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Von Kreta nach Kuba

Kathrin Müller, Birgit Schiller und der Fachschaftsrat des


Winckelmann-Instituts der Humboldt-Universität zu Berlin
(Hrsg.)

Von Kreta nach Kuba


Gedenkschrift zu Ehren des Berliner Archäologen
Veit Stürmer

Logos Verlag Berlin

λογος
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Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind
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Abbildung Umschlag: Winckelmann-Institut/Antonia Weiße
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und der Gerd-Rodenwaldt-Stiftung, Berlin.


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Inhaltsverzeichnis

Vorwort 11

Gruß- und Geleitworte 13

En hommage à Veit Stürmer 21


Martin Schmid

Biographie Veit Stürmer 29

Schriftenverzeichnis 35

Chronologietabellen 41

Kreta 45

Der Fellrock als Ritualgewand in der Altpalastzeit des minoischen Kreta? 47


Fritz Blakolmer

Couches de destruction et remblais de l’âge du Bronze à Malia (Crète) 59


Pascal Darcque

Frühminoische Siedlungslandschaften. Eine vorläufige Studie über die


relative räumliche Verbreitung der frühminoischen Siedlungen 75
Tibor-Tamás Daróczi

Les rues de Malia : actualisation des données récentes 85


Thibaut Gomrée

Thoughts about Light and Water at the Oval House of Chamaizi 101
Lucy Goodison
6

ΚΕΙΜΗΛΙΟΝ. Zu einer zyprischen Schnabelkanne der späten Bronze-


zeit in der eisenzeitlichen Nekropole von Prinias 121
Hartmut Matthäus

Ein altpalastzeitlicher Raumkomplex im Palast von Malia – Formen der


rituellen Nutzung und Inszenierung eines möglichen Pfeilerraum-
Vorläufers 137
Kathrin Müller

L’ensemble architectural de Chrysolakkos à Malia : une mise à jour 163


Sylvie Müller Celka

‘Dans ma maison sous terre’...Dépôt de fondation,  rites d’enfouisse-


ment  et fosses-dépotoirs dans le bâtiment Pi de Malia 181
Maia Pomadère

Von Pferden und Wildziegen. Einige Gedanken zum Sarkophag von


Agia Triada (Kreta) 197
Stephan G. Schmid – Nicole Neuenfeld

Ein Fest am Hofe des Minos. Der Illustrator Fritz Krischen und die
Vermittlung archäologischer Erkenntnisse 229
Peter I. Schneider

Fleeting Fingers, Silent Pots? A Case Study of Human-Vessel Engage-


ment from the Minoan Palace of Galatas Pediados, Crete 247
Anna Simandiraki-Grimshaw

Die Ägäis und ihre Nachbarn 263

Musikarchäologie 265
Ricardo Eichmann

Kontakte zwischen Ägypten und Kreta vor dem Neuen Reich 279
Eva Lange-Athinodorou
7

Die Troja- Dubletten‘ – Bemerkungen zu ihrer Verteilung 301



Tobias Mühlenbruch

Early Iron Age Fragments from Mycenae and Archaeology at large:


On Teaching with Original Materials 315
Wolf Rudolph

Zu einigen Aspekten des Handels zwischen dem minoischen Kreta und


Ägypten während der Neupalastzeit 327
Birgit Schiller

Die minoische Libationsformel:


Zum Namen“ (J)A-SA-SA-RA 345

Evelina Teneva

Sammlung des Winckelmann-Instituts 363

Tradition trifft Innovation. Die Sammlung des Winckelmann-Instituts


der Humboldt-Universität zu Berlin blickt in die Zukunft 365
Agnes Henning – Susanne Muth

Ein Rundgang durch die Kleinkunst-Sammlung des Winckelmann-


Instituts 373
Franziska Lehmann – Jenny H. Schlehofer

Veit Stürmer, das Winckelmann-Institut und seine


Sammlungen 395
Henning Wrede unter Mitarbeit von Thomas Baetjer

Museen und ihre Sammlungen 409

Die Sammlung von August Kestner im Werk


zweier archäologischer Zeitgenossen:
Wilhelm Abeken und Johann Jakob Bachofen 411
Christian E. Loeben
8

Veit Stürmer und die Zusammenarbeit der universitären Lehrsamm-


lungen in Berlin 435
Lorenz Winkler-Horaček

Archäologische Forschungen Veit Stürmers außerhalb


Kretas 447

Porolissum. Forschungen im Kastell auf dem Pomet von 2009 bis 2011 449
Manuel Fiedler – Constanze Höpken – Szilamér-Péter
Pánczél und István Bajusz – Gregor Döhner – László Lenkey
– Christoph Merzenich – Mihály Pethe und Zsolt Vasáros

Forschung vor der Haustür. Die Pfahlbauten und Kaffenkähne im


Werbellinsee 469
Michaela Reinfeld

Griechisch-römische Antike 483

Hellenistische Silberarbeiten aus Unteritalien: Der Schatz von Paternò 485


Agnes Schwarzmaier

Androklos und die Ephesier opfern der Artemis von Ephesos. Zu den
Basisreliefs ihrer Statuetten und des Kultbildes im Artemision 499
Norbert Franken – Henning Wrede

