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ГРУППА "What's News" VK.COM/WSNWS Ab nach Venedig Der Künstler Luc Tuymans ergründet den

Ab nach Venedig Der Künstler Luc Tuymans ergründet den Sinn der Bildproduktion Kultur, Seiten 20/21

Ab auf die Couch Warum und wie eine Psychotherapie das Leben von Menschen verändern kann Wissen, Seite 27

das Leben von Menschen verändern kann Wissen, Seite 27 FREITAG, 26. APRIL 2019 NRW 81 D
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FREITAG, 26. APRIL 2019

NRW

81

D 1 EURO

NL 1,60 EURO

N ACHRICHTEN

T HEMA DES TAGES

Die Stille bei der Begabtenförderung

Talentierte Schüler werden oft zu wenig gefördert. Entweder wird ihr Potenzial nicht erkannt, oder es fehlen Ressourcen für die Betreuung. Seiten 2/3

POLITIK

Rechtspopulismus und bürgerliche Mitte

Jeder zweite Befragte einer Stu- die hegt negative Einstellungen gegenüber Asylsuchenden, annä- hernd jeder Zweite glaubt an Verschwörungen. Seiten 4/5

W IRTSCHAFT

Bankenfusion geplatzt:

Heftige Kritik an Scholz

Finanzminister galt als Befür- worter der Hochzeit von Deut- scher Bank und Commerzbank. Er habe „Schaden angerichtet“, rügt die Opposition. Seite 10

I M INTERNET

Tweet des Tages Welcome to the race Sleepy Joe. I only hope you have the intelligence, long in doubt, to wage a successful primary campaign. It will be nasty - you will be dealing with people who truly have some very sick & demen- ted ideas. But if you make it, I will see you at the Starting Gate!

REALDONALDTRUMP

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Sticheln in Wladiwostok Das erste Gipfeltreffen des russischen Präsidenten Wladimir Putin mit Nordkoreas Herrscher Kim
Sticheln in Wladiwostok
Das erste Gipfeltreffen des russischen Präsidenten Wladimir Putin mit
Nordkoreas Herrscher Kim Jong-un verläuft nicht ohne Spannungen
Seiten 8/9
DPA/ YURI KADOBNOV

2 THEMA DES TAGES

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DIE WELT KOMPAKT

FREITAG, 26. APRIL 2019

A ls die Bildungsminister von Bund und Ländern im Januar des vergan-

genen Jahres in Berlin zusammenkamen, verkündeten sie ein groß angelegtes Pro- gramm: Über zehn Jahre wollen Bund und Länder gemeinsam tes- ten, wie besonders leistungsfähi- ge Schüler besser gefördert wer- den können. „In vielen Klassen- zimmern aller Schulformen sit- zen unerkannte Talente“, sagte die damalige Bundes-bildungsmi-

nisterin Johanna Wanka (CDU). Diesen die „bestmöglichen Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten“ anzubieten sei eine Frage der Chancengerechtigkeit.

V ON RICARDA BREYTON

Auch die damalige Vizepräsi- dentin der Kultusministerkonfe- renz, Stefanie Hubig (SPD), drängte. Die Probleme auf der Welt würden „immer komple- xer“, sagte sie. Dafür brauche man „Menschen, die mit hoher

,,

kung entfalten wird in der Breite? Es sind Fragen, die sich nicht nur die beteiligten Forscher stel- len, sondern zunehmend auch El- tern und Lehrer. Während die Forscher davon schwärmen, mit ihrem Projekt nicht weniger als ein Umdenken im Bildungssys- tem einzuleiten, wachsen bei den anderen die Zweifel. Warum, so fragen Lehrer, wolle die Politik umfassend erforschen, wie Begab- tenförderung funktioniere? Kön- ne man nicht sofort mit der För- derung beginnen, indem man die Schulen mit mehr Personal aus- statte? Zehn Jahre sind schließ- lich eine lange Zeit. Zehntausende talentierte Schüler werden ihren Abschluss machen, ohne in den Genuss einer besonderen Förde- rung gekommen zu sein. Dabei besteht dringender Handlungsbedarf. Die Pisa-Stu- dien haben gezeigt, dass es in Deutschland nicht nur eine ver- gleichsweise große Gruppe von leistungsschwachen Schüler gibt – sondern auch eine sehr kleine

In vielen Klassenzimmern aller Schulformen sitzen unerkannte Talente

J ohanna Wanka (CDU), ehemalige Bundesbildungsministerin

Kompetenz, wacher Intelligenz und sozialer Verantwortung zu denken und zu arbeiten gelernt haben“. Mit Nachdruck – so das Signal der damaligen Veranstal- tung – wolle sich Deutschland nicht nur um leistungsschwache Schüler kümmern. Sondern auch um die starken. Seitdem ist mehr als ein Jahr vergangen, in dem es auffallend still geblieben ist. Zwar ist das 125 Millionen Euro teure Programm „Leistung macht Schule“ inzwi- schen angelaufen, wie auf der Projektwebsite zu lesen ist. An 300 Projektschulen werden dem- nach seit Herbst Modelle zur besseren Förderung von Begab- ten erprobt. Dazu gehört etwa die Entwicklung eines „leistungs- fördernden schulischen Leit- bilds“, das Vielfalt anerkenne und wertschätze. In einem Pro- jekt wird ein Materialkoffer er- stellt mit zusätzlichen Unter- richtsmaterialen für begabte Kin- der. In einem anderen sollen Lehrer darin geschult werden, unterschiedliche Talente über- haupt zu erkennen. Fünf Jahre dürfen die Schulen die Projekte erproben, für deren Umsetzung sie zusätzliche Leh- rerstunden erhalten haben und je ein Forscherteam, das sie wissen- schaftlich begleitet. Danach sind weitere fünf Jahre vorgesehen, um zu prüfen, welche Projekte sich auf andere Schulen übertra- gen lassen. Werden hier tatsäch- lich die Grundlagen gelegt, um Spitzenschüler in Deutschland endlich zu erkennen und zu för- dern? Oder droht das Programm ein schön klingendes Modellpro- jekt zu bleiben, das kaum Wir-

Gruppe von ziemlich guten. Doch während die leistungs- schwachen Schüler über die Jah- re dank kräftiger staatlicher För- derung etwas aufholten, blieb der Anteil der guten und sehr guten auf einem niedrigen Niveau – zu niedrig nach Ansicht von Politi- kern, Lehrern und auch For- schern. Die Frage ist: Was tun? Es gehe auch darum, die Hal- tung mancher Lehrkräfte zu überdenken, sagt Gabriele Wei- gand von der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Sie koor- diniert den Forschungsverbund Leistung macht Schule, der die Begabtenförderung an den 300 Projektschulen vorantreiben will. „Bislang werden Schülerin- nen und Schüler oftmals in drei Kategorien eingeteilt: die Begab- ten, die Normalbegabten und die vermeintlich weniger Begabten.“ Oft fehle die Zeit für die Begab- ten, denn diese kämen im Unter- richt ja bereits gut mit. „Dabei braucht jeder Schüler und jede Schülerin eine spezielle Förde- rung“, sagt Weigand. „Jeder hat Potenzial, das er noch viel stär- ker entfalten kann.“ Weigand schwebt eine Form des individualisierten Unter- richts vor, bei dem jeder auf sei- nem Niveau lernt. Im besten Fall erhielten alle Schüler Aufgaben, die unterschiedliche Wege der Bearbeitung erlaubten. Denkbar sei auch, zwei Stunden jedes Schultags für Projektarbeit vor- zusehen, in der die Kinder ihre Interessen weiter vertieften. „Wir müssen weg von dem Re- gelunterricht, in dem alle im sel- ben Tempo lernen sollen“, sagt Weigand.

dem alle im sel- ben Tempo lernen sollen“, sagt Weigand. Warum begabte Schüler wartenmüssen Talentierte Kinder

Warum begabte Schüler wartenmüssen

Talentierte Kinder werden oft zu wenig gefördert. Entweder wird ihr Potenzial nicht erkannt oder es fehlen Ressourcen für die Betreuung. Lehrer fordern, die Begabten stärker in den Blick zu nehmen. Doch warum lässt sich die Politik Zeit?

Wie das genau funktionieren kann, wollen Weigand und die be- teiligten Wissenschaftler in den kommenden Jahren erforschen. Dabei gehe es nicht darum, ein Konzept zu entwickeln, das für al- le Projektschulen gelte. Vielmehr müssten die Schulen vor Ort selbst entscheiden, wie sie sich aufstellen wollten. Ziel sei, das gesamte Lehrerkollegium einzu- binden. „Es geht nur, wenn alle mitmachen.“ Auch deswegen sei das Projekt langfristig angelegt.

