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Wie alle anderen Menschen, wurde auch Leon als Maler geboren.

Wie so viele, wollte er nie einer


sein. Er fühlt sich meist überfordert. Obwohl er nun schon seit Jahren täglich malt, bleiben seine
Gemälde ziemlich hässlich.

Na und? Wieder ein hungernder Künstler mehr, wirst du dir denken.

Doch die Gemälde sind nicht zum Aufhängen und stehen nicht zum Verkauf. Sie werden zum Teil
seines Lebens – zu seiner Identität.

Und so sitzt er wieder vor der weißen Leinwand. Er nimmt den strubbligen Pinsel und mischt
schwarz mit grau.

Er starrt auf die Stelle der Leinwand, wo er ansetzen möchte. Er presst den Pinsel auf das Papier
und malt ein Quadrat und setzt ein Dreieck oben drauf.

Daneben ein schwarzes dürres Strichmännchen.

Er stellt das Gemälde zu den hundert anderen, die sich in der Wohnung stapeln. Tag für Tag malt
er ähnlich hässliche Bilder. Ein Haus, mehr aus Lego, als aus Leben. Hin und wieder der Ansatz
von einem Hund, der wie eine Steppenhexe mal links, mal rechts auf dem Bild herumgeistert.

Eine Partnerin hat er am Anfang versucht zu malen, doch sie war stets unförmig und hatte das
Lächeln eines Serien-Killer-Clowns.

Irgendwie schafft er es nicht, etwas Schönes zu malen. Etwas das er wirklich möchte und ihm
einen Hauch von Glück bringen würde. Er kann sich einfach nicht als glücklichen Menschen
vorstellen.

Eine innere Stimme hindert ihn daran: „Du hast es noch nicht verdient, glücklich zu sein. Aber
irgendwann wirst du mal was.“

Sie vertröstet ihn seit Jahren. Dabei klingt sie nicht mal gemein, sondern hört sich an, wie eine
Mutter deren Herz es zerreisst, weil sie ihrer sechsjährigen Tochter sagen muss, dass es den
Weihnachtsmann in Wirklichkeit nicht gibt und sie dieses Jahr zu wenig Geld haben um
Geschenke zu kaufen, weil die Krebsbehandlung von Papa zu viel kostet.

Und so lebt er in der Realität, die seine Bilder vorgeben. Allein, in einer heruntergekommenen
Wohnung in Berlin. Das Mondlicht dringt nur schwach durch das kleine Fenster. Der kühle
Herbstwind dafür umso stärker. Ihn überkommt ein Schauern, wenn er an die folgenden kühlen
Monate denkt.

Seine innere Stimme hat mit ihren dunklen Zukunftsprognosen recht. Der Ponyhof ist mit
Hochsicherheitszäunen und Bewegungsmeldern gesichert und Realisten müssen draußen bleiben.

Warum leben manche so aufregende Leben, reisen, lieben, genießen und er vegetiert in dieser
Bruchbude?

Er legt das Bild zur Seite und sich ins Bett. Müde schließt er die Augen. Wie lange soll es noch so
weitergehen? Ist das sein Schicksal? Es muss mehr geben.

Viele seiner damaligen Klassenkameraden sind kreativ, explosiv und aufständisch (er kann ihre
täglichen Erfolge im Internet verfolgen). Sein Leben ist dagegen borstig, grau und langweilig wie
trocknende Farbe.

Seine schweren Gedanken schwappen in seinem Hirn von links nach rechts und Leon rollt sich im
Bett hin und her. Bilder steigen in ihm auf, wie er bis ins hohe Alter im Restaurant schuften muss.
Wie seine Haut labberig wird; die Tränensäcke erst blau, dann schwarz. Gekrümmter Rücken,
gestützt vom Spazierstock. Sein Grab verlassen und blumenlos.

Genervt steht er auf und holt sich ein Wasser aus der Küchenzeile.

Während er trinkt, beobachtet er die Sterne durch das kleine Fenster. Wie schön sie doch sind.
Welche Strahlen von ihnen ausgehen. Welcher Maler wohl dahinter steckt?

Er macht etwas, woran er nicht glaubt, nicht versteht, was uncool geworden ist: Er faltet seine
Hände, blickt zu den Sternen und betet. „Kannst du mir bitte helfen? Ich sehe doch welche
Schönheit möglich ist. Gewähr ihr bitte Einlass in mein Leben. Ich will nicht mehr wachliegen
wegen Bildern, die mir Angst bereiten.“

Nichts bewegt sich. Kein Licht erstrahlt. Keine tiefe Stimme zu hören. Die Sterne sind zu weit weg,
um Leons Flüstern wahrzunehmen.