Siedlung, Stadt und Heiligtum: Zentralisierungs- und Marginalisie-


rungsprozesse in Latium während des 8.–7. Jh. v. Chr. 521
Gabriel Zuchtriegel

Antikenrezeption 537

Nochmals zu antiken Bronzen auf frühen Fotografien 539


Norbert Franken

Zwei Gedichte von Konstantinos Kavafis 549


Übersetzt und kommentiert von Jörg Schäfer
9

Kuba 555

The Collection of Greek Vases at the National Museum of Fine Arts


in Havana 557
Marı́a Castro

The Work of Veit Stürmer in Havana: The Rescue of a Collection of


Plaster Casts of Greek and Roman Art 563
Glisel Delgado Toirac

Zwei faszinierende Skulpturen: ein skopasischer Kopf‘ und ein



Kämpfender 573
Othmar Jaeggi
Die minoische Libationsformel: Zum Namen“

(J)A-SA-SA-RA

Evelina Teneva

Dies ist eine kurze Zusammenfassung meiner Magisterarbeit, die ich unter
der Betreuung von Herrn Dr. Veit Stürmer 2011 schrieb. Der vorliegende
Text gibt vor allem den linguistischen Teil der Arbeit wieder, welcher für die
Endergebnisse am relevantesten ist.

*   ' B
A - SA - SA - RA – ME
   ' B
JA - SA - SA - RA – ME

Abb. 1: Die minoische Libationsformel“.



Die Bezeichnung minoische Libationsformel“ beschreibt eine Reihe von

Zeichengruppen in Linear-A-Schrift, die in unterschiedlicher Zusammenset-
zung auf einigen, vor allem mit dem Kultus verbundenen, Gegenständen
überwiegend aus der Zeit MM III bis SM I auf Kreta auftauchen. Eine
Grundanordnung der Terme“ der genannten Formel bleibt auf vielen Fun-

den erhalten. Wegen der Eindeutigkeit des archäologischen Kontextes und der
Regelhaftigkeit der erkannten graphischen Muster gehen die meisten Forscher
hier von einer syntaktisch zusammenhängenden Struktur aus und sprechen
von einem ganzen Votivsatz“ in Linear-A-Schrift. Das wäre somit eine

der wenigen solchen Einheiten, die wir aus der minoischen Sprache kennen,
und daher eine der wenigen Einheiten, die der linguistischen Analyse und
einer eventuellen Entzifferung der Linear-A-Schrift nützliche Anhaltspunkte
anbieten könnte.
346 Evelina Teneva

Die Gruppe LA>B (J)A-SA-SA-RA1 (Abb. 1), welche hier thematisiert


wird, ist nur ein einzelner sehr oft vorkommender Term der minoischen
Libationsformel. Das ist aber auch die Zeichengruppe, die nicht nur in der
MLF sondern auch generell in den bekannten LA-Inschriften am häufigsten
belegt ist.2 Es mangelte nicht an Versuchen, der mit den LB-Lautwerten
gelesenen LA-Zeichensequenz eine Bedeutung zuzuweisen. Dabei überwog
die Überzeugung, dass sich dahinter der Name einer Gottheit verbergen
müsste. Die langjährige Diskussion über die Deutung dieser Zeichengruppe
bedarf einer nüchternen Betrachtung. Zu bemängeln ist bei den vorhandenen
Interpretationen oft das methodische Vorgehen, besonders in Bezug auf
die linguistische Analyse. Letztere wird den Schwerpunkt der folgenden
Zusammenfassung bilden.3

1 Die lautliche Ebene: die Lesung der LA-Zeichen

Die eingesetzten LB-Lautwerte für die lineare Formel (J)A-SA-SA-RA haben


nur einen experimentellen Wert, sie müssen nicht endgültig sein. Die Frage
nach der möglichen Entsprechung von Lautwerten formähnlicher Zeichen
in beiden Schriften ist für die Analyse der Sequenz doch äußerst relevant.
Nach jetzigem Stand der Forschung ist die LB-Schrift keine direkte Ent-
lehnung von Linear-A.4 Die statistische Analyse von Packard5 hat eine
empirische Bestätigung für die Annahme geleistet, dass die LB-Lautwerte
1
Für die Zusammenfassung wird folgende Notation aus der Fachliteratur übernommen:
AB = Der Linear-A- und der Linear-B-Schrift gemeinsame Zeichen (in lat. Translite-
ration und/oder Transnumeration), vgl. GORILA Band V
CV, VC = Konsonant-Vokal, Vokal-Konsonant (in Bezug auf Silben)
LA, LB = Linear-A, Linear-B
LA>B = Transliteration von Linear-A-Zeichen durch die Lautwerte formell entspre-
chender Linear-B-Zeichen
MLF = Minoische Libationsformel
2
Duhoux 1998, 22–23.
3
Die Originalfassung der Magisterarbeit enthielt eine ausführliche Beschreibung der
Materialgrundlage für die Untersuchung: einen Katalog von 18 LA- und 16 Hierogly-
pheninschriften mit den relevanten Zeichensequenzen. Die vorliegende Zusammenfas-
sung wird sich nur wo nötig auf konkrete Inschriften aus dem Katalog beziehen, ohne
dass diese ausführlich behandelt werden.
4
Duhoux 1989, 65, Anm. 26; Palaima 1988, 309; Tomas 2003, 230–231. 241–242.
261–262.
5
Packard 1974.
Die minoische Libationsformel: Zum Namen“ (J)A-SA-SA-RA 347

