals
war an eine so freie Fortbewegung nicht
zu denken. Aber ich habe immer daran
geglaubt, dass ich eines Tages mit mei-
nem U-Boot in See stechen werde. Und
jetzt ist es so weit. Ich habe das Boot
,Wal‘ getauft und fahre damit durch den
Fluss Newa in St. Petersburg. Ich kann
DMITRY LOVETSKY / AP

überall hinfahren, solange das Wasser


klar genug ist. Doch die Nachtarbeit geht
weiter. Meine Freunde sind ganz verrückt
nach einem U-Boot-Trip. Deshalb will ich
es zu einem Zweisitzer ausbauen.“ Puchkow in U-Boot „Wal“

INTERNET M U LT I M E D I A Amateurfilm von einer Hochzeit oder


der ersten stolzen Reise im eigenen Pkw.
Kinopartner per Geschirrspüler und Besonders die Werbespots des Wirt-
schaftswunders bieten nach über 40 Jah-
Mausklick andere Wunder ren Abstand einiges an unfreiwilliger Ko-
mik: wenn etwa die Leistungskraft eines

A nonymität in der Großstadt – für


Pariser mit Internet-Anschluss
dürfte das kein Problem mehr sein. Die
E s gab auch während der Weltkriege
einen Alltag. Wie der in den unter-
schiedlichen Regionen Deutschlands
Geschirrspülers damit bewiesen werden
soll, dass es ihm gelingt, eine üppige Sah-
netorte spurlos verschwinden zu lassen.
seit September existierende städtische ausgesehen hat, erfährt man aus
Internet-Seite „Peuplade“ ermöglicht Geschichtsbüchern oder durch Fernseh- Rolf Hosfeld, Hermann Pölking: „Die Deutschen
ihren Nutzern präzises Kennenlernen dokumentationen kaum. Nun füllt ein 1945–1972. Leben im doppelten Wirtschaftswunder-
land“ und „Die Deutschen 1918–1945. Leben zwischen
ihres Viertels, ihrer Nachbarschaft, multimediales Großprojekt diese Lücke: Revolution und Katastrophe“. Piper Verlag, München;
wenn nötig, sogar ihres Nachbarn. Vier üppig bebilderte Bände mit insge- je 512 Seiten, 3 DVDs; je 98 Euro.
Über Peuplade organisieren sich Fahr- samt zwölf DVDs umfasst die
gemeinschaften zu den Grundschulen, Zeitreise „Die Deutschen“; zwei
Babysitter-Service, Betreuung allein- Bände (1918 bis 1945 und 1945 bis
lebender Senioren, Jogging-Gruppen 1972) sind gerade erschienen.
und After-Work-Partys. Inzwischen Dass die Filme die Bücher in ih-
nutzen über 40 000 Städter die Seite, rer Wirkung auf den Betrachter
auch für Spontanaktionen wie das übertreffen, liegt an der Unbe-
schnelle Finden eines Kinobegleiters kanntheit des kaleidoskopartig
aus der Nähe. Gerade in Paris gebe es montierten Originalmaterials.
eine besondere Scheu, Nachbarn ein- Seit fast 20 Jahren sammelt der
fach anzusprechen, erklärt der Sozio- Berliner Filmhistoriker Hermann
loge Nathan Stern, Mit-Gründer von Pölking auf Zelluloid gebanntes
Peuplade, der Umweg über die Inter- Material deutscher Geschichte –
net-Seite helfe, diese Scheu abzubau- von der „Wochenschau“ und Ufa-
en. Für Diskretion sorgt ein Deckname, Filmen über Vereins- und Unter-
der nur bei Bedarf gelüftet wird. An- nehmenspräsentationen bis zu
dere Städte in Frankreich wollen dem meist in Nachlässen gefundenen
Pariser Modellversuch folgen. lokalen Ereignissen, etwa dem Volkswagen (um 1940)
44 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
Gesellschaft
EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Am nächsten Tag verhören Polizisten
aus Enebakk Fred-Roger Ness und be-
schlagnahmen den toten Luchs. Sie fah-

In der Falle ren zur Holzfalle im Wald und finden


Blut, Tierhaare und einen Zahn. Ness
sagt, das alles sei von einem Dachs.
Wie ein Tierschützer gejagt und zur Strecke gebracht wurde Die Menschen in Uniform, nicht nur
Helfer des Menschen, auch Freunde

S
ein Gewehr hat Fred-Roger Ness, Ein paar Tage später schnappt er im aller Tiere und Jäger aller Tierfeinde,
46, an diesem Tag nicht dabei, Supermarkt Worte auf. Luchs, Wald, nehmen Witterung auf. Die Ermittlun-
nur ein Messer. Er marschiert ziel- Probleme. Hat man ihn beobachtet? Er gen laufen an, die Detektive setzen sich
strebig durch den Wald nahe Enebakk, muss das Tier loswerden. auf die Spur des Täters.
30 Kilometer südöstlich von Oslo. Einen Tag nach Beginn der offiziellen Die Polizisten schicken das Blut aus
Nach fünf Minuten erreicht er die Jagdsaison für Luchse, drei Wochen der Falle zu einem Labor in Schweden
Holzkiste, eine Falle für Luchse. Sie ist später, fährt Ness zu seinem Revier, 100 und lassen es mit der Luchs-DNA ver-
drei Meter lang und sieht aus wie ein Kilometer entfernt. Im Kofferraum liegt gleichen. Die Proben sind identisch. Zu-
Sarg. Eine Klapptür ist zugefal- dem passt der Zahn in das Gebiss des
len. Ness hört ein Knurren. toten Luchses. Sie ordnen eine Autopsie
Luchse sind in Norwegen wie an in der Osloer Veterinärmedizin.
Wölfe und Bären geschützt, es Wenn die kriminalistische Maschinerie
gelten strenge Jagdquoten. Eine erst läuft, ist sie kaum zu stoppen.
Sondereinheit spürt nach Wil- In Oslo schiebt eine Tierpathologin
derern. Bisher konnten die Po- den Luchs in eine Röntgenmaschine,
lizisten aber nur wenige fassen. zieht ihm das Fell ab, schneidet die
Fred-Roger Ness müsste jetzt Aus dem „Weser-Kurier“ Bauchdecke auf, untersucht die Organe.
die Luke oben öffnen. Er kon- Sie notiert: Fraktur des linken hinteren
trolliert die Fallen für die Tierforscher, der Plastiksack. Er parkt den Wagen im Unterschenkels, mehrere Stiche mit ei-
ehrenamtlich. Er ist ein Freund der Wald, niemand ist zu sehen. Er zieht nem Messer sowie 83 Schrotkugeln,
Menschen und ein Freund der Tiere; das den Kadaver aus dem Beutel und schul- verteilt im Körper. Vermutliche Todes-
ist sein Problem. Als Tierfreund müsste tert die Beretta-Schrotflinte, Kaliber ursache: Lungenkollaps durch Messer-
er jetzt alles tun, um den Luchs zu scho- 12/70, ein Erbstück seines Vaters. Nach stich in die Brust.
nen. Als Freund der Tierforscher müsste ein paar hundert Metern findet er einen Der Fall wird weitergereicht an die
er in Trondheim anrufen beim Institut Grashügel. Er lehnt den gefrorenen Behörde zur Untersuchung und Ver-
für Naturforschung und den Luchs in Luchs an den Hügel und entfernt sich, folgung von Wirtschafts- und Umwelt-
der Falle melden. Die Forscher würden es muss echt wirken. Kein Jäger schießt kriminalität in Oslo, an eine Sonder-
die Tätowierung im Ohr des Tieres ab- einen Luchs aus nächster Nähe. einheit. Zwei Ermittler sind ab jetzt ver-
lesen und wissen: Luchs Nummer 170 antwortlich für den toten Luchs
ist 20 Monate alt, weiblich, geboren und seinen Mörder. Sie befra-
nahe Oslo. Ein Veterinär würde das Tier gen Zeugen, holen Gutachten
betäuben, ihm einen Peilsender um- ein. Die Akte wird am Ende
schnallen und es laufenlassen. sechs Zentimeter dick sein. Es
Stattdessen wird Fred-Roger Ness in besteht die Chance, einen Feind
diesem Moment zum Feind des Tieres der Kreatur zu stellen und zu
und zum Feind des Menschen. Er bin- erlegen, das lässt die Ermittler
det sein Messer an einen Stock und nicht ruhen.
stößt damit in die Luke. Das Tier ist tot. Der Gerichtsprozess im De-
Es geht jetzt darum, den erstochenen zember 2006 dreht sich um die
Luchs in der Lebendfalle zu beseitigen. Frage, ob der Hinterlauf des
Es darf ihn nie gegeben haben. Luchses gebrochen war, bevor
Soll er den Jagdaufseher verständi- oder nachdem er erstochen wur-
gen oder die Forscher in Trondheim? Toter Luchs aus Enebakk de. Ness, nun in der Falle, sagt
Er hat Angst um seinen Job, Angst vor aus, der Luchs habe festgeses-
den Fragen. Er geht 25 Schritte. sen, ein Bein in der Fallentür ver-
Ness steckt den Kadaver in einen Dann drückt er ab, einmal, zweimal, klemmt. Er habe den Schmerz von
schwarzen Plastiksack und legt ihn zu dreimal. Die Schrotkugeln bohren sich Gottes Geschöpf nicht ertragen können
Hause in die Kühltruhe, minus 18 Grad. in das Fleisch des Tieres. und deshalb schweren Herzens zuge-
Er ist ein erfahrener Jäger, seine Li- Auf dem Rückweg ruft er den Jagd- stoßen, einmal, zweimal, immer wieder.
zenz besitzt er seit 16 Jahren. Im Flur aufseher an. Er sagt, er habe soeben ei- Die Veterinärin sagt allerdings aus, das
seines Hauses hängt das Fell eines nen Luchs erwischt. Tier sei schon tot gewesen, als das Bein
Schwarzbären. Seit viereinhalb Jahren Fred-Roger Ness beschreibt den gebrochen wurde. Der Täter, damit kon-
hilft er den Tierforschern, Luchse zu fan- Ort, an dem er das Tier geschossen frontiert, bleibt bei seiner Geschichte.
gen. Hauptberuflich arbeitet er für die habe. Dort finden sich allerdings keine Nach vier Tagen spricht der Richter
Schule in Enebakk, er streift mit Kindern Luchsfährten, nur die Fußabdrücke das Urteil: schuldig. Fred-Roger Ness,
durch den Wald und zeigt ihnen, wie von Ness. Der Aufseher wird miss- der Tierfreund, muss 15 Tage ins Ge-
man sich in der Natur besonnen verhält. trauisch. fängnis. Christoph Scheuermann

d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 45
DER SPIEGEL / AG. FOCUS
Überlebende Salvador, Lucio, Jesús aus San Blas: Für jeden sind 1,3 Millionen Dollar drin

SCHIFFBRUCH

Drei Fischer für Hollywood


Es ist die wohl unglaublichste Geschichte des Jahres 2006: Mexikanische Fischer treiben neun Monate
hilflos auf dem Pazifik, werden 4500 Seemeilen entfernt von zu Hause gerettet –
nun sollen sie Helden sein und bald Stars werden im globalen Filmbusiness. Von Ralf Hoppe

J
oe Kissack schiebt die Moskitotür auf, merken kann, außerdem hat ein Typ vom
tritt auf den Balkon. Die Balkons in „New Yorker“ sich gemeldet, die „Sun“
dem Hotel sind winzig, doch sie ge- aus London, ein Filmproduzent aus Mexi-
hen wenigstens aufs Meer hinaus. Sturm ist NO R DAME R I K A
NORDAMERIKA co City, die Sache kommt in Gang.
aufgekommen, der Wind biegt die Palmen, Zwei Dutzend Interviewanfragen, die
Wolken jagen über den Nachthimmel, San Francisco Jungs müssen ordentlich ran morgen. Sei-
trotzdem ist es heiß hier in San Blas. Joe M E X I KO ne Jungs, die Fischer.
Honolulu
öffnet eine Cola light, stützt sich auf dem Er bewundert sie. Sie haben das Härtes-
Marshall-
Balkongeländer auf und erzählt. Inseln Hawaii te durchgemacht, was Menschen durch-
Morgen also der große Tag. San Blas machen können. Was sie wohl über ihn
Die Präsentation in Tepice, er hat das Fundort der denken? Aber mit Leuten, die einem wild-
beste Hotel gemietet, zwei Autostunden Fischer nach gewordenen Hai in den Schwanz beißen,
Valparaíso
von San Blas entfernt, in der Kreisstadt. spricht man besser nicht über endogene
Angemeldet haben sich die brasilianische Sydney Depressionen und Burn-out. Aber jetzt ist
„TV Globo“, „Televisa“ aus Mexico City, er einer von ihnen, und Ruhm und Dollars
ein spanischer Sender, „TV5“, dazu ein wird er ihnen bescheren, sich selbst natür-
AUSTRALIEN
Dutzend mexikanischer Zeitungen, deren lich auch, Paramount hat geantwortet,
Hauptschifffahrtslinien
Namen er sich beim besten Willen nicht Warner Brothers auch, mal sehen. Aus
46 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
Gesellschaft

L. A. liegen Angebote vor, von Drehbuch- ein gewissenhafter Arbeiter, der sich nicht ges Gefährt aus Fiberglas, mit einge-
autoren, zwei davon klingen ganz gut. schont. schweißtem Schwimmkörper, der das Boot
Eine große Geschichte vermag alles zu Der Vierte heißt Miguel Fercera, ein jun- selbst im vollgelaufenen Zustand noch eine
verwandeln, seine drei Fischer, das Leben ger Kerl ohne Erfahrung auf dem Meer. Handbreit über Wasser halten kann. Es
der Leute hier, dieses ganze Kaff, San Blas. Zuletzt kommt Juan David, der Kapitän. gibt keine Kajüte, nur einen Stauraum im
Man kann die Helden der globalen Story- Er trägt eine schwarze Baseball-Kappe, ist Bug. Die anderen vier Männer hocken auf
Industrie nach zwei Typen unterscheiden: muskulös und barsch. dem Bootsrand.
den klassischen und den modernen. Die Kapitän wird jeder, der Geld hat, um Die ersten 40 Seemeilen, rund 70 Kilo-
Klassiker, erfundene Figuren wie Achilles ein Boot zu mieten oder zu kaufen. Man meter, vor der Küste von San Blas ist das
oder Superman, sind Heroen aus innerer holt sich Leute, besorgt Sprit, ein Netz Wasser flach, um die 20 Meter tief. Dann
Bestimmung. Sie können nicht anders, also oder eine Leine, bekommt die Hälfte oder fällt das Kontinentalschelf steil ab. Das Was-
suchen sie sich eine Aufgabe und legen los. zwei Drittel vom Fang, der im Schnitt bei ser wechselt die Farbe, von Grün zu Blau.
Der moderne Held hingegen lebt wirk- 600 bis 800 Kilogramm liegt. An den unterseeischen Hängen und Canyons
lich, er wird erst durch die Umstände zum Juan, der Käpt’n, treibt seine Leute zur gibt es ein Dutzend Hai-Arten, Goldmakre-
Helden. So wächst er über sich hinaus, fin- Eile. Sie beladen das Boot mit Wasserka- len, Spanische Makrelen, Muränen, Barsche,
det sich selbst. Die globalen Märchener- nistern, Lebensmitteln und Getränkedo- Gelbflossen-Thunfische. Juan stoppt den
zähler, Hollywood und seine Agenten, die sen. Zwei Säcke, prall gefüllt mit Eis, Motor. „Fangen wir Haie“, sagt er.
Joe Kissacks dieser Welt, suchen nach sol- gehüllt in Decken. Zwei Messer, ein guss- Die fünf Männer auf der „Leviathan“
chen Helden. Und je globaler die Welt, je eiserner Fischhaken, zwei Kanister Ben- arbeiten mit einer sogenannten Langleine.
verflochtener die Kulturen, desto schneller zin, insgesamt 45 Liter. Die Männer ver- Sie misst ungefähr sechs Kilometer, wird
und leichter werden die Storys internatio- stauen ihre Seesäcke und Taschen. Noch mit Bojen oben gehalten, hat rund 300 Aus-
nal vermarktbar. „Der Sturm“, die Ge- vor Sonnenaufgang tuckern sie hinaus. leger, Vorfächer genannt – neun Meter lan-
schichte von verschollenen Fischern, spiel-
te 330 Millionen Dollar ein, „Cast Away“,
die Story eines gestrandeten Flugzeugpas-
sagiers, 430 Millionen.
Joe trinkt den letzten Schluck, knüllt die
Dose, geht wieder rein. Zieht die quiet-
schende Balkontür hinter sich zu, draußen
orgelt der Sturm, ächzen die Palmen. Joe
knipst seinen Laptop an. Er wird sich an
seine Drehbuch-Skizze setzen, die Nacht
durcharbeiten, hier auf Zimmer 31, und sie
noch einmal polieren, die Geschichte sei-
nes Lebens, die in Wahrheit die Geschich-
te von fünf Fischern ist – so, wie sie sie er-
zählten, Joe, ihrem Agenten, und den Jour-
nalisten, die nach San Blas gereist sind, an
die mexikanische Pazifikküste, 2000 Kilo-
meter südlich von Los Angeles.
Die Geschichte ist die wohl unglaub-
lichste Story des Jahres; doch wenn man
DER SPIEGEL / AGENTUR FOCUS

die Männer, denen sie widerfahren ist,


kennenlernt, nach stundenlangen, tage-
langen Interviews, wird das, was sie er-
zählen, plausibel.
Die Geschichte beginnt am 29. Oktober
2005, um halb fünf Uhr morgens, als sich
am Hafen von San Blas an der Westküste
Mexikos fünf Männer treffen. Es ist noch Hafen von San Blas: Kapitän wird jeder, der Geld hat, um ein Boot zu mieten
dunkel.
Die ersten beiden heißen Salvador Or- Von diesen fünf Männern, die San Blas ge Schnüre, besetzt mit schweren Haken.
doñez und Lucio Rendón. Salvador, mit verlassen, werden nur drei zurückkehren. Bis zum Einbruch der Dunkelheit sitzen
35 der Ältere, ist ein kleiner, sehniger Kerl Die 5000 Fischer von San Blas und Um- die Männer in der Abendsonne, spießen
mit freundlichen Augen. Mit vier hat er gebung stehen am unteren Ende der so- die Köder, spulen die Leine ins Wasser. Sie
schwimmen gelernt. Seit er zwölf ist, arbei- zialen Skala, ihr Monatsgehalt liegt bei setzen fünf Leuchtbojen, um größere Schif-
tet er als Fischer. etwa 150 Euro, weniger als ein Bauarbeiter fe vor der Leine zu warnen. Dann lassen sie
Sein Freund Lucio, 27, ist ein Mädchen- oder Bauer verdient. Kaum ein Fischer ar- sich treiben. Nachts treibt das Plankton an
Typ: dunkle Locken, groß, fröhlich und ein beitet mit Lizenz, manche erledigen hier die Oberfläche, die kleinen und größeren
guter Fußballer, defensives Mittelfeld. An und da einen Drogentransport Richtung Fische folgen. Die Männer dösen.
diesem Morgen ist er unruhig. Zwei Poli- Norden. Dennoch haben sie ein trotziges Sie fangen nichts, am nächsten Tag auch
zisten waren in Lucios Dorf, suchten nach Selbstbewusstsein. Ihnen gehört mehr als nicht. Am Abend des zweiten Tages zeigt
ihm, nächtlicher Einbruch in eine Shrimps- nur ein Stück Land, ein paar Reihen blöder Salvador auf eine Wolkenbank. Die sieht
Farm, jemand muss ihn verpfiffen haben. Stangenbohnen. Ihnen gehört das Meer. nach Problemen aus.
Ein paar Tage auf dem Meer zu sein, denkt Juan, der Käpt’n, hat die beiden Yama- Fünf geostationäre Satelliten sind über
er, kann nicht schaden. ha-Außenbordmotoren angeworfen, sie dem Äquator positioniert, alle halbe Stun-
Der Dritte heißt Jesús Vidaña, der ein- machen etwa drei Knoten Fahrt. Die „Le- de machen sie ein Bild, tagsüber im sicht-
zige der Männer, der verheiratet ist. Jesús viathan“ ist etwa achteinhalb Meter lang, baren Spektral-, nachts im Infrarotbereich.
trinkt und kifft zu viel, aber nüchtern ist er drei Meter breit, ein plumpes, hochbordi- Über dem östlichen Pazifik steht der Sa-
d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 47
Gesellschaft

tellit GOES-W; an diesem 30. Oktober 2005


fotografiert er ein Tiefdrucksystem mit aus-
geprägten Cumulonimbus-Clustern, im
in eine teure Privatpsychiatrie oder Selbst-
mord. Er bevorzugte Selbstmord.
In dieser Nacht lag Joe im Ehebett im
Als sich der Sturm gelegt hat, am späten
Nachmittag, sehen die Männer auf der
„Leviathan“, dass sie ihre Langleine ver-
Randbereich kleinere, kreisförmige Gebie- ersten Stock seines schönen Hauses in At- loren haben. Das zweifingerdicke Tau ist
te mit Schauer- und Gewitterwolken. Die lanta, und zwischen ihm und seiner Frau gerissen, der Knall.
östlichen Ausläufer werden am Nachmittag Carmen stand eine Mauer, und er wusste, Einen gebrauchten Yamaha-Außenbord-
des kommenden Tages die Küste erreichen, alles, wofür er gekämpft hatte, würde er motor kriegt man schon für etwa 3000 bis
mit Wind der Stärke drei und Druckabfall verlieren. 4000 Euro, ebenso ein einfaches Fiberglas-
um sechs Hektopascal. Ein Dutzendsturm. In jener Nacht, so stellt es Kissack dar, ge-
boot von rund acht Meter Länge. Für ein
Es sei denn, man ist mittendrin. schah etwas mit ihm, was ihn offenbar ret- Netz oder eine Langleine mit Bojen hin-
Das schwarze Wolkenband, vom Meer tete – Gott begegnete ihm. Am nächsten gegen muss man an die 8000 Euro zahlen
aus gesehen, ist schätzungsweise zwölf Ki- Tag jedenfalls sagte er seine Termine beim – der Verlust kann Juan ruinieren.
lometer hoch; eine Wand, die alles „Wir finden die Leine“, sagt
Licht schluckt. Gegen zwei Uhr Juan, er wirft den Motor an,
morgens bricht das Gewitter los. nimmt West-Kurs, „wir müssen sie
Gischtfetzen fliegen, Blitze finden.“
zucken. Die Luft ist wie elektrisch, Sie suchen das Meer ab, finden
die See gleißend hell, für Bruch- nichts. Juan vermutet, dass die
teile von Sekunden. „Hast du die Leine aufs Meer getrieben wurde.
Leine gesichert?“, brüllt Salvador Suchen weiter. Dann geht ihnen
zu Juan hinüber, der am Motor das Benzin aus.
steht. „Kümmer du dich um deine Juan hat sich verkalkuliert.
Arbeit“, schreit Juan, der Käpt’n. Sie haben kein Segel, keine Ru-
Die Fischer kauern am Boden des der. Sie treiben, mehr können sie
Boots. nicht tun.
Die Wogen tragen die „Levia- Auf den „Routeing Charts“,
than“ auf Höhen von acht bis herausgegeben vom britischen
zehn Metern. Die Fischer werden Hydrographic Office, lassen sich
gegeneinandergeschleudert wie die Wind- und Strömungsverhält-
Kugeln in der Schachtel. Mehr- nisse jener Tage rekonstruieren.
mals hocken sie bis zur Brust im Es ist jetzt Anfang November, und
Wasser, müssen Sturzseen aus- die Männer haben vorwiegend
schöpfen. Sie zittern vor Kälte, Nordostwind, Windstärken meist
ihre Augen brennen. zwischen vier und sechs.
Plötzlich ein scharfer Knall. Die „Leviathan“ kreuzt die gro-
ßen Schifffahrtsstraßen zwischen

J oe Kissack hatte kaum seinen


Uni-Abschluss in Marketing, da
fand er einen Job bei Columbia Tri-
San Francisco und Valparaiso.
Aber die fünf Fischer sehen kein
Schiff.
star Television. Er war charmant, Sie rationieren die letzten Sand-
optimistisch und von ganzem Her- wiches. Ihre Wasser-Ration: mor-
DER SPIEGEL / AGENTUR FOCUS

zen geldgierig, er war wie geschaf- gens zwei Esslöffel, abends einer.
fen für die Entertainment-Branche. Ein Yamaha-Außenbordmotor
Joe landete in der Syndication-Ab- besteht aus etwa 3500 Teilen, drei
teilung, verkaufte Filme, Serien, Hauptgruppen. Am Vergaser be-
Shows an Fernsehsender. Bald war finden sich die Rückholspiral-
er Chef für den Südosten der USA. federn, etwa acht Zentimeter lang,
Dann bekam er den Südwesten Edelstahl. Um an die Antriebs-
dazu; dann den Mittelwesten; nach Großtante Panchita: „Er lebt“, sagt sie jeden Tag welle des Motors zu gelangen,
zwölf Jahren war Joe Executive muss man sechs Sechskantschrau-
Vice President, er hatte 250 Leute unter sich, Psychiater ab, er fuhr stattdessen zur Kirche, ben lösen, dann die Antriebsritzelmutter.
und vor sich einen Schreibtisch, über den hörte von nun an auf zu saufen, zu rauchen, Die Welle steckt in einer Manschette, eine
Milliarden-Verträge gingen. zu fluchen, trat in einen Fitnessclub ein. Stange, vergüteter Stahl, 92 Zentimeter
Inzwischen war er sechs Tage die Woche Von da an wurde viel gebetet bei den lang.
unterwegs, rauchte täglich zwei Päckchen Kissacks. Er las die Bibel durch, dreimal. Lucio schleift und glättet die Federn, er
Marlboro, trank zu viel, besaß ein Haus, Kaufte sich bei „August House“ ein, einer fertigt Angelhaken. Salvador schleift die
ein Boot, drei Autos. Es war das Leben, Stange zu einem Speer. Sie tei-
das er sich erträumt hatte. Bis er depressiv len sich den Schleifstein, arbei-
wurde.
Ihre Wasser-Ration: morgens zwei ten sechs Tage und Nächte dar-
Es begann schleichend, vor fünf, sechs Esslöffel, abends einer, gelegentlich an, sobald einem die Hände zu
Jahren. Er begriff nicht, was los war mit Regen, genug, um nicht zu verdursten. sehr zittern, reicht er den
ihm. Er verheimlichte die Schübe, die hef- Schleifstein weiter.
tiger wurden, Joe vernachlässigte seine Ar- verschlafenen Firma, die Bücher, Hör- Die anderen drei Männer liegen im Boot,
beit, seine Familie, sich selbst. Wurde ent- bücher, folkloristische Märchen produ- verkriechen sich vor der brennenden Son-
lassen, mit hoher Abfindung, fand einen zierte. Morgens spielte er Tennis, nach- ne. Lucios Casio-Armbanduhr geht noch,
anderen Job, wurde entlassen. Eines Nachts mittags krempelte er die Firma um. Aber sie haben einen Bleistift, einen Kalender.
im Jahr 2002, erinnert sich Joe, war seine irgendwas fehlte. Ein Coup. Eine Story, Lucio macht jeden Tag eine Notiz.
Frau so weit, sich scheiden zu lassen, er wuchtig, voller Drama und Schicksal, ein Am 27. November kritzelt er: Seit 15 T.
selbst hatte die Wahl zwischen Einweisung Märchen, in dem Gott vorkommt. nichts gegessen, 5 T. ohne Wasser.
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Am 28. November geht mittags leichter Zwei oder drei Tage nach dem Sturm, die noch zuckenden, dampfenden Mus-
Regen nieder, sie können einen halben Li- das Wetter hat aufgeklart, sehen die fünf keln, die Därme, das Fett, sie knacken die
ter auffangen, für jeden einen Schluck. Männer eine grüne Meeresschildkröte. Sal- Knochen, lutschen sie aus. Mehrmals, er-
Der junge Miguel trinkt Salzwasser. vador springt ins Wasser, eine Schnur ums innern sich Salvador und die anderen heu-
Jesús isst die Zahncreme. Handgelenk, die ihn mit dem Boot ver- te, bieten sie Juan und Miguel etwas an,
Sie haben die Angelhaken ausgehängt, bindet. Er kann die Schildkröte hinten am vergebens.
aber keine Köder, nur Stoff-Fetzen. Panzer fassen. Sofort beginnt sie mit hefti- Weihnachten sind sie beinahe zwei Mo-
Salvadors Speer ist fertig, als Schaft hat er gen Flossenschlägen abwärtszuschwim- nate unterwegs und haben vermutlich
ein Stück aus der hölzernen Sitzbank her- men. Salvador drückt sie mit aller Kraft mehr als 650 Seemeilen zurückgelegt. Ge-
ausgeschnitzt. Anfang Dezember nähert hinten herunter, lenkt ihre Schwimmbe- legentlich Regen, nicht viel, doch genug,
sich eine Dorade dem Boot. Salvador wirft wegungen aufwärts. Vom Boot aus wirft um nicht zu verdursten. Tagsüber kauern
den Speer, aber die Dorade weicht mit einer Lucio eine Schlinge um eine Vorderflosse. sie an der Bordwand. Frühmorgens und in
fließenden Bewegung aus. Der der Abenddämmerung angeln sie.
Speer versinkt, von der schweren Salvador hat die zweite Harpune
Spitze gezogen, als dunkler Punkt fertig.
im Blau; Salvador hat vergessen, Diese ersten drei Monate ihrer
eine Schnur an den Schaft zu bin- Reise, November bis Januar, über-
den. Er bricht, zornig auf sich leben drei von den Männern nur
selbst, die Triebwelle aus dem knapp. Zwei schaffen es nicht. Am
zweiten Motor, macht sich ans 20. Januar stirbt Juan, der Ka-
Schleifen. Etwa am 5. Dezember pitän, wenig später der junge Mi-
verirren sich ein paar fliegende Fi- guel. Es ist kein dramatischer To-
sche ins Boot, auf der Flucht vor deskampf, eher ein unmerkliches
Doraden. Salvador kann die zap- Hinübergleiten. Die drei Überle-
pelnden Tiere erhaschen, er schnei- benden sind schon zu zermürbt,
det sie in fünf gleiche Stücke, jeder um viel zu empfinden. Lucio
der Männer kriegt ein fingerlanges macht eine Notiz im Kalender. Sie
Stück Fisch. Die Gräten verwendet nehmen Juans Gürtel, Miguels
Jesús als Angelköder, ergebnislos. Hose, dann hieven sie die Leichen
Um den 15. Dezember, sie sind über Bord. Salvador hat in seinem
nun 47 Tage auf See, kommt aber- kleinen Seesack eine Bibel, ver-
mals ein Sturm auf, härter als der schnürt in einer Plastiktüte. Er
erste. Immer wieder wird das Boot wickelt sie aus, versucht vorzule-
vom Grund eines Wellentals em- sen, aber er ist zu erschöpft.
porgerissen, acht, zehn, zwölf Me- In den nächsten Tagen fällt Re-
ter. Auf dem Wellenkamm klebt gen.
die „Leviathan“ dann sekunden- Die Fischer von San Blas waren
lang wie auf dem Rücken eines to- kaum gerettet, da tauchten Zwei-
benden Riesen, um im nächsten fel auf, Gerüchte: Hatten sie die
Moment fast senkrecht, so kommt anderen beiden Männer womög-
es ihnen vor, abwärtszurasen, in lich getötet, gegessen? Vor allem
eine Implosion aus Schaum und die mexikanischen Medien moch-
Dunkelheit. Sie verlieren eine ten den schaurigen Touch. Salva-
Decke, Teile des zerlegten Motors dor, Lucio und Jesús beschworen
gehen über Bord, die Angelhaken. zornig ihre Unschuld, boten an,
Irgendwann beugt sich Juan Da- sich einem Lügendetektor zu stel-
CINETEXT

vid, der Käpt’n, über die Bord- len. Auch jetzt wirken sie glaub-
wand und schreit ins Meer: „Was würdig, wenn sie ihre Geschichte
willst du? Hol uns, dann ist end- Filmszene aus „Der Sturm“: Zwei überleben nicht erzählen, doch nur sie wissen, was
lich Schluss!“ sich wirklich abgespielt hat.
„Hör auf“, brüllt Jesús, „du machst das So können sie das Tier, das mit seinen kral- Die kommenden Monate, von Februar
Meer nur noch wilder!“ lenbewehrten Flossen schlägt, ins Boot hie- bis Juni, werden für die Fischer eine Zeit,
„Betet, verdammt“, befiehlt Salvador. ven. Sie drehen sie um. Die Schildkröte da sich so etwas wie Routine einstellt. Die
Etwa 500 Seemeilen entfernt, im Hafen zieht Kopf und Flossen ein. Salvador „Leviathan“ befindet sich Anfang Februar
von San Blas, werden die fünf Männer drückt das Messer schräg in die Kopf- wahrscheinlich etwa auf Höhe des 132.
nicht vermisst. Jesús’ Frau weiß nicht, wo öffnung, schlägt es mit dem Schleifstein Längengrades, bereits mehr als 1400 See-
ihr Mann steckt, doch in ihrer Schicksals- tief in die Hautwülste. Der Reptilienkopf meilen von San Blas entfernt. Ein treiben-
ergebenheit unternimmt sie nichts. Es schnellt vor, beißt um sich. Jesús hat das des Boot in dieser unermesslichen Weite ist
kommt außerdem oft vor, dass Fischer in zweite Messer parat, schneidet den Kopf für Meerestiere eine Art Erlebnispark.
einem anderen Hafen an Land gehen, dass ab, legt ihn beiseite, wo er noch eine Kleine Fische interessieren sich brennend
sie rasch wieder ausfahren, dass sie fal- Weile wie erstaunt blinzelt und um sich für die Algen, Würmer und winzigen Mu-
sche Angaben darüber machen, wo sie schnappt. Für jeden ein Blechbecher Blut, scheln, die sich am Rumpf festsetzen; die
fischen, um ihre Fischgründe nicht zu es muss getrunken werden, solange es kleinen Tiere locken größere an. Haie nut-
verraten. warm ist, es gerinnt schnell. zen den Schatten, den das Boot wirft, als
Lucios uralte Großtante, Señora Pan- „Will nicht“, sagt Juan, der Käpt’n, als Deckung. Manche rempeln das Boot an,
chita, die in einem schiefen Häuschen in Salvador ihm eine Blechtasse hinhält. wie um herauszufinden, was es damit auf
dem Dorf Limon lebt, stellt jeden Tag für „Nein“, sagt Miguel. sich hat, ob es als Beute taugt.
Lucio einen Teller auf den Tisch. Die anderen drei Männer lösen den Pan- Haie sehen die Fischer fast täglich. Blau-
„Er lebt“, sagt sie. zer von der Bauchplatte, sie verschlingen haie, schmal, schlank, nervös; Sandhaie,
d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 49
Gesellschaft

mit spitzer Schnauze; auch große Weiß- locker. Zusammen essen sie den Magen- reglos, sobald ein Vogel heranfliegt. Der
flossenhaie, stämmige Ungetüme mit inhalt, das Hirn, die Augen, sie lutschen an Tölpel watschelt übers Deck, inspiziert eine
Längen bis zu vier Metern. Eines Nach- den Knorpeln, brechen das Rückgrat, um Weile, und sobald er seinen Schnabel un-
mittags Anfang Februar schwimmt ein an die gelbe, krümelige Gelatine zwischen ters Gefieder schiebt, springen sie auf und
Sandhai nur wenige Handbreit unter der den Wirbeln zu kommen. Sie legen Streifen erschlagen ihn mit dem Speerschaft.
Oberfläche backbords neben dem Boot. aus, um sie an der Salzluft zu dörren. In den neun Monaten ihrer Reise fangen
Salvador greift zum Speer, und er trifft den Anfang Februar sehen sie ein Schiff. sie etwa 60 bis 70 Vögel. Die Männer essen
Hai, von vorn und kurz hinterm Kopf. Der Wilde Hoffnung. Sie winken, schreien, die Knochen und knabbern die Schwimm-
Hai versucht abzutauchen. Aber die Speer- doch der Wind verweht ihre Rufe. Hätten füße. Sie erbeuten etwa ein halbes Dut-
spitze sitzt in einem für das Tier ungünsti- sie ein Feuerzeug, um ein qualmendes Feu- zend Schildkröten, Doraden, drei oder vier
gen Winkel, der Hai kann nicht fliehen. er zu entzünden, oder wenigstens einen kleinere Haie, dazu Muscheln, Algen,
Aus der Wunde strömt eine dunkle Blut- Spiegel, um Reflexe auf die Brücke zu Würmer, die sie regelmäßig vom Bootsbo-
fahne. schicken – doch sie können nur winken. den pflücken – so kommen sie pro Kopf
„Halt ihn, lass ihn nicht entkommen!“ Schiffe dieser Größe sind wie menschen- auf vielleicht 200 oder 300 Gramm rohes
Salvador übergibt den Speer-
schaft an Jesús, reißt sich das
Hemd herunter.
„Das Messer!“
Die Messer der Fischer sind
bessere Küchenmesser, die Klin-
ge etwa 20 Zentimeter lang. Sal-
vador klemmt sie quer zwischen
die Zähne. Springt über Bord,
packt den Hai mit beiden Hän-
den an der Schwanzflosse, dreht
sie mit aller verbliebenen Kraft,
wie man einen riesigen Schlüs-
sel drehen würde. Der Hai ist
etwa eineinhalb Meter lang, in
der Körpermitte dick wie ein
junger Baum. Aber er könnte
mühelos einen Arm abbeißen.
Jesús hängt an der Bord-
wand, bemüht, den Speer tie-
FOTOS: DER SPIEGEL / AGENTUR FOCUS

fer ins Muskelfleisch zu bohren.


