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Schiller und Beethoven hatten kein Talent für Heiterkeit - Dieter Hildebrandt über den...

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Startseite literaturkritik.de » Nr. 5, Mai 2005 » Schwerpunkt: Zum 200. Todestag Friedrich Schillers » Anzeigen
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Inhalt 11-2009
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Druckfassung Schiller und Beethoven hatten kein Talent für
Leserbriefe Heiterkeit
Kulturjournal
Mitarbeit/AGB Dieter Hildebrandt über den Welterfolg der "Neunten"
Impressum
Von Ursula Homann
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Partner Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Germanisten-
verzeichnis "Freude schöner Götterfunken ..." - die Schiller'schen Verse, von Beethoven vertont, sind
des DAAD und DGV auch Menschen, die vom Dichter und vom Komponisten nichts wissen, wohl vertraut, »Dieser Autor kann jeden
mehr noch, die meisten können sie sogar mitsingen oder mitsummen. Aber was hat es Augenblick in vollkommen
LOS einleuchtender Klarheit
mit Beethovens "Neunter" und Schillers "Ode an die Freude" nun tatsächlich auf sich? entstehen lassen.« Politiken
Leseprobe bei Hanser
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Der Musik- und Literaturexperte Dieter Hildebrandt hat das Geheimnis zu entschlüsseln
versucht und erzählt die Geschichte einer Ode, die in der Symbiose mit der Musik ein
beispielloser Welterfolg wurde. Diese Geschichte verbindet er mit vielen kleinen
Geschichten und Anekdoten über jene Literaten und Musiker, die diesen Erfolg möglich
machten.

Online-Abonnement Beethoven hatte sich schon lange mit Schillers "Ode an die Freude" beschäftigt, bevor er
Infos und Bestellung sie in Musik umsetzte. Mit der Vertonung dieser Verse für den Schlusschor seiner
neunten Sinfonie besiegelte er gleichsam seine lebenslange Verehrung für den elf Jahre
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älteren Dichter, der ihm in Worten all das vorgemacht hatte, was er sich in seiner Musik
Suche & Download erträumte: Radikalität, Freiheitsrausch und den hohen Ton. Zudem sah Beethoven in
von ca. 10 000 Schiller den unabhängigen Geist schlechthin. Merkwürdigerweise sei, wundert sich
Rezensionen
Hildebrandt, Beethovens Beziehung zu Schiller bisher weder von der Musikforschung
Kulturjournal noch von der Literaturwissenschaft aufgearbeitet und dargestellt worden.

