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РЕЛИЗ ПОДГОТОВИЛА ГРУППА "What's News" VK.COM/WSNWS

РЕЛИЗ ПОДГОТОВИЛА ГРУППА "What's News" VK.COM/WSNWS ZEITUNG FÜR DEUTSCHLAND

ZEITUNG FÜR DEUTSCHLAND

Montag, 1. April 2019 · Nr. 77 / 14 D 2

HERAUSGEGEBEN VON WERNER D’INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER

2,90 €

D 2954 A

F. A. Z. im Internet: faz.net

Entspannung zwischen Israel und der Hamas

stah. GAZA, 31. März. Nach den mili- tärischen Auseinandersetzungen zwi- schen Israel und der palästinensischen Hamas zeichnet sich eine Entspannung ab. Berichte über ein Waffenstillstands- abkommen bestätigte zunächst jedoch keine der beiden Seiten offiziell und auch die ägyptischen Vermittler nicht. Israel öffnete am Sonntag den Waren- übergang Kerem Schalom. Auch der Übergang Erez wurde für einige palästi- nensische Privatpersonen wieder geöff- net. Berichtet wurde ebenfalls von ei- ner Ausweitung der Fischereizone vor dem Gazastreifen. Die israelische Ent- scheidung folgte auf den Jahrestag der sogenannten „Märsche der Rückkehr“, Demonstrationen vor dem Zaun zu Isra- el, welche die islamistische Hamas am Samstag weitgehend friedlich hat ab- halten lassen. Gleichwohl wurden da- bei mindestens drei Palästinenser durch israelische Kräfte getötet. Israel hatte die Übergänge in den Gazastrei- fen Anfang der Woche gesperrt, nach- dem ein Raketenangriff aus Gaza ein Haus in der Nähe von Tel Aviv getrof- fen hatte. Ministerpräsident und Vertei- digungsminister Benjamin Netanjahu sagte am Sonntag beim Empfang des brasilianischen Präsidenten Jair Bolso- naro in Tel Aviv, er habe angeordnet, dass israelische Panzer-, Artillerie-, In- fanterie und Luftstreitkräfte weiter um den Gazastreifen herum aufgestellt bleiben. (Siehe Seiten 2 und 3.)

Heute

Frühjahrsputz am Everest

Der höchste Berg der Erde vermüllt. Hinzu kommen 300 Leichen, die nie geborgen wurden.

Deutschland und die Welt, Seite 9

Pizza ganz allein

Horst Seehofer und Katarina Bar- ley finden nicht nur beim Verfas- sungsschutzgesetz nicht recht

zueinander. Politik, Seite 4

Kein Freund der Menge

Ulrich Matthes spielt in Berlin Molières „Menschenfeind“, und die Kanzlerin im Publikum lächelt

vielsagend dazu. Feuilleton, Seite 11

KI in Hannover

Auf der größten Industriemesse der Welt stehen Künstliche Intelli- genz, Roboter und 5G im Fokus.

Wirtschaft, Seiten 17, 22 und 23

Angriff auf den Präsidenten

Reinhard Grindel schien sicher im Amt des DFB-Präsidenten. Jetzt versuchen Kritiker, einen Umsturz durchzusetzen. Sport, Seite 29

Europa am Scheideweg

Frankreichs Präsident steht für mehr Zentralismus und Dirigis- mus – dabei wäre das Gegenteil

nötig. Der Volkswirt, Seite 18

Briefe an die Herausgeber

Seite 20

Geist der Versöhnung Von Rainer Hermann I n der islamischen Welt kommt Papst Franziskus gut
Geist der Versöhnung
Von Rainer Hermann
I
n der islamischen Welt kommt
Papst Franziskus gut an. Das war
schon vor zwei Monaten so bei seiner
Reise in die Vereinigten Arabischen
Emirate, in denen eine Million Chris-
ten leben. Nicht anders war es am Wo-
chenende bei seinem Besuch in Ma-
rokko. Nach dem Besuch in Abu Dha-
bi haben die großen arabischen Me-
dien Franziskus für seine Bemühun-
gen um den interreligiösen Dialog
und seinen Einsatz für Toleranz ge-
lobt. Den richtigen Ton schlug er auch
nach den Terroranschlägen von Christ-
church an, als er dazu aufrief, „still für
unsere muslimischen Geschwister zu
beten“ und „dem Hass und der Gewalt
entgegenzutreten“.
In den sechs Jahren seines Pontifi-
kats haben den Papst acht seiner 28
Auslandsreisen in islamische Länder
geführt. Die Menschen dort haben aus
drei Gründen Sympathie für ihn. Zum
einen imponiert ihnen, dass er die
Pracht der katholischen Kirche ab-
streift und ihnen als schlichter Pilger
entgegentritt, so wie ja der Islam die
Entfaltung von Pracht ablehnt. Auch
überzeugt er mit seinem Auftreten als
der Papst der Armen. Zu seinen Guns-
Für eine Kultur der Brüderlichkeit: Franziskus und König Mohamed VI. (rechts) am Samstag in der Imamschule in Rabat
Foto AP

Franziskus fordert Ausweitung regulärer Migrationswege

Papst: Flüchtlinge sind eine Bereicherung / Treffen mit König Mohamed VI. von Marokko

hcr./rüb. MADRID/ROM, 31. März. Die Themen Migration und interreligiöser Dialog standen im Mittelpunkt der zweitä- gigen Reise von Papst Franziskus nach Marokko, die am Sonntagnachmittag zu Ende ging. Während einer Begegnung mit Migranten im Caritas-Zentrum in der Hauptstadt Rabat forderte Franziskus am Samstagabend die „Ausweitung der regu- lären Migrationswege“. Zugleich bekräf- tigte er seine Unterstützung für den Mi- grationspakt der Vereinten Nationen, der im Dezember 2018 in Marrakesch gebil- ligt worden war. Der Papst hob die Rolle Marokkos als „Brücke zwischen Afrika und Europa“ hervor, die von vielen Mi- granten bei ihrem gefährlichen Weg über das Mittelmeer genutzt wird. Er forderte dazu auf, die „drängende Realität der un- geregelten Migration mit Gerechtigkeit, Solidarität und Barmherzigkeit anzuge- hen“. Franziskus wandte sich zudem ge- gen die Praxis von „Kollektivausweisun-

gen ohne ordnungsgemäße Behandlung von Einzelfällen“. Die Migrationsbewegung – zumal aus Afrika nach Europa – bezeichnete der Papst als „große und schwere Wunde, die zum Himmel schreit“, niemand könne dem Leid von Millionen Flüchtlingen gleichgültig gegenüberstehen. „Ihr seid kei- ne Außenseiter, ihr seid in der Herzmitte der Kirche“, sagte Franziskus. Die Länder, die Flüchtlinge aufnähmen, würden durch deren Beitrag bereichert, sofern dort „jede Art von Diskriminierung und jedes frem- denfeindliche Gefühl“ verhindert würden. Bei einer Begegnung mit dem marokka- nischen König Mohamed VI. unterzeich- nete Franziskus gemeinsam mit seinem Gastgeber einen Appell zum Sondersta- tus Jerusalems. Die Stadt müsse als „Ort der Begegnung und Symbol friedlichen Zusammenlebens“ erhalten bleiben. Dazu sei es unerlässlich, den „multireli- giösen Charakter“ Jerusalems und den Zu-

gang der Gläubigen der drei monotheisti- schen Weltreligionen zu den Kultstätten zu wahren. Der Vatikan hatte mit Sorge auf die Verlegung der amerikanischen Botschaft nach Jerusalem reagiert. Franziskus würdigte bei seinem Besuch die Bemühungen von König Mohamed VI. um einen moderaten Islam. Am Sams- tag hatte der Papst in Rabat das vom ma- rokkanischen König gegründete Institut zur Ausbildung von Imamen besucht. Die- se Einrichtung biete eine „gesunde Bil- dung gegen alle Formen von Extremis- mus, die häufig zu Gewalt und Terroris- mus führen“, sagte Franziskus in einer Rede vor dem historischen Hassan-Turm. Die Christen rief er bei einem ökumeni- schen Treffen in der Kathedrale von Ra- bat zur Dialogbereitschaft untereinander sowie mit Muslimen auf. Zum Abschluss seines Besuches feierte der Papst am Sonntagnachmittag eine Messe im Mou- lay-Abdallah-Stadion. (Siehe Seite 2.)

Gemeindebundpräsident warnt vor kostenfreier Kita

Brandl: Förderprojekt für Reiche / Asylbewerber schneller in Arbeit bringen / F.A.Z.-Gespräch

tifr. ABENSBERG, 31. März. Der Präsi- dent des Deutschen Städte- und Gemein- debunds, Uwe Brandl (CSU), hat die Poli- tik von Bund und Ländern massiv kriti- siert. „Ich stelle in Bayern, aber nicht nur dort, einen komplett neuen Politikstil fest“, sagte er im Gespräch mit dieser Zei- tung. „Es wird von einigen versucht, mit Geschenken die Gunst der Wähler zu er- kaufen. Dazu gehört die Befreiung von Ab- gaben, ob das die Kindergärtenbeiträge sind oder die für den Straßenausbau.“ Brandl, der Bürgermeister der niederbaye- rischen Kleinstadt Abensberg ist, verwies auf die Folgen für die Kommunen: Solan- ge die Steuereinnahmen sprudelten, seien freie Kitabeiträge machbar. „Aber da- nach? Da müssen dann die Kommunen schauen, wie sie mit der gestiegenen An- spruchshaltung klarkommen und ihre Auf- gaben erledigen.“ Beim Kitabesuch sprach

Selenskyj gewinnt erste Wahlrunde in Ukraine

gna. KIEW, 31. März. Der Schauspieler und Komiker Wolodymyr Selenskyj hat die erste Runde der Präsidentenwahlen in der Ukraine gewonnen. Der politische Neuling erhielt laut Nachwahlbefragun- gen 30,4 Prozent der Stimmen. Der Amts- inhaber Petro Poroschenko landete mit 17,8 Prozent auf Platz zwei. Damit müs- sen beide am 21. April in die Stichwahl. Die frühere Regierungschefin Julia Timo- schenko schied mit 14,2 Prozent aus. Bis zum späten Nachmittag wurden während des Wahlvorgangs keine ernsten Zwi- schenfälle gemeldet. Der Stab Selenskyjs teilte allerdings mit, wegen Unregelmä- ßigkeiten in Wahllokalen mehr als 4000 Klagen von Bürgern erhalten zu haben. (Siehe Seite 2.)

sich Brandl für eine Bedürftigkeitsprüfung aus. Es sei „nicht schlau“, die Beiträge un- abhängig von der wirtschaftlichen Lage der Betroffenen zu senken, ganz zu erlas- sen oder durch ein Familiengeld abzufe- dern. „Eine derart pauschale Vorgehens- weise ist ein Sozialförderprojekt für Rei- che und Einkommensmillionäre.“ Seinem Parteifreund, dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, warf Brandl vor, „dass er nach wie vor stark in seiner großstädtischen Sozialisierung ver- haftet ist“. Bei der Integration von Flücht- lingen gebe es nach wie vor viele Schwie- rigkeiten. „Zu viele haben nichts zu tun, schmoren in ihrem eigenen Saft.“ Brandl verwies auf andere Länder, in denen Asyl- bewerber vom ersten Tag an arbeiten wür- den. „Sie tun das, was sie können. Das kann auch bedeuten: Parkanlagen pfle- gen, im Hotel in der Wäscherei arbeiten,

Čaputová gewinnt Stichwahl in der Slowakei

löw. WIEN, 31. März. Die Rechtsanwäl- tin Zuzana Čaputová ist mit großer Mehr- heit zum neuen Staatsoberhaupt der Slo- wakei gewählt worden. In der Stichwahl am Samstag ließ die bisherige Vizevorsit- zende der neuen, außerparlamentari- schen liberalen Partei „Progressive Slowa- kei“ mit 58,4 Prozent der Stimmen den Kandidaten der sozialdemokratischen Re- gierungspartei Smer, EU-Kommissionsvi- zepräsident Maroš Šefčovič, hinter sich. Die Wahlbeteiligung war mit 40 Prozent so niedrig wie noch nie in den vergange- nen 20 Jahren, seit der slowakische Präsi- dent direkt gewählt wird. In den slowaki- schen Medien wurde das Ergebnis als Ab- sage an Smer und den Vorsitzenden Ro- bert Fico gewertet. (Siehe Seite 3.)

in der Gemeinschaftsunterkunft zum Lap- pen greifen. Das sollte auch in Deutsch- land die Gegenleistung dafür sein, dass es bei uns Unterkunft und Geld gibt.“ Großen Nachholbedarf erkennt Brandl bei seiner eigenen Partei. „Dass die Grü- nen im Moment so gut dastehen, liegt dar- an, dass sie eines verstanden haben: Es kommt darauf an, richtige und emotionale Überschriften zu setzen. Der, der als ers- ter am Markt ist, der macht die Meinung.“ Deutlich werde das beim Thema „Rettet die Bienen“, das sich lange angebahnt habe. „Warum haben wir uns da die Butter vom Brot nehmen lassen?“ Ähnlich sieht er die ständige Debatte in der CSU dar- über, ob die Partei jünger und weiblicher werden müsse: „Die Grünen müssen nicht erzählen, dass die Kompetenz bei ihnen weiblich ist. Sie ist es. Aus. Das wünsche ich mir auch bei uns.“ (Siehe Seite 4.)

Borussia Dortmund wieder Tabellenführer

F.A.Z. FR ANKFUR T, 31. März. Borussia Dortmund geht als Tabellenführer in das Spitzenspiel der Fußball-Bundesliga am kommenden Samstag gegen den FC Bay- ern. Der BVB siegte am Samstag dank zweier später Treffer von Paco Alcácer 2:0 über den VfL Wolfsburg. Die Münchner kamen beim SC Freiburg nicht über ein 1:1 hinaus. In der Tabelle zogen die Dort- munder wieder am Rekordmeister vorbei, der Vorsprung nach 27 Spieltagen beträgt zwei Punkte. Im ersten Sonntagsspiel ge- wann der FC Schalke 04 1:0 beim Tabellen- letzten Hannover 96. Beim Großen Preis von Bahrein hat Lewis Hamilton am Sonn- tag vor seinem Mercedes-Teamkollegen Valtteri Bottas gewonnen. Charles Leclerc (Ferrari) wurde Dritter. (Siehe Sport.)

ten fällt aber vor allem aus, dass er sich in den Augen der Muslime von sei- nen beiden Vorgängern absetzt und den Geist der Versöhnung lebt. Johan- nes Paul II. war als eine sehr politi- sche Figur wahrgenommen worden, der zudem zu Beginn einer weltweiten Re-Islamisierung eher auf Abgren- zung als auf Dialog bedacht gewesen sei. Ihm folgte Benedikt XVI., dessen Positionen die Muslime als Hindernis für einen Dialog sahen. Mit der Reise nach Marokko hat der Papst eine gute Wahl getroffen, selbst wenn die Christen dort nur eine ver- schwindend kleine Minderheit sind. Denn als Nachkomme Muhammads genießt der König in dem Land eine hohe religiöse Legitimation und als Reformer, der seit den Protesten von 2011 viel richtig gemacht hat, auch großes politisches Ansehen. Zur Stabi- lität Marokkos trägt bei, dass er die ge- mäßigten Islamisten nicht verfolgt, sondern in Politik und Regierung ein- bindet. Die Voraussetzungen für ei- nen ernsthaften Dialog zwischen dem Vatikan und den Muslimen sind also günstig wie nie. Wenn er endlich in mehr als nur symbolische Treffen mündet, wäre das ein Zeichen dafür, dass sich die Religionen nicht in den Sog des Terrors ziehen lassen – ob er nun von Mossul und dem Breitscheid- platz ausgeht oder von Christchurch.

Mit Vollgas ins Elektroauto-Dilemma

Von Holger Appel

W er heute ein Elektroauto kauft, findet alles prima. Lange Lade-

zeiten, kurze Reichweiten, hohe Prei- se und karge Ausstattung stören frühe Kunden nicht. Aber das sind nicht die Kunden von morgen. Die sind keine Enthusiasten, die sich mit Ärgernis- sen und Einschränkungen abfinden. Die Kunden von morgen wollen zuver- lässige individuelle Mobilität, die un- ter allen Umständen funktioniert, die bequem ist, praktisch in der Handha- bung und bezahlbar. Das Elektroauto im Jahre 2019 erfüllt keines dieser Kri- terien, und ob es diese jemals erfüllen wird, darüber zerstreitet sich jetzt so- gar die Autoindustrie selbst. Die Führungsetagen von Mercedes- Benz und BMW blicken fassungslos nach Wolfsburg, wo der Vorsitzende von Volkswagen nach planwirtschaftli- cher Begleitung durch den Staat ruft. Herbert Diess tut dies mit der nicht ganz von der Hand zu weisenden Be- gründung, die Politik habe der Indus- trie eine überzogene Abgasgesetzge- bung eingebrockt, nun müsse sie die Folgen abfedern helfen. Subventionen und Sonderregelungen wären recht; die stets hochgehaltene Technologie- offenheit möge die Regierung bitte auch preisgeben. Dass es so weit gekommen ist, zeigt, wie desaströs das von Technik- kenntnissen offenkundig freie Vorge- hen der Politiker in Brüssel, Paris und Berlin war, allen voran die maltesi- sche Berichterstatterin im Umweltaus- schusses des Europaparlaments, Miri- am Dalli, und Bundesumweltministe- rin Svenja Schulze. Sie haben erreicht, dass für den CO2-Ausstoß von Neuwa- gen in Europa statt des eigentlich an- gedachten Minderungsziels von zwan- zig Prozent bis zum Jahr 2030 ein Mi- nus von 37,5 Prozent festgelegt wur- de. Da auf dem Weg dorthin Umrech- nungsfaktoren aus der bisherigen in die näher an der Realität orientierte neue Messnorm zum Tragen kom- men, lässt sich der Zielwert noch nicht exakt ableiten. In etwa wird der Beschluss 70 g/km CO2-Ausstoß be- deuten, das entspricht rund drei Li- tern Alltagsverbrauch auf hundert Ki- lometern. Das ist, nach allem, was man aus den Entwicklungsabteilun- gen hört, und nach dem, was der ge- sunde Menschenverstand sagt, mit kontinuierlichem technischem Fort- schritt nicht zu schaffen. Die Elektrifizierung muss also her, schneller und intensiver als bislang ge- dacht. Volkswagen setzt stärker als die Konkurrenz auf eine Karte, das Elek- troauto. Das ist weitsichtig. Oder ris- kant. In jedem Fall ist es teuer, so teu- er, dass der Konzern die Investitionen nicht allein tragen, sondern teilweise auf den Steuerzahler abwälzen will. Aber was, wenn der Kunde trotzdem nicht zugreift? Oder wenn die Diskus-

sion über den enormen Energieein- satz in der Batteriefertigung auf- kommt, der dazu führt, dass man mit einem Diesel – die Schätzungen

schwanken beträchtlich – bis zu 200 000 Kilometer fahren kann, bis der CO2-Ausstoß der Akkuproduktion erreicht ist? Ob VW-Chef Diess recht hat, ist nicht ausgemacht. Das Beharrungsvermögen bestehen- der Technologien und Nutzungsge- wohnheiten wurde schon immer unter- schätzt. Weil die Diskussion von Groß- stadtbewohnern beherrscht wird und weil dort der Wunsch nach lokal emis- sionsfreier Mobilität verständlicher- weise am stärksten ausgeprägt ist, wer- den auch soziale Aspekte gern überse- hen. Auf dem Land sind viele auf das Auto angewiesen; es muss als Erstwa- gen jeden Zweck erfüllen und bezahl- bar bleiben. Wer alles auf Elektromo- bilität ausrichtet, braucht zudem eine Antwort für Bezieher geringerer Ein-

Es wäre zu begrüßen, wenn in die Diskussion über die Zukunft des Diesels Vernunft einzöge.

kommen. Volkswagen arbeitet per- spektivisch an einem vollelektrischen Einstiegsmodell. Es soll dem Verneh- men nach nicht unter 18 000 Euro kos- ten. Heute beginnt die Preisliste bei rund 12 000 Euro. Und was ist mit den Ladepunkten? Entlang der Autobahn werden Schnelllader errichtet, doch angeneh- mer als eine Stunde Zwangspause etwa alle 250 Kilometer wird es auf ab- sehbare Zeit nicht werden. In der Stadt, dem „natürlichen“ Einsatzort des Elektroautos, mangelt es an Mög- lichkeiten. Anwohner haben oft keine festen Stellplätze, und ob viele Strom- säulen das Stadtbild verschönern, könnte bald zum Streitpunkt werden. Derweil haben Audi, BMW und Mercedes des Diesels NOx-Problem gelöst. Sie haben Motoren parat, die weniger als 30 mg/km ausstoßen. Das ist ein Viertel der nächsten, in zwei Jahren greifenden Grenzwertverschär- fung und auf dem Niveau eines Benzi- ners. Weil der sparsamere Diesel aus ideologischen Gründen zurückge- drängt wird, steigt der CO2-Ausstoß des Individualverkehrs. Kann das sinn- voll sein? Ministerin Schulze dämmert wohl, was angerichtet worden ist. Sie sagte kürzlich, die Dieselfahrer seien genug belastet; dass der Diesel einen gerin- gen CO2-Fußabdruck habe und sie des- halb dagegen sei, ihn zu verteufeln. Im Übrigen halte sie auch nichts von ei- nem Tempolimit als Symbol für Klima- schutz, weil die Zeit der Symbolpolitik vorbei sei und ein starres Tempolimit auf Autobahnen lediglich ein oder zwei Tonnen Kohlendioxid spare. Das klingt nach neuer Vernunft. Die um ihre Arbeitsplätze bangenden Menschen in Deutschlands Schlüssel- branche werden es mit Wohlwollen hören. Möge sich die bessere Technik im fairen Wettbewerb durchsetzen.

Die Mieten könnten bald wieder sinken

loe. BERLIN, 31. März. Die Phase steigen- der Mieten geht in absehbarer Zeit zu Ende. Zu diesem Ergebnis kommt eine Stu- die des Berliner Analysehauses Empirica, die dieser Zeitung vorliegt. Die Forscher haben dafür die Bevölkerungsprognosen der 16 Bundesländer, die Zahl der Bau- genehmigungen und die bisherigen Fer- tigstellungen analysiert. Demnach schrumpft die Lücke zwischen entstehen- den Wohnungen und Bedarf in den kom- menden Jahren. Das gelte auch für Groß- städte. (Siehe Wirtschaft, Seite 17.)

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SE ITE 2 · MON TA G, 1. AP RIL 2019 · NR . 77

F P M

Politik

FRANKFUR TE R A LLGEMEINE ZEITUNG

Bolsonaro zu Besuch in Israel

stah. GAZA, 31. März. Der brasiliani- sche Präsident Jair Bolsonaro ist am Sonntag zu einem drei Tage dauernden Besuch in Israel eingetroffen. „Ich lie- be Israel“, sagte Bolsonaro auf dem Flughafen Ben Gurion nahe Tel Aviv, wo er mit militärischen Ehren begrüßt wurde. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kündigte „viele Abkom- men“ in den Bereichen Wirtschaft, Ge- sundheit und Sicherheit an. Des Weite- ren werde sich das staatliche brasiliani- sche Ölunternehmen Petrobras an ei- ner Ausschreibung beteiligen, um Öl- und Gasvorkommen vor der israeli- schen Küste zu erkunden, sagte Ener- gieminister Juval Steinitz am Sonntag im Armeeradio. Israelische Hoffnungen, Bolsonaro könnte während seines Besuchs die Verlegung der brasilianischen Bot- schaf t von Tel Aviv nach Jerusalem er- klären, wurden zunächst nicht bestä- tigt. Netanjahu kündigte an, er und Bol- sonaro würden am Montag gemeinsam die Klagemauer in der Altstadt von Je- rusalem besuchen. Dies wäre das erste Mal, dass ein amtierender Staatschef die Klagemauer gemeinsam mit einem israelischen Ministerpräsidenten be- sucht. Die internationale Staatenge- meinschaft hat die israelische Annexi- on von Ostjerusalem, wo auch die Alt- stadt liegt, nicht anerkannt. Um Frage nach der Souveränität über das Areal nichts vorwegzunehmen, besuchten ranghohe Staatsgäste die Altstadt bis- lang üblicherweise ohne ihre israeli- schen Gegenüber. Netanjahu sagte, die Beziehungen zwischen Brasilien und Israel seien in eine „neue Ära“ einge- treten. „Wir werden zusammen Ge- schichte schreiben.“ Netanjahu war ne- ben dem ungarischen Ministerpräsi- denten Viktor Orbán und dem amerika- nischen Außenminister Mike Pompeo einer von wenigen westlichen Spitzen- politikern, die der Amtseinführung Bolsonaros im Dezember in Brasilia beigewohnt hatten. Bolsonaro hat sich lobend über Brasiliens damalige Mili- tärdiktatur und ausfallend über Homo- sexuelle geäußert. Die israelische Führung sieht in Bol- sonaro eine Möglichkeit, dass sich die bisherige brasilianische Außenpolitik gegenüber Israel ändert, die sich unter den vorherigen sozialistischen Regie- rungen für die Rechte der Palästinen- ser eingesetzt hatte. Die brasilianische Agrar- und Fleischindustrie macht al- lerdings einen erheblichen Umsatz mit Lieferungen etwa von Halal-Fleisch in arabische Staaten, weshalb nach israe- lischen Presseberichten eine baldige Botschaftsverlegung nach Jerusalem den Wirtschaftsinteressen des Landes entgegenliefe.

den Wirtschaftsinteressen des Landes entgegenliefe. Interreligiöser Dialog: Papst Franziskus segnet am Sonntag

Interreligiöser Dialog: Papst Franziskus segnet am Sonntag Frauen in der marokkanischen Stadt Temara.

Im Geiste der Brüderlichkeit

Fot o A FP

Bei seinem Besuch in Marokko sprach Papst Franziskus Migranten Mut zu. Gemeinsam mit dem marokkanischen König erinnerte er außerdem an den besonderen Status Jerusalems. Von Hans-Christian Rößler und Matthias Rüb

MADRID/ROM, 31. März

D er schmucklose kleine Raum konn- te die vielen Menschen kaum fas- sen. Für den Papst hatte man un-

ter dem großen Caritas-Logo rot gemus- terte Teppiche ausgerollt. Der Termin am Samstagnachmittag in Rabat war Franzis- kus besonders wichtig. Der Papst wollte während seines Besuchs in Marokko Mi- granten treffen. Für ein richtiges Ge- spräch war aber keine Zeit. Sechzig Afri- kaner kamen, eine Gruppe Kinder tanzte und sang für ihn, Jackson richtete einige Worte an Franziskus: Auf dem Weg aus Kamerun nach Europa war der junge Mann in Marokko hängengeblieben – wie viele andere Afrikaner, die vor der gefähr- lichen Überfahrt nach Spanien zurück- schrecken oder denen unterwegs das Geld ausgeht.

Marokko ist mittlerweile zum wichtigs- ten Transitland für Migranten auf dem Weg nach Europa geworden. Mehr als 50 000 Afrikanern hat das Land mit sei- nen knapp 34 Millionen Einwohnern schon Aufenthaltsrecht gewährt. Franzis- kus nutzte seinen nur gut 24 Stunden dau- ernden Aufenthalt in der marokkani- schen Hauptstadt für einen Appell mit deutlichen Worten – in beide Richtungen:

Er machte den Migranten Mut und erin-

nerte besonders die Europäer angesichts des Erstarkens fremdenfeindlicher Partei- en an ihre Verantwortung. Der Strom der Menschen besonders aus Afrika sei eine „große und schwere Wunde, die zum Him- mel schreit“, sagte Franziskus. Dem Leid von Millionen Flüchtlingen könne nie- mand gleichgültig gegenüberstehen. „Ihr seid keine Außenseiter, ihr seid in der Herzmitte der Kirche“, sagte der Papst. Migranten verdienten besonderen Schutz: „Niemand ist menschlicher Ab- fall, sondern Träger eines persönlichen, kulturellen und professionellen Reich- tums.“ Die Länder, die Flüchtlinge auf- nähmen, würden durch deren Beitrag be- reichert, wenn es gelinge, dort „jede Art von Diskriminierung und jedes fremden- feindliche Gefühl“ zu verhindern. Dankbar erinnerte der Papst daran, dass Marokko Gastgeber der großen Kon- ferenz der Vereinten Nationen war, die im vergangenen Dezember in Marrakesch den UN-Migrationspakt verabschiedet hat- te. Der Vatikan wie der marokkanische König Mohamed VI. hatten sich sehr für das Dokument eingesetzt, das 164 Regie- rungen gebilligt hatten – jedoch nicht die Vereinigten Staaten und auch nicht EU- Mitglieder wie Italien, Ungarn und Polen. In Rabat betonte Franziskus, dass es wichtig sei, die „regulären Migrationswe-

ge zu erweitern“; seit Jahresbeginn ka- men schon mehr als hundert Menschen ums Leben, die nach Europa übersetzen wollten. Den „Menschenfleisch-Händ- lern“, die mit den Träumen und dem Leid der Migranten Geschäfte machten, müsse das Handwerk gelegt werden. Bis die Ver- pflichtungen des Migrationspaktes voll- ständig erfüllt seien, müsse die „drängen- de Realität der ungeregelten Migrations- bewegung mit Gerechtigkeit, Solidarität und Barmherzigkeit angegangen wer- den“, forderte der Papst. „Die Seite der Grenze, auf der ein Migrant steht, macht ihn nicht mehr oder weniger zu einem Menschen.“ Die Sorge um Flüchtlinge und Migran- ten ist ein Leitmotiv des Pontifikats des Papstes, dessen Familie einst selbst von Italien nach Argentinien auswanderte. Seine erste Reise unternahm er vor sechs Jahren auf die italienische Insel Lampedu- sa, über die damals viele Menschen aus dem Nahen Osten und Afrika nach Euro- pa zu gelangen versuchten. Kurz nach sei- ner Ankunft in Rabat, wo es in Strömen regnete, überraschte er mit einer weite- ren politischen Botschaft. Gemeinsam mit dem marokkanischen König rief er dazu auf, den besonderen Status von Jeru- salem zu wahren. Die Stadt müsse als „Ort der Begegnung und Symbol friedli-

chen Zusammenlebens“ erhalten bleiben. Dafür müsse man den „multireligiösen Charakter“ Jerusalems und den freien Zu- gang der Gläubigen der drei monotheisti- schen Weltreligionen zu den Kultstätten wahren. Damit griff Franziskus zugleich ein Thema auf, das seinem marokkani- schen Gastgeber besonders am Herzen liegt. Drei Tage vor dem Papst war in Ra- bat der jordanische König Abdullah II. zu Gast, der zugleich der „Hüter der Heili- gen Stätten“ in Jerusalem ist. Beide Mon- archen hatten sich ähnlich beunruhigt über die Lage im Heiligen Land geäußert. Mit seiner Reise machte der Papst auch deutlich, wie sehr er das religiöse Klima in Marokko schätzt, wo etwa 30 000 Chris- ten leben. Kurz nach seiner Landung er- wies er zunächst im Mausoleum der Hauptstadt Mohamed V. und Hassan II., Großvater und Vater des heutigen Kö- nigs, seine Reverenz. Hassan II. hatte 1985 Johannes Paul II. in Marokko will- kommen geheißen. „Wir glauben an den- selben Gott“, hatte damals der polnische Papst vor Tausenden jungen Muslimen ge- sagt. Der marokkanische König ist nicht nur weltliches, sondern auch religiöses Oberhaupt seines Landes. Als „Anführer der Gläubigen“ versteht er sich auch als Beschützer der Nichtmuslime. Mohamed VI. setzt sich wie sein Vater für einen moderaten Islam und den inter- religiösen Dialog ein. Zu diesem Zweck gründete er vor vier Jahren in Rabat ein In- stitut zur Ausbildung von Imamen. Dort werden mehr als tausend Afrikaner aus Subsaharaafrika, Marokkaner und Franzo- sen zu Predigern ausgebildet. Extremis- mus lasse sich nicht mit Geld und militä- rischen Mitteln besiegen, sondern nur durch Bildung, sagte Mohamed VI. Zuvor hatte der Monarch bei einem ersten Emp- fang vor dem historischen Hassan-Turm eingestanden, dass der schon lange geführ- te Dialog „sein Ziel noch nicht erreicht habe“. Der Papst fand ähnliche Worte: „In diesem Land, einer natürlichen Brücke zwischen Afrika und Europa, möchte ich einmal mehr die Notwendigkeit von Ko- operation betonen“, sagte Franziskus. Für viele Christen brachte erst der Sonn- tagnachmittag den Höhepunkt des Papst- besuchs. Im Moulay-Abdallah-Stadion fei- erte Franziskus eine Messe, ehe er nach Rom zurückflog. Begeistert jubelten ihm viele Gottesdienstbesucher aus afrikani- schen Ländern zu. Studenten und Migran- ten aus Staaten südlich der Sahara stellen in Marokko die große Mehrheit in der christlichen Minderheit. Für den Papst war der Besuch in Marok- ko die achte Reise in ein muslimisch ge- prägtes Land. Erst Anfang Februar hatte Franziskus die Vereinigten Arabischen Emirate besucht und dabei mit dem Rek- tor der sunnitischen Al-Azhar-Universität in Kairo, Mohammad al-Tayyeb, ein Doku- ment zum Dialog zwischen Christentum und Islam sowie zur Geschwisterlichkeit unter den Menschen für den Weltfrieden und das Zusammenleben unterzeichnet. Mit seiner Visite in Marokko würdigte Franziskus auch die Begegnung des heili- gen Franz von Assisi (1182 bis 1226) mit Sultan Al-Kamil Muhammad al-Malik (um 1180 bis 1238) vor 800 Jahren in Ägypten.

Können Träume Wahlkampf sein?

Das wichtigste Ereignis der letzten Tage vor der Präsidentenwahl in der Ukraine war der Start einer Fernsehserie / Von Reinhard Veser

KIEW, 31. März. Am Freitagabend sollte im ukrainischen Fernsehen eine Debatte der drei aussichtsreichsten Kandidaten der Präsidentenwahl an diesem Sonntag stattfinden. Sie fiel aus. Präsident Petro Poroschenko und der Fernsehkomiker Wolodymyr Selenskyj kamen erst gar nicht. Und die frühere Ministerpräsiden- tin Julija Timoschenko ging gleich wie- der, nachdem sie triumphierend verkün- det hatte, nur sie habe genug Mut für eine solche Debatte. Aber das Fernsehereignis des Wahl- kampfs hatte ohnehin schon am Mitt- wochabend zur besten Sendezeit stattge- funden: der Start der dritten Staffel der Se- rie „Diener des Volkes“. Die seit 2015 lau- fende Serie ist der Grund dafür, dass Se- lenskyj zum Kandidaten wurde – er spielt darin den fiktiven Präsidenten Wassilij Goloborodko, einen grundehrlichen Men- schen, der sich inmitten einer von Oligar- chen und korrupten Zynikern beherrsch- ten Elite nicht verbiegen lässt. Die Ukrai- ne wollten auch im echten Leben einen Präsidenten wie Goloborodko sehen, hat Selenskyj der BBC in einem seiner weni- gen Interviews gesagt. Die am Mittwoch ausgestrahlten bei- den ersten Folgen sind voller Anspielun- gen auf Selenskyjs Konkurrenten und rea- le Ereignisse der vergangenen Jahre. Wäh-

rend Goloborodko aufgrund eines an den Haaren herbeigezogenen Vorwurfs im Ge- fängnis sitzt, obwohl er die Präsidenten- wahl am Ende der zweiten Staffel eigent- lich gewonnen hat, ist der Profiteur dieser Wahlfälschung Präsident – eine Mi- schung aus dem 2014 in der Revolution auf dem Majdan gestürzten Präsidenten Viktor Janukowitsch und dem derzeitigen Amtsinhaber Petro Poroschenko. So wie unlängst Poroschenko macht diese Film- figur in einer Krisensituation einen Lu- xusurlaub auf den Malediven. Er trägt den Spitznamen „Milchmann“, weil seine Unternehmen den Handel mit Milchpro- dukten vollkommen beherrschen. Auch das ist eine Anspielung auf Präsident Po- roschenko, der als „Schokoladenkönig“ bezeichnet wird, weil er einen großen Teil seines Vermögens mit einem Imperium aus Süßigkeitenfabriken und den zugehö- rigen Läden verdient hat, die in jeder ukrainischen Stadt zu finden sind. Als der „Milchmann“ über seine Hab- gier stürzt, kommt an der Spitze von Pro- testen eine Politikerin an die Macht, de- ren Frisur und Redeweise stark an Timo- schenko erinnern. Ihr einziges Interesse gilt extravaganten Kleidern für ihre öf- fentlichen Auftritte, während das Land aufgrund der Verwirklichung ihrer teuren Wahlversprechen in Hyperinflation und

Chaos versinkt. Diese Versprechen unter- scheiden sich nur in Details von denen der realen Timoschenko: eine deutliche Senkung der Gaspreise und starke Lohn- erhöhungen. In der am Donnerstagabend ausge- strahlten dritten Folge ist die Ukraine in 29 Teilstaaten zer fallen und zu einer Ge- fahr für die Sicherheit ganz Europas ge- worden – deshalb sorgt die EU dafür, dass Goloborodko freikommt und endlich wie- der Präsident wird. Und alles wird gut:

Goloborodko eint die Ukraine wieder, siegt über die Korruption, schafft Arbeits- plätze und macht das Land innerhalb we- niger Jahre so erfolgreich, dass es zu einer ernsten Konkurrenz für die reichen West- europäer wird. Auch in dieser Folge erin- nert manches an reale Auftritte – die des Wahlkämpfers Selenskyj, dessen Losun- gen sich fast gleichlautend in den Reden seines fiktiven Präsidenten Goloborodko finden. Sind die ersten beiden Folgen der drit- ten Staffel noch ganz lustig, so wirkt die dritte wie ein zu lang geratener Werbe- spot Selenskyjs. Auch kann man sich schwer vorstellen, wie die Serie danach noch weitergehen soll – alle Handlungs- stränge sind aufgelöst, es gibt keine Unge- rechtigkeiten mehr, gegen die der Fern- sehpräsident kämpfen könnte. Sogar die

Debatten über das Verhältnis zwischen dem Ukrainischen, der offiziellen Staats- sprache, und dem im Alltag in den östli- chen Landesteilen weit verbreiteten Rus- sisch sind zur Zufriedenheit aller beendet worden. Er denke nicht, dass die Ausstrahlung von „Diener des Volkes“ Wahlkampf sei, sagte Selenskyj am Sonntag voriger Wo- che in einem Interview mit dem Fernseh- sender 1+1, in dem auch die Serie ausge- strahlt wird. „Das ist nur eine populäre Se- rie, die Millionen Menschen lieben.“ Na- türlich zeige er darin, von welchem Land er träume, aber: „Kann ein Traum Wahl- kampf sein?“ Ganz sicher scheint er sich bei dieser Antwort indes nicht zu sein. Auf der Website von 1+1 waren die neuen Folgen am Samstag nicht mehr zugäng- lich – am Tag vor der Wahl ist Wahlkampf gesetzlich verboten. Der Sender gehört dem Oligarchen Ihor Kolomojskyj, der mit Präsident Poro- schenko verfeindet ist. Selenskyjs Gegner unterstellen ihm deshalb, dass er nur eine Marionette Kolomojskyjs sei. Zwischen 1+1 und Poroschenko ist in der Schluss- phase des Wahlkampfs eine juristische Fehde entbrannt: Der Präsident verklagte den Sender wegen Verleumdung. Unter anderem wurde in einer Nachrichtensen- dung insinuiert, Poroschenko habe seinen Bruder getötet. In Poroschenkos Wahl-

kampfzentrale wird auf eine zeitliche Ab- folge hingewiesen: Die erste Staffel von „Diener des Volkes“ lief ein halbes Jahr an, nachdem der Präsident den Besitzer von 1+1 als Gouverneur des Bezirks Dni- pro in der Südukraine abgesetzt und ihm die De-facto-Kontrolle über einen staatli- chen Ölkonzern entzogen hatte. „Damit wurde eine neue politische Technologie getestet – und sie funktioniert“, sagt eine Mitarbeiterin. Über das Verhältnis des Oligarchen Ko- lomojskyj und Selenskyj wurde auch des- halb so viel spekuliert, weil Selenskyj bis- her kein Team vorgestellt hat, mit dem er sein Land der Träume verwirklichen will. Ukrainische Medien haben berichtet, Se- lenskyj habe bei einem Treffen mit EU- Botschaftern inhaltlich schlecht vorberei- tet gewirkt. Präsident Poroschenko hatte im Endspurt des Wahlkampfs darauf ge- setzt, dass es vielen Ukrainern am Ende doch unheimlich bei dem Gedanken wird, ein Land, das im Krieg mit dem gro- ßen Nachbarn Russland steht, einem poli- tisch vollkommen unerfahrenen Mann zu überlassen. Und er hat einen legalen Weg gefunden, den Wählern auch am Wochen- ende diese Botschaft nahe zu bringen: Sei- ne Plakate waren, wie vorgeschrieben, verschwunden – an ihrer Stelle hingen neue in der gleichen Farbe, auf denen nur ein Wort steht: „Denke!“

STIMMEN DER ANDEREN

Die Briten fehlen dem Europäischen Parlament Der Berliner „Tagesspiegel“ beschäftigt sich mit der Möglichkeit, dass die Briten am 23. Mai ihre 73 Abge- ordneten für das Europäische Parlament wählen:

„Dass sie es zähneknirschend tun müssen, weil sie das mit dem Brexit einfach nicht hinkriegen. Wahr- scheinlicher ist jedoch ein anderes Szenario: Dem größ- ten demokratischen Parlament der Welt werden künftig keine Repräsentanten der ältesten Demokratie der Welt mehr angehören. Das ist, wie man den Brexit auch im- mer bewertet, ein herber Verlust. Dieses Hohe Haus hält die EU zusammen – wach, selbstbewusst und konflikt- freudig. Themen wie das Urheberrecht, die Sommerzeit, Migration, Energiesicherheit und die Beziehungen zu Russland standen gerade in Straßburg auf der Tagesord- nung. Das Parlament spiegelt die Befindlichkeiten der Menschen in den 27 Nationen, aus denen seine Abgeord- neten kommen werden. Die Briten werden dabei wohl nur zuschauen. Dabei waren sie überaus engagierte, lei- denschaftliche Europa-Parlamentarier. Und wer weiß:

Vielleicht sind sie in fünf Jahren ja wieder dabei.“

Großbritannien braucht ein zweites Referendum Die dänische Zeitung „Jyllands-Posten“ (Arhus) schreibt zur Debatte um den Brexit:

„Eigentlich hätte Großbritannien am 29. März die EU verlassen sollen, so weit kam es nicht. Das Parlament hat zum dritten Mal mit deutlicher Mehrheit das Austrittsab- kommen abgelehnt, das Premierministerin May und ihre wacklige konservative Regierung mit der EU vereinbart haben. Es bleibt derselbe Eindruck wie schon zuvor: Wir wissen nicht, was die britischen Parlamentarier wollen, nur was sie alles nicht wollen. Nach wie vor scheinen die Abgeordneten keinen Plan zu haben, der auf eine komfor- table Mehrheit stoßen könnte. Der Brexit wurde von der alten Garde in der Regierungspartei angestoßen, die nie für eine engere Anbindung Großbritanniens an ‚den Kon- tinent‘ war. Am 10. April soll es zu einem EU-Krisengip- fel kommen, zwei Tage vor der nächsten Brexit-Frist. Ge- lingt es den britischen Politikern nicht, sich auf einen Plan zu verständigen, wäre es sinnvoll, die Wähler noch einmal zu befragen. Hoffentlich würde Großbritannien dann das starke und engagierte Mitglied bleiben.“

Die Tories brauchen einen neuen Vorsitzenden Der „Sunday Telegraph“ (London) fordert den Rück- tritt von Theresa May:

„Entsteht in den nächsten Tagen der Eindruck, dass eine vorgezogene Parlamentswahl unvermeidlich ist, muss Premierministerin May sofort zurücktreten. Dies ist der einzige Weg, um den Brexit zu retten. Die Tories brauchen einen unkonventionellen Führer, jemanden, der versteht, dass der Vollzug des EU-Austritts ein Lack- mustest des Vertrauens in die Politik ist. Ein neuer Partei- vorsitzender muss erkennen, dass das System kaputt und reif für Revolutionen ist. Radikal zu sein ist die sicherste Wahl angesichts der Herausforderung: Großbritannien von einer feindlichen EU gegen die Wünsche unseres ei- genen Establishments zu befreien.“

Der Widerstand gegen die Hamas wächst Die „Welt am Sonntag“ kommentiert die palästinensi- schen Massenproteste im Gazastreifen:

„Nach wie vor geht es der Hamas um die Vernichtung des jüdischen Staates. Allein der Protest dieses Wochen-

endes belegt es. Zwar wissen auch ihre Funktionäre, dass sie ihr Ziel nicht erreichen werden. Immerhin aber gelingt es ihnen, die Menschen so aufzustellen, dass der Gegner derar t verhasst ist, dass man über die Vettern- wirtschaft und Willkür der eigenen Führung hinweg- sieht. Es ist kein Zufall, dass sich die Lage im Gazastrei- fen in dem Augenblick zuspitzt, in dem ein Teil seiner Bewohner gegen die Ruchlosigkeit der eigenen Führung auf die Straße geht. Die Hamas muss die Aufmerksam- keit nach außen lenken, um von der Misswirtschaft zu Hause abzulenken.“

Wegwerf-Artikel aus Plastik verbieten Die „NZZ am Sonntag“ schreibt zum geplanten Ver- bot vieler Wegwerf-Artikel aus Plastik durch die EU:

„Doch auch die EU weiß, dass moderne Volkswirt- schaften nicht ohne Kunststoff auskommen. Aber er muss besser sein als der giftige Schrott, der jetzt anfällt. Die EU hat sich deshalb der Idee der Kreislaufwirtschaft verschrieben. Mit einer Welle an neuen Regulierungen nimmt sie den Umbau ganzer Industrien in Angriff.“

Berlusconi wirbt für Bildung einer „neuen Rechten“

rüb. ROM, 31. März. Der frühere italie- nische Ministerpräsident Silvio Berlus- coni fordert die Bildung einer „neuen Rechten“ für den „Wandel in Europa“. Bei einer Veranstaltung in Rom aus An- lass des 25. Jahrestages der Gründung seiner Partei Forza Italia (FI) sagte der 82 Jahre alte konservative Politiker am Samstag, zur Stärkung Europas seien „neue Bündnisse mit Parteien der de- mokratischen Rechten und auch mit Souveränisten“ notwendig. Als Souve- ränisten bezeichnen sich in Europa rechtspopulistische Parteien wie die Lega in Italien unter Innenminister Matteo Salvini oder der französische Rassemblement National von Marine Le Pen. Berlusconi zeigte sich überzeugt, dass man die Souveränisten „erziehen und überzeugen“ könne: „Es muss uns gelingen, ein anderes europäisches rechtes Zentrum zu errichten, um et- was wie den europäischen Souveränis- mus zum Leben zu erwecken, der sich vom stupiden Souveränismus der Natio- nen unterscheidet.“ Bei der Veranstal- tung, die offiziell die Kampagne der FI zur Europawahl einläutete, sagte Ber- lusconi, die Europäische Volkspartei (EVP) – die Dachpartei der christlich- demokratischen und konservativen Par- teien in den EU-Staaten – solle nach den Wahlen mit Parteien kooperieren, „die nicht zur Linken gehören“. Die FI, die mit Berlusconi als Listen- führer in die Europawahl zieht, ist Mit- glied der EVP. Der Präsident des Euro- paparlaments, Antonio Tajani (FI), be- kräftigte in Rom seinen Willen, nach den Europawahlen abermals für die- sen Posten zu kandidieren. Um wieder- gewählt zu werden, braucht er die Stim- men der Sozialdemokraten oder aber der Rechtspopulisten, die laut Umfra- gen mit erheblichen Zugewinnen rech- nen können. EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber (CSU) hat eine Zusam- menarbeit mit den Rechtspopulisten ausgeschlossen. Erst kürzlich hat die EVP die Mitgliedschaft der rechtsnatio- nalistischen Partei Fidesz des ungari- schen Ministerpräsidenten Viktor Or- bán suspendiert.

schen Ministerpräsidenten Viktor Or- bán suspendiert. Hat große Pläne: Berlusconi Foto Getty Tr ump k ür

Hat große Pläne: Berlusconi

Foto Getty

Tr ump k ür zt Hilfszahlungen

WASHINGTON, 31. März (AFP). Die Vereinigten Staaten haben Hilfszahlun- gen an drei zentralamerikanische Län- der gestrichen, denen Präsident Do- nald Trump Untätigkeit bei der Ein- dämmung von Migration vorwirft. Auf Anweisung von Außenminister Mike Pompeo würden die Hilfsprogramme für El Salvador, Guatemala und Hondu- ras aus den Haushaltsjahren 2017 und 2018 beendet, erklärte ein Sprecher des State Departements am Samstag. Aus diesen Ländern sind in den ver- gangenen Jahren Zehntausende Men- schen vor Armut und Gewalt geflo- hen.

