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Die Wegwergesellschaft

Viele Elektronikgeräte wandern nach wenigen Jahren auf den Müll. Absichtlich eingebaute Fehler
konnte eine Studie aber nicht nachweisen.

Die Annahme geistert seit Jahren durch Medien und Internetforen: Hersteller bauen in Produkte bewusst
Schwachstellen ein, damit sie schneller kaputtgehen. Die Fachsprache nennt das „geplante Obsoleszenz“. Die
Industrie sei dabei Täter, um Absatz und Gewinn zu steigern, der Verbraucher sei das Opfer. Grundsätzlich
bezeichnet Obsoleszenz die Alterung eines Produkts und seine dadurch resultierende Unbrauchbarkeit.

Eine jetzt vorgestellte Studie von Öko-Institut und dem Institut für Landtechnik der Universität Bonn im
Auftrag des Umweltbundesamts (UBA) konnte für diese These keine Beweise liefern. Fakt aber sei:
Verbraucher nutzen Elektro- und Elektronikgeräte heutzutage kürzer als noch zur Jahrtausendwende. Das
wiederum habe mehrere Gründe: defekte Produkte, veraltete Technik, hohe Reparaturkosten und der Wunsch
von Konsumenten, stets ein Gerät der neuesten Generation zu besitzen. Für die Untersuchung werteten die
Autoren Daten der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), von Stiftung Warentest, Erfahrungsberichte auf
Internetportalen, Ergebnisse einer Onlinebefragung sowie Zahlen der Abfallwirtschaft aus.

Nutzung: So lange wie nötig, so kurz wie möglich

Die Lebensdauer von Produkten ist der Studie zufolge durchaus planbar. „Hersteller und Verbraucher
interagieren hier miteinander“, sagen die Autoren. Das Kernprinzip der Industrie laute deshalb: Produkte so
gestalten, dass sie nicht so lange wie möglich, sondern so lange wie nötig halten. Idealerweise passten Lebens-
und Nutzungsdauer punktgenau zusammen. Die Auswertung von Daten über Kühlschränke, Waschmaschinen,
Haushaltsmixer, Fernseher, Notebooks oder Mobiltelefone im Zeitraum 2004 bis 2012 ergab ein differenziertes
Bild, nach wie vielen Jahren und aus welchen Gründen Verbraucher Produkte austauschten. Dabei stellten Öko-
Institut und Universität Bonn zwei Dinge fest: Insgesamt ging die Nutzungsdauer aller Geräte leicht zurück.
Und: Der Anteil der Waschmaschinen, die wegen eines Defektes schon innerhalb der ersten fünf Jahre ersetzt
werden mussten, war zwischen 2004 und 2012 von 3,5 auf 8,3 Prozent gestiegen. Andererseits tauschten
Verbraucher vermehrt auch funktionierende Geräte aus, vor allem Smartphones und Fernseher. Im Jahr 2012
wurden mehr als 60 Prozent der Flachbildfernseher ersetzt, obwohl diese nicht defekt waren. Der Wunsch nach
einem besseren Gerät war entscheidend für den Tausch. Darüber hinaus gaben 68 Prozent der Deutschen an,
innerhalb von drei Jahren ihr Smartphone zu wechseln. Das sei eine grundsätzliche Entscheidung, die nichts mit
der Funktionsfähigkeit zu tun habe.

Was hält wie lange?

Daten der Gesellschaft für Konsumforschung sagen: Die Dauer der durchschnittlichen Nutzung neuer
Haushaltsgroßgeräte wie Kühlschränke oder Waschmaschinen sank in Deutschland zwischen 2004 und 2012/13
von 14,1 auf 13 Jahre. Der Anteil der Geräte, die wegen eines Defekts ausgetauscht wurden, lag 2012 bei 55,6
Prozent (2004: 57,6). Eine Verbraucherbefragung der Universität Bonn zeigte in 2013/14, dass die von den
Teilnehmern entsorgten Waschmaschinen im Mittel 11,6 Jahre alt waren, in sieben von zehn Fällen seien sie
kaputt gewesen. Im Bereich der Unterhaltungselektronik wurden TV-Flachbildschirme laut GfK-Daten im Jahr
2007 im Schnitt 5,7 Jahre benutzt. In den Jahren bis 2010 sank der Wert auf 4,4 Jahre, um bis 2012 wieder
leicht anzusteigen. Elektrische Handmixer hatten 2012 eine Nutzungsdauer von elf Jahren (minus 1,2),
Wasserkocher laut Uni Bonn von 5,7.