Traurig, aber nicht enttäuscht, begibt er sich wieder ins Bett. Nur noch ein paar Stunden bis das
Rad des Alltags sich wieder zu drehen beginnt.

Am nächsten Morgen wacht er bereits gerädert auf. Er liest, wie es sich für einen guten Bürger
gehört, die Zeitung und regt sich über Politiker auf. In der U-Bahn hängen die Leute schweren
Gedanken nach. Es ist zu früh am Morgen und zu spät für Nettigkeiten.

Nach einem kurzen Fußmarsch steht er im Restaurant. Die Köche sind schon hektisch mit den
Vorbereitungen beschäftigt. Die Stammkunden kommen gleich. „Wir arbeiten nicht, wir dienen“
steht über der Tür, die zu den Gästen führt.

Er legt sich die Kellnerschürze mit dem Logo vom “Restaurant zum Leben” an. Die ersten Gäste
trudeln langsam ein. „Los Leon, lächeln.“ Mit dem Notizblock bewaffnet macht er seine Runde.

„Hi Karl, was darf es heute sein?“


„Also Eier vertrage ich gar nicht in der Früh. Bitte nichts mit Eiern.“

Jetzt fängt der schon wieder damit an. Leon rollt innerlich die Augen. Da gehe ich lieber zu dem
Cowboy. Ein Besserwisser aber er weiß wenigstens, was er will.

Die Zeit vergeht schnell. Das Restaurant ist gut besucht und Leon hat viel zu tun. In der
Mittagspause setzt er sich in ein Café am Ende der Straße. Die Stille, die Wärme des Kaffees und
der trostspendende Zigarettenrauch in seiner Lunge; seine heiligen zwanzig Minuten.

Dabei fällt ihm eine alte Frau auf, die ihn unentwegt anlächelt. An seinem Aussehen kann es nicht
liegen. Pechschwarze Haare, spitz zulaufende Nase, vereinzelte Bartstoppeln. Er lächelt höflich
zurück und hofft, dass sie nun wegschaut. Die vielen Jahre als Kellner haben sein peripheres
Sichtfeld erweitert. Ihm entgeht nicht, dass die Oma ihn immer noch anstarrt.

Er fühlt sich beobachtet. Sie macht ihm seine heiligen zwanzig Minuten kaputt! Er wendet sich zu
ihr und wirft ihr einen Blick zu, den Berliner aus dem FF können: der Willst-du-Stress-Blick.

Ihr scheint es nichts auszumachen. Sie pariert mit dem Sohn-ich-sehe-dass-du-leidest-Blick.

Leon ist überrascht. Er hat solch eine Güte in einem Gesicht schon lange nicht mehr gesehen.
Seine Eltern hat er zu früh verloren. Er überlegt einen kurzen Augenblick. “Was solls.” Er drückt
seine Zigarette aus. Die Heiligkeit ist eh schon verflogen.
Noch bevor Leon sich zu der Dame gesetzt hat, sagt sie: „Zeig mir dein Bild.“ Irritiert hält er inne.
Sein Hintern verweilt fünf Zentimeter über dem Sitz. Noch ist die Gelegenheit umzukehren und
eine weitere Zigarette zu rauchen. „Bitte.“ Sie schaut ihn wieder so mitfühlend an.

Niemand hat ihn je nach seinem Bild gefragt. Er setzt sich. Aus der Innenseite seiner Jacke holt er
sein zusammengefaltetes Bild heraus. Jeder Maler trägt sein Bild immer und überall mit sich.

Er faltet es auseinander und ist sich sicher, dass sie ihn auslachen wird. Mit einem Seufzer
überreicht er das Bild. Sie betrachtet es eingehend.

„Ich sehe ein Quadrat und ein Dreieck. Daneben einen dürren Mann.“ Pause. „Du möchtest
Mathematiklehrer werden?“ Sie kichert.

Was für eine Frechheit. Leon steht auf und reißt ihr das Bild aus den Händen. Er wusste, dass es
ein Fehler war.

„Darling, es war nur ein Spaß. Geh’ nicht. Mir gefallen die Berge, die du gemalt hast“

„Ich habe keine Berge gemalt. Sie müssen sich stärkere Brillengläser zulegen.“
„Nein, mein Sohn. Ich sehe sie doch. Genau dort.“

Sie zeigt auf seine Initialen unten rechts im Bild.

„Das ist mein Name.“


„Beginnt dein Name mit einem ‚M‘“?

Verwirrt schaut er auf die untere Ecke. Sie hat recht. Diese Schnörkel haben nichts mit seinem
Namen zu tun. Es sind in der Tat ganz feine Berge zu sehen.

