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Bernhard Schaub

Adler und Rose


Wesen und Schicksal
des deutschsprachigen Mitteleuropa

Konradin Verlag
Bernhard Schaub, geboren 1954 in Bern,
ist Lehrer für Deutsch und Geschichte
sowie Dozent und Vortragsredner an
verschiedenen Erwachsenenbildungsanstalten
der Schweiz und Deutschlands.

Umschlaggestaltung: Margrit Schaub


Karten: Ruth Baur

Druck: Weibel Druck AG, CH-5200 Windisch


Gedruckt in der Schweiz

Alle Rechte liegen beim Verfasser,


Konradin Verlag Brugg im Aargau 1992.

ISBN 3-9520316-0-7
Inhalt
Vorwort .................................................................................................................... 4
i Freies Ich oder Sklavenmoral? .................................................................................. 5
ii Mitteleuropas unbekannter Geist ........................................................................... 7
in Geschichte ist <Erziehung des Menschengeschlechts) .............................................. 9
IV Europa, der (menschlich gestaltete Kontinent) ....................................................... 11
V Hochsprache Deutsch .............................................................................................. 14
VI Das Ich-Volk ............................................................................................................ 16
VII Germanische Mythenträume ................................................................................... 18
VIII Deutsches Recht ..................................................................................................... 71
IX Hunnensturm. — Rom und sein Christentum ......................................................... 73
X Morgenfrühe des Reichs .......................................................................................... 76
XI Ein Kampf gegen den Gral: Der Untergang der Hohenstaufen . ... 79
XII Verborgener Gral ..................................................................................................... 37
XIII Die Reichsidee ........................................................................................................ 34
XIV Habsburg, der Teil und die EG ................................................................................ 35
XV Los von Rom ........................................................................................................... 39
XVI Die Jesuiten, das Rosenkreuz und der Dreissigjährige Krieg ................................... 40
XVII Das Französische Zeitalter und der Wiederaufstieg deutscher
Kultur ...................................................................................................................... 43
XVIII Österreich, Preussen — und England, der lachende Dritte ...................................... 46
XIX Napoleon weckt den Nationalismus in Europa ....................................................... 48
XX Franzosen und Türken.
Der russische Bär am englischen Nasenring ........................................................... 51
XXI Wehrlose Unschuld: Kaspar Hauser.......................................................................... 55
XXII Bismarck, das Reich und die Gegner ........................................................................ 58
XXIII Soziale Dreigliederung und Natürliche Wirtschaftsordnung:
Rudolf Steiner und Silvio Gesell als Vordenker einer
mitteleuropäischen Sozialordnung ......................................................................... 67
XXIV Einkreisung ............................................................................................................. 66
XXV Sarajewo 28 Juni 1914 ............................................................................................ 6Q
XXVI Wilson und seine 14 Punkte ..................................................................................... 73
XXVII Rudolf Steiners Memorandum von 1917 ................................................................. 75
XXVIII Das Versailler Diktat bereitet den nächsten Krieg vor ............................................. 79
XXIX Eine undeutsche Weltanschauung: Der Nationalsozialismus ................................. 87
XXX Judentum und Zionismus ......................................................................................... 86
XXXI 1939-1945: Vernichtungsfeldzug gegen Mitteleuropa ........................................... 89
XXXII Nürnberg, Auschwitz und die amerikanische Weltherrschaft ................................. 97
XXXIII Wes Geistes Kind? ................................................................................................... 97
Anhang Kommentiertes Literaturverzeichnis ...................................................................... 101
Karte 1: Die mitteleuropäische Landschaft
Karte 2: Der deutsche Sprachraum

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Vorwort
Die vorliegende Schrift ist aus der Gesinnung heraus verfasst worden,
historische Wahrheit darzustellen, ohne auf gängige Vorurteile Rücksicht zu
nehmen. Insofern kann sie eine Gewissenhaftigkeit für sich in Anspruch nehmen,
wie sie in der Wissenschaft üblich ist. Oft sind aber die wesentlichen Antriebe,
die in der Geschichte wirken, nicht dokumentarisch fassbar. Das Wichtigste kann
gerade in der gedanklichen Brücke liegen, die zwischen zwei Einzeltatsachen
geschlagen werden muss. Auf philosophischen Sinn kann also nicht verzichten,
wer Geschichte darstellen will. Ebensowenig aber auf künstlerischen Sinn: Soll
die Menschheitsgeschichte nicht zu einer statistischen Sandwüste verkommen,
muss man die Fähigkeit entwickeln, sie als Drama im tiefsten Sinne des Wortes
zu sehen und Licht und Schatten zu werten.
Aus diesen Gründen habe ich auf eigentliche Quellenangaben verzichtet. Es
ist ohnedies ein Aberglaube, zu meinen, eine Schilderung sei nur schon deshalb
vertrauenswürdiger, weil man sie auch in einem anderen Buch lesen könne.
Trotzdem sind im Anhang Hinweise auf Bücher gegeben, die ich benutzt habe
und die ich zum weiterführenden Studium empfehlen kann. B. S.

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I
Aber kommt, wie der Strahl aus dem Gewölke kommt,
Aus Gedanken vielleicht, geistig und reif die Tat?
Hölderlin
Wir stehen am Ende eines Jahrtausends. Schon deswegen ziemte es sich, Rück-
schau zu halten. Nicht, um etwas Abgeschlossenes zu betrachten, sondern weil
aus Erkenntnissen Kraft für die Zukunft kommt. Die deutsche Kultur ist, wie alles
Grosse, stets gefährdet und bedroht gewesen — von äusseren und inneren Fein-
den. Wir haben es im zwanzigsten Jahrhundert erlebt, dass sie an den Rand des
Abgrunds gebracht worden ist, und es ist — allem äusseren Wohlleben zum
Trotz — durchaus nicht abzusehen, wann sie zu ihrem Wesen und ihren hohen
Aufgaben zurückfindet. Immerhin: man spricht wieder von Mitteleuropa. Eine
Zeitlang schien es ja, als werde der Begriff vergessen, als sei Europa dazu verur-
teilt, in der Ausweglosigkeit des West-Ost-Denkens zu erstarren. Westdeutsche,
Schweizer und Österreicher empfanden sich als Westeuropäer und liessen die
Amerikanisierung aller Lebensverhältnisse willig oder resigniert über sich erge-
hen. Drüben im Osten, hinter dem Eisernen Vorhang, schien das schreckenerre-
gende Unbekannte zu beginnen, die mongolische Wüste, beherrscht von den
roten Zaren. Vom Osten her gesehen war die Unkenntnis vielleicht ebenso gross,
nur dass sich in die amtlich vorgeschriebene Abneigung gegen den ausbeuteri-
schen Kapitalismus etwas Neid und Bewunderung mischten.
Seltsam aber doch, dass nicht nur die politischen und wirtschaftlichen Über-
zeugungen der jeweiligen Vormächte herrschend geworden waren, sondern
dass auch beinahe der letzte Rest geistigen Selbstbewusstseins verschwunden
war — und das ist gewiss das Verheerendste: dass aus der Knechtsarbeit ein
Knechtssinn gewachsen ist, dass der Besiegte und Gefangene auch innerlich ge-
brochen wurde. Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion hatten bekannt-
lich keine dienst- und eilfertigeren Verbündeten als die beiden Hälften Deutsch-
lands; die neutrale Schweiz hängte ohne Wissen des Volks den innersten Kern
ihrer Armee dem englischen und amerikanischen Geheimdienst an, und in
Österreich bot sich noch zwei Jahre nach der Wende das erstaunliche Schauspiel,
dass sich die Politiker nicht dazu entschlossen konnten, den österreichischen Ad-
ler von Hammer und Sichel zu befreien.
Das alles wäre nicht nötig gewesen, wenn ein gewisser innerer Stolz sich aus
der Ueberzeugung geistiger Selbständigkeit hätte nähren können. Daran aber
mangelte es. Und so konnten während des ganzen zwanzigsten Jahrhunderts
westliche Wertvorstellungen und Liebhabereien ungehindert einziehen und sich
auf allen Lebensgebieten breitmachen. Das reichte von der empirisch-pragmati-

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schen Philosophie über den angloamerikanischen Parlamentarismus bis hinunter
zu Kaugummi und Popmusik. Anderseits erinnere ich mich an ein Gespräch mit
einer jungen Frau in der ehemaligen DDR. Sie hatte für eine Wegbeschreibung
den Namen <Strasse der Befreiung) erwähnt, und ich erkundigte mich danach,
welche Befreiung denn gemeint sei. Am Ende brach sie in Tränen aus, denn sie
hatte — trotz der ja offensichtlichen Bedrückung durch Staat und Partei — bisher
aufrichtig geglaubt, Mitteldeutschland sei 1945 durch die Rote Armee befreit
worden.
Weder im Westen noch im Osten wurde der propagandistischen Geschichts-
schreibung der Weltkriegssieger irgend etwas Erhebliches entgegengestellt, das
eine weiterreichende Wirkung gehabt hätte. Im Osten verhinderte es die Zensur,
im Westen die manipulierte öffentliche Meinung, in deren Sumpf mutige Einzel-
äusserungen einfach untergingen oder böswillig verdächtigt wurden.
An dieser Lage hat sich bis heute nur soviel geändert, dass das westliche Prin-
zip auch auf den Osten ausgedehnt wurde. Das Gleichgewicht des Schreckens)
wich dem «Ungleichgewicht des Schreckens), militärisch, wirtschaftlich, politisch.
Beweise dafür sind etwa der Golfkrieg, die verhinderte Neutralisierung Deutsch-
lands, die GATT-Verhandlungen oder die schon fast rührend-naiven Aufnahme-
gesuche ehemaliger Warschau-Pakt-Staaten in die NATO. Wir werden auf diese
gegenwärtigen Ereignisse im Rahmen unserer Betrachtungen wieder zurück-
kommen.
Die historische Wahrheit aber und das mitteleuropäische geistige Selbstver-
ständnis bedingen einander und rufen sich wechselseitig hervor, denn Ge-
schichtsdarstellung ist nicht nur Sache eines passiven Konstatierens, des berüch-
tigten Aufzählens von Daten und Fakten. Die Weite und Tiefe historischer Ein-
sichten hängt wesentlich vom Geist ab, der sie denkt. Geschichte ist Menschen-
geschichte, und deshalb stellt sich mit jeder Darstellung die Frage, welches die
Idee des Menschen ist, die ihr zugrundeliegt. Ist der Mensch in der Hauptsache
ein Wirtschaftsteilnehmer, kann man natürlich gut die Geschichte so schreiben,
wie es heute weitgehend getan wird. Ist die menschliche Biographie und damit
auch die Geschichte aber bedingt von dem geistigen Ich des Menschen, von der
Entelechie, wie Goethe es nannte, dann entstehen andere Fragestellungen und
Wertungen. Der Materialismus westlicher und östlicher Prägung kann gar nicht
anders, als am Wesentlichen vorbeigehen. Das Wesentliche im Sinne einer mit-
teleuropäischen Betrachtungsweise ist aber das ewige Wesen des Menschen,
seine Individualität, die im historischen Tun und Leiden sich entwickelt. Durch das
Ich des Menschen wird die Geschichte bewegt — wer sollte sie sonst bewegen?
Pflanzen und Tiere haben weder Biographie noch Geschichte, denn sie haben
kein Ich. Gleiches aber wird durch Gleiches erkannt. Geschichtsdarstellung muss
von der selben Warte aus gegeben werden, von der aus die grossen Individuali-
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täten Geschichte geformt haben: vom Ich aus. Das darf nun nicht mit Subjektivis-
mus verwechselt werden — sowenig wie die Tatsache, dass nur ein menschliches
Auge ein Gemälde beurteilen kann. Das Ich wird zum Auffassungsorgan für Ge-
schichte — und es kann auch als einzige Instanz beurteilen, wo im Laufe der hi-
storischen Entwicklung die natürliche Entfaltung der menschlichen Individualität
behindert und wo sie gefördert wurde. Die vorliegende Schrift soll zeigen, dass
diese Entfaltung das Zentralanliegen der deutschsprachigen Völker seit ältester
Zeit ist. Wenn das Wort Mitteleuropa heute wieder gebraucht wird, muss zum
Wort der Begriff treten, die Idee. Und wenn diese Idee in einer genügend gros-
sen Zahl von Zeitgenossen Wurzel schlagen kann, werden auch die notwendi-
gen Taten folgen.

II
Politische Gebilde sind vergängliche Wesen. Es geht nicht darum, alten Staaten
oder Reichen nachzuweinen. Auch die heutigen Staaten Mitteleuropas werden
kaum irgend einen Ewigkeitswert beanspruchen. Sie haben Daseinsberechti-
gung solange, als sie Recht schaffen und schützen für die Menschen, die in ihnen
leben. Diese Menschen müssen von ihrem Staat erwarten können, dass er ihre
Individualität achtet und gegen Übergriffe anderer verteidigt, und sie müssen er-
warten können, dass er Freiheitsraum schafft für die Entfaltung der Kultur eines
Volkes im Grossen. Der Einzelne ist ja mit seinen geistigen Bestrebungen nicht al-
lein. Mit ihm leben viele, die ihm etwa in Sprache und Religion gleich oder ver-
wandt sind; die Kräfte einer Landschaft und ihres Himmels wirken immer auf
ganze Gemeinschaften. Der Staat ist nicht dafür verantwortlich, dass die Kultur
entsteht, die in mancher Beziehung den Charakter eines Volkes trägt, in man-
cher auch übernationale oder gar menschheitliche Weite hat. Er muss aber, wie
gegenüber dem Einzelmenschen, den Rechtsrahmen schaffen, der ihr Blühen er-
möglicht. Ob sie blüht, ist dann allerdings vornehmlich eine geistige Frage. In
ähnlicher Weise liesse sich über das Verhältnis des Staates zur Wirtschaft spre-
chen.
Geist und Kultur sind lebendige Wesen, sie entwickeln sich und nehmen im
Laufe der Jahrhunderte neue Formen an. Dementsprechend wechseln auch die
Rechtsvorstellungen, und es entsteht periodisch das Bedürfnis nach neuen
Rechtsverhältnissen. Versucht eine herrschende Schicht, Vorrechte festzuhalten,
die aus alten Rechtsverhältnissen stammen und dem Volksganzen nicht mehr
angemessen sind, kommt es zu Unterdrückungen, denen Revolutionen folgen
können. Ein Volk kann aber auch unterdrückt werden durch fremde Rechtsvor-
stellungen, die ein anderes Volk ihm auferlegt. Diese beiden Möglichkeiten las-

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sen sich natürlich in verschiedenster Weise abwandeln und mischen. Ist der inne-
re Geist des Volkes gesund und lebendig, wird es sich die Bedrückung auf Dauer
nicht gefallen lassen und durch Aufstände sich Luft schaffen. Ungleich schwieri-
ger ist die Lage, wenn dieser Geist selbst korrumpiert ist und die Kulturgemein-
schaft ihren eigenen Charakter zu verlieren droht. In diesem Falle befand sich die
deutsche Kultur nach dem Dreissigjährigen Krieg, im sogenannten Französischen
Zeitalter, und im selben Falle befindet sie sich auch heute.
Es ist gute mitteleuropäische Tradition, dass Staat und Kultur nicht in eins ge-
dacht werden: Das Kaiserreich des Mittelalters war stets übernational. Und als
Fichte zu Beginn der Freiheitskriege gegen Napoleon seine >Reden an die Deut-
sche Nation< hielt, hatte er selbstverständlich eine Sprach- und Kulturgemein-
schaft vor Augen, nicht einen bestimmten Staat. Der grosse politische Denker in
Preussen, Wilhelm von Humboldt, war sich sogar bewusst, dass ein übermächti-
ger Staat gegen die Interessen des Volkes Verstössen muss und schrieb seine Ab-
handlung >Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu
bestimmen<. Und die beiden politischen Genies des deutschen Südens, die Eid-
genossenschaft und Habsburg-Oesterreich waren — bei aller politischen Gegen-
sätzlichkeit — stets der Idee des Vielvölkerstaats treu geblieben. Wenn heute al-
so über Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Deutschtums nachgedacht wer-
den soll, dann hat die geistige Frage unbedingt Vorrang. Unmittelbar daran müs-
sen sich aber politische und wirtschaftliche Betrachtungen knüpfen, denn Recht
und Wirtschaft sind die Säulen, auf denen eine geistige Kultur stehen muss, da-
mit sie wirklich ins Leben der Menschheit eingreifen kann. Gesetzliche und finan-
zielle Verhältnisse sollen nicht überbewertet, aber ernstgenommen werden.
Was hat denn Mitteleuropa der Menschheit zu geben, dass uns überhaupt an
seiner Selbständigkeit so viel liegt? Es kann ja nicht darum gehen, irgend einen
Dutzend-Nationalismus zu pflegen, wie das heute allerorten getan wird.
Der spezifisch mitteleuropäische Beitrag an die menschliche Kulturentwick-
lung ist — so sonderbar das klingen mag — noch gar nicht wirklich bekannt ge-
worden; das Licht steht gewissermassen noch unter dem Scheffel. Man hat im
allgemeinen eine klare Vorstellung von dem, was französische, englische, italie-
nische Kultur ist, hingegen ist die eigentliche Physiognomie der deutschen Kultur
im Grunde unbekannt. Man nennt vielleicht mit Bewunderung einige Namen:
— Bach, Goethe... Sie scheinen aber Einzelgestalten zu sein, während ihr Hin-
tergrund verdämmert. Ja — sie sind Einzelgestalten! Aber nicht zufälligerweise,
sondern weil das eben gerade das Prinzip Mitteleuropas ist. Wenn wir also er-
weisen können, dass die Individualisierung, die Ich-Werdung das innerste Anlie-
gen des Deutschtums ist, dann können wir unsere Aufgabe als erfüllt betrachten.
Dazu bedarf es eines Ganges durch die Geschichte. Nietzsche hat über <Nutzen
und Nachteil der Historie für das Leben> geschrieben, und seine Mahnung soll
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nicht ungehört verhallen. Geschichte treiben soll realen Nutzen haben, soll le-
bendigen Geist erwecken, sonst taugt sie nichts. Nietzsche unterscheidet drei
Möglichkeiten der Geschichtsbetrachtung: Die monumentale wirkt durch grosse
Vorbilder befeuernd auf Willen und Tatendrang; die antiquarische regt das Ge-
müt zu einem pietätvollen Umgang mit den Traditionen an, in denen alte Weis-
heit verborgen liegen mag; die kritische wirkt auf den Verstand, der sich nicht
damit zufrieden gibt, Erzähltes einfach aufzunehmen, sondern in analytischer Ar-
beit falsche, tendenziöse Überlieferungen zerstört. Diese drei Seelenbereiche —
Gedanke, Gefühl und Wille — müssen bei einer vollmenschlichen Geschichtsbe-
trachtung natürlich zusammenwirken. Geleitet müssen sie werden vom Inner-
sten, dem Ich, das allein eine höhere Synthese erreichen kann, das allein das
wirklich Charakteristische im Gang der Ereignisse erkennt und weiss, wofür die
Symptome eben Symptome sind. Die Methode dazu ähnelt der künstlerischen
Betrachtungsweise Goethes in den Naturwissenschaften: Er übte die exakte
Phantasie. Phantasie allein führt zu Beliebigkeit, Exaktheit allein zu menschlich
unerheblichen Abstraktionen. Die beiden müssen sich zu höherer Einheit verbin-
den.
Einer historischen Darstellung können — mehr noch als in der Naturwissen-
schaft — verbreitete Vorurteile entgegenstehen. Das hängt mit einem an sich
bekannten Prinzip zusammen, das heisst: Der Sieger schreibt die Geschichte.
Man muss sich ganz deutlich machen, dass die Geschichte des zwanzigsten Jahr-
hunderts noch nicht geschrieben ist. Wenn Churchill für seine Darstellung des
Zweiten Weltkriegs den Nobelpreis erhielt, so hängt das eben mit einer Vorein-
genommenheit zusammen, die natürlich bis heute fortdauert. Es gibt in der Ge-
schichte unseres Jahrhunderts einige Sanktuarien, an die nicht gerührt werden
darf, obwohl und gerade weil sie auf hohlen, tönernen Füssen stehen. Diese
Scheinriesen müssen aber heute erkannt und gestürzt werden, damit Mitteleu-
ropa zu seinem Wesen und seiner Aufgabe zurückkehren kann und von dem
Banne erlöst wird, unter dem es steht.

III
Es ist oft darüber nachgedacht worden, ob Geschichte einfach als monomane Li-
nie zu denken sei, ob sie vielleicht sich in den eigenen Schwanz beisse, wie die
zyklische Auffassung Asiens es will, oder ob eine fortlaufende Aufwärtsbewe-
gung stattfinde. Besonders die letzte Auffassung hat leidenschaftliche Befürwor-
ter und Gegner gefunden. Die Hauptfrage dabei ist natürlich, was sich aufwärts
bewege. Dass Wissenschaft und äussere Zivilisation in den letzten Jahrhunderten
gewaltige Fortschritte gemacht haben, ist nun nicht zu leugnen. Ob nur schon

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damit auch ein Kulturfortschritt erzielt sei, wird natürlich mit Recht von vielen be-
zweifelt. Fast ganz ausgestorben ist der Optimismus der französischen Aufklä-
rung, der davon ausging, dass Verstand und Moral in der Menschheit jetzt nur
noch zunehmen könnten. Diese naive Auffassung wurde zerstört angesichts der
Französischen Revolution. Die darauffolgende Romantik war entsprechend ver-
gangenheitsfromm. Der materialistische Optimismus der Gründerjahre, getragen
von den liberalistischen angelsächsischen Industriekapitänen und ihren Nachbe-
tern, erstarb in den beiden Weltkriegen — wenigstens bei uns. Resignierter Exi-
stentialismus machte sich breit, während im Hintergrund die Perversion des Fort-
schrittsgedankens, die Gen-Manipulation, Triumphe zu feiern beginnt.
Das Mittelalter hatte noch in kindlicher Frömmigkeit festgehalten an einem
göttlichen Heilsplan für die Menschheit. Es wäre zwar eine Zumutung für den
modernen Menschen, wollte man ihm dergleichen einfach zu glauben aufge-
ben. Aber gerade einer der unerbittlichsten Denker der Neuzeit, Lessing, erhob
die Forderung, es müssten die Glaubens- in Vernunftwahrheiten umgewandelt
werden. Er unternahm das in seiner Schrift <Die Erziehung des Menschenge-
schlechts<. Und was ist seine Quintessenz? Nicht der materielle Fortschritt der Zi-
vilisation ist Hauptinhalt einer Entwicklung der Menschheit, aber auch nicht eine
Vervollkommnung der bürgerlichen Moral — sondern die Entwicklung des
menschlichen Bewusstseins, das immer tiefer das Wesen der Welt, das Göttliche
und sich selbst gewahren wird und dann allmählich aus Erkenntnis handeln lernt.
Sein Gedankengang führt Lessing mit innerer Logik dazu, für den menschlichen
Geist mehrere Erdenleben anzunehmen, während derer er die verschiedenen
Kulturzeiten und ihre Bewusstseinszustände selbst mitgemacht hat. Ebensowe-
nig, wie man ohne weiteres von dem <Mann von fünfzig Jahren> (Goethe) er-
warten kann, dass er ein moralisch besserer Mensch sei als früher in Knabenzei-
ten, sowenig sinnvoll ist es, die moderne Menschheit zu moralisieren. Aber be-
wusstseinsmässig steht sie höher, und das ist zunächst wichtiger — denn mora-
lisch handeln allein bedeutet nicht viel, aber aus Einsicht richtig handeln, alles!
Der Fortsetzer der Gedanken Lessings ist Rudolf Steiner, sowohl hinsichtlich der
Reinkarnation des Ichs als auch in Bezug auf das Handeln aus eigener Einsicht. In
seiner «Philosophie der Freiheit< nennt er sie die «moralische Intuition). Zwischen
Lessing und Rudolf Steiner steht Heinrich von Kleist. In seinem kleinen Dialog
<Ueber das Marionettentheater< geht er der Frage nach, warum die Bewegun-
gen der Puppen, besonders im Tanze, so unbeschreiblich unschuldig seien. Der
Gang des Gesprächs zeigt, dass auch Kindern und Tieren eine solche Unschuld
der Bewegung innewohnt, dass der erwachsene Mensch sie aber verliert, weil er
Bewusstsein seiner selbst hat. Das griechische Kunstwerk hat sie wieder, und
deswegen wirkt es göttlich. Die Grazie erscheint an jenem Körperbau am rein-
sten,
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der entweder gar keins oder ein unendliches Bewusstsein hat... —
<Mithin>, sagte ich ein wenig zerstreut, <müssten wir wieder von dem
Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzu-
fallen?< — <Allerdings>, antwortete er; <das ist das letzte Kapitel von
der Geschichte der Welt.>

IV
Der Schauplatz der Hochkulturen wechselt. Älteste Bewusstseinsstufen, zum Teil
bis heute erhalten, finden wir in Ost- und Südasien. Erdflüchtige Geistzuge-
wandtheit kennzeichnet sie, die Suche nach dem verlorenen Paradies. Endlose
Landschaften, gigantische Wüsten, mächtige Ströme, himmelhohe Gebirge prä-
gen Asien. Alles ist übermenschlich gross, und man versteht, dass die Völker all
ihr Tun und Lassen in die Hand der Götter legten.
Einen gewaltigen Einschnitt bedeutete das Aufkommen von Ackerbau und
Viehzucht im westlichen Hochland von Persien. Der Kampf gegen die wilde Na-
tur, das Geltendmachen des Sonnenprinzips gegenüber der dunklen Erde spie-
gelt sich in der zoroastrischen Religion: <Was ist der Kern der mazdayanischen
Religion?<, fragt Zarathustra den Sonnengott Ahura Mazda. <Wenn man tüchtig
Getreide baut, o Spitama Zarathustra!< erhält er zur Antwort.
Jahrtausende später beginnen an Euphrat, Tigris und Nil die ersten Stadtkultu-
ren zu blühen. Priesterkönige, die als Söhne der Götter gelten, leiten die Völker,
denen erstmals der Tod zum grossen Rätsel wird, die aber anderseits auch den
Grund zu unseren heutigen Wissenschaften legen.
Die Nähe Ägyptens und Mesopotamiens lässt den Südosten Europas erwa-
chen. Der Mythos vom Raub der Europa durch Zeus deutet an, dass der Funke
der fortschreitenden Bewusstseinsentwicklung nun auf das Abendland über-
springt. In Griechenland verdämmert die Weisheit Asiens, und an ihre Stelle tritt
die Philosophie, die eigene Denkbemühung des Menschen. Demgemäss be-
ginnt die Einzelpersönlichkeit in deutlichen Konturen vor uns zu erscheinen. Die
Kunst wird menschlich. Rom entwickelt dann ein bürgerliches Recht und breitet
es fast über die ganze bekannte Welt aus.
Was aber ist das für ein Erdteil, der nun zum Träger der Entwicklung gewor-
den ist? Den <menschlich gestalteten Kontinent< nennt ihn Novalis. Und in der
Tat: Gegenüber dem mächtigen Asien ist er klein — und dazu überall eingebuch-
tet, gestaltet, geformt, mit Inseln versehen. Er ruft geradezu nach Individualisie-
rung, denn er ist selber individualisiert. In besonderem Masse trifft das auf Grie-
chenland zu: überall kleinkammrige Landschaften mit kleinen Ackerflächen und

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kurzen Flüssen, umstanden von waldigen Bergen — und dann die vielen In-
seln ... überall Land zur Abgrenzung und Selbstwerdung.
Nach gut tausend Jahren hatte sich die Antike erschöpft. Die jungen Germa-
nenvölker begannen in der Völkerwanderung die Nordgrenze des Römischen
Reichs einzudrücken und übernahmen dessen Nachfolge. Noch aber waren sie
nicht reif für gänzlich selbständige Kulturleistungen — viele Jahrhunderte hin-
durch, während des ganzen Mittelalters, lernten sie bei Griechen und Römern,
den Schutzmächten ihrer Erziehung. In dieser Zeit setzte sich auch das Christen-
tum in seiner römischen Form bei ihnen durch; die romfreien Strömungen hiel-
ten sich im Hintergrund.
Mit dem Beginn der Neuzeit endet das kindliche Verhältnis Mittel- und Nord-
europas gegenüber der römisch-lateinischen Kultur. Unter vielen inneren und
äusseren Kämpfen versucht sich ein germanisch-deutsches Selbstverständnis
durchzuringen. Dabei bildet sich allmählich eine gewisse Polarität heraus zwi-
schen dem englisch sprechenden Nordwesten und der deutsch sprechenden
Mitte, eine Polarität, zu der sich nicht wenige Parallelen finden im Verhältnis von
Rom zu Griechenland. Diese Parallelen sind von den geistig Führenden der ent-
sprechenden Völkerschaften auch empfunden worden. Wir werden an späterer
Stelle darauf zurückkommen.
Die Landschaft Mitteleuropas hat nicht jene fest umrissenen, wohl auch etwas
verfestigenden Konturen Süd- oder Westeuropas. Die Uebergänge nach allen
Seiten sind fliessend. Offen, ungeschützt vor allem gegen Westen und Osten bie-
tet es sich dar, auf Gedeih und Verderb bestimmt zum Austausch, zur Brücke —
<0 heilig Herz der Völker, o Vaterland<, sagt Hölderlin. Die beiden Hauptadern
fliessen denn auch nach Nordwesten und nach Südosten: Der Rhein entspringt
den Alpen und fliesst zur Nordsee, die Donau umströmt die Alpen und ihre Vor-
gebirge, vom Schwarzwald kommend, in mächtigem Bogen, wendet sich weit
unterhalb Wiens nach Süden und zieht durch Ungarn und den Balkan bis ins
Schwarze Meer.
Die beiden Ströme haben mythische Grösse. Seit langem ist es gebräuchlich,
von Vater Rhein und Mutter Donau zu sprechen. Und nicht umsonst lässt der
Dichter des Nibelungenliedes Siegfried am Rhein aufwachsen, die Nibelungen-
recken aber über die Donau ziehen und dort sterben. Rhein und Donau sind
Schicksalsströme. Uebrigens, da Hölderlin vom Herzen sprach — ist es nicht ein
treffendes Bild, dass Siegfried, der deutsche Held schlechthin, von hinten ins
Herz getroffen wird? Welcher Gegensatz zum Tod Achills, des vergleichbaren
Griechenhelden, dem Paris einen vergifteten Pfeil in die Ferse schiesst!
Am Rhein leben von alters her deutschsprachige Völkerschaften. Wir können
dabei vom Niederländischen und Flämischen absehen, die erst in verhältnismäs-
sig junger Zeit den Charakter von eigenen Sprachen angenommen haben. Erst
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seit den Zeiten Richelieus und Ludwigs des Vierzehnten hat sich in französischen
Politikerköpfen die Idee festgesetzt, der Rhein müsse Frankreichs Ostgrenze bil-
den. Es gibt dafür keinen Grund ausser den der Machtpolitik. Die tragische Folge
dieser fixen Idee ist die weitgehende Französierung von Eisass, Deutschlothrin-
gen und Luxemburg, obwohl gerade das Eisass zu den ältesten und reichsten
deutschen Kulturlandschaften gehört. Man denke nur an Strassburg oder an das
Kloster der alemannischen Herzogstochter auf dem Odilienberg.
Bleiben wir einmal auf dem Odilienberg stehen und schauen über den Rhein,
in dem Hagen den Hort versenkt hat, hinüber in Gedanken bis nach Regensburg,
wo die Donau ihren nördlichsten Punkt erreicht und wo — im Volkslied — die
(holden schwäbischen und bayerischen Mägdlein> über den Strudel gefahren
sein wollen. Donauabwärts, über Wien hinaus bis in den Banat und die Neben-
flüsse hinauf bis Siebenbürgen, sind jahrhundertelang deutsche Ritter, Bauern
und Handwerker gezogen, um den europäischen Südosten zu kultivieren. Die
Dankbarkeit der Slawen dafür hielt lange an, bis in die unseligen Zeiten des Ma-
terialismus und Nationalismus im 19. Jahrhundert hinein.
Auch der Nordosten sah eine lange kontinuierliche deutsche Besiedlung. Da-
bei bildete die Elbe die Ausgangslinie. Vom Riesengebirge und der weiten böh-
mischen Senke kommend, trägt sie ihre Wasser bei Hamburg der Nordsee zu.
Seit dem Hochmittelalter führte eine geduldige Kulturarbeit von Bauern und
Deutschrittern zu blühenden Landschaften bis nach Ostpreussen und weit ins
Baltikum hinein.
Im Süden bilden die Alpen eine Scheide zum italienischen und slawischen Be-
reich, aber da und dort greift das deutsche Sprachgebiet über den Alpenkamm
in die Südtäler hinunter; so im Südtirol oder in Kärnten und Slowenien, der alten
Krain.
Im Norden liegt das Meer, geteilt in Nord- und Ostsee, dazwischen die Halbin-
sel Jütland. Sie ist in Schleswig noch deutschsprachig, bis dann die erste skandi-
navische Sprache kommt, das Dänische, auch germanischen Ursprungs. Noch
nicht erwähnt haben wir jetzt die vielen Sprachinseln im Osten: Im Norden bis
nach Reval am Finnischen Meerbusen, östlich bis Saratow an der Wolga und süd-
lich bis Odessa und zur Halbinsel Krim. Vieles davon Ist durch die Kriege und ihre
Folgen vielleicht unwiederbringlich verloren gegangen — zum Schaden nicht nur
der deutschen Kultur, sondern auch der östlichen Gastvölker.

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Sprachen sind etwas Geheimnisvolles. Man bedient sich ihrer und glaubt sie zu
kennen; man lernt Fremdsprachen und hat von der Schule her die Ueberzeu-
gung mitbekommen, Texte Hessen sich übersetzen. Ja, der Schüler führt sogar
Wörterhefte und schreibt hinein: la table — der Tisch, l'eau — das Wasser. Das
ist im Sinne des begrifflichen Inhalts ja nicht falsch, aber in jeder anderen Hinsicht
ist es unsinnig. Man hört doch, dass es nicht dasselbe ist — oder welche Ver-
wandtschaft hätten denn die Laute <o> (eau) und <Wasser>? Man kann sich darin
üben zu hören, welches Erlebnis, welches Bild, welche Atmosphäre beim einen
oder anderen Lautzusammenhang entsteht. Und das ist dann das Besondere ei-
ner Sprache, die eigentliche Schönheit jeder Dichtung. Deswegen lassen sich Ge-
dichte nie in einer anderen Sprache wiedergeben. Übersetzbar sind höchstens
die Inhalte, die Gedanken, aber auch sie erscheinen in einem anderen Licht, ei-
nem anderen Duft, denn die Wörter sind eben andere. Hört man etwa im fran-
zösischen <arbre> das zitternde Bewegtsein, hervorgerufen durch die beiden R,
so schiesst im englischen <tree> eine pflanzliche Fontäne vor uns auf. Und der
deutsche <Baum> steht mit mächtiger, schützender Krone über dem Menschen.
Nehmen wir noch ein Beispiel, das deutlichste vielleicht: das Wort <lch>. Der
Römer sagte dazu <ego> und meinte seine bürgerliche Persönlichkeit damit. Des-
wegen nennen auch wir noch eine spiessbürgerliche Ich-Bezogenheit (Egois-
mus). Das deutsche <ich> aber ist etwas ganz anderes: es besteht durch Aufrich-
tigkeit, es spricht sich aus in Dichtung und Geschichte, es sieht in der Pflicht nicht
etwas von aussen Auferlegtes, sondern von innen Gewolltes — und im Nichts
empfindet es vor allem die Verneinung des eigenen Ichs. Und ist es nicht ein sin-
niger Zufall, dass der deutsche Ich-Philosoph Fichte heisst?
Was aber das Erstaunlichste ist und was darauf hinweist, in welchen Tiefen
das deutsche Sprachgemüt das Christentum aufgenommen hat: das Wort ICH
besteht aus den Initialen des Namens Jesus Christus. Rudolf Steiner liess das
Wort deswegen in die Kuppel des ersten Goetheanums malen. Von da aus kön-
nen wir nun ein Uebersetzungsbeispiel betrachten: <Nicht ich, sondern Christus
in mir>, schreibt Paulus. Das gibt auf Deutsch aber gar keinen Sinn. Besser wäre
«Nicht Ego, sondern lch>, das heisst: nicht mein Allzumenschliches, mein alter
Adam, sondern das Neue, das Geistdurchdrungene, eben Christliche. Weil aber
diese tiefe Bedeutung des Wortes Ich noch nicht im allgemeinen Bewusstsein
vorhanden ist und ohnehin eine Prophetie darstellt, kann die heute übliche Pau-
lus-Übersetzung vorläufig auch stehen bleiben.
Qualitäten wie die vorhin beschriebene können eine Sprache zum Gefäss der-
jenigen geistigen Inhalte machen, die für ein bestimmtes Zeitalter die wichtig-
sten sind. Besondere Eigenschaften machten das Sanskrit zur Sprache der Bha-

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gavad-Gita, andere das Hebräische zur Sprache der Propheten und wieder ande-
re das Griechische zu der der Philosophen und Evangelisten. Am Latein schulte
sich jahrhundertelang der Verstand aller europäischen Gelehrten. Später galt der
Spruch: <Latein muss man nicht können, aber man muss es gekonnt haben.<
Das heisst, die Zeit des Latein ist zu Ende, aber die Menschheit hat etwas dabei
gelernt.
Es gibt auch heute eine Sprache, von der man glaubt, dass sie die Weltsprache
sei. Das hat seine Ursachen. In Handel, Technik und Verkehr ist die angelsächsi-
sche Welt seit dem 19. Jahrhundert führend. Englische Kolonien überzogen die
halbe Erdoberfläche, und schliesslich haben die Angloamerikaner zwei Weltkrie-
ge gewonnen. Dazu kommt, dass sich die Grundelemente des Englischen leicht
erlernen lassen. Es ist einsehbar, warum es sich durchsetzen musste. Damit ist
aber noch nicht entschieden, ob es auch die inneren Anforderungen erfüllt, die
der Geist der Zeit an eine wirkliche Zeitaltersprache zu stellen hat. Vielleicht wer-
den diese Anforderungen doch eher von der Sprache erfüllt, die dem Volk der
>Dichter und Denker< zugehört. <Ganz abgesehen von unseren eigenen Produk-
tionen), sagt Goethe am 15. September 1826 zum Fürsten Pückler-Muskau, >ste-
hen wir schon durch das Aufnehmen und völlige Aneignen des Fremden auf ei-
ner sehr hohen Stufe der Bildung. Die anderen Nationen werden schon deshalb
Deutsch lernen, weil sie inne werden müssen, dass sie sich damit das Lernen fast
aller anderen Sprachen gewissermassen ersparen können; denn von welcher
besitzen wir nicht die gediegensten Werke in vortrefflichen deutschen Überset-
zungen? Die alten Klassiker, die Meisterwerke des neueren Europas, indische
und morgenländische Literatur, hat sie nicht alle der Reichtum und die Vielseitig-
keit der deutschen Sprache, wie der treue deutsche Fleiss und tief in sie eindrin-
gende Genius besser wiedergegeben als es in anderen Sprachen der Fall ist?<
Wir können aber von der Welt nicht erwarten, dass sie auf die Schönheiten
und Tiefen der deutschen Sprache aufmerksam werde, solange wir noch selbst
<blöde die eigene Seele leugnen< (Hölderlin). Auch Goethe hat im Alter darunter
gelitten, dass seine Dichtungen und die seiner Mitlebenden so wenig wirkliche
Verbreitung gefunden haben: >Was ist davon lebendig geworden, so dass es uns
aus dem Volke wieder entgegenklänge? Von meinen eigenen Liedern, was lebt
denn? Es wird wohl eins und das andere einmal von einem hübschen Mädchen
am Klaviere gesungen, allein im eigentlichen Volke ist alles stille. Es können noch
ein paar Jahrhunderte hingehen, ehe bei unseren Landsleuten so viel Geist und
höhere Kultur eindringe und allgemein werde, dass sie gleich den Griechen der
Schönheit huldigen, dass sie sich für ein hübsches Lied begeistern, und dass man
von ihnen wird sagen können, es sei lange her, dass sie Barbaren gewesen<.
(Den 3. Mai 1827 zu Eckermann.)

