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EXKLUSIV INTERVIEW mit Hirnforscher Niels Birbaumer WISSEN WELT Jupiter: Ist der Große Rote Fleck bald
EXKLUSIV
INTERVIEW
mit Hirnforscher
Niels Birbaumer
WISSEN
WELT
Jupiter: Ist der
Große Rote Fleck
bald weg?
TECHNIK
ZUKUNFT

Smartphone:

Wege aus der Suchtfalle LEBEN MENSCH
Wege aus der
Suchtfalle
LEBEN
MENSCH
ZUKUNFT Smartphone: Wege aus der Suchtfalle LEBEN MENSCH Kraftwerk Gehirn Leistung für ein ganzes Leben: Neue
ZUKUNFT Smartphone: Wege aus der Suchtfalle LEBEN MENSCH Kraftwerk Gehirn Leistung für ein ganzes Leben: Neue
ZUKUNFT Smartphone: Wege aus der Suchtfalle LEBEN MENSCH Kraftwerk Gehirn Leistung für ein ganzes Leben: Neue

Kraftwerk

Gehirn

Leistung für ein ganzes Leben:

Neue Erkenntnisse der Forschung

Oktober 2018

D € 8,20 | A € 8,20 | CH CHF 14,50 übrige Euroländer € 8,90 | E 2164 E

Erkenntnisse der Forschung Oktober 2018 D € 8,20 | A € 8,20 | CH CHF 14,50
Erkenntnisse der Forschung Oktober 2018 D € 8,20 | A € 8,20 | CH CHF 14,50
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Wissen
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Foto: F. Post

Editorial

Foto: F. Post Editorial Chefredakteur Prof. Dr. Christoph Fasel vor einem Computer-Bild von Neuronen Liebe Leserin,

Chefredakteur Prof. Dr. Christoph Fasel vor einem Computer-Bild von Neuronen

Liebe Leserin, lieber Leser,

nie wuchs das Wissen der Menschheit schneller als heute. Und nie war es kom- plizierter als heute, Wissenschaft in ihren Verästlungen der Spezialisierung zu verstehen und ihren Erkenntnissen auf der Spur zu bleiben. Wer mit dieser rasanten Wissensrevo- lution Schritt halten will, profitiert von bild der wissenschaft.

Denn unsere Leser gewin- nen Transparenz über For- schung, recherchiert am Puls der Wissenschaft, eingeord- net von den besten Fachleu- ten aller Disziplinen. Unse-

re Autoren und Redakteure recherchieren für Sie die Forschung von heute – also jene vielfältigen Ideen, die morgen Wirklichkeit sein werden. Die Wissenschaft schreitet fort – und auch bild der wissenschaft bleibt nicht stehen. Das können Sie an dieser Ausgabe feststellen, die Sie gerade in Händen hal- ten. Wir haben Ihr Wissenschaftsmaga- zin lesefreundlicher gestaltet: bild der wissenschaft ist übersichtlicher gewor- den und besitzt eine bessere Lesefüh-

rung. Zudem bieten die Ressorts noch mehr Wissen, denn unsere Rubriken

haben ein größeres Themenspektrum. Und Sie finden in Ihrem Wissenschafts- magazin mehr Hintergrundinformatio-

nen durch Infografiken und Beispielkäs- ten, die komplexes Wissen in kompakter Form vermitteln. Was gleich geblieben ist: bild der wissenschaft liefert glaubwürdiges Wis- sen, das den Horizont er-

weitert. Es beruht auf der professionellen Recher- che versierter Journalis- ten, auf die Sie sich ver- lassen können. Und es vermittelt Freude am Le-

sen, wie sie nur ein pro- funder Wissenschaftsjournalismus er- möglicht. Kurzum: Unser Magazin bietet Ihnen Wissenschaft in Bestform. Wir alle in der Redaktion sind sehr gespannt, wie Ihnen das Ergebnis unse- rer Weiterentwicklung gefällt. Schreiben Sie uns bitte Ihre Meinung unter wissen- schaft@konradin.de. Denn seit 56 Jahren liegt der Redaktion unseres Magazins vor allem eines am Herzen: die Informatio- nen zu bieten, die unsere Leser bewegen.

die Informatio- nen zu bieten, die unsere Leser bewegen. Faszination Wissenschaft – neu gedacht Auf Ihre

Faszination Wissenschaft – neu gedacht

Auf Ihre Meinung freut sich

Leser bewegen. Faszination Wissenschaft – neu gedacht Auf Ihre Meinung freut sich 10 2018 bild der

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2018

bild der wissenschaft

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Leser bewegen. Faszination Wissenschaft – neu gedacht Auf Ihre Meinung freut sich 10 2018 bild der

Titel-Illustration: mauritius images/O. Maksymenko Photography/Alamy; C. Werner; NASA/JPL-Caltech/SwRI/MSSS/G. Eichstädt/S. Doran

Inhalt

MENSCH

LEBEN Titelthema
LEBEN
Titelthema

14

Kraftwerk Gehirn

Die Denkfähigkeit lässt sich ein Leben lang trainieren

26

Minigehirn aus der Petrischale

Erstmals ist es gelungen, Gehirngewebe zu züchten

30

„Unser Kopf ist eine Lernmaschine“

Hirnforscher Niels Birbaumer im Interview

32

Singt die Nachtigall wirklich?

Auf der Suche nach dem Musikverständnis von Tieren

36

Ein Pelzmantel für Homo sapiens

Warum der Neandertaler ausstarb und der anatomisch moderne Mensch überlebte

40

Der neue Turm zu Babel

Forscher fragen: Ist es sinnvoll, dass die deutsche Sprache geschlechtsneutral wird?

44

Die unterschätzte Krebsgefahr

Übergewicht und Typ-2-Diabetes sind fatal für die Gesundheit

50

Der Opa der Schildkröten

Sensationeller Fossilfund in Schwaben

WISSEN WELT
WISSEN
WELT

56

Der Videobeweis der Medizin

Experten bezweifeln die Aussagekraft klinischer Studien

62

Auf Tuchfühlung mit dem Riesen

Die Juno-Sonde blickt tief in den Jupiter hinein

68

Extremisten gesucht

Mitten in Berlin üben Wissenschaftler, Leben auf dem Mars aufzuspüren

4

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bild der wissenschaft

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2018

auf dem Mars aufzuspüren 4 | bild der wissenschaft 10 2018 36 Ist der Neandertaler wegen
auf dem Mars aufzuspüren 4 | bild der wissenschaft 10 2018 36 Ist der Neandertaler wegen

36 Ist der Neandertaler wegen seiner für das Klima der Eiszeit untauglichen Garderobe ausgestorben?

das Klima der Eiszeit untauglichen Garderobe ausgestorben? 62 Verschwindet bald der Große Rote Fleck des Jupiter?

62

Verschwindet bald der Große Rote Fleck des Jupiter? Neue Erkenntnisse über die Atmosphäre des Riesenplaneten

12 Aktuelle Ergebnisse aus der Forschung zeigen, wie sich die Leistungsfähigkeit des Gehirns steigern lässt,
12 Aktuelle Ergebnisse aus der Forschung zeigen, wie sich die Leistungsfähigkeit des Gehirns steigern lässt,

12

Aktuelle Ergebnisse aus der Forschung zeigen, wie sich die Leistungsfähigkeit des Gehirns steigern lässt, um es gesund und fit zu halten

86

Der größte Kran her- kömmlicher Bauart überragt das Ulmer Münster um fast 90 Meter und kann 3000 Tonnen Last heben. Wie Technik- tricks und Hightech- stahl Kräne zu Kolossen machen

Liebherr-Werk Ehingen; Syda Productions/Shutterstock.com
Liebherr-Werk Ehingen; Syda Productions/Shutterstock.com

80 Apps können süchtig machen und das Gehirn schrumpfen lassen. Forscher zeigen Auswege

TECHNIK

TECHNIK ZUKUNFT

ZUKUNFT

80

Raus aus der Smartphone-Falle

Wissenschaftler erforschen die Auswirkungen der digitalen Begleiter – und zeigen Lösungen

86

Kraftprotze mit Köpfchen

Kräne werden immer stärker und cleverer. Ein machtvoller Antrieb ist die Windenergie

92

Der Geist aus dem Computer

Auch in die Geisteswissenschaft sind Computer eingezogen. Was kommt dabei heraus?

98

Zug mit Zelle

Die Bahn soll umweltfreundlicher werden. Ein Ansatz ist der Brennstoffzellen-Antrieb

Standards

3

Editorial

8

Magazin

Neues aus Forschung und Technik

49

Phänomenal

Mit dem einen sieht man besser

52

Leserforum

76

Europa-Karte

Wohnen: Mieten oder kaufen?

78

Auslese

Neue Wissensbücher und mehr

102

Cogito

Das neue Rätsel – und die Auflösung des Juli-Rätsels mit den Gewinnern

104

Update

Krebs unter Beschuss

106

Vorschau und Impressum

Nobelpreise 2018

Infos zu den Nobelpreisträgern finden Sie ab Anfang Oktober auf www.wissenschaft.de

bild der wissenschaft im Internet Unser Wissensportal: www.wissenschaft.de Informationen zu den Nachrichten:

www.wissenschaft.de/quellen

zu den Nachrichten: www.wissenschaft.de/quellen /bildderwissenschaft /wissenschaftdetv @bdwredaktion 10 2018

/bildderwissenschaft

www.wissenschaft.de/quellen /bildderwissenschaft /wissenschaftdetv @bdwredaktion 10 2018 bild der

/wissenschaftdetv

@bdwredaktion

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bild der wissenschaft

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bild der wissenschaft

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2018

Das Bild der Wissenschaft Die größten Kristalle der Welt Bis zu 14 Meter lang und
Das Bild der Wissenschaft
Die größten Kristalle der Welt
Bis zu 14 Meter lang und 50 Tonnen schwer
sind die Gips-Kristalle in den 300 Meter tief
gelegenen Bergwerks-Kavernen von Naica in
Mexiko. Vor hundert Jahren wurden die Höh-
len trockengelegt. Nun stellten Wissenschaft-
ler fest: Die Riesenkristalle drohen, sich lang-
sam aufzulösen. Die Forscher hatten die
Proben Gasen wie Kohlendioxid, Stickoxiden
und Methan ausgesetzt. Ergebnis: Schon
nach einem Jahr hatten sich die Kristalle
deutlich verändert: Ihre Oberfläche war
schmierig und matt geworden. Die Forscher
hatten mit hohen Gaskonzentrationen und
bei relativ hoher Temperatur gearbeitet,
sodass ihr Experiment nur bedingt aussage-
kräftig ist. Aber es verdeutlicht die Gefahr,
dass das Naturwunder verschwinden könnte.
Foto: National Geographic/Getty Images

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Magazin

Ein Wissenschaftsbild und seine Geschichte Wer hat den Kleinsten? Das Reis­ korn mit seiner winzigen
Ein Wissenschaftsbild und
seine Geschichte
Wer hat den Kleinsten? Das Reis­
korn mit seiner winzigen Kanten­
länge von nur 0,3 Mil li metern wirkt
neben dem Computer-Chip wie ein
großer Bergkristall. Forscher der
University of Michigan und IBM­
Ingenieure übertrumpfen sich seit
Jahren mit dem Bau immer kleinerer
Computer. Fragwürdig ist allerdings,
ob man diesen Mini -Chip
überhaupt
noch als solchen bezeichnen kann.
Denn ohne Stromzufuhr gehen
sämtliche Daten verloren. Die neue
Miniatur-Computertechnik soll künf­
tig vor allem in der Medizin zum
Einsatz kommen.
künf­ tig vor allem in der Medizin zum Einsatz kommen. An der Universität Ulm versuchen Chemiker
An der Universität Ulm versuchen Chemiker zu entschlüsseln, wie der A n fang des Lebens

An der Universität Ulm versuchen Chemiker

zu entschlüsseln, wie

der Anfang des Lebens aussah.