Leon schaut sie überrascht an. Sie erwidert daraufhin trocken:

„Deine Wünsche sollten immer in der Mitte des Bildes stehen. Mit strahlenden Farben, getränkt in
Freude und Zuversicht. Nicht unscheinbar am Rand, wie es bei so vielen Bildern zu sehen ist.“

Aus ihrer Handtasche zückt sie Farben und Pinsel.

„Hör auf das zu malen, was von dir erwartet wird. Mal das, was du wirklich willst.“

Sie streckt ihm ihren Lieblingspinsel entgegen.

“Wer ist diese Frau? Warum hilft sie mir?”, denkt Leon. Er fühlt sich ertappt und verlegen. Noch nie
hat er vor einer anderen Person gemalt. Die Meisten würde es auch nicht interessieren.

Vielleicht liegt es genau daran, dass er den Pinsel entgegen nimmt und ihn in der Mitte des Bildes
aufsetzt.

Er malt Berge mit weißen Spitzen. Sie sind etwas unförmig und es fehlt ihnen an Details. Jedoch
klatscht die alte Dame freudig in die Hände.

„Es wird von Mal zu Mal besser werden. Der Nebel wird sich lichten und deine Berge werden
strahlen. Glaube mir: Du hast einen wichtigen Schritt getan.“

Wie Recht die alte Dame doch hat. Nur wenige trauen sich, in sich hineinzuhorchen und ihre
innere Melodie in ein Bild zu formen. Doch wenn es erstmal gemalt ist, gibt es kein zurück mehr.
Ohne es zu wissen, hat Leon einen Staudamm gebrochen und wird von den Fluten mitgerissen.
Leon fühlt sich zurecht überrumpelt. Was bedeuten diese Berge? Waren sie schon immer in ihm?
Er muss nach Hause und die restlichen Bilder sehen und seine Unterschrift näher betrachten.

„Danke.” stottert er. “Ich bin überrascht und muss mich erstmal sammeln.” Mit dem Blick auf die
Wanduhr sagt er, dass er wieder zurück ins Restaurant muss. „Kommen Sie jederzeit vorbei. Ich
gebe Ihnen einen Tee aus.“

„Vielen Dank. Vom ’Restaurant zum Leben’ habe ich schon gehört. Ein magischer Ort.“ Sie
zwinkert ihm zu.

Er versteht nicht ganz, doch lächelt zurück.

Danach wirft er seine Jacke über den Arm und geht einen Schritt Richtung Ausgang. Plötzlich
bleibt er stehen und dreht sich noch mal zu ihr um. „Würden Sie mir Ihr Bild zeigen?“

Sie ist nicht überrascht. Dennoch zögert sie einen Augenblick. Schließlich räumt sie die Teetasse
zur Seite und legt ihr Bild auf den Tisch.

Es ist weiß.

Leon schaut sie fragend an. Ihre Augen glänzen. „Wenn du älter wirst, werden deine Bilder
transparenter. Bis sie eines Tages nur noch einen Wunsch darstellen: Die Verschmelzung mit dem
Nichts.“

Sie macht eine Pause und mit einem Wimpernschlag ändert sich das Glänzen in ihren Augen zu
einem durchdringenden Funkeln. „Allerdings sterben manche innerlich schon mit dreißig. Ihre
Bilder verblassen, weil sie ihnen nicht folgen. Das darfst du nie zulassen! Folge dem Ruf dieser
Berge.“

Die Intensität ihrer Worte lässt ihm keine andere Wahl. Hätte er doch nur nicht gefragt.

Sie erhöht den Druck auf Leon noch mehr, indem sie sagt: „Ich bereue nur eine Sache in meinem
Leben: Ich wünschte, ich wäre mehr Risiken eingegangen.“

Ihre Worte brennen sich in Leons Bewusstsein.

Mit einem Nicken bedankt er sich bei ihr und verlässt das Café.

Die alte Dame schaut Leon hinterher.

Ihr weißes Bild liegt noch vor ihr. Daneben ihr Pinsel, der Leon zu einem Abenteuer führen wird.

Sie nimmt ihn, hält kurz inne - bewusst, dass auch sie mit dem nächsten Pinselstrich ein neues
Kapitel in ihrem Leben einläuten wird. Sie malt Menschen, die sich an den Händen halten und zum
Licht in der Mitte schauen.

Sie fühlt eine Stärke und Freude in der Brust, die sie seit dem Tod ihres Mannes vermisst. Bevor
sie ihm folgt, hat sie noch was zu tun. Sie lächelt zufrieden, winkt die junge Kellnerin zu sich und
bietet ihr den Platz gegenüber an.

