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W+W-Disk.-Beitr.

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„Fortschritt“ statt objektive Moral


von Markus Widenmeyer

Modernes Denken: Moralischer Relativismus hier nicht vor und es gibt entsprechend auch
keinen objektiven Maßstab für richtig und
Manchmal habe ich Gelegenheit, mit, sagen falsch.
wir, typisch modernen Menschen, die ganz So schrieben die beiden Naturalisten Mi-
andere weltanschauliche Ansichten als wir chael Ruse und Edward O. Wilson: „Menschen
Christen haben, Gespräche zu führen. Und funktionieren besser, wenn sie von ihren Genen
zwar Gespräche, die über den üblichen Small- dahingehend betrogen werden zu glauben, dass es
talk hinausgehen. Da war zum Beispiel eine eine objektive Moral gibt.“Das ist eine krasse
amerikanische Studentin, die einen morali- Aussage: Die Auffassung, dass z.B. Massen-
schen Relativismus vertrat: Für sie ist Moral mord an unschuldigen Menschen wirklich
etwas gesellschaftlich Konstruiertes, ohne objektiv moralisch falsch ist, wäre demzufol-
überzeitliche und überkulturelle Gültigkeit. ge schlicht unzutreffend und würde auf einer
Ich wandte ein, dass dann zum Beispiel die Illusion beruhen.
Verbrechen des Nationalsozialismus nur im
Rahmen unserer aktuellen kulturellen Prägung
moralisch schlecht wären. In anderen Kultu- Durchsetzung des Stärkeren statt Moral
ren könnten sie moralisch in Ordnung sein.
Was für sie natürlich inakzeptabel war. Oder Wo es keinen höheren Maßstab für gut und
ein junger Veganer. Für ihn war der vegane böse, richtig und falsch gibt, gilt das Prinzip:
Lebensstil zu einem wichtigen Teil seines Le- Der Mensch ist das Maß aller Dinge. Dieses Prin-
bens geworden. Seine Motivation war mora- zip klingt recht modern und human. Haben
lisch, nämlich Leiden von Tieren möglichst zu nicht religiöse Moralvorstellungen unsere
verhindern. Ich habe ihm meinen Respekt zum Freiheiten über Jahrtausende eingeschränkt?
Ausdruck gebracht. Aber auch er, säkular und Nun, modern ist das Prinzip nicht. Es wurde
atheistisch denkend, vertrat die Ansicht, dass von Protagoras, einem griechischen Denker
es keine objektive Moral gibt. Er will etwas aus der Schule der Sophisten, im 5. Jahrhun-
Gutes tun, obwohl Gut und Böse für ihn im dert vor Christus formuliert. Und es wurde
Grunde Illusionen sind. damals auch zu Ende gedacht. Soviel sei bereits
Man fragt sich: Warum solche Widersprü- gesagt: Das Ergebnis ist auch nicht sehr hu-
che im Denken zweier recht intelligenter Men- man.
schen? Tatsächlich aber repräsentieren sie das Welchen Maßstab findet der Mensch in
Denken sehr vieler Menschen heute: Sie haben sich? Es sind verschiedene Begierden, auch
feste Überzeugungen von richtig und falsch, Neigung zu Aggression, Streben nach Macht,
für die sie manchmal auch kämpfen und ge- persönliche Vorstellungen von richtig und
wisse Opfer bringen. Gleichzeitig vertreten falsch und die typisch menschliche Neigung,
sie eine Weltanschauung, nach der diese Über- diese anderen vorzuschreiben. Was ist nun
zeugungen eigentlich irrational und illusionär aber, wenn unterschiedliche „Maßstäbe“ auf-
sein müssten. einanderprallen? Wie soll man ohne einen
Warum ist das so? Offensichtlich haben höheren, über-menschlichen Maßstab vermit-
Menschen von Natur aus das Gespür, dass es teln? Die Sophisten sahen klar die Konsequen-
da ein über-zeitliches und über-menschliches zen: Der physisch Stärkere, der rhetorisch und
Richtig und Falsch gibt. (Von einem solchen propagandistisch Raffiniertere, der politisch
inneren Gesetz spricht ja auch Paulus im 2. oder finanziell Einflussreichere setzt sich
Kapitel des Römerbriefes.) Andererseits sind durch. Es sind nichts als „verschiedene Formen
sie aber vom heute dominierenden naturalisti- der Selbstdurchsetzung“, wie es die Philoso-
schen Denken beeinflusst. Für den Naturalis- phin Barbara Zehnpfennig nannte.