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Auch Hölderlin hat in tragischen Stunden mit der Barbarei seiner Landsleute
gehadert. Man lese nur einmal den entsprechenden Brief Hyperions: <So kam
ich unter die Deutschen... Barbaren von alters her... >. Aber er wusste auch,
dass dies nur die eine Seite sei und hoffte auf die Zukunft: <Zu ahnen ist süss,
aber ein Leiden auch ... >, und dann:
Schöpferischer, o wann, Genius unseres Volks,
Wann erscheinest du ganz, Seele des Vaterlands,
Dass ich tiefer mich beuge,
Dass die leiseste Saite selbst
Mir verstumme vor dir, dass ich beschämt
Eine Blume der Nacht, himmlischer Tag, vor dir
Enden möge mit Freuden,
Wenn sie alle, mit denen ich
Vormals trauerte, wenn unsere Städte nun
Hell und offen und wach, reineren Feuers voll
Und die Berge des deutschen
Landes Berge der Musen sind.
Wie die herrlichen einst, Pindos und Helikon
Und Parnassos...
(An die Deutschen)

VI
Wenn das Neuhochdeutsche tatsächlich die Qualität einer Zeitaltersprache hat,
dann ist klar: es handelt sich nicht nur um eine Volkssprache, um das Eigentum
einer Kulturnation, sondern um eine Menschheitsangelegenheit. Zwar wird sie
von einem bestimmten Volkstum getragen, aber sie hat weltweit geistige Gültig-
keit. Ebenso wird sich der echte Deutsche auch durch einen weltweiten Horizont
auszeichnen. Schreibt doch Goethe 1820 an J.L. Büchler: <lch finde mich glück-
lich, dass nach einer so langen und mannigfaltigen Laufbahn, meine guten
Landsleute mich durchaus noch als den ihrigen betrachten mögen. Diesen Vor-
zug einigermassen verdient zu haben, darf ich mir wohl schmeicheln, da ich we-
der Blick noch Schritt in fremde Lande getan, als in der Absicht, das allgemein
Menschliche, was über den ganzen Erdboden verbreitet und verteilt ist, unter
den verschiedensten Formen kennenzulernen und solches in meinem Vaterlande
wiederzufinden, anzuerkennen, zu fördern. Denn es ist einmal die Bestimmung
des Deutschen, sich zum Repräsentanten der sämtlichen Weltbürger zu erhe-
ben.<

16
Es geht nicht nur um die Entwicklung einer nationalen Kultur, sondern Wohl
und Wehe der gesamten neuzeitlichen Menschheit ist abhängig vom Gedeihen
Mitteleuropas: <Dies sei die eigentliche Bestimmung des Menschengeschlechts<,
sagt Fichte in seinen Reden an die Deutsche Nation, <dass es mit Freiheit sich zu
dem mache, was es eigentlich ursprünglich ist. Dieses Sichselbstmachen, im all-
gemeinen mit Besonnenheit und nach einer Regel, muss nun irgendwo und ir-
gendwann im Raum und in der Zeit einmal anheben, wodurch ein zweiter
Hauptabschnitt der freien und besonnenen Entwicklung des Menschenge-
schlechts an die Stelle des ersten Abschnitts einer nicht freien Entwicklung treten
würde. Wir sind der Meinung, dass, in Absicht der Zeit, diese Zeit eben jetzt sei,
und dass dermalen das Geschlecht in der wahren Mitte seines Lebens auf der Er-
de zwischen seinen beiden Hauptepochen stehe; in Absicht des Raums aber
glauben wir, dass zu allernächst den Deutschen es anzumuten sei, die neue Zeit,
vorangehend und vorbildend für die übrigen, zu beginnen.<
Aber auch das Umgekehrte gilt bei Fichte: <Was an Geistigkeit und Freiheit
dieser Geistigkeit glaubt und die ewige Fortbildung dieser Geistigkeit durch Frei-
heit will, das — wo es auch geboren sei und in welcher Sprache es rede — ist un-
seres Geschlechts, es gehört uns an, und es wird sich zu uns tun.<
Insofern es ein Charakteristikum der ganzen Neuzeit ist, dass die Menschheit
sich <in Besonnenheit< und <mit Freiheit< zu dem mache, was sie <eigentlich ur-
sprünglich ist<, bezeichnet sie Rudolf Steiner als das <Zeitalter der Bewusstseins-
seele<. Und insofern innerhalb der deutschen Geistesgeschichte der Antrieb zur
Realisierung des freien Ichs am stärksten hervorgetreten ist, nennt er die
Deutschsprachigen das <ich-Volk>.
Völker können ihre Feinde haben. Wird aber ein Volk zum Träger eines Zeital-
ter-Geistes, dann sind die Feindseligkeiten, die es erleidet, von einer noch ganz
anderen Grössenordnung. Alle retardierenden und egoistischen Kräfte der Welt-
geschichte wenden sich dagegen. Das muss klar im Auge behalten werden: Die
Kämpfe, die das Deutschtum gegen innere und äussere Feinde auszufechten
hatte und auch in Zukunft auszufechten haben wird, gelten nicht dem Volk an
sich, sondern einer neuen Bewusstseinsstufe der Menschheit.
Ein Blick in die Antike mag verdeutlichen, was damit gemeint ist: Man kennt
aus der Sage die Entführung der schönen Helena durch den trojanischen — also
asiatischen — Königssohn Paris. Zehn Jahre lang belagern die sämtlichen Grie-
chen die Stadt Troja, um ihr Kleinod, ihren Augapfel zurückzuholen. <Wozu der
Lärm?< könnte man mit Mephisto fragen. Und warum bedarf es einer List, näm-
lich des Trojanischen Pferdes, ehe die Feste llion fällt? Asien hat sich an der erwa-
chenden Seele Europas vergangen, denn das ist Helena, die schönste Griechin,
und sie kann nur durch eine europäische Tugend wieder zurückgeholt werden:
durch die Intelligenz des <listenreichen Odysseus>. Es ging hier nicht um einen
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beliebigen Kampf zwischen zwei Stadtstaaten, sondern stellvertretend um ein
gigantisches Ringen zwischen zwei Bewusstseinsstufen, zwei Zeitaltern. Bereits
im vollen Licht der Geschichte stehen ja dann die Perserkriege, in denen die Grie-
chen nur durch äusserste Entschlossenheit und Selbstverleugnung den asiati-
schen Übergriff verhindern konnten. Dafür fielen Leonidas und seine Spartaner
in den Thermopylen. Und wir schulden ihnen dafür heute noch Dank: <Wande-
rer, kommst du nach Sparta ... >.

Wenn wir nun unseren Gang durch die Geschichte Mitteleuropas antreten, so
begleitet uns dabei stets das Bewusstsein, dass das deutsche Schicksal sich formt
aus den inneren Kräften des Deutschtums und aus den Gegenmächten, die seine
Entfaltung nicht zulassen wollen.

VII
Die ersten fassbaren Grundlagen der Geschichte Mittel- und Nordeuropas bilden
die Kulturen der germanischen Völker. Seit die Indogermanen im Laufe des
zweiten Jahrtausends vor Christus in langen Wanderzügen Europa, Persien und
Nordindien besiedelt haben, sind sie zu führenden Kulturträgern geworden. Die
arischen Völker Asiens Hessen sich allerdings stark beeinflussen von der alten,
übermächtigen Geistigkeit der Kulturen, die sie dort antrafen. Griechenland hat
dagegen schon eine sehr hohe europäische Selbständigkeit. Seit der homeri-
schen Zeit liegt der Schwerpunkt der Kultur- und Bewusstseinsentwicklung bei
den Europäern, den Griechen und Römern zunächst, dann seit dem Beginn der
Neuzeit im 15., 16. Jahrhundert besonders bei den germanischen Nachfolgevöl-
kern des mittleren und nördlichen Europa. Insofern mag man der Volks- und
Rassenzugehörigkeit eine gewisse Bedeutung nicht absprechen: Sie bildet den
Mutterboden, auf dem eine bestimmte geistige Entwicklung möglich ist. Sie darf
bloss nicht mit dem Geist verwechselt werden. Deswegen bleibt auch der Spruch
der deutschen Romantik bestehen, die sagte, das Deutschtum liege im <Gemüte,
nicht im Geblüte>.
Gehen wir zum Kindheitsalter des deutschen Geistes zurück, zur Germanen-
zeit. Als in Griechenland und Rom schon lange die helle Sonne des Verstandes
schien, träumten die Germanen in ihren dichten Wäldern noch die alten Götter-
träume. Wie in den Träumen und Spielen des Kindes oft schon etwas zu ahnen
ist vom späteren Wesen des Erwachsenen, so in der Mythologie der Germanen
etwas vom Wesen Mitteleuropas. Drei Götter, Odin (Wotan), Wile und We hät-
ten, so heisst es in der Edda, am Ufer des Meeres zwei Baumstämme gefunden:
Ask, die Esche, und Embla, die Ulme. Daraus hätten sie nun Menschen geschaf-

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fen, Ask als Mann und Embla als Frau. Dabei sei Odin der Spender des Geistes
gewesen, Wile hätte Kraft der Bewegung und We Sinne und Empfindung ge-
schenkt. Die menschlichen Seeleneigenschaften werden also in drei Gliedern vor-
gestellt, zu erkennen noch heute in den Götternamen: Wile ist der Wille, We ist
das Weh, das allem Gefühl zu Grunde liegt. Was aber ist Wotan? Wotan ist wört-
lich der Wütende. Was soll nun Wut mit dem Gedankenelement zu tun haben?
Einmal ist es ein Hinweis darauf, dass das Denken, namentlich in jenen älteren
Zeiten noch ganz mit Gefühlen durchsetzt war und noch nicht <von des Gedan-
kens Blässe angekränkelt< erschien wie heute. Dann deutet es weiter darauf hin,
dass jedes Denken sich entzündet an einem uns Entgegenstehenden, Fremden,
Unangenehmen, das in uns einen vielleicht ganz unbemerkten kleinen Zorn aus-
löst, der - im guten Falle - sich in Erkenntnis auflöst. Manche grosse geistige Lei-
stung verdankt ihren Ursprung einem heiligen Zorn: Man lese daraufhin einmal
Lessings Streitschriften gegen die dogmatischen Orthodoxen seiner Zeit. Zum
dritten aber ist es gewiss auch eine Charakterisierung dieses besonderen Gottes,
der in seine Völker mit der Geistesgabe auch den <furor teutonicus> senkte, der
die Römer nachmals so das Fürchten lehren sollte.
Dass die Menschen aber aus Bäumen gemacht sind, ist ein ganz besonders
schönes Bild. Nichts in der Natur gleicht dem Menschen so wie der Baum. In der
Baukunst wird der Baum zur Säule, und die Säule wird wiederum zum Bild des
Menschen: Bekannt sind etwa die Karyatiden vom Erechtheion auf der Akropo-
lis von Athen. Oder der Vergleich Vitruvs: Die dorische Säule entspreche dem
Mann, die ionische der Frau. Dass übrigens noch die alten Sachsen der Meinung
waren, Menschen wüchsen aus Bäumen, bezeugen die Brüder Grimm. Daher
kommt ja auch die Redewendung von <Sachsen, wo die hübschen Mädchen auf
den Bäumen wachsen.>
Das Himmel- und Erdverbundene, zusammen mit der unerschütterlichen, ich-
haften Aufrichte des Stammes machen den Baum zum Abbild und Vorbild des
Menschen:
«Aber ihr, ihr Herrlichen! steht wie ein Volk von Titanen
In der zahmeren Welt und gehört nur euch und dem Himmel,
Der euch nährt' und erzog, und der Erde, die euch geboren ...
Und ihr drängt euch fröhlich und frei, aus der kräftigen Wurzel,
Unter einander herauf und ergreift, wie der Adler die Beute,
Mit gewaltigem Arme den Raum, und gegen die Wolken
Ist euch heiter und gross die sonnige Krone gerichtet.
Eine Welt ist jeder von euch, wie die Sterne des Himmels
Lebt ihr, jeder ein Gott, in freiem Bunde zusammen.<
(Hölderlin, Die Eichbäume)

19
Es kann also nicht erstaunen, im Mittelpunkt der germanischen Weltvorstel-
lung wieder einen Baum zu finden: Die Esche Yggdrasil, deren Name nichts an-
deres als <lch-Träger> bedeutet. Auf drei Wurzeln steht sie, in ihrer Krone aber
sitzt ein gewaltiger Adler, der Adler des Geistes nämlich, der dem Menschen-Ich
die wirklichen >geistigen Höhenflüge< ermöglicht: also die Gabe Odin-Wotans.
Der Adler ist das Sonnenwesen, das nach altem Glauben bei geöffnetem Auge in
die Sonne blicken kann.
In <Odins Runenlied> wird erzählt, wie Odin in Menschengestalt nun selbst ei-
ne Einweihung durchmacht:
Ich weiss, dass ich hing am windigen Baum
Neun lange Nächte,
Vom Speer verwundet, dem Odin geweiht,
Mir selber ich selbst,
Am Ast des Baums, dem man nicht ansehn kann,
Aus welcher Wurzel er spross.
Sie boten mir nicht Brot noch Met;
Da neigt' ich mich nieder.
Runen sann ich, lernte sie raunend:
Endlich fiel ich zur Erde.
Hauptlieder neun lernt' ich ...

Der Göttervater wird zum Menschen. Als Gott war er selber Mitschöpfer und
Wissender — als Mensch ist er Lernender. Die Welt, hineingeronnen in die For-
men der Natur, wird ihm zum grossen Runenalphabet — und er erkennt auf
menschliche Weise: er denkt. Und er dichtet: >Hauptlieder neun lernt' ich ..> Es
ist schon richtig, dass er als der Urgott der Denker und Dichter verehrt wurde.
Wenn die Germanen bei ihrem Zentralheiligtum, den Externsteinen im Teuto-
burgerwald, ihre höchsten Kulte feierten, dann stand eine Säule im Mittelpunkt,
die ein Abbild des Lebensbaumes war: die Irminsul. Sie hob zwei geschweifte
Äste wie Arme gegen den Himmel, und wenn der Initiant von der hochgelege-
nen Felsenkammer aus über sie hinweg den Sonnenaufgang betrachtete, füllte
die Sonnenscheibe eben den Raum aus, den die Äste offenhielten. So wurde der
Aufgang des Göttlichen erlebt aussen im Wahrbild, während sich in der mensch-
lichen Seele dasselbe vollziehen sollte. Die zur Schale gewordenen Arme, die die
Sonne empfangen: das ist ein Gralssymbol.
Als die Römer unter Quintilius Varus im Jahre 9 n.Chr. dieses Herzstück Ger-
maniens an sich reissen wollten, kam es zur berühmten Schlacht im Teutoburger
Walde, in der die römischen Legionen eine furchtbare Niederlage erlitten. Varus
stürzte sich ins Schwert, Armin der Cherusker aber war der Retter des freien Ger-

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maniens geworden, ein Siegfried, der den römischen Drachen erschlagen hatte.
Einen solchen Sieg konnte nur einer erfechten, der um die Geheimnisse der Ex-
ternsteine wusste, der wohl selbst ein Eingeweihter — ein <Sig> — der Odinsmy-
sterien war. Die Namensverwandtschaft <lrmin-Armin> ist wohl kaum zufällig.
Zum ersten Mal hatte Rom, Vertreterin einer älteren Bewusstseinsstufe, mit
Gewalt das aufkeimende Neue in ihre Abhängigkeit zu bringen versucht. Wir
werden diesen Uebergriffen in der Folge noch öfter begegnen, wenn auch in
verwandelter Gestalt. Der <furor teutonicus> aber hatte, in seiner edelsten Form
als Freiheitswille, seine Aufgabe erfüllt. Von hier aus lässt sich nochmals ein Blick
tun zur <Wut Wotans>. Die alten orientalischen Kulturen hatten sich ja dadurch
ausgezeichnet, dass ihre Angehörigen in einer ungeteilten Weltempfindung leb-
ten. Die typisch christlich-abendländische Seelenzerrissenheit war ihnen unbe-
kannt. Rudolf Steiner bezeichnet deswegen den vorgriechischen Orient als >Zei-
talter der Empfindungsseele>. Der aufkommende Verstand, die Abstraktionsfä-
higkeit, herausgewachsen aus der griechischen Philosophie, zerstört in seiner
analysierenden Tätigkeit vorerst diese Einheitlichkeit. Gedanke und Gefühl kön-
nen verschiedene Wege zu gehen beginnen, das <Zeitalter der Verstandes- und
Gemütsseele> hebt an. Eine neue Einheit muss aber wieder gefunden werden —
sonst wird die Spaltung der Menschenseele unheilbar. Wir müssen auf einer be-
wussten Stufe wieder fühlen lernen, was wir denken. Das ist ein Schlüssel zu den
Problemen des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts, es betreffe nun Um-
welt, Kunst, Erziehung oder was auch immer. In der >Bewusstseinsseele> finden
Fühlen und Denken, Subjekt und Objekt wieder zusammen, unter der Führung
des Ich, denn die Götter tun es heute nicht mehr für die Menschen. Wotan aber
ist der mit Wut, das heisst mit Gefühl Denkende. Einer, der mit Wut denkt, muss
ein Ich sein, denn: der reine logische Gedanke ohne Gefühl kann ichlos sein, wie
der Computer beweist. Die gedankenlose Wut braucht auch kein Ich; das zeigt
jeder gereizte Stier. Kann nun das Wotanprinzip eine solche Wandlung durchma-
chen, dass es aus der Wut, dem alten Götterzorn, christliche Liebe zu machen
versteht, dann kann es zur Führung gerade der deutschen Kultur höchste Bedeu-
tung haben.

VIII
Wir haben in Mythos und Religion der Germanen eine Grundströmung festge-
stellt, die auf das individualistische Prinzip hinweist. Das bewährt sich auch,
wenn ihr tägliches Leben betrachtet wird.
Zum Beispiel siedelt der Germane gern alleine. Einzelgehöfte sind häufig, und
wenn Gemeinschaften in Dörfern beisammen wohnen, bleibt doch im allgemei-
nen ein deutlicher Abstand zwischen den Häusern.

21
Seine Führer wählt sich der Germane selbst. Als Jüngling betrachtet er es als Eh-
re, zur Gefolgschaft eines berühmten Kämpfers zu gehören. Die Heerführer in
grösseren Kriegen werden von den waffenfähigen Männern im Ring gewählt.
Ein solcher Herzog hatte denn auch nur so viel Befehlsgewalt, so weit seine Be-
liebtheit und natürliche Autorität reichte. Im Kampf konnte das sogar zur Gefahr
werden, da jeder vorwiegend für sich und seinen eigenen Ruhm kämpfte und
den Blick fürs Ganze verlor. Umso höher ist die Führerleistung des Arminius zu
bewerten, der nicht wie Cäsar auf eine eisern disziplinierte Truppe zurückgreifen
konnte.
Wird in Germanien Recht gesprochen, so ist es nach Landschaften und Stäm-
men verschieden. Während das römische Recht alles über einen Leisten schlägt,
so wacht das deutsche Recht immer mit Treue über den Eigenheiten, Sitten und
Bräuchen der einzelnen Gegenden. Jacob Grimm schildert mit wahrer Freude,
was da oder dort üblich war in dem bekannten Streitfall, wenn ein Fruchtbaum
seine Aeste in Nachbars Garten hängen lässt. Eine Besonderheit führt er dann
aus dem <Sachsenspiegel> an, der alten sächsischen Rechtssammlung:

>Flicht sich der Hopf um einen Zaun, wer die Wurzeln in dem Hof hat, der
greift über den Zaun so er allernähest möge, und ziehe den Hopfen; was ihm
folget, das ist sein, was des aber an der andern Seiten bleibet, der ist seines
Nachbarn. Seiner Bäum Zweige sollen auch über den Zaun nicht gehen noch
hangen seinem Nachbarn zum Schaden.> Jacob Grimm fügt dann hinzu: >Gera-
de dieses Schwanken zwischen der Begünstigung des Eigentümers vom Baum
und des vom Grundstück scheint mir der natürlichen Ansicht der ältesten Gesetz-
gebungen am allerangemessensten. Auf beiden Seiten geschieht ein Eingriff ins
Eigentum: der sonst nicht zu lösende Streit kann nur dadurch befriedigt werden,
dass in der durchgreifenden Verfügung ein Zufall geheiligt, das heisst die Vollzie-
hung der dem einen oder dem andern Eigentümer zugesprochenen Gunst vor-
her erst noch von dem Schicksal abhängig gemacht wird. Ich darf das auch so
ausdrücken: Das Gesetz trifft hier eine poetische Bestimmung... >
Man begreift, dass ein solches Gesetz nur Menschen handhaben konnten, die
in den Rechtsanschauungen und im ganzen Leben und Weben ihres Landstrichs
völlig verwurzelt waren. Fremde Richter wurden ursprünglich nirgends geduldet.
Hier liegt übrigens eine der Wurzeln der Schweizerischen Eidgenossenschaft: Im
Bundesbrief von 1291 ist die Verfügung über die auswärtigen Richter eine der
wichtigsten. Und noch zu Willibald Pirckheimers Zeiten, um 1500, durfte im
Nürnberger Rat kein Doktor des römischen Rechts sitzen!

22
Arthur Graf Polzer-Hoditz, Kabinettschef des letzten österreichischen Kaisers
Karl, erzählt aus seiner Jugend: <So wendete ich mich denn dem Studium der
Rechtswissenschaften zu. Als ich im Frühjahr 1890 eines Vormittags im Stadtpark
in das Studium des römischen Rechts vertieft war, kam der alte Feldzeugmeister
Baron Kuhn, der in Graz im Ruhestand lebte und immer, wenn er mich sah, mit
mir in dem ihm eigentümlichen barschen Ton sprach, auf mich zu und fragte
mich, was ich da studiere. Ich zeigte ihm meine Schriften über die Institutionen
des römischen Rechts. Da nahm er das Heft und warf es mit den Worten zu Bo-
den: >Dieses dumme römische Recht, das die jungen Seelen verdirbt! Lerne lie-
ber deutsches Recht!< Sprachs und entfernte sich, den Regenschirm, seinen treu-
en Begleiter — trotz Uniform — fester denn sonst auf den Boden stossend. Tags
darauf sass ich auf der selben Bank, diesmal aus einem Heft studierend, welches
die Nachschriften nach Vorlesungen über deutsches Recht enthielt. Zur gleichen
Stunde wie am Vortag kam Kuhn wieder des Weges daher, und als er sich der
Bank näherte, auf der ich sass, stand ich auf und zeigte ihm mein Heft mit der
Bemerkung, dass ich seinen Rat bereits befolge. Da setzte er sich zu mir, klopfte
mir auf die Schulter und sagte mir ungefähr folgendes: >Das ist schön, dass du
meinen Rat befolgt hast, aber falle mir ja nicht durch aus dem welschen Zeug,
sonst kommt dein Vater über mich.< Dann sprach er vom römischen Recht, dass
dieses mit seinem Formalismus gar nicht zu uns passe und uns den geraden
deutschen Rechtssinn verderbe. Obwohl Baron Kuhn nicht Jurist war, sondern
ein alter, aufrechter und ehrlicher Soldat, der mit seiner Meinung niemals hin-
term Berg hielt, löste doch das kurze Gespräch mit diesem bedeutenden Mann
eine nachhaltige, bleibende Wirkung auf mein Rechtsempfinden aus. Ich sah
nunmehr in der abstrakten, absoluten Logik des römischen Rechts, das mich bis-
her begeistert hatte, immer mehr einen dem praktischen Leben abgekehrten
Formalismus, der, wie ich später zu erkennen Gelegenheit fand, nur allzu leicht in
verknöcherten Bürokratismus ausartet.<
Diese Warnung ist ganz ausserordentlich zeitgemäss. Wir stehen unmittelbar
vor einem römischen Rechtsgigantismus innerhalb der sogenannten Europäi-
schen Gemeinschaft, wo man sich von zentralistisch-bürokratischen Massnah-
men viel zu versprechen scheint.

IX
Kurz nach der Zeitenwende gerieten die germanischen Stämme in eine gewalti-
ge, Jahrhunderte dauernde Wanderbewegung. Welche Strecken dabei zurück-
gelegt wurden, mag das Beispiel der Goten zeigen, die aus Südschweden, aus

23
Gotland, zunächst in die Danziger Gegend kamen, dann im zweiten Jahrhundert
weichselaufwärts und dnjestrabwärts bis ans Schwarze Meer und auf die Halbin-
sel Krim wanderten. Von dort zogen sie unter hunnischem Druck im vierten Jahr-
hundert westwärts. Die Westgoten siedelten endlich in Spanien, die Ostgoten in
Italien unter ihrem grossen König Theoderich. Wandernd hatten sie das Chri-
stentum kennengelernt und aufgenommen. Ihr Bischof Wulfila, Sohn eines Go-
ten und einer Griechin, übersetzte ihnen das Evangelium ins Gotische. Mit tief-
ster Teilnahme öffneten sich die kindlichen Germanenherzen den Erzählungen
von Leben, Tod und Auferstehung des Gottessohnes. Sie fühlten sich dabei erin-
nert an ihre eigenen Sagen vom Lichtgott Baidur, der hinab zur Hel steigen
musste, oder an Odin, wie er am Baume hing zum Heil seiner Völker. Besonders
aber das göttliche Kind hatte es ihnen angetan, und es ist nicht umsonst, dass
gerade das Weihnachtsfest vielleicht nirgends mit soviel Innigkeit gefeiert wurde
wie in den germanisch-deutschen Ländern.
Das war die lichte Seite ihrer Wanderzüge. Die finstere bildeten die Hunnen.
In unabsehbaren Mengen waren sie aus Innerasien aufgebrochen und zogen
mordend, sengend und brennend durch Südrussland nach Europa hinein. Ganze
Landstriche glühten, und vor den Städten lagen zu Haufen aufgeschichtet die
Leichen ihrer Bewohner. Nicht einmal die sprichwörtliche germanische Tapferkeit
konnte dem zunächst Einhalt gebieten. Warum nicht? Die Hunnen waren ein
Massenereignis, eine Naturplage wie ein Heuschreckenschwarm oder ein Torna-
do. Ehrliche Zweikämpfe kannten sie nicht, eher warfen sie ihren Gegnern Las-
sos um den Hals und schleiften sie zu Tode. Das eigentümlich Furchtbare solcher
Hunnen- und Mongolenzüge ist die erkennbare Absicht, jegliche Kultur zu zer-
stören, die Welt in eine Steppe und allfällige Überlebende in schweifende Noma-
den zu verwandeln. Abscheu vor einer tieferen Verbindung mit der Erde, Hass
gegen die Veredlungsarbeit der Bauern an der Natur ist ihr Kennzeichen. Sie sel-
ber gründen keine Kultur; das höchste, wozu sie sich aufschwingen, ist eine pa-
rasitäre Tributwirtschaft. Europa lernte Jahrhunderte nach den Hunnen deren
Verwandte, die Ungarn und Avaren kennen, dann in der Stauferzeit Dschingis-
Khan und seine Horden, und vom 14. bis zum 17. Jahrhundert lauerte die Tür-
kengefahr. Dass im Beginne des fünften Jahrhunderts der römische Statthalter
Galliens, Aetius, sich mit den Hunnen verbündete, um das Reich der christlich-
germanischen Burgunden zu vernichten, ist einer ungeheuer tragischen Verblen-
dung entsprungen. König Gunther und seine Männer fielen alle, das Volk wurde
hingeschlachtet. Im Nibelungenlied spiegeln sich diese Ereignisse. Wenige Jahre
später liess sich Aetius eines bessern belehren und verbündete sich mit den
Westgoten und überlebenden Burgunden gegen die Hunnen. In der dreitägigen
Schlacht auf den Katalaunischen Feldern 451 nach Christus konnte Attila endlich
zum Rückzug gezwungen werden.
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Die Schlacht im Teutoburger Walde war eine Auseinandersetzung zwischen
zwei europäischen Bewusstseinsstufen gewesen; die Katalaunischen Felder aber
bezeichnen ein Ringen zwischen Europa als Ganzem und den finstersten Ver-
nichtungsmächten des Ostens. Die Abwehr gegen diese Gefahr oblag später den
Deutschen, Slawen und byzantinischen Griechen gemeinsam. Für Mitteleuropa
aber ergibt sich eine fast zyklisch wiederkehrende Abwehrnotwendigkeit gegen
Rom und seine Nachfolger einerseits, gegen die Mongolen und ihre Seitenlinien
anderseits. Man kann diese Gesetzmässigkeit als Ariadnefaden durch die Ge-
schichte verwenden.
Das Christentum kam zu den Germanen auf verschiedenen Wegen. Die
hauptsächlichsten Überbringer waren einerseits Rom und seine Missionare, an-
derseits die Iren. Sie werden hin und wieder missverständlich auch Schotten oder
Iroschotten genannt, weil der keltische Stamm der Skoten sowohl über Irland als
auch Schottland ausgebreitet lebte. Das irische Christentum hatte einen grund-
sätzlich anderen Charakter als das römische. Der Römer ist von Natur aus ein Ge-
setzesmensch. Das wird deutlich, wenn man altrömische Erziehungsmethoden
kennt. Während in Griechenland in den Gymnasien Homer rezitiert wurde, lern-
ten die jungen Römer das Zwölftafelgesetz auswendig. Auf gesetzmässiger Ge-
rechtigkeit beruhte Stolz und Selbstbewusstsein Roms. Nun wurde ja das Chri-
stentum in den ersten Jahrhunderten vom offiziellen Rom unterdrückt, dann un-
ter Konstantin im Jahre 313 zugelassen und schon 381 von Diokletian zur Staats-
religion erhoben. Um diesen Schritt überhaupt vollziehen zu können, hatte die
Kirche auf dem Boden römischer Anschauungen keine andere Wahl, als ihre
Glaubensgeheimnisse, die inneren Erlebnisse ihrer Angehörigen, in feste, gesetz-
artige Formeln zu prägen, das heisst: Dogmen daraus zu machen. Dazu trat,
dem römischen Beamtenstaat entsprechend, die strenge kirchliche Hierarchie.
Lassen wir einmal die Frage beiseite, inwiefern diese Massregeln mit dem
Geist des Christentums im absoluten Sinne in Übereinstimmung zu bringen sind:
ganz sicher widersprechen sie im tiefsten dem germanischen Lebensgefühl, das
stets ausgeht vom unmittelbaren Ergreifen eines geistigen Inhalts durch die Ein-
zelseele. In jenen deutschen Gebieten, wo ausschliesslich römische Mission ge-
wirkt hat, blieb das Christentum auch lange Zeit recht oberflächlich, und im Ver-
borgenen lebten die heidnischen Kulte bis in Hochmittelalter hinein fort. Mit ei-
ner Mischung aus Wut, Schrecken und Bewunderung erzählten die alten Hes-
sen, wie Bonifatius, der sogenannte Apostel der Deutschen, eigenhändig die
Donar-Eiche bei Fritzlar gefällt habe. Das Alte sollte nach römischer Vorstellung
nicht verwandelt, sondern mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Das konnte
natürlich nicht immer gut gehen. Die Friesen Hessen es sich nicht gefallen, und
Bonifatius fand bei ihnen den Märtyrertod.

25
Ganz anders wirkten die irischen Missionare. Als Kelten waren sie den Ger-
manen wesensverwandt und wussten die alten Mythen so zu deuten, dass die
Lehre vom Sohn des Sonnengottes, der durch Tod und Auferstehung gegangen
war, als Erfüllung der alten Göttersagen erkannt werden konnte. Wo die irischen
Glaubensboten gewirkt hatten, konnte das Christentum seine tiefsten Wurzeln
fassen. Ein Mittelpunkt besonderer Art war dabei der Bodensee, der alte Wo-
dan-See..Als der heilige Pirmin die Insel Reichenau betrat, heisst es, habe sich al-
les giftige Gewürm von selbst ins Wasser gestürzt. Und als Gallus im wilden Wald
am oberen See einem Bären begegnete, kam es zu keinem Kampf, sondern der
Heilige konnte das Untier dazu bewegen, ihm die Balken für seine Klause herzu-
tragen, aus der dann später das Kloster St. Gallen geworden ist. Solche Legen-
den zeigen im Bilde, wie das Volksgemüt die irische Mission empfunden hat und
wie die Kelten damals so etwas wie die älteren Brüder der Germanen gewesen
sind.
Äusserlich war das römische Cäsarentum an sein Ende gekommen. 476 hatte
der Germane Odoaker den letzten römischen Kaiser Romulus Augustulus (<Au-
güstchen>) abgesetzt, und 486 schlug der Frankenkönig Chlodwig die Römer
endgültig bei Soissons. Damit war das Mittelalter eingeläutet. Rom war politisch-
militärisch besiegt, aber kirchlich-kulturell behielt es das Heft in der Hand: auch
die irischen Gründungen wurden allmählich der perfekten römischen Organisa-
tion eingegliedert. Die Franken hatten unter Chlodwig das römische Christentum
angenommen und bildeten als mächtigster Germanenstamm eine starke Stütze
der Kirche.
Wenn hier an manchen Stellen von Rom als von einem Gegner des Mitteleu-
ropäertums die Rede sein muss, so soll damit nicht etwa einseitig Gut und Böse
verteilt werden. Es ist wie mit allem Fremden: Tritt es massvoll auf, so kann es
Anregung, Nahrung, sogar Heilmittel bilden. Drängt es sich mit Gewalt und im
Übermass auf, so wird es zum Gift und muss als Feind behandelt werden — oder
der angegriffene Organismus, sei es ein physischer oder ein kultureller, wird ge-
schwächt und stirbt ab. Das weiss jeder Arzt.

X
In den folgenden Jahrhunderten bestimmen weitgehend die Franken die Ge-
schicke Europas. Sie übernehmen auch den Abwehrkampf gegen die Araber, die
durch Spanien und über die Pyrenäen hinein nach Frankreich drängen. Karl Mar-
ten (<der Hammer>) schlägt den Islam 732 in der Entscheidungsschlacht bei Tours
und Poitiers zurück. Er wird zum Namengeber des Karolingergeschlechts, das

26
von seinem Sohn an die fränkische Königskrone trägt und in seinem Enkel einen
der bedeutendsten europäischen Herrscher hervorbringt: Karl den Grossen.
An Karls Hofe trafen die beiden Strömungen, die römisch-lateinische und die
keltisch-deutsche aufeinander. Karl versuchte, es beiden recht zu machen. Er
liess germanische Heldenlieder sammeln und eine deutsche Grammatik schrei-
ben, förderte aber auch das Klosterwesen und bekehrte in langen Feldzügen die
widerspenstigen Sachsen mit Feuer und Schwert zum römischen Christentum.
Am Weihnachtstage des Jahres 800 krönte ihn der Papst in der Peterskirche zum
Kaiser und damit zum Nachfolger der römischen Cäsaren. Jetzt schlug das Pen-
del von Karls Politik zugunsten Roms aus. Die deutsche Strömung eines freieren
Christentums, das sich mit Dogmen allein nicht zufrieden geben, sondern auf ei-
gene Erfahrungen bauen wollte, geriet in den Hintergrund. Abt Waldo von Rei-
chenau und seine Freunde begannen an Einfluss zu verlieren. Wenn eine wichti-
ge geistige Strömung, die der Menschheit nicht verloren gehen darf, von der öf-
fentlichen Wirksamkeit ausgeschlossen wird, bleibt ihr nur eines: in die Ver-
schwiegenheit, die Verborgenheit zu gehen. Sie wird esoterisch.
Es gibt aber noch einen zweiten Grund, weswegen das volkstümlich-deut-
sche Christentum für uns heute im historischen Dämmerlicht zu liegen scheint:
Geschrieben wurde beinahe nur Latein; das Deutsche war nahezu ausschliesslich
gesprochene Sprache. Was in der Volkssprache weitergegeben wurde, können
wir eben heute in Dokumenten nicht nachlesen, weil keine vorhanden sind. Sol-
che treu überlieferten Erzählungen wurden aber hin und wieder viel später auf-
geschrieben: So ging es mit der Geschichte des heiligen Gral. Zu glauben, die
Parzivals-Erzählung sei zu Zeiten Wolframs von Eschenbach oder Christians von
Troyes im 12. Jahrhundert erfunden worden, ist ebenso töricht, als wollte man
jemandem weismachen, die Märchen der Brüder Grimm seien um 1800 entstan-
den. Die Grals-Epen schildern historische Begebenheiten des neunten Jahrhun-
derts, wie die Forschungen von Werner Greub erhärtet haben.
Während die Kleriker in Sprache und Schrift das lateinische Christentum pfleg-
ten und verbreiteten, bildete die Gralssymbolik den selbstverständlichen inneren
Besitz des Rittertums. Der Adel pflegte die Kultur des gesprochenen Wortes. Das
Schreiben schien ihm unter seiner Würde. Noch Wolfram rühmt sich, keinen
Buchstaben zu kennen. Die Sprache der Ritter war die Volkssprache, bei uns
eben das Deutsche. <Diot> oder <diet> heisst Volk, Dietrich also der <Volkreiche>.
<Deutsch> heisst aber auch deutlich. Im Deutschen deutet sich das sonst schwer
Erklärliche. Wir verwenden heute noch die Redewendung: etwas deutsch und
deutlich sagen. Oder gar nur: Mit jemandem deutsch reden. Damit ist klarge-
stellt, dass er es mit Sicherheit verstanden hat. Dort aber, wo der Ausdruck deut-
sche Sprache> zum erstenmal in einem lateinischen karolingischen Dokument
auftaucht, heisst sie <theodisca lingua>. Und der Ostgotenkönig Dietrich heisst
27
eben Theoderich. Damit ist bezeugt, dass die Stammsilbe <deut> mit dem Göttli-
chen in Verbindung gebracht wurde, denn <theos> heisst griechisch <Gott>. Was
als Athmosphärisches das Wort <deutsch> umgibt, ist also etwa: Die Sprache des
Volkes, die jeder verstehen kann, durch die sich aber dem, der danach sucht, das
Göttliche verdeutlicht. Die allmähliche, stufenweise Verdeutlichung des Göttli-
chen — das ist der Gral. Und jeder Gralssucher ist ein Einzelgänger. Wann er ihn
findet, ist ungewiss. Dogmenglaube hilft dabei nicht viel weiter.
Karls des Grossen Sohn war Ludwig der Fromme. Der Ehrenname belegt sei-
ne unselbständige Romtreue. Es wird demgegenüber zu einer weltgeschichtli-
chen Notwendigkeit, dem germanisch-deutschen Wesen eine eigene Heimstatt
zu schaffen. Das Reich zerfällt mit dem Tod des schwächlichen Frommen. Ludwig
der Deutsche übernimmt den Osten, Karl der Kahle den Westen, das spätere
Frankreich. Seither tradiert die offizielle französische Politik römisches Wesen.
Besonders eindringlich wird das etwa sichtbar in der Gestalt Philipps des Schö-
nen, der kurz nach 1300 im Bunde mit dem Papst den Templerorden vernichtet
hat, der im weiteren Sinne eine Bruderschaft von Gralsrittern war. Auch die Re-
gierung Ludwigs des Vierzehnten erinnert an schlimme Zeiten des römischen Cä-
sarenwahns. Und unter Napoleon wurden sogar bis in Äusserlichkeiten hinein
römische Bräuche nachgeahmt.
Herrscher des jungen deutschen Reiches aber wurden bald einmal die Her-
zöge von Sachsen, jenes Stammes also, in dessen Gebiet die Irminsul gestanden
hatte, die Karl der Grosse in seinem Übereifer hatte zerstören lassen. Dass der er-
ste Sachsenkönig Heinrich ein Erkenntnissucher war, deutet sich schon in dem
mythischen Sagenbild an, er sei auf der Vogeljagd gewesen, als man ihm die
Nachricht von seiner Wahl überbrachte. Er war es auch, der ins Reichsbanner den
Erzengel Michael setzen liess, als es an der Unstrut 933 zur Schlacht gegen die
Ungarn kam. Nachdem auch Otto der Grosse in der Ungamschlacht auf dem
Lechfeld bei Augsburg 955 gesiegt hatte, war diese erneute Mongolengefahr
gebannt.
Sein Sohn Otto der Zweite wählte sich als Berater, Prinzenerzieher und Diplo-
maten einen Meister allergrössten Formates: Den Bischof Bernward von Hildes-
heim, Bildhauer, Bronzegiesser, Architekt und Buchmaler. Bernward erbaute an
der Stelle eines ehemaligen Odinsheiligtums die erste romanische Kirche: Sankt
Michael in Hildesheim. Diese Kirche ist die erste einer ganzen Reihe von mittel-
europäischen Sakralbauten, die eine Besonderheit aufweisen: einen zweiten
Chor im Westen. Üblicherweise wird ein mittelalterlicher Dom von Westen her
betreten. Das Langhaus mit seinen Arkadenreihen wendet Blick und Gang des
Besuchers nach Osten. Die Richtung ist vorgegeben und unumkehrbar. Betritt
man aber St. Michael, durch das Seitenschiff im Süden, ist es in die Freiheit des
Einzelnen gegeben, nach welcher Seite er sich wenden will. Der Raum selbst
28
schafft ein ganz anderes Lebensgefühl. Die selbe Kraft der Selbständigkeit strö-
men auch die Figuren an der mächtigen Bernwardstür aus. Wie die Doppelchö-
rigkeit mit dem Prinzip der Individualisierung zusammenhängt, wird übrigens in
grossartigster Weise im Westchor von Naumburg anschaubar. Dort stehen —
einsam in ihrem Schicksal — die Stifterfiguren, jede eine Welt für sich, aber unter-
einander einen Raum bildend, der erfüllt ist von hoher Dramatik. Die berühmte-
ste unter ihnen: Uta. Das ist staufische Kunst auf dem Höhepunkt, dreizehntes
Jahrhundert.

