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STUDI IN ONORE DI GIUSEPPE GROSSO

Volume Quinto

POHTlFiCl^UK1VERSIDADGATOUCàDEC5LEj

Bibliotsca de Derecho y Comonìcacioiies facultad DE DERECHO

G. G IA P P IC H E L L I

5 LEj Bibliotsca de Derecho y Comonìcacioiies facultad DE DERECHO G. G IA P P IC

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ED ITO R E

TORINO

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xi, Torino

ZUR

H e r b e r t

H ausmaninger

G ESETZESIN TERPRETA TIO N

DES

CELSUS

* Die Arbeit wurde im März 1968 abgeschlossen.

Einleitung

Bei dem Versuch, die methodische Eigenart eines römischen Ju ­ risten zu erfassen, bedarf es einer Reihe schrittweise aufbauender Einzelstudien. Es mag relativ rasch gelingen, einen groben Umriß einer profilierten Juristenpersönlichkeit zu zeichnen, oder einen dominie­ renden methodischen Aspekt herauszustellen. Ein ausgewogenes Ge­ samtbild kann jedoch erst dann geboten werden, wenn die Entschei­ dungen und Argumente, die dogmatischen Figuren und methodischen Gesichtspunkte eines Juristen sorgfältig analysiert und durch verglei­ chende Betrachtung anderer Juristen individualisiert worden sind. Die eindrucksvollen ersten Schritte im Individualisierungsprozeß des jüngeren Celsus verdanken wir Wieacker 1 und Bretone 2. Die vorlie­ gende Arbeit will lediglich eine Einzelfrage anschneiden, die bisher noch nicht ausreichend untersucht worden ist: die celsinische Gesetzes­ interpretation. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Ergebnissen Wieackers und Bretones zur juristischen Gesamtpersonlichkeit des Celsus soll erst nach der Erarbeitung weiterer Teilergebnisse vorge­

legt werden.

I. A l l g e m e i n e

A u s s a g e n

zur

G e s e t z e s a u s l e g u n g

des

in

D .

Celsus

i,

3

Wenn Tustinians Kompilatoren bei der Zusammenstellung des Di-

gestentitefci, 3 < * U f/ b » senalusque com ulm et longa consue u-

1 Iura,

13,

1962, 1 ff-

246

HERBERT

1IAUSMANINGEK

diñe) unter insgesamt 4 1 Fragm enten Celsus siebenmal mit abstrakten

Aussagen zur Rechtsquellenlehre und Interpretationsm ethode zu Wort

kommen lassen, so weisen sie ihm damit einen außergewöhnlichen Platz zu: Im Verhältnis zu je 9 Zitaten aus den Spätklassikern Paulus

und Ulpian sowie 6 Julianexzerpten ist Celsus beträchtlich überre­

präsentiert, wenn man sich die sonstige Materialauswertung Tribo-

nians vor Augen hält. A u f Ulpian entfällt immerhin etwa ein Drittel,

auf Paulus ein weiteres Sechstel des gesamten Digestenstoffes; Julian

zählt zu den am stärksten exzerpierten H ochklassikern3; Celsus jedoch muß sich mit einem sehr niedrigen A nteil begnügen: seine 14 1 Frag­

mente machen etwa 1,5 % der Gesamtzahl von 9 14 2 Digestenstelien a u s4. Im Digestentitel r, 3 ist Celsus somit mehr als zehnmal so stark

vertreten w ie seinem Gesamtdurchschnitt entspräche. Die Vermutung liegt nahe, daß Celsus die Aufm erksam keit Tribonians durch spezi­ fische sprachliche und sachliche Vorzüge seiner rechtstheoretischen Aussagen gewonnen hat.

Von den sieben Celsustexten des Titels D. 1, 3 sind vier der Ge­ setzesauslegung gewidmet: D. 1 , 3, 17 -19 und 24. Sie stammen aus verschiedenen Teilen der celsinischen digesta (nämlich aus dem 26., 29., 3 3. und 9. Buch) und sind von den Kompilatoren wohl durch­ wegs aus konkreteren Zusammenhängen gelöst worden. Dies ist an­ gesichts der bekannten Sparsamkeit der römischen Jurisprudenz in der methodischen Selbstaussage kaum verwunderlich und das Fehlen theoretischer Traktate darf nicht a priori zu der Folgerung verleiten, es hätte römischen Juristen an Interesse für Methodenfragen geman­ gelt oder, speziell für die hier diskutierte Frage, Celsus hätte keine Auslegungslehre entw ickelt5. Nicht selten werden in obiter dicta be­ deutendere Gedanken deponiert als in Kapitelüberschriften. Und die Verwendung eines Gedankens in einem konkreten Fallkontext sagt

Neben

Scaevola, Pomponius

und

ol Justinian's Digest,

1886, Appendix C.

Gaius;

vgl.

R üdy,

Introduction

io

tbc Study

Roby, a.a.O.,

162.

 

'

Dies

vor

allem

gegen

W e se l,

Rhetorische

Statuslehre

und Gesetzesauslegung

er

römischen

Juristen,

1967,

137,

Siehe

auch K ollatz, Vis ac

potestas

legis,

Diss.

Frankfurt

1963, 2 26 . und zuletzt die m. E. verfehlte Generalklausel von V onglis, La

ettreel

l ésprit de

la

loi,

1968, 7

«Les

jurisconsultes classiques

ne méditaient guère

sur 1 interprétation, ils en exerçaient l'art ».

ZUR

GESETZES INTERPRETATION

DES

CEESUS

247

zunächst noch garnichts über sein Abstraktionsniveau aus. So ist es etwa ziemlich gleichgültig, aus welchem Anlaß Celsus den Satz incivile cst ttis't tota lege perspecta una aliqtta partícula eins proposita iuclicare vel responderé (D. i, 3, 24) geprägt hat: Über die generell-abstrakte Natur dieser und anderer Reflexionen in D. i, 3 kann kein Zweite bestehen. Wenn es überdies gelingen sollte, solche Gedanken a s sachlich aufeinander abgestimmt und im übrigen Entscheidungsma- terial des Celsus wirksam nachzuweisen, wäre die Existenz einer celsinischen Interpretationslehre dargetan, wenngleich Celsus auf eine geschlossene Darstellung dieser Lehre verzichtet hat.

1

- Als abstrakteste Aussage des Celsus auf dem Gebiet der Ge­

setzesauslegung

gestellt werden:

soll

D.

i , 3 , 17

an die Spitze dieser Betrachtungen

Gels. 26 dig.-. Scire leges non hoc est verba earum lenere sei vim ac

potestatem.

Die

Palingenesie

gibt

leider

zur

Frage

der Zielrichtung dieses

Satzes keinen befriedigenden Aufschluß. Lenel» rechnet Cels.

und 27 zum Ediktstitel de

mung ist bisher nicht gelungen '. Es ist eher unwahrscheinlich, daß Celsus eine Beurteilung von leges slipulationis (an die Bett, in diesem

Zusammenhang denkt)8 in diese abstrakte Formelgebracht

Andererseits kann auch Wesels» Vorschlag nicht überzeugen. eine

falsch überlieferte

einer

Beginn des 2. Teils seiner digesta (leges und SCta) anzusehen. Hatte eine solche zusammenfassende, abstrakte Einleitung existiert, wäre*S**

stipulation,bEineu

nähere Ortsb

hatte^

imeriptionzunehmena

über

und den Text als Bestandtei

zu

allgemeinen

praefatio

des

Celsus

Auslegungsfragen

* Pal.,

I

Sp.

161 f.

Ähnlich

Stella-Maiunc»,

.

,

itUomo

ai

¡rammend

D.

di

Cdso,

34, 3,26

zu-

1915 , 132 ff- ’

{ambiguitas

Tenei und Stella-Maranca Cels.

D.

U

d

7

.

ein

Ohne ersichtlichen

contra

Grund ziehe

und

Palingenesiefragment

stipulatorem)

S“

^r. Kabel II, *9*. 99 , wohl in Anschluß an L enel, Pal., Cels. »9. Ebenso

bereits in der italienischen Fassung RJSG, 2, 194«, 44-

a.a.O. (oben Anm,

3),

I 3ß f*

248

HERBERT

HAUSMANINGER

sic bestimmt von den Kompilatoren für den Titel D. i, 3 stärker gebeutet worden.