Das Konzept stößt auf Zustim- mung – etwa bei der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind. „Gerade auch begabte und hochbegabte Kinder entwickeln ihr Potenzial am besten, wenn sie passend zu ihrem Lernniveau ler- nen können“, sagt deren Präsi- dentin Martina Rosenboom. „Es muss sehr stark individualisiert gearbeitet werden.“ Allerdings seien entsprechende Konzepte bereits seit Jahren bekannt: „Es gibt genug Beispiele aus der Pra-

xis, bei denen zum Beispiel das selbstgesteuerte Lernen gut funktioniert.“ So lernten Kinder bereits an vielen Schulen zumin- dest in einigen Schulstunden ei- genverantwortlich. „Wir brau- chen jetzt den politischen Wil- len, das umfassend umzusetzen.“ Ähnlich sieht das der Deutsche Lehrerverband. Es sei zu begrü- ßen, dass sich die Politik um das Thema Begabtenförderung küm- mere, sagt dessen Vorsitzender Heinz-Peter Meidinger. „Aber

G ETTY IMAGES/ ELVA ETIENNE

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DIE WELT KOMPAKT

FREITAG, 26. APRIL 2019

THEMA DES TAGES 3

DIE WELT KOMPAKT FREITAG, 26. APRIL 2019 THEMA DES TAGES 3 um Kinder nach ihren Begabun-

um Kinder nach ihren Begabun- gen zu fördern, brauchen wir ei- gentlich keinen Modellversuch.“ Schon heute gebe es an vielen Schulen das Bewusstsein, sich stärker um die talentierten und begabten Kinder kümmern zu wollen. Allein, es fehle das Perso- nal. „Wir haben massiven Lehrer- mangel. Wenn Not am Mann ist, kürzt man eben den Wahlunter- richt, mitunter auch den Begab- tenförderungskurs.“ Wenn die Politik die Begabtenförderung vorantreiben wolle, müsse sie deswegen vor allem in die Aus- stattung der Schulen investieren. Auch Elternvertreter beobach- ten die Bemühungen mit Skepsis. „Ich sehe nicht, dass die Politik den Willen hat, die Förderung der Kinder mit unterschiedlichen Begabungen zu einem Herzens- anliegen zu machen“, sagt etwa Carsten Rees, Vorsitzender des baden-württembergischen Lan- deselternbeirats. Schon heute kämpfe sein Verband gegen Un- terrichtsausfall. „Es ist eine Illu- sion zu glauben, dass wir in ein paar Jahren genügend Ressour- cen für die Begabtenförderung bereitgestellt haben.“ Die Bundestagsfraktion der Union verteidigte das Programm. Man erhoffe sich daraus Erkennt- nisse, „wie Lehrkräfte Talente besser identifizieren und gezielt

fördern können“, sagt die zustän- dige Berichterstatterin Astrid Mannes (CDU). Es sei bekannt, „dass viele hochbegabte Schüler und auch deren Eltern eine Spe- zialschule für Hochbegabte ab- lehnen“. Nun gehe es darum aus- zuprobieren, „mit welchen Me- thoden sich das Potenzial beson- ders leistungsstarker und begab- ter Schüler entdecken und in der normalen Schule fördern lässt“. Die Erkenntnisse sollten auch in die Lehrerausbildung einfließen. Doch erst einmal muss der ak- tuelle Lehrermangel behoben werden. Auch der Forschungs- verbund um Gabriele Weigand ist sich dessen bewusst. Einige der am Projekt beteiligten Schu- len klagten demnach bereits schon jetzt über fehlende Mittel. Es fehle an Räumen und Zeit, um individualisierten Unterricht zu ermöglichen. „Wir wollen schau- en, wie wir Schülerinnen und Schüler selbst und auch Eltern besser einbinden können. Nicht alles müssen und können Lehr- kräfte machen“, sagt deswegen Weigand. In ihrem Forschungs- projekt gehe es auch darum zu schauen, wie sich „die Verant- wortung“ besser verteilen lasse. Ob sich Eltern zusätzlich einbin- den lassen, ist aber fraglich. Auch sie klagen heute vielfach, dass sie überlastet seien.

I mmer wieder schaut Sarah De- pold mit ihrem Sohn dasselbe YouTube-Video. Darin zu se- hen ist kein angesagter Rapper oder eine beliebte Kinderserie. Sie sitzen vor dem Laptop und lassen sich erklären, wo beim Flö- tespielen die Finger hingehören. „Das Instrument ist leider Pflicht im Musikunterricht und nicht verhandelbar“, sagt die Mutter aus Berlin. Doch egal, wie viel ihr Sohn auf der Flöte übt, am Ende des Schuljahres droht dem Dritt- klässler eine schlechte Note.

V ON JETTE MOCHE

„Für mich ist es hart, weil ich ja höre, wie er im Zimmer spielt, die Töne aber nicht so wollen, wie er will“, sagt Depold. Neben der Tech- nik sei auch Rhythmus wichtig und ein bisschen Talent. Wie Noten da fair vergeben werden können, ver- steht die 32-Jährige nicht. Inzwi- schen leidet die ganze Familie da- runter. „Über unseren Köpfen schwebt immer: Du darfst keine Sechs bekommen, dann passt du nicht ins System.“ Doch Sarah De- pold weiß, dass auch sie etwas zum Stress ihres Sohnes beiträgt. „Von uns Eltern hört er häufig den Satz:

Du musst in der Schule gut sein, um Ziele erreichen zu können.“ Sarah Depolds Sohn leidet unter Stress. Und der ist bei Schülern kei- ne Seltenheit mehr. 43 Prozent der Befragten einer Studie der Kran- kenkasse DAK gaben an, daran zu leiden. Der Anteil liegt bei den Mädchen mit 49 Prozent höher als bei den Jungen mit 37 Prozent. Doch wer verursacht den Schul- stress? Zum einen die Schüler. Sie setzen sich selbst unter Leistungs- druck. Bei älteren Schülern kom- men die Anforderungen der Berufs- welt hinzu. Sie müssen einen guten Numerus clausus erreichen oder mindestens zwei Fremdsprachen beherrschen. Für die Ausbildung zum Bankkaufmann reichte früher ein Realschulabschluss. Heute muss es Abitur sein. Wer sich für den Beruf des Kfz-Mechanikers in- teressiert, braucht inzwischen min- destens einen Realschulabschluss. Zudem ermöglichen Gesamt- schulen immer mehr Schülern, Abi- tur zu machen. Zwischen 2006 und 2016 stieg laut dem Report „Bil- dung für Deutschland 2018“ der An- teil der Jugendlichen mit Abitur von 30 auf 41 Prozent. In einigen Bundesländern verkürzt sich der Weg zum Abitur auf zwölf Jahre. Das belastet viele Jugendliche. Und dann wären da noch die Eltern als Stressfaktor. Eigentlich wollen sie nur das Beste für ihren Nachwuchs. Manchmal jedoch fordern sie sehr viel von ihm und takten auch die Freizeit ihrer Kinder durch. In einer Studie der Universität Bielefeld aus dem Jahr 2015 heißt es: 39 Prozent der 12- bis 16-Jähri- gen haben an drei oder mehr Tagen in der Woche mindestens einen fes- ten Termin neben der Schule. Dazu zählen Musik- und Schwimmunter- richt oder Fußballtraining. 85,6 Prozent der Kinder mit hohem Stress können dabei nicht selbst entscheiden, was sie nach der Schu- le machen wollen. Mit Freunden treffen, lesen oder einfach nur ein

Das

gestresste

Kind

Viele Schüler sind überlastet. Daran sind ihre Eltern oft nicht ganz unschuldig, erklärt ein Psychologe – und gibt Hilfestellungen

paar Bälle auf dem Bolzplatz um die Ecke schießen: Das bestim- men in ihrem Fall die Eltern. Doch woran erkennt man ein ge- stresstes Kind? Sie haben Bauch- und Kopfschmerzen, lei- den an Appetitlosigkeit und sind erschöpft. Der Auslöser ist dabei gar nicht wichtig. Bei dem Wort „Stress“ wird Klaus Seifried hellhörig. Er ver- tritt den Berufsverband Deut- scher Psychologen und findet, dass der Begriff zu inflationär verwendet wird. „Wenn sich ein Kind mal anstrengen soll, heißt es schnell, dass es gestresst sei.“ Bis zu einem bestimmten Punkt steigert er die Leistungsfähig- keit also. Problematisch wird es allerdings, wenn Kinder diesen Punkt überschreiten. Seifried definiert drei Berei- che: Zum einen geht es um das „Wollen“, womit die eigenen An- sprüche gemeint sind. Daneben sei das „Sollen“ wichtig, das, was andere von einem verlangen, und das „Können“ – sprich: eige- ne Kompetenzen und Ressour- cen. Sind diese Dinge in der Ba- lance, geht es einem Kind gut, so Seifried. Wird auf einen der Be- reiche Druck ausgeübt, gerät das ganze Konstrukt aus dem Gleichgewicht. Die Folge: Stress. Sandy Gentsch aus Leipzig hat beobachtet, wie der Schwim- munterricht ihres Sohnes in Stress ausartete. Am Anfang lief alles – so lange, bis die Kinder Tauchen lernen sollten. Bei ih-

rem achtjährigen Sohn sei es immer zum gleichen Problem gekommen. „Er öffnet auto- matisch den Mund, schluckt Wasser und bekommt dann Panik. Leider brachte auch das Üben zu Hause keinerlei Bes- serung.“ Irgendwann habe er abends völlig aufgelöst im Bett gelegen und geweint. Die Mut- ter suchte immer wieder das