Salvador muss die peitschende
Schwanzflosse festhalten, mit
der linken Hand hat er jetzt
eine der Seitenflossen gepackt.
Die Schwanzflosse darf er auf
keinen Fall loslassen; doch wie
den Stich führen?
„Mehr Haie“, brüllt Lucio, Fischer Jesús, Produzent Kissack: Die Märchenerzähler suchen nach Helden aus dem wahren Leben
„da!“
Salvador, Kopf unter Wasser, hört nichts, leer, werden über weite Strecken per Auto- Fleisch beziehungsweise Fisch täglich. Sie
sieht fast nichts, das Wasser schaumig und pilot gesteuert, die Crew sitzt die meiste haben rostige Nägel, an denen sie lutschen,
aufgewirbelt, aber er muss die Hand frei- Zeit unter Deck und schaut Pornofilme. So der Mineralien wegen.
haben, er nimmt das Messer aus dem dröhnt der Frachter vorüber, mit entsetzli- Die Ernährung ist einseitig, aber erhält
Mund und beißt zu, mit aller Kraft. Er cher Bugwelle, die das Boot tanzen lässt. sie am Leben. Mit regelmäßigerem Essen
beißt in die raue, mit zahllosen kleinen Und dann ist er weg. kehrt ihr Stuhlgang zurück, ungefähr alle
Widerhaken besetzte Schwanzflosse des Stille. zwei Wochen, eine Prozedur, die sie ver-
Sandhais. Von den Flossenschlägen wird Salvador betet heimlich, ein Deal: krampft vor Schmerzen an der Bordwand
sein Kopf hin- und hergeworfen. „Herr, ich opfere mich, wenn du meine erledigen.
Salvador holt mit der rechten Hand aus. Freunde rettest, Amen.“ Wenn man schon in einer Nussschale ei-
Sticht zu, das Messer rutscht ab, sein Kopf Von März an regnet es fast täglich. Im- nen Ozean überquert, dann ist der Pazifik
fliegt, er sticht wieder, hat Glück diesmal, mer öfter kommen Vögel – die keinen ziemlich ideal, und zwar genau jene Brei-
die Klinge dringt ins Auge, nahe dem klei- ten zwischen dem 5. und 25.
nen Gehirn des Tieres, dessen Bewegun- Breitengrad. Die Strömung ist
gen schlagartig ruhig werden, der Körper
Je globaler die Welt, je verflochtener die gleichmäßig, das Wetter im Pas-
weich, schlapp. Lucio beugt sich über die Kulturen, desto schneller sind satwindgürtel verlässlich. Das
Bordwand, packt die Rückenfinne und die Storys international zu vermarkten. Boot aus Fiberglas hält dem
zieht, zusammen mit Jesús, erst den Hai, Salzwasser stand. Ab dem 136.
dann Salvador ins Boot. Das Messer steckt Schlafplatz an Land brauchen – und lassen Längengrad kreuzt die „Leviathan“ die
im Auge, die Kiefer schnappen noch. Lucio sich auf dem Boot nieder, vor allem Tölpel, Schifffahrtsrouten zwischen Australien und
dreht die Klinge ins Hirn. drollig aussehende Vögel mit bläulichen Nordamerika, Honolulu und Valparaiso. In
Salvador bekommt das Herz und die Füßen, ausdauernde Flieger und hervorra- den folgenden Wochen erblicken sie mehr
Leber, die anderen beiden bestehen dar- gende Taucher. Das Pech dieser Tölpel ist, als 20 Schiffe, ein Auf und Ab von wilder
auf. Sein Gesicht, Arme und Brust sind zer- dass sie offenbar kaum Erfahrung mit Men- Hoffnung, wilder Enttäuschung, Lucio
kratzt, die Lippen aufgerissen, zwei Zähne schen haben. Die Männer ducken sich, sind macht Kerben.
50 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
Im April schneiden sie sich gegenseitig Der Juli ist der Monat, wo das langsame Und dann reist ein Gringo an. Er trägt
die Haare und den Bart. Werfen die Bü- Sterben beginnt. eine „Maui Jim“-Sonnenbrille, hat riesige
schel in den Wind. „Ich habe keine Angst vor dem Tod“, Schalenkoffer, vollgestopft mit Laptops
Im Mai erfinden sie ein Spiel: Jeder darf sagt Salvador eines Abends, „nicht mit und Unmengen schicker Klamotten, er
sein Lieblingsmenü erzählen. Sie malen euch.“ Die Männer weinen, umarmen sich. schmeißt mit Dollars um sich und fragt
sich’s aus, reden stundenlang von Eisbom- Doch dann – sie sind zu jenem Zeit- überall nach den Fischern. Sein Name: Joe
ben, Obst, Hühnchen, Bananenbrot. punkt zu apathisch, um sich an Details zu Kissack.
„Bananenbrot“, stöhnt Lucio. erinnern –, am 9. August, werden sie von Freundschaft, Abenteuer, Gott – alles war
„Erinnert ihr euch – an den Duft, wenn einem Thunfisch-Fänger der taiwanesi- enthalten in der Story. Joe flog nach Mexico
es ganz frisch ist?“, fragt Jesús. schen Koo’s Fishing Company gefunden, City, fuhr nach San Blas. Er staunte beklom-
Manchmal hält Salvador eine kleine An- westlich der Marshall-Inseln. men über den Schmutz, die Armut.
sprache: „Gott prüft uns, aber er rettet uns Die Männer werden an Bord medizi- In San Blas überzeugte Joe den Bürger-
immer wieder. Und ist nicht alles viel ein- nisch behandelt und mit Suppen und Früh- meister. Der trommelte die Honoratioren
facher als zuvor? Wir haben zu trinken, zu lingsrollen gepäppelt. Sie können nicht zusammen, den Pfarrer, einen pensionier-
ten Obsthändler, den Gewerk-
schaftssekretär, sie gründeten
ein Komitee, um im Namen der
Fischer zu verhandeln.
Joe hatte den Speisesaal vom
Hotel „Casa Manana“ gemietet,
alle eingeladen, einen Beamer
aufgestellt. Dann machte er
das Deckenlicht aus, ließ den
Laptop aufleuchten, projizierte
Charts und Listen. Sprach von
potentiellen Partnern: Coca-
Cola, Casio, Red Bull, Corona,
CNN, Daimler-Chrysler, La-
coste und so weiter. Möglicher-
weise erst die werbliche Ver-
marktung und dann das Buch,
den Film; vielleicht auch um-
gekehrt.
Die Fischer nickten.
„Die Strategie“, verkündete
Joe, „ist entscheidend.“ Doch
bei professioneller Vermarktung
seien für jeden der drei Fischer
in den nächsten acht Jahren
1,3 Millionen Dollar drin, kon-
servativ geschätzt.
Die Fischer nickten.
Innenstadt von San Blas: Die fünf Männer wurden nur von wenigen vermisst Und jetzt schon würde Joe
ihnen eine Art Gehalt zahlen,
essen, und wir haben unsere Freundschaft. schlafen. Wenn sie ein paar Schritte gehen 2000 Dollar im Monat. Er holte Verträge
Gott will, dass wir Freunde sind!“ wollen, dann nur an der Kajütenwand. Es hervor. Salvador stand auf und fragte, ob
Die Fischer von San Blas verbrachten dauert Tage, bis sie begreifen, dass ihnen Joe ihnen Glauben schenke – wegen des
284 Tage auf dem Meer. Die britische Fa- keine Gefahr mehr droht. Kannibalismus-Vorwurfs. Klar, sagte Joe.
milie Robertson, deren Motorsegler „Lu- Über Honolulu und Los Angeles wer- Salvador fragte, woher er so sicher sei, dass
cette“ am 15. Juni 1972 von zwei Killerwa- den sie nach Mexiko geflogen, zwei Pres- die Welt diese Geschichte hören wolle.
len attackiert wurde, nahe den Galapagos- sekonferenzen sind arrangiert, mit Hun- Jedes große Projekt, sagte Joe, beginne da-
Inseln, trieb 38 Tage durch den Pazifik. derten Journalisten. mit, dass einer daran glaubt. „Außerdem
Der Amerikaner Steven Callahan trieb, Anfang September sind die drei Fischer ist es eine Geschichte, in der Gott vor-
nachdem sein Segelboot leckgeschlagen wieder in San Blas. Man gibt ihnen zu Eh- kommt“, sagte Joe.
war, 76 Tage auf dem Atlantik, in einer ren eine Party – Musik, Freibier, der Bür- Die Fischer nickten.
Rettungsinsel. Solche Berichte sind unfass- germeister hält eine Rede, in der das Wort Die Nacht vor der großen Präsentation
bar und dennoch wahr und faszinierend: „Wunder“ vorkommt. Doch im Grunde ist ist stürmisch, doch Joe, auf seinem Zim-
Der Mensch hält viel aus. die wunderbare Wiederkehr peinlich: ver- mer, merkt nichts von dem rasenden Wind
Den drei Männern aus San Blas hilft ihr lorene Söhne, die kaum einer vermisste. da draußen. Er trinkt Cola light und
Stoizismus und dass sie das Meer von Bis auf Señora Panchita, Lucios Großtan- schreibt die Nacht hindurch an der Dreh-
Kindheit an kennen – und dass sie zusam- te, die jeden Tag einen Teller für ihn hin- buch-Skizze.
menhalten. stellte, sie lässt ihren Großneffen die ersten Am nächsten Morgen holt er den
Doch im neunten Monat, im Juli, schei- Tage kaum aus dem Haus. schnarchenden Jesús aus dem Bett und
nen ihre Reserven aufgezehrt. Sie leiden an Wegen des Vorwurfs, ihre zwei Lei- füllt ihn mit Kaffee auf. Salvador und
Muskelschwund. Jesús hat Nierenkoliken. densgenossen verspeist zu haben, wird das Lucio sind frisch rasiert und pünktlich.
Aus Lucios Ohren sickert Blut. Salvadors Wunder ihrer Rettung von Staatsanwalt Alle steigen in den riesigen dunkelgrünen
Augen haben schon länger gejuckt, im Juli Luiz Gomez Sanchez geprüft, der unter Geländewagen, einen Ford Excursion.
sieht er einen dunklen Fleck, der jeden 013232850615 eine Akte anlegt, Verneh- Joe schwingt sich hinters Lenkrad, sagt:
Tag größer wird. Sie dämmern oft. mungen macht, die Akte schließt. „Freunde, die Show beginnt!“ ™
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Gesellschaft

Der Büßer
Ortstermin: Wie ein EU-Beamter im bayerischen Regensburg die
Folgen Brüsseler Vorschriften kennenlernen soll

K
örper und Schuhe muss er mit standschef der Profos AG, vor einem spiel, ständig soll man mit anderen Län-
Plastik verhüllen, und für die Au- Schaubild, das sein Werk erklärt. dern zusammenarbeiten, um Fördermittel
gen, das ist so Vorschrift, liegt eine Das Virus sieht aus wie eine Zitronen- zu bekommen, mit Holland, Frankreich,
Schutzbrille bereit. Ein Formular ist aus- presse, ein keulenförmiger Kopf auf Spin- mit Griechenland. „Entschuldigen Sie!
zufüllen, mit dem der Besucher beschei- delbeinen. Mikael Garellick, schmal und Griechenland! Ausgerechnet Griechen-
nigt, nichts unerlaubt anfassen zu wollen, dunkel, sieht nicht aus wie ein Schwede, ist land!“
nicht immunschwach und nicht schwanger aber einer. Wolfgang Mutter sieht aus wie Garellick hüstelt kurz und trocken. Sei-
zu sein. Jenseits der Sicherheitstür steht ein Vorstandsvorsitzender, Chef von 43 ne Frau ist aus Griechenland. Sie arbeitet
Mikael Garellick, eigentlich EU-Beamter Mitarbeitern, der vom Leben erwartet, auch bei der EU.
in Brüssel, zwischen Spritzen, Brennern, dass es ihn nicht unnötig mit Regeln Garellick kommt in freundlicher Ab-
Pipetten, Kühl- und Brutschränken, der bremst. sicht, er will keinen Streit. Zwölf Jahre ist
Bürokrat findet sich wieder im Labor der er jetzt bei der EU, Chemikaliengesetze,
Firma Profos AG, im wirklichen Leben, in Rinderwahn, mit solchen Sachen hat er
einer fremden Welt. sich beschäftigt, jetzt kommt er als Bot-
Der Abgesandte aus Brüssel ist ange- schafter aus der Welt der Paragrafen. Er
kommen in der bayerischen Provinz, in tut, was ihm gesagt wird, beugt sich über
Regensburg, mittelalterlich und bischofs- den Fermenter und darf eine Probe zie-
treu; die fremde Welt aber, in der Garellick hen, vorsichtig, gemäß der Sicherheitsver-
sich zurechtfinden soll, liegt abseits, in ordnung, gemäß der Biostoffverordnung,
kühler Zukunft, am Rande der Stadt. es gibt gute Verordnungen und schlechte,
Mikael Garellick, Jahrgang 1964, Master und überflüssige gibt es auch.
of Business Administration, Abteilung Monströse Wörter, überflüssige Geset-
ENTR.R.5 in der Generaldirektion für Un- ze, man müsste Abwehrstoffe haben wie
ternehmen und Industrie, ist der Stimme Mutters Proteine, die die überflüssigen
seines Kommissars, Günter Verheugen, ge- finden und zerstören und nur jene übrig
folgt, der vom deutschen Handwerksgene- lassen, die man wirklich braucht. Und dar-
ralsekretär Hanns-Eberhard Schleyer ler- um geht es ja bei dieser Forschungsreise
nen musste, wie fremd, wie unbegreiflich des Beamten aus Brüssel: herauszufinden,
sich die beiden Welten sind. Die EU und wie viele Vorschriften man wirklich braucht
FOTOS: WOLFGANG M. WEBER

die Wirtschaft, für die man in Brüssel in der Wirklichkeit. Eine gute Idee, sie
seine Gesetze gebiert. kommt nur, man fragt sich, warum, ein
Und nun tauchen die Entdecker aus bisschen spät.
Brüssel – was für eine schöne Idee – halb Es ist Mittag jetzt, Zeit, die Plastikklei-
zur Strafe, halb zur Erbauung in die dung abzustreifen, Mutter hat noch Dinge
Wirklichkeit, die sie seit Jahrzehnten, so vor, er muss zu einer Tagung, den EU-
der Vorwurf der Handwerker und Unter- Unternehmer Mutter, Praktikant Garellick Mann nimmt er mit.
nehmer, komplizierter machen, als sie „Griechenland, ausgerechnet Griechenland“ In der Nähe von München, am Nach-
sein muss. mittag, trifft sich die Deutsche Gesellschaft
Nun werden 300 höhere Beamte aus der Er hat diesen EU-Mann ins Haus gelas- für Proteomforschung e. V. Mutter sitzt
Generaldirektion Unternehmen und Indu- sen, ein Anschauungsexemplar aus dieser dort im Verwaltungsrat. Er wird die Ge-
strie durch kleine und mittlere Unterneh- Brüsseler Parallelwelt, der man nachsagt, legenheit nutzen, den EU-Mann vorzu-
men ziehen. „Enterprise Experience Pro- dass sie sich mit den sonderbarsten Dingen stellen. Für eine neue Selbsterfahrung, für
gramme“ heißt das Konzept und steht für befasst, mit Bananenkrümmung oder Feu- neue Kontakte, für die Einführung in ein
eine bußfertige, für eine lernwillige EU. erzeugbrennstoffnormen. neues Stückchen Wirklichkeit.
Mikael Garellick, einer der ersten For- Sie bestaunen einander, zwei Männer, Fachkräfte werden dort sitzen, die sich
schungsreisenden aus Brüssel, findet sich zwei Welten, so, als ob sie zum ersten Mal mit Proteomik auskennen, das ist die
wieder im Labor der Firma Profos, in Si- erkennen, wie fremd sie einander sind. Erforschung der Gesamtheit der Protei-
cherheitsstufe eins. Hier sind Bakterien bei In Brüssel brüten sie Wörter aus, die zu ne, und Mikael Garellick, Praktikant im
der Arbeit, man lässt sie spezielle Proteine Verordnungen werden, und wieder neue wirklichen Leben, wird von einer Paral-
produzieren, die unerwünschte Mikroben Wörter, die wieder neue Verordnungen ge- lelwelt in die nächste gewechselt sein,
vernichten können. An diesem Tag arbei- bären. Garellick, Praktikant im wirklichen wo wieder die Wörter schwirren und sich
tet Escherichia coli, gentechnisch verän- Leben, ist in Regensburg, gesandt aus der vermehren, Hochdurchsatz-Proteinaufrei-
dert, im Fermenter und produziert ein Ei- Hochburg der Vorschriften, um Wolfgang nigungssysteme, teratogene Substanzen,
weiß, das Listeriabakterien killen kann, auf Mutter zu fragen: „Are you happy with monströse Wörter, die für Garellick so
Räucherlachs oder Camembert. our regulations? Are they too complex?“ seltsam sind wie für Mutter die Wörter
„Look. This is the virus. This is the Monströse Wörter, unbrauchbare Ge- aus Brüssel.
bakterium.“ Es spricht, in stark regional setze, Mutter ist nicht happy mit vielem aus Sie ist sehr schwer zu verstehen, diese
gefärbtem Englisch, Wolfgang Mutter, Vor- Brüssel; den Förderrichtlinien zum Bei- wirkliche Welt. Barbara Supp

52 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
Trends

B U N D E S H AU S H A LT

Steinbrück macht
weniger Schulden
B undesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) muss im alten
Jahr nur rund 29 Milliarden Euro an neuen Schulden auf-
nehmen. Das zeichnet sich nach internen Berechnungen des
Bundesfinanzministeriums zum Jahresende ab. Ursprünglich
hatte der Finanzminister eine Nettokreditaufnahme für 2006 von
38,2 Milliarden Euro vorgesehen. Die gute Nachricht wollen
Steinbrücks Haushaltsexperten pünktlich zum Geburtstag des
Ministers am 10. Januar veröffentlichen. Mit der positiven Ent-
wicklung im Bundeshaushalt wird es immer wahrscheinlicher,
dass das deutsche Staatsdefizit unter den Wert von zwei Prozent
vom Bruttoinlandsprodukt fällt. Auch in den Länderhaushalten
und den Sozialversicherungen macht sich wie im Bundesetat die

THOMAS KOEHLER/PHOTOTHEK.NET
überraschend gute Konjunkturentwicklung bemerkbar. Das
Wirtschaftswachstum verschafft den Etats von Bund und Län-
dern sowie den Kassen der Sozialversicherungen zusätzliche
Einnahmen. In den vergangenen vier Jahren hatte das Minus
von Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialkassen über der
nach dem Stabilitätspakt zulässigen Obergrenze von drei Pro-
Steinbrück
zent des Bruttoinlandsprodukts gelegen.

KON Z E R N E WÄ H R U N G

Piëch will offenbar Jeder vierte Euro aus dem Ausland


VW-Aufsichtsrat bleiben Fünf Jahre nach Einführung der
Gemeinschaftswährung sind in
viele Bürger offenbar insbesondere
ausländisches Hartgeld horten – in

D er VW-Aufsichtsratschef Ferdinand
Piëch hat alles dafür vorbereitet, dass
er weiter im Kontrollgremium bleiben kann.
Deutschland weniger ausländische
Ein-Euro-Münzen im Umlauf als
ursprünglich erwartet. Nach einer
Manteltaschen, Kaffeekassen oder
Schubladen – und damit dem Geld-
verkehr entziehen: „Ich nehme an,
Seine Amtszeit läuft zwar auf der Hauptver- Schätzung von Dietrich Stoyan, Pro- dass dort riesige Mengen verschwun-
sammlung 2007 aus. Doch der Porsche-Mit- fessor für Statistik an der Bergakade- den sind.“ Stoyan erwartet nun, dass
eigentümer will sich offenbar zumindest als mie Freiberg, stammt mittlerweile sich die Ein-Euro-Bestände erst in
normales Mitglied erneut immerhin jeder vierte Euro aus dem rund 15 bis 20 Jahren komplett ver-
wählen lassen. Darauf deu- Ausland. Je nach Region schwanke mischt haben werden.
FOTO POLLEX / ACTION PRESS

tet eine personelle Verän- der Anteil: In grenz-


derung beim Sportwagen- nahen Gegenden wie
bauer hin: Im Porsche-Auf- dem Rheinland liege die
sichtsrat waren bislang die Quote höher, in Regio-
Familienstämme Porsche nen wie Mecklenburg
und Piëch jeweils gleich dagegen deutlich niedri-
Piëch stark vertreten. Auf der ger. Wesentlich geringer
nächsten Hauptversamm- noch sei die Verbreitung
lung soll nun aber ein weiteres Mitglied des von Cent-Münzen aus-
Porsche-Clans, Hans-Peter Porsche, in den ländischer Herkunft im
Aufsichtsrat einziehen. Die Porsches wären Bundesgebiet. Stoyan
dann mit drei, die Piëchs nur mit zwei hatte zur Einführung
Mitgliedern vertreten. Dies ist offenbar als des Euro am 1. Januar
FRANK SCHULTZE / ZEITENSPIEGEL

Ausgleich dafür zu sehen, dass die Familie 2002 eine empirische


Porsche nicht im VW-Aufsichtsrat präsent Studie über die Verbrei-
ist, Ferdinand Piëch dort aber auch künftig tung der Münzen ge-
sitzen will. Damit würde erneut Streit mit startet und eine rasche
Ministerpräsident Christian Wulff drohen, Vermischung der natio-
der Niedersachsen im VW-Aufsichtsrat ver- nalen Bestände erwar-
tritt. Er beruft sich auf eine Absprache, nach tet. Der Wissenschaftler
der Piëch das Gremium 2007 verlassen wolle. unterschätzte aber, dass Euro-Münzen
54 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
Wirtschaft
HEDGEFONDS RENTE

Gedämpfte Hoffnung Rendite nimmt ab


I n der Bundesregierung wachsen die
Zweifel, ob die für die deutsche
G-8-Präsidentschaft geplante Initiative
D ie Einführung der Rente
mit 67 wird das Verhält-
nis von Beiträgen und Leis-
zur besseren Aufsicht über Hedgefonds tungen in der gesetzlichen
Erfolg haben wird. „Da wird es größte Alterskasse weiter ver-
Schwierigkeiten geben, mit Briten und schlechtern. Das geht aus
Amerikanern zu einer Einigung zu einer Antwort des Bundes-

FEDERICO GAMBARINI / DPA


kommen“, glaubt ein Spitzenbeamter, arbeitsministeriums auf eine
der mit der Vorbereitung der Gespräche parlamentarische Anfrage
im Rahmen des Industrieländer-Treffens der FDP-Fraktion hervor.
befasst ist. Zu einer Vereinbarung Demnach wird sich für Senio-
während des deutschen G-8-Vorsitzes ren, die im Jahr 2020 in Ru-
werde es wohl gar nicht kommen. „Wir hestand gehen, die Rendite
haben schon viel erreicht, wenn eine auf die eingezahlten Beiträge Müntefering
der nachfolgenden Präsidentschaften um knapp vier Prozent ver-
das Thema weiterverfolgt“, meint der ringern. Für jüngere Versicherte erwar- Analyse der Beamten von Arbeitsminis-
Regierungsmann. Ohnehin sind die Zie- tet die Behörde höhere Einbußen. Dazu ter Franz Müntefering wird sich die
kommt es, weil die Versicherten bei der Rendite der Rente alleinstehender Män-
Rente mit 67 länger Beiträge zahlen, ner von derzeit 3,5 Prozent bis zum
aber kürzer Altersgeld beziehen. Laut Jahr 2020 auf 2,7 Prozent verringern.

ARBEITSMARKT

Auslaufmodell ABM
BERT BOSTELMANN / BILDFOLIO

B undesweit ist die Zahl der in Arbeits-


beschaffungsmaßnahmen (ABM)
Beschäftigten auf rund 50 000 gesunken.
Jobs im Januar 2005 verantwortlich.
Über Ein-Euro-Jobs wurden im vergan-
genen Jahr 200 000, in diesem sogar
Im Jahr 2000 waren es noch mehr als 300 000 Arbeitnehmer beschäftigt. Die
viermal so viel. In der Vergangenheit Kosten dafür sind deutlich geringer als
war ABM das am häufigsten einge- für ABM. Während der Staat für die
Börse in Frankfurt am Main setzte Instrument auf dem zweiten Ar- rund 200000 ABMler aus dem Jahr 2000
beitsmarkt – wegen hoher Kosten und 3,68 Milliarden Euro zahlte, mussten die
le der Deutschen nicht hoch gesteckt. geringer Effizienz aber auch das um- Kommunen für die 200 000 Ein-Euro-
Sie streben keine zusätzlichen Regulie- strittenste. Einer Studie des Instituts für Jobber des Jahres 2005 lediglich 1,1 Mil-
rungsmaßnahmen an. Ihnen liege dar- Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zu- liarden Euro aufbringen. Im ablaufen-
an, mehr Transparenz in die umstrittene folge ist für den derzeit niedrigen Stand den Jahr kostete ABM nur noch 616
Finanzbranche zu bringen, beteuerten vor allem die Einführung der Ein-Euro- Millionen Euro.
deutsche Regierungsvertreter in ersten
Gesprächen mit den Angelsachsen.
„Weil verpflichtende Maßnahmen nicht
vorgesehen sind, läuft das im Grunde
auf eine Selbstverpflichtung der
Branche hinaus“, sagt ein deutscher
Spitzenbeamter. Zwar haben Briten und
Amerikaner, in deren Ländern die meis-
ten der weltweit rund 9000 Hedgefonds
ansässig sind, Bereitschaft signalisiert,
das Wirken der hochriskanten Anlage-
gesellschaften zu thematisieren. Doch
die Interessen sind unterschiedlich ge-
wichtet: Während die Bundesregierung
befürchtet, im Falle von Hedgefonds-
Pleiten könne es zu einer Weltwirt-
schaftskrise kommen, macht sich die
US-Regierung Sorgen über die Stabilität
der Alterssicherung. Grund: Viele ame- MARTIN JEHNICHEN
rikanische Pensionskassen vertrauen ihr ABM-Kraft
Geld mittlerweile Hedgefonds an.
d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 55
Trends Geld
reich. Bei den Briten mussten sich
+25% Investoren mit rund 11 Prozent zufrie-
Aktienindices Dax den geben, bei den Japanern gar nur
+20% Veränderung gegen- mit 7 Prozent. Abseits der arrivierten
über Anfang 2006 Mega-Börsen verdienten Risikofreu-
+15% dige freilich viel mehr Geld. Exotische
Dow Jones Handelsplätze wie Vietnam, Peru oder
+10% Venezuela glänzten mit dreistelligen
Wachstumsraten. Doch auch in Europa
+5% konnten Anleger bisweilen spektaku-
läre Profite erzielen: Wer beispielsweise
0% Anfang des Jahres in der zyprischen
Hauptstadt Nikosia ein Portfolio
–5% einkaufte, schaffte ein Plus von über
Quelle: 140 Prozent. Zypern gilt bei Experten
–10% Thomson auch weiterhin als Wachstumsmarkt.
Financial
Nikkei Der Boom stützt sich vor allem auf
Datastream 2006 Übernahmephantasien in der Banken-
–15%
J F M A M J J A S O N D
branche. Die Finanztitel sorgen für rund
87 Prozent der Marktkapitalisierung.
Wirtschaftlich steht Zypern von allen
AKTIEN neuen EU-Mitgliedsländern am besten
da. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt so-
Deutschland auf Platz gar höher als in Griechenland. Mit einer
erwarteten Defizitquote von 1,9 Prozent
eins der Top-Liga und einer Gesamtverschuldung von
65 Prozent des Bruttoinlandsprodukts

I m Rendite-Rennen der wichtigsten Fi-


nanzmärkte der Welt lag Deutschland
im abgelaufenen Jahr vorn. Mit einem
besitzt der Inselstaat gute Chancen, wie
geplant Anfang 2008 der europäischen
Währungsunion beizutreten. Der
Plus von über 20 Prozent schaffte es der niedrige Körperschaftsteuersatz von nur
hiesige Aktienindex Dax auf Platz eins zehn Prozent lockt ausländische
der weltweiten Top-Liga. Anleger, die Investoren. Außerdem profitiert die
auf das US-Leitbarometer Dow Jones einst als Geldwäscheparadies verrufene
setzten, verdienten dagegen nur rund Insel von ihren engen Beziehungen
16 Prozent. Etwas mehr gab es in Frank- zu Russland und dem Nahen Osten.

ROHSTOFFE die Preise für andere Metalle werden


demnach bis Ende des Jahres zurück-
Hoffnung auf gehen, bevor sie 2008 wieder anziehen,
so die Prognose. Bei Gold erwarten die
goldene Zeiten Fachleute allerdings, dass sich der Preis
an die Entwicklung des Dollar koppelt:

N ach der jahrelangen Rallye bei Roh-


stoffen erwartet die Investment-
bank Goldman Sachs für das neue Jahr
Je schwächer die US-Währung wird,
umso stärker steigt der Wert des Edel-
metalls – bis auf 750 Dollar pro Unze
eine Abschwächung der Nachfrage. Ende 2007, glauben die Analysten.
Verantwortlich dafür ist
das 2007 voraussichtlich
geringere Wachstum der
Weltwirtschaft: Die Volks-
wirte erwarten einen
Rückgang von 4,7 Prozent
im Jahr 2006 auf 4,1 Pro-
zent im neuen. Nach
Ansicht der Experten von
Goldman Sachs, einem der
größten Rohstoffhändler,
wird Aluminium wohl den
empfindlichsten Rück-
schlag erleben. Hier sind
die Preise bereits stark ge-
fallen, weil die Produzen-
DPA

ten das Angebot erheblich


ausweiten konnten. Auch Goldbarren
d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 57
Wirtschaft

ARBEITSMARKT

Schnell rein, schnell raus


Der deutsche Jobmarkt verdankt seine Belebung im Jahr 2006 vor allem einer Branche: der Zeitarbeit.
Doch das boomende Gewerbe schafft eine neue Zweiklassengesellschaft. Für die
Unternehmen ist das ideal: Anders als Festangestellte können sie Leiharbeiter jederzeit kündigen.

Airbus-Beschäftigte vor dem A380 (in Hamburg): 14 000 Festangestellten stehen bereits 7000 Leiharbeiter gegenüber

Ü
ber die Männer, die sich gele- Zeitarbeitsfirma Randstad. Und schon am Jobmotor in der jüngsten Vergangenheit
gentlich als Zeitarbeiter in der nächsten Tag kam das erste Angebot. So seien unternehmensnahe Dienstleistungen,
Papierfabrik verdingten, rümpfte er begann Baumgarten zu jobben. Bei einem „allen voran die Zeitarbeit“, gewesen, sagt
früher die Nase: „Es gab einfach Vorur- Fensterbauer, einem Autozulieferer, einer Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundes-
teile gegen diese Leute. Meistens waren Spedition, in einer Kuchenfabrik. Oft nur agentur für Arbeit.
die sehr schlecht qualifiziert“, erinnert sich wenige Tage in derselben Firma. Sein Nürnberger Vorstandskollege Hein-
Michael Baumgarten. Für den gelernten Das änderte sich vor zwei Jahren. Seit- rich Alt lobt, im Zeitalter der Globalisie-
Kunststoffschlosser war klar: „Ich werde her arbeitet der Randstad-Mann in der rung leiste Zeitarbeit „einen entscheiden-
so was nie tun müssen.“ Zentrale der Drogeriekette Rossmann im den Beitrag für atmende Unternehmen“.
Früher – das war vor zehn Jahren. Heu- niedersächsischen Burgwedel, zunächst im Sie erhöhe die Flexibilität „und damit
te ist Baumgarten, 46, selbst ein Söldner im Wareneingang, in der Werbung, neuer- die Attraktivität von Standorten“. Und
wachsenden Heer der Zeitarbeiter. Seine dings als Gabelstaplerfahrer im Lager. Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD)
Papierfabrik in der Nähe von Hannover Karrieren und Lebensläufe wie die von sieht die Branche inzwischen so etabliert,
entließ vor drei Jahren viele Beschäftigte. Baumgarten sind mittlerweile so etwas wie dass er sie „ausdrücklich ermutigen“
Auch Baumgarten, Vater dreier Kinder, ein Symbol geworden für die neue Zeit. möchte, einen tariflichen Mindestlohn ein-
stand plötzlich auf der Straße. „Vom Ar- Und Politik, Wirtschaft wie auch Wissen- zuführen.
beitsamt kam überhaupt nichts“, erzählt schaft singen nun das Hohelied dieser Be- Allein 2005 beschäftigte das noch junge
er. Auf eigene Faust habe er sich ein Prak- schäftigungsform. Gewerbe 130 000 Menschen mehr als noch
tikum besorgt, unzählige Bewerbungen „Zeitarbeit ist ein hochwirksames Mittel ein Jahr zuvor (siehe Grafik). In diesem
verschickt. Ohne Erfolg. gegen Arbeitslosigkeit“, sagt Klaus Zim- Jahr arbeiteten bei Branchengrößen wie
Erst auf Drängen seiner Freundin mel- mermann, Chef des Deutschen Instituts Randstad, Manpower oder Adecco sowie
dete er sich schließlich in einer Filiale der für Wirtschaftsforschung. Der wichtigste vielen kleineren Firmen bereits über eine
58 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
Million Zeitarbeiter. Besonders positiv: Handelsunternehmen Mangelware sind, Für die Firmen ist das ideal: Sie können
Rund 30 Prozent der verliehenen Mit- zögern auch jene Gutqualifizierten nicht flexibel auf volle Auftragsbücher oder Kri-
arbeiter werden irgendwann von den ent- mehr, sich von einer Zeitarbeitsfirma unter sen reagieren. Die Zeitarbeitsbranche sieht
leihenden Betrieben fest eingestellt. Vertrag nehmen zu lassen, die bislang einen sich denn auch selbst als „Überstunden-
Dass die Branche erst jetzt so richtig großen Bogen um sie gemacht hätten. Abbau-Programm Nummer eins“.
durchstartet, liegt vor allem an der einst Imagefördernd war zudem, dass alle drei Seit 1995 sind die bezahlten Überstun-
so starken Regulierung, mit der sie bis 2003 Zeitarbeitsverbände inzwischen verbind- den in hiesigen Unternehmen um satte
zu kämpfen hatte. Vorher durften bei- liche Tarifverträge abgeschlossen haben. 23 Prozent gesunken. Bei 86 Prozent der
spielsweise keine befristeten Arbeitsver- Der Bundesverband Zeitarbeit und der Zeitarbeitseinsätze handele es sich um
träge zwischen Zeitarbeitsfirma und Leih- Interessenverband Deutscher Zeitarbeits- „zusätzliche Beschäftigung“ in den Be-
kraft geschlossen werden. Auch waren unternehmen (IGZ) einigten sich mit dem trieben, ohne neue Arbeitnehmer einzu-
Kettenverträge verboten, also der Versuch, DGB auf Mindeststundenlöhne zwischen stellen, sagt Werner Stolz, Geschäftsführer
Angestellte nach einer Kündigung gleich 6,22 Euro und 7,15 Euro. Dem Arbeitge- beim IGZ.

Jobmaschine 1200*
Mitarbeiter in der Zeitarbeit
im Jahresverlauf, in tausend

975

ARND WIEGMANN / REUTERS


845
782
756 753

Telekom-Demonstration (in Berlin): Öffentlicher Furor

Unterster tariflicher
Grund-Stundenlohn
in der Zeitarbeit: ...................................5,77 ¤
in der Metallindustrie:..........10,70 ¤
in Baden-Württemberg
TJABERG / FACE TO FACE

*geschätzt,
Quelle: BZA

HAHN / LAIF
2001 02 03 04 05 06
DaimlerChrysler-Produktion (in Wörth): „Atmende Unternehmen“

wieder neu einzustellen. Das sogenannte berverband mittelständischer Personal- Vielen Unternehmen bleibt auch gar
Synchronisationsverbot regelte, dass es mit dienstleister zugehörige Unternehmen zah- nichts anderes übrig, als auf die Hilfe von
Leiharbeitern keine Verträge geben durfte, len mindestens zwischen 5,77 Euro und 7 außen zurückzugreifen, sobald ein Auf-
deren Dauer identisch mit den Verträgen Euro pro Stunde. schwung einsetzt. Denn zahlreiche Kon-
der entleihenden Betriebe war. Doch die vereinbarten Summen liegen zerne haben sich mit langfristigen Verein-
Im Zuge der Hartz-Gesetzgebung sind zum Teil 50 Prozent unter den durch- barungen, die betriebsbedingte Kündigun-
solche und andere Einschränkungen aufge- schnittlichen Tariflöhnen der regulär Be- gen ausschließen, selbst Fesseln angelegt.
hoben worden. Nur so war es überhaupt schäftigten. Die Branche boomt eben auch Im Krisenfall ist es nicht so leicht, sich von
möglich, dass etwa bei Airbus in Deutsch- deshalb, weil sie Arbeit billiger anbietet – Mitarbeitern zu verabschieden.
land die Zeitarbeiterquote auf ein Drittel und problemloser wieder entsorgt. So hat etwa der Essener Energieriese
der Gesamtbelegschaft von 21000 anschwel- So offenbart sich im Schatten der Er- RWE bis 2008 einen Beschäftigungstarif-
len konnte. 14000 festangestellten Mitarbei- folge auch eine neue Zweiteilung deut- vertrag vereinbart, der ausschließt, dass
tern stehen 7000 Leiharbeiter gegenüber. scher Belegschaften: hier die Privilegier- eigenen Mitarbeitern gekündigt wird. Bei
Die Hälfte jener Top-Ten-Unternehmen, ten mit unbefristeten Verträgen, Vollzeit- Adidas läuft ein solcher Vertrag bis 2010.
die im vergangenen Jahr die meisten neuen jobs, hohen Tariflöhnen, Weihnachts- und Um den derzeitigen Erfolg des Sportarti-
Jobs geschaffen haben, ist in der Zeitar- Urlaubsgeld, Kündigungsschutz, Betriebs- kelherstellers zu meistern, greift Adidas
beitsbranche zu Hause. Spitzenreiter ist der ratswärme und betrieblicher Altersvorsor- deshalb neben seinen 2500 Mitarbeitern in
niederländische Branchenprimus Randstad, ge. Dort die Jobnomaden, die damit rech- Deutschland auf 500 zusätzliche Zeitar-
der allein knapp 10 500 neue Posten anbot. nen müssen, alle drei Monate mit leeren beiter zurück.
Solche Zahlen polieren auch das einst Händen dazustehen. Denn nur in diesen Ähnlich sind beim Chemiekonzern
miese Image des Gewerbes. In Zeiten, in Intervallen schließen Unternehmen in der Bayer Kündigungen der eigenen Leute
denen unbefristete Stellen in Industrie- und Regel Verträge mit Zeitarbeitsfirmen ab. tabu. Den konjunkturellen Schwankungen
d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 59
begegnet man auch dort mit Leiharbeitern. Das Muster ist bei vielen Konzernen oft
Ihr Einsatz hat sich zwischen 2001 und heu- ähnlich: Um den öffentlichen Furor ange-
te mehr als verdreifacht. Und wenn es mal sichts drohender Massenentlassungen nicht
wieder bergab geht, wird man sie relativ allzu laut werden zu lassen, versprechen
bequem und geräuscharm wieder los. die Firmen ihren nicht mehr gebrauchten
Auch DaimlerChrysler führt bereits vor, Angestellten, dass sie ja quasi nur ausgela-
wie sich viele Unternehmen die Zukunft gert würden. Dann sitzen die Ausrangier-
der Arbeit vorstellen: In der Lkw-Sparte ten in neuen Firmen und werden entweder

JOERG MUELLER / VISUM


setzt Nutzfahrzeugchef Andreas Renschler für weniger Geld neu eingestellt – oder
voll auf Kräfte von außen. Denn die Nach- klammheimlich endgültig entsorgt.
frage nach Lastern schwankt wie die Kon- Die Deutsche Telekom hat mit Vivento
junktur. Entlassungen sind auch dort durch eine Billiganbietertochter. Nun will der
eine Betriebsvereinbarung ausgeschlossen. Konzern 45 000 weitere Mitarbeiter in eine
Viel eleganter und geräuschloser ist es daher Leihkraft Baumgarten neue Sparte namens T-Service zu niedri-
für Renschler, wenn er bei einer Absatz- „Vom Arbeitsamt kam überhaupt nichts“ geren Löhnen ausgliedern. Auch die Deut-
flaute den Leiharbeitern kündigt. Allein im sche Bahn hält sich mit DB Zeitarbeit ein
Werk Mercedes-Benz Wörth steht fast jeder eigenes Verleihgeschäft. Fast alle der rund
zehnte Arbeiter bei einer Zeitarbeitsfirma Ressource Mensch 2000 Beschäftigten kommen aus dem
unter Vertrag. Bei Siemens haben etwa im Die größten Zeitarbeits- und Personal- Bahnkonzern und gehen später auf Zeit
Bereich Medizintechnik fast 600 Beschäf- dienstleister in Deutschland, und billiger dorthin zurück. Die hundert-
tigte Zeitarbeitsverträge, rund 6800 Mitar- Zeitarbeitnehmer 2005 prozentige VW-Tochter AutoVision findet
beiter in dieser Sparte sind direkt bei Sie- sich bereits in den Top Ten der
mens angestellt. Konzernweit arbeiten rund Randstad mit Bindan-Gruppe 33100 deutschen Zeitarbeitsbranche.
4200 Mitarbeiter lediglich befristet. „Zu den Kunden der AutoVision
„Es gibt bei uns Abteilungen, in denen Adecco mit DIS 19135 GmbH gehören auch Gesellschaf-
Facharbeiter mit sieben Euro brutto pro ten aus dem Volkswagen-Konzern“, be-
Stunde nach Hause gehen, während ihre Manpower 16700 stätigt Firmensprecher Bernd Telm.
Kollegen nebenan das Doppelte verdienen Viele Unternehmen sind inzwischen
und auch noch Anspruch auf Urlaubs- und Persona Service 11000 sogar dazu übergegangen, die Zeitarbeits-
Weihnachtsgeld haben“, empört sich Be- Tuja 8500 firmen in ihre eigenen Personalabteilun-
triebsrat Heinrich Urban, zuständig für die Quelle: Lünendonk gen zu holen. Beim norddeutschen Gabel-
Stammwerke Erlangen und Forchheim. staplerhersteller Jungheinrich etwa sitzt
Auch in anderen Konzernsparten wie Randstad gleich mit zwei Mitarbeitern im
der Verkehrs-, Energie- oder Automatisie- Personalbüro und setzt eine parallele Per-
rungstechnik werden die Leiharbeitskräfte sonalpolitik um. Je nach Bedarf schleust
längst nicht mehr nur als Puffer eingesetzt, Randstad Mitarbeiter ein oder schmeißt
um einen vorübergehenden Nachfrage- sie von einem Tag auf den anderen wieder
boom auszugleichen, sondern als Instru- raus. Etwa hundert sogenannte Inhouse-
ment, dauerhaft Kosten zu drücken. Wie Service-Projekte betreut die Branchen-
ausgeprägt die Zweiklassengesellschaft größe. Beiersdorf zählt genauso zu den
BECKER & BREDEL / ACTION PRESS

heute selbst bei dem Münchner Tradi- Kunden wie Campbell’s oder Novartis.
tionskonzern ist, lässt sich bis in die Bilanz Für die Gewerkschaften ist die Entwick-
verfolgen. Die Stammbelegschaft läuft un- lung alarmierend. „Ich halte die massive
ter „Personalkosten“, die Ausgaben für Ausbreitung der Zeitarbeit für fatal“,
Leiharbeiter finden sich unter der Rubrik warnt IG-Metall-Chef Jürgen Peters. „Sie
„Materialeinkauf“. tritt zunehmend in Konkurrenz zur re-
Für Unternehmen wie DaimlerChrysler gulären Einstellung in der Metall- und
oder Siemens ist Zeitarbeit ein Segen, für IG-Metall-Chef Peters Elektroindustrie.“ Ein derart hoher Anteil
Gewerkschaften ein Aufreger, für die Leih- Droht sozialer Unfrieden? an Zeitarbeitern wie bei Airbus könne
arbeiter dagegen mitunter ein Fluch. Zwar nicht gesund sein – nicht nur wegen des
gelingt es Arbeitslosen immer häufiger, arbeitsfirma zur nächsten. Häufig sei er in drohenden sozialen Unfriedens innerhalb
über einen Job in der Zeitarbeit ins Be- Betriebe geschickt worden, in denen das der Belegschaften. „Damit drücken sich
rufsleben zurückzukehren. Doch bedeutet Klima schlecht war, er habe dort Arbeiten die Unternehmen um ihre beschäftigungs-
der Trend zugleich, dass die Zeiten der Be- erledigen müssen, die sonst keiner wollte. politische Verantwortung“, wettert Peters.
triebszugehörigkeit immer kürzer werden. Das größte Übel aber seien die oft chaoti- „Unser Ziel ist, dass aus Zeitarbeitsverträ-
Das neue Jobwunder ist „nur um den schen und miesepetrigen Betreuer in eini- gen reguläre Arbeitsverhältnisse werden.“
Preis einer geringeren Beschäftigungssta- gen der Zeitarbeitsfirmen gewesen. Darauf wird der gelernte Elektroinstal-
bilität zu haben“, resümiert eine aktuelle Dabei ist das Ausleihen über externe lateur Jaro Kamp vorerst nicht hoffen kön-
Untersuchung des Instituts für Arbeits- Anbieter nur die erste Stufe der neuen nen. Er war für Randstad bei einem großen
markt und Berufsforschung. Die durch- Arbeitswelt. Viele Unternehmen haben in- Hersteller für Sicherheitstechnik. Jetzt ist
schnittliche Verweildauer in einem Betrieb zwischen ihre eigenen Zeitarbeitsfirmen er bei einem großen Elektronikkonzern.
lag demnach vor der Reform von 2003 bei gegründet – mit noch weiter gehenden „Hier geht es mir richtig gut“, sagt Kamp.
etwa acht Monaten. Inzwischen sank die- Strategien. Die Deutsche Bank zum Bei- Er werde als vollwertiger Mitarbeiter be-
ser Wert auf knapp über vier Monate. spiel baute mit dem Unternehmen Man- handelt, die Arbeit mache Spaß. Nicht mal
„Die große Hoffnung ist natürlich im- power eine Gemeinschaftsfirma namens übers Gehalt, knapp 1100 Euro netto, will
mer, übernommen zu werden“, sagt Jaro Bankpower auf. Dort landen viele entlas- er sich beklagen. Dennoch bleibe „ein ge-
Kamp, 24, aus Düsseldorf. Seit Beendigung sene Deutsch-Banker, die dann später zu regeltes Leben“ sein Ziel.
seiner Ausbildung vor vier Jahren wech- Minilöhnen wieder an die Deutsche Bank Dinah Deckstein, Sebastian Ramspeck,
selte der Elektroinstallateur von einer Zeit- zurückverliehen werden. Janko Tietz

60 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
Wirtschaft
RALPH SONDERMANN

Vortragsstar Werner (in Bochum): „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann“

wieder Hoffnung“, sagt Werner, der Wun-


UNTERNEHMER
dertäter.
Dem gelernten Drogisten, der zwar kein

Der Wanderprediger Abitur, aber inzwischen eine Professur für


„Entrepreneurship“ an der Universität
Karlsruhe hat, ist es offenbar gelungen,
eine Schneise durch ein erstarrtes Land
Götz Werner, Chef der Drogeriemarktkette dm, fordert ein zu schlagen. Ein Land, das vor dem Fe-
Grundeinkommen für alle – und wird so zum Star in tisch Arbeit kniet und gleichzeitig ahnt,
eigener Sache. Zu seinen Vorträgen pilgern inzwischen Tausende. dass „Vollbeschäftigung eine Lüge ist“, so
Werner.