Das Haushaltsjahr 2018 endete be- reits vor Monaten, und das amerikani- sche Außenministerium erläuterte nicht, wie viel Geld durch die Maß- nahme zurückgehalten wird. In den vergangenen zwei Jahren stellten die Vereinigten Staaten 1,3 Milliarden Dollar (1,16 Milliarden Euro) Ent- wicklungshilfe für Zentralamerika be- reit, vor allem für die drei genannten Länder.

Präsident Trump beschuldigt deren Regierungen wegzuschauen, während „Karawanen“ von Einwanderern sich auf den Weg in Richtung Vereinigte Staaten machen. Im Dezember hatten Amerika und Mexiko sich noch auf ein großes Investitionsprogramm für das sogenannte nördliche Dreieck Zentral- amerikas geeinigt, um die Migration einzudämmen.

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Politik

MON TA G, 1. AP RIL 2019 · NR . 77 · SE ITE 3

Die Wut liegt tiefer

Der „Marsch der Million“ zum ersten Jahrestag der Proteste am Zaun im Gazastreifen fällt vergleichsweise ruhig aus. Doch unter der Oberfläche brodelt es.

Von Jochen Stahnke

GAZA, 31. März

D reihundert Meter vor dem Zaun

kommt die Menge plötzlich in Be-

wegung. Die Israelis haben wieder

eine Ladung Tränengasgranaten rüberge- schossen. Hassan Radwan hat seinen Dreijährigen auf dem Arm. Das Kind be- ginnt zu schreien, Radwan laufen die Trä- nen aus den gereizten Augen, seine Frau hält den Fünfjährigen. Warum nimmt Radwan seine Kinder mit an jenen Ort, an dem über die vergangenen Monate mehr als 250 seiner Landsleute erschos- sen wurden? „Wir müssen klarmachen, dass wir unsere Situation nicht akzeptie- ren“, sagt Radwan. „Es ist gefährlich, aber trotzdem müssen sich meine Kinder an unseren Widerstand gewöhnen.“ Ohne die Demonstrationen, sagt Rad- wan, hätte man von Israel gar nichts be- kommen. Plötzlich unterbrechen Männer in schwarzen Bomberjacken: Die innere Si- cherheit der Hamas will Ausweise sehen, Radwan und seine Familie gehen weiter. Dutzende Leute in orangefarbenen Wes- ten kontrollieren zwischen Sandwällen die Zugänge zum unmittelbaren Bereich vor dem Zaun, der Gaza und Israel trennt. Seit einem Jahr strömen jede Woche Tau- sende Palästinenser in Gaza an den Zaun. Das blutige Spektakel läuft unter dem Aufruf „Marsch der Rückkehr“. Als ob es wirklich darum ginge, zurück in die Dör- fer zu kommen, die heute israelisches Ho- heitsgebiet sind und aus dem die Vorfah- ren der meisten Einwohner Gazas geflo- hen waren. Für die Hamas, die sich der Proteste rasch bemächtigte, sind sie ein Mittel, um von Israel eine Lockerung der Blockade des Gazastreifens zu erreichen. Die von Ägypten vermittelten indirekten Verhand- lungen zwischen Israel und der Hamas stockten. Dann schossen Militante zwei Raketen aus Gaza in den Großraum Tel

Golanhöhen Golanhöhen ISRAEL SYRIEN Mittelmeer West- West- Tel Aviv jordanland jordanland RaRamallahmallah
Golanhöhen Golanhöhen
ISRAEL
SYRIEN
Mittelmeer
West- West-
Tel Aviv
jordanland jordanland
RaRamallahmallah
Jerusalem Jerusalem
Gazastreifen Gazastreifen
JORDANIEN
ÄGYPTEN
100 km
Sinai
ScSchaati-haati-LagerLager
BeBeitit HanounHanoun
Gaza-Stadt Gaza-Stadt
Gazastreifen
Gazastreifen
ISRAEL
ISRAEL
Rafah
Rafah
Beerscheva
Beerscheva
20 km
F.A.Z.-Karte lev.

Aviv. Israel antwortete mit massiven, doch vergleichsweise symbolischen Luft- angriffen. Die Unterhändler kamen einan- der wieder näher. Sowohl Israel als auch die Hamas erklärten die beiden Raketen- abschüsse zu einem „Versehen“. Die Ha- mas weiß, dass in Israel am 9. April ge- wählt wird und die Regierung einen Krieg vermeiden will. Am Wochenende wurde von einem Durchbruch berichtet: Qatar darf statt 15 Millionen nun vierzig Millionen Dollar Bargeld jeden Monat nach Gaza transpor- tieren, Israel erlaubt zusätzliche Strom- und Wasserlieferungen. Der Grenzüber- gang wird für ein wenig mehr Warenver- kehr geöffnet, und Bauern sollen jetzt auch nach Israel und ins Westjordanland ausführen dürfen. Im Gegenzug fällt der von der Hamas angekündigte „Marsch der Million“ zum ersten Jahrestag der Zaunproteste weitgehend aus. Rund 40 000 Menschen ziehen in den Matsch vor die Visiere der israelischen Scharf- schützen, gerade zwei Prozent der Bevöl- kerung in Gaza. Die Zugkraft der Hamas hat nachgelassen. Und die Hamas selbst sorgte dafür, dass es dieses Mal vergleichs- weise ruhig blieb. Drei 17 Jahre alte Paläs- tinenser wurden am Samstag getötet. Die israelische Armee spricht von einem der ruhigsten Tage seit Beginn der Demons- trationen. „Wir wollen zurückkehren“ steht auf dem Hemd eines alten Mannes, der dort steht, wo Händler Nüsse und Saft aus fah- renden Holzwägelchen verkaufen. Im In- nern des Gazastreifens wurde dieses Mot- to zuletzt von einem ähnlichen und doch ganz anderen verdrängt: „Wir wollen le- ben“ – so lautete die Losung eines Pro- tests gegen die Hamas selbst. Vor Tagen gingen an verschiedenen Orten des Gaza- streifens vorwiegend junge Menschen ge- gen „die Regierung“ auf die Straße. Aus- löser waren Steuererhöhungen auf Ziga- retten und andere Produkte. Aber die Wut liegt tiefer. Die Hamas schlug die Proteste brutal nieder. Nach Angaben von Menschenrechtlern wurden rund 1000 Demonstranten und Aktivisten ver- haftet, etwa 150 verprügelt und bedroht. Vor allem Menschen aus den Flüchtlings- lagern in Gaza, aus denen über die Jahr- zehnte ärmliche Vorstädte geworden sind. Ahmad war dabei. „Die Hamas hat in die Luft geschossen und auf den Boden, um uns Angst einzujagen.“ Ahmad steht an einer Straßenecke im Schaati-Lager. Ein nach Kloake riechendes Rinnsal fließt über die unebene Straße. Ahmad ist Fischer. „Die See ernährt uns, niemand sonst, und wenn ich wählen dürfte, dann würde ich deshalb für das Meer stim- men.“ Allein in Schaati hätten mehr als tausend Menschen protestiert, sagt Ah- mad. „Es waren die normalen Leute, es gibt keinen Anführer, meine Nachbarn ha- ben mir davon erzählt.“ Schuld an der Mi- sere in Gaza hätten sowohl Israel als auch die Hamas. Israel hat die Fangzone zu- letzt auf ein Minimum beschränkt. Dort, wo die See tiefer ist und die Fischgründe reichhaltiger, dürfen sie ohnehin niemals hinaus. Aber auch von der Hamas-Regie- rung erwartet Ahmad nichts mehr. „Das Geld ist in Gaza ungleich verteilt, nur das Militär und die angeschlossenen Grup- pen bekommen etwas.“ Dann biegt ein silberner Hyundai-Ge- ländewagen in die Seitenstraße, in der Ah- mad steht, wendet und kommt dicht zum Stehen. Vier Männer in Zivil steigen aus. Die innere Sicherheit der Hamas. Ein Zu- fall? Ein Tipp aus dem Viertel? Nach ei-

der Hamas. Ein Zu- fall? Ein Tipp aus dem Viertel? Nach ei- Aufruhr: Palästinensische Demonstranten am

Aufruhr: Palästinensische Demonstranten am Samstag im Gazastreifen

ner halben Stunde Kontrolle und Telefo- niererei fahren die bärtigen Männer wie- der. Die Nervosität der Hamas sei gestie- gen, heißt es in Gaza. Vor ein paar Mona- ten waren israelische Spezialkräfte in den Gazastreifen eingedrungen, die sich als Entwicklungshelfer ausgegeben hatten. Dann kamen die Volksproteste vor zwei Wochen. Das alles zu einer Zeit, in der die Hamas in ihrer größten Finanzkrise steckt. Die mit Israel zusammenarbeitende pa- lästinensische Regierung aus Ramallah hat ihre Zahlungen nach Gaza in den ver- gangenen zwei Jahren zurückgefahren, Zehntausende Gehälter und Pensionen gekürzt. Die ägyptische Regierung wieder- um zerstörte die meisten Schmugglertun- nel vom Sinai nach Gaza. Und Iran, das die Hamas für die eigene Abschreckungs- strategie in der Region benutzt und in der Vergangenheit stärker unterstützte, steckt selbst in einer Finanzkrise. Wie sich dies auf den bewaffneten Arm der Hamas aus- wirkt, ist schwer zu durchschauen. Zumin- dest bei der Propaganda wird gespart: Die palästinensischen Mitarbeiter des irani- schen Propagandasenders Press TV be- kommen in Gaza seit einem halben Jahr kein Gehalt mehr. „Wenn wir jetzt glauben wollen, wir se- hen hier den Anfang vom Ende der Ha- mas, dann ist das Ende noch ziemlich weit weg“, sagt der Politikprofessor Mokhamer Abu Sa’ada in Gaza-Stadt. Es könne noch Jahre weitergehen. Nach der Niederschla- gung der Volksproteste gab die Hamas be- kannt, einige der Sicherheitskräfte hätten überreagiert und Menschen das Recht, ihre Meinung zu äußern. Wer hier jedoch eine Bruchlinie zwischen Gemäßigten und Hardlinern erkenne, der falle auf die Hamas herein, sagt Abu Sa’ada. „Die Ha- mas ist diszipliniert und spricht weiterhin mit einer Stimme – Befehle werden be- folgt.“

Der Rechtsanwalt Amer Balousha hat das zu spüren bekommen. Zehnmal hat ihn die Hamas schon verhaftet. Das erste Mal vor zwei Jahren, als Balousha De- monstrationen gegen die Stromknappheit und gegen die Misswirtschaft organisier- te. Balousha wird zu rund zehn Führungs- figuren der jüngsten Proteste gezählt. Eine klare Spitze gebe es nicht. „Ich moti- viere die Menschen über Facebook, ihre Sorgen auf der Straße zu äußern.“ Tausen- de seien dieses Mal gefolgt, mehr noch als vor zwei Jahren. Amer Balousha sitzt im Hof des Hauses seiner Großfamilie in Beit Hanoun im Norden des Gazastrei- fens. Ausdrücklich nennt er seinen Na- men. Er sagt, je bekannter er ist, desto besser sei er geschützt. Vom 16. bis zum 25. März saß er in Haft, habe keine Nacht länger als zwei Stunden schlafen dürfen, das Verhör dauerte zehn Stunden jeden Tag. Dabei habe er meist stehen müssen. Balousha sagt, er sei beleidigt worden, aber nicht geschlagen. Dafür sei er zu be- kannt. Andere Demonstranten aber habe die Hamas im Gefängnis vor seinen Au- gen mit Holzstöcken verprügelt. Balousha sagt, er gehöre zu keiner Par- tei, und keine Partei habe je versucht, ihn zu rekrutieren. Die Hamas hatte behaup- tet, die Fatah der in Ramallah sitzenden palästinensischen Behörde habe die Pro- teste in Gaza organisiert. Balousha ist 27 Jahre alt, und seit seinem Jura-Abschluss arbeitet er als freier Journalist. Als An- walt wolle er unter diesem System nicht arbeiten. „Der erste Grund für die Wirt- schaftskrise ist die israelische Besatzung, die Abriegelung von Gaza“, sagt Balou- sha. „Dann trägt die Feindschaft zwischen Fatah und Hamas zum Elend bei, aus Ra- mallah wird kaum noch Geld überwie- sen.“ Drittens, sagt Balousha, die Hamas:

„Sie regiert Gaza seit zwölf Jahren und hat deshalb eine große Verantwortung.“ 150 000 frische Absolventen stoßen je- des Jahr auf den Arbeitsmarkt. Manche

Foto EPA

haben gute Zeugnisse. „Aber weil der Imam jede neue Stelle im öffentlichen Dienst absegnet, ist klar, wer die Stellen bekommt.“ Die Hamas setzt die Imame ein. Und wer Beziehungen zur Hamas hat, kann Geld machen. „Viele profitie- ren von der Krise, Schmuggler und Ge- schäftsleute, die uns wegen der Strom- knappheit teuren Strom von Generato- ren verkaufen.“ Am Sonntag muss Ba- lousha wieder zurück ins Gefängnis – nach dem „Marsch der Million“, an dem alle teilnehmen sollten. Aber Balousha kam nicht an den Zaun. Wann sein Pro- zess beginnt, wisse er nicht. Der Vor- wurf: „Zuwiderhandlung gegen die gene- relle Politik der Revolution.“ Ein absur- der Vorwurf, sagt Balousha. So etwas hal- te die Hamas üblicherweise Kollaborateu- ren mit Israel vor. Israel wiederum sieht sich nun drei Möglichkeiten gegenüber: Den gerade ge- schlossenen Waffenstillstand mit der Ha- mas ausweiten und die Wirtschaft in Gaza ankurbeln, was aber die Hamas stär- ken würde. Oder die Blockade fortführen, auf weitere Volksproteste und den Zusam- menbruch der Hamas hoffen. Oder drit- tens, den fragilen Status quo fortführen. Danach sieht es gerade aus. „Israel unter- nimmt keine Schritte, um die palästinensi- sche Behörde aus Ramallah nach Gaza zu- rückzubringen, sondern versucht die Ha- mas gerade so schwach zu halten, dass sie nicht zusammenbricht und die Sicher- heitslage nicht eskaliert“, sagte der frühe- re israelische Brigadegeneral Assaf Orion. Was Netanjahu kürzlich sagte, sei für ihn ein „Augenöffner“ gewesen: „Er (Netanjahu) sagte, er versuche Geld nach Gaza zu zahlen, um sicherzugehen, dass es keinen palästinensischen Staat geben wird.“ So verkaufe Netanjahu die Spal- tung zwischen dem Westjordanland und Gaza als politisches Ziel. Und aus der poli- tischen Frage Gaza wird nur noch ein hu- manitäres Problem.

Eine andere Art von Politik

Zuzana Čaputová hat die Stichwahl in der Slowakei gewonnen – trotz oder wegen eines sauberen Wahlkampfs / Von Stephan Löwenstein

PRESSBURG, 31. März. Das Publikum in der alten Markthalle von Pressburg (Bratislava) ist schon in Sekt- und Bierlau- ne. Die Umfragen, die nach Schließung der Wahllokale am Abend der slowaki- schen Präsidentenwahl veröffentlicht wur- den, sagten ihrer Favoritin Zuzana Čapu- tová, einen deutlichen Sieg voraus. Da brandet Jubel auf, und die blonde Frau im lila Kleid betritt überraschend den Saal. Sie begrüßt hier Leute, nimmt da eine Gratulation entgegen, dann verschwindet sie wieder. Das Wort ergreift sie öffent- lich erst, nachdem ihr Konkurrent Maroš Šefčovič, EU-Kommissionsvize und Kan- didat der sozialdemokratisch firmieren- den Regierungspartei Smer, im Fernse- hen seine Niederlage eingestanden hat. Dann kommt Čaputová wieder in die Halle und klettert auf ein kleines Podest ohne Pult. Es befindet sich hinten, wo die Kameras stehen. Dort sagt sie ein paar Worte und hält so etwas wie eine improvi- sierte Pressekonferenz. Ein ganz anderes Bild als gewohnt, wenn ein Parteiführer einen Wahlsieg feiert: Die Mitstreiter und Anhänger im gleichen Saal stehen fak- tisch mit dem Rücken zu ihr und sehen ihr über die große Leinwand zu. Das hindert sie nicht am Johlen und Klatschen und Ru- fen: „Zu-za-na!“ „Anstand soll unsere Kraft sein“, sagt Čaputová, einen Begriff aufgreifend, der nach der Ermordung des Journalisten Ján Kuciak vor gut einem Jahr wie ein Banner auf den Massendemonstrationen vorange- tragen wurde. Diese Bewegung war es auch letztlich, die Čaputová als erste Frau in das Amt des Staatsoberhaupts getragen hat. Im Juni, wenn die Zeit des amtieren-

den Präsidenten Andrej Kiska, der sie un- terstützt hat, abgelaufen ist, wird sie es an- treten. 58,4 Prozent der Wähler haben nach dem am Sonntag veröffentlichten vorläufigen Endergebnis für sie gestimmt. Allerdings war die Beteiligung so gering wie noch nie: 40 Prozent. In der ersten Wahlrunde vor zwei Wochen waren es noch fast 50 Prozent. Vor allem die An- hänger der beiden ausgeschiedenen Kan- didaten Štefan Harabin and Marian Kotle- ba, beides EU-Gegner von rechts außen, dürften ferngeblieben sein. Mit den bei- den proeuropäischen Kandidaten Čaputo- vá und Šefčovič, die auf scharfe Polarisie- rung verzichteten, können sie vermutlich nicht viel anfangen. Von diesem Viertel der Wählerschaft dürfte in den kommen- den Wahlen noch zu reden sein. Čaputová sagt, besonders sei sie dar- über erfreut, dass ihr Wahlsieg auf eine Weise errungen werden konnte, von dem viele behauptet hätten, dass er nicht funk- tionieren könne: ohne Aggressivität und Schmutzkampagnen. Die vielbeschwore- ne Spaltung des Landes in zwei Lager oder gar Welten sei gar nicht wirklich vor- handen. Passend zu dieser optimistischen Annahme übersandte ihr Šefčovič noch am Wahlabend Blumen. Die Erwartungen ihrer Anhänger schei- nen bei aller Feierlaune nicht ins Kraut zu schießen. „Ich hoffe auf ein bisschen Wan- del durch sie und die Partei, aus der sie kommt, die Progressive Slowakei“, sagt Janko, 24 Jahre alt, der in einer Menge vorwiegend junger Leute vor dem Tor steht. „Es stimmt, die Macht des Präsiden- ten ist begrenzt. Aber letztes Jahr hatten wir eine Krise, und Präsident Andrej Kis-

ka hat sich ziemlich gut verhalten. Ich glaube daher, in einer Krisensituation würde sie auch aufstehen und wie ein gu- ter Anführer handeln.“ Noch verhaltener klingt Barbara, 25 Jahre alt: „Viel erwarte ich nicht von ihr, aber sie ist die bessere Wahl als der andere. Es könnte ein hüb- sches Zeichen für einen Wandel sein. Sie kann ein paar nette Sachen sagen, aber ich glaube nicht, dass sie die Macht hat, wirklich etwas zu verändern.“ Juraj, der etwas älter ist und als Jurist arbeitet, sagt:

„Sie bildet ein Gegengewicht im Verfas- sungssystem. Auch wenn sie nicht viele exekutive Funktionen hat, ist der Präsi- dent bei uns ein bisschen stärker als in Deutschland zum Beispiel.“ Der Rechtsanwalt Radovan Pala hat die Kampagne von Čaputová auf Vertragsba-

sis unterstützt. Er hofft auf eine „andere Art von Politik“ und setzt auf ihre Offen- heit. „Was sie sagt, meint sie immer. Wir haben in der Slowakei viel schlechte Er- fahrungen gemacht mit Floskeln und schönen Reden. Sie bringt diesen neuen Wind.“ Vor allem in Personalfragen habe das Staatsoberhaupt Einfluss. Es ernenne (aus Vorschlagslisten der Regierung) alle Richter, Verfassungsrichter, Staatsanwäl- te, den Generalstaatsanwalt und weitere wichtige Funktionen. „Und selbstver- ständlich kann sie den Ton im politischen Diskurs setzen und manche Sachen mit ‚soft power‘ beeinflussen.“ Anfang des Jahres kannte noch kaum jemand Čaputová, aber als ihre Umfrage- werte mit den ersten öffentlichen Debat- ten nach oben schossen, traten andere

öffentlichen Debat- ten nach oben schossen, traten andere Die erste Präsidentin: Č aputová nimmt Glückwünsche

Die erste Präsidentin: Čaputová nimmt Glückwünsche entgegen.

Foto dpa

Kandidaten des liberalen Lagers, die als aussichtsreich galten, zurück, um ihre Chancen zu mehren. Pala meint, die Ge- sellschaft sei der Regierung Robert Ficos müde – der starke Mann der Smer ist un- ter dem Druck der Straße als Ministerprä- sident zurückgetreten, führt aber immer noch die Partei. „Und die Opposition hat in den letzten Jahren auch nicht so viel ge- zeigt. Es gab Nachfrage nach jemandem, der außerhalb der Politik steht und eine Alternative anbieten kann.“ Dass Fico, aber auch ausländische Ak- teure wie der tschechische Präsident Miloš Zeman sie als unerfahren kritisier- ten, könnte Čaputová mithin sogar ge- stärkt haben. Zumal sie zwar in der Partei- politik keine Erfahrung hat, durchaus aber in öffentlichen Angelegenheiten, wie Pala sagt. „Sie kommt nicht aus der Privatsphäre.“ Damit meint er nicht nur das Engagement der Rechtsanwältin ge- gen eine Mülldeponie, das ihr sogar einen internationalen Umweltpreis eingebracht hat. „Darüber wird nicht so viel gespro- chen, aber sie hat viele Vorschläge ge- macht, wie die Justiz reformiert werden kann oder die Staatsanwaltschaft. Sie hat einen ethischen Kodex für die Justiz ver- fasst.“ Čaputová habe sich auch in Nicht- regierungsorganisationen engagiert, die in der Slowakei mitunter die Rolle des Staates ersetzten. Der tschechische Präsident Zeman hat am Sonntag übrigens pflichtschuldig gra- tuliert. Čaputová ging auf seine vorherige Parteinahme mit keinem Wort ein. Sie kündigt an, wie ihre vier Vorgänger wer- de sie als Erstes in die Tschechische Repu- blik reisen. „Ich betrachte sie als Bruder- nation.“

Brückenbau mit Kompass

CSU stimmt sich auf die Europawahl ein

Von Sarah Obertreis

NÜRNBERG, 31. März. Als Markus Söder auf dem kleinen Parteitag der CSU spricht, könnte man sich seinen Parteikollegen und den Spitzenkandi- daten der Europäischen Volkspar tei (EVP) Manfred Weber vorstellen, wie er an einer halbfertigen Brücke steht, einen Kompass in der Hand. Denn der bayerische Ministerpräsident sagt, es sei jetzt ganz wichtig, „Brücken mit Kompass“ zu bauen und Weber sei da- für genau der Richtige. „Jetzt“, das ist an diesem Samstag in Nürnberg, knap- pe zwei Monate vor der Europawahl. Das britische Parlament hat gerade zum dritten Mal abgestimmt und sich wieder gegen das Brexit-Abkommen mit der Europäischen Union entschie- den. Und trotzdem herrsche „Gelassen- heit“ in der CSU, kritisiert Manfred We- ber. Söder spricht vorsichtig von einer „leichten Sattheit“ innerhalb der CSU. Dabei will sich die CSU auf dem klei- nen Parteitag eigentlich auf den Wahl- kampf einstimmen. Überall stehen Manfred-Weber-Aufsteller, eine blau- gelb geschminkte Trommlergruppe macht so laute Musik, dass das Weiß- wurst-Bestellen im Foyer den Parteimit- gliedern zunehmend schwerfällt. Söder erklärt die Europawahl mit Blick auf das Erstarken der Rechtspopulisten zur Schicksalsfrage für die EU: „Entweder verabschiedet sich Europa von der Welt- bühne mit dieser Wahl oder Europa kehrt kraftvoll zurück.“ Den Brexit nutzt der Ministerpräsident dabei als Mahnung: „Wenn man sehen will, was nicht passieren darf bei uns in Europa, dann ist es der Blick hinüber auf die Bri- tischen Inseln.“ Ziel der CSU ist es, mit der EVP stärkste Kraft im Europaparlament zu bleiben und natürlich den eigenen Kan- didaten Weber auf den Posten des Kommissionspräsidenten zu hieven. Eine aktuelle Umfrage des Europäi- schen Parlaments sieht die EVP bei gut 26 Prozent und damit als stärkste Kraft mit deutlich mehr als sechs Prozent- punkten vor den Sozialdemokraten, die Union würde in Deutschland aktu- ell auf 33 Prozent kommen. Also ei- gentlich noch kein Grund, sich von der „leichten Sattheit“ zu verabschieden. Doch die Wahlplakate mahnen: „Tu was für Europa! Europa braucht dich!“ Die CSU-Mitglieder beginnen ihren Aktivismus für Europa mit drei Diskus- sionsforen zu Migration, Außen- und Si- cherheitspolitik und Wirtschaft. Dass das mit den Abschiebungen immer noch nicht so gut funktioniert, beschäf- tigt Parteivorstand und Basis. In ihrem ersten gemeinsamen Europa-Wahlpro- gramm mit der CDU, das am Nachmit- tag einstimmig angenommen wird, hat die CSU angekündigt, Asylbewerber- leistungen europaweit anzugleichen und „auf ein Minimum zu beschrän- ken“. An den EU-Außengrenzen sollen sogenannte Transitzentren errichtet werden, außerdem „Aufnahmezen- tren“ in Nordafrika. Auch die Forde- rung nach 10 000 Kräften in der euro- päischen Grenzschutz-Agentur Fron- tex steht im Programm. Dass diese ver- gangene Woche schon beschlossen wur- de, reicht Manfred Weber nicht. Denn im aktuellen Beschluss heißt es, die For- derung soll bis 2027 umgesetzt werden, Weber will die 10 000 Grenzschützer spätestens in der Hälfte der Zeit einset- zen. Als er das sagt, applaudieren die Christsozialen am lautesten. Dass es keine direkten Antworten auf die nied- rige Zahl der tatsächlichen Abschiebun- gen im Wahlprogramm gibt, hänge vor allem damit zusammen, dass die Grü- nen alles dafür tun, um Rückführungen zu verhindern, erklärt die Europaabge- ordnete Monika Hohlmeier mit beton- tem Ärger. Deswegen sei es sinnvoller, sich darauf zu konzentrieren, die Zahl der illegalen Zuwanderer zu senken. Auch wenn natürlich niemand von ihnen anwesend ist, spielen die Grünen eine wichtige Rolle. Weber präsentiert sich mit seiner viel besungenen Fähig- keit, Brücken zu bauen, als Mann der Mitte. Und sein ehemaliger Rivale Sö- der springt ihm mit seinen neuerdings sehr versöhnlichen Auftritten bei. Der Ministerpräsident lobt die mittlerweile so harmonische Beziehung zur Schwes- terpartei CDU und mahnt, dass Mittel- meer dürfe nicht mehr länger ein Grab für Flüchtlinge sein. Dabei versuchen die führenden Christsozialen, die Grü- nen mit scharfer Kritik von der Mitte weg zu schieben. Weber rät ihnen, in Debatten mal auf sachlichem Boden zu bleiben. Söder ist deutlicher. Für den Satz „Wenn es jemand gibt, der engstir- nig ist, der im kleinen Karo denkt und der im Prinzip puristisch-national-mo- ralisch denkt, dann sind das die Grü- nen“, erntet er langen Applaus. Weber spricht nach Söder zur besten Mittagessenszeit. Er spricht viel über den Brexit und die Unsicherheit, die nicht erst, aber vor allem seit der letz- ten Abstimmung im britischen Parla- ment herrsche. In ihrem Wahlpro- gramm hat die Union versichert, dass sie die Tür für Großbritannien immer offen halten wolle. Aber Weber macht gleichzeitig deutlich: „Wir müssen vor den Europawahlen Klarheit haben.“ Ansonsten dürfe es keine Beteiligung Großbritanniens an den Wahlen ge- ben. Am Ende von Webers Rede stehen alle auf, doch begeistert ist der Beifall nicht. (Kommentar Seite 10.)

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Politik

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG

Pizza-Connection nach Seehofers Geschmack

Im Streit um weitere Kompetenzen für den Verfassungsschutz liegen Innen- und Justizministerium mal wieder über Kreuz. Was steckt dahinter?

Von Helene Bubrowski

BERLIN, 31. März

A n ein Treffen im vergangenen Jahr können sich Katarina Barley und Horst Seehofer gut erinnern. Heu-

te schmunzeln beide darüber. Es gab im Frühsommer etwas zu besprechen zwi- schen den beiden Ressorts, keine große Sache, aber doch so, dass die Bundesjus- tizministerin sich um eine gute Grund- stimmung bemühte. Die SPD-Politikerin Barley hatte also eine Pizza mit ins Bun- desinnenministerium gebracht, groß ge- nug für zwei Personen. Sie wollte sie mit ih- rem Kabinettskollegen von der CSU teilen. Der nahm den Karton entgegen, dankte herzlich und übergab ihn einer Mitarbeite- rin, die das Mitbringsel aber nicht auf den Tisch in Seehofers Büro, sondern in die Teeküche trug. Der Bundesinnenminister wollte die Pizza zum Abendessen verzeh-

ren – allein. Eine Provokation, ein Scherz, bei Seehofer liegt das immer irgendwo da- zwischen. Jetzt hat die Justizministerin dem Innen- minister eine Abfuhr erteilt, die deutlich größer ist als ein Pizzakarton und über die es sich nicht so leicht schmunzeln lässt. Es geht Katarina Barley um die Sache, genau- er um den Gesetzentwurf zur „Harmoni- sierung des Verfassungsschutzrechts“. See- hofer will den Verfassungsschützern erlau- ben, künftig auch die Daten Minderjähri- ger zu speichern. Außerdem will er die Überwachungsbefugnisse im digitalen Raum erweitern, um sie der modernen Kommunikation anzupassen. Konkret geht es um Online-Durchsuchungen und Quellen-TKÜ. Das Justizministerium will noch nicht mal in die Diskussion einstei- gen. An diesem Montag endet die Frist, binnen derer sich das Haus zum Entwurf

äußern kann. Doch aus Regierungskrei- sen heißt es, Barley halte die Pläne des In- nenministeriums für so abwegig, dass sie von ihrer tiefer gehenden juristischen Be- wertung der einzelnen Regelungen abse- hen wolle. Seehofer wie Barley stützen sich auf den Koalitionsvertrag, allerdings auf unterschiedliche Sätze. Die Spreche- rin des Bundesinnenministeriums zitiert die Passage, in der von einer Vereinheitli- chung der Befugnisse des Verfassungs- schutzes von Bund und Ländern die Rede ist und davon, dass die Sicherheitsbehör- den gleichwertige Befugnisse im Netz wie außerhalb des Netzes brauchen. Das Bun- desjustizministerium stützt sich dagegen auf die Textstelle, in der es heißt, mit einer „maßvollen Kompetenzerweiterung“ müs- se eine Ausweitung der parlamentari- schen Kontrolle einhergehen. Es ist eher die Regel denn die Ausnah- me, dass die beiden Häuser über Kreuz lie- gen. Justiz- und Innenminister im Bund hatten seit Bestehen der Bundesrepublik die längste Zeit unterschiedliche Partei- farben. Das ist allerdings nicht der Haupt- grund für die Differenzen. Selbst in der Zeit zwischen 1998 und 2005, als die SPD beide Posten besetzte, war das Verhältnis zwischen Herta Däubler-Gmelin und spä- ter Brigitte Zypries im Justizministerium und Otto Schily im Innenressort nicht konfliktfrei. Das Innenministerium hat vor allem die Sicherheit im Blick, das Jus- tizministerium die Bürgerrechte. Sie sind natürliche Gegenspieler. Positiv gewen- det, könnte man auch sagen, sie sind ein- ander ein Korrektiv. Eingebürgert haben sich die sogenannten Kleeblatt-Gesprä- che: Justizminister, Innenminister und je ein Staatssekretär aus jedem Haus. Ziel soll es sein, einen Weg zu finden, der so viel Freiheit wie möglich und so viel Si- cherheit wie nötig verspricht. Thomas de Maizière (CDU), Seehofers Vorgänger im Amt des Innenministers, be- schreibt in seinem jüngst erschienenen Buch „Regieren“, dass er mit dem damali- gen Justizminister Heiko Maas (SPD) wäh- rend eines gemeinsamen Abendessens über das gegenseitige Verständnis der bei- den Ressorts gesprochen habe, woraus sich eine „sehr gute Zusammenarbeit“ entwi- ckelt habe, die freilich auch nicht frei war vom angestrengten Ringen um Kompro- misse. Vor den gemeinsamen Jahren von Maas und de Maizière war es oft geräusch- voller zugegangen. Über die Vorratsdaten-

es oft geräusch- voller zugegangen. Über die Vorratsdaten- Gesprächsbedarf: Seehofer und Barley vor der

Gesprächsbedarf: Seehofer und Barley vor der Kabinettssitzung am Mittwoch

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speicherung stritten Sabine Leutheusser- Schnarrenberger (FDP) und Hans-Peter Friedrich (CSU) monatelang auf offener Bühne, im Frühjahr 2012 warf die damali- ge Justizministerin ihrem Kabinettskolle- gen im Innenressort sogar vor, ihr den „Krieg“ zu erklären. Von dieser Eskalationsstufe sind Bar- ley und Seehofer noch ziemlich weit ent- fernt. Die Rahmenbedingungen für ein ge- deihliches Auskommen sind allerdings nicht gerade günstig. Beide Politiker sind auf Abruf in ihren Ämtern–mit dem Un- terschied, dass Barley freiwillig gehen wird, während Seehofer gern noch blei- ben möchte. Doch es ist nicht etwa so, dass sich beide Politiker deshalb um die Details der Gesetzgebung nicht mehr scherten und besonders kompromissbe- reit wären. Eher im Gegenteil: Ihre jewei-

lige Situation zwingt sie zu besonderem Rigorismus. Die Justizministerin ist Spitzenkandida- tin der SPD für die Europawahlen. Wenn sich der Bundestag mit dem Gesetzentwurf zum Verfassungsschutz befasst, wird sie schon in Straßburg und Brüssel sein. Ihre Nachfolgerin muss sich dann damit rum- schlagen. Man könnte daher Barleys Proku- ra als Fachpolitikerin in Frage stellen. Als Wahlkämpferin allerdings hat sie gute Gründe, scharf gegen das geplante Gesetz zu schießen. Schließlich ist das Misstrauen gegenüber Nachrichtendiensten im Wähler- milieu der SPD besonders stark ausgeprägt. Barley klagt zuweilen darüber, dass Uni- onspolitiker ihr seit ihrer Kandidatur für die Europawahlen das Leben besonders schwer machten. Man gönne ihr nicht „das Schwarze unter dem Fingernagel“, heißt es

in ihrem Umfeld. Barley hätte das Amt al- lerdings aufgeben können, nachdem sie im Oktober zur Spitzenkandidatin ihrer Partei gekürt wurde. Nun muss sie sich umgekehrt den Vorwurf gefallen lassen, dass ihr das Amt im Wahlkampf helfe. Einer Justizmi- nisterin hört das Wahlvolk schließlich eher zu als einer einfachen SPD-Politikerin. Bei allen Äußerungen in den Wochen bis zum 26. Mai wird sie zumindest auch den Wahl- kampf im Blick haben. Ihre Positionierung zu den sogenannten Uploadfiltern in der Urheberrechtsdebatte war nur ein Beispiel dafür. Die Pressemitteilung im Anschluss an die Abstimmung im Europaparlament verschickte sie als Justizministerin. Horst Seehofer tritt dieser Tage weniger als ein strammer Parteisoldat auf. Mit ver- balen Attacken gegen CDU und SPD hält er sich weitgehend zurück, im Vergleich zu den Eskapaden vom vergangenen Sommer wirkt er geradezu besonnen. Ihm geht es darum, sein Amt als Innenminister so lan- ge wie möglich behalten – mindestens so lange, wie Angela Merkel Kanzlerin ist, heißt es. Seehofer weiß, dass die Entschei- dung über seine Zukunft nicht mehr in sei- ner Hand liegt, also tut er alles dafür, der neuen CSU-Führung keine Gründe dafür zu liefern, ihn in den Ruhestand zu schi- cken. Ihm spielt dabei in die Hände, dass CSU-Politiker rar sind, denen man zutraut, Seehofer zu beerben. Doch der Bundesinnenminister möchte mehr als nur geduldet sein. Daher unter- mauert er den Anspruch auf sein Amt mit Erfolgen in der Sachpolitik. Nachdem er im Januar den CSU-Vorsitz abgegeben hat- te, schrieb er seinen Mitarbeitern im Bun- desinnenministerium in einem Brief, dass er sich künftig voll auf seine Aufgaben in Berlin konzentrieren wolle. Nun präsen- tiert er der Hauptstadtpresse im Wochen- takt Ergebnisse aus seinem Haus. Beim Entwurf zum Verfassungsschutzgesetz kann er fest mit dem Segen aus München rechnen, schließlich ist die Sicherheit der Bevölkerung der CSU immer ein besonde- res Anliegen. Zudem orientiert sich See- hofers Gesetzentwurf in Teilen an den Kompetenzen, die der bayrische Verfas- sungsschutz jetzt schon hat. Angespro- chen auf die Kritik aus dem Justizministe- rium, gab sich der Bundesinnenminister zuversichtlich: So sei das eben zwischen den beiden Häusern, am Ende habe man noch immer einen Kompromiss gefun- den. Auch ohne eine Pizza.