DIE ARCHÄOLOGIE DES LEBENS

Wie entstand das Leben, wie wir es heute kennen - und welche

Rolle spielte die Ribonukleinsäure (RNA) dabei? Ein Team von

Spezialisten für komplexe chemische Systeme an der Universität

UI m geht jetzt in einem neuen Forschungsprojekt dieser Frage

nach. Die Wissenschaftler beschäftigen sich mit einer der größ­

ten Lücken in der Erklärung der Evolution: Wann und wie form­

ten sich erstmals MolekÜlketten, die Erbinformationen speichern

und sich selbst reproduzieren konnten?

Die Desoxyribonukleinsäure, die DNA, kann nicht aus dem

Nichts entstanden sein. Das verwandte, aber deurlich instabilere

Biomolekül RNA, die Ribonukleinsäure, könnte der Schlüssel für

eine neue Erklärung der Entstehung des Lebens sein. Das Molekül

dient als Bote, etwa bei der Übersetzung von Information aus der

DNA in Funktionen

Max von Delius, Leiter der Ulmer Forschungsgruppe, ist von

der historischen Rolle der RNA überzeugt: "Anders als die DNA

ist die RNA in der Lage, chemische Reaktionen zu katalysieren ",

sagte der 36-Jährige im Gespräch mit bild der wissen schaft . Die

im

Kö rper.

Annahme, dass die RNA einmal sowohl die Funktion der DNA als

Infor mationsspeicher als auch die

I-Iauptfunktion von Proteinen

als Katalysator erfüllte, ermöglicht die Auflösung eines klassi­

schen I-Ienne-Ei-Problems. "Das Leben, das vielleicht einmal auf

RNA basierte, ist längst ausgestorben", meint von Delius. "Wir be­

treiben hier ein Stück weit biochemische Archäologie." In Labor­

tests mit künstlicher "Ur-Suppe" gehen die Forscher zurzeit der

Frage nach, unter welchen Bedingungen RNA-Netzwerke dazu

neigen, lange Stränge zu bilden und vielleicht sogar Kopien von

sich selbst anzufertigen.

Manchem Thriller-Freund mag das bekannt vorkommen:

Im Roman "Orig in" von Dan Brown simuliert ein Forscher im

Computer in einer künstlichen Ur-Suppe, eingeschlossen in

einem Reagenzglas, die Entstehung des Lebens. Für Max von

Delius ist das ein logischer Bruch: "Die präbiotische Suppe, die

zum Leben geführt hat, muss ein offenes System gewesen sein,

denn es brauchte eine stete chemische Energiezufuhr, die der

Entropie entgegenwirkt."

Nicht nur in Ulm forSCht man über die Rolle der RNA für den

Ursprung des Lebens. Auch in München und Stuttgarr geht es um

dieses Thema: Hier bündelt man gerade den Sonderforschungs­

bereich "Lebensentstehung".

Der Europäische Forschungsrat ist überzeugt, dass von Delius

und sein Team auf der riChtigen Spur sind: Er startete die Chemi­

ker mit einem "Starting Grant" von 1,5 Millionen Euro aus. Den­

noch bleiben solche Forschungen letzten Endes ein "Hochrisiko­

Projekt", meint von Delius. "Es kann durchaus sein, dass wir in fünf Jahren mit leeren Händen dastehen."

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I

bild der wissenschaft

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2018

500 000

'ni-sc tkre'se ur Di gnos '
'ni-sc
tkre'se
ur Di
gnos '

Sensoren aus der Spray-Dose

Zweidimensionale Materialien bestehen aus nur einer Lage von Ato­ men. Mit ihnen lassen sich Schaltkreise ganz ohne Silizium fertigen. Wissenschaftler um Michael Strano am Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickelten auf Basis dieser Erkenntnis Mikro­ meter kleine sensorchips, die in der Luft versprüht Rußpartikel und chemische Substanzen nachweisen und das Messergebnis zudem speichern können.

Mit den miniaturisierten Schaltkreisen könnten die Forscher gleich mehrere wissenschaftliche Sektoren revolutionieren: etwa

durch winzige Sensoren, die für eine exakte medizinische Diagnose

von den Patienten eingeatmet oder in Blutbahnen injiziert werden könnten.

Solche miniaturisierten Sensoren könnten auch integriert in

Maschinen, ÖI- oder Gas-Pipelines wichtige Informationen liefern.

Zudem könnten sie in Atom-Reaktoren zum

monitoring eingesetzt werden.

ge fahrlosen Umwelt­

monitoring eingesetzt werden. ge f a h r l os e n Umwelt­ Carol Barford Biogeochemikerin
monitoring eingesetzt werden. ge f a h r l os e n Umwelt­ Carol Barford Biogeochemikerin

Carol Barford

Biogeochemikerin und Direktorin des Center for Sustainability and the

Global Environment an der University of Wisconsin-Madison

D S
D S

RZ-INTERV E W DES MONATS

Geht das Internet bald baden?

bild der wissenschaft: Ist der Klimawandel eine Gefahr für die Internet-Infrastruktur?

Bar/ord: Die im Boden vergrabenen Kno­

tenpunkte und Glasfaserkabel sind zwar

wasserfest, aber nicht wasserdicht. Einer

Überflutung hätten sie wenig entgegenzu­

setzen. Bereits 2022 könnten allein in den

Vereinigten Staaten etwa 6500 Kilometer

Glasfaserleitungen und 1110 Internet­

Knotenpunkte vom steigenden Meerwas­

ser zerstört werden. Alle Landpunkte der

transozeanischen Seekabel werden eben­

falls schon bald unterWasser liegen.

Welche Regionen sind besonders gefährdet?

Bar/ord: Vor allem die großen, küstenna­

hen US-Metropolen wie New York City,

Seattle und Miami. Dort liegen viele Teile

der

knapp über dem Meeresspiegel. Dazu

muss man wissen: Die Gateways der gro­

ßen US-Ballungsräume sind wichtige Zen­

tren für die globale Internetversorgung.

Wenn sie ausfallen, droht das welnveite

Netz zusammenzubrechen - nicht nur

dort, wo Knotenpunkte überschwemmt

werden.

- nicht nur dort, wo Knotenpunkte überschwemmt werden. e rz - I nfrastruktur bereits heute nur

erz-Infrastruktur bereits heute nur

Wie viel Zeit bleibt Ihrer Meinung nach, um das Problem zu lösen?

Barford: Wir haben keine Zeit mehr. Eini­

ge Knotenpunkte werden bereits heute im­

mer wieder überflutet. Das "Ob" ist geklärt

- nun müssen wir uns dem "Wie" zuwen­

den . Im nächsten Schritt wollen wir unter­

suchen, was die Überschwemmungen

für das weltweite Internet in der Praxis

bedeuten werden .

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Magazin

Erste Tests auf deutschen Straßen

Elektrolastwagen mit Oberleitung

Was jeder von Bahntrassen kennt, kommt jetzt auf die Autobahnen: Oberleitungen. Statt Zügen sollen auf den jeweils bis zu sechs Kilometer langen Teststrecken ab Anfang 2019 Elektro- und Hybrid-Lkws rollen. Die Trucks können während der Fahrt die Oberleitungen erkennen und an sie "anbügeln", um ihre Batterien zu laden. Die Anlage funktioniert jeweils nur auf der rechten Fahrspur, aber die Lkw können jederzeit "abbügeln" und die Spur wech­ seln. Die Projekte werden vom Bundes­ umweltministerium mit 43,5 Millionen Euro gefördert. In den Feldversuchen wird auch erforscht, wie weit die Akkus auf der Strecke geladen werden können und wie weit die Lkws damit kommen. Versuche in den USA und Schweden ver­ liefen erfolgreich. Michael Lehmann, In­ genieur bei Siemens Mobiliry, zeigt sich optimistisch: "Viele Nutzfahrzeuge werden in zehn Jahren elektrisch oder hybrid be­ trieben - und Oberleitungen sind ein Bau­ stein dazu."

trieben - und Oberleitungen sind ein Bau­ stein dazu." "Wir waren über­ rascht, wie wenig Meereswildnis

"Wir waren über­ rascht, wie wenig Meereswildnis noch übrig ist."

Nur noch 13,2 Prozent der Weltmeere sind unberührt. Das ist das Ergebnis einer Forschergruppe um Kendall R. Jones, Umweltbiologe an der Univer­ sity of Queensland, und der Wildlife Conservation So ciety. Die Zahl belegt, wie tiefgreifend die menschlichen Eingriffe sind.

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Naturstrom auf neuen Wegen

Winddrachen für Ökostrom

Auf die Idee, die Windkraft in höheren Luft­ schichten als Energiequelle zu nutzen, kam Sley­ Sails-Geschäftsführer Stephan Wrage während eines Tages am Strand: "Als ich einen Drachen steigen ließ, hob ich fast ab. Doch mit dem Boot segeln, das ging an diesem Tag kaum." Tatsächlich gilt: Je höher die Luftschicht, desto stärker und gleichmäßiger weht der Wind. Ein guter Ansatzpunkt, um die Windkraft zu nutzen und damit Strom zu generieren. un wird im Rahmen des Forschungsprojektes "SkyPowerIOO" ein Winddrachen-Krafrwerk entwickelt. Ziel des vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderten Forschungsprojekts ist es, bis 2020 eine vollautomatische Flugwindkraft­ anlage mit einer Nennleistung von 100 Kilowatt zu entwickeln. Die Forschungsanlage soll Um­ welteinflüsse und Sicherheit einer Höhenwind­ energieanlage erforschen. Die Stromdrachen können dank des geringen Materialaufwands auch an entlegenen Orten ein­ gesetzt werden - und lassen sich in 30 Sekunden einholen. Stephan Wrage zeigt sich optimistisch:

"Schon Anfang 2020 werden wir mit teilautomati­ schen Vorserien auf den Markt gehen."

mit teilautomati­ schen Vorserien auf den Markt gehen." Prototyp eines Drachenkraftwerks Diese Ausgabe bzw. ein
mit teilautomati­ schen Vorserien auf den Markt gehen." Prototyp eines Drachenkraftwerks Diese Ausgabe bzw. ein

Prototyp eines Drachenkraftwerks

Diese Ausgabe bzw. ein Teil dieser Auflage enthält Beilagen von Franckh'Kosmos Verlags· GmbH & Co. KG. StuUsarl.