für formähnliche Zeichen in Linear-A im Großen und Ganzen als anwendbar


gelten dürfen und dass die strukturellen Entsprechungsmuster, die dabei
entstehen, nicht auf reinem Zufall basieren.6 Trotzdem sind die Ergebnisse
rein rechnerischer Methoden in Bezug auf Sprache mit gewisser Skepsis zu
betrachten, wie etwa von Olivier7 argumentiert. Die feinere linguistische
Analyse ergibt, dass die auf diese Weise festgestellten Muster, z.B. unter-
schiedlich positionierte Zeichenalternationen in Linear-A, nicht immer auf
Flexionsformen der gleichen Lexeme (d.h., auf morphologische und semanti-
sche Entsprechungen) hinweisen. Nur eine kleine Auswahl der betreffenden
Zeichengruppen mit feststellbaren Alternationen stellt fast sicherlich ver-
schiedene Formen gleicher Vokabeln“ dar.8 Mit einer einzigen Ausnahme

besteht diese kurze Liste aus Termen der minoischen Libationsformel, wobei
der semantische Zusammenhang durch das syntaktische Gefüge bestätigt
und besonders glaubwürdig gemacht wird. Bei den alternierenden Zeichen
dieser Sequenzen kann man folglich nach der Logik von Kobers triplets“ von

isokonsonantischen Syllabogrammen ausgehen. Diese Logik ist aber nicht
unbedingt zu befolgen.9
Der syntaktische Kontext bestätigt eindeutig nur die Tatsache, dass es sich
bei den gewählten Sequenzen um Flexionsformen handelt. Das bestätigt aber
nicht unbedingt den Isokonsonantismus der alternierenden Zeichen, auch
wenn der Zusammenfall mit isokonsonantischen Syllabogrammen in Linear-B
das sehr wahrscheinlich macht. Olivier10 hat diesbezüglich eine konkrete
Liste von LA-Schriftzeichen ermittelt, deren Lautwerte als wirklich gesichert
gelten dürfen, nämlich die Zeichen LA>B DA , I C, JA , KI ?, PI Z, RI V,
RO , TA !, TE  und SU . Die Kriterien für diese Auswahl wurden von
Duhoux verfeinert.11 Godart und Facchetti fügten noch die Zeichen PA , SE
0, TO , KE , und SI & zur Liste hinzu.12 So rekonstruierte Olivier für das
Phoneminventar von Linear-A die Vokale a, e, i, o, u und die Konsonanten
j, r, l, d, t, p, k, s. Diese Rekonstruktion des Vokalismus ist umstritten. Die
6
s. auch Duhoux 1989, 67.
7
Olivier 1975, 443.
8
Duhoux, 67.
9
Packard 1974, 71 bemerkt mit Recht, dass das Verfahren von Kobers triplets“ für

die Ermittlung von Lautwerten nicht bei jeder Sprache anwendbar wäre, da dieses
Verfahren auf der Silbenstruktur des Lateinischen (bzw. Griechischen) und den dort
vorhandenen Flexionsmustern prinzipiell beruht. Die Struktur einer semitischen Spra-
che wäre beispielsweise unter Anwendung ähnlicher Methoden weniger durchschaubar.
10
Olivier 1975, 44.
11
Duhoux 1989, 69–70.
12
Godart 1976, 42–43; Facchetti 1999, 3.
348 Evelina Teneva

LB-Zeichen für e und o kommen in Linear-A sehr selten vor. Auch die in LB
verwendeten e- und o-haltigen CV-Zeichen sind in LA eine Seltenheit oder
gar nicht präsent.13 Aus diesem Grund überwiegt die Überzeugung, dass
die Sprache der Linear-A-Schrift einen i-a-u-Vokalismus aufwies und dass
die selten auftretenden Vokale e und o dort keinen phonematischen Status
besaßen, ähnlich wie in den semitischen Sprachen.
Die Verwendung der Lautwerte der verwandten LB-Schrift für experimen-
telle Zwecke ist daher, nach Beobachtungen über das Verhältnis zwischen
den beiden Systemen, zulässig. Besonders die Lautwerte von 15 (s.o.) LB-
Schriftzeichen können laut statistischer Analysen in der Lesung von LA-
Sequenzen als gesichert gelten. Auch die drei LB-Vokalzeichen i, a und u
dürfen ihren Lautwert in der Lesung von Linear-A-Zeichengruppen behalten.
Das sind, zusammengefasst, die allgemeinen Ergebnisse bisheriger Analysen
zur phonetischen Deutung der LA-Schriftzeichen.

2 Die Lesung der LA-Sequenz (J)A-SA-SA-RA

Konkret zur untersuchten Zeichensequenz lässt sich, nach dieser Logik, auch
einiges über die Lautwerte ermitteln. Das Zeichen AB 08 * ist darunter am
unproblematischsten. Sein Vorkommen zu ca. 90 % im Anlaut der Grapheme
in einem Syllabar,14 sowie die allgemeine typologische Beobachtung über die
häufige Verwendung des a-Vokals in Sprachen der Welt lässt die Lesung als
[a] ziemlich sicher erscheinen. AB 08 * alterniert im Anlaut der Sequenz mit
AB 57 . Letzeres ist sicherlich ein CV-Zeichen, da es an allen Stellen eines
Lexems belegt ist.15 Die Alternation lässt schließen, dass die beiden Zeichen
eine ähnliche Lesung gehabt haben sollten. Der vertretene Vokal muss der
gleiche gewesen sein, was durch die LB-Lautwerte bestätigt wird. Doch die
Überlegungen zu den möglichen Lautwerten des vertretenen Konsonanten
bei AB 57 , abgesehen von der entsprechenden LB-Lesung, führen nicht
unbedingt zur Erschließung eines [j] dahinter. Objektiv gesehen kann die
angenommene Ähnlichkeit der Aussprache der beiden Syllabogramme sowohl
auf einen Halbvokal/Approximanten schließen lassen als auch auf einen
Laryngallaut wie [h] oder [P]. Man darf dabei nicht außer Acht lassen,
dass Laute artikulatorisch auf unterschiedliche Weise zwischen Sprachen
13
Vgl. Duhoux 1989, 72; Packard 1974, 114–115; Palaima 1988, 322.
14
s. GORILA V (1985), 160–164.
15
s. GORILA V (1985), 228–232.
Die minoische Libationsformel: Zum Namen“ (J)A-SA-SA-RA 349