Nachfolgerin von Stegner mit großer Mehrheit gewählt

mawy. NORDERSTEDT, 31. März. Serpil Midyatli ist neue Landesvorsit- zende der SPD in Schleswig-Holstein. Auf dem Landesparteitag in Norder- stedt erhielt sie am Samstag gut 90 Pro- zent der Delegiertenstimmen, einen Gegenkandidaten gab es nicht. Sie ist die erste Frau in diesem Amt. Die 43 Jahre alte Midyatli folgt damit auf Ralf Stegner, der nach zwölf Jahren im Amt nicht wieder angetreten war. Unter Ver- weis auf das Motto der Nord-SPD hatte Midyatli geäußert: „Links, dickschäde- lig und frei – daran soll sich auch mit mir an der Spitze nichts ändern.“ Vor ihrer Wahl hatte Stegner sich bei den Delegierten als Landesvorsitzender verabschiedet. In einer Grundsatzrede gab er der Partei nicht nur mit, was sei- ner Ansicht nach zu tun und erreichen sei in den kommenden Jahren („Wir müssen wieder zur Partei der Hoff- nung werden“), sondern sprach auch über all die Wahlen in seiner Amtszeit, von denen manche mit einer herben Enttäuschung endeten. Er wisse, dass manche ihn dafür verantwortlich mach- ten. „Wenn es gut läuft, waren es alle, wenn es schlecht läuft, war es der Vor- sitzende.“ Stegner bat um Unterstüt- zung für seine Nachfolgerin und sagte der neuen Führung zu, keine öffentli- chen Ratschläge zu geben. Er machte aber auch deutlich, dass der Rückzug vom Landesvorsitz nicht bedeute, dass er in den politischen Vorr uhestand gehe. Er bleibt stellvertretender Bun- desvorsitzender und auch Fraktionsvor- sitzender. Seine Partei applaudierte ihm lange und stehend. Die in Kiel als Tochter türkischer Einwanderer geborene Midyatli ist in der Fraktion bislang Stegners Stellver- treterin. Dort ist sie vor allem für sozi- alpolitische Themen und Integration zuständig. Spekuliert wird, dass sie sich im Sommer aus dem Fraktionsvor- stand zurückzieht. Midyatli äußerte in ihrer Bewerbungsrede, sie kandidiere nicht, um einfach so weiterzumachen. Sie kandidiere, um zu gestalten. Die SPD hat bei der letzten Landtagswahl 2017 eine Niederlage erlitten und führt seitdem die Opposition an. 2022 soll es planmäßig die nächste Landtags- wahl in Schleswig-Holstein geben. (Kommentar Seite 10.)

Im Gespräch: Uwe Brandl, Bürgermeister von Abensberg und Präsident des Deutschen Städte- und Gemeindebundes

„Der Staat stiehlt sich mit fiesen Tricks aus der Verantwortung“

Herr Brandl, was sagen Sie als Bürger- meister, Präsident des Deutschen Städ- te- und Gemeindebunds sowie als CSU- Mitglied zur neuen Bayerischen Staats- regierung? Ich stelle in Bayern, aber nicht nur dort, einen komplett neuen Politikstil fest. Es wird von einigen versucht, mit Ge- schenken die Gunst der Wähler zu erkau- fen. Dazu gehört die Befreiung von Abga- ben, ob das die Kindergärtenbeiträge sind oder die für den Straßenausbau. Solche Geschenke binden emotional, passen in unsere Zeit, in der die Menschen nach ein- fachen Lösungen lechzen. Was sich kei- ner zu fragen scheint: Woher kommt dann das Geld? Solange die Steuerquel- len sprudeln und die Wirtschaft brummt, mag das noch machbar sein. Aber da- nach? Da müssen dann die Kommunen schauen, wie sie mit der gestiegenen An- spruchshaltung klarkommen und ihre Aufgaben erledigen. Weil sie aber ihre Einwohner nur begrenzt belasten können – sie haben als eigene Steuern ja nur die Grundsteuer A und B sowie die Gewerbe- steuer –, wird das auf eine massive Ver- schuldung hinauslaufen.

Die kostenlose Kita kommt bei Bürgern in ganz Deutschland sehr gut an. Sie ist aber ein Riesenproblem. In Bay- ern hat die neue Regierung mit dem Kita- Zuschuss einen großen Schritt in Rich- tung völlig kostenfreie Kitas gemacht. In reichen Gemeinden im Großraum Mün- chen wird jetzt mit Blick auf die Kommu- nalwahlen 2020 Wahlkampf damit ge- macht, dass man den Kindergartenbe- such komplett kostenfrei stellen will. So wird massiver Druck auf die anderen Kommunen aufgebaut. Wenn Eltern gar nichts mehr zahlen müssen, werden sie er- fahrungsgemäß noch mehr Kitazeit bu- chen als bisher. Dann werden wir noch

mehr Plätze schaffen und sofort Personal einstellen müssen – sofern wir das über- haupt bekommen.

Wäre eine Bedürftigkeitsprüfung sinn- voll? Es ist nicht schlau, unabhängig von der wirtschaftlichen Situierung der Betroffe- nen die Beiträge zu senken, ganz zu erlas- sen oder durch ein Familiengeld abzufe- dern. Eine derart pauschale Vorgehens- weise ist ein Sozialförderprojekt für Rei- che und Einkommensmillionäre. Wer Geld vom Staat will, soll seine Vermö- gensverhältnisse offenlegen. Wir sind ein sozialer, demokratischer Rechtsstaat, in dem sich jeder im Rahmen seiner indivi- duellen Leistungsfähigkeit an der Gesamt- finanzierung zu beteiligen hat. Sagt übri- gens die bayerische Verfassung ausdrück- lich. Aber wenn die Büchse der Pandora einmal geöffnet ist, dann bekommt man sie nicht mehr zu.

Bei der Ersterschließung von Straßen hat es die Bayerische Staatsregierung den Kommunen zuletzt freigestellt, ob sie den Bürgern die Beiträge dafür er- lässt. Das ist ein fieser Trick des Staates, der sich damit selbst aus der Verantwortung stiehlt. Würde er sagen, Ersterschließungs- beiträge gibt’s nicht mehr, müsste er nach dem Konnexitätsprinzip Ersatz für den Einnahmeausfall leisten. Stellt er es ins Er- messen der jeweiligen Kommune zu ent- scheiden, ob sie die Beiträge erhebt oder nicht, ist er fein raus. Das ist perfide, denn Gemeinden dürfen nur dann auf Beiträge verzichten, wenn sie sich das langfristig leisten können. Dem Bürger ist das natür- lich egal. Der sagt: Wenn der Bürgermeis- terkollege in der Nachbarkommune in der Lage dazu ist, die Beiträge zu erlassen, dann seid ihr die größten Pfeifen, wenn ihr das nicht auch könnt. Keiner von uns belas-

tet den Bürger gern. Aber es gibt Situatio- nen, da muss man das leider. Das blendet der Freistaat bewusst aus und schiebt Kom- munen den Schwarzen Peter zu.

Was halten Sie von Ihrem Parteifreund Markus Söder? Ich rechne ihm hoch an, dass er sich in komplexe Sachverhalte unglaublich schnell einarbeitet. Auch, dass er sich be- müht, die CSU zu modernisieren. Was mir nicht gefällt, ist, dass er nach wie vor stark in seiner großstädtischen Sozialisie- rung verhaftet ist. Man muss nur mal schauen, wie viel Geld zum Beispiel in Richtung Augsburg geflossen ist: Unikli- nik, Theater, ÖPNV. Und warum muss ein Museum der Bayerischen Geschichte un- bedingt nach Regensburg? Warum kann es nicht dorthin, wo man touristische Highlights dringend brauchte? Ich habe nichts gegen diese Segnungen. Aber wenn man es mit der Gleichwertigkeit der Le- bensverhältnisse ernst meint, muss man das gleiche Geld und vergleichbare Pro- jekte auch den restlichen 2000 Kommu- nen in Bayern zuwenden.

Wie gut kommen die Kommunen mit der Integration der Flüchtlinge voran? Von vielen Besuchen in anderen Lan- desverbänden weiß ich, dass wir einen nicht unbeträchtlichen Prozentsatz von Gästen haben, die aus unterschiedlichen Gründen nicht sehr engagiert sind, wenn es um den Spracherwerb geht. Leider wer- den gerade die von den Kommunen oft freiwillig angebotenen Kurse schnell wie- der abgebrochen. Das zweite Problemge- biet ist die Arbeit. Fast fünf Jahre nach Be- ginn der Flüchtlingskrise haben wir bun- desweit nur etwa 19 Prozent in sozialversi- cherungspflichtigen Jobs. Teilweise be- kommen auch diese Leute zusätzliche staatliche Leistungen, viele sind bei Leih- arbeitsfirmen prekär beschäftigt. Zu viele

haben nichts zu tun, schmoren in ihrem ei- genen Saft. In Ländern wie Belgien oder Schweden arbeiten die Flüchtlinge vom ersten Tag an, sie tun das, was sie können. Das kann auch bedeuten: Parkanlagen pflegen, im Hotel in der Wäscherei arbei- ten, in der Gemeinschaftsunterkunft zum Lappen greifen. Das sollte auch in Deutschland die Gegenleistung dafür sein, dass es bei uns Unterkunft und Geld gibt.

Warum ist es nicht so? Hinter vorgehaltener Hand hört man öfter, es habe in der deutschen Geschichte schon mal Zwangsar- beit gegeben, da müs- se man sehr vorsichtig sein. Ich glaube trotz- dem, dass sich etwas ändern muss. Wenn wir weiter zuschauen, wie sich Parallelgesell- schaften bilden – die syrische Gemeinde in Augsburg umfasst schon heute mehrere tausend Personen –, in denen man auch ohne unsere Sprache und ohne unsere Werte auskommt, wenn wir nicht vom ersten Tag wirklich fördern und fordern, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn es Aufwallungen in der einheimischen Bevölkerung gibt, übri- gens auch unter Leuten mit Migrations- hintergrund.

Die Kommunen, so heißt es, sollen sich stärker an der Energiewende beteiligen, damit es die Trassen von Nord nach Süd nicht braucht. Es ist richtig, regionale Energiemärkte zu etablieren und damit die Übertragungs- netze zu entlasten. Die Trassen werden trotzdem notwendig sein. Die Politik braucht mit den regionalen Märkten wie- der mal viel zu lange. Wenn Sie heute

Märkten wie- der mal viel zu lange. Wenn Sie heute Strom regional bündeln wollen, um ihn

Strom regional bündeln wollen, um ihn re- gional verkaufen zu können, dann müs- sen Sie Anreize schaffen, dass jemand, der jetzt mit seiner Photovoltaikanlage durch das EEG seine festen Bezüge be- kommt, bereit ist, aus der laufenden Sub- ventionierung auszuscheiden und in die Direktvermarktung zu gehen. Dazu muss er seine Anlage umrüsten, allein das kos- tet um die 1500 Euro. Wer soll das freiwil- lig tun? In meiner Gemeinde versuchen wir es trotzdem, das Projekt heißt CO2-freies Abensberg. Ich habe dem Wirt- schaftsministerium deswegen die Türen eingerannt, bisher ohne Erfolg: Wir be- kommen aktuell keinen Cent Förderung.

Auch beim Thema Artenschutz sollen es die Kommunen richten. Ein Ergebnis des runden Tisches im Nachgang zum er- folgreichen Volksbegehren könnte sein, dass sie verpflichtet werden, zum Bei- spiel ihre Grünanlagen nicht mit Rinden- mulch zuzudecken. Die kommunale Seite macht schon rela- tiv viel, und es muss sicher noch mehr ge- tan werden. Aber ich sage auch ganz klar:

Wenn ich heute das sogenannte Straßen- begleitgrün nur extensiv pflegen lasse, dann habe ich im Rathaus Beschwerden in Legion: Seid ihr verrückt? Wie sieht das denn aus? Es kann auch Haftungspro- bleme geben: Wenn durch Wildwuchs die Einsehbarkeit einer Kreuzung beeinträch- tigt ist und es kommt zum Unfall – wer haftet dann? Solche Aspekte spielen mo- mentan in der Debatte gar keine Rolle. Wenn wir als Stadt kommunale Flächen verpachten, sagen wir natürlich: bei uns kein Glyphosat. Aber ich sage Ihnen: Es ist ganz schwierig, die Flächen loszuwer- den. So, wie der Staat den Landwirten Er- schwerniszulagen für umweltfreundliche- re Bewirtschaftung zahlt, so müsste er es auch bei den Kommunen tun. Und noch eins: Wir sind Spargelanbaugebiet. Seit

Jahren nimmt bei uns die Folienwirt- schaft zu, mit schwerwiegenden Folgen. Wasser versickert nicht mehr, es kommt zu Erosion. Wir haben von den zuständi- gen Ministerien immer wieder verlangt, dass sie das unterbinden, vergeblich. In Bayern wird darüber debattiert, wie man die Flächenversiegelung eindämmen kann, aber dort, wo sie im großen Stil be- trieben wird, zuckt man mit den Schul- tern.

Die CSU versucht, in der Umweltpolitik Boden gutzumachen. Motto: Es braucht keine Grünen, um grün zu sein. Dass die Grünen im Moment so gut da- stehen, liegt daran, dass sie eines verstan- den haben: Es kommt darauf an, richtige und emotionale Überschriften zu setzen. Der, der als Erster am Markt ist, der macht die Meinung. Ich habe den Politik- stil von Franz Josef Strauß nicht gemocht, aber er hat in vielem recht gehabt: Die Po- litik, die erklären muss, hat verloren. Das ist in der digitalen Zeit richtiger denn je. Die CSU hat da noch einen weiten Weg vor sich. Man sieht das beim Thema „Ret- tet die Bienen“. Das hat sich lange ange- bahnt. Warum haben wir uns da die But- ter vom Brot nehmen lassen? Jetzt heißt es, die CSU müsse jünger und weiblicher werden – was ist das für eine Aussage? Wir müssen schneller werden, kompeten- ter. Ob das dann von einem Mann oder ei- ner Frau kommt, ist, mit Verlaub, völlig wurscht.

„Die CSU wird weiblicher“ – ist das nicht eine schöne Überschrift? Es stimmt was nicht, wenn man es stän- dig betonen und darüber reden muss. Die Grünen müssen nicht erzählen, dass die Kompetenz bei ihnen weiblich ist. Sie ist es. Aus. Das wünsche ich mir auch bei uns.

Die Fragen stellte Timo Frasch.

ich mir auch bei uns. Die Fragen stellte Timo Frasch . Frankfurter Zeitung Gründungsherausgeber Erich Welter

Frankfurter Zeitung Gründungsherausgeber Erich Welter †

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SE ITE 6 · MON TA G, 1. AP RIL 2019 · NR . 7 7

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Politik

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG

Verhandlerin der Städte

Die Oberbürgermeisterin von Reutlingen tritt ab

Von Rüdiger Soldt

STUTTGART, 31. März. Wer über die mangelnde Präsenz von Frauen im baden-württembergischen Landtag klagt, sollte sich mal in den Rathäu- sern der südwestdeutschen Städte um- schauen: Während der Frauenanteil im

Parlament bei 24,8 Prozent liegt, sind von 101 Oberbürgermeisterstellen der- zeit nur sechs von Frauen besetzt. Von dieser Woche an werden es nur noch fünf sein, denn an diesem Montag ver- abschiedet sich Oberbürgermeisterin Barbara Bosch (parteilos) nach zwei Amtsperioden von der Reutlinger Bür- gerschaft. 1990 hatten die Heidelber- ger mit Beate Weber (SPD) erstmals eine Frau zur Oberbürgermeisterin ge- wählt. Ebenso wie der kürzlich ausgeschie- denen Edith Schreiner (CDU) in Of- fenburg gelang es Barbara Bosch, sich in der männerdominierten Kommu- nalpolitik zu behaupten. Häufige Bür- gerentscheide, die zunehmende partei- politische Zersplitterung der Gemein- deräte, der mangelnde Respekt vor In- stitutionen haben aus dem Oberbür- germeisteramt fast allerorten einen harten Knochenjob gemacht. Barbara Bosch ist in Reutlingen, der mit 113 000 Einwohnern kleinsten Groß- stadt des Bundeslandes, vieles gelun- gen: Sie beendete die enervierende Diskussion über den Neubau einer Stadthalle, an der ihr CDU-Vorgänger nach einem ablehnenden Bürgerent- scheid gescheitert war. Die zweite, von ihr vorbereitete Abstimmung war erfolgreich. Die von Max Dudler ent- worfene, 40 Millionen Euro teure Stadthalle mit mehreren Konzertsä- len schmückt heute die Altstadt Reut- lingens. Die Landeshauptstadt Stutt- gart kann Vergleichbares bis heute nicht bieten. Barbara Boschs zweites Vorhaben, die „Auskreisung“ Reutlin- gens und die Gründung eines eigenen Stadtkreises, ist vorerst am Wider- stand der Landesregierung geschei- tert. Der Stadt-Land-Gegensatz zwi- schen Reutlingen und den vielen klei- nen Gemeinden auf der Schwäbi- schen Alb war aus Boschs Sicht so groß geworden, dass ein Stadtkreis Vorzüge gehabt hätte. Jetzt klagt die Stadt gegen das ablehnende Votum der Landesregierung. Reutlingen ge- riet in den letzten Jahren wirtschaft- lich ins Hintertref-

fen, weil Tübingen mit der Universi- tät und dem ge- schickt agieren- den Oberbürger- meister Boris Pal- mer (Grüne) eine erfolgreichere An- siedlungspolitik

betrieb. Barbara Boschs politische Karriere begann in Fellbach. Dort war sie Sozi- alamtsleiterin und beigeordnete Bür- germeisterin. Ihr Förderer war der da- malige Oberbürgermeister Friedrich- Wilhelm Kiel (FDP). In Reutlingen saß sie als Parteilose für die SPD im Kreistag. 2011 sah es kurz so aus, als ob die Stuttgarter CDU sie als Bewer- berin für die Oberbürgermeisterwahl in die Landeshauptstadt holen könn- te, doch Bosch musste Rücksicht auf ihren kranken Ehemann nehmen und lehnte ab. Von 2011 bis 2017 amtierte sie als Präsidentin des baden-württembergi- schen Städtetages, von 2014 bis heute war sie Erste Stellvertreterin des Präsi- denten des Deutschen Städtetages. In- nerhalb des Verbandes stand sie der „dritten Gruppe“ vor, in der sich die zahlreichen Städte versammeln, die entweder von einem FDP-Oberbürger- meister oder einem Parteilosen ge- führt werden. Sie vertrat diese Städte- gruppe einerseits im Präsidium und andererseits im Hauptausschuss. Ein Indiz für die Beliebtheit der 60 Jahre alten Politikerin ist, dass sie von den mehr als 140 Städtevertretern mehr- fach im Amt bestätigt wurde. Im Bund sowie im Land vertrat sie die Städte in den äußerst schwierigen Verhandlungen nach der Flüchtlings- krise 2015. Sie warnte in den Gre- mien vor einem weiteren Flüchtlings- zustrom, nahm eine humanitäre Hal- tung ein und benannte deutlich die Voraussetzungen für eine gelungene Integration: Spracherwerb, Berufsqua- lifikation und Akzeptanz der Werte des Grundgesetzes. Bei den Flücht- lingsgipfeln mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) setz- te sie sich erfolgreich dafür ein, die pauschale Abrechnung der Unterbrin- gungskosten der Flüchtlinge in den Land- und Stadtkreisen durch die ge- nauere Spitzabrechnung zu ersetzen. In Berlin nahm die Kommunalpolitike- rin am Integrationsgipfel 2018 teil und führte die Gespräche mit der Re- gierung über die Wohnungsnot. Boschs Nachfolger in Reutlingen, Tho- mas Keck, ist Sozialdemokrat. Er ge- wann im zweiten Wahlgang knapp ge- gen den CDU-Kandidaten Hans-Chris- tian Schneider, der auch deshalb ver- lor, weil die FDP ihren Kandidaten im zweiten Wahlgang nicht zurückgezo- gen hatte.

Barbara Bosch

Foto dpa
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nicht zurückgezo- gen hatte. Barbara Bosch Foto dpa „Mehr Fa milien, m ehr Kinder“: Am Sonntag
nicht zurückgezo- gen hatte. Barbara Bosch Foto dpa „Mehr Fa milien, m ehr Kinder“: Am Sonntag

„Mehr Fa milien, m ehr Kinder“: Am Sonntag zogen Anhänger des „Weltkongresses der Familien“ durch Verona; die Unterstützung Salvinis ist ihnen sicher

Familienstreit in der Stadt der Liebenden

Fot o A FP

Zehntausende haben in Verona gegen den Weltfamilienkongress erzkonservativer Christen demonstriert. Innenminister Salvini war dort Redner.

Von Matthias Rüb

ROM, 31. März

A m Wochenende stand Verona –

die „Stadt der Liebenden“, wie

sich die Metropole in Venetien zu

vermarkten pflegt – im Mittelpunkt des politischen Interesses in Italien. Dort fand von Freitag bis Sonntag die Jahresta- gung des „Weltkongresses der Familien“ statt. Dieser wurde 1997 in den Vereinig- ten Staaten gegründet, überwiegend von evangelikalen Christen, auch von erzkon- servativen Katholiken. Seit 2012 hält die Organisation jedes Jahr einen großen Kongress mit Dutzenden Veranstaltun- gen und noch mehr Rednern ab. Ziel des WCF ist die „Ver teidigung und Bekräfti- gung der natürlichen Familie als einzig grundlegender und dauerhafter Einheit der Gesellschaft“. Dazu gehören die Ab- lehnung der Homosexualität, schon gar der Homo-Ehe, dazu von Scheidung und Abtreibung.

Präsident des WCF ist der Kalifornier Brian Brown, der vor Jahren vom Quäker- tum zum Katholizismus konvertierte und Vater von neun Kindern ist. Der Kongress wandert jährlich von Land zu Land. Letz- tes Jahr tagte der WCF in Chişinau, der Hauptstadt der Republik Moldau. In Vero- na führ te die WCF-Tagung zu einer dop- pelten politischen Mobilisierung. Am

Freitag protestierten Zehntausende Men- schen gegen die Vereinigung. Es war das selbsternannte „Regenbogen“-Italien, das sich zusammenschloss: Schwulen- und Lesbenverbände, Feministinnen, auch Vertreter der Linken. Die Demonstranten sangen die Widerstandshymne „Bella Ciao“ und trugen Schilder wie „Über unse- re Körper und unsere Begierden entschei- den wir selbst“ mit sich. Auf einem ande- ren Transparent stand: „Ihr habt Angst vor Regenbogenfamilien, weil ihr nur schwarzweiß sehen könnt.“ Die Polizei und örtliche Medien spra- chen von 20 000 bis 30 000 Teilnehmern, die Organisatoren wollten fast 100 000 Demonstranten gezählt haben. Auch Akti- visten aus Deutschland, Großbritannien, der Schweiz, Polen und Kroatien waren gekommen. Auf der gegenüberliegenden Seite der Front schlossen die politisch und theologisch Konservativen die Rei- hen. Zu den prominentesten Rednern ge- hörte Innenminister und Vizeregierungs- chef Matteo Salvini, Parteichef der rechts- nationalistischen Lega. Familienminister und Vize-Parteichef Lorenzo Fontana hielt die Fahne der Lega noch höher, als informeller Schirmherr der Veranstal- tung. Fontana ist konservativer Katholik, stammt selbst aus Verona und ist ein en- ger Vertrauter von Parteichef Salvini. Zu Beginn der Tagung wurden Gummi- nachbildungen eines zehn Wochen alten Fötus an die Teilnehmer über reicht mit der Botschaft „Abtreibung stoppt ein schlagendes Herz“. Außerdem vertrat bei dem Treffen ein Ausschuss die Forderung nach einem Referendum zur Änderung des italienischen Abtreibungsgesetzes. Als „Gesetz Nr. 194“ ist in Italien die am 22. Mai 1978 in Kraft getretene Aufhe- bung des bis dahin geltenden absoluten Abtreibungsverbots bekannt. Seither sind

in Italien Abtreibungen nach einem obli- gatorischen Beratungsgespräch bis zum 90. Tag der Schwangerschaft erlaubt. Da- nach ist ein Schwangerschaftsabbruch nur noch möglich, wenn das Leben der werdenden Mutter gefährdet ist oder der Fötus schwere Missbildungen aufweist. Auch im Rathaus von Verona versucht man, das Abtreibungsgesetz faktisch zu re- vidieren. Im Oktober nahm der Stadtrat eine Entschließung an, Verona zur „Stadt für das Leben“ zu deklarieren. Die „Bewe- gung für das Leben“ versucht in ganz Ita- lien auf lokaler und regionaler Ebene, das geltende nationale Recht auszuhöhlen. Denn das „Gesetz Nr. 194“ sieht auch vor, dass medizinisches Personal aus Gewis- sens- und Glaubensgründen die Teilnah- me an einem Schwangerschaftsabbruch verweigern kann. Die „Ver weigerungsquote“ unter Ärz- ten, Gynäkologen und Pflegern liegt im Landesdurchschnitt bei gut 70 Prozent, schwankt aber regional stark. In der Nord- ostregion Venetien weigern sich mehr als 76 Prozent der Ärzte, eine Abtreibung vor- zunehmen. In den Südregionen Apulien, Basilikata und Kampanien sowie auf Sizi- lien sind es unter Ärzten und dem Pflege- personal zwischen gut 80 und mehr als 90 Prozent. In anderen europäischen Län- dern mit vergleichbarer Gesetzgebung zum Schwangerschaftsabbruch gibt es we- sentlich weniger „Ver weigerer“ unter Me- dizinern: In Großbritannien sind es kaum zehn Prozent, in Frankreich rund sieben Prozent und in Schweden weniger als ein Prozent. Die Teilnahme prominenter Vertreter der rechtsnationalistischen Lega an dem Kongress in Verona verursachte weitere Spannungen zwischen den seit Juni 2018 regierenden Koalitionspartnern in Rom. Arbeitsminister und Vizeregierungschef

Luigi Di Maio von der linkspopulisti- schen Fünf-Sterne-Bewegung warf dem WCF und seinen Unterstützern in Italien vor, das Land „zurück ins Mittelalter“ füh- ren zu wollen. Das dürfte vor allem auf Salvini gemünzt gewesen sein, Di Maios großen Gegenspieler in der panpopulisti- schen Koalition. Salvini aber sprach sich in Verona nicht für die Aufhebung des Abtreibungsgeset- zes aus. Er sei auch nicht gegen Homose- xuelle, versicherte Salvini, jeder möge lie- ben, wen und wie er wolle. „Gesellschaft- liche Errungenschaften“ der vergangenen Jahrzehnte würden nicht kassiert: „We- der Abtreibung noch Scheidung stehen zur Diskussion, und jeder kann ins Bett gehen, mit wem er will.“ Aber der Staat müsse mehr für traditionelle Familien tun und zumal deren Kinderwunsch fördern. „Als stellvertretender Ministerpräsident dieses Landes will ich am Ende meiner fünfjährigen Amtszeit danach beurteilt werden, ob die Italiener wieder mehr Si- cherheit und Jobs haben und beginnen, wieder Babys zu bekommen, denn ein Land ohne Babys ist ein Land im Ster- ben“, sagte Salvini. Zurückhaltend zum Kongress in Vero- na gab sich der Vatikan. Papst Franziskus, auf seiner Reise nach Marokko zu dem Er- eignis befragt, bekräftigte nur die Worte seines Kardinalstaatssekretärs Pietro Pa- rolin: „In der Sache richtig, in der Metho- de verkehrt.“ Im vergangenen Jahr hatte Parolin noch die Einladung zu dem Kon- gress angenommen und in Chisinau eine Rede gehalten. Als Vertreter des Vatikans war dieses Jahr Veronas Bischof Giusep- pe Zenti dabei. Auch er sprach sich grund- sätzlich zustimmend zu den Zielen des WCF aus, warnte aber vor Übereifer im Kulturkampf. „Die Kreuzzüge gehören der Vergangenheit an“, sagte der Bischof.

Getrieben von der Angst vor einem Umsturz

Warum selbst treue Genossen in China unter ständiger Beobachtung durch die Partei stehen / Von Friederike Böge

PEKING, 31. März. Wenn Chinas Funk- tionäre miteinander auf Wechat plau- dern, hört und liest die Partei mit. Auch die Angehörigen der Kader stehen unter besonderer Beobachtung. Und wenn den Zensoren nicht gefällt, was sie von sich ge- ben, wird ihr wichtigster Kommunikati- onskanal, ihr Wechat-Konto, zumindest vorübergehend gesperrt. In jüngster Zeit ist es so offenbar vielen Leuten ergangen. Das jedenfalls berichtet Wu Xinyou, der Sohn eines früheren Politbüromitglieds, der in der Partei bestens vernetzt ist. „Es ist schon zum Running Gag geworden“, sagt der ältere Herr in einem Pekinger Lu- xushotel. „Wem noch nicht das Konto ge- sperrt wurde, der gilt als Schwächling.“ Wu schätzt, dass rund ein Drittel seiner Bekannten schon von einer Sperrung des Wechat-Kontos betroffen war. Das gelte vor allem für Diplomaten, Militärs, Ge- heimdienstler, Mitarbeiter der Propagan- damedien und deren Angehörige. Wu, dessen richtiger Name nicht ge- nannt werden kann, zeichnet das Bild ei- ner Partei, die so paranoid geworden ist, dass sie selbst treuen Genossen nicht mehr über den Weg traut. Zum Beispiel der „Forschungsgruppe Achte-Route-Ar- mee“, deren Wechat-Konto schon zwei- mal gesperrt wurde. Die Gruppe wurde 2014 von Nachfahren kommunistischer Generäle gegründet, die in den dreißiger und vierziger Jahren gegen die Japaner ge- kämpft hatten. Die Militärs werden in China als Helden verehrt; die Mission der Gruppe, ihr Andenken zu bewahren, ist also alles andere als kontrovers. Ihre Nachkommen, sogenannte rote Prinzlin- ge, die der Volksbefreiungsarmee eng ver- bunden sind, genießen eigentlich Ein- fluss in der Partei. Zumal viele von ihnen selbst Funktionäre sind. Warum wurde ihr Konto trotzdem ge- sperrt? „Das soll eine Warnung sein, dass der Inhalt nicht den Anforderungen der

Massenlinie entspricht“, glaubt Wu. Mas- senlinie ist ein Begriff aus der Mao-Zeit, den Xi Jinping zur Gleichschaltung der Parteikader wiederbelebt hat. „Stabilitäts- maßnahmen“, nennt Wu das. Pensionierte Soldaten und ihr Umfeld gelten der Parteiführung als potentielle Unruheherde. Denn ihre Netzwerke sind leicht mobilisierbar. Der „Forschungs- gruppe Achte-Route-Armee“ gehören

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mehr als 600 Personen an. Die Partei sei getrieben von der Angst vor einem Um- sturz, sagt Wu. „Farbenrevolution“ wird das in China genannt. Im Sicherheitsappa- rat wurde schon offen davor gewarnt, dass die Umsturzgefahr in diesem Jahr be- sonders hoch sei, weil wichtige Jahresta- ge anstehen, darunter das 70. Jubiläum der Volksrepublik. Die Zensoren gingen längst nicht mehr nur gegen liberales Gedankengut vor, sagt Wu. Auch Linke, überzeugte Marxis- ten, gerieten ins Visier. Vor einigen Tagen hatte ein Student an der Tsinghua-Univer- sität einen Marxismus-Professor bei der Disziplinarkommission der Partei denun- ziert, weil er angeblich nicht auf Linie war. Gegen den Professor wurde ein Prüf- verfahren eingeleitet. Wu ist überzeugt, dass sogar Leuten das Wechat-Konto gesperrt werde, die le- diglich mit kritischen Geistern Kontakt gehabt hätten, ohne selbst entsprechende Meinungen zu verbreiten. „Sippenhaft“ nennt er das. Neben der digitalen gebe es die analoge Überwachung. „Ständig wirst du von zig Augen angeguckt.“ In der Nach- barschaft, selbst in der Familie gebe es De- nunzianten, die etwa berichteten, ob je- mand mit Ausländern Kontakt habe. Wu erwähnt die sogenannten Chaoyang-Mas- sen. Das sind ältere Herrschaften, meis- tens Frauen, denen nichts verborgen bleibt. Bei Großereignissen wie zuletzt der Sitzung des Volkskongresses stehen sie alle paar hundert Meter an den großen Straßen Wache. An gewöhnlichen Tagen spazieren sie in der Gegend umher. Xi Jinping hatte zuletzt mehrfach auf die Bedeutung dieser Freiwilligen für die öffentliche Ordnung hingewiesen und da- bei wiederum ein Konzept aus der Mao- Zeit aufgewärmt: Fengqiao-Erfahrung. Es ist die Förderung des Denunzianten- tums. Wu berichtet von einem Bekann- ten, der eine Prostituierte mit nach Hause

genommen hatte und verpfiffen wurde. Nicht nur kam die Polizei, sie brachte auch das Fernsehen mit, und der Mann musste vor laufender Kamera seine Schuld eingestehen. Besonders empört hat Wu die Beerdi- gung von Li Rui im Februar. Der frühere Privatsekretär Maos hatte im Laufe sei- nes Lebens zahlreiche wichtige Posten inne. Er war Mitglied des Zentralkomi- tees, Minister für Wasserwirtschaft und hat ein wichtiges Werk über die Parteige- schichte geschrieben. Aber er war auch ein scharfer Kritiker des Kurses, den die Kommunistische Partei einschlug. Li Rui argumentierte für eine Demokratisierung und empfahl der KP, sich zu einer sozialis- tischen Partei nach europäischem Vorbild zu wandeln. Das Parteiprotokoll verlangte es, dass dieser Mann auf dem Pekinger Revoluti- onsfriedhof Babaoshan beigesetzt wurde. Zuständig war die Organisationsabtei- lung der Partei. „Es war die seltsamste Fei- er, die ich je erlebt habe“, sagt Wu. Es habe keine Rede und kein Begleitheft zur Würdigung des Toten gegeben, weder Mu- sik noch Kränze von seinen früheren Wir- kungsstätten. „Selbst bei niedrigen Ka- dern ist das üblich“, sagt Wu. Xi Jinping habe allerdings privat einen Kranz ge- schickt, denn Li Rui habe ihn einst zur Be- förderung empfohlen. Wu hatte eine weiße Rose mitgebracht, aber es wurde ihm verboten, sie auf den Sarg zu legen. Die Frau des Verstorbenen hatte einen Dankesbrief an ihren Mann verfasst, den sie unter den Trauergästen verteilen wollte. Die Zettel seien von Poli- zisten in Zivil zerknüllt worden. „Da war die Stimmung am Kippen“, sagt Wu. Am meisten aber hat ihn erschüttert, dass „nicht einmal die Nachbarn“ zu einem Kondolenzbesuch im Haus des Verstorbe- nen erschienen sind. Es geht ihm spürbar nah, dass die „Stabilitätsmaßnahmen“ selbst vor Toten nicht Halt machen.

Wichtiges in Kürze

Anti-Terror-Razzia in elf Städten

Aus Furcht vor einem Terroranschlag ist die Polizei in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg gegen eine mutmaßliche Zelle der Terrormiliz „Is- lamischer Staat“ (IS) vorgegangen. Be- amte durchsuchten am Freitag und Samstag Objekte in zehn Städten Nord- rhein-Westfalens sowie in Ulm. Elf Männer im Alter von 22 bis 35 Jahren wurden zeitweise festgenommen, über- wiegend Tadschiken, aber auch ein deutscher Staatsangehöriger und ein Türke. Nachdem weder Waffen noch Sprengstoff gefunden worden waren, kamen die Männer wieder frei. Die Po- lizei wirft der Gruppe vor, sich entwe- der als Zelle des IS oder als Sympathi- santen Waffen und Sprengstoff ver- schafft zu haben. Damit hätten sie ei- nen Anschlag in Deutschland geplant. Hinweise auf konkrete Ziele oder eine konkrete Tat gebe es nicht, betont der Sprecher. Es gebe aber eine „grundsätz- liche allgemeine Befürchtung“. Auslö- ser für den Großeinsatz war die Irr- fahrt eines 19 Jahre alten Tadschiken in der Essener Innenstadt am Freitag. Man habe die Befürchtung gehabt, dass das der Auftakt für mehrere An- schlagsszenarien sein könnte, sagte ein Behördensprecher. Dies habe sich aber nicht bestätigt. Zwischen beidem gebe es keinen Zusammenhang. (dpa)

AfD-Fraktion will Ausschluss

Der Richtungsstreit in der AfD-Frakti- on im Bayerischen Landtag eskaliert. Nach dem Partei- und Fraktionsaus- tritt des Mittelfranken Raimund Swo- boda will die Fraktion nun den ober- bayerischen Abgeordneten Franz Berg- müller „wegen mangelnder Loyalität“ aus der Fraktion ausschließen. Die Fraktionsvorsitzende Katrin Ebner- Steiner teilte am Samstag mit, ein ent- sprechender Antrag sei „aus der Mitte der Fraktion“ eingereicht worden und stehe auf der nächsten Tagesordnung. Sie rechnet nach eigenen Worten für die Abstimmung am kommenden Dienstag mit der nötigen Zweidrittel- mehrheit. Bergmüller sagte, der Vor- wurf der Illoyalität sei an den Haaren herbeigezogen. Der Abstimmung in der Fraktion sehe er mit Gelassenheit entgegen. Ebner-Steiner wirft Bergmül- ler vor, dass er sich nach Swobodas Rückzug öffentlich mit diesem solidari- sierte und der AfD ein Abdriften nach rechts unterstellte. (dpa)

AfD stellt sich auf Strafen ein

Die AfD legt nach Angaben ihres Vor- sitzenden Jörg Meuthen eine Million Euro zur Seite, um für mögliche Straf- zahlungen wegen dubioser Spenden aus der Schweiz gewappnet zu sein. Ein entsprechender Antrag des Bun- desvorstands sei von einem Parteikon- vent am Samstag in Erfurt einstimmig angenommen worden, sagte Meuthen. Gegen die Bundestagsfraktionsvorsit- zende Alice Weidel und andere Mitglie- der ihres AfD-Kreisverbands am Bo- densee wird wegen Spenden in einer Gesamthöhe von 132 000 Euro ermit- telt, die 2017 von einer Schweizer Fir- ma überwiesen worden waren. Die AfD zahlte das Geld zurück. Später lei- tete sie dem Bundestag eine Liste an- geblicher Spender weiter, an der es in- zwischen aber Zweifel gibt. Die Staats- anwaltschaft Konstanz ermittelt. Deut- sche Parteien dürfen keine Spenden von Gönnern annehmen, die nicht EU-Bürger sind. Außerdem stehen Werbemaßnahmen einer Schweizer Firma in Landtagswahlkämpfen von Meuthen und dem Bundesvorstands- mitglied Guido Reil im Verdacht, illega- le Parteispenden zu sein. Die AfD be- streitet das. (dpa)

Anklage gegen Migranten

Nach der gewaltsamen Umleitung ei- nes Handelsschiffes nach Malta hat die Justiz des Inselstaates gegen drei der beteiligten Migranten Terrorismusvor- wür fe erhoben. Die Teenager im Alter von 15, 16 und 19 Jahren erschienen am Samstag vor Gericht in Valletta. Nach maltesischem Recht drohen ih- nen Haftstrafen zwischen sieben Jah- ren und lebenslang. Das Schiff „El Hi- blu 1“ hatte am Mittwoch dicht vor der libyschen Küste im Mittelmeer 108 Mi- granten gerettet, darunter auch Frauen und Kinder. Als sie hörten, dass sie nach Libyen zurückgebracht werden sollten, zwangen die Migranten den Kapitän, den Kurs Richtung Malta zu ändern. In der Nähe der Insel über- nahm die maltesische Armee die Kon- trolle über das Schiff, dass an Donners- tagabend im Hafen von Valletta anleg- te. (dpa)

Nordkorea verurteilt „Angriff“

Nordkorea hat den Überfall auf seine Botschaft in Madrid im Februar als „schweren terroristischen Angriff“ be- zeichnet und die Aufklärung des Vor- falls gefordert. In einer am Sonntag von der staatlichen Nachrichtenagentur KCNA verbreiteten ersten offiziellen Stellungnahme wies ein Sprecher des nordkoreanischen Außenministeriums auf eine mögliche Verwicklung der amerikanischen Bundespolizei FBI hin und rief die spanischen Behörden dazu auf, die „Terroristen und ihre Drahtzie- her zur Rechenschaft zu ziehen“. Spa- niens Justiz hatte am Dienstag erstmals Details zu dem mysteriösen Vorfall in der nordkoreanischen Botschaft in Ma- drid veröffentlicht. Demnach waren am 22. Februar Bewaffnete in das Bot- schaftsgebäude eingedrungen, hatten Mitarbeiter bedrängt und Computer ge- stohlen. (AFP)

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Politik

MON TA G, 1. AP RIL 2019 · NR . 77 · SE ITE 7

Zusammenstöße bei Protesten

tjb. SÃO PAULO, 31. März. Am Wo- chenende ist es in der venezolanischen Hauptstadt Caracas und anderen Regio- nen wieder zu Demonstrationen gegen das Regime von Nicolás Maduro gekom- men. In mehreren Ortschaften wurden die Proteste mit Tränengas und Gummi- geschossen niedergeschlagen, berichte- ten lokale Medien sowie Augenzeugen in den sozialen Netzwerken. Auslöser der Demonstrationen war der vierte schwere Stromausfall in Venezuela in diesem Monat. Ursache war die Explo- sion eines Transformators im wichtigs- ten Kraftwerk des Landes. Nicolás Ma- duro machte eine „Terrorattacke“ ver- antwortlich und behauptete, ein Scharf- schütze habe die Explosion verursacht. Fachleute führen den Kollaps der Stromversorgung auf die nachlässige Wartung des Stromnetzes in den ver- gangenen Jahren zurück. Oppositionsführer Juan Guaidó, der von zahlreichen Regierungen als recht- mäßiger Übergangspräsident aner- kannt wurde, sagte am Samstag bei ei- ner Kundgebung in Los Teques, dass je- der wisse, wer für die Stromausfälle verantwortlich sei. Maduro glaube, er könne das Volk für dumm verkaufen. „Der Prozess zur Beendigung des kor- rupten und kriminellen Regimes muss beschleunigt werden.“ Der Alltag in Ve- nezuela ist durch die dauernden Strom- ausfälle noch schwieriger geworden. Vielerorts sind auch die Wasserversor- gung und der öffentliche Verkehr be- troffen. Angesichts der Krise hat die „Interna- tionale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften“ (IFRC) nun bekanntgegeben, die Arbeit in Ve- nezuela aufzunehmen, um „so drin- gend benötigte“ humanitäre Hilfe zu leisten. IFRC-Präsident Francesco Roc- ca sagte, man verfüge nach Sitzungen mit staatlichen Institutionen sowie so- zialen, humanitären und politischen Or- ganisationen über die „technischen und rechtlichen Voraussetzungen“, um in Venezuela zu arbeiten. Die Operati- on soll in den kommenden zwei Wo- chen beginnen und rund 650 000 Vene- zolanern zur Hilfe kommen. Als beson- ders dringend erachtete Rocca die Ver- sorgung von Krankenhäusern, unter an- derem mit Notstromaggregaten. „Es ist inakzeptabel, dass Menschen wegen Strommangels sterben.“

Afrika im Baufieber

Metropolen entstehen am Reißbrett, Burundi und Südsudan verlagern den Regierungssitz. Kritiker bemängeln, nur die Reichen auf dem Kontinent profitierten davon.

