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Auf der Suche nach dem Ich - Die Bildung der

Persönlichkeit innerhalb der Familie im Jugendalter

Antonia Folfa

8A

Akademisches Gymnasium Wien

Beethovenplatz 1, 1010 Wien

Betreuerin: Mag. Gudrun Haindl

Wien, den 28.01.2016


Abstract
Die vorliegende Arbeit ist dem Gebiet der Geistes- und Sozialwissenschaften zuzuordnen und
gehört dem Teilgebiet der Entwicklungspsychologie an. Sie dient der Darstellung des
Entwicklungsprozesses der Persönlichkeit bzw. Identität eines Individuums und beleuchtet die
Rolle der Jugend als bedeutsamste Phase der Persönlichkeitsbildung. Sie beschäftigt sich näher
mit der Veränderung der Persönlichkeit und des Verhaltens eines Menschen durch äußere
Faktoren, insbesondere durch die Familie.

Diese Arbeit hat sich das Ziel gesetzt, eine umfassende Definition der Persönlichkeit zu geben,
zu erörtern, welche Faktoren die Identitätsentwicklung beeinflussen und zu erklären, wie sich
die erlernten familiären Muster – anhand des Kommunikationsmodells von Virginia Satir
ausgeführt – auf das Verhalten außerhalb der Familie auswirken. Außerdem wird Satirs Theorie
mit zwei anderen Theorien kurz verglichen, um einen allgemeinen Überblick über die Ursachen
einer dysfunktionalen Familie zu gewähren.

Die wichtigsten Punkte werden anhand der Thesen von Erik Erikson und Virginia Satir erläutert,
die sich mit den zentralen Aussagen dieser Arbeit auseinandergesetzt haben.

Ziel der Arbeit ist es, die Formung der Identität zu beschreiben und die Verhaltensweisen, die
sich aus einer dysfunktionalen Familie ergeben können und somit in das weitere Umfeld der
Personen eindringen können, zur Schau zu stellen.

2
Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung………………………………………………………………………………………………………………………4

2. Definition der Persönlichkeit


2.1. Der Unterschied zwischen Alltagspsychologie und wissenschaftlicher
Psychologie………………………………………………………………………………………………………………6
2.2. Die Paradigmen der Persönlichkeitsforschung……………………………………………………7
2.3. Ein Rahmenmodell der Persönlichkeit……………………………………………………………...10
3. Die Entwicklung der Persönlichkeit
3.1. Das Modell der Identitätsentwicklung…………………………………………………………......12
3.2. Das psychosoziale Modell der Identitätsentwicklung nach Erikson……………………13
3.3. Definition der Identität nach Erikson…………………………………………………………........18
3.4. Das Fünf-Säulen-Modell nach Petzold……………………………………………………………….19
4. Das Familienmodell nach Satir
4.1. Die Familie als Grundgerüst für die Persönlichkeitsbildung……………………………...21
4.2. Kommunikationsmuster…………………………………………………………………………………...22
4.3. Andere Familientheorien………………………………………………………………………………….26
5. Fazit………………………………………………………………………………………………………………………….…29
6. Inhaltsverzeichnis
6.1. Selbstständig erschienene Werke…………………………………………………………………….30
6.2. Unselbstständig erschienene Werke………………………………………………………………..30
6.3. PDF-Dokumente……………………………………………………………………………………………....31
6.4. Websites…………………………………………………………………………………………………………..31
7. Abbildungsverzeichnis……………………………………………………………………………………………….31

3
1. Einleitung

Die Psychologie ist die Grundlage des menschlichen Verhaltens, sie beobachtet und erklärt
unsere Denkweisen, unser Erleben, unser Benehmen und alles, was wir fühlen und
wahrnehmen. Sie gilt als einzige Wissenschaft, die Auskunft über unsere Persönlichkeit geben
kann und unsere Psyche und somit auch unser Gehirn erforscht. Sie kann aber natürlich nicht
zur Gänze die tiefsten Ecken unserer Seele durchforsten, denn das Innenleben eines
Individuums ist schwer zu erklären – selbst für Psychologen.
Meine Arbeit befasst sich mit der Entwicklung von Persönlichkeit und Identität im Laufe des
Lebens, wie diese zustande kommt und welche Faktoren bestimmte Charakterzüge
begünstigen. Ich gehe vor allem auf das Umfeld Familie ein, da diese ein Kind vom Anfang bis
zum Ende des Lebens am meisten prägt und formt. Das Hauptziel meiner Arbeit ist es, den
aktuellen Forschungsstand zu diesem Thema zusammenzufassen, wobei ich mich reproduktiver
Methoden bedienen werde – die Arbeit basiert auf Literaturstudien. Sie konzentriert sich auf
eine umfassende Definition der Persönlichkeit, dem Prozess der Formung der Identität und auf
der Ausführung einiger Persönlichkeitstheorien.

Die Arbeit gliedert sich in drei große Kapitel: Im ersten Kapitel erläutere ich zunächst den
Unterschied zwischen wissenschaftlicher und Alltagspsychologie, zähle ich kurz die wichtigsten
Teilgebiete der Persönlichkeitsforschung auf und fasse eine allgemeine Definition der
Persönlichkeit zusammen.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit der Entwicklung von Identität vom Säuglingsalter bis zum
Erwachsensein, wobei ich insbesondere auf das psychosoziale Modell von Erik H. Erikson
eingehen werde. Anschließend stelle ich noch das Fünf-Faktoren-Modell nach G. H. Petzold vor.

Im dritten Kapitel kommt die Familientherapeutin Virginia Satir ins Spiel, deren sogenanntes
Familienmodell ich näher betrachten und erklären werde. Darauf aufbauend möchte ich noch
ausführen, wie sich die familiären Einflüsse auf unsere Umwelt ausbreiten und zum Schluss
Satirs Theorie mit zwei anderen Familientheorien summarisch vergleichen.

4
Das Standardwerk zum Thema der Persönlichkeitsforschung und Entwicklung der Identität ist
nach wie vor das Buch „Childhood and Society“ von Erik Erikson, in dem der Autor sein
psychosoziales Entwicklungsmodell erläutert und erklärt, was für ihn Identität bedeutet
(Erikson 1993).

Ein weiterer Meilenstein der Forschung ist sicherlich das 2002 erschienene Buch von Virginia
Satir „Selbstwert und Kommunikation“, das ich für die vorliegende Arbeit benutze, in dem sie
sich ausgiebig mit der Beobachtung verschiedener Familien befasst und ein
Kommunikationsmodell entwickelt, mit dem sich dysfunktionale Familien beschreiben lassen
(Satir 2002).

5
2. Definition der Persönlichkeit
2.1. Der Unterschied zwischen Alltagspsychologie und wissenschaftlicher Psychologie

Die Themen Persönlichkeit, individuelle Unterschiede und Intelligenz sind die am meisten
behandelten Themen der Psychologie. Kein anderes Gebiet ruft so kontroverse Behauptungen
und Fragenstellungen hervor wie diese drei.1
Wie wird Persönlichkeit in der Psychologie definiert? Es gibt so manche Situationen, in denen
die Aussage fällt, jemand hätte keine Persönlichkeit, oder ein anderer hätte eine schwierige
Persönlichkeit. Solche Behauptungen sind keineswegs ungewöhnlich und die meisten
Menschen verwenden sie an dem einen oder anderen Zeitpunkt, obwohl sie rein
wissenschaftlich gesehen inkorrekt sind.

Natürlich haben Nicht-Psychologen und Psychologen andere Sichtweisen und Theorien über
bestimmte Vorgänge und diese müssen differenziert werden. Laien neigen, vor allem im
Bereich der Persönlichkeit dazu, sich selber und ihre Mitmenschen besser verstehen zu wollen
und stellen somit „intuitiv begründete Theorien“, oder mit dem Fachbegriff „implizite
Persönlichkeitstheorien“2 auf, die das menschliche Verhalten erklären sollen.
Sie hören Beschreibungen über andere Leute, beobachten sie und bilden sich ihr eigenes Urteil
über sie, indem sie die gesammelten Informationen als Material dafür benutzen. Somit sind alle
Menschen zu einem gewissen Grad „Psychologen“, denn in ihnen herrscht eine natürliche
Neugier, die dazu führt, dass sie Ursachen für menschliches Verhalten suchen und Theorien
aufstellen, welche ihre Beobachtungen unterstützen.