RSD Reise ser

ice

Deutschland GmbH. MOnchen. VOI verlag GmbH. oüsseldorf. Zeitverrag Gerd Bucerius KG. Hamburg.

wir bitten unsere leser um Beachtung.

Mulchfolien bald biologisch abbaubar

Bodenmikroben zersetzen Plastik

Bestimmte Pilze und wahrscheinlich auch Bakterien können den Kunststoff PBAT (Polybutylenadipat-terephthalat) in seine einzelnen Bausteine zerlegen und anschließend verwerten. Das haben MichaelThomas Zumstein und sei­ ne Kollegen von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich he­ rausgefunden. In ihrem Experiment füllten sie Glasflaschen mit j eweils 60 Gramm natürlichem Boden und gaben PBAT-Filme hinzu. Sie verwendeten dabei einen Kunststoff, der statt des herkömmlichen Kohlenstoffs C-12 eine erhöhte Menge des stabilen Kohlenstoff-Isotops C-13 enthielt. Nach sechs Wochen harten die im Boden lebenden Mikroorganismen damit begonnen, den Kohlenstoff-13 aus allen organischen Bausteinen des Kunststoffs zu lösen und zu verwerten. "Unsere Arbeit belegt damit erstmals, dass Bodenorganismen PBAT mineralisieren und den Kohlenstoff aus den MuJchfilmen für den Zuwachs an Biomasse verwenden", so ETH-Forscher Michael Sander. Dünne Mulch-Folien aus polyethylen werden in vielen Ländern im Ackerbau eingesetzt und v erschmutzen die BÖden dort massiv. Sie könnten künftig durch abbaubare PBAT-Filme ersetzt werden.

könnten künftig durch abbaubare PBAT-Filme ersetzt werden. Die Bodenmikroben verarbeiten den Kohlenstoff aus der

Die Bodenmikroben verarbeiten den Kohlenstoff aus der Mulchfolie.

Gebirgsvermessung

wie die Alpen wachsen

Jedes Jahr 1,3 Millimeter in Richtung Nordosten und 1,8 Millime­ ter in die Höhe: Die Alpen wachsen bis heute. Einem Forscher­ team derTU München ist nun mit der Auswertung von Daten aus mehr als 300 GPS-Messstationen über zwölf Jahre hinweg gelun­ gen, die Bewegung des Gebirges konkret in Zahlen zu fasseIl. Ein großes Problem dabei war, die Störfaktoren durch äußere Einflüsse zu erkennen und zu beseitigen. Denn die Messungen werden durch die Witterung und Anomalien in der Atmosphäre beeinträchtigt. Das Rückgrat der Messkampagne bilden Stationen, die vor 13 Jahren mit EU-Fördermitteln in den Alpen-Anrainer­ staaten installiert worden waren. "Und wir haben für die Studie auch auf Datensätze weiterer regionaler Stationsnetze in Frank­ reich oder Italien zurÜCkgegriffen " , erklärt Florian Seitz, Professor für Geodätische Geodynamik an derTU München.

Professor für Geodätische Geodynamik an derTU München. Bluttest auf Hautkrebs Das maligne Melanom ist die
Bluttest auf Hautkrebs Das maligne Melanom ist die häufigste Form von Hautkrebs. Bisher diagnostizieren Ärzte
Bluttest auf Hautkrebs
Das maligne Melanom ist die häufigste
Form von Hautkrebs. Bisher diagnostizieren
Ärzte den " Schwarzen Hautkrebs" durch
visuell erkennbare Veränderungen von
Leberflecken - mittels Hautbiopsie.
EinTeam um Pauline Zaenker von der Edith
Cowan university in Australien hat nun mit
einem Bluttest eine neue Diagnosemethode
entwickelt - eine Innovation, die viele Le­
ben retten und dem Gesundheitssystem
Millionen von Dollar einsparen soll. " Blut
ist das ideale Medium, um Krebs zu erken­
nen und zu überwachen " , sagte Zaenker zu
bild der wissenschaft.
"Unser Ziel war es, einen Test zu entwi­
ckeln, der zusätzlich zu derzeitigen Me­
thoden angewandt wird, um die Sicherheit
der Diagnose zu erhöhen."
Der Bluttest wurde an insgesamt 209 Perso­
nen durchgeführt, von denen 105 ein Mela­
nom hatten. Bei 79 Prozent der Patienten
konnte das Frühstadium-Melanom anhand
von Antikörpern, die der Körper als Reak­
tion auf ein Melanom produzierte, im BILlt­
rest nachgewiesen werden.
DasTeam untersuchte 1627 verschiedene
Antikörper und identifizierte eine Kombi­
narion von 10, um das Melanom zuverlässig
vorherzusagen.
Der nächste Schritt ist eine klinische Studie
zur Validierung der Ergebnisse. Nach An­
gaben der Forscher könnte derTest schon
in etwa drei Jahren für die klinische Praxis
geeignet sein.
Die Fünf-Jahres-Überlebensraren beim
Melanom liegen zwischen 90 und 95 Pro­
zent, wenn die Krankheit frühzeitig erkannt
wird. Wird sie zu spär diagnosr.iziert, breitet
sich der Krebs weiter aus: Die Oberlebens­
raten sinken dann auf unter 50 Prozent.

10

2018

bild der wissenSChaft

I"

Kraftwerk Gehirn Neurowissenschaftler können immer detaillierter nachvollziehen, wie das Gehirn Informationen aufnimmt,
Kraftwerk Gehirn Neurowissenschaftler können immer detaillierter nachvollziehen, wie das Gehirn Informationen aufnimmt,

Kraftwerk

Gehirn

Neurowissenschaftler können immer detaillierter nachvollziehen, wie das Gehirn Informationen aufnimmt, verarbeitet und speichert und welche Hirnregionen dabei zusammenspielen. Aktuelle Forschungen zeigen, dass man dieses Wissen nutzen kann, um die kognitive Leistungsfähigkeit zu optimieren - und das Gehirn ein Leben lang gesund und fit zu halten

von ISMENE KOLOVOS

14

I

bild der wissenschaft

10 2018

D as menschliche Gehirn ist ein ex­

trem komplexes Organ. Mit seinen

durchschnittlich 90 Milliarden

Neuronen bestimmt es, was wir denken und fühlen, wie wir handeln, kommuni­ zieren und unsere Umgebung wahrneh­ men, an was wir uns erinnern und wovon wir träumen. Doch das Organ genoss kei­ neswegs immer großes Ansehen: Im alten Ägypten wurde es bei der Mumifizierung der Verstorbenen durch die ase entfernt und weggeworfen. Und Aristoteles war der Überzeugung , das Herl sei der Sitz der Intelligenz, während das Gehirn lediglich eine Kühlvorrichtung für das Blut darstel­ le. Heute weiß man dank bildgebenderVer­ fahren, Tiermodellen, Zellkulturen und Gehirnschnitten viel mehr über das Organ, das unser Leben bestimmt. Dazu gehört, dass seine Leistungsfähig­ keit nicht nur durch die genetische Veran­ lagung beeinflusst wird, sondern auch

genetische Veran­ lagung beeinflusst wird, sondern auch durch unseren Lebensstil. Wie sich u nse r e

durch unseren Lebensstil. Wie sich unsere Ernährung, unsere körperliche Betätigung sowie unsere geistige Beanspruchung auf unser Denken und Lernen, den natürli­ ehen Alterungsprozess des Gehirns und auf das Risiko für neuropsychiatrische Er­ krankungen auswirken, ist Gegenstand aktueller Forschung. Dabei stoßen Wissen­ schaftler immer wieder auf verblüffende Mechanismen und Zusammenhänge. Wir stellen im Folgenden fünf maßgebliche Forschungsergebnisse vor :

KOMPAKT
KOMPAKT

Während des Schlafs werden im Gehirn Synapsen stillgelegt, damit das Gehirn optimal funktioniert.

Mediterrane Ernährung beugt Demenzerkrankungen vor.

Regelmäßiges AUSdauertraining wirkt dem natürlichen kognitiven Abbau im Alter entgegen.

Arbeitsgedächtnistraining kann die Konzentrationsfähigkeit verbessern.

Bunt vernetzt

Menschliche Gehirnzellen mit Dendriten, den Fortsätzen

von Nervenzellen - eingefärbt und im Rasterelektronen· mikroskop betrachtet.

1. Schlaf entrümpelt das Gehirn

26 Jahre hat ein BO-j ähriger Mensch im Schnitt dami t verbracht, zu schlafen. Zu wenig Schlaf führt zu körperlichen Be­ schwerden und kognitiven Einschränkun­ gen, egal ob bei Mensch, Ratte oder Frucht­ fliege. Und doch weiß man bis heute nicht genau, welchen Zweck der Schlaf eigent­ lich erfüllt. Einer wichtigen Hypothese zur Funk- tion des Schlafs ist der Psychiater und

Schlaff orscher Chrisroph Nissen auf der Spur. Er arbeitete zunächst am Universi­ tätsklinikum Freiburg und ist seit letztem

Jahr Chefarzt an der Universitätsklinik für

Ps)'chiatrie und Psychotherapie in Sern.

"Möglicherweise ist es eine entscheidende >

10

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bild der wissenschaft

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1 5

LEBEN.=:> MENSCH Titelthema maximale Eindringtiefe --,,�� des Felds gepulstes Magnetfeld Stimulation per
LEBEN.=:> MENSCH
Titelthema
maximale
Eindringtiefe
--,,��
des Felds
gepulstes
Magnetfeld
Stimulation per Magnetfeld
Mit transkranie/ler Hirnslimu­
lation lassen sich über Mag­
netfelder Nervenzellen im Hirn
anregen. Die Behandlung hilft
bei Depressionen.

Funktion von Schlaf, dass er die Aktivität

zustutzen, stammt von Giulio Tononi und

Neben Elektroenzephalografie-Messu

der Synapsen bremst", erklärt Nissen. 1m

Chiara Cirelli von der US-Universität

W i

gen (EEG), mit denen die elektrische Akti­

Wachzustand ist unser Gchirn ständig da­

co nsin -Mad iso n. K ü rzl ich zeigten sie,

dass

vität des Gehirns gcprüft wird, arbeiteten

mit beschäftigt, Synapsen zwischen seinen

bei Mäusen mit Schlafentzu g die Synapsen

sie mit transkranieller Magnersrimularion.