W
enn Götz Werner diesen Artikel haben, die den Kollaps der Erwerbsgesell- „Werner ist Pop“, befand die „taz“, bei
schreiben müsste, würde er viel- schaft verhindert: die Abschaffung aller der das Thema Grundeinkommen seit Wo-
leicht so anfangen: „Wer das Steuern – bis auf die Mehrwertsteuer, die chen im Politikteil köchelt. Vorvergangene
Neue nicht denken kann, der kann es auch dafür auf 50 Prozent steigen soll. Der Staat Woche in Bochum reichte nicht einmal das
nicht gestalten. Das ist so wie bei einem soll ausschließlich vom Konsum seiner Schauspielhaus für 750 Zuschauer aus.
Hausbau: Wenn Sie das Haus noch nicht Bürger leben. Vom Steuererlös wird jedem Werners Vortrag musste per Konferenz-
denken können, dann können Sie auch Bürger ein Grundeinkommen finanziert, schaltung in einen Nebenraum übertragen
nicht wissen, wo die Badewanne hin- das ihm ein würdiges Leben sichert, ihn werden. In Hamburg kamen über 2000
kommt.“ vom „manischen Schauen auf Arbeit“ be- Menschen ins Kongresszentrum. Auch zwi-
So begann Werner Mitte Dezember in freit und seine Kreativität wachkitzelt. schen den sonntäglichen Apokalyptikern
Berlin einen Vortrag über das bedingungs- Viel teurer werde nichts, da die Unter- bei Sabine Christiansen durfte Werner be-
lose Grundeinkommen. Und so ähnlich nehmen ja keine Steuern zahlen müssten reits Platz nehmen und ein wenig Hoff-
klang eigentlich fast jede seiner Reden in und durch das angerechnete Grundein- nung verbreiten. Sein neues Buch bei Kie-
den letzten Wochen und Monaten. Weil zu kommen die Löhne sänken. Billigimpor- penheuer und Witsch wird eine Startauf-
seinen Auftritten aber immer mehr Men- ten würde durch entsprechende Zölle der lage von 30 000 Exemplaren haben.
schen kommen, die das Neue nicht sofort Boden entzogen. So weit die Theorie. Genau genommen ist das Thema nicht
kapieren, legt Werner meist noch seine Nachdem das Wirtschaftsmagazin völlig neu: Schon unter Perikles griffen die
etwas angestaubte Lieblingsphrase nach: „Brand eins“ Werner interviewt hatte, ließ Athener ärmeren Bürgern unter die Arme.
„Der Kopf ist rund, damit das Denken die der „Stern“ vor einiger Zeit noch ein Ver- In der jüngeren Zeit rechneten immerhin
Richtung ändern kann“ – und bei Wer- hör („Sie sind verrückt!“) folgen. Die Re- drei Nobelpreisträger für Wirtschaftswis-
ners Ideen ankommt. daktion wurde von über 3000 Leserbriefen senschaften – darunter Milton Friedman –
Götz Werner, 62, Inhaber der dm-Dro- geflutet. Die meisten feierten Werner als ihren Kritikern vor, wie eine derartige Stüt-
geriemärkte, will eine Rezeptur gefunden Revolutionär. „Die Leute haben plötzlich ze finanziert werden könne. Wer unter
62 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
einer bestimmten Einkommensschwelle dass eher Müdigkeit als Mündigkeit die und fürchtet, von seinen Angestellten be-
bleibt, erhält eine Art Sozialdividende – Gesellschaft durchziehe. Die Masse sei trä- klaut zu werden, lässt Werner seine „Lern-
meist zwischen 600 und 800 Euro. ge, bekomme gesellschaftliches Engage- linge“ in Theaterworkshops den Sommer-
Niemand hat bislang allerdings so viel ment ohne Druck „nicht geregelt“. nachtstraum einstudieren. 28 Jahre ist
draufgelegt wie Werner: Je nach Interview Das Grundeinkommen sei eine „Still- Werner in den inzwischen 1720 Filialen
sollen 1200 bis 1500 Euro drin sein – für je- legungsprämie“, sagt auch der Soziologe ohne Betriebsrat ausgekommen – bis die
den. Vielleicht sind auch deswegen seine Wolfgang Engler. Er sieht Werners Kon- Lagerarbeiter im Verteilerzentrum in Wei-
Veranstaltungen vor den Festtagen so voll. zept nur dann als Chance, wenn man den lerswist bei Bonn 2001 gegen ihre immer
Bis zu 1,4 Billionen Euro würde Wer- Leuten auch in den Hintern trete. Ohne variableren Arbeitszeiten rebellierten.
ners Vorschlag pro Jahr kosten. Den Vor- Aktivierung würden die Menschen vor Nach anfänglichem Staunen habe Werner
wurf, dies sei nicht finanzierbar, könnte dem Unterschichtenfernsehen hocken oder „das mitgetragen“, sagt Achim Steffen von
Werner leicht kontern: Das jetzige System sich „Sitzkissen ans Fenster legen und 40 Ver.di. „Das ist schon grandios, was sie ge-
ist es seit Jahren nicht mehr. Jahre rausschauen“. macht haben“, habe Werner danach zu
Den Ärmeren würde allerdings nach ihm gesagt, so der Gewerkschafter.
Miete, Krankenversicherung und den hoch Werners Mobiltelefon klingelt. Es ist je-
besteuerten monatlichen Einkäufen im mand vom „Netzwerk Grundeinkommen“.
Discounter nicht viel übrigbleiben. Das lä- Er soll am Abend auf eine Buchvorstel-
ge in dem Bereich, „den heute ein Hartz- lung kommen, danach in die Humboldt-
IV-Empfänger zur Verfügung hat“, gibt Universität. Werner zögert. „Ich will da
Werner zu. Gewonnen wäre lediglich die aber nicht auf dem Podium sein, dazu ken-
Freiheit, auf einen Job zu verzichten. Kei- nen wir uns zu wenig.“ Um ihn herum ist
ner würde mehr von der Arbeitsbürokratie eine Steuerbefreiungsbewegung aus Lin-

ARNE WEYCHARDT
„kujoniert“ werden. Viel mehr als vor der ken, Konservativen und Liberalen ent-
Glotze hängen wäre trotzdem nicht drin – standen. Werner muss da vorsichtig sein.
das stetige Unglück hieße bloß nicht mehr Bisher hat er sein Konzept aus allen Gra-
„Hartz IV“. benkämpfen raushalten können. Er spricht
Hält ihm jemand vor, dass er ein Para- Firmenchef Werner (in Berliner dm-Filiale) vor Bankern, Führungskräften der Luft-
dies für Unternehmer schaffe, sagt Wer- Aus allen Grabenkämpfen raushalten hansa und linken Studenten – für alle ist
ner: „Gott sei Dank.“ Zwar müsste er sich bei ihm schließlich was dabei.
einiges einfallen lassen, wie er noch Ab- In Berlin will man ihn eher, weil er ge-
packer und Kassiererinnen für seine Märk- sagt hat: „Hartz IV ist offener Strafvoll-
te gewinnen will, aber im Zweifel müsste er zug.“ Die Buchvorstellung ist in einem
auf deren Grundeinkommen nur ein wenig Hinterhofhaus im Scheunenviertel. Die
drauflegen. Vermögen würde nicht be- Autoren reden von Unternehmern als
steuert. Soziale Einrichtungen wie Kin- „Herren der Arbeitsgesellschaft“. Sie spre-
dergärten, Schulen und Krankenversor- chen von der „autoritären Lohngesell-
gung könnten schleunigst privatisiert, da- schaft“, von „Lohnextremismus“. Werner
durch aber auch erheblich teurer werden. schaut nach dem Ausgang. Dann wird er
Christoph Nitsch hat schon vor Ende untertänig begrüßt. Er redet kaum. Später
des Bochumer Vortrags das Schauspielhaus sagt er: „Die haben so einen linksdralligen
verlassen. Der Hartz-IV-Empfänger ist ent- Zug, das muss sich noch ändern.“
täuscht. Er hatte sich eine Vision erwartet. Vor den 400 Zuhörern in der Humboldt-
„Aber es war so, wie der peinliche Auftritt Uni spult Werner anschließend sein ge-
eines US-Predigers, nebulös und populis- wohntes Programm ab. Zaghafte Einwän-
tisch.“ de, die Armen zahlten bei seinem Entwurf
Nitsch kommt komisch vor, dass „die doch mehr und die Unternehmen fast
Oma Kowalski dasselbe für ihr Brot be- nichts, kontert er mit seinem Lieblingssatz:
zahlen soll wie der Werner“. Eine soziale „Das ist doch heute nicht anders.“ Zudem:
RUFFER / CARO

Komponente fehle dem Konzept völlig. Si- „Steuern, Abgaben und so weiter – ist
cher, 1500 Euro würde auch er nehmen, doch schon alles in den Preisen drin!“
aber das interpretiert Nitsch eher als Re- Auch der Soziologe Wolfgang Engler
volutionsprophylaxe: „Bevor das Volk re- dm-Zentrale (in Karlsruhe) sitzt auf dem Podium. Seine Skepsis
belliert, füttern wir es ab.“ Sommernachtstraum im Theaterworkshop scheint verflogen: „Wenn es Sie nicht ge-
In Bochum fragte ein Zuhörer, was denn ben würde, müsste man Sie erfinden“,
wäre, wenn tatsächlich die meisten das Nach seinem Vortrag in Bochum fährt sagt er dankbar. Werner kommt in Fahrt.
Geld nähmen und sich in die soziale Hän- Götz Werner mit der Bahn nach Berlin. Redet vom politischen Konsumenten.
gematte legten. „Das ist eine hochinteres- Dort sieht er sich sechs neue dm-Filialen „Alle billigen Importwaren, die wir aus
sante Frage“, sagte Werner. Und schwieg. an. In Tegel kommt ein Mädchen mit ei- den entsprechenden Ländern saugen –
Es ist einer der Haken seines Modells. nem Kindereinkaufswagen auf ihn zu, in Thailand, Indonesien –, diese Einkäufe
„Wir sind ein Volk von Freelancern, nicht dem ein kleiner Hund sitzt. Werner kniet sollten Sie sich verbieten.“ Vor den Lidl-
von Faulenzern“, glaubt Werner – und sich hin, wedelt dem Hund mit seinem und Aldi-Regalen frage man sich doch
streut dazu passende Zitate von Erich Schlips zu und fragt nach dessen Namen. oft: „Wie kommt es eigentlich, dass das so
Fromm und Goethe unter die Zuhörer. „Strolchi“, sagt das Mädchen verdattert. billig ist? Und wenn Sie sich das fragen,
Gern auch von Rudolf Steiner: Wir seien Einer Mitarbeiterin streichelt Werner mit dann dürfen Sie nicht kaufen, dann beuten
für das „Miteinander-füreinander-Leisten“ seinen gewaltigen, vom Rudern schwieli- Sie aus.“
gemacht, befand der mitunter ins Krude gen Händen über den Arm. Er will prüfen, Ein Kinderunterhemd gibt es bei dm für
driftende Anthroposoph. ob es in den Filialen nicht zu kalt ist. 2,95 Euro. Woher die Textilien bei ihm kä-
Wissenschaftler wie der Berliner Histo- Während der Konkurrent Anton Schle- men? „Keine Ahnung“, sagt Götz Werner –
riker Paul Nolte gehen heute davon aus, cker versucht, Betriebsräte zu verhindern, und winkt zum Abschied. Nils Klawitter
d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 63
Wirtschaft

Seit Jahren befassen sich quer durch die te die Pfändung der Konten bei der TCMB
STEUERN
Republik Finanzämter und Gerichte mit in Ankara schwierig sein – vor allem, wenn

Schwierige den unversteuerten Zinseinnahmen tür-


kischer Mitbürger in deren alter Heimat.
Es geht um über zehn Milliarden Euro,
die Steuersünder heute nicht mehr in
Deutschland wohnen. Oder wenn sie hier-
zulande von Hartz IV oder einer so gerin-

Pfändung die ab Mitte der siebziger Jahre bei der


Zentralbank (TCMB) in Ankara angelegt
wurden – und auf die nach deutschem
Recht Steuern zu zahlen wären.
gen Rente leben, dass ihre Einkünfte un-
pfändbar sind. Hinzu kommt: „Fahrlässige
Steuerverkürzung“ ist schon nach fünf
Jahren verjährt. Es sei denn, die Frist ist
Türkische Steuerschuldner wollten
Die Vorgeschichte des Falls geht zurück durch die Einleitung eines förmlichen Er-
großzügig Abbitte leisten. Der deut- bis ins Jahr 1976. Damals brauchte die tür- mittlungsverfahrens unterbrochen.
sche Fiskus ließ sie abblitzen – und kische Nationalbank nach einer Währungs- Doch das Gezerre verunsicherte viele
nimmt am Ende noch weniger Geld ein. krise dringend Devisen. Statt die jedoch der Betroffenen, von denen Anwalt Gü-

AXEL SCHMIDT / ACTION PRESS


BUTZMANN / LAIF

Bankenviertel in Istanbul, Finanzminister Steinbrück, Vorgänger Eichel*: „Warum wollen Sie das Geld nicht haben?“

K
ommt ein Mann zum Bundesfi- teuer einzukaufen, ersannen die Banker mü≈boga mehrere hundert vertritt. Und
nanzminister und bietet ihm eine eine für sie günstigere Methode: Sie lie- auch die TCMB war an einer abschließen-
halbe Milliarde Euro für den Staats- hen sich Geld von jenen Türken, die im den Lösung interessiert und sagte Gümü≈-
säckel – zahlbar binnen Jahresfrist. Der Ausland arbeiten. Wenn die ihr Erspartes boga zu, das Angebot tatkräftig zu unter-
Politiker lehnt ab. Kein Witz. in die Heimat überwiesen, bekamen sie stützen. Doch dazu kam es nicht mehr.
Genau so ist es passiert. Es war am teilweise über zehn Prozent Zinsen. In Berlin sind nach Angaben der Se-
8. Oktober 2004 in Frankfurt am Main bei Der damalige Chef der Zentralbank, natsverwaltung für Finanzen mittlerweile
einer Veranstaltung zur „wirtschaftlichen Osman Şiklar, baute in den Achtzigern das fast alle Verfahren erledigt. Die Einnah-
Integration der Türkei in die EU“. Atalay Programm aus, um mit dem Geld das men des Fiskus belaufen sich auf knapp
Gümü≈boga, ein in Berlin lebender türki- Wachstum seines Landes zu finanzieren. In fünf Millionen Euro. Hochgerechnet auf
scher Rechtsanwalt, passte den damaligen Werbevideos versicherte er den Anlegern, die Bundesrepublik Deutschland bedeutet
Kämmerer der Republik, Hans Eichel, am dass die Kapitalerträge „keinerlei Besteue- dies: Die öffentliche Hand kann mit Ein-
Eingang ab und legte los: „Herr Minister, rung“ unterlägen. Doch dieses Versprechen, nahmen von wohl nicht mehr als 100 Mil-
wir bieten Ihnen eine halbe Milliarde Euro dem viele seiner Landsleute geglaubt hat- lionen Euro rechnen.
als Pauschalzahlung für die Steuerschul- ten, war schlicht falsch. Denn auch wenn Niemand hatte den Beamten angesichts
den türkischer Staatsangehöriger. Warum der türkische Staat auf seinen Obolus aus des lukrativen Angebots von einer halben
wollen Sie das Geld nicht haben?“ den Kapitalerträgen verzichtete, der deut- Milliarde Euro verboten, mit den Ländern
Eichel wiegelte ab: „Dafür sind die Län- sche Fiskus wollte seinen Teil haben. zu sprechen oder sich um ein Mandat zu
der zuständig. Da können wir leider nichts Zunächst passierte gar nichts. Erst im bemühen, um erste Verhandlungen zu
machen.“ Gümü≈boga hinterließ seine Vi- Juni 1999 wurde die Steuerfahndung auf führen. Aber ohne klare Anweisung tut
sitenkarte und bat um einen Termin. Kurz die Gelder aufmerksam. Es folgte eine sich in der Ministerialbürokratie eben
darauf erhielt er Post: „Meine Länderkol- Durchsuchung der TCMB-Filiale in Frank- nichts. Jetzt zahlen die Bundesbürger für
legen“, schrieb ihm der Leiter von Eichels furt am Main, bei der die Kontendaten von diese Engstirnigkeit die Rechnung.
Steuerabteilung, hätten „kein Verständnis knapp 100 000 in Deutschland lebenden Gümü≈boga hat sein einst hohes Ange-
dafür, wenn ich das erbetene Gespräch mit Türken beschlagnahmt wurden. Insgesamt bot dennoch nicht bereut: „Ich habe mich
Ihnen führen würde“. hatten die hierzulande lebenden Türken mit der Summe an dem orientiert, was die
Die Engstirnigkeit von damals kommt bei der Nationalbank deutlich über zehn rot-grüne Regierung deutschen Steuersün-
die deutschen Steuerzahler jetzt teuer zu Milliarden Euro angespart. dern, die mit ihrem Kapital zurückkom-
stehen. Denn mit 500 Millionen Euro Seither versuchen Finanzämter in auf- men, angeboten hat.“
wären Bund und Länder ausgesprochen wendiger Detailarbeit, die Fälle abzuar- Heute könne er seine Offerte allerdings
gut bedient gewesen. Der Fiskus wird wohl beiten – und die Steuerschuld auszurech- nicht mehr aufrechterhalten. „Der Zug ist
nur 60 bis 100 Millionen dieser Summe an nen. Doch selbst wenn das gelingt, dürf- abgefahren“, sagt er. „Mittlerweile sind
ausstehenden Steuern hereinholen – trotz viel zu viele Fälle erledigt.“
höchsten bürokratischen Aufwands. * Bei der Amtsübergabe am 23. November 2005 in Berlin. Wolfgang Reuter

64 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
tion von geplanten 350 Millionen Euro, in
deren Folge bis zu tausend Jobs entstehen
könnten, keinerlei Sinn.
Mitte November 2006 hatte der Deutsch-
Amerikaner Langhammer sein Konzept
erstmals in Berlin vorgestellt und dabei
Partner für den Flugbetrieb gesucht. Bei
Bahnchef Mehdorn stieß er auf großes
Interesse. Schnell war für die Übernahme
der Betriebsgenehmigung ein Antrag ge-
strickt, der nun von der Luftfahrtbehörde
geprüft werden muss.
Das Amt freilich gehört zum Land Ber-
lin. Und das hat sich zusammen mit dem
Nachbarland Brandenburg und dem Bund

WOLFGANG KUMM / DPA


bereits 1996 auf eine andere Strategie fest-
gelegt: Die BFG schickt sich derzeit an,
den Ost-Berliner Airport Schönefeld zum
neuen Großflughafen Berlin Brandenburg
International (BBI) als in Zukunft einzige
Berliner Flughafen Tempelhof: Kleine, aber unerwünschte Konkurrenz Start- und Landebasis der Hauptstadt aus-
zubauen.
Adolf Hitler einst zum größten Europas Doch das Konzept für dieses Groß-
IMMOBILIEN
ausbauen ließ – und den 1948/49 britische projekt stammt aus den frühen neunziger

Vom Jet ins Bett und amerikanische „Rosinenbomber“ an- Jahren und gilt vielen mittlerweile als
flogen, um die West-Berliner während der überdimensioniert. So prognostizierten die
sowjetischen Blockade der einstmals ge- Planer damals, im Rausch der Wiederver-
teilten Stadt mit dem Lebensnotwendigen einigung, dass Berlin ein internationales
Bahnchef Mehdorn will
zu versorgen. Luftkreuz werden würde. Davon kann bis-
einen Flughafen betreiben – mit Etwa 450 Hektar umfasst das Tempel- lang keine Rede sein. Außerdem rechneten
einem US-Milliardär aus hof-Areal, das die BFG schließen möchte, die Auguren mit einem Anstieg der Ber-
der Kosmetikindustrie und gegen nicht zuletzt wegen der rund zehn Millio- liner Bevölkerung auf fünf Millionen bis
den Widerstand Berlins. nen Euro Verluste, die jedes Jahr anfallen. zum Jahr 2020. Tatsächlich verlor Berlin
Umso überraschender kommt nun die seit 1994 sogar rund 80 000 Einwohner.

W
eihnachten hin, Jahresausklang mögliche Rettung für den Flughafen. Tempelhof mit jährlich mehr als einer
her – der Streit war unvermeid- Der Ex-Geschäftsführer des Kosmetik- halben Million Passagiere ist für den zu
lich. Hartmut Mehdorn wusste konzerns Estée Lauder, Fred Langhammer, aufwendig konzipierten Airport am Stadt-
das. Eigentlich genoss der bisweilen kratz- will zusammen mit seinem früheren Chef, rand deshalb eine zwar kleine, aber den-
bürstige Bahnchef das Spektakel sogar. dem milliardenschweren noch unerwünschte Kon-
Gezielt hatte Mehdorn seinen Antrag, New Yorker Kunstsamm- kurrenz. Und die Juristen
künftig den Flughafen Tempelhof be- ler Ronald Lauder, neu- des Berliner Senats glau-
treiben zu wollen, weniger als 24 Stunden es Leben in das denk- ben, dass der Großflug-
vor der Gerichtsverhandlung über die malgeschützte Bauwerk hafen durch Mehdorns
Schließung des innerstädtischen Airports bringen. Pläne auch rechtlich ge-
lanciert. Der Schritt war nicht nur eine Auf 300 000 Quadrat- fährdet wäre.
Überraschung. Er war vor allem eine Pro- metern möchten die Remo Klinger, Anwalt
vokation, die Klaus Wowereit empören beiden Amerikaner die der Senatsverwaltung für
musste. Berlins Regierender Bürgermeister Hauptstadt mit einem Stadtentwicklung, wet-
ließ einen Senatssprecher dann aber bloß neuen Hotelkomplex, ei- tert: „Wollte man Tem-
LIESA JOHANNSSEN / PHOTOTHEK

schmallippig verkünden, man sei „über- nem Konferenzzentrum, pelhof dauerhaft offen
rascht“ und werde die Offerte „prüfen“. Büros und einer Luxus- halten, würde dies die
Eins zu null für Mehdorn, der seine klinik für begüterte Pa- Genehmigung für den
Dauerfeindschaft mit Wowereit seit Jah- tienten aus aller Welt Ausbau von Schönefeld
ren innig pflegt. beglücken, die dann vom in Frage stellen.“
Rainer Schwarz, der Chef der staat- Jet direkt ins Bett fallen Dem allerdings wider-
lichen Berliner Flughafen Gesellschaft könnten. spricht der Luftverkehrs-
(BFG), die Tempelhof derzeit noch be- Leerstehende Büroräu- Kontrahenten Mehdorn, Wowereit rechtler Elmar Giemulla
treibt, wurde dann deutlicher. Er warf me hat Berlin zwar zur Überraschende Offerte von der Technischen Uni-
Mehdorn vor, dass er lediglich „Flughafen Genüge. Aber mit dem versität Berlin. Im Kern
spielen“ wolle. „An der Seriosität des „Alleinstellungsmerkmal Fluganbindung“ geht es bei der Argumentation darum,
Antrages“ seien arge Zweifel angebracht. könnte sich das Geschäftsmodell rechnen, dass die zusätzliche Belastung der Bevöl-
„Heute ein Hafen, morgen ein Flughafen“, glauben Experten und träumen bereits von kerung in Schönefeld nur dann gerecht-
spottete Schwarz – in Anspielung auf Meh- einem regen Pendelverkehr der Privatma- fertigt ist, wenn dafür die Menschen in der
dorns bislang erfolglosen Plan, bei der schinen reicher Scheichs oder Russen, die Stadt entlastet werden. „Die Anwohner
Hamburger Hafengesellschaft HHLA ein- auch deutsche Mediziner und deren High- von Schönefeld können nicht klagen“, so
zusteigen. tech zu schätzen wissen. Giemulla, „denn wenn Tempelhof offen
Damit jedenfalls ist eine neue Runde Der Flugbetrieb müsse auf jeden Fall er- bleibt, haben sie in Schönefeld ja weniger
in dem seit etlichen Jahren andauernden halten bleiben, sagen auch Langhammer Flugverkehr.“ Wolfgang Reuter,
Ringen um jenen Flughafen eröffnet, den und Lauder. Ansonsten mache die Investi- Michael Sontheimer

d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 65
Casino-Betreiber Wallner*
Gegen den Trend erfolgreich

tesse regieren das deutsche


Casino-Gewerbe – und konse-
quente Ideenlosigkeit.
Seit 2001 schrumpfen die
Umsätze in den 76 deutschen
Glücksspielhäusern. Hält der
Trend an, könnte es für die
Klassiker Roulette, Baccara
oder Black Jack schon bald
heißen: Nichts geht mehr!
„Juni und Juli waren mit die
schlechtesten Monate, seit bei
uns die Kugel rollt“, klagt Mi-
chael Seegert von der Spielbank

CONTRAST PHOTO / ACTION PRESS


Bad Neuenahr und Sprecher
des Branchenverbands Desia.
„Das heiße Wetter und die Fuß-
ball-WM waren tödlich fürs
Casino-Geschäft.“ Im ersten
Halbjahr 2006 sackten die mie-
sen Zahlen weiter ab. Alarmiert
warnt Desia in seinem neuesten
Jahresbericht: „Die traditionsreiche Bran-
SPI ELBANKEN
che der Spielbanken ist massiv in Bewe-
gung geraten.“ Es herrscht gewaltiger Kon-

Nichts geht mehr solidierungsdruck. „Ein Casino-Sterben ist


unvermeidlich“, orakelt Reinhold Schmitt,
Chefredakteur des Spielbanken-Führers
„Isa-Casinos“. Fachleute glauben, dass
Internet-Konkurrenz, trutschiges Image und neue Kontrollgesetze – allenfalls die Hälfte der heute 49 Betriebe
den deutschen Casinos kommen die Besucher abhanden. mit Tischspiel überleben kann.
Nun versucht ein österreichischer Roulette-Profi sein Glück. Dabei zocken die Deutschen wie nie
zuvor: Rund 30 Milliarden Euro werden

F
ür den niedersächsischen Finanz- Auf Laien wirkt dieser Vertrag wie das jährlich umgesetzt. Allerdings wird der
minister Hartmut Möllring sah die Werk eines zweiarmigen Banditen. Tat- Großteil des Geldes ganz unsinnlich in die
Angelegenheit anfänglich wie ein sächlich aber könnte der Einstieg eines Automaten der 8000 Spielhallen gepumpt
ganz gewöhnlicher Verkauf aus: Seine Vollprofis wie Wallner für Niedersachsens sowie ins Toto und Lotto.
Regierung hatte Ende 2004 beschlossen, Spielbanken die Rettung bedeuten. Denn Die Deutschen setzen lieber auf die
sich von den zehn Spielcasinos zu trennen, die Wirtschaftswunderzeiten, in denen der Ergebnisse der Fußball-Bundesliga oder
die in Landesbesitz vor sich hin schmud- rheinische Geldadel und die Stahlbarone suchen ihr Glück in den mittlerweile rund
delten. Ein Privatinvestor wurde gesucht. von der Ruhr ihren Reichtum in glanzvol- 3000 Internet-Casinos, die steuerfrei und
Doch auf einen so ausgebufften Zocker len Roulette-Schlössern in Bad Neuenahr, juristisch kaum greifbar in Gibraltar, Mal-
wie Leo Wallner war niemand gefasst. Baden-Baden, Bad Homburg und anders- ta oder in der Karibik lizenziert sind.
Der 71-Jährige, der seit fast vier Jahr- wo präsentierten, sind längst Geschichte. Inmitten der Misere droht nun auch
zehnten beim Nachbarn Österreich das Vom einstigen Glamour mit Smoking noch die Politik, die Casino-Klientel weiter
Casino-Geschäft dominiert, spielte die und Abendrobe ist in den Häusern zwi- zu verschrecken. Um die 150 000 Süchti-
braven Niedersachsen nach allen Regeln schen Heringsdorf und Bad Reichenhall gen, die der Fachverband Glücksspielsucht
der Pokerkunst aus. Zwar bezahlte er 90 wenig geblieben. Trutschigkeit und Tris- ausgemacht hat, besser zu schützen, sollen
Millionen Euro für die Häuser und ver- künftig nicht nur die risiko-
sprach, weitere 40 Millionen zu investieren. freudigen Zocker an den Rou-
Doch dafür handelte er Finanzminister lette- und Baccara-Tischen mit
Möllring Zugeständnisse ab, wie die krän- Name und Anschrift erfasst wer-
kelnde Branche sie noch nie gesehen hat. den, sondern auch die Hobby-
Wallners größter Coup: Er drückte die Daddler an den Automaten. Die
Spielsteuer, die andernorts bis zu 90 Pro- Branche fürchtet, dass viele
zent beträgt, auf rund 65 Prozent. Damit dann erst recht in die anonyme
nicht genug, brachte er die Hannoveraner Spielothek oder ins Internet ab-
zu dem Zugeständnis, ihm bis 2,8 Millio- wandern.
nen Euro jährlich zu erstatten, falls das Doch während alle jammern
derzeit geplante Gesetz über Ausweiskon- und wehklagen, steuert Wallner
trollen bei Spielautomatennutzern sein Ge- gegen. Mit publikumswirksa-
schäft beschädigen würde. Außerdem wird men Konzerten und Poker-Tur-
der Kaufpreis um bis zu 7,3 Millionen Euro
gemindert, falls es Niedersachsen nicht ge- * Mit der Schauspielerin Uschi Glas und
lingt, Gesetze fürs Casino-eigene Internet- Spielbank Hannover der TV-Moderatorin Arabella Kiesbauer im
Spiel zu schaffen. Einmalige Rahmenbedingungen Februar 2003.