übertragen werden. Hier handelt es sich um eine Alternation, die die LA-
Sprache betrifft. Letztere könnte auch Laute enthalten haben, die von der
LB-Sprache nicht genau wiedergegeben werden konnten. Man denke dabei an
die Übertragung semitischer Laryngallaute in indoeuropäische Sprachen und
alternierende Lesungen wie Emmanuel/Immanuel, welche daraus entstehen.
Dazu ist vielleicht anzumerken, dass das Graphem von AB 57  uralt ist.
Es kommt ursprünglich als antikes Töpferzeichen vor und steht für einen
Laryngal in den späteren semitischen Alphabeten. Die Gemeinsamkeiten
der tradierten Form sprechen nicht unbedingt für Gemeinsamkeiten der
Aussprache, doch sie könnten Indizien für die ursprüngliche Bedeutung des
Zeichens enthalten. Die Interpretation des Konsonanten von AB 57  bleibt
daher offen.
Die Lesung der restlichen Zeichen der behandelten Sequenz lässt sich nur nach
allgemeineren Überlegungen argumentieren, da diese Zeichen in der oben
erwähnten Liste nach Olivier/Godart/Facchetti nicht vertreten sind. AB 31
 weist eine formelle Ähnlichkeit mit dem Zeichen für [sa] im kyprischen
Syllabar auf. Dazu gibt es noch die allgemeine Erwägung, dass der Drang,
den Lautwert eines Sibilanten zu verändern, zu gering wäre, zumal fast jede
denkbare Sprache solche Laute in der einen oder anderen Form enthält. Die
Lesung [sa] ist aus diesem Grund plausibel. Gleiche Logik kann für den
Lautwert von AB 60 ' angewendet werden: Ein Liquid, in der Ausprägung
[r] oder [l], ist in fast jeder Sprache zu erwarten, als dass der Lautwert in
der Übertragung LA>LB verändert werden müsste.
Problematisch ist die Deutung des letzten Zeichens der Sequenz, das traditio-
nell als AB 13 transliteriert wird. Die an dieser Stelle belegten Zeichenformen
führen sowohl auf die Form von AB 13 B (ME) zurück als auch auf die Form
von AB 23 % (MU).16 In einer Inschrift (KN Za 10) treten zusätzlich die
Zeichen AB 80-06 ° (MA-NA) am Ende der Sequenz auf. Wenn also die
nach (J)A-SA-SA-RA vorkommenden Syllabogramme analysiert und die
LB-Lautwerte angewendet werden, kommt es scheinbar immer auf m-haltige
Syllabogramme, die die Fortsetzung des Lexems darstellen. Diese Beson-
derheit könnte auf bestimmte morphologische Erscheinungen hinweisen, die
weiter unten diskutiert werden.
Es finden sich folglich ausreichende Hinweise auf eine Lesung der LA-Sequenz
08/57-31-31-60-13 als (J)A-SA-SA-RA-ME , so dass dieses Verfahren als
keine willkürliche Zuweisung von Lautwerten angesehen werden darf. Hier
16
Vgl. dazu Raison – Pope 1994, 23 und Raison – Pope 1971, XXXIV.
350 Evelina Teneva

sollte man doch eventuell beachten, dass der Konsonant bei AB 57  nicht
unbedingt ein [j] gewesen sein muss und dass bei AB 13 B eventuell auch
andere Vokale (u oder a) nach dem m im Spiel sein könnten.

3 Die morphologische Ebene: Strukturelemente hinter den


Zeichen

In diesem Teil der Arbeit wurde ein Versuch unternommen, strukturelle


Elemente und Erscheinungen, soweit an der Graphie der untersuchten Se-
quenz ersichtlich, zusammenzufassen. Die Thematik der Morphologie bei
einer unbekannten Sprache verschmilzt an Stellen mit dem Thema der pho-
netischen Interpretation der Zeichen und des Satzbaus. Daher ist hier unter
Morphologie die Untersuchung von Strukturelementen generell gemeint, wel-
che den Aufbau einer Zeichensequenz bestimmen, sowie die Untersuchung der
internen Regeln und Mechanismen, die gewisse graphische Erscheinungen ver-
ursachen können. Es handelt sich also um die Struktur des Schriftbildes und
nicht um Morphologie des Wortes im streng grammatischen Sinne. Der Text
konzentriert sich nur auf eine Zeichenfolge in Linear-A und erhebt keinen
Anspruch auf Ausführlichkeit. Trotzdem wird auf allgemeine Implikationen
der so entdeckten Muster für die Struktur der LA-Sprache hingewiesen.