Gespräch mit ihm, doch es dauerte, bis sich ihr Sohn öff- nete. „Irgendwann hat er uns erzählt, dass die Lehrerin viel schreit und grob sei und die Kinder tauchen müssten.“ Sandy Gentsch sprach zuerst mit der Klassenlehrerin über die Vorwürfe. Diese war jedoch bei dem Schwimmunterricht nicht dabei und konnte nicht hel- fen. Als die Mutter schließlich die Schwimmlehrerin zur Rede stell- te, habe diese alles abgestritten. Die Angstzustände ihres Sohnes wurden inzwischen immer schlimmer. So wollte sie ihn nicht zum Unterricht schicken. Sandy Gentsch ging zum Hausarzt. Die- ser befreite ihren Sohn vorerst für vier Wochen vom Schwim- munterricht. Eine Besserung trat nicht ein. Eine Amtsärztin ver- längerte die Befreiung anschlie- ßend für das gesamte Schuljahr. „Seitdem geht mein Sohn auch wieder ohne Angst zur Schule“, sagt die Mutter erleichtert. Was in diesen Fällen helfen kann, ist richtige Kommunikati- on. Lehrer und Eltern müssen eine kooperative Ebene finden, auch wenn sie nicht immer der- selben Meinung sind. Für das Kind sei es am besten, wenn bei- de Parteien zusammenarbeiten. So wie sich ein Elternpaar im Alltag untereinander abspre- chen muss, müssen auch Eltern und Lehrer einen Kompromiss finden. Doch nicht immer ge- lingt eine Einigung. In diesem Fall kann es helfen, eine dritte Instanz mit an den Tisch zu ho- len. Das kann der Vertrauens- lehrer der Schule, ein Eltern- sprecher oder der Direktor sein. Seifried betont, dass gerade El- tern Grenzen einhalten müss- ten. „Die Lehrer entscheiden

ü ber die Noten, nicht sie.“

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POLITIK

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DIE WELT KOMPAKT

FREITAG, 26. APRIL 2019

SEITE 4

K OMPAKT

GRÜNE

Parteichefs rüffeln Boris Palmer

Die Grünen-Chefs Robert Habeck und Annalena Baer- bock haben den Tübinger Oberbürgermeister Boris Pal- mer für seine Äußerungen zu Werbegesichtern der Bahn scharf kritisiert. „Er hat Men- schen nach äußeren Merkma- len beurteilt und die Frage, wer zu unserer Gesellschaft gehört, daraus abgeleitet. Bei- des ist nicht richtig“, teilten die beiden Parteivorsitzenden mit. „Boris Palmer hat eine Tür zu einem rassistischen Weltbild aufgestoßen – er sollte sie schnell wieder schlie- ßen.“ Baerbock und Habeck sagten, sie hätten das mit dem Kommunalpolitiker auch per- sönlich besprochen. Sie hoff- ten sehr, „dass er ernsthaft darüber nachdenkt, was solche Äußerungen für den Zusam- menhalt in der Gesellschaft bedeuten“. Palmer hatte auf Facebook Bilder auf der Home- page der Bahn kommentiert, die Menschen mit unterschied- lichen Hautfarben zeigen. „Welche Gesellschaft soll das abbilden?“, fragte er dort.

IDENTITÄRE BEWEGUNG

Kein Waffenschein für den Chef

Der Bundesvorsitzende der rechtsextremen Identitären Bewegung, Nils Altmieks, er- hält seinen Waffenschein nicht zurück. Das Verwaltungsge- richt Ansbach wies die Klage des 32-Jährigen ab. Zur Be- gründung sagte der Vorsitzen- de Richter, als langjähriger Bundeschef beeinflusse er maßgeblich eine Organisation, deren Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtet seien.

UMFRAGE

Deutsche mögen die EU besonders

Deutsche haben kurz vor der Europawahl ein überwiegend positives Bild von der Eu- ropäischen Union. Drei von vier Bundesbürgern (76 Pro- zent) halten die deutsche EU- Mitgliedschaft für eine gute Sache. Dies geht aus einer Umfrage hervor. Die deutschen Werte liegen deutlich über denen der restlichen Staaten. 61 Prozent der Europäer sind der Meinung, die EU-Mit- gliedschaft ihres Landes sei eine gute Sache. 68 Prozent gaben an, ihr Land profitiere von der EU-Mitgliedschaft. Italien ist das einzige Land, in dem die Mehrheit diese Mei- nung nicht teilt.

R echtspopulistische Ein- stellungen prägen nach wie vor einen relevan-

ten Teil der deutschen Gesellschaft. Mit 21 Prozent neigt jede fünfte befragte Person deutlich zu rechtspopulistischen Meinungen. Bei 42 Prozent lässt sich eine Tendenz dazu feststel- len. Das ergab eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, die am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. Schon im Titel wird die Brisanz der Befunde ausgestellt:

„Verlorene Mitte – Feindselige Zustände“. Die Ergebnisse zei- gen nach Worten der Forscher, dass sich rechte Einstellungen in der Mitte der Gesellschaft ver- festigen. Der Leiter des Bielefel- der Instituts für Interdisziplinä- re Konflikt- und Gewaltfor- schung, Andreas Zick, nennt es „verkrusten“.

VON ANNELIE NAUMANN

Deutlich wurde aber auch: Die meisten Deutschen sind Befür- worter der Demokratie, begrüßen eine Vielfalt in der Gesellschaft und fordern eine Stärkung der EU. Auch Sexismus und die Ab- wertung homosexueller und woh- nungsloser Menschen ist rückläu- fig. Mehr als 80 Prozent der Be- fragten begrüßen, wenn Men- schen sich gegen Hetze gegen Minderheiten einsetzen. Ein Drittel der Befragten jedoch stellt gleiche Rechte für alle infrage. So haben die negativen Einstel- lungen gegenüber Asylsuchenden im Vergleich zu 2016 (49,5 Pro- zent) weiter zugenommen, ob- wohl die Zahl der neu ankom- menden Asylsuchenden im Befra- gungszeitraum rückläufig war. Mit 54,1 Prozent war der Anteil derjenigen, die sich ablehnend über asylsuchende Menschen äu- ßern, so hoch wie nie seit 2011. 2014 hatten sich noch rund 44 Prozent der Befragten negativ über Asylsuchende geäußert. Studienteilnehmer sollten über folgende zwei Aussagen ab- stimmen: „Bei der Prüfung von Asylanträgen sollte der Staat großzügig sein“ und „Die meis- ten Asylbewerber werden in ih- rem Heimatland gar nicht ver- folgt“. Ihnen standen dabei vier Antwortmöglichkeiten von „stimme überhaupt nicht zu“ bis „stimme voll und ganz zu“ zur Verfügung. Eine fünfte, mittlere „teils/teils“-Kategorie etwa bei Fragen zu rechtsextremistischen Einstellungen wurde nicht als Zustimmung gezählt. Eine derartige Befragungsme- thode ist in Fachkreisen umstrit- ten. Schon in früheren Studien – insbesondere der „Leipziger Au- toritarismus-Studie 2018“ der So- ziologen Oliver Decker und El- mar Brähler – wurden Frage- und Antwortmöglichkeiten dieser Art von Umfragen kritisiert. Einige Thesen seien zu weich formu- liert, um als Indizien für Auslän- derfeindlichkeit zu gelten. De- cker und Brähmer waren bis 2012 Mitautoren der Mittestudien. Weit verbreitet sind auch die Ab-

der Mittestudien. Weit verbreitet sind auch die Ab- Ist die bürgerliche Mitte verloren ? Eine neue

Ist die bürgerliche Mitte verloren?