Man könnte sich zu diesem Zeitpunkt also fragen, was denn nun der genaue Unterschied
zwischen Nicht-Psychologen und Psychologen sei, denn anscheinend beruhen beide Theorien,
ob implizit oder nicht, auf empirischen Methoden, nämlich vor allem das Beobachten. Es ist
aber nicht so einfach, wie es scheint. Bei der Wahrnehmung von Menschen tritt Subjektivität

1
Maltby, John: Differentielle Psychologie, Persönlichkeit und Intelligenz – München: Pearson Studium 2011, S. 30
2
Ebd. S. 38

6
bzw. Unstimmigkeiten auf, denn wie jemand wahrgenommen wird, hängt sehr von der
Situation ab. Es spielen die eigene Gefühlslage eine Rolle, sowie die Handlung der beobachteten
Personen, deren eigene Gefühlslage und unsere Erwartungen an diese Person. Genau diese
Erwartungen können Wahrnehmungsverzerrungen verursachen, denn wenn man
beispielsweise jemanden vor sich hat, der als sehr freundlich und unterhaltsam beschrieben
wurde, wird man im Gespräch eher auf Eigenschaften achten, die diese Beschreibung
unterstreichen. Aussagen und Handlungen desjenigen, die diesen Beschreibungen
widersprechen, bleiben oftmals unberücksichtigt.3

Da Laien durch ihre kognitiven Kapazitäten beschränkt sind, können sie nicht alle einzelnen
Eigenschaften eines Menschen wahrnehmen, also konzentrieren sie sich darauf, verschiedene
Schubladen, also Kategorien zu bilden, nach denen sie diese Menschen dann beschreiben und
beurteilen können. Außerdem ordnen sie oftmals mehrere Merkmale einer Kategorie zu, sie
sehen also bestimmte Eigenschaften als zusammenhängend, zum Beispiel die Attribute höflich,
freundlich und charmant.
Hier kristallisiert sich der Hauptunterschied zwischen Alltagspsychologen und
wissenschaftlichen Psychologen heraus: Während der Alltagsmensch sich eher auf seine
Erwartungen stützt – was völlig unbewusst geschieht – achten Wissenschaftler auf alle
Merkmale, die eine Person beschreiben können, egal ob diese den Erwartungen entsprechen
oder nicht und handeln objektiv.

2.2. Die Paradigmen der Persönlichkeitsforschung

Es gibt viele verschiedene Definitionen für den wichtigsten Begriff der Psychologie,
„Persönlichkeit“. Die Persönlichkeitspsychologie gehört zum Hauptgebiet der Differentiellen
Psychologie und steht in enger Verbindung mit der Wechselwirkung zwischen Person und
Umwelt, der Biopsychologie und der Kulturpsychologie.4

3
http://www.grin.com/de/e-book/107405/implizite-persoenlichkeitstheorien-die-rolle-von-erwartungen-in-der-
personenwahrnehmung (Zugegriffen 26.8.2015)
4
https://de.wikipedia.org/wiki/Pers%C3%B6nlichkeit#Definitionen (Zugegriffen 30.08.2015)

7
Ansätze zur Entwicklung und Erklärung der Persönlichkeit wurden weltweit von Psychologen
wie Sigmund Freud, Abraham Maslow und Albert Bandura geschaffen, unter anderem wurden
auch Versuche unternommen, die gefundenen Persönlichkeitstypen zu unterteilen, also zu
klassifizieren. Dies führte zu einer Reihe von Kontroversen, da man keine einheitliche Theorie
finden konnte, die sowohl die artspezifische Gleichheit als auch die beträchtliche Variabilität5
behandelt. „Kluckhohn et al. (1953) fassen die simultane Gleichheit und Unterschiedlichkeit des
Menschen treffend zusammen: Jeder Mensch ist in gewisser Hinsicht a) wie alle anderen
Menschen b) wie einige andere Menschen und c) wie kein anderer Mensch.“6
Im Laufe der Zeit wurden sogenannte Paradigmen7 entwickelt, die unterschiedliche Blickwinkel
auf die Persönlichkeit annehmen.

Paradigma Zentrale Themen Vertreter


Psychoanalytisches unbewusste Triebe und S. Freud
Paradigma Bedürfnisse
Struktur der Psyche: Es, Ich,
Über-Ich
Abwehrmechanismen
Archetypen C. G. Jung
Phasen der Identitätsbildung E. Erikson
Behavioristisches Paradigma Reiz-Reaktion, Verstärkung, B. F. Skinner
Bestrafung
Klassische und operante J. Dollard & N. Miller
Konditionierung
Generalisierung, R. Sears
Diskrimination, Shaping,
Löschung

5
Herzberg. Roth: Persönlichkeitspsychologie - Basiswissen Psychologie – Wiesbaden: Springer-Verlag 2014, S. 1
6
Ebd.
7
Ein Paradigma ist eine Modellvorstellung, die als allgemein anerkannter Konsens gilt und mit der versucht wird,
Phänomene zu erklären. (nach: Herzberg. Roth: Persönlichkeitspsychologie - Basiswissen Psychologie – Wiesbaden:
Springer-Verlag 2014, S. 1)

8
Humanistisches Paradigma Selbstaktualisierung C. Rogers
Existenzialismus V. Frankl
Subjektives Wohlbefinden, M.E.P. Seligman
Positive Psychologie
Eigenschaftsparadigma Persönlichkeitseigenschaften, G. Allport
lexikalischer Ansatz, R.B. Cattell
Faktorenanalyse H.J. Eysenck
P.T. Costa & R.R McCrae
Kognitives und Sozial- Persönliche Konstrukte G. Kelly
kognitives Paradigma Schemata und Skripte J. Rotter
Selbstwirksamkeitserwartungen W. Mischel
Biologisches Paradigma Temperament, Erregung und J.A. Gray
Aktivität des C.R. Clonninger
Nervensystems, R. Plomin
Neurotransmitter, D. Buss
Verhaltensgenetik, Evolution,
natürliche Selektion

Tab. 1.1 Die wichtigsten Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie 8

In der obigen Tabelle finden sich die sechs wichtigsten Paradigmen, die in unterschiedlichen
Zeiträumen entwickelt wurden und jeweils unterschiedliche Aspekte der
Persönlichkeitsforschung betrachten und ausarbeiten.

8
Herzberg. Roth: Persönlichkeitspsychologie, S. 2

9
2.3. Ein Rahmenmodell der Persönlichkeit

Um die Persönlichkeit eines Individuums besser verstehen zu können, wurde ein integratives
Rahmenmodell entwickelt, welches sich am Fünf-Faktoren-Modell, das auf McCrae und
Terracciano (2005) basiert und auch unter dem Namen „New Big Five“ bekannt ist. In diesem
Rahmenmodell werden fünf Prinzipien genannt, die zum Verständnis der Persönlichkeit
fundamental sind. Anhand der Abb. 1.1 auf der nächsten Seite erkennt man gut, inwiefern die
fünf Prinzipien von McAdams und Pals sich ergänzen und welche Faktoren Einfluss auf andere
haben.
Das erste Prinzip bezieht sich auf die Berücksichtigung der biologischen Wurzeln des Menschen
bzw. auf die evolutionäre Einbettung, als Beispiel dienen die Fähigkeit zu lernen oder die
Bedürfnisse des Menschen.9
Das zweite Prinzip befasst sich mit den dispositionellen Persönlichkeitseigenschaften - gemeint
sind Merkmale, die eine Person in unterschiedlichen Situationen und über eine Zeit hinweg
immer wieder zum Vorschein bringt - es handelt sich um Eigenschaften, die das Verhalten und
Erleben von Menschen beschreiben und sowohl die Konsistenz als auch die Kontinuität von
Verhalten und Gefühlen erklären.10
Das dritte Prinzip umfasst die charakteristischen Adaptationen, dazu zählen Motive, Ziele,
Pläne, Werte, Selbstbilder und viele andere Aspekte der Persönlichkeit. Laut McAdams und Pals
ist die Unterscheidung zwischen dispositionellen Persönlichkeitseigenschaften und
charakteristischen Adaptationen nicht immer eindeutig, wobei sich sagen lässt, dass letzteres
sich über die Zeit verändern können, z.B. durch kulturelle Einflüsse.11
Das vierte Prinzip beschäftigt sich mit der Frage der Identität und dem Sinnerleben des
Menschen. Es geht hier um die Identität als narrative Identität, also den Versuch,
Vergangenheit und Zukunft zu einem Ganzen zu vereinen und somit Sinn und Bedeutung des

