You are on page 1of 132

BeNeLux € 6,40 Finnland € 8,30 Griechenland € 7,30 Norwegen NOK 82,– Polen (ISSN00387452) ZL 33,– Slowakei € 6,80 Spanien

i € 6,80 Spanien € 6,80 Tschechien Kc 195,- Printed in


Dänemark dkr 57,95 Frankreich € 6,80 Italien € 6,80 Österreich € 6,00 Portugal (cont) € 6,80 Slowenien € 6,50 Spanien/Kanaren € 7,00 Ungarn Ft 2490,- Germany

Flughafen BER
Verpatzt Berlin
erneut die Eröffnung?
Alltagsterror

seine Nachbarn quält


Wie ein Clan-Mitglied
des Jeff Bezos
Mondlandung 2024
Die verrückten Pläne
ein jähes Ende droht
Wirtschaftswunder
Warum dem deutschen
sind vorbei
Die fetten Jahre
Nr. 20 / 11.5.2019
Deutschland € 5,30
Das deutsche Nachrichten-Magazin

Mehr Entlastung?
Hausmitteilung Mit durchgängig digitalen
Betr.: Clan-Kriminalität, Sudan, SPIEGEL WISSEN, »DEIN SPIEGEL«
kaufmännischen Abläufen.
Eine Richterin am Amtsgericht Berlin-

THOMAS LOBENWEIN / DER SPIEGEL


Spandau wunderte sich Ende April über
das Medieninteresse an ihrem Fall: zwei
Kamerateams, drei Reporter? War das
nicht ein normaler Nachbarschaftsstreit
in einem Mehrfamilienhaus, den sie zu
verhandeln hatte? Nein, war es nicht.
Reporter Jürgen Dahlkamp klärte sie
hinterher auf, dass es um ein Mitglied
Jagodschinski, Sohn Janis, Dahlkamp des berüchtigten Rammo-Clans ging, das
den anderen im Haus das Leben zur
Hölle machte. Und dass jede Zeugenaussage der Nachbarn daher eine Mutprobe war.
Im Prozess war zuvor von Clan keine Rede gewesen. Mit den Kollegen Thomas
Heise und Claas Meyer-Heuer von SPIEGEL TV sowie Gunther Latsch und Jörg
Schmitt vom SPIEGEL-Investigativteam trug Dahlkamp Szenen eines jahrelangen
Kampfes zusammen, in dem brave Bürger wie Hildegard Jagodschinski und ihr Sohn
Janis einem Mann ausgesetzt sind, der offenbar nach eigenen Gesetzen lebt. Erst am
vergangenen Mittwoch rückte die Polizei zu einer Razzia an. Doch der Clan-Mann
zeigte sich wenig beeindruckt. Während ein Polizeisprecher SPIEGEL TV vor dem
Haus ein Interview gab, stellte er sich ins Bild. Mit Sonnenbrille. Stumm. Regungslos.
Bedrohlich. Seite 48

Am 11. April wurde im Sudan Geschichte ge-


DANIEL ETTER / DER SPIEGEL

schrieben – massive Straßenproteste brachten


den Diktator Omar al-Baschir zu Fall, der rund
30 Jahre lang das Land beherrscht hatte. Einen
Monat später ist die Lage fragil, Militär und
Opposition ringen um die Macht. Redakteurin
Katrin Kuntz und Fotograf Daniel Etter reisten
in die Hauptstadt Khartum, um die Hintergrün- Kuntz in Khartum
de der Proteste zu verstehen. Sie verbrachten
viel Zeit rund um das Militärhauptquartier, wo jeden Tag Tausende Menschen mit
einer Sitzblockade für eine zivile Regierung kämpfen. Dort trafen sie sechs Freunde,
die den Widerstand in einem der zahlreichen »Nachbarschaftskomitees« geplant hat-
ten. Der Anführer dieser Zelle erzählte, wie sie in seinem Haus den Fall des Diktators
vorbereitet hatten. »Ohne diese kleinen Gruppen des Widerstands in den Vierteln
wäre der Druck der Straße nicht so schnell gewachsen«, sagt Kuntz. Seite 84

Erinnern Sie sich noch an Ihre Einschulung? Haben Sie sich die Termine der kom-
menden Woche gemerkt? Ohne Gedächtnis wüssten wir nicht, wer wir sind, und wir
wären unfähig, den Alltag zu organisieren. Das neue SPIEGEL WISSEN mit dem Titel
»Alles im Kopf! Unser Gedächtnis: Wie es funktioniert und wie wir es fit halten« be- Die digitalen DATEV-Lösungen unterstützen Sie bei
leuchtet die neuesten Erkenntnisse der Neurowissenschaft und geht Alltagsphänomenen allen kaufmännischen Aufgaben – vom Angebot über
nach: Wieso etwa weckt ein Lied, das wir im Radio hören, Erinnerungen? Ein Fami- die Kassenführung bis hin zur Buchführung. So ge-
lienvater, der seit einem Unfall an Amnesie leidet, erzählt, wie er sein Leben rekon- winnen Sie Freiräume und mehr Zeit für die Betreuung
struiert. Eine Frau schreibt über die Alzheimer-Erkrankung ihres Ehemanns. Das Heft Ihrer Kunden. Informieren Sie sich im Internet oder bei
erscheint am Dienstag. Außerdem am Kiosk: die neue Ausgabe von »DEIN SPIEGEL«, Ihrem Steuerberater.
dem Nachrichten-Magazin für Kinder. Das Heft
beschäftigt sich mit einem typischen Eltern-Kind-
Konflikt: Wie lange darf ein Kind sein Handy nut-
Digital-schafft-Perspektive.de
zen, welche Apps sind erlaubt? Kinder erzählen,
welche Regeln bei ihnen gelten und wie gut (oder
schlecht) das funktioniert. »DEIN SPIEGEL« gibt
Tipps, wie man sich im Netz bewegt, ohne zu viel
von sich preiszugeben. Dazu: Happy Birthday,
Bundesrepublik – das Grundgesetz wird 70.

DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019 3


Inhalt
73. Jahrgang | Heft 20 | 11. Mai 2019

Titel Milieus Soziologin Cornelia


Koppetsch über die Lebenslügen
Standort Nach Jahren des aufgeklärter Weltbürger . . . . . 40
Erfolgs droht Deutschland der
Abstieg in die zweite Liga Debatte Das Grundgesetz wurde
der Wirtschaftsnationen . . . . 10 erst durch das Bundesver-
fassungsgericht zum Erfolg 42
Die Ökonomen Daniel Stelter
und Peter Bofinger diskutieren Städte Die Elektrotretroller
im SPIEGEL-Streitgespräch befeuern den Kampf um die
über die Frage, wie reich Straße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
Deutschland wirklich ist . . . . 18
Kriminalität Wie ein Clan-Mit-
glied seine Nachbarn in Angst
Deutschland und Schrecken versetzt . . . . . 48

Leitartikel Die Europäer Bildung Ein Experte hält die

HEINL / PHOTOTHEK / IMAGO


müssen Erdoğan stärker Proteste der Schüler gegen das
unter Druck setzen . . . . . . . . . . 6 Mathe-Abi für unberechtigt 52

Meinung Der schwarze


Kanal / So gesehen: Bodo Gesellschaft
Ramelow hätte es
gern schön deutsch . . . . . . . . . . . 8 Früher war alles schlechter: Stu-

Scheitert die SPD erneut beim


Brandherd Naher Osten diengänge / Warum freuen wir
uns über die Fehler anderer? 54
Sarrazin-Ausschluss? / Hanno- Berlin und Brüssel sind entsetzt über die
versche Rathausspitze war vor Eine Meldung und ihre
gesetzeswidrigen Zuschlägen Nahostpolitik der USA. Die Verantwortung für die Geschichte Warum ein
gewarnt / Chinesischer Dissi- wachsende Spannung zwischen Teheran und Münchner verurteilt wurde,
dent in München obduziert 22 Washington sehen sie klar bei den Amerikanern. der aus einer Mülltonne
Wenn der Konflikt eskaliert, wäre Bilder klaute . . . . . . . . . . . . . . . . 55
Außenpolitik Amerikas
Konfrontationskurs
auch die Sicherheit Europas bedroht. Seite 26 Lebensaufgaben Gabriel Bach
im Nahen Osten ist gefährlich war Ankläger im Eichmann-
für Deutschland . . . . . . . . . . . . . 26 Prozess – seit 58 Jahren er-
zählt er dessen Geschichte 56
Karrieren Im Europawahl-
kampf gibt sich SPD-Spitzen- Ortstermin Nachwuchsmetzger
kandidatin Katarina Barley schlachten um die Wette . . . . 61
weitgehend unpolitisch . . . . . 30

Haushalt Trotz erheblicher Wirtschaft


Finanzierungslücken will
Finanzminister Olaf Scholz Klöckner schwächt Lebensmittel-
die Grundrente retten . . . . . . 33 kontrollen / Bahn bekommt
SIPA PRESS

mehr Geld vom Bund / Kabinen-


Verteidigung Experten haben gewerkschaft UFO veröffentlicht
berechnet, wie teuer MeToo-Studie . . . . . . . . . . . . . . . . 62
ein Nato-Austritt der USA
für Europa wäre . . . . . . . . . . . . 34 Ein Leben mit Eichmann Finanzmärkte Warum die deut-
schen Sparer hoffen, dass Bun-
Berlin Erneute Verzögerung Seit 58 Jahren hält der damalige israelische desbankchef Jens Weidmann
beim Flughafen BER? ...... 36 Ankläger Gabriel Bach sein Plädoyer im an die EZB-Spitze rückt . . . . 64

Demokratie Kommunale
Prozess gegen den Cheforganisator des Holocaust. Dieselaffäre Porsche hat
Bürgerbündnisse sind weniger Bach ist 92 Jahre alt, aber er lässt nicht die Aufklärung des Skandals
transparent als Parteien . . . . 38 nach. Er wird immer noch gebraucht. Seite 56 in Europa verzögert . . . . . . . . 67

4 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019


Luftfahrt Die Cateringtochter Handball Im Flensburger
der Lufthansa lässt ihr Essen Nachwuchszentrum wurde
billig in Tschechien kochen 68 ein Spieler gequält . . . . . . . . . . 96

Agrarindustrie In Brasiliens
Obstanbau werden verbotene Wissenschaft
Pestizide eingesetzt . . . . . . . . . 70
Flüchtlinge auf Facebook
Arbeitsmarkt Minister Heil will zählen / Warum immer mehr
die Bedingungen für auslän- junge Frauen exzessiv
dische Arbeiter verbessern 73 Alkohol trinken / Impfmüde
wecken – wie geht das? . . . . . 98
Karrieren Ein 15-jähriger Har-
vard-Student schmiss das Studi- Raumfahrt Amazon-Milliardär
um, um Gründer zu werden 74 Jeff Bezos will bis zum
Jahr 2024 Menschen auf
den Mond schicken . . . . . . . . 100

SAUL LOEB / AFP


Medien
Medizin Wie gefährlich ist die
Zeitungen Italiens Regierung neue Form der Demenz,
streicht die Presseförderung 76 die vor allem Hochbetagte
befällt? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
Mr Amazons Mondfahrt
Ausland Tiere Phantom der Meere –
Schon von Kindheitstagen an träumt Jeff Bezos ein Biologe kam einer neuen
Der strategische Wettlauf um vom Mond, eigens gründete der Amazon-Chef Walart auf die Spur . . . . . . . . 104
die Arktis schadet dem Welt-
klima / Die legendäre polnische
die Raumfahrtfirma Blue Origin. Die soll Verkehr Ingenieure erfinden
Gewerkschaft Solidarność nun seinen Traum verwirklichen: Menschen Werkstoffe, um das
ist stark nach rechts gerückt 78 wieder auf den Mond zu schicken. Seite 100 Gewichtsproblem von
E-Autos zu mindern . . . . . . . 106
Türkei Erdoğan schafft die
Demokratie ab . . . . . . . . . . . . . . 80
Kultur
Oppositionspolitiker Der Antreiber
Imamoğlu über seine Strategie Neues Rammstein-Album /
für die Neuwahl . . . . . . . . . . . . 82 Dass der Kampf um die Meisterschaft für den Pokémon-Detektiv im
FC Bayern so hart werden könnte, damit Kino / Kolumne: Besser weiß
Analyse Die Demokraten ich es nicht . . . . . . . . . . . . . . . . . 108
habe er nicht gerechnet, sagt Joshua Kimmich
versuchen, Donald Trump zu
fassen zu kriegen . . . . . . . . . . . 83 im SPIEGEL-Gespräch. Mental habe er Pop Der Eurovision Song
sich oft »komplett am Limit« gefühlt. Seite 92 Contest und seine
Sudan Sechs Freunde haben Bedeutung für Israel . . . . . . . 110
den Sturz von Diktator
Baschir vorbereitet – und Adel Das britische Königshaus
fragen sich nun, wofür . . . . . . 84 wird politisch korrekt . . . . . 115

Frankreich Wie Daniel Cohn- Kunst Ai Weiwei klagt


PRESIDENCY PRESS SERVICE / AP / DPA

Bendit die deutschen Grünen gegen Volkswagen-Partner 116


mit der Bewegung
von Emmanuel Macron Literatur Die türkische
zusammenführen will . . . . . . 88 Schriftstellerin Elif Shafak
als wortgewaltige
Kritikerin Erdoğans . . . . . . . 120
Sport
Ausstellungskritik »Camp«,
Jürgen Klopps Misserfolge als eine große Modeausstellung
Trainer / Magische Momente: in New York . . . . . . . . . . . . . . . 122
Wasserballer Tobias Preuß Erdoğans Putsch
über eine feucht-fröhliche
Pokalfeier . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 Der türkische Präsident führt das Land mit Bestseller . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
der Annullierung der Istanbul-Wahl in Richtung Impressum, Leserservice . . . 124
Fußball SPIEGEL-Gespräch mit Nachrufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
Bayern-Profi Joshua Kimmich
Diktatur. Doch die Opposition gibt sich Personalien . . . . . . . . . . . . . . . . 126
über müde Knochen und eine nicht geschlagen. Sie mobilisiert für die zweite Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
schwache Bundesliga . . . . . . . . 92 Abstimmung im Juni. Seiten 6, 80 Hohlspiegel / Rückspiegel . . . 130

Titel-Illustration: SAMSON für den SPIEGEL 5


Das deutsche Nachrichten-Magazin

Härte zeigen
Leitartikel Die Europäer müssen auf Erdoğans Despotismus mit Sanktionen reagieren.

D
ie Türkeipolitik der Bundesregierung ließ sich bis- ten Einfluss, der ihr geblieben ist, endlich geschickt nutzt.
lang in einem Satz zusammenfassen: »Wir müssen Sie sollte nun die Beitrittsgespräche mit der Türkei sus-
mit Erdoğan im Dialog bleiben.« Egal wie sehr der pendieren, wie es das Europaparlament fordert. Die EU
türkische Präsident provozierte, ob er deutsche würde damit ein Zeichen setzen, dass Erdoğans Autoritaris-
Staatsbürger als Geiseln hielt, Oppositionelle verhaften mus nicht ohne Folgen bleibt. Zugleich könnte sie die
oder kurdische Orte bombardieren ließ, Berlin verwies Verhandlungen wieder aufnehmen, sobald Erdoğan nicht
stets darauf, dass man Erdoğan brauche und sich deshalb mehr Staatschef ist. In der Zwischenzeit könnte sie die
mit ihm arrangieren müsse. Nun zeigt sich, dass »im Dialog »Vorbeitrittshilfen« weiter kürzen.
bleiben« allein noch keine Strategie ist. Recep Tayyip Sie sollte auch die Verhandlungen über eine Vertiefung
Erdoğan führt sein Land in die Diktatur – und die Bundes- der Zollunion weiter aufschieben. Die EU sollte der Türkei
regierung muss schnell eine Reaktion darauf finden. den Export von Waren und Dienstleistungen nach Europa
Der Niedergang der türkischen erst dann erleichtern, wenn
Demokratie begann nicht mit der Erdoğan zu Zugeständnissen bei
Entscheidung der Wahlkommis- Menschenrechtsfragen bereit ist.
sion vom Montag, die Istanbuler Parallel sollte die Bundesregie-
Bürgermeisterwahl vom 31. März rung Strafmaßnahmen gegen
wiederholen zu lassen. Erdoğan die Türkei verhängen, so wie sie
hat in den vergangenen Jahren es nach der Verhaftung des Ber-
systematisch den Rechtsstaat aus- liner Menschenrechtlers Peter
gehebelt und die Medien weitge- Steudtner im Sommer 2017 tat.
hend gleichgeschaltet. Bis Montag Damals verschärfte das Auswär-
konnten sich seine Gegner mit tige Amt die Reisehinweise für
dem Gedanken trösten, zumin- die Türkei und deckelte die
dest halbwegs frei und fair wählen Exportbürgschaften, was bei
zu dürfen – weshalb viele sich Erdoğan Wirkung zeigte. Nun
zu Recht davor scheuten, ihn muss es in erster Linie darum
einen Diktator zu nennen. Jetzt gehen, Manipulationen bei der
GORAN TOMASEVIC / REUTERS

ist auch diese Gewissheit verloren Neuwahl in Istanbul am 23. Juni


gegangen. Ein demokratischer zu verhindern (Seite 80).
Machtwechsel in der Türkei er- Gegner eines Konfrontations-
scheint nun kaum noch möglich. kurses mahnen, dass Deutsch-
Mit Mahnungen, wie sie von land und Europa die Türkei brau-
Bundespräsident Frank-Walter chen. Das ist richtig. Ankara ist
Steinmeier und anderen Poli- Partner der EU in der Migra-
tikern auch in dieser Woche zu tions- und Antiterrorpolitik.
hören waren, ist es nicht mehr Allein in Deutschland leben fast
getan. Die Europäer müssen eine robustere Antwort auf drei Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln. Doch
Erdoğans Despotismus finden. umgekehrt stimmt das noch viel mehr: Erdoğan kann sich
Als sich der türkische Präsident im Sommer 2018 weiter- einen endgültigen Bruch mit Europa kaum leisten. Die
hin weigerte, den amerikanischen Pastor Andrew Brunson türkische Wirtschaft steckt seit Monaten in der Krise. Soll-
aus dem Hausarrest zu entlassen, erhöhte US-Präsident ten Investitionen aus Europa ausbleiben, dürfte sie bald
Donald Trump die Strafzölle gegen die Türkei. Ganz ähnlich kollabieren. Zugleich schwindet Erdoğans Drohpotenzial,
war Russlands Präsident Wladimir Putin vorgegangen, nach- seitdem weniger Flüchtlinge nach Europa kommen. Die
dem die türkische Luftwaffe 2015 einen russischen Kampfjet Migranten lassen sich jedoch weniger von den Kontrollen
im syrischen Grenzgebiet abgeschossen hatte. In beiden Fäl- durch die türkische Marine abschrecken, wie Erdoğan
len gab Erdoğan klein bei. Putin ist heute einer seiner engs- behauptet, sondern eher durch die miserablen Zustände
ten Verbündeten. Nun können weder Trump noch Putin Vor- auf den griechischen Inseln und die Abriegelung der Gren-
bild für Deutschlands Umgang mit der Türkei sein. Und zen auf dem Balkan.
doch lässt sich aus beiden Fällen eine Lehre ziehen: Erdoğan Natürlich dürfen sich Europäer nicht der Illusion hinge-
reagiert auf Druck – gerade auf wirtschaftlichen. ben, sie könnten den türkischen Präsidenten durch Sanktio-
Die EU hat es versäumt, die Türkei zu einer Zeit (An- nen über Nacht zurück in einen Demokraten verwandeln.
fang der Nullerjahre) enger an sich zu binden, als sich das Kurzfristig wäre es schon ein Erfolg, wenn es ihnen gelän-
Land öffnete. Umso wichtiger ist es, dass sie den begrenz- ge, Exzesse zu verhindern. Maximilian Popp

6 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019


Meinung So gesehen

Das ist seins


Der Linke Bodo Ramelow hätte
Jan Fleischhauer Der schwarze Kanal es gern schön deutsch.

Subvention und Widerstand G Nachdem Bodo Ramelow ihn aus-


gesprochen hat, geht der Gedanke
nicht mehr weg: Wir brauchen eine
Der Fernsehkomiker Jan amt wenden, wenn ein Scherz daneben- neue Nationalhymne. »Ich würde
Böhmermann hat dem geht. Als Böhmermann wegen seines mir wünschen, dass wir eine wirklich
ORF ein Interview gege- Erdoğan-Gedichts in die Bredouille gemeinsame Nationalhymne hätten«,
ben. Er nannte den öster- geriet, bat er den damaligen Kanzler- hat der Thüringer Ministerpräsident
reichischen Bundeskanzler amtschef Peter Altmaier um Beistand der »Rheinischen Post« verraten.
Sebastian Kurz einen »Versi- und war beleidigt, als die Regierung Und bedauert: »Bisher hat dieser
cherungsvertreter« und die nicht wie gewünscht reagierte. Auf Wunsch leider immer nur für empör-
Österreicher »Debile«. Der ORF hat so eine Idee kann nur jemand kom- te Aufregung gesorgt.«
das Interview Anfang der Woche ausge- men, der sein halbes Leben lang beim Zwar wurden die bundesdeut-
strahlt, allerdings mit dem Hinweis ver- öffentlich-rechtlichen Rundfunk schen Hymnendebatten von 1952
sehen, dass es sich bei den Äußerungen beschäftigt war. und 1991 eher nüchtern brieflich zwi-
Böhmermanns um Satire handle und Ich habe nie ganz verstanden, warum schen Bundespräsidenten und Kanz-
man sich von seinen »provokanten Aus- jemand als Widerstandskämpfer gilt, lern geklärt, aber es stimmt ja: So
sagen« distanziere. Das war nicht der genau die Witze reißt, die in dem ein wenig empörte Aufregung wäre
besonders elegant. Ein Hinweis, dass Milieu, in dem er sich bewegt, alle toll
der Moderator beim ZDF als Spaßvogel finden. Nur Linke bringen es fertig,
beschäftigt ist, hätte meines Erachtens sich als Goldhamster des Systems ein-
genügt. Andererseits hat der Sender zurichten, um dann beim Drehen des
das Interview in voller Länge gebracht. Laufrads Vorträge zu halten, wie man
Für Böhmermanns Fans gilt der Vor- die Verhältnisse zum Tanzen bringe.
gang dennoch als Skandal, der einmal Ich habe einmal Claus Peymann, eine
mehr beweist, dass niemand so tapfer der fidelsten Betriebsnudeln des Sub-
für die Meinungsfreiheit streitet wie er. ventionstheaters, zum Interview getrof-
Ich habe schon früh den Verdacht fen. Peymann hat allein beim Berliner
gehabt, dass sein Humor vor allem da- Ensemble etwa 200 Millionen Euro an
rauf ausgerichtet ist, die politisch Steuergeldern erhalten, was ihn nicht eine schöne Sache im ostdeutschen
Bekehrten noch einmal zu bekehren. daran hinderte, sich als Feind des Sys- Landtagswahlkampf. Zumal die aktu-
Uns unterscheidet eine Reihe von Din- tems zu fühlen. Solche Chuzpe nötigt elle Hymne unbestreitbare Akzep-
gen. Ich halte es mit Harald Schmidt: mir schon wieder Respekt ab. tanzprobleme hat. Manche wollen
kein Witz über Leute, die weniger als nicht mitsingen, was insbesondere
10 000 Euro im Monat verdienen. An dieser Stelle schreiben Jan Fleischhauer und jenen aufstößt, die gern die falsche
Ich würde mich auch nie ans Kanzler- Markus Feldenkirchen im Wechsel. Strophe schmettern.
»Vielleicht gibt es etwas ganz
Neues, einen neuen Text, der so ein-
gängig ist, dass sich alle damit iden-
tifizieren können und sagen: Das ist
meins«, visioniert Ramelow. Da
kommt einem gleich »Deutschland«
in den Sinn, der neue Titel der Band
Rammstein, zurzeit Deutschlands
erfolgreichster Musikexport:
»Deutschland, deine Liebe / Ist Fluch
und Segen / Deutschland, meine
Liebe / Kann ich dir nicht geben«.
Bestimmt auch wieder nicht recht.
Vielleicht unterliegt Ramelow
schlicht einem Missverständnis,
wenn er seine Abneigung gegen das
heutige Lied der Deutschen begrün-
det: »Ich singe die dritte Strophe
unserer Nationalhymne mit, aber ich
kann das Bild der Naziaufmärsche
von 1933 bis 1945 nicht ausblenden.«
Ein seltsamer Linker, der nicht
weiß: Genau so soll es doch sein.
Stefan Kuzmany

8 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11. 5. 2019


www.volkswagen.de/t-cross

Moderne Technik
steht jedem gut.

Der neue T-Cross.


Auf jede Art besonders.
Passen innovative Technologien und stilvolles Auftreten zusammen? Der neue T-Cross beweist: ja.
So versteht er sich zum Beispiel dank seiner Connectivity-Ausstattungen bestens mit Ihrem
Smartphone. Und mit den praktischen optionalen Diensten von Volkswagen Connect und Car-Net
„Guide & Inform“ erreichen Sie Ihre Ziele nicht nur schneller, sondern auch entspannter.

Abbildung zeigt Sonderausstattungen gegen Mehrpreis.


Titel

Auslaufmodell Deutschland
Standort Verwöhnt und behäbig geworden von Jahren des Erfolgs, riskiert das Land, in die zweite
Liga der Wirtschaftsnationen abzusteigen. Es fehlt an Innovationen und Mut zu
Reformen, jetzt drohen die USA auch noch mit Zöllen gegen die deutsche Autoindustrie.

W
ow, was waren das für Jahre! und Unternehmensstrategen früher oder nager der börsennotierten Konzerne, aber
Ein zweites Wirtschaftswun- später die gleiche besorgte Analyse: Wir die Stimmung ist überall zu spüren: ange-
der, eine goldene Dekade. Deutschen sind längst nicht mehr so gut, spannte Nervosität, Sorge, nur selten Op-
Aufschwung, Aufschwung, wie wir glauben, das deutsche Modell ist timismus.
Aufschwung. Deutschland, das war in den so nicht zukunftsfähig. Offen reden darü- »Im Ausland wird ›Made in Germany‹
vergangenen Jahren: eine Wohlstands- ber die wenigsten, vor allem nicht die Ma- zunehmend entzaubert«, warnt Wolfgang
maschine. Nie zuvor gab es so
viele Arbeitsplätze. Nie zuvor
wurde so viel exportiert. Die
Löhne stiegen und stiegen. Der
Staat ertrank fast in seinen
Steuereinnahmen. Ein blühen-
des Land, der schnurrende Mo-
tor Europas.
Vom Boom profitierten nicht
nur ein paar Reiche. Das real
verfügbare Einkommen der
Deutschen ist seit Anfang der
Neunzigerjahre um fast ein
Fünftel gewachsen. Die Zahl
der Arbeitslosen lag im April
bei 2,2 Millionen – der niedrigs-
te Wert für diesen Monat seit
der Wiedervereinigung.
Es waren fette
Jahre, tatsächlich.
Doch sie sind,
wie es aussieht, Problem
bald vorbei. In den
vergangenen Wo-
chen jagte eine Alarmmeldung
1
die nächste: Das deutsche
Wachstum fiel zuletzt fast auf
null, die Auftragslage der In-
dustrie brach ein, die Gewinn-
warnungen der Unternehmen
kletterten auf einen neuen
Höchststand. Und der Bundes-
finanzminister stellt die Nation
auf etwas ein, was sie kaum
noch kennt: aufs Sparen.
Die Konjunktur trübt sich
ein, wie das im Ökonomen-
deutsch so schön heißt. Das
muss erst einmal nichts Schlim-
mes bedeuten. Auch nach einer
Rezession, so hoffen viele Poli-
tiker, werde sich Deutschland
schon berappeln, aufstehen
und weiterrennen, so war es
doch zuletzt immer, oder nicht?
Einerseits stimmt das. Ande-
rerseits kommt in diesen Tagen
in fast jedem Gespräch mit
Konzernchefs, Topmanagern

10
Reitzle, langjähriger BMW-Chef und heu- Die Vorboten der Krise sind nicht zu größten börsennotieren Tech-Konzerne
te Aufsichtsratschef des Industrieriesen übersehen. Fast alles, was einmal den Stolz der Welt wird beherrscht von Unterneh-
Linde. »Zu vieles läuft verkehrt bei uns der sogenannten Deutschland AG aus- men, die erst in den vergangenen Jahr-
oder zu langsam, wir verlieren in wich- machte, steckt knietief im Schlamassel. zehnten entstanden sind, sie stammen aus
tigen Zukunftsfeldern den Anschluss. Volkswagen schlägt sich immer noch mit den USA und aus China. Ein deutsches
Deutschland fällt zurück, und wenn wir den Folgen der Dieselkrise herum. Der Unternehmen ist nicht dabei. Die er-
uns jetzt nicht anstrengen, werden wir im Bayer-Konzern, gerade noch das wertvolls- folgreichste deutsche Gründung der
Wettbewerb mit den USA, China und Ko- te deutsche Unternehmen, taumelt seit der Nachkriegszeit, SAP, findet sich erst auf
rea kaum bestehen können.« Übernahme von Monsanto. Die Deutsche Rang 18. Und auch die ist schon fast
Ähnlich besorgt klingt der Chef des Bun- Bank ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. 50 Jahre alt.
desverbands der Industrie, Dieter Kempf: Kriselnde Unternehmen gab es immer, Das alles muss sich schnell ändern, sonst
Deutschland habe zwar erfolgreiche Jahre kriselnde Branchen auch. Dass aber so vie- droht das Hochlohnland Deutschland zer-
hinter sich. »Doch das Umfeld wird rauer, le gleichzeitig abgestürzt sind, kann kein quetscht zu werden zwischen den Über-
die Konkurrenz härter. Es braucht einen Zufall sein. Deutschlands traditionelle mächten China und den USA, die sich in
selbstbewussten wirtschaftspolitischen Wirtschaft hat sich zu lange auf ihr Erfolgs- den nächsten Jahren eine Schlacht um die
Neustart, damit Deutschland seinen Platz modell der Vergangenheit verlassen – und ökonomische Vorherrschaft liefern werden.
in der Welt behauptet und wir das Wohl- die Zukunft vernachlässigt. Gleichzeitig Das erste Opfer dieser Auseinandersetzung
standsniveau für die Zukunft sichern.« wuchs nichts Neues nach. Die Liste der ist die Globalisierung, der Wachstums-
motor der Weltwirtschaft in
den vergangenen Jahrzehnten.
Im Ausland hat man die deut-
sche Krise, den allmählichen
Niedergang eines ökonomi-
schen Superstars, längst im
Blick. Der britische »Econo-
mist« sieht »das goldene Zeital-
ter« zu Ende gehen und warnt,
es sei Zeit, sich um Deutschland
zu sorgen. Das US-Wirtschafts-
magazin »Bloomberg Business-
week« widmete Deutschland
vor wenigen Wochen eine
deprimierende Titelgeschichte.
Der deutsche »Nachkriegswohl-
stand droht zu enden, und nie-
mand scheint vorbereitet, etwas
dagegen zu tun«, schrieb das
Magazin. Die Atmosphäre im
Land fühle sich an »wie die letz-
ten Tage einer Ära«. Und der
Ökonom Ashoka Mody von
der amerikanischen Elite-Uni-
versität Princeton, zuvor lange
Europa-Direktor beim IWF,
prophezeit der Wirtschaftsna-
tion Deutschland den Abstieg
in die zweite Liga.
In dieser Phase der Unsicher-
heit, in der die Konjunktur
schwächelt und die Frage nach
dem Erfolgsmodell der Export-
nation grundsätzlich gestellt

US-Präsident Donald Trump hat der deut-


schen Autoindustrie Strafzölle angedroht,
die allein BMW, Daimler und Volkswagen bis
zu sechs Milliarden Euro im Jahr kosten
könnten. Damit würde er den wichtigsten
Industriezweig in Deutschland treffen, in
dem 800 000 Menschen beschäftigt sind.
Porsche-Wagen in San Francisco

11
2
Problem

Die Liste der größten Konzerne wird be-


herrscht von Unternehmen aus China und
DEMETRIUS FREEMAN / THE NEW YORK TIMES / LAIF

den USA, die in den vergangenen Jahr-


zehnten entstanden sind. Deutschland da-
gegen hat nur wenige wirklich erfolgreiche
Neugründungen vorzuweisen.

Amazon-Lagerhalle in New Jersey, USA

wird, droht der deutschen Wirtschaft ein lem muss es begreifen, dass ein pures »Wei- Er hat eine besondere Beziehung zum
Schlag von außen. Er zielt auf das Herz ter so« nicht ausreicht, um den Wohlstand amerikanischen Werk in Spartanburg. Krü-
des Wohlstands: die Autoindustrie. zu bewahren. Sonst wird das Wirtschafts- ger baute es Mitte der Neunzigerjahre als
Ausgeführt würde er von Donald wunder jäh enden – auf die fetten Jahre junger Ingenieur mit auf, eine Erfolgsge-
Trump. Der amerikanische Präsident hat könnten dann viele magere folgen. schichte, bislang, für alle Seiten. BMW ver-
sich seit dem ersten Tag seiner Amtszeit kauft heute viermal so viele Autos in den
vorgenommen, neu zu definieren, wie die USA wie damals. Und South Carolina hat
Weltwirtschaft funktioniert. Er will bestim- Der Angriff einen erstaunlichen Wirtschaftsboom er-
men, wie weit Globalisierung gehen darf, Im äußersten Winkel South Carolinas, zwi- lebt.
wer am Handel verdient, und schon lange schen Kuhweiden und Schrottplätzen, ragt 80 deutsche Autozulieferer haben sich
scheint ihm die mächtige Exportnation plötzlich ein weißer Koloss aus der Land- angesiedelt, Zehntausende Jobs entstan-
Deutschland das perfekte Exempel, um schaft, die größte BMW-Fabrik der Welt. den. Als das Werk öffnete, bewarben sich
die Kräfteverhältnisse neu zu sortieren. Sie besteht aus fünf Hallen, bis zu 30 Me- 60 000 Menschen auf die ersten paar Hun-
Ein Strafzoll von 25 Prozent auf jedes ter hoch. Insgesamt sind es 4,5 Millionen dert Jobs.
eingeführte deutsche Auto, wenn Deutsch- Quadratmeter. Jahr für Jahr rollen hier mehr Drüben in Greenville, dem nächsten
land nicht so spurt, wie Trump es will, also als 400 000 Autos vom Band, sie werden in größeren Ort nahe der Fabrik, lieferten
weniger exportiert, mehr amerikanische 140 Länder exportiert. Ein Meisterstück der sich Gangs in den Neunzigerjahren noch
Güter kauft und sich überhaupt schön Globalisierung, made in Germany. Schießereien, nun stehen dort reihenweise
klein macht. Diese Drohung hängt seit Mo- BMW baut das Werk gerade noch ein- neue Luxushotels, Restaurants säumen die
naten über dem wichtigsten Industrie- mal aus, für 600 Millionen Dollar. Noch sanierte Innenstadt. »Wir haben diese Ge-
zweig des Landes, bis zum Ende der kom- mehr SUV-Modelle vom X3 müssen her. gend zu dem gemacht, was sie heute ist«,
menden Woche soll der US-Präsident ent- Auch der neue X7 wird hier produziert. sagt Knudt Flor, der Fabrikchef.
scheiden, ob er sie wahr macht. Der deutsche Autobauer hat knapp drei Es ist also kaum zu begreifen, warum
Die Folge wären Milliardeneinbußen für Dutzend Fabriken über den Planeten ver- der amerikanische Präsident die europäi-
BMW, Daimler, VW. Und es wäre der letz- teilt. Alles wird global gedacht, nicht na- schen Autohersteller als »nationale Bedro-
te entscheidende Faktor für einen perfek- tional, und das lohnte sich: Seit der Wie- hung« der USA einstufen konnte, wie er
ten Sturm, der sich seit Monaten über der dervereinigung hat sich der Umsatz von es im Februar tatsächlich tat, um mögliche
deutschen Wirtschaft zusammenbraut. BMW versiebenfacht. »Unser Geschäfts- Zölle zu rechtfertigen.
Und Deutschland hat keine Wahl: Es muss modell basiert auf freiem Welthandel«, Würden die Strafzölle Realität, wären
reagieren. Es muss sich verändern. Vor al- sagt BMW-Chef Harald Krüger. davon auch alle Vorprodukte betroffen,

12 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11. 5. 2019


die hier in Spartanburg zusammengebaut Goldene Dekade Nun rächt sich, dass sich Deutschlands
werden. Die Folgen wären dramatisch. Wie sich Deutschlands Wirtschaft in den Ökonomie so extrem abhängig von der
BMW würde einen Teil der Produktion in vergangenen zehn Jahren entwickelt hat Autoindustrie gemacht hat. Bundesweit
andere Fabriken außerhalb der USA ver- arbeiten mehr als 800 000 Menschen für
lagern, um wenigstens einen Teil seiner einen Autohersteller oder Zulieferer. Man-
Wettbewerbsfähigkeit zu retten. Schichten Wirtschaftswachstum che Region in Deutschland wäre ohne die
müssten gestrichen werden. Arbeitsplätze Veränderung zum Vorjahr, preisbereinigt Fahrzeugbranche kaum überlebensfähig.
würden abgebaut im großen Stil. Ergibt Ein Großteil des Aufschwungs der ver-
das irgendeinen Sinn? 4% gangenen zehn Jahre ist BMW, Daimler,
Robert Hitt, Wirtschaftsminister von +1,5% VW und deren Zulieferern zu verdanken.
South Carolina, ein Republikaner, ver- Zwischen 2007 und 2017 trug die Auto-
sucht, die Sache zu erklären. Er will sie in industrie 60 Prozent zum Wachstum der
einen größeren Zusammenhang stellen. 50 größten Unternehmen bei, ergab eine
»Ich glaube, jeder weiß, dass es eigentlich Studie der Beratungsfirma Accenture. Die
um einen größeren Kampf geht, der hier 2008 2018 großen Auto- und Zulieferfirmen erwirt-
ausgefochten wird«, sagt er. Und welchen schafteten zuletzt rund 700 Milliarden
Kampf meint er? »Wie sich die traditionel- Krisenjahr 2009 Euro, viel mehr als jeder andere Industrie-
len westlichen Volkswirtschaften gegen die –5,6% zweig. Das Urteil der Studienautoren: Die
chinesische Wirtschaft aufstellen.« deutsche Wirtschaft hänge »an der Nabel-
Die USA, so geht Trumps Logik, wollen schnur der Autoindustrie«.
schlicht nicht länger hinnehmen, dass Län- Quelle: Statistisches Bundesamt
Schwächeln die Autokonzerne, geht es
der wie China – oder eben Deutschland – ganz Deutschland schlecht. Und das tun
vom Konsumhunger der Amerikaner nach sie in der Tat, auch ohne Trump.
Autos oder Waschmaschinen profitieren. Arbeitslosigkeit Viel zu lange scheuten BMW, Daimler
Hitt, ein großer, schwerer Mann mit gol- und VW den konsequenten Umstieg auf
denem Siegelring und weißem Vollbart, 2008 alternative Antriebe. Denn dafür hätten
sagt trotzdem das komplette Gegenteil: 7,8% sie frühzeitig Milliarden investieren müs-
»Wir sind klar gegen Strafzölle.« Der Gou- sen – in teure Elektroautos, die in den ers-
verneur habe »eine enge Beziehung zum ten Jahren wohl nur Verluste abgeworfen
Präsidenten und hat ihm das auch sehr hätten. Technische Vorstöße blieben die
deutlich gesagt«. Ausnahme: BMW brachte 2013 den Elek-
Die Regierung in South Carolina steht tro-Kleinwagen i3 auf den Markt, doch die
Trump sehr nahe. Zum einem weil die 2018
hohen Anlaufkosten bremsten den Mut
Südstaaten traditionell tief republikanisch der Münchner. Sie konzentrierten sich wie-
sind, aber auch weil Gouverneur Henry
5,2% der auf Benzin- und Dieselmotoren, die
McMaster von Beginn an zu den glühends- Quelle: Bundesagentur für Arbeit kurzfristig sichere Gewinne versprachen.
ten Unterstützern des Präsidenten zählte. Längst hat die Konkurrenz die einstigen
South Carolina war bis vor 30 Jahren Vorreiter technisch überholt. Toyota ist
landwirtschaftlich geprägt. Heute ist der Steuereinnahmen führend bei Hybridantrieben, Tesla bei
Staat der größte Reifenexporteur der USA. von Bund, Ländern und Gemeinden sowie aus Elektroautos. In den Top zehn der welt-
South Carolina unterhält eine eigene stän- EU-Eigenmitteln* weit meistverkauften E-Fahrzeuge findet
dige Vertretung in München. Jedes Jahr sich derzeit keine einzige deutsche Marke.
2018
fließen Milliardeninvestitionen aus dem Auch im neu entstehenden Milliarden-
Ausland in den einst verarmten Staat. All 776,3 markt für Mobilitätsdienstleistungen spie-
das würde durch Strafzölle für die deut- Mrd. € len BMW & Co. bislang nur eine Neben-
sche Industrie gefährdet. 2008 rolle (SPIEGEL 19/2019).
Doch die zu erwartenden Schäden in 561,2 Der lange versäumte Strukturwandel
der Heimat halten Trump nicht davon ab, Mrd. € wird nun zum Risiko für die Beschäftigten.
mit einem Handelskrieg zumindest zu spie- Setzt sich die E-Mobilität durch, werden
len. Vielleicht halten sie ihn am Ende auch in den kommenden Jahren wohl ganze
nicht davon ab, ihn anzuzetteln. Denn ihm * z.B. Zölle; Quelle: BMF Werke für Motoren, Getriebe oder Ein-
wird nicht verborgen geblieben sein, dass spritzsysteme wegfallen. Die IG Metall
die deutsche Autoindustrie gerade ver- geht davon aus, dass bis 2030 jeder sechste
wundbar ist. BMW schockierte seine An- Güter- und Dienstleistungsexporte Job in der Autoindustrie bedroht ist – ins-
leger in dieser Woche mit roten Zahlen, gesamt rund 150 000. Und das ist noch das
zum ersten Mal seit zehn Jahren. 2018 positive Szenario. Es setzt voraus, dass die
Ein Zoll von 25 Prozent wäre schon zu 1607,1 deutsche Autoindustrie ihre weltweite Füh-
normalen Zeiten ein harter Angriff. In der Mrd. € rungsrolle verteidigen kann. Die Chance
angespannten Situation, in der sich die 2008
dafür schätzt selbst VW-Boss Herbert
Branche befindet, könnte es die Konzerne Diess auf gerade mal 50 Prozent. »So eine
ins Taumeln bringen. BMW, Daimler und
1146,1 Industrie kann schneller abstürzen, als vie-
Mrd. €
VW würden dann ungefähr 650 000 Autos le glauben wollen«, sagte Diess in einem
pro Jahr weniger verkaufen, prognostiziert Interview mit der »Süddeutschen Zeitung«.
das Londoner Analysehaus Evercore ISI. Große Teile der künftigen Wertschöp-
Gesamtschaden für die drei großen deut- fung sind bereits abgewandert. Die Batte-
schen Autokonzerne: gut sechs Milliarden riezellentechnik für Elektroautos zum Bei-
Euro jährlich. Quelle: WTO spiel wird längst in China und Südkorea

13
produziert. »Wenn wir so weitermachen,
verspielen wir die Zukunft des Industrie-
Unsichere Aussichten Deutschland mangele es an ausreichend
vielen schnellen, beweglichen Start-ups,
Wie Deutschland in
standorts Deutschland«, warnt BMW-Be- sagt der Wissenschaftler. Zwar gebe es vie-
wichtigen Zukunftsfeldern China
triebsratschef Manfred Schoch. le kleine und mittlere Unternehmen »mit
Die Autoindustrie, allen voran VW,
aufgestellt ist 1306 hoher Spezialisierung, die sich so tief in
scheint geradezu ein Symbol dafür zu sein, 1200
einzelnen Nischen etabliert haben wie in
was schiefläuft in der deutschen Wirtschaft: kaum einer anderen Volkswirtschaft«.
Sie war jahrelang zu erfolgsverwöhnt, zu Patentanträge Aber diese Detailbesessenheit sei auch ein
arrogant, zu unbeweglich, eben weil es zu nach Herkunftsland des Antragstellers, Problem. Wann immer technologische
lange zu gut lief. in Tausend Umbrüche passierten, »können all die
900 Hidden Champions auch keine Wunder
Der Abstieg vollbringen, weil ihre Spezialisierung vor
Was Deutschland droht, lässt sich an allem darauf beruht, dass sie weiter ma-
einem ehemaligen Wirtschaftschampion chen, was sie schon immer erfolgreich ge-
ablesen, der lange als unschlagbar galt: Ja- macht haben, nur noch einen Tick besser«.
600
pan. Bis in die Neunzigerjahre schwamm Amerika und China erobern die Welt.
das Land auf einer nicht enden wollenden Deutschland frickelt rum. Und selbst das
Wachstumswelle, japanische Konzerne USA nicht mehr so erfolgreich wie früher. Lange
wie Sony und Toshiba dominierten die 526 war Deutschland bei Patenten weltweit un-
Welt. Seither ist Japan in einer seit 20 Jah- 300 ter den Top drei, heute reichen chinesische
ren anhaltenden Stagnation versunken, Unternehmen siebenmal so viele Patente
viele seiner Weltkonzerne verschwanden ein wie deutsche. Bei Patenten zur künst-
in zweiter, dann dritter Reihe. Deutschland
lichen Intelligenz haben chinesische Firmen
Ökonomischen Erfolg gibt es nicht im die deutsche Industrie weit hinter sich ge-
Abo. Zumindest das hätte Deutschland aus
176 lassen. Die Folgen werden nicht lange auf
dem warnenden Beispiel Japan lernen kön- 2007 Quelle: WIPO 2017 sich warten lassen: Wenn künftig vollauto-
nen. Doch die Deutschen lernten nicht. matisierte Fabriken voller kluger Maschinen
Autos braucht man immer, hieß die Devi- in Shenzhen statt in Schwaben entstehen,
se – und dass die selbstfahrend oder elek- »Einhörner« erschüttert das den deutschen Mittelstand.
trisch sein könnten, fanden die Manager Start-ups, die mindestens USA Es ist eine seltsame Schubumkehr, die
in den deutschen Vorstandsetagen bis vor eine Milliarde Dollar wert sind 172 da im deutsch-chinesischen Verhältnis zu
Kurzem noch eine eher lachhafte Idee. An beobachten ist – und die für die deutsche
Quelle: CB Insights;
China verdienten sie gut, aber über chine- Stand: Januar 2019 Asien Wirtschaft mindestens so bedrohlich ist
sische Unternehmen machten sie sich gern 121 wie die trumpschen Zollideen.
lustig, weil die angeblich kopieren, aber Deutschland war lange Chinas Vorbild,
nichts Eigenes entwickeln können. ein Symbol für Weitblick und Effizienz.
Während die Deutschen sich auf ihrem Chinesische Manager, man kann das kaum
Europa
Erfolg ausruhten, monopolisierten die ame- anders sagen, stalkten die deutsche Indus-
rikanischen Tech-Riesen wie Google und 38 trie, immer auf dem Sprung, Innovationen
davon Deutschland:
Amazon die erste Welle der Digitalisierung. 8 abzugreifen. Der Begriff »Industrie 4.0«,
Und als die Deutschen allmählich aufwach- der die digitale Vernetzung der Produk-
ten, hatten sich die Chinesen längst aufge- tion beschreibt, hatte sich in Schwaben
macht, die zweite Welle zu übernehmen. kaum herumgesprochen, da zogen schon
Fast aus dem Nichts hat China in den die ersten chinesischen Delegationen
vergangenen Jahren eine neue Technolo- durch das Stuttgarter Umland, um heraus-
gie-Industrie aus dem Boden gestampft. Die zufinden, was es damit auf sich hat.
Entwicklung funktioniert fast immer nach Techkonzerne Doch der Reisestrom hat sich in den
dem gleichen Muster: Hunderte Entwickler Marktkapitalisierung in Mrd. Dollar vergangenen Jahren umgekehrt. Nun
werden auf neue Projekte geworfen, mit fliegen deutsche Manager nach
ehrgeizigen Zeitplänen und oft reichlich China, und egal mit welchem
1. Microsoft USA 962
finanzieller Schützenhilfe vom Staat. Des- Unternehmensstrategen man in
wegen kommt die weltbeste Smartphone- 2. Amazon USA 944 diesen Tagen spricht, alle sind
Technologie heute aus Shenzhen, sitzt der 3. Apple USA 934 gleichermaßen entgeistert und
kundenreichste E-Commerce-Händler in besorgt: mit welchem Tempo
4. Alphabet/Google USA 812
Hangzhou, der global führende Drohnen- dort entwickelt wird, neue Unter-
hersteller in Guangdong. 5. Facebook USA 542 nehmen entstehen, Branchen aufgebaut
Deutsche Firmen dagegen sind in nahe- 6. Tencent China 467 werden.
zu allen zentralen Zukunftsbranchen mitt- Umgekehrt gilt Deutschland den Chine-
lerweile abgeschlagen: Software, Biotech- 7. Alibaba China 466 sen vor allem als Konkurrenz. Als miss-
nologie, intelligente Maschinen. 8. Samsung Südkorea 251 günstige noch dazu. »Deutschland muss
»Wir haben ein Betulichkeitsproblem in 9. Cisco USA 235 sich an Chinas Aufstieg noch gewöhnen«,
Deutschland«, sagt Professor Dietmar Har- kommentierte etwa das Pekinger Zentral-
hoff. Er leitete ab 2007 bis vor wenigen 10. Verizon USA 233 blatt »Global Times«. Die Deutschen
Wochen die von der Bundesregierung … hätten wohl nicht verwunden, dass die
eingerichtete Expertenkommission For- 18. SAP Deutschland 154 chinesische Wirtschaft inzwischen deutlich
schung und Innovation. Und sein Urteil größer sei – und litten unter einem »Über-
ist alarmierend. Quelle: Thomson Reuters Datastream; Stand: 8. Mai legenheitskomplex«.

14
Der Ort heißt Zwiesel, die Firma auch.
14 Kilometer von der tschechischen Gren-
ze entfernt, mitten im Bayerischen Wald,
zwischen Karateschule und Kirche, fertigt
das Unternehmen die wohl besten Kris-
tallgläser der Welt.
Die Firma ist einer jener vielen Hidden
Champions, die die globale Strahlkraft des
deutschen Mittelstands ausmachen. Ob
Deutschland die Umbrüche der kommen-
den Jahrzehnte erfolgreich übersteht,
hängt wesentlich auch davon ab, ob diese
Firmen schnell genug reagieren, ob sie
bereit sind, sich anzupassen.
74 Millionen Gläser laufen hier jedes
Problem Jahr vom Band, Schmelztiegel, Feuerpoli-
tur, Nahtverschmelzung rund um die Uhr

3 im Sekundentakt, drei rauchende Schlote,


900 Mitarbeiter.
Ein 600 Jahre altes Produkt als Beispiel
für die Innovationskraft von »Made in
Germany«? »Natürlich«, sagt Vorstand
Andreas Buske, ein agiler 50-Jähriger mit
tiefem Vertrauen in die einzigartige Posi-
tion seines Unternehmens, die auch
ein Donald Trump nicht erschüttern kann.
Die Firma hat eine Lasertechnik ent-
wickelt, mit der die Mundränder der Glä-
ser noch feiner und dünner werden, aber
trotzdem nicht brechen. Viele Gläser aus
Zwiesel gehen inzwischen in die
SONG FAN / PICTURE ALLIANCE / DPA

USA, trotz des amerikanischen


Einfuhrzolls von teils 20 Prozent.
Neue Konkurrenten aus China haben, ge- »Das hindert uns auch nicht daran,
messen an Patentanträgen, die besten dort zweistellig zu wachsen«, sagt
Zukunftsaussichten. Sie gelten zum Beispiel Buske.
als führend bei der künstlichen Intelligenz – Zwiesel war schon einmal fast
tot, im vergangenen Jahrzehnt,
und könnten so die deutschen Maschinen- fast erstickt an der eigenen Lang-
bauer weit hinter sich lassen. samkeit: einfach immer weiter wie
bisher, hier und da mal eine kleine
Ein böses Wort. Aber ist es so Alibaba-Chef Jack Ma Verbesserung, das hatte jahrzehn-
falsch? telang schließlich wunderbar funk-
Man muss sich nur einmal die tioniert. Das Problem ist: Gerade
Pläne der Bundesregierung zur die Beharrlichkeit war lange die
künstlichen Intelligenz ansehen. Es hat Forschung und Entwicklung investiert. Basis für den Erfolg des deutschen Mittel-
ewig gedauert, bis es überhaupt welche Dennoch, sagt Harhoff, sei nicht zu über- stands. Hidden Champion wird man nur,
gab. Und dann stellte Berlin im vergange- sehen, dass schon die vergangenen Jahr- wenn man ein Produkt fürchterlich akri-
nen Herbst eine »Strategie« vor, die von zehnte überhaupt nur so gut gelaufen sei- bisch und über lange Zeit ständig weiter-
Harhoff und seiner Expertenkommission en, weil »immer wieder glückliche Um- dreht. Das machte »Made in Germany« so
zerpflückt wurde: Zu »vage« sei das Kon- stände zusammenkamen«. Vor allem der gut.
zept, es bestehe »erheblicher Weiterent- chinesische Hunger nach deutschen Ma- Nur: Wie soll das gut gehen, wenn alles
wicklungsbedarf«. schinen und Produkten, der die deutsche rasend viel schneller gehen muss, weil die
Man kann diese Behäbigkeit nicht an- Industrie über Jahrzehnte prächtig ver- Technologie so voranmarschiert, weil Ko-
ders erklären als mit der deutschen Grund- sorgte. Aber der scheint gestillt, denn die reaner, Chinesen, Amerikaner laufend
überzeugung, eine Aufholjagd nicht nötig Chinesen bauen nun lieber eigene Tech- neue Ideen auf den Markt schmeißen?
zu haben. nologieführer. Und wenn irgendwann ein- »Kaum eine Industrie kann ihren Know-
Welch ein Irrtum! Deutschland könnte mal der afrikanische Kontinent industriell how-Vorsprung noch über Jahre halten.
dank künstlicher Intelligenz in zehn Jah- erschlossen wird – dann von ihnen. Die Zeiten sind vorbei«, sagt Buske.
ren sein Inlandsprodukt um 400 Milliar- Zwiesel hat das früher erkannt als einige
den Euro steigern, so Harhoffs Experten- andere. Buske sagt: »Die Innovations-
kommission. Wenn man es denn richtig Das Rückgrat geschwindigkeit muss massiv zunehmen.«
mache, konsequent und schnell. Beides Selbstbewusste Chinesen, amerikanische Er selbst kam zu Zwiesel, als die Firma
passiert eher nicht. Zölle – man muss schon ein wenig suchen, auf den Abgrund zumarschierte, über-
Immerhin: Im Vergleich zum vergange- um ein Unternehmen zu finden, das mit bei- laden mit Produkten, die nicht mehr gut
nen Jahrzehnt werden in Deutschland dem bereits gut zurechtkommt. Und landet genug waren, weil auch Chinesen und
rund 16 Milliarden Euro mehr pro Jahr in bei einem sehr zerbrechlichen Gewerbe. Amerikaner längst vernünftige Gläser her-

DER SPIEGEL Nr. 20 / 11. 5. 2019 15


stellten. Buske straffte das Sortiment, ent- Deutschland, so lautet das Urteil der In-
wickelte mit der Universität Erlangen- dustrieländer-Organisation OECD, steckt
Nürnberg neue Fertigungstechnologien, zu wenig Geld in seine Zukunft.
erhöhte das Tempo. Neue Produktlinien Darin stimmen auch die beiden Wirt-
müssen nun jährlich kommen.
Und mehr noch: In dem gut 140 Jahre
schaftsexperten Daniel Stelter und Peter
Bofinger überein, die ansonsten 4
alten Betrieb wird Innovation jetzt nicht über vieles streiten – zum Beispiel
mehr als technische Produktverbesserung, über die Frage, wie reich die Deut- Problem
sondern als Problemlösung für den Kun- schen wirklich sind (siehe Seite 18).
den begriffen. Was bringe es denn, wenn Einig sind sie sich in der Klage, dass
man das hochwertigste Weinglas der Welt Unternehmen und Staat zu wenig im In-
entwickle, es aber beim Spülen breche, land ausgeben.
sagt Buske. »Wir müssen so denken, wie Ihr Urteil deckt sich mit den Erkennt-
es Amazon vormacht, schon vorher zu wis- nissen Marcel Fratzschers, des Präsidenten
sen, was der Kunde morgen möchte.« des Deutschen Instituts für Wirtschafts-
Mundgeblasene Zwiesel-Gläser kosten forschung. Der Ökonom hatte mit einer
schon mal 50 Euro pro Stück, sind dafür 20-köpfigen Expertengruppe ein Reform-
aber in vielen der besten Hotels und Res- konzept vorgelegt, um die Investitionen
taurants der Welt zu finden. Und in immer im Land zu steigern.
mehr chinesischen Haushalten. »Die Chi- Gut zwei Jahre später fällt sein Urteil
nesen entdecken das Weintrinken erst, »enttäuschend« aus. Beim Aufbau moder-
dennoch stellt China bereits heute einen ner Strom- und Kommunikationsnetze sei
sehr großen Absatzmarkt dar«, rechnet Deutschland weit hinter vergleichbare In-
Buske vor. Für die deutschen Maschinen- dustrieländer zurückgefallen. Die Kommu-
bauer mag der chinesische Markt weit- nen investieren nicht einmal genug Geld,
gehend gesättigt sein – für die Hersteller um die Qualität von Straßen oder Brücken
hochwertiger Konsumprodukte noch lange auf dem heutigen Niveau zu halten. »Der
nicht. Der private Wohlstand der Chinesen Staat lebt von der Substanz«, sagt Fratz-
wächst, der Konsumentenmarkt des Lan- scher.

ANDREAS GEBERT / PICTURE ALLIANCE / DPA


des wird jedes Jahr um etliche Millionen Zudem haben es die vier Merkel-Kabi-
Menschen größer. nette versäumt, für einen wirtschaftlichen
Buske ist sicher, dass viele Mittelständ- Aufbruch in Europa zu sorgen. Wirtschafts-
ler den Schuss gehört haben, bereit sind, minister Peter Altmaier (CDU) propagiert
schneller zu werden. »Das hat die deut- zwar eine »neue Industriestrategie«. Doch
sche Wirtschaft immer hinbekommen: wenn es um Fusionen auf dem überbesetz-
wenn der Kittel brennt, richtig Gas zu ten Bankenmarkt geht, redet er einer rein
geben.« deutschen Lösung aus Commerzbank und
Eine Abkehr vom deutschen Export- Deutscher Bank das Wort – und die geht
modell hält er für abwegig. »Wir können auch noch schief.
ja gar nicht anders«, sagt Buske. Die Ex- In vielen Zukunftsfeldern existiert nicht
portquote von Zwiesel Kristallglas liegt einmal ein europäischer Binnenmarkt. er zum Beispiel ein »neues Airbus für die
bei 65 Prozent, bei vielen anderen deut- Digitalwirtschaft, Finanzdienstleistungen, Batteriezellproduktion« schaffe, weil die
schen Mittelständlern ist es ähnlich. Sich Gentechnik: Überall bestehen nationale Wirtschaft die großen Umwandlungspro-
auf Europa zu konzentrieren hieße: Regelungen, die es den Unternehmen in zesse ja nicht allein bewältigen könne.
»Schrumpfen, und damit aber auch für alle Deutschland und den Nachbarländern un- Doch funktioniert hat es bislang eigent-
Deutschen den Wohlstand erheblich ein- möglich machen, einheitliche europaweite lich nie, wenn der Staat sich anmaßte zu
schränken.« Geschäftsmodelle aufzubauen. »In vielen wissen, welche Technologien in Zukunft
Branchen können die europäischen Unter- relevant sind und welche Unternehmen
nehmen deshalb nicht die nötige Größe eine Schlüsselrolle einnehmen sollen. Er
Die Grundlage und Schlagkraft entwickeln, um mit der ist wahnsinnig schlecht darin, gute Vor-
Eine entscheidende Frage, die viel zu sel- Konkurrenz aus China oder den USA mit- gaben zu machen.
ten gestellt wird, ist diese: Was ist eigent- halten zu können«, sagt Fratzscher. Beispiele verfehlter deutscher Industrie-
lich aus den Gewinnen der Unternehmen »Wir brauchen dringend eine neue Dis- politik gibt es zuhauf, von der versuchten
und den Steuereinnahmen des Staates in kussion über Industriepolitik«, sagt auch Rettung des Baukonzerns Philipp Holz-
all diesen Boomjahren geworden? Hat Innovationsberater Harhoff. In Ländern mann, der schließlich doch pleiteging, über
man sie genutzt, um die Basis für künftiges wie Schweden oder Finnland seien staat- die Präferenz für eine Technologie wie den
Wachstum zu schaffen? liche Innovationsagenturen unterwegs, da- Schnellen Brüter, der nie zum Einsatz kam.
Die Antwort fällt negativ aus. Die Un- mit nicht mehr jede gute Idee endlos durch Bis hin zum krampfhaften Festhalten am
ternehmen haben neue Fabriken oder Pro- die Ministerien gewälzt werden müsse. Steinkohlebergbau, der 200 Milliarden
duktionsstraßen in den vergangenen Jah- »Unsere Politik hat das noch nicht richtig Euro verschlang.
ren vor allem im Ausland errichtet. Und begriffen«, sagt Harhoff. Was also kann der Staat künftig besser
die Regierung hat die Milliarden und Aber- Tatsächlich ist Industriepolitik ein Mi- machen?
milliarden, die ihr die Wunderkonjunktur nenfeld. Das musste Altmaier erfahren, als Er müsse, sagt Hubertus Bardt vom In-
in die Kassen gespült hat, weitgehend für er vor ein paar Wochen seine Industriestra- stitut der deutschen Wirtschaft, ein Umfeld
Klientelpolitik ausgegeben. Mütterrente, tegie vorstellte. Deren Tenor: Der Staat schaffen, »in dem die Industrie sich gut
Baukindergeld, solche Sachen. Die öffent- solle selbst in die Wirtschaft eingreifen, di- entwickeln kann«, sie also innovativer und
liche Infrastruktur dagegen verfällt. rekt, als Investor und Unternehmer. Indem wettbewerbsfähiger wird.

16 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11. 5. 2019


war Siemens ein gigantischer Gemischt-
warenladen: Kraftwerke, Züge, Telefon-
netze, Klapphandys und Halbleiter, Staub-
sauger und Waschmaschinen. Kaum etwas,
das es bei Siemens nicht gab.
Dann begann der Aus- und Abverkauf.
Die Chipsparte kam unter dem Namen In-
fineon an die Börse. Der glücklose Mobil-
funkableger wurde an den taiwanischen
Wettbewerber BenQ abgegeben, der ihn
wenig später in die Insolvenz schickte.
Selbst die Telekom-Ausrüstungssparte,
eine der Wurzeln des 171 Jahre alten Un-
ternehmens, wurde abgestoßen, weil das
Siemens-Management den Wandel zur
Internettelefonie verschlafen hatte.
Zugleich wurde munter zugekauft, ab-
gestoßen, integriert und geteilt. Aus dem
einstigen Multi soll ein Spezialist für
Industrieautomatisierung und digitale
Fertigungsmethoden werden. Schon heute
beschäftigt Siemens rund 30 000 Software-
ingenieure und gehört damit zu den zehn
größten Softwarefirmen weltweit. Was sei-
ne Vorgänger eher hingestolpert haben,
will Kaeser in Strategie verwandeln.
In den vergangenen zehn Jahren hat Sie-
mens allein in den USA für rund zehn Mil-
liarden Euro Technologiefirmen
erworben. Kaesers Ziel: Er will
die Standards in der Automatisie-
Den wirtschaftlichen Aufbruch hat die deut- rung von Fabriken setzen.
sche Regierung über Jahre hinweg verpasst. Die passende Plattform,
Statt konsequent in Zukunftsfelder wie »Mindsphere«, die Menschen und
moderne Stromnetze oder Digitalisierung zu Maschinen vernetzt, hat der Kon-
investieren, steckte sie lieber insgesamt zern selbst entwickelt. Immer
mehr Unternehmen, Kunden von
200 Milliarden Euro in den Steinkohlebergbau. Siemens, docken dort an. Überall
auf dem Planeten.
Minister Altmaier bei Innovationskonferenz DLD Siemens sieht sich unter Kaeser
In Dresden etwa ist das beson- ohnehin nicht mehr als überwie-
ders gut gelungen. Dort ist ein gend deutsches Unternehmen. In
Technologiecluster entstanden, an Zukunft werde es zunehmend
dem sich Dutzende Firmen und For- macht steht wie kaum ein zweiter. Sie- darauf ankommen, nicht mehr als aus-
schungslabore mit Schwerpunkt »Mikro- mens, seit mehr als hundert Jahren eine ländischer Warenverkäufer aufzutreten,
elektronik« konzentrieren; die Politik hat globale Industriegröße. sondern sich in die Wirtschaft vor Ort zu
geholfen, in der Landeshauptstadt gleich In dieser Woche baute Siemens-Chef integrieren, sagt Kaesers Strategiechef
mehrere Fraunhofer-, Max-Planck- und Joe Kaeser seinen Konzern mal wieder Horst Kayser. Ob ein Werk in Deutschland,
Leibniz-Institute anzusiedeln. Schon zu um, ohne Rücksicht auf die Vergangenheit. China oder den USA stehe, sei dann zweit-
DDR-Zeiten wurden in Dresden Speicher- Ausgerechnet das langjährige Kernge- rangig. Künftig müssten die Unternehmen
elemente hergestellt. Heute stammt jeder schäft, die Kraftwerkssparte, wird ausge- überall beweisen, dass sie vor Ort nützlich
zweite Chip, der in Europa hergestellt lagert, weil sie nicht mehr passend er- seien und sich um das Gemeinwesen ver-
wird, aus Sachsen. scheint. dient machten.
Der Essener Ökonom Christoph Kaeser hat die Wandlungsfähigkeit des Ein Modell für die Exportnation 2.0,
Schmidt, Chef der fünf Wirtschaftsweisen, Konzerns zum Prinzip gemacht, auch die das am Ende vielleicht sogar Donald
betrachtet Industriepolitik als eine Art Ent- Geschwindigkeit. »Das braucht man zum Trump zufriedenstellen könnte.
deckungsprozess: Die Förderung sollte Gestalten und gegebenenfalls auch zum Dinah Deckstein, Simon Hage, Alexander
möglichst technologieoffen sein, zeitlich Überleben«, sagt er. Als Beleg führt er Jung, Michael Sauga, Thomas
klar begrenzt und kritisch begleitet wer- gern ein Beispiel aus der Tierwelt an, die Schulz, Gerald Traufetter, Bernhard Zand
den. Und, so Schmidt, »gegebenenfalls Dinosaurier. Die seien auch groß gewesen Mail: thomas.schulz@spiegel.de
konsequent eingestellt« werden. und trotzdem ausgestorben. Nicht »Breite
und Größe« entschieden, wer überlebe,
Video
sondern die Fähigkeit, sich immer neuen Trump vs. Mercedes
Das Zukunftsmodell Lebensbedingungen anzupassen.
spiegel.de/
Ein Modell für die deutsche Exportnation Siemens hat sich derart oft gehäutet, sp202019wirtschaftswunder
2.0 bildet vielleicht ausgerechnet ein Kon- dass der Konzern kaum noch wiederzu- oder in der App DER SPIEGEL
zern, der für die alte deutsche Wirtschafts- erkennen ist. Noch vor zwei Jahrzehnten

17
Titel

»Wir sind ärmer, als


wir meinen«
»Sie erzeugen
vor allem Panik«
SPIEGEL-Streitgespräch Wie reich ist Deutschland wirklich? Wie lange hält der Boom?
Was hat die Zuwanderung der Wirtschaft gebracht?
Die Ökonomen Daniel Stelter und Peter Bofinger streiten über große Fragen.

Stelter, 54, war lange Berater bei der Bos-


ton Consulting Group. In seinem jüngsten
Buch »Das Märchen vom reichen Land«
zeichnet er ein trübes Bild von Deutschland.
Das thesenstarke Werk trifft auf Wider-
spruch von Bofinger, 64. Der streitbare
Ökonom war bis vor Kurzem Mitglied im
Sachverständigenrat der Bundesregierung
und ist Wirtschaftsprofessor an der Univer-
sität Würzburg.

SPIEGEL: Herr Stelter, wie finden Sie den


Satz: »Deutschland ist offensichtlicher Ge-
winner des Weltmarkts und des Euro«?
Stelter: Ich würde eher von einer Schein-
blüte sprechen. Es stimmt, dass Deutsch-
land in den vergangenen Jahren einen Ex-
portboom erlebt hat. Aber davon haben
vor allem die exportorientierten Unterneh-
men und ihre Aktionäre profitiert. Die Löh-
ne der Beschäftigten sind nur in geringem
Umfang gestiegen. Ich sehe keinen großen
Gewinner, sondern eine große Illusion.
SPIEGEL: Herr Bofinger, der Satz stammt
von Ihnen. Stehen Sie noch dazu?
Bofinger: Allerdings. Kein anderes Land
hat so von der Globalisierung profitiert.
Deutschland hat seinen Exportanteil na-
hezu verdoppelt, auf rund 40 Prozent. Wir
hatten nie zuvor so viele Beschäftigte, eine
so niedrige Arbeitslosenquote und so viele
offene Stellen wie jetzt. Seit 2011 sind zu-
dem überwiegend sozialversicherte Voll-
zeitarbeitsplätze entstanden und nicht nur
Minijobs oder Teilzeitstellen. Unter dem
Strich heißt das: Wir stehen als Volkswirt-
schaft gut da.
PETER RIGAUD / DER SPIEGEL

SPIEGEL: Wirtschaftsminister Peter Altmai-


er spricht sogar vom längsten Aufschwung
der Nachkriegsgeschichte. Sie, Herr Stelter,
behaupten dagegen in Ihrem Buch, dass
die Deutschen nicht so reich seien, wie sie Stelter
glauben. Wie kommen Sie darauf?

18
Stelter: Wir haben eine gute Konjunktur,
aber leider hat sie uns nicht reich gemacht.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Stelter: Ich sehe mehrere Fehlentwicklun-
gen. Wir Deutsche legen zu viel Geld in
Sparbüchern statt in Aktien an, dadurch
bauen wir nur geringe Vermögen auf. Wir
leisten uns aus humanitären Gründen eine
Zuwanderung, die uns eher Geld kostet
als Geld bringt. Wir haben einen Staat, der
uns große Lasten für die Zukunft aufbür-
det. Und wir sind in einer Währungsunion
gefangen, die nur mit der extremen Nied-
rigzinspolitik von EZB-Präsident Mario
Draghi am Leben gehalten werden kann.
Wir haben einen künstlichen Boom, der
nicht nachhaltig ist und uns wohlhabender
erscheinen lässt, als wir tatsächlich sind.
Bofinger: Sie erzählen Märchen, Herr Stel-
ter. Schauen wir uns doch die Einkommens-
entwicklung an: Unter den sieben führen-
den Industrienationen liegen die USA an
der Spitze, Deutschland und Kanada bele-
gen Platz 2, und dann gibt es einen großen
Abstand zu Frankreich, Großbritannien,
Japan und Italien. Deutschland ist eines der
leistungsfähigsten und reichsten Länder die-
ser Erde. Reich sein heißt für Ökonomen,
hohe Einkommen erzielen zu können.
Stelter: Wenn es um Reichtum geht,
kommt es weniger auf das Einkommen als
auf das Vermögen an, und da sieht es ganz
anders aus. Nach den Zahlen der EZB ver-

PETER RIGAUD / DER SPIEGEL


fügen die Deutschen über ein mittleres
Haushaltsvermögen von ungefähr 60 000
Euro. In Italien, Spanien und Frankreich
liegt der Wert etwa doppelt so hoch. Das
hängt vor allem damit zusammen, dass die Bofinger
Deutschen ihr Geld aufs Sparbuch bringen
oder in Lebensversicherungen investieren.
In vielen unserer Nachbarländer besitzen
dagegen mehr Bürger Immobilien. Das uns der Immobilienbesitz nicht so verbrei- der Rente jede Menge Stellschrauben, um
wirft höhere Renditen ab. Es klingt para- tet ist wie in anderen Ländern. Die tatsäch- das System im Notfall ausbalancieren zu
dox, aber so ist es. Die Bundesbürger ver- liche Lage ist deshalb ganz anders, als Sie können. Zum Beispiel, indem wir das Ren-
dienen gut, aber sie sind nicht reich. sie beschreiben. Deutschland ist ein rei- tenalter nach oben verschieben.
SPIEGEL: Kein Wunder, die Deutschen ches Land, aber zugleich hat es sehr viele SPIEGEL: Bis zum 75. Lebensjahr?
haben einen Großteil ihres Vermögens in Einwohner, die sehr wenig besitzen. Bofinger: Nein. Um das System nachhal-
einer Hyperinflation, zwei Weltkriegen Stelter: Ungeachtet der Verteilungsfrage tiger zu machen, sollten wir nach dem Jahr
und einer Wiedervereinigung verloren. Er- liegt das Gesamtvermögen auf tieferem 2030 in kleinen Schritten das Rentenein-
klärt das nicht die Differenz zu den Nach- Niveau. Auch sonst ist das Land ärmer, als trittsalter verlängern. Dazu müssen jedoch
barländern? Sie meinen. Nicht zuletzt, weil wir uns in heute noch keine Festlegungen getroffen
Stelter: Nur zum Teil. Die Deutschen ha- hohem Maße verdeckte Verbindlichkeiten werden. Wenn wir 2060 die Rente mit 69
ben durch ihre Exportüberschüsse in den aufgeladen haben: für künftige Renten, einführen sollten, reicht es aus, das im Jahr
vergangenen Jahren große Auslandsver- Pensionen und Gesundheitsleistungen, die 2040 zu beschließen.
mögen gebildet, aber auch die wurden nicht ausreichend mit Beiträgen gedeckt Stelter: Umso irrsinniger ist doch, dass die
schlecht angelegt. Allein in der jüngsten sind. Um dafür vorzusorgen, müssten wir Politik durch die Rente mit 63 erst mal das
Finanzkrise gingen fast 400 Milliarden jedes Jahr mindestens 36 Milliarden Euro Gegenteil getan hat. Hinzu kommen mit
Euro verloren. Unser Kapitalstock im Aus- zurücklegen. Das sage nicht ich, das sagt Mütter- oder Grundrente lauter Leistun-
land hat sich als nicht nachhaltig erwiesen. das Bundesfinanzministerium. Entspre- gen, die später wieder einkassiert werden
Bofinger: Sie übertreiben. Das Gesamt- chend niedriger ist unser Wohlstand. müssen, weil sie nicht zu bezahlen sind.
vermögen hierzulande ist kaum niedriger Bofinger: Diese Rechnungen sind mit gro- Ich gehöre dem Massenjahrgang 1964 an,
als in den Nachbarländern, es ist nur deut- ßer Vorsicht zu genießen, weil Entwick- komme 2031 ins Rentenalter und rechne
lich ungleicher verteilt. Während die obe- lungen bis zum Jahr 2060 oder 2080 ex- fest damit, dass nicht alle meine Ansprü-
ren Schichten deutlich wohlhabender sind trem schwer zu prognostizieren sind. Die che erfüllt werden. Auch deshalb sind wir
als in anderen Ländern, gehört den unte- Voraussagen der vergangenen zehn Jahre ärmer, als wir meinen.
ren 50 Prozent der Deutschen so gut wie haben sich jedenfalls als viel zu pessimis- Bofinger: Das sehe ich schon deshalb an-
nichts. Das liegt vor allem daran, dass bei tisch erwiesen. Außerdem haben wir bei ders, weil es noch viele weitere Spielräume

DER SPIEGEL Nr. 20 / 11. 5. 2019 19


Titel

im Rentensystem gibt. Wir kön- Sozialversicherungspflichtig be-


nen zum Beispiel die Finanzie- schäftigt zu sein langt nicht. Wir
rungsbasis verbreitern, indem wir haben keinen Geldspeicher un-
die Selbstständigen in die Rente ter dem Kanzleramt, in dem
einbeziehen. Frau Merkel herumschwimmen
Stelter: Das ist kein Beitrag zur könnte. Wir müssen unseren
Finanzierung, sondern Umvertei- Wohlstand verdienen. Das ist
lung. Sie nehmen den Leuten mein Hauptvorwurf an die Poli-
Geld ab. tik: Anstatt das Geld für eine
Bofinger: Ich nehme niemandem verfehlte Renten- oder Migra-
Geld ab. tionspolitik auszugeben, sollten

PETER RIGAUD / DER SPIEGEL


Stelter: Wenn Sie die Leute zum wir es gezielt investieren, um die
Einzahlen zwingen, nehmen Sie Produktivität unserer Arbeits-
ihnen Geld ab und verschieben kräfte zu steigern.
das Problem in die Zukunft. Bofinger: Wenn eine Pflegekraft
Bofinger: Die kriegen doch spä- aus dem Ausland die Betreuung
ter etwas dafür, einen Rentenan- eines chronisch Kranken oder
spruch nämlich. Und das System Bofinger (l.), Stelter (r.), SPIEGEL-Redakteure* Alten übernimmt und ein Ange-
profitiert über Jahrzehnte davon, »Die Bundesbürger verdienen gut, aber sie sind nicht reich« höriger deswegen wieder arbei-
dass die neuen Versicherten erst ten kann, dann erhöht sie die
nach 40 Jahren ihre Rente be- Produktivität dieses Angehöri-
kommen. Ich glaube, Ihnen geht es vor al- ren verschärfen wird. Da können uns ge- gen, auch wenn sie selbst nur unterdurch-
lem darum, Panik zu erzeugen. rade Zuwanderer helfen. Die verdienen schnittlich verdient.
Stelter: Ich erzeuge keine Panik. dann zwar nicht so viel wie Softwareent- Stelter: Ich empfehle, den Blick nach Japan
Bofinger: Doch. Sie tun so, als stünde das wickler. Aber sie bringen unserer Gesell- zu richten. In keinem anderen Land ist die
Land vor dem Bankrott, obwohl sich die Fi- schaft einen hohen Nutzen. Ich frage Sie, Produktivität pro Erwerbstätigen in den
nanzmärkte um deutsche Anleihen reißen. wo ist das Problem? letzten Jahren so stark gewachsen wie dort.
Stelter: Ich rede nicht von Bankrott, ich Stelter: Das Problem sind nicht die Pfle- Und warum? Weil die Japaner nicht auf
rede davon, dass Deutschland zu viel für gekräfte, die wir natürlich benötigen. Das Zuwanderung setzen, sondern auf Auto-
die Vergangenheit und zu wenig für die Problem sind Zuwanderer, die dauerhaft matisierung. Dadurch wächst das Einkom-
Zukunft ausgibt. Während wir die Renten auf Hilfe des Sozialstaats angewiesen sind. men pro Kopf stärker als in Deutschland.
aufpumpen, sparen wir bei Infrastruktur, Schauen Sie sich die Zahlen an. Der An- Bofinger: Wollen Sie uns jetzt im Ernst Ja-
Digitalisierung, Bildung und Forschung. stieg der Armutsquote in den vergangenen pan als Vorbild andienen? Das Land hat
Das wird sich bitter rächen, denn von der zehn Jahren lässt sich vollständig durch eine Staatsverschuldung von fast 240 Pro-
Höhe der Investitionen und der Qualität den gewachsenen Zuwandereranteil an der zent des Sozialprodukts. Es steckt seit Jah-
unserer Fachkräfte hängen die künftigen Bevölkerung erklären. Außerdem müssen ren in einer Deflation und kommt mehr
Einkommen ab. wir unser Gemeinwesen finanzieren: Poli- schlecht als recht über die Runden. Und
Bofinger: Ich sehe nicht, warum sich die zei, Schulen, Kitas. Dafür benötigen wir was die Automatisierung angeht, braucht
Einkommen in Deutschland schlechter ent- Zuwanderer, die im Schnitt so viel verdie- sich die Bundesrepublik nun wirklich nicht
wickeln sollten als in Frankreich, Italien, nen wie die Menschen, die hier schon le- vor Japan zu verstecken. Deutschland ist
den USA oder Japan. Ich erinnere mich ben, sonst bekommen wir die nötigen öf- eines der führenden Länder in der Robotik
noch gut an die Untergangsprognosen, die fentlichen Mittel nämlich nicht zusammen. weltweit.
zur Jahrtausendwende über Deutschland Bofinger: Das bestreite ich. Wir hatten zu- SPIEGEL: Aber Deutschland ist ökono-
auf dem Markt waren. Vom »Abstieg eines letzt rund 300 000 zusätzliche sozialver- misch an die Eurozone gebunden. Und
Superstars« war die Rede und ob Deutsch- sicherte Beschäftigte aus Einwanderung auch das trägt dazu bei, so behauptet Herr
land noch zu retten sei. Und was war das jährlich. Von den Arbeitnehmern, die wir Stelter, dass wir nicht so reich sind, wie
Ergebnis? Die Republik erlebte eine der in den vergangenen Jahren hinzugewon- wir glauben. Wollen Sie, dass Deutschland
erfolgreichsten Perioden ihrer Wirtschafts- nen haben, kommt die Hälfte aus anderen aus dem Euro austritt?
geschichte. europäischen Ländern. Und von den Stelter: Nicht unbedingt. Die beste Lö-
SPIEGEL: Diesen Erfolg sehen Sie bedroht, Flüchtlingen der vergangenen Jahre haben sung wäre, wenn die Eurozone einen Teil
Herr Stelter. Unter anderem, weil Deutsch- wir inzwischen fast 400 000 ins Erwerbs- der Altschulden der Mitgliedsländer über-
land angeblich eine falsche Einwande- leben oder in eine Ausbildung gebracht. nehmen und im Gegenzug die Regierun-
rungspolitik betreibe. Wie meinen Sie das? Das ist ein Riesenerfolg. gen zu einer vorsichtigeren Kreditaufnah-
Stelter: Die Bevölkerung in Deutschland Stelter: Trotzdem brauchen Sie ein gewis- me zwingen könnte. Das war übrigens der
wird immer älter. Deshalb fehlen schon ses Einkommensniveau, damit sich die Zu- Vorschlag, den der Sachverständigenrat
bald Millionen Fachkräfte. Um das auszu- wanderung für das Gemeinwesen rechnet. unterbreitet hat, als Herr Bofinger dort
gleichen, benötigen wir nach Einschätzung noch Mitglied war …
von Regierungsexperten eine Nettozuwan- Bofinger: … ein guter Vorschlag übrigens,
derung von 500 000 Menschen jährlich. der uns so viel Aufmerksamkeit gebracht
Menschen, die zudem gut qualifiziert sein »Deutschland gibt zu hat wie wahrscheinlich keine andere Idee
müssen. Nach Deutschland aber kommen des Gremiums …
seit Jahren Einwanderer, die schlecht aus- viel für die Vergangenheit Stelter: … er ließ sich nur politisch nicht
gebildet und schwer zu integrieren sind. und zu wenig durchsetzen. Und deshalb sind wir nun in
Auch das macht uns als Gesellschaft ärmer. einer Währungsunion gefangen, die nicht
Bofinger: Nun mal langsam. Wir reden in für die Zukunft aus.«
Deutschland gerade viel über den Pflege- * Christian Reiermann, Michael Sauga im Hauptstadt-
notstand, der sich in den kommenden Jah- Daniel Stelter büro des SPIEGEL.