„Mein Kind, erzähl mir von deinem Bild.“

Leon ist derweil im Restaurant angekommen. Er entschuldigt sich bei seinem Kellnerkollegen,
Patrick, dass er zu spät gekommen ist. Dieser wischt seine Entschuldigung aus der Luft. „Kein
Problem, heute ist nicht viel los. Aber du wirst nicht glauben, was passiert ist… Karl hat etwas
bestellt, was er wirklich möchte!“
“Heute ist wahrlich ein merkwürdiger Tag”, denkt Leon.

Etwas unsicher fragt er: „Ist es in Ordnung, wenn ich etwas früher nach Hause gehe… Ich möchte
an meinem Bild malen.“

Patrick legt seine Stirn in Falten.

Er kennt allerhand Ausreden. Von Tollwut bis zum Tod, von gerade erst entdeckten, aber sogleich
ins Herz geschlossenen Verwandten.

Das jemand nach Hause gehen möchte, um an seinem Bild zu malen, hat er noch nie gehört.

Patrick fühlt sich ertappt. Wie lange hat er sein Bild bereits vernachlässigt?

Er fischt es aus der Hosentasche und betrachtet es. Es zeigt ein Segelboot. Die Weite des
Meeres. Ein paar Seemöwen umkreisen ihn. Es ist verwischt und besuhlt von Speiseresten.

Egal, was Leon malt, so soll es nie aussehen. „Ja, du kannst gehen. Ich komme klar. Viel…
Erfolg.“ Dabei schaut er Leon nicht in die Augen.

Leon bedankt sich und verlässt das Restaurant. In der Ubahnlinie U9 fragt er sich, an welchen
Bildern wohl die anderen Fahrgäste malen. Wann haben sie das letzte Mal bewusst den Pinsel in
die Hand genommen? Oder haben sie den Pinsel schon längst abgegeben? An ihren gemeinen
Chef; an die Eltern, die sie nicht enttäuschen wollen oder reichen sie ihre Bilder an ihre Kinder
weiter, die ihre Wünsche leben sollen.

In seiner Wohnung angekommen blättert Leon sogleich durch seine Bilder und betrachtet die
Initialen. Es sind wirklich Berge. Wie konnte er dies übersehen? Leon lacht auf. Er hat jahrelang
ein Haus gemalt, obwohl er nur weg will!

Aber ist es nicht der Traum von jedem? Haus, Kind, Hund. Darauf haben sich doch alle
stillschweigend geeinigt.

Jedoch spürt er, dass er anders ist. Ein Querdenker, der nicht in das Quadrat aus Mauersteinen
passt. Er möchte frei sein und diese Berge sehen.

Er zückt seinen Pinsel. Zu seiner Überraschung sind weitere Farben in seiner Palette. Er tunkt den
Pinsel in ein helles blau und malt diese Berge. Immer und immer wieder. Wie ein Besessener.
Angefeuert von Begeisterung und der Aussicht auf Abenteuer.

Nach Stunden kommt ein See hinzu. Ein Rosengarten und eine kleine Hütte. Er ist erstaunt, was
schon seit Jahren raus wollte. Hält er deswegen bei jeder Rose, die ihm am Straßenrand
begegnet? Läuft er deswegen gerne am Ufer des Grunewaldsees entlang? Fühlt er sich deswegen
von der Werbung für Skiklamotten angesprochen?

Es ist dunkel geworden und er hat seit Stunden nichts gegessen. Jedoch stört es ihn nicht. Etwas
schlummert noch in ihm, das noch nicht auf dem Bild zu sehen ist. Leon schließt die Augen, taucht
tief ab in die geheimnisvolle Welt seiner Gefühle. Wie viele Schätze dort liegen, wenn man sich
traut sie zu heben.

Er tunkt den Pinsel in Orange. Dort zu den Füßen der Berge am türkisfarbenen See malt er einen
Mann in einem orangenen Gewandt. Er sitzt im Lotussitz; die Augen geschlossen.

In diesem Augenblick wünscht sich Leon, Frieden malen zu können. Es würde gut zu dem Mann
passen.
Leon legt seinen Pinsel zur Seite. Draußen ist es dunkel geworden. Die Sterne leuchten heute
besonders hell. “Danke”, flüstert er ihnen zu.

Er ist kein weiser Mann, kein Prophet oder Gelehrter, aber er weiß nun, dass alle Fragen von ihnen
beantwortet werden. Nicht mit Kanonenschlag und Donnerhall, sondern sanft und leise, wie das
Flüstern des Windes, durch einen Song im Radio oder einer alten Dame im Café.