9
Herzberg. Roth: Persönlichkeitspsychologie, S. 5
10
Ebd.
11
Ebd. S. 5f

10
eigenen Lebens zu erfassen. Zwar ist jede Lebensgeschichte individuell, trotzdem können
Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten bei verschiedenen Menschen auftreten.12
Das fünfte Prinzip betont den Einfluss der Kultur, der unterschiedlich auf die verschiedenen
Ebenen der Persönlichkeit wirkt.13
Dementsprechend definieren McAdams und Pals die Persönlichkeit als eine einzigartige
Variation der genetisch bedingten menschlichen Natur, die sich in einem entwickelnden Muster
von Eigenschaften, Adaptationen und Lebenserzählungen bildet und in komplexer Weise von
der Kultur
beeinflusst wird.14

Abb. 1.1 Integratives


Modell der
Persönlichkeitspsychol
ogie nach McAdams
und Pals (2006)15

Trotz einiger Kritikpunkte am Modell von McAdams und Pals, die ich nicht weiter erläutern
werde, stellt dieses Rahmenmodell eine solide und sinnvolle Basis für die Forschung dar, um die
menschliche Persönlichkeit verstehen, einordnen und bewerten zu können.16

12
Herzberg. Roth: Persönlichkeitspsychologie, S. 6
13
Ebd.
14
Ebd. S. 7
15
Ebd. S. 8
16
Ebd. S. 7

11
Wichtig bei der Definition der Persönlichkeitspsychologie ist, dass es sich um eine empirische
Wissenschaft handelt, das heißt, sie muss sich direkt oder indirekt auf Beobachtungsdaten
beziehen und prüfbar sein.17 Außerdem befasst sich die Persönlichkeitspsychologie, im
Gegensatz zur Alltagspsychologie, nicht mit pathologischen Eigenschaften18, denn diese
werden von der klinischen Psychologie untersucht, die ein eigenständiges Gebiet der
Psychologie darstellt. Es ist auch wichtig, dass es eine Einschränkung gibt, damit es sich um ein
wissenschaftliches Herangehen an das Thema handelt. Bei der Persönlichkeitspsychologie geht
es also um das Beobachten, Beschreiben, Erklären und Klassifizieren von „nichtpathologischen,
verhaltensrelevanten und individuellen Besonderheiten von Menschen innerhalb einer
bestimmten Population“19.

3. Die Entwicklung der Persönlichkeit


3.1. Das Modell der Identitätsentwicklung

Die Frage der Identität ist in der heutigen Zeit immer noch nicht vollends geklärt und stellt
daher eine notwendige Frage. Identität kann aus vielen verschiedenen Perspektiven betrachtet
werden, sowohl aus psychologischer (mit der ich mich beschäftige), philosophischer, wie auch
beispielsweise aus pädagogischer Sicht, die die Entwicklungsmöglichkeiten von Identität
betrachtet.20 Außerdem gibt es verschiedene Ansätze der Identitätsforschung, die man
berücksichtigen muss. So handelt es sich bei der Identität als Prozess21 eben um die Entwicklung
eines Individuums in einer bestimmten Zeit, meist seiner gesamten Lebensspanne, dabei
spielen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine Rolle und natürlich auch die
Grundvoraussetzungen, also z.B. Bildungsmöglichkeiten und –vorstellungen, eine Rolle.

17
Asendorpf: Psychologie der Persönlichkeit – Berlin, Heidelberg, New York: Springer-Verlag 1999, S. 7
18
In der Alltagspsychologie werden auch pathologische körperliche Merkmale, z.B. Blindheit oder hochgradiger
Schwachsinn als Persönlichkeitseigenschaften betrachtet. (Nach: Asendorpf: Psychologie der Persönlichkeit –
Berlin, Heidelberg, New York: Springer-Verlag 1999, S. 10)
19
Asendorpf: Psychologie der Persönlichkeit, S. 10
20
Zirfas. Jörissen: Schlüsselwerke der Identitätsforschung – Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010, S.
9
21
Ebd. S. 14

12
Es stellt sich die Frage: Wie kommt die Persönlichkeit eines Menschen nun zustande oder wie
wird unsere Identität geformt und geprägt? Der Wegbereiter der psychoanalytisch orientierten
Identitätsforschung war Erik H. Erikson, der den Begriff Identität ins psychoanalytische Denken
eingeführt hat. Sein Identitätskonzept nimmt heutzutage den Status eines Klassikers ein, da
dieser Ansatz das bekannteste psychosoziale Modell der Identitätsentwicklung darstellt.22
Psychosozial nannte er es, weil er die Identitätsentwicklung als einen Wechselwirkungsprozess
zwischen Mensch und Gesellschaft sieht, der ein Leben lang andauert.23 Seine Theorie basiert
auf dem epigenetischen Prinzip24 – das bedeutet, dass es sich um eine Art universellen
Grundplan25 handelt, wobei sich die Identität im Laufe einzelner Lebensphasen, die sie
chronologisch durchläuft, entwickelt, in Anbetracht dessen, dass die vorherigen Phasen in der
jeweils aktuellen innewohnend sind, was ich im Folgenden noch erläutern werde.

3.2. Das psychosoziale Modell der Identitätsentwicklung nach Erikson

Erikson hat acht (später neun) Phasen der Identitätsentwicklung identifiziert26, die vom
Säuglingsalter aus bis ins reife Erwachsenenalter gehen, wobei er sich besonders auf die
Entwicklung bis zum Alter der Adoleszenz fokussiert hat. Jede dieser psychosozialen
Entwicklungsphasen wird in einem bestimmten Alter durchlaufen und besitzt je eine eigene
Thematik, mit der sich das Individuum auseinandersetzen muss und darüber hinaus erfolgreich
bewältigen muss, um für Erikson eine „gesunde Persönlichkeit“ zu erlangen.27 Diese
Altersphasen, die man in seinem Leben durchläuft, bezeichnet Erikson als Stadien. Ein Stadium
bedeutet eine Verschmelzung von Vergangenheit und Zukunft, es bietet ein Aufeinandertreffen
von neu erlangtem Wissen auf Wissen, welches schon in früheren Phasen angeeignet wurde

22
Gugutzer, Robert: Leib, Körper und Identität - Eine phänomenologisch-soziologische Untersuchung zur
personalen Identität – Wiesbaden: Springer Fachmedien 2002, S. 22
23
Ebd.
24
Das epigenetische Prinzip ist biologischen Ursprungs und befasst sich mit den Zelleigenschaften. In diesem Fall
wird sie auf das Psychosoziale erweitert. [nach: http://lexikon.stangl.eu/1245/epigenetik/ (Zugegriffen
04.10.2015)]
25
Gugutzer: Leib, Körper und Identität, S. 22
26
Erikson, Erik: Childhood and Society – New York: W. W. Norton & Company 1993, S. 247
27
Gugutzer: Leib, Körper und Identität, S. 22

13
und die Möglichkeit, dieses Wissen mit Aufgaben und Fähigkeiten zu verknüpfen. Daher auch
die Aussage, dass uns die Thematik, also die „Kernaussage“ der jeweiligen Phasen erhalten
bleibt und uns auf unserem weiteren Weg – durch die weiteren Stadien – begleitet. (Siehe Abb.
2.1)

Abb. 2.1 Die acht Phasen der Identitätsentwicklung nach Erikson 28

Jedem Stadium gehe eine „potenzielle Krise“ nach, wie der Wissenschaftler erklärt, die durch
die Anforderungen und Erwartungen der Gesellschaft bzw. der sozialen Umwelt ausgelöst
werden.29 Diese Krise muss jedes Individuum zum einen oder anderen Zeitpunkt durchlaufen
und selbstständig verarbeiten und überwältigen. Die Lösung der Krise, die Erikson am Ende der
jeweiligen Phase voraussetzt, bringt ein Resultat mit sich, und zwar die Stärken, die als
„grundlegende Tugenden“ bezeichnet werden, da ohne sie alle sonstigen Werte an Bedeutung
bzw. Vitalität verlieren würden.30 Die Stärken, die man im Laufe des Entwicklungsprozesses
erwerben kann, tragen alltägliche Namen wie Hoffnung, Liebe, Treue, Wille, Kompetenz und
ihre Aneignung trägt in entscheidendem Maße dazu bei, ein Individuum zu werden, die Welt zu
verstehen und die alltäglichen Aufgaben darin zu meistern. Dies sind auch Kriterien, anhand
derer Erikson eine gesunde Persönlichkeit charakterisiert.31 In Abbildung 2.1 auf der