20
Nächste Woche
rekt auch einer der Gründe für steigende
im SPIEGEL:
»Wenn wir uns erfolgreich
Mieten.
gegen China und die USA Bofinger: Unsinn. Die historisch niedrigen
behaupten wollen, können Zinsen sind ein weltweites Phänomen.
Und außerdem: Was wäre die Alternative,
wir das nur im europäischen wenn wir keinen Euro hätten? Schauen
Maßstab schaffen.« Sie in die Schweiz, da musste die Zentral-
bank die Zinsen noch viel tiefer drücken,
um zu verhindern, dass der Kurs des
Peter Bofinger Schweizer Frankens durch die Decke geht.
Das hätte die Industrie des Landes nämlich
zerstört, genauso wie es die Industrie in
funktioniert. Die Euroländer entwickeln Deutschland zerstören würde, wenn wir
sich wirtschaftlich auseinander, einige sind wieder die D-Mark einführten.
nicht wettbewerbsfähig, in anderen sind Stelter: Da haben Sie nicht unrecht, wes-
der Staats- oder der Privatsektor hoff- halb auch ich das verhindern möchte. Ich
nungslos überschuldet. Und um das vom fürchte nur, dass die politischen Spannun-
Zerfall bedrohte Gebilde zusammenzuhal- gen in der Eurozone so groß werden, dass
ten, hat Herr Draghi die ohnehin schon wir um eine Neuordnung nicht herumkom-
tiefen Zinsen noch weiter gesenkt und für men. Besser wäre es, wir könnten den
Hunderte Milliarden Euro Staatsanleihen Bruch vermeiden und uns auf die Proble-
gekauft. Das billige Geld befeuert einen me in Deutschland konzentrieren.
künstlichen Boom auf den Aktien- und Im- SPIEGEL: Was müsste geschehen?
mobilienmärkten, es kann aber die Pro- Stelter: Wir brauchen einen Politikwech-
bleme nicht lösen. sel. Wenn ich mit Unternehmern spreche,
Bofinger: Das finde ich nun wirklich lustig, sehen die ihre Zukunft meist nicht in
Herr Stelter, dass Sie uns Japan erst als Deutschland, sondern in dynamischeren
Vorbild hinstellen und dann die Nullzins- Teilen der Welt: in Asien oder Südamerika
politik als nicht nachhaltig bezeichnen. zum Beispiel. Auch weil sie sehen, wie in S-Magazin
Schließlich hat Japan die Nullzinspolitik Deutschland die Infrastruktur und das Bil-
erfunden und praktiziert sie seit 20 Jahren. dungswesen verfallen. Deshalb müssen Die Lifestyle-Beilage
Und was, bitte schön, ist daran künstlich? wir umsteuern. Statt konsumptiver Staats-
Stelter: Die Zinsen auf Staatsanleihen wä- ausgaben etwa für eine Grundrente brau- des SPIEGEL
ren in vielen Ländern höher, wenn die Zen- chen wir eine Investitionsoffensive, die
tralbank die Papiere nicht kaufen würde. uns die nötigen Grundlagen für wirtschaft-
Bofinger: Das stimmt, aber die Niedrigzins- liches Wachstum schafft. Sonst werden wir
politik wird derzeit nicht nur in der Euro- die Zukunft nicht gewinnen. Themen der Ausgabe:
zone praktiziert, sondern in so gut wie allen Bofinger: Ich sehe Staatskonsum nicht ne-
Industrieländern. Die USA haben in riesi- gativ. Schließlich werden die Stellen von Leh-
gem Umfang Staatsanleihen gekauft, genau- rern oder Professoren in der Statistik unter
Bankanlage
so wie Großbritannien oder die Schweiz. Staatskonsum geführt. Aber im Grundsatz Möbel, Schmuck, Geschirr:
Und überall ist der Grund derselbe: Es geht stimme ich mit Herrn Stelter überein. Was
darum, die Währungsräume vor dem Ab- wir vor allem brauchen, sind mehr staatliche acht Objekte für Europa
sturz in eine Rezession zu bewahren. Investitionen. Was mir bei seinem Pro-
Stelter: Es gibt einen entscheidenden Un- gramm aber völlig fehlt, ist die europäische Scheuer Mann
terschied. Die USA oder Großbritannien Dimension. Wenn wir uns erfolgreich im
sind homogene Länder. Der Euroraum da- Wettbewerb mit China und den USA be- Der polnische Modeunter-
gegen setzt sich aus 19 selbstständigen Na- haupten wollen, können wir das nur im eu-
tionen zusammen. Wenn die Zentralbank ropäischen Maßstab schaffen. Und deshalb
nehmer Marek Piechocki
da die Anleihen einzelner Länder kauft, lautet die wichtigste Aufgabe für die deut- und seine Erfolgsmarke
führt das automatisch zu einer Umvertei- sche Politik: die Integration der EU voran-
lung. Und die ist politisch nicht legitimiert. zutreiben und eine gemeinsame Industrie- Reserved
Bofinger: Falsch. Das Problem entsteht nur, politik auf den Weg zu bringen, die uns auf
weil Sie und andere Ökonomen den Euro- Augenhöhe mit China und den USA hält. Krisen-Fest
raum immer wieder in Subregionen auftei- SPIEGEL: Herr Stelter, Herr Bofinger, wo
len. Wenn man ihn hingegen als Einheit steht Deutschland in fünf Jahren? Mit Ideen gegen den Ab-
sieht, gibt es das Problem überhaupt nicht. Stelter: Unsere Reichtumsillusion wird
Stelter: Von einer Einheit kann nun mal platzen, und wir stehen deutlich schlechter schwung: die junge kreative
keine Rede sein, wenn es weder einen ge- da als heute. Szene Barcelonas
meinsamen Finanzminister noch gemein- Bofinger: Die Bäume wachsen nicht in den
same Steuern oder gemeinsame Anleihen Himmel. Aber Deutschland wird dank sei-
gibt. Sie können doch nicht leugnen, dass ner hervorragenden Unternehmensland-
die gegenwärtigen Zinsen im Euroraum schaft weiter in der ersten Riege der Wirt- Außerdem:
für Deutschland schlicht zu niedrig sind. schaftsnationen mitspielen. Das gezeichnete Interview
Darunter leiden nicht nur die Sparer, es SPIEGEL: Herr Bofinger, Herr Stelter, wir
befeuert auch einen ungesunden Boom in danken Ihnen für dieses Gespräch. mit Walter De Silva
vielen Teilen der Wirtschaft und ist indi-

DER SPIEGEL Nr. 20 / 11. 5. 2019 21


Deutschland
»Ohne Europa sind wir so groß wie ein Stecknadelkopf.« ‣ S. 30

KAY NIETFELD / DPA


Sarrazin

SPD

Ringen um Sarrazin
Die Sozialdemokraten drohen beim geplanten Parteiausschluss des Buchautors erneut zu scheitern.
 Das Vorhaben des SPD-Vorstands, den umstrittenen islam- Verhaltens rechtfertigen«, heißt es in dem Brief. Das Schieds-
kritischen Buchautor Thilo Sarrazin aus der Partei auszu- gericht gibt der SPD-Spitze Gelegenheit, den Antrag zu
schließen, könnte erneut scheitern. Die Schiedskommission ergänzen. Im Dezember hatte sich die Parteispitze zu einem
des SPD-Kreisverbands Charlottenburg-Wilmersdorf, wo das weiteren Versuch entschlossen, Sarrazin aus der Partei
Ordnungsverfahren läuft, bemängelt die bisherige Begrün- hinauszuwerfen, obwohl die Sozialdemokraten bereits zwei-
dung des Parteivorstands. Die Vorwürfe, die sich auf Sarra- mal daran gescheitert sind. Ein von der SPD-Spitze eingesetz-
zins jüngstes Buch »Feindliche Übernahme« beziehen, wür- tes Gremium legte Ende vergangenen Jahres einen 18-seiti-
den »dem Begründungserfordernis nicht entsprechen«, teilte gen Bericht vor, der Sarrazin acht islamkritische und auslän-
die Schiedskommission der SPD schriftlich mit. Es führe derfeindliche Kernthesen seines Buches vorhält, die mit
»kein Weg daran vorbei, die beanstandeten Äußerungen kon- den »Grundsätzen der Sozialdemokratie unvereinbar« seien.
kret zu benennen und zu belegen sowie im Einzelnen dar- Die Verhandlung über einen möglichen Ausschluss des
zulegen, warum sie den Vorwurf eines parteischädigenden Parteimitglieds Sarrazin ist für den 26. Juni anberaumt. VME

Einbrüche justizministerium geeinigt. Bislang war vermuten, dass sie einem Serieneinbre-
Mehr Rechte für Ermittler das nur möglich, wenn der Verdacht
bestand, dass eine Bande die Einbrüche
cher auf der Spur sind. Der Paragraf 100a
der Strafprozessordnung soll entspre-
 Die Polizei darf künftig Mails oder begangen hat. Auf Drängen der Union soll chend geändert werden. Die Eckpunkte
Anrufe von mutmaßlichen Wohnungs- es in Zukunft auch erlaubt sein, die Tele- für die Reform der Strafprozessordnung
einbrechern überwachen. Darauf haben kommunikation von Einzeltätern zu über- will das Bundeskabinett am Mittwoch ver-
sich das Bundesinnen- und das Bundes- wachen, allerdings nur, wenn die Ermittler abschieden. RAN

22 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019


Kohleausstieg Sicherheit
Ost-Länder wollen nicht Barley blockt
zahlen  In der Bundesregierung gibt es Streit
darüber, ob und wie die Sicherheitsbe-
 Drei vom Kohleausstieg betroffene hörden bei Cyberangriffen zurückschla-
Bundesländer wehren sich gegen die Plä- gen dürfen. Justizministerin Katarina
ne des Bundeswirtschaftsministeriums, Barley (SPD) stoppte im geheim tagen-
die Kosten des Strukturwandels über ein den Bundessicherheitsrat ein Vorhaben,

PAUL LANGROCK / ZENIT / LAIF


Bundesgesetz zu verteilen. Sachsen- das den »Hackback« ermöglichen soll.
Anhalt, Brandenburg und Sachsen for- Danach dürfte der Bundesnachrichten-
dern stattdessen einen Staatsvertrag, um dienst künftig im Fall groß angelegter
zu garantieren, dass der Bund auch künf- Attacken in ausländische Computer-
tig bei seinen Finanzzusagen bleibt. server eindringen und diese lahmlegen.
Außerdem wollen sie sich nicht an den Dafür müsste das Grundgesetz geän-
Milliardenhilfen für die Regionen mit Kohlekraftwerk bei Leipzig dert werden. Bundesinnenminister
Kohleabbau beteiligen, so wie es das Horst Seehofer (CSU) hat das Vorha-
Ministerium plant. »Kohleausstieg und liche Strukturwandelprojekte, etwa eine ben vorangetrieben. Doch vor der
Klimaschutz sind eine gesamtgesellschaft- Zugverbindung zwischen Görlitz und Europawahl wolle Barley, die als SPD-
liche Aufgabe, weshalb der Bund für die Berlin, müsste das Bundesverkehrsminis- Spitzenkandidatin antritt, das Thema
Strukturhilfen aufkommen muss und terium aufbringen und woanders einspa- nicht mehr anfassen, heißt es in der
nicht die betroffenen Länder«, sagt Rei- ren. Das wiederum will Bundesverkehrs- Bundesregierung. Kritiker befürchten,
ner Haseloff, der Ministerpräsident von minister Andreas Scheuer (CSU) nicht. dass eine »aktive Gefahrenabwehr«
Sachsen-Anhalt. Das Bundesfinanzminis- Die Regelung für die betroffenen Regio- im Cyberraum das Trennungsgebot
terium will auf bereits bewilligte Förder- nen will das Bundeskabinett in seiner zwischen Geheimdiensten und Polizei-
töpfe zurückgreifen. Das Geld für zusätz- nächsten Sitzung auf den Weg bringen. GT behörden aufweicht. WOW, ROM

Steuerhinterziehung um musste kürzlich intern einräumen, Kennzeichen-Scanner


Taxameter als Vorbild dass die notwendige Technik noch nicht Fotos auf Vorrat
fertig entwickelt ist. Heinold und Dressel
 Der Bundesfinanzminister soll ent- fordern nun als Alternative, das soge-  Die bayerische Polizei hat 2018 in
schlossener gegen den Milliardenbetrug nannte Insika-Verfahren zu nutzen, das sieben Fällen mit Nummernschild-Scan-
durch Manipulation von Kassen in mithilfe des Bundes entwickelt wurde nern nach den Autos von Verdächtigen
Geschäften oder Gaststätten vorgehen. und bislang nur in Taxametern zum Ein- gesucht. Das bestätigte das bayerische
Das fordern die Finanzministerin von satz kommt. Die beiden Minister verwei- Innenministerium auf Anfrage. Im lau-
Schleswig-Holstein, Monika Heinold sen auf Österreich, wo 2017 ein Insika- fenden Jahr geschah dies offenbar drei-
(Grüne), und der Hamburger Finanzse- nahes Verfahren eingeführt wurde. Dort mal. Üblicherweise soll mit den Scan-
nator, Andreas Dressel (SPD), in einem habe der Staat schon im ersten Jahr nern an Autobahnen und Straßen nur
gemeinsamen Brief an Olaf Scholz (SPD). 650 Millionen Euro Umsatzsteuern nach Kennzeichen in Fahndungslisten
Der Bundestag hat zwar ein Gesetz zusätzlich eingenommen. »Für den wahr- gesucht werden. In den genannten
beschlossen, nach dem bis Anfang kom- scheinlichen Fall einer verzögerten Ein-
menden Jahres rund zwei Millionen Kas- führung von TSE brauchen wir dringend
sen mit einer zertifizierten technischen einen Plan B«, so Dressel. Heinold appel-
Sicherheitseinrichtung (TSE) ausgestattet liert an den Bund, »endlich im Interesse

BAYERNPRESS / ACTION PRESS


sein müssen. Doch das Finanzministeri- der Steuergerechtigkeit« zu handeln. MIF

Zulagenaffäre »gesetzlich nicht vorgesehen« seien. In


50 000 Euro extra Zeugenaussagen erklärten die Fachbe-
reichsleiterin Personal und ihr Stellvertre- Nummernschild-Scanner
 Eine Beamtin im Rathaus von Hanno- ter, sie hätten den Personaldezernenten
ver hat offenbar wiederholt dagegen pro- Harald Härke und Schostoks Büroleiter Fällen sei es nach Verbrechen jedoch
testiert, dass Beamte gesetzeswidrige Frank Herbert auf das Problem hingewie- darum gegangen, überhaupt »erst
Zuschläge erhalten. Sie fand jedoch bei sen, auch die Beamtin legte in Vermerken Ermittlungsansätze« zu gewinnen. Die
der Rathausspitze um den inzwischen nach. Die Staatsanwaltschaft hat Schos- Kennzeichen wurden erfasst, um sie
abgetretenen SPD-Oberbürgermeister tok und Härke wegen »Untreue im beson- später auszuwerten. »Anders als immer
Stefan Schostok kein Gehör. Einen ersten ders schweren Fall« angeklagt, Herbert wieder beteuert, werden also nicht
Vermerk schrieb die für Besoldungsrecht wegen Anstiftung dazu. Schostok bestrei- gesuchte Kennzeichen nicht gleich wie-
zuständige Frau laut Anklageschrift be- tet, vor Mai 2018 von den Einwänden der gelöscht«, kritisiert der Rechtspoli-
reits im Januar 2015. Eine »Mehrarbeits- gewusst zu haben. Herbert, der insge- tiker Patrick Breyer, Spitzenkandidat
vergütung« für Beamte der Besoldungs- samt knapp 50 000 Euro extra bekam, der Piratenpartei bei der Europawahl.
gruppe B sei nicht möglich. Im April und hält die Zahlungen für rechtmäßig. Härke Damit würden die Scanner »zur lücken-
Juli 2015 betonte sie in E-Mails an ihren sagt, er bereue, die Extrazahlungen losen Autofahrer-Erfassung zweckent-
Vorgesetzten, dass derartige Zahlungen gewährt zu haben. GUD fremdet«. HIP

23
Dissidenten
Seltsamer Todesfall
 Der Tod eines prominenten chinesi-
schen Flugpassagiers beschäftigt die
bayerische Justiz. Die für den Münch-
ner Flughafen zuständige Staatsanwalt-
schaft Landshut hat den Leichnam des
ehemaligen Dissidenten Zhang Jian
obduzieren lassen. Zhang starb Mitte
April in einem Krankenhaus in Freising,
nachdem der Linienflug, mit dem er
von Oman nach Paris reiste, wegen sei-
nes schlechten Gesundheitszustands

JOHANNES ARLT / LAIF


nach München umgeleitet werden
musste. Da Zhang 1989 bei der Demo-
kratiebewegung auf dem Platz des
Schwesig Himmlischen Friedens in Peking eine
führende Rolle gespielt hatte, äußerten
chinesische Exilanten den Verdacht,
Homöopathie der des einflussreichen Gemeinsamen der seit Jahren in Frankreich lebende
Empörung über Schwesig Bundesausschusses von Ärzten, Kliniken 48-jährige Dissident könnte vergiftet
und Krankenkassen. Die Medizinprofes- worden sein. Huang Ciping, die Direk-
 Manuela Schwesig (SPD), Minister- sorin und Homöopathiekritikerin Jutta torin der Wei Jingsheng Foundation in
präsidentin von Mecklenburg-Vorpom- Hübner, Mitglied der Arzneimittelkom- Washington, reiste eigens nach Bayern,
mern, erntet für ein Grußwort scharfe mission der Deutschen Ärzteschaft,
Kritik von Gesundheitsexperten. Die nennt das Engagement Schwesigs »nicht
Politikerin hat die Schirmherrschaft klug«. Die Politik positioniere sich
über den Deutschen Ärztekongress für »leider sehr eindeutig pro Homöopathie,
Homöopathie übernommen, der Ende teilweise, weil sie das Thema nicht ver-
Mai in Stralsund beginnt. Es sei »sehr standen hat, und teilweise, weil sie
wichtig, zum Beispiel darüber zu for- dadurch auf Wählerzuspruch hofft«, sagt
schen, wie im Säuglings- und Kleinkind- die Krebsärztin. Ein Sprecher der Minis-

R. BURRI / MAGNUM / AGENTUR FOCUS


alter alternative Methoden wie die terpräsidentin erklärte, es sei mit der
Homöopathie wirksam eingesetzt wer- Schirmherrschaft nicht darum gegangen,
den können«, schreibt Schwesig in ihrem sich »in den Methodenstreit über die
Grußwort. Bei der Homöopathie handle Homöopathie« einzuschalten. »Wir
es sich »um bisher unbelegte, teilweise haben die Schirmherrschaft übernom-
sogar gefährliche Heilsversprechen«, men, weil hier ein bundesweiter Medizin-
warnt hingegen Josef Hecken, Vorsitzen- kongress in unser Land kommt.« COS

Demonstranten in Peking 1989

Zeitgeschichte Lenin. Vier Bände stammten von Mao um sich für eine gründliche Obduktion
Ensslin las Proust Zedong, zwei Bücher von Willy Brandt. einzusetzen. Sie verweist auf weitere
Romane gönnte sich die Literaturwissen- Todesfälle von chinesischen Dissiden-
 Das Ministerium für Staatssicherheit schaftlerin Ensslin, die ihre Promotion ten, die zuvor an der Leber erkrankt
der DDR war bestens über die Lesege- aufgegeben und 1970 die »Rote Armee waren. »Das ist beunruhigend«, so die
wohnheiten westdeutscher Terroristen Fraktion« (RAF) mitgegründet hatte, nur Einschätzung von Huang Ciping. Auch
informiert. Den Spitzeln lag ein Verzeich- selten. Es fanden sich unter anderem Mar- Zhang hatte einen Leberabszess,
nis jener Bücher vor, die Beamte des Lan- cel Prousts »Auf der Suche nach der ver- ergab die Untersuchung im Auftrag der
deskriminalamts Baden-Württemberg in lorenen Zeit« oder das Drehbuch »Die Staatsanwaltschaft Landshut. Aller-
der Zelle der RAF-Gründe- letzten Worte von Dutch dings ermittelte das Institut für Rechts-
rin Gudrun Ensslin gefun- Schultz« des US-Poeten medizin in München als Todesursache,
den hatten. Ensslin hatte William S. Burroughs. dass der Dissident an Multiorganver-
sich am 18. Oktober 1977 Neben Büchern hinterließ sagen infolge einer Blutvergiftung ver-
in Zelle 720 im siebten Ensslin eine Schreibma- storben sei. Der Sprecher der Staats-
Stock der JVA Stuttgart- schine der Marke Olivetti, anwaltschaft Landshut betonte, dass
Stammheim erhängt. Einen eine Geige und eine Arm- den Ermittlern bisher »keine Hinweise
Tag später wurde die Liste banduhr der Marke Tissot. auf eine Straftat« vorlägen. Es habe
erstellt. Demnach bevor- Der Nachlass wurde in sich um »ein Todesermittlungsverfah-
zugte die schwäbische Pfar- einem Keller des Stamm- ren« gehandelt. Die Auswertung von
rerstochter Politiklektüren: heimer Gefängnisses einge- bei der Obduktion entnommenen Pro-
In den zwei Bücherregalen lagert, 1978 bei einer Über- ben steht allerdings noch aus. Im Labor
mit acht Fachböden stan- schwemmung beschädigt wird beispielsweise nach Spuren von
den allein 22 Bände des und anschließend als Müll bestimmten Substanzen oder nach Hin-
AP

russischen Revolutionärs Ensslin 1977 entsorgt. MBS weisen auf Radioaktivität gesucht. FRI

24 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019


Wohin,
Europa?
Alles rund um die Wahl im ZDF und
in der ZDFmediathek

Claus Kleber
Deutschland

Lunte am
Pulverfass
Außenpolitik Die USA heizen die Konflikte im Nahen Osten
an, die Gefahr eines Krieges mit Iran wächst.
Die Folgen für Europa wären gravierend. Doch Berlin und
Brüssel schauen hilflos zu.

A
ls Heiko Maas am Dienstag- scher Flugzeugträger befand sich auf dem
nachmittag den Sitzungssaal der Weg in den Persischen Golf, alles deutete
SPD-Fraktion im Reichstag be- darauf hin, dass auch Pompeos Flugzeug
tritt, schauen ihn erwartungsvolle ein Ziel in der Krisenregion ansteuerte.
Augen an. Soeben ist bekannt geworden, Doch Heiko Maas sagte gar nichts. Statt-
dass der deutsche Außenminister einen dessen verließ er die Fraktion bereits nach
Anruf seines amerikanischen Amtskolle- einer halben Stunde. Auf die SPD-Abge-
gen Mike Pompeo erhalten hat. Der US- ordneten wirkte das Schweigen des Minis-
Außenminister habe, heißt es in dürren ters wie ein Sinnbild der Rat- und Orien-
Sätzen in einer Pressemitteilung des Aus- tierungslosigkeit deutscher Außenpolitik.
wärtigen Amts, »sein Bedauern« mitge- Denn es hätte einiges zu erklären gege-
teilt, dass er seinen Berlinbesuch kurzfris- ben: Der US-Außenminister war auf dem
tig absagen müsse. Weg nach Bagdad, um die irakische Regie-
Außenpolitik ist ein symbolisches Ge- rung auf die US-Strategie gegen Iran ein-
schäft. Wer wen wann besucht oder nicht zuschwören. Washington eskaliert in die-
besucht, wer wen wie lange warten lässt, sen Tagen den Konflikt mit Teheran – mit
hat immer Bedeutung. Auch wenn sich die unabsehbaren Folgen für seine Verbünde-
Bundesregierung größte Mühe gab, nicht ten in Europa. Im Nahen Osten, so fürchtet
verärgert zu scheinen: Pompeos Absage man in Berlin, wächst die Kriegsgefahr.
ist ein weiteres Indiz dafür, wie brüchig Erfahrene Diplomaten fühlen sich an
die Beziehungen zwischen Berlin und Wa- die Zeit vor dem US-Einmarsch im Irak
shington in diesen Zeiten sind. 2003 erinnert. Die Kriegsgefahr sei so groß
Auch die Genossen hätten von ihrem wie nie in den vergangenen Jahrzehnten,
Außenminister sehr gern etwas über die heißt es in der Bundesregierung.
Hintergründe der Absage erfahren, kam »Wir sehen überall in der Region eine
sie doch zu einem denkbar heiklen Zeit- zunehmende Konfrontation«, sagt Volker sächlich das Ziel des Regime-Change ver-
punkt. Die Nachrichten aus dem Nahen Perthes, Leiter der Stiftung Wissenschaft folgen oder nicht, ist schon fast egal. Wer
Osten waren alarmierend: Ein amerikani- und Politik. Es gebe »ein gefährliches Ne- nach dem Motto »mal schauen, was pas-
beneinander von Konflikten und siert« eine Lunte an ein Pulverfass legt,
zu viele risikobereite Akteure, nimmt einen Krieg in Kauf.
die nicht miteinander reden«. Die USA haben das iranische Regime mit
Auch der grüne Außenpoliti- harten Sanktionen überzogen und fahren
ker Jürgen Trittin sieht in der im Persischen Golf demonstrativ Kriegsge-
Region »eine riesige Eskala- rät auf. Nachdem Geheimdienste vor irani-
tionsgefahr«. »Die USA suchen schen Attacken auf US-Soldaten in der Re-
offenbar einen Vorwand, um gion gewarnt hatten, schickte Trump einen
FLORIAN GAERTNER / PHOTOTHEK / GETTY IMAGES

den Konflikt mit Iran zu eska- Kampfverband unter Führung des Flug-
lieren. Die Behauptung, Iran zeugträgers »Abraham Lincoln« und eine
plane einen Angriff gegen US- Bomberstaffel in Richtung iranischer Ho-
Truppen im Irak, riecht nach ei- heitsgewässer an den Persischen Golf.
nem Tonkin-Zwischenfall«, so Revolutionsführer Ali Khamenei wie-
Trittin in Anspielung auf den derum soll die iranischen Streitkräfte in
Vorwand, unter dem die USA erhöhte Bereitschaft versetzt haben. In ei-
den Vietnamkrieg verschärften. ner Rede am 1. Mai nannte er das Vorge-
Mit einer Mischung aus Wirt- hen Washingtons einen »totalen Krieg«.
schaftskrieg und militärischen Niemals seit Ende des Iran-Irak-Kriegs
Drohgebärden versucht Wa- 1988 schien die Kriegsgefahr größer.
Außenminister Maas shington, Iran in die Knie zu Das Vorgehen der USA ist doppelt ge-
»Wir sitzen auf einem Seil, und es wird immer dünner« zwingen. Ob die USA dabei tat- fährlich. Der Streit mit Iran könnte sich

26
ABACA PRESS / DDP
Präsident Rohani bei Militärparade in Teheran: »Riesige Eskalationsgefahr«

gewollt oder ungewollt zu einem militäri- malen Drucks. Trump sieht in Merkels regionalen Spannungen«, kritisiert Niels
schen Konflikt ausweiten. Nicht weniger Regierung keinen Verbündeten, sondern Annen, Staatsminister im Auswärtigen
gefährlich wäre es, wenn es den Falken in einen Quertreiber, der im Nahen Osten Amt. »Trumps Nahostpolitik ist brand-
Washington gelänge, Iran zu destabilisie- allzu oft auf Dialog setzt, zu enge Bindun- gefährlich«, sagt auch Luxemburgs Außen-
ren, und das Land in einem Bürgerkrieg gen nach Teheran unterhält, die Sanktio- minister Jean Asselborn. »Gegenüber Iran
versänke. Iran hat mehr als 80 Millionen nen unterläuft und den harten US-Kurs ge- bricht Trump internationale Abkommen.
Einwohner, etwa viermal so viel wie Sy- gen Iran torpediert. Und im israelisch-palästinensischen Kon-
rien vor dem Bürgerkrieg. Zwar steht ein Krieg im Nahen Osten flikt macht der US-Präsident eine Zwei-
Kein Wunder also, dass Trumps kon- eigentlich nicht auf Trumps Agenda. staatenlösung faktisch unmöglich«, sagt
frontative Nahostpolitik die Entfremdung Schließlich hat er im Wahlkampf verspro- Asselborn.
zwischen den USA und ihren europäi- chen, die USA würden unter seiner Präsi- Iran, so die Einschätzung in Berlin und
schen Verbündeten vorantreibt, denn an- dentschaft »den destruktiven Zirkel von Brüssel, reagiere dagegen eher maßvoll
ders als etwa in Venezuela wäre Europa Intervention und Chaos beenden« und und zurückhaltend auf amerikanischen
direkt betroffen. Es geht um die Sicherheit damit aufhören, »fremde Regime zu stür- Druck und Provokationen. Ein Jahr nach-
des Kontinents. zen, über die wir nichts wissen und mit dem Washington aus dem Atomabkom-
Die Folgen eines Kriegs hätte vor allem denen wir nichts zu tun haben sollten«. men mit Iran ausgestiegen ist und Iran mit
Europa zu tragen. Immer wieder habe Aber der Präsident und sein Sicherheits- schwersten Sanktionen belegt hat, kündig-
man den Amerikanern erklärt, dass ihre berater John Bolton sind sich einig darin, te Teheran in dieser Woche seinerseits ein
Politik für Europa deutlich größere Risiken die Drohkulisse gegen Iran immer höher Abrücken von dem Vertrag an – allerdings
berge als für die USA, heißt es in der Bun- zu bauen. in mikroskopischer Dosis.
desregierung. Vergebens. Die Europäer machen Washington für Irans Ankündigung, sich nicht mehr an
Aus amerikanischer Sicht sind die Eu- die Zuspitzung im Nahen Osten verant- die vereinbarten Obergrenzen für die La-
ropäer, allen voran Deutschland, dagegen wortlich. »Die USA verstärken mit ihrer gerung von angereichertem Uran und
ein Störfaktor für die Strategie des maxi- Politik des maximalen Drucks auf Iran die schwerem Wasser zu halten, ist nach Ein-

DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019 27


Deutschland

schätzung der Bundesregierung nicht so- ßen. Denn sollte sich herausstellen, dass die in Syrien, im Libanon und im Jemen sind
fort relevant, da diese Grenzwerte frühes- Europäer Geschäfte mit den Revolutions- mit Iran verbündete Milizen im Einsatz.
tens im kommenden Herbst erreicht wer- wächtern ermöglicht haben, die von den Für die wachsenden Spannungen macht
den. Bis dahin, so hofft man, sei noch Zeit USA als Terrororganisation eingestuft wur- Teheran die drei B verantwortlich: den is-
für Politik. den, wäre das ein gefundenes Fressen für raelischen Ministerpräsidenten Benjamin
»Irans Ankündigung allein ist keine Ver- die Trump-Regierung. Netanyahu, den saudischen Kronprinzen
letzung des Abkommens«, sagt Helga Selbst wenn es gelingt, das auszuschlie- Mohammed bin Salman und Trumps Si-
Schmid, Generalsekretärin des Auswärti- ßen, wird in der Bundesregierung bezwei- cherheitsberater John Bolton.
gen Dienstes in Brüssel. »Wir werden uns felt, dass das Handelsvolumen von Instex Besonders eine Maßnahme der Ameri-
an unsere Verpflichtungen halten, solange ausreichen wird, um die wirtschaftliche Si- kaner hat die Gefahr einer ungewollten
Iran das genauso tut.« tuation Irans entscheidend zu ändern. kriegerischen Zuspitzung erhöht: Am
In zwei Wochen wird eine neue Ein- Inzwischen hat Iran den Europäern ein 8. April erklärte Washington die iranischen
schätzung der Internationalen Atomener- Ultimatum von 60 Tagen gestellt, um die Revolutionswächter zur Terrororganisa-
giebehörde erwartet, die turnusgemäß Folgen der Sanktionen abzuwenden. tion. Im Gegenzug klassifizierte das Parla-
überprüft, ob Iran sich an das Abkommen Wenn das nicht gelingt, könnte Iran die ment in Teheran das für den Nahen Osten
hält. In Brüssel erwartet man, dass der Be- Anreicherung von Uran wieder aufneh- zuständige US-Zentralkommando Cent-
richt positiv ausfällt, genau wie die 14 bis- men oder den Atomwaffensperrvertrag com per Gesetz als terroristisch. Nun sind
herigen Berichte. kündigen. Dann dürfte es nicht mehr lange amerikanische und iranische Truppen, wo
Und das, obwohl die US-Sanktionen die
Islamische Republik inzwischen mit voller
Härte treffen. Das Wirtschaftswachstum
ist eingebrochen, für dieses Jahr wird ein
Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von
6 Prozent erwartet, die Inflation liegt in-
zwischen bei nahezu 40 Prozent, der Un-
mut der Bevölkerung wächst, die humani-
täre Lage spitzt sich zu.
Das totale Ölembargo, das Pompeo
Ende April angekündigt hat, wird Iran
nach Schätzungen des US-Außenministe-
riums 50 Milliarden Dollar im Jahr kosten,
40 Prozent des jährlichen Staatseinkom-
mens. Zwar gehen die Iraner davon aus,
dass China weiterhin eine begrenzte Men-
ge Öl abnehmen wird und auch über den
Irak und über die Türkei auf dem »grauen
Markt« Öl verkauft werden kann. Aber
der Export dürfte Schätzungen zufolge
MANDEL NGAN / DPA

von täglich 2,5 Millionen auf maximal


700 000 Barrel fallen.
Zudem ist Teheran enttäuscht von den
europäischen Vertragspartnern des Atom-
abkommens. Nach dem Ausstieg der USA US-Außenminister Pompeo: Bagdad statt Berlin
vor einem Jahr hatten Deutschland, Frank-
reich und Großbritannien den Iranern zu-
gesichert, dass man versuchen werde, den dauern, bis Teheran im Besitz der Bombe immer sie sich in der Region begegnen, zu-
Deal zu retten. Zentrales Instrument sollte ist – oder die USA militärisch eingreifen. mindest theoretisch dazu verpflichtet, ge-
der Handel werden. Um den Zahlungsver- Die Konfrontation mit Teheran ist nur geneinander vorzugehen.
kehr trotz der US-Sanktionen unabhängig ein Teil der grobschlächtigen Politik, mit Auch beim zweiten großen Brandherd
vom Dollar abwickeln zu können, gründe- der Washington den Nahen Osten über- des Nahen Ostens steuert Berlin auf eine
ten Deutschland, Frankreich und Großbri- zieht. Trump hat die Region für sich in Konfrontation mit Washington zu. Im Juni
tannien im Januar die Zweckgesellschaft zwei Kategorien eingeordnet: in Verbün- will die US-Administration ihren Plan zur
»Instex« – eine Art Tauschbörse, in der dete und Feinde. Für Zwischentöne ist im Lösung des israelisch-palästinensischen
Im- und Exporte miteinander verrechnet Kopf des Präsidenten kein Platz. Zu den Konflikts vorlegen. Man werde noch den
werden sollen. Verbündeten zählen neben Israel vor al- islamischen Fastenmonat Ramadan und
Doch in der Praxis hat bislang noch kei- lem das Königshaus von Saudi-Arabien die Bildung einer neuen israelischen Re-
ne einzige Transaktion stattgefunden. Der und der Rest der Golfstaaten. Der große gierung abwarten, dann werde die Welt
Aufbau der Gesellschaft verzögert sich. Feind ist Iran. Trumps »Vision« für die Beilegung des
Sorgen bereitet den Instex-Betreibern vor Mit ihrer Politik der Härte hoffen die Jahrhundertkonflikts kennenlernen, so
allem die Frage, wie sie sicherstellen, dass Amerikaner, Iran an den Verhandlungs- kündigte es sein Schwiegersohn Jared
die Geschäfte auf keinen Fall gegen die tisch zu bringen: Teheran soll langfristig Kushner, einer der Architekten, an.
Sanktionen der Amerikaner verstoßen. auf sein Atomprogramm verzichten, sein Konkretes sickerte bislang nicht durch,
Mithilfe der Unternehmensberatung Raketenprogramm einschränken sowie die aber es steht zu befürchten, dass sich die
Ernst & Young suchen die Europäer dafür Unterstützung für schiitische Milizen wie Vereinigten Staaten vom Konzept der
Experten, die jedes iranische Unterneh- die Hisbollah einstellen. Zweistaatenlösung abwenden werden, das
men durchleuchten, um eine Verbindung Die Islamische Republik hat ihrerseits seit Jahrzehnten von der internationalen
zu den Revolutionswächtern auszuschlie- überall in der Region Alliierte, im Irak und Gemeinschaft als einzig fairer Weg ange-

28 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019


sehen wird. »Die Vision, die wir vorlegen Die deutsche Außenpolitik beschränkt
werden, wird einen bedeutenden Wandel sich im Wesentlichen auf Appelle an die
zu dem Modell repräsentieren, das bislang Adresse der Iraner. Dass man die Verbün-
gebraucht wurde«, sagte US-Außenminis- deten in Washington zu einer Kursände-
ter Pompeo. rung bewegen kann, glaubt in Berlin nie-
Worte wie diese lösen in der Bundesre- mand. Deutschland, so muss man das wohl
gierung Besorgnis aus. Zwar wollen Kanz- verstehen, hält die Theokratie in Teheran
lerin Merkel und Außenminister Maas den für vernünftiger und rationaler als die Al-
Plan aufmerksam lesen und kreative Ideen liierten in Washington.
zur Konfliktlösung wohlwollend prüfen. Dort ist das nicht verborgen geblieben.
Sollte der Plan allerdings das nationale In Trumps kruder Sicht auf die Außen-
Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser politik spielt Deutschland ohnehin den
schleifen oder von Israel besetzte Gebiete Part des Bösewichts. Angela Merkel hat
ohne Rücksicht auf das Völkerrecht aner- sich im Umfeld des Präsidenten den Ruf
kennen, könnte Deutschland den US-Plan eines nervtötenden Moralapostels erarbei-
nicht unterstützen. tet, der ermüdend lange Vorträge hält –
Seit seinem Amtsantritt hat Trump die was noch einmal zurück zur Pompeo führt:
amerikanische Vermittlerrolle aufgegeben Bagdad war, wie berichtet, für den US-
und sich einseitig auf die Seite der israeli- Außenminister wichtiger als Berlin. Zwei
schen Regierung gestellt. Er schloss die pa- andere Termine in Europa – in Finnland
lästinensische Vertretung in Washington am Montag und Großbritannien am Mitt-
und strich die Gelder für das Hilfswerk woch – konnte Pompeo dagegen ohne
der Vereinten Nationen für die Palästinen- Schwierigkeiten wahrnehmen.
ser, UNRWA. Er verlegte die US-Botschaft Das sagt einiges über den Draht zwi-
nach Jerusalem und erkannte – mitten im schen Berlin und Washington in diesen
israelischen Parlamentswahlkampf – Isra-
els Herrschaft über die Golanhöhen an.
Wie sich die Tonlage gegenüber den Das letzte Telefonat der
USA verschärfen könnte, demonstrierte Bundeskanzlerin mit
Ende März Christoph Heusgen, früherer
außenpolitischer Berater der Kanzlerin, Trump liegt gut sieben
heute Deutschlands Ständiger Vertreter Wochen zurück.
bei den Vereinten Nationen. Bei einer Sit-
zung des UN-Sicherheitsrats warf er den
Amerikanern »Bruch internationalen Zeiten. Pompeo hat es mehr als ein Jahr MODELL SANSIBAR
Rechts« vor. »Wir glauben nicht, dass in- nach seinem Amtsantritt noch nicht nach
ternationales Recht reiner Selbstzweck Berlin geschafft.
ist«, sagte Heusgen. »Wir glauben, dass in- Auch Sicherheitsberater Bolton fand die
ternationales Recht der beste Weg ist, Zi- deutsche Regierung noch keinen Besuch
vilisten zu schützen, damit sie in Frieden wert. Und das letzte Telefonat der Bun-
und Sicherheit leben können.« deskanzlerin mit Donald Trump liegt gut
»Genauso wie beim Atomabkommen sieben Wochen zurück.
mit Iran haben uns die Amerikaner noch Deutschland hat im Weißen Haus der-
nicht erklären können, was die bessere Al- zeit wenig zu melden. Dafür kommen an-
ternative zur Zweistaatenlösung ist«, kri- dere Europäer zum Zug. Am Tag, als Pom-
tisiert SPD-Fraktionsvize Rolf Mützenich. peo seine Berlinvisite absagte, verschickte
Auch in Brüssel will man daran in jedem das Weiße Haus die Ankündigung eines
Fall festhalten. »Wir sehen in der EU nicht, hohen Besuchs aus Europa: Der ungari-
dass es eine bessere Lösung für den Nah- sche Premierminister und Rechtspopulist
ostkonflikt gibt als die Zweistaatenlösung«, Viktor Orbán wird kommende Woche in
sagt Helga Schmid, Generalsekretärin des Washington erwartet. Er wolle mit Orbán,
Europäischen Auswärtigen Diensts. so Trump, über eine Vertiefung der ame-
Mützenich fordert die Bundesregierung rikanisch-ungarischen Beziehungen spre- • AUSGEZEICHNETE PASSFORM
auf, sich an die Spitze derjenigen zu stellen, chen.
die im Sicherheitsrat der Vereinten Natio- Wenn die deutsche Kanzlerin Ende Mai
• SUPERBEQUEM-FUSSBETT
nen eine Resolution für die strikte Einhal- das nächste Mal in die USA reist, um an • OPTIMALE AUFTRITTSDÄMPFUNG
tung des Völkerrechts im Nahen Osten vo- der Universität Harvard einen Vortrag zu • GEEIGNET FÜR INDIVIDUELLE EINLAGEN
rantreiben. »Die USA müssen dann ent- halten, wird Trump dagegen keine Zeit ha-
scheiden, ob sie gegen eine solche Resolu- ben. Er spielt dann in Florida Golf.

DER SCHUH ZUM


tion ihr Veto einlegen«, so Mützenich. Und Pompeo will seinen Besuch angeb-
Tatsächlich sieht Europa eher hilflos zu, lich nächste Woche nachholen, auf eine

WOHLFÜHLEN
wie die Temperatur zwischen Washington Bestätigung aus Washington warten sie in
und Teheran steigt. Ein EU-Diplomat be- Berlin noch.
schreibt die Lage so: »Wir sitzen auf einem Christiane Hoffmann, Peter Müller,
Seil, die Amerikaner ziehen an einem Christoph Scheuermann, Fidelius Schmid, FinnComfort Postfach
Ende, die Iraner am anderen, und das Seil Christoph Schult 97433 Haßfurt/Main
wird immer dünner.«
Katalog/Händler:
29 www.finncomfort.de
Europawahl 2019

Miss Happy
Karrieren Katarina Barley, SPD-Spitzenkandidatin für Europa, redet im Wahlkampf nicht viel über
Politik, sondern zeigt sich vor allem als freundlicher Mensch. Das kommt gut an. Von Veit Medick

A
n einem Dienstagmorgen im eine Antwort geben. Schaffen es die pelte Staatsbürgerschaft, und ihre zwei
April sitzt Katarina Barley auf Rechtspopulisten, Brüssel und Straßburg Kinder habe sie mit einem Mann bekom-
Platz 6C eines Austrian-Airlines- zu unterwandern, steht ein ganzes Frie- men, den sie bei einem Studienaufenthalt
Flugs irgendwo über Süddeutsch- densprojekt zur Disposition, schneidet die in Paris kennengelernt habe. »Meine Eras-
land und wirkt wieder einmal so, als hätte SPD schlecht ab, könnte die älteste Partei mus-Babys« nennt Barley ihre Söhne, es
sie mit all diesem Wahnsinn um sich he- des Landes in Existenznot geraten. Das ist der Sound, den sie anschlägt, wo immer
rum nichts zu tun. Sie hat sich einen sind die Dimensionen. sie hinkommt. »Europa ist einfach mein
Schwarztee bestellt und ein Hefegebäck, Kurzum: Barley, die nebenbei noch Jus- Leben«, sagt sie. Übrigens wohne sie bei
in der Hand hält sie ihr iPhone, vor ihr tizministerin ist, hat sich in ein Abenteuer Trier. »Da kann man mit dem Fahrrad
steht eine Handtasche. Keine Akten, kein gestürzt und sich dabei für einen Wahl- durch vier Länder an einem Tag fahren –
Buch, kein Mitarbeiter. Barley allein in der kampf entschieden, der so still ist, dass wenn man gut drauf ist.«
Holzklasse. Sie lehnt sich zurück. Es sind manche in der Partei ein Anflug von Ner- Happy Katarina.
noch 60 Minuten bis Düsseldorf und noch vosität überfällt. Es kann sein, dass die 50- Der Termin läuft unter Wahlkampf, was
ein paar Wochen bis zur Europawahl. Jährige alle überrascht. Und wenn es ein Witz ist, sofern man mit der gewöhn-
Und dann? Was kommt nach dieser schlimm ausgeht am Wahlabend? Nur kei- lichen Brille auf ihre Kampagne blickt. Bar-
Wahl, Frau Barley? Wie soll das alles ne Panik, meint Barley. Wird schon. ley, die früher Richterin war, macht keinen
werden? »Übrigens hatte ich Tee bestellt«, sagt Wahlkampf, jedenfalls nicht diesen üb-
Barley schaut, als hätte man sich nach sie zur Stewardess, die einen Kaffee bringt. lichen »Wenn ihr nicht alle wählen geht,
ihrem Lieblingskuscheltier erkundigt. Ab- »Oh, stimmt.« werden wir alle sterben«-Wahlkampf. Sie
surde Frage! Was nach der Wahl komme, doziert nicht von oben herab und brüllt
interessiere sie nun wirklich nicht, sagt sie. keine Menschen an. Sie verzichtet darauf,
Nicht die Posten, die es zu verteilen gebe, Wer fragt, bekommt den Weltuntergang herbeizuanalysieren,
nicht die möglichen Folgen für ihre Partei. immer eine Antwort. und vermeidet es, ihre Gegner zu verteu-
Druck verspüre sie im Grunde gar nicht. feln. Sie macht nicht einmal einen Hehl
Sie wolle am Wahlmorgen einfach aufste- Aber sie will niemanden daraus, dass sie sich an ihre Rolle noch ge-
hen und sich innerlich sagen können, dass belästigen. wöhnen müsse. »Für mich«, sagt Barley,
sie alles getan habe, was sie sich vorge- »ist es immer ein komisches Gefühl, das
nommen habe, sagt sie. Das sei ihr wichtig. eigene Gesicht auf den Plakaten zu sehen.«
Kurzes Lächeln. Ein Tag im März, Barley besucht einen Letzteres könnte freilich Koketterie sein.
Die Uhr zeigt 7.55 Uhr, die Stewardess kleinen Stammtisch in Gera. Ein Raum in In der SPD gibt es auch Geschichten über
öffnet für die Fluggäste schon mal eine Fla- der Nähe des Bahnhofs, ein Dutzend Frau- ihre Eitelkeit.
sche Wein. en ist gekommen. Es gibt Kuchen und Rot- Manche Sozialdemokraten sind fast fas-
Ja gut, sagt Barley, mal wieder ein Glas käppchensekt, Barley trägt Turnschuhe, sungslos angesichts der Sanftheit, mit der
trinken zu können, darauf freue sie sich was sie häufig macht. Robert Habecks Er- Barley durch diese verrückten Zeiten
schon. Bis zum 26. Mai verzichte sie auf folg ist ein Beispiel dafür, dass schon kleine schreitet. Der Brexit hält Europa in Atem,
jeglichen Alkohol. »Das nervt mich lang- Unkonventionalitäten wie ein Dreitage- die USA und China kämpfen um die glo-
sam«, sagt sie in diesen Wochen häufiger. bart, ein offenes Hemd oder eben Turn- bale Vormachtstellung, und Barley spricht
Bei Politikern, die sich demonstrativ ent- schuhe Politiker umgänglicher wirken las- über ihre Erasmus-Babys. Natürlich be-
spannt zeigen, gilt es immer, vorsichtig zu sen. Hinten, in einer Ecke des Raums, sitzt steht die Gefahr, dass eine Kandidatin ver-
sein, aber bei Barley stehen persönlicher Barleys niederländischer Lebensgefährte, loren wirkt, wenn sie es scheut, das große
Auftritt und politisches Umfeld momentan ein kluger, unterhaltsamer Basketball- Rad zu drehen und von Megabühnen wie
in einem solch auffallenden Gegensatz, dass coach, der sich politisch auskennt, den jemand herunterzupredigen, der für alles
selbst Sozialdemokraten sich fragen, was »Guardian« liest und schon von einem so- konkrete Pläne hat. Allerdings haben die
da eigentlich los ist. Diese Wochen müssten zialdemokratischen Wiederaufstieg träum- Schreihals-Wahlkämpfe von Peer Stein-
für eine SPD-Spitzenkandidatin eigentlich te, als er Barley noch gar nicht kannte. brück und Martin Schulz zuletzt so
die reinste Tortur sein, weil kaum ein Wahl- »Wer ist denn dieser arrogante Raucher schlecht funktioniert, dass Barleys Gegen-
kampf so überladen wirkt wie dieser. Selbst da auf dem Bild über Katarina?«, fragt er. entwurf so verkehrt nicht wirkt.
die Floskel von der Schicksalswahl scheint Es ist Willy Brandt, in jüngeren Jahren. Der Wahlkampf ist ohnehin nicht ein-
ausnahmsweise mal eine gewisse Berechti- »Oh. Nicht erkannt.« fach für die SPD, die Partei muss ein
gung zu haben. Barley sitzt auf einem Sofa, über sich Europa verteidigen, das sie selbst gar nicht
Am 26. Mai geht es um Europa und um Brandt, vor sich die Frauen an kleinen, zu 100 Prozent aufrechterhalten will. Aber
die Sozialdemokratie, zwei große Ideen runden Tischchen. »Ich duze jetzt hier alle, sie kann auch nicht zu sehr an Europa he-
der jüngeren Geschichte, und die Frage ist, ’tschuldigung, das rutscht mir immer so rumschrauben wollen, weil es dann so wir-
ob diese Ideen nur noch auf dem Papier raus«, sagt sie und beginnt zu erzählen, ken würde, als stünde sie gar nicht mehr
existieren oder weiterhin ein reales Fun- weshalb sie sich diese Kandidatur antue. richtig hinter der Idee. »Viel Glück. Ich
dament haben. Am Wahltag wird es darauf Ihr Vater sei Brite, sie selbst habe die dop- kann mir vorstellen, wie sich das anfühlt,

30 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019


ben zu können. Es ist ein bemer-
kenswerter Wettstreit darum,
wie eine kriselnde Partei wieder
anschlussfähig werden kann.
Vor einigen Wochen, in Jena,
läuft sie mit ihrem Ansatz mal
fast gegen die Wand. 200 Leute
sind da. Ein Baby schreit unauf-
hörlich, der Vater will gehen,
Barley schreitet ein. »Lassen
Sie«, ruft sie, »Kinderlärm ist
doch der beste, den man haben
kann. Alles gut. Nicht stressen.«
Barley spricht über ihre Liebe
zu Europa, die Nachteile des Ein-
stimmigkeitsprinzips und die
Vorteile des Interrail-Tickets. Sie
habe ihrem ersten Sohn ein sol-
ches Ticket zum 18. Geburtstag
geschenkt, sagt sie, und werde
das auch beim zweiten machen.
Irgendwann flippt einer im
Publikum aus. »Die EU haut
nicht hin!«, brüllt er. »Dumm
und kaputt« sei der Kontinent.
Das müsse man doch akzeptie-
ren. Mal halblang, sagt Barley.
»Ohne Europa sind wir so groß
wie ein Stecknadelkopf. Da fin-
det uns niemand mehr.«
Am Ende bekommt Barley
den Beifall, nicht er.
Barley hat keine klare Bot-
schaft, aber es ist nicht so, dass
sie kein Programm hätte. Sie
kennt sich aus. Als sie noch in
Rheinland-Pfalz war, arbeitete
sie als Europareferentin in ei-
nem Landesministerium. Weil
ein Kollege krank wurde, muss-
te sie ihre Jungfernrede im
Bundestag ebenfalls zu Europa
halten, von da an lief sie in der
Kategorie Expertin. Sie kann
spielerisch erklären, warum sie
ein Artikel-7-Verfahren gegen
RAMON HAINDL / DER SPIEGEL

Polen unterstützt oder ein Früh-


warnsystem für Rechtsstaatsver-
stöße aufbauen möchte. Sie will
den Kontinent menschlicher
machen und in allen Mitglied-
staaten einen Mindestlohn ein-
EU-Politikerin Barley (2. v. l.), Unterstützer: »Alles gut, nicht stressen« führen. Wer fragt, bekommt
immer eine Antwort. Aber sie
will niemanden belästigen.
wenn der Wahlkampf nicht so richtig Barley lacht dazu oder macht mit Leuten Sie kann auch über die globalen Heraus-
fliegt«, sagte kürzlich Matthias Machnig, Selfies. forderungen reden, den Wahnsinn des US-
der in die Wirtschaft gewechselte frühere Es sind keine schlechten Plakate, Barleys Präsidenten oder die irrlichternden Briten,
Kampagnenguru der SPD, zum Leiter des Kampagne ist die freundlichste, aber wahr- aber dann tut sie das in der Regel weniger
Barley-Wahlkampfs, als sich beide auf ei- scheinlich auch unpolitischste aller Zeiten. im Kissinger-Ton als mit der Melodie einer
ner Party über den Weg liefen. Kevin Kühnert treibt mit seinen Sozialis- freundlichen Reiseleiterin, was den Vorteil
Um aus dem inhaltlichen Dilemma musthesen der SPD den Schweiß auf die hat, dass ihr viele bis zum Ende zuhören.
zu entkommen, haben die Strategen ziem- Stirn, Katarina Barley wischt ihn wieder »Es ist immer besser, über den Bauch zu
lich alles auf Barley und ihre gute Laune ab. Er steht für die Frage, wie radikal die kommen als über den Kopf«, sagt sie.
zugeschnitten. Auf den SPD-Plakaten Partei sein muss, um zu überleben. Sie steht Die Frauen in Gera gehen beseelt nach
steht »Kommt zusammen! Für Gleich- für die Frage, wie sehr Politik hinter dem Hause, die Besucher in Jena auch. Und
berechtigung« oder einfach »Frieden«. Politiker verschwinden muss, um Erfolg ha- neulich, in Köln, wird sie von 150 Leuten

31
regelrecht gefeiert. »Das hat soooooo gut- in ihrem Wagen in Richtung Flughafen.
ARTE RE getan«, sagt die Chefin der örtlichen SPD: Die Polizei lotst sie durch die Stadt. Immer
MONTAG, 13. 5., 19.40 – 20.10 UHR | ARTE »Wir brauchen mehr von deiner Sorte.« diese Kolonnen, sagt sie. Neulich habe die
Aber was ist ihre Sorte? In der SPD Polizei in ihrer Heimatstadt die Straßen
Brexit-Chaos in der Karibik – weiß niemand so richtig, wie sie politisch abgesperrt. Sie habe gedacht, die Chinesen
die Insel Anguilla steht kopf tickt. Sie ist weder sehr links noch sehr kämen. Dabei waren die Sperren für die
Die winzige Karibikinsel Anguilla ist konservativ, nicht jung, nicht alt, sie strei- Justizministerin, also für sie.
britisches Überseegebiet. Obwohl tet ungern, weder mit den eigenen Leuten Vielleicht geht doch alles zu schnell, sie
6500 Kilometer Luftlinie von London noch mit Bundesinnenminister Horst See- kommt manchmal selbst nicht hinterher
entfernt, bangen die Inselbewohner hofer, ihrem Counterpart in der Regierung, damit, welches Amt sie gerade hat.
um ihre Zukunft. Verlässt das Ver- und das will schon was heißen. Barley scrollt über ihr Display. Notre-
einigte Königreich die Europäische Es gibt keinen Patzer, an den man sich Dame brennt. Der Mittelturm ist gerade
Union, wird auch Anguilla von erinnerte, aber auch kein Projekt, das man eingestürzt, Barleys Timeline bei Twitter
den Segnungen der EU abgeschnitten. mit ihr verbände. Barley ist herzlich und ist ein einziges Flammenmeer. »Mir ist
interpretiert das Feminine in der Politik richtig flau im Magen. Das ist Kultur, das
anders als viele Frauen, die glauben, die ist ein Monument«, sagt sie und greift zum
SPIEGEL TV männliche Dominanz kopieren zu müssen, Telefon. Ein Anruf bei ihrem Lebensge-
MONTAG, 13. 5., 23.25 – 0.00 UHR | RTL um nach oben zu kommen. Ansonsten ist fährten. Wie so oft. Hin und wieder ist sie
sie schwer einzuordnen. Wer mit ihr bei ihm in Amsterdam, aber allzu häufig
Clankriminalität – Wie das Mitglied spricht, wird nicht indoktriniert. Einem sehen sie sich gerade nicht. In ein paar Wo-
einer arabischen Großfamilie Lager gehört sie nicht an, deshalb kann chen, wenn sie in Brüssel wohnt, ist sie
seine Nachbarn terrorisiert; Von der sich jeder bei ihr aufgehoben fühlen. Da ihm viel näher. Es sind dann nur knapp
Insolvenz zum Millionär – Der sie kein klares Profil hat, kann niemand zwei Stunden mit dem Zug, sie hat das
Aufstieg des Promi-Unternehmers sie in eine Schublade stecken. schon gecheckt. Ein Katzensprung.
Jens Hilbert; Bekifft, betrunken Zwei Wochen läuft der Wahlkampf
oder ohne TÜV – Großkontrolle im noch, und das Schöne aus Barleys Sicht
Berliner Umland. Weil die SPD sie schon ist, dass sie kaum verlieren kann. Die Er-
für fast alles eingesetzt wartungen der SPD an das eigene Ergebnis
sind historisch niedrig. Dass der Balken
SPIEGEL GESCHICHTE hat, ist sie bislang überall abstürzt, ist eingepreist, das 27-Prozent-
MITTWOCH, 15. 5., 23.10 – 23.55 UHR | SKY unvollendet geblieben. Ergebnis der vorigen Europawahl wird un-
erreichbar sein. Ist das Ergebnis halbwegs
Airbus und Boeing vernünftig, könnte Barley das als ihren Er-
Es ist die Auseinandersetzung der Der Lohn: 99 Prozent der Delegierten folg verkaufen. Wird es schlimm, dürfte
beiden größten Flugzeughersteller haben Barley auf dem SPD-Europakon- die Schuld eher anderen gegeben werden,
der Welt: des amerikanischen Boeing- vent im Dezember auf Platz eins der Liste zum Beispiel Kühnert.
Konzerns mit der multinationalen gewählt. Sie hat den höchsten Bekannt- Was Barley in Brüssel will, ist ein großes
Airbus-Gruppe der Europäer. heitsgrad unter allen deutschen Spitzen- Rätsel ihres Wahlkampfs. Den deutschen
kandidaten für Europa. Als sie im Juni Kommissarsposten wird die Union beset-
2017 nach gerade mal anderthalb Jahren zen, sofern Manfred Weber, der CSU-
DIENSTAG, 14. 5., 20.15 – 21.45 UHR | ARTE als Generalsekretärin das Willy-Brandt- Mann, nicht gar Kommissionspräsident
Haus verließ, flossen Tränen. wird. Und den Fraktionsvorsitz der Euro-
Demokratie unter Druck Ihre Popularität hat auch eine Tragik, päischen Sozialisten wird sie auch nicht
Ist die Demokratie in ihrer gegenwär- denn sie zeigt, wie sehr sich die Partei nach mal eben geschenkt bekommen.
tigen Form in Gefahr? In einer Hoffnungsträgern sehnt und wie schnell So könnte es sein, dass Katarina Barley
kritischen Analyse nimmt der Film Sozialdemokraten in diese Rolle rutschen nach diesem Wahlkampf, der irgendwie
die Macht des Volkes als historische können. Barleys Aufstieg verlief fast schon keiner so richtig sein will, sich erst einmal
Errungenschaft, als Rückbesinnung grotesk schnell: Generalsekretärin, Fami- in den hinteren Rängen wiederfindet, was
auf Partizipation und Freiheit in lien-, zusätzlich Arbeits- und später Jus- ein wenig ärgerlich für sie wäre, weil sich
den Blick und geht Schwachstellen tizministerin, jetzt die Nummer eins für eine bundespolitische Präsenz so deutlich
und Mängeln der repräsentativen Europa. All das innerhalb von drei Jahren. schwerer beibehalten ließe. Es wird dann
Demokratie nach. Weil die SPD glaubt, sie für fast alles interessant sein zu beobachten, ob die Par-
einsetzen zu können, ist sie bisher überall tei ihr trotzdem die Treue hält oder sich
unvollendet geblieben. Und weil sie das vielleicht so schnell wieder von ihr abwen-
SPIEGEL TV REPORTAGE weiß, fällt ihr der Abschied aus dem Jus- det, wie sie sich ihr zuwandte.
DIENSTAG, 14. 5., 23.10 – 0.15 UHR | SAT.1 tizministerium schwer. »Es ist einfach Ja, und dann? Barley lacht. Nur kein
ein ganz großartiges Amt, eigentlich hatte Stress. Sie wolle jetzt erst mal gut durch
Feuerwache Neukölln – ich gar nicht vor, das abzugeben«, sagt den Wahlkampf kommen. Viele Termine,
Alarm in der Sonnenallee sie auf fast jedem Termin. Das ist einiger- viele Gespräche, viel Sport. Zu Hause
Die Einsätze im Berliner Problem- maßen riskant, weil es so wirkt, als wäre macht sie Kraftübungen, mindestens ein-
bezirk Neukölln gelten als besondere sie nur mit halbem Herzen in Sachen mal die Woche geht sie joggen. Meistens
Herausforderung. Diesmal werden Europa unterwegs und könnte sich nicht am Mittwoch, gleich nach der Kabinetts-
die Feuerwehrmänner zu einem entscheiden. sitzung. Sie zieht sich im Kanzleramt um,
Wohnungsbrand in der Sonnenallee Mitte April, das Ende eines langen Ta- dann läuft sie durch Berlin. Bald muss sie
gerufen. Kaum angekommen, ges in Wien. Barley hat die dortigen Ge- sich eine neue Strecke suchen.
wird ihnen klar: Es sind noch Men- nossen besucht und sich über öffentlich ge- Wird schon alles, sagt sie.
schen in dem brennenden Haus. förderten Wohnraum informiert. Sie sitzt

32
Deutschland

Trickreiche
tungen nach. Vor allem die CSU hält Grundrente nun auf knapp vier Milliarden
an einer ihrer Lieblingsforderungen fest. Euro, möglicherweise auch mehr, je nach-
»Fast dreißig Jahre nach der Wiederver- dem welcher Personenkreis zum Zuge

Pläne
einigung gehört der Soli abgeschafft – kommt und was an Kindererziehung, Pfle-
ohne Ausnahme komplett für alle Steuer- ge und Arbeitslosigkeit auf die erforder-
zahler«, sagt Stefan Müller, der Parlamen- lichen 35 Beitragsjahre angerechnet wird.
tarische Geschäftsführer der CSU. Wenn Anders als ursprünglich geplant soll das
Haushalt Weil in der Finanz- aber der Bund tatsächlich auch den oberen Projekt aber nicht vollständig aus Steuer-
planung Milliarden fehlen, zehn Prozent der Steuerzahler den Auf- mitteln und damit aus dem Haushalt be-
schlag erlassen würde, wie von Müller ge- zahlt werden. Große Teile der Kosten wer-
wollen die SPD-Minister Scholz fordert, dann müsste er zusätzlich auf rund den aus Beitragsmitteln bestritten.
und Heil die Grundrente auf zehn Milliarden Euro jährlich verzichten. Scholz und Heil wollen nun sowohl die
ungewöhnliche Weise finanzieren. Deshalb widersprechen eigene Frak- gesetzlichen Krankenkassen als auch die Ar-
tionskollegen dieser Idee. »In Anbetracht beitslosenversicherung anzapfen. So erwä-
der deutlich nach unten korrigierten Steu- gen sie, den Beitragssatz für die Kranken-

D ie Zeit von Sorglosigkeit und Über-


fluss scheint für Finanzminister Olaf
Scholz (SPD) endgültig vorbei zu
sein. Erstmals seit Jahren offenbarte die
ereinnahmen gibt es zum jetzigen Zeit-
punkt keinen Spielraum für den zweiten
Abbauschritt beim Soli«, sagt Eckardt Reh-
berg, Chefhaushälter der Unionsfraktion.
versicherung der Rentner von derzeit 14,6
auf künftig 14,0 Prozent zu senken. Der Ef-
fekt: Weil die Rentenkasse den Arbeitgeber-
beitrag für die Senioren übernimmt, müsste
Steuerschätzung am Donnerstag wieder In einem Punkt herrschen bei CDU und sie künftig rund 400 Millionen Euro weni-
Finanzierungslöcher in der Etatplanung CSU allerdings Einigkeit: »Es gibt keinen ger überweisen. Geld, das zur Finanzierung
des Bundes. Zwar hatte Scholz schon Ende Spielraum für eine Grundrente ohne Be- der Grundrente bereitstünde. Auch die
März einen Teil der Ausfälle vorwegge- dürftigkeitsprüfung und auch nicht für Rentner würden in gleicher Höhe entlastet.
nommen, als er die Eckwerte Zugleich würden beim Bundes-
für den Haushalt des nächsten zuschuss Mittel frei, mit denen
Jahres vorstellte. Doch es Verkalkuliert sich die Grundrente finanzie-
bleibt eine Lücke. Bis 2023 Steuereinnahmen des Bundes, in Milliarden Euro ren ließe. Rechtfertigen wollen
wachsen die Steuereinnahmen die beiden Minister die Absen-
weiter, aber nicht mehr so stark bisherige geschätzte
kung damit, dass Rentner, an-
(siehe Grafik). Allein beim Steuereinnahmen Steuereinnahmen ders als Arbeitnehmer, kein
Bund fallen sie in diesem Zeit- 360,3 Krankengeld beziehen können,
raum um 10,5 Milliarden Euro 351,5 ihr Beitrag also niedriger aus-
340,0
geringer aus als zuletzt voraus- 322,4 324,3 328,8 fallen darf.
gesagt. Im nächsten Jahr klafft 309,4 Außerdem denken die Mi-
ein Fehlbetrag von 1,6 Milliar- 281,6 289,0 angepasste nister darüber nach, die Bun-
den Euro. Ursache ist die 270,7 Steuerschätzung desagentur für Arbeit zu ver-
schwächelnde Konjunktur. für die Jahre pflichten, für die Bezieher von
Die Botschaft der neuen 2020 bis 2023: Arbeitslosengeld I höhere Ren-
Knappheit ist in den beiden – 10,5 Mrd. € tenbeiträge zu überweisen. Bis-
Koalitionsparteien aber offen- gegenüber her werden die Beiträge so be-
bar noch nicht gleichermaßen den Eckwerten rechnet, als hätten die Betrof-
vom März
angekommen. Im Gegenteil: 2019* fenen 80 Prozent ihres letzten
Viele Kabinettsmitglieder ha- Einkommens verdient. Künftig
ben in den vergangenen Wo- soll die Kalkulationsgrundlage
chen bei Scholz einen erhöhten wieder 100 Prozent des Lohns
Finanzierungsbedarf nachge- sein. Die Folge: Die Rentenkas-
meldet, obwohl die Rückkehr se darf sich auf 800 Millionen
der klammen Kassen schon ab- Euro mehr aus Nürnberg freu-
sehbar war. en. Mit diesem Geld werden
Die Extrawünsche summie- 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 die Kosten der Grundrente ab-
ren sich für nächstes Jahr auf * Steuerschätzung Mai 2019; Quelle: Bundesfinanzministerium gefedert.
rund 5 Milliarden Euro. Ver- Allerdings ist das trickreiche
kehrsminister Andreas Scheu- Modell umstritten, um die
er (CSU) verlangt nach einer Aufstellung andere Sozialversprechen der SPD«, sagt Details ringen die Ministerien noch. Auch
des Bundesfinanzministeriums 1,9 Milliar- Rehberg. das Kanzleramt ist noch nicht eingeweiht.
den Euro mehr, Entwicklungsminister Da er die Vorbehalte kennt, bastelt Olaf Gut möglich, dass es Widerspruch einlegt.
Gerd Müller (CSU) 800 Millionen Euro, Scholz an einer Lösung, wie er die Grund- In Regierungskreisen gilt es daher nicht
und Verteidigungsministerin Ursula von rente möglichst ohne größere Belastungen als ausgeschlossen, dass Heil seinen Ge-
der Leyen (CDU) will 1,1 Milliarden Euro für den Bundeshaushalt gestemmt be- setzentwurf zur Grundrente nicht mehr
mehr. Bis zum Ende des Finanzplanungs- kommt. Zur Finanzierung hat er ein Kon- vor der Europawahl präsentieren wird,
zeitraums 2023 hat sie allein einen mittle- zept ausgearbeitet, das abenteuerlich an- wie er es ursprünglich angekündigt hat,
ren einstelligen Milliardenbetrag zusätz- mutet. Trotzdem könnte sich Sozialminis- sondern erst danach. Das hätte für die
lich gefordert. ter Hubertus Heil (SPD) darauf einlassen. SPD auch einen Vorteil: Niemand könnte
Die Union ist sich uneins, was die spär- Er möchte sein prestigeträchtiges Wunsch- ihr vorwerfen, sie missbrauche die Grund-
licher fließenden Einnahmen zu bedeuten projekt nur allzu gern auf den Weg bringen. rente für den Wahlkampf.
haben. Wirtschaftsminister Peter Altmaier So veranschlagen die beiden SPD- Christian Reiermann, Cornelia Schmergal
(CDU) denkt über alle möglichen Entlas- Minister die jährlichen Ausgaben für die

DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019 33


Operation »Nemo«
Verteidigung Militärexperten des Londoner IISS-Instituts
haben erstmals berechnet, wie viel Europa nach einem amerikanischen
Nato-Austritt investieren müsste. Die Summen sind riesig.

E in Gedankenspiel nur, mehr nicht,


aber es schärft den Blick. Mal ange-
nommen, die Amerikaner verließen
die Nato. Gründe gäbe es genug. Streit um
damit eine Diskussion angestoßen, die seit-
dem nicht verstummt ist. »Strategische Au-
tonomie« ist das neue Schlagwort der Eu-
ropapolitik, die EU hat es zum offiziellen
Afghanistan, um China, Iran, Russland, Ziel ihrer Verteidigungspolitik erklärt.
Syrien oder die Lastenteilung im Bündnis. So angeregt die Debatte auch geführt
Doch das Warum ist in diesem Fall nicht wird, so wolkig blieb sie bisher. In diese
entscheidend. Wichtig ist allein: was dann? Lücke stößt nun die Studie vor, die vom
Also: Ende 2021 sind die USA nicht Planungsstab des Auswärtigen Amts in
mehr Mitglied der Nato. Das Pentagon ver- Berlin angeregt und mitfinanziert wurde.
legt alle US-Einheiten aus Europa in die »Uns geht es nicht um Visionen«, sagt der
Heimat, an den Persischen Golf und in den IISS-Militärexperte Bastian Giegerich,
Pazifik. US-Personal wird aus den Stabs- »uns geht es um Fakten.«
stellen und Hauptquartieren des Bündnis- Wie keine andere internationale Denk-
ses abgezogen, nur die Lieferverträge mit fabrik hat Giegerichs Institut in den vergan-
der US-Rüstungsindustrie gelten weiter. genen Jahrzehnten einen gewaltigen Daten-
Die beiden verbliebenen Nato-Atom- satz zu den weltweiten militärischen Kräf-
mächte Großbritannien und Frankreich er- teverhältnissen zusammengetragen. Der
WORUM GEHT ES? klären, dass sie die Allianz im Extremfall jährliche IISS-Bericht (»Military Balance«)
Die Frage ist: Wie wollen wir in Zukunft mit ihren nuklearen Fä- ist für Regierungen, Mi-
wohnen? Gibt es neue Wohnformen, higkeiten schützen wür- litärs und Geheimdienste
Architektur, die ein anderes Zusammen- den, beide Länder stellen Mächtiger Partner Pflichtlektüre.
leben ermöglicht, oder auch Projekte von nun an abwechselnd Militärausgaben der Nato-Länder In ihrer neuen Studie
von Nachbarn, die Gemeinschaft‚ den Nato-Oberbefehlsha- 2018 gesamt: knapp 1 Billion Dollar kombinieren die Forscher
schaffen? Wir suchen die besten Ideen ber und seinen Stellver- diese Daten mit der Ana-
für ein zukunftsorientiertes Wohnen. treter. Die Lücken, die
der Abzug der amerika-
31% lyse von zwei Szenarien:
dem Schutz der inter-
WIE KANN MAN TEILNEHMEN? Nato ohne USA
nischen Truppen reißt, nationalen Seewege und
Jeder kann beim Social Design Award werden von Europäern der Verteidigung Euro-
mitmachen. Die Einreichungsfrist läuft bis
gefüllt. pas in einem begrenzten
69%
zum 31. August 2019. Die Wettbewerbs-
Und dann? Gerät die Landkrieg mit Russland.
unterlagen und das Onlineformular für
Lage außer Kontrolle. Giegerich und seinen Kol-
die Beiträge findet man unter nur USA
Es ist eine fast klini- legen geht es nicht da-
www.spiegel.de/socialdesignaward
sche Versuchsanordnung, rum, die Wahrscheinlich-
die das Forscherteam des Quelle: keit eines solchen Gedan-
WIE LÄUFT DER WETTBEWERB AB? Schätzung Nato
Die Expertenjury wählt die zehn besten
International Institute for kenspiels zu überprüfen.
Einreichungen aus, diese werden ab
Strategic Studies (IISS) Sie brauchen Szenarien,
Ende September auf SPIEGEL ONLINE für seine neueste Studie gewählt hat. In um einen konkreten militärischen Bedarf
vorgestellt. Aus ihnen können die Leser den vergangenen Monaten haben die sechs und damit auch die Kosten berechnen
ihren Favoriten wählen. Die Gewinner Wissenschaftler aus London akribisch die zu können.
geben wir auf SPIEGEL ONLINE und möglichen Folgen eines solchen Szenarios Das erste Planspiel beginnt Anfang des
am 12.11.2019 in SPIEGEL WISSEN durchgerechnet. Sie wollen eine Frage be- kommenden Jahrzehnts. Mit dem Austritt
4/2019 bekannt. antworten: Welche militärischen Lasten aus der Nato verlagert Washington Einhei-
müssten Europäer und Kanadier nach ei- ten der US-Navy aus Europa und dem Na-
WAS GIBT ES ZU GEWINNEN? nem Nato-Austritt der USA schultern? hen Osten in den Pazifik. Die amerikani-
Vergeben werden ein Jurypreis und ein Das Ergebnis liegt jetzt auf 50 Seiten sche Öffentlichkeit reagiert empört, als bei
Publikumspreis. Die Preise sind jeweils vor und hat es in sich. Am Wochenende Unfällen 29 Seeleute sterben und zwei US-
mit 2500 Euro dotiert. Der Rechtsweg soll es veröffentlicht werden. Zum ersten Zerstörer schwer beschädigt werden.
ist ausgeschlossen. Mal klebt damit ein Preisschild an dem Unter wachsendem Druck fordern die
Begriff der »strategischen Autonomie«, der USA die EU auf, eine Seeblockade gegen
die außenpolitische Debatte in Deutsch- Iran zu verhängen. Als sich die Europäer
land und Europa seit dem Amtsantritt Do- erwartungsgemäß weigern, fliegt der US-
nald Trumps beherrscht. Präsident nach Pearl Harbor und verkün-
»Wir Europäer müssen unser Schicksal det in einer Rede, in Zukunft werde man
wirklich in unsere eigene Hand nehmen«, Angriffe auf die internationalen Seewege
hatte die Kanzlerin vor zwei Jahren in ei- nur noch dann beantworten, wenn ameri-
In Kooperation mit
nem bayerischen Bierzelt gefordert und kanische Interessen berührt seien.

