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ergänzt, ebenso mit Recht V. 95 „das" in „daß" verbessert.

Aber auch DISKUSSION ÜBER DIE 'FRIEDENSFEIER'


das doppelte „zwischen ihm und andern" in V. 95 und 96 ist dann wohl BEI DER JAHRESVERSAMMLUNG DER HÖLDERLIN-GESELLSCHAFT
nicht, wie Beißner meint, ,,das äußere Merkmal für die erhabene Em-
AM 9. JUNI 1956 IN TÜBINGEN
phasis" (F 34), sondern nur eine weitere Unstimmigkeit. (So schon Hof
aaO.) Noch eine findet sich in V. 109. F2. hatte hier: ,,daß aber ihr ge-
liebtestes auch ... nicht fehle ... darum sei gegenwärtig Jüngling!" F 3 Die Bedeutung des großen Fundes und sein ungewöhnliches Echo, von dem die
folgende Bibliographie einen Eindruck vermitteln mag, bewogen den Vorstand der
setzt statt dessen: ,,wo aber ... ihr Geliebtestes auch ... nicht fehlt;
Hölderlin-Gesellschaft, einen beträchtlichen Teil dieses Jahrbuchs weiteren Publi-
denn darum rief ich ... Dich ... ". Die Ersetzung des Konjunktivs kationen über das Gedicht einzuräumen und die diesjährige Tagung der Gesellschaft
,,fehle" durch den Indikativ „fehlt" raubt dem folgenden „darum" sei- unter das Thema 'Friedensfeier' zu stellen. Professor Paul Böckmann-Heidelberg
nen Sinn. Das „darum rief ich Dich" weist zurück auf das „sei gegen- hielt am Vormittag den hier (S. 1 ff.) gedruckten Festvortrag, den Nachmittag füllte
wärtig" von F 1 und F 2.,das sich aber in F 3 gar nicht mehr findet. eine dreistündige öffentliche Diskussion unter der Leitung von Professor Walter
Bröcker-Kiel (vgl. S. 105, IC6, 108) 1 •
All das zusammen läßt sich kaum aus einer noch fehlenden Druck-
Sie sollte zum Festvortrag Stellung nehmen und die bisher literarische Ausein-
fertigkeit des Manuskripts erklären, zumal dieses eine für den Drucker andersetzung über die Hymne im lebendigen Gespräch vor einem interessierten Pu-
hergestellte Reinschrift zu sein scheint, sondern muß doch wohl seinen blikum fortsetzen. Erfreulich viele Forscher, die sich schon über das Gedicht ge-
Grund in der nachlassenden Spannkraft des Dichters haben. Man möchte' äußert hatten, waren erschienen, jede der Hauptdeutungen war durch mindestens
daher vermuten, daß F 3 doch wohl nicht viel älter ist als der Brief an einen Diskussionsredner vertreten. Daß dieses Gespräch die erstaunliche Divergenz
der Auffassungen beseitigen und zu einer Übereinkunft über die „richtige" Deutung
Wilmans vom 8. Dezember 1803, mit dem Hölderlin die Hymne zum
der 'Friedensfeier' führen würde, konnte niemand erwarten, der mit der methodi-
Druck anbietetl,
schen Situation der Literaturwissenschaft und den Gesetzen wissenschaftlicher Mei-
1 nungsbildung vertraut ist. Wenn daher bei manchen Teilnehmern und in der Tages-
W. Hof vermutet wohl mit Recht, daß es noch eine Zwischenfassung zwischen
presse der Eindruck laut wurde, die Diskussion sei mißglückt, so muß man erwidern:
F z und F 3 gibt oder gegeben hat (a. a. 0. S. 84).