28
http://cdn.buchundnetz.com/wp-content/uploads/2014/12/vom-alterwerde-abb1-psychosoziale-krisen.png
(Zugegriffen 23.01.2016)
29
Gugutzer: Leib, Körper und Identität, S. 22
30
Zirfas. Jörissen: Schlüsselwerke der Identitätsforschung, S. 44
31
Zirfas. Jörissen: Schlüsselwerke der Identitätsforschung, S. 44

14
vorhergehenden Seite kann man auf einem Blick die acht Lebensphasen erkennen, die
Lebenskrisen, die sich in jeder Phase ergeben können und die Tugend bzw. Stärke, die man aus
jedem Stadium gewinnen sollte.

In diesem Absatz werde ich die acht Entwicklungsphasen nach Erikson kurz beschreiben und
zusammenfassen und die jeweiligen Stärken nennen, die sich aus jeder Phase bilden sollen. Die
erste Phase nennt sich Ur-Vertrauen gegen Ur-Misstrauen, es handelt sich um die orale Phase,
in der der Säugling eine tiefe Bindung mit der Mutter eingehen soll, um das Gefühl des Ur-
Vertrauens entwickeln zu können. Oral nennt Erikson die Phase getreu Freud, da „der Mund das
Zentrum einer ersten allgemeinen Annäherung an das Leben (ist), und zwar auf dem Wege der
Einverleibung“32. Die Mutter sorgt für die Befriedigung der individuellen Bedürfnisse des Kindes
und weil der Säugling von ihr abhängig ist, muss er die Krise, die sich durch ihre räumlich-
zeitlichen Abwesenheit ergibt, überwinden und ein Gefühl von Trennung und Verlust dabei
entwickeln und bewältigen können. Die sich in dieser Phase entwickelnde Stärke sei die
Hoffnung.33

In der zweiten Phase, Autonomie gegen Scham und Zweifel wird als anale Phase bezeichnet, in
der sich das Kind von der Abhängigkeit der Mutter lösen muss, um einen eigenen Willen zu
entwickeln und autonom zu werden. Somit kommt der Konflikt zustande, dass das Kind den
Eltern einerseits zeigen will, dass es zu Selbstkontrolle fähig ist, andererseits dazu nicht vollends
in der Lage ist und weiterhin abhängig von den Eltern ist. Ersteres führt zu einem dauernden
„Gefühl von Autonomie und Stolz“, während letzteres ein anhaltendes „Gefühl von Zweifel und
Scham“ mit sich bringt.34

In der infantil-genitalen Phase (Initiative gegen Schuldgefühle) lernt das Kind sein Umfeld besser
kennen, es fängt an zu gehen, zu sprechen und zeigt somit Initiativen. Das Kind beginnt nun
auch, ein Gewissen zu entwickeln, es muss aktiv herausfinden, was für eine Person es werden
will. Dabei können Schuldgefühle auftreten, weil man auch zuweilen gegen sein Gewissen
anzukämpfen hat. Vater und Mutter dienen als Vorbilder, das Kind identifiziert sich mit ihnen,

32
Gugutzer: Leib, Körper und Identität, S. 24
33
Erikson: Childhood and Society, S. 247ff
34
Ebd. S. 251ff

15
überlegt, wer es später sein möchte und erweitert in diesem Sinne seine Sprache und seine
Vorstellungswelt. Somit geht aus dieser Phase die Entschlusskraft hervor, da das Kind seine
eigenen Ziele verfolgen muss und seinem Streben nach Unabhängigkeit realistisch zu
begegnen.35

Werksinn gegen Minderwertigkeitsgefühl ist die sogenannte Latenzzeit, wo das Kind gewisse
Tätigkeiten erlernen möchte, es möchte sich eigenständig, aber auch mit anderen Leuten mit
Aufgaben beschäftigen und Werke vollenden durch Stetigkeit und andauerndem Fleiß. Man
muss vom Kind etwas fordern, jedoch es bei seinen Aufgaben sowohl fördern, als auch
unterstützen. Kinder lernen in dieser Phase, gewisse Aufgaben zu lösen, Dinge zu erschaffen
und zu produzieren. Deshalb ist es wichtig, dass sie selbstständig Freude an der Arbeit erlangen,
indem sie mit Erfolgserlebnissen konfrontiert werden und stolz auf ihre Leistung sein können.
Nur so kann es ein Gefühl von Kompetenz erfahren. Wenn die Anerkennung für die Tätigkeiten
des Kindes nicht vorhanden ist, gerät es in eine Krise und entwickelt ein Gefühl von
Minderwertigkeit.36

Mit dem Beginn der Pubertät setzt für Erikson die wichtigste Zeit der Identitätsentwicklung ein.
In dieser Phase, Identität gegen Identitätsdiffusion37 geht der körperliche, vor allem der
geschlechtliche Reifungsprozess vor sich.38 Der Jugendliche muss am Ende der Adoleszenz all
seine früheren und gegenwärtigen Erfahrungen in Einklang gebracht haben und den Prozess zur
Bildung seiner Identität vollzogen haben, weil sonst die ungelösten Identitätskrisen ins
Erwachsenenalter übergehen und nachwirken würden. Falls dem Jugendlichen dies gut gelingt,
erfährt er diese Tatsache als „Identitätsgefühl“ und verfestigt somit seinen Platz in der
Gesellschaft.

Die Rollenkonfusion ist in dieser Phase besonders groß, da er während der Adoleszenz viele
Erfolge, jedoch auch Misserfolge erlebt, die ihm helfen, seine Persönlichkeit zu entfalten.

35
Erikson: Childhood and Society, S. 255ff
36
Ebd. S. 258ff
37
Identitätsdiffusion beruht auf den Zweifeln der eigenen sozialen, ethnischen oder geschlechtlichen Identität. Das
Selbstbild wird somit zersplittert und das Individuum zeigt Unsicherheiten im Handeln und Auftreten. [nach:
https://de.wikipedia.org/wiki/Identit%C3%A4tsdiffusion (Zugegriffen 10.10.2015)]
38
Gugutzer: Leib, Körper und Identität, S. 25

16
Jugendliche erfahren in dieser Zeitspanne viele Bedrohungen, beispielsweise sind sie
beunruhigt, dass sie keinen passenden Beruf oder Partner finden, sie sehen sich manchmal als
unfähig, bestimmte Aufgaben zu erfüllen und sie sind sich im Inneren unsicher, ob sie jemals
die Persönlichkeit erlangen werden, nach der sie sich sehnen. Diese Bedrohungen nennt Erikson
„Identitätsdiffusion“, sie rufen also ein Gefühl der Verwirrung und des Selbstzweifels hervor.
Erikson meint auch, dass niemand sich der Identitätsdiffusion entziehen könne, man müsse sich
ausgiebig mit ihr auseinandersetzen, was ihm vor allem mit Hilfe der überwältigten
vergangenen Krisen gelingt.39 Die Lösung dieses Konflikts führt zur Bildung der Treue als
Grundstärke.40

Der sechsten Phase, Intimität gegen Isolierung, ist vorauszusetzen, dass der Jugendliche nach
der Adoleszenz ein einigermaßen sicheres Gefühl der Identität erreicht hat, um sich nun mit der
Intimität seines eigenen und auch mit der des anderen Geschlechts auseinanderzusetzen.
Erikson definiert Intimität hier als „psychologische Intimität“, der die Wörter Vertrautheit,
Zutrauen, Offenheit und Freundschaft zugrunde liegen.41 Wenn man zu einer intimen
Beziehung im frühen Erwachsenenalter nicht fähig ist, gerät man leicht in Gefahr, sich von der
Außenwelt zu isolieren und von seinen Mitmenschen zu distanzieren. Der Körper spielt in dieser
Phase natürlich auch eine Rolle, weil es auch darum geht, die sexuelle Identität zu entdecken.
Die Liebe ist hiermit das Resultat der Lösung des Konflikts.42