90 Milliarden Nervenzellen aufzubauen

stärker ausgeprägt waren als bei ihren

Dabei werden Hirnregionen gezielt mit­

oder zu verstärken - so nehmen wir neue

ausgeschlafenen Kollegen. Ihre Methode,

hilfe eines Magnetfelds angeregt, das

Information überhaupt erst auf (siehe Kas­

Hirnschnirte von ausgeschlafenen und

außerhalb des Kopfs der Versuchsperson

tcn "Assoziativc Plastizität" auf dcr rechten

u naus gcschlafcne n Mäuse n a nzufe rtigen

crzcugt wird. Als dic Forscher bei 20 Tcst­

Seite). Die verbesserte Übertragu ngsstärke

und darin 7000 Synapsen zu analysieren,

personen die Kontraktion eines bestimm­

zwischen den Nervenzellen hat ihren Preis:

lässt sich natürlich nicht auf den Men­

ten Muskels anregten, zeigte sich: War die

"Irgendwann kommt es zu Problemen und

schen übertragen. Nissen und sein Frei­

Person übermüdet, zuckte der Muskel

zu einer Art Sättigung " , so Nissen.

burger Team mussten also andere Wege

bereits bei kleineren Magnetfeldern . Die

Die Hypothcse, dass Schlaf dazu dient,

die hoch aktiven Synapsen wieder zurecht-

finden, um die Hypothcse bcim Menschen

zu überprüfen.

finden, um die Hypothcse bcim Menschen zu überprü fe n . Wie viel Schlaf braucht der

Wie viel Schlaf braucht der Mensch?

Durchschnittlich schlafen Erwachsene zwischen sieben und acht Stunden, das individuelle Schlafbedürfnis eines Menschen kann allerdings stark von diesem Mittelwert abweichen. "Wir gehen heute davon aus, dass es eine große Streuung bei Gesunden gibt, genauso wie bei der Körpergröße", sagt Schlafforscher Nissen. "Normal" sind demnach zwischen vier und elf Stun­ den Schlaf. Viele Menschen schlafen im Glauben an einen Sollwert noto­ risch zu wenig oder wälzen sich regelmäßig wach im Bett h eru m.

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Forschcr intcrpretieren dics als Zeichen

einer erhöhten synaprischen Gesamtstär­

ke, also einer ausgeprägteren Verbindung

ke, also einer ausgeprägteren Ver bi n d u ng zwischen den euronen. Dieser Zustand erschwert

zwischen den euronen. Dieser Zustand

erschwert es dem Gehirn, neue Informati­

on zu verarbciten, da dic assoziative Plasti­

zität behindert wird.

Um die Ergebnis zu untermauern,

mussten ich die Probanden noch einem

Gedächtnistest stellen, bei dem sie eine

Listc von Wortcn lernen und wiederg cben

sollten. Im unausgeschlafenen Zustand

schnitten sie wie erwartet weitaus schlech­

ter ab als nach ausreichend Schlaf. f'ür Nis­

sen ist das Gedächtnis aber nur ein Aspel.:t:

weitaus schlech­ ter ab als nach ausreichend Schlaf. f'ür Nis­ s e n ist das Gedächtnis
Das synaptische Plastizitätsmodell Jede Information und jeder Gedanke bahnt sich einen Weg durch unser Gehirn,
Das synaptische Plastizitätsmodell Jede Information und jeder Gedanke bahnt sich einen Weg durch unser Gehirn,
Das synaptische Plastizitätsmodell
Jede Information und jeder Gedanke bahnt sich einen Weg durch unser
Gehirn, indem von Nervenzelle zu Nervenzelle Signale über sogenannte
Synapsen weitergegeben werden. Diese KontaktsteIlen zwischen den Neu­
ronen sind ständig im Umbau begriffen und können neu angelegt, gestärkt
oder geschwächt werden. Wenn zwei Neuronen häufig gemeinsam feuern,
also von elektrischen Impulsen durchlaufen werden, wird die zugrunde lie­
gende Information als relevant eingestuft und die beteiligten Nervenzellen
verknüpfen sich stärker. Hirnforscher sprechen von assoziativer synapti­
scher Plastizität. Der Mechanismus ist nach SChlafentzug behindert, wie
neue Forschungsergebnisse zeigen. Das Gehirn ist im unausgeschlafenen
Zustand zwar erregbarer, Nervenzellen reagieren also gewissermaßen ner­
vöser auf Einzelreize und feuern leichter, aber es gelingt schlechter, neue
Verbindungen herzustellen.
Wachphase
Schlafphase
Bereich optimaler
synaptischer Plastizität
Schlafentzug
7.00 Uhr
23.00 Uhr
7.00 Uhr
Die synaptische Übertragungsstärke steigt während der Wachphase an. Das Modell
zeigt, dass es hier einen idealen Bereich gibt: Innerhalb des "roten Fensters"
arbeiten die Synapsen optimal. Im Schlaf kommen sie zur Ruhe, und unwichtige
Gedächtnisspuren werden gelöscht.

Reinigung im Schlaf

Blick in ein Mausgehirn: Im Schlaf wird es stärker von Gehirnflüssig­ keit durchspült (oben und unten links) als im wachen Zustand (unten rechts).

"Die Informationsverarbeitung im Gehirn ist nach SChlafentzug insgesamt verändert. Das betrifft nicht nur das Gedächtnis, sondern auch Konzentrationsfähigkeit, Emotionsregulation, den Gedächrnisabruf, planerische Fähigkeiten und das Risiko­ verhalten." Dass Synapsen im Schlaf herabreguliert werden bedeutet auch, dass Gedächtnis­ inhalte aus dem Cortex, der Großhirnrinde, gelöscht und in andere Hirnregionen ver­ lagert werden. Eine kanadische Untersu­ chung zeigte kürzlich die Reorganisation einer Gedächtnisspur bei motorischem Lernen. Die Testpersonen harten eine be­ stimmte Tastenabfolge auf einer TastanIr eingeübt. Das dabei auf dem EEG sichtbare Muster aus Hirnströmen wiederholte sich später im Gehirn der Probanden - ganz so, als ob die Tastenabfolge noch einmal geübt würde. Kurz nach dem Einschlafen war das Muster wie zuvor im Cortex zu se­ hen, verblasste dann aber während des tie-

Schlafzyklen ungestört, kann das Gehirn also optimal aufräumen.

den Basalganglien, die für das motorische Aufgeräumt wird während des Schlafs

Lernen von Bedeutung sind. auch im sogenannten interstitiellen Raum

eu aufgenommene Gedächtnisspu-

ren sind zunächst instabil und anfällig für Interferenz", erklärt Nissen. "In das Lang-

fen non-REM-Schlafs allmählich. Dafür trat es tief im Inneren des Gehirns auf, in

"
"

zwischen den Gehirnzellen. Dorr sammeln sich im Laufe des Tages Stoffwechselab­ fälle, zum Beispiel das bei Alzheimer-Pa­ tienten sehr häufige Protein Beta-Amyloid. Erst 2012 entdeckte die dänische Neuro­ wissenschaftlerin Maiken Nedergaard im Versuch mit Mäusen das Netzwerk zur Ab­ fallentsorgung innerhalb des Gehirns. Die klare Zerebrospinalflüssigkeit, die das Ge­ hirn und das Rückenmark umgibt, fließt im Gehirn außerhalb der Blutgefäße ent­ lang der sogenannten Glia-Zellen. "Glym­ phatisches System" tauften die Wissen­ schaftler dieses Netzwerk. "Die Außenseiten dieser Blutgefäße zu benutzen ist eine wirklich clevere Lösung", sagt Jeff !lift. der an der Entdeckung betei- ligt war. "Das Gehirn ist vollgepackt mit Zellen, da gibt es keinen Platz für ein zwei- >

mit Zellen, da gibt es keinen Platz für ein zwei- > Während des Schlafs wird im

Während des Schlafs wird im Gehirn aufgeräumt

zeitgedächtnis gehen sie erst über, wenn sie einerseits verfestigt, aber anderer eits auch reorganisiert werden, auch über neuronale Netzwerke hinweg." Dies ge­ schieht speziell in den non-REM-Schlaf­ phasen, deren Anteil an einem Schlaf­ zyklus am Anfang des Schlafs besonders groß ist. Schläft man in diesen ersten

zyklus am Anfang des Schlafs besonders groß ist. Schläft man in diesen ersten 10 2018 bild

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bild der wissenschaft

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LEBEN.:=:> MENSCH
LEBEN.:=:> MENSCH

Titelthema

viel Salz, mehr Demenz?

Das Protein /t-17 (grüne Punkt� findet sich verstärkt im Darm von Mäusen, die eine Überdosis Salz erhielten (rechts). Diese Tiere zeigten

oft Symptome von Demenz.

tes Gefäßsystem. Aber die Blutgefäße errei­

chen

jede

einzelne

Zelle."

Diese

schlaue

Zweckentfremdung kommt nur im Schlaf zum Einsatz. Dann nimmt der interstitielle

Raum um mehr als die Hälfte zu, sodass

die

ungehindert

Zerebrospinalflüssigkeit

ihre Arbeit verrichten kann.

2. Gehirnnahrung alla mediterranea

Orientierungslos sucht eineMaus im Labor

des Weill Cornell Medical College in New

York den richtigen Ausgang aus dem soge­

nannten Barnes-Labyrinth. Sie hat verges­ sen, welches Loch aus dem gleißenden

Höhle

Licht des

Labors in eine schattige

führt. Auch kann sich das Tier nicht an ver­

trautes Spielzeug erinnern und selbst beim

Nestbau versagt es kläglich. Die Diagnose:

Demenz.

An solchen Mäusen untersucht Costan­

tino ladecola mit seinem Team die Auswir­

kung erhöhter Salzzufuhr in der Nahrung

auf die kognitiven Funktionen. Der Profes­

sor für Neurologie und Neurowissenschaf­ ten, der die Ursachen von Demenz und

Schlaganfall erforscht, ließ mit seiner neu­

en Studie zu Salzkonsum aufhorchen. "Das

Überraschende ist, wie spezifisch die Reak-

18

I

bild der wissenschaft

10 2018

tion auf das Salz in der Nahrung ist", sagt

der Professor, der mit seinem Team die ge­

samte

ein

die

hat,

Reaktionskette

im

Organismus

der

nachvollzogen

Mäuse

nach

paar Monaten mit 16-fach erhöhtem Salz­

konsum ablief: Es beginnt mit einer Ver­

mehrung

der

Immunzellen

TH-17

im

Darm, die wiederum das entzündungsför- dernde Protein Interleukin-17 freisetzen.

