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70.

-74-Tausend: Februar 1994

Ungekürzte Ausgabe
Veröffentlicht im Fischer Taschenbuch Verlag GmbH,
Frankfurt am Main, November 1987
Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung
der Ammann Verlags AG, Zürich
Die portugiesische Originalausgabe erschien 1982
unter dem Titel "Livro do Desassossego"
im Verlag Atica, S. A. R. L., Lissabon.
© Atica, S.A.R.L., Lissabon 1982
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© Ammann Verlag AG, Zürich 1985
Umschlaggestaltung: Jan Buchholz/ReniHinsch
Druck und Bindung: Clausen & Bosse, Leck
Printed in Germany
ISBN 3-596-29131-3

Gedruckt auf chlor- und säurefreiem Papier


Der 1935 als nahezu Unbekannter in Lissabon ge-
storbene Fernando Pessoa gilt heute als der bedeu-
tendste portugiesische Dichter des 20. Jahrhunderts
und eine der Schlüsselfiguren der literarischen
Moderne. Sein »Buch der Unruhe«, an dem er über 20
Jahre gearbeitet hat, ist ein grandioses Dokument
existentieller Traurigkeit. Es ist gefügt aus den Auf-
zeichnungen - Beobachtungen, Reflexionen, Medi-
tationen - des fiktiven Hilfsbuchhalters Bernardo
Soares, in denen dieser sich in radikaler Weise den
Fragen nach der Bestimmung des Menschen, dem
Sinn des Lebens und den Geheimnissen seines Ichs
stellt.
Als Pessoas >Buch der Unruhe< 1985, 50 Jahre nach dem Tod des Autors, in
deutscher Übersetzung erschien, wurde es von der Kritik sogleich als ein litera-
risches Ereignis ersten Ranges gefeiert.
>Das Buch der Unruhe<, eines der traurigsten Bücher Portugals, setzt sich aus
den fiktiven Aufzeichnungen des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares zusammen,
der im konkreten Sinne eine gewisse Ähnlichkeit, wenngleich keine Identität
mit dem Autor Pessoa hat, im metaphorisch-übertragenen aber für den Men-
schen schlechthin steht: »Wir alle, die wir träumen und denken, sind Buchhalter
und Hilfsbuchhalter in einem Stoffgeschäft oder in einem Geschäft mit einem
anderen Stoff in irgendeiner anderen Altstadt. Wir führen Buch und erleiden
Verluste; wir summieren und gehen dahin; wir schließen Bilanz und der un-
sichtbare Saldo spricht immer gegen uns.« So ist auch die Rua dos Douradores
in der Lissabonner Altstadt, wo sich das unscheinbare Leben des Hilfsbuchhal-
ters abspielt, als ein verkleinertes Abbild der ganzen Welt zu sehen.
Aus zahlreichen Fragmenten, Skizzen und Aphorismen komponiert, keinem
erzählerischen Kontinuum, sondern Assoziations ketten folgend, hat das Buch
eine extrem offene, extrem moderne Form. Ein Hauptgegenstand dieser Beob-
achtungen, Meditationen, Reflexionen, die Soares-Pessoa über die Welt im all-
gemeinen und die eigene Persönlichkeit anstellt, ist die Frage nach der Bestim-
mung des Menschen, nach dem Sinn des Lebens und den Geheimnissen seines
Ichs, und sie führt ihn in eine erbarmungslose, um Begriffe wie >Überdruß<,
>Angst<, >Lebensekel<, >Fremdheit< zentrierte Selbst- und Zeitdiagnose.
>Das Buch der Unruhe ist ein grandioses Dokument existentieller Traurigkeit.
»Es scheint mir unmöglich, von ihm nicht gefesselt zu sein. Denn auf diesen
Seiten wird unsere Sache abgehandelt.« (C. Meyer-Clason)

Fernando Pessoa, der 1935 im Alter von 47 Jahren gestorben ist, gilt heute als
der wichtigste Dichter der Moderne in der portugiesischen Literatur. Zu Leb-
zeiten hat er nur wenig veröffentlicht; wenn überhaupt, so kannte die Nachwelt
ihn als Lyriker. Das Erscheinen der Prosaaufzeichnungen Pessoas, 1982 im por-
tugiesischen Original, war daher eine literarische Sensation.
Pessoa wurde 1888 in Lissabon geboren; er verbrachte seine Jugend in Durban
in Südafrika, wo sein Stiefvater Konsul war. Mit 17 Jahren kehrte er nach Lissa-
bon zurück und führte dort bis zu seinem Tod eine äußerst unscheinbare Exi-
stenz als Handelskorrespondent. Pessoa schrieb für die Truhe. Sein literarischer
Nachlaß, der 27543 Manuskripte umfaßt, enthält Lyrik, dramatische Skizzen,
politische, soziologische und essayistische Schriften.
Im Fischer Taschenbuch Verlag sind von Pessoa außerdem erschienen: >Alber-
to Caeiro/Dichtungen, Ricardo Reis/Oden< (Bd. 9132), >Ein anarchistischer
Bankier« (Bd. 10306), »Alvaro de Campos/Dichtungen< (Bd. 10693), das Lese-
buch >Algebra der Geheimnisse« (Bd. 9133) und >Dokumente zur Person und
ausgewählte Briefe« (Bd. 11147).
Die Anordnung der Fragmente ist in der deutschen Ausgabe
gegenüber der portugiesischen Originalausgabe abgeändert wor-
den.

Erläuterung der Zeichen

(?) Zweifel der portugiesischen Herausgeber an der Ent-


schlüsselung eines handschriftlichen Wortes.
[. . .] Lücke im portugiesischen Original
(. . .) Vom Übersetzer gekürzt.
Fernando Pessoa
Das Buch der Unruhe
des Hilfsbuchhalters
Bernardo Soares
Aus dem Portugiesischen
übersetzt und mit
einem Nachwort versehen
von Georg Rudolf Lind

Fischer Taschenbuch Verlag


Aspekte

Das vielgestaltige Werk, das hier vorliegt, ist seiner Grundhaltung nach
dramatisch, wenngleich auf unterschiedliche Weise — in Prosastücken, in
Gedichten oder philosophischen Texten.
Die Geistesverfassung, aus der es entsprang, mag man als Privileg oder
als Krankheit betrachten. Sicher ist indessen, daß der Autor dieser Zeilen
— ich weiß nicht, ob auch der Autor dieser Bücher — niemals nur eine
einzige Persönlichkeit war, niemals anders als dramatisch gedacht und
empfunden hat, das beißt durch die Maske einer angenommenen Person oder
Persönlichkeit, die besser als er selbst diese Gefühle empfinden konnte.
Manche Schriftsteller schreiben Dramen und Novellen, und in diesen
Dramen und Novellen unterstellen sie ihren Gestalten Gedanken und
Gefühle und sind häufig genug entrüstet, wenn man diese für ihre eigenen
Gedanken oder Gefühle hält. Bei dem vorliegenden Werk verhält es sich,
obschon in anderer Form, im Grunde genauso.
Jeder dauerhafteren Persönlichkeit, die der Verfasser dieser Bücher in
sich zu erleben vermochte, hat er eine bestimmte Ausdrucksweise gegeben
und aus dieser Persönlichkeit einen Autor mit seinem Buch oder verschiede-
nen Büchern entwickelt; mit ihren Gedanken, ihren Gefühlen, ihrer Kunst
hat er, der wirkliche Verfasser (oder vielleicht auch nur der scheinbare,
denn wir wissen ja nicht, was die Wirklichkeit ist), nichts zu schaffen,
abgesehen davon, daß er bei der Niederschrift das Medium von Gestalten
war, die er selbst geschaffen hat.
Weder dieses noch die folgenden Werke haben irgend etwas mit dem
Erfasser zu tun. Weder ist er einverstanden mit dem, was in ihnen
niedergelegt ist, noch ist er dagegen. Er schreibt wie unter Diktat; als ob
es ein Freund ihm diktierte und man ihn also mit Recht bitten könnte,
das Diktat niederzuschreiben, findet er das interessant — vielleicht nur
aus Freundschaft —, was er da als Diktat niederschreibt.
Als privates Ich kennt der Autor in sich selbst überhaupt keine
Persönlichkeit. Wenn er einmal eine Persönlichkeit in sich aufsteigen fühlt,
bemerkt er bald, daß es sich um ein von ihm selber verschiedenes, wiewohl
ähnliches Wesen handelt; um einen Sohn im Geiste sozusagen, mit ererbten
Eigenschaften, aber allen Unterschieden eines anderen Menschen.
Daß diese Eigenheit des Schriftstellers eine Form der Hysterie oder
der sogenannten Persönlichkeitsspaltung sei, wird vom Autor dieser Zeilen
weder bestritten noch bejaht. Da er ein Sklave seiner eigenen Vielheit ist,
würde es ihm nichts nützen, wenn er dieser oder jener Theorie über die
schriftlichen Ergebnisse dieser Vielheit beipflichtete.
Es kann nicht wundernehmen, daß dieses Verfahren, Kunst hervorzu-
bringen, befremdlich wirken muß; verwunderlich ist vielmehr, daß es
überhaupt etwas geben sollte, was nicht befremdlich wirkt.
Manche Theorien, die der Verfasser zum gegenwärtigen Zeitpunkt
vertritt, wurden ihm von einer der Personen eingegeben, die, auf einen
Augenblick, eine Stunde oder eine gewisse Zeit mit ihm verschmolzen,
durch seine eigene Persönlichkeit hindurchgezogen sind, falls es diese eigene
Persönlichkeit geben sollte.
Zu der Behauptung, diese ganz, verschiedenen, klar umrissenen Men-
schen, die verkörpert durch seine eigene gebogen sind, existierten gar nicht,
kann sich der Erfasser dieser Bücher nicht versteigen; denn weder weiß er,
was existieren heißt, noch wer wirklicher ist, Hamlet oder Shakespeare,
oder wer von ihnen in Wahrheit wirklich.
Bei diesen Büchern handelt es sich einstweilen um folgende: Zu-
nächst um das »Buch der Unruhe«, geschrieben von jemandem, der
von sich selbst behauptet, er heiße Vicente Guedes; ferner um »Der
Hirte« und andere Gedichte und Fragmente eines gewissen (ebenfalls
und auf gleiche Art verstorbenen) Alberto Caeiro, der 1889 in der
Nähe von Lissabon geboren wurde und 1915 ebendort verstarb. Wenn
jemand meinen sollte, es sei absurd, so von jemandem zu sprechen, der
nie existiert hat, so antworte ich ihm: Mir ist kein Beweis bekannt,
wonach Lissabon je existiert hat, oder ich, der dies niederschreibt,
oder überhaupt etwas, wo auch immer.
Dieser Alberto Caeiro hatte zwei Schüler und einen philosophischen
Nachfolger. Die beiden Schüler, Ricardo Reis und Alvaro de Campos,
schlugen verschiedene Wege ein; der erste verstärkte das von Caeiro entdeck-
te Heidentum und verwandelte es in künstlerische Orthodoxie, der zweite
ging von einem anderen Teil des Caeiro-Werks aus und entwickelte ein
gänzlich andersartiges System, das völlig auf den Empfindungen aufbaut.
Der philosophische Nachfolger Antonio Mora (die Namen sind so
unvermeidlich und von außen auferlegt wie die Personen) arbeitet an einem
oder zwei Büchern, in denen er die metaphysische und praktische Wahrheit
des Heidentums vollkommen beweisen wird. Ein zweiter Philosoph dieser
heidnischen Schule, dessen Name jedoch vor meinem inneren Seh- oder
Hörvermögen noch nicht aufgetaucht ist, wird eine Verteidigung des Hei-
dentums liefern, die auf ganz anderen Argumenten basiert.
Es ist durchaus möglich, daß später noch andere Individuen von der
gleichen Art wahrer Wirlichkeit zum Vorschein kommen. Ich weiß es nicht;
doch meinem Innenleben werden sie stets willkommen sein, da ich mit ihnen
besser als mit der äußeren Wirklichkeit zusammenzuleben vermag. Ich
brauche kaum zu sagen, daß ich mit einem Teil ihrer Theorien einverstanden
bin, mit anderen Teilen hingegen nicht. Das ist auch gänzlich gleichgültig.
Wenn sie etwas Schönes schreiben, so ist es schön, unabhängig von irgendwel-
chen metaphysischen Betrachtungen über die »wirklichen« Autoren. Wenn
ihre Gedankengänge Wahrheiten enthalten —falls es Wahrheiten geben sollte
in einer Welt, die ein »es gibt nichts« ist — so sind sie wahr, unabhängig von
der Absiebt oder »Wirklichkeit« dessen, der sie hervorgebracht hat.
Dergestalt werde ich im Mindestfall zum Narren, der hohe Träume hegt,
im Höchstfall nicht ein einzelner Schriftsteller, sondern eine ganze Literatur,
und selbst wenn das nicht dazu beitrüge, mich zu unterhalten, was für mich
schon vollkommen ausreichend wäre, trage ich möglicherweise dazu bei, das
Weltall zu vergrößern; denn wer bei seinem Tode einen schönen Virs hinter-
läßt, hat Himmel und Erde bereichert und den Grund für das Vorhandensein
von Sternen und Menschen in ein stärker gefühltes Geheimnis erhoben.
Was kann denn ein genialer Mensch angesichts eines heute derart spürbaren
Mangels an Literatur anderes tun als sich ganz für sich allein in eine
Literatur verwandeln? Was kann ein sensibler Mensch angesichts des Mangels
an Zeitgenossen, mit denen sich der Umgang lohnt, Besseres tun, als seine
Freunde oder zumindest geistigen Gefährten selbst zu erfinden? . . .
Vor meinem Auge, das ich nur deshalb inneres Auge nenne, weil ich eine
bestimmte Welt »äußerlich« nenne, stehen fest, klar umrissen, bekannt und
genau unterschieden die Physiognomien, Wesenszüge, Lebensläufe, Herkunft
und in einigen Fällen auch der Tod dieser Gestalten. Einige von ihnen waren
miteinander bekannt, andere nicht. Mich persönlich hat keiner von ihnen
gekannt, außer Alvaro de Campos. Aber sollte ich morgen auf einer
Amerikareise plötzlich leibhaftig auf Ricardo Reis treffen, der meines
Wissens drüben lebt, so würde meine Seele keine Geste des Erstaunens auf
den Körper übertragen; alles hätte nur seine Richtigkeit, wie schon zuvor alles
seine Richtigkeit hatte.

(Aus: »Paginas intimas e de auto-interpretacao«)


Vorwort

In Lissabon gibt es einige wenige Restaurants oder kleine Gast-


häuser, da liegt oberhalb eines Geschäftes, das wie eine dezente
Taverne aussieht, ein Zwischengeschoß, das so schwerfällig und
hausbacken wirkt wie ein Restaurant in einer Ortschaft ohne
Bahnanschluß. In diesen, abgesehen von den Sonntagen, wenig
besuchten Zwischengeschossen kann man häufig sonderbare
Typen, Gesichter ohne Interesse, Abseitige des Lebens antreffen.
Der Wunsch nach Ruhe und die mäßigen Preise ließen mich in
einer gewissen Epoche meines Lebens zum häufigen Gast in
einem solchen Zwischengeschoß werden. Es ergab sich nun, daß
ich dort, wenn ich zufällig gegen sieben zu Abend aß, fast immer
ein Individuum antraf, dessen Aussehen mich anfänglich nicht,
dann aber nach und nach zu fesseln begann.
Der Mann war ungefähr dreißig Jahre alt, mager und eher groß
als klein, er beugte sich übertrieben vornüber, wenn er saß,
weniger wenn er stand, und war mit einer gewissen Nachlässig-
keit, aber doch nicht ganz nachlässig gekleidet. Seinem blassen,
nicht gerade ausdrucksstarken Gesicht konnte auch seine Leidens-
miene keinen stärkeren Ausdruck verleihen, und es erwies sich als
schwierig, genauer zu beschreiben, auf welche Art Leiden diese
Miene hindeutete — sie schien auf mehrere zu verweisen, auf
Entbehrungen, Ängste und jenes dem Gleichmut entstammende
Leid, das auftritt, wenn man viel durchgemacht hat.
Er aß stets wenig zu Abend und rauchte anschließend billigen,
nach Gewicht gekauften Tabak. Aufmerksam, nicht mißtrauisch,
sondern mit besonderer Teilnahme beobachtete er die anwesenden
Gäste; doch beobachtete er sie nicht, als ob er sie eingehend zu
ergründen suche, sondern als ob er an ihnen gleichsam Anteil
nehme, ohne sich ihre Gesichtszüge oder die Äußerungen ihrer
Wesensart im einzelnen einprägen zu wollen. Diese Eigenheit
weckte mein Interesse für ihn zuerst.
Ich sah ihn mir nun genauer an. Ich bemerkte, daß ein gewisser
Ausdruck von Intelligenz in unbestimmt-bestimmter Weise seine
Züge belebte. Doch verhüllte sie Niedergeschlagenheit und die
Stagnation der kalten Angst mit solcher Regelmäßigkeit, daß es
schwierig wurde, einen anderen Wesenszug außer diesem ausfin-
dig zu machen.
Zufällig hörte ich von einem Kellner des Restaurants, daß er
kaufmännischer Angestellter in einem nahe gelegenen Geschäfts-
haus war.
Eines Tages kam es auf der Straße unter unseren Fenstern zu
einem Zwischenfall: Zwei Kerle prügelten sich. Wer sich gerade
im Zwischengeschoß aufhielt, lief ans Fenster, auch ich und der
Mann, von dem ich rede. Ich wechselte mit ihm einen hingeworfe-
nen Satz, und er antwortete mir in gleicher Weise. Seine Stimme
klang matt und zaghaft, wie die Stimme eines Menschen, der
nichts erwartet, weil es ganz nutzlos ist, irgend etwas zu erwarten.
Vielleicht war es aber auch ganz verfehlt, daß ich meinem abend-
lichen Restaurantgefährten diese Bedeutung beimaß.
Seit jenem Tage gingen wir — ich weiß nicht warum — dazu über,
einander zu grüßen. Eines guten Tages, als wir uns möglicherweise
durch den absurden Umstand nähergekommen waren, daß wir beide
um halb zehn zum Abendessen erschienen, kamen wir zufällig ins
Gespräch. Dabei fragte er mich, ob ich schriftstellerisch tätig sei. Ich
bejahte das. Ich erzählte ihm von der Zeitschrift »Orpheu«,* die kurz
zuvor erschienen war. Er lobte sie, lobte sie ziemlich ausführlich, und
darüber war ich nun wirklich erstaunt. Ich erlaubte mir, ihm meine
Verwunderung zu verstehen zu geben, denn die Kunst der »Or-
pheu«-Beiträger pflegt nur wenige zu erreichen. Er erwiderte, viel-
leicht gehöre er zu diesen wenigen. Im übrigen, fügte er hinzu, habe
ihm die »Orpheu«-Lektüre eigentlich nichts Neues gebracht:
Schüchtern deutete er an, weil er nicht wisse, wohin er gehen und
was er anstellen solle, weil er keine Freunde zu besuchen und keine
Freude am Bücherlesen aufbringen könne, pflege er die Nächte zu
verbringen, indem er ebenfalls schriebe.

* Die Zeitschrift des portugiesischen Modernismus, 1915 erschienen


(Anm. d. Ü.)
1. Artikel

Als die Generation geboren wurde, der ich angehöre, fand sie die
Welt ohne Stützen für Leute mit Herz und Hirn vor. Die zerstöre-
rische Arbeit der vorangegangenen Generation hatte bewirkt, daß
die Welt, in die wir hineingeboren wurden, uns keinerlei Sicher-
heit in religiöser Hinsicht, keinerlei Halt in moralischer Hinsicht
und keinerlei Ruhe in politischer Hinsicht bieten konnte. Wir
wurden in metaphysische Angst, in moralische Angst, in poli-
tische Unruhe hineingeboren. Trunken von äußerlichen Formeln,
von den bloßen Verfahren der Vernunft und der Wissenschaft
hatten die uns vorangegangenen Generationen alle Fundamente
des christlichen Glaubens unterhöhlt, weil ihre Bibelkritik, die
von der Kritik an den Texten zur Kritik an der Mythologie des
Christentums übergegangen war, die Evangelien und die voran-
gehende Hierographie der Juden auf eine Ungewisse Ansamm-
lung von Mythen, Legenden und bloßer Literatur reduziert hatte;
ihre wissenschaftliche Kritik deckte Schritt um Schritt die Irrtü-
mer und groben Naivitäten der ursprünglichen »Wissenschaft«
der Evangelien auf; gleichzeitig schwemmte die Diskussionsfrei-
heit, die alle metaphysischen Probleme zur Debatte stellte, die
religiösen Probleme mit sich fort, so weit sie metaphysischer
Natur waren. Trunken von einer Ungewissen Sache, die sie »Posi-
tivismus« nannten, kritisierten diese Generationen die gesamte
Moral, durchstöberten alle Lebensregeln, und von diesem Zusam-
menstoß der Lehrmeinungen blieb nur die Ungewißheit aller
zurück und der Schmerz darüber, daß es keine Gewißheit gab.
Eine solcherart in ihren Grundlagen erschütterte Gesellschaft
konnte konsequenterweise auch in der Politik nur ein Opfer
dieser Disziplinlosigkeit werden; und so erwachten wir für eine
nach gesellschaftlichen Neuerungen begierige Welt, und mit Freu-
de ging man auf die Eroberung einer Freiheit los, von der man
nicht wußte, was sie war, und auf einen Fortschritt, der nie genau
definiert worden war.
Aber der grobschlächtige Kritizismus unserer Eltern hinterließ
uns zwar die Unmöglichkeit, Christen zu sein, nicht aber die
Zufriedenheit mit dieser Unmöglichkeit; er hinterließ uns den
Unglauben an die überlieferten moralischen Formeln, nicht aber
die Gleichgültigkeit gegen die Moral und die Regeln des mensch-
lichen Zusammenlebens; er ließ zwar das politische Problem in
der Schwebe, unseren Geist aber nicht gleichgültig gegenüber der
Lösung dieses Problems. Unsere Eltern zerstörten mit Befriedi-
gung, weil sie in einer Epoche lebten, in der noch Reste der
soliden Vergangenheit übriggeblieben waren. Eben das, was sie
zerstörten, hatte der Gesellschaft Kraft verliehen, so daß sie es
zerstören konnten, ohne die Risse am Gebäude zu bemerken. Wir
haben die Zerstörung und ihre Resultate geerbt.
Im heutigen Leben gehört die Welt nur den Narren, den Grob-
schlächtigen und den Betriebsamen. Das Recht zu leben und zu
triumphieren erwirbt man heute fast durch die gleichen Verfah-
ren, mit denen man die Einweisung in ein Irrenhaus erreicht: die
Unfähigkeit zu denken, die Unmoral und die Übererregtheit.

Ich gehöre zu einer Generation, die den Unglauben an den christ-


lichen Glauben geerbt und in sich den Unglauben gegenüber allen
anderen Glaubensüberzeugungen hergestellt hat. Unsere Eltern
besaßen noch den Impuls des Glaubens und übertrugen ihn vom
Christentum auf andere Formen der Illusion. Einige waren En-
thusiasten der sozialen Gleichheit, andere nur in die Schönheit
verliebt, andere glaubten an die Wissenschaft und ihre Vorzüge,
und wieder andere gab es, die dem Christentum stärker verbun-
den blieben und in Orient und Okzident nach religiösen Formen
suchten, mit denen sie das ohne diese Formen hohle Bewußtsein,
nur noch am Leben zu sein, beschäftigen könnten.
All das haben wir verloren, all diesen Tröstungen gegenüber
sind wir als Waisenkinder geboren worden. Jede Zivilisation folgt
der inneren Linie einer Religion, die sie repräsentiert: Auf andere
Religionen übergehen heißt, diese verlieren und damit letztlich
alle verlieren.
Wir haben diese eingebüßt und die anderen ebenfalls.
Mithin ist jeder einzelne von uns sich selbst überlassen worden und
der Trostlosigkeit, sich am Leben zu fühlen. Ein Schiff scheint ein
Gegenstand zu sein, dessen Bestimmung die Seefahrt ist; doch seine
Bestimmung ist nicht die Seefahrt, sondern die Einfahrt in einen
Hafen. Wir haben uns auf hoher See gefunden ohne die Vorstellung
von einem Hafen, in dem wir hätten Zuflucht suchen können. So
wiederholen wir auf schmerzliche Art und Weise die Abenteuer-
formel der Argonauten: Seefahrt tut not, Leben tut nicht not.
Illusionslos leben wir nur vom Traum, der Illusion dessen, der
keine Illusionen haben kann. Aus uns selber lebend vermindern
wir unseren Wert, denn der vollständige Mensch ist der Mensch,
der sich nicht kennt. Ohne Glauben haben wir keine Hoffnung
und ohne Hoffnung haben wir kein Leben im eigentlichen Sinne.
Da wir keine Vorstellung von der Zukunft haben, haben wir auch
keine Vorstellung vom Heute, denn das Heute ist für den Tatmen-
schen nur ein Vorspiel der Zukunft. Der Kampfesmut ist abge-
storben mit uns auf die Welt gelangt, denn wir wurden ohne
Begeisterung für den Kampf geboren.
Einige von uns stagnierten in der schalen Eroberung des All-
tags, gemein und niedrig auf der Jagd nach dem täglichen Brot,
und sie wollten es ohne das Gefühl der Arbeit, ohne das Bewußt-
sein der Anstrengung, ohne den Adel des Gelingens erhalten.
Wir anderen, besser Gearteten enthielten uns der Teilnahme
am öffentlichen Leben, verlangten nichts und wünschten
nichts und versuchten statt dessen, das Kreuz unseres bloßen
Existierens auf den Kalvarienberg des Vergessens zu schlep-
pen. Eine aussichtslose Bemühung für denjenigen, der nicht,
wie der Träger des Kreuzes, einen göttlichen Ursprung in sei-
nem Bewußtsein fühlt.
Andere haben sich extrovertiert dem Kult der Verwirrung und
des Lärms ergeben und zu leben gemeint, wenn sie sich nur selber
hörten, und zu lieben geglaubt, wenn sie die Äußerlichkeiten der
Liebe nachvollzogen. Das Leben schmerzte uns, weil wir wußten,
daß wir lebendig waren; das Sterben erschreckte uns nicht, weil
wir den normalen Begriff des Todes verloren hatten.
Andere jedoch, Rasse des Endes, geistige Grenze der toten
Stunde, fanden nicht einmal den Mut zur Negation und zum Asyl
in sich selber. Ihr Leben verlief in Verneinung, in Unzufriedenheit
und in Trostlosigkeit. Wir aber erleben es von innen, ohne uns
zu gebärden, stets mindestens in der Art und Weise unserer
Lebensführung in die vier Wände des Zimmers eingeschlossen
und in die vier Mauern, handlungsunfähig zu sein.

(zum Anfang gehörend) 29.3.1930

Ich bin zu einer Zeit geboren worden, in der die Mehrheit der
jungen Leute den Glauben an Gott verloren hatte, aus dem
gleichen Grund, aus welchem ihre Vorfahren an Gott geglaubt
hatten — ohne zu wissen warum. Und da wählte die Mehrheit
dieser jungen Leute, weil der menschliche Geist von Natur aus
dazu neigt, Kritik zu üben, weil er fühlt, nicht weil er denkt, die
Menschheit als Ersatz für Gott. Ich gehöre jedoch zu jener Art
von Menschen, die immer am Rande stehen und nicht nur die
Menschenmenge sehen, deren Teil sie bilden, sondern auch die
Freiräume daneben. Deshalb habe ich Gott nie so weitgehend
aufgegeben wie sie und niemals die Menschheit als Ersatz akzep-
tiert. Ich war der Ansicht, daß Gott, auch wenn er unwahrschein-
lich war, dennoch vorhanden sein und also auch angebetet werden
konnte, daß aber die Menschheit, da sie eine rein biologische
Vorstellung ist und nicht mehr bedeutet als die Gattung menschli-
cher Lebewesen, der Anbetung nicht würdiger sei als irgendeine
andere tierische Gattung. Dieser Menschheitskult mit seinen
Riten von Freiheit und Gleichheit erschien mir stets wie ein
Wiederaufleben jener alten Kulte, in denen Tiere Götter waren
oder die Götter Tierköpfe trugen.
Da ich also weder an Gott noch an eine Summe von Lebewe-
sen glauben konnte, verblieb ich wie andere Außenseiter in jener
Distanz zu allem, die man gemeinhin Dekadenz nennt. Dekadenz
bedeutet den vollständigen Verlust der Unbewußtheit, denn die
Unbewußtheit ist das Fundament des Lebens. Wenn das Herz
denken könnte, würde es still stehen.
Was bleibt jemandem, der wie ich lebendig ist und doch kein
Leben zu haben versteht — ebenso wie den wenigen Menschen
meiner Art — anderes übrig als der Verzicht als Lebensweise und
die Kontemplation als Schicksal? Da wir nicht wissen, was religiö-
ses Leben ist, es auch nicht wissen können, weil man nicht mit
der Vernunft Glauben haben kann, da wir auch nicht an die
Abstraktion Mensch glauben können und nicht einmal wissen,
was wir für uns selbst mit ihr anfangen sollen, blieb uns als Motiv
für unsere Seele nur die ästhetische Betrachtung des Lebens. Und
so ergeben wir uns, fühllos für die Feierlichkeiten aller Wehen,
gleichgültig gegenüber dem Göttlichen und Verächter des Mensch-
lichen nichtsnutzig der absichtslosen Empfindung und pflegen sie
in einem verfeinerten Epikureertum, wie es unseren Gehirn-
nerven zugute kommt.
Indem wir von der Naturwissenschaft nur ihr Hauptgebot
behalten, daß alles schicksalhaften Gesetzen unterworfen ist,
gegen die man nicht unabhängig reagieren kann, weil reagieren
schon heißen würde, sie hätten bewirkt, daß wir reagieren muß-
ten, indem wir außerdem feststellen, daß dieses Gebot mit dem
anderen, älteren vom göttlichen Verhängnis der Dinge überein-
stimmt, verzichten wir auf die Anstrengung wie die Schwäch-
linge auf das Training der Athleten und beugen uns über das Buch
der Empfindungen mit dem großen Skrupel gefühlter Gelehrsam-
keit.
Indem wir nichts ernst nehmen und auch nicht meinen, daß uns
eine andere Wirklichkeit als gewiß gegeben sei als unsere Empfin-
dungen, suchen wir bei ihnen Zuflucht und erforschen sie wie
große unbekannte Länder. Und wenn wir so großen Fleiß nicht
nur auf die ästhetische Betrachtungsweise, sondern auch auf den
Ausdruck ihrer Vorgänge und Ergebnisse verwenden, so ge-
schieht das, weil Prosa oder Verse, die wir schreiben, von der
Absicht befreit, fremdes Verständnisvermögen überzeugen zu
wollen oder fremden Willen zu bewegen, nur wie das laute Vor-
sichhinsprechen eines Lesenden sind, das dazu beiträgt, dem sub-
jektiven Genuß der Lektüre volle Objektivität zu verschaffen.
Wir wissen wohl, daß jedes Werk unvollkommen sein muß und
unsere ästhetische Betrachtung dem gegenüber, was wir schrei-
ben, am unsichersten ist. Unvollkommen jedoch ist alles, es gibt
keinen noch so schönen Sonnenuntergang, der nicht noch schö-
ner sein könnte, keine leichte Brise, die uns Schlaf verschafft, die
uns nicht einen noch ruhigeren Schlaf verschaffen könnte. Und
so werden wir, gleichmäßige Betrachter der Berge und der Sta-
tuen, die Tage genießen wie die Bücher und alles vor allem zu dem
Zweck erträumen, es unserer inneren Substanz anzuverwandeln,
und dazu Beschreibungen und Analysen anfertigen, die, wenn sie
erst einmal vorliegen, zu fremden Dingen werden, die wir genie-
ßen können, als ob sie zur Abendzeit kämen.
Das ist keine pessimistische Vorstellung wie diejenige de Vignys,
dem das Leben als ein Gefängnis vorkam, in dem er zu seiner
Unterhaltung Stroh flocht. Pessimist sein heißt etwas als tragisch
auffassen, und diese Haltung ist eine Übertreibung und eine
Unbequemlichkeit. Wir besitzen, das steht fest, keinen Wertbe-
griff, den wir auf das Werk, das wir hervorbringen, anwenden
könnten. Wir bringen es hervor, das ist ganz sicher, um uns zu
zerstreuen, aber nicht wie der Gefangene, der Stroh flicht, um sich
angesichts des Schicksals zu zerstreuen, sondern wie das junge
Mädchen, das Kissen bestickt, um sich zu unterhalten — und
weiter nichts.
Ich betrachte das Leben als eine Herberge, in der ich verweilen
muß, bis die Postkutsche des Abgrunds eintrifft. Ich weiß nicht,
wohin sie mich führen wird, weil ich gar nichts weiß. Ich kann
diese Herberge als ein Gefängnis betrachten, weil ich gezwungen
bin, in ihr zu warten; ich kann sie auch als einen Ort der Gesellig-
keit ansehen, weil ich hier anderen Menschen begegne. Ich bin
jedoch weder ungeduldig noch gewöhnlich. Ich überlasse diejeni-
gen ihrer Neigung, die sich in ihrem Zimmer einschließen und
schlaff auf ihr Bett werfen, wo sie schlaflos warten; ich überlasse
auch diejenigen ihrem Treiben, die sich in den Sälen unterhalten,
aus denen bewegte Stimmen und Musik zu mir dringen. Ich setze
mich an die Tür und tränke meine Augen und Ohren mit den
Farben und Tönen der Landschaft und singe langsam, für mich
allein, undeutliche Lieder, die ich während des Wartens kompo-
niere.
Für uns alle wird die Nacht hereinbrechen und die Postkutsche
eintreffen. Ich genieße die Brise, die mir vergönnt ist, und die
Seele, die man mir gab, um sie zu genießen, und ich hinterfrage
und suche nicht weiter. Wenn das, was ich ins Buch der Reisenden
eingetragen zurücklasse, eines Tages von anderen nachgelesen
wird und sie während der Durchreise unterhält, soll es gut sein.
Wenn sie es nicht lesen und sich nicht damit unterhalten, ist es
ebenfalls gut.

Ich beneide — und weiß doch nicht, ob ich wirklich beneide —


diejenigen, über die man eine Biographie schreiben kann oder die
ihre eigene Biographie schreiben können. Vermittels dieser Ein-
drücke ohne Zusammenhang und ohne den Wunsch nach einem
Zusammenhang erzähle ich gleichmütig meine faktenlose Auto-
biographie, meine Geschichte ohne Leben. Es sind meine Be-
kenntnisse und, wenn ich in ihnen nichts aussage, so, weil ich
nichts auszusagen habe.
Was sollte denn wohl jemand bekennen, was wertvoll oder
nützlich sein könnte? Was uns zugestoßen ist, ist entweder allen
zugestoßen oder uns allein; im einen Falle ist es keine Neuigkeit,
im anderen unverständlich. Wenn ich das aufschreibe, was ich
fühle, so tue ich es, weil ich so das Fieber zu fühlen senke. Was
ich bekenne, hat keine Wichtigkeit, denn nichts hat Wichtigkeit.
Ich mache Landschaften aus dem, was ich fühle. Ich mache Ferien
aus den Empfindungen. Ich kann gut begreifen, daß Stickerinnen
aus Kummer sticken und Frauen Strümpfe stricken, weil es das
Leben gibt. Meine alte Tante legte Patiencen während der Endlo-
sigkeit des Abends. Diese Bekenntnisse des Fühlens sind meine
Patiencen. Ich deute sie nicht, wie jemand Spielkarten benutzt, um
sein Schicksal zu erfahren. Ich horche sie nicht ab, denn in den
Patiencen besitzen die Karten keinen eigentlichen Wert. Ich rolle
mich auf wie ein buntes Gewebe oder ich mache Stoffpuppen aus
mir, wie man sie auf den ausgespreizten Händen webt und von
Kind zu Kind weiterreicht. Ich achte nur darauf, daß der Daumen
nicht die ihm zugedachte Schlinge verfehlt. Dann drehe ich die
Hand herum, und das Bild verändert sich. Und ich beginne von
vorn.
Leben heißt Strümpfe stricken aus einer Absicht der Mitmen-
schen. Dabei aber sind die Gedanken frei, und alle verzauberten
Prinzen können in ihren Parks Spazierengehen, während die El-
fenbeinnadel mit der umgekehrten Spitze wieder und wieder
eintaucht. Häkelei der Dinge . . . Abstand . . . Nichts . . .
Womit kann ich im übrigen bei mir rechnen? Mit einer schreck-
lichen Schärfe der Empfindungen und dem tiefen Verstehen, eben
jetzt zu fühlen . . . Mit einer schneidenden Intelligenz, mich zu
zerstören, und mit einer Fähigkeit zu träumen, die es dazu drängt,
mich zu unterhalten . . . Mit einem abgestorbenen Willen und
einer Reflexion, die ihn einwiegt, als wäre er ein lebendiges
Kind. . . . Jawohl, Häkelarbeit. . .

Ich sehe mit Gelassenheit, ohne mehr als ein mögliches Lächeln
der Seele, voraus, daß mein Leben für immer auf diese Rua dos
Douradores eingeschränkt sein wird, auf dieses Büro, auf diese
Menschen und ihre Atmosphäre. Etwas zu verdienen, was mir
mein Essen und Trinken sichert, eine Behausung verschafft und
einen geringen Spielraum in der Zeit, um zu träumen, zu schrei-
ben und — zu schlafen, was könnte ich mehr von den Göttern
erbitten oder vom Schicksal erwarten?
Ich habe ehrgeizige Pläne und ausschweifende Träume gehegt
— doch die haben auch der Dienstmann oder die Näherin ge-
nährt, denn Träume hegen alle Leute: was uns unterscheidet, ist
die Kraft, sie zu verwirklichen, oder die Schicksalsbestimmung,
daß sie sich für uns verwirklichen.
In Träumen bin ich dem Dienstmann und der Näherin gleich.
Von ihnen unterscheidet mich nur, daß ich schreiben kann. Ja, das
ist ein Akt, eine mir vorbehaltene Wirklichkeit, die mich von
ihnen unterscheidet. In der Seele bin ich ihresgleichen.
Ich weiß wohl, es gibt Inseln im Süden und große kosmopoliti-
sche Leidenschaften [. . .]
Wenn ich die Welt in der Hand hätte, würde ich sie, dessen bin
ich sicher, gegen eine Fahrkarte zur Rua dos Douradores eintau-
schen.
Vielleicht ist es mein Schicksal, ewig ein Buchhalter sein zu
müssen, und Dichtung und Literatur sind ein Schmetterling, der
sich auf meinem Kopf niederläßt und mich um so lächerlicher
erscheinen läßt, je größer seine Schönheit ist.
Ich werde Sehnsucht nach Herrn Moreira verspüren, aber was
sind Sehnsüchte gegenüber einer Beförderung?
Ich weiß genau, daß der Tag, an dem ich Buchhalter des Hauses
Vasques & Co. werde, einer der großen Tage meines Lebens sein
wird. Ich weiß es in bitterer und ironischer Vorwegnahme, aber
ich weiß es mit dem geistigen Vorzug der Gewißheit.

(...)
Wir alle, die wir träumen und denken, sind Buchhalter und
Hilfsbuchhalter in einem Stoffgeschäft oder in irgendeinem ande-
ren Geschäft in irgendeiner Unterstadt. Wir fuhren Buch und
erleiden Verluste; wir ziehen die Summe und gehen vorüber; wir
schließen die Bilanz, und der unsichtbare Saldo spricht immer
gegen uns.
(...)