Eine neue Studie sagt, jeder zweite Deutsche hege negative Einstellungen gegenüber Asylsuchenden. Annähernd jeder Zweite glaubt demnach sogar an Verschwörungen und Geheimorganisationen

wertung von Sinti und Roma (26 Prozent), fremdenfeindliche (19 Prozent) und muslimfeindliche Einstellungen (19 Prozent). Auch der klassische Antisemitismus ist demnach mit fast sechs Prozent verbreitet, Kritik an Israel stimmte fast ein Viertel der Be- fragten zu. Ebenfalls ein Viertel der Befragten äußerte die Mei- nung, Deutschland werde vom Islam unterwandert. Erstmals wurde auch nach Ver- schwörungstheorien gefragt. 46

Prozent gehen davon aus, gehei- me Organisationen würden poli- tische Entscheidungen beeinflus- sen, nahezu ein Viertel der Be- fragten mutmaßt, Medien und Politik steckten unter einer De- cke. Gut ein Drittel der Befragten ist der Ansicht, „die Regierung verschweigt der Bevölkerung die Wahrheit“. Knapp 22 Prozent meinen, „die regierenden Partei- en betrügen das Volk“. Männliche Befragte (44 Pro- zent) glauben tendenziell eher an

Verschwörungstheorien als Frau- en (34 Prozent). Jene, die solchen Verschwörungsmythen nachhän- gen, sind laut Studie zugleich misstrauischer gegenüber dem politischen System und zeigten eine höhere Gewaltbereitschaft. Es sind demnach vorrangig Be- fragte mit niedrigerem und mitt- lerem Bildungsniveau, die emp- fänglich sind für diese Theorien. Offen rechtsextreme Einstel- lungen werden vom Großteil der Bevölkerung aber abgelehnt. Le-

P ICTURE ALLIANCE/ WOLFRAM STEINBERG

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DIE WELT KOMPAKT

FREITAG, 26. APRIL 2019

P OLITIK 5

DIE WELT KOMPAKT FREITAG, 26. APRIL 2019 P OLITIK 5 diglich zwei bis drei Prozent der

diglich zwei bis drei Prozent der Be- fragten äußerten sich eindeutig rechtsextrem – im Osten nach ei- nem auffälligen Anstieg 2016 nicht mehr als im Westen. Dabei sind – anders als in den Vorjahren – rechts- extreme Einstellungen unter Ge- werkschaftsangehörigen etwas wei- ter verbreitet als unter Befragten, die keiner Gewerkschaft angehören. Mit insgesamt 13 Prozent ist die Zustimmung zum Nationalchauvi- nismus größer, dem Glauben an die Überlegenheit der eigenen Na- tion. Das wird von den Befragten unter anderem ausgedrückt in der Aussage: „Das oberste Ziel der deutschen Politik sollte es sein, Deutschland die Macht und Gel- tung zu verschaffen, die ihm zu- steht“. Immerhin 17 Prozent der Befragten stimmen hier zu. Knapp acht Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass die Deutschen anderen Völkern von Natur aus überlegen seien, fast jeder Zehnte stimmt der Aussage zu: „Es gibt wertvolles und unwertes Leben.“ Im Osten Deutschlands sind der Studie zufolge sowohl der Hang zum Autoritarismus als auch die

Ablehnung von Muslimen und Zu- wanderern deutlich stärker ausge- prägt als im Westen. Nach Ein- schätzung der Studienautoren geht es im Osten eher „um kollektive Erfahrungen, die aus der Vergan- genheit in das Jetzt hineinwirken“. Auch wenn sich vordergründig eine hohe Zustimmung zur Demokratie ausmachen ließe, so werde dies zu- gleich aber von „antidemokrati- schen und antipluralistischen Überzeugungen“ begleitet, lautet das Resümee der Verantwortli- chen. Die Mitte verliere ihren

festen Boden – und ihre demo- kratische Ori-

entierung. Bun-

Ein Plakat in Ber- lin heißt Flücht- linge willkommen. Die Abneigung der Deutschen gegen- über Migranten steigt allerdings

desfamilienmi-

nisterin Fran-

ziska Giffey (SPD) erneuer- te in diesem Zusammenhang ihre Forderung nach einem Demokra- tiefördergesetz. Forscher Andreas Zick, der für die SPD-nahe Ebert-Stiftung den Report erstellt hat, sagt: „Wenn menschenfeindliche Vorurteile, rechtspopulistische wie rechtsex- treme oder neurechte Einstellun- gen, der Glaube an Verschwörun- gen, Misstrauen und illiberale De- mokratieeinstellungen verbreitet sind, die Vorstellungen von Demo- kratie in Ost- und Westdeutschland auseinanderdriften, dann erleidet die Mitte der Gesellschaft Verluste, und die Demokratie wird instabil“. Für die seit 2006 im Zweijahres- rhythmus herausgegebene Erhe- bung wurden aktuell 1890 reprä- sentativ ausgewählte deutsche Staatsbürger von September 2018 bis Februar des laufenden Jahres am Telefon befragt. Grundlage ist ein standardisierter Fragebogen. Demnach neigen potenzielle Wäh- ler der AfD erneut auffallend häu- fig zu rechtspopulistischen und rechtsextremen Einstellungen. 34 Prozent meinen, das deut- sche Volk besitze eine unveränder- liche Identität. Ebenfalls rund ein Drittel fordert Widerstand gegen die aktuelle Politik. Vor zwei Jah- ren lagen die Zustimmungen ähn- lich hoch. Dabei fließen rechtspopulisti- sche, neurechte und rechtsextreme Einstellungen empirisch so eng zu- sammen, dass sie kaum mehr trennbar sind. Die Co-Autorin der Studie, Beate Küpper von der Hoch- schule Niederrhein, erklärt: „Der offene, harte Rechtsextremismus wird durch moderne Formen abge- löst.“ Darin stecke aber „das alte völkische Denken“. Dies sei auf den ersten Blick nicht leicht als rechts- extrem erkennbar. Umso leichter ließen sich jedoch „neurechte Vari- anten verbreiten“. Strategische Ak- teure würden dies nutzen. Auch der Präsident des Bundes- amtes für Verfassungsschutz (BfV), Thomas Haldenwang, hatte kürzlich in WELT AM SONNTAG vor neuen Entwicklungen in der rechtsextremen Szene gewarnt. Die Grenzen zwischen rechtsex- tremistischen Kreisen und dem Protestbürgertum würden zuneh- mend verschwimmen.

Finanzamt prüfte Werft

„Gorch Fock“: Schon früher gab es Zweifel am Geschäftsgebaren

A uf die Kräne waren sie in Elsfleth besonders stolz.

Vier Stück nutzte die kleine Elsflether Werft in Nie- dersachsen und druckte sie auf Werbefotos. Zusammen mehr als 142 Kranmeter oder wie man in Elsfleth sagte: größer als die Freiheitsstatue (93 m) oder Big Ben (96 m). Heute bezeichnen das viele als Hybris, seit Mona-

ten wird das Innenleben des mittelständischen Unterneh- mens durchleuchtet – das ei- gentlich die „Gorch Fock“ der

Marine rasch flottmachen sollte.

V ON CHRISTIAN SCHWEPPE

Stattdessen wird nun in meh- reren Komplexen gegen die zwei ehemaligen Werftvorstän- de ermittelt. Dass Grenzen ver- schwammen, offenbar nicht nur in der Selbstwahrnehmung

wie bei den Kränen, sondern auch finanziell – darauf deuten neue Unterlagen hin, die WELT vorliegen. Es geht um eine Lohnsteueraußenprüfung, die das Finanzamt Oldenburg für den Zeitraum 2013 bis 2016 un- ternahm. Zweifelhafte Be- triebskosten wurden nicht anerkannt, geldwerte Vorteile waren nachzuversteuern. Zuletzt war bekannt gewor- den, dass Gelder nicht an Werftlieferanten weiterflossen, im Projekt „Gorch Fock“ versi- ckerten Millionen. Das Finanz- amt hatte laut Unterlage keinen Widerspruch aus der Werft er- halten. Es ging damals etwa um die Pkw-Nutzung mehrerer Mitarbeiter, auch des Ex-Werft- chefs Klaus W. selbst. Die teure Dienstwagenflotte lässt insge- samt ernste Zweifel an der Be- triebsnotwendigkeit aufkom-

men. Nachdem die Werft mit neuer Leitung Insolvenz ange- meldet hat, wurden viele Fahr- zeuge eingezogen. Unter alter Führung sollten Reisen nach Miami, Teneriffa und Ibiza („betriebliche Veranlassung nicht nachgewiesen“) von der Steuer abgesetzt werden, eben- falls der New-York-Aufenthalt einer Assistentin. Dazu kommen Posten wie die Berufsbekleidung in der Werft (Herrensakkos für 3990,54 Eu- ro), die das Finanzamt nicht ohne Weiteres akzeptieren wollte. Auch um Sonderkarten beim SV Werder Bremen ging es, ebenso um nicht als „Wer- bung“ anerkannte Herrenarm- banduhren für mehrere Tau- send Euro. Zur Hälfte steuer- lich anerkannt wurde eine „Strategietagung“ auf der „Queen Mary“.

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Tau- send Euro. Zur Hälfte steuer- lich anerkannt wurde eine „Strategietagung“ auf der „Queen Mary“. ANZEIGE
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Tau- send Euro. Zur Hälfte steuer- lich anerkannt wurde eine „Strategietagung“ auf der „Queen Mary“. ANZEIGE
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6 POLITIK

K OMPAKT

SRI LANKA

Anschlagsgefahr noch nicht gebannt

Vier Tage nach den blutigen Anschlägen in Sri Lanka besteht die Gefahr weiterer Angriffe: Im ganzen Land bleiben die katho- lischen Kirchen auf Anraten der Sicherheitsbehörden vorerst geschlossen, während die Suche nach weiteren Verdächtigen intensiviert wurde. In einer Reisewarnung rief Israel unter- dessen alle Bürger auf, Sri Lan- ka schnellstmöglich zu ver- lassen oder geplante Reisen dorthin nicht anzutreten. Bei den Anschlägen auf drei Fünf- Sterne-Hotels und drei christli- che Kirchen sowie bei zwei weiteren Explosionen waren am Ostersonntag 253 Menschen getötet und über 500 weitere verletzt worden. Nach Ab- schluss der Autopsien seien die Opferzahlen von 359 auf 253 korrigiert worden, teilten die Behörden am Donnerstag mit. Nach Angaben des Gesund- heitsministeriums waren nach den Explosionen mehrere schwer verstümmelte Leichen doppelt gezählt worden. Die Behörden in Colombo machen die einheimische Islamisten- gruppe National Thowheeth Jama’ath (NTJ) dafür verant- wortlich, gehen aber davon aus, dass sie ausländische Unterstüt- zung hatte. Die Dschihadis- tenmiliz Islamischer Staat (IS) reklamierte die Tat für sich.

SYRIEN

Russische Firma mietet Hafen Tartus

Eine russische Firma will den syrischen Mittelmeerhafen Tartus für ein halbes Jahrhun- dert mieten. Ein Abkommen mit dem Konzern Strojtransgas für die Verwaltung, Erweite- rung und Nutzung des Hafens stehe kurz vor dem Abschluss, sagte der syrische Verkehrs- minister Ali Hammud . Die Vertragslaufzeit sei 49 Jahre, und die Firma werde 500 Mil- lionen Dollar in die Anlage investieren.

S ACK REIS

Für öffentlichen Sex zur Mit- tagszeit in einer Berliner S- Bahn müssen ein Mann und eine Frau 7500 Euro Strafe bezahlen. Das Berliner Amts- gericht verhängte bereits am 10. April das Urteil wegen Er- regung öffentlichen Ärger- nisses, wie ein Gerichtsspre- cher am Donnerstag sagte. Der Vorfall ereignete sich an einem Sonntag im April vor einem Jahr. Auf der S-Bahn-Strecke in der Innenstadt kam es zu dem Oralsex zwischen der Frau und dem Mann.

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E r muss sogar am Wo- chenende ins Büro, es geht gar nicht anders,

und er hat dafür ein schlagendes Argument. „Es gibt hier so viel zu lesen, so viele neue Zeitschriften und Bücher!“, ruft Kurt Salomon Maier, 88, mit Entzücken in der Stimme, „und alles interessiert mich.“ Vor al- lem die neuesten Veröffentli- chungen zu Archäologie, Kunst, Museen, Ausstellungen, zumal alles, was aus Deutschland kommt. Während der Woche ha- be er keine Zeit, Bücher zu lesen, in Zeitschriften zu blättern.

V ON DANIEL FRIEDRICH STURM

AUS WASHINGTON

So sitzt Kurt Maier in Pullo- ver und Krawatte auch an die- sem Samstagnachmittag dort, wo er seit über 40 Jahren werk- tags arbeitet und jedes Wochen- ende ausgiebig liest: in der Bi- bliothek des amerikanischen Kongresses, der weltweit größ- ten Büchersammlung. Hier stellt Maier, das ist sein Beruf, die deutsche Literatur ein, katalogi- siert sie. Werktags trifft er mor- gens um sieben Uhr ein, nach- dem er schon ab fünf Uhr im Fit- nessraum seines Apartmenthau- ses eine Meile gelaufen ist und Gewichte gehoben hat. Auf seinem Schreibtisch im Großraumbüro des Madison Buildings stapeln sich neue Wer- ke. Kurt Maier interessiert sich auch für solche Bücher, von de- nen man sich fragt, wer sie wohl im Machtzentrum des einfluss- reichsten Landes der Welt lesen wird. Etwa ein neues „Material- heft zur Ur- und Frühgeschichte Niedersachsens“. Maier blättert darin, es geht um Moorleichen, trocken merkt er an: „Moorlei- chen interessieren mich.“ Mit wachen Augen und leicht gebeugtem Gang führt Maier den Besucher durch die Regal- reihen der Abteilung für deut- sche Literatur. Es riecht nach frischen Büchern, es ist still, au- ßer uns niemand da. In den neu eingestellten Werken steckt je- weils ein Zettel mit Barcode und zehnstelliger Registriernummer. Wer künftig auf dem Kapitols- Hügel in Washington „Luthers musikalische Erben in Westfa- len“ lesen will oder die „Beiträge zur deutschen Sprache in Rumä- nien aus variationslinguistischer Sicht“ – willkommen in der Li-

brary of Congress! „Wir stellen fast alles ein aus den Gebieten Soziologie, Wirt- schaft, Politik, Geschichte, Theo- logie, Literatur“, sagt Maier, auch Zeitschriften. „Wir haben jedes Buch, das ein Mitglied des Kongresses interessieren könn- te.“ Nach Englisch seien die meisten Bücher der Bibliothek auf Deutsch verfasst, „wir bear- beiten fast in jeder Sprache“. Maier führt in einen weiteren Großraum voller Regale und neuer Literatur. Wir stehen in der „Mongolia book section“, kurz darauf in China. „Schauen Sie“, sagt Maier, zieht einen Band aus dem Regal „ganz wun-

DIE WELT KOMPAKT

FREITAG, 26. APRIL 2019

„Ich habe immer deutsch gedacht, gegessen, gelebt“, sagt Kurt Maier DANIEL FRIEDRICH STURM
„Ich habe immer deutsch
gedacht, gegessen, gelebt“,
sagt Kurt Maier
DANIEL FRIEDRICH STURM

Der deutsche Büchernarrvom CapitolHill

Kurt Maier, 88, arbeitet in der deutschen Abteilung der amerikanischen Kongressbibliothek. Der gebürtige Badener überlebte ein Nazi-Internierungslager und reist bis heute als Zeitzeuge in seine Heimat

P ICTURE ALLIANCE/ JOKER/ DPA/ HADY KHANDANI
P ICTURE ALLIANCE/ JOKER/ DPA/ HADY KHANDANI

D ie Kongressbibliothek (hier der Blick in den Hauptlesesaal) ist ein imposantes Bauwerk in Washington

D IE WELT KOMPAKT

derbare Drucke.“ Früher seien sie oft gebröckelt, jetzt aber „fantastisch gebunden“. „Mögen Sie einen Pfeffer- minztee?“, fragt Maier, setzt Wasser auf, und kurz darauf zie- hen wir uns zu seinem Schreib- tisch zurück. „Wir haben auch ei- ne Sammlung alter Telefonbü- cher hier“, erzählt er, unter an- derem aus Kippenheim im Schwarzwald, aus den 1920er- Jahren, darin findet sich Lazarus Maier, sein Großvater, samt Te- lefonnummer. Damit ist Kurt Maier bei sei- ner eigenen Biografie, ein außer- gewöhnliches Leben mit schwe- ren Jugendjahren. „Ich wurde am 4. Mai 1930 geboren“, sagt Maier, fügt in seiner ansteckenden Grundfröhlichkeit hinzu: „Alle Kollegen im Großraum kennen das Datum – immer, wenn ein Arzt anruft, der Apotheker, die Klinik, sage ich: May, 4th, 1930.“ In Kippenheim besucht Maier bis 1938 die Volksschule. „Dass ich Jude war, spielte nie eine Rol- le, die Lehrer waren keine Na- zis“, erinnert er sich. Mit der Po- gromnacht endet die idyllische Geborgenheit. Der Pöbel johlt auf den Straßen, Menschen zer- schlagen mit Steinen die Fenster in Maiers Haus, seine Mutter hört, wie geplündert wird. Kurt Maier versteckt sich im Dachge- schoss, unter einer Emaille-Ba- dewanne. Nach dem 9. November 1938 muss Maier eine jüdische Schule in Freiburg besuchen, kehrt nur am Wochenende nach Kippen- heim zurück. „Braune Hemden waren überall zu sehen, in den deutschen Restaurants stießen sie mit Bier auf den Führer an“, sagt Maier. Aber er erinnert sich auch an kleine Freuden, wie je- nen Kellner, der ihm ausgerech- net an Hitlers Geburtstag eine koschere Wurst servierte. „Wir“, Kurt Maier, samt Vater, Mutter, Bruder, „warteten auf die Emi- gration“, sagt er. Die Maiers hat- ten Verwandte in Texas, wandten sich früh an das amerikanische Konsulat in Stuttgart. Doch da war zunächst der 22. Oktober 1940, den Maier nie ver- gessen wird. An jenem Tag wur- den 5600 Menschen jüdischer Abstammung oder Religionszu- gehörigkeit aus Baden zwangsde- portiert – früher als anderswo, weit vor der Wannsee-Konfe- renz. „Wir hatten zwei, drei Stunden Zeit, unsere Koffer zu packen, wurden mit einem Mili- tärlaster abgeholt“, sagt Maier. Es ging erst nach Offenbach, über den Rhein in das besetzte Frankreich, mit dem Zug zwei Tage lang bis fast an die spani- sche Grenze. Erst jüngst besuchte Kurt Mai- er den Deportiertenfriedhof in Gurs, hielt dort eine Ansprache. Im Internierungslager Gurs in den Pyrenäen hatten die Maiers in Holzbaracken, hinter Stachel- draht hausen müssen. Es regne- te, Ratten liefen herum, das Es- sen war miserabel. „Helft uns“, appellierten die Maiers an ihre Verwandten in Texas, die wand- ten sich an das amerikanische

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P OLITIK 7

Deutschland an Büchern hier an- kommt.“ Er ist stolz auf seine Kongress- bibliothek, zumal das deutsch- sprachige Erbe, das sie bewahrt. „We have a lot of books from He- gel“, sagt er, verweist auch auf die große Sigmund-Freud-Sammlung. Um genug Zeit zum Lesen zu haben, wird Kurt Maier weiter täglich in die Bibliothek kom- men. Während er werktags um sieben Uhr am Schreibtisch sitzt, trifft er am Samstag später ein, nach dem Besuch der Synagoge in Georgetown. „Ich bin gläubi- ger, orthodoxer Jude. Aber ich darf in der Synagoge nicht erzäh- len, dass ich später zum Arbeits- platz gehe“, sagt er augenzwin- kernd, „denn sonst gilt der Sab- bat nicht.“ Immer wieder betont Maier, wie schnell die Zeit verge- he. Das klingt, als wolle er jede Stunde, jeden Tag, den er hat, nutzen, mit seinem Fleiß, vor al- lem aber seinem Wissensdurst, seiner Neugier. „Ich habe keine Angst vor dem Sterben“, sagt Kurt Maier, „es tut mir nur leid, dass ich dann die neuen Bücher verpasse.“

FREITAG, 26. APRIL 2019

Außenministerium. Im US-Kon- sulat in Marseille ergatterten die Maiers die ersehnten amerikani- schen Visa. Sie konnten dem La- ger, das für viele Insassen nur ei- ne Zwischenstation nach Ausch- witz war, entkommen. Per Schiff ging es über Gibral- tar nach Casablanca, wo sie nach ein paar Wochen im Juli 1941 die portugiesische „Nyassa“ nach New York bestiegen. „Es war al- les Glückssache“, sagt Kurt Mai- er 77 Jahre später, während er ei- ne Kopie der Passagierliste aus dem Schreibtisch nestelt. Unter dem 26. Juli 1941 sind da ver- merkt: Maier – Siegfried, Char- lotte, Heinz, Kurt. An die An- kunft in New York erinnert er sich genau. „Ich bekomme bis heute eine Gänsehaut, wenn ich meinen Pass zeigen muss“, sagt Maier, „es ist dasselbe Gefühl wie damals. Es geht nicht weg.“ „Wolkenkratzer“ – ist seine erste Assoziation von New York. Bei Verwandten kamen sie unter, fühlten sich sogleich wohl in der jüdischen Gemeinde. „Es gab hier so viele deutsche Juden! Ko- schere Geschäfte, eine Bäckerei, gute deutsche koschere Wurst.“ Kurt arbeitete im Supermarkt, trug Pakete aus, manchmal für einen Nickel. Er besuchte die Pu- blic School, eine Klasse für Aus- länder, mit Finnen, Chinesen, anderen, dann die Highschool. Er und sein Bruder wurden aus- gelacht, wegen ihres Dialekts, wegen ihrer Knickerbockerho- sen, als „deutsche Spione“ ver- dächtigt. Als Sandwichverkäufer ver- diente Kurt Maier jahrelang Geld, „beim Vorläufer von McDonald’s“, sagt er. In Maiers Augen lebt eine stete Wachheit. Er ist stets bei der Sache, prä- sent, fröhlich, dann wieder ernst. Manchmal wirkt es so, als könne er, seit 1947 amerikanischer Staatsbürger, sein Lebensglück kaum fassen. „Ich bin in Deutschland schon Panzer gefahren“, sagt er mitten im Gespräch, erzählt von seinem Dienst als amerikanischer Soldat in Baumholder/Hunsrück, von 1952 bis 1954, vom Wirtschafts- wunder. Hatten Sie keine Hem- mung, nach Deutschland zu ge- hen, so kurz nach dem Ende der Naziherrschaft? „Nein“, sagt Maier, „niemals.“ In Bonn, im Geburtshaus Beethovens, „habe ich geweint, als ich Beethovens Klavier sah“. Anders als sein Bru- der Heinz, der sich in den USA Harry nannte, behielt Kurt Maier seinen Namen, „I like it“. „Wir sprachen zu Hause im- mer Deutsch, nicht Englisch“, er- innert sich der Mann, der heute manchmal binnen eines Satzes zwischen beiden Sprachen wech- selt. Während seine Eltern nie wieder nach Deutschland reisten, nahm Kurt Maier das emotionale Wagnis an, besuchte seinen Kind- heitsort Kippenheim, traf die Or- densschwester Carola, die sich um ihn als kranken Jungen ge- kümmert hatte. „Ich weine jetzt noch, wenn ich an die katholische Schwester denke.“ Zum 78. Jah- restag der Deportation der badi-

schen Juden besuchte Maier En- de Oktober erneut seine alte Hei- mat. Einmal im Jahr reist er hier- her, seit fast zwei Jahrzehnten, spricht in Deutschland als Zeit- zeuge mit Schulklassen, vor Kir- chengemeinden – über Antisemi- tismus und sein eigenes Leben. In den USA besuchte Kurt Maier nach dem Wehrdienst ein College, arbeitete parallel nachts acht Stunden lang bei der Post. Mit einem Stipendium für Solda- ten konnte er Deutsch und Ge- schichte an der Columbia Uni- versity studieren. Hier lernte er seine spätere Ehefrau kennen, die 2007 gestorben ist. Wie sehr seine eigene Ge- schichte sein Denken, sein wis- senschaftliches und berufliches Wirken prägt, lässt sich an Dok- torarbeit und erster fester An- stellung ablesen. In seiner Dis- sertation untersucht Maier das Bild von Juden in der deutschen Nachkriegsliteratur. Nachdem er Deutsch auf Stundenbasis („I couldn’t get a feste Stelle“) un- terrichtete, begann er, am Leo Baeck Institute in New York zu arbeiten, in dessen Bibliothek,

als Katalogisierer. „Ich habe im- mer deutsch gedacht, gegessen, gelebt. Baden ist meine Heimat, ich bin nie richtig Amerikaner geworden.“ Wer ihn in seinem liebenswer- ten leicht badischen Dialekt hört, wie er vom Schwarzwald schwärmt, dem Wein und dem Essen der Region, kann das nach- empfinden. Viel spricht Maier von der zerstörten jüdischen Kultur in Deutschland, den jüdi- schen Gemeinden in kleinen Or- ten – als ein selbstverständlicher Teil. Diese ihm geraubte Heimat vermisst er, auch wenn jüdisches Leben in Deutschland wieder aufblüht. Als Maier von einem freien Posten in der deutschen Abtei- lung der Kongressbibliothek er- fuhr, kämpfte er geradezu da- rum. Anfang 1978 hatte er die Zu- sage. Heute sei er einer der ältes- ten Angestellten der Regierung, sagt Kurt Maier mit einem Lä- cheln im Gesicht. „Vielleicht mit 90“, pariert er die Frage, ob er ans Aufhören denke. Seine ei- gentliche Antwort aber lautet:

„Es ist so erstaunlich, was aus

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die Frage, ob er ans Aufhören denke. Seine ei- gentliche Antwort aber lautet: „Es ist so

A FP / ALEXEY NIKOLSKY

A FP / ALEXEY NIKOLSKY

8 P OLITIK

Macron kündigt Senkung der Steuern an

N ach einer monatelangen Bürgerdebatte hat

Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron eine deutli- che Senkung der Einkommen- steuer angekündigt. Es gehe um Erleichterungen „für diejeni- gen, die arbeiten“, sagte Ma- cron am Donnerstag in Paris. Der 41-Jährige sagte weiter, dass bis 2022 keine Kranken- häuser und Schulen im Land ge- schlossen werden sollen. Der seit knapp zwei Jahren amtie- rende Macron hatte mit der Bürgerdebatte auf die Dauer- proteste der „Gelbwesten“ rea- giert. Die Demonstrationen der „Gelbwesten“ hatten die bisher größte politische Krise in Ma- crons Amtszeit ausgelöst.

Free

them all

E s war immer schon ein persönliches Wagnis, in

der Türkei für die pro- kurdische Nachrichtenagentur Diha zu schreiben. Von Anfang 2015 bis Mai 2016 wurden zwölf ihrer Journalisten verhaftet, im Juni 2016 zählte die Agentur zu den Medien, die unter den Not- standsgesetzen nach dem ge- scheiterten Putschversuch von

# Free t hem a ll Mehmet Siddik Damar
# Free
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Mehmet Siddik Damar

der Regierung geschlossen wur- den. Den früheren Diha-Repor- ter Mehmet Siddik Damar ereilte sein Schicksal Anfang Mai: Ein Istanbuler Gericht schmetterte seinen Appell ab und bekräftigte eine zweiein- halbjährige Haftstrafe. Er wur- de festgenommen und ins Ge- fängnis gebracht. Der Grund:

„Terrorpropaganda“. Konkret wurden ihm Formulierungen in sozialen Medien vorgeworfen, die Sympathie mit der kurdi- schen Terrororganisation PKK verrieten, vor allem aber seine journalistische Arbeit. 2015 hat- te die Regierung in mehreren kurdisch bevölkerten Städten des Südostens Ausgangssperren verhängt. Zahlreiche Zivilisten starben beim harten Vorgehen der Armee. Damar gehörte zu den wenigen Journalisten, die berichteten, was in den abgerie- gelten Orten passierte. Er sitzt nach wie vor hinter Gittern. In der Rangliste der Presse- freiheit von Reporter ohne Grenzen belegt die Türkei un- ter 180 Ländern Platz 157.

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Wie Putin Kim düpiert

Das Treffen des russischen Präsidenten mit Nordkoreas Staatschef verläuft nicht ohne Spannungen. Das merkt der Herrscher aus Pjöngjang spätestens in dem Moment, in dem Putin sich zu dessen Atomprogramm äußert

I st das einfach nur ein Missge- schick oder schon Absicht? Wie schon im chinesisch-vi- etnamesischen Grenzort vor dem Gipfel mit US-Präsident Do- nald Trump in Hanoi kam Kims Sonderzug auch im Bahnhof Wla- diwostok bei der Ankunft nicht zentimetergenau am roten Tep- pich zum Stehen.

V ON TORSTEN KRAUEL

Wieder standen Kims Leib- wächter vor laufender Kamera ratlos da, bis der Zug schließlich zurücksetzte. Immerhin verfehl- te der Lokführer den Haltepunkt diesmal nur um einen Meter statt wie in Vietnam um eine halbe Waggonlänge – aber Kims bulli- ger Sicherheitschef sah auf dem Bahnsteig nicht belustigt aus. Kleine Gesten erhalten die Freundschaft, das weiß auch Wladimir Putin. Und so fuhr Russlands Präsident tags darauf am Tagungsgebäude nicht mit seiner nagelneuen Aurus-Staats- limousine vor, sondern wie Kim Jong-un in einer langen Merce-

des S-Klasse. Putin begab sich auf automobile Augenhöhe protokol- larisch herab zu dem Nordkorea- ner, von gleich zu gleich. Um das noch zu unterstreichen, kam er nicht wie sonst bei internationa- len Terminen demonstrativ zu spät, sondern eine halbe Stunde zu früh. Ein geschickter Schach- zug. Putin hatte seine ganze Macht ja schon im Herbst in Sibi- rien demonstriert, mit den größ- ten russischen Manövern seit dem Zweiten Weltkrieg. Er hat 2018 auch Iskander-Raketen im Fernen Osten stationiert, in Kims Rücken. Als Putin nach dem drei Stunden währenden „offenen, bedeutungsvollen Ge- spräch“ (so Kim Jong-uns Resü- mee) sagte, Nordkorea benötige eine multilateral vereinbarte Si- cherheitsgarantie, konnte er da- rauf bauen, dass alle Welt weiß:

Russland kann zu Nordkoreas Si- cherheit beitragen. Es war der Balsam in Putins Bilanz. Pfeffer hatte er auch da- bei. Es gehe hier, sagte Putin, um „ein regionales Atomproblem“, und das war nun demonstrativ nicht auf Augenhöhe mit Kim ge- sprochen. Wie hatte Putin sich aufgeregt, als Barack Obama Russland vor einigen Jahren als „Regionalmacht“ bezeichnet hat- te! Und wie hat Kim Jong-un sich aufgeregt, als Trump zu Monats-

beginn im Pazifik den Abschuss einer Interkontinentalrakete hat- te proben lassen, der einzigen Weltmachtwaffe, die Kim besitzt. In seiner großen Ansprache vor Nordkoreas Scheinparlament am 12. April war der Diktator geson- dert auf diesen Test eingegangen. Er stufte ihn als „feindlichen Akt“ ein, bezeichnete ihn explizit als simulierten Abschuss einer nordkoreanischen Waffe und war so sehr verärgert, dass er den An- fang Mai 2018 verkündeten allge- meinen nordkoreanischen Test- stopp für Atomwaffen und Rake- ten einschränkend präzisierte. Der Teststopp umfasse Atomwaf- fen „und Interkontinentalrake- ten“. Feindliche Akte, hatte Kim ominös hinzugesetzt, seien wie Wind, der „Sturmwogen hervor- bringt“. Und jetzt sagt Putin leichthin, Nordkorea sei ein „re- gionales Atomproblem“? Er hoffe, hatte Kim am Mitt- woch bei seiner Ankunft im nordkoreanisch-russischen Grenzbahnhof Chasan mit hör- barem Keuchen gesagt, die Ge- spräche würden „fruchtbar und erfolgreich“ sein. Nun waren sie zunächst nur „offen und bedeu- tungsvoll“. Das Keuchen, die An- zeichen von Kurzatmigkeit selbst nur beim Sprechen zeugte von der gesundheitlichen Last, die Kim sich mit seiner Leibesfülle aufbürdet, um seinem Großvater, dem Staatsgründer Kim Il-sung, äußerlich möglichst ähnlich zu sein. Großvater Kim hatte auf Äquidistanz zu China und Russ- land geachtet, Amerika militä- risch immer wieder provoziert und versucht, in der Bewegung der blockfreien Staaten eine weltpolitische Rolle einzuneh- men. Sein Enkel ist gerade wie- der dabei, Amerika zu provozie- ren. Die neuen südkoreanisch- amerikanischen Manöver seien ebenfalls ein feindlicher Akt, hat- te er am 12. April gesagt. Vergan- gene Woche fügte die neue Erste Vizeaußenministerin Choe Son- hui hinzu, solange Mike Pompeo und John Bolton im Amt seien, habe ein dritter Gipfel mit Trump kaum Sinn. Am Donners- tag ließ Kim durch einen offiziel- len Sprecher die Kritik an den Manövern in Südkorea wiederho- len. Wieder fiel der Satz vom Wind, der Sturmwogen auftürme – während des Gipfels mit Putin und 48 Stunden vor dem ersten Jahrestag des innerkoreanischen Gipfels von Panmunjom, auf dem

DIE WELT KOMPAKT

FREITAG, 26. APRIL 2019

Panmunjom, auf dem DIE WELT KOMPAKT FREITAG, 26. APRIL 2019 Putin verliest seine Tischrede, der prominente

Putin verliest seine Tischrede, der prominente Gast aus Nordkorea neben ihm scheint etwas entrückt. In Geberlaune: Wladimir Putin und Kim Jong-un tauschen Geschenke aus (u.)

Wladimir Putin und Kim Jong-un tauschen Geschenke aus (u.) Nicht immer geht es in Wladiwostok so
Wladimir Putin und Kim Jong-un tauschen Geschenke aus (u.) Nicht immer geht es in Wladiwostok so

Nicht immer geht es in Wladiwostok so freundschaftlich zwischen Kim (l.) und Putin zu, wie dieses Bild suggeriert

A P / ALEXEI NIKOLSKY

D PA / SERGEI CHUZAVKOV

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DIE WELT KOMPAKT

FREITAG, 26. APRIL 2019

P OLITIK 9

DIE WELT KOMPAKT FREITAG, 26. APRIL 2019 P OLITIK 9 Kim und Südkoreas Präsident Moon Jae-in

Kim und Südkoreas Präsident Moon Jae-in eine neue Friedens- ära in Aussicht gestellt hatten. Als habe Kim Putin ohne Wor- te zurechtweisen wollen, war Pjöngjangs Chefverhandler mit den USA, Kim Yong-chol, in Wla- diwostok nicht mit von der Par- tie. Kim Yong-chol, heißt es zwar, sei kürzlich entmachtet und als Direktor der Südkorea- Abteilung der kommunistischen Partei abgelöst worden. Seit Mit- te April aber sitzt das Politbüro- mitglied zusätzlich im höchsten Staatsgremium Nordkoreas, der Staatskommission. Beim Grup- penbild beider Gremien stand er dicht neben Kim Jong-un. Das deutet nicht auf Machtverlust, sondern auf Aufgabenkonzentra- tion hin. Sein Fernbleiben war für Putin eher das Signal: In der Rüstungsfrage konsultiert Kim gerne auch den Kreml – aber die Entscheidung fällt zwischen Pjöngjang und Washington. Ein Status als Regionalmacht ver- trägt sich nicht mit Kim Jong- uns Anspruch. Aber Putin war auch nicht nach Wladiwostok ge- flogen, um Kim zu schmeicheln. Er lobte ihn nach dem Treffen zwar als „offenen, fairen, sehr in- teressanten Gesprächspartner mit Substanz“. Aber die Körper- sprache beider blieb hölzern. Pu- tins Sprecher Dmitri Peskow hatte am Vorabend nüchtern konstatiert: „Persönliche Che- mie kann helfen, aber garantiert kein volles Einvernehmen.“ Es gehe um „die gegenseitige Be- rücksichtigung der Interessen

beider Seiten und um gegenseiti- ges Vertrauen“. Die Lage ist ja auch viel zu kom- pliziert, um sie auf persönliche Sympathien zu gründen. Das gro- ße Weltbild sieht für Putin beun- ruhigend aus. Im Westen kommt es um die Ukraine und die Pipe- line Nord Stream 2 bald zum Ent- scheidungskampf. Im Süden steu- ern die USA und der Iran auf einen Konflikt zu. Indien und Pakistan stehen seit Wochen am Rand eines Krieges. Den noch größeren Riva- len China beehrte Indien am Wo- chenanfang, indem es Kriegsschif- fe zur Flottenparade am 70. Jah- restag der chinesischen Volksma- rine entsandte. Die Feier glich ein wenig den Marineparaden euro- päischer Großmächte bei briti- schen Königskrönungen im frü- hen 20. Jahrhundert: Man zeigt sich galant die Zähne. Die USA ge- hen in ihrer Militärdoktrin wieder von Großmachtrivalitäten als Be- drohungskern aus. In solcher Ge- samtlage erscheint es Putin wohl ratsam, wenigstens Nordkorea einzubinden, und sei es durch dreiseitige Wirtschaftsprojekte beider Koreas mit Russland. Das hat Putin vorgeschlagen, und den Sekretär seines Sicherheitsrates, Nikolai Patruschew, am Tag des Gipfels mit Kim nach Seoul zu Präsident Moon Jae-in gesandt. Putin möchte Ruhe an seiner Fernostgrenze haben. Für die Hoffnung, etwas bewirken zu können, erscheint er zum Gipfel- termin gerne zu früh. Ob es dafür schon zu spät ist, darüber ent- scheiden Kim und Trump.

Moskau will Selenski mit Pass-Erlass unter Druck setzen

Ukrainer aus besetzten Gebieten im Osten werden schneller eingebürgert

N ach dem Wahlsieg Wla- dimir Selenskis am ver-

gangenen Sonntag ha- ben viele Staatschefs dem künftigen Präsidenten der Ukraine gratuliert: Bundes- kanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Staatspräsident Emanuel Macron, US-Präsi- dent Donald Trump und selbst Alexander Lukaschenko, der Autokrat des Nachbarlands Weissrussland, übermittelte seine Glückwünsche.

V ON PAVEL LOKSHIN

Ein großer Akteur der Welt- politik jedoch zog es vor, auf solche Höflichkeiten zu ver- zichten. Wenige Tage nach der ukrainischen Stichwahl ent- schied sich Russlands Präsident Wladimir Putin für eine andere Art der Kommunikation. Statt diplomatische Sätze nach Kiew zu schicken, demonstrierte der Kreml-Herr seine Macht. Am Mittwoch unterzeichnete Putin eine brisante Weisung an das russische Innenministerium. Aus „humanitären Gründen“ sollen russische Behörden von nun an Bewohnern „bestimm- ter Bezirke der ukrainischen Gebiete Donezk und Luhansk“ auf Antrag im Schnellverfahren die russische Staatsbürger- schaft gewähren. Für Personen aus diesen von prorussischen Separatisten be- herrschten Gebieten gelten die üblichen Regeln nicht: weder die fünfjährige Residenzpflicht in Russland noch die Teilnahme am langwierigen und bürokrati- schen Rückkehrprogramm für „Landsleute“ aus der ehemali- gen Sowjetunion. Auch einen Russischtest müssen sie nicht ablegen. Im Klartext heißt das: Der Kreml-Herr will die Menschen in den selbsternannten „Volks- republiken“ in der Ostukraine nun zu Russen erklären. Seine umständliche Formulierung hält sich oberflächlich an die Sprache der Minsker Vereinba- rungen. Moskau unterstützt die abtrünnigen Gebiete zwar, hat sie aber nicht als unabhän- gig anerkannt. Dennoch könnte Putins Schritt den Minsker Pfad zur Befriedung in der Os- tukraine vollends obsolet ma- chen. Putin scheint nun einem alt- bekannten Muster zu folgen: In den abtrünnigen georgischen Gebieten Abchasien und Südos- setien bildete die massenhafte Einbürgerung durch russische Behörden die Vorstufe für Russ- lands Invasion im Georgien- krieg von 2008. Damals gab Russland vor, seine Staatsbür- ger zu schützen. Anschließend hat Moskau die beiden georgi- schen Territorien als unabhän-

gige Staaten anerkannt. Das könnte nun auch in den „Volks- republiken“ drohen. Putins Begründung für die Vergabe der Pässe klang eigen- tümlich: Man wollte zwar „kei- ne Probleme für die neue ukrai- nische Staatsmacht“ schaffen, könne aber nicht länger die Si- tuation dulden, in der die Be- wohner der abtrünnigen Gebie- te innerhalb der Ukraine „Bür- gerrechte verwehrt“ würden. Das hat Moskau freilich fünf Jahre lang beklagt, ohne zu gro- ßen Schritten zu greifen. Das Recht, solche humanitären Ak- tionen anzuordnen, hat Russ-

Recht, solche humanitären Ak- tionen anzuordnen, hat Russ- Wladimir Selenski wird neuer Präsident der Ukraine –

Wladimir Selenski wird neuer Präsident der Ukraine – aber kann er sich auch gegen den mächtigen Nachbarn Russland durchsetzen?

lands Präsident erst nach einer Gesetzesänderung vom Dezem- ber letzten Jahres bekommen. Trotz Putins versöhnlicher Rhetorik schafft er in Wirklich- keit ein großes Problem für die Ukraine, denn mit der Vergabe der russischen Pässe friert er den Konflikt nur weiter ein – und lässt die Wiederherstel- lung der Autorität Kiews über die de facto von Russland be- setzten Gebiete weiter in die Ferne rücken. Die Führung der „Volksrepu- bliken“ begrüßte den Schritt, dagegen kritisierten sowohl der scheidende ukrainische Präsi- dent Petro Poroschenko als auch sein Nachfolger Wladimir Selenski Putins Vorgehen. Mit dem Pass-Erlass verstoße Russ- land gegen internationales Recht, sagte Poroschenko. In Selenskis Stab warf man Putin vor, Krieg gegen die Ukraine zu führen. Die Führung in Kiew rief die Ukrainer in den beset- zen Gebieten dazu auf, keine

Anträge auf Einbürgerung in Russland zu stellen. Doch was bezweckt Putin wirklich mit seinem Vorstoß? Bereitet er die Annexion der selbsterklärten „Volksrepubli- ken“ vor, oder will er deren Be- wohner nach Russland locken? Fest steht, dass er die Ausstel- lung der Pässe als Druckmittel nutzen will, um der neuem Füh- rung in Kiew Zugeständnisse abzuringen, etwa direkte Ge- spräche mit der jeweiligen Füh- rung der „Volksrepubliken“. Bleibt die Frage, ob Moskau wirklich massenhaft einbürgern will. Die Ungewissheit ist hier Teil der Kreml-Strategie. Wenn Putin in den nächsten Monaten wirklich die gesamte verbliebe- ne ukrainische Bevölkerung der

„Volks-

republiken“ zu russischen Staatsbürgern machte, ginge es je nach Quelle um 2,7 bis 3,5 Millionen Menschen. Ukraini- sche Behörden füshren niedri- gere Zahlen an, die Separatisten höhere. Wie man auch zählt, ei- ne solche Einbürgerungswelle käme einer Annexion gleich. Das wäre für Kiew ein Horror- szenario. Was dafür spricht:

Das russische Innenministeri- um hat angekündigt, bei der Ausstellung der Pässe mit den Behörden der