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Aufsätze Hermann F. Weiss · Ein unbekannter Brief Friedrich Hölderlins


Deus seu Natura. Wissensgeschichtliche Motive einer religions- an Johann Gottfried Ebel vom Jahre 1799
geschichtlichen Wende - im Blick auf Hölderlin.
Von Wolfgang Riede! ................................................................................
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Bei einem erstmaligen kurzen Aufenthalt in der Zentralbibliothek Zürich im
Dichter am dürftigen Ort. Johanneische Christopoetik in August 1998bemerkte ich bei der Durchsicht des ungedruckten Detailverzeich-
Hölderlins 'Patmos'. Von Hermann Timm ............................................
207 nisses zum Nachlaß Johann Gottfried Ebels (1764-1830)unter der Signatur Ms. Z
Wie ein Hund. Zum „mythischen Vortrag" in Hölderlins Entwurf II 510a vier Briefe Hölderlins an Ebel, und zwar vom 2. September, 9. November
'Das Nächste Beste'. Von Annette Hornbacher .................................222 und 7. Dezember 1795sowie vom 10.Januar 1797,ferner einen Hinweis auf die Fo-
tokopie eines weiteren vom 6.Juli 1799,die sich zusammen mit anderen Fotoko-
Poetischer Konzeptualismus. Oden von Klopstock bis Hölderlin.
pien von Briefen berühmter Persönlichkeiten an Ebel in einem Konvolut mit
Von Thomas Althaus .................................................................................
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der Signatur Ms. Z II 521befand. Da ich eigentlich mit anderen Forschungsvor-
Hölderlins Klauseln. Von Hans Gerhard Steimer .............................281 haben beschäftigt war und überdies die Zeit wegen der bevorstehenden Abreise
drängte, sah ich diese Briefe nicht ein, sondern notierte vorsichtshalber ledig-
Abhandlungenund Dokumentationen lich die Daten. Überdies war ich zu jenem Zeitpunkt mit der Hölderlin-Philo-
Ein unbekannter Nachruf auf Hölderlin von Johann Wilhelm Christem logie noch wenig vertraut und nahm an, daß diese in einer so vielbesuchten Bi-
Von Christoph Prignitz ............................................................................
329 bliothek aufbewahrten Briefe alle seit langem bekannt sein müßten. Gleich
Der Dichter, den ich liebe - Hölderlin. nach meiner Rückkehr in die USA stellte ich dann fest, daß die drei Briefe vom
Von Haizi (Übersetzung von Chan Ip Ng und Peter Trawny) ...........335 Jahre 1795bereits 1931zusammen mit vielen anderen Dokumenten aus dem da-
mals im Besitz des Juristen Arnold Escher-Blaß (1873-1948)befindlichen Nach-
,,Aber lieblich rauschen die Küsse". Zu einer Wendung
laß Ebels von dem Dichter und Literaturwissenschaftler Ludwig Strauß (1892-
Hölderlins und anderer Dichter. Von Heinz Rölleke ..........................342
1953)veröffentlicht• und späterhin in der Großen Stuttgarter Ausgabe nach den
inzwischen an die Zentralbibliothek Zürich gelangten Handschriften neu ediert
Rezensionenund Abstracts worden waren.' 1933publizierte Strauß dann den Brief an Ebel vom 10.Januar
Rezension Johann Kreuzer, Johann Christian Friedrich Hölderlin, 1797,1der sich gleichfalls im Archiv von Arnold Escher-Blaß befand und dort
Theoretische Schriften, mit einer Einleitung herausgegeben von von dem Historiker Ernst Zimmerli gefunden worden war.
Johann Kreuzer, Hamburg (Meiner) 1998. Von Volker Rühle .........."348 Der Brief Hölderlins vom 6.Juli 1799dagegen war der Forschung unbekannt
Hölderlin-Forschung außer Hause 1996-1998. geblieben, weil er nicht mit den umfangreichen Teilen des Ebel-Nachlasses
(Mit Nachträgen 1993-1995). Abstracts .......................................................353 1954 an die Zentralbibliothek Zürich gelangte, sondern in Privatbesitz verblieb.
Meine Neugier war geweckt, und ich erbat die Zustimmung der heutigen
Eigentümer des Hölderlin-Briefes zur Veröffentlichung. Ende April 1999wurde
Berichte
er zusammen mit anderen wertvollen Briefen aus dem Ebel-Nachlaß in der
Bericht des Präsidenten über die 26. Jahresversammlung in
Frankfurt am Main vom 4. bis 7.Juni 1998. Von Gerhard Kurz .... 392
1 Ludwig Strauß. Aus drmNachlaßJohann Gottfried 1 Friedrich Hölderlin, SimrlicheWerle.Große
Die Hölderlin-Gesellschaft ..............................................................................
404 lkll. Bisher nicht gedruckte Briefe von Fichte, Srungarter Ausgabe (StA), Bd. 6.1, 176-180(Nr. 103),
Hölderlin, Görres, und andern, in: Euphorion 31 183-185(Nr. 106), 188f.(Nr. 109).
Vorstand und Beirat der Hölderlin-Gesellschaft ........................................405 (1931),370-376.Ich danke dem Faculty Assistance 3 Ludwig Strauß, Ein Brieffn'rdrich 1/ölder/ins,in: Eu~
Anschriften der Mitarbeiter ............................................................................
407 Fund des College of Literarure,Science, and rhe phorion 34 (19n), 438f; vgl. StA 6.1,228-230(Nr. 132).
Ans sowie dem Office of the Vice President for
Research der Universiry of Michigan. Ann
Arbor/USA für die Unterstützung meiner
Forschungen.