Mit der Bedeutungsgeschichte von vis ac potestas hat sich zuletzt

Kollatz10 ausführlich beschäftigt. Beide Worte bezeichnen zunächst « Macht, Gewalt, K ra ft». Seit Servius gehört die Wortverbindung der

römischen Rechtssprache an (D. 26, 1, 1 pr. tut ela e s t

vis ac potestas

in capite libero). Für die übertragenen Bedeutungen « Wortsinn, Gel­

tungskraft » gibt es vor Celsus keine juristischen Belege. Später findet

sich die Wendung vor allem bei Gaius (z.B. D. 9,4,1

actionum vis et

166 stipulationis). Von den nicht­

juristischen Quellen v o r Celsus sind vor allem Quint., declam. 3 31 (ed. Ritter S. 301) und Seneca, de benef. 2, 34, 5 beachtlich.

potestas, Gai. 4,

144

interdicti, 4,

Bei Quintilian heißt es « multa ergo inveniuntur frequenter, quae

legum verbis non teneantur, sed ipsa vi et potestate teneantur », und

damit soll eine analoge Anwendung aus dem Sinn des Gesetzes heraus

begründet werden. Die Erkenntnis, daß strikte Wortauslegung zu

unerwünschten Gesetzeslücken führen würde, findet sich insbesondere

auch bei Julian, vgl. D . 1,3,10 neque leges neque senatus consulta ita

scribi possunt, ut omnes casus qui quandoque inciderint comprehen-

D . 1, 3, 1 2 non possunt omnes articuli singillatim aut legibus

dantur

läge demnach nahe, den Satz

des Celsus, der wohl in einem konkreten Fall von Gesetzesauslegung

geprägt worden ist, als Abwehr einer formalistisch-strikten Wortin­

aut senatus consultis

com prehendi

Es

terpretation zu verstehen.

Senecas Antithese « unum

utrique nomen

est:

vis quidem

ac po­

testas longe alia » eröffnet jedoch eine weitere Deutungsmöglichkeit.

Sie betont, daß ein W ort zwei oder mehrere Bedeutungen haben kann.

E s wird damit die Besinnung auf Maßstäbe erforderlich, die bei Mehr­ deutigkeit der verha zur W ahl der entsprechenden vis ac potestas

führen können. Da sich Celsus selbst mit dieser Problematik beschäf­ tigt hat (vgl. D. 1 , 3, 19 ambigua voce legis ea potius accipienda est

könnte D. 1,3, 1 7 auch einen Fall der

Auslegung ms

also

significatio, quae vitio caret

),

Einschränkung des Wortlautes,

restriktiver

10

565 fi.

a.a.O.

(oben

Anm,

5),

27 ff.,

vgl.

auch

die

Studie

K üblers , ZSS,

59 >

Auco fassen. Insbesondere konnte Cclsns mit diesem Lenstes auch einer Irans legi l.'Cl.i emgcgcngcl roten sein, einer Auslegung, die durc die verbalegis gedeckt wäre, aber dem Sinn widerspräche, vg • »

n

> 20

titiisiih'is verbis legis

svntcnlieins

,

erblickt in der

wie an der Rcchtsübung zu messenden vernünftigen Sinn un^ Gel™ ks zu interpretierenden Textes», Er siebt dabei Steher rieh tg, daß Celsus spraci,wissenschaftliche Erwägungen j„rfl fi:e ausführliche Erörterung in D. 33, 10 , 7, 2) jedoch sein Versuch erscheinen, sprachwissenschaftliche Orientierung des Celsus am objektiv-typischen Sinn gegen emo Berucksichtigu g des subjektiven Willens des Gesetzgebers durch diesen Juristen a Zuspielen, Kollatz meint - zu Unrecht, für die Auskgungsmedtode

siv«<: polest,is «den objektiv am guten Sprachgebrauc

Kolk

römischer Juristen sei es unerheblich gmvesen^ ^ ^

G T t e

punkte anbot, aie

antoH ie0 ih r

1

u t t S ie d s lo s .

.

anwendbar schienen, hat für

,

enaen

.g

-

Wenn Celsus

ers

die juristische Interpretationstheorie luchtt zu

der rhetorisch

Statut

^

mente script0r,s

postum esse und de inv. z, 143

consilioscriptoris

et

u

l

*

P

Scire leges non hoc est, vert?a earum

non ,»

* * «

<

~

»

w

i c

&

gegen die

1

2 S

^

66

risii rorfiam, 1900, i°7 D'

.r

in diritto romano, 1966, 89 tt. ” M.0 .t 26 f. » So Kollatz, a.a.O., 184 zu

D.

28,5,60 (59) Pr- u" d

15

l '7;

(

Kollatz, j .ö.O,, 216 1., 222.

,

,

,

_ Or, ff VUlCtZt iviAKi 11Naj

v /

Ä

X

- r;

D

29) 7, 18, D.

28, 5t i 7.

* ■

»

"

"

" eiMW"

 

D.

28,5.27.

P^'1 ’

250

HERBERT

IIAUSMANJNGliK

ist also selbst eine mehrdeutige Aussage: W ir wissen nicht, ob Celsus

damit eine großzügige Auslegung enger Gesetzeswortc fordern wollte

oder ob er umgekehrt einer allzu freien Auffassung, die sich auf Grund

weiter oder mehrdeutig gefaßter Gesetzesformulierungen entwickelt

hat, entgegengetreten ist. Und in beiden Fällen bleibt die Frage offen,

woraus sich für ihn die vis ac potes tas legis ergibt.

Die erste Deutungsvariante dürfte v. Lübtow vertreten10, wenn

er schreibt, Celsus habe einer freieren Gesetzesauslegung die Bahn

gebrochen. D er zweiten Variante scheint die überaus suggestiv vorge­

tragene Interpretation Bettis zuzuneigen17. Die Aufforderung, hinter

dem Buchstaben des Gesetzes {verba) den « verbindlichen Sinngehalt »

(vis ac potestas) aufzuspüren, ist für Betti zu Recht mehr als eine

beinahe banale Selbstverständlichkeit. E r erblickt darin den Hinweis

auf den fundamentalen Kanon der « Autonomie » oder « Immanenz des

hermeneutischen Maßstabes ». Speziell für die Gesetzesauslegung

würde dieses Interpretationsprinzip bedeuten, daß nicht beliebige Zweckmäßigkeits- oder Wertenscheidungen in einen abstrakt be­

trachteten Gesetzeswortlaut hineingetragen werden dürfen, sondern die lex als « sinnhaltige Form in ihrer Eigengesetzlichkeit ausgelegt

und verstanden werden muß » 18.

So

geläufig

u n s

dieser

Gedanke

Bettis

ist

oder

sein

sollte

dürfen w ir annehmen, daß auch Celsus so gedacht hat?

2. - V or übereilten Entscheidungen

sollte uns ein anderer, sehr

präsizer Auslegungsgrundsatz des Celsus warnen:

D.

1 , 3 , 2 4

(Gels.

9 dig.)

bicivile

est

nisi tota lege perspecta una

partícula eíus proposita iudicare vel respondere.

B e tti10 spricht hier treffend

und des inneren sinnhaften Zusammenhanges der hermeneutisc en

Betrachtung». Bezüglich

in der Celsus cíese

vom « Kanon der Ganzheit (Totalltat)

der Ausgangssituation,

St.

Aratigio-Ruiz, II,

I952. 36°-

17 Fschr.

Rabel,

II,

1934, 99-

111 a.a.O.,

100.

’* a.a.O.,

102

(=

RlSG ,

1,

1948. 4^)-

/M l'.

GJiSr.TZKSI.NTURPRETATION

DES

CELSUS

2.i t

Worte gesprochen hat, kann Betti freilich nicht überzeugen. Er denkt an eine celsinische Polemik gegen die « haarspalterischen Tüfteleien

plädierender Rhetoriker

klausel (lex) jeden Sinn abzusprechen oder etwas in sie hineinzulescn, was vom Geist und Sinn des Vertragsganzen abweicht ». Daß Celsus gegen Rhetoren argumentiert hätte, ist nicht sehr wahrscheinlich,

zumal das von ihm vertretene Prinzip in der Rhetorik selbst vertreten

wird, vgl, Cie., de inv. 2, 1 ly quare si ipsa separatim ex se verba con- siderentur, omnia aut pleraqtie ainbigua visum iri. Überdies läßt sich

der Gegensatz Iota lex - una particula bei bestem W illen nicht als « Vertragsganzes - Vertragsklausel » übersetzen. Die an sich mögliche Übersetzung lex = Vertragsklausel würde in D. i , 3, 24 unbeholfen wirken, Celsus wird wohl von vornherein über die Gesetzesinterpre­ tation gesprochen haben, D ie Palingenesie — Lenel überschreibt Cels. 9 dtg. « de re uxoria » 20 — ergibt keine weiteren Gesichtspunkte.