Portale Wie aber nahm das Publikum Beethovens "Neunte" auf, die am 7. Mai 1824 in Wien
uraufgeführt wurde? Zuerst reagierte die Zuhörerschaft erschrocken - man warf »Ein in jeder Hinsicht
Hauptportal Beethoven vor, dass er Schiller musikalisch nicht begriffen habe -, dann mit wachsender überraschendes, ein
Verlag Begeisterung. Richard Wagner nannte die neunte Sinfonie Beethovens "das menschliche intelligentes, ein humanes
Buch.« Burkhard Müller,
Hier erscheinen die Evangelium der Kunst der Zukunft". Andere sprachen von der "Marseillaise der Süddeutsche Zeitung
gedruckten Ausgaben
Menschheit", von "der großen Kantate des Kosmos", von der "Stimme des Absoluten". Hardcover, dtv
von literaturkritik.de,
Bücher und Online- Heute bezeichnet man sie zuweilen als "göttlichen Gassenhauer". Ein singulärer Fall,
Publikationen. befindet Dieter Hildebrandt und zitiert den Schweizer Musikwissenschaftler Walter
Buchhandlung
Riezler, der um 1930 behauptet hat: "Niemals ist durch ein einziges Werk eines großen
Tipps, Informationen Musikers die Welt, nicht nur die der Zeitgenossen, sondern auch die Nachwelt nun schon
und Angebote. seit mehr als hundert Jahren in eine solche Erregung versetzt worden wie durch
Forschung & Lehre
Beethovens neunte Sinfonie."
Literaturkritik in
Deutschland Claude Debussy indes schrieb nach einer Pariser Aufführung der Sinfonie im Jahr 1901,
Online-Lexika dass man aus "diesem so mächtigen und klaren Werk einen Popanz zur öffentlichen
zur Literaturkritik und Verehrung" gemacht habe. Auch dass man "die Neunte" verkitscht hat, collagiert,
Literaturwissenschaft illuminiert, gehört - nach Meinung des Autors - zur Tradition, die sie überlebt habe. Die
Grünschwätzer
Neues Doch wo von der Wirkung des großen Komponisten gesprochen wird, muss auch von der
des großen Dichters die Rede sein. Gemeinsam ist beiden Genies: Sie hatten kein
Neues seit 7 Tagen wirkliches Talent für Heiterkeit und Serenität. Vielmehr waren sie zwei Leidgeprüfte und
Handbuch
Eingegangene Bücher Schmerzerfahrene, die sich Trost zusangen in einem Gemeinschaftswerk über die Literaturwissenschaft
Kritiker-Bestenliste Freude, die im Grunde ihrer beider Leben gefehlt hat.
Tipps der Redaktion Hinweise auf Eigenes
Veranstaltungen Im Gegensatz zu Beethovens Sinfonie ist Schillers Lied "An die Freude" ein Jugendwerk,
Links
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der Gelegenheitswurf eines 26-Jährigen, geschrieben 1785. 1824 wird die neunte
Sinfonie Ludwig van Beethovens aufgeführt. Vier Jahrzehnte liegen dazwischen - etwas Ideale Buch-Geschenke
Das Kanon-Spiel
mehr als ein Generationsalter - mit Epochenstürzen und Geschichtsbrüchen wie die für:

Themen Französische Revolution, Aufstieg und Sturz Napoleons mitsamt des Untergangs des Island-Fans
Heiligen Römischen Reichs "schwerfälligen Angedenkens".
2006 Physiker, die gerne Krimis
Schiller selbst hat sein Werk später hart kritisiert: "Die 'Freude' ist nach meinem jetzigen lesen, oder Krimi-Leser, die
Heinrich Heine Gefühl durchaus fehlerhaft und ob sie sich gleich durch ein gewisses Feuer der sich für Physik
Sigmund Freud Empfindung empfiehlt, so ist sie doch ein schlechtes Gedicht." Und er fügte hinzu: "Weil interessieren
Gottfried Benn
sie aber einem fehlerhaften Geschmack der Zeit entgegenkam, so hat sie die Ehre Psychoanalytiker &
Bertolt Brecht
Walter Benjamin erhalten, gewissermaßen ein Volksgedicht zu werden." Und Beethoven wiederum meinte Literaturliebhaber
Emotionen über seine Sinfonie: "Er sehe ein, mit dem letzten Satz dieser Symphonie einen Mißgriff
begangen zu haben; er wolle denselben daher verwerfen und dafür einen Kenner der Goethe-Zeit
2007 Instrumentalsatz ohne Singstimmen schreiben, wozu er auch schon eine Idee im Kopf
habe." Kenner der Literatur um
1900
Literaturwissenschaft

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=8075 22.11.2009
Schiller und Beethoven hatten kein Talent für Heiterkeit - Dieter Hildebrandt über den... Page 2 of 3