mus gibt es nur unser materielles Universum. Diesen Grundsatz finden wir ebenso in
Alles hat sich aus einfachen materiellen Zu- modernen naturalistischen Ideologien, die
ständen heraus entwickelt. Gott als das abso- auch heute noch politisch-gesellschaftlich ein-
lut Gute und als oberster Gesetzgeber kommt flussreich sind. So schrieben Karl Marx und

DISKUSSIONSBEITRÄGE, BERICHTE,
INFORMATIONEN 1/18
Friedrich Engels, dass die „Moral“ entweder den führt. In einer naturalistischen Welt kann
„die Herrschaft und die Interessen der herrschen- es aber kein objektives Besser geben (wie oben
den Klasse“ rechtfertigte oder „die Empörung erläutert). Es ist eine rhetorisch erzeugte Illu-
gegen diese Herrschaft und die Zukunftsinteres- sion, eine leere Worthülse. Zunächst. Denn im
sen der Unterdrückten.“ Hier wird die Rolle der zweiten Schritt kann diese Hülse mit beliebi-
Moral auf den Kopf gestellt. Statt oberste Hand- gem Inhalt gefüllt werden, wodurch dann
lungsorientierung von Menschen zu sein, dient (ohne Begründung) neuartige Definitionen
sie hier nur den Interessen von Menschen. von gut und schlecht ins Denken der Men-
Dadurch werde, so Marx und Engels, schen eingeschmuggelt werden: Das Fort-
die„Durchsetzung der Individuen“ letztlich zum schrittliche als das Gute, das Rückwärtsge-
einzig gültigen Maßstab der Geschichte und wandte als das Schlechte. Entscheidend ist
der Gesellschaft. Das schließt ein, dass die nur, wer die Definitionsmacht hat, seine Sicht
Durchsetzungsstärksten auch festlegen, was der Dinge als das „Fortschrittliche“ zu etiket-
als gut und schlecht gilt. tieren.
Es ist nicht schwer, hierzu zahlreiche Bei-
spiele aus dem heutigen gesellschaftlich-poli-
Der Fortschrittsbegriff als trojanisches Pferd tischen Diskurs zu finden:
für neue „Werte“ • „Rückschritt statt Fortschritt. Warum die
Reform des Schwangerschaftsabbruchs keinen
Wie aber kann man der Gesellschaft wirkungs- Schritt nach vorn darstellt.“ (Abtreibungslob-
voll eigene Definitionen von gut und schlecht- by, für ungehinderte Tötung von Kindern im
aufprägen? Vor allem ab dem 20. Jahrhundert Mutterleib).1
spielt hier der Fortschrittsbegriff eine wichtige „Union stemmt sich ... gegen die Ehe von
Rolle. Er dient sozusagen als „trojanisches Lesben und Schwulen. Doch wird sie sie letztlich
Pferd“ für neuartige, teils revolutionäre Wer- nicht aufhalten.“2
te und gesellschaftliche Zielsetzungen. Dafür
• „Homosexuelle verkörperten mit ihrem
gibt es Gründe:
Wunsch nach Eheschließung ein modernes Bür-
1. Der Fortschrittsbegriff enthält eine un- gertum“.3
terschwellige Definition von gut und schlecht. • „Auf nach Stuttgart: Gegen Rassismus und
Denn Fortschritt ist keine bloße Veränderung, Homophobie! Gegen die ,Demo für Alle‘. Seit fast
sondern eine Veränderung zum Besseren hin. zwei Jahren tragen die Rechten mit der ,Demo für
2. Es wird das Gefühl einer gewissen Selbst- Alle‘ ihr rückschrittliches Weltbild auf die Stra-
verständlichkeit erzeugt: „Fortschritt“ klingt ße. …parlamentarische Rechte mit dem Nazimob-
positiv. Wer will schon „rückständig“ oder BaWüs und christlichen Fundamentalisten …für
„von gestern“ sein? ein traditionell-reaktionäres Frauen- und Fa-
3. Die bisherigen, traditionellen Moral- und milienbild… Rechte Hetze müssen wir bekämpfen
Wertüberzeugungen können leicht als „rück- – nach unseren Regeln!“ (Antifa, gegen Selbst-
ständig“ und „überholt“ dargestellt werden, bestimmung von Familien bezüglich der Se-
ohne dies näher begründen zu müssen. xualerziehung ihrer Kinder).4
4. Das Fortschrittsdenken entspricht dem Die Strategie: Die eigenen Ziele und Wert-
heutigen naturalistisch geprägten Klima. Der vorstellungen werden als „fortschrittlich“,
Naturalist Franz Wuketits sprach hier von ei- „zeitgemäß“, „modern“ oder ähnliches be-
nem universellen Evolutionsprinzip, das auch zeichnet. Diese Etikettierung wird als etwas
„auf die Sphäre des Psychischen, des Sozialen Selbstverständliches vorausgesetzt, das man
und des Kulturellen ausgedehnt werden kann.“ nicht zu diskutieren brauche. Durch beständi-
5. Der „Fortschritt“ ist dadurch scheinbar
auch wissenschaftlich begründet. Er erscheint 1
https://www.forum.lu/wp-content/uploads/2015/.../
so fälschlicherweise als eine natürliche, objek- 7042_302_Broemmel_Geisler.pdf
tive Größe. 2
Eisenacher Presse, 12. 6. 15.