XI
1152 besteigt der erste Hohenstaufe den Thron des Reichs: Friedrich der Erste,
von den Italienern genannt der Rotbart, Barbarossa. Richard Wagner hat von
ihm gesagt, dass er das Ringen um den Nibelungenhort abgelöst habe durch das
Suchen nach dem Gral. Es war Ueberzeugung im Volke, Barbarossa habe durch
seinen Kreuzzug den heiligen Gral aus dem Morgenland zurückholen wollen. In
Kleinasien begrüsst ihn König Leon von Armenien als Erlöser. Vor Iconium hat
Friedrich gegen eine vielfache Übermacht von Mohammedanern gesiegt mit
dem Ruf: <Christus ist Sieger, Christus ist König, Christus ist Kaiser!<. Dass dieses
Bekenntnis sein tiefster Ernst war, hatte er schon auf seinem letzten Hoftage in
Mainz 1188 dargelegt, als er den Kaiserthron für den Herrn des Himmels freige-
lassen hatte. Am 10. Juni 1190, einem Sonntag, trugen ihn die Fluten des Saleph
mit sich fort. Sein Bruder führte das Heer weiter. Der Kreuzzug erreichte sein Ziel,
die Befreiung des Heiligen Landes, nicht, aber eine Frucht trug er doch: Vor Ak-
kon wurde 1190 der Deutsche Ritterorden gegründet, nach dem Vorbild der
Templer. Sein Hochmeister Hermann von Salza war später einer der vertraute-
sten Freunde von Barbarossas Enkel, Kaiser Friedrich dem Zweiten. Nachdem
Herzog Konrad von Masovien die Deutschritter gegen die heidnischen Prussen
zu Hilfe gerufen hatte, entstand an der Ostsee das berühmte Ordensland, aus
dem später der preussische Staat hervorgehen sollte.
Zuvor aber wurde Barbarossas Sohn Heinrich der Sechste Kaiser. Auch sein
kurzes Leben steht unter dem Zeichen des Grals; aber er hat nun vor allem mit
dessen Feinden zu ringen. Die äussere Geschichte ist ja, wie alles Äussere, Aus-
druck und Bild eines inneren, geistigen Geschehens. Hin und wieder drückt das
Innere mit urbildhafter Kraft nach aussen. In Heinrichs Gegnern scheinen sich die
Gestalten, die Wolfram und andere als die Feinde des Grals beschreiben, gleich-
sam zu verleiblichen. Heinrichs sizilisches Erbe wurde angefochten durch Tankred
von Apulien, der sich mit dem Papst einerseits und Richard Löwenherz von Eng-
land anderseits verbündete — übrigens der Anfang einer später wiederkehren-
29
den Verbindung zwischen Rom und England gegen Mitteleuropa. Heinrichs Heer
wurde vor Neapel durch Fieber hinweggerafft, seine Frau Konstanze durch Tank-
red gefangengenommen und zur Gegnerschaft gegen ihren Mann verführt. Der
junge Weife Heinrich von Braunschweig, Sohn Heinrichs des Löwen, lief in Nea-
pel zum Feind über. Auch später stellten sich die Weifen wieder im Bunde mit
dem Papst gegen die Hohenstaufen. Dann schien sich doch dem Kaiser der Sieg
zuzuwenden: Löwenherz wurde gefangengenommen und England war ge-
zwungen, in ein Lehensverhältnis zum Reich zu treten. Tankred starb. Seine Frau
Sibylle floh nach Caltabellota. Meinte Wolfram mit seiner Iblis Sibylle und mit der
Klingsorstätte Kalot Embolot das Schloss Caltabellota? Wirkte in Trankreds
schlauem Schwager Richard von Acerra Klingsor selbst? Vernichtete er das Bela-
gererheer Heinrichs vor Neapel durch Zauberei, wie die Zeitgenossen das be-
haupteten? Fragen, die schon Ernst Uehli in seinem Stauferbuch gestellt hat.
Heinrichs Gegenmassnahmen lassen vermuten, dass er seine Gegner kannte.
Sibylle Mess er auf Hohenburg, dem Odilienberg, gefangensetzen, die alte Medi-
zin- und Giftmischerstadt Salerno, in der Konstanze verraten worden war, nie-
derbrennen. Den von hier gebürtigen Kanzler Tankreds, Matthias, setzte er nach
Trifels in Haft, einer Burg, die auch mit dem Gral in Verbindung gebracht worden
ist. Der Sohn Sibylles kam nach Hohenems am Bodensee: Lauter der Klingsor-
Strömung entgegengesetzte Orte.
Aber während der Vorbereitungen zu einem Kreuzzug erkrankte Heinrich
plötzlich am Fieber und starb, 32jährig. Sieben Jahre hatte er die Krone getra-
gen. Man vermutet, er sei vergiftet worden.
Heinrich hinterliess in Palermo seinen dreijährigen Sohn Friedrich. In Sizilien
herrschten chaotische Zustände und niemand weiss, wer den Knaben eigentlich
erzogen hat. Es wird berichtet, der Zwölfjährige habe über soviel Kraft und Wis-
sen verfügt wie sonst nur ein gereifter und vollkommener Mann. Von Italien
kommend überschreitet der Jüngling die Alpen, zieht rheinabwärts zum Boden-
see, über Basel nach Mainz und wird hier 1212 zum König, 1215 in Aachen zum
Kaiser gekrönt. Am Grabe Karls des Grossen nimmt er mit 21 Jahren das Kreuz,
die Worte sprechend, er habe reinen und unbefleckten Herzens seinen Leib und
sein Können Gott in <allverzehrendem Opferbrand als Holokaust> demütig dar-
gebracht. Holokaust, das Brandopfer, ist eine Einweihungsstufe, auf der der Initi-
ant das niedere Persönliche höheren Zielen opfert.
Das Leben Friedrichs des Zweiten von Hohenstaufen steht unter dem Zeichen
eines Kampfes um Sein oder Nichtsein gegen die Papstkirche. Dass das Kaiser-
tum Mitteleuropas sich ihren Weltherrschaftsansprüchen nicht beugen wollte,
konnte sie nie verwinden, obwohl der grösste Lehrer der Kirche, Thomas von
Aquin, die Ansicht vertrat, der Papst sei zwar für das Seelenheil des Abendlan-
des, der Kaiser aber für Sicherheit und Wohlergehen verantwortlich — und ob-
30
wohl die deutschen Bischöfe einmal an den Papst geschrieben hatten: <Die Kro-
ne unseres Kaiserreiches ist ein Lehen Gottes und nicht des Papstes>.
Die päpstliche Politik hat etwas durchaus Überzeitliches. Im Hinblick auf die
grossen Ziele ähneln sich die Inhaber des Heiligen Stuhles alle. Als Friedrich der
Zweite erfuhr, ein Kardinal, der ihm nahegestanden hatte, sei zum Papst ge-
wählt worden, sagte er: <lch habe einen neuen Feind gewonnen, denn kein
Papst kann des Kaisers Freund sein.<
Trotz Bann und schlimmsten Flüchen von Seiten der Kirche blieb Friedrich sich
selbst treu und war zu keinem Canossagang zu bewegen. Im Gegenteil: Als ge-
bannter Kaiser erreichte er 1228 durch friedliche Verhandlungen mit dem Sultan
die Abtretung Jerusalems, Bethlehems und Nazareths an die Christenheit. (1244
wurden die heiligen Stätten von den Mamelucken wieder erobert und blieben
dann in islamischer Hand. Heute unterstehen sie der Kontrolle Israels.)
Jacob Burckhardt hat Friedrich den ersten modernen Menschen auf dem
Thron genannt. In ihm neigte sich das hochgemute kindliche Mittelalter schon
der erwachsenen Bewusstseinsseele zu. Mit wissenschaftlicher Genauigkeit hat
er sein Lehrbuch der Falknerei verfasst. In Sizilien hat er einen präzise arbeiten-
den, modern wirkenden Beamtenstaat geschaffen, dessen Polizei allgegenwär-
tig war. Das war an jener Stelle notwendig, um die alten antikaiserlichen Kling-
sor-Brutstätten auszuräumen. In Deutschland liess er selbstverständlich die alten
Freiheiten unangetastet.
Gegen die Lombardenstädte zog Friedrich deswegen, weil sie nicht nur
Reichsfreiheit wie die späteren Eidgenossen, sondern absolute Ungebundenheit
beanspruchten — dabei aber den Papst hinter sich und über sich hatten. Das
nannte Friedrich <verruchte Freiheit<. 1237, nach dem Sieg über Mailand, schlug
er Rudolf von Habsburg, den späteren König, zum Ritter, den er seinerzeit schon
als Kind aus der Taufe gehoben hatte.
Dann brachen die Mongolen durch Russland nach Europa herein. Friedrich
bat den Papst, die alten Gegensätze zu vergessen und mit ihm zusammen die
Verteidigung des Abendlandes zu übernehmen. Der Papst weigerte sich und
hielt Friedrich dadurch in Italien fest. Herzog Heinrich, Sohn der heiligen Hedwig
von Schlesien, übernahm die Führung des deutsch-polnischen Ritterheeres, dem
auch eine Schar von Ordensrittern angehörte. 1241 kam es bei Liegnitz zur
Schlacht. Die Christen fochten mit unerhörter Tapferkeit gegen die asiatische
Übermacht, wichen und wankten nicht und fanden alle den Tod, unter ihnen
Herzog Heinrich. Der Opfertod der Europäer stand wie ein gewaltiges Mahnmal
vor den mongolischen Seelen. Sie zögerten unschlüssig, ihren Sieg auszunützen
und schweiften schliesslich, als auch noch die Kunde vom Tod ihres Gross-Khans
eingetroffen war, zurück. Das Abendland war gerettet.

31
In Italien aber kämpfen die Reichsgegner weiter gegen Friedrich. Es ist herz-
zerreissend, zusehen zu müssen, wie nun dieser geistige Recke mit allen leibli-
chen Nachkommen von den dunklen Mächten seinem Ende zugedrängt wird.
Sein Kanzler und Vertrauter, Petrus von Vinea, nimmt an einer Verschwörung ge-
gen ihn teil und muss gefangengesetzt werden. Ebenso Friedrichs eigener Sohn
Heinrich. Nach einer Jagd wird Friedrich plötzlich von einem Ruhranfall niederge-
worfen und stirbt, 1250. Die Ähnlichkeit des Todes mit dem seines Vaters, Hein-
richs des Sechsten, lässt auch hier Gift vermuten.
Der Sohn Manfred, königlicher Dichter und Sänger, führt den Kampf weiter.
Sein Bruder Konrad eilt ihm aus Deutschland zu Hilfe, nimmt Neapel ein — und
stirbt am <Fieber>. 1266 fällt Manfred gegen den frömmelnden papsttreuen Fin-
sterling Karl von Anjou. Seine schöne junge Gattin Helena, eine Griechin, stirbt
nach fünf Jahren im Kerker. Ihre Tochter verbringt 18 Jahre Gefangenschaft in
Neapel, die kleinen Söhnlein werden in lichtlosen Verliesen an Ketten ange-
schmiedet und sterben nach Jahrzehnten, blind, taub und wahnsinnig gewor-
den. Papst Clemens der Vierte hatte persönlich ihr Schicksal verfügt, <zu leben,
als seien sie nie zur Welt gekommen, zu leben, nur um zu sterben.< Ein weiterer
Sohn Friedrichs, sein Feldherr, König Enzio <mit den Ringelhaaren>, stirbt im Ker-
ker zu Bologna. Noch lebt in Deutschland Konradin, Sohn Konrads und Enkel
Friedrichs. 1267 erscheinen vor dem vierzehnjährigen Stauferjüngling die Ge-
sandten der kaisertreuen italienischen Partei, der Ghibellinen. Sie fordern ihn auf,
das Erbe seiner Väter zu übernehmen und sich zum Kaiser krönen zu lassen. In-
mitten einer glänzenden Ritterschar zieht Konradin wie ein Märchenprinz im Ok-
tober 1268 über die Engelsbrücke in Rom ein. Wenige Tage später aber verliert
er mit seinen Getreuen die Entscheidungsschlacht gegen den grüngesichtigen
Karl von Anjou, wird durch Verrat gefangengenommen und gegen alle Regeln
der Ritterschaft in Neapel auf öffentlichem Markt enthauptet.
Das ist der Untergang der Hohenstaufen, nicht Sage, sondern Zug um Zug
Geschichte.

XII
Die Sage aber erzählt weiter. Als das Haupt Konradins fiel, stiess ein Adler aus
dem Blau, schwebte tief über das Pflaster des Hinrichtungsplatzes, zog seine
rechte Schwinge durch das strömende Blut und erhob sich mit gewaltigen Flü-
gelschlägen wieder zum Himmel. Dem Geiste sollte nicht verlorengehen, was ir-
disch vernichtet worden war. Ein Bild, das einen ähnlichen Hinweis gibt, tritt auf
im Sagenkreis um Friedrich selbst. Er soll nicht gestorben sein, sondern im Berge
Kyffhäuser seiner Wiederkunft harren. Spätere Jahrhunderte machten keinen

32
Unterschied mehr zwischen ihm und seinem Grossvater Barbarossa. Da heisst es
denn einfach: <der Kaiser Friedrich<. Der Kyffhäuser in der Goldenen Aue ist ein
Wodansheiligtum gewesen, und so wie die Raben dem Gott geheimes Wissen
aus aller Welt zugetragen haben, flattern auch um den Kyffhäuser die Raben
und warten darauf, dem Kaiser, der tief im Berge schläft, das Zeichen zum Auf-
bruch zu geben. Dieser überzeitliche Rang kommt Friedrich zu, weil auch er ein
Gralssucher ist. Die Sage erzählt, der Priesterkönig Johannes, Parzivals Nachfol-
ger als Gralshüter, habe dem Kaiser Geschenke gesandt und ihn durch Fragen
geprüft.
Das Berg-Motiv der Sage tritt noch in einem andern Zusammenhang auf.
Konradin, so wird erzählt, habe vor seinem Tode einem treuen Knecht ein Klein-
od anvertraut, einen Kelch, mit der Bitte, ihn ins deutsche Land zurückzubrin-
gen. Nach langer Wanderung erreichte der Knecht den Aargau und liess sich am
Fusse eines Kirchhügels bei Lenzburg nieder, den Kelch darin verbergend. Im
Dorfe wurde seine Herkunft bekannt. Man nannte ihn den Stauffner und den
Hügel schliesslich <Staufberg>. Staufberge sind in Deutschland mehrfach be-
kannt. Es sind Wallfahrtsberge, die zu den Zeiten der Sonnenwende bestiegen
wurden. Wer an einer solchen Fahrt teilgenommen hatte, blieb das ganze Jahr
gesund. (Staufberge sind darum Heilsberge>, schreibt das Taschenbuch der aar-
gauischen historischen Gesellschaft von 1860. Das Eigenartigste aber ist, dass der
Ausdruck <stouf> im Mittelhochdeutschen nichts anderes als Kelch bedeutet. Und
die Flumamenforscher nehmen an, die Staufberge hätten ihren Namen von der
Form eines umgekehrten Kelches bekommen, denn sie sehen wirklich alle so aus
— auch der Hohenstaufen selbst.
Das deutsche Wort <Berg> aber zeigt an, was Berge mit Kelchen gemeinsam
haben: Sie enthalten etwas, <bergen> oder <verbergen> es, so dass es in ihnen
<geborgen> ist. Was ist nun der Gral im Bild der Sage? Er ist eine Schale, ein
Kelch, geschnitten aus einem Stein der Krone Luzifers, den dieser verlor, als Mi-
chael ihn aus dem Himmel stürzte. Aus der Schale habe Christus beim letzten
Abendmahl geschöpft, in ihr habe Joseph von Arimathia das Blut Christi aufge-
fangen. Sie trägt also die kostbarste Erdensubstanz, dasjenige, was die Kraft hat,
künftige höhere Stufen der Erdentwicklung hervorzubringen. Stufenweise, <gra-
dalis>, das Verborgene des Berges, des Kelchs also, des Staufs, in Freiheit zu er-
fahren durch das Ich, mit der Kraft der inneren Irminsul nämlich, das wäre Grals-
suche, Gralswissenschaft.
Wir haben von Friedrich Barbarossa über Heinrich und Friedrich den Zweiten
bis hin zu Konradin die Hohenstaufen mit Gralsbildern verbunden gesehen. Es ist
richtig, sie als ein Geschlecht von Gralssuchern zu bezeichnen.

33
XIII
Die Kaiser geboten über das Reich. Wie kam es zu seinem Namen? Ursprünglich
war das Wort Beiname gottgesandter Führer eines Volkes, vorkommend im Kel-
tischen wie im Germanischen: Vercingeto-rix, Did-rik. Der Bereich, über den sol-
che Könige herrschten, war eben ihr Reich. Im König verkörperte sich etwas,
was über das Menschliche hinausragte. Das war in den altorientalischen Theo-
kratien so, das war aber auch in den mythengeprägten Kulturen Mittel- und
Nordeuropas noch bis ins Mittelalter hinein geblieben. Auf späteren Stufen wird
der Begriff <Reich> dann gebraucht, wenn ihm eine grosse Idee zugrundeliegt,
etwas Umfassendes, das nicht einfach die Rechtsorganisation eines Volkes ist.
Ein Staat braucht noch lange kein Reich zu sein, auch wenn es ein grosser Staat
ist. Und gar ein Nationalstaat kann überhaupt kein Reich sein. Denn zum Reichs-
begriff gehört eine übernationale Tendenz, obwohl ein bestimmtes Zentralvolk
Hauptträger der Reichsidee und darum auch der äusseren Macht ist.
Ideelle Grundlage des Alexanderreichs, auch wenn es nur kurz bestand, war
das Bewusstsein von der Weltgeltung griechischer Denkkultur. Aristoteles war
nicht umsonst der Lehrer Alexanders gewesen.
Die Römer legten ihrem Reich den Rechtsbegriff zugrunde. Sie pflegten eine
Kultur der bürgerlichen Persönlichkeit, die unbedingten Rechtsschutz genoss, in-
sofern sie das römische Bürgerrecht besass. Bekannt ist ja zum Beispiel, dass der
Apostel Paulus, als römischer Bürger, nicht wie sein Gefährte Petrus die Schmach
einer Kreuzigung über sich ergehen lassen musste, sondern durch Enthauptung
hingerichtet wurde, was als ehrenvoller Tod galt. Es liegt auch in der inneren Lo-
gik der Entwicklung, dass unter den späteren Cäsaren das römische Bürgerrecht
auf alle Einwohner des Reichs ausgedehnt wurde.
Als nach der Völkerwanderung Karl der Grosse zum erstenmal wieder grösse-
re Teile des Abendlandes zu einem Reich zusammenfügte, folgte auch er einer
Idee: Sein Vorbild war der Gottesstaat, den der Kirchenvater Augustinus be-
schrieben und gefordert hatte. Er betrachtete es als seine Pflicht, dem Wort und
Gesetz Gottes, so wie er es verstand, in seinem ganzen Machtbereich Geltung zu
verschaffen. Und weil die Menschen das spürten, verehrten sie ihn auch wie ei-
nen Vater und Patriarchen. Damals hoffte Alkuin auf <ein neues Athen, das durch
die Verbreitung des Evangeliums veredelt und mit den sieben Gaben des Heili-
gen Geistes ausgestattet sein würde».
Die späteren deutschen Kaiser haben ihr Amt ähnlich verstanden: auch das
weltliche Schwert ist von Gott verliehen und muss ihm dienen. Der Kaiser ist dem
Himmel gegenüber verantwortlich. Nach deutscher Auffassung steht der Kaiser
gleichberechtigt neben dem Papst. Im römischen Sinne aber ist es, ihn als Vasal-
len der Kirche zu betrachten. Diesen überlebten Cäsaropapismus bezeichnet

34
Dante als Wurzel alles Übels seiner Zeit. In spätrömischer Zeit war der Kaiser
nämlich zugleich Pontifex maximus gewesen, oberster Priester. Schon diese Er-
scheinung aber war bloss eine Dekadenzform der ägyptischen Theokratie. Die
deutschen Kaiser, indem sie ihr Recht verteidigten, schützten zugleich den
Menschheitsfortschritt, den sich entwickelnden Individualismus. Rein politisch
drückte sich das etwa darin aus, dass im Deutschen Reich nie eine Zentralisierung
stattgefunden hat wie in Frankreich; die einzelnen Stämme, Landschaften und
Städte hatten ihre eigene Physiognomie und Geschichte. Man denke nur daran,
dass solch eigenständige Gebilde wie der Bund der Hansestädte oder die
Schweizer Eidgenossenschaft Glieder des Reiches waren. Dieses Streben nach
Selbständigkeit und Vereinzelung machte die Reichsgenossen oft genug sogar
blind für die Einsicht, dass eben doch ein grosser Rechtsrahmen politisch Schutz
und Gewähr bieten muss, wenn das Einzelne sich ungehindert entfalten will.
Partikularismus unter dem Mantel der <deutschen Libertät> hat unbewusst und
törichterweise mitgeholfen, dem alten Reich und seiner Idee das Grab zu schau-
feln. Davon soll später noch die Rede sein.
Die Eroberungen Napoleons waren kein Reich. Es fehlte an einer grossen
Idee. Die Revolutionsideale konnten nicht dafür gelten, weil er ja selbst als Mo-
narch und Usurpator auftrat. Er versuchte eine Vereinigung Europas ohne zu wis-
sen wofür.
An dem Punkt stehen wir heute wieder. Es bildet sich eine >Europäische Ge-
meinschaft<, der jede ideelle Grundlage abgeht. Sie wirkt durch die Magie der
Masse und durch das Gefühl eines schrankenlosen nivellierenden Ineinanderflu-
tens. Es entsteht hier kein Reich, sondern ein Koloss, der noch dazu nicht einmal
die europäische Unabhängigkeit gegen West und Ost hochhält. Wir werden ge-
gen Ende unserer Betrachtungen darauf zurückkommen.

XIV
Die Vernichtung der Hohenstaufen stürzte das Reich in die Zeit des Faustrechts;
die <kaiserlose, die schreckliche< Zeit nannte man dieses Interregnum. Mancher
Adlige, der die innere Orientierung verloren hatte, verkam zum Raubritter. Die
Kluft zwischen Adel und Städten wurde unheilbar.
1273 rangen sich die Kurfürsten endlich zu einem Entschluss durch: Rudolf
von Habsburg erhielt die deutsche Königskrone, 23 Jahre nach dem Tod Fried-
richs des Zweiten, und er schaffte Ordnung.
Die Habsburger waren bisher einfache Grafen gewesen. Ihr Stammschloss,
ursprünglich <Habichtsburg> genannt, steht bei Brugg im Aargau. Bevor es aber
gebaut war, bewohnten sie die Altenburg unten an der Aare. Die Familienüber-

35
lieferung erzählt, das Geschlecht stamme von den Römern ab. Nun haben die
Habsburger in ihrer langen Geschichte tatsächlich immer wieder eine gewisse Af-
finität zum römischen Wesen gezeigt. Und auffällig ist es schon, dass die Alten-
burg eigentlich ein römisches Kastell war, und dass die langjährige Grablege des
Hauses, das Kloster Königsfelden, mitten auf dem ehemaligen Legionslager Vin-
donissa errichtet wurde — wenn auch aus ganz anderen Gründen.
Rudolf war im Volk beliebt. Er scheint ein leutseliger und gerechter Herr ge-
wesen zu sein. Ebenso wie das Wohl des Reiches lag ihm aber seine eigene
Hausmacht am Herzen. Dem widerspenstigen Herzog von Österreich entzog er
dessen Lande und machte sich selbst zum Herrn darüber. Damit verlagerte sich
das Schwergewicht des Hausbesitzes nach Osten, und Wien konnte im 15. Jahr-
hundert habsburgische Kaiserstadt werden. Das blieb so bis 1918.
Das Haus Habsburg hat in all den Jahrhunderten, in denen es die Kaiser stell-
te, stets geschwankt zwischen Gemeinwohl und Eigennutz. Persönlich waren die
Herrscher oft sehr bescheiden, aber zäh und geizig wurde am einmal Erworbe-
nen festgehalten. Sie waren ausgesprochene Realpolitiker. Eine Art wahrer Ge-
nialität entwickelten sie auf dem Gebiet der Familienpolitik: (Andere mögen
Kriege führen; du, glückliches Österreich, heirate!< Durch eine Reihe von ge-
schickten Vermählungen kam es dazu, dass im Reiche Karls des Fünften die Son-
ne nicht mehr unterging, gemäss dem Wahlspruch <A.E.I.O.U. — Alles Erdreich
ist Österreich Untertan.<
Wie weit der Geiz in einem finsteren Charakter gehen konnte, zeigt schon das
Beispiel König Albrechts, der, um an die Macht zu kommen, erst den rechtmäs-
sig gewählten König Adolf von Nassau in der Schlacht von Göllheim tötete,
dann, auf den Thron gelangt, seinem eigenen Neffen Johann von Schwaben
dessen Erbe vorenthielt, so dass er von dem Jüngling und seinen Freunden 1308
erschlagen wurde.
Gerade weil den Habsburgern im Grunde hohe Ideale fehlten, ergaben sie
sich in treuer Anhänglichkeit der katholischen Kirche. Das ist übrigens bis heute
so geblieben. Damit wurde das Kaisertum selbst immer wieder zum Einfallstor
römischer Tendenzen nach Mitteleuropa. Das war eine Schwächung des
Deutschtums an entscheidender Stelle, auch wenn den einzelnen Herrschern ei-
ne gewisse angeborene Gutmütigkeit und Religiosität nicht abgesprochen wer-
den kann.
Von 1347 bis 1378 trat einmal noch eine grosse Gestalt an die Spitze des Rei-
ches, die nicht dem Hause Habsburg entstammte: Karl der Vierte von Luxem-
burg. Er scheint in tiefem Sinne mit dem Geist der Zeit vertraut gewesen zu sein.
Italienische Humanisten wie Petrarca waren vertraute Gäste an seinem Hof. Er
gründete in Prag die erste deutsche Universität. In der Nähe errichtete er die
Burg Karlstein, die Rudolf Steiner eine bewusste Nachbildung der Gralsburg ge-
36
nannt hat. In Karl dem Vierten wirkt bestes Deutschtum: Er bejaht und unter-
stützt das bürgerliche Leben der Städte und die neu heraufkommende Wissen-
schaft. Er macht das zweisprachige Prag zur Hauptstadt und fördert damit die
deutsch-slawische Kulturbrüderschaft, eine Tat, die bis in weite Zukunft hinein
vorbildhaft sein wird. Und er fühlt sich dem Gralsimpuls so verpflichtet, dass er es
sogar architektonisch dokumentiert.
Seine Nachfolger vermochten diese gewaltige geistige Höhe nicht zu halten.
Und seit 1438 blieb das Kaisertum dem Hause Habsburg beinahe erblich vorbe-
halten, bis zum Ende des alten Reiches 1806. Damit war das innere Deutschtum
in einen gewissen Gegensatz zu seinen Kaisern gesetzt. Ein Beispiel dafür ist die
Entstehung der Eidgenossenschaft:
Zu Beginn des 13. Jahrhunderts war die Teufelsbrücke des Stiebenden Stegs
in der Schöllenenschlucht gebaut und damit der Gotthardpass zur kürzesten Ver-
bindung zwischen Deutschland und Italien gemacht worden. Die Habsburger
Grafen verstanden es, das Land Uri als Pfand aus der Hand des Kaisers in die ihre
zu bringen. Sie spürten, dass hier ein Schlüssel zukünftiger europäischer Politik
liege. Zwar erlegten die Talleute die Pfandsumme anstelle des Kaisers in kurzer
Zeit selbst und erhielten darauf von Friedrich dem Zweiten einen feierlichen Frei-
brief mit der Bestätigung der Reichsunmittelbarkeit. Als nun aber wenige Jahr-
zehnte darauf Habsburg selbst den Kaiser stellte, konnten die Urner und ihre
Nachbarn aus den übrigen Waldstätten beim Schirmherrn des Reichs keinen
Schutz mehr suchen. Aus ihrer Sicht hatte man den Bock zum Gärtner gemacht.
So kam es zu einer geheimen Bundesgründung, deren äusseres Dokument der
Bundesbrief von 1291 ist. Diesen Vorgang begleitet die Gestalt des Teil. Einerseits
steht er in der Tradition des altgermanischen Freiheitswillens. <Wir wollen frei
sein wie die Väter waren>, heisst es bei Schiller. Aber der Tell ist gleichzeitig auch
der Mensch der Neuzeit, der Bewusstseinsseele, der einsam aus sich selbst han-
delt.

Stauffacher: Wir könnten viel, wenn wir zusammenstünden.


Tell: Beim Schiffbruch hilft der Einzelne sich leichter.
Stauffacher: So kalt verlasst Ihr die gemeine Sache?
Tell: Ein jeder zählt nur sicher auf sich selbst.
Stauffacher: Verbunden werden auch die Schwachen mächtig.
Tell: Der Starke ist am mächtigsten allein.
Stauffacher: So kann das Vaterland auf Euch nicht zählen,
Wenn es verzweiflungsvoll zur Notwehr greift?
Tell: (gibt ihm die Hand)
Der Tell holt ein verlornes Lamm vom Abgrund,
Und sollte seinen Freunden sich entziehen?

37
Aus diesen letzten Worten spricht die Gesinnung des Opfers, des Höchsten,
was ein starker Einsamer bringen kann.
Die Begründung der Eidgenossenschaft war nicht gegen das Reich gerichtet,
sondern gegen die schleichende Einverleibung in die habsburgische Hausmacht.
Gerade die Eidgenossen vertraten mit ihrer Freiheitsauffassung die alte Reichs-
idee getreuer als die Römlinge auf dem Kaiserthron.
Zur De-facto-Lösung der Schweiz vom Reich kam es 1499. Maximilian der Er-
ste hatte die Einführung des Römischen Rechts im Deutschen Reich verfügt und
im Zusammenhang damit das zentrale Reichskammergericht in Wetzlar und eine
neue Reichssteuer geschaffen. Beides lehnten die Eidgenossen ab. Es kam zum
<Schwabenkrieg>, der auch der <Schweizerkrieg> heisst, und nach der Entschei-
dungsschlacht von Dornach musste der Kaiser die Schweizer gewähren lassen.
Das innere Mitteleuropäertum hatte sich in den Eidgenossen gegen die Überstül-
pung des römischen Rechts gewehrt. Das veranlasste den Historiker Roman
Boos zu der Bemerkung, nicht die Schweiz sei aus dem Reich, sondern das Reich
sei aus der Schweiz ausgetreten. Die Idee der Eidgenossenschaft stellt nicht ei-
nen Sonderfall dar, sondern das Allgemeingültige für Mitteleuropa. Wären die
Hohenstaufen nicht vernichtet worden, oder hätte eine Regierung wie die Karls
des Vierten ihre Fortsetzung gefunden — die Abschnürung der Schweiz vom
Reichskörper hätte nicht vollzogen werden müssen. Deswegen gilt auch das
Umgekehrte: Gottfried Keller sprach einmal von einer Zukunft, in der auch die
Schweizer >wieder zu Kaiser und Reich zurückkehren könnten<. Die >Europäische
Gemeinschaft< ist aber offensichtlich noch nicht dieses Reich. So sagt denn EG-
Kommissionspräsident Jacques Delors folgerichtig, die EG dürfe keine grosse
Schweiz werden. Wirklicher Individualismus und Föderalismus sind in diesem
Monsterstaat eben nicht gefragt. Das Heil wird erwartet von der abstrakten Bü-
rokratie, fussend auf dem römischen Recht — einem Leichnam also, der seit gut
anderthalbtausend Jahren tot ist. Deutsches Recht heisst: Den Schiedsspruch aus
dem Gewissen der Streitparteien schöpfen und damit Recht von Fall zu Fall neu
schaffen. Schöpfen und schaffen gehören sprachgeschichtlich zusammen. Und
ihnen entspricht der Schöffenrichter, nicht der Jurist. Römisches Recht aber be-
ruht auf dem Aberglauben, Rechtssätze könnten im luftleeren Raum formuliert
und dekretiert werden. Solches Recht setzt den einfachen Bürger immer ins Un-
recht, wogegen die juristischen Pfiffikusse für sich natürlich stets einen Weg
schlauer Umgehung des Gesetzes zu finden wissen. Das korrumpiert die Gewis-
sen und entfremdet den besten Teil des Menschen innerlich dem Rechtsrahmen,
nämlich dem Staat. Und das erleichtert wiederum denjenigen, die sich in unlau-
teren Absichten an die Spitze der Völker stellen, egoistisch zu manipulieren. Das
Wort vom >unpolitischen Deutschen< hat darin seine Ursache, dass der Deutsche
seiner inneren Bestimmung nach einem römisch organisierten Staat fremd ge-
38
genüber stehen muss. Und wenn die Stimmbeteiligung in der Schweiz von Jahr
zu Jahr sinkt, so deswegen, weil die Gesetzesvorlagen von Jahr zu Jahr juristisch
vertrackter werden und kaum mehr die Aussicht besteht, die wirklichen Folgen
eines Ja oder Nein abzusehen.
Der deutsche Bauernkrieg von 1525 galt im Grunde dem römischen Recht.
Die Bauern beriefen sich wie die Schweizer aufs <alte Recht< und richteten ihre
Hoffnungen auf den Kaiser, den sie in ihrer kindlichen Gutmütigkeit noch immer
im Glänze der Hohenstaufen sahen. Ihnen standen viele einfache Reichsritter zur
Seite, so Franz von Sickingen oder Ulrich von Hutten. Und als Goethe 250 Jahre
später in der deutschen Erneuerungsbewegung des <Sturm und Drang> einen
Helden brauchte, so fand er ihn im Ritter Götz von Berlichingen.