68 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
Wirtschaft

nieren, mit Modeschauen, Promis und Factory-Produkte verkauft. „Bauer ist ein
I N N O VAT I O N E N
Galaabenden lockt er die vernachlässigte Trendsetter“, schwärmt Otto Christian Lin-
Klientel zurück in die Glitzerpaläste.
Seine Chancen stehen gut angesichts der
Erfolgsbilanz, die der Mann vorzuweisen Organisches demann, Chef des weltgrößten Erotik-Kon-
zerns, der Beate Uhse AG. Vor zwei Jahren
hat sich das Flensburger Versandhaus mit
hat. Bereits 1968, im Alter von 32 Jahren,
wurde der Ökonom Generaldirektor der
Österreichischen Spielbanken AG. Seinen
Posten als Wirtschaftsberater von Bundes-
Wachstum 25 Prozent an Fun Factory beteiligt.
Dabei wurde die Erfolgsstory aus schierer
Not geboren. 1995 hatte Bauers damalige
Partnerin in Bremen einen Erotik-Shop
Der Markt für Sexspielzeug ist
kanzler Josef Klaus musste er damals zwar für weibliche Kundschaft eröffnet. Doch
aufgeben, das Glücksspielgeschäft galt als
hart umkämpft. Doch ein Bremer die fleischfarbenen Penis-Imitate aus Billig-
zu halbseiden. Doch das änderte Wallner Mittelständler hat sich mit lohnländern blieben in den Regalen liegen,
in den folgenden 39 Jahren. Er baute das deutschen Tugenden zum Branchen- das Geschäft drohte zu floppen. Der Elek-
Unternehmen zu einem weltweit agieren- führer aufgeschwungen. troingenieur Bauer kaufte für 50 Mark
den Konzern um. Silikon und schuf mit einem
Das Geld für den Einstieg in die hiesige Freund in der Küche einige
Branche hat Wallners Unternehmen Casi- Dildos in Pinguin- und Del-
nos Austria vor allem im Ausland verdient. phin-Form: „Hauptsache, kein
62 seiner insgesamt 74 Dependancen be- Penis.“
treibt Wallner nicht in Österreich: Seine Heute ist der phallische
Würfel rollen in der Schweiz, Dänemark, Flipper ein Kultprodukt der
Deutschland, Kroatien, Rumänien, Grie- Branche – und der einstige
chenland, Argentinien und Südafrika. Bastler zum Chief Executive
10 800 Mitarbeiter legen in seinem Impe- Officer aufgestiegen. In den
rium die Karten und sorgten für zuletzt USA unterhält Fun Factory
drei Milliarden Euro Umsatz im Jahr. bereits eine eigene Tochter, in
Neben den Casinos bietet Wallner mit Spanien und Japan sollen wei-
seinem Unternehmen tipp3 und der Inter- tere folgen.
net-Tochter wind2day in seiner Heimat Am liebsten doziert der
Sportwetten an. Außerdem gehören noch Firmenchef mit deutscher

FRANK DIETZ
eine Gastronomie-GmbH und eine Firma Gründlichkeit über die High-
für Sicherheitstechnik zum Imperium. tech-Raffinessen seiner Pro-
Sein Erfolg ist allerdings nicht ganz allein Unternehmer Bauer: Phallischer Flipper dukte, etwa die Zwei-Lager-
seinem Unternehmergeist zuzuschreiben. Motoren mit 1,2 Watt Spitzen-

D
Im Gegensatz zu den Bedingungen für er eine oder andere Unternehmer- leistung, die in den GII-Modellen zum
deutsche Karten-und-Kugel-Manager sind preis müsste längst die Wände von Einsatz kommen. Oder die ergonomisch
die Spielbankenabgaben anderswo auf der Dirk Bauers Büro schmücken: Mit geformten Bedienelemente, die eigens ein
Welt deutlich geringer. In Österreich liegt nur 50 Mark Startkapital und ohne nen- Mittelständler in Thüringen für ihn her-
der Satz bei rund 50 Prozent. nenswerte Kredite hat er seine Firma nach stellt.
Die Gewinne investiert Wallner gern eigenen Angaben in wenigen Jahren zum Beim „organischen Wachstum“ seiner
wieder in neue Unternehmungen, wie europäischen Marktführer hochgejazzt. Firma setzt Bauer auf den Megatrend
eben jüngst in Niedersachsen. Dort zeigt Bauer, 41, lässt ausschließlich in Bremen der Erotikbranche schlechthin: weg vom
sein Konzept die ersten Erfolge. Casinos fertigen, obendrein größtenteils in Hand- Schmuddel, hin zu Lifestyle und Luxus.
Austria hat in seinem ersten Jahr be- arbeit. Die Produkte „made in Germany“ Fun Factory versorgt beispielsweise das
reits sechs Millionen Euro Gewinn ein- sind teuer, aber begehrt – in Paris und New noble Pariser Warenhaus Le Printemps
geheimst. York, von Buenos Aires bis Taipeh. und mehrere Edelboutiquen in New York.
„Das lag über unseren Erwartungen“, Doch mit dem Portfolio der Fun Factory Das Kernsortiment hat die Firma mitt-
sagt Vorstand Paul Herzfeld und lässt sich GmbH sind kaum Auszeichnungen zu ge- lerweile um Kosmetik, Brett- und Karten-
vom Ehrgeiz packen: In den nächsten fünf winnen. Denn die wichtigsten Produkte spiele erweitert. Doch anders als in den
bis zehn Jahren möchte er die Umsätze um aus Bauers Spaßfabrik sind Dildos und USA, Frankreich oder auch Spanien sei es
20 bis 30 Prozent steigern. Vibratoren. „Oft habe ich mir anhören in Deutschland noch schwierig, Vertriebs-
Die heimische Konkurrenz sieht den müssen: ‚Wie kann man nur so etwas ma- partner im gehobenen Einzelhandel zu be-
Erfolg der Österreicher mit gemischten Ge- chen?‘“, sagt Bauer. Aber sein Durchhal- geistern: „Viele Einkäufer legen gleich auf,
fühlen. „Niedersachsen hat Casinos Aus- tewillen habe sich ausgezahlt. wenn sie das Wort ‚Erotik‘ hören.“
tria mit der niedrigeren Abgabenquote Tag für Tag verlassen mittlerweile 4000 Helga Albrecht, Präsidentin des Bundes
natürlich mit in Deutschland einmaligen Sexspielzeuge die Fertigungshalle. Seit Deutscher Hebammen, dagegen erinnert
Rahmenbedingungen ausgestattet“, klagt 2004 schwoll der Jahresumsatz kräftig an, sich gern an einen Kongress 2004, wo Fun
ein Spielbankenbetreiber. von 5 auf 13,5 Millionen Euro. Die Mit- Factory einen Verkaufsstand aufbaute:
Die Branche fordert nun von der Politik arbeiterzahl hat sich in dieser Zeit mehr als „Der Stand war der Knaller, die Kollegin-
einheitliche Gesetze, um solche Wettbe- verdoppelt. Gerade wird ein Teil der Pro- nen standen Schlange.“ Schließlich wür-
werbsverzerrungen künftig zu vermeiden. duktion auf Fließband umgestellt. „Anders den die „ansprechenden Produkte“ den
Bis es so weit ist, könnte Wallner schon ist die Nachfrage einfach nicht mehr zu be- Frauen nach der Schwangerschaft auch hel-
die nächsten Spielbanken übernommen ha- friedigen“, erklärt Bauer. fen, den Beckenboden zu stärken.
ben, etwa die Häuser in Mecklenburg-Vor- Die Edel-Vibratoren aus Silikon sähen Und die Kundinnen nutzen auch die
pommern und Schleswig-Holstein. Man nicht nur gut aus, sondern seien auch von Möglichkeit gern, per E-Mail über ihre Er-
habe zwar derzeit „nichts Konkretes im bester Qualität – nicht zu vergleichen mit fahrungen zu berichten. „Ich bin erstaunt,
Blick“, sagt Vorstandsmitglied Herzfeld, der Billigware aus Fernost, sagt Nicole wie viel die Leute von sich erzählen“, sagt
„aber wir wollen weiter in Deutschland Wellems, Betreiberin eines Erotik-Online- Bauer. „So genau wollen wir das gar nicht
expandieren“. Jörg Schmitt Shops für Frauen, der vornehmlich Fun- immer wissen.“ Sebastian Ramspeck

d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 69
Medien
Popgruppe Juli

haben national unter Vertrag genomme-


ne Künstler inzwischen einen Anteil von
48 Prozent an unserem Geschäft, vor
zwei Jahren waren es weniger als 40.
SPIEGEL: Ist im hiesigen Popgeschäft viel-
leicht einfach nur Platz für eine Handvoll
erfolgreicher einheimischer Künstler?
Briegmann: Auf keinen Fall. Am Ende setzt
sich immer Qualität durch – egal, wie vie-
le Künstler im Angebot sind. Und es gibt
ja auch einige Neulinge, die dieses Jahr
ihren Durchbruch geschafft haben, wenn
man die Auszeichnung mit Goldenen
PA / INTER-TOPICS

Schallplatten als Maßstab nimmt: Revol-


verheld etwa, LaFee oder die Killerpilze.
SPIEGEL: Was ist der nächste Trend?
Briegmann: Es ist schon bemerkenswert,
wenn ein deutscher HipHopper wie Bu-
MUSIKINDUSTRIE shido in kurzer Zeit zwei Alben veröf-
fentlicht, die beide mit Gold ausgezeich-

„Qualität setzt sich durch“ net werden. Einen großen, neuen Trend
sehe ich deswegen aber nicht.
SPIEGEL: Dafür hat dieses Jahr überra-
Frank Briegmann, lich erfolgreichen Premieren. Ist der Boom schenderweise die Klassik einen wahren
RALF SUCCO / ACTION PRESS

39, Deutschland- des deutschen Pop schon wieder vorbei? Boom erlebt.
Chef von Univer- Briegmann: Ganz und gar nicht: Unter Briegmann: Das Bewusstsein für Klassik
sal Music, über den Jahres-Top-5 werden mit Rosenstolz, hat sich verändert, vor allem dank einiger
heimischen Pop Xavier Naidoo und Tokio Hotel gleich unserer mittlerweile extrem prominent
und den Klassik- drei deutsche Vertreter sein, unter den gewordenen Stars wie Anna Netrebko,
Boom Top Ten sind es sogar sieben. Außerdem Rolando Villazón oder Lang Lang. Auch
haben eigentlich alle neuen deutschen Anne-Sophie Mutter hat pünktlich zum
SPIEGEL: 2004 und 2005 hatten viele neue Bands in diesem Jahr bewiesen, dass Mozart-Jahr eine Art Rückkehr gefeiert.
deutsche Bands wie Juli, Silbermond oder sie auch mit ihrem zweiten Album er- Das hat dazu beigetragen, dass unser An-
Tokio Hotel ihren Durchbruch. Im nun zu folgreich unterwegs sind, Juli ist direkt teil am deutschen Musikmarkt inzwi-
Ende gehenden Jahr aber fehlte es an ähn- auf Platz eins geschossen. Deswegen schen auf rund ein Drittel gestiegen ist.

PRESSEFREIHEIT besonders zu berücksichtigen. Der DJV TA L K S H OW S


fordert dagegen, den Informantenschutz
DJV sorgt sich um zu stärken, indem etwa bei Beschlagnah-
mungen in den Büros freier Journalisten
Bitte mit Sahner!
Informantenschutz ein richterlicher Beschluss erforderlich
wäre, so wie es bislang für ähnliche D er Spielfilmspartenkanal Das
Vierte startet Ende März eine In-

D er Deutsche Journalisten-Verband
(DJV) fürchtet eine Aufweichung
des Informantenschutzes durch die anste-
Aktionen in Redaktionsräumen gilt. Im
Jahr 2005 wurden bei der Zeitschrift
„Cicero“ die Redaktion und das Wohn-
terviewreihe des „Bunte“-Journalisten
Paul Sahner. Die Sendung „Aber bitte
mit Sahner …“ ist zunächst auf sechs
hende Neuregelung des Rechts zur Tele- haus eines Journalisten durchsucht. Teile angelegt. Sahner will sich am
fonüberwachung. Im Referentenent- offenen Kamin vor allem mit Schau-
wurf des Bundesjustizministeriums spielern und Regisseuren unterhalten.
werde das Recht von Journalisten, Die ersten Gesprächspartner sind
Zuträger von Informationen nicht zu Hannes Jaenicke, Veronica Ferres und
RALF HIRSCHBERGER / PICTURE-ALLIANCE / DPA

enthüllen, relativiert, sagt DJV-Jus- Mario Adorf. Die Interview-Porträts


titiar Benno H. Pöppelmann. Eine dauern jeweils 45 Minuten. 2003 hatte
abschließende Stellungnahme des „Bunte“-Chefredakteurin Patricia
DJV werde jedoch noch erarbeitet. Riekel es mit „Bunte-TV“ versucht,
In dem Entwurf heißt es, bei Tele- einer People-Sendung im Ersten. Das
fonüberwachung und anderen Er- Format wurde jedoch nach nur sechs
mittlungsmaßnahmen sei der Schutz Sendungen abgesetzt. „Daran war
von Journalisten als Geheimnis- aber die ARD schuld, die zu früh die
trägern „im Rahmen der Prüfung Flinte ins Korn geworfen hat“, sagt
der Verhältnismäßigkeit unter Wür- Sahner, der selbst Mitglied der „Bun-
digung des öffentlichen Interesses“ „Cicero“-Redaktion te“-Chefredaktion ist.
70 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
Fernsehen

TV-Vorschau sie Mr Right finden – mit Hilfe


von Partys, Partneragenturen,
Kontaktanzeigen, öffentlicher
Tatort: Die Blume des Bösen Werbung und einem Date-Doktor.
Montag, 20.15 Uhr, ARD In fünf Teilen begleitet die BBC-
Ein anonymer Anrufer hat es darauf Serie die quirlige Moderatorin auf
abgesehen, die Ex-Freundinnen von der Pirsch. Tipps für die Praxis

NICOLAS MAACK / ZDF


Hauptkommissar Max Ballauf (Klaus gibt’s en masse, auch wenn sie
J. Behrendt) unter die Erde zu brin- nicht gerade überraschen.
gen. Während der Kölner Ermittler
zur panischen Marionette in einer Stubbe – Von Fall zu Fall:
Schnitzeljagd wird, sucht sein Team Schmutzige Geschäfte
fieberhaft nach einem Motiv für den Stumph, Schümer in „Schmutzige Geschäfte“
Rachefeldzug. Mehr Psychothriller Samstag, 20.15 Uhr, ZDF
denn Krimi, entlockt der Fall (Buch „Wer zu schnell glaubt, hört auf zu den- Stubbes neues Herzblatt Claudia
und Regie: Thomas Stiller) Ballauf ken“, ist die Devise von Kommissar (Joana Schümer) nichts versüßen.
reihenweise Bekenntnisse zum Thema Stubbe (Wolfgang Stumph). Folglich wei-
Bindungsangst und Beziehungen. gert er sich, einen fünffachen Familien- Tatort: Bienzle und die große
Ein spannender Ausritt in die Weiten vater in der U-Haft zu belassen. Der
einer Ermittler-Persönlichkeit, der Entwickler einer Firma der Hamburger
Liebe
dank origineller Regie-Ideen den Zu- Luftfahrtindustrie wurde nach dem Mord Sonntag, 20.15 Uhr, ARD
schauer bis zum Finale auf Trab hält. am Geschäftsführer blutbeschmiert im Zum vorletzten Mal trifft der Zu-
Gebäude festgenommen. Für Kommissar schauer auf den Stuttgarter Haupt-
Zimmermann (Lutz Mackensy) ein kla- kommissar Bienzle (Dietz-Werner
rer Fall. Für Stubbe Grund genug, in der Steck). Die Geschichte vom Bauma-
skrupellosen Vorstandsetage weiter zu schinenklau und von einem Mord auf
ermitteln, bis er merkt, dass ein wenig einer Großbaustelle (Buch: Felix Hu-
mehr Glaube doch geholfen hätte. An- by und Birgit Maiwald, Regie: Hart-
strengend wie ein Meeting zu fortge- mut Griesmayr) ist so zäh wie das pri-
schrittener Stunde dreht sich der Wirt- vate Spiel um den müden Kommissar.
schaftskrimi (Regie: Thomas Jacob, Running Gag: Macht der wortsparsa-
MICHAEL BÖHME / WDR

Buch: Markus Stromiedel) um die Aus- me Bienzle seiner liebsten Hannelore


nutzung von Mitarbeitern. Da kann auch (Rita Russek) einen Heiratsantrag?

„Tatort“-Darsteller Behrendt (l.) TV-Rückblick bemühten Show-Minuten. Doch dann


gab es ein getürktes Interview der
Margarete Steiff höchsten Komikklasse. Olli „Dittsche“
Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD Harald Schmidt spezial Dittrich imitierte Franz Beckenbauer,
Preise bekam Heike Makatsch, einst 21. Dezember, ARD Harald Schmidt den seriösen Schmidt.
große alte Dame des Girlietums, für Senioren als Hilfslehrer an die Schulen? Was sich schrittweise aufbaute, war die
ihre Darstellung der Spielzeugfabri- Harald Schmidt war dafür: „Wer aus allmähliche Verwandlung des verehrten
kantin Margarete Steiff, die – durch Stalingrad herausgekommen ist, der Kaisers Beckenbauer in den wirren
Kinderlähmung behindert – vor über packt auch die Gesamtschule.“ Wit- König Firlefranz. Dittsche und Schmidt
hundert Jahren die berühmte Spiel- zisch, witzisch, dachte der Zuschauer betrieben ziemlich gemein diese De-
zeugproduktion mit dem Knopf im und befürchtete schon die üblichen montage einer öffentlichen Figur, ohne
Ohr aufbaute. Das treuherzige Spiel durch Übertreibung die komi-
Makatschs passt zu Xaver Schwarzen- sche Sache zu verderben. Ditt-
bergers Inszenierung. sches Franz verirrte sich immer
tiefer in den Zwickmühlen einer
Heiraten für Anfänger: Die Suche Argumentation, deren Ende dem
nach dem perfekten Ehemann Anfang entgegengesetzt ist.
„Es kann kein Widerspruch sein,
Donnerstag, 22.50 Uhr, VOX wenn man sich widerspricht“,
Dies ist kein Benimmkurs für zukünf- sagt der getürkte Beckenbauer
tige Schwiegersöhne, sondern eine mal eben so hin und lächelt da-
Jagdstrategie für weibliche Singles: bei so verbindlich, dass der Zu-
Die britische TV-Moderatorin Sally schauer diesen reinen Blödsinn
Gray, 37, sehnt sich nach 14 Jahren beinahe nicht bemerkt hätte.
TV-Karriere endlich nach dem Mann Das Ironisieren des öffentlichen
fürs Leben und macht sich an die Geschwätzes ist eine satirische
ARD

harte Arbeit. In zehn Wochen will Fundgrube. Hoffentlich gibt’s


Schmidt, Beckenbauer-Darsteller Dittrich davon mehr. Schau’n mer mal.
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Medien

RTL (L.); STEFAN GREGOROWIUS / ACTION PRESS (R.)

RTL-Show „Einsatz in vier Wänden“ „Deutschland sucht den Superstar“ (RTL)

POLEMIK

Kreative Querschnittslähmung
Das TV-Jahr 2006 war furchtbar. Schlimmer werden nur die nächsten zwölf Monate.
Dabei ginge es auch ganz anders, wie andere Nationen zeigen. Von Oliver Kalkofe

Kaum jemand liebt das Fernsehen so wie mit dem Hintern an den Knopf für den Besitzers, der heimlich zwölf Jahre altes
Oliver Kalkofe. Kaum jemand hasst es Selbstzerstörungsmechanismus gekommen. Gammelfleisch auf den Drehspieß packt:
auch derart abgrundtief wie der 41-Jähri- Gab es einstmals zwischen Fernsehan- Bloß nicht erwischen lassen! Solange keiner
ge, der seine Karriere als Medienkritiker stalt und Publikum eine Art unausgespro- merkt, was er frisst, und niemand daran
einst beim niedersächsischen Radio- chene Vereinbarung für eine direkt oder stirbt, ist es auch nicht wirklich illegal.
sender ffn begann. Für die TV-Show indirekt bezahlte Entertainment-Dienstleis- Ein Großteil der Sendestrecken im Pri-
„Kalkofes Mattscheibe“ bekam er 1996 tung, herrscht auf Seiten der Sender heute vatfernsehen wird inzwischen gefüllt von
den Grimme-Preis. Ein großer Kinoerfolg die Geschäftsmentalität eines Dönerbuden- schlechtausgebildeten Trickbetrügern und
wurde seine Edgar-Wallace-Parodie „Der mäßig begabten Hütchenspielern, die auf
Wixxer“, deren Fortsetzung „Neues vom der Straße keine zehn Minuten überste-
Wixxer“ im März starten soll. hen würden, ohne verhaftet oder von der
Kundschaft niedergeschlagen zu werden.

D
as Jahr 2006 ist zu Ende. Durch die Debil grinsende Moderations-Amöben auf
Gänge der TV-Anstalten hallt ein Neun Live oder DSF, die stundenlang vor
kollektiver Seufzer der Erleichte- einem vollgeschmierten Flipchart stehen
rung. Nichts wirklich Spektakuläres geleis- und sich den kargen Restverstand aus dem
tet, aber ein weiteres Fernsehjahr ist über- Haarständer labern, um die zuschauenden
standen! Nieten im Loseimer der Glotzmasse zum
Also Haken drunter, Schippe Sand Anrufen und Bezahlen der dreisten Däm-
drauf, fertig. Und mit der gleichen Mi- lichkeit zu animieren.
schung aus großkotziger Publikumsver- Frech getarnt wird derlei auch gern als
MENNE / THOMAS & THOMAS

achtung und kreativer Lethargie weiter Quizshow, denn gesucht werden beispiels-
Richtung 2007. Mit etwas Glück bemerkt es weise zusammengesetzte Wörter aus dem
niemand, und wir schaffen noch ein Jahr! Substantiv „Fußball …“ – ganz gebräuch-
Unser Fernsehen ist am Ende. Beim Ver- lich, kennt jeder. Fußballspiel, richtig. Fuß-
such, es allen recht zu machen, auf riskan- ballverein, auch dabei. Fußballfeld, natür-
te Innovationen zu verzichten und einfach lich … nur das letzte Wort macht über eine
die Erfolge der restlichen Welt zu kopieren, TV-Macher und -Kritiker Kalkofe Stunde lang Schwierigkeiten, total einfach,
ist das deutsche Fernsehen versehentlich „Debil grinsende Moderations-Amöben“ aber die Leute scheinen wie vernagelt.
72 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
BREUEL BILD / ULLSTEIN BILDERDIENST (L.); WILDE / PRO 7 / OBS (R.)
ZDF-Telenovela „Julia – Wege zum Glück“ ProSieben-Show „Stars auf Eis“

ANDREAS LANDER / PICTURE-ALLIANCE / DPA (L.)

ARD-Neuauflage „Am laufenden Band“ Astro-TV

Schade, Zeit ist um, die 500 Euro bleiben zielle Sendung zu akzeptieren, der hat Frauen bei fremden Menschen in deren
in der Hose – „Fußballmensch“ wäre es ge- auch nicht mehr ganz so starke Schmerzen, hässliche Lebensräume einfallen und ih-
wesen! Eines der bekanntesten Nominal- wenn zur besten Sendezeit selbsternannte nen beweisen, dass sie ohne Hilfe des Fern-
komposita unserer Sprache, gleich nach Prominentendarsteller für Sat.1 Eier aus- sehens sogar zu blöd zum Wohnen waren.
dem „Fußballbaum“ oder „Fußballball“. blasen. Oder beim ProSieben-Ochsen- Der Rest des Programms? Die ewige Su-
Wo früher zumindest Serien-Wieder- rennen mitmachen, wo die Ochsen erst- che nach dem Superwesen – sei es nun im
holungen, die schönsten Bahnstrecken mals bekannter waren als die Promis im Bereich Gesang, Tanz, Optik („Deutsch-
Deutschlands oder auch mal die aufregends- Sattel. land sucht den Superstar“, „Popstars“),
ten Bürgersteige Baden-Württembergs die Nach kurzer Zeit akzeptiert man sogar, Haustier („Top Dog“) oder Bulimie
Programmlücken füllten, wird neuerdings dass gleichzeitig zwei Sender mit der glei- („Germany’s Next Topmodel“).
nicht einmal mehr versucht, so etwas wie chen unerbetenen Eislaufshow – „Stars auf Oder von talentresistenten Laiendar-
Inhalt vorzutäuschen. Schlimmer noch: Der Eis“ (ProSieben) und „Dancing on Ice“ steller-Azubis dargebotene Gerichtstermi-
mit gutgläubiger Dummheit gesegnete Zu- (RTL) – um Aufmerksamkeit betteln. Man ne und Kriminalfälle aus äußerst kranken
schauer hilft aktiv mit, im großen Stil igno- wurde dort leider Zeuge, wie zu Recht ver- Parallel-Universen, die manchmal sogar so
riert und betrogen zu werden. gessene Medienranderscheinungen die Ku- heißen, wie sie aussehen („Niedrig und
Wenn nicht wegen der Aussicht auf den lanz ihrer Krankenversicherung austesteten. Kuhnt“). Oder unzählige gleicherzählte Te-
Gewinn bescheidener Bargeldbeträge, dann Es wundert nicht einmal mehr, wenn lenovelas („Sturm der Liebe“, „Verliebt in
eben durch den kostspieligen Anruf bei ei- plötzlich wieder steinzeitliche Pannen- Berlin“, „Schmetterlinge im Bauch“) über
ner der qualifizierten Fleischereifachver- shows aus der Mülltüte der Fernsehge- unglücklich verliebte Kitschziegen auf dem
käuferinnen mit Sprachfehler und abge- schichte zu echten Quotenhits werden, bei dornigen Weg zum Herzen ihres Angebe-
brochenem Hauptschulabschluss, die sich denen hyperaktive Härtefallpatienten aus teten, ironiefrei zubereitet und gefällig
als Astrologinnen ausgeben und mit Hilfe der geschlossenen Psychiatrie uralte Heim- melodramatisch für den reibungslosen
ihres spirituellen Zivildienstleistenden oder videos präsentieren, die Opas Sturz vom Kleinsthirn-Einlauf. Geschichten, die das
mit dem Autoquartett ihres Nachbarjungen Küchenstuhl mit doppeltem Arschbruch Leben nie schreiben würde, weil sie ihm
irgendeine Zukunft voraussagen. zeigen (etwa „Upps – Die Superpannen- peinlich wären.
Wer erst einmal so weit in den Keller sei- show“ auf RTL). Die größte Angst aller unserer Sender
ner eigenen Erwartungen hinabgestiegen Und ganz am Ende freut sich dann viel- besteht derzeit in der Furcht vor der eige-
ist, solche unverschämt erbärmlichen Pro- leicht sogar, wer dabei zusehen darf, wie nen Kreativität. Die verantwortlichen Re-
grammersatzstoffe überhaupt nur als offi- etwa bei „Einsatz in 4 Wänden“ dicke dakteure hassen ihre eigenen Programme
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Medien

würden, dass er aufsteht und ihnen seinen


Platz anbietet.
Als logische Konsequenz zielen die Sen-
der auch gar nicht mehr auf jene Zuschau-
er, die mit Qualität geködert werden müs-
sen, sondern produzieren lieber simple
Lockstoffe für das in seinem eigenen Exis-
tenzvakuum gefangene Restpublikum. Der
Begriff „Unterschichtenfernsehen“ ist in
diesem Zusammenhang nicht diskriminie-
rend, sondern vor allem falsch. Es handelt
sich nicht um die soziale Unterschicht, viel-
mehr um den intellektuellen Bodensatz

EVERETT COLLECTION / ACTION PRESS


der Gesellschaft, die schlammige Ursuppe
der televisionären Evolution.
Es sind jene Menschen, die immer an-
schalten, egal, was läuft. Die auch beim
Testbild anrufen würden, wenn sie glaubten,
man könne einen der Farbbalken gewinnen.
Wer es sich inzwischen leisten kann ab-
zuschalten, der tut es. Wer genug Geld für
US-Serie „Boston Legal“ (Vox) Kino oder Videothek hat oder gar das so
gern zitierte „gute Buch“ zu benutzen
weiß, der hat sich längst von seinem alten
Kumpel Fernsehen verabschiedet. Oder
bestellt sich seine DVDs aus dem Ausland,
um erstaunt mitzuerleben, wie vor allem in
Amerika und England in den vergangenen
Jahren einige der phantastischsten TV-Pro-
dukte aller Zeiten entstanden sind.
„Die Sopranos“, „24“, „Lost“, „Dead-
wood“, „Six Feet Under“, „Arrested De-
velopment“, „The Office“, „Boston Le-
gal“, „Little Britain“, „Doctor Who“ – die
MARIO PEREZ / ABC / EVERETT COLLECTION

Liste ist endlos. Denn in anderen Ländern


weiß man, dass die eigentliche Aufgabe
des Fernsehens darin besteht, das Publi-
kum zu überraschen, auch auf die Gefahr
hin, es erst einmal zu irritieren.
Deshalb wird jede Saison versucht, die Zu-
schauer mit jeder Menge neuer Ideen, Looks
und Erzählweisen zu konfrontieren, wohl
wissend, dass nicht alle der ambitionierten
US-Serie „Lost“ (ProSieben) Neustarts überleben werden. Aber die es
schaffen, haben es meist auch verdient.
So ist die Schere zwischen dem, was
fast so sehr wie die Zuschauer, die so dumm Erfolge aufzuweisen ist nicht halb so theoretisch machbar wäre, und dem, was
sind, sie zu gucken und damit ja irgendwie wichtig wie das Umgehen großer Misser- tatsächlich produziert wird, wohl nirgends
zu bestätigen. Ihre absurde Logik: Das Pu- folge. größer und enttäuschender als in Deutsch-
blikum sei selbst schuld an dem Müll, weil Man kann auch ohne Hit alt werden, land.
es den ja auch schaut. Wie der Wärter, der sofern man sich nur lange genug unbe- Einerseits ist es uns gelungen, jegliche
seinem Gefangenen ausschließlich trocke- merkt am Mittelmaß entlanghangelt. Bloß Eigeninitiative aus dem Angebot zu ver-
nes Brot gibt mit der Begründung, der In- kein Risiko eingehen, bloß nichts Neues bannen und stattdessen eine Auswahl des
haftierte esse es ja immer auf. wagen! Innovation ist der Feind der Be- Erfolgreichsten vom Rest der Erde in ge-
Die Triebfeder für Produktionen ist ständigkeit. fälliger, abgeschliffener und fast ausnahms-
längst nicht mehr der Wunsch nach Sen- Die Öffentlich-Rechtlichen zeigen sich los minderwertiger Form nachzuspielen.
dungen, die man selbst gern sehen würde, hier seit Jahren als Meister der Selbsttäu- Andererseits können wir stolz darauf
sondern die reine Sicherung des eigenen schung und kreativen Querschnittsläh- sein, unser Publikum in seiner Erwar-
Arbeitsplatzes. Und der übersteht Miss- mung. Wer nur schnell genug stillsteht, tungshaltung wie auch der intellektuellen
erfolge nun mal eher, wenn man wenigs- sieht fast so aus, als würde er sich bewegen. Aufnahmefähigkeit so weit heruntergesen-
tens sagen kann: „Keine Ahnung, warum Die künstlerischen Impulse, die der Kul- det zu haben, dass etwaige qualitativ höhe-
das hier nicht funktioniert hat, in Däne- turauftrag von ihnen zu Recht verlangen re Aussetzer ohnehin nicht mehr ange-
mark war das 1982 der absolute Straßenfe- darf, beschränken sich auf den Versuch, nommen werden können.
ger, wahrscheinlich ist unser Publikum ein- Florian Silbereisen und ein paar grundlos Endlich ist das Publikum so doof, wie
fach noch nicht reif genug.“ fröhliche Volksmusikanten „Am laufenden man es schon immer von ihm behauptet hat.
Jede wirklich neue originäre Idee ist für Band“ oder wahlweise den Zweiten Welt- Und es ist daran auch noch selbst schuld.
den gewöhnlichen TV-Redakteur die Ein- krieg nachspielen zu lassen. ARD und ZDF Das schafft zumindest ein reines Gewis-
ladung zum russischen Roulett. Diese Ver- fühlen sich inzwischen selbst so alt, dass sie sen für die Verbrechen der nächsten zwölf
antwortung will niemand tragen. Große sogar von Johannes Heesters erwarten Monate. ™
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Panorama Ausland

BRUNET ARNAUD / GAMMA / STUDIO X (L.); MANFRED WITT (R.)


Präsidentschaftskandidatin Royal Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie

FRANKREICH der Pariser „Assemblée nationale“ – damit rangiert Frankreich


europaweit abgeschlagen an 25. Stelle. Auch ein Mitte Dezem-

Land der Ungleichheit ber im Senat vorgelegter Gesetzentwurf dürfte an den Ver-
hältnissen wenig ändern. Zwar sieht der Plan für Gemeinden
mit über 3500 Bewohnern und für die Regionen paritätisch

S égolène Royal als Präsidentschaftskandidatin der Sozialis-


ten, sechs Ministerinnen im Kabinett von Regierungschef
Dominique de Villepin und selbst das Verteidigungsministe-
besetzte Gremien vor, und auf nationaler Ebene verschärft er
Strafen gegen Parteien, die ihre Wahllisten nicht zu gleichen
Teilen mit Männern wie Frauen besetzen. Doch bislang haben
rium in weiblicher Hand: Trotz derart prominenter Beispiele selbst drakonische Sanktionen keine Wirkung gezeigt: Wegen
werden Frauen im Land der Freiheit, Gleichheit und Brüder- des Verstoßes gegen die Gleichbesetzung der Listen bei der
lichkeit bei der Vergabe verantwortungsvoller Posten deutlich Parlamentswahl 2002 musste die konservative UMP von In-
benachteiligt. Zwar hat das im Jahr 2000 verabschiedete Gesetz nenminister Nicolas Sarkozy 4 262 502 Euro berappen; die So-
zur Gleichstellung von Männern und Frauen für eine gewisse zialisten wurden mit einer Buße von 1 650 980 Euro bedacht.
„Feminisierung“ des politischen Personals auf lokaler, regio- Einzig die Grünen gingen straflos aus. Die frauenfeindliche
naler und europäischer Ebene gesorgt; im Parlament aber und Haltung ist wenig überraschend. Die großen Parteien bleiben
in den Parteien bleiben Frauen unterrepräsentiert. Weibliche Bastionen der Männerherrschaft – bei den Sozialisten und der
Abgeordnete stellen, trotz ständig wiederholter Bekenntnisse UMP sind nur rund ein Drittel der Mitglieder weiblich; bei der
zur Gleichheit der Geschlechter, gerade knapp 13 Prozent in Kommunistischen Partei sind es schon 40 Prozent.

RUSSLAND kasusprovinz krankenhaus-


reif – denn der hatte immer
Terror gegen Geistliche wieder vor „geistiger Zerset-
zung“ durch die Extremisten

E ine mit den tschetschenischen Un-


tergrundkämpfern verbündete
„Kaukasische Front“ weitet den bewaff-
gewarnt. In dem von Armut
und Clan-Herrschaft gepräg-
ten Sprengel fallen die Unter-
neten Kampf zunehmend auch auf Re- grundparolen gegen „russi-
gionen im Nordkaukasus aus, die nicht sche Okkupanten“ und ihre
unmittelbar an Tschetschenien grenzen. örtliche „Marionetten-Macht“
Massiven Zulauf haben die Muslim-Ex- vor allem bei jungen Arbeits-
ITAR-TASS

tremisten derzeit vor allem in der russi- losen auf fruchtbaren Boden.
schen Teilrepublik Karatschai-Tscher- So erreicht das mittlere Ein-
kessien. Am ersten Weihnachtsfeiertag Partisanenversteck in Tscherkessk kommen in Karatschai-
lieferte sich ein Islamistentrupp in ei- Tscherkessien nur die Hälfte
nem Haus in der Landeshauptstadt Würdenträger, denen vorgeworfen wird, des russischen Durchschnittsverdiens-
Tscherkessk ein zehnstündiges Gefecht mit dem russischen Inlandsgeheim- tes. Bereits im Sommer zählten Armee-
mit russischen Sicherheitskräften. Die dienst FSB zu kooperieren. So hatten Experten im Nordkaukasus insgesamt
Kämpfe legten ein ganzes Stadtviertel Extremisten im August den früheren 105 bewaffnete „Bandentrupps“ mit 780
lahm. Zwei Tage zuvor hatten Partisa- Vize der staatlich geförderten „Geistli- Kämpfern. Bizarr sind deshalb Versuche
nen den Vizepolizeichef des benachbar- chen Verwaltung“ der Muslime in Ka- der örtlichen Machthaber, die Partisa-
ten Ortes Teberda erschossen. ratschai-Tscherkessien ermordet. Mitte nenhochburg Tscherkessk in Kreml-
Der Terror der Gotteskrieger richtet Dezember schlugen Fanatiker den Rek- nahen Blättern als „perspektivreichen
sich auch gegen offizielle islamische tor des „Islamischen Instituts“ der Kau- Kurort“ zu empfehlen.
d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 77
Panorama

M A ROK KO

Vormarsch der
Islamisten
D ie für 2007 geplante Parlamentswahl

JOERG MODROW / LAIF


bereitet den Machthabern in Rabat
Sorgen. Fuad Ali al-Himma, zweiter Mann
des Innenministeriums und enger Vertrau-
ter von König Mohammed VI., warnte die
Chefs der fünf Regierungsparteien, sie
Lastwagen bei Zollkontrolle könnten beim Urnengang diesmal von den
Islamisten geschlagen werden: Die Partei
E U R O PA für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD)
habe nach internen Erkenntnissen gute
Attacke gegen Chancen, sich als stärkste Kraft zu profi-
lieren. Schon im März hatte eine Umfrage
PJD-Fraktion im Parlament von Rabat

Spediteure des aus den USA fi-


nanzierten Interna-
mit der aktuellen politischen Führung un-
zufrieden. Daher könnten die Strenggläu-

E in Vorschlag der EU-Kommission,


der den Gütertransport in Europa
besser gegen mögliche Terroranschläge
tional Republican
Institute der einzig
legalen Islamisten-
ABDELHAK SENNA / AFP
bigen unter Saad Eddine al-Othmani Pro-
teststimmen einsammeln, auch wenn viele
Marokkaner die religiösen Vorstellungen
schützen soll, bringt nach Ansicht von partei 47 Prozent der PJD nicht teilten. Um den Schaden für
Fachleuten kaum zusätzliche Sicher- der Stimmen pro- die im Auftrag des Palastes regierende
heit – löst aber eine gewaltige Kosten- gnostiziert. Fast die Koalition möglichst kleinzuhalten, verab-
lawine aus. Mit 12,1 Milliarden Euro für Hälfte der Wahlbe- schiedete das Parlament unlängst ein neu-
den Start und jährlichen Folgekosten rechtigten, so weiß es Wahlgesetz. Vom bisherigen Mehrheits-
von weiteren 2,5 Milliarden rechnet die PJD-Chef Othmani das Innenamt, sei prinzip profitierte bislang nur der stärkste
EU-Zentrale. Die Wirtschaft befürchtet
sogar das Dreifache.
Brüssel will Sicherheitsstandards, wie
sie im Flug- oder Schiffsverkehr üblich
sind, auf sämtliche Formen der Güter- TÜRKEI
beförderung übertragen, vom Tomaten-
transport bis zum Umzugsgut. Zunächst
„auf freiwilliger Basis“ sollen Trans-
Drehkreuz für Energie
portbetriebe „ein Sicherheitsmanage-
ment“ einführen und zum Beispiel
Parkplätze für Pkw und Lkw trennen,
I srael und die Türkei planen ein gigantisches Energieprojekt, bei dem russisches und
kasachisches Öl in einer Pipeline quer durch die Türkei, dann nach Israel und mög-
licherweise noch in angrenzende Regionen transportiert werden soll. Bei der Koope-
ihre Speditionen mit „Zugangskontrol- ration gehe es auch um Wasser, Gas und sogar Strom, erklärte das Außenministerium
len“ sichern, das Personal überprüfen, in Ankara. Mit dem Projekt würde die Türkei, die sich auch für Europa als Energie-
die Ladung versiegeln und das alles drehkreuz profilieren möchte, ihre Märkte erheblich erweitern. Auch Israel habe In-
auch noch penibel dokumentieren. teresse, nicht nur den eigenen Bedarf an
Dafür werden sie mit einem Zertifikat UKRAINE RUSSLAND Gas und Wasser zu decken, sondern dar-
als zuverlässiges Unternehmen einge- über hinaus eine „Korridorfunktion“ für
stuft. Wer nicht freiwillig mitmacht, Kaspisches Energietransporte zu übernehmen, so eine
Noworossiisk Meer
wird strenger kontrolliert, muss beim Diplomatin. Gas bezieht Israel derzeit aus
Zoll lange warten und hat so kaum Schwarzes Meer Ägypten, möchte aber gern unabhängiger
Tiflis
noch Chancen auf internationale GEORGIEN von seinem Nachbarn werden.
Fracht, etwa in die USA. Einen Nutzen Samsun Baku Das russische Öl soll am Schwarzmeer-
der neuen Vorschriften vermag die be- Hafen Samsun eingespeist und von dort
troffene Branche nicht zu erkennen. TÜRKEI ASERBAI- durch eine noch zu bauende Pipeline zum
Zum einen bieten Gütertransporte, an- DSCHAN türkischen Ölterminal Ceyhan geleitet
Ceyhan
ders als die Personenbeförderung, für werden. Dort gibt es bereits eine Verbin-
Terroristen wenig interessante Ziele. Kirkuk dung zu den Ölfeldern von Aserbaidschan.
Mossul
Zum anderen sei die lückenlose Siche- Von Ceyhan aus sollen dann Unterwasser-
rung der Transporte im Landverkehr Mittelmeer SYRIEN IRAK IRAN Pipelines zum israelischen Hafen Asch-
technisch überhaupt nicht möglich. Aschkelon kelon verlegt werden. Bei einer stabileren
Wirtschaftsverbände befürchten, dass Bestehende Ölpipeline politischen Lage sei später sogar eine
durch das neue Bürokratie-Monster ISRAEL Kooperation mit arabischen Nachbarstaa-
Geplante Ölpipeline
Tausende kleiner und mittlerer Spe- Eilat ten Israels vorstellbar, so eine Sprecherin
ditionsbetriebe in die Pleite getrieben Geplante Multipipeline für in Jerusalem, vor allem beim Wasser-
Öl, Wasser, Gas und Strom
werden. transport.
78 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
Ausland
J A PA N form der Benzinsteuer verwässern.
Überdies musste die Regierung eingeste-
Schwindende Gunst hen, Bürgerversammlungen manipuliert
zu haben, auf denen das neue patrioti-

E ine wachsende Zahl Japaner sehnt


sich nach Reform-Premier Junichiro
Koizumi zurück. Denn dessen Nachfol-
sche Erziehungsgesetz debattiert werden
sollte. Der von Abe persönlich auser-
korene Vorsitzende der Steuerkommis-
ger, Shinzo Abe, 52, büßt bereits drei sion sah sich zum Rücktritt gezwungen,
Monate nach Amtsantritt rapide an Be- weil aufflog, dass er mit seiner Geliebten
liebtheit ein. Zwar überraschte der als in einem öffentlich subventionierten
Nationalist geltende Premier positiv mit Apartment wohnte. Schließlich verlor
versöhnlichen Antrittsvisiten in China Abe am vergangenen Mittwoch seinen
und Südkorea – Koizumi hatten die Minister für Verwaltungsreformen, weil
ABDELHAK SENNA / AFP
Nachbarn derartige Gipfeltreffen noch eine seiner Unterstützer-Organisationen
verweigert, weil dieser wiederholt zum Gelder falsch abgerechnet haben soll.
Tokioter Krieger-Schrein Abe, der im nächsten
Yasukuni gepilgert war. Juli eine wichtige Ober-
Doch innenpolitisch ver- hauswahl zu bestehen
spielte Abe viel Kredit hat, dürfte es schwerfal-
durch eine Reihe peinli- len, seine Landsleute
cher Patzer: Erst holte er durch neue Erfolge zu
Kandidat, oft ein Islamist. Künftig gilt das mehrere Gegner der Pri- beeindrucken: Viele Ja-
Verhältniswahlrecht mit geschlossenen Lis- vatisierung der Post wie- paner klagen über die
ten, jede Partei muss dann ihrem Erfolg ent- der in die regierende Li- wachsende Kluft zwi-
sprechend berücksichtigt werden. Die PJD beraldemokratische Partei schen Arm und Reich,
ist zurzeit drittstärkste Kraft, obwohl sie (LDP) zurück – Koizumi doch der Regierung

CLARO CORTES IV / REUTERS


2002 nur in knapp zwei Dritteln der Wahl- hatte die alte Garde aus mangelt es an Geld für
bezirke antreten durfte. Der König steht der Partei geworfen und soziale Wohltaten – mit
nun vor der Entscheidung, ob er die Isla- so die Unterhauswahl gut 5,5 Billionen Euro
misten von der Regierungsverantwortung 2005 gewonnen. Dann hat sich Japan so drama-
ausschließen will – selbst wenn sie weiter an ließ sich Abe von seinen tisch verschuldet wie
Bedeutung gewinnen. Widersachern in der kein anderes führendes
LDP die geplante Re- Abe (r.) in China Industrieland.