Dieses

zeIlen,

nimmt

Einfluss auf die

Endothel­

die

die

Blutgefäße

im

Gehirn

Einfluss auf die Endothel­ die die Blutgefäße im Gehirn Bei salzreich ernährten Mäusen verringerte sich die

Bei salzreich ernährten Mäusen verringerte sich die Durchblutung des Hirns

auskleiden.

ausreichend

wird,

Während dort normalerweise

Stickstoffmonoxid

gebildet

durch

seine

gefaßerweiternde

das

Wirkung die Durchblutung reguliert, wird

die Bildung unter dem Einfluss von Inter­

Folge,

dass die Durchblutung des Gehirns redu­

leukin-17

gehemmt.

Dies

hat

zur

ziert wird.

Füttert man die Mäuse wieder

mit normaler Kost, verschwinden die Be-

Durchblutung im Gehirn

Gefäße, die das menschliche Gehirn mit Blut versorgen:

Im Tierversuch zeigte sich, dass hoher Salzkonsum die Durchblutung reduziert.

einträchtigungen.

"Stickstoffmonoxid hat

aber

nicht

nur

Einfluss

auf

Blutgefäße,

sondern auch auf Neuronen. Die Demenz­

erkrankung,

die man bei

diesen Mäusen

beobachtet, könnte auch von einer Kombi- nation der beiden Effekte herrühren", ver­

mutet ladecola.

Immunbiologie von

"Natürlich ist die

­ mutet ladecola. Immunbiologie von "Natürlich ist die agetieren und Menschen lich", lmmunreaktion gibt es auch

agetieren

und

Menschen

lich",

lmmunreaktion gibt es auch

fügt

er

Aber

unterschied­

TI-I-17-

die

beim Men­

schen.

Und wir wissen mittlerweile,

dass

Bevölkerungsgruppen, die mehr Salz kon­

sumieren,

auch

mehr

Schlaganfalle

und

Demenzerkrankungen

aufweisen."

Über­

mäßiger

Salzkonsum

könnte

also

beim

Menschen eine vergleichbare

wort

auslösen,

die

letztlich

Immunant­

dem

Gehirn

das Blut abschnürt. Nachgewiesen ist, dass

Autoimmunerkrankungen wie rheuma­

toide

und

Psoriasis,

erhöhten

Arthritis,

die

multiple

alle

mit

Sklerose

einem

TH-17-Spiegel einhergehen, durch erhöh­

ten Salzkonsum einen schwereren Verlauf

nehmen können.

ladecola ist vorsichtig, eine generelle

Empfehlung zum Salzkonsum auszuspre­ chen, obwohl die WHO als Richtlinie etwas

weniger als einen Teelöffel pro Tag angibt.

ist ohnehin wen iger das

Salz aus dem Salzstreuer, sondern bei­ spielsweise in Fertiggerichten", gibt er zu bedenken. Seine Ernährungsempfeh­ lung lautet: "Möglichst wieder so essen, wie es in früheren Zeiten üblich war: Viel selbst zubereiten, sodass man weiß, was

Problematisch

Viel selbst zubereiten, sodass man weiß, was Problematisch Fast Food könnte Depressionen und Angst­ störungen

Fast Food könnte Depressionen und Angst­ störungen begünstigen

im Essen ist. Und zwischen den Mahl­ zeiten keine hochkalorischen Snacks zu

sich nehmen." Er berichtet, dass kürzlich bei einem Ex­ pertenpanel der New Yorker Akademie der Wissenschaften die Frage gestellt wurde, was denn nun die beste Ernährung für das Gehirn sei. Darauf habe einer der hochka­ rätigen Experten geantwortet: "Frag am besten deine Mutter!" Der in Italien aufge­ wachsene ladecola erzählt diese Anekdote mit einem Augenzwinkern, aber in seinem Fall trifft der Rat ins Schwarze. Denn eine an die mediterrane Ernähru ngsweise ange­ lehnte Kost gilt als ideal für das Gehirn:

viel Obst, Gemüse, HülsenfrÜChte, Nüsse, mageres Fleisch, Olivenöl sowie Fisch und Meeresfrüchte. Kürzlich zeigte eine Untersuchung an der Rush Universität in Chicago, dass die geistige Fitness von älteren Probanden, die sich fünf Jahre lang großteils von diesen Nahrungsmitteln ernährten, durchschnitt­ lich jener von sieben Jahre jüngeren Perso­ nen entsprach. Besondere Bedeutung kommt dabei den Omega-3-FettSäuren wie der Docosahexaensäure (DHA) zu. Als Bau­ stein der neuronalen Zellmembran über­ nimmt sie eine wichtige Funktion bei der Kommunikation zwischen Neuronen und bei deren Bil dung aus Stammzellen. Auch Eicosapenraensäure (EPA) begünstigt nach­ weislich den Erhalt von grauer Substanz im Hippocampus bei über 65-Jährigen. Das sind jene Bereiche des Gehirns, die haupt­ sächlich aus Zellkörpern von Neuronen be­ stehen. Das Volumen der grauen Substanz

Titelthema

LEBEN.:::> MENSCH
LEBEN.:::> MENSCH
Volumen der grauen Substanz Titelthema LEBEN.:::> MENSCH Zahl der Demenzpatienten ist rückläufig Wenn es um die
Zahl der Demenzpatienten ist rückläufig Wenn es um die Wahrscheinlichkeit geht, an Demenz zu erkranken,
Zahl der Demenzpatienten ist rückläufig
Wenn es um die Wahrscheinlichkeit geht, an Demenz zu erkranken, kommt
den Genen eine
große Bedeutung zu
Wer
Eltern und Großeltern hat, die
bis ins hohe Alter kognitiv fit waren, kann davon ausgehen, dass es bei ihm
selbst auch so sein wird", sagt Neurologe Costantino ladecola. Dennoch
sind wir unserem Schicksal nicht machtlos ausgeliefert, wie aktuelle Daten
aus der Demenzforschung zeigen. Die Untersuchungen aus den USA, Groß­
britannien, den Niederlanden, Schweden und Spani e n ze ig e n , dass die Rate
an Neuerkrankungen zurückgeht. Eine mögliche Begründung - neben wei­
teren, die diskutiert werden: bessere Blutdruckkontrolle und bessere Ernäh­
rungsgewohnheiten.

in gewissen Arealen des Cortex geht mit höheren Intelligenzwerten einher. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung emp­ fiehlt eine tägliche Aufnahme von 250 Mil­ ligramm EPA und DHA, in Form von He­ ring , Thunfisch, Sprotte und Co oder als Nahru ngsergänzungsmirrel . Die Folgen einer für das Gehirn ungüns­ tigen Ernährungsweise wurden 2015 im Rahmen einer australischen Studie unter­ su cht . Ergebnis: Menschen, die sich vier

Tanzen macht das Hirn fit

Die Kombination von Bewe· gung, Koordination und geseilscha/llichem /Jeisam­ mensein beim Tanzen hält das Gehirn munter.

Jahre l ang vermehrt von Fast Food ernährt hatten, wiesen einen signifikant kleineren Hippocampus auf. Die Studienleiterin Feli­ ce Jacka, Professorin für psychiatrische Epidemiologie, ist überzeugt, dass die fett-, salz- und zuckerreiche Ernährungs­ weise in den westlichen Industrienationen auch Depressionen und Angststömngen begünstigt. Immerhin kam kürzlich von der Uni­ versität LAquila in Italien eine gute Nach­ richt für Naschkatzen: Kakao-Flavonoide, die vor allem in dunkler Schokolade ent­ halten sind, stärkten bei älteren Probanden Aufmerksamkeit, Arbeirsgedächtnis und >

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LEBEN.=:> MENSCH
LEBEN.=:> MENSCH

Titelthema

Der Arbeitsspeicher Das menschliche Gehirn besitzt einen Arbeitsspeicher, der unterschiedliche Aufgaben erledigt und
Der Arbeitsspeicher
Das menschliche Gehirn besitzt einen
Arbeitsspeicher, der unterschiedliche
Aufgaben erledigt und Einflüsse auf das
Hirn hat. Ohne diesen Zwischenspeicher
könnten wir nicht lesen, rechnen oder
Entscheidungen treffen.
Lange Zeit war umstritten, wie viele Ein­
zelinformationen C,Chunks") das Arbeits­
gedächtnis auf einmal verarbeiten und
behalten kann. In den 1950er-Jahren
wurde die These entwickelt, dass es im
Durchschnitt der Bevölkerung sieben
Chunks sind.
Neue Forschungen machen die Zahl
der Vorgänge von ihrer speziellen Art
abhängig: Zahlen werden zum Beispiel
anders verarbeitet als Gerüche. Inzwi­
schen wird die Zahl der Informationen
auf zwei bis sechs angesetzt.
Arbeitsgedä chtn is

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bild der wissenschaft

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Besser lernen

Experimente zeigen: Durch trans­ kranielle Gleichstrom-Stimulation lassen sich Plastizität und Lern­ erfolg des Gehirns verbessern. Im Bild links die Regionen, die sich verändert haben: blau wäh­ rend der Aufgabe im Scanner, gelb im Ruhezustand, grün bei beiden Zuständen.

Sprachkomperenz.

men

Einfluss

auf

Die

das

Flavonoide

neh­

Blutvolumen

in

Bereichen

des

I-lippocampus,

die

durch

den Altemngsprozess besonders in Mit­ leidenschaft gezogen werden. Allerdings:

nstig ist nur Schokolade mit hohem Kakaoanteil, am besten mit wenig Fett

und Zucker.

3. In Bewegung bleiben

Mit dem Älterwerden häufen sie sich, die

ärgerlichen Momente, in denen einem ein

Wort partour nicht einfallen will, obwohl

es einem auf der Zunge liegt. Das Problem

liegt dabei nicht etwa beim semantischen

Gedächtnis, sondern beim Zugriff auf pho­

nologische Informationen im Gehirn, also

auf die Klangstruktur des Wortes. Wissen­

schaftler der britischen Universität Bir­

mingham fanden nun heraus, dass körper­

lich fitte Personen solche Aussetzer deut­

lich seltener erleben. Im Gehirn sind beim

Sprechen vor allem die frontalen und tem­

poralen Regionen aktiv - Bereiche, in de­

nen bereits in vergangenen St udien Volu­

menzuwächse durch a erob es Trainin g fest ­

gestellt

wurden,

das

den

Körper gut

mit

Sauerstoff versorgt.