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Zentralbibliothek Zürich deponiert. Ich erhielt eine Kopie und konnte nun die- menten. Auf den vier bereits veröffentlichten Briefen Hölderlins an Ebel sind
ses hochinteressante Dokument erstmals lesen.• Jetzt galt es innerhalb weniger sie nicht vorhanden.
Wochen zumindest Ansätze zur Kommentierung zu entwickeln, denn das fünfte
TEXT-Heft war bereits druckfertig, und außerdem sollte die Edition auch dem
Abschlußband der FrankfurterHölderlin-Autgabezugute kommen.
Der Arzt, Geograph und Naturforscher Johann Gottfried Ebel (1764-1830)ist der
Das bisher nicht publizierte Autograph stellt eine große Rarität dar, denn Ent- Hölderlin-Forschung wohlbekannt.• Es sei hier nur daran erinnert, daß der
deckungen von unbekannten Hölderlin-Briefen scheinen fast nicht mehr zu ge- Dichter, der ihn etwa Mitte Juni 1795kennenlernte, durch seine Vermittlung die
lingen. Zuletzt teilte Johann Ludwig Döderlein 1970den durch Regest bereits Lehrstelle im Hause Gontard erhielt und daß ihm, wie auch der hier wiederge-
teilweise bekannten Brief vom 23.Juni 1801mit.' 1963veröffentlichte Adolf Beck gebene Fund bezeugt, der Gedankenaustausch mit dieser hochgebildeten Per-
zwei kurze unbekannte Schreiben an die Schwester aus der Spätzeit6 und zwei sönlichkeit viel bedeutete. So veranlaßte die Klage des seit September 1796in
Jahre zuvor einen unbekannten Brief an die Mutter.' Der Empfänger des neu Paris weilenden Ebel über den Niedergang der französischen Republik• die tief-
gefundenen Briefes, der ohne Couvert und ohne Adresse überliefert ist, wird als gründige Betrachtung über die "ungeheure Mannigfaltigkeit von Wider-
Verfasser der Schilderungder Gebirg1völkerder Schweitz(3', 21f.)angeredet, was be- sprüchen und Kontrasten" im Weltgeschehen in Hölderlins Brief an ihn vom 10.
stätigt, daß sich der Brief an Johann Gottfried Ebel richtet, der damals in Paris Januar 1797.' Wir wissen nicht, ob und wie Ebel auf den philosophischen Trö-
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lebte. Die Handschrift besteht aus zwei hintereinandergelegten Doppelblättern stungsversuch des Dichters reagierte. Nur hier kommt Hölderlin auf Ebels Nö-
4°, deren acht Seiten (23 x 19 cm) sämtlich mit brauner, stellenweise verblaßter te und Enttäuschungen zu sprechen, während in den anderen Briefen an Ebel
Tinte beschrieben sind. Im Unterschied zu den anderen vier in der Zentralbi- Hölderlins eigene Interessen im Vordergrund stehen. Und nur hier gebärdet
bliothek Zürich aufbewahrten Briefen des Dichters an Ebel sind die Kanten sich der Dichter relativ informell, was darauf schließen läßt, daß die beiden
hier nicht beschnitten. Das Papier hat das bekannte Wasserzeichen I. HONIG / Männer sich 1796nähergekommen waren, nicht zuletzt infolge ihrer Zusam-
& /ZOONEN, darüber gekröntes Posthornwappen. Neben den Unterstreichun- menkünfte im Kreis der Frankfurter und Homburger Freunde. Im Gegensatz zu
gen von Hölderlin selbst weist die Handschrift zahlreiche Bleistiftunterstrei- Hölderlins Korrespondenz mit seinem Freund Christian Ludwig Neuffer (1769-
chungen auf, die nicht von Ebel, sondern aus späterer Zeit stammen, und in den 1839)etwa handelt es sich bei den Briefen an Ebel nicht um Zeugnisse des emp-
anderen Briefen des Dichters an ihn nicht vorhanden sind. Das mit Bleistift am findsamen Freundschaftskults. Bezeichnenderweise kam es nicht zum vertrauli-
Rand (I', 8) transkribierte Wort "Poesie" rührt wohl von derselben Person her, chen Du. Hölderlins Haltung gegenüber dem nur sechs Jahre Älteren ist
die die Bleistiftunterstreichungen vornahm. Diese späteren Hinzufügungen vorwiegend durch achtungsvolle Distanz gekennzeichnet.
werden in der Umschrift deshalb nicht wiedergegeben. Unklar bleibt auch der Nach mehr als dreijähriger Trennung zollt Hölderlin im etwa Ende 1799ent-
Zweck des mit violettem Stift oben auf der letzten Seite geschriebenen Ver- standenen Entwurf zu einem vielleicht nie abgesandten Brief an Ebel diesem
merks "Hölderlin / 499". Er dürfte von einer der Personen stammen, die den höchstes Lob, das in erschütterndem Kontrast steht zum gleichzeitigen Be-
Ebel-Nachlaß im Lauf der Zeit betreuten. Ähnliche archivalische Bezeichnun-
gen finden sich nur gelegentlich auf den zahlreichen darin enthaltenen Doku-
Zu Ebel vgl. StA 6.,,75of., ferner Heinrich Escher, {Anm.8), 14-16.Anzeichen einer Desillusionierung
Job. Gott[ EM(Trogen 1935);Ludwig Strauß, Aus zeigen sich bereits in seiner entsetzten Reaktion
4 Signatur Jfs. Z II521a.Zunächstdanke ich den heu- Archiv Stuttgartfür freundliche Auskünftesowie dntt N•cblaß Job111nGonfriedEbds (Anm. 1), 3H-358; vom•<?·~ovember 1793auf die Exekutionder
rigen Besitzerndes Hölderlin-Briefesherzlichstfür meinen Freunden,der Familie Brunneram Zürich- AllgrmrinedeutuheBiographie 5, 518f.;Jlistorisch- Girondisten (ebd. zif.); vgl. ferner ebd., 17 sowie
die Publikationsgenehmigung.BesonderenDank berg, für ihre Gastfreundschaft. BiograpbiscbrsLai!.,, drr SdnJJrizz, ,7,f. Der im St.A7.2,79 (Susette Gontard an ihren Mann, 27.Ok-
schulde ich ~tarlis Stähli, Leiterinder Handschrif- s Johann Ludwig Döderlein, FriedrichHö/Jmi11•• Staatsarchivdes KantonsZürich vorhandene tober 1796).
tenabteilungder ZentralbibliothekZürich, für /mmam,r/Xirrhtzmmer. Xirtingm, ZJ.J1111i
1lo1 Teilnachlaß enthält Dokumente,die für unseren 10 StA 6.1,229.Zum Briefwechselzwischen Hölderlin
zahlreicheRecherchenund für die \\"Cm·o11e Hilfe (~larbach 1970). Zusammenhangllr'Cniger interessantsind, darunter und Ebel vgl. Paul Raabe, Dir Brief, Hölderlins.Stu-
bei der Transkriptiondes Briefes.Auch \Volfram 6 Adolf Beck, !)er !ran!, llöldmiw •• sri"' Sdn::mn: Vorarbeitenzu Ebels Publikationenund Briefe von dien zur Entwicklungund Persönlichkeitdes
Groddeck dankeich für seine Unterstützungbei Zwei unbekannte Briefe, in:JFDH 1963,100; ,·gl. Gewährsleuten (frdl. Mitteilung vom 8.Juni 1999). Dichters (Stuttgart 1963),117-120.
der Entzifferung. Emery E. George (Trenton) sei St.\ 7.1,483 (Xr. 311a,311b). 9 Zu Ebel, anfänglicher Begeisterung für die
für viele Hinweisegedankt,fernerdem Hölderlin- St.\ 6.1,47of. ('.':t. 14a). Französische Revolution vgl. Escher, Job. Gott[ Ebd