Es drängt sich ihm ein weiteres Gefühl auf. Wenn das Universum selbst sich die Mühe macht und
ihm antwortet; ihn leitet und begleitet, dann sollte er sein Bild ernst nehmen. Er darf der Angst nicht
gewähren ihn zu führen. Die Sterne haben genug blasse Bilder gesehen. Morgen wird er
Menschen sein Bild zeigen und nach den Bergen fragen. Er wird sie finden. Koste es, was es
wolle!

Wie faszinierend das Leben doch ist. Ein Wechselspiel aus Licht und Schatten. Gestern war Leon
voller Tatendrang und Mut. Heute beunruhigt ihn der Gedanke sein Bild anderen zu zeigen.

Er läuft in der Wohnung auf und ab. “Es ist doch verrückt durch die Straßen zu laufen und
Fremden so etwas Intimes zu zeigen. Die Meisten sind eh mit ich selbst beschäftigtund werden ihn
abweisen oder noch schlimmer - sein Bild belächeln. Außerdem ist es unwahrscheinlich einen
Mann zu finden, von dem er nur weiß, dass er gerne orange trägt…”

Plötzlich hört sich sein Plan kindisch an. Hat er nicht gestern noch den Entschluss gefasst sich
nicht mehr von seinen Ängsten leiten zu lassen?

Vielleicht sollte er nur mal an die frische Luft gehen. Aber nicht gleich Menschen mit seinem Bild
belästigen.

Wieder ein Kompromiss zwischen Licht und Schatten. Man könnte meinen, dass Leon genug von
seinem grauen Leben hat, das mehr auf Vermeidung von Schmerz fußt, als auf Streben nach
Glück.
Der kühle Wind peitscht ihm entgegen. Er muss seinen Mantelkragen aufstellen. Nach zehn
Minuten in der Kälte, flüchtet er in eine Bäckerei. In dieser ließ er sich noch nie blicken.

Vielleicht hilft es ihm sich für Neues zu öffnen, wenn er klein anfängt und diesmal nicht in sein
Stammcafé geht.

Die Bäckerei ist kaum besucht. Ein Hüne sitzt in der Ecke an einem Rundtisch. Nur mit einem
karierten Hemd bekleidet und dichtem schwarzen Bart. Seine Arme ruhen auf dem Tisch. Er sitzt
dort, als würde ihm die Bäckerei gehören und mit ihr alle ihre Gäste.

Wahrlich ein Alphatier, das schon oft der Natur getrotzt hat.

Leon spürt, dass gerade er ihm weiterhelfen kann. Hin- und hergerissen, wie Buridans Esel
zwischen den Heuballen, steht er auf dem Fleck und weiß nicht, ob er sich an einen freien Tisch
links, oder zu dem Rundtisch rechts setzten soll.

Der Mann hebt seine Tatze. Nicht um die Bedienung zu rufen, sondern um Leon einzuladen. Leon
ist dankbar, dass ihm das Schicksal vom Esel erspart geblieben ist. Nun sieht es für die restlichen
Gäste so aus, als wären sie Bekannte, die sich zum Frühstück treffen.

“Warum zur Hölle ist mir dies wichtig?”, denkt er sich und gesteht sich ein, dass er sich oft selbst
nicht versteht.

Noch bevor Leon sich setzen kann, fragt ihn der Mann mit einer tiefen brummigen Stimme: „Woran
habe ich erkannt, dass du dich zu mir setzen möchtest?“
Leon fühlt sich unwohl, da es anscheinend offensichtlich war, dass er zu ihm wollte .
„Ich weiß es nicht? An meinem Gesichtsausdruck?“

Der Mann lacht so laut, dass die Bedienung beinahe ihre Gläser fallen lässt. „Du hast ein Gesicht
gemacht, wie ein Esel.“ Er schlägt Leon so hart auf die Schulter, dass er beinah auf dem Tisch
landet.

Leon reibt sich an die Schulter. Nun kann er seinen Freunden erzählen, dass er einen Bärenangriff
überlebt hat. “Woran haben Sie es erkannt?”, fragt er.

„Deine Fußspitzen zeigten zu mir. Achte immer auf die Füße der Menschen. Sie zeigen auf den
Weg, der gegangen werden möchte.“

Leon schaut an sich hinunter und bemerkt, dass seine Füße zum Ausgang zeigen. Er schüttelt sie
und stellt sie wieder auf den Boden.

„Mein Name ist Hektor. Was führt deine Füße zu mir?“ Sein Lachen ertönt wie ein Echo, aus der
Tiefe seiner Brust.

Kann er Hektor trauen? Vielleicht ist dies die falsche Frage. Kann er seiner Intuition vertrauen?