An den ersten Tagen des jäh anbrechenden Herbstes, wenn der


Einbruch der Dunkelheit vorzeitig wirkt und es den Anschein
hat, als hätten wir uns bei dem, was wir über Tage tun, verspätet,
genieße ich schon bei der täglichen Arbeit die vorweggenommene
Empfindung, nicht zu arbeiten, das die Dunkelheit mit sich
bringt, weil es dann Abend ist und Abend Schlaf, Heim und
Befreiung bedeutet. Wenn im weiträumigen Büro das Licht an-
geht und das Büro aufhört, im dunklen zu liegen, und wir den
Abend erleben, obwohl wir noch immer am Tage arbeiten, spüre
ich ein absurdes Wohlbefinden wie eine Erinnerung an jemand
anders. Ich beruhige mich bei dem, was ich schreibe, als ob ich
läse, bis ich spüre, daß ich zu Bett gehen werde.
Wir alle sind Sklaven äußerer Umstände: ein sonniger Tag
erschließt uns weite Felder mitten in einem Winkel-Cafe; ein
Schatten auf dem Feld bewirkt, daß wir uns ins Innere ducken und
nur mühsam schützen im türlosen Hause unserer selbst; der
einbrechende Abend erweitert, wie ein sich langsam öffnender
Fächer, selbst unter lauter Tagesdingen das innere Bewußtsein,
sich ausruhen zu müssen.
Dabei aber gerät die Arbeit nicht in Verzug: Sie belebt sich
eher. Wir arbeiten nun nicht mehr; wir erholen uns bei der
Aufgabe, zu der wir verurteilt sind. Auf dem großen Bogen
Linienpapier meines Zahlen reihenden Schicksals beherbergt das
alte Haus meiner alten Tanten, abgeschlossen gegen die Welt,
urplötzlich den schläfrigen 10-Uhr-Tee und die Petroleumlampe
meiner verlorenen Kindheit, die nur auf dem leinengedeckten
Tisch glänzt; sie verdunkelt mir mit ihrem Licht das Bild Herrn
Moreiras, den eine schwarze Elektrizität unendlich weit jenseits
meiner selbst erhellt. Man serviert den Tee — das Dienstmädchen,
das noch älter ist als die Tanten, bringt ihn noch schlaftrunken
herein, mit der geduldigen Mißlaunigkeit zärtlicher langer Vasal-
lenschaft, und ich trage, ohne mich zu irren, einen Posten oder
eine Summe durch all meine tote Vergangenheit hindurch ein. Ich
sauge mich wieder auf, ich verliere mich in mir, ich vergesse mich
in fernen Nächten, unbefleckt von Pflicht und Welt, jungfräulich
in Geheimnis und Zukünftigkeit.
Und so sanft ist die Vision, die mich Soll und Haben entfrem-
det, daß ich, wenn man mir zufällig eine Frage stellt, diese sanft
beantworte, so als ob ich mein hohles Sein wirklich besäße, als
ob ich nur die Schreibmaschine wäre, die ich mit mir trage, so
tragbar wie mein geöffnetes Selbst. Die Unterbrechung meiner
Träume schockiert mich nicht: Weil sie so sanft sind, träume ich
sie weiter fort unter all dem Reden, Schreiben, Antworten und
Unterhalten. Und durch das alles hindurch geht die verlorene
Teestunde zu Ende, und das Büro schließt. . . Von dem Haupt-
buch, das ich langsam schließe, hebe ich meine von nicht vergos-
senen Tränen erschöpften Augen auf und nehme es mit gemisch-
ten Gefühlen hin, daß mit der Schließung des Büros auch mein
Traum geschlossen wird; daß ich mit der Geste der Hand, mit der
ich das Buch zuklappe, die unwiederbringliche Vergangenheit
zudecke; daß ich schlaflos in das Bett des Lebens steige ohne
Gesellschaft und ohne Ruhe, in Ebbe und Flut meines vermisch-
ten Bewußtseins, wie zwei Gezeiten in der schwarzen Nacht, am
Ende des Schicksals von Sehnsucht und Untröstlichkeit.
30.12.1932

Seit die letzten Regenfalle den Himmel verließen und auf der Erde
zurückblieben — der Himmel rein, die Erde feucht und spiegelnd
— hat die größere Klarheit des Lebens, die zugleich mit der Bläue
in der Höhe zurückkehrte und sich hier unten an der frischen
Nachregenstimmung freute, ihren eigenen Himmel in den Seelen,
ihre Erfrischung in den Herzen zurückgelassen.
Wir sind, so wenig wir das auch wollen, Knechte der Stunde
und ihrer Farben und Formen, Untertanen des Himmels und der
Erde. Selbst derjenige unter uns, der sich ganz und gar in sich
selber verkriecht und das, was ihn umgibt, verachtet, selbst er
verkriecht sich nicht auf die gleiche Weise, wenn es regnet, wie
wenn der Himmel klar ist. Dunkle Wandlungen gehen, vielleicht
nur im Innersten der abstrakten Gefühle verspürt, vonstatten,
weil es regnet oder weil es aufgehört hat zu regnen, werden
fühlbar, ohne daß man sie fühlen könnte, denn, ohne es eigentlich
zu fühlen, hat man doch das Wetter gefühlt.
Jeder von uns ist mehrere, ist viele, ist ein Übermaß an Selb-
sten. Deshalb ist, wer die Umgebung verachtet, nicht derselbe, der
sich an ihr erfreut oder unter ihr leidet. In der weitläufigen
Kolonie unseres Seins gibt es Leute von mancherlei Art, die auf
unterschiedliche Weise denken und fühlen. In diesem Augenblick,
in dem ich in einer berechtigten Pause innerhalb der heute spärli-
chen Arbeit diese wenigen Eindrücke niederschreibe, bin ich der
Mann, der sie aufmerksam niederschreibt, der zufrieden ist, daß
er in dieser Stunde nicht zu arbeiten braucht, der den von hier aus
unsichtbaren Himmel dort draußen erblickt, der dies alles über-
denkt, der seinen Körper zufrieden und seine Hände noch etwas
klamm spürt. Und diese meine ganze Welt aus einander fremden
Leuten wirft wie eine mannigfaltige, aber blockartige Menschen-
menge einen einzigen Schatten — diesen stillen, schreibenden
Körper, mit dem ich mich stehend an das hohe Schreibpult des
Herrn Borges lehne, auf welchem ich nach meinem Radiergummi
gesucht habe, den ich ihm zuvor geliehen hatte.
Nur etwas erstaunt mich mehr als die Dummheit, mit der die
meisten Menschen ihr Leben leben: das ist die Intelligenz, die in
dieser Dummheit steckt.
Dem Schein nach ist die Eintönigkeit der normalen Lebensläu-
fe entsetzlich. Ich speise in diesem einfachen Gasthaus und schaue
über den Tresen auf die Gestalt des Kochs und neben mir auf den
schon bejahrten Ober, der mich bedient, wie er seit schätzungs-
weise 30 Jahren in diesem Restaurant bedient. Was für ein Leben
führen diese Menschen! Seit fast vierzig Jahren verbringt das eine
Menschenkind fast den ganzen Tag in einer Küche; es kennt nur
ein paar kurze Ruhepausen; es schläft verhältnismäßig wenige
Stunden; ab und zu reist der Koch in seinen Heimatort, aus dem
er ohne Zögern und ohne Kummer zurückkehrt; er legt langsam
ein spärliches Geld auf die hohe Kante, das er sich vornimmt nicht
auszugeben; er würde krank werden, wenn er sich aus seiner
Küche endgültig auf die Ländereien zurückziehen müßte, die er
in Galizien gekauft hat; er lebt seit vierzig Jahren in Lissabon und
war noch nicht einmal am Platz des Marquis de Pombal, ge-
schweige im Theater. Ein einziger Tag mit Zirkusclowns lebt in
den inneren Spuren seines Lebens fort. Er hat geheiratet, wie und
weshalb weiß ich nicht, besitzt vier Söhne und eine Tochter, und
wenn er sich über die Theke in meine Richtung lehnt, spricht aus
seinem Lächeln ein großes, feierliches, zufriedenes Glück. Dabei
verstellt er sich nicht, und es ist auch kein Grund vorhanden,
weshalb er sich verstellen sollte. Wenn er Glück verspürt, so
geschieht es, weil es wirklich seines ist.
Und der alte Ober, der mich bedient und eben vor mir nieder-
stellt, was gewiß der millionste Kaffee seiner Kellnerlaufbahn
gewesen sein muß? Er führt das gleiche Leben mit einem Unter-
schied von vier oder fünf Metern — der Entfernung zwischen
dem Arbeitsplatz des einen in der Küche zu dem Arbeitsplatz des
anderen im äußeren Bezirk des Gasthauses. Im übrigen hat er nur
zwei Kinder, reist häufiger nach Galizien, hat schon mehr von
Lissabon gesehen als der andere und kennt die Stadt Porto, wo
er vier Jahre verbracht hat, und ist gleichfalls glücklich.
Mit erschrockenem Schaudern überblicke ich das Panorama
dieser Lebensläufe und, während sie Entsetzen, Mitgefühl und
Revolte in mir auslösen, entdecke ich: Wer weder Entsetzen noch
Mitgefühl noch Revolte verspürt, sind diejenigen, die ein Anrecht
darauf hätten, sie zu verspüren, nämlich eben die Menschen, die
diese Lebensläufe leben. Das ist der zentrale Irrtum der literari-
schen Phantasie: zu vermuten, daß die anderen wir sind und daß
sie wie wir fühlen müssen. Aber zum Glück für die Menschheit
ist jeder Mensch nur der, der er ist, und nur dem Genie ist es
gegeben, außerdem noch ein paar andere Menschen zu sein.
Letztlich wird uns alles in Proportion zu unseren Gegebenhei-
ten zugeteilt. Ein kleiner Zwischenfall auf der Straße, der den
Koch meines Gasthauses an die Tür ruft, unterhält ihn mehr als
mich die Betrachtung des originellsten Gedankens, die Lektüre
des besten Buches, der willkommenste der nutzlosen Träume
unterhält. Und wenn das Leben wesentlich Eintönigkeit ist, so ist
es eine Tatsache, daß er der Eintönigkeit eher entkommen ist als
ich. Und er entrinnt der Eintönigkeit noch dazu leichter als ich.
Die Wahrheit liegt nicht bei ihm und nicht bei mir, weil sie bei
niemandem liegt; aber das Glück ist wirklich bei ihm zu finden.
Weise ist, wer seine Existenz eintönig gestaltet, denn dann
besitzt jeder kleine Zwischenfall das Privileg eines Wunders. Der
Löwenjäger erlebt kein Abenteuer über den dritten Löwen hin-
aus. Für meinen eintönigen Koch hat eine Ohrfeigen-Szene auf
der Straße immer noch etwas von einer bescheidenen Apokalypse
an sich. Wer nie aus Lissabon herausgekommen ist, fährt im Auto
in den Vorort Benfica in die schiere Unendlichkeit und, wenn er
eines Tages nach Sintra fährt, meint er, er sei bis zum Mars gereist.
Der Reisende, der die ganze Erde durcheilt hat, findet ab 5000
Meilen nichts Neues mehr, denn er kann höchstens neue Dinge
finden; Neues und wieder Neues, Altes im ewigen Neuen, denn
der abstrakte Begriff der Neuheit ist schon bei der zweiten Neu-
heit auf dem Meer zurückgeblieben.
Ein Mensch kann, wenn er wahre Weisheit besitzt, das gesamte
Schauspiel der Welt auf einem Stuhl genießen, ohne lesen zu
können, ohne mit jemandem zu reden, nur seine Sinne gebrau-
chend und mit einer Seele begabt, die nicht traurig zu sein versteht.
Man sollte die Existenz eintönig gestalten, damit sie nicht
eintönig werde. Den Alltag unschädlich machen, damit auch die
kleinste Einzelheit eine Zerstreuung mit sich bringe. Mitten in
meiner dumpfen, gleichförmigen, nutzlosen Tagesform steigen in
mir Fluchtvisionen auf, erträumte Spuren ferner Inseln, Feste auf
Parkalleen anderer Zeitalter, andere Landschaften, andere Gefüh-
le, ein anderes Ich. Aber zwischen zwei Eintragungen sehe ich ein,
daß nichts davon, wenn ich das alles besäße, mir gehören würde,
tn Wahrheit ist Chef Vasques mehr wert als die Könige des
Traumes; in Wahrheit ist das Büro in der Rua dos Douradores
mehr wert als die großen Alleen unmöglicher Parks. Wenn ich
Herrn Vasques zum Vorgesetzten habe, kann ich den Traum der
Könige des Traumes genießen. Wenn ich aber die Könige des
Traums besäße, was bliebe mir dann zu träumen übrig? Wenn ich
die unmöglichen Landschaften besäße, was bliebe mir dann an
Unmöglichem übrig?
Die Eintönigkeit, die dumpfe Gleichheit der Tage, das Null an
Unterschied zwischen gestern und heute — das verbleibe mir
immer und dazu die wache Seele, um mich mit der Fliege zu
unterhalten, die zufällig an meinen Augen vorbeisurrt, das Ge-
lächter auszukosten, das unbeständig von der Ungewissen Straße
emporsteigt, und die weitläufige Befreiung, daß es Zeit wird, das
Büro zu schließen, die unendliche Erholung eines Ferientages.
Ich kann mich mir als alles vorstellen, weil ich nichts bin. Wäre
ich etwas, könnte ich mir das nicht vorstellen. Der Hüfsbuchhal-
ter kann träumen, er sei der Kaiser von Rom; der König von
England kann das nicht, weil es dem König von England genom-
men ist, in Träumen ein anderer König zu sein als er ist. Seine
Wirklichkeit verleidet ihm das Fühlen.

5.4.1930

Der Teilhaber der Firma, in der ich arbeite, der immer an irgendei-
nem Körperteil krank ist, wollte aus irgendeiner Laune heraus in
einer Pause seiner Krankheit eine Aufnahme von unserem ganzen
Büropersonal haben. Und so haben wir uns denn vorgestern alle
auf Weisung des heiteren Photographen in Reih und Glied an die
schmutzigweiße Trennwand gestellt, deren zerbrechliches Holz
das Büro der Allgemeinheit von Herrn Vasques' Chefzimmer
abteilt. In der Mitte stand Vasques persönlich; auf beiden Flügeln
in einer zunächst überlegten, dann unüberlegten Einteilung nach
Rang und Würden die übrigen Menschenseelen, die sich hier
tagaus tagein zu kleinen Zwecken vereinen, deren letzte Absicht
nur das Geheimnis der Götter kennt.
Als ich heute etwas verspätet und bereits ohne jegliche Erinne-
rung an das statische Ereignis der zweimaligen Aufnahme ins
Büro kam, fand ich den unerwartet früh erschienenen Moreira
und einen der Handelsreisenden über schwärzliche Dinge ge-
beugt, in denen ich sogleich erschrocken die ersten Abzüge der
Photographien erkannte. Es waren übrigens zwei Abzüge von
jener einzigen, die besser ausgefallen war.
Ich durchlitt die Wahrheit, als ich mich dort erblickte, denn,
wie man mit Recht vermuten darf, suchte ich zuallererst nach mir
selbst. Nie habe ich mir meine körperliche Präsenz besonders
nobel vorgestellt, aber auch noch nie habe ich sie als so null und
nichtig empfunden wie im Vergleich mit den anderen, mir so
wohlvertrauten Gesichtern bei dieser Aufreihung von Durch-
schnittsmenschen. Ich sehe aus wie ein abgewetzter Jesuit. Mein
mageres, ausdrucksloses Gesicht strahlt weder Intelligenz noch
Intensität noch sonst irgend etwas aus, was es auch sei, was es
über die Ebbe der übrigen Gesichter erheben konnte. Und Ebbe,
selbst das ist falsch. Wahrhaft ausdrucksstarke Gesichter sind
unter ihnen. Chef Vasques steht da, wie er leibt und lebt — das
breite Gesicht hart und doch jovial, energisch der Blick; ein steifer
Schnurrbart rundet seine Erscheinung ab. Die Energie, die
Schläue dieses Mannes — im Grunde banal und bei vielen Tausen-
den Männern auf der ganzen Welt anzutreffen — sind auf dieser
Photographie so ausgeprägt festgehalten wie in einem psychologi-
schen Reisepaß. Die beiden Handelsreisenden sind prächtig her-
ausgekommen; auch der Buchhalter ist gut getroffen, wird aber
fast verdeckt von einer Schulter des Herrn Moreira. Und gar erst
Moreira selber! Mein Vorgesetzter Moreira, die Essenz der Ein-
tönigkeit und des Beharrungsvermögens, wirkt gleichwohl viel
persönlicher als ich selbst! Sogar dem Laufburschen — ich merke
das an, ohne ein Gefühl unterdrücken zu können, von dem ich
anzunehmen versuche, es sei kein Neid — steht eine Sicherheit,
eine Unmittelbarkeit ins Gesicht geschrieben, die um ein mehrfa-
ches Lächeln von meiner nichtigen Erloschenheit als Sphinx aus
dem Papiergeschäft entfernt ist.
Was will das heißen? Was ist das für eine Wahrheit, daß ein Film
nicht irrt? Was ist das für eine Gewißheit, die eine kühle Linse
dokumentarisch festhält? Wer bin ich, daß ich so sein kann?
Gleichwohl. . . Und die Schmach des Gesamtbilds?
»Sie sind wirklich gut getroffen«, erklärt plötzlich Herr Morei-
ra. Und danach sagt er, indem er sich zum Buchhalter umdreht:
»Das ist doch genau sein Gesichtchen, nicht wahr?« Und der
Buchhalter stimmte mit einer freundschaftlichen Heiterkeit zu, die
mich auf die Müllkippe beförderte.

Chef Vasques. Oft bin ich unerklärlicherweise von Chef Vasques


hypnotisiert. Was bedeutet mir dieser Mann, abgesehen davon,
daß er mich gelegentlich daran hindert, zu den Tageszeiten meines
Lebens Herr meiner Zeit zu sein? Er behandelt mich gut, er
spricht liebenswürdig mit mir, ausgenommen in den jähen Au-
genblicken unbekannter Besorgnis, in denen er zu niemandem
freundlich spricht. Sicherlich, aber warum beschäftigt er mich? Ist
er ein Symbol? Ist er ein Grund? Was ist er?
Chef Vasques. Ich erinnere mich schon in der Vorwegnahme an
ihn mit der Sehnsucht, von der ich weiß, daß ich sie dann empfin-
den werde. Friedlich werde ich in einer kleinen Wohnung in der
Umgebung von irgend etwas der Ruhe pflegen, in der ich die
Arbeit nicht verrichten werde, die ich auch jetzt nicht verrichte
und, um sie auch weiterhin nicht zu verrichten, nach Entschuldi-
gungen suchen, die sich nicht von denen unterscheiden werden,
hinter denen ich mich heute verstecke. Oder ich werde in einem
Obdachlosenasyl untergebracht sein, beglückt über meine voll-
ständige Niederlage, in Promiskuität mit dem Auswurf aller derje-
nigen, die sich für Genies hielten und doch nichts anderes waren
als träumende Bettler, zusammen mit der namenlosen Menge
derjenigen, die keine Kraft zum Siegen besaßen und auch zu
keinem großen Verzicht fähig waren, um verkehrtherum zu sie-
gen. Sei ich, wo ich auch sei, mit Sehnsucht werde ich an meinen
Chef Vasques zurückdenken, an das Büro in der Rua dos Doura-
dores, und die Eintönigkeit des Alltagslebens wird für mich wie
die Erinnerung an die Liebschaften sein, die mir nicht zuteil
geworden sind, oder an die Triumphe, die mir nicht vergönnt sein
sollten.
Chef Vasques. Ich sehe ihn heute von dort aus, so wie ich ihn
heute von hier aus sehe — mittelgroß, untersetzt, grob in Gren-
zen, mit Anwandlungen von Herzlichkeit, offenherzig und ver-
schmitzt, brüsk und liebenswürdig — Chef, von seinem Geld
abgesehen, auch mit seinen behaarten langsamen Händen, mit den
wie kleine farbige Muskeln gezeichneten Adern, einem fleischi-
gen, aber nicht ausgesprochen fetten Nacken, das Gesicht unter
dem dunklen, immer pünktlich gestutzten Bart gerötet und
gleichzeitig angespannt. Ich sehe ihn, ich sehe seine Gebärden mit
ihrer energischen Abgemessenheit, seine Augen, die nach innen
äusserliche Dinge bedenken, ich bin so verwirrt wie bei den
Gelegenheiten, bei denen ich ihm mißfalle, und meine Seele freut
sich über sein Lächeln; es ist ein weites, menschliches Lächeln, wie
der Beifall einer Menschenmenge.
Vielleicht weil ich in meiner Nähe keine überragendere Persön-
lichkeit kenne als Chef Vasques, bleibt diese im Grunde alltägli-
che, ja sogar gewöhnliche Gestalt häufig in meiner Intelligenz
hängen und lenkt mich von mir selber ab. Ich glaube an Symbole.
Ich glaube oder glaube doch beinahe, daß irgendwo in einem
fernen Leben dieser Mann eine für mein Leben bedeutsamere
Rolle gespielt hat, als er sie heute spielt.

Ja, ich begreife! Chef Vasques ist das Leben. Das Leben, eintönig
und notwendig, gebieterisch und unbekannt. Dieser banale
Mensch verkörpert die Banalität des Lebens. Er ist alles für mich,
von außen betrachtet, weil das Leben alles für mich ist, von außen
betrachtet.
Und wenn das Büro in der Rua dos Douradores für mich das
Leben verkörpert, so verkörpert mein zweites Stockwerk, in dem
ich in der gleichen Rua dos Douradores wohne, für mich die
Kunst, jawohl, die Kunst, die in derselben Straße wohnt wie das
Leben, jedoch an einem anderen Ort, die Kunst, die das Leben
erleichtert, ohne daß es deshalb leichter würde zu leben, die so
eintönig ist wie das Leben selber, nur an einem anderen Ort.
Jawohl, diese Rua dos Douradores umfaßt für mich den gesamten
Sinn der Dinge, die Lösung aller Rätsel außer der Tatsache, daß
es Rätsel gibt, die keine Lösung finden können.

17.1.1932

Die Welt gehört demjenigen, der nicht fühlt. Die wesentliche


Vorbedingung, um ein praktischer Mensch zu sein, ist ein Mangel
an Sensibilität. Die beste Vorbedingung für die Praxis des Lebens
ist die Triebkraft, die zum Handeln führt, das heißt der Wille.
Nun gibt es aber zwei Dinge, die das Handeln beeinträchtigen —
die Sensibilität und das analytische Denken, das letztlich nichts
anderes ist als ein Denken mit der Sensibilität. Jedes Handeln ist
seiner Natur nach die Projektion der Persönlichkeit auf die Au-
ßenwelt und, da die Außenwelt zur Hauptsache von Menschenwe-
sen bestimmt wird, folgt daraus, daß diese Projektion der Persön-
lichkeit vor allem bedeutet, daß wir uns auf dem Weg unserer
Mitmenschen quer legen, ihn hinderlich gestalten und sie je nach
unserer Vorgangsweise beeinträchtigen und erdrücken.
Zum Handeln gehört folglich, daß wir uns nicht mit Leichtig-
keit die fremde Persönlichkeit und ihre Leiden und Freuden
vorstellen. Wer Sympathie empfindet, kommt nicht vorwärts. Der
Mensch der Tat betrachtet die Außenwelt als ausschließlich aus
träger Materie zusammengesetzt — als träge in sich selbst wie ein
Stein, über den er hinwegschreitet oder den er aus seinem Wege
entfernt; oder als träge wie ein menschliches Wesen, bei dem es,
da es ihm keinen Widerstand leistet, ganz gleich ist, ob es ein
Mensch oder ein Stein ist, denn er entfernt es wie den Stein oder
er schreitet darüber hinweg.
Das höchste Beispiel des praktischen Menschen, weil sich in
ihm äußerste Konzentration des Handelns mit größter Wirksam-
keit zusammenfinden, ist der Generalstäbler. Das ganze Leben ist
Krieg, und die Schlacht ist mithin die Synthese des Lebens. Nun
ist aber der Generalstäbler ein Mensch, der mit Menschenleben
spielt wie der Schachspieler mit Schachfiguren. Was würde aus
dem Generalstäbler, wenn er daran dächte, daß jeder Zug seines
Spiels Nacht in tausend Familien trägt und Leid in dreitausend
Herzen? Was würde aus der Welt, wenn wir menschlich wären?
Wenn der Mensch wirklich fühlen würde, gäbe es keine Zivilisa-
tion. Die Kunst dient als Flucht für die Sensibilität, die das
Handeln vergessen mußte. Die Kunst ist das Aschenputtel, das
zu Hause blieb, weil es so zu sein hatte.
Jeder Mensch der Tat ist seinem Wesen nach lebhaft und
optimistisch, weil, wer nicht fühlt, glücklich ist. Einen Mann der
Tat erkennt man daran, daß er nie schlecht gelaunt ist. Wer
arbeitet, obwohl er schlecht gelaunt ist, ist ein Beihelfer des
Handelns; er mag im Leben, in der großen Allgemeinheit des
Lebens ein Buchhalter sein, wie ich es im besonderen bin; ein
Menschenführer kann er nicht sein. Zur Führerschaft gehört die
Fühllosigkeit. Es herrscht, wer heiter ist, denn um traurig zu sein,
muß man fühlen.
Chef Vasques hat heute ein Geschäft abgeschlossen, bei dem er
einen kranken Mann und seine Familie ruiniert hat. Während er
das Geschäft abschloß, hatte er völlig vergessen, daß da ein
Mensch vorhanden war, er sah nur den kommerziellen Widersa-
cher. Als das Geschäft abgeschlossen war, packte ihn die Sensibili-
tät. Erst dann natürlich, denn wenn sie ihn schon vorher gepackt
hätte, wäre das Geschäft nie zum Abschluß gelangt. »Der Kerl tut
mir leid«, sagte er zu mir. »Er wird ins Elend geraten.« Dann
steckte er sich eine Zigarre an und fügte hinzu: »Jedenfalls, wenn
er etwas von mir brauchen sollte« — er meinte, ein Almosen —
»werde ich nicht vergessen, daß ich ihm ein gutes Geschäft
verdanke und etliche zehntausend Escudos.«
Chef Vasques ist kein Unmensch: er ist ein Mann der Tat. Wer
bei diesem Spiel den kürzeren gezogen hat, kann tatsächlich —
denn Chef Vasques ist ein großzügiger Mensch — in der Zukunft
mit seinen Almosen rechnen.
Wie Chef Vasques sind alle Männer der Tat: Industrie- und
Handelsbosse, Politiker, Militärs, religiöse und gesellschaftliche
Idealisten, schöne Frauen und Kinder, die nur das tun, was sie
wollen. Es kommandiert, wer nicht fühlt. Es siegt, wer nur an das
denkt, was er zum Siegen braucht. Alles übrige, die unbestimmte
allgemeine Menschheit, gestaltlos, sensibel, phantasievoll und zer-
brechlich, ist nur der Vorhang im Hintergrund, vor dem sich diese
Figuren auf der Bühne abheben, bis das Marionettentheater zu
Ende geht, der quadratförmig angeordnete Untergrund, auf dem
sich die Schachfiguren erheben, bis sie der Große Spie-
ler einsteckt, der sich beim Spiel mit einer verdoppelten Persönlich-
keit täuscht und auf diese Art ständig mit sich selbst unterhält.

Ich habe bemerkt, daß ich immer an zwei Dinge zugleich denke und
ihnen Aufmerksamkeit schenke. Ich glaube, alle Menschen sind ein
wenig so. Es gibt gewisse Eindrücke, die so vage sind, daß wir erst
später, weil wir uns an sie erinnern, wissen, daß wir sie gehabt
haben; von diesen Eindrücken, glaube ich, entsteht ein Teil —
vielleicht das Kernstück — aus der verdoppelten Aufmerksamkeit
aller Menschen. Bei mir ist es so, daß die beiden Wirklichkeiten, auf
die ich achte, gleiche Bedeutung besitzen. Darin besteht meine
Originalität. Darin besteht vielleicht meine Tragödie und deren
Komödie.
Ich schreibe aufmerksam, über das Hauptbuch gebeugt, und
meine Eintragungen stellen die nutzlose Geschichte einer obskuren
Firma zusammen; gleichzeitig verfolgt mein Denken mit gleicher
Aufmerksamkeit die Route eines nicht vorhandenen Schiffes durch
die Landschaften eines Orients, den es nicht gibt. Beides ist gleich-
mäßig deutlich, gleichmäßig vor mir sichtbar: das Blatt, auf dem ich
sorgfältig auf vorgezeichneten Linien die Verse des kommerziellen
Epos von Vasques & Co. eintrage, und das Deck, auf dem ich ebenso
sorgfältig neben dem geteerten Linienblatt der Zwischenräume der
Schiffsplanken die aufgereihten Liegestühle und die ausgestreckten
Beine der Leute erblicke, die auf ihrer Reise ausruhen.
(Sollte mich ein Kinder-Fahrrad anfahren, so wird dieses Kin-
der-Fahrrad ein Teil meiner Lebensgeschichte.) Dazwischen liegt
das ausgebuchtete Deckhaus; deshalb kann man nur die Füße
sehen.
Ich tauche die Feder ins Tintenfaß, und aus der Tür des Decks-
hauses — (?) genau neben der Stelle, wo ich zu sein fühle — tritt
die Gestalt des Unbekannten. Er kehrt mir den Rücken zu, und
seine Hüften sind ausdruckslos (?). Ich beginne eine neue Ein-
tragung. Ich versuche festzustellen, weshalb ich mich geirrt hatte.
Die Rechnung des Herrn Marques ist auf Soll und nicht auf
Haben angelegt. (Ich sehe ihn dick, liebenswürdig und zu Witzen
aufgelegt vor mir, und in diesem Augenblick verschwindet das
Schiff(?).

Die Haupttragödie meines Lebens ist, wie alle Tragödien, eine


Ironie des Schicksals. Ich weise das wirkliche Leben ab wie eine
Verdammnis; ich weise den Traum ab wie eine unfeine Befreiung.
Aber ich durchlebe das Schmutzigste und Alltäglichste des wirkli-
chen Lebens; und ich durchlebe das Eindringlichste und Bestän-
digste des Traumes. Ich bin wie ein Sklave, der sich während der
Siesta betrinkt — doppeltes Elend in einem einzigen Körper.
Gewiß, ich erkenne deutlich, mit der Klarheit, mit welcher sich
die Blitze der Vernunft von der Finsternis des Lebens abheben,
die nahe gelegenen Objekte, die für uns das Leben ausmachen,
das, was an Niedertracht, Schlaffheit, an Unterlassung und Falsch-
heit in dieser Rua dos Douradores steckt, die für mich das ganze
Leben bedeutet — dieses bis ins Mark seiner Menschen gemeine
Büro, dieses monatlich gemietete Zimmer, worin nichts geschieht
außer daß darin ein Toter lebt, dieses Lebensmittelgeschäft an der
Ecke, dessen Besitzer ich kenne, wie Leute halt Leute kennen,
diese Dienstmänner an der Tür der alten Taverne, die arbeitsame
Nutzlosigkeit all der gleichförmigen Tage, die klebrige Wieder-
holung der gleichen Persönlichkeiten, wie ein Drama, das
nur aus Bühnenbild besteht, und das Bühnenbild stünde verkehrt-
herum . . .
Doch ich sehe auch, daß davor zu fliehen heißen würde, es zu
beherrschen oder abzuweisen, und ich beherrsche es nicht, weil
ich nicht aus der Wirklichkeit herausschlüpfen kann, und ich
weise es nicht ab, weil ich, ich mag träumen, was immer ich
träumen mag, doch immer dort bleibe, wo ich bin.
Und der Traum, die Schmach, zu mir zu flüchten, die Feigheit,
diesen Seelenmüll als Leben zu haben, den die anderen nur im
Schlaf kennen, in der Gestalt des Todes, in der sie schnarchen, in
der Ruhe, in der sie als höher entwickelte Pflanzen erscheinen!
Keine edle Gebärde vorweisen können, die sich nicht hinter
verschlossenen Türen vollzöge, auch keinen unnützen Wunsch,
der nicht wirklich nutzlos wäre!
Cäsar hat die Gesamtgestalt des Ehrgeizes definiert, als er sagte:
»Lieber der erste auf dem Dorf als der zweite in Rom.« Ich bin
nichts, weder auf dem Dorf noch in irgendeinem Rom. Der
Lebensmittelhändler an der Ecke wird zumindest von der Rua da
Assunção bis zur Rua da Vitória respektiert; er ist der Cäsar eines
Häuserblocks. Bin ich ihm überlegen? Worin, wenn das Nichts
weder Überlegenheit noch Unterlegenheit noch überhaupt einen
Vergleich gestattet?
Er ist der Cäsar eines ganzen Häuserblocks, und die Frauen
sind ihm entsprechend zugetan.
Und so schleppe ich mein Leben damit hin, das zu tun, was ich
nicht will, und das zu erträumen, was ich nicht haben kann, [...],
absurd wie eine stehengebliebene öffentliche Uhr.
Nur die zarte, aber feste Sensibilität, der lange, aber vollauf
bewußte Traum [. . .] bilden in ihrer Gesamtheit mein Halbschat-
tenprivileg.

Ich verspüre mehr Mitgefühl für diejenigen, die von Wahrschein-


lichem und Naheliegendem träumen, als für Menschen, die dem
Entlegenen und Abseitigen nachhängen. Menschen, die in gro-
ßem Stil träumen, sind entweder verrückt und glauben an das, was
sie erträumen, und sind dabei glücklich, oder es sind ganz einfach
Phantasten, für die Phantasieren eine Musik der Seele ist, die sie
einwiegt, ohne ihnen etwas zu sagen. Wer aber vom Möglichen
träumt, hat die Möglichkeit zu einer wahren Enttäuschung. Es
kann mich nicht sonderlich bekümmern, daß ich es nicht geschafft
habe, Kaiser von Rom zu werden, aber es kann mich schmerzen,
nie je mit der Näherin gesprochen zu haben, die immer gegen
neun um die rechte Häuserecke biegt. Der Traum, der uns das
Unmögliche verheißt, entzieht sich uns schon allein deshalb; doch
der Traum, der uns das Mögliche verspricht, drängt sich in das
Leben selber ein und findet nur in diesem Leben seine Lösung.
Der eine lebt exklusiv und unabhängig, der andere den Zufällig-
keiten der Geschehnisse unterworfen.
Deshalb liebe ich die unmöglichen Landschaften und die großen
einsamen Gefilde der Ebenen, die ich nie zu Gesicht bekommen
werde. Die historischen Epochen der Vergangenheit sind für mich
ein ungetrübtes Wunder, denn ich kann selbstverständlich nicht
annehmen, daß sie in meiner Gegenwart in die Wirklichkeit eintre-
ten. Ich schlafe, wenn ich vom Nichtvorhandenen träume; ich
erwache, wenn ich von dem träume, was durchaus sein könnte.
Ich beuge mich aus einem der Erkerfenster des Büros, das um
die Mittagszeit leer steht, auf die Straße; abgelenkt wie ich bin,
spüre ich ein Hin und Her von Leuten in den Augen und nehme
sie doch aus der Distanz meines Nachdenkens nicht wahr. Ich
schlafe auf den Ellenbogen, der Fenstersims schmerzt mich, ich
weiß von gar nichts und spüre eine große Verheißung. Die Einzel-
heiten der stillen Straße, auf der viele Leute hin und her gehen,
prägen sich mir ein, während ich im Geiste ganz woanders bin:
Die auf dem Fuhrwerk gestapelten Kisten, die Säcke an der Tür
des benachbarten Lagerhauses und im entferntesten Schaufenster
des Lebensmittelgeschäftes an der Ecke die schimmernden Fla-
schen jenes Portweins, von dem ich träume, daß ihn sich niemand
leisten kann. Mein Geist löst sich von der Hälfte der Materie ab.
Ich forsche mit der Einbildungskraft'. Die Leute, die auf der
Straße vorübergehen, sind stets die gleichen, die vor kurzem
vorübergegangen sind, sind stets der fluktuierende Anblick von
irgendjemand, bewegte Flecken, Ungewisse Stimmen, Dinge, die
vorübergehen und nicht zum Ereignis gedeihen.
Aufzeichnung mit dem Bewußtsein der Sinne, bevor sie noch
durch die Sinne selber erfolgt i s t . . . Die Möglichkeit anderer
Dinge . . . Und plötzlich macht sich hinter mir im Büro die
metaphysisch abrupte Ankunft des Dienstmanns bemerkbar. Ich
spüre, daß ich ihn umbringen könnte, weil er mich bei Gedanken
unterbricht, die ich nicht gedacht habe. Ich drehe mich um und
blicke ihn mit haßgeladenem Schweigen an und vernehme im
voraus in der Anspannung eines latenten Mordes die Stimme, die
er erheben wird, um mir irgend etwas mitzuteilen. Er lächelt aus
dem Hintergrund des Hauses und wünscht mir mit lauter Stimme
einen guten Tag. Ich hasse ihn wie das Weltall. Auf meinen Augen
lasten Vermutungen.

Vor mir liegen die aufgeschlagenen Seiten des schweren Haupt-


buchs; von dem geneigten Schreibpult hebe ich mit meinen ermü-
deten Augen eine noch mehr als die Augen ermüdete Seele auf.
Jenseits dieser Nichtigkeit reiht mein Geschäft bis zur Rua dos
Douradores die regelmäßigen Regale, die regelmäßigen Ange-
stellten, die menschliche Ordnung und die Ruhe des Alltags auf.
An die Fensterscheibe schlägt das Geräusch des Mannigfaltigen,
und dieses mannigfaltige Geräusch ist ebenso gewöhnlich wie die
Stille, die neben den Regalen herrscht.
Ich blicke mit neuen Augen auf die beiden weißen Seiten
nieder, in die meine sorgfältigen Zahlen Soll und Haben der
Firma eingetragen haben. Und mit einem Lächeln, das ich für
mich behalte, denke ich daran, daß das Leben, das diese Seiten mit
ihren Stoffbezeichnungen und Geldbeträgen besitzen, in seine
weißen Stellen und seine mit dem Lineal und in Schönschrift
ausgeführten Striche auch die großen Seefahrer, die großen Heili-
gen, die Dichter aller Epochen mit einschließt, lauter Leute ohne
Buchführung, die weitläufige und verstoßene Nachkommen-
schaft derjenigen, die den Wert der Welt ausmachen.
Wenn ich einen Stoff eintrage, von dem ich nicht weiß, wie er
beschaffen ist, öffnen sich mir die Tore des Indus und Samar-
kands, und die Dichtung Persiens, die weder mit dem einen noch
mit dem anderen Ort etwas zu tun hat, liefert mir mit ihren
Vierzeilern, deren dritter Vers reimlos ist, eine ferne Stütze für
meine Unruhe. Aber ich irre mich nicht, ich schreibe, ich rechne
zusammen, und die Buchhaltung geht weiter und wird ganz
normal von einem Angestellten dieses Büros zum Abschluß ge-
bracht.
Ich betrat wie gewohnt das Friseurgeschäft und genoß es, daß es
mir leicht fallt, ohne Beklemmung in bekannte Häuser einzutre-
ten. Meine Scheu vor dem Neuen ist geradezu beängstigend:
Ruhig bin ich nur dort, wo ich schon einmal gewesen bin.
Während ich mich in den Stuhl setzte, fragte ich per Zufall den
jungen Friseur, der mir einen kühlen, sauberen Frisiermantel um
die Schulter legte, wie es seinem Kollegen vom benachbarten
rechten Stuhl ginge, einem älteren, witzigen Menschen, der krank
gewesen war. Ich fragte ihn das, ohne daß die Notwendigkeit, so
zu fragen, auf mir gelastet hätte: Ort und Erinnerung hatten mich
angestiftet. »Er ist gestern verstorben«, erwiderte tonlos die Stim-
me, die hinter dem Frisiermantel und mir stand und deren Finger
sich eben von dem im Nacken zwischen mir und dem Kragen
befestigten Tuch ablösten. Meine ganze unvernünftige gute Laune
war wie fortgeblasen, wie der für immer abwesende Friseur des
benachbarten Stuhls. Es wurde kalt in allen meinen Gedanken.
Ich sagte kein Wort.
Sehnsucht! Ich verspüre sie sogar nach dem, was mir nichts
bedeutet hat, aus Angst vor der Flucht der Zeit und dank einer
Krankheit, die Geheimnis des Lebens heißt. Wenn ich Gesichter,
die ich gewohntermaßen auf meinen gewohnten Straßen sah,
nicht mehr sehe, werde ich betrübt; und doch haben sie mir nichts
bedeutet; sie waren nur ein Symbol des ganzen Lebens.
Der langweilige Alte mit den schmutzigen Gamaschen, der
häufig morgens gegen halb zehn meinen Weg kreuzte? Der hin-
kende Losverkäufer, der mir vergeblich auf die Nerven ging? Der
rundliche Alte mit der frischen Gesichtsfarbe und der Zigarre an
der Tür des Tabakladens? Der blasse Inhaber des Tabakladens?
Was ist aus ihnen allen geworden, die, weil ich sie sah und wieder
und wieder sah, einen Teil meines Lebens ausmachten? Morgen
werde auch ich aus der Rua da Prata, aus der Rua dos Douradores,
aus der Rua dos Fanqueiros verschwinden. Morgen werde auch
ich — die lenkende, fühlende Seele, das Universum, das ich für
mich darstelle — jawohl, morgen werde auch ich jemand sein, der
aufgehört hat, durch diese Straßen zu gehen und andere werden
mich mit einem: »Was ist wohl aus ihm geworden?« aus der
Vergessenheit zurückrufen. Und alles, was ich tue, alles, was ich
fühle, alles, was ich erlebe, wird nicht mehr sein als ein Passant
weniger im Alltag der Straßen irgendeiner Stadt.