34
Deutschland

U.S. NAVY / SIPA USA / DDP


Nato-Schiffe bei Manöver in der Ostsee 2018: Zum ersten Mal klebt ein Preisschild am Begriff »strategische Autonomie«

Während sich die Amerikaner als Welt- schätzte Kosten zwischen 20 Milliarden und oder in Kriegsgefangenschaft. Polen greift
polizist zurückziehen, steigen in Europa 31 Milliarden Dollar. Außerdem brauchte ein, es kommt zu heftigen Gefechten zwi-
die Spannungen. Mit Sorge registriert die sie zehn Luftabwehr-Zerstörer, geschätzte schen polnischen und russischen Einheiten,
nun verkleinerte Nato starke Flottenakti- Kosten zwischen 19 Milliarden und 21 Mil- am Ende besetzt Russland eine 30 Kilo-
vitäten der Russen im östlichen Mittelmeer, liarden Dollar. meter tiefe Sicherheitszone an der Grenze
in der Ostsee, im Schwarzen Meer und im Das ist längst nicht alles. Es fehlt an zwischen der russischen Exklave Kalinin-
Nordatlantik. Zugleich verschlechtert sich U-Booten, Flugzeugträgern, an Flugzeugen grad und Polen.
die Sicherheitslage am Horn von Afrika. zur U-Boot-Bekämpfung. Um dieses Defi- Die Nato erklärt den Bündnisfall. In ei-
Ab Oktober 2021 überschlagen sich die zit zu beseitigen, müssten die Europäer ner ersten Operation sollen schnelle Ein-
Ereignisse. Im westlichen Mittelmeer wer- nach den Berechnungen des IISS zwischen greiftruppen in die Frontstaaten verlegt
den mehrere russische Kriegsschiffe ge- 94 Milliarden und 110 Milliarden Dollar werden, um Russland vor weiteren Aktio-
sichtet, in Montenegro kommt es zu pro- investieren. Die Kosten für Materialerhalt, nen abzuschrecken. Gelingt es nicht, Mos-
russischen Protesten, Moskau versetzt die Training und Personal kämen noch dazu. kau zum Abzug aus den besetzten Gebie-
russische Schwarzmeerflotte in Alarmbe- In einem zweiten Szenario spielen die ten zu bewegen, soll in einer zweiten Mis-
reitschaft. In schwedischen Hoheitsgewäs- Londoner Experten einen begrenzten sion die Rückeroberung versucht werden.
sern taucht ein unbekanntes U-Boot auf, Landkrieg mit Russland durch. Nach dem Auch für dieses Szenario errechnet das
gleichzeitig werden in Nord- und Ostsee Nato-Austritt der USA wachsen 2021 die IISS ein massives Rüstungsdefizit der Nato
die Navigationssysteme von Schiffen elek- militärischen Zwischenfälle in der Ostsee nach einem amerikanischen Austritt. Teu-
tronisch gestört, ein Tanker läuft deshalb zwischen Russland, Litauen und Polen. Als erster Posten wäre die Anschaffung von
auf Grund, Öl fließt aus. Folge kommen in den beiden osteuropäi- bis zu 90 Batterien von »Patriot«-Abwehr-
Die russische Nordflotte verlegt vier Ma- schen Bündnisstaaten nationalistische Re- raketen, die bis zu 78 Milliarden Dollar
rineeinheiten, bestückt mit Mittelstrecken- gierungen an die Macht, die gemeinsam kosten könnten. Schwere Kampfpanzer,
waffen, in den Ostatlantik, am Horn von Militärmanöver abhalten, bei denen auch Kriegsschiffe und Kampfflugzeuge sind die
Afrika sind Piraten aktiv. offensive Luftoperationen geübt werden. nächsten drei großen Posten.
Als Antwort auf diese Bedrohungen Russland fühlt sich provoziert. In Litau- Insgesamt müsste die kleinere Nato zwi-
lässt die Nato »Nemo« (»Nato/EU Maritime en und Polen werden Cyberangriffe auf schen 288 Milliarden und 357 Milliarden
Objective«) ausarbeiten. Es geht um eine Regierungs- und Militärnetzwerke regis- Dollar ausgeben, um für dieses Szenario
Operation, die knapp unterhalb eines be- triert. Wenig später setzen Hubschrauber gewappnet zu sein. Die Summen sind
waffneten Konflikts angesiedelt ist. Sie soll russische Luftlandetruppen in Litauen ab, atemberaubend.
mögliche Gegner abschrecken und in der aus Weißrussland greift eine russische Di- »Es geht nicht darum nachzuweisen, dass
Lage sein, die Auseinandersetzung notfalls vision an, in einer Überraschungsaktion die Europäer strukturell unfähig wären, sich
militärisch eskalieren zu können. bringen russische Kommandos den Flug- selbst zu verteidigen«, schreiben die Lon-
In langen Tabellen listen die IISS-Exper- hafen von Kaunas unter ihre Kontrolle. doner Forscher in ihrer Studie. Das militä-
ten auf, was den Europäern in einem sol- Bald ist der größte Teil der litauischen rische Defizit sei lösbar, »allerdings nur in
chen Fall fehlen würde. Um die Ame- Streitkräfte aufgerieben, die meisten Sol- einem Zeitraum von ein bis zwei Jahrzehn-
rikaner zu ersetzen, müssten sie allein daten der in Litauen stationierten Nato- ten«. Konstantin von Hammerstein
16 hochmoderne Fregatten beschaffen, ge- Truppe unter deutscher Führung sind tot

DER SPIEGEL Nr. 20 / 11. 5. 2019 35


Deutschland

RAINER KEUENHOF / IMAGO


BER-Baustelle: Sieben Jahre vermurkste Sanierungsversuche

11 581 Mängel
drup. Das Fazit des Flughafenchefs: »Die
ursprüngliche Sicherheit des Eröffnungs-
termins im Oktober 2020 kann heute nicht
mehr uneingeschränkt garantiert werden.«
Berlin Der neue Flughafen soll, endlich, 2020 eröffnet werden. Gegenüber der Öffentlichkeit demen-
tiert das Flughafenmanagement, selbstre-
Doch auch dieser Termin ist womöglich nicht zu halten. dend, jeden Zweifel am Eröffnungsfahr-
plan. »Der Termin steht«, sagt ein Sprecher.
Und auch in der internen Gesellschaf-

D er Vortrag ließ sich gut an. So gut


es eben geht, wenn Verantwortliche
über den Problemfall Berliner Flug-
hafen BER sprechen. Airportchef Engel-
Anzahl der »kritischen Gewerke auf zwei
reduziert«. Doch dann kam Lütke Dal-
drup zu Punkt vier und folgenden seines
Berichts. Es wurde konkret – und es wurde
terrunde wollte Lütke Daldrup nicht als
Kassandra erscheinen: Der Termin, so er-
gänzte der Flughafenchef etwas ver-
schraubt, sei aber »keinesfalls als nicht
bert Lütke Daldrup gab Anfang April den bitter, wie schon so oft in den vergangenen erreichbar anzusehen«.
Eigentümern der Berlin-Brandenburger sieben Jahren der vermurksten Sanie- Doch hinter den Kulissen wird bereits
Flughafengesellschaft einen Bericht zum rungsversuche am BER. im Gesellschafterkreis die Verschiebung
»Bausachstand«. Seinen Ausführungen Die Firma Bosch, verantwortlich für die des Eröffnungstermins durchgespielt, zu-
konnten Spitzenbeamte der Landesregie- Brandmeldeanlagen, habe vertraglich ver- mindest um ein halbes Jahr auf März 2021,
rungen Berlin und Brandenburg sowie der einbarte Leistungen »bisher nicht vollstän- womöglich sogar erst auf den Herbst in
Bundesregierung, ein Senator und ein Lan- dig erbracht«, sagte der Flughafenchef. zwei Jahren.
desminister entnehmen, dass es vorangehe Termine konnten »wiederholt nicht ein- Denn wenige Wochen vor jener Gesell-
beim BER. gehalten werden«. Dies habe »erhebliche schafterversammlung landete auf dem
Die Qualität der Baufertigstellung habe Auswirkungen auf den Fertigstellungs- Tisch von Lütke Daldrup ein besorgnis-
sich »massiv verbessert«, sagte der Flug- und Prüfprozess«. Eine Bosch-Sprecherin erregender Rapport des TÜV Rheinland.
hafenchef. Und nachdem nun auch die Tü- weist diese Vorwürfe zurück. Die Prüfer hatten 11 581 Mängel im Haupt-
ren und Sprinkleranlagen im Haupttermi- Ähnlich besorgniserregend sehe es bei terminal aufgelistet, 9407 davon bezeich-
nal endlich funktionierten, habe sich die der Kabelsanierung aus, sagte Lütke Dal- neten sie als »wesentliche Mängel«. Diese

36 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019


seien teilweise so gravierend, dass wieder Deswegen muss auch Terminal 2, derzeit Das Bauprojekt sei ohne »belastbare
zurückgebaut werden müsse; eine Abnah- im Rohbau, rechtzeitig fertig werden. Der Kalkulationsgrundlage« ausgeschrieben
me durch die Genehmigungsbehörden modifizierte Fertigbau von der Stange, im worden. Zudem war die »Geheimhaltung
sei sonst wenig wahrscheinlich. Der TÜV Gegensatz zum Hauptterminal ohne gro- unzureichend«, die Bieter hätten sich ab-
kam zu dem Schluss: Der anvisierte Ter- ßen Anspruch an Architektur und Ästhe- sprechen können.
minplan für die Fertigstellung sei vor allem tik, ist Teil der ersten Ausbaustufe des In einer schriftlichen Stellungnahme für
in den sensiblen Bereichen des Brandschut- BER. Damit will Lütke Daldrup den Flug- den Aufsichtsrat räumte das Management
zes und der Sicherheitstechnik stark ge- hafen für das prognostizierte Wachstum der Flughafengesellschaft »verschiedene
fährdet. »Das Risiko der Verlängerung im Flugverkehr fit machen, in seinem Mas- Unzulänglichkeiten über alle bisherigen
der Prüfdauer« sei »weiterhin als hoch terplan heißt das: Phase 0. Projektphasen hinweg« ein. Die Kritik an
zu bewerten«. Doch diese Phase 0 hat ihre eigenen der Risikovorsorge weist die Flughafen-
Lütke Daldrup sitzt seit mehr als zwei Probleme. Der Terminal 2 wird voraus- gesellschaft jedoch zurück. PwC hatte un-
Jahren auf dem Chefsessel der Flughafen- sichtlich erst Anfang des Jahres 2021 fertig ter anderem herausgefunden, dass für Pro-
gesellschaft. Der studierte Stadtplaner hat und nicht, wie geplant, im Mai 2020. Ur- zessrisiken durch Anwohnerklagen ein
im Gegensatz zu seinen Vorgängern reich- sprünglich sollte das Gebäude hundert Mil- symbolischer Cent angegeben war.
lich Behörden- und Ministeriumserfah- lionen Euro kosten, nun wird es mindes- Genau eine solche Klage hat im Dezem-
rung, zuletzt diente er Berlins Regieren- ber 2018 der Bürgerverein Brandenburg-
dem Bürgermeister Michael Müller als Berlin beim zuständigen Oberverwaltungs-
Flughafenbeauftragter. Ihm trauten die »Verschiedene gericht eingereicht. Der Bau des Terminals
Verantwortlichen von Berlin, Branden- Unzulänglichkeiten über 2 sei nicht gedeckt von den bisherigen Ge-
burg und dem Bund zu, das vermaledeite nehmigungen für den Flughafen, da er Teil
Flughafenprojekt in den Griff zu bekom- alle bisherigen eines in den nächsten Jahren geplanten
men. Und selbst eingefleischte BER-Kriti- Projektphasen hinweg.« Ausbaus sei, argumentiert der Verein. Der
ker bescheinigen Lütke Daldrup Kompe- BER könne jedoch nur nach einem neuen
tenz und Engagement. Planfeststellungsverfahren ausgebaut wer-
Doch mitunter gleicht sein Schicksal tens doppelt so teuer. Die Wirtschafts- den, die Bürger seien zu beteiligen, die
dem von Sisyphos aus der griechischen prüfungsgesellschaft PwC hatte Ende des Umweltverträglichkeit sei zu prüfen.
Mythologie, der immer von Neuem den vorigen Jahres im Auftrag der Flughafen- Die Flughafengesellschaft hingegen sagt,
Stein den Berg hinaufrollen muss, ohne je- gesellschaft »streng vertraulich« die Grün- die Erweiterung sei »rechtlich sauber«. An-
mals den Gipfel zu erreichen. Das Haupt- de dafür untersucht. Das Ergebnis ist er- ders sei das gestiegene Passagieraufkom-
terminal wurde inzwischen nahezu kom- nüchternd: Manches bei Bau und Planung men nicht zu bewältigen: Sobald der Flug-
plett entkernt, Tausende Kilometer Kabel des Ergänzungsterminals erinnert fatal hafen in Betrieb sei, müssten Kapazitäten
wurden erneuert, die Entrauchungsanlage an jenes Missmanagement, das die BER- für 28 Millionen Passagiere jährlich vor-
in neun Teile filetiert, ganze Kanäle neu Malaise mitverursachte. gehalten werden. Teil des Flughafenaus-
betoniert. Dennoch kann derzeit niemand So kritisieren die Gutachter, dass die baus, wie sie der Masterplan vorsieht, sei
sagen, ob das zentrale BER-Abfertigungs- Kosten von Beginn an zu niedrig angesetzt der Terminal 2 nicht.
gebäude jemals betriebsbereit und geneh- worden seien, sie bemängeln Planände- Elmar Giemulla, Verwaltungsrechtler
migungsfähig wird. rungen und sehen »keine vertraglichen und Honorarprofessor für Luftrecht an der
Ständig tauchen neue Mängel auf, die Grundlagen zur Einhaltung der Kostenvor- Technischen Universität Berlin, sieht das
entweder jahrelang übersehen wurden gabe des Aufsichtsrates«. Finanzielle Risi- anders. Bereits im Mai vorigen Jahres sagte
oder bei den Reparaturarbeiten neu ent- ken in Höhe von mehr als 40 Millionen der Jurist bei einer Sachverständigen-
standen sind. »Normalerweise«, sagt ein Euro seien nicht vollständig eingepreist anhörung im Berliner Abgeordnetenhaus,
Mitglied des BER-Aufsichtsrates, »müssten gewesen und »über einen langen Zeitraum der Bau von Terminal 2 sei eben »nicht
doch die Fehler langsam gegen null tendie- nicht transparent« dargestellt worden. eine Nachplanung, die durchaus bei einem
ren. Hier kommen aber immer neue dazu.« laufenden Flughafen regelmäßig vorkom-
In den kommenden Wochen wird sich men kann«. Sie sei vielmehr Teil einer Ge-
entscheiden, ob die sogenannte Wirkprin- samtplanung, die genehmigt werden müs-
zipprüfung wie geplant ab Juli stattfinden se. Schließlich spreche die Flughafengesell-
kann – oder auf Ende des Jahres verscho- schaft selbst vom Terminalneubau als
ben werden muss. Dabei testet der TÜV Phase 0 der Masterplanung, »die darauf
das reibungslose Zusammenspiel aller An- abzielt, den Flughafen BER von zunächst
lagen, die für die Sicherheit wichtig sind, 22 Millionen Passagieren auf 55 Millionen
darunter den Brandschutz. Nur wenn er Passagiere bis zum Jahr 2035 auszubauen«.
nichts Wesentliches mehr zu beanstanden Noch ist unklar, wann die Berliner Ver-
hat, folgen die Prüfung und die Genehmi- waltungsrichter über die Klage entschei-
gung durch die Baubehörden – und erst den. Sollten sie noch vor der Inbetriebnah-
danach kann der Betrieb erprobt werden. me des BER – wann auch immer diese sein
NURPHOTO / ZUMA / ACTION PRESS

Noch Anfang März warnte der TÜV: »Mit mag – ein Urteil sprechen, könnte der
dem derzeitigen Stand der Mängel könnte Rechtsstreit für die Flughafengesellschaft
eine Bescheinigung zur Fertigstellung für höchst riskant werden. Folgen die Richter
die sicherheitstechnische Gebäudeausrüs- der Argumentation der Kläger, müsste
tung nicht ausgestellt werden.« womöglich der Bau von Terminal 2 ge-
Das Problem mit dem Hauptterminal stoppt werden. Und am BER würde wei-
ist nicht die einzige Schwierigkeit, die den tere Jahre niemand abheben.
Eröffnungstermin gefährdet. Die Abferti- Andreas Wassermann
gungskapazität reicht nicht aus, um den Airportchef Lütke Daldrup Mail: andreas.wassermann@spiegel.de
derzeitigen Bedarf an Flügen zu decken. Sisyphos’ Schicksal

37
Deutschland

In der täglichen Arbeit in Gemeindever-


Geheimes sammlungen und Stadträten unterschei-
den sich Vertreter der Wählergemeinschaf-
ten allerdings kaum von ihren Kollegen
Geld aus den Parteien. Genau wie diese nehmen
sie auf die politische Willensbildung
Einfluss, allerdings, und hier liegt der
Demokratie Anders als Parteien Unterschied, ausschließlich auf kommu-
müssen kommunale Wähler- naler Ebene.
gemeinschaften ihre Finanzen Dem Parteiengesetz aber unterliegen
nur Vereinigungen, die »für den Bereich
nicht offenlegen – und des Bundes oder eines Landes« tätig sind,
verzerren so den Wettbewerb. wie es im Gesetzestext heißt. Rein kom-
munale Gruppen fallen nicht darunter. So-

MARCUS SIMAITIS / DER SPIEGEL


I n der nordrhein-westfälischen Stadt
Ratingen konnte man in den vergan-
genen 15 Jahren gut beobachten, wie
politische Macht entsteht. Es war im Früh-
mit gelten für Bürgerbündnisse auch nicht
die Regeln zu den finanziellen Einnah-
men: Spenden von mehr als 10 000 Euro
müssen namentlich im jährlichen Rechen-
jahr 2004, als sich ein Teil der lokalen schaftsbericht einer Partei aufgelistet,
CDU abspaltete und eine neue Gruppe Spenden von mehr als 50 000 Euro sofort
bildete, die Bürger-Union. Fünf Monate veröffentlicht werden.
später trat sie bei den Kommunalwahlen Stadträtin Diehl Spenden seien nötig für das Überleben
an, wurde drittstärkste Kraft und stellte »Das Wunder von Ratingen« der Parteien, sie verwurzelten sie auch in
nach einer Stichwahl den Bürgermeister. der Gesellschaft, sagt Heike Merten vom
Heute ist die Bürger-Union die zweit- all das bleibt bei den Bürgerbündnissen Düsseldorfer Institut für Deutsches und
stärkste Fraktion, 2020 will sie wieder mit im Dunkeln, sofern sie nicht selbst ihre fi- Internationales Parteienrecht und Parteien-
einem eigenen Bürgermeisterkandidaten nanziellen Grundlagen offenbaren. forschung. »Aber diese Spenden müssen
antreten. »Das Wunder von Ratingen« Seit 2009 bemängelt die »Staatengrup- transparent und nachvollziehbar sein.«
nennt Angela Diehl diesen Erfolg. Sie ist pe gegen Korruption«, kurz Greco, eine Nur so kann der Wähler etwa reagieren,
die stellvertretende Fraktionsvorsitzende entsprechende Lücke im deutschen Recht. wenn er mit dem Unterstützer einer Partei
und Tochter des Bündnisgründers. Das dem Europarat angegliederte Gre- nicht einverstanden ist: Er kann ihr seine
Für die politische Konkurrenz ist das mium unterzieht viele Länder regelmäßig Stimme verweigern.
Wunder recht einfach zu erklären: Geld. einem Korruptionscheck. Zumindest in Für Wählergemeinschaften gelten zwar
Tatsächlich wurden damals alle 25 Kandi- der Wahlkampffinanzierung sollte es auch nicht die Regeln des Parteiengesetzes,
daten der Bürger-Union in einem eigenen für lokale Wählerbündnisse eine Berichts- völlig unreguliert sind sie allerdings
Brief vorgestellt, von jedem wurde ein Pla- pflicht geben, empfiehlt Greco. »Wähler- nicht: Sie fallen unter anderem unter das
kat gefertigt. Das Wahlprogramm wurde gemeinschaften sollten prinzipiell auf eine Vereinsrecht. Der Kassenwart erstellt
in hochglänzende DIN-A5-Heftchen ge- gleiche Basis wie Parteien gestellt werden, jedes Jahr einen Bericht. Nur: Ein inte-
druckt, im jüngsten Wahlkampf 2014 lag wenn es um Transparenz geht«, sagt Gian- ressierter Bürger, der nicht Mitglied der
die Auflage bei 50 000 Stück, die Stadt luca Esposito, geschäftsführender Greco- Gruppe ist, hat zu den Versammlungen
hat 90 000 Einwohner. »Ich habe mich im- Sekretär. »Transparenz ist der Schlüssel und damit zu den Informationen kein
mer schon gewundert und geärgert«, sagt zu Rechenschaft.« Zugangsrecht.
Christian Wiglow von der SPD. Fragt man die Vertreter der Wählerini- Die Bundesregierung sieht sich nicht in
Vereinigungen wie die Bürger-Union tiativen, dann wollen sie mit Parteien mög- der Verantwortung, daran etwas zu verän-
sind beliebt. »In mehr als drei Viertel der lichst nichts zu tun haben. Ganz im Ge- dern. Das zeigt die Antwort auf eine Gro-
deutschen Gemeinden treten Wählerge- genteil: Ihr Erfolg gründet auf einer klaren ße Anfrage der Grünen aus dem Jahr 2016.
meinschaften an«, sagt Abgrenzung von Klün- Das Parteiengesetz auch auf kommunale
die Parteienforscherin gel und Filz. »Ich bin Wählergemeinschaften anzuwenden sei
Marion Reiser von der Stark vertreten niemandem hörig, ich weder »sinnvoll« noch »verfassungsrecht-
Universität Jena. Im Gemeinden in Deutschland, in denen bin von niemandem ab- lich zulässig«, schreibt die Bundesregie-
politischen Wettbewerb mindestens eine Wählergemeinschaft hängig, ich will auch rung. Das Bundesverfassungsgericht beur-
konkurrieren sie mit kandidierte keine Politikkarriere teile kommunale Wählergemeinschaften
den Ortsgruppen der 2015 machen«, so beschreibt eben nicht als Parteien.
Parteien. Doch anders 2004 es Angela Diehl. Das »Die Entscheidung wirkt erst einmal
etwa
als diese unterliegen sie Bündnis betont seine nachvollziehbar«, sagt die damalige An-
nicht dem Parteienge- etwa 9000 **
lokale Verankerung: tragstellerin Britta Haßelmann, die Spre-
setz und müssen der 8200 * »Meine Partei heißt cherin für Kommunalpolitik der Grünen
Öffentlichkeit keine Re- Ratingen«, lautete der im Bundestag ist. »Aber wenn das Partei-
chenschaft über ihre Fi- Slogan des Bürgermeis- engesetz für eine Regulierung nicht infrage
73% 82%
nanzen ablegen. der Gemeinden
terkandidaten der Bür- kommt, dann muss man nach anderen An-
Ob also im Hinter- in Deutschland ger-Union im vorigen knüpfungspunkten suchen.«
grund Lobbyisten fi- insgesamt Wahlkampf. Wählerge- Ende Mai werden in zehn Bundeslän-
nanziell das Verhalten meinschaften werben dern Kommunalwahlen abgehalten, auf de-
der Kommunalpolitiker damit, bürgernäher als ren Listen auch Bürgerbündnisse stehen.
beeinflussen, ob es *ohne Berlin, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein Parteien zu sein und sich Wie sie finanziert werden, wird bei den
Sponsoren und Spen- **Hochrechnung
Quellen: Everhard Holtmann, Tobias Jaeck, Christian
auf die Sachpolitik im meisten ein Geheimnis bleiben. Lisa Becke
der mit Interessen gibt, Rademacher, Marion Reiser; Michael Angenendt (2015) Ort zu konzentrieren.

38 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019


Jetzt 5.000 € 1
Neu-für-Alt-Prämie sichern
Beim Kauf eines neuen Renault KADJAR

Jetzt bis zu 7.000 € Neu-für-Alt-Prämie1 für Ihren Gebrauchten sichern beim Kauf 2
eines neuen Renault! Mehr dazu auf renault.de/neu-fuer-alt

Renault Kadjar: Gesamtverbrauch kombiniert (l/100 km): 5,9–4,3; CO2 -Emissionen kombiniert: 136–113 g/km. Energieeffizienzklasse: C–A (Werte
nach Messverfahren VO [EG] 715/2007).
1
Restwert des Altfahrzeugs und zusätzlich 7.000 € Neu-für-Alt-Prämie bei Kauf eines Renault Koleos, Talisman, Talisman Grandtour und Espace, 5.000 €
bei Kauf eines Renault Kadjar, Scénic, Grand Scénic, Mégane und Mégane Grandtour. Die jeweilige Prämie kann zur Anzahlung verwendet werden. Das
Altfahrzeug muss mindestens 6 Monate auf den Käufer des Neufahrzeugs zugelassen sein. Nicht kombinierbar mit anderen Aktionen/Angeboten. Ein
Angebot für Privatkunden, gültig bei Kaufantrag bis 30.06.2019 und Zulassung bis 31.10.2019 bei allen teilnehmenden Renault Partnern. 2 2 Jahre Renault
Neuwagengarantie und 3 Jahre Renault Plus Garantie (Anschlussgarantie nach der Neuwagengarantie) für 60 Monate bzw. 100.000 km ab Erstzulassung
gem. Vertragsbedingungen. Abb. zeigt Renault Kadjar BOSE Edition mit Sonderausstatt ung. Renault Deutschland AG, Postfach, 50319 Brühl.

#,3*2#+.n#&*2
Deutschland

unstrittig. Auch kulturell verschwimmen

»Alles ganz heimelig« gerade jene eindeutigen Zuordnungen, die


uns früher beim Verständnis der Welt ge-
holfen haben. Unsere Gesellschaft löst sich
aus ihren bisherigen Verankerungen.
Milieus Dass Rechtspopulisten so beliebt sind, sei die Folge weit- SPIEGEL: Woran denken Sie?
verbreiteter Lebenslügen, meint die Soziologin Cornelia Koppetsch. Koppetsch: Es existiert kein eindeutiger
Kanon einer humanistisch geprägten
Hochkultur mehr, aus dem sich verbind-
liche Werte ableiten ließen. Überhaupt
scheint das westliche Gesellschaftsmodell
seine Vorrangstellung eingebüßt zu haben,
denn ökonomischer Fortschritt ist nicht
mehr unbedingt an demokratische Werte
gebunden. Die kulturellen Identitäten, die
einem Menschen möglich sind, haben sich
vervielfältigt, die Geschlechterfrage zeigt
das beispielhaft: Neben dem männlichen
und weiblichen gibt es nun ein drittes, das
»divers« heißt und damit zahlreiche Ge-
schlechterkonzepte einschließt. Doch ob-
wohl wir die Welt zunehmend uneindeutig
wahrnehmen, beherrschen lauter eindeu-
tige und scheinbar alternativlose Ansich-
ten die öffentliche Debatte. Die liberalen,

WERNER SCHÜRING
vermeintlich aufgeklärten Milieus, die den
Ton angeben, erteilen Denkverbote.
SPIEGEL: Das ist ein harter Vorwurf – was
meinen Sie damit?
Koppetsch: Wenn der sogenannte Otto
Normalverbraucher während der Euro-
Koppetsch, 52, ist Professorin an der Tech- durch auch immer schwieriger, befriedigen- krise die Frage stellte, warum die EU
nischen Universität Darmstadt und unter- de Lösungen für soziale Fragen zu finden. eigentlich Griechenland retten müsse, lief
sucht die Ängste der Mittelschicht und den SPIEGEL: Warum? er Gefahr, als Verräter dazustehen. Und
Aufstieg der rechtspopulistischen Parteien. Koppetsch: Da ist einerseits eine globale wer kritisiert, dass die Europäische Kom-
Für ihr neues Buch hat sie Interviews mit Oberschicht, die durch die Welt fliegt oder mission wie eine Regierung arbeitet, aber
AfD-Anhängern geführt sowie Feiern und per Videokonferenz in allen Ländern mit- nicht unmittelbar durch Wahlen legitimiert
Treffen der Partei besucht*. berät, mitentscheidet und mitverdient, ist, gilt als Feind Europas. Dabei verdienen
ohne dass sie eine globale Verantwortung solche Fragen eine sachliche Diskussion.
SPIEGEL: Bei den Europawahlen wird das übernehmen müsste. Und andererseits ge- Aber viele der tonangebenden Kosmo-
rechtspopulistische Lager vermutlich er- langt die Masse der Menschen nicht ein- politen, wie ich die akademisch gebildete
neut an Stimmen gewinnen. Wie erklären mal zu bescheidenem Wohlstand, weil der und kulturell dominierende Klasse nennen
Sie sich den ungebrochenen Erfolg? Einfluss von Volksparteien, Gewerkschaf- möchte, meinen, dass allein ihr Blick auf
Koppetsch: Die Ursachen sind komplexer, ten und Tarifverträgen an den Landesgren- die Welt zulässig ist. Auch deshalb haben
als es in Talkshows und Wahlanalysen oft zen endet und ohnehin schwindet. viele bis zuletzt gedacht, dass das britische
nahegelegt wird. Weder der sogenannte SPIEGEL: Warum stärkt diese Entwicklung Volk niemals einen Brexit beschließen
Flüchtlingsstrom noch die wachsende zwangsläufig Rechtspopulisten? Denkbar könnte. Die Kosmopoliten verrennen sich
Kluft zwischen armen Verlierern und wäre doch, dass die Linken mit ihrer his- in Lebenslügen. Selbst jenen Rassismus,
reichen Gewinnern der Globalisierung torisch gewachsenen Idee einer schlagkräf- den sie den Rechtspopulisten vorwerfen,
reichen als Erklärungen aus. Wir befinden tigen Internationale davon profitieren. haben sie oft verinnerlicht.
uns vielmehr inmitten eines epochalen Koppetsch: Aber ihre Ideen gehören der SPIEGEL: Noch so ein harter Vorwurf.
weltweiten Umbruchs. vergangenen Epoche an. Die neuen Rechts- Koppetsch: Es ist eine Spielart von Ras-
SPIEGEL: Wie meinen Sie das? populisten hingegen geben sich den An- sismus, der weniger offenkundig ist, weil
Koppetsch: Seit dem Fall der Mauer be- schein, als seien ihre Ideen unverbrauchte er in den Institutionen und unserem Wirt-
stimmen nicht mehr zwei ideologisch ver- Alternativen. Die AfD trägt dieses Verspre- schaftssystem strukturell tief verankert ist.
feindete Blöcke das Weltgeschehen, son- chen sogar im Namen. Sie löst es nicht ein, Kosmopoliten fahren eine postkoloniale
dern grenzenlos operierende Großunter- aber dass wir neue und andere Konzepte Dividende ein.
nehmen. Die Nationalstaaten haben einen brauchen, um mit den tektonischen Ver- SPIEGEL: Was meinen Sie denn damit?
Großteil ihrer Souveränität verloren, weil schiebungen unserer Zeit umzugehen, ist Koppetsch: Viele halten es letztlich für
sie das weltweite Geschäft nicht regulieren normal, dass sie von den niedrigen Löhnen
können; der Einfluss ihrer Politiker und der Menschen aus sogenannten Drittwelt-
Behörden reicht trotz aller internationalen ländern profitieren. Sie erklären das Ge-
Abkommen nicht weit genug. Es wird da- »Viele Kosmopoliten fälle damit, dass deren Kultur nun einmal
meinen, dass nicht so weit entwickelt ist, und sind mit
sich im Reinen, wenn sie dem Paketboten
* Cornelia Koppetsch: »Die Gesellschaft des Zorns. allein ihr Blick auf die von Amazon ein anständiges Trinkgeld
Rechtspopulismus im globalen Zeitalter«. transcript;
288 Seiten; 19,99 Euro. Welt zulässig ist.« geben. Und natürlich ist es eine Form von

40 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019


Rassismus, wenn man das eigene Kind
nicht in einer Schule mit zahlreichen Mi-
Mit SPIEGEL+ nutzen
granten wissen will. Sich solche Denkmus-
ter nicht einzugestehen und sich stattdes-
sen für ausländerfreundlich und tolerant
Sie die ganze digitale
zu halten ist auch so eine Lebenslüge.
SPIEGEL: Welche anderen Selbsttäuschun-
gen meinen Sie erkannt zu haben?
Koppetsch: Viele Kosmopoliten analysie-
Welt des SPIEGEL.
ren kritisch die Missstände dieser Welt. Sie
sehen Millionenverdiener, Internetfirmen
oder das Management in Großunterneh-
men als Strippenzieher an, machen sich
aber nicht bewusst, dass sie die Lage mit-
verantworten, weil sie den neoliberalen
Wettbewerb als Anwälte, Wissenschaftler,
Ärzte oder Lehrer hinnehmen. Sie zahlen
bereitwillig immense Summen für Woh-
nungen in gefragten Vierteln und beför-
dern damit die soziale Spaltung; sie gau-
keln einander vor, mit Strategien der
Selbstoptimierung und Wohlfühlkost für
jede Stimmungslage könne jeder sein Le-
ben meistern. Das verstärkt bei jenen, die
bereits ihren Alltag nur mühevoll bewälti-
gen, den Eindruck, sie lebten in einem pa-
rallelen Universum. Und das Band, das sie
emotional in der Gesellschaft hält, reißt.
SPIEGEL: Haben Sie Vorschläge, wie sich
Abhilfe schaffen ließe?
Koppetsch: Wir haben nicht viele Mög-
lichkeiten. Wir müssen sachlicher disku-
tieren und die ideologischen Deutungs- 1 Monat
kämpfe in der Politik eindämmen. Wir
müssen uns zugestehen, dass jede Wahr- SPIEGEL+
heit relativ ist, auch die eigene. Und die
Orte der gesellschaftlichen Debatte müss- gratis
ten sich öffnen: Unter den Abgeordneten
im Bundestag hat eine überwältigende
Mehrheit studiert, unter den neu berufe-
nen Professoren finden sich zunehmend
ausschließlich Akademikerkinder. Wären
die Milieus durchlässiger, ließe die Attrak-
tivität der Rechtspopulisten als Sammel-
becken für allerlei Unmut nach.

DRID, Hamburg
SPIEGEL: Zur Rhetorik der Rechtspopulis-
ten gehört menschenverachtende Propa-
ganda. Macht das einen unbefangenen
Dialog nicht von vornherein unmöglich?
Koppetsch: Die Menschenwürde ist unan-
tastbar, das steht natürlich über allem. Ich
will die Extreme in einer Partei wie der
AfD nicht verharmlosen, sie sind inakzep-
tabel. Aber die Partei ist auf vielen Ebenen
leider extrem anschlussfähig. Ich habe für
meine Forschung an Treffen des liberalen
Flügels teilgenommen, die sich von denen Sie erhalten vollen Zugriff auf alle Inhalte von SPIEGEL+ auf
linksliberaler Unidozenten kaum unter- SPIEGEL ONLINE, erfahren mit Daily Update das Wichtigste des
schieden. Auf einem Fest in der Advents- Tages und lesen die digitale SPIEGEL-Ausgabe schon freitags
zeit wurden Weihnachtslieder gesungen, ab 18 Uhr.
alles ganz heimelig, ich fühlte mich an
mein Elternhaus erinnert. Wenn wir diese Testen Sie jetzt SPIEGEL+ 1 Monat gratis! Als Abonnent der
Anschlussfähigkeit unterschätzen, indem gedruckten Ausgabe können Sie dann für nur € 0,70 weiterlesen.
wir sie moralisch diffamieren, treiben wir
die Spaltung unserer Gesellschaft voran.
Interview: Katja Thimm Jetzt gratis testen:
abo.spiegel.de/upgrade
41
Thomas Darnstädt me, die an der Haltbarkeit des vor 70 Jahren entstande-
nen Modells einer freiheitlichen Demokratie zweifeln
lassen. Schon fragen weise alte Männer wie der Ex-Ver-

Ein Wunderbuch fassungsrichter Dieter Grimm, ob »die Bewährung des


Grundgesetzes womöglich an ihr Ende gelangt«.
Dabei ist es ein Wunder, dass es überhaupt jemals funk-
tioniert hat. Unter Zeitdruck, unter ultimativen Vorgaben
Debatte Das Grundgesetz wird 70 Jahre alt. Ein der Westmächte, hatte sich auf der Herreninsel im Chiem-
see im August 1948 eine Runde von Länderpolitikern und
Grund zum Feiern – doch ohne die Richter in Verfassungsexperten zusammengefunden, etwas ganz
Karlsruhe wäre die Verfassung kaum etwas wert. und gar Vorläufiges zu besprechen. Keine Verfassung, die
sollte erst bei der schon bald erwarteten Wiedervereini-
gung folgen, ein staatsrechtlicher Homunculus eher, nen-
nen wir’s halt »Grundgesetz«.

G
Die Mückenplage des August 1948 über dem Chiemsee
eht es mal analog zur Sache, ist das Grundgesetz ist in die Verfassungsgeschichte eingegangen: Da saßen
auch im Leben eines YouTubers ein unentbehrli- sie, im Wirtsgarten beim Alten Schloss auf der Insel, die
ches Hilfsmittel. »Richtig krass«, so erklärte Kaan Väter der zweiten deutschen Demokratie, unter alten
Yavuzyasar, 21, seinen mehr als 300 000 Abon- Bäumen bis spät in die Nacht und schlugen wild um sich.
nenten, was ihm neulich in Frankfurt am Main passiert ist. Am anderen Ende Deutschlands brummten die amerika-
Der Netzstar hatte seine Freunde zu einem »Fantreffen« nischen Luftbrücken-Flugzeuge über den Ruinen der
auf der zentralen Konsummeile Zeil gerufen. Anlass war alten Hauptstadt. Die Berlin-Blockade der Sowjets durch-
ein rohes Ei, das ihm der Freund eines Facebook-Konkur- zustehen galt in diesen Tagen als eine Schicksalsfrage
renten auf dem Kopf zerschlagen hatte. der Nation. Die andere wurde hier, in der Idylle beantwor-
Mitten im Einkaufsrummel trafen alsbald rund tet: Wie wollen wir künftig leben, am Tatort eines Jahr-
600 überdrehte Jugendliche zusammen. Der andere In- tausendverbrechens, auf den noch rauchenden Trümmern
ternetstar fehlte zwar, aber weil sich Passanten belästigt einer Weltkatastrophe, die von hier, in Deutschland, ihren
fühlten, griff bald eine Hundertschaft der Polizei ein. Ein Ausgang genommen hat?
paar Fäuste flogen, Steine auch. »Diese Menschen kom- Es waren lange Nächte voller Volkslieder und großer
men nur wegen mir dahin und machen so einen Auf- Worte. Bei Vollmond über dem See sah der bayerische
stand«, freute sich Yavuzyasar. »Das Demonstrationsrecht Staatsminister Anton Pfeiffer einen »Schimmer von
ist ein Grundrecht«, ärgerte sich die Polizei, die auch in Romantik«. Einen Liter Spezialbier pro Tag und Person
anderen Großstädten mit den so sinnfreien wie plötzli- hatte der Gastgeber, die bayerische Staatskanzlei, bewilligt.
chen Ausbrüchen der digitalen Gemeinde in die analoge Carlo Schmid, der württembergische SPD-Politiker und
Welt zu kämpfen hat, »solche Aufrufe und Treffen kann Verfassungsjurist, begleitete die sangesfreudige Runde
man nicht verbieten.« am Klavier. Er hatte sich gerade erst den neuen Vornamen
Krass. Das alte Wunderbuch ist überall dabei. Auf das zugelegt, um sich abzugrenzen von Carl Schmitt. Der
Grundgesetz berufen sich die rechten Populisten, die Name des Staatsrechtlers war untrennbar mit dem Ver-
behaupten, »das Volk« zu sein, von dem (Artikel 20) alle fassungsdenken verbunden, das die erste deutsche, die
Macht ausgeht. Auch die Linken finden ihre Nummern, Weimarer Demokratie in den Abgrund geführt hatte.
etwa wenn sie ein Volksbegehren zur Versorgung mit Diesmal würde man es besser machen, und Schmid,
bezahlbarem Wohnraum in Berlin planen, in dem sie die Carlo, war der Wortführer. Auf ihn gehen einfache Sätze
»Vergesellschaftung« (Artikel 15) großer Immobilienbesit- zurück, die nachts dann heftig diskutiert wurden: »Der
ze verlangen. Staat ist um des Menschen willen da, nicht der Mensch um
Keine Idee zu schräg, keine Entwicklung zu neuartig, des Staates willen«, sollte ganz am Anfang stehen. Und
um nicht ihren Ankerplatz im Kosmos des deutschen Ver- dann Artikel 2: »Alle Menschen sind frei.«
fassungsrechts zu finden. Sieben Jahrzehnte lang segelte Alle Menschen sind frei. Kann man das so sagen? Nicht
die Bonner und später die Berliner Republik einigerma- mal die Amerikaner, das große Vorbild, haben jemals
ßen sicher in einigermaßenem Frieden und einigermaße- unbedingte Freiheit in ihrer Verfassung versprochen. Was
nem Wohlstand durch bewegte Zeiten, durch Wiederauf- sollen überhaupt die Alliierten dazu sagen? Des Nachts
bau und Wirtschaftswunder, durch Studentenrevolten und fanden sich schließlich Kompromisse und Beschwichtigun-
RAF-Terror, durch Wiedervereinigung in das globalisierte gen, niemand sollte Angst vor zu viel Freiheit haben.
und digitalisierte 21. Jahrhundert. Artikel 21: Die Grundrechte sind »im Rahmen der allge-
Die Demokratie des Grundgeset- meinen Rechtsordnung zu verstehen«.
zes ist, gemessen an den Verfallser-

W
Thomas Darnstädt scheinungen ringsum, im Vergleich
wurde 1949 geboren, in dem zum Verfall des Parlamentarismus in as schließlich, nach monatelangen Beratungen
Jahr, als das Grundgesetz in europäischen Nachbarländern, am des Herrenchiemsee-Entwurfs im Bonner Par-
Kraft trat. Der Jurist arbeite- Vormarsch der »illiberalen Demo- lamentarischen Rat, mit Verbesserungen und
te von 1984 bis 2014 als Re- kratie«, an den Triumphen der Popu- Kompromissen als endgültiger Text in die
dakteur beim SPIEGEL. Im listen diesseits und jenseits des Atlan- Welt kam, war streckenweise so wirr, dass die Westmäch-
November des vergangenen tiks, noch immer eine friedliche te, immerhin die Auftraggeber des Werkes, es nicht ge-
Jahres erschien sein Buch Insel. Doch der Zerfall der Volkspar- nehmigen wollten. Sie stießen sich weniger an der unaus-
»Verschlusssache Karlsruhe. teien, die Vergiftung politischer gegorenen Konstruktion der Grundrechte als an der hoch
Die internen Akten des Bun- Debatten, die Risse in der Gesell- raffinierten Verknüpfung von Bundes- und Länderinteres-
desverfassungsgerichts«. schaft: Das alles sind Krisensympto- sen im organisatorischen Teil des Grundgesetzes. Weil es

42 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019


Deutschland

ULI DECK / DPA


Zweiter Senat des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe

keine Einigkeit gegeben hatte, wo der Bund und wo die Abgeordneten sind Vertreter des ganzen Volkes, an Auf-
Länder das letzte Wort im neu konstruierten Bundesstaat träge und Weisungen nicht gebunden.«
hatten, waren die föderalen mit den zentralen Kompeten- Das hätte sehr gut danebengehen können. Eine »autori-
zen so kompliziert verflochten worden, dass häufig nur täre Interpretation« des Grundgesetzes als Machtbasis für
noch im Konsens aller entschieden werden konnte. Der eine Ein-Mann-Demokratie, wie sie sich etwa in Frank-
Gipfel des Irrsinns war die Erfindung des Bundesrats, die reich unter Charles de Gaulle entwickelte, wäre nach dem
den Regierungen der Länder ein gleichberechtigtes Mit- Urteil des Würzburger Verfassungsprofessors Florian Mei-
spracherecht bei der Gesetzgebungsarbeit des Bundes- nel »innerhalb der Möglichkeit dieser Verfassung« gewe-
tages gab. sen – »und es ist die Leistung des politischen Systems,
Was der Parlamentarische Rat da am 23. Mai 1949 dass die Bundesrepublik einen anderen Weg gegangen ist«.
dem Volk ablieferte, war ein Gestrüpp ängstlicher Kom-

D
promisse. »Freiheit« nur im Rahmen der »verfassungs-
mäßigen Ordnung« und des »Sittengesetzes«. Der ass es – bis jetzt – so gut gegangen ist, verdankt
Gesetzgeber behindert von den Vetorechten der Länder. die zweite deutsche Demokratie der »eigentli-
Der Kanzler (Konrad Adenauer, einen anderen konnte chen Innovation« (so der Zeitgeschichtler Hans-
man sich ohnehin nicht vorstellen) mit fast präsidialen Ulrich Wehler) des Grundgesetzes, dem Bundes-
Vollmachten (»bestimmt die Richtlinien der Politik«) verfassungsgericht. Ein Richtergremium weiser Männer
und praktisch unstürzbar – oder jedenfalls nur, wenn sich und anfangs nur einer Frau als Oberaufsicht an die Stelle
eine Mehrheit für einen neuen findet (auch unvorstell- eines mächtigen Präsidenten zu setzen, wie Adenauer
bar). gern einer geworden wäre, war auch ein aus Vorsicht
Am schlimmsten waren die Parteien dran. Dass Partei- geborener Kompromiss: So groß war das Vertrauen in die
politik ein schmutziges Geschäft sei, war nicht mehr aus Demokratie doch nicht, dass man das Schicksal Deutsch-
den Köpfen herauszubringen. Parteien wurden im Grund- lands ohne jede Sicherung dem Volk überlassen wollte.
gesetz wie illegitime Kinder der Demokratie behandelt, Diese Innovation war es, die dem klapprigen Proviso-
sie »wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes rium von 1949 Dauer und Strahlkraft verlieh. Denn die
mit« – das klingt nach Schülermitverwaltung. Kein Wort Richter nutzten ihre Machtfülle, die Entscheidungen aller
darüber, wie sie sich finanzieren sollen, kein Wort über drei Gewalten – Gesetze, Exekutiventscheidungen,
ihre entscheidende Rolle als Rekrutierungs- und Steue- Gerichtsurteile – zu kippen, Lesarten des Grundgesetzes
rungsinstanz des Parlaments, des wichtigsten Verfassungs- durchzusetzen, mit denen die Politik arbeiten und an
organs von allen. Artikel 38 des Grundgesetzes sagt: »Die denen das Volk sich wärmen konnte. Das Gericht ent-

43
Deutschland

wickelte für die Bürger vernünftige Grundsätze im men hatte: Adolf Arndt, berühmt geworden als »Kronju-
Umgang mit den Freiheiten der Grundrechte, es verflüs- rist« der Sozialdemokraten, paukte damals im Streit gegen
sigte wenigstens zum Teil die Blockaden des deutschen den autoritären Staat Konrad Adenauers fast alle wichti-
Föderalismus. Es organisierte den Parteien einen ange- gen Sachen vor dem Bundesverfassungsgericht durch.
messenen Platz in der repräsentativen Demokratie. Es Was Lüth gesagt hat, das müsse man ja wohl noch
wies Konrad Adenauer in seine Grenzen und mit ihm sagen dürfen: Dies war, wie die Akten nahelegen, von
den Ungeist des politischen Katholizismus, der in den Beginn an die Parole im Gericht. Die ganz große Mehr-
frühen Jahren wichtige Teile der Justiz beherrschte und heit der Richter war von der Vergangenheit unbelastet,
jede Chance nutzte, die neuen Freiheiten des Grundge- viele selbst Opfer, Verfolgte jenes Regimes, dem der Fil-
setzes mit den alten »Werten« einer göttlichen Ordnung memacher Harlan die Bilder und die Parolen geliefert
zu blockieren. hatte. Ganz im Gegensatz zu den allermeisten Kollegen
An die Stelle des alten Denkens setzten die zweimal vom Bundesgerichtshof, die, als wäre nichts gewesen, ein
zwölf – später: zweimal acht – Richterinnen und Richter paar Straßen weiter nun ihre als Nazirichter begonnene
von Karlsruhe Urteil für Urteil, Beschluss für Beschluss, Karriere fortsetzten, war das Bundesverfassungsgericht
eine Kommunikationsordnung, die zur die »Instanz der sauberen Hände« – so der Frankfurter
Ordnung des demokratischen Prozes- Verfassungshistoriker Michael Stolleis.
Wie könnte es ses der Willensbildung im Volke wur- Wie begründen, dass die Meinungsfreiheit des Grund-
funktionieren mit de. Willensbildung lebt von der Kom- gesetzes die »guten Sitten« missachten darf, die noch
munikation. Und Kommunikation lebt immer im alten Bürgerlichen Gesetzbuch standen und
der neuen Frei- vom gleichberechtigten Diskurs aller, von den Zivilgerichten, vor allem vom Bundesgerichtshof,
heit der Deutschen? die etwas zu sagen haben. So entstand hochgehalten wurden? Der Dreh, der die Welt verändern
eine demokratische Infrastruktur in sollte, findet sich erstmals ausformuliert in einer erst jetzt
Durch reden. der Gesellschaft, die verfassungsfest aus den alten Akten aufgetauchten Notiz des weithin
war und regelmäßig in Karlsruhe ein unbekannten Richters Wilhelm Ellinghaus. Er schrieb sie
Update erfuhr. Die Karlsruher Lehre für die Kollegen im Ersten Senat, die über den Fall Lüth
wurde dadurch so etwas wie eine zweite Aufklärung: Im brüteten: »Verfassungsrechtlich gesehen handelt es sich
politischen Prozess sollte nicht mehr Gott, sondern der um ein Duell zweier Grundrechte«, notierte der Jurist.
Mensch das letzte Wort haben. Er ist das Maß aller Dinge. »Es treten an zum Zweikampf«: die Meinungsfreiheit
Seiner Vernunft ist zu trauen, seine Würde ist zu schützen, (Artikel 5) gegen die allgemeine Handlungsfreiheit (Arti-
seine Freiheit ist der Ausfluss seiner Würde und liegt im kel 2), zu der es auch gehört, Filme zu drehen und zu ver-
Gebrauch seiner Vernunft. markten. »Von Fall zu Fall ist zu entscheiden, welches
Für deutsche Juristen ein recht anspruchsvolles Pro- Grundrecht im konkreten Konfliktsfalle das höherwertige
gramm. Und wie sie das gemacht haben, in Karlsruhe, ist.« Für den Fall Lüth gelte: »Hier ist offensichtlich Arti-
kann man jetzt erstmals im Detail nachlesen, in den frei- kel 5 höherwertig … Denn es steht das Wohl und das
gegebenen internen Akten des Bundesverfassungsge- Ansehen Deutschlands auf dem Spiele.«
richts: Entwürfe, Voten, kritische Anmerkungen, Notiz- Im Urteil, das erst sechs Jahre später erging, machten
zettel der ersten Generation der Verfassungsrichter. Da sie dann alles wesentlich komplizierter, doch die Bot-
bietet sich das erstaunliche Bild einer verfassungsrecht- schaft findet sich im Kern auch im Urteilstext wieder: Die
lichen Sinnsuche. Die Akten belegen: Es gab keinen Guru »guten Sitten« können sich die Kollegen drüben beim
in Karlsruhe, kein Mastermind, das seinen Plan über das Bundesgerichtshof in die Haare schmieren. Über die
deutsche Volk gestülpt hatte. Die Männer und die eine Grenzen politischer Debatten im Lande wird von Fall zu
Frau haben miteinander gerungen und miteinander disku- Fall hier entschieden: beim Bundesverfassungsgericht.
tiert: Wie könnte es funktionieren mit der neuen Freiheit

F
der Deutschen? Durch reden.
Dass Reden Gold ist in dieser dem Naziterror entsprun- ür die Verfassungsrechtswissenschaft ist diese
genen Gesellschaft, die gerade allzu viel zu verschweigen Notiz von Ellinghaus so etwas wie das Morgen-
hatte, das wurde den Richtern gleich zu Beginn klar, als grauen der zweiten deutschen Demokratie: Hier
1951 der Hamburger Senatsdirektor Erich Lüth sich mit wurde zum ersten Mal der freien Auseinanderset-
einer Verfassungsbeschwerde an das Verfassungsgericht zung der Bürger in Rede und Gegenrede das Laufen
wandte. Lüth hatte in seiner Heimatstadt einen Boykott- gelehrt. Keine Werte und keine Autoritäten außerhalb des
aufruf gegen den neuen Film des Naziregisseurs Veit Grundgesetzes können politische Debatten bremsen.
Harlan veröffentlicht. Kein »anständiger Deutscher« kön- Wenn es kracht, und es muss ja krachen, damit sich etwas
ne es verantworten, auch nur eine Kinokarte für das verändert, ist abzuwägen und mit guten Argumenten zu
neue Machwerk des antisemitischen Hetzers zu kaufen. begründen: Welche Freiheit hat im Einzelfall das höhere
Die Filmproduktionsfirma ließ dem frechen Beamten Gewicht? Ist es erforderlich, dass jemand zurücksteckt?
Lüth solche Äußerungen unter Berufung auf das Bürger- Und ist es ihm zuzumuten?
liche Gesetzbuch als »vorsätzliche sittenwidrige Schädi- Keine Freiheit steht für sich allein. Dass der Gebrauch
gung« verbieten, und das Hamburger Landgericht zog der Freiheit wie auch ihre Einschränkung zu welchen
mit: So etwas dürfe man nicht sagen. Meinungsfreiheit sei Zielen auch immer im Kollisionsfall zu rechtfertigen und
eine schöne Sache, aber bitte in netter Form. im Hin und Her der Argumente zu begründen ist: Diese
Der Fall Lüth sollte zum wichtigsten Rechtsstreit in der Lehre wurde fortan zum Kern der Kommunikationsord-
Historie des Grundgesetzes werden. Die Antwort auf die nung der Freiheit unter dem Grundgesetz. Aus dem Lüth-
Frage, »ob Lüth sagen durfte, was er gesagt hat«, sei von Urteil entwickelte sich der Grundsatz, der heute nicht
»geschichtsbildender Bedeutung«, notierte damals der jun- nur das Verfassungsrecht in Deutschland, sondern die
ge Assistent im Bonner Fraktionsjustiziariat der SPD für meisten freiheitlichen Demokratien der Welt beherrscht:
seinen Chef, der sich der Sache Lüths juristisch angenom- der Grundsatz der »Verhältnismäßigkeit«.

44 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019


Reden ist Gold, Kommunikation ist alles: Damit dies in Gewalt, die vom Facebook-Volke ausgeht, ist nicht mehr
der autoritätsfixierten Gesellschaft der Adenauer-Ära die des Artikels 20 des Grundgesetzes, und Verfassungs-
auch funktionierte, baute das Gericht das ebenfalls in rechtlern macht das zunehmend Angst. Das große Ge-
Artikel 5 garantierte Grundrecht der Pressefreiheit zu spräch unter Demokraten ist an den Rand gedrängt von
einer universalen Plattform des gesellschaftlichen Diskur- aggressivem Geschrei, das sich selbst genug ist, von Forde-
ses aus. Die Medien seien »unentbehrlich« für den demo- rungen, die sich um Abwägung und Verhältnismäßigkeit
kratischen Prozess der Meinungs- und Willensbildung im ihrer Konsequenzen nicht scheren. »Die Verschärfung des
Volke, so betonten die Richter in ihrem Urteil von 1966 Stils der politischen Auseinandersetzung, vor allem in
zur SPIEGEL-Affäre. den sozialen Medien«, so warnt der Verfassungsveteran
Und als schon vorher Adenauer versuchte, in einer Grimm, lasse befürchten, »dass auch die Angriffe auf
Nacht-und-Nebel-Aktion ein Regierungsfernsehen zu das System, welches das Grundgesetz aufgerichtet hat,
installieren, schlugen die Richter 1961 dem Alten seine aggressiver und unverblümter werden«.
Pläne nicht nur um die Ohren, sondern schrieben die in Wie ein Hilferuf auf stürmischer See klingt es, wenn
ihren Grundzügen bis heute geltende Rundfunkordnung der große Steuermann, der Präsident des Bundesverfas-

HIER FINDET SIE Früh buchen


und bis zu

DER WINTER NIE. 300 € sparen!


*

Nur
noch bis
31.05.

Buchen Sie Ihren Winterurlaub im Reisebüro, im AIDA Kundencenter


unter +49 (0) 381/ 20 27 08 51 oder auf www.aida.de
* Frühbucher- Plus-Ermäßigung bei Buchung bis 31.05.2019, gilt für die 1. und 2. Person in der Kabine, limitiertes Kontingent
AIDA Cruises • German Branch of Costa Crociere S. p. A. • Am Strande 3 d • 18055 Rostock

fest, die ein staatsfreies und pluralistisches Fernsehen sungsgerichts Andreas Voßkuhle, vor dem bösen Spiel
garantieren soll. warnt, das in den Filterblasen des Netzes mit »dem Vol-
Der freiheitliche Geist, den die Richter über das Volk ke« getrieben wird, von dem doch nach Artikel 20 alle
des Grundgesetzes ausschütteten, war der Geist des gro- Staatsgewalt ausgeht. Den Willen des Volkes, so Voß-
ßen bundesrepublikanischen Gesprächs. Doch Diskurse kuhle in der »Frankfurter Allgemeinen«, könne niemand
über den richtigen Weg zum erwünschten Ziel, das Hin für sich reklamieren. »Einen einheitlichen Volkswillen
und Her der Argumente, werden inzwischen – wie der gibt es in Wahrheit nicht.« Das Volk des Grundgesetzes,
Münchner Soziologe Armin Nassehi registriert – zuneh- so zitiert der Verfassungsrichter den Philosophen Jürgen
mend abgeblockt durch das Geltendmachen von »Identi- Habermas, »pflegt im Plural aufzutreten«.
täten«, immer wichtiger wird, was jemand »ist« – Mann, Es ist unübersehbar, dass die Kommunikationsordnung
Muslim, Ausländer, nicht, was er zu sagen hat. der Gesellschaft, vom Bundesverfassungsgericht so fein
Und es scheint, dass der Karlsruher Weg der Aufklä- in den bald 150 Bänden seiner Urteilssammlung auszise-
rung an sein Ende gelangt, seit Facebook die Presse als liert, sich aufgelöst hat. Werden die Weisen von Karlsruhe
Plattform der Willensbildung im Volke abgelöst hat. Die einen Ausweg finden? I

45
Deutschland

Städten Europas längst zum sommerlichen E-Tretrollern auf der Straße zu verhalten

Auf kleinen Straßenbild gehört. Zudem hat sich Bun-


desverkehrsminister Andreas Scheuer
(CSU) diese Woche davon verabschiedet,
habe, fehlten lange. Erst nach Monaten
wurden die Roller von Fußwegen ver-
bannt, Jugendliche unter 16 Jahren müssen

Rädern einen Teil der E-Scooter auf Gehwegen


rollen zu lassen. Das wäre ein »Konjunk-
turprogramm für Unfallchirurgen« gewor-
nun einen Helm tragen, auf vielen Straßen
dürfen die Roller nicht mehr fahren.
Auch in Deutschland fürchten Kommu-
Städte Noch vor dem Sommer den, spottete der hessische Verkehrsminis- nalpolitiker chaotische Verhältnisse. Bei
wollen die Verkehrspolitiker ter Tarek Al-Wazir (Grüne). ihm hätten sich schon neun verschiedene
In der aktualisierten Verordnung soll Anbieter gemeldet, die E-Roller aufstellen
Elektrotretroller auf Radwegen nun stehen, dass alle E-Roller auf Radwe- wollten, sagt Klaus Oesterling, Verkehrs-
zulassen. Der Streit um gen fahren müssen – und dort, wo es keine dezernent in Frankfurt am Main. Wenn
den Straßenraum wird schärfer. gibt, auf der Straße. Auch das birgt Kon- alle ihre Pläne wahr machten, sagt er, »ha-
fliktpotenzial. Die deutschen Radwege ben wir bald 5000 bis 10 000 Roller in der
taugten nicht einmal für den vorhandenen Stadt stehen«.

M it einem Fuß abstoßen, den grü-


nen Knopf am Lenker drücken,
schon saust der Roller los. Bis auf
25 Kilometer pro Stunde beschleunigt das
Radverkehr, warnt der Radfahrerverband
ADFC. Wenn nun zusätzlich »eine Welle
von E-Scootern durch die Innenstädte hol-
pert, werden wir sehr unschöne Szenen
Die neuen Verkehrsmittel müssten auf
den öffentlichen Nahverkehr und die Fahr-
radverleihe abgestimmt und mit ihnen zu
einem gemeinsamen Buchungssystem ver-
schmale Zweirad auf einem Rundkurs der und viele Unfälle erleben«, sagt ADFC- knüpft werden, mahnt Stephan Rammler
Micro Mobility Expo, einer Messe für Geschäftsführer Burkhard Stork. vom Institut für Zukunftsstudien und Tech-
Kleinstfahrzeuge in Hannover. Die Kritiker verweisen auf die Erfah- nologiebewertung in Berlin: »Sonst krie-
»Cool, oder?«, sagt einer der Menschen, rungen aus Tel Aviv, Rom, Madrid oder gen wir einen großen mobiltechnolo-
der die Messebesucher einweist und ihnen anderen Metropolen, wo die neuen Roller gischen Müllhaufen.« Zudem müsse der
Testroller verschiedener Hersteller für immer wieder für Ärger und auch Kolli- Straßenraum in den Städten intelligenter
Probefahrten übergibt. Und fügt hinzu: sionen sorgen. In Paris wurde im April ein aufgeteilt werden, sagt Rammler, »aber da-
»Aber für den deutschen Markt werden 81-jähriger Mann von einem Rollerfahrer für braucht man einen Plan«.
die Dinger noch etwas gedrosselt.« erfasst und schwer verletzt. In Wien soll Das dauert den Anbietern zu lange. Auf
Geht es nach den Verkehrsministern es allein in den letzten drei Monaten des der Messe in Hannover steht Tobias Gries-
von Bund und Ländern, werden die Deut- vorigen Jahres zu 200 Unfällen gekom- meier vom Berliner Scooterverleiher Tier
schen bald überall mit Scootergefühl durch men sein. Unweit von Barcelona starb im und drängt: »Wir warten darauf, dass es
die Republik sausen können. Am kommen- vergangenen Sommer eine 90-jährige jetzt endlich auch in Deutschland losgeht.«
den Freitag soll der Bundesrat über eine Frau, nachdem sie mit einem Rollerfahrer Europaweit sei die Firma schon in 20 Städ-
Verordnung des Bundes entscheiden, mit zusammengestoßen war. ten auf dem Markt, unter anderem in Oslo
der die flinken Gefährte auf öffentlichen Oft waren die Stadtverwaltungen dort und Wien. In Deutschland habe sie schon
Straßen zugelassen werden können. Nur überfordert von der Geschwindigkeit, mit mehrere Stadtverwaltungen kontaktiert,
wenn er zustimmt, kann die Verordnung der die Rolleranbieter ihre Städte besetz- um so bald wie möglich auf den Straßen
in Kraft treten. ten. In Madrid boten die ersten Verleih- präsent zu sein.
Das gilt als wahrscheinlich. Denn die firmen im Sommer 2018 elektrische Roller Produziert werden die Scooter überwie-
Ländervertreter wollen nicht als Spaß- an; innerhalb weniger Tage standen an den gend in China, wo man sich, so Griesmeier,
bremsen dastehen, die ein hippes Ver- Hauptattraktionen der Stadt Tausende Ge- schon auf die voraussichtlichen deutschen
kehrsmittel verhindern, wie es in vielen fährte. Konkrete Regeln, wie man sich mit Zulassungsregeln vorbereitet habe. Die
Höchstgeschwindigkeit soll nach den
Plänen des Bundesverkehrsministers auf
20 Kilometer pro Stunde begrenzt werden,
um eine Helmpflicht zu vermeiden. Au-
ßerdem sollen die E-Scooter ein aufkleb-
bares Versicherungskennzeichen tragen.
Einige Städte haben die E-Roller schon
in einem Modellversuch getestet. »Das ver-
lief sehr reibungslos«, sagt Jan Giersberg
von den Stadtwerken in Bamberg. Viele
Nutzer seien überrascht gewesen, wie flink
man mit den Rollern auf die Hügel der
Stadt gekommen sei. Nennenswerte Un-
fälle habe es nicht gegeben.
Allerdings habe sich auch gezeigt, dass
die Roller die Busse und Bahnen nicht
ersetzen, sondern nur ergänzen könnten.
»Bei Regen oder Schnee macht das keinen
CHESNOT / GETTY IMAGES

Spaß, dann fühlt man sich extrem un-


sicher auf diesen kleinen Rädern«, sagt
Giersberg. »Besonders auf unserem
Kopfsteinpflaster.«
Matthias Bartsch, Christopher Piltz
Mail: matthias.bartsch@spiegel.de
E-Roller-Fahrerin in Paris: »Unschöne Szenen und viele Unfälle«

46 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019


#JazuEuropa

Europa braucht eine Stimme:


Ihre.
Nur eine starke EU kann ihre politischen und wirtschaftlichen
Interessen in der Welt behaupten. So garantiert sie Sicherheit
und Wohlstand für alle Bürger. Auch Sie profitieren davon.
Mit Ihrer Stimme stärken Sie Europa.
Gehen Sie am 26. Mai wählen.

www.ihre-chemie.de/jazueuropa
Deutschland

Der Feind von unten rechts


Kriminalität Ein ruhiges Wohnhaus in Berlin – dann zieht ein Clan-Mann ein und macht den anderen
das Leben zur Hölle. Eine Geschichte über stille Helden und den Mut der Verzweiflung.

G
eschafft! Was für ein Tag, der bekannt als »Tyson-Ali«, der sein Recht nicht endlich mal vertragen oder einfach
12. Juni 2017: endlich den Kauf- des Rücksichtslosen auslebt. Es gab schon aus dem Weg gehen können. Wenn zwei
vertrag unterschrieben. Konnte zahllose Anzeigen gegen ihn, aber offen- sich streiten, liegt das nicht meistens an
sich etwas besser anfühlen? Ein bar nichts, was Herrn Osman – eng ver- beiden?
Leben lang hatten sie sich abgerackert, bunden mit der mächtigen Großfamilie Tatsächlich bündelt sich in diesem Block
Klaus-Dieter Nisch und seine Frau Karla. der Rammos – beeindruckt hätte. alles, was im Umgang mit arabischstäm-
Erst im Werkzeugmaschinen-Kombinat Beeindruckt waren dafür die Nischs, als migen Clans jahrzehntelang schiefgelaufen
»7. Oktober«. Und nach der Wende er als sie am 5. Dezember 2018 eine SMS beka- ist: das Wegschauen, das Hinnehmen, die-
Anstreicher, sie als Arzthelferin. Hatten men. Von einem Handy, nicht zurückzu- se Mischung aus Ohnmacht und Unwillen,
jede Mark, jeden Euro gespart, dann der verfolgen zu Osman, der mit dieser SMS Clan-Männer zu stoppen, die ganze Vier-
Tiefschlag: die Mietwohnung in Prenzlau- sicherlich nichts zu tun gehabt haben will. tel erobern, ihre Macht ausleben, ein Re-
er Berg verloren. Eigenbedarf. Aber jetzt, Auf Fragen des SPIEGEL antwortet er gime der Angst. Der Fall zeigt unter dem
haste Worte: stolze Eigentümer! nicht. Aber soweit bekannt, hat er noch Brennglas, wie die Gewalt in den Alltag
Drei Zimmer mit Balkon im ersten so gut wie jeden Vorwurf bestritten. Der einfacher Menschen hereinbricht und
Stock an der Falkenhagener Straße in Ber- Text der SMS: »Der Tod ist gewisserma- ihnen eine Entscheidung abfordert, die
lin-Spandau: nur ein paar Minuten zur ßen eine Unmöglichkeit, die plötzlich zur ihnen der Staat nicht erspart hat: Sollen
Fußgängerzone mit den Geschäften, zum Wirklichkeit wird.« Darunter die Geburts- sie ausharren oder aber flüchten wie Frau
Koeltzepark, in den Spandauer Forst. Und tage von Klaus-Dieter und Karla Nisch, je- F., die ihre Wohnung an die Nischs ver-
am Ende war die Verkäuferin noch um weils mit einem Fragezeichen dahinter. kauft hat? Sollen sie kuschen, sich ducken
20 000 Euro mit dem Preis runtergegan- Wohl für ihren Todestag, der plötzlich und unterwerfen, aus purer Angst? Oder
gen. War gar nicht mal so schwer gewesen, »zur Wirklichkeit« werden könnte. sich wehren, mit allen Risiken?
vielleicht hatte die Frau F. ja verkaufen Ein Block, drei Häuser – so wie Polizei Die Nischs haben ihren ganzen Mut
müssen. Klaus-Dieter und Karla holten ihr und Gerichte den Fall lange behandelt ha- zusammengenommen, und mit ihnen ein
Erspartes von der Bank, den größten Teil, ben, war das für den Staat nur der Schau- gutes Dutzend Nachbarn. Sie kämpfen. Sie
180 000 Euro. Aber das war die Wohnung platz eines Nachbarschaftsstreits, wie er haben eine Chat-Gruppe gegründet, sie
wert. Ein Traum. ständig vorkommt. Piefkes gegen Auslän- dokumentieren alles, was im Haus passiert,
Geschafft! Was für ein Tag, der 12. Juni der, die sich nicht an die deutsche Haus- eine Liste mit 265 Vorfällen vom 9. April
2017. War sie endlich losgeworden, ihre ordnung halten. Eine Sache für genervte 2016 bis zum 22. April 2019. Sie schreiben
Wohnung. Konnte sich etwas besser an- Streifenpolizisten und Amtsrichter, die Anzeigen gegen Osman und Fatma H., die
fühlen? Klar, konnte es. Sie musste noch nicht verstehen, warum die Leute sich Frau an seiner Seite. Sie klagen vor dem
mal 20 000 Euro runtergehen, sie hatte Amtsgericht gegen die Vermieterin der bei-
Geld verloren, viel Geld. Aber egal, nur den, die offenbar nur eine Strohfrau ist.
raus, raus, raus aus diesem Horror. Falken- Sie schalten Politiker ein, die Presse, sie
hagener Straße 64. Frau F. konnte kaum versuchen es strikt mit den Mitteln des
noch schlafen, sie hatte Todesangst. Da Rechtsstaats. Das ist anrührend, aber es
war dieser Mieter in der Wohnung unter ist auch tragisch, wenn wieder ihre Reifen
ihr, der ihr das »Leben zur Hölle machte«. zerstochen sind, Eier vor ihr Fenster klat-
Massige Figur, dünne Nerven, böser Blick, schen oder ein Kackhaufen vor ihrer Tür
aus einem der berüchtigtsten Araber-Clans liegt. Wie diese Mutprobe für sie endet,
in Berlin. Ein Mann, so sagte sie einmal, wissen sie nicht. Kann schon sein, dass sie
der vor ihr stand und erklärt haben soll: jetzt Helden der Zivilcourage sind. In der
»Ich bin mein eigenes Gesetz.« Und: »Hin- Welt der Clan-Männer sind solche Helden
ter mir habe ich tausend Leute.« Ein Alb- weiche Ziele.
traum. Im Jahr 2014 kaufte eine Nina O. in der
Einer, der weitergeht, immer weiter, nun Nummer 64 die Wohnung unten rechts.
aber für Klaus-Dieter und Karla Nisch. Nina O., damals 24, hatte einen deutschen
16 Wohnungen gibt es in der 64, 64A, 64B; Nachnamen und auf den ersten Blick
in 15 leben Eigentümer, leben Mieter, die nichts, was sie mit arabischstämmigen
einem Nachbarn ausgeliefert sind, der die Clans verband. Auf den zweiten eine Men-
drei Häuser wie ein Clan-Revier behan- ge: Sie hatte 140 000 Euro bezahlt, er-
delt. Eine Welt, in der es zwei Sorten staunlich für eine Frau, die später vor Ge-
Mensch gibt: die Schwachen, die ihr klein- richt behauptete, sie verdiene 7000 Euro.
SPIEGEL TV

bürgerliches Dasein in den Grenzen von Im Jahr. Woher also das Geld?
Recht und Ordnung leben – ein Recht und Aus dem Libanon, der alten Heimat der
eine Ordnung, die offenbar nicht dafür ge- Rammos, von der BBAC-Bank. Offenbar
macht waren, sie zu beschützen. Und Ab- Mieter Osman nach Razzia konnte oder wollte Nina O. auch keine Er-
dulkadir Osman, 36, in gewissen Kreisen Dünne Nerven, böser Blick klärung dafür liefern, warum ihr ein groß-

48 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019


herziger Wohltäter aus dem Libanon so
viel Geld geschickt hatte. Sie musste
Schenkungsteuer nachzahlen, wurde vom
Landgericht Berlin wegen Steuerhinter-
ziehung verurteilt.
Und damit nicht genug: Im Juni 2017
schlug die Staatsanwaltschaft Berlin noch
mal zu. Sie beschlagnahmte die Wohnung
in Spandau und sieben weitere, die Nina
O. gehörten. Nina O. blieb zwar Eigen-
tümerin, bekam die Mieten, darf die Woh-
nungen aber nicht verkaufen, solange die
Fahnder wegen möglicher Geldwäsche er-
mitteln. Sie vermuten, dass die Immobilien
mit Beutegeld aus Verbrechen bezahlt wur-
den. Bei einer Wohnung in Berlin-Lichten-
rade tauchte auch der Name Abdulkadir
Osman auf – mit einer Grundschuld im
Grundbuch.
Kaum hatte Nina O. also die Wohnung
in Spandau gekauft, erschien Osman in
der Falkenhagener Straße, renovierte und
zog 2014 mit seiner Fatma und den Kin-
dern zur Miete ein. Sie waren nicht die
einzigen Ausländer im Block, es gab hier
Polen, Türken, Franzosen, Russen, Kroa-
ten, Niederländer, zwei syrische Studen-
ten. Aber nie ein Problem. Das änderte
sich nun. Die anderen Bewohner erlebten
Osman zunächst einmal – vorsichtig ge-
sagt – als imposante Erscheinung, mit Voll-
glatze und Vollbart, und es dauerte nicht
lange, bis ihnen schwante, dass Vorsicht
jetzt immer angebracht war. Im Flur, im
Garten, auf dem Parkplatz, überall, wo sie
den neuen Mietern begegnen konnten.
Denn Osman hat offenbar ein Gespür
dafür, wie man jene Art von Respekt be-
kommt, die in der Clan-Szene großge-
schrieben wird. Damit keiner übersieht,
mit wem er es zu tun hat, baut sich Osman
zum Beispiel gern eine Nasenlänge ent-
fernt vor anderen auf. Mit seinen geschätz-
ten 120 Kilogramm, verteilt auf 1,83 Meter,
füllt er das Bild, das man von ihm vermut-
lich bekommen soll, schon ganz gut aus.
Für das komplette Bild sollte man aber
noch wissen, dass der Sozialhilfeempfän-
ger 2017 bereits mit 28 Einträgen im Bun-
deszentralregister stand, das meiste Belei-
digungen und Körperverletzungen. Und
das war nur das, was übrig geblieben war
von mehr als 300 Fällen, in denen er als
Tatverdächtiger geführt wurde.
Zum Bildhintergrund gehört auch die
Familienbande: Schwester Rima. Verhei-
ratet mit Adounise Rammo, Bruder des
Familienpatriarchen Issa Rammo. In
THOMAS LOBENWEIN / DER SPIEGEL

einem Lagebericht des Berliner Landes-


kriminalamts tauchen Mitglieder des Ram-
mo-Clans in 1146 Vorgängen als Verdäch-
tige auf. Das heißt nicht, dass alle Rammos
kriminell sind; die meisten versuchen es
ehrlich. Aber Adounise bekam sieben Jah-
re wegen schweren Bandendiebstahls, und
sein Sohn hinterließ kürzlich einen blei-
Nachbarn Nisch, Osman: Vorsicht ist jetzt immer angebracht benden Eindruck an einer Grundschule in

49
Neukölln, weil er scharfe Munition mit-
brachte und den Kopf eines Mitschülers
ins Schulklo drückte. Mit nicht mal zehn
Jahren (SPIEGEL 8/2019).
Auch Osman soll tief in die kriminelle
Szene verstrickt gewesen sein. 2010 liefer-
te er angeblich den Grund für eine wilde
Schießerei unter Clan-Männern: Damals
kam der stadtbekannte Intensivstraftäter
Nidal Rabih aus dem Knast. Die »Brüder«
aus der Araberszene hatten für ihn gesam-
melt; Osman, so heißt es, sollte das Geld
übergeben, habe es aber selbst eingesteckt.
Ergebnis: ein Showdown auf der Emser
Straße, 18 Schüsse. Nidal Rabih war mit
zwei Brüdern gekommen, auf der anderen
Seite stand angeblich ein gutes Dutzend
Rammos. Als Rabih 2018 nicht ganz über-
raschend auf offener Straße erschossen
wurde und seine Beerdigung zu einer Art
Vollversammlung der Berliner Clan-Grö-
ßen wurde, stand Osman neben Rammo-
Chef Issa.
Das alles gehörte nun zum lebenswich-
tigen Hintergrundwissen für die anderen
Bewohner der Falkenhagener Straße 64,
etwa wenn Osman im Hinterhof stand und
kochend vor Wut in sein Handy brüllte:
»Zwei Autos, aber ganz schnell … Ruf mal
meine Brüder an und meine Cousins, die
sollen kommen hierher!«
An einem Montag im April sitzen Klaus-
Dieter und Karla Nisch am Küchentisch
und erzählen, wie sie doch eigentlich alles
richtig gemacht hatten mit dieser wunder-
baren Wohnung. Dem schönen Bad, an
dem sie gar nicht mehr viel ändern muss-
ten, den neuen Böden, die sie selbst gelegt
haben. Wie alles seinen perfekten Platz
fand für ein neues Leben, auch der Große
Brockhaus in 24 Bänden im Vitrinen-
schrank. Aber wie dann alles falsch wurde,

THOMAS LOBENWEIN / DER SPIEGEL


zu einem großen Fehler, dem »größten
Pech« ihres Lebens.
Sie erzählen, wie sie jetzt jeden Morgen
wach werden und der erste Gedanke ist, ob
wieder Kot an ihrer Tür klebt. Wie sie ihre
THOMAS LOBENWEIN / DER SPIEGEL

Blutdrucksenker schlucken, sie Ramipril,


er Dafiro. Wie ihnen schon zum Frühstück
das Herz bis in den Hals schlägt, weil sie
wissen, dass er da ist, Osman, ganz nah, di-
rekt unter ihrem Fußboden, vielleicht auch Sozialhilfeempfänger Osman (am Steuer),
gerade wieder vor ihrer Tür. Und wenn sie Hausbewohnerin Jagodschinski,
ins Bett gehen, ist er ihr letzter Gedanke, Ehepaar Nisch
dafür sorgt schon das Schlagen gegen die »Wir wollten doch immer nur unsere Ruhe«
Heizungsrohre – dafür zumindest halten
die Nischs den Krach, der nachts offenbar
aus der Wohnung unter ihnen kommt. Noch war ihm nicht klar, was da begonnen Klaus-Dieter Nisch montierte im Flur
»Hätten wir das gewusst, hätten wir nicht hatte; nur dass es schwierig würde mit den eine Kamera, die auf seine Tür gerichtet
gekauft«, sagt Klaus-Dieter Nisch. »Wir Nachbarn unten. Den Schuhschrank aus war, um zu wissen, wer das war. Und eine
wollten doch immer nur unsere Ruhe.« dem Flur stellen, für den Umzug? Einen Kamera, die durch den Türspion die Ka-
Die Nischs hatten im Oktober 2017 mit Schuhschrank, der da sowieso nichts ver- mera filmte. Das Video zeigt, wie Osman
dem Renovieren angefangen; erst später loren hatte? »Nein, das bleibt auf jeden die Kamera im Flur abschraubt. Später
hörten sie, dass auch Osman ihre Woh- Fall stehen«, soll Fatma H. gesagt haben. war wieder der Türspion zerstört.
nung hatte kaufen wollen. Nach drei Tagen Eine Woche später war bei Nischs das Tür- Ihren Audi Q3 parkten die Nischs bald
lag zum ersten Mal Kot unter der Fußmat- schloss kaputt, das erste von 17. Dann der nicht mehr in der Nähe, schon gar nicht
te. Klaus-Dieter Nisch wunderte sich. Türspion, der erste von 13. vor dem Haus. Vor dem Haus, auf dem