was glücken konnte, ist zum guten Teil geglückt. Man hat die Interpreten kennen-
gelernt und Kontakt aufgenommen. Die im bisweilen unschönen Streit um das Ge-
dicht verfestigten Fronten haben sich gelockert. Die meisten Redner wiederholten
nicht einfach ihre Standpunkte, sondern sagten, was sich ihnen aus der weiteren
Diskussion und aus dem Festvortrag ergeben hatte. Dabei kamen auch ganz neue
Gesichtspunkte zum Vorschein. Unverkennbar war die Bereitschaft, auf andere Posi-
tionen einzugehen und ohne Verzicht auf das direkte Textverständnis, worin freilich
die Hauptgegensätze erhalten blieben, sich in der Frage nach der Grundbedeutung
der Hymne zu nähern. Die geistige Weite des Festvortrags trug nicht wenig zu dieser
Entspannung bei.
Mißlich blieb der Umstand, daß im überfüllten Pfleghofsaal ein Gespräch in rascher
Rede und Gegenrede nicht möglich war. Eine daran anschließende Unterhaltung im
kleinen Kreise konnte noch manche Frage klären, die in der Diskussion offengeblie-
ben war. Der Bericht muß sich auf diese beschränken und kann selbstverständlich
nur die Hauptpunkte wiedergeben.

\v'ie zu erwarten, bezogen sich die meisten ~'ortmeldungen auf die Person des
„Fürsten des Fests". Da sich der Vortrag gegen die mehrfach vertretene Auffassung
gewandt hatte, im „Fürsten des Fests" habe man Napoleon Buonaparte zu erkennen,
gibt Herr Bröcker zuerst Beda Allemann-Zürich das Wort, der sie in einigen Publi-
kationen verfochten hatte (vgl. S. 105, 106, 107).

1) Seitenverweise hinter den Namen der Diskussionsredner beziehen sich auf die
folgende Bibliographie, worin ihre Veröffentlichungen zur 'Friedensfeier' aufge-
führt sind.

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Herr Allemann würdigt zunächst den Versuch des Festvortrags, in einer großen wie er sie selbst genommen habe. Unter dieser Voraussetzung glaubt Herr Lachmann,
Zusammenschau der Hymne hervorzuheben, was alle Interpretationen verbinden seine Auffassung durchaus mit Böckmanns Interpretation vereinen zu können.
muß. In der Tat gehe es nicht an, von einem Streit um die 'Friedensfeier' zu sprechen, Heinrich Buhr-Pfrondorf bei Tübingen (vgl. S. 107) fragt nach der Bedeutung
wenn man nur in Einzelheiten differiere, in der Grundvoraussetzung, das Gedicht als des biblischen Jesus und seines Friedens für die 'Friedensfeier'. Verfechter der Na-
Friedensgesang zu verstehen, aber einig sei. Wenn es allerdings Böckmann, wie schon poleon-These hätten das Gedicht als Christus-Hymne bezeichnet. Wenn aber Chri-
Binder, auf die Gestalt des Friedens interpretiere, so ziehe er den nach seiner Mei- stus in einem Gedicht, dessen zentrale Gestalt Napoleon sei, nur eben noch auf-
nung genaueren Begriff „Versöhnung" vor. tauche, so könne von einer Christus-Hymne nicht mehr die Rede sein. Anders, wenn
Gegen den Vorwurf, er vertrete eine Napoleon-These, macht Herr Allemann gel- Christus selbst der „Fürst des Fests" sei. Hölderlin billige dann zwar nicht die ge-
tend, auch die Behauptung, Napoleon habe in diesem Gedicht nichts zu suchen sei schichtlich gewordene Form des Christentums, aber Christus sei für ihn mehr als
eine These. Diese stütze sich in erster Linie auf Hölderlins briefliche .Äußerung ~om einer, der nur in eine neue Synthese aufgenommen werde.
16. II. 1799, Buonaparte sei „eine Art von Dictator" geworden. Er habe aber das Ehe keine Einigkeit erzielt sei, könne keine These mehr als Arbeitshypothese sein.
Wort „Dictator" im altrömischen, nicht im modern-abschätzigen Sinne verstanden. Die Deutung des „Fürsten des Fests" auf den Frieden habe den Vorzug, die Doxa
Umgekehrt basiere die Interpretation auf Buonaparte keineswegs nur auf dem Wort dieses Gottes zu erkennen - diese enthalte allerdings noch wesentlich christlichere
„Allbekannter", V. 19, das im Titel eines früheren, Napoleon gewidmeten Gedichts Elemente als die bisher beschriebenen -, aber sie verwechsle den Gott mit seiner
vorkommt. Was Böckmann an der Napoleon-These vermisse, habe er gerade zu zei- Doxa. Er, die konkrete Gestalt, gehe nicht in seiner Doxa auf. Umgekehrt biete die
gen versucht: den inneren Zusammenhang zwischen Buonaparte und dem Erscheinen Buonaparte-These eine greifbare Gestalt, aber sie verkenne die Qualität dieses Frie-
des Friedens. Der Heros - bei Hölderlin mit dem Dichter eng verbunden - sei auch dens. Hingegen vereinige Christus, der seit zweitausend Jahren als der Gott des
ein Mittler zwischen den Menschen und den wiederkehrenden Göttern. Drei Gestal- Friedens gepredigt wird, beides, die Doxa des Friedens und die reale Gestalt.
ten der 'Friedensfeier', der „Fürst des Fests", der „Weise" und der „Gott" (Str. 2) - Gewisse Schwierigkeiten mache aber die Durchführung dieser Christus-Hypo-
denn der „Gott", V. 23, sei nicht mit dem „Fürsten des Fests" identisch - kehrten these. Die zweite Strophe könne man allerdings nicht wohl gegen sie ins Feld führen,
im Bruchstück 16 (StA II, S. 318) wieder: ,,Gott ••• Könige ... Weise". Der Dichter da gerade sie auf Phil. 2, 7 (,,Knechtsgestalt") deute. Auch die Anspielung auf die
flehe hier Gott, der selbst nicht erscheinen könne, an, einen Helden oder die Weisheit Trinität in der 6. Strophe sei kaum zu bestreiten. Aber die Einladung Christi in der
zu senden. An Weisheit fehle es den Deutschen - ,,tatenarm und gedankenvoll" - 4. Strophe und die Erinnerung daran in der 9. bleibe ein Problem, wenn man Chri-
nicht, wohl aber an einem Helden. Der müsse wie Buonaparte von außen kommen. stus mit dem „Fürsten des Fests" identifizieren wolle. Solange jedoch diese Stellen
Die starke Umgestaltung der Entwürfe führt Herr Allemann auf das Problem' nicht philologisch einwandfrei geklärt seien, halte er die Christus-Hypothese für die
z~rück, dem Frieden eine sichtbar-gegenwärtige Gestalt zu geben. Er bestreite gar günstigste.
nicht, daß der „Fürst des Fests" zunächst der Friede sei, aber dieser Friede sei eben Der Diskussionsleiter macht theologische Bedenken gegen den Theologen
der konkrete Buonaparte von 1801. Auch in der Geburtstagsode an die Prinzessin geltend: Die 6. Strophe deute in den \'v'orten „Sohn", ,,Vater", ,,Geist" nicht auf die
Auguste sei der „Heroe" Napoleon. Die Schwierigkeiten der anderen Interpretatio- Trinität, da der „Vater" mit dem „Geist" eindeutig identisch sei. Außerdem habe
nen müßten sich lösen, 'renn sie sich zu dieser Auffassung bekennten. Böckmann gezeigt, daß Hölderlin das neutestamentliche „wer den Sohn sieht, der
Eduard Lachmann-Innsbruck (vgl. S. 106, 107, 108) würdigt ebenfalls die ihn sieht den Vater" an dieser Stelle gerade umkehrt: am Vater erkennen wir den Sohn.
weithin überzeugenden Ausführungen des Festvortrags und setzt sich mit warmen Friedrich Beißner-Tübingcn (vgl. S. 105, 107, 108) möchte zu einigen Teilpro-
Worten für gegenseitige Verständigung und Verzicht auf offenkundige Irrtümer ein. blemen Stellung nehmen. Mit Allemann sei er darin einig, daß der Frieden das Haupt-
So habe er selbst sich überzeugen lassen, daß das „zum" in „rief ich •.• dich zum thema des Gedichts und der „Fürst des Fests" in erster Linie der Friedensbringer sei.
Fürsten des Festes", V. 109 ff., nur im Sinne von „ad" zu verstehen sei, daß also der Diesen habe er im Hinblick auf den Mythus der Ode 'An die Deutschen' als den
,,Fürst des Fests" nicht Christus sein könne. Wer aber sonst? „Genius unsers Volks" gedeutet. Indessen ziehe er jetzt die Formulierung vor: die
In der 2. Strophe glaubt ihn der Dichter erst „dämmernden Auges" zu sehen. gestaltgewordene Bereitschaft der Menschen zu neuer, schöpferischer Gottesbegeg-
Der :,Gott" der 7. Strophe, der „einmal ... auch Tagewerk tun" mag, sei aber ein- nung. Der Fürst sei mehr als der Vaterlandsgenius, aber auch mehr als der Friede.
deutig Gottvater, und die 6. Strophe spreche gar die Trinität an. Der „Fürst des Dies gehe aus früheren .Äußerungen Hölderlins über den „Frieden" hervor.
Fests" .n:~s~ealso Gottv~ter sein, zumal de~ Herr und Schöpfer der Welt am „Abend Das Wort „Allbekannter" sei bei Hölderlin kein Etikett für Napoleon. Nur einmal
der Zett nicht fehlen konne. Da er aber nie Mensch geworden sei, bedeute der fol- bezeichne er damit ihn, in anderen Fällen andere. Das Wort „Dictator" hingegen sei
gende Wechsel zum Du, V. 16, die Wendung zu Christus, der als Mensch „Freundes- entschieden pejorativ zu verstehen. Auch andere, z.B. de La l\Iotte-Fouque, hätten
gestalt" annehme. Ohnehin deute die innige, menschliche Ansprache auf den Mensch Napoleons Entwicklung zum Diktator mißbilligt. Man dürfe auch nicht übersehen,
gewordenen Gott. Der „Heldenzug" weise auf den „peregrinus" (vgl. Homilien- daß Hölderlin ihn von da an nie mehr, auch nicht in den Briefen über den Frieden
sammlung Gregors des Großen, Homilie 9, 2), das „Ausland" auf den Himmel: von Luneville, erwähnt. Wenn er vollends in einem Brief (StA VI, S. 300) äußere,
Christus verleugne seine Göttlichkeit, indem er einkehre. es sei gut, ,,daß keine Kraft monarchisch ist im Himmel und auf Erden", so könne
Es komme darauf an, Hölderlins Christlichkeit zu sehen. Auch der gläubige Christ man an der tadelnden Bedeutung des „Dictators" nicht zweifeln. Gegen Allemanns
müsse - etwa im Sinne Guardinis - Hölderlins Rede von Gott so ernst nehmen, Behauptung, der „Gott", V. 23, sei nicht der „Fürst des Fests" (vgl. S. 100), wendet

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Herr Beißner ein, von diesem Fürsten werde ja ausdrücklich gesagt: ,,Sterbliches in deren Horizont Hölderlin selbst das Gedicht konzipiert habe, Deren Erkenntnis
bist du nicht." Das könne man aber nicht auf Napoleon beziehen. Buhrs Hinweis sei, wie sich hier zeige, die Aufgabe der Hölderlin-Forschung überhaupt.
auf Phil. z, 7 (vgl. S. 101) nütze insofern wenig, als „Knechtsgestalt" nicht „Freun- Daß der göttliche Fürst eines Festes, das „Friedensfeier" heißt, der Gott des Frie-
desgestalt" (V. 19) sei. dens sei, bedürfe keines Beweises. Die Beweislast liege vielmehr bei denen, die ihn
:'· 40, ,,Und manchen möcht' ich laden, aber o du ... ", deute auf die Absicht, die anders deuteten. Z. T. stimmten sie sogar dieser Deutung bei, suchten aber dann
gnechischen Götter mit einzuladen. l\Iit dem Angeredeten könne zunächst ein an- doch nach der konkreten Gestalt, die sieh in diesem Friedensgott verberge. Ehe man
derer als Christus gemeint gewesen sein, wie aus den Lesarten hervorgehe. Herr aber eine Person von außen bemühe, habe man zu fragen: 1. was bedeutet „Frieden"
Bröcker bezweifelt dies mit dem Hinweis auf das Wort: ,,Sei gegenwärtig, Jüng- bei Hölderlin und worin besteht also das Wesen dieses Gottes? z. kommt ein kon-
ling", das schon den ersten Entwürfen angehöre, und Herr Lachmann ergänzt: kreter Friedensgott nicht auch sonst in seiner Mythologie vor?
Der „Jüngling" der Entwürfe, der 4. und der 9. Strophe müsse jeweils derselbe sein, Mit „Frieden" bezeichne Hölderlin nicht in erster Linie einen politischen Zustand,
eben Christus, worauf Herr Beißner erwidert, auch an anderen Stellen bezeichne sondern eine Seinsweise, das unendliche oder ewige Sein nämlich, das jedoch im
dasselbe Wort verschiedene Personen (z.B. ,,Versöhnender" in den Entwürfen). Viel- pantheistischen Sinne schon in der Zeit, als ein Zur-Ruhe-kommen der Zeitlichkeit,
leicht habe man sich den „Fürsten des Fests" als eine Art „jüngeren Bruder Christi" möglich sei. Im geschichtlichen Ereignis verwirkliche sich also die höchste Form des
zu denken. Seins, der historische werde zum „intellektuell-historischen, d. h. mythischen" Vor-
Das :Motiv des verleugneten Auslands deute auf Hölderlins Anschauung vom not- gang. Der Gott dieses so gedachten Friedens umgreife daher als einziger beides, den
wendigen „Ausflug" ins Fremde und d-:r „Rückkehr" ins Eigene, dem Schicksal des Frieden von Luneville und den Endfrieden am „Abend der Zeit", Christus habe es
Künstlers, das hier auf das ganze Volk übertragen sei, ,,Ausland" sei damals nicht nur mit diesem, Napoleon nur mit jenem zu tun. Ein konkreter Friedensgott schließ-
nur. ein politischer oder geographischer Begriff gewesen, wie auch aus einem Vers lich sei aus mehreren anderen Dichtungen Hölderlins bekannt, wo ihm, wie in der
Schillers hervorgehe. Hymne, regelmäßig ein Zeitgott, der Repräsentant des endlich-zeitlichen Seins, ge-
. D_er Diskussionsleiter bekräftigt den Einwand gegen Buhr: ,,Freundesgestalt" genüberstehe. Eine Zeitlang trage der Friedensgott den mythologischen Namen
1s_tmcht „K~ec~tsgestalt". Das Erscheinen eines Gottes in Freundesgestalt entspreche Saturn, was nicht bedeute, der „Fürst des Fests" sei Saturn. - Führe man so Dinge
vielmehr gr1ech1scherTheologie. Unverkennbar sei die Tendenz des Gedichts Christ- und Personen auf ihre Seinsweisen zurück, dann erschließe sich der Horizont der
liches griechischer und Griechisches christlicher zu machen. Darum identifizi;re Höl- Sehweise, in dem das Gedicht stehe.
derlin, wie schon gesagt, den „Geist" mit dem „Vater" und kehre die christliche Lothar Kempter-Winterthur erläutert den ganz eigenen Ton der 'Friedensfeier',
Lehre von der Erkenntnis des Vaters durch den Sohn um. gibt mit dem Hinweis auf verwandte Züge in der Symbolik des Sonnengottes neues
Walter Hof-Königstein (vgl. S. 107) verteidigt Buhr: Phil. z, 7 „nahm Knechts- Arbeitsmaterial zur Erklärung des „Fürsten des Fests" und nimmt zur Interpretation
gestalt an" heiße: verleugnete sein eigenes Wesen. Eben das liege aber auch in Freun- einiger Worte Stellung. Da sein Diskussionsbeitrag hier (S. 88 ff.) gedruckt ist, sehen
desgesta 1t anmmmst".
· Er führt sodann eine Reihe unverkennbarer Anklänge" an die wir von einem Bericht ab.
Paulusbriefe auf: die Aufhebung der Herrschaft im Friedensreich, den Begriff der Ulrich Häussermann-i\1ünchen fordert strengere Orientierung am Phänomen
,,anderen Klarheit", das von Morgen nach Abend fortschreitende Werk das Ver- und stellt die Fragen: Muß das entscheidende Thema schon im Titel stehen? Was
kündetsein des Friedensbringers, das Streiten, ,,was wohl das Beste" sel und das beweist den Zusammenhang mit dem Frieden von Luneville? Was widerlegt die
Sich-erfahren aller. Christus sei, wenn nicht der „Fürst des Fests", so doch die ent- Beziehung auf Christus in der z. Strophe?
scheidende Gestalt der Hymne. Die Erinnerung an die Einladung Christi zum „Fürsten des Fests" in der 9. Strophe
Zur ~apoleon-These: Allemann gehe zu wenig auf die Argumente ein, die man sei zwar ein logisches Gegenargument gegen die Christus-These. Die Stelle, worauf
ge~en sie vorgebracht habe. Es gebe deren viele, das schlechthin entscheidende sei sie sich beziehe, lasse sich jedoch auch anders verstehen, das „aber", V. 40, könne
keineswegs der deutbare „Dictator" (vgl. S. 100), sondern die Aussage des Verses 21 wie im Schwäbischen Ausdruck der Emotion sein. Dann würde hier nicht ein neuer
,,~terbliches bist du nicht". Man könne nicht, nur um eine konkrete Gestalt zu ge- Gott gerufen. Das „müd", V. 17, erinnere an Christi Gespräch mit der Samariterin.
wm~en, auf eine beliebige Person zurückgreifen, für die Hölderlin früher einmal Damit erkläre sich auch das „Ausland": Christus kommt zu den Samaritern.
begeistert war. Das Schlußwort spricht Herr Böckmann. Jeder Diskussionsredner habe - das
Hölderlins Umdeutung des Todes Christi hält Herr Hof für entscheidend. Er ver- sei nicht anders möglich - im Horizont seines Hölderlin-Verständnisses interpretiert.
einige griechische und christliche Vorstellungen und komme so zu der Auffassung: Auch seine eigene Deutung hänge selbstverständlich mit Anschauungen seines vor
nur durch die Vernichtung kann sich Göttliches in der Schönheit des Friedens schöner zwanzig Jahren geschriebenen, Hölderlin-Buches zusammen. Wenn ihm dort das
wiederherstellen. Fragment 'Versöhnender .. .' darin besonders wichtig erschienen sei, daß es die
Wolfgang Binder-Köln (vgl. S. 108) fragt zunächst nach der Ursache des Mei- Macht des Friedens als eine geistige Wirklichkeit sichtbar mache, so habe der Fund
n~ngsst~eites. Er .glaube nicht, daß man sich grundsätzlich einig sei (vgl. S. 100), der 'Friedensfeier' diese Sicht bestätigt. Aus den sehr verschiedenartigen Ansätzen
fuh_re vi.elmehr die G:egensätze in den Einzeldeutungen auf grundlegende Unter- der Diskussionsredner habe aber auch er manches gelernt und sich vom Recht anderer
schiede m den Sehweisen der Interpreten zurück. Zu einer verbindlichen Deutung Fragestellungen überzeugt. Gewiß entsprängen diese Fragestellungen verschiedenen
gelange man aber nur, wenn man versuche, sich die Sehweise zu eigen zu machen, Sehweisen, die man auf Hölderlins eigentlichen Horizont zurückbeziehen müsse.

IOZ
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Aber man müsse sich auch umgekehrt überlegen, ob nicht Hölderlin selbst ver- BIBLIOGRAPHIE ZUR FRIEDENSFEIER
schiedene Fragestellungen erlaube. Die 'Friedensfeier' gebe Gelegenheit, dieses Pro-
blem neu zu durchdenken.
Die im Hölderlin-Archiv zusammengestellte Bibliographie enthält die wichtigsten
Der Hauptfrage: wer ist der „Fürst des Fests"? müsse die andere vorhergehen:
Publikationen zur 'Friedensfeier' vom Erscheinen des Erstdrucks im November 1954
in welchem Sinne wird von einem „Fürsten des Fests" gesprochen? Im Sinne einer
bis zum 1. September 1956. Sie spiegelt die in der Geschichte der neuem Literatur-
real-faktischen Identifikation, oder in der Form eines Nennens, wie es dem Erschei-
wissenschaften außergewöhnliche Teilnahme weitester Kreise der Fachwelt und des
nen einer Macht angemessen ist, die sich nicht irdisch-historisch-real begrenzen läßt?
gebildeten Publikums an einem neuaufgefundenen Gedicht .
. Darum scheue er sich, den „Fürsten des Fests" auf eine bestimmte Gestalt zu be-
Die Bibliographie hält die chronologische Folge der Veröffentlichungen ein. Be-
ziehen, statt ihn als eine mythische Formel zu verstehen, mit der eine Erscheinung
sprechungen (R) sind unter dem besprochenen Titel gesammelt aufgeführt. Den
der „Himmlischen", ein „Unsterblicher" genannt wird. Selbstverständlich sei der
Schluß bildet eine Auswahl aus den Berichten über die im Rahmen der Jahresver-
Friede das eigentliche Thema des Gedichts. Sofern sich im Frieden das irdische Dasein
sammlung der Hölderlin-Gesellschaft am 9. Juni 1956 in Tübingen veranstaltete Dis-
verkläre, bilde er die bewegende Wirklichkeit, der die 'Friedensfeier' gelte. Wie das
kussion.
\Vort ;,Fürst des Fests" lasse sich aber auch das Wort „Friedensfeier" nicht voll auf-
lösen. Die 'Friedensfeier' sei nicht ein Gedicht aus Anlaß des Friedens von Luneville, Hölderlin. Friedensfeier. Hrsg. u. er!. von FriedrichBeißner.- Stuttgart: Kohlhammer
sondern in der Wirklichkeit des Friedensschlusses erfahre Hölderlin den Frieden als 1954. 42 S. (Bibliotheca Bodmeriana. 4.)
eine geistige Macht, deren Erscheinen selbst schon die eigentliche Feier, das „Fest" ist. Gleichzeitig: Hölderlin-Jahrbuch 1954, 1-7; s. a. die Bemerkungen zum Text
Zu den einzelnen Positionen: Auch die Napoleon-These führe nicht einfach aus ebda. S. 9.
Hölderlins Umkreis hinaus, aber darum müsse nicht Napoleon in diesem Gedicht R: Pie"e Grappin: Les Langues Modemes. 49, 1955, 266-268. -Walter Hof: Wir-
eine Rolle spielen. Gerade die Verse des Entwurfs, in denen die heroische Spannung kendes Wort. 6, 1955/56, 120-121. - Eduard Lachmann:Deutsche Literatur-
zwischen Aufbruchsbereitschaft und sich bändigender Lebensführung zum Ausdruck zeitung. 77, 1956, 27-29. - s. a. Walter Bröcker: Philosophische Rundschau.
komme, wanderten in die Rheinhymne ab; denn in der 'Friedensfeier' gehe es nicht 3, 1955, 1-14 u. d. T.: Neue Hölderlin-Literatur.
um die Wirkung des Heroen, sondern um das Erscheinen des Gottes. Hoffmann, Wilhelm: Hölderlins Friedensgesang. Die wiederaufgefundene große
Der Friede begegne Hölderlin nicht als Begriff, sondern als Wirklichkeit, er bilde Hymne. - Stuttgarter Zeitung. 13. November 1954.
für ihn eine besondere Situation im religiösen Leben, wie er es verstehe, nämlich Melchinger,Siegfried: Hölderlin und der Friedensfürst. Eine Hymne aus der großen
als ein Leben, das sich vor der Natur und von der Natur her rechtfertigen solle. Schaffenszeit wiederaufgefunden. - Die Neue Zeitung. Berliner Ausg. 21. No-
Gegenüber gar zu christlichen Deutungen im traditionellen Sinne müsse man daher vember 1954.
zurückhaltend sein. Da sich der Mensch bei Hölderlin allein von der Natur her ver- Auch: Frankfurter Neue Presse. Frankfurt a. M., 27. November 1954 und ähn-
stehen könne, sei ihm auch die Christusgestalt nicht einfach das Selbstverständliche, lich: Rheinische Post. Düsseldorf, II. Dezember 1954 u. d. T.: Hölderlins Frie-
sondern etwas neu zu Erfahrendes. Eine ähnliche Zurückhaltung empfehle sich ge- dens-Hymne wiederaufgefunden.
genüber allzu vorschnellen Identifikationen mit der pantheistisch-idealistischen Ge- Kerlf/yi, Karl: Der Dichter und sein Heros. Zur Entdeckung von Hölderlins „Frie-
schichtssicht etwa Hegels: nicht die dialektische Selbstbewegung des Geistes sei für densfeier". - Die Tat. Zürich, 27. November 1954.
Hölderlin entscheidend, sondern ein geistiges Geschehen in der Natur, das die „Fühl- Auch in: Kerlnyi: Geistiger Weg Europas. - Zürich: Rhein-Ver!. (1955). S. 100-
barkeit des Ganzen" durch „Trennung" ermöglicht. Die Hymne beziehe Vater, Sohn 106 u. d. T.: Zur Entdeckung von Hölderlins 'Friedensfeier'.
und Geist auf die Natur als „Mutter". So stelle sich von ihr aus noch einmal das Thema R: ••. The Times Literary Supplement. Jg 55. London, 6.April 1956 u. d. T.:
Zeit und Schicksal, wie auch das Thema des Christlichen in Hölderlins Dichtung. A lost Poem of Hölderlin.
Der Präsident schloß die leidenschaftlich geführte Diskussion mit dem Wunsch, Alüller, Ernst: Erläuterungen zur Hymne „Die Friedensfeier". - Tübinger Blätter.
dieses fruchtbare Gespräch nur als einen Anfang zu betrachten und die hier erarbei- 41, 1954, 4-6.
teten Gedanken aus dem engen Kreis in die Weite dringen zu lassen. Traverso,Leone: Sulla „Festa di pace" di Hölderlin. - L'Approdo. 3, 1954, Nr. 4,
s. 23-26.
W. Binder. Mit Übersetzung der Hymne ins Italienische S. 26-30; Text der Hymne und
Übersetzung auch in: Hölderlin. Inni e Frammenti. (A cura die Leone
Traverso.)- (Firen7..e:)Vallecchi (1955). S. 72-83.
Allemann, Beda: ,,Friedensfeier." Zur Wiederentdeckung einer späten Hymne Hölder-
lins. - Neue Zürcher Zeitung. 24. Dezember 1954. l\lorgenausg. BI. 3; Fern-
ausg. BI. 3.
Celebration of Peace by Friedrich Hölderlin. Trans!. by Michat! Ha111burger. - German
Life & Letters. N. S. 8, 1954-55, 88-102.
Mit Kommentar; Text der Hymne auch deutsch.

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