Auf Kosten der Umwelt?


Die Studienautoren haben kurz- und langlebige Produkte daraufhin verglichen, wie sehr sie die Umwelt
belasten und welche Kosten dem Konsumenten entstehen. Im Punkt Umweltbelastung schneiden in allen
untersuchten Produktgruppen die langlebigen Geräte besser ab, etwa beim Energieaufwand oder beim
Treibhauspotenzial. So verursacht eine langlebigere Waschmaschine 700 Kilogramm bis eine Tonne weniger
Kohlendioxid als eine kurzlebige, ein langlebiges Notebook 300 Kilogramm weniger und ein langlebiges
Fernsehgerät 600 Kilogramm weniger Treibhausgasemissionen als die kurzlebigen Varianten. Und das trotz der
Effizienzsteigerung der neuen Geräte und dem höheren Herstellungsaufwand langlebiger Geräte.

Auch die Reparatur oder Nachrüstung des langlebigen Geräts mit Ersatzteilen wurden mit einbezogen. So seien
etwa der Energieaufwand und das Treibhauspotenzial einer kurzlebigen Waschmaschine mit einer Lebensdauer
von fünf Jahren circa 40 Prozent höher im Vergleich zu der 20-jährigen Maschine. Bei Fernsehgeräten liegt der
Unterschied von kurz- zu langlebigem Produkt (5,6 Jahre zu 10 Jahren) bei 28 Prozent mehr Energieaufwand
und 25 Prozent höherem Treibhauspotenzial. Kurzlebige Notebooks (3 Jahre Lebensdauer) haben einen 25
Prozent höheren Energieaufwand und 36 Prozent höheres Treibhauspotenzial als langlebige (6 Jahre).

Aus ökonomischer Sicht gewinnen jedoch häufig die kurzlebigen Geräte – vorausgesetzt, die langlebigen
Geräte müssen im Laufe ihrer Nutzungsdauer repariert werden. Denn hohe Reparaturkosten bei Defekten und
eine geringere Energieeffizienz älterer Geräte machten sich bei den Kosten bemerkbar. Beispiel Notebook:
Zwar lassen sich verglichen mit einem kurzlebigen Notebook mit dem Kauf eines langlebigen Geräts, das nicht
repariert werden muss, pro Gerät circa 196 Euro in zwölf Jahren sparen. Bei einem reparaturbedürftigen
langlebigen Notebook fallen jedoch in zwölf Jahren etwa 261 Euro Mehrkosten an als bei der kurzlebigen
Variante.

Das fordert die Studie

Eine Gesellschaft, die Produkte länger nutzt, „kann die Umweltauswirkungen unseres Konsums reduzieren“,
sagen die Studienautoren. Sie fordern ein Umdenken bei Herstellern und Politikern. Konkret empfehlen sie,
Mindesthaltbarkeitsdaten für Produkte sowie anfällige Bauteile festzulegen. Verschleißteile, Wartungsintervalle
und Kosten für mögliche Reparaturen sollten deutlicher gekennzeichnet sein. Darüber hinaus könnten auch
innovative Servicemodelle der Hersteller – etwa Rückkaufvereinbarungen oder Nachsorge – sowie
verpflichtende Mindestanforderungen an die Software dazu beitragen, die technische Produktlebensdauer in der
Praxis auch zu erreichen.

Generell fordern die Autoren eine bessere Reparaturfähigkeit von Produkten. Dazu gehöre, Reparaturbetriebe
zu stärken, die vom Hersteller unabhängig seien. Auch die Verbraucher nehmen die Autoren in die Pflicht: Die
Konsumenten sollten beim Kauf wenn möglich Wert legen auf die Langlebigkeit eines Produktes – „um so
ihren Beitrag zum Ressourcenschutz zu leisten“.