3.1 Alternation A/JA

Die schon erwähnte häufige Alternation der Zeichen AB 08 * und AB 57 


hat offenbar breitere Zusammenhänge als innerhalb der Sequenz (J)A-SA-
SA-RA. Die beiden Syllabogramme sind überhaupt die beiden am häufigsten
vertretenen Schriftzeichen in Linear-A.17 Doch die Alternation an sich ist
fast nur im Anlaut sehr verbreitet. Abgesehen von einer möglichen rein
graphischen Alternation, d.h. regional oder durch zeitliche Abstände bedingt,
gibt es zwei weitere mögliche Quellen einer solchen Variabilität, die hier
zusammenfassend präsentiert werden:
1. phonetische Erscheinungen als Quelle – d.h. allmähliche Annäherung
und Zusammenfall von ursprünglich unterschiedlichen doch ähnlich
klingenden Phonemen;
17
s. Index in GORILA V (1985).
Die minoische Libationsformel: Zum Namen“ (J)A-SA-SA-RA 351

2. morphosyntaktische Elemente als Quelle – d.h. formative oder weitere


an das Wort angehängte Elemente (wie etwa Klitika, Präpositionen
oder Partikeln), die zur graphischen Variabilität führen.
Die erste Quelle wurde im vorherigen Abschnitt schon behandelt. Offen
bleibt dabei die Frage, warum die Alternation, im Falle einer phonetischen
Ähnlichkeit, nur im Anlaut stattfindet. Haben die entsprechenden Silben
etwa nur im Anlaut ähnlich geklungen?
Die zweite Quelle wurde von verschiedenen Forschern als Möglichkeit erwägt.
Duhoux18 argumentierte eine i/j -Präfigierung für die LA-Sprache, wobei das
j-Element als eine Art Präposition oder Kasuszeichen gedient haben müsste.
In Anlehnung daran bietet Younger19 eine Übersetzung als für j-n oder

etw.“ (engl. to). Diese Deutung findet jedoch keine syntaktische Bestätigung.
Beim Vergleich einiger sich ziemlich genau entsprechender Belege der MLF
(wie etwa IO Za 2, TL Za 1, IO Za 16 und PK Za 11) alternieren A und JA,
ohne dass dabei Änderungen im syntaktischen Kontext auftreten. Für einen
solchen Kasuswechsel“ scheint es also keinen sichtbaren grammatischen

Auslöser im Satz zu geben. Auch die Auffassung des Elements als eine
Präposition zeigt Probleme auf. Zum einen wäre eine solche Präposition aus
typologischer Sicht eine Kuriosität, wie schon von Duhoux20 zugegeben. Zum
anderen bleibt auch hier die Frage offen, warum diese Präposition manchmal
auftaucht und manchmal nicht. Eine Interpretation des Elements als Artikel
oder Demonstrativum wäre vielleicht akzeptabler, da solche Modifikatoren
im Satzgefüge optional sein können und die allgemeinen Verhältnisse in
der Satzaussage nicht verändern. Duhoux unternimmt einen Versuch der
Etymologisierung des Formanten“ als die Nullstufe *i des idg. Pronomens

*ei . Doch auch das wäre mit keinen weiteren Besonderheiten der LA-Sprache
in Verbindung zu bringen und bleibt somit unbeweisbar.
Wichtig ist letztendlich nicht so sehr die Bestimmung der genauen Quelle
der A/JA Alternation, denn hier könnte durchaus mehr als eine Quelle in
Frage kommen. Am wichtigsten und zugleich am schwierigsten wäre es, die
verschiedenen Quellen der Variabilität voneinander abzugrenzen. Ein Teil
der Alternation könnte phonetischen und ein anderer morphosyntaktischen
Ursprungs sein. Auf jeden Fall versteckt sich hinter dieser Erscheinung etwas,
was für das allgemeine Verständnis der LA-Sprache nützlich und aufklärend

18
Duhoux 1994–1995, 291.
19
Younger 2018, 13c.
20
Duhoux 1994–1995, 292.
352 Evelina Teneva

sein kann. Aus diesem Grund ist die weitere Beschäftigung mit dem Thema
nötig.

3.2 Reduplikation

Die LA-Schrift zeigt eine starke Tendenz zur Reduplikation von Schrift-
zeichen auf, die auch bei der Sequenz (J)A-SA-SA-RA nachgewiesen ist.
Die wichtigsten Ursachen einer solchen Tendenz können entweder in der
Morphologie oder der Phonetik der Sprache liegen. Zu bedenken sind Assimi-
lationsprozesse bei Konsonantenverbindungen wie etwa im Italienischen im
Vergleich zum Lateinischen. In Frage kämen auch wortbildende Mechanis-
men, die grammatisch bedingt sind. Als Beispiel nehme man die regelmäßige
Reduplikation des zweiten Radikals des G- und N-Stammes der akkadischen
Verben im Präsens, wobei die Reduplikation als Tempuszeichen dient. Die
beobachtete Tendenz im LA-Schriftbild drückt eine Vorliebe der betreffenden
Sprache zur Assimilation und Reduplikation von Lauten aus, was an sich
nützliche Hinweise auf die Struktur der LA-Sprache enthalten könnte.

3.3 Suffigierung

Eine Segmentierung der behandelten Sequenz in (J)A-SA-SA-RA und einem


Suffix (ME, MU, MA-NA) liegt auf der Hand. Zu beachten ist, dass es sich
hier möglicherweise um drei verschiedene Suffixe handelt (und nicht etwa
um zwei, wie in der Fachliteratur oft vertreten). Eine sinnvolle Deutung der
Suffixe ist nach heutigem Stand des Wissens nicht möglich. Im Vergleich dazu
bleiben bezüglich einer möglichen Präfigierung (s.o.) zu viele rein strukturelle
Fragen offen, als dass die Ebene der Deutung überhaupt sicher angetreten
werden könnte.