Eriksons Ansatz in der siebten Phase, Generativität gegen Stagnierung, bezieht sich auf die
Annahme, dass mit der Erwachsenensexualität der Kinderwunsch aufkommt, der sich auf die
nächste Generation richtet (deswegen Generativität genannt). Falls weder Elternschaft noch
eine andere schöpferische Leistung in dieser Zeit zum Vorschein kommen, nistet sich die
Stagnation ein, aus deren Bewältigung die Stärke der Fürsorge hervorgeht.43

Die letzte Lebensphase Integrität gegen Verzweiflung und Ekel bringt die Aufgabe mit sich, aus
seinem Leben eine harmonische Einheit zu machen und mit ihm zufrieden zu sein. Falls dies

39
Gugutzer: Leib, Körper und Identität, S. 25
40
Erikson: Childhood and Society, S. 261ff
41
Gugutzer: Leib, Körper und Identität, S. 27
42
Erikson: Childhood and Society, S. 263ff
43
Erikson: Childhood and Society, S. 266ff

17
nicht gelingt, verfällt man in eine „Verzweiflung und eine oft unbewusste Todesfurcht“.44
Gelingt einem Menschen jedoch die konkrete und ausgiebige Auseinandersetzung mit sich als
Person und seinem bisherigen Leben und schafft er es, in diesem letzten Lebensabschnitt seine
Vergangenheit mit sich selbst in Einklang zu bringen, so bildet sich schlussendlich die
Grundstärke der Weisheit in ihm, die er bis zu seinem Tod mit sich trägt. Die
Grundvoraussetzung für das Erreichen der achten psychosozialen Entwicklungsstufe ist die
Bewältigung jeder potentiell auftretenden Krise der vorherigen Stadien.45

3.3. Definition der Identität nach Erikson

Es ist eindeutig festzustellen, dass die Eltern die wichtigste Rolle in der Persönlichkeitsbildung
eines Individuums spielen. Vor allem die Mutter, die alle Grundbedürfnisse des Säuglings
decken muss, ist die Hauptfigur in den ersten zwei bis drei Lebensjahren. Je nachdem, wie die
Eltern-Kind-Beziehung abläuft, beeinflusst sie in positivem oder negativem Sinn den weiteren
Lebensverlauf des Kindes.
Zwar betrachtet man den Entwicklungsprozess des Menschen als einen lebenslangen, der nicht
an einem bestimmten Zeitpunkt zu Ende ist, jedoch war Erikson der Meinung, dass in der
Adoleszenz die Identitätsentwicklung in einem großen und entscheidenden Maße
abgeschlossen wird. Eines der bekanntesten Zitate Eriksons lassen deutlich werden, was er
unter Identität versteht:

„Das bewusste Gefühl, eine persönliche Identität zu besitzen, beruht auf zwei
gleichzeitigen Beobachtungen: der […] Wahrnehmung der eigenen Gleichheit und
Kontinuität in der Zeit, und der damit verbundenen Wahrnehmung, dass auch andere
diese Gleichheit und Kontinuität erkennen. (…) So ist Ich-Identität unter diesem
subjektiven Aspekt das Gewahrwerden der Tatsache, dass in den synthetisierenden
Methoden des Ichs eine Gleichheit und Kontinuierlichkeit herrscht, und dass diese

44
Gugutzer: Leib, Körper und Identität, S. 27
45
Erikson: Childhood and Society, S. 268

18
Methoden […] dazu dienen, die eigene Gleichheit und Kontinuität auch in den Augen der
anderen zu gewährleisten“ (Zitat nach Erikson 1973a; 18).46

Somit setzt sich Identität aus innerlichen Merkmalen, die sich ein Individuum während seines
Lebens aneignet (z.B. Erfahrungen, die ein Mensch von klein auf macht), wie auch aus
äußerlichen Charakteristika, also denjenigen Eigenschaften, die seine Mitmenschen und sein
Umfeld zu Gesicht bekommen. Identität zeigt sich in Mimik, Gestik, Auftreten und
(körperlichen) Stärken und Schwächen und im Selbstbild und Selbstgefühl.

3.4. Das Fünf-Säulen-Modell nach Petzold

Es gibt noch einen weiteren Ansatz, um die Bildung der Identität zu beschreiben. H. G. Petzold
entwickelte das Fünf-Säulen Modell, die die Identität eines Menschen tragen uns stützen (oder
auch nicht).47 Die fünf Säulen tragen die Namen Leib/Leiblichkeit, soziales Netzwerk/soziale
Bezüge, Arbeit und Leistung,
materielle Sicherheit und
Werte. In der
nebenstehenden Abbildung
(Abb. 2.1) werden die Säulen
bildlich dargestellt.

Abb. 2.1 Die Säulen der Identität


nach H. Petzold48

46
Gugutzer: Leib, Körper und Identität, S. 23
47
https://www.edugroup.at/fileadmin/DAM/Bildung/Medienratgeber/Gewalt-Schule-Medien/Info-Die-5-Saeulen-
Identitaet.pdf (Zugegriffen 01.10.2015)
48
http://waltl-beratung.at/sites/petzold.html (Zugegriffen 01.10.2015)

19
Der Leib umfasst alles, was ein Mensch ist und ist das „Gefäß“, in dem er lebt. In diesen Bereich
gehört alles, was mit der Psyche, den Sehnsüchten, der Leistungsfähigkeit etc. eines Menschen
zu tun hat, wie sich jemand selbst wahrnimmt und auch wie er von Außenstehenden
wahrgenommen wird (als schön oder hässlich, gesund oder krank/gebrechlich).49

Zur zweiten Säule gehören alle sozialen Beziehungen, die die Persönlichkeit und Identität eines
Individuums bestimmen, sowohl die Leute, die er liebt und die ihm etwas bedeuten, als auch
feindselige Bekanntschaften, die ihm schaden können.50

Die Arbeit und Leistung bezieht sich auf Tätigkeiten, mit denen sich der Mensch im Alltag
identifiziert, dazu gehören zum einen Zufriedenheit mit der Arbeit/Leistung, Erfolgserlebnisse,
zum anderen Überlastung und überfordernde/fehlende Leistungsansprüche.51

Unter materieller Sicherheit versteht man alles, was man für das Leben braucht – Nahrung,
Kleidung, ein Einkommen/Geld, eine Wohnung/Haus, Weiterbildungsmöglichkeiten etc., aber
auch der Raum, dem sich der Mensch zugehörig fühlt oder eben nicht.52

Die letzte Säule bildet sich aus den persönlichen Werten und Normen (Moral, Ethik, Glauben,
Liebe, Sinnesfragen), sie ist sozusagen das Abbild der „persönlichen Lebensphilosophie“, den
wichtigen Grundprinzipien des Individuums.

Wenn eine oder mehrere Säulen wegbrechen oder aber gar nicht vorhanden sind, kann es zu
einer Identitätskrise kommen. Ein Mensch benötigt alle fünf Säulen zum vollständigen Entfalten
seiner Identität.53

49
https://www.edugroup.at/fileadmin/DAM/Bildung/Medienratgeber/Gewalt-Schule-Medien/Info-Die-5-Saeulen-
Identitaet.pdf (Zugegriffen 01.10.2015)
50
Ebd.
51
http://www.ifp-finanzen.de/downloads/petzold.pdf (Zugegriffen 01.10.2015)
52
Ebd.
53
Ebd.