XV
Dem Bauernkrieg war der Beginn der Reformation vorangegangen, seit 1517
durch Luther in Wittenberg, seit 1519 durch Zwingli in Zürich. Man kann die Re-
formation als eine spezifisch deutsche Form des allgemeinen europäischen Hu-
manismus sehen. Überall wurde abgeworfen, was als Unverstandenes aus dem
Mittelalter herübergekommen war. In Kunst, Wissenschaft und Politik gingen
andere Völker, vor allem die Italiener, voran. Das gläubige Gemüt der Deutschen
aber wandte sich der Religion zu. Über Luthers Theologie sei hier nicht geurteilt.
Es kann sein, dass er sich in seiner Sakramentologie und anderen zentralen Fra-
gen grundsätzlich geirrt hat. Aber eines erhob ihn in den Augen des Volkes zum
Helden: Dass er es gewagt hatte, die >Freiheit eines Christenmenschen> in An-
spruch zu nehmen und über die höchsten Fragen des menschlichen Lebens und
Glaubens selber nachzudenken. In Worms erläuterte er vor dem Kaiser und der
ganzen Fürstenbank seine Lehre und schloss mit den legendären Worten: <Hier
stehe ich, ich kann nicht anders ...> Die Bannbulle des Papstes verbrannte er im
Kreise seiner Studenten.
<Und über Deutschland einen Schein
Wie Nordlicht warf das Feuerlein.<
(C.F. Meyer, Lutherlied)

Die Reformation war eine <Los-von-Rom>-Bewegung. Das — und nicht der In-
halt seiner Lehre — machte Luther zum Volksheiligen. Und dann war er einer
unserer grossen Sprachmeister. In seiner Bibelübersetzung ist Kraft und Musik,
Schlichtheit und Reichtum in einer Weise vereinigt, die das Buch zu einer grossen
deutschen Dichtung erhebt. Es gibt noch heute keine schönere Übersetzung. Es

39
sei denn, man wende sich einer solchen Dichtung zu wie Berthold Wulfs <Evan-
gelium nach Johannes, abends am Wasser unter Sternen erzählt<.
Der Ort, an dem Luther mit seiner Evangelienübersetzung zum Mitschöpfer
des Neuhochdeutschen wurde, ist die Wartburg in Thüringen. Dreihundert Jahre
zuvor haben hier die grossen Dichter des Mittelalters, unter ihnen die Staufer-
freunde Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach, ihren Sän-
gerwettstreit abgehalten. Wolfram hat grosse Teile seines Parzival hier gedichtet.
Nun erzählen die Brüder Grimm in ihren Deutschen Sagen, der heidnische Zau-
berer Klingsor aus Ungarland habe sich auch zum Sängerkrieg eingefunden:
«Da sangen Klingsor und Wolfram mit Liedern gegeneinander, aber Wolfram
tat so viel Sinn und Behendigkeit kund, dass ihn der Meister nicht überwinden
mochte. Klingsor rief einen seiner Geister, der kam in eines Jünglings Gestalt. >lch
bin müde worden vom Reden<, sprach Klingsor, >da bringe ich dir meinen
Knecht, der mag eine Weile mit dir streiten, Wolfram.< Da hub der Geist zu sin-
gen an von dem Anbeginne der Welt bis auf die Zeit der Gnaden, aber Wolfram
wandte sich zu der göttlichen Geburt des Ewigen Wortes; und wie er kam von
der heiligen Wandlung des Brotes und Weines zu reden, musste der Teufel
schweigen und von dannen weichen ...»
Auf der selben Burg wurde auch Luther vom Teufel versucht. Bekanntlich hat
er mit dem Tintenfass nach ihm geschmissen — so will es jedenfalls die Überlie-
ferung. Dort, wo Klingsor durch die Gralsgeheimnisse besiegt worden ist, hoben
gute Geister das Neuhochdeutsche aus der Taufe, die Sprachform, die zur ge-
meinsamen Hochsprache Mitteleuropas geworden ist.
Die Feuerzungen wehn. Fest Pfingsten flammt.
Martinus tritt in das Apostelamt.
Der Sturm erbraust und jede Sprache tönt —
Wie tief das Erz der deutschen Zunge dröhnt!
(C. F. Meyer, Huttens letzte Tage)

XVI
Rom rüstete zum Gegenstoss. Ignatius von Loyola, der Spanier, begründete den
Jesuitenorden als Kampftrupp gegen die Reformation. Die Jesuiten haben mit
den gemütvollen Mönchen des Mittelalters nicht mehr viel gemeinsam. Von ih-
nen wird blinder soldatischer Gehorsam bei höchster Willensanstrengung und
brillanter Intelligenz verlangt. Die päpstliche Autorität wird in grotesker Überstei-
gerung zum unfehlbaren Leitstern, der über jedem persönlichen Gedanken und

40
Gewissen thront. In fast unbegreiflicher Schnelligkeit breitete sich der Jesuitismus
aus und führte zur Gegenreformation.
Diese Entwicklung war nicht nur eine Gefahr für die protestantischen Träger
der Bewusstseinsseele, sondern auch für die katholischen. Die römische Kirche
war zu Luthers Zeiten gewiss kein Hort der Moral gewesen — aber ein Hort der
Kunst! Die Renaissance-Päpste hatten einen echten Enthusiasmus für die Dar-
stellung der christlichen Mysterien in den Werken Leonardos, Raffaels, Michelan-
gelos. Aber auch diese Befreiung, die ästhetisch-künstlerische, wurde durch das
fanatisch bigotte Jesuitentum gekappt. An die Stelle der Kunst trat der Manieris-
mus, und an die Stelle einer gedanklichen Auseinandersetzung zwischen Men-
schen trat der unduldsamste Dogmenglaube.
Die eigentliche Tragödie für Mitteleuropa aber war, dass die Habsburger unter
den Einfluss der Jesuiten gerieten. Als Beichtväter übten sie ungeheuren Einfluss
aus, und die Gegenreformation hatte in Österreich und Böhmen durchschlagen-
den Erfolg. Dann zog der religiöse Fanatismus den Streit auf die physische Ebene
hinunter: >Lieber eine Wüste als ein Land voller Ketzer!< äusserte Ferdinand der
Zweite zu Beginn des Dreissigjährigen Krieges. Der Gegensatz war unheilbar ge-
worden: auf der einen Seite das Bündnis des Kaisertums mit dem Jesuitismus,
auf der andern Seite protestantische Reichsfürsten, Herren und Städte, die oft
genug die >Freiheit eines Christenmenschen> dahin auslegten, tun und lassen zu
können, was beliebte und insbesondere am säkularisierten Kirchengut sich zu
bereichern. Religiöser Dogmatismus und platter Materialismus mischten sich auf
beiden Seiten in den wunderlichsten Verhältnissen. Geistige Schwäche der Deut-
schen ermöglichte den Feinden Mitteleuropas — der päpstlichen und der franzö-
sischen Politik — sich zu Herren über Mitteleuropa aufzuschwingen. Frankreich
unterstützte die deutschen Protestanten, obwohl es im eigenen Lande die Huge-
notten ausrottete. Warum? Weil es damit gegen Kaiser und Reich agieren konn-
te. Und diese Doppelzüngigkeit sollte sich sogar noch auszahlen: Der Westfäli-
sche Friede von 1648 gab dem französischen König das Vetorecht in jeder
Reichsangelegenheit. Der Kaiser wurde zur Schattenfigur. Die deutschen Territo-
rialfürsten hatten nun, was sie wollten — praktisch vollständige Unabhängigkeit
— aber das Reich als Hort mitteleuropäischer Freiheit war gestorben. (Die Beerdi-
gung besorgte Napoleon 1806.) Die Niederlande und die Eidgenossen lösten
sich konsequenterweise gänzlich vom Reich. Die Folgen des Krieges waren ver-
heerend: Die Hälfte der mitteleuropäischen Bevölkerung war dahingerafft durch
Krieg, Pest und Hunger. Ganze Landstriche lagen in Schutt und Asche. Allein in
Böhmen und Mähren waren tausend Dörfer so verschwunden, dass man später
nicht einmal mehr ihre Stätte kannte.

41
<Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod,
Was grimmer als die Pest und Glut und Hungersnot:
Dass auch der Seelenschatz so vielen abgezwungen.)
(Andreas Gryphius, Tränen des Vaterlandes)

Waren diese erschütternden Ereignisse zwangsläufig? Oder hätte es einen Weg


gegeben, die konfessionellen und politischen Gegensätze friedlich beizulegen?
(Friedlich) heisst im Zeitalter der Bewusstseinsseele unter allen Umständen: den
Weg durch das denkende Bewusstsein nehmend. Mit Machtsprüchen kirchlicher
und weltlicher Würdenträger ist es heute nicht mehr getan, denn der Einzelne
will die Beurteilungsgrundlagen selber kennen. Das heisst: das Zeitalter der Wis-
senschaft ist heraufgezogen. Wo waren im Beginn des 17. Jahrhunderts ehrliche
und erfolgversprechende Bemühungen, Glauben und Wissen zusammenzufüh-
ren? Zu Kassel erschien 1614 ein ungewöhnliches Büchlein: <Fama fraternitatis
des löblichen Ordens des Rosenkreutzes an alle Gelehrte und Häupter Europae
geschrieben.< Als praktisches Ziel der Schrift wird in der Einleitung angegeben:
eine Generalreformation der Welt durch die harmonische Verschmelzung der
beiden grossen Errungenschaften der Neuzeit: der Reformation als Symptom
der religiösen Freiheit und der Naturwissenschaft als Ausdruck einer neuen Welt-
zugewandtheit. Die Fama selbst erzählt dann das Leben vom Vater Rosenkreutz.
Darin zeigt sich, wodurch die Rosenkreuzer-Bruderschaft ermächtigt ist, hervor-
zutreten und öffentlich zu wirken:
Eine Reise in den Orient vermittelt Rosenkreutz dessen alte Weisheit und
Naturerkenntnis. Sie führt ihn ein in das Verständnis des Liber Mundi und lässt
ihn den Zusammenhang von Mikrokosmos und Makrokosmos erfassen. Er wird
inne, dass allein der christliche Glaube mit dieser neu gewonnen Welterkenntnis
harmoniert, sieht aber auch unter der Decke religiöser Irrlehren überall Wahrhei-
ten durchschimmern. Ins Abendland zurückgekehrt, fasst er den Plan, eine gei-
stige Republik von Gelehrten zu gründen, <die alles dasjenige, so Gott dem Men-
schen zu wissen zugelassen, wüssten) und ihre Ergebnisse den Fürsten und Völ-
kern fruchtbar werden liessen. Ihre Forschungsweise erinnert dabei an die des
Paracelsus. Viele Jahre hindurch hat die Bruderschaft im Verborgenen gewirkt.
Mit der <Fama> wirbt sie zum erstenmal öffentlich um Mitglieder. Im Jahr darauf
erscheint eine zweite Schrift <Confessio Fraternitatis R.C>. Die Rosenkreuzer sind
Christen. Ihre Philosophie beruht auf den Gedanken von Piaton, Aristoteles und
Pythagoras. Sie rücken ausdrücklich von allen Schwärmern und Sektierern ab
und kämpfen für das reine Evangelium gegen päpstliche Machtansprüche, ge-
gen den Islam und gegen falsche Alchimisten. Politisch sehen sie sich im Dienste
des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. So lautete damals der offiziel-

42
le Titel des Deutschen Reiches. Wieder ein Jahr später, 1616, erscheint in Strass-
burg die <Chymische Hochzeit Christiani Rosenkreutz anno 1469>. Darin wird nun
in der Sprache des poetischen Bildes der geistige Weg des Rosenkreuzertums
geschildert. Wie die Darstellungen von Sage und Mythos sind auch diese Bilder
Schilderungen von geistigen Hintergründigkeiten, die anders als durch das Bild
schwer zu sagen sind. In ihrer Tiefe und geistigen Tendenz entsprechen sie den
Gralsmythen.
Wäre die lutherische Reformation nicht so schnell in Orthodoxie erstarrt, hätte
die katholische Kirche die geistige Führung nicht so schnell dem Jesuitismus
überlassen — der Dreissigjährige Krieg hätte 1618 nicht kommen brauchen. Und
vielleicht wäre aus dem Rosenkreuzertum eine grosse und öffentliche geistige
Bewegung geworden, den Gegensatz zwischen den Konfessionen und den Ab-
grund zwischen Religion und Wissenschaft überbrückend.

und sah sie beide stehen


Zugleich am himmel und es war als hätten
Sie sich verschwistert wie es einst
geschehen
Wohl wirklich wird: der mond im violetten
Geleucht schien rot. Die sonne auf dem gründe
Ganz golden so wie sie an sternenstätten
So golden nicht war. Und an gottes munde
Die erde hing. Und war die venus schiene
So gülden in der früh- und abendstunde
Wie früh und abends Schmetterling und biene.
(Berthold Wulf, Chymische Hochzeit
Christiani Rosenkreutz; Schluss)

XVII
In den schweren Zeiten des Krieges und der darauffolgenden Jahrzehnte war es
dem deutschen Geist nicht gegeben, die Kultur Mitteleuropas zu prägen. In
Kunst und Architektur breitete sich der Jesuitenbarock aus, die Dichtung ahmte
schweratmig französische Vorbilder nach. Was nicht mehr gebildet und gesagt
werden konnte, zog sich ins Bildlose und Unsagbare zurück, und es entstand —
die deutsche Musik. Mitten im Krieg wirkte der Hofkapellmeister Heinrich Schütz
in Dresden und neben ihm landauf landab eine ganze Anzahl begabter Kompo-

43
nisten und Organisten, die alle an dem Grund bauten, auf dem dann Johann Se-
bastian Bach seinen Dom errichten konnte.
Dass um 1500 herum Meister wie Albrecht Dürer, der <Präceptor Germaniae>,
oder der gewaltige Grünewald wirken konnten, erstaunt weniger: Die Atmo-
sphäre dafür war in mancher Hinsicht vorbereitet. Nach dem Dreissigjährigen
Krieg aber hätte man ein Deutschland erwarten können, das in Barbarei und
Stumpfheit abgeglitten wäre. Umso köstlicher ist das musikalische Wunder, das
sich aus diesen Ruinen entfaltete. Es erinnert an den Tausendjährigen Rosen-
strauch in Hildesheim, der aus dem Bombenschutt des letzten Weltkrieges wie-
der hervorgesprosst ist.
Die Grösse Bachs ermisst, wer in der Passions- oder Adventszeit darauf achtet,
wie fast in jeder bedeutenden mitteleuropäischen Stadt das Weihnachtsoratori-
um oder eine der Passionen aufgeführt wird. Bach ist nicht Geschichte; auch von
ihm könnte man sagen: mehr Zukunft als Vergangenheit. Man muss sich nicht
einer Kirche zugehörig fühlen: in der Hörergemeinde Bachs kann jeder ein Christ
sein, ohne von irgendwelchen Dogmen bedrängt zu werden und ohne sich ei-
nem unerwünschten Gruppenerlebnis auszusetzen. Es gibt kaum etwas Zeitge-
mässeres als Bach — jedenfalls sicher nicht jene elektronisch dämonisierten vor-
sintflutlichen Dschungelrhythmen, die heute ganze Massen von Jugendlichen in
ihren Bann ziehen.
In der Politik und auf weiten Gebieten des kulturellen Lebens aber begann
nach 1648 das Französische Zeitalter. Politisch bedeutete dies: Zentralismus und
Absolutismus. <L'etat c'est moi>, soll Ludwig der Vierzehnte gesagt haben. Wie
vor ihm schon die Päpste und die spätrömischen Cäsaren, so fiel auch das franzö-
sische Königtum in ägyptisch hierarchische Gefühle zurück. Bossuet, der Hofpre-
diger, lehrte: <Wir sehen also, dass der königliche Thron nicht der Thron eines
Menschen, sondern der Thron Gottes selbst ist. Des Königs Macht muss so gross
sein, dass ihm niemand entkommen kann.<
Der französische Absolutismus war eine Weiterentwicklung des spanischen.
Es ist dabei aufschlussreich, sich den Grundriss des Escorial anzusehen, den Phi-
lipp der Zweite von Spanien sich bauen liess. Im Zentrum der Schlossanlagen
steht die Kirche. Und hinter dem Hauptaltar liegen die Gemächer des Königs. Er
thront dort, wohin sich die Blicke und Gebete aller Gläubigen richten. Das ist in
Wahrheit Theokratie — älteste Vergangenheit mitten in der Neuzeit. Kein Wun-
der, dass Schiller dagegen seinen <Don Carlos> schreiben musste.
Um 1700 herum war in Europa Französisch die erste Kultursprache. Friedrich
der Grosse von Preussen sprach nur mit seinen Pferden und Kutschern Deutsch.
Wieder hatte Rom, diesmal über eine lateinische Nachfolgesprache, seine Hand
auf Mitteleuropa gelegt. Und wieder folgte eine Befreiung. Als sie gelungen war,
sprach man vom klassischen Zeitalter der deutschen Dichtung. Der Kampf um
44
Schönheit und Eigenständigkeit des Deutschen ging bis in die Einzelheiten hin-
ein; man denke etwa daran, wie Lessing sich dafür einsetzte, anstelle des fran-
zösischen Alexandriners den Blankvers, den fünffüssigen Jambus, zu verwenden,
der dann zum meistgebrauchten Vers des deutschen Schauspiels geworden ist.
Eine geradezu urphänomenale Gestalt hat das dekadente Franzosentum an-
genommen als <Riccaut de la Marlinière> in Lessings <Minna von Barnhelm>:
Riccaut: Wofür seh mik Ihro Gnad an? Für ein Einfaltspinse?
Für eine dumme Teuf?
Minna: Verzeihen Sie mir—
Riccaut: Je suis des bons. Mademoiselle. Savez-vous ce que cela veut dire? Ik
bin von die Ausgelernt —
Minna: Aber doch wohl mein Herr —
Riccaut: Je sais monter un coup —
Minna: (verwundernd) Sollten Sie?
Riccaut: Je file la carte avec une adresse —
Minna: Nimmermehr!
Riccaut: Je fais sauter la coupe avec une dextérité —
Minna: Sie werden doch nicht, mein Herr?
Riccaut: Was nit? Ihro Gnade, was nit? Donnez-moi un pigeonneau
à plumer, et —
Minna: Falsch spielen? betrügen?
Riccaut: Comment, Mademoiselle? Vous appelez cela betrügen? Corriger la
fortune, l'enchaîner sous ses doigts, être sûr de son fait, das nenn die
Deutsch betrügen? Betrügen! Oh, was ist die deutsch Sprak für ein
arm Sprak! für ein plump Sprak!
Minna: Nein, mein Herr, wenn Sie so denken —
Riccaut: Laissez-moi faire, Mademoiselle, und sein Sie ruhik!
Was gehn Sie an, wie ik spiel? — Gnug, morgen entweder sehn mik
wieder Ihro Gnad mit hundert Pistol, oder seh mik wieder gar nit —
Votre très humble, Mademoiselle, votre très humble — (eilends ab.)
Minna: (die ihm mit Erstaunen und Verdruss nachsieht)
Ich wünsche das letzte, mein Herr, das letzte!
Ein anderer Kämpfer für alles Ursprüngliche und gegen den Versailler Barock war
Johann Gottfried Herder. Wir staunen heute darüber, dass es damals notwendig
gewesen sein soll, Homer und Shakespeare in Schutz zu nehmen gegen die fran-
zösischen Schriftsteller des 18. Jahrhunderts. Aber sogar der junge Goethe hatte
in dieser Hinsicht noch etwas zu lernen und ritt auf Herders Rat von Strassburg
aus in die elsässischen Dörfer, um von den Bauern echte alte Volkslieder zu hö-
ren. Und im Angesicht des Strassburger Münsters ging ihm, der mit klassizisti-

45
schen Vorurteilen gekommen war, das Wesen der nordischen Seele auf, und er
schrieb für Herders Zeitschrift den begeisterten Aufsatz <Von deutscher Bau-
kunst<.
In den siebziger und achtziger Jahren war der Durchbruch gelungen. Das
Deutsche wurde eine Kultursprache höchsten Ranges. Nur einer merkte nichts
davon: der gichtbrüchige Alte Fritz von Potsdam. Er schrieb im Jahre 1780 eine
vernichtende Abhandlung über die deutsche Literatur — auf Französisch. Sie ist
insofern unbedeutend, als Friedrich sich nur auf Erscheinungen bezieht, die er in
seiner Jugend kennengelernt hatte. Aber es ist umso ergreifender, wenn er, der
Voltaire über alles gelobt und dem Französischen den unbedingten Vorrang ge-
geben hatte, nun trotzdem schreibt:
<Wir werden unsere klassischen Schriftsteller haben; jeder wird sie lesen, um
sich an ihnen zu erfreuen; unsere Nachbarn werden die deutsche Sprache ler-
nen, an den Höfen wird man sie mit Vergnügen sprechen; und es kann gesche-
hen, dass unsere Sprache, ausgebildet und vollendet, sich zugunsten unserer gu-
ten Schriftsteller von einem Ende Europas bis zum andern ausbreitet. Diese schö-
nen Tage unserer Literatur sind noch nicht gekommen, aber sie nahen heran. Ich
sage es euch, sie werden erscheinen: ich werde sie nicht sehen, mein Alter ge-
stattet mir dazu keine Hoffnung. Ich bin wie Moses; ich sehe von fern das gelob-
te Land, aber ich werde es nicht betreten.<

XVIII
Preussen, der Staat Friedrichs des Grossen, war eines jener Gebilde, deren Da-
seinsform nur durch das Ende des Dreissigjährigen Krieges erklärt werden kann.
Die Machtlosigkeit des Kaisers forderte im nördlichen Deutschland ein neues po-
litisches Gewicht. Der Grosse Kurfürst, dann Friedrich Wilhelm, der Soldatenkö-
nig, und schliesslich Friedrich der Grosse haben ihm dieses Gewicht gegeben. Die
preussische Geschichte ist natürlich älter. 1134 erhält Albrecht der Bär die Nord-
mark, das spätere Brandenburg. Während des 13. Jahrhunderts erwirbt der
Deutsche Orden Preussen. Die Marienburg war sein Hauptsitz. Ihren Namen trug
sie übrigens deswegen, weil die Deutschritter die Gottesmutter besonders ver-
ehrten. Der volle Name des Ordens war denn auch: >Ritter des Marianischen Or-
dens des Deutschen Hauses Unserer lieben Frau zu Jerusalem<. Für die Ordensrit-
ter, auch für Templer und Johanniter, war, nebenbei gesagt, Jerusalem der Mit-
telpunkt der Christenheit, nicht Rom. Als dann der letzte Hochmeister, Albrecht
von Brandenburg, in der Lutherzeit zur Reformation übertrat, wurde Preussen
ein weltliches Herzogtum, das sich 1618 endgültig mit Brandenburg vereinigte.

46
Preussen ist, verglichen mit den alten Kulturräumen an Rhein und Donau, ein
junges Land. Berlin hat lange Zeit kaum eine Rolle im Reich gespielt. Ein Ereignis
allerdings verdient erwähnt zu werden. 1448 erhob sich im «Berliner Unwillen»
die Bevölkerung gegen die Fürstenwillkür. Der Aufstand wurde aber von Fried-
rich dem Eisenzahn niedergedrückt. Es war der erste Sieg des Fürstentums ge-
gen städtische Selbstverwaltung. Freiheitsbestrebungen und fürstliche Machtan-
sprüche kreuzten sich in der nachmaligen deutschen Hauptstadt von Anfang an.
Trotzdem müssen Preussen und sein König heute in Schutz genommen wer-
den vor manchen Verleumdungen. Der Regierungsstil Friedrichs des Grossen ist
mit dem Ludwigs des Vierzehnten auch nicht von ferne zu vergleichen. Friedrich
lebte nach dem Grundsatz, der König sei der erste Diener seines Staates. Gerech-
tigkeit und Pflichttreue gingen ihm über alles. Natürlich regierte er autoritär, wie
alle damaligen Fürsten, aber es gab in Preussen Freiheiten wie sonst kaum ir-
gendwo in Europa. Wohin flüchteten die verfolgten französischen Hugenotten?
Nach Preussen. Und wohin flüchteten die Jesuiten, nachdem der Papst den Or-
den verboten hatte? Auch nach Preussen — soweit sie nicht in den Freimaurerlo-
gen untertauchten. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass der Jesuitismus sein
Überleben ausgerechnet dem toleranten König des protestantischen Preussen
zu danken hat. Aber es war nun ein Grundsatz Friedrichs, jeder solle <nach seiner
Façon selig werden».
Weil nach dem Westfälischen Frieden die Reichsidee ganz verblasst war,
konnte sich der Kaiser bloss noch auf seine habsburgische Hausmacht stützen,
die allerdings respektablen Umfang hatte. In Wirklichkeit war er schon im 18.
Jahrhundert nur noch Kaiser von Österreich. Der Norden fand seinen Kristallisa-
tionspunkt in Preussen. Damit war eine Spaltung gegeben; der verhängnisvolle
deutsche Dualismus nahm seinen Lauf.
Nord- und Süddeutschland sind auch im Hinblick auf die Seelenart der Men-
schen etwas verschieden. Im Norden herrscht Nüchternheit und Disziplin; die
warme Seele verbirgt sich nicht selten unter einer gewissen Kaltschnäuzigkeit.
Im Süden aber gilt: Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Gemütlichkeit
ist ein Ideal. Und wenn man sich fragt, wodurch die Österreicher die Zwangsjak-
ke des römischen Rechts verhältnismässig unbeschadet überstanden haben, so
muss man antworten: durch eine einzigartige Form von liebenswürdiger Nach-
lässigkeit.
Mitteleuropa braucht, wenn es ein volles Menschentum entwickeln will, alle
diese Schattierungen. Es braucht den blitzgescheiten unverwüstlichen Berliner, es
braucht Wiens Musik und die «Studierstube Gottes» in Tübingen, es braucht den
Freiheitstrotz der Eidgenossen am Gotthard.
Deswegen ist der preussisch-österreichische politische Dualismus eine Tragik.
In Friedrich dem Grossen und Maria Theresia von Österreich verkörpern sich ge-
47
radezu die Eigenschaften ihrer Länder. Der Volksmund hat nicht ganz unrecht,
wenn er meint, die beiden hätten lieber eine Ehe eingehen statt sich um Schle-
sien streiten sollen. Aber das sollte eben nicht sein; es kam zum Siebenjährigen
Krieg von 1756 bis 1763. Der Krieg konnte seinem Wesen und Ursprung nach für
Mitteleuropa keinen Fortschritt bringen. Preussen festigte seine Stellung und
wurde europäische Grossmacht, aber das Ringen um die Vorherrschaft in
Deutschland ging weiter.
Eine Macht aber zog gewaltigen Gewinn aus dem Streit: England.
England hatte einen langsamen, stetigen Aufstieg hinter sich. 1588 war es
Siegerin über die spanische Armada geworden und versuchte seither, in aller
Welt Kolonien anzulegen. Das Imperium wurde zusammengehalten durch eine
ständig wachsende Kriegs- und Handelsflotte. Hauptkonkurrent in Nordamerika
und Indien war Frankreich. Als die französische Krone sich — aus europapoliti-
schen Gründen — mit Maria Theresia gegen Preussen verbündete, zahlte Eng-
land — aus weltpolitischen Gründen — an Friedrich Subsidien. Derweilen sich die
Kontinentaleuropäer in blutigen Kämpfen verbrauchten, rahmte England in
Übersee ab und steckte die französischen Kolonien ein. Mit seinem Sieg bei
Rossbach wurde Friedrich, ohne es zu wollen oder zu ahnen, zum Mitbegründer
der britischen Weltherrschaft. Das ist die gewiegte englische Taktik, untergeord-
nete politische Kräfte für ihre Ziele einzuspannen. Dagegen sollte nicht einmal
Napoleon aufkommen.

XIX
In Frankreich flammte 1789 die Revolution auf. Der Absolutismus wurde erst be-
seitigt, dann mit Robespierre wieder eingeführt, durch seine Guillotinierung wie-
der beseitigt und unter Napoleon wieder eingeführt. Die Revolution war gar kei-
ne, sie hätte nur gern eine sein wollen. In dieser Hinsicht gleicht sie übrigens der
sogenannten Russischen Revolution. Wie kam das?
Für eine Befreiung der Menschheit aus alten Zwängen war es gewiss die aller-
höchste Zeit. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit hiessen die Schlagworte — nur
war da die Frage, ob den Worten auch halbwegs ausgereifte Ideen zur Seite ste-
hen würden. Freiheit — wovon? Oder, wie Nietzsche fragte — wozu? Oder, wie
Rudolf Steiner fragte — wie?
Und auf welche Ebene gehört die Brüderlichkeit? Brüderlichkeit vor Gericht
zum Beispiel führt zur Vetternwirtschaft. Und in welcher Beziehung sind die
Menschen gleich? Gleichheit in der Kultur führt zur Gleichschaltung ... Darüber
hätte man nachdenken müssen. In Paris aber wurde nicht gedacht, sondern ge-
handelt. Das Denken übernahmen die Deutschen. 1795 veröffentlichte Schiller

48
seine Briefe <Über die ästhetische Erziehung des Menschen<. Dass mancher Leser
darüber den Kopf schütteln würde, dass sich ein Schriftsteller mitten im europäi-
schen Umbruch mit Kunstbetrachtungen abgeben wolle, wusste er und kam im
zweiten Brief darauf zu sprechen:
<lst es nicht wenigstens ausser der Zeit, sich nach einem Gesetzbuch für die äs-
thetische Welt umzusehen, da die Angelegenheiten der moralischen ein so viel
näheres Interesse darbieten und der philosophische Untersuchungsgeist durch
die Zeitumstände so nachdrücklich aufgefordert wird, sich mit dem vollkommen-
sten aller Kunstwerke, mit dem Bau einer wahren politischen Freiheit zu beschäf-
tigen?
Dass ich dieser Versuchung widerstehe und die Schönheit der Freiheit voran-
gehen lasse, glaube ich nicht bloss mit meiner Neigung entschuldigen, sondern
durch Grundsätze rechtfertigen zu können. Ich hoffe, Sie zu überzeugen, dass
diese Materie weit weniger dem Bedürfnis als dem Geschmack des Zeitalters
fremd ist, ja dass man, um jenes politische Problem in der Erfahrung zu lösen,
durch das ästhetische den Weg nehmen muss, weil es die Schönheit ist, durch
welche man zu der Freiheit wandert.<
Diese Maxime führt er nun aus. Freiheit kann man nicht einfach haben, sie
muss sich entwickeln — und zwar im menschlichen Innern. Dann zeigt sich auch,
auf welcher Ebene es sinnvoll ist, äussere Freiheit zu verlangen. Der Mensch ist
nicht in jeder Hinsicht frei, kann es auch gar nicht werden: Die materielle, kör-
perliche Welt unterwirft ihn bestimmten Gesetzen, er mag wollen oder nicht —
er muss essen, trinken und schlafen, er unterliegt der Schwerkraft und ist zum
Wahrnehmen auf gesunde Sinne angewiesen. Im Bereich des wissenschaftlichen
Denkens dagegen herrscht die Logik. Auch die logischen Gesetze entziehen sich
der freien menschlichen Gestaltung. Sie werden vom Menschen nicht gemacht,
sondern bloss gefunden, und er kann sie nicht verändern. Nur auf einem Gebiet
schliessen sich Irdisches und Geistiges in freier Weise zusammen; dort waltet ein
Geist, der weder von der Erdenschwere noch von der Logik gezwungen wird:
das ist die Kunst. Deswegen schliesst Schiller, wer freie Menschen wolle, müsse
sie künstlerisch erziehen.
Zur gleichen Zeit denkt in Berlin Wilhelm von Humboldt über die >Grenzen der
Wirksamkeit des Staates< nach, und in Weissenfeis entwirft Novalis seine poe-
tisch-politische Skizze <Die Christenheit oder Europa<.
Die Ereignisse liessen den Mitteleuropäern aber nicht die Zeit, solche Gedan-
ken auch nur aufzunehmen, geschweige denn, sie zu verarbeiten. Die Walze der
französischen Heere rollte nach Osten; Österreich musste verhandeln, und das
sagenumwobene preussische Heer wurde bei Jena und Auerstedt 1806 geschla-
gen. Napoleon wusste auch warum. Als er vor Friedrichs Sarkophag in Potsdam
stand, sagte er: <Wenn der noch lebte, stünde ich nicht hier.<
49
In manchen Landschaften und Bevölkerungskreisen waren die Franzosen
nicht unwillkommen. Viele Untertanen, die da oder dort unter tyrannischen
Kleinfürsten zu leiden hatten, freuten sich auf bessere Zeiten. Es ging dann aber
nicht lange, bis die Ernüchterung einsetzte. Frankreich hatte nicht die Freiheit ge-
bracht, sondern einen neuen Tyrannen — und erst noch einen fremden. Und
wenn nun die französischen Soldaten die Marseillaise sangen, so hörte man vor
allem auf die ersten Zeilen:
>Allons, enfants de la patrie,
le jour de gloire est arrivé!<
Für die Glorie der französischen Nation wurde hier gekämpft. Das bedeutete rei-
nen Nationalismus. Napoleon brauchte ihn, denn womit hätte er seine Truppen
sonst begeistern sollen? Die Revolutionsideale hatten ja längst abgedankt. Der
zum Schein befreite Deutsche aber ging in sich, besann sich darauf, dass auch er
ein Vaterland habe und nahm aus dieser Gesinnung heraus an den Befreiungs-
kriegen gegen Napoleon teil. Damit aber stellte sich auch die Frage: Was da-
nach? — >Sich voneinander abzusondern ist die Eigenschaft der Deutschen; ich
habe sie noch nie verbunden gesehen als im Hass gegen Napoleon. Ich will nur
sehen, was sie anfangen werden, wenn dieser über den Rhein gebannt ist<,
schreibt Goethe am 24. November 1813 an Knebel, einen Monat nach der Völ-
kerschlacht bei Leipzig, und drei Tage später an J.F. John nach Berlin: >Indes ein
grosser Teil unserer hoffnungsvollen deutschen Jugend aufgeopfert wird, so ha-
ben diejenigen, welchen Verhältnisse erlauben, in ihrer stillen Werkstatt zu ver-
harren, eine doppelte Pflicht, das heilige Feuer der Wissenschaft und Kunst, und
wäre es auch nur als Funken unter der Asche, sorgfältig zu bewahren, damit
nach vorübergegangener Kriegesnacht bei einbrechenden Friedenstagen es an
dem unentbehrlichen Prometheischen Feuer nicht fehle ...>
Das prometheische Feuer versuchte Fichte in seinen >Reden an die Deutsche
Nation< zu entzünden. Und er liess es nicht dabei bewenden: Der fünfzigjährige
berühmte Professor tat Dienst als freiwilliger Sanitätssoldat und starb bei der
Pflege der Verwundeten.
Wohin sollten all diese Opfer führen? Am französischen Nationalismus hatte
sich das deutsche Nationalgefühl entfacht. Daraus entstand bei einigen die Mei-
nung, ein Volk gemeinsamer Sprache und Kultur gehöre auch in einen gemein-
samen Staat. Nur so könne man den Feindseligkeiten von aussen wirksam be-
gegnen. Die erbärmliche Reichsgeschichte seit dem Westfälischen Frieden sei da-
für Beweis genug. Die Zeit für einen Neuanfang schien günstig, denn seit 1806
gab es das Reich gar nicht mehr. Franz der Zweite hatte unter dem Eindruck der
Siege Napoleons die deutsche Kaiserkrone niedergelegt und sich seither nur
noch Kaiser von Österreich genannt. Andere lehnten einen deutschen National-

50
Staat nach westeuropäischem Muster ab und wünschten in irgendeiner Form das
Reich wieder zu errichten. Das hätte aber eine neue Reichsidee vorausgesetzt mit
der Kraft, den preussisch-österreichischen Zwiespalt zu überwinden. Der Wiener
Kongress von 1815 hat in dieser Richtung nichts Neues geboren. Während man
sich in dem Ruhme sonnte, Napoleon nach St. Helena verbannt zu haben, kam
es in Europa zu nichts anderem als zu den peinlichen Restaurationen alter Zu-
stände.
Der Anschluss an die Gedanken der grossen deutschen Geister wurde nicht
gesucht. Der Erfolg der Neuordnung war entsprechend kleinkariert: Preussen
und Österreich blieben, was sie waren, sich misstrauisch gegenüberliegend, und
der Rest des ehemaligen Reiches versammelte sich zur Verlegenheitslösung des
Deutschen Bundes.