BALKAN aber in der Frage des künftigen Kosovo- Busek: Das liegt an den politischen
Status. Der unter MiloΔeviƒ geführte Kräften in Bosnien selbst. Kosovo hin-
„Globale Spiele“ Krieg macht den dauernden Verbleib
des Kosovo in Serbien unmöglich.
gegen will weiterkommen und ist nicht
intern blockiert wie die Nachbarrepu-
Erhard Busek, 65, Chef des SPIEGEL: Also läuft es in jedem Fall auf blik mit ihren drei Volksgruppen.
PHOTOPRESSSERV. VIENNA

Stabilitätspaktes für Südost- eine Abtrennung der Provinz von Ser- SPIEGEL: Wie kann man Belgrad die
europa, über den neuen bien hinaus? Angst vor einem Stufenplan zur Unab-
Uno-Plan für das Kosovo, Busek: Auf lange Sicht ist eine Unab- hängigkeit nehmen?
die serbische Haltung und hängigkeit des Kosovo unvermeidlich. Busek: Entscheidend ist die Integration
russische Drohgebärden SPIEGEL: Der russische Botschafter in Serbiens in die demokratischen Gesell-
Belgrad hat jüngst angekündigt, sein schaften Europas. Die Einladung an Ser-
SPIEGEL: Ein Jahr lang haben Uno-Chef- Land werde in diesem Fall im Uno- biens Armee, am Nato-Programm
unterhändler Martti Ahtisaari und sein Sicherheitsrat ein Veto einlegen. „Partnerschaft für den Frieden“ teilzu-
Team versucht, in Wien einen Kompro- Busek: Es sind derzeit auch globale nehmen, ist eine kluge Entscheidung.
miss zwischen Serben und Albanern Spiele, denen sich die zwei Millionen Gleichzeitig bleiben die Stabilisierungs-
über den künftigen Status des Kosovo Kosovo-Albaner ausgesetzt sehen. Der und Assoziierungsgespräche mit Brüssel
auszuhandeln. Warum war eine Eini- russische Standpunkt hat sich schon so lange ausgesetzt, bis Belgrad Mladiƒ
gung nicht möglich? mehrfach geändert, er muss im Gesamt- endlich ausgeliefert hat.
Busek: Die Unterhändler trifft die ge- kontext der Beziehungen zwischen den
ringste Schuld. Am Schluss haben sich USA, Europa und Russland gesehen
alle in ihren Standpunkten eingegraben. werden. Man will offenbar etwas in der
Vor allem die serbische politische Elite Hinterhand haben – etwa bei den Ener-
muss endlich das Erbe von MiloΔeviƒ gieverhandlungen.
annehmen und erkennen, dass das Ko- SPIEGEL: Ende Januar, nach der Wahl in
sovo eine ungeheure Belastung für die Serbien, wird Ahtisaari seine Pläne
Zukunft des Landes ist. Bislang verwei- über die Zukunft des Kosovo veröffent-
gern sich selbst demokratische Kräfte lichen. Danach wird es nach bosni-
wie Präsident Tadiƒ der Wirklichkeit. schem Vorbild einen von der EU gestell-
SIPA PRESS

Das zeigt sich im Fall des Generals Mla- ten internationalen Verwalter geben.
diƒ, der noch immer nicht nach Den Bosnien gilt aber nicht gerade als Er-
Haag überstellt worden ist, vor allem folgsmodell. General Mladiƒ (1994)
d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 79
Ausland

MOHAMED SHEIKH NUR / AP (L.); MARCO LONGARI / AFP (R.)


Antiamerikanische Demonstration bewaffneter Frauen in Mogadischu, äthiopische Soldaten an der Grenze zu Eritrea: Ein archaischer

SOMALIA

Schlacht ums Horn von Afrika


Äthiopien hat den Islamisten von Mogadischu den Krieg erklärt. Nun droht in
Ostafrika eine neue Front im Kampf der Kulturen: Die radikalen Somalier suchen Unterstützung
im Nahen Osten, die US-Regierung hilft den Truppen aus Addis Abeba.

A
ls ob der sintflutartige Regen nicht abwerfen, in denen sich die somalischen
schon gereicht hätte: Seit Wochen Islamisten verschanzt hatten – dann aber,
versinken die Flüchtlingslager im nachdem Städte wie Belet Huen und
Nordosten Kenias in tiefem Matsch, und Dschauhar bereits in die Hände der Inter-
doch strömten täglich Hunderte Flüchtlin- ventionstruppen gefallen waren, hielten die
ge aus dem Nachbarland Somalia herein. Eroberer vorerst ein. Man werde auf die
PETER DELARUE / AFP

Seit einigen Tagen sind es Tausende, die Kapitulation der Hauptstadt warten, hieß
kommen: Ausgezehrt und in Lumpen ge- es in Addis Abeba. Über tausend islamis-
hüllt, schleppen sie sich über die keniani- tische Glaubenskrieger wurden nach offizi-
sche Grenze. Sie haben ihre Habseligkeiten ellen äthiopischen Angaben bereits getötet.
in kleinen, zerfetzten Säcken über den Äthiopischer Premier Zenawi In New York tagte der in aller Eile zu-
knochigen Schultern hängen, an den aus Verbündeter der USA sammengerufene Sicherheitsrat der Ver-
Autoreifen gefertigten Sandalen klumpt der einten Nationen, eine ganze Nacht wurde
Schlamm. Lebensmittel aufzunehmen, und Kinder, fieberhaft beraten. Doch das Gremium
„Wir rechnen mit bis zu 80 000 neuen die apathisch auf den Armen ihrer Mütter verabschiedete keine gemeinsame Resolu-
Flüchtlingen“, sagt Uno-Mitarbeiterin kauern. „Oh, mein Gott“, stöhnt die Frau tion – vor allem Großbritannien und die
Elzaki Eissa Elzaki, eine Philippinerin, die von der Uno, „wie sollen wir diesen Exo- Vereinigten Staaten wollten sich nicht ei-
das zu Beginn der neunziger Jahre ge- dus nur in den Griff bekommen?“ nem Appell an die äthiopische Regierung
gründete Flüchtlingslager Dadaab leitet – Am Horn von Afrika herrscht wieder anschließen, sie solle ihre Streitkräfte
über 140 000 Somalier hausen in ihm. einmal ein Krieg, und der verspricht lange zurückrufen. Eine Waffenruhe rückt in
Fassungslos blickt sie auf die Neuankömm- zu währen. Zwar rückte die äthiopische weite Ferne.
linge, die bettelnd ihre Hände hervor- Armee in den vergangenen Tagen mit „Somalia droht sich zum Schlachtfeld
strecken, und auf die windzerzausten Panzern und mehr als 3000 Soldaten bis un- eines globalen Kriegs zwischen einer isla-
Zelte aus Mülltüten. mittelbar zur somalischen Hauptstadt Mo- mistischen Internationalen und westlichen
Elzaki Eissa Elzaki sieht Alte, die zu gadischu vor, zwar ließ die äthiopische Luft- Anti-Terror-Kriegern zu entwickeln“, be-
schwach sind, den Kampf um die knappen waffe Bombenteppiche über Ruinenstädte fürchtet der Hamburger Somalia-Experte
80 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
Hawk“ abgeschossen wurden, genießt Mo-
gadischu unter militanten Islamisten einen
Klang wie Donnerhall. Die reguläre Re-
gierung aber hatte weder Geld noch Waf-
fen und sandte von Baidoa aus Hilferufe in
alle Welt. Ausgerechnet Äthiopien erhörte
die Bitten. Das Land ist nicht nur christlich
geprägt, es gilt auch seit je als Erzfeind So-
malias. Gleich zweimal hat es Krieg gegen
den ungeliebten Nachbarn geführt, um die
Region Ogaden zurückzuerobern – einen
trostlosen, riesigen Streifen Landes, der
seit Jahrhunderten von Somaliern bewohnt
wird. Hier wächst nicht viel, doch es gibt
große Erdgasvorkommen. Dass die Jussuf-
Regierung jetzt vollständig auf die äthio-
pische Armee angewiesen scheint, ist Pro-
pagandamaterial für die Religionskrieger
aus Mogadischu.
In Harar, im Osten Äthiopiens und nahe
der somalischen Grenze, beobachtet der
Sozialwissenschaftler Lishan Ketema die
jüngste Auseinandersetzung zwischen den
beiden Nachbarvölkern. Über der Stadt,
berühmt als Zentrum islamischen Geistes-
lebens wie auch als einstiger Wohnsitz des
französischen Dichters Arthur Rimbaud,
Konflikt wird nun entlang modernen Fronten geführt lastet tiefes Schweigen. Die Bewohner ver-
schwinden hastig und wortlos in den Haus-
Volker Matthies: „Während die Islamisten men, auch der Hafen – beide Lebensadern eingängen. Weil gerade ein Polizist von Un-
reichlich Unterstützung durch Fundamen- hatten bis dahin im Schussfeld der Clan- bekannten ermordet worden ist, werden
talisten aus der arabischen Welt erhalten, Milizen gelegen. Auf einmal gelangte auch wahllos Menschen verhaftet. „Es scheint,
wird die schwache, vom Westen aner- schweres Kriegsgerät ins Land. als sei Krieg zwischen unseren Völkern eine
kannte Regierung des Präsidenten Abdul- Nun drohte ein wehrhafter Gottesstaat Art Naturzustand“, sagt Ketema.
lahi Jussuf von Addis Abeba aus gestützt. nach Art der afghanischen Taliban in Afri- Und immer geht es um den Ogaden, die-
Damit entwickelt sich Äthiopien zum ost- ka – und wohl auch eine Heimstatt für Ter- se Ödnis zwischen den beiden Ländern.
afrikanischen Brückenkopf der Amerika- roristen. Aus dem Jemen schmuggelten Somalia selbst war von den europäischen
ner in deren Anti-Terror-Kampf.“ mutmaßliche Qaida-Anhänger Waffen und Kolonialmächten gleich mehrfach zer-
Es ist ein archaischer Krieg, der nun ent- Freiwillige nach Somalia. Das kleine Eri- stückelt worden. Ein Teil gelangte zu Dschi-
lang modernen Fronten geführt wird. Im trea, das alles tut, wenn es Äthiopien nur buti, dem einstigen Außenposten des kolo-
Sommer 2006 hatten Islamisten die Macht schadet, lieferte nach Uno-Berichten Geld nialen Frankreich. Somaliland am Golf von
über die Hauptstadt Mogadischu und wei- und Waffen – was dessen Präsident Isaias Aden, das sich zu Beginn der neunziger
te Teile Südsomalias erkämpft. Sie ent- Afwerki allerdings bestreitet. Jahre vom Rest des Landes lossagte, war
waffneten die brutalen Milizen, die das Seit Anfang der neunziger Jahre in der von den Briten beherrscht worden, in Mo-
Land am Horn von Afrika 15 Jahre lang Stadt am Indischen Ozean zwei amerika- gadischu wiederum hatten vor der Unab-
ungehindert in Schutt und Asche legen nische Kampfhelikopter des Typs „Black hängigkeit die Italiener regiert. Der Oga-
konnten. Sie führten islamische Gerichte den wurde Äthiopien zuge-
ein, verboten Waffen ebenso wie die Volks- 250km
schlagen. Seitdem herrscht
droge Kat. Dann schlossen sie Kinos und offene Feindschaft zwi-
verboten Musik in der Öffentlichkeit. Sie ERI TREA schen den Völkern.
richteten Ehebrecher hin, peitschten Diebe J E MEN Begehrlich blicken die
aus. Gelegentlich wurde jemand füsiliert, e n Somalier auf das gestohle-
der sich verbotenerweise ein Fußballspiel SUDAN Ad ne Land. Die Nachbarn
G o l f von
im Fernsehen angeschaut hatte. DSCHIBUTI schauen argwöhnisch zu-
Die bereits 2004 im Nachbarland Kenia rück und haben im Osten
gebildete somalische Übergangsregierung Jijiga Äthiopiens den Ausnahme-
Somali-
unter Abdullahi Jussuf verharrte derweil Harar land zustand verhängt. Der Ort
machtlos in der Provinzstadt Baidoa, rund Addis Abeba Jijiga, in dem sich eben-
250 Kilometer von Mogadischu entfernt. Puntland falls Kriegsflüchtlinge sam-
Hilflos musste sie zusehen, wie die from- meln, ist Sperrgebiet. „Es
Ozean

men Saubermänner Stadt für Stadt er- ÄT H I O P I E N


ÄTH wimmelt dort von ameri-
obern konnten. Belet Huen kanischen Soldaten“, sagt
Trotz ihrer asketischen Strenge erhielten Ketema, „sie laufen wie
die Islamisten Zulauf von jungen Männern Baidoa Dschauhar selbstverständlich in Uni-
cher

aus allen Landesteilen. In Mogadischu bil- Sitz der Über- Mogadischu form herum und beraten
deten sie Arbeiterbrigaden, die den Schutt gangsregierung die äthiopische Armee.“
dis

aus den Ruinen wegräumten. Der interna- SOMAL I A Die ergebnislose Debatte
tionale Flughafen wurde nach einer klei- KENI A im Sicherheitsrat hat im-
In

nen Ewigkeit wieder in Betrieb genom- merhin deutlich gemacht,


d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 81
Ausland

dass Äthiopiens Premier Meles Zenawi Aufgebahrter Nijasow (am 24. Dezember)
nunmehr auch offiziell der Verbündete der „Sonne unserer turkmenischen Herzen“
Amerikaner ist. Niemand fürchtet einen
Brückenkopf der Islamisten in Ostafrika baschis Erben – allen voran wohl Akmurad
mehr als die USA, deren Botschaften in Redschepow, der mächtige Chef der Leib-
Nairobi und Daressalam 1998 wohl von wache – hatten den Vizepremier und eins-
Osama Bin Ladens Terroristen in die Luft tigen Gesundheitsminister staatsstreichar-
gejagt worden sind. tig zum amtierenden Präsidenten gekürt.
Eine weitere Front im globalen Krieg Am Dienstag stand Berdymuchamme-
gegen den Terrorismus würden sich die dow auf der Bühne im Palast und erinner-
USA nach ihren Erfahrungen im Irak gern te die Delegierten daran, wie Turkmenba-
ersparen. Gescheitert waren bereits die schi „seinem Volk den Weg zur Demokra-
Bemühungen ihres Geheimdienstes CIA, tie geebnet“ habe und welche Bedeutung
die Machtübernahme der Islamisten in Mo- das Erbe Nijasows für den Rest der Welt
gadischu zu verhindern. Nur Spott erntete besitze. Dann bat er die Versammlung, ein
im Frühjahr ein von den Amerikanern un- Datum für die Präsidentenwahl zu bestim-
terstütztes Bündnis, das sich großspurig men (11. Februar), die Liste der Kandida-
„Koalition gegen den Terror“ nannte, aber ten zu bestätigen (sechs) und schnell noch
überwiegend aus kampferprobten und die Verfassung zu ändern.
skrupellosen Warlords bestand. Gegen die Aus der Blitzeseile, mit der die Volks-

REUTERS
Islamisten hatten sie keine Chance. vertreter den Wünschen des gelernten
Nach deren Machtübernahme hatte es in Dentisten folgten, lässt sich schließen: Ber-
Mogadischu zunächst einen kurzen Som- dymuchammedow ist der Mann der Stun-
mer der Hoffnung gegeben. Für einige Zeit de. Schon einen Tag vor dem Volksrat hat-
T U R K M E N I S TA N
war unklar, ob moderatere Kräfte sich te der Ehrenälteste des turkmenischen
durchsetzen könnten.
„Die Menschen sind optimistisch, viele
aus der Diaspora kehren heim, viele be-
trachten die neuen Machthaber mit großen
Lichte Zukunft Volkes in der Zeitung „Neutrales Turk-
menistan“ einen Brief an den „verehrten
Gurbanguly“ geschrieben und sich über-
zeugt gezeigt, dass „Sie das Volk – ganz
Die Erben des verstorbenen
Hoffnungen“, schwärmte damals der so- wie es Saparmurad Turkmenbaschi lehr-
malische Rechts- und Literaturprofessor Herrschers Nijasow scheinen die te – in die lichte Zukunft führen werden“.
Abdullahi Mohammed Shirwa. Doch sol- Machtfrage geregelt zu haben – Den Wink verstanden die Ratsmitglieder
cher Optimismus schwand schnell. zugunsten seines früheren Leibarztes. schnell: Sie änderten die Verfassung da-
„Der Krieg in Somalia war unausweich- hingehend ab, dass statt des Parlaments-

E
lich“, glaubt der äthiopische Journalist Gir- s fliegen die Vögel, aber wir erinnern chefs ein Vizepremier amtierender Staats-
ma Besha in Addis Abeba, „Äthiopien uns unseres Führers. Er ist in den chef werden und als solcher am Kandida-
konnte die Radikalisierung in seinem Himmel gezogen, doch wir werden tenrennen teilnehmen darf.
Nachbarland nicht länger hinnehmen, So- Jahrhunderte seiner gedenken.“ Politisch ist der Neue ein kaum be-
malia hätte sich zur Terrorbasis ent- Es war ein Stück satter Volkspoesie, das schriebenes Blatt. Dass der verblichene
wickelt.“ Aber jetzt fürchtet er auch ums einer der schwarzgekleideten Redner ver- Despot 2004 den Turkmenen verbot, sich
eigene Land. gangenen Dienstag im „Palast des Geistes“ weiterhin Goldzähne einsetzen zu lassen,
Denn nun droht erneut ein Krieg mit von Aschgabad vortrug. Die 2507 Mitglie- soll ebenso auf ihn zurückzuführen sein
Eritrea, das auf der Seite von Äthiopiens der des Volksrates klatschten anhaltend wie die Schließung ländlicher Kranken-
Feinden steht und nicht zögern wird, die Beifall, dann gingen sie emsig an die Ar- häuser und die Abschaffung der Krank-
Islamisten aufzurüsten, ja vielleicht sogar beit. Das dürfte ganz im Sinne Saparmurad heiten Aids und Cholera – beide Begriffe
eigene Soldaten in den Kampf zu schicken. Nijasows gewesen sein. stehen jetzt auf dem Index.
Äthiopien und Eritrea sind bitterarme Staa- 66 Jahre lang war Alleinherrscher Konkurrenz muss der Favorit kaum
ten, doch jedes Land unterhält ein Heer „Turkmenbaschi“ auf der Welt, „die Son- fürchten. Zwar hat die ins Ausland ge-
von über 180 000 hochgerüsteten Soldaten. ne unserer turkmenischen Herzen“. Fast flüchtete Opposition von Kiew aus Ex-Na-
Die Regierung in Addis Abeba sah sich ein Drittel seiner Lebenszeit hatte er den tionalbank-Chef Chudaiberdy Orasow, 55,
schon jetzt in der Klemme. Hätte sie den Wüstenstaat an der Grenze zu Iran und zum Kandidaten proklamiert. Doch dem
Islamisten mehr Zeit gegeben, hätten die in Afghanistan regiert, dann raffte ihn Don- hängt daheim wegen eines angeblichen
aller Ruhe aufrüsten können. Nun stehen nerstag voriger Woche eine Herzattacke Attentats auf Nijasow eine lebenslange
äthiopische Soldaten im Nachbarland, und plötzlich dahin. Doch als der Volksrat kei- Zuchthausstrafe an. Berdymuchammedow
die Islamisten rufen ihre Verbündeten im ne 120 Stunden später zur Regelung der dagegen dürfte mit Segen der Russen in
Nahen Osten zum „Heiligen Krieg“ gegen Nachfolgefragen zusammentrat, hatte sich seine neue Rolle geschlüpft sein: Die sind
die Eindringlinge. die erste Verwirrung schon wieder gelegt. an einem Machtvakuum im fragilen Zen-
Denen könnte damit ein Debakel dro- Da redete kaum noch jemand darüber, tralasien nicht interessiert. Auch wollen sie
hen, wie es den Amerikanern 1992 wider- dass der Parlamentsvorsitzende – laut Ver- das reichlich vorhandene turkmenische
fahren ist, als sie nach Somalia kamen, um fassung nun eigentlich Interimsstaatschef – Gas allein durch ihre Pipelines pumpen.
eine Hungersnot zu bekämpfen – und ge- nur Stunden nach Nijasows Tod von der Es gebe „keinerlei Zweifel“, dass Ber-
demütigt abzogen, nachdem die geschän- politischen Bühne verschwand. Oder dar- dymuchammedow der neue Turkmenba-
dete Leiche eines GI durch die Straßen über, dass auch der Verteidigungsminister schi sei, schreibt der Moskauer „Kommer-
Mogadischus geschleift worden war. vorübergehend wohl unter Hausarrest war, sant“. Auch für die Wahlkommission in
Im Internet ist heute schon ein ähnli- jener starke Mann, der bei Paraden gleich Aschgabad scheint alles schon gelaufen:
ches Foto zu sehen. Es zeigt einen äthiopi- neben dem Turkmenbaschi stand. Die Wahlen am 11. Februar würden „der-
schen Soldaten, die Hände auf dem Den Ton beim Volksrat gab ein Mann art demokratisch sein, dass sich westliche
Rücken gefesselt und mit durchschnittener namens Gurbanguly Berdymuchammedow Beobachter den Weg nach Turkmenistan
Kehle. Thilo Thielke an: Nijasows früherer Leibarzt. Turkmen- sparen können“. Christian Neef

82 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
ten der Zeitungen geschafft. Eine „Kam- Die Regierungen in Berlin betonen seit
POLEN
pagne der Lügen“ sei da im Gange, wet- Jahren, dass sie derartige Klagen nicht bil-

Kampagne der terte Präsident Lech Kaczyński höchst-

schen Springer-Konzern herausgegeben


ligen – und schon gar nicht unterstützen.
Obwohl die Preußische Treuhand perso-
selbst in der Zeitung „Fakt“, die vom deut-
nell eng mit den Vertriebenenverbänden

Lügen wird. „Meine Regierung bereitet eine Rei-


he von Schritten vor, damit unser Besitz
voll und ganz geschützt ist“, legte Bruder
Jaroslaw nach, der Premier.
verwoben ist, distanziert sich sogar deren
oberste Chefin, Erika Steinbach, scharf von
dem Projekt.
In Warschau spielt das keine Rolle. Den
Warschau verlangt, dass Berlin
Die Sorgen des Staatsoberhaupts mögen Kaczyński-Zwillingen kommt der Vorstoß
deutsche Heimatvertriebene selbst nachvollziehbar sein. Doch ob die Zwillin-der Deutschen gerade recht – er gibt ihnen
entschädigt. Sogar polnische ge mit ihrer Aufregung der polnischen Sa- Gelegenheit, sich als Verteidiger des Po-
Experten sind skeptisch, ob diese che wirklich einen Gefallen tun, scheint lentums zu profilieren. Für die Brüder ist
Forderung sinnvoll ist. eher fraglich. Denn die Attacken aus War- die Treuhand keine isolierte Organisation
schau werten einen Verein auf, der bisher am rechten Rand, sondern die Speerspitze

A
lexander von Waldow, 83, lebt in nur Misserfolge aufzuweisen hat. einer breiten Bewegung in der Bundesre-
seiner ganz eigenen Welt. Darin Vertriebene hatten im Dezember 2000 publik. Die ziele darauf ab, die Deutschen
existiert das Deutsche Reich noch die Firma mit Sitz in Düsseldorf gegrün- nicht mehr als Täter im Zweiten Weltkrieg
immer in den Grenzen von 1937 – zumin- det. Zweimal sprangen ihr seitdem die An- zu präsentieren, sondern als dessen Opfer:
dest formal. Die heute zu Polen gehören- wälte ab: Das Ziel der Preußischen Treu- „Wenn die deutschen Eliten nicht deutlich
den ehemals deutschen Gebiete östlich hand, per Klagen den Besitz ihrer Klientelreagieren, dann kann das Land in eine
von Oder und Neiße würde der Richtung gehen, die schon ein-
emeritierte Architekturprofes- mal mit einer großen europäi-
sor aus Eckernförde am liebs- schen Tragödie endete“, warnte
ten unter EU-Verwaltung stellen Jaroslaw Kaczyński in „Fakt“.
und neben Polnisch Deutsch zur Warschau will jetzt offen-
Amtssprache erheben: „Dann bar mit Berlin verhandeln, um
könnten die Vertriebenen zu- das Problem der Klagen Hei-
rückkehren und das Land wie- matvertriebener endgültig zu
deraufbauen. Der Pole schafft lösen. So könnte dem „Vertrag
das doch sowieso nicht allein.“ über gute Nachbarschaft und

DOMINSKI /REPORTER / EASTWAY


Den deutschen Überfall auf freundschaftliche Zusammen-
das Nachbarland 1939 hält von arbeit“ von 1991 eine Klausel
Waldow heute für „eine aus hinzugefügt werden, die besagt,
christlicher Sicht falsche Reak- dass Berlin fortan individuelle
tion auf polnische Grenzprovo- Schadensersatzansprüche regu-
kationen“. Völlig zu Unrecht sei liert. Dann, so hofft man an der
den Deutschen nach dem Zwei- Weichsel, sei man endlich sicher
ten Weltkrieg im Osten Land Politiker Lech und Jaroslaw Kaczyński: „Europäische Tragödie“ vor den Forderungen.
weggenommen worden. Deshalb Berlin aber denkt nicht daran,
hat von Waldow sich in den Polen eine „Vollkaskoklausel“
Aufsichtsrat der „Preußischen auszustellen, heißt es im Außen-
Treuhand“ wählen lassen. Diese amt. Aus deutscher Sicht ist die
Firma reichte vor Weihnachten Sache nämlich längst geregelt:
beim Europäischen Gerichtshof Vertriebene haben kein individu-
für Menschenrechte in Straß- elles Recht auf Entschädigung.
burg Klagen gegen den Staat Po- Der Verlust der einstmals deut-
len ein: 22 Vertriebene wollen schen Ländereien im heutigen
ihre Ländereien und andere Be- Westpolen müsse als Reparation
sitzungen zurück, die nach dem für das Nachbarland verstanden
A. SZKOCKI / REPORTER / EASTWAY

Krieg an das östliche Nachbar- werden. Außerdem seien die Mil-


land gefallen sind. lionen Flüchtlinge und Vertrie-
Die von Waldows hatten ihren bene über den Lastenausgleich
Familiensitz Mehrenthin in Pom- ausreichend entschädigt worden.
mern 1945 verlassen müssen. So jedenfalls sieht es Berlin.
Das Gut heißt heute Mierzecin, Inzwischen werden aber auch
die polnischen Besitzer haben in Warschau Stimmen lauter, die
ein schickes Hotel samt Konfe- Ehemals deutsches Schloss Mierzecin: Man ist ja kein Unmensch zur Vorsicht mahnen. So warnt
renzzentrum daraus gemacht. der Warschauer Politologe Piotr
Natürlich müsse sich niemand fürchten, zurückzuergattern, schien den Juristen Buras vor paradoxen Folgen, sollten die
dass er Hals über Kopf vor die Tür gesetzt aussichtslos. Für individuelle Schadens- Kaczyńskis mit ihrer Forderung in Berlin
werde, wenn die Treuhand Erfolg habe, ersatzforderungen Vertriebener gebe es durchkommen. Sein Argument: Erkläre
versichert von Waldow – man ist ja kein „keine rechtliche Grundlage“, stellten der sich der deutsche Staat bereit, die Vertrie-
Unmensch. polnische Völkerrechtler Jan Barcz und benen selbst zu entschädigen, erkenne er
Während in Deutschland kaum jemand sein deutscher Kollege Jochen Frowein damit auch deren Forderungen als berech-
die Umtriebe des Adelsmanns und seiner 2004 in einem Gutachten fest. „Ich wette, tigt an – was er bisher ja nicht tue. „Und
dubiosen Firma zur Kenntnis nimmt, hat es dass die Klage abgelehnt wird“, kommen- das wäre dann wirklich ein Sieg der
der Name von Waldow in Polen inzwi- tiert Frowein den neuesten Treuhand- Preußischen Treuhand“, sagt Buras.
schen – sogar in Fraktur – auf die Titelsei- Vorstoß. Jan Puhl, Andreas Wassermann

d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 83
AXEL KRAUSE / LAIF
Koptische Weihnachtsfeier in Kairo: „Beginnt weder Zank noch Streit“

NAHER OSTEN

„Schafe unter Wölfen“


Gewalt, Terror und der wachsende Einfluss der Islamisten bedrohen die orientalische
Christenheit. In manchen Ländern kämpft die ungeliebte
Minderheit bereits ums Überleben – oder sucht ihr Heil in der Flucht.

U
m sieben Uhr früh am dritten Ad- Nordosten. Die Fahrt geht 350 Kilometer samer Hirte einer rapide schwindenden
vent macht sich in Neu-Bagdad der hinauf nach Kurdistan, in den einzig si- Gemeinde.
Fahrer eines Kleinbusses auf den cheren Landstrich des Irak. Es herrschten noch die Osmanen im
Weg, ein Schiit namens Ali. Ein paar Stun- Die fünf jungen Männer in Alis rotem Zweistromland, als die irakischen Katholi-
den vorher hat sein Handy geklingelt: Fünf Kia sind die letzten Seminaristen des ken ihr erstes Priesterseminar aufmachten.
Leute seien aufzusammeln und aus der chaldäisch-katholischen Babil-Kollegs, die Vor 45 Jahren verlegten sie es von Mossul
Stadt zu bringen, eine größere Tour. Wer Bagdad den Rücken kehren. Vier Priester nach Bagdad, 1991 gründeten sie, un-
genau und wohin, das werde er von sei- sind seit Mitte August entführt worden, berührt von Saddam Husseins Ge-
nem ersten Fahrgast erfahren. Und kein zwei weitere wurden ermordet. Anfang waltherrschaft, in Dura das Babil-Kolleg
Wort bitte. Kein Wort zu niemandem. Dezember hatte es auch Pater Sami er- für Philosophie und Theologie. Es sollte
Der erste Fahrgast ist Raymon, 24, der wischt, den Direktor des Seminars. Im- nur 15 Jahre dort bestehen, einen Wim-
ein paar Straßen weiter auf seinem Koffer merhin gelang es der Gemeinde, 75 000 pernschlag lang in der Geschichte des se-
sitzt. Er dirigiert Ali durch den trostlosen Dollar aufzutreiben und ihn freizukaufen – mitischen Volkes der Chaldäer. „Ich weiß
Osten der Stadt, wo es inzwischen ratsam doch nach Wochen des Zögerns entschied nicht, wann und ob wir überhaupt wie-
ist, einen Schiiten als Fahrer zu haben: erst sich der chaldäische Patriarch Emmanuel der zurückgehen können“, sagt Baschar
ins Karrada-Viertel, wo Amir und Faris zu- III. jetzt für den Rückzug. Er ließ die vier Warda, dem Pater Sami jetzt die Leitung
steigen, dann nach Silach, wo Wassim und katholischen Kirchen, das Hurmis-Kloster des Seminars übertrug.
Karram warten. Um neun sind sie alle bei- und das Kolleg im Stadtviertel Dura räu- Seit 2000 Jahren leben Christen in der
sammen und verlassen Bagdad Richtung men, blieb selbst aber in Bagdad – als ein- arabischen Welt, sie waren da, bevor die
84 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
Ausland

Muslime kamen. Die Krise, durch die sie


heute gehen, ist nicht die erste und, ge-
messen an den Gemetzeln der Vergangen-
heit, auch nicht die größte der orientali-
schen Christenheit. Aber in manchen Län-
dern könnte sie die letzte sein. Sogar der
Papst wandte sich zu Weihnachten an jene
„kleine Herde“ Gläubiger im Nahen und
Mittleren Osten, die mit „wenig Licht und
zu vielen Schatten“ leben muss, und for-
derte mehr Rechte für sie ein.
Es gibt keine zuverlässigen Zahlen über
die Größe der christlichen Minderheiten
im Nahen Osten – zum Teil, weil gar keine
Statistiken vorliegen, zum Teil, weil es
politisch zu brisant wäre, welche anzufer-
tigen. Im Libanon liegt die letzte Volks-
zählung 74 Jahre zurück. Saddam Hussein,
als Sunnit selbst in der Minderheit, lehnte

PATRICK CHAUVEL / CORBIS


konfessionelle Zahlen grundsätzlich ab.
Und in Ägypten variiert die Zahl der Chris-
ten zwischen fünf und zwölf Millionen – je
nachdem, wen man dort fragt.
Man behilft sich mit Annäherungswer-
ten in Prozenten: etwa 40 sind es im Liba-
non, weniger als 10 in Ägypten und Syrien, Brennende Kirche in Bagdad (2004): „Götzendiener eines gottlosen Regimes“
2 bis 4 Prozent in Jordanien und im Irak,
JO SE PH BARRAK /AF P

unter ein Prozent in den Staaten des Ma-


ghreb. Eindeutig aber ist die Tendenz, die 1,2 Christen in der
1,5
von den großen politischen Einschnitten
im Nahen Osten beeinflusst wird: In Ost-
7% arabischen Welt
Jerusalem, das bis 1948, dem Jahr des ers- 40 % SYRIEN Schätzung in Mio.
LIBANON
ten arabisch-israelischen Kriegs, noch zur 0,7 % Anteil an der
Hälfte christlich war, leben heute weniger PALÄSTINA 0,3 Bevölkerung
als fünf Prozent Christen. In Jordanien hat 5,0 0,2 3 % IRAK
9% 4% Quelle: KNA
sich ihre Zahl vom Sechstagekrieg 1967 bis Kardinal Nasrallah Sfeir,
in die neunziger Jahre halbiert. Im Irak ist maronitischer Patriarch 2 % 0,1 JORDANIEN
die Zahl der Christen nach dem Golfkrieg ISRAEL
AMRO MARAGHI / AF P

von 1991 von 750 000 auf 500 000 gefallen.