Zögerlich greift er in seine Hosentasche und holt sein Bild heraus. Eigentlich ist es egal, in welche
Tasche er greift. Er wird immer sein Bild herausziehen.

Hektor hebt seine buschigen Augenbrauen. Diesen Mut hätte er dem dürren Mann nicht zugetraut.
Er nimmt das Bild entgegen und faltet es auf. Seine Augen haben schon vieles gesehen. Hyänen
in der Savanne, die stillen Seen in Kanada und seine erste große Liebe in... Kaschmir…

Die Luft entweicht aus seinem Brustkorb. Seine Schultern fallen leicht zusammen. Er seufzt.

„Es sind die Berge Kaschmirs. Nie werde ich sie vergessen.“

Leon ahnt, dass Hektor mit ‚sie‘ nicht die Berge meint. Nun ist er es, der ihm mitfühlend auf die
Schulter klopft.

Kaschmir. Er verbindet damit Pullover. Wo liegt Kaschmir? Er befürchtet, dass diese Berge nicht in
Deutschland liegen. Warum konnte Hektor nicht einfach “Alpen” sagen?

Dieser verweilt derweil in Vergangenem.

„Sie war so schön. Ihre Haut zart und mandelbraun. Ihr Lächeln weiß, wie die schneebedeckten
Bergspitzen.“ Hektor wischt sich seine Tränen aus dem Gesicht und schaut Leon an: „Hüte dich
vor diesen Bergen. Sie nehmen dir alles, was du liebst.“

Leon schluckt bei diesen Worten. Wenn selbst dieser Gladiator sie fürchtet, was kann dann ein
Löwenfutter wie er den Bergen entgegensetzen?

Hektor fährt fort: „Fliege nach Neu-Dehli. Von dort mit dem Zug nach Kaschmir. Die Inder sind
freundliche Menschen. Sie werden dir helfen.“

Leon versteht Hektor nicht mehr. Seine Gefühle scheinen ihn zu verwirren.

„Aber du hast mich doch gerade noch gewarnt dort hinzugehen!“

Hektor richtet sich wieder auf. Seine Brust füllt sich mit Leben. Danach fixiert er Leon.
„Sehr oft hat man mich gewarnt. Mir wurde gesagt, dass meine Bilder unmöglich sind. Du möchtest
den Amazonas entlang paddeln? Träumer, nannten sie mich. Ich wäre viel zu groß für das
Ruderboot und würde von Krokodilen gefressen werden. Du möchtest Tibet sehen? Sie fragten
mich herausfordernd, wie ich die monatelange Reise finanzieren wollte. Selbst mit dem Motorrad
durch Vietnam zu fahren, fanden sie verrückt.“

Ein siegreiches Lächeln hebt seinen Vollbart. So viel hat er erreicht, obwohl er oft gegen den Wind
gesegelt ist.

„Du musst dein Bild verteidigen.“ Er tippt auf Leons Berge, die noch immer auf dem Tisch liegen.
„Lass dir von niemandem einreden - auch nicht von mir - dass dein Bild unmöglich ist. Beschütze
es“.

Leons Herz hört für einen Moment auf zu schlagen. Es ist die eine Sache, ein Bild zu malen. Eine
ganz andere, ihm auch zu folgen. Insbesondere, wenn man dafür bis ans andere Ende der Welt
reisen muss…

Noch hat er die Möglichkeit einfach alles zu vergessen. Die Verdrängung zu wählen. Mehr Bier,
mehr Fernsehen, mehr Schokolade. Hört sich nicht so schlimm an.

Die liebevolle alte Dame erscheint ihm vor seinem inneren Auge. Nein, er will nicht den Weg der
Sicherheit gehen. Denn dieser führt mit Sicherheit zur Reue. Ein Ort, an dem er nicht seine letzten
Jahre verbringen möchte.

Leon bedankt sich und steht auf. Er muss ins Restaurant.

Als Leon das Café verlässt, holt Hektor sein Bild heraus. Es zeigt wieder ein weit entferntes Land.
Ein weiteres verrücktes Abenteuer. Er dreht es um, nimmt seinen Pinsel aus der Umhängetasche
und malt: ein Quadrat, ein Dreieck darüber. Ein Hund, Garten und eine Frau an seiner Seite.

Es ist nicht perfekt, doch es wird mit jedem mal besser. Hektor hat genug Abenteuer erlebt. Er
sehnt sich nach Wärme und der Stabilität einer Familie.

Anerkennend schaut er auf die Stelle, an der Leon gerade noch wie ein Esel stand.

“Mutig.” brummt er in seinen Bart.