Jede Verschiebung der gewohnten Stunden bringt dem Geist stets


eine kalte Neuheit, ein leicht unbehagliches Vergnügen. Wer
daran gewöhnt ist, sein Büro um sechs zu verlassen und zufällig
um fünf gehen kann, erlebt selbstverständlich einen geistigen
Feiertag und etwas, was wie ein Schmerz zieht, nämlich nicht zu
wissen, was er mit sich anstellen soll.
Gestern ging ich um vier aus dem Büro fort, weil ich an
entlegenem Orte etwas zu erledigen hatte, und um fünf hatte ich
meinen entlegenen Auftrag ausgeführt. Zu dieser Stunde pflege
ich mich nicht auf der Straße aufzuhalten, und deshalb befand ich
mich in einer anderen Stadt. Das langsame Licht auf den bekann-
ten Häuserfassaden schimmerte unerquicklich sanft, und die Pas-
santen von eh und je gingen an mir in der fremd gewordenen
Stadt vorüber, Matrosen, die gestern Abend von ihrem Geschwa-
der an Land gegangen waren.
Das Büro mußte um diese Zeit noch geöffnet sein. Ich kehrte
dorthin zurück, zum begreiflichen Staunen der Kollegen, von
denen ich mich schon verabschiedet hatte. Wie, noch einmal
zurück? Jawohl, zurück. Dort war ich frei zu fühlen, allein unter
denen, die mich begleiteten, ohne daß sie geistig für mich vorhan-
den gewesen wären . . . Es war in gewisser Weise mein Heim, das
heißt der Ort, an welchem man nicht fühlt.

Es gibt Tage, an denen jeder Mensch, dem ich begegne, und noch
mehr die Menschen, mit denen ich üblicherweise umgehe, das
Aussehen von Symbolen annehmen und entweder einzeln oder
miteinander verbunden eine prophetische oder okkulte Schrift
bilden, aufgezeichnet aus Schatten meines Lebens. Das Büro wird
mir zu einer Seite mit menschlichen Worten; die Straße wird ein
Buch; die Worte, die ich mit den üblichen oder unüblichen Men-
schen, denen ich begegne, wechsle, werden zu Aussprüchen, für
die mir das Wörterbuch, aber nicht ganz und gar das Verständnis
abgeht. Sie sprechen und drücken aus, aber sie sprechen nicht von
sich selbst und sie drücken sich nicht selbst aus; es sind Worte,
sagte ich, und sie zeigen nicht, sie lassen durchscheinen. Doch in
meiner verdämmernden Vision gewahre ich das nur undeutlich,
was diese plötzlich auf der Oberfläche der Dinge enthüllten Glas-
scheiben von dem Inneren erkennen lassen, das sie verhüllen und
enthüllen. Ich begreife ohne Kenntnis, wie ein Blinder, dem man
von Farben redet.
Wenn ich manchmal über die Straßen gehe, vernehme ich
Bruchstücke intimer Gespräche, und fast alle betreffen die andere
Frau, den anderen Mann, den jungen Mann einer dritten oder die
Geliebte des einen . . .
Beim bloßen Anhören dieser Schatten menschlicher Rede,
worin sich das erschöpft, womit sich die Mehrheit der mit Be-
wußtsein ausgestatteten Menschen beschäftigt, packt mich eine
angeekelte Langeweile, eine Angst vor dem Exil unter Spinnen
und das Bewußtsein, unter wirklichen Menschen einzuschrump-
fen; ich fühle mich dazu verurteilt, dem Vermieter und den übri-
gen Mietern des Häuserblocks gegenüber ein gleichgestellter
Nachbar zu sein, der voller Ekel durch das hintere Gitter des
Lagerraums hindurch den fremden Müll betrachtet, welcher sich
bei Regen in dem Lichtschacht stapelt, der mein Leben ist.

Jedesmal wenn sich meine Bestrebungen unter dem Einfluß mei-


ner Träume über das Alltagsniveau meines Lebens erhoben und
ich mich für einen Moment emporgetragen fühlte wie das Kind
auf seiner Schaukel, mußte ich wieder, wie das Kind, in den
Stadtpark hinabsausen und meine Niederlage einsehen — ohne
flatternde Kriegsbanner und ohne die Kraft, das Schwert aus der
Scheide zu ziehen.
Ich nehme an, daß die meisten von denen, die im Zufall der
Straßen meinen Weg kreuzen — ich merke das an der schweigsa-
men Bewegung ihrer Lippen und der unbestimmten Unschlüssig-
keit ihrer Augen oder auch daran, daß sie die Stimme heben, mit
der sie gemeinsam murmeln — die gleiche Berufung zum nutzlo-
sen Krieg des bannerlosen Heeres mit sich tragen. Und sie alle —
ich wende mich um, um die Rücken dieser armen Besiegten zu
betrachten — werden wie ich die große schmähliche Niederlage
zwischen Schlamm und Schilf erleben, ohne Mondlicht über den
Ufern, ohne die Poesie des Sumpfes, jämmerlich und stümperhaft.
Alle haben wie ich ein überspanntes, trauriges Herz. Ich kenne
sie gut: Manche sind Ladenschwengel, andere sind Büroangestell-
te, andere wieder Geschäftsleute mit kleinen Geschäften; andere
sind die Sieger in den Cafes und in den Tavernen, ohne es zu
wissen großartig in der Ekstase ihres ichbezogenen Wortes ...(?)
Aber sie alle, die Ärmsten, sind Dichter, und schleppen in meinen
Augen wie ich in ihren Augen das gleiche Elend unserer gemein-
samen Unstimmigkeit mit sich herum. Bei ihnen wie bei mir liegt
die Zukunft in der Vergangenheit.
Selbst jetzt, wo ich untätig im Büro sitze und alle außer mir zum
Mittagessen gegangen sind, verfolgen meine Blicke durch das trübe
Fenster hindurch den schwankenden alten Mann, der langsam auf
dem Bürgersteig auf der anderen Straßenseite einhertorkelt. Er
geht nicht wie ein Betrunkener; er geht wie ein Träumer. Er ist
aufmerksam für das Nicht-Existierende; vielleicht hofft er noch.
Die Götter mögen uns, wenn sie gerecht sind in ihrer Ungerechtig-
keit, die Träume bewahren, selbst wenn sie unmöglich sind, und
uns gute Träume schenken, auch wenn sie niedrig sein sollten.
Heute kann ich, weil ich noch nicht alt bin, von Inseln des Südens
und unmöglichen indischen Landschaften träumen; morgen schen-
ken mir vielleicht dieselben Götter den Traum, Inhaber eines klei-
nen Tabakgeschäfts zu sein oder als Pensionär in einem Haus in den
Vorstädten zu leben. Jeder dieser Träume ist derselbe Traum, weil
es alles Träume sind. Mögen mir die Götter meine Träume verän-
dern, nicht aber die Gabe zu träumen entziehen.
Während ich dies denke, ist der alte Mann aus meiner Aufmerk-
samkeit entschlüpft. Ich sehe ihn nicht mehr. Ich öffne das Fen-
ster, um nach ihm Ausschau zu halten. Ich sehe ihn noch immer
nicht. Er ist fort. Er erfüllte mir gegenüber die visuelle Pflicht
eines Symbols; damit ist er nun fertig und um die Ecke gebogen.
Wenn man mir sagen würde, daß er um die absolute Straßenecke
gebogen ist und niemals hier war, würde ich das mit derselben
Geste hinnehmen, mit der ich jetzt das Fenster schließe.
Vollbringen?
Arme lehrlingshafte Halbgötter, die mit Worten und edlen
Absichten Imperien gewinnen und doch dringend Geld für ihr
Zimmer und ihr Essen brauchen! Sie wirken wie die Truppen
eines desertierten Heeres, dessen Anführer einen Traum von
Ruhm durchlebten, von dem ihnen, in das Schilf eines Sumpfes
versprengt, nur der Begriff der Größe verblieben ist, das Bewußt-
sein, dem Heer angehört zu haben und das Vakuum, nicht einmal
gewußt zu haben, was der Anführer eigentlich tat, den sie nie zu
Gesicht bekommen haben.
So träumt sich jedermann einen Augenblick lang als Anführer
des Heeres, aus dessen Troß er geflüchtet ist. So grüßt jeder im
Schlamm der Bäche den Sieg, den niemand erringen kann, und
von dem er übrigblieb wie Brosamen neben den Flecken auf dem
Tischtuch, das man vergessen hat auszuschütteln.
Sie füllen die Zwischenräume des alltäglichen Handelns aus wie
der Staub die Spalten der Möbel, wenn man sie nicht sorgfältig
säubert. Im gewöhnlichen Licht des normalen Tages sieht man sie
leuchten wie graue Würmer auf dem rötlichen Mahagoni. Man
kann sie mit einem kleinen Nagel entfernen. Aber niemand hat
es damit eilig, sie zu entfernen.
Meine armen Gefährten, die von hohen Dingen träumen, wie
beneide und verachte ich sie! Ich stehe zu den anderen — den
ärmeren, die nur sich selber haben, denen sie ihre Träume erzäh-
len können, und die das tun können, was Verse ergeben würde,
wenn sie schreiben könnten — zu den armen Teufeln ohne andere
Literatur als die eigene Seele(?), die den Erstickungstod sterben,
weil sie existieren . . .(?)
Manche sind Helden und strecken fünf Männer an einer Straßen-
ecke von gestern nieder. Andere sind Verführer und selbst inexi-
stente Frauen wagen ihnen nicht zu widerstehen. Sie glauben an
ihre Worte, während sie sie aussprechen, und alle sprechen sie
aus, weil sie daran glauben. [. . .] Gegen sie stehen die Besiegten
der Welt, denn wer sie auch sein mögen, es sind zumindest
Menschen.
Und sie alle rollen wie Aale in einer tiefen Schüssel umeinander
und verknäueln sich untereinander und kommen doch nicht aus
den Schüsseln heraus. Zuweilen sprechen die Zeitungen von
ihnen, (?) niemals der Ruhm.
Sie sind glücklich, weil ihnen der Traum (?) der Dummheit
zuteil wurde. Denjenigen aber, die wie ich illusionslose Träume
hegen . . . [ . . .]

Wie eine schwarze Hoffnung lag eine Art Vorausdeutung in der


Luft; der Regen selbst schien eingeschüchtert; ein taubes Schwarz
schwieg sich über der Umgebung aus. Plötzlich, wie ein Schrei,
zersplitterte ein wundervoller Tag. Kaltes Höllenlicht erfüllte
alles, die Gehirne wie die letzten Winkel. Alles erstarrte. Man
fühlte sich erleichtert, weil der Donnerschlag verklungen war.
Der traurige Regen klang heiter mit seinem groben, schlichten
Rauschen. Ohne es zu wollen spürte man sein Herz, und das
Denken war eine Betäubung. Eine undeutliche Religion bildete
sich im Büro aus. Niemand war so, wie er gewesen war, und Chef
Vasques erschien an der Tür seines Arbeitszimmers, um daran zu
denken, daß er irgend etwas sagen wollte. Moreira lächelte, und
im Umfeld seines Gesichts stand noch das Gelb des plötzlichen
Erschreckens. Sein Lächeln besagte, daß der nächste Donner-
schlag zweifellos schon aus größerer Ferne grollen werde. Ein
rasches Fuhrwerk übertönte laut die Geräusche der Straße. Un-
freiwillig klingelte das Telefon. Chef Vasques ging, statt ins Büro
zurückzukehren, auf den Apparat im großen Arbeitsraum zu.
Beruhigung trat ein, und Stille, und der Regen fiel nieder wie ein
Alptraum. Chef Vasques vergaß das Telefon, das nicht mehr
weiterläutete. Im Hintergrund des Hauses bewegte sich der
Dienstmann wie etwas Unbequemes.
Eine große Freude voller Erholung und Befreiung machte uns
alle verwirrt. Wir arbeiteten halb benommen, waren entgegen-
kommend und mit überströmender Natürlichkeit gesellig. Ohne
daß es ihm jemand aufgetragen hätte, öffnete der Dienstmann
weit die Fenster. Ein Geruch nach Frische drang mit der feuchtig-
keitsgeschwängerten Luft ins Innere des großen Saales vor. Der
leicht gewordene Regen fiel mit Demut nieder. Die Geräusche der
Straße waren immer noch dieselben und doch verschieden. Man
vernahm die Stimmen der Fuhrleute, und es waren wirklich
Leute. Klar und deutlich suchten auch die Straßenbahnklingeln
in der Seitenstraße Verständigung mit uns. Das Lachen eines
verlassenen Kindes klang in der gereinigten Atmosphäre wie das
Zwitschern eines Kanarienvogels. Der leichte Regen ließ nach.
Es war sechs Uhr. Das Büro wurde geschlossen. Chef Vasques
rief durch den halb geöffneten Windschirm: »Sie können gehen«
und rief es wie einen kommerziellen Segen. Ich stand sogleich auf,
schloß das Hauptbuch und verwahrte es. Ich legte den Federhalter
sichtbar auf die Vertiefung des Tintenfasses, sagte, auf Moreira
zutretend, hoffnungsvoll »Bis morgen« zu ihm und drückte ihm
die Hand wie nach einem großen Gunstbeweis.

Die imponierende individualistische Persönlichkeit, als welche die


Romantiker oftmals im Traum sich selber vorkamen, habe ich
nachzuleben versucht und ebenso oft, wie ich dies versucht habe,
mußte ich laut herauslachen über meinen Einfall, sie nacherleben
zu wollen. Alle Durchschnittsmenschen träumen davon, eine über-
ragende Persönlichkeit, ein »homme fatal«, zu werden und die
Romantik verkehrt nur unser tägliches Herrschertum in sein Ge-
genteil. Fast alle Menschen träumen im tiefsten Inneren von einem
großen eigenen Imperialismus, von der Unterwerfung aller Men-
schen, der Hingabe aller Frauen, der Anbetung der Völker und —
im Falle der Edelsten — aller Epochen . .. Wenige sind wie ich an
den Traum gewöhnt und daher geistesklar genug, um über die
ästhetische Möglichkeit, sich so zu träumen, lachen zu können.
Die größte Anklage gegen die Romantik ist noch nicht erho-
ben worden: diejenige, daß sie nämlich die innere Wahrheit der
menschlichen Natur zur Darstellung bringt. Ihre Übertreibungen,
ihr Lächerliches, ihre mannigfaltige Fähigkeit, zu rühren und zu
verführen, wurzeln darin, daß sie die äußere Nachbildung dessen
ist, was auf dem untersten Grunde der Seele liegt, aber konkret,
veranschaulicht, ja sogar möglich erscheint, falls das mögliche Sein
von etwas anderem als dem Schicksal abhinge.
Wie oft ertappe ich mich selbst, der solche Verlockungen des
Müßiggangs verlacht, bei der Vermutung, daß es gut sein könnte,
berühmt zu sein, daß es angenehm sein könnte, verhätschelt zu
werden, daß es farbig sein könnte, triumphal zu wirken! Aber ich
kann mich mir in solchen Star-Rollen nur vorstellen, indem ich
zugleich über das andere Ich lache, das mir immer so nahe ist wie
eine Straße der Unterstadt. Sehe ich mich als Berühmtheit? Dann
sehe ich mich berühmt als Buchhalter. Fühle ich mich auf den
Thron der Prominenz gehoben? Dann vollzieht sich das im Büro
in der Rua dos Douradores, und die Kollegen stellen ein Hinder-
nis dar. Höre ich, wie mir bunte Menschenmengen zujubeln? Ihr
Beifall steigt auf zu dem vierten Stock, in dem ich wohne, und
kollidiert mit dem schäbigen Mobiliar meines billigen Zimmers,
mit allem, was mich umgibt und von der Küche (. . .) bis zum
Traum gewöhnlich macht. Ich habe nicht einmal Luftschlösser
gebaut wie die großen spanischen Wolkenkuckucksheimbauer.
Die meinigen bestanden aus alten, abgegriffenen Spielkarten aus
einem unvollständigen Kartenspiel, mit dem man nie wieder hätte
spielen können; sie fielen nicht zusammen, man mußte sie auf den
ungeduldigen Wink des alten Dienstmädchens hin mit einer
Handbewegung zur Seite wischen, weil die Teestunde wie ein
Fluch des Schicksals geschlagen hatte und das Mädchen die halb
zurückgeschlagene Tischdecke wieder über den ganzen Eßtisch
ausbreiten wollte. Doch das sogar ist ein müßiges Bild, denn ich
habe weder ein Haus in der Provinz noch alte Tanten, an deren
Tisch ich am Ende eines Abends im Familienkreis einen Tee zu
mir nehmen könnte, der mir nach Entspannung schmecken
würde. Mein Traum ist selbst in seinen Metaphern und in seinen
wechselnden Vorstellungen gescheitert. Mein Imperium reichte
nicht einmal bis zu den alten Spielkarten. Mein Sieg langte nicht
einmal für eine Teekanne oder einen uralten Kater aus. Ich werde
sterben, wie ich gelebt habe, unter Gerümpel aus den Vorstädten,
nach Gewicht taxiert unter den Postskripten verlorener Gegen-
stände.

Das Gemeinste an den Träumen ist, daß alle sie hegen. An irgend
etwas denkt im Dunkeln der Lastträger, der bei Tage, an die
Laterne gelehnt, in der Pause zwischen zwei Aufträgen vor sich
hindöst. Ich weiß schon, was ihm durch den Sinn geht: das gleiche,
in das auch ich mich vertiefe zwischen den Eintragungen ins
Hauptbuch in der sommerlichen Langeweile meines stillen Büros.

Seit die Hitze nachgelassen hat und der erste leichte Regenguß zu
vernehmen ist, ist in der Luft eine Stille zurückgeblieben, die der
Luft in der Hitze nicht eigen war, ein neuer Friede, in den das
Wasser eine eigene Brise gemischt hat. So hell war die Freude dieses
sanften Regens ohne Sturm oder Finsternis, daß sogar diejenigen
— und das waren fast alle, die keinen Regenschirm oder irgendein
Schutzcape bei sich hatten, bei ihrem raschen Gang über die regen-
nasse Straße lachend redeten.
In einer Pause der Trägheit trat ich ans geöffnete Fenster meines
Büros — man hatte es bei der Hitze geöffnet und während des
Regens nicht geschlossen — und betrachtete mit intensiver, gleich-
gültiger Aufmerksamkeit, wie es meine Art ist, das, was ich soeben
genau beschrieben habe, bevor ich es noch in Augenschein nahm.
Jawohl, da marschierte die Heiterkeit in banaler Zweisamkeit und
besprach sich lächelnd durch den Nieselregen hindurch bei eher
schnellen als eiligen Schritten in der sauberen Helligkeit des nun-
mehr verhüllten Tages.
Aber auf einmal trat von einer Straßenecke her, die schon vorher
dort gewesen war, zu meiner Überraschung ein alter, schäbiger
Mann, arm und gar nicht demütig unter dem nachlassenden Regen
ungeduldig ausschreitend, in mein Blickfeld ein. Er, den ich mit
Sicherheit nicht beobachtet hatte, war zumindest ungeduldig. Ich
sehe ihn mir an, nicht mit der unaufmerksamen Aufmerksamkeit,
die man Dingen zuwendet, sondern mit der definierenden Auf-
merksamkeit, die man Symbolen zuteil werden läßt. Er war das
Symbol eines Niemands; deshalb hatte er es eilig. Er war das
Symbol dessen, der nichts gewesen war; deshalb litt er. Er war nicht
ein Teil der Leute, die lächelnd die unbequeme Freude des Regens
spürten, sondern ein Teil des Regens selber — ein unbewußt Leben-
der, so sehr fühlte er die Wirklichkeit.
Doch nicht das wollte ich eigentlich sagen. Zwischen meine
Beobachtung des Passanten, den ich endlich rasch aus dem Auge
verlor, weil ich ihm nicht länger nachschaute, und den Zusam-
menhang dieser Beobachtungen schob sich mir irgendein Ge-
heimnis der Unaufmerksamkeit, irgendein gefährlicher Augen-
blick der Seele, der mich ohne Fortsetzung ließ. Und auf dem
Grunde meiner Unverbundenheit vernahm ich, ohne daß ich es
hören konnte, das Gerede der Transportarbeiter im Hintergrund
des Büros, dort, wo das Warenlager anfängt, und, ohne es zu
sehen, sehe ich die doppelt geschlungenen Verpackungsschnüre
der Postpakete; zweifach sind die Knoten geknüpft um das graue
Packpapier dieser Pakete auf dem Tisch neben dem Fenster zum
Lichtschacht, unter Scherzen und Scheren.
Sehen heißt schon gesehen haben.

25.7.1952

Die Klassifikatoren von Dingen, also jene Wissenschaftler, deren


Wissenschaft nur im Klassifizieren besteht, wissen im allgemeinen
nicht, daß das Klassifizierbare unendlich ist und also nicht klassifi-
ziert werden kann. Was mich aber dabei in Erstaunen versetzt, ist,
daß sie die Existenz von klassifizierbaren Unbekannten außer
Acht lassen, Vorgänge der Seele und des Bewußtseins, die in den
Zwischenräumen der Erkenntnis geschehen.
Vielleicht, weil ich zu viel denke oder zu viel träume, kommt
es dazu, daß ich nicht unterscheide zwischen der Realität, die
vorhanden ist, und dem Traum, der Realität, die nicht vorhanden
ist. Und so schiebe ich in meine Betrachtungen über Himmel und
Erde Dinge ein, die nicht von Sonne glitzern oder mit Händen
zu greifen sind — flüssige Wunder der Einbildungskraft.
Ich vergolde mich mit eingebildeten Sonnenuntergängen, aber
auch das nur Eingebildete ist in der Einbildung lebendig. Ich
freue mich über phantastische Brisen, aber das Phantastische lebt,
wenn man es sich vorstellt. Ich besitze Seele dank verschiedener
Hypothesen, aber diese Hypothesen haben ihre eigene Seele und
schenken mir infolgedessen die, die sie besitzen.
Es gibt kein Problem außer dem Realitätsproblem, und das ist
unlösbar und lebendig. Was weiß ich von dem Unterschied zwi-
sehen einem Baum und einem Traum? Ich kann den Baum berüh-
ren: Ich weiß, ich träume den Traum. Was bedeutet das in seiner
Wahrheit?
Was ist das? Ich kann ganz allein in meinem verlassenen Büro
leben, indem ich meine Einbildungskraft ohne Nachteile für
meine Intelligenz spazierenführe. Meine Gedanken werden weder
von den verlassenen Schreibpulten noch von den Warenpacken
mit dem zugehörigen Papier und den Bindfadenknäueln unterbro-
chen. Ich sitze nicht auf meiner hohen Bank, sondern lehne mich
auf dem runden Armstuhl Herrn Moreiras zurück, als ob ich
meine Beförderung vorwegnähme. Vielleicht ist es der Einfluß
der Örtlichkeit, der mich mit Zerstreutheit salbt. Hitzetage ma-
chen schläfrig; ich schlafe, ohne zu schlafen, aus Mangel an
Energie. Deshalb denke ich so.

Monate sind seit meiner letzten Aufzeichnung verstrichen. Mein


Verstand hat geschlafen, und so bin ich ein anderer im Leben
gewesen. Eine Empfindung transponierten Glücks hat mich häu-
fig begleitet. Ich habe nicht existiert, ich bin jemand andrer
gewesen; ich habe gelebt, ohne zu denken.
Heute auf einmal bin ich zu dem zurückgekehrt, der ich bin
oder zu sein träume. Es war ein Augenblick großer Erschöpfung
nach einer Arbeit ohne Bedeutung. Ich habe den Kopf auf meine
Hände gestützt und die Ellenbogen auf das hohe, geneigte Pult.
Als ich die Augen schloß, fand ich mich wieder.
In einem falschen, fernen Schlaf erinnerte ich mich an alles, was
gewesen war, und mit der Schärfe einer erschauten Landschaft
erstand plötzlich vor mir die Breitseite des alten Gehöfts, und in
der Mitte meines Gesichtskreises erhob sich seine leere Tenne.
Unvermittelt spürte ich die Nutzlosigkeit des Lebens. Sehen,
fühlen, erinnern, vergessen — all das verwirrte sich mir, ein vager
Schmerz an den Ellenbogen, das undeutliche Gemurmel von der
nahen Straße und die leisen Arbeitsgeräusche in meinem stillen
Büro.
Als ich, die Hände aufs Pult gelegt, über das, was da vor mir
lag, meinen Blick schweifen ließ, in welchem die Erschöpfung
toter Welten lag, fiel er zuerst auf eine Schmeißfliege, — das
Brummen, das nicht aus dem Büro stammte — die auf dem
Tintenfaß saß. Ich betrachtete sie aus der Tiefe des Abgrunds,
anonym und wach. Sie war grünlich bis schwarzblau und glänzte
ekelhaft, aber nicht häßlich. Ein Leben!
Wer weiß, für welche höchsten Kräfte, Götter oder Dämonen
der Wahrheit, in deren Schatten wir umherirren, ich nur die
glitzernde Fliege bin, die sich einen Augenblick vor ihnen nieder-
läßt!? Eine banale Bemerkung? Eine längst gemachte Beobach-
tung? Eine Philosophie ohne Gedanken? Vielleicht, aber ich habe
gar nicht gedacht: Ich habe gefühlt. Fleischlich, unmittelbar, mit
einem tiefen Schaudern (?) habe ich den lächerlichen Vergleich
angestellt. Ich war eine Fliege, als ich mich mit der Fliege ver-
glich. Ich fühlte mich als Fliege, als ich annahm, daß ich mich als
solche fühlte. Und ich fühlte mich als fliegenhafte Seele, ich schlief
als Fliege, ich fühlte mich eingeschlossen als Fliege. Und das
größte Schrecknis ist, daß ich mich gleichzeitig auch als ich fühlte.
Ohne es zu wollen hob ich die Augen zur Decke, damit ja nicht
ein allerhöchstes Lineal auf mich herabsause, um mich so zu
zerquetschen, wie ich diese Fliege zerquetschen könnte. Zum
Glück war die Fliege, als ich die Augen wieder senkte, geräusch-
los verschwunden. Das unfreiwillige Büro war abermals ohne
Philosophie.

Je höher die Sensibilität und je subtiler die Fähigkeit zu fühlen,


desto absurder vibriert und erschaudert sie bei den kleinen Din-
gen. Eine fabelhafte Intelligenz ist notwendig, um vor einem
dunklen Tage Angst empfinden zu können. Die Menschheit, die
recht unsensibel ist, spürt keine Angst vor dem Wetter, denn
Wetter gibt es immer; sie fühlt den Regen nur dann, wenn er auf
sie niedergeht.
Der trübe, schlaffe Tag füllt sich mit feuchter Hitze. Im Büro
allein, lasse ich mein Leben Revue passieren und, was ich in ihm
gewahre, ist wie der Tag, der mich bedrückt und bedrängt. Ich
sehe mich als Kind, mit allem zufrieden, als jungen Mann, der
nach den Sternen greift, als reifen Mann ohne Freude und ohne
Streben. Und all das vollzog sich schlaff und trüb wie der Tag,
der mich das gewahren oder erinnern läßt.
Wer von uns kann, wenn er sich auf seinem Wege umdreht, auf
dem es keine Rückkehr gibt, sagen, er habe ihn verfolgt, wie er
ihn verfolgt haben mußte?

2.11.1933

Es gibt einen inneren Schmerz, bei welchem man, weil subtile


Dinge in ihn eingesickert sind, nicht unterscheiden kann, ob er
von der Seele oder vom Körper herrührt, ob er ein Unwohlsein
ist, weil man die Nichtigkeit des Lebens spürt, oder ob er die
schlechte Laune ist, die aus irgendeinem organischen Abgrund
aufsteigt — aus Magen, Leber oder Gehirn. Wie oft trübt sich
mein normales Bewußtsein meiner selbst durch die ärgerliche
Ablagerung einer unruhigen Stagnation! Wie oft schmerzt es
mich, mit einem so unsicheren Ekelgefühl existieren zu müssen,
daß ich nicht mehr unterscheiden kann, ob es Überdruß ist oder
die Vorankündigung eines Erbrechens! Wie oft . . .
Meine Seele ist heute traurig bis in den Körper hinein. Mein
ganzes Ich schmerzt mich, Erinnerung, Augen und Arme. Es
zieht wie ein Rheumaschmerz in allem, was ich bin. Auch die
durchsichtige Klarheit des Tages, ein Himmel, groß, rein und
blau, eine stehengebliebene Flut verschwommenen Lichts hat auf
mein Wesen keinen Einfluß. Keineswegs besänftigt mich der
leichte, frische, herbstliche Hauch — als könne der Sommer nicht
in Vergessenheit geraten —, mit dem die Luft Persönlichkeit
darstellt. Nichts bedeutet mir etwas. Ich bin traurig, aber nicht
mit klar definierter Traurigkeit, nicht einmal mit undefinierbarer
Traurigkeit. Ich bin traurig draußen, auf der mit Kisten bedeck-
ten Straße.
Diese Wendungen geben nicht genau wieder, was ich fühle,
weil zweifellos gar nichts genau wiedergeben kann, was jemand
fühlt. Aber irgendwie versuche ich doch den Eindruck von dem,
was ich fühle, zu vermitteln, eine Mischung verschiedener Arten
von Ichs und der fremden Straße, die mir, weil ich sie sehe,
ebenfalls auf eine innere Art und Weise, die ich nicht zu analysie-
ren vermag, gehört und einen Teil von mir bildet.
Ich möchte als verschiedene Menschen in entfernten Ländern
leben. Ich möchte als ein anderer zwischen unbekannten Fahnen
sterben. Ich möchte zum Imperator in anderen Epochen ausgeru-
fen werden, die mir heute als besser erscheinen, gerade weil sie
nicht von heute sind; sie erscheinen mir als glanzvoll und bunt
mit nie gesehenen Sphinxen. Ich möchte alles, was den lächerlich
machen kann, der ich bin, und weil es das lächerlich macht, was
ich bin. Ich möchte, ich möchte . . .
Aber immer ist die Sonne da, wenn die Sonne scheint, und die
Nacht, wenn die Nacht einbricht. Immer ist der Kummer da,
wenn der Kummer uns drückt, und der Traum, wenn der Traum
uns einwiegt. Immer ist das Vorhandene vorhanden und nie das,
was eigentlich vorhanden sein müßte, nicht weil es besser oder
schlechter wäre, sondern weil es etwas anderes ist. [. . .]
Auf der Straße voller Kisten gehen die Lastträger hin und her
und räumen auf. Eine nach der anderen stapeln sie die Kisten
unter Gelächter und Scherzworten auf die Fuhrwerke. Von mei-
nem erhöhten Bürofenster aus sehe ich ihnen mit trägen Augen
zu, deren Lider schläfrig zufallen möchten. Und etwas Subtiles,
Unverständliches verbindet das, was ich fühle, mit den Verladear-
beiten, denen ich zuschaue, irgendeine unbekannte Empfindung
formt eine Kiste aus meinem ganzen Überdruß, meiner Angst,
meinem Ekel und hebt sie auf den Schultern eines Mannes, der
laute Witze reißt, auf ein Fuhrwerk, das nicht vorhanden ist. Und
das Tageslicht ist so heiter wie immer; es fällt schräg ein, weil die
Straße so eng ist, auf die Stelle, wo man die Kisten verstaut —
nicht auf die Kisten, die im Dunkeln verbleiben, sondern auf den
Winkel dort hinten, wo die Transportarbeiter mit ihrem Nichts-
tun beschäftigt sind, und das auf unabsehbare Zeit.

Das Alltagsleben ist ein Heim. Der Alltag ist wie eine Mutter.
Nach einem längeren Ausflug in die hohe Poesie, auf die Berge
erhabener Bestrebungen, auf die Felsen des Transzendenten und
des Okkulten, schmeckt es besser als gut, schmeckt es nach allem,
was warm ist im Leben, wenn man in die Herberge zurückkehrt,
wo die glücklichen Narren lachen, mit ihnen zu trinken, ein Narr
wie sie, wie Gott uns geschaffen hat, einverstanden mit dem
Weltall, das uns zuteil geworden ist, und alles übrige denen zu
überlassen, die Berge besteigen, um droben auf der Höhe nichts
zu tun.
Es rührt mich nicht, wenn man von einem Menschen, den ich
für einen Narren oder einen Ignoranten halte, aussagt, er übertref-
fe einen Durchschnittsmenschen oftmals an Leistungsfähigkeit.
Die Epileptiker entwickeln während ihres Anfalls übermenschli-
che Stärke; die Paranoiker ziehen Schlußfolgerungen, zu denen
wenige normale Menschen imstande sind; die einem religiösen
Wahn Verfallenen scharen Mengen von Gläubigen um sich wie
(falls überhaupt) wenige Demagogen sie zusammenbringen und
das infolge einer inneren Überzeugungskraft, die diese auf ihre
Anhänger nicht auszustrahlen verstehen. Und all das beweist nur,
daß der Wahnsinn Wahnsinn ist. Ich ziehe eine Niederlage bei
voller Kenntnis der Blumen einem Sieg inmitten der Wüstenei
vor; denn letzterer leidet an der Verblendung der mit ihrer Nich-
tigkeit allein gelassenen Seele.
Wie häufig hinterläßt mir mein eigener belangloser Traum ein
Gefühl des Entsetzens vor dem Innenleben, einen physischen
Ekel vor Mystizismus und Kontemplation. Wie eilig laufe ich aus
dem Hause, in dem ich so geträumt habe, in mein Büro; und das
Gesicht von Herrn Moreira wirkt auf mich, als ob ich endlich in
einen Hafen gelangt wäre. Wenn ich alles recht überdenke, ziehe
ich Herrn Moreira der Welt der Gestirne vor; ich ziehe die Wirk-
lichkeit der Wahrheit vor; ich ziehe das Leben im Grunde Gott
selbst vor, der es geschaffen hat. So hat er es mir gegeben, so
werde ich es leben. Ich träume, weil ich träume, aber ich erdulde
nicht den Schimpf, meinen Träumen einen anderen Wert beizu-
messen als denjenigen, meine Privatbühne zu sein, wie ich auch
dem Wein, auf den ich gleichwohl nicht verzichte, nicht den
Namen Nahrungsmittel oder Lebensnotwendigkeit beilege.
Ich habe es stets abgelehnt, verstanden zu werden. Verstanden
werden heißt sich prostituieren. Ich ziehe es vor, als derjenige, der
ich nicht bin, ernst genommen zu werden, und als Mensch mit
Anstand und Natürlichkeit verkannt zu werden.
Nichts könnte mich so verdrießen, als wenn man mich im Büro
absonderlich fände. Ich will den Bußgürtel, daß sie mich für
ihresgleichen halten. Ich will die Kreuzigung, daß sie mich nicht
für andersartig halten. Es gibt Martyrien, die subtiler sind als
diejenigen, die von den Heiligen und den Einsiedlern bekannt
sind. Es gibt Folterungen der Intelligenz, so wie es solche des
Leibes und der Begierde gibt. Und mit diesen wie mit den übrigen
Folterungen ist ein Gefühl der Wollust verbunden.

16.12.1931
Heute ist der sogenannte Dienstmann des Büros angeblich end-
gültig in seinen Heimatort abgereist, der gleiche Mann, den ich
gewöhnt war, als Teil dieses Hauses und folglich als Teil meiner
selbst und meiner Welt anzusehen. Heute hat er uns verlassen. Auf
dem Korridor, wo wir uns zufällig zur erwarteten Überraschung
des Abschieds begegneten, habe ich ihn umarmt, was er schüch-
tern erwiderte, genug Gegen-Seele besessen, um nicht loszuwei-
nen, wie es ohne mein Herz meine heißen Augen sich wünschten.
Jedes Ding, das einmal unser gewesen ist, auch wenn es nur
dank den Zufälligkeiten des Zusammenlebens oder des Blickfelds
der Fall war, wird wir selbst, weil es unser gewesen ist. Was da
heute in ein mir unbekanntes galizisches Dorf heimgekehrt ist,
war für mich nicht der Dienstmann des Büros: Es war ein vitaler,
weil mit den Augen erlebter Teil der Substanz meines Lebens. Der
Dienstmann meines Büros hat uns verlassen. Ich bin heute ampu-
tiert worden. Ich bin nicht mehr derselbe. Der Dienstmann mei-
nes Büros hat uns verlassen.
Alles, was vor sich geht, wo wir leben, geht in uns selber vor
sich. Alles, was aufhört in unserem Gesichtsfeld, hört in uns selbst
auf. Alles, was einmal gewesen ist, wenn wir es gesehen haben,
als es gewesen ist, wird von uns weggerissen, wenn es verschwin-
det. Der Dienstmann meines Büros hat uns verlassen.
Schwerfälliger und um Jahre gealtert, weniger freiwillig setze
ich mich an das hohe Pult und nehme die gestrige Buchführung
wieder auf. Doch die unbestimmte Tragödie von heute drängt
sich unterbrechend in meine Gedanken, und ich muß mich zum
automatischen, ordnungsgemäßen Ablauf der Buchführung zwin-
gen. Ich habe nur deshalb Lust zur Arbeit, weil ich in tätiger
Trägheit Sklave meiner selbst sein kann. Der Dienstmann meines
Büros hat uns verlassen.
Jawohl, morgen oder an einem anderen Tag, wann immer die
tonlose Glocke des Todes oder der Abreise erklingen mag, werde
auch ich jemand sein, der nicht mehr hier an seinem Platz steht,
ein altes Kopiergerät, das man im Schrank unter dem Treppenab-
satz verstaut. Jawohl, morgen oder wenn das Schicksal sein
Machtwort spricht, wird ein Ende haben, was in mir so tat, als
wäre es ich. Werde ich in meine Heimat zurückkehren? Ich weiß
nicht, wohin ich fahren werde. Heute ist die Tragödie sichtbar,
weil jemand fehlt, fühlbar, weil sie nicht verdient, daß man sie
fühlt. Mein Himmel, der Dienstmann meines Büros hat uns ver-
lassen.