Von Thilo Thielke

KAPSTADT, 31. März E wiger Führer“ lässt sich Burundis Präsident Pierre Nkurunziza seit ei- nigen Monaten nennen: „Imboneza

yamaho“. Im Mai wurde in dem ostafrika- nischen Zwergstaat die Verfassung so geän- dert, dass der 55 Jahre alte Herrscher bis zum Jahr 2034 weiterregierten kann. Nun soll die Hauptstadt von der am Tanganjika- see gelegenen Metropole Bujumbura mit ihren rund 1,2 Millionen Einwohnern in

die Kleinstadt Gitega, in der gerade einmal

30 000 Menschen leben, verlegt werden.

Den Umzug hatte der Präsident zwar bereits im Jahr 2007, zwei Jahre nach sei- nem Amtsantritt, angekündigt. Nun ließ er seinen Sprecher Jean-Claude Karerwa Ndenzako aber auf Twitter verk ünden, dass Ernst gemacht werden solle. Ab so- fort, so heißt es, würden Kabinettssitzun- gen in der neuen Hauptstadt abgehalten. Ende Januar wurde bereits der Senat nach Gitega verlegt, Umzugswagen brachten das Mobiliar in die neue Kapitale. Zudem ist die Verlegung von fünf Ministerien ge- plant. Gitega werde damit „politische Hauptstadt, während Bujumbura die wirt- schaftliche Hauptstadt“ bleibe, heißt es in

dem Tweet. Was aus dem Präsidentenpa- last werden soll, den China gerade erst für

20 Millionen Dollar in Bujumbura errich-

tet hat, ließ der Herrscher offen. Gitega liegt im Zentrum des Staats, rund hundert Kilometer östlich von Bu- jumbura. Bis zum Ende der Monarchie im Jahr 1966 war Gitega die Hauptstadt des Königreichs Burundi, dessen letzter Herr- scher, der Tutsi-König Ntare V. Ndizeye, nach einem Hutu-Aufstand 1972 ermor- det wurde. Kritiker des „ewigen Führers“ Nkurunziza, des Sohns eines katholischen Hutu und einer protestantischen Tutsi, se-

hen im Umzug der Hauptstadt die symboli- sche Rückkehr zur Monarchie. Deren Mot- to lautete einst „Imana, Umwan, Uburun- di“ – „Gott, König, Burundi“. Bujumbura hat sich in den letzten Jahren aber auch im- mer stärker zur Hochburg der Opposition entwickelt. Regelmäßig kommt es in der Stadt zu Demonstrationen gegen die Herr- schaft Nkurunzizas. Brutal gehen Polizei und Armee gegen die Regimegegner vor. Rund 430 000 Menschen sind ins Ausland geflüchtet, die meisten nach Tansania, Ke- nia und Uganda. Wie der Umzug finanziert werden soll, ist unklar. Burundi, dessen Fläche etwas kleiner ist als die Brandenburgs, gehört zu den ärmsten Ländern der Erde. Auf dem Entwicklungsindex der Vereinten Natio- nen liegt Burundi unter den letzten fünf von 189 aufgeführten Ländern – nur Tschad, Südsudan, die Zentralafrikani- sche Republik und Niger stehen schlechter da. Burundis Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt bei 312 Dollar im Jahr und wird weltweit nur noch von Südsudan mit 228 Dollar unterboten. Wie Burundi plant auch das Bürgerkriegsland am Sudd eine Verlegung seiner Hauptstadt, die von Juba nach Ramciel verlegt werden soll. Burundi und Südsudan folgen damit Ländern wie Tansania, dessen ehemaliger Präsident Julius Nyerere die Hauptstadt einst von Daressalam nach Dodoma im Landesinneren verlegen ließ, Nigeria, des- sen Regierung von Lagos in die Reißbrett- stadt Abuja umgesiedelt wurde, und Elfen- beinküste, dessen aktuelle Hauptstadt Ya- moussoukro im Jahr 1983 das Wirtschafts- zentrum Abidjan ablöste. „Den Menschen in diesen Ländern hel- fen solche Initiativen meist wenig“, sagt der Ökonom Anton Cartwright aus Kap- stadt, „die Regierungen sollten lieber grö- ßere Anstrengen darauf verwenden, die bestehende Infrastruktur ihrer Städte zu verbessern, statt Unsummen für Prestige- objekte auszugeben.“ Cartwright ist Fach- mann für ökologische Stadtplanung und erarbeitet derzeit mit britischen Förder- geldern Konzepte für das tansanische Dar- essalam, eine der am schnellsten wachsen- den Großstädte der Welt. Im Gegensatz zu einigen seiner Kollegen sieht Cart- wright in den sogenannten Megastädten mehr Vor- als Nachteile: „Die Menschen sind dort, wo sie geballt leben, leichter er- reichbar und die Infrastruktur ist günsti- ger als auf dem dünn besiedelten Land.“ Allerdings scheint auch Tansanias Präsi- dent John Magufuli derzeit eher daran in-

Tansanias Präsi- dent John Magufuli derzeit eher daran in- Auf Lebenszeit: Burundis Präsident Pierre Nkurunziza in

Auf Lebenszeit: Burundis Präsident Pierre Nkurunziza in Bujumbura

Foto Reuters

teressiert zu sein, sich ein eigenes Denk- mal zu schaffen und den Willen des Staats- gründers Nyerere, der Tansania einst mit gi- gantischen Umsiedlungen ruinierte, zu vollenden. Obwohl Dodoma, das heute rund 400 000 Bewohner zählt, bereits seit 1974 offiziell Hauptstadt des Landes ist, wurde Tansania bislang vorwiegend aus der Fünf-Millionen-Einwohner-Stadt Dar- essalam regiert. Bis zum Ende des Jahres 2019 will Magufuli nun den Umzug aller Ministerien und Behörden nach Dodoma vollendet haben – Cartwright spricht von einer gigantischen Geldverschwendung:

„Besser wäre es, dort zu investieren, wo schon Menschen sind und eine gewisse In- frastruktur vorhanden ist.“ Ohnehin lie- ßen sich die Menschen schlecht vorschrei- ben, wo sie zu leben haben, sondern zögen dorthin, wo Handel und Wirtschaft blü- hen. „Es gibt Schätzungen“, sagt Cart- wright, „die Daressalam eine Bevölkerung von 70 Millionen fürs Jahr 2100 prognosti-

zieren.“ Selbst wenn diese Zahl zu hoch ge- griffen sein sollte, sind die Herausforderun- gen enorm: Nach Prognosen der Hauptab- teilung Wirtschaftliche und Soziale Angele- genheiten der Vereinten Nationen liegen alle zehn Städte der Erde, von denen ange- nommen wird, dass sie zwischen den Jah- ren 2018 und 2035 am schnellsten wach- sen werden, in Afrika. „Bis 2050 wird sich die urbane Bevölkerung Afrikas verdrei- facht und die Anzahl afrikanischer Groß- städte verfünffacht haben, und über die Hälfte der Stadtbewohner werden Jugendli- che sein“, schreibt Tilmann Feltes, Länder- referent in der Subsahara-Abteilung der Konrad-Adenauer-Stiftung. Und die Unter- nehmensberatung McKinsey schätzt, dass zwischen 2015 und 2045 die Stadtbevölke- rung Afrikas um 24 Millionen im Jahr wachsen wird. Im Vergleich dazu würde die urbane Bevölkerung Indiens mit elf Mil- lionen jährlich und Chinas mit rund neun Millionen im Jahr eher moderat zulegen.

Kein Wunder, dass derzeit überall auf dem Kontinent fieberhaft gebaut wird. Auf achtzehn große Stadtentwicklungen kommt das Internetmagazin „Quartz Africa“, von denen allein fünf im bevölke- rungsreichsten Staat Afrikas, Nigeria, lie- gen. In dem Ölstaat am Golf von Guinea leben bereits jetzt rund 190 Millionen Menschen; im Jahr 2050 soll er auf Platz drei der bevölkerungsreichsten Länder der Erde sein. Sollten die in Nigeria ge- planten neuen Städte jemals fertigge- stellt sein, würden sie eine Fläche von mehr als 25 Millionen Quadratmetern fül- len. Aber gebaut wird derzeit überall in Afrika: vor den Toren Johannesburgs und Nairobis, in Ghana und Kongo, in Sambia und Senegal. Allein Mauritius im Indischen Ozean, eine Vanilleinsel mit 1,2 Millionen Einwohnern, plant derzeit vier neue Städte. Rund hundert Milliar- den Dollar würden private wie staatliche Investoren in die Riesenprojekte pum- pen, rechnet die Firma Estate Intel vor, die sich auf Datenerhebung für den Im- mobiliensektor spezialisiert hat.

D as ehrgeizigste Projekt dürfte der Bau von „Eko Atlantic City“ sein, einer Stadt, in der einmal 250 000

Menschen leben und weitere 150 000 ar- beiten sollen. Dieses „Hongkong Afrikas“ entsteht direkt vor den Toren der Riesen- metropole Lagos. Ein gigantischer, aus 100 000 Betonklötzen bestehender und acht Kilometer langer Seewall soll hier die Wassermassen des Atlantischen Oze- ans zurückhalten; durch die Aufschüttung mit 140 Millionen Tonnen Sand wurden dem Meer rund zehn Quadratkilometer Bauland abgetrotzt. Dennoch ist der Stadt- planer Cartwright skeptisch. „Nahezu alle dieser geplanten Städte sind für die Reichen gedacht, oft handelt es sich um pure Gigantomanie“, sagt er. Derzeit le- ben rund vierzig Prozent der Afrikaner in Städten. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf beträgt rund 1100 Dollar im Jahr. Als die Lage in Asien vergleichbar war und eine Millionenstadt nach der anderen aus dem Boden gestampft wurde, war es teilweise dreimal so hoch. Noch immer ist die Infrastruktur in weiten Teilen Afrikas desaströs. „Mit Eko Atlantic versuchen sie in Nigeria gerade Dubai nachzuei- fern“, glaubt Cartwright, „ich möchte dort aber nicht im 27. Stockwerk eines die- ser Wolkenkratzer wohnen, und plötzlich fällt der Strom aus – so, wie es in Afrika üblich ist.“

der Strom aus – so, wie es in Afrika üblich ist.“ Epische Südamerika-Tour Inklusive eines Hotelaufenthalts
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Dauer: 20 Nächte
Abreise: 2. März 2020
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Eingeschlossene
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• Abflug aus Deutschland
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14 Nächte mit Vollpension an Bord
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• Tag 1-2 Rio de Janeiro
(Hotelaufenthalt und Tour)
Hotelaufenthalt (inkl. Frühstück)
• Tag 3-4 Iguazú-Wasserfälle
(Hotelaufenthalt und Tour)
• 2 Übernachtungen in Rio de Janeiro
• 2 Übernachtungen an den
Iguazú-Wasserfällen
• Tag 5 Buenos Aires
(Hotelaufenthalt)
• 1 Übernachtung in Buenos Aires
• 1 Übernachtung in Santiago
• Tag 6-7 Buenos Aires
(Einschiffung)
Iguazú-Wasserfälle
Begleitete Tour
(Deutscher Reiseführer)
• Tag 8 Montevideo
• Tag 9-10 Auf See
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Iguazú-Wasserfällen,
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Wasserfälle
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durch Rio de
Janeiro und zu
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sagenumwobene Magellanstraße, die den Atlantik mit
dem Pazifik verbindet. Über Ushuaia führt Sie Ihre
Reise weiter ans Kap Hoorn, die südlichste Spitze des
Kontinents. Über den Sarmiento-Kanal, die
chilenischen Fjorde und Puerto Montt endet Ihre
Kreuzfahrt in Santiago. Hier übernachten Sie für eine
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• Tag 17 Chilenische Fjorde
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SE ITE 8 · MON TA G, 1. AP RIL 2019 · NR . 7 7

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Die Gegenwart

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG

D er Streit über Diesel-Fahrver- bote hat neuerdings die Wis- senschaft erfasst, und das mit geradezu selbstzerstöreri-

scher Wucht. Seit im Januar rund hundert Lungenärzte und Ingenieure die für die EU geltenden Grenzwerte kriti- sierten und ein Gutachten des Umweltbun- desamtes in Frage stellten, bewerfen sich distinguierte Doktoren öffentlich mit Dreck. Die Autoren des Papiers werden als „Außenseiter“ und „Exoten“ be- schimpft, die nichts als eine „Stammtisch- diskussion älterer Ärzte“ führten. Ihre Ein- wände gegen die Grenzwerte seien „be- fremdlich“, „unwissenschaftlich“ und „to- tal daneben“. Als dann auch noch heraus- kam, dass sich der Anführer der aufständi- schen Zenturie, der Lungenfacharzt Die- ter Köhler, an mehreren Stellen verrech- net hatte, war nicht nur unter Umwelt- medizinern die Häme groß. War die Revolte der Lungenärzte also nur eine Luftnummer? Sind die wissen- schaftlichen Fakten so eindeutig, dass sie die Sperrung ganzer Innenstädte für älte- re Dieselfahrzeuge rechtfertigen? Muss der Staat seinen Bürgern Beschränkungen der Mobilität und wirtschaftliche Nachtei- le zumuten, um sie vor einer ernsten Ge- sundheitsgefahr zu schützen? Fast alles, was Köhler und Kollegen in ihrem Positionspapier geschrieben und ge- rechnet haben, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Ihre pauschale Verharmlosung der Luftverschmutzung steht im Wider- spruch zu aktuellen Untersuchungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die darin das weltweit größte umweltbedingte Gesundheitsrisiko sieht. Jedoch hat der streitbare Pensionär, wie die überzogene Reaktion der etablierten Szene erahnen lässt, an einem Punkt den Finger in eine offene Wunde gelegt. In einem Halbsatz moniert er sinngemäß, der Grenzwert für Stickstoffdioxid sei wissenschaftlich nicht begründet – und damit hat er recht. Die Fahrverbote werden aufgrund einer EU-Richtlinie verhängt, wonach die Kon- zentration von Stickstoffdioxid in der Au- ßenluft im Jahresmittel 40 Mikrogramm pro Kubikmeter (µg/m 3 ) nicht überschrei- ten darf. Dieser Grenzwert war von An- fang an nicht wissenschaftlich, sondern politisch begründet. Nach dem Umweltgip- fel von Rio de Janeiro im Jahr 1992 wollte die Europäische Union mit gutem Bei- spiel vorangehen. Ehrgeizige Luftquali- tätsziele sollten die Industrie zwingen, bes- sere Reinigungssysteme für Fabrikschlote sowie schadstoffärmere Autos zu entwi- ckeln. Stickstoffdioxid galt damals als einfach zu messender Anzeiger für Verbrennungs- abgase aller Art. Es entsteht in jeder Flam- me und hat im Gegensatz zu vielen ande- ren Schadstoffen keine relevanten natürli- chen Quellen. Der damals gültige Grenz- wert von 200 µg/m 3 sollte deshalb deutlich verschärft werden. Der Industrie wollte man ausreichend Vorlauf geben, um die technischen Voraussetzungen zu entwi- ckeln. Doch die Vorgabe der Politik stellte die Wissenschaft vor eine unlösbare Aufgabe. Laut einer EU-Richtlinie aus dem Jahr 1985 müssen die Grenzwerte auf Empfeh- lungen der WHO beruhen, „und zwar vor allem auf den für diesen Schadstoff ermit- telten Relationen zwischen Dosis und Wir- kungen“. Damals wie heute gab es keine Experimente, die eine biologische Wir- kung von Stickstoffdioxid in den gerin- gen, in der Außenluft gemessenen Kon- zentrationen zeigen. Ohne Kenntnis der Dosis-Wirkungs-Beziehung kann jedoch kein Grenzwert berechnet werden. Die Abhängigkeit der Gesetzgebung von einem Vorschlag der WHO, dem soge- nannten „Richtwert“, war für alle Beteilig- ten ein Novum. Eine eigens dafür im nie- derländischen Bilthoven eingerichtete Ab- teilung der WHO unterhielt einen kurzen Draht zur Europäischen Kommission und wurde großenteils von dieser finanziert. Die Kommission stand unter Zeitdruck, weil sie laut Gesetz spätestens Ende 1996 einen Vorschlag für den neuen Grenzwert vorlegen musste. Die von der WHO einberufenen Wissen- schaftler kamen lange zu keinem Ergeb- nis. Im Oktober 1994 stellte eine Exper- tengruppe fest, ein Richtwert könne nicht wissenschaftlich hergeleitet werden, weil es keine Dosis-Wirkungs-Beziehung gibt. Angesichts dieses „Dilemmas“ nannten sie nur einen ungefähren Bereich von 40 bis 50 µg/m 3 und betonten, dass dieser Vor- schlag nicht auf wissenschaftlichen Be- rechnungen, sondern auf einer „Experten- schätzung“ beruhte – das ist die höfliche Umschreibung für eine Abstimmung nach Bauchgefühl. Nach diesem Fehlschlag beauftragte die WHO im Oktober 1995 eine weitere Ex- pertenrunde. Doch die in Oslo tagende Ar- beitsgruppe, an der diesmal kein EU-Ver- treter teilnahm, lehnte die Nennung eines Richtwertes glattweg ab. Also trommelte die WHO im Juni 1996 eine dritte Arbeits- gruppe zusammen, diesmal am Sitz der Kommission in Brüssel. Nach kurzer Bera- tung einigte sich die Runde darauf, den Richtwert aus einem Bericht für das Pro- gramm für chemische Sicherheit (IPCS) der Vereinten Nationen zu übernehmen. Dieser stützte sich auf jene älteren Unter- suchungen über Gasherde in Innenräu- men, die von den vorigen Arbeitsgruppen als unbrauchbar eingestuft worden waren. Wie es zu diesem Sinneswandel kam, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Das Proto- koll der denkwürdigen Sitzung, die den bis heute gültigen Wert von 40 µg/m 3 hervor- brachte, ging laut Mitteilung der Genfer WHO-Zentrale bei einem Hochwasser ver- loren. Fest steht, dass die EU den Richtwert der WHO eins zu eins als gesetzlichen Grenzwert übernommen hat. Der Richt- wert bezieht sich jedoch auf die individuel- le Jahresbelastung, unter der keine gesund- heitlichen Auswirkungen zu erwarten

Teufel oder Beelzebub

Mit der Festlegung von wissenschaftlich nicht begründbaren Grenzwerten für Stickstoffdioxid hat die Politik Deutschland in die Diesel-Falle gesteuert. Und nur die Politik kann das Land aus dieser Falle befreien. Einstweilen muss die Justiz die Schieflage zwischen dem gesetzlichen Grenzwert, den Handlungsoptionen der Gemeinden und den Rechten der Bürger kor rigieren. Von Professor Dr. med. Dr. rer. nat. Alexander S. Kekulé

Von Professor Dr. med. Dr. rer. nat. Alexander S. Kekulé sind. Die Jahresbelastung eines Menschen hängt

sind. Die Jahresbelastung eines Menschen hängt davon ab, wie lange er sich in Berei- chen mit hoher Schadstoffkonzentration aufhält. Diese individuelle Exposition ist bei Stickstoffdioxid wesentlich geringer als die an der Straße gemessenen Werte, weil der Mitteleuropäer rund 90 Prozent seiner Zeit in geschlossenen Räumen ver-

bringt. Um das Überschreiten einer persönli- chen Jahresbelastung von 40 µg/m 3 zu ver- meiden, hätte deshalb auch ein deutlich höherer Grenzwert ausgereicht. Die Auto- ren des IPCS-Berichts hatten daher aus- drücklich davor gewarnt, den Richtwert als Vorschlag für einen Grenzwert zu ver- stehen. Doch diese Mahnung ist offen- sichtlich in den Korridoren der Brüsseler Bürokratie verhallt. Wie bei solchen Gesetzgebungsverfah- ren üblich, hat sich die Kommission einge- hend mit den Automobilherstellern bera- ten. Wohl aus diesem Grund sah die schließlich im April 1999 erlassene Richt- linie vor, dass der neue Grenzwert erst ab 2010 einzuhalten sei. Dieses Ziel erschien aufgrund der damaligen Prognosen der Autoindustrie erreichbar zu sein. Mit den ab 2000 und 2005 in Kraft tretenden Ab- gasnormen Euro 3 und Euro 4 sollten die Emissionen trotz steigender Fahrzeugzah- len auf den Straßen innerhalb eines Jahr- zehnts um 75 Prozent gesenkt werden. Dass die Automobile im Realbetrieb we- sentlich mehr Stickstoffdioxid produzie- ren als auf dem Prüfstand, kam erst mit dem Diesel-Skandal ans Licht. Nun wäre es denkbar, dass der Grenz- wert von 1999 trotz seiner bizarren Entste- hungsgeschichte mittlerweile durch hand- feste Forschungsergebnisse untermauert wurde. Dies behauptet das Umweltbundes- amt (UBA) mit einem Gutachten, wonach Stickstoffdioxid in Deutschland jedes Jahr rund 6000 vorzeitige Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursacht. Diese Aussage stößt nicht nur bei den hun- dert Lungenärzten, sondern auch unter etablierten Epidemiologen auf Kritik. Fest steht, dass Verkehrsabgase – auch in Deutschland – für erhebliche Gesund- heitsschäden und eine Verkürzung der Le- benserwartung verantwortlich sind. Doch welche Rolle spielt dabei Stickstoffdi- oxid? Das stinkende Gas mit der chemischen Formel NO2 wirkt stark oxidierend und verätzt in hohen Konzentrationen die Atemwege. Für die niedrigen Werte, die in der Außenluft gemessen werden, ist in Experimenten jedoch keine Wirkung fest- stellbar. Zum Schutz vor Oxidationsmit- teln verfügt die Lungenschleimhaut über ein biochemisches Abwehrsystem, das NO2 und ähnliche Schadstoffe sehr schnell zersetzt. Dies ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass selbst hochempfind- liche Messverfahren bei Asthmatikern

erst ab etwa 180 µg/m 3 biochemische Ver- änderungen und eine leichte Anspannung der Bronchialmuskulatur registrieren; ge- sunde Menschen reagieren erst auf sechs- mal höhere Konzentrationen. Die gemes- senen Effekte sind nicht proportional zur Konzentration des Gases, das heißt es gibt keine Dosis-Wirkungs-Beziehung. Zudem sind diese Abwehrreaktionen, die auch durch Kälte und andere natürliche Reize provoziert werden, nur vorübergehend und hinterlassen keine bleibenden Schä- den. Andererseits könnten in einer großen Population einzelne Individuen noch emp- findlicher sein als die im Labor untersuch- ten Asthmatiker. Doch wie ließe sich das nachweisen? Wenn Kliniker und Toxikolo- gen am Ende ihrer Kunst stehen, ist die Stunde der Umweltepidemiologie gekom- men. Diese in den 1960er Jahren entstan- dene Disziplin versucht, durch statistische Auswertung der Daten sehr vieler Perso- nen Korrelationen von Krankheiten und Umweltbelastungen zu finden. Doch die Beurteilung der Ergebnisse ist mitunter schwierig.

B ereits für den ursprünglichen WHO-Richtwert von 40 µg/m 3 wurden umweltepidemiologi- sche Studien herangezogen, die

einen Zusammenhang zwi- schen Atemwegssymptomen bei Kindern und der Anwesenheit von Gasherden im Haushalt festgestellt hatten. Jedoch waren die NO2-Werte nicht oder nur ungenau be- stimmt worden. Zudem war unklar, wie sich ein Gasherd in der Küche auf die an- deren Räume auswirkt, die gemessenen Konzentrationen schwankten zwischen acht und 2500 µg/m 3 . Mangels brauchba- rer Daten schätzten die Gutachter kurzer- hand, dass ein Gasherd die mittlere jährli- che NO2-Konzentration im Haushalt auf ungefähr 40 µg/m 3 erhöht – das ist die Ba- sis für den bis heute gültigen Grenzwert der EU. Wenn man sich damals auf „70“ geeinigt hätte, was aufgrund der Daten ge- nauso gut (oder schlecht) begründet gewe- sen wäre, gäbe es in Deutschland heute keine Fahrverbote. Ob Grenzwerte überhaupt aus epide- miologischen Untersuchungen abgeleitet werden dürfen, ist äußerst umstritten. Im Gegensatz zu ihren Kollegen im Labor sind Umweltepidemiologen in der Regel auf Daten angewiesen, die nicht für wis- senschaftliche Zwecke gesammelt wur- den. Die darauf basierenden „Beobach- tungsstudien“ sind deshalb stärker fehler- behaftet als kontrollierte Experimente. Beispielsweise sind die in den Sterbe- registern verzeichneten Todesursachen oft ungenau. Auch die den Wohnorten (in der Regel nach Postleitzahlen) zugeordne- ten NO2-Werte der Außenluft sind nur gro-

be Näherungen. Weil es nur wenige Mess- stationen gibt, werden sie mit Hilfe mathe- matischer Modelle geschätzt. Ein Fehlerin- tervall von plus oder minus 30 Prozent gilt hier als akzeptabel. Zusätzlich führen loka- le Effekte wie Anfahrvorgänge an Ver- kehrsampeln oder stehende Luft in engen Straßen zu örtlichen und zeitlichen Schwankungen, die in den Modellrechnun- gen nicht berücksichtigt werden. Der Ge- samtfehler entsteht durch Multiplikation der Einzelfehler, so dass die Interpreta- tion mancher Studien an Kaffeesatzlesen erinnert. Bei gesetzlichen Grenzwerten haben jedoch, wie man am Beispiel der Diesel-Fahrverbote sieht, bereits geringe Überschreitungen erhebliche Konsequen- zen. Zudem sagen epidemiologische Asso- ziationen, selbst wenn sie gut belegt sind, nichts über kausale Zusammenhänge aus, weil die beobachteten Effekte auch unbe- merkte Ursachen haben können. Diese so- genannten „Confounder“ haben als unbe- kannte Dritte den Epidemiologen schon so manchen Streich gespielt. Für Aufre- gung sorgten etwa Studien aus den 1980er Jahren, die einen Zusammenhang zwi- schen Kaffeetrinken und Krebs nachwie- sen. Wie sich später zeigte, war dafür ein Confounder verantwortlich: Kaffeetrinker rauchen häufiger, und Rauchen verur- sacht Krebs. Dieses Beispiel mahnt des- halb zur Vorsicht, weil man die krebsför- dernde Wirkung des Rauchens natürlich von Anfang an kannte und es trotzdem nicht gelang, diesen Confounder herauszu- rechnen. Für NO2 sind diese Störfaktoren kaum kontrollierbar. So wurden in den histori- schen Gasherd-Studien Luftfeuchtigkeit und Raucher im Haushalt nur teilweise do- kumentiert. Heute weiß man, dass die Häufigkeit von Asthma- und Erkältungs- symptomen entscheidend vom Rauchver- halten der Mitbewohner und der Luft- feuchtigkeit abhängt. Bei der Verbren- nung von Gas entsteht so viel Wasser, dass die Feuchtigkeit mitunter am Küchen- fenster kondensiert. Gasherde standen meist in sozial schlechter gestellten Haus- halten und wurden teilweise auch zum Heizen verwendet. Der hartnäckigste Störfaktor für die Be- urteilung von Gesundheitsschäden durch NO2 sind andere Verbrennungsprodukte, insbesondere Ruß und Feinstaub. Diese Partikel lagern sich über Jahre hinweg in der Lunge ab und können zudem toxische Schwermetalle und organische Verbindun- gen transportieren. Im Vergleich zu NO2 sind bei Feinstaub die Beweise für kurz- und langfristige Gesundheitsschäden und eine Verkürzung der Lebenser wartung eindeutig. Epidemiologische Studien kön- nen diesen Confounder jedoch nicht her- ausrechnen, weil der besonders gefähr- liche Feinstaub unter 2,5 Mikrometer Par-

tikelgröße nicht flächendeckend gemes- sen wird. Zudem fehlt bei NO2 ein plausib- ler biologischer Mechanismus für Schädi- gungen außerhalb der Lunge. Deshalb stufen die amerikanische Um- weltbehörde EPA, die WHO und eine von der britischen Regierung eingesetzte Ex- pertenkommission bei NO2 nur kurzfristi- ge Effekte auf die Atemwege, insbesonde- re die Verstärk ung von Asthmasympto- men, als kausal ein. Mitentscheidend war die durch zuverlässige Studien abgesicher- te Beobachtung, dass bei hoher NO2-Belas- tung in der Außenluft mehr Asthmatiker in die Notaufnahmen kommen. Allerdings wurden hier, wie die EPA feststellte, in der Regel auch die amerikanischen Grenzwer- te für NO2 überschritten. In Regionen, in denen die Grenzwerte eingehalten wer- den, zeigte sich keine Korrelation von NO2-Belastungen und Asthmaanfällen. Die EPA schließt daraus, dass der in den Vereinigten Staaten gültige Jahresgrenz- wert von 100 µg/m 3 zum Schutz der Bevöl- kerung ausreicht. Dabei unterscheidet die EPA im Gegensatz zur EU-Kommission zwischen der persönlichen Exposition (auf die sich der Richtwert der WHO be- zieht) und dem gesetzlichen Grenzwert für die Messstationen. Diese differenzier- te Betrachtung – und nicht etwa eine laxe- re Einstellung zum Gesundheitsschutz – ist der Grund für den höheren Grenzwert in den Vereinigten Staaten. Für andere Gesundheitsschäden, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Todes- fälle, konnten die internationalen Gutach- ter keinen ursächlichen Zusammenhang mit der NO2-Belastung feststellen. Wie kommt also das Dessauer Umweltbundes- amt auf die angeblich 6000 Herz-Kreislauf- bedingten NO 2-Toten? Das UBA-Gutach- ten basiert auf sechs älteren Untersuchun- gen, die einen Zusammenhang zwischen Todesfällen und den NO 2-Belastungen am letzten Wohnort zeigen. Daraus ermittel- ten die UBA-Autoren ein erhöhtes Sterbe- risiko von drei Prozent pro 10 µg/m 3 NO2. Mit Hilfe per Modellrechnung geschätzter regionaler NO2-Expositionen und der amt- lichen Todesursachenstatistik ergab sich eine Verk ürzung der statistischen Lebens- erwartung, die etwa 50 000 verlorenen Le- bensjahren entspricht. Das rechneten die UBA-Experten in 6000 Personen um, die angeblich vor Erreichen der durchschnitt- lichen Lebenserwartung versterben. Für die behauptete Kausalität zwischen NO 2-Exposition und vorzeitigen Todesfäl- len, die im Widerspruch zum internationa- len Stand der Wissenschaft steht, hat das UBA keinen einzigen Beleg vorgelegt. Of- fenbar wurden nicht einmal die bekann- ten Confounder der Ausgangsstudien be- rücksichtigt. Der Bochumer Epidemiolo- ge Peter Morfeld hat zu Recht darauf hin- gewiesen, dass auch die Umrechnung der verlorenen Lebensjahre in Todesfälle ma-

thematisch nicht korrekt ist: Da niemand weiß, wie sich die verlorenen 50 000 Jahre auf die Bevölkerung verteilen und nicht je- der exakt nach Ablauf der durchschnittli- chen Lebenserwartung stirbt, kann man nicht ausrechnen, wie viele Menschen tat- sächlich früher sterben. Weil fiktive Ster- bezahlen in der Öffentlichkeit leicht miss- verstanden werden, macht die WHO sol- che Angaben nur in Fällen, wo die tödli- che Wirkung grundsätzlich feststeht, etwa bei Aids oder der Luftverschmutzung ins- gesamt. Dies trifft aber auf NO2 nicht zu. Der Hinweis, dass ein ursächlicher Zu- sammenhang zwischen NO2 und Sterblich- keit nicht belegt ist und die „Stickstoffdi- oxid-Toten“ gar keine echten Toten sind, hätte die Debatte frühzeitig entschärfen können. Stattdessen sieht das UBA bis heute zu, wie die (fiktiven) 6000 NO2-To- ten mit den 3500 (realen) Verkehrstoten ins Verhältnis gesetzt werden. Diese ge- fährliche Nähe zu Fake News und Fake Sci- ence nützt nicht der Umweltpolitik, son- dern spielt ihren fundamentalistischen Gegnern in die Hände.

D ie Hauptautorin der Studie, die international angesehene Feinstaub-Expertin Annette Peters vom Münchner Helm-

holtz-Zentrum, ist derweil dis- kret zurückgerudert. In ihrer jüngsten Übersichtsarbeit zu Luftschadstoffen wer- den die angeblichen NO2-Toten nicht mehr erwähnt. In öffentlichen Stellung- nahmen betont sie schon länger, dass die verlorenen Lebensjahre auch andere Gründe haben könnten – sogar Straßen- lärm schließt sie als Mitursache nicht aus. Damit ist es höchste Zeit, den politisch be- feuerten „Streit der Experten“ auf dem Friedhof der wissenschaftlichen Peinlich- keiten zu begraben. Was bleibt? Die Politik hat die Deutschen in die Die- sel-Falle gesteuert, und nur die Politik kann sie daraus wieder befreien. Seit ver- gangenem Jahr läuft die turnusmäßige Überprüfung der Luftgrenzwerte durch die EU-Kommission. Die Fachleute der WHO, die damit beauftragt sind, haben schon deutlich gemacht, dass sie weitere Verschärfungen empfehlen werden. Bei Feinstaub steht die medizinische Begrün- dung für strengere Grenzwerte, wie sie in den Vereinigten Staaten bereits gelten, au- ßer Frage. Ob das in Brüssel durchsetzbar ist, wird jedoch insbesondere von osteuro- päischen Staaten abhängen, die bereits die derzeit gültigen Regelungen nicht be- achten. Bei NO2 ist die Lage anders. Selbst wenn die WHO den Richtwert von 40 auf 20 µg/m 3 herabsetzen sollte, gibt es keinen Grund, den Grenzwert zu verschärfen. Die durch den Richtwert angegebene, noch nicht gesundheitsschädliche persön- liche Exposition wird auch dann nicht überschritten, wenn an stark befahrenen Straßen höhere Konzentrationen auftre- ten. Diese in Amerika selbstverständliche Differenzierung muss auch in die Überprü- fung der EU-Grenzwerte Eingang finden. Trotzdem wäre es vorschnell, in Brüssel eine Aufweichung der Regeln für NO2 zu

fordern. Weniger umweltbewusste Mit- gliedstaaten würden nach dieser Steilvor- lage die Luftreinhaltungspolitik insge- samt in Frage stellen. Zudem ist NO2 ein Indikator für andere Abgasbestandteile wie Feinstaub und Ruß, die derzeit nur teilweise gemessen werden. Durch die neuerdings endlich verstärkten Anstren- gungen zur Luftreinhaltung und die Aus- musterung älterer Dieselmodelle wird Deutschland den Grenzwert ohnehin in wenigen Jahren flächendeckend einhal- ten. In der Übergangszeit wird es Aufgabe der Justiz sein, die Schieflage zwischen dem gesetzlichen Grenzwert, den Hand- lungsoptionen der Gemeinden und den Rechten der Bürger zu korrigieren. Die ge- rade vom Bundestag verabschiedete Ände- rung des Immissionsschutzgesetzes, wo- nach Fahrverbote erst ab 50 µg/m 3 ange- ordnet werden sollen, dürfte dabei wenig hilfreich sein. Der EU-Grenzwert hat un- mittelbare Gesetzeskraft und ist einzuhal- ten, auch wenn nationales Recht dagegen steht. Und die Beurteilung der Verhältnis- mäßigkeit, auf die das Gesetz vorrangig abzielt, ist ohnehin verfassungsmäßige Aufgabe der Gerichte. Hingegen könnte die Tatsache, dass die dem NO2 zugeschriebenen Gesundheits- schäden ganz oder teilweise durch andere Abgaskomponenten verursacht werden, die Verfahren aus der Sackgasse befreien. Der Austausch von Diesel-Pkw durch Ben- ziner führt zwar zur Reduzierung von NO2, aber zur Erhöhung des wesentlich ge- fährlicheren Feinstaubs. Zudem werden durch Umleitungen auf Nebenstraßen nicht selten mehr Menschen einer Fein- staub-Belastung ausgesetzt, die auch bei Einhaltung der NO2-Grenzwerte gesund- heitsschädlich ist. Fahrverbote können deshalb die Gesundheitsrisiken erhöhen, so paradox das auf Anhieb klingen mag. Eine Maßnahme, die den Teufel mit dem Beelzebub austreibt, dürfte in keiner Hin- sicht verhältnismäßig sein. Der Auftrag von Bundeskanzlerin Mer- kel an die Nationale Akademie der Wis- senschaften, im sogenannten „Experten- streit“ zu vermitteln, hat der öffentlichen Debatte um das Diesel-Desaster eine Atempause verschafft. Doch wenn die Leopoldina mit ihrem in Kürze erwarte- ten Gutachten die wissenschaftlichen Fak- ten zurechtrückt, wird vor allem eines noch einmal deutlich werden: Der Ball liegt unbewegt im Feld der Politik, und das seit zwanzig Jahren.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle und war langjähriger Berater der Bundesregierung für biologischen Be- völkerungsschutz.

Christiane Baumgartner, Deutscher Wald, 2007, Holzschnitt auf Kozo Papier © VG Bild-Kunst, Bonn

2019

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FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUN G

Deutschland und die Welt

NR. 77 · SEITE 9 MON TA G, 1. AP RIL 2019

Ein Marsch gegen sexuelle Ausbeutung

MANNHEIM, 31. März. Um acht Uhr am Sonntagmorgen gibt es Kaffee und ein kleines Frühstück. Rosen Hicher sieht noch etwas verschlafen aus. Die vergange- nen Tage waren anstrengend. Die ehema- lige Sexarbeiterin marschiert seit dem 25. März durch Deutschland, aus Protest gegen sexuelle Ausbeutung. Sie selbst prostituierte sich 22 Jahre lang in Paris, der Provence und an anderen Orten in Frankreich. Heute kämpft sie für die Be- strafung von Freiern und Zuhältern. Auf ihrem „Marche Mondiale des Survivantes de la Prostitution“, der in Straßburg be- gann, begleiten sie ehemalige Sexarbeiter und Aktivisten. Ihr Ziel ist der „Weltkon- gress gegen sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen“ in Mainz, der am Dienstag beginnt. „In einem Land, in dem Prostitution er- laubt ist, kann es keine Gleichberechti- gung von Frauen und Männern geben“, sagt Hicher. Sie ist der Meinung, dass eine freiwillige Prostitution nicht exis- tiert. Es sei immer Gewalt im Spiel. Bor- delle bezeichnet Hicher als „Frauen- gefängnisse“. Lange Zeit habe sie ge- dacht, dass sie selbstbestimmt arbeite, doch tatsächlich sei ihr Privatleben der Grund für die Prostitution gewesen. Hi- cher war ein Opfer von Gewalt und wur- de mehrmals vergewaltigt, bevor sie ih- ren Körper für Geld verkaufte. Seit April 2016 ist der Besuch von Pros- tituierten in Frankreich für die Freier straf- bar. Den Sexarbeitern selbst droht keine Strafe mehr. „Es ist viel besser geworden“, sagt Hicher. Richter können für die Freier auch den Besuch eines Sensibilisierungs- kurses anordnen, in dem ehemalige Sexar- beiter von ihren Erfahrungen berichten. Hicher spricht seit einem Jahr etwa zwei- mal im Monat in solchen Kursen – und will das nun auch in Mainz tun. Sollte ihr Marsch auch nur eine Frau davon abhal- ten mit der Sexarbeit zu beginnen, sagt sie, dann wäre sie schon zufrieden. Als sie selbst 2009 aufhörte, sei es schwer für sie gewesen. Insbesondere die fehlende Ver- netzung mit Hilfsorganisationen habe ein Problem dargestellt. „Ich war völlig iso- liert.“ Seit 2014 arbeitet sie deshalb mit Organisationen wie „Le Mouvement du Nid“ und der „Fondation Scelles“ zusam- men. Aufgrund seiner liberalen Gesetz- gebung wird Deutschland auch als „Bor- dell Europas“ bezeichnet. Das Prostitu- tionsgesetz von 2002 ermöglichte es Sex- arbeiterinnen zunächst, sozialversiche- rungspflichtig tätig zu sein. Mit dem Pros- tituiertenschutzgesetz von 2017 folgte zu- dem die Möglichkeit für Sexarbeiterin- nen, sich registrieren zu lassen und ge- sundheitliche Beratung zu bekommen. Aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der FDP Anfang 2019 er- gab sich jedoch, dass die Gesetze beinahe wirkungslos geblieben sind. Auf dem Kongress in Mainz sollen inter- national erfolgreiche Lösungsansätze im Kampf gegen Prostitution und Menschen- handel vorgestellt werden. Die Teilneh- mer wollen ein Sexkaufverbot in Deutsch- land erreichen. Gerhard Trabert, Gründer des Mainzer Vereins „Armut und Gesund- heit in Deutschland“, kritisiert vor allem die Tabuisierung der Gründe für die scheinbar selbstbestimmte Prostitution. „Die meisten Sexarbeiter haben sich aus ei- ner sozialen Notlage heraus prostituiert und selbst sexuellen Missbrauch erfah- ren“, sagt er. „Das ist nicht selbstbe-

stimmt.“ SINA MAGDALENE SCHMEITER

ist nicht selbstbe- stimmt.“ SINA MAGDALENE SCHMEITER Zeltstadt mit Müllproblem: Everest-Basislager zu Beginn

Zeltstadt mit Müllproblem: Everest-Basislager zu Beginn der Saison im April 2018

Großreinemachen am Mount Everest

Foto AFP

Der höchste Berg der Erde vermüllt. Hinzu kommen bis zu 300 Leichen, die nie geborgen wurden. Das soll sich nun ändern.