4 Die semantische Ebene: die Göttin?

Sehr verbreitet in der Forschung ist die Tendenz, hinter der Sequenz (J)A-
SA-SA-RA den Namen einer Göttin zu suchen – daher auch der Titel der hier
zusammengefassten Arbeit. Die Vermutung stammt aus der Überzeugung,
dass eine Große Muttergöttin“ im Zentrum der minoischen Religion ge-

standen haben sollte. Dieses bringt man in Verbindung mit dem äußerst
häufigen Vorkommen der Zeichenfolge (J)A-SA-SA-RA in Votivinschriften
aus minoischen Heiligtümern. Doch diese Deutung verbindet tatsächlich zwei
Die minoische Libationsformel: Zum Namen“ (J)A-SA-SA-RA 353

Perspektiven und Wege der Argumentation: 1) eine religionsgeschichtliche


(auf unserem Wissen über die Religion und Kultpraktiken der Minoer basie-
rende) und 2) eine kontextuelle (durch die Betrachtung des epigraphischen
Kontextes entstandene).
Zu 1): Es ist eine Tatsache, dass eine große Zahl an weiblichen Tonstatuetten
in minoischen Kultkontexten entdeckt worden ist, welche Evans mit ähnlichen
Funden aus anderen Teilen der Welt in Verbindung bringen wollte.21 Genauso
unbestreitbar ist es, dass eine starke weibliche Präsenz in den Bildern der
Minoer generell zu beobachten ist.22 Doch über die Deutung dieser Tatsachen
war sogar Evans unsicher, was aus einem Brief von ihm an Martin Nilsson
ersichtlich wird.23 Er hielt scheinbar die Erklärung der Funde durch den
Glauben an die Große Muttergottheit einfach für bequem. Seit Evans ist
diese Interpretation mehrfach in Frage gestellt worden.24 Vor allem werden
dabei, aufgrund der genaueren Untersuchung des Materials, die Argumente
angeführt, dass die Darstellungen einfach von Personen sein könnten und
nicht etwa von Gottheiten, und dass das Bild einer anthropomorphen Göttin
zu stark auf modernen Vorstellungen monotheistischer Religionen basiert,
d.h. von der Glaubenswelt der Betrachter geprägt ist und die des damaligen
Schöpfers der Gegenstände nicht unbedingt wiedergibt. Die Große Göttin im
Zentrum der minoischen Religion ist daher als keine Selbstverständlichkeit
zu betrachten.
Zu 2): Die kontextuelle Perspektive betrifft die Analyse des möglichen Inhalts
einer Votivinschrift im ganz allgemeinen Sinne. Welche Glieder und Phrasen
sind dabei zu erwarten? Eine solche ziemlich erschöpfende Analyse wurde
von Yves Duhoux unternommen, mit dem allgemeinen Ergebnis, dass (J)A-
SA-SA-RA wahrscheinlich doch den Namen einer Göttin belegt.25 Somit
entspricht seine Meinung derjenigen früherer und späterer Forscher in der
Disziplin.26 Als wichtiges zusätzliches Argument für diese Theorie hat der
Fund einer weiblichen Statuette bei Poros gedient, auf welcher die Sequenz
(J)A-SA-SA-RA in Kursiv gemalt ist.27 Die Entdecker sehen den weiblichen
21
Evans 1921, 45.
22
Marinatos 1993, 147–166.
23
Nilsson 1927, 248–249.
24
Nilsson 1927, 248–249; Ucko 1968, 417, 421–23, 425; Tringham – Conkey 1998; Roller
1999, 36.
25
Duhoux 1989, 84.
26
Vgl. Palmer 1958, 75 –76; Grumach 1968, 16–17; Meriggi 1974, 88; Owens 1996, 169;
Younger 2018, 12.
27
Dimopoulou u.a. 1993, 517.
354 Evelina Teneva

Götternamen als die wahrscheinlichste Deutungsmöglichkeit für die Inschrift.


Doch dabei stützen sie sich auf der Prämisse, dass die Darstellung die einer
Gottheit ist, was, wie oben erwähnt, als ziemlich umstritten gelten darf.
Somit ist diese Interpretation logischen Zirkelschlüssen ausgesetzt und nicht
endgültig. Weitere Wege der Interpretation müssen offen bleiben.

5 Fallstudien zur Götternamenshypothese

Die verbreitete Interpretation der Zeichengruppe (J)A-SA-SA-RA als der


Name der Großen Göttin wird unter anderem durch die Heranführung
ähnlich klingender Formen dieses Namens“ in verschiedenen Sprachen

benachbarter Regionen unterstützt. In diesem Text wird die linguistische
Grundlage solcher konkreter Vergleiche analysiert und geprüft. Folgende
Frage wird dabei gestellt: Inwieweit kann es sich bei den speziell untersuchten
Sprachformen phonetisch, morphologisch und eventuell etymologisch um
den gleichen Namen wie in der Sequenz (J)A-SA-SA-RA handeln? In der
Forschung sind zwei Richtungen solcher konkreter Vergleiche verbreitet – die
altsemitische und die anatolische. Diese werden hier der genaueren Analyse
unterzogen.