Ach, die Trennung zwischen Bürgern und Volk, zwischen Adli-


gen und Volk oder Regierenden und Regierten, die die Revolutio-
näre vornehmen, ist ein bedauerlicher, krasser Irrtum. Der eigent-
liche Unterschied verläuft zwischen Angepaßten und Unangepaß-
ten: Alles übrige ist Literatur und zwar schlechte Literatur. Wenn
der Bettler angepaßt ist, kann er morgen König sein, damit jedoch
hat er die Kraft, Bettler zu sein, eingebüßt. Er hat die Grenze
überschritten und die Nationalität verloren.
Das tröstet mich in diesem engen Büro, dessen schlecht geputz-
te Fenster auf eine freudlose Straße führen. Es tröstet mich, und
dabei betrachte ich die Schöpfer des Weltbewußtseins als meine
Brüder — den ständig mit Schwierigkeiten kämpfenden Dramati-
ker William Shakespeare, den Schulmeister John Milton, den
Vagabunden Dante Alighieri [. . .], ja sogar, falls die Einbezie-
hung erlaubt ist, jenen Jesus Christus, der in der Welt nichts
dargestellt hat, derart daß man in der Geschichtsschreibung an
ihm zweifelt. Die anderen sind von anderer Art — der Staatsrat
Johann Wolfgang von Goethe, der Senator Victor Hugo, der
Chef Lenin, der Duce Mussolini.
Wir im Schatten Lebenden bilden unter den Lastträgern und
den Friseuren die Menschheit.
Auf der einen Seite stehen die Könige mit ihrem Prestige, die
Kaiser mit ihrem Ruhm, die Genies mit ihrer Aura, die Heiligen
mit ihrer Aureole, die Volksführer mit ihrer Herrschaft, die Pro-
stituierten, die Propheten und die Reichen . . . Auf der anderen
Seite stehen wir — der Lastträger an der Straßenecke, der ständig
mit Schwierigkeiten kämpfende Dramatiker William Shakespea-
re, der Friseur mit seinen Anekdoten, der Schulmeister John
Milton, der Lehrling in seiner Marktbude, der Vagabund Dante
Alighieri, diejenigen, die der Tod vergißt oder weiht und die das
Leben weihelos vergessen hat.

Wenn ich mir aufmerksam das Leben anschaue, das die Menschen
führen, finde ich nichts in ihm, was es vom Leben der Tiere
unterscheiden könnte. Die einen wie die anderen werden unbe-
wußt durch die Dinge und die Welt geworfen; die einen wie die
anderen unterhalten sich und machen zwischendurch Pause, die
einen wie die anderen durchleben täglich den gleichen organi-
schen Ablauf; die einen wie die anderen denken nicht über das
hinaus, was sie denken, und sie leben auch nicht über das hinaus,
was sie erleben. Die Katze räkelt sich in der Sonne und schläft in
ihr. Der Mensch räkelt sich im Leben mit all seinen Verwicklun-
gen und schläft in ihm. Weder die eine noch der andere befreien
sich von dem schicksalhaften Gesetz, so sein zu müssen, wie sie
sind. Niemand versucht das Gewicht des Seins aufzuheben. Die
größten unter den Menschen lieben den Ruhm, aber sie Heben ihn
nicht wie eine eigene Unsterblichkeit, sondern wie eine abstrakte
Unsterblichkeit, an der sie möglicherweise keinen Anteil haben.
Diese Überlegungen, die ich häufig anstelle, flößen mir eine
jähe Bewunderung für jene Art von Menschen ein, die ich sonst
instinktiv ablehne. Ich meine die Mystiker und die Asketen — die
weit entfernten in allen möglichen Tibets und die Simon Stylites
auf allen Säulen. Sie versuchen wirklich, wenngleich umsonst,
sich vom Gesetz der Tierhaftigkeit zu befreien. Sie versuchen
tatsächlich, wenngleich umsonst, das Gesetz des Lebens zu ver-
leugnen und sich in der Sonne auszustrecken und den Tod zu
erwarten, ohne an ihn zu denken. Sie sind auf der Suche, wenn
auch auf der Höhe einer Säule; sie verzehren sich in Sehnsucht,
wenn auch in einer lichtlosen Zelle; sie wollen das Unbekannte,
wenn auch im selbstauferlegten Martyrium und Leiden.
Wir anderen alle, die wir animalisch in mehr oder weniger
großer Komplexität leben, überqueren die Bühne wie Mitwirken-
de, die nichts zu sagen haben, zufrieden mit der eitlen Feierlichkeit
unseres Auftritts. Hunde und Menschen, Katzen und Helden,
Flöhe und Genies spielen wir existieren, ohne daran zu denken
(denn die Besten von uns denken nur ans Denken) — unter der
großen Stille der Gestirne. Die übrigen — die Mystiker des
Leidens und des Opfers — spüren zumindest mit ihrem Körper
und im Alltag die magische Gegenwart des Geheimnisses. Sie sind
befreit, weil sie die sichtbare Sonne leugnen; sie sind zufrieden,
weil sie sich aus dem Leerraum der Welt herausgestohlen haben.
Ich werde fast mit ihnen zum Mystiker, wenn ich von ihnen
rede, aber ich wäre außerstande, mehr als diese Worte zu sein, die
einer momentanen Eingebung folgend niedergeschrieben wur-
den. Ich werde immer zur Rua dos Douradores gehören wie die
gesamte Menschheit. Ich werde immer in Vers oder Prosa ein
Angestellter an seinem Schreibpult sein. Ich werde immer im
mystischen oder im nicht-mystischen Bereich, ortsgebunden und
unterwürfig, ein Sklave meiner Empfindungen und der Stunde
sein, in der ich sie empfinden kann. Ich werde immer, unter dem
großen blauen Baldachin des stummen Himmels, ein Page in
einem unverständlichen Ritual sein, bekleidet mit Leben, um das
Ritual vollziehen zu können, und Gebärden und Schritte ausfüh-
ren ohne zu wissen weshalb, bis das Fest oder meine Rolle auf
diesem Fest zu Ende gehen und ich in den großen Buden, die wie
es heißt, im Hintergrund des Gartens errichtet worden sind,
Leckerbissen verzehren kann.
Es fällt mir plötzlich auf — weshalb weiß ich nicht, daß ich allein
im Büro bin. Ich hatte es schon vage geahnt. In jedem Teil meines
Bewußtseins weitete sich Erleichterung, atmeten mehrere Lungen
tiefer.
Das ist eine der sonderbarsten Empfindungen, die uns der
Zufall der Begegnungen und der Absenzen vermitteln kann:
Allein zu sein in einem normalerweise menschenerfüllten, ge-
räuschvollen oder fremden Haus. Es kommt plötzlich ein Hauch
von Macht und Weite über uns — von Erleichterung und Ruhe.
Wie gut, wenn man mutterseelenallein ist, laut mit sich selbst
reden und umherspazieren kann, ohne von Bücken gestört zu
werden, sich nach hinten zurücklehnen darf, in einer ungebetenen
Träumerei! Das ganze Haus wird zum Feld, jeder Saal besitzt die
Ausdehnung eines Landguts.
Die Geräusche sind alle fremd, als gehörten sie zu einem nahen,
aber unabhängigen Universum. Endlich sind wir Könige. Darauf
streben wir alle zu; die größten Plebejer unter uns — wer weiß!
— sogar mit größerer Entschiedenheit als die Leute mit mehr
falschem Gold. Für einen Moment sind wir Pensionisten des
Weltalls und leben, unserer regelmäßigen Pension sicher, bedürf-
nislos und sorgenfrei.
Ach, aber ich erkenne am Schritt auf der Treppe den Jemand,
der meine erholsame Einsamkeit unterbrechen wird. Mein still-
schweigendes Imperium wird einen Barbareneinbruch erleben.
Nicht, daß mir der Schritt verriete, wer da kommt, nicht daß mich
der Schritt an diesen oder jenen erinnerte, den ich kenne. Ein
tauber Instinkt liegt in der Seele und verrät mir, daß da einer
kommt, daß da jemand emporsteigt, einstweilen noch als Schritte
auf der Treppe, die ich auf einmal sehe, weil ich an den denke,
der auf ihr hochsteigt. Jawohl, es ist einer der Angestellten. Er
hält inne, die Tür geht, er tritt ein, ich sehe ihn ganz. Und beim
Eintreten sagt er zu mir: »Ganz allein, Herr Soares?« Und ich gebe
zur Antwort: »Jawohl, schon seit längerem . . .« Und dann setzt
er hinzu, indem er sich aus der Jacke schält, mit einem Blick auf
die andere, alte, auf dem Bügel hängende: »Sehr langweilig ist das,
wenn man hier so allein ist, Herr Soares, und außerdem . . .«
»Ohne Zweifel, sehr langweilig«, entgegne ich ihm. »Überdies hat
man Lust einzuschlafen«, sagt er, schon in der zerlöcherten Jacke,
und geht auf seinen Schreibtisch zu. »Die hat man«, bekräftige ich
lächelnd. Danach strecke ich die Hand nach dem vergessenen
Federhalter aus und trete graphisch von neuem in die anonyme
Gesundheit des normalen Lebens ein.

Wenn ich es eines Tages erleben sollte, daß ich dank einer voll-
kommen gesicherten Lebensstellung frei schreiben und publizie-
ren kann, so weiß ich, daß ich Sehnsucht nach meinem jetzigen
ungesicherten Leben bekommen werde, in welchem ich wenig
schreibe und nichts veröffentliche. Ich werde Sehnsucht bekom-
men, nicht weil mein jetziges vergebliches Leben der Vergangen-
heit angehört und nie wiederkehren wird, sondern weil jede
Lebensweise ihre Besonderheit hat und einen eigenen Genuß, und
wenn man zu einem anderen Leben übergeht, macht dieser eigene
Genuß weniger glücklich, ist diese Besonderheit weniger gut; sie
hören auf zu existieren, und es tritt ein Gefühl des Mangels ein.
Wenn es eines Tages geschehen sollte, daß ich das Kreuz meiner
Pläne auf den Gipfel des Kalvarienberges tragen kann, werde ich
einen Kalvarienberg auf dem Kalvarienberggipfel finden und
Sehnsucht verspüren nach der Zeit, als er für mich noch nichtig,
müßig und unerreichbar war. Ich werde mich irgendwie beein-
trächtigt fühlen.
Ich möchte schlafen. Der Tag war bedrückend mit seiner sinn-
losen Arbeit im beinahe leeren Büro. Zwei Angestellte sind krank,
und die übrigen abwesend. Ich bin allein, nur der Laufbursche
steht im Hintergrund. Ich spüre Sehnsucht nach der Möglichkeit,
eines Tages Sehnsucht empfinden zu können, die selbst dann noch
sinnlos ist.
Fast möchte ich die Götter, die es geben mag, bitten, mich hier
aufzubewahren wie in einem Geldschrank und vor den Unbilden
und den Glücksmomenten des Lebens zu beschützen.

Alles ist mir unerträglich geworden außer dem Leben. Büro,


Wohnung, Straßen — sogar das Gegenteil von ihnen, wenn ich
es hätte — sind mir übergenug und bedrücken mich; nur das
Ganze schafft mir Erleichterung. Jawohl, etwas von alledem ist
mir Trost genug. Ein Sonnenstrahl, der ständig in das ausgestor-
bene Büro eindringt; die Litanei eines Straßenverkäufers, die
rasch zu meinem Zimmerfenster emporsteigt; die Tatsache, daß
es Leute gibt, daß Klima und Wetter sich ändern, die erschüttern-
de Objektivität der Welt. . .
Der Sonnenstrahl ist plötzlich in mich, der ihn plötzlich er-
blickte, eingedrungen. Es war ein Strahl beinahe farblosen, mes-
serscharfen Lichtes, der den schwarzen Holzfußboden zerschnitt
und, wo er entlangglitt, die alten Nägel und Vertiefungen zwi-
schen den Bohlen, die schwarzen Linienblätter des Nicht-Weißen,
mit Leben erfüllte.
Minutenlang verfolgte ich die unsichtbare Wirkung der in mein
stilles Büro einfallenden Sonne . . . Kerkerbeschäftigungen! Nur
Eingeschlossene schauen so der Sonne bei ihren Bewegungen zu,
wie jemand Ameisen zuschaut.

Heute habe ich mir in einer jener plan- und würdelosen Phantasie-
vorstellungen, die einen großen Teil der geistigen Substanz mei-
nes Lebens ausmachen, ausgemalt, ich sei für immer frei von der
Rua dos Douradores, von Chef Vasques, von Buchhalter Moreira,
von allen Angestellten, von dem Dienstmann, von dem Laufjun-
gen und von der Katze. Im Traum spürte ich meine Befreiung,
als hätten mir südliche Meere wunderbare Inseln zur Entdeckung
angeboten. Das wäre dann die Erholung, die vollendete Kunst,
die geistige Erfüllung meines Seins.
Plötzlich aber mitten in diesen Phantasien, denen ich mich am
bescheidenen Feiertag der Mittagspause in einem Cafe überließ,
beeinträchtigte mir ein unangenehmer Eindruck diesen Traum:
ich spürte, daß mir das leid tun würde. Ja, ich sage das, als ob ich
es mit aller Ausführlichkeit sagen würde: es täte mir leid. Chef
Vasques, Buchhalter Moreira, Kassierer Borges, alle diese guten
Kerle, der vergnügte Laufbursche, der die Briefe auf die Post
bringt, der Dienstmann für alle Arten von Transporten, die
zärtliche Katze — all das ist ein Bestandteil meines Lebens gewor-
den; ich könnte all das nicht mehr verlassen, ohne zu weinen,
ohne einzusehen, daß ein Teil von mir, auch wenn es mir noch
so arg erscheinen mag, bei ihnen allen zurückbleiben, daß eine
Trennung von ihnen einem halben Tod gleichkommen würde.
Und wenn ich mich im übrigen wirklich morgen von ihnen
allen entfernen und meine Kleidung aus der Rua dos Douradores
ablegen würde, wohin käme ich dann wohl? Denn etwas anderes
käme doch wohl auf mich zu? Welch andere Kleidung würde ich
tragen? Denn eine andere Kleidung müßte ich doch wohl anzie-
hen?
Wir haben alle einen Chef Vasques; für die einen ist er sichtbar,
für die anderen unsichtbar. Für mich heißt er wirklich Vasques
und ist ein gesunder, umgänglicher Mann, der dann und wann
brüsk, aber nie nachtragend ist, profitbedacht, aber im Grunde
gerecht — mit einem Sinn für Gerechtigkeit ausgestattet, der
vielen großen Genies und vielen wunderbaren menschlichen Zivi-
lisationsprodukten rechts wie links abgeht. Für andere mag die
Eitelkeit, das Verlangen nach größerem Reichtum, nach Ruhm,
nach Unsterblichkeit beherrschend sein . . . Ich ziehe den Men-
schen Vasques vor, meinen Chef, der in schwierigen Stunden
umgänglicher ist als alle abstrakten Chefs der Welt.
Ein Freund, Teilhaber einer Firma, die dank ihrer Geschäftsbe-
ziehungen zu allen staatlichen Stellen floriert, sagte neulich zu
mir, weil er annahm, ich verdiente zu wenig: »Sie werden ausge-
beutet . . .« Das rief mir in Erinnerung, daß ich ausgebeutet
werde, da wir aber im Leben ausgebeutet werden müssen, frage
ich mich, ob es nicht weniger schlimm ist, von Herrn Vasques aus
dem Stoffgeschäft ausgebeutet zu werden als von der Eitelkeit,
der Ruhmsucht, der Verachtung, dem Neid oder dem Unmögli-
chen.
Es gibt sogar Leute, die Gott selbst ausbeutet, und das sind die
Propheten und Heiligen in der Leere der Welt.
Und ich ziehe mich — wie in das Heim, das die anderen ihr
eigen nennen — in das fremde Haus, in das weitläufige Büro in
der Rua dos Douradores zurück. Ich mache es mir an meinem
Schreibtisch bequem wie an einem Bollwerk gegen das Leben. Ich
spüre Zärtlichkeit, bis zu Tränen reichende Zärtlichkeit für meine
Geschäftsbücher, in die ich Eintragungen vornehme, für das alte
Tintenfaß, dessen ich mich bediene, für den gebeugten Rücken
Sergios, der etwas weiter von mir entfernt Warenbegleitpapiere
ausfertigt. Ich liebe das alles, vielleicht, weil ich sonst nichts zum
Lieben besitze — oder vielleicht auch deshalb, weil nichts die Liebe
einer Seele wert ist und, wenn wir es schon für ein Gefühl halten,
es ebenso lohnend ist, dieses Gefühl meinem kleinen Tintenfaß
entgegenzubringen wie der großen Gleichgültigkeit der Gestirne.

Wer die voraufgehenden Seiten dieses Buches gelesen hat, wird


zweifellos zu der Ansicht gelangt sein, ich sei ein Träumer. Und
doch hat er sich geirrt, wenn er das geglaubt hat. Um ein Träumer
sein zu können, fehlt mir das Geld.
Die große Melancholie, die Traurigkeit voller Überdruß kön-
nen nur in einem Ambiente von Komfort und Luxus existieren.
Deshalb gibt sich der Egeus E. A. Poes, der stundenlang in
krankhafte Betrachtungen versinkt, seiner Neigung in einer Ah-
nenburg hin, wo jenseits der Türen des großen Saals, wo das
Leben am Werke ist, unsichtbare Verwalter sich um Haus und
Mahlzeiten kümmern.
Der große Traum setzt gewisse gesellschaftliche Gegebenhei-
ten voraus. Als ich mich eines Tages, trunken von der rhythmi-
schen, schmerzlichen Bewegung meiner Aufzeichnungen, an Cha-
teaubriand erinnerte, dauerte es nicht lange, bis mir einfiel, daß
ich weder Vicomte noch Normanne war. Als ich ein andermal in
dem bereits erwähnten Sinne eine Ähnlichkeit mit Rousseau zu
verspüren vermeinte, dauerte es ebenfalls nicht lange, bis mir
einfiel, daß ich, so wenig ich das Privileg besessen hatte, ein
adliger Herr und Schloßbesitzer zu sein, ebensowenig das Privileg
besaß, Schweizer und Vagabund zu sein.
Doch zum Glück ist die Welt auch in der Rua dos Douradores
vorhanden. Auch hier vergönnt uns Gott, daß das Lebensrätsel
nicht ausbleibt. Und wenn meine Träume auch so ärmlich sind
wie die Landschaft aus Lieferwagen und Kisten, die ich aus den
Rädern und Brettern entnehmen kann, so sind sie doch das, was
ich habe, und das, was ich haben kann.
Irgendwo sind die Sonnenuntergänge ohne Zweifel dauerhafte
Wirklichkeit. Doch auch von diesem vierten Stock über der Stadt
aus kann man an das Unendliche denken. Ein Unendliches mit
darunter befindlichen Warenlagern, gewiß, aber mit Sternen-
schimmer darüber . . . Das fällt mir an diesem zu Ende gehenden
Abend am hohen Fenster ein, in der Unzufriedenheit des Bürgers,
der ich nicht bin, und in der Traurigkeit des Dichters, der ich nie
werde sein können.

Ich erschuf in mir verschiedene Persönlichkeiten. Ich erschaffe


ständig Personen. Jeder meiner Träume verkörpert sich, sobald
er geträumt erscheint, in einer anderen Person; dann träumt sie,
nicht ich.
Um erschaffen zu können, habe ich mich zerstört; so sehr habe
ich mich in mir selbst veräußerlicht, daß ich in mir nicht anders
als äußerlich existiere. Ich bin die lebendige Bühne, auf der
verschiedene Schauspieler auftreten, die verschiedene Stücke auf-
führen.

In mir selbst einen Staat gründen, mit Politik, Parteien und


Revolutionen, und ich das alles sein, Gott im wirklichen Pantheis-
mus dieses Ich-Volkes, Wesen und Handeln seiner Leiber, seiner
Seelen, des Bodens, auf dem sie stehen und der Handlungen, die
sie vollführen. Alles sein, sie und nicht sie sein. O weh, das ist
noch ein solcher Traum, den ich nicht zu verwirklichen vermag.
Wenn ich ihn verwirklichen könnte, würde ich möglicherweise
sterben, ich weiß nicht warum, aber nach etwas Derartigem kann
man wohl nicht mehr weiterleben, so groß ist das gegen Gott
begangene Sakrileg, so groß die Usurpation der göttlichen Macht,
alles zu sein.
Welchen Genuß würde es für mich bedeuten, eine jesuitische
Kasuistik der Empfindungen zu erschaffen!
Es gibt Metaphern, die sind wirklicher als die Leute, die über
die Straße gehen. Es gibt Illustrationen auf verborgenen Buchsei-
ten, die leben deutlicher als viele Männer und viele Frauen. Es
gibt literarische Sätze, die besitzen ganz und gar menschliche
Individualiät. Bruchstücke von mir geschriebener Absätze gibt es,
die lassen mich vor Entsetzen erstarren, so deutlich fühle ich sie
als Wesen, so scharf abgehoben gegen die Wände meines Zim-
mers, bei Nacht, im Schatten . . . Ich habe Sätze niedergeschrie-
ben, deren Klang, wenn man sie laut oder leise liest — und man
kann ihren Klang unmöglich verbergen — gänzlich von etwas
herrührt, das absolute Äußerlichkeit und vollständig Seele ge-
wonnen hat.
Warum stelle ich dann und wann widersprüchliche, unverein-
bare Verfahren dar, wie man träumt und zu träumen lernt? Weil
ich mich wahrscheinlich so sehr daran gewöhnt habe, das Falsche
wie das Wahre zu fühlen, das Erträumte ebenso deutlich wie das
Gesehene, daß ich die, wie ich meine, falsche menschliche Unter-
scheidungsfähigkeit zwischen Wahrheit und Lüge eingebüßt
habe.
Es genügt, daß ich klar sehe, mit den Augen oder mit den
Ohren oder mit irgendeinem anderen Sinn, damit ich fühle, daß
es wirklich ist. Es kann sogar vorkommen, daß ich zwei unverein-
bare Dinge zur gleichen Zeit fühle. Das macht nichts.
Es gibt Geschöpfe, die sind imstande, lange Stunden hindurch
zu leiden, weil es ihnen nicht möglich ist, eine Gestalt aus einem
Gemälde oder eine Spielkarte zu sein. Es gibt Seelen, auf denen
es wie ein Fluch lastet, daß es ihnen versagt ist, in der heutigen
Zeit ein Mensch des Mittelalters zu sein. Solche Leiden haben
mich früher überkommen. Heute nicht mehr. Ich habe mich
verfeinert und bin darüber hinausgewachsen. Doch es schmerzt
mich zum Beispiel, daß ich mich nicht als zwei Könige in ver-
schiedenen Königreichen träumen kann, die Universen mit ver-
schiedenen Arten von Raum und Zeit angehören. Dies nicht zu
vermögen, bekümmert mich wirklich. Es schmeckt mir nach
Hungerleiden.
Das Unfaßliche zu träumen und zu veranschaulichen ist einer
der großen Triumphe, die selbst ich, der so groß ist, nur selten
feiern kann. Jawohl, zu träumen, daß ich beispielsweise zur glei-
chen Zeit getrennt und unverschmolzen der Mann und die Frau
eines Spaziergangs bin, den ein Mann und eine Frau am Flußufer
unternehmen. Könnte ich mich doch zur gleichen Zeit sehen, mit
gleicher Deutlichkeit, auf dieselbe Weise, unvermischt, und beide
Dinge mit gleichem Einfühlungsvermögen sein, ein bewußtes
Schiff auf einem südlichen Meer und die gedruckte Seite eines
Buches. Wie absurd das scheint! Aber alles ist absurd, und der
Traum ist es noch am allerwenigsten.

Denkend schuf ich mich zu Echo und Abgrund. Ich vervielfachte


mich, indem ich mich vertiefte. Das kleinste Vorkommnis — eine
Veränderung des Lichtes, der eingerollte Fall eines trockenen
Blattes, das Blumenblatt, das sich welk ablöst, die Stimme auf der
anderen Seite der Mauer oder die Schritte dessen, der diese Stim-
me erhebt, im Verein mit den Schritten desjenigen, der sie ver-
nimmt, das halb geöffnete Portal des alten Gutshofs, der Innen-
hof, der sich unter dem Bogen der im Mondlicht zusammenge-
scharren Häuser aufrut — all diese Dinge, die mir nicht gehöien,
fesseln mein empfindliches Nachdenken mit Banden des Wider-
halls und der Sehnsucht. In jeder einzelnen dieser Wahrnehmun-
gen bin ich ein anderer, erneuere mich schmerzlich in jedem
unbestimmten Eindruck.
Ich lebe von Eindrücken, die mir nicht gehören, ein Ver-
schwender von Verzichten, ein anderer in der Art und Weise, wie
ich ich bin.

Da ich nichts zu tun habe und auch nicht denken will, was ich tun
könnte, vertraue ich diesem Papier die Beschreibung eines Ideals
an — als Notiz.
Die Sensibilität Mallarmés in den Stil von Vieira einbringen;
träumen wie Verlaine im Körper von Horaz; Homer im Mond-
licht sein.
Alles auf jegliche Weise fühlen; mit den Gefühlen zu denken
verstehen und mit dem Denken zu fühlen; leiden und damit
kokettieren; klar sehen, um richtig zu schreiben; sich erkennen
mit Verstellungskunst und taktischem Geschick; sich als anderer
Mensch einbürgern samt allen Dokumenten; kurzum, alle Emp-
findungen von innen verwenden und abschälen bis hin zu Gott;
dann aber von neuem entwickeln und wieder ins Schaufenster
legen wie der Kassierer, den ich von hier aus sehen kann, mit den
kleinen Schachteln Schuhcreme einer neuen Marke.
All diese Ideale, mögliche oder unmögliche, gehen jetzt zu
Ende. Ich habe die Wirklichkeit vor mir — es ist nicht einmal der
Kassierer, es ist seine Hand (ihn kann ich nicht sehen), absurder
Tentakel einer Seele mit Familie und Schicksal, die Gebärden einer
Spinne ohne Netz vollführt, während sie sich beim Wiederhinein-
legen vor mir streckt.
Und eine der Schachteln ist zu Boden gefallen — wie das
Schicksal von jedermann.

1.12.1931

Heute habe ich etwas Absurdes und dennoch Richtiges wahrge-


nommen. Ich habe in einem inneren Blitzstrahl bemerkt, daß ich
niemand bin. Niemand, ganz und gar niemand. Als der Blitz
aufzuckte, lag dort, wo ich eine Stadt vermutete, eine verlassene
Ebene; und das düstere Licht, das mich mir zeigte, enthüllte mir
keinen Himmel über ihr. Man hat mir geraubt, sein zu können,
bevor noch die Welt war. Wenn ich mich wiederverkörpern
mußte, so geschah diese Wiederverkörperung ohne mich, ohne
daß ich mich wiederverkörpert hätte.
Ich bin die Umgebung einer nicht vorhandenen Ortschaft, der
weitschweifige Kommentar zu einem Buch, das nicht geschrieben
worden ist. Ich bin niemand, niemand. Ich vermag nicht zu
fühlen, vermag nicht zu denken, vermag nicht zu wollen. Ich bin
eine Gestalt aus einem noch zu schreibenden Roman, die luftig
vorüberweht und sich auflöst, ohne gewesen zu sein, unter den
Träumen desjenigen, der mich nicht zu formulieren verstand.
Ich denke immer, fühle immer; doch mein Denken enthält
keine Gedanken, mein Gefühlsleben keine Gefühle. Ich falle aus
der Falltür dort oben durch den ganzen unendlichen Raum hin-
durch, in einem Sturz ohne Richtung, unendlichfach und leer.
Meine Seele ist ein schwarzer Mahlstrom, ein weites Taumeln
rings um die Leere, Bewegung eines endlosen Ozeans rund um
ein Loch im Nichts, und in den Gewässern, die eher ein Kreisen
als Gewässer sind, treiben die Bilder von allem, was ich auf der
Welt gesehen und gehört habe — strudeln Häuser, Gesichter,
Bücher, Kisten, Spuren von Musik und Silben von Stimmen in
einem düsteren, unauslotbaren Wirbel.
Und ich, wahrhaft ich, bin der Mittelpunkt, der dabei nicht
vorhanden ist, es sei denn in einer Geometrie des Abgrunds; ich
bin das Nichts, um das her diese Bewegung nur um des Kreisens
willen kreist, ohne daß dieser Mittelpunkt vorhanden wäre, es sei
denn weil ihn der ganze Kreis besitzt. Ich, wahrhaft ich, bin der
Brunnen ohne Wände, jedoch so glitschig wie Wände sein kön-
nen, der Mittelpunkt von allem mit dem Nichts ringsumher.
Und er steckt in mir, als ob die Hölle selbst ein Gelächter
anstimmte, ohne daß ihn zumindest die Menschheit von Teufeln
belachen könnte, der schnatternde Wahnsinn des toten Weltalls,
der rollende Kadaver des physischen Raumes, das Ende aller
Welten, das schwarz im Winde daherfließt, unförmig und ana-
chronistisch, ohne einen Gott, der ihn geschaffen hätte, ohne ihn
selbst, der in der Finsternis der Finsternisse einherrollt, unmög-
lich, einzigartig, alles.
Daß man so etwas denken kann! Daß man so etwas fühlen
kann!
Meine Mutter starb sehr früh, und ich habe sie nicht kennenge-
lernt . . .

Alles verflüchtigt sich mir. Mein ganzes Leben, meine Erinnerun-


gen, meine Phantasie und was sie enthält, meine Persönlichkeit,
alles verflüchtigt sich mir. Ständig fühle ich, daß ich ein anderer
war, daß ich als anderer fühlte, daß ich als anderer dachte. Ich
wohne einem Schauspiel mit einem anderen Bühnenbild bei. Und
wem ich da beiwohne, das bin ich.
Zuweilen finde ich in der üblichen Unordnung meiner literari-
schen Schubladen Papiere, die ich vor zehn, vor fünfzehn oder
vielleicht noch mehr Jahren geschrieben habe. Und viele von
ihnen kommen mir wie von einem Fremden geschrieben vor; ich
kann mich in ihnen nicht wiedererkennen. Es hat jemanden gege-
ben, der sie geschrieben hat, und das war ich. Ich habe sie gefühlt,
aber das geschah wie in einem anderen Leben, aus dem ich jetzt
aufgewacht wäre wie aus einem fremden Traum.
Häufig finde ich Dinge, die ich geschrieben habe, als ich noch
sehr jung war — Notizen aus meinem siebzehnten, aus meinem
zwanzigsten Lebensjahr. Und manche besitzen eine Ausdrucks-
kraft, die ich nicht erinnern kann, in jenem Lebensabschnitt
besessen zu haben. Da stehen manche Sätze, manche Satzperio-
den, die wenige Schritte nach der Pubertät geschrieben wurden
und mir als Fabrikat des Menschen, der ich jetzt bin, geprägt von
Jahren und Dingen, erscheinen. Ich muß anerkennen, daß ich
derselbe bin, der ich war. Und da ich mir einbilde, im Verhältnis
zu dem, was ich gewesen bin, einen großen Schritt nach vorn
gemacht zu haben, frage ich mich, worin dieser Fortschritt be-
steht, wenn ich damals derselbe war, der ich heute bin.
Darin liegt ein Geheimnis, das mich entwertet und bedrückt.
Vor Tagen noch hat mich ein kurzes Schriftstück aus meiner
Vergangenheit erschüttert. Ich entsinne mich mit aller Deutlich-
keit, daß meine, zumindest relativen Sprachbedenken erst wenige
Jahre alt sind. In einer Schublade fand ich ein sehr viel älteres
Schriftstück von mir, worin eben dieses Bedenken stark hervorge-
hoben wurde. Ich konnte mich in meiner Vergangenheit nicht
begreifen. Wie bin ich fortgeschritten zu dem, was ich schon war?
Wie konnte ich mich heute so erkennen, wie ich mich gestern
verkannt habe? Und alles verwirrt sich mir zu einem Labyrinth,
worin ich mich mit mir aus mir selber verliere.
Ich lasse meine Gedanken schweifen und bin gewiß, daß ich
das, was ich schreibe, schon geschrieben habe. Ich erinnere nur.
Und frage den, der in mir zu sein vorgibt, ob es nicht im Platonis-
mus der Empfindungen eine andere, uns zugeneigtere Wieder-
erinnerung gibt, eine andere Rückerinnerung an ein früheres
Leben, die nur aus diesem Leben stammt. . .
Mein Gott, mein Gott, wem wohne ich bei? Wie viele Leute
bin ich? Wer ist ich? Was ist dieser Zwischenraum, der zwischen
mir und mir steht?
Abermals habe ich eine Aufzeichnung von mir gefunden, auf Fran-
zösisch abgefaßt, die schon fünfzehn Jahre zurückliegt. Ich bin nie
in Frankreich gewesen, habe nie in der Nähe mit Franzosen Um-
gang gehabt und bin daher niemals in dieser Sprache so geübt
gewesen, daß ich diese Übung hätte verlieren können. Ich lese heute
ebensoviel Französisch wie eh und je. Ich bin älter geworden,
praktischer im Denken; ich muß Fortschritte gemacht haben. Und
jene Aufzeichnung aus meiner fernen Vergangenheit zeigt eine
Sicherheit im Gebrauch des Französischen, die ich heutzutage nicht
besitze; der Stil ist so flüssig, wie er mir heute in dieser Sprache
nicht zu Gebote steht; es gibt da ganze Abschnitte, vollständige
Sätze, Formen und Ausdrucksweisen, die eine Sprachbeherrschung
unterstreichen, die mir abhanden gekommen ist, ohne daß ich mich
erinnern könnte, sie je besessen zu haben. Wie erklärt sich das? Wer
ist in mir an meine Stelle getreten?
Ich weiß wohl, es ist ein leichtes, eine Theorie vom Verfließen
der Dinge und der Seelen zu entwerfen, zu begreifen, daß wir ein
innerer Lebenslauf sind, sich vorzustellen, daß wir durch uns
selbst hindurchgehen, daß wir viele waren . . . Doch hier liegt
etwas anderes vor, nicht der bloße Ablauf der Persönlichkeit
zwischen ihren eigenen Ufern; es liegt das andere Absolute vor,
ein fremdes Wesen, das mein eigenes gewesen ist. Daß ich mit
fortschreitendem Alter Phantasie, Gefühl, einen bestimmten
Typus Intelligenz, eine Art zu empfinden verlieren würde — das
alles würde mich schmerzen, aber nicht entsetzen. Aber was erlebe
ich, wenn ich mich wie einen Fremden lese? An welchem Rande
stehe ich, wenn ich mich im tiefen Grunde erblicke?
Andere Male wieder finde ich Notizen, die ich mich nicht
erinnern kann, geschrieben zu haben — was kaum erstaunlich ist,
die ich mich nicht einmal erinnere, geschrieben haben zu können
— was mich erschreckt. Gewisse Sätze verraten eine andere Men-
talität. Es ist so, als fände ich ein altes Bild, das zweifelsfrei mein
eigenes ist, mit andersartigem Körperbau, mit unbekannten Ge-
sichtszügen — und dennoch unleugbar mein eigenes, schrecken-
erregend ich selber.
Letzten Endes bleibt von diesem Tage das, was vom gestrigen
blieb und vom morgigen bleiben wird: die unersättliche und nicht
zählbare Begierde, immer derselbe und ein anderer zu sein.

Meine Seele ist ein verborgenes Orchester; ich weiß nicht, welche
Instrumente, Geigen und Harfen, Pauken und Trommeln es in
mir spielen und dröhnen läßt. Ich kenne mich nur als Symphonie.

2.7.1932

In der strahlenden Vollkommenheit des Tages stockt gleichwohl


die durchsonnte Luft. Nicht weil das aufkommende Gewitter, das
Unbehagen der wetterempfindlichen Körper, die undeutliche
Eintrübung des tiefblauen Himmels Druck ausübten. Eher wegen
der fühlbaren Lähmung, wegen der Andeutung von Muße, die
leicht wie eine Feder über das Gesicht des Einschlafenden streift.
Der Sommer hat seinen Höhepunkt erreicht. Das Landleben lockt
sogar diejenigen, die sich nichts aus ihm machen.
Wenn ich ein anderer wäre, denke ich bei mir, wäre dies für
mich ein glücklicher Tag, denn ich würde ihn spüren, ohne an ihn
zu denken. Ich würde mit einer vorweggenommenen Freude
meine normale Arbeit beschließen — die Arbeit, die mir alle Tage
als eintönig anormal erscheint. Ich würde mich mit Freunden
verabreden und die Straßenbahn nach Benfica nehmen. Wir wür-
den bei einem großen Sonnenuntergang in Gemüsegärten zu
Abend essen. Unsere Freude würde ein Teil der Landschaft sein
und von allen, die uns zu Gesicht bekämen, als der Örtlichkeit
angemessen gebilligt werden.
Da ich jedoch ich selber bin, genieße ich ein bißchen das
bißchen, das mir vorgaukelt, ich sei dieser andere. Jawohl, Er-Ich
wird sogleich unter Weinranken oder Bäumen das Doppelte von
dem essen, was ich essen kann, das Doppelte von dem trinken,
was ich zu trinken wage, das Doppelte von dem lachen, was zu
lachen ich mir vorstellen kann. Dann er, jetzt ich. Gewiß, einen
Augenblick lang war ich ein anderer: Ich sah, ich erlebte in
jemand anderem die schlichte menschliche Freude, als Lebewesen
in Hemdsärmeln zu existieren. Ein großer Tag, der mich so
träumen ließ! Blau und erhaben steht er in der Höhe — wie mein
ephemerer Traum, ein gesunder Kassierer in irgendwelchen Fe-
rien des endenden Tages zu sein.

14.3.1930

Das Schweigen, das vom rauschenden Regen ausgeht, verbreitet


sich in einem Crescendo grauer Monotonie in der engen Straße,
auf die ich schaue. Ich schlafe im Wachen und stehe am Fenster,
an das ich mich so anlehne wie an alles. Ich suche in mir zu
erfahren, was das für Empfindungen sind, die ich bei dem zerfa-
serten Niederrinnen dunke-lichten Wassers habe, das sich von
den schmutzigen Fassaden und mehr noch von den geöffneten
Fenstern abhebt. Und ich weiß nicht, was ich fühle, ich weiß
nicht, was ich fühlen will, ich weiß nicht, was ich denke, und auch
nicht, was ich bin.
Die ganze verspätete Bitterkeit meines Lebens legt in meinen
blicklosen Augen das Gewand natürlicher Heiterkeit ab, das sie
in den verlängerten Zufallen aller Tage trägt. Ich stelle fest, daß
ich mich, so oft ich heiter, so oft ich zufrieden bin, doch immer
traurig fühle. Und dasjenige, was das in mir feststellt, steht hinter
mir, beugt sich gleichsam über mein Anm-Fenster-Lehnen und
starrt über meine Schultern und meinen Kopf hinweg, mit innerli-
cheren Augen als es meine sind, auf den trägen, wellenförmig
rinnenden Regen, der die graue schlechte Luft filigranartig in
Bewegung setzt.
Könnte man doch alle Pflichten stehen und liegen lassen, auch
diejenigen, die nichts von uns fordern, jeden heimischen Herd
zurückweisen, auch denjenigen, der nicht der unsrige ist, vom
Ungenauen und von Spuren leben zwischen großem Wahnsinns-
purpur und falschen Spitzenkrausen erträumter Majestäten . . .
Etwas sein, was nicht die Last des äußeren Regens fühlt, nicht das
Leid der inneren Leere . . . Ohne Seele und Gedanken umherir-
ren, Empfindung ohne sich selbst, über eine Straße, die Berge
umfahrt, über Täler, die zwischen Steilhängen versunken sind,
fern und schicksalhaft. . . Sich in gemäldegleichen Landschaften
verlieren. Nicht sein in Ferne und Farben . . .
Ein leichter Windhauch, den ich hinter dem Fenster nicht
spüre, zerteilt das rechtlinige Fallen des Regens in luftiges Un-
gleichmaß. Ein Teil des Himmels, den ich nicht sehe, hellt sich
auf. Ich bemerke das, weil ich hinter den angeschmutzten Schei-
ben des gegenüberliegenden Fensters dort drinnen bereits undeut-
lich den Kalender an der Wand erkenne, den ich bisher nicht
erkennen konnte.
Ich vergesse. Ich sehe nicht, denke nicht.
Der Regen hört auf, und von ihm bleibt für einen Augenblick
leichter Staub aus winzigen Diamanten übrig, als ob man in der
Höhe etwas wie ein großes bläuliches Tischtuch mit solchen
Krümeln ausgeschüttelt hätte. Man spürt, daß ein Teil des Him-
mels schon blau ist. Durch das gegenüberliegende Fenster hin-
durch erblicke ich mit größerer Deutlichkeit den Kalender. Er
zeigt ein Frauengesicht, und der Rest ist leicht zu ergänzen, weil
ich ihn wiedererkenne, und die Zahnpasta ist die bekannteste von
allen.
Doch woran dachte ich, bevor ich mir selber sehend verloren-
ging? Ich weiß es nicht. Wille? Anstrengung? Leben? Das Licht
dringt vor, und man fühlt, daß der Himmel schon fast gänzlich
blaut. Doch es herrscht keine Ruhe — ach, es wird sie nie geben
— auf dem Grunde meines Herzens, dieses alten Brunnens am
Ende des verkauften Landguts, Erinnerung an die mit Staub
verschlossene Kindheit auf dem Dachboden eines fremden Hau-
ses. Es herrscht keine Ruhe — und ich habe, weh mir!, nicht
einmal das Bedürfnis, sie zu finden . . .