Und von denen, schätzt Wassim, einer der
geflohenen Seminaristen, ist seit der US- SAUDI-
ARABIEN
D PA PICTURE ALLIANC E
Invasion 2003 noch einmal die Hälfte aus-
gewandert, die meisten in den vergange- 2,4
nen sechs Monaten.
Die Demografie beschleunigt diese Ent-
wicklung: Die Christen, häufig besser aus- 8 % ÄGYPTEN
gebildet und wohlhabender als ihre musli- Papst Schenuda III., Emmanuel III.,
mischen Nachbarn, bekommen weniger koptischer Patriarch SUDAN 8 % chaldäischer Patriarch
Kinder. Da die Welle der Emigration schon
seit Jahrzehnten anhält, haben viele von
ihnen Verwandte in Europa, Nordamerika lage von 1967 angeblich auf einem Kir- christliche Politiker könnten noch eine be-
oder Australien, die bei der Auswanderung chendach in einer Kairoer Vorstadt er- deutsame Rolle in der arabischen Welt
helfen. Ihr guter Bildungsstand erhöht die schienen war. Und der 2004 verstorbene spielen.
Chancen, Visa zu bekommen. Es sind vor Palästinenserpräsident Jassir Arafat ließ es Die mit Abstand größte christliche Min-
allem die Eliten, die gehen: Ärzte, Rechts- sich nicht nehmen, alljährlich beim Weih- derheit im Orient sind die mindestens fünf
anwälte, Ingenieure. nachtsgottesdienst in der Geburtskirche zu Millionen ägyptischen Kopten, deren
Doch der jüngste Exodus hat einen tie- Betlehem in der ersten Reihe zu sitzen. Stammvater der Evangelist Markus ist und
feren Grund. Er hat mit dem Ende der sä- Vorbei: Mit dem Chaldäer Tarik Asis, deren Zeitrechnung im Jahr 284 beginnt,
kularen Bewegungen und dem wachsen- Saddams langjährigem Außenminister, und dem Höhepunkt der römischen Christen-
den Einfluss des politischen Islam im Na- Hanan Aschrawi, Arafats Bildungsministe- verfolgungen. Ihr geistliches Oberhaupt ist
hen Osten zu tun. rin, sind nicht nur die beiden letzten pro- der 83-jährige Papst Schenuda III.
Es war ein syrischer Christ, Michel minenten Christen von der politischen Seit Jahren klagen koptische Aktivisten
Aflak, der 1940 die nationalistische Baath- Bildfläche des Nahen Ostens verschwun- wieder über Diskriminierung durch den
Bewegung gegründet hat, bis 2003 ein Kar- den. Seit den Wahlerfolgen der Muslim- ägyptischen Staat. Zwar komme es, anders
rierevehikel irakischer und bis heute noch brüder in Ägypten und der Hamas in als etwa in den siebziger Jahren, nur noch
immer politische Heimat vieler syrischer Palästina, dem Aufstieg der libanesischen vereinzelt zu offener Gewalt zwischen
Christen. Ägyptens Staatschef Gamal Abd Hisbollah und der blutigen Machtüber- Muslimen und Christen, sagt Jussuf Sid-
al-Nasser scheute sich nicht, der Mutter nahme sunnitischer und schiitischer Mili- ham, Chefredakteur der koptischen Wo-
Gottes zu huldigen, die nach der Nieder- zen im Irak ist auch die Illusion dahin, chenzeitung „Watani“. „Dafür kämpfen
d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 85
KHALED AL-HARIRI / REUTERS (L.); DAVID SILVERMAN / GETTY IMAGES (R.)
Betende Christinnen in Syrien, Weihnachtsprozession in Betlehem (2006): „Welle der Emigration“

wir heute gegen das kranke Gedankengut vor einem Jahr schaffte Präsident Husni Sommer den Krieg gegen Israel überdauert
der islamischen Fundamentalisten: Der Mubarak das Gesetz ab. – einen Krieg, dessen Folgen ihm zu den-
Graben zwischen den liberalen und den Schwer haben es koptische Beamtinnen, ken geben. Sfeir ist nicht nur ein geistlicher
fundamentalistischen Kräften wird immer die sich sträuben, ein Kopftuch zu tragen – Führer, er ist auch ein Politiker. Schwarze
tiefer.“ oder koptische Männer, die in der falschen Limousinen parken vor seinem Anwesen;
2005 wählte Ägypten ein neues Parla- Firma landen. Ein 31-jähriger Angestellter es sind vor allem reiche Christen, die den
ment. Nur 2 der 444 Kandidaten der Staats- einer großen amerikanischen Software- Patriarchen um religiösen und politischen
partei waren Kopten, nur ein einziger, der Firma sagt, er erlebe täglich, wie sein Chef Rat ersuchen.
Finanzminister, sitzt im Kabinett. „Die Par- gemobbt werde. Nicht, weil dieser ein Sie betreten einen langen Saal, der zu
tei unterstützt dieses Denken“, klagt Sid- schlechter Vorgesetzter sei, sondern ein- beiden Seiten von ornamentierten Holz-
ham. „Sie sagt, die Kandidaten würden auf- fach, weil er ein Kopte sei. bänken flankiert wird. Unter einem Porträt
grund ihrer Religionszugehörigkeit gewählt. Am schwersten allerdings haben es Johannes Paul II. sitzt der Maroniten-Chef,
Kopten haben weniger Chancen. Wozu also ägyptische Muslime, die zum Christentum er blickt müde. Ein Berater flüstert ihm
Kopten aufstellen?“ konvertieren, etwa hundert pro Jahr sollen zu. Dann spricht der Greis, leise, aber
Die Schikane hat Tradition. Als Napo- es sein. Nachdem in Alexandria ein Thea- deutlich und mit scharfen Worten. Er kri-
leons Truppen im Jahre 1798 in das Nil- terstück aufgeführt worden war, das von tisiert Iran und Syrien, die den Libanon
delta vorstießen und Ägypten besetzten, einem Kopten handelt, der seinen Übertritt als Aufmarschgebiet und Schlachtfeld miss-
stellten sie Merkwürdiges fest: Koptische zum Islam bereut, kam es im Oktober 2005 brauchten, und die Hisbollah, die mit ira-
Frauen mussten einen blauen und einen zu einem Gewaltausbruch. Mehrere musli- nischer Hilfe ein Staat im Staate gewor-
roten Schuh tragen, koptische Männer mische Demonstranten kamen ums Leben, den sei. Das, so Sfeir, könne man nicht
durften zwar zu Pferde reiten, allerdings eine Kirche wurde beschädigt. Glaubens- akzeptieren. „Wir sind der kleinste und
nur verkehrt herum, mit dem Gesicht nach abfall ist in den Augen der meisten Musli- schwächste Staat der arabischen Welt!“
hinten. Die Kopten waren Subjekte „de me ein schweres Verbrechen. Für Christen Melancholisch beschreibt der Kardinal
troisième classe“, wie die Franzosen fest- dagegen, die zum Islam konvertieren wol- die Folgen der politischen Wirren: dass
stellten, Menschen dritter Klasse. Mancher len, hat die Regierung ein erleichtertes Ver- vor allem die Christen des Libanon in im-
empfindet das heute noch so. fahren eingeführt. Rund tausend Kopten mer größerer Zahl auswanderten. Mehr
Immer wieder kommt es vor, dass Chris- pro Jahr machen davon Gebrauch. als 730 000 sollen es während des Bürger-
ten, die sich einen Personalausweis aus- „Der Herr sagt: Seht, ich sende euch krieges von 1975 bis 1990 gewesen sein,
stellen lassen, ohne ihr Wissen als Muslime wie Schafe mitten unter Wölfe“, hat Franz über 100 000 waren es nach Angaben
eingetragen werden. Ist der Vermerk erst von Assisi einst den christlichen Missiona- der maronitischen Kirchenführung diesen
einmal aktenkundig, kann es Dutzende ren gepredigt, die unter die Sarazenen ge- Sommer.
Behördengänge kosten, ihn wieder um- hen wollten: „Beginnt weder Zank noch Auch die anderen christlichen Konfes-
schreiben zu lassen. Streit.“ Nichts liegt Nasrallah Sfeir, 86, fer- sionen, die griechisch-orthodoxe, die grie-
Jahrzehntelang kam es zudem einer ner, als über Missionierung zu predigen. chisch-katholische oder die armenische
wahren Geduldsprobe gleich, den Bau ei- Der Patriarch der Maroniten, der größten Gemeinde bluteten aus, und so schwinde
ner neuen Kirche genehmigen zu lassen. Es christlichen Gemeinde des Libanon, hat der politische Einfluss der Christen im
galt ein Gesetz aus der Osmanenzeit, dem- ein ganz anderes Problem: Ihm läuft seine Libanon. „Es ist zwar unwahrscheinlich“,
zufolge es nicht weniger als der Zustim- Herde davon. sagt Sfeir, „aber wenn die Hisbollah eines
mung des Staatspräsidenten bedurfte, in Sfeir scheut das brodelnde Beirut, er re- Tages die Macht übernehmen sollte, wer-
einem bestehenden Gotteshaus auch nur sidiert in einem prächtigen Sandsteinbau den die Christen bei uns in noch weit
das Taufbecken reparieren zu lassen. Erst im Zederngebirge, hier oben hat er im größerer Zahl auswandern.“
86 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
Ausland

genießen: die nordirakische Auto-


nomiezone der Kurden.
Einen ungewöhnlichen Vor-
schlag haben mehrere christliche
Parteien vor kurzem im Regional-
parlament der Kurdenhauptstadt
Arbil eingebracht: Der Ostteil der
irakischen Provinz Ninive, tradi-
tionelles Siedlungsgebiet der assy-
rischen Christen und heute zum
Teil unter Kontrolle der kurdi-
schen Peschmerga-Kämpfer, soll
als christliche Autonomiezone eta-
bliert werden. Die drei Minderhei-
ten der chaldäischen, syrischen
und assyrischen Christen, so der
Antrag, sollen verfassungsrechtli-
chen Status erhalten – zuerst vom
kurdischen Regionalparlament,

QUIDU NOEL / GAMMA / STUDIO X


danach von der Nationalversamm-
lung in Bagdad.
Der Plan hat gute Aussichten auf
Erfolg – und ist alles andere als
christliche Folklore. In Bartalla, ei-
ner rasch anwachsenden Christen-
siedlung 20 Kilometer östlich der
Krankensegnung im Libanon: „Fragiles staatliches Proporzsystem“ im Terror versunkenen Provinz-
hauptstadt Mossul, patrouillieren
Dann würde der Levantestaat, der seit Seine zwölfjährige Tochter ist vor zwei bereits Einheiten der etwa 750 Mann star-
jeher ein Rückzugsgebiet für Minderhei- Jahren bei einem Anschlag auf eine ken „Hamdanija-Brigade“ – einer christ-
ten war, eine seiner ältesten Glaubensge- chaldäische Kirche in Bagdad ums Leben lichen Miliz, die ihre Kirchen mit den
meinschaften verlieren. Im neunten Jahr- gekommen. „Niemand nimmt uns diesen gleichen Mitteln verteidigen will wie die
hundert flohen die Maroniten, die nach Schmerz. Aber immerhin: Hier können wir sunnitischen und schiitischen Milizen im
dem heiligen Maron, einem syrischen leben, hier werden wir behandelt wie Zentralirak ihre Moscheen: Bärtige Männer
Mönch, benannt sind, vor muslimischer Brüder.“ mit Kalaschnikows um die Schulter stehen
Verfolgung ins Libanongebirge, im zwölf- Überdurchschnittlich viele der syrischen am Schlagbaum vor der syrisch-orthodo-
ten Jahrhundert schlossen sie sich der Baath-Kader sind Christen, wenn auch in xen Marienkirche. Fotografieren verboten.
römisch-katholischen Kirche an. der Regel keine praktizierenden. Ihre Prä- „Was bleibt uns anderes übrig?“, fragt
„Wir haben selbst die Kreuzzüge über- senz im Staatsdienst, auch in der Armee Ghanem Gorges, 43, der Bürgermeister des
standen“, sagt der Patriarch. „Der Krieg und im Geheimdienst, ist in der arabischen Chaldäerdorfs Karamlis, ein paar Kilome-
nun vertreibt die Menschen, sie verlieren Welt beispiellos. Unter dem Motto „Das ter südlich von Bartalla. Viermal in die-
die Hoffnung. Aber wir haben auch das Vaterland ist für uns alle da, die Religion ist sem Herbst sind Bewaffnete in das Dorf
Gegenteil erlebt: Zum ersten Mal seit vier Sache Gottes“ eröffnete Staatspräsident eingedrungen – Mudschahidin aus dem na-
Jahrhunderten gibt es im Libanon seit den Baschar al-Assad kürzlich eine Konferenz hen Mossul vermutlich. Vor 14 Tagen ha-
vierziger Jahren wieder christliche Staats- der arabischen Rechtsanwaltskammer – ein ben sie Schakib Paulus verschleppt und er-
oberhäupter – und unsere muslimischen in islamisch geprägten Ländern befremd- mordet, einen 25-jährigen Kranfahrer, des-
Landsleute stimmen zu.“ licher, ja unmöglicher Slogan. sen Leiche man ein paar Tage später an der
Was er anspricht, ist das fragile konfes- In Saudi-Arabien etwa, das keine eige- Straße nach Arbil fand.
sionelle Proporzsystem des Libanon, dem- ne christliche Minderheit hat, aber Zehn- Auch wer den Gottesdienst in der St.-
zufolge der Staatspräsident ein Christ, der tausende christlicher Gastarbeiter vom Peter-Kathedrale zu Arbil besuchen will,
Premier Sunnit und der Parlamentsspre- indischen Subkontinent und aus Afrika muss erst an einem Wächter mit einer Ma-
cher ein Schiit sein muss. Die Demografie beschäftigt, sind christliche Gottesdienste schinenpistole vorbei. Auf dem mannshoch
hat dem Kompromiss aus dem Jahr 1943 bei schweren Strafen verboten. Bibeln und umzäunten Pfarrhof wurde zu Weihnach-
längst seine Grundlage genommen. Sfeir Kreuze werden regelmäßig beschlag- ten eine riesige Halle eingeweiht – sie dient
spürt, dass sich auch die politischen Macht- nahmt, die Mutawaïn, wahhabitische Re- den geflohenen Studenten des Babil-Kol-
verhältnisse geändert haben – zuungunsten ligionspolizisten, sprengen selbst private legs als Dormitorium.
der Christen. Messen. Pfarrer Sisar hat beim diesjährigen
Als einen Lichtblick empfinden viele Andere Golfstaaten sind liberaler, doch Weihnachtsgottesdienst übrigens nicht, wie
Christen derzeit Libanons Nachbarland Sy- von einer Glaubensfreiheit im westlichen sonst in Arbil üblich, auf Aramäisch ge-
rien. Das von den USA isolierte Regime in Sinn kann auch in Katar, Kuweit oder den predigt, der alten Kirchensprache der
Damaskus hat seit dem Fall Bagdads Aber- Vereinigten Arabischen Emiraten keine nordirakischen Christen. Es war eine ara-
tausende irakischer Flüchtlinge aufgenom- Rede sein. Die islamistische Opposition in bische Messe, denn die 400 Männer und
men – und führt dem Westen vor, welch Damaskus, vor allem die verbotene Mus- Frauen, die zum Gottesdienst gekommen
längst vergessene Meriten die überkonfes- limbruderschaft, wirft den ungeliebten waren, stammen, wie der Pfarrer, alle aus
sionelle Doktrin der arabisch-nationalisti- Christen denn auch vor, „Götzendiener Bagdad.
schen Baath-Partei hat: „Kein Mensch will eines gottlosen Regimes“ zu sein. „Barakat Allah aleikum“, hat er am
hier wissen, ob wir Sunniten, Schiiten oder Doch es gibt noch einen anderen Land- Ende gesagt. „Der Segen des Herrn sei mit
Christen sind“, sagt der aus dem Irak ge- strich des Nahen Ostens, in dem die Chris- euch.“ Amira El Ahl, Daniel Steinvorth,
flohene Andenkenhändler Farid Awwad. ten vergleichbare Freiheiten wie in Syrien Volkhard Windfuhr, Bernhard Zand

d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 87
Ausland

see, in denen wir nicht in der Lage sind,


Gas- oder Ölfelder zu erschließen. Das
NORWEGEN
muss endlich geklärt werden.
SPIEGEL: Wenn Norwegen dafür starke

„Sicherheit hat Priorität“ Partner braucht, warum wird es nicht ein-


fach Mitglied der EU?
Stoltenberg: Ich bin starker Befürworter
einer EU-Mitgliedschaft, denn wir sind
Ministerpräsident Jens Stoltenberg, 47, über die sensible Energie- total abhängig von den Entscheidungen
partnerschaft mit Russland, die besonderen Probleme Brüssels. Wir sind voll integriert im euro-
im hohen Norden und den Nato-Einsatz im fernen Afghanistan päischen Binnenmarkt, wir sind beim
Schengen-Abkommen dabei und bei allen
SPIEGEL: Herr Ministerpräsi- giekonzerne Statoil und Sicherheits- und Verteidigungsabkommen,
dent, immer mehr Regierun- Norsk Hydro ist der Beginn wir entsenden norwegische Soldaten in
gen ordnen ihr Verhältnis zu einer neuen Ära. Es entsteht EU-Kontingente – ebenso wie Schweden
Russland neu. Norwegen hat damit ein weltumfassender oder Finnland. Wir sind praktisch schon
eine eigene Strategie formu- Energieriese, ein global ope- weiter als viele Vollmitglieder. Es ist des-
liert, die sich „Neue Dimen- rierendes Powerhouse, das in halb paradox, dass wir als Einzige nicht an
sionen im hohen Norden“ 40 Ländern tätig und das den Entscheidungsprozessen teilnehmen.

AOP NORWAY / ACTION PRESS


nennt. Was sollen wir uns weltgrößte Offshore-Unter- SPIEGEL: Wann wird Ihre Regierung einen
darunter vorstellen? nehmen ist. Deshalb ist es neuen Anlauf unternehmen?
Stoltenberg: Das Nordmeer natürlich wichtig für Norwe- Stoltenberg: Es ist zu früh, das zu sagen.
in der Arktis und der Ba- gen, auch die Öl- und Gas- Wir sind schließlich das einzige Land, das
rentssee haben ein großes vorkommen im Nordmeer einen EU-Beitritt per Referendum nicht
Potential: Es gibt dort riesi- zu erschließen. Aber das ist nur einmal, sondern gleich zweimal abge-
ge Ressourcen für Energie- Premier Stoltenberg doch auch ganz im Sinne lehnt hat. Der dritte Versuch wird die letz-
produktion, Fischfang und „Neue Ära“ Europas. Die Sicherheit der te Chance sein, und dafür brauchen wir
Meeresbiologie. Um die zu Energieversorgung hat für eine wirklich breite Unterstützung. Zu-
erschließen, brauchen wir Europa absolute Priorität. mindest einige der Gegner vom letzten
verlässliche Partner und ein- Spitz- Norwegen ist ein verlässli- Anlauf – 1994 war das – müssten deutlich
deutige Vereinbarungen, et- bergen cher Produzent – wir liefern signalisieren, dass sie ihren Widerstand
wa für nachhaltigen Fisch- Barentssee schon jetzt fast ein Drittel aufgeben.
fang oder zur Entwicklung des benötigten Gases nach SPIEGEL: Die finnische EU-Präsidentschaft
neuer Produkte in der Bio- NOR- Deutschland, fast so viel wie hat als Ausdruck der besonderen Bezie-
WEGEN
technologie. Und vergessen Russland. Und Norwegen ist hungen zu Moskau eine europäisch-russi-
Sie das sensible Ökosystem in der Lage, seine Lieferun- sche Freihandelszone ins Gespräch ge-
des Nordmeers nicht. RUSS- gen deutlich zu erhöhen. bracht. Wäre Norwegen dabei?
LAND
SPIEGEL: Es geht doch wohl SPIEGEL: Was belastet das Stoltenberg: Ja, wir unterstützen offene
mehr darum, Norwegens Verhältnis zum großen Nach- und freie Handelsbeziehungen mit Russ-
Rolle als Energiegroßmacht zu festigen. barn so sehr, dass es dafür einer neuen land. Wir hoffen auch, dass Moskau in Ver-
Fast ein Viertel aller unentdeckten Gas- Strategie bedarf? handlungen mit den anderen früheren
und Ölreserven werden in der Barents- Stoltenberg: Die Strategie betrifft den Nor- Sowjetrepubliken die entsprechenden Vor-
see und anderen arktischen Gewässern den als Ganzes. Wir haben gute Bezie- aussetzungen schafft und sobald wie mög-
vermutet. Und da geht nichts ohne hungen zu Russland, aber wir haben keine lich Mitglied der Welthandelsorganisation
Russland. Übereinstimmung über den gemeinsamen WTO wird. Das wird vieles erleichtern.
Stoltenberg: Der gerade verkündete Zu- Grenzverlauf vor der Küste und um Spitz- SPIEGEL: Gemeinsam mit der Bundesregie-
sammenschluss der norwegischen Ener- bergen. Deshalb gibt es Teile der Barents- rung lehnt Norwegen eine Aufstockung
seiner Truppen in Afghanistan ab. Haben
Sie das Land innerlich schon aufgegeben?
Stoltenberg: Nein, wir sind mit 550 Solda-
ten da, und das ist ein großer Beitrag. Kein
anderes Nato-Mitglied hat – gemessen an
seiner eigenen Größe und Bevölkerungs-
zahl – so viele Truppen in Afghanistan wie
Norwegen.
SPIEGEL: Wie die deutschen Truppen be-
schränken die Norweger ihren Einsatz aber
ausschließlich auf den vergleichsweise ru-
higen Norden des Landes.
Stoltenberg: In die innerdeutsche Debatte
möchte ich mich nicht einmischen. Dass
wir unseren Einsatz bisher auf den Norden
beschränkt haben, geschieht in Absprache
mit den Verbündeten. Aber wir akzeptie-
ren die Verantwortung für ganz Afghani-
CHRISTOPH OTTO

stan und sind grundsätzlich bereit, auch in


den Süden zu gehen. Wir werden die Ent-
wicklung genau beobachten und dann ent-
Norwegische Ölplattform im Nordmeer: „Die Lieferungen deutlich erhöhen“ scheiden. Interview: Manfred Ertel

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Ausland

LIBERIA

„Männer haben abgewirtschaftet“


Ellen Johnson-Sirleaf, die erste Präsidentin in der Geschichte Afrikas, will verhindern, dass ihr Land
nach 14 Jahren Bürgerkrieg erneut ins Chaos stürzt. Doch ihre Hauptstadt hat noch nicht
einmal fließendes Wasser, im Parlament sitzen Warlords, eine ganze Generation kennt nur Gewalt.

F
rüher einmal, mehr als 30 Jahre ist
das her, war das Ducor Palace Hotel
die erste Adresse nicht nur in Libe-
rias Hauptstadt Monrovia, sondern auf
dem ganzen Kontinent – eines der ganz
wenigen Fünf-Sterne-Häuser in Afrika. Im
vornehmen Viertel Mamba Point nahm es
die Spitze des höchsten Hügels ein. Dicke
Ledersofas standen in der Lobby. Am Pool
schlürften Geschäftsleute aus China, den
USA und Europa ihre Cocktails. Das Land
exportierte Naturkautschuk, Diamanten,
Holz. Die Wirtschaft brummte.
Heute ist das Ducor eine Ruine: zer-
schossen, geplündert und verrottet wie al-
les in Monrovia und im ganzen Land. Auf
dem Grund des Pools schwappt eine grün-
liche Brühe, in der Lobby haben sich
Flüchtlinge aus dem Norden mit gefloch-
tenen Blätterwänden ein paar Quadratme-
ter Privatsphäre abgeteilt. Es ist stockdun-
kel, Rauch beißt in den Augen. Generato-
ren rattern in Monrovia nur bei ein paar
Reichen und bei ausländischen Helfern;
den Flüchtlingen im Ducor bleibt lediglich
ein Holzfeuer.
Von der Hotelterrasse aus ist die Brücke
über den St. Paul River gut zu erkennen.
Vor dreieinhalb Jahren war sie jeden Tag
auf der ganzen Welt in den Nachrichten zu
sehen. Der Bürgerkrieg tobte, und halb-
wüchsige Rebellen mit monströsen Waffen
in den Händen lieferten sich die letzte
Schlacht mit der Kinder-Soldateska von
Diktator Charles Taylor.
Tagelang hagelten Granaten auf Monro-
via nieder, bis sich der Schlächter unter
internationalem Druck ins Exil zwingen
ließ. „Wenn Gott will, werde ich wieder-
kommen“, tönte Taylor unheilvoll, bevor
er das Flugzeug nach Nigeria bestieg. Doch
JASON REED / REUTERS

das wird er nicht: Charles Taylor wartet in


einer Gefängniszelle in Den Haag auf sei-
nen Kriegsverbrecher-Prozess vor einem
internationalen Sondergericht.
Seit seinem Abgang zeigt sich wieder
Leben in den Ruinen Liberias. Knapp Landesmutter Johnson-Sirleaf*: Ma Ellen muss ganz von vorn anfangen
16 000 Blauhelme sind in dem rund drei
Millionen Einwohner zählenden Land, Die 67-Jährige hatte im November 2005 einem Jahr regiert sie nun – und ist inzwi-
dazu ein riesiger Hilfsapparat der Uno. die ersten freien Wahlen seit der Grün- schen selbst ein politischer Star, sogar die
Zum ersten Mal seit mehr als einem Jahr- dung Liberias 1847 gewonnen und sich Opposition preist ihr Talent. Die Besucher
zehnt leuchten am Tubman-Boulevard im gegen den populären ehemaligen Fuß- auf dem Markt sagen „Ma Ellen“ oder
Zentrum jeden Abend wieder die Straßen- ballstar George Weah durchgesetzt. Seit „Oma“, wenn sie von der Präsidentin
laternen. Staatspräsidentin Ellen Johnson- reden. Selbst die Zeitung „The Liberian
Sirleaf setzte mit einer feierlichen Zere- * Bei ihrer Inaugurationsfeier in Monrovia am 16. Januar Times“ nennt die Landesmutter beim Vor-
monie das kleine Wunder in Gang. 2006. namen, wenn sie Schlagzeilen formuliert
90 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
wie etwa: „Ellen ernennt Gemeinde- Die Enkelin eines deutschen Kaufmanns Sorgen der Lehrer in Greenville an oder die
vertreter.“ und einer Liberianerin traut sich das zu. der Krankenschwestern in Buchanan.
Die erste gewählte Staatschefin in der Sie wuchs im Land auf, rebellierte gegen Doch Ma Ellen, die Mutter der Nation
Geschichte Afrikas muss riesige Trümmer- korrupte und diktatorische Machthaber. mit dem freundlich-rundlichen Gesicht,
flächen abräumen. Laut Uno-Statistik Sie musste fliehen, studierte Wirtschafts- kann auch anders. Gleich zu Beginn ihrer
gehört Liberia heute zu den drei ärmsten wissenschaften in den USA. Erfahrung in Amtszeit marschierte sie ins Finanzminis-
Ländern der Welt. Die Metropole gleicht internationaler Politik und einen guten terium und setzte alle Beamten vor die
einer Geisterstadt, Straßen und Eisen- Leumund als Managerin erwarb sie sich Tür. Nur wer zweifelsfrei nachweisen
bahnnetz sind zerstört. Im Parlament sit- bei der Weltbank. konnte, nicht korrupt zu sein, erhielt sei-
zen die alten Warlords und beraten über Nun ist sie zurück. Aber selbst als nen Job zurück. Wir machen Ernst mit
die Zukunft eines Landes, das sie eben erst Staatsoberhaupt tauscht sie die traditio- „guter Regierungsführung“, so die Bot-
zu Schanden geschossen haben. nelle bunte westafrikanische Kleidung aus schaft an internationale Geldgeber.
Der Tatendrang der neuen Staatschefin
hat viele Liberianer aus der politischen
Apathie gerissen, auch Maruyah Fyneah,
die Vorsitzende des Frauenverbands. Et-
was Besseres als diese Präsidentin hätte
der Nation gar nicht geschehen können,
glaubt sie: „Die Männer haben hier end-
gültig abgewirtschaftet, sehen Sie sich doch
nur um.“ Frau Fyneah macht eine ausla-
dende Bewegung zum Fenster hin. Ihr
Büro liegt inmitten der Hauptstadt: Vom
Haus steht kaum mehr als ein Betonskelett,
rostiges Stahlgeflecht ragt aus dem Mau-
erwerk, die Treppen bröckeln.
Mag sein, dass der Optimismus berech-

TIM A HETHERINGTON / PANOS PICTURES


tigt ist. Dennoch wirkt die Vergangenheit
nach. „Diese Gesellschaft ist schwerstens
traumatisiert“, sagt Jerome Verdier, 38, ein
Rechtsanwalt mit ewig traurigen Augen.
Er hat den Krieg in Monrovia überlebt, hat
Hunger gelitten und sich vor der marodie-
renden Soldateska versteckt. Jetzt dirigiert
Verdier die neugegründete „Wahrheits-
und Versöhnungskommission“, mit fünf
Mitarbeitern teilt er sich einen Büroraum
in einer Innenstadtruine.
In den Jahren des Bürgerkriegs hatten
Rebellen und Regierungstruppen rund
250 000 Liberianer umgebracht. Fast die
Hälfte aller Frauen waren vergewaltigt
worden, Besitztümer im Wert von mehre-
ren Milliarden Dollar wurden zerstört.
Verdier soll die schreckliche Vergangen-
heit aufarbeiten. Er will die Warlords vor-
laden, damit sie ihre Untaten zugeben und
Reue zeigen – sie können, nach südafrika-
nischem Muster, sogar Straffreiheit erlan-
gen. „Wir haben keine andere Wahl“, sagt
Verdier: „Wir müssen zusammenleben und
versuchen, den Hass und die Leiden der je-
KUNI TAKAHASHI / REFLEX NEWS

weils anderen Seite zu verstehen.“


An den Bürgerkriegsfronten hatten vor-
nehmlich bis an die Zähne bewaffnete und
bekiffte Halbwüchsige gekämpft. Sie
lackierten sich die Fingernägel, trugen bun-
te Perücken und Klamotten wie New Yor-
ker HipHopper. Sie hängten sich magische
Ruinenstadt Monrovia (o.), Kämpfer im Bürgerkrieg: „Schwer traumatisierte Gesellschaft“ Amulette um den Hals, um Kugeln abzu-
halten. Ein Rebellen-Bataillon zog grund-
100 000 demobilisierte Kämpfer, viele langem Rock, Bluse und farbenfrohem sätzlich splitternackt in die Schlacht. Ihre
von ihnen noch halbe Kinder, sind die Kopftuch niemals gegen ein westliches Anführer trugen so seltsame Spitznamen
drückendste Altlast jenes Gemetzels, das Business-Outfit ein. So häufig wie möglich wie Adolphus Dolo, der sich General Pea-
aus Liberia den „Prototyp eines geschei- verlässt die Mutter von vier erwachsenen nut Butter nannte. Auch General Erdnuss-
terten Staates“ gemacht hat, wie der Söhnen ihren Amtssitz am Strand von butter sitzt heute im Parlament.
amerikanische Liberia-Kenner John-Peter Monrovia, so häufig wie möglich sucht sie Das Ziel, Diktator Taylor aus dem Palast
Pham schreibt. Ma Ellen muss ganz von den Kontakt mit ihrer begeisterten Anhän- zu vertreiben, geriet in dem Gemetzel weit
vorn anfangen. gerschaft. Sie schüttelt Hände, hört sich die in den Hintergrund, der Krieg wurde zum
d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 91
Ausland

mesgenossen zu besetzen und die Wirt- Jenkins Steward würde Jewel Taylor nie-
schaft zugrunde zu richten. mals wählen, und auch keiner von seinen
Vor dem Terror seiner Büttel flüchtete Freunden, sagt er: „Wir sind jetzt für Ellen.
damals auch Ellen Johnson-Sirleaf. Sie Alle anderen bringen nur Verderben.“ Ste-
schloss sich zunächst Charles Taylor an, ward hat für die Rebellengruppe Lurd ge-
mit dem sie sich aber schnell zerstritt. Tay- schossen und war bei der Schlacht um
lor rückte an der Spitze einer von Libyen Monrovia dabei. Seit dem Ende des Ge-
ausgerüsteten Truppe gegen Monrovia vor. metzels erntet er Naturkautschuk. Denn
Der Bürgerkrieg hatte begonnen. rund 3000 der Kämpfer hatten sich kurz
Doe war eines seiner ersten Opfer. Er nach Kriegsende die staatliche Gummi-
fiel dem Rebellengeneral Prince Johnson in plantage Guthrie rund 35 Kilometer nord-
die Hände. Der ließ sich den abgehalfter- westlich von Monrovia unter den Nagel
ten Staatschef vorführen und befahl, ihm gerissen. Viele von ihnen sind immer noch
die Ohren abzuschneiden. Stundenlang fol- da, sie haben sich eingerichtet.
terten Johnsons Schergen den Diktator. Schnurgerade gepflanzt stehen die Gum-
Ein Video dieser Quälerei wird noch heu- mibäume, schlammige Pisten führen durch
te auf den Basaren von Monrovia feilge- den Wald. Hin und wieder treten ein paar
boten – Prince Johnson aber sitzt eben- Jungs aus dem Unterholz. Einer hat eine
falls im Parlament. Bald wird er vor der gewaltige Narbe im Gesicht, einem weite-
Wahrheitskommission aussagen müssen. ren fehlt ein Arm. Mit seinen 30 Jahren ist
DAVID GUTTENFELDER / AP

Auch Jewel Howard-Taylor wird um ei- Steward einer der Ältesten; die meisten
nen Auftritt dort wohl nicht herumkom- sind heute, drei Jahre nach Ende des Krie-
men. Dabei hält sie überhaupt nichts von ges, gerade mal 20 Jahre alt. In ihre Hei-
der Wahrheitskommission. Sie sammelt matdörfer können sie nie wieder zurück.
Geld für die Verteidigung von Charles Tay- Sie waren seinerzeit als Kinder von der
Diktator Taylor lor, mit dem sie seit 1997 verheiratet ist. Straße weg rekrutiert worden; um sie ge-
„Viele sollten vor Gericht stehen“ Angeblich aber hatte sich das Paar längst fügig zu machen, zwangen die Komman-
getrennt. deure sie, ihre Schwestern zu vergewalti-
Selbstzweck. Aus Rebellenführern wurden Die Ex-Frau des Ex-Diktators liebt den gen oder ihre Mütter zu erschießen.
Kriegsunternehmer, die sich Privatarmeen Prunk des Rokoko. Protzige Möbel im Sti- Jetzt sind die jungen Männer froh, wie-
zulegten, um Minen und Wälder auszu- le Louis-quinze füllen ihr Büro. An der der eine Art Zuhause gefunden zu haben.
plündern. Sie verkauften Holz, Diaman- Wand ein Foto aus besseren Tagen: Jewel Steward wohnt mit fünf „Brüdern“ in einer
ten und Kautschuk ins Ausland. Mit dem bei Hillary Clinton auf Besuch in den USA. Hütte, einziger Wandschmuck ist ein Pla-
Erlös beschafften sie sich neue Waffen. Die energische Frau von Anfang 40 ver- kat: Charles Taylor in Handschellen. Es
Die Kindersoldaten raubten, mordeten waltet das politische Erbe ihres Mannes, sie gibt keinen Strom. Jeden Morgen ziehen
und brandschatzten wie anderswo die Al- hat es mit Unterstützung seiner Parteigän- sie los, kratzen mit Metallhaken an langen
ten. Toten Feinden rissen sie das Herz her- ger sogar zur Senatorin gebracht. Stangen spiralförmige Rillen in die Gum-
aus und verschlangen es, damit die Kraft „Warum Charles Taylor?“, fragt sie: mibäume. In denen läuft dann der weiße
der Besiegten auf die Sieger überginge. „Hier laufen etliche andere herum, die es Kautschuk-Saft nach unten und wird in ei-
Dabei war der Staat, der da in einer Orgie auch verdient hätten, vor Gericht zu ste- ner Kokosnussschale aufgefangen. Für eine
von Gewalt unterging, einstmals die Hoff- hen.“ Und fährt düster fort: „Wer weiß, ob Tonne dieses Stoffs zahlte der Zwischen-
nung Tausender Sklaven aus den USA ge- er das Ende des Prozesses überhaupt er- händler bisher 500 Dollar – viel Geld in ei-
wesen: „Die Liebe zur Freiheit brachte uns lebt. Auch MiloΔeviƒ ist unter merkwürdi- nem Land, in dem die Mehrheit der Men-
her“, heißt es auf dem Landeswappen. Der gen Umständen in der Haft gestorben.“ schen mit weniger als einem Dollar pro
Presbyterianer-Geistliche Robert Finley hat- Die Regierung Johnson-Sirleaf habe zu Tag überleben muss.
te 1816 in Washington die American Colo- schnell zu viele Menschen aus der Armee Jenkins Steward ist stolz auf das, was er
nization Society gegründet. Deren Ziel: Frei- und den Sicherheitskräften entlassen, klagt und seine Kameraden aufgebaut haben:
gelassene Sklaven sollten ihren eigenen Staat Taylor. Ferner müsse die Privatisierung der „Hier gibt es weniger Kriminalität als in
erhalten auf dem Schwarzen Kontinent. Minen und Plantagen behutsam vorange- Monrovia“, sagt er. „Wir haben Arbeit, un-
Auf US-Kriegsschiffen segelten bald die hen, wesentlich schneller dagegen der Rei- sere Frauen leben hier. Niemand von uns
ersten Pioniere nach Afrika. Die Neuan- sebann der Uno gegen die Warlords aufge- will mehr kämpfen.“ Die Kindersoldaten von
kömmlinge bildeten von Anfang an die hoben werden – alles Forderungen, die bei Guthrie hatten sich auf der Plantage ihre ei-
Oberschicht in Liberia. Sie imitierten den der Gefolgschaft ihres Ex-Mannes Wirkung gene kleine Republik geschaffen. Es gab ei-
Lebensstil ihrer einstigen Herren und pro- zeigen. In Monrovia glauben viele, Jewel nen Exekutivrat und eine Art Parlament.
menierten in Frack und Melone durch Taylor wolle bei der nächsten Präsident- So viel Selbstbestimmung mochte die
Monrovia. Nur die Siedler und ihre Nach- schaftswahl gegen Johnson-Sirleaf antreten. Regierung in Monrovia aber doch nicht
kommen durften wählen, sie besetzten die dulden. Vor kurzem nahm sie die Plantage
wichtigsten Posten in Staat und Wirtschaft. GUINEA wieder in Besitz. Die Ernte nimmt jetzt ein
SIERRA
Diese Form schwarzer Apartheid hielt LEONE staatlicher Agent entgegen, für den Bruch-
sich erstaunlich lange. Erst am 12. April teil des bisher gezahlten Preises.
1980 drang eine Gruppe rebellischer Sol- ELFEN- Manche der Kriegskinder verschwanden
daten in den Präsidentenpalast vor. Ihr An- BEIN- daraufhin aus Guthrie. Sie irren nun er-
Monrovia KÜSTE
führer, Stabsfeldwebel Samuel Doe vom neut durch das zerstörte Land und stehlen
Stamme der Kran, ließ den Präsidenten in LIBERIA sich ihren Lebensunterhalt zusammen.
seinem Bett abschlachten und übernahm Andere wiederum sind in den Nachbar-
dessen Amt. Als Erstes bemühte sich das staat Elfenbeinküste weitergezogen, wo
neue Staatsoberhaupt, Lesen und Schrei- jetzt ebenfalls ein Bürgerkrieg tobt. Die
ben zu lernen. Ansonsten begnügte sich 200 km Rebellen dort zahlen fürs Töten fünf Dollar
Doe damit, alle Posten mit seinen Stam- pro Tag. Jan Puhl

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Ausland

SH A NGHAI Bastion der Widerständigen


Global Village: Wie im Zentrum der 18-Millionen-Metropole Shanghai Alteingesessene
der Moderne trotzen – als Zeugen einer längst vergangenen Zeit

D
ie Gasse der Tugendhaften liegt nur Früher als in jeder anderen Stadt Chinas Zhou ist 90, schon das allein sichert ihm
ein paar Schritte von den Schau- gab es in Shanghai Autos, Telefon und Respekt in der Gasse der Tugendhaften.
plätzen des untergegangenen Sün- elektrische Straßenlaternen. Höher als in Hinzu kommt, dass er Englisch spricht, an
denbabels entfernt – von den alten, Na- jeder anderen Stadt der Welt sind heute die der Abendschule studiert und sich unlängst
gelschuppen genannten Billigbordellen am Hotels, verrückter die Entwürfe der inter- vom Ersparten ein Wannenbad geleistet
Südufer des Suzhou-Creek, den besseren nationalen Star-Architekten. Der Super- hat. Verwandte und Nachbarn lauschen,
Etablissements an der Straße der Glücks- lativ markiert den Pegel Normalnull im wenn der fusselbärtige Zhou vom alten
suche und den Opiumhöhlen, wo sich in Selbstverständnis der Stadt. Veränderung Shanghai erzählt.
Fahrrad-Rikschas angekarrte Kundschaft ist ihr Treibstoff, Überkommenes ihr natür- Davon, wie er bis zum Krieg mit den
aus langstieligen Pfeifen versorgte. licher Feind. Von den alten Wohnvierteln, Japanern 1937 als Buchhalter mit hölzer-
Die Gasse der Tugendhaften war eine die es noch vor drei Jahren gab, werden nem Rechenbrett die Bilanzen der berühm-
Bastion der Widerständigen im wild wu- nach Architekten-Schätzungen bis 2010 an ten US-Reederei Robert Dollar in Shanghai
chernden Shanghai der Zwischenkriegs- die 95 Prozent verschwunden sein. besorgte. Wie ihn Kollegen zu gebratenen
zeit. Noch jetzt, im 21. Jahrhundert, trotzt Denn 2010 ist Shanghai Gastgeber der Shrimps und Whisky ins kantonesische
das Knäuel flacher Ziegelbauten den An- Weltausstellung, der Expo. Bis dahin will Restaurant an der Straße der Glückssuche
fechtungen der Moderne. Mit endlosen sich die Stadt weiter in Form bringen, das schleppten, wo chinesische Kurtisanen
Fluchten finsterer Einzimmerwohnungen, heißt: die städtebauliche Achse von der rund um den Tisch Shanghaier Variatio-
mit Garküchen unter freiem nen der Pekingoper zum Bes-
Himmel und greisen Bewoh- ten gaben. Und anschließend,
nern, die als Schutzwall zwi- im Einzelfall, auch noch mehr.
schen sich und das neue Zhou ist sein Leben lang
Shanghai Erinnerungen schie- Buchhalter gewesen, unter
ben – wiedergegeben in der amerikanischen Vorgesetzten,
Sprache ihrer Kindheit, dem unter japanischer Besatzung,
alten Dialekt dieser Stadt. unter der Regentschaft von
An den Außenwänden des Chinas Kommunisten ab 1949.
traditionellen Shikumen, der Er hat sein Leben lang Gewin-
backsteinernen Kleineleute- ne mit Verlusten verrechnet.
siedlung nahe dem Suzhou- Kaum in Rente, schrieb er auf
Creek, brechen sich die gewal- Bitten der Partei noch die Chro-
tigen Wellen der Bauwut, die nik seines Bezirks nieder – je-
das historische Zentrum der ner Viertel, in denen das Herz
RYAN PYLE / WPN

18-Millionen-Metropole Shang- des alten Shanghai schlägt.