Es sollte mehr Menschen geben, die ihre Bilder miteinander teilen.

Leon macht sich derweil auf den Weg nach Hause. Seine Schläfen pochen. Er spürt ein Stechen in
der Seite. Die Angst spricht aus seinem Körper. Er versucht sie zu ignorieren, trabt die Treppe zu
seiner Wohnung hinauf und greift zum Telefon.

Er wählt die Nummer von Patrick.

Ring. “Macht er wirklich das Richtige?” Ring. “Vielleicht sollte er doch einfach bleiben und
vergessen”. Ring. “Das Schicksal hat entschieden. Er geht nicht ran.”

“Hallo?”

“Hi Patrick, ich bins Leon. Ich muss mit dir reden.”

Es ist dieser verheißungsvolle Satz, den jeder aufhorchen lässt.

“Was ist? Du hörst dich krank an. Geht es dir nicht gut?” fragt Patrick.
“Doch, doch… aber ich brauche eine Pause vom Restaurant. Und ich weiß nicht, wie lange. Ich
fliege heute noch nach Indien”

“WAS?!” Patrick stockt der Atem.

“Aber was soll ich dann machen? Ich kann doch so schnell keinen anderen Kellner finden. Bitte,
Leon. Sei vernüftig. Es ist nur eine Phase in der du steckst. Das geht vorbei. Wirklich. Da kannst
du jeden fragen.”

Leon sagt keinen Tonl. Patrick spricht das aus, was er befürchtet. Dass es eben nur eine Phase ist.
Ein Anflug jugendlichen Leichtsinns. Vielleicht hat er recht... aber sollte er es nicht gerade
deswegen machen?

Deutet eine Idee, die einen kindisch vorkommt, nicht genau auf den richtigen Weg hin? Ist nicht ein
Einfall, eine Vision, durch die man sich jünger fühlt, genau das was Leon in seinem Leben
vermisst?

“Ja, Patrick, du hast Recht. Aber genau deswegen werde ich es tun. Es tut mir Leid. Ich bin mir
sicher, der Chef findet eine Lösung.”

Patrick legt den Hörer auf.

Er weiß, dass Leon Recht hat. Eine Ersatzperson findet man schnell.

Es geht auch nicht um Leon, sondern um ihn. Obwohl er Leon alles auf der Welt gönnt, wäre es
ihm lieber, wenn er nicht seinem Bild folgen würde. Damit würde ihm sein Neid erspart bleiben.

Nie ist er neidisch auf die reichen Gäste. Mit ihren schicken Anzügen und den schönen Frauen im
Arm. Sie sind zu weit weg. Doch Leon… Patrick begreift. Er ist auf ihn neidisch, weil er weiß, dass
auch er diese Entscheidung treffen könnte. Das Leons Freiheit auch in seiner Reichweite ist…

Leon legt derweil enttäuscht den Hörer zur Seite. Dies hätte er Patrick nicht zugetraut. Sieht er
denn nicht, dass er seinem Bild folgen muss? Er hätte ihm die alte Dame vorstellen sollen… Am
Schluss wären sie zusammen nach Indien gesegelt.

Mit schwerem Herzen packt er seine Sachen und fährt direkt zum Flughafen.

„Es wird sich schon alles fügen“, denkt sich Leon. An etwas anderes darf er nicht denken, sonst
würde er auf der Stelle umkehren.

Am Flughafenschalter erfährt er, dass heute noch eine Maschine nach Neu-Delhi fliegt. Sie kostet
Leon all sein Erspartes.

Die Minuten vor dem Start des Flugzeugs sind für Leon die schlimmsten. Heftige Ängste
überkommen ihn. Was werden die anderen denken? Stempeln sie ihn ab, als naiven Träumer? Als
Freigeist für den keine Regeln gelten?

Leon schließt die Augen und stirbt. Alle Bänder, die ihn abhalten frei zu sein, schneidet er in
Gedanken durch. Das Band zu seinen Freunden. Zu seiner Arbeit. Zu seinem Bedürfnis nach
Sicherheit. Er löst sich von seinen Wünschen, wie die Reifen des Flugzeugs von der Startbahn.

Das Flugzeug durchbricht die Wolkendecke und die Sonne beglückwünscht Leon zu seinem
mutigen Schritt.

Die Sonnenstrahlen kitzeln ihn und erinnern ihn daran, dass alles nur ein Spiel ist. „Wach auf,
Leon.“ sagen sie ihm. „Du kannst nicht verlieren, in einem Spiel, das auf Liebe gebaut ist.“
Er versteht die Botschaft noch nicht. Doch, er muss lächeln. Vielleicht ist es leichter als gedacht.
Vielleicht ist das Leben generell leichter als man denkt. Vielleicht sind es nur Gedanken, die das
Leben schwer machen!