Ich beneide alle Leute darum, nicht ich zu sein. Da mir von allen
Unmöglichkeiten diese stets als die allergrößte vorgekommen ist,
wurde sie zu meiner täglichen Begierde, zu meiner Verzweiflung
in allen traurigen Stunden.
Immer hat mich in den gelegentlichen Stunden der Distanzierung,
in denen wir uns unserer selbst in unserem Verhältnis zu den
Mitmenschen bewußt werden, die Frage beschäftigt, welche Figur
ich körperlich und auch moralisch mache bei denjenigen, die mich
tagaus tagein betrachten oder per Zufall mit mir reden.
Wir alle sind daran gewöhnt, uns selber vorzugsweise als geisti-
ge Wirklichkeit zu betrachten und die anderen als unmittelbare
körperliche Wirklichkeiten; nur ganz vage betrachten wir uns als
körperliche Wesen mit Auswirkungen auf die Augen unserer
Mitmenschen; nur vage betrachten wir auch die Mitmenschen als
geistige Wirklichkeit, doch nur in der Liebe oder im Konflikt
wird uns wahrhaft deutlich, daß die anderen vor allem Seele
besitzen, so wie wir für uns selbst.
Deshalb verliere ich mich zuweilen in nichtsnutzigen Überle-
gungen, zu welcher Art von Leuten mich wohl diejenigen zählen,
die mich ansehen, wie meine Stimme klingt, welchen Typus
Mensch ich in das unfreiwillige Gedächtnis meiner Mitmenschen
eingeprägt hinterlasse, auf welche Weise sich meine Gesten, meine
Worte, mein scheinbares Leben in die Netzhäute der fremden
Deutung eingravieren. Ich habe es nie vermocht, mich von außen
her anzusehen. Es gibt keinen Spiegel, der uns uns selber als
äußere Wesen zeigen könnte, weil es keinen Spiegel gibt, der uns
aus uns selbst herausziehen könnte. Dazu wäre eine andere Seele,
eine andere Ordnung des Schauens und Denkens notwendig.
Wenn ich Filmschauspieler wäre oder meine Stimme auf Schall-
platten aufnehmen ließe, bin ich dennoch gewiß, daß ich ebenso
weit davon entfernt bliebe zu erfahren, was ich für die andere
Seite darstelle, denn, ich mag wollen, was immer ich wollen mag,
man nehme von mir auf, was immer sich aufnehmen läßt, immer
bin ich hier drinnen im Gutshof mit den hohen Mauern meines
Bewußtseins von mir selbst.
Ich weiß nicht, ob es den anderen nicht auch so geht, ob die
Wissenschaft vom Leben nicht wesentlich daraus besteht, sich
selber so fremd zu sein, daß man instinktiv eine Entfremdung
herstellt und am Leben Anteil nehmen kann als ein dem Bewußt-
sein Entfremdeter; oder ob die anderen, noch introvertierter als
ich, die Grobheit besitzen, nur sie selber zu sein. Sie leben als
äußerliche Wesen dank jenem Wunder, vermittels dessen die Bie-
nen besser organisierte Gesellschaften bilden als irgendeine Na-
tion und die Ameisen sich mit der Sprache ihrer winzigen Anten-
nen verständigen, die in ihren Ergebnissen unsere komplexen
Verständigungsschwierigkeiten hinter sich läßt.
Die Geographie unseres Bewußtseins zeigt sehr mannigfaltige
Küsten und äußerst vielgestaltige Berge und Seen. Und alles wirkt
auf mich, wenn ich länger darüber nachdenke, wie eine Art von
Landkarte nach Art des »Pays du Tendre« oder der aus »Gullivers
Reisen«, eine genaue Spielerei, die in ein ironisches oder phanta-
sievolles Buch aufgenommen wurde zum Gaudium höherer
Wesen, denen bekannt ist, wo die Länder wirklich Länder sind.
Für den Nachdenklichen ist alles verwickelt, und zweifellos
macht es das Denken mit der ihm eigenen Wollust noch ver-
wickelter. Aber ein denkender Mensch hat die Verpflichtung,
seine Abdankung mit einem umfassenden Programm des Ver-
stehens zu rechtfertigen, das wie die Argumente der Lügner
mit allen überschüssigen Einzelheiten aufwartet, die mit dem
Ausheben der Erde die Wurzel der Lüge aufdecken. Alles ist
verwickelt, oder ich bin es, der so verwickelt ist. Aber wie
dem auch sei, es hat nichts zu bedeuten, weil, wie dem auch
sei, nichts etwas zu bedeuten hat. All dies, alle diese von der
breiten Straße abweichenden Betrachtungen vegetieren in den
Hinterhöfen der ausgeschlossenen Götter wie Kletterpflanzen
fern von den Wänden. Und ich muß lächeln in der Nacht, in
der ich diese unzusammenhängenden Betrachtungen ab-
schließe, über die Ironie des Lebens, die sie aus einer Men-
schenseele hervorgehen läßt, einem Waisenkind der großen
Gründe des Schicksals vor Anbeginn der Gestirne.

Amiel hat gesagt, eine Landschaft sei ein seelischer Zustand, aber
dieser Satz ist wie das schlaffe Glück eines schwächlichen Träu-
mers. Sobald die Landschaft Landschaft ist, hört sie auf, ein
seelischer Zustand zu sein. Objektivieren heißt erschaffen, nie-
mand sagt, ein fertiges Gedicht sei ein Zustand, in welchem man
daran denke, es zu verfertigen. Sehen heißt vielleicht träumen,
wenn wir es aber sehen statt träumen nennen, so deshalb, weil wir
träumen von sehen unterscheiden.
Wozu nützen im übrigen diese Spekulationen verbaler Psycho-
logie? Unabhängig von mir wächst das Gras, regnet es auf das
wachsende Gras, und die Sonne vergoldet das Gras, das gewach-
sen ist oder noch wachsen wird, in seiner ganzen Ausdehnung;
es erheben sich die Berge seit undenklichen Zeiten, und der Wind
weht auf die gleiche Weise vorüber, wie ihn Homer, auch wenn
er nicht existiert haben sollte, vernommen hat. Richtiger wäre es
zu sagen, ein seelischer Zustand sei eine Landschaft; dieser Satz
hätte den Vorteil, nicht die Lüge einer Theorie zu enthalten,
sondern nur die Wahrheit einer Metapher.
Diese Zufallsworte diktierte mir die große Ausdehnung der
Stadt Lissabon, wenn man sie im universellen Licht der Sonne
vom hoch gelegenen Säo Pedro de Alcäntara aus betrachtet.
Jedesmal wenn ich eine so weite Fläche betrachte und von den
1,70 m Körpergröße und den 61 kg Gewicht absehe, aus denen
meine Physis besteht, habe ich ein ausgeprägt metaphysisches
Lächeln für diejenigen übrig, die da träumen, daß der Traum
Traum sei, und ich Hebe die Wahrheit der absoluten Außenwelt
mit der edlen Kraft des Verstandes.
Der Tejo im Hintergrund ist ein blauer See, und die Berge auf
dem anderen Flußufer sind die einer abgeplatteten Schweiz. Ein
kleines Schiff fährt aus — ein schwarzer Frachtdampfer — aus
Richtung Poco do Bispo zur Hafenausfahrt, die ich nicht sehen
kann. Mögen mir die Götter alle bis zu der Stunde, in der mein
Anblick meiner selbst zu Ende geht, die klare, sonnenhafte Auf-
fassung der äußeren Wirklichkeit bewahren, den Instinkt für
meine Unwichtigkeit und das Behagen, klein zu sein und ans
Glücklichsein denken zu können.

Von dem schwarzen Himmel tief im Süden des Tejos hoben sich
die im Gegensatz dazu hellweißen Schwingen der Möwen auf
ihrem unruhigen Flug ab. Der Tag jedoch sah nicht mehr nach
Gewitter aus. Die gesamte Masse des drohenden Regens war auf
die andere Flußseite abgezogen und die Unterstadt, noch von ein
bißchen Regen feucht, lächelte vom Boden bis zum Himmel,
dessen nördlicher Teil noch weißbläulich schimmerte. Die Früh-
lingsfrische strahlte leichte Kühle aus.
In einer leeren, unwägbaren Stunde wie dieser gefällt es mir,
mein Denken freiwillig zu einer Gedankenkette zu führen, die
nichts ist, aber in ihrer nichtigen Klarheit etwas von der einsamen
Kühle des heller gewordenen Tages zurückbehält: den schwarzen
Hintergrund in der Ferne und gewisse Intuitionen, die im Gegen-
satz dazu wie Möwen das Geheimnis aller Dinge auf diesem tiefen
Schwarz heraufbeschwören.
Auf einmal jedoch stellt mir, im Gegensatz zu meiner inneren
literarischen Absicht, der schwarze Hintergrund des Himmels im
Süden dank einer wahren oder auch falschen Erinnerung einen
anderen Himmel vor die Augen, den ich vielleicht in einem
anderen Leben erblickt habe, hoch im Norden, mit einem kleine-
ren Fluß, mit traurigem Schilf und ohne jede Stadt. Ohne daß ich
wüßte wie, treibt mir eine Landschaft für Wildgänse durch die
Phantasie, und mit der Klarheit eines absonderlichen Traumes
fühle ich mich dieser eingebildeten Landschaft ganz nahe.
Schilf am Ufer von Flüssen, Gelände für Jäger und Ängste,
führen unregelmäßige Ufer wie kleine schmutzige Taue in ein
gelblich bleifarbenes Wasser und führen wieder in schlammige
Buchten für spielzeugähnliche Schiffe, in Flüsse hinein, deren
Wasser an der Oberfläche über dem Schlamm zwischen grün-
schwarzen Schilfbinsen glitzert, zwischen denen kein Gehen mög-
lich ist.
Die Trostlosigkeit rührt von einem grauen abgestorbenen
Himmel her; hier und dort zerfetzen ihn Wolken, die noch
schwärzer sind als die Farbe des Himmels. Ich spüre keinen Wind,
aber er ist doch da, und das andere Tejo-Ufer wirkt wie eine lange
Insel, hinter der man — großer, verlassener Fluß! — das wahre
andere Ufer bemerkt, das umrißlos in der Ferne liegt.
Niemand gelangt dorthin, nie wird jemand dorthin gelangen.
Selbst wenn ich im Widerspruch zu Zeit und Raum dieser Welt
entfliehen und mich auf jene Landschaft zubewegen könnte,
würde dort nie jemand ankommen. Vergeblich würde dort war-
ten, was vom eigenen Warten nichts wüßte, und am Ende vollzö-
ge sich nichts anderes als ein langsamer Einbruch des Abends, der
den ganzen Raum allmählich mit der Farbe der schwärzesten
Wolken erfüllen würde, die nach und nach in der Gesamtheit des
abgeschafften Himmels versinken.
Und plötzlich spüre ich schon hier die dortige Kälte. Sie be-
rührt meinen Körper, sie steigt aus meinen Knochen auf. Ich atme
tief und erwache. Der Mann, der meinen Weg unter der Arkade
neben der Börse kreuzt, schaut mich mit dem Mißtrauen eines
Menschen an, der nichts zu erklären vermag. Der schwarze Him-
mel zog sich zusammen und senkte sich noch tiefer auf die
Südseite nieder.

24.3.1930

Hingebungsvoll lese ich von neuem — und empfinde sie wie eine
Inspiration und eine Befreiung — die einfachen Sätze Caeiros*,
die auf das verweisen, was sein kleines Dorf vermag. Von diesem
Dorf aus, sagte er, könne man, weil es so klein sei, mehr von der
Welt gewahren als von der Stadt aus, und deshalb sei sein Dorf
größer als die Stadt.
. . . weil ich so groß bin wie das, was ich sehe,
nicht so groß wie ich bin.
Sätze wie diese, die ohne einen sie diktierenden Willen zu
wachsen scheinen, reinigen mich von aller Metaphysik, die ich
spontan dem Leben hinzufüge. Nachdem ich sie gelesen habe,
trete ich an mein Fenster über der engen Straße, betrachte den
großen Himmel und seine zahlreichen Gestirne und fühle mich
frei mit einem beflügelnden Glanz, dessen Schwingung in meinem
ganzen Leibe nachbebt.
»Ich bin so groß wie das, was ich sehe.« Jedesmal wenn ich
diesem Satz mit der gesammelten Aufmerksamkeit meiner Nerven

* Fernando Pessoas Heteronym, der »Meister« der übrigen Heteronyme.


(A. d. Ü.)
nachsinne, scheint er mir mehr dazu bestimmt, das Weltall mit an
seinen Sternen wiederaufzurichten. »Ich bin so groß wie das, was
ich sehe.« Welch große geistige Besitzergreifung von dem Brun-
nen der tiefen Gefühle bis hin zu den hohen Sternen, die sich in
ihm spiegeln und in gewisser Hinsicht dort wirklich sind!
Und nun betrachte ich im Bewußtsein, daß ich zu sehen verste-
he, die weite objektive Metaphysik aller Himmel mit einer Sicher-
heit, die mir das Verlangen eingibt, singend zu sterben. »Ich bin
so groß wie das, was ich sehe.« Und der Ungewisse, ganz und gar
mir gehörende Mondschein beginnt die halbschwarze Bläue des
Horizonts mit seiner Unbestimmtheit zu trüben.
Ich habe Lust, die Arme zu heben und Dinge von unbekannter
Wildheit herauszuschreien, den hohen Mysterien starke Worte
zuzurufen, den großen Räumen der leeren Materie gegenüber eine
neue weitgespannte Persönlichkeit zu bestätigen.
Doch ich gehe in mich und werde sanft. »Ich bin so groß wie
das, was ich sehe.« Dieser Satz verbleibt mir und füllt meine Seele
aus; an ihn lehne ich alle Gefühle an, die ich verspüre, und über
mich fällt von innen her — wie über die Stadt von außen — der
unbeschreibliche Friede des harten Mondlichts, das sich mit der
Dämmerung auszubreiten beginnt.

2.7.1931

Nach einer schlecht durchschlafenen Nacht kann uns niemand


recht ausstehen. Der verpaßte Schlaf hat etwas von unserer
Menschlichkeit mit sich genommen. Eine latente Gereiztheit
scheint sogar in der uns umgebenden Luft zu liegen. Letztlich
sind wir selbst es, die nicht mit uns einverstanden sind und
zwischen uns selbst wird die Diplomatie der geräuschlosen
Schlacht ausgetragen.
Heute habe ich meine Füße und meine Müdigkeit durch die
Straßen geschleppt. Meine Seele ist auf ein verknüpftes Gewebe
zusammengeschrumpft, und was ich bin und war, mein Ich, hat
seinen Namen vergessen. Sollte ich ein morgen besitzen, so weiß ich
nur, daß ich nicht geschlafen habe, und die Konfusion mehre-
rer Zwischenräume legt ein großes Schweigen in meine innere.
Rede.
Ihr großen Parks der anderen Leute, ihr Gärten für viele
Benutzer, ihr wundervollen Alleen derjenigen, die nie Notiz von
mir nehmen werden! Ach, ich stagniere zwischen mehreren
Nachtwachen wie jemand, der es nie gewagt hat, überflüssig zu
sein, und was ich mir überlege, schrickt mit einem abschließenden
Traum aus dem Schlaf.
Ich bin ein verwaistes, klosterähnliches Haus, von scheuen,
verstohlenen Gespenstern in Schatten getaucht. Ich bin immer im
Zimmer daneben, oder die Gespenster sind dort, und laut rau-
schen die Bäume um mich her. Ich streife einher und finde; ich
finde, weil ich einherstreife. Meine Kindertage, ihr sogar tragt
eine Spielschürze.
Und bei alledem gehe ich auf der Straße weiter und bin ganz
verschlafen von meinem wie ein Blatt dahintaumelnden Vagabun-
dentum. Irgendein träger Wind hat mich vom Erdboden hochge-
wirbelt, und ich irre wie das Ende des Abenddämmerns zwischen
den Ereignissen der Landschaften einher. Ich möchte gern schla-
fen, weil ich gehe. Mein Mund ist geschlossen, als geschehe das,
damit die Lippen aufeinanderkleben. Mein Umherschlendern ist
ein Schiffbruch.
Jawohl, ich habe nicht geschlafen, aber so, wenn ich nie ge-
schlafen habe noch schlafe, ist mir richtiger zumute. Ich bin
wirklich ich in dieser zufälligen und symbolischen Ewigkeit des
halbseelischen Zustands, in dem ich mir Illusionen mache. Der
eine oder andere Passant schaut mich an, als kenne er mich und
wundere sich über mich. Ich fühle, daß ich sie gleichfalls aus
Augenhöhlen anstarre, die ich unter meinen Lidern spüre, und ich
will nichts davon wissen, daß es die Welt gibt.
Mich schläfert, mich schläfert heftig, schläfert allumfassend.

Im leichten Nebel des Vorfrühlingsmorgens erwacht schlaftrun-


ken die Baixa, die Unterstadt, und die Sonne geht auf, als ob sie
langsam wäre. Es liegt eine beruhigte Freude in der Luft, dazu
halbe Kühle, und das Leben erbebt beim leichten Luftzug der
nicht vorhandenen Brise vor einer Kälte, die schon vorüber ist;
es erbebt eher in der Erinnerung an die Kälte als wegen der Kälte
selber, mehr beim Vergleich mit dem nahen Sommer als im
Vergleich zum Wetter von heute.
Die Läden sind noch nicht geöffnet außer Milchgeschäften und
Cafes, aber die Ruhe stammt nicht wie an Sonntagen von einer
Erstarrung, sie stammt nur von der Ruhe her. Eine hellbraune
Spur greift sich selbst in der aufklarenden Luft vor, und die Bläue
erblaßt durch den feiner werdenden Nebel hindurch. Ein Anflug
von Verkehr macht sich auf den Straßen bemerkbar, einzelne
Fußgänger heben sich ab, und an den wenigen geöffneten hohen
Fenstern zeigen sich gleichfalls morgendliche Erscheinungen. Die
Straßenbahnen hinterlassen in der Nebelluft ihre bewegliche,
gelbe, mit Zahlen versehene Spur. Und von Minute zu Minute
verlieren die Straßen fühlbar ihre Verlassenheit.
Ich lasse mich treiben, bin ganz sinnliche Aufmerksamkeit,
ohne Gedanken und ohne Gefühl. Ich bin früh aufgewacht; ich
bin ohne Vorurteile auf die Straße getreten. Ich schaue alles
prüfend an wie ein Grübler. Ich sehe wie einer, der nachdenkt.
Und ein leichter Gefühlsnebel erhebt sich absurd in mir; der
Nebel, der draußen emporsteigt, scheint langsam in mich einzu-
dringen.
Ohne es zu wollen fühle ich, daß ich soeben über mein Leben
nachgedacht habe. Ich habe es selbst nicht bemerkt, aber so ist es
gewesen. Ich meinte, ich sähe und hörte nur, ich wäre während
meines ganzen müßigen Umherschlenderns nur ein Reflektor von
vorgegebenen Bildern gewesen, eine weiße spanische Wand, auf
welche die Wirklichkeit Farben und Licht anstelle von Schatten
projiziert. Aber es war mehr, ohne daß ich es selber gewußt hatte.
Es war die sich verleugnende Seele mit im Spiel, und sogar mein
abstraktes Beobachten war noch eine Verneinung.
Die Luft trübt ein, weil der Nebel fehlt, sie trübt ein mit
blassem Licht, mit welchem sich der Nebel gleichsam vermischt
hat. Nun auf einmal fällt es mir auf, daß der Lärm viel größer
geworden ist, daß viel mehr Leute vorhanden sind. Die Schritte
der meisten Passanten sind weniger eilig. Es erscheinen nun, aus
der eigenen Abwesenheit und der geringeren Eile der übrigen
hervortretend, die Fischfrauen in ihrem gehenden Laufschritt, die
schwankenden Bäcker, Ungeheuer mit Körben, und die unter-
schiedliche Gleichheit der Verkäuferinnen verliert ihre Eintönig-
keit nur im Inhalt der Körbe, deren Farben stärker voneinander
abweichen als dieser Inhalt. Die Milchmänner klappern mit den
ungleichen Blechkannen ihres ambulanten Berufes wie mit hohlen
absurden Schlüsseln . . . Die Polizisten erstarren an den Kreuzun-
gen, ein uniformiertes Dementi der Zivilisation in der unsichtba-
ren Bewegung des aufziehenden Tages.
Ach könnte ich doch, ich fühle es in diesem Augenblick,
jemand sein, der dies betrachten könnte, als ob er dazu keine
andere Beziehung hätte als die Anschauung — alles betrachten,
als ob der erwachsene Reisende heute an die Oberfläche des
Lebens gelangt wäre! Von der Geburt an nicht gelernt haben,
diesen Dingen allen überkommenen Sinn zu verleihen, sondern
sie mit dem Ausdruck zu erleben, den sie abgetrennt von dem
Ausdruck besitzen, den man ihnen auferlegt hat. In der Fischfrau
ihre menschliche Wirklichkeit erkennen, unabhängig davon, daß
man sie eine Fischfrau nennt und weiß, sie ist vorhanden und ist
Verkäuferin. Den Polizisten anschauen, wie ihn Gott anschaut.
Alles zum ersten Mal wahrnehmen, nicht apokalyptisch als Offen-
barungen des Geheimnisses, sondern unmittelbar als Blüte der
Wirklichkeit.
Jetzt erklingen — es sind wohl acht, aber ich zähle sie nicht —
die Schläge einer Glocke oder einer großen Uhr. Ich erwache von
mir selber durch das banale Vorhandensein von Stunden, Ein-
schnitten, die das Leben in der Gesellschaft der Fortdauer der Zeit
auferlegt, Grenze im Abstrakten, Trennstrich im Unbekannten.
Ich erwache von mir selbst und, während ich alles betrachte, nun
schon voller Leben und gewohnter Menschlichkeit, bemerke ich,
daß der Nebel, der sich vom ganzen Himmel verzogen hat,
wahrhaft in meine Seele eingedrungen ist. Gleichzeitig ist er ins
Innere aller Dinge eingedrungen, dorthin, wo sie Berührung mit
meiner Seele haben. Ich habe die Vision dessen, was ich sah,
eingebüßt. Ich bin mit Sehlicht erblindet. Ich fühle schon mit der
Banalität des bereits Bekannten. Dies ist jetzt nicht mehr die
Wirklichkeit: es ist einfach das Leben.
. . . Jawohl, das Leben, dem auch ich angehöre und das auch
mir gehört; nicht mehr die Wirklichkeit, die nur Gott gehört oder
sich selbst, die weder Geheimnis noch Wahrheit birgt, die, weil
sie real ist oder zu sein vorgibt, irgendwo verfestigt existiert, frei
von Zeitlichkeit oder Ewigkeit, absolutes Bild, Idee einer rein
äußerlichen Seele.
Langsam wende ich die Schritte, rascher als ich glaube, zu dem
Portal, durch das ich von neuem nach Hause gehen werde. Doch
ich trete nicht ein; ich zögere; ich gehe weiter. Die Praça da
Figueira, die Verkaufsstände in verschiedenen Farben ausgähnt,
füllt sich mit Käufern und meinen Horizont mit fliegenden Händ-
lern. Ich schreite langsam, wie erstorben, vorwärts, und meine
Art zu sehen ist nicht mehr meine eigene, sie ist bereits gar nichts
mehr: Es ist nur die Sehweise eines Menschenwesens, das, ohne
es zu wollen, die griechische Kultur, die römische Ordnung, die
christliche Moral und alle übrigen Illusionen geerbt hat, welche
die Zivilisation ausmachen, innerhalb derer ich fühle.
Wo mögen die wahrhaft Lebendigen sein?

Heute bin ich sehr früh aufgewacht in einer verwirrten plötzlichen


Bewegung und habe mich langsam aus dem Bett erhoben, stran-
guliert von einem unbegreiflichen Überdruß. Kein Traum hatte
ihn verursacht, keine Wirklichkeit hätte ihn auslösen können. Es
war ein absoluter, vollständiger Überdruß, aber er hatte seinen
Grund. In der dunklen Tiefe meiner Seele trugen unsichtbar
unbekannte Kräfte eine Schlacht aus, bei der mein Wesen das
Schlachtfeld hergab, und ich erbebte ganz von dem unbekannten
Zusammenprall. Ein physischer Ekel vor dem ganzen Leben stieg
mit meinem Erwachen auf. Ein Entsetzen, leben zu müssen,
erhob sich mit mir aus dem Bett. Alles kam mir hohl vor, und ich
hatte den kühlen Eindruck, daß es für kein Problem auf der Welt
eine Lösung gibt.
Eine gewaltige Beunruhigung ließ meine geringfügigsten Ge-
sten erbeben. Ich hatte Angst, in den Wahnsinn zu verfallen, nicht
wegen des Wahnsinns, sondern wegen meiner Lage. Mein Herz
schlug, als ob es sprechen könnte.
Mit langen falschen Schritten, die ich vergeblich zu anderen zu
machen suchte, durchlief ich barfuß die kleine Ausdehnung mei-
nes Zimmers und die leere Diagonale des Innenzimmers, dessen
Tür an der Ecke zum Korridor liegt. Mit unzusammenhängen-
den, ungenauen Bewegungen berührte ich die Bürsten auf der
Kommode, stellte einen Stuhl um, und einmal schlug ich mit
meiner schaukelnden Hand auf das scharfe Eisen am Fuß des
englischen Bettes. Ich steckte mir eine Zigarette an, die ich im
Unterbewußtsein rauchte und, erst als ich sah, daß Asche auf das
Kopfende meines Bettes gefallen war — wie eigentlich, wenn ich
mich gar nicht darüber gebeugt hatte? — begriff ich, daß ich
besessen war oder etwas Ähnliches dem Sein, wenn auch nicht
dem Namen nach, und daß mein Bewußtsein meiner selbst, das
ich haben sollte, vom Abgrund unterbrochen worden war.
Ich erhielt die Ankündigung des Morgens, das wenige kühle
Licht, das ein verschwommenes Weißblau dem sich enthüllenden
Horizont mitteilt, wie ein dankbarer Kuß der Dinge. Denn dieses
Licht, dieser wahre Tag befreite mich, befreite mich ich weiß nicht
wovon, reichte meinen Arm dem unbekannten Alter, streichelte
die trügerische Kindheit, stützte die bettlerhafte Ruhe meiner
überströmenden Sensibilität. Ach, was ist das für ein Morgen, der
mich für die Dummheit des Lebens weckt und für seine große
Zärtlichkeit! Fast muß ich weinen, wenn ich vor mir unter mir
die alte enge Straße heller werden sehe, wenn die Jalousien des
Lebensmittelgeschäfts an der Straßenecke sich schon schmutzig
braun im Licht enthüllen, das ein wenig überfließt. Mein Herz
spürt die Erleichterung eines Märchens mit wirklichen Feen und
beginnt die Sicherheit zu kennen, sich nicht mehr zu fühlen.
Welch ein Morgen, dieser Kummer! Und was für Schatten
entfernen sich? Welche Geheimnisse tragen sich zu? Nichts: das
Kreischen der ersten Elektrischen wie ein Streichholz, das die
Dunkelheit der Seele erhellen wird und die lauten Schritte meines
ersten Vorübergehenden: Die konkrete Wirklichkeit, die mir mit
Freundesstimme sagen möchte, daß ich nicht so sein sollte, wie
ich bin.
Der Geruchssinn ist ein eigentümliches Sehvermögen. Er be-
schwört dank einer plötzlichen Zeichnertätigkeit des Unterbe-
wußten Landschaften des Gefühls herauf. Das habe ich oftmals
erlebt. Ich gehe durch eine Straße. Ich sehe nichts oder, besser
gesagt, indem ich alles anschaue, sehe ich so wie alle Leute sehen.
Ich weiß nicht, daß ich durch eine Straße gehe, und ich weiß nicht,
ob sie mit ihren aus verschiedenen Häusern bestehenden und von
menschlichen Wesen erbauten Straßenseiten vorhanden ist. Ich
gehe durch eine Straße. Aus einer Bäckerei dringt ein Duft nach
Brot, so süßlich, daß es mir Ekel einflößt: und meine Kindheit
in einem bestimmten, entfernten Stadtviertel ersteht vor mir, und
eine andere Bäckerei taucht aus jenem Feenreich auf, das alles
bildet, was für uns gestorben ist. Ich gehe durch eine Straße. Auf
einmal riecht es nach dem Obst auf dem schräg gestellten Tablett
des engen Ladens; und mein kurzes Landleben von irgendwann
und irgendwo pflanzt Bäume und Ruhe in mein unstreitig kindli-
ches Herz. Ich gehe durch eine Straße. Es verwirrt mich ein
Geruch aus den Kisten des Kistenmachers: da erscheinst du mir,
mein Cesärio Verde*, und ich bin endlich glücklich, weil ich mit
Hilfe der Erinnerung zu der einzigen Wahrheit zurückgekehrt
bin: zur Literatur.

10.4.1930

Ich spüre physischen Ekel vor der ordinären Menschheit, die im


übrigen die einzige ist, die es gibt. Und manchmal überkommt
mich Lust, diesen Ekel zu vertiefen, so wie man ein Erbrechen
hervorrufen kann, um den Brechreiz loszuwerden.
Ich liebe es, am frühen Morgen, wenn ich die Banalität des
darauffolgenden Tages fürchte wie jemand das Gefängnis fürch-
tet, vor Öffnung der Läden und Warenhäuser durch die Straßen

* Cesário Verde (185 5 — 1886), Dichter und Kaufmännischer Angestell-


ter, dem Pessoa sich innerlich verbunden fühlte, Sänger der Stadt Lissa-
bon (A. d. Ü.)
zu schlendern und mir die Satzfetzen anzuhören, die Gruppen
junger Mädchen und junger Männer untereinander zueinander
wie Almosen der Ironie in die unsichtbare Schule meines geöffne-
ten Nachdenkens dringen lassen.
Es ist immer die gleiche Abfolge der gleichen Sätze . . . »Und
dann hat sie gesagt. . .«, und der Tonfall deutet ihre Intrige an.
»Wenn er es nicht gewesen ist, warst du es . . .«, und die antwor-
tende Stimme erhebt sich zu einem Protest, den ich nicht mehr
höre. »Das hast du gesagt, jawohl, das hast du gesagt. . .«, und
die Stimme der Näherin versichert schrill: »Meine Mutter sagt, sie
will das nicht. . .« »Ich?«, und das Staunen des jungen Mannes mit
dem in Butterbrotpapier eingewickelten Lunch überzeugt mich
nicht und wird wohl auch nicht die schmutzige Blondine überzeu-
gen. »Vielleicht war es doch. . .«, und das Gelächter von dreien
der vier Mädchen bedrängt obszön mein Ohr. [. . .] »Und dann
habe ich mich vor dem Kerl hingepflanzt und ihm ins Gesicht
gesagt, jawohl, ins Gesicht gesagt, . . . «— und der arme Teufel
schwindelt, denn sein Bürochef — ich höre es an seiner Stimme,
daß sein Kontrahent der Chef des mir unbekannten Büros war —
hat die Geste dieses Strohhalm-Gladiators niemals in der Arena
unter den Sekretärinnen entgegengenommen. »Und dann bin ich
zum Rauchen aufs Klosett gegangen«, lacht der Kleine mit dem
dunklen Flicken auf dem Hosenboden.
Andere, die allein oder in Gruppen vorbeigehen, sagen gar
nichts oder sie reden, und ich höre es nicht, aber alle Stimmen sind
mir dank einer intuitiven, zersprungenen Transparenz klar und
vernehmlich. Ich wage nicht auszusprechen — ich wage es nicht
einmal, es mir selber schriftlich zu sagen, auch wenn ich es gleich
anschließend wieder ausstreichen würde, was ich in zufalligen,
schmutzigen und durchbohrenden Blicken alles beobachtet habe.
Ich wage es nicht, denn, wenn man schon ein Erbrechen herbei-
führt, darf man nur eines provozieren.
»Der Kerl war so dick, daß er nicht einmal die Treppe sehen
konnte.« Ich hebe den Kopf. Dieser junge Bursche kann beschrei-
ben. Und wenn die Leute beschreiben, wirken sie besser als wenn
sie fühlen, denn im Beschreiben vergessen sie sich selbst. Mein
Ekel schwindet. Ich sehe den Kerl. Ich sehe ihn mit photographi-
scher Klarheit. Sogar der unschuldige Ausdruck aus der Um-
gangssprache belebt mich. Gesegnete Luft, die meine Stirn streift
— ein so dicker Kerl, daß er nicht einmal sehen konnte, daß die
Treppe aus Stufen bestand — vielleicht war es die Treppe, auf der
die Menschheit emporstolpert, vorwärtstastet und auf der trügeri-
schen Steigung diesseits des Lichtschachts ins Gedränge gerät.
Intrigen, üble Nachrede, Angeberei mit dem, was man nicht zu
tun gewagt hat, die Zufriedenheit jedes armseligen, bekleideten
Tiers mit dem unbewußten(?) Bewußtsein der eigenen Seele, die
ungewaschene Sexualität, die Scherze so grob wie Affenkitzeln,
die schreckliche Unwissenheit bezüglich der eigenen Unwichtig-
keit . . . All das ruft bei mir den Eindruck eines abscheulichen,
niederträchtigen Tiers hervor, das in unfreiwilligen Träumen aus
den feuchten Brotrinden der Begierden, aus den angebissenen
Resten der Empfindungen erschaffen wurde.

Auch wenn ich weiter keine Fähigkeit besäße, so besitze ich doch
zumindest die Fähigkeit zur ständigen Erneuerung der befreiten
Sinneswahrnehmung.
Als ich heute die Rua Nova do Almada hinunterging, fiel mir auf
einmal der Rücken des Mannes auf, der sie vor mir hinunterging.
Es war der ganz gewöhnliche Rücken irgendeines Mannes, das
Jackett eines bescheidenen Anzugs auf dem Rücken eines zufälligen
Passanten. Er trug eine alte Aktentasche unter dem Unken Arm und
setzte im Rhythmus seines Gangs einen eingerollten Regenschirm,
den er am Griff in der rechten Hand trug, auf den Boden auf.
Ich spürte plötzlich eine Art von Zärtlichkeit für diesen Men-
schen. Ich spürte für ihn die Zärtlichkeit, die man für die gesamte
gewöhnliche Menschheit empfindet, für das Banal-Alltägliche des
Familienoberhauptes, das zur Arbeit geht, für sein schlichtes und
fröhliches Heim, für die heiteren und traurigen Vergnügungen,
aus denen sein Leben notgedrungen besteht, für die Unschuld
eines Lebens ohne Analyse, für die tierische Natürlichkeit dieses
bekleideten Rückens.
Ich schaute auf den Rücken des Mannes wie auf ein Fenster,
durch das hindurch ich diese Gedanken erblickte.
Die Empfindung glich genau derjenigen, die uns vor einem
Schlafenden überkommt. Jeder Schläfer wird von neuem zum
Kind. Vielleicht weil man im Schlaf nichts Böses tun kann und
das Leben nicht bemerkt, ist der größte Verbrecher, der verschlos-
senste Egoist dank einer natürlichen Magie geheiligt, so lange er
schläft. Zwischen dem Mord an einem Schlafenden und dem
Mord an einem Kind kenne ich keinen merklichen Unterschied.
Nun, der Rücken dieses Mannes schläft. Seine ganze Person,
die vor mir mit einem dem meinigen gleichen Schritt einhergeht,
schläft. Er geht unbewußt. Er lebt unbewußt. Er schläft, weil wir
alle schlafen. Das ganze Leben ist ein Traum. Niemand weiß, was
er tut, niemand weiß, was er will, niemand weiß, was er weiß. Wir
verschlafen das Leben, ewige Kinder des Schicksals. Deshalb
verspüre ich, wenn ich mit diesem Empfinden denke, eine gestalt-
los unermeßliche Zärtlichkeit für die ganze kindliche Menschheit,
für das ganze schlafende Leben in der Gesellschaft, für alle, für
alles.
Eine unmittelbare Verbundenheit mit der Menschheit ohne
Schlußfolgerungen und ohne Absichten überfallt mich in diesem
Augenblick. Ich ertrage eine Zärtlichkeit, als könne ein Gott
sehen. Ich sehe sie alle mit dem Mitgefühl des einzig Bewußten
an, die armen Teufel, die Menschen, den armen Teufel Mensch-
heit. Was hat all das hier zu suchen?
Alle Regungen und Absichten des Lebens, vom einfachen
Leben der Lungen bis zum Bau von Städten und der Grenzzie-
hung von Imperien betrachte ich als eine Schlafbefangenheit, als
Dinge wie Träume oder Ruhelagen, die unfreiwillig im Zwischen-
raum zwischen der einen Wirklichkeit und einer anderen, zwi-
schen einem Tag und einem anderen Tag des Absoluten verbracht
werden. Und wie voller abstrakter Mütterlichkeit beuge ich mich
des Nachts über die bösen wie über die guten Kinder, die gleich
geworden sind im Schlaf, in dem sie mir gehören. Ich verspüre
Rührung in der vollen Breite der Unendlichkeit.
Ich wende die Augen vom Rücken des Mannes vor mir ab und
schaue all die übrigen an, die auf dieser Straße einhergehen; alle
umfasse ich hellwach mit der gleichen absurden, kalten Zärtlich-
keit, die vom Rücken des unbewußten Mannes, hinter dem ich
herschreite, auf mich zukam. Dies alles ist dasselbe wie er; all diese
Mädchen, die für ihr Atelier reden, diese jungen Angestellten, die
für ihr Büro lachen, diese vollbusigen Dienstmädchen, die mit
ihren schweren Einkäufen nach Hause gehen, diese Lastträger —
das alles ist die gleiche Unbewußtheit, mannigfaltig dank unter-
schiedlichen Gesichtern und Körpern, wie Marionetten, an Dräh-
ten gezogen, die zu den gleichen Fingern in der Hand eines
Unsichtbaren führen. Sie ziehen mit allen Gebarungen vorüber,
mit denen sich das Bewußtsein bestimmt, und haben kein Be-
wußtsein von irgend etwas, weil ihnen nicht bewußt ist, daß sie
ein Bewußtsein besitzen. Die einen intelligent, die anderen dumm,
sind sie alle gleichermaßen dumm. Die einen alt, die anderen jung,
gehören sie doch der gleichen Altersgruppe an. Die einen Män-
ner, die anderen Frauen, gehören sie zum gleichen Geschlecht, das
nicht existiert.