Die polemische Spitze des Celsus21 verweist zwar auf einen kon­ kreten Anlaßfall, beeinträchtigt jedoch in keiner Weise das Abstrak­ tionsniveau der Aussage; man wird hier den konkreten Kontext vor­ behaltlos für unerheblich ansehen können. Daß die Worte nicht isoliert für sich gelesen, sondern nur im Zusammenhang verstanden werden dürfen, gilt ohne Zweifel gleichermaßen für a 11 e Rechtsakte, also für die Rechtsgeschäftsinterpretation ebenso wie für die Gesetzes­

denen cs darauf ankommt, einer Vertrags­

auslegung, Für D, 1, 3, 17 könnte diese Behauptung hingegen nicht ohne wei­ teres aufgestellt werden. Es ist zwar durchaus möglich, daß Celsus hier eine abstrakte Grundregel für alle Auslegungsfragen aufge­ stellt hat. Das läßt sich aber erst dann eindeutig feststellen, wenn über ihren Inhalt Klarheit gewonnen ist. Ist für Celsus die vis ac potestas etwa nur insoweit erheblich, als sie sich innerhalb der verba manifes­ tiert, oder faßt er auch eine Korrektur des Wortlauts vom Sinn des Gesetzes her ins Auge? Gerade in dieser Frage dürften die römischen

- Pal,

I

Sp.

141, ebenso Stella-Maranca, a.a.O (oben Anm

6), 62. Man konnte

in diesem Zusammenhang mit W esel , a.a.O., 136 an die

denken. Diese Möglichkeit erwägt auch V onglis, a.a.O., 113, zieht jedoch die Annahm

vor, Celsus habe ein pactum dotale interpretiert.

le x lu lta d e

t u m h d o ^ ,

n Insoweit richtig Betti, a.a.O.,

101.

252

HERBERT

HAUSMANINGER

Juristen in der Rechtsgeschäftslehre anders entschieden haben als in der Gesetzesinterpretation. Wo ist schließlich für Celsus Quelle und

Kriterium der vis ac potestas legis? Denkt er an den — tatsächlichen oder hypothetischen — Willen des historischen Gesetzgebers? Oder an den vernünftigen Zweck, dem das Gesetz unter geänderten Um­ ständen, im Rahmen einer weiterentwickelten Rechtsordnung, dienen

Aus dem abstrakten Wortlaut von D. 1,3, 17 ist auf diese

Fragen keine Antwort zu gewinnen. Die « vis ac potestas » dieses Prinzips läßt sich — gemäß D. 1, 3, 24 — nur in Zusammenhang mit allen übrigen Aussagen des Celsus zur Interpretationslehre feststellen.

so ll22?

3.

- Wenden wir uns nunmehr D. 1, 3, 19 zu.

Cels. 33 dig.: ln ambigua voce legis ea potius accipienda est signi- ficatio, quae vitio caret, [praesertim cum etiam voluntas legis ex hoc colligi possit].

Der Text stammt aus dem 33. Buch der celsinischen digesta, und nach Lenels Palingenesie 23 dürfen wir annehmen, daß die Bücher 30 bis 36 den leges Iulia et Papia gewidmet waren. Daube meint24, Celsus habe dort über das ius Uberorum geschrieben, und sucht in diesem Themenkreis Interpretationsprobleme, auf die die Aussage des Celsus passen könnte. Er findet zwei Streitfragen: Zunächst das ter enixa des vermutlichen Gesetzeswortlautes, das nach herrschender klassischer Lehre so verstanden wurde, daß Drillinge nur als eine Geburt gelten können (also zur Begründung des ius Uberorum nicht ausrei­ chen). Sodann das Problem, ob ein bald nach der Geburt verstorbenes Achtmonatekind auf das ius Uberorum anrechenbar sei. Die ratio für die Zählung von Drillingen als eine einzige Geburt und für die An rechnung des verstorbenen Achtmonatekindes erblickt Daube in er Absicht des Gesetzes, die anstrengende Geburt zu belohnen.

Diese

« objektive »

Interpretationstheorie

behauptet zuletzt

ox

>

^

^

(re et l'esprit de la loi, 1968, für die klassische römische Jurisprudenz, ¿u

3,

17

ibid.

17 1

Anm. 4. Siehe auch meine Rezension ZSS, 83, 1968.

Pal.,

I

Sp.

164 t.y ebenso Stella-Maranca, a.a.O.,

166-173-

 

ZSS,

76, 1939,

193 f.

ZUR

Ge s e t z e s in t e r p r e t a t io n

des

c el s u s

Vitium

surde oder ungerechte Ergebnisse usw. ».

ist für Daube

« Inkonsistenz

mit anderen Rechtssätzen,

253

ab­

Die scharfsinnige Deutung Daubes gibt Anlaß zu weiteren Er­

wägungen. Vitium , vitiosus, vitiose treten, soweit ich sehe, im Quel- lenbereich des V ]R außer in unserem Text nirgends in Verbindung mit Interpretationsfragen auf. In verschiedenen anderen Zusammen­ hängen bedeutet vitium soviel wie Mangelhaftigkeit, Fehlerhaftigkeit, Ungültigkeit. Lesen wir auf dieser Grundlage D. 1,3, 19 «bei einem mehrdeutigen Gesetzesausdruck ist jene Bedeutung vorzuziehen, die

und prüfen wir, wie in Daubes Fällen die

« mangelhaften » Interpretationsvarianten aussehen, so gewinnen wir den Eindruck, daß sich für die abgelehnten Lösungen gleichfalls eine einleuchtende (hypothetische) ratio legis finden ließe: Die leges lulia et Papia können wohl auch so verstanden werden, daß sie die Kinder­ zahl fördern und kinderreiche Mütter begünstigen wollten23**. Ob ein römischer Jurist eine solche Auslegung als « vitiosa» bezeichnen konnte, ist schwer zu entscheiden. Celsus wäre eine derart harte Kritik noch am ehesten zuzutrauen, denken wir an seine scharfe Formulierung «quod totum et ineptum et vitiosum est» in D. 28, 5, 60,1. Dort haben wir es freilich in der Tat mit absurden Ergebnissen zu tun, gegen die Celsus in gerechtfertigter Entrüstung polemisiert26. Levy 27 hat Cels. D. 1,3,19 mit Cic., de inv. 2, 147 m Verbindung gebracht. Cicero erörtert dort allerdings den Status leges contranae und nicht den Status ambiguitas. Die von Levy alterte Passage sanctius et frm ius id videatur esse, quod apertius scriptum s„■ betrifft die Anweisung an den Rhetor, bei einander widersprechenden Ge­ setzen « seine » lex als klar und eindeutig, die vom Gegner ins Treffen geführte als obskur erscheinen zu lassen. Da steh jedoch Cicero selbst für die Übertragbarkeit der Argumente ausspricht (pari. 138

frei von Mängeln ist

»

quibus locis in ambiguo defendimus een, sign,

adiuvat,eisdem in

c o n t r a r iis le g ib u s

Levys Hinweis wohl auch in diesem Zusammenhang beachtlich.

.

- Die Quellenlage erlaub,

r

auf2^

siehe dazu die bei K aser, RPR>

73

„ „ „

>

Hehiet

tiS =

L

M A. M. Wieacker, Iura, 131 *962« 7 r-

"

ZSS, 48, 1928, 674.

i

vielfach

l

l r

e

.

keine

sicheren

Schlüsse,

254

HERBERT

HAUSMANINGER

am biguo

auf die leichtere und praktischere D urchführbarkeit

In der Behandlung der controversia

ex

stellt Cicero u.a.

eines der beiden

Auslegungsergebnisse

ab:

de

inv.

2,

1 1 8

erlt dem onstrandum

id,

qtiod °adversarius inteilegat, m ulto m inus com m ode fieri posse

nos,

quod dicamus, jacile et com m ode transigi p o sse. In de inv.

er

2,

1 1 9

fügt

noch

weitere

Kriterien

hinzu:

si id, quod nos demonstrabimus,

h o n e

s t u m

aut

u t i l e

aut

n e c e s s a r i u m

dem onstrabim us,

et

si

id,

quod

ab

adversariis

dicetur,

m inim e

eins m odi esse dicemus.

Aber

Cicero

verwendet,

w ie

Hirnmelschein

zu

D .

i > 3 > 19

m erkt28, auch ausdrücklich vitium als Argum entationsfigur. In pari,

or. 13 2 schreibt er zunächst, daß die Auslegung des Gegners als unhalt­

bar hingestellt werden soll: uterque id, quod adversarius ex ambigue

aut

a

ceteris scriptis. Die eigene Interpretation jedoch, so setzt Cicero fort,

sei als « makellos » darzulegen (133): eamque sententiam , quam signi-

fcari posse dicet, nihil habere aut captionis aut v itii; contrariam

autem si probarint, fore uti multa vitio s a stulta iniqua contraria

consequantur. Spricht demnach eine gewisse W ahrscheinlichkeit

scripto intelligendum

i n iq u u m

aut

esse dicet, aut

esse

a b s u r d

aut

ti m

aut

i n u

t

i

l

e

t u r p e

defendet

etiam

discrepare

quom

für

die Orien­

tierung des celsinischen vitio caret

an

rhetorischen

Vorbildern

,

so

ist für den Begriffsinhalt des vitium

noch

wenig

gewonnen,

es

sei

denn der Eindruck untechnischen Gebrauches.