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kenntnis seiner eigenen Bedürftigkeit und Unsicherheit. Er teilt ihm hier mit, Sclrweitzverlegte.'' Escher bemerkt zu diesem Vorhaben: "Die scharfe Logik und
daß er ihm "vom ersten Augenblike" an "viel" bedeutet habe: n[.•• ] ich darf es die strenge Consequenz, so wie die Aehnlichkeit der politischen Grundsätze
Ihnen gestehen, daß ich wenige kenne, bei denen ich mit solcher Gewißheit von Sieyes mit den seinigen, sprachen Ebel ganz vorzüglich an."•1In Hölderlins
meinem Gemüthe folgen kann, wie ich es thue, so oft ich an Sie denke, und von Gedankenaustausch mit den Frankfurter und Homburger Freunden dürften
ihnen spreche, und diß geschiehet nicht selten." Und er lobt Ebels Beobach- diese Projekte Ebels diskutiert worden sein.'8
tungsgabe sowie sein Urteilsvermögen, sein "klares vorurtheilsloses Auge" und
seinen "großen Gesichtspunct"." Das wichtigste zeitgenössische Zeugnis zu Leider ist der Briefwechsel zwischen dem Dichter und Ebel nicht vollständig
Ebel, nämlich der bereits erwähnte Nekrolog des mit ihm befreundeten Züri- überliefert. Außer den fünf in Zürich aufbewahrten Briefen Hölderlins ist nur
cher Historikers Heinrich Escher (1781-1860) vom Jahre 1835,"in dem Hölderlin noch die Abschrift des eben zitierten Entwurfs zum Brief an Ebel vom Jahres-
übrigens nie erwähnt wird, bestätigt dessen hohe Meinung von Ebel. Offenbar ende 1799bekannt geworden, die sich in der Württembergischen Landesbiblio-
verstand dieser es, aufgrund seiner vielseitigen Bildung, seiner unermüdlichen thek Stuttgart befindet und 1923erstmals von Wilhelm Böhm••aus dem Nachlaß
Aktivität, etwa in Bereichen der Wissenschaft und der Politik, sowie seines ge- von Gustav Schlesier (1810-nach1854)' publiziert wurde. Ob die beiden Freun-
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winnenden, begeisterungsfähigen Wesens auch die Zuneigung anderer bedeu- de danach noch miteinander korrespondierten, weiß man nicht. Von Ebels Ge-
tender Personen zu erwerben, darunter Wilhelm von Humboldt, Goethe, der genbriefen ist lediglich sein Antwortschreiben vom November 1799auf den hier
Freiherr vom Stein und der französische Diplomat Karl Friedrich Reinhard. edierten Brief vom 6. Juli 1799überliefert, und zwar nur in Auszügen und als
Escher lobt Ebels "seltene Vereinigung vielseitiger und dennoch gründlicher Regest." Allerdings dürfte der Briefwechsel zwischen ihm und dem Dichter
Kenntnisse" und fährt dann fort: "In ihm vereinigte sich der Naturforscher, der nicht umfangreich gewesen sein, zumal sich nach seiner Umsiedlung nach
Arzt, der Politiker, der prüfende Statistiker, der Geschichtskenner, der philoso- Frankreich im September 1796längere Zwischenräume in der Korrespondenz
phische Menschenbeobachter mit dem gefühlvollen, begeisterten Freunde der einstellten. Hölderlin reagierte nämlich erst am 10.Januar 1797auf Ebels Klage-
Naturschönheit. Darum eben waren seine Beobachtung~n so tief und umfas- brief aus Paris vom Oktober 1796.Dieser wiederum antwortete im November
send, ihre Resultate so wichtig; darum wußte er aus allem zu lernen und überall 1799auf Hölderlins Brief vom 6.Juli 1799,aus dessen Anfang hervorgeht, daß er
Beziehungen zu entdecken, die nur vor vielseitiger Bildung und überlegenem Ebel seit längerem nicht geschrieben hatte. Ein terminus ante quem für den vor-
Talente sich enthüllen."•• Während seiner Frankfurter Zeit (1792-1796)arbeitete hergehenden, offenbar verschollenen Brief des Dichters ergibt sich aus dem
Ebel Escher zufolge nicht nur als praktischer Arzt, sondern beschäftigte sich kurzem Hinweis auf seinen Umzug von Frankfurt nach Homburg Ende Sep-
auch mit seiner ab 1798erscheinenden Schilderungder Gebirgsvölkerder Schv:eitz tember 1798(1', 15-16).Ebels Antwortschreiben vom November 1799zeigt, daß er
sowie der Übersetzung der Schriften des Staatstheoretikers und Politikers Em- erst durch Hölderlins Brief vom 6. Juli 1799von dessen Trennung vom Hause
manuel-Joseph Sieyes (1748-1836).'• Sie erschienen zur Ostermesse 1796anonym Gontard erfuhr: "Sie leben in Homburg und haben sich von Gontards losge-
in zwei Bänden'<unter dem Titel: EmmanuelSieyesPolitischeSchriftenin der Wol-
fischen Buchhandlung zu Leipzig, die auch die Schilderungder Gebirgsvölkerder 16 Dieser Verlag,der deutschen Lesern z.B. durch die 18 ·weder der AbbCSieyCsnoch Usteri bzw.Wolf
Beiträgezur
Zeitschriften Klio (1795-1797), kommen im Regisret zur SrA (Sr.\ 8) vor.
fronzöri1'hm Revolution(1795-1796) und Humonio111 19 SL\ 6.1, 376-378.
(1796-1798)Informationen über die Vorgänge in 20 Zu Gustav Schlesier vgl. Deutsches Littratur-lrxilon
Frankreichlieferte, wurde 1795von einem Freund (Bern, München !1993),Bd. 15,Sp.155f.; hier wird
Ebels begründet, nämlich dem Arzt,Journalisten angegeben.Schlesier
als Todesjahr .nach 1849"'
der auch an
und Politiker Paulus Usreri (1768-1831), muß aber sp:i.tergestorbensein; sein letztes bisher
der Herausgabeder genannten Zeitschriften auffindbareseigenhändigesLebenszeugnisist ein
n St.\ 6.1, 376-378(1'r. 201). 1.f Vgl. AllgnneinrLitrrat11r-lrit11ng./11ttlligmdla"~r. maßgeblich beteiligt war. Der Verlag wurde schon Brief an \Vilhelm von Humboldt vom 8. Februar
12 Ebel war seit 1801 mit der ZürcherFamilieEscher H, 30. April 1796,Sp. 444. Die im Frühjahr 1794 bald von dem mit beiden befreundeten, 1854(frdl. Mitteilung Hans Gerhard Steimers vom
bekannt und wohnte ab 1810 bis an sein Lebensende ,·erfaßte \"orrede zu den Politisrorn
S,briftm (Bd. ,, republikanischgesinnten Historik.erPeter Philipp 5.Juli 1999).Hans Gerhard Steimers Edition von
bei ihr; ,·gl. Escher, Job. Gottf EM (.\nm. 8), 46. S. III-LXXXI)stammt anscheinend zum großen Wolf (1761-18o8)übernommen; zu Wolf vgl. Al/gemri- Schlesiers Hölderlin-Aufzeichnungenerscheint in
'l Escher, Job. Gott[.Eh/ (.\nm. 8), 17f. Teil von Ebel, ll·ährenddas Vorwortzum 1. Band 11eDat.uhe Biograpbir43, 781-785,zu Usreriebd., 39, Kürze.
14 Ebd., 21f.; übrigensplante Eschereine Publikation (S. III-LXXII),das zahlreiche ~litteilungen .-on 399-4o8. Briefe Wolfs an Ebel sind in der Zenrralbi- 21 SrA 7.1,148f.
,·on Briefen aus Ebels ~ach laß, die aber Sieyes enchälr,,·on Ebel redigien wurde;,·gl. Bd. 2, bliorhek:Zürich nicht vorhanden.
anscheinend nicht zustande kam;,·gl. ebd. 28f~ H· S. LXXllf. 17 Vgl. Escher.Job. Gott[.Ebe/(Anm. 8), 22f.