20
4. Das Familienmodell nach Satir
4.1. Die Familie als Grundgerüst für die Persönlichkeitsbildung

Nun komme ich zu einer der berühmtesten Familientherapeutinnen, die oft auch als Mutter der
Familientherapie bezeichnet wird.54 Sie hat zu Lebzeiten sehr viel mit Menschen gearbeitet und
sich vor allem auf Beziehungen innerhalb der Familie konzentriert. Satirs Grundannahme beruht
auf der Tatsache, dass jeder Mensch zu seinem ganzheitlichen Sein finden kann. Aus ihren
vielen Erfahrungen mit der Familie hat sie somit ein umfassendes Wachstumsmodell für alle
Menschen entwickelt.55 Das Wachstumsmodell basiert auf einer grundsätzlichen
Gleichwertigkeit der Menschen und meint, dass es unterschiedliche Reaktionen gibt, die auf ein
Ereignis folgen können und dass jeder sich „selbst aussucht“, wie er in einer gewissen Situation
reagiert. Es geht davon aus, dass Menschen über unzählige Möglichkeiten und Ressourcen
verfügen, ihr Verhalten zu ändern, so dass sie ihr komplettes Ich entfalten und zum Vorschein
bringen können.
Wie wir die Welt wahrnehmen, lernen wir als allererstes in unserer Familie – dabei spielen vor
allem die Eltern eine primäre Rolle.56 Die Eltern vermitteln uns schon von klein auf eine Idee
von der Welt, in der wir leben (werden). Schon im Mutterleib werden durch die Atmung der
Mutter dem Ungeborenen Informationen übergeben und auch als Säugling lernt es viel mehr
von den Eltern durch ihre körperlichen Reaktionen, als durch ihre Worte. Die Kinder sehen ihre
Eltern als Vorbilder, wenn es darum geht, eine eigene Meinung zu entwickeln und sich
allgemein in die Gesellschaft einzufügen.57 Das Kind lernt, welche Verhaltensweisen von den
Eltern erwünscht sind, was es darf und was es nicht darf und reagiert folgendermaßen. Da es
von den Eltern geliebt werden will, verhält es sich wünschenswert und wendet zunächst die
erlernten Regeln innerhalb der Familie auch auf das Umfeld an, bis es mit zunehmendem Alter
erfährt, dass diese nicht in allen gesellschaftlichen Bereichen gelten müssen.

54
https://de.wikipedia.org/wiki/Virginia_Satir (Zugegriffen 28.12.2015)
55
Satir. Banmen. Gerber. Gomori: Das Satir-Modell - Familientherapie und ihre Erweiterung – Paderborn:
Junfermann Verlag 2000, S. 3
56
Satir: Das Satir-Modell, S. 3
57
Ebd. S. 5

21
Virginia Satir ist der Meinung, dass die Familie die „Fabrik“ ist, wo Menschen entstehen – das
heißt wo sie hineingeboren werden, wo sie ihre Persönlichkeit entfalten und eine Rolle
einnehmen, die oft das „Grundgerüst“ für das spätere Erwachsenenleben bildet.58 Satir hat
erkannt, dass die Familie die wichtigste Rolle in der Prägung der Persönlichkeit spielt und hat
die Unterschiede zwischen Familien, die eine gesunde Dynamik besitzen, wo jeder seinen
eigenen Standpunkt offen vertritt, und Familien, wo das nicht der Fall ist (dysfunktionale
Familien) dokumentiert.59 Am meisten hat sie sich dabei mit den Rollen beschäftigt, die die
einzelnen Familienangehörigen tendieren anzunehmen, falls Kommunikationsprobleme
vorhanden sind.

4.2. Kommunikationsmuster

Ein gesundes Familienleben zeichnet sich durch Offenheit und erwiderte Zuneigung aus, aber
auch durch eine positive Einstellung gegenüber dem anderen und natürlich Liebe. Mehr als alle
anderen Therapeuten unterstreicht Satir die Wichtigkeit, die Bildung und Mitgefühl bei der
Entwicklung einer ausgeglichenen Psyche spielen. Wenn die einzelnen Familienmitglieder nicht
die Fähigkeit besitzen, offen miteinander umzugehen, zu kommunizieren und ihre Gefühle
darzulegen, aus welchen Gründen auch immer, könnte dies zum Auftreten verschiedener
sogenannter Rollen führen, die sich statt der authentischen Persönlichkeit im Menschen
breitmachen und vor allem in Stresssituationen von uns unbewusst angenommen werden.60
Dabei unterscheidet Satir zwischen fünf am häufigsten auftretenden Rollen, in die
Familienmitglieder hineinschlüpfen. Bei diesen Kategorien handelt es sich um das
Kommunikations-Modell, das von Satir in Folge zahlreicher Beobachtungen entwickelt wurde.61
Die fünf Rollen tragen die Namen Beschwichtiger (Placator), Ankläger (Blamer), Rationalisierer

58
Landau. O’Hara: Das Psychologie-Buch - wichtige Theorien einfach erklärt – München: Dorling Kindersley 2012,
S. 146
59
Landau. O’Hara: Das Psychologie-Buch, S. 146
60
Satir: Selbstwert und Kommunikation - Familientherapie für Berater und zur Selbsthilfe – München: Klett-Cotta
2002, S. 67ff
61
Ebd. S. 71

22
(Computer), Ablenker (Distractor) und Kongruenter (Leveller). Jede dieser Formen besitzt eine
eigene Körperhaltung, Gestik, sowie eine besondere Sprache.

Wie oben genannt kommen diese Kategorien in Stresssituationen zum Vorschein und man kann
sowohl Individuen (mit denen ich mich beschäftige), als auch soziale Systeme damit
beschreiben. Nach Satir haben Menschen, die sich diese Rollen in ihrer Familie aneignen, ein
geringes Selbstwertgefühl, können nur entwicklungshemmend miteinander kommunizieren,
sind in ihrer Meinungsäußerung eingeschränkt und verfallen demzufolge in einen unglücklichen
Zustand, der selbst zerstörerisch enden kann – was alles aus den vorher aufgezählten
Problemen einer dysfunktionalen Familie (Gesellschaft) logisch hervorgeht.62

Anschließend möchte ich mich mit den verschiedenen Typen befassen und erklären, welche
Verhaltensweisen ihnen zugrunde liegen.

Der Beschwichtiger hat Angst vor Ablehnung. Er nimmt seine Rolle ein – wie alle anderen
Kategorien auch – da er ein geringes Selbstwertgefühl besitzt und sich scheut, seine wahren
Gefühle zu zeigen oder anzuerkennen. Vor allen Dingen möchte der Beschwichtiger anderen
Menschen gefallen und sie zufrieden stellen. Er äußert sich unterwürfig und stets zustimmend,
um ja nicht zu missfallen. Sein Wortschatz besteht aus zahlreichen Einschränkungen und
Konjunktiven und auch seine Körpersprache spiegelt seine Sprachweise wieder und signalisiert
seine Hilflosigkeit. Der Beschwichtiger achtet nicht auf sich selbst, sondern stellt andere Leute
in den Mittelpunkt. Dadurch ist er kaum in der Lage, seine eigenen Wünsche und Meinungen zu
äußern und verleugnet sich im Extremfall selbst. Ihm ist jedoch nachgesagt, dass er sich sehr
gut in andere hineinversetzen kann, heißt also, dass er ein ausgefeiltes Einfühlungsvermögen
besitzt, was seine große Stärke charakterisiert.63

Im Gegensatz zum Beschwichtiger geht der Ankläger sehr verletzend mit seinen Mitmenschen
um, gibt allen außer sich die Schuld und ist angriffslustig und eher passiv-aggressiv. In seinem
Wortschatz findet man vor allem Generalisierungen und negierte Fragestellungen vor, in seiner
Körperhaltung und sogar Stimmlage, die schrill und laut ist, lässt sich Anspannung erkennen.