Der

Nachsatz

praesertim

cum

etiam

voluntas

legis

ex

Vhoc\

28 Symbolae Friburgenses in

a

W e s e l , a.a.O.,

138

Anm.

honorem Ottonis Lenel,

1935, 4 13.

19 meint freilich, der Zusammenhang der Celsusste e

mit dem Status ambiguitatis sei « zu allgemein, um eine Beeinflussung durch ie

Rhetorik annehmen zu können » und H im m e l sc h e in , a.a.O., 413 denkt sogar daran, den gesamten Text als Glosse zu eliminieren, siehe aber zuletzt V onglis, a.a.O., 7

Ein Zusammenhang mit der rhetorischen

angenommen werden:

excipiatur, quae rei gerendae aptior est. Die Stelle handelt wohl gleichfalls von der

Gesetzesinterpretation, zweifelnd V onglis, a.a.O., 761. Die von V onglis, a.a.O-, unter

Berufung auf Savigny und Windscheid

zu Celsus erscheint freilich sehr fraglich: Julian scheint den Willen des Gesetzge et a priori zu ignorieren und nur nach der praktischen Nützlichkeit der lex zu forschen. Der präzise palingcnetische Kontext dieses einzigen avis Jul. 57 dig. überliefeite

Statuslehre

duas

darf

auch

für Jul.

D. 50, i 7>

7

quoliens

idem

sermo

sententias

exprimit,

ea potissiniiun

behauptete gedankliche Nähe des Juliantexte

Fragments kann jedoch nicht mehr rekonstruiert werden.

ZUR

GESETZES INTERPRETATION

DES

CELSUS

2 .V»

< h a c > :!<t colligi potest « zumal auch der Wille des Gesetzes daraus

erschlossen werden kann » in D . i, 3, 17 vermag ebenfalls zur Klärung

des

sind für B eseler:u suspekter hält den Satz für eine Glosse. Daube

meint, Justinian habe in diesem Zusatz (auf der Grundlage älterer

Ideen) die Vollkom m enheit des eigenen Gesetzgebungswerkes betonen

vitio caret nur wenig beizutragen. Vraesertim cum und

colligere

wollen: «ein e justinianische lex läßt nicht wirklich zwei Auslegungen

zu,

setzgebers » M an w ird den Argumenten Beselers und Daubcs Beachtung schen­

ken müssen, obw ohl gerade Celsus als Vorkäm pfer für die Erkenntnis

und Berücksichtigung der voluntas legis aufgetreten ist (vgl. unten

D.

Ausscheidung einer von zwei Bedeutungsvarianten als « feh lerh aft»

mit der zweiten den W illen des Gesetzgebers treffe, da man diesem

nicht unterstellen könne, er hätte das vitium gew o llt"1, wäre Celsus

an sich ohne weiteres zuzutrauen. Seine berühmte Formulierung Quae

rerum natura prohibentur, nulla lege confirmata sunt (D.30,17,188,1) erinnert an Cic., de inv. 2, 13 8 nullam esse legem, quae aliquam rem inutilem aut iniquam fieri velit: Für Cicero ist dies ein Argument contra scriptum, müßte also bei einer bloßen controversia ex ambtguo

die,

die

ohne

vitium

ist,

entspricht

allein

dem

W illen

des

G e­

1 , 3 , 1 8 ,

D.

9 , 2 , 1 3 , 2 ,

D. 9 , 4 ,

2,1).

Der Gedanke, daß man durch

umso eher G eltung beanspruchen können, nur ist es für diesen Fa

wohl so selbstverständlich, daß Cicero auf gesonderte Anfuhrung

verzichten kann. Und eine ähnliche Erw ägung dürfte auch für die

Gedankenführung des Celsus gelten: E r beruft sich immer

die voluntas legis als Entscheidungsgrund; wenn diese von vornherein

bekannt ist, erübrigt sich das Aufsuchen weiterer Interpretation^

wieder auf

80 H usch ke , ZSS,

9, 1888, 337.

Beitr., 2, 53.

1:

Fracments

im Vokabular

des

Celsus

83 Die Ausdrücke

fehlen

außerhalb

d

,

in

1

nicht vertreten.

und sind auch

Auf Grund häufiger

nei retori romam, 1938,

nicht für überzeugend.

in Gai

inst, mit einer

w

nail Jc

ct absurde constitutum vidcatur »■

usna

Vonglis

Rhetorik (Laneranciii, II dirilto

Beselers

den

Interpolationsverdacht

n

236

HERBERT

IlAUSMANINfiER

kriterien wie vitio caret etc. Die Tatsache, daß Celsus eine der beiden

Auslegungsmöglichkeiten als «m angelhaft»

seine Interpretation unabhängig von der (nicht a priori deutlichen) voluutas legis erfolgt ist. Nachträgliche spekulative Schlüsse auf ihren Inhalt entsprechen als überflüssig nicht seinem klaren, sachbezogenen

disqualifiziert, zeigt, daß

Argumentationsstil3B.

Juristische wie rhetorische Texte geben also keinen zuverlässigen Anhaltspunkt für die spezifische Bedeutung des cclsinischen vilium. Sein Abstraktionsgrad ist unsicher. Eine konkrete Fallpolcmik ist jedoch eher anzunehmen als eine globale Aussage, die jede als sach- oder systemwidrig empfundene Auslegung als vitiosa verurteilen

möchte. Dies läßt sich vor allem aus der Seltenheit von vitium, vi- tiosus bei Celsus vermuten. Celsus w ill somit wahrscheinlich nicht sagen, daß bei zwei möglichen Wortbedeutungen notwendigerweise eine davon vitiosa sein muß. Aber worin er nun ein vitium erblickt,

vermögen wir nicht festzustellen30.

 

4.

- Am ergiebigsten, wenngleich bisher kaum beachtet, 1st D. 1,

3,

18

Cels.

29

dig.:

benignius

leges

interpretandae

sunt,

quo

voluntas

earum conservetur.

Berger, dessen eingehende Studie über die Maxime « in dubiis

benigniora » 37 die unbegründeten Pauschalverdächtigungen der be-

nignus, benigne -Stellen seitens Beselers 38 und Albertarios 39 zurück­

weist, erwähnt den Text nicht einmal. In seinem sonst so zuverläs-

Echtheit des prae-

sertim cum-Satzes. Auch Vonglis a.a.O., 77 bemängelt « une certaine maladresse dans l’expression de la pensée ».

a' Dies erscheint mir als entscheidendes

Argument gegen

die

88 Unzulässig

ist

es

m. E.,

wenn

V onglis, a.a.O., 78

res utilior

vitto caret

aut honestior aut magis idonea

das

celsinische

ohne weiteres mit C icero, de inv., 2 ,4 1 ,1 1 9 gleichsetzt.

Alti Congr. Int. Verona, II, 19 51,

187*203.

2>

3i 4 1 fT- Dagegen schon K alinka , ZSS, 47, 1927, 338:

tas (gehört) allen Zeiten und Literaturgattungen an ».

« benigni*

.

JF D R ,

33,

1923,

63-77

und

Studi di

dir.

rom.,

I,

1933,

336 f.

( « I

termini

entgnitas, Benignus, benignius, benigne son dappertutto, nei testi della giurispru-

enza romana, dovuti 0 a glossemi postclassici o ad interpolazioni »).

ZUR

GESETZESINTERPRETATION

DES

CELSUS

257

siecn Encyclopaedic Dictionary of Roman Law gibt er eine falsche

Übersetzung des Nebensatzes 4041: « Laws are to be interpreted in a

more liberal manner, provided that their intention be respected».

Richtig wäre hingegen zu lesen « in order that » ( d a m i t u ihr W ille

erhalten bleibt, nicht «sofern

Die Analyse der klassischen Argumentationsfigur « benigna inter-

pretatio » muß einer eigenen Abhandlung Vorbehalten werden. Dabei

wird vor allem zu prüfen sein, von welchen Gesichtspunkten aus oder

nach welchen Maßstäben eine Auslegung als « günstig, wohlwollend »

bezeichnet wird. Als Hauptproblem von D . i , 3,18 ist die Bedeutung

des Komparatives benignius zu untersuchen. Ist er ein H inweis auf

eine ambiguitas und eine Richtlinie für die W ahl zwischen zwei oder

mehreren Auslegungsmöglichkeiten? Gemäß Celsus D. 1,3,19 müßten

wir dabei voraussetzen, daß die anderen, weniger « günstigen » Alter­

nativen nicht bereits als vitiosae ausgeschieden werden konnten, sonst

bedürfte es ja keines positiven Auswahlgesichtspunktes « benignius »

mehr. Aus dem Strafrecht kann ein gutes Beispiel für eine solche

benignior interpretatio beigebracht werden: Paul. D . 50,17,155 in

poenalibus caus'ts benignius interpretandum est, d.h. zugunsten des

Angeklagten ist die jeweils mildere Auslegung zu wählen. Als Grund­

satz der G e s e t z e s auslegung könnte das etwa bedeuten, daß ge­

setzliche Tatbestandselemente einschränkend verstanden werden und

damit ein geringeres Strafmaß bzw. Freispruch des Angeklagten erzielt

wird, vgl. Herm og. D.48, 19,42 interpretatione legum poenae mol-

liendae sunt potius

quam

asperandae 42.