hai hinwegzuspülen drohen. Dies war eine delikate Auf-
Längst umzingeln Wolkenkrat- gabe. Der damalige Generalse-
zer die Gasse der Tugendhaf- Chronist Zhou: „Unsere Geschichte stirbt“ kretär der KP, Jiang Zemin,
ten wie Wachtürme ein Frei- hatte zuvor als Bürgermeister
lichtmuseum. Einen Ort, der aus Zeit und Horizontalen in die Vertikale kippen, wei- die Entwicklung Shanghais verantwortet.
Raum gefallen scheint. ter in den Himmel wachsen. Um in die Der amtierende Bürgermeister Zhu Rongji
In der Gasse der Tugendhaften teilen Zukunft zu schauen, müssen die Menschen bastelte an seinem Aufstieg zum Premier.
sich 958 Familien knapp einen Quadrat- aus der Gasse der Tugendhaften nur Und der vielversprechende Parteikader
kilometer Lebensraum. Gewohnheit glie- durchs Steintor treten und nach Norden Chen Liangyu sah Herrn Zhou bei der Ar-
dert die Tage. Vormittags versammeln blicken, über den Suzhou-Creek hinüber beit persönlich über die Schulter.
sich Greise, kaum dass ein wenig Winter- ans andere Ufer. Herr Zhou machte keine Fehler und lob-
sonne die Smogglocke der Stadt durch- In den Trümmern der dortigen Häuser te die Errungenschaften der roten Revolu-
dringt, auf Holzbänken in der Mittelgasse klettern Arbeiter herum, Mörtel von Stei- tionäre in wunschgemäßem Umfang. Sein
zum Plausch. Mittags wird vor den Häu- nen klopfend, die anderswo wiederver- Zimmernachbar Chen stieg später zum
sern Gemüse gewaschen, geputzt und wendet werden sollen. Im Gewirr der Parteichef von Shanghai und Politbüro-
Fleisch geschmurgelt. Das Abendpro- feuchten Gassen, in armseligen Einzim- Mitglied auf. Als er im September 2006
gramm läutet der Marsch in die zentralge- merwohnungen mit unter die Decke ge- verhaftet wurde, unter dem Vorwurf, 30
legene Kloake ein – zur Entleerung der zwängten Bettenbuchten warten Alte auf Millionen Euro für sich abgezweigt zu ha-
vollen Nachttöpfe. Danach schlüpfen die den Abmarschbefehl in Wohnsilos der ben, war das Schicksal des verschachtelten,
Alten in ungeheizte Zimmer, Fernsehzeit. äußeren Vorstadt. Was auf der anderen anarchischen Shanghai der Dreißiger schon
Langsam senkt sich Stille über die Sied- Seite des Flusses geschehe, tue ihm im so gut wie entschieden.
lung. Nur von umliegenden Großbaustel- Herzen weh, sagt Zhou Yougang aus der Ein restauriertes, in die Schlagschatten
len dringt weiter das Gedröhn der Press- Gasse der Tugendhaften: „Mit den alten von Wolkenkratzern geducktes Viertel
lufthämmer herüber, die 24-Stunden-Ton- Vierteln, den Shikumen, stirbt das Ge- rund um die Gasse der Tugendhaften am
spur der Megalopolis am Ostchinesischen dächtnis von Shanghai. In ihm sind unsere Suzhou-Creek wird künftig erinnern an
Meer. Erinnerungen, unsere Geschichten.“ das, was verschwand. Walter Mayr

94 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
Szene Kultur
FILMWIRTSCHAFT

Neue deutsche
Kinowelle
A ufatmen in der Filmbranche: Ein
Besucherplus von etwa 10 Prozent
und ein Marktanteil deutscher Produk-
tionen von um die 20 Prozent für 2006
lassen das katastrophale Vorjahr verges-
sen und Kinobesitzer, Verleiher wie
auch Produzenten selten einmütig
frohlocken. Dabei waren die Besucher-
zahlen im WM-Monat Juni auf einen

NICOLAS A. BAGINSKY
historischen Tiefstand gefallen. Doch
der Sommerflaute folgte der goldene
deutsche Herbst: Allein die drei
einheimischen Filme „Das Parfum“,
Bleibtreu bei Proben zu „Nachtgespräche mit meinem Kühlschrank“ „Deutschland – Ein Sommermärchen“
und „Sieben Zwerge – Der Wald ist
T H E AT E R nicht genug“ verbuchten in gut zehn
Wochen zusammen über 12 Millionen

„Frauen in meinem Alter sind Zuschauer. Auch US-Blockbuster wie


das Animationsspektakel „Ice Age 2 –
Jetzt taut’s“ (8,7 Millionen Zuschauer)

immer tragisch“ und der Piratenfilm „Fluch der Karibik


2“ (7 Millionen) sorgten zuverlässig für
Kassenerfolge. Neben der Publikums-
Die Schauspielerin Mo- Bunzel, der einst ein sehr erfolgreicher wirksamkeit vieler Produktionen liegt
nica Bleibtreu, 62, über Schauspieler war und nun über sein ein Grund für das Comeback des Kinos
ihre Männerrolle in Leben reflektiert. wohl auch darin, dass die DVD den
Klaus Pohls Stück SPIEGEL: Männer, die es zu nichts brin- Reiz der Neuheit und damit an Attrakti-
ULLSTEIN BILDERDIENST

„Nachtgespräche mit gen, sind an sich komisch? vität verliert. Nach Jahren rasanter Um-
meinem Kühlschrank“, Bleibtreu: Komischer als Frauen jeden- satzzuwächse gingen die Zahlen beim
das am 5. Januar im falls. Frauen ohne Erfolg sind sofort Verleih und Verkauf der Silberscheiben
Hamburger St. Pauli tragisch, da kommt beim Publikum kein nun erstmals zurück.
Theater Premiere hat Schmunzler zustande. Wenn Frauen in
meinem Alter auf der Bühne und im
SPIEGEL: Frau Bleibtreu, Klaus Pohl hat Film heutzutage über ihre Situation re-
das Stück eigens für Sie geschrieben. den, sind sie immer tragisch, verlassen,
Warum musste es unbedingt eine Män- verbittert oder arm.
nerrolle sein? SPIEGEL: Sie selbst werden mit zuneh-
Bleibtreu: Wir hatten erst mit einer Frau- mendem Alter immer erfolgreicher.
enrolle angefangen. Das Thema des Bleibtreu: Das liegt daran, dass ich so
Stücks sind erfolglose Schauspieler. Dar- lange nur Theater gespielt habe und erst
KPA / PICTURE ALLIANCE / DPA

aus wollten wir eine Komödie machen, spät freiberuflich tätig geworden bin. Ich
und ich wollte endlich mal eine komi- geniere mich auch nicht, anders als ei-
sche Alte spielen. Bei der Arbeit haben nige Kolleginnen, alte Frauen zu spielen.
wir jedoch gemerkt, dass erfolglose In dem neuen Kinofilm „Vier Minuten“
Frauen überhaupt nicht komisch sind. spiele ich eine 80-Jährige. Das hat un-
Deshalb spiele ich eben diesen Ulrich geheuer Spaß gemacht.
Szene aus „Sieben Zwerge – Der Wald …“

SACH BUCH nung mit dem Freund und Genossen“, ten Gegend. Erst die Nazis beendeten
die „diese Gegend so behaglich macht“. die soziale, kulturelle und religiöse Blü-
Klein-Jerusalem Das Wohngebiet westlich der Alster hat-
te sich Anfang des 20. Jahrhunderts
te. In ihrem Buch „Eine verschwundene
Welt – Jüdisches Leben am Grindel“
an der Alster zum jüdischen Zentrum Hamburgs ent-
wickelt. Die größte Synagoge Nord-
(Verlag zu Klampen!; 360 Seiten; 34
Euro) lassen die Herausgeber Ursula

D er Grindel habe einen „besonderen


Pulsschlag“, schrieb einst der jüdi-
sche Rektor Ernst Cassirer über das
deutschlands, die traditionsreiche Tal-
mud Tora Schule, koschere Läden und
jüdische Kultusverbände machten den
Wamser und Wilfried Weinke persönli-
che Erinnerungen, historische Fotos
und künstlerische Arbeiten Zeugnis ge-
Viertel, in dem die Hamburger Univer- Grindel für die meisten der 20 000 jüdi- ben von dem Viertel, das die Hambur-
sität beheimatet ist. Es ist „die Begeg- schen Bürger Hamburgs zur bevorzug- ger einst „Klein-Jerusalem“ nannten.
d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 97
Ahmadinedschad (M.)

und wir dachten eigentlich: Es muss de-


nen doch auffallen, dass wir mit unserem
bewusst holprig formulierten englischen
Anzeigentext in Wahrheit etwas ganz an-
deres im Schilde führen.

REUTERS
SPIEGEL: Erfüllt es Sie mit Genugtuung,
sich mit einem Mann anzulegen, der oh-
nehin schon weltpolitisch geächtet ist?
AKTIONSKUNST Egesborg: Zunächst wurde uns vor allem
ein bisschen mulmig. Man weiß ja nie, wie

„Spaß mit Despoten“ solch autoritäre Staaten reagieren. Aber


ich hoffe, dass man im Iran inzwischen
mehr damit beschäftigt ist, auf die Uno-
Jan Egesborg, 44, Chef der Mohammed-Karikaturen in dänischen Sanktionen zu reagieren, als sich mit einer
der dänischen Aktions- Zeitungen ausgegeben haben sollen. Künstlergruppe in Dänemark anzulegen.
künstlergruppe Sur- SPIEGEL: Als Absender steht in der An- SPIEGEL: Was hat es eigentlich mit Kunst
rend, über eine von zeige „Dänen für den Weltfrieden“. Be- zu tun, ausländische Machthaber zu be-
ihm in der „Tehran fürchten Sie nicht, dass Sie durch Ihre leidigen?
Times“ veröffentlichte Provokation das seit dem Karikaturen- Egesborg: Kunst soll doch auch Spaß ma-
Anzeige, die den irani- streit angespannte Verhältnis zwischen chen und Emotionen erzeugen. Das tun
SRDJAN ILIC / AP

schen Präsidenten Mah- den muslimischen Staaten und Dänemark unsere Aktionen. Das war auch schon so,
mud Ahmadinedschad noch weiter belasten? als wir Simbabwes Präsidenten Robert
verhöhnt Egesborg: Wir haben die Bezeichnung
„Dänen für den Weltfrieden“ gewählt,
SPIEGEL: Herr Egesborg, Ihre Annonce da sich der Aktionsname Surrend mögli-
scheint vordergründig das Teheraner Re- cherweise schon als verdächtig herumge-
gime in seinem Kampf gegen US-Präsi- sprochen hat. Den Iran haben wir uns
dent George W. Bush zu unterstützen. ausgesucht, weil das Regime unter Ahma-
Wenn man allerdings die Anfangsbuch- dinedschad nach unserer Ansicht zu den
staben Ihrer Botschaft liest, ergibt sich schlimmsten und repressivsten der Welt
das für Muslime besonders beleidigende gehört. Und im Übrigen ist Ahmadine-
Wort „SWINE“ („Schwein“) gleich ne- dschad ja selbst ein großer Weltprovoka-
ben dem Bild des Präsidenten. Hat teur. Wir wollten ihn mit seinen eigenen
Ahmadinedschad schon darauf reagiert? Waffen schlagen. Egesborg-Anzeige
Egesborg: Nein, der Präsident hat sich bei SPIEGEL: Wie haben Sie eigentlich Ihre
uns nicht gemeldet. Aber ich habe gehört, Annonce an der iranischen Zensur vor- Mugabe in Anspielung auf seine Kor-
dass der Chefredakteur der „Tehran beigeschleust? ruptheit empfohlen haben: „Versuch’s
Times“ ziemlich wütend auf uns ist. Wir Egesborg: Wir waren selbst erstaunt, wie doch mal mit einem ausländischen Bank-
sollen seine Zeitung missbraucht haben, einfach das war. Die Herren in Teheran, konto.“ Wir produzieren globale politi-
indem wir die Annonce als eine Art Wie- mit denen wir am Telefon verhandelt ha- sche Kunst, indem wir uns öffentlich
dergutmachung für die Veröffentlichung ben, sprachen ausgezeichnetes Englisch, einen Spaß mit Despoten machen.

AU S ST E L L U NGE N menta-Fläche aus. Tagsüber soll das Publikum hineinströmen,


abends drum herum flanieren. Denn in der Dunkelheit ver-
Nächtliche Verwandlung wandelt sich dieses Gebilde durch Licht- und Soundinstallatio-
nen endgültig zum eigenständigen Mega-Kunstwerk. Insofern

E twa drei Millionen Euro wird dieser Großpavillon kosten


und, zumindest aus der Luft, wie eine konstruktivistische
Skulptur wirken: eine, auf die bald die Kunstwelt blickt.
ist der Betrag von drei Millionen Euro nicht sonderlich hoch.
Aber die Budgetfrage ist ein heikles Thema. Insgesamt beträgt
der Etat 19 Millionen Euro. Der Pavillon ist nicht eingerechnet,
Gemeint ist ein Museum auf Zeit, das das seine Finanzierung nicht einmal zur Hälfte
französische Architektenduo Anne Lacaton gesichert. Documenta-Chef Roger Buergel
und Jean-Philippe Vassal für die Dauer der aber lässt sich nach eigener Aussage „nicht
nächsten Documenta in der idyllischen verrückt machen“, er hofft darauf, dass
Kasseler Karlsaue errichten will. Die durch Sponsoren und Mäzene Geld „in die
berühmteste aller Kunstschauen beginnt im klammen Kassen gespült wird“. Auf seiner
TIM HUPE ARCHITEKTEN

Juni und findet an verschiedenen Stand- Documenta soll überhaupt eine großzügige
orten in Kassel statt. Der temporäre Bau im Atmosphäre herrschen, auch räumlich ge-
Karlsauen-Park wird eine Hülle aus Poly- sehen. Das gilt für den Karlsauen-Bau und
carbonat, also Plastik, erhalten und extrem auch das altehrwürdige Museum Fridericia-
weitläufig sein. Seine 12 000 Quadratmeter num, wo bereits etliche Wände herausge-
machen sogar einen Großteil der Docu- Entwurf des Aue-Pavillons rissen wurden.
98 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
Kultur
L I T E R AT U R

Stockholmer Bel Ami


D as waren Zeiten, als ein König noch

GAETAN BALLY / KEYSTONE ZÜRICH / DPA (L.); LEONARD ZUBLER (R.)


unbeschützt und unbehelligt durch
seine Hauptstadt spazieren konnte und
die Bürger zogen respektvoll den Hut.
Stockholm vor gut hundert Jahren. Der
junge Mann namens Tomas, der in kon-
fuser Hast auf der Promenade den
König anrempelt und sich beschämt da-
vonmacht (was ohne Folgen bleibt), ist
der Held der 1895 erschienenen „Verir-
rungen“ von Hjalmar Söderberg (1869
bis 1941). Der Roman, Erstling des spä-
ter berühmt gewordenen Autors, hat
damals aus anderen Gründen Aufsehen
erregt, nämlich durch seine kühl realis-
Zürcher Schauspielhaus Hartmann tische Amoral. Der Medizinstudent
Tomas verführt nacheinander zwei ehr-
I N T E N DA N T E N dem Theaterpersonal verstricken, den bare Mädchen. Einen Sommer lang ver-
er schließlich gegen die Gewerkschaft folgt er beide Affären: ein Bonvivant
Theaterstreit in Zürich verlor: Seine Dienstherren in Zürich
schlossen (in schönster Schweizer Har-
wie Maupassants „Bel Ami“. Das be-
sonders Realistische dieses „Sitten-

P lötzlich ist der große Bürgerschmeich-


ler Bürgerschreck: Als Bochumer
Theaterintendant begeisterte Matthias
monieseligkeit) gegen seinen Willen
einen Kompromiss, der dem Theater
laut Hartmann pro Jahr „600 000 bis
romans“: Die beiden Mädchen werden
für ihre liebende Hingabe vom Leben
bitter bestraft, der Verführer geht ohne
Hartmann, 43, bis 2005 eine ganze Stadt 800 000 Franken“ zusätzliche Lohn- ernsthafte Blessuren seiner Zukunft
für sich; in seinem aktuellen Job als kosten verursacht, die nicht in seinem entgegen. Doch nicht nur das damals
Künstlerischer Direktor des Zürcher Budget eingeplant seien. „gewagte“ Sujet macht heute den Reiz
Schauspielhauses jedoch brachte er die Bis Ostern 2007 soll Hartmanns Nach- von Söderbergs Roman
halbe Stadt gegen sich auf. Zunächst folger benannt werden. Als Kandidaten aus, der nach rund 90
verschreckte der aus Osnabrück stam- gelten Ulrich Khuon, derzeit Chef am Jahren erstmals wieder
mende Theaterchef die Schweizer durch Hamburger Thalia Theater, die Regis- auf Deutsch erschienen
ziemlich burschikose Reden über die seurin Barbara Frey und der Dramaturg ist, sondern ebenso sein
angebliche Tücke ihres Charakters („Ich Thomas Oberender. Schmollend knapper, pointiert „mo-
vermisse zuweilen das Direkte im Um- warnt Hartmann (dessen Haus gerade derner“ Erzählton und
gang“); dann verkündete er, er werde mit der neuen Yasmina-Reza-Komödie eine verblüffende Bild-
eine Ausstiegsklausel nutzen und ein „Der Gott des Gemetzels“ einen haftigkeit.
Jahr vor Vertragsende schon 2009 ans Triumph feierte) seine Nachfolger, der
Burgtheater nach Wien wechseln. Zum Job verdiene den Namen nicht: „Ein Hjalmar Söderberg: „Verirrun-
gen“. Aus dem Schwedischen von
Schluss ließ sich Hartmann noch in ei- Theaterleiter im Sinn des Wortes ist in Verena Reichel. Piper Verlag,
nen monatelangen bösen Tarifstreit mit Zürich nicht gefragt.“ München; 208 Seiten; 16,90 Euro.

Kino in Kürze

„Déjà vu – Wettlauf gegen die Zeit“. Zurück „Der weiße Planet“. In diesem Dokumen-
Szene aus „Déjà vu“ in die Zukunft in Zeiten des Terrors: Um tarfilm ist die Geburt eines Eisbärenbabys
in New Orleans rückwirkend einen An- erstmals aus nächster Nähe zu sehen. An-
schlag zu verhindern, lässt sich ein Poli- gesichts solch bewegender Naturaufnah-
zist (Denzel Washington) mit einer Ma- men setzen die Dokumentaristen Thierry
TOUCHSTONE PICTURES & JERRY BRUCKHEIMER FILMS

schine in die Vergangenheit schicken. Der Piantanida und Thierry Ragobert in alter
Fluch der Technik will es, dass er nur französischer Tierfilmersitte zu poetischen
viereinhalb Tage zurückkann, sonst hät- Höhenflügen an und dichten Walrosse zu
te er vielleicht noch Hurrikan „Katrina“ den Philosophen der Arktis um. Und tat-
oder den italienischen WM-Sieg abwen- sächlich: Den Tieren wachsen Sloterdijk-
den können. Seltsamerweise lässt der von Schnauzer. Kein Wunder also, dass dieser
Tony Scott inszenierte Film den Helden vom Bund für Umwelt und Naturschutz
unsinnige Pausen einlegen und im Plus- unterstützte Film die Zuschauer ein-
quamperfekt rumtrödeln. Vor Zeitreisen- dringlich vor der Erderwärmung warnt:
den sei gewarnt: Sie verschwenden die Wenn das Walross schwitzt, wird für die
Minuten, als gäbe es kein Morgen. Menschen das Eis immer dünner.

d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 99
Titel

Philosophen im Zeichen von Vorsehung und Verhängnis

RUE DES ARCHIVES / GRANGER COLLECTION


ERICH LESSING / AKG

FELIX H. MAN / BPK

GETTY IMAGES
AKG

Aristoteles Seneca Montaigne Heidegger Wittgenstein

Der Schatten
Schicksal
An Silvester haben Wahrsager und Sterndeuter
Hochkonjunktur. Alles Scharlatane, wie die Aufklärung warnt?
Nein – sie befassen sich mit dem, was seit Jahrhunderten
„Schicksal“ heißt. Viele Menschen können von diesem Wort
nicht lassen. Recht haben sie. Von Mathias Schreiber

D
enn er wusste nicht, was er tat: und verärgert, davon. Das Jugendidol James
Der amerikanische Filmschauspie- Dean, der unverschämt gut aussehende Ki-
ler James Dean ist stolz auf seinen noheld, der bisexuelle Mädchenschwarm,
neuen Porsche und fährt vor bei der bild- die Personifikation von Lässigkeit, Lei-
hübschen jungen Kollegin Ursula Andress, denschaft, Melancholie und pubertärem
dem Fräuleinwunder aus der Schweiz, das Eigensinn – sie gibt ihm einen Korb.
später, als schaumgeborene Nixe aus dem Am Tag darauf rast er los und fährt, am
Meer steigend, Ruhm in einem James- 30. September gegen 18 Uhr, auf eine
Bond-Thriller ernten durfte. Dean, 24 Jah- Kreuzung zu. Ein großer Ford kommt von
re alt, ist gerade gefeiert worden für seine vorn, der über seine Spur hinweg abbiegen
Rolle in dem Hollywood-Film „Jenseits will, aber nicht auf den Gegenverkehr ach-
von Eden“ (der Kinostart von „Denn sie tet. „Der Kerl muss doch stehenbleiben“,
wissen nicht, was sie tun“ steht unmittelbar schreit James Dean hinüber zu seinem Bei-
bevor). Er möchte, dass die Schöne, der er fahrer, einem Mechaniker der Firma Por-
schon mal einen Heirats- sche. Der Kerl bleibt nicht
antrag gemacht hat, ihn stehen, die Fahrzeuge
am nächsten Tag zu ei- knallen ineinander, James
nem Autorennen nach Sa- Dean wird beinahe ge-
linas, Kalifornien, beglei- köpft („Genickbruch“),
tet. Er will dort selbst der Beifahrer überlebt
starten. Es ist der sonnige trotz Verletzungen.
29. September 1955. Eine Woche vorher hat-
Um ein Haar wäre Ur- te Autonarr Dean in ei-
sula Andress mitgefahren. nem Restaurant den bri-
LYLE OWERKA / GAMMA / STUDIO X

Aber da steht, „wie der Zu- tischen Schauspieler Alec


fall spielte“ (so die James- Guinness getroffen und
Dean-Biografen Joe und ihm stolz sein neues Ge-
Jay Hyams), plötzlich ein schoss gezeigt. Nachdem
Mann, der Schauspieler Dean ihm die brillan-
John Derek, in den sie ten Fahreigenschaften des
seit längerem verliebt ist, Sportwagens erläutert hat,
vor ihrer Haustür. Dean Terroranschlag in New York 2001 findet Guinness, das Auto
OKAPIA

Schicksalsbote Komet Hale-Bopp (1997) braust, etwas eifersüchtig Ein Tag, der alles verändert sehe beinahe bösartig aus,
d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 101
MARIO SARRI / BPK

Wahrsagerin Sibylle von Delphi (Fresko von Michelangelo, 1510): Nach der Betrachtung des Himmels der Blick auf das Kommende

und sagt: „Bitte steigen Sie niemals hinein. Jahrhunderten beschworen – in der Form scheinbar beherrscht, kann dem Dramati-
Wir haben heute Freitag, den 23. Septem- „Schicksel“ (das durch die Vorsehung Ge- ker Franz Grillparzer nicht mehr folgen,
ber, und jetzt ist es genau 22 Uhr. Wenn Sie schickte) von den Deutsch Sprechenden wenn der dem „Schicksal“ attestiert: Sei-
in diesen Wagen steigen, werden Sie in- seit dem 17. Jahrhundert, dem Jahrhundert nes „Donnerwagens Lauf hält kein sterb-
nerhalb einer Woche damit tödlich verun- des Dreißigjährigen Krieges. lich Wesen auf“.
glückt sein.“ Danach gehen sie essen. „Das ist eben Schicksal“: So kommt es Ist nicht alles Zufall, was sentimentale-
Alec Guinness hat Deans Tod exakt vor- bis heute fast jedermann leicht über die re Menschen „Schicksal“ nennen? Ist nicht
hergesagt. Was hat ihn dazu befähigt? Eine Lippen, wenn etwas anscheinend Unabän- die Natur, und dazu gehören auch die
innere Stimme, ein geheimnisvoller Sensus derliches, Zwingendes und zugleich Wich- menschliche Psyche und das Weltall, längst
für Schicksalhaftes? War es bloß Zufall? tiges geschieht, ohne dass er es wesentlich zum Gegenstand maschinengestützter
Als Ursula Andress ihren Part der un- beeinflussen kann – sei dies nun eine Na- Großforschung erkaltet, weshalb sie als
glaublichen Story bei einer TV-Sendung turkatastrophe, ein schrecklicher Unfall, Träger alter Schicksalsgedanken einfach
im Juni 2005 erzählt, wird sehr rasch deut- ein terroristischer Anschlag, eine histori- ausfällt?
lich: Jener Spätsommer vor einem halben Und der Rest wäre dann
Jahrhundert ist für sie mehr als ein wichti- Seit dem Dreißigjährigen Krieg halbseidene Esoterik, lächer-
ger Teil ihrer Biografie, da stand alles auf lich wie ein Horoskop, das –
dem Spiel, und ein unwahrscheinlicher reden die Deutschen vom Schicksal. so „Bild“ am 12. Dezember
Glücksfall hat ihr Leben gerettet. Dass 2006 – etwa einem Wasser-
John Derek genau im entscheidenden Au- sche Wende oder der Ausbruch einer un- mann unter der Rubrik „Liebe“ den sen-
genblick erschien, macht aus ihm einen heilbaren Krankheit, der Verlust eines ge- sationellen Rat gibt: „Sie brauchen heute
Engel. Der Tag, an dem James Dean ohne liebten Menschen, urplötzliche, unver- mal etwas mehr Zeit für sich“?
sie in den Tod fuhr, war für sie wie für ihn schuldete Arbeitslosigkeit. Auch eine neue Wenn nicht alles täuscht, feiert trotz sol-
ein „Schicksalstag“. Anders kann der Tag Liebe, das Glück, um Haaresbreite vor cher Bedenken das Wort „Schicksal“ eine
kaum genannt werden, obwohl nicht ganz dem Sturz in die Schlucht bewahrt wor- erstaunliche Wiederkehr. Aktuelle Umfra-
klar ist, was es heißt, dieses waldhonig- den zu sein, oder der innere Zwang einer gewerte, im Auftrag des SPIEGEL von
schwere Wort „Schicksal“. Obsession werden „schicksalhaft“ genannt. TNS Infratest in der dritten Dezember-
Der Philosoph Martin Heidegger be- Kein Zweifel: Das große, leicht überfor- Woche ermittelt, sagen aus: Sehr viele
zeichnet es in seinen Hölderlin-Vorlesungen derte Wort „Schicksal“ schillert und riecht Deutsche, immerhin 52 Prozent der Er-
1934/35 als „dieses wesentlich deutsche nach Denkfaulheit. Ist es noch zeitgemäß? wachsenen, glauben, dass immer oder
Wort“. Das „gewaltige“, „ewige Schicksal“, Der aufgeklärte Nutzer einer Computer- manchmal eine höhere Macht ihr Leben
das Goethe an die Seite der „allmächtigen kultur, die weltweit alles in Zahlen, Tabel- beeinflusst; von diesen wiederum den-
Zeit“ rückt: Es wird von den Menschen seit len und Internet-Dossiers erfasst und damit ken 32 Prozent dabei an die Macht des
102 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
Titel

„Schicksals“, 10 Prozent nennen sie lieber Schicksalsformulierungen provoziert ha- schellte. Die vierfache Katastrophe, bei der
„Zufall“. 52 Prozent – von den Ostdeut- ben, bietet die Geschichte reichlich: etwa etwa 3000 Menschen starben, war von is-
schen nur 37 – geben dieser höheren den 18. Oktober 1813, als sächsische Sol- lamistischen Terroristen inszeniert, inso-
Macht den Namen „Gott“. daten überraschend die Seite wechseln und fern relativ klar zuzuordnen und kein klas-
Darf man viele Millionen Mitbürger, so Napoleons Niederlage in der Völker- sischer Schicksalsschlag. Als schicksalhaf-
mehr als die Hälfte der deutschen Bevöl- schlacht bei Leipzig einleiten; Historiker te Überwältigung erlebten sie aber viele
kerung – bei den 18 bis 29 Jahre jungen sagen, dies sei die Geburtsstunde des deut- Betroffene: Passagiere und deren Ange-
sind es sogar 55 Prozent –, wegen ihres schen Patriotismus gewesen. Oder den 9. hörige, Feuerwehrleute, Büroangestellte,
Glaubens an eine höhere Macht in Bausch November 1989, als die Berliner Mauer Passanten, Touristen, Journalisten.
und Bogen als irrational oder unaufgeklärt sich plötzlich öffnet und viele Bürger die- Deren Erzählungen schockierten den
abwerten? Wohl nicht. se Wende nicht anders zu bewerten wissen Rest der Welt kaum weniger als die un-
Erst recht nicht, wenn diese Zahlen im als mit dem Ausruf: „Wahnsinn!“ glaublichen Fernsehbilder der brennenden
Kontext kultureller Auffälligkeiten be- Ein denkwürdiger Tag der Tage, der Türme, aus denen Menschen in den Tod
trachtet werden: TV-Verfilmungen schick- nicht so weit zurückliegt, bebt noch heute sprangen, die wie Puppen oder Stuntmen
salhafter Geschichtsdramen – Bomben-In- besonders heftig nach: der 11. September in einem brutalen Thriller wirkten.
ferno über Dresden, Flutkatastrophe in 2001, jener sonnige Morgen, an dem zwei Als schicksalhaft im tragischen Sinn
Hamburg, Untergang des Segelschulschiffs entführte Passagierflugzeuge sich in das empfinden diesen Tag zum Beispiel die
„Pamir“ – haben Traumquoten. Bestsel- New Yorker World Trade Center bombten, Freunde von John O’Neill, dem langjähri-
lerautor und Thomas-Mann-Preisträger ein weiteres ins Pentagon stürzte und noch gen Anti-Terror-Chef der amerikanischen
Günter de Bruyn gibt seinem Großwerk eines bei Pittsburgh auf einem Feld zer- Bundeskriminalpolizei FBI. Er hat lange
über die deutsche Hauptstadt- vor dem 11. September Flug-
kultur um 1800 („Als Poesie zeugattentate der islamistischen
gut“) den Untertitel „Schick- Schauspieler Dean, Andress (1955) Terroristen um Osama Bin La-
sale aus Berlins Kunstepo- den für wahrscheinlich gehal-
che“. Grimme-Preisträger Jan ten und schon etliche einschlä-
N. Lorenzen untertitelt sein gige Spuren erfolgreich gesi-
neues Buch über „Die großen chert, ohne angemessen Gehör
Schlachten“ „Mythen, Men- gefunden zu haben. Und er ist
schen, Schicksale“. Zwei Bei- gerade mal 19 Tage in seinem
spiele der üppigen Schicksals- neuen Amt als Sicherheitschef
produktion 2006. des World Trade Center tätig.
Auch im Alltag dräut es: Sein Büro liegt im 34. Stock;
Hand- und Kartenlesen, Horo- kurz bevor die Türme zusam-
skoplektüre, Zukunftsprogno- menbrechen, kann er noch auf
sen – am häufigsten über das die Straße rennen und seiner
Klima – verheißen Schrecken Freundin übers Handy sagen,
und Freude, selbst simple wie sehr er sie liebe. Dann
Hoffnungsspender wie Huf- läuft er, wohl um zu helfen, zu
eisen, Amulette, Maskottchen, den Hochhäusern zurück und
Marienkäfer, Glückspfennige, stirbt in den giftigen, brennen-
MICHAEL OCHS ARCHIVES / CORBIS

Glücksschweine, Kleeblätter den Trümmern.


sind beliebt wie lange nicht. Ausgerechnet den Prophe-
Die Hamburger „Zeit“, das ten selbst ereilt das Schicksal
Flaggschiff bedenklicher Auf- in der Gestalt des von ihm Vor-
geklärtheit, titelte kurz vor hergesagten. Ausgerechnet …
Weihnachten über das Schick- Ausgerechnet am Tag der
salsthema „Die Macht der Katastrophe hat der Ehemann
Sterne“. der Anwältin Barbara Olson
Deans Porsche nach dem Unfall (1955)
Große Ereignisse der Histo- Geburtstag. Um mit ihm früh-
rie und Zeitgeschichte sind es stücken zu können, verschiebt
vor allem, die, allen sozialwis- sie den früher geplanten Flug
senschaftlichen und ökonomi- nach Los Angeles um 24 Stun-
schen Ursachenanalysen zum den. Nur deshalb gerät sie in
Trotz, als mysteriös schicksal- die Maschine, die dann auf ei-
JOHN SPRINGER COLLECTION / CORBIS

haft empfunden und etikettiert nen Flügel des Pentagon stürzt.


werden. Das passt zu jener Ab- Howard Lutnick, Chef der
wendung des Zeitgeistes von Handelsfirma Cantor Fitzge-
der fortschreitenden Verwis- rald, hält sich am selben Vor-
senschaftlichung der Welt, die mittag ausnahmsweise nicht im
in den achtziger Jahren als Nordturm des World Trade
„Postmoderne“ diskutiert wur- Center auf, weil er seinen Sohn
de und bis heute nachwirkt. zum ersten Vorschultag beglei-
Ein beliebtes Muster dafür, tet. Es gibt ein Foto, das ihn
ein erschütternd Unabänderli- Die schöne Schauspielerin Ursula Andress wäre Ende bei dieser Gelegenheit mit sei-
ches schicksalhaft zu deuten, September 1955 beinahe in den Porsche ihres aufstrebenden Kollegen nem fünfjährigen Sprössling
ist die Wendung vom Tag, der James Dean („Jenseits von Eden“) gestiegen, um dabei zu sein, wenn er zeigt. Ein Glücksbild – 658
„alles“ verändert hat, nach bei einem Autorennen in Salinas, Kalifornien, starten würde. Ein Engel hat Mitarbeiter der Cantor-Firma,
dem „nichts mehr so ist, wie sie davor bewahrt, mit Dean in den Tod zu rasen. Er hieß John Derek. darunter ein jüngerer Bruder
es war“. Tage, die solche des Chefs, werden, während
d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7 103
Titel

dieses Bild entsteht, zusammen mit 91 Pas-


sagieren verbrannt, erstickt, zermalmt, als
die American-Airlines-Maschine mit 30 000
Liter Kerosin im Tank den Nordturm des
Handelszentrums durchbohrt.
Lutnick fragte sich danach immer wie-
der: „Habe ich Glück gehabt? Oder ist es
eher Schicksal?“
Ein gutes Jahr nach dem 11. September
2001, im Oktober 2002, tanzen zwei deut-
sche Schwestern, Isabel, 24, und Valerie,
21, im Sari-Club in Kuta auf Bali. Wenig
später explodiert in ebendieser Discothek
eine Bombe und reißt 200 meist jugend-
liche Menschen in den Tod. Muslimische
Terroristen haben sie gezündet. Isabel und