XX
Habsburg-Österreich war nun endgültig zu einem eigenen Staat geworden. Es
hat durch Jahrhunderte Aufgaben von europäischen Grössenordnungen erfüllt.
Angehörige von dreizehn grösseren Völkern lebten in seinen Grenzen und ruh-
ten darin in einer gewissen Geborgenheit. Wohl kannte auch die habsburgische
Politik zentralistisch-absolutistische Tendenzen; das Hausväterliche, Patriarchali-
sche herrschte dabei aber immer vor. Und einzelne Länder, besonders Ungarn,
bewachten stets eifersüchtig ihre Rechte. Es gehört zu den höchsten Leistungen
Österreichs, das Übernationale stets festgehalten zu haben.
Wenn Habsburg auch einen starken dynastischen Egoismus pflegte, so war es
doch eben früher Hüterin des Reichs und hat diese Pflicht, bei aller Einseitigkeit
und Bedingtheit, auch wahrgenommen. Im Dreissigjährigen Krieg stand der Kai-
ser für die Einheit des Reichs, die Reichsfürsten vertraten den Individualismus.
Beide Gegner erkannten je eine Seite der Reichsidee und konnten nur die Brücke
nicht finden.
Es war auch Habsburg, das immer wieder die Last der Abwehr tragen musste
gegen die französischen Ausdehnungsgelüste in den Rheingegenden. Und, was
noch wichtiger war: gegen die osmanischen Türken im Osten. 1453 hatten die
Türken die alte christliche Schutzwehr gegen den Islam, Konstantinopel, erobert
und aus dem Wunderbau der Heiliggeistkirche, der Hagia Sophia, eine Moschee
gemacht. Griechenland und der ganze Balkan wurden besetzt und 1529 standen
sie vor Wien, eine Mongolengefahr in neuem Gewände. Franz der Erste von
Frankreich hatte sie dazu eingeladen. Er rechnete damit, sie würden seinen Erb-
feind Habsburg-Österreich in die Knie zwingen. Wie durch ein Wunder löste sich

51
der Belagerungsring um die von Niklas Graf Salm verteidigte Stadt: Innenpoliti-
sche Schwierigkeiten zwangen das Heer des Sultans zurückzukehren. Hinzu
kommt, dass Franz verschämt von seinem Bündnis mit den Osmanen zurücktrat,
als die kaiserliche Hofkanzlei das >gotteslästerliche Bündnis zwischen der franzö-
sischen Königslilie und dem türkischen Halbmond< dem Abendland bekanntgab.
(1571 dann schlug Don Juan dAustria, der Sohn Kaiser Karls des Fünften und der
Regensburgerin Barbara Blomberg, die türkische Flotte bei Lepanto, vor dem
Golf von Korinth.<
1683 wiederholte sich das traurige Schauspiel. Diesmal war es Ludwig der
Vierzehnte, der die Türken rief. Er hatte vor, Mitteleuropa mit ihnen zu teilen und
seinen Sohn zum Kaiser des restlichen Deutschlands zu machen. Den Druck der
Türken auf Wien nutzte er, um Strassburg zu besetzen. Graf Rüdiger von Star-
hemberg verteidigte Wien gegen die zehnfache Übermacht des Grosswesirs Ka-
ra Mustafa, bis das kaiserliche Heer unter Karl von Lothringen eintraf. Franken,
Schwaben, Bayern und Sachsen hatten Hilfstruppen gesandt. Und aus Polen war
König Johann Sobiesky persönlich gekommen. Dieser vereinigten Macht gelang
es, die Türken zu schlagen. Kara Mustafa wütete wie ein Verzweifelter und liess
auf dem Rückweg 30'000 gefangene Christen niedermetzeln. Der >Sonnenkö-
nig< in Versailles aber war von der Niederlage der Osmanen so enttäuscht, dass
er sich drei Tage lang eingeschlossen haben soll. Dafür befreite Österreich unter
dem Prinzen Eugen weite Teile Südosteuropas vom islamischen Joch.
Die französisch-türkische Spiessgesellenschaft wurde in ihrer Wirkung letztlich
noch übertroffen von zwei anderen Gegnern Mitteleuropas, wobei der eine ein
echter Gegner ist: England, der andere es aber nur sein zu sollen glaubte: Russ-
land.
England wurde schon im 18. Jahrhundert so etwas wie ein grosses Wirt-
schaftsunternehmen. Mit sicherem Instinkt erkannten die Briten, dass die Politik
der Zukunft immer mehr von der Wirtschaft abhängig sein würde, und sie richte-
ten sich in aller Ruhe darauf ein. Heute ist Politik fast ausschliesslich ein Mittel zur
Vertretung von Wirtschaftsinteressen geworden. Der Vorsprung der angelsächi-
schen Welt erklärt sich daher, dass sie diese Art der Politik schon lange treibt. Der
englische Wirtschaftsimperialismus führte zu dem riesenhaft ausgedehnten Ko-
lonialreich und damit zur faktischen Weltherrschaft. In Bezug auf das europäi-
sche Festland scheint die angloamerikanische Devise zu lauten: Kaufkräftige Ab-
satzmärkte erhalten, dabei aber zusehen, dass keine Macht annähernd so stark
wird wie England beziehungsweise Amerika selbst. Und die übrige Welt? Von
Lateinamerika war keine Konkurrenz zu fürchten. Afrika, Asien und Australien
befanden sich ohnehin grossenteils in englischem Besitz.
Eine Weltgegend aber gab es, in der auf lange Sicht hin Zukunftskräfte ver-
borgen lagen: Der slawische Osten, Russland insbesondere. Darauf musste die
52
Hand gelegt werden. Zar Peter der Grosse war als junger Mann nach Holland
und England gezogen worden, hatte sich dort aufs höchste für Handel und Tech-
nik des Westens begeistert, besonders für die englische Flotte, und als er nach
Russland zurückkehrte, begann er gigantische Veränderungen in seinem Reich
zu erzwingen. Sie hatten alle dieselbe Stossrichtung: Russland in die Nachfolge
des Westens zu bringen. Der schlafende Bär war geweckt worden und fing nun
an, am Nasenring des englischen Bändigers zu tanzen. Diesem gut eingefädel-
ten Prozess aber drohte eine Gefahr, und diese Gefahr hiess Mitteleuropa.
Deutschtum und Slawentum sind alte Nachbarn. Eine lange Reihe von Kultur-
fähigkeiten sind von den Deutschen an die Slawen weitergereicht worden. Das
geht von der Landwirtschaft und dem Handwerk über Handel und Städtebau bis
zu Kunst, Philosophie und Wissenschaft. Eine Pionierrolle spielten dabei die zahl-
reichen deutschen Sprachinseln im Osten. Viele Slawen haben diese Tatsache
auch immer dankbar anerkannt. Das war die eigentlich natürliche, organische,
gewissermassen vom Schicksal gewollte Zusammenarbeit zwischen dem älteren
Europa und den jüngeren slawischen Völkern. Die englische Einmischung war
dagegen unorganisch und fand als Stein des Anstosses eben das Deutschtum.
Also musste dieses ausgeschaltet werden. Eines der Mittel dazu war, in Russland
Abneigung und rivalisierende Gefühle gegenüber Mitteleuropa zu wecken. Das
war nicht so schwer, weil es unter nahen Nachbarn natürlich auch immer Interes-
sengegensätze gibt. Und Russland sollte glauben, in England verständnisvolle
Hilfe für seine Pläne zu finden. Damit war der russische Imperialismus geboren,
und die angloamerikanisch-russische Zusammenarbeit hat sich in zwei Weltkrie-
gen bewährt, durch die Mitteleuropa zermalmt werden sollte.
Ein Indiz dafür, dass sich die Dinge so verhalten, ist das sogenannte Testament
Peters des Grossen. Es stammt nicht unmittelbar von ihm selber, sondern aus der
Feder des visionären Polen Sokolnicki, der es auf Grund von Dokumenten, von
denen er gehört haben will, 1797 niedergeschrieben hat. Darauf ist es veröffent-
licht worden und hat in Europa einen grossen Wirbel ausgelöst. Die Herkunft
dieses <Testaments> mag so obskur sein wie sie will: Tatsache ist, dass sich die
russische Politik jahrhundertelang entsprechend verhalten hat.
Punkt 1 des Testaments verlangt, dem russischen Volk (west-) europäische
Formen und Gewohnheiten aufzuprägen.
Punkt 2: Die Nation soll ständig in Atem gehalten werden und bereit sein,
beim ersten Zeichen zu marschieren.
Die Punkte 3-5 fordern die Ausdehnung nach Norden längs der Ostsee und
nach Süden bis Konstantinopel.
Punkt 6 empfiehlt, die Anarchie in Polen zu begünstigen und es gelegentlich
zu unterwerfen.
Dann kommt der Hauptpunkt 7: Ein enges Bündnis soll mit England einge-
53
gangen und ihm ein Handelsmonopol im Innern angeboten werden, damit es
bei der Vervollkommnung der russischen Flotte behilflich wäre, die nötig sei zur
Beherrschung von Ostsee und Schwarzem Meer.
Punkt 8: Russland soll sich in alle Streitigkeiten Deutschlands mischen.
Punkt 9: Gegenüber Österreich soll man sich als scheinbarer Verbündeter zei-
gen, in Wirklichkeit aber ihm im Innern des Reiches Feinde schaffen.
Punkt 10 und 11 beschäftigen sich mit Heirats- und Konfessionspolitik, immer
mit dem Ziel, sich nach Westen auszudehnen.
Punkt 12 schlägt vor, Versailles und Wien gleichzeitig durch Geheimdiploma-
tie anzubieten, mit einem von ihnen die Weltherrschaft zu teilen und sie dadurch
aufeinanderzuhetzen.
Punkt 13 setzt voraus, dass durch den Krieg, der durch Punkt 12 hervorgeru-
fen würde, Europa so geschwächt sei, dass Russland seine Truppen bis zum
Rhein vorschieben könne. Dann würde es seine asiatischen Horden folgen las-
sen, die in altbekannter Mongolenmanier Europa zur Halbwüste machen wür-
den.
Der Punkt 7 zeigt deutlich, wo dieser Plan ausgekocht wurde. Welches Inter-
esse kann denn Russland an einem englischen Handelsmonopol haben? Dem
<Testament>, das sich so russisch-nationalistisch gebärdet, sitzt ein englischer
Kopf auf. Der Russe hat aus seiner Wesensart heraus Mühe zu erkennen, dass in
unserer Zeit die wirtschaftlichen Verhältnisse für die Politik die bestimmenden
sind und kann deswegen den Punkt 7 akzeptieren, der ihm die Seele Russlands
nicht zu betreffen scheint. Immerhin aber hielten die frommen Altrussen den Za-
ren Peter für den Antichristen. Damit gaben sie einem Gefühl Ausdruck, das ih-
nen sagte: Russland gewinnt nicht, wenn es sich dem Westen unterwirft. Und es
gewinnt erst recht nicht, wenn es Hand bietet zur Vernichtung Mitteleuropas.
Wie überlegen England taktiert, wird sichtbar am Beispiel des Spanischen
Erbfolgekrieges von 1701 bis 1714, der eigentlich ein Weltkrieg unter englischer
Führung war. Um das Erbe der spanischen Habsburger kämpften Ludwig der
Vierzehnte und das Haus Österreich. In der Sorge um eine zu grosse französische
Machtausweitung verbündet sich England mit Österreich. Prinz Eugen erringt für
den Kaiser Sieg um Sieg. In den Friedensverträgen aber setzt sich Englands Poli-
tik durch: Ludwigs Enkel Philipp erhält Spanien samt den amerikanischen Kolo-
nien, muss aber auf die französische Krone verzichten. Österreich wird <belohnt>
mit einigen zusätzlichen europäischen Besitzungen. England nimmt sich Gibral-
tar und besetzt damit den Eingang zum Mittelmeer; ausserdem müssen die spa-
nischen Kolonien dem englischen Handel, zum Beispiel mit Negersklaven, geöff-
net werden. <Teile und herrsche!< — so heisst für England wie für das alte Rom
der Wahlspruch. Oder etwas verschleiert: Gleichgewicht der Kräfte.

54
XXI
Unterdessen hatte Zar Peter freie Hand im Osten, konnte den Schweden im Nor-
dischen Krieg das Baltikum entreissen und St. Petersburg bauen. Erinnert der Na-
me dieser neuen Hauptstadt nur zufällig an die Peterskirche in Rom? Jedenfalls
bildete Petersburg das Tor zum Westen.
Die unterschwellige russisch-englische Zusammenarbeit nötigte dann hundert
Jahre später Napoleon zu seinem Russlandfeldzug, der in Frankreich übrigens
stimmungsmässig vorbereitet wurde durch die Veröffentlichung von Peters soge-
nanntem Testament. Die Grosse Armee zog bekanntlich deswegen nach Russ-
land, weil der Zar sich nicht an der kontinentalen Handelssperre gegen England
beteiligte. Napoleon hat den Krieg gegen England in Moskau verloren.
Das Heilige Römische Reich aber war zerschlagen und wurde auch am Wiener
Kongress nicht wieder errichtet, obwohl doch dort die Restauration grossge-
schrieben war. Die politische Orientierungslosigkeit Mitteleuropas einerseits, das
immer noch absolutistische Denken der Fürsten anderseits führte zum Revolu-
tionsjahr 1848: <Einheit und Freiheit< war die Losung. In der Frankfurter Paulskir-
che versammelten sich die geistig führenden Männer aller deutschen Landschaf-
ten. Man hat diese Versammlung halb respekt- und halb humorvoll das Profes-
sorenparlament genannt. Darin zeigt sich, dass damals noch nicht die Interessen-
vertreter der Wirtschaft den Ton angaben, sondern, wie es sich für Mitteleuropa
gehört, Menschen mit einem Sinn fürs Geistige.
Ludwig Uhland sprach für ein erneuertes Kaisertum, meinte aber, die neue
Krone müsse mit einem <Tropfen demokratischen Öls> gesalbt sein. Jacob Grimm
brachte den Antrag ein, als Artikel 1 der Grundrechte des deutschen Volkes ein-
zusetzen :
<Das deutsche Volk ist ein Volk von Freien, und deutscher Boden duldet keine
Knechtschaft. Fremde Unfreie, die auf ihm verweilen, macht er frei.<
Dann begründete er mündlich: <Meine Herren! Ich habe nur wenige Worte
vorzutragen zugunsten des Artikels, den ich die Ehre habe, vorzuschlagen. Zu
meiner Freude hat in dem Entwurf des Ausschusses unserer künftigen Grund-
rechte die Nachahmung der französischen Formel >Freiheit, Gleichheit, Brüder-
lichkeit gefehlt. Die Menschen sind nicht gleich, wie neulich schon bemerkt wur-
de, sie sind auch im Sinne der Grundrechte keine Brüder; vielmehr die Brüder-
schaft — denn das ist die bessere Übersetzung — ist ein religiöser und sittlicher
Begriff, der schon in der Heiligen Schrift enthalten ist. Aber der Begriff von Frei-
heit ist ein so wichtiger und heiliger, dass es mir durchaus notwendig erscheint,
ihn an die Spitze unserer Grundrechte zu stellen.<

55
Von anderer Seite wiederum wurde vorgeschlagen, jedem «unbescholtenen
Deutschen) das Recht auf eine freie Schulgründung zu verstatten — eine Grund-
bedingung für eine wirklich freie Kulturentfaltung.
All diesen tiefgreifenden und hoffnungsvollen Vorschlägen aber fehlte das
Haupt, das sie hätte aufgreifen, organisch ordnen und — ausführen können. Das
ist nicht die Schuld der Versammlung, sondern die Tragik der Verhältnisse. Das
Parlament suchte eine Verfassung und einen Kaiser, hätte aber gerade eines mit
Vollmachten ausgestatteten führenden Geistes bedurft, um mit Erfolg arbeiten
zu können. So wurde die Diskussion immer mehr beherrscht von scheinbar un-
überbrückbaren Gegensätzen: nationales Denken stand gegen dynastisches, de-
mokratische Vorstellungen gegen monarchistische. Eine Mitte konnte kaum
mehr gefunden werden. Der entscheidende Zwiespalt war dann: soll Habsburg
oder Hohenzollern die Krone übernehmen? Keiner schien gewillt, sich dem an-
dern unterzuordnen. Und eine dritte Möglichkeit zeigte sich nicht. Also blieben
nur noch die Varianten <grossdeutsch> mit Österreich oder <kleindeutsch> ohne
Österreich. Man war gezwungen, die kleindeutsche Lösung zu wählen und
Preussen die Krone anzubieten. Friedrich von Raumer, Verfasser einer sechsbän-
digen Geschichte der Hohenstaufen, trat an die Spitze der Delegation, die Fried-
rich Wilhelm vom Entschluss des Parlaments zu unterrichten hatte. Die abwei-
sende Antwort des Preussenkönigs ist bekannt. In seinem dynastisch-absolu-
tistischen Hochmut wollte er keine Krone, an der der <Ludergeruch der Revolu-
tion klebe>, wie er sich privat äusserte. Die Bestrebungen der Paulskirche waren
gescheitert, dem deutschen Geist war die Möglichkeit zu wirken genommen.

Wie ein Wahrbild für diesen unterdrückten guten Geist erscheint die Biogra-
phie des Nürnberger Findelkindes Kaspar Hauser. Dreizehn Jahre lang war der
Knabe in dunklen Verliesen gefangengehalten worden. Einen Menschen hatte
er nie gesehen. Sprechen und Denken war ihm unbekannt, sogar am aufrechten
Gang hatte man ihn gehindert. Dann, im Alter von sechzehn Jahren, war er nach
einer notdürftigen Vorbereitung am Pfingstmontag 1828 auf den Nürnberger
Unschlittplatz gestellt worden. Nach anfänglicher allgemeiner Ratlosigkeit nahm
bald die ganze Stadt Anteil an ihm. Der Bürgermeister beschrieb in einem Aufruf
Kaspars engelhafte Seele; er forderte Aufklärung des Verbrechens. Professor
Daumer nahm ihn in sein Haus, und der berühmte Kriminologe Feuerbach be-
gann mit Abklärungen, die bald einmal zeigten, dass die Angelegenheit hochpo-
litischen Charakter bekommen sollte. Wie ein Lauffeuer aber verbreitete sich die
Nachricht von Kaspar Hauser durch das Abendland. Jeder fühlte sich mit ihm ver-
wandt und verbunden, und man nannte ihn das Kind von Europa.
Trotz der unmenschlichen Behinderungen, die seinem Entwicklungsgang in
den Weg gelegt worden waren, zeigte er bald glänzende Begabungen. In der

56
Gestalt des obskuren Lord Stanhope traten aber auch Mächte an ihn heran, die
ihn aus den guten Kreisen, die sich bisher seiner angenommen hatten, heraus-
zuziehen versuchten. Schon vorher, im Oktober 1829, war ein erster Mordan-
schlag auf ihn verübt worden. Im Dezember 1833 gelang der zweite Anschlag:
Kaspar Hauser wurde im Ansbacher Hofgarten erstochen. Sein Freund, der un-
bestechliche Feuerbach, starb unter so rätselhaften Umständen, dass Gift vermu-
tet werden muss.
Die Forschung ist heute so weit, dass mit Sicherheit gesagt werden kann: Ka-
spar Hauser war der badische Erbprinz, 1812 geboren und aus dynastischen
Gründen beseitigt. Sein Schicksal erinnert an die Gefangenschaft der Kinder
Manfreds von Hohenstaufen. Er steht wie ein Symbol für die vergewaltigte Un-
schuld: geblendet, geknechtet, ermordet. Wenn man aber seine weitreichende
Verwandtschaft in allen Fürstenhäusern Europas bedenkt, wenn seine unglaubli-
chen geistigen und moralischen Qualitäten erwogen werden, dann kann man
wohl auf den Gedanken kommen, Kaspar Hauser sei auch mehr gewesen als ein
Symbol. Von einem solchen Herrscher hätte aufgenommen und gelebt werden
können, was Hölderlin schrieb:

Germania, wo du Priesterin bist


Und wehrlos Rat gibst rings
Den Königen und den Völkern ...
*

Als zwanzigjährige Jünglinge hatten Kaspar Hauser und Richard Wagner sich
die Hände gegeben. Wie so vieles in der Kultur des 19. Jahrhunderts steht auch
das Lebenswerk Wagners vereinzelt, im Grunde unverständlich da. Mit unglaub-
licher Leidenschaft suchte er erst das Geheimnis des Nibelungenhorts zu ergrün-
den, später das des Grals. Das Schicksal, ein Unzeitgemässer zu sein, teilte er mit
Nietzsche, mit Herman Grimm, Karl Julius Schröer und vielen anderen, deren
Seelen wie suchend vergangenen Zeiten zugeneigt waren, in denen lebendiger
Geist auch die äussere Kultur durchzogen hatte. Dabei muss auch an Wagners
Gönner, den rätselhaften Romantiker auf dem Thron, Ludwig den Zweiten von
Bayern, gedacht werden. Sie schienen alle innerlich auf den kristallisierenden
Geist zu warten, der all den verschiedenartigen Kulturströmungen ihren Sinn
und ihre Erfüllung gegeben hätte.
Stattdessen aber breitete sich, vom angelsächsischen Raum herkommend, die
pragmatische Philosophie aus, parallel zum Industrialismus und dem hem-
mungslosen wirtschaftlichen Liberalismus, und endlich verkündete Darwin die
Abstammung des Menschen vom Affen. Der graueste Materialismus machte sich

57
breit. Vergessen schienen Goethes Metamorphosen- und Farbenlehre, vergessen
die Philosophen des deutschen Idealismus.

XXII
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ist in Deutschland durch eine Sonderbar-
keit gekennzeichnet: In einem Menschen konzentriert erscheint ein mächtiger
Wille, versehen mit schier unerschöpflichen Kräften. Ein gewaltiger Schmied ist
es, aber es fehlt neben ihm der Ratgeber, dessen Weisheit der Kraft dieses
Schmieds entsprochen hätte. Otto von Bismarck wirkt wie alleingelassen. Sein
König ist eine blasse Erscheinung, der ihm keine grossen, leitenden Ideen vermit-
teln kann. Deswegen bewegt sich Bismarcks Politik letztlich im engen Kreise
preussisch-dynastischer Interessen, obwohl er eigentlich dafür zu gross war. Und
so entstand das zweite Kaiserreich als eine Art von Grosspreussen, geleitet von
Männern, die kaum etwas aufgenommen zu haben schienen vom Geist der
Goethezeit oder vom Gedankengut der Paulskirche. Sie hatten sich ein Adelsver-
ständnis bewahrt, das sich noch wenig unterschied von dem der bärenjagenden
Ritter der Nibelungenzeit. Die bürgerliche Kulturentwicklung hatte sie kaum an
der Oberfläche berührt. Dafür aber wurde nun ein Bündnis geschlossen mit der
Schwerindustrie, gegen die Liberalen und gegen die Sozialisten. Das Volk als
Ganzes konnte nicht gewonnen werden. Dass die Lösung der deutschen Frage
nicht gefunden war, zeigt sich auch darin, dass Bismarck den Krieg gegen Öster-
reich führen musste, um seine Position zu stärken, und dass das neu errichtete
Reich letztlich einfach ein Nationalstaat nach westeuropäischem Muster wurde,
also eben kein Reich war. Es fehlte ihm die übergeordnete Idee, durch die es sei-
nen Bürgern und den umliegenden Völkern als eine notwendige, dem Wohler-
gehen der Menschheit dienende Einrichtung erschienen wäre.
Nur: das sind Einwände, die von der höheren Warte des deutschen Geistes
aus gemacht werden können. Es sind Angelegenheiten eines innerdeutschen
Gesprächs, einer Gewissensprüfung im stillen Kämmerlein. Auf gar keinen Fall
kann man daraus im äusseren Sinne eine Schuld basteln und die Ableitung ma-
chen wollen, es sei also das Recht der Alliierten gewesen, dieses Reich zu ver-
nichten. Niemals hat ein solches Recht bestanden. Das Bismarck-Reich war zwar
vielleicht nicht besser als andere europäische Staaten, aber es war auch in kei-
nem Punkte schlechter.
Drei Kriege gingen der Reichsgründung voraus. Bismarck hat sie kommen se-
hen und mit eiserner Entschlossenheit geführt. Aber schuld daran ist er nicht. Im
Dänischen Krieg 1864 musste den Dänen Schleswig abgenommen werden, das

58
sie sich widerrechtlich angeeignet hatten. Der Bruderkrieg mit Österreich von
1866 ist eine Tragödie, die sich aus dem deutschen Dualismus herleitete, wie er
seit dem 18. Jahrhundert bestand. Und vollends den Deutsch-französischen
Krieg von 1870/71 hat Napoleon der Dritte aus Grossmannssucht und verletzter
Eitelkeit fahrlässig vom Zaun gebrochen. Bismarck daraus einen Strick zu drehen
ist lächerlich.
Und doch liegt eben ein Schatten über dieser Reichsgründung. Bismarck hatte
ja ganz recht, wenn er sagte, manche grosse Zeitfragen müssten durch Blut und
Eisen entschieden werden. Es kommt aber darauf an, in wessen Dienst Blut und
Eisen stehen. Und der tiefere deutsche Geist schien nun bei der Kaiserproklama-
tion von 1871 nicht gefragt worden zu sein. Symptom dafür ist der Ort: Ausge-
rechnet im Spiegelsaal von Versailles, wo sich sonst der Roi Soleil bespiegelt hat-
te, wurde das Zweite deutsche Kaiserreich begründet. Das konnte nicht gutge-
hen, denn der Ungeist von Versailles schlich sich dadurch ein. Ein deutsches
Reich könnte begründet werden auf der Wartburg, auf dem Weimarer Frauen-
plan oder an Hölderlins Grab in Tübingen — aber ganz sicher nicht in Versailles. —
Deutschland erwies sich als tüchtiger kaufmännischer Lehrling, der bald seine
angelsächsischen Lehrmeister einzuholen drohte. Es erwarb auch einige wenige
Kolonien, aber auf hochanständige Weise durch Kauf oder Tausch. Deutschland
hat keine fremden Erdteile erobert und nie Sklavenhandel getrieben. Es war —
im Gegensatz zu England, Frankreich oder Russland — nicht imperialistisch. Aber
seine Wirtschaft wuchs und wuchs, und zwar durch Fleiss und Intelligenz, nicht
durch Ausbeutung dessen, was man heute die Dritte Welt nennt. Das weckte
den Argwohn der Westmächte. Weil man aber ein friedliches Wirtschaftswachs-
tum schlecht kritisieren kann, erfanden sie das Schlagwort vom <preussischen
Militarismus» und gebärdeten sich, als hätte Preussen den Krieg erfunden. Dazu
ist festzuhalten, dass Europas erstes stehendes Heer in Versailles stand und nicht
in Potsdam. Die Preussen erwiesen sich zwar als gelehrige Schüler — aber sie
hatten auch alle Ursache dazu. Wer wie Deutschland in Gefahr war, zwischen die
französisch-russischen Mühlsteine zu geraten, musste zwangsläufig auf eine
sorgfältige Rüstung achten. Gerade Frankreich und Russland waren ausgespro-
chene Militär- und Beamtenstaaten. Man kann sich unmöglich die Sentimentali-
tät leisten, zu verlangen, Deutschland hätte in dieser Situation pazifistische Ge-
fühle pflegen sollen. Es wappnete sich, aber es nützte seine Stärke nicht aus. Der
belgische Gesandte in Berlin, Baron Greindl, berichtete am 27. Januar 1908 sei-
ner Regierung: <Wo hat man je gesehen, dass Deutschland den anderen euro-
päischen Völkern seine Vorherrschaft aufzwingen wollte? Wir (Belgien) sind sei-
ne nächsten Nachbarn, und seit zwanzig Jahren habe ich bei der Kaiserlichen Re-
gierung nicht die geringste Neigung entdecken können, ihre Stärke und unsere
Schwäche zu missbrauchen. Ich wünschte nur, dass alle anderen Grossmächte
59
sich der gleichen Rücksicht gegen uns befleissigt hätten.< Obwohl seit 1891 ein
französisch-russisches Militärbündnis bestand mit dem ausgesprochenen Ziele,
für Deutschland eine Zweifrontensituation zu schaffen, nützte das Reich die
Schwächen seiner zukünftigen Gegner nicht aus: Russland lag 1904/05 im Krieg
mit Japan, erlitt eine schwere Niederlage und erlebte darauf die erste Revolution,
die seine Kraft völlig schwächte. Deutschland rührte sich nicht. Über die Marok-
ko-Krise von 1911 schreibt der Schweizer Hermann Stegemann: <Es ist ein Ver-
dienst Kaiser Wilhelms des Zweiten, im Januar 1911 den Versuchungen wider-
standen zu haben, die an ihn herantraten, als es galt, Krieg und Frieden gegen-
einander abzuwägen. Die militärische Lage Deutschlands und Europas liess da-
mals einen Krieg für Deutschland aussichtsvoll erscheinen. Das französische Heer
war nicht bereit, die französische Flotte ohne Schiessvorräte, die Befehlsgewalt
gemindert und das Land durch innere Schwierigkeiten an der Entfaltung seiner
Kräfte gehindert. Englands Feldarmee war nur ein Skelett und Russland hatte
seine Truppen soweit nach dem Innern und dem Süden verschoben, dass es das
Gewicht seines Heeres nicht rasch genug zur Wirkung bringen konnte. Die Um-
stände lockten umso mehr, als die nationale Erregung in Deutschland sehr stark
war und gewichtige Gründe für einen Präventivkrieg zu sprechen schienen. Der
Kaiser entschied im Geiste seiner geschichtlichen Sendung und im Sinne der
Reichsregierung für den Frieden. Drei Jahre später musste er unter wesentlich
ungünstigeren Bedingungen den schwersten Krieg aufnehmen, den je ein Volk
geführt hat.<
In Südafrika führten die Engländer von 1899 bis 1902 den Krieg gegen die Bu-
ren, weil Gold und Diamanten der Transvaalrepublik sie lockten. England kam in
Schwierigkeiten. Und Deutschland rührte sich wieder nicht.
Der Burenkrieg ist übrigens auch deswegen erwähnenswert, weil in ihm die
Engländer als Erfinder der Konzentrationslager auftraten. Zehntausende von
Frauen und Kindern wurden damals Opfer einer wohlbedachten Aushunge-
rungspolitik, ein schauerliches Vorspiel zum alliierten Millionenmord an deut-
schen Kriegsgefangenen nach dem Zweiten Weltkrieg.
Die Alliierten des Ersten Weltkriegs versuchten ihren Völkern unter anderem
weiszumachen, man ziehe für den demokratischen Menschheitsfortschritt und
gegen die >despotischen Monarchien< Deutschlands und Österreichs in den
Kampf. Wie sahen denn diese demokratischen Staaten in Wirklichkeit aus?
In Russland standen die Dinge ohnehin eindeutig. Seit Peter dem Grossen wa-
ren die Zaren Selbstherrscher und regierten ausschliesslich nach Gutdünken. Auf-
stände und Morde erschütterten das Russische Reich schon im 19. Jahrhundert,
aber erst 1905 entschloss man sich zur Einberufung einer Volksvertretung, der
Duma. Dreimal wurde sie nach Hause geschickt — dann kam die Februar-Revo-
lution von 1917. Bemerkenswert dabei ist übrigens, dass die Liberalen und De-
60
mokraten, die diese Revolution machten, nicht etwa Friedensfreunde waren,
sondern forderten, den Krieg bis zum bitteren Ende fortzusetzen.
Blicken wir auf Frankreich, das seit 1871 wieder Republik ist. Worin bestehen
die Rechte des angeblich souveränen Volkes? Einmal in vier Jahren darf es wäh-
len — dazwischen aber treiben die Abgeordneten ihr Spiel um Macht und Geld.
1911 erschien in Paris eine Schrift von Francis Delaisi <Der kommende Krieg>. Dar-
in schreibt er: «Unsere ganze auswärtige Politik entzieht sich jeder Kontrolle, der
öffentlichen Meinung sowohl wie der des Parlaments; sie entzieht sich manch-
mal sogar der Kontrolle der Regierung. In unserer nebelhaften Demokratie ist es
durchaus möglich, dass ein einzelner Mann oder eine kleine Sippe von Finanz-
und Geschäftsleuten es fertigbringt, einen Krieg zu entfesseln. Die französische
Demokratie ist nur eine Scheinfassade. In Wirklichkeit wird dieses Volk durch ei-
ne Minderheit von Bankiers und Industriellen regiert, die die Presse und die Poli-
tiker in Händen haben.<
Auch in Belgien ging nach der Verfassung alle Staatsgewalt vom Volk aus.
Das hinderte die Regierung nicht daran, in Verhandlungen den englisch-franzö-
sischen Aufmarsch gegen Deutschland durch Belgien zu tolerieren und damit die
Neutralität preiszugeben, ohne das Volk zu befragen.
Als Hort und Ursprung der westlichen Demokratie gilt England. Über die Art,
wie der Ausschuss des britischen Ministerrats tagt, schreibt 1917 der Jurist und
Oberregierungsrat in Liegnitz, K.G. Regenborn: «Dieser engere Ausschuss des
Kabinetts tagt im Geheimen und in grösster Formlosigkeit. Er hat keine regel-
mässige Versammlungszeit und keinen Versammlungsort, kein Büro und keinen
Sekretär, keine Geschäftsordnung. Die Mitglieder sind zur Verschwiegenheit ver-
pflichtet, sie dürfen keine Aufzeichnungen machen. Es wird keine Niederschrift
über die Verhandlung aufgenommen und kein Bericht an irgend eine Stelle er-
stattet. In unregelmässigen Zwischenräumen versammeln sich diese wenigen
Männer und dann werden, wie Sidney Low sagt, die höchsten Angelegenheiten
des Volkes in geschlossener, geheimer Versammlung erörtert und entschieden.
Das Unterhaus selbst ist herabgesunken zu einer «Maschine zur Beschlussfassung
über die Gesetzentwürfe der Minister<. Der wahre Regent Englands ist der leiten-
de Minister, der nach den Worten Sidney Lows tun kann, was der Deutsche Kai-
ser und der amerikanische Präsident nicht tun können: Gesetze ändern, Steuern
auferlegen und alle Staatsgewalten leiten. Zur Zeit bestimmen der leitende Mini-
ster und die drei oder vier Ministerkollegen des engeren Ausschusses im Kabi-
nett tatsächlich unbeschränkt über die Geschicke Englands und des englischen
Weltreichs. Diese Männer aber waren vor dem Kriege Asquith, Edward Grey,
Lloyd George und Randolph Churchill.<
Über die Vereinigten Staaten von Amerika schreibt der selbe Autor: «In die
Hand des Präsidenten ist eine ungeheure Machtfülle gelegt. Alle von seinem
61
Vorgänger ernannten Beamten kann er mit einem Federstrich beseitigen. Er ist
mit seinem Ministerium ganz unabhängig von den Stimmungen des Kongresses.
Gesetze, die er nicht will, kann er durch seinen Widerspruch verhindern; Präsi-
dent Cleveland hat das mehr als dreihundert Mal getan, und nur in zwei Fällen
hat dann der Kongress sich über den Widerspruch des Präsidenten hinwegge-
setzt. Verhandlungen mit auswärtigen Mächten kann der Präsident derart füh-
ren, dass dem Kongress nachher gar keine Wahl mehr bleibt — gerade das ha-
ben wir ja eben erfahren. Präsident Wilson hatte die Politik seines Landes seit
langer Zeit so festgelegt, dass die Entscheidung des Kongresses (für die Kriegser-
klärung an Deutschland 1917) nicht mehr zweifelhaft sein konnte. Als aber im
Senat sich doch Widerstand erhob, wurde dessen Geschäftsordnung geändert
und über die Widersprechenden wurde hinweggeschritten. Ist aber der Krieg
ausgebrochen, so stehen Heer und Flotte unter dem Befehl des Präsidenten und
seine Macht ist nahezu unbeschränkt.<
Was der Erste Weltkrieg bestimmt nicht war: ein Krieg für die Volksrechte.

XXIII
Die Angloamerikaner haben ein bestimmtes Demokratieverständnis. Für sie be-
steht die politische Entscheidung immer in einem Entweder-Oder. Entweder La-
bour oder Konservative. Entweder Republikaner oder Demokraten. Entweder
Westeuropa oder Osteuropa. Entweder Kapitalismus oder Kommunismus. Eine
zusammenführende und überhöhende Mitte kennen sie nicht. Die Eingeweihten
unter ihnen kennen allerdings die geheime Lenkung des öffentlich Entzweiten
aus dem Hintergrund. Die Demokratie angelsächsischer Prägung bedeutet in
Wirklichkeit die Herrschaft einiger weniger, die sich überdies selbst ergänzen. In
der Demokratie, sagt Hans Delbrück, entscheidet nicht das Volk, sondern die
Parteiorganisation, die Demagogie und das Geld. — Entgegen der landläufigen
Meinung von heute kann eine Monarchie unter Umständen wesentlich volksnä-
her sein als eine sogenannte demokratische Regierung, die von <der Parteien
Gunst und Hass> abhängig ist, weil sie von ihnen ein- und abgesetzt wird.
Was ist das Volk? Das Ganze sei mehr als die Summe seiner Teile, sagt man.
Auch ein Volk ist mehr als die Summe seiner Bürger. Es ist ein Organismus, nicht
ein Sammelsurium.

62
Wohl ist enge begrenzt unsere Lebenszeit,
Unserer Jahre Zahl sehen und zählen wir.
Doch die Jahre der Völker,
Sah ein sterbliches Auge sie?
(Hölderlin)

In einer echten Volksherrschaft nach mitteleuropäischer Art müssen diejenigen


die Lenkung innehaben, die dem wahren Geist des Volkes am nächsten stehen
und nicht von ständig wechselnden Zahlenverhältnissen in Wahlen und Abstim-
mungen bestimmt werden. Das peinliche Prinzip <one man one vote> wurde
auch von den alten Germanen in ihren Ratsverhandlungen nicht gehandhabt.
Zustimmung oder Ablehnung wurden kundgetan durch Aneinanderschlagen
von Waffen oder durch Murren. Durch solche Äusserungen hindurch sprach da-
mals der Volkswille. Dem neuzeitlichen Bewusstsein angemessen ist eine Kon-
sensfindung. In der Schweiz zum Beispiel ist dies das eigentliche Arbeitsprinzip
der sieben Bundesräte, die übrigens aus vier verschiedenen Parteien stammen.
Und lassen sich die Gegensätze nicht überwinden, so kommt doch wenigstens
ein <guteidgenössischer Kompromiss» zustande, wie der gängige Ausdruck dafür
lautet.
Konsens entsteht dann, wenn Einsicht vorhanden ist. Eine Wahrheit, die ein-
sehbar ist, kann auch dann bejaht werden, wenn sie zunächst unangenehm ist.
Die Wahrheit steht über dem Lust-Unlust-Prinzip. Es liegt im Wesen des Mittel-
europäers, die Wahrheit zu suchen und nicht einem relativierenden Pragmatis-
mus zu verfallen. Dieser aber liegt dem <american way of life> zugrunde: Eine
Wahrheit gibt es ohnehin nicht, also machen wir das, was die Mehrheit wünscht.
Und Einfluss hat derjenige, der die Mehrheit am geschicktesten zu manipulieren
versteht. Unter einer solchen Behandlung wird ein Volk zur Menge, die mit Brot
und Spielen geködert werden kann. <Das Volk ist derjenige Teil des Staates, der
nicht weiss, was er will>, sagte Hegel, die westliche Scheindemokratie am Bei-
spiel der Französischen Revolution studierend.
Was die Herrschaft der manipulierten Menge vollends unerträglich machen
kann, ist der moderne Einheitsstaat, in dem Politik, Kultur und Wirtschaft einen
unlösbaren Filz bilden. Die drei Bereiche sind doch von sehr verschiedener Art
und müssten dementsprechend unterschiedlich behandelt werden. Rudolf Stei-
ner hat auf dieser Erkenntnis sein Prinzip der Dreigliederung des sozialen Orga-
nismus aufgebaut. Kultur, das heisst Bildung, Wissenschaft, Kunst und Religion,
verlangt heute Freiheit zu individueller Gestaltung. Hier gilt gewissermassen in
unbedingter Form das Ich-Prinzip. Der Staat hat als Träger der Rechtsformen auf
diesen Gebieten inhaltlich streng genommen nichts zu suchen. Er ist dazu da, die
Menschenrechte zu schützen, die Gleichheit vor dem Gesetz zu garantieren. Des-

63
wegen kann er auch — im Unterschied zu den Gebieten der eigentlichen Kultur
— demokratisch organisiert sein. Weil das Rechtsempfinden in verschiedenen
Zeiten und Erdgebieten nicht dasselbe ist, muss das Volk über seine Rechtssat-
zungen immer wieder neu entscheiden können, damit nicht eintritt, was Mephi-
sto im Faust verhöhnt:
Es erben sich Gesetz und Rechte
Wie eine ewige Krankheit fort;
Sie schleppen vom Geschlecht sich zum Geschlechte,
Und rücken sacht von Ort zu Ort.
Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage;
Weh dir, dass du ein Enkel bist!
Vom Rechte, das mit uns geboren ist,
Von dem ist leider! nie die Frage.
Goethe war bekanntlich Jurist, hatte im Reichskammergericht in Wetzlar gear-
beitet und musste es also wissen.
Eine <ewige Krankheit< scheint vorläufig auch die Verfilzung von Staat und
Wirtschaft zu sein. Im Bolschewismus hat jahrzehntelang ein dogmatischer Staat
die Wirtschaft tyrannisiert und zugrundegerichtet; im Westen halten umgekehrt
die Interessenvertreter der Wirtschaft die Drähte der Politik in der Hand. Mehr als
man denkt werden heute wichtige weltpolitische Entscheidungen von interna-
tionalen Konzernen gefällt. Die Staatsmänner verkommen zu Strohmännern.
Damit ist natürlich nichts gegen die Wirtschaft an sich gesagt. Eine blühende
Wirtschaft ist Voraussetzung jeder Hochkultur. Aber in den modernen Industrie-
staaten wird die Wirtschaft als Selbstzweck betrieben; ihre Gesichtspunkte gel-
ten schon beinahe als sakrosankt. Und tatsächlich hat sie auch Regeln übernom-
men, die eigentlich nur für das geistige Leben der Menschheit gelten; zum Bei-
spiel die Idee des fortwährenden Wachstums. >Stillstand ist Rückschritt< — das
gilt natürlich für die individuelle Entwicklung eines Menschen oder einer ganzen
Kultur, aber auf das Bruttosozialprodukt oder den Umsatz eines Geschäftes an-
gewendet, ist es ein Unsinn. Die Wirtschaft muss ihren dienenden Charakter
wieder erkennen. Sie ist dazu da, die Bedürfnisse der Menschen zu decken. Da-
mit das nicht eine theoretische Moral bleibe, hat Rudolf Steiner vorgeschlagen,
Assoziationen von verschiedenen einander ergänzenden Produktions- und
Dienstleistungsbetrieben zu schaffen, die mit den Konsumenten eng zusammen-
arbeiten und wirklich das erzeugen, was vom Käufer gewünscht und gebraucht
wird. Heute bestimmt die Wirtschaft mittels der Werbung, was der Konsument
zu wünschen hat.
Dazu kommen noch weitere Gesichtspunkte. Geld regiert die Welt, heisst es.
Das stimmt solange, als es möglich ist, mit Geld Macht anzuhäufen, indem es —

64
ohne dass der Kapitalist einen Finger rührt — einfach immer mehr wird. Wenn
man der Werbung der Banken Glauben schenkt, so arbeitet das Geld ganz von
selbst für den, der ihr genügend davon übergibt. Das Kapital vermehrt sich auf
wunderbare Weise wie die Einwohnerschaft eines Kaninchenstalls. Das nennt
man Zinswirtschaft. Die wunderbare Vermehrung ist allerdings schnell erklärt:
Das Arbeiten besorgen jene, die Geld borgen müssen, um ein Geschäft zu eröff-
nen, einen Hof zu kaufen oder dergleichen, aber auch alle jene, die zur Miete
wohnen. Das Leihen auf Zins war bekanntlich im Mittelalter jedem ehrlichen
Christen verboten.
Und noch ein Übel behindert eine wirklich menschenwürdige Gestaltung der
Wirtschaft. Wer bei der heutigen Bodenknappheit Grundbesitzer ist, hat eine
Monopolstellung und hält viele Menschen in Abhängigkeit. Das gilt nicht in er-
ster Linie vom südamerikanischen Grossgrundbesitz, sondern vor allen Dingen
vom europäischen Bodenmarkt. Als Grossgrundbesitzer treten hier Banken, Ver-
sicherungen und Wirtschaftskonzerne auf. Schon anfangs unseres Jahrhunderts
hat Silvio Gesell in seiner >Natürlichen Wirtschaftsordnung< die Vorteile des (al-
ternden Geldes) erläutert sowie über die Möglichkeiten nachgedacht, den Bo-
den nach und nach in den Besitz der Allgemeinheit, zum Beispiel der Gemeinde,
überzuführen und dann nur noch im Bau- und Nutzrecht an Private abzugeben.
Der gemeinsame Bodenbesitz entspricht übrigens altgermanischem Recht.
Die Gedanken Rudolf Steiners und Silvio Gesells, die sich in vielen Punkten
eng berühren, wären wohl geeignet, eine kopernikanische Wende in unseren
Staats- und Wirtschaftsverhältnissen hervorzurufen.