50
Deutschland

öffentlichen Parkstreifen, stellte Osman kon, die Kapuze der Jacke tief ins Gesicht passiert«, sagt Klaus-Dieter Nisch. Kürz-
seine Roller ab, und wenn er wegfuhr und gezogen, und wirft vier Eier nach oben ge- lich beschwerte sich eine Frau in der Eigen-
ein anderer dort parkte, flogen später Eier gen die Fassade. tümerversammlung: »Wir bekommen kei-
auf das Auto, oder es bekam Kratzer. Des- Eigentlich müsste sie ausziehen, sagt ne Hilfe, egal wohin wir uns wenden. Diese
halb schauten sich die Nischs inzwischen Hildegard Jagodschinski. Aber ihr ganzes Familie weiß, es gibt keine Konsequenzen.«
auch um, wenn sie zu ihrem Wagen gingen, Geld steckt in der Wohnung, sie kann Ja, das könne schon sein, dass Stadt und
für den sie ein paar Straßen weiter einen nicht, sie will nicht, sie wird nicht. Kann Polizei die Sache lange nicht ernst genom-
Parkplatz gemietet hatten. Einmal stiegen nicht einfach hinschmeißen wie die Haus- men hätten – überhaupt das ganze Clan-
sie in einen Bus, den sie gar nicht nehmen verwaltung, die den Vertrag nicht verlän- Problem in Berlin, glaubt Tom Schreiber.
wollten, nur weil sie Osman hinter sich ge- gert hat. Ja, stimmt, früher sei das ein nor- Der Berliner SPD-Abgeordnete gilt als
sehen hatten. Und eines Tages kamen sie males Haus gewesen, sehr ruhig, bestätigt Clan-Experte, kennt den Fall. »Diese Leute
zu ihren Audi, und drei Reifen waren trotz- der Verwalter. Dann seien die neuen Mie- dürfen nicht den Eindruck haben, dass sie
dem zerstochen. Nur bei ihrem Auto, auf ter gekommen und ständig Anrufe, weil im Stich gelassen werden und besser nichts
einem Parkplatz mit einem guten Dutzend wieder was im Haus zerstört war. Zu viel mehr sagen. So scheitert der Rechtsstaat,
Autos. Das kostete sie einen Tausender. Ärger, das habe sich nicht mehr gelohnt. so scheitern wir alle.«
An diesem Montag im April, an dem sie Auch die beiden syrischen Studenten Hildegard Jagodschinski erinnert sich
in ihrer Küche sitzen, am Tag vor ihrem sind längst weg. Wohnten zur Miete. An noch an den Quartierspolizisten, der ihre
Urlaub in Schweden, der aber kein richti- einem Abend bauten sie ein Ikea-Bett auf, Nachbarn vor Osman gewarnt haben soll:
ger Urlaub sein wird, weil sie immer den- es wurde lauter, aber laut sein darf in die- »Der ist gefährlich.« Am einfachsten wäre
ken werden, was wohl gerade zu Hause sem Haus nur einer: Osman. Er schrie, sie es deshalb, die anderen würden ihn bei
passiert, an diesem Montag hat Klaus-Die- sollten rauskommen, nach draußen. »Ich der »Ehre packen« und ihm etwas Geld
ter Nisch auch noch Restspuren eines blau- hatte Angst, Mafia«, sagt Taha Alsalamah dafür geben, dass er auf das Haus aufpasse.
en Auges. »Ich kam mit zwei Sektkisten heute in gebrochenem Deutsch. Er machte Für die Sekretärin klang das wie eine Emp-
die Treppe hoch, da stand seine Frau und deshalb nur sein Fenster auf, und Osman fehlung der Polizei, Schutzgeld zu zahlen.
schlug mir mit der Faust ins Gesicht.« Ein- schrie: »Ich ficke deine Mutter! Mir ist egal, Die Polizei sagt dazu nichts; nur dass
fach so. Aber so einfach ist das eben doch woher du kommst! Ich ficke dein Land!« man das Haus schon lange im Blick habe,
nicht. Auf eine Anzeige folgt in der Regel So steht es in einem Urteil des Berliner die Sache ernst nehme. Heute laufe alles
eine Gegenanzeige; man sei doch zuerst bei einem Beamten zusammen. Und jetzt,
geschlagen worden, heißt es dann von der am Mittwoch, setzte die Polizei plötzlich
Familie Osman. Für die Polizei klingt das »Wir bekommen keine ein Zeichen, wie es die Bewohner der Fal-
meist nach einem Querulantenkrieg unter Hilfe, egal wohin kenhagener Straße in fünf Jahren noch
Nachbarn, in den man sich besser nicht nicht gesehen hatten: Ein Kommando
hineinziehen lässt. wir uns wenden. Es gibt rammte morgens um sechs die Tür von Ab-
Das kennt auch Hildegard Jagodschin- keine Konsequenzen.« dulkadir Osman ein, durchsuchte seine
ski, 59, aus der 64A. Sekretärin in einem Wohnung. Der Verdacht: Sachbeschädi-
internationalen Konzern, eine Frau, die gungen im Haus und Diebstahl von Post
sagt, dass sie mit jeder Nationalität zu- Landgerichts. Dann sprühte er Reizgas aus den Briefkästen der Nachbarn. War
rechtkommt, wirklich mit jeder – nur für hinein. Notarztwageneinsatz, Kranken- das Zufall, so ein Einsatz, gerade jetzt?
den Fall, dass einer das Gerede glauben haus. »Ich konnte sieben Stunden nichts Oder war der Druck auf die Polizei zu groß
sollte, sie seien doch alles Rassisten, die mehr sehen«, sagt Alsalamah. Was half es geworden, etwas zu tun, was mehr nach
etwas gegen die Ausländer hätten. So stellt da schon, dass Osman wegen gefährlicher Freund und Helfer aussah, nicht nach frus-
das Osman nämlich gern mal dar, wenn Körperverletzung zu zehn Monaten auf triert und hilflos?
die Polizei gerufen wurde. Bewährung verurteilt wurde, eine Strafe, Vielleicht bekommt die Geschichte vom
An einem Tag im Oktober 2018 sam- die in zweiter Instanz noch abgemildert Mut der Anständigen und vom Wider-
melte die Polizei elf Anzeigen: Fatma H., wurde, auf sechs Monate? stand der Machtlosen also noch ein gutes
so erzählt das Hildegard Jagodschinski, Jagodschinski aber bleibt. Sie muss, des- Ende. Dagegen spricht, dass sich Osman
habe bei ihnen Sturm geklingelt, sei die halb hat sie eine Entscheidung gefällt, bei in der Vergangenheit einen Anwalt leisten
Treppe hochgestürmt; und noch bevor sie der ihr jeden Tag mulmig wird: sich zu konnte, der sein Geld offenbar wert war.
oben auf dem Treppenabsatz den verdutz- wehren. So wie Walter, der Gewerkschafts- Andererseits soll es da noch einen geben,
ten Sohn Janis Jagodschinski erreicht habe, jurist, der seine Wohnung für die Tochter der sogar mächtiger als jeder Clan ist. Wie
soll sie schon geschrien haben: »Ey, was gekauft hatte, die dann aber doch nicht in hatte Frau F., verzogen nach Süddeutsch-
soll das! Fass mich nicht an!« Dann habe Berlin geblieben ist. So wie Edvard und land, nur ein paar Tage vor der Razzia ge-
die Frau ihren Janis, einen Studenten, ohne Darica, die schon seit den Achtzigern hier sagt? »Ich bete jeden Tag zu Gott, dass sie
erkennbaren Grund geschubst. Das führte leben. ihn doch noch schnappen.«
zu einer Anzeige von Janis Jagodschinski, Eine aus dem Haus hat tatsächlich mal Jürgen Dahlkamp, Thomas Heise, Gunther
einer Gegenanzeige von Fatma H., einer den Mut gehabt, die Frage zu stellen, auf Latsch, Claas Meyer-Heuer, Jörg Schmitt
Gegen-Gegen-Anzeige wegen falscher Be- die keiner von ihnen eine Antwort hat, die
schuldigung. Und so weiter und noch mehr. Frage an Osman: Warum benehmen Sie
Man wüsste noch gern, was Fatma H. dazu sich so, wieso geht es nicht anders? In Frie- ‣ SPIEGEL TV am Montag, 13. Mai, ab
23.25 Uhr bei RTL: Wie das Mitglied
sagt; keine Reaktion. den. Will er denn wirklich, wie sie vermu- eines Clans seine Nachbarn terrorisiert
Auch Hildegard Jagodschinski hatte ten, das Haus herunterwohnen, die ande-
schon zwei zerstochene Reifen, natürlich ren rausekeln, den Preis drücken, um noch
Video
durch »unbekannt«. Dafür hat sie aber ein mehr Wohnungen zu übernehmen, für den Der Mieter
Video, das zeigt, wie Fatma H. unten auf Clan? Es kam keine Antwort.
dem Balkon der Familie Osman erscheint, Die andere Frage ist, warum die Polizei spiegel.de/sp202019clans
wieder verschwindet. Und kurz danach das fünf Jahre lang zuließ. Allein die Nischs oder in der App DER SPIEGEL
betritt ein kräftig gebauter Mann den Bal- haben 57 Anzeigen gestellt. »Da ist nichts

DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019 51


Deutschland

mit elementaren stochastischen Mitteln gut

»Das ist Grundwissen« lösen. Die Schüler müssen zum Beispiel wis-
sen, was ein Erwartungswert ist, und eine
Nullhypothese aufstellen. Das ist Grundwis-
Bildung War das Mathe-Abi diesmal zu schwer? Ja, finden viele sen und absolut lehrplankonform. Insgesamt
eine schöne, moderne Prüfungsaufgabe.
Schüler und unterzeichnen wütend Petitionen. SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
Nicht doch, sagt der Experte Richard Lewandowsky. Lewandowsky: Früher wurden im Mathe-
Abitur überwiegend reine Rechenaufga-
ben gestellt. »Gegeben sei eine Funktion
In etlichen Bundeslän- SPIEGEL: Die Schüler kritisieren unter an- f(x), berechnen Sie die Hochpunkte« –
dern protestieren Schü- derem, dass sie solche Aufgaben im Un- so in der Art. Solche Aufgaben lassen sich
ler online gegen die terricht nie behandelt hätten. stur nach Schema F lösen. Wer ausrei-
Aufgaben in den dies- Lewandowsky: Man muss dazu wissen: chend trainiert hat, wie man Hochpunkte
jährigen Abiturprüfun- Am Morgen der Prüfung bekommen baye- einer Funktion bestimmt, wird gut zurecht-
PEER WIESNER

gen – allein in Bayern rische Schulen zwei Aufgabenvorschläge. kommen. Ein tieferes mathematisches Ver-
unterzeichneten mehr Die Lehrerinnen und Lehrer wählen dann ständnis braucht man dafür allerdings
als 60 000 Menschen denjenigen aus, den sie für besser machbar nicht. Seit etwa 15 Jahren etabliert man
eine Petition. Lewan- halten. Sie wissen ja selbst am besten, was daher einen neuen Aufgabentypus.
dowsky, 49, leitet die Fachabteilung Mathe- sie im Unterricht gemacht haben. Die Kri- SPIEGEL: Wie sieht der aus?
matik und Physik des Stark-Verlags in Hall- tik geht schon deshalb teilweise ins Leere. Lewandowsky: Es gibt nicht das eine, vor-
bergmoos bei München. Seit 40 Jahren kön- SPIEGEL: Schüler und auch manche Leh- gefertigte Rezept, wie Schüler zur Lösung
nen sich Schüler mit den roten Büchern des rer finden, die Aufgaben seien zu textlastig gelangen können – sondern mindestens
Verlags auf Abschlussprüfungen vorberei- gewesen. zwei oder drei verschiedene Wege. So soll
ten. Sie finden darin Aufgaben aus den vor- Lewandowsky: Die Kritik zielt unter an- der Kreativität mehr Raum gegeben wer-
hergehenden Jahren samt Beispiellösungen, derem auf eine Teilaufgabe der Stochastik, den. Es geht nicht primär darum, eine Glei-
die Autoren nach Vorgaben der Bildungs- die etwas ausführlicher war: etwa eine chung zu lösen. Die Rechnung steht in
ministerien formuliert haben. halbe Seite Text. Das finde ich nicht zu einem anwendungsbezogenen Kontext.
viel. Aufgaben in vergleichbarer Länge Die Schüler müssen verschiedene Kompe-
SPIEGEL: Herr Lewandowsky, wohl kaum wurden zum Beispiel auch 2017 in Bayern tenzen einsetzen: Textverständnis und Ur-
jemand hat so viele Mathe-Abiturprüfun- gestellt. Damals blieb der Protest aus. teilsvermögen zum Beispiel. So ist es auch
gen gesehen wie Sie. Vor allem die Aufga- SPIEGEL: Die diesjährigen Abiturienten in den Bildungsstandards für die Allgemei-
ben aus Bayern stehen nun in der Kritik. sagen auch, die Aufgabe sei nicht klar ge- ne Hochschulreife festgelegt. Die Leistung
Waren die wirklich so schwer? nug formuliert gewesen. besteht darin, aus einer beschriebenen
Lewandowsky: Ich habe bisher noch nicht Lewandowsky: Das kann ich so nicht Situation ein mathematisches Problem zu
alle Aufgaben anschauen können – aber bestätigen. Alle Fakten, die Schüler für die destillieren und es in eine Rechnung zu
die von den Schülern bemängelten schon. Lösung brauchen, waren präzise dargestellt, übersetzen. Die Rechnung an sich ist dafür
Es handelt sich dabei um Aufgaben der Text war verständlich formuliert. Auch aber oft weniger schwierig als früher.
aus den Themenbereichen Wahrschein- der Inhalt war nicht sonderlich komplex: Es SPIEGEL: Die Korrektur einer solchen Auf-
lichkeitsrechnung und Analytische Geo- ging um Gewinnerwartungen der Betreibe- gabe klingt aufwendig.
metrie. rin einer Losbude. Die Aufgabe lässt sich Lewandowsky: Ich glaube, diese Kröte
schlucken die meisten Mathematiklehrer
gern. Wenn Schüler nicht nur Formeln an-
wenden, sondern kraft ihres eigenen Den-
kens zu einer Lösung kommen, empfinden
auch die Lehrkräfte das als sinnvoll. Au-
ßerdem sind die Fachkollegen sicherlich
in der Lage, auch kreative Ansätze zu
durchschauen und zu bewerten.
SPIEGEL: Halten Sie die Proteste in Bayern
und anderswo für gerechtfertigt?
Lewandowsky: Natürlich passieren mal
Fehler – ich erinnere mich noch gut an den
»Oktaeder des Grauens« aus der Mathe-
matikprüfung 2008 in Nordrhein-West-
falen, eine unglücklich formulierte Aufga-
be aus der Analytischen Geometrie, die
für Irritationen bei den Prüflingen sorgte.
Grundsätzlich finde ich es sehr gut, wenn
junge Menschen Autoritäten hinterfragen.
Aber: In diesem Fall ist die Kritik kaum
fachlich begründet, die Argumentation
FELIX KÄSTLE / DPA

eher dünn. Vielleicht sollten die Abitu-


rienten einfach die Ergebnisse abwarten.
Interview: Miriam Olbrisch
Mail: olbrisch@spiegel.de, Twitter:@olbi
Abiturienten bei schriftlicher Prüfung: »Die Kritik ist kaum fachlich begründet«

52 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019


Der Opel Insignia

ZEIT FÜR EIN


STATEMENT.
Ï Klassenbestes LED Matrix Licht
Ï Sprachgesteuertes Multimedia Navi Pro mit
Ü7RXFKVFUHHQ)DUEGLVSOD\
Ï 3DUN*R3UHPLXPLQNO *UDG.DPHUD

Die genannten Ausstattungen sind teilweise optional bzw. in höheren Ausstattungslinien verfügbar.
Abb. zeigt Sonderausstattung.
Gesellschaft
»Ich höre gelegentlich von einem wachsenden Antisemitismus in Deutschland, ist da was dran?« ‣ S. 56

Früher war alles schlechter


Nº 175: Studiengänge

»Habe nun, ach!, Philosophie, Juristerei und Medizin stu- 2005 waren es erst rund 11 000. Es lassen sich Master machen in
diert«, monologisierte Faust seufzend und kam sich kein Pferdewissenschaften, E-Learning, Bauen im Bestand, Biodiver-
bisschen klüger vor. Aber damals gab es eben auch noch keine sity, Mediation oder Gerontologie. Und natürlich, schon ange-
Studiengänge für Angewandte Sexualwissenschaft, Raumkon- sichts dieses Angebots, in Beratung. Besonders stark, so das Cen-
flikte und Friesische Philologie. Auch Culinary Management trum für Hochschulentwicklung, sei der Zuwachs in den Medizin-
nicht, geschweige denn Körperpflege oder den Space Master an und Gesundheitswissenschaften. Dort wird Hebammen- oder
der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Zu Goethes Zei- Pflegewissenschaft angeboten. Jean-Jacques Rousseau mag
ten durfte man noch glauben, mit den drei genannten Wissen- bezweifelt haben, dass hierin schon ein Fortschritt des Men-
schaften »und leider auch Theologie« sämtliche relevanten Stu- schengeschlechts abzulesen ist. Aber der hatte ja auch nicht stu-
diengänge absolviert zu haben. In der Spätantike kam man mit diert, sondern sich alles selbst beigebracht. Natürlich ist Vielfalt
den sieben freien Künsten (Grammatik, Rhetorik, Dialektik, kein Wert an sich. Aber der immer weitergehenden Spezialisie-
Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie) schon gut aus. rung in den Wissenschaften darf durchaus eine der Lehre gegen-
Inzwischen kann man an Deutschlands Hochschulen und Univer- überstehen – sofern es nur, als weiterführender Studiengang,
sitäten mehr als 19 000 Studiengänge belegen, noch im Jahr auf festem Fundament geschieht. alexander.smoltczyk@spiegel.de

Neid SPIEGEL: Schadenfreude gilt nicht gerade SPIEGEL: Aus Fehlern wird man klug,
Wieso sind wir so als positive Charaktereigenschaft. heißt es doch in einem Sprichwort. Gilt
Morgenroth: In Gesellschaften, in denen das auch für die Fehler anderer?
schadenfroh, soziale Ungleichheit herrscht, ist es ein Mit- Morgenroth: Ja, vielleicht sogar leichter
tel, mit der eigenen Rolle zurechtzukom- als aus den eigenen. Dann haben wir eine
Herr Morgenroth? men. Es gibt nicht umsonst Karnevalsreden beobachtende Perspektive und müssen
Olaf Morgenroth, 55, Gesundheitspsycholo- oder Kabarettauftritte, in denen wir uns uns nicht erst schützen. Bei Flugzeug-
ge an der Medical School Hamburg, über über die Fehler anderer auslassen können. abstürzen zum Beispiel analysieren Exper-
unseren Umgang mit den Fehlern anderer ten haargenau, was falsch gelaufen ist, um
die Fehler in Zukunft zu vermeiden.
SPIEGEL: In einer Folge von »Game of SPIEGEL: Und was lernen wir jetzt aus
Thrones« monieren wir einen Kaffee- dem übersehenen Kaffeebecher?
FRIEDRICH SAURER / IMAGEBROKER / DDP

becher, der am Set vergessen wurde, auf Morgenroth: Der Fall klingt banal, aber
Facebook Rechtschreibfehler. Wieso stür- er zeigt, dass kein Mensch perfekt ist. Und
zen wir uns so gern auf die Fehler anderer? bei einer so teuren Serie freuen wir uns
Morgenroth: Wir fühlen uns dadurch bes- besonders über Fehler. Man kann das mit
ser. Schadenfreude steigert das Selbstwert- einem Konsumartikel vergleichen: Wenn
gefühl, es entlastet von eigenen Zweifeln. mein Nachbar nach zehn Kilometern mit
Wenn wir andere bei Fehlern ertappen, seinem neuen Porsche liegen bleibt, ist die
akzeptieren wir es auch eher, wenn wir Schadenfreude größer, als wenn er bloß
selbst etwas nicht unter Kontrolle haben. einen Mittelklassewagen kaputt fährt. CAT

54 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019


hard Richter rahmt und signiert seine Bilder, bevor er sie freigibt.
Eine Meldung und ihre Geschichte
Das Auktionshaus nimmt Kontakt zum Richter-Archiv in Dres-
den auf. Herr Richter erkenne die »zwei Blätter nicht als von

Unter Künstlern ihm geschaffene Kunstwerke im Sinne des Urheberrechts an«,


schreibt der Leiter, Dietmar Elger. Herr Richter untersage des-
halb, »dass die Blätter unter seinem Namen ausgestellt, ab-
gebildet, angeboten oder verkauft werden«. Am nächsten Tag
Warum sich ein arbeitsloser Münchner mit erstattet Elger im Namen Richters Anzeige wegen Diebstahls.
dem Maler Gerhard Richter »Die waren misslungen. Sie sollten nicht auf den Markt«, gibt
um Bilder aus einer Altpapiertonne streitet Richter in einer Vernehmung Anfang November 2017 an. Die
Bilder seien wertlos. In der Anklage wird der Wert von Richters
weggeworfenen Werken auf 60 000 Euro geschätzt. Watzinger

M ichael Watzinger wird Ende Mai 50 Jahre alt. Er findet


nicht, dass sein bisheriges Leben besonders gut ver-
laufen ist. Er hat zwei Kinder von zwei Frauen, alle
vier wollen nichts mehr von ihm wissen. Er hat mal wieder
glaubt, seine Fundstücke könnten 1,6 Millionen Euro einbringen.
Die Berichterstattung sei Werbung für die Bilder gewesen. Die
Richterin sagt in der Verhandlung, dass sie davon ausgehe, die
Bilder ließen sich verkaufen. Doch über die Frage, was Kunst
keinen Job, lebt von Sozialhilfe. Er hat ein Gerstenkorn auf ist und wie viel sie wert ist, muss sie nicht entscheiden, sondern
seinem rechten Augenlid, das er behandeln lassen muss – und darüber, wem Müll gehört. Und da ist die Rechtslage klar: So-
seit einiger Zeit hat er auch noch Ärger mit Gerhard Richter. lange er nicht abgeholt ist, gehört er Richter.
Am 30. April 2019, sechs Tage nachdem er vom Amtsgericht Die Tür des Cafés geht auf. Rainer Langhans kommt he-
Köln zu 3150 Euro Strafe verurteilt worden ist, weil er vier rein. »Servus Rainer, setz dich her«, sagt Watzinger. Er hat
Bilder des Malers aus dessen Altpa- in einer Mail vor dem Gespräch an-
piertonne gestohlen hat, sitzt Watzin- gekündigt, dass ein prominenter
ger in einem Café in Schwabing und Freund zur Unterstützung vorbei-
erzählt seine Geschichte, vier Stun- kommen werde. Langhans trägt sein
den lang. Er sieht aus wie ein Ver- grau-weißes Langhans-Outfit, Weste,
sicherungsvertreter, den Beruf hat er Leinenhemd und -hose, und bestellt
früher einmal ausgeübt, als noch eine Tasse Goldene Milch, Mandel-
nicht alles gegen ihn lief. Halbglatze, milch mit Kurkuma, Kuchen mag
abgetragenes Sakko, eine Krawatte er nicht probieren, weil Eier im

DIETER MAYR / DER SPIEGEL


mit gelben Sonnenmotiven. Er Teig sind.
spricht mit weichem Münchner Dia- Langhans erzählt, dass der Micha-
lekt, beginnt seine Sätze mit »Mei, el ihn einmal angesprochen und ihm
wissen S’« und rekonstruiert das Ge- vorgeschlagen habe, mit den Frauen
schehene, als wäre es ihm widerfah- zusammen Kunst zu erschaffen, die
ren, einfach so, ohne dass er groß Ein- er dann verkaufen wollte. Langhans
fluss darauf hätte nehmen können. Watzinger, Langhans sei schnell klar geworden, dass der
An einem Sonntag im Juli 2016 Michael als Kunsthändler keine Kar-
fährt Watzinger ins Villenviertel Hahn- riere machen werde. Aber er bewun-
wald in Köln, wo Gerhard Richter lebt dere ihn für seinen Mut, sich mit
und arbeitet. Hinter seinem Atelier, Richter anzulegen, obwohl er, Lang-
einem Flachbau, befindet sich sein Pri- Von der Website Tagesspiegel.de hans, ihm prophezeit habe, dass er
vathaus. Richter ist einer der bedeu- den Kürzeren ziehen werde.
tendsten lebenden Maler, sein teuerstes Bild brachte 41 Millio- Dann hält Langhans einen kleinen Vortrag, der bei den
nen Euro ein. Watzinger möchte Richter eine Mappe mit einem Dylanologen, den Bob-Dylan-Fans, beginnt, die in Dylans
frühen Werk von Sabine Moritz anbieten, Richters Frau. Wat- Müll gewühlt hätten, weil sie irgendetwas von ihrem Gott er-
zinger braucht Geld. Er hat seit Jahren keine feste Anstellung haschen wollten, und bei der Frage endet, ob Eigentum über-
mehr, dafür eine negative Schufa. Er versucht sich als Kunst- haupt zulässig sei. »Ich glaube, Besitz ist Diebstahl«, sagt
händler, besucht Galerien und Auktionen, aber es läuft nicht, Langhans. Die Sache mit dem Geld, die habe er längst hinter
er ist obdachlos. Watzinger klingelt, der minderjährige Sohn sich, weil er gesehen habe, wie scheiße Geld auf alle Men-
von Richter lässt ihn aufs Grundstück. Der Papa sei nicht da, schen wirke. Watzinger nickt. Langhans beugt sich zu seiner
die Mama mit dem Hund Gassi – das soll er laut Watzinger ge- Tasse herunter und schlürft die Goldene Milch.
sagt haben. Als Watzinger das Grundstück verlässt, sieht er in Watzinger sagt, dass er Richter nicht bestohlen, sondern
der Auffahrt zwei Altpapiertonnen. Richter hat immer eine gro- etwas gefunden habe, das Richter wegschmeißen wollte.
ße blaue Tonne in seinem Atelier. Ist diese voll, benutzt er eine Gerhard Richter ließ vor dem Prozess mitteilen, dass es
kleine blaue Tonne. Er entsorgt seinen Papiermüll selbst, schiebt ihm nicht um eine Verurteilung Watzingers gehe. Er wolle
die Tonnen sonntags vor das Tor, weil Montag früh die Müll- nur, dass die Bilder vernichtet würden. Watzinger hat Be-
abfuhr kommt. Watzinger erzählt, dass die kleine Tonne umge- rufung eingelegt. Er will bis in die letzte Instanz und not-
stürzt sei. Es sei stürmisch gewesen, ihr Inhalt durch die Gegend falls ins Gefängnis gehen. »Wenn ich jetzt aufgebe, haben
geflogen. Er habe die Tonne wieder aufgestellt, einige Zeitungen die Justiz und Gerhard Richter erreicht, was sie von Anfang
und Blätter aufgehoben, dabei seien ihm vier Bilder aufgefallen. an wollten ... nämlich mich als Dieb zu brandmarken«,
Übermalte Fotografien, düstere, lila-schwarze Landschaften, schreibt er ein paar Tage nach dem Gespräch in Schwabing
etwas größer als Postkartenformat, kein Zweifel, vier Gerhard- in einer E-Mail.
Richter-Werke. Er nahm sie mit. Die zwei Bilder, die er beim Auktionshaus eingereicht hat-
Watzinger bietet zwei der Bilder dem Auktionshaus Ketterer te, sind beschlagnahmt worden. Die anderen beiden hat er
in München an. Er kann keine Zertifizierung vorweisen. Ger- versteckt. Er will sie behalten, um jeden Preis. Felix Hutt

55
Gesellschaft

Angeklagter Eichmann vor Gericht in Jerusalem 1961: Gnadenlose, zuverlässige deutsche Vernichtungsmaschine

Ist er wirklich tot?


Lebensaufgaben Gabriel Bach war Ankläger, als dem Holocaust-Organisator
HANS H. PINN

Adolf Eichmann in Israel der Prozess gemacht wurde. Seit 58 Jahren erzählt er der Welt
dessen Geschichte – weil er glaubt, dass sie nie zu Ende ist. Von Alexander Osang
56
G
abriel Bach findet sein Auto toffeln entladen hatten, wurden danach »Er lebt noch?«, sagt Bach, als man ihm
nicht. Er läuft vor dem Amtssitz getötet. Der einzige Überlebende war der die Grüße ausrichtet. »Gut. Was sagt er
des israelischen Staatspräsiden- spätere Zeuge. Ein SS-Mann hatte eine denn?«
ten auf und ab, Bach wohnt um Zuneigung zu dem Jungen entwickelt und »Nichts.«
die Ecke. Er parkt oft vorm Präsidenten- stellte ihn als Schuhputzer ein. So hat der Bach nickt. Lächelt wieder.
palast, denn da ist Platz. Er fährt einen Junge überlebt. Er konnte es beschreiben. Gabriel Bach war elf Jahre alt, als seine
Volvo, einen kleinen, er kenne die ersten Er konnte beschreiben, wie es im Innern Familie Berlin verließ, wo er zur Schule
zwei Buchstaben seines Nummernschilds, der Gaskammer war«, sagt Gabriel Bach. gegangen war. Sie flüchteten erst in die
sagt er und die letzten beiden Zahlen. 31. Er lächelt. Er hat das schon oft erzählt, Niederlande, dann in das heutige Israel.
Er murmelt das vor sich hin, den Auto- auch mir. Immer hat er am Ende gelächelt. Er sprach nur Deutsch, als sie dort anka-
schlüssel in der Hand. Er ist 92 Jahre alt Bach sagt, dass sie nach der Aussage die- men. Er wuchs zwischen den schweren
und wirkt in diesem Moment wie ein ses Zeugen eine Pause machen mussten. deutschen Möbeln seiner Eltern in Jerusa-
Mann seines Alters. Er sei in das Büro gegangen, das er wäh- lem auf, ihren alten Büchern, seine Mutter
Als er das Auto in einer Nebenstraße rend des Prozesses als Vertreter der An- lernte nie richtig Hebräisch, sein Vater lüf-
findet, wird er wieder jünger. Er rast durch klage bezogen hatte. Nach ein paar Minu- tete den Hut, wenn er bei Spaziergängen
die engen, verstopften Jerusalemer Stra- ten ging die Tür auf, und Dieter Wechten- einem deutschen Juden, einem »Jecke« be-
ßen nach En Karem, einem Vorort, wo sich bruch erschien, ein junger deutscher gegnete. Es gab immer Kaffee und Kuchen,
der kleine Konzertsaal befindet, den er Anwalt, der gemeinsam mit einem Kolle- wenn Besuch kam. Bach hat in England
mindestens einmal die Woche besucht. Es gen Eichmann verteidigte. Wechtenbruch studiert und sein ganzes Erwachsenen-
ist ein Wintervormittag, Studenten leben in Israel verbracht, seine Kin-
singen Mozart. Auf der Bühne zwei der sind hier geboren, seine Enkel,
dicke Sängerinnen. Die erste Arie er war hier Generalstaatsanwalt
der Königin der Nacht: »O zittre und Richter am höchsten Gericht.
nicht, mein lieber Sohn! Du bist un- Adolf Eichmann war seine erste
schuldig, weise, fromm«. Der Saal Begegnung mit dem Deutschland,
ist fast leer. Bach sitzt in der ersten aus dem er geflohen war.
Reihe und lächelt. Gabriel Bach erinnert sich, wie
Bach mag Klavierkonzerte lie- die Nachricht, dass sie Eichmann
ber, vor allem von Beethoven und gefangen hatten, Israel elektrisierte.
Schumann. Er hat selbst Klavier ge- Hitler, Goebbels und Himmler, die
spielt, in Berlin-Charlottenburg. In Gesichter des Nationalsozialismus,
den Dreißigerjahren. Aber er habe waren tot. Adolf Eichmann stand
nicht genug Talent, sagt er. Und für die gnadenlose, zuverlässige
dann kamen so viele andere Sa- deutsche Vernichtungsmaschine im
chen dazwischen. Flucht. Holo- JONAS OPPERSKALSKI / DER SPIEGEL
Holocaust.
caust. Israel. Eichmann. Bach fuhr in den Norden, in die
Als Bach ein Berliner Junge war, Nähe von Haifa, wo Eichmann im
riefen sie ihn Gert, später wurde er Gefängnis saß. Er traf einen blassen
Gabriel. Jetzt, im Alter, scheint es Mann. Gabriel Bach erkundigte sich
manchmal, als redeten die Träger nach Eichmanns Gesundheit, nach
seiner beiden Vornamen gleichzei- seiner rechtlichen Betreuung. Er
tig. Gert und Gabriel. durfte keine inhaltlichen Fragen stel-
An einem Frühlingsabend sitzt Ex-Staatsanwalt Bach: Er denkt jeden Tag an den Prozess len, weil er sonst kein tauglicher An-
Bach in einem weinroten Samt- kläger mehr gewesen wäre. Und
sessel seines Jerusalemer Wohn- nichts wollte er sehnlicher sein als
zimmers und spricht, wie schon im Herbst, war in Tränen aufgelöst, sagt Bach. Er der Mann, der Eichmann anklagte. Er war
über Deutschland. Hinter ihm auf einem machte Wechtenbruch einen Kaffee und 34 Jahre alt, ein junger Staatsanwalt. Er sah
Wandbord stehen die Fotos der toten Fa- beruhigte ihn. Nach einer Viertelstunde Eichmann öfter als seine Familie. Er arbei-
milienmänner. Bachs Vater, sein Schwie- gingen sie zurück in den Gerichtssaal. Der tete in einem Büro nahe der Zelle des Mas-
gervater, sein ältester Sohn. Da ist auch Ankläger und der Verteidiger. Wechten- senmörders. Er las die Akten, er las die Brie-
ein Bild, das Gabriel Bach in der Rolle sei- bruch war in den Zeiten des Holocaust ein fe, in denen seine Opfer um Gnade baten.
nes Lebens zeigt, 1961, als stellvertreten- Kind gewesen, sagt Bach. Dieser sei von Eichmann hatte niemanden verschont.
der Ankläger im Prozess gegen Adolf Eich- dem Grauen überwältigt gewesen. Er denke jeden Tag an den Prozess, sagt
mann, den Organisator des Holocaust. Das Die Geschichte scheint, wie viele von Bach, bis heute.
Bild ist 58 Jahre alt. Gabriel Bachs Geschichten, am Ende der Wenn man das Verhältnis von Deut-
»Ich habe da gerade einen Zeugen be- Versöhnung mit den Deutschen zu dienen. schen und Juden aus dem vergangenen
fragt. Es war der einzige Zeuge, der in einer Er kocht uns Kaffee, er beruhigt uns. Da- Jahrhundert an einem Mann erzählen
Gaskammer war. Als Kind, mit 200 ande- mit wir weitermachen können. wollte, Bach wäre ein Kandidat. Er wurde
ren Kindern. Sie hatten schon abgeschlos- Dieter Wechtenbruch ist neben Bach 1927 in Halberstadt geboren und als Junge
sen, es war dunkel. Die Kinder haben an- einer der letzten überlebenden Akteure aus Deutschland vertrieben, er klagte als
gefangen zu singen, um sich Mut zu ma- des Eichmann-Prozesses. Er ist Ende acht- Mann den Massenmörder Eichmann an,
chen. Und dann öffnete sich die Tür noch zig, lebt in München, möchte aber nicht den Cheforganisator des Holocaust. Er hat
mal. Es war ein Zug mit Kartoffeln in über den Prozess sprechen. Das habe er das Land, in dem er geboren wurde, lange
Auschwitz angekommen, der entladen wer- noch nie getan, sagt er am Telefon, und gemieden. 30 Jahre später kam er aber
den musste. Man hat 30 Kinder aus der das werde er auch nicht mehr ändern. Ich dann doch zurück, weil es aussah, als ver-
Gaskammer geholt. Die anderen wurden solle Bach grüßen. Er könne nur das Beste suchten die Deutschen, die NS-Verbrechen
gleich getötet. Auch die Kinder, die die Kar- über den Kollegen sagen. verjähren zu lassen. Israel schickte ihn, um

DER SPIEGEL Nr. 20 / 11. 5. 2019 57


Gesellschaft

das zu verhindern. Bach merkte, wie er »Ich höre gelegentlich von einem wach- Arendts These, brauchten Eichmann als
die Sprache vermisst hatte, die Landschaft, senden Antisemitismus in Deutschland«, Sündenbock. Der Prozess baute ihn zu ei-
das Essen, das Wetter und die Tempera- sagt Bach. »Ist da was dran?« nem Monster auf. Er habe den Tod verdient,
mente, die Schumann und Beethoven mög- Nachdem ich auf seinem roten Sofa eine aber sein Tod bedeute keine Erlösung.
lich gemacht hatten. Er erzählte den Deut- Viertelstunde lang die deutsche Situation »Ich weiß bis heute nicht, warum Han-
schen seine Geschichte. Die Geschichte auseinandergenommen und wieder zu- nah Arendt mein Angebot nicht angenom-
des Mannes, der das personifizierte Böse sammengesetzt habe, den Antisemitismus, men hat, mit mir zu sprechen«, sagt Bach.
zur Strecke gebracht hatte. Sie schien ih- der nie weg war, immer nur unterdrückt, Hat er ihr Buch gelesen?
nen gutzutun. Sie wollten sie immer wie- all die Wut und die Angst, den Osten, den Ȇberflogen. Es stimmt einfach so vieles
der hören. Er erzählt sie bis heute. Westen, die sogenannte Flüchtlingskrise, nicht«, sagt Bach. »In einem dieser Inter-
Wenn deutscher Besuch kommt, holt die Humorlosigkeit, das schlechte Wetter views, die er diesem ehemaligen hollän-
Bach den Umschlag mit den Bildern seines und Björn Höcke, sagt Bach: »Ich habe da- dischen SS-Mann in Argentinien gegeben
Lebens. Es gibt die Fotos, die ihn mit nass von nie irgendwas gespürt. Ich werde in hat, sagt Eichmann: ›Wenn ich eins bereue,
gescheiteltem Haar als Schüler der Theo- Deutschland immer mit so viel Freundlich- dann, dass ich nicht hart genug war, dass
dor-Herzl-Schule in Berlin-Charlottenburg keit empfangen. Es ist unglaublich, wie ich nicht scharf genug war.‹ So redet kein
zeigen, Fotos vom Eichmann-Prozess, nett die Leute zu mir sind.« Mann, der nur ein Befehlsempfänger war.«
Fotos, auf denen er ein Trikot von Es sieht so aus, als würde Bach
Schalke 04 trägt, das er in aus seinem roten Sessel mit Han-
Deutschland geschenkt bekam, nah Arendt reden.
als man erfuhr, er sei als Kind ein »Sie war mit diesem Nazi zu-
Fan des Gelsenkirchener Vereins sammen, das wissen Sie?«, sagt er.
gewesen, weil der dieselben Far- »Heidegger.«
ben trug wie die Fußballmann- Adolf Eichmann ist der einzige
schaft der Theodor-Herzl-Schule. Angeklagte in der Geschichte der
Er hält die Fotos hoch wie Be- israelischen Justiz, der hingerich-
weisstücke. tet wurde. Aber Bach scheint
Es gibt immer Kaffee und Ku- manchmal nicht zu wissen, ob er
chen, wenn man Bach besucht. wirklich tot ist.
Zur Begrüßung steht er in der Tür Es gibt noch die Bücher, die
seiner Jerusalemer Wohnung. Im- Protokolle, aber die Leute, die da-
mer im Anzug. Auf dem Tisch bei waren, sterben aus. Einer der
liegt sein kleiner Taschenkalender letzten Zeugen ist der Ankläger.
mit den Terminen. Da stehen vie- Wenn man Bach ein paar Monate
le Anfragen deutscher Organisa- begleitet, spürt man die verblas-
tionen drin. Politiker, Studenten, senden Erinnerungen, von der sie
Vereine, Klubs. Das vergangene reden, wenn irgendein Jubiläum
JONAS OPPERSKALSKI / DER SPIEGEL

Jahr war besonders intensiv. ansteht oder Idioten durch deut-


Es war der 70. Geburtstag Isra- sche Innenstädte marschieren, die
els, die Deutschen brachten Ge- Erinnerungen, von denen Angela
schenke. Sie haben in einer kleinen Merkel sprach, als sie im vergan-
Brauerei im Norden von Tel Aviv genen Herbst Jerusalem besuchte.
ein Jubiläumsbier gebraut, nach Gabriel Bach versucht, den Schre-
deutschem Reinheitsgebot, die Jun- cken wachzuhalten und die Sinne
ge Union hat in der Negev-Wüste scharf. Nicht zu vergessen und
Bäume gepflanzt. Vor ein paar Tochter Bach: »Sie tragen all die Schuld und Wut mit sich herum« dennoch zu vergeben. Hannah
Monaten besuchte Martin Schulz Arendt zu kontrollieren. Er muss
Israel und auch Gabriel Bach. Sie das alles gleichzeitig bewältigen.
kennen sich seit Jahren. Schulz hat Bach Er lächelt mich an wie einen Kranken. In seinem Alter. Es gibt Situationen, in de-
2012 nach Brüssel ins Europaparlament ein- Der Prozess gegen Adolf Eichmann hat nen man Bach dabei zuschauen kann, wie
geladen und besucht ihn, wenn er in Israel Israel geformt und auch Deutschland ver- er in der Zeit verschwindet.
ist. Er war mit Bach in Yad Vashem. Sie ha- ändert. Er hat den jüdischen Opfern eine Wilhelm Haas war von 1985 bis 1990
ben oft über den Eichmann-Prozess geredet, Stimme gegeben und dem deutschen Mas- deutscher Botschafter in Israel und kommt
seine Bedeutung für Israel und für Deutsch- senmord ein Gesicht. Es gab Kameras und einmal im Jahr zurück, um ein bisschen
land. Gabriel Bach mag Schulz. Er mag Protokollanten, und es gab die Bücher. Das Golf zu spielen und alte Freunde zu treffen.
auch Gustav Heinemann. Er führte Heine- bekannteste ist wohl das von Hannah Am letzten Abend gibt er jedes Mal ein
mann bei dessen ersten Israelreise durch Arendt, die aus New York anreiste, um den Essen, zu dem er seine wichtigsten Be-
das Land. Sie wurden Freunde, sagt er. Prozess zu beobachten. In ihren Reporta- kannten aus seiner Botschafterzeit einlädt.
»Wie denkt man in Deutschland über gen über die »Banalität des Bösen« be- Politiker, Wirtschaftsleute, Diplomaten,
Gustav Heinemann?«, fragt Bach. schreibt sie eine Gerichtsverhandlung, die Künstler. Die meisten sind über achtzig.
»Die meisten haben ihn vergessen.« inszeniert sei wie ein Theaterstück. Regie Gabriel Bach ist immer dabei, auch im ver-
»Schade«, sagt Bach. führte ihrer Meinung nach Premier David gangenen November. Haas nennt ihn Gabi.
Er erzählt, dass er bei einem offiziellen Ben-Gurion. Israel, so Hannah Arendt, Eine Stunde vor dem Abendessen inspi-
Abendessen mal in einem Saal mit Angela nutzte den Eichmann-Prozess, um seinen ziert Wilhelm Haas mit seiner Frau das
Merkel saß. Vor dem Dessert sei sie zu sei- Staat zu rechtfertigen und mit allen Mitteln Büfett. Es ist für 21 Leute eingedeckt. Es
nem Tisch gekommen und habe ihn um verteidigen zu können, Deutschland habe werden jedes Jahr weniger. Im Jahr zuvor
seine Visitenkarte gebeten. Das sei Jahre zeigen wollen, dass es an Aufarbeitung in- sind 3 Stammgäste gestorben. Dennoch,
her. Angerufen hat sie nie. teressiert sei. Beide Länder, so ist Hannah in keinem Land der Welt würden so viele

58 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11. 5. 2019


Leute kommen, 28 Jahre nachdem man es zählt, wie er 1936 im Olympiastadion in der Es führt ihn zu der Geschichte des Mäd-
verlassen hat, sagt Haas. Seine Familie floh Nähe von Hitler saß, als Jesse Owens die chens mit dem roten Mantel. Ein Zeuge
aus Deutschland 1939, weil seine Mutter 100 Meter gewann. In seinem Schoß liegt erzählte ihm im Prozess, wie er in wenigen
Jüdin war, sie zogen nach Peking und ka- der Umschlag mit den Fotos seines Lebens. Minuten seine gesamte Familie verlor. Sei-
men erst nach dem Krieg zurück. Haas Die 16 Nachwuchsjournalisten der Sprin- ne Frau und seine Kinder wurden nach der
war Botschafter der Bundesrepublik in To- ger-Akademie sitzen auf den Bänken wie Ankunft in Auschwitz nach links in den
kio und den Niederlanden, er war in Paris, eine müde Jury. Sie haben gerade gefrüh- Tod geschickt, er musste nach rechts und
Brüssel und Nairobi, aber Israel sei seine stückt, nach der Veranstaltung müssen sie überlebte. Das Letzte, was er sah, war der
beste Zeit gewesen, sagt er. Er ist 87 Jahre aus dem Hostel auschecken und weiterzie- rote Mantel seiner kleinen Tochter.
alt. Morgen fliegt er zurück nach Bonn. hen nach Tel Aviv. Bach hält sein Plädoyer. »Nachdem er das gesagt hatte, konnte
»Das war meine letzte Reise nach Isra- Seit 58 Jahren beweist er, dass Eich- ich ein paar Augenblicke lang nicht wei-
el«, sagt Wilhelm Haas. mann schuldig ist. Dass er nicht nur ein termachen«, sagt Gabriel Bach. »Ich hatte
Warum? kleines Rädchen im Getriebe der großen ja damals, 1961, eine Tochter, die so alt
»Weil ich taub bin«, sagt er. Nazimaschine war, wie Hannah Arendt war. Zweieinhalb Jahre. Und am Wochen-
Seine Frau Sylvia sagt, er könne Gesprä- behauptete, sondern das Mastermind des ende zuvor hatten wir ihr ein rotes Män-
chen nicht mehr folgen. Sie muss für ihn Holocaust. telchen gekauft. Ich sah sie vor mir.«
übersetzen. Ihr Mann wird beim Man kann das Protokoll seiner
letzten Dinner neben ihr sitzen. Befragung dieses Zeugen in der
Auf der anderen Seite Gabi Bach. Gedenkstätte Yad Vashem nach-
Als Gastgeberin kümmere man lesen.
sich um die Ältesten. Bachs Frau Der Zeuge heißt Dr. Martin Föl-
Ruth komme ja auch nicht mehr. di. Ein Anwalt, der die Augenbli-
»Ich hoffe, er redet nicht über cke, in denen er in Auschwitz sei-
Eichmann. Dann hört er nicht ne Familie verlor, in nüchternen
mehr auf«, sagt Frau Haas. Es sei Worten beschreibt.
ihr unangenehm, ihn gerade in »Der rote Punkt wurde kleiner
dieser Sache zu bremsen, aber und kleiner. Ich ging nach rechts
wenn Bach über Eichmann rede, und sah sie nie wieder«, sagt Földi.
sei praktisch kein anderes Ge- Dann geht die Befragung des
spräch mehr möglich. Staatsanwalts Gabriel Bach weiter.
»Beim letzten Mal habe ich ihm Es ist diese Befragung, die Steven
vorher gesagt: ›Lieber Gabi, dies- Spielberg später offenbar in sei-
mal bitte kein Eichmann‹, sagt nem Film »Schindlers Liste« dazu
Sylvia Haas. inspirierte, ein Mädchen in einem
Heute ist der Eichmann-Prozess roten Mantel durch seine schwarz-
Schulstoff. Material für einen Film. weißen Gettoszenen irren zu las-
JONAS OPPERSKALSKI / DER SPIEGEL

Vor ein paar Jahren hat Barbara sen. Ein Farbtupfer in einem Hol-
Sukowa in Margarethe von Trottas lywoodfilm. Bachs Erinnerungen
Film Hannah Arendt gespielt. Sie müssen auch damit mithalten. In
musste viel rauchen und Sätze den Protokollen von Yad Vashem
aus dem Geschichtsbuch aufsagen. aber spürt man keine Rührung,
Das verzweifelte deutsche Gewis- man spürt Dringlichkeit und Klar-
sen, das mit Heidegger durch den heit in den Worten des Anklägers.
Wald läuft. Gerade brachte Holly- Er zeichnet den Weg nach, den
wood »Operation Finale« heraus, Familienfotos*: »Diesmal bitte kein Eichmann« Földi und dessen Familie aus
eine Räuberpistole, in der Adolf ihrem ungarischen Grenzstädt-
Eichmann von Ben Kingsley gege- chen nach Auschwitz gegangen
ben wird, der auch schon Gandhi spielte Arendt beschreibt den Eichmann-Pro- sind, das Getto, die Zugreisen, die Separa-
und Itzhak Stern, Oskar Schindlers Buch- zess in ihren Texten als Show der Staats- tion, das System. Eichmann.
halter. Vor ein paar Wochen hat der WDR anwaltschaft, mit der eine radikale natio- Als eine Stunde vorbei ist, muss die Axel-
eine App für deutsche Schulen vorgestellt, nalistische Politik Israels gerechtfertigt Springer-Studentin, die die Veranstaltung
in der Zeitzeugen über die deutsche Ge- werden sollte. Sie scheint einen israeli- leitet, ein bisschen drängeln. Sie versucht
schichte erzählen. Sie sollten schnell nach schen Ministerpräsidenten wie Benjamin den Redefluss von Gabriel Bach zu stoppen,
Jerusalem kommen, um Gabriel Bach auf- Netanyahu vorauszusehen. Gabriel Bach bevor er die nächste Geschichte erreicht.
zunehmen. aber hat keine Lust, seine Erfahrungen an Es war sehr interessant und bewegend,
Am nächsten Morgen spricht Gabriel der israelischen Gegenwart zu messen. Er vielen, vielen Dank, wir könnten noch
Bach im Post Hostel in Jerusalem vor Ab- möchte nichts zum Nationalstaatsgesetz stundenlang zuhören, müssen aber leider
solventen der Berliner Axel-Springer-Aka- sagen, nichts zum Konflikt mit den Paläs- weiter.
demie, die die Abschlussreise ihres Jahr- tinensern, nichts zu Netanyahu. Bach nickt. Er sagt: »Haben Sie viel-
gangs nach Israel machen. Bach sitzt auf Er beschreibt den verschlafenen Sprin- leicht noch fünf Minuten?«
einem Stuhl neben einem Billardtisch und ger-Studenten, wie Eichmann nach Bu- Er redet gegen das Vergessen an, bis die
redet eine Stunde lang ohne Pause. Er han- dapest fuhr, um dort die Deportation und Blumen kommen. Der Fahrer bringt ihn
gelt sich von Episode zu Episode. Berlin. die systematische Ermordung von Hun- nach Hause. Die jungen Leute aus Berlin
Amsterdam. Jerusalem. Auschwitz. Der derttausenden ungarischen Juden zu orga- checken aus, manche rauchen noch schnell
Fußtritt des SS-Mannes, der ihn aus Deutsch- nisieren. eine Zigarette auf der Terrasse im hell-
land beförderte, Schalke 04, die Theodor- blauen Jerusalemer Winterhimmel. Der
Herzl-Schule in Charlottenburg. Bach er- * In Bachs Wohnung. Reiseleiter der Delegation sagt mir, interes-

59
sant sei auch Noah Klieger, der Bach lächelte schmal. Nicht
behauptet hatte, Boxer zu sein, stolz, eher pflichtbewusst. Er
um Auschwitz zu überleben. schien auch hier, auf der Hoch-
Auch der sei alt. Man müsse zeit seines Enkels, in seiner Er-
sich beeilen. zählung gefangen zu sein. Er
Klieger stirbt ein paar Tage wird noch gebraucht.
später. Er wurde 92 Jahre alt. Im März starb Rafi Eitan, der
Gabriel Bach ist im März Mossad-Agent, der Eichmann in
92 geworden, seine Tochter Argentinien gefasst hatte. Eitan
Orli, das Mädchen, das früher wurde 92 Jahre alt. Im israeli-

JONAS OPPERSKALSKI / DER SPIEGEL


mal ein rotes Mäntelchen trug, schen Wahlkampf posiert die
ist inzwischen 60 Jahre alt und Justizministerin mit einem Par-
arbeitet als Psychotherapeutin füm, das »Faschismus« heißt. Es
in Tel Aviv. gibt einen deutschen Außenmi-
»Meine früheste Erinnerung nister, der sagt, er sei wegen
ist die Stimme meines Vaters Auschwitz in die Politik gegan-
im Radio. Die Stimme des Eich- gen. Man möchte Gabriel Bach
mann-Anklägers«, sagt Orli festhalten, aber er entgleitet uns.
Bach. Jurist Bach mit Prozessfoto*: »Was will dieser Eichmann von uns?« Er nimmt die Einladungen
Sie hat die Geschichte des nach Deutschland nicht mehr
Mädchens im roten Mantel oft an, weil er seine Frau nicht allein
gehört, aber verstanden hat sie die Wir- Arm hoch und rief: ›Heil Hitler‹. Er stand lassen will, die tief in das Vergessen einge-
kung erst, als sie gemeinsam nach Berlin einen Meter von mir entfernt. Ich habe taucht ist. Meist liegt Ruth Bach im Bett,
reisten. Orli Bach begleitete ihren Vater am ganzen Leib gezittert. Ich fühlte mich wenn man zu Besuch kommt, aber manch-
zum 50. Jahrestag des Eichmann-Prozes- sehr jüdisch in dem Moment«, sagte Orli mal sitzt sie auch in einem der roten Sessel
ses in die Gedenkstätte »Topografie des Bach. zwischen den Bildern der Familie.
Terrors«. Es war das erste und einzige Mal, Ihr Vater habe es überhaupt nicht mit- »Als unsere Orli ein kleines Mädchen
dass sie Deutschland besuchte. Ihr Vater bekommen, sagt sie. Vielleicht konnte er war, kam sie mitten in der Nacht zu uns
redete vor Abgeordneten des Bundestags, es sich auch nicht mehr vorstellen. ans Bett und fragte: ›Was will dieser Eich-
auch über das Mädchen im roten Mantel, Zu seinem Geburtstag bekam Gabriel mann von uns?‹«, sagt Ruth Bach.
das ihn an seine Tochter erinnert habe. Er Bach Anrufe aus Amerika, aus Deutschland Gabriel Bach sieht erschöpft aus. Seine
stellte Orli vor, wildfremde Leute fielen und aus aller Welt, sagt er. Von wem, weiß Frau hat den Satz an diesem Nachmittag
ihr um den Hals. Weinten, ließen sie nicht er schon am Abend nicht mehr genau. schon zehnmal gesagt. Es ist der einzige
mehr los. Sie fand das sehr berührend, »Im Moment muss ich zu Hause bleiben. Satz, den sie sagt. Immer wieder.
aber auch überwältigend und verstörend. Die Gesundheit«, sagt er. »Ich hoffe aber, Bach erzählt, wie er am Tag vor Eich-
Sie wurde zu Stolpersteinen geführt, in dass ich bald wieder aufbrechen kann, auf manns Hinrichtung noch einmal bei ihm im
Gedenkstätten und Straßen, die nach Ho- die Kontinente.« Gefängnis gewesen sei, um ihm eine Frage
locaust-Opfern und israelischen Politikern Er hält sich aufrecht, aber er wird schwä- zu Partisanenkämpfen in Jugoslawien zu stel-
benannt wurden. cher. Vor acht Jahren erschienen Bachs Le- len. Er glaubt, dass Eichmann den Israelis
»All die Rabin- und Jerusalemstraßen benserinnerungen in Israel. Sie werden ge- nicht zugetraut habe, die Todesstrafe wirk-
wurden uns vorgeführt wie Beweise«, rade ins Deutsche übertragen. Als Bach die lich zu vollstrecken. Bach hatte als Student
sagt sie. Übersetzung las, konnte er sich an vieles in England einen Aufsatz geschrieben, in
In der Villa Wannsee bekamen sie eine nicht mehr erinnern. Es ist gerade wieder dem er die Todesstrafe ablehnte. Er bezwei-
Führung von einem Mann, der eine riesige Jahrestag des Eichmann-Prozesses. Der 58. felte ihre erzieherische Wirkung. Eichmann
Wut auf die Deutschen zu haben schien. diesmal. Manchmal ruft jemand an, um ihn aber, sagt er, musste hingerichtet werden.
Später habe er ihnen erklärt, dass sein zu interviewen oder irgendwohin einzula- Bach war im Badezimmer, als sie im Radio
Vater SS-Arzt gewesen sei. den. Meist nach Deutschland. Aber er ist die Nachricht brachten, dass das Gnadenge-
»Er verstand seine Museumstätigkeit als auch in Japan beliebt und in Amerika. Das such abgelehnt worden war. Er wusste, dass
eine korrektive Erfahrung. Sie tragen all ist ihm im Moment alles zu weit weg. Seine sie Eichmann dann eine Stunde später töten
die Schuld und die Wut mit sich herum. Kinder flehen ihn seit Jahren an, nicht würden. »Meine Frau hat es mir gesagt. Ich
Beides hat ja oft die gleiche Ursache. Das mehr Auto zu fahren. Er sagt, er fühle sich bin wohl doch blass geworden. Ich hatte
schlechte Gewissen und die Aggression«, im Auto sicherer als auf dem Bürgersteig, ja viel Zeit mit ihm verbracht«, sagt Bach.
sagt Orli Bach. hat aber nun aufgegeben. Er hat den Volvo Er sieht seine Frau an. Sie sieht ihn an.
Weil ihr Vater in Halberstadt geboren seinem Enkel zur Hochzeit geschenkt. Die Sie lächelt. Sie scheint sich an die Nacht
wurde, organisierten die deutschen Gast- Feier fand genau an dem Tag statt, als in zu erinnern, als alles vorbei war, als der
geber eine Reise dorthin, schickten ein Israel gewählt wurde. Bach verriet nicht, Schrecken zu Ende ging. Dann sagt sie:
Auto und besorgten auch Kippas für Bach für wen er gestimmt hat. Am Abend stand »Als Orli ein kleines Mädchen war, kam
und seinen Sohn Michael, damit sie die er mit dem Brautpaar und dessen Eltern sie mitten in der Nacht zu uns ans Bett und
jüdischen Friedhöfe von Halberstadt be- unter dem Baldachin, den sie am Meeres- fragte: ›Was will der Eichmann von uns?‹«
suchen könnten, wo einst eine große jüdi- strand aufgebaut hatten. Bach trug eine »Ja doch, Ruthi«, sagt Bach.
sche Gemeinde lebte. Sie bekamen eine weiße Kippa. Der Rabbi, der seinen Enkel
Führung durch die Stadt, und als sie von traute, hat als Kind Buchenwald überlebt.
einem Friedhof zum anderen liefen, nä- Er erinnerte in seinem Segen an Gabriel Video
Der Eichmann-Ankläger
herte sich ihnen von hinten ein Mann, sagt Bachs Rolle im Eichmann-Prozess. Die
Orli Bach. Hochzeitsgesellschaft klatschte. spiegel.de/sp202019bach
»Ich war die Letzte. Ich schloss die Tür oder in der App DER SPIEGEL
zum Friedhof. Da riss der Mann seinen * Gabriel Bach (vorn) beim Eichmann-Prozess 1961.

60
Gesellschaft

Fleisch gibt es viele Punkte. Im europäischen Leistungsver-

Im Zeichen der gleich seien die Briten deshalb längst außen vor.
13.30 Uhr, Disziplin 2.1, Ausbeinen und Grobzerlegen –
Buschmann hebelt, hackt und schabt schwitzend an einer

Speckblume Rinderschulter, die eine Badewanne ausfüllen würde. Am


Morgen hat er aus anderthalb Kilogramm Schweinebauch
Speckblumen geknetet, Schwarte eingekocht und angeröstet,
das ergibt Schwartenchips. Buschmann absolvierte Praktika
Ortstermin In Frankfurt schlachtern deutsche bei Daimler und in einer Bank, nach dem Abitur fand er
Nachwuchsmetzger bei der Europa- dann in der elterlichen Metzgerei bei Bremen seine Berufung.
meisterschaft der Fleischerjugend um die Wette. Es gehe ihm um das bestmögliche Produkt, er wolle Fleisch
mit Hingabe »veredeln«, und zwar mit seinen eigenen Hän-
den, so sagt er das. Was er schafft, kann angefasst, kann ver-

A m Sonnabend, 4. Mai, Punkt 9.30 Uhr, eröffnet Jean-


Marie Oswald, Präsident des Internationalen Metz-
germeisterverbandes, »drei, zwei, eins, los!«, die
Europameisterschaft der Fleischerjugend. Für die deutsche
zehrt werden. Buschmann ist Fleischer aus Leidenschaft.
Sein Beruf genießt kein hohes Ansehen, das weiß er. »Bei
Fleischern denken die Leute immer noch an blutige Schürzen
und ans Wühlen in Innereien«, sagt er. Und dann sind da noch
Nationalmannschaft starten Raphael Buschmann und Ma- die vielen Vegetarier, sie werden immer mehr, »grüne Welle«
nuel Kirchhoff, Jahrgang 1995 und 1997. Sie tragen rote nennen sie die hier, und die Welle ist schlecht fürs Geschäft.
Hemden, auf denen der Bundesadler prangt. Buschmann, Auf der IFFA sieht man Grün eher als Petersilie unterm
Deutschlands bester Jungfleischer 2017, rollt Brät von Hüftsteak. Versteckt in einer Halle ganz hinten sitzt eine asia-
Oldenburger Pinkel und Kochwurst auf Kartoffelmehlteig tische Dame an einem Ständchen wie in einem Schuhkarton,
aus, eine Grünkohlpastete sie lächelt und informiert
soll das werden. In sechs Dis- über Sojaprotein. Ab und zu
ziplinen gilt es, Fleisch mit gehen ein paar glatzköpfige
Messern, Sägen und Beilen Kerle an ihr vorüber und win-
zu küchenfertigen Produk- ken ihr zu, dann stoßen sie
ten zu verarbeiten. Dabei sich an und lachen und flüs-
geht es um mehr als nur um tern. Die Frau lacht dann
den Titel des Europameis- auch und winkt schüchtern
ters. Das Fleischerhandwerk zurück. Sie hat hier nichts zu
scheint zu sterben. Europa- melden, denn das hier ist
weit mangelt es den Metz- Fleischland. Die Fleischrepu-
gern an Nachwuchs, beson- blik Deutschland.
ders in Deutschland, wo in Sorgen um die Branche
den vergangenen zehn Jah- verfliegen auf der IFFA an
ren laut Zentralverband des der schieren Fleischeslust.
Deutschen Handwerks jeder Während das Handwerk
dritte Betrieb schließen schwindet, strotzt die Indus-
musste. Der Titel verspricht trie vor Kraft, 60 Kilogramm
Prestige und frischen Zulauf: Fleisch verspeist ein Deut-
Die Jungfleischer schlach- scher pro Jahr. Wer Rang und
tern hier um ihre Zukunft. Namen hat, stellt hier seine
Der Wettkampf wird aus- Maschinen aus: Brühwurst-
getragen auf der Interna- anlagen, Würstchenfülllinien
tionalen Fleischwirtschaft- Kirchhoff, Buschmann mit vollautomatisierter Darm-
lichen Fachmesse, kurz IFFA, abdrehung, Schinkenpressen
mehr als tausend Aussteller und gigantische Fleischwölfe
auf 120 000 Quadratmetern, Selbsteinschätzung »Weltleit- aus gebürstetem Stahl, in denen man ausgewachsene Ochsen
messe«. Sie findet statt in Frankfurt am Main, nahe den Spie- versenken könnte. Die größten und glänzendsten Stände ha-
geltürmen der Banken, in denen Finanzprodukte erfunden ben die deutschen Maschinenbauer, sie werben für sich mit
werden, hoch über dem Frankfurter Boden, auf dem das Wirtschaftlichkeit und Präzision, kein Gramm Brät, kein
Sachsenhäuser Schnitzel erfunden wurde, panierte Schwei- Millimeter Muskel soll verloren gehen.
nestücke, mit Handkäse überbacken und mit geschmelzten Buschmann und Kirchhoff jedenfalls schneiden und spie-
Zwiebeln. ßen im Wettbewerbsverlauf Fleisch zu prächtigem Grillgut,
Die Konkurrenz für Buschmann und Kirchhoff ist stark, das so an keiner Supermarktkühltheke des Landes zu haben
je zwei ausgelernte Metzger aus den Niederlanden, Öster- ist, angefeuert von entfesselten »Auf geht’s, Deutschland«-
reich, der Schweiz, Großbritannien und Frankreich. Titelver- Rufen ihrer Fans.
teidiger ist die Schweiz, welche die Jury 2018 in Paris unter Am Ende wird das Team aus den Niederlanden zum Euro-
anderem mit einer herausragend hergerichteten Lammkeule pameister gekürt, Deutschland geht leer aus. Die Mitglieder
überzeugte. Die Briten hingegen, vertreten durch zwei mas- der Nationalmannschaft werden zurückkehren in ihre Fami-
sige, blasse Burschen mit Händen wie Bratpfannen, seien lienbetriebe, ein Pfund Gehacktes, zwei Scheiben Kassler,
traditionell zu vernachlässigen, so ist zu hören. In Großbri- zurück in ihren Alltag. Buschmann und Kirchhoff werden
tannien werde Fleisch meist am Knochen in die Auslage ge- weiterschlachtern, mit ihren eigenen Händen, gegen eine
legt, die Metzger verstünden deshalb wenig vom sogenannten Industrie mit ihren Maschinen, die alles immer schneller,
Vlies, jener filigranen Gewebeschicht, auf deren saubere Ent- sauberer und effizienter beherrscht. Sie werden schlachtern,
fernung die Juroren im Wettbewerb achten, nur für blankes einer ungewissen Zukunft entgegen. Max Polonyi

DER SPIEGEL Nr. 20 / 11. 5. 2019 61


Wirtschaft
»Ein Verbot von Glyphosat wäre für uns eine Katastrophe.« ‣ S. 70

F. BOILLOT / SNAPSHOT-PHOTOGRAPHY
Klöckner

Lebensmittelsicherheit

Ministerin schwächt Kontrolleure


Neue Vorschriften sollen Zahl der Inspektionen auch in Risikobetrieben verringern.
 Lebensmittelinspektoren sollen künftig seltener zu Pflicht- wegen Personalmangels vielerorts zu wenig Überprüfungen
besuchen ausrücken als bisher. Dies geht aus einem Referen- statt. »Doch statt mehr Personal in den Ämtern einzustellen,
tenentwurf des Bundesernährungsministeriums hervor, in will Frau Klöckner die Kontrollhäufigkeit dem Personalman-
dem die Kontrollfrequenz neu festgelegt wird. Die Verbrau- gel anpassen«, kritisiert Foodwatch-Geschäftsführer Martin
cherschutzorganisation Foodwatch warnt vor einem höheren Rücker. Auch der Bundesverband der Lebensmittelkontrol-
Risiko für Verbraucher, sollte die Vorschrift verabschiedet leure sieht den Entwurf »sehr kritisch«: »Nur eine gute
werden. Dann müssten etwa, so steht es im Entwurf, Routine- Unternehmensführung sollte zu weniger Kontrollen führen,
kontrollen in Fleischbetrieben, die der höchsten Risikoklasse nicht die Kassenlage der öffentlichen Hand«, sagt Vorsitzen-
zugeordnet sind, nicht mehr täglich, sondern nur noch »häu- de Anja Tittes. Das Ministerium bestreitet eine Verringerung
figer als monatlich« stattfinden. Ein Restaurant, in dem der Kontrolldichte, der Entwurf würde vielmehr die Effi-
schwere Hygienemängel festgestellt wurden, würde statt zienz steigern. Foodwatch stellt das interne Papier am Sonn-
viertel- nur noch halbjährlich kontrolliert. Schon jetzt finden tag auf seine Website. MSC

Sponsoring 2020 will das Unternehmen noch 330 000 Wirtschaft, Kultur und Umwelt ausge-
Deutsche Bank spendet Euro beisteuern, ab 2021 dann gar nichts zeichnet. Die Deutsche Bank lässt die
mehr. Wie es weitergeht, ist offen. 2005 Gründe ihres Ausstiegs offen. Allerdings
deutlich weniger hatten die Bundesregierung und der Bun- hat Vorstandschef Christian Sewing dem
desverband der Deutschen Industrie Konzern einen Sparkurs verordnet. 2018
 Die Imagekampagne »Ausgezeichnete mit Blick auf die Fußballweltmeisterschaft hatte die Bank für Kunst-, Kultur- und
Orte im Land der Ideen« muss ab 2021 in Deutschland im Jahr darauf die Stand- Sportprojekte sowie Gemeinnütziges
ohne Finanzspritzen der Deutschen Bank ortinitiative »Deutschland – Land der weltweit bereits nur noch 53,7 Millionen
auskommen. Noch 2018 hatte die ange- Ideen« gegründet. Deren Vorzeigeprojekt Euro spendiert, mithin 27 Prozent weni-
schlagene Bank das Budget mit 900 000 ist die »Ausgezeichnete Orte«-Kampagne. ger als 2016. In den kommenden Jahren
Euro komplett allein finanziert, 2019 sinkt Bis heute wurden Tausende Projekte aus dürfte das gesellschaftliche Engagement
der Beitrag bereits auf 660 000 Euro. Für Bildung, Wissenschaft, Gesellschaft, weiter abnehmen. BAZ, MSA

62 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019


Luftfahrt Landwirtschaft
Jede zweite Stewardess Kostentreiber Staat
wurde sexuell belästigt  Angesichts des Klimawandels fordert
der rheinland-pfälzische Landwirt-
 Fast jeder zweite Kabinenmitarbeiter schaftsminister Volker Wissing (FDP) die

JACOB SCHRÖTER / IMAGO


von Fluglinien hat schon einmal sexuel- Bundesregierung auf, die Steuer auf Ver-
le Belästigung am Arbeitsplatz erfah- sicherungen zu senken, mit denen sich
ren. Das ergab eine Onlineumfrage der Landwirte gegen Dürreschäden ab-
Flugbegleiter-Gewerkschaft UFO, an sichern können. »Die Steuer auf Dürre-
der 1145 Personen teilnahmen. Am häu- versicherungen ist kontraproduktiv und
figsten fanden die Vorfälle an Bord wirkt wie eine Strafsteuer«, sagt Wis-
statt, oft aber auch zwischen Flügen, im sing. Bei diesen Policen werden 19 Pro- Ausgetrocknetes Feld
sogenannten Layover. Täter waren zu zent Steuer auf die Versicherungssumme
mehr als 45 Prozent Vorgesetzte an fällig. Bei Versicherungen gegen Hagel, halb solle der Steuersatz für diese Ver-
Bord: Das können sowohl Piloten als Starkregen oder Sturm beträgt der Steu- sicherungen ebenfalls auf 0,03 Prozent
auch höher gestellte Flugbegleiter sein, ersatz dagegen nur 0,03 Prozent. Wis- sinken. »In Zeiten zunehmender Extrem-
die sogenannten Kabinenchefs. 26 Pro- sing fürchtet, dass Dürreversicherungen wetterereignisse, darunter Dürren, sollte
zent der Übergriffe wurden laut Umfra- für Landwirte auch durch die Steuerlast der Staat alles tun, den Landwirten eine
ge durch ein gleichrangiges Crewmit- unbezahlbar würden, weil die Prämien Absicherung zu erleichtern«, schlägt
glied begangen, 25 Prozent durch Pas- dafür ohnehin schon hoch seien. Des- Wissing vor. REI
sagiere. Nur wenige Taten wurden von
den Betroffenen intern oder bei der
Polizei angezeigt – zum Teil auch, weil
sie Konsequenzen fürchteten. 86 Vor- Bundesfinanzministerium sorgt die übergestülpte Struktur für
fälle wurden den Unternehmen gemel- Üppige Ausstattung Unmut. Manchen Ministerialen ärgert,
det, in 16 Fällen hatte das Folgen für dass sich Scholz jetzt drei Strategierefera-
die Täter; darunter waren Abmahnun-  Finanzminister und Vizekanzler Olaf te leistet, deren Zuständigkeiten sich
gen oder ein Eintrag in die Personal- Scholz (SPD) hat die Führungsebene sei- zudem überlappen. Die Entscheidungsab-
akte. 73 Prozent der Befragten waren nes Ministeriums üppiger ausgestattet als läufe und Aktenwege seien länger gewor-
Frauen; 51,7 Prozent der Frauen berich- vom Bundestag zugestanden. Insgesamt den, klagen Beamte. Altgediente Mitar-
teten, Opfer sexueller Belästigung sind in der Leitung des Bundesfinanzmi- beiter beschweren sich zudem darüber,
geworden zu sein. Unter den Männern nisteriums 144 Dienstposten vorhanden. dass in der neuen Abteilung vergleichs-
ist die Quote ebenfalls hoch: 43,7 Pro- Das geht aus einer Kleinen Anfrage der weise junge Mitarbeiter mit SPD-Partei-
zent geben an, am Arbeitsplatz sexuell FDP-Bundestagsfraktion hervor. Vorgän- buch auf Leitungsposten befördert wor-
bedrängt worden zu sein. Die Umfrage ger Wolfgang Schäuble (CDU) kam noch den seien, die über wenig Verwaltungser-
war zugänglich für jedermann, sodass mit 95 Dienstposten in der Führungseta- fahrung und Fachkenntnis verfügten.
theoretisch auch Personen mitgemacht ge aus. Der Bundestag hatte Scholz zwar »Statt endlich zur Sacharbeit zu kommen,
haben könnten, die nicht im Flugdienst 41 zusätzliche Stellen zugestanden, um baut Scholz lieber sein Ministerium zu
tätig sind. Zudem wurde nicht genau das Vizekanzleramt auszubauen. Acht einer Art Nebenkanzleramt um«, kriti-
erfasst, welche Vorfälle die Betroffenen zusätzliche Stellen zog der Minister aus siert Florian Toncar, finanzpolitischer
erlebt haben. DID, MUM den Fachabteilungen ab. Im Ministerium Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion. REI

Verkehr einbarung »bei einer weiteren deutlichen Scholz offenbar auch festschreiben, dass
Bahn erhält weitere Erhöhung des Bundesbeitrags ab 2025 die Bahn die Dividende in Höhe von
um fünf Jahre zu verlängern«, heißt es in 650 Millionen Euro, die sie der Bundes-
Milliarden vom Bund einem internen Papier der Bundesre- regierung als Eigentümerin jedes Jahr
gierung. Dann soll der jährliche Betrag überweist, direkt zurückerhält, um das
 Die Deutsche Bahn soll für den Erhalt noch einmal um eine Milliarde auf mehr Geld in die Infrastruktur zu investieren.
ihres Schienennetzes künftig mehr Geld als 6,5 Milliarden Euro steigen, wie es Die auf zehn Jahre verlängerte Laufzeit
von der Bundesregierung bekommen. in Regierungskreisen heißt. Dabei will gibt der Bahn die Möglichkeit, längerfris-
Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) tige Verträge mit Baufirmen abzuschlie-
verhandelt deshalb mit Bahn-Infrastruk- ßen, etwa um Brücken zu sanieren oder
C. HARDT / GEISLER-FOTOPRESS / PICTURE ALLIANCE

tur-Vorstand Ronald Pofalla über die soge- Gleise zu erneuern. Die Bahn bekommt
nannte Leistungs- und Finanzierungsver- zugleich scharfe Auflagen, etwa darüber,
einbarung zwischen Staat und Bahn. Sie wie viele Brücken zu renovieren sind.
soll demnach künftig nicht mehr für fünf Die Investitionen werden gebraucht,
Jahre wie bisher, sondern gleich für zehn damit der Zugverkehr pünktlicher wird
Jahre festgeschrieben werden. Derzeit und die Infrastruktur nicht weiter verfällt.
gibt der Bund jährlich 3,5 Milliarden Euro Nur so kann der in dieser Woche ver-
aus, damit die Bahn ihr Schienennetz kündete sogenannte Deutschlandtakt
unterhalten kann. Bis 2024 soll dieser realisiert werden: Zwischen den deut-
Betrag insgesamt auf rund 5,5 Milliarden schen Großstädten sollen jede Stunde
Euro wachsen. Geprüft werde außerdem Züge verkehren, zwischen Hamburg und
ein Vorschlag des Ministeriums, die Ver- Gleisarbeiter Berlin sogar alle halbe Stunde. GT

63
JONAS RATERMANN / BILD

Notenbankchef Weidmann: Hoffnungsträger orthodoxer Geldpolitiker

64
Europawahl 2019

Der deutsche Draghi


Finanzmärkte Nach der Europawahl entscheidet sich, ob Bundesbankpräsident Jens Weidmann
neuer Chef der EZB wird. Die Chancen stehen nicht schlecht.
Aber könnte er die deutschen Sparer tatsächlich von der Politik des billigen Geldes befreien?