Schnelle Spaziergänge zwei Mal pro Wo­

che, so leigte etwa eine U ntersuch ung der

kanadischen Univ e rsiry of British Colum-

bia, führen zur vermehrten Ausschütntng des Wachstumsfaktors BD F ("Brain-deri­ ved neurorrophic factor"), der wiederum das Sprießen neuer Neuronen fördert. Und ältere Menschen können durch regelmäßi­ ges Tanztraining dem kognitiven Abbau

entgegenwirken. Das b esagt eine aktuelle Untersuchung des Zentrums für neurode­ generative Erkrankungen in Magdeburg. Das Tanzen führt zu umfangreichen Volu­ menzuwächsen im Hippocampus und hat den willkommenen Nebeneffekt. dass sich auch der Gleichgewichtssinn deutlich ver­ bessert. Krafttraining hingegen scheint be­ sonders die exekutiven Funktionen des Ge­ hirns, also das Planen, Schlussfolgern und Problemlösen, zu unterstützen. So wird

Schlussfolgern und Problemlösen, zu unterstützen. So wird Gewichtheben sorgt kurzfristig für ein besseres Gedächtnis
Schlussfolgern und Problemlösen, zu unterstützen. So wird Gewichtheben sorgt kurzfristig für ein besseres Gedächtnis

Gewichtheben sorgt kurzfristig für ein besseres Gedächtnis

durch Gewichtheben die Ausschütntng des Wachstumsfaktors IGF-l Onsulin-like Growth Factor 1) angeregt, der die Bildung von Neuronen und Blutgefäßen fördert und Entzündungsstoffe im Körper abbaut. Durch Gewichtheben kann man auch

die Gedächtnisleistung kurzfristig verbes­ sern. Forscher der Georgia Tech Universität zeigten kürzlich, dass man gerade Gelern­ tes besser behält, wenn der Körper an­ schließend durch ein etwa 20-minütiges Training zur Ausschüttung des Stresshor- mons Noradrenalin animiert wird.

4. Das Arbeitsgedächtnis trainieren

Es arbeitet im Hintergrund, während wir lesen, kopfrechnen oder eine Konversation führen. Es jon gliert mit allen nötigen In­ formationen, hilft uns, Schlüsse zu ziehen und aufmerksam zu bleiben. Unser Ar­ beitsgedächtnis ist bei so gut wie allen ko­ gnitiven Prozessen beteiligt und behält ei­ ne Information gerade so la nge, wie wir sie für die aktuelle Handlung brauchen. Wenn es aussetzt, stehen wir in einem Raum, ohne zu wissen, was wir dort tun wollten. Oder wir lesen einen Satz immer und im­ mer wieder, weil wir uns beim besten Wil­

len nicht auf den Inhalt konzentrieren können. Wie groß die KapaZität des Ar­ beitsgedächtn isses ist, also wie viel Infor-

Titelthema

LEBEN.:::> MENSCH
LEBEN.:::> MENSCH

mation es speichern kann, variiert stark von Mensch zu Mensch. Menschen mit einer Aufmerksamkeitsdefizir-Hyperakti­ vitätsstörung (ADHS) haben eine stark ver­ minderte Arbeitsgedächtniskapazität und sind daher trotz mitunter hohem Intelli­ genzquotienten kognitiv oft weniger leis­ tungsfähig als andere. Auch im Alter nimmt die Arbeitsgedächtniskapazität er­ heblich ab, nachdem sie laut aktuellem Forschungsstand zwischen 20 und 30 Jah­

ren ihren Höhepunkt erreicht hat. Susanne Jaeggi, Psychologie-Profes­ sorin und Leiterin des Working Memory and Plasticity Laboratory im kaliforni­ schen Irvine, vergleicht die Rolle des Ar­

beitsgedächtnisses für das Denken mit je­ ner des Herz-Kreislauf-Systems für die körperliche Leistungsfähigkeit. "Obwohl es sich beim Schwimmen, Joggen und Rad­ fahren um unterschiedliche Bewegungsab­ läufe handelt, stützen sich alle diese Sport­ arten auf ein fittes Herz-Kreislauf-System. Ganz ähnlich ist es bei allen kognitiven Aufgaben, für die das Arbeitsgedächtnis wichtig ist", sagt die gebürtige Schweizerin. Sie forscht seit jahren an Trainingspro­ grammen wie "Cogmed" (siehe Interview rechts), die das Arbeitsgedächtnis stärken sollen, um das Gehirn fitter für diese Auf­ gaben zu machen. Eine schwedische Studie hatte 2002 sol­ che Arbeitsgedächtnistrainings in das öf­ fentliche Interesse gerückt. Kinder mit ADHS, die über einen gewissen Zeitraum ein computerisiertes Arbeitsgedächtnis- training absolvierten, zeigten danach Ver­

Renate Dosanj ist Psychologin in wien und betreut als ausgebildeter Cogmed'Coach Arbeitsgedächtnis­ trainings.
Renate Dosanj
ist Psychologin in
wien und betreut
als ausgebildeter
Cogmed'Coach
Arbeitsgedächtnis­
trainings.

Wem empfehlen sie das Training?

Ich arbeite hauptsächlich mit Kindern und jugendlichen mit Arbeitsgedächtnisdefizi­ ten, habe Cogmed aber auch bereits mit einer 70'jährigen gemacht. Wenn Eltern von Kindern mit ADHS zu mir kommen, ha· ben sie aber oft falsche Erwartungen. Nicht jede Aufmerksamkeitsstörung geht auch mit Arbeitsgedächtnisdefiziten e inher.

Wie läuft das Training ab?

Man loggt sich von zu Hause in das Cogmed'Programm ein, und ich als Coach betreue das Training online und telefo­ nisch. Idealerweise trainiert man fünf bis sechs Wochen lang fünf Tage in der Wo' che für 30 bis 4S Minuten. Jede Sitzung besteht aus einer Auswahl von Aufgaben, die verschiedene Aspekte des Arbeitsge­ dächtnisses anvisieren.

Was sind die Resultate?

Das ist sehr unterschiedlich. Viele Eltern berichten, dass ihre Kinder ordentlicher geworden sind oder besser planen kön­ nen. Dass die Konzentrationsfähigkeit sich verbessert, höre ich eher von älteren Trai­

ningsteilnehmern. Ich habe das Training während meiner Ausbildung selbst absol· viert und gemerkt, dass ich mir danach Informationen im Alltag besser merken konnte. Es gibt aber keine Garantie dafür.

Hilfe bei ADHS Das Training mit dem Cogmed' Programm kann Kindern mit Aufmerksamkeitsde[rziten helfen, sich
Hilfe bei ADHS
Das Training mit dem Cogmed'
Programm kann Kindern mit
Aufmerksamkeitsde[rziten helfen,
sich besser zu konzentrieren.

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bild der wissenschaft

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>

Mönch in der Röhre

Wissenschaftler präparieren Buddhisten-Mönch Matthieu Ricard für das MRT. Sie wollen seine Gehirnaktivitäl bei der Meditation aufzeichnen.

besserungen bei Aufgaben, elie das Arbeitsgedächtnis beanspruchten, die sie aber nicht trainiert hatten. Auffallend war, dass die Kinder ruhiger und konzenrrierter an dieSache herangingen als zuvor. Für Torkel Klingberg, Professor für Neu­ rowissenschaften am Stockholmer Karo­ linska-Institut und Leiter der Studie, ist das nicht verwunderlich: "Die Netzwerke, die im Gehirn aktiv sind, wenn man sich gezielt auf etwas konzentriert, sind jenen sehr ähnlich, die das räumlich-visuelle Ar­ beitsgedächrnis nutzt." Die von Klingberg angesprochenen Hirnbereiche stehen mit exekutiver Aufmerksamkeit oder exekuti­ ver Kontrolle in Zusammenhang - mit der Fähigkeit, Gedanken und l-landlungsenr­ scheidungen zu kontrollieren. Seit Klingbergs erster Studie wurden über 200 Publikationen zu Arbeitsgedächt­ nistrainings für unterSChiedliche Ziel­ gmppen veröffenrlicht. Nicht alle Arbeiten

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einer Krebserkrankung kognitiv beein­

kommen zu den gleichen Schlüssen, was

die Wirksamkeit der Trainings und den trächtigt sind. Die jungen Patienten ver­

Transfer angeht. "Von Transfer spricht man, wenn man sich auch bei Aufgaben verbessert, für die man andere Strategien braucht als im Training, aber ebenfalls das Arbeitsgedächtnis", erklärt Klaus Oberauer, Psychologie-Professor an der Universität Zürich. "Viele Studien haben dazu eher be­ scheidene Ergebnisse geliefert." Doch es gibt immer wieder vielverspre­ chende Untersuchungen in dem jungen Forschungsfeld. Vor allem die räumlich­ visuelle Komponenre des Arbeitsgedächt­ nisses scheinr sich gut für Trainings zu eig­ nen. Sie wird in dem von Torkel Klingberg entwickelten Trainingsprogramm "Cog­ med" angesprochen, das von manchen Psy­ chotherapeuten und Ärzten für die Behand­ lung von Aufmerksamkeitsstörungen ange­ boten wird (siehe InterviewaufSeite 21). Das Programm wird auch weiterhin in der Forschung genutzt, beispielsweise un­ tersuchte man am Sr. Jude Children's Re­ search Hospital im US-Bundesstaat Ten­ nessee, wie Kinder damit unterstützt wer­ den können, die als Folge der Behandlung

sehr

selten Arbeiten, bei denen dieselbe Auf­ gabe mit einer vergleichbaren Population gleich lange trainiert wurde und gleiche Indikatoren verwendet wurden, um den Transfer zu messen. Außerdem wird oft die Motivation der PrObanden niCht berück­ sichtigt: Wer halbherzig trainiert, erlebt

besserten durch das Trainingsprogramm ihre Leistungen bei einer Reihe kognitiver

Tests. Dennoch sind etliche WissenSChaftler skeptisch, ob man durch das Training tat­ sächlich etwas anderes trainiert als die Aufgaben selbst. "Wenn man etwas übt, dann wird man darin besser, das ist klar", sagt Susanne Jaeggi. "Und die Zahl der In­ formationseinheiten, die man im Arbeits­ gedächtnis behalten kann, verändert sich durch die Trainings nicht groß. Was sich aber verändert, ist die Fähigkeit, Ablen­ kungen auszublenden und Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Das ist für sich schon ein wichtiges Ergebnis." Ein großes Problem sieht sie in der

Vergleichbarkeit der Studien. "Es gibt

Titelthema

LEBEN.:::> MENSCH
LEBEN.:::> MENSCH

chen. Übrigens muss das nicht immer am Computer stattfinden. Es gibt auch Gesell­ schafts- und Kartenspiele, die genau jene Netzwerke belasten und trainieren, in de­ nen das Arbeitsgedächtnis sitzt.