Natur - Kultur I Zwei konsternierende Äußerungen, warnt Dieter Hildebrandt. Man sollte sie sich
Natur - Kultur II vergegenwärtigen, wenn man selbst berauscht ist vom Nimbus der Nachfeier dieses
Alfred Döblin Werks. Somit hätten wir es also bei der viel umjubelten "Neunten" mit einem schlechten Christa Wolf-Leser
Nationalsozialismus Gedicht und einem kompositorischen Missgriff zu tun, falls wir den Urhebern glauben
Familie Hochschulschriften online
wollten. über:
Film
Romantik
Hildebrandt schildert die Entstehung der "Neunten" und Beethovens Lebensumstände Erich Kästner
2008 sowie Schillers Inspiration zu diesem Gedicht im Kreise seiner Leipziger Freunde
Literaturkritik für das
Christian Gottfried Körner und Ferdinand Huber sowie ihrer Frauen. Er nimmt es in
Internet
Das Jahr 1968 seinen Einzelteilen genau unter die Lupe und lässt auch die Anekdote von den fünf
Raum Weingläsern, die der junge Schiller im Überschwang eines Wein- und Untersuchungen zur Sach-
Bilder und Metaphern Geselligkeitsrausches aus dem Fenster eines Weinberghäuschens auf die Straße warf, und Fachbuchkritik
Religion nicht aus. Der Autor schildert ferner verschiedene Episoden aus Schillers Leben, seine
Israel Flucht, die er für Schillers größten Entwurf hält, und davon, dass sein Fluchthelfer Kinder- und
Postkolonialismus Jugendbuchkritik
Kafka
Andreas Streicher viele Jahre nach der Flucht für Beethoven ein ebenso verlässlicher
1968 - neue Folge Freund wurde, wie er es zuvor in den dramatischen Tagen und Wochen für Schiller Ingeborg Bachmann unter
Thomas Pynchon gewesen ist. postkolonialer Perspektive
Erster Weltkrieg /
Revolution Des weiteren geht Dieter Hildebrandt auch ausführlich auf die Rezeptionsgeschichte ein, LiteraturWissenschaft.de
sowohl der Ode als auch der Sinfonie. Die Ode war kaum geschrieben und im Frühjahr
2009 1786 in der "Thalia" veröffentlicht, da sang man sie auch schon in ganz Deutschland und
trieb mit ihr einen regelrechten Kult. Er erwähnt außerdem Aufführungen in Amerika und
Moderne untersucht die Rolle der "Neunten" im kommunistischen China. Anderthalb Monate nach
dem Fall der Mauer 1989 hat Leonard Bernstein die neunte Sinfonie in Berlin aufgeführt,
10 Jahre am 23. Dezember im Westen, am 25. im Osten der Stadt. Sie ertönte - die Zuhörer
literaturkritik.de mochten ihren Ohren zunächst nicht trauen - mit dem nie zuvor gehörten pathetischen
Wortlaut: "Freiheit, schöner Götterfunken!"
Charles Darwin
Robert Minder Die Vermutung wurde laut, dass Schiller neben der "Ode an die Freude" einen weiteren
Jürgen Habermas
Sexualität
Entwurf dieses Gedichts mit dem Titel "An die Freiheit" verfasst habe. Tatsächlich war
Karl May 145 Jahre zuvor diese Version zum ersten Mal veröffentlicht worden, und zwar von dem
Die Wende 1989 Publizisten Adolf Glaßbrenner (1810-1876), der schon mit 31 Jahren Berlin verlassen
Sigmund Freuds 70. musste und zum ersten Mal ins Exil ging.
Todestag
Wir erfahren ferner, dass das Bürgertum etwa achtzig Jahre gebraucht habe, um den
Aktueller Anlass Schock von 1824 in Weihegefühle zu verwandeln. Am Gedenktag der Gefallenen der
Märzrevolution von 1848 schlug am 18. März 1905 dem Werk eine neue historische
Nobelpreis an Herta Stunde und wurde neuen Zielen dienstbar gemacht. Der sozialdemokratische Publizist
Müller
und Politiker Kurt Eisner reklamierte das Werk für eine ganz neue Zuhörerschaft - und
siehe da, die Sozialisten feierten Schiller nun so überschwänglich und mit so
Für Online-Abonnenten bombastischem Vokabular wie die Bourgeoisie ihn knapp fünfzig Jahre zuvor bejubelt
hatte. Ein Jahrzehnt danach fanden sich viele in den Schützengräben des Ersten