Die Zeit vergeht wie im Flug und die Maschine landet in Neu-Delhi.

Angespannt von den vielen Stunden des Sitzens und dem schlechten Essen, wartet er am
Fließband ungeduldig auf sein Gepäck.

Einer nach dem anderen fischt seinen Koffer vom Fließband. Nur Leon und seine Verzweiflung
bleiben übrig. In der weiten Halle ist nur noch das Quietschen des Gepäckbandes zu hören.
Ungläubig starrt er darauf, bis es stehen bleibt.

All sein weltlicher Besitz ist in dieser Tasche… Kleidung, Reisepass, Medikamente, Waschtasche
und Geld (Er hielt es für sicher, dieses in eine Innentasche zu stecken, anstatt in sein
Handgepäck). Müde schleppt er sich zum Lost & Found der Gepäckannahme.

Der dort arbeitende Inder gibt ihm mit einem aufgesetztem Lächeln zu verstehen, dass er nicht
wüsste, wo sein Gepäckstück ist. Sie werden sich aber bei ihm melden, wenn es auftaucht. In
welchem Hotel kann man ihn erreichen?

Leon hat kein Hotel gebucht. Er schaut mit dunkler Vorahnung in seinen Geldbeutel. Nur zwei
Scheine verheißen ihm eine unbequeme Nacht in einem Zimmer mit zwanzig anderen,
schnarchenden Zimmergenossen – wenn er Glück hat.

Zu schwach, um sich aufzuregen, verlässt er den Flughafen. Ein Schwarm von indischen
Taxifahrer belagert ihn. „Yes, bike, bike. Really cheap.“ Jedes Nein von Leon verhärtet seine Brust
und lässt eine dicke Glaswand hochfahren, die ihn von allem trennt.

Die Sonne streichelt nun nicht mehr, sie sticht und brennt.

Er läuft los. Verwirrt und niedergeschlagen von der Fremde. Die Straßen sind voll von hupenden
Autos, Motor- und Fahrradrikschas. Er sieht kaum Weiße. Bettler sitzen auf den dreckigen Straßen
und recken ihm die Hand entgegen. Wenn sie wüssten, dass er im Moment genauso wenig besitzt,
wie sie…

Die Bewohner der Stadt tragen einen Mundschutz und wirken dadurch noch befremdlicher.

Er bleibt mitten auf dem Fußgängerweg stehen und legt seinen Kopf in seine Hände. Seine Augen
füllen sich mit Tränen im Angesicht seiner verlorenen Lage.

„Warum habe ich mich nur zu so einer Dummheit bewegen lassen? Wie soll ich jemals nach
Kaschmir kommen, wenn ich es nicht mal schaffe, den heutigen Tag zu überstehen?“

Eine Stimme erklingt in seinem Kopf. „Mach dir keine Sorgen. Gib alles auf und vertraue!“ Leon
erschrickt. Verwundert schaut er um sich. Doch es ist kein Mann zu sehen, der seine
Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet , geschweige denn zu ihm gesprochen hat.

Er ist der einzig Ruhende in der menschlichen Ameisenstraße.

Verdutzt läuft er ein paar Meter. Dabei schaut er immer wieder um sich, als würde er verfolgt
werden. Er grübelt über die Worte nach. „Gib alles auf.” Hat er dies nicht schon längst?

In der Seitenstraße gibt es Streetfood. Hierfür dürfte sein Geld ausreichen, um danach auch noch
eine Unterkunft bezahlen zu können.
Zu seinen Füßen spielt ein kleines Mädchen mit ein paar Murmeln. Sie trägt ein Kleid, das sie oder
ihre Eltern aus einem Container gezogen haben müssen. Es ist dreckig und zerrissen. Sie hat
schöne, lange schwarze Haare, die fettig aneinander kleben.

Sie schaut von seinen Schuhe hinauf. Wischt sich die Haare aus dem Gesicht und streckt
automatisch ihre Finger nach ihm aus. Eine Geste, die sie so oft beobachtet.

Der Mann kniet sich vor ihr nieder und legt zwei Scheine in ihre offene Hand. Sie versteht nicht,
warum alle diese Scheine so mögen. Jedoch verschließt sie gut ihre Hand und läuft los.

Vorbei an den Mülltonnen. Durch die Enge der Gasse. Durch das kleine Loch im Zaun, in die Arme
ihrer Großmutter. Stolz überreicht sie die Papiere. An diesem Tag hat sie zum ersten Mal Gulab
Jamun, Teigbällchen mit Zuckersirup gegessen.

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