Er sang mit samtweicher Stimme ein Lied aus einem fernen Land.
Die Musik ließ die unbekannten Worte vertraut erscheinen. Es
wirkte wie ein Fado* auf die Seele, hatte aber keinerlei Ähnlich-
keit mit ihm.
Mit seinen verhüllten Worten und seiner menschlichen Melodie
sprach das Lied Dinge aus, die in der Seele aller Menschen liegen
und die keiner kennt. Er sang in einer Art Schlafbefangenheit,
sein Blick ging über die Zuhörer hinweg, in einer kleinen Straßen-
Ekstase.
Das versammelte Volk hörte ihm ohne auffallende Spötteleien
zu. Das Lied sprach alle Menschen an, und seine Worte redeten
bisweilen mit uns, orientalisches Geheimnis irgendeiner unterge-
gangenen Rasse. Der Stadtlärm war nicht mehr vorhanden, wenn
wir ihm zuhörten, und die Fuhrwerke rasselten so nahe vorbei,
daß eines von ihnen mein geöffnetes Jackett streifte. Doch ich
fühlte das Lied und hörte es nicht. Es lag eine Saugkraft in dem
Gesang des Unbekannten, die dem, was in uns träumt oder

* Volkstümliche Liedgattung der alten Stadtviertel Lissabons und der


Studenten von Coimbra (A. d. Ü.).
scheitert, wohltat. Es war ein Vorkommnis auf der Straße, und
wir bemerkten alle, daß der Polizist langsam um die Ecke bog.
Mit der gleichen Langsamkeit kam er näher. Er blieb eine Zeit
lang hinter dem jungen Mann mit den Regenschirmen stehen wie
jemand, der etwas gesehen hat. In diesem Moment hielt der
Sänger inne. Niemand sprach ein Wort. Da griff der Polizist ein.

Drei aufeinander folgende Hitzetage ohne Stille, latentes Unwet-


ter im Unwohlsein der allgemeinen Ruhe, führten, weil das Ge-
witter anderswohin abzog, eine leichte, laue und willkommene
Frische an die hellglänzende Oberfläche der Dinge. So spürt
bisweilen im Ablauf dieses Lebens die Seele, die gelitten hat, weil
das Leben auf ihr lastete, plötzlich Erleichterung, ohne daß in ihr
etwas vorgefallen wäre, was das erklären könnte.
Ich meine, wir sind Klimazonen, über denen Gewitterdrohun-
gen schweben, die anderswo Wirklichkeit werden.
Die leere Unermeßlichkeit der Dinge, das große Vergessen im
Himmel und auf Erden . . .

15.9.1931

Wolken . . . Heute erlebe ich den Himmel mit Bewußtsein, es gibt


nämlich Tage, an denen ich ihn nicht anschaue, sondern höchstens
fühle, weil ich in der Stadt lebe und nicht in der Natur, die sie
einschließt. Wolken . . . Sie sind heute für mich die Hauptsache
der Wirklichkeit und beschäftigen mich so, als ob das Überwa-
chen des Himmels eine der großen Sorgen meines Schicksals sei.
Wolken . . . Sie ziehen von der Hafeneinfahrt hinüber zur Burg,
von Westen nach Osten, in zerstreutem, nacktem Tumult. Zuwei-
len erscheinen sie weiß, wenn sie zerfetzt die Vorhut von etwas
Unbekanntem bilden; andere sind halbschwarz, wenn es länger
dauert, bis sie der hörbare Wind hinwegfegt. Dunkel und schmut-
zigweiß sind sie, wenn sie bei ihrer Ankunft schwarz einfärben,
was die Straßen an falschem Raum zwischen den Linien des
Häusermeers öffnen.
Wolken . . . Ich existiere, ohne daß ich es wüßte, und werde
sterben, ohne daß ich es wollte. Ich bin der Zwischenraum zwi-
schen dem, was ich bin, und dem, was ich nicht bin, zwischen
dem, was ich träume, und dem, was das Leben aus mir gemacht
hat, der abstrakte und leibliche Mittelwert zwischen Dingen, die
nichts sind, da ich ebenfalls nichts bin. Wolken . . . Welche Unru-
he, wenn ich fühle, welches Unbehagen, wenn ich denke, welche
Nutzlosigkeit, wenn ich will? Wolken . . . Sie ziehen immer vor-
bei, einige riesengroß Und es sieht so aus, als nähmen sie den
ganzen Himmel ein, weil die Häuser nicht erkennen lassen, ob sie
wohl weniger groß sind als sie scheinen; andere von unbestimm-
ter Größe, dabei können es zwei zusammen sein oder auch eine,
die sich in zwei aufteilt; Wolken . . . Sinnlos heben sie sich vom
ermüdeten Himmel ab; wieder andere, kleine wirken wie Spiel-
zeuge Mächtiger, wie unregelmäßige Kugeln eines absurden
Spiels, nur nach der einen Seite hin stark isoliert und kalt.
Wolken . . . Ich befrage mich und verkenne mich. Was ich getan
habe, das war unnütz, und was ich tun werde, läßt sich nicht
rechtfertigen. Ich habe den Teil des Lebens, den ich nicht verloren
habe, vertan, indem ich auf wirre Weise ein Nichts ausdeutete,
indem ich Verse in Prosa aus den unübertragbaren mache, mit
denen ich mir das unbekannte Universum aneigne. Ich habe mich
satt, objektiv gesehen und subjektiv. Ich habe alles satt, und alles
mit allem satt. Wolken . . . Sie sind alles, Verwüstungen der Höhe
und heute ganz allein wirklich zwischen der nichtigen Erde und
dem nicht existierenden Himmel; nicht zu beschreibende Fetzen
des Überdrusses, den ich in sie hineinlege; zu Drohungen abwe-
sender Farbe verdichteter Nebel; schmutzige Wattebäusche aus
einem wandlosen Krankenhaus. Wolken . . . Sie sind wie ich, ein
zerstörter Übergang zwischen Himmel und Erde, der einem un-
sichtbaren Antrieb nachfolgt, gewittrig oder auch nicht; ihr Weiß
erfreut, ihr Schwarz verdunkelt, sie sind Fiktionen des Zwischen-
raums und der Wegabweichung, fern vom Getöse der Erde und
doch ohne die Stille des Himmels. Wolken... Sie ziehen noch
immer vorbei, ziehen ständig vorbei und werden ständig vorbeizie-
hen; unstet rollen sie dunkle Gewebe aus und ein und bilden die
weitschweifige Ausuferung eines falschen zerstörten Himmels.
Regen

Schließlich zieht über der Dunkelheit der naßglänzenden Dächer


das kühle Licht des lauen Morgens wie eine Plage der Apokalypse
auf. Es ist abermals die unermeßliche Nacht der zunehmenden
Helligkeit. Es ist abermals das Entsetzen von eh und je — der Tag,
das Leben, die trügerische Nützlichkeit, die heillose Tätigkeit. Es
ist abermals meine leibliche, sichtbare, in der Gesellschaft lebende
Person, übertragbar durch Worte, die nichts besagen, benutzbar
dank den Gesten der anderen Menschen und ihrem fremden
Bewußtsein. Ich bin es abermals, so wie ich nicht bin. Mit der
beginnenden Lichtfinsternis, die mit grauen Zweifeln die Spalten
der Fensterläden ausfüllt — wie wenig dicht sind sie doch, mein
Gott! — spüre ich nun, daß ich meine Zuflucht, im Bett zu liegen,
nicht länger behaupten kann, daß ich nicht schlafen kann, wo ich
doch schlafen und vor mich hinträumen könnte, ohne zu wissen,
ob es die Wahrheit oder die Wirklichkeit gibt, zwischen der
frischen Wärme sauberer Wäsche und der, vom Komfort abgese-
hen, nicht gespürten Existenz meines Körpers. Ich spüre nun, wie
die glückliche Unbewußtheit, mit der ich mein Bewußtsein ge-
nieße, und die tierische Schlaftrunkenheit weichen, mit der ich aus
Katzenlidern in die Sonne blinzele nach den logischen Regungen
meiner abgetrennten Einbildungskraft. Ich fühle nun, wie die
Privilegien des Halbschattens und die langsamen Flüsse unter den
Bäumen der undeutlich wahrgenommenen Wimpern, das Rau-
schen der verlorenen Kaskaden zwischen dem langsamen Pulsie-
ren des Blutes in meinen Ohren und dem undeutlichen Anhalten
des Regens für mich versinken. Ich werde mich sogar als Leben-
der verlieren.
Ich weiß nicht, ob ich schlafe oder ob ich nur fühle, daß ich
schlafe. Ich träume nicht von diesem sicheren Zwischenzustand,
sondern ich achte, als erwachte ich aus einem nicht geschlafenen
Schlaf, auf die ersten Geräusche des Stadtlebens, das wie eine
Meeresflut aus dem undeutlichen Brunnen dort unten auftaucht,
wo die von Gott geschaffenen Straßen liegen. Es sind heitere
Geräusche, filtriert durch die Traurigkeit des Regens, der nieder-
geht oder vielleicht schon niedergegangen ist — denn im Augen-
blick höre ich ihn nicht mehr . . . — ich bemerke nur noch das
übermäßige Grau des bis in die Ferne gespaltenen Lichts, das auf
mich in den Schatten einer matten Helligkeit fallt; sie genügt nicht
für den Morgen, von dem ich nicht weiß, wie weit er schon
fortgeschritten ist. Es sind heitere, verstreute Geräusche, und sie
schmerzen mich im Herzen, als riefen sie mich mit sich zu einer
Prüfung oder einer Exekution. Jeden Tag, wenn ich vom Bett aus,
wo ich von gar nichts weiß, den Morgen heraufziehen höre,
erscheint er mir als Tag eines großen Ereignisses für mich, dem
ich keinen Mut haben werden, gegenüberzutreten. Jeden Tag,
wenn ich fühle, wie er sich von der Lagerstatt der Schatten erhebt,
während die Bettwäsche durch Straßen und Gassen fällt, kommt
er und ruft mich vor ein Tribunal. Ich werde abgeurteilt in jedem
Heute. Und der ewige Verurteilte in mir krallt sich an das Bett wie
an die Mutter, die er verloren hat, und streichelt das Kopfkissen,
als ob ihn die Kinderamme vor den anderen Menschen beschützen
könnte.
Glücklich die Siesta des großen Tiers im Schatten von Bäumen,
die frische Müdigkeit des Zerlumpten im hohen Gras, die schwar-
ze Erstarrung im lauen und fernen Tag, die Wonne des Gähnens,
das auf den matten Augen lastet, alles, was das Vergessen strei-
chelt und einschläfert, die erholsame Ruhe im Kopf, welche nach
und nach die Fensterläden der Seele anlehnt, die namenlose Lieb-
kosung des Schlafens.
Schlafen und fern sein, ohne es zu wissen, ausgestreckt liegen,
mit dem eigenen Körper vergessen; die Freiheit besitzen, unbe-
wußt zu sein, in der Zuflucht des vergessenen Sees, der zwischen
belaubten Bäumen in der Weite der Wälder ruht.
Ein Nichts, das atmet, ein leichter Tod, aus dem man frisch und
sehnsuchtsvoll erwacht, ein Nachgeben der Gewebe der Seele
gegenüber der Gewandung des Vergessens.
Ach, und von neuem höre ich, wie den erneuten Protest von
jemandem, der sich nicht überzeugen ließ, den Regen jäh auf das
heller gewordene Weltall niederrauschen. Ich spüre bis ins Mark
hinein eine Kälte, als ob ich Angst empfände. Und geduckt und
nichtig, menschlich mit mir allein in der geringen Dunkelheit, die
mir noch übrigbleibt, weine ich, ja, ich weine, ich weine vor
Einsamkeit und Leben, und meine nichtige Trübsal liegt wie ein
Wagen ohne Räder am Rande der Wirklichkeit zwischen dem
Unrat der Verlassenheit. Ich weine über alles, den Verlust des
Mutterschoßes, den Tod der Hand, die man mir reichte, die Arme,
von denen ich nicht wußte, wie sie mich umfangen sollten, die
Schulter, an die ich mich nie lehnen konnte . . . Und der Tag, der
endgültig anbricht, die Trübsal, die in mir aufsteigt wie die rohe
Wahrheit des Tages, was ich träumte, was ich dachte, was ich in
mir vergaß — all das vermischt sich zu einem Amalgam aus
Schatten, Fiktionen und Gewissensbissen auf der Spur, auf wel-
cher die Welten rollen, und fällt unter die Dinge des Lebens wie
der Stiel einer Weintraube, die an der Straßenecke von den Jungen
gegessen wird, die sie gestohlen haben.
Das Geräusch des menschlichen Tages nimmt mit einem Mal
zu wie ein Klingelton. Innerhalb des Hauses öffnet sich sanft das
Schloß der ersten Tür(?). Ich vernehme Pantoffeln auf einem
absurden Korridor, der zu meinem Herzen führt. Und mit einer
jähen Geste, wie jemand, der endlich Selbstmord begeht, kuschele
ich meinen harten Leib in die Bettwäsche, die mir Schutz verleiht.
Ich bin aufgewacht. Der Regen rauscht immer noch in der ver-
schwommenen Außenwelt nieder. Ich fühle mich glücklicher. Ich
habe etwas erfüllt, was ich nicht kenne. Ich erhebe mich, trete ans
Fenster und öffne die Läden mit einem mutigen Entschluß.
Draußen leuchtet ein Tag mit hellem Regen, der meine Augen in
trübem Licht erstickt. Ich öffne die Innenfenster. Frische Luft
befeuchtet meine heiße Haut. Es regnet, jawohl, aber obwohl es
dasselbe ist, ist es im Grunde so viel weniger! Ich will mich
erfrischen, ich will leben und halte dem Leben meinen Hals hin,
als wäre es ein gewaltiges Ochsenjoch.

Zufallstagebuch

Alle Tage mißhandelt mich die Materie. Meine Sensibilität ist eine
Flamme im Winde.
Ich gehe durch eine Straße und lese in den Gesichtern der
Vorbeigehenden nicht den Ausdruck, den sie wirklich zeigen,
sondern den Ausdruck, mit dem sie mich anschauen würden,
wenn sie mein Leben kennten, wenn sie wüßten, wie ich bin,
wenn ich durchsichtig in meinen Gesten und auf meinem Gesicht
die lächerliche, schüchterne Anormalität meiner Seele zur Schau
trüge. In Augen, die mich nicht anschauen, vermute ich Spötte-
leien, die ich als selbstverständlich betrachte, Spötteleien über die
unfeine Ausnahme, die ich unter lauter handelnden und genießen-
den Leuten darstelle; und aus dem lediglich vermuteten Hinter-
grund vorbeigehender Physiognomien lacht über die kleinmütige
Gebarung meines Lebens ein Bewußtsein dieses meines Lebens,
das ich nur unterstelle und hineindeute. Umsonst suche ich mich,
nachdem ich dies gedacht habe, davon zu überzeugen, daß die
Vermutung der Spötterei und leisen Beschimpfung von mir und
nur von mir herrührt und ausstrahlt. Ich bin nicht mehr imstande,
das Bild meiner Lächerlichkeit zu mir zurückzurufen, nachdem es
einmal in den Mitmenschen Gestalt angenommen hat. Ich fühle
mich auf einmal ersticken und zaudern in einem Glashaus aus
Spott und Feindseligkeiten. Es steinigen mich mit heiterem und
verachtungsvollem Gespött alle, die an mir vorübergehen. Ich
wandere unter feindseligen Gespenstern, die meine krankhafte
Phantasie erdacht und in wirklichen Menschen verkörpert hat.
Alles ohrfeigt mich und verhöhnt mich. Und manchmal halte ich
mitten auf der Straße inne — letztlich unbeobachtet — und zögere
und suche gleichsam nach einer jähen neuen Dimension, einer Tür
ins Innere des Raumes, hinüber auf die andere Seite des Raumes,
wo ich ohne Verzug vor meinem Bewußtsein von den anderen die
Flucht ergreifen könnte, vor meiner allzu vergegenständlichten
Intuition von der Wirklichkeit der lebendigen fremden Seelen.
Sollte es meine Gewohnheit sein, mich in die Seele anderer
Menschen hineinzuversetzen, die mich dazu bringt, mich so anzu-
schauen, wie mich die anderen Menschen anschauen oder doch
anschauen würden, wenn sie auf mich achtgäben? Gewiß. Und
habe ich erst einmal begriffen, wie sie mir gegenüber eingestellt
wären, wenn sie mich kennen würden,so ist es, als wären sie mir
gegenüber wirklich so eingestellt und brächten dies in jedem
Augenblick auch zum Ausdruck. Mit den Mitmenschen zusam-
menzuleben ist eine Folter für mich. Und ich habe die Mitmen-
sehen in mir. Selbst von ihnen entfernt bin ich zum Zusammenle-
ben mit ihnen gezwungen. In meiner Einsamkeit umschließen
mich Menschenmengen. Ich habe keinen Ort, wohin ich fliehen
könnte, es sei denn, ich flüchtete vor mir selber.
Ihr hohen Berge in der Dämmerstunde, ihr im Mondlicht
verengten Straßen, hätte ich nur eure Unbewußtheit [. . .], eure
stoffliche Geistigkeit ohne Urteilsvermögen, ohne Sensibilität,
ohne Platz für Gefühle oder Gedanken oder geistige Beunruhi-
gung! Ihr Bäume, die ihr nichts als Bäume seid, mit eurem für die
Augen so angenehmen Grün steht ihr ganz außerhalb meiner
Sorgen und meiner Leiden, tröstlich für meine Ängste, weil ihr
keine Augen habt, mit denen ihr sie anblicken könntet und keine
Seele, die im Durch-diese-Augen-Sehen diese Ängste nicht be-
greifen und deshalb verspotten könnte! Ihr Steine am Wegrand,
abgehackte Baumstämme, bloße namenlose Erde vom Boden von
überall, mir verschwistert, weil eure Fühllosigkeit für meine Seele
eine Zärtlichkeit und eine Erholung ist ...(?) in der Sonne oder
unter dem Mond meiner Mutter Erde, die du so innig meine
Mutter bist, weil du an mir nicht einmal Kritik üben kannst, wie
das meine leibliche Mutter kann, weil du keine Seele hast, mit der
du mich, ohne daran zu denken, analysieren könntest, keine
raschen Blicke, die Gedanken von mir verraten könnten, die du
dir nicht einmal selber eingestanden hättest. Gewaltiges Meer,
mein lärmender Kindheitsgefährte, das mich ausruhen läßt und
einwiegt, weil deine Stimme nicht menschlich ist und nicht eines
Tages mit leiser Stimme menschlichen Ohren meine Schwächen
und meine Unvollkommenheiten zitieren kann. Weiter Himmel,
blauer Himmel, Himmel nahe dem Geheimnis der Engel (?), du
schaust mich nicht mit grünen Augen an; wenn du die Sonne an
deine Brust steckst, tust du das nicht, um mich anzulocken, und
wenn du dich mit Sternen (bestirnst), so steckst du sie nicht auf,
um mich zu verachten . . . Unermeßlicher Friede der Natur, die
mütterlich ist, weil sie nichts von mir weiß; entfernte Ruhe (?),
in deinem Nichts-von-mir-wissen-Können so brüderlich . . . Ich
wollte zu eurer Einheit und zu eurer Stille beten, als Zeichen der
Dankbarkeit, die in uns aufsteigt, weil wir ohne Verdacht und
Zweifel lieben können; ich möchte gern eurem Nicht-hÖren-
Können Ohren schenken, eurer erhabenen (?) Augen leihen und
vermittels dieser vermuteten Augen und Ohren Gegenstand eurer
Aufmerksamkeit werden, getröstet durch die bloße Tatsache, daß
ich eurem Nichts gegenwärtig bin, aufmerksam wie bei einem
endgültigen Tod für das Ferne, ohne Hoffnung auf ein anderes
Leben, jenseits eines Gottes und der Möglichkeit von Wesen(?),
wollüstig alt und von der geistigen Farbe aller Materien gezeich-
net.

21.4.1930

Es gibt Wahrnehmungen, die wie ein Schlaf sind, die wie ein
Nebel unseren gesamten Geist besetzt halten, uns nicht denken,
nicht handeln, nicht auf klare Weise sein lassen. Als ob wir nicht
geschlafen hätten, lebt in uns etwas Traumhaftes weiter, und eine
erstarrte Tagessonne wärmt die stockende Oberfläche der Sinne
auf. Es ist wie eine Trunkenheit des Nichtseins, und unser Wille
ist ein im Vorgarten geleerter Eimer, den ein träger Fuß im
Vorbeigehen umgestoßen hat.
Man schaut wohl, aber man sieht nicht. Die lange, von beklei-
deten Menschenwesen belebte Straße wirkt wie ein liegendes
Schild, dessen Lettern sich bewegen und keinen Sinn ergeben. Die
Häuser sind nur Häuser. Man verliert die Möglichkeit, dem, was
man erblickt, einen Sinn zu geben, aber man sieht freilich wohl,
was da ist.
Die Hammerschläge an der Tür des Kistenmachers erschallen
mit naher Befremdlichkeit. Sie erschallen deutlich getrennt, jeder
einzelne mit seinem Echo und ohne Nutzen. Die Geräusche der
Fuhrwerke hören sich an wie an Tagen, an denen ein Gewitter
aufkommt. Die Stimmen dringen aus der Luft her, nicht aus
Kehlen. Im Hintergrund vergilbt aschenfarbig der Fluß.
Man fühlt keinen Überdruß. Man fühlt keinen Kummer. Man
fühlt ein Verlangen, als andere Persönlichkeit einzuschlafen, zu
vergessen und dabei seine Niederlage glimpflicher zu gestalten.
Man fühlt nichts, automatisch stampfen unsere Beine in ihren
Schuhen in unfreiwilligem Marsch auf dem Boden auf. Vielleicht
fühlt man nicht einmal das. Rings um die Augen, wie Finger in
den Ohren, drückt etwas von innen gegen den Kopf.
Es macht sich etwas wie ein seelischer Schnupfen bemerkbar.
Und mit dem literarischen Bild, krank zu sein, entsteht der
Wunsch, das Leben möge eine Genesung ohne Gehbewegungen
sein; und der Gedanke an Rekonvaleszenz beschwört die Gutshö-
fe in der Umgebung der Stadt herauf, aber ihr Inneres, wo der
heimische Herd steht, fern von der Straße und ihren Wagenrä-
dern. Jawohl, man fühlt nichts. Man geht bewußt an der Tür
vorbei, in die man eintreten müßte, man geht wie im Schlaf und
vermag seinem Körper keine andere Richtung aufzuzwingen.
Man geht an allem vorüber. Was ist mit dem Tamburin, stehenge-
bliebener Tanzbär?
Leicht wie etwas, was anheben möchte, schwebte der Meeres-
geruch der Brise über dem Tejo und breitete sich schmutzig über
Teile der Unterstadt aus. Es roch auf widrige Weise frisch in der
kalten Starre des lauen Meeres. Ich spürte das Leben im Magen,
und der Geruchssinn rückte mir hinter die Augen. Hoch oben
ruhten im Nichts spärlich wirbelnde Wolken in einem Grau, das
in ein falsches Weiß überging. Die Atmosphäre ähnelte der Dro-
hung eines feigen Himmels, der eines unhörbaren Gewitters, das
nur aus Luft bestand.
Etwas Stagnierendes lag sogar im Fluge der Möwen; sie wirk-
ten leichter als die Luft, als habe sie irgendjemand darin zurückge-
lassen. Es war gar nicht stickig. Der Abend brach in unsere
Unruhe hinein; die Luft erfrischte dann und wann.
Arme Hoffnungen, die ich hegte, hervorgewachsen aus dem
Leben, das ich bis heute leben mußte! Sie sind wie diese Stunde
und diese Luft, wie Nebelschwaden ohne Nebel, zerbrochene
Entwürfe eines falschen Sturms. Ich habe Lust herauszuschreien,
um der Landschaft und diesem Grübeln ein Ende zu machen.
Aber in meiner Absicht hängt Meeresgeruch, und meine innere
Ebbe ließ das modrige Schwarz hervortreten, das dort draußen
ist und das ich nur mit dem Geruchssinn sehen kann.
Wie inkonsequent ist es, daß ich mir selbst genügen will! Wie
sarkastisch ist dieses Bewußtsein mutmaßlicher Empfindungen!
Wie verstrickt ist die Seele mit den Empfindungen, sind die Gedan-
ken mit der Luft und dem Fluß, um zum Ausdruck zu bringen, daß
mich das Leben im Geruchssinn und im Bewußtsein schmerzt, um
nicht den einfachen, umfassenden Satz aus dem Buch Hiob nachzu-
sprechen: »Meiner Seele ekelt ob meines Lebens!«

Seit die letzten Regenwolken nach Süden abgezogen sind und nur
der Wind zurückblieb, der sie weggefegt hat, ist die Heiterkeit der
sicheren Sonne zu den Hügeln der Stadt zurückgekehrt und viel
weiße Wäsche aufgetaucht, die auf straff gespannten Leinen vor
den hohen Fenstern der bunten Mietshäuser hängt und flattert.
Auch mich hat Zufriedenheit überkommen, weil ich am Leben
bin. Ich ging aus dem Hause mit einem großen Ziel, nämlich
rechtzeitig ins Büro zu kommen. Doch heute hat sich der dem
Leben innewohnende Zwang mit dem anderen wohltätigen
Zwang verbunden, der die Sonne zu den im Almanach vorgesehe-
nen Zeiten je nach Längen- und Breitengrad der Örtlichkeiten der
Erde scheinen läßt. Ich fühlte mich glücklich, weil ich mich nicht
unglücklich fühlen konnte. Ich ging gelassen die Straße hinunter
und war voller Gewißheit, denn schließlich waren das mir be-
kannte Büro und die Leute in diesem Büro ebenfalls Gewißheiten.
Es ist nicht erstaunlich, daß ich mich frei fühle, ohne zu wissen
wovon. In den Körben am Rande der Bürgersteige der Rua da
Prata erstrahlten die zum Verkauf ausliegenden Bananen in einem
großen Gelb.
Ich gebe mich im Grunde mit wenigem zufrieden: Mit der
Tatsache, daß der Regen aufgehört hat, daß in diesem glücklichen
Süden prächtig die Sonne scheint, daß die Bananen gelber ausse-
hen, weil sie schwarze Flecken haben, daß Leute sie verkaufen,
weil sie reden können, mit den Bürgersteigen der Rua da Prata,
dem Tejo im Hintergrund, dem grünlichen Blau, das in Gold
übergeht, mit diesem ganzen heimatlichen Winkel im System des
Universums.
Der Tag wird kommen, wo ich dies alles nicht mehr sehen
kann, an welchem mich die Bananen am Rand des Bürgersteiges
überleben werden, dazu auch die Stimmen der gewitzten Verkäu-
ferinnen und die Tageszeitungen, die der Junge nebeneinander an
der Ecke des gegenüberliegenden Bürgersteigs ausgebreitet hat.
Ich weiß wohl, daß die Bananen andere, die Verkäuferinnen
gleichfalls andere sein, und auch die Zeitungen demjenigen, der
sich nach ihnen bückt, um sie sich anzusehen, ein anderes Datum
als das heutige darbieten werden. Doch sie dauern fort, weil sie
nicht leben, auch wenn es andere sind; ich gehe vorüber, weil ich
lebe, obgleich ich derselbe bin.
Könnte ich doch diese Stunden feierlich gestalten, indem ich
Bananen kaufe, denn es kommt mir so vor, als sammle sich die
gesamte Sonne des Tages in ihnen wie ein Scheinwerfer ohne
Apparat. Doch ich schäme mich vor den Ritualen, vor den Sym-
bolen, vor Einkäufen auf der Straße. Man könnte mir die Bananen
nicht gut verpacken, sie mir nicht verkaufen, wie sie verkauft
werden sollten, weil ich sie nicht zu kaufen verstehe, wie sie
gekauft werden müßten. Man könnte sich über meine Stimme
wundern, wenn ich mich nach dem Preis erkundige. Schreiben ist
besser als das Wagnis zu leben, auch wenn leben nichts anderes
heißen sollte als Bananen im Sonnenschein kaufen, solange die
Sonne scheint und Bananen zum Verkauf ausliegen.
Später vielleicht. . . Jawohl, später . . . Vielleicht ein ande-
rer . . . Ich weiß nicht. . .

20.7.1930

Wenn ich viele Träume schlafe, gehe ich mit offenen Augen auf
die Straße, noch auf ihrer Spur und in ihrer Sicherheit. Und ich
staune über meinen Automatismus, dank welchem die Mitmen-
schen mich verkennen. Denn ich durchquere das Alltagsleben,
ohne die Hand der Sternen-Amme loszulassen, und meine Schritte
auf der Straße fallen und hallen zusammen mit dunklen Absichten
der Schlafphantasie. Und auf der Straße gehe ich sicher; ich
schwanke nicht; ich antworte richtig; ich existiere.
Aber wenn sich ein Zwischenraum ergibt und ich nicht meinen
Gang überwachen muß, um Fahrzeugen auszuweichen oder Fuß-
gängern nicht in die Arme zu laufen, wenn ich mit niemandem
reden muß und mich auch nicht das Eintreten in eine nahe Tür
bedrückt, setze ich mich von neuem auf den Gewässern des
Traumes aus wie ein spitz gefaltetes Papierschiffchen und kehre
erneut zu der erloschenen Illusion zurück, die mir das vage
Bewußtsein von diesem Morgen erwärmt hatte, der mit dem
Knarren der Gemüsekarren aufzog.
Und dann, mitten im vollen Leben, hat der Traum große
Filmvorstellungen zu bieten. Ich gehe eine unwirkliche Straße der
unteren Stadt, der Baixa, hinunter, und die Wirklichkeit der
Lebenden, die nicht sind, bindet mir zärtlich einen weißen Lappen
falscher Rückerinnerungen um den Kopf. Ich bin ein Seemann im
Verkennen meiner selbst. Ich habe überall gesiegt, wo ich nie
gewesen bin. Und wie eine neue Brise wirkt diese Schläfrigkeit,
mit der ich gehen kann, nach vorn gebeugt auf einem Marsch in
Richtung Unmöglichkeit.
Jeder hat seinen Alkohol. Ich finde genügend Alkohol im
Existieren. Betrunken von Selbst-Gefühl schweife ich umher und
gehe richtig. Wenn es an der Zeit ist, finde ich mich wie irgendein
anderer im Büro ein. Wenn es nicht an der Zeit ist, gehe ich zum
Fluß und betrachte wie irgendein anderer den Fluß. Ich bin der
gleiche geblieben. Und über alledem, mein eigener Himmel, be-
stirne ich mich insgeheim und habe meine Unendlichkeit.

31.5.1932

Nicht auf den breiten Feldern oder in den großen Gärten sehe ich
den Frühling anbrechen. Sondern auf den wenigen armseligen
Bäumen eines kleinen städtischen Platzes. Dort hebt sich das
Grün ab wie ein Geschenk und ist heiter wie eine rechte Traurig-
keit.
Ich liebe diese einsamen Plätze, die sich zwischen Straßen mit
geringem Verkehr schieben und selbst noch verkehrsärmer als
diese Straßen sind. Es sind nutzlose Lichtungen, Dinge im Zu-
stand der Erwartungen, zwischen fernen Tumulten. Sie sind Dorf
in der Stadt.
Ich überquere sie, steige irgendeine der Nachbarstraßen empor
und dann gehe ich diese Straße wieder hinunter, um zu dem Platz
zurückzukehren. Von der anderen Seite aus betrachtet ist er ein
anderer, doch der gleiche Friede vergoldet mit plötzlicher Sehn-
sucht — Sonne im Untergang — die Seite, die ich bei meiner
Ankunft nicht beachtet hatte.
Alles ist unnütz, und ich empfinde es auch so. Was ich erlebt
habe, ist mir entfallen, als ob ich es ganz zerstreut angehört hätte.
Was ich sein werde, kommt mir nicht in den Sinn, so als ob ich
es erlebt und wieder vergessen hätte.
Ein Sonnenuntergang aus leichtem Schmerz schwebt ver-
schwommen um mich her. Alles kühlt ab, nicht weil es kühler
würde, sondern weil ich in eine enge Straße eingebogen bin und
der Platz hinter mir liegt.

Es gibt ruhiges Landleben in der Stadt. Es gibt Augenblicke, vor


allem zur Mittagszeit im Sommer, zu denen das Land wie ein
Windstoß in dieses lichterfüllte Lissabon eindringt. Und sogar
hier in der Rua dos Douradores lernen wir den guten Schlaf
kennen.
Wie gut tut es der Seele, unter einer stillen hohen Sonne diese
strohbeladenen Fuhrwerke, diese noch zu verpackenden Kisten,
diese langsamen Passanten eines in die Stadt versetzten Dorfes
schweigen zu sehen! Ich selber, der sie vom Fenster des Büros aus
anschaut, in dem ich ganz allein bin, bin übersiedelt: Ich bin auf
einmal in einer stillen Ortschaft in der Provinz, ich erstarre in
einem unbekannten Dörfchen und, weil ich mich anders fühle, bin
ich glücklich.
Ich weiß wohl: Wenn ich die Augen hebe, erstehen vor mir die
schmutzigen Linien des Häusermeers, die säuberungsbedürftigen
Fenster aller Büros der Unterstadt, die sinnlosen Fenster der
höchsten Etagen, wo noch Leute wohnen und ganz oben an den
Ecken der Dachfenster die ewige Wäsche zwischen Blumentöpfen
und Pflanzen in der Sonne hängt. Ich weiß das, aber so sanft ist
das
d Licht, das all dies vergoldet, so ohne Sinn die stille Luft, die
mich einhüllt, daß ich nicht einmal einen visuellen Grund habe,
um von meinem trügerischen Dorf abzusehen, von meiner Ort-
schaft in der Provinz, wo der Handel ein Ausruhen ist.
Ich weiß, ich weiß . . . Zwar stimmt es schon, daß es die Stunde
des Mittagessens oder der Entspannung oder der Pause ist. Alles
geht gut auf der Oberfläche des Lebens. Ich selber schlafe, auch
wenn ich mich über die Veranda lehne, als wäre sie die Reling
eines Schiffes über einer neuen Landschaft. Ich selber grüble nicht
einmal, als ob ich in der Provinz sei. Und auf einmal taucht etwas
anderes auf, hüllt mich ein und befehligt mich: Ich sehe hinter
dem Mittag der Ortschaft das gesamte Leben in der ganzen
Ortschaft; ich sehe das große stupide Glück des Familienlebens,
das große stupide Glück des Lebens auf dem Lande, das große
stupide Glück der Ruhe inmitten von Schmutz. Ich sehe, weil ich
sehe. Aber ich habe nicht gesehen und wache auf. Ich schaue
umher, lächle und klopfe zuerst einmal den gesammelten Staub
der Verandabrüstung, die niemand gesäubert hat, von den Ellen-
bogen meines leider dunklen Anzugs und ignoriere bewußt, daß
sie eines Tages, wenn auch nur für einen Augenblick, die Reling
ohne möglichen Staub von einem Schiff sein könnte, das zu einem
unendlichen Tourismus aussegelt.

An den langen Sommerabenden liebe ich die Stille der Unterstadt,


und ich liebe sie dort um so mehr, wo sie im allergrößten Gegen-
satz zum lärmenden Tagesgewühl steht. Die Rua do Arsenal, die
Rua da Alfandega, die Verlängerung der traurigen Straßen, die
sich ostwärts des Zollgebäudes erstrecken, die unterbrochene
Linie der ruhigen Kais — all das stärkt mich in Traurigkeit, wenn
ich mich an solchen Abenden in ihre Einsamkeit eingliedere. Ich
erlebe dann eine weit zurückliegende Epoche; ich genieße es,
mich als Zeitgenosse Cesärio Verdes zu fühlen, und in mir finde
ich zwar nicht die gleichen Verse wie die seinigen, wohl aber die
Substanz seiner Dichtung.
Bis die Nacht einbricht, begleitet mich ein Lebensgefühl durch
diese Straßen, das ihnen ähnlich ist. Über Tage sind sie erfüllt von
einem Lärm, der nichts besagen will; bei Nacht sind sie erfüllt von
einem Mangel an Lärm, der auch nichts besagen will. Bei Tage
bin ich eine Null, bei Nacht bin ich ich selber. Es besteht kein
Unterschied zwischen mir und den Straßen in der Umgebung des
Zollgebäudes, einmal abgesehen davon, daß sie Straßen sind und
ich Seele, was möglicherweise angesichts des Wesens der Dinge
nichts besagen will. Es gibt ein gleiches, weil abstraktes Schicksal
für die Menschen und für die Dinge — eine gleichermaßen gleich-
gültige Bezeichnung in der Algebra des Geheimnisses.
Doch es gibt noch etwas anderes . . . In diesen langsamen
leeren Stunden steigt die Traurigkeit des gesamten Seins aus
meiner Seele in meinen Geist auf, eine Verbitterung darüber, daß
alles gleichzeitig meine Empfindung und ein äußerliches Ding ist,
das zu verändern nicht in meiner Macht steht. Ach, wie oft
erheben sich sogar meine Träume in Dingen, nicht um mir die
Wirklichkeit zu ersetzen, sondern um mir ihre Gleichberechti-
gung zu bekunden: ich will sie nicht, sie tauchen von außen her
auf wie die Elektrische, die am äußersten Ende der Straße um die
Kurve biegt oder die Stimme des nächtlichen Ausrufers, die sich
als arabischer Singsang wie ein plötzlicher Fontänenstrahl von der
Eintönigkeit der Abenddämmerung abhebt.

Aus: So/uçäo Editora, Nr. 2 und 4, 1929

16. und 17.10.1931

Ja, es ist der Sonnenuntergang. Gemächlich und zerstreut gelan-


ge ich ans Ende der Rua da Alfändega, und als mir der große Platz
am Flußufer, der Terreiro do Paço, entgegenleuchtet, erblicke ich
deutlich die Sonnenlosigkeit des Himmels im Westen. Dieser
Himmel ist bläulich und spielt vom Grünlichen ins Hellgraue
hinüber; auf der linken Seite über den Bergen des anderen Tejo-
Ufers duckt sich bräunlicher Nebel, der wie totes Rosa gefärbt ist.
Kühl verteilt in der abstrakten Herbstluft liegt ein tiefer Friede,
den ich selber nicht spüre. Ich leide, weil ich ihn nicht spüre, unter
dem vagen Vergnügen der Annahme, daß es ihn gibt. Doch in
Wirklichkeit herrscht da weder Friede noch Friedlosigkeit: Da ist
nur Himmel, Himmel aus lauter schwindenden Farben — weißli-
ches Blau, noch bläuliches Grün, verschwommene ferne Farbtöne
von Wolken, die keine Wolken sind, gelblich eingedunkelt von
verklingendem Fleischrot. Dies alles bietet einen Anblick, der im
gleichen Augenblick verlischt, in dem man ihn vor sich hat, eine
Pause zwischen dem Nichts und einem zweiten, beflügelt, weit-
schweifig und unbestimmt in der Höhe aufgestellt, Schattierun-
gen aus Himmel und Traurigkeit.
Ich fühle und ich vergesse. Das Sehnen aller Menschen nach
allem dringt in mich ein wie ein Opium der kühlen Luft. In mir
herrscht eine Ekstase des Schauens, sie ist verinnerlicht und doch
von außen herbeigeführt.
Zur Flußmündung hin, wo sich das Sonnenlicht mehr und
mehr seinem Ende zuneigt, erlischt es in fahlem Weiß, das sich
mit kühlem Grün blau einfärbt. In der Luft steht die Starre von
alledem, was man niemals erreicht. Hoch schweigt die Landschaft
des Himmels.
In dieser Stunde, in der ich ganz überströmend fühle, möchte
ich die volle Bosheit der Rede besitzen, die freie Laune eines Stils
zum Schicksal haben. Doch nein, nur der hohe Himmel ist alles;
er ist fern und hebt sich selbst auf, und das Gefühl, das mich
durchströmt und so viele verworrene Gefühle vereinigt, ist nur
der Widerschein dieses nichtigen Himmels auf einem in mir
ruhenden See, einem zwischen starren Felsen eingeschlossenen
See; er schweigt mit dem Blick eines Toten, und selbstvergessen
betrachtet sich in ihm die Höhe.
So oft, so oft, wie jetzt, hat es mich belastet, zu fühlen, daß ich
fühle — angstvolles Fühlen, nur weil es ein Fühlen ist, Beunruhi-
gung über mein Hiersein, Sehnsucht nach etwas Unbekanntem,
Sonnenuntergang aller Gefühle, mein Vergilben zur grauen Trau-
rigkeit in meinem äußerlichen Bewußtsein meiner selbst.
Ach, wer rettet mich vor dem Existieren? Ich will nicht den Tod
und auch nicht das Leben: Ich will das andere, das auf dem
Grunde meines Verlangens glitzert wie ein möglicher Diamant in
einer Höhle, zu der man nicht hinabsteigen kann. Es ist das ganze
Gewicht und das ganze Leid dieses wirklichen und unmöglichen
Weltalls, dieses Himmels, der aussieht wie die Standarte eines
unbekannten Heeres, dieser Farbschattierungen, die in der trüge-
tischen Luft allmählich verblassen, aus der nun die imaginäre
Sichel des zunehmenden Mondesaufsteigt, erstarrt in elektrischer
Helligkeit, herausgeschnitten aus Ferne und Fühllosigkeit.
Die Absenz eines wahren Gottes ist der leere Leichnam des
hohen Himmels und der verschlossenen Seele. Unendlicher Ker-
ker — weil du unendlich bist, kann man dir nicht entfliehen!