Benignior interpretatio als W ahl der «günstigeren» von zwei mög­

lichen Auslegungsvarianten begegnet vor allem in der privatrecht

liehen Rechtsgeschäftslehre. Marcellus D.28,4,3 in re dubia beni-

gniorem interpretationem sequi non minus iustius est quam tutius

40 s.v.

i

« benigna interpretatio » S. 373. Vgl.

das

nicht

ihrem

bestimmt

Antn.

(also quo für quatenus) ».

« insofern

auch S a v i g n y , System, I,

ausgesprochenen

n a

w

41 Vgl. K a l b , Wegweiser in die römische Rechtssprache, W 2' 10]-

n Zum Verhältnis dieses Textes

"

2 /2 ,19 6 3 ,4 9 8 ff.

t

t

Ä

,

zu Marcian

D. 4 8 ,19 ,

1 1 ,

. 9 4 * ,

v o c ,

n

d

Pr- sie

e

w

«

. —

2° 3

238

HERBERT

HAU SM AN ING ER

b , dafür insofern ein Beispiel, als M arcellus dort die Frage der Gültig-

keit der umstrittenen Legate von vornherein a auf die Frage - des Willens

widerrufen

wollen oder nicht, wenn er lediglich die Namen der Erben ausge strichen hat? Die benignior interpretado des Marcellus gibt in An­

an eine humanior interpretado 44 des Prinzeps (M ark Aurel)

eine Entscheidung zugunsten der Legatare 45. Die Kompilatoren haben

durch Isolation zur allgemeinen Maxime

erhoben. Dasselbe gilt für D. 50, 17 , 36 (Gai. 3 de legatis ad ed. urb.)

Semper in dttbiis benigniora praeferenda sunt. Gaius hat w ie Marcellus seine Aussage im Rahmen des Vermächtnisrechts abgegeben. In diesem

Bereich ist ihr Sinn auch unmittelbar erkenntlich: benignior ist jene

interpretado, die das Legat aufrecht erhält4(i, wohl in der Erwägung,

daß damit dem hypothetischen Willen des Erblassers Rechnung ge­ tragen wird. Als abstrakte Regel für das gesamte Privatrecht verstan­ den wirkt der Satz hingegen völlig inhaltsleer47, da je nach Stand­ punkt und Objektwähl die benignitas zu beliebigen Ergebnissen

führen kann. Erst zusätzliche sachliche Gesichtspunkte (favor Ubertatis, favor dotis usw.) geben Auskunft, zu wessen Gunsten benignius inter-

pretiert werden soll: vgl. Paul. D. 23, 3> 70 ( =

pro dotibusresponderé melius est oder Gai. D . 50, 17 , 12 2

ómnibus rebus favorabilior est. Insbesondere bei zweiseitigen Rechts­ geschäften erweist sich eine weitere Präzisierung als notwendig, wenn

des Erblassers

reduziert:

Hat

dieser

die

Vermächtnisse

lehnung

den Satz in D.

50,

17 ,

192,

1

J 0 , 1?> 8 j) in dubiis

™ r

ü“

d

s i

Ä

.

'

’ Wem dlC hemgnitas <ler >” tcrpretatio zugute kommen

bietet hier ein Kriterium,

T

’" ?

f P

^

° r e

m

, «

ZetLZtcl 7

WUrd“ MaXimenWie

l

17 2 >1)

oder

favorabiliore. S ret

P ° tius

duam

i *

(Pani.

D. 50,

17 ,

(Gai.

actores

habentur

!! £Ieke zuletzt M einhart

Zu weit dürfte l

'

t j ?

33» 1965, 259 fr,

einer,0<BERGERdinteoPritation

:

>RHD’ 2Ö’

ppl,qu“

pat

z43 ) von

*«.0., 2i2ßR° G ^ n bhandlung * D H I . ^

mano, 1966, 39oii

8aianischen

r

S p ru n g

des semper.

K ollatz,

diritto

ro-

'

J

tudi sull’int^ p ’relfzione9d

nunme!ir

kritisch

39ott. und Vongus, a.a.0 .r 9 ¡ a

degil

atu negoziah in

/UH

GliSHT/.l!SINTliKI*KIiTATION

DES

CF.LSUS

259

I) So 17, 1^5) niifgcstellt, Gandolfi meint benigna interpretatio

. ssc sidi im Hahmen der Recliisgcschaftslchre auf ein « principio della

•onservazionc degli atti ncgoziali » reduzieren. Ob die klassische beni-

ta tsä c h lic h immer einem « favor negotii » r,(' entspricht, also die

Aufrechterhnltung eines ansonsten ungültigen Rechtsgeschäftes zum

Ziel hat wird jedoch erst in weiteren Untersuchungen geklärt werden

können, in denen benigna interpretatio und verwandte W endungen

durch alle überlieferten T exte hindurch verfolgt werden. A u f die Gc-

setzesinterpretation ist dieser G edanke jedenfalls nicht unm ittelbar

anwendbar. Für die Zwecke

muß eine Analyse

der vorliegenden

Abhandlung

der 6 Kom parativstellen

genügen. Nach den

3

Texten,

in

denen

be-

„igfiior interpretatio/ benignius

interpretari eine

W ahlm öglichkeit

in

re dubia bzw. ambiguitas des Wortlauts bezeichnet

D.

Urs. Fer.) eine andere Perspektive

28,

4,

3

=

D.

30,

1 7 ,

1 9 2 ,

i),

eröffnet

D .

40, 4,

(D. 50,

1

1 7 ,

18,

(Ju l.

155,

2

ad

Haec condicio « cum mortar, Uber esto » vitae tempus complectitur

et idcirco inutilis esse videtur,

pretari, ut post mortem suam videatur testator ei libertatem reli-

quisse.

sed melius est verba

benignius

inter­

Die Verw irklichung der von Ju lian als condicio bezeichneten Bestim ­

mung « cum moriar » (eigentlich ein Term in, pandektistisch « dies

certus an, incertus quando ») fällt nach klassischer Anschauung in

die Zeit des Lebens, ist juristisch als Freilassung unter Lebenden

zu qualifizieren und als solche w egen Form m angels u n g ü ltig J l . D ie

dezidierte Äußerung Ju lian s « inutilis esse videtur » zeigt,

ihn

daß fü r

keine ambiguitas oder res dubia vorliegt.

Sein

benignius interpretari

a.a.O., 379.

Ä G andolfi, a.a.O,, 368 ff.

m.

Lit., vgl.

(Paul.) D.

34» 5. 2 1 ,1

Semper in dttbus

1 Q&endunt est, ut quatn tutissimo loco res sit bona fide contracUv, (Jul«) p* 34 »

12

Quotient in actionibus aut in exceptionibus atnbigtta oratio est, commodissitttum est

1 occipi, quo res de qua agitur magts valeat quatn pereat. Rinn’ DoNATUTf, lo statulibero, 194°. 47 ff. So ln der Sache schon D e R ucgiero,

15, 1903» 42 Anm. 3, der dann freilich wie später A lbertario, BJD Jc, 33, i 923>

75 und P ringsheim , ZSS,

42,

1921,

663

auf Grund

einer Pauschalverdächtigung von

Cf,ignius interpretari die Urheberschaft Julians anzweifelt.

2(>0

IlUHlUiKT

IIAUSM ANINOI'.H

ist korrigierende Auslegung zugunsten einer (vielleicht auf Grund des «favor libertatis » objektiv typisierten) voluntas tcslaloris, die in

den verba nicht unterzubringen ist. Eindeutig korrigierende Funktion

auch in Gai.

3,

109

hat die benignior inlerprelatio

infans ei qui infault proximus est non multum a furioso differl, quia huius actatis pupilli nulltim intclleclum habenl. sed in bis pu- pillis propter utilitatem benignior iuris inlerpretalio facta est.