5.1 Die altsemitischen Quellen: ,ttr

Die oben angegebene Form des Namens der semitischen Göttin, die man
meist unter dem Namen ,Ištar kennt, ist eine Verallgemeinerung der Beob-
achtungen über Lautvertretungen in den verschiedenen semitischen Sprachen.
In der akkadischen Keilschrift wird der Name ,Ištar am häufigsten durch das
Sumerogramm dINANNA wiedergegeben (daneben noch dIŠ.TAR, dEŠ4.DAR
usw.) doch es gibt auch phonetische Schreibungen als ištaru/aštaru. Die
Varianten mit einem i -Vokal überwiegen in der Überlieferung, daher auch
die Bekanntheit der Form ,I štar . Die Formen des Namens in verschiedenen
semitischen Sprachen entsprechen sich eindeutig sowohl phonetisch als auch
semantisch und lassen sich problemlos auf ein ursprüngliches semitisches
* ,ttr zurückführen. Es handelt sich daher um eine ursemitische Gottheit,
deren Name in allen semitischen Sprachen seine Reflexe gefunden hat.28 Die
so rekonstruierte Form lässt sich trotzdem nicht überzeugend etymologisie-
28
ERE II (1908) 115–118 s.v. Ashtart/Ashtoret/Astarte (L. B. Paton); Fitzmyer 1966,
287.
Die minoische Libationsformel: Zum Namen“ (J)A-SA-SA-RA 355

ren.29 Wichtig wäre dabei zu betonen, dass die akkadische Form ištaru nicht
nur als nomen proprium verwendet wird. Sie hat auch (oder sogar eher)
die Funktion eines generischen Wortes für Göttin“, welcher oft als Gegen-

satz zum Wort ilu ( Gott“) auftaucht.30 Die Personifizierung der Göttin

unter dem Namen ,I štar erfolgte daher erst später in der Entwicklung der
akkadischen Schriftkultur.
Der Vergleich der semitischen Form mit der Zeichenfolge (J)A-SA-SA-RA
ergibt, dass eine phonetische und morphologische Entsprechung denkbar
ist. Eine vierradikalige Wurzel liegt im Semitischen vor, deren Phoneme
problemlos mit den vermutlichen minoischen Lauten, wenn auch manchmal
über gewisse logische Lautentwicklungen, in Verbindung gebracht werden
können. Für das schon besprochene Suffix -ME (bzw. -MU/-MA-NA) findet
sich jedoch keine semitische Parallele. Das ist natürlich nicht problematisch.
Sollte die minoische Sprache einen semitischen Götternamen entlehnt ha-
ben, dann würde sie dem fremden Wortstamm ihre eigenen Flexions- und
Derivationselemente anhängen.

5.2 Die anatolischen Quellen: išhaššara- /†ašhaššara-


˘ ˘
Eine Alternative bildet die von Palmer angebotene Rückführung der LA-
Sequenz auf die hethitische Form išhaššara unter Annahme einer Entspre-
˘
chung †ašhaššara im Luwischen.31 Palmer erkennt hier nicht nur Parallelen
˘
im Lautbestand, sondern auch in der morphologischen Struktur. So sei das
schon mehrfach erwähnte Suffix –ME mit dem aus dem Hethitischen bekann-
ten enklitischen Possessivpronomen -miš zu verbinden. (J)A-SA-SA-RA-ME
entspreche also genau der Form išhaššarašmiš ( Meine Herrin“) im Hethi-
˘ ”
tischen. Die Theorie ist aus unterschiedlichen Gründen bestreitbar. Einige
seien hier genannt.
Das Wort išhaššaraš wird im Hethitischen meist mit dem Sumerogramm
˘
GAŠAN ausgedrückt, obwohl silbische Schreibungen auch vorhanden sind.
Die Entsprechung zwischen den beiden Schreibvarianten wird durch die
angenommene semantische Parallele im Sumerischen und Hethitischen ar-
gumentiert.32 Es ist aber zu betonen, dass išha- ( Herr“) und išhaššara-

( Herrin“) im Hethitischen nicht unbedingt als ˘Götternamen verwendet
˘ wer-

29
einige Versuche bei Klein 1987; Westenholz 1998, 73.
30
Beispiele in CAD B. 7, 272.
31
Palmer 1958.
32
Laroche 1947, 67.
356 Evelina Teneva

den, sondern eher in der entsprechenden generischen Bedeutung der beiden


Wörter. Palmer bezieht sich auf die häufige Schreibung GAŠAN-YA mit
einem angehängten Akkadogramm für das Possessivum ( meine Herrin“) –

das wäre in der Tat die typische Anredeform für eine hethitische Gottheit.33
Diese ideographische Darstellung des Namens sei nach Palmer phonetisch
als išhaššarašmiš zu interpretieren. Es gibt aber nur einen Beleg einer silbi-
schen˘ Schreibung dIšhaššara, die eindeutig durch das Determinativum als
˘
Götternamen zu interpretieren ist und somit die angebotene phonetische
Lesung dokumentiert, nämlich in KUB 57.108.34 Doch im Kontext der
Inschrift könnte es sich nur um eine Übertragung der Idee der Göttlichkeit
auf den betreffenden Namen handeln (eher als um eine reguläre Schreibung
mit dem Determinativum). dIšhaššara taucht nämlich hier in Zusammen-
hang mit dem Namen des Gottes ˘ Pirwa auf, dessen Gattin üblicherweise mit
dem Determinativum versehen wird, womit eher die natürliche Göttlichkeit
der Gattin zum Ausdruck kommt.35 Ferner ist die von Palmer argumen-
tierte Kombination mit dem angehängten Possessivum in silbischer Schrift
überhaupt nicht belegt. Trotz aller aufgelisteten Bedenken zur Knappheit
der Evidenz für die semantische Übertragung und phonetische Interpretation
wäre dieser Teil von Palmers Argumentation noch plausibel.
Schwieriger gestaltet sich die Erklärung des Anlautvokals in der minoischen
und der vermeintlichen anatolischen Form. Die bekannte und belegte hethi-
tische Variante weist ein i im Anlaut auf, im Unterschied zum minoischen
(j)a in gleicher Stellung. Dafür gäbe es keine denkbare lautgesetzliche Be-
gründung. Palmer greift auf die Parallele mit einer zu erwartenden luwischen
Form †ašhaššaramiš zu und bezieht sich auf die allgemeine Tendenz, dass
einem i im˘ Hethitischen häufig ein a im Luwischen entspricht (allerdings nur
im Falle, dass es sich beim betreffenden Lexem um ein Reflex des indogerma-
nischen Vokals *e handelt).36 Dass das i in heth. išha- ein idg. *e fortsetzt,
wäre nach letzten Erkenntnissen über die Etymologie˘der hethitischen Wurzel,
nämlich ihre Parallele zum lateinischen Wort erus Herr“,37 denkbar, doch

