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Lehr- und Forschyngstexte Psychologie

Bisher erschienen:

Angewandte und Experimentelle Neuropsychophysiologie

M . Trimmel

Band 35: XVI, 450 Seiten. 1990

.

Informationsverarbeitung und mentale Repräsentation

M . Eimer

Band 34: VI, 195 Seiten. 1990

.

Zur logischen Struktur psychologischer Theorien

E . Stephan

Band 33: VI, 173 Seiten. 1990

.

Denken und Fühlen

E . Roth (Hrsg.)

Band 32 : V , 171 Seiten. 1989

Psychische Beanspruchung durch Wartezeiten in der Mensch-Computer Interaktion

H . Holling

Band 31: IX , 174 Seiten. 1989

Latent Trait-Modelle für ordinale Beobachtungen

G . Trutz

Band 30: XI , 173 Seiten. 1989

Soziale Gehemmtheit und ihre Entwicklung

J . Asendorpf

Band 29: VI , 294 Seiten. 1989

Vorstellungen und Gedächtnis

W . ü . Perrig

Band 28: V , 195 Seiten. 1988

.

Erlernte Hilfl osigkeit ,

J . Stiensmeier-Pelster Band 27: X , 182 Seiten. 1988

Gedächtnis im Alter

M . Knopf

Band 2 '6: X , 293 Seiten. 1987

Strutt uraitstischeTheo

R . Weslsrniann

Handlungskontrolie und Leistung

i enkonze ption und empirische Forschung in der Psychologie

r

Band 25: VI , 191 Seiten. 1987

Stimmung als Information

N . Schwarz

Band 24 : IX , 141 Seiten .

1987

Kcgnitiva

Siruklcsen des S prachverstehens

A . D. Friederici

Band 23: VII , 178 Seiten . 1987

Oer

II

Schrei des Ne ugeborenen: Struktur und Wi rkung

Bisping

Band 22: VIII , 172 Seiten . 1986

Lehr- und Forschungstexte

Psychologie 36

Herausgegeben von

D . Albert, K. Pawlik, K.-H. Stapf und W . Stroebe

Manfred Schmitt

Konsistenz als

Persönlichkeitseigenschaft?

Moderatorvariablen in der

Persönlichkeits- und Einstellungsforschung

Springer-Verlag

Berlin Heidelberg New York London

Paris Tokyo Hong Kong Barcelona

2Gok

Autor des Bandes

Manfred Schmitt

Fachbereich I - Psychologie , Universität Trier

Postfach 38 25 , 5500 Trier

Herausgeber der Reihe

Prof. Dr. D. Albert, Universität Heidelberg Prof. Dr. K. Pawlik, Universität Hamburg Prof. Dr. K.-H. Stapf, Universität Tübingen

Prof. Dr. W. Stroebe, Ph.D. Universität Tübingen

e n

ISBN 3-540-53038-X Springer-Verlag Berlin Heidelberg NewYork ISBN 0-387-53038-X Springer-Verlag NewYork Berlin Heidelberg

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© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 1990

Printed in Germany

Druck- und Bindearbeiten: Weihert-Druck GmbH, Darmstadt

2126/3140- 543210- Gedruckt auf säurefreiem Papier

für

Mathilde, Erika, Hans, Barbara und Jakob

Danksagung

Dieses Buch ist nicht nur mein Werk. Ohne viele anregende Gespräche mit Kollegin-

nen und Kollegen sowie Studierenden hätte ich es so nicht schreiben können.

Mein Interesse an der Konsistenzproblematik weckte Dieter Bartussek mit einer

Diskussion über Bowers' (1973) -nach wie vor lesenswerte- Analyse und Kritik des

Situationismus.

Claudia Dalbert und Leo Montada bestärkten mich während unserer gemeinsamen

Forschungsarbeit immer wieder in der Überzeugung, daß linear additive Modelle

der Komplexität menschlichen Erlebens und Verhaltens nicht gerecht werden. In

diesem Buch soll unsere Vorliebe für den Moderatorvariablenansatz mit den empiri-

schen Befunden der Differentiellen Psychologie konfrontiert werden.

Rolf Steyer verdanke ich die Einsicht, daß man über die Höhe von Konsistenzkoef-

fizienten nicht streiten kann, ohne sich zuvor auf ein formales Modell geeinigt zu ha- ben. Die künftige Konsistenzforschung wird von seinen Ideen (Steyer, 1988) profitie-

r en .

Mein besonderer Dank gilt Leo Montada. Auf vielfältige Weise hat er dazu beige-

tragen, daß ich dieses Buch schreiben konnte. Seiner konzeptuellen, methodischen

und psychologischen Analyse der Konsistenzproblematik (Montada, 1978) habe ich wertvolle Anregungen entnommen. Außerdem hat mich Leo Montada während mei-

gefördert.

nes

gesamten

bisherigen

beruflichen

Werdegangs

stets

engagiert

Schließlich hat er auch mein Vorhaben, dieses Buch zu verfassen, unterstützt und

mich währenddessen großzügig entlastet.

Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Zentralstelle iir Psychologische Informa-

f

tion und Dokumentation an der Universität Trier (ZPID), insbesondere Jürgen Wiesen-

hütter, schulde ich Dank für ihre Hilfe bei den Literaturrecherchen . Wertvolle Lite-

raturhinweise haben mir auch Manfr ed Amelang, Manfr ed Dony, Arno Drinkmann, Ju- lius Kühl, Wolf Nowack, Barbara Reichle, Bernd Six , Gerhard Stemmler, Rolf Steyer, Wolf- gang Stroebe und Mark Zanna gegeben.

Monika Buchmeier hat das Manuskript mit bewundernswerter Geduld korrektur-

gelesen. Sollte der Leser dennoch auf Fehler stoßen, so laste er sie mir an, da ich auch

nach der Korrektur des Textes der Versuchung nicht widerstehen konnte, ihn zu

" optimieren "

.

Meine Frau Barbara hat mich in allen Phasen dieses Projektes mit Verständnis, Ge-

duld, Rücksichtnahme und Nachsicht begleitet. Ich danke ihr von Herzen.

Bei unserem Sohn Jakob schließlich möchte ich mich dafür entschuldigen, daß ich

zuweilen mit meinen Gedanken mehr bei der Arbeit war als bei ihm. Gleichzeitig bin

ich ihm dankbar , daß er mich auf seine kindliche Weise immer wieder daran erinnert

hat, daß zum Leben außer dem Beruf noch andere Dinge gehören , wichtige und

schöne.

Trier, im Juni 1990

Man

f

r ed Schmitt

1

.

2

.

2 . 1

2 . 2

2 . 3

3

.

3 . 1

Inhalt

Einleitung und Überblick

1

Konsistenzbegriffe in der Psychologie

4

Bedeutungsvarianten und mathematische Formalisierungen

4

Das Konsistenzpostulat des

Eigenschaftsmodells

8

Inter- und intraindividuelle Konsistenz

9

Die Konsistenzkontroverse

14

Reliabilität

16

3 . 2

Schwierigkeit und Verteilungsform

18

3 . 3

Eingeschränkte Varianz

19

3 . 4

Multideterminiertheit und Prototypikalität

20

3 . 5

Korrespondenz

21

3 . 6

Spezifität und Globalität

22

3 . 7

M acht der Situation

22

3 . 8

Theoretische Verwandtschaft

23

3 . 9

Validität

24

3 . 10

Differentielle Veränderungen

26

3 . 11

Schlußfolgerungen und ein Dilemma

27

4

.

Der Moderatorvariablenansatz: Idee,

Ideengeschichte und Handhabungen

29

5

Konsistenzmoderatoren

36

.

5 . 1

Alter, Entwicklungsstand

und Bildung

36

5 . 2

Qualifizierende Attribute von Eigenschaftsindikatoren

41

5 . 2 . 1

5 . 2 . 2

5 . 2 . 3

5 . 2 . 4

5 . 2 . 5

5 . 2 . 6

5 . 3

5 . 3 . 1

5 . 3 . 2

5

5

. 3 . 4

. 3 . 3

5 . 3 . 5

Kosten und Kompetenzen

Verhaltenserfahrung, Informationsmenge und

42

Einstellungsverfügbarkeit

45

Festigkeit und Klarheit einer Einstellung

50

Zentralität, Bedeutsamkeit, Involviertheit

56

Beobachtbarkeit einer Eigenschaft

64

Individuelle Angemessenheit einer Eigenschaft

67

Persönlichkeitseigenschaften als spezifische

Konsistenzmoderatoren

71

Angstabwehr (Repression-Sensitization)

71

Verantwortlichkeitsabwehr

74

Moralisches Urteilsniveau

77

Idealismus

80

Denkmotivation (Need for cognition)

81

VIII

5 . 4

5 . 4 . 1

5 . 4 . 2

5 . 4 . 3

5 . 4 . 4

Persönlichkeitseigenschaften als all gemeine

Konsistenzmoderatoren

Variationsmotivation ,

Sensation Seekingund Extraversion

gidität, Zwanghaftigkeit,

Neurotische Persönlichkeit (Ri

Ängstlichkeit

, EmotionaleLabilität)

Autonomie

Machiavellismus

5 . 4

5 . 4 . 6

5 . 4 . 7

.

5

5 . 4 . 8

5 . 4 . 9

Selbstüberwachung (Self-Monitorin g)

Soziale Erwünschtheit

Selbstbewußtheit (Self-Consciou sness)

Identitätslokation

Empathie

5 . 4 . 10 Kontrollorientierung

6

.

Konsistenz als Persönlichkeitsei genschaft

und ihre Messung

6 . 1

6 . 2 .

6 . 3

Konsistenz-Selbsteinschätzun

(Quasi-)objektive intraindivid

Fazit

gen

uelle Verhaltenskonsistenz

7 Resümee und Ausblick

.

Literaturverzeichnis

Autorenregister

Sachregister

83

83

84

88

88

90

101

107

HS

" 4

116

120

121

134

153

156

161

192

208

1 . Einleitung und Uberblick

Wissenschaftliche Kontroversen bergen die Chance des Erkenntnisgewinns, insbe-

sondere, wenn sie um die Grundannahmen eines theoretischen Ansatzes geführt

werden. Sie zwingen Anhänger und Kritiker gleichermaßen, die umstrittenen Vor- aussetzungen explizit zu machen, zu präzisieren und für deren Beurteilung Kriterien zu formulieren. Sie führen den Kontrahenten vor Augen, daß die eigenen Annahmen

keine Selbstverständlichkeiten sind und spornen sie an, ihre Position überzeugender

zu formulieren als zuvor. Allein dieser Klärungsprozeß kann für eine Disziplin oder ein Forschungsfeld schon sehr wertvoll sein. Darüber hinaus bewirken Kontroversen in der Regel eine Konzentration personeller und materieller Forschungsresourcen auf den Streitpunkt. Dadurch wird Wissen geschaffen, das ansonsten gar nicht oder

langsamer erschlossen würde. Kontroversen haben aber auch Schattenseiten. Un-

sachliche und destruktive Angriffe und Erwiderungen scheinen ebenso unvermeid- lich zu sein wie triviale Beiträge. Die Gründe für unsachliche Zuspitzungen sind wohl in erster Linie psychologischer Natur. Der Angriff auf eine Theorie bedeutet für ihre Anhänger häufig auch einen (affektwirksamen) Angriff auf ihre persönliche Identität

als Wissenschaftler und den Wert ihres wissenschaftlichen Werkes. Wer gibt schon

gerne Denkgewohnheiten preis, die über längere Zeit die eigene Forschungsarbeit

geleitet haben? Zumal wenn diese nicht durch eigene Einsichten in Frage gestellt

werden, sondern durch die Behauptungen anderer.