5. Das meditierende Gehirn

"Meditation ist eine Möglichkeit, denGeist zu trainieren und zu kultivieren, Konzen­ tration, Achtsamkeit und Aufmerksamkeit zu entwickeln", verheißt die Webseite eines buddhistischen Meditationszentrum im thailändischen Wat Suan Mokkh, das sich auf Meditationsurlaub für westliche Reisende spezialisiert hat. Der Trend zur fernöstlichen Einkehr lässt vermuren, dass es mit diesen Versprechen etwas auf sich hat. Und wie könnte man besser überprü­ fen, was Meditation mit dem Gehirn an­ stellt. als buddhistische Mönche in einem Computertomografen meditieren zu lassen? Mit solchen ungewöhnlichen Studien sorgte in den letzten jahren der Psycho­ logie-Professor Richard Davidson für Auf­ sehen, der als persönlicher Vertrauter des Dalai Lama gilt und an der US-Universität Wisconsin-Madison das Center for Healthy Minds gründete. Er bar sowohl Testperso­ nen, die bereits über 10000 Stunden in Meditation verbracht hatten, darunter buddhistische Mönche, als auch Laien in sein Labor. Dort sollten sie unterschiedli­ che Formen der Meditation praktizieren, beispielsweise eine Technik, bei der die Aufmerksamkeit auf den eigenen Atem fo­ kussien wird. Mithilfe von Computertomografie stell­ ten die Wissenschaftler in Davidsons Team fest, dass die geübten Testpersonen wäh­ rend der Meditation eine stark gesteigerte Aktivität in Regionen des präfrontalen Cor­ tex (siehe Abbildungen oben links) zeig­ ten, die für die Regulation der Aufmerk­ samkeit zuständig sind. Diese Aktivität nahm allerdings bei den "alten Hasen" der Meditation im Laufe der Praxis wieder ab­ sie schienen sich mit geringerem Aufwand in einen meditativen Bewusstseinszu­ stand versetzen zu können. Um ;cu testen, ob diese Art der Meditati­ on auch Auswirkungen auf die Aufmerk­ samkeit in anderen Situationen hat. unter­ suchten die Wissenschaftler eine Gruppe Freiwilliger vor und nach einem dreimo­ natigen Meditationstraining im LabOr.

Meditation tür die Forschung

118 Messkanäle überprüfen bei der EEG'Untersuchung die Hirnaktivität des meditierenden Mönchs. Links das Gehirn in der untersuchung mit dem MRT.

auch im Fitnesscenter keine großen Verän­ derungen." Die Trainingsprogramme, die jaeggis Gruppe benutzt, basieren auf dem soge­ nannten Dualen n-back-Test, bei dem sich der Proband sowohl visuelle als auch akus­ tische Signale über einen längeren Zeit­ raum merken muss. Der Schwierigkeits­ grad wird erhöht, wenn der Proband besser bei der Lösung seiner Aufgabe wird. Trai­ niert man immer an seiner Kapazitätsgren­ ze, sind die Übungen am effektivsten. Um Kindern einen Anreiz zu bieten, binden die Forscher die Trainings in kleine Computerspiele ein. Sie sehen ähnliche Ef­ fekte wie in der ersten Studie von 2002:

"Vor allem Kinder mit Aufmerksamkeits­ defizit können sich in der Schule oft wie­ der besser konzentrieren", stellt jaeggi fest. Kürzlich untersuchte sie die Auswirkun­ gen von spielerischem Arbeitsgedächtnis­ training auf die Leistungen von Grund­ schülern in Mathematik. Eine Gruppe er­ hielt ein Training, das das Verständnis von Größenordnungen schulen sollte, eine an­ dere Gruppe trainierte ihr Arbeitsgedächt-

nis, eine weitere Kontrollgruppe bekam ständen durchaus auf Training anzuspre- Über Kopfhörer wurden ihnen Töne vor- >

gar kein Training. Es zeigte sich, dass auch jene Kinder, die nur das allgemeine Arbeitsgedächtnistraining absolviert hat­ ten, ein besseres Verständnis für Größen­ ordnungen von Zahlen aufwiesen - und nicht nur die Schüler, die dies gezielt geübt harren.

und nicht nur die Schüler, die dies gezielt geübt harren. Wer meditiert, trainiert seine Konzentration und

Wer meditiert, trainiert seine Konzentration und Aufmerksamkeit

Auch bei Erwachsenen ohne jegliche kognitive Beeinträchtigung konnte jaeggi kürzlich einen Erfolg mit ihren Trainings verzeichnen. Bei einerGruppejunger Frau­ en, die auf Basis des dualen n-back-Tests trainierten, vermehrte sich die graue Sub­ stanz des Gehirns. Bei Arbeitsgedächtnistrainings ist das letzte Wort also noch nicht gesprochen. Schließlich ist das Gehirn erstaunlich wan­ delbar und scheint unter gewissen Um-

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Tagtraum: drei Ansichten

Das Gehirn eines Menschen, der Tagträumen nachgehe; Die gelben Areale zeigen das Ruhezustanc/snetzwerk aus drei Perspektiven. Die einge­ färbten Nervenfasern sind verbindungen zu den Zellen.

gespielt, die immer wieder durch leicht höhere Töne unterbrochen wurden. Die Testpersonen sollten auf diese leicht höhe­ ren Töne reagieren. Obwohl diese Aufgabe denkbar eintönig ist, waren jene Personen, die zuvor drei Monate lang täglich acht Stunden meditiert hatten, bis zum Ende der Übung aufmerksamer als ihre nicht meditierenden Kollegen. Auch am Max-Planck-Institut für Kogni­ tions- und Neurowissenschaften in Leip­ zig beschäftigt man sich mit den Auswir­ kungen unterschiedlicher Meditationsfor­ men auf das Gehirn. Die Professorin Tania Singer entwickelte dort drei jeweils drei­ monatige Meditationstrainings, mit denen die Teilnehmer unter anderem Aufmerk­ samkeit und Achtsamkeit übten. Und tat­ sächlich zeigten die Testpersonen nach dem entsprechenden Trainingsmodul einen Zuwachs des Cortex in den Berei­ chen, die für die Aufmerksamkeit zustän­ dig sind. Auch in einschlägigen Computer­

tests schnitten diese Probanden besser ab.

Computer­ tests schnitten diese Probanden besser ab. Wer seine Gedanken absichtlich schweifen lässt, ist

Wer seine Gedanken absichtlich schweifen lässt, ist kreativer

Doch jeder, der sich schon einmal an ei­

ner Meditationssitzung versucht hat, kennt das größte Hindernis neben der ju­ ckenden Nase. Wo soll der nächste Urlaub hingehen? Was muss ich noch für das mor­ gige Meeting vorbereiten? An der US-Uni­ versität Harvard forscht der Psychologe Paul Scli am Phänomen der abschweifen­ den Gedanken, am "mind wandering", wie

es im Englischen heißt. Auch er hat sich mit Achtsamkeits-Meditation beschäftigt und konnte zeigen, dass es Probanden ge­ lang, bei einer an die Meditation anschlie­ ßenden Aufgabe das Abschweifen der Ge­ danken zumindest auf einem konstanten Level zu halten, während bei der Kontroll­ gruppe die Tagträumerei irgendwann über­ handnahm. Der Wissenschaftler ist vor allem am Wesen des Tagträumens selbst interessiert. "Lange Zeit nahm man an, dass Tagträu­ men ein unbeabsichtigtes Phänomen ist. Obwohl man sein Bestes gibt, um sich zu konzentrieren, fangt man einfach an, über

Titelthema

LEBEN.:::> MENSCH
LEBEN.:::> MENSCH
Titelthema LEBEN.:::> MENSCH Die vier Hirnlappen und ihre Aufgaben Der Frontallappen gilt als der Sitz der
Die vier Hirnlappen und ihre Aufgaben Der Frontallappen gilt als der Sitz der Persönlichkeit. Hier
Die vier Hirnlappen und ihre Aufgaben
Der Frontallappen gilt als der Sitz der Persönlichkeit. Hier wird
geplant, wie wir uns bewegen, was wir sagen und wie wir uns
verhalten. Auch Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle haben hier
i hr e n u r sp r ung. Wic ht ig dafür ist der p räf ron t al e Cortex, der
auch beim Arbeitsgedächtnis eine zentrale Rolle spielt. Kürzlich
zeigte eine untersuchung der Universität Freiburg, dass im
Frontallappen angesiedelte Bereiche des Motorcortex, die für
das Sprechen zuständig sind, auch bei der Wahrneh-
mung von Sprache aktiv sind. Dazu gehört das
Broca-Areal, eine wichtige Sprachregion ne­
ben dem Wernicke-Zentrum.
Im Parietallappen wird das Empfin­
den von Berührung, Druck, Tempe­
ratur und Schmerz verarbeitet. Die
entsprechenden Regionen reagie­
ren auch, wenn wir beobachten,
wie ein anderer berü hrt wird.
Auch die Raumwahrnehmung
und die räumliche Aufmerksam-
keit haben hier ihren Sitz.
Als kleinster der vier Hirnlappen
beherbergt der Okzipitallappen
den visuellen Cortex. Die Bilder aus
den Augen werden hier verarbeitet und
interpretiert.
Im Temporallappen entsteht ein mentales Bild aus allem, was wir
sehen, hören und fühlen. Hier sitzt auch das Wernicke-Zentrum, das
maßgeblich am Sprachverständnis beteiligt ist. Der Temporallappen
wird außerdem mit dem visuellen Ar beitsgedäc htnis in verbindung
gebracht. An seinem inneren Rand befindet sich der Hippocampus.
Er ist insbesondere für das sogenannte deklarative Gedächtnis die
erste Station. Fakten und Ereignisse werden zuerst hier gelagert, bevor
sie durch Reorganisation in andere Hirnbereiche
verschoben werden. Bei Menschen mit
Schädigungen des Hippocampus
können keine neuen Erinnerun­
gen entstehen, das Altge-
dächtnis bleibt aber intakt.
Der Hippocampus ist
außerdem zuständig tür
die Verarbeitung von
Information aus den
Sinnesorganen. Die
Struktur, die Teil des
limbischen Systems ist,
reagiert sehr sensibel
auf emotionale Stressoren.
Bekannt ist, dass schwere Traumata
mit einer Volumenreduktion des Hippo­
campus einhergehen. Und er ist stark
von A bbauprozessen bei Demenzerkran­
kungen betroffen.

etwas

ganz

anderes

nachzudenken."