A
m übernächsten Wochenende hat Angela Merkel hat ein Deutscher an der Dann wäre der Weg für Weidmann frei.
Jens Weidmann einen wichtigen Kommissionsspitze oberste Priorität, zumal Dass er auf den Job im imposanten EZB-
Termin. Es ist Tag der offenen sie ihrer Partei beweisen muss, noch durch- Doppelturm im Frankfurter Ostend scharf
Tür in der Bundesbankzentrale setzungsstark zu sein. Finanzminister Olaf ist, ist ein offenes Geheimnis. Die Bundes-
in Frankfurt. Dann öffnet sich das monu- Scholz dagegen favorisiert einen deutschen regierung hat seinen Vertrag als Bundes-
mentale, im Stil des Brutalismus errichtete EZB-Chef. Seine SPD könnte dann das frei bankpräsident zwar erst Anfang des Jahres
Gebäude nahe der Autobahn fürs gemeine werdende Amt des Bundesbankchefs beset- bis 2027 verlängert. Aber noch einmal acht
Volk. Es gibt eine Virtual-Reality-Führung zen, so ist es in der Koalition vereinbart. Jahre in einer Institution arbeiten, die vor
durch den Goldtresor und Weidmanns Doch im Postenpoker ist nur Platz für allem von ihrem früheren Nimbus lebt,
Büro. Der hauseigene Chor »Buba Sin- einen Deutschen. Und so geht es in den aber mit gut 10 000 Mitarbeitern grotesk
gers« tritt auf. Inhaltlicher Höhepunkt sind nächsten Wochen auch um ein Duell zwi- aufgebläht und weitgehend machtlos ist?
»Quizvorträge« mit anschließender Frage- schen Weber und Weidmann, zwischen Weidmann ist erst 51, voller Tatendrang
runde (»Preisstabilität – was ist das?«). Merkel und Scholz. Und die machtbewuss- und offenkundig nicht so anfällig für ma-
Für den Hausherrn Weidmann ist das ten Franzosen zocken auch noch mit. terielle Verlockungen wie sein Vorgänger.
eine Pflichtveranstaltung, schwänzen gilt Der einfachere Teil der politischen Axel Weber, damals ebenfalls mit bes-
nicht. Dabei gibt es für die Karriere des Arithmetik lautet: Damit Weidmann ge- ten Chancen auf den EZB-Chefposten und
Bundesbankchefs an jenem Wochenende winnen kann, muss Weber verlieren. Der Merkels Rückendeckung, hatte 2011 Knall
wahrlich ein wichtigeres Ereignis: die Eu- Fraktionschef der konservativen Europäi- auf Fall hingeworfen, weil ihm die Krisen-
ropawahl. Wenn am Abend des 26. Mai schen Volkspartei (EVP) tritt bei der Eu- politik der Euro-Notenbank nicht passte.
in der EU die Stimmen ausgezählt werden, ropawahl als Spitzenkandidat an. Gewinnt Heute verdient er als Verwaltungsratschef
ist absehbar, ob Weidmann weitere acht der Schweizer Großbank UBS Millionen.
Jahre im Bundesbank-Bunker verbringen Macht Weidmann das Rennen, wäre er
muss. Oder er die Chance hat, ab Novem- »Wenn sich Weber der erste Deutsche an der Spitze der größ-
ber Präsident der Europäischen Zentral- nicht durchsetzen lässt, ten Zentralbank der Welt – und der Erste,
bank (EZB) zu werden, der mächtigsten der für einen harten währungs- und geld-
geldpolitischen Institution des Kontinents. muss Weidmann politischen Kurs steht. Er opponierte ge-
Für Weidmann wäre es die Krönung EZB-Präsident werden.« gen Draghi, als der nach der Finanzkrise
seiner Karriere. Und für viele deutsche 2008 die Eurozone mit unkonventionellen
Sparer die Erfüllung eines Traums: Ein Maßnahmen zu retten versuchte. Weid-
deutscher EZB-Chef, so ihre Hoffnung, er und kann in Rat und Parlament eine mann hielt den vom EZB-Chef propagier-
würde endlich Schluss machen mit Mehrheit hinter sich bringen, wäre Weid- ten Aufkauf von Staats- und Unterneh-
der Niedrigzinspolitik von Amtsinhaber mann als EZB-Chef aus dem Rennen. mensanleihen damals für falsch getimt;
Mario Draghi, mit der Politik des losen Weber kann darauf setzen, dass die EVP Draghis ebenso legendäre wie wirksame
Geldes, die deutsche Sparguthaben und stärkste Fraktion wird und Regierungs- Ansage, notfalls sogar unbeschränkt
Lebensversicherungen entwertet hat. Statt chefs wie Sebastian Kurz (Österreich), Leo Bonds aus notleidenden Mitgliedsländern
südländischer Disziplinlosigkeit herrschte Varadkar (Irland) oder Andrej Plenković zu kaufen (»whatever it takes«), um die
in Europa wieder Geldpolitik nach altem (Kroatien) ihn unterstützen. Doch der Eurozone zu retten, zerpflückte der deut-
Bundesbank-Muster: knappes Geld, hohe CSU-Mann hat mächtige Gegner, vor al- sche »Herr Nein« (SPIEGEL 4/2014) sogar
Zinsen, preußische Strenge. lem Emmanuel Macron. Frankreichs Prä- vor dem Bundesverfassungsgericht.
Weidmanns weitere Karriere hängt von sident lehnt schon die Idee ab, dass ein Dafür gab es durchaus Gründe. Denn
einem irrwitzigen Personalpoker ab. Nach Spitzenkandidat automatisch Anspruch Draghis Zusage senkte den Druck auf
den Wahlen zum Europaparlament sind auf den Topjob in Brüssel haben sollte. Schuldenländer wie Italien, ihre Volkswirt-
die wichtigsten Spitzenämter in der Union Für eine Mehrheit im Parlament wird schaften zu reformieren.
neu zu besetzen. Dass neben der EZB auch Weber Sozialdemokraten, Liberale und Doch als Mitglied im EZB-Rat, der über
die EU-Kommission und der Europäische womöglich Grüne brauchen. Überdies ist den geldpolitischen Kurs in Europa ab-
Rat gleichzeitig neue Chefs kriegen, offen, ob die Staats- und Regierungschefs stimmt, war Weidmann als Vertreter der
kommt rein rechnerisch nur alle 40 Jahre bei der Chefsuche auf das Parlament hören Betonfraktion weitgehend isoliert, im kri-
vor. Bei der Postenvergabe müssen natio- werden. »Wenn sich Weber nicht durch- sengeplagten Südeuropa zeitweise sogar
nale, parteipolitische und geldpolitisch- setzen lässt, muss Weidmann EZB-Präsi- verhasst. Außerhalb Deutschlands glauben
ideologische Interessen beachtet werden. dent werden«, fordert CSU-Finanzexperte inzwischen nur wenige Ökonomen, dass
Die Sache ist, typisch Europa, höllisch und Bundestagsabgeordneter Hans Mi- die Bundesbank-Linie von damals die Eu-
komplex. Denn auf den Job als nächster EU- chelbach. »Das wäre ein Signal, dass in rozone zusammengehalten hätte.
Kommissionspräsident bewirbt sich der Europa wieder eine seriöse und stabile Schon jetzt ist klar: Als EZB-Chef müss-
CSU-Mann Manfred Weber. Für Kanzlerin Geldpolitik gemacht würde.« te Weidmann viele seiner Positionen räu-

DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019 65


Wirtschaft

men. Seit geraumer Zeit schon bemüht er mehr zu leiden hätte als unter Draghi, er- es Anleihekaufprogramm. »Es wird dann
sich auffällig, den Zwist mit Nochamts- staunen, auch wenn Tria in Italiens Popu- von der Glaubwürdigkeit des Präsidenten
inhaber Draghi herunterzuspielen. Öffent- listenregierung wenig zu sagen hat. abhängen, inwieweit es gelingt, die Öffent-
liche Attacken auf den EZB-Chef verkneift Aber womöglich wissen ohnehin längst lichkeit und die Finanzmärkte von der nach-
er sich. Stattdessen hat er eine PR- und alle, Weidmann eingeschlossen, dass der haltigen Stabilität des Euro zu überzeugen.«
Charmeoffensive gestartet. In Gesprächen Spielraum für eine Geldpolitik nach deut- Issings Notenbanker-Sprech darf man
und Interviews mit Zeitungen aus Süd- schem Muster nicht vorhanden ist. Welt- als Werbung für Weidmann verstehen.
europa versucht er, seine Position zu er- weit haben Notenbanken die Leitzinsen Nur ein Hardliner, der nicht im Ruf steht,
klären, Wogen zu glätten. gesenkt, die Märkte mit billigem Geld ge- sorglos mit dem Geld deutscher Sparer um
Die Presseabteilung der Bundesbank flutet, für Billionen Staatsanleihen aufge- sich zu werfen, so lautet das Argument,
heuerte gar die Madrid-Korrespondentin kauft. Selbst wenn sie gewollt hätte, wäre könne die Deutschen davon überzeugen,
einer deutschen Wirtschaftszeitung an, um der EZB bisher kaum etwas anderes übrig dass es auch in ihrem Interesse ist, Draghis
für spanische Medien zugänglicher zu sein. geblieben, als dem Trend zu folgen. lockere Geldpolitik fortzusetzen.
Französisch spricht Weidmann seit seiner Zwar sah es vor ein paar Monaten noch Ein strikterer Kurs ließe sich auch in der
Studienzeit in Aix-en-Provence fließend, so aus, als würde sie den Geldfluss zumin- EZB kaum durchboxen. Selbst die weni-
sein Italienisch reicht für leichte Konver- dest in Zukunft langsam drosseln. Die ame- gen Deutschen mit Macht in der EZB,
sation. Bei einem Auftritt in Florenz woll- rikanische Fed hat schon vor zweieinhalb Märkte-Generaldirektor Ulrich Bindseil
ten Schüler sogar Selfies mit ihm machen. Jahren begonnen, die Zinsen anzuheben. sowie Draghis Chefberater Roland Straub,
In vertraulichen Gesprächen streuen sei- Die EZB, so prognostizierten Experten, sind keine Vertreter der deutschen Schule.
ne Leute inzwischen gar, dass Draghi er- werde spätestens im Sommer folgen. Führte Weidmann einen Kurs wie in frü-
folgreich die Eurozone zusammengehalten Doch inzwischen haben sich die Kon- heren Zeiten, würde er intern gegen Wän-
und Weidmann gegen die laxe Geldpolitik junkturaussichten eingetrübt. Was Ökono- de rennen – im sechsköpfigen Direktori-
des Italieners ja eigentlich nie etwas gehabt men als »Normalisierung der Geldpolitik« um, dem Machtzentrum der EZB, wie im
habe. Mit Betonung auf Geldpolitik, denn bezeichnen, ist deshalb ins Stocken gera- Zentralbankrat, in dem auch die Noten-
an seiner Kritik an Draghis »Whatever it ten. Auch in Europa wird die Notenbank bankchefs aller Euroländer sitzen.
takes«-Formel für Anleihekäufe hält Weid- die Zinsen vorerst nicht anheben können. Doch bevor Weidmann seinen Einfluss
mann weiter fest, freilich in der für Noten- Selbst ein Vertreter der alten Bundes- auch nur austesten kann, ist die Bundes-
banker typischen verbalen Haarspalterei: bank-Schule, der frühere EZB-Chefvolks- regierung am Zug. Sie muss, ein entspre-
Draghis Ansage sei damals ja nicht als geld- wirt Jürgen Stark, sieht wenig Spielraum. chendes Wahlergebnis vorausgesetzt, den
politische Maßnahme zu verstehen gewe- »Auch Weidmann könnte nicht über Nacht Widerstand der Franzosen gegen einen
sen, sondern bloß als kommunikative Fin- den Hebel umlegen, dafür sind Regierun- Deutschen an der EZB-Spitze brechen.
te, um die rasenden Kapitalmärkte zu be- gen und Kapitalmärkte zu abhängig von Das Land hat mit Jean-Claude Trichet
ruhigen und der Politik Zeit zu erkaufen. der EZB und umgekehrt. Aber er wäre der schon einmal den EZB-Präsidenten ge-
Die hätten Spanier und Portugiesen seither Richtige, um die hoch politisierte EZB wie- stellt. Aber für Macron steht, wie für Mer-
durchaus erfolgreich für Reformen genutzt. der zu entpolitisieren.« kel, viel auf dem Spiel. Auch ihm ist der
Das sind neue Töne, und Weidmanns Kommt es arg, müsste Weidmann gar zu Kommissionsvorsitz wichtiger, aber er
Appeasement-Politik scheint zu fruchten. ähnlichen Maßnahmen greifen wie Draghi. könnte mit Benoît Cœuré und François
Ausgerechnet Italiens Finanzminister Gio- Ausgerechnet Otmar Issing, Nestor der Villeroy de Galhau zwei Kandidaten ins
vanni Tria äußerte sich zuletzt milde, als strengen deutschen Geldpolitik und eben- Rennen schicken, die mindestens so ange-
die Sprache auf den Deutschen kam. »Es falls Ex-Chefvolkswirt der EZB, bereitet die sehen sind wie Weidmann.
ist nicht sinnvoll, sich auf Sichtweisen aus Deutschen darauf vor. »Nach dem langen Cœuré gehört im EZB-Direktorium seit
der Vergangenheit zu fokussieren, denn Aufschwung ist zu erwarten, dass im Euro- Jahren zu Draghis Küchenkabinett. Eigent-
die Welt wandelt sich, und damit wandeln raum früher oder später ein Konjunkturein- lich stehen rechtliche Hürden dem Auf-
sich die Ansichten der Akteure.« Derartige bruch eintritt.« Dann sei die EZB gefordert, stieg vom einfachen Mitglied des Direk-
Worte aus Europas größtem Krisenland, die Geldpolitik rasch und hinreichend ex- toriums an dessen Spitze entgegen, doch
das unter einem deutschen EZB-Chef wohl pansiv auszurichten. Das wäre etwa ein neu- das stört den Franzosen wenig: Das sei
nichts, was sich nicht lösen lasse. Villeroy
de Galhau ist wie Weidmann Zentralbank-
Stühlerücken im Machtzentrum – das EZB-Direktorium sortiert sich neu chef seines Landes und Pragmatiker. Der
Spross der saarländischen Fliesen- und
Tauben Falken
Keramikdynastie Villeroy spricht so exzel-
tendenziell für lockere Geldpolitik tendenziell für harte Geldpolitik
lent Deutsch wie Weidmann Französisch.
Als Kompromisskandidaten gelten Finn-
Amtszeit endet am Amtszeit endet am Amtszeit endet am lands Zentralbankchef Olli Rehn und sein
31. Oktober 2019 31. Dezember 2019 31. Mai 2019
Vorgänger Erkki Liikanen, sollten weder
Mario Draghi Luis de Guindos Benoît Cœuré Peter Praet Yves Mersch Sabine Berlin noch Paris zum Zug kommen.
Italien Spanien Frankreich Belgien Luxemburg Lautenschläger Weidmann selbst gibt sich offiziell gelas-
Präsident Vizepräsident Deutschland sen, was den Poker um seine Karriere an-
geht. Er ist Tennisspieler, und es heißt, dass
er früher ab und an mal den Schläger von
der rechten in die linke Hand wechselte,
Kandidaten Kandidat Nachfolger nur um seinen Gegner zu verwirren. Mit
taktischen Spielchen also kennt er sich aus.
Tim Bartz, Peter Müller, Britta Sandberg,
Jens Weidmann Olli Rehn Klaas Knot Erkki Liikanen François Villeroy unbekannt Philip Lane Michael Sauga
Deutschland Finnland Niederlande Finnland de Galhau Irland Mail: tim.bartz@spiegel.de
Frankreich

66 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019


Vorgang wie bei Audi? Wie lautet die
rechtliche Beurteilung?«
Porsche und Audi mussten nun reagie-
ren. Der Audi-Vorstand beschloss, dass die
»Audi Task Force«, die intern mit der Auf-
arbeitung des Dieselbetrugs befasst war,
erweitert werden solle. Auf einem Schau-
bild der Kanzlei Freshfields Bruckhaus De-
ringer heißt es: »Auslöser für Erweiterung:
Auffälligkeiten beim Porsche Cayenne.
Hintergrund: Spiegel-Artikel ›Die Geister-
fahrer‹.«
Auch das Kraftfahrt-Bundesamt schal-
tete sich ein. Die Beamten prüften den Ca-
yenne und forderten Porsche am 19. Juni
2017 ultimativ auf, bis »10:45 Uhr die an-
geforderte Erklärung über das Nichtvor-

ROBERT HRADIL / GETTY IMAGES


handensein unzulässiger Abschalteinrich-
tungen für den Porsche Cayenne« zu über-
mitteln. Porsche schickte die aus Flensburg
angeforderte Erklärung nicht. Mit gutem
Grund.
Der Cayenne war von Audi- und Por-
sche-Ingenieuren mit Elektronik und Soft-
Vorstandschef Blume: Am liebsten nur noch Elektromodelle ware vollgepackt worden, die zwischen
Tests auf dem Prüfstand und Fahrten auf
der Straße unterscheiden konnte. Sie rea-

Vom Opfer
der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Derin- gierte auf Drehzahl, Neigung, Kurvenver-
ger nahelegen, die der VW-Konzern mit halten, Höhe oder Temperatur. Und nur
der Bearbeitung des Dieselskandals be- auf dem Prüfstand hielt das Auto die Ab-

zum Täter
traut hat. Porsche handelte danach offen- gaswerte ein.
bar mit festem Vorsatz: Der Autoherstel- Dem KBA präsentierte Porsche jedoch
ler wollte seinen Cayenne mit dem Sechs- einen eigenen Test, bei dem ein Cayenne
Zylinder-Dieselmotor in Europa schlicht die Grenzwerte auch erfüllt, wenn er sich
Dieselaffäre Porsche verkaufte weiter verkaufen. nicht im Prüfmodus befindet. Es war of-
seine schmutzigen Autos Das Management hoffte offenbar, dass fenbar nur ein weiterer Versuch, die Wahr-
die deutschen Behörden schon nicht so ge- heit hinter einer Wolke aus Dieselabgasen
auch dann noch weiter, als der nau hinsehen würden wie die Amerikaner. zu verschleiern.
SPIEGEL die Manipulation der Ganz genau wollte es in der Führung auch Denn der Porsche-Test wurde durch
Motoren bereits enthüllt hatte. niemand wissen. Eineinhalb Jahre lang eine Messung, die das Kraftfahrt-Bundes-
gab man sich in Zuffenhausen mit halbher- amt selbst durchführte, »nicht bestätigt«.
zig durchgeführten Abgasmessungen zu- Zudem monierte das KBA in seinem Be-

M an kann es geschickt nennen, wie


sich Porsche während des Diesel-
skandals öffentlich präsentierte –
oder durchtrieben. Der Autokonzern gab
frieden.
Das änderte sich erst, als der SPIEGEL
mit aufwendigen Messungen beim TÜV
Nord nachwies, dass der Cayenne selbst
scheid vom 28. Juli 2017, Porsche habe der
Behörde bestimmte Abschalteinrichtun-
gen »erst genannt, als die Veröffentlichung
durch den SPIEGEL erfolgt war«.
medienwirksam das Opfer, das mit den Be- auf dem Prüfstand die europäischen Das Kraftfahrt-Bundesamt ordnete
trügereien bei Audi und Volkswagen nichts Grenzwerte nicht einhält (24/2017). Rückrufe und Nachbesserungen an. Die
zu tun habe. Die Zuffenhausener pochten Schnell war klar, dass das Kraftfahrt-Bun- Stuttgarter Staatsanwaltschaft verhängte
sogar auf Schadensersatz von der Konzern- desamt (KBA) und die Staatsanwaltschaft das 500-Millionen-Bußgeld. Und Porsche?
schwester Audi, bei der Porsche seine mani- sich für den Vorgang interessieren würden. Der Autohersteller will vom Diesel nichts
pulierten Dieselmotoren eingekauft hatte. Der VW-Aufsichtsrat machte Druck. Die mehr wissen. Den Verkauf von Selbst-
Doch seit dieser Woche ist amtlich: Das Aufseher waren verärgert, weil sie zumeist zündermodellen hat Porsche-Boss Oliver
selbst ernannte Opfer war auch Täter. Die aus Zeitungsberichten von neuen Betrü- Blume eingestellt. Das Bußgeld wird über-
Staatsanwaltschaft Stuttgart schickte Por- gereien erfuhren und nicht vom eigenen wiesen. Und dann will Porsche am liebsten
sche einen Bußgeldbescheid über 535 Mil- Management. nur noch Schlagzeilen mit neuen Elektro-
lionen Euro ins Haus. Die Ermittler be- Niedersachsens Ministerpräsident Ste- modellen machen.
scheinigen dem Autohersteller zumindest phan Weil, der das Land im VW-Aufsichts- So ganz wird das kaum gelingen. Die
Fahrlässigkeit. Das Unternehmen habe rat vertritt, schickte eine E-Mail an den Stuttgarter Staatsanwaltschaft hat zwar
Fahrzeuge mit manipulierten Motoren in damaligen VW-Chef Matthias Müller. das Verfahren gegen das Unternehmen be-
Europa auch dann noch verkauft, als 2015 Dem SPIEGEL zufolge habe »der TÜV endet. Sie ermittelt aber weiter gegen meh-
in den USA die verbotenen Abschaltein- Nord bei einem Diesel-Modell des Por- rere Porsche-Manager, darunter den am-
richtungen bei Audi entdeckt worden wa- sche Cayenne Abgaswerte oberhalb der tierenden Entwicklungsvorstand. Sie alle
ren und Porsche dort bereits eigene Autos für die Typzulassung geltenden Grenz- bestreiten die Vorwürfe.
aus dem Verkehr ziehen musste. werte festgestellt«. Weil wollte wissen: Frank Dohmen, Dietmar Hawranek
Und das geschah offenbar keineswegs »Worin besteht die Ursache? Handelt es Mail: frank.dohmen@spiegel.de
fahrlässig, wie vertrauliche Unterlagen sich um denselben oder einen ähnlichen

67
BORIS ROESSLER / DPA

BERND HARTUNG
Beladung eines Jets mit Verpflegung, Speisetabletts: Fünf Euro in der Economy Class

Abgekocht
sche Mitarbeiter in Tschechien sein. Die
Lufthansa-Tochter will ihnen 60 Prozent
mehr zahlen als den üblichen Mindestlohn
vor Ort. Trotzdem sind sie für den Kon-
zern weit günstiger als deutsche Arbeits-
Luftfahrt Flüge werden immer billiger, und auch das Bordessen darf kräfte. Ein Teil der Jobs in Deutschland
kaum noch etwas kosten. Die Cateringtochter der Lufthansa lässt das wird deshalb abgebaut – über Altersteil-
Passagierfutter deshalb in Tschechien zubereiten – von Philippinern. zeit oder Aufhebungsverträge.
Bisher hat LSG in Nová Hospoda nur
Flächen angemietet, doch der Konzern

I n der First Class von Lufthansa ist


Fliegen noch ein Luxus, den man
schmecken kann. Man muss nur ein-
mal einen Blick auf die Speisekarte werfen,
also immerhin rund 20 Euro pro Mahlzeit.
Hinzu zahlen die Airlines Servicegebüh-
ren für die Lieferung des Essens an Bord.
Der Umsatz der Lufthansa-Catering-
baut bereits eine eigene Fertigungshalle.
Selbst ein Wohnheim wollen die LSG-Ma-
nager für die Küchenkräfte errichten las-
sen. Die Lufthansa-Tochter werde die Räu-
die im Mai auf der Strecke Frankfurt– New tochter LSG Sky Chefs stagniert seit Jah- me dort anmieten, die Arbeitnehmer zah-
York den Gästen in der teuersten Flug- ren, das Management hat deshalb einen len nach Aussagen einer LSG-Sprecherin
klasse gereicht wird. Sparkurs verordnet. regulär Miete für ihre Unterkunft.
Neben Pommery-Jahrgangschampa- Die Lufthansa-Küche soll billiger wer- Das Experiment ist Teil eines harten
gner und Kaviar gibt es »marinierten Spar- den. Mit den deutschen Lohnkosten geht Sparprogramms, das Konzernchef Carsten
gel mit Kerbel und Schnittlauch« oder das nicht, deshalb soll das Essen für die Spohr der Lufthansa-Tochter verordnet
»Steinbutt-Bouillabaisse mit Risoni Pasta«. Passagiere bald außerhalb des Landes hat. Es läuft unter dem Arbeitstitel »Opti-
Doch so ein Angebot ist eine rare – und gekocht werden, im tschechischen Indus- mus« und soll helfen, den Profit zu päp-
teure – Ausnahme. Sonst wird geknapst, triepark Nová Hospoda bei Bor, unweit peln. Das ist vor allem deshalb nötig, weil
wo es nur geht. Bei den Billig- und Ur- der deutschen Grenze. Spohr seinen Ableger verkaufen will – und
laubsfliegern gibt es meist nicht einmal Dort schnippeln bereits 150 Mitarbeiter das funktioniert nur, wenn die Firma or-
den kleinsten Snack gratis. Eine Minitüte im Auftrag der LSG Gemüse, bereiten dentlich verdient. Derzeit ist das eher nicht
Chips (40 Gramm) kostet bei Eurowings Speisen zu und drapieren sie auf Tabletts. der Fall. 2018 fielen bei mehr als drei Mil-
2,50 Euro. Für ein Fläschchen Wasser wer- Das Essen wird anschließend mit Lastern liarden Euro Umsatz gerade 115 Millionen
den im Basistarif 3 Euro fällig. Hunderte Kilometer nach Frankfurt oder Euro Gewinn an.
Die Kunden sind an der kulinarischen München gekarrt und dort in die Kombü- Die LSG versucht einen gewagten Spa-
Misere nicht unschuldig. Die meisten bu- sen der Flugzeuge geschoben. gat. Einerseits muss sie den Sparwahn der
chen ihre Flüge nur nach einem einzigen Doch auch in Tschechien findet die LSG Branche bedienen und all die Sandwiches,
Kriterium, dem Preis. Kein Wunder also, nicht mehr genügend billige Arbeitskräfte, die Käsepasta oder Hähnchenteile in Alu-
dass parallel zum Preis auch das Essen an offenbar hatten die Entscheider bei der schalen für die Massenkundschaft zuberei-
Niveau verliert und in vielen Fällen extra Wahl des Standorts die lokalen Verhältnis- ten. Andererseits das Luxussegment zu-
bezahlt werden muss. se nicht genau genug studiert. friedenstellen, in dem die Bordmahlzeiten
Ein Menü in der Economyclass wird mit Weshalb das Unternehmen nun auch mit großem Tamtam und Premiumweinen
rund fünf Euro für Langstreckentrips kal- auf Philippiner setzt. 30 von ihnen sind zelebriert werden, um die teilweise absur-
kuliert. In der Business darf es das Dop- bereits da. Und das ist erst der Anfang. Bis den Preisaufschläge für die First und die
pelte kosten, in der First das Vierfache, März 2020 sollen es rund 400 philippini- Businessclass zu rechtfertigen.

68 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019


Wirtschaft

Vor allem asiatische Airlines, die von Die Lufthansa und ihre Tochter LSG ab Herbst 2020 täglich 80 000 Mahlzeiten
der LSG beliefert werden, legen viel Wert versuchen, den Druck der Auftraggeber zusammenstellen, die dann per Lkw an die
auf hochwertiges Essen, aber auch auf re- weiterzugeben – auch an die Beschäftig- jeweiligen Abflugorte transportiert werden.
präsentatives Geschirr im Luxusteil der ten. Mit einem Durchschnittsgehalt von Im Gegenzug werden die vorhandenen
Kabine – bei der südkoreanischen Airline monatlich 2200 Euro brutto stehen die deutschen Küchen in Frankfurt, München,
Asiana kommen Zehntausende Einzelteile LSG-Angestellten am unteren Ende der Köln und Düsseldorf verkleinert.
pro Flug zusammen, die an Bord gebracht Lufthansa-Lohnhierarchie. Altkapitäne Vor allem das Heimatdrehkreuz der
werden müssen. verdienen das Zehnfache, langjährige Flug- Lufthansa, der Flughafen Frankfurt, wäre
Manche Luftlinie aus Übersee kauft begleiter das Drei- bis Vierfache. betroffen. Die LSG fertigt am Hauptstand-
lieber alle Lebensmittel zentral im Heimat- Nun soll der Verdienst bei Teilen der ort in zwei Anlagen. Das eine Werk belie-
land ein, um die Kosten zu drücken. Die Beschäftigten der LSG noch einmal ge- fert Lufthansa-Flüge, das andere bedient
Ware wird dann tiefgefroren in Schiffs- Fremdkunden, darunter Air China, Asiana,
containern etwa nach Europa geliefert United oder Sun Express.
und schließlich beispielsweise nach Frank- Asiatische Airlines Es ist ein gewagtes Unterfangen und ein
furt zur LSG gebracht. Dort macht man legen viel Wert auf hoch- ungewöhnliches dazu. Normalerweise ent-
aus der Lieferung fertige Tabletts, das Es- scheiden Käufer eines Unternehmens, ob
sen muss dann nur noch an Bord aufge- wertiges Essen – und und wie sie ihre Neuerwerbung umgestal-
wärmt werden. repräsentatives Geschirr. ten oder bei Bedarf sanieren. Das gilt vor
Trotz der ständigen Preisdrückerei ist allem für Finanzinvestoren, die auch bei
die Verpflegung auf den Flügen ein erheb- der LSG zum Zuge kommen könnten.
licher Kostenfaktor. Bei einem Boeing- drückt werden – getreu dem mittlerweile Die Lufthansa will sie mit ihrem Philip-
Jumbo werden bis zu sechs Tonnen Ver- schon legendären Spruch des ehemaligen pinen-Projekt an Kreativität nun über-
pflegung an Bord gehievt. Nach der Lan- Lufthansa-Chefs Christoph Franz: »Die trumpfen. Gut möglich, dass sie sich dabei
dung müssen die Reste abtransportiert Zitrone ist nie ausgequetscht.« übernimmt. Vielleicht beendet der neue
und entsorgt werden, und das nach den Sein Nachfolger Spohr will die Herstel- Besitzer das Projekt in Böhmen ja auch,
jeweils gültigen lokalen Umwelt- und Re- lung der Bordmahlzeiten künftig auf zwei bevor es richtig begonnen hat. Zeit wäre
cyclingauflagen. Alles in allem kommen zentrale Produktionsbetriebe konzentrie- noch. Am 10. April fand erst die symboli-
für die Dienste des Caterers pro Langstre- ren, im tschechischen Bor und im rheinhes- sche Grundsteinlegung statt.
ckenumlauf schnell einige Zehntausend sischen Alzey. Sie sollen einige der größe- Dinah Deckstein, Martin U. Müller
Euro zusammen, zu viel nach Ansicht vie- ren Flughäfen in Mitteleuropa bedienen. Mail: martin.mueller@spiegel.de
ler Fluglinien. Allein in Bor sollen über 1000 Mitarbeiter

Vorankommen,
aber kontrolliert.
Wählen Sie Ihr persönliches Tempo und investieren Sie
vorausschauend in Ihre Zukunft. Mit Deka Investments.

Unterschätzen Sie
die Zukunft nicht.
Profitieren Sie davon.

Jetzt ein Beratungsgespräch DekaBank Deutsche Girozentrale.


in Ihrer Sparkasse vereinbaren! Mehr Informationen unter www.deka.de
Wirtschaft

Giftige Orangen
Agrarindustrie Früchte aus Brasilien werden in die ganze Welt exportiert, auch nach Deutschland.
Nirgendwo sonst werden solche Mengen schlimmster Pestizide eingesetzt.

J
oão Vítor ist sieben Jahre alt, und Alle Chemiemultis sind in Brasilien ver- Die neue Regelung sieht vor, dass für
wenn er einen Traktor sieht, bricht treten. Bayer betreibt in der Nähe von Rio die Zulassung und Überwachung neuer
er in Tränen aus. »Ein Trecker de Janeiro eine eigene Fabrik. Der mit Wirkstoffe in Zukunft allein das Landwirt-
hat ihm fast den Tod gebracht«, dem früheren Monsanto fusionierte Kon- schaftsministerium zuständig sein soll. Bis-
sagt seine Mutter Mislania Silva dos zern stellt in Brasilien Glyphosat her, das lang können die Umweltbehörde und das
Santos. unter dem Namen »Roundup« vertrieben Gesundheitsministerium bei der Zulassung
Es war ein Donnerstag im August, ein wird. Der umstrittene Wirkstoff ist Markt- ein Veto einlegen.
kräftiger Wind wehte durch die Straßen führer bei den in Brasilien zugelassenen Wissenschaftler und Umweltaktivisten
von Tomar do Geru, einem Städtchen im Pestiziden. »Ein Verbot von Glyphosat warnen, dass Brasilien zu einem »Paradies
armen Nordosten Brasiliens. João Vítor wäre für uns eine Katastrophe«, sagt Luis für Giftimporte aus aller Welt« werden könn-
saß in der Schule, als beißender Nebel Rangel, Staatssekretär im Landwirtschafts- te, so der Biologe und Umweltexperte Fer-
durch die offenen Fenster drang. Er stieg ministerium. nando Carneiro vom staatlichen Forschungs-
von einer Orangenplantage auf, die an das Jährlich werden in Brasilien Pestizide institut Fiocruz. »Bereits verbotene Stoffe
Schulgelände grenzt. im Wert von rund zehn Milliarden Dollar können wieder erlaubt werden«, sagt der
Ein Traktor zog dort seine Bahn, er be- umgesetzt. Ihre Anwendung werde »prak- Menschenrechtsexperte Richard Pearshouse.
sprühte die Bäume mit Pflanzenschutzmit- tisch nicht überwacht«, sagt Larissa Mies Im Juli veröffentlichte er mit der Orga-
teln. Der Wind pustete die giftigen Schwa- Bombardi, Professorin am Institut für nisation Human Rights Watch einen Re-
den über die Mauer direkt in die Schule. Agrogeografie an der Universität São Pau- port über gesundheitliche Schäden und
In den Klassenräumen brach Panik aus, Menschenrechtsverletzungen unter Pesti-
die Kinder keuchten und würgten, ihre Au- zidopfern. Das Fazit: Kinder in Landschu-
gen brannten. len und Anwohner der Plantagen würden
Die Schulleiterin ließ das Gebäude so- »auf regulärer Basis mit hochtoxischen Pes-
fort räumen, doch es war zu spät: Acht tiziden vergiftet«, so Pearshouse.
Kinder und zwei Lehrer mussten ins Kran- Der kleine João Vítor wurde vor einem
kenhaus. João Vítor leide unter einer »aku- Jahr zum ersten Mal ins Krankenhaus ein-
ten Vergiftung durch Pflanzenschutzmit- geliefert, nachdem der Traktor das Insek-
tel«, diagnostizierte eine Amtsärztin. Sie tengift neben der Schule versprüht hatte.
verschrieb ihm Antiallergika. Damals schwoll der Junge am ganzen Kör-
Das Kind ist Opfer eines Dramas, das per an. Er musste die Kleider seines älteren
VICTOR MORIYAMA / DER SPIEGEL

sich täglich in den Dörfern der Agrarmacht Bruders anziehen, weil ihm die eigenen
Brasilien abspielt: Tausende Einwohner nicht mehr passten; er blutete aus der Nase
erkranken an Pestizidvergiftungen. 6591 und hatte Erstickungsanfälle. »Die Ärzte
Fälle vermeldete das staatliche Register sagten mir, dass er ohne Behandlung ge-
für toxipharmakologische Information (Si- storben wäre«, sagt seine Mutter.
nitox) für das Jahr 2015. Mehr als ein Vier- Die Orangen von den Bäumen neben
tel der 200 000 zwischen 1999 und 2015 der Schule, die mit dem Gift besprüht wur-
gemeldeten Vergiftungen betrafen Kinder, Landarbeiter mit Pestizidkanister den, landen als Saft auch in deutschen
die jünger als neun Jahre alt waren, 160 »Ich spüre den Gestank nicht mehr« Kühlschränken: »Wir exportieren nach
von ihnen starben. Wissenschaftler glau- Deutschland und Frankreich«, sagt der
ben, dass die Dunkelziffer um ein Vielfa- Großgrundbesitzer Elizeu Santos, dem die
ches höher ist, weil nur ein Bruchteil der lo. »Ihr Einsatz gleicht oft chemischer Plantage gehört.
Fälle gemeldet wird. Kriegsführung.« Santos war Bürgermeister der Nachbar-
Brasiliens Agroindustrie brüstet sich gern Brasilien verfügt zwar über ein fortschritt- stadt Cristinápolis, er ist ein mächtiger
mit Superlativen. Das Land zählt zur Welt- liches Pestizidgesetz. »Aber wir haben viel Mann in der Region und ein gefürchteter.
spitze beim Export von Soja, Orangensaft, zu wenige Inspektoren, die seine Anwen- Vor drei Jahren wurde er wegen Amtsmiss-
Zuckerrohr, Mais und Kaffee. Die Branche dung überprüfen«, räumt Staatssekretär brauch verurteilt, er soll während seiner
erwirtschaftet einen großen Teil der Devi- Rangel ein. »Ihre Anzahl entspricht nicht Amtszeit von betrügerischen Geschäften
seneinkommen; linke wie rechte Regierun- der Größe unserer Landwirtschaft.« bei öffentlichen Ausschreibungen profi-
gen unterstützten die Großbauern. Sie ge- Unter dem neuen rechtsextremen Prä- tiert haben. Zudem soll er in den Mord an
währten ihnen Steuervorteile und Kredite. sidenten Jair Bolsonaro brauchen die einem Abgeordneten im Jahr 2000 verwi-
Doch der Boom in der Landwirtschaft Großgrundbesitzer erst recht keine Kon- ckelt sein. Er bestreitet die Vorwürfe.
hat eine dunkle Seite: Die Agrarsuper- trollen zu fürchten. Die mächtige Agrolob- Santos residiert in einer Villa mit Swim-
macht Brasilien gehört zu den Weltrekord- by ist eine seiner wichtigsten Stützen im mingpool am Stadtrand von Cristinápolis.
haltern beim Verbrauch von Pestiziden. Kongress. Sie hat einen Entwurf für ein Laut eigenem Bekunden ist er Teilhaber
Praktisch alle Produkte werden mit che- neues Pestizidgesetz eingebracht, über den des brasilianischen Saftherstellers Trop-
mischen Mitteln behandelt, um die Pro- in den nächsten Wochen abgestimmt wer- fruit, der in der Region eine Fabrik betreibt
duktivität zu steigern. den soll. und in die ganze Welt exportiert.

70 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019


VICTOR MORIYAMA / DER SPIEGEL
Klassenraum im brasilianischen Tomar do Geru: Der Wind pustete die giftigen Schwaden direkt in die Schule

In der Tropfruit-Fabrik werden auch schen Orangensaftkonzentrats, nachdem Die Wissenschaftlerin untersucht die
Orangen verarbeitet, die in Deutschland der Coca-Cola-Konzern die amerikanische Langzeitfolgen von Pestizidvergiftungen
unter dem Fair-Trade-Label GEPA ver- Lebensmittelbehörde auf Carbendazim- bei Landarbeitern. »In Gegenden, wo die
marktet werden. Es finde »keine Vermi- Rückstände in seinem Orangensaft hin- Agroindustrie besonders stark ist, kom-
schung der Orangen bei der Verarbeitung gewiesen hatte – auch in den USA ist der men Krebs, Depressionen und andere
statt«, versichert die GEPA auf ihrer Web- Wirkstoff verboten. Krankheiten, die mit Pestiziden in Zusam-
site. Doch wer hinter der Firma steht, mit Seit diesem Zwischenfall wird das Mittel menhang gebracht werden, besonders häu-
der sie Geschäfte machen, haben die Öko- in Brasilien nur noch bei Produkten fig vor«, sagt sie.
händler offenbar nicht überprüft. eingesetzt, die für den einheimischen Bayer verkaufe Carbendazim in Brasi-
»Wir haben nur zugelassene Produkte Markt bestimmt sind. »Brasilianische Le- lien »ausschließlich für den Einsatz als
verwendet«, sagt Santos. Welche das seien, bensmittel weisen ungewöhnlich hohe Saatgutbehandlungsmittel«, sagt ein Spre-
könne er allerdings nicht sagen. Viele Pes- Rückstände an Carbendazim auf«, sagt cher. Das Unternehmen beziehe den Wirk-
tizide, die in Brasilien erlaubt sind, wurden Marcia Sarpa, Professorin am staatlichen stoff von verschiedenen Quellen in
in Europa längst verboten – manche schon Krebsforschungsinstitut in Rio de Janeiro. Deutschland und China. Bei »sachgerech-
vor über zehn Jahren. ter Anwendung«, so Bayer, seien alle Pro-
Mehr als 100 der 500 Wirkstoffe, die in dukte »sicher für den Anwender und die
Brasilien zugelassen sind, dürfen in der Profitables Geschäft Umwelt«.
EU nicht verwendet werden. Dazu zählt Die größten Agrochemie-Hersteller nach Genau da liegt jedoch das Problem: Vie-
das extrem giftige Herbizid Paraquat. Es Spartenumsätzen* in Milliarden Euro, weltweit le Farmer halten sich nicht an die Vorschrif-
ist ab 2020 zwar auch in Brasilien verbo- ten. Brasiliens Agroindustrie basiert auf
ten, wird bis dahin aber noch vom Schwei- Bayer (inkl. Monsanto) 14,3 Monokulturen, oft erstrecken sich die Plan-
zer Multi Syngenta vertrieben. In der EU tagen über Hunderte Hektar. Die Riesen-
verboten ist auch das Fungizid Carbenda- Syngenta 8,8 felder werden zumeist vom Flugzeug aus
zim, das Bayer in Brasilien unter dem Na- mit Pestiziden besprüht – in Europa ist
men »Derosal« verkauft. Studien zufolge BASF 6,2 diese Praxis in der Regel verboten. Wenn
* in der Sparte
soll Carbendazim möglicherweise für Miss- Agrochemie/ der Wind ungünstig steht, werden die Gift-
bildungen an Föten verantwortlich sein. DowDupont 5,5 Pflanzenschutz;
wolken über Dörfer und Städte verweht.
jeweils letztes
Vor sieben Jahren beschlagnahmte der Geschäftsjahr Wo keine Flugzeuge eingesetzt werden,
FMC 3,6
US-Zoll mehrere Ladungen brasiliani- versprühen Trecker das Gift. Auf kleine-

71
ren Plantagen behandeln Arbeiter fern 150 000 Real Entschädigung
die Pflanzen mit handbetriebenen zahlen müssen, rund 38 000 Euro.
Kanisterpumpen. Das Behältnis mit Der Konzern ist in Berufung gegan-
dem Giftcocktail tragen sie auf dem gen, er schiebt die Schuld auf die An-
Rücken, auf Schutzkleidung verzich- wender. »Nicht einmal für die Medi-
ten sie oft, sie ist zu teuer oder un- kamente sind sie bislang aufgekom-
bequem. men«, sagt Lehrer Alves dos Santos.
Wenige Hundert Meter von der Auch die Witwe Maria Gerlene Sil-
Schule, wo João Vítor vergiftet wur- va Matos wartet vergebens auf eine
de, besprüht der Landarbeiter Jail- Entschädigung. Vor mehr als zehn
ton Domingo dos Santos Orangen- Jahren war ihr Mann an den Folgen
bäume mit einem Insektizid. Das einer Pestizidvergiftung gestorben.
Gift verwahrt er in einer Fantafla- Der Landarbeiter war drei Jahre lang
sche aus Plastik, in einem Eimer ver- beim amerikanischen Fruchtmulti
rührt er den Stoff mit Öl und Wasser. Del Monte angestellt, der im Bundes-
Die milchige Flüssigkeit füllt er in staat Ceará riesige Plantagen be-
einen Kanister, den er auf dem treibt. »Mein Mann rührte den Pes-
Rücken trägt. tizidcocktail an, der auf den Ananas-
Er ist mit einem Kapuzenpulli, feldern versprüht wurde«, sagt sie.
Jeans und Turnschuhen bekleidet. Er habe direkten Kontakt mit den
Immerhin trägt er einen Mundschutz. Chemikalien gehabt.
»Schutzkleidung kann ich mir nicht Als sich seine Augäpfel gelb färb-
leisten«, sagt er. »Außerdem ist es zu ten, dachte sie zunächst, dass er un-
heiß.« Der weiße Nebel, den er über ter Hepatitis leide. »Sein Urin nahm
die Bäume spritzt, verbreitet einen die Farbe von Coca-Cola an«, erin-

VICTOR MORIYAMA / DER SPIEGEL


beißenden Geruch, schon nach we- nert sie sich. »Die Leber war stark
nigen Minuten stellen sich Kopf- vergrößert.« Ein ärztliches Gutach-
schmerzen ein. »Ich spüre den Ge- ten stellte fest: Ihr Mann starb an den
stank nicht mehr«, sagt Domingo dos Folgen einer Pestizidvergiftung.
Santos. Mit der Hilfe eines Anwalts ver-
Die Plantage gehört seinem Vater, klagte die Witwe den Fruchtkonzern.
sie ist knapp einen Hektar groß, ein Sie gewann in allen Instanzen, doch
Kleinbetrieb. Zwei- bis dreimal im Opfer João Vítor mit Mutter: Die Kinder keuchten, würgten ausgezahlt wurde die Entschädigung
Jahr besprüht er die Bäume mit bislang nicht. »Sie halten mich hin«,
einem Pestizidcocktail gegen die Zi- sagt sie.
trusfruchtfliege, einen Schädling, der aus Tomé, der sich für Pestizidopfer auf den Die Produzenten bauen offenbar darauf,
Asien eingeschleppt wurde. »Ich weiß, Fruchtplantagen im Nordost-Bundesstaat dass Brasiliens Justiz unter dem neuen Prä-
dass ich die Umwelt verpeste«, sagt er. Ceará eingesetzt hatte. Mutmaßlicher Auf- sidenten Bolsonaro vor der mächtigen
»Wenn es regnet, fließen die Chemikalien traggeber war ein Großfarmer. Agroindustrie kuschen wird. Bei Men-
in die Flüsse und Bäche.« Er habe im In- Im Jahr 2013 besprühte ein Flugzeug schenrechtsaktivisten, Arbeitern und For-
ternet nach einer organischen Alternative versehentlich eine Landschule im Bundes- schern, die sich mit den Auswirkungen des
gesucht, »aber ich habe nichts gefunden«. staat Goiás mit dem Insektizid Engeo Pestizidkonsums beschäftigen, geht des-
Eigentlich müssten die Farmer nach dem Pleno, das von dem Schweizer Multi Syn- halb die Angst um.
Besprühen auch 30 Tage warten, bis sie genta hergestellt wird. 92 Kinder und Er- »Ärzte, die Atteste ausstellen, die den
die Orangen ernten, damit keine Rückstän- wachsene wurden mit Vergiftungserschei- Agrarunternehmern nicht passen, werden
de im Saft bleiben, so der Landarbeiter. nungen ins Krankenhaus eingeliefert. bedroht«, sagt Experte Carneiro. Er selbst
»Aber keiner hält sich daran.« »Ich war von oben bis unten nass von wurde wegen seiner kritischen Pestizid-
Großgrundbesitzer Santos sagt, dass er den Chemikalien«, erinnert sich der dama- studien von einem Landwirtschaftsver-
nach dem Zwischenfall an der Schule die lige Schulleiter Hugo Alves dos Santos. band vor Gericht angezeigt. Sein Arbeit-
Besprühung seiner Plantagen vorüber- Noch sechs Monate später litten viele Kin- geber Fiocruz prangerte öffentlich den
gehend eingestellt habe. Die Stadtver- der unter Kopfschmerzen, Schwindelgefüh- »Versuch der Einschüchterung und Zensur«
waltung von Tomar do Geru will jetzt len, Juckreiz und Atemproblemen. Einige ihres Mitarbeiters an.
einen Kalender für die Anwendung der wurden bis zu 18-mal im Krankenhaus auf- Auch einige Eltern der vergifteten
Pestizide aufstellen. »Während der Schul- genommen, manche seien immer noch in Schulkinder von Tomar do Geru fürchten
zeiten soll nicht mehr gesprüht werden«, Behandlung, so Alves dos Santos. die Macht der Großgrundbesitzer.
sagt Bürgermeister Pedrinho Balbino. »Die Schulverwaltung verbot mir, mit Nur Mislania Silva dos Santos, die Mutter
Doch er räumt ein, dass die Stadtverwal- der Presse zu reden«, sagt der Lehrer, des kleinen João Vítor, hat ihre Bedenken
tung nicht in der Lage sei, die Einhaltung doch er hielt sich nicht daran. Daraufhin überwunden. Sie ist empört, dass
zu überprüfen: »Wir haben kein quali- bekam er Morddrohungen, vier Monate sich Plantagenbesitzer Santos nicht ein-
fiziertes Personal.« lang wurde er von Leibwächtern begleitet. mal bei den Eltern blicken ließ oder Hilfe
Viele Anwohner hält nicht nur die Angst Achtmal wurde er versetzt. In der Region anbot.
um ihren Arbeitsplatz davon ab, sich über herrsche »ein Klima der Angst«, konsta- Sie will sich jetzt mit anderen Müttern
die Vergiftungen zu beschweren. Wer die tiert die Menschenrechtsorganisation Hu- zusammenschließen und einen Anwalt
Großgrundbesitzer kritisiert, muss um sein man Rights Watch. nehmen. »Er soll für seine Taten bezah-
Leben fürchten. Im März 2018 entschied ein Gericht, len«, sagt sie. Jens Glüsing
Vor neun Jahren erschossen Auftrags- dass Syngenta und die Firma, die für den Mail: jens.gluesing@spiegel.de
killer den Umweltaktivisten José Maria de Sprüheinsatz verantwortlich war, den Op-

72 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019


Wirtschaft

Wie sozial
zur Arbeit in ein anderes EU-Land ge-
schickt werden, den dort geltenden Min-
destlohn erhalten. Weil die Löhne aber in

ist Europa?
Europa so unterschiedlich ausfallen, war
Dumping leicht möglich. Künftig sollen
entsandte Arbeitnehmer deshalb den glei-
chen Lohn für gleiche Arbeit wie die hei-
Arbeitsmarkt Die Reform des mischen Kollegen bekommen.
Heil hat die Eckpunkte hierfür nun in
Entsendegesetzes soll Menschen,
REISEAUKTION
einem siebenseitigen Papier festgelegt. Ei-
die in der EU als Arbeitskräfte nen Gesetzentwurf will er bis zum Som-
verschickt werden, vor Ausbeutung mer vorlegen. »Wir wollen Arbeitnehmer
und Unternehmen vor Lohndumping und
schützen. Streit ist programmiert. unfairem Wettbewerb schützen«, sagt er.
Der Lohn entsandter Arbeitnehmer solle
Noch bis 12. Mai 2019

E s gibt Vorhaben in der Politik, deren


Wert man erst erkennt, wenn die
Dinge richtig schieflaufen. So wie in
Papenburg, wo 2013 zwei rumänische Ar-
so weit wie möglich an den für ihre inlän-
dischen Kollegen »vorgeschriebenen Lohn
angeglichen werden«, so das Papier. Das
Gesetz soll auch sicherstellen, dass »ent-
beiter der Meyer-Werft bei einem Brand sendebedingte Kosten«, etwa für die Un-
in einer Unterkunft erstickten. Das Un- terkunft, nicht mehr pauschal vom Lohn
glück warf ein Schlaglicht auf die teils un- abgezogen werden können.
würdigen Bedingungen, unter denen Men- Der Entwurf des Ministers dürfte abseh-
schen aus Europa in Deutschland arbeiten. bar für Ärger sorgen. Wirtschaftsvertreter
Am Bau oder in der Pflege, in vielen fürchten ein »Bürokratiemonster«, das vor
Branchen geht wenig ohne Arbeitskräfte, allem den Mittelstand überfordert. Welche
die von ausländischen Firmen auf Zeit der vielen Tarifverträge etwa, die es in
hierhergeschickt werden. Ihnen aber wer- Bund und Ländern gibt, sollen gelten, wenn
den vom knappen Lohn oft noch Kosten es künftig um gleichen Lohn für gleiche Ar-
für Unterbringung, Verpflegung oder Rei- beit geht? Wie kurz ist eine Kurzzeitent-
se abgezogen. »Mit den miesen Unter- sendung? Muss der Papierkram schon aus-
kunftsbedingungen für Arbeitnehmer aus gefüllt werden, wenn ein Mitarbeiter für
dem Ausland wollen wir endgültig Schluss einen Tag in Rom eine Messe besucht oder
machen«, sagt Arbeitsminister Hubertus in Madrid drei Tage eine Anlage repariert?
Heil (SPD). Tatsächlich sind die Anforderungen von
Der Versuch, die Lage der Betroffenen Land zu Land unterschiedlich, denn für
zu verbessern, trägt den sperrigen Namen
»EU-Entsenderichtlinie«. Vergangenes
die Umsetzung sind die Nationalstaaten
zuständig. In den vergangenen Monaten Bieten
Sie mit!
Jahr verabschiedete das Europäische Par- hat Heil daher mit einigen Amtskollegen
lament nach langem Gezerre eine Reform in Europa Gespräche geführt, um gemein-
der Regelung. Bis Mitte 2020 muss sie in sam zu transparenten und unkomplizier-
nationales Recht umgesetzt werden.
Bislang sah die EU-Richtlinie von 1996
ten Verfahren zu kommen.
Besonders geschützt werden sollen Ar-
Ab 1 Euro
vor, dass Mitarbeiter, die zeitlich begrenzt beitnehmer, die für mehr als 12 oder 18 Mo-
nate entsandt werden. Sie sollen hierzu-
lande nicht nur gleichen Lohn bekommen,
Wanderarbeiter sondern von allen arbeitsrechtlichen Vor-
Staaten mit den meisten Arbeitnehmer- schriften profitieren. Zugleich will Heil
entsendungen und -aufnahmen* verhindern, dass der Schutz »durch Anei-
Die fünf größten Entsender nanderreihung von mehreren Entsendun-
gen umgangen werden« kann.
Polen 513972
Es gibt gute Gründe für die Reform:
Deutschland 260068 1996 bestand die EU aus 15 Mitgliedern
heute sind es 28 Staaten. In Bulgarien be-
Slowenien 164226
trägt der Durchschnittslohn für Vollzeitbe-
Spanien 147424 schäftigte 436 Euro, in Deutschland 3380
Euro. Die Zahl der Entsendungen verdrei-
Frankreich 135974
fachte sich zwischen 2005 und 2016 fast
auf 2,3 Millionen. Für Heil ist die neue Von der Karibik bis Russland,
Die fünf größten Aufnahmestaaten
Richtlinie zudem eine Antwort auf die von Island bis Sri Lanka, von der
Deutschland 440065 wachsende EU-Skepsis der Bürger: »Wir
Frankreich 203019 müssen deutlich machen, dass Europa mehr Ostsee über die Alpen bis ans
ist als ein Friedensprojekt und ein Binnen- Mittelmeer. Ersteigern Sie eine von
Belgien 178319 markt, sondern auch für sozialen Schutz
Österreich 120150 * nur registrierte Arbeit- und Fortschritt steht.« Markus Dettmer über 200 Reisen in der exklusiven
nehmer, Richtwerte;
Niederlande 90873 Quelle: EU-Kommis- Mail: markus.dettmer@spiegel.de Reiseauktion des Tagesspiegels:
sion, 2016
www.tagesspiegel.de/reiseauktion
73
Wirtschaft

tät eigentlich fest eingeplant. Danach wür- con Valley, ähnlich wie es Facebook-Grün-

Tschüss, de Tyle Arzt werden, so hofften sie.


Es kam anders, und schuld daran ist
Peter Thiel, der PayPal-Gründer und Face-
der Mark Zuckerberg ein paar Jahre zuvor
gemacht hatte. Nur: Zuckerberg leitete zu
dem Zeitpunkt schon ein rasant wachsen-

Harvard book-Investor. Der US-Milliardär hält das


Collegestudium nicht bloß für überflüssig,
sondern sogar für schädlich: Er glaubt,
des Start-up. Tyle hatte noch nicht einmal
eine Idee. Also schrieb er E-Mails an 200
Unternehmer. Ein paar antworteten, und
Karrieren Sujay Tyle ging mit 15 dass es jungen Leuten den Mut abtrainiere, einer gab ihm einen Job.
die großen Probleme der Menschheit an- Ein Jahr später wurde aus Tyle dann
an die Eliteuni – und warf zugehen. Thiels Stiftung gibt deshalb 20 doch ein Gründer. Erst baute er die Job-
sein Studium hin, um Gründer bis 30 jungen Frauen und Männern jähr- plattform Hired mit auf. Dann gründete
zu werden. Schuld daran war lich jeweils 100 000 Dollar. Als Geschenk, er sein aktuelles Unternehmen, die Fron-
nicht als Kredit. Davon sollen sie zwei Jah- tier Car Group. Das Unternehmen will
der US-Starinvestor Peter Thiel. re lang leben und in der Zeit eine Unter- den Handel mit gebrauchten Autos in In-
nehmensidee entwickeln. Einzige Bedin- dien, Nigeria und anderen Schwellenlän-

B evor der Milliardär Peter Thiel in


sein Leben trat, war Sujay Tyle, 25,
ein braver Junge. Ein Musterschü-
ler, der zwei Klassen übersprang. Tyle war
gung: Sie müssen ihr Studium abbrechen.
Thiel stellt damit einen Glaubenssatz
der Einwanderernation USA infrage: dass
vor allem Bildung den sozialen Aufstieg
dern digitalisieren. Und das, obwohl Tyle
von sich sagt: »Ich habe in meinem Leben
noch kein Auto besessen.«
Rund 250 Millionen Dollar Kapital hat
elf Jahre alt, als er einen Professor dazu ermöglicht. Dabei hat der Sohn deutscher sein Start-up bislang nach eigenen An-
überredete, im Labor gemeinsam an neu- Auswanderer selbst Philosophie und Jura gaben von internationalen Investoren
en Biokraftstoffen zu forschen. Mit 15 be- in Stanford studiert (und abgeschlossen). eingesammelt. Die Firma hat ihren Sitz in
gann er ein Studium in Harvard. Das sei Heute besitzt er ein geschätztes Vermögen Berlin, doch die deutsche Hauptstadt ist
keine große Sache, findet der Amerikaner. von 2,5 Milliarden Dollar. Wegen seiner für Tyle bloß ein Stützpunkt. Einer seiner
Sein älterer Bruder habe schließlich schon Unterstützung für Donald Trump gilt er Mitgründer komme von dort, und die Pro-
mit 19 die Eliteuniversität Stanford abge- im liberalen Silicon Valley als Querkopf. grammierer und Mieten seien billiger als
schlossen. Den Biologiestudenten Tyle brachte die im Silicon Valley, sagt er. »Ich spreche kein
Es gilt als Klischee, dass Eltern mit asia- eigene Ungeduld dazu, sich für Thiels Sti- Wort Deutsch.« Er fliegt ohnehin die meis-
tischen Wurzeln ihre Kinder zu Höchst- pendium zu bewerben: »In den Naturwis- te Zeit um die Welt: »Ich habe in den ver-
leistungen im Leben anspornen. Im Fall senschaften braucht es Jahre, bis du ein gangenen drei Jahren nie mehr als zehn
seiner Familie, sagt Tyle, stimme das Kli- Ergebnis siehst. Ein Technologieunterneh- Tage in derselben Stadt verbracht.«
schee. In Indien in einfachen Verhältnissen men kannst du in einem Monat bauen.« Das Thiel-Stipendium ist bis heute um-
geboren, gingen seine Eltern zum Studie- Seine Eltern hätten seine Entscheidung stritten. Ex-Harvard-Präsident Larry Sum-
ren in die USA, der Vater stieg zum hoch- »kontrovers« aufgenommen, sagt er. Sei- mers nannte es schon 2013 »die irrigste
rangigen Manager in der Pharmabranche ner Mutter musste er versprechen, das Stu- Wohltätigkeitssache des Jahrzehnts«. Ein
auf. Ein amerikanischer Traum. dium später zu beenden. anderer Kritiker machte sich damals darü-
Für seine eigenen Kinder hatte das Paar Ein Jahr vor seinem Abschluss verließ ber lustig, dass die Initiative statt weltbe-
einen Abschluss an einer Spitzenuniversi- Tyle die Uni und zog von Boston ins Sili- wegender Erfindungen bloß eine Firma
hervorgebracht habe, die Koffeinspray ver-
kaufe. Das ist ein bisschen unfair, weil es
oft Jahre braucht, bis Erfolg sichtbar wird.
Doch in der Tat war unter Thiels Gründern
noch kein zweiter Mark Zuckerberg.
Auch Tyles Jobplattform und der Auto-
marktplatz haben bislang keinen Exit hin-
gelegt, keinen Verkauf oder Börsengang,
der ihn auf einen Schlag reich gemacht hät-
te. Seine Anteile an den beiden Firmen
seien aber »einiges« wert, wie er sagt. Es
gebe nichts, was er bereue.
Trotzdem blickt Tyle mit gemischten
Gefühlen auf den Gründergeist seiner
Generation. Der sei dabei, sich in einen
ungesunden Hype zu verwandeln, findet
er: »Es hat diesen falschen Sex-Appeal,
nicht aufs College zu gehen und nach San
Francisco zu ziehen, ohne Geld oder eine
Idee.« Vielen Jungunternehmern fehle mit
Anfang zwanzig die persönliche Reife, um
RADU DIACONU / DER SPIEGEL

ein Start-up mit zig Mitarbeitern zu leiten.


Das Versprechen an seine Mutter hat er
übrigens eingelöst. Irgendwann zwischen
Start-up Nummer eins und Start-up Num-
mer zwei ging Tyle zurück nach Harvard.
Ann-Kathrin Nezik
Mail: ann-kathrin.nezik@spiegel.de
Start-up-Unternehmer Tyle: »Falscher Sex-Appeal, nicht aufs College zu gehen«

74 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019


le sen
SZ
Jetzt ropa *
& Eu rnen
nn enle
ke

Warum braucht Europa


Ihre Stimme?
Weil bei der Europawahl am 26. Mai 2019 über unser aller Zukunft entschieden wird.

Unsere Angebote zur Europawahl: Jetzt Angebot sichern:


PRINT 50 Ausgaben täglich für 50 € sz.de/europa-sp
PRINT & DIGITAL 8-Wochen-Kombi für 50 €: 089 / 21 83 99 27
Am Wochenende die gedruckte Zeitung
und täglich SZ Plus
Gewinnen Sie eine Individualreise für 2 Personen durch Europa*

* Die Teilnahmebedingungen finden Sie unter sz.de/europa-sp


Ein Aktionsangebot der Süddeutsche Zeitung GmbH · Hultschiner Str. 8 · 81677 München
Medien

weise stirbt dann, ohne dass es jemanden

Krieg der Sterne stört, eine Zeitung nach der anderen.


In den zehn Jahren, in denen die Fünf-
Sterne-Bewegung von Erfolg zu Erfolg
geeilt ist, ging es mit dem italienischen
Zeitungen Italiens populistische Regierung schafft die Presseförderung Journalismus bergab. Die Auflagen der
ab. Es ist der letzte Akt eines historisch schwachen Tageszeitungen bra-
jahrelangen Kampfs gegen den Journalismus. chen um 50 Prozent ein, Tausende Jour-
nalisten mussten ihren Job aufgeben,
Zehntausende Kioske schließen. Mit dem

N
atürlich kann man sich fragen, ob ne dei Giornalisti«, eine für Redakteure ver- Ansehen des Berufs ging es ähnlich schnell
Italien eine kommunistische Ta- pflichtende Journalistenkammer, die den abwärts: 65 Prozent der Italiener sagen,
geszeitung wie den »Manifesto« Berufsstand vor Pfuschern schützen soll, sie würden Journalisten nicht vertrauen.
noch braucht. Seit bald 50 Jahren soll in dieser Form ebenfalls verschwinden. Friseure schneiden in Umfragen besser ab,
gibt es das Blatt. Die Auflage schrumpft Sogar den Begriff »Journalist« möchte sogar Beamte – und das in Italien.
und schrumpft, und man tritt den Kollegen Crimi überwinden, er spricht lieber von Für Unterstaatssekretär Crimi ist es
nicht zu nahe, wenn man sagt, dass der »Informationsprofis«. Alles weg, alles neu. »eine Frage der Glaubwürdigkeit«, den Zei-
»Manifesto« seine besten Zeiten hinter sich Crimi ist ein Fünf-Sterne-Anhänger der tungen das Geld wegzunehmen. Er wolle
hat; jene, in denen Dario Fo und Umberto ersten Stunde, den Kampf gegen die Presse- ihnen helfen, sagt Crimi, denn »Staatszei-
Eco dort ihre Texte veröffentlicht haben. förderung nennt er einen »Kerninhalt« sei- tungen« traue man nun mal nicht.
Aber das soll jetzt das Ende sein? ner Partei. »Die größten Verbreiter von Tatsächlich ist die Rache an der angeb-
Die Redaktion hat etliche Krisen und Fake News sind die Zeitungen«, sagt Crimi. lichen Lügenpresse ein Gründungsmythos
ein Attentat überlebt. Im Jahr 2000 zün- Das sei im Umgang mit der Fünf-Sterne- der Fünf-Sterne-Bewegung. Es gibt sogar
dete ein Neofaschist vor den Redaktions- Bewegung schon immer so gewesen. Auch ein exaktes Datum, an dem Beppe Grillo
räumen eine Bombe, am 22. Dezember, aus seinen Telefonaten mit Beppe Grillo, dem Journalismus den Krieg erklärte. Den
verpackt wie ein Weihnachtsgeschenk. Sie Komiker, Gründer und graue Eminenz der 25. April 2008.
explodierte vor den Füßen des Attentäters. Partei, hätten die Zeitungen ständig im Im Netz findet man noch Videoaufnah-
Der »Manifesto« habe sieben Leben, sagt Wortlaut zitiert: »Ich meine, woher wollen men von diesem Tag. Zu sehen ist ein bär-
der verantwortliche Direktor Matteo Bar- die das wissen?« tiger Mann, der sich auf dem Turiner Stadt-
tocci, »aber sechs davon haben wir schon Bei den betroffenen Medien geht es ums platz die Seele aus dem Leib brüllt. Beppe
verbraucht«. Überleben. Mehrere italienweit verkaufte Grillo schnaubt und zetert, er kriegt kaum
Bartocci klingt fatalistisch, und das hat Blätter könnte es treffen, ein paar Dutzend noch Luft, und obwohl sein Mikro über-
seinen Grund. Der nächste, ja, der vielleicht Lokalzeitungen und einen Radiosender. Das steuert, hängen Tausende an seinen Lip-
letzte Angriff auf sein Blatt kommt nämlich eigentlich Dramatische daran ist noch nicht pen. »Diese Arschkriecher kriegen unser
von Staats wegen. Die Regierung streicht einmal, dass sich eine Regierung mit der Geld«, schreit er, und zum Applaus wirft
dem »Manifesto« drei Millionen Euro Presse anlegt. Die besondere Tragik für den er die Arme in die Luft wie ein Rockstar.
Presseförderung, rund 40 Prozent seiner italienischen Journalismus liegt darin, dass Grillo hat den »V2-Day« ausgerufen, die
Erlöse. Wie soll man so einen Verlust aus- ihm kaum noch jemand hinterherweint. zweite Ausgabe seines jährlichen Protests
gleichen? Crimis Maßnahme ist nämlich populär, gegen das Establishment. Das V steht für
Der Mann, der für diese besondere nicht nur bei Fans der Fünf-Sterne-Bewe- »Vaffanculo« – »leck mich am Arsch« –,
Pressekrise verantwortlich ist und den sie gung. Gegen Journalisten zu wettern, das aber ein bisschen steht es auch für Vendet-
in der Redaktion des »Manifesto« deshalb haben Politiker hier früher gemerkt als in ta. Grillo nimmt sich Journalisten und Ver-
»il Killer« nennen, ist Vito Crimi, ein anderen Ländern, bringt Punkte beim leger vor, es ist eine Suada gegen die Presse.
freundlicher Mann von 47 Jahren. Er sitzt Volk. Und so lässt sich am Beispiel Italien Er spricht von »Staatsmedien« und »Un-
zwischen massiven Holzmöbeln im Palaz- beobachten, wohin es führt, wenn der wahrheiten«, der Ausdruck »Fake News«
zo Madama, dem römischen Senat. Hass auf die Presse über lange Zeit genährt fällt nur deshalb nicht, weil Donald Trump
Crimi hat in der neuen Regierung einen wird. Wenn Politiker jede unliebsame ihn erst noch populär machen muss. Grillo
Posten mit einschläferndem Titel, aber Nachricht als »bufala« – »Falschmel- will Rache an Italiens Zeitungen nehmen,
enormer Macht. Er ist Unterstaatssekretär dung« – brandmarken und sich zu Opfern weil sie ihn niederschreiben oder ignorie-
für das Verlagswesen, verantwortlich für einer Verschwörung stilisieren; wir gegen ren. Und er hat Zahlen mitgebracht.
die Medienpolitik. Und die bedeutet für sie, Regierung gegen Presse. Irgendwann »Il ›Corriere Mercantile‹ – 2,6 milioni«
Crimi und seine Fünf-Sterne-Partei vor setzt sich dieses Misstrauen fest, bei Lesern schreit Grillo. »Vaffanculo«, schallt es zu-
allem: Anti-Presse-Politik. und Wählern, in Koalitionsprogrammen rück. Er steht vor einer gigantischen Ta-
Das passende Gesetz hat die Regierung und Haushaltsgesetzen. Und möglicher- belle, nacheinander brüllt er die Namen
im Dezember verabschiedet, darin enthal- von Zeitungen ins Volk, dann die Beiträge,
ten sind Kürzungen für einen Großteil der die sie bekommen. »›Il Manifesto‹ – 4,4
Presseförderung, die in Italien bisher aus- Presse in Not milioni«, Hände in die Luft, »Vaffanculo!«
gezahlt wurde. Mehr als 50 Millionen Verkaufte Auflagen großer italienischer Tageszeitungen Anderthalb Jahre später, im Oktober
Euro, reserviert für kleine, strauchelnde Feb. 2009 2009, wird die Fünf-Sterne-Bewegung ge-
Blätter, fallen jährlich weg. In spätestens 520750 466100 Quelle: ADS gründet, zehn Jahre später sitzt sie an den
drei Jahren soll nichts davon übrig bleiben, Hebeln der Macht. Vaffanculo jeden Tag.
bis dahin werden die Zuschüsse für Hun- 265 200 Unterstützer der Fünf-Sterne-Bewe-
derte Zeitungen nach und nach gestrichen. gung sehen die Umwälzung als großen
Für Crimi ist das nur der erste Schritt. Er Frühjahrsputz. Sie deuten auf die histori-
möchte langfristig auch die indirekten För- Feb. 2019 schen Probleme mit der Presseförderung,
derungen beseitigen, etwa die ermäßigte 200650 150300 100550 auf den Missbrauch, der mitunter getrie-
Mehrwertsteuer für Zeitungen. Die »Ordi- »Corriere della Sera« »La Repubblica« »La Stampa« ben wurde. Sie erzählen davon, wie sich

76
beitsmoral, kam dieses Liveradio einer Re-
volution gleich. Das Parlament wurde kon-
trollierbar, von jedem Bürger, per UKW.
Und im Archiv des Senders schlummern,
auf 279 000 Audiokassetten, fünf Jahr-
zehnte italienischer Geschichte.
Etwa eine Äußerung des damaligen Au-
ßenministers Giulio Andreotti aus dem
Jahr 1984: »Es gibt zwei deutsche Staaten,
und zwei sollen es bleiben.« Ein Aus-
spruch, der eine diplomatische Krise nach
sich zog – und vom italienischen Außen-
ministerium sofort heruntergespielt wurde.
Andreotti habe lediglich die »aktuelle
Situation« beschrieben. Das Archiv von
Radio Radicale bewies das Gegenteil.
Für die Regierung zähle das nicht, sagt
die leitende Redakteurin Ada Pagliarulo,
»die wollen einen Schnitt mit der alten
Welt«. Über Pagliarulos Bildschirm flim-
mert eine Agenturmeldung aus dem
Piemont. Ein 69-Jähriger, steht da, habe
aus Protest gegen die mögliche Schlie-
ßung von Radio Radicale seine Nachbarn
mit Parlamentsdebatten in voller Laut-
stärke genervt. Andere gehen in ihrem
Protest noch weiter: Der Journalist und
Politiker Maurizio Bolognetti ist für
Radio Radicale im Hungerstreik, seit
mehr als 70 Tagen.
Für seinen Dienst an der Öffentlichkeit
erhielt der werbefreie Sender bisher
14  Millionen Euro im Jahr. 5 Millionen
wurden schon gestrichen, der Rest soll
folgen. Bis Mai seien die Kosten gedeckt,
sagt Pagliarulo, dann gehe Radio Radicale
das Geld aus.
Seit Ende März lädt Unterstaatssekretär
Crimi Verleger und Journalisten zu regel-
mäßigen Treffen am runden Tisch, um
über die Zukunft der Presseförderung zu
diskutieren. Der »Manifesto« berichtet aus
den Sitzungen, Radio Radicale überträgt
STEPHANIE GENGOTTI / DER SPIEGEL

sie live, aber was das Ganze bringen soll,


weiß niemand. Die Fronten sind verhärtet,
Crimi hatte den betroffenen Medien schon
im Vorfeld ausrichten lassen, dass sich an
den Kürzungen nichts ändere. Er denke
über ein »Gutscheinsystem« für Leser
nach. Wer zum ersten Mal ein Abo für ein
Medium abschließt, bekommt ein zweites
»Manifesto«-Chefs Norma Rangeri, Bartocci: »Sechs Leben haben wir schon verbraucht« gratis dazu – der Staat bezahlt die Rech-
nung. Ein Friedensangebot?
Beim »Manifesto« will man die Konse-
noch in den frühen Nullerjahren Zeitun- In einem Eckhaus in der Via Viminale, quenzen dieser Gutscheine nicht abwarten.
gen eigene Parteien hielten – und Partei- nahe an Roms Hauptbahnhof, fürchtet Zu groß sind schon jetzt die finanziellen
en eigene Zeitungen. Ein System, das es Radio Radicale um seine Zukunft. Den Schwierigkeiten. Stattdessen geht die Re-
manchem betrügerischen Verleger leicht Sender gibt es seit 1976, und er ist, anders daktion in die Offensive. Seit März hat das
machte, den Staat abzuzocken. als es sein Name vermuten lässt, kein Blatt acht Seiten mehr, und online soll die
Die Geschichten sind angestaubt, mit politischer Agitator. Die radikale Philoso- Bezahlschranke abgeschafft werden. Für
dem heutigen System nicht zu vergleichen, phie von Radio Radicale lautet: Transpa- die Redaktion ist das ein Glücksspiel: Sie
aber Italiens Regierungsparteien erzählen renz. Ob Parteitage, Strafprozesse, Vaffan- kann alles verlieren, sich vor dem Tod ein
sie gern. Weil sie funktionieren, das Volk culo-Days oder Senatsdebatten: Radio Ra- letztes Mal aufbäumen. Oder zurückkom-
gegen die Presse in Stellung bringen. Ist dicale übertrug immer, alles. Rund um die men und neue Märkte finden. Wahrschein-
das bloß ein Sturm, der vorüberzieht? Uhr, sieben Tage die Woche, non-profit. lich ist das nicht. Anton Rainer
Oder ein Epochenbruch? Und: Was bleibt In Italien, wo die Kleidervorschriften in Mail: anton.rainer@spiegel.de
übrig, wenn so viel verloren geht? der Politik stets strenger waren als die Ar-

DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019 77


Ausland
»Es gibt keinen Weg zurück. Entweder wir sterben, oder es gibt einen Wandel.« ‣ S. 84

CORINNA KERN / REUTERS


Mit einem Gewehr posiert dieses Mädchen im Militärmuseum von Latrun. Hier lieferten sich im Unabhängig-
keitskrieg 1948/49 Israelis und Araber erbitterte Kämpfe um die Straße ins belagerte Jerusalem. Der Kon-
flikt ist noch immer nicht gelöst: Am vergangenen Wochenende feuerten Palästinenser 690 Raketen aus
dem Gazastreifen Richtung Israel. Das Abwehrsystem »Iron Dome« fing rund ein Drittel der Geschosse ab.
Die Armee setzte zu Gegenangriffen auf die Hamas und den Islamischen Dschihad an. Insgesamt starben
4 Israelis und 25 Palästinenser. Seit Montag herrscht eine Waffenruhe.

Venezuela wichtigen Mitarbeiter Guaidós. Sieben Guaidó, der sich in seiner Funktion als
weiteren Abgeordneten entzog der Parlamentspräsident im Januar zum
Der Machthaber Oberste Gerichtshof, der von Maduro Interimsstaatschef erklärte, erkennt die
schlägt zurück kontrolliert wird, die parlamentarische verfassungsgebende Versammlung nicht
Immunität. Fast 70 Volksvertreter sind an. Ebenso halten es die mehr als 50 Staa-
 Nach dem gescheiterten Umsturzver- nach Angaben des Parlaments verschärf- ten, die sich hinter ihn gestellt haben.
such seines Widersachers Juan Guaidó ter Repression ausgesetzt, mehrere sitzen Maduro hat unterdessen auch die
nutzt der Autokrat Nicolás Maduro die im Gefängnis. Repression gegen seine außerparlamen-
Schwäche der Opposition, um Guaidós »Maduro will das Parlament zerstö- tarischen Gegner verschärft: Mehr als
wichtigste Bastion zu attackieren: die ren«, sagte Guaidó. Die Richter berufen 2000 Menschen wurden nach Angaben
demokratisch gewählte Nationalversamm- sich darauf, dass das 2015 gewählte Parla- der Menschenrechtsorganisation Foro
lung, deren Präsident Guaidó ist. Am ment seine Legitimität verloren habe, Penal seit Jahresbeginn aus politischen
Mittwoch ließ Maduro den Parlaments- nachdem Maduro eine neue verfassungs- Gründen festgenommen, zumeist während
vize Edgar Zambrano verhaften, einen gebende Versammlung einberief. Kundgebungen gegen das Regime. JGL

78 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019


Polen Kerski: Nein. Die Stadt Danzig ist Eigen-
tümerin des Gebäudes und verteidigt
»Ideologisches Bündnis mit der Regierung« unser Programm. Zudem haben rund
80 000 Bürger spontan rund doppelt so
Basil Kerski, 49, Direktor des »Europäi- Bündnis verschiedener gesellschaftlicher viel gespendet, wie das Ministerium jähr-
schen Solidarność-Zentrums« in Danzig, Kräfte und setzte auf Toleranz. Ihre lich gezahlt hat. Nach dem Mord am
über den Namenskonflikt mit der legen- heutige Führung betont dagegen ihre Gründer unseres Zentrums, dem Danzi-
dären Gewerkschaft Solidarność, die vor historische Rolle einer national-katholi- ger Bürgermeister Paweł Adamowicz,
30 Jahren den friedlichen Wandel in Polen schen Befreiungsbewegung – und hat durch einen politisch verblendeten Täter
herbeiverhandelte – und in den vergange- Probleme mit Andersdenkenden, vor im Januar wurde der Sarg bei uns für 24
nen Jahren stark nach rechts gerückt ist allem mit Polen, die der katholischen Stunden aufgebahrt. Mehr als 50 000
Kirche kritisch gegenüberstehen. Man Menschen kamen. Dies und die Spenden
SPIEGEL: Herr Kerski, die Gewerkschaft kann sagen, die Solidarność hat sich waren ein stiller Protest gegen die Kultur
Solidarność will Ihnen verbieten, ihr Logo politisch verengt und ist ein ideologisches des Hasses, die auch in Polen stärker wird.
zu verwenden. Warum? Bündnis mit der nationalkonservativen SPIEGEL: Auch Sie persönlich werden
Kerski: Die Solidarność gehört zu den Regierung eingegangen. scharf angegriffen. Warum?
Mitbegründern unseres Zentrums. Ihre SPIEGEL: Das Kulturministerium hat Kerski: Mein Vater ist Iraker, meine Mut-
heutige Führung ist offenbar der Meinung, Ihnen rund 40 Prozent der Förderung ter Polin, ich bin in Danzig geboren, seit
dass unsere Projektarbeit sich nicht mit gestrichen. Ist Ihre Arbeit in Gefahr? 1979 lebe ich in West-Berlin. Aus der
christlichen Werten verträgt. Sicht von Nationalisten
SPIEGEL: Was sind das für habe ich nicht die richtige
Projekte? Biografie. Sie wollen nicht,
Kerski: Wir sind ein Museum, dass jemand Polens Ge-
wollen aber auch die Zivilge- schichte vermittelt, der nicht
sellschaft stärken. Herzstück in ihre engen Identitätsmus-
ist eine Dauerausstellung über ter passt.
den Freiheitskampf der Soli- SPIEGEL: Was werden Sie
darność und alle Revolutio- tun?
nen, die zum Zusammenbruch Kerski: Das legendäre Soli-
des Kommunismus 1989 beige- darność-Logo bleibt ein
tragen haben. Und wir unter- wichtiges Exponat in unse-
stützen neue soziale Bewegun- rer Ausstellung. Der Schrift-

PRZEMEK ŚWIDERSKI
gen, arbeiten mit Migranten zug ist ein Kunstwerk. Sein
und Vertretern von sexuellen Schöpfer, Jerzy Janiszewski,
Minderheiten zusammen. ist uns beigesprungen. Er
SPIEGEL: Was hat das mit der will, dass alle demokratisch
Solidarność zu tun? gesinnten Polen Zugang zu
Kerski: Die Solidarność war diesem Symbol der friedli-
einmal ein pluralistisches Kerski chen Revolution haben. JPU

Analyse

Arktischer Teufelskreis
Der Wettlauf der Großmächte um die Rohstoffe der Nordpolarregion beschleunigt den Klimawandel.

Wem gehört der Nordpol? Schon vor mehr als zehn Jahren haben noch weiter gehende Absichten stecken. Auf einer Tagung des
die Russen am nördlichsten Punkt der Erde eine Nationalflagge Arktischen Rats diese Woche in Finnland hat der amerikanische
aus Titan in den Meeresgrund gerammt, um Fakten zu schaffen. Außenminister Mike Pompeo in scharfen Worten versucht, China
Aber auch die Dänen, die Grönland besitzen, erheben Anspruch in die Schranken zu weisen. Er warf dem Rivalen »ein Muster
auf den Nordpol. Bisher waren solche Streitigkeiten eine Kuriosi- aggressiver Verhaltensweisen« vor und warnte Peking davor, in
tät, doch durch den Klimawandel ändert sich das gerade. Je stär- der Arktis »nationale Sicherheitsinteressen« zu verfolgen. Gegen-
ker das nördliche Eis schmilzt, umso entschlossener betreiben die über Moskau wurde Pompeo ebenfalls deutlich: »Wir wissen, dass
globalen Mächte ihren Wettlauf um die Arktis. Neben Russland die russischen Gebietsansprüche in Gewalt ausarten können.«
sind es, wie so häufig, China und die USA, die mitreden wollen, Die kleineren Mitglieder des Arktischen Rats hatten allen
wenn die entlegene Weltregion wirtschaftlich und militärisch Grund, die Washingtoner Machtdemonstration mit Entsetzen zu
erschlossen wird. verfolgen. Denn Pompeo machte klar, dass Amerika die Eis-
Obwohl der nördlichste Zipfel Chinas mehr als tausend Kilome- schmelze vor allem als Chance sieht, an Öl und andere Rohstoffe
ter vom Polarkreis entfernt liegt, propagiert Peking neuerdings zu gelangen, die im Grund des Nordmeers verborgen liegen.
das Projekt einer »polaren Seidenstraße«. Die Rede ist vor allem So zeichnet sich eine tragische Entwicklung ab: In der Arktis,
von günstigen Schifffahrtsrouten durch das Nordmeer, auf denen wo die Erderwärmung bereits dramatische Folgen hat,
die Transportzeit für Waren nach Europa deutlich verkürzt wer- führt sie voraussichtlich dazu, dass bald noch mehr CO frei-
²
den kann. Allerdings argwöhnt die US-Regierung, dass dahinter gesetzt wird. Dietmar Pieper

79
Ausland

In der Sackgasse
Türkei Präsident Erdoğan steht nach der Annullierung der Istanbul-Wahl
vor einer schwierigen Entscheidung: Entweder er
opfert einen Teil seiner Macht – oder den Frieden im Land.

D
er Mann, der seit Anfang der Wo-
che eines der wichtigsten politi-
schen Ämter der Türkei besetzt,
ist kein Politiker, sondern ein Bü-
rokrat: Ali Yerlikaya, 50, hat als Beamter
im Innen- und Gesundheitsministerium ge-
arbeitet und als Gouverneur der Provinz
Istanbul und verschiedener anatolischer
Provinzen. Er ist ein farblos wirkender,
bisher weitgehend unbekannter Mann.
Nun führt er als Interimsbürgermeister
die Amtsgeschäfte in Istanbul – zumindest,
bis die Istanbuler am 23. Juni ein zweites
Mal an die Urnen treten. Bei der regulären
Bürgermeisterwahl am 31. März hatte Op-
positionskandidat Ekrem Imamoğlu die
AK-Partei von Präsident Recep Tayyip Er-
doğan bezwungen. Doch Imamoğlu konn-
te sich nur wenige Tage im Amt halten.
Am Montag erklärte die Wahlkommission
die Abstimmung auf Druck von Erdoğan
für ungültig. Sie rief eine Neuwahl aus und
installierte Yerlikaya als Zwangsverwalter.
Die Annullierung der Istanbul-Wahl
markiert eine Zäsur für die Türkei: Er-
doğan hat zuvor schon die Unabhängigkeit
der Justiz beschnitten und die Medien
weitgehend gleichgeschaltet. Doch indem
der Präsident sich nun erstmals weigert,
ein Wahlergebnis anzuerkennen, das ihm
missfällt, überschreitet er eine Schwelle:
hin zu einem System, in dem ein demo-
kratischer Machtwechsel kaum mehr mög-
lich scheint – es ist ein weiterer Schritt auf
dem Weg der Türkei in die Diktatur.
Die Folgen für das Land könnten dra-
matisch sein, der Ausgang ist nicht vor-
herzusehen: Am Ende könnten Massen-
proteste stehen, ein Volksaufstand, im
schlimmsten Fall gewaltsame Zusammen-
stöße zwischen Anhängern und Gegnern
des Präsidenten.
Denn Erdoğans Vorstoß ist kein Aus-
MURAT KULA / ANADOLU AGENCY / GETTY IMAGES

druck von Stärke, sondern von Schwäche:


Sein Regime befindet sich im Endspiel um
die Macht. Er muss fürchten, dass die Wirt-
schaft kollabiert. Das Land geht durch eine
Rezession. Die Lira fiel am Donnerstag
auf 6,2 im Vergleich zum Dollar, den nied-
rigsten Wert seit dem Zollstreit mit den
USA im vergangenen Spätsommer. Ana-
lysten rechnen damit, dass sie bis zur Wahl
auf 8,0 einbrechen könnte, was die Infla-
tion zusätzlich anheizen würde. »In einer
Zeit, in der wir uns auf wirtschaftliche und Staatschef Erdoǧan: Endspiel um die Macht

80
demokratische Reformen konzentrieren
sollten, sind erneute Wahlen ein Grund Wahlen Oppositionspolitiker Ekrem Imamoğlu über die Wiederholung
zur Sorge«, kritisiert der türkische Unter- der Abstimmung in Istanbul und seine Strategie gegen Erdoğan
nehmerverband Tüsiad.