Von Stephanie Geiger

MÜNCHEN, im März. „Green Boots“ starb einen hohen Tod. Im Frühjahr 1996 wollte der Bergsteiger mit den grünen Stie- feln, der blauen Hose und der roten Jacke von der tibetischen Nordseite aus auf den Mount Everest steigen, den mit 8848 Me- tern höchsten Berg der Welt. Doch das Wetter verschlechterte sich. „Green Boots“ schaffte es nicht mehr hinunter. Seit 23 Jahren liegt er unter einem kleinen Felsvorsprung in 8500 Meter Höhe. Fast 300 Tote sollen den Weg der Eve- rest-Bergsteiger säumen. Viele von ihnen lagen über Jahre unter Schnee und Eis ver- borgen. Die schmelzenden Gletscher brin- gen nun immer mehr der Verunglückten wieder zum Vorschein. An „Green Boots“, dem bekanntesten von ihnen, muss vor- bei, wer über den Nordsattel steigen will. Für die Bergsteiger ist er zu einer Wegmar- ke geworden: Von hier sind es noch rund 400 Höhenmeter bis zum Gipfel. Die vielen Everest-Aspiranten, deren Zahl stark gestiegen ist – auf 800 im ver- gangenen Jahr –, haben zudem eine Spur von Müll hinterlassen. Zerfetzte Zelte, Gaskocher, Sauerstoffflaschen und menschliche Exkremente sind am höchs- ten Berg zum Ärgernis geworden. Schuld

daran sind nicht nur die vielgescholtenen Chinesen, die in immer größerer Zahl auf der Südseite unterwegs sind und die ihren Abfall gerne dort entsorgen, wo er anfällt. Oft ist dem Müll anzusehen, dass er älte- ren Datums sein muss. Auch die Expedi- tionen, deren Teilnehmer sich heute noch gerne ihres alpinistischen Bergsteigens rühmen, waren keine Saubermänner. Fotos von Müllbergen und Toten sehen nicht nur hässlich aus. Die Menschen, die am Fuß des Mount Everest leben, und für die das Wasser der Gletscher die Lebens- grundlage ist, fürchten um ihre Gesund- heit. „Die Bergsteiger kommen und ge- hen, aber wir müssen hier leben. Die Ver- schmutzung unserer Berge ist ein schreck- liches Verbrechen gegen die Menschheit“, sagte Nima Dorma Sherpa, der eine Lod- ge in dem Ort Lukla betreibt, der „Hima- layan Times“. Besonders sorgen sich die Menschen auf der Südseite um sauberes Trinkwasser. Die Sorge ist begründet. Ne- ben den meisten Hochlagern wird auch das Basislager, ein Dorf aus Hunderten Zelten, auf dem Khumbu-Gletscher errich- tet, einem wichtigen Trinkwasserreser- voir für die Solo-Khumbu-Region. In Nepal sind die Expeditionen zwar an- gehalten, ihren Müll wieder mitzuneh- men. In diesem Jahr wurden laut „Hima- layan Times“ allein vom Tourismusminis- terium in Kathmandu 300 Besteigungs- Permits für den Mount-Everest und 100 für den Lhotse erteilt. Everest- und Lhot- se-Bergsteiger sind bis auf die Gipfel- etappe weitgehend auf derselben Route unterwegs. Allerdings ist es ein offenes Geheimnis, dass Expeditionsagenturen, wenn sie Müll am Mount Everest zurück- gelassen haben, in Kathmandu Regie- rungsbeamte bestechen, um keine Strafen zahlen zu müssen. Um die Bergsteiger an-

zuregen, ihren eigenen Müll nicht zurück- zulassen und zusätzlich noch den Müll frü- herer Bergsteigergenerationen einzusam- meln, hat 2017 jeder einen bis zu 80 Kilo- gramm fassenden Müllsack auf seinen Weg Richtung Gipfel mitbekommen. Doch die großen Erfolge bleiben aus. Auf der Südseite ist die Müllbeseitigung zu einer Sisyphus-Arbeit geworden. Die Män- ner vom „Sagarmatha Pollution Control Committee“ (SPCC), das 1991 gegründet wurde, haben jedenfalls genug Arbeit da- mit. Sie stellen auch die Icefall-Doctors, die jedes Jahr drei Monate lang den Weg für die Bergsteiger durch den Khumbu-Eis- bruch und das „Western Cwm“ genannte Hochtal bis zum Fuß der Lhotse-Flanke präparieren, wofür sie von jedem ausländi- schen Bergsteiger 600 Dollar kassieren. Al- lein im vergangenen Frühjahr brachte das SPCC mehr als 1900 Kilogramm Müll vom zweiten Hochlager in 6400 Meter Höhe ins Basislager. Auf der tibetischen Nordseite dagegen greifen die chinesischen Behörden in die- sem Jahr durch. Von offiziellen Stellen beauftragte einheimische Höhenbergstei- ger sollen sämtliche Hinterlassenschaf- ten vom Berg holen. Ein ambitioniertes Ziel, bei dem seit der Verkündung An- fang Dezember schon die ersten Abstri- che gemacht werden mussten. Zunächst hatten die zuständigen Stellen in China mitgeteilt, man wolle auch die Toten vom Berg holen – auch jene, die oberhalb von 8000 Metern liegen. Doch weil noch nicht von allen Angehörigen das Einver- ständnis dafür vorliegt, sollen die Toten auf der Nordseite erst im kommenden Jahr vom Berg gebracht werden, berich- tet der schweizerische Expeditionsveran- stalter Kari Kobler, der gerade im Hima- laja die letzten Vorbereitungen für seine Expedition trifft.

Das große Reinemachen bleibt nicht ohne Folgen für die Bergsteiger auf der Nordseite, von denen die meisten Anfang April anreisen und ab Mitte Mai den Gip- fel erreichen wollen. In dieser Saison wer- den nur 300 Bergsteiger-Permits aus- gegeben. Trekking-Touristen bekommen überhaupt keine Erlaubnis, ins Basislager oder darüber hinaus aufzusteigen. Mit die- ser Begrenzung soll verhindert werden, dass sich immer mehr Müll ansammelt. Zu- gleich sollen die Müllsammler ungehin- dert arbeiten und die Bergsteiger gefahrlos auf- und absteigen können. Außerdem bleibt die seit 2015 gültige Regelung bestehen, dass jeder Bergsteiger auf der Nordseite acht Kilogramm Abfall vom Berg zurückbringen muss. Für jedes Kilogramm, das zu wenig abgeliefert wird, ist eine Strafe in Höhe von 100 Dollar fäl- lig. Jeder, der über das Basislager hinaus aufsteigt, muss Abfall vom Berg herunter- bringen. Zudem hat jeder Bergsteiger von diesem Jahr an eine „Müllsammelgebühr“ von 1500 Dollar zu bezahlen. Bei „Green Boots“ soll es sich übri- gens um den Leichnam von Tsewang Pal- jor handeln, einem Bergsteiger aus In- dien. Dass er und die vielen anderen To- ten bisher nicht vom Berg geholt wurden, hat mehrere Gründe. Es gibt Bergsteiger, die für den Fall der Fälle erklärt haben, ihr Verwandten sollten keine Zeit und Mühe in eine Bergung investieren. Der Abtransport aus großer Höhe, wo Hub- schrauber nicht mehr für Bergungseinsät- ze genutzt werden können, ist schwierig. Eine Totenbergung kostet Zehntausende Dollar. „Vor zwei Jahren ist ein Australi- er im Lager III auf 8300 Metern gestor- ben“, sagt Kari Kobler. „Er liegt immer noch dort, weil niemand den Abtrans- port bezahlen wollte. Eine Schande!“ Jetzt macht das der chinesische Staat.

Fragen zum Graben

Vor 1200 Jahren sollte der Karlsgraben Nordsee und Schwarzes Meer verbinden – nun wird das Meisterwerk erforscht / Von Roland Knauer

LEHNIN, im März. Bäume säumen die Ufer des langgestreckten Weihers in der Nähe der mittelfränkischen Stadt Treucht- lingen. Im Sommer kann man hier im Schatten gut spazieren gehen, in strengen Winter n frier t der Teich zu einer Eisbahn zu. Der idyllische Weiher ist das letzte sichtbare Überbleibsel einer Meister- leistung frühmittelalterlicher Ingenieure:

eines Kanals, dessen Bau Karl der Große im Jahr 792 befahl. Er wollte eine Wasser- straße zwischen Nordsee und Nordatlantik im Nordwesten und dem Schwarzen Meer im Südosten schaffen. In der damaligen Zeit war dieser „Karls- graben“ wahrscheinlich eine ähnliche Her- kules-Aufgabe wie in moderner Zeit der Bau des Panama-Kanals oder des Berliner Flughafens. Und genau wie heute gab es von einer Großbaustelle vor mehr als 1200 Jahren auch nicht nur Erfolgsmeldungen, sondern auch Hiobsbotschaften zu vermel- den. So rutschte wohl noch während des Baus immer wieder schon ausgehobenes Material in den Kanal zurück. Spuren der Einstürze fanden der Geograph Christoph Zielhofer von der Universität in Leipzig und seine Kollegen aus der Archäologie, die das Bauvorhaben seit sechs Jahren er- forschen. Durch eine gewaltige Leistung wollten die Wasserbau-Ingenieure ein Großpro- jekt verwirklichen, das erst mehr als ein Jahrtausend später von Erfolg gekrönt war: im 19. Jahrhundert als Ludwig-Do- nau-Main-Kanal sowie 1990 als Rhein- Main-Donau-Kanal und als Europäische Wasserstraße. Über die Fossa Carolina aus der Zeit der Karolinger aber steht in den Reichsannalen zu lesen, dass Dauer- Regenfälle im Jahr 793 das frisch ausge-

hobene Material wieder in den Graben zurückschwemmten und so den Kanal scheitern ließen. Allerdings stand bisher weder fest, ob die Berichte wahrheitsgetreu die damali- gen Verhältnisse wiedergaben, noch war klar, wie der Karlsgraben aussah. Das än- derte sich erst, als Christoph Zielhofer und seine Kollegen mit ihren Geräten anrückten. Damit kann zum Beispiel der elektrische Widerstand im Untergrund gemessen und mit Hilfe von Bohrungen ab- geleitet werden, was sich unter der Erde verbirgt. So erfuhren die Forscher mehr Details über das Großbauprojekt als je- mals zuvor – und staunten über die Leistun- gen der damaligen Ingenieure.

Die Bauherren hatten einen günstigen Or t für ihr Vorhaben gewählt. Nicht ein- mal vier Kilometer lang sollte der Kanal werden, der im Norden an der Schwäbi- schen Rezat beginnt. Das Flüsschen wird später zur Rednitz und danach zur Reg- nitz, die in der Nähe von Bamberg in den Main mündet, dessen Wasser schließlich über den Rhein in die Nordsee fließen. Im Süden sollte der Karlsgraben in der Altmühl enden, die bei Kelheim in die Donau mündet – und so die Verbindung zum Schwarzen Meer und damit auch ins Mittelmeer herstellt. Auf der Strecke mussten die mittelalterlichen Wasserbau- er den Kanal gerade einmal fünf Meter in die Höhe führen.

er den Kanal gerade einmal fünf Meter in die Höhe führen. Großbauprojekt: Ein Weiher ist das

Großbauprojekt: Ein Weiher ist das letzte sichtbare Überbleibsel.

Foto Panthermedia

Allerdings zeigten die Messungen kei- nen allmählichen und stetigen Anstieg. Der Karlsgraben scheint vielmehr aus ei- ner Kette von Weihern bestanden zu ha- ben, die ähnlich einer langgezogenen Trep- pe von der Altmühl aus in Stufen zur höher liegenden Rezat führten. Zwischen den Weihern mussten die Lastkähne vermut- lich über Land gezogen werden. „Wir wis- sen allerdings nicht, wie diese Stellen aus- sahen“, sagt Christoph Zielhofer. Die Ana- lysen der Forscher zeigen, dass der Kanal teilweise mehr als sechs Meter tief in den Boden gegraben war. Der lockere, sandige Untergrund erleichterte den Bauarbeitern zwar das Graben, anstrengend muss es aber trotzdem gewesen sein. Der Aushub

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ragt neben dem Graben wie ein 40 Meter breiter Wall bis zu 15 Meter über den Grund auf. Der Vorteil der Konstruktion ist offensichtlich: Die Kähne mussten er- heblich weniger weit in die Höhe gezogen werden. Allerdings war der Aushub keineswegs überall stabil. Starke Regenfälle drohten ihn wieder zurück in den Graben zu schwemmen. Um das zu verhindern, ramm- ten die Arbeiter an den Seitenwänden des Kanals mächtige Eichenbohlen in den Bo- den und stabilisierten so die Ufer. Das zei- gen die Ausgrabungen der Archäologen um Lukas Werther von der Universität Jena im weniger tief eingegrabenen nördli- chen Teil des Kanals. Als die Forscher die Baumringe der Hölzer analysierten, zeigte sich, dass einige von ihnen im Winter 792/793 geschlagen worden waren, wäh-

rend andere im Sommer 793 gefällt und

gleich verbaut wurden.

Die Fahrrinne war 5,20 Meter breit und

mehr als einen halben Meter tief. Das

reichte für die flachen Kähne der

damaligen Zeit, von denen in Krefeld einer

ausgegraben wurde. Die 16 Meter lange

und 2,80 Meter breite Holzkonstruktion konnte bei einem Tiefgang von 40 Zenti-

metern etwa acht oder neun Tonnen

Fracht transportieren. Allerdings gelang das nicht durchgehend von der Nordsee

über den Rhein und Main und später den

Karlsgraben in die Altmühl und weiter zur

Donau und ins Schwarze Meer: „Wir konn-

ten auf den letzten ungefähr 800 Metern

bis zur Altmühl keinerlei Spuren des Karls- grabens finden“, sagt der Physische Geo- graph André Kirchner von der Universität

Hildesheim. Anscheinend scheiterten an-

spruchsvolle und zunächst durchaus erfolg-

versprechende Verkehrsprojekte schon im frühen Mittelalter.

Immer weniger insektenfressende Vögel in Europa

FRANKFURT, 31. März (dpa). Die Zahl der von Insekten lebenden Vögel ist in den vergangenen 25 Jahren in Eu- ropa deutlich zurückgegangen – durch- schnittlich um 13 Prozent. Das ist das Ergebnis einer Studie von Wissen- schaftlern des Senckenberg Biodiversi- tät und Klima Forschungszentrums und des Deutschen Zentrums für inte- grative Biodiversitätsforschung. In ei- nem im Fachjournal „Conservation Biology“ veröffentlichten Artikel füh- ren die Wissenschaftler diese Entwick- lung nicht allein auf das Insektenster- ben, sondern insbesondere auch auf Veränderungen der Agrarlandschaften zurück. Auf Äckern, Wiesen und Wei- den hätten sich die Bestände der dort lebenden Vögel besonders verringert. „Es ist wahrscheinlich eine Mi- schung aus vielem: Verlust von Insek- ten und damit Nahrungsmangel, Ver- lust von Hecken und damit Brutplät- zen, Flächenversiegelung“, sagte Sen- ckenberg-Forscherin Katrin Böhning- Gaese. Neben dem starken Einsatz von Pflanzenschutzmitteln gingen mit dem Trend zu großflächigen Monokulturen immer mehr Hecken, Ackerränder und Brachen verloren; viele Wiesen und Weiden würden in Ackerland umge- wandelt. Kälteliebende Arten gerieten zusätzlich durch den Klimawandel un- ter Druck. Rund die Hälfte aller Vogel- arten in Europa ernährt sich von Insek- ten. Allerdings geht es den Insekten- fressern der Studie zufolge nicht über- all gleich schlecht: In den meisten Le- bensräumen gingen nur vereinzelte Ar- ten zurück, hieß es.

Keine Hinrichtung ohne religiösen Beistand

ceh. LOS ANGELES, 31. März. Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten hat die Hinrichtung eines verur- teilten Mörders verschoben, weil der Te- xaner in der Exekutionszelle keinen buddhistischen Priester an der Seite ha-

Verteidiger des 57 Jahre

alten Patrick Murphy hatten vorgetra- gen, ihr Mandant würde wegen seines Glaubens benachteiligt. Während christ- liche und muslimische Todeskandida- ten einen religiösen Vertreter im Hin- richtungsraum bestellen dürften, sei der Beistand durch einen buddhisti- schen Priester untersagt. Murphys An- wälte interpretierten das Verbot als Ver- stoß gegen die Religionsfreiheit, die der erste Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung garantiert. Nachdem verschiedene Gerichte ge- gen den Polizistenmörder geurteilt hat- ten, schloss sich der im vergangenen Herbst in den Supreme Court berufene Jurist Brett Kavanaugh der Auslegung der Verteidiger an: „Die Regierung darf bei Religion im Allgemeinen und auch bei den unterschiedlichen Glaubens- richtungen keine Unterschiede ma- chen.“ Die texanischen Justizbehörden hatten den Ausschluss eines buddhisti- schen Beistands mit Sicherheitsvor- schriften begründet. In den Hinrich- tungsräumen seien nur Geistliche er- laubt, die zu den Angestellten der Ge- fängnisbehörde zählen und überprüft wurden. In Texas stünden nur christli- che und muslimische Berater bereit. Murphy, der als Mitglied der Ausbre- cherbande „Texas Seven“ an Weihnach- ten 2000 einen Polizeibeamten getötet hatte, wurde inzwischen wieder aus der Hinrichtungszelle verlegt. Die Justizbe- hörden kündigten eine Prüfung der Ent- scheidung des Obersten Gerichtshofs an. Bei einem ähnlichen Fall im Bundes- staat Alabama hatte der Supreme Court einen Aufschub der Exekution abge- lehnt. Damals wurde ein muslimischer Todeskandidat hingerichtet, obwohl die Justizbehörden einen Imam im Hinrich- tungsraum verboten hatten.

ben dur fte. Die

Kurze Meldungen

Keira Knightley ist von einem Schüler- austausch vor 20 Jahren vor allem ei- nes in Erinnerung geblieben: die deut- sche Sauberkeit. „Ich war überrascht, wie nett die Menschen waren, und die deutschen Schulen waren großartig“, sagte die 34 Jahre alte Schauspielerin der „Frankfurter Allgemeinen Sonn- tagszeitung“. Verglichen mit ihrer Schule in London, sei es in Konstanz sehr sauber gewesen. Alle seien Fahr- rad gefahren. Und „ein richtig schönes Schnitzel“ sei „eine wundervolle Erfin- dung“. Sie in Deutschland habe immer „ganz toll gegessen“. Blasser ist ihre Er- innerung an deutsche Jungen: „Die Jungs haben mich damals nicht so be- eindruckt“, sagte Knightley in dem In- terview. (F.A.Z.) Mick Jagger ist krank – und die Rol- ling Stones müssen deshalb Konzerte in Nordamerika verschieben. Ärzte hät- ten dem 75 Jahre alten Sänger geraten, derzeit nicht auf Tour zu gehen, da er medizinische Behandlung benötige, teilte die englische Rockband am Sams- tag auf Facebook mit. Woran Jagger lei- det, führte die Gruppe nicht aus. Der Sänger bat seine Fans auf Twitter und Facebook um Entschuldigung: „Ich has- se es, euch zu enttäuschen.“ (dpa)

SEITE 10 · MONTAG, 1. A PRIL 2019 · NR. 77

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Zeitgeschehen

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG

t g e s c h e h e n FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG Germany first? D

Germany first?

D ie Außen- und Außenwirtschafts- politik des amerikanischen Präsi-

denten wird oft kritisiert, ganz zu Recht. Aber unter denen, die das große Wort der Empörung gegen Trump füh- ren, sind einige, die bei „First“ ganz gut mithalten können, selbst wenn sie das natürlich nicht zugeben würden. Beispiel deutsche Rüstungsexportpoli- tik: Der SPD kann die nicht restriktiv genug sein. Dieser Teil der Regierung würde am liebsten auch Exporte von Waffen nach Saudi-Arabien untersa- gen, die in europäischer Gemein- schaftsproduktion hergestellt wurden und deutsche Bauteile haben. Der Kompromiss in der Koalition lässt da immerhin Flexibilität zu. Aber gerade in Frankreich rätselt man verwirrt bis verärgert darüber, was man von einem deutschen Partner halten soll, der bei jeder Gelegenheit das Hohelied von eu- ropäischer Zusammenarbeit anstimmt, darunter aber oft nur die Berliner Inter-

pretation meint. So ist es ja auch auf an- deren Politikfeldern, die deutschen Au- ßenhandelsüberschüsse fallen einem ein. „Germany first“ ist keine Parole, die unsere Nachbarn freudig mitskan-

K.F.

dieren.

Abschied von Strauß

D ie CSU hat in der Europa-Politik eine Entwicklung hinter sich, die

typisch ist für die Neuordnung des bür- gerlichen Lagers, die auch anderswo in Europa zu beobachten ist. Früher machte die Partei gerne Stimmung ge- gen „Brüssel“; manche ihrer Thesen klangen wie das, was heute von der AfD kommt. Zur Europawahl im Mai tritt die CSU nun aber mit einem dezi- diert proeuropäischen Programm an, sie stellt sogar den Spitzenkandidaten der Europäischen Volkspartei. Damit verabschiedet sie sich still und leise vom Straußschen Dogma, dass ihre Strahlkraft bis an den äußeren rechten Rand reichen müsse. Nach der Erfah- rung mit der jüngsten Landtagswahl bleibt der Partei auch nicht viel ande- res übrig. Nicht nur in Bayern zerfällt gerade die Wählerschaft, die früher Volksparteien der rechten Mitte wähl- te, in ein bürgerlich-konservatives und ein nationalistisch-völkisches Lager. Man kann eben nicht zugleich für und gegen die EU sein. Der politische Wett- bewerb wird dadurch wieder lebendi- ger, die Mehrheitsbildung allerdings schwieriger. Das wird auch im neuen Europaparlament so sein. nbu.

Stegner bleibt

D er Abschied war versöhnlich. Die SPD applaudierte lange und ste-

hend, Ralf Stegner war gerührt. Seine Nachfolgerin erhielt ein starkes Ergeb- nis. Das alles darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Stegners Ab- schied erstens nur ein kleiner war und zweitens nicht ausgemacht ist, wie viel Macht er am Wochenende tatsächlich abgegeben hat. Stegner ist nicht mehr Landesvorsitzender im Norden, aber er bleibt stellvertretender Bundesvor- sitzender und vor allem Fraktionsvor- sitzender im Kieler Landtag. Das ist der Posten, der ihm die größte politi- sche Bühne in Schleswig-Holstein bie- tet: die Landtagsdebatte. Dort versteht er es wie kein anderer Sozialdemokrat, sich als Oppositionsführer zu inszenie- ren. Für die neue Landesvorsitzende Serpil Midyatli ist das eine Herausfor- derung. Wie viel Platz gewährt sie ihm, um sich zu inszenieren? Und wann ent- steht der Eindruck, dass sie nur Lan- desvorsitzende unter Stegner ist? Ein- mal hat sie schon Stärke bewiesen, als sie ihren Anspruch auf den Landesvor- sitz geltend machte. Das zweite Mal dürfte schwieriger werden. mawy.

Generation 2007

Die venezolanische Opposition ist gut vorbereitet in den Machtkampf mit Maduro gegangen / Von Tjerk Brühwiller

SÃO PAULO, 31. März Bald werde er ein Büro im Präsidenten- palast beziehen, sagte Venezuelas Opposi- tionsführer Juan Guaidó kürzlich. Doch wie bald und ob überhaupt, darüber will in- zwischen kaum noch jemand spekulieren. Es ist anders gelaufen mit dem politischen Umsturz in Venezuela, als manche erhofft und erwartet hatten. Das wurde schon klar, kurz nachdem Guaidó sich am 23. Ja- nuar zum Übergangspräsidenten erklärt hatte. Ein früherer hoher Beamter des Weißen Hauses sagte dem „Wall Street Journal“, dass die Leute, die das in Cara- cas ausgedacht und Washington schmack- haft gemacht hätten, ein sofortiges Um- schwenken der venezolanischen Armee in Aussicht gestellt hätten, sobald sich Wa- shington und andere Länder Guaidó an- schlössen. „Sie dachten, es sei eine 24-Stunden-Operation“. Wer mit „die Leu- te“ gemeint ist, bleibt unklar. Doch es ist kein Geheimnis, dass sich die Falken in der Regierung Trump, allen voran Sicher- heitsberater John Bolton und eine Gruppe von Republikanern um Senator Marco Ru- bio für den Plan stark gemacht hatten, der in der zweiten Jahreshälfte 2018 Form an- nahm. Trump war einfach zu überzeugen. Laut Fernando Cutz, einem früheren Mit- arbeiter des Nationalen Sicherheitsrats, war Venezuela für Trump immer ein zen- trales außenpolitisches Thema. Doch nun stecken Guaidó und seine Verbündeten inmitten eines zermürben- den Machtkampfes, dessen Ende und Aus- gang sich nicht absehen lassen. Nicolás Maduro wirf t Guaidó die Planung von Ter- rorakten vor, und das stärkste Momentum der Opposition scheint vorbei. Anders als in früheren Jahren verfällt die Opposition jedoch nicht in Ratlosigkeit. Im Gegen- teil: Sie hat offenbar ein großes Reper- toire an Strategien auf Lager. Ein Beispiel war der Plan, über eine humanitäre Hilfs- aktion Druck auf Maduro aufzubauen. Es handelte sich um eine typische Dilemma- Aktion: Das Regime Maduro wurde vor die Wahl gestellt, den Einlass der Hilfe zu verweigern oder sie zuzulassen – wobei es in beiden Fällen als Verlierer dagestan- den wäre. Ebenso verhielt es sich bei der Rückkehr Guaidós nach Venezuela, nach- dem er trotz Ausreiseverbots das Land verlassen hatte. Guaidó ging ohne Proble- me durch die Einreisekontrolle und ließ sich als Held feiern. Hätte man ihn festge-

nommen, wäre das für Maduro wohl noch unvorteilhafter gewesen. Neben dem strategischen Vorgehen des gewaltlosen Widerstands lassen auch die Disziplin und der Organisationsgrad auf- horchen. „Es ist offensichtlich, dass die Strategie mit nordamerikanischer Hilfe entwickelt worden ist“, glaubt der venezo- lanische Politologe John Magdalena. Hin- ter Guaidó stehe eine Gruppe, in der die Jungen eine wichtige Rolle spielten und die sich seit 2007 regelmäßig treffe. Guai- dó selbst sagte dieser Zeitung, dieser Auf- stand habe nicht erst 2019 begonnen, son- dern schon vor Jahren. 2007 war das Jahr, in der sich die Studentenbewegung gegen den damaligen Präsidenten Hugo Chávez gebildet hatte. Aus ihr stammen zahlrei- che heutige junge Oppositionspolitiker, die nun den Widerstand gegen das Re- gime anführen. Guaidó ist nur einer von ihnen. Dass er der Anführer wurde, ist auch Zu- fall. Seine Partei Voluntad Popular über- nahm in diesem Jahr das Präsidium der Na- tionalversammlung. Da die meisten Füh- rungsfiguren der Partei inzwischen im Exil oder im Gefängnis sind, fiel die Wahl auf Guaidó. Das letzte Wort dürfte der Op- positionsführer Leopoldo López gehabt haben, der während der Proteste von 2014

verhaftet wurde und heute unter Hausar- rest steht und als einer der Köpfe hinter dem Plan der Opposition gilt. Guaidó hat die „Generation 2007“ um sich versammelt. Sie war immer davon ge- trieben, einen Machtwechsel herbeizufüh- ren. Aus einem Bericht des amerikani- schen Beratungsunternehmens Stratfor geht hervor, dass im Oktober 2005 fünf ve- nezolanische Studentenführer ein Trai- ning beim „Centre for Applied Non Vio- lent Action and Strategies“ (Canvas) in Belgrad absolviert hatten. Canvas ist aus der serbischen Studentenbewegung „Ot- por“ hervorgegangen, die wesentlich zum Sturz von Slobodan Milošević beigetragen hatte. Heute bietet Canvas Beratung und Training an mit dem Ziel, in Ländern, in denen aus westlicher Sicht diktatorische Regime regieren, friedliche Revolutionen herbeizuführen und demokratische Regie- rungen zu installieren. Die Organisation leistete den Oppositionsparteien während der sogenannten „Farbrevolutionen“ in der Ukraine und in Georgien aktive Unter- stützung, auch bei den Protesten in Ägyp- ten 2011. Canvas wird wesentlich von ame- rikanischen Organisationen finanziert. Dem „Balkan Investigative Reporting Network“ sagte der Otpor-Gründer Srđja Popović, Guaidó sei nie in Belgrad gewe-

Sr đ ja Popovi ć , Guaidó sei nie in Belgrad gewe- Juan Guaidó: Einer aus

Juan Guaidó: Einer aus der Studentenbewegung des Jahres 2007

Foto imago

sen. Es sei aber kein Geheimnis, dass vie- le Leute der demokratischen Bewegung in Venezuela seine Freunde seien. Die Strategie, die Organisation, die Mobilisie- rung der Bevölkerung und der internatio- nalen Gemeinschaft – all das deutet dar- auf hin, dass hinter der Widerstandsbewe- gung der venezolanischen Opposition mehr steht als eine Gruppe von früheren Studentenführern. Die Gruppe um Guai- dó traf sich in den vergangenen Monaten mehrmals im Ausland, um sich beraten zu lassen und ihren Plan auszuarbeiten. Selbst in Berlin fand auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung vor einiger Zeit ein Treffen der jungen Oppositions- politiker statt. Guaidó soll zudem mehre- re Male unerkannt über die grüne Grenze nach Kolumbien und von dort aus in die Vereinigten Staaten gereist sein. Trotz der offenbar minuziösen Planung sitzt Maduro weiterhin fest im Sattel. Der venezolanische Ökonom und Meinungs- forscher Luis Vicente León sagte jüngst, er sei überzeugt, dass Washington einen wirtschaftlichen Kollaps in Venezuela herbeiführen könne. Er sei aber nicht überzeugt, dass dieser Kollaps das Ende Maduros besiegle. In einem Punkt ist die Strategie Guaidós bisher nicht aufgegan- gen: Die Armee hält entgegen den Erwar- tungen weiterhin zu Maduro. Eine venezo- lanische Armee-Expertin führt das einer- seits auf die weitreichenden Privilegien der Armeeführung zurück, die vom Status quo profitiere. Andererseits herrsche nach innen eine große Abschreckung. „Ver räter“ werden har t bestraf t. Eine zen- trale Rolle kommt dabei dem kubani- schen Geheimdienst zu, der wesentlich an der Spionageabwehr in Venezuela und der Bespitzelung innerhalb des Sicher- heitsapparates beteiligt ist. Wie Guaidós Strategie für die kommen- den Wochen aussieht, ist nicht absehbar. Man fragt sich zwangsläufig, wie viele Sei- ten das Strategiebuch noch hat und ob die friedlichen Mittel irgendwann erschöpft sind. Wiederholt hatte Guaidó betont, alle Mittel würden ausgeschöpft – im Extrem- fall auch militärische. Diese Drohung ist leer, solange Washington sie nicht wieder- holt. Eine militärische Intervention in Ve- nezuela übersteigt wohl auch die Vorstel- lungskraft vieler Politiker und Berater in Washington. Die potentiellen „Kosten“ sind mit der Ankunft russischer Soldaten in Venezuela noch weiter gestiegen.

Das Schweigen des Papstes

Hätte Pius XII. seine Stimme stärker gegen die Judenverfolgung erheben müssen? / Von Thomas Jansen

Als deutlichste Form des Protestes gegen die nationalsozialistische Judenverfol- gung gilt die päpstliche Radiobotschaft zu Weihnachten 1942, die „Radio Vatikan“ am 24. Dezember ausgestrahlt hat. Am Schluss der auf Italienisch gehaltenen Rede rief Pius XII. zu einem Gelöbnis auf, sich für ein Gemeinschaftsleben einzuset- zen, dessen Mittelpunkt das göttliche Ge- setz sei. In einer Aufzählung, wem die Menschheit ein solches Gelöbnis schulde, nennt er an zweiter Stelle nach den „un- zähligen Verjagten, die der Sturmwind des Krieges aus ihrem Heimatboden entwur- zelt und in fremde Länder verweht“ habe, die „vielen Hunderttausend Menschen, die, persönlich schuldlos, bisweilen nur um ihrer Nationalität oder Abstammung willen dem Tode geweiht oder einer fort- schreitenden Verelendung preisgegeben sind“. Dokumentiert wurde die Rede 2009 in einer vom Päpstlichen Komitee für Ge- schichtswissenschaft organisierten Aus- stellung über Pius XII. Dort wurde die Rede, die mehrere Seiten umfasste, mit der Überschrift „Hier hören Sie das Schweigen des Papstes“ versehen. Schon 1942 war manchen diese Stel- lungnahme nicht deutlich genug gewe- sen. So fragte der amerikanische Ge- schäftsträger beim Heiligen Stuhl, Harold Tittmann, Pius XII. am 30. Dezember 1942 in einer Audienz, wen er denn mit diesen „vielen hunderttausend Men- schen“ gemeint habe. Pius XII. erwiderte, „es sei doch jedem klar gewesen, dass er auf die Polen, Juden und Geiseln verwie- sen habe“, so Tittmann später in seinen Memoiren. Zudem habe der Papst ihn dar-

auf hingewiesen, dass er auch „die Bol- schewisten“ hätte erwähnen müssen, hät- te er die Nationalsozialisten beim Namen genannt. Das aber hätte den Amerika- nern und Briten gewiss nicht gefallen. Die Kritiker von Pius XII. halten diese Passage der päpstlichen Weihnachtsan- sprache für zu allgemein und verklausu- liert. Seine Verteidiger hingegen argumen- tieren, die deutschen Adressaten der päpstlichen Botschaft hätten sehr wohl verstanden, von wem der Papst spreche, und verweisen auf eine Analyse der Weih- nachtsansprache, die im Januar 1943 für das Reichssicherheitshauptamt in Berlin angefertigt wurde. Der Papst habe in die- ser Ansprache „praktisch dem deutschen Volk ein Unrecht an Polen und Juden vor- geworfen“, hieß es darin. Als weiteres In- diz dafür, dass die deutsche Seite die Weihnachtsansprache durchaus als Pro- test gegen die nationalsozialistische Ju- denverfolgung aufgefasst hat, gilt, dass Außenminister Joachim von Ribbentrop Papst Pius XII. Vergeltungsmaßnahmen androhen ließ, sollte der Heilige Stuhl sei- ne neutrale Haltung aufgeben. Nach Ansicht des Potsdamer Histori- kers Thomas Brechenmacher stand hin- ter dem Bemühen des Papstes um eine überparteiliche Haltung die Überzeu- gung, dass der Heilige Stuhl seine „univer- sale Friedens- und Liebesmission“ nur dann erfüllen könne, wenn er sich von kei- ner der Krieg führenden Mächte verein- nahmen lasse. Auch Saul Friedländer, ei- ner der prominentesten Kritiker Pius’ XII., gesteht zu, dass das Verhalten dieses Papstes durchaus vernünftig erscheine, wenn man die katholische Kirche als poli-

tische Institution ansehe, die Rücksicht auf ihre Interessen nehme. Betrachte man sie jedoch als moralische Autorität, deren Aufgabe es sei, moralisches Zeug- nis abzulegen, dann müsse man zu einem anderen Ergebnis kommen. Die Forschung nennt eine Reihe von Motiven Pius’ XII. für den Verzicht auf ei- nen öffentlichen Protest gegen die natio- nalsozialistische Judenvernichtung. Das am besten dokumentierte Motiv war die Sorge des Papstes, dass ein solcher die Lage der Verfolgten nur verschlimmert hätte. Im April 1943 antwortete Pius XII. dem Berliner Bischof Konrad Preysing, der ihn gebeten hatte, angesichts der De- portationen aus Berlin für die Juden einzu- treten. Der Papst schrieb, einer der Grün- de, warum er sich mit seinem Protest zu- rückhalte, sei, Schlimmeres zu verhindern („ad maiora mala vitanda“). Er sah sich in seiner Sorge durch das Beispiel der Nieder- lande bestätigt; das gestehen auch seine Kritiker ein. So war die dortige katholi- sche Kirche die einzige in den von Deut- schen besetzten Staaten, die öffentlich ihre Stimme erhoben hat, um gegen die Deportation von Juden zu protestieren. So gingen die deutschen Besatzer nach der Verlesung eines Hir tenwortes der katholi- schen Bischöfe gegen die Deportationen der niederländischen Juden im Juli 1942 auch gegen katholisch getaufte Juden vor, die bis dahin verschont worden waren. Die Haushälterin von Pius XII., Pasqali- na Lehnert, berichtet in ihren Erinnerun- gen, der Papst habe im August 1942 einen bereits vorbereiteten Protest gegen die Ju- denvernichtung verbrannt, der am folgen- den Tag im „Osservatore Romano“ hätte erscheinen sollen. Der Grund dafür war,

dass er aus der Presse von der deutschen Reaktion auf den Protest der niederländi- schen Bischöfe erfahren hatte. Unterschiedliche Auffassungen beste- hen in der Forschung jedoch darüber, ob ein päpstlicher Protest tatsächlich zu ei- ner Verschlimmerung der Lage geführt hätte. Kritiker Pius’ XII verweisen biswei- len zwar auf die Predigten des Münstera- ner Bischofs Clemens August Graf von Galen, die 1941 zu einer vorübergehen- den Unterbrechung des nationalsozialisti- schen Euthanasie-Programms geführt ha- ben. Da es aber keine Präzedenzfälle gibt, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sa- gen, wie die Nationalsozialisten auf einen scharfen öffentlichen Protest des Papstes reagiert hätten. Letztlich geht es in der Debatte über das angebliche Schweigen Pius XII. um die Frage, „in welcher Weise ein Papst kraft seines Amtes verpflichtet ist, gegen die Verletzung elementarer Menschen- rechte, wie dem Völkermord im Zweiten Weltkrieg, Zeugnis abzulegen“, wie es der Bonner Historiker Konrad Repgen – ein entschiedener Verteidiger Pius’ XII. –vor vierzig Jahren formuliert hat. Ist es legitim, dass ein Papst angesichts eines solchen Verbrechens im Sinne einer Ver- antwortungsethik die Folgen seines Han- delns für seine eigene Institution und auch für jene, die seiner Hilfe bedürfen, abwägt? Oder ist es vielmehr seine Pflicht, das moralische Zeugnis in den Vordergr und zu stellen? Im Vatikani- schen Geheimarchiv dürften darauf auch nach dem 2. März 2020, wenn alle Doku- mente aus dem Pontifikat von Pius XII. zu- gänglich gemacht werden, keine Antwor- ten zu finden sein.

gänglich gemacht werden, keine Antwor- ten zu finden sein. Zuzana Č APUTOV Á Foto dpa Mobilisiert

Zuzana ČAPUTOVÁ

Foto dpa

Mobilisiert

Auf Slowakisch, aber auch in den Min- derheitensprachen der Ungarn, Tsche- chen, Ruthenen und Roma dankte Zuza- na Čaputová am Samstagabend in der alten Markthalle von Pressburg (Brati- slava) ihren Anhängern und Unterstüt- zern. Die skandierten ihren Vornamen und jubelten in Sprechchören der Frau zu, die die Stichwahl für das Amt des Präsidenten deutlich gewonnen hatte und die künftig als erstes weibliches Staatsoberhaupt die Slowakei repräsen- tieren wird. Das Verbindende her vorzu- heben war ebenfalls das Motiv ihrer kurzen Ansprache. Sie wolle auch für die da sein, deren Vertrauen sie bislang noch nicht gewonnen habe. Ihr Wahler- gebnis zeige, dass es gelingen könne, den „Damm“ zwischen Konservativen und Liberalen zu überwinden. Noch vor wenigen Monaten war die 45 Jahre alte Rechtsanwältin weithin unbekannt gewesen. Die Partei „Pro- gressive Slowakei“, zu deren Vizepräsi- dentin sie Anfang 2018 gewählt wurde, ist neu und (noch) nicht im Parlament vertreten. Sosehr ihre Wahl also eine politische Sensation ist, so wenig war sie nun nach der ersten Runde der Präsi- dentenwahl noch eine Überraschung. Aus der war sie vor zwei Wochen mit ei- nem gewaltigen Vorsprung her vorge- gangen. Mit 40 Prozent hatte sie mehr als doppelt so viele Stimmen erhalten wie Maroš Šefčovič, der Kandidat der Regierungspartei Smer, der sich nur knapp in die Stichwahl hatte retten kön- nen. Die Frage, ob sie diesen Vor- sprung auch ins Ziel würde retten kön- nen, ist nun beantwortet: Sie konnte. Čaputovás Präsidentschaft wird ein Experiment sein in einem Land, in dem Kirchenbindung, traditionelle Werte und konservative Ansichten bis- lang als prägend galten und auch von den Repräsentanten der als sozialde- mokratisch firmierenden Smer zumin- dest verbal hochgehalten wurden. In den Diskussionsrunden vor der Wahl erregte Čaputová unter anderem damit Aufsehen, dass sie die Adoption von Kindern durch homosexuelle Paare be- fürwortete – eine Haltung, die auf star- ke Kritik der katholischen Kirche stieß. Dass nun eine Mehrzahl der Slo- waken diese Positionen ebenfalls unter- stützen, wird man wohl weniger aus dem Wahlergebnis ableiten können als dass sie einer Kandidatin dafür Re- spekt zollten, eine Haltung zu vertre- ten, die gewiefte Spin-Doktoren als „tödlich“ bezeichnen würden. Čaputová, geschiedene Mutter zwei- er Töchter, ist liiert mit dem Fotografen und Musiker Petr Konečný, den sie im Wahlkampf als ihre große Stütze be- zeichnete. In ihrer Heimatstadt Bratisla- va hat sie an der Comenius-Universität Jura studiert und als Rechtsanwältin praktiziert. Ein Schwerpunkt lag bei Umweltfragen. So focht sie letztlich er- folgreich in Bürgerinitiativen und Ge- richtsverfahren gegen eine Mülldepo- nie. In einer NGO setzte sie sich mit an- deren dafür ein, Amnestien aufzuhe- ben, die der einstige starke Mann der Slowakei, Vladimír Mečiar, einst durch- gesetzt hatte. Da lernte sie bereits die Möglichkeiten kennen, die Bevölke- rung zu mobilisieren: 2017 wurden für eine Petition 76000 Stimmen gesam- melt, daraufhin ließ das Parlament die Amnestie fallen. Nun konnte sie eine Million Stimmen auf sich vereinigen.