Die klassische Rechtsdogmatik bat die Handlungsfähigkeit von

infam und furiosus im wesentlichen gleich beurteilt. Dem infans

gleichzuhalten ist der pupillus infanti proximus. Ausnahmen zugunsten

von Rechtsgeschäften dieses pupillus werden auf praktische Erw ä­

gungen gestützt (utilitas). Solche Rechtsgeschäfte können (anders als

die des furiosus) trotz fehlendem intcllectus gültig sein. Das mittels

benignior interpretatio erzielte Ergebnis ist eine Korrektur der von

Gaius als ius verstandenen etablierten Dogmatik r'2. Treten wir von diesem Hintergrund her an Cels. D. r, 3, 18 heran

und stellen die Frage, ob benignius leges interprelandae sunt eine Aus­

legungsregel für eine ambiguitas des Gesetzeswortlautes geben will

oder einen Ausweg weisen möchte, wo der Gesetzestext keine echte

Alternative bietet, so kann unsere Entscheidung nicht schwerfallen:

Celsus nimmt Anstoß an den verfehlten verba des Gesetzes und nimmt

den bekannten oder hypothetisch vorausgesetzten W illen des Gesetz­

gebers zur Basis einer korrigierenden Auslegung. Vorbilder für

eine Gesetzesinterpretation contra scriptum finden sich naturgemäß

eher in der Rhetorik als in der Jurisprudenzr’3. So schreibt etwa Cic.,

de inv. in diesem Zusammenhang

“ Auf einem Versehen dürfte K aser, ZSS, 70, 19,53, 172 beruhen, wo der infanti proximus als geschäfts u n fähig bezeichnet wird. Vgl. außer der zitierten Parallelstelle

aus Inst. ]ust. vor allem die Argumentation in Gai. D.

Textkritik K aser, a.a.O., der zu Recht die Echtheit dieser drei Gaiustexte gegen Tu- medei und Albertario verteidigt.

Vgl, jedoch die juristischen Beispiele der Berufung auf eine contrario legis sen- tentia bei Wesel, a.a.O., 113 R .

46, 6, 6 und

D.

44, 7 , 1 , 1 3 .

Zur

2,138

nultam esse legem, quae aliquant rem hitililcm aut iniquam

2 ,14 1

fieri velit; litteras, quae tcnucs cl obscurac notac sinl voluntatis iudex is vidcatur legi obtemperare, qui senlcntiam eins, non qui scripturam sequaiur;

2,143

leges

in

consilio

scriptoris

et

utililale

communi,

non

in

verbis consistere;

Für Celsus, der sich, wie aus einer Reihe von Texten hervorgeht, besonders intensiv an der voluntas legis orientiert, muß eine U m ­ deutung des Wortlautes gleichfalls als letzte Konsequenz in der Beachtung des gesetzgeberischen Willens erscheinen. Benignius leges interpretandae sunt, quo voluntas earum ccnservetur kann nicht heißen «wenn man von zwei Auslegungsmöglichkeiten eines Gesetzes die­

jenige wählt, die benignior ist, so trifft man damit den Willen des G e­ setzgebers ». Man kann dem Gesetzgeber zwar unterstellen, daß er keine absurden, ungerechten Ergebnisse will, wohl aber nicht, daß von zwei tragbaren Lösungen jene tatsächlich seinem Willen ent­ spricht, die irgendein späterer Interpret als benignior empfindet. So weit hat sich nicht einmal rhetorische Rabulistik vorgewagt.

Benignior

interpretatio

als

korrigierende Gesetzesauslegung ver­

standen könnte schließlich noch eine Stütze in der Palingenesie finden. D. 1,3,18 Cels. 29 dig. wurde zur lex Aelia Sentia geschrieben54. Es wäre denkbar, daß ein Fall wie der in D. 37, 14» 2 (Paul. 2 ad leg. Ael. Sent.) erwähnte auch dem dictum des Celsus zugrunde liegt:

Quamvis nulla persona lege excipiatur, tarnen intelligendum est de bis legem sentire, qui liberos tollere possunt. itaque si castratum libertum iure iurando quis adegerit, dicendum est non punire patro- num hac lege.

Die lex Aelia Sentia bedroht jenen Patron mit Strafen, der von einer Sklavin bei der Freilassung das eidliche Versprechen der Ehe- und (oder) Kinderlosigkeit erzwungen hat. Ob bereits die lex selbst auch den männlichen Sklaven genannt hat oder dieser durch juristische Ana­ logie einbezogen wurde, ist unsicher. Für Paulus fällt jedenfalls der

M L enel, Pal., I

Sp.

163,

S t e l l a -M aranca ,

a.a.O.,

164.

262

IlliRUliRT

I lAUSMANlNGER

Ubcrtus unter den Gcsetzeswortlaut, und seine Ausnahme zugunsten

jenes Patrons, der den Eid von einem zeugungsunfähigen libertu .r for­

dert wird gegen die vorbei mit einer sententia (voluntas) legis be­

gründet die auf Bekämpfung der Kinderlosigkeit gerichtet ist™ . Die

korrigierende Restriktion des Gesetzeswortlautes im Fall des zeu­

gungsunfähigen Freigelassenen könnte in doppeltem Sinne als beni­

gntor interpretatio verstanden werden: Zum einen als Begünstigung

des strafbedrohten Patrons, zum anderen aber als « Freundlichkeit»

sich in der Form ulierung vergriffen

hat, dessen Absicht der Jurist jedoch verwirklichen möchte. Die ge­

neralisierende Anweisung benignius leges interpi e^andae sunt, quo

voluntas earutn conservetur zeigt jedenfalls, daß Celsus über einen konkreten Anlaßfall hinausgedacht hat. M ag die benignior interpre­

tatio auch durch den Härtefall eines straffälligen patronus ausgelöst

worden sein und schließlich diesem zugute kommen: In der abstrakten

Maxime des Celsus tritt diese Fernwirkung der benignitas zurück,

unmittelbares Objekt der benignior interpretatio sind leges, deren verba zugunsten der sententia oder voluntas transzendiert werden

sollen. Als Zwischenergebnis kann festgehalten werden, daß Celsus in der Berücksichtigung der voluntas legis so weit geht, daß er auch

eine korrigierende Auslegung der verba vorzunehmen bereit ist (D. i , 3,18), wenn sich zwischen dem W ortlaut und dem W illen des G e­ setzes ein Widerspruch ergibt. Diese weitreichende Orientierung am Willen des Gesetzes erlaubt es, rückblickend D. 1,3,17 ganz abstrakt zu lesen: Die aus der voluntas legis zu ermittelnde vis ac potestas wird sich zwar zumeist im Rahmen der verba fixieren lassen, doch selbst wenn ein Gegensatz verba - vis ac potestas auftreten sollte, ist dieser nach Celsus zugunsten des nur mangelhaft zum Ausdruck gebrachten Willens des Gesetzes zu entscheiden. Daß Celsus den W illen des G e­ setzes nicht gemäß seinen eigenen Zweckmäßigkeitserwägungen kon­ struiert, sondern die Absicht des historischen Gesetzgebers aufzu­ spüren bestrebt ist, darf aus D. 1, 3, 19 erschlossen werden: Die Stelle

gegenüber dem Gesetzgeber, der

14,6 pr

u n d ! ^

WESEL' a a 0 '

162 f > siehe auch 94 f. und

83 f.

zu Paul.

D. 37,

•/Uli

liliSUTZHSlNTUKl’HUTATlON

DÜS

CF.LSUS

263

zeigt, daß der Wille des Gesetzes nicht bekannt war und deshalb andere Auslegungskriterien gesucht werden mußten. In diesem Kon­ text ist vielleicht auch die Polemik von D. i, 24 zu sehen; wer Teile einer gesetzlichen Anordnung aus dem Zusammenhang löst und selbständig interpretiert, wird damit seine eigenen Zwecke verfolgen, nicht aber den Intentionen des Gesetzgebers gerecht werden.

II.

Z u r

Auslegung

der

le x

Aquilia

durch

Ce 1 sus

Eine Überprüfung und weitere Präzisierung sowie Abrundung der abstrakten Auslegungsprinzipien des Celsus ist an Hand konkreter Fallentscheidungen im Bereich der lex Aquilia möglich. Ulpians Ediktskommentar überliefert im 18. Buch eine Reihe celsinischer In­ terpretationen sehr ausführlich oder sogar im Wortlaut und läßt damit einen Eindruck von der methodischen Konsequenz dieses juristen

gewinnen.

1.

■ D. 9,4,2,1

Celsus

tarnen

duodecim

differential, ,

tabularum

utriusque

facitM er

legis

redd.t

legem et

le

decim tabulamm, quasi volucrit servos dom,, obtemperare, Aqulliae, quasi ignovent servo, qm dommo parmt, per,

turus si non fecisset.

C

l

.

W

.