»Wir kämpfen weiter«


Auch innerhalb der AKP wächst die Un-
ruhe. Teile der Partei lehnen die Annullie-
rung der Wahl ab. »Wir können uns nicht
dadurch retten, dass wir (an Ramadan) fas-
ten«, schrieb der Abgeordnete Mustafa
Yeneroğlu auf Twitter. Erdoğan, so scheint Um ihn herum herrscht Chaos: Seine
es, tut sich schwer, die Fliehkräfte in der Berater nehmen pausenlos Anrufe entge-
AKP zu bremsen. Sowohl der frühere Prä- gen von Parteifunktionären, Journalisten,
sident Abdullah Gül wie auch der frühere Beamten. Anhänger wollen Fotos mit
Premier Ahmet Davutoğlu, beide langjäh- ihm schießen. Ekrem Imamoğlu, 48, alter
rige AKP-Mitglieder, stellten sich diese und neuer Spitzenkandidat der Republi-
Woche offen gegen ihn. »Es ist der grund- kanischen Volkspartei (CHP) für die Ober-

LEFTERIS PITARAKIS / AP
legendste Wesenszug unserer demokrati- bürgermeisterwahl in Istanbul, wirkt hin-
schen Tradition, dass das Volk das letzte gegen ruhig, fast zurückgenommen. Er
Wort an der Urne hat«, schrieb Davutoğlu hat für das Interview mit dem SPIEGEL
auf Twitter. Und Gül verglich die Annul- ein Restaurant am Bosporusufer in Istan-
lierung der Istanbul-Wahl mit dem Ver- bul gewählt. Seine Stimme ist leicht an-
such des Verfassungsgerichts 2007, seine geschlagen von den vielen Wahlkampf-
Präsidentschaft zu verhindern. »Es ist eine auftritten der vergangenen Wochen. Imamoğlu: Wir werden das nicht zulas-
Schande, dass wir nicht weiter sind.« sen. Wir haben schon bei der Wahl im
Deshalb glauben manche Beobachter, SPIEGEL: Herr Imamoğlu, ist mit der März ein hervorragendes Kontrollsystem
dass es noch vor der Neuwahl am 23. Juni Annullierung der Istanbul-Wahl die entwickelt. Und dieses Mal sind zwanzig-
zu einer Spaltung der AKP kommen könn- Chance auf faire und freie Wahlen in der mal so viele Menschen für uns im Ein-
te – darüber wird zwar seit Langem spe- Türkei vertan? satz. Es wird keine Probleme geben.
kuliert, doch nun hat der Präsident für sei- Imamoğlu: Die Türkei ist kein Land, SPIEGEL: Erdoğan sagte im Wahlkampf:
ne parteiinternen Gegner wohl eine Gren- das den Kampf für Demokratie wegen »Wer Istanbul regiert, regiert die Türkei.«
ze überschritten. Gül, Davutoğlu und der einer solchen Entscheidung aufgibt. Glauben Sie, er fürchtet inzwischen um
frühere Wirtschaftsminister Ali Babacan, Die Menschen werden bei der Neuwahl seine Macht?
heißt es, wollten eine neue Partei gründen, am 23. Juni eine klare Reaktion Imamoğlu: Ich kann nicht in seinen Kopf
was zu Austritten aus der AKP führen zeigen. Sie werden den Fortbestand blicken. Ich weiß nur, dass jede Herr-
könnte und Erdoğan im Wahlkampf zu- der Demokratie sicherstellen. schaft irgendwann an ihr Ende gelangt.
sätzlich belasten würde. SPIEGEL: Glauben Sie, dass Präsident SPIEGEL: Ex-Präsident Abdullah Gül
Erdoğan war sich dieser Risiken durch- Erdoğan dann eine Niederlage akzep- und Ex-Premier Ahmet Davutoğlu, zwei
aus bewusst. Er hat lange gezögert, in Is- tieren wird? prominente AKP-Politiker, haben die
tanbul die Neuwahl zu erzwingen. AKP- Imamoğlu: Ihm wird keine andere Wahl Annullierung der Wahl kritisiert. Glau-
Funktionäre erzählen, dass Hardliner aus bleiben. ben Sie, dass Ihnen die Intervention
dem Umfeld des Präsidenten, darunter SPIEGEL: Warum boykottieren Sie die der beiden hilft, islamisch-konservative
sein Sohn Bilal und sein Schwiegersohn Abstimmung nicht, wie Parteifreunde Wähler zu überzeugen?
und Finanzminister Berat Albayrak, ihn Ihnen das geraten haben? Imamoğlu: Das glaube ich nicht. Aber
letztlich davon überzeugt haben sollen, Imamoğlu: Ein Boykott macht nur in ich habe mich trotzdem über ihre
dass die Partei es sich nicht leisten könne, Ländern mit einer hoch entwickelten Statements gefreut. Die beiden haben
Istanbul verloren zu geben – mit 15 Mil- Demokratie Sinn, wo die Gesellschaft selbst unter politischer Ungerechtigkeit
lionen Einwohnern ist es die bei Weitem aufschreit. Die Türkei ist noch kein gelitten. Es ist wertvoll, dass sie nicht
größte Stadt der Türkei und zugleich die solches Land. Ein Boykott würde ledig- schweigen über die Ungerechtigkeit, die
Heimat des Präsidenten. lich der Regierung nützen. Wir kämpfen mir widerfahren ist.
Erdoğan braucht die Kontrolle über die an der Urne weiter. SPIEGEL: Die türkische Wirtschaft steckt
Istanbuler Stadtverwaltung, um Familien- SPIEGEL: Haben Sie Sorge, dass Men- in der Krise, die Lira und der Aktien-
mitgliedern und Günstlingen weiterhin schen der Wahl fernbleiben, weil sie index haben diese Woche an Wert ver-
ungestört Aufträge und Privilegien zukom- den Glauben an den demokratischen loren. Würde sich daran etwas ändern,
men lassen zu können. Allein im vergange- Prozess verloren haben? wenn Sie nach der Wahl im Juni ins Rat-
nen Jahr soll die Kommune etwa 20 Millio- Imamoğlu: Nein. Wo immer ich in die- haus zurückkehrten?
nen Euro an drei Stiftungen gezahlt haben, sen Tage hingehe, begegne ich Menschen, Imamoğlu: Die Wirtschaft braucht ein
in denen Erdoğans Sohn Bilal im Vorstand die enthusiastisch sind, die sagen: demokratisches, friedliches, faires
sitzt. Firmen wie die Çalık Holding, die bis »Wir schaffen das, mein Bürgermeister.« Umfeld, um zu funktionieren. Wenn all
2013 von Erdoğan-Schwiegersohn Berat Al- Oder sie rufen unseren Wahlkampf- das nicht existiert, entstehen Krisen.
bayrak geführt wurde, erhalten regelmäßig slogan: »Alles wird gut«. Menschen Vor allem wenn wir wollen, dass Anleger
Staatsaufträge. Die Çalık-Medien trommel- ändern ihre Urlaubspläne, um bei der aus dem Ausland in der Türkei Geld
ten in den vergangenen Wochen besonders Wahl dabei zu sein. Ich garantiere investieren, müssen wir beweisen, dass
heftig für eine Neuwahl. Ihnen, dass die Wahlbeteiligung im Juni in diesem Land Demokratie und Rechts-
Istanbul steht nun ein Wahlkampf bevor, noch höher sein wird als im März. staat existieren. Dafür trete ich an.
wie ihn die Stadt noch nicht erlebt hat. Be- SPIEGEL: Wie reagieren Sie, falls es bei Wir haben Probleme. Aber wir können
reits vor der Wahl im März absolvierte der Neuwahl am 23. Juni zu Manipula- sie als Nation überwinden.
Erdoğan bis zu neun Auftritte an einem tionen durch die Regierung kommt? Interview: Bülent Mumay

DER SPIEGEL Nr. 20 / 11. 5. 2019 81


BULENT KILIC / AFP
Protestierende nach Wahlannullierung in Istanbul: Ein Schritt auf dem Weg in die Diktatur

Tag. Er erklärte die Abstimmung zu einer Boykott rieten. Imamoğlu kämpft spätes- wären wohl Massenproteste, wie sie das
»Frage des nationalen Überlebens« und at- tens seit dieser Woche nicht mehr nur um Land seit dem Aufstand um den Istanbuler
tackierte Kontrahenten in einer Schärfe, seinen Posten. Er kämpft in den Augen sei- Gezi-Park 2013 nicht mehr gesehen hat.
die selbst für ihn außergewöhnlich war. Be- ner Anhänger um den Erhalt der Demokra- Damals ging die Polizei mit Gewalt gegen
obachter fürchten, dass die Attacken auf tie in der Türkei. »Es darf nicht sein, dass Demonstranten vor, es kam zu tagelangen
Opposition und Zivilgesellschaft nun noch einige wenige Männer die Demokratie in Straßenschlachten.
einmal zunehmen könnten. der Türkei abwickeln«, sagt er. Innerhalb der Regierung ist die Angst
Erdoğan steht unter Druck wie selten Die Spitzenpolitiker von vier Opposi- vor einem Machtverlust inzwischen so
zuvor in seiner Karriere. Er hat sich stets tionsparteien, darunter der islamistischen groß, dass Erdoğan-Vertraute hinter ver-
als Außenseiter inszeniert, seit er in den Saadet-Partei, haben angekündigt, bei der schlossenen Türen offenbar ein drittes Sze-
Neunzigerjahren wegen vermeintlicher is- Neuwahl zugunsten Imamoğlus auf eine nario diskutieren. Der Präsident, so argu-
lamistischer Umtriebe für kurze Zeit ins erneute Kandidatur zu verzichten. Künst- mentieren manche, könnte die Oberbür-
Gefängnis gesperrt war. Der gescheiterte ler, Musiker, Schauspieler, viele von ihnen germeisterwahl mit Verweis auf die ange-
Putschversuch vom Juli 2016 hat diesen ehemalige Erdoğan-Unterstützer, haben spannte Sicherheitslage verschieben. Auf
Mythos verstärkt. Durch die Annullierung sich öffentlich auf die Seite des CHP-Kan- diese Weise würde er einen Wahlsieg Ima-
der Wahl haben sich für alle Bürger sicht- didaten geschlagen. Imamoğlus Wahl- moğlus fürs Erste verhindern. Entschärfen
bar die Rollen vertauscht: Erdoğan er- kampfslogan »Her şey çok güzel olacak« würde er die Lage nicht. Aufstände in Is-
scheint als Putschist, CHP-Mann Ima- (Alles wird gut) wurde zum Toptrend auf tanbul, der größten Stadt des Landes, wür-
moğlu als Opfer. Twitter. den nicht nur die Türkei an den Rand des
Hinzu kommt, dass der Spitzenkandi- Erdoğan geht mit der Neuwahl in Istan- Kollapses führen. Sie würden sich auch
dat der AKP für Istanbul lustlos und abge- bul ein enormes Risiko ein: Verliert er, ist auf Deutschland auswirken, wo fast drei
kämpft wirkt: Binali Yıldırım war Premier er doppelt blamiert. Der Frust in der AKP Millionen Menschen türkischer Herkunft
und Parlamentspräsident. Er musste offen- würde sich wohl Bahn brechen. Schnell leben, die den Konflikt schnell zu ihrem
bar von Erdoğan zur Bürgermeisterkan- dürfte der Ruf nach einer vorgezogenen eigenen machen könnten.
didatur überredet werden. Nach seiner Präsidentschaftswahl laut werden. Die Tür- Erdoğan war als Politiker lange Zeit vor
Niederlage kündigte er bereits seinen kei könnte in eine Staatskrise schlittern. allem deshalb so erfolgreich, weil er es
Rückzug an. »Ich bin keine Person, die Es ist deshalb kaum vorstellbar, dass Er- schaffte, sich selbst in Krisen eine Hinter-
versucht, eine Wahl zu gewinnen, die be- doğan eine Niederlage zulässt. tür offen zu halten. Nun aber scheint er
reits verloren wurde«, sagte er. Erdoğan Gewinnt er, würden sich Millionen Re- sich und das Land in eine Sackgasse ma-
hat ihn nach Aussagen von AKP-Politikern gierungsgegner um ihren Sieg gebracht növriert zu haben, aus der es keinen ein-
nun angeblich gedrängt, im Juni erneut an- fühlen. Der Verdacht der Manipulation, fachen Ausweg gibt.
zutreten – augenscheinlich mangels Alter- egal ob gerechtfertigt oder nicht, würde Bülent Mumay, Maximilian Popp
nativen. das Ergebnis überschatten. Noch kann Twitter: @Maximilian_Popp
Die Opposition hingegen ist entschlossen Imamoğlu seine Anhänger besänftigen, in-
und geschlossen wie selten. Imamoğlu hat dem er auf die Wahl am 23. Juni verweist. ‣ Lesen Sie auch auf Seite 120
bereits Stunden nach der Wahlannullierung Das ist spätestens nach einer Niederlage Warum die türkische Schriftstellerin Elif
erklärt, als CHP-Spitzenkandidat erneut in nicht mehr möglich. Imamoğlu bliebe Shafak die Annullierung der Bürgermeister-
das Rennen um das Bürgermeisteramt ein- dann gar nichts anderes übrig, als seine wahl für »undemokratisch und falsch« hält
zusteigen, obwohl ihm Parteifreunde zum Leute auf die Straße zu rufen. Die Folge

82 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11. 5. 2019


Ausland

Das Risiko der Demokraten


Analyse Die Opposition attackiert Donald Trump wegen des Mueller-Reports heftig.
Damit irritiert sie genau jene Wähler, die sie bei der Wahl 2020 braucht.

S
teckt Amerika in einer Verfassungskrise? Das sagte affäre betrifft. Mueller habe ihn von allen Vorwürfen entlastet,
am Mittwoch der Demokrat Jerry Nadler, Vorsitzen- sagt er. Die Untersuchung müsse aufhören.
der des Justizausschusses im US-Repräsentantenhaus. Abgesehen davon, dass gegen Trump weiter Vorwürfe der
Nadler ist eine wichtige Figur in Washington, in sei- Justizbehinderung im Raum stehen, hat der Kongress natür-
nem Ausschuss würde, falls es dazu kommt, der Grundstein lich das Recht, Zeugen anzuhören. Am Mittwoch verschickte
für ein Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump ge- der Geheimdienstausschuss des Senats eine Vorladung an
legt. Es gehe um alles, sagte Nadler, es gehe um nichts Trumps Sohn Donald Jr, was den Präsidenten kalt erwischte,
Geringeres als die Frage, ob die Vereinigten Staaten eine Re- da der Senat im Gegensatz zum Repräsentantenhaus von
publik blieben oder in eine »tyrannischere Form der Staats- Republikanern kontrolliert wird.
führung« abglitten. Nancy Pelosi, die Sprecherin des Ab- Das Problem aber ist, dass der Kongress nur über begrenz-
geordnetenhauses und derzeit mächtigste Demokratin des te Macht verfügt, sein Kontrollrecht gegenüber der Regierung
Landes, benutzte ähnliche Worte. durchzusetzen. Justizminister Barr muss nicht vor dem Jus-
Verfassungskrise ist ein wuchtiger Begriff, Tyrannei eben- tizausschuss aussagen, er muss den Abgeordneten auch nicht
falls, aber so weit ist es (noch) nicht. Es gibt einen ernsten den ungeschwärzten Mueller-Bericht vorlegen, sondern kann
Konflikt zwischen Trump sich verweigern. Im Kampf
und dem von Demokraten gegen Trump müssen die Ab-
dominierten Abgeordneten- geordneten sich Gerichte als
haus, das ja. Im Mittelpunkt Verstärkung holen. In letzter
steht der Bericht des Russ- Instanz könnte der Oberste
landsonderermittlers Robert Gerichtshof entscheiden, ob
Mueller, veröffentlicht vor alle Erkenntnisse Muellers öf-
drei Wochen in zensierter fentlich werden. Und dort
Form, der sowohl Trump als sind, dank Trump, Konserva-
auch die Opposition noch im- tive in der Mehrheit.
mer beschäftigt. Der Bericht Der Konflikt zeigt, dass
hat Trump nur teilweise ent- die Demokraten anderthalb
lastet. Sehr konkret geht es Jahre vor der Präsident-
im Streit zwischen ihm und schaftswahl immer noch vor
der Opposition um die Frage, dem alten Impeachment-
SUSAN WALSH / AP

ob das Parlament die Regie- Dilemma stehen. Sollen sie


rung zwingen kann, den un- ein Amtsenthebungsverfah-
geschwärzten 448 Seiten lan- ren gegen Trump riskieren
gen Report und sämtliche und damit die Geduld mode-
vom Sonderermittler gesam- Justizminister Barr rater Konservativer strapa-
melten Beweise herauszuge- zieren? Oder sollen sie ihre
ben. Außerdem will Nadler eigene Basis enttäuschen,
Zeugen vorladen, darunter Justizminister William Barr, was die Trump verachtet und ihn am liebsten morgen aus
die Regierung ebenfalls ablehnt. In Washington ringen zwei dem Amt jagen würde? Umfragen zufolge ist das Verlangen
Verfassungsorgane laut und brutal miteinander – die Regie- der Parteianhänger nach einem Amtsenthebungsverfahren
rung und das Parlament. Die Aufgabe des US-Kongresses ist größer als beim Rest der Bevölkerung. Im Moment bleiben
es, die Regierung zu kontrollieren. Nadler, Pelosi und anderen Demokraten nur starke Worte,
Eine Krise wäre es dann, wenn Trump die Kontrolle von um ein Verfahren zu verhindern, von dem Trump profitieren
vornherein verhindert hätte; er wollte das, weil er die Impul- könnte.
sivität eines Autokraten hat, war aber am Ende nicht willens Wie geht es weiter? Die Demokraten werden den Druck
oder fähig, sich durchzusetzen. Die Gefahr ist nun, dass die auf die Regierung erhöhen, Trump wird sich weiter verwei-
Demokraten einer (legitimen) Sache schaden, indem sie ihre gern. Der Streit wird in viele Verfahren zerfasern, die sich
Rhetorik eskalieren. über Monate oder länger strecken. Das Kalkül des Präsiden-
Es kommt vor, dass Mitglieder der Regierung wegen Miss- ten ist es, die Demokraten als Verschwörungstheoretiker zu
achtung des Kongresses angezeigt werden, wie das gerade karikieren, die vom Russlandfieber blind geworden sind. Es
Justizminister William Barr droht. Die Rechtsberaterin von zeigt sich, wie riskant die Strategie der Opposition war, sämt-
George W. Bush sowie sein Stabschef sollten wegen der Ent- liche Hoffnungen auf den Mueller-Bericht zu legen. Mueller
lassung von Staatsanwälten angehört werden, der Justizmi- hat seine Ermittlungen, wie inzwischen klar wurde, eher eng
nister von Barack Obama wegen fragwürdiger Maßnahmen gefasst, er ließ zum Beispiel die Finanzen Trumps und dessen
bei der Bekämpfung illegalen Waffenhandels; allen wurde Vergangenheit als Hobbybankrotteur fast komplett außer
Missachtung vorgeworfen, weil sie sich unkooperativ zeigten. Acht. Die Demokraten wollen nun nachholen, was sie ver-
Das Besondere an Trump ist, dass er nun eine Strategie der passten: Sie wollen den Präsidenten komplett durchleuchten.
Totalblockade gegen den Kongress fährt, was die Russland- Ihnen bleibt nicht viel Zeit. Christoph Scheuermann

83
Anführer Abbas, Mitstreiter aus Burri: »Der Baum ist weg, aber die Wurzeln sind noch da«

Keimzelle der Revolution


Sudan Sechs Freunde bereiteten in einem Haus im Arbeiterviertel von Khartum den Sturz
von Diktator Omar al-Baschir vor. Nun fürchten sie, dass ihr Protest zum Volksfest
verkommt und das Militär die Macht behält. Von Katrin Kuntz und Daniel Etter (Fotos)

Ma radschi ana laja matalib. Abbas nahm sein Smartphone in die »Er ist gefallen!«, brüllte Abbas. »Er ist ge-
(Ich gehe nicht weg, Hand, steckte sich Kopfhörer in die Ohren fallen!«, schrie seine Mutter. Sie sagt heute,
ich habe Forderungen.) und hörte seinen Radiosender im Internet. sie habe so laut gejohlt, dass sie fast fürch-
Revolutionsslogan, Sudan 2019 Er erinnert sich, als er drei Wochen später tete, hysterisch geworden zu sein.
von diesem Tag erzählt, dass ihm auf dem Omar al-Baschir war gefallen.
Bett liegend die Augen zufielen. Abbas Und die Mitglieder der Familie Abbas

W
enige Minuten bevor der Dik- wachte erst auf, als auf seinem Radiosen- waren an diesem Tag nicht nur gewöhn-
tator Omar al-Baschir, der den der gegen Mittag eine Militärmusik ein- liche Bürger des Sudan, die frei atmen
Sudan 30 Jahre lang geknech- setzte, der Soundtrack zu fast jedem Mili- wollten. Sie gehörten in diesem Moment
tet und ausgepresst hatte, am tärputsch. Als die Musik endete, hörte er auch zu den Siegern.
11. April 2019 Geschichte wurde, lag Mo- die Stimme des damaligen Verteidigungs- Denn ihr kleines Haus mit dem Well-
hammed Abbas auf seinem Bett in der ministers Ahmed Awad Ibn Auf. Er sagte, blechdach, in dem es drei Zimmer mit vie-
Hauptstadt Khartum. das Militär habe das Regime beseitigt und len Holzbetten gibt, keinen Fernseher und
Er ruhte sich von den Straßenkämpfen seinen Führer verhaftet. kein Auto vor der Tür, ist seit Jahren eine
der vergangenen Tage aus. Abbas ist 29 Abbas konnte kaum glauben, dass sein Zelle des Widerstands. Hier im traditio-
Jahre alt, der Diktator war schon im Amt, Protest das Undenkbare wirklich möglich nellen Arbeiterbezirk Burri im Nordosten
als er geboren wurde. Baschir war immer gemacht hatte. Er rannte hinüber ins der Stadt haben Mohammed Abbas und
sein Präsident und sein Unterdrücker ge- Wohnzimmer, wo seine Eltern und Ge- fünf seiner langjährigen Freunde die Pro-
wesen. schwister sich schon in den Armen lagen. teste in Khartum vorbereitet. Die Massen-

84
Ausland

demos, die zum Sturz Baschirs führten, wird oder ob die Kräfte aus Baschirs altem Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabi-
wurden befeuert von der Wut der Men- Machtapparat siegen werden. »Der Baum schen Emiraten und Ägypten protegiert
schen über die katastrophale Wirtschafts- ist weg«, sagt Abbas, »aber die Wurzeln wird und sehr schwer aufzulösen sein wird.
lage. Sie verzweifeln darüber, dass Bank- sind noch da.« Seine Mutter sagt: »Die Der Sudan wird in diesen Tagen von
automaten kein Geld hergeben, die Tank- Skorpione sitzen in ihren Löchern. Sie einem Militärischen Übergangsrat geführt,
stellen häufig geschlossen sind und sich kommen nur raus, wenn man Gift drauf- an dessen Spitze Generalleutnant Abdel
lange Schlangen vor den Bäckereien bil- schüttet.« Fattah Abdelrahman Burhan und sein Stell-
den, in denen Brot immer teurer wird. Seit drei Jahrzehnten hat sich im Land vertreter Mohamed Hamdan Daglo stehen.
Aber es hätte diese Proteste nicht gege- zum ersten Mal ein Fenster geöffnet, gibt Die beiden geben sich gegenüber den De-
ben ohne Menschen wie Abbas. es die Chance auf Veränderung. Im staubi- monstranten versöhnlich, doch sie waren
Abbas ist Anführer eines »Widerstands- gen Zentrum Khartums besetzen Protes- jahrelang Baschirs Männer. Daglo befehligt
komitees« im Stadtviertel Burri-Lamab. tierende seit rund einem Monat Straßen- eine rund 30 000 Mann starke Sonder-
Die kleine Zelle, deren Chef er ist, half züge und Plätze um das Hauptquartier der einheit, die Rapid Support Forces, die im
den Hauptorganisatoren der großen Mär- Armee. Tausende pilgern jeden Tag hier- Moment alle strategisch wichtigen Punkte
sche seit dem Beginn der Proteste im De- her. Beim Sit-in skandieren sie Slogans, hal- Khartums besetzt hält. Als Anführer der
zember 2018, auf der Straße den nötigen ten Transparente in den Himmel, malen berüchtigten Dschandschawid-Milizen im
Druck zu erzeugen. Eine kleine Einheit, einander sudanesische Flaggen ins Gesicht. Darfurkonflikt war er für schwere Men-
die mit anderen Zellen in der Stadt ver- Auf einer Eisenbahnbrücke schlagen junge schenrechtsverletzungen verantwortlich.
netzt ist. In ihrem Kern besteht sie aus Männer mit Steinen gegen den Stahl – sie Die Generäle verhandeln mit der Füh-
einem Sicherheitschef, einem Plakatbeauf- erzeugen den Sound dieser Revolution, der rung der Opposition hinter verschlossenen
tragten, einem Einheizer, einem Front- durch die Straßen wabert. Junge Frauen Türen, kaum etwas dringt nach außen.
kämpfer und einem Verhandler.
Mindestens fünf dieser Komitees gibt
es im Bezirk Burri. Das »Sudanesische Wi-
derstandskomitee«, in dem sich die Zellen
seit sechs Jahren lose zusammenschließen,
zählte zu Beginn der Proteste mehr als
30 aktive Gruppen in der Stadt, seither
haben sich viele neue formiert. Die Ge-
schichte der jüngsten Revolution im Sudan
ist deshalb auch eine Geschichte dieser Zel-
len. Nie zuvor haben sich die Protestieren-
den im Land so gut organisiert.
Abbas öffnet am Montag dieser Woche
die Tür zu seinem Haus in Burri, um die
Geschichte seiner Revolution zu erzählen.
Im Wohnzimmer ruht seine Mutter auf
dem Bett, die Kinder drängen sich im sel-
ben Raum, Nachbarn kommen herein. Sie
alle wollen erzählen, wie sie hier den Sturz
mit vorbereitet haben. Wenige Kilometer
entfernt vom Haus fließt träge der Blaue
Nil durch die Stadt. Ein karger Baum ver-
dorrt vor dem Hof in der Sonne, es wird
tagsüber 45 Grad heiß.
Abbas ist ein hochgewachsener Mann Protestierende beim Sit-in in Khartum: Manche kommen, um ein Selfie zu schießen
mit ernsten Zügen, die sich, wenn er er-
zählt, überraschend in ein breites Lächeln
verwandeln können. Er trägt eine beige gehen ohne Kopftuch spazieren, Liebes- Zwar haben die Militärs zugesichert, die
Stoffhose, ein auberginefarbenes T-Shirt, paare berühren einander verstohlen an den Macht nach einer Übergangszeit an eine
seine Füße stecken in Sandalen. Händen. An jeder Ecke entstehen Wand- zivile Regierung abzugeben, doch am
Es ist der erste Tag des Ramadan in die- gemälde, sind Performances zu sehen, ab Sonntag lehnten sie Kernelemente eines
sem Jahr, des islamischen Fastenmonats; und zu weht der süßliche Geruch einer Verfassungsentwurfs der Opposition ab.
Abbas fällt es nicht leicht, tagsüber auf Wasserpfeife vorbei, deren Genuss unter Unsicher ist auch, wie lange eine Über-
Wasser zu verzichten. Aber er sagt, er füh- Baschirs islamistischer Gesetzgebung in gangszeit bis zu freien Wahlen dauern soll-
le sich seinem Gott dann besonders nah. der Öffentlichkeit verboten war. te – sechs Monate, wie es das Militär for-
Mit seiner schwangeren Ehefrau bewohnt Doch Mohammed Abbas sagt, er finde dert, wenn keine Einigung erzielt werden
Abbas das hintere Zimmer im Haus der es gefährlich, sich dem Rausch des Protests könne, oder doch vier Jahre, wie die Op-
Eltern, Aussicht auf etwas Eigenes haben so sehr hinzugeben. Er fürchtet, dass das position es will? Und dann gibt es Streit
die beiden nicht. Sein Abschluss in Jura Sit-in zu einer Art Volksfest verkommt über die Zusammensetzung der Über-
bringt ihm als Regimegegner wenig. Er ar- und dass die Ziele der Opposition dabei gangsregierung. Die Generäle wollen, dass
beitet im Verkauf einer Süßwarenfabrik. verwässern. Denn die Aufgabe, die vor ih- sie höchstens zur Hälfte aus Zivilisten be-
Die vergangenen vier Monate haben nen liegt, ist immens. Das Baschir-Regime steht. Ein oberster Rat soll über der Regie-
ihm und seiner Familie viel zugemutet. hat sich auf einen »tiefen Staat« gestützt, rung stehen, auch hier wollen die Militärs
Und auch jetzt wissen sie nicht, wie die ein fest verwurzeltes Patronagesystem aus die Hälfte der Sitze.
Zukunft des Sudan aussehen wird. Ob ihr Sicherheitsapparat, Ölindustrie, Ministe- Mohammed Abbas und seine Familie
Land die Wende zur Demokratie schaffen rien und islamischer Geistlichkeit, das von macht das wütend. »Wir brauchen einen

DER SPIEGEL Nr. 20 / 11. 5. 2019 85


Ausland

Neuanfang«, sagen sie. Weil es da-


nach nicht aussieht und die Oppo-
sition den Militärs vorwirft, das
alte Regime in seiner Struktur le-
diglich nachbauen zu wollen, ma-
chen in Khartum Gerüchte über
einen Generalstreik der Sudanese
Professionals Association (SPA) die
Runde – Dachorganisation von
mehr als einem Dutzend Gewerk-
schaften und einer der Hauptak-
teure des Protests. Ein solcher
Streik könnte rasch eine Eskalation
provozieren.
Doch Mohammed Abbas und
die Menschen in Burri sind ans
Kämpfen gewöhnt. Schon immer
war die wirtschaftliche Lage hier
besonders schlecht, und die Herzen
waren rebellisch. Während des Ara-
bischen Frühlings 2011 gingen sie
auf die Straße, als das Regime ih-
nen das Wasser abzapfte, um Villen
zu bewässern. Sie standen im Sep-
tember 2013 auf, als Treibstoff
immer teurer wurde. Damals ließ Mitglied der Protestzelle von Burri: »Es gibt jetzt keinen Weg zurück«
Baschir die Proteste brutal nieder-
schlagen. Allein in Khartum star-
ben mehr als 200 Menschen innerhalb sammen. Er erzählt, wie sie sich alle in das der Zelle half beim Errichten von Barrika-
weniger Wochen, Hunderte wurden ver- Wohnzimmer gequetscht hätten, begierig, den an den Eingängen Burri-Lamabs, und
haftet. Abbas verlor damals Freunde, an- eine Aufgabe zu übernehmen. er bat seine Helfer, sich auf Stühlen vor ih-
dere Freunde verrieten ihn an den Geheim- Da war der kräftige Ahmed, der die Si- ren Häusern niederzulassen. Dort sollten
dienst, der ihn festnahm und verhörte. cherheit der Märsche kontrollieren würde. sie mit ihren Handys spielen und nach den
Sechs Jahre lang trauten sich die Suda- Der charismatische Akram mit lauter Stim- Trucks der Sicherheitskräfte spähen.
nesen nach dieser Katastrophe nicht mehr, me und ordentlicher Präsenz, der Slogans Die jungen Männer, die an vorderster
einen Massenprotest zu organiseren. Aber für den Aufstand dichten würde. Der junge Front die Tränengasbehälter abfangen soll-
es war auch eine Zeit, in der sie lernten. Salah meldete sich freiwillig, als es darum ten, wurden mit einem Kit ausgestattet:
»Wir waren 2013 völlig unkoordiniert«, ging, wer die Tränengasbomben an vor- Sie bekamen eine Brille, Handschuhe, eine
erinnert sich Abbas. Zwar existierten die derster Front zu den Sicherheitskräften zu- Maske und eine Paste aus Ton, um ihre
Nachbarschaftszellen damals bereits, weil rückwerfen würde. Und Faiz, ein introver- Gesichter zu schützen. An ihrer Seite stan-
alle Regimegegner wussten, dass bei Groß- tierter Fotograf, erklärte sich zuständig für den Helfer, die beständig die Richtung des
versammlungen sofort der Geheimdienst Social Media und innovative Poster. Windes überprüften und für ihre Blocka-
auftauchte und Verhaftungen drohten. Rowa übernahm als junge Frau die Ver- den Straßen auswählten, in denen die An-
Aber die Zellen waren damals kaum mehr sorgung der Zelle im Haus, ihre Freundin- greifer Tränengas gegen den Wind schie-
als ein Haufen aus drei bis fünf Freunden, nen aus der Nachbarschaft bastelten an ßen mussten. Andere erhielten die Aufga-
die sich ab und an trafen. Schlagkräftig wur- den Postern. Etwa ein Dutzend Helfer stie- be, sich Revolutionsgesänge auszudenken
den sie erst, als die SPA ins Spiel kam, der ßen zu der Zelle dazu. und traditionelle Widerstandspoesie auf
Berufsverband, der per Facebook die gro- Die ersten Proteste verliefen ohne grö- das Jahr 2019 umzutexten. Die Koordina-
ßen Märsche in Khartum koordinierte und ßere Katastrophen. Der Sicherheitsmann tion mit anderen Zellen überließ Abbas äl-
derweil im Geheimen die Zellen aufbaute. teren, erfahrenen Widerständlern.
Als die jüngsten sudanesischen Aufstän- Am 17. Januar eskalierten die Proteste.
de am 19. Dezember 2018 in der Stadt At- ÄGYPTEN An diesem Tag durchkämmten Baschirs
LIBYEN
Rot

bara losbrachen und die Menschen aus bewaffnete Sicherheitskräfte Häuser in


es

Wut über die hohen Brotpreise die Büro- Burri, sie bedrohten, verletzten und ver-
Me

gebäude von Baschirs National Congress hafteten viele Menschen. Vier Demons-
er

TSCHAD
Party anzündeten, fühlten sich viele Be- SUDAN Atbara tranten wurden im Viertel getötet.
wohner Burris davon angestachelt. Sechs ERITREA Die Freunde aus der Zelle, so erzählt es
Tage später, am 25. Dezember, rief die SPA Khartum Abbas, seien immer wütender geworden.
zum ersten Protestmarsch in Khartum auf. Aber sie hätten sich zurückgehalten und
Da

Am selben Tag kontaktierte einer der Or- ur zusätzlich den Posten eines Vermittlers
rf

ÄTHIOPIEN
ganisatoren Abbas. Der rief seine fünf ver- geschaffen. Besetzt mit einem Mann mit
trautesten Freunde aus Burri-Lamab zu- 300 km guten psychologischen Fähigkeiten, der
sammen. SÜDSUDAN mit den Sicherheitskräften sprach, wenn
Zum ersten Mal seit sechs Jahren mar- die Lage zu eskalieren drohte, und ihnen
schierten Tausende durch Khartum und Omar al-Baschir, 75, regierte den Sudan seit einem die Gründe für ihren Protest erklärte. »Wir
forderten den »Sturz des Regimes«. Militärputsch 1989. Im April wurde er nach monate- sind Sudanesen wie ihr. Bringt uns nicht
langen Bürgerprotesten vom Militär abgesetzt.
Abends kam die Zelle in Abbas’ Haus zu- um. Wir tun dies auch für euch.«

86
tärrats in Khartum hatte gesagt,
man wolle kein Chaos dulden.
Niemand im Burri-Zelt weiß,
was das Militär plant, aber die Zel-
le ist fest entschlossen, das Sit-in
so gut es geht zu politisieren, damit
der Kampf weitergehen kann.
Abbas erträgt es in diesen Tagen
kaum, dass die Verhandlungen zwi-
schen Opposition und Armee zu
stocken scheinen. Er wirkt abwe-
send, springt dauernd von seinem
Schemel auf, verschwindet in der
Menge, kommt zurück, telefoniert.
Hält er kurz inne, verliert sich sein
Blick über den Köpfen der Masse.
Abbas blickt an einem jungen Su-
danesen mit Affenmaske vorbei,
der die Flanierenden erschreckt.
Hört die Jugendlichen nicht, die
lustige Lieder grölen. Ein Trunke-
ner hält sich am Burri-Zelt fest, da-
hinter ein Lastwagen, auf dem die
Mitfahrenden sich streiten.
»Wir wollen europäische Stan-
Demonstranten in Khartum: »Wir sind Sudanesen wie ihr, bringt uns nicht um« dards bei Gesundheit, bei Umwelt
und Bildung«, sagt er unvermittelt.
»Der Sudan soll eines der besten
Als Baschir im Februar panisch Teile sei- lich ein wenig selbst gebrauten Alkohol Länder Afrikas werden. Wettbewerbsfä-
ner Regierung auswechselte und den na- zu trinken. hig, mit einer robusten Industrie und ohne
tionalen Notstand ausrief, arbeitete die Es wird für die Verfechter der Demo- Krieg.« Er sagt, er würde in einem neuen
Zelle weiter. In der Nacht vor dem großen kratie eine Mammutaufgabe werden, die Sudan in seinem Traumberuf als Jurist für
Marsch am 6. April konnte Abbas kaum Pluralität dieses Sit-ins auch im Parlament die Rechte der Bürger eintreten.
schlafen, weil er gewusst habe: »Es gibt des Landes abzubilden. Gut möglich, dass Für seine Familie wünscht er sich ein
jetzt keinen Weg zurück. Entweder wir dieser Prozess Jahre oder Jahrzehnte dau- würdevolles Leben mit einem kleinen
sterben, oder es gibt einen Wandel.« ert, wenn das Regime überhaupt Macht Haus und einem eigenen Auto. Wenn sein
Am Ende dieses Tages wiesen die Or- abgibt. Und weil die Vorstellung einer sol- Kind, das demnächst auf die Welt kommt,
ganisatoren die Demonstranten an, sich chen Anstrengung für viele extrem frus- ein Mädchen wird, will er es Salima nen-
beim Hauptquartier des Militärs auf den trierend ist und die angestaute Euphorie nen, das heißt: die Friedliche.
Boden zu setzen. Tausende Menschen lie- sich irgendwie entladen will, entwickelt An einem dieser Abende, an denen die
ßen sich nicht vertreiben, als die Sicher- sich das Sit-in in diesen Tagen zunehmend Zukunft des Sudan fortgeschrieben wird,
heitskräfte schossen und mit Tränengas zum Event. hat die Zelle aus Burri zusammen mit an-
feuerten. Die Armee griff die Protestieren- Mohammed Abbas ist am Dienstag- deren eine Aktion organisiert, die an den
den nicht an, niedrigrangige Soldaten abend in das Zelt der »Löwen von Burri« Ursprung der Proteste erinnern soll.
schützten sie. gekommen, am oberen Ende der größten Gegen 21 Uhr strömen unerwartet Hun-
Das Sit-in vor dem Verteidigungsminis- Proteststraße. Hier finden sich die Freunde derte Menschen aus allen Ecken des
terium ist inzwischen einen Monat alt, die aus der Zelle im Ramadan zusammen, um Camps auf das Verteidigungsministerium
Demonstranten sind immer noch da. Sie gemeinsam das Fasten zu brechen und zu, das im gelben Scheinwerferlicht ruht.
haben mehr als hundert Zelte an den Stra- Strategien für die Zukunft zu entwerfen. Drei Meter vor den Gittern halten sie an.
ßenrändern aufgestellt, in denen Gruppen Abbas hält drei Datteln in der Hand und Stumm erheben Männer und Frauen ihre
ihre Interessen vertreten. Aus Darfur sind wartet auf den Ruf des Muezzins, der das ausgestreckten Arme zum Himmel und
sie mit 17 Autos angereist, um die Besucher Mahl einläutet. Abbas sagt: »Wir dürfen verharren minutenlang. Dann bricht ein
über die Verbrechen des Regimes dort zu jetzt die Gründe für unseren Protest nicht Rhythmus los. »Tasgot bas! Tasgot bas!«,
informieren; Hunderttausende sind den vergessen.« Von den drei zentralen Forde- rufen die Menschen immer lauter. »Es
Reitermilizen des Regimes zum Opfer ge- rungen der Opposition, die in der »Erklä- muss stürzen! Es muss stürzen!«
fallen. Überlebende der Folterknäste er- rung für Freiheit und Wandel« stehen, ist Die bewaffneten Soldaten, die vor dem
zählen ihre Geschichte. Die Mütter der nicht einmal die erste vollständig erfüllt: Ministerium Wache halten, schauen kurz
Märtyrer trauern gemeinsam. Labortech- das Ende des Baschir-Regimes. zu der Menge herüber. Dann senken sie
niker haben sich vereinigt, genauso wie ar- Der Ramadan ist für die Demonstranten ihre Blicke wieder und spielen gelangweilt
beitslose Akademiker und revolutionäre eine kritische Zeit. Abbas weiß, wie auf ihren Handys herum.
Feministinnen. schwach man sich fühlt, wenn man bei ex-
Das Sit-in ist ein Ort, an dem die Di- tremer Hitze den ganzen Tag weder isst
versität dieser Nation auf einmal sichtbar noch trinkt. Er beobachtet, wie die Stim- Video
»Sie lassen sich die Revo-
wird. Viele sind gekommen, weil sie eine mung sich aufheizt. In den Nachrichten lution nicht mehr nehmen«
Zukunftsvision für ihr Land haben. Man- hat er gehört, dass Milizen in der Provinz spiegel.de/sp202019sudan
che kommen auch, um ein Selfie zu Darfur gerade einen Protest brutal nieder- oder in der App DER SPIEGEL
schießen, eine Frau zu finden oder heim- geschlagen haben. Der Vizechef des Mili-

DER SPIEGEL Nr. 20 / 11. 5. 2019 87


Europawahl 2019

Bollwerk gegen rechts


Frankreich Daniel Cohn-Bendit will die deutschen Grünen mit der Bewegung von Präsident Macron
zusammenführen. Er erntet Skepsis. Von Julia Amalia Heyer

B
rüssel, Gare du Midi. An einem
Montagmorgen im April bahnt
sich Daniel Cohn-Bendit den
Weg zum Ausgang, ein eher klei-
ner Mann mit Rucksack und Rollkoffer,
der sich wenige Minuten später auf den
Rücksitz einer schwarzen Limousine
plumpsen lässt.
»Genau das wollte ich eigentlich nicht
mehr haben«, murmelt Cohn-Bendit, wäh-
rend der Fahrer sein Gepäck verstaut. Er
meint das Pendeln, den Schnellzug nach
Brüssel, den wartenden Chauffeur, der ihn
durch die verstopfte Innenstadt in Rich-
tung Europaviertel fährt. Cohn-Bendit
kommt aus Paris, wo er am Tag zuvor mor-
gens eine Radiosendung moderierte und
am Abend in einer Talkshow saß. Zwi-
schendrin tröstete er am Telefon seinen
Sohn, weil Eintracht Frankfurt, sein Hei-
matverein, gegen Augsburg verloren hatte.
20 Jahre lang, von 1994 bis 2014, saß
Cohn-Bendit als Abgeordneter im Euro-
paparlament, das jetzt wieder gewählt
wird. Mal für die deutschen Grünen, mal
für die französischen. Dann entschied er,
es sei genug, und trat nicht mehr an.
Daniel Cohn-Bendit war so etwas wie
das Wappentier dieses Parlaments, eine
Art personifiziertes Kerneuropa. Als Sohn
jüdischer Flüchtlinge war er jahrelang staa-
tenlos, dann wurde er Deutscher, später
Franzose.
Jemanden wie ihn kann Europa gerade
gut gebrauchen. Die Fliehkräfte zerren am
Vertrauen, auch zwischen Nachbarn, die
ganze Union wirkt fragil. Besonders jetzt,
da zwischen Deutschland und Frankreich
beim Brexit, bei der Handels- und der
Klimapolitik ein Graben klafft und sich
nicht einmal mehr die Spitzendiplomaten
Mühe geben, diesen zu verdecken. Wie
sollen 27 Staaten gemeinsame Sache ma-
chen, wenn sich die zwei größten und
mächtigsten misstrauisch anstarren?
Schon vor Monaten hat Daniel Cohn-
Bendit einen Plan gefasst, wie dem ver-
zagten Europa auf die Sprünge zu helfen
JEROME BONNET / DER SPIEGEL

sei: Die politischen Kräfte, denen er nahe-


steht, sollen sich zusammentun. Er will,
dass die deutschen Grünen, die Partei, de-
ren zahlendes Mitglied er seit 1984 ist, und
die liberale Partei Emmanuel Macrons, La
République en marche, ihre Kräfte bün-
deln. Für ihn sind das natürliche Partner.
Sie können Europa voranbringen, glaubt Politstratege Cohn-Bendit: »Ich find das so bockig«

88
Cohn-Bendit. Deshalb spricht er in Berlin »Seid ihr von der Judäischen Volksfront?« sagt Cohn- Bendit. Aber manchmal wache
vor, diskutiert in der Böll-Stiftung mit Mit- – »Quatsch, wir sind die Volksfront von er morgens auf und ärgere sich: »Ich hätt
gliedern der Grünenspitze über Macron Judäa.« es machen sollen«, denke er dann. Die Zei-
und erklärt, warum Paris so handelt, wie Mögen Europas Probleme noch so sub- tung »Libération« attestierte Cohn-Bendit
es handelt. In Frankreich sitzt er bei Wahl- stanziell sein, da ist auch noch Raum für einmal einen »narcissisme joyeux«, einen
kampfveranstaltungen von En marche auf Eifersüchteleien. Dabei gibt es sie, die fröhlichen Narzissmus, das trifft es ganz
dem Podium, schwärmt von der deutschen Schnittmenge: Beide Parteien wollen, dass gut. Er ist kein murrender alter Mann, im
Konsensdemokratie und dem Erfolg der die EU weiter zusammenwächst, dass sie Gegenteil. Aber wie so viele andere ist
deutschen Grünen. Er ist auf einer Art Mis- eigenständiger wird, auch in der Außen- auch er überzeugt davon, es am besten zu
sion. Manchmal wirkt er dabei wie ein und Sicherheitspolitik. Dass sie sich mehr wissen.
Kind, das versucht, die Scheidung seiner fürs Klima und die ökologischen Belange Fragt man ihn, wie er die französische
Eltern aufzuhalten. einsetzt. Das alles soll, so wünscht man es Spitzenkandidatin finde, überlegt er kurz.
Emmanuel Macron träumt schon seit ei- sich bei den Grünen wie bei En marche, »Sie kennt sich ganz gut aus«, sagt er. Ihre
ner Weile von einem grünliberalen Block am liebsten gut gelaunt vonstattengehen. Stimme sei halt etwas dünn.
der »Progressiven« im Europaparlament, Weniger graugesichtig, weniger fatalistisch. Fragt man ihn, wie er die Spitzenkandi-
einem Bollwerk gegen die Nationalisten, Jünger, irgendwie. daten der Grünen finde, sagt Cohn-Bendit,
gegen die Rechtspopulisten. Von ihm an- Auf einem Wahlplakat der Grünen er wolle nicht unhöflich sein. Aber auf den
geführt. Das hat er mit gewohnt großer steht: »Perfekt ist Europa nicht. Aber ein Plakaten sehe er vor allem Robert Habeck
Geste kundgetan, was vielleicht nicht ganz verdammt guter Start«. Fast wortgleich und Annalena Baerbock, die Parteivor-
so klug war, weil die Deutschen großen warb Macron für sich während der Präsi- sitzenden.
Gesten traditionell misstrauen. Den Platz dentschaftskampagne. »Als ich Spitzenkandidat war, war da
Nummer zwei auf seiner Liste, gleich hin- Es ist kompliziert. Und die Probleme, kein Parteichef auf dem Plakat, sondern
ter der Spitzenkandidatin, belegt Pascal die Cohn-Bendit und seinem Plan von ei- ich«, sagt Cohn-Bendit. Der Slogan dazu:
Canfin, einer der prominentesten Grünen ner privilegierten Partnerschaft zwischen »Der Eurofighter«. In gewisser Weise passt
Frankreichs, bis er zu Macrons En marche En marche und den Grünen begegnen, das immer noch. Cohn-Bendit ist jetzt
überlief. »Natürlich werden wir den euro- gleichen exakt jenen, die auch zwischen 74 Jahre alt; die roten Haare, die ihm einst
päischen Grünen die Möglichkeit geben, den privilegierten Partnern Deutschland zu seinem Spitznamen Dany le rouge ver-
sich uns anzuschließen«, sagte Canfin neu- und Frankreich auftreten. Man ist zuerst halfen, sind längst weiß. Eine schmale Me-
lich im französischen Radio. tallbrille, Sommersprossen, manchmal
Auch dieser Satz kam nicht so gut an. wirkt sein Gesicht beinahe jungenhaft.
Zwei seiner ehemaligen Parteifreunde, »Er ist der 2016 hat er Emmanuel Macron, damals
Sven Giegold, Spitzenkandidat der deut- brillanteste Staatschef, Wirtschaftsminister, bei einer Podiums-
schen Grünen, und der Belgier Philippe diskussion kennengelernt, seitdem berät
Lamberts, schrieben ihm daraufhin einen den ich je er ihn.
offenen Brief, in dem sie ihn des Verrats getroffen habe.« Der Fahrer hält vor einem Tagungshotel
bezichtigen: »Die europäischen Grünen an der Rue de la Loi, im Europaviertel.
haben bestimmt nicht auf E. Macron ge- Viel Glas, viel Beton, Cohn-Bendit spricht
wartet, um sich für die europäische Sache einmal befremdet von der Arroganz des hier zu Studenten einer Businessschool.
zu engagieren«, steht da, es klingt ziemlich jeweils anderen. Aber schließlich einigt »Jeder kennt Daniel«, stellt ihn der Semi-
beleidigt. Das Angebot, als Grüne gemein- man sich doch. Manchmal zumindest. narleiter vor. Er erzählt die Anekdote, als
sam mit En marche einen Block zu bilden, Ein Sattelschlepper versperrt die Spur Cohn-Bendit im Parlament wieder mal sei-
empfindet Giegold als Unverschämtheit. auf dem Boulevard du Régent, Cohn-Ben- ne Redezeit überzog und der damalige Par-
In Paris ist die Wahrnehmung, naturge- dit schüttelt den Kopf: »Müsste verboten lamentspräsident Martin Schulz versuchte,
mäß, eine andere: Macron habe »viel poli- werden in der Innenstadt«, murmelt er. ihn zu stoppen.
tisches Kapital in das Umweltthema ge- Sein Telefon brummt, es ist der Büroleiter »Monsieur Cohn-Bendit«, begann Schulz.
steckt«, sagt sein Wahlkampfleiter. Vor des französischen Umweltministers. »Ta gueule«, antwortete der. Schnauze.
allem im Ausland werde der französische Im vergangenen Sommer wollte Emma- Hi, bonjour, sagt er jetzt. Er spricht auf
Präsident mittlerweile als Anführer in Sa- nuel Macron Cohn-Bendit selbst als Um- Englisch, frei; er beleidigt niemanden. Sei-
chen Klimaschutz wahrgenommen. weltminister in sein Kabinett holen; dieser ne Rede ist eine Ermutigung, ein Hoch auf
Grünenchefin Annalena Baerbock wird hat abgelehnt. Zum Ministersein sei er dieses Europa, das jetzt so viele Probleme
leicht schnippisch, wenn es um die Fran- nicht gemacht, sagt er. Im Parlament muss bereitet. Cohn-Bendit hasst es, wenn alles
zosen und ihre Selbstdarstellung geht. En man nicht die Klappe halten, weil der Chef schlechtgeredet wird.
marche sei »nun auch nicht die erste pro- anders denkt. Cohn-Bendit hat auch noch »Das Parlament hat hier die Kriege er-
europäische Partei im Parlament«, sagt sie. einen zweiten Job ausgeschlagen: Macron setzt«, ruft er vom Podium.
Macrons Ansatz sei ihr »zum Teil zu inter- wollte ihn zum Spitzenkandidaten seiner »Ich bin 1945 geboren. Warum, glauben
gouvernemental«, auch der »Kerneuropa- Partei für die Europawahl machen. Sie, haben meine Eltern mich gezeugt?
gedanke« störe sie. Ihr sei es lieber, »wenn Wenn du meinst, dass du das machen Weil sie wieder Hoffnung hatten!«
unterschiedliche Parteien um die besten musst, sagte seine Frau dazu bloß. Er ist der Sohn deutscher Juden, die
Lösungen für Europa miteinander ringen, Warum also nicht? 1933 nach Frankreich flohen. Im Pariser
statt in einem grauen Einheitsblock zu ver- Er zuckt die Schultern. Zu alt. Er will Exil saßen Walter Benjamin und Hannah
schmelzen«. nicht wie Berlusconi sein, der jetzt auch Arendt bei den Eltern am Tisch.
Wenn aber Parteien miteinander ringen, wieder fürs EU-Parlament kandidiert. Am Ende sagt er, fast heiser: »Wenn ihr
die doch eigentlich das Gleiche wollen, Oder wie Bernie Sanders, der »mit seinen in ein paar Jahren noch was mitentschei-
was können sie dann erreichen? 150 Jahren« noch mal als Präsidentschafts- den wollt, dann braucht ihr Europa. Das
Wer jetzt, kurz vor der Wahl, mit Grü- kandidat in den USA antritt. müsst ihr jetzt einfach mal kapieren.«
nen und En-marche-Leuten redet, fühlt »Diese alten Männer, die denken, sie Sein Plädoyer mag routiniert sein, die
sich ein bisschen wie bei Monty Python. seien unersetzlich, ich find das so bockig«, Zuhörer reißt es trotzdem mit. Cohn-Ben-

DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019 89


dit kann im Bordbistro des Schnellzugs Menschen auf der Straße umarmen, ist er
von Paris nach Brüssel stehen und einem weniger beliebt, seit er Macron vehement
erklären, warum Theresa May ihn an die verteidigt. Dany, sagen sie, du verrätst dei-
Schlange Kaa im Dschungelbuch erinnere. ne Geschichte! So sei das mit ihm, sagt er.
Sie habe alle hypnotisiert: »Bbbelieve me, Immer Verräter.
I can dddo it. Eeeverything will be ffffine«, Menschen, die viele begeistern, gehen
surrt er. vielen anderen auf die Nerven.
Vor ihm liegt ein zerrupftes Croissant, »Ich hab mich wahnsinnig über Dany
er breitet die Arme aus, lässt sie sinken, geärgert«, sagt einer aus der Parteispitze.
verdreht die Augen. Der Schaffner bleibt »Ich komm ja gut zurecht mit diesem
stehen, die Mädchenclique lässt das Kar- Macker«, sagt eine Abgeordnete.
tenspiel; er ist in seinem Element. Pffff, Während die Ablehnung für Cohn-Ben-

JACUB DOSPIVA / CTK PHOTO / IMAGO


macht Cohn-Bendit. Statt das Chaos mit dits Anliegen in der Partei überwiegt, gibt
Großbritannien zu regeln, habe sich die es auch welche, die das anders sehen. Es
EU mitten hineinziehen lassen. Entweder scheint ein delikates Thema zu sein. Auch
es gebe einen Deal, oder die Briten müss- mit Robert Habeck hat Cohn-Bendit über
ten raus. Was solle daran so schwierig sein? Macron gesprochen. Er sagt, Habeck zö-
Hey, let’s turn the page, ruft er. »In spä- gere mit seinem Bekenntnis für Macron,
testens zehn Jahren stehen die wieder auf damit er »nicht noch ’ne Baustelle mehr
der Matte und betteln um Aufnahme.« hat« im Wahlkampf.
Cohn-Bendits Entwurf von Europa- Präsident Macron Vielleicht bewundert Habeck Macron
politik klingt bestechend einfach. Verstand »Du machst das schon gut« ja für das, was er geschafft hat: als Außen-
plus Überzeugung. seiter ganz nach oben zu kommen, gegen
Cohn-Bendit versteht nicht, wie die klingt, als spräche Joschka Fischer von ei- alle Vorzeichen.
Grünen in Baden-Württemberg mit der ner ausgestorbenen Art, der er sich selbst Ende April sitzt Daniel Cohn-Bendit in
CDU regieren können, in Schleswig-Hol- zurechnet. »Das Verhältnis zu Macron ist Frankfurt-Bornheim in einem französi-
stein im Jamaikaverbund, dass sie aber von zentraler Bedeutung, das wird auch schen Café und isst eine Apfeltarte, seine
erst mal Bedenken anmelden, wenn es um meine Partei einsehen müssen, denn da ist Wohnung liegt gleich um die Ecke. Macron
Macron geht. Die Mängelliste ist lang: Der sonst niemand mehr.« Die Grünen müss- hält an diesem Abend seine Pressekonfe-
französische Präsident, tönt es vielstimmig ten sich überlegen, ob sie jetzt lieber über renz im Élysée-Palast, Cohn-Bendit hat
aus der Partei, sei zu rechts, zu neoliberal. Parteipolitik verhandeln wollten oder über ihm eine SMS geschickt: »Du musst zeigen,
Seine Steuerpolitik entlaste die Reichen etwas von historischer Dimension: Europa. dass diese Gelbwesten-Episode nicht spur-
und schröpfe die Ärmeren. »Eigentlich sind die Grünen hier in los an Dir vorbeigegangen ist. Ansonsten
»Die Grünen in der Regierung haben Deutschland jetzt En marche, also in der sei Du selbst – Du machst das schon gut!«
Hartz IV mitgetragen«, sagt Cohn-Bendit. Rolle Macrons.« Und Baerbock und Ha- Sicher, Macron mache auch nicht alles
Weil das damals notwendig gewesen sei. beck machten ihre Sache sehr gut, findet richtig, sagt Cohn-Bendit. »Aber er ist der
Mit Macron sei weder die Agrar- noch er. Für Fischer liegen die Dinge auf der brillanteste Staatschef, den ich je getroffen
die Energiewende zu bewerkstelligen. Hand: »Europas Schicksal hängt von den habe.« Er hat einige getroffen, nachdem
»Ich bin mal gespannt, wie sie die Ener- deutsch-französischen Beziehungen ab.« Charles de Gaulle ihn im Mai 1968 des Lan-
giewende mit der CDU hinbekommen«, Das eigentliche Drama sieht er bei der des verwiesen hatte. Er begreift nicht, warum
sagt er. Oder ein Umdenken in der Land- CDU. Annegret Kramp-Karrenbauers Ant- so viele in seiner Partei im Kleinklein ver-
wirtschaft mit der CSU. »Man kann immer wort auf Macrons Europa-Appell hat ihn haftet blieben, während es doch jetzt ums
sagen, hach, das geht mir nicht weit genug. entsetzt. Eine Saarländerin, die den Fran- große Ganze gehe. Vergangenen Sommer
Da mach ich erst gar nicht mit. Aber das zosen erst die volle Breitseite gibt, die wollte er ein Treffen zwischen Macron, Ba-
ist intellektuell so faul.« Abschaffung des Straßburger Parlaments- erbock und Habeck arrangieren, was nicht
Ein anderer Einwand: Man dürfe die sitzes fordert und dann vorschlägt, gemein- klappte. Er ist überzeugt, wenn die drei sich
Schwesterpartei, die französischen Grü- sam einen Flugzeugträger zu bauen. Fischer persönlich kennenlernen, geht sein Plan auf.
nen, nicht vergrätzen. tippt sich an die Stirn: Flugzeugträger. Frü- Es kann auch sein, dass das, was Cohn-
»Die meisten von denen sind linke Fun- her sei die CDU mal die Europapartei Bendit will, sowieso eintrifft, wenn sich
damentalisten«, Cohn-Bendit wischt über gewesen. Er denke viel nach über Deutsch- nach den Wahlen alles neu sortiert. Laut
den Tisch. Er sieht es so: Warum den an- land im Augenblick. Woran es hapere. Wa- Umfragen werden die Konservativen, die
deren, wenn er willig ist, nicht mitnehmen, rum die Beziehung zu Frankreich, dem EVP, und die Sozialdemokraten zusam-
ihn in die richtige Richtung stupsen? Nachbarn, so schwierig sei. Wie Geschwis- men keine absolute Mehrheit mehr erhal-
Am Dienstag nach Ostern sitzt der ehe- ter seien die beiden, sagt er. Dieselben ge- ten. Wenn die Dominanz dieser beiden
malige Außenminister Joschka Fischer in netischen Voraussetzungen, aber so ver- Blöcke gebrochen ist, kommen andere ins
einem italienischen Restaurant an der Ber- schieden wie Tag und Nacht. Spiel. Darauf spekuliert La République en
liner Rudi-Dutschke-Straße und hört sich Sein Freund Dany Cohn-Bendit sei ei- marche; darauf hoffen auch die Grünen.
das alles an. Dann zieht er die Brauen bis ner der wenigen Menschen, die die Wirk- Gemeinsam, als grünliberaler Block, wä-
zum Haaransatz und sieht seinem Gegen- lichkeit auf beiden Seiten kennten. Den ren sie plötzlich sehr einflussreich. Ge-
über mahnend in die Augen. Hier, sagt Fi- Alltag, aber auch die Politik. meinsam könnten sie den EVP-Kandida-
scher, zeige sich nun doch wieder das Kern- Cohn-Bendit ist zwar in der Poleposition ten Manfred Weber verhindern.
problem der deutsch-französischen Bezie- für die Vermittlerrolle, aber er hat auch Fragt man Daniel Cohn-Bendit, den Alt-
hungen: »gegenseitiges Unverständnis«. seine eigene Geschichte mit den Grünen. 68er, was heute noch radikal sei, antwortet
Macron sei kein Liberaler, sondern ein Wegen seiner Haltung zum Bosnienkrieg er: versuchen, Mehrheiten zu finden. Um
Modernisierer. »So ein Frankreich muss galt er vielen als Verräter, den Listenplatz die Dinge, von denen man überzeugt ist,
man sich eigentlich wünschen.« Er hält für die Europawahl 1994 musste Fischer durchzusetzen.
Macron für einen mutigen Politiker. Es quasi erpressen. In Frankreich, wo ihn

90
Sport
»Es kommt schon vor, dass ich nach Spielen mit einer ordentlichen Krawatte nach Hause komme.« ‣ S. 92

Jürgen Klopps Titel und Finalteilnahmen als Trainer

ERFOLGE

L E E SMI T H / RE UT E RS
Deutscher Deutscher DFL- DFL-
Champions-
Meister Meister Supercup Supercup
League-
DFB-Pokal Finalist
2011 2012 2013 2014 2015 2016 2018 2019

2008 bis
2015

FINAL- Champions DFB- DFB-


seit
2015

Europa Englischer Champions


?
NIEDERLAGEN League Pokal Pokal League Ligapokal League

Als Trainer hat er schon viele Erfolge gefeiert, doch der große Nach dem Halbfinalsieg mit Liverpool gegen Barcelona sagte er
internationale Titel fehlt Jürgen Klopp, 51, bis heute. 2013 war jetzt: »Ich weiß, was alle über mich und Endspielniederlagen
er am dichtesten dran, verlor aber mit Dortmund im Champions- sagen, und das stimmt auch. Andererseits ist es das vierte Finale,
League-Finale gegen Bayern München kurz vor Schluss mit 1:2. in dem wir sind, und allein das ist schon etwas Besonderes.«

Magische Momente Preuß: Nein. Die Überzeugung zu treffen


war größer als die Angst zu scheitern. Ein
»Wo ist eigentlich der Pokal?« wahnsinnig schönes Gefühl. Ich habe es
einfach genossen, nahm mir den Ball und
Wasserballspieler Tobias Preuß, 30, über eine verlustreiche Siegesfeier warf ihn oben rechts unter die Latte.
SPIEGEL: Nach der offiziellen Feier zogen
SPIEGEL: Herr Preuß, ver- aber an fünfte Stelle gesetzt wurde, hat Sie am Abend noch mit Ihrem Team
gangenen Samstag wur- mich kurz überrascht. Unser Trainer durch die Kneipen der Düsseldorfer Alt-
den Sie mit Waspo 98 musste die Reihenfolge der Werfer beim stadt. Plötzlich stellten Sie fest: Der Pokal
Hannover deutscher Protokolltisch hinterlegen, dann kam er ist weg. Wie konnte das denn passieren?
Pokalsieger im Wasser- zu uns und hat uns informiert. Erster Preuß: Ich weiß es nicht.
ball. Rekordmeister Span- Radović, Zweiter Real und so weiter. SPIEGEL: Aber Sie waren doch dabei.
dau 04 führte bis rund Mein Name fiel einfach nicht. Und dann: Preuß: Ja, aber ehrlich gesagt entzieht
40 Sekunden vor Schluss mit Fünfter Preuß! Und ich dachte nur: Ach sich das meiner Erinnerung, Teile des
6:5, dann bekam Ihr Team einen Freiwurf herrje, was hat den denn da geritten? Abends sind nicht mehr präsent. Aber das
WASPO 98 HANNOVER

zugesprochen … SPIEGEL: Der letzte Spandauer verwarf. sollten Sie besser nicht schreiben.
Preuß: Ich saß auf der Auswechselbank Damit war klar: Treffen Sie, ist Hannover SPIEGEL: Warum nicht, das klingt doch
und sprach ein kleines Stoßgebet: Bitte Pokalsieger. Kam da das Nervenflattern? nach einer richtig guten Party.
mach das Ding rein! Und dann Preuß: Stimmt auch wieder.
erlöste uns Darko Brguljan mit Okay, dann ist das in Ordnung.
einem Wurf in die lange Ecke Also, irgendwann ging es durch
gegen vier Blöcke, ich habe es die Reihen: Wo ist eigentlich
später auf Video gesehen. der Pokal? Keiner wusste es.
SPIEGEL: Auf Video? Doch wie es in Mannschaften
Preuß: Ich konnte das nicht üblich ist, wird die Verantwor-
mit ansehen, guckte während tung gern mal weitergeschoben,
des Wurfs auf den Boden. im Zweifel an die Jüngsten –
SPIEGEL: Es ging dann in das irgendjemand wird sich dann
entscheidende Fünfmeterwerfen, schon gekümmert haben.
Ihr Trainer nominierte Sie als SPIEGEL: Wann tauchte er wie-
fünften und letzten Schützen. der auf?
JENS WITTE

Weil Sie so nervenstark sind? Preuß: Am nächsten Tag.


Preuß: Dass ich schießen wollte, Fragen Sie mich aber nicht, wie.
war mir sofort klar. Dass ich Spielszene bei Pokalfinale am 4. Mai in Düsseldorf Ich weiß es nicht. TNE

DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019 91


92
MATTHIAS ZIEGLER / DER SPIEGEL
Sport

»Es fehlte oft der letzte Punch«


SPIEGEL-Gespräch Die aufreibende Saison des FC Bayern steckt Joshua Kimmich, 24,
in den Knochen. Doch sein Ehrgeiz treibt den Nationalspieler immer wieder an. Er könne es
einfach nicht ertragen, sagt er, wenn ein anderer Klub in der Tabelle ganz oben stehe.

SPIEGEL: Herr Kimmich, Sie wohnen mit- SPIEGEL: Warum hat der FC Bayern so SPIEGEL: Trainer Niko Kovač wurde vor-
ten in einem Ausgehviertel in München, schwankend gespielt? geworfen, er habe die Mannschaft nicht
am Gärtnerplatz. Ist das Leben dort für Kimmich: Wir haben zwischenzeitlich im Griff.
einen Spieler des FC Bayern nicht zu an- immer mal wieder unser Selbstvertrauen Kimmich: Steht der FC Bayern nicht auf
strengend? verloren. Wir gerieten in einen Strudel. Platz eins, wird immer alles hinterfragt.
Kimmich: Nein, überhaupt nicht. In Mün- Wir merkten, dass wir Spiele verlieren Das ist einfach so. Es wurde kritisiert, dass
chen halten die Leute eine natürliche Dis- können, obwohl wir insgesamt besser wa- wir nicht so dominant wie in den Jahren
tanz. Ich bewege mich daher in meinem ren. Einfach weil vorn die Tore nicht fielen, zuvor waren. Zusätzlich gelangten zeitwei-
Viertel wie jeder andere auch. Ich gehe oder weil wir hinten Fehler machten. Der se interne Dinge nach außen. Das hat die
einkaufen, in Restaurants, in Cafés. Ich Respekt der Gegner war weniger gewor- Sache noch befeuert. So war es schwierig,
genieße das. den. In den Jahren zuvor hatte ich immer Ruhe reinzubekommen.
SPIEGEL: Wie fahren Sie zur Arbeit? das Gefühl, dass sich in der Bundesliga ge- SPIEGEL: Viele Spieler behaupten, sie wür-
Kimmich: Früher habe ich das Auto ge- gen uns eigentlich nur ganz wenige Teams den nicht mitbekommen, was öffentlich
nommen, inzwischen setze ich mich ab wirklich was ausgerechnet haben. Die über sie gesagt und geschrieben wird.
und zu aufs Rad. Die Isar Kimmich: Da habe ich mei-
entlang, den Giesinger Berg ne Zweifel (lacht). Jeder hat
hoch, dann bin ich fast schon doch soziale Kontakte. Da
am Trainingsgelände an der erhält man ja auch ein Feed-
Säbener Straße. back. Man kann sich nicht
SPIEGEL: Dort steigen Sie abschotten.
vom Rad ab und tauchen in SPIEGEL: Lesen Sie die Be-
die Welt des FC Bayern ein. notungen im »Kicker«, in der
Wie kommen Sie mit dem »Bild«-Zeitung?
Erwartungsdruck klar, der bei Kimmich: Ich gucke mir das
diesem Verein herrscht? hin und wieder an, um mit de-
Kimmich: Man wächst da ren Bewertungen meinen per-
rein. Es ist speziell hier. Ein- sönlichen Eindruck von mei-
LUKAS BARTH-TUTTAS / EPA-EFE / REX

mal haben wir ein Spiel gegen ner Leistung abzugleichen.


Hamburg 5:0 gewonnen. Ich SPIEGEL: Was stellen Sie fest?
war damals noch frisch beim Kimmich: Ich staune manch-
FC Bayern, kam nach der mal, wenn ich eine 2 bekom-
Partie in die Kabine gelaufen me, obwohl ich mir selbst eher
und habe mich richtig über eine 3,5 gegeben hätte. Ande-
den Sieg gefreut. Dann merk- rerseits: Wenn wir unentschie-
te ich: Oh, hier ist etwas an- den gegen den 1. FC Nürnberg
ders. Da war kaum Feierstim- Fußballer Kimmich: »Durchatmen, Job erledigt« spielen, dann fallen die Zen-
mung. Da war eher das Ge- suren für die Bayern-Spieler
fühl: durchatmen. Job erle- deutlich schlechter aus als jene
digt. Weiter. In ein paar Tagen kommt die meisten glaubten nicht daran, bei uns etwas für die Nürnberger. Das ist eben die hohe
nächste Aufgabe. mitnehmen zu können. Dieses Jahr war da Erwartungshaltung an uns.
SPIEGEL: Hätten Sie vor dieser Spielzeit mehr Mut bei der Konkurrenz. Dazu kam SPIEGEL: Wie gehen Sie mit Kritik um?
gedacht, dass es so schwer werden könnte unsere zeitweilige Verunsicherung. Wir wa- Kimmich: Man muss versuchen, für sich
für den FC Bayern? ren nicht immer in der Lage, einen Gegner die entscheidenden Sachen herauszu-
Kimmich: Ehrlich gesagt dachte ich nach über 90 Minuten zu kontrollieren. ziehen.
den Auftaktsiegen, dass wir in der Bun- SPIEGEL: Kritiker meinten, dem Team SPIEGEL: Sie pendeln sich selbst aus?
desliga wieder souverän durchmarschie- habe es am Willen gefehlt. Kimmich: Ich versuche die Dinge realis-
ren würden. Dann kam die erste schlechte Kimmich: Es fehlte oft der letzte Punch. tisch einzuschätzen. Die eigene Leistung
Phase, und man hat gesehen, dass es doch Wir haben es manchmal hingenommen, und die des Teams. Draußen wird alles im-
komplizierter werden könnte als in den wenn es nicht gut lief. Das, was Bayern zu- mer extrem dargestellt, oft überzeichnet.
Jahren zuvor. Wir erleben ein großes Auf vor jahrelang ausgemacht hat, nämlich Man muss sein eigenes Blickfeld haben.
und Ab. dass man auch an einem schlechten Tag Da hilft ein gesundes Umfeld. Bei mir ist
ein Spiel umbiegen oder eine knappe Füh- das die Familie, meine Freunde. Mir ist es
Das Gespräch führte der Redakteur Gerhard Pfeil in rung verteidigen kann, das haben wir dies- wichtig, dass Leute, denen ich vertraue,
München. mal nicht hinbekommen. mir ehrlich ihre Meinung sagen.

DER SPIEGEL Nr. 20 / 11. 5. 2019 93


Sport

SPIEGEL: Diese Saison hatten die Exper- erziele selbst Treffer. Ich trage direkt dazu Kimmich: Mein ehemaliger Coach in der
ten viel zu bemängeln am Spiel des FC bei, ob ein Spiel mit einem Erfolg oder ei- Jugendmannschaft des VfB Stuttgart, Tho-
Bayern. Die allzu defensive taktische Aus- nem Misserfolg endet. Das ist eine ganz mas Schneider, der heute zum Stab der
richtung in vielen Spielen. Arrivierte Spie- neue Rolle, eine viel größere Verantwortung. Nationalmannschaft gehört, sagte mir:
ler wie Stürmer Robert Lewandowski blie- SPIEGEL: Sie gestikulieren auf dem Spiel- Josh, du verschwendest deine Kraft. Du
ben hinter ihren Möglichkeiten. feld, treiben die Kollegen an, mit gerade lässt dich zu schnell runterziehen. Du
Kimmich: Das ist ja das Schöne am Fuß- mal 24 Jahren. Woher kommt der Mut, musst die negative in positive Energie um-
ball, dass alle Experten sind. Mein Papa sich so zu exponieren? wandeln. Als ich anfangs noch allein in
spricht auch manchmal so, als hätte er Kimmich: Im Fußball reicht es nicht, wenn München gelebt habe, habe ich negative
den allergrößten Fußballverstand von man es allein versucht. Fußball ist ein Erlebnisse oft tagelang analysiert. Meine
allen (lacht) . Wenn ich eine Torchance Teamsport. Alle müssen den Sieg wollen. Gedanken haben sich im Kreis gedreht,
vergeben habe, sagt er: ich habe keinen Abstand
»Joshua, den hätte ich ge- bekommen. Inzwischen
macht.« klappt es immer besser.
SPIEGEL: Sie wollen damit SPIEGEL: Wie schalten Sie
andeuten, die Kritik sei ab?
meist unberechtigt? Kimmich: Es kommt schon
Kimmich: Nein. Aber es vor, dass ich nach Spie-
ist manchmal schon so, len mit einer ordentli-
dass die Leute nicht wissen chen Krawatte nach Hause
können, wie die Vorgaben komme. Aber mit meiner
für uns Spieler sind. Von Freundin rede ich kaum
Robert Lewandowski wer- über Fußball. Sie hat ein
den allgemein Tore erwar- gutes Gespür, wie sie mich
tet. Aber: Es gibt Spiele, auf andere Gedanken brin-
in denen der Trainer sagt, gen kann. An freien Tagen
Robert, heute musst du unternehmen wir viel, fah-
defensiv mehr machen. ren in die Natur, die Berge.
Dann macht er eben mal Da wird der Kopf wieder
kein Tor. Diesen Plan kennt frei.
draußen keiner. SPIEGEL: Wie lange haben
SPIEGEL: Sie spielen die Sie gebraucht, um die ver-
vierte Saison in München, korkste Weltmeisterschaft
gelten inzwischen als Füh- in Russland zu verarbeiten?
rungsspieler. Wie haben Sie Kimmich: Das war schwie-
das so schnell geschafft? rig. Das war ein Extrem-
Kimmich: Das ist ein Pro- ereignis. Wir sind nicht
zess. Als ich als Zweitliga- durch Pech ausgeschieden,
spieler von RB Leipzig sondern wir waren richtig
nach München gekommen schlecht. Das hat mich lan-
bin, neben den Kollegen ge beschäftigt.
in der Kabine saß, die SPIEGEL: Was lief schief in
Weltmeister waren, die die Russland?
Champions League gewon- Kimmich: Wir sind mit
MATTHIAS ZIEGLER / DER SPIEGEL

nen hatten, da war ich erst vielen starken Einzelspie-


mal sehr zurückhaltend. lern angereist, aber wir ha-
Man muss sich seinen Stel- ben als Mannschaft nicht
lenwert erarbeiten. Das funktioniert. Wir hatten
geht nicht, indem man den keinen guten Mix. Wir ha-
coolen Typen gibt. Das ben nicht genug als Team
geht auch nicht durch zwei, zusammengearbeitet. Eine
drei gute Spiele. Das geht Profi Kimmich am FC-Bayern-Trainingsgelände: »Drang, andere mitzureißen« WM oder generell ein Tur-
nur durch konstant gute nier, ein Wettbewerb ist
Leistungen. keine Bühne, auf der sich
SPIEGEL: Sie haben eine Spielzeit ge- Schon als Jugendlicher habe ich meine Mit- Einzelne präsentieren sollten, hier er-
braucht, um Stammspieler zu werden. spieler gepusht. Der Drang, die anderen reicht man nur etwas als Mannschaft,
Gab es auch mal Momente, in denen Sie mitreißen zu wollen, das steckt in mir drin. gemeinsam. Man muss auch in schwieri-
an sich gezweifelt haben? SPIEGEL: Man sieht es Ihnen manchmal gen Situationen vorangehen, jeder Ein-
Kimmich: Jeder junge Spieler, der bei Bay- an, dass es in Ihnen brodelt wie in einem zelne, aber auch als Mannschaft. Das fehl-
ern anfängt, muss sich erst mal durchbeißen. Vulkan. te uns alles.
Am Anfang bin ich nur mitgeschwommen Kimmich: Ich durchlebe Spiele sehr emo- SPIEGEL: Junge, dynamische Spieler wie
und hatte keine feste Position. Ich spielte so- tional. Das war lange ein Problem. Wenn der von Bundestrainer Joachim Löw kurz
gar zeitweise Innenverteidiger. Die ganz gro- es nicht lief, habe ich gehadert mit mir, mit vor Turnierstart ausgemusterte Leroy
ße Verantwortung trugen andere. Ich stand meinen Mitspielern. Da war so enorm viel Sané oder Ihr Freund Serge Gnabry hätten
nicht so im Fokus. Inzwischen bin ich negative Energie. in Russland gutgetan, oder?
Stammspieler, ich spiele auf der Außenbahn SPIEGEL: Was haben Sie dagegen unter- Kimmich: Der Bundestrainer hat eben so
oder im Mittelfeld. Ich gebe Torvorlagen, nommen? entschieden, Leroy Sané nicht mitzuneh-

94 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11. 5. 2019


IN DER SPIEGEL-APP

men, Serge war noch gar nicht im Kader. vestoren aus China und Arabien, die ihre
Das muss man akzeptieren. Der Bundes- Klubs mit Milliarden aufpumpen und alles
trainer muss das große Ganze im Blick aus dem Gleichgewicht bringen?
haben. Und eines darf man nicht ver- Kimmich: Kann ich verstehen. Der Markt
gessen: Joachim Löw hat in den vergan- wird mit Geld geflutet, damit ein paar Ver-

BILL RAY / LIFE / GETTY IMAGES


genen Jahren ziemlich viel richtig ge- eine groß einkaufen können. Die kleinen
macht. Seit 2008 war Deutschland mit Klubs können nicht mehr mithalten. Für
ihm ständig mindestens im Halbfinale, meine Kumpel, die noch bei mir zu Hause
2014 gelang der ganz große Coup. Das ist in Bösingen auf dem Dorf kicken und mit
beeindruckend. denen ich mich immer mal wieder treffe,
SPIEGEL: Teilen Sie die Meinung vieler ist das alles nur noch irre. Klar, man muss
Experten, dass der deutsche Fußball in den auch sehen, dass ein Spieler wie Ronaldo
vergangenen Jahren abgehängt wurde? eine Marke ist. Mit dieser Marke wird

MONTSERRAT T. DIEZ / PICTURE ALLIANCE


Kimmich: Mit der Nationalmannschaft ge- Geld verdient. Er wertet die ganze italie-
hören wir nach wie vor zur Weltspitze. Da nische Liga mit seiner Prominenz, mit sei-
bin ich sicher. Das werden wir auch schon ner Strahlkraft auf.
bald wieder unter Beweis stellen. Der Ver- SPIEGEL: Sie haben diese Saison 50
einsfußball? Puh. Da haben wir Defizite. Pflichtspiele in den Knochen. Stößt selbst
Es ist eine Momentaufnahme, aber man ein junger Spieler wie Sie da an die Belas-
muss schon klar feststellen: Wir sind mit tungsgrenze?
dem FC Bayern in der Champions League Kimmich: Es war bislang eine intensive
gegen den FC Liverpool klar ausgeschie- Saison, es gab viele enge Spiele, das war
den. Dortmund hat beide Spiele gegen Tot- anstrengend für den Körper. Nach dem
tenham verloren. Der Vergleich Schalke DFB-Pokal-Halbfinale bei Werder Bre-
gegen Manchester City endete überdeut- men habe ich das gemerkt. Da war ich
lich. Das sind die Fakten. Das war alles nicht mehr so fit wie an Spieltag drei der
kein Zufall oder Pech. Bundesligasaison. Aber in ein extremes
Loch bin ich bislang nicht gefallen. Mein
Körper funktioniert. Genauso wichtig wie
der Körper ist aber der Kopf. Sich immer
»40 Millionen, 80 Millionen, wieder zu fokussieren, sich nicht hängen
ich kann mit solchen zu lassen nach schlechten Spielen, das
kostet Energie.
Transfersummen nichts SPIEGEL: Fühlen Sie sich manchmal men-
anfangen.« tal ausgebrannt?
Kimmich: Es gibt schon Spiele, da geht
man raus und stellt fest: Ich bin komplett

SPIEGEL: Beim FC Bayern wird jetzt auf-


am Limit.
SPIEGEL: Wie motiviert man sich, auch in
Rocker
gerüstet. Wie reagieren Sie, wenn zum Bei- Partien gegen Mainz 05 oder gegen Han- Hells Angels, Bandidos und Co. be-
spiel 80 Millionen Euro für einen Vertei- nover 96 noch die langen Wege zu gehen? schwören ihre Einheit und gehen doch
diger wie Lucas Hernández von Atlético Kimmich: Ich versuche, jedem Spiel eine
bei Streitigkeiten aggressiv aufeinan-
Madrid ausgegeben werden? Guckt man besondere Wichtigkeit zu geben. Diese Sai-
den Neuling angesichts der Ablöse mit an- son war es nicht so schwierig, sich zu mo- der los. Sie haben ihre eigenen Regeln,
deren Augen an? tivieren. Weil wir nicht so dominant waren, strikte Hierarchien, und die »Rocker-
Kimmich: 40 Millionen, 80 Millionen, ich hatte jedes Spiel eine große Bedeutung. Familie« steht über allem. Seit Jahren
kann mit solchen Transfersummen auch SPIEGEL: Der enge Titelkampf hat Ihren berichten Journalisten von SPIEGEL,
nichts anfangen. Paris Saint-Germain hat Ehrgeiz geweckt? SPIEGEL ONLINE und SPIEGEL TV über
für Kylian Mbappé wie viel bezahlt? Kimmich: Ich habe diese Saison gemerkt, die harten Jungs mit den schweren
SPIEGEL: 180 Millionen Euro. wie wichtig es für mich ist, oben zu stehen. Maschinen. Hier geben sie Einblicke in
Kimmich: Das ist für mich surreal. Aber Das macht alles leichter. Als Borussia Dort- die brutale Parallelwelt der Rocker.
wir Spieler haben gelernt, wie der Markt mund die Tabelle angeführt hat, wollte ich
tickt, wie die Marktteilnehmer agieren. den BVB unbedingt da oben ablösen. Das Sehen Sie die Visual Story im
Gute Verteidiger kosten heute 80 Millio- aktiviert Kräfte. Es ärgert einen einfach,
digitalen SPIEGEL, oder scannen Sie
nen Euro. Jürgen Klopp hat mal gesagt, wenn andere Klubs ganz oben stehen und
niemals würde er so viel Geld für einen nicht der eigene, der FC Bayern. Und es den QR-Code.
Spieler ausgeben. Dann hat er Virgil van ärgert mich, wenn viele in der Öffent-
Dijk für diese Summe gekauft. Anschlie- lichkeit das feiern, dass wir nur Zweiter
ßend meinte Klopp: Lieber seine Meinung oder Dritter sind. Wenn wir diese Saison
ändern, als gar keine zu haben. So ist das wieder zwei Titel holen sollten, dann wer-
heute. Man trifft eine Aussage, und kurz den sie mir vielleicht noch mehr bedeuten
darauf muss man sie kassieren, weil sich als die in den anderen Jahren, denn es
das Fußballgeschäft schon wieder anders war wirklich ein hartes Stück Arbeit, sie
entwickelt hat. zu erringen.
SPIEGEL: Können Sie verstehen, dass sich SPIEGEL: Herr Kimmich, wir danken Ihnen
Fans vom Fußball abwenden wegen dieser für dieses Gespräch.
hohen Transfersummen, wegen all der In- JETZT DIGITAL LESEN

95
Sport

zen, versperrten sein Zimmernachbar und

Radikales Ritual er fortan die Tür zu ihrem Apartment.