diese Etymologie funktioniert nicht für das Luwische. Das Wort für Herr“

im Keilschrift-Luwischen wird mit dem Sumerogramm EN wiedergegeben,

33
Persönliche Auskunft von C. Melchert (23.11.2015).
34
Bossert 1944, 70; Hazenbos 2003, 102–107; persönliche Auskunft von C. Melchert
(23.11.2015).
35
Persönliche Mitteilung von C. Melchert (23.11.2015).
36
Melchert 1994, 130, 263.
37
Nussbaum 2014, 245.
Die minoische Libationsformel: Zum Namen“ (J)A-SA-SA-RA 357

was eine phonetische Interpretation lange erschwert hat.38 Nach jüngsten


Untersuchungen des Hieroglyphen-Luwischen ist dieses Lexem doch als niya
zu lesen.39 Eine gemeinsame indogermanische Ableitung der entsprechenden
Reflexe in den anatolischen Sprachen ist daher unmöglich. Auch wenn man
davon absehen möchte, dass †ašhaššara im Luwischen gar nicht belegt ist
˘ Form nur theoretisiert, erweist sich die
und über die Existenz einer solchen
reine Annahme der Lautentwicklung als unbegründbar.
Was hätte die Analyse all dieser Zusammenhänge zur Hauptfragestellung aus-
zusagen? Sowohl die angebotenen semitischen als auch anatolischen Formen
weisen gewisse strukturelle Entsprechungen zur minoischen Zeichengruppe
auf, doch die Begründung der anatolischen Hypothese stößt scheinbar auf
viel tiefere Probleme und gibt daher zu bedenken, ob sie aus der Betrachtung
nicht ganz ausscheiden muss. Sollte (J)A-SA-SA-RA in Linear-A wirklich für
einen Götternamen stehen, dann wäre es unmöglich zu bestimmen, ob das
ein einheimischer, ererbter Name ist oder eine Entlehnung. Und vor allem
die Bedeutung der genannten Erkenntnisse über Formentsprechungen und
der dazugehörigen möglichen Lautentwicklungen bleibt ohne Einbindung in
einem Sprachsystem, welches im Falle der minoischen Sprache immer noch
unbekannt ist, sehr gering. Das sind und bleiben interessante Entdeckungen,
welche im Rahmen eventueller zukünftiger Erkenntnisse über die Sprache
von Linear-A nützlich oder einleuchtend sein könnten.

6 Fazit

Kehrt man zur Frage nach der Bedeutung und Einordnung der hier unter-
suchten konkreten Zeichengruppe zurück, lässt sich Folgendes schlussfolgernd
formulieren: Die Lesung (J)A-SA-SA-RA ist prinzipiell möglich, doch, bis
anders bewiesen, nicht als gegeben anzunehmen. Besonders sollte man dabei
auf Besonderheiten der Übertragung von Lauten zwischen Sprachen achten,
sowie auf die Auswirkungen dieser auf die graphische Darstellung bestimmter
Phoneme. Die Sequenz verbirgt wahrscheinlich ein Lexem mit Prä- und Suf-
fixen, deren morphologische Grenzen und Funktion/Bedeutung anhand des
hier untersuchten Materials nicht immer genau zu bestimmen sind. Eventuell
könnte die Miteinbeziehung ähnlicher Phänomene bei anderen Gruppen aus
dem LA-Corpus dazu weiter hilfreich sein.
38
Otten 1953, 62.
39
Persönliche Mitteilung von C. Melchert (27.11.2015); vgl. ACLT 2007–2009.
358 Evelina Teneva

Die Deutung der Sequenz als ein Göttername ist nur als eine sehr sinnvolle
Vermutung anzunehmen; auf mögliche Alternativen ist zu achten. Besonders
die Interpretation als der Name der Großen kretischen Göttin“ hat nach-

weislich eher mit der Verewigung eines Mythos zu tun als mit tatsächlichen
Realitäten des minoischen Glaubens. Das richtige Verständnis dieser sonst
sehr wichtigen und am häufigsten vorkommenden Zeichengruppe in der LA-
Schrift könnte anfänglich die Befreiung von einigen verbreiteten Stereotypen
voraussetzen. Hinsichtlich der konkreten Fallstudien zu möglichen Vergleichs-
formen dieses Namens aus anderen Sprachen, welche in der Forschung oft
angeführt werden, hat die sorgfältige Analyse gezeigt, dass keiner dieser
Namen vorzüglich als die Entsprechung der vermeintlichen minoischen Form
darzustellen ist. Die angebotenen Parallelen sind möglich, doch nicht aus-
schließlich und in Bezug auf die Sprache der LA-Schrift wenig aussagekräftig.
Die Existenz einer minoischen Göttin namens Jasasara ist letztendlich nicht
auszuschließen, doch auch nicht zu beweisen. Die Anführungszeichen beim
Wort Namen“ im Titel dieser Arbeit waren daher berechtigt und werden

nach der vorliegenden Analyse nicht aufgehoben.

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