.w .

setze zuruckzufuhren. Die haenrrag

Versuch

des

Celsus,

lässigt w erden" . Methodisch wichtig ist den W illen des historischen Gesetzgebers aufzuspuren

di

heraus den Gesetzesinhalt zu verste

Dazu

vor allem Du VissctlltH, U

Die Textkritik

von Tribonian in den Ulpiantcxt eingefugt würde:

BuSEt-BRS,

ZSS,

66

1948,

320

£ d ich d» ' c e b Ä

t

«

I

vviire, kim„ wohl mckt u erzeugen,

264

2. - D. 9, 2, 13,2

HERBERT

IIAUSMANINGER

S i scrvus hereditarius occidatur, quaeritur, qtiis Aquilia agal, cum dominus nullus sit huius servi, et ait Celsus legem domino damna salva esse volu isse : dominus ergo heredilas habcbitur. quare adita hereditate heres poterit experiri.

steht dem erus =

eines getöteten Sklaven zu. Wie aber, wenn dieser Sklave keinen do­ minus hat, sondern einer ruhenden Erbschaft angehört? Ist er eine res nullius {Gai. 2,9 = D. 1, 8 ,1 pr.), an der kein furtum und viel­ leicht auch kein damnum iniuria datum möglich ist? Für Celsus dürfte diese Frage durchaus noch Aktualität besessen haben. Er lost sie aus dem Willen der lex Aquilia.

Die a° legis Aquiliae

dominus

(D. 9,2,11,6)

Der Inhalt seiner Entscheidung ist umstritten. Scaduto” meint, Celsus habe keine actio gewährt, Ulpian hätte ihm jedoch widerspro­ chen und dem Erben nach Antritt eine a° in factum gegeben. Die Aussage « dominus ergo hereditas habebitur » halten Scaduto und die h.L. für interpoliert °8. Schon Mommsen hatte statt ergo die Lesart dominus vero' erwogen50, Fuenteseca00 will domini loco lesen. Der Text bereitet in der Tat Schwierigkeiten logischer und dogmatischer Natur. Es fehlt die Entscheidung, die Celsus aus dem Willen der lex Aquilia abgeleitet hat. Sie ist wohl der Streichung eines Kontro­ versenberichtes zum Opfer gefallen01. Der von Fuenteseca gerügte Widerspruch zwischen cum dominus nullus sit und dominus ergo here­ ditas habebitur fände damit seine Erklärung.

. Jrotzdes Interpolationsverdachtes der h.L. würde ich den celsi- j f j f ? Ursprung des Satzes dominus ergo hereditas habebitur für

G

e f f .

K

e ers im

A S,USJhätte.dann argu™ n tiert, daß die Absicht des

a le der Tötung eines servus hereditarius die Quali-

« Vgf Ka^e giur- Palermo> 8> r9 2Ij 19 ff.

druck;

229i),

d

!

m 2

,

ls i

W

0i 77n n Ansch^

n

R adel, Grundzüge, 333° (Neu-

of Sia-

vcry, 1908, 252, Bonpante Crirrn f ’

Diorrt»

„1

T

' I^°^’ ^1 C B uckland, Roman Law

2 2 0 .

rJO' O, 193°)

DhaÌ f 7

dr

DEA 2 6 ’

1,

l87° ’ ad h’d

1 9 * 6 > 239-

Voci, Diruto ereditario romano.

i960, 323.

/UK

CI-SI.TZKSINTI'.K l'Hl'TATION

DES

OliJ.SUS

265

fîkation der hcrcditas ¡accus ¡ils dominus fordere "3. Die Klassikerdis- kussion über die ruhende Erbschaft zeigt in der Terminologie zwar weithin größere Zurückhaltung als diese Cclsusstelle (vgl. Pomp. D. 1 1 , 1,15 pr. dom ini loco habetur hcrcditas), führt aber zu sach­ lich vergleichbaren Ergebnissen: Ulpian spricht ähnlich wie Celsus

D. 9, 2,15 pr. von einer A quiliac actio per

will offenbar dem Qualifikationsproblem der

hereditatem

adquisila,

Pomponius 0.9,2,43

hcrcditas iacens ausweichcn, wenn er schreibt dominum

enim

lex

Aquilia appellat non utique cum qui tune fuerit, cum damnum daretur.

Celsus hätte damit das Problem als erster aufgegriffen und zugleich den kühnsten dogmatischen Lösungsvorschlag geboten. Die Fiktion hérédités = dom inus findet sich in dieser Schärfe nur in Gai. D. 28, 5,31,1 und Ulp. D. 47, 4, 1 , 1 . Die Echtheit dieser Stellen ist sehr zweifelhaft0,1, so daß Cels. 9,2,13,2 in ihnen keine Stütze findet. Für unsere Zwecke darf die Entscheidung offen bleiben. Der ge­ sicherte Teil der celsinischen Aussage läßt erkennen, daß Celsus dem Willen des historischen Gesetzgebers so weit wie möglich innerhalb des Gesetzeswortlautes Rechnung tragen möchte. Die folgenden Texte werden diese Tendenz des Celsus noch klarer hervortreten lassen.

3. - Ulpian sagt in D. 9, 2, 27,13, daß « fere omnes veteres »unter dem « ruperit » der lex soviel wie « corruperit » verstanden hatten. Diese Art von extensiver Interpretation des Wortlautes der lex dur te allerdings vorsichtiger vor sich gegangen sein, als Ulpian uns glauben machen w ill“ . Der doppelt überlieferte Testfall der veteres Brutus

(zit. in Ulp. D . 9,und2,27,22) Q. Mucius (Pomp. D.9,2,39 pO

VnMri ts a a O 173, der den Satz legem do-

anfühtt> daß Texte duzieren ocler paraphrasieren. Es ist beantwortet hätte, ob auch die Tötung

" Abzulehnen ist die Deutung von V ongus

u

mino damrta salva esse voluisse als Mus er mit lex volet lediglich den Gesetzeswor schwer vorstellbar, daß Celsus damit die F™ß*

eines servus hereditsriur nach der lex

 

zu D.

4 7 . 4 .«.«

A m -

Siche außer den

im

Index mlerpolatwmi

^

D(r

i960.

nese , Ann, sem. giur. Palermo, 25,

*95

>

l

f[jr echt hält. Skeptisch da-

527 f., der freilich andererseits a.a.O., 5°

 

i

G arcia

G arkiuo, AH D E,

27/28,

gegen F uenteseca , A H D E , 26,

1956,

^ 8

iT.

und

uarc

 

1957-58, 341 f-

01

Richtig

F raenkel,

ZSS,

.

67,

195

*

6i2, Sielte

auch

die

eingehende

Analyse

Wese ls, a.a.O., 45 iE

eiiu

HERBERT

HAUSMANINGER

u •* , .inen Stoß oder Faustschlag gegen eine

schw angere Frau oder

' w

e

S ^ e

durch den ein A bortus b ew irk t w ird . W en n Brutus in

diescinFnll entscheidet « Aquilin k in Indiz dafür, daß er tatsächlich

rumpere generell als

»,tenen

so

corrumpere

nicht

besonders «roßen Schritt über den norm alen Sprachgebrauch von

rumpere hinaus. Ulpians Definition des G esetzesbegriffes rumpere in

D 9,2,27,17 « rupisse eum utique accipiemus, qui vulneraverit, vel virgis vel loris vel pugnis cecidit, vel telo vel quo alio, ut scinderet alicni corpus, vel tumorem fecerit » Gi> hat zw ar das quasi rumpere des

Brutus bereits einbezogen, konnte aber keinesfalls als D efinition von

„elescn hätte. Quasi rupto bezeichnet hier einen

einzelnen

und

corrumpere

be­

stimmte Körperverletzungen (Aufreißen, A ufbrechen), die ciurch Sto­

betrachtet

werden.

U lpian

denkt

bei

rumpere

an

ßen oder Schlagen herbeigeführt w erden, w ährend unter corrumpere

es

jedes Verletzen,

Zerstören,

Verderben

zu

verstehen

w äre.

W enn

für Brutus und Q. Mucius selbstverständlich gewesen w äre, den fol­ genschweren Faustschlag als rumpere zu qualifizieren, m üßte es unver­

in Ulp.

ständlich bleiben, warum noch im

1 ./ 2 .

Jh .

n.Chr. V ivianus

ist di

D.

9, 2, 27, 4 das perforare eines mit H andelsw are beladenen Schiffes

als

quasi

rumpere bezeichnet.