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Feuilleton

MONT AG , 1 . A PRIL 2019 · NR . 77 · SEITE 11

Den Heuchelhof stürmen Apodiktiker in der Klemme: Anna Lenk inszeniert am Deutschen Theater in Berlin
Den Heuchelhof stürmen
Apodiktiker in der Klemme: Anna Lenk inszeniert am Deutschen Theater in
Berlin den „Menschenfeind“ von Molière mit Ulrich Matthes in der Hauptrolle
und einer lächelnden Kanzlerin im Publikum.

Schluss mit der falschen Rücksicht auf angepasstes Gerede und ab durch die Mitte: Der Menschenfeind (Ulrich Matthes, Zweiter von links wie rechts), Manuel Harder (links) und Lisa Hrdina

Foto Arno Declair

D ie Menschen könnten bes- ser sein. Sie könnten die sein, die sie sind, das re- den, was sie denken, und das Geklatsche lassen und

die falschen Sprüche. Die Menschen könnten besser sein, ihr Herz öffnen, die Masken ablegen und die Ver- beugungen nicht so tief machen. Nicht im- mer tausend Freunden um den Hals fal- len und keinen davon wirklich kennen, nicht nur die Prominenz umschwärmen, sich an der eigenen Eitelkeit erfreuen. Was aber, wenn die Menschen nun so sind? Wenn all das angeborene Schwä- chen wären, die sich nicht wegerziehen lassen? Was dann? Ja, was dann, Frau Merkel? Die Bundes- kanzlerin sitzt im Parkett rechts hinten und putzt die Brille. Kein Lachen kommt aus ihrem Mund, höchstens ein leises Lä- cheln läuft um ihre Lippen. Sie ist ganz Herrscherin, ganz das, was in dem vorge- führten Stück noch Hof heißt, Zentrum der Macht. So weit entfernt liegt das Berli- ner Kanzleramt am Ende vielleicht gar nicht von Versailles, die 1000 Mitarbeiter, die hier inzwischen dienen, die vielen neu- en Zuständigkeiten und eigenen Rechte schwächen die Macht des Parlamentes und erinnern von ferne an Bismarck, wie der Staatsrechtler Florian Meinel schreibt. Aber es geht nicht um den Staat an diesem Abend, es geht um die Gesellschaft. Dar- um, wie falsch und verlogen sie ist. Wenn drei in einem Raum sind, lügt immer ei- ner. Einverständnis herrscht nur, wenn man über eine andere herzieht, einen an- deren mit Dreck beschmeißt. Nur einer

will sich dem giftigen Comment nicht beu- gen: Alceste, der Menschenfeind. Ihm platzt der Kragen bei jedem heuchleri- schen Wort, das seine Umwelt an ihn rich- tet. Die Lüge macht ihn wütend, das Sich- Verstellen wild. Die Menschen reizen sei- ne Galle, mit strengem Ernst beschwört er Wahrheit und Tugend: „Ein Freund für alle ist kein Freund für mich.“ Dumm nur, dass gerade er verliebt ist in eine junge Witwe, die nichts lieber hat als Klatsch und Tratsch. Die ihre Tage da- mit verbringt, den einen gegen den ande- ren auszuspielen, schlecht über ihre Freundinnen zu reden und ihre Gäste vom Abend zuvor bei denen am nächsten Morgen in Verruf zu bringen. Dass sie, Cé- limène, von einer ganzen Schar von fal- schen Fuffzigern und bösen Blendern um- schwärmt wird, treibt den Menschenfeind in den Wahnsinn. Ganz grau ist sein wu- scheliges Haar schon geworden vor lauter Sorge um die Moral seiner Angebeteten. Er weiß, er liebt eine böse Seele, aber ihre Augen, ihr Mund sind doch so schön Ulrich Matthes spielt einen Apodiktiker in der Klemme: Jedem hergelaufenen Mar- quis oder betulichen Dichterkönig ist er be- reit, die beleidigende Wahrheit ins Ge- sicht zu sagen, aber bei seiner Geliebten lässt er ein ums andere Mal Gnade vor Mo- ralrecht ergehen. Er kann sie nur tadeln, nicht von ihr lassen. Vom ersten Moment an hin- und hergerissen steht Matthes mit gestutztem Bart und stechenden Augen auf der halbschrägen Bühne und bohrt mit nach untem gestreckten Zeigefinger War- nungen in die Luft. Er ist einer, dessen Name nicht in Wasser, sondern in Beton

geschrieben ist, und zwar in Paragraphen- form. Unerbittlich läuft er mit dem Kopf gegen die Wand. Seinen Gerichtsprozess will er unbedingt verlieren, damit die Welt einsieht, wie schlecht sie ist, jedem Schmeichler heftig vors Schienbein treten, um als einziger Gerechter dessen Hass auf sich zu ziehen. Wenn Oronte, ein einfluss- reicher Günstling am Hof, ihm, dem aner- kannten Dichter, seine schrägen Verse vor- trägt, dann sucht er gar nicht erst nach aus- gewogenen Worten, sondern knallt ihm ganz unsortiert seinen Widerwillen vor die Füße. Timo Weisschnur gibt den Belei- digten als einen hüftschwingenden Dummkopf mit Tennissocken und bestick- tem Trainingsanzug. Er bleibt hier nur un- terhaltsam karikierende Charge, denn sei- ne Racheaktion gegen Alceste, dem er im Original einen „verfassungsfeindlichen“ Text anhängen will, ist gestrichen. Gespielt wird Molières Komödie in der gereimten Übersetzung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens, die anständig ist, aber nicht so boulevardesk-schillernd wie etwa die Übersetzung von Hans Magnus Enzensberger. In seinem Nachwort hatte der 1978 geschrieben, dass „die Party, die am Abend des 4. Juni 1666 auf der Bühne des Theaters vom Palais-Royal begann, immer noch andauert, und dass sich das Verhalten der Gäste nur in unerheblichen Äußerlichkeiten verändert hat. Dreihun- dert Jahre lang ist sich die middle class auf wahrhaft niederschmetternde Art und Weise gleichgeblieben.“ Auf diese über- zeitliche Wirkung zielt auch die text- und bildpräzise Regie von Anne Lenk. In die von Florian Lösche gebauten Guckkasten-

bühne, die Wände aus elastischen, dün- nen Gummibandstreben hat, lässt sie ihre Protagonistinnen und Darsteller treten wie in einen Käfig oder eine Gefängniszel- le. Sie alle haben einen eigenen Affekt, ein besonderes Gemütskennzeichen. Vor allem für Célimène interessiert sich Lenk. Franziska Machens tritt als elfenhaft ver- schmitzte Hausherrin in Strumpfhose und einem ausgefallenen Oberteil auf, das ihre kalte nackte Schulter deutlich zeigt (für die phantasievollen, nach der Mode einer ungefähren Zwischenzeit ge- schneiderten Kostüme verantwortlich: Si- bylle Wallum). Die Männer begehren sie nicht zuletzt, weil sie so leichtfertig wirkt, alles geschehen und sich doch auf nichts einlässt. Diese schöne Frau spielt und spielt und lächelt souverän dabei. Nur ih- rem verzweifelten Verehrer Alceste begeg- net sie im kühlen, beinahe hanseatischen Ton der herablassenden Verachtung. Lenk inszeniert Molières „Misanthrop“ als eine sprühende, unterhaltsame Gesell- schaftskomödie, die ihre identifikatori- sche Wirkung über die Epochen hinweg entfaltet. Ein bisschen Diskolicht und Technobässe kommen zwar vor, um Ge- genwärtigkeit zu markieren, aber im We- sentlichen kommt die Regisseurin ohne Fingerzeige und Referenzen aus. Heraus- ragend in Szene gesetzt ist das Frauen- duell zwischen Célimène und ihrer Kon- kurrentin Arsinoé, die Judith Hofmann als in die prüden Jahre gekommene Ma- trone mit großer Grandezza gibt. Wenn ihre junge Opponentin sie mit Anspielun- gen auf ihre amouröse Erfolglosigkeit är- gert, kreischt sie empört: „Ich könnte

auch einen Liebhaber haben.“ Und am Ende, wenn sie ihre Widersacherin zur Strecke gebracht hat und doch immer noch vom heimlich verehrten Alceste ver- schmäht wird, geht sie fauchend ab wie eine gekränkte Furie. Für einen wirkli- chen Geschlechterkampf sind die Männer hier zu schwach, vor allem Alceste, der bald nicht mehr aufrecht geht, sondern nur noch nach vorne stürzt, der groß redet und trumpft, aber sogar nach der größten Erniedrigung noch seinen zitternden Mund auf den nackten Rücken seiner Ge- liebten drücken will. Wie ein wilder Wolf bäumt er sich noch einmal auf, fletscht die Zähne und wehrt sich gegen seine Rol- le als alter Mann, der von der jungen Schö- nen missachtet wird. Und dann, endgültig gedemütigt, wendet er sich der Nächstbes- ten zu (geradeheraus: Lisa Hrdina als Éli- ante), um ihr im nun angepasst hässlichen

Ton mitzuteilen, das s er sie wirklich nicht lieben kann. Das ganze Stück scheint hier wie ein Wettkampf um die verletzendsten Worte. Jeder will den anderen in Scham- losigkeit überbieten. Aber die Siegerin ist am Ende allein die angeblich Vorgeführ- te. Alceste, den Molière bei der Premiere selbst gespielt hat, fällt als alter Mann, den die Liebe würdelos gemacht hat, zu- rück gegen die wabernden Gummistäbe. Nichts hält hier mehr. Alles ist lose. „Das, was alle denken, denkt er gerade nicht“, so war er eben noch vorgestellt worden. Jetzt liegt sein Querkopf zerschlagen am Boden. Ein kurzer Seitenblick in die hinte- re Reihe und im Halbdunkel schien es so, als würde die Kanzlerin jetzt doch einmal

kurz lachen.

SIMON STRAUSS

Punkrock im Namen des großen Melancholikers

Aus dem unruhigen Mitteleuropa: Eine Verneigung vor Milan Kundera, der heute neunzig Jahre alt wird / Von Jaroslav Rudiš

Die Bibliothek meiner Eltern steht im Wohnzimmer. Nebeneinander schlafen hier die zerlesenen Klassiker der Weltlite- ratur von Dostojewski, Hemingway und Hašek, Kochbücher aus Böhmen, Mähren und aus der Slowakei, großformatige Bild- bände, die an Urlaubsreisen im Riesenge- birge, in der Hohen Tatra und an der Ost- see erinnern, und natürlich ein paar Bü- cher zur Geschichte und zur Eisenbahn. Doch wenn man eins dieser Bücher aus dieser Wand herausnimmt, eröffnet sich eine zweite, geheimnisvolle Welt. Aus dem Schatten treten die Romane und Er- zählungen von Ivan Klíma, Josef Škvore- cký oder Pavel Kohout. Allesamt besonde- re Ausgaben aus den Sechzigern, aus der viel zu kurzen Zeit des Prager Frühlings. Der Winter danach verbannte die Bücher und deren Autoren in dieses Versteck. Auch von Milan Kundera, der heute sei- nen neunzigsten Geburtstag feiert, findet sich hier bis heute noch ein Titel, „Das Buch der lächerlichen Liebe“, eine Samm- lung seiner ersten Erzählungen, die er zwi- schen 1963 und 1968 geschrieben hat. Sei- ne Geschichten mussten nach dem Ein- marsch der Sowjets im August 1968 aus den Buchhandlungen und Bibliotheken verschwinden und wurden vernichtet. Zu regimekritisch, zu dekadent, zu erotisch, zu individualistisch und zu verführerisch waren sie für die prüde, graue, eiskalte Zeit der sogenannten Normalisierung des „Präsidenten des Vergessens,“ wie Kunde- ra den späteren Parteiführer und Präsiden- ten Gustáv Husák in seinem Roman „Das Buch vom Lachen und Vergessen“ nannte. Kundera schreibt gegen dieses Verges- sen an. Und in seinen Geschichten kehrt er immer wieder in unser unruhiges Mittel- europa der ewigen Zusammenbrüche und

Umstürze zurück, und das nicht nur in sei- nem bekanntesten Roman „Die unerträgli- che Leichtigkeit des Seins“ (1984), der in Tschechien offiziell erst 2006 erschienen ist, in einer von Kundera nachbearbeite- ten Fassung. Nur die wenigsten hatten die Chance, gleich an die kleine Erstausgabe von 1985 aus dem Exilverlag „68 Publis- hers“ von Kunderas Freund Josef Škvore- cký in Toronto zu kommen. Andere lasen das Buch zuerst auf Englisch, Polnisch oder Französisch. Oder auf Deutsch, so wie ich. Doch das erst viel später. Ich weiß noch ganz genau, wie ich „Das Buch der lächerlichen Liebe“ zum ersten Mal in den Händen hielt. Es war im Som- mer 1989. Damals bin ich gerade siebzehn geworden. Über Böhmen flüchteten die Ostdeutschen nach Ungarn und dann wei- ter über die offenen Grenzen nach Öster- reich, und ich war unglücklich verliebt. Am Abend betrunken und am Morgen ver- katert. Und dann reiste ich zusammen mit Kunderas tragikomischen Helden in Weh- mut und Trauer. Es heilte mich. Ich trank Sliwowitz mit der schönen Klára in der Er- zählung „Niemand wird lachen“ und muss- te dabei doch lachen, ich saß im Café mit Martin, diesem traurigen Angeber und Pseudomacho, der nur von „Kontakttage“ und „Registrage“ besessen ist, wenn er eine schöne Frau sieht, und dabei nicht merkt, dass er schon viel zu alt und ziem- lich lächerlich ist. Ich sah bei Alice „die fik- tive Linie, die auf der Höhe des Bauchna- bels gezogen war und die Sphäre der Un- schuld von der Sphäre der Unzucht trenn- te“. Ich trank weniger und lernte viel von seinem ironischen Abstand, mit dem er die Welt beschreibt. Dann kam der Herbst. Die Ostdeut- schen drängten in die Prager Botschaft

Herbst. Die Ostdeut- schen drängten in die Prager Botschaft Milan Kundera Foto dpa der Bundesrepublik, und

Milan Kundera

Foto dpa

der Bundesrepublik, und ich las kurz vor dem Mauerfall seinen Roman „Der Scherz“ von 1967, den ein Freund von mir in der Dunkelheit der zweiten Reihe der Hausbibliothek seiner Eltern fand. Ein großartiges Buch über die düsteren Jahre des Stalinismus in der Tschechoslo- wakei. Über den nach dem Kriegsgräuel vielleicht verständlichen, doch gefährli- chen, schrecklich naiven Optimismus der jungen Kommunisten, zu denen Kundera kurze Zeit gehörte, bevor er aus der Par- tei rausgeschmissen wurde. Über die Ge- nossen, die auf den Straßen für Stalin und Gottwald tanzten und sangen und fröhlich lachten und doch keine Scherze verstanden. Ein Roman über eine späte Rache im Bett.

Ja, Kunderas Bettszenen: Die oft ge- spielte Unsicherheit der Frauen und der lä- cherliche Machismus der Männer, das ko- mische, zögernde Ausziehen, die Treue und der Betrug, die Scham und die scheu- en Blicke, die Lust und die Peinlichkeit und die Leere nach dem Liebesakt, alles fließt bei Kundera zusammen in ein einzi- ges großes tragikomisches Gemälde. Und irgendwo spielt immer Musik, und drau- ßen rollen die sowjetischen Panzer. Jahre später, nachdem ich die ersten Ge- schichten und Romane von Kundera las, saß ich in der deutschen Hauptstadt, schau- te aus dem Fenster auf ein schwarzes, abge- branntes Haus und schrieb an meinem ers- ten Buch „Der Himmel unter Berlin“. Auf meinem Tisch lag „Das Buch der lächerli- chen Liebe“. Ich war wieder unglücklich verliebt und schrieb an meiner Geschichte über einen jungen Tschechen, der hofft, sich in Berlin neu zu finden, so wie ich ge- rade hoffte, mich selbst neu zu finden und dabei etwas von der Leichtigkeit des Erzäh- lens bei Kundera zu haben. Von seinem ru- higen, distanzierten und doch so lebendi- gen Erzählton. Von seinem einzigartigen Spiel zwischen Ironie und Melancholie. Von der Musikalität seiner Sprache. Und so kam es dazu, dass meine Hel- den eine Band namens U-Bahn gründen, die Punkrock spielt und neben den Ramo- nes oder Sex Pistols auch Kundera als eins ihrer großen Vorbilder hat. Und die auf die Plakate schreiben „U-Bahn und die unerträgliche Bitterkeit des Seins“ und sich dabei Anerkennung und viele weibliche Fans, die Kunderas Bücher lie- ben, erhoffen. Der Sänger Pancho Dirk versucht es zwischen den Konzerten im- mer wieder mit „Kontakttage“ und er- gänzt es noch um „Montage“, „Demonta-

ge“ und „Stand-by“, doch auch er ist zum Scheitern verdammt. Und auch bei meinem Roman „Winter- bergs letzte Reise“, der vor einem Monat erschienen ist, musste ich an Kundera denken. Vor allem an unser Mitteleuropa zwischen West und Ost, das wieder zu ver- schwinden droht. An unser Mitteleuropa, das im Westen gerade wieder vergessen wird – denn was ist es schon anderes als ein Vergessen, wenn man über uns schon wieder fast nur als Osteuropa spricht und schreibt? Kundera verließ 1975 die Tschechoslo- wakei, ging nach Paris und schrieb die letzten Romane auf Französisch. Dar- unter auch „Die Unwissenheit“, eines sei- ner schönsten, melancholischsten Bücher über die Unmöglichkeit der Rückkehr aus dem Exil, über das Leben zwischen zwei Welten und zwei Sprachen. Sein Sprach- wechsel hat mich ermutigt. So habe ich jetzt meinen ersten Roman auf Deutsch verfasst. Milan Kundera lebt heute zurückgezo- gen in Paris. In der Bibliothek meiner El- tern verstecken sich die Bücher von ihm, Pavel Kohout oder Ivan Klíma immer noch in der zweiten Reihe. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht liegt es an der unruhi- gen Atmosphäre in Mitteleuropa, vor al- lem in den ehemaligen Ostblockstaaten, die gerade wieder von Moskau ins Visier genommen werden. Mein Vater paraphra- siert dabei gern den Švejk. Er sagt immer, die Lage an der Front ändert sich in jedem Augenblick. Was bleibt, ist die Hoffnung. Und das Erzählen und die Bücher in unse- rer Schatztruhe. Auch die tollen Romane von Milan Kundera.

Jaroslav Rudiš, Jahrgang 1972, ist Schriftsteller und Dramatiker. Zuletzt erschien von ihm der Roman „Winterbergs letzte Reise“.

April, April?

G estern war nicht der 1. April. Und doch konnte man denken, es sei

so. Denn da rief der Facebook-Grün- der Mark Zuckerberg nach mehr Ein- flussnahme von „Regierungen und Re- gulierungsbehörden“ auf das Netz. „Re- guliert das Internet!“ war die deutsche Version seines Artikels in der Frankfur- ter Allgemeinen Sonntagszeitung über- schrieben, der auch in der „Washing- ton Post“, dem „Journal du Diman- che“, dem „Sunday Independent“ und „La Stampa“ erschien. Mark Zucker- berg ruft nach mehr Recht und Gesetz im Internet? Das kann doch nur ein vorgezogener Aprilscherz sein. Oder zieht Facebook die Lehre aus Pleiten und Pannen und der Kritik an seinem Datenmissbrauch? Sitzt dem Konzern der Schock in den Knochen über das im Netzwerk millionenfach hochgela- dene Video, in dem der Massenmörder von Christchurch sein Massaker live übertrug? 1,5 Millionen Mal habe man die Aufnahme gelöscht, teilte Face- book mit, und doch nicht ganz verhin- dern können, dass sie sich verbreitete. Kommt nun die Moral von der Ge- schichte? Mitnichten. Auf das Attentat geht Zuckerberg gar nicht ein. Er ver- mittelt vielmehr den Eindruck, er sei zwei Schritte voraus. Er will, dass man sich um die Bekämpfung von Terror- propaganda und Hassrede kümmert, et- was gegen Falschinformationen unter- nimmt, Datenschutz und Privatsphäre und „Datenportabilität“ sichert. Bei all- dem müsse man Unternehmen in die Verantwortung und sich in puncto Da- tensicherheit ein Vorbild an der Euro- päischen Datenschutzgrundverord- nung nehmen, sagt der Chef des Kon- zerns, der die Nutzer seines Netzwerks überwacht und Daten auch von Nicht- nutzern absaugt wie kein zweiter. Nur im letzten seiner vier Punkte für ein „neues“ Internet klingt Zuckerberg wie er selbst. „Datenportabilität“ bedeutet nämlich, dass Daten von einem Dienst zum nächsten wandern können. Das soll angeblich kleinen Firmen nutzen, in Wahrheit braucht Facebook dies für die Integration seiner Dienste Whats- app und Instagram, womit sich der Konzern gegen eine Zerschlagung wappnet, wie sie von linken Demokra- ten in den Vereinigten Staaten inzwi- schen gefordert wird. Aber alles ande- re, klingt das nicht gut? Könnte es nicht ein Hilferuf sein an die Politik? Wir werden der Geister, die wir herauf- beschworen haben, nicht mehr Herr? Mitnichten. Bei genauer Lektüre stellt sich Zuckerbergs Aufruf als Danaer- geschenk heraus. Denn was ihm vor- schwebt, ist eine globale Verabredung für das Internet. Er sei „überzeugt, dass anstelle nationaler Regulierungen ein gemeinsamer globaler Rahmen not- wendig ist, um eine Fragmentierung des Internets zu verhindern, damit Un- ternehmer nützliche Produkte entwi- ckeln können und alle Menschen den gleichen Schutz erhalten.“ Merkt je- mand, wo der Hase langläuft? „Anstel- le nationaler Regierungen“, „nützliche Produkte entwickeln“, „gleicher Schutz“? Das klingt so, als gehe es dem Facebook-Chef vor allem darum, die Politik, die gewählten Regierungen und gewählten Volksvertreter, mit ei- nem Ausblick in die ferne Zukunft von konkreten Schritten in der Gegenwart abzuhalten. Wie es in der Digitalpoli- tik währenddessen wirklich zugeht und wie die Netzkonzerne tatsächlich agieren, konnte man in der Auseinan- dersetzung um die EU-Urheberrechts- novelle gerade sehen. Der Ausruf „Re- guliert das Internet!“ ist also, liest man die Betriebsanleitung, in der Tat kein Aprilscherz, sondern erscheint als die nächste große Nebelkerze. Wie er das genau meint mit der „aktiveren Rolle von Regierungen und Regulierungs- behörden“ könnte uns Mark Zucker- berg, der vor dem Europäischen Parla- ment und dem amerikanischen Kon- gress so schön nichts sagte, allerdings kommende Woche direkt erläutern. Da weilt er dem Vernehmen nach näm- lich in Berlin. Kein Aprilscherz. miha.

Kolonialgeschichte

Aufklärung im St Johns College

St John’s College, Oxford, hat einen zweijährigen Posten geschaffen für die Erforschung seiner Verbindungen zur britischen Kolonialgeschichte. Der Schritt kommt vier Jahre nachdem die Bewegung „Rhodes Must Fall“, welche die Entfernung der Statue von Cecil Rhodes von seinem ehemaligen College Oriel und die „Entkolonialisierung“ der Lehrpläne forderte, die Universität Ox- ford unter Druck setzte. In der Stellen- ausschreibung führt das St John’s aus, dass das Nachdenken über die Folgen der institutionellen Verstrickung in die imperialen Programme der Vergangen- heit ein internationales Anliegen gewor- den sei. Trotz der engen Verknüpfung zum Empire habe jedoch keines der Col- leges von Oxford und Cambridge seine Beteiligung ernsthaft untersucht. Wil- liam Whyte, der das Projekt als Profes- sor für Sozial- und Architekturgeschich- te und Vizepräsident von St John’s lei- tet, äußerte die Hoffnung, dass das Pro- jekt auch anderen Colleges als Modell dienen könne für die Aufarbeitung ih- rer Vergangenheit. G.T.

SEITE 12 · MONTAG, 1. A PRIL 2019 · NR. 77

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Krimi

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG

Die Ruinen einer Familie

Dolores Redondo blickt in die Abgründe Galiciens

Ein gewisser Jim Hawkins reichte im Jahr 2016 ein Manuskript namens „Die Sonne von Theben“ für den spanischen Premio-Planeta-Literaturpreis für unver- öffentlichte Romane ein und gewann die hochdotierte Auszeichnung. Schnell stellte sich heraus, dass sich hinter dem Pseudonym die Bestsellerautorin Dolo- res Redondo verbarg. „Die Sonne von Theben“ heißt auch der Roman, den der überaus erfolgreiche Schriftsteller im Mittelpunkt ihrer neuen Geschichte schreibt. Dessen Ehemann kritisiert den Entwurf, doch Manuel Ortigosa schüt- telt den Einwand ab; das neue Buch sei eben, was seine Leser von ihm erwarten. Aber die Kritik dringt vor zu seinem Kern: Er ringt mit sich, um die Gründe und die Ziele seines Schreibens. In diesen Metapassagen kann man nicht umhin, in Ortigosa die Schriftstelle- rin Dolores Redondo selbst zu sehen, die mit „Alles was ich dir geben will“ den ers- ten Roman seit ihrer Baztán-Trilogie vor- legt. Die Bücher waren ein großer Er- folg, der Produzent von Stieg Larssons „Millennium“-Adaptionen hat den ers- ten Teil inzwischen verfilmt. Der „Sonne von Theben“ jedenfalls ist kein langes Leben beschieden. Polizisten unterbrechen Ortigosas Schreibklausur und teilen ihm mit, dass sein Ehemann Álvaro tödlich verunglückt sei. In den fol- genden zwei Wochen wird er nicht nur mit der Vermutung konfrontiert, dass es sich bei dem Unfall aller Wahrscheinlich- keit nach um einen Mord handelt, son- dern auch mit der Tatsache, dass Álvaro ein geheimes Doppelleben führte, Spross einer alten Adelsfamilie war und den Titel eines Grafen trug. Wie die vorherigen Romane Redon- dos ist auch „Alles was ich dir geben will“ lokal verwurzelt. Diesmal jedoch nicht im Baskenland, sondern im ländli- chen Galicien, wohin sich der gebürtige Madrilene sofort aufmacht, um sich in ei- ner unerwarteten Dreieckskonstellation wiederzufinden. Gemeinsam mit einem pensionierten Polizisten und Álvaros Beichtvater bemüht er sich, die Umstän- de des Todesfalls aufzudecken, und stößt dabei auf Widerstände mit jahrhunderte- alter Tradition. Geschickt etabliert Re- dondo im ersten Viertel ihres Romans den Eindruck einer Region in der Hand einflussreicher Mächte: Verbindungen zur katholischen Kirche, ein Adelstitel und während der Franco-Diktatur ange- häufter Reichtum gewährleisten hier eine selbstverständliche Immunität. Dass Standesdünkel und passive Gott- ergebenheit auch über Álvaros Tod hin- aus in der Gegend omnipräsent sind, ver- mittelt Redondo in zahlreichen schein- bar nebensächlichen Szenen. Wenn sie etwa den Polizisten über die „galicische Tristesse“ schimpfen lässt, die Unart der Leute, alle Gebäude nur zur Hälfte fertig zu bauen. Gleichzeitig ist „Alles was ich dir geben will“ aber auch eine Liebeser- klärung an die Region, an die Land- schaft, die traditionsreiche, schwere kör- perliche Arbeit der Weinbauern an den Steilhängen der Ribeira Sacra. In dieser ursprünglichen Natur findet Redondo starke Metaphern und Symbo- le für ihre Geschichte. Etwa die von ei- nem Stausee gefluteten Dörfer, deren aus den Untiefen aufragenden Überreste an die Menschruinen der Adelsfamilie er- innern, in der jahrzehntelanges Schwei- gen irgendwann zwangsläufig zur Kata- strophe führt. Quer dazu stehen die drei Protagonisten: Während Redondo an- fangs noch latente Homophobie von der einen und städtische Arroganz gegen- über der Provinz auf der anderen Seite thematisiert, rauft sich das Trio bald zu- sammen, lacht und weint miteinander.

Die Autorin ist stark, wenn es darum geht – so rechtfertigen sich auch die stol- zen sechshundert Seiten –, nuanciert die Auseinandersetzungen ihrer Figuren un- tereinander und mit ihren eigenen Dä- monen zu entfalten, kleinste Verschie- bungen in ihrer Weltsicht nachzuvollzie- hen. Aber ausgerechnet in den Span- nungsspitzen liegen ihre Schwächen. In der Eleganz ihrer Plotstrukturen mag Do- lores Redondo an ihr offensichtliches Vorbild Agatha Christie heranreichen. Mit deren sprachlichem Timing und Rhythmusgefühl kann ihre Familiensaga aber nicht mithalten. So behält sie etwa durchgängig einen stark deskriptiven, ge- legentlich langatmigen Tonfall bei. Wenn es um Beschreibungen eines idyllischen Gartens geht, mag das tat- sächlich dabei helfen, die Parameter der geschilderten Welt zu verstehen, bei ei- ner Vergewaltigung wirkt es eher unnö- tig voyeuristisch. Und wer sich erst be- müht, die Untaten seiner Figuren behut- sam aus psychologischen oder kulturel- len Gegebenheiten heraus zu entwi- ckeln, und dann die Täter unreflektiert als „Monster“ bezeichnet, nimmt seine gedanklichen Abkürzungen an den fal-

schen Stellen.

KATRIN DOERKSEN

fal- s c h e n S t e l l e n . KATRIN DOERKSEN

Dolores Redondo:

„Alles was ich dir geben will“. Roman.

Aus dem Spanischen von Lisa Grüneisen. btb Verlag, München 2019. 608 S., geb., 22,– €.

Diese Frau muss man kennen Harry Bingham hat mit Fiona Griffiths eine Ermittlerin geschaffen, deren
Diese Frau
muss man
kennen
Harry Bingham hat mit Fiona
Griffiths eine Ermittlerin geschaffen,
deren Fälle zum intelligentesten
und vergnüglichsten Krimistoff
dieser Jahre gehören.

Mal wieder einer dieser Tage, an denen es Detective Sergeant Fiona Griffiths nicht gelingt, den Planeten Normal zu bewohnen.

K ann sich ein mittelalter Mann in eine halb so alte Frau einfühlen, die in ih- rer Jugend am Cotard-Syn- drom litt, einer schweren

psychischen Störung, die dazu führt, dass sich die Betroffenen nicht sicher sind, ob sie am Leben sind oder nicht viel eher tot? Einfühlen in eine Mittzwanzigern, die als Zweijährige auf dem Rücksitz eines Cabrios ausge- setzt wurde und das Glück hatte, dass der Wagen einem Paar gehörte, das als Pflege- eltern ihr Bestes geben würde. In eine jun- ge Polizistin, die ihr Philosophiestudium in Cambridge mit Auszeichnung abge- schlossen hat, und sich nun bei der Kripo von South Wales in Cardiff der Verfol- gung des Bösen widmet, unter gleichzeiti- ger Durchleuchtung der Vergangenheit ih- res Ziehvaters, der ein König der Unter- welt ist. In eine Cannabis rauchende, Pfef- ferminztee trinkende Frau, die gern den „Planeten Normal“ bewohnen würde. Der Mann, der dieses Kunststück ge- schafft hat, heißt Harry Bingham, ist ein englischer Schriftsteller, der sich nach ei- ner Laufbahn bei einer amerikanischen Großbank auf das Schreiben von poli- tisch-wirtschaftlichen Sachbüchern ver- legt hat und nun seit sieben Jahren die Kri- miwelt mit seiner Fiona-Reihe beglückt. In Deutschland verfing der im Blanvalet- Verlag unternommene Anlauf, die Reihe durchzusetzen, nicht. Nun versucht es Ro- wohlt. Dieser Tage erscheint mit „Fiona:

Wo die Toten leben“ der fünfte Band in deutscher Übersetzung. Fiona kennen heißt, sie zu lieben und den Hut zu ziehen vor der Intelligenz und dem Sprachwitz ih- res Erfinders, der sich darauf versteht, spannende und vertrackte Fälle zu kon- struieren, damit sich seine Protagonistin bei weit überdehnter Auslegung ihrer Be-

fugnisse und nicht selten auf eigen Kos- ten körperlich und seelisch komplett ver- ausgaben kann. So etwa als Undercover- Ermittlerin in „Unten im Dunkeln“ (Band 4), in dem sie sich als Buchhalterin in ein Syndikat einschleust, das den ganz großen Abbuchungs-Coup plant. Klingt nach Superheldin, und bedient sich doch nur gewisser Action-Versatz- stücke dieses Genres. Denn Bingham baut immer wieder Schwächeperioden ein, Momente, in denen seine Ich-Erzäh- lerin glaubt, wieder in den Abgrund ih- rer Krankheit zurückzufallen. Ihre Geis- tesmechanik funktioniert nach anderen Gesetzmäßigkeiten als die ihrer „norma- len“ Kollegen. Sie erkennt Zusammen- hänge, wo andere noch nicht einmal ei- nen Fall konzedieren. Ihre Zierlichkeit kompensiert sie mit Willenskraft, Mut und Nahkampftechnik. Die Gesellschaft von Toten schätzt sie und sie lässt sich schon mal über Nacht in der Pathologie einschließen, um ihnen nahe zu sein. Wenn sie ein Date hat, memoriert sie die Spielregeln des Flirtens. Mit dem ersten Band zu beginnen, ist nicht zwingend, aber sinnvoll: Bingham zieht mit jeder Folge die Fäden länger, die sowohl Fionas ungeklärte Abstammung als auch die Fälle untereinander verwe- ben. Eine Konstante bildet dabei die Her- ausforderung, die sie für ihre Vorgesetz- ten darstellt, die aus ihr eine vernünftige Polizistin machen wollen. Im aktuellen Fall geht es um die bislang schönste Lei- che–eine zauberschöne, in einer walisi- schen Dorfkirche aufgebahrte Frau in wei- ßem Sommerkleid mit frischgewasche- nen Haaren und nicht rasierten Beinen, die offenbar einer Herzschwäche erlag. Aber wer hat sie warum dort drapiert, welche Rolle spielen die Mönche eines nahe gelegenen Klosters? Und vor allem:

Wer hat „Carlotta“, wie Fiona sie nennt, schönheitschirurgisch veredelt, und zwar vom Allerteuersten? Die Suche nach ei- nem solchen Meister führt nach Holly- wood und damit zur Identität der Toten:

sie ist die Tochter eines ukrainischen Mul- timillionärs, die entführt worden war. Dass unweit der Kirche vor Jahren eine junge Einheimische verschwand, zwingt Fiona zur Grabungsarbeiten, in deren m Verlauf sie eine Höhle entdeckt – und dann wird es grausam klaustrophobisch. Die Cover sollte man ignorieren, denn das Super-Girl-Signal der Umschläge führt in die falsche Richtung oder bemüht eine Ironie, die in der Schnelldreherwelt der Krimistapel verpufft. Man kann bei Bingham viel lernen über die Routinen des Polizeialltags, das Mahlwerk der Hier- archie („Ja, Sir“), aber auch über die Ge- sellschaft, in der diese in der Gegenwart angesiedelten Romane spielen. Über den Wandel Cardiffs und die uralte Feind- schaft gegenüber den einst die Kelten be- zwingenden Angeln, Jüten und Sachsen, die sich heute Engländer nennen. Der Au- tor ist in Schnittgrößen von aktuellen Jeans-Marken ebenso bewandert wie im Hacken von Betriebssystemen und im Höhlenklettern. Und er schaut Fiona beim Lesen über die Schulter und sieht Bücher des analytischen Philosophen Saul Kripke („Name und Notwendig- keit“) und der Mystikerin Juliana von Nor- wich („Offenbarungen göttlicher Liebe“). Schließlich ist Detective Sergeant Grif- fiths ein überkomplexer Charakter. Als man sie in Folge vier in die Asservaten- kammer versetzt, ist sie kurz davor, einzu- gehen. Nichts schlimmer als „lebensbe- drohliche Langeweile“. Denn sie erkennt stets den großen Bogen, wo andere nur Kennzeichen abgleichen, findet immer das Verbrechen, das zu ihren Leichen

Foto Plainpicture

passt. Auf ihrer ganz privaten Abschusslis- te („Operation April“) stehen fünf wohl- habende Waliser, die fern der Verbre- chenshauptstadt London ein kriminelles Netzwerk aufgebaut haben. Zwei hat sie schon abgeräumt. Dass es nicht einfach ist, die Plausibili- tätskontrolle zu behalten, das zeigt „Wo die Toten leben“ auch. Passagenweise sind die Mittelalter-Bezüge arg gewollt, Umberto Eco ist immer in der Nähe. Aa- ber Harry Bingham fängt die Geschichte elegant wieder ein, geht den Ermittlungs- weg bis zum Ende. Und er lässt Fiona sogar beichten. Von den sieben Todsünden gesteht sie zwei- einhalb – Zorn, Hochmut und ein wenig Neid –, entdeckt aber noch eine achte:

Unaufrichtigkeit: „Ich belüge meine Vor- gesetzten und Freunde und gebe vor, je- mand zu sein, der ich nicht bin. Und das alles mit Vorsatz und in böswilliger Ab- sicht. Ohne Scham oder Reue. Man kann mir nicht trauen.“ Wenn Bingham durchhält, ist er auf dem besten Weg, ein walisisches Sittenpanorama zu malen: Fiona Griffiths im Kreise ihrer Leichen. Nach derzeit gut 2700 von Kristof Kurz und Andrea O’Brien ins Deutsche über- setzten Seiten bleibt nur, eine dringen- de Leseempfehlung aussprechen. Lan- ge nicht mehr so gut unterhalten wor-

den.

HANNES HINTERMEIER

nicht mehr so gut unterhalten wor- den. HANNES HINTERMEIER Harry Bingham: „Fiona: Wo die Toten leben“.

Harry Bingham: „Fiona:

Wo die Toten leben“. Kriminalroman.

Aus dem Englischen von Kristof Kurz und Andrea O’Brien. Rowohlt Verlag, Reinbek 2019. 576 S., br., 10,– €.

Wo man sich’s im Feschismus richtet

Alles Rechtswalzer: Franzobel persifliert in seinem Politthriller das neue Österreich

Mal verglimmt Franzobels beträchtlicher Sprachwitz in ausufernden Wortspielhöl- len und Kalauerkaskaden, mal mischt er sich keck in die politischen Weltläufte ein, mal verfehlt er sie haarscharf mit Trash-Satiren und fröhlicher Science- Fiction. In seinem letzten Roman erzähl- te Franzobel die Geschichte vom „Floß der Medusa“ als höhnische Umkehrung aktueller Flüchtlingskatastrophen im Mit- telmeer: Damals, 1816, waren es zivili- sierte Europäer, die auf dem Weg nach Afrikas Schiffbruch erlitten und beim Kampf ums Überleben in kannibalisti- sche Urzustände zurückfielen. Jetzt reak- tiviert Franzobel seinen schon aus „Wie- ner Wunder“ und „Groschens Grab“ be- kannten Kommissar Falt Groschen für eine Dystopie aus der nahen Zukunft. Österreich, 2024. Die türkisblaue Regie- rung hat „ausgeschissen“, die EU ist Geschichte, aber der Populismus schreitet weiter von Sieg zu Sieg. Die neue „Limes“-Regierung propagiert den „wah- ren Sozialismus“, Österreich first und „Wir sind das Volk“. Die Erbübel des ka- kanischen Wesens werden wieder auf Vor- dermann gebracht: Spezerl, die alles „ami- cal regeln“ wollen, „kernige, eingetrachte- te“ Volksrocker, ein jovialer Feschismus,

der Sacher torte und Totschlag, Ausländer- hass und gschamigste Unterwürfigkeit ge- genüber potenten Investoren und Touris- ten zwanglos verbindet. Nicht zufällig zitiert Franzobel in sei- nem Motto Houellebecqs „Unterwer- fung“. Malte Dinger wäre ein Mann nach

„Unterwer- fung“. Malte Dinger wäre ein Mann nach Franzobel: „Rechtswalzer“. Kriminalroman. Zsolnay

Franzobel: „Rechtswalzer“. Kriminalroman.

Zsolnay Verlag, Wien 2019. 416 S., br., 19,– €.