3
Jens Spahn, CDU, Stuttgarter Nachrichten, 2. 6. 2015.
Dieser Fortschrittsbegriff ist jedoch eine 4
http://antifaaufbautue.blogsport.de/2016/02/11/auf-
sprachliche Mogelpackung: Er suggeriert, dass nach-stuttgart-gegen-rassismus-und-homophobie-ge-
der „Fortschritt“ zu objektiv besseren Zustän- gen-die-demo-fuer-alle/
ge Wiederholung prägt sich dies den Men- Der Mensch als Opfer des Fortschritts
schen mit der Zeit ein. Sie „lernen“, was „fort-
schrittlich“ und somit „richtig“ ist – und was Marx und Engels sprachen darüber hinaus,
nicht. Nicht zuletzt war es eine solche Strate- wie dann später auch Hitler, von ganzen reak-
gie, die eine breite Akzeptanz der „Homoehe“ tionären Klassen, Völkern und Rassen, deren Ver-
oder vorgeburtlicher Kindstötungen erzeug- nichtung ein Fortschritt sei.5 Das heißt: Auch
te. das Lebensrecht von Menschen wird fremden
In Bezug auf die Art und Weise, wie die Interessen und Zielsetzungen unterstellt. Und
Einführung der „Ehe für alle“ begründet und dies ist keineswegs nur ein Fall für Historiker.
schließlich Ende Juni 2017 im Deutschen Bun- Wir finden ähnliche Muster bei modernen,
destag beschlossen wurde, schrieb der christ- liberalen Abtreibungsgesetzen. Auch hier ar-
liche Publizist Matthias von Gersdorff: gumentiert man mit „Fortschrittlichkeit“ – hin-
„Wer so denkt, braucht gar keine Verfassung. ter der faktisch individuelle oder ideologische
Für ihn ist die Kultur oder besser gesagt, der Zeit- Interessen stehen und die mit wohlklingen-
geist, die absolute Richtschnur für politisches und den Begriffen wie „reproduktive Gesundheit“
gesellschaftliches Leben. … Recht wird in dieser bemäntelt werden.
Welt von demjenigen definiert, der die Deutungs- Schockierend offen ist in diesem Zusam-
hoheit über die Kultur besitzt. Kultureller Einfluss menhang die Aussage Peter Singers, Profes-
ersetzt geradezu das Recht. Wer gesellschaftlichen sor an der Universität Princeton: „Das Postu-
Einfluss besitzt, der definiert auch, was Recht ist. lat, dass alles menschliche Leben heilig ist, gilt
Er definiert also, was die Ehe ist, was Eigentum ist, nicht mehr[…]Wir fällen Entscheidungen
was ‚Recht auf Leben‘ ist etc.“ darüber, welche Art von Leben wir fortsetzen
wollen und welche nicht.“ Er geht sogar so
weit, dass auch Säuglinge und Kleinkinder
Hindernisse und Feinde des Fortschritts getötet, ja sogar zu Experimenten gebraucht
werden dürften. Sein einziges Bedenken: „…es
Die Beispiele zeigen auch: Wer diese Zielset- wäre zu schwierig, ihnen[den Eltern] zu erklären,
zungen ablehnt, „stemmt sich“ (angeblich) dass völlig normale Kinder zu Experimenten ge-
gegen den Fortschritt, sei „rückschrittlich“, braucht und dann umgebracht würden.“
„reaktionär“ und „rechts“ (alle diese Worte Solche Tendenzen bekommen zusätzlich
sollen Fortschrittsfeindlichkeit ausdrücken). Nahrung dadurch, dass der Naturalismus kei-
Er wird also als Hindernis oder gar Feind des nen grundsätzlichen Unterschied zwischen
Fortschritts – und somit des Guten! – bezeich- Mensch und Tier begründen kann. Ernst Hae-
net. Nicht selten werden Kritiker solcher Ziel- ckel, der im 19. Jahrhundert dazu beitrug, die
setzungen ausgegrenzt, diffamiert und im Ex- Evolutionslehre populär zu machen, schrieb:
tremfall vernichtet. „Die Unterschiede zwischen den höchsten und den
Man kann solche Strategien klar bis zum niedersten Menschen [sind] größer, als diejenigen
Marxismus zurückverfolgen. In einem Lehr- zwischen den niedersten Menschen und den höchs-
buch für marxistische Philosophie der DDR ten Tieren.“