Celsus bekämpft in Ulp. D. 9, 2, 2 7 ,

16

Juristen , die das rumpere

nicht so weit fassen wollen, daß es als Sam m elbegriff für jede Zerstö­

rung

oder

schwere

Beschädigung

einer

Sache

verstanden

werden

könnte,

da

sie

meinen,

daß

damit

das

urere

und

frangere

der

lex

Aquilia als selbständige Tatbestände überflüssig w aren tiG. Celsus hat

wohl selbst jene glückliche Form el gefunden, rumpere

großzügigere

als

generell

corrumpere

zu

verstehen

und

damit

eine

Gesetzesan-

A R A N

klassischer i

r r ^ m

^ ngjCn V° n

dazu

ton^1’ 2’ 19651 8 und 23- Siehe im übrigen W ieacker, Textstufen

2’ 4l 1

^

en sachlich nicht

ins

Gewicht,

Ä

r

f

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"

H - W0LFF-l

zerrüttunc (A n

Tf

G

se eliminieren will. N iedermeyers Annahme heilloser Text-

fif

i

i

1° ™ ,’ fi934,

h

379 ff.) hat keine Gefolgschaft gefunden.

novum, ut lex spcciaUterTuih

cialia complectatur. Be s e l f r Z u ” enttmeratis ^cncrak verbum, quo spe-

T " ™

COntineri corrt‘Ptl

appellatione,

sed

non esse

Kontext der celsinisrE^r,

a

C

U

5’ I9 5 I> 36 zerstört den durchaus einleuchtenden

’• W

t r J L

I

i

ustum conttneri [cor] rupft appellatione <w eil ->.

,

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"d a.lonSvorschlae

< U lc >

IE ,

non]

ZUR

GESETZES INTERPRETATION

DES

CELSUS

267

Wendung ermöglicht. Es

stellung, daß er sich dabei offenbar auf die voluntas legis beruft: non esse novu/n, nt lex specialiter quibusdam enumeralis generale subicial verbuni, quo specialia complectatur — schon der Gesetzgeber habe rumpere als Oberbegriff gedacht, in dem auch u.a. die beispielshalber angeführten Einzeltatbestände urere, frangere aufgingen. Er zieht aus dieser fortschrittlichen Lesart sogleich die Konsequenz, daß auch qut vinuni spurcavit vel effudit vel acelum fecit vel alio modo vitiavit aus der lex Aquilia hafte, da jemand, der Wein ausschütte oder in Essig verwandle, sich ebenfalls eines corrumpere schuldig mache (Ulp.

ist bezeichnend für seine methodische Ein­

D.

9 , 2 ,

27,

1 5 ) C7-

^

E Fraenkel meint, Celsus habe in D. 9, 2, 2.7, 15

und 16

[cor J-

rupti appellatione geschrieben: « Alles wird hier sinnlos, wenn Celsus nicht unmißverständlich auf den Wortlaut des Gesetzes, ussentfre-

gerit

weiteren Texten,

ruperit, hinweist » GS. Nach

die in

Fraenkel

ist

in

diesem und

«das

fun

ec

e

diesem Zusammenhang stehen,

rumpere durch ein spontanes Versehen oder Verdenken zu dem so v el

geläufigeren corrumpere entstellt worden ». Den « Vorgang der riorierung im einzelnen aufzuklären » überläßt er « Kundtgeten

Wir wollen einen Versuch in anderer ^ ist von Celsus mit Vorbedacht und guten Gründen ge^hr.eben w den. Er wäre taktisch völlig u n g e s c h i c k t vorgegangen wenn er

e

hauptet hätte, «

e

Celsus konnte auf die Zweistu g «

ten, wenn er überzeugen Sinne von corrumpere,

2.

P

lungen wie Verschütten u

t

i

a

m

hat

Ge ^ verwendet rumpere im

ist

C o r r u m p e r e

andere

Schädigungshand-

j

m Überdehnungen von

Celsus zieht jedoch auch eine Grenzlinie,

flT B eseler , Fschr. Schulz, cavit vel] und [vel alio modo vttiavi °* a.a.O., 612. 08 a.a.O., 614.

*95 u

20

streicht

in

übertriebener Strenge

[spur-

demnac

268

HERBERT

HAUSMANINGER

rumpere = corrumpere zu verhindern. W er Unkraut in fremdes Saat-

t streut, haftet nicht für corrumpere nach der lex Aqm lia, sondern

kann lediglich mit einer actio in factum in Anspruch genommen wer*

den (D. 9, 2, 27, 14), da er

Wenn dieser Fall in D. 9, 2, 27, 20 mit den W orten entschieden wird « quasi de corrupto agi poterit », so scheint damit die Linie des Celsus weitergeführt zu werden, indem der celsinische Begriff von corrumpere extensiv interpretiert wird und zur Gewährung der actio directa ver- hilft. Daß diese Entscheidung von Ulpian stammt, muß freilich be­

zweifelt w erden71. In (oben D. 9, 2, 27, 17 )

Ulpian nämlich grössere Zurückhaltung erkennen: wo er mit dem traditionellen Wortsinn von rumpere oder daran angelehnt mit einem quasi rumpere operieren kann, verzichtet er auf das celsinische cor­ rumpere. So etwa, wenn er neben dem Zerreißen sogar das Beschmut­ zen von Kleidern als « quasi ruperit » auffaßt (D. 9, 2, 27, 1 8 ) T1. Wer eine Urkunde, etwa ein Testament, unleserlich macht, haftet nach der

lex Aquilia: nam rupisse videtur qui corrupit (Ulp. D. 47, 2, 27, 3) 73.

Wer ein Bild oder Buch (d.h. dessen Schrift) auslöscht, haftet dafür « quasi corruperit » (D. 47, 2, 3 1 pr.) 71. Das von Ulpian in diesen Fällen gebrauchte corrumpere und quasi corrumpere könnte auf Julian zurückgehen (D. 9, 2, 42 corrupisse 75, D. 10 , 2, 16 , 3 quasi corrupe-

nicht die Sache selbst beschädigt h a t70.

der abstrakten Definition des Gesetzesterminus und in einigen anderen Fallentscheidungen laßt

62 fl., siehe auch

J örs-Kunkel, RPR, 1949, 257 Anm. 7; Echtheitsbedenken dagegen bei B eseler, Fschr. Schulz, 1, 1951, 20 it. und neuestens in Anschluß an R otondi, Scritti, 2, 1922, 475 h, G. Longo, Ricerche romanistiche, 1966, 715.

,0 So zuletzt

A lbanese ,

Ann.

sem.

giur.

Palermo,

2 1,

1950,

n A lbanese, Ann.

sem. giur. Palermo,

2 1,

1930, 203 f.

n e s e ,

Der Ind. itp. verzeichnet zu dieser Stelle keinen Interpolationsverdacht. A lba-

a.a.O.,

201 f.

vermutet,

daß

Ulpian

in

Hinblick

auf

D.

9,2,27,14

nur

bei

san ere ¡e actio directa gegeben hat, für inquinare jedoch auf eine actio in factum

eS • age ^emnac^ ein kompilatorischer Eingriff vor. Mir erscheint diese

eine Beschmutzung

auch3

Z^

end* da

nack

^en Umständen des

Falles

.Sachbeschädigung aufgefaßt werden könnte.

Edithen a Cr ^c^t*®unS5 ,n ^es Ind- itp. lassen diesen Satz unberührt. Für weitgehende

S

e

Z37 f

8CSamten

StelIe 2uIetZC ÄLBANESE> A™-

«*■

«to'.

Ptdem o,

25,

614 ist die^srteneAmphfLS\vraUSC^a^VetdaC^tigun8

"

Die

m F

me™

s .^ ssen s

von

corrumpere

unangefochten geblieben.

in

ZSS,

67,

1950,

Ann. sem. giur. P a le r m i ^rzeugencle textkritische Literatur verzeichnet A lbanese,

Arangio-Ruiz, r, 1964 ^

^ür Echtheit offenbar auch Wieacker, Synt.

ZUR

G ESETZES INTERPRETATION

DES

CELSU S

269

r it«). Es ist zu erwägen, ob hiebei nicht auch die Erbrechtstermino-

logie die vom testamcnlum ntptum in einer übertragenen tec e” Bedeutung spricht, die Juristen veranlaßt hat, für den Beretch d dam ,um tniuria datum den Terminus conumpere vorzuziehen Das

Schwanken zwischen conumpere und quasi conumpere zeig , weder bei Julian noch bei Ulpian eine konsolidierte Interpretation o

I r is c h e n

abgegrenzte Interpretation lanciert. Julian hat den Gedanken a g griffen, aber in zwei vergleichbaren Texten verschieden zum^Ausdruck

gerächt. Am konsequentesten wertet Gal. 3, den §e

Durchbruch des Celsus aus, wenn er scr,reibt

r u d e r e gibt. Celsus hat eine

ssende

u n d ^ l e i c h ^

„■

, uj

enim

ustumaut

ruptumaut

corruptum est; unde non säum usla *

scissa et collisa et efusa et quoquo modo Pit,ata aut peremp deteriora facta hoc verbo contmentur.

r*