SPIEGEL TV
Valerie sind zugleich geschockt und er-
leichtert: Glück gehabt. Die Weiterreise
nach Australien, ohnehin geplant, er- FBI-Fahnder O’Neill
scheint ihnen jetzt, so sagen sie, wie der
Beginn eines „neuen Lebens“. Osama Bin Laden stand
Zehn Tage später besuchen die jungen schon lange vor dem von ihm befohle-
Frauen den nordaustralischen Kakadu-Na- nen Terroranschlag auf das New Yorker
tionalpark. Sie campen mit einer Reise- World Trade Center ganz oben auf der
gruppe nicht weit von einem Fluss. Es ist Fahndungsliste des FBI-Mannes John
Vollmond und schwülwarm. Isabel geht O’Neill. Der erfolgreiche Kriminalpolizist
noch einmal schwimmen. Plötzlich ist sie hatte gerade seine neue Aufgabe als
verschwunden. Ein Krokodil hat sie ge- Sicherheitschef des Handelszentrums
schnappt, unter Wasser gezogen und er- übernommen, da passierte am 11. Sep-
tränkt. Als man das Tier zwei Tage später tember 2001 die Katastrophe der Flug-
findet, hält es die weitgehend unversehrte zeugattentate – er selbst fand in den
Feuerwehrmann, zerstörtes World Trade Center 2001
Leiche noch im Maul. Hochhaustrümmern den Tod.
Tollkühne Galoppaden durch die bayeri-
sche Landschaft hatte die blonde Isabel,
der kluge Spross einer adligen Familie, kühnen Hoffnungen erfüllten Ära“ der Ge- im Juli 1999 ein kleines Privatflugzeug, in
ebenso heil überstanden wie etliche Aben- schichte, wie Willy Brandt kurz nach dem dem auch seine Frau und seine Schwägerin
teuerreisen und gerade erst die Bomben- Attentat sagt. Noch in der Nacht zum 23. sitzen, in den Tod.
nacht auf Bali – und dann passierte dieses. November versammeln sich spontan rund Er stürzt fast in Sichtweite des Ortes
Doch das Schicksal ist keine Unheils- 60 000 Berliner zu einem Fackelzug, um Chappaquiddick ab. Dort war 30 Jahre zu-
garantie. Auch serielles Glück wirkt vor- den Ermordeten zu ehren. vor, nach einer heftigen Party, im Auto sei-
bestimmt: Der New Yorker Biophysiker Der Schicksalsmythos der Familie Ken- nes Onkels Edward, genannt Teddy, eine
Jorge Falus hat drei Katastrophen über- nedy wurde oft mit dem Hof des sagen- junge Frau ertrunken, die nicht dessen ei-
lebt: ein Erdbeben in Mexico City, das 1985 haften König Artus verglichen. Seine Wur- gene war. Senator Teddy hatte sich erst vie-
weit über 9000 Menschen in den Tod reißt, zeln liegen vor dem Attentat, zugleich er- le Stunden nach dem Unfall bei der Polizei
Falus befindet sich gerade in dem einzigen hält er immer neue Nahrung: 20 Jahre vor gemeldet. Der Skandal hat wohl den wei-
Haus, das von einem großen Häuserblock John F. Kennedys Ermordung befehligt teren Aufstieg von Teddy verhindert.
unversehrt bleibt; den Terroranschlag auf dieser ein Schnellboot der US-Marine im Vom „Fluch“, der auf der Familie Ken-
das New Yorker World Trade Center 2001, Pazifik. Sein Boot wird von Japanern ge- nedy laste, hörte man weltweit nicht erst
den er in einem Gebäude direkt neben den rammt und versinkt, doch er kann sich auf bei dieser Gelegenheit. Den Fluch ver-
Twin Towers übersteht; schließlich den eine winzige Insel retten. Eingeborene ent- edelte aber stets auch funkelnder Glanz,
Tsunami in Thailand im Dezember 2004, decken ihn und seine Kameraden später das Filmische all dieser tragischen Kenne-
wo er sich aus einem schwimmenden Jeep und bringen sie in Sicherheit. dy-Ereignisse, bis hin zum Geburtstags-
befreien und in den ersten Stock eines Als Präsident lädt er einige der Insulaner ständchen, das Marilyn Monroe ihrem Ge-
Hotels klettern kann. zum Dank ins Weiße Haus ein. Sie wollen liebten John F. öffentlich so darbrachte,
Der berühmtgewordene „Un-Glücks- gerade die wichtigste Reise ihres Lebens dass kaum noch Zweifel blieben an der
pilz“ („View“) zitiert seine Freunde: „Gib antreten und nach Washington fliegen, da Liaison der beiden. Wenig später nahm
uns Bescheid“, haben sie zu ihm gesagt, hören sie im Radio die Nachricht vom sich der Filmstar das Leben.
„wo du hinreist. Dann fahren wir in die Mord an ihrem Gastgeber. In dieser Jahrhundert-Familie scheint
Gegenrichtung.“ Fünf Jahre nach John F. wird sein Bru- tatsächlich „jeder Schicksalsschlag einem
An einem sonnigen Mittag, es ist der der Robert, in Johns Kabinett Justizminis- finsteren Drehbuch zu entstammen“, wie
22. November 1963 im texanischen Dallas, ter und inzwischen selbst auf dem Sprung Robert von Rimscha in seinem Buch „Die
wird US-Präsident John F. Kennedy, un- ins Präsidentenamt, in Los Angeles er- Kennedys – Glanz und Tragik des ameri-
terwegs in einem Straßenkreuzer mit of- schossen. Roberts Schwester Kathleen und kanischen Traums“ (2004) formuliert.
fenem Verdeck, aus dem Hinterhalt er- seine Schwiegereltern starben vorher bei Was haben die Tode von James Dean,
schossen. Der für einen Mann in diesem Flugzeugabstürzen. Johns einziger Sohn, der Familie Kennedy, von John O’Neill und
Amt mit 46 Jahren vergleichsweise junge der strahlende, 38-jährige Verleger und den anderen „9/11“-Opfern und von Isabel
„Jack“, wie ihn die Amerikaner nennen, Jurist John F. Kennedy Jr., genannt John- gemeinsam? Wieso wird John F. Kennedys
gilt damals trotz einiger Affären und Miss- John, der nette Junge, der unter Vaters Ermordung als schicksalhaft empfunden,
erfolge als Bannerträger einer „neuen, von Präsidenten-Schreibtisch spielte: Er steuert nicht aber die Tatsache, dass sein Mörder,
104 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
scheint dieser genau und rein auszuführen,
was jenes beschlossen hatte.“ Das heißt:
„Schicksal“ ist umfassender, rätselhafter,
auch faszinierender als „Zufall“. Und dar-
um dem Leben des Menschen, sofern es
mehr ist als das komplizierte Gestöber von
Materieteilchen, angemessener.
Menschen, die so denken, werden von
den ewig Nüchternen dieser Welt gern als
sinnsüchtige Phantasten betrachtet.
So räumt Bestsellerautor Stefan Klein
in seinem Buch „Alles Zufall“ (2004; siehe
auch SPIEGEL 33/2004) zwar ein, dass im-
merhin die Hälfte aller Deutschen „ein
planvolles Schicksal für ihren Lebensweg
verantwortlich“ macht. Aber zugleich wer-
tet er die Neigung vieler, den nackten Zu-
fall „zu leugnen“, als „Trick“ eines zu
selektiver Wahrnehmung entschlossenen
Gehirns ab und nimmt generell „unsere
hemmungslose Lust am Deuten“ für diese
Art von „Spökenkiekerei“ in Anspruch.
In einem Punkt verdient Klein Zustim-
mung: „Der Glaube an die Macht entwe-
der des Schicksals oder des Zufalls scheint
ein fester Zug unserer Persönlichkeit zu
sein.“ Lapidarer hat es der Philosoph Im-
manuel Kant 1766 formuliert: „Das Schat-
tenreich ist das Paradies des Phantasten.“
Eben: Schicksal ist ein Schattengewächs.
Und ohne Phantasie geht da gar nichts.
Allerdings entscheidet die Zuordnung
AP
bestimmter Charaktere zu einer bestimm-
ten Art der Wahrnehmung noch nicht über
der 24-jährige Lee Harvey Oswald, bald Gewehr des Todesschützen, das in Japan die Wahrheit des jeweils Wahrgenomme-
nach der Tat selbst erschossen wurde? Wie- … und so fort. Der Film erzählt Episoden nen. Immerhin gehören zu den „Phantas-
so haben die Menschen mit Isabel mehr aus vier Welten auf drei Kontinenten so ten“, die im „Schattenreich“ nach Schick-
Mitgefühl als mit irgendeinem anderen suggestiv, dass aus lauter scheinbaren Zu- salszeichen fahnden, jede Menge bedeu-
Unfallopfer? fällen ein geheimnisvolles Ganzes entsteht: tender Geister der Kulturgeschichte.
Es handelt sich stets um besondere Um- ein Schicksalsgewebe. Zum Beispiel der altgriechische Dichter
stände, um den jähen, meist absurden Göttliche Lenkung kann der Betrachter Hesiod, der um 700 vor Christus in Bö-
Wechsel von Höhenflug und Fall, Glanz solcher Ereignisketten nur unterstellen, otien gelebt hat. Seine „Theogonie“ („Ge-
und Elend, Glück und Unglück. Oswald wenn er religiös gefestigt ist. Wer dies burt der Götter“) sieht im uranfänglichen,
war nie oben und fiel darum auch nicht nicht ist, neigt vielleicht zu Verschwö- unbegrenzten, präkosmischen, absolut fins-
besonders tief: kein Schicksal. rungstheorien: Das Knüpfen verborgener teren Chaos den eigentlichen Schicksals-
„Ein Unglück kommt selten allein“: Schicksalsfäden auch über größere Raum- grund; den Grund für machtvolle, der Kon-
Und wenn das zweite kommt, erlebt und Zeitabstände hinweg, nach alter Sage trolle des Subjekts entzogene Nachtgebilde
der Mensch dies schon als Fügung. Der das Handwerk weiblicher Nornen oder wie Tod, Schlaf, Traum, Täuschung, Lie-
Schicksalsbegriff funktioniert am besten Parzen, wird ja gern von Menschen re- be, Alter, Vergessen, Hunger, Schmerz,
bei einer Kette von Vorfällen, wobei jeder Verblendung. Auch Schuld
einzelne durchaus nach dem Gesetz von „Das Schicksal, für dessen kann Schicksal sein: Schuld-
Ursache und Wirkung erklärbar sein kann; haft verursachtes Unheil kann
die Verquickung der Vorfälle aber be- Weisheit ich alle Ehrfurcht trage.“ dem Menschen ebenso über
kommt, im Rückblick der Überlebenden den Kopf wachsen wie ein
oder anderer Beobachter, am Ende einen gistriert, die unter Zwangsvorstellungen Geschehen, in das er ohne willentliche Zu-
magischen, tragischen, irgendwie verrück- leiden. Aber das erklärt nicht alles. Auch tat verwickelt wird. Beides zusammen
ten Sinn. der skeptische, nervlich unauffällige Zeit- kann sich zu einem einheitlichen Schick-
So verhält es sich auch in „Babel“ genosse wehrt sich aus gutem Grund ge- salsempfinden verdichten.
(2006), dem Film des Mexikaners Alejan- gen das Banalsiegel Zufall, wenn er mit Homer und die spätere attische Tragö-
dro Gonzáles Iñárritu: Der Schuss, den der unerhörten Ereignisketten konfrontiert die, etwa der „König Ödipus“ oder die
halbwüchsige Sohn eines marokkanischen wird, zumal solchen mit interessanten „Antigone“ des Sophokles (um 496 bis 405
Bauern aus Spaß auf einen Reisebus ab- Zeitgenossen. vor Christus), entfalten diese vertrackte
feuert, setzt alles in Bewegung. Er verletzt Goethe, kein Mystiker, hat die Begriffe Verbindung von schuldhaft bewirkter und
die schöne Amerikanerin (Cate Blanchett), „Zufall“ und „Schicksal“ klar unterschie- unverschuldeter Verderbnis zu bedrücken-
deren Kinder daheim von der Kinderfrau den. Er schreibt in „Wilhelm Meisters der Perfektion.
auf eine Hochzeit nach Mexiko mitge- Lehrjahre“: „Das Schicksal, für dessen König Ödipus, der das zweifache Ver-
nommen werden, von wo der betrunkene Weisheit ich alle Ehrfurcht trage, mag an brechen – Tötung des Vaters, Heirat der
Neffe diese Kinder zurück nach Kalifor- dem Zufall, durch den es wirkt, ein sehr Mutter – unwissend begeht und dann selbst
nien fährt, bis die Grenzpolizei … und das ungelenkes Organ haben. Denn selten aufklärt, um sein Theben von der Pest zu
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Titel

befreien; der sich dann mit einer Spange Überzeugung, der Tote habe es insofern Das um 1200 entstandene Epos „Parzi-
seiner Mutter-Gattin blendet, die sich vor- besser als der Lebende, als ihm nichts val“ des Wolfram von Eschenbach versöhnt
her selbst umgebracht hat: Dieser Ödipus Ärgeres mehr passieren könne. In seiner übergeordnete Vorsehung und persönliche
ist der Musterheld der antiken „Schicksals- „Trostschrift an Marcia“, die gerade ihren Entscheidungsfreiheit in einer Weise, die an
tragödie“ (Elisabeth Frenzel). Sohn verloren hat, formuliert Seneca er- die Stoa erinnert: Parzival, dessen ritterliche
Das Verhängnis, das über ihn herein- staunlich düster, fast altgriechisch: „Wenn Sendung, anders als es die Mutter gewollt
bricht, bleibt auch seinen Kindern nicht es daher das allergrößte Glück ist, nicht hat, durch die Kindheit im einsamen Wald
erspart, vor allem Antigone und Polynei- geboren zu werden, so halte ich es für das nur vorübergehend unterdrückt werden
kes. Antigones Onkel, König Kreon, ver- nächstgrößte, nach einem überstandenen kann, findet den Gral und das christliche
bietet ihr unter Androhung der Todesstra- kurzen Leben schnell in den früheren un- Glück nach abenteuerlichen Gewaltauftritten
fe, den im Zweikampf mit seinem Bruder angefochtenen Zustand zurückversetzt zu und Umwegen und allerlei „zwifel“. Das von
Eteokles gefallenen Polyneikes zu bestat- werden.“ Geburt und früher Tod treten Gott Vorbestimmte erfüllt sich in ihm aber
ten, er hält ihn für einen Landesverräter. hier als zwingendes Schicksalsduo auf. nur, weil er schließlich Demut lernt und
Antigone folgt ihrem „Daimon“, ihrem Das Mittelalter hat den antiken Schick- Reue übt. Nur wer vor dem Allmächtigen
persönlichen Schicksalsanteil, indem sie salsbegriff nicht abgeschafft, sondern über- niederkniet, darf sein Selbst frei suchen.
den toten Bruder mit Erde bedeckt: „Nicht höht: Über dem Schicksal thront Gott, der Zwischen Mittelalter und Neuzeit baut
mitzuhassen, mitzulieben bin ich da.“ Sie alles schafft, sieht und erhält und lenkt bis Michel de Montaigne (1533 bis 1592),
wird lebendig eingemauert und Schriftsteller und eine Weile Bür-
erhängt sich schließlich. germeister von Bordeaux, eine ei-
„Des Schicksals Gewalt ist un- gentümliche Gedankenbrücke. Er
entrinnbar streng“, kommentiert glaubt noch an Gott und die Vor-
der Chor das Ungeheuerliche. Ge- sehung, misstraut aber deren In-
radezu sprichwörtlich formuliert terpreten, den Theologen, erst
ein Sophokles-Vers die düstere recht den Schicksalsexperten. Er
Grundhaltung dahinter: „Keinen ärgert sich, „dass nichts so fest ge-
darf man glücklich preisen, bevor glaubt wird wie das, worüber man
er des Lebens Ziel erreicht hat“. am wenigsten weiß, und dass sich
Der große Aristoteles (384 bis niemand sicherer gibt als jene, die
322 vor Christus) hält es, in sei- uns etwas vorfabulieren – Alchi-
ner „Physik“, für unbezweifelbar, misten zum Beispiel, Wahrsager,
„dass Schicksalsfügung und Zu- vereidigte Sterndeuter, Handleser,
fall wirklich etwas sind“. Aber er Ärzte und das ganze übrige Pack.
ordnet beides den unbeständigen Ihnen würde ich gerne, wenn ich
Eigenschaften zu, die er vom We- mich nur traute, einen Haufen an-
sentlichen und Beständigen, der derer beigesellen: all jene landläu-
zugrundeliegenden Substanz, un- figen Ausleger und Buchhalter der
terscheidet. Schicksal ist demnach Absichten Gottes, die uns weis-
etwas Windiges, dem die mensch- machen wollen, sie könnten die
liche Substanz, die Seele, wider- Ursache jeder Begebenheit erken-
stehen kann. nen und in den Geheimnissen des
In der späteren Philosophen- göttlichen Willens die uns uner-
schule der Stoa – benannt nach findlichen Beweggründe seines
einer schmucken Athener Halle, Wirkens finden“.
in der der jüngere Zenon (um 335 Die von Montaigne auf den
bis 262 vor Christus) lehrte – wird Weg gebrachte Aufklärung – mit
die Ergebung in das vom Schick- Denkern wie Descartes, Voltaire,
ERICH LESSING / AKG

sal Zugeteilte zur zentralen „Tu- Kant – setzt dann entschieden auf
gend“. Je nachdem, wie rigoros das selbstbewusste Subjekt. Des-
die als „Vernunft“ gedachte Vor- sen Instrument, zugleich auch
sehung die Welt der Materie Gegenstand, ist allein die eigene,
lenkt, ist der Spielraum der Ent- Göttervater Jupiter*: Altrömischer Lenker des Schicksals methodisch disziplinierte, auf
scheidungsfreiheit des Menschen Klarheit und Distinktion erpichte
enger oder weiter. Ein Grundproblem al- zum Jüngsten Gericht; was dem Menschen Vernunft. „Ich denke, also bin ich“, dieses
ler Schicksalsphilosophie. dann aber durchaus als Schicksal begegnet. berühmte Descartes-Diktum leitet nicht
Der Römer Seneca (4 vor bis 65 nach Jahrhundertelang wird fortan darüber etwa, wie oft unterstellt wird, die Existenz
Christus), wie seine griechischen Lehr- gestritten, wie die Freiheit des menschli- aus dem Denken ab; es sagt: Wenn ich
meister vom mächtigen Wirken göttlicher chen Willens, laut Augustinus die Ursache an „fast allem“ (Descartes) zweifle, so ist
Vernunft überzeugt, betont gleichwohl die des Bösen, sich mit der allmächtigen Vor- immerhin gewiss, dass ich, als zweifelnd
Kraft menschlich-moralischer Selbstbe- sehung denn vertrage. Das Problem: Ent- Denkender, auch bin. Und das heißt zu-
hauptung: „Denn mächtiger als alles Schick- weder ist das Böse allein Menschenwerk, gleich: Das Denken ist für meine Selbst-
sal ist die Seele“ – was der Politiker auch Gott mithin nicht allmächtig; oder die gött- vergewisserung wichtiger als alles Glauben
höchstpersönlich beglaubigt, indem er Kai- liche Macht bestimmt auch das menschli- oder Fühlen.
ser Neros Verdikt, er müsse sich selbst tö- che Wollen, ist demnach durchgreifend René Descartes ( 1596 bis 1650) war auch
ten, heroisch ausführt. Nachdem er sich allmächtig, somit aber auch mitverant- ein erfolgreicher Mathematiker, Physiker
die Pulsadern aufgeschnitten hat, verblutet wortlich für das Böse; dies ist aber schwer und ist Mitentdecker des optischen Bre-
er, während er mit seinen Freunden beim vereinbar mit der Idee, derselbe Gott sei chungsgesetzes. Er war sicher, dass alle Na-
Essen ruhig weiterphilosophiert. das absolut Gute in Person. turerscheinungen rational erklärbar sind.
Ganz freiwillig ist diese Entscheidung Kant, der Descartes weiterdenkt, dekre-
zum Gehorsam nicht: Sie folgt Senecas * Deckenfresko von Giulio Romano, 1534. tiert harsch: Es gebe „Begriffe, wie etwa
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veränderlichen Motive und Mythen im
„kollektiven Unbewussten“, überraschend
wieder eine Brücke zum überindividuellen
Schicksalspathos des Altertums.
Entscheidend für die Wiederkehr dieses
Schicksalsverständnisses im 20. Jahrhun-
dert ist aber die Katastrophe des Ersten
Weltkriegs, des ersten weltweiten Gemet-
zels der Geschichte, mit einem ungeheu-
erlichen Blutzoll: fast 15 Millionen Tote.
Die mathematisch-naturwissenschaftlich
fundierte Technik der Moderne war schon
1912, als das damals größte und angeblich
sicherste Passagierschiff der Welt, die „Ti-
tanic“, unterging, scheiternd an nichts als
Eisblöcken, gedemütigt worden. Im Ersten
Weltkrieg ist diese aufgeklärte, selbstherr-
liche Moderne waffentechnisch explodiert
und hat in einem Zerstörungswerk ohne-
gleichen dem Menschen vorgeführt, wie
seine eigenen Erfindungen eine schicksal-
hafte Wucht gewinnen können, die kaum
noch beherrschbar erscheint.
Gegen Ende dieses Krieges, 1917, voll-
endet Oswald Spengler den ersten Band
seines vielzitierten Bestsellers über den

CORBIS
Jacqueline und John F. Kennedy (1960)* „Untergang des Abendlandes“, der bereits
1923 in der 47. Auflage vorliegt. Bei der
Betrachtung des Aufstiegs und des Ver-
falls von acht Hochkulturen wird das
Schicksal zum Leitbegriff eines Geschichts-
verständnisses, das vom Modell der Auf-
klärung Abschied nimmt. Geschichte er-
scheint nun nicht mehr als kontinuierliche
AP (L.); MIKE SEGAR / REUTERS (R.)

Entwicklung zu mehr Naturbeherrschung


und Vernunft, sondern eher, frei nach
Nietzsche, als ewige Wiederkehr von Ju-
gend und Reife, Fruchtbarkeit und Dürre,
Geburt und Tod. Spengler: Gegenüber
dem Gesetz der Kausalität sei Schicksal
John F. Kennedy Jr., Ehefrau Carolyn (1998)
„das Wort für eine nicht zu beschreibende
innere Gewissheit“ beim Verknüpfen von
Wie ein einziger Fluch mutet die Vielzahl Vorgängen, die anscheinend wenig mitein-
der Unglücksfälle an, von der die amerikanische Poli- ander zu tun haben.
tiker-Familie Kennedy im Lauf der Jahre heimgesucht Martin Heidegger greift den Schicksals-
wurde. Dem spektakulären Attentat auf den strahlen- begriff zehn Jahre nach Spengler auf: In
den US-Präsidenten im November 1963 folgten die dem genialen Buch „Sein und Zeit“ wird
Ermordung seines Bruders Robert und der Todesflug das Schicksal des Menschen unter ande-
seines einzigen Sohnes, des erfolgreichen Verlegers rem mit den Begriffen „Entschlossenheit“
Jacqueline und Robert Kennedy (1963)*
„John-John“. und „Geworfenheit“ erläutert. Der Begriff
„Schicksal“ bezeichne, so Heidegger, „die
ursprüngliche Geschichtlichkeit des Da-
Glück, Schicksal, die zwar mit fast allge- unseres „Charakters“ sei. „Der Charakter seins“. Schicksalhaft ist, dass der Mensch
meiner Nachsicht herumlaufen“, für die eines Menschen ist sein Schicksal“, hat ohnmächtig in ein radikal vereinzeltes Da-
ein „deutlicher Rechtsgrund“ aber nicht schon 2300 Jahre früher der Vorsokratiker sein hineingeboren wird, das er dann „ent-
zu finden sei. Heraklit formuliert. schlossen“ übernehmen muss – in einer
Die nur wenig jüngeren Zeitgenossen Das vormals weltzeitartig vorgestellte, unerbittlich zeitlichen Reise zum eigenen
des strengen Königsbergers folgen ihm in geschichtsmächtige Fatum, welches das Selbst und zum „je eigenen Tod“.
diesem Punkt nicht. Goethes Lehrmeister menschliche Ich immer ein wenig belei- Heideggers Versuch, den Schicksals-
Johann Gottfried Herder schreibt 1795 ei- digt, zieht sich in die Dunkelkammer der begriff zu retten, bleibt im 20. Jahrhundert
nen Aufsatz mit dem Titel „Das eigene Innerlichkeit zurück: „Dein Schicksal ruht einzigartig. In Deutschland hat dies einen
Schicksal“. Darin nennt er das Schicksal in deiner eignen Brust“, dichtet, ganz in guten Grund: den massiven Missbrauch
den „Schatten, der unsre geistige und mo- diesem Sinne, Friedrich Schiller. des Schicksalsgedankens durch die Natio-
ralische Existenz begleitet“ – als Resultat Von Sigmund Freud stammt das Bon- nalsozialisten.
unseres Handelns, das wiederum Resultat mot: „Die Anatomie ist das Schicksal“, wo- Das betrifft nicht allein die erstaunliche
mit vor allem die Differenz der Ge- Menge von Büchern mit schwammigen
* Oben: mit Tochter Caroline; unten: mit Kennedys jüngs-
schlechter gemeint ist. Der Freud-Schüler Ideologietiteln wie „Der nordische Mensch
tem Bruder Edward (l.) sowie den Kindern Caroline und Carl Gustav Jung baut mit seinen Speku- und das Schicksal“ oder „Der germanische
John F. Jr. lationen über das Archetypische, die un- Schicksalsgedanke“ in den dreißiger Jah-
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Titel

ren. Das gilt vor allem für die Nazi-Propa- Im Salonwagen des Sonderzugs kann Die hat der Berliner Philosoph Michael
ganda, die den Führer zum „Werkzeug der Hitler am späten Abend desselben Tages Theunissen, 74, in seiner Abhandlung
Vorsehung“ erhob, wie Joseph Goebbels räsonieren: „Jetzt bin ich völlig ruhig! Dass „Schicksal in Antike und Moderne“ (2004)
formulierte. Und die sich an jenem Selbst- ich den Bürgerbräu früher als sonst ver- ebenso wie in seiner schwergewichtigen Stu-
verständnis Hitlers festhakte, das im Be- lassen habe, ist mir eine Bestätigung, dass die „Pindar. Menschenlos und Wende der
kenntnisbuch „Mein Kampf“ (1925) auf- die Vorsehung mich mein Ziel erreichen Zeit“ (2000) geliefert. Theunissen sagt, die
scheint: „Als glückliche Bestimmung gilt es lassen will.“ moderne Wissenschaft habe mit der Antike
mir heute, dass das Schicksal mir zum Ge- Die Vorsehung! Nun war Hitler ja kein auch deren Schicksalsbegriff ad acta gelegt.
burtsort gerade Braunau am Inn zuwies.“ gläubiger Christ. Den Nationalsozialis- Und er konstatiert, im Rahmen einer gründ-
Liege doch Braunau an der Grenze „jener mus mitsamt seiner rassistischen Obsession lichen Annäherung an altgriechisches Den-
zwei deutschen Staaten“, deren „Wieder- propagierte er als „kühle Wirklichkeits- ken, die „Wiederkehr“ dieses Begriffs. Er
vereinigung“ er als eine seiner „Lebens- lehre schärfster wissenschaftlicher Er- sieht in ihm die Chance, den subjektivisti-
aufgaben“ betrachte. Schicksalsgemurmel kenntnisse“. Sein Gottesbild gab er bei den schen Egotrip der Moderne zu begrenzen.
der üblen Art, aber schicksalhaft wirksam. berühmten Tischgesprächen so zu Proto- Das autonome Subjekt unserer Zeit
Es ist der frühe Abend des 8. November koll: „Gott, das heißt die Vorsehung, das muss sich, soll es nicht aggressiv selbst-
1939. Im Münchner Bürgerbräukeller sind Naturgesetz“. herrlich oder gar terroristisch werden,
1500 sogenannte alte Kämpfer, braune Put- Die Begriffe Schicksal und Vorsehung durchaus nicht einem großen Gott unter-
schisten von 1923 und deren Sympathisan- schienen nach diesem propagandistischen werfen. Es genügt jene Bescheidenheit,
ten aus der SA, versammelt, um ihren Jah- Missbrauch für immer ruiniert zu sein. die sich aus der uralten Einsicht in die
restag zu feiern. Auf dem Podium wird Dass sie mittlerweile wiederauferstanden Endlichkeit und andere, vielfache Ab-
Marschmusik gespielt. Bierkrüge auf den sind, vor allem in ihrer stoisch-heidnischen hängigkeiten unserer Existenz ergibt; wo-
Wirtshaustischen. Hinter dem Rednerpult Urfassung, grenzt an ein Wunder, ärgert so bei es nicht darauf ankommt, ob die
eine riesige Hakenkreuzfahne. Und ein manchen Aufgeklärten und bedarf einer fremde Macht, die unseren Übermut
Pfeiler, in dem eine Bombe tickt. differenzierten Betrachtung. bremst, „Schicksal“ genannt wird oder
Die Rede des Führers bei dieser Gele- „bedeutender Zufall“, wie der Historiker
genheit beginnt üblicherweise um 20.30 UMFRAGE: GLAUBE Arnd Hoffmann Schicksalhaftes zurück-
Uhr und endet nach 22 Uhr. Aber diesmal stuft, ohne es ganz wegzuwischen (in sei-
hat der Führer nicht so viel Zeit, es ist „Glauben Sie an eine höhere nem Buch „Zufall und Kontingenz in der
Krieg, er muss rasch wieder nach Berlin Geschichtstheorie“, 2005).
zurück, um den Überfall auf Frankreich zu Macht, die Ihr Leben Ein Lehrmeister dieser Bescheidenheits-
beschließen; wegen des nebligen Wetters beeinflusst?“ übung ist auch das unberechenbare Ge-
fährt er mit einem Sonderzug statt zu flie- füge zwischenmenschlicher Beziehungen.
gen. Der Sonderzug verlässt München um Ja, manchmal 30 % Schicksalhaft erscheint immer wieder das
21.31 Uhr. Hitler fängt schon um 20.10 Uhr Unheimliche in der Begegnung, Vereini-
zu reden an, er hetzt gegen England und gung und Trennung männlicher und weib-
leugnet wieder einmal die deutsche Mit-
Ja, immer 22 % licher Individuen. Wenn über Liebe, Hass
schuld am Ersten Weltkrieg – und verlässt und daraus folgendem Tod die Schicksals-
um 21.07 Uhr den Saal. Um 21.20 Uhr ein Nein 47 % glocke ertönt, sind schlagartig unendlich
gewaltiger Knall, der Pfeiler hinter dem viele Menschen verschiedenster Kulturen
Rednerpodium und ein Teil der Decke dar- ergriffen. Diese Art Schicksal ist längst glo-
über werden zerstört. „Wie stellen Sie sich diese Macht balisiert. Hollywood und Bollywood zeh-
Johann Georg Elser, ein 36-jähriger am ehesten vor? Als Gott, Schick- ren immer neu davon.
Schreiner aus Württemberg, hatte ein Jahr Zu den bewegendsten älteren Geschich-
lang minutiös alles ausgemessen und be-
sal oder Zufall?“ ten des Genres gehört das kleine Epos
rechnet, ehe er die Bombe legte. Er wollte „Hero und Leander“ von Musaios aus dem
„den Hitler“ in „die Luft jagen“, er, der Gott 52 % 5. Jahrhundert nach Christus. Ein junger
linke Arbeiter, war sich im Unterschied zu Mann verliebt sich in eine Priesterin, die
vielen Intellektuellen schon 1938 sicher: Schicksal 32 % am anderen Ufer einer bis zu sechs Kilo-
Die Nazis würden das Volk ruinieren und meter breiten Meeresstraße am Rand der
einen Krieg anzetteln. Die Bombe war per- Ägäis lebt. Da sie zur Ehelosigkeit ver-
fekt portioniert und positioniert. Elser, der Zufall 10 % pflichtet wurde, können sich die beiden
penible Handwerker, war als Attentäter ein nur heimlich treffen. Im Dunkel der Nacht
absoluter Einzelgänger, was noch nach schwimmt Leander regelmäßig zu ihr hin-
1945 viele nicht glauben mochten. „Wenn Sie von einer Katastrophe über, eine Fackel im Turm ihres Domizils
Hitler hätte seine Bombe, anders als jene weist ihm das Ziel. Eines Nachts erlischt
hören oder Opfer einer solchen
vom 20. Juli 1944, nicht überlebt. Acht Per- die Fackel in einem heftigen Sturm. Lean-
sonen wurden von der Explosion getötet, werden, wie beeinflusst das Ihren der erreicht das Ufer nur als Leiche. Dar-
16 lebensgefährlich verletzt. Glauben an eine höhere Macht?“ aufhin stürzt sich Hero vom Turm ins Meer
Ausgerechnet aber an diesem Abend und ertrinkt.
verlässt Hitler, der berüchtigte Dauerred- 15 % stärkt meinen Glauben Das Wasser, unergründlich und unfass-
ner, früher als sonst das Rednerpult. Noch lich, ist ein Element aus dem vorweltlichen
13 (!) Minuten, und er wäre tot gewesen. 13 Chaos: ein altes Bild für den Tod. Der Hin-
Minuten mit epochalen, grauenhaften Fol- 8% schwächt meinen Glauben tergrund dieses Bildes färbt die traurige
gen: Etliche Millionen KZ-Opfer, Kriegs- Liebesgeschichte von Hero und
tote, Vertriebene, Vergewaltigte, Geschun- keinen Einfluss auf meinen Glauben 73 % Leander entschieden schicksal-
dene und vieles andere wären der Welt haft.
wohl erspart geblieben, wenn … ja: wenn TNS Forschung für den SPIEGEL vom 18. Dezember; rund Eine vertrackte Kombination aus inne-
das Schicksal anders entschieden hätte. 1000 Befragte; an 100 fehlende Prozent: „weiß nicht“/ rem Zwang und zwingenden Situationskas-
keine Angabe
Das Schicksal? kaden bietet „Die Macht des Schicksals“ in
108 d e r s p i e g e l 1 / 2 0 0 7
R. MALDONADO / GAMMA / STUDIO X (O.); NEWSPIX / ACTION PRESS (U.)
Attentat auf Bali (2002)

Mörderkrokodil in Australien (2002)

Valerie (l.) nach dem Tod ihrer Schwester

Auf der Sonnenseite des Lebens wa-


ren sie Stammgäste, bevor das Unheil sie einhol-
te: Die bayerischen Schwestern Isabel und Valerie
machten im Herbst 2002 eine Weltreise; auf Bali
besuchten sie jene Discothek, die wenig später
von Islamisten in die Luft gejagt wurde – ur-
sprünglich hatten sie den Besuch genau für die
Stunde geplant, in der die Bombe hochging. Eines
der Glückskinder, Isabel, wurde ein paar Tage
danach von einem Krokodil in den Tod gerissen.

der Oper, die so heißt. Auch sie erzählt, Mitten im blutigen Finale, während sie beizwingen oder ihr, wenn sie da ist, ent-
sehr melodramatisch und mit allerlei Kaba- nach einem Messerstich ihres Bruders da- rinnen. Liebe und Tod – für beides gilt, was
le ausgestattet, ein Liebesdrama, das um niedersinkt, ruft Leonora Alvaro zu: „Sieh Heinrich von Kleists Penthesilea, die ra-
den Konflikt zwischen Pflicht und Neigung, – das Schicksal („Vedi destino“)!“ Sterben send Liebende, die beschlossen hat, Achil-
gesellschaftlichem Gebot und emotionaler aus Liebe und für die Liebe, das bedeutet les „zu gewinnen oder umzukommen“, von
Dämonie kreist. Giuseppe Verdi hat die ur- hier „Schicksal“. ihrem Strahlemann hören muss: „Dein
sprünglich spanische Vorlage des Duque de Ein paar Szenen vorher wird der mas- Schicksal ist auf ewig abgeschlossen.“
Rivas selbst bearbeitet, auch indem er Sze- kierte, verwundete Alvaro als Leonoras Eine düstere Weissagung der Art, wie
nen aus „Wallensteins Lager“ von Schiller Liebhaber entlarvt, ihr Bruder Carlo hat in sie auch immer wieder auf ganze Kulturen,
hineinmontierte, bevor er das Ganze ver- Alvaros Koffer das Porträt seiner Schwes- Völker oder Epochen, als Androhung von
tonte und 1862 an der Kaiserlichen Oper in ter entdeckt. Als der berühmte Bariton deren „Untergang“, übertragen wird.
St. Petersburg uraufführen ließ. Leonard Warren in der New Yorker Met, Ein Weltstar dieses fragwürdigen Ge-
Im Zentrum der etwas wirren Story ste- am 4. März 1960, von dieser Szene die werbes ist der provenzalische Schwarz-
hen Leonora und Alvaro, ein heimliches seher und Astrologe Nostra-
Liebespaar, das eines Tages vom Vater der
jungen Frau, der die Verbindung verbot,
Sterben aus Liebe und für die Liebe damus, der im 16. Jahrhun-
dert gelebt hat. Elisabeth
ertappt wird; Alvaro, als Mestize aus Peru – das ist das Schicksal in der Oper. Noelle-Neumann, 90, die
nicht standesgemäß, erschießt versehent- Gründerin des Allensbacher
lich, indem er seine Pistole abgibt, den Va- Carlo-Arie „Verhängnisvolle Urne meines Instituts für Demoskopie, hat erzählt,
ter und muss fliehen, weil Leonoras Bruder Schicksals“ singt, erleidet er einen Herz- sie habe aufgrund der Lektüre von
den Vater rächen will. Es gibt dann aller- schlag und bricht tot zusammen. Als Car- Nostradamus-Prophezeiungen 1940, noch
hand Versteckspiele, Irrtümer und Ver- lo wäre er auf der Bühne wenig später ge- vor der Stalingrad-Tragödie, gewusst:
wechslungen, am Ende sind fast alle tot – storben. Deutschland verliert den Krieg. Hitler,
der allein übriggebliebene Alvaro kann Solche Liebesdramen haben eine klare auch er Astrologiekonsument, habe in
nicht ertragen, dass er, der einzig wirklich Pointe, die dem Wort Schicksal das Nebu- Frankreich nach für ihn günstigeren
„Schuldige“, „unbestraft“ bleibt, verflucht löse nimmt: Radikale Liebe endet nicht nur Nostradamus-Versionen suchen lassen.
die Menschheit und springt in einen felsi- oft tödlich, weil sie sich gegen alle tren- Nostradamus sei, so Noelle-Neumann, für
gen Abgrund: „Die Hölle verschlinge nenden Verordnungen dieser Welt auf- sie durchaus ein Wegweiser durch diese
mich!“ (In einer zweiten Fassung, für die bäumt; sie ist auch wie der Tod: Sie kommt „verwirrte Welt“.
Mailänder Scala 1869, wurde dieser Schluss (und geht), wann sie will, sie ist unverfüg- Nach den Attentaten vom 11. September
abgemildert.) bar, unvorhersehbar, keiner kann sie her- 2001 erinnerten sich viele an den Nostra-
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damus-Vers: „Mit fliegendem Feuer, der
listige Anschlag, wird kommen …“
Wahrsager, die in alter Zeit schon mal
die Eingeweide eines frisch geschlachteten
Tieres, das Schnauben eines Pferdes oder
den Vogelflug befragten, schauen heute
dem Schicksal ins Programmheft, indem
sie Handlinien oder die Konstellationen
der Sterne deuten, ausgehend etwa von
den Winkeln zwischen Planeten oder vom
Tierkreiszeichen, das bei der Geburt des
Ratsuchenden am östlichen Himmel auf-
ging, dem „Aszendenten“.
Ein handfester Haudegen wie der
böhmische Feldherr Wallenstein im 17.
Jahrhundert hat Sterndeutung ebenso ge-
schätzt wie der ehemalige französische
Staatspräsident François Mitterrand (1916
bis 1996), der sich von der Sterndeuterin
Elizabeth Teissier beraten ließ. Die Pariser
Sorbonne, die 300 Jahre früher die Astro-
logie als wissenschaftliche Disziplin geäch-
tet hatte, brachte die französische Soziolo-
genzunft gegen sich auf, als sie im April
2001 Frau Teissier, geborene Hanselmann,
für eine Arbeit über „Die epistemologi-
sche Situation der Astrologie“ den Dok-
torgrad der Soziologie verlieh.
Gewiss ist Horoskopie so wenig eine Wis-
senschaft wie das Kartenlesen, die Deutung
des Kaffeesatzes oder des Kuckucksrufs. Verdi-Oper „Die Macht des Schicksals“ (Deutsche Oper Berlin, 2001): Allerlei bunte Liebeswirren,
Aber die Verknüpfung von Menschen-
schicksal und Kosmos hat ernstzunehmen- Der Planet Jupiter hält etliche Riesen- rationsvorlieben und der Musik des Welt-
de Aspekte und eine seriöse Vergangenheit. brocken fest, die aus dem All Richtung Erde alls, so glauben Mystiker noch heute mit
Der Stoiker Poseidonios aus dem 1. rasen. Die Römer identifizierten diesen einer gewissen Plausibilität, liegt ein ge-
Jahrhundert vor Christus lehrte, es gebe größten Planeten des Sonnensystems, den meinsamer Rhythmus, etwa von Turbu-
ein alles verbindendes Weltgesetz, das eine 63 Monde umkreisen, mit ihrem höchsten lenz und Ruhe, zugrunde. Der Mensch ent-
„Sympathie“ von kosmischem und indivi- Gott, dem Herrn des lichten Himmels und scheidet zwar, wie er will, aber er folgt
duellem Geschehen einschließe. Durch Beschützer des Rechts. Dass Jupiters Gra- unbewusst einer inneren Struktur, die
Poseidonios wurde der – schon lange vor vitation sie auch vor Meteoriten schützte, dem großen Sphärengang entspricht. Nur
ihm behauptete – Einfluss der Gestirne auf wussten sie noch nicht. Die Sonne, wahrlich Scharlatane degradieren diese Mystik, in-
alles, was in der Welt passiert, konstitutiv die Göttin allen irdischen Lebens, scheint dem sie allein schon aufgrund des Ge-
für den Schicksalsbegriff. (auf der Nordhalbkugel der Erde) am kräf- burtsdatums jemandem en détail Lebens-
Wissenschaftler haben längst bestätigt, tigsten im Sommer, wenn sie in einem star- ratschläge verkaufen.
inwiefern das Schicksal der Erde real von ken, königlichen Tierkreiszeichen steht. Die Nicht jeder, der Horoskope in Zeitungen
anderen Himmelskörpern abhängt: Ein Babylonier nannten es den „Löwen“, was und populären Zeitschriften liest, ist also
Meteorit von etwa zehn Kilometer Durch- ja bis heute gut passt. Ohne den Mond gäbe ein vorwissenschaftlicher Simpel. Diese
messer hat vermutlich vor rund 65 Millio- es weder Ebbe und Flut, noch bliebe die Lektüre kann ein Spiel sein, Anlass auch
nen Jahren die Dinosaurier, die sich im- Erdachse stabil, eine elementare Voraus- für eine spielerische Beschäftigung mit den
merhin 200 Millionen Jahre auf der Erde setzung für die relative Stabilität der Erd- eigenen Stimmungen und Erwartungen.
gehalten hatten, mit einem Schlag ausge- klimazonen: eine der Bedingungen für das Dabei wird im Einzelnen das Gefühl ge-
rottet. Eine ähnliche Katastrophe kann Gedeihen von Mensch, Tier, Pflanze. stärkt, ein ganz besonderes, auch durch
jederzeit wieder passieren. Sie wäre ver- Dem Wechsel von Tag und Nacht, den die Gestirnkonstellation schicksalhaft ge-
mutlich das Ende der Menschheit. Jahreszeiten, dem Lebensalter, den Gene- prägtes Individuum zu sein; und kein
LAAGE/IMAGO (L.); IFA-BILDERTEAM (R.)
PETER CAIRNS / BLICKWINKEL

Glücksbringer-Symbole Klee, Geißbock des 1. FC Köln, gegossenes Blei, Glücksschwein, Hufeisen, Marienkäfer: Auch vermeintlich aufgeklärte

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Titel

stern“. Die Juli- und August-Hitze wird chen, das nicht nur beim Nachdenken über
bis heute auf dem Land unter „Hunds- Weltkriege, Geburt, Liebe und Tod auf-
tage“ abgebucht. Manchem gelten sie im- kommen kann, sondern schon beim Blick
mer noch als Unglückstage, an denen man in den nächtlichen Himmel.
nicht heiraten und keine Arznei einneh- Der Kosmos als „Abgrund einer wah-
men soll. ren Unermesslichkeit, worin alle Fähigkeit
Abergläubische Menschen haben stets der menschlichen Begriffe sinket“, wie
versucht, das Schicksal mit kleinen Tricks Kant schreibt, verkleinert das menschliche
(wie dem Daumendrücken für einen Prüf- Ich immer wieder auf jenen winzigen
ling) zu überlisten, was im Grunde das Ein- Punkt im All, der mit dem Ausruf „Schick-
geständnis einschließt: So hundertprozen- sal!“ gleichsam das Handtuch wirft; und
tig mächtig ist die Macht dieses Schicksals einräumt, dass es ein grenzenloses Unbe-
nun auch wieder nicht. kanntes gibt, das den Ich-Horizont öffnet,
Das Eheorakel bescherte einem Mäd- sprengt und umgreift.
chen schon mal jenen Mann als Ehegat- Das Schicksal, diese große vormoderne
ten, der als erster an einem speziell einge- Erzählung, ist eine Religion nach dem Tod
richteten Feuer aus neun verschiedenen Gottes, der Glaube jener Ungläubigen, die
Hölzern erschien oder den der Hund des den historischen Übergang vom persönlich
Hauses, in dem das Mädchen lebte, zu ei- vorgestellten Allerhöchsten zur selbstbe-
ner bestimmten Zeit ansprang. stimmten Vernunft des Menschen nicht