Houellebecqs Geschmack: Zyniker, Ma- cho, Besitzer eines Getränkehandels mit angeschlossener Bar, linksliberal, aber im Grunde zu feig und träge für eine Mei- nung. Die neue Regierung ist ihm pein- lich, aber immerhin darf man wieder ohne Gur t und Tempolimit Auto fahren, im Beisl rauchen und sagen, was man über die Tschuschen, Neger und Schwuch- teln schon immer dachte. Wie schnell man mit dem Gesetz kolli- diert, erfährt Malte leidvoll, als er beim

unabsichtlichen Schwarzfahren ertappt wird. Von der Polizei als renitentes „Freun- derl“ erkennungsdienstlich behandelt und lustvoll schikaniert, wird er gleich mal für drei Tage in U-Haft gesper rt. Hinter Git- tern machen ihm rüde Vollzugsbeamte, desinteressierte Pflichtverteidiger, georgi- sche Banden und Neonazis das Leben zur Hölle. Franzobel hat in der Justizvollzugs- anstalt Josefstadt recherchiert und aus dem „Häfen“ schöne Austriazismen wie Brezeln (Handschellen) und Giftler (Dro- genbullen) mitgebracht. Die Leiden des Knast-Hiobs machen den einen Handlungsstrang von „Rechts- walzer“ aus. Der andere, durch Maltes Zellengenossen, den Lobbyisten Ybbserl, nur notdürftig verknüpft, spielt in Unter- grutzenbach, einem Provinzidyll. Der smarte Bürgermeister lässt sich hier von zwei Bauunternehmern schmieren, die Chefin des Familienclans hält sich einen osteuropäischen Gigolo als Witwentrös- ter, der aber bald mit verkochten Gedär- men tot aufgefunden wird. Die Unter- grutzbacherinnen gehen ins Sonnenstu- dio oder fremd, pflegen Kultur, Charity und die Kunst der Intrige. Die Männer hü- ten ihre schmutzigen kleinen Geheimnis- se zwischen Golfclub und Puff. Der

Whistleblower, der Licht ins Dunkel brin- gen könnte, ist spurlos verschwunden. Franzobel schildert den korrupten Sündenpfuhl nicht ohne Behagen und lässt keine Gelegenheit zu komischen Ex- kursen und galligen Seitenhieben gegen Luxusgrills, „Blattgoldgustl“ Klimt oder Poetry Slam („Paralympics für Dichter“) ungenutzt verstreichen. Das verlangsamt den Gang der Erzählung und kühlt den Thrill des ohnehin recht gemütlichen Po- litthrillers weiter herab. Die österrei- chische Hölle erreicht traditionell ihren Siedepunkt auf dem Opernball, dem „Dschungelcamp“ der Reichen und Schö- nen. Josef Haslinger machte Mörtels Sau- se schon 1995 zur Zielscheibe eines Neo- nazi-Attentats; diesmal will die feministi- sche Burschenschaft Hysteria mit einem Anschlag für die Wiedereinführung des Matriarchats werben. So wirbelt „Rechtswalzer“ alles links im Kreis herum, und am Ende ist nicht nur Kommissar Groschen froh, dem turbulen- ten Polit-Reigen in Richtung Moldawien zu entkommen. Franzobel ist kein zweiter Houellebecq und trotz einigen unappetitli- chen Todesfällen auch kein Tarantino, aber immer gut für unterhaltsamen Schund und Schmäh. M ARTIN HA LT ER

Der Ausstand der alten Männer

Krimis in Kürze: Thomas Engström, Marion Schmid und Wallace Stroby

Eine Pause von Schwedenkrimis oder an- deren nordischen Spannungsfacharbei- tern, die kann man sich nach den letzten zwanzig Jahren schon mal gönnen. Der Rest der Welt ist ja auch ganz schön, besse- res Wetter hat man anderswo ohnehin, Se- rienkiller, Forensiker und im Privatleben gebeutelte Ermittler gibt es auch überall. Und dann fällt einem ein Buch wie das von Thomas Engström in die Hände:

„West of Liberty“ (C. Bertelsmann, 320 S., br., 15,– €). Es spielt in Berlin, und man ist erstaunt, dass auch das einen nicht nach einer Weile nervt. Der Held, wenn man die Hauptfigur unbedingt so nennen möchte, ist ein ehemaliger Stasi- Mann, der schon vor dem Mauerfall als Doppelagent für die CIA tätig war. Er heißt Ludwig Licht, ist Mitte fünfzig, ziem- lich schlecht in Form und hat sich von der CIA-Abfindung eine Kneipe in Kreuzberg gekauft. Aber weil alte weiße Männer zusam- menhalten müssen, hat der kurz vor der Pensionierung stehende CIA-Chef der amerikanischen Botschaft immer mal wie- der Verwendung für Licht. Diesen Aus- stand alter Männer hat Engström mit ei-

Licht. Diesen Aus- stand alter Männer hat Engström mit ei- STREIFSCHUSS nem guten Gespür für einen

STREIFSCHUSS

nem guten Gespür für einen präzisen Plot, pointierte Sprüche und Berliner Ei- genheiten in Szene gesetzt. Abgesehen von Lichts finanziellen Problemen mit ei- nem moldawischen Sexclub-Besitzer geht es um einen jungen deutschen Whistleblo- wer, dessen Ähnlichkeit mit Julien Assan- ge alles andere als ein Zufall ist. Und das Berliner Versteck dieses Mannes ist ein gut gesetzter politischer Reiz, der die Sto- ry auf Touren bringt, bis man am Ende be- griffen hat, dass Pläne vor allem dazu da sind, nicht aufzugehen. Engström hat bereits drei weitere Licht-Romane veröffentlicht, die auf eine Übersetzung warten. „West of Liberty“ macht Lust darauf. Das Buch ist die zuver- lässige Arbeit eines Spannungsinge- nieurs, der weiß, dass es bei einem Pro- dukt nicht allein auf das reibungslose Funktionieren ankommt, sondern auch aufs Design. Ein wenig ruhiger geht der Puls der Handlung bei Marion Schmid, die mit „Ausgekocht“ (Transit, 224 S., geb., 20,– €) ihren ersten Kriminalroman veröffent- licht hat. Dafür durchzieht ein ausgepräg- ter Sinn fürs Makabre die Story. Auch hier ist Berlin der Schauplatz. Ein Haus in Neu- kölln, in einem Kiez, in dem die Gentrifi- zierung voranschreitet. Eine nicht mehr ganz junge Frau, die nach vielen Jahren in Australien zurückgekehrt ist und einen Zeitungsladen gepachtet hat, ist die Ich- Erzählerin. Diese Paula ist umgeben von einem Mi- lieu, das weniger Bohème ist, als es selber von sich glaubt. Der Hausbesitzer mit Vil- la im Hof geriert sich als Wohltäter, die Mieter behandelt er wie Freunde, seine Lebensgefährtin betreibt eine Suppenkü- che mit schwererziehbaren Jugendlichen für örtliche Obdachlose. Erst stirbt ein di- cker alter Kater, und dann fällt eine schlanke junge Frau aus dem Fenster. Ma- rion Schmid hat Ironie und schwarzen Hu- mor in der richtigen Dosierung, um nicht in die fade Milieu-Parodie abzugleiten. Sie lässt Eifersucht, Neid, Intrigen und an- dere Kleinigkeiten, die zum Wesenskern jeder Hausgemeinschaft gehören, ge- schickt für ihre Zwecke arbeiten – und überrascht mit einem Schluss, der zum Doppelsinn des Titels passt. Ab und zu freut man sich als Leser aber nicht nur an angenehmen Überraschun- gen. Es hat auch etwas Beruhigendes, wenn Erwartungen erfüllt werden. Dass

„Der Teufel will mehr“ (Pendragon, 320

S., br., 17,– €) ein Roman ist, auf den man sich gefreut hat, liegt natürlich am Autor und dessen Protagonistin. Wallace Stro- by und Crissa Stone, das ist ein Duo, das einen auch beim vierten Auftritt noch be- geistern kann: der Mann, der so lässige, unangestrengte Dialoge schreibt, eine so schlanke Prosa, und die Meisterdiebin, die nicht wahllos raubt, schießt und sich sonst um nichts kümmert. Crissa Stone ist eine der vitalsten und überzeugendsten Krimifiguren der letz- ten Jahre, weil sie einen moralischen Kompass hat, also ein Gewissen und ein professionelles Verantwortungsgefühl – und dazu ein paar private Bindungen, aus denen sich so etwas wie das Ethos einer Diebin herausgebildet hat. Sie ist, und ein größeres Lob kann man kaum formulie- ren, eine Figur, wie sie einem sonst nur in den Romanen von Elmore Leonard begeg- net ist. Aber weil auch Crissa Stone im- mer mal wieder Geld braucht, weil Moral ohne materielle Basis im Kriminalroman eine Abstraktion bleiben muss, lässt sie sich darauf ein, für einen zwielichtigen Kunstsammler einen LKW voller geplün- derter Kunstschätze zu stehlen, bevor die- se dem Herkunftsland Irak rückerstattet werden. An ihrem Perfektionismus liegt es nicht, sondern an der Gier des Auftragge- bers, dass heftige Komplikationen beim Raub in der Wüste auftreten, die selbst Crissas untrüglichen Sinn für das Unerwar- tete strapazieren. Wir werden Crissa Sto- ne künftig sehr vermissen. PETER KÖRTE

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUN G

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Feuilleton

MON TA G, 1. AP RIL 2019 · NR . 77 · SE ITE 13

Endlose Räume der Phantasie

Ein Spanier mit flämischen Vorlieben: Der Maler El Bermejo war lange ein großer Unbekannter, nun wird er als herausragender Künstler des fünfzehnten Jahrhunderts wiederentdeckt.

BARCELONA, Ende März s gibt sie noch, die völlig unbe- kannten Meister, die großen Ma- ler, die man mit kaum jemanden

teilen muss, weil die Nennung ih- res Namens bis heute allenfalls glasige Bli- cke hervorruft. Einer von ihnen ist Barto- lomé de Cárdenas, genannt „El Berme- jo“, der mutmaßlich von 1440 bis 1501 lebte und in diesen Monaten als Spaniens herausragender Künstler des fünfzehnten Jahrhunderts wiederentdeckt wird. „Ber- mejo“ heißt rot, aber niemand weiß, ob sich der Beiname auf des Malers rotes Haar oder seine gerötete Haut oder auf ir- gendetwas anderes bezog. Man weiß überhaupt sehr wenig über ihn, doch das wenige macht ihn so interes- sant, dass es zu allerlei Spekulationen An- lass gibt. Die spärlichen Dokumente über seinen Lebensweg, ausgegraben im zwan- zigsten Jahrhundert, als die ernsthafte Be- schäftigung mit ihm nach vierhundert Jah- ren des Vergessens begann, berichten von künstlerischer Aktivität im Gebiet der Krone von Aragonien, Jahrzehnte vor der Vollendung der „Reconquista“ und der Herrschaft der katholischen Könige. Ber- mejo, gebürtig aus Córdoba, stammte al- ler Wahrscheinlichkeit nach aus einer „Converso“-Familie, konvertierter Juden also, die mit der Zwangsaustreibung der Juden und Mauren 1492 in den Verdacht der Subversion und heimlichen Wider- stands gegen den Katholizismus geraten würden. Er selbst spielt in seiner Malerei, ob in der Signatur, der Symbolik oder der Kleidung seiner Figuren, mit jüdisch-ara- bischen Identitätszeichen, sprach aber wohl kein Hebräisch. Ruhm erwarb sich Bermejo schnell durch sein ungewöhnliches Talent, das auf den ersten Blick seine Lehrmeister verrät: Flamen wie Rogier van der Wey- den und Hans Memling, deren Altarbil- der etwa um die Zeit von Bermejos Ge-

E

burt die Betrachter zu beschäftigen began- nen und deren Bilderfindungen schon bald als Stiche und Kopien durch Europa tourten. Bermejo war noch ein Klein- kind, als die kastilische Krone bei van der Weyden und van Eyck die ersten Werke in Auftrag gab, darunter ein so emblema- tisches Triptychon wie den Miraflores-Al- tar. Von diesen Meistern lernte der anda- lusische „Converso“ die Grundlagen sei- ner Malerei: überragendes Kompositions- vermögen, exquisite Öltechnik und einen außerordentlichen Sinn für Stofflichkeit. Die Phantasieleistung jedoch war ganz seine eigene. Immer wieder bricht bei Bermejo in die frühe, temperierte Renaissancekunst ein erschütternder psychologischer Scharfsinn ein. In der Geißelungsepisode des Santa-Engracia-Altars (1472–77) etwa, dessen sechs Tafeln auf vier ver- schiedene Museen auf zwei Kontinenten verteilt sind, blickt man in die feixende Vi- sage des Peinigers oder das hintersinnig- zynische Lächeln eines fein gekleideten Beobachters. Und wie bei den Männerfi- guren Rogiers weiß man auch bei Berme- jo genau, ob die letzte Rasur vor elf oder vor achtzehn Stunden stattgefunden hat. Die Schau zeigt eine enorme Bandbrei- te religiöser Malerei auf höchstem Ni- veau. Bermejos Tafeln öffnen sich in end- lose Räume der Phantasie wie im „Tripty- chon der Jungfrau von Montserrat“ (1483–89), das an einen Landschaftsrevo- lutionär wie den etwas jüngeren Patinir er- innert. Seine Marienfiguren kennen elfen- beinerne Zartheit und herzzerreißende Trauer. Seine Christusfiguren sind schrecklich leidende Menschen und oben- drein skandalös nackt: Die hauchdünnen Gazeschleier verhüllen kaum die Ge- schlechtsteile, für die Zeit ein ungewöhnli- cher Naturalismus. Überhaupt das Mikro- detail: Bermejo füllt seine Tafeln mit Or- namenten, Mustern, kostbaren Materia-

seine Tafeln mit Or- namenten, Mustern, kostbaren Materia- Der Stifter trägt Zweitagebart: Pietà des Archidiakons der

Der Stifter trägt Zweitagebart: Pietà des Archidiakons der Kathedrale von Barcelona Luis Desplá, 1490

Foto Catedral de Barcelona

lien, immer wieder Metallarbeiten und wundersamen Designkombinationen, als wollte er uns keine Sekunde vergessen las- sen, dass er buchstäblich alles kann und jede Materie beherrscht. Bei seinem ersten erhaltenen Gemäl- de, „Der heilige Michael triumphiert über den Teufel“ (1468) aus der National Galle- ry in London, kann man sich an der Stoff- lichkeit kaum sattsehen. Die schimmern- de Goldrüstung des Erzengels mit eingear- beitetem grünen Samt, grau schimmern- dem Kettenhemd und perlen- und dia- mantbesetztem Schuhwerk, umweht von

einem prächtigen purpurnen Umhang, kontrastiert mit dem bösen Tier, das er mit dem Fuß zu Boden drückt. Man denkt, das üble Wesen – lange Teufelsoh- ren, vierzig Reißzähne, vier glühend rote Augen, einmal im Gesicht, dann auf der Brust – müsse Bermejo von Hieronymus Bosch haben. Doch der war damals noch keine achtzehn. 1995 kaufte die National Gallery das Bild den Nachkommen des Edelsteinma- gnaten und Sammlers Julius Wernher ab, der seinerseits 1899 in einem Brief an Wil- helm von Bode in Versform vom glückli-

chen Erwerb berichtet hatte: „Der St. Mi- chael gehört mir / fand ihn vor ein paar Wochen hier.“ Kürzlich restauriert, ist St. Michael der Coverboy der Ausstellung, die im Sommer nach London in die Natio- nal Gallery weiterreist. Der ausgezeichne- te Katalog mit neuesten Forschungsergeb- nissen nennt ihn lapidar „das bedeutend- ste spanische Bild des fünfzehnten Jahr- hunderts im Vereinigten Königreich“. Zeit seines Lebens bewegte Bermejo sich in Valencia, der internationalsten spanischen Stadt seiner Zeit, in Saragossa und Umgebung sowie schließlich in Barce-

lona. Die erhaltenen Dokumente lassen auf einen äußerst schwierigen Menschen schließen, der erratisch arbeitete, an sei- ne Verträge erinnert werden musste und von kirchlichen Auftraggebern für den Fall der Nichtlieferung sogar mit Exkom- munikation bedroht wurde. Zugleich hat- te seine Kunst enthusiastische Anhänger. So zog er von einer Werkstatt zur nächs- ten, ging temporäre Partnerschaften ein und zog bald weiter. Die Schau im Museu d’Art Nacional de Catalunya, die in Zu- sammenarbeit mit dem Prado entstand, bietet mit mehr als zwanzig Gemälden fast das Gesamtwerk des Künstlers und

stellt es durch mehr als vierzig Bilder von Vorläufer n und Zeitgenossen in den euro- päischen Kontext. So wird Bermejo als ei- genwilliger, hochorigineller Spanier mit flämischen Vorlieben und italienischen Kenntnissen sichtbar – ein Amalgam der besten Malerei seiner Zeit. In Barcelona, seiner letzten Station, schuf er 1490 sein letztes und größtes Werk, die ergreifende „Pietà Desplà“, be- nannt nach dem Archidiakon der Kathe- drale von Barcelona. Desplà war ein hoch- gebildeter Humanist. Er gehörte einem la- teinischen Gesprächskreis an, pflegte enge Verbindungen zu Italien und stemm- te sich vehement gegen die Einführung der Inquisition in Barcelona. Er wird ge- wusst haben, was er an Bermejo hatte. Der Maler hat den Stifter als ernsthaften Menschen mit Zweitagebart porträtiert. Das Werk ist ein leuchtendes Beispiel für Bermejos Kunst der Mehrwertigkeit: An- dachtsbild, Bilderzählung, Landschafts- malerei, religiöse Allegorie und eine Hommage an Fauna und Flora zugleich. Marias Tränen auf diesem Bild können es mit denen in van der Weydens „Kreuzab- nahme“ im Prado aufnehmen. Wie beim „Heiligen Michael“, wo sich die Stadt Jerusalem in der Goldrüstung spiegelt, bringt der Maler im rechten Hin- tergrund die Idealstadt der Christenheit unter – Jerusalem im Morgenlicht. Kata- lanische Biologen haben herausgefun- den, dass Bermejo außerdem mehr als fünfzig Pflanzenarten und zwanzig ver- schiedene Tiere auf die Leinwand zau- bert, von Löwen, Raubvögeln, Singvö- geln bis zu Echsen, Vipern, Kröten und allerlei Schmetterlingsarten, die es zum Teil nur in seinem Kopf gegeben haben kann. Erst die sorgfältige Restaurierung vor zwei Jahren hat den Miniaturzoo die- ses großen Renaissancekünstlers sicht-

bar gemacht.

PAUL INGENDAAY

„Bartolomé Bermejo“. Barcelona, Museu Nacional d'Art de Catalunya; bis 19. Mai. Vom 12. Juni bis 29. September in der National Gallery, London. Der broschierte englische oder spanische Katalog kostet 28 €.

Meinungskampf mit Maulkörben

An amerikanischen Universitäten breitet sich eine intellektuelle Monokultur aus

Vor etwas mehr als fünfzig Jahren begann an der University of California in Berke- ley das free speech movement. Es verbrei- tete sich wie ein Lauffeuer um die Welt und erreichte bekanntlich auch Deutsch- land. In Berkeley protestierten Studenten damals hauptsächlich gegen den Vietnam- krieg, aber auch für politische Meinungs- und Forschungsfreiheit. Mehr als 800 wur- den verhaftet und für einige Stunden ins Gefängnis gesteckt. Die Stimmung blieb angespannt. Im darauffolgenden Jahr wurde der kon- servative Republikaner und Schauspieler Ronald Reagan – trotzdem oder deshalb – zum Gouverneur von Kalifornien ge- wählt. Trotz unterschiedlicher Sichtwei- sen sprach man weiter miteinander. Die re- bellische Stimmung war auch noch in den achtziger Jahren an meiner Alma Mater in Berkeley spürbar. Auf dem Campus strit- ten die verschiedensten politischen und re- ligiösen Gruppen miteinander. Campus- weit bekannte Spinner hielten Predigten. Man konnte sich in der Sonne sitzend von diesem Spektakel unterhalten oder zum Denken anregen lassen. Jeder kannte und belächelte den naked man, bewunderte die Künste des Jongleurs und tolerierte auch den ultrakonservativen Prediger auf der Sproul Plaza vor dem Hauptverwal- tungsgebäude, der allen einen baldigen Be- such der Hölle prophezeite. Man musste ihm ja nicht zuhören. Allerdings haben sich die toleranten, freiheitsliebenden Vereinigten Staaten sehr verändert. Insbesondere im letzten Jahrzehnt ist die Stimmung sehr aggres- siv geworden. Das war schon unter Ba- rack Obama spürbar. Zwischen den libera- len, wirtschaftsstarken und meist akade- misch gebildeten Eliten an den Küsten und den eher konservativen und boden- ständigen Blue collar-Amerikanern im Fly-over country, wie der mittlere Teil des Landes herabwürdigend genannt wird, besteht heute eine tiefe, unüber- brückbar scheinende Kluft. Genauso uner- wartet, wie die Wahl von Reagan zum Gouverneur von Kalifornien 1966 war, kam fünfzig Jahre später die Wahl des Im- mobilienhais und Fernsehunterhalters Donald Trump zum Präsidenten. Trump ist nicht nur eine der Ursachen der politi- schen Spaltung, sondern auch deren Kon- sequenz. Denn auch die Demokraten und die Studenten sind nicht mehr so liberal und tolerant wie noch vor dreißig Jahren. insbesondere an den Universitäten und Colleges in New England und an den Küs- ten. Studenten protestieren dagegen, An- sichten hören zu müssen, die sie nicht tei- len. Die richtigen Antworten glauben sie schon gefunden zu haben. Dieses Den- ken, wenn man es „Denken“ nennen kann, widerspricht den Grundsätzen der Rationalität und freien Wissenschaft – den Errungenschaften des Westens. Es bringt uns zurück in voraufklärerische Zeiten, in denen nicht das Argument zähl-

te, sondern die Person, die es vorbrachte. Diese Entwicklung greift längst über die Vereinigten Staaten hinaus. Auch in Deutschland wird immer häufiger über Ausladungen und Störungen von akade- mischen Veranstaltungen mit konservati- ven Rednern berichtet, und über Mob- bing von Professoren, deren Ansichten dem dominanten Zeitgeist nicht entspre- chen. Bedauerlicherweise geben rückgrat- lose Universitätsleitungen und sich selbst zensierende Professoren oft dem Willen des Lautesten nach. Zugleich drängt ein scheinbar entgegengesetzter Trend aus den Vereinigten Staaten in die europäi- schen Universitäten: Diversity. Doch es handelt sich nicht, wie zu erhoffen wäre, um Diversität von Meinungen, was ja eine gesunde Entwicklung wäre, sondern um Diversität von Hautfarben und Identi- tätspolitik. Dabei wird unterstellt, dass persönliche Erfahrung, Gefühle oder Her- kunft wichtiger seien als eine akademi- sche Analyse, ja, dass sie allein entschie- den. Was für ein Rückschritt! Diese Entwicklung hat mehrere Grün- de. Befördert wurde sie von einem post- strukturalistischen Denken, das die wissen-

Die Grundlagen der Forschungsfreiheit sind in Gefahr

schaftliche Wahrheitssuche ausschließlich als eine Art Machtkampf interpretiert und zwischen verschiedenen Wahrheitsbegrif- fen – grob gesagt: einem pragmatischen und einem hermeneutischen – nicht unter- scheidet. Jeder hat dann seine eigene Wahr- heit, und es zählt nur noch, wie man ihr Ge- hör verschafft. Diese Sichtweise wurde in bestimmten Teildisziplinen der Geistes- und Sozialwissenschaften dominant, ver- quickte sich mit wirtschaftlichen Motiven und administrativen Steuerungsinteressen und hat dazu geführt, dass an die Stelle des freien Meinungsaustausches eine weltan- schauliche Monokultur getreten ist, die mit Redeverboten verteidigt wird. Im Oktober 2018 veröffentlichte Samu- el J. Abrams, Politikprofessor am Sarah Lawrence College, in der „New York Ti- mes“ einen Meinungsartikel mit dem Titel „Think Professors are liberal? Try School Administrators“. Nach einer Erhebung aus dem vergangenen Jahr sind etwa zehn- mal mehr Professoren Demokraten als Re- publikaner. Unter den besten Universitä- ten der Vereinigten Staaten haben fast vierzig Prozent überhaupt keine registrier- ten Republikaner unter den Professoren. Auch die Verwaltungen bemühen sich zu- nehmend mehr um gesellschaftspolitische Themen als um akademische Forschung. Die rasche Vermehrung von Administrato- ren, besonders für Diversitäts- und Ge-

schlechtsfragen, hat nicht nur zu einem deutlichen Anstieg der horrenden Studien- gebühren, sondern auch zu ausufernden Verhaltens- und Denkvorschriften auf dem Campus geführt. Abrams macht da- für nicht nur die Einstellung der Professo- ren verantwortlich. Vielmehr haben Uni- versitätsverwaltungen zu dieser „fort- schrittlichen“ Entwicklung beigetragen. Seit vergangener Woche nun besetzt eine Gruppe von Studenten des Sarah Lawren- ce Colleges das Verwaltungsgebäude und fordert lautstark Abrams’ Entlassung. Die intellektuelle Monotonie in der amerikanischen Wissenschaftslandschaft hat einige neue Initiativen provoziert, die sich für mehr Meinungsfreiheit und Mei- nungsvielfalt einsetzen, aber nur indirekt aus den Universitäten kommen. Darunter die von dem Psychologen Jonathan Haidt begründete Heterodox Academy. Stärker noch als die Heterodox Academy ist der Einfluss des Intellectual Dark Webs, wie Bari Weiss, Kommentatorin der „New York Times“, es nannte. Weis s zählt dazu öffentliche Intellektuelle wie Sam Harris, Eric und Bret Weinstein, dessen Frau He- ather Heying, Christina Hoff Sommers, Michael Shermer, Joe Rogan und Jordan Peterson. Viele von ihnen haben an den besten Universitäten studiert oder gelehrt, sind aber meist weniger durch Bücher als durch Podcasts oder Videos, die millionen- fach angeschaut wurden, und Gespräche, die weltweit große Hallen füllen, bekannt geworden. Bret Weinstein und Heather Heying sind von aktivistischen Studenten aus ihrer Universität, der Evergreen State University, vertrieben worden. Ideologische Monokulturen an Universi- täten sind sehr anfällig. Ausgerechnet die amerikanische Bildungsministerin Betsy de Vos scheint nun dagegen anzugehen. De Vos hat Verordnungen von Barack Oba- ma rückgängig gemacht und fordert, Un- schuldsvermutung, Verfahrenstransparenz und Rechte für Beschuldigte bei Verdacht auf sexuellen Übergriffen an den Universi- täten wieder einzuführen. Präsident Trump hat vergangene Woche sogar einen Erlass unterschrieben, der die Förderung von Universitäten aus Bundesmitteln vom Schutz der Meinungsfreiheit auf dem Cam- pus abhängig macht. Verkehrte Welt! Sind die Verteidiger der Meinungsfreiheit ins rechte politische Lager gewechselt? Eher ist es der gefährliche Versuch der amerika- nischen Regierung, selbst zu definieren, was unter Meinungsfreiheit zu verstehen ist, nachdem die meisten Hochschulen die Deutungshoheit darüber aus der Hand ge- geben haben. Jede Deutungsmacht be- wirkt eben eine Gegengewalt. Da hatte Foucault vielleicht sogar recht. Erst einmal müssen aber wieder die Grundlagen ge- schaffen werden, dass so eine Diskussion möglich ist. Vernunft und freie Wissen- schaft sind in Gefahr. AXEL MEYER

Der Autor ist Professor für Biologie an der Universi- tät Konstanz.

ist Professor für Biologie an der Universi- tät Konstanz. Bewerbungsaufruf 2019 Die Stiftung Lesen und die

Bewerbungsaufruf 2019

Bewerbungsaufruf 2019

Die Stiftung Lesen und die Commerzbank-Stiftung zeichnen innovative und nachhaltige Initiativen zur Leseförderung aus. Ziel der beiden Initiatoren ist es, den Blick der Öffentlichkeit für das vielfältige Engage- ment in der Leseförderung zu schärfen.

Initiatoren ist es, den Blick der Öffentlichkeit für das vielfältige Engage- ment in der Leseförderung zu

Der Deutsche Lesepreis wird in sechs Kategorien vergeben:

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Sonderpreis der Commerzbank-Stiftung für pro- minentes Engagement, dotiert mit 2.500 Euro

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Herausragendes individuelles Engagement in der Leseförderung, gefördert von der PwC-Stiftung Jugend - Bildung - Kultur,3Preise, dotiert mit ins- gesamt 4.500 Euro

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Herausragendes kommunales Engagement in der Leseförderung, gefördert von der Fachgemeinschaft buch.netz im Bundesverband E-Commerce und Ver-

sandbuchhandel e. V., 3 Preise, dotiert mit insgesamt

4.500

Euro

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Herausragende Sprach- und Leseförderung in Kitas, gefördert vo n F RÖBEL e. V. , 3 Preise , d oti ert mit ins- gesamt 4.500 Euro

Bewerbungen um den Deutschen Lesepreis werden ab sofort noch bis zum 30. Juni 2019 unter www.deutscher-lesepreis.de entgegen genommen.

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Herausragende Leseförderung an Schulen, geför- dert von der Arnulf Betzold GmbH, Lehrmittelver-

lag/Schulversand, 3 Preise, dotiert mit insgesamt

4.500

Euro

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Herausragende Leseförderung mit digitalen Medien, gefördert von der MELO Group GmbH & Co. KG und der Stiftung Kinder fördern - Zukunft stiften, 3 Preise, dotiert mit insgesamt 4.500 Euro

Hier finden Interessenten weitere Informationen zu den einzelnen Kategorien und dem Bewerbungsver- fahren.

Mit Unterstützung der

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SE ITE 14 · MONT AG , 1 . A PRIL 2019 · NR. 77

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Feuilleton

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG

F e u i l l e t o n FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG Sie sind nicht

Sie sind nicht in der Werkstatt, um sich reparieren zu lassen, sondern zum Spielen: Sissy Spacek (links) und Robert Redford

Aber die Augen sind wach geblieben

Foto dpa

D a entschwebt einfach einer – den Realitäten eines Bankraubs, den Abziehbildern seiner Filmkarrie-

re, der letzten Etappe seiner Bio- graphie. Robert Redford ist in „Ein Gau- ner & Gentleman“, seinem erklärterma- ßen letzten Film, schütter entrückt und doch von der Warte eines wohlwollenden Wissens her überaus zugewandt, mit dem zerfurchten, ledernden Gesicht des über Achtzigjährigen auf Schritt und Tritt et- was Zaghaftes zeigend und alle Expressivi- tät an die Augen delegierend, die hier im funkelnden Vollsinn noch einmal das spie- geln, was „in den Blick nehmen“ heißt. Redford tritt seinen Gang ins Surreale an. Alles erscheint in diesem Film als Klei- nigkeit, die man mit links erledigt. Das Verbrechen. Die Liebe. Das Alter. Ja, soll man sagen: Der ganze Film macht sich mit links? Raffiniert enthält er sich jeder Raf- finesse, setzt mehr oder weniger wörtliche Bildzitate aus Redfords Filmbiographie zwischen „Butch Cassidy und Sundance Kid“ und „Der Clou“ ein, von jedem histo- ristischem Ehrgeiz frei, wohl aber voller Freude an diesem luftigen, auf keine Spiel- regel sich festlegenden Spiel. Alles soll er- kennbar so aussehen wie eine flüchtige Skizze. Da wird verbrochen, geliebt und

Es soll der letzte Film mit Robert Redford sein, aber allzu müde ist er nicht geworden:

„Ein Gauner und Gentleman“ zeigt ihn und Sissy Spacek in luftig-lässiger Spiellaune.

gealtert, als seien das jedes für sich nicht große Lebensdramen, sondern kleine Fi- sche, die man sich im Vorübergehen fängt. Deshalb verfängt auch kein Hinweis auf die unterkomplexe Handlungsführung (selbst in den achtziger Jahren war ein Bankraub für den Bankräuber keine sol- che Kleinigkeit wie hier vorgeführt.) Um welche Frage geht es überhaupt, wenn nach der Handlung gefragt wird? Welchem Handlungsbogen sollte es ent- springen, was die Ausgeraubten nach je- dem Banküberfall jeweils einvernehmlich zu Protokoll geben: dass der Bankräuber gentle, sanft gewesen sei und glücklich ge- wirkt habe? Wenn es, wonach es aussieht, Redford bei seinem letzten Film um nichts als um diesen Eindruck ging, da sei je- mand glücklich entschwebt, dann steht alle Handlung unter einem poetischen Stern, von dem klar ist, dass er nicht als ein politischer Stern glänzen will. Redford hatte, als er seinen Regisseur David Lowe- ry anstiftete, ihn den historischen Serien- bankräuber und Ausbrecherkönig Forrest Tucker (1920 bis 2004) spielen zu lassen, nicht biographische Treue zur Figur im Blick, auf die er, Redford, durch David Granns Geschichte im „New Yorker“ stieß, welche den hemingwayhaften Na-

men trägt „The Old Man and the Gun“, der wiederum für den Titel des Films in seiner Originalversion Pate steht. Nein, auch Tuckers Biographie ein- schließlich seines hier vorgeführten krimi- nellen Altersexzesses lässt sich natürlich nur als „biographische Illusion“ (Pierre

Bourdieu) erzählen. Wenn dem aber so ist, dann soll diese Illusion je länger, desto mehr von der Leichtigkeit, der stupenden Überlegenheit allen „Realitäten“ gegen- über eingefärbt sein, die – man ahnt es – ei- ner Altersliebe entspringt und dann in der Tat (also als einer psychologisch unan- greifbaren Handlungseinheit) die Welt zur surrealen Kulisse werden lässt. Das Unterkomplexe hätte demnach Me- thode: Tucker trifft Jewel (Sissy Spacek) bei Gelegenheit einer flamboyanten Auto- panne (überhaupt fahren phantastische Oldtimer durch diesen Film), und beide zehren alsbald von dem Gefühl, den richti- gen Menschen getroffen zu haben, alles an- dere lässig ausblendend, erst recht die Aus- sicht, sich auch wieder verlieren zu kön- nen. Wie sollte das auch wichtig sein, mag sich Robert Redford bei der Auswahl sei- nes Stoffes gedacht haben, wenn man kurz davor ist, nichts mehr zu verlieren zu

haben?

CHRISTIAN GEYER

So viel Utopie muss reichen

Tragik, ausweglos: Der Pianist Michail Pletnjow denkt mit Beethoven und Liszt über schwindende Ideale nach

Einst küsste der alte Ludwig van Beetho- ven den Knaben Franz Liszt auf die Stirn und adelte ihn damit zu seinem Nachfol- ger. So will es die Legende. Tatsächlich verbindet die Musiker viel: Beide gewan- nen ihrer Tradition Zukunftsfähigkeit ab, beide vereinten Fortschrittsglaube und Menschenliebe. Dabei beherrscht der eine als Klassiker die Konzertprogram- me, während der andere nur mühsam den Geruch des Salonlöwen abstreifen konn- te, im Schatten des übermächtigen Ri- chard Wagner blieb und heute noch als Komponist zu wenig, vornehmlich in sei- nen virtuosen Klavierwerken, wahrge- nommen wird. Utopisches, Philanthropi- sches, Unerhörtes, neu zu Entdeckendes ließ sich also von Michail Pletnjows Kla- vierabend in der Philharmonie Essen er- warten. Schließlich überrascht der russi- sche Pianist immer wieder durch unge- wöhnliche, in ihren musikalischen Verbin- dungen frappierende Programme, denen

er wie kein anderer einen tiefen Sinn zu geben weiß. Doch die Erwartungen erfül- len sich auf andere Weise. Es wird ein Abend der unbequemen Wahrheiten und schmerzhaften Erkennt- nisse. „Von der Wiege bis zum Grabe“ heißt Liszts letzte symphonische Dich- tung; „vom Grabe zum Grabe“ könnte man Pletnjows Liszt-Zusammenstellung überschreiben. „Funerailles“ aus den „Harmonies poétiques et religieuses“ und „Trauermarsch“ aus dem Todesjahr 1886 umspannen eine Lebensreise, in der Freundliches wie die „Valse oubliée“ Nr. 1 oder die elfte Ungarische Rhapsodie im- mer wieder ins pessimistische Licht der Spätwerke getaucht wird. Alles ist hier Kontrast. So künden leuchtend weiche Töne nach den ersten messerscharf herab- sausenden Bässen der „Funerailles“ von der Flüchtigkeit alles Schönen, werden nach grandioser Klage die Chopin zitie- renden, bedächtig eingeleiteten Oktavfol-

gen mit viel Pedal in gewaltigen Wirbel versetzt. Zu dunklen, düsteren Wolken verschmelzen Nebenstimmen immer wie- der, darauf hinweisend, wie sehr Liszt spä- ter die klassischen Konturen in reinen Klang auflöste – bis zum kargen, melo- disch nicht mehr greifbaren Unisono. Reizt die „Valse oubliée“ Nr. 1 noch mit frechen Sekundfolgen, schäumt noch im „Sonetto del Petrarca“ Nr. 104 die Leiden- schaft rasend ausbrechender Passagen, so zieht „Schlaflos! Frage und Antwort“ be- reits in jene Depression der letzten Wer- ke, der Pletnjow sich und die Hörer im- mer wieder schonungslos aussetzt. Frap- pierend, wie die Konzertetüde „La Leggie- rezza“ mit ihrer nachdenklichen Einlei- tung hier fast wörtlich anschließt. Die flir- rende, impressionistisch zerstäubende Poesie von „Waldesrauschen“ und „Gno- menreigen“ steiger t sich zur Todesangst im Märchenwald. Und dazwischen „Un- stern! Sinistre, disastro“ und „Nuages

dazwischen „Un- stern! Sinistre, disastro“ und „Nuages gris“, trostlos-trüb ins Nichts sich umkrei- sender

gris“, trostlos-trüb ins Nichts sich umkrei- sender Linien führend. Der abschließen- de „Trauermarsch“ lässt zwischen nieder- schmetternden, todestriumphierenden Basstremoli einen kleinen Choral im Dis- kant aufscheinen, tröstlich zart – so viel Utopie muss reichen. Nicht fasziniert und verstört hier, dass der Künstler zwei horrend schwierige Konzertetüden mit blitzender Präzision hintereinander spielen kann, sondern der unglaubliche Nuancenreichtum, mit dem er jeder Phrase rasch wechselnden, manchmal konträren Ausdruck verleiht, die Anschlagssensibilität, die notfalls vor keiner Härte zurückschreckt, die Zeit, die er sich nimmt, um Entwicklungen einzu- leiten oder Brüche herbeizuführen. Bei Beethoven, dem viele mit klassi- schem Gleichmaß beizukommen suchten, verblüfft das oft umso mehr. Die kraft- voll-kämpferische „Appassionata“ gerät Pletnjow zur Demonstration einer tragi- schen, tief pessimistischen Weltsicht. Da ist der Beginn von grüblerischer Span- nung erfüllt, stürzt der erste Ausbruch in eine überlange Pause, kommen die po- chenden Repetitionen, an das „Schicksals- thema“ der fünften Symphonie gemah- nend, stockend zum Erliegen. Darüber er- heben sich spitze, desolat verstreute Terz- Synkopen. Und wenn auch das Dur-The- ma geheimnisvoll leuchtet, dem „Grandio- so“ aus Liszts Sonate in h-Moll verwandt, so versinkt es doch schnell in die Dämme- rung. Fast meditativ entspinnt sich das, bringt selten volle Kraft auf. Der Mittel- satz mit seinen Variationen, diese him- melwärts strebende „Hymne an die Nacht“, ist flüchtig, auch relativ nüchtern genommen, trotz ätherischer Diskant- klänge kaum ein Ruhepunkt. Dafür wird das Finale zum rasenden Ritt in den Ab- grund, schwarz, unerbittlich, schonungs- los. Von Utopie, selbst Kampf kann hier keine Rede mehr sein; die Musik rennt verzweifelt, ausweglos im Kreis. Einer „Appassionata“, die zu Zeiten sich verlierender Ideale passt, stellt Pletnjow Beethovens kleines C-Dur-Ron- do op. 51 voran (die ursprünglich vorge- sehenen c-Moll-Variationen waren ihm dann doch „zu viel Moll“), keck und naiv angefasst, mit plötzlichen Akzenten auf- trumpfend und später verloren träumend. Es führt ebenso aufs Glatteis der Illusion wie der nach dem Liszt-Teil zugegebene „Liebestraum“, dem die vorangegangene Todesgewissheit jeden Realitätsgehalt ausgetrieben hat. ISABEL HERZFELD

Da brettern die Herzen blind aufeinander zu

Amor vincit omnia: Auf der lit.Cologne zeigt sich, dass die Briten auf dem Festland immer noch geliebt werden

Galgenhumor besitzen sie jedenfalls, To- bias Bock, Regina Schilling und Eva Schuderer, die Programmplaner des Lite- raturfestivals lit.Cologne, das soeben mit der enormen Zahl von (erneut) 111 000 Besuchern zu Ende ging. Mit fast schon britischer Ironie hatten sie den Auftritt von John Lanchester just auf den lange Zeit vorgesehenen Tag des Austritts des Vereinigten Königreichs aus der Europäi- schen Union gelegt. Der Autor, der mit der Dystopie „Die Mauer“ – die zur Ty- rannis heruntergekommene Insel schot- tet sich mit einem gigantischen Bollwerk gegenüber ankommenden Bootsflücht- lingen ab – das ultimative Buch zum Bre- xit verfasst hat, war davon angetan. Be- vor die ganze Chose verschoben wurde, habe er nämlich vorgehabt, gleich um Asyl zu bitten – das er als Halbire gar nicht bräuchte, aber „besser, man geht auf Nummer Sicher“. Weil sich am selben Tag das Chaos von Westminster noch einmal vergrößert hat- te, ließ Lanchester es sich nicht nehmen, unter viel Applaus auf die „dumme und gefährliche Idee“ des Referendums einzu- dreschen: Eine neuerliche Abstimmung ginge schon aus dem simplen Grund an- ders aus, dass 750 000 steinalte Leave- Wähler inzwischen gestorben seien, jun- ge Remainer hingegen nachreiften. Den Generationenkonflikt hat der Autor im Roman ebenfalls verarbeitet, besteht aber darauf, dass dessen Plot ihm vor dem „Brexit-Desaster“ im Traum zugefal- len sei. Eigentlich gehe es darin nur um die Folgen des Klimawandels. Wie auch immer: Literatur als Anwalt der Opfer von morgen, das fühlte sich an diesem „Friday for Future“ äußerst erhebend an. Bräuchten traumatisierte Briten eine weitere Bestätigung, dass sie auf dem Festland immer noch geliebt werden, die lit.Cologne – die daneben natürlich auch vieles anderes ist – wäre eine gute Adres- se, gerade in diesem Jahr. Es begann schon mit der Lesung Ian Kershaws, des Historikers aus Manchester, der im zwei- ten Band seiner Universalgeschichte Eu- ropas gegen das Fortschrittsnarrativ an- schreibt. Weil sich die Zeit seit 1945 kei- neswegs überall als stetige Verbesserung ausnehme, hätten die Populisten derzeit solchen Zulauf. Auch der ziellose Brexit erkläre sich aus dem bei Benachteiligten voll ange- kommenen Versuch britischer „Schnö- sel“-Politiker wie Boris Johnson – „ich versuche immer, mich höflich auszudrü- cken“ –, für Fehler der eigenen Regie- rung einen Schuldigen zu suchen. Einen Ausweg sah Kershaw nicht. Besonders skeptisch zeigte er sich in Bezug auf ein gesamteuropäisches Identitätsgefühl. Ge- gen die globalen Kräf te des Turbokapita- lismus müsste es lokale, aber liberale Identitätsangebote geben. Die Losung der Stunde laute freilich, alle Kräfte ge- gen die falschen Versprechen der Abend- land-Populisten zu mobilisieren. Um zumindest die englischen Verhält- nisse seit 1945 besser zu verstehen, bie- tet sich eine Versenkung in Alan Hol- linghursts „Sparsholt-Affäre“ an. Die in Oxford beginnende, von einem nur ange- deuteten Sexskandal überschattete Le- bensgeschichte des Ingenieurs Sparsholt weitet sich gekonnt zur Milieustudie. Im Gespräch unterstrich Hollinghurst, sei-

ne Literatur habe durch die Reduktion auktorialer Allwissenheit an Lebensnä- he gewonnen. Inzwischen gestehe er sei- nen Figuren Erinnerungslücken und un- gelüftete Geheimnisse zu. Liebe und Freiheit, diese zwei. Trügerische Erinnerungen besitzen auch die Charaktere in Julian Barnes’ Me- taliebesroman „Die einzige Geschichte“. Dass Barnes der in Köln am stürmischs- ten gefeierte Brite war, passte vielleicht nicht ganz zur Düsternis dieses teils essay- istischen Buchs – das Verlöschen der Lie- be ist darin so wichtig wie ihr Aufflam- men –, erklärte sich aber sogleich durch den charmant humorvollen Gentleman- Auftritt des Autors. Von jemand wie ihm lässt man sich sogar sagen, dass es die Lie- be womöglich überfordert habe, ihr all das aufzubürden, was die Menschen frü- her bei Gott suchten: Erkenntnis, Ver- ständnis, Vergebung. Verstohlene Blicke zwischen den Paaren im Publikum. Aufat- men. Gottchen, diese Literaten. Aber schön gesagt. Könnte man so nicht. Wohnt der Liebe denn nun, wie Bar- nes gegen das Sprichwort postulierte, die Klarsicht inne? Oder liegt doch eher der Schotte William Boyd richtig? Der gab mit seinem neoklassischen Schmöker über die „Blinde Liebe“ des Klavierstim- mers Brodie Moncur zu einer russischen Operndiva den Verteidiger der obsessi- ven Verzückung: „,Rapture‘ bedeutet: Du bist in einem Zustand, in dem die Emotio- nen dich antreiben, die Rationalität ist re- dundant.“ Vermitteln kann da vielleicht die ebenfalls schottische Schriftstellerin A.L. Kennedy. Zumindest in ihrem unge- wöhnlich hoffnungsvollen Buch „Süßer Ernst“ ist die Liebe ein klar wahrgenom- menes, aber unausweichliches Aufeinan- derzubrettern zweier Herzen inmitten ei- nes Feuerwerks aus Neurosen, Bartlebys- men und Katastrophen. Nicht nur für die- sen Amor-vincit-omnia-Beitrag voller Schwärze und Komik wurde Kennedy verzückt gefeiert, sondern auch für die Europaflagge, die sie vom Millionen- marsch gegen den „mass national sui- cide“ mitgebracht hatte und mit den Wor- ten „Still in“ auf dem Pult entrollte. Das deutsche Publikum liebt das Auk- toriale, bloß bitte nicht zu frei, aber mehr noch das Persönliche. Dem Boom der Me- moirs wurde in Köln auf pfiffige Weise Rechnung getragen, weil man Gäste aus- gewählt hatte, die diese Form der Auto- biographie in spezifischer Weise nutzen. Bei dem Altphilologen Daniel Mendel- sohn dient der Austausch mit dem Vater, einem Mathematiker, über Homers „Odyssee“ der ungezwungenen Annähe- rung an klassische Literatur; bei Annie Ernaux hat das Private soziologische Funktion; bei dem literarisch wie theore- tisch unterkomplexen, aber hübsch zorni- gen Jungstar Édouard Louis läuft die Wie- derannäherung an den in früheren Bü- chern ob seiner Homophobie angegriffe- nen Vater auf ein amtliches „Jaccuse“ zu, eine Verfluchung des französischen Establishments. Noch vehementer als Er- naux verteidigte Louis denn auch die Gelbwesten-Bewegung, Gewalt hin oder her, als Selbstermächtigung der Überse- henen. Solange sie keinen Frexit anzet- teln, wird auch das weggejubelt in Köln, der eigentlichen – Pardon, Paris – Stadt der Liebe. OLIVER JUNGEN

Wer hat, der hat

Zum Siebzigsten des Ballettmeisters Reid Anderson

Ich esse, schlafe, trinke Stuttgart, mein Leben ist Stuttgart, so hat es der kanadi- sche Tänzer und Ex-Ballettdirektor Reid Anderson im vergangenen Sommer im baden-württembergischen Regionalfern- sehen formuliert und damit die Frage be- antwortet, ob er die Stadt, in der er (mit einer Dekade Unterbrechung in Kana- da) seit 1969 lebt, nach der Pensionie- rung zu verlassen gedenke. Wo Ander- son seinen heutigen siebzigsten Geburts- tag feiert, ist also klar. Der Scherz, er, der sein ganzes Leben nicht in Jahren oder Jahreszeiten, son- dern in Spielzeiten gerechnet habe, müs- se nun als Pensionär lernen, von Früh- ling oder Herbst zu sprechen, funktio- niert zwar nur im Englischen, wo die Spiel- wie die Jahreszeiten „Seasons“ heißen. Aber natürlich war Andersons Leben immer geprägt durch den Rhyth- mus, den die Bühne diktiert. Im vergan- genen Herbst erst hatte er die Leitung des Stuttgarter Balletts nach 22 Jahren in die Hände seines Ballettmeisters Ta- mas Detrich gelegt. Der neunzehnjähri- ge Anderson war Stipendiat der Royal Ballet School in London, schaffte es aber nicht ins Royal Ballet. In Stuttgart engagierte ihn John Cranko als Grup- pentänzer und zog auch mit ihm und An- dersons Lebenspartner Dieter Gräfe zu- sammen. Damit war Anderson ein ge- machter Mann. Cranko begründete wäh- rend der zwölf Jahre bis zu seinem Tod 1973 mit weit mehr als den legendären Balletten „Romeo und Julia“, „Der Wi- derspenstigen Zähmung“, „Onegin“ den Weltruhm des Ensembles. Nach Glen Tetley und Marcia Haydée hielt die Stadt es 1996, 23 Jahre nach Crankos Tod, für klug, die Leitung wiederum aus den eigenen Reihen zu besetzen, mit An- derson – wie naheliegend, hatte doch dessen Lebenspartner Gräfe die Lizen- zen aller Ballette von Cranko geerbt.