65
XXIV
Das angloamerikanische Grosskapital — Rockefeller, Rothschild, Morgan —
wünscht eine solche Wende nicht. Ihm ist der jetzige Zustand recht, denn er er-
möglicht eine nahezu vollständige Weltherrschaft. Mittel zu diesem Zweck wa-
ren unter anderem zwei Weltkriege. Die Vorgeschichte des ersten ist in dieser
Hinsicht besonders aufschlussreich.
Anfangs der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurde sichtbar, dass das
neu errichtete Deutsche Reich einen unerhörten wirtschaftlichen und politischen
Aufschwung nehmen würde. Einflussreiche englische Kreise merkten auf und
begannen zu handeln. Besonders zu nennen sind der damalige Prinz von Wales
und spätere König Eduard der Siebte mit seinen Freunden Lord Rothschild, Ran-
dolph Churchill und anderen. Sie waren der Überzeugung, es müsse ein Bündnis
zwischen England, Frankreich und Russland Zustandekommen zur Vernichtung
der mitteleuropäischen Mächte Deutschland und Österreich-Ungarn. Die Tages-
politik schien allerdings ganz gegen die Wahrscheinlichkeit eines solchen Bünd-
nisses zu sprechen. Die späteren Alliierten waren damals wegen verschiedener
Kolonialstreitigkeiten schwer verkracht. Dazu kam noch der scheinbar unaufheb-
bare politische Gegensatz zwischen dem republikanischen Frankreich und dem
absolutistischen russischen Zarentum. Es mussten schon mächtige Interessen
sein, die solche Gegensätze vergessen machen konnten. Zur Grundlage der Alli-
anz diente die gemeinsame Feindschaft gegen Mitteleuropa: Frankreich schrie
seit 1871 nach Revanche und bestand in unbegreiflicher Sturheit darauf, das Ei-
sass müsse wieder französisch werden. Russland sah sich als natürliche Schutz-
macht des Panslawismus, der sich im nationalistischen 19. Jahrhundert in Osteu-
ropa verbreitet hatte. Manche seiner Propheten sahen ein gross-slawisches Reich
der Zukunft, das auch alle slawischen Gebiete Österreichs mit umfassen sollte. In
der Habsburgermonarchie lebten ja damals Tschechen und Slowaken, galizische
Polen und Ukrainer, Serben, Kroaten und Slowenen. Ziel der russischen Politik
war schon seit Peter dem Grossen die Ausbreitung nach Westen. Der Panslawis-
mus deckte sich mit diesen Absichten. Was dem entgegenstand, war Österreich.
Deutschland aber war der mächtige Verbündete Österreichs. Somit konnte dar-
auf gerechnet werden, dass der Zar sich auf die Dauer einem militärischen Pakt
mit dem Westen nicht verschliessen würde. Eine weitere wichtige Macht wurde
nun ins Spiel gezogen: Rom. Der katholische Herzog von Norfolk erläuterte dem
Papst die Notwendigkeit eines umfassenden Bündnisses gegen die Mittelmäch-
te. Dieser war gleich Feuer und Flamme und willigte ein, als Vermittler aufzutre-
ten. Das Haus Habsburg schien nicht mehr unter päpstlichem Schutz zu stehen,
seit es sich mit Preussen verbündet hatte. Bismarck war ja 1866 ein grosszügiger
Sieger gewesen, der das unterlegene Österreich in jeder Hinsicht schonte und

66
mit ihm das Bündnis schloss, das sich dann im Ersten Weltkrieg bewähren sollte.
<Die Welt bricht zusammen<, rief der Kardinalstaatssekretär Antonelli nach dem
preussischen Sieg bei Königgrätz. 1918 aber herrschte Triumphstimmung im Va-
tikan: >Diesen Krieg hat Luther verloren», äusserte Papst Benedikt.
1891 kam es zum französisch-russischen Militärpakt dank päpstlicher Diplo-
matie. Der Zar hörte sich beim Besuch der französischen Flotte im Petersburger
Hafen Kronstadt stehend die Marseillaise an, deren Absingen in Russland bei To-
desstrafe verboten war. England schloss später die Entente cordiale, die >herzli-
che Übereinkunft» mit Frankreich und ein Abkommen mit Russland. Der Belage-
rungsring war gelegt. Die römische Kirche und die englische Hochfinanz, mei-
stens Angehörige von Freimaurerlogen, hatten sich die Hände gereicht. Für sie
arbeiteten der französische Rachedurst und der blinde panslawistische Imperialis-
mus Russlands. >Wir wollen, dass Russland das Werkzeug unserer Rache werde»,
sagte Clemenceau 1893. In Italien, das sich offiziell im Dreibund mit Deutschland
und Österreich befand, begannen im Geheimen Mächte zu wirken, die 1915 den
Verrat Italiens an seinen Bundesgenossen herbeiführten. Von den Vereinigten
Staaten sprach damals noch kaum jemand. Sie galten auf Grund der Monroe-
Doktrin als neutral und an europäischen Auseinandersetzungen nicht sonderlich
interessiert. Und sie waren vor dem Krieg noch nicht eine eigentliche Gross-
macht. Welche Interessen aber Amerika mit einem Kriegseintritt verbinden
konnte, mag daran anschaulich werden, dass es nach dem Krieg fünfmal mehr
Guthaben in Europa besass als es vorher Schulden gehabt hatte. Einen gewalti-
gen, in Zahlen kaum abzuschätzenden Langzeitnutzen zogen die Vereinigten
Staaten nach 1918 aus den 2500 konfiszierten deutschen Patenten, die Amerika
auf vielen Gebieten erst wirtschaftlich unabhängig machten, so in der Chemi-
schen, der Färb- und Pharma-Industrie.
Die eigentlichen Drahtzieher des ganzen Komplotts aber muss man in jenen
verschwiegenen und verborgenen Kreisen suchen, die dem mitteleuropäischen
Geist seine irdischen Grundlagen entziehen wollen. Viele Anzeichen deuten dar-
auf hin, dass solche Kreise mit gewissen Freimaurerorganisationen des Westens
identisch sind. Was da für Grundsätze im Umlauf waren, mag der Auszug einer
Rede des britischen Aussenministers Lord Roseberry von 1893 darlegen:
>Man sagt, dass unser Empire bereits gross genug sei und dass es keiner wei-
teren Expansion bedürfe... Wir dürfen aber nicht nur das ins Auge fassen, was
wir heute nötig haben, sondern auch das, was wir in Zukunft nötig haben wer-
den. Wir dürfen dabei nicht unterlassen, dafür Sorge zu tragen, dass die Welt...
angelsächsischen und nicht einen andern Charakter erhält.»
Es handelt sich bei solchen Äusserungen nicht um Ausnahmen. Schon 1877
hatte sich der spätere britische Finanzminister und Premierminister der Kapkolo-
nie, Cecil Rhodes, in folgender Weise über das Thema verbreitet:
67
<lch behaupte, dass wir die erste Rasse der Welt sind, dass es umso besser ist für
die menschliche Rasse, je mehr von der Welt wir bewohnen... Darüber hinaus
bedeutet es das Ende aller Kriege, wenn der grössere Teil der Welt in unserer
Herrschaft aufgeht... Da Gott offenkundig die englisch sprechende Rasse zu
seinem auserwählten Werkzeug formt, durch welches er eine Gesellschaft her-
vorbringen will, die auf Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden begründet ist, muss er
offensichtlich wünschen, dass ich tue, was ich kann, um unserer Rasse so viel
Spielraum und Macht wie möglich zu geben. Wenn es einen Gott gibt, denke
ich, möchte er, dass ich so viel von der Karte Afrikas britisch rot male als möglich
und tue, was ich kann, um den Einfluss der englisch sprechenden Rasse auszu-
dehnen.>
In frivolster Weise wurden schon um 1890 herum in englischen Zeitschriften
Karten herumgeboten über den Zustand Europas nach einem allfälligen Krieg.
Darin erscheint Mitteleuropa verkleinert und in verschiedene Staaten aufgelöst,
die englische Einflusssphäre hat sich auf noch mehr strategisch wichtige Punkte
ausgedehnt, und über dem Osten steht: «Russische Wüste>. Alle andern Länder
sind als Republiken angeschrieben, sollen also Demokratien nach westlichem
Muster werden.
Natürlich ist es schwierig oder unmöglich, genau nachzuweisen, wie solche
gezielten Zynismen in die Presse gelangen. Aber um Zufälle handelt es sich
nicht; das zeigt die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, in dem mit er-
staunlicher Präzision eingetroffen ist, was etwa in der Weihnachtsnummer (!) der
<Truth> (!) von 1890 unter dem Titel <The Kaisers Dream> veröffentlicht wurde.

Mehr als man denkt sind wichtigste Staatsmänner Angehörige von mehr
oder weniger geschlossenen Zirkeln mit spirituellen Zielsetzungen. König Eduard
war Führer einer ganzen Anzahl von internationalen Freimaurerlogen. Und er
war ein enger Vertrauter Annie Besants, der Leiterin der weltweit tätigen Theo-
sophischen Gesellschaft mit Hauptsitz in Indien. Unter den englischen Theoso-
phen galt als ausgemacht, dass die angloamerikanische Rasse Anspruch auf
Weltherrschaft in der Nachfolge des Römischen Reiches habe. Die mitteleuropäi-
sche Suche nach Geistesfreiheit und echtem Individualismus war dabei im Wege.
Deswegen erstaunt es auch nicht, dass Rudolf Steiner, der mit seiner <Philoso-
phie der Freiheit» in bester deutscher Tradition steht, sich gezwungen sah, die
ganze deutsche Sektion aus der Theosophischen Gesellschaft herauszulösen und
die völlig selbständige, öffentliche Anthroposophische Gesellschaft zu gründen.
Charakteristischerweise bezeichnete er einmal die Anthroposophie als <Wissen-
schaft vom Grab, damit dokumentierend, dass seine Geistesforschung unmittel-
bar an eine Strömung anknüpfe, die schon lange das unterirdische mitteleuro-
päische Lebenswasser gewesen war.

68
Der unmittelbare Anlass für den Austritt Rudolf Steiners und seiner Sektion
war allerdings von eindrücklichster Zeichenhaftigkeit. Annie Besant hatte den In-
derknaben Krischnamurti als wiedergeborenen Christus propagiert, und diese
Anschauung galt für Theosophen als verbindlich. Rudolf Steiner erklärte dage-
gen, das widerspreche allen erkenntnismässigen Grundlagen des Christentums
und zog 1913 seine Konsequenzen. Damit erwies er sich als unbeirrtester Vertre-
ter christlichen und deutschen Geistes zu der Zeit, als sich das West-Ost-Netz um
Mitteleuropa zusammenzuziehen begann.

XXV
Seit dem Bekanntwerden des französisch-russischen Militärpakts arbeitete der
deutsche Generalstab daran, der drohenden Umklammerung zu begegnen. Von
General Schlieffen stammt der Plan, der als einzige Rettung vorsah, im Kriegsfall
im Westen mit allen Kräften einen Sieg herbeizuführen, ehe die Russen ihren
wochenlang dauernden Aufmarsch vollzogen hätten und im Osten an der Gren-
ze stünden. Denn gegen die gigantische russische Militärmaschine musste das
ganze deutsche Heer zur Verfügung stehen.
Der Bündnispartner Österreich mit seinen 13 offiziellen Sprachen war im Zei-
talter des Nationalismus ständigen Zerreissproben ausgesetzt. Die übernational
denkende Habsburger-Dynastie hielt das Reich zusammen, aber es fehlte an ei-
ner wirklich zündenden Idee, so dass die zentrifugalen Kräfte von Jahrzehnt zu
Jahrzehnt stärker wurden. Besonders schwerwiegende Folgen hatte der soge-
nannte Ausgleich mit Ungarn von 1867. Darin war festgelegt worden, das Reich
bestehe aus zwei Teilen: Cisleithanien, von Wien aus regiert, und Transleitha-
nien, unter ungarischer Verwaltung. Von Budapest aus wurden vor allem die Slo-
wakei, Siebenbürgen und Kroatien verwaltet. Aus diesen Ländern meldete sich
je länger je mehr Protest gegen die unduldsame Magyarisierungspolitik. Slawen
und Rumänen fühlten sich kulturell und politisch benachteiligt und waren es
auch. Das war ein gefundenes Fressen für die panslawistischen Fanatiker und ih-
re grosserbischen Untergruppierungen. Jeder noch so vorsichtige Versuch des
Kaiserhauses oder anderer einsichtiger Politiker, den Slawen weitergehende
Rechte zu verschaffen, wurde von der sturen ungarischen Grossgrundbesitzer-
Clique abgeschmettert und als Einmischung in die inneren Verhältnisse Ungarns
bezeichnet. So wurde der Dualismus zum unüberbrückbaren Graben der kaiser-
lich-königlichen Innenpolitik. Der alte Kaiser Franz Joseph mochte an die Schwie-
rigkeiten nicht rühren. Der Thronfolger Franz Ferdinand hingegen war als Sla-
wenfreund bekannt, und man wusste, dass er die Absicht hegte, als zukünftiger

69
Kaiser den Dualismus in einen Trialismus umzuwandeln und damit aus den un-
zufriedenen slawischen Patrioten wieder überzeugte Anhänger Österreichs zu
machen. Man hoffte auf ihn. Da setzten die Kugeln von Sarajewo am 28. Juni
1914 seinem Leben und dem seiner Gattin ein Ende. Der Mörder gehörte der
serbischen Geheimorganisation «Schwarze Hand> an, deren Führer Freimaurer
waren und in den höchsten serbischen Regierungsstellen sassen. Die Panslawi-
sten und Grosserben brauchten unzufriedene Slawen in Österreich, deswegen
musste Franz Ferdinand daran gehindert werden, den Thron zu besteigen. Trau-
er und Zorn liefen durch ganz Mitteleuropa, noch ehe man Genaueres über die
Hintermänner wusste. Wien verlangte restlose Aufklärung unter Beteiligung
österreichischer Beamter. Serbien gab hinhaltende Antworten, da es Russland
hinter sich wusste. Auch russische Regierungsstellen waren in den Mordplan für
Franz Ferdinand eingeweiht gewesen. Am 25. Juli beschliesst der russische Kron-
rat, «Serbien zu unterstützen, auch wenn dazu die Mobilmachung erklärt oder
Kriegshandlungen begonnen werden müssten). Serbien und Österreich mobili-
sieren, und am 28.Juli erklärt Wien an Serbien den Krieg. Noch könnte der Krieg
eine lokale Balkan-Auseinandersetzung bleiben, zumal Österreich festhält, es
wolle keine Annektionen, sondern ausschliesslich Aufklärung und Bestrafung
des Mordes. Da mobilisiert auch Russland am 29./30. Juli. Ein Artikel des fanzö-
sisch-russischen Bündnisvertrages aber bestimmt: «Mobilmachung bedeutet die
Erklärung des Krieges. Die mobilisierten Streitkräfte müssen schleunigst zum
Kampfe eingesetzt werden.< Deutschland sieht die schwarze Gefahr eines Zwei-
frontenkrieges auf sich zukommen und fragt in Paris an, ob man mit Frankreichs
Neutralität rechnen könne. Die Antwort: «Frankreich wird tun, was seine Interes-
sen verlangen.< Wilhelm der Zweite glaubt am 1. August in aller Naivität, einem
Telegramm des englischen Königs entnehmen zu können, England werde neu-
tral bleiben und auch Frankreich dazu bewegen. Er hindert deswegen seinen Ge-
neralstabschef Helmuth von Moltke daran, die Mobilisierung durchzuführen, bis
spät abends nochmals ein Telegramm eintrifft des Inhalts, England könne keine
Verpflichtungen übernehmen. Nun erst kann mit der Mobilmachung ernst ge-
macht werden; Frankreich lässt bereits aufmarschieren. Der Krieg beginnt. Man
schreibt das Jahr, in dem das Wirtschaftsvolumen Deutschlands erstmals dasjeni-
ge Englands erreicht hätte.
Aus Zeitgründen ist das deutsche Heer gezwungen, die starken französischen
Festungen zu umgehen und durch Belgien zu marschieren. Ein entsprechendes
Gesuch aus Berlin wird von Belgien abgelehnt, obwohl Unabhängigkeit und Be-
sitzstand garantiert und alle Schäden vergütet werden sollen. Belgien beharrtauf
seiner Scheinneutralität, nachdem es zwischen 1900 und 1912 an verschiedenen
militärischen Besprechungen mit England und Frankreich teilgenommen hat. In

70
gespielter Entrüstung über die >Neutralitätsverletzung< erklärt England am 4. Au-
gust dem Reich den Krieg.
Der Verlauf ist bekannt. Der Siegeszug der deutschen Heere in Nordfrankreich
kommt in der Marneschlacht zum Stehen; der endlose Schützengrabenkrieg be-
ginnt. Im Osten können die bereits nach Ostpreussen eingedrungenen Russen
durch Hindenburg bei Tannenberg und den Masurischen Seen zurückgeschlagen
werden. Gemeinsam mit den österreichisch-ungarischen Heeresverbänden wird
eine Front aufgebaut, die von Riga bis zur Donaumündung verläuft. 1915 wen-
det sich Italien verräterischerweise gegen die Bundesgenossen und eröffnet ge-
gen Österreich eine Front zwischen Triest und der Schweizergrenze. Die Mittel-
mächte müssen aus Notwehr Bündnispartner nehmen, wo sie solche finden
können. Weil die Türkei die selben Feinde hat, wird sie zum Verbündeten. Das ist
zwar kein Ruhmesblatt der deutschen Geschichte, genausowenig wie die Ver-
bindung mit Japan im Zweiten Weltkrieg, ist aber aus der Situation heraus zu
verstehen.
Der Krieg wird nicht entschieden durch Tapferkeit und Feldherrngenie. Immer
wichtiger werden wirtschaftliche Gesichtspunkte, etwa der Besitz von Stahl, Er-
döl, Stickstoff und Aluminium. Die Mittelmächte sind durch die englische Blocka-
de von den Weltmärkten abgeschnitten und können nur ihren wissenschaftli-
chen Erfindergeist mobilisieren, während Frankreich und England ihre sämtlichen
Kolonien zur Verfügung haben und erst noch mit gewaltigen Mengen Materials
aus den Vereinigten Staaten versorgt werden.
1917 wird zum Schicksalsjahr. Im Februar/März findet die erste russische Re-
volution statt, die bürgerliche, finanziell unterstützt von Auftraggebern aus Lon-
don und Paris. Die Zarenfamilie wird gefangengesetzt, später von den Bolsche-
wisten umgebracht. Dem Umsturz vorangegangen war die Ermordung Raspu-
tins, der stärksten geistigen Stütze des Zaren. Rasputin hatte dem Zaren vom
Krieg gegen Deutschland abgeraten und wollte ihn zu Agrarreformen zugunsten
der Bauern bewegen. Das Volk liebte ihn, weil er seine Anliegen vertrat und
selbst ein Bauer gewesen war, ehe er zum Mönch wurde. Sein späterer Mörder
aber, Fürst Jussupoff, ein verkommenes Subjekt der wüstesten Sorte, verun-
glimpfte ihn als deutschen Spion. Jedenfalls war Rasputin, wie Klabund formu-
lierte, der Entente-Clique in Petersburg ein Dorn im Auge. Am 16. Dezember
1916 wird er ermordet. Die Drahtzieher sind trotzdem der Loyalität des Zaren ge-
genüber der Entente nicht ganz sicher und veranstalten die Februarrevolution
von 1917. Die Regierung Kerenskj setzt den Krieg abmachungsgemäss fort;
trotzdem weiss die Entente nicht, ob es der neuen Regierung gelingen würde,
das kriegsmüde russische Volk zum Weiterführen des Kampfes zu bewegen.
Deshalb tritt jetzt Amerika an die Seite Englands und erklärt Deutschland den
Krieg. Das amerikanische Volk hat den Präsidenten Wilson 1916 deshalb wieder-
71
gewählt, weil er versprochen hat, die Vereinigten Staaten aus dem Krieg heraus-
zuhalten. Nun wird der Bevölkerung erzählt, der Kampf gegen Deutschland sei
notwendig, weil deutsche Unterseeboote amerikanische Handelsschiffe versen-
ken würden. Dies geschah tatsächlich auch, weil die deutsche Heeresleitung es
natürlich nicht hinnehmen konnte, dass das angeblich neutrale Amerika einseitig
die Entente mit Kriegsmaterial versorgte. Wenige Tage nach der amerikanischen
Kriegserklärung verlässt ein versiegelter Eisenbahnzug Zürich, um den Emigran-
ten Lenin im Auftrag des deutschen Generalstabs nach Russland zu schleusen.
Warum? Das Vordergründige ist leicht zu verstehen. Die Bolschewisten vertraten
die Losung >Frieden, Land, Brot>. Lenin versprach, bei einer allfälligen Machter-
greifung sofort einen Friedensvertrag zu unterzeichnen, um ungestört das Land
bolschewisieren zu können. Das trat ja dann im März 1918 auch tatsächlich ein,
im Frieden von Brest-Litowsk. Die deutsche Heeresleitung hoffte, durch die Ent-
lastung im Osten Kräfte freizubekommen, um den Sieg im Westen doch noch
herbeiführen zu können.
Trotzdem: die Idee, Russland zu einer sozialistischen Wüste zu machen, war
nicht einem deutschen Gehirn entsprungen. Man erinnere sich an die weiter
oben genannten zynischen Karten in englischen Zeitschriften. Hinter dem deut-
schen Generalstab, der den Transport Lenins nach Russland in erster Instanz zu
verantworten hatte, stand der Geheimdienst, dessen Chef Warburg hiess und ei-
genartigerweise ein Bruder des amerikanisch-jüdischen Bankiers gleichen Na-
mens war. Über dasselbe Bankhaus liefen übrigens in den zwanziger Jahren Zah-
lungen aus Amerika an die Nationalsozialisten. Es ist nicht an den Haaren herbei-
gezogen, anzunehmen, dass Geheimdienstchef Warburg in die Pläne der westli-
chen Hochfinanz eingeweiht war, in Russland dem Kommunismus zum Sieg zu
verhelfen, um es später desto sicherer in den Griff zu bekommen. Immerhin wur-
de Lenin von einem dritten Warburg in Berlin mit 6 Millionen Dollar in Gold ver-
sehen. Gleichzeitig verliess Trotzki Neu York mit 20 Millionen Dollar in der Ta-
sche. Das mag erstaunen. Aber man muss sich eben klar machen, dass von der
Warte der eigentlichen Drahtzieher aus die Begriffe sozialistisch oder kapitali-
stisch, links oder rechts nur noch Schachfiguren in einem viel grösseren Spiel
sind. <Manche meinen, lechts und rinks könne man nicht velwechsern. Werch
ein llltum!> spottet Ernst Jandl. Die gegenwärtige Lage in der ehemaligen So-
wjetunion zeigt mit aller Deutlichkeit, dass die Ziele jener Hintergrundspolitik er-
reicht sind: Das ehemalige Zarenreich ist zersplittert, und jeder einzelne Staat
fleht um westlichen Beistand und möchte gern alles tun, was die Hochfinanz ihm
vorschreibt. Auch in der Zwischenzeit ist die bolschewistische Sowjetunion kaum
zum wirklichen Feind des Westens geworden. Der Zweite Weltkrieg hat Roose-
velt und Churchill Arm in Arm mit Stalin gesehen. Das sind die Realitäten. Der
Kalte Krieg war demgegenüber Säbelrasseln.
72
Die Entlastung im Osten durch den Frieden von Brest-Litowsk 1918 hatte kei-
ne entscheidende Wirkung mehr. Bei Kriegsende standen an der Westfront ne-
ben Franzosen und Engländern zwei Millionen amerikanischer Soldaten im Ein-
satz, ausgeruht, wohlgenährt und bestens bewaffnet. Das war zuviel für die er-
schöpften und hungernden deutschen Divisionen. Im November 1918 wurde auf
der Grundlage von Präsident Wilsons 14 Punkte-Programm Waffenstillstand ge-
schlossen.

XXVI
Am 8. Januar 1918 hatte Woodrow Wilson dem Kongress ein Programm vorge-
legt, das den Frieden ermöglichen sollte und die Kriegsziele der Vereinigten
Staaten enthielt. Beim nachdenklichen Durchlesen schwankt man, ob man beim
Präsidenten eher Infantilismus oder eher abgründige Verlogenheit annehmen
soll. Ein ähnliches Musterbeispiel hohler Phraseologie kann wohl nicht schnell
gefunden werden.
In Punkt 7 wird verlangt, alle Geheimdiplomatie müsse aufhören. — Wie
stellt sich der Präsident das vor? Solange es unabhängige Staaten gibt, wird es
auch geheime Abmachungen geben, wenn diese Staaten es für ihr Wohl als not-
wendig erachten. Das lässt sich nicht verhindern; also kann man es auch nicht
verbieten. Es sei denn, Wilson denke schon an eine Weltregierung, wo alles öf-
fentlich sein kann, weil sich nirgendwo mehr Widerstand regt.
Punkt 2 fordert vollkommene Freiheit der Schiffahrt im Frieden wie im Kriege.
— Da hätte der Präsident nur auch gleich die Verschrottung von vier Fünfteln der
englischen Flotte verlangen sollen; dann wäre der Punkt vielleicht erfüllbar ge-
wesen. Oder wie dachte er sonst, die Beherrscherin der Weltmeere daran zu hin-
dern, gegebenenfalls durch Blockaden ihre Interessen zu wahren? Hatte es doch
England schon 1907 an der Haager Konferenz abgelehnt, sich an eine Seekriegs-
ordnung zu halten.
Punkt 3 möchte alle wirtschaftlichen Schranken beseitigen. — Das heisst, der-
jenige hat den Welthandel in der Tasche, der am billigsten produzieren kann.
Und das ist für eine wichtige Reihe von Produkten, zum Beispiel der Landwirt-
schaft, ganz sicher Amerika. Die heutigen GATT-Verhandlungen zielen in die glei-
che Richtung.

73
Punkt 4 verlangt allgemeine gleichmässige Abrüstung. — Tatsache ist, dass
Deutschland nach dem «Friedensschluss< bis aufs Hemd abgerüstet wurde, alle
andern aber aufrüsteten, und zwar massiv.
Punkt 5: «Streng unparteiische Regelung aller kolonialen Ansprüche< — was
dann in der Ausführung so aussah, dass die deutschen Kolonien säuberlich unter
die Sieger aufgeteilt wurden. Man bedenke, dass Bismarck 1871 die französi-
schen Kolonien mit keinem Finger berührte!
Punkt 6sieht vor, die russische Frage «durch die beste und freieste Mitwirkung
der anderen Nationen der Welt< zu regeln, die der russischen <Schwesternation>
lauter «verständnisvolles und selbstloses Wohlwollen< entgegentragen sollen. —
Salbadereien, die im Klartext darauf hinauslaufen, unter einer gewissen westli-
chen Kontrolle den Bolschewismus gewähren zu lassen.
Punkt 7 fordert die Wiederherstellung Belgiens,
Punkt 8 die Rückgabe von Elsass-Lothringen an Frankreich mit der Begrün-
dung, Frankreich habe durch Preussen 1871 «Unrecht< erlitten. — Wie war das
jetzt mit der Kriegserklärung von 1870? Und wer hat das Eisass ursprünglich
wem gestohlen?
Punkt 9 meint, «die italienischen Grenzen sollen entsprechend den klar er-
kennbaren Nationalitätsgrenzen berichtigt werden.< — Hier wird also das natio-
nale Prinzip angewendet, das Punkt 8 soeben missachtet hatte. Was aber den
Punkt vollends zur Farce macht: Das rein deutschsprachige Südtirol wurde nach
dem Krieg ebenfalls zu Italien geschlagen.
Punkt 10 muss vollständig zitiert werden: «Den Völkern von Österreich-Un-
garn, deren Platz unter den anderen Nationen wir sichergestellt zu sehen wün-
schen, soll die ungehinderte Möglichkeit zu einer autonomen Entwicklung gege-
ben werden.< — Oder auf gut Deutsch: Wir wünschen die Donaumonarchie zu
zertrümmern und in kleine, miteinander rivalisierende Nationalstaaten aufzulö-
sen. Als dann aber das kleingewordene Deutsch-Österreich die «ungehinderte
Möglichkeit) nutzen und sich dem Reich anschliessen wollte, wurde ihm dieses
von den Siegern verboten. Im übrigen macht Punkt 10 wieder das nationale
Prinzip geltend, wie auch
Punkt 11, wo der Schwammsatz vorkommt: «die Beziehungen der verschie-
denen Balkanstaaten zueinander sollen durch freundschaftliche Verständigung
gemäss den Richtlinien geschichtlich festgelegter Zugehörigkeit und Nationalität
geregelt werden.< — Was das wohl heissen mag? Wie möchte Wilson eine
«freundschaftliche Verständigung< erzwingen? Und dann erst noch auf der
Grundlage «geschichtlich festgelegter Nationalitäten<? Hätte der Präsident auch
nur einen Blick auf die Sprachenkarte der Doppelmonarchie und des Balkan-
raums geworfen, er hätte erkennen müssen, dass die Anwendung des National-
staatsprinzips in diesen Gegenden zu nichts als zu Hass und Krieg führen kann.
74
weil jeder der Staaten, so klein man ihn auch macht, wieder Minderheiten in sich
schliesst. Oder war das etwa seine Absicht?
Punkt 12 unterstellt unter anderem die Dardanellen internationaler Kontrolle.
Sie sollen freie Durchfahrtsstrasse für den Welthandel werden.
Punkt 13 möchte einen unabhängigen polnischen Staat errichten, <der die
von unbestreitbar polnischer Bevölkerung bewohnten Gebiete in sich schliesst>.
— Das Polen des Versailler Vertrages enthielt dann in seinen Grenzen dreieinhalb
Millionen Deutschsprachige, deren Rechte nur zu oft mit Füssen getreten wur-
den.
Punkt 14: <Es ist eine allgemeine Vereinigung der Nationen... zu bilden». —
In den tatsächlich gegründeten Völkerbund wurden Deutschland und Russland
nicht aufgenommen, und Amerika weigerte sich, Mitglied zu werden. Abgese-
hen davon: in einem solchen Mammutverein, wie ihn die heutige UNO darstellt,
geschieht entweder nichts, oder dann geschieht es auf Diktat des Mächtigsten.
Es würde sich nicht lohnen, auf das Machwerk dieser vierzehn Punkte einzu-
gehen, wenn sie nicht die Grundlage gewesen wären, auf der das deutsche Waf-
fenstillstandsangebot erfolgte. Weiteste Kreise in Europa und der ganzen Welt
waren angetan von den Wilsonschen Scheinweisheiten — sogar in Deutschland.
Und das war das Verhängnis: Mitteleuropa hatte keine Ideen, die diesen töner-
nen Riesen gestürzt hätten.

XXVII
Nicht, dass keine Ideen vorhanden gewesen wären, aber sie wurden nicht genü-
gend aufgefasst und dementsprechend auch zu wenig verbreitet. Im Mai 1917,
wenige Wochen nach der amerikanischen Kriegserklärung, sucht Otto Graf Ler-
chenfeld Rudolf Steiner in Berlin auf und spricht mit ihm über die Möglichkeiten
einer politischen Erneuerung Mitteleuropas. Rudolf Steiner entwickelt erstmals
seine Gedanken zur sozialen Dreigliederung. Der Individualismus, so meint er, sei
heute so weit entwickelt, dass es dem Menschen angemessen sei, die drei Berei-
che des Geistig-Kulturellen, des Politisch-Rechtlichen und des Wirtschaftlichen
auseinanderzugliedern. Ich zitiere aus dem Memorandum, das Rudolf Steiner im
Juli 1917 dem Grafen Lerchenfeld übergab:
<Die Wortführer der Entente führen unter den Gründen, warum sie den Krieg
fortsetzen müssen, den an, dass sie von Deutschland überfallen worden sind. Sie
behaupten daher, sie müssen Deutschland in eine solche Lage der Machtlosig-
keit bringen, dass fortan ihm jede Möglichkeit genommen sei, einen Überfall
auszuführen. In diese Form einer Art moralischer Anklage werden nebulos unter-
getaucht alle anderen Ursachen dieses Krieges.

75
Es ist zweifellos, dass gegenüber dieser Anklage Deutschland in die Notwen-
digkeit versetzt ist, in ganz ungeschminkter Weise darzustellen, wie es in den
Krieg hineingetrieben worden ist ... > <Der Krieg muss in Mitteleuropa dazu füh-
ren, in Bezug auf das im Völker-, Staats- und Wirtschaftsleben Vorhandene se-
hend zu werden. Dadurch allein kann man England zwingen, nicht weiter auf
dem Wege einer überlegenen Diplomatie zu den anderen Staaten sich zu verhal-
ten, sondern mit sich wie gleich zu gleich verhandeln zu lassen über dasjenige,
was zwischen europäischen Menschengemeinschaften zu verhandeln ist. Ohne
die Erfüllung dieser Bedingung ist alles Nachmachen des englischen Parlamenta-
rismus in Mitteleuropa nichts anderes als ein Mittel, sich selbst Sand in die Augen
zu streuen. In England werden sonst ein paar Leute immer Mittel und Wege fin-
den, ihre Wirklichkeitspolitik durch ihr Parlament ausführen zu lassen, während
doch ein deutsches und österreichisches Handeln nicht schon allein dadurch ein
gescheites werden wird, dass es statt von ein paar Staatsmännern von einer Ver-
sammlung von etwa 500 Abgeordneten beschlossen wird. Man kann sich kaum
etwas Unglücklicheres denken als den Aberglauben, dass es einen Zauber bewir-
ken werde, wenn man zu dem übrigen, was man sich hat von England gefallen
lassen, nun auch noch das fügt, dass man sich die demokratische Schablone von
ihm aufdrängen lässt. Damit soll nicht gesagt werden, dass Mitteleuropa nicht
im Sinne einer inneren politischen Gestaltung eine Fortentwicklung erfahren sol-
le, allein eine solche darf nicht die Nachahmung des westeuropäischen soge-
nannten Demokratismus sein, sondern sie muss gerade dasjenige bringen, was
dieser Demokratismus in Mitteleuropa wegen dessen besonderer Verhältnisse
verhindern würde. Dieser sogenannte Demokratismus ist nämlich nur dazu ge-
eignet, die Menschen Mitteleuropas zu einem Teile der englisch-amerikanischen
Weltherrschaft zu machen, und würde man sich dazu noch auf die sogenannte
zwischenstaatliche Organisation der gegenwärtigen Internationalisten einlassen,
dann hätte man die schöne Aussicht, als Mitteleuropäer innerhalb dieser zwi-
schenstaatlichen Organisation stets überstimmt zu werden.
Worauf es ankommt ist, aus dem mitteleuropäischen Leben heraus die Impul-
se zu zeigen, die hier wirklich liegen, und an denen die westlichen Gegner, wenn
sie aufgezeigt werden, sehen werden, dass sie sich bei einer weiteren Fortset-
zung des Krieges an ihnen verbluten müssen. Gegen Machtprätentionen kön-
nen die Gegner ihre Macht setzen und werden es tun, solange es bei Prätentio-
nen bleibt. Gegen wirkliche Machtkräfte werden sie die Waffen strecken. Wil-
sons so wirksamen Manifestationen muss entgegengehalten werden, was in
Mitteleuropa wirklich zur Befreiung des Lebens der Völker getan werden kann,
während seine Worte ihnen nichts zu geben vermögen als die angloamerikani-
sche Weltherrschaft... >

76
>Deshalb kann nur ein mitteleuropäisches Programm das Wilsonsche schla-
gen, das real ist, das heisst, nicht das oder jenes Wünschenswerte betont, son-
dern das einfach eine Umschreibung dessen ist, was Mitteleuropa tun kann, weil
es zu diesem Tun die Kräfte in sich hat. Dazu gehört:
1. Dass man einsehe: Gegenstand einer demokratischen Volksvertretung
können nur die rein politischen, die militärischen und die polizeilichen Angele-
genheiten sein. Diese sind nur möglich auf Grund des historisch gebildeten Un-
tergrundes. Werden sie vertreten für sich in einer Volksvertretung und verwaltet
von einer dieser Volksvertretung verantwortlichen Beamtenschaft, so entwickeln
sie sich notwendig konservativ. Ein äusserer Beweis dafür ist, dass seit dem
Kriegsausbruch selbst die Sozialdemokratie in diesen Dingen konservativ gewor-
den ist. Und sie wird es noch mehr werden, je mehr sie gezwungen wird, sinn-
und sachgemäss dadurch zu denken, dass in den Volksvertretungen wirklich nur
politische, militärische und polizeiliche Angelegenheiten der Gegenstand sein
können. Innerhalb einer solchen Einrichtung kann sich auch der deutsche Indivi-
dualismus entfalten mit seinem bundesstaatlichen System, das nicht eine zufälli-
ge Sache ist, sondern das im deutschen Volkscharakter enthalten ist.
2. Alle wirtschaftlichen Angelegenheiten werden geordnet in einem beson-
deren Wirtschaftsparlamente. Wenn dieses entlastet ist von allem Politischen
und Militärischen, so wird es seine Angelegenheiten so rein entfalten, wie es die-
sen einzig und allein angemessen ist, nämlich opportunistisch. Die Verwaltungs-
beamtenschaft dieser wirtschaftlichen Angelegenheiten, innerhalb deren Gebiet
auch die gesamte Zollgesetzgebung liegt, ist unmittelbar nur dem Wirtschafts-
parlamente verantwortlich.
3. Alle juristischen, pädagogischen und geistigen Angelegenheiten werden in
die Freiheit der Personen gegeben. Auf diesem Gebiete hat der Staat nur das Po-
lizeirecht, nicht die Initiative. Es ist, was hier gemeint ist, nur scheinbar radikal. In
Wirklichkeit kann sich nur derjenige an dem hier Gemeinten stossen, der den
Tatsachen nicht unbefangen ins Auge sehen will. Der Staat überlässt es den
sach-, berufs- und völkermässigen Korporationen, ihre Gerichte, ihre Schulen, ih-
re Kirchen und so weiter zu errichten, und er überlässt es dem einzelnen, sich
seine Schule, seine Kirche, seinen Richter zu bestimmen. Natürlich nicht etwa
von Fall zu Fall, sondern auf eine gewisse Zeit. Im Anfange wird dies wohl durch
die territorialen Grenzen beschränkt werden müssen, doch trägt es die Möglich-
keit in sich, auf friedlichem Wege die nationalen Gegensätze — auch andere —
auszugleichen. Es trägt sogar die Möglichkeit in sich, etwas Wirkliches zu schaf-
fen an Stelle des schattenhaften Staaten-Schiedsgerichts. Nationalen oder ande-
ren Agitatoren werden dadurch ihre Kräfte genommen. Kein Italiener in Triest
fände Anhänger in dieser Stadt, wenn jedermann seine nationalen Kräfte in ihr
entfalten könnte, trotzdem aus selbstverständlichen opportunistischen Gründen
77
seine wirtschaftlichen Interessen in Wien geordnet werden, und trotzdem sein
Gendarm von Wien aus bezahlt wird.
Die politischen Gebilde Europas könnten sich so auf Grundlage eines gesun-
den Konservativismus entwickeln, der nie auf Zerstückelung Österreichs, son-
dern höchstens auf seine Ausdehnung bedacht sein kann. Die wirtschaftlichen
Gebilde würden sich opportunistisch gesund entwickeln; denn niemand kann
Triest in einem Wirtschaftsgebilde haben wollen, in dem es wirtschaftlich zu-
grundegehen muss, wenn ihn das Wirtschaftsgebilde nicht hindert, kirchlich, na-
tional und so weiter zu tun, was er will.
Die Kulturangelegenheiten werden von dem Drucke befreit, den auf sie die
wirtschaftlichen und politischen Dinge ausüben, und sie hören auf, auf diese ei-
nen Druck auszuüben. Alle diese Kulturangelegenheiten werden fortdauernd in
gesunder Bewegung erhalten.
Eine Art Senat, gewählt aus den drei Körperschaften, welchen die Ordnung
der politisch-militärischen, wirtschaftlichen und juristisch-pädagogischen Angele-
genheiten obliegt, versieht die gemeinsamen Angelegenheiten, wozu auch zum
Beispiel die gemeinsamen Finanzen gehören.
Die Ausführbarkeit des in dieser Darstellung Angeführten wird niemand be-
zweifeln, der aus den wirklichen Verhältnissen Mitteleuropas heraus denkt.
Denn hier wird überhaupt nichts gefordert, was durchgeführt werden soll, son-
dern es wird nur aufgezeigt, was sich durchführen will, und was in demselben
Augenblick gelingt, in dem man ihm freie Bahn gibt.<
Über den Grafen Lerchenfeld wurden diese Gedanken vielen einflussreichen
Persönlichkeiten bekannt. Keine hatte die Kraft und den Mut, etwas zu unter-
nehmen. Rudolf Steiner sprach selbst mit Aussenminister Richard von Kühlmann
und Prinz Max von Baden, dem späteren Reichskanzler; ohne äusseren Erfolg.
Ein enger Vertrauter Dr. Steiners war Ludwig Graf Polzer-Hoditz, dessen Bruder
Arthur Kabinettschef des österreichischen Kaisers Karl war. Auch an ihn gelangte
das Memorandum. Arthur Graf Polzer-Hoditz erkannte die Gedanken in ihrer Zu-
kunftsträchtigkeit, aber er wagte es erst nicht, den Kaiser mit dem gänzlich Un-
gewohnten dieser Ausführungen vertraut zu machen. Erst im November setzte
er ihm die Idee auseinander. Karl hörte gespannt zu und bat ihn, eine Denk-
schrift darüber zu verfassen. Im Februar 1918, wenige Wochen nach Veröffentli-
chung der 14 Punkte Wilsons, traf die Denkschrift beim Kaiser ein, und gleichzei-
tig führte Polzer den österreichischen Ministerpräsidenten Seidler in die Gedan-
ken ein. Es war zu spät. Österreich war dem Zerfall schon nahe und fast unregier-
bar geworden; die Ungarn hatten in blindem Egoismus jede Lösung des Slawen-
problems verhindert und waren damit zum innenpolitischen Totengräber der
Monarchie geworden. In der Welt wirkten bereits die 14 Punkte, und auch bei

78
den Mittelmächten war der Blick vieler Politiker davon vernebelt. Rudolf Steiner
hatte auf das Gelingen des Plans viel Hoffnung gesetzt:
«Wenn der Kaiser von Österreich solches verkünden liesse, dann könnte der
Ausspruch Bismarcks wieder wahr werden: <Wenn der Kaiser von Österreich zu
Pferde steigt, folgen ihm alle seine Völker.»»
Es sollte nicht sein. Und Goethe bekam recht, von dem Riemer die Worte
überlieferte:
«Er gestehe, sagte er, dass ihn zuweilen eine den Atem stocken lassende
Angst überkomme, es möchte eines Tages der gebundene Weltenhass gegen
das andere Salz der Erde, das Deutschtum, in einem Aufstande frei werden. —
<Was gilts, das Schicksal wird sie schlagen, weil sie sich selbst verraten und nicht
sein wollen, was sie sind. Denn Deutschtum ist Freiheit, Bildung, Allseitigkeit und
Liebe; dass sie es nicht wissen, ändert nichts daran!»»