lesen wir, dass „alles Überlebte, was den histori-
schen Fortschritt hemmt, zugrunde gehen muss.“
Diesem (vermeintlichen) Naturgesetz wurde Das Verschwinden der Unschuld
nicht selten nachgeholfen. So wurde der
damals führende Botaniker der Sowjetunion, Dazu kommt, dass im Naturalismus kein Platz
Nikolai I. Vavilov unter anderem wegen an- für eine echte Willensfreiheit des Menschen
geblicher Zugehörigkeit zu einer „rechten Or- ist. So schrieb der naturalistische Hirnforscher
ganisation“ denunziert, dann verurteilt und Wolf Singer (nicht zu verwechseln mit dem
später zu Tode gebracht. Er veröffentlichte eben genannten Peter Singer): „Verschaltungen
wissenschaftliche Ergebnisse, die dem dama- legen uns fest: Wir sollten aufhören von Freiheit zu
ligen marxistisch-evolutionären Lehrgebäude
widersprachen – also „reaktionär“ waren. 5
Einen aufschlussreicher Artikel finden wir in der
ZEIT vom 28. 5. 1998 „Karl Marx, der Visionär und
Rassist“ (https://www.zeit.de/1998/23/Karl_Marx_
der_Visionaer_und_Rassist).
sprechen.“Ist dies einmal angenommen, folgt wünschte Sichtweise zu brandmarken). Lewis
daraus, dass der Mensch nicht schuldfähig ist: schreibt: „Wenn Verbrechen und Krankheit ein
Wolf Singer sagt selbst, dass Verbrecher und dasselbe sein sollen, kann folglich jede geistige
lediglich Menschen seien, die einfach nur Pech Haltung, die unsere Machthaber ‚Krankheit‘ zu
hatten, dass sich ihr Gehirn und die Umstände nennen belieben, wie ein Verbrechen behandelt –
ungünstig entwickelt haben. So wird das Prin- und zwangsweise kuriert – werden.“ Ungerecht?
zip von Schuld und Sühne hinfällig: Jede Maß- Dieses Wort hat hier keinen Sinn mehr. Zum
nahme gegenüber Kriminellen hätte aus- einen, weil der Mensch als nicht frei gilt und
schließlich nur den Sinn, einen (echten oder so „Schuld“ und „Unschuld“ ihren Sinn ver-
vermeintlichen) Nutzen für die Gesellschaft lieren. Zum anderen, weil man ohnehin an
zu befördern. kein objektives Richtig und Falsch mehr glaubt.
Wenn so zum Beispiel keine Gefahr be-
steht, dass ein Verbrecher seine Tat wieder-
holt, könnte man ihn ungestraft lassen. Den- Die biblische Grundlage von Freiheit und
ken wir an einen KZ-Kommandanten oder objektiver Moral
einen Stasi-Chef. Insofern sich die politischen
Umstände geändert haben, bestünde keine Wir können uns die Frage nochmals stellen:
Wiederholungs- oder Nachahmungsgefahr. Haben christliche Moralvorstellungen nicht
Aber: Umgekehrt könnten Personen problem- unsere Freiheit über Jahrtausende einge-
los „unschädlich“ gemacht werden, die gar schränkt? Und wir können ergänzen: Ist der
keine Verbrechen begangen haben. Es würde Gedanke von echter Verantwortung, Schuld
zum Beispiel vollkommen die Vermutung rei- und Strafe nicht inhuman? Nein! Wir haben
chen, dass sie aufgrund ihrer Gene, ihrer sozi- gesehen, dass genau das Gegenteil zutrifft:
alen Herkunft oder ihrer politischen oder reli- Das Bewusstsein einer objektiven Moral ist
giösen Gesinnung zu einer „Risikogruppe“ zumindest für unsere äußere, politische Frei-
gehören und sich in Zukunft unerwünscht ver- heit und eine (im besten Sinne) humane Ge-
halten könnten. sellschaft unverzichtbar, weil sie Macht be-
Der Punkt ist: Wenn der Mensch unfrei grenzt und vor Willkür schützt. Dasselbe gilt
und nicht schuldfähig sein sollte, wird nicht für die Idee echter Willensfreiheit und das
nur der Begriff der Schuld sinnlos, sondern – Festhalten am Prinzip von Schuld und (ge-
logisch zwingend – auch der Begriff der Un- rechter) Strafe.