62
Ebd. S. 67ff
63
Satir: Selbstwert und Kommunikation, S. 71ff

23
Seine Einstellung zeugt von Desinteresse gegenüber seinen Mitmenschen und grenzt an
Arroganz, denn er missachtet andere und will nur seinen eigenen Standpunkt durchbringen. Er
kann sein Selbstwertgefühl nur dadurch steigern, dass er andere niedermacht und sich
durchsetzt. In diesem Punkt liegt auch seine Stärke verborgen, nämlich das
Durchsetzungsvermögen.64

Der Rationalisierer gilt als intellektueller Mensch, der sich auf seinen Verstand verlässt, um
nicht mit seinen Gefühlen konfrontiert zu werden. Er wirkt distanziert und eben vernünftig, wie
der Name schon sagt und bei ihm scheint alles normal zu sein. Er scheint keinerlei emotionale
Verbindung zu seiner Umwelt zu hegen, da er keine Gefühle zeigt und verleugnet, dass er
jegliche emotionale Bedürfnisse habe. Er spricht eher trocken und monoton, seine
Körperhaltung zeichnet sich durch Anspannung, Steifheit und „Leblosigkeit“ 65 aus. Dadurch
kommt es auch zur Meidung jeglichen Körperkontaktes und keiner wirklichen Form von Dialog.
Seine Stärke ist das Denken.66

Dem Namen zufolge versucht der Ablenker von emotionalen Problemen abzulenken und hat
das Gefühl, nur geliebt zu werden, wenn er sich als süß und harmlos darstellt. Demzufolge wirkt
er entsprechend aufgeweckt, spricht schnell und ist in ständiger Bewegung, die zuweilen aber
unkoordiniert vorkommen kann. Er sieht sich selbst als uninteressant und fühlt sich in keiner
Gesellschaft zugehörig. Folglich ignoriert er gleichermaßen sich selbst, wie auch andere.
Spontaneität fällt ihm leicht, da er ständig Themen wechselt, um von allem abzulenken.67

Der kongruente Typ ist der einzige, der als offener, kommunikations- und vermittlungsfähiges
Individuum gilt, da er seine Gedanken und inneren Gefühle mit seiner Wortwahl, Körpersprache
und Gesichtsausdruck in Einklang bringen kann. Er bildet also den „Vermittler“ zwischen den
Familienmitgliedern. Satir beschreibt die Kongruenz eines Menschen als einen Wert, der aus
seiner Grundhaltung hervorgeht. Wenn man diese Grundhaltung besitzt, heißt das, dass man
seine Mitmenschen und auch sich selbst als wertvoll sieht, denn Kongruenz richtet seine

64
Ebd. S. 73f
65
Leblosigkeit, weil er von Monotonie und rationalistischer Denkweise umgeben ist und somit unbeweglich und
zurückhaltend wirkt.
66
Satir: Selbstwert und Kommunikation, S. 75f
67
Ebd. S. 76ff

24
Aufmerksamkeit auf das Verhalten eines Menschen und nicht auf seine Herkunft. Nach der
Erkenntnis eines kongruenten Individuums ist jeder selbst imstande, für sich zu denken, eigene
Gedanken zu bilden und demgemäß zu handeln. Seine Stärke besteht darin, dass er die
Einzigartigkeit jedes Menschen anerkennt.68 Die kongruente Form ist diejenige, die einem
erlaubt, frei zu denken und seine eigene Meinung zu sagen, eben weil man diesen
Ansichtspunkt vertritt. Folglich ist die Kongruenz die einzige Möglichkeit eine vollständige, reale
Person zu sein, die mit seiner Umwelt in ehrlicher und kompetenter Wechselwirkung ist. Sie
ermöglicht, eine Einheit aus Körper und Geist zu bilden, Kongruenz, Kompetenz und Integrität,
aber auch Verantwortung, Ehrlichkeit und Kreativität zu erwerben und mit Konfrontationen des
echten Lebens auf eine realistische Weise umzugehen.69 Die restlichen vier erworbenen Rollen
basieren auf Unehrlichkeit, Einsamkeit und zweifelhafter Integrität und Kompetenz, die einen
Menschen dazu bringen, sich auf unrealistische Weise zu benehmen und sich mit inexistenten
Problemen auseinanderzusetzen.70 Leider sind diese Formen die am meisten verbreiteten in der
Familie, denn sie werden auch von der Gesellschaft angekurbelt und begünstigt. Kurz gesagt
werden die von einzelnen Personen angenommenen Rollen in der Familie noch weiter dadurch
verstärkt, dass sie sie auch außerhalb des familiären Umkreises bemerkbar machen, demnach
auch in der Öffentlichkeit, unter Freunden und Verwandten.

Diese vier Kommunikationsformen entwickeln sich schon in frühester Kindheit in einer Familie
und das alles aus mangelndem Selbstwertgefühl heraus. Sobald das Kind nämlich anfängt,
seinen Weg selbstständig zu gehen und die Herausforderungen, denen er sich stellen muss, auf
eigene Art und Weise zu überwinden, bedient es sich zu einem gewissen Zeitpunkt der einen
oder anderen hier aufgelisteten Kommunikationsweisen.71 Je öfter man diese wiederholt, umso
mehr speichert sie das Gehirn ab, sodass man sich eine bestimmte Rolle in der Familie aneignet,
eine bestimmte Reaktionsweise, welche man letztendlich nicht mehr von der eigenen
Persönlichkeit differenzieren kann.72 Infolgedessen eignen sich Kinder von Anfang an eine

68
Satir: Selbstwert und Kommunikation, S. 78ff
69
Satir: Selbstwert und Kommunikation, S. 83f
70
Ebd. S. 84
71
Ebd. S. 78
72
Ebd.

25
dieser Rollen an und wenden sie in Stresssituationen an. Diese Stresssituationen liegen jedoch
nicht nur in der Familie vor, sondern kommen auch in ihrem ausgedehnten Umfeld vor.
Logischerweise breiten sich diese Rollen oder Kommunikationsmuster ebenfalls in ihrem
Umkreis aus, ohne dass sie etwas davon mitbekommen73, nisten sich in ihr Verhalten ein und
„verfälschen“ ihre Persönlichkeit. Daher ist es wichtig, Kindern von Geburt an ein Gefühl von
Offenheit und Geborgenheit zu übermitteln (welche die Grundvoraussetzungen für eine
funktionale Familie darstellen), das ich in Kapitel 4.3. noch ausformuliere.

Diese angenommenen Rollen erlauben der Familie, zu funktionieren, aber sie verhindern auch
das Entfalten der eigenen authentischen Persönlichkeit. Daher weist Satir darauf hin, dass wir,
um diese „falsche“ Identität abzuschütteln, Selbstwert als Geburtsrecht akzeptieren müssen,
denn erst dann können wir ein erfüllendes Leben führen. Die Familientherapeutin ist durch
zahlreiche Erfahrungen mit Familien zu dem Entschluss gelangt, dass Geradlinigkeit und
Ehrlichkeit die besten Mittel sind, einem Individuum zu einem „höheren Selbstwertgefühl,
fördernden Beziehungen und befriedigenden Ergebnissen zu verhelfen“74.

4.3. Andere Familientheorien

Die Familie kann ohne Zweifel als eine Art Fabrik betrachtet werden, in der Menschen zustande
kommen und lernen sich zu entwickeln. Somit kann die Familie als ein System fungieren, in der
es gilt, bestimmte Regeln zu befolgen und bestimmte Aufgaben zu erfüllen. Natürlich kann
dabei nicht jedes System gleich ablaufen, weil es selbstverständlich diverse Familientypen gibt,
von denen in diesem Kapitel die Rede ist.
Freilich unterscheiden sich Familien in ihren Vorstellungen – sowohl was eine funktionelle
Gemeinschaft ausmacht, als auch auf globaler Ebene – ihrer Anpassungsfähigkeit und in ihrem
vorherrschenden Klima innerhalb des Familienkreises.75

73
Satir: Selbstwert und Kommunikation, S. 78
74
Ebd. S. 84
75
Prof. Dr. Amelang, Manfred - Determinanten individueller Unterschiede – Göttingen: Hogrefe-Verlag 2000, S.
262f

26
Die Family Environment Scales (Familienklimaskalen), die 1981 von Moos und Moos bzw. 1988
von Schneewind entworfen und ausgearbeitet wurden, beschäftigen sich genau mit der
Atmosphäre, die im Verwandtenkreis vorherrscht. Laut Moos und Moos und Schneewind kann
man die familiäre Umwelt in drei große Dimensionen unterteilen – als erstes gibt es die Familie
mit hoher positiver Emotionalität, nachfolgend das anregende Familienklima und zu guter Letzt
das normativ-autoritäre Klima.76
Die erste Dimension zeichnet sich natürlich durch einen offenen Umgang mit allen
Familienmitgliedern, ehrliche Kommunikation und emotionale Zuwendung aus. Wichtig ist
dabei, dass die Angehörigen in Wechselwirkung treten können und ihre Bedürfnisse mitteilen
können, so dass der Andere sie versteht. Das Gegenteil der Familie in dieser Dimension ist
logischerweise die Familie mit geringer Ausprägung und niedrigem emotionalen Verständnis,
woraus sich wenig Solidarität und ein hohes Konfliktpotential ergeben.77