Ein typisches Beispiel für solche grundsätzlichen Kontroversen ist die Konsistenz-

kontroverse (Cook & Matt, 1987; Kenrick & Funder, 1988), von der die Differentielle

Psychologie seit mehr als 20 Jahren überschattet wird. Es geht um die Voraussetzung

des in Grundlagenforschung und Anwendung (z.B. Diagnostik) gleichermaßen be- liebten und einflußreichen Eigenschaftsmodells. Dieses Modell postuliert Klassen

äquivalenter Verhaltensweisen, hinsichtlich derer sich verschiedene Personen dauer-

haft und konsistent über bestimmte Situationen sowie Ausdrucksformen voneinan-

der unterscheiden. Diese Klassen werden als (Verhaltens-)Eigenschaften bezeichnet

und sind als Dispositionskonstrukte zu verstehen: Dem Individuum wird eine Ten- denz zugeschrieben, sich in einer Weise oder Intensität zu verhalten, die sich syste-

matisch von den Verhaltensbereitschaften anderer Individuen unterscheidet. Kritiker

des Eigenschaftsansatzes bestreiten diese Annahme. Sie behaupten, das Ausmaß an

Verhaltenskonsistenz sei zu gering, um individuelles Verhalten oder interindividuel-

le Verhaltensunterschiede (in einer einzelnen Situation) mit befriedigender Genauig- keit aus Eigenschaftsmaßen oder vergangenen Verhaltensunterschieden vorhersagen

zu können. Strittig ist also das Ausmaß von Verhaltenskonsistenz und damit das Aus-

maß des Informationsverlustes, der durch den Schluß von spezifischen Verhaltensun- terschieden auf allgemeinere Eigenschaftsunterschiede in Kauf genommen werden

muß.

Mit der vorliegenden Arbeit wird versucht, Errungenschaften der Konsistenzkon-

troverse zusammenzufassen. Schwerpunktmäßig sollen die Erträge des Moderator- variablenansatzes bilanziert werden, einer Denkalternative zum allgemeinen Eigen-

schaftsmodell, von dem sich viele einen Genauigkeitsgewinn bei der Beschreibung, psychologischen Erklärung und Vorhersage individueller Verhaltensunterschiede

versprechen. Der Text läßt sich grob in zwei Teile gliedern und hat folgenden Auf-

bau:

Der erste Teil hat den Charakter eines Lehrtextes

. Er umfaßt die Kapitel 2 bis 4.

gleichenden Betrachtung

pitel 2 zum Konzept

Ausgehend von einer exemplarischen Nennung und ver

liegt und um das sich die Konsistenzkontroverse dreht

verschiedener Konsistenzbegriffe in der Psychologie führt Ka

der relativen Konsistenz hin

, das allgemeinen Dispositionskonstrukten zugrunde-

. Diesem interindividuellen

Konsistenzbegriff wird ein zweiter gegenüber

gestellt, der Begriff der intraindividu-

ellen Konsistenz oder Kohärenz . Es wird gezeigt, daß diese beiden Konsistenzformen

unter bestimmten Voraussetzungen logisch und em

sind. Es wird diskutiert ,

pirisch voneinander unabhängig

ob und wie angemessen diese Konsistenzbegriffebestimm-

ten inhaltlichen Fragestellungen und Untersuchun gsplänen sind.

In Kapitel 3 werden psychologische und methodische Einflüsse auf die Höhe der

Konsistenz individueller Unterschiede erörtert

. In der Existenz dieser Einflußquellen

gesehen. Vertreter und Kri-

ahme häufig anhand ver-

an , während

um wegen der generell geringen

gelten lassen. Kapitel 3 schließt mit

wird ein wichtiger Grund für die Konsistenzkontroverse

tiker des Eigenschaftsmodells prüfen die Konsistenzann

schiedener Maßstäbe ,

einander unterscheiden

die sich hinsichtlich dieser Einflußquellen systematisch von-

. Kritiker des Eigenschaftsmodells führen beispielsweise die

geringe Konsistenz hochspezifischer und singulärer Verhaltensmaße

Befürworter des Eigenschaftsansatzes dieses Kriteri

Zuverlässigkeit von Einzelbeobachtungen nicht

der These ,

daß die Konsistenzkontroverse einen Zielkonflikt bei der Bildung von

gt, die Unvereinbarkeit von

Theorien über komplexeSachverhalte zum Ausdruck brin

anderen bei der Wahl eines Eigenschaftskonstrukts be

des

Sparksamkeit und Genauigkeit . Welches dieser beiden Gütekriterien auf Kosten des

vorzugt wird , ist eine Frage

Verwendungszwecks , nicht aber eine Entscheidung , die per se richtig oder falsch

sein könnte.

Kapitel 4 informiert über die Grundannahmen des M oderatorvariablenansatzes

und gibt einen kurzen Abriß seiner Geschichte

. Es wird für eine theoriegeleiteteSuche

nach Konsistenzmoderatoren plädiert sowie für eine b estimmte Methode der statisti-

schenPrüfung von Moderatorhypothesen , diemoderierteRegressionsanalyse .

Der zweite Teil des vorliegenden Buches hat Reviewcha

rakter. Er umfaßt die Kapi-

tel 5 und 6. Dort wird eine

Bestandsaufnahme der Bef unde von Untersuchungen zur

Diese ist sicher nicht vollständig, aber weitaus um-

gleichen Thematik. Es werden allerdings nur

gt.

Konsistenzmoderation vorgelegt .

fangreicher als verfügbareReviews zur

Personvariablen als Moderatoren berücksichti

Zur Ordnung der verschiedenen

Konsistenzmoder atoren wurde folgende Glie-

Entwicklungsstand und Bildung

derung gewählt: Unterkapitel 5 . 1 thematisiert Alter ,

als Konsistenzmoderatoren

behandelt ,

. In Unterkapitel 5.2 werden all jene Moderatorvariablen

die man als qualifizierende Attribute von Einstellungen und Persönlich-

, etwa dieZentralität einer Einstellung (Abschnitt

keitseigenschaften bezeichnen kann

5 . 2 . 4) als Moderator der Einstellungs-Verhaltens - Konsistenz oder die Beobachtbar-

keit einer Persönlichkeitseigenschaft als Moderat or ihrer konsistenten Fremdzu-

schreibung (Abschnitt 5 . 2 . 5).

Im Unterschied zu solchen qualifizierenden Attributen sind die Konsistenzmode-

ratoren , die in Unterkapitel 5.3 und 5.4 behandelt werden , selbst als Persönlichkeits-

eigenschaften gedacht .

In Unterkapitel 5.3werden fünf Konstruktevorgestellt

,

denen

eine begrenzte Moderatorwirkung

zugeschrieben wird , d.h. eine Moderatorwirkung ,

die sich nur auf bestimmte andere Eigenschaften oder Verha ltensbereiche erstreckt.

Die Moderatorwirkung von Angstabwehr (Abschnitt

5.3. 1) beispielsweise soll sich

laut Theorie nur auf die transmodale Konsistenz von Indikatoren avers iver Emotio-

nen beziehen. Hingegen wird von den Persönlichkeitseigenschaften, die zu Unterka-

pitel 5.4 gehören, eine we

eine Moderatorwirkung au

genschaftsbereiche.

itgehend unspezifische Moderatorwirkung erwartet, also

f die Konsistenz der verschiedensten Verhaltens- und Ei-

Diese a llgemeinen Moderatoren zerfallen selbst wiederum in

Seite gibt es Persönlichkeitseigenschaften, bei denen

t heoretisch

zwei Gruppen. Auf der einen

die Konsistenz-moderierende Wirkung lediglich den Stellenwert einer

nebensächlichen Begleitersc heinung einnimmt, zumindest bisher (z.B. Extraversion);

auf der anderen Seite bildet be

i Konstrukten wie Selbstüberwachung (Abschnitt

5 . 4

5

5), Private Selbstbewußtheit (Abschnitt 5.4.7) oder Identitätslokation (Absc
.

hnitt

. 4 . 8) die Annahme einer unspezifischen Konsistenzmoderation einen konstitut iven

Bestandteil der Konstruktexpliation.

Kapitel 6 schließlich behandelt eine konsequente Fortführung der Annahme un -

ion von Konsistenz als Persönlich-

spezifischer Konsistenzmoderationen, die Konzept

keitseigenschaft. Solltesich nachweisen lassen, daßVerhaltenskonsistenz eine weitge-

hend generalisierte Dimension interindividueller Unterschiedlichkeit darstellt, ließe

sich mit ihrer Hilfe

das allgemeine Eigenscha ftsmodell interindividuell differenzieren

auf einfache Weise steigern. Der

und die Genauigkeit von Verhaltensprognosen

Nachweis generalisierter Konsistenzunterschiedesetzt geeigneteVerfahren der ind i -

viduellen Konsistenzmessung

zur Validität subjektiver

voraus. In Unterkapitel 6.1 werden Untersuchungen

Konsistenzmaße (Kons istenz-Selbsteinschätzungen) bespro-

fähigkeit von Konsistenzmaßen,

chen, in Unterkapitel 6.2 geht es um die Leistungs

dieobjektivausVerhaltens- oder Selbstbeschreibungsdaten vonProbanden abgeleitet

wurden. Gleichzeitigwird versucht, anhand der

ver fügbaren Untersuchungsbefunde

den Generalisierungsbereichinterindividueller Konsistenzunterschiedeabzuschätzen.

Diebeiden Kapitel 5 und 6 sollen die Funktion einesjeden Reviewserfüllen, also

Leser mit speziellen Interessen so detailliert informieren, daß sie entscheiden können,

ob bestimmte Untersuchungen, Methoden oder

Untersuc hungsergebnisse für die ei-

genen Belange einschlägig sind oder nicht. Aus diesem Grunde wurde bei der Ver-

fassung der entsprechenden Textpassagen

das Kriterium der " leichten Lesbarkeit"

dem Kriterium der Darstellungsgenauigkeit untergeordnet. Außerdem wurden die

Untersuchungsbefunde nicht nach Autoren geordnet, sondern inhaltlich, d.h. nach

den untersuchten Moderatorhypothesen. Da in einer Untersuchung häufig mehrere

Moderatorhypothesen gleichzeitig überprüft werden, macht diese Gliederungsform

Redundanzen ebenso unvermeidlich wie Querverweise. Der Leser möge die Ein-

bußen an Lesbarkeit, die dadurch entstehen, nachsehen. Wer sich lediglich einen ra-

schen Überblick über

die Erträge des Moderatorvar iablenansatzes verschaffen

möchte, ohne dabei allzu sehr ins Detail gehen zu müssen, se i auf die Einleitungen

zu Beginn und die Zusammenfassungen am Ende der e inzelnen Unterkapitel und

Abschnitte verwiesen.

2 .

2 . 1

Konsistenzbegriffe in der Psychologie

Bedeutungsvari anten und mathematische Formalisierun gen

Der Konsistenzbegriff hat in der Psychologie verschiedene Bedeutun

gen erfahren.

Davon zeugen die Synonyme , mit denen Konsistenz häufig umschrieben wird: Har-

monie, Stimmigkeit ,

gute Gestalt, Gleichgewicht; Einheitlichkeit, Gleichartigkeit

Kohärenz, Korrelation, Übereinstimmung, Kongru-

,

Standfestigkeit; Fortdauer, Beständigkeit, Stabilität;

Homogenität; Zusammenhang ,

enz, Konkordanz; Konsequenz ,

Parallelität ,

Synchronismus; Regelmäßigkeit, Zuverlässigkeit. Bei aller Mannigfaltig-

gemeinsamen Kern; er

keit besitzen die verschiedenen Bedeutungsvarianten einen

scheint mir am treffendsten als Widerspruchsfreiheit bezeichnet.

Dieser Bedeutungskern der Widerspruchsfreiheit findet sich in den zentralen Aus-

sagen der Gestalttheorie (Köhler ,

und Interpretationskriterium.

Koffka, Wertheimer) wieder, als Wahrnehmungs-

Danach verarbeitet der menschliche Wahrnehmungs-

die ihnen größtmögliche Regelmäßigkeit

apparat Informationen aktiv in einer Weise ,

verleiht. Objektiv sinnlosen Reizkonfigurationen wird durch subjekti

an bekannte Muster Bedeutung gegeben

ve Angleichung

, lückenhafte Reizkonfigurationen werden

zu einer harmonischen Gestalt ergänzt , Widersprüche innerhalb der Reizkonstellation

werden (bis zu einem gewissen Grad) zugunsten einer konsistenten I nterpretation

übersehen (Katz , 19694).

Widerspruchsfreiheit ist auch der wesentliche Bedeutun

,

gsaspekt von Piagets (z.B.

1976) Begriff der Äquilibration

der empirischen Bewährung von Strategien der Er-

g zwischen Wirklichkeit und ihrer

kenntnisgewinnung und der Übereinstimmun

mentalen Repräsentation . Wenn sich Modelle von der Wirklichkeit und Problemlöse-

strukturen in der Auseinandersetzung des Kindes mit seiner Umwelt als unzurei-

chend oder falsch erweisen ,

entsteht ein Ungleichgewicht. Gleichgewicht kann her-

gestellt werden, indem die Realität dem Denken untergeordnet wird (Assimilation) ,

oder indem sich dieepistemische Struktur der Realität beu

gt (Akkommodation).