XXVIII
Als 1815 der Wiener Kongress einberufen wurde, nahm selbstverständlich auch
der Vertreter Frankreichs teil, jenes Frankreichs, das nach zwanzig Jahren Krieg in
Europa endlich geschlagen worden war, dessen Kaiser man nach St. Helena ver-
bannen musste, weil Elba offenbar zu nahe war.
Ein Jahrhundert danach wurde Deutschland, das sich vier Jahre lang gegen ei-
nen hinterhältigen Würgegriff gewehrt hatte und endlich die Waffen strecken
musste, zu den Friedensverhandlungen nach Versailles gar nicht erst eingeladen.
Als die Sieger sich einig waren, liess man die Deutschen kommen und diktierte
ihnen das Resultat.
Die grösste Schurkerei des Versailler Diktats sei vorweggenommen; es ist der
Artikel 231:
<Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären und Deutschland aner-
kennt, dass Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und
Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und
ihre Staatsangehörigen erlitten haben infolge des Krieges, der ihnen durch den
Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungen wurde.»
Nachdem der deutschen Delegation der Vertragsentwurf übergeben war,
sagte Aussenminister Graf Brockdorff-Rantzau in seiner Rede vom 7. Mai 1919:
<Wir täuschen uns nicht über den Umfang unserer Niederlage, den Grad un-
serer Ohnmacht. Wir wissen, dass die Gewalt der deutschen Waffen gebrochen
ist; wir kennen die Wucht des Hasses, die uns hier entgegentritt, und wir haben
die leidenschaftliche Forderung gehört, dass die Sieger uns zugleich als Über-
wundene zahlen lassen und als Schuldige bestrafen wollen.

79
Es wird von uns verlangt, dass wir uns als die allein Schuldigen am Kriege be-
kennen; ein solches Bekenntnis wäre in meinem Munde eine Lüge. Wir sind fern
davon, jede Verantwortung dafür, dass es zu diesem Weltkriege kam und dass er
so geführt wurde, von Deutschland abzuwälzen. Aber wir bestreiten nachdrück-
lich, dass Deutschland, dessen Volk überzeugt war, einen Verteidigungskrieg zu
führen, allein mit der Schuld belastet sei... >
Und Ministerpräsident Scheidemann am 12. Mai vor der Nationalversamm-
lung:
«Heute, wo jeder die erdrosselnde Hand an der Gurgel fühlt, lassen Sie mich
ganz ohne taktisches Erwägen reden: was unseren Beratungen zugrundeliegt,
ist dies dicke Buch, in dem 100 Absätze beginnen: Deutschland verzichtet, ver-
zichtet, verzichtet! Dieser schauerliche und mörderische Hexenhammer, mit dem
einem grossen Volke das Bekenntnis der eigenen Unwürdigkeit, die Zustim-
mung zur erbarmungslosen Zerstückelung abgepresst werden soll, dies Buch
darf nicht zum Gesetzbuch der Zukunft werden. Seit ich die Forderungen in ihrer
Gesamtheit kenne, käme es mir wie eine Lästerung vor, das Wilson-Programm,
diese Grundlagen des ersten Waffenstillstandsvertrages, mit ihnen auch nur ver-
gleichen zu wollen! Aber eine Bemerkung kann ich nicht unterdrücken: Die Welt
ist wieder einmal um eine Illusion ärmer geworden. Die Völker haben in dieser
an Idealen armen Zeit wieder einmal den Glauben verloren...
Ich frage Sie, wer kann als ehrlicher Mann — ich will gar nicht sagen als Deut-
scher — nur als ehrlicher, vertragstreuer Mann solche Bedingungen eingehen?
Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in solche Fesseln legte?<
Die Proteste und Beteuerungen waren in den Wind gesprochen: Deutschland
verlor Elsass-Lothringen an Frankreich, Eupen und Malmedy an Belgien, Nord-
schleswig an Dänemark, das Memelland an Litauen, Westpreussen, Posen und
das östliche Oberschlesien an Polen und das Hultschiner Ländchen an die Tsche-
cho-Slowakei. Danzig und das Saargebiet wurden vom Völkerbund verwaltet.
Dadurch gingen gleichzeitig drei Zehntel der Steinkohlevorkommen, sieben
Zehntel der Zinkerz- und acht Zehntel der Eisenerzvorkommen verloren. Sämtli-
che Kolonien gingen an die Sieger. Englands Kolonialreich in Ostafrika war jetzt
von Kairo bis Kapstadt lückenlos geschlossen. Die deutsche Handelsflotte musste
neun Zehntel ihrer Schiffe abgeben.
Alle linksrheinischen Gebiete wurden militärisch besetzt; rechts des Rheins
durfte ein fünfzig Kilometer breiter Streifen nicht befestigt werden. Das deutsche
Heer wurde reduziert auf 100 000 Mann, was bei der Grösse des Landes einer
besseren Gemeindepolizei gleichkam. Zudem wurde es aller schweren Artillerie
und der besten Stücke seiner Kriegsflotte entblösst. Die Flotte wollte die Schande
nicht überleben und versenkte sich selbst.

80
Und dann kamen die Reparationsforderungen: 132 Milliarden Goldmark soll-
ten im Lauf der Jahre von dem ausgebluteten und halbverhungerten Land auf-
gebracht werden. Zudem holten sich die Sieger ihren Tribut in Naturalien: Loko-
motiven, Zuchtstiere, ganze Fabrikanlagen.
Diese primitive Plünderermentalität wurde vor allem von Clemenceau vertre-
ten. Er rechnete damit, Deutschland auf diese Weise als politischen und wirt-
schaftlichen Nebenbuhler auszuschalten. Lloyd George dachte — als Engländer
— einen Schritt weiter. Ihm ging es nun darum, auch Frankreichs Macht nicht zu
gross werden zu lassen, denn durch den Krieg sollte ja gerade das für England
nützliche Gleichgewicht der Kräfte erreicht werden. Deswegen gibt es von Lloyd
George einige Appelle zum Masshalten gegenüber den rachsüchtigen französi-
schen Forderungen. Dann aber bezogen die Angloamerikaner noch einen Ge-
sichtspunkt mit ein: Deutschland vollständig zu ruinieren, hätte bedeutet, einen
gewaltigen Absatzmarkt in Europa zu verlieren. Das durfte nicht geschehen.
Man musste die Deutschen nur gefügig machen, nicht vernichten; und dann
sollten sie wieder arbeiten, kaufen und bezahlen können. Das war übrigens
auch der Grund, weswegen der berüchtigte Morgenthau-Plan nach dem Zwei-
ten Weltkrieg nicht durchgeführt wurde, der vorgesehen hatte, aus Deutschland
eine Art Steppenlandschaft zu machen.
Trotzdem waren die Folgen des Versailler Diktats fürchterlich, und zwar mate-
riell und geistig gleicherweise. Die Wirtschaft erholte sich nur sehr langsam und
war von Krisen geschüttelt. Das alles wäre vielleicht noch irgendwie zu verkraf-
ten gewesen — aber das erpresste Schuldgeständnis begann zu einem Gespenst
zu werden: Die Welt fing an, die Lüge von der deutschen Alleinschuld wirklich zu
glauben, die nichts als Kriegspropaganda gewesen war. Und in Deutschland
wuchs eine ohnmächtige Wut darüber, die je länger je mehr den extremen Na-
tionalismus nährte. <Die Geburtsstätte der nationalsozialistischen Bewegung ist
Versailles, nicht München<, schrieb Theodor Heuss.
Der Nationalismus war durch Wilsons 14 Punkte und die oft zitierte Formel
vom <Selbstbestimmungsrecht der Völker< zum Prinzip erhoben worden. Man
errichtete nun jene künstlichen Gebilde auf dem Gebiet der ehemaligen Donau-
monarchie, die heute teilweise schon wieder zerfallen. Alle diese Staaten, beson-
ders das grosserbische Jugoslawien, die Tschechoslowakei und der siebenbürgi-
sche Teil Rumäniens enthielten aber mehrere Bevölkerungsgruppen. Die Minder-
heiten wurden nun nach westlich-nationalstaatlichem Muster unterdrückt und
zur Anpassung gezwungen. England und Frankreich waren hierin Vorbilder: sie
haben es geschafft, ihre eigenen Minderheiten fast vollständig auszulöschen.
Man denke etwa an die Lage der bretonischen oder provenzalischen Sprache in
Frankreich, oder an das Walisische und Schottische in Grossbritannien. Sogar Ir-
land wurde dermassen anglisiert, dass heute die wenigsten Iren noch ihre ange-
81
stammte Sprache sprechen. Vom Elsass nicht zu reden, wo nach dem Krieg in
den Schulstuben französische Plakate prangten mit dem Aufdruck: «Deutsch
sprechen und auf den Boden spucken verboten.<
In allen mittel- und osteuropäischen Staaten, einschliesslich Russlands, gab es
starke deutschsprachige Minderheiten. Besonders dramatisch war die Lage in
Böhmen und Polen, wo jeweils mehrere Millionen sogenannte Volksdeutsche in
geschlossenen Siedlungsgebieten lebten, aber keine kulturelle Gleichberechti-
gung besassen und oft auch wirtschaftlich und politisch benachteiligt waren.
Dem Rumpfstaat Österreich verboten die Sieger, sich ans Deutsche Reich an-
zuschliessen. So wurde es zum <Staat, den keiner wollte<, was Hitler später ein
zugkräftiges Argument in die Hand spielte.
Lloyd George, der gerissenste Fuchs unter den alliierten Staatsmännern,
wusste, was die Friedensverträge für Folgen haben würden: «Dieses Dokument<,
sagte er vom Versailler Vertrag, «garantiert uns in zwanzig Jahren den nächsten
Krieg.<

XXIX
In der Versailler Atmosphäre konnte der nationalsozialistische Giftpilz gedeihen.
Das Nazitum brach als eine grosse geistige Katastrophe über Mitteleuropa her-
ein. Äusserlich gab es sich als ein Ausbund von Deutschheit, in Wahrheit aber
war es das genaue Gegenteil davon. Hitlerismus ist mit dem deutschen Geist un-
gefähr soweit verwandt wie eine Vogelscheuche mit einem Menschen. Aber für
«Fräulein Naiv> und «Freiherrn von Unterscheidungsvermögen> (Rudolf Steiner)
müssen sich die beiden doch sehr ähnlich gesehen haben.
Undeutsch war der Zentralismus und Absolutismus im Dritten Reich, un-
deutsch die Gleichschaltung der Kultur und die weltanschauliche Despotie. Man
vergleiche damit Friedrichs des Grossen Ausspruch, jeder solle nach seiner Façon
selig werden. Auch von Goethes Menschenbild und Naturanschauung waren die
Nationalsozialisten meilenweit entfernt: wenn sie beabsichtigten, einen neuen
Herrenmenschen zu züchten, so waren sie damit reinrassige Darwinisten. Und
gar der unerträgliche Kollektivismus ist ohnehin das Gegenteil des mitteleuropäi-
schen Individualismus. In der Art, wie Hitler bedingungslose Unterwerfung for-
derte, erinnert er an einen asiatischen Despoten — und in keiner Weise an einen
germanischen Führer. Und mit seinen dogmatischen Massnahmen zur Reinhal-
tung des Blutes begab er sich auf die weltanschauliche Ebene des orthodoxen
Judentums, einer Gemeinschaft also, die er doch sonst verabscheute. Natürlich
beruht auch das Deutschtum auf einer volksmässigen Grundlage, aber seine gei-
stige Wirklichkeit ist doch nicht ans Blut gebunden! Theodor Fontane und Adel-

82
bert von Chamisso waren französischer Abstammung, Bettina von Arnim hatte
einen italienischen Vater — und die drei sind doch Edelsteine der deutschen Lite-
raturgeschichte! Deswegen sagt Fichte: <Ein Deutscher kann man nicht sein, ein
Deutscher kann man nur werden.<
Jeder fanatische Nationalismus beruht auf Fortpflanzungsemotionen. Es ist
deswegen kein Zufall, dass zum Symbol des Nationalismus das Hakenkreuz ge-
wähltwurde, das nach alter Überlieferung dem Kraftzentrum des Unterleibs ent-
spricht. Seit vielen Jahrhunderten ist der Weg des deutschen Geistes der Weg
des besonnenen Denkens gewesen, der zum freien Ich führen soll. Man könnte
vergleichsweise sagen, der deutsche Weg — und überhaupt der europäische
Weg — gehe von der Stirn aus, bestimmt aber nicht vom Unterleib. Dies ist al-
lenfalls Sache dekadenter östlicher Praktiken, etwa des Tantra-Yoga.
Insofern erstaunt es auch nicht, zu hören, Himmler habe Expeditionen ins Ti-
bet geschickt. Der Weg von unten nach oben, das heisst die Feindschaft gegen
das Ich, ist ein durchgehendes Kennzeichen der esoterischen Strömungen, die
an der Wechselbalgwiege des Nazitums gestanden haben sollen. Karl Haushofer
war viele Jahre in Asien gewesen, und es ist anzunehmen, dass er dort nicht nur
geopolitische Studien betrieben hat. Auch der unmittelbare Geburtshelfer der
NSDAP, Sebottendorff, stammte aus orientalisch-freimaurerischen und theoso-
phischen Zirkeln. Er lebte längere Zeit in Ägypten und der Türkei, verfasste eine
Arbeit über die Praktiken türkischer Freimaurerei und übersetzte Werke eines
amerikanischen Theosophen. Mit einem angenommenen Adelstitel und viel
Geld unbekannter Herkunft kehrte er nach Deutschland zurück und gründete
hier die nach aussen hin deutschtümelnde Thule-Gesellschaft und deren inneren
Kern, den Thule-Orden. Ihm gehörten unter anderen bald einmal an: Alfred Ro-
senberg, Dietrich Eckart, Julius Streicher, Prof. Karl Haushofer, der spätere Führer-
Stellvertreter Rudolf Hess und der spätere Reichsrechtsminister Dr. Hans Frank,
übrigens Sohn eines jüdischen Rechtsanwaltes.
Vom Thule-Orden ging der Anstoss zur Begründung der NSDAP aus. Sebot-
tendorff schrieb später: «Unsere Arbeit war damals nicht vergeblich, sie war die
Aussaat, sie schmiedete die Werkzeuge, mit denen Hitler arbeiten konnte und
nach seiner Bestimmung arbeiten musste. Thule-Leute waren es, zu denen Hitler
zuerst kam, und Thule-Leute waren es, die sich zuerst mit Hitler verbanden.<
Andere Beziehungen des Nationalsozialismus zu okkulten Zirkeln der westli-
chen Welt, etwa zum «Orden der Goldenen Dämmerung< (Golden Dawn) in Eng-
land, sind schwerer nachweisbar. Manche Symptome sprechen aber dafür. Je-
denfalls steht manches im Nazitum den Praktiken des Schwarz- und Sexualma-
giers Aleister Crowley bedeutend näher als der Tradition der mitteleuropäischen
Maurerei, die sich etwa in Mozarts «Zauberflöte> oder Goethes «Geheimnissen<
ausdrückt.
83
Und die Tendenz zur Ent-Ichung hat gewirkt im deutschen Volk. Betrachten
wir nur ein einziges Beispiel: den sogenannten «deutschen Gruss>. Was für eine
schöne, kräftige Gebärde könnte das sein — wenn er den freien selbstbewuss-
ten Einzelmenschen meinte. Und wie traurig ist es, zu bedenken, dass die vielen
freudig erhobenen Hände dem fremden Dämon auf der Rednerbühne dienten.
Wie viele edle, opfermütige Seelen wurden damals betrogen und um ihre innere
Selbständigkeit gebracht.
Aber man darf sich das Urteilen nicht zu leicht machen. Die BDM-Führerin
Melita Maschmann beschreibt in ihren Erinnerungen, wie sie den Kriegsaus-
bruch als Einundzwanzigjährige erlebte:
«In den ersten Kriegstagen reiste ich nach Schneidemühl, das nahe der polni-
schen Grenze lag. Ich weiss nicht mehr, was ich dort zu tun hatte, aber die Fahrt
selbst ist mir noch in Erinnerung. Das Entsetzen über den Kriegsausbruch war
abgeklungen und hatte in mir einer ernsten Gefasstheit Platz gemacht. Draussen
auf den Feldern wurde das letzte Getreide eingefahren. An den Bahnschranken
stauten sich die Erntewagen und die Lastautos mit den jungen Soldaten. In den
Bauerngärten blühten Sonnenblumen, und Maiskolben trockneten an den südli-
chen Mauern unter Strohdächern. Die Menschen im Zug waren eine einzige
grosse Familie, erfüllt von der gleichen Sorge und voller Hoffnung auf ein baldi-
ges Ende des Krieges. Jeder war schneller als gewöhnlich bereit, seinen Platz ei-
nem Müden abzutreten und seinen Proviant zu teilen. Die Augen der Frauen
und Mädchen ruhten voll heimlicher Angst auf den Gesichtern der Soldaten, auf
denen der jungen zumal: Werdet ihr gesund zurückkommen? Wird der gesund
zurückkommen, auf den ich warte?
Damals hatte ich ein unvergessliches Zwiegespräch mit mir selbst. Während
ich aus dem fahrenden Zug in die spätsommerliche Landschaft hineinblickte,
sagte plötzlich eine Stimme in mir: <Es ist Krieg, jetzt brauchst du keine Angst
mehr zu haben!) — <Wie meinst du das?< fragte ich zurück, <ich verstehe dich
nicht.< Eine Zeitlang war es still in mir, dann antwortete die Stimme: <Wenn man
tot ist, muss man keine Angst mehr haben, nicht wahr?< <Nein> sage ich, <dann
wohl nicht mehr.< — <Für dich selbst bist du jetzt tot. Alles, was einmal Ich war,
ist aufgegangen in dem Ganzen.<
Diese Abgelöstheit vom Ich und die gleichzeitige Identifikation mit dem Über-
geordneten (dem Volk oder der Volksgemeinschaft) bewirkten eine innere Ge-
stimmtheit, die mich während des ganzen Krieges beschützt hat wie ein Palladi-
um. Nicht vor den äusseren Gefahren, vor den Bomben, den polnischen Partisa-
nen und später vor den russischen Scharfschützen, sondern vor der grössten see-
lischen Gefahr: der Angst.»
Hat hier ein junger, in hohem Masse hingabefähiger Mensch einem hohen
Ziele nicht nur seine niedere Persönlichkeit, sondern sein Ich geopfert? Das wäre
84
zuviel und würde von keiner guten geistigen Macht verlangt, am wenigsten vom
deutschen Geist, der ja das Ich gerade stärken will. Wie es nun auch bei Melita
Maschmann und zahlreichen anderen gewesen sein mag — sicher ist, dass der
Hitlerismus auf einer Pervertierung der Opferkräfte aufbaute. Es stimmt eben,
was Friedrich Franz von Unruh 1931 über Hitler sagte: <Er weiss nichts von dem
wirklichen Deutschland; kein Hauch Hölderlins oder Goethes hat ihn ge-
streift. . .>
*

Fassen wir zusammen: Der Nationalsozialismus wurde vermutlich in westlichen


Geheimbünden initiiert und bekam anschliessend einige scheindeutsche Lum-
pen übergeworfen. Das ist die geistige Seite. Die politische Situation wurde
durch das Diktat von Versailles vorbereitet. Und aus Amerika kam Geld: 1933 er-
schien in Amsterdam ein Buch mit dem Titel: <De Geldbronnen van het Natio-
naal-socialisme. Drie Gesprekken met Hitler door Sidney Warburg>. Der Name
Warburg ist uns schon vertraut. Wir erinnern uns, dass der Amerikaner Paul War-
burg, stellvertretender Vorsitzender des Federal Reserve Board, also der Noten-
bank, der Bruder des deutschen Geheimdienstchefs war, und dass ein dritter
Warburg Lenin mit Geld versorgte. Nun veröffentlicht ein vierter Warburg (oder
ist es ein Pseudonym für einen ungenannt sein wollenden <Eingeweihten>?) eine
Schrift, in der dargelegt wird, wie und aus welchen Motiven heraus amerikani-
sche Bankhäuser die NSDAP mit Millionenbeträgen unterstützten.
Wahrlich ein Trojanisches Pferd, dieser Nationalsozialismus — nur sassen in
ihm weder Griechen- noch Germanenhelden, sondern Blutsauger, die sich als Er-
löser Deutschlands aufspielen konnten.
Wenn auch von aussen tüchtig geschürt wurde: diese Katastrophe war doch
nur möglich geworden, weil Mitteleuropa <blöde die eigene Seele leugnete>
(Hölderlin), und dem echten deutschen Geist — dem Goetheanismus, der ideali-
stischen Philosophie, der Anthroposophie — zu wenig wirklichen Einfluss auf das
Kulturleben gewährte. Die deutsche Menschheit sehnte sich in den Tiefen nach
dem Hereinbrechen einer grossen Geistigkeit, nach der Überwindung des Mate-
rialismus und der platten Spiessbürgerlichkeit. Da liess sich der Dämon auf den
vorbereiteten Thron nieder, und die Deutschen folgten ihm mit der Nibelungen-
treue, die eigentlich dem Gral hätte gelten sollen. Es war eine Tragödie. Dem
Einzelnen dabei Schuld zuweisen zu wollen, ist schwierig, vielleicht unmöglich.
Und vor allem sollten es die arroganten Sieger des Zweiten Weltkriegs unterlas-
sen, die wahrlich genug vor der eigenen Türe zu kehren haben. Zu diesem Keh-
richt gehört unter anderem auch das, was an Zivilisationskrankheiten seit 1945 in
steigendem Masse aus dem Westen eingeschleppt worden ist: Wer die fanati-

85
sierten Massen an Popkonzerten und Fussballspielen beobachtet, kann durchaus
keinen Unterschied sehen zu einem Auftritt von Goebbels oder Hitler. Die Men-
schen werden eben in untermenschliche Emotionen hinuntergestossen.
Die Nazis haben Bücher verbrannt und «entartete Kunst> verfolgt. Das muss
man verurteilen. Eine staatliche Zensur verstösst gegen das Individualprinzip in
Kunst und Wissenschaft. Heute aber ist es soweit gekommen, dass man Schund
nicht mehr Schund und Entartung nicht mehr Entartung nennen darf. Das Unter-
scheidungsvermögen für Kunst und Nichtkunst verflüchtigt sich zusehends. Kürz-
lich fand in Hamburg vor laufender Kamera eine Vernissage statt zur Ausstellung
von Bildern junger afrikanischer Künstler. Es wurden Reden gehalten, Sektfla-
schen geöffnet und Bilder verkauft, bis die Fernsehleute erklärten, die Maler sei-
en drei Schimpansen.
Und dass die englische Königin die Beatles <um ihrer Verdienste für Grossbri-
tannien willen» geadelt hat, spricht auch für sich.

XXX
Es ist viel gesprochen worden über das Verhältnis zwischen Europa und dem Ju-
dentum. Dass sich dieses Verhältnis im zwanzigsten Jahrhundert wieder so
schwierig zu gestalten begann wie hin und wieder im Spätmittelalter, ist eine be-
kannte Tatsache. Weniger weiss man im allgemeinen über die Ursachen. Eindeu-
tig ist, dass vor dem Ersten Weltkrieg nur wenige sektiererische Gruppen dem
Zionismus einerseits, dem Antisemitismus andererseits huldigten. Die europäi-
schen Juden begannen sich zu assimilieren, und dieser Vorgang wäre zweifellos
der richtige gewesen. Mächtige Kräfte haben ihn verhindert. Und solche Mächte
sind nicht nur auf jener Seite gewesen, auf der man sie heute vorzugsweise
sucht. — Um aber die Zusammenhänge besser zu verstehen, sei hier ein kurzer
Überblick zur hebräischen Geistesgeschichte gegeben.
Das altjüdische Volk stand zwischen zwei grossen Kulturkreisen, dem ägypti-
schen und dem mesopotamischen. Herkommend aus Ur in Chaldäa liess es sich
nach langen Wanderungen am heiligen Berge Hebron nieder und erhielt von da
den Namen <Hebräer>. In diese ältesten Zeiten gehört der Vater Abraham, der
die Prophezeiung der grossen Zukunft seines Stammes erhält. Jakob, Enkel Ab-
rahams, kämpft mit dem Engel: <lch lasse dich nicht, du segnest mich denn!>
und erhält den Namen Israel, Gotteskämpfer. Im Alter zieht er mit seinen Söhnen
nach Ägypten. Es ist wahrscheinlich, dass die Sippe Jakobs mit den Hyksos, ei-
nem semitischen Eroberervolk, nach Ägypten gekommen ist. Es muss um die
Zeit des ketzerischen Pharao Echnaton gewesen sein, nach der Vertreibung der
Hyksos, dass der Jüngling Moses am königlichen Hofe aufwuchs. Echnaton ist

86
der erste, der versuchte, einen reinen Monotheismus zu pflegen. Die Priesterka-
ste machte das zwar nach seinem Tode rückgängig — aber der Gedanke ent-
sprach dem Zeitgeist und wurde durch Moses zur Grundlage des jüdischen Ge-
setzes gemacht. Voraus ging bei ihm ein persönliches Erlebnis. Indem er die
Schafe Jethros, seines Schwiegervaters, hütet, sieht er auf einmal einen brennen-
den Dornbusch, der sich aber nicht verzehrt. Eine göttliche Stimme bedeutet
ihm, er stehe auf heiligem Boden. Ihren Namen nennend, spricht die Gottheit:
<lch bin der Ich bin.<
Der Mensch tritt seiner Gottheit so gegenüber, dass er in ihr das Ichhafte er-
lebt, und deshalb beginnt er auch sich selbst als ein Ich zu fühlen. Weil das Ich et-
was Singuläres ist, muss auch die Religion, in der das Ichgefühl erstmals entsteht,
eine singuläre Gottheit haben, also ein Monotheismus sein. <Du sollst keine an-
deren Götter neben mir haben>, schreibt Jahve in den zehn Geboten vor. Moses
trägt die Gesetzestafeln während der vierzigjährigen Wüstenwanderung seines
Volkes vom Berge Sinai herunter. Die Israeliten stehen nun <unter dem Gesetz<.
Das Erwachen des Gefühls für die einzelne Persönlichkeit geht einher mit einem
Verlust des geistigen Farbenreichtums, der paradiesischen Bildhaftigkeit: <Du
sollst dir kein Bildnis noch irgend ein Gleichnis machen ... > Der Mensch wird ein-
sam, sieht sich den nackten Tatsachen der irdischen Welt gegenüber. Dafür ist
die Wüstenwanderung ein Sinnbild. Und wenn sich die Israeliten nach den
Fleischtöpfen Ägyptens zurücksehnen, so ist damit dasselbe gemeint, wie wenn
sie den <Tanz ums goldene Kalb> aufführen: Die Sehnsucht nach den alten Kul-
ten einer reichen, polytheistischen Kultur.
Novalis beschreibt in der 5. Hymne an die Nacht den Vorgang in der Sprache
der Poesie:
<Zu Ende neigte die alte Welt sich. Des jungen Geschlechts Lustgar-
ten verwelkte, hinauf in den freieren wüsten Raum strebten die un-
kindlichen, wachsenden Menschen. Die Götter verschwanden mit ih-
rem Gefolge. Einsam und leblos stand die Natur. Mit eisernen Ketten
band sie die dürre Zahl und das strenge Mass. Wie in Staub und Lüf-
te zerfiel in dunkle Worte die unermessliche Blüte des Lebens. Ent-
flohn war der beschwörende Glaube und die allverwandelnde, all-
verschwisternde Himmelsgenossin, die Phantasie.<
In dieser Götterferne begann nun eine Kultur der Persönlichkeit zu entstehen,
die zwar weit weg war von den kosmischen Weisheiten Mesopotamiens und
Ägyptens, die aber einen innerseelischen Raum vorbereitete, der Voraussetzung
für alle individuelle Entwicklung der Zukunft war. Zeugen dafür sind das Buch
Hiob, die Psalmen Davids oder das Hohelied Salomons.

87
Die göttliche Welt wurde dunkel, bildlos. Dafür aber verdeutlichte sich die irdi-
sche Welt mit ihren Gesetzen vor den Menschen. Die Juden wurden der Materie
zugeneigt und entwickelten eine gewisse Genialität für sie.
Dann erschien in irdischer Verkörperung der unter ihnen, der nach christlicher
Erkenntnis das höchste Ich und also der Messias ist. Der Zeitpunkt in jener von
Lessing gemeinten <Erziehung des Menschengeschlechts< war gekommen, in
dem die jüdische Sonderentwicklung ihren Abschluss hätte finden können. Aber
nun trat das Tragische ein, dass der jüdische Volksverband, durch strenge Geset-
ze vor der Vermischung mit allem Fremden geschützt, nicht jenen geistigen Zug
ins Menschheitliche nahm, der dem Christentum eigen ist, sondern die irdische
Wüstenwanderung in der Diaspora weiter fortsetzte. Dabei ist eine Tendenz zum
weltanschaulichen Materialismus nicht zu verkennen. Man erinnere sich aus der
jüngeren Zeit nur an Marx, Freud und Einstein. Der ausschliesslich in der irdischen
Tatsachenwelt umirrende jüdische Geist gerann dem christlichen Europäer des
Mittelalters zum Bild Ahasvers, des Ewigen Juden. Er kann sich von der Erde
nicht lösen, und deswegen stirbt er nicht.
*

Solche Gedankengänge mögen heute etwas ungewöhnlich anmuten. Für das


Verständnis der geschichtlichen Beziehungen zwischen Juden und Christen sind
sie aber notwendig.
In den vorchristlichen Kulturen spielte die Abstammung eine gewaltige Rolle.
Der Einzelmensch hatte gewöhnlich noch nicht die Kraft, sich als solcher zu be-
haupten; er war im Sippenverband geborgen. Aus jenen Zeiten stammen noch
die Kasten Indiens, aber auch der Begriff des <auserwählten Volkes<, das durch
bestimmte Regeln der Fortpflanzung innerhalb des Volkes und durch eine ge-
meinsame Religion zusammengehalten wird. Der moderne Zionismus Theodor
Herzls beruht durchaus immer noch auf der Maxime: Gleiches Blut, gleiche Reli-
gion, gleicher Staat. Das ist ein <Reich von dieser Welt< und ein extremer Natio-
nalismus. In seiner aggressivsten Ausprägung ist der Zionismus die politische
Fortsetzung gewisser Tendenzen im Talmud, wo mehr als einmal hervorgehoben
wird, Nichtjuden seien keine Menschen. Natürlich stammen solche Aussprüche
aus den verhärteten Dekadenzphasen des Rabbinertums, aber in den christli-
chen Gastvölkern rief diese verknöcherte Blasiertheit eben den Antisemitismus
hervor.
Um die letzte Jahrhundertwende predigte Herzl also den <Judenstaat> und
sagte 1903 einen Weltkrieg voraus, in dessen Folge jener Staat entstehen werde.
Zu diesem Zweck musste die Türkei zum Gegner der Entente werden, denn ihr
musste man Palästina erst wegnehmen. Am 2. November 1917 war schon deut-
lich geworden, dass die Mittelmächte den Krieg verlieren würden, und deswe-

88
gen konnte der britische Aussenminister Lord Balfour dem Führer der Zionisten
in England den berühmten Brief schreiben, dessen Beginn so lautet:
<Dear Lord Rothschild,
I have much pleasure in conveying to you, on behalf of His Majesty's Gover-
ment, the following declaration of sympathy with Jewish Zionist aspirations... >
Es wird darin den Juden ein <national home> in Palästina zugesagt.
Diese Deklaration widersprach klar anderen Versprechen, die England seinen
arabischen Verbündeten gegeben hatte, um sie zum Kampf gegen die Türken zu
ermuntern; anderseits hatten die Franzosen von Grossbritannien die Zusage be-
kommen, der Nahe Osten werde in ein britisches und ein französisches Interes-
sengebiet aufgeteilt. In dieser englischen Doppel- und Dreifachzüngigkeit hat
der Nahostkonflikt seine Wurzeln.
Seit der Balfour-Deklaration ist eine enge Verbindung zwischen angloameri-
kanischen und zionistischen Zielen sichtbar geworden. Betrachtet man die
Macht der jüdischen Lobby in Amerika, so erscheint es nicht als übertrieben, von
einer eigentlichen Achse Washington — Jerusalem zu sprechen. Gelegentliche
Reibereien zwischen den beiden Regierungen betreffen nur untergeordnete tak-
tische Fragen wie die, ob es klug sei, in den besetzten Gebieten jetzt die Sied-
lungspolitik zu forcieren.
Das Judentum war in vorchristlicher Zeit, ähnlich wie das Griechentum, Vor-
bereiter der christlichen geistigen Entwicklung Europas. Das Griechentum hat
sich aufgelöst und ist ganz im Dienst am neuen Europa aufgegangen, das Juden-
tum nicht. Wenn man nun bedenkt, dass Mitteleuropa heute so etwas wie die
Essenz des Abendlandes ist — oder wenigstens sein sollte —, so ist auch begreif-
lich, dass eine geistige Auseinandersetzung mit dem alten <auserwählten> Volk
nicht zu umgehen ist. Wichtig ist dabei nur, dass man sich von Ich zu Ich begeg-
net und nicht in erster Linie Rassenprinzipien geltend macht.