Einmal hätten sie aber vergessen, den
Schlüssel umzudrehen. Er habe gerade an
der Playstation gespielt, als eine Horde
Handball Im Nachwuchszentrum des deutschen Meisters Flensburg- Jungs mit lautem Gebrüll in sein Zimmer
Handewitt wurden einem Jungen mit einer Rohrzange die stürzte. »Jetzt ist Ole dran«, habe einer
Brustwarzen umgedreht. Die Konsequenzen trug vor allem das Opfer. geschrien, dann hätten sich drei oder vier
auf ihn geworfen, ihn aufs Bett gedrückt
und sein T-Shirt ausgezogen. Ein weiterer

D as blaue Trikot der SG Flensburg-


Handewitt hat er aufbewahrt. Es
trägt die Nummer 22 und liegt zu-
sammengeknüllt vor Ole B. auf dem lan-
tionshalle, die 31 Zimmer und 45 Schlaf-
plätze des Internats. Das Projekt habe einen
»Vorbildcharakter für das ganze Land«,
lobte Bildungsstaatssekretär Dirk Loßack
Junge sei mit der Zange gekommen und
habe das Ritual begonnen, zunächst zag-
haft. »Wenn du das nicht ordentlich machst,
bist du selbst dran«, habe jemand gedroht.
gen Esstisch seines Elternhauses in Osthol- von der Kieler Landesregierung. Ole B. knetet seine Hände, sucht nach
stein. Auf dem Kragen steht in kleiner Ole B. senkt seinen Blick auf die Tisch- Worten. »Ich war einfach so in Schockstar-
Schrift der Slogan: »100 % SG – Ehre – platte. Er sei damals auf das vorbereitet re, mir wurde schwarz vor Augen«, sagt
Stolz – Respekt«. gewesen, was auf ihn zukommen würde, er. »Wenn du dich wehrst, tut es noch mehr
Das Trikot ist ein bedeutsames Souvenir sagt er. Sein Zimmernachbar habe ihm weh«, habe einer der Jungs gewarnt, die
für den 19-jährigen Abiturienten mit den schon nach ein paar Tagen berichtet, dass anderen hätten gefeixt und gegrölt.
breiten Schultern und den braunen Lo- es da dieses Ritual gebe, »die Zange« ge- »Ich fühlte mich wehrlos«, sagt Ole B.
cken. Einerseits zeugt es von seinem nannt. Alle Frischlinge würden dem unter- Es habe auch nicht geholfen, dass sein Zim-
Traum, Profihandballer zu werden, da- zogen. Der Neue werde von anderen mernachbar zu Hilfe eilte. »Da habe ich
mals, im Spätsommer 2015, als er von zu Handballtalenten festgehalten, einer neh- es über mich ergehen lassen«, sagt er. »Es
Hause auszog und sich in einem Zimmer me dann eine Rohrzange und drehe damit hat meine Brustwarze fast abgerissen.«
der Nachwuchsakademie des aktuellen Irgendwann habe die Gruppe von ihm
deutschen Meisters einrichtete. abgelassen. Sein Zimmerkumpel habe ihn
Andererseits erinnert Ole B. das Trikot getröstet, als er vor Schmerzen und De-
an die Qualen, die er in der Kaderschmie- mütigung geweint habe. Lange habe er mit
de erlitten hat, daran, wie seine Euphorie sich gerungen, bevor er spätabends seinen
in Wut und Hass umschlug. »Einmal saß Vater anrief. Ihm war bewusst, dass er,
ich verzweifelt auf dem Sofa und habe zu wenn er davon erzählen würde, Probleme
meiner Mutter gesagt: ›Am liebsten würde mit den anderen bekäme.
ich da hochfahren, ein Messer nehmen und Sein Vater holte ihn gleich am nächsten
alle abstechen.‹ So ohnmächtig habe ich Morgen ab, brachte ihn in die Klinik nach
mich gefühlt«, sagt Ole B. rückblickend. Eutin, Abteilung Jugendmedizin. Die Ärz-
Er trägt einen Kapuzenpullover und tin dokumentierte die Wunden an der
eine Baseballkappe, neben ihm sitzt seine rechten Brustwarze mit einem Foto. Als
ROMAN PAWLOWSKI / DER SPIEGEL

Mutter. Sein Vater stellt selbst gepressten sie hörte, wie es dazu gekommen sein soll-
Apfelsaft auf den Tisch. Dann beginnt Ole te, notierte sie: »dringende Empfehlung
B. über seine Zeit im Nachwuchszentrum einer rechtsmedizinischen Vorstellung«.
der SG Flensburg-Handewitt und den Die Eltern von Ole B. verzichteten auf
Abend des 17. März 2016 zu erzählen. eine Strafanzeige, weil sie mit den Eltern
Den Abend, der sein Leben in eine andere eines der Täter befreundet waren. Sie er-
Richtung lenkte. Den Abend, über den er fuhren, dass er vorher selbst Opfer der
lange nicht reden konnte. »Wenn ich da- Ex-Handballer Ole B. Zange geworden war. »Es war ein Fehler,
mit konfrontiert werde«, sagt er, »kom- »Ich fühlte mich wehrlos« nicht die Polizei gerufen zu haben«, sagt
men aus der Düsternis wieder diese Ge- die Mutter heute. »Wir haben auf diese
danken.« Freundschaft Rücksicht genommen, ohne
Ole B. war schon mit 14 Jahren ein Ass die Brustwarzen um. Die Zange liege in an unseren Sohn zu denken.«
auf Linksaußen. Er spielte in der Landes- einer Schatulle. Die Ältesten würden sie Ole B. stammt aus einer handballbegeis-
auswahl in Schleswig-Holstein, der Deut- wie eine Reliquie aufbewahren. terten Familie. Seine Mutter war selbst am-
sche Handballbund interessierte sich für Das radikale Ritual wurde stets abends bitionierte Handballerin, seine Tante ar-
ihn. 16 Tore warf er einmal in einer Partie. durchgeführt, wenn kein Trainer oder Be- beitet für einen Handballbundesligisten,
Die Akademie der SG Flensburg-Han- treuer mehr anwesend war. »Mehrere seine Schwester spielte in der Landesaus-
dewitt ist ein Sehnsuchtsort für Handball- Male im Monat kam das vor«, erinnert wahl. Für seine Eltern erschien das Inter-
talente in ganz Deutschland. Im Foyer hän- sich Ole B. Einige Jungs hätten mit den nat der perfekte Ort für ihren Sohn.
gen die Bilder der Vereinslegenden: Tor- Schmerzen geprahlt, die sie dabei erlitten Sie forderten die Akademieleitung um-
wart Jan Holpert mit der Meisterschale, hatten. »Die grinsten dann und sagten: gehend auf, die Sache aufzuklären. Mit
Linksaußen Lars Christiansen im Wurf, ›Meine Nippel sind jetzt ganz schwarz.‹« diesem Schritt glaubten sie, dem Ritual ein
Trainer Ljubomir Vranjes nach dem Cham- Kurz vor Weihnachten 2015 war er erst- für alle Mal ein Ende zu bereiten.
pions-League-Sieg 2014. mals an der Reihe, es war wohl nur ein Wenig später berichtete die Leitung in ei-
Als Ole B. einzog, war der helle Bau Test. »Da haben sie noch nicht richtig zu- nem Rundbrief an alle Eltern über »die Zan-
mit der schlichten Architektur gerade ein- gelangt«, erzählt Ole. »Ich habe gedroht: ge«: »Dieses Ritual durchlaufen alle Neuen
geweiht worden. Die geladene Prominenz Wenn ihr das bei mir macht, dann gehe einmal, und besonders in der Anfangsphase
rühmte die Infrastruktur des 2,2 Millionen ich richtig ab.« Da hätten sie von ihm ab- wurde es wohl auch mal wiederholt einge-
Euro teuren Komplexes, die Multifunk- gelassen. Um sich vor der Zange zu schüt- setzt für Jungs, die sich ›so richtig daneben-

96 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11. 5. 2019


ISA HARSIN / SIPA / ACTION PRESS
Flensburger Spieler (in Weiß-Rot) 2016 in einer Partie gegen Paris Saint-Germain: Stolz auf das Image als beinharte Athleten

benommen haben‹.« Fast jeder, so hätten nicht kracht, ist es nicht Handball«, Die Körperverletzung zeige »nach wie vor
die Gespräche ergeben, habe dieses Ritual schreibt Ex-Profi Stefan Kretzschmar in ihre vor allem emotionale Wirkung«, be-
»durchlaufen«. Jedoch sei eine Grenze seinem Buch. Er werde nach der Karriere gründeten sie ihre Kündigung. Sie suchten
»deutlich überschritten« worden, das Ritual die Schmerzen vermissen, sagte Oliver ärztliche Hilfe. »Posttraumatisches Belas-
sei »sofort einzustellen«. Roggisch, Teammanager der deutschen tungssyndrom« lautete der Befund. »Das
Suspendiert wurde keiner der Täter, wo- Nationalmannschaft, als er noch Profi war. war so massiv, dass wir das nicht allein in
möglich weil die B-Jugend gerade um die Der Kölner Sportpsychiater Valentin den Griff bekamen«, sagt die Mutter. Fast
deutsche Meisterschaft spielte. Ole B. kann Markser war selbst Handballbundesliga- ein Jahr sei ihr Sohn in Therapie gewesen.
sich nicht erinnern, dass überhaupt Strafen spieler. »Die meisten Rituale sind harmlos Das Ritual gebe es nicht mehr, betont
ausgesprochen wurden. Auf SPIEGEL-An- und dienen der Aufnahme der jungen Spie- Volquardsen heute, ihnen seien »keine wei-
frage sagt der Geschäftsführer der Akade- ler in die Mannschaft. Aber jeder neue teren Vorfälle bekannt geworden«. Es sei
mie, Lewe Volquardsen, es seien »pädago- Spieler ist auch ein Konkurrent«, sagt er. eine Sportpsychologin eingestellt worden.
gische Maßnahmen« ergriffen worden: Zur Bei den Ritualen gehe es »um die Demons- »Wir glauben, dass wir stärker gewapp-
Strafe habe man den Jugendlichen Küchen- tration der Macht der älteren und etablier- net sind«, sagt Döring. Die Zange sei sei-
dienst, Stubendienst, Außendienst und ten und um die Unterwerfung der neuen nerzeit »einkassiert« und dann »vernich-
Kochen verordnet, eine »Riesenpalette«. jüngeren Spieler«. Die Rituale dienten tet« worden. »Aber wir wären ein bisschen
In dem Elternbrief gibt es noch einen dazu, »die eigene Angst und Schwäche auf blauäugig zu glauben, dass das nicht wie-
Passus. Die Akademie wolle »auch der Tat- Kosten der anderen zu bekämpfen und der stattfinden wird.«
sache Rechnung tragen, dass wir bei den das Selbstwertgefühl zu stabilisieren«. Ver- Ole B. hat sich inzwischen stabilisiert.
Jungs ein großes Bedürfnis nach Ritualen letzungen wie in Flensburg seien ihm aus Seine Schulnoten, die sich nach dem Über-
sehen« und diese, sofern gewaltfrei, auch dem Handball nicht bekannt. griff dramatisch verschlechtert hatten, sind
»positive Effekte aufweisen können«. Bei der Aufarbeitung der Übergriffe in wieder besser geworden. Vor Kurzem hat
Ludger Jungnitz ist einer der Autoren der Flensburger Akademie spielte das see- er sein Abitur geschrieben. Diesen Zeit-
der Studie »Gewalt gegen Männer«. Der lische Leid von Ole B. offenbar keine wich- punkt wollte er abwarten, bevor er seine
Soziologe glaubt, der harte Körpereinsatz tige Rolle. Irgendwann forderte ihn Aka- Geschichte öffentlich macht.
der Handballer bedinge geradezu schmerz- demiedirektor Michael Döring auf, er solle Den Traum, Handballprofi zu werden,
volle Initiationsrituale. »Wenn Härte und sich bemühen, sich wieder in die Gruppe hat Ole B. aufgegeben. Er schwimmt jetzt
die Unterdrückung des Schmerzes ein zu integrieren; er sei nun der »Buhmann«, bei der DLRG. Mit Handball kommt er
Kern des Handballs sind, dann muss man, weil er das Ritual zum Thema gemacht nur noch zufällig in Berührung – wie im
auch wenn es zynisch klingt, diese Dinge habe. So zumindest erinnert sich Ole B. vergangenen Herbst, als er im Urlaub alte
vorher einüben. Schmerzen auszuhalten, Das stimme so nicht, erwidert Döring. Kumpel traf. Sie hätten ihm erzählt, was
sich in Hierarchien einzuordnen oder un- Aber sie hätten in der Tat befürchtet, »dass sie von einigen Jungen aus der Flensburger
terzuordnen, so funktioniert leider immer es zu einer Isolierung von Ole in der Grup- Akademie gehört hätten: Das Ritual sei
noch die Sozialisation von Männlichkeit.« pe kommen könnte«. dort wieder durchgeführt worden.
Viele Handballer sind stolz auf das Neun Monate nach dem Vorfall holten Erik Eggers
Image als beinharte Athleten. »Wenn es die Eltern ihren Sohn zurück nach Hause.

97
Wissenschaft+Technik
»Es ist Zeit, auf den Mond zurückzukehren. Diesmal, um zu bleiben.« ‣ S. 100

AUDUN RIKARDSEN / NATURAL WORLD PHOTOGRAPHY COMPETITION


Eigentlich wollte er einen Steinadler fotografieren, dann flog dieses Birkhuhn auf den Ast, hinter dem der
Norweger Audun Rikardsen seine Ausrüstung befestigt hatte, einen Blitz, eine Kamera mit Bewegungssensor
und eine weitere, die Fotos auf sein Handy schickt. Rikardsen wohnt in der Nähe, er arbeitet als Biologe an
der Universität Tromsø. Zwei Jahre dauerte es, bis der Prachtvogel vor seiner Linse landete, nun gewann das
Bild den Fotowettbewerb der California Academy of Sciences – es muss nicht immer gleich ein Adler sein.

Demografie dafür das Tool »Ads Manager«, das es Fußnote

40
Migration auf Facebook Werbetreibenden ermöglicht, Zielgrup-
pen zu identifizieren. Beispielsweise:
 Wenn eine Naturkatastrophe eine Menschen aus Puerto Rico über 35 in
Region heimsucht, bleibt Betroffenen oft Florida. Die Daten, die sie erhielten,
nichts anderes übrig, als zu flüchten. Wie stimmten ungefähr mit den offiziellen
groß die Gruppe der Migranten ist, lässt Zahlen überein: Mehr als 150 000 Men- Menschen sterben im Jahr weltweit
sich jedoch oft erst Monate später ab- schen sind demnach geflohen. Forscher- durch Würfelquallen wie die Seewespe,
schätzen. Drei Forscher, darunter Emilio kollegen kritisieren, dass Facebook- vielleicht mehr. Diese Wesen verfügen
Zagheni vom Max-Planck-Institut für Daten unzuverlässig und intransparent über eines der stärksten Gifte des Tier-
demografische Forschung in Rostock, seien. Monica Alexander, eine der Co- reichs. Eine flüchtige Berührung schon
wollen jetzt eine Möglichkeit gefunden Autorinnen der Studie, verteidigt die bereitet grausame Schmerzen – und
haben, Migrationsströme deutlich schnel- Methode als gute Ergänzung zu klassi- kann zu Herzversagen führen. Austra-
ler als bislang abzubilden: mit Facebook. schen Erhebungen. »Trotz all der Probleme lische Forscher haben mithilfe der Gen-
Die Forscher wollten wissen, wie viele bekommen wir Daten, die demografische schere Crispr/Cas9 möglicherweise
Puerto Ricaner im Jahr 2017 vor dem Veränderungen verfolgbar machen.« In ein Gegengift gefunden und es erfolg-
Hurrikan »Maria« auf das US-amerikani- Krisenzeiten, so die Autoren, seien »digi- reich an Mäusen getestet. Ob es auch
sche Festland flüchteten. Sie nutzten tale Brotkrumen« besser als nichts. RED beim Menschen funktioniert, ist unklar.

98
Sucht

»Verbote kommen bei Jugendlichen schlecht an«


Die Erziehungswissen- tigen dabei auch ganz zentrale Themen SPIEGEL: Verbote bringen nichts?
schaftlerin Gabriele wie Körpererfahrungen, die Ablösung Stumpp: Prävention kann nicht auf Ver-
Stumpp, 61, von der Uni vom Elternhaus oder die erste Liebe. Der boten fußen, das kommt bei Jugendlichen
Tübingen forscht zum Al- Alkohol macht locker, und man kommt schlecht an und wäre auch zynisch. In
koholkonsum Jugendlicher. aus sich heraus, was für manche in diesem einer Gesellschaft, in der Alkohol noch
Sie sagt: Er erfüllt eine Alter keine Selbstverständlichkeit ist. immer omnipräsent ist, können junge
wichtige Funktion beim Natürlich schauen sich die Jugendlichen Menschen nicht anders, als sich damit aus-
Erwachsenwerden. das auch von den Älteren ab. einanderzusetzen und Grenzen zu testen,
SPIEGEL: Wo setzt die Prävention an? das erfüllt eine wichtige Funktion. Einen
SPIEGEL: Frau Stumpp, die Bundeszentra- Stumpp: Prävention muss dort stattfin- risikoarmen Umgang mit Alkohol zu ler-
le für gesundheitliche Aufklärung hat am den, wo die Jugendlichen trinken. Mobile nen, darauf kommt es an.
Mittwoch die Ergebnisse des »Alkoholsur- Jugendarbeiter können vor Ort infor- SPIEGEL: Der »Alkoholsurvey« zeigt in
vey 2018« vorgestellt. Die Zahl der Jugend- mieren und Telefonnummern verteilen. den vergangenen zwei Jahren einen An-
lichen, die regelmäßig Alkohol konsumie- Aber auch die Eltern sind wichtig. stieg des Rauschtrinkens bei jungen Er-
ren, nimmt seit Jahren ab. Wieso ist das so? Viele tabuisieren Alkoholkonsum oder wachsenen zwischen 18 und 25 Jahren, vor
Stumpp: Die Jugendlichen heute fühlen schauen weg. Dabei haben Jugendliche in allem bei Frauen. Wie erklären Sie das?
sich sehr stark unter Druck, in ihrem unseren Interviews gesagt: Mir wäre Stumpp: Zum einen gibt es wenig Präven-
Leben etwas zu erreichen, und sagen ganz es lieber, wenn meine Eltern mit mir da- tionsarbeit für diese Kohorte; die meisten
klar, dass sie es sich gar nicht leisten kön- rüber sprächen. Angebote sind für Jugendliche zwischen
nen, sich nur wegzuschießen und Party zu 12 und 18 Jahren ent-
machen. Das wäre eine soziokulturelle wickelt worden. Immer
Erklärung. Es hat sich aber vor allem viel mehr Leute zwischen
getan in der Prävention. 18 und 25 studieren ja
SPIEGEL: Inwiefern? bereits, da gibt es Frei-
Stumpp: Als ich 2008 begonnen habe, zu räume, in denen man
diesem Thema zu forschen, gab es einen sich exzessives Trinken

CHRIS ROBBINS / MOOD BOARD / REX FEATURES


Medienhype um das sogenannte Koma- erlauben kann. Was
saufen in allen TV-Sendungen und im Inter- die Frauen angeht: Frü-
net. Daraufhin hat die Politik das Thema her war es so, dass die
aufgegriffen. Es wurde dann nicht mehr Jungs ihr Bierchen ge-
nur auf die Zahlen geschaut, sondern auch trunken haben und die
auf die tiefer liegende Motivation von Ju- Mädchen ihre Cola.
gendlichen: Warum trinken die überhaupt? Ich vermute, dass junge
SPIEGEL: Und, warum tun sie’s? Frauen mitziehen und
Stumpp: Zuerst einmal trinken sie nicht mittlerweile sagen: Das
allein, sondern in der Gruppe. Sie bewäl- kann ich auch. RED

Kommentar

Immun gegen Unwissen


Warum die geplante Masern-Impfpflicht richtig ist – aber nicht genügt

Mehr Druck auf Impfmuffel, das ist die Stoßrichtung des Gesetz- kiert werden, das zeigt eine in Fachkreisen viel beachtete Studie
entwurfs von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). des amerikanischen Sabin Vaccine Institute aus dem Jahr 2018.
Eltern, die ihre schulpflichtigen Kinder nicht impfen lassen, müss- Die Analyse von 53 Ländern ergab, dass relativ laxe Länder (wie
ten dann bis zu 2500 Euro Strafe zahlen. Auch Kindertagesstätten Schweden) teilweise sogar besser abschneiden als Länder mit Impf-
könnten zur Kasse gebeten werden, wenn sie nicht geimpfte pflicht und Impfstatuserfassung (wie Italien). Wie kann das sein?
Kinder zulassen. Das klingt entschlossen, und es ist vernünftig. Der Schlüssel zum Erfolg liegt, das deutet die Studie an, in der
Aber Gesetze allein reichen leider nicht. Art, wie Impfungen organisiert werden: transparent, systematisch
Das Zauberwort lautet: Herdenimmunität. Laut den aktuellen überwacht, ohne großen Aufwand für die Bevölkerung. So könnte
Zahlen des Robert Koch-Instituts waren im Jahr 2017 in Deutsch- es wirksam sein, säumige Familien einfach per Mail an den Impf-
land rund 97 Prozent der Schulanfänger einmal gegen Masern termin zu erinnern. Kinderärzte fordern daher ein nationales
geimpft, aber nur rund 93 Prozent zweimal. Die beste Schutzwir- Impfregister. Vor allem aber mangelt es noch an einem der wich-
kung haben jedoch diejenigen, die zweimal gepikst worden sind. tigsten Impfstoffe: Aufklärung. 45 Prozent der Deutschen
Und nur wenn das bei 95 Prozent der Menschen in der Welt so ist, fühlen sich bei dem Thema unzureichend informiert, das ergab
kann sich die Krankheit nicht mehr ausbreiten; irgendwann, so eine Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.
die Hoffnung, wären die Masern dann ausgerottet. Um dies hin- Die notwendigen Nachbesserungen vorzunehmen kostet aller-
zubekommen, müssten Gesetze von anderen Maßnahmen flan- dings Zeit – ein Gesetzentwurf ist fix geschrieben. Yannick Ramsel

DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019 99


Technik

Der achte Kontinent


Raumfahrt Aus Science-Fiction wird Wirklichkeit: Amazon-Gründer Jeff Bezos will einen
regelmäßigen Raumschiff-Frachtverkehr zum Mond einrichten. Sein langfristiges Ziel:
eine bewohnbare Station auf dem Erdtrabanten, in der Menschen dauerhaft leben können.

E
ine geheimnisvolle Mitteilung er- nächst einen regelmäßigen Frachtverkehr nie Licht gefallen. Hier herrschen immerzu
schien Ende April beim Kurznach- zum Erdtrabanten aufbauen. Das Mond- Minustemperaturen, tiefer als minus 180
richtendienst Twitter. Urheber landemodul »Blue Moon«, das Bezos’ Fir- Grad Celsius.
war Blue Origin, die ehrgeizige ma seit drei Jahren entwickelt, soll in der Und deswegen ist es hier, in der hyper-
und stets verschwiegene Raumfahrtfirma Lage sein, pro Flug Nutzlasten von bis zu kalten ewigen Finsternis, zu einem faszi-
im Privatbesitz von Amazon-Gründer Jeff 6,5 Tonnen zu seinem rund 400 000 Kilo- nierenden Phänomen gekommen: Unten
Bezos. Das Unternehmen sandte einen meter entfernten Ziel zu bringen. im Krater liegt vermutlich Eis, und
Tweet in die Welt, der ein hinreißendes Seine langfristigen Ziele sind wohl noch zwar viel davon. Der Mond ist eben kei-
Foto eines Segelschiffs im Eismeer zeigte. ehrgeiziger: Nach und nach sollen Roboter neswegs staubtrocken, wie Forscher lange
Darüber die Datumsangabe: »9. 5. 2019«. dort eine Station errichten, in der Men- dachten.
Sonst nichts. schen permanent leben können, Forscher, Das Wasser in den vielen Kratern am
Die kryptische Botschaft machte in den Techniker, auch Touristen. Nord- und Südpol stammt entweder aus
sozialen Netzwerken im Nu Furore. Denn Wann seine Mondrakete erstmals fliegen wasserhaltigen Asteroiden und Kometen,
die Aufnahme zeigte die »Endurance«, das soll, verriet Bezos nicht. Die ersten Men- die hier über die Ewigkeiten hinweg ein-
Schiff, mit dem der legendäre Entdecker schen will er aber 2024 auf den Mond brin- geschlagen sind. Oder es ist auf dem Mond
Ernest Shackleton vor mehr als 100 Jahren gen. Und der erste Test seines neuen Rake- entstanden, als Protonen aus dem Sonnen-
auf Antarktis-Expedition ging. tentriebwerks steht diesen Sommer an. wind und die sauerstoffreiche Oberfläche
Das Schiff wurde bekanntlich zer- Bezos schwärmte, wie schon öfter, vom miteinander in Wechselwirkung traten.
quetscht im Packeis, es sank, Shackleton Shackleton-Krater als Landeplatz. Der Auf jeden Fall konnte das Wasser nie ir-
führte statt der geplanten Expedition eine Krater liegt am Südpol des Mondes. Seine gendwohin. Es steckt in der sogenannten
dramatische Rettungsmission an und ern- Kältefalle, bereit für künftige Mondmen-
tete dafür bleibenden Ruhm. Seit 1994 ist schen, die es für ihren Eigenkonsum
auch ein Krater direkt am Südpol des Mon- Am Kraterrand scheint die schmelzen. Sie können es auch per Elek-
des nach Shackleton benannt – er gilt For- Sonne fast permanent, trolyse aufspalten in Wasserstoff und Sau-
schern schon lange als idealer Standort für erstoff und daraus Atemluft sowie Rake-
eine Mondkolonie. bei bis zu minus 60 Grad tentreibstoff herstellen – für den Rückflug
Somit lag der Verdacht in der Luft: Am ist es relativ behaglich. zur Erde oder für eine weitere Mission,
9. Mai würde Blue Origin bekannt geben, zum Beispiel gen Mars.
dass die Firma zum Mond fliegen werde. All das mag irre klingen, aber Unsinn
Und genau so kam es. In Washington, Form ist fast perfekt schüsselförmig, er hat ist es nicht. Die bemannte Raumfahrt, bis-
um 16 Uhr Ortszeit, stellte Bezos am Don- einen Durchmesser von 21 Kilometern und her die exklusive Domäne staatlicher Ak-
nerstag im Beisein eines alten »Apollo 17«- ist rund vier Kilometer tief. Entstanden ist teure, steht unmittelbar vor einer Zeiten-
Astronauten staunenswerte Pläne vor. Be- er, als vor rund 3,6 Milliarden Jahren ein wende. Private Firmen wie Bezos’ Blue
zos, trotz milliardenteurer Scheidung der großer Gesteinsbrocken einschlug. Der Origin, Elon Musks SpaceX oder Virgin
reichste Mensch der Welt, will zum Erd- Schauplatz künftiger Mondmissionen ist Galactic von Richard Branson sind dabei,
trabanten: »Es ist Zeit, auf den Mond zu- damit etwa so alt wie das Leben auf der neue Wege ins All zu finden und damit
rückzukehren«, sagte er. »Diesmal, um zu Erde. auch dessen Nutzung durch den Menschen
bleiben.« Den Krater zeichnen ein paar Eigen- zu revolutionieren.
Bezos will offenbar den Grundstein le- schaften aus, die ihn zur idealen mensch- In den vergangenen Jahrzehnten haben
gen für nichts Geringeres als eine dauerhaf- lichen Heimstatt fern der Erde machen. wenige Staaten für unvorstellbar viele
te menschliche Besiedelung des Erdtraban- Am Kraterrand scheint die Sonne fast per- Milliarden an Steuergeldern weniger als
ten. Mehr als 45 Jahre sind vergangen seit manent. Über Solarmodule könnten sich 600 Menschen in den Weltraum entsandt.
der letzten Stippvisite von insgesamt nur Siedler oder Roboter hier beinahe ohne Das erklärte Ziel der jetzt angetretenen
zwölf US-Astronauten auf dem Mond. Seit- Unterbrechung mit elektrischer Energie Raumfahrtfirmen im Besitz von Multimil-
her haben ihn Sonden und Satelliten be- versorgen. liardären ist es, mehr Erdlinge sicher und
sucht, doch niemand aus Fleisch und Blut. Die Temperaturen in dieser Gegend lie- preiswert ins All zu bringen und dort neu-
Jetzt will Multimilliardär Bezos ein neues gen zwischen minus 40 und minus 60 artige Branchen und bessere Perspektiven
Kapitel in der Geschichte der bemannten Grad, sie sind damit relativ behaglich und für die Menschheit entstehen zu lassen.
Raumfahrt aufschlagen – und den bisher konstant, verglichen mit der sonst auf dem Bezos vergleicht die kommende Epoche
so nahen und doch so fernen Mond quasi Mond beobachteten Schwankungsbreite gern mit der Frühzeit des Internets. So wie
zum achten Kontinent der Erde machen. von minus 150 bis plus 100 Grad Celsius. sich in diesem vor Jahren plötzlich Aber-
Der Amazon-Gründer möchte mit ei- In die Tiefe des Kraters aber ist in all tausende kreative Start-ups tummelten und
nem vollautomatischen Raumschiff zu- den Jahrmilliarden seiner Existenz noch die alte Welt umstießen, so könnte auch

100 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11. 5. 2019


QUICKMAP.LROC.ASU.EDU
Südpol Shackleton-Krater

QUELLE: BLUEORIGIN.COM

Künftiges Ziel Shackleton-Krater, geplante Landefähre »Blue Moon« (Simulation): »Auf den Mond zurückkehren, um zu bleiben«

101
Technik

die neue Raumfahrt plötzlich 2021 soll zudem »New Glenn«


eine Explosion an Unterneh- erstmals abheben, ein 82 Meter
mertum hervorbringen – wenn hohes Ungetüm, das schwere
der Zugang zum All preiswert, Lasten und Astronauten in den
sicher und einfach genug ist. Erdorbit bringen soll.
Die Erdenbürger kennen Be- Und dann, möglicherweise:
zos vor allem als märchenrei- »New Armstrong«, der »Apol-
chen Onlinehändler. Dabei ist lo«-Nachfolger, noch mächtiger,
er seit fast genau 50 Jahren noch stärker. An seiner Spitze
auch ein Weltraum-Nerd aller- säße der Mondbezwinger, das
ersten Ranges, nämlich seit Landegefährt »Blue Moon«,
dem 20. Juli 1969. Damals starr- das Bezos am Donnerstag erst-
te der fünfjährige Jeff im Haus mals vorgestellt hat.

SAUL LOEB / AFP


seiner Großeltern in Texas ge- Um all das zu bezahlen, ver-
bannt auf den Schwarz-Weiß- kauft Bezos jedes Jahr Amazon-
Fernseher. Er sah live, wie Neil Aktien im Wert von einer Mil-
Armstrong den Mond betrat – Milliardär Bezos am Donnerstag: Weltraum-Nerd seit 50 Jahren liarde Dollar. Lange war er der
und da war es um den kleinen alleinige Finanzier seiner Firma,
Bezos geschehen. mittlerweile verfügt sie über al-
Als Junge verschlang er Massen an Seither verbringt er in seiner Zweitfirma lerhand eigene Einnahmen: Blue Origin
Science-Fiction-Literatur und begeisterte einen Arbeitstag pro Woche, meist mitt- baut für ein militärisches Gemeinschafts-
sich manisch für »Raumschiff Enterprise«. wochs. In einer feierlichen Schrift definier- projekt von Boeing und Lockheed Martin
Natürlich wollte Bezos Astronaut werden. te er 2004 die Mission seines Unterneh- einen Raketenmotor. Telekommunikations-
Einmal gewann er für einen Schulaufsatz mens: »Wir sind ein kleines Team«, konzerne haben schon Flüge mit »New
mit dem Titel »Die Auswirkung der Schwe- schrieb er, »das sich der Aufgabe verschrie- Glenn« fest gebucht, um schwere Satelliten
relosigkeit auf den Alterungsprozess der ben hat, eine permanente menschliche Prä- auszusetzen.
Gemeinen Stubenfliege« einen für ihn tief senz im Weltraum zu erschaffen.« Bezos’ längst etablierte Firma wird auch
beeindruckenden Ausflug auf ein Nasa-Ge- Die Firma hatte damals ein unscheinba- von der Nasa gefördert – damit sie zum
lände, wo die gewaltige »Saturn V«-Mond- res Hauptquartier nahe Seattle und baute Beispiel Technologien für das Mondlande-
rakete getestet wurde. einen eigenen, voll lizenzierten Weltraum- system entwickelt.
Der »Miami Herald« hat Bezos 1982 in- bahnhof in der dünn besiedelten Wüste Die Regierung von US-Präsident Do-
terviewt, als er mit 18 Jahren als Jahrgangs- von Texas. Lange Zeit erfuhr die Welt nald Trump war noch nicht im Amt, als
bester die Highschool verließ. Die Zeitung nichts darüber, wie Bezos’ Ingenieure dort Bezos bereits um weitere Unterstützung
berichtete so: Bezos »möchte Weltraum- ihre ersten Triebwerke testeten. Die große für das Mondprojekt nachsuchte. Anfang
hotels bauen, Vergnügungsparks, Jachten Öffentlichkeit suchte Bezos erst am 24. No- Januar 2017 schrieb Bezos ein sieben-
und Kolonien für zwei bis drei Millionen vember 2015, als er die erste erfolgreiche seitiges vertrauliches Papier, aus dem die
Menschen im Erdorbit«. Es gehe darum, Mission zu verkünden hatte. »Washington Post« (Besitzer: Jeff Bezos)
so hatte Bezos doziert, die Erde zu bewah- »New Shepard«, ein 18 Meter hohes, Wochen später freimütig zitierte. Er be-
ren. Irgendwann sollten die Menschen um- tonnenartiges Konstrukt, war tags zuvor hauptet darin, dass »Blue Moon« schon
gesiedelt werden, damit die Erde eine Art mit mehr als dreifacher Schallgeschwindig- im Juli 2020 einsetzbar sein könnte, wenn
Nationalpark werden könne. keit höher als 100 Kilometer ins All gerast, die Nasa und Blue Origin eine Partner-
Seinen großspurigen Plänen ist Bezos angetrieben von einem Raketenmotor, in schaft eingingen.
seither erstaunlich treu geblieben. Er will dem flüssiger Wasserstoff zum Einsatz Welche Reaktionen Bezos aus dem
nicht wie sein Konkurrent Musk in den kommt. Die unbemannte Raumkapsel tru- Trump-Lager bekommen hat, ist nicht be-
Weltraum, um der Erde zu entkommen. delte Minuten später wie geplant an Fall- kannt. Er und der Präsident sind Intimfein-
Er will vor allem ökologische Belastungen schirmen hängend zur Erde zurück. de. Trump beleidigt und beschimpft den
dort hinverlegen, die hier unten nicht län- Die sehr teure und komplexe Raketen- Verleger regelmäßig auf Twitter.
ger tragbar seien, zum Beispiel die Schwer- stufe aber ging in den freien Fall über, Allerdings will Trump im Sinne seines
industrie, die Rohstoffgewinnung oder die nahm hohes Tempo auf – dann zündeten Schlachtrufs »Make America Great Again«
Energieerzeugung. Bremsraketen, vier Standbeine schwenk- möglichst bald wieder eine US-Fahne auf
Dass er utopisch anmutende Ziele ver- ten aus, und die Rakete landete sanft und dem Mond wehen sehen. Das bisherige
folgt, deren potenzielle Erfüllung in die aufrecht stehend fast auf den Meter genau Ziel der Nasa, erst 2028 einen bemannten
Zeit bis sehr weit nach seinem Tod reicht, an ihrem zuvor bestimmten Landeplatz. Flug zum Erdnachbarn zu unternehmen,
ist ihm natürlich bewusst. Doch all das sei Alle Bauteile von »New Shepard« sind hat Vizepräsident Mike Pence gerade
notwendig, hat er gesagt, damit auch seine komplett wiederverwendbar. Die Zeiten, schwer kritisiert. Alle Mittel seien recht,
Urururenkel gut leben könnten. Bezos, das in denen Raumfahrer ihr exorbitant kost- »damit Amerikaner in den nächsten fünf
hat er schon mehrfach bewiesen, ist ein spieliges Werkzeug auf Nimmerwieder- Jahren zum Mond zurückkehren«. Jeff Be-
ausdauernder Mensch, der sich von extre- sehen im Ozean versenkten, sind vorbei. zos kommentierte das in Washington mit
mer Langfristigkeit nicht abschrecken lässt. Der dauerhafte Materialeinsatz ist auch den Worten: »Das finde ich toll. Wir kön-
1994 etablierte er in einer Garage in bei der Konkurrenz von SpaceX und Vir- nen dabei helfen.« Marco Evers
Seattle den zunächst winzig kleinen gin Galactic das oberste Gebot.
Bücherversand Amazon. Schon bald be- Zehn weitere erfolgreiche Flüge hat
scherte der ihm genug Spielgeld für seine »New Shepard« bisher absolviert, zuletzt Video
Amazons Weltraum-
andere Leidenschaft. Noch im Jahr 2000, Anfang Mai. »Dieses Jahr noch«, so sagte abteilung
kurz nach dem Platzen der Dotcom-Blase, Bezos jetzt in Washington, »werden wir spiegel.de/sp202019blueorigin
gründete Bezos ganz im Geheimen Blue Menschen mit ›New Shepard‹ ins All flie- oder in der App DER SPIEGEL
Origin. gen.« Gemeint waren Weltraumtouristen.

102 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11. 5. 2019


Wissenschaft

»Wenn man jemandem im fortgeschrit- März auch die letzten beiden Studien zu

Wirres tenen Lebensalter sagt, er habe Alzheimer,


kann man damit leicht danebenliegen«,
warnt deshalb Carol Brayne von der briti-
einer Behandlung mit einem Amyloid-
Antikörper gescheitert sind. Ein neuer,
frischer Blick auf die Krankheit, so wie

Puzzle schen University of Cambridge, die zu dem


Zusammenschluss der 35 Wissenschaftler
gehört. »Wahrscheinlich wäre es in diesem
ihn das Team jetzt wagt, ist nötiger denn
je; das dürfte allen klar sein, die in dem
Feld forschen.
Medizin Wissenschaftler wollen Fall passender zu sagen, er leide am so- »TDP-43 ist vom Alzheimer-Establish-
genannten Demenzsyndrom – das auch ment nicht ausreichend wahrgenommen
eine neue, seltsame Form der durch eine Mixtur krankhafter Verän- worden«, schreibt Keith Josephs von der
Demenz erforschen. Sie befällt derungen im Gehirn bedingt sein könnte.« Mayo-Klinik, einer der Ersten, die dieses
sehr alte Menschen – auch Wie komplex eine Demenz insbesonde- Protein im Zusammenhang mit Alzheimer
re bei sehr alten Menschen sein könne, erforschten, auf Alzforum. Viele Kollegen
in Kombination mit Alzheimer. genau diesen Gedanken hebe die dem hätten über Amyloid und Tau nicht hinaus-
»Brain«-Artikel zugrunde liegende For- geblickt. Das Konstrukt der Late-Demenz,

D ie 86-jährige Dame war so ver-


gesslich geworden, dass die Ärzte
eine Alzheimerdemenz vermuteten.
Doch als sie sie in den PET-Scanner scho-
schung hervor, sagt Brayne. Sich in der
Forschung auch bei dieser Patientengrup-
pe immer nur auf Alzheimer zu konzen-
trieren, halte sie für wenig sinnvoll.
hofft Josephs, »wird TDP-43 die Bedeu-
tung geben, die es verdient«.
Die 35 Wissenschaftler fordern nun die
Entwicklung von Biomarkern, um die Late-
ben, um das sogenannte Beta-Amyloid Nach dem »Brain«-Artikel brach aus Demenz schon zu Lebzeiten sicher diag-
nachzuweisen, ein Eiweißbruchstück, das Fachkreisen sofort Kritik über die Wis- nostizieren und in klinischen Studien er-
sich bei dieser Erkrankung typischerweise senschaftler herein. Welchen Sinn, so frag- forschen zu können. Sie wünschen sich,
im Gehirn ablagert, zeigte das Gerät: kei- ten Kollegen auf der Fachwebsite Alz- dass Versuchstiere gezüchtet werden, mit
nerlei Hinweis auf diese Krankheit.
Auch die Scan-Suche nach dem Tau-

TH E AU THOR( S) ( 2019) , PUBLISHED BY OXFORD UN IVERSIT Y PRESS ON BEHALF OF THE GUARAN TORS OF »BRAIN «
Protein, ebenfalls ein typisches Merkmal Verborgener Gedächtniskiller?
der Alzheimerkrankheit, blieb erfolglos
(siehe Abbildung). Was war da los? Litt
die Frau an einer anderen Form der De-
menz? Hatte eine Minderdurchblutung ihr
Gehirn geschädigt? Konnte ein Vitamin-
mangel oder eine Infektionskrankheit
schuld sein? Das Rätselraten begann –
mehr als 20 Demenzformen sind im inter-
nationalen medizinischen Klassifikations-
system beschrieben.
Doch die Wahrheit sollte erst nach dem
Tod der Patientin ans Licht kommen. Als Quelle:
»Brain – A Journal
die Mediziner das Gehirn sezierten, stell- of Neurology«
ten sie eine gänzlich neue, im Klassifika-
tionssystem bislang fehlende Diagnose:
»Limbic-predominant age-related TDP-43 1 Mit der Positronenemissions- 2 Die Aufnahme einer 86-jährigen Frau mit Alzheimer-
encephalopathy«, kurz: Late. Denn statt tomografie (PET) wurde im Gehirn symptomen blieb ohne pathologischen Befund. Nach ihrem
auf Beta-Amyloid waren die Ärzte in be- eines 91-jährigen Demenzkranken Tod fanden sich bei der Obduktion im Gehirn Ansammlungen
stimmten Hirnregionen auf TDP-43 gesto- das für die Alzheimerkrankheit des Proteins TDP-43, das offenbar mit einer anderen Form
ßen, ein Protein, das sich typischerweise typische Eiweißbruchstück von Altersdemenz (Late-Demenz) einhergeht. Bei der spä-
im Gehirn hochbetagter Menschen ab- Beta-Amyloid in großer Menge teren Obduktion des 91-jährigen Demenzkranken fand sich
nachgewiesen (rot gefärbte Bereiche). im Gehirn neben Beta-Amyloid ebenfalls TDP-43.
lagert und dort – darauf deutet zumindest
ein statistischer Zusammenhang hin –
ganz ähnliche Symptome auslösen kann
wie Alzheimer. forum, ergebe eine Diagnose wie die Late- denen sich die Auswirkungen von TDP-43
Jetzt fordert ein internationales Team Demenz, die man erst nach dem Tod per untersuchen lassen, um auch die Grund-
von 35 Wissenschaftlern in der renommier- Obduktion stellen könne, weil es keine lagenforschung auf diesem Gebiet voran-
ten Fachzeitschrift »Brain«, das bereits vor Biomarker und keine bildgebenden Ver- zutreiben.
mehr als einer Dekade entdeckte TDP-43 fahren gebe, um sie vorher nachzuweisen? »Wir brauchen die besten Wissenschaft-
endlich ernst zu nehmen. Bei etwa 15 bis Zudem ist noch weitgehend unklar, über ler und die besten Ressourcen, um uns mit
20 Prozent der alten Patienten mit Alzhei- welche Mechanismen genau das TDP-43- der Komplexität des alternden Gehirns
mersymptomen, errechneten die Forscher, Protein überhaupt zu einer Demenz füh- auseinanderzusetzen«, so Peter Nelson
liege in Wahrheit eine Late-Demenz vor – ren soll. Im Vergleich zur Alzheimerfor- von der University of Kentucky, der Erst-
zumindest unter anderem. schung steht die Late-Demenzforschung autor des »Brain«-Artikels.
Denn der Demenz vieler Hochbetagter noch ganz am Anfang. Demenz, so sinniert Nelson, sei viel-
liegt wahrscheinlich oft ein ganzes Puzzle Bei aller Kritik könnte das Vorhaben leicht ein bisschen wie Krebs. »Es gibt vie-
an Gehirnveränderungen zugrunde. So wis- der 35 Wissenschaftler doch der Demenz- le verschiedene Untertypen. Deshalb müs-
sen die Forscher inzwischen, dass bei Alz- forschung wieder Leben einhauchen. Denn sen wir viele verschiedene Therapien fin-
heimerpatienten, die zusätzlich TDP-43 im den Medizinern ist die Hoffnung auf eine den, maßgeschneidert für den einzelnen
Gehirn haben, die kognitiven Fähigkeiten wirksame Alzheimertherapie in naher Patienten.« Veronika Hackenbroch
besonders schnell nachlassen. Zukunft abhandengekommen, seitdem im

103
Wissenschaft

Aufgetaucht
Tiere Der Omurawal ist elf Meter lang,
wiegt 20 Tonnen und lebt küstennah – wie konnte
die Wissenschaft ihn so lange übersehen?
Jetzt hat ein US-Biologe das wundersame Geschöpf erforscht.

W arum ist der linke Unterkiefer


stets dunkelgrau, der rechte hin-
gegen elfenbeinweiß? Und wieso
unterscheiden sich die beiden Körperhälf-
Cerchios Bestandsaufnahme öffnet nun
ein Fenster in die unbekannte Welt der
Omurawale – und offenbart zugleich, wie
groß die Lücken im Wissen des Menschen
ten in ihrer Marmorierung so deutlich von- über das Leben im Meer noch immer sind.
einander? Eine Laune der Natur? Solch Jahrelang verfolgte Cerchio eine Popula-
markante Asymmetrie findet sich selten tion der Wale vor der Nordwestküste Ma-
im Tierreich – und doch gilt sie Forschern dagaskars. 247 Begegnungen mit den schlan-
nur als eines von vielen Mysterien, die der ken, elf Meter langen Meeressäugern hat er
Omurawal ihnen aufgibt. dokumentiert, 78 Gewebe- und 15 Kotpro-
Das größte Rätsel ist, dass es diese Tiere ben gesammelt. Irgendwann war er mit vie-
überhaupt gibt. Wie nur war es möglich, len der Individuen vertraut. Ein Weibchen
dass die Existenz dieser 20-Tonnen-Ko- sichtete er viermal in verschiedenen Jahren.
losse Fischern, Walfängern und Meeres- Auch Mikrofone setzten die Forscher
forschern über Jahrhunderte verborgen aus, um die Gesänge der Wale aufzuneh-
geblieben ist? Erst im Jahr 2003 wurde men. Rund ums Jahr fingen sie so ihre tie-
diese Walart anhand eines Kadavers und fen, tuckernden Laute ein. Vier Individuen
mehrerer in Museen aufbewahrter Gebei- markierten sie mit Sendern. Per Satellit
ne beschrieben. 2014 sichtete und filmte konnten sie so nachvollziehen, wie die
erstmals ein Forscherteam lebende Exem- Omurawale entlang der Küste nach den
plare. jeweils besten Krillgründen suchten.
Jetzt hat Salvatore Cerchio vom New Cerchios großes Omurawal-Abenteuer
England Aquarium in Boston eine umfäng- begann im August 2011. Als er, wie so oft,
liche Studie über diese Spezies vorgelegt. von der Insel Nosy Be im Nordwesten
Wichtigstes Ergebnis: Omurawale sind Madagaskars aufs Meer hinausfuhr, um die
weiter verbreitet als gedacht. Sie kommen dort heimischen Buckeldelfine zu beob-
in vielen tropischen Meeren vor. Und sie achten, sah er plötzlich die Dampffontäne
halten sich überwiegend in flachen Küs- eines Wals. Er hielt den Bootsführer an,
tengewässern auf. Es muss also immer wie- in diese Richtung zu steuern, und prompt »Ich war begeistert«, erzählt der Wal-
der zu Begegnungen mit Menschen gekom- tauchten zwei Rückenfinnen auf: ein Mut- forscher. »Ich hielt sie für Brydewale. Die
men sein. Trotzdem nahm niemand von tertier mit Kalb. Sie gehörten einer Spezies sind selten; da ist es etwas sehr Besonderes,
der Walart Notiz. an, die Cerchio nie zuvor gesehen hatte. wenn man einen zu Gesicht bekommt.«
Langsam näherte sich das Boot den beiden
Findet Omura Tieren. Das Wasser war flach, deshalb
Bestätigte Vorkommen des Omurawals* konnten Mutter und Kalb nicht in die Tiefe
entkommen. Bis auf zwei Bootslängen
kam Cerchio an die Tiere heran – dicht
genug, um mit der Armbrust einen Pfeil
in den Leib der Mutter zu schießen, den
er anschließend einholte, wodurch er eine
At Gewebeprobe gewinnen konnte.
lan ifik
tik Paz Zu gern hätte Cerchio gewusst, ob er
wirklich Brydewale vor sich gehabt hatte.
Doch Gewissheit konnte nur ein DNA-Test
erbringen. Das Washingtoner Artenschutz-
übereinkommen aber verbietet die Aus-
Madagaskar fuhr von solchem Gewebe. Deshalb ver-
DNA-Test
staute der Forscher seine Beute im Gefrier-
Schädelfund fach und hoffte darauf, irgendwann eine
Indischer Ozean
Foto/Video Ausnahmegenehmigung zu bekommen.
akustisch
Fortan hielten Cerchio und seine Mit-
*Wenn an einem Ort ein Nachweis durch mehrere Methoden erfolgte,
dann ist nur die zuverlässigste auf der Karte verzeichnet. Als sicherste arbeiter Ausschau nach weiteren Exempla-
Sichtung Methode gilt der Nachweis per DNA-Test. Quelle: Frontiers in Marine Science ren, doch zunächst vergebens. Erst später,

104
BIOSPHOTO / WILDLIFE
Tropenbewohner Omurawal: Bei Zusammenkünften schallen dumpfe Gesänge durchs Wasser

im Flugzeug, sollte es zur nächsten Begeg- Das änderte sich erst, als Cerchio sein Wenig später bestätigte ein DNA-Test
nung kommen. Es war auf dem Rückflug Forschungsprojekt auf das Gebiet rund um den Verdacht. 2015 veröffentlichte Cer-
in die USA, als Cerchio mit seinem Sitz- das idyllische Inselchen Nosy Iranja, etwas chio seinen Fund, die ersten Filmaufnah-
nachbarn ins Gespräch kam. Begeistert weiter südwestlich, verlagerte. Es ist an men von Omurawalen gingen um die
erzählte der vom Whalewatching, und er der Kante des Festlandsockels gelegen, Welt. Die Berichterstattung bescherte Cer-
zeigte Fotos. Verblüfft erkannte der For- Cerchio wollte von dort aus Mikrofone in chio nicht nur viel Aufmerksamkeit, son-
scher, dass einer der Wale, die der Tourist die Tiefe absenken, um die Gesänge der dern auch Post aus Übersee: Australien,
abgelichtet hatte, den beiden Tieren vor Blauwale aufzunehmen. Es zeigte sich, Sri Lanka, Ägypten – von überall melde-
Nosy Be verdächtig ähnlich sah. dass er mitten in den Lebensraum der ten sich Leute, die diese Walart gesichtet
Gleich nach der Ankunft rief Cerchio vermeintlichen Brydewale gezogen war. haben wollten. Und als Cerchio die Zu-
aufgeregt sein Team an, um es zu dem Ort Von nun an konnten die Wissenschaftler schriften inspizierte, stellte er fest: oftmals
zu schicken, den die Whalewatcher fre- den Tieren fast täglich bei der Krillernte zu Recht.
quentiert hatten. Da erlebten die Forscher zusehen. Irgendwann kam das Boot ihnen Die DNA-Analyse offenbart, dass die
ihre nächste Überraschung: Einer der so nahe, dass die Forscher eine Videoka- Omurawale eine rund acht Millionen Jah-
Bootsführer, der sie seit Jahren hinaus aufs mera ins Wasser halten konnten. Als Cer- re lange Evolutionsgeschichte von den grö-
Meer gefahren hatte, kannte die geheim- chio die Aufnahmen sah, war ihm sofort ßeren Bryde- und Seiwalen trennt. Bryde-
nisvollen Wale. »Er hat nur nie etwas da- klar: Nein, dies waren keine Brydewale. und Omurawal sind sich genetisch also
von erzählt. Wir haben immer über Del- Den Ausschlag gab ein Exemplar, das nicht ähnlicher als Schimpanse und
fine gesprochen«, sagt Cerchio. sich genüsslich vor der Kamera wälzte. Mensch.
Tatsächlich sichteten die Forscher nun Erst rückte es die eine, dann die andere Seine Videos hatten Cerchio unvermit-
weitere Wale, auch drei neue Gewebepro- Flanke ins Bild – fast, als wollte es seine telt zum führenden Experten für Omura-
ben wanderten ins Gefrierfach. Doch die asymmetrische Färbung zur Schau stellen: wale gemacht. Umgehend startete er ein
Begegnungen blieben sporadisch, noch im- links dunkel, rechts hell, genau wie es die Forschungsprojekt, das die Lebensweise
mer glaubten die Wissenschaftler, sie hät- Entdecker des Omurawals anhand eines der kaum bekannten Spezies ergründen
ten es mit Brydewalen zu tun. Kadavers beschrieben hatten. sollte. Noch liegt vieles im Dunkeln. Doch

DER SPIEGEL Nr. 20 / 11. 5. 2019 105


Technik

die Fakten lassen schon jetzt ein höchst


eigenes ökologisches Profil erahnen.
Besonders die Ortstreue ist für Barten-
wale ungewöhnlich. Cerchios Team führte
Blech weg
Buch über die genaue Gestalt der sichel-
förmigen Finne, über charakteristische Verkehr Autos werden immer schwerer, allen voran E-Mobile mit ihrem
Narben und die Maserung auf dem Leib Trumm von Batterie, nun suchen Ingenieure nach raffinierteren
der Tiere. Das erlaubte es, einzelne Indi- Konstruktionen. Beginnt eine neue Epoche des Karosseriebaus?
viduen wiederzuerkennen. Bald merkten
die Forscher, wie oft ihnen Bekannte
über den Weg schwammen. »Möglicher-
weise verlassen sie nie ihre Heimat«,
meint Cerchio. Unter den sonst sehr wan-
derfreudigen Bartenwalen wäre das eine
V on der Natur zu lernen ist eine alte
Tugend im Ingenieurwesen. Skelette
dienten Bauingenieuren als Vorbild,
der Vogelflug inspirierte die Pioniere des
dernsten Lithium-Ionen-Variante mehr als
eine halbe Tonne wiegen. Die großen
Tesla-Modelle, allgemein als Ökovorbilder
gepriesen, sind kolossale Stromfresser mit
Ausnahme. Flugzeugbaus. Nun will die Luftfahrt sich mehr als zwei Tonnen Leergewicht, im Sin-
Die Satellitenmessungen bestätigen die die Künste eines Tieres nutzbar machen, ne einer nachhaltigen Verkehrswende völ-
Ortstreue der Omurawale. Die vier Tiere, das gar nicht fliegen kann. lig kontraproduktiv.
deren Bewegung die Forscher verfolgten, Der Flugzeugbauer Airbus erklärte »Elektrische Antriebe in bestehende
patrouillierten nur in einem rund 300 Ki- jüngst die Spinnenseide zu einem aero- Fahrzeugkonzepte zu integrieren ist der
lometer langen Küstenstreifen. Ab und zu nautischen Baustoff der Zukunft. Sie sei falsche Weg und endet in der Sackgasse«,
machten sie für einige Tage halt, um dann »stärker als Stahl, zäher als Kevlar und warnte schon vor knapp zehn Jahren der
ihre Streifzüge entlang der Küste fortzu- unglaublich leicht«. Detlev Konigorski, Fahrzeugingenieur Rainer Kurek, damals
setzen. Wie ungewöhnlich solches Verhal- Innovationsmanager des Konzerns, sagt Geschäftsführer des Entwicklungsdienst-
ten ist, zeigt der Vergleich mit Buckel- noch nicht, wo das Zaubergarn zum Ein- leisters MVI. Kurek leitet heute die Tech-
walen, die Cerchio ebenfalls mit Sendern satz kommen soll, sieht aber, dass sich völ- nologieberatung AMC. Sie hat sich auf
versehen hat: »Die legen im gleichen Zeit- lig neue Konstruktionsmöglichkeiten auf- Leichtbau spezialisiert.
raum Entfernungen von mehreren Tau- tun – zumal das Nachdenken darüber erst Die meisten großen Autokonzerne und
send Kilometern zurück«, sagt er. am Anfang steht. auch der Neuling Tesla machten genau das,
Das Bewegungsprofil, das die Satelliten Als Lieferanten der neuartigen Sub- wovor Kurek gewarnt hatte: Sie pflanzten
aufzeichneten, deckt sich mit den Beob- stanz hat Airbus nicht etwa eine Spinnen- Riesenbatterien in konventionelle Autos.
achtungen vom Boot aus: Manchmal sa- zucht ausersehen, sondern das oberbaye- Nur BMW scherte aus, mit einem revolu-
hen die Forscher, wie einzelne Tiere ein, rische Start-up Amsilk. Der 40-Mann-Be- tionären Projekt, das inzwischen weit über
zwei Maulvoll Meerwasser filterten, um trieb aus Planegg bei München zählt zu eine Milliarde Euro gekostet hat und im
dann wieder zu verschwinden; offenbar den ersten Firmen der Welt, denen es ge- Begriff ist, als Ruine der guten Absichten
hatten sie das Terrain sondiert, doch der in die Fahrzeuggeschichte einzugehen.
Ertrag, der in ihren Barten hängen blieb, Zu Beginn der Elektro-Euphorie vor
hatte sie nicht zufriedengestellt. An an- Das Gefährt von morgen mehr als zehn Jahren entschied sich der
deren Stellen verbrachten die Wale viele hat ein Gerüst aus Faser- Münchner Konzern für ein radikales
Stunden oder ganze Tage. Als die Forscher Leichtbaukonzept: Er konstruierte seine
dort Netze auswarfen, bestätigte sich, dass werkstoff, umgeben E-Modelle i3 und i8 mit einem Aluminium-
viel Krill im Wasser trieb. von dünner Kunststoffhaut. rahmen und einem Karosserieaufbau, der
Wie eng die sozialen Bindungen der ausschließlich aus Kohlefaserwerkstoff
Omurawale sind, hat Cerchio noch nicht lungen ist, das Protein des Spinnenfadens (CFK) hergestellt wird.
mit Gewissheit herausgefunden. Oft su- synthetisch herzustellen. Ein solches Auto wiegt einige Zentner
chen sie allein nach Nahrung, dann wieder Das Ergebnis ist ein weißes Pulver, das weniger als eines mit konventioneller
finden sich kleine Gruppen zusammen. in der Kosmetik schon zum Einsatz Stahlkarosserie. Zusammen mit dem Wies-
»Einmal waren es mindestens zwölf In- kommt und im Flug- und Fahrzeugbau badener Partner SGL Carbon schuf BMW
dividuen«, erzählt Cerchio. Allerdings hal- nun Einzug halten soll. Letzterer braucht eine Produktionskette mit Standorten in
ten sie Abstand. Nur selten nähern sie dringend neue Impulse. Japan, Nordamerika und Bayern mit dem
sich einander auf mehr als einige Hundert Die Autokarosserie alten Zuschnitts, Ziel, den extrem leichten, aber in der Her-
Meter. selbsttragend aus Stahlblech gepresst und stellung energiezehrenden Verbundwerk-
Cerchio nimmt an, dass es sich bei die- verschweißt, hat ein Gewichtsproblem: Im- stoff möglichst ökologisch und günstig zu
sen losen Ansammlungen um das handeln mer üppigere Komfortausstattung und produzieren.
könnte, was Biologen »Lek« nennen: eine Fortschritte in der Crashsicherheit haben Dass dies nicht im gewünschten Maße
Art Balzplatz, an dem die Tiere zur Part- die Autos schwerer gemacht. Der erste gelang, ist heute ein offenes Geheimnis.
nerfindung zusammenkommen. Oft mehr- VW Golf erschien 1974 mit kaum 800 Ki- BMW wird seine künftigen E-Mobile wie-
stimmig schallen bei diesen Zusammen- logramm Leergewicht. Das heutige Modell der mit weit geringerem CFK-Anteil her-
künften die dumpfen Gesänge der Omura- wiegt eine halbe Tonne mehr. stellen. Der Preis für diese Form von Ge-
wale durchs Wasser. Cerchio vermutet, Verschärft wird das Problem durch eine wichtsersparnis ist im Verhältnis zum er-
dass dies die Lockrufe der Männchen sind. weitere technische Neuerung, die oben- zielten Effekt offenbar zu hoch.
Doch das ist Spekulation. Bisher kann drein als Schlüssel zum Fortschritt gilt: die Womöglich hat BMW seine Leichtbau-
der Forscher die Laute noch nicht einzel- Elektromobilität. Batterien speichern nur modelle verkehrt herum konstruiert. Viele
nen Tieren zuordnen. Deshalb weiß er den Bruchteil der Energie eines Benzin- Auto- und auch Flugzeugkonstrukteure fol-
nicht einmal mit Gewissheit, ob der Ge- tanks gleicher Größe und wiegen dabei gen neuerdings einem Konzept, auf das
sang bei den Omurawalen wirklich Män- ein Vielfaches. Um das E-Mobil auf eine Leichtbaufachmann Kurek als einer der
nersache ist. Johann Grolle halbwegs akzeptable Reichweite zu brin- Ersten setzte: nicht die ganze Karosserie
gen, sind Akkus nötig, die auch in der mo- aus Carbonmaterialien zu konstruieren,

106
Erfinder Fassbaender
mit Carbonkettenblatt,
künstliche Spinnensei-
de, BMW-i8-Montage
»Stärker als Stahl, zäher
als Kevlar«

SEBASTIAN WILLNOW / PICTURE ALLIANCE / DPA


CIRA MORO

sondern zuerst die tragenden Struktur- urteilt Airbus-Ingenieur Peter Sander. Und zersetzen. Das wäre zweifellos ein ökolo-
elemente des Fahrzeugs. Maik Ziegler (inzwischen bei Hyundai) gischer Triumph, wenn auch nur ein Etap-
Als Blechersatz für die Außenhaut des schrieb als Lkw-Entwickler bei Daimler pensieg auf dem Weg zum müllfreien Pla-
Fahrzeugs, so Kureks Gedanke, sei der an AMC: »Ich muss Ihnen anerkennend neten. Die Kunststoffsohle bliebe nach der
teure Kohlefaserwerkstoff verschwendet. mitteilen, dass Sie diese Technologie mit Kompostierung übrig.
Verfüge das Auto dagegen über ein klug einfachen Mitteln zum Optimum getrie- Vor allem wäre das grüne Gewissen mit
konstruiertes Skelett aus in Harz versie- ben haben.« Ökosneakers ein kostspieliger Luxus. Der
geltem Carbongarn, könne dieses auch die Kurek hofft nun auf einen »Wandel in Spinnenschuh, schätzt Römer, wäre im
Crashsicherheit garantieren. Die Außen- kleinen Schritten«, der an den Knoten- Moment spürbar teurer als das Topmodell
hülle müsste dann mehr oder weniger nur punkten der Karosseriestruktur beginnt im Programm. Adidas ist bisher über einen
noch den Regen abhalten. und am Ende zu einer radikalen Verände- Prototyp nicht hinausgekommen.
Die technische Lösung zu Kureks Kon- rung im Fahrzeugbau führen kann. Auch Ob Kohlefaser oder Seidengarn, solche
zept lieferte der Sindelfinger Ingenieur Naturfasern wie die Spinnenseide sieht er Materialien schlau und sparsam an den
Peter Fassbaender, ein schrulliger Einzel- als mögliche Kandidaten, wenngleich die Stellen einzusetzen, an denen sie ihre Vor-
gänger des Konstruktionswesens, dessen Hürden hier noch größer sind. Anders als teile ausspielen können, wird der Weg in
Vater schon bei Daimler diente. Fassbaen- bei Kohle- und Glasfasern gebe es noch die Zukunft sein. Als Gegenentwurf zur
der ersann eine Methode, Carbon- und an- zu wenig gesichertes Wissen über die Fes- Carbonmaterialschlacht von BMW zeich-
dere Fasern über ein Werkzeug zu wickeln, tigkeit dieser Materialien. net Konstrukteur Kurek ein Auto von mor-
sodass ausschließlich die schlanke Struktur Der Trumpf des Spinnenfadens wird sei- gen mit einem schlanken, aber robusten
entsteht, die für die Festigkeit des Bauteils ne Elastizität sein, schätzen die Airbus- Knochengerüst aus Faserwerkstoff, um-
nötig ist. Anders als bei der sonst üblichen Konstrukteure. Er könnte zum Beispiel geben von einer dünnen, günstigen Kunst-
Verarbeitung von Fasermatten gibt es Vogeleinschläge an den Tragflächen besser stoffhaut. Ein solches Fahrzeug könnte
hier keinen Verschnitt. Mit weit geringe- abfedern als Carbonbauteile, die nach je- so leicht sein wie der VW Golf von 1974
rem Materialeinsatz erhält man die gleiche dem Malheur dieser Art ausgetauscht wer- und so crashsicher wie ein Pkw heutigen
Stabilität. den müssen. Die Zugfestigkeit der Spin- Standards.
Begonnen hatte Fassbaender als passio- nenseide hingegen ist zwar legendär, aber Die Wirklichkeit des aktuellen Fahr-
nierter Radsportler mit einem ultraleichten nicht annähernd so hoch wie die von zeugbaus spottet indes solchen Visionen.
Flaschenhalter für Rennräder. Inzwischen Kohlefasern. Deutschlands führende Autokonzerne brin-
ist sein patentiertes Konstruktionsprinzip Für die Naturmaterialien spricht auch gen derzeit die ersten Stromkolosse nach
zentraler Baustein des AMC-Angebots. ihre Umweltverträglichkeit. Amsilk hat Tesla-Rezept auf den Markt. Den vorläufi-
Die ersten Fahr- und Flugzeugkonzerne für Adidas eine Textilie für einen Turn- gen Masserekord hält der Audi e-tron 55
setzen die Technik in Form von Struktur- schuh aus der Spinnenseide hergestellt. quattro mit 2565 Kilogramm Leergewicht.
bauteilen wie Aggregateträgern und Sta- Der Stoff, beteuert Chefwissenschaftler Der Vorsprung durch Technik, Audis
bilisatoren ein. Lin Römer, sei durch Mikroorganismen ewiges Motto, kann auch in die falsche Rich-
»Das Ergebnis ist atemberaubend. Et- komplett abbaubar und würde sich in tung ausgebaut werden. Christian Wüst
was Besseres habe ich noch nicht gesehen«, einem Misthaufen binnen weniger Monate

DER SPIEGEL Nr. 20 / 11. 5. 2019 107


Kultur
Es ist eine irre Welt, in die der Junge geraten ist. Aber er wollte es so. ‣ S. 110

OLAF HEINE / MCT AGENTUR


Rammstein

Pop eine Mischung aus Soziopathen-Fantasy und Heavy-Metal-Ope-


rette, scheint auch nach 25 Jahren ungebrochen. Die Band
Prollig, renitent selbst brach mit der »Deutschland« betitelten ersten Single mal
wieder ein Tabu – vor allem das selbst auferlegte, sich nicht
politisch zu äußern. Von der Kritik wegen ihres Spiels mit deutsch-
und freiheitsliebend romantischem Gestus und Nazi-Ästhetik einst als »Urszene von
Pegida und AfD« gescholten, verweigerte die Gruppe bisher
jegliche Positionierung – eine prollige Renitenz, aus unterdrück-
 Das R rrrollt wieder, und die Gitarrenriffs bratzen: Ramm- ter Freiheitsliebe geboren. Jetzt aber grollt Sänger Till Lindemann:
stein, Deutschlands erfolgreichster Rock-Export, bringen Ende »Deutschland, meine Liebe kann ich dir nicht geben« – und
kommender Woche nach fast zehn Jahren ein neues Studio- vermiest es bei Konzerten häufig anwesenden Rechten, national
album heraus. Die deutschen Konzerte waren schon vor Mona- erschauernd den Refrain zu grölen. Ähnlich Doppelbödiges
ten ausverkauft, als es noch gar nichts zu hören gab; die Lust könnte sich auch hinter Songtiteln wie »Ausländer« verbergen.
der Massen auf die orgiastische Pyroshow der Berliner Band, Der Rest ist ganz großes Kasperletheater. BOR

Literatur Alltag so streng getaktet wie überwacht. Autorin malt literarisch aus, wovon es
Seltene Phänomene Die künstlichen Gehirne der allgegenwär- heute schon reale Skizzen gibt, vom thera-
tigen Roboter werden akribisch gepflegt; peutischen Klonen bis zur elektronischen
 Der Zukunftsroman braucht den Zusatz Handarbeit, Fantasie und Eigensinn sind Dauerbespitzelung beispielsweise in Chi-
»düster« schon lange nicht mehr – Jules seltene Phänomene geworden. Ein Fähn- na. In ihren Themen ist diese Dystopie
Verne selig, 1905 verstorben, war wohl der lein Widerständiger aber hat sich in den also geradezu klassisch, in drei Aspekten
letzte berühmte Vertreter heiterer Science- Wäldern zusammengefunden, und eine hebt sie sich wohltuend von ihrem Genre
Fiction. Auch in dem neuen Buch der von ihnen schreibt ihren Bericht, »um ab: elegante Kürze, bissiger Humor und
Französin Marie Darrieussecq (»Schwei- Zeugnis abzulegen, in ein Heft selbstver- sprachliche Verve. ES
nerei«) sieht das Leben in der nächsten ständlich, mit einem Holzbleistift mit
Marie Darrieussecq: »Unser Leben in den
Epoche trostlos aus: Die Natur ist auf Re- Grafitmine, das gibt es noch: nichts, wo- Wäldern«. Aus dem Französischen von Frank
servate geschrumpft, der menschliche mit man online gehen könnte«. Die Heibert. Secession; 110 Seiten; 18 Euro.

108 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019


Serien die erste Staffel der erfolgreichen BBC- Elke Schmitter Besser weiß ich es nicht

Wie es ist
Sex mit dem Priester? Comedy zumindest glauben machen. Am
Ende stellte sich heraus, dass die von
 Die namenlose Heldin der TV-Serie Autorin und Schauspielerin Phoebe Wal-
»Fleabag« mag viele Probleme haben, ler-Bridge erfundene und dargestellte Als ich noch studierte, habe
darunter eine tote Mutter, eine tote junge Londonerin Sex nur dafür ich mit ein paar Freunden
beste Freundin, ein schlecht laufendes nutzte, um sich über die großen Ver- Ferien mit Behinderten
Meerschweinchen-Café – Mangel an luste in ihrem Leben hinwegzutrös- gemacht. So hieß das da-
Sex gehört nicht dazu. So wollte es uns ten. Zu Beginn der zweiten Staffel, mals, heute sagt man: »Men-
die ab dem 17. Mai bei Amazon Prime schen mit Behinderungen«.
verfügbar ist, hat sie nun dem unver- Es war ein ziemlich wildes
bindlichen Sex abgeschworen. Prompt Unternehmen, das heute ganz ausge-
trifft sie auf einen umwerfend charman- schlossen wäre: etwa zehn junge Men-
ten Priester. Ist der zölibatär Lebende schen mit einer gleich großen Gruppe
ihre Chance auf Rettung – oder die größte von Kindern, die einen ohne Ausbil-
sexuelle Eroberung, die sie machen dung, die anderen mit Besonderheiten
BBC / AMAZON PRIME

könnte? Furios stellt Shootingstar Waller- physischer und psychischer Art;


Bridge ihre Protagonistin vor ihre ganz wir knallten da aufeinander, in einem
eigene Glaubensfrage und findet dafür abgelegenen Haus im Bayerischen
eine Auflösung, die diese Ausnahmeserie Wald, versorgten uns selbst und mach-
übers umwerfend Komische schließlich ten Ausflüge. Einer führte zu einem
Waller-Bridge sogar ins Poetische hebt. HPI Schloss des wahnsinnigen Ludwig II.,
und als wir den Spiegelsaal betraten, in
dem böhmisches Glas aus mehreren
Jahrhunderten ausgestellt war, nahm
Kino wurde. Mit der Hauptfigur Pikachu, eines ich meinen Schützling an die Hand und
Kunst für Besessene der bekanntesten Pokémons, hat der ging mit ihm in den Garten, denn
Film einen Helden, der zwar aussieht wie Glas und Lichtreflexe, die machten ihn
 Das Pokémon-Universum ist eines der ein Kuscheltier, aber ständig Frauen hin- ziemlich nervös, und er warf auch
großen Geschenke Japans an die Welt- terherschaut und Kaffee trinkt. Die Story gern etwas auf den Boden, um es zer-
kultur. Ein Reich, jenseits von Natur und des Films ist so schnell erzählt wie un- schellen zu sehen.
Künstlichkeit, in dem Hunderte eigen- wichtig: Ein Polizist ist verschwunden, Daran musste ich denken, als ich
artiger Wesen leben, die darauf warten, sein Sohn soll ihn zusammen mit Pikachu den Dokumentarfilm »Die Kinder
eingefangen und zum Kämpfen trainiert suchen. In Wirklichkeit geht es um völlig der Utopie« sah, der am 15. Mai in 160
zu werden. Dazu ein System von Pro- andere Dinge: darum, sich Dutzende von Kinos in Deutschland gezeigt wird.
dukten, die zu sammeln eine Lebensauf- Pokémons anzuschauen, als wären sie Sechs Schüler einer Grundschulklasse
gabe sein kann: Videospiele, Karten echte Tiere. Denn so gut ist die Kunst der treffen sich als Erwachsene wieder; sie
und vor allem die Figuren selbst, dabei Animation mittlerweile, und diese eigen- haben gemeinsam gelernt, manche mit,
sind die nur virtuell. Kunst in ihrer reins- artige japanische Idee von Wesen, die manche ohne Einschränkungen. Wie
ten Form, Zeichen, die keinen prakti- gleichzeitig putzig, lieb und großäugig sind immer man das definiert. Denn einer
schen Wert haben außer dem, den Beses- und trotzdem gefährliche Monster, hat der Jungen litt vielleicht mehr unter sei-
sene ihnen geben. Da passt es, dass die ihren ganz eigenen Zauber. Ryme City, ner Molligkeit als andere unter ande-
Kulisse von »Meisterdetektiv Pikachu«, wo Menschen und Pokémons gemeinsam rem. Und daran, dass er irgendwann
dem ersten Pokémon-Kinofilm, der nicht leben, ist der gelungene Versuch, Tokio merkte, dass ihn Mädchen nicht so inte-
ausschließlich gezeichnet ist, der Ästhetik als Hauptstadt des 21. Jahrhunderts zu ressieren. Ein Zauber dieses Films lag
der Schwarzen Serie nachempfunden imaginieren. RAP für mich darin, wie gleichgültig diese
Gründe sind. Nur zwei Finger an einer
Hand, kaum sehen können, im Rollstuhl
sitzen, viel Hilfe beim Lernen brauchen,
zu Hause unglücklich sein oder schüch-
tern – für das Gefühl braucht es erst mal
immer dasselbe: Freundlichkeit, Geduld,
einen Raum, in dem man darum bitten
darf, dass einer einem den Reißver-
schluss an der Jacke zumacht und der
darüber nicht lacht. Oder einen Kumpel,
der sagt: »Weinen tut gut.«
Damals in Bayern ging vieles gut, was
auch hätte schiefgehen können. Ich
denke oft daran zurück; vielleicht habe
ich mehr davon gehabt als die, um die
ich mich kümmern sollte, weil ich
gesunde Beine hatte und weiter als bis
WARNER BROS.

100 zählen konnte.

An dieser Stelle schreiben Elke Schmitter und


Szene aus »Meisterdetektiv Pikachu« Nils Minkmar im Wechsel.