Gräfe die Lizen- zen aller Ballette von Cranko geerbt. Stuttgarter: Reid Anderson Foto dpa Das Geschäft

Stuttgarter: Reid Anderson

Foto dpa

Das Geschäft mit den Lizenzen flo- riert bis heute weltweit. Reid Anderson ist der Mann, der in seiner Karriere im- mer zum rechten Zeitpunkt am rechten Ort war. Er selbst meinte lakonisch, in seiner Jugend sei man als Mann bereits als Tänzer engagiert worden, wenn man Kaugummi kauen und gleichzeitig ge- radeaus gehen konnte. Die Spekulation, was er wohl hätte managen dürfen, wäre

er nicht mit Gräfe verheiratet, ist müßig. Erinnert sei aber daran, dass die erste Generation von Cranko-Stars gehen musste, als Anderson Ballettdirektor wurde, und dass in seinen 22 Jahren mit Christian Spuck und Marco Goecke als prominentesten ehemaligen Stuttgar- tern keine Choreographen von Welt- rang gefördert wurden, keine DVDs mit den Originalbesetzungen veröffentlicht wurden und ein Cranko-Bild zementiert wurde, das vorsichtig als unvollständig zu beschreiben ist. 2017 erschien unter seiner Mitwirkung eine Biographie: „Ha-

ving it.

WIEBKE HÜSTER

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUN G

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Feuilleton

MON TA G, 1. AP RIL 2019 · NR . 77 · SE ITE 15

Seriös kommt nicht von Serie

Wenn ein Theater fünfeinhalb Stunden mit roh aktuellen Stoffen und Themen ringt, braucht es eine starke Form dafür. Der Doppelabend „The Nation“ am Schauspiel Frankfurt hat sie nicht.

W eil nichts so verführerisch ist wie der Erfolg, musste es frü- her oder später so kommen:

Das deutsche Stadttheater, seit jeher ein wankelmütig Ding, ist den Reizen der Serialität erlegen und hat sich ihr hingegeben wie eine in die Jahre ge- kommene Najade. Was das heißt? Das ist noch gar nicht abzusehen, aber ein biss- chen was lässt sich immerhin schon ah- nen: Zeitenwende. Bühnenästhetischer Epochenumbruch. Revolutiönchen. Also:

Schluss mit den von zahnlosen Dramatur- genmündern zu Tode gemümmelten Ro- manadaptionen der letzten zehn Theater- jahre, her mit den hipstermäßigen, süchtig machenden Serien-Formaten der letzten zehn Netflix-Jahre! Die erste Liebesnacht wurde über ein Theaterwochenende gestreckt und unro- mantisch, aber miniserienmäßig in zwei Hälften zerhackt: „The Nation, Teil I“ und „The Nation, Teil II“, ein 2017 uraufgeführ- tes Projekt des Niederländers Eric de Vroedt, jetzt als deutschsprachige Erstauf- führung am Schauspiel Frankfurt insze- niert von David Bösch, gezeigt an zwei auf- einanderfolgenden Abenden. Ein Kraft- akt. Gesamtdauer: etwa fünfeinhalb Stun- den. Aktualitätsfaktor: geht voll durch die Decke. Suchtpotential: knapp unter null. Gewichtige Fragen stehen im Zentrum von Eric de Vroedts Text „The Nation“:

„Wer sind wir, und wer wollen wir sein?“ So wird es im Frankfurter Programmheft verkündet, das indes eine auch nicht ganz unbedeutende, sich im Verlauf des ersten Abends unerbittlich in den Vordergrund schiebende dritte Frage unterschlägt: Wie lange dauert es noch?

Drei Tage, zwölf Stunden, 41 Minuten, so steht es auf der immer mal wieder einge- blendeten Uhr, die mitläuft, seitdem die Zuschauer den Saal betreten haben. Aber sie zeigt nicht die Restdauer des Abends an, sondern misst die Zeit, die vergangen ist, seitdem der elfjährige Ismael ver- schwand. Der Polizist David Wilzen hat den Jungen aufgegriffen und mit zur Wa- che genommen. Was er dort mit Ismael ge- macht hat, nennt er selbst „Erziehung“. Hat er den Jungen misshandelt oder sogar getötet? Im multiethnischen Problemvier- tel kommt es zu Unruhen. Ohne die Hilfe des muslimischen Nachbarschaftspräventi- onsteams könnte die Gewalt eskalieren und die Polizei (unterbesetzt und überge- wichtig, informationstechnologisch, diver- sitäts- und inklusionsmäßig noch in der Steinzeit) überfordert sein. Damir, mit Haltung gespielt von Samuel Simon, ist der Anführer des Teams. Den einen gilt er als mustergültig integrierter Vorzeige-Sa- lafist, den anderen als Staatsfeind. Außer- dem ist er Ismaels Halbbruder und gerät selbst in Verdacht, dessen Verschwinden inszeniert zu haben, nachdem er den Klei- nen angestiftet hatte, einen Stein in die Scheibe der Weinbar zu werfen. Der Treffpunkt für muslimische Frauen ist ein gemeinsames Projekt von Mariam aus Mali, der Mutter Ismaels und Stiefmut- ter Damirs, und den Pflegeeltern der bei- den Halbbrüder, dem Ehepaar Aschen- bach. Heidi Ecks spielt Ida, als hätte Claire Bretécher sie gemalt: eine wuschel- haarige, passiv-aggressive Frustziege und selbstgerechte Nervenfräse. Nicht weniger karikaturenhaft wirkt ihr Ehemann Alex- ander. Uwe Zerwer spielt ihn mit blonder

ihr Ehemann Alex- ander. Uwe Zerwer spielt ihn mit blonder Zur Serie drängt, an der Serie

Zur Serie drängt, an der Serie hängt bald alles: Heiko Raulin und Shenja Lacher in „The Nation“

Foto Thomas Aurin

Schütterwolle auf dem Kopf und Batik- schal um den Hals als Art Garfunkel von der Stadtverwaltung. Der Abend im Großen Haus beginnt auf der Polizeiwache. Sebastian Kuschmann als interner Ermittler Mark von Ommeren verdächtigt Wilzen, Heiko Raulin als

Dienststellenleiter Sörensen laviert, Kolle- gin Bratusek, bei Altine Emine die Frau fürs übertrieben Grobe, prügelt statt auf Migrantenkinder lieber auf den Kaffeeau- tomaten ein, klopft Sprüche und gibt im Verlauf der Abende immer wieder den Ci- cerone. Dann tritt sie kaugummikauend

an die Rampe und versorgt das Publikum mit Informationen über den Fortgang der Handlung, die allerdings keines Kommen- tars bedarf. Der verdächtige Polizist wird schon bald fallengelassen, weil de Vroedt ihn nicht mehr braucht. Denn ebenfalls ver-

dächtig, sogar noch verdächtiger ist nun der Landtagsabgeordnete Martin Wolf, linksliberal, homosexuell, clever, aber ei- tel. Im Netz wird er als pädophil denun- ziert. Erst gibt es Gerüchte, dann tau- chen Fotos auf, die ihn mit Ismael zeigen, ein anstößiges Video folgt, und Wolfs Karriere als Politiker ist vorüber. Womög- lich ist er das Opfer einer Intrige, die sein alter Freund und Gegenspieler angezet- telt hat, der Investor Jörg van der Poot, der ein neues Stadtviertel aus dem Bo- den stampfen will. Der eine Handlungsstrang dreht sich um den verschwundenen Ismael und seine verwickelten Familienverhältnisse (Mut- ter aus dem armen Mali, Vater aus dem kriegsversehrten Bosnien, Pflegeeltern aus dem saturierten Mittelstand), um Inte- gration, Religionskonflikte, Terrorangst und Salafismus, der andere um korrupte Politiker, den Medienzirkus, gewissenlose Geschäftemacher, um Big Data und den gläsernen Bürger. „Smart city“, wie van der Poots Projekt heißt, ist die albtraum- hafte Vision eines digitalen Überwa- chungsstaates, realisiert mit den Mitteln des Städtebaus. Ein kleiner Junge ver- schwindet, ein milliardenschweres Immo- bilienprojekt steht politisch auf der Kippe. Dass da ein Zusammenhang besteht, kann nicht überraschen. In „The Nation“ über- rascht überhaupt nichts. Denn Eric de Vroedt hat einfach nur alle gängigen Klischees, die über postmi- grantische, neoliberal geprägte Gesell- schaften in Umlauf sind, zusammenge- sucht und daraus mit grober Hand ein Handlungsgerüst zusammengeschustert, das Komplexität zwar erkennbar an- strengt, aber das Gegenteil erreicht. Die Schauspieler stehen auf verlorenem Pos- ten, die einzige interessante Szene in mehr als fünf Stunden entwickelt sich zwischen Raulins Martin Wolf und van der Poot, dem Shenja Lacher die Eindeutigkeit ver- weigert, unter der sonst alle Figuren lei- den. David Bösch, der Regisseur, wechselt unentschlossen und ratlos zwischen emsi- gem Einsatz von Videokamera samt Rap- Einlagen und biederster Fernsehspielästhe- tik. Die Persiflage einer Talkshow gelingt immerhin halbwegs passabel, aber wenn Wolf bei einer Sitzung mit Parteifreunden um sein politisches Überleben kämpft, denkt niemand an Netflix. Irgendwann senkt sich gnädig der Vorhang. Schon lan- ge vorher konnte man sehen, wie etwas vom Schnürboden auf die Bühne rieselte, was dort wirklich nicht hingehört: Vor- abendserienmehltau. HUBERT SPIEGEL

Wähle die Worte, die scharf wie Messer schneiden

Durch die harte Songwriter-Schule zum verdienten großen Erfolg: Auf einen Mann wie Chris Stapleton hat die Country-Musik lange warten müssen

Das Zeug zum typischen Star hat der kräf- tige, vollbärtige Mann aus Kentucky nicht. Nichts an ihm entspricht dem Glitter und Glamour, der Partylaune und den Feel- good-Momenten der angesagten Erfolgs- produktionen. Wow-Effekte und Überwäl- tigungsstrategien sind ihm fremd. Und doch ist Chris Stapleton nichts anderes als die Rettung der Country-Musik vor ihrer Selbstzerstörung. Er gibt ihr das zurück, was das Zuviel der letzten Jahre an Pop und Party und Sexismus kaputtzumachen drohte: eine Busladung an Seele. Dabei muss man nicht fürchten, eine Ar- mee von Pedalsteel-Gitarren, Fiddles und Yee-Haws käme hier nun zum Einsatz, also Instrumente und Stilmittel, die das aus dem Bluegras s und Honky Tonk er wachse- ne Genre ursprünglich prägten, ganz im Gegenteil. Angesichts des überragenden Erfolgs von Chris Stapleton mit zahlrei- chen Grammys und Chartplazierungen, stellen selbst abgebrühte Veteranen und Neo-Traditionalisten wie Alan Jackson durchaus neidmotiviert die Frage, ob der von Blues und Southern Rock geprägte Stil Stapletons überhaupt Country sei. Er ist es im besten Sinne. Chris Stap- leton erinnert die Country-Hauptstadt Nashville an ihre ursprünglichen Funda- mente, an die Kultur des meisterhaften

Songwritings als Basis kommerziellen Erfolgs. Gerne wird die vom Altmeister Harlan Howard geprägte Formel be- müht, drei Akkorde und die Wahrheit machten einen guten Countrysong aus. Tatsächlich aber schwitzen Legionen von Songwritern in den Schreibstuben der legendären Music Row und können von Glück sagen, wenn es eines ihrer Werke in die Aufnahmestudios schafft und in der Interpretation durch amtie- rende Goldkehlchen Geld scheffelt. Dort hat auch Chris Stapleton 2001 mit professionellem Songwriting begonnen und auf diese Weise im Verborgenen Hits für Country-Stars wie Kenny Ches- ney, Tim McGraw und George Strait ver- fasst. Sein Credo: Wähle Worte, die scharf wie ein Messer schneiden, und lass genug Raum, damit die Menschen sich darin wiederfinden. Heute singt er seine Songs selbst und mit eigener Band, soeben etwa beim „Country 2 Country“-Festival als Head- liner in London. Unglaubliche 20 000 Zu- schauer konnte er mit seinen intensiven Songs in den Bann ziehen. Dabei macht er nicht viel her, ist keiner der heute üb- lichen Gute-Laune-Bären, hat keine Mes- sage, keinen Unterhaltungsauftrag, und die Kommunikation mit dem Publikum

überlässt er nahezu ausschließlich den Songs. So tief er die Riffs dabei auch le- gen mag, so ausladend die Gitarrenfigu- ren auch ausfallen, immer findet er zu den Harmonien zurück, lässt „More Of You“ zu einem Countr y Waltz werden und „Traveller“, das Titelstück seines De- bütalbums von 2015, zu einem euphori- schen Country-Roadsong. Das Setting mit Schlagzeug, Bass, Gi- tarre verliert sich fast auf der Riesenbüh- ne, an seiner Seite die derzeit hoch- schwangere Morgane Stapleton, Ehefrau und Mitstreiterin aus Music-Row-Zeiten. „Sie ist in allem gut, worin ich schlecht bin“ sagt er über sie, die mittlerweile zum festen Bestandteil seiner Konzerte gewor- den ist. Gemeinsam geben sie exakt das Bild ab, das sich im klassischen Country durch Johnny Cash mit seiner Ehefrau June Carter Cash einprägt hat: als Vater- und Mutterfiguren eines ganzen Genres. Und auch in Bezug auf Stapleton, wie zu- vor schon allzu oft von Johnny-Cash- Fans ausgedrückt, hört man den Satz:

Country kann ich nicht leiden – aber ihn schon. Der Schlüssel zur Musik von Stapleton liegt in Soul und Gospel, in den klassi- schen Motiven der Traditionalisten wie Merle Haggard, Willie Nelson und John-

ny Cash. „I hate the fact it takesabottle to get me on my knees“ heißt es in „Drunkyards Prayer“, Versuchung und Er- lösung liegen nah beieinander. Ein Song ist erst fertig, sagt Stapleton, wenn je-

mand anderes ihn hört und ihn sich zu ei- gen macht, und dabei spart er auch nicht mit Wortwitz: „Im lonesome and stoned, so far down the Devils looking high.“ Hinzu kommt bei dem 1978 im selben

’ s looking high.“ Hinzu kommt bei dem 1978 im selben Nashvilles Retter: Chris Stapleton im

Nashvilles Retter: Chris Stapleton im Februar auf einer Gala für Dolly Parton

Foto AP

County wie Loretta Lynn, die „Coal Mi- ners Daughter“, geborenen Stapleton eine gute Prise Rock nRoll, die er zu- nächst mit der Siebziger-Jahre-Rockband The Jompson Brothers und später mit der Bluegrass-Band The SteelDrivers aus- lebte. Diese konsequente No-Bullshit- Schule lässt ihn heute in größter Ruhe und Konzentration Songs wie „Broken Halos“ (inspiriert von Keith Richards’ Autobiographie „Life“), „Millionaire“ und „Tennessee Whiskey“ zu ihrem See- lenkern führen: wortkarge, emotionsstar- ke Meisterwerke. Die Autorität Chris Stapletons mit sei- nen im Genre eigentlich jungen vierzig Jah- ren überstrahlt alles, und gleich zweimal hat er bisher mit dem Popstar Justin Tim- berlake kooperiert. Ihr gemeinsamer Auf- tritt bei den Country Music Awards 2015 in Nashville hat sich zu einem Youtube-Er- folg entwickelt, und der ja eher streberhaf- te R&B-Künstler verdankte ihm 2018 mit „Say Something“ den besten Song auf sei- nem Album „Man Of The Woods“. Womit bewiesen wäre, dass harte Songwriterschu- le sich immer auszahlt und gepaart mit ei- nem grundguten Charakter, zu Recht jene Größe und Qualität entwickeln kann, die es braucht, um ein bedrohtes Kulturgut zu

retten.

CHRISTINE HEISE

zu Recht jene Größe und Qualität entwickeln kann, die es braucht, um ein bedrohtes Kulturgut zu

SEITE 16 · MONTAG, 1. A PRIL 2019 · NR. 77

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Medien

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG

Fernsehen am Montag

Aktualisiertes und ausgewähltes Programm

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ARD

ZDF

ARTE

3 sat

RTL

SAT 1

5.30

ARD-Morgenmagazin 9.00 Tages-

5.00

ZDF.reportage 5.30 ARD-Morgen-

5.00

Die Berliner Philharmoniker mit Si-

6.20

Kulturzeit. Bauhausfrauen: Technik

5.35

Explosiv – Das Magazin 6.00 Guten

5.30

Sat.1-Frühstücksfernsehen. Maga-

schau 9.05 Live nach Neun. Raus ins Le- ben 9.55 Sturm der Liebe 10.44 Tages- schau 10.45 Meister des Alltags 11.15 Wer weiß denn sowas? Zu Gast: Mary Roos, Tina York 12.00 Tagesschau 12.15 ARD-Buffet 13.00 ZDF-Mittagsmagazin. Mit heute Xpress 14.00 Tagesschau 14.10 Rote Rosen 15.00 Tagesschau 15.10 Sturm der Liebe. Telenovela 16.00 Tages- schau 16.10 Hallo Schatz – Vom Plunder zum Prachtstück. Ein Kühlschrank macht Musik 17.00 Tagesschau 17.15 Brisant. Boulevardmagazin 18.00 Wer weiß denn sowas? Zu Gast: Leonard Lansink, Roland

magazin 9.00 heute Xpress 9.05 Volle

mon Rattle 6.40 X:enius 7.10 Journal

& Avantgarde (2/3) 7.00 nano 7.30 Alpen-

Morgen Deutschland. Magazin 8.30 Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Soap 9.00 Unter uns. Soap 9.30 Freundinnen – Jetzt erst recht 10.00 Der Blaulicht-Report 12.00 Punkt 12. Das RTL-Mittagsjournal 14.00 Die Superhändler –4Räume, 1 Deal. Flugzeugsitz / Philips Plattenspieler / Ju- gendstil Tafelaufsatz / Ananaslampe. Moderation: Sükrü Pehlivan 15.00 Auf fremden Sofas 16.00 Meine Geschichte – Mein Leben. Geschwisterstreit bring Hochzeit in Gefahr 17.00 Freundinnen – Jetzt erst recht. Unterhaltungsserie 17.30 Unter uns. Soap 18.00 Explosiv – Das Magazin. Moderation: Elena Bruhn 18.30 Exclusiv – Das Star-Magazin. Moderation:

zin. Moderation: Christian Wackert, Mar- lene Lufen 10.00 Im Namen der Gerech-

Kanne. U.a:. Magazin 10.30 Notruf Hafen- kante. Krimiserie. Grabräuber 11.15 SO- KO Stuttgart. Krimiserie. Um Haaresbrei- te. Mit Astrid M. Fünderich 12.00 heute

Junior 7.15 360°. St. Bernhard – Von Men- schen und Hunden 8.00 Kuh im Glück

panorama. Reihe 9.00 ZIB 9.05 Kulturzeit

9.45

nano. Rechenkünstler – Quantenbits

tigkeit – Wir kämpfen für Sie! 11.00 Im Namen der Gerechtigkeit – Wir kämpfen für Sie! Mitwirkende: Alexander Hold, Stephan Lucas, Alexander Stephens, Isa- bella Schulien 12.00 Anwälte im Einsatz

8.45

Stadt Land Kunst 9.45 360°. Sardini-

bieten einen viel größeren Rechenraum

en: Stolz und Ehre hoch zu Ross 10.40

10.15

Riverboat 12.20 sonntags. Organ-

12.10

drehscheibe 13.00 ZDF-Mittags-

360°. Kushti, Indiens uralter Kampfsport

spende – wie soll ich mich entscheiden?

magazin. Mit heute Xpress 14.00 heute – in Deutschland 14.15 Die Küchen- schlacht. Alexander Kumptner sucht den Spitzenkoch 15.00 heute Xpress

11.30

Kinder der Sonne – Unsere Schmet-

13.00

ZIB 13.15 Reporter 13.35 unter-

terlinge 12.15 Re:. Zuhause alt werden – Helfer statt Heim 12.50 Arte Journal

wegs 14.20 unterwegs. Marokko – Berge, Wüste und Tee 15.00 unterwegs 15.40

Anwälte im Einsatz 14.00 Auf Strei-

fe. Doku-Soap. Die Scripted-Doku zeigt auf der Basis realer Polizeifälle den harten

13.00

13.00

Stadt Land Kunst 14.05 Der Eis-

unterwegs. Rajasthan – Wüste, Wasser

15.05

Bares für Rares. Die Trödel-Show

sturm. Amerik. Drama mit Kevin Kline, 1997 15.55 Märkte – Im Bauch von …. Lissabon: Der Mercado da Ribeira 16.45 X:enius 17.15 Leben mit Vulkanen. Lipa-

und Paläste. Moderation: Andrea Jansen

und gefährlichen Einsatz echter Polizis- ten. 15.00 Auf Streife – Die Spezialisten. Doku-Soap 16.00 Klinik am Südring

Meine Klasse – Voll das Leben.

17.00

16.00

heute – in Europa 16.10 Die Ro-

16.25

unterwegs. Schweden – Wälder,

senheim-Cops . Krimiserie. Ein Schuss in die Nacht 17.00 heute 17.10 hallo

Seen und Zufriedenheit 17.05 unter- wegs. Griechenland – Antike, Moderne und Gastfreundschaft 17.45 unterwegs. USA Südwesten – Cowboys, Highways und Casinos 18.30 nano. Die Welt von morgen. Moderation: Yve Fehring 19.00 heute 19.20 Kulturzeit. Bauhausfrauen:

Jankowsky 18.50 Großstadtrevier. Krimi- serie. Das Revier explodiert. Mit Jan Fed- der 19.45 Wissen vor acht – Zukunft. Tierisch sauber – Krähen als Stadtreiniger

deutschland 17.45 Leute heute spezial

rische Inseln: Von der Hölle zum Paradies

Doku-Soap 17.30 Fünf Leben – Die Schicksale. Doku-Soap 18.00 Endlich Fei- erabend! Magazin. Moderation: Annett Möller, Matthias Killing 19.00 Genial da-

18.00

SOKO München. Krimiserie. Tipp-

17.40

China – Die letzte Ernte 18.35 Ge-

gemeinschaft 19.00 heute 19.20 Wetter

heimnisvolle Wildblumen. Blütenpracht

Frauke Ludowig 18.45 RTL aktuell 19.03 Wetter 19.05 Alles was zählt. Soap. Mit Silvan-Pierre Leirich 19.40 Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Soap

19.25

WISO. WISO-Tipp: Urlaub mit Hund

im Wald 19.20 Arte Journal 19.40 Re:. Auf

19.50

Wetter 19.55 Börse vor acht. Nach-

– Tipps für eine entspannte Reise. Mode- ration: Marcus Niehaves

den Spuren der Täter: 25 Jahre nach dem Völkermord in Ruanda

neben – Das Quiz 19.55 Nachrichten. Moderation: Heiko Paluschka

richten. Moderation: Markus Gürne

In die Welt & aus der Welt (3/3)

20.00

Tagesschau

20.15

Rufmord Dt. Drama mit Rosalie Thomass, Johann von Bülow, Shenja La- cher. Regie: Viviane Andereggen, 2018. Nachdem sich die Lehrerin Luisa weigerte, einem Schüler ei- ne Gymnasialempfehlung zu ge- ben, taucht auf der Webseite ih- rer Schule ein Nacktfoto von ihr auf. Luisas Leben wird dadurch zum Spießrutenlauf.

20.15

Die schwarze Witwe Amerik. Thriller mit Debra Winger, There- sa Russell, Sami Frey. Regie: Bob Rafelson, 1987. Catharine Peter- sen heiratet reiche Männer, die kurz nach der Heirat sterben und ihr ein kleines Vermögen hinter- lassen. Diesen mysteriösen To- desfällen geht nun die FBI-Agen- tin Alexandra Barnes nach.

20.00

Tagesschau

20.15

Wer wird Millionär? Show. Mo- deration: Günther Jauch. Bereits in unzähligen Shows überzeugte Deutschlands Lieblingsmodera- tor Günther Jauch mit seiner ge- witzten Art, die noch so man- chen Kandidaten völlig aus der Fassung gebracht hat.

20.15

Dein Leben gehört mir Dt. Thriller mit Josefine Preuß, Vladimir Burlakov, Anna Blomei- er. Regie: Jochen Alexander Frey- dank, 2019. Als Traummann Han- nes beginnt, sich seltsam zu ver- halten, will die junge Ärtzin Malu sich von ihm trennen. Doch er stellt ihr weiter nach – perfide und nicht nachweisbar. Für Malu beginnt ein Albtraum.

20.15

Wilde Dynastien (3/5) Königin der Löwen

20.15

Traumseen der Schweiz (1/4) Frühlingsgeschichten am Wasser. Im Frühling zeigen sich die Seen der Schweiz von ihrer besten Seite. Ob am Silser- see im Engadin, am Vierwaldstät- ter See oder an der Riviera des Genfersees, der Mensch lebt im Einklang mit der Natur.

21.00

Hart aber fair Moralischer Zwang zur Organspende: Wollen Sie das, Herr Spahn? Zu Gast: Jens Spahn (CDU, Bundesgesundheitsminis- ter), Annalena Baerbock (B’90/ Grüne), Werner Bartens (Medizi- ner, leitender Redakteur im Wis- senschaftsressort der Süddeut- schen Zeitung), Michael Sommer (ehem. Vorsitzender des Deut- schen Gewerkschaftsbundes) u.a.

 

22.15

Extra – Das RTL Magazin Mode- ration: Birgit Schrowange

21.55

Der Augenzeuge Amerik. Krimi- nalfilm mit William Hurt, Sigour- ney Weaver, Christopher Plum- mer. Regie: Peter Yates, 1981. Nach einem Mordfall versucht der Hausmeister eines Bürohau- ses, sich bei einer TV-Reporterin einzuschmeicheln.

21.05

Traumseen der Schweiz (2/4) Sommergeschichten am Wasser

23.25

Spiegel TV Der Tourette-Politiker – der SPD-Mann Bijan Kaffenber- ger macht trotz seiner Krankheit Karriere / Mord, Betrug und Schi- kanen – wie sich kriminelle Ban- den in Moskau fremde Wohnun- gen aneignen. Mod.: Maria Gresz

 

21.45

heute-journal Mit Wetter

22.20

Verfolgt und bedroht – wie Ge- stalkte leiden Reportagereihe. 20.000 Menschen wurden in Deutschland im vergangenen Jahr gestalkt. Für Opfer ist es schwer, dagegen anzugehen.

22.15

Non-Stop Franz./Amerik./Engl./Kanad. Ac- tionthriller mit Liam Neeson, Juli- anne Moore, Scoot McNairy. Re- gie: Jaume Collet-Serra, 2014

 

22.00

ZIB 2 Nachrichten

22.25

Winnie Franz./Holländ./Südafrik./ Finnisch. Dokumentarfilm. Regie:

 

22.15

Tagesthemen Mit Wetter

22.45

Milliardengeschäft Inkasso Die Geldeintreiber und ihre Opfer

 

Pascale Lamche, 2017

23.50

Guter Hoffnung Eltern werden in drei Religionen

 

23.30

Der Stahlbaron Hermann Röch- ling und die Völklinger Hütte. Dt. Dokumentarfilm, 2019

23.50

heute+ Nachrichten

0.00

RTL Nachtjournal Nachrichten

22.50

Online – Meine Tochter in Ge-

0.05

Komm schon! (1) Comedyserie. Jens. Mit Marlene Morreis

23.35

Der Prozess Holländ. Dokumentarfilm. Regie:

0.35

10vor10 Nachrichten

0.30

Die Alltagskämpfer

fahr Dt. Thriller mit Annette Frier, Jamie Bick, Christoph Grunert. Regie: Oliver Dommenget, 2012

1.05

Willkommen Österreich Zu Gast:

Endstation Keller-Archiv? Karriere trotz Tourette

 

0.15

Nachtmagazin

0.30

Komm schon! (2) Comedyserie.

Sergei Loznitsa, 2018

Hanno Settele, Vanessa Herzog.

0.35

Tatort Bombengeschäft. Dt. Krimi, 2019

Vera & Michael / Jana & Christoph / Anette & Oliver

1.40

Arte Journal

Im Showteil: Kreiml & Samurai

1.15

Ohne Filter – So sieht

0.40

Criminal Minds Krimiserie. Schmetterlinge

2.00

Ukraine – Spielball zwischen Ost

1.55

Best of Radltour-Konzerte 2018 Mit Milow, Wincent Weiss,

mein Leben aus! Wilhelmsha- ven – Heimat der Weltverbesse- rer und Powerfrauen

2.08

Tagesschau

1.45

Bares für Rares Die Trödel-Show

und West Dokumentation

1.30

Criminal Minds Krimiserie. Kin- dersoldaten. Mit Joe Mantegna

2.10

Hart aber fair Diskussion

4.25

citydreams Magazin

2.55

Der Retter der Bienen

Madcon, Nico Santos

ZDF Neo

5.20 Gätjens großes Kino 5.25 Inspector

Barnaby. Morden, wenn die Blätter fallen. Engl. Krimi, 2001 7.05 Die Rettungsflieger

7.50 Topfgeldjäger 8.45 Lafer! Lichter!

Lecker! 9.30 Bares für Rares 11.15 3 Pläne

für mein schönstes Zimmer 12.00 Die

Rettungsflieger 13.25 Monk 14.50 Heldt

15.35

Die Rettungsflieger 17.05 Monk

18.30

Bares für Rares 20.15 Inspector

Barnaby. Leichen leben länger / Morden, wenn die Blätter fallen. Engl. Krimi, 2001

23.35 Art of Crime 1.20 Spooks. Actions-

erie. Das Attentat

Phoenix

5.30 Momente der Geschichte 7.00 Ir-

lands wilde Küste 7.30 Frankreichs

schönste Küsten. Franz. Dokumentarfilm,

2012

9.00 Vor ort 9.30 phoenix plus

10.00

Vor ort 10.45 phoenix plus 12.00

Vor ort 12.45 phoenix plus 14.00 Vor ort

14.45 phoenix plus 16.00 Anne Will 17.00

Angriff auf die Demokratie – Wurde der Brexit gekauft? 17.30 Der Tag 18.00 Platt- gemacht – Wenn ein Stadtteil verschwin-

det 18.30 Frankreichs schönste Küsten. Franz. Dokumentarfilm, 2012 20.00 Ta- gesschau 20.15 Kriege im Namen Got-

tes – Die Kreuzzüge aus arabischer Sicht

21.45

h.-journal 22.15 unter den linden

23.00

phoenix der tag 0.00 unter den

linden 0.45 Kriege im Namen Gottes – Die Kreuzzüge aus arabischer Sicht

Pro Sieben

9.45 Fresh off the Boat 10.35 Mike & Mol-

ly 11.00 HowIMet 11.55 2 Broke Girls

12.45

Mom 13.05 Two and a Half Men

14.20

The Middle 15.15 The Big Bang

Theory 17.00 taff 18.00 Newstime 18.10 Die Simpsons 19.05 Galileo 20.15 The Big

Bang Theory 21.15 The Middle 21.45 The Big Bang Theory 23.10 Late Night Berlin

0.10 The Big Bang Theory

Tele 5

5.15

er 6.25 Werbung 7.25 Joyce Meyer 7.55 Werbung 16.10 Star Trek – Raumschiff Voyager 17.10 Stargate 19.05 Star Trek – Raumschiff Voyager 20.15 Stargate: Die Quelle der Wahrheit. Amerik./Kanad. Sci- Fi-Film mit Ben Browder, 2008 22.20 Star- gate: Continuum. Kanad./Amerik. Sci-Fi- Film, 2008 0.10 Dark Matter 1.55 Star- gate: Die Quelle der Wahrheit. Amerik./ Kanad. Sci-Fi-Film, 2008

KIKA

Digimon Adventure 6.00 Joyce Mey-

Machtspiel ums Seelenheil

Der Sat1-Thriller „Dein Leben gehört mir“ bedient zwar Konventionen, überzeugt aber durch Spannung und Optik

Berlin kann so groß sein, glitzernd und ver- führerisch, aber auch weit, kühl und verlas- sen. Der Einstieg des neuen Psychothrillers von Regisseur Jochen Alexander Freydank hebt aus der Vogelperspektive ganz auf die- se Anonymität ab, auf die Nachtseite Ber- lins. Noch mehr als sonst, suggeriert das, be- darf es hier des menschlichen Anschlusses. Mit dem haben die wenige Monate zuvor nach Berlin gezogene junge Ärztin Malu (Josefine Preuß) und ihre alleinerziehende Freundin Sandra (Anna Blomeier) aller- dings kein Problem. Auf einer Single-Party sind beide nach Sekunden im Geschäft. Im Laufe des Films, der davon erzählt, wie eine zunächst ideal wirkende, leiden- schaftliche Beziehung zwischen Malu und dem etwas geheimnisvollen Charmeur Han- nes Jäger (Vladimir Burlakov) in einen le- bensbedrohlichen Stalking-Albtraum um- schlägt, werden die Räume enger und en- ger. Was nach der Party romantisch und of- fen auf einem gecharterten Boot beginnt – der neue Liebhaber legt sich mächtig ins Zeug –, verlagert sich bald in Wohnungen, Restaurants, Malus Arztpraxis, dunkle Tief- garagen und zuletzt in ein fensterloses Zim- mer, bis der große Showdown wieder über den Dächern stattfindet, nun aber in einem grauen Beton-Berlin ohne alle glitzernde Verführung. Der gelungenen, auch in Einzelheiten wie den gesichtslosen Apartmentblocks und überhaupt der glatten, frostigen Ober- fläche stimmigen Bildsprache (Kamera Martin Schlecht) steht die darstellerische Qualität nicht nach. Die Protagonisten agie- ren konzentriert, sprechen nicht alles aus. Weil sie dabei ganz in ihrer Rolle aufgehen, fühlt sich diese Zurückhaltung richtig an. Bei jedem Übergriff kriecht die Panik tiefer in die Heldin hinein, aber auch die Ent- schlossenheit ist nie weit: Malu begegnet uns als starke, selbständige Frau, die sich weigert, die Opferrolle anzunehmen. Eben-

Frau, die sich weigert, die Opferrolle anzunehmen. Eben- Ratlos: Kommissarin Lehmann (Teresa Harder, links) und Malu

Ratlos: Kommissarin Lehmann (Teresa Harder, links) und Malu (Josefine Preuß) F ot o S at1

das macht es so eindrücklich, wie sehr ihr Leben aus den Fugen gerät, kaum dass sie die Beziehung zu dem immer zudringli- cher, manipulativer, eifersüchtiger und ver- trauensunwürdiger werdenden Liebhaber beendet hat. Nur scheinbar akzeptiert der von Burlakov wunderbar doppelgesichtig Gespielte die Zurückweisung. Verletzt wirkt er nicht. Vielmehr steht seiner eigent- lichen Leidenschaft, dem dunklen Trieb, Malus Leben so komplett zu kontrollieren („Du wirst nie wieder alleine sein“), dass sie darüber verzweifelt, jetzt nichts mehr im Weg. Der Verfolger er weist sich also als Vollformatpsychopath, wie wir ihn, grin- send und selbstsicher, aus vielen Filmen

kennen. Kein Türschloss hält ihn ab, jede Maßnahme hat er vorhergesehen und wen- det sie gegen sein Opfer. Wegen verleumderischer Online-Bewer- tungen verliert Malu bald ihren Job; die Po- lizei bietet keine Unterstützung. „Macht- spiele“ seien das, heißt es dort. Die Verfolg- te solle doch zu einer Freundin oder in ein Hotel ziehen. Es stört nicht, dass die immer komplexer werdenden Nachstellungen bald nicht mehr realistisch wirken. Die Überstei- gerung gehört zum Genre. Und wir befin- den uns hier eben in einem Thriller, der so- gar kurz (zu kurz) mit der Möglichkeit zu spielen scheint, dass manche Szenen doch auch Wahnvorstellungen sein könnten. Zu-

dem bricht der Stalker in der zweiten Hälf- te des Films eigentlich unentwegt Gesetze; dass er dabei nirgends Spuren hinterlassen sollte, scheint ebenfalls nicht ganz glaub- haft. Der Spannung dient es aber unge- mein. Alle Konventionen werden in der Folge bedient. Das Auflauern in der Tiefgarage gibt es ebenso wie die noch glimmende Zi- garette auf dem Balkon, das Malträtieren ei- nes Haustiers oder die Steigerung des Be- drohungsgefühls durch plötzliche extreme Nähe. Symbolik wird reichlich, aber nicht aufdringlich eingesetzt, gebrochene Blu- men, gefallenes Laub, eine schwarze Kat- ze, ein abwärts fahrender Paternoster. Et- was dick aufgetragen sind vielleicht nur die Greifvogelsequenzen. Der Täter hält einen solchen auf dem Balkon: Jäger unter sich. Überraschend am Buch von Kristin Derfler sind allenfalls leicht untypische Details wie die Rolle einer devoten Freundin des Tä- ters (Victoria Chilap). Auch wenn die Produktion als Themen- film samt Begleitdokumentation bewor- ben wird, muss man den aufklärerischen Aspekt nicht allzu hoch hängen. Vor allem die extreme Zuspitzung der Handlung ge- gen Ende gibt dieser Geschichte einen star- ken fiktionalen Effet. Dass das Ergebnis überzeugt, hat viel damit zu tun, dass die Hauptdarsteller die beiden Seelenzustän- de ihrer Figuren – hier Glück wie Furcht, dort Sensibilität wie Sadismus – so auszu- drücken verstehen, dass sie nicht wie in- kompatible, sondern wie ineinander ver- schränkte, dialektische Charaktereigen- schaften wirken: Schon im Glück Malus war ein wenig Furcht zu finden; noch im Sadismus des Täters ist viel Feingefühl. Wir dürfen uns wohlig gruseln in diesem Berlin, in dem Liebe und Hass im selben

Haus leben.

OLIVER JUNGEN

Dein Leben gehört mir läuft heute, um 20.15 Uhr, auf Sat1.

10.09 Kikaninchen 10.20 Coco, der neu-

gierige Affe 10.45 Mouk 11.05 logo!