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macht - dies war mir bis zu Empfang Ihres Briefes unbekannt."" Also müßte verlegen wollte.'iEs stellt sich nun heraus, daß der hier vorgestellte Brief tatsäch-
Hölderlin den davor liegenden Brief an Ebel vor Ende September 1798ge- lich zu denjenigen gehört, in denen der Dichter um Beiträger für die Zeitschrift
schrieben haben. warb. Von dieser Gruppe war bisher nur der relativ kurze Brief an Schiller vom
Die Forschung weiß seit 1923,daß der Dichter im Sommer 1799an Ebel ge- 5.Juli 1799 vollständig überliefert, in dem sich Hölderlin allerdings weder über
schrieben hatte, und zwar nicht allein aufgrund der zitierten Antwort Ebels vom die Aufgaben der lduna noch zu Honorarfragen bzw, anderen möglichen Mitar-
November 1799,sondern auch wegen der gleichfalls von Wilhelm Böhm aus Gu- beitern äußert.' 8 Zusätzlich sind noch zwei etwa im Juli 1799entstandene Ent-
stav Schlesiers Nachlaß publizierten Teilabschrift eines Briefes, den Hölderlin würfe zu Werbebriefen bekannt geworden, die sich wahrscheinlich an Schel-
am 23.August 1799an den Stuttgarter Verleger Johann Friedrich Steinkopf (1771- ling•• bzw. an Goethei richten. Anscheinend faßt sich Hölderlin in seinen
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1852)richtete. Hier heißt es nämlich: "Von Ebel und Humbold hoffe ich baldige Schreiben an wirkliche Berühmtheiten wie Goethe und Schiller erheblich kür-
Antwort."•i Auch Ludwig Strauß wußte von dem "verlorengegangenen Brief",'< zer als in denjenigen an ihm näher stehende Persönlichkeiten, etwa Ebel und
den er aber um 1930bei seinen Forschungen nicht entdecken konnte. Ein ge- Schelling. Bei Briefen dieser Art, die in einem relativ kurzen Zeitraum entste-
nauerer terminus ante quem als der 23. August 1799zur Datierung dieses damals hen und, auf den jeweiligen Empfänger zugeschnitten, dieselbe Materie behan-
noch verschollenen Briefs ergab sich dann 1958infolge der Publikation eines in deln, können sich Ähnlichkeiten bis hin zu wörtlichen Übereinstimmungen er-
Mainz am 15.Juli 1799von Franz Wilhelm Jung (1757-1833)verfaßten Briefs an geben. So findet sich fast derselbe Abschlußsatz in den beiden evtl. für Goethe
Ebel. Hier verlautet gleich zu Beginn: "Sie erhalten hier, Lieber, einen Brief von und Schelling bestimmten Entwürfen.•' Unter den Werbebriefen für die Iduna,
unserm treflichen Hölderlin. Unterstützen Sie ihn doch mittelbar und deren Zahl nunmehr auf vier angestiegen ist, stehen die beiden längsten Texte,
hauptsächlich unmittelbar mit Beiträgen zu seinem [ ... ] Journale."" Infolge des nämlich der Brief an Ebel und der Entwurf zum Brief an Schelling, einander am
hiermit erstmals identifizierten Hölderlin-Briefs ist nunmehr auch die Annah- rtächsten, was hier nicht im Detail behandelt werden soll. Zu den Parallelen,
me nicht mehr haltbar, daß der Dichter seinen Brief an Ebel vom 6. Juli 1799 welche insgesamt etwa die Hälfte dieser Texte umfassen, gehören mehrere län-
Jung bei seinem Besuch in Mainz Ende Juni 1799übergab.' 6 Er muß ihn von gere Partien, z. B. der jeweilige Anfangi• und die Ausführungen über den Verle-
Homburg aus an Jung geschickt haben, der ihn dann seinem eigenen Schreiben ger Steinkopf,i• aber auch zahlreiche kürzere Stellen, insbesondere in der ein-
an Ebel beilegte. dringlichen Analyse des Zwecks der geplanten Zeitschrift. Man denke etwa an
Seit Wilhelm Böhms Publikation aus Gustav Schlesiers Nachlaß vom Jahre die auffällige Formulierung Hölderlins im Entwurf für Schelling, derzufolge es
1923konnte man auch vermuten, daß der Brief Hölderlins an Ebel vom Sommer ihre Aufgabe sei, "die Menschen, ohne Leichtsinn und Synkretismus, einander
1799mit der von ihm ab etwa AnfangJuni jenes Jahres geplanten und schließlich zu nähern [ ... J."i•Gleichfalls unterstrichen, kehrt sie im neu aufgefundenen
doch nicht zustande gekommenen Zeitschrift Iduna zusammenhing, die Steinkopf Brief an Ebel wörtlich wieder (r, 7-9). Während Hölderlin aber hierauf für
Schelling längere philosophische Erörterungen folgen läßt, summiert er in sei-
nem Brief an Ebel nach dieser Stelle den Grundgedanken der Überwindung
von Vereinzelung, etwa von Menschen oder Meinungen, viel kürzer und allge-
meinverständlich, gleichzeitig aber prägnant, z.B. in der schönen Stelle über
l2 Ebd., 148. Zu Hölderlins Hausherr Johann Georg von Schlesier nicht erfaßten, aber von der
den undialektischen "furchtsamen Egoismus, der immer auf Einern Puncte
Wagner (8, 25) vgl. Reinhard ~lichel, U'ohat Hö/Jtr- Forschungerschlossenen Briefede! Dichters an
lin bri srinm 1/omhurger
Aufmtbaltmg('ll)obnt?in:
Zur den Verlegeraufbewahrt;,·gl. StA 7.1,141,JJO.1944 sto[ ct]kl' (r, 13-14).Inwieweit dieser Brief neue Einblicke in Hölderlins Gedan-
1200-Jahrfeier1982,hrsg. im Auftragder Stadt Bad \\·urdedieses in Sruttgan befindliche Archiv durch kenwelt um 1800eröffnet, muß der zukünftigen Forschung vorbehalten bleiben.
Homburg, !\tineilungen des Vereins für Geschichte Bombenangrifffast völlig zerstört, so daß wir \\'Ci·
und Landeskundezu Bad Homburgv. d. Höhe, terhin auf Schlesiers Teilabschriftenund Regesten
Bd. 35 (Bad Homburg v. d. Höhe 1982),300,302. dieser Korrespondenzangewiesensind. Der \"erlag,
23 St.\ 6.1, 3f7. Friedrich Weitbrecht (geb. 1944), ein der noch bis 1987bestand, warseit der Übernahme 27 Zum IJ•na-Projekt vgl. Roger Ayrault, Hö/Jer/inet 29 Ebd., 345-349 (:s'r. 186).
Nachlmmme Steinkopfs in der sechsten Generation durch SteinkopfimJahre 179zununterbrochenin lu prmtirn romantiq,us.Sur le projet de la re\·ue 30 Ebd., 349-350 (Xr. 187).
und Inhaberdes AntiquariatsJohann Friedrich Familienbesitz(telef. Auskunft,·om 4.Juni 1999). iduna. en 1799, in: Revue d'Allemagne 9 (1977),571- 31 Vgl. ebd., 3;0 bzw. 348, Z. 103-106.
Steinkopf in Srungan, hörte seinen Vater \Valrer 24 Ludwig Strauß, A•, dno Na,blaß7oha1111 GottfritJ 588, ferner Günther Mieth, Frirdrichllöld"lins 32 Vgl.1-2, 12 bzw. StA 6.1,345,Z. 1-4; 346, Z. 1-23.
(19os-1989)öfters ,·on zahlreichen Briefen EM,(Anm.1), 381. • fJpna· -Projt'lt. Das Schicksaleines Dichters, in: ll Vgl. 8, 3-19bzw. St\ 6.1,349, Z. 111-125.
Hölderlins im Verlags-und Familienarchiv 2; StA 6.z, 947; vgl. StA 7.2, 142. Zeitschrift für Germanistik N. t: 1 (1993),596-602. 34 StA 6.1, 347, Z. 53-55.
sprechen. Möglicherweise wurdendort auch die 26 StA 6.2, 947; vgl. St\ 7-', 143. 28 St\ 6.1, 341f. (:s'r. 184).