XXXI
Hitler und seine Leute waren Sektierer mit tyrannischen, teilweise verbrecheri-
schen Neigungen. Darin gleichen ihnen viele Staatsmänner der Gegenwart und
der Vergangenheit. Die meisten allerdings verstecken ihr wahres Gesicht hinter
der Larve bürgerlicher Wohlanständigkeit, in einem Falle auch zusätzlich hinter
einer dicken Zigarre. Sie benehmen sich <gentlemanlike>. Das taten die Nazis
kaum. Mit hohlem Kreuz und geschwellter Brust erklärten sie ihr Absichten je-
dem, der sie hören wollte. Deswegen konnten sie auch zu jenen einzigartigen

89
Monstren emporstilisiert werden, als die sie in den Geschichtsbüchern erschei-
nen. Damit konnte man das Publikum auch glauben machen, Hitler habe poli-
tisch lauter Teufeleien verübt. War das so? Im grossen Ganzen tat Hitler aussen-
politisch zunächst nichts anderes, als was jeder andere energische Politiker an
seiner Stelle auch getan hätte; er revidierte Schritt um Schritt den Versailler-Ver-
trag: Deutsches Militär rückte endlich wieder ins Rheinland ein. Die Wiederaufrü-
stung wurde allmählich aufgenommen, nachdem ganz klar geworden war, dass
keine der anderen Mächte gewillt war, ihre eigene Aufrüstung zu drosseln. Der
Anschluss Österreichs war nach dem Ersten Weltkrieg von den Österreichern
selbst gewünscht worden — wenn auch unter anderen Bedingungen. Zudem
konnte er mit Wilsons fatalem <Selbstbestimmungsrecht der Völker< begründet
werden, genauso wie der Anschluss des Sudetenlandes. Die unsinnige Versailler
Grenze im Osten, vor allem der <Danziger Korridor<, war ohnehin zum vornher-
ein auf Konflikt veranlagt, besonders da Polen einen aggressiven Nationalismus
pflegte und ständig Übergriffe gegen Deutsche vorkamen.
Den Nichtangriffspakt mit Stalin im Rücken konnte Hitler zur Teilung Polens
schreiten. In seiner arischen Verbohrtheit nahm er an, England als <artgleiches
Volk) werde sich nicht gegen ihn stellen. Bei all seiner instinktiven politischen Ge-
nialität hat er nicht hinter die Kulissen der angloamerikanischen Strategie ge-
blickt und wohl kaum geahnt, dass er der Köder war, mit dem das deutsche Volk
in die Falle gelockt werden sollte. Nun schnappte sie zu: England und Frankreich
erklärten Deutschland den Krieg, als seine Truppen im September 1939 nach Po-
len marschierten. Dass es eine Falle war, ist auch daran ersichtlich, dass keine
Kriegserklärung an die Sowjetunion erfolgte, die zur gleichen Zeit Ostpolen be-
setzte: Der Krieg wurde nicht gegen Hitler, sondern gegen Deutschland geführt.
Mehr als ein halbes Jahr später, im Mai und Juni 1940, wurde Frankreich aber im
Blitzkrieg unterworfen. Die deutsche Führung liess das englische Landheer in
Dünkirchen vermutlich absichtlich entkommen, um die Engländer nicht zu de-
mütigen und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich doch noch mit Hitlers Absich-
ten zu arrangieren. Er beanspruchte zwar die Herrschaft über den Kontinent,
wollte aber das britische Imperium nicht antasten. Von der selben Idee, England
müsse sich noch eines besseren besinnen und an die Seite Deutschlands treten,
war ja auch Hess beherrscht. Er flog deswegen im Mai 1941, kurz vor dem Russ-
landfeldzug, vermutlich mit Hitlers Einverständnis, als Unterhändler nach Schott-
land. Dort wurde er widerrechtlich gefangengesetzt und nach dem Krieg im
Nürnberger Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt — obwohl er von der Ankla-
ge, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu
haben, freigesprochen war. <Anscheinend wusste er zuviel. In all den Jahren sei-
ner Gefangenschaft im alliierten Gefängnis von Spandau durfte er mit nieman-
dem, auch nicht mit seinem Verteidiger, unter vier Augen sprechen. Und am
90
17. August 1987 hat man den 91jährigen Greis erhängt aufgefunden. <Selbst-
mord>, heisst es offiziell. Sein Verteidiger vermutet Mord, und diese Version ist
die glaubwürdigere, denn der englische Geheimdienst hat Verschiedenes zu ver-
bergen, worüber Hess hätte Auskunft geben können, wenn die Sowjets endlich
in seine Freilassung eingewilligt hätten.<
Der Kriegsverlauf brachte es mit sich, dass auch Norwegen und Griechenland
besetzt werden mussten. Beide hatten sich nach aussen neutral gegeben, der
britischen Flotte aber insgeheim ihre Häfen zugesichert. Auch der sogenannte
«Überfall auf die Sowjetunion< war insofern ein Präventivschlag, als Stalin bereits
detaillierte Pläne für einen Einmarsch nach Deutschland hatte vorbereiten lassen
und dafür Truppen im Westen zusammenzog. Die deutschen Soldaten wurden
in der Ukraine und auch anderswo mit Blumen begrüsst. Das Volk feierte in den
Deutschen die Befreier vom Schlächter Stalin. Der Hass der Russen erwachte erst,
als im Rücken der Wehrmacht Gestapo und SS zu wirken begannen.
Nun rüsteten die Amerikaner die Rote Armee auf. Auch diesmal hatten die
Vereinigten Staaten mit dem Kriegseintritt gewartet, bis sie einen guten Grund
vorschützen konnten. Es gelang Roosevelt, die Amerikaner davon zu überzeu-
gen, Japan habe völlig grundlos und aus heiterem Himmel Pearl Harbour über-
fallen. Dabei hatte er diesen Angriff bewusst provoziert und auch vorausge-
wusst, ohne die Besatzungen der Schiffe zu warnen. Da sich Japan nun im Krieg
befand, ergab sich für Deutschland aus seinen Bündnispflichten eine Kriegserklä-
rung an die Vereinigten Staaten.
Es war ein unschönes Bild gewesen, Hitler und Stalin bei der Teilung Polens
Arm in Arm zu sehen. Aber man muss immerhin bedenken, dass damit lediglich
ein Zustand wiederhergestellt wurde, wie er vor dem Ersten Weltkrieg bestan-
den hatte. Nun aber traten Churchill und Roosevelt an Hitlers Stelle neben Stalin,
und jetzt wurde nicht mehr über die Teilung eines Landes, sondern ganz Europas
gesprochen. Als Vorbereitung diente der Vernichtungsfeldzug gegen Mitteleuro-
pa in der Schlussphase des Krieges und in den ersten beiden Friedensjahren.
Der Bombenterror gegen die deutschen Städte stellt alles in den Schatten,
was die Kriegsgeschichte bis dahin kannte. Es handelte sich dabei nicht um An-
griffe gegen kriegsentscheidende Anlagen, sondern um reine Vernichtungs-
massnahmen, eigentlichen Völkermord. In Dresden sind wenige Wochen vor
Kriegsende wahrscheinlich gegen eine halbe Million Menschen gestorben, als
die völlig unbewehrte, mit Ostflüchtlingen überfüllte Stadt im Feuersturm unter-
ging.
Wie die Rote Armee in den besetzten Gebieten hauste, muss hier nicht noch
einmal ausgebreitet werden. Und dass von den Stalingrad-Überlebenden und al-
len anderen Russland-Gefangenen, die nach Sibirien wankten, nur ein Zwanzig-
stel die Heimat wiedergesehen hat, ist auch bekannt. Was aber erst seit jüngster
91
Zeit ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken beginnt, ist die Tragödie der
deutschen Kriegsgefangenen im Westen. Der Kanadier James Bacque wies
nach, dass man 1945/46 in amerikanischen und französischen Lagern eine Mil-
lion Deutscher absichtlich verhungern und erfrieren liess. Die unmittelbare Ver-
antwortung dafür trägt General Eisenhower, späterer Präsident der Vereinigten
Staaten.
Aus ganz Osteuropa strömten zur selben Zeit in grossen Elendszügen die ver-
triebenen Deutschsprachigen nach dem verbliebenen Rumpfdeutschland, etwa
vierzehn Millionen Menschen, vielleicht auch mehr. Gegen drei Millionen haben
dabei den Tod gefunden.
Und während all dies Entsetzliche geschah, sassen in Nürnberg die Sieger mit
scheinheiligen Gesichtern zu Gericht.

XXXII
Die Alliierten hatten beschlossen, nach dem Sieg alle politischen Machthaber
und hohen Offiziere vor ein internationales Gericht zu ziehen, die Schuld also
nicht nur kollektiv dem ganzen Volk zuzuweisen, sondern seine Spitzenfunktio-
näre auch persönlich zu belangen. Die Idee war nicht neu. Schon im Ersten Welt-
krieg hatte die Absicht bestanden, Wilhelm den Zweiten sowie Hindenburg und
andere Generäle zu verurteilen. Es kam dann doch nicht dazu; aber beim zwei-
ten Male konnte man es nun wagen. Die Untaten der Nazis, von denen man
wusste oder zu wissen glaubte, schienen dazu zu berechtigen. Die alliierte
Kriegspropaganda hatte nicht versäumt, die Weltöffentlichkeit davon zu über-
zeugen, ein gerechter Friede fordere einen solchen Prozess.
Um dem modernen Rechtsgewissen zu genügen, muss ein Prozess allerdings
verschiedene Anforderungen erfüllen. Nürnberg hat keine davon erfüllt.
1. Eine Gerichtsverhandlung kann nur auf der Grundlage eines Gesetzes statt-
finden, das vor der fraglichen Tat festgelegt wurde. In Bezug auf das ofterwähn-
te <Verbrechen gegen den Frieden< gab und gibt es kein gültiges Völkerrecht.
2. Angenommen, es hätte ein solches Recht bestanden, dann müsste es für
alle gelten. Auch wenn die Alliierten am Kriegsausbruch von 1939 unschuldig
gewesen wären: Welche kriegführenden Mächte sind seit 1945 vor ein interna-
tionales Tribunal geladen worden, das anschliessend Todesurteile über führende
Staatsmänner und Offiziere fällte?
3. Immer noch angenommen, ein völkerrechtliches Gesetz für Friedensverbre-
cher hätte bestanden — und angenommen, Deutschland wäre eindeutig als
Friedensbrecher zu identifizieren gewesen: eine unverzichtbare Bedingung eines
gerechten Prozesses sind neutrale Richter. In Nürnberg hätten nur Schweden,

92
Schweizer und Spanier sitzen dürfen. An ein solches Gericht hätten sich auch
deutsche Ankläger richten können, um die Aburteilung von alliierten Kriegsver-
brechen zu verlangen.
4. Eine weitere Selbstverständlichkeit ist es, der Verteidigung ungehinderte
Arbeitsmöglichkeiten einzuräumen, ihr die Dokumente zugänglich zu machen,
die zur Entlastung der Angeklagten dienen können. Stattdessen haben die Nürn-
berger Scheinrichter Akten willkürlich zurückgehalten, andere als für die Prozess-
führung <belanglos< abgelehnt. Anderseits konnte die Anklage die dubiosesten
Dokumente und Zeugen beibringen — nahezu alles wurde akzeptiert.
Die Frage, wieweit Versailles zum Ausbruch des Krieges beigetragen habe,
durfte nicht diskutiert werden.
Der amerikanische Hauptankläger Telford Taylor schrieb später: (Diese Doku-
mente wurden nicht nur ausgewählt, um die Kriegsschuld der vor Gericht ste-
henden Männer zu beweisen, sondern auch, um die der verfolgenden Mächte
zu verbergen.< Und Hauptankläger Robert H. Jackson: (Die Arbeit des Interna-
tionalen Militärtribunales bedeutet die Fortsetzung des Kriegs mit anderen Mit-
teln.<
5. Folterungen und Gehirnwäschen waren bei Untersuchungen amerikani-
scher Behörden keine Seltenheit. Senator McCarthy erklärte am 20. Mai 1949
der amerikanischen Presse: <Im Gefängnis von Schwäbisch Hall wurden die Offi-
ziere der <SS Leibstandarte Adolf Hitler> geschlagen, bis sie sich in ihrem Blut ba-
deten. Man zermalmte ihnen nachher, als sie am Boden läge, die Geschlechtstei-
le... Ich habe Zeugen gehört und beweisende Zeugnisse gelesen, dass die An-
geklagten mit Methoden geschlagen, misshandelt und gefoltert wurden, die
sich nur in kranken Gehirnen entwickeln können. Man ordnete fiktive Prozesse
und Exekutionen an, man sagte ihnen, dass ihre Familien keine Lebensmittelkar-
ten bekämen, wenn sie nicht gestehen würden. Alle diese Dinge geschahen mit
der Zustimmung der Staatsanwaltschaft, um die psychologische Stimmung zu er-
halten, die nötig war, um die gewünschten Geständnisse zu entreissen.<
Der ganze Nürnberger Prozess war ein makabres Possenspiel. Soweit kommt
es, wenn eine Partei zugleich Gesetzgeber, Ankläger, Richter und Henker ist.
*

Zu den in Nürnberg aussagenden Zeugen gehörte auch Rudolf Höss, Komman-


dant in Auschwitz. Er sprach von drei Millionen Toten in seinem Lager. Was mag
in seiner Verhörzelle vorgegangen sein, ehe er vor den Richtern stand?
Später galt längere Zeit die Zahl von vier Millionen für opportun. Am 18. Juli
1990 dann erschien in den Tageszeitungen folgende gemeinsame Meldung der
Schweizerischen Depeschenagentur und der Deutschen Presseagentur:

93
«Warschau. In dem Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birke-
nau wurden offenbar <(!)> nicht wie angenommen vier Millionen Menschen,
sondern wahrscheinlich zwischen einer und 1,5 Millionen umgebracht. Die bisher
angenommene Zahl der Opfer stützte sich auf Angaben einer sowjetischen
Kommission, die eine Woche nach der Befreiung des Lagers ihre Schätzungen
bekanntgab. Die Zahl der Opfer dürfte etwa 1,1 Millionen betragen ... Genaue-
res könnte aus der Lagerdokumentation hervorgehen, die von den Sowjets 1945
mitgenommen und bisher nicht zurückgegeben wurde.<
Welche Kommission hat denn diese neuerliche Schätzung vorgenommen?
Und wann wird endlich diese Lagerdokumentation veröffentlicht? Inoffiziell ist
zu hören, die Totenbücher enthielten bloss 74'000 Namen, wovon die Hälfte ei-
nes natürlichen Todes gestorben sein soll.
Alle jene Lager, die man als Vernichtungslager bezeichnet, liegen im ehemals
sowjetisch besetzten Teil Europas und waren bisher der freien Forschung nicht
zugänglich. Meines Wissens ist der amerikanische Gaskammerexperte Fred
Leuchter, der Exekutionsanlagen für Gefängnisse in den Vereinigten Staaten her-
stellt, der erste gewesen, der naturwissenschaftliche Untersuchungen in Au-
schwitz, Birkenau und Majdanek anstellte. Im April 1988 gab er sein Gutachten
zuhanden eines kanadischen Gerichts ab. Er zeigt sich darin überzeugt, dass Ver-
gasungen in keinem dieser Lager stattgefunden haben könnten; dies sei bau-
technisch und auch im Hinblick auf die Entsorgung völlig ausgeschlossen. Erheb-
liche Rückstände von Zyklon B in den Gesteins- und Mörtelproben aus den soge-
nannten Gaskammern hat er nicht gefunden.
Man sollte meinen, dass bei einer so verworrenen wissenschaftlichen Lage
jetzt endlich neutrale Kommissionen eingesetzt würden, die Klarheit in die Ereig-
nisse brächten. Statt dessen verbietet ein deutsches Gesetz jeden lauten Zweifel
an dem, was die Siegermächte als historische Wahrheit über die deutschen Kon-
zentrationslager bezeichnen. Und selbst in der Schweiz hält sich der Bundesrat
für bemüssigt, ein solches Gesetz einzuführen. Wo anders als in totalitären Staa-
ten ist es nötig, eine bestimmte Betrachtungsweise der Vergangenheit durchs
Gesetz vorzuschreiben? Wo Fragen nicht mehr gestellt werden dürfen, hören
Freiheit und Wissenschaft auf.
Fragen wir aber weiter. Der amerikanische Historiker David S. Wyman hat ein
Buch geschrieben: <Das unerwünschte Volk, Amerika und die Vernichtung der
europäischen Juden>, in deutscher Übersetzung 1986 in München erschienen.
Darin weist er nach, dass weder die britische noch die amerikanische Regierung
irgend einen Finger zur Rettung der Juden gerührt haben. Im Gegenteil: Solche
Massnahmen wurden sogar bewusst torpediert — und zwar mit Hilfe zionisti-
scher Kreise! Warum?

94
Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder handelt es sich bei den fraglichen Mas-
senvernichtungen um eine angloamerikanisch-zionistische Propagandalüge.
Dann waren Hilfeleistungen eben unnötig. Die Lüge hätte man dann in die Welt
gesetzt, um Deutschland moralisch völlig unmöglich zu machen und gleichzeitig
den psychologischen Boden in der Weltöffentlichkeit für die Gründung Israels
vorzubereiten. Oder: Die Vernichtungen haben stattgefunden, die Schuld lastet
auf Deutschland — und die Zionisten und ihre Freunde in den alliierten Regierun-
gen haben dem Massenmord eiskalt zugesehen, um des selben Zieles willen.
So oder so: das Ziel wurde erreicht. Als Ben Gurion im Dezember 1949 zum
Ehrenbürger von Jerusalem ernannt wurde, sagte er in der Festrede: <Jerusalem
ist nicht nur die Hauptstadt Israels und des Weltjudentums, sie wird nach den
Worten der Propheten auch die geistige Hauptstadt der ganzen Welt werden.<
Eine beliebte Formel gewisser Kreise ist es, von der <absoluten Singularität<
deutscher Verbrechen während des Krieges zu sprechen. Abgesehen davon,
dass sie auch dann nicht <singulär> sind, wenn sie tatsächlich geschehen sein soll-
ten — Solschenizyn spricht von 60 Millionen Opfern Stalins — : Das Postulieren
dieser Einzigartigkeit dient dazu, aus den Mitteleuropäern moralische Schuld-
knechte für alle Zukunft zu machen. Deutschland ist deswegen heute noch je-
derzeit erpressbar. Und die Reparationszahlungen an Israel sollen mittlerweile ei-
ne Höhe von 120 Milliarden Mark erreicht haben.
Die Frage der Vernichtungslager ist eine entscheidende Frage. Es hängt viel
davon ab, dass in diesem Punkt endlich Erkenntnisse an die Stelle von Behaup-
tungen treten. Weder die manipulierten Zeugen in Nürnberg — deutsche wie jü-
dische — noch die <Schätzungen sowjetischer Kommissionen< taugen zur Wahr-
heitsfindung. Man muss jetzt endlich mit professionellen Methoden vorgehen,
wie bei jedem gewöhnlichen Mordprozess, so dass am Ende feststeht, wer
wann wo wen womit umgebracht hat. Und zwar muss Schuld bewiesen wer-
den, nicht Unschuld. Solche Untersuchungen können nur jene als überflüssig ab-
lehnen, die sich vor der Wahrheit fürchten.
Nach dem Krieg waren die Kartenzeichnungen der englischen Witzblätter
von 1890 Realität geworden, die Absicht, Mitteleuropa zu zerstören und aufzu-
teilen, gelungen. Die russische Wüste für sozialistische Experimente hatte sich bis
an Elbe und Adria ausgedehnt. Den eisernen Vorhang bauten sich die Slawen
selber, und jetzt konnte man sie schmoren lassen, genau wissend, dass sie zu er-
folgreicher Wirtschaftspolitik nicht in der Lage sind. Gorbatschow musste am En-
de die Sowjetherrschaft abhalftern, das Russische Reich zerfiel, und seine Nach-
folger erscheinen heute als kniefällige Bittsteller vor den Westmächten. Auch das
teilvereinigte Deutschland tut noch immer, was der Westen von ihm verlangt.
Die angloamerikanische Weltherrschaft dehnte sich nach dem Krieg aus trotz
des Zusammenbruchs der Kolonialreiche. Die eigentlichen Machtzentren sind ja
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weniger die Staaten als vielmehr kleine Gruppen von Leitern grosser Konzerne
und Banken. An ihren Fäden tanzen die Regierungen. Und sollten sie einmal
nicht tanzen, so gibt es immer noch das Mittel des politischen Mordes. Die gan-
ze Dritte Welt ist finanziell von den Grossbanken des Westens abhängig, genau-
so wie es der Ostblock immer war. Auch die westlichen Staaten selbst sind hoch-
verschuldet. In den Vereinigten Staaten ist die Abhängigkeit der Regierung von
den Bankiers besonders dramatisch: Die Notenbank des Landes, das Federal Re-
serve Board, ist nämlich in privater Hand. Das widerspricht zwar der Verfassung,
ist aber trotzdem so. Kennedy lebte nicht mehr lange, nachdem er versucht hat-
te, Regierungsgeld herauszugeben.
UNO, NATO, GATT, EG und wie die schönen Abkürzungen alle heissen, sind
das Instrumentarium, mit dessen Hilfe die Weltherrschaft aufgerichtet wird. Die
NATO sei dazu da, sagte der englische Oberbefehlshaber in den fünfziger Jah-
ren, die Russen draussen, die Amerikaner drinnen und die Deutschen drunten zu
behalten. Wer in der UNO den Ton angibt, zeigte sich wieder während des Golf-
krieges. Durch diesen Krieg haben sich die Vereinigten Staaten noch deutlicher
als zuvor auf das arabische Ölfass gesetzt. Die GATT-Verhandlungen dienen da-
zu, die selbständige Landwirtschaft Europas zu untergraben. Und die EG? Auf
Druck der Engländer hat die Europäische Gemeinschaft darauf verzichtet, ein ei-
genes Verteidigungskonzept zu entwickeln, das sich ausserhalb der NATO-Richt-
linien bewegt. Brüssel ist eben bloss eine Filiale der Achse Washington — Lon-
don. Die Paten der EG sind seltsam genug: Trotzki, der mit amerikanischem Geld
die Russische Revolution machte, hat gesagt: <Eine föderative Republik von Eu-
ropa -, das ist es, was werden muss. Nationale Selbstherrlichkeit ist überlebt. Die
wirtschaftliche Entwicklung erheischt die Beseitigung der nationalen Grenzen.<
Und 1946 sekundierte ihn Churchill auf dem Zürcher Münsterhof: <Wir müssen
eine Art Vereinigter Staaten von Europa errichten. Nur auf diese Weise werden
Hunderte von Millionen sich abmühender Menschen in die Lage versetzt, jene
einfachen Freuden und Hoffnungen wiederzugeben, die das Leben lebenswert
machen... > Es müssen schon sehr einfache Freuden und Hoffnungen sein, die
Churchill da meinte. Die Freiheit Mitteleuropas ist jedenfalls nicht dabei. Die gei-
stige und politische Unabhängigkeit hat es seit 1918 nicht wieder gewonnen.
Deutschland ist auch nach wie vor militärisch besetzt. Es ist ausschliesslich Ar-
beitspferd und Milchkuh. Insofern erfüllt es sogar auf symbolische Weise den
Morgenthau-Plan, der aus Deutschland einen Agrarstaat machen wollte.
Wer bisher nicht an die amerikanischen Weltherrschaftsabsichten glauben
mochte, wurde kürzlich endgültig und eindeutig belehrt. Am 7./8. März 1992
veröffentlichte das Pentagon in Washington neue Planpapiere, aus denen fol-
gendes hervorgeht: Mit dem Kollektiven Internationalismus< der Siegermächte
des Zweiten Weltkrieges wird Schluss gemacht. Die USA werden dafür sorgen,
96
dass kein Staat der Welt in den Rang einer Supermacht aufsteigen wird. Sie wer-
den laut den in der <New York Times> veröffentlichten Absichten auch bereit
sein, mit militärischer Gewalt die Weiterverbreitung von Atomwaffen zu verhin-
dern. Dies gelte auch für die Europäer. Es dürfe keine Rivalität gegen die Verei-
nigten Staaten entstehen. Die USA müssten — trotz der UNO — deutlich ma-
chen, dass <die Weltordnung letzten Endes nur durch sie selbst aufrechterhalten
werde. Die Vereinigten Staaten würden, so heisst es, auch unabhängig von an-
deren und wenn nötig schnell handeln.
Dieser amerikanischen Überheblichkeit müsste Europa in Ruhe und Kraft be-
gegnen können. In Mitteleuropa liegen Ideen bereit, die nur darauf warten,
ernsthaft erwogen zu werden.

XXXIII
Die Geschichte Mitteleuropas ist die Geschichte des Ichs, das zu sich selber kom-
men möchte. Und es ist die Geschichte seiner Gegner. Das Ich ist der im mensch-
lichen Bewusstsein unmittelbar anwesende Geist dieses Menschen. Es ist Geist,
der mit der alltäglichen menschlichen Persönlichkeit zwar nicht ohne weiteres
identisch ist, der aber diesen <alten Adam> allmählich zu sich hinaufhebt, um-
wandelt, läutert. Oder, von der andern Seite her gesprochen: Der Geist wird
menschlich, irdisch. Das ist ein zutiefst christlicher Vorgang. In diesem Sinne kann
mitteleuropäische Kultur nur christlich sein.
Wir mussten in den vorstehenden Betrachtungen oft und ausführlich die gei-
stigen Gegner des Deutschtums ins Auge fassen, und die Frage kann nicht aus-
bleiben: Warum sind sie Gegner geworden? Warum glauben sie, es sein zu müs-
sen?
Amerikanismus, Jesuitismus und Zionismus — sie alle haben ihre Wurzeln in
Weltanschauungen, die den Geist in irgendeine unerreichbare, unerkennbare
Ferne verlegen. Dadurch erzeugen sie — paradoxerweise auf religiöser Grundla-
ge — praktischen Materialismus:
Die philosophischen Gegner Thomas von Aquins im Mittelalter waren die No-
minalisten. Sie hielten die Begriffe und Ideen, die der Mensch entwickelt, für
blosse Namen, für Etiketten, die mit dem geistigen Wesen der Dinge nichts zu
tun hätten, weil das ewige Wesen unerkennbar sei. Dagegen war es das Anlie-
gen der Realisten, zu zeigen, dass in der Idee der Geist real sich ausspricht. Auf
dem Nominalismus bauen englischer Empirismus und amerikanischer Pragmatis-
mus auf. Die angloamerikanische Weltanschauung ist geprägt von einer grund-
sätzlichen Skepsis der geistigen Erkenntnis gegenüber. Als Feld einigermassen si-
cherer Wahrnehmung bleibt demnach nur der irdische Horizont. Der <american

97
way of life> ist die Vulgärauslegung pragmatischer Philosophie: Man richte sich in
rein materialistisch gesehenen irdischen Verhältnissen möglichst bequem ein.
Beschäftigung mit dem Geistigen gilt als Steckenpferd.
Die römische Kirche hatte, ihrem irdischen Machtanspruch gemäss, schon im-
mer die Tendenz, den lebendigen Geist für die Spitzen ihrer Hierarchie zu reser-
vieren und die Gläubigen in Abhängigkeit zu halten. Mit dem Spenden oder Ver-
weigern der Sakramente konnte deswegen Politik getrieben werden. Das Altar-
sakrament, die Wandlung von Brot und Wein, gilt auch heute als nicht erkenn-
bar: Mysterium fidei, Glaubensgeheimnis. Das ist mittelalterliche Stimmung und
war dem Mittelalter auch angemessen. Bei Einbruch der Neuzeit aber hätte sie
sich wandeln müssen. Der Jesuitismus verhinderte es. Er ist römischer Dogmatis-
mus in seiner verhärtetsten Form. Begründet wurde er vornehmlich, um die Frei-
heitsbewegung in Deutschland zu bekämpfen. Dabei ist charakteristisch, dass Ig-
natius von Loyola von abgründigem Zweifel gegen den individuellen menschli-
chen Geist erfüllt war: <Mehr helfen als alles andere wird ein völliges Misstrauen
auf sich selbst... >, schreibt er an die Jesuitenpatres in Ingolstadt. Darum kommt
er auch zu jener berühmten Formulierung: <lch wünsche, dass sich diejenigen,
die in dieser Gesellschaft Gott dienen, durch vollkommenen Gehorsam — auf-
richtigen Verzicht auf eigenen Willen und Verleugnung des eigenen Urteils —
kennzeichnen. Nicht einmal ein eigenes Gewissen sollen sie sich bewahren.<
Während dem typischen Angloamerikaner die deutsche Geistsuche als nichti-
ge romantische Schwärmerei erscheint, so ist sie für den Jesuiten fluchwürdiges
Ketzertum.
Der Zionist aber fasst das <himmlische Jerusalem< als ein <Reich von dieser
Welt< auf, von einem künftigen Messias als irdischem Erlöser beherrscht. In der
Weltsicht des Zionisten hat schon die Weihnachtsgeschichte keinen Platz, um
wieviel weniger könnte er verstehen, wenn Goethe seine Stadt rühmt:
O Weimar! Dir fiel ein besonder Los!
Wie Bethlehem in Juda, klein und gross...
Das Besondere an Weimar, das Besondere der deutschen Klassik, ist das unab-
lässige Bemühen um die Vereinigung von Geist und Stoff. Es ist Thema von Schil-
lers ästhetischen Briefen, es zieht sich als roter Faden durch den <Faust> und ist
Quintessenz von Goethes naturwissenschaftlichen Studien: Ersieht <mit Augen>,
wie er selbst sagt, die Urpflanze — also das, was Schiller als Idee bezeichnen
muss. Und Rudolf Steiner, der Goethes naturwissenschaftliche Schriften kom-
mentiert und herausgibt, schreibt in Weimar seine <Philosophie der Freiheit<.
Diese Bemühungen sind nicht private Liebhabereien einiger Geistesfürsten.
Sie sind für die Menschheit geschehen. Der deutsche Geist hat etwas durch und

98
durch Selbstloses. Vielleicht wird das in Zukunft mehr als jetzt gefühlt und einge-
sehen. Dann können auch aus Gegnern von heute Freunde von morgen werden.
Solange aber bleibt Fichtes Spruch:
Und handeln sollst du so, als hinge
von dir und deinem Tun allein
das Schicksal ab der deutschen Dinge,
und die Verantwortung wär dein.

99
100
Anhang
Literaturangaben
(mit Kurzkommentaren des Verfassers)
Theodor Fuchs: Arminius und die Externsteine, Stuttgart 1981
Neben Einleitungen in die allgemeine Thematik steht eine minutiöse militärge-
schichtliche Studie zur Schlacht im Teutoburger Wald.
Hella Krause-Zimmer: Bernward von Hildesheim und der Impuls Mitteleuropas,
Stuttgart 1984
Eine historisch-kunstgeschichtliche Monographie.
Werner Greub: Wolfram von Eschenbach und die Wirklichkeit des Grals, Dor-
nach 1974
Umwälzende Erkenntnisse zur Chronologie und Geographie der Geschehnisse
um den historischen Parzival.
Arnold Claudio Schärer: Und es gab Teil doch, Luzern 1986
Eine wissenschaftliche Musterarbeit, die endlich zeigt, dass der Teil gelebt hat.
Karl Heyer: Neun Bände <Beiträge zur Geschichte des Abendlandes<. Daraus be-
sonders: <Kaspar Hauser und das Schicksal Mitteleuropas im 19. Jahrhundert<,
Stuttgart 1983
Ulrike Leonhardt: Prinz von Baden, genannt Kaspar Hauser, Reinbek bei Ham-
burg 1987
Eine sehr schöne, menschlich ansprechende Biographie, gut geeignet als Einstieg
in das Thema.
J. Mayer und P. Tradowsky: Kaspar Hauser, das Kind von Europa, Stuttgart 1984
Eine ausführliche Dokumentation mit vielen Abbildungen.
Renate Riemeck: Mitteleuropa — Bilanz eines Jahrhunderts, Frankfurt 1983
Ein unentbehrlicher Leitfaden vor allem für die Vorgeschichte des Ersten Welt-
krieges.
Roman Boos: Rudolf Steiner während des Weltkrieges, Dornach o.J.; ung. 1933
Eine Sammlung von wesentlichen Stellungnahmen Rudolf Steiners zum Kriegsge-
schehen und seiner Vorgeschichte. Wichtiges Quellenmaterial; leider vergriffen.

101
Die <5chuld> am Kriege. Betrachtungen und Erinnerungen des Generalstabchefs
H. v. Moltke über die Vorgänge vom Juli 1914 bis November 1914. Herausgege-
ben vom <Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus< und eingeleitet in
Übereinstimmung mit Frau Eliza v. Moltke durch Dr. Rudolf Steiner, Stuttgart
1919.
Arthur Graf Polzer-Hoditz: Kaiser Karl. Aus der Geheimmappe seines Kabinett-
chefs, Wien 1929
Eine ausführliche, umfassende Schilderung österreichisch-ungarischer Politik vom
Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Kriegsende, geschrieben von einem ihrer in-
timsten Kenner.
Ludwig Graf Polzer-Hoditz: Das Testament Peters des Grossen, Dornach 1989,
Erstausgabe Stuttgart 1922
Pötzer war von Rudolf Steiner mit der Aufgabe betraut, für die Idee der sozialen
Dreigliederung besonders in Österreich-Ungarn zu wirken. Für Leser, die die An-
throposophie kennen, sei zusätzlich empfohlen: <Erinnerungen an Rudolf Stei-
ner<, Dornach 1985.
Rudolf Steiner:
- Die Kernpunkte der sozialen Frage, Dornach 1980
- Zeitgeschichtliche Betrachtungen I und II, Dornach 1978 und 1983
- Mitteleuropa zwischen Ost und West, Dornach 1982
- Die geistigen Hintergründe des Ersten Weltkrieges, Dornach 1974

Fritz Schwarz:
- Vom Segen und Fluch des Geldes in der Geschichte der Völker, 2 Bände, Bern
1931
- Morgan, der ungekrönte König der Welt, Bern 1932
Fundamentale Analysen der Geldpolitik. Es lohnt sich, in Bibliotheken nach diesen
Büchern zu fragen. Eine Neuauflage wäre dringend geboten.
Jakob Schellenberg: Rudolf Steiner und Silvio Gesell. Zwei unabhängig vonein-
ander wirkende Richtungsweiser für eine soziale Zukunft in Freiheit, Bad Boll
1982
Karl Heise: Entente-Freimaurerei und Weltkrieg, Wobbenbüll-Husum 1982, Fak-
simile-Druck der 1920 erschienen 3. Auflage des Werks.
Nach wie vor ein Standard-Werk zur Hintergrundsgeschichte des Ersten Weltkrie-
ges. Mit einer Vorrede von Rudolf Steiner.

102
So wurde Hitler finanziert. Das verschollene Dokument von Sidney Warburg über
die internationalen Geldgeber des Dritten Reiches, herausgegeben und eingelei-
tet von Ekkehard Franke-Gricksch, Leonberg 1983.
Heinz Pfeifer: Brüder des Schattens. Versuch einer Hintergrundanalyse zur Welt-
politik, 3. Auflage Zürich 1987
Eine Fundgrube wichtiger Einzeltatsachen und Zusammenhänge.
Peter Kleist:
- Auch Du warst dabei, Göttingen 1959
- Die europäische Tragödie, Göttingen 1961
Ein deutscher Diplomat schildert als hervorragender Kenner Vorgeschichte und
Geschichte des Zweiten Weltkrieges.
Weitere Einzelheiten dazu:
Heinrich Härtle: Die Kriegsschuld der Sieger, Preussisch Oldendorf 1971
Hrowe H. Saunders: Forum der Rache. Deutsche Generale vor den Siegertribuna-
len, Leoni am Starnberger See 1986
Der Autor belegt den Ausspruch des englischen Feldmarschalls Montgomery:
<Die Nürnberger Prozesse haben einen verlorenen Krieg zum Verbrechen gestem-
pelt. Die Generale der besiegten Seite werden erst vor Gericht und dann an den
Galgen gebracht:>
Alfred Seidl: Der Fall Rudolf Hess 1941 — 1987, München 1988
Der Verteidiger von Rudolf Hess in Nürnberg legt hier eine vollständige Doku-
mentation vor.
James Bacque: Der geplante Tod, Frankfurt — Berlin 1989
Der kanadische Historiker belegt, dass 1945/46 in amerikanischen und französi-
schen Lagern eine Million deutscher Kriegsgefangener ums Leben gekommen ist.
Heinz Nawratil: Die deutschen Nachkriegsverluste, München — Berlin 1986
und
Alfred de Zayas: Die Angloamerikaner und die Vertreibung der Deutschen, Mün-
chen 1980
Beide Bücher enthalten Dokumentationen zur Vertreibung der Deutschsprachi-
gen aus dem Osten.
Gary Allen: Die Insider, Wiesbaden 1980
Ein amerikanischer Historiker enthüllt die Weltregierungsziele der Rothschilds und
Rockefellers.

103
Der wissenschaftliche Bericht von Fred Leuchter zur Frage von Vergasungen in
deutschen Konzentrationslagern ist abgedruckt in Nr. 36 der Zeitschrift (Histori-
sche Tatsachen» (Vlotho/Weser 1988).
Diese Ausgabe wurde zwar von den deutschen Behörden mit Beschlag belegt,
weil sie eine kommentierende Einleitung enthielt. Der Bundesminister der Justiz
bestätigte aber in einem Brief vom 13. März 1990, der Leuchter-Bericht selbst sei
eine wissenschaftliche Untersuchung und seine Verbreitung in der Bundesrepu-
blik nicht verboten.
Arthur Vogt: Der Holokaust aus der Sicht der Revisionisten, Hrsg. Roger Wü-
thrich, Lindenhofstrasse 2, CH-3048 Worblaufen/Bern
*

Zum Schluss seien einige biographische Erlebnisberichte genannt, die auf


menschlich unmittelbare Weise in die Zeitstimmung unseres Jahrhunderts ein-
führen:
Melita Maschmann: Fazit. Mein Weg in der Hitler-Jugend, München 1979
Aus diesem Buch stammt das Zitat in Kapitel XIX.
Marion Gräfin Dönhoff: Namen, die keiner mehr nennt. Ostpreussen — Men-
schen und Geschichte, München 1966.
Hans Graf Lehndorff: Ostpreussisches Tagebuch. Aufzeichnungen eines Arztes
aus den Jahren 1945 — 1947, München 1983.
Käthe von Normann: Tagebuch aus Pommern, München 1987, Neuauflage
Wendeigard von Staden: Nacht über dem Tal, München 1982
Irene Zacharias: Meine sieben Kinder und der Lauf der Welt. Die Lebensge-
schichte einer mecklenburgischen Bäuerin, München und Hamburg 1986.
Margret Bechler: Warten auf Antwort. Ein deutsches Schicksal, Frankfurt und
Berlin 1984.
Christiane Grüning: Die Nixe im Kirschbaum. Eine Kindheit in Danzig, Frankfurt
und Berlin 1987.
*

Die in den Kapiteln XV und XVI erwähnten bzw. abgedruckten Dichtungen Bert-
hold Wulfs sind Bestandteil des Bandes 8 <Divinitas mundi> der Gesamtausgabe,
erschienen 1986 in Zürich.

104
Karte 1: Die mitteleuropäische Landschaft
Karte 2: Der deutsche Sprachraum
In Vorbereitung
Bernhard Schaub: Das Feuer der Freiheit. Idee und Geschichte der Schweizeri-
schen Eidgenossenschaft. Ein Beitrag zur EG-Diskussion, nicht nur für Schweizer.
Die gegenwärtigen Ereignisse in Europa vollziehen sich
schnell. Sachzwänge werden geltend gemacht,
und um Schlagworte ist man nicht verlegen.
Für gründliches Bedenken bleibt kaum Zeit.
Eben schien es noch, als könne Mitteleuropa
nach Jahrzehnten der Abhängigkeit von Ost und West
sich auf sich selbst besinnen — aber nun ist nur noch
die Rede vom «Einbinden» Deutschlands in die EG
und vom Aufgeben der schweizerischen und
österreichischen Neutralität.
Das vorliegende Buch ist ein Beitrag zu jenem
notwendigen Bedenken. Es gibt einen Leitfaden
durch die geistige und politische Geschichte
des mitteleuropäischen Kulturraums.
Dabei zeigt sich, dass der deutsche Geist
Menschheitsaufgaben hat, die gerade nicht
seine weitere «Einbindung», sondern seine endliche
Entwicklung fordern.

KONRADIN VERLAG

ISBN 3-9520316-0-7