5.2.1930

Es sind nicht die schäbigen Wände meines ganz gewöhnlichen


Zimmers, nicht die alten Schreibtische des fremden Büros, nicht
die ärmlichen Nebenstraßen der mir durch und durch vertrauten
Unterstadt, die ich so oft durchlaufen habe, daß sie mir schon die
Festigkeit des Unveränderlichen angenommen zu haben scheinen
— nicht sie lassen Ekel in meinem Geist aufkommen, wie er ihn
angesichts der besudelnden Alltäglichkeit des Lebens so häufig
befällt. Es sind die Menschen, die mich üblicherweise umgeben,
es sind die Seelen, die mich nicht kennen und dennoch Tag um
Tag mit ihrem Umgang und ihrer Redeweise zu kennen vorgeben
— sie legen mir den Speichelknoten physischer Übelkeit in die
Kehle des Geistes. Es ist die eintönige Gemeinheit ihres Lebens,
dem äußerlichen Ablauf des meinigen parallel, es ist ihr inneres
Bewußtsein, meinesgleichen zu sein, das mich in die Zwangsjacke
steckt, das mich in die Zuchthauszelle sperrt, mich apokryph und
zum Bettler macht.
Es gibt Momente, in denen mich jede Einzelheit des Gewöhnli-
chen in der ihm eigenen Existenz fesselt und ich alledem die
Zuneigung entgegenbringe, alles recht deutlich lesen zu wollen.
Dann erblicke ich — wie Vieira sagte, daß es Sousa* beschrieben
hätte — das Durchschnittliche in seiner Einmaligkeit und bin
Dichter mit jener Seele, mit welcher die Kritik der Griechen das
objektive Zeitalter der Dichtung herausgebildet hat. Doch es gibt
auch Augenblicke — und einer von ihnen ist dieser, der mich jetzt
eben bedrückt —, in denen ich mich selbst mehr fühle als die

* Bruder Luiz de Sousa (ca. 1555 —1632), geschätzter Biograph.


äußeren Dinge und sich mir alles in eine Nacht aus Schlamm und
Regen verwandelt, verloren in der Einsamkeit eines Bahnhofs auf
dem platten Land zwischen zwei Zügen mit Dritter-Klasse-
Wagen.
Jawohl, meine innere Tugend, häufig objektiv zu sein und mich
so davon abzuhalten, an mich zu denken, kennt wie alle Tugenden
und sogar alle Laster Phasen des Niedergangs. Dann frage ich
mich selbst, wie es möglich ist, daß ich mich überleben kann, wie
es möglich ist, daß ich die Feigheit zu haben wage, hier unter
diesen Leuten zu sein, ihnen vollkommen gleichgestellt, mit den
Müll-Illusionen, die sie alle hegen, vollkommen abgefunden. Mit
dem Glanz eines fernen Leuchtturms fallen mir dann alle Lösun-
gen ein, in denen die Phantasie ein Weib ist: Selbstmord, Flucht,
Verzicht, die großen Gebärden aristokratischer Individualitäten,
Mantel und Degen von Existenzen ohne Balkon.
Doch die ideale Julia der besseren Wirklichkeit hat dem fikti-
ven Romeo meines Blutes das hohe Fenster des literarischen
Interviews vor der Nase zugeschlagen. Sie gehorcht ihrem Vater;
er gehorcht seinem Vater. Der Streit der Montagues und der
Capulets geht weiter; über dem Nichtgeschehenen fällt der Vor-
hang, und ich ziehe mich nach Hause zurück — in jenes Zimmer,
worin die nicht vorhandene Hausfrau so schmuddelig ist wie die
Kinder, die ich nur selten zu Gesicht bekomme, und die Leute aus
meinem Büro, die ich erst morgen wiedersehen werde — den
Jackenkragen des kaufmännischen Angestellten über den Hals des
Dichters hochgeschlagen, der seine Stiefel immer im gleichen
Geschäft einkauft, dabei unbewußt den Pfützen des kalten Regens
ausweicht und ständig von der Sorge geplagt wird, seinen Regen-
schirm und die Würde der Seele zu Hause vergessen zu haben.

27.6.1930

Das Leben ist für uns das, was wir in ihm wahrnehmen. Für den
Bauern, dessen eigenes Land sein ein und alles ist, ist dieses Land
ein Imperium. Für den Cäsar, dessen Imperium ihm noch zu
wenig ist, ist dieses Imperium ein Feld. Der Arme besitzt ein
Imperium; der Große besitzt ein Feld. In Wahrheit besitzen wir
nur unsere eigenen Wahrnehmungen; auf sie und nicht auf was
sie sehen, müssen wir demnach die Wirklichkeit unseres Lebens
gründen.
Das sage ich in einer bestimmten Absicht.
Ich habe viel geträumt. Ich bin es müde, geträumt zu haben,
freilich nicht müde zu träumen. Des Träumens wird niemand
müde, denn träumen heißt vergessen, und vergessen bedrückt
nicht und ist ein Schlaf ohne Träume, in dem wir wach sind. In
Träumen habe ich alles erreicht. Ich bin freilich aufgewacht, aber
was macht das schon aus? Wie viele Cäsaren bin ich gewesen! Und
wie schäbig haben sich die Ruhmgekrönten betragen! Cäsar,
durch die Großmut eines Piraten vom Tode errettet, ließ diesen
Piraten kreuzigen, sobald er ihn nach erfolgreicher Jagd in seine
Gewalt gebracht hatte. Als Napoleon auf St. Helena sein Testa-
ment machte, setzte er einem Verbrecher, der versucht hatte,
Wellington zu ermorden, ein Legat aus. O Größe, wie gleichst du
der Seelengröße der schielenden Nachbarin! O große Männer für
die Köchin einer anderen Welt! Wie viele Cäsaren bin ich gewesen
und träume ich noch immer zu sein!
Wie viele Cäsaren bin ich gewesen, aber freilich keine wirkli-
chen! Ich war wahrhaft kaiserlich, während ich träumte, und
deshalb war ich nie irgend etwas. Meine Heere wurden geschla-
gen, aber die Niederlage war eine matte Sache, und niemand ist
dabei ums Leben gekommen. Ich habe keine Fahnen eingebüßt.
Ich habe nicht so stark geträumt, daß ein Heer hätte auftreten
können, worin sie hätten flattern können vor meinem Blick, in
dessen Traum eine Wandecke aufscheint. Wie viele Cäsaren war
ich hier in der Rua dos Douradores! Und die Cäsaren, die ich war,
leben noch immer weiter in meiner Phantasie; aber die Cäsaren,
die gewesen sind, sind tot, und die Rua dos Douradores, das heißt
die Wirklichkeit, kann sie nicht kennen.
Ich werfe die Streichholzschachtel, die leer ist, in den Abgrund
der Straße, über die Brüstung meines hohen balkonlosen Fensters.
Ich erhebe mich von meinem Stuhl und lausche. Deutlich schlägt
die leere Streichholzschachtel, als hätte sie etwas zu bedeuten, auf
der Straße auf, die sich mir verlassen darbietet. Ein weiteres
Geräusch ist nicht vorhanden, nur die Geräusche der ganzen
Stadt. Jawohl, die einer ganzen sonntäglichen Stadt — viele, ohne
daß man sie vernehmen könnte, und mit allen hat es seine Richtig-
keit.
Auf wie wenig stützen sich in der Welt meine besten Überle-
gungen! Daß ich zu spät zum Mittagessen gekommen bin, daß mir
die Streichhölzer ausgegangen sind, daß ich als Einzelner die
Schachtel mißlaunig auf die Straße geworfen habe, weil ich nicht
zur gewohnten Zeit gegessen habe, daß der Sonntag die luftige
Verheißung eines schlimmen Sonnenuntergangs ist, daß ich auf
dieser Welt ein Niemand bin, und dazu die ganze Metaphysik.
Aber wie viele Cäsaren bin ich gewesen!

Ich denke oft daran, wie es mit wohl ergehen würde, wenn ich,
vor dem Wind des Schicksals durch die spanische Wand des
Reichtums geschützt, nie an der moralischen Hand meines Onkels
in ein Lissaboner Büro gekommen und von ihm aus nie zu
anderen aufgestiegen wäre, auf diesen billigen Gipfel eines guten
Hilfsbuchhalters mit einer Arbeit, sicher wie eine Siesta, und mit
einem Gehalt, das für den Lebensunterhalt ausreicht.
Ich weiß wohl, wenn diese Vergangenheit, die nicht war, gewe-
sen wäre, würde ich heute nicht imstande sein, diese Seiten nieder-
zuschreiben, die jedenfalls zum Teil besser sind als die Nicht-
Seiten, die ich unter besseren Umständen nur mehr erträumt
hätte. Die Banalität ist nämlich eine Art von Intelligenz und die
Wirklichkeit, vor allem wenn sie töricht oder bitter ist, eine
natürliche Ergänzung der Seele.
Ich verdanke meinem Buchhalterdasein einen Großteil dessen,
was ich fühlen und denken kann, als Verneinung meines Jobs und
Flucht vor ihm.
Wenn ich auf dem buchstabenlosen Platz der Antwort auf eine
Umfrage eintragen sollte, welchen Einflüssen mein Geist seine
Bildung verdankt, würde ich den punktierten Raum mit dem
Namen Cesärio Verdes eröffnen, aber ich würde ihn nicht ab-
schließen, ohne in ihn die Namen von Chef Vasques, Buchhalter
Moreira, Kassierer Vieira und Bürodiener Antonio einzutragen.
Und ihnen allen würde ich in Großbuchstaben die Anschrift:
LISSABON hinzufügen.
Wenn ich es recht bedenke, waren Cesário Verde und sie für
mein Weltbild die Koeffizienten der Korrektur. Ich glaube, das
ist der Satz, dessen genauen Sinn ich begreiflicherweise nicht
kenne, mit dem die Ingenieure die Behandlung bezeichnen, die
man der Mathematik zuteil werden läßt, damit sie bis in das Leben
hineinreicht. Wenn es so ist, so ist es so gewesen. Wenn es nicht
so ist, möge es für das hingehen, was es sein könnte, und die
Absicht möge Geltung behalten trotz der verfehlten Metapher.
Wenn ich außerdem mit der mir zu Gebote stehenden Klarheit
das betrachte, was mein Leben dem Anschein nach gewesen ist,
so sehe ich es als etwas Buntes — als Konfektverpackung oder
Zigarrenbauchbinde — unter den Brotkrusten der eigentlichen
Wirklichkeit; der leichte Kehrbesen des von oben zuhörenden
Dienstmädchens fegte es vom Tischtuch, das für den Kehrbesen
der Brosamen angehoben werden mußte. Es hebt sich von den
Dingen ab, denen dank einem Privileg, das gleichfalls dem Kehr-
blech zum Opfer fallt, das gleiche Schicksal winkt. Und das
Gespräch der Götter geht oberhalb dieses Kehrvorgangs weiter,
gleichgültig gegenüber solchen Zwischenfällen in der Tagesarbeit
der Welt.
Gewiß, wenn ich reich, beschützt, gebürstet und dekorativ
gewesen wäre, so wäre ich nicht einmal diese kurze Episode
hübsch anzusehenden Papiers unter Brosamen gewesen; ich wäre
auf dem Teller des Schicksals liegengeblieben — »nein, danke« —
und in die Anrichte zurückgestellt worden, wo ich vor mich hin
altern konnte. So aber, weggeworfen, nachdem man das brauch-
bare Mark aus mir herausgesogen hat, verschwinde ich samt dem
Staube dessen, was vom Leibe Christi übrigblieb, im Mülleimer
und kann mir nicht einmal vorstellen, was nun folgen wird und
unter welchen Gestirnen; aber immerhin geht es überhaupt wei-
ter.

Zwischen dem Häusermeer zieht mit Einblendungen von Licht


und Schatten — besser gesagt, von Licht und weniger Licht —
der Morgen über der Stadt auf. Es sieht so aus, als rühre es nicht
von der Sonne, sondern von der Stadt her, als löse sich das Licht
von den hohen Mauern und Dächern ab — nicht physisch von
ihnen, sondern weil sie eben dort sind.
Ich spüre, indem ich das wahrnehme, eine große Hoffnung,
aber ich räume ein, daß diese Hoffnung literarischer Natur ist.
Morgen, Frühling, Hoffnung — sind in der Musik durch die
gleiche melodische Absicht verbunden, sind in der Seele durch die
gleiche Erinnerung an eine gleiche Absicht verbunden. Nein:
Beobachte ich mich selbst, wie ich die Stadt beobachte, so erkenne
ich, daß ich nur zu hoffen habe, daß dieser Tag zu Ende gehen
möge wie alle Tage. Meine Vernunft sieht auch die Morgenröte
an. Die Hoffnung, die ich auf sie setzte, war, falls sie vorhanden
gewesen sein sollte, nicht meine eigene: Es war die Hoffnung der
Menschen, die die vorüberziehende Stunde erleben und deren
äußerliches Verständnis ich, ohne es zu wollen, in diesem Augen-
blick verkörperte. Hoffen? Was sollte ich schon erhoffen? Der Tag
verspricht mir nicht mehr als den Tag, und ich weiß, er nimmt
seinen Verlauf und nimmt sein Ende. Das Licht belebt sich, aber
es bessert meine Lage nicht, denn ich gehe von hier fort, wie ich
hierhergekommen bin — um Stunden älter, eine Wahrnehmung
heiterer, einen Gedanken trauriger. In allem, was entsteht, kön-
nen wir ebensogut das Entstehende fühlen wie das Absterbende.
Jetzt, im weiten hohen Licht wirkt die Stadtlandschaft wie ein
Häusermeer — naturhaft, ausgedehnt und verbunden. Aber
werde ich im Anblick all dieser Dinge vergessen können, daß ich
existiere? Mein Bewußtsein von der Stadt ist im Innersten mein
Bewußtsein von mir selbst.
Ich entsinne mich plötzlich an die Kindheit, als ich den Morgen
über der Stadt aufgehen sah, wie ich ihn heute nicht sehen kann.
Damals ging er nicht für mich auf, sondern für das Leben, denn
damals war ich, da ich nicht bewußt lebte, das Leben. Ich sah den
Morgen an und freute mich; heute sehe ich den Morgen an und
freue mich und werde traurig. Das Kind ist geblieben, aber es ist
verstummt. Ich sehe noch immer, wie ich gesehen habe, aber
hinter den Augen sehe ich mich sehen; und allein dadurch verdun-
kelt sich mir die Sonne, und das Grün der Bäume altert und die
Blumen welken, bevor sie noch aufgeblüht sind. Ja, früher einmal
war ich hier zu Hause; heute kehre ich zu jeder Landschaft, auch
wenn sie neu für mich ist, als Fremdling zurück, Gast und Pilger
ihrer Darstellung, ein Fremder bei dem, was ich sehe und höre,
alt von mir selbst.
Ich habe schon alles gesehen, auch wenn ich es niemals gesehen
habe und auch wenn ich es niemals zu Gesichte bekommen werde.
In meinem Blut strömt selbst die geringste der künftigen Land-
schaften, und die Angst vor dem, was ich an Neuem anschauen
muß, ist für mich eine vorweggenommene Monotonie.
Und über die Brüstung gelehnt und den Tag genießend, erfüllt
nur ein einziger Gedanke im mannigfaltigen Raum über der Stadt
meine Seele — der innere Wille zu sterben, zu enden, nicht mehr
das Licht über irgendeiner Stadt zu erblicken, nicht zu denken,
nicht zu fühlen, den Lauf der Sonne und der Tage wie Einwickel-
papier hinter mir zurückzulassen und wie einen schweren Anzug
neben dem großen Bett die unfreiwillige Anstrengung des Da-
seins abzulegen.

Als heute jene alte Angst, die manchmal überfließen will, mein
Körpergefühl bedrückte, konnte ich in dem Restaurant oder
Gasthaus, auf dessen Zwischengeschoß ich den Fortbestand mei-
ner Existenz begründe, nicht ordentlich essen und auch nicht wie
üblich trinken. Als der Ober bei meinem Fortgehen bemerkte,
daß ich die Weinflasche nur halb geleert hatte, drehte er sich zu
mir um und sagte: »Bis bald, Herr Soares, ich wünsche Ihnen gute
Besserung!«
Beim Trompetenstoß dieses einfachen Satzes wurde es in mei-
ner Seele so leicht, als hätte plötzlich der Wind von einem Wol-
kenhimmel die Wolken weggeblasen. Und da erkannte ich, was
ich nie zuvor so klar erkannt hatte, daß mir die Café- und Restau-
rant-Kellner, die Friseure und die Dienstmänner an den Straßen-
ecken spontane Sympathie entgegenbringen, die ich mich nicht
rühmen kann, von denen zu erhalten, die mit mir auf dem unzu-
treffenderweise so genannten vertrauten Fuße stehen.
Die Brüderlichkeit hat ihre Feinheiten.
Manche regieren die Welt, andere sind die Welt. Zwischen
einem amerikanischen Millionär, der sein Vermögen in England
oder in der Schweiz angelegt hat, und einem sozialistischen Dorf-
bürgermeister gibt es keinen Unterschied in der Qualität, sondern
höchstens in der Quantität. Unterhalb (?) solcher Leute stehen
wir, die Gestaltlosen, der ständig unter Zeitdruck arbeitende
Dramatiker William Shakespeare, der Schulmeister John Müton,
der vagabundierende Dante Alighieri, der Dienstmann, der mir
gestern eine Nachricht zustellte, oder der Friseur, der mir Anek-
doten erzählt, und der Kellner, der mir brüderlicherweise gute
Besserung wünscht, weil ich meinen Wein nur zur Hälfte ausge-
trunken habe.

1.2.1931

Nach all den Regentagen nimmt der Himmel erneut die Bläue, die
er versteckt gehalten hatte, in die großen Räume seiner Höhe auf.
Zwischen den Straßen, auf denen Pfützen schlafen wie Sümpfe auf
dem Feld, und der klaren Heiterkeit, die in der Höhe Kühle
verbreitet, klafft ein Gegensatz, der die schmutzigen Straßen
angenehm und den winterlich niedrigen Himmel frühlingshaft
erscheinen läßt. Es ist Sonntag, und ich habe nichts zu tun. Selbst
das Träumen lockt mich nicht, so schön ist der Tag. Ich genieße
ihn mit einer Aufrichtigkeit der Sinne, der sich die Intelligenz
anschließt. Ich gehe spazieren wie ein befreiter Kassierer. Ich
fühle mich alt, nur um das Vergnügen auszukosten, einen Verjün-
gungsvorgang zu erleben.
Auf dem großen sonntäglichen Platz liegt die feierliche Bewe-
gung einer anderen Art von Tag. In der Kirche von Santo Domin-
go ist soeben eine Messe zu Ende gegangen, und eine weitere wird
beginnen. Ich sehe Leute herauskommen und andere wartend
herumstehen und Leute erwarten, die nicht darauf achten, wer da
herauskommt.
All diese Dinge sind unwichtig. Sie sind wie alles im normalen
Leben ein Schlaf der Geheimnisse und der Zinnen, und ich schaue
von hier aus zu, wie ein Herold auf die Ebene meiner Meditation
gelangt.
Früher einmal als Kind besuchte ich die gleiche Messe oder
möglicherweise eine andere, aber es muß wohl doch diese sein.
Ich zog pflichtschuldigst meinen einzigen besseren Anzug an und
genoß alles — sogar das, was ich eigentlich keinen Grund hatte
zu genießen. Ich lebte von außen her, und mein Anzug war sauber
und neu. Was kann einer mehr verlangen, der sterben muß und
es nicht weiß an der Hand seiner Mutter?
Früher einmal habe ich das alles genossen, und deshalb verstehe
ich vielleicht erst jetzt, wie sehr ich es genossen habe. Ich ging
in die Messe wie in ein großes Geheimnis und trat aus der Messe
wie auf eine Lichtung. Und so war es wirklich, und so ist es
wahrhaftig immer noch. Nur ein Wesen, das nicht mehr glauben
kann und erwachsen ist, und eine Seele, die sich daran erinnert
und weint, sind Fiktion und Verstörung, sind Verwirrung und
kalte Fliesen.
Jawohl, was ich bin, wäre unerträglich, wenn ich mich nicht
an das erinnern könnte, was ich einmal war. Und diese fremde
Menschenmenge, die immer noch aus der Messe strömt, und der
Anfang der möglichen Menschenmenge, die eben einzutreffen
beginnt, um in die nächste hineinzugehen — sie sind wie Schiffe,
die auf mir, dem trägen Fluß, unter den geöffneten Fenstern
meines über den Ufern aufragenden Heims entlangfahren.
Erinnerungen, Sonntage, Messen, Freude, gewesen zu sein,
Wunder der Zeit, die zurückblieb, weil sie vorbeigegangen ist und
nie in Vergessenheit geraten kann, weil sie mir gehört hat. . .
Absurde Diagonale wahrscheinlicher Sinneswahrnehmungen,
plötzliches Geräusch eines Mietwagens, dessen Räder im ge-
räuschvollen Schweigen der Autos quietschen. Irgendwie besteht
sie dank einem mütterlichen Paradox der Zeit heute hier fort
zwischen dem, was ich bin, und dem was ich verlor, im früher
gewesenen Blick dessen, der ich bin . . .
Was weiß ich? Was suche ich? Was fühle ich? Was würde ich
erbitten, wenn ich bitten müßte?
4.11.1931

Wer einen Katalog von Ungeheuern herstellen wollte, brauchte


nur in Worten jene Dinge zu photographieren, die die Nacht
schläfrigen Seelen zuträgt, die nicht einschlafen können. Diese
Dinge sind zusammenhanglos wie Träume ohne die Inkognito-
Entschuldigung, daß man halt schlafe. Sie schweben wie Fleder-
mäuse über der Passivität der Seele oder wie Vampire, die das Blut
der Unterwürfigkeit aussaugen.
Es sind Larven des Abschüssigen und der Vergeudung, Schat-
ten, die das Tal füllen, Spuren, die vom Schicksal zurückbleiben.
Manchmal sind es Würmer, ekelerregend selbst für die Seele, die
sie hegt und aufzieht; ein andermal sind es Gespenster, und sie
umkreisen düster ein Nichts; wieder ein andermal erheben sie sich
wie Kobras aus den absurden Buchten der verlorenen Gefühle.
Ballast des Trugs, dienen sie nur dazu, daß wir zu nichts nütze
sein können. Es sind in die Seele gestreute Zweifel des Abgrunds,
die schläfrige kalte Falten hinter sich herschleppen. Sie dauern wie
Rauchschwaden und verfliegen wie Spuren, und nur die Tatsache
ihres Gewesenseins bleibt zurück in der unfruchtbaren Substanz,
sich ihrer bewußt gewesen zu sein. Das eine oder andere der
Ungeheuer ist wie ein intimer Bestandteil eines Feuerwerks: Es
funkelt eine Zeitlang unter Träumen, und das übrige ist die Unbe-
wußtheit des Bewußtseins, mit dem wir es angeschaut haben.
Ein aufgeknüpftes Wollband, existiert die Seele nicht in sich
selbst. Die großen Landschaften sind für morgen bestimmt, und
wir haben schon gelebt. Das unterbrochene Gespräch ist geschei-
tert. Wer hätte geahnt, daß das Leben so sein sollte?
Ich verliere mich, wenn ich mich finde, ich zweifle, wenn ich
Gewißheit erlange, ich habe nicht, wenn ich erhalte. Als ginge ich
spazieren, schlafe ich, und ich bin doch wach; als schliefe ich,
wache ich auf und gehöre mir nicht. Das Leben ist an sich selbst
im Grunde eine große Schlaflosigkeit und bei allem, was wir
denken und tun, fahren wir hellwach und jäh aus dem Schlaf auf.
Ich wäre glücklich, wenn ich schlafen könnte. Das denke ich
in diesem Augenblick, weil ich nicht schlafen kann. Die Nacht
liegt als unermeßliche Last hinter ihrem Mich-mit-der-stummen-
Decke-Ersticken-Wollen, von dem ich träume. Ich habe eine
Magenverstimmung in der Seele.
Immer wird nach dem danach der Tag anbrechen, aber es wird
so spät sein wie immer. Alles schläft und ist glücklich, nur ich
nicht. Ich ruhe ein wenig, ohne zu schlafen zu wagen. Und
Riesenköpfe wesenloser Ungeheuer steigen aus dem Grunde des-
sen auf, der ich bin. Es sind Drachen aus dem Orient des Ab-
grunds, mit roten außerlogischen Zungen, mit Augen, die leblos
auf mein totes Leben starren, das sie nicht anschaut.
Eine Grabplatte her, um Gottes willen, eine Grabplatte her!
Man bringe mir zum Abschluß Unbewußtheit und Leben! Glück-
licherweise zieht durch das kalte Fenster, durch die nach hinten
aufgestoßenen Türen ein trauriger blasser Faden Licht den Schat-
ten vom Horizont. Glücklicherweise ist, was nun heraufziehen
will, der Tag. Ich ruhe beinahe, in der Erschöpfung der Unruhe.
Ein Hahn kräht sinnlos mitten in der Stadt. Der fahle Tag hebt
an in meinem undeutlichen Schlaf. Irgendwann einmal werde ich
schlafen. Ein Geräusch von Rädern spielt Fuhrwerk. Meine Wim-
pern schlafen, ich nicht. Alles ist letzten Endes das Schicksal.

9.6.1934

Wenn der Sommer einzieht, werde ich traurig. Eigentlich müßte


die, wenngleich scharfe, Lichtfülle der Sommerstunden einem
Menschen wohltun, der nicht weiß, wer er ist. Aber nein, mir tut
sie nicht wohl. Es liegt ein zu großer Kontrast zwischen dem
überschäumenden Leben der Außenwelt und dem, was ich fühle
und denke, ohne fühlen oder denken zu können — dem ewig
unbegrabenen Leichnam meiner Empfindungen. Mir ist zumute,
als lebte ich in diesem gestaltlosen Vaterland, Weltall genannt,
unter einer politischen Tyrannei, die, auch wenn sie mich nicht
direkt bedrückt, doch immerhin ein verstecktes Prinzip meiner
Seele bedrückt. Und dann fällt langsam und taub die vorwegge-
nommene Sehnsucht nach einem unmöglichen Exil in mich ein.
Mir ist vor allem nach Schlaf zumute. Nicht nach einem Schlaf,
der latent wie jedes Schlafen, selbst das krankhafte, das physische
Vorrecht der Ruhe mit sich bringt. Nicht nach einem Schlaf, der,
weil er das Leben vergessen macht und auf dem Tablett, mit dem
er in unsere Seele eintritt, Träume mit sich führt, die friedlichen
Gaben einer großen Abdankung mit sich bringt. Nein: Dies ist
ein Schlaf, der nicht zu schlafen vermag, der auf den Lidern lastet,
ohne sie zu schließen, der in einer aus Torheit und Ablehnung
gemischten Geste die ungläubigen Lippen verschließt. Dies ist ein
Schlaf, wie er unnütz bei großer Schlaflosigkeit der Seele auf dem
Körper lastet.
Nur wenn die Nacht kommt, spüre ich irgendwie zwar nicht
Freude, aber doch eine Erholung, die man, weil andere Stunden
der Erholung Zufriedenheit verbreiteten, dank einer Entspre-
chung der Sinne mit Zufriedenheit aufnimmt. Dann geht der
Schlaf vorüber; die Verwirrung des geistigen Dämmerzustands,
die dieser Schlaf uns geschenkt hatte, läßt nach, klart auf, erhellt
sich fast. Für einen Moment erscheint die Hoffnung auf andere
Dinge. Doch diese Hoffnung ist kurz. Die Oberhand gewinnt ein
Überdruß ohne Schlaf und Hoffnung, das böse Erwachen desjeni-
gen, der keinen Schlaf gefunden hat. Und vom Fenster meines
Zimmers aus gewahre ich, eine arme, vom Körper erschöpfte
Seele, viele Sterne; so viele Sterne, nichts, das Nichts, aber so viele
Sterne . . .

8.9.1933

Hoch blüht in der nächtlichen Einsamkeit eine unbekannte


Lampe hinter einem Fenster. Die ganze übrige Stadt liegt im
Dunkeln, so weit mein Auge reicht, nur schwache Lichtreflexe
steigen verschwommen von den Straßen auf und lassen hier und
dort ein umgekehrtes, geisterblasses Mondlicht schweben. Im
Dunkel der Nacht heben sich die Häusermassen, ihre verschiede-
nen Farben oder Farbnuancen nur wenig voneinander ab; nur
undeutliche, fast könnte man sagen abstrakte Unterschiede lassen
das beeinträchtigte Gesamtbild unregelmäßig erscheinen.
Ein unsichtbares Band verknüpft mich mit dem namenlosen
Besitzer der Lampe. Es ist nicht der gemeinsame Umstand, daß
wir beide wach sind: darin liegt keine mögliche Gegenseitigkeit,
denn, da ich im Dunkel am Fenster lehne, könnte er mich niemals
wahrnehmen. Es ist etwas anderes, was nur mich betrifft und ein
wenig mit der Empfindung der Isolierung zu tun hat, die von der
Nacht und der Stille ausgeht; sie wählt sich jene Lampe als
Stützpunkt aus, weil sie der einzige vorhandene Stützpunkt ist.
Weil sie brennt, scheint es, ist die Nacht so dunkel. Weil ich wach
bin und in der Finsternis träume, scheint es, verbreitet sie Hellig-
keit.
Alles, was existiert, existiert möglicherweise, weil etwas ande-
res existiert. Nichts ist, alles koexistiert: so ist es vielleicht eher
richtig. Ich spüre, daß ich in dieser Stunde nicht existieren würde
— daß ich zumindest nicht so existieren würde, wie ich existiere,
mit diesem meinem gegenwärtigen Bewußtsein von mir, das, weil
es Bewußtsein und Gegenwart ist, in diesem Moment ganz und
gar ich ist — wenn diese Lampe dort drüben nicht brennen
würde, irgendwo dort drüben, ein Leuchtturm, der keinen Weg
weist, ausgestattet mit dem falschen Privileg der Höhe. Ich fühle
das, weil ich gar nichts fühle. Ich denke das, weil dies nichts ist.
Nichts, nichts, Teil der Nacht und des Schweigens und der Tat-
sache, daß ich wie sie nichtig, negativ und zwischenräumlich bin,
Raum zwischen mir und mir, das vergessene Ding irgendeines
Gottes . . .

Ich staune immer, wenn ich irgend etwas zu Ende bringe. Ich
staune und bin deprimiert. Mein Sinn für Vollkommenheit müßte
mich daran hindern, irgend etwas zu Ende zu bringen; er müßte
mich sogar daran hindern, irgend etwas in Angriff zu nehmen.
Doch daran denke ich nicht und mache mich ans Werk. Was ich
zustandebringe, ist bei mir nicht das Ergebnis einer Willensan-
spannung, sondern einer Willensschwäche. Ich beginne, weil ich
keine Kraft habe, um nachzudenken; ich führe zu Ende, weil ich
nicht genug Seelenkraft habe, um zu unterbrechen. Dieses Buch
ist meine Feigheit.
Der Grund dafür, weshalb ich so oft einen Gedanken mit einem
Landschaftsbild unterbreche, das irgendwie in das wirkliche oder
angenommene Schema meiner Eindrücke paßt, liegt darin, daß
diese Landschaft eine Tür ist, durch welche ich der Einsicht in
meine schöpferische Ohnmacht entfliehe. Ich verspüre mitten in
den Selbstgeprächen, die die Worte dieses Buches ausmachen, die
Notwendigkeit, plötzlich mit jemand anderem zu reden und
wende mich an das Licht, das wie eben jetzt über den Hausdä-
chern schwebt, die naß aussehen, weil es neben ihnen schimmert:
an das sanfte Schwanken der hohen Bäume am Hang der Stadt,
die nahe wirken und einen stummen Erdrutsch möglich erschei-
nen lassen; an die übereinandergeschichteten Plakate auf den
Wänden der steil ansteigenden Häuser, auf denen die tote Sonne
den feuchten Klebstoff vergoldet.
Weshalb schreibe ich eigentlich, wenn ich nicht besser schreibe?
Doch was würde aus mir werden, wenn ich das nicht schriebe,
was ich zu schreiben vermag, so sehr ich dabei auch hinter mir
selber zurückbleibe? Ich bin ein strebsamer Plebejer, weil ich
Pläne zu verwirklichen versuche; ich wage es nicht zu schweigen,
wie einer, der sich vor einem finsteren Zimmer fürchtet. Ich bin
wie diejenigen, die die Ordensverleihung mehr schätzen als die
Anstrengung und den Ruhm im Pelz genießen.
Für mich ist schreiben Selbstverachtung, aber ich komme doch
nicht vom Schreiben los. Schreiben ist für mich wie die Droge,
die ich verabscheue und doch einnehme, wie das Laster, das ich
verachte und von dem ich doch nicht loskomme. Es gibt notwen-
dige Gifte und es gibt solche subtilster Art, die aus Ingredienzien
der Seele bestehen, aus Kräutern, die man in den Winkeln der
Traum-Ruinen pflückte, schwarzer Mohn neben Gräbern aufge-
spürt — (?) langgezogene Blätter obszöner Bäume, deren Zweige
vernehmlich an den Ufern der höllischen Flüsse der Seele rau-
schen.
Schreiben, ja, das bedeutet, mich zu verlieren, aber alle verlie-
ren sich, denn alles ist Verlust. Ich jedoch verliere mich freudlos,
nicht wie der Fluß in der Mündung, für welche er unbekannt aus
der Quelle entsprang, sondern wie die Lachen, welche die Flut am
Strand bildet, deren versickerndes Wasser nie wieder zum Meer
zurückkehrt.
Wie Diogenes den Alexander habe ich das Leben nur gebeten, es
möge mir aus der Sonne gehen. Ich habe Wünsche gehegt, aber
der Grund, sie zu hegen, ist mir verweigert worden. Was ich
gefunden habe, hätte mehr Wert besessen, wenn ich es in Wirk-
lichkeit gefunden hätte. [. . .]
Ich zaudere in allem, oft ohne zu wissen warum. Wie oft suche
ich als jene gerade Linie, die meiner Wesensart entspricht, indem
ich sie im Geiste als eine ideale Gerade auffasse, die weniger kurze
Entfernung zwischen zwei Punkten. Nie habe ich die Kunst
beherrscht, tätig am Leben zu sein. Immer habe ich die Gesten
verfehlt, die sonst niemand verfehlt; was die anderen zu tun
geboren wurden, habe ich mich immer bemüht, nicht geschehen
zu lassen. Ich möchte immer erreichen, was die anderen, fast ohne
es zu wünschen, erreicht haben. Zwischen mir und dem Leben
befanden sich immer trübe Fensterscheiben: ich habe das weder
mit dem Sehvermögen noch mit dem Tastsinn festgestellt; dieses
Leben oder dieses Vorhaben habe ich nicht einmal gelebt, ich war
nur die Wahnvorstellung dessen, was ich sein wollte, mein Traum
begann in meiner Willenskraft, mein Vorhaben war stets die erste
Fiktion dessen, was ich niemals war.
Nie habe ich herausgebracht, ob meine Sensibilität zu groß war
für meine Intelligenz oder meine Intelligenz zu groß für meine
Sensibilität. Ich bin immer bei einer von beiden zu spät gekom-
men, bei welcher von beiden weiß ich nicht, möglicherweise bei
beiden, oder es war die Fiktion dessen, der ich nie war, die da zu
spät gekommen ist.

(Im Café)

Sooft sie nur können, setzen sie sich vor den Spiegel. Sie reden
mit uns und machen sich mit ihren Blicken selbst den Hof.
Manchmal kommen sie, wie dies bei Liebschaften vorkommt, vor
lauter Zerstreutheit vom Gespräch ab. Ich war ihnen stets sympa-
thisch, weil meine ausgewachsene Abneigung gegen meinen An-
blick mich immer gezwungen hat, dem Spiegel den Rücken zuzu-
kehren. So war ich — und instinktiv erkannten sie das an, indem
sie mich immer gut behandelten — der geborene Zuhörer, der
ihrer Eitelkeit und ihrem Rededrang immer freien Lauf ließ.
In der Gesamtheit betrachtet waren es keine üblen Gesellen; im
einzelnen betrachtet gab es bessere und schlechtere unter ihnen.
Sie hatten Anwandlungen von Großmut und Zartgefühl, die kein
Ermittler von Durchschnittswerten je bei ihnen vermutet hätte,
aber sie konnten auch niederträchtig und gemein sein, wie es ein
Normalmensch kaum für möglich gehalten hätte. Elend, Neid
und Illusion — so fasse ich sie zusammen und so würde ich
zugleich auch jenen Teil der Cafehaus-Umgebung zusammenfas-
sen, der sich im Werk wertvoller Menschen niederschlägt, die je
aus diesem Standort des Hin und Hers ein Brachfeld von Betroge-
nen gemacht haben. (Im Werk Fialhos sind dies flagranter Neid,
gemeine Grobheit, ekelerregende Unmanierlichkeit . . .}
Einige besitzen Witz, andere nur Witz, wieder andere existieren
noch nicht. Die Cafehauswitze kann man unterteilen in geistreiche
Aussprüche über die Abwesenden und unverschämte Äußerun-
gen über die Anwesenden. Diese Art von GeistreichTun nennt
man für gewöhnlich nur Flegelei. Nichts zeigt die Ärmlichkeit des
Geistes deutlicher an als die Tatsache, daß man nur auf Kosten
anderer Leute geistreich sein kann.
Ich kam, ich sah und — im Gegensatz zu ihnen — siegte. Denn
mein Sieg bestand im Sehen. Ich bemerkte die Identität aller
inferioren Versammlungen: Hier in dem Hause, in dem ich ein
Zimmer bewohne, habe ich die gleiche schmutzige Seele gefun-
den, die mir in den Cafes entgegentrat, die Vorstellung ausgenom-
men — und dafür sei den Göttern Dank gezollt! —, in Paris
arrivieren zu können. Die Besitzerin meines Hauses redet in
Augenblicken der Illusion über die neuen Prachtstraßen, aber
gegen das Ausland ist sie gefeit, und mein Herz ist dieserhalb
gerührt.
Ich bewahre von diesem Durchgang durch ein Grab des Wil-
lens die Erinnerung an eine angewiderte Langeweile und ein paar
geistreiche Anekdoten.
Man trägt diese Leute zu Grabe, und es sieht so aus, daß schon
auf dem Wege zum Friedhof ihre Vergangenheit im Cafe verges-
sen worden ist, denn jetzt ist es auf einmal still geworden.
. . . und nie wird die Nachwelt etwas von ihnen erfahren;
immer bleiben sie ihr verborgen unter der schwarzen Masse der
Banner, die sie bei ihren Redesiegen erobert haben.