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Hölderlin beugte sich bekanntlich dem Druck des Verlegers, den Kreis der die von beiden geliebte Schweiz überlassen können, zumal er 1799mit der Fort-
/duna-Beiträger zu erweitern und sie nicht nur unter seinen Freunden und Be- setzung der Schilderungbeschäftigt war, wie aus seinem Schreiben an den Dich-
kannten zu suchen. Steinkopf hatte ihm am 15.Juni 1799geschrieben: .Ein Her- ter vom November jenes Jahres hervorgeht.•i Bekanntlich stießen Mitteilungen
der, Schiller, Goethe, v. Humbold, Thümmel, Fichte, Schelling wären in jeder über die Landschaft sowie die politischen und sozialen Zustände dieses Landes
Hinsicht wünschenswerth [ ... J Von solchen Namen hängt ein großer Theil des am Ende des achtzehnten Jahrhunderts auf großes Interesse .... Kein Wunder,
Erfolgs der Ankündigung ab."1,Drei der insgesamt vier erhaltenen Werbebriefe daß Hölderlins durch den Brief vom 6. Juli 1799 erstmals belegte Lektüre der
richten sich an einige dieser Berühmtheiten. Aufgrund des Briefes an Ebel Schilderungder Gebirgsvölkerder Schweitz, die etwa im Sommer 1798erschienen
scheidet nun Wilhelm von Humboldt als vermutlicher Empfänger des Briefs war,•• ihn .lüstern" (4', 1) auf derartige Beiträge machte. Anscheinend hielt Höl-
Nr. 187aus. Hölderlin schrieb ihm nämlich gar nicht, sondern bat Ebel, sich bei derlin einen weitgefaßten Literaturbegriff für die /duna angebracht, denn es
dem gleichfalls in Paris lebenden Humboldt für die Jdunaeinzusetzen (4', 2ff.).'6 muß ihm bewußt gewesen sein, daß Ebel dazu neigte, die Perspektiven vieler
Er muß gewußt haben, daß sie miteinander befreundet waren. Hölderlin hätte Wissenschaften zu vereinigen, und weder vor poetisierenden Passagen noch Ta-
Humboldt in seiner Jenaer Zeit kennenlernen können, aber zu einem engeren bellen oder Anmerkungen zurückscheute.•• Anscheinend waren die damaligen
Kontakt kam es anscheinend nicht. Die einzigen überlieferten Äußerungen Leser von Ebels Stilisierungen der Schweizer Landschaft zum Idyllischen bzw.
Humboldts über Hölderlin sind seine nicht besonders positiven Urteile über ei- Erhabenen wie auch von seiner Bewunderung republikanischer Traditionen in
nige Gedichte desselben in seinen Briefen an Schiller vom 28. September und bestimmten Kantonen angetan. Das verstärkte Interesse der literaturhistori-
2. Oktober 1795)7 Zusammen mit dem neuentdeckten Hölderlin-Brief sind auch schen Forschung an Reiseliteratur könnte in Zukunft dazu beitragen, die Be-
Briefe Wilhelm von Humboldts an Ebel in der Zentralbibliothek Zürich depo- deutung Ebels für Hölderlin, der gleichfalls von der Alpenwelt tief betroffen
niert worden, aber sie stammen aus den Jahren 1810(1), 1813(1), 1814(6), 1815(2) war, eingehender zu würdigen.•'
und 1816.J'In einem gleichfalls deponierten Brief vom 1. November 1799fragt Leider existiert keine vollständige Ebel-Bibliographie; vor allem über seine
Carotine von Humboldt Ebel, ob er den - leider nicht überlieferten - Zettel Publikationen in Zeitschriften und Zeitungen sind wir nur lückenhaft unter-
erhalten habe, den ihr Gatte ihm vor der Abreise geschickt hatte. Reichte Ebel richtet.•• Wir wissen z. B. nicht, was er im zweiten Halbjahr 1799außer der Fort-
Hölderlins Bitte mündlich weiter? Jedenfalls heißt es in Gustav Schlesiers Ex- setzung der Schilderungnoch in Arbeit hatte. Außer dem bereits erwähnten Brief
zerpt aus Ebels Brief an den Dichter vom November 1799:.HE. v. Humbold ... an Hölderlin vom November 1799scheinen keine weiteren Briefe Ebels aus je-
abgereist."" Humboldt hatte Paris am 8. September 1799samt Familie in Rich- nem Zeitraum überliefert zu sein.•• Unter den von Ebel in jenem Schreiben in
tung Spanien verlassen. Ob er sich an der Iduna beteiligt hätte, scheint fraglich,
43 Sto\ 7.1,148;vgl. Escher, Joh. Gottf Ehe/ (Anm. 8), 36, .Frankfurtaber ist der Nabel dieser Erde".Das
da er Bitten um Mitarbeit an Zeitschriften seit dem Eingehen der Horenfast im- 42. Der zweite Bandder Schi/Jrnmgerschien 1802. Schicksal einer Generation der Goethezeit, hrsg.
mer ablehnte.• 0 44 Vgl. z. B. Peter Faessler, Johann Gottfried Ehe/ als von ChristophJamme u. Otto Pöggeler (Stuttgart
Reiseliterat(St Gallen 1983),ferner Helvttim 11nd 1983),58-72, besondersbei Peter Faessler,Freiheit,
Ebel wird zwar nicht in Steinkopfs Aufzählung der anzuwerbenden Be- Deutr&blond.KulturelleBeziehungen zwischen der Idylle und Natur.Johann Gottfried Ebels
rühmtheiten genannt, aber er war damals vielen Lesern in den deutschsprachi- Schweiz und Deutschland im Zeitraum1770-1830, „Schilderungder GebirgS\·ölkerder Schweitz"in
hrsg. von Hellmuth Thomle, Martin Bircheru. der Verwendungdurch Schiller und Hölderlin, in:
gen Ländern ein Begriff, im Unterschied übrigens zu Hölderlin mit seiner
Wolfgang Proß (Amsterdam, Atlanta 1994). Schweizer Monatshefte 64 (1984), 145-156.
• kleinen Schriftsteilerreputation".•• Sowohl seine Anleitungauf die nützlichsteund 45 \' gl. Al/gemeineLiurat11r-Zdt11ng, Intelligenzblatt 48 Ebel rezensierte z. B. in den Jahren 18o5-1817in der
genußvollsteArt in der Schweitz zu reisen(1793)•'wie auch die Schilderungder Ge- ~r. 156, 11. September 17981 Sp. 1119.Der erste Band Jmairchm Al/gemeinen Literaturzeitungund schrieb
der Scbildenmg\\;rd hier unter den \Verken auch für den Rbdni.rchrnAfen"ur,vgl. Escher,Job.
birgsvölkerder Schweitz, deren erster Band (1798)den Kanton Appenzell behan- aufgeführt, die der \'erlag .von Oster-~tesse bis Gottf Ebel (Anm. 8), 57.
delte, hatten ihm zur Bekanntheit verholfen. Ebel hätte Hölderlin Beiträge über ~tichae1-~lesse 1798• herausbrachte.Er enthält 49 Die Zentralkarteider Autographen(Staatsbiblio-
eine kurze .Vorrede• von Paulus Usteri, die thek zu Berlin) weist nur wenige Briefe Ebels
.Zürch, am 1 April. 1798: datiert ist. nach, alle nach 1800 verfaßt. Unter den in der Zen-
3.; Vgl. St.\ 7.1,131. 41 St.\ 6.1,320 (Hölderlin an seine \lutter, .\pril 1799);
46 Bereits am 9. Xovember 1795bekundete Hölderlin tralbibliothekZürichaufbewahnen Briefen an
36 \' gl. St.\ 6.2, 9,Jf. \·gl. auch {, 18f.sowie 4'",11f.im neuenrdeckten
Interesse an Ebels Schaffen:.Haben Sie die Güte, Paulus Usteri (~ls. V 506.149) und an Johann Hein-
37 Vgl. St.\ 7-2,;1f. Brief.
mir auch ein ~äheres von Ihren literarischen rich Füssli (Ms. M 1.52-54)findet sich 1799 nichts,
38 Signatur: Zentralbibliothek Zürich, \ls. Z II J"· 42 2 Bde. (Zürich 1793).Da, Werk erschien 1804und
Arbeiten [ ... J mitzutheilen [ ... ]" (6.1,184). \\"3S in unserem Zusammenhangrelevantwäre.
39 St.\ 7-2,148. 1810 in erweiterten .\uflagen.
47 Ansätze dazu bei BernhardBöschenstein,Das Bild
40 Frdl. \litteilung rnn Philipp \lattson (lleidelberg)
drr Sch:riz ki Ekl, Boehlmdo,jf und /löldmin, in:
mm 14.Juni 1999.