Das

Tagträumen wurde in den Labors der Psy­

chologen meist untersucht, während Pro­

banden eine eintönige Aufgabe bewältigen

sollten. "Dabei kam mir der Gedanke, dass

Tagträume

sein

doch

auch

beabsichtigt

könnten, beispielsweise wenn die Aufgabe

für die Probanden einfach nicht motivie­

rend war", so SeiL

Studien die

Mittlerweile

haben einige

Vermutung

bestätigt:

bei

beabsiChtigten

und unbeabsichtigten Tagträumen scheint

es sich

um

unterschiedliche

Phänomene

zu handeln (siehe bild der wissenschaft

9/2018, "Bewusst träumen"). "Unbeabsich­

tigtes

Tagträumen

geht

mit

psychologi­

schen Störungen wie ADHS oder Zwangser­

krankungen einher, beabsichtigtes über­

haupt nicht", so SeiL Menschen, die ihre

seien

Tagträume

außerdem

Professor Oberauer bestätigt: "Es gibt Hin­

kontrollieren

achtsamer.

Und

können,

Psychologie­

ten Tagträume häufig haben,

dass sie sie

aber ganz gut unterdrücken können, wenn

ihnen diese Gedankenabschweifungen in

die Quere kommen. Wenn es zu diesen Tagträumen aber kommt, ohne dass wir es

eigentlich wollen,

kann das als Form der

mangelnden Kontrolle über das Arbeitsge­

dächtnis gedeutet werden."

Das beabsichtigte und unbeabsichtigte

Tagträumen unterscheiden sich auch in den

Hirnregionen,

die dabei aktiv

sind.

Beim

unwillkürlichen Abschweifen der Gedanken

ist es

Mode-Netzwerk. Es besteht aus Gehirnre­

gionen, die aktiv werden, wenn man nicht

auf die Außenwelt fokussiert ist, sondern

über sich selbst oder andere nachdenkt, in

der vergangenheit schwelgt oder an die Zu­

kunft denkt. An diesem Geflecht ist unter

anderem der Hippocampus beteiligt. Gegenspieler des Default-Mode-Netz­ werks ist das kognitive Kontrollsystem des

Default­

vor allem

das

sogenannte

weise

darauf,

dass

Personen

mit

hoher

Gehirns, das den Fokus stabilisiert und ir­

Arbeitsgedächtniskapazität

diese

gewoll-

relevante Reize ausbl endet. Betei ligte

Hirnregionen sind der frontale und parie­

tale Bereich des Conex.

Max­

Bei

einer

Untersuch un g

stellten

Planck-Forscher in Leipzig mithilfe funk­ tioneller Magnetresonanztomografie fest,

dass bei Menschen, die häufig beabsichtigt

die

Das

ihre

Gedanken

abschweifen

lassen,

Regionen

Kontrollnetzwerk

besser zusammenarbeiten.

kann

bei

ihnen besser

auf

die Gedanken

einwirken

und

ihnen

eine stabile

Richtung geben. Richtig ein­

also

Tag­

traum lassen sich kreative Lösungen fin­ den, aktuelle Probleme lösen oder künftige

gesetzt

ist

das

Gedankenwandern

Versunken

im

durchaus

nü tzlich.

Ereignisse planen.

Versunken im durchaus nü tzlich. Ereignisse planen . • ISMENE KOLOVOS hat eine einjährige Tochter -

ISMENE KOLOVOS hat eine einjährige Tochter - ihr Gehirn musste im letzten Jahr daher mit weniger nächtlicher Aufräumzeit zurechtkommen.

LEBEN.=:> MENSCH
LEBEN.=:> MENSCH

Titelthema

LEBEN.=:> MENSCH Titelthema

Minigehirn aus der Petrischale

Um das Gehirn auf molekularer Ebene zu erforschen, waren Wissenschaftler bis vor Kurzem auf Zellkulturen, Hirnschnitte oder Tierversuche angewiesen. Eine bahnbrechende Technik revolutioniert nun das Forschungsfeld: das Züchten von Gehirnen in der Petrischale

von ISMENE KOLOVOS

S ie waren ein Zufa lls prod ukt . die ku­ gelförmigen Gewebeklumpen, die Madeline Lancaster 2013 in ihrer Pe­

trischale beobachtete. Die damalige Post­ Doktorandin am Institut für Molekulare Biotechnologie in Wien hatte aus Neuro­ epithelzeIlen sogenannte neurale Rosetten

züchten wollen - eine zweidimensionale Str uktur, die sich in ähnlicher Form wäh­ rend der Enrwicklung des Nervensystems im Embryo bildet.

hatte keine Erfahrung mit Versu­

chen in der Petrischale und benutzte Sub­ stanzen, die im Labor herumstanden. Und diese alten Zellen hefteten sich nicht wie geplant an die Petrischale an." Am nächs­ ten Tag sah die junge Wissenschaftlerin,

dass sich runde Zellbälle gebildet hatten, Unter dem Mikroskop erka nnt e sie, dass die Stfllkturen Ähnlichkeit mit einem Gehirn in einem frühen Entwicklungs­ stadium hatten. "Ich beschloss, sie weiter­ zuentwickeln," In einer proteinreichen Gelsubstanz, in der ähnliche Bedingungen wie während der Gehirnentwicklung herrschen, wuch­ sen die Minibälle tatsächlich weiter, bis Lancaster schließlich linsengroße Versio­ nen des menschlichen Gehirns erhielt, in denen sogar alle Gehirnregionen vorhan­ den waren, Organoide, also organähnliche Gebilde, waren bereits zuvor in der Petrischale ge­ züchtet worden, doch für das Gehirn war es

zum ersten Mal gelungen, " Die Organoide waren etwa auf dem Entwicklungsstand eines zehn Wochen alten Embryos, was Form und Größe angeht. In Bezug auf Zell­ typen und Genaktivität entsprach der Ent­ wicklungsstand sogar der Mitte des zwei­

ten Trimesters einer S c hwa ngerschaft", so

die Molekularbiologin, die mittlerweile an

der Universität Cambridge eine eigene For­ schungsgfllppe leitet.

lch

Molekulare Psychiatrie

Die spektakuläre Entdeckung schlug Wel­ len in der wissenschaftlichen Community. Das Fachmagazin Science Iistete die Ergeb­ nisse von Lancaster und ihren Kollegen als eine der wiChtigsten wissenschaftlichen Errungenschaften des Jahres, Viele For­ schungsgruppen weltweit griffen die neue Technik auf und nutzen sie nun für For­ schung im Bereich der Neurobiologie, euroonkologie oder Neuropsychiatrie. "Je nachdem, woran man forschen möchte, kann man ein ganzes Gehirn oder nur ein· zeine Hirnregionen herstellen, zum Bei­ spiel einen Cortex oder einen Hippocam­ pus", erklärt Lancaster. Auf den Cortex und das Vorderhin kon­ zenrriert sich beispielsweise die Arbeit des Psychiaters Sergiu Pasca, Seine GflIppe an der Stanford University stellt Hirnorgano­ ide her, um der Entstehung neuropsychi­ atrischer Erkrankungen auf die Spur zu kommen, Pasca nennt sein Forschungs­ gebiet "molekulare Psychiatrie".

Zellhaufen als Organoid fin Blick durch das Licht· mikroskop zeigt: Nach rund 100 Tagen ist
Zellhaufen als Organoid
fin Blick durch das Licht·
mikroskop zeigt: Nach rund
100 Tagen ist eine Struktur
erkennbar. Das Organoid misst
maximal einen Zentimeter.

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I

bild der wissenschaft

10 2018

Schnitt durchs organoid

Das gezüchtete Minigehirn ist sehr komplex aufgebaut, wie das angefärbte konfokale Laser­ Scanning-Mikroskopbild zeigt. Damit lässt sich zum Beispiel die Auswirkung genetischer Irregularitäten untersuchen.

die Auswirkung genetischer Irregularitäten untersuchen. Er züchtet zum Beispiel gezielt Hirn­ organoide aus

Er züchtet zum Beispiel gezielt Hirn­ organoide aus Zellmaterial von Patienten, die mit dem Timothy-Syndrom geboren wurden. Diese selrene generisch bedingte Erkrankung verursacht neben Herzrhyth­ musstörungen und Hypoglykämien auch eine Form von Autismus. Pascas For­ schung zeigte, dass bei Patienten mit die­ sem Syndrom der Mig rationspr ozess ge­ wisser Neuronen bei der Gehirnentwick­ lung gestört ist. Neuronen entstehen nur in bestimmten Schichten des sich entwi­ ckelnden Gehirns und müssen dann an ihren endgültigen Besrimmungsort wan­ dern. Sie "migrieren", wie die Forscher sa­ gen, um dort neuronale SChaltkreise zu bil­ den. Geht bei diesen Wanderungen etwas

schief, kommt es oft zu schwerwiegenden Srörungen wie beim Tim ot h y -Synd r om .

Doch gewisse Wirkstoffe, so zeigte die For­ schungsgruppe, können den Migrations­ prozess in den Organoiden wieder norma­ lisieren.

Erhöhte Zahl von Synapsen

Auch die Gruppe um Neurowissenschaftle­ rin Flora Maria Vaccarino an der Yale Uni­ versity beschä ftigt sic h mit entwicklungs-

KOMPAKT • Zum ersten Mal ist es Wissenschaft­ lern gelungen, Gehirngewebe in der Petrischale wachsen
KOMPAKT
• Zum ersten Mal ist es Wissenschaft­
lern gelungen, Gehirngewebe in der
Petrischale wachsen zu lassen.
• Die Organoide werden aus Zellmaterial
von Menschen individuell gezüchtet.
• Die Anwendung der Organoide könnte
die Suche nach neuen Medikamenten
und Therapien revolutionieren.

bedingten

rungen. Mithilfe von H irno r ganoiden , die

mit Zellmaterial von Betroffenen gezüch­ tet wurden, konnten die Wissenschaftler beobachten, dass die neuronalen Vorläu­ ferzcllen sich während der Gehimentwick­ lung zu stark vermehrten.

Autismus-Stö­

Ursachen

von

Ein übermäßiges Wachstum der Ner­ venzellfortsätze und eine erhöhte Zahl an Synapsen zeigte sich bereits in diesem frü­ hen Entwicklungsstadium . Diese für Autis­ mus typischen Charakteristika wurden von

Vaccarinos Gruppe erstmals in der Ent­ wicklung beObachtet.

Neue Forschungsfelder

Auch die Auswirkung genet ischer lrregul a­ ritäten lässt sich mithilfe der Organoide

gut untersuchen. An der University of

Pennsylvania beschäftigen sich Forscher >

10

2018

bild der wissenschaft

I

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LEBEN.:::> MENSCH
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Titelthema

So wütet das Zika-Virus

Kampf gegen den Krebs

Minigehirn, in dem nach dem Befall mit Zika­ Viren das Zerstörungswerk begonnen hat. Grün ist das Hüllprotein des Virus eingefärbt. Neurale Stammzellen (rot) werden bevorzugt in[iziert.

Glioblascom-Zellen (grün! in einem Hirn-Organoid: Die Kulturen sollen helfen, neue Therapien zu [inden.

beispielsweise

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