schuld. Man könnte schließlich mit jedem Men- Dagegen führt die Leugnung einer objekti-
schen ausschließlich danach verfahren, wie es ven Moral und einer echten Verantwortlich-
aus irgendwelchen politischen oder gesell- keit des Menschen zu sehr bedenklichen Sze-
schaftlichen Gründen „nützlich“ zu sein narien für Politik und Gesellschaft. Es war
scheint bzw. dem „Fortschritt“ dient. Und was daher nicht zuletzt eine biblisch-christliche
„nützlich“ oder „Fortschritt“ ist, bestimmen Sicht des Menschen und einer moralischen
letztlich diejenigen, die hierfür die Definiti- Ordnung, die unsere westlichen Demokratien
onsmacht innehaben. und Rechtstaaten begründet hat. So warnt die
Der christliche Denker C.S. Lewis hat die- Bibel nachdrücklich vor einer eigenmächti-
ses Szenario in seinem Aufsatz „Strafe und gen, willkürlichen Bestimmung, was gut und
Barmherzigkeit“ hervorragend analysiert. Er böse sein soll. In Jesaja 5,20 lesen wir:
schrieb: „Wenn wir den Gedanken der verdienten
Strafe fallen lassen, wird alles anders.“Auch Le- „Wehe denen, die das Böse gut nennen und
wis betont, dass es dann nicht mehr nötig ist, das Gute böse; die Finsternis zu Licht ma-
dass der Mensch, der bestraft wird, die Tat chen und Licht zu Finsternis; die Bitteres zu
wirklich begangen hat. Auch mit Scheinpro- Süßem machen und Süßes zu Bitterem!“
zessen könnten wirksame Abschreckungsef-
fekt erzielt werden – zum vermeintlichen Auf einer solchen Grundlage schreibt Pau-
Wohle der Gesellschaft. Weiterhin könnte lus im Römerbrief Kapitel 13 die berühmten
unerwünschte Züge bei Menschen nur noch Verse über das Verhältnis von Obrigkeit und
als Krankheit angesehen werden (man denke Bürgern. Darin nennt er einen wichtigen
an heute beliebte Begriffe wie „Homopho- Grund, warum wir uns der Obrigkeit unter-
bie“, „Islamophobie“ o.ä., um politisch uner- ordnen sollen:
„Denn die Regenten sind nicht ein Schre- Natürlich sehen wir Christen, dass diese
cken für das gute Werk, sondern für das biblische Sicht zunehmend in Frage gestellt
böse. Willst du dich aber vor der staatlichen wird. Man kann sogar in einigen Bereichen
Macht nicht fürchten, so tue das Gute, und von einem regelrechten Kulturkampf spre-
du wirst Lob von ihr haben; denn sie ist chen, der sich gegen ein christliches Bild des
Gottes Dienerin, dir zum Guten. Wenn du Menschen und des Gemeinwesens richtet und
aber das Böse tust, so fürchte dich! Denn sie für den oft breite politische Mehrheiten zur
trägt das Schwert nicht umsonst, denn sie Verfügung stehen.
ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur Strafe Dennoch zehren wir noch von den bibli-
für den, der Böses tut.“ schen Grundlagen, auf der unsere abendlän-
dische Kultur aufbaut. Wahrscheinlich des-
Diese Passage begründet in faszinierender wegen geht es uns in den westlichen Demo-
Weise das Hauptprinzip eines freiheitlichen kratien nach wie vor so gut, gerade auch im
Rechtsstaats: Ein Sta at darf einen Bürger nur weltweiten und historischen Vergleich. Dafür
bestrafen, wenn er etwas objektiv Böses getan sollten wir dankbar sein und auch die Gele-
hat. Bürger, die dagegen (objektiv) Gutes tun, genheiten nutzen, die sich dadurch bieten,
sollen vom Staat gelobt bzw. gefördert wer- Gutes zu tun zur Ehre Gottes. Sei es zum
den. Dadurch wird Willkür unterbunden und Beispiel in der Verkündigung des Evangeli-
menschliche Machtansprüche werden ent- ums, in tätiger Nächstenliebe, in der Apologe-
scheidend begrenzt. Staatliche Macht wird so tik oder auch im politisch-gesellschaftlichen
auf das Wohl der Regierten fokussiert: „Dir Bereich.
zum Guten“.

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