14 15
Aussicht gestellten .Bruchstücke[n ]" für die !duna• hätte es vielleicht auch0

Darstellungen kultureller oder politischer Entwicklungen in Frankreich gege-


ben. Ebel, der zu diesem Zeitpunkt bereits seit drei Jahren in Paris lebte, hatte
dort vielerlei Kontakte, zu denen sich evtl. noch manches ermitteln ließe. So
läßt sich dem Schreiben Franz Wilhelm Jungs an ihn vom 15.Juli 1799entneh-
men, daß er Bernadotte kannte.-" Ferner pflegte er in Paris Umgang mit dem
Abbe Sieyes, dessen Schriften er übersetzt hatte, und er war mit dem gleichfalls
dort lebenden Publizisten und Frankreichkenner Konrad Engelbert Oelsner
(1764-1828)befreundet. Zusammen mit Oelsner und Detmar Basse (1762-1836)
führte Ebel in Paris Verhandlungen für die Stadt Frankfurt, zu denen Heinrich
Escher bemerkt: .Diese Stellung und seine Verbindungen mit Oelsner brachten
ihn mit allen einflußreichen Männern zu Paris in Berührung [ ... J".·"
Ebel entschuldigte sich Hölderlin gegenüber für die um etwa vier Monate
verzögerte Antwort auf dessen Brief vom 6.Juli 1799u. a. mit einer .Gemüthsla-
ge", in der er .in diesem Sommer zu allgewaltig von gewissen Ideen und Ge-
fühlen hingerissen" wurde.-" Hing die von ihm angedeutete Selbstentfremdung
mit politischen Krisen in Frankreich zusammen? Jedenfalls traf seine halbe Zu-
sage zur Mitarbeit an der Iduna vom November 1799zu spät ein. Hölderlins von
hohem kulturellen Anspruch getragener Plan, von dem er sich auch den Aufbau
einer freien Schriftsteilerexistenz erhofft hatte, war zu diesem Zeitpunkt prak-
tisch schon gescheitert. Zwar bestand in Süddeutschland eine Marktlücke für
die projektierte Zeitschrift, aber unglücklicherweise führte gerade dort der
Krieg der Zweiten Koalition zu schweren wirtschaftlichen Einbußen,« welche
ebenso zum Fehlschlag des Plans beitrugen wie das Desinteresse der meisten
kontaktierten Berühmtheiten. Auch an Ebel dürfte Hölderlin gedacht haben, als
er bereits etwa Anfang September 1799 herb enttäuscht an Susette Gontard
schrieb: .Nicht nur Männer, deren Verehrer mehr als Freund ich mich nennen
konnte, auch Freunde, Theure! auch solche, die nicht ohne wahrhaften Undank
mir eine Theilnahme versagen könnten - ließen mich bis jezt - ohne Ant-
wort, und ich lebe nun volle 8 Wochen in diesem Hoffen und Harren, wovon ge-
wissermaaßen meine Existenz abhängt. [ ... J Schämen sich denn die Menschen
so meiner ganz?".«

JO StA 7.1,148. Vorredenzu Ebels Übersetzungder Schriften,·on


JI SL\ 7.2, 144. Sieyes; ,·gl. Lud~·ig Smuß, Au ,In, .\'•,h/,,flJob,,on
52 Escher,Job. Gotrf üd(Anm. 8), 16; vgl. Isidor Kra· Gottfrid EMs (.\nm. 1), 162(.
cauer. FranifMrt"· Jf. ••Jlit Fra'llziirisdxRep•Mii, fl SL\ 7.1,148.
in: .\rchiv für FrankfunsGeschichte und Kunst,J· 54 Vgl.SL\ 6,,167;6.z,991(,1021.
Folgc, 3 (1891),188/f.Oclsncr ,·erfaßte die beiden 55 SL\ 6.1, j66.

16
rd. 6tenJul. 99.1

Mein Theurer!

Ich habe indeß zu dauernd und zu ernst an Ihnen


und Ihrer Sache Theil genomen, als daß ich es mir nicht
göfien sollte, Sie einmal wieder an mein Daseyn zu
mahnen.
Wen ich indeßen gegen Sie geschwiegen habe, so war es
gröstentheils, weil ich Ihnen, der mir so viel und imer
mehr bedeutete, irgend einmal in einer bedeutenderen
Beziehung, oder doch in einem Grade des Werths, der
Sie auf eine schiklichere Art an unsre Freundschaft
mahnen köfite, entgegenzukomen hofte.
Nun treibt mich eine Bitte früher zu Ihnen, und Sie
werden mich auch in dieser Gestalt nicht verkenen.
Ich habe die Einsamkeit, in der ich hier seit vorigem
Jahre lebe, dahin verwandt, um unzerstreut und