Alles dort wirkt gebrochen, namenlos und unpassend. Ich habe


dort große Aufwallungen von Zärtlichkeit erlebt, die mir den
Grund armer trauriger Seelen zu enthüllen schienen; ich mußte
die Entdeckung machen, daß diese Aufwallungen nicht länger
dauerten als die Stunde, in der es Worte waren, und daß ihre
Wurzeln — wie oft habe ich das mit dem Scharfblick der Schweig-
samen notiert — in der Analogie eines Umstandes mit dem
Mitleid lagen; manchmal verloren sie sich so rasch wie der abend-
liche Tischwein aus dem Kopf des Rührseligen. Immer lag eine
systematische Be2iehung zwischen dieser Menschheitsumarmung
und Tresterschnaps vor, und viele große Gesten litten unter
einem überschüssigen Gläschen oder unter dem Pleonasmus des
Durstes.
Diese Herrschaften hatten allesamt ihre Seele an einen Teufel
aus dem Höllenplebs verkauft, der nach Gemeinheiten und Takt-
losigkeiten begierig war. Sie lebten in der Vergiftung der Eitelkeit
und des Müßigganges und starben schlaff zwischen Kissen aus
Worten, zerquetscht wie Skorpione aus Spucke.
Das Außergewöhnlichste an all diesen Leuten war ihrer aller
Bedeutungslosigkeit in jedem Sinne. Einige waren Redakteure bei
den angesehensten Zeitungen und brachten es fertig, nicht zu
existieren; andere hatten öffentliche Ämter inne, die in den Jahr-
büchern ins Auge stachen und vermochten es, in keinem Lebens-
bereich eine Figur zu machen; andere waren sogar anerkannte
Dichter, aber gleicher Staub färbte ihr dümmliches Gesicht asch-
fahl, und das Ganze nahm sich aus wie ein Grabmal mit aufrecht
Einbalsamierten, die man, die Hand auf dem Rücken, in den
Posen Lebender aufgestellt hatte.
Ich bewahre von der kurzen Zeit, in der ich in diesem Exil der
geistigen Beweglichkeit stagnierte, eine Erinnerung an schöne
Augenblicke freimütigen Witzes, an viele eintönige, traurige Au-
genblicke, an aus dem Nichts geschnittene Profile, an den Zufalls-
bedienerinnen geltende Winke und, kurz und gut, an eine Lange-
weile physischen Ekels, untermischt mit ein paar geistreichen
Anekdoten.
Wie Zwischenräume waren unter sie eingeschoben ein paar
Männer fortgeschrittenen Alters, die Aussprüche, die vor langer
Zeit einmal geistreich gewesen waren, von sich gaben und sich
der Medisance befleißigten, und das gegen die gleichen Personen.
Nie habe ich so viel Sympathie für die unteren Ränge der
Prominenz empfunden wie zu dem Zeitpunkt, wo ich sie von
diesen zu kurz Gekommenen verleumdet sah, die ihnen nicht
einmal ihren armseligen Ruhm gönnen wollten. Ich erkannte auch
den Grund für ihren Triumph, denn die Parias wahrhafter Größe
triumphierten in bezug auf sie, nicht in bezug auf die Menschheit.

Arme Teufel, ewige Hungerleider — hungernd nach dem Mittag-


essen, hungernd nach Berühmtheit oder hungernd nach den Des-
serts des Lebens. Wer ihnen zuhört und sie nicht kennt, meint die
Lehrmeister Napoleons und die Instrukteure Shakespeares zu
vernehmen.
Es gibt die Sieger in der Liebe, die Sieger in der Politik und
die Sieger in der Kunst. Die ersteren haben den Vorteil, etwas
erzählen zu können, weil man in der Liebe umfassend siegen
kann, ohne über die wirklichen Vorgänge sonderlich Bescheid zu
wissen. Freilich überkommt uns, wenn eines dieser Individuen
seine sexuellen Marathonläufe zum besten gibt, im Augenblick
der siebenten Entjungferung ein undeutliches Mißtrauen. Die
Liebhaber adliger oder prominenter Damen (das sind sie fast alle)
haben einen derartigen Verschleiß an Gräfinnen, daß eine Statistik
ihrer Eroberungen nicht einmal die Urgroßmütter der heutigen
Titelträger seriös und unberührt lassen würde.
Andere sind auf körperliche Auseinandersetzungen spezialisiert
und haben alle Boxmeister Europas in einer tollen Nacht an einer
Ecke des Chiados zusammengeschlagen. Einige haben Einfluß bei
allen Ministern sämtlicher Ministerien, und das sind diejenigen,
an denen man am wenigsten zu zweifeln braucht, weil das zumin-
dest nicht abstoßend ist.
liinige sind große Sadisten, andere große Päderasten, wieder
andere bekennen mit trauerumflorter lauter Stimme, daß sie bru-
tal mit den Frauen umgehen. Mit Peitschenhieben haben sie sie
auf den Wegen des Lebens vorwärts getrieben. Am Ende stellt sich
dann heraus, daß sie ihren Kaffee schuldig bleiben. [. . .]
Ich kenne keine bessere Heilkur für diese Flut von Schatten als
die unmittelbare Kenntnis des menschlichen Alltagslebens, zum
Beispiel in der Realität des Handels, wie sie sich in meinem Büro
in der Rua dos Douradores darbietet. Mit welcher Erleichterung
bin ich aus diesem Irrenhaus von Marionetten in die wirkliche
Gegenwart meines Vorgesetzten Moreira zurückgekehrt, eines
echten, kompetenten Buchhalters, der schlecht angezogen ist und
schlecht behandelt wird, aber dennoch das ist, was keiner der
anderen zu sein vermochte: ein Mensch . . .

7.4.1933

Ich bin an ihnen als Fremdling vorbeigegangen, doch hat nie-


mand bemerkt, daß ich ein solcher gewesen bin. Ich habe unter
ihnen als Spion gelebt, und niemand, nicht einmal ich selbst, hat
den Verdacht gehegt, daß ich einer wäre. Alle haben mich für
einen Verwandten gehalten: niemand ahnte, daß man mich bei der
Geburt vertauscht hatte. So war ich den anderen gleich, ohne
ihnen ähnlich zu sein, ein Bruder von ihnen allen, ohne doch zur
Familie zu gehören.
Ich kam aus wunderbaren Ländern, aus Landschaften schöner als
das Leben, aber von den Ländern habe ich nie geredet außer mit mir
selber, und von den erträumten Landschaften habe ich ihnen nie
Kunde gegeben. Meine Schritte hallten wie die ihrigen auf den Fuß-
böden und Fliesen, doch mein Herz war fern, auch wenn es nahe
schlug, falscher Herr über einen verbannten und fremden Körper.
Niemand erkannte mich unter der Maske der gleichen gesell-
schaftlichen Stellung, niemand erfuhr je, daß es sich um eine
Maske handelte, denn niemand wußte, daß neben mir immer ein
anderer stünde, der letztlich ich selber war. Sie hielten mich stets
für identisch mit mir.
Ihre Häuser gewährten mir Unterkunft, ihre Hände schüttelten
die meinige, sie sahen mich auf der Straße vorübergehen, als ob
ich dort wirklich wäre; doch der, der ich bin, befand sich nie in
jenen Sälen, mein wahres Ich hat keine Hände, die andere schüt-
teln könnten, der, als den ich mich kenne, kennt keine Straßen,
über die er gehen könnte, es sei denn, es wären alle Straßen, und
man kann ihn auf diesen Straßen auch nicht wahrnehmen, es sei
denn daß er selbst alle anderen wäre.
Wir leben alle fern und namenlos; verkleidet leiden wir als Unbe-
kannte. Einigen jedoch wird dieser Abstand zwischen dem einen
Sein und dem anderen nie deutlich; anderen wird er ab und zu hellauf
mit Schrecken oder unter Schmerzen wie bei einem grenzenlosen
Blitz bewußt; für wieder andere macht dieser Abstand die schmerz-
hafte Beständigkeit und Alltäglichkeit des Lebens aus.
Klar zu wissen, daß, wer wir sind, nicht bei uns ist, daß, was
wir denken und fühlen, stets eine Übersetzung ist, daß, was wir
wollen, wir nicht gewollt haben und es möglicherweise niemals
jemand gewollt hat — dies alles in jeder Minute, dies alles in jedem
Gefühl zu fühlen, heißt das nicht ein Fremdling in der eigenen
Seele sein, ein Verbannter in den eigenen Empfindungen?
Doch die Maske, die ich regungslos angestarrt habe, die in
dieser Nacht des ausgehenden Karnevals an der Straßenecke mit
einem Mann ohne Maske sprach, streckte zuletzt die Hand aus
und nahm lachend Abschied. Der nicht maskierte Mensch ging
nach links weiter durch die Gasse, an deren Ecke ich stand. Die
Maske — ein einfallsloser Domino — wanderte weiter und ent-
fernte sich zwischen Schatten und Lichterspielen in einem definiti-
ven und fremden Abschied von dem, woran ich gerade gedacht
hatte. Da erst merkte ich, daß auf der Straße noch anderes vorhan-
den war als brennende Laternen, nämlich dort, wo sie nicht
standen, trübes Licht verbreitender Mondschein, verborgen,
stumm und so voller Nichts wie das Leben . . .

Gott erschuf mich als Kind und hat mich immer ein Kind bleiben
lassen. Warum aber hat er zugelassen, daß mich das Leben ge-
schlagen hat, mir meine Spielzeuge wegnahm und mich in den
Pausen allein ließ, in denen ich mit schwachen Händen die vom
häufigen Weinen schmutzig gewordene blaue Spielschürze zer-
knitterte? Wenn ich nur als verzärteltes Kind lebensfähig war,
warum hat man meine Zärtlichkeit in den Mistkübel geworfen?
Ach, jedesmal wenn ich auf den Straßen ein weinendes Kind sehe,
ein von den übrigen ausgestoßenes Kind, schmerzt mich mehr als
die Traurigkeit dieses Kindes das ahnungslose Entsetzen meines
erschöpften Herzens. Ich tue mir selber weh mit der ganzen
Größe des gefühlten Lebens, mein sind die Hände, die den Saum
der Spielschürze zerknittern, mein die verzogenen Münder mit
den echten Tränen, mein sind Schwäche und Einsamkeit, und das
Gelächter der vorbeigehenden Erwachsenen gebraucht mich wie
Streichhölzer, die man am empfindlichen Stoff meines Herzens
anzündet und aufflammen läßt.

In meiner schäbigen tiefen Seele registriere ich tagaus tagein die


Eindrücke, welche die äußere Substanz meines Selbst-Bewußt-
seins bilden. Ich verwandle sie in müßige Wörter, die mich im
Stich lassen, sobald ich sie niederschreibe, und von mir unabhän-
gig über Hänge und Rasenflächen von Bildern über Alleen von
Begriffen, über Hohlwege von Verwirrungen irren. Das dient mir
zu nichts, denn mir dient nichts zu etwas. Doch ich vergesse mein
Leid, indem ich schreibe, so wie jemand besser atmen kann, ohne
daß seine Krankheit vorüber wäre.
Es gibt Leute, die in ihrer Zerstreutheit sinnlose Namen und
Figuren auf das Löschblatt mit den eingerissenen Ecken kritzeln.
Diese Seiten sind das Gekritzel meiner geistigen Unbewußtheit.
Ich strichele sie hin in der bleiernen Müdigkeit, mich wie eine
Katze in der Sonne zu fühlen, und ich lese sie zuweilen von neuem
mit einem undeutlichen späten Erschaudern, als ob ich mich an
etwas erinnert hätte, was ich für immer vergessen hatte.
Wenn ich schreibe, statte ich mir einen feierlichen Besuch ab.
Ich habe besondere Säle, an die sich jemand anders in den Zwi-
schenräumen der Vorstellungskraft erinnert, und dort vergnüge
ich mich damit, das zu analysieren, was ich nicht fühle, und
überprüfe mich wie ein im Schatten hängendes Gemälde.
Vor meiner Geburt habe ich mein Stammschloß eingebüßt.
Bevor ich auf die Welt kam, hat man die Tapisserien meines
Ahnensitzes verkauft. Mein vor meiner Lebenszeit erbauter Her-
rensitz ist zur Ruine zerfallen und nur in gewissen Augenblicken,
wenn in mir das Mondlicht über dem Röhricht des Flusses auf-
geht, durchkühlt mich die Sehnsucht nach der Seite, auf der sich
der zahnlose Rest des Mauerwerks schwarz gegen den dunkel-
blauen Himmel abhebt, der zum milchigen Gelb verblaßt.
Ich unterscheide mich sphinxhaft. Und aus dem Schoß der
Königin, der mir fehlt, rollt wie die Episode aus einer unnützen
Stickerei das vergessene Knäuel meiner Seele. Es rollt unter die
Anrichte mit den Intarsien, und in mir ist etwas, was ihm mit den
Augen folgt, bis es sich in einem großen Entsetzen aus Grab und
Ende verliert.

Doch die selbstauferlegte Absonderung von den Zwecken und


Bewegungen des Lebens, der von mir selbst gewollte Bruch im
Umgang mit den Dingen haben mich genau zu dem gebracht,
wovor ich zu flüchten versuchte. Ich wollte das Leben nicht spüren,
wollte die Dinge nicht anrühren, weil ich aus der Erfahrung meines
Temperaments im Umgang mit der Welt wußte, daß die Wahrneh-
mung des Lebens für mich immer schmerzhaft sein würde. Doch
indem ich diese Berührung scheute, isolierte ich mich und, indem
ich mich isolierte, steigerte ich meine ohnehin übertriebene Sensibi-
lität noch mehr. Wenn es möglich wäre, die Berührung mit den
Dingen ganz und gar abzubrechen, würde das für meine Sensibilität
wohltätig sein. Aber diese totale Isolierung läßt sich nicht verwirk-
lichen. So wenig ich tun mag, ich atme immerhin, so wenig ich
vorhanden sein mag, ich bewege mich doch. Und indem ich meine
Sensibilität durch die Isolierung anstachelte, bewirkte ich, daß
selbst Kleinigkeiten, die sogar mir zuvor nichts ausgemacht haben
würden, mich wie Katastrophen treffen. Ich habe mich in der
Fluchtmethode geirrt. Ich bin auf einem unbequemen Umweg an
genau denselben Ort geflüchtet, an dem ich mich bereits befunden
hatte, und zu dem Entsetzen, dort leben zu müssen, habe ich mir
zusätzlich die Reisemüdigkeit eingehandelt.
Ich habe niemals den Selbstmord als Lösung betrachtet, weil
ich das Leben aus Liebe zum Leben hasse. Ich habe Zeit ge-
braucht, um mich von dem beklagenswerten Irrtum zu überzeu-
gen, in welchem ich mit mir lebe. Einmal von ihm überzeugt,
wurde ich mißmutig, was mir immer dann widerfährt, wenn ich
mich von irgend etwas überzeugen lassen muß, weil Überzeugung
bei mir gleichbedeutend mit dem Verlust einer Illusion ist.
Ich habe die Willenskraft abgetötet, indem ich sie analysierte.
Wer gibt mir den kindhaften Zustand vor der Analyse zurück,
auch wenn das vor aller Willenskraft wäre!
In meinen Parks herrscht Todesschlaf, Schläfrigkeit der Weiher
in der mittäglichen Sonne, wenn das Summen der Insekten in der
Luft liegt und das Leben mich nicht wie ein Leid, sondern wie
ein weiterwirkender körperlicher Schmerz belastet.
Paläste in großer Ferne, versonnene Parks, sich verengende
Alleen in der Ferne, tote Anmut der Steinbänke für längst Ver-
storbene — toter Pomp, zerfallene Anmut, verlorenes Flittergold.
Meine in Vergessenheit geratene Sehnsucht — wer könnte das
Leid wiedergeben, mit dem ich dich erträumte!

Alles, was nicht meine Seele ist, ist für mich, auch wenn ich noch
so sehr möchte, daß es nicht so sei, nur Bühnenbild und Dekora-
tion. Auch wenn ich in Gedanken anerkennen kann, daß ein
anderer Mensch ein lebendiges Wesen ist wie ich, hat er für mein
wahres Ich stets weniger Bedeutung als ein Baum, wenn der Baum
schöner ist. Deshalb habe ich immer die menschlichen Aktionen
— die großen kollektiven Tragödien der Geschichte oder dessen,
was man aus ihr macht — als farbige Friese angesehen, aus denen
die Seele derer, die auf ihnen in Erscheinung treten, entschwun-
den ist. Nie hat mich bedrückt, was sich an tragischen Vorgängen
in China vollzogen hat. Das ist für mich ferne Dekoration, wenn
auch vielleicht mit Blut und Pestilenz untermalt.
Mit ironischer Traurigkeit denke ich an eine Arbeiterdemon-
stration zurück, an deren Aufrichtigkeit ich zweifle (denn es ist
für mich stets bedrückend, kollektiven Veranstaltungen Aufrich-
tigkeit zuzugestehen, da doch das allein auf sich gestellte Indivi-
duum das einzige fühlende Wesen ist.) Es war eine kompakte,
losgelassene Anhäufung lebender Dummköpfe, die an mir, dem
fremd Dabeistehenden, vorbeizog und vor meiner Indifferenz
verschiedene Parolen brüllte. Plötzlich spürte ich Ekel. Sie waren
nicht einmal genügend schmutzig. Die wahrhaft Leidenden rotten
sich nicht zusammen, sie bilden keine Gemeinschaft. Wer leidet,
leidet allein.
Was für eine schlechte Gemeinschaft: welch ein Mangel an
Menschlichkeit und Schmerz! Sie existierten wirklich und waren
daher unglaubwürdig. Niemand konnte aus ihnen ein Romange-
mälde machen, ein Bühnenbild der Beschreibung. Sie versanken
wie Müll in einem Fluß, im Flusse des Lebens. Es wurde mir
schläfrig zumute, als ich sie erblickte; Ekel und Verachtung über-
kamen mich.

Um verstehen zu können, habe ich mich zerstört. Verstehen heißt


das Lieben vergessen. Ich kenne nichts, was gleichzeitig falscher
und bedeutungsvoller wäre als der Ausspruch Leonardo da Vin-
cis, wonach man etwas nur lieben oder hassen kann, nachdem man
es verstanden hat.
Die Einsamkeit verwüstet mich; die Geselligkeit bedrückt
mich. Die Gegenwart einer anderen Person wirft meine Gedanken
aus der Bahn; ich träume von ihrer Gegenwart mit einer besonde-
ren Zerstreutheit, die meine analytische Aufmerksamkeit nicht zu
definieren vermag.

Die Isolierung hat mich nach ihrem Bilde geformt und ihr ähnlich
werden lassen. Die Gegenwart einer anderen Person — auch
wenn es sich nur um eine einzige Person handelt — verzögert
sogleich meinen Gedankengang und, während für den Durch-
schnittsmenschen der Kontakt mit jemand anderem einen Stimu-
lus für Ausdruck und Gespräch darstellt, ist dieser Kontakt für
mich ein Gegen-Stimulus, falls dieses zusammengesetzte Wort vor
der Sprache vertretbar ist. Ich bin, wenn ich mit mir allein bin,
imstande, geistreiche Aussprüche zu ersinnen, rasche Antworten
zu geben auf das, was niemand gesagt hat, Wetterleuchten eines
gescheiten geselligen Umgangs mit Herrn Niemand; aber das alles
versinkt ins Bodenlose, wenn ich vor einem körperlich anderen
stehe; dann verliere ich meine Intelligenz, ich höre auf, reden zu
können und nach einigen Viertelstunden spüre ich nur Schlafbe-
dürfnis. Jawohl, mit anderen Leuten zu reden macht mich schläf-
rig. Nur meine geisterhaften, eingebildeten Freunde, nur meine
im Traum geführten Gespräche besitzen wahre Wirklichkeit und
Relief, und in ihnen ist der Geist gegenwärtig wie ein Bild in
einem Spiegel.
Es belastet mich außerdem der Gedanke, zu einem Kontakt mit
jemand anderem gezwungen zu werden. Eine einfache Einladung
zu einem Abendessen mit einem Freunde löst bei mir eine schwer
definierbare Angst aus. Der Gedanke an irgendeine gesellige
Verpflichtung — auf eine Beerdigung gehen, mit irgendjemandem
über eine Büroangelegenheit verhandeln oder zum Bahnhof
gehen und dort jemand Bekanntes oder Unbekanntes erwarten —
nur daran denken zu müssen bringt mir die Gedanken eines
ganzen Tages durcheinander, und manchmal rege ich mich schon
am Vorabend auf und schlafe schlecht, und wenn dann der Fall
wirklich eintritt, ist er ganz unbedeutend und lohnt die Aufre-
gung nicht, aber er wiederholt sich und ich komme aus der
Aufregung nicht mehr heraus.
»Meine Gewohnheiten werden von der Einsamkeit bestimmt,
nicht von den Menschen«; ich weiß nicht, ob dieses Wort von
Rousseau oder von Senancour stammt. Aber es stammt von einem
Geist meiner Art — um nicht zu sagen meiner Rasse.
Luzides Tagebuch

Mein Leben — eine Tragödie, die beim Unmutsgetrampel der


Engel durchgefallen ist und von der nur der erste Akt aufgeführt
werden konnte.
Freunde — keinen. Nur etliche Bekannte, die meinen, sie
verspürten Sympathie für mich und denen es vielleicht leid tun
würde, wenn mich ein Zug überführe und die Beerdigung an
einem Regentag stattfinden müßte.
Der natürliche Preis meiner Distanzierung vom Leben war die
von mir bei meinen Mitmenschen heraufbeschworene Unfähig-
keit, mit mir zu fühlen. Mich umgibt eine Aureole der Kühle, ein
Nimbus aus Eis, der die Mitmenschen von mir zurücktreibt.
Noch habe ich es nicht vermocht, unter meiner Einsamkeit nicht
zu leiden. So schwierig ist es, jene geistige Distinktion aufrecht-
zuerhalten, die aus der Isolierung eine Erholung ohne Angst
machen würde.
Ich habe nie der Freundschaft, die man mir bezeigte, getraut,
so wie ich auch nicht der Liebe getraut hätte, wenn man sie mir
entgegengebracht hätte, was im übrigen ganz unmöglich sein
dürfte. Obwohl ich mir nie über diejenigen, die sich meine Freun-
de nannten, Illusionen gemacht habe, war ich doch immer imstan-
de, von ihnen enttäuscht zu werden — so verwickelt und subtil
ist meine Leidensfähigkeit.
Nie habe ich bezweifelt, daß alle Verrat an mir üben; und doch
war ich immer wieder erstaunt, wenn sie das taten. Wenn das
eintrat, was ich erwartet hatte, geschah es immer für mich uner-
wartet.
Da ich nie in mir Eigenschaften entdeckt habe, die jemanden
anziehen konnten, konnte ich auch nie glauben, daß sich jemand
von mir angezogen fühlen könnte. Diese Meinung verriete tö-
richte Bescheidenheit, wenn sie nicht von immer neuen Vor-
kommnissen — jenen unerwarteten Vorkommnissen, die ich er-
wartet hatte — wieder und wieder bestätigt worden wäre.
Ich kann es auch nicht hinnehmen, daß man mir aus Mitleid
Teilnahme entgegenbringt, denn obwohl ich körperlich unan-
sehnlich und unannehmbar bin, bin ich doch organisch nicht
derart lädiert, daß ich fremdes Mitgefühl oder jene Sympathie
auslösen müßte, die sich einstellen, auch wenn das nicht ausdrück-
lich als Verdienst erscheint; und für das, was in mir Mitleid
verdient, kann es kein Mitleid geben, denn es gibt nie Mitleid für
die Krüppel des Geistes. Derart, daß ich in jenes Schwerkraftzen-
trum fremder Verachtung gestürzt bin, worin ich bei niemandem
Sympathie erwecken kann.
Mein ganzes Leben hat darin bestanden, mich an diesen Zu-
stand anpassen zu wollen, ohne seine Grausamkeit und Verwerf-
lichkeit allzu sehr spüren zu müssen.
Es gehört ein gewisser geistiger Mut dazu, daß ein Individuum
unerschrocken anerkennt, daß es nicht mehr ist als ein menschli-
ches Stück Dreck, eine überlebende Fehlgeburt, ein Verrückter
hart an der Grenze der Einweisung in die Heilanstalt; aber noch
größerer geistiger Mut ist notwendig, um, wenn man das aner-
kannt hat, sich seinem Schicksal vollkommen anzupassen, ohne
Auflehnung, ohne Resignation, ohne irgendeine Gebärde, ja
selbst ohne den Anflug einer Gebärde den organischen Fluch, den
die Natur einem auferlegt hat, hinzunehmen. Zu verlangen, daß
ich darunter nicht leiden soll, heißt zu viel verlangen, weil es dem
Menschen nicht gegeben ist, das Übel hinzunehmen, klar als
solches zu erkennen und dann auch noch als Gut zu bezeichnen;
und nimmt man es einmal als Übel hin, so ist es unmöglich, nicht
unter ihm zu leiden.
Es war mein Unglück, daß ich mich von außen betrachtet habe
— ein Unglück für mein Glück. Ich sah mich so, wie mich die
Mitmenschen ansehen und gelangte dazu, mich zu verachten —
nicht so sehr, weil ich an mir eine Abfolge von Eigenschaften
bemerkt hätte, um derentwillen ich Verachtung verdiente, son-
dern weil ich dazu überging, mich so zu betrachten, wie mich die
anderen betrachten und die unbestimmte Verachtung zu empfin-
den, die sie für mich empfinden. Ich erlitt die Demütigung, mich
kennenzulernen. Da diesen Kalvarienberg nichts adeln kann,
nicht einmal eine Auferstehung Tage später, konnte ich nur unter
dem Schmachvollen meiner Lage leiden.
Ich begriff, daß es ganz unmöglich war, daß mich jemand
liebte, es sei denn, ihm wäre jeder ästhetische Sinn abgegangen
— und dann hätte ich ihn deshalb verachten müssen; selbst eine
mir entgegengebrachte Sympathie konnte nicht mehr sein als eine
Laune der fremden Gleichgültigkeit.
In uns klar sehen und klar erkennen, wie uns die anderen
betrachten! Dieser Wahrheit Auge in Auge gegenübertreten! Und
am Ende den Schrei Christi auf Golgatha ausstoßen, als er seine
Wahrheit vor sich sah: Mein Gott, mein Gott, warum hast du
mich verlassen?

31.5.1934

Wie lange schon schreibe ich nicht! In wenigen Tagen habe ich
Jahrhunderte Ungewissen Verzichts verbracht. Ich habe mich
gestaut wie ein verlassener See in Landschaften, die es nicht gibt.
In der Zwischenzeit lief die mannigfaltige Eintönigkeit der
Tage angenehm an mir vorüber, die niemals gleiche Abfolge der
gleichen Stunden, das Leben. Sie lief angenehm vorüber. Wenn
ich geschlafen hätte, wäre sie nicht anders vorübergezogen. Ich
habe mich gestaut wie ein See, den es nicht gibt, in verlassenen
Landschaften.
Es kommt oft vor, daß ich mich nicht kenne — das passiert
häufig denen, die sich kennen . . . Ich wohne mir in den verschie-
denen Verkleidungen bei, in denen ich am Leben bin. Ich besitze
von allem, was sich verändert, das, was immer das gleiche ist, von
dem, was man tut, alles, und das heißt nichts.
Ich entsinne mich in meinem fernen Inneren, als ob ich nach
innen gereist wäre, an die gleichwohl so mannigfaltige Eintönig-
keit jenes Hauses auf dem Lande . . . Dort habe ich meine Kind-
heit verbracht, aber selbst wenn ich es wollte, könnte ich nicht
sagen, ob ich damals mehr oder weniger glücklich war als heute.
Es war ein anderer als ich jetzt bin, der dort gelebt hat: Verschie-
den, andersartig und unvergleichlich bietet sich dieses zweifache
Leben dar. Die gleiche Eintönigkeit, die beide äußerlich annähert,
war ohne Zweifel im Inneren eine andere. Es waren nicht zwei
Monotonien, sondern zweierlei Leben.
Zu welchem Zweck entsinne ich mich daran?
Erschöpfung. Sich erinnern bedeutet Erholung, denn es bedeu-
tet nicht handeln. Wie oft entsinne ich mich zu größerer Entspan-
nung an das, was niemals gewesen ist. ( . . . )
Ich habe mich derart in die Fiktion meiner selbst verwandelt,
daß jedes natürliche Gefühl, das in mir aufkommt, sich mir
sogleich, sobald es aufkommt, in ein Gefühl der Phantasie ver-
wandelt — das Gedächtnis in Traum, der Traum in mein Verges-
sen des Traums, die Selbsterkenntnis in ein Nicht-an-mich-
Denken.
Mein eigenes Sein habe ich so sehr ausgezogen, daß Existieren
mich ankleiden heißt. Nur in der Vorstellung bin ich ich selbst.
Und um mich her vergolden alle unbekannten Sonnenuntergänge
in ihrem Hinschwinden die Landschaften, die ich nie zu Gesicht
bekommen werde.

Manchmal, wenn ich den Kopf aufhebe, der ganz verblödet ist
von den Büchern, in die ich die fremden Rechnungen eintrage,
und der Abwesenheit eigenen Lebens, spüre ich einen physischen
Ekel, der von meiner gebückten Haltung herrühren mag, aber
über die Zahlen und die Enttäuschung hinausweist. Das Leben
schmeckt mir fad wie ein nutzloses Medikament. Und dann fühle
ich in hellen Visionen, wie leicht mir die Entfernung von dieser
Langeweile fallen würde, wenn ich nur die Kraft besäße, sie
wirklich abzuschütteln.
Wir leben durch unser Handeln, das heißt durch den Willen.
Uns, die wir nicht zu wollen verstehen — wir seien Genies oder
Bettler — verbrüdert das Unvermögen. Was nützt es mir, mich
als Genie auszugeben, wenn ich doch nur ein Hilfsbuchhalter bin?
Als Cesärio Verde dem Arzt sagen ließ, er wäre nicht der Herr
Verde, ein kaufmännischer Angestellter, sondern der Dichter
Cesärio Verde, gebrauchte er eine der Redensarten des nutzlosen
Stolzes, die den Geruch der Eitelkeit ausschwitzen. Der Arme, er
blieb doch immer der Herr Verde, ein kaufmännischer Angestell-
ter. Der Dichter wurde geboren, als er schon gestorben war, denn
erst nachdem er gestorben war, begann die Wertschätzung des
Dichters.
Handeln, das ist die wahre Intelligenz. Ich werde sein, der ich
sein will. Aber ich muß auch wollen, was immer das sein mag.
Der Erfolg liegt im Erfolghaben, nicht darin, daß man die Vor-
aussetzungen zum Erfolg besitzt. Voraussetzungen für einen Pa-
last besitzt jedes ausgedehnte Geländestück, aber wo wird der
Palast stehen, wenn man ihn dort nicht errichtet?

29.11.1931

Wenn es etwas gibt, was dieses Leben uns gewährt und wofür wir,
vom Leben selbst abgesehen, den Göttern dankbar zu sein hätten,
so ist es die Gabe, uns zu verkennen: uns selbst zu verkennen und
uns gegenseitig zu verkennen. Die menschliche Seele ist ein
dunkler, schleimiger Abgrund, ein Brunnen, den man an der
Oberfläche der Welt besser nicht benutzt. Niemand würde sich
selber lieben, wenn er sich selber kennen würde, und so würde
unsere Seele, da die Eitelkeit nicht vorhanden wäre, die das Blut
unseres geistigen Lebens ist, an Anämie sterben. Niemand kennt
den anderen und wohl ihm, dass er ihn nicht kennt, denn, wenn
er ihn kennte, würde er in ihm, auch wenn es sich um Mutter,
Frau oder Kind handelte, seinen intimen, metaphysischen Feind
erblicken.
Wir verstehen uns, weil wir nichts voneinander wissen. Was
würde aus so vielen glücklichen Ehegatten, wenn der eine in die Seele
des anderen hineinschauen könnte, wenn sie sich verstehen könnten,
wie die Romantiker sagen, die die Gefahr — wenngleich die nichtige
Gefahr — ihrer Worte nicht ahnen. Alle Ehepaare der Welt sind
schlecht verheiratet, denn jeder der Partner bewahrt bei sich in den
Geheimkammern, wo die Seele dem Teufel gehört, das subtile Bild
des Idealmannes, der nicht mit dem vorhandenen übereinstimmt, die
flüchtige Gestalt der sublimen Frau, die seine Gefährtin nicht ver-
körpern konnte. Die Glücklichsten unter uns ignorieren ihre zur
Vergeblichkeit verurteilten Neigungen; die weniger Glücklichen
kennen sie wohl, aber sie wollen sie nicht zugeben, nur der eine oder
andere beiläufige Ausbruch ruft den verborgenen Dämon, die alte
Eva, den edlen Ritter oder die Sylphide herauf.
Das von uns gelebte Leben ist ein fließendes Mißverständnis,
eine heitere Mitte zwischen der Größe, die es nicht gibt, und dem
Glück, das es nicht geben kann. Wir sind zufrieden, denn selbst
beim Denken und Fühlen sind wir imstande, nicht an die Existenz
der Seele zu glauben. Auf dem Maskenball, den wir miterleben,
genügt uns das gefällige Kostüm, das auf dem Ball ausschlagge-
bend ist. Wir sind Sklaven der Lichter und der Farben, wir
schreiten im Tanz wie in der Wahrheit, und wir spüren nicht
einmal — ausgenommen wenn wir allein herumstehen und nicht
tanzen — die große hohe Kälte der äußeren Nacht, des sterblichen
Körpers unter den Lumpen, die ihn überleben, all dessen, wovon
wir, wenn wir allein sind, glauben, es sei wesentlich wir, was aber
endlich doch nur eine intime Parodie der Wahrheit dessen ist,
wofür wir uns halten.
Alles, was wir tun oder sagen, alles, was wir denken oder
fühlen, trägt dieselbe Maske und den gleichen Domino. So sehr
wir ablegen mögen, was wir an Kleidung tragen, nie gelangen wir
zur Nacktheit, denn die Nacktheit ist ein Phänomen der Seele und
nicht des Kleiderablegens. So leben wir an Körper und Seele
bekleidet mit unseren vielfältigen Kostümen, die so an uns kleben
wie das Gefieder der Vögel, glücklich oder unglücklich oder nicht
einmal wissend, was wir sind, den kleinen Raum aus, den uns die
Götter zugestehen, und vergnügen uns wie die Kinder, die ernst-
hafte Spiele spielen.
Der eine oder andere von uns sieht plötzlich in einem Akt der
Befreiung oder unter der Last eines Fluchs — und sogar er sieht
es nur selten —, daß alles, was wir sind, das ist, was wir nicht sind,
daß wir uns irren in dem, was sicher ist und nicht recht haben bei
dem, was wir richtig daraus schließen. Und dieser eine, der in einem
kurzen Moment das nackte Universum erblickt, erschafft eine Phi-
losophie oder erträumt eine Religion; die Philosophie breitet sich
aus und die Religion findet Resonanz und diejenigen, die an die
Philosophie glauben, gehen dazu über, sie als Kleid zu benutzen,
das sie nicht sehen, und diejenigen, die an die Religion glauben,
gehen dazu über, sie als Maske aufzusetzen, die sie vergessen.
Und immer schreiten wir, indem wir uns und die anderen
verkennen und uns deshalb in den Tanzfiguren oder bei den
Gesprächen der Ruhepausen auf fröhliche Weise verständigen,
menschlich, nichtig und ernsthaft beim Klang des großen Orche-
sters der Gestirne einher, unter den verächtlichen, fremden Augen
der Organisatoren des Schauspiels.
Nur sie wissen, daß wir die Beute der Illusion sind, die sie für
uns geschaffen haben. Welches aber der Grund für diese Illusion
ist und warum es diese oder überhaupt irgendeine Illusion gibt
oder warum sie, die sich ebenfalls in der Täuschung befinden,
uns auferlegt haben, daß wir in der Täuschung leben sollen,
die sie uns auferlegten — das wissen sie selber mit Sicherheit
auch nicht.

Zwei, drei Tage, dem Beginn einer Liebe ähnlich . . .


Das alles besitzt für den Ästheten seinen Wert wegen der
Empfindungen, die es bei ihm auslöst. Weiterzugehen hieße in
den Bereich einzudringen, wo Eifersucht, Leiden und Erregung
beginnen. Im Vorzimmer der Gefühle findet man die ganze Sanft-
heit der Liebe ohne ihre Tiefe — einen leichten Genuß mithin,
ein vages Aroma von Wünschen; wenn dadurch die Größe verlo-
rengeht, die in der Liebestragödie liegt, so achte man darauf, daß
Tragödien für den Ästheten interessant zu beobachten, aber unbe-
quem zu erleiden sind. Sogar die Sorge um die Phantasie wird von
der Sorge um das Leben beeinträchtigt. Es herrscht, wer sich
nicht unter den gewöhnlichen Leuten befindet.
Letztlich würde ich mich damit durchaus abfinden, wenn ich
davon überzeugt sein könnte, daß diese Theorie nicht das ist, was
sie ist, nämlich ein aufwendiger Lärm, den ich vor dem Gehör
meiner Intelligenz veranstalte, damit sie nicht merken soll, daß im
Grunde nichts außer meiner Traurigkeit und meiner Inkompetenz
für das Leben vorhanden ist.

Ich besitze meinen Körper nicht, wie könnte ich also mit ihm
besitzen? Ich besitze meine Seele nicht — wie könnte ich also mit
ihr besitzen? Ich verstehe meinen Geist nicht — wie könnte ich
also mit seiner Hilfe verstehen?
Unsere Sinneswahrnehmungen gehen vorüber — wie könnte
ich sie besitzen — und das, was sie uns zeigen, also noch viel eher.
Besitzt jemand einen strömenden Fluß, gehört jemandem der
vorüberwehende Wind?
Wir besitzen weder einen Körper noch eine Wahrheit — nicht
einmal eine Illusion. Wir sind Gespenster aus Lügen, aus Schatten
von Einbildungen, und mein Leben ist nichtig von außen wie von
innen.
Kennt jemand die Grenzen seiner Seele, daß er sagen könnte:
Ich bin ich?
Doch ich weiß, daß das, was ich fühle, von mir gefühlt wird.
Wenn jemand anders diesen Körper besitzt, besitzt er mit ihm
dasselbe wie ich? Nein. Er besitzt eine andere Empfindung.
Besitzen wir irgend etwas? Wenn wir nicht wissen, was wir
sind, wie wissen wir dann, was wir besitzen?

Der Augen-Liebhaber

Von der Liebe, die in die Tiefe geht, und ihrem nützlichen Ge-
brauch habe ich nur eine oberflächliche, rein dekorative Vorstel-
lung. Ich bin der Schau-Leidenschaft unterworfen. Mein den
unwirklichsten Schicksalen hingegebenes Herz bewahre ich un-
versehrt.
Ich kann mich nicht erinnern, etwas anderes als das »Gemälde-
hafte« an jemand anderem geliebt zu haben, das rein Äußerliche,
worin nicht mehr Seele aufscheint als um dieses Äußerliche leben-
dig erscheinen zu lassen u