Online-Bibliothek Weltkrieges wieder: keine Sinfonie, kein Schiller-Appell hatten sie vor dem Wahnwitz der
kanonischer Texte Kriegstreiber retten können.
Rezensionen finden im
Internet Ein weiteres Kapitel handelt davon, wie die neunte Sinfonie bei den Nazis zum Teufel
ging und wie Beethoven und Schiller von Mördern missbraucht wurden. Doch kein Wort
Online-Lexikon verliert der Autor über den fatalen Umgang der DDR mit der "Neunten". Hildebrandt
Literaturwissenschaft befasst sich außerdem mit der dubiosen Rolle des Dirigenten Furtwängler im Dritten
Reich und weist darauf hin, dass Adrian Leverkühn in Thomas Manns "Doktor Faustus"
Oliver Pfohlmanns die "Neunte" verworfen hat. Dies war jedoch offensichtlich kein Einfall von Thomas Mann.
Kleines Lexikon der Denn schon gegen Ende des Ersten Weltkrieges hatte 1918 der französische Chauvinist
Literaturkritik und Publizist Maurice Mauclair, als sich die deutsche Niederlage abzeichnete,
ausgerufen: "Ach, dass man ihnen nicht die Neunte Symphonie wegnehmen kann! Die
Infos Neunte deutsch? Niemals! [...] Ein Deutscher schrieb sie, doch ganz Deutschland hat
jedes Recht verloren, sie zu besitzen."
Unsere Rezensenten
Später, 175 Jahre nach der Entstehung des Liedes "An die Freude" und 140 nach der
Recherchier- und Uraufführung der Sinfonie, kehrt die "Neunte" als Folterinstrument wieder in einem Buch
Redigierdienst von Anthony Burgess und in einem Film von Stanley Kubrick, "Clockwerk Orange". Beide
eröffnen einen Blick in eine grauenvolle Zukunft, in eine "Schöne neue Welt". Ein
Werbung ähnliches Szenario entwirft der Komponist Mauricio Kagel Ende der sechziger Jahre. Hat
das Werk, das mittlerweile "Europa-Hymne" geworden ist und im Jahr 2002 in das
Wir über uns Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen wurde, wirklich außerirdische Dimensionen?,
fragt sich Hildebrandt.
Pressestimmen über
uns
Heute haben wir die "Neunte" nicht nur zur Europa-Hymne eingeschrumpft, zum "Song of
Joy" miniaturisiert, zur Popmusik degradiert, von der Werbung vereinnahmen lassen, wir
haben sie auch in die Tasche gesteckt im Format unseres gängigsten Tonträgers, der
CD. und ihr so den kulturgeschichtlichen Rest gegeben. "Nur in der Einsicht" - damit
beschließt Dieter Hildebrandt sein grandioses Buch -, "dass alle Menschen nicht Brüder
werden, nie, nie, nie, nur wenn wir uns klarmachen, dass wir einem Hymnus auf die
Vergeblichkeit beiwohnen, dämmert uns eine Ahnung von Widerstand und
Widerständigkeit, bis in die letzte Note der 'Neunten', der Sinfonie des Sisyphus."

Dieter Hildebrandt hat ein beeindruckendes Buch mit vielen Zitaten und herrlichen
Anekdoten geschrieben. Man kann es gut auch als Nachschlagewerk benutzen.
Allerdings lässt das Register zu wünschen übrig. Manche Namen sind gar nicht oder nur
unvollständig wiedergegeben. Bei Norbert Oellers fehlt hin und wieder das "s". Diese und
andere Schludrigkeiten sollten in der nächsten Auflage behoben sein. Alles in allem
braucht man zwar einen langen Atem, um den Band zu bewältigen, vieles aber liest sich
so spannend und fesselnd, dass man darüber Raum und Zeit vergisst.

Dieter Hildebrandt: Die Neunte. Schiller, Beethoven und die Geschichte eines
musikalischen Welterfolgs.

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=8075 22.11.2009
Schiller und Beethoven hatten kein Talent für Heiterkeit - Dieter Hildebrandt über den... Page 3 of 3

Carl Hanser Verlag, München 2005.


367 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-10: 3446205853

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