mit gesamelten unabhängigen Kräften vieleicht
ein Reiferes, als meine bisherigen kleinen schrift-
stellerischen Producte sind, zu Stande zu bringen,
und wen ich schon gröstentheils der Poesie gelebt
habe, so ließ mich doch Nothwendigkeit und

18
19
20
Neigung nicht so weit vom ernsten Nachdenken entfer-
nen, daß ich nicht meine Üb[b]L'I'Zeugungenzu größerer
Bestimtheit und Vollständigkeit auszubilden, und
sie, so viel möglich, mit der jezigen und vergang-
nen Welt in Anwendung und Reaction zu sezen
gesucht hätte.
Gröstentheils schränkte sich mein Nachdenken
auf das, was ich zunächst trieb, die Poesie
ein, insofern sie lebendige Kunst rist, und zu-
gleich aus Genie und Erfahrung und Reflexion
hervorgeht, und idealisch und systematisch
und anschaulich individuell ist.
Diß führte mich zum Nachdenken über Kunst
und Bildung und Bildungstrieb überhaupt,
über seinen Grund und seine Richtungen,
und produzirte Formen, und wie er instinkt-
mäßig, oft richtig, oft auf vielfältigen Ab-
wegen und Verwilderungen und Karikaturen,
daii aber auch besoliener und sicherer und reiner
vom Ideal aus wirkt, aber in allem als
Kunst und Bildungstrieb, imer -ftft ursprünglich
aus dem ächtmenschlichen allen Individuen

21
gemeinschaftlichen Streben, zu organisiren, zu idea-
1hrer
lisiren, die Elemente -seiftet'eignen und der umgeben-
den Natur anzubauen, einzurichten und auszuschmüken.
Das Leben zu fördern, den Gang der Welt, mittelbar
oder unmittelbar zu beschleunigen. In diese[.n.]m.gemein-
schaftlichen Karakter der Menschen und in d[W.rr
Ansicht des menschlichen Lebens. in [.f]rnfern es
reiner und unreiner, in edlen wesentlichen
Richtungen und Formen sowohl, als in unedlen
und unwesentlichen, jene gemeinschaftlichen Karak-
ter seM trägt, glaubt rich, das sezen zu müßen
was man bisher bestirnter und unbestirnter,
unter Humanität verstanden hat, und ich glaubte
auch die Poesie und ihre Ansicht als natürlich-
entstandenes Kunstprod[ri]uct als einen Zweig
der Humanität betrachten zu könen.
Auf diese Art haben mir die Materialien, die
ich unter den Händen habe, zu dem Entwurf eines
humanistischen Journals Veranlaßung gegeben,
das in seinem gewöhnlichen Karakter ausübend
poetisch wäre, dafi auch die Kunst belehrend
behandelte, in dem es im Kunstwerk seine Or-
ganisation, zu einem bestirnten Karakter sowohl
als zur idealischen Bedeutung, und den harmo-

22
23
24
nischen Wechsel seiner Töne, im Allgemeinen sowohl
als in Rüksicht auf seinen bestiffiten Stoff zeigte,
auch das Kunstwerk als aus der Natur und dem-ftff
Leben hervorgegangen, aus der Seele und dem eigen-
tümlichen Karakter des Dichters und der ihn umgebenden
Welt entstanden betrachtete, wodurch dem Meister-
werke in seinen Vorzügen das Positive, und in
seinen zufälligen Eigenheiten das Sonderbare,
Unangenehmfremde, benoffien würde, so daß in
dem, worin -de-es ewig ist, und worin es die Spur
seiner Zeit und seines Dichters trägt, die Gemüther
sich leichter damit familiarisirten, auch in ihren
eigenen Bildungen und Einrichtungen und Organi-
sationen sich dem Künstler und dem Kunstwerk
näher fühlten.
Endlich sollte das Journal im Allgemeinen, aus
dem Gesichtspuncte der Humanität beobachtend und
räsonirend, über die Karaktere und Sitten und Mei-
nungen und Formen des menschlichen Lebens, als
rorganisirenden
aus einer gemeinschaftlichen Quelle, demlßilclungs-
triebe, und seinem Grunde, der vielfältig und
inig organis[irt]chen Menschennatur hervorgegangen,
jedoch mit Unterscheidung des Edlen und der Abart,
des Reinen und der Verirrung - belehrend
und unterhaltend seyn.