Das anregende Familienklima sticht besonders mit ihrer kulturellen Aufgeschlossenheit und
ihren zahlreichen und vielseitigen Aktivitäten hervor. Sie ist ideal als „Lern- und
Erfahrungsbetrieb“, da die Familienmitglieder mit ihrer Zugänglichkeit die optimalen Förderer
von Weltsichtigkeit sind. Im Gegensatz dazu propagiert ein wenig anregendes Familienklima die
Gefühle der Eintönigkeit, Passivität und Kontaktarmut.78

In der dritten Dimension spielen etablierte Regeln und Disziplin die wichtigste Rolle. Leistung
und Erfolg sollten stets vorhanden sein, da das Leben genau geplant, organisiert und
demzufolge auch ausgeführt wird. Das Komplement der normativ-autoritären Familie spiegelt
sich in wenig Organisation und Planung wider, was zu Flexibilität führen kann, im Extremfall
jedoch auch zu Chaos.79

76
Ebd. S. 263
77
Amelang - Determinanten individueller Unterschiede, S. 263
78
Ebd.
79
Ebd.

27
Man hat herausgefunden, dass sich diese drei Beschreibungsdimensionen als bedeutsam im
Prozess der Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes erweisen. Die Kombination aller
Dimensionen garantiert zu einem gewissen Grad eine positive
Selbstverantwortlichkeitsüberzeugung80 des Kindes. Demzufolge muss man Kindern, damit sie
dieses Gefühl von Selbstverantwortung erfahren können, ein positives emotionales Klima
bieten, wo familiärer Zusammenhalt, Liebe und Offenheit als „Hauptgebote“ gelten, wo
anregende Bedingungen herrschen, um die Kinder zu Erfahrungsdrang zu bewegen und wo eine
angemessene Organisation und Planung fundamental sind. Ein Kontrollklima, das Kinder sehr
einschränkt führt demgegenüber zu einem Mangel an Selbstverantwortung.81

Einer anderen Theorie zufolge, die sich ebenso mit der Familienfunktionalität beschäftigt,
unterscheidet vier Paradigmen, nach denen Familien organisiert sind. In diesem Fall ist das
Paradigma die globale Ansichtsweise von Familienangehörigen auf sich selbst und die
Außenwelt, jede dieser vier Paradigmen (Familientypen) besitzt eine andere Weltanschauung
und andere Strategien für den Umgang und Lösung von Problemen. Bei einer funktionalen
Familie erwartet man, dass sie Ziele aus allen Paradigmen verfolgt, während die dysfunktionale
eines als Hauptparadigma wählt und nach diesen Zielen und Regeln lebt, woraus sich natürlich
gewisse Schwierigkeiten ergeben können.82
Im Weiteren befasst sich dieses Kapitel nicht mit dieser Theorie, da sie Parallelen zu den
Familienklimaskalen aufweist und im Grunde nur eine andere Herangehensweise an die
Problematik der Entwicklung von Familienmitgliedern repräsentiert.

80
Ebd.
81
Amelang - Determinanten individueller Unterschiede, S. 263f
82
Ebd. S. 264

28
5. Fazit

Die vorliegende Arbeit beleuchtet die Tatsache, dass die Entwicklung eines Menschen – sowohl
psychisch, als auch physisch – maßgeblich von äußeren Faktoren beeinflusst wird und zwar zum
Hauptteil von der Familie. Wie ich erklärt habe, gibt es unzählige verschiedene Arten,
Persönlichkeit zu definieren und es existieren reichlich viele Theorien zur Bildung von
Persönlichkeit und Identität. Jedoch ging es mir in meiner Arbeit darum, mich mit der Erlangung
von Identität im Umfeld der Familie zu beschäftigen, sowie die Problematik zu beleuchten, die
sich ergeben kann, falls eine Familie ihren Kindern auf dem Wege zur Ich-Findung und
Selbstständigkeitserlangung nicht hilft und sie nicht dabei unterstützt.

Vor allem die Jugend spielt eine wichtige Rolle bei der Identitätsbildung, denn sie ist die Phase,
in der man sich am meisten entwickelt und in der man zu sich selbst finden muss. Besonders
das Umfeld Familie prägt ein Individuum sehr, denn man ist sein ganzes Leben lang Teil dieses
Kreises.

Nur ein Mensch, der alle Hindernisse, die sich ihm in den Weg stellen, selbstständig überwinden
kann und ein hohes Selbstwertgefühl erlangt, kann jede Lebensphase genießen mit ihren
Herausforderungen und Schönheiten.

Während des Arbeitsprozesses habe ich als erstes Schwierigkeiten gehabt, die passende
Literatur zu finden, denn, wenngleich es unzählige Bücher zum Thema der Persönlichkeits- und
Entwicklungspsychologie gibt, so war es trotzdem diffizil, den Nagel auf den Kopf zu treffen und
genau die einzelnen Thematiken herauszusuchen, die für meine Arbeit von Bedeutung waren.
Außerdem hat mir die Wortwahl Mühe bereitet, da ich nicht durchgehend
Wortwiederholungen verhindern konnte. Nichtsdestotrotz habe ich versucht, die Wortwahl zu
variieren und mich sachlich auszudrücken.

29
6. Inhaltsverzeichnis
6.1. Selbstständig erschienene Werke

Prof. Dr. Amelang, Manfred - Determinanten individueller Unterschiede – Göttingen: Hogrefe-


Verlag 2000
Asendorpf: Psychologie der Persönlichkeit – Berlin, Heidelberg, New York: Springer-Verlag 1999

Erikson, Erik: Childhood and Society – New York: W. W. Norton & Company 1993

Gugutzer, Robert: Leib, Körper und Identität - Eine phänomenologisch-soziologische


Untersuchung zur personalen Identität – Wiesbaden: Springer Fachmedien 2002

Herzberg. Roth: Persönlichkeitspsychologie - Basiswissen Psychologie – Wiesbaden: Springer-


Verlag 2014

Maltby, John: Differentielle Psychologie, Persönlichkeit und Intelligenz – München: Pearson


Studium 2011

Satir: Selbstwert und Kommunikation - Familientherapie für Berater und zur Selbsthilfe –
München: Klett-Cotta 2002

6.2. Unselbstständig erschienene Werke

Landau. O’Hara: Das Psychologie-Buch - wichtige Theorien einfach erklärt – München: Dorling
Kindersley 2012, 352 Seiten
Satir. Banmen. Gerber. Gomori: Das Satir-Modell - Familientherapie und ihre Erweiterung –
Paderborn: Junfermann Verlag 2000, 398 Seiten

Zirfas. Jörissen: Schlüsselwerke der Identitätsforschung – Wiesbaden: VS Verlag für


Sozialwissenschaften 2010, 332 Seiten

30
6.3. PDF-Dokumente

Ollig, Sarah: Work-Life-Balance – Entwicklung eines Fragebogens zur Erfassung relevanter


Einflussfaktoren. Fakultät für Psychologie Ruhr-Universität Bochum: 2004. http://www.ifp-
finanzen.de/downloads/petzold.pdf (Zugegriffen 01.10.2015)

https://www.edugroup.at/fileadmin/DAM/Bildung/Medienratgeber/Gewalt-Schule-
Medien/Info-Die-5-Saeulen-Identitaet.pdf (Zugegriffen 01.10.2015)

6.4. Websites

Hermes, Andrea: Psychologie – Persönlichkeitspsychologie. 2002. http://www.grin.com/de/e-


book/107405/implizite-persoenlichkeitstheorien-die-rolle-von-erwartungen-in-der-
personenwahrnehmung (Zugegriffen 26.8.2015)

https://de.wikipedia.org/wiki/Pers%C3%B6nlichkeit#Definitionen (Zugegriffen 30.08.2015)

http://lexikon.stangl.eu/1245/epigenetik/ (Zugegriffen 04.10.2015)

https://de.wikipedia.org/wiki/Identit%C3%A4tsdiffusion (Zugegriffen 10.10.2015)

https://de.wikipedia.org/wiki/Virginia_Satir (Zugegriffen 28.12.2015)

7. Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Integratives Modell der Persönlichkeitspsychologie nach McAdams und Pals


(2006)………………………………………………………………………………………………………………………………………11

Abbildung 2: Die acht Phasen der Identitätsentwicklung nach Erikson…………………………………….14

Abbildung 3: Die Säulen der Identität nach H. Petzold……………………………………………………………..19

31