109
Eine Heimreise
Pop Israel ist Gastgeber des Eurovision Song Contest. Hier zeigt sich, wie dicht
Weltfremdheit und Bedeutung im Showgeschäft zusammenliegen – und
warum das Land perfekt ist für dieses seltsame Schlagertreffen. Von Alexander Osang

JONAS OPPERSKALSKI / DER SPIEGEL

Touristin in Tel Aviv

110
Kultur

D
er Titel, mit dem Israel an Raketenangriffe seit 2014. Der Tote ist sen werden, in der sich Israel befindet. PIJ
dem diesjährigen Eurovision- Moshe Agadi aus Aschkelon. Er war und ESC. Dann aber ertönt eine Sirene
Wettbewerb teilnimmt, heißt 58 Jahre alt, ein Gemüsehändler. Schrap- und zerreißt diesen Eindruck. Die Welt-
»Home«. nelle trafen ihn in den Oberkörper und presse stürzt in den kleinen Schutzraum
Der Interpret, Kobi Marimi, singt von den Magen. in dem Haus des Mannes, der hier vor ein
Berggipfeln, die er barfuß hinaufstürmt, Im Garten des Opfers liegen Pampelmu- paar Stunden starb. Es ist die Speisekam-
er umarmt das Wasser und spürt die Sonne sen herum, die vom Baum fielen, den die mer. Reporter aus Taiwan, Oklahoma,
auf der Haut. Irgendwann weiß er: »I am Rakete gefällt hatte, als sie hier in den frü- Deutschland und Norwegen stehen mit
someone.« hen Morgenstunden einschlug. Jetzt ist es ein paar entfernten Verwandten des Toten
Kobi Marimi sagt, er habe vier verschie- später Vormittag in Aschkelon. Im Obst- sowie Nachbarn in dem kleinen Raum,
dene Lieder ausprobiert, die ihm für den garten steht Lieutenant Colonel Jonathan während es draußen knallt und donnert.
Wettstreit geschrieben wurden. »Home« Conricus, Presseoffizier der israelischen Der Boden bebt. Nach fünf Minuten wer-
passe am besten. Es beschreibe seine Reise. Armee, und zählt die Journalisten durch, den die Journalisten zum Presse-Van ge-
Er sei ein dicker Junge gewesen. Er habe die gerade aus Tel Aviv und Jerusalem an- beten, aber auf dem Weg dahin heulen
jedes Jahr mit seinen Schwestern, auch die gereist sind, um die Wirkung der Angriffe wieder die Sirenen. Man hat hier in
dick, den Eurovision-Wettbewerb gesehen. aus Gaza zu begutachten. Aschkelon 30 Sekunden, bis die Rakete
An den Sieg von Dana International, der »Wo kommt ihr her?«, fragt er. da ist, heißt es. Manchmal weniger. Das
transsexuellen Popsängerin, die 1998 für Ein Mann aus Oklahoma ist da. Eine medizinische Personal, Polizisten und Ein-
Israel antrat, könne er sich leider kaum er- Frau aus Quebec. Taiwan. Hongkong. Ja- heimische legen sich auf die Bürgersteige,
innern. Er war erst sechs Jahre alt. Erin- pan. Aus Europa sind vertreten: Deutsch- die Hände überm Kopf, die Weltpresse
nerungen habe er an den Wettbewerb von land, Frankreich, Norwegen und Spanien. rennt zurück in den Schutzraum. Dreimal
2005, als Griechenland gewann und Israel »Oklahoma«, sagt Conricus. »Hah.« geht das so.
Vierter wurde. Shiri Maimon sang damals: Der Mann zuckt mit den Schultern. Bis man einen Eindruck hat, wie ver-
»Die Stille, die bleibt«. Er habe geweint. Lieutenant Colonel Conricus erklärt, letzlich sich die Leute im Süden Israels füh-
Später habe er abgenommen. Als Netta dass bislang 550 Raketen aus Gaza ab- len müssen.
im vorigen Jahr nach ihrem Sieg mit »Toy« geschossen worden seien. Er spricht von Eine der Raketen trifft eine nahe gele-
auf dem Rabin-Platz empfangen wurde, der Sprengkraft der Rakete, die hier eine gene Zementfabrik. Zwei Männer sterben
stand er am Fenster seiner Wohnung. dort in diesem Moment. Als wir zu der
Nun sei er an der Reihe. Ein Traum wer- Fabrik fahren, um die Einschlagstelle zu
de war. Er trete vor 200 Millionen Leuten »Die Message ist Liebe«, begutachten, zerstört eine weitere Rake-
auf, in seiner Heimatstadt Tel Aviv. Der sagt die armenische te einen Van ein paar Kilometer weiter
ESC wirkt in dieser Erzählung wie ein Le- südlich.
ben. Mit Anfang, Ende und Bestimmung. Kandidatin. »Amazing«, Auf der Fahrt zurück Richtung Norden
Ein einziger Schlager. sagt der Moderator. zeigt ein israelischer Fotograf die Bilder,
»And now I’m done. I’m coming home«, die er von den Raketen gemacht hat. Klei-
heißt es im Lied. ne goldene Punkte im wolkenlosen hell-
»Jetzt, mit 27, bin ich jemand«, sagt Drei-Meter-Betonwand umwarf, einen blauen Himmel über Aschkelon.
Kobi Marimi. »Darum geht es. Hoffnung. Krater in den Gartenboden riss und Moshe »Vielleicht waren es auch unsere Ab-
Ermutigung. Eine Reise. Eine Heimreise.« Agadi tötete, der eine Zigarette auf der fangraketen vom Iron Dome«, sagt der
»Sind Sie zufrieden mit der Heimat, in Terrasse rauchte. Er spricht von Reaktio- Fotograf. »So genau kann man das nicht
die Sie reisen?« nen der israelischen Armee, von der Re- erkennen.«
»Ja«, sagt Kobi. »Ich bin immer zufrie- gierungsbildung, der internationalen Lage Es ist ein perfektes Bild für unsere Ge-
den. Ich habe mich entschieden, immer sowie dem bevorstehenden Unhabhängig- fühlslage.
zufrieden zu sein.« keitstag, dem bevorstehenden Ramadan Im Autoradio bitten sie Trauergäste,
Er lächelt. Er sitzt im dunklen Büro sei- und dem bevorstehenden Eurovision- nicht zur Beerdigung von Moshe Agadi,
nes Managers am Stadtrand von Tel Aviv. Wettbewerb. dem Gemüsehändler, zu kommen, weil die
Er trägt Jeans, Turnschuhe, einen Pullover »Der PIJ guckt ganz genau auf den ein Terrorziel sei. Der Mann, der im Van
und riecht nach der Zigarette, die er gerade ESC«, sagt Jonathan Conricus. gesessen habe, sei tot, sagen die Nachrich-
im Hof geraucht hat. Er hat natürlich ein Es kommt sicher nicht häufig vor, dass ten. Es ist das vierte Opfer der Raketen-
richtiges Leben, in dem er als Barkeeper der Islamische Dschihad (PIJ) und der eu- angriffe an diesem Tag. Der Fahrer unseres
gearbeitet und vor ein paar Wochen ge- ropäische Gesangswettbewerb in einem Autos wohnt in einem Kibbuz an der Gren-
wählt hat. In diesem anderen, dem Euro- Satz genannt werden. PIJ und ESC. Rake- ze. Er schläft mit seiner Familie jede Nacht
vision-Leben, aber darf er nicht sagen, ten und Schlager. Hier in diesem Obstgar- im Schutzraum. Wenn du die Sirene hörst,
wen. Der Blick seines Managers ist uner- ten kommt alles zusammen. Schlagerrake- musst du sofort an den Straßenrand, raus
gründlich. Sie haben ihm einen Smoking ten. Eine andere Heimat als in Israels Wett- aus dem Auto und auf den Boden, sagt er.
gegeben, die Backgroundsänger und das bewerbssong. Aber doch: home. Eine App, die jeden Raketenalarm in Israel
Lied. Kobi Marimi ist in seinem Schlager In der Ferne rumpelt es. Ab und zu meldet, bringt mein Handy in der Hosen-
eingesperrt wie in einer Pralinenschachtel. schaut der Oberstleutnant über seine tasche wie eine Hummel zum Summen.
Er darf jetzt keine Fehler machen. Er ist Schulter. Er gibt eine kleine Tour. Wir lau- Bis zum Abend kommen 690 Raketen aus
auf der Heimreise, aber noch nicht da. Not fen durch den Garten wie über einen Tat- Gaza. Israel beschießt Ziele im Gazastrei-
home yet. ort. Die Pampelmusen. Die vernarbten fen. Es gibt 25 Tote und verwackelte Bilder
Am Morgen bevor in Tel Aviv die Pro- Hauswände. Die Glassplitter. Der Staub. von zerstörten Häusern und Autos in den
ben zu den Halbfinals der Eurovision- Der Aschenbecher, in dem vermutlich Abendnachrichten. Sie nennen es nicht
Sänger beginnen, wird rund 50 Kilometer noch die letzte Kippe von Moshe Agadi Krieg.
weiter südlich ein Mann von einer Rakete liegt. Ein angebundener, herrenloser Krieg ist am Ende auch nur ein Wort.
aus dem Gazastreifen getötet. Es ist das Hund namens Johnny. Alles wirkt choreo- Am Montagmorgen heißt es von paläs-
erste israelische Opfer palästinensischer grafiert. So als müsste die Gefahr bewie- tinensischer Seite, es gebe eine Waffen-

DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019 111


Kultur

ruhe. Die israelische Seite hat das bislang Im Eurovision-Regelwerk heißt es: habe. Die Hallen sind klimatisiert. Die Fra-
nicht bestätigt, als auf dem Expo-Gelände »Der ESC ist eine unpolitische Veranstal- gen der Reporter und die Antworten der
in Tel Aviv die armenische Sängerin Srbuk tung. Alle teilnehmenden Rundfunkan- Sänger dürfen nichts mit der realen Welt
zu ihrer ersten Probe antritt. Ihr Beitrag stalten einschließlich der ausrichtenden zu tun haben. Aber alle Teilnehmer wur-
heißt »Walking Out«. Er läuft auf Bildschir- Rundfunkanstalt haben dafür Sorge zu den gebeten, sich vor ihrem israelischen
men in der Empfangshalle. Draußen sind tragen, dass innerhalb ihrer jeweiligen Lieblingshintergrund filmen zu lassen. Die-
bestimmt 30 Grad, hier drinnen vielleicht Delegationen und Teams alle erforderli- se Postkarten können beweisen, dass der
15, und das ist nicht der einzige Unterschied. chen Schritte unternommen werden, um Schlagerzirkus diesmal in Israel haltge-
Im Pressezentrum kann man vom Sponsor sicherzustellen, dass der ESC in keinem macht hat und nicht in Aserbaidschan.
MyHeritage einen DNA-Test machen las- Fall politisiert und/oder instrumentalisiert Srbuk hat Masada gewählt. Das ist die
sen. Celine Dion, Netta und Abba machten wird.« Wüstenfestung, die jüdische Freiheits-
auch mit, sagt der Vertreter. Es dauert nur Die isländischen Teilnehmer Hatari wur- kämpfer lange gegen die übermächtigen
fünf Minuten. Am Tresen akkreditieren sich den auf ihrer Pressekonferenz nach dem Römer verteidigten. Am Ende töteten sich
zwei Männer aus Eisenach, die seit 20 Jah- Nahostkonflikt gefragt. Die Band, die in die letzten Aufrechten selbst, um nicht in
ren das Land Thüringen mit Eurovision- Bondage und SM-Geschirr auftritt, hatte Gefangenschaft zu geraten. Die Römer fan-
Nachrichten versorgen. Sie retten sich in sich in der Vergangenheit propalästinen- den eine verlassene Festung vor. Masada
die Halle wie auf eine Insel. Sie leben in sisch geäußert und sollte nun etwas zum gilt bis heute als Symbol des jüdischen Frei-
der Schlagerwelt. Sie erklären, wer die Fa- aktuellen Bombardement der Israelis in heitswillens. Schulklassen werden hier
voriten seien, Holland und die Schweiz, Gaza sagen. geführt, Soldaten wurden vereidigt. Es ist
und sagen, dass sie sich freuen würden, »Wir halten uns hier auf der Bühne an einer der dramatischsten Orte Israels.
wenn Sergey Lazarev gewinne, der russi- die Regeln wie alle anderen auch«, sagte Wieso also Masada?
sche Sänger. Sie würden im kommenden der Sänger. »Über die Geschichte weiß ich nichts«,
Jahr gern nach Moskau. Es muss etwas un- Als die Reporter weiter drängten, sagte sagt Srbuk. »Aber die Landschaft ist atem-
glaublich Beruhigendes haben, wenn man er: »Natürlich hoffen wir, dass die Besat- beraubend.«
die Welt aus dieser Perspektive betrachten zung bald vorbei ist und Frieden kommt.« »Amazing«, sagt der israelische Mode-
kann. Mit Eurovision sozusagen. Die bei- Das hat für Verstimmung bei den Orga- rator. Wenn er Schmerz verspürt, lächelt
den Männer sind seit 20 Jahren verheiratet, nisatoren gesorgt. Das ESC-Regelwerk er ihn weg.
sagen sie. Es gibt ESC-Experten, wie es wird nun berücksichtigt. Dann kommt die irische Teilnehmerin
Dopingexperten gibt und Fachleute für Der israelische Moderator, der neben auf die Bühne. Die Sängerin wird nach ih-
Dressurreiten. Sie sehen nur anders aus. der armenischen Sängerin auf der Bühne rer Haarfarbe gefragt, nach ihrer kleinen
Nach ihrer Probe kommt die armeni- sitzt, kommentiert ihre Antworten mit den Tochter und nach ihrem Krankenschwes-
sche Kandidatin zum Meet and Greet in Worten »terrific«, »awesome«, »specta- terkurs.
die Pressekonferenz. Es sind noch nicht cular«, »amazing« oder »sweet«. Die meisten Fragen stellt Alistair Birch
viele Journalisten da. Im Saal sitzen vor »I love, love, love your song«, sagt der aus Melbourne. Er ist für die Agentur
allem Begleiter von Srbuk, die rote Trai- Moderator. »Willst du deine Botschaft Eurofile.TV hier, die den australischen
ningsanzüge mit dem Schriftzug Armenien sagen?« Markt mit ESC-Nachrichten versorgt. Er
auf dem Rücken tragen wie eine Gewicht- »Die Message ist: Wir sollten die Liebe ist seit 2006 dabei. Athen. Damals, sagt
hebernationalmannschaft. nicht töten. Die Liebe sollte uns nicht tö- er, sei der deutsche Teilnehmer Texas
Srbuk trägt ein T-Shirt, auf dem sie ten«, sagt Srbuk. Lightning gewesen, eine Countryband mit
selbst zu sehen ist. »Amazing«, sagt der Moderator. dem Komiker Olli Dittrich am Schlagzeug.
Die Fragen beziehen sich auf Tanzschrit- Am Ende bittet er die armenische Sän- Woher er das weiß? Er weiß es eben. Außer-
te, Frisuren und Videos. Es sind freund- gerin noch zu erklären, warum sie sich bei dem hat er in den Neunzigern lange in Ber-
liche Fragen. ihrer »Postkarte« für Masada entschieden lin gelebt. Er ist eigentlich IT-Experte und
hat damals das Datennetzwerk für die Stasi-
unterlagenbehörde aufgebaut. Er kann das
Wort akzentfrei aussprechen. Er trägt ein
kariertes Jackett, Weste und Einstecktuch
und ist, mit seinem Hintergrund, der per-
fekte Schlagerreporter.
Er würde nie eine politische Frage stel-
len. Er kennt die Regeln. Politische Fragen
sind nicht erlaubt. Die Bands dürfen nicht
mehr als sechs Mitglieder haben. Werbung
ist verboten. Tiere sind verboten. Kein
Song darf länger als drei Minuten sein.
»Es ist ein Wettkampf«, sagt er. »Es gibt
Regeln.«
Wieso darf Australien dann an einem
europäischen Schlagerwettbewerb teil-
nehmen?
»Es gibt mehrere Gründe. Vor allem
ILIA YEFIMOVICH / DPA

aber sind wir ein Einwanderungsland, das


sich sehr stark an der alten Welt orientiert.
Der ESC ist unglaublich populär in Aus-
tralien«, sagt Alistair Birch.
Im Hintergrund beantwortet die irische
Kandidat Marimi: Wie in einer Pralinenschachtel Sängerin Sarah McTernan gerade, warum

112
Sie erzählte, wie sie der ESC erlöst
habe. Wie er ihr geholfen habe, an sich
zu glauben. Wie er ihr die Türen zur Welt
geöffnet habe. Vor zwei Jahren habe sie
noch für Bier und Essen gesungen und
geglaubt, dass sie das fette Mädchen sei,
das keine Liebe verdiene. Sie habe den
Bullys, die sie gemobbt hätten, geglaubt,
sagte sie.
»Aber dann habe ich mich neu erfunden.
Und plötzlich akzeptierten mich die Leute.
Ich entschuldige mich nicht, ich bin, wer
ich bin, ich liebe, wie ich aussehe und wo
ich herkomme«, sagte sie.
Sie bedankte sich bei den anwesenden
Journalisten dafür, dass sie diese, ihre Bot-
schaft in die Welt trugen. Sie strahlte.
Die erste Frage kam aus Schweden. Der
Kollege wollte wissen, wie sie über die
Boykottaufrufe denke, die man überall auf
der Welt höre.
Netta Barzilai hörte nicht auf zu lachen.
»Der ESC wurde nach dem Zweiten
Weltkrieg gegründet, um eine zerrissene
Welt zu heilen«, sagte Netta. »Wir haben
gerade den Holocaust-Gedenktag. Ich
muss Sie nicht an diese schreckliche Zeit
erinnern. All diese verschiedenen Natio-
nen stehen zusammen auf der Bühne. Es
ist ein Festival des Lichts. Menschen, die
das boykottieren, verbreiten Dunkelheit.
Ich bin auf jedem großen Event in Euro-
pa, vor allem dort, wo es um die Voraus-
PEDRO FI_ZA / NURPHOTO / GETTY IMAGES

wahl der Kandidaten ging, von Protesten


empfangen worden. Ich denke, das sind
Bullys.«
Würden Sie auch in Ramallah singen?
»Ich bin nie eingeladen worden. Aber
wenn mein Singen helfen kann, Probleme
zu lösen: klar«, sagte Netta.
Jemand fragte: Sind Sie froh, ein Land
zu vertreten, das gerade Netanyahu ge-
ESC-Gewinnerin Barzilai 2018 in Lissabon: Israelische DNA eingebracht wählt hat?
Netta sagte: »Ich bin keine politische
Person. Ich repräsentiere Netta. Und
im Video zu ihrem Wettbewerbssong »22« Wenn man in dieser Zeit auf der Straße Netta liebt die Menschen. Ich bin eine
keine Milchshakes zu sehen sind. ist, kommt die Hoffnung zurück. Aber Künstlerin. Meine Agenda ist: für das
Ein Journalist aus Malta hatte das ge- nach wenigen Minuten ist es vorbei. Leben. Für die Liebe. Für Selbstbewusst-
fragt. Am Unabhängigkeitstag donnert die sein. Ich bin Israelin. Aber keine Politi-
Wenn man nach ein paar Stunden die israelische Luftwaffe durch den Himmel, kerin. Wir haben einen Platz in der Welt.
gekühlten Hallen verlässt und in die Wär- am Vorabend feierte Jerusalem mit Fa- Wir haben hier die israelische DNA in
me von Tel Aviv zurückkehrt, wirkt die ckeln und Feuerwerk die 71-jährige Unab- einen sehr guten Popsong eingebracht.
verrückte israelische Welt ziemlich normal. hängigkeit des Landes. Im vergangenen Das ist toll. Das spüren die Leute. Das
Auch in der Wirklichkeit sind die Tage hier Jahr, zum 70. Jubiläum, sprang aus die- macht sie stolz.«
mit großen Gefühlen beladen. Vergangene sem Anlass Netta Barzilai aus der Kiste, Der schwedische Kollege hakte nach:
Woche wurde der Holocaust-Gedenktag die den ESC gewann. »Toy« war ihr Lied. »Ist es denn so wichtig für Israel, geliebt
begangen. Der islamische Fastenmonat Ra- Und wenn man sie zwischen den Generä- zu werden?«
madan hat begonnen. In dieser Woche ge- len herumhüpfen sah, konnte man den »Klar«, sagte Netta. Kicherte. »Und ich
dachten die Israelis der Opfer, die sie in Eindruck bekommen, sie mache sich zum bin davon überzeugt, dass mein Volk es
verschiedenen Kriegen und durch Terro- Spielzeug der Macht. Aber der Eindruck verdient, geliebt zu werden. Es ist ein tol-
rismus verloren. Auch an solchen Tagen trog. les Volk, wir sind gute Menschen. Ich rede
heulen Sirenen. Aber sie lassen die Men- Vor knapp zwei Wochen beantwortete nicht über Regierungen. Ich rede über
schen innehalten. Der Verkehr bleibt ste- Netta Barzilai der internationalen Presse, Menschen. Wir sind warmherzig, wir sind
hen, die rastlose Stadt hält für Minuten still. die hier normalerweise für Benjamin Ne- liebevoll, wir sehen uns in die Augen, wir
Es sind die beeindruckendsten, ergreifends- tanyahu und den Nahostkonflikt zuständig sagen, was wir denken, wir haben keine
ten Momente, die man zurzeit in Israel ist, im Hotel King David in Jerusalem ein Zeit für Gelaber. Das ist der Zauber Israels.
erleben kann. paar Fragen. Wir leben in einer harten Gegend, ja! Seit

DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019 113


es das Land gibt. Aber es ist toll hier. And
that’s it.«
Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vom Fachmagazin »buchreport« (Daten: media control); Besser kann man es nicht sagen.
nähere Informationen finden Sie online unter: www.spiegel.de/bestseller Die Weltpresse hielt einen Moment den
Atem an, bevor sie wieder zurück in den
Belletristik Sachbuch Krieg zog. Noch Minuten nachdem sie die
Pressekonferenz verlassen hatte, hörte
1 (2) Ferdinand von Schirach 1 (1) Bas Kast man Netta im Kopf: »Welcome boys, too
Kaffee und Zigaretten Luchterhand; 20 Euro Der Ernährungskompass much noise, I will teach ya.« In diesen Mi-
C. Bertelsmann; 20 Euro nuten verstand man, warum Israel der per-
2 (1) Martin Walker fekte Gastgeber für dieses seltsame Kräf-
Menu surprise Diogenes; 24 Euro 2 (–) Greta Thunberg / Svante Thunberg / temessen europäischer Schlagersänger ist.
Malena Ernman / Beata Ernman
Szenen aus dem Herzen Aber das vergisst man hier dann doch
3 (3) Simon Beckett
S. Fischer; 18 Euro immer wieder schnell, draußen.
Die ewigen Toten Wunderlich; 22,95 Euro
Ein paar Tage später, die Waffenruhe
4 (6) Dörte Hansen mit Gaza hält noch, bringt der Vater von
Die Mutter der Klima-
Mittagsstunde Penguin; 22 Euro aktivistin hat ihr Leben Kobi Marimi einen Kaffee und eine Pa-
und das ihrer Tochter ckung Kekse raus zu den kleinen Tischen,
5 (4) Sibylle Berg aufgeschrieben – heraus- die vor dem Lebensmittelladen stehen,
GRM Kiepenheuer & Witsch; 25 Euro gekommen ist eine
moderne Heiligenlegende. den er zusammen mit seiner Frau am Ran-
6 (5) Walter Moers de von Tel Aviv betreibt. Es ist eine kleine
Der Bücherdrache Penguin; 20 Euro 3 (3) Michelle Obama Insel in der schnell wachsenden Stadt.
Becoming Goldmann; 26 Euro Vom Horizont nähern sich Wolkenkratzer.
7 (7) Saša Stanišić Der Vater erzählt, wie es hier früher war,
Herkunft Luchterhand; 22 Euro
4 (2) Marcel Eris / Dennis Sand als sein Junge noch mit im Laden half und
MontanaBlack
Riva; 19,99 Euro sie in zehn Minuten am Strand waren. Er
8 (8) Joël Dicker Das Verschwinden
ist ein freundlicher, dicker Mann in einem
der Stephanie Mailer Piper; 25 Euro
5 (4) Meike Winnemuth verwaschenen Baseballshirt. Er hat als Jun-
9 (10) Daniela Krien
Bin im Garten Penguin; 22 Euro ge Luftballons in dem Park verkauft, wo
Die Liebe im Ernstfall Diogenes; 22 Euro 6 (5) Stephen Hawking Kurze Antworten sein Sohn jetzt Israel vertritt. Madonna
auf große Fragen Klett-Cotta; 20 Euro soll kommen. Roger Waters will einen Boy-
10 (–) Axel Milberg kott. Das spanische Disco-Duo Baccara
Düsternbrook 7 (–) Anders Indset und Gene Simmons von Kiss setzen sich
Piper; 22 Euro Quantenwirtschaft Econ; 22 Euro
gegen einen Boykott ein. Es ist eine irre
8 (6) Jürgen Todenhöfer Welt, in die der Junge geraten ist. Aber er
Der biografisch inspirierte Die große Heuchelei
Roman des »Tatort«-
Propyläen; 19,99 Euro wollte es so.
Schauspielers erzählt von 9 (7) Sebastian Fitzek Fische, die auf »Er wollte immer singen«, sagt sein
einer Kindheit an der Kieler Vater.
Förde. Der Junge sucht Bäume klettern Droemer; 18 Euro
seinen Platz in der Welt. Mag er das Lied? »Home«?
10 (10) Andrea Wulf Die Abenteuer »Ja. Schon«, sagt der Vater. »Aber ich
des Alexander von Humboldt habe ja keine Ahnung von Musik.«
11 (12) John Ironmonger Der Wal und C. Bertelsmann; 28 Euro
das Ende der Welt S. Fischer; 22 Euro
Was ist für ihn Heimat?
11 (8) Andreas Michalsen »Schwer zu sagen. Ein Sonntagmorgen
12 (17) Nele Neuhaus Mit Ernährung heilen Insel; 24,95 Euro in Jaffa, wenn ich da mit meinem arabischen
Muttertag Ullstein; 22 Euro Freund Kaffee trinke«, sagt der Vater.
12 (9) Anne Fleck
Netta sagt, das Lied sei in Ordnung für
13 (11) Marc Elsberg Gier! Wie weit Ran an das Fett Wunderlich; 24,99 Euro
Kobi. Es sei gut für einen Künstler, der sich
würdest du gehen? Blanvalet; 24 Euro
13 (12) Harald Jähner noch finden müsse. Es dauere Jahre, bis
14 (14) Sebastian Fitzek
Wolfszeit Rowohlt Berlin; 26 Euro man als Sänger wisse, wer man ist. Aber
Der Insasse Droemer; 22,99 Euro 14 (20) Ursula Ott Das Haus meiner das will man Kobis Vater nicht sagen. Die
Eltern hat viele Räume btb; 18 Euro
Familie lebt seit vielen Generationen in
15 (15) Carmen Korn Israel. Sie haben sich erst langsam in die
Zeitenwende Kindler; 19,95 Euro 15 (14) Yuval Noah Harari Welt vorgetastet. Sie waren in Berlin, in
21 Lektionen für das 21. Jahrhundert Prag, Paris und London. Kobis Vater er-
16 (–) Perry Rhodan Psionisches C. H. Beck; 24,95 Euro
zählt über diese Reisen, die meist nur ein
Roulette Pabel Moewig; 19,95 Euro
16 (11) Ian Kershaw Wochenende gingen, weil sie ja den Laden
17 (19) Julian Barnes Achterbahn DVA; 38 Euro haben. Seine Augen leuchten, wenn er da-
Die einzige Geschichte von erzählt. Es gibt Leute, die sagen, der
17 (15) Theo Waigel Ehrlichkeit ist Eurovision Song Contest sei auch deshalb
Kiepenheuer & Witsch; 22 Euro
eine Währung Econ; 24 Euro
so populär in Israel, weil sie hier zu Europa
18 (16) Jilliane Hoffman 18 (17) Dieter Nuhr gehören können.
Nemesis Wunderlich; 22,95 Euro Gut für dich! Lübbe; 15 Euro Irgendwann kommt Kobis Mutter aus
19 (13) Anke Stelling Schäfchen dem Laden und sagt, der Manager habe an-
19 (–) Bret Easton Ellis gerufen. Sie sollen keine Interviews geben.
im Trockenen Verbrecher; 22 Euro Weiß Kiepenheuer & Witsch; 20 Euro
Kommen Sie bitte wieder, sagt der Vater.
20 (–) Andreas Eschbach NSA – Nationales 20 (13) Harald Welzer Alles könnte Wenn das alles vorbei ist.
Sicherheits-Amt Lübbe; 22,90 Euro anders sein S. Fischer; 22 Euro

114 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019


Kultur

Kind seiner Zeit


Adel Mit Baby Archie zieht die politische Korrektheit ins britische Königshaus ein.

D
er Fortschritt trägt einen roten Sussex setzt sich für Frauenrechte ein, mit Höhepunkten wie Nacktaufnahmen
Bart und lächelt wie ein quer trägt mit Sendungsbewusstsein immer bei einem Besäufnis und einer Spaßver-
gestelltes Kirchenfenster. Der mal wieder ethisch korrekt produzierte kleidung mit Naziuniform, und Meghans
Herzog von Sussex, bekannter Mode und ist als Tochter einer schwarzen Vorleben als Geschiedene, als Serien-
als Prinz Harry, noch bekannter als »Party- Mutter und eines weißen Vaters auch darstellerin und Botschafterin für Men-
prinz« und »Dirty Harry«, inzwischen ge- ethnisch eine Neuerung im royalen Gen- schenrechte ergeben – erst recht mit
läuterter Ehemann, verkündete die Geburt pool. Sie zeigt den Armen und Kranken ihrer vergleichsweise stürmischen Liebes-
seines ersten Kindes vor der Presse mit gegenüber so wenig Scheu wie die 1997 geschichte – eine Mixtur, die mehr Tem-
den Worten: »Wie die Frauen perament, aber auch mehr Nähe
das schaffen, geht über meinen suggeriert als das Streberpaar im
Verstand!« Das ist, nicht nur Kensington-Palast.
nach Maßgaben der britischen Beide Paare allerdings sorgen
Monarchie, ein enthusiastischer vermutlich auch in ihrer Gegen-
Ausdruck des Feminismus. sätzlichkeit dafür, dass die bri-
Soweit die Überlieferung tische Monarchie inzwischen
reicht, war es unter werdenden beliebt ist wie seit Jahrzehnten
Vätern der britischen Aristokra- nicht. In dem von der Brexit-
tie üblich, sich die Zeit der We- Pfuscherei erschöpften Eng-
hen bis zum ersten Babyschrei land, wirtschaftlich strauchelnd
mit Drinks oder auch Polo zu und durch ätzende Debatten
vertreiben; der Großvater des über Einwanderung und Bri-
Prinzen soll während der Geburt tishness gespalten, ist das Kö-
des Thronfolgers Charles Squash nigshaus eine Konstante, auf die
gespielt haben. Dieser Prinz im- sich die meisten einigen kön-
merhin war bei Harrys Geburt nen: irgendwie unnütz, aber
1984 dabei, soll aber bei dessen doch good to have, mit Soap-
Anblick kopfschüttelnd gesagt qualitäten und ansehnlichen
haben: »O Gott, ein Junge. Und Hauptdarstellern – und durch
dazu auch noch mit roten Haa- sein schieres Überleben ein
ren.« Die auskunftsfreudige Quantum Trost in der deprimie-
Lady Diana gab später zu renden Gegenwart.
Protokoll, in diesem Moment Das Baby selbst wurde der
sei »etwas in mir zerbrochen«. Öffentlichkeit zwei Tage nach
In diesem wie in vielem war seiner Geburt präsentiert. Mut-
die »Prinzessin der Herzen« ter und Vater strahlten jene
die – allerdings exzellent ge- Mischung aus gerührter Glück-
föhnte – Normalität: Die blutige seligkeit und Überwältigung aus,
Viecherei einer natürlichen Ge- die ebenso erfreulich wie durch-
DOMINIC LIPINSKI / AP

burt wird zwar mit der Ausschüt- schnittlich ist. Allerdings wiegte
tung von körpereigenen Boten- der Vater das Kind, das, Andeu-
stoffen belohnt, die den Schmerz tungen aus gut unterrichteten
auch in der Erinnerung mil- Kreisen zufolge, genderneutral
dern – ein Umstand, der für das aufwachsen soll. Was möglicher-
Fortbestehen der Menschheit Eltern Meghan, Harry, Neugeborenes in Windsor weise bedeutet: nicht nur hell-
sorgt. Doch die Anteilnahme der Gut in Szene gesetzte Imperfektion blaue Strampler und Ritter und
Väter war bis vor nicht allzu lan- Autos im Kinderzimmer und
ger Zeit ein Desiderat, erst recht in der verstorbene Lady Diana, vor allem aber keine Abrichtung zur Fuchsjagd. Mit
Öffentlichkeit; auch darin waren die briti- ergänzen sie und ihr Ehemann das Paar Sicherheit aber wird ihm wohl das Schick-
schen Royals ein getreues Abbild des zivi- William und Kate um einen beachtlichen sal seines Großvaters Charles erspart blei-
lisatorischen Durchschnitts. Und von einer Schuss gut in Szene gesetzter Imperfek- ben, der eine große Zeit seiner Jugend in
so fassungslosen Anerkennung wie dieser tion. einem Ertüchtigungsinternat für Knaben
am Montagnachmittag war das Abendland Während der erstgeborene Sohn des zubrachte, das er als die Hölle auf Erden
bei der Geburt von Harry vor 34 Jahren Thronfolgers Charles und seine stets un- bezeichnete. Der Name des Kindes soll
noch ganze Zeitalter des Gemüts entfernt. tadelige Gattin ihre öffentlichen Termine Archie sein, auf den ihm eigentlich
Der rothaarige Prinz und seine bürger- so kontrolliert abwickeln wie ihr Familien- zustehenden Titel, Earl of Dumbarton,
liche Frau, die amerikanische Schauspie- leben, geben Meghan und Harry dem haben die Eltern laut britischen Medien
lerin Meghan Markle, 37, sind für das Wunsch nach Menschlichkeit mehr und verzichtet. Auch hier Fortschritt, noch
Königshaus ein Modernisierungsschub in vor allem gemischtere Nahrung. Harrys ohne Bart. Elke Schmitter
mehrfacher Hinsicht: Die Herzogin von Taumeln durch Pubertät und Adoleszenz,

115
Kultur

»Alles ist vergiftet«


wurde ein Jahr nach meiner Geburt in die
Verbannung geschickt. Zur Strafe gehörte
für ihn harte körperliche Arbeit – und dass
wir in einem dunklen Verschlag lebten.
Fünf Jahre meiner Kindheit verbrachte ich
Kunst Ai Weiwei über seinen Prozess gegen einen Geschäftspartner von so. Es war nicht meine Absicht, in Berlin
Volkswagen und die größte Ausstellung seiner Werke in Europa einen solchen Raum zu finden, der daran
erinnert – aber ein Psychologe würde viel-
leicht seine Rückschlüsse ziehen.
Ai, 61, ist am Morgen des Interviews in Geld verlieren, unsere Anwaltskosten sind SPIEGEL: Im vergangenen Jahr haben Sie
seinem Berliner Atelier unterwegs, es befin- sehr hoch. Doch das ist es mir wert. angekündigt, Sie würden Deutschland ver-
det sich in einer historischen Kelleranlage. SPIEGEL: Seit mittlerweile vier Jahren le- lassen, vielleicht in die USA ziehen. Aber
Kommende Woche eröffnet die Kunstsamm- ben Sie nun in Deutschland. Wie fühlen Sie sind noch da. Warum?
lung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf Sie sich in diesem Land? Ai: Ja, und ich weiß noch nicht, wie es wei-
eine große Ausstellung. Zudem beschäftigt Ai: Als ich ankam, fühlte ich mich nicht tergeht. Meine Lebensgefährtin und mein
den Künstler eine juristische Auseinander- wie ein Fremder. Doch je länger ich hier Sohn leiden unter dem langen Berliner
setzung: Der dänische Generalimporteur bin, umso mehr komme ich mir doch so Winter, das hatte mich besorgt. Aber ir-
des Volkswagen-Konzerns hat eines seiner vor. Aber ich fühle mich hier unten in mei- gendwann habe ich erkannt, dass ich mich
emotionalsten Werke als Hintergrund für nem Keller sehr wohl, wie unter einer nirgendwo zu Hause fühlen würde, gleich-
eine Aufnahme verwendet, die 2017 in Schutzschicht, auch einer psychologischen. gültig, wo ich bin. Es bringt mir nichts, in
einer Werbebroschüre erschien. Viele Fabri- SPIEGEL: Wie meinen Sie das? die Vereinigten Staaten zu ziehen. Übri-
kate mit Wolfsburger Kennzeichen sind Ai: Diese Räume sind wie die Fortsetzung gens sagen mir Leute oft, ich sei so deutsch,
darin zu sehen – und ein orangefarbener meiner Kindheit. Mein Vater, ein Dichter, rational und romantisch zugleich.
VW Polo steht vor einem Relief aus orange-
farbenen Rettungswesten. Am 22. Mai be-
ginnt in Kopenhagen der Prozess.

SPIEGEL: Herr Ai, Sie klagen gegen Volks-


wagen – oder zumindest gegen einen dä-
nischen Partner des Konzerns. Ein großer
Gegner?
Ai: Nein, im Vergleich mit der Kommunis-
tischen Partei Chinas ist jeder andere Geg-
ner klein.
SPIEGEL: Was wollen Sie mit der Klage er-
reichen?
Ai: Das Eingeständnis, einen Fehler began-
gen zu haben.
SPIEGEL: Weil das Unternehmen 2017 eines
Ihrer Kunstwerke ohne Absprache fotogra-
fieren ließ – mit einem Auto davor?
Ai: Eigentlich bin ich sehr großzügig, wenn
es um Urheberrechte geht und jemand
meine Werke zweckentfremdet, selbst
wenn Motive auf Jacken oder Hosen auf-
tauchen. Aber hier ist ein Werk betroffen,
das von dem Leid der Flüchtlinge handelt.
Wir hatten 2017 Tausende Rettungswesten
an der Außenwand eines Kopenhagener
Museums befestigt. Dass diese Arbeit für
Werbezwecke genutzt wird, ist mehr als
nur ein schlechter Witz. Man hat mir dann
Geld angeboten.
SPIEGEL: Der Händler sagt, er habe auch
eine öffentliche Entschuldigung in Aus-
sicht gestellt. Und dem Fotografen sei nicht
klar gewesen, dass es sich um ein Kunst-
werk gehandelt habe. Er spricht von einem
MUSTAFAH ABDULAZIZ / DER SPIEGEL

»menschlichen Fehler«.
Ai: So einfach ist es nicht. Das Werk be-
fand sich an der Fassade des bekanntesten
Museums in Kopenhagen. Das Auto hat
sich nicht von allein dorthin gefahren, je-
mand hat sich das genau überlegt. Und das
Angebot zur Entschuldigung kam erst,
nachdem wir Klage eingereicht hatten. Wir
werden durch dieses Verfahren wohl eher Künstler Ai: »Die Leute sagen, ich sei so deutsch«

116
SPIEGEL: Fühlen Sie sich in würfe machen, lieben Trump,
Deutschland noch willkommen? weil er gegen China ist. Das sagt
Ai: Einerseits ja, die Ausstellung doch alles.
in Düsseldorf wird eine der größ- SPIEGEL: Trotzdem haben Sie
ten sein, die ich je hatte. Anderer- noch ein Atelier in Peking. Wa-
seits weigerte sich die Berlinale, rum?
den Film »Berlin, I Love You« zu Ai: Es sind sogar noch zwei von
zeigen. Das hat mich doch beun- ursprünglich drei Ateliers.
ruhigt. SPIEGEL: Eigentlich erstaunlich,
SPIEGEL: Der Film ist Teil einer angesichts Ihrer Haltung.
Reihe, die aus lauter Liebeserklä- Ai: Ich wurde ja nie davon abge-
rungen an Städte besteht. Im Juni halten, Kunst zu schaffen, meine
kommt er in die Kinos. Sie haben künstlerische Produktion lässt
eine Episode gedreht, die heute man in Ruhe. Selbst als ich im Ge-
aber fehlt. Wie lief das alles ab? fängnis war, sagte man mir, ich
Ai: 2014 erhielt ich eine Anfrage, solle einfach bei meiner Kunst
ich war noch in China, stand un- bleiben, von Politik würde ich
ter Hausarrest, aber meine Le- nichts verstehen. Sie fanden, dass
bensgefährtin Wang Fen lebte meine Kunst nicht nach Kunst
mit unserem Sohn bereits in Ber- aussieht, aber sie haben erkannt,
lin. Sie ist Filmemacherin und dass ich eine gewisse Bekanntheit
war begeistert von der Idee, einen hatte, mir wurde sogar ein poli-
Kurzfilm über diese Stadt zu ma- Abbildung einer Werbebroschüre auf Ais Instagram-Seite tischer Posten angeboten. Es ist
chen. Unser Sohn sollte in dem »Im Vergleich zur Kommunistischen Partei ist jeder Gegner klein« ihre Art, damit umzugehen. So
Film eine wichtige Rolle spielen. sind die Menschen. Und es sind
Er in Berlin, ich in China, wir sky- eben Menschen, keine Monster –
pen miteinander, über alle Grenzen hin- Ai: Filme, an denen ich beteiligt bin, zeigt so wie in Deutschland nach 1933 nicht alle,
weg. Das war die Idee. sie offenbar nicht. »The Rest«, eine Doku- die hinter Hitler standen, Monster waren.
SPIEGEL: Sie wurden observiert, wie sollte mentation über Flüchtlinge, hat sie dieses SPIEGEL: Aber sie haben monströse Ver-
das klappen? Jahr abgelehnt. Alles ist vergiftet durch brechen mitverantwortet.
Ai: Ursprünglich wollten wir den chinesi- die Rücksichtnahme auf China. Ai: Ja, und nun wollen alle alles richtig ma-
schen Teil heimlich in China drehen. Die SPIEGEL: Als Sie 2015 China verlassen chen und verteufeln sogar eine Armbewe-
Produzenten wollten ein Filmteam ein- durften, hieß es, das sei insbesondere dem gung. Damit Gesinnungen zu unterbinden
schmuggeln. Doch nachdem ich ausreisen Einsatz der deutschen Bundeskanzlerin ist eine Illusion.
konnte, war das nicht nötig. Wir haben zu verdanken. Wie denken Sie heute über SPIEGEL: Was wird in der Düsseldorfer
den größten Teil des Films in Berlin ge- ihre Haltung gegenüber China? Schau zu sehen sein?
dreht. Damals, 2015, wollten wir die Dreh- Ai: Ich respektiere Angela Merkel. Das ist Ai: Arbeiten, die so noch nie zusammen
arbeiten während der Berlinale live über- alles nicht so einfach. Jede Nation denkt ausgestellt werden konnten, schon auf-
tragen, aber wir mussten die Leinwand natürlich zuerst an die eigenen Interessen grund ihrer Größe. In der Tate Modern in
weit weg vom Festivalgeschehen aufstel- und nicht an die Menschenrechte, so ist es London hatte ich hundert Millionen Son-
len. Tesiro, ein chinesischer Schmuckher- einfach. nenblumenkerne aus Porzellan ausgestreut,
steller, war Hauptsponsor der Berlinale. SPIEGEL: Ihre Kritiker werfen Ihnen vor, nun wurden sie nach Düsseldorf geschickt.
SPIEGEL: Der Film wurde dann für die Sie griffen die Pekinger Regierung nicht Und es werden all die Stahlstreben ausge-
Berlinale 2019 eingereicht, dort aber ab- mehr an, seit Sie im Westen leben. Sie wi- breitet, die wir nach dem Erdbeben von
gelehnt. Allerdings war Ihr Beitrag zu die- chen geradezu auf andere Themen aus, Sichuan aus den zusammengestürzten
sem Zeitpunkt längst herausgeschnitten etwa auf das Schicksal der Flüchtlinge. Schulen geholt haben. Kein Museum bis-
worden. Ai: Ich zerbreche mir sehr wohl den Kopf her hatte genug Platz, alle zu zeigen, in
Ai: Es hätte dennoch eine öffentliche Dis- über China. Ich trage China sozusagen in Düsseldorf geht das. Das ist großartig,
kussion um meine Episode und den Ein- mir. Aber jetzt, wo ich nicht mehr dort denn es ist mein wichtigstes Werk.
fluss der chinesischen Regierung gegeben. lebe, wäre eine solche Kritik zu einfach. SPIEGEL: Es handelt von den Kindern, die
Das hätte die Berlinale bestimmt nicht ge- SPIEGEL: Wirklich? starben, weil ausgerechnet die Schulen
wollt. Ich kann sogar verstehen, dass sich Ai: Ja, es käme mir unehrlich vor, wie eine nicht erdbebensicher waren.
die Produzenten gezwungen sahen, die Masche. Mein Anwalt ist seit fünf Jahren Ai: Wir werden die Namen der ums Leben
Episode herauszuschneiden. Sie konnten in Haft. Für nichts. Er ist in Gefahr, ich bin gekommenen Schulkinder dokumentieren.
nicht riskieren, dass Verleiher irgendwo es nicht. Viele, die mich für meine Kunst Wir zeigen auch neuere Arbeiten, etwa
auf der Welt den Film nicht ins Programm kritisieren, sind Chinesen. Aber selbst die- ein Rettungsboot aus Bambus, Kleidung,
nehmen, weil ich daran beteiligt war. jenigen von ihnen, die im Ausland leben, die Flüchtlinge im Lager zurückgelassen
SPIEGEL: Ihr berühmter Name ist doch sprechen oft kein Englisch, sie wissen nicht, haben. Ich glaube, diese Ausstellung wird
eher ein Verkaufsargument. wie oft ich mich im Internet über politische sehr aktuell, sehr herausfordernd wirken.
Ai: Ich habe viele Freunde unter chinesi- Missstände äußere, ob sie nun China be- Interview: Lars-Olav Beier, Ulrike Knöfel
schen Filmemachern. Von ihnen weiß ich, treffen oder andere Länder. Als Künstler
wie vorsichtig Investoren und ganze Festi- geht es mir um das Thema der Menschen-
Exklusiv-Video
vals sind, wenn es um regimekritische rechte. Deshalb fahre ich in die Flüchtlings- Die zensierte
Künstler oder Filme geht. lager, deshalb setze ich mich mit den Stu- Episode
SPIEGEL: Die Berlinale verwehrt sich ge- denten auseinander, die vor einigen Jahren spiegel.de/sp202019aiweiwei
gen Zensurvorwürfe. Sie zeigt durchaus in Mexiko verschwunden sind. Diese chi- oder in der App DER SPIEGEL
regimekritische chinesische Filme. nesischen Freiheitskämpfer, die mir Vor-

DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019 117


10 Prämien zur Wahl!
JETZT LESER WERBEN – SIE MÜSSEN SELBST NICHT ABONNENT SEIN.

Kärcher-Hochdruckreiniger K2 bonvelo BLIZZ Singlespeed Bike iPad 32 GB Wi-Fi in Spacegrau


Modell »Full Control Home« mit gezielter Stabiler Stahlrahmen, Flip-Flop-Nabe für Neues Modell mit A10-Fusion Chip und iOS 11,
Druckregulierung. Ideal für größere Flächen Freilauf und Fixed-Gear. 8 Farben und 9,7"-Retina-Display, Fingerabdruck-Sensor und
rund ums Haus. Ohne Zuzahlung. 4 Größen zur Wahl. Zuzahlung: € 199,–. 8-MP-Kamera. Zuzahlung: € 229,–.

Polar A370 Fitness-Tracker Gartenliege Ipanema Wagenfeld-Tischleuchte WG 24


Schlankes Design. Mit 24/7-Pulsmessung, Mit bequemer Wendeauflage in Der Bauhaus-Klassiker! Aus vernickeltem
Activity Tracking, Schlafanalyse, GPS, Grün/Beige oder Rot/Beige. Aufstellmaße: Metall, Klarglas und Opalglas. Nummeriert.
Smart Notifications u. a. Ohne Zuzahlung. ca. 178 x 54 x 70 cm. Ohne Zuzahlung. Höhe: ca. 36 cm. Zuzahlung: € 179,–.

Stand-up-Paddle-Board KitchenAid-Küchenmaschine Thule Revolve 55-cm-Bordtrolley


Zum Aufblasen. Komplettset mit Alupaddel, Küchenhelfer mit Knethaken, Flachrührer, Hartschalen-Handgepäckkoffer mit
Tragetasche, Gepäckgurt, Luftpumpe etc. Schneebesen und 4,28-Liter-Schüssel. TSA-Schlössern. In Schwarz.
Länge: ca. 320 cm. Zuzahlung: € 189,–. Maße: 35 x 35 x 22 cm. Zuzahlung: € 199,–. Maße: 55 x 35 x 23 cm. Ohne Zuzahlung.
Schnell bestellen:
nur bis 20.5.2019

DRID, Hamburg
€ 110,– Prämie
Bei Bestellung bis 20.5.2019 erhalten Sie
€ 110,– als Prämie. Schnell sichern!

 
Ja, ich habe geworben und wähle meine Prämie! Ich bin der neue SPIEGEL-Leser.
Anschrift des neuen Lesers:
• Wertvolle Wunschprämie für den Werber.
SPIEGEL-Vorteile Frau
• Der Werber muss selbst kein SPIEGEL-Leser sein.
Herr
• Zum Vorzugspreis: statt € 5,30 nur € 5,10 je Ausgabe inkl. Lieferung. Name, Vorname
• Auf Wunsch das Digital-Upgrade für nur € 0,70 je Ausgabe inkl.
SPIEGEL-E-Books.
Straße, Hausnr. Geburtsdatum

Wunschprämie Kärcher-Hochdruckreiniger (5742) bonvelo Bike (5784) Zzlg. € 199,–


iPad 32 GB (5694) Zzlg. € 229,– Polar A370 (5755) PLZ Ort
Gartenliege grün/beige (5698) Gartenliege rot/beige (5777)
Wagenfeld (5786) Zzlg. € 179,– Stand-up-Board (5782) Zzlg. € 189,–
Gläubiger-Identifikationsnummer DE50ZZZ00000030206

Telefon (für eventuelle Rückfragen) E-Mail (für eventuelle Rückfragen)


KitchenAid weiß (5688) Zzlg. € 199,– KitchenAid schw. (5735) Zzlg. € 199,–
Thule-Bordtrolley (5775) Gleich mitbestellen! Ja, ich möchte zusätzlich das Digital-Upgrade für nur € 0,70
€ 110,– Prämie (4595) bis 20.5.2019. Mein Konto für die Überweisung: pro Ausgabe beziehen statt für € 4,99 im Einzelkauf. SD19-015

DE Ja, ich wünsche unverbindliche Angebote des SPIEGEL-Verlags und der manager magazin Verlagsgesellschaft
(zu Zeitschriften, Büchern, Abonnements, Onlineprodukten und Veranstaltungen) per Telefon und/oder E-Mail. Mein
IBAN Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.
Anschrift des Werbers: Der neue Abonnent liest den SPIEGEL für zunächst 52 Ausgaben für zurzeit € 5,10 pro Ausgabe statt € 5,30 im Einzelkauf,
das Digital-Upgrade zusätzlich für € 0,70 pro Ausgabe. Das Abonnement verlängert sich automatisch und ist dann jederzeit
Frau zur nächsterreichbaren Ausgabe kündbar.
Herr
Name, Vorname Ich zahle bequem per SEPA-Lastschrift* vierteljährlich € 66,30, Digital-Upgrade halbjährlich € 18,20
Die Mandatsrefe-
DE renz wird separat
mitgeteilt.
Straße, Hausnr. IBAN
SP19-101-WT127
PLZ Ort Datum Unterschrift des neuen Lesers
Coupon ausfüllen und senden an:
DER SPIEGEL, Kunden-Service, 20637 Hamburg 040 3007-2700 abo.spiegel.de/p19
Der Werber erhält die Prämie ca. vier Wochen nach Zahlungseingang des Abonnementbetrags. Der Vorzugspreis von € 0,70 für das Digital-Upgrade gilt nur in Verbindung mit einem laufenden Bezug der Printausgabe, enthalten sind € 0,60 für das E-Paper.
Alle Preise inklusive MwSt. und Versand. Das Angebot gilt nur in Deutschland. Hinweise zu AGB, Datenschutz und Widerrufsrecht: www.spiegel.de/agb. SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG, Ericusspitze 1, 20457 Hamburg, Telefon: 040 3007-2700,
E-Mail: aboservice@spiegel.de
* SEPA-Lastschriftmandat: Ich ermächtige den Verlag, Zahlungen von meinem Konto mittels Lastschrift einzuziehen. Zugleich weise ich mein Kreditinstitut an, die vom Verlag auf mein Konto gezogenen Lastschriften einzulösen. Hinweis: Ich kann innerhalb
von acht Wochen, beginnend mit dem Belastungsdatum, die Erstattung des belasteten Betrags verlangen. Es gelten dabei die mit meinem Kreditinstitut vereinbarten Bedingungen.
Kultur

Die Härte der Stadt


Literatur Elif Shafak zählt zu den erfolgreichsten
türkischen Schriftstellern. In ihrem Roman »Unerhörte Stimmen«
erzählt sie von Istanbul als rauem, geschichtssattem Ort.

A ls sie nach Istanbul aufbricht, lassen


sich die Riegel und die schweren
Eisenketten, die das Haus ihrer El-
tern sichern sollen, seltsam leicht bewe-
Es wäre eine runde Sache, die Schrift-
stellerin Elif Shafak in Istanbul zu treffen.
Mit ihr die Straße der Kesselflicker ent-
langzugehen, hier hat sie mal gelebt in
gen. Leila glaubt, dass sie in der Stadt den Neunzigerjahren, diese Straße ist
schon irgendwie zurechtkommen wird. für sie Ausdruck der ständigen Verände-
Besser jedenfalls als in ihrem Heimatort rung dieser Stadt. »Wie auf einem Boot«
Van, wo sie den Sohn jenes Onkels heira- habe sie sich gefühlt, die Bewohner als
ten soll, der sie betatscht und missbraucht Passagiere, die kommen und gehen. In
hat. Auf dem Weg zum Bus geht Leila den Vierziger- und Fünfzigerjahren lebten
quer über den Friedhof, sie liest die Na- in der Straße vor allem ethnische Minder-
men auf den Grabsteinen und versucht, heiten, Juden, Armenier, Griechen. In
sich auszumalen, was die Menschen, die den Siebzigerjahren zogen Homosexuelle
dort begraben liegen, wohl für Leben ge- her, in den Neunzigerjahren kamen die
führt haben. Bohemiens, zu denen Shafak zählte. Da-
Diese Frage leitet auch die Schriftstelle- mals war sie Doktorandin der politischen
rin Elif Shafak. Sie schreibt in ihren Ro- Wissenschaften, Feministin, angehende
manen an einer großen, sich fortsetzenden Schriftstellerin. In ihrer Nachbarschaft
Erzählung über die Türkei. Leila ist die lebte noch ein alter armenischer Mann,
Heldin ihres neuen Romans »Unerhörte ein älterer Transsexueller. Er hat ihr
Stimmen« – einem großen Requiem für von den zurückliegenden Jahrzehnten
Außenseiter und Verstorbene, für Spinner erzählt.
und Unangepasste. Ihnen gehören Shafaks »Nichts ist von Dauer, alles ist fließend«,
besonderes Interesse und ihre Sympathie, sagt Elif Shafak. Die Schichten der Vergan-
sie spielen in ihren Büchern eine wichtige genheit interessieren sie, in ihren Roma-
Rolle. Oft führen die Wege dieser Men- nen gräbt sie sich in diese Tiefen vor. Und
schen nach Istanbul – Zufluchtsort, Mit- obwohl Shafak in der Türkei zu den erfolg-
telpunkt, Schmelztiegel. Aber die Stadt, reichsten Autorinnen gehört, macht sie
die im Zentrum von »Unerhörte Stimmen« sich damit auch Feinde.
steht, macht es den Figuren nicht leicht. Eine Verabredung mit der Schriftstelle-
Die Schönheit Istanbuls kommt bei Shafak rin am Erzählort ihrer Romane ist nicht
nur am Rande vor, »das touristische Zen- möglich. Seit einiger Zeit vermeidet sie
trum der Stadt interessiert mich nicht«, Reisen nach Istanbul, nach den Verhaftun-
sagt die Schriftstellerin. Sie erzählt statt- gen von Intellektuellen fühlt sie sich nicht
dessen von der Peripherie und von der mehr sicher. »Es ist herzzerreißend zu se- nigstens annähernd so kosmopolitisch ist
Härte der Stadt. In ihren Romanen ist Is- hen, wie dieses Land politisch zurück- wie sie selbst.
tanbul ein Kristallisationspunkt, der Ort, driftet, mit enormer Geschwindigkeit: Shafak wurde als Tochter türkischer
an dem sich zeigt, wie die Menschen und wachsender Nationalismus, Autokratie, Eltern in Straßburg geboren, nach deren
ihre Beziehungen zueinander wirklich ge- fundamentalistische Religiosität. Die so- Trennung kam sie als kleines Mädchen mit
fügt sind. ziale Struktur des Landes wird gerade be- ihrer Mutter nach Ankara. Die Mutter
Leilas erste Lektion in Istanbul lautet schädigt. Die Ersten, die da ihre Rechte begann ein Studium, und die kleine Elif
dann auch: wie leicht etwas verschwindet. verlieren, sind die Minderheiten und die wurde von ihrer Großmutter erzogen, ei-
Als sie nach der langen Fahrt am Busbahn- Frauen.« ner spirituellen, eindrucksvollen Frau, so
hof Gesicht und Hände erfrischt, wird ihre Seit zehn Jahren ist London die Stadt wie Shafak von ihr erzählt, einer Geschich-
Tasche geklaut. »Istanbul war keine Stadt ihrer Wahl. Sie hat als Mutter von zwei tenerzählerin, die vom Wert der Bildung
der Chancen, sondern der Narben. Es ging Kindern damals nach einem Ort gesucht, überzeugt war, die aber auch im Kaffee-
sofort und rapide bergab.« Leilas Leben an dem sie die Freiheit hat zu sagen und satz lesen konnte und auf die patriarchali-
hier wird ein Kampf gegen das eigene Ver- zu schreiben, was sie denkt, und der we- schen Überzeugungen ihrer Nachbarschaft
schwinden sein. Am Ende bewahrt die pfiff. »Ich wurde von zwei sehr unter-
Freundschaft mit fünf sehr unterschiedli- schiedlichen, aber starken Frauen erzogen,
chen Menschen sie vor einem seelenlosen die sich gegenseitig unterstützen«, sagt
Abschied. »Die AKP trampelt Shafak, das sei die wesentliche Erfahrung
auf dem Willen ihrer Kindheit gewesen.
Im Alter von elf verließ Elif Ankara wie-
Elif Shafak: »Unerhörte Stimmen«. Aus dem Englischen
von Michaela Grabinger. Kein & Aber; 432 Seiten;
des Volkes herum und der, ging mit ihrer Mutter nach Madrid,
24 Euro. erstickt ihn.« die nach ihrem Studium im diplomatischen

120
Autorin Shafak in London
»Ich mag kein Schubladendenken«

Punkt verbinden sich ihre Hingezogenheit


zu dieser Stadt und ihr kühles politisches
Verständnis.
Als vergangenen Montagabend die
Oberbürgermeisterwahl in Istanbul für
ungültig erklärt wurde, schickt Shafak in
einer E-Mail ihre Einschätzung der Situa-
tion: »Die Entscheidung ist unfair, un-
demokratisch, gegen das Gesetz und sehr
falsch«, schreibt sie. »Millionen Menschen
haben abgestimmt, unzählige haben ne-
ben den Wahlurnen Nächte durchwacht,
um sicherzustellen, dass die Wahlen kor-
rekt ablaufen. Nachträglich beschädigt die
AKP-Regierung diesen Prozess. Dabei
wirbt die Partei mit dem Slogan, dass sie
den Willen des Volkes repräsentieren wür-
de. Sie tut aber genau das Gegenteil, sie
trampelt auf dem Willen des Volkes herum
und erstickt ihn.«
Es ist prägnant, wie Elif Shafak, Dokto-
rin der politischen Wissenschaften, Welt-
bürgerin, Schriftstellerin, mühelos wech-
seln kann zwischen rationalen, analyti-
schen Betrachtungen und den poetischen
Welten ihrer Romane. »Ich mag kein
Schubladendenken«, sagt sie. Noch weni-
ger mag sie es, in Schubladen gesteckt zu
werden. »Ich bin vor allem eine Geschich-
tenerzählerin, ich nehme die Welt durch
Geschichten wahr.« Als Schriftstellerin in-
spiriert es sie, sich auch mit wissenschaft-
lichen Themen zu beschäftigen, Bücher
über Physik oder Neurowissenschaften zu
OLIVIER HESS / DER SPIEGEL

lesen. »Alle Erkenntnisse sind ja in einem


großen Kreislauf miteinander verknüpft«,
sagt Shafak. Sie spricht mit einer Stimme,
die traurig und doch melodisch klingt. Es
ist eine Vorlesestimme, ihre eigenen Bü-
cher von ihr gelesen zu hören muss ein
Erlebnis sein.
Bisher hat sie zehn Romane geschrie-
Dienst arbeitete. Von Madrid führte ihr April, der Brexit beherrscht die Schlagzei- ben, sie glaubt daran, dass fiktive Ge-
Weg sie mit 15 zurück nach Ankara und len; einige Tage zuvor haben die Kommu- schichten die Leser aus der Komfortzone
zur Großmutter, ihre Mutter zog nach Am- nalwahlen in der Türkei stattgefunden. Vor holen, weil sie dazu verleiten, Dinge aus
man in Jordanien, also verbrachte sie viele uns auf dem Tisch liegt die »New York neuen Blickwinkeln zu betrachten, und
Ferienwochen dort; als die Mutter in Köln Times«, sie vermeldet mögliche Siege der weil Menschen dazu neigen, aufgeschlos-
arbeitete, besuchte die Tochter sie am Opposition in Ankara und Istanbul. »Ich sener und toleranter zu sein, wenn sie
Rhein. Ein Leben zwischen West und Ost, bin halb optimistisch, halb pessimistisch«, allein mit sich sind, allein mit sich und ei-
Europa und Asien. Elif Shafak war schon sagt Shafak, »ich fühle mich vielen Men- nem Buch.
über zwanzig, als sie das erste Mal nach schen in der Türkei so sehr verbunden. Die In »Unerhörte Stimmen« landet die
Istanbul kam, die Stadt, die das alles ver- Ironie liegt darin, dass die zivile Gesell- Heldin Leila in Istanbul in der Straße der
bindet. »Ich verliebte mich auf der Stelle.« schaft weiter ist als die Regierung und die Bordelle, es ist 1967, sie lernt eine Menge
Diese Liebe hält bis heute an. Doch in den Menschen trotzdem nicht die Macht ha- schräge Leute kennen. Shafak öffnet den
vielen Jahren, die sie dort lebte, fühlte sie ben, das System zu verändern.« Blick für Minderheiten, und weil Leila mit
sich auch beladen von der Schwere Istan- Seit dem Treffen in London sind mitt- einigen von ihnen enge Freundschaften
buls, der kulturellen Komplexität, der viel- lerweile fast fünf Wochen vergangen, Mit- schließt, mit Jamila und der transsexuellen
schichtigen Vergangenheit. London ist te April wurde die Opposition zum offi- Nalan, mit der kleinwüchsigen Wahrsage-
leichter für sie. Seit Jahren schreibt sie so- ziellen Sieger der Wahl in Istanbul erklärt. rin Zaynab 122 und der Nachtklubsängerin
gar in der Sprache dieses Landes, in ihren Erdoğans berühmter Ausspruch »Wer Istan- Humeyra, ist der Roman nicht nur Porträt
Träumen allerdings wechselt sie zwischen bul gewinnt, gewinnt die Türkei« ist na- eines anderen Istanbul, sondern auch ein
Türkisch und Englisch. türlich auch Shafak bekannt. Sie misst großes Plädoyer dafür, sich zusammen-
Das Treffen mit Elif Shafak findet in ih- der Entscheidung in Istanbul ebenfalls zuschließen. Claudia Voigt
rer Agentur in London statt. Es ist Anfang besondere Bedeutung bei. In diesem

DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019 121


Kultur

Ratlosigkeit. Kim Kardashian konnte vielleicht ihren Ehe-


mann Kanye West fragen, der möglicherweise weiß, was
»Camp« bedeutet. Aber die anderen? Ein guter Tipp war, einen
schwulen Freund zu fragen; andere meinten, gehört zu haben,
dass es irgendetwas mit einem Ex-Star namens Susan Sontag
zu tun haben könnte, die in einem Essay von 1964 (o Gott,
gab es da überhaupt schon Mode?) erklärt hatte, was Camp
sei. Wer sich allerdings die Mühe machte, den Essay hervor-
zugoogeln, wurde enttäuscht. Denn da schreibt Susan Sontag,
Camp könne alles sein oder eben nichts, es sei eine rein ästhe-
tische Behauptung, »eine Sensibilität«, ein »privater Code,
ein Identitätsabzeichen kleiner urbaner Cliquen«. Nichts stand
da von Kostümen und Outfits. In Wirklichkeit ist Sontags
IMAGE COURTESY OF THE METROPOLITAN MUSEUM OF ART, PHOTO © JOHNNY DUFORT, 2019

Essay über Camp nämlich selbst camp. Widersprüchlich, schil-


lernd, langweilig, fragmentarisch in 58 Notizen.
Und so schick es auch sein mag, nicht benennen zu können,
was Camp eigentlich ist, kommen wir hier um die Frage nicht
herum. Fangen wir damit an: Offensichtliche Camp-Vertreter
wären zum Beispiel Leute wie Jean Cocteau, Rainer Werner
Fassbinder, David Bowie, Lady Gaga oder Kanye West. Oder
so: Camp ist ein Zugang zur Kunst oder zu einer Haltung,
die an Verwirrung, Provokation, Übertreibung, Uneindeu-
tigkeit mehr interessiert ist als an dem vermeintlich Nahelie-
genden, dem ästhetisch Schönen – ein Spiel mit Identitäten,
Erwartungen und Absichten, denn Kunst soll mehr können,
als nur zu erfreuen oder zu verstören. Der Spaß liegt dazwi-
schen, in der gut gelaunten Disruption.
Nun ist Disruption das Modewort dieser Tage. Etwas zu
unterbrechen und aufzumischen gilt als erstrebenswert in
Zeiten, in denen ein Gefühl von Verkrustung und Stillstand
vorherrscht. So gesehen kann sogar der amtierende US-Prä-
sident als camp bezeichnet werden: ein ehemaliger Reality-
TV-Star (ein zutiefst camper Berufsstand), der nicht nach
Exponate den Regeln spielt, dabei stets das Gegenteil dessen behaup-
Verwirrung, Übertreibung, Uneindeutigkeit tend, was offensichtlich wahr erscheint.
All diese Unklarheit macht Camp natürlich zu einem Ku-
ratorentraum. Camp ermöglicht es, das herrlichste Kura-
torenblabla intellektuell interessierten Journalisten in den

Spiel mit den Block zu diktieren, bevor diese die Ausstellung überhaupt be-
treten haben. So erklärte Andrew Bolton, der den Titel »Wen-
dy Yu Curator in Charge of the Costume Institute« trägt, einer

Identitäten Reporterin der »Vogue«, Camp sei ein Fragezeichen, das sich
nicht zu einem Ausrufezeichen geradebiegen ließe. »Ich möch-
te«, so Bolton, »dass die Leute die Ausstellung verlassen und
sich fragen: Was ist Camp? Das ist die Kraft und Poesie hinter
Ausstellungskritik Das New Yorker Metropolitan Camp, dass man konstant versucht, es zu definieren.«
Museum of Art erklärt, was »Camp« ist. Derart gewappnet also betreten wir die Ausstellungsräu-
me im Metropolitan Museum. Die Wände sind pinkfarben
gestrichen, aus Lautsprechern kommt Judy Garlands

V ergangene Woche war auf der stets verlässlichen Society-


Seite des Boulevardblatts »New York Post« zu lesen,
dass einige »Stars ausflippten« über der Frage, was sie
zur Met Gala anziehen sollten. Sie verständen das Thema
»Somewhere over the Rainbow«. In einer Galerie, die mit
»Sontagian Camp« überschrieben ist, sollen Sontags Camp-
Betrachtungen Artefakte zugeordnet werden. Sontag war
häufig in diesem Museum, deswegen hatte es einige Aus-
des Festes nicht und wollten doch nur »schön aussehen«. stellungsstücke, über die Sontag sprach, sozusagen vorrätig.
Dazu muss man zweierlei wissen: Für Stars, um kurz in dieser Zu sehen sind fotografische Porträts von Greta Garbo und
Terminologie zu bleiben, ist die Met Gala das, was vor der Hol- Marlene Dietrich, ein Balenciaga-Abendkleid von 1965 oder
lywoodkrise die Oscar-Party war – der wichtigste Termin des sogar eine Tiffany-Lampe aus dem frühen 20. Jahrhundert.
Jahres. Was diese Met Gala allerdings kompliziert macht: Sie Am Ende der Sontagian Galerie, bezogen auf den 56. der
ist eine Mottoparty, und der Ausrichter – ein Zusammenschluss 58 Einträge des Camp-Essays, hängt auch der berühmte Sieb-
aus dem New Yorker Metropolitan Museum of Art, der »Vogue«- druck von Andy Warhols Campbell’s-Suppendose.
Chefredakteurin Anna Wintour sowie dem Modehersteller Guc- Hier könnten die ambivalenzliebenden Kuratoren daneben-
ci – gibt jedes Jahr ein anderes Thema vor, das zugleich Gegen- liegen. Als Susan Sontag ihren Essay 1964 schrieb, waren die
stand einer Ausstellung im Metropolitan Museum ist. In den Drucke des Dosenetiketts gerade zwei Jahre alt und mögen
vergangenen Jahren waren die Themen dankbar für die Stars, sicher camp gewesen sein. Heute jedoch, mit ihrem Ikonen-
einmal war es die katholische Kirche, ein andermal Punk. Easy. status und Präsenz in jedem zweiten Versicherungsflur, sind
Das Thema der diesjährigen Ausstellung, die am Donners- sie natürlich das Gegenteil. Oder ist das auch schon wieder
tag eröffnete, lautete jedoch »Camp: Notes on Fashion«. camp? Philipp Oehmke

122 DER SPIEGEL Nr. 20 / 11.5. 2019


ab 8 . m a i i m h a n d el !

Ein Sommer
zum Verlieben!
t
Die besten garantier
rein pflanzlichen
Rezepte für ein
unbeschwertes
Grillvergnügen
– einfach lecker,
,
einfach schlemmen
einfach den Sommer
genießen!

Vegan für mich erscheint bei Family Media GmbH & Co. KG, Geschäftsführer: Marko Petersen, Römerstraße 90, 79618 Rheinfelden. Handelsregister: AG Freiburg i.Br., HRA 5066
Service
Leserbriefe
Ericusspitze 1, 20457 Hamburg, Telefon 040 3007-0 · Fax -2246 (Verlag), -2247 (Redaktion) · Mail spiegel@spiegel.de
SPIEGEL-Verlag, Ericusspitze 1, 20457 Hamburg
www.spiegel.de/leserbriefe, Fax: 040 3007-2966
Mail: leserbriefe@spiegel.de
Vorschläge für die Rubrik »Hohlspiegel« nehmen wir
Impressum MEINUNG Lothar Gorris KAPSTADT Bartholomäus Grill, auch gern per Mail entgegen: hohlspiegel@spiegel.de
P. O. Box 15614, Vlaeberg 8018, Kapstadt,
HERAUSGEBER Rudolf Augstein SPIEGEL PLUS Alexander Neubacher Tel. +27 21 4261191
(1923–2002) DEIN SPIEGEL Leitung: Bettina Stiebel,
Hinweise für Informanten
Kathrin Breer (stellv.). Redaktion: Antonia KIEW Luteranska wul. 3, kw. 63, Falls Sie dem SPIEGEL vertrauliche Dokumente und
CHEFREDAKTION 01001 Kiew, Tel. +38 050 3839135
Steffen Klusmann (V.i.S.d.P.), Dr. Barbara Bauer, Claudia Beckschebe, Patrick Blume, Informationen zukommen lassen wollen, stehen Ihnen
Hans, Clemens Höges, Jörn Sucher (stellv.) Alexandra Schulz, Marco Wedig LONDON Jörg Schindler, folgende Wege zur Verfügung:
CHEF VOM DIENST Anke Jensen, 26 Hanbury Street, London E1 6QR, Post: DER SPIEGEL, c/o Investigativ, Ericusspitze 1,
BLATTMACHER Armin Mahler Tel. +44 203 4180610 20457 Hamburg
Thomas Schäfer
NACHRICHTENCHEF Stefan Weigel
MADRID Apartado Postal Número 100 64,
Telefon: 040 3007-0, Stichwort »Investigativ«
Schlussredaktion: Gesine Block; Christian
MANAGING EDITOR Susanne Amann Albrecht, Gartred Alfeis, Ulrike Boßerhoff, 28080 Madrid, Tel. +34 650652889 Mail (Kontakt über Website): www.spiegel.de/investigativ
REPORTER Ullrich Fichtner Regine Brandt, Lutz Diedrichs, Ursula Unter dieser Adresse finden Sie auch eine Anleitung,
Junger, Birte Kaiser, Dörte Karsten, MOSKAU Christian Esch, Glasowskij wie Sie Ihre Informationen oder Dokumente durch eine
HAUPTSTADTBÜRO Dirk Kurbjuweit Pereulok Haus 7, Office 6, 119002 Moskau,
Leitung: Dr. Melanie Amann, Martin Sylke Kruse, Katharina Lüken, Stefan PGP-Verschlüsselung geschützt an uns richten können.
Moos, Sandra Pietsch, Fred Schlotterbeck, Tel. +7 495 22849-61
Knobbe; Wolf Wiedmann-Schmidt Der dazugehörende Fingerprint lautet:
(Teamltg. Politik), Christian Reiermann Sebastian Schulin, Sandra Waege
NEW YORK Philipp Oehmke, 233 Broad- 6177 6456 98CE 38EF 21DE AAAA AD69 75A1 27FF 8ADC
(Teamltg. Wirtschaft). Redaktion Politik und Produktion: Petra Thormann, Reinhard way, Suite 1460, New York, NY 10279,
Wirtschaft: Nicola Abé, Maik Baumgärtner, Wilms; Kathrin Beyer, Michele Bruno, Tel. +1 212 2217583, rv.newyork@spiegel.de
Markus Dettmer, Julia Amalia Heyer, Veit Sonja Friedmann, Linda Grimmecke, Petra Redaktioneller Leserservice
Medick, Ann-Katrin Müller, Ralf Neukirch, PARIS Britta Sandberg, 137 Rue Vieille du Telefon: 040 3007-3540 Fax: 040 3007-2966
Gronau, Ursula Overbeck, Britta Romberg, Temple, 75003 Paris, Tel. +33 1 58625120
Sven Röbel, Cornelia Schmergal, Christoph Martina Treumann, Rebecca von Hoff, Mail: leserservice@spiegel.de
Schult, Anne Seith, Gerald Traufetter. Katrin Zabel
Autoren, Reporter: Susanne Beyer, Markus PEKING Bernhard Zand, P.O. Box 170,
Feldenkirchen, Konstantin von Hammer- Peking 100101, Tel. +86 10 65323541 Nachdruckrechte / Lizenzen für Texte, Fotos, Grafiken
BILDREDAKTION Leitung: Michaela
stein, Christoph Hickmann, René Pfister, Herold, Claudia Jeczawitz (stellv.); Tinka Nachdruck und Speicherung in digitalen Medien nur mit
RIO DE JANEIRO Jens Glüsing,
Marcel Rosenbach, Michael Sauga. Dietz, Sabine Döttling, Torsten Feldstein, Caixa Postal 56071, AC Urca, schriftlicher Genehmigung des Verlags.
Diplomatische Korrespondentin: Christiane Thorsten Gerke, Andrea Huss, Petra Für Deutschland, Österreich, Schweiz:
Hoffmann 22290-970 Rio de Janeiro-RJ,
Konopka, Matthias Krug, Parvin Nazemi, Tel. +55 21 2275-1204 Mail: lizenzen@spiegel.de, Telefon: 040 3007-3540
DEUTSCHLAND Leitung: Cordula Meyer, Peer Peters, Anke Wellnitz
Fax: 040 3007-2966
Dr. Markus Verbeet. Redaktion: Laura ROM Walter Mayr, Largo Chigi 9,
Backes, Katrin Elger, Michael Fröhlings-
Mail: bildred@spiegel.de
00187 Rom, Tel. +39 06 6797522 Für alle anderen Länder: The New York Times Licensing
dorf, Hubert Gude, Charlotte Klein, SPIEGEL Foto USA: Susan Wirth, Mail: julie.ho@nytimes.com, Telefon: +1 212 556-5118
Miriam Olbrisch, Christopher Piltz, Tel. +1 917 3998184 SAN FRANCISCO Guido Mingels, P.O.
Andreas Ulrich, Michael Wulzinger. Box 191526, San Francisco, CA 94119-1526, Nachbestellungen SPIEGEL -Ausgaben der letzten Jahre
Meldungen: Annette Bruhns. Autoren, GRAFIK UND MULTIMEDIA Leitung: Tel. +1 212 2217583, rv.newyork@spiegel.de
sowie alle Ausgaben von SPIEGEL GESCHICHTE und
Reporter: Jan Fleischhauer, Annette Groß- Jens Radü. Grafik-Team: Cornelia
bongardt, Julia Jüttner, Beate Lakotta, Baumermann, Thomas Hammer; Ludger TEL AVIV Alexander Osang, Hashahaf 20, SPIEGEL WISSEN können unter www.amazon.de/spiegel
Bruno Schrep (frei), Katja Thimm, Alfred Bollen, Max Heber, Anna-Lena Kornfeld, P.O. Box 8387, 6803466 Tel Aviv-Yafo, versandkostenfrei innerhalb Deutschlands nachbestellt
Weinzierl, Dr. Klaus Wiegrefe Ferdinand Kuchlmayr, Gernot Matzke, Tel. +972 3 6835339 werden.
Cornelia Pfauter, Michael Walter.
Berliner Büro Leitung: Frank Hornig. WARSCHAU P.O. Box 31,
Multimedia-Team: Olaf Heuser; Alexander Historische Ausgaben Historische Magazine Bonn
Redaktion: Sven Becker, Michael Sont- ul. Waszyngtona 26, 03-912 Warschau,
Epp, Birgit Großekathöfer, Roman Höfner,
heimer (frei), Andreas Wassermann.
Marco Kasang, Elisabeth Kolb, Bernhard Tel. +48 22 6179295 www.spiegel-antiquariat.de Telefon: 0228 9296984
Autor: Stefan Berg
Riedmann WASHINGTON Christoph Scheuermann,
WIRTSCHAFT Leitung: Markus Brauck,
1202 National Press Building, Washington,
Abonnement für Blinde Audio Version, Deutsche
Isabell Hülsen. Redaktion: Simon Hage, LAYOUT Leitung: Jens Kuppi, Reinhilde Blindenstudienanstalt e. V. Telefon: 06421 606265
Alexander Jung, Nils Klawitter, Alexander Wurst; Michael Abke, Lynn Dohrmann, D.C. 20045, Tel. +1 202 3475222
Kühn, Martin U. Müller, Ann-Kathrin Ne- Claudia Franke, Bettina Fuhrmann,
Elektronische Version, Frankfurter Stiftung für Blinde
DOKUMENTATION Leitung: Dr. Hauke Telefon: 069 9551240
zik, Simone Salden. Reporterin: Michaela Ralf Geilhufe, Kristian Heuer, Elsa Janssen, Cordelia Freiwald (stellv.), Peter
Schießl Hundertmark, Louise Jessen, Nils Küppers, Wahle (stellv.); Zahra Akhgar, Dr. Susmita
AUSLAND Leitung: Mathieu von Rohr, Annika Loebel, Leon Lothschütz, Florian Arp, Viola Broecker, Dr. Heiko Buschke, Abonnementspreise
Juliane von Mittelstaedt (stellv.), Maximili- Rauschenberger, Barbara Rödiger Johannes Eltzschig, Klaus Falkenberg, Inland: 52 Ausgaben € 265,20
an Popp (stellv.). Redaktion: Fiona Ehlers, TITELBILD Leitung: Katja Kollmann,
Catrin Fandja, Thorsten Hapke, Susanne Studenten Inland: 52 Ausgaben € 187,20
Katrin Kuntz, Jan Puhl, Raniah Salloum, Johannes Unselt (stellv.); Suze Barrett, Heitker, Carsten Hellberg, Stephanie