25
Verzeihen Sie mir diese schwerfällige Vorrede, mein
Theurer! aber die Achtung gegen Sie ließ mir nicht
zu, Ihnen mein Vorhaben so aus dem Stegreif
zu verkündigen; eben so wenig hielt ich es für
schiklich, den Plan, so viel ich ihn für mich selbst
entwerfen durfte, und die Materialien, die ich
bereit habe, Ihnen bestirnt zu nefien; ich wollte
also nur den Karakter des Journals und das,
was man seinen Geist nefit, ungefähr berühren,
und so viel es sich vor der Sache selber thun läßt,
Ihnen bezeugen, daß mein Project nicht ungründlich
und leichtsinig auch vieleicht mehr zum Glüke
gemacht wäre, als meine bisherigen Producte,
und daß ich, so viel ich Ihren Geist und Sin
kefie und ahne, in der Tendenz wenigstens
nicht gegen Sie sündigen werde.
Ihnen, der mit dieser seltenen Vollständig-
keit und Gewandtheit die Natur des Menschen,
und die verschiedenen Karactere, 4 und Richtungen
die sie afiiffit, und Sitten und Meinungen
und Formen, in denen sie sich äußer~j~l- um-
faßt und durchschaut, und der eine so manig-

26
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28
faltige, betriebsame, offene große und kleine
Welt zur Beobachtung und zum Nachdenken vor sich
findet, wird es nicht schwer seyn, sich, -ttttf
nach [e]ernsreren Beschäfftigungen, auch auf diesen
Gesichtspunct zu stellen und durch Ihren Nahmen
und Ihre Theilnahme ein Geschäfft zu begün-
stigen, das dienen soll, die Menschen, ohne
Leichtsifi und Synkretismus, einander zu nä-
hern und indem es die verschiedenen Formen
ihres Treibens und Lebens in Einern Geiste
vereinigt und in harmonischen Wechsel sezt
im Stillen sie zu beleben sie der Beschränkt-
heit ein wenig zu entrüken den furchtsamen Egois-
mus der imer auf Einern Puncte sto[ct]kt zu mildern
und die Seele der Gesellschaft in schnellem
Umlauf zu bringen.
In jedem Falle, unvergeßlicher Freund! wer-
den Sie mir es verzeihn, daß ich mich mit
dem alten Zutrauen an Sie gewandt UJ!d
diesen Wunsch gegen Sie geäußert habe.
Ihre Schilderung der schweizerischen Gebirgs-
hat1
völkerlmich daii auch vorzügli[g]ch nach Bei-

29
trägen von Ihnen lüstern gemacht.
Dürft ich Sie bitten, mich HE. von Humbold, der
wie ich [höre]/ese, sich in Paris aufh[ät]ält, zu empfehlen,
und ihn in meinem Nahmen zu bitten, ob er nicht
auch durch seine Theilnahme und öftere, oder wefi
nicht 1
dißlmöglich wäre, nur einige Beiträge, meine
Bemühungen iffi- sanctioniren und iffi- befördern möge.
Nur die gütige Theilnahme anderer verdienstvoller
Schriftsteller, und das Bewußtseyn meines besten
Willens läßt mir es zu, an Mäner von Ruhm mit
dieser Bitte mich zu wenden.
Ich würde mir selbst die Freiheit genomen haben,
mich an ihn schriftlich zu wenden,; aber da ich
nicht die Ehre habe, so genau mit ihm bekafit zu
seyn, so glaubt' ich Ih[ nen ]rerFürsprache zu bedür-
fen. - Vieleicht ist Ihnen wenigstens sein
Aufenthalt genauer bekant, und Sie hätten die
Güte, mir davon Nach[t]richt zu geben.
Ich werde alles thun, [d]umdurch möglichste Reife
meiner eigenen Beiträge, auch durch lebendigen
allgemeinfaßlichen Ton und (T]Vortrag dem Jour-
nale den Werth und das Glük zu geben, deßen es

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bedarf, wen Sie und Er es nicht gegen Ihre Würde
finden sollen, daran Theil genoffien zu haben. -
Antiquar Steinkopf in Stutgard, der sich bereitwillig zum
Verlage und verständig gegen mich in der Sache geäußert
hat, und der vieleicht, eben, weil er ein Anfänger ist,
um so beharrlicher und getreuer in seinem Theile sich ver-
hält, verspricht jedem Mitarbeiter „eRigsteas wenigstens
ein Karolin für den gedrukten Bogen zu schiken[,J. Weft ich
schon beinahe ganz davon und dafür zu leben gedenke,
so glaubt' ich defioch für meine Person nicht weiter fordern
zu dürfen, da ich noch als Schriftsteller so ziemlich ohne
Glük bin, und meine eingeschränkte Leben~art kein größe-
res Einkomen erfordert. Ich habe es aber seiner Dankbar-
keit und Klugheit überlaßen, bei den Mitarbeitern,
in welchem Grade er will, eine Ausnahme zu machen. -
Verzeihn Sie, daß ich auch davon sprech[en]e. Aber da
es zur Sache gehört, so mag die Sache die Schuld tragen,
daß sie ohne einen solchen Pendant nicht bestehen
kafi.
Haben Sie die Güte, mein Theurer! mich wenigstens
bald mit irgend ffltHfge- einer Antwort zu erfreun,
und glauben Sie, daß ich, wie imer und iffier mehr
Sie geachtet habe und achte.
rMeine Adreße ist? Der Ihrige
rbei Glaser Wagner wohnhaft, Hölderlin.
rin Homburg bei Frankfurt.,

Copyright © 1999 by Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main/Basel.


Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages. Erstveröffentlichung
in der editionswissenschaftlichen Zeitschrift 1EXT, Heft 5, Seite 109-135.

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