Unter dem Konzept des strukturellen Transfers ,

einem weiteren Konsistenzbegriff

aus Piagets Theoriesprache , ist die auch in anderen Entwicklungstheorien (z . B . bei

Witkin, Dyk ,

Faterson, Goodenough & Karp, 1962) enthaltene Vorstellung zu verste-

en

verlaufe parallel.

hen, die Entwicklung verschiedener psychischer Funktion

Struktureller Transfer ist die Anwendung einer Denkweise , einer epistemischen

Struktur, auf verschiedene Inhalte

. Beispielsweise beschränken sich konkrete Opera-

von Objekten; sie äußern sich auch

tionen nicht auf die hierarchische Klassifikation

in der richtigen Anwendung sprachlicher Men

genbegriffe wie "einige", "viele", "alle"

, einige Tiere sind Insekten usw.).

auf Objektdefinitionen (alle Tiere sind Lebewesen

In einem gänzlich anderen Sinn ist der Konsistenzbe

griff von Erikson, Gergen und

Morse, Hoelter , Lecky, Rogers, Rubin und Stagner sowie van der Werff verwendet

worden; diese Autoren

meinen mit Konsistenz die Aus gewogenheit verschiedener Teile

der Persönlichkeit oder des Selbst

.

Erikson (z.B. 1959, 1968) hat diese Ausgewogenheit der Persönlichkeit , das seines

Erachtens wichtigste Entwicklungsziel ,

mit Ich-Identität bezeichnet .

Ich-Identität

verlangt eine Synthese der verschiedenen Identifikationen , die im Laufe der Ent-

- 5 -

wicklung (auf

der Suche nach einer Identität) erfolgen. Widersprüche zwischen den

he zwischen aktuell

Relikten dieser Identifikationen müssen ebenso wie Widersprüc

eingenommenen Rol len auf einer höheren Ebene überwunden werden. Ein Mißlin-

gen dieser Integration

diffusion. An der gleichzeitigen Existenz mehrere Identitäten aber mu ß nach

im Jugend- und frühen Erwachsenenalter führt zur Identitäts-

EriksonsÜberzeugungdie gesunde Weiterentwicklung der Persönlichkeit sche itern .

Auf den Begriff

der " Multiple-Selves", mit dem James (1890) die Rollenvielfalt des

menschlichen

eine neuere Konsistenzkonzeption von Hoelter (1985a, b) zurück. Hoelter definiert

Lebens in einer dif ferenzierten Gesellschaft versinnbildlichte, greift

Konsistenz als gemeinsame Funktion (a) der Anzahl und (b) der Verschiedenartigkeit

von Rollen, die jemand

gleichzeitig einnimmt. Bemerkenswert an seinen Ausführun-

son dern im Gegenteil Inkonsistenz fördere

gen ist die Annahme, nicht Konsistenz, psychisches Wohlbefinden und mache

gen. In Anlehnung an Gergen (1971)

wi derstandsfähig gegen psychische Belastun-

wird diese These mit der vielfältigen Selbster-

fahrung, dem reichhaltigen Verhaltensrepertoire und der daraus erwachsenden Fä-

higkeit zur raschen Einstellung auf wechselnde und ungewöhnliche Anforderungen

des Lebens begründet. Ähnliche Überlegungen finden sich in Brandtstädters (1980)

Modell einer optimalen Entwicklung.

Die Annahme eines Zusammenhangs zwischen Selbst-Konsistenz und psychischer

Gesundheit ist wesentlicher Bestandteil auch der Persönlichkeits- und Selbsttheorie

von Rogers (1951, 1961). Er versteht unter Konsistenz d ie Übereinstimmung zwischen

Ideal-Selbst und Real-Selbst oder zwischen Selbstbild und Realität. Das Selbstbild er-

wächst aus Erfahrungen mit der gegenständlichen und sozialen Umwelt. Der psy-

chisch gesunde Mensch integriert diese Erfahrungen

in sein Se lbstbild, welches sich

infolgedessen ständig ändert. Der Entwicklung einer gesunden Persönlichkeit ist es

abträglich, wenn dem Selbstbild widersprechende Erfahrungen

sondern dauerhaft geleugnet werden und deshalb Selbstbild

n icht eingebaut,

und Rea lität zuneh-

mend divergieren.

Rubin und Stagner (1958) verstehen unter Selbst-Konsistenz die Resistenz des

Selbstkonzeptes gegenüber Umweltveränderungen. Als konsistent bezeichnen sie je-

manden, dessen Selbstbeschreibungen über verschiedene Situationen, in die er s ich

vorstellungsmäßig begibt, stabil bleiben. Rubin und Stagner interessieren s ich weni-

ger für die klinisch- und entwicklungspsychologische Relevanz von Se lbst-Konsi-

stenz als vielmehr für ihren Zusammenhang mit der Persönlichkeitseigenschaft Feldabhängigkeit nach Witkin (vgl. Witkin et al., 1962).

Für Gergen und Morse (1967; Morse & Gergen, 1970) ist Selbst-Konsistenz gleich-

bedeutend mit der subjektiv eingeschätzten Vereinbarkeit verschiedener Selbstattribute.

Nach diesem Verständnis ist eine Person um so inkonsistenter, je mehr der für sie

charakteristischen Eigenschaften ihr unvereinbar erscheinen. Gergen und Morse er -

warten einen positiven Zusammenhang zwischen dieser Konsistenz einerseits un d

andererseits (a) psychischem Wohlbefinden, (b) der Veränderbarkeit des Se

lbstkon-

zeptes durch diskrepante Rückmeldungen anderer und (c) der Übereinstimmung

zwischen Selbst- und Fremdbeschreibungen. Sie können alle drei Hypothesen emp i -

risch belegen.

Nicht Widersprüche zwischen, sondern innerhalb von Selbstzuschreibungen the-

äumte

matisiert van der Werff (1967) in seinen Arbeiten zur Selbst-Konsistenz. Er r

seinen Probanden die Möglichkeit ein , sich auf bipolaren Adjektivskalen nicht nur

einen, sondern zwei Werte zuzuweisen . Interessanterweise machten ca. 4/5 seiner

Probanden von diesem Angebot Gebrauch und schätzten sich beis pielsweise als sehr

dominant

und als etwas submissiv ein . Bereich

und Ausmaß solcher Inkonsistenzen

che Vorschläge zu seiner mathematisch-formalen Definition gegenüber. Mittels solcher

Formalisierungen wird versucht, die Bedeutung (umgangs)sprac

hlicher Konsistenz-

begriffezuobjektivieren. Vieleder obenerwähnten Autorenhabensich ume ine sol-

che formale Präzisierung

ihres Konsistenzbegriffsbemüht.

variierten stark interindividuell . Diese Inkonsistenzen, die als solche freilich nur un-

ter der Voraussetzung interpretierbar sind ,

daß die vorgegebenen Adjektivpaare

auf gefaßt werden, mögen

auch von den Probanden als psychologische Antipoden

intraindividuelle Veränderungen (wechselnde Zustände) oder Bereichsunterschiede

widerspiegeln.

Selbst-Konsistenz als Motiv ist das zentrale Konstrukt in Leck ys (1945) Entwurf ei-

. Lecky erachtet Einstellungen und Werte

Menschen. Um

ner allgemeinen Theorie der Persönlichkeit

als besonders wichtige Bestandteile des Selbstverständnisses eines

die Harmonieseiner Wertstruktur nicht zu gefährden ,

meidet er Erfahrungen

, die seine

Werte in Frage stellen , und sucht solche aktiv auf, die sein Selbstverständnis stützen

Hoelter (1985a, b) definiert seinen Konsistenzbegriff beispielsweise als Summealler Distanzen der Rollen von ihrem Zentroid in einem mehrdimensionalen Raum, der

von geeigneten Rollenbesc

hreibungen aufgespannt wird, z.B. von einem semanti-

Differential. Ähnlich operationalisieren Rubin und Stagner (1958) Konsistenz:

schen

als mittlere Profilähnlichkeit (geometr ische Distanz D) der Selbstbeschreibungsvekto-

ren aller möglichen Situationspaare.

Auch Rogers (z.B. 1961) hat Konsistenz formal

definiert: als Korrelation des Real- und Ideal-Selbst einer Person über Q-sortierte

Selbstbeschreibungen (Anwendungen z.B. bei Hanion, Hofstätter &

O ' Connor, 1954;

Hofstätter, 1955). Einen formal ähnlichen Vorschlag hat Block (1961) unterbreitet, um

Rollenkonsistenz als Bestandteil von Ich-Identität nach Erikson zu messen. Gergen
.

Erst wenn diese Strategie der Assimilation versa

gt, wird zur psychisch aufwen-

an die erfahrene Realität

digeren Akkommodation der eigenen Wertvorstellun gen

übergegangen.

Mit seinen Überlegungen befindet sich Lecky an der Nahtstelle zwischen den

Selbsttheorien und den sogenannten kognitiven Konsistenz- , Dissonanz- oder Balance-

Theorien in der Tradition Festingers (1954) und Heiders (1946 , 1958).

In diesen Theorien beziehen sich Konsistenz und Inkonsistenz auf m otivational

bedeutsame Beziehungen zwischen Elementen eines ko gnitiven Feldes. Diese Ele-

mente sind mit Werten versehen (positiv ,

Systemeinheit

negativ; Anziehung, Abstoßung), die zu-

die

Triade

die

kleinste

einander

passen

oder

nicht ,

wobei

(Feldausschnitt) darstellt ,

auf die eine solche Zustandsbeschreibung der Ausgewo-

genheit versus Dissonanz angewendet werden kann. Das motivthematische Kern-

theorem aller Spielarten der Dissonanztheorie besa gt, (a) Dissonanz werde als unan-

genehme Spannung erlebt, die nach Reduktion verlangt, und (b) der Reduktions-

druck sei eine

positive , monotone Funktion der Dissonanzstärke. Diesem Reduk-

tionsdruck kann nachgegeben werden durch

Umstrukturierun g des kognitiven Fel-

g gebracht; vormals ver-

as kognitive Feld

des (vormals unverbundene Elemente werden in Verbindun

bundene Elemente werden entbunden; neue Elemente werden in d

aufgenommen) oder durchUmbewertungeinzelner Elemente .

Besonders anschaulich kommt Widerspruchsfreiheit als Bedeut

t

r

ungskem von

Konsistenz zum Ausdruck im Beg iff

der Transitivität (z. B . Tversky, 1969): Immer

. Gewicht) oder metaphysisch (z.B. Schön-

aarvergleichen bestimmt

wenn die Wer igkeit -sei sie physisch (z . B

heit)- von mehr als zwei Objekten über Präferenzurteile in P

wird, besteht die Möglichkeit intransitiver , d.h. widersprüchlicher oder inkonsisten-

ter Urteile. Werden drei Objekte intransitiv beurteilt ,

spricht man auch von Zirku-

lärtriaden: A>B , B>C, C>A. Konsistent mit den beiden ersten Urteilen wäre A>C

.

und Morse (1967) quantifizieren Konsistenz als Summe der Vereinbarkeitsschätzungen aus allen Paarvergleichen charakteristischer Selbstattri bute.

Die übliche Formalisierung kognitiver Dissonanz in einer Triade ist das algebrai-

sche Produkt aus den Wertigkeiten der Elemente bzw. ihrer Bezie hungen zueinander

(+ für Attraktion, - für Aversion). Nimmt das Produkt einen positiven Wert an (+ x +

x + oder - x - x +), ist Konsistenz gegeben, andernfalls (- x - x - oder - x + x +) Disso- nanz. Dieses Maß läßt sich auch auf größere Ausschnitte aus dem kognitiven Feld

anwenden. Kendalls (1955) Transitivitätsmaß Zeta beispielsweise ist defi niert als 1-

d/dmax, wobei d für die Anzahl tatsächlicher und dmax für die Anzahl möglicher

Zirkulärtriaden in einer Dominanzmatrix steht. Verschiedentlich wurden Abwand-

lungen dieses Maßes durch Gewichtung der Elemente und ihrer Beziehungen vorge-

schlagen (z.B. Lauterbach, 1987). Als formale Definitionen von Konsistenz am geläufigsten sind wohl die verschie-

denen Korre/ lfi'onskoeffizienten. Die Produkt-Moment- oder Maßkorrelation von

f

Bravais (Pearson 1896) gibt die Ähnlichkeit relativer Unterschiede zwischen Merk-

malsträgern hinsichtlich zweier intervallskalierter Merkmale wieder. In der R - Vari- ante (vgl. Cattell, 1946) dieser Korrelation sind Personen die Träger von Mer kmalen

und diese meist psychologische oder demographische Attribute. Der R-Korrelations -

koeffizient sagt nichts über die absolute Konsistenz einer Person aus, sondern cha-

rakterisiert eine Menge von Personen hinsichtlich zweier Variablen relativ zue inan-

der.

In der Differentiellen Psychologie und ihren Verzweigungen scheint der Korrela-

tionskoeffizient zum formalen Inbegriff von Konsistenz geworden zu sein. Gleich-

zeitigüberwiegt hier

alsinhaltlicheAnwendungdesKonsistenzbegriffs die Überein-

stimmung zwischen verschiedenen Manifestationen oder Indikatoren eines Person -

merkmals. Dieses Konsistenzverständnis soll nun weiter ausgeführt werden.

Transitivität ist eine notwendige Eigenschaft

stren ger Ordnungsrelationen, die in der

, 1963) und in Skalierungsmodellen

fundamentalen Meßtheorie (Suppes & Zinnes

(z.B. Guttman, 1944) einewichtigeRollespielen .

Die genannten Beispiele mögen genügen , um von der Vielfalt inhaltlicher Bedeu-

tungen und Anwendungen des Konsistenzbe griffs einen Eindruck zu vermitteln.

Diesen semantischen Varianten des Konsistenzbe griffs stehen nicht weniger zahlrei-

2 . 2 Das Konsistenzpostulat des Eigenschaftsmodells

Wir greifen im Alltag zur Charakte i sierung unserer Mitmenschen und unserer

r

selbst häufig auf Eigenschaftswörter wie ehrgeizig , intelligent, freundlich, kreativ,

ängstlich, launisch , naiv, gewissenhaft usw. zurück (Ajzen, 1987; Graumann , 1960).

Diese wie auch andere psychische Eigenschaften sieht man Menschen jedoch nicht

unmittelbar an. Vielmehr können sie nur aus Verhaltensbeobachtun gen erschlossen

werden, wobei drei Voraussetzungen gegeben sein müssen:

(1) Interindividuelle Varianz: Zwischen verschiedenen Menschen bestehen deutliche

Unterschiede hinsichtlich der Verhaltensweisen ,

die den gewählten Att i buten zuge-

r

Beschreibun g einer Person

ordnet werden. Andernfalls wären diese zur distinktiven ungeeignet.

(2)

Transsituative Verhaltenskonsistenz: Interindividuelle Verhaltensunterschiede

müssen in gleicher oder zumindest ähnlicher Weise über verschiedene Beobach -

tungsgelegenheiten bestehen . Ansonsten bestünde kein Anlaß , die Ursache für Ver-

haltensunterschiede in Unterschieden zwischen Personen zu vermuten . Eine einm a-

genz nicht aus, da

lig gute Leistung einer Person reicht uns zum Beweis ihrer Intelli

die gute Leistung untypisch , also nur ausnahmsweise gelungen sein könnte . Erst wer

sich in verschiedenen Bereichen durch die Fähgikeit zur raschen Auffassun g und Lö-

sung schwieriger Probleme hervortut , gilt als intelligent.

hängt (Epstein, 1977; Herrmann, 1980). Der Eigenschaftsbegriff setzt also keine ab-

solute intraindividuelle Verhaltensgleichheit

über verschiedene Situationen oder

Zeitpunkte voraus, sondern Gleichheit interindividueller Verhaltensunterschiede in ver-

schiedenen

Situationen o der zu verschiedenen Zeiten .

Folglich verlangt eine Prüfung der Konsistenzannahme, daß das Verhalten mehre-

rer Personen in mindestens zwei Situationen oder zu mindestens zwei Zeitpunkten

verglichen wird. Wenn keine Verhaltensuntersc hiede zwischen den Personen festge-

stellt

werden können, oder wenn diese von Beobachtungsgelegenheit zu Beobach-

tungsgelegenheit wechseln, also eine Person x Situation - Interaktion vorliegt, ist die

Konsistenzannahme widerlegt.

Die Konsistenzannahme beschränkt sich nicht nur auf ein bestimmtes Verhalten in

verschiedenen Situationen oder zu verschiedenen Zeitpunkten; sie umfaßt grund-

sätzlich alle mutmaßlichen Indikatoren einer Eigenschaft, also direkte M anifestatio-

nen in beobachtbarem Verhalten ebenso wie Selbst- oder Fremdberic hte über solches

Verhalten, physiologische Maße und auch Selbst- oder Fremdeinschätzungen der

betreffenden Eigenschaft.

2 . 3 Inter- und intraindividuelle Konsistenz

(3) Verhaltensstabilität: Eigenschaften sind per definitionem dauerhaft .

Folglich

Für das Konsistenzkriterium der Gleichheit interindividueller Unterschiede haben

müssen Verhaltensunterschiede zwischen Personen nicht nur über verschiedene

tuationen, sondern auch über die Zeit erhalten bleiben

.

Si- Magnussen und Endler (1977) den Begriff der relativen Konsistenz geprägt. Der ent-

sprechende entwicklungspsychologische Begriff ist die relative Stabilität (Wohlwi ll,

Eigenschaftsbeg i ffe sind also Abstraktionen aus der Beobachtun

r

g konsistenter

Verhaltensunterschiede

. Siegestatten es, andereMenschen und sich selbst sparsamer

. Als Dispositionskonstrukte

als mittels einzelner Verhaltensweisen zu beschreiben

beinhalten sie außerdem die Möglichkeit der Verhaltensvorhersa ge: Wenn Verhaltens-

unterschiede zwischen Menschen zeitlich stabil

sind , kann von vergangenen Ver-

haltenstendenzen auf zukünftige geschlossen werden.

Eigenschaftsbegriffe erfreuen sich nicht nur unter Laien großer Beliebtheit. Sie

werden auch und gerade in der wissenschaftlichen

Psychologie gerne zur Beschrei-

ge künftigen Verhaltens

bung der Persönlichkeit von Menschen und zur Vorhersa

herangezogen (vgl . z.B. Amelang & Bartussek , 19852; Herrmann, 1973; London &

Exner, 1978). Dabei ist der wissenschaftliche Eigenschaftsbegriff

in gleicher Weise

wie der alltagssprachliche an die Voraussetzung konsistenter und überdauernder

Verhaltensunterschiede gebunden .

Zur Überprüfung dieser Voraussetzungen reicht es nicht aus , das Verhalten nur

einer Person in verschiedenen Situationen zu beobachten . Wenn sich ihr Verhalten ,

z . B . ihre Hilfsbereitschaft , von einer Situation zur nächsten ändert ,

mag dies an Un-

terschieden zwischen den Situationen gelegen haben , z.B. daran, daß es in der einen

Situation relativ leicht war , zu helfen, in der anderen wegen kaum zumutbarer Ko-

sten hingegen besonders schwer .

Solche Situationseffekte widersprechen nicht der

Annahme , daß Personen sich in ihrer Hilfsbereitschaft konsistent voneinander unter-

scheiden. Kein emstzunehmender Vertreter desEigenschaftsmodellshatjebestritten,

daß Verhalten neben Merkmalen der Person auch von Merkmalen der Situ

ation ab-

1973). Die Wahl dieses Kriteri ums der Gleichheit individueller Unterschiede begrün-

det sich nicht nur aus der Existenz Konsistenz-irrelevanter Verhaltensursachen, die

außerhalb der Person liegen (Situationen). Er trägt gleichzeitig dem Problem Rech -

nung, daß die meisten Eigenschaftsindikatoren nicht mit absoluten Skalen gemessen

werden können, und daß Meßinstrumente häufig sowohl über die ontogenetisc

he

Entwicklung eines Menschen als auch über die historische Zeit ihre Meßeigenschaf-

ten verändern (Baltes, Reese & Nesselroade, 1977). Deshalb können außer Mittel-

wertsunterschieden zwischen Eigenschaftsmaßen auch Streuungsunterschiede nic ht

im Widerspruch zur Konsistenzannahme stehen, denn solche Steuungsunterschiede

mögen alleine durch die Wahl der Maßeinheit für ein Meßinstrument verursacht

sein .

Die Produkt-Moment-Korrelation ist eine der Konsistenzannahme angemessene

Formalisierung, weil sie invariant gegenüber Mittelwerts- und Streuungsunterschie-

den (positiven linearen Transformationen) ist. Sie gibt nur an, wie ähnlich standardi-

sierte inte i ndividuelle Unterschiede bezüglich zweier

r

oder mehrerer Eigenscha ftsin-

dikatoren sind. Wenn diese Unterschiede exakt gleich sind, also die standardisierten

Meßwertprofile zweier Eigenschaftsindikatoren über die beobachteten Personen per-

fekt parallel verlaufen, erreicht die Korrelation den maximalen Wert von 1. Eine

Wert < 1 bedeutet, daß eine Person x Indikator - Interaktion vorliegt.

Die interindividuelle Prüfung der Konsistenzannahmne basiert auf zwei Voraus-

setzungen, die gemeinsam das Allgemeinpsychologische des Eigenschaftsansatzes

der Differentiellen Psychologie ausmachen (vgl. auch Asendorpf, 1988) und eine nä-

- 10 -

here Betrachtung verdienen: Erstens wird postuliert, daß die untersuchte Eigenschaft

allgemein ist, also für jeden Menschen eine angemessene Beschreibungsmöglichkeit

darstellt. Zweitens wird vorausgesetzt, daß sich die Eigenschaft bei allen Menschen

in gleicher Weise äußert bzw. mittels der gleichen Indikatoren gemessen werden

kann. Beide Voraussetzungen können falsch sein.

für sie persönlich maßgeblichen Attribute des jeweiligen Einstellungsgegenstandes

vorzugeben. In diesem Fa ll läßt sich die Konsistenz zwischen der Wertigkeit der At-

tribute einerseits und der globalen Bewertung des Einstellungsgegenstandes ande -

rerseits nicht mehr interindividue ll ermitteln.

Problematisch ist die relative Konsistenzbestimmung ferner, wenn Merkmale der Person mit Merkmalen der Situation, in der sie beobachtet wird, konfundiert sind

(vgl. Steyer & Schmitt, in Druck a). Dieses Problem besteht in allen Feldstudien (z.B.

in der klassischen Untersuchung von Newcomb, 1929), in denen Situationen nicht

durch den Versuchsleiter vorgegeben, sondern von den Probanden selbst ausge-

wählt werden. In diesem Fall ist zu befürchten, daß Versuchspersonen jene Situatio-

nen auswählen, die ihren Verhaltensbereitschaften entgegenkommen (vgl. Pawlik, 1985; Sherman & Fazio, 1983). Dann aber sind Verhaltensunterschiede zwischen Per-

sonen nicht mehr nur durch Unterschiede in den verhaltenswir ksamen Persönlich-

keitsmerkmalen bedingt, sondern zusätzlich durch Unterschiede in den gleichsinnig

wirksamen Anregungspotentialen der gewählten Situationen. Eine solche Konfun die- rung von Person- mit Situationsunterschieden mag zuweilen aus inhaltlichen Erwägun -

gen sogar erwünscht sein, z.B. wenn Selbsteinschätzungen von Probanden hins icht-

lich der für sie besonders typischen oder subjektiv bedeutsamen Lebensbereiche in-

teressieren (z.B. Montada, Dalbert & Schmitt, 1988a).

Hinfällig wird relative Konsistenz als Kriterium für die Berechtigung eines Eigen-

schaftsbegriffs schließlich in Einzelfalluntersuchungen, wie sie insbesondere in der

klinischen Forschung und Anwendungspraxis häufig angezeigt sind (Huber, 1973; Luborsky 1953), aber auch in der Entwicklungspsychologie gefordert und durchge-

führt werden (Hoyer 1974, Nesselroade & Ford, 1985). In diesem Fall besteht keine

Möglichkeit des interindividuellen Vergleichs, weshalb die Konsistenz verschiedener

mutmaßlicher Eigenschaftsindikatoren gar nicht anders als intraindividuell untersucht

werden kann. Die intraindividuelle Ermittlung von Konsistenz ist aber auch in all je-

Bereits Stern (1911 , 1919) war der Ansicht, daß die nomothetische Korrelationsfor-

schung der Individualität des Menschen nicht gerecht werde , und daß zur umfas-

senden Beschreibung der Persönlichkeit einer Person neben generellen Merkmalen

auch individuelle erforderlich seien . Die Unterscheidung allgemeiner und individuel-

ler Eigenschaften wurde später vor allem von Allport (1937) weiterentwickelt . Ihre

Notwendigkeit wurde sogar von Cattell (1946) anerkannt , dem vielleicht typischsten

und prominentesten Vertreter des allgemeinen Eigenschaftsmodells .

Problematisch ist auch die Annahme , eine bestimmte Eigenschaft manifestiere sich

zeigen

bei verschiedenen Menschen in gleicher Weise . Daß dem nicht so sein muß ,

bereits alltägliche Beobachtungen (Aiston , 1975): Kreativität, die Fähigkeit, Neuarti-

ges in ungewöhnlicher Weise zu schaffen, kann sich beispielsweise in verschieden-

ster Weise äußern. Der eine findet für technische Probleme regelmäßig außerge-

wöhnliche Lösungen , ein zweiter komponiert Musikstücke fernab bekannter Stil-

richtungen, ein dritter schöpft ausgefallene Mode. Dennoch besteht in quantitativer

Hinsicht vielleicht kein Kreativitätsunterschied zwischen diesen drei Personen

.

Die Individualspezißtät von Verhalten hat vor allem in der psychophysiologischen

Aktivationsforschung die Grenzen der interindividuellen Konsistenzdefinition auf-

gezeigt (Fahrenberg, 1986; Förster, 1985; Förster, Schneider & Walschburger, 1983;

Lacey , 1950; Lacey & Lacey, 1958). Gut dokumentiert ist dieses Phänomen aber auch

in anderen

Bereichen , etwa in der Angstforschung (z.B. Endler & Hunt , 1966;

Zuckerman & Meilstrom ,

1977). Wegen der Mehrdeutigkeit der Alltagssprache ist

die interindividuelle Äquivalenz von Eigenschaftsmaßen grundsätzlich immer fra

lich, wenn diese auf Selbstauskünften beruhen (Saris , 1988). Selbsteinschätzungen

des eigenen Verhaltens , wie sie in Persönlichkeits- und Einstellungsfragebögen ver-

langt werden , sind interindividuell unvergleichbar, wenn verschiedene Probanden

die gleiche Formulierung eines Items unterschiedlich verstehen . Dieses Problem

stellt sich auch bei globalen Eigenschaftseinschätzungen . Wenn Worte wie fröhlich ,

gewissenhaft, aufgeregt usw. für verschiedene Personen Unterschiedliches bedeuten,

müssen diese selbst bei Gleicheit ihrer "wirklichen" Fröhlichkeit , Gewissenhaftigkeit,

Aufgeregtheit zu verschiedenen Selbsteinschätzungen gelangen . Schließlich unterlie-

gen auch Antwortskalen, auf denen Probanden einschätzen sollen, wie stark eine be-

stimmte Persönlichkeitseigenschaft , ein Gefühl oder eine Einstellung bei ihnen aus-

geprägt ist, oder wie häufig sie ein bestimmtes Verhalten zeigen, der subjektiven In-

terpretation. Dies gilt nicht nur für die Zahlen , mit denen solche Skalen in der Regel

versehen werden , sondern auch für die sprachlichen Anker , die diesen Zahlen quan-

titative Bedeutung verleihen sollen .

Weiterhin ist das Kriterium der relativen Konsistenz ungeeignet , wenn für ver-

schiedene Personen aus inhaltlichen oder versuchsplanerischen Gründen nicht die

gleichen, sondern nur verschiedene Indikatoren verfügbar sind. Beispielsweise wird

in Untersuchungen zu multiattributiven Einstellungsmodellen (z . B

. Doll, 1987; Feger,

1974; Feger & Dohmen , 1984) den Versuchspersonen die Möglichkeit eingeräumt , die

g

- nen Fällen ratsam, in denen eine interindividuelle Betrachtung wegen der fraglichen

Vergleichbarkeit der Eigenschaftsmaße Artefaktgefahren birgt.

Wie läßt sich Konsistenz oder, um den von Magnussen und Endler (1977) bevor-

zugten Begriff für die intraindividuelle Regelmäßigkeit von Verhalten einzuführen,

Kohärenz intraindividuell bestimmen? Wenn interindividuell vergleichbare Eigen-

schaftsmaße vorliegen, läßt sich Kohärenz als Differenz der z-Werte der verglichenen

Indikatorvariablen darstellen oder als ein Derivat derselben (z.B. Asendorpf, in

Druck). Je kleiner die z-Wert-Differenz, desto größer die individuelle Konsistenz.

Eine perfekte Korrelation von 1 auf Gruppenebene bedeutet, daß jede Person auf

beiden Eigenschaftsmaßen den gleichen z-Wert einnimmt, also die z-Wert-Differen-

zen aller Probanden Null betragen. Perfekte interindividuelle Konsistenz impliziert

somit perfekte Kohärenz jeder einzelnen Person der untersuchten Gruppe und um-

gekehrt. Praktisch ist die interindividuelle Konsistenz verschiedener Eigenschafts-

maße immer kleiner als 1. In diesem Fall kann von der Gruppenkorrelation, die ein

Maß für die durchschnittliche Kohärenz darstellt, nicht auf die Kohärenz einer ein-

zelnen Person geschlossen werden.

Wenn keine interindividuell vergleichbaren und standardisierten Eigenschafts-

maße vorliegen, ist die intraindividuelle Meßwertvarianz kein sinnvolles Konsi-

stenzmaß mehr. Unterschiede zwischen zwei in der gleichen Situation erhobenen

- 12 -

Verhaltensmaßen mögen eine Inkonsistenz der Person bedeuten, aber auch von der

Ungleichheit der beiden Meßskalen herrühren. Ähnlich ist bei intraindividuellen

Verhaltensunterschieden zwischen zwei Situationen nicht klar, ob sie auf einen

additiven und somit Konsistenz-irrelevanten Situationseffekt zurückgehen oder Ausdruck einer der Konsistenzannahme widersprechenden Person x Situation - In-

teraktion sind.

Auch wenn zuweilen etwas anderes behauptet wird (z.B. von Lamiell, 1981), ist

dieses Mehrdeutigkeitsproblem nur lösbar, wenn eine weitere intraindividuelle Va-

rianzquelle eingeführt wird, so daß in Analogie zur interindividuellen Betrachtung eine intraindividuelle Standardisierung vorgenommen werden kann. Mit anderen

Worten: Das einfache Variationsschema muß zu einem Kovariationsscherm erweitert

werden. Beispielsweise könnten mehrere Verhaltensmodalitäten (Selbsteinschät-

zung, Fremdeinschätzung, physiologische Maße etc.) in mehreren Situationen erho-

ben w erden. Kohärenz w äre in diesem Fall definiert als intraindividuelle Korrelation

der Verhaltensmoda1itäten über die Situationen. Eine perfekte Korrelation wäre

gleichbedeutend mit dem Fehlen einer Interaktion zwischen Verhaltensmodalität

und Situation. Konsistenz-irrelevante additive Effekt der Situationen hätten auf die

Höhe der Korrelation ebensowenig einen Einfluß wie Skalenunterschiede zwischen

den Verhaltensmodalitäten.

Kohärenz läßt sich auf diese Weise freilich auch bestimmen, wenn die verwende-

ten Maße interindividuell vergleichbar sind. Man beachte jedoch, daß zwischen der

intraindividuellen Korrelation zweier Verhaltensmaße über verschiedene Situationen

und der interindividuellen Korrelation der gleichen Verhaltensmaße (situationsspe- zifisch oder über die Situationen aggregiert) kein algebraischer Zusammenhang be- steht, zumindest kein unbedingter. Grundsätzlich ist perfekte Kohärenz mit perfek-

ter interindividueller Konsistenz ebenso vereinbar wie mit perfekter interindviduel-

ler Inkonsistenz (r = 0). Diese intuitiv vielleicht überraschende Unabhängigkeit re- sultiert aus der unterschiedlichen Standardisierung der korrelierten Variablen: Von

Unterschieden, auf denen die interindividuelle Korrelation beruht, wird bei der in-

traindividuellen Korrelation abstrahiert (vgl. auch Buse & Pawlik, 1984). Dies kann man sich mittels einfacher Zahlenbeispiele leicht vor Augen führen. Empirische Bei- spiele für die Unabhängigkeit zwischen inter- und intraindividueller Konsistenz fin-

den sich bei Davidson und Morrison (1983), Epstein (1983), Fahrenberg und Förster

(1982), Magnussen und Stattin (1981), Paunonen (1989), Siegmund und Fisch (1983)

oder Süllwold (1989).

Die Übertragung der Produkt-Moment-Korrelation als Konsistenzmaß von der

interindividuellen Betrachtungsweise auf die intraindividuelle ist problematischer , als die bisherigen Ausführungen vermuten lassen. Gegen die intraindividuelle Kor-

relation spricht vor allem ihr Nachteil , nicht definiert zu sein, wenn eines der beiden

Meßwertprofile oder beide keine Varianz haben. Dieser Fall ist bei interindividuellen

Konsistenzanalysen wegen der "natürlichen" Verschiedenartigkeit der Personen , über die korreliert wird, praktisch nie ein Problem. Eine vergleichbare Verschieden- artigkeit der " Meßwerträger", über die bei intraindividuellen Anwendungen korre-

liert wird, ist weitaus weniger sicher. Um nur ein Beispiel zu nennen: Es mag sein ,

daß die Situationen, in denen verschiedene Verhaltensmodalitäten erhoben werden ,

alle gleich schwer sind - mit der Konsequenz , daß die Verhaltensmaße bei konsi-

stenten Personen nicht über die Situationen streuen. Von daher empfiehlt es sich ,

- 13 -

Alternativen zur Korrelation als Kohärenzmaße in Erwägung zu z iehen. Hierzu habe

ich an anderer Stelle Vorschläge unterbreitet (Schmitt, 1989).

3 . Die Konsistenzkontroverse

Der Streit um die Frage, ob menschliches Verhalten konsistent genug sei , um Perso-

nen über die Zuweisung von Eigenschaftsausprägungen distinktiv beschreiben und

ihr künftiges Verhalten ausreichend genau vorhersagen zu können , zieht sich wie ein

roter Faden durch die Geschichte der Differentiellen Psychologie . Wissenschaftsso-

ziologische Gründe sind vermutlich dafür verantwortlich , daß die Konsistenzkon-

troverse weitgehend unabhängig in zwei verschiedenen Theorie- und Fors

reichen geführt wurde: im Bereich der

chungsbe-

Persönlichkeits psychologie im engeren Sinne

ychologischen und soziologischen Einstel-

einerseits und im Bereich der sozialps

lungsforschung andererseits (vgl . Ajzen, 1987; Sherman & Fazio, 1983). Während die

Skepsis gegenüber dem Eigenschaftsmodell innerhalb der Persönli

chkeitspsycholo-

gie durch die Untersuchungen von Hartshome und May (1928) zur Konsistenz von

Unehrlichkeit bei Schulkindern initiiert wurde ,

datieren die Zweifel an der Tauglich-

ge auf die Arbeit von LaPierre

keit von Einstellungsmaßen zur Verhaltensvorhersa

(1934) zurück, der feststellte , daß die Behauptung US-amerikanischer Hoteliers , Chi-

nesen Unterkunft zu gewähren oder zu verwei gern, nicht mit ihrem tatsächlichen Verhalten korrespondierte .

Den massivsten Angriff auf das Konsistenz

postulat des Eigenschaftsmodells un-

y and Assessment. Im Bereich der

ternahm Mischel (1968) mit seinem Buch Personalit

Meinungs- und

(1966) und Wicker (1969) zu

ab, etwas zur Erklärung und hinreichend

Einstellungsforschun g kommt die entsprechende Rolle Deutscher

. Mischel sprach dem Eigenschaftsmodell die Fähigkeit

genauen Vorhersage spezifischen Verhal-

tens beizutragen . Deutscher gelangte in seinem Sammelreferat Worrfs and Deeds zu

dem Schluß , daß zwischen dem objektiven Verhalten von Menschen und ihren sub-

jektiven Verhaltensberichtenhäufignicht der geringsteZusammenhangbesteht . Und

Wicker ermittelte in seiner Metaanal

yse empirischer Untersuchungen zur Prognose

von nicht mehr

von Verhalten aus Einstellungen eine durchschnittliche Korrelation

als .30. Mischel ,

Deutscher und Wicker stellten mit ihren Beiträgen zentrale Grundla-

, Sozialpsychologie) in

gen ihrer Disziplinen (Persönlichkeitspsychologie, Soziologie

Frage. Heftig und kontrovers waren infol

die bis heute andauern

gedessen die Reaktionen auf diese Arbeiten,

.

Der Grund für die Fortdauer der

Konsistenzkontrovers e liegt nach meiner Ein-

, die als Belege für die eine oder andere

schätzung weniger in den empirischen Daten

Position ins Feld geführt werden. Es ist weitgehend unbestritten , daß die meisten Ei-

genschaftsindikatoren auf der Ebene von Einzelitems nicht höher als . 30 miteinander

korrelieren. Zwar werden immer wieder Ausnahmen

von dieser Regel publiziert

(z.B. Fazio & Williams , 1986; Lippa, 1978; Schwartz & Howard , 1980; Wallach &

Leggett ,

1972), die überwiegende Mengeempirischer Befundestützt siejedoch , auch

, in Druck, Green , 1978), den Mischel (1968) von seiner

im Intelligenzbereich (Epstein

Kritik am Eigenschaftsansatz ausgenommen hatte . Kontrovers sind nicht die Daten ,

sondern deren Interpretation bzw.

terpretations". Bestes

die Aussagekraft

, die ihnen im Hinblick auf die

gemessen wird. Mischel

yield unstable in-

Gültigkeit und Nützlichkeit des Eigenschaftsmodells bei

(1983) spricht in diesem Zusammenhang treffend von "stabledata that

Anschauungsmaterial für das S pannungsfeld zwischen Daten-

gen bietet eine Arbeit von Epstein und

basis und theoretischen Schlußfolgerun

O ' Brien (1985) , die Datensätze aus fünf bekannten und häufig zum Beleg von Ver-

- 15 -

haltensmkonsistenz zitierten Untersuc hungen (Allport & Vemon, 1933; Dudycha,

1936; Hartshome & May,

1928; Misc hel & Peake, 1982; Newcomb, 1929) reanalysier-

interpretierten: zugunsten der Gültigkeit des Eigen-

ten und genau gegenteilig

schaftsmo

dells. Weshalb sind solch diametral entgegengesetzte Schlußfolgerungen

aus den g

leichen Daten möglich? Weil die Kritiker des Eigenschaftsmodells die Vor-

Verhaltensweisen aus ei-

hersagbarkeit singulärer, zeit- und situationsspezifischer

nem Eigensc

genschaftsmode

vant

haftsmaß für den einschlägigen Prüfstein halten, die Verfechter des Ei-

lls hingegen dieses Kriterium aus verschiedenen Gründen als irrele-

zurückweisen: Sie argumentieren, erstens seien Eigenschaften per definitionem

generelle

und nic ht spezifische Verhaltensdispositionen, zweitens hänge Verhalten

ab und drittens seien singuläre Ver-

meist von mehreren Dispositionen gleichzeitig

haltensmaße in der Regel hochgradig unzuverlässig. Auf diese Argumente wer den

wir später zurückkommen. Die Geschichte der Konsistenzkontroverse soll hier nicht im Detail nachgezeichnet

werden. Dies haben andere Autoren bereits geleistet (Endler, 1982; Ekehammar,

& O ' Brien, 1985). Verzichtet werden kann auch auf eine Bestandsauf-

1974; Epstein

nahme der

empirischen Befunde, um deren theoretischen und anwendungsprakti-

zur Genüge gute Reviews hierzu vor (zu

schen Stellenwert gestritten wird. Es liegen

transsituativer und temporaler Verhaltenskonsistenz etwa: Ajzen, 1987; Conley, 1984;

Epstein & O'Brien, 1985; Kleiter, 1987; Mischel, 1968; Olweus, 1980; zur Konsistenz

von Eigenschaftszuschreibungen vor allem

Kenrick & Funder, 1988; zur Einstel-

lungs-Verhaltens-Konsistenz insbesondere: Ajzen, 1987; Ajzen & Fishbein, 1977;

Benninghaus, 1976; Calder & Ross, 1973; Deutscher, 1966; Festinger, 1965; Fishbein &

Ajzen, 1972; McGuire, 1969; Schuman &Johnson, 1976; Wicker, 1969).

Ohne Zweifel war die Konsistenzkontroverse in verschiedener Hinsicht lehrreich

(Kenrick & Funder, 1988), wenngleich man Epstein (z.B. in Druck) und Paunonen

(1984) zustimmen muß, daß sich so mancher theoretische und vor allem empirische

Beitrag erübrigt hätte, wenn sich diejeweiligen Autoren zuvor auf psychometrisches Grundlagenwissen besonnen oder mit diesem vertraut gemacht hätten. Auch wenn

es wie eine Selbstverständlichkeit anmuten mag: Eine

wichtige Lehre der Konsi-

stenzkontroverse besteht in der Erkenntnis, daß sie solange kein Ende nehmen wird,

wie sich die Opponenten nicht auf gemeinsame Beurteilungskriter ien verständigen

können oder wollen. (Dies dürfte für alle Kontroversen gelten.) Auch heute noch

halten sich die Verfechter und Kritiker des Eigenschaftsmodells Konsistenzkoeffizi-

enten entgegen, die nicht oder nur bedingt vergleichbar

zieht sich dabei auf all jene Einflußfaktoren, die die

sin d . Vergleichbarkeit be-

Höhe von Konsistenzkoeffizien-

ten mitbestimmen. Diese Faktoren sollen nun näher betrachtet werden. Viele, wenn

und te ilweise empirisch

nicht gar alle der in der Literatur inhaltlich begründeten

nachgewiesenen Bedingungen von Konsistenz und Inkonsistenz (z.

B . Amelang &

Borkenau, 1986; Amelang, Kobelt & Frasch, 1985; Benninghaus, 1976; Calder & Ross,

1973; Chein, 1949; Davidson & Jaccard, 1979; Diener & Larsen, 1984; Emmons & Diener, 1986; Fazio & Zanna, 1981; Kahle, Klingel & Kulka, 1981; Kraak &

Lindenlaub, 1973; Markard, 1984; McGuire, 1969; Monson, Hesley & Chernick, 1982;

Mummendey, 1983; Schmidt, Brunner & Schmidt-Mummendey, 1975; Schuman &

Johnson, 1976; Six, 1980; Triandis, 1980; Wicker, 1969) lassen sich in diese Faktoren

formal überführen (vgl. auch Alwin, 1973; Liska, 1974a, 1984; Paunonen, 1984;

Schmitt & Steyer, in Druck; Steyer & Schmitt, in Druck a, b).

- 16 -

Es sei vorweggeschickt, daß die in den kommenden Unterkapiteln beschriebenen

Einflüsse auf Konsistenz sich nicht alle scharf voneinander trennen lassen. Sie über-

schneiden sich vielmehr und können teilweise als verschiedene Darstellungen des

gleichen Sachverhalts aufgefaßt werden. Die Redundanz in der gewählten Differen-

zierung ergibt sich aus der Wahl einer möglichst anschaulichen statt einer strikt for- malen Abhandlung. Ich verbinde mit der Entscheidung für diese Darstellungsweise

die Hoffnung, daß sie der Verständlichkeit der jeweiligen Argumentation keinen

Abbruch tut , sondern diese im Gegenteil erhöht.

3 . 1

Reliabilität

Anders als den exakten Naturwissenschaften ist es der Psychologie in den meisten

Bereichen bis heute versagt geblieben , ihre Gegenstände fehlerfrei zu messen. Unter

der

Voraussetzung ,

die

etwa

in

der

Klassischen

Testtheorie getroffen

wird

(Gulliksen,

1950; Lord & Novick , 1968), daß Meßfehler zufällige Erscheinungen sind,

diesowohl vom wahren Wert als von anderen Meßfehlern unabhängig sind , läßt sich

die Genauigkeit einer Messung erhöhen , indem man sie mehrfach wiederholt. Zufäl-

lige Meßfehler sollten sich mit der Zahl von Meßwiederholungen zunehmend aus-

mitteln.

Epstein moniert , daß dieses Prinzip der Fehlerbereinigung bei der Prüfung der

Konsistenzhypothese meistens mißachtet wurde. In einer Serie von Arbeiten (1977 ,

1979 , 1980, 1983, 1984, 1986, in Druck; Epstein & O'Brien, 1985) hat er die Ansicht

vertreten, die Analyse punktuellen , einmaligen Verhaltens sei unfair, weil dessen Feh-

lerbehaftetheit eine Unterschätzung der wahren Konsistenz verursache. Folglich

müsse die Konsistenzannahme auf der Basis aggregierten Verhaltens geprüft werden . Je nach Möglichkeit der Verhaltensmessung und Fragestellung könne über Zeit-

punkte, Situationen oder Verhaltensmodi aggregiert werden. Inzwischen gibt es

zahlreiche Originaluntersuchungen (z . B . Buse & Pawlik, 1984; Cheek, 1982; Diener &

Larsen , 1984; Herringer, 1987; Schmitt, Dalbert & Montada, 1985; Schweizer, 1986;

Wittmann & Schmidt ,

1983; Woodruffe, 1984) und Reanalysen alter Datensätze (z.B.

Burton ,

1963; Conley, 1984; Epstein & O'Brien, 1985; Rushton, Brainerd & Pressley ,

1983) , die Epsteins Position zu stützen scheinen.

Schon Hartshorne und May (1928 , S. 135) waren sich, obgleich sie die Ergebnisse

ihrer Untersuchungen zugunsten einer situationistischen Verhaltenserklärung wer-

Problems der Zuverlässigkeit ihrer Ehrlichkeitstests , die durchschnittlich

teten, des

nur zu .23 korrelierten , bewußt:

" In general and test for test, we are able to measure deception almost as consistently and

f i-

with almost as littleerror as weareable to measure intelligence . Just as one test is an insu

f

cient and unreliable measure in the case of intelligence , so one test of deception is quite inca-

pable of measuring a subject's tendency to deceive. That is, we cannot predict from what a pupil does on one test what he will do on another. If we use ten tests of classroom deception,

however, wecan safely predict what a subject will do on theaveragewhenever ten similar si-

tuations arepresented .

"

- 17 -

Mischel (z.B. 1983) hält Epstein entgegen, die Aggregierung von Verhaltensmaßen

über Situationen verschleiere das Inkonsistenzproblem statt es zu lösen. Residualva-

rianz sei niemals nur durch Meßfehler verursacht, sondern meistens auch durch sy-

stematische und psychologisch aufschlußreiche Person x Situation - Interaktionen. Des-

halb dürfe man Residualvarianz nicht durch Aggregierung beseitigen, sondern

müsse sich um ihre Erklärung bemühen. Für Mischel (z.B. 1973, 1977a,

19 79, 1984a)

ist dies nur außerhalb des klassischen Trait-Ansatzes möglich. Ähnlich wie Aiston

(1975) plädiert er für eine kognitionspsychologische Rekonzeptualisierung von Per-

sönlichkeit, die der subjektiven Wahrnehmung und Interpretation von Situationen durch die Person, personspezifischen Ziel-Mittel-Verknüpfungen, Folgeerwartun-

gen, Folgebewertungen und generell der dynamischen wechselseitigen Beeinflus-

sung von Person und Umwelt besser gerecht werden könne als die statische Eigen-

schaftskonzeption.

Mischel ist ferner der Auffassung, daß auch fehlerarm gemessenes Verhalten

transsituativ inkonsistent sei. Er beruft sich dabei vor allem auf die Untersuchung

von Mischel und Peake (1982), in der gewissenhaftes Verhalten auch dann transsi-

tuativ gering korrelierte (im Schnitt zu .28), wenn es über wiederholte Messungen in der gleichen Situation aggregiert wurde. Hiergegen wenden Epstein und O'Brien

(1985) ein, daß der entsprechende minderungskorrigierte, d.h. um Unzuverlässig-

keiten, die trotz Mehrfachmessung immer noch bestehen, bereinigte Koeffizient mit . 53 aber annähernd doppelt so hoch sei und damit eher für als gegen die Konsistenz-

annahme spreche (vgl. auch Cook & Matt, 1987; Houts, Cook & Shadish, 1986).

Wie jede Methode kann Aggregation nicht per se als sinnvoll und nützlich beur-

teilt werden, sondern nur vor dem Hintergrund spezifischer theoretischer Hypothe- sen und konkreter Untersuchungssituationen (Asendorpf, 1988; Diener & Larsen, 1984; Ozer, 1986; Schwenkmezger, 1984; Wittmann, 1987). Aggregieren bedeutet im-

mer abstrahieren, und jede Abstraktion birgt die Gefahr, daß interessante und

fruchtbare Differenzierungsmöglichkeiten übersehen werden (Cook & Matt, 1987;

Montada, 1978). Darauf hat Epstein (z.B. 1986, in Druck) übrigens selbst wiederholt

hingewiesen. Ob eine bestimmte Form der Aggregation einer spezifischen Frage-

stellung und einer konkreten Untersuchungssituation angemessen ist und zu wel-

chem Zweck, das läßt sich erst im Rahmen eines testtheoretischen Modells untersu-

chen, in dem Annahmen über die Ursachen der einzelnen Verhaltensitems explizit

gemacht werden.

Epstein und andere (vor allem Paunonen, 1984) berufen sich in ihren Forderungen

nach Aggregation auf die Klassische Testtheorie und die Spearman-Brown-Formel für die Reliabilität verlängerter Tests. Implizit nehmen sie damit an, daß eine Unter- scheidung zwischen Meßfehler und situativer Spezifität verzichtbar sei. Außerdem

setzen sie die Unabhängigkeit der Fehlervariablen voraus. Die Messung von Eigen-

schaftsindikatoren erfolgt jedoch nie in einem situativen Vakuum. Eigenschaftsmaße

unterliegen nicht nur dem systematischen Einfluß der Person, sondern auch der Si-

tuation, in der sie erhoben werden. Nun unterscheiden sich aber die subjektiven Si- tuationen, in denen solche Messungen stattfinden, in der Regel interindividuell, selbst wenn die objektiven Situationen standardisiert sind. Personen und (subjektive)

Situationen sind folglich immer konfundiert. Dies kann dazu führen, daß mutmaßli- che Eigenschaftsindikatoren teilweise deshalb korrelieren, weil sie in der gleichen

subjektiven Situation gemessen wurden. Zustandsmaße etwa weisen eine hohe in-

- 18 -

tem e Konsistenz auf , aber nur eine geringe Stabilität über die Zeit. Es wäre ein Feh-

ler, alleine aus der hohen internen Konsistenz von Zustandsindikatoren die Existenz

einer Eigenschaft zu folgern. Um systematische Effekte der Situation und uns yste-

matische Fehler voneinander trennen zu können ,

bedarf es eines geeigneten psy-

chometrischen Modells. Ein solches wurde von Steyer (1987 , 1988) entwickelt und

von

Steyer und Schmitt (in Druck a ,

vgl. auch Schmitt & Steyer, in Druck) angewen-

auf Reliabilität , personale Konsistenz und si-

det, um die Effekte von Aggregation

tuative Spezifität zu

untersuchen . Erste Anwendungen dieses Konsistenz-Spezifitäts-

Modells auf empirische Daten lassen die Notwendigkeit der Unterscheidun g von

Meßfehlem und systematischen Einflüssen der Situation ,

in der eine Messung er-

folgt, erkennen: Nicht nur Maße für Zustandsangst, sondern auch Indikatoren für

Eigenschaftsangst unterliegen dem systematischen Einfluß der zu einer Meß gelegen-

heit subjektiv realisierten Situation (Steyer ,

Steyer & Schwenkmezger , 1988; Steyer, Majcen, Schwenkmezger & Buchner, 1989).

Schwenkmezger & Auer, 1990; Majcen,

Das gleiche gilt für die Einstellung gegenüber Gastarbeitern (Steyer & Schmitt, in

Druck b).

3 . 2 Schwierigkeit und Vert eilungsform

Guttman-skalierte Tests sind vollständig intern konsistent . Trotzdem korrelieren ihre

Items nie zu 1. Ordnet man die Items ihrer Schwierigkeit nach , bildet ihre Korrela-

tionsmatrix einen Simplex ,

d.h. die Höhe der Korrelationen in den Nebendiagonalen

nimmt monoton mit der Entfernung zur Hauptdiagonalen ab . Der Grund hierfür ist ,

daß Variablen mit unterschiedlichen Verteilungsformen ,

d.h. mit Verteilungen

,

die

nicht durch lineare Transformation ineinander überführbar sind , auch dann nicht

perfekt korrelieren, wenn der Zusammenhang maximal ist. Die mögliche Höhe der

Korrelation hängt davon ab ,

wie unterschiedlich die Verteilungsformen sind (vgl .

gswahr-

Schwierigkeitsunterschied zwischen zwei

Carroll, 1961). Bei binären Items ist die Verteilungsform durch die Lösun

scheinlichkeit

definiert .

Je größer

der

Items , desto geringer ihre maximal möglichepositiveKorrelation.

Campbell (1963) behauptet ,

viele Inkonsistenzen zwischen verbal geäußerten Ein-

stellungen und offenem Verhalten seien in Wahrheit Pseudoinkonsistenzen , die auf

Schwieri gkeitsunterschiede zurückgingen . Als Beispiel wählt er die klassischen Un-

tersuchung von LaPierre (1934): Die schriftliche Behauptung ,

Chinesen im eigenen

Hotel keine Unterkunft zu gewähren , sei vergleichsweise leicht , ihr in einer realen

Situation verhaltensmäßig zu entsprechen ,

hingegen schwer. Dennoch mögen beide

sein . Als Inkonsistenzen dürfen

Verhaltensweisen Indikatoren derselben Einstellung

nach dieser Argumentation nur solche Verhaltenskombinationen gewertet werden,

die dem allgmeinen Schwierigkeitsunterschied widersprechen ,

z.B. die Ablehnung ei-

nes allgemein leichten verbalen Items bei gleichzeitiger Lösun g einer allgemein

schweren Verhaltensaufgabe .

In LaPierres Untersuchung gab es nicht eine einzige

solche Person x Item-lnteraktion , und auch in anderen Untersuchungen , die häufig

gegen die Konsistenzannahme ins Feld geführt werden, wurden solche Interaktionen

selten beobachtet (Raden , 1977).

- 19 -

Freiüch gilt Campbeils Argument auch für transsituative Verhaltenskonsistenz.

Die Konsistenzannahme kann nur in gleich schweren Situat ionen fair geprüft wer-

den. Welche Fehlschlüsse andernfalls drohen, läßt sich am Beispiel der Untersu -

chung

tion

von Ne lsen, Grinder und Mutterer (1969) zeigen, einer modifizierten Replika-

der bekannten Untersuchung von Hartshorne und May (1928). Ebenso wie

Hartshorne und May fanden Nelsen et al. eine ausgeprägte Situationsspezifität der

mittleren Täuschungsneigung, d.h. große allgemeine Schwierigkeitsunterschiede

zwischen verschiedenen Ehrlichkeitstests. In einem Test betrogen beispielsweise 91

von 106 Schülern, in einem anderen jedoch nur 25 von 106. Nach eigener Berechnung

beträgt die maximal mögliche Korrelation zwischen zwei so unterschiedlich verteil-

ten Variablen lediglich phirnax=.23, so daß eine empirische Korrela

ion in der Grö-

t

ßenordnung von .20 nicht als Inkonsistenz, sondern im Gegenteil als außerordentlich

hohe Konsistenz zu werten ist. Denn es gibt nur wenige Probanden, die sich entge-

gen der allgemeinen Schwierigkeitsrangre

ihe verhalten und dadurch Person x Test-

Interaktionen erzeugen. Im Gegensatz zu vielen anderen Autoren sind sich Nelsen et

al. dieses Minderungsproblems bewußt und interpretieren die teilweise sehr niedri-

gen Korrelationen zwischen ihren Ehrlichkeitstests zurecht n icht gegen die Konsi-

stenzannahme.

Wie gesagt waren auch in der Untersuchung von Hartshorne und May (1928) die

Ehrlichkeitstests teilweise sehr unterschiedlich schwierig. Bei angemessener Minde-

rungskorrektur stünden die dort ermittelten Konsistenzkoeffizienten deutlich gün-

stiger für die Konsistenzannahme, als Hartsho ne und May

selbst sow ie andere Au-

r

toren, die sich auf ihre Daten berufen, schließen.

3 . 3 Eingeschränkte Varianz

In seiner kritischen Übersicht über gebräuchliche Verfahren der Meinungsbefragung

und Methoden der empirischen Einstellungsforschung beklagte McNemar bereits

1946, daß "the study of attitudes hos beert so limited by the campus-bound inertia of resear-

chers that generalizations have tended to hold only for College students, rather than for man

in general" (S. 367). In bezug auf Konsistenz besteht das Generalisierbarkeitsproblem

darin, daß eingeschränkte Verhaltensvarianz in einer Stichprobe zur Unterschätzung

der relativen Verhaltenskonsistenz in der Population führt. Es ist anzunehmen, daß

viele Untersuchungen zur Konsistenzfrage von diesem Minderungsproblem betrof-

fen sind.

Erstens werden solche Untersuchungen nach wie vor an bequem rekrutierbaren,

bezüglich der fraglichen Eigenschaftsindikatoren vermutlich aber unrepräsentativ

homogenen Stichproben durchgeführt. Chaplin und Goldberg (1984) beispielsweise

untersuchten Ordentlichkeit der Kleidung als einen von mehreren Gewissenhaftig-

keitsindikatoren. Daß diese Variable so gering mit anderen Gewissenhaftigkeitsma- ßen korrelierte, könnte an ihrer eingeschränkten Varianz bei College-Studenten gele-

gen haben.

Zweitens kann nicht ausgeschlossen werden, daß in Untersuchungen mittels re-

aktiver Meßverfahren die interessierende Eigenschaft selbst als Selektionsvariable

wirkt und dadurch eingeschränkte Varianzen hingenommen werden müssen (vgl.

- 20 -

Kalveram, 1970). Dies ist vermutlich besonders häufiges in Einstellungsuntersu- chungen ein Problem. In Untersuchungen unserer Arbeitsgruppe waren beispiels-

weise potentielle Probanden aus Kriteriumsgruppen mit mutmaßlich extrem negati-

ven Einstellungen gegenüber benachteiligten Menschen (z.B. Türkischen Gastarbei-

tern) äußerst selten zur Teilnahme an einer Befragung bereit (Reichle , 1983).

Umgekehrt wird die Konsistenzhypothese übervorteilt ,

wenn

eine

Untersu-

chungs- oder Analysestichprobe gezielt heterogen bezüglich des interessierenden Per-

sonmerkmals zusammengestellt wird , oder wenn sie zufällig viel stärker in diesem Merkmal variiert als die Population , über die eine Aussage gemacht werden soll. Ein

gutes Beispiel hierfür ist die häufig zum Beleg für hohe Einstellungs-Verhaltens-

Konsistenz zitierte Untersuchung von DeFleur und Westie (1958) . Die hohe Konsi-

stenz zwischen Einstellung und Verhalten erklärt sich zumindest teilweise aus der

Zusammensetzung der Analysestichprobe: Nur das obere und untere Einstellungs-

quartil der Untersuchungsstichprobe wurden berücksichtigt.

3 . 4 Multideterminiertheit und Prototypikalität

Die meisten oder vielleicht sogar alle Verhaltensweisen haben nicht nur eine Ursa-

che, sondern sind multideterminiert . Bereits Thurstone (1931) meinte , aus diesem

Grunde könne man keine sehr hohe und schon gar keine perfekte Konsistenz zwi-

schen einer Einstellung und einem Verhalten erwarten . Aus dem gleichen Grund

wird die Höhe einer manifesten Konsistenz zuweilen nicht als sinnvolles Kriterium

zur Beurteilung des Eigenschaftsansatzes akzeptiert (z . B . Ahadi & Diener, 1989;

Aiston, 1975; Chein , 1949; Irle, 1975; Schmidt et al., 1975; Stapf, 1982).

Das Problem läßt sich mit einem Beispiel von Ehrlich (1969) verdeutlichen: Ange-

n o m m en , zwei Personen A und B erzielen in einem Fragebogen , der die Einstellung gegenüber Schwarzen messen soll, den gleichen Summenwert. In einer Testsituation

verhält sich Person A ablehnend gegenüber einer bestimmten Vertreterin des Ein-

stellungsobjektes , einer schwarzen Ärztin, Person B hingegen gibt sich freundlich

und zugeneigt. Damit ist das Kriterium relativer Konsistenz verletzt . Der Grund für

diese Inkonsistenz mag darin liegen , daß die schwarze Ärztin neben ihrer Hautfarbe

noch weitere einstellungs- und somit verhaltensrelevante Attribute besitzt: sie ist

auch Frau und auch Ärztin

. Wenn die verglichenen Personen (a) unterschiedliche

Einstellungen gegenüber Ärzten oder gegenüber Frauen haben , (b) das Verhalten

eine additive Funktion der drei Einstellungen (gegenüber Schwarzen , gegenüber

Ärzten, gegenüber Frauen) ist

, (c) diese zumindest teilweise unabhängig voneinan-

der sind und (d) sich die Einstellungen gegenüber Frauen und gegenüber Ärzten nicht exakt kompensieren , resultiert diebeobachtete Inkonsistenz zwangsläufig.

Formal lassen sich das Phänomen der Multideterminiertheit und seine Fol

gen für

die Konsistenz von Eigenschaftsindikatoren im Rahmen eines mehrfaktoriellen

Meßmodells abhandeln: Die Konsistenz zweier manifester Variablen er gibt sich (a)

aus dem Grad ihrer Abhängigkeit von den Personeigenschaften (Faktorladun gen)

und (b) deren Korrelationen untereinander (vgl . auch Tellegen, 1988).

- 21 -

Im Hinblick auf die Konsistenzkontroverse bzw. die Nützlichkeit des Eigen-

schaftsmodells ergeben sich aus der Multideterminiertheit von Verhalten zwei wich-

tige Konsequenzen: Erstens lassen sich Verhaltensprognosen verbessern, wenn man

statt nur einer Eigenschaft mehrere als Verhaltensprädiktoren heranzieht (z.B. Argyle & Little, 1972; Fishbein & Ajzen, 1975; Schwartz & Tessler, 1972; Wicker, 1971).

Cattell (1946) hat dies schon vor über 40 Jahren vorgeschlagen.

Zweitens folgt aus der Multideterminiertheit, daß ein bestimmtes Verhalten für

mehr als nur eine Eigenschaft Indikativ ist (Borkenau, 1986), jedoch nicht für jede

dieser verschiedenen Eigenschaften ein gleich gutes Maß darstellt. Manche Verhal- tensweisen sind besonders typische Indikatoren einer Eigenschaft, andere nicht. So-

mit ergeben sich je nach Prototypikalitätsgrad der ausgewählten Indikatoren Daten,

die die Konsistenzannahme in unterschiedlichem Maße stützen oder in Frage stellen.

3 . 5 Korrespondenz

Im Zusammenhang mit dem Problem der Konsistenz von Einstellungen und Ver- halten ist immer wieder darauf hingewiesen worden, daß die Vorhersagbarkeit von Verhalten aus Einstellungsmaßen unter sonst gleichen Bedingungen am höchsten ist,

wenn Einstellung und Verhalten sich auf das gleiche Objekt beziehen (z.B. Ajzen &

Fishbein, 1977; Kraak & Lindenlaub, 1973). Schon Hyman (1949, S. 40) merkte in die-

sem Zusammenhang an, daß " if our aim is to predict a given Und of behavior in a given

social setting, we should design our tests so that they incorporate thefundamental aspects of

thesetting into the test". Will man beispielsweise den Alkoholkonsum möglichst genau

aus Einstellungen vorhersagen, sollte man nicht die Einstellung gegenüber Drogen

allgemein, sondern die spezifische Einstellung gegenüber Alkohol heranziehen.

Wenn noch spezifischer die Vorhersage des Alkohlkonsums in einer bestimmten Si-

tuation interessiert, z.B. während der Arbeitszeit, müßte auch das Einstellungsmaß

entsprechend spezifiziert werden. Angewandt auf Ehrlichs (1969) Beispiel zur Mul-

tideterminiertheit von Verhalten ließe sich erwarten, daß zur Vorhersage des Ver-

haltens gegenüber einer schwarzen Ärztin die Einstellung gegenüber Schwarzen

weniger gut geeignet ist als dieEinstellunggegenüber schwarzen Ärztinnen.

Für den Einfluß von Korrespondenz auf Konsistenz lassen sich auch im Bereich

von Persönlichkeits- und Leistungseigenschaften genügend Beispiele finden. In der

Angstforschung etwa hat es sich vielfach als nützlich erwiesen, zwischen verschie-

denen Auslösebedingungen zu differenzieren (z.B. Becker, 1980; Becker, Schneider &

Schumann, 1975; Zuckerman, 1976). Innerhalb einer Klasse von bedrohlichen Situa-

tionen, z.B. Prüfungssituationen, kann mit höheren transsituativen Verhaltenskonsi-

stenzen gerechnet werden als zwischen zwei verschiedenen Situationsklassen: Ver- schiedene Maße für Prüfungsangst korrelieren beispielsweise höher untereinander als jedes dieser Maße mit einem Indikator für Flugangst.

Das Phänomen der Bereichsspezifität von Verhaltensdispositionen läßt sich

ebenso wie das Phänomen der Multideterminiertheit in die Form eines mehrfaktori-

ellen Meßmodells bringen. Um beim Beispiel Angst zu bleiben: Es gibt verschiedene Situationen, die potentiell die gleiche Reaktion, z.B. Flucht oder Vermeidung oder

Herzklopfen bewirken, also potentiell angstauslösend sind. Solche Bedrohungssitua-

- 22 -

i -

tionen lassen sich nach ihrer funktionalen Ähnlichkeit zu Klassen zusammenfassen

stimmten Situation zu verhalten hat (Barker, 1968; Price & Bouffard, 1974). Solche
.

Dabei ist funktionale Ähnlichkeit definiert als Höhe der relativen Konsistenz der

Angstreaktion. Die Dispositionen , auf Situationen der gleichen Klasse mit Angst zu

reagieren, erscheinen innerhalb des Meßmodells als bereichsspezißsche Faktoren und

werden als spezi i sche Eigenschaften interpretiert. Diese spezifischen Eigenschaften

f

korrelieren untereinander positiv . Folglich gibt es neben der spezifischen Verhal-

tensbereitschaft auch eine unspezifi sche, und deshalb ist die Annahme einer allgemei- nen, breit generalisierten Eigenschaft gerechtfertigt . Diese läßt sich innerhalb des

faktoriellen Meßmodells als Faktor zweiter Ordnung darstellen .

Settings können als mächtig bezeichnet werden, weil sie nur geringe interindividuelle

Verhaltensunterschiede zulassen. Andere Situationen hingegen sind offen. Sie bieten Freiraum für individuelle Verhaltensgestaltung. Einstellungen und Persönlichkeits-

merkmale können uneingeschränkt verhaltenswirksam werden und gro ße interindi-

viduelle Verhaltensunterschiede erzeugen.

Ein Spezialfall mächtiger Situationen sind schwere Situationen im psychometri-

schen Sinne (vgl. Unterkapitel 3.2). Hier unterliegt die Verteilung des beobac htbaren

Verhaltens einem Decken- oder Bodeneffekt. Das Verhalten von Autofahrern an Ver-

3 . 6 Spezifität und Globalität

Vor allem von Fishbein und Ajzen (1974) , aber auch von anderen Autoren (z.B.

Gifford, 1982; Jaccard , 1974; Katz, 1982; Liska, 1974b; McGowan & Gormly, 1976;

Weigel & Newman , 1976; Wittmann, 1987; Wittmann & Schmidt, 1983) wurde vorge-

bracht, die meisten Fehlschläge beim Versuch , Verhaltenskriterien aus Einstellungen

oder anderen Persönlichkeitsmerkmalen vorherzusagen , seien auf den unterschiedli-

chen Spezifitätsgrad von Prädiktor und Kriterium zurückzuführen . Während als

Prädiktoren meistens Maße globaler Konstrukte verwendet würden , sei das vorher-

zusagende Verhalten oft zeit- , bereichs- oder situationsspeziyisc/z. Konsistenz könne

nur in dem Maße erwartet werden , in dem Prädiktor und Kriterium gleich global

oder gleich spezifisch gemessen würden . Epstein (z.B. 1986) rät aus diesem Grunde

Kriteriumsglobalisierung, wäh-

zur Aggregation spezifischer Verhaltensmaße , also zur

rend andere (explizit z.B. McNemar , 1946; Zuckerman, 1976; implizit z.B. Heberlein

& Black, 1976; Jaccard , King & Pomazal, 1977) die Spezifizierung von Eigenschafts-

konstrukten und die Entwicklung bereichsspezifischer Merkmalsmaße vorschlagen ,

also eine Prädiktorspezifi zierung.

Bei näherem Hinsehen erweisen sich dieses Argument und das zuvor behandelte

Korrespondenzargument als zwei Seiten der gleichen Medaille: Die formale Dar-

stellung des Korrespondenzarguments innerhalb eines Meßmodells mit mehreren

Faktoren erster Ordnung und einem Faktor zweiter Ordnung impliziert , daß sich

spezifisches Verhalten besser aus einem Maß für die entsprechende spezifische Ei- genschaft (Faktor erster Ordnung) vorhersagen läßt als aus einem Maß für die allge-

meine Eigenschaft (Faktor zweiter Ordnung) . Umgekehrt läßt sich auf ein allgemei- nes Eigenschaftsmaß von einem parallelen , ebenso allgemeinen Maß genauer schlie-

ßen als von einem spezifischen Eigenschaftsindikator .

kehrsampeln ist ein gutes Beispiel für schwere Situationen (Mischel, 1973; Montada,

1978): Das Überfahren einer roten Ampel verstößt gegen eine so starke Verbotsnorm,

daß es nur äußerst selten vorkommt. Persönlichkeits- und Einstellungsunterschiede

zwischen Personen wirken sich also auf das manifeste Verhalten nicht oder nur in

ganz geringem Maße aus. Zum Tragen kommen Eigenschaftsunterschiede erst, wenn

die Schwierigkeit der Situation abnimmt, beispielsweise weil sich die Situation "rote

Ampel" nachts auf einer einsamen Straße ergibt.

Durch die Zusammenstellung von Situationen mit extrem unterschiedlichen

Schwierigkeitsgraden läßt sich eine Datensituation schaffen, die für eine situationisti- sche und gegen eine eigenschaftstheoretische Verhaltenserklärung zu sprechen

scheint (Golding, 1975; Olweus, 1976; Schmitt, 1980). Abgesehen davon, daß sich die

umgekehrte Datenlage durch eine Kombination aus homogenen Situationen einer-

seits und Probanden mit extremen Eigenschaftsausprägungen andererseits leicht

herstellen läßt, widersprechen Situationseffekte dem Konsistenzpostulat nicht im ge-

ringsten, mögen sie auch noch so groß sein. Das Eigenschaftsmodell verlangt ledig-

lich, daß diese Situationsunterschiede allgemein sind (Interaktionsverbot). Epstein (1977) hat hierfür ein schönes Beispiel gegeben, allerdings aus dem Bereich des

Sports: Angenommen, mehrere ähnlich gute Mittelstreckenläufer nehmen während

einer Saison an einem 800m-, einem 1000m-, einem 1500m- und einem 5000m-Lauf

teil. Unbestreitbar wird die Gesamtvarianz der Laufzeit nahezu vollständig durch den

Faktor Streckenlänge erklärt, während der Varianzanteil des Faktors Person ver- schwindend klein bleibt. Dennoch mögen die Läufer perfekt konsistente Leistungen

erbringen, d.h. in gleicher Reihenfolge oder sogar mit proportional gleichem Zeitab-

stand ins Ziel einlaufen. Wohl niemand würde es unter solchen Umständen unan-

gemessen finden, die Läufer anhand ihres Leistungsvermögens zu beschreiben, der

in diesem Zusammenhang relevanten Personeigenschaft.

3 . 8 Theoretische V erwandtschaft

3 . 7 M acht der Situation

Situationen lassen sich danach unterscheiden , wie sehr sie bestimmte Verhaltenswei-

sen vorschreiben (Anastasi , 1983; Hettema, van Heck, Appels, & van Zon, 1986; Mischel, 1973 , 1977b; Schutte, Kenrick & Sadalla, 1985). In jedem sozialen Gefüge

etablieren sich Konventionen und soziale Normen , man denke etwa an religiöse Ze-

remonien oder profane Riten , die weitgehend festlegen, wie man sich in einer be-

" The validity ofany given behavior as a criterion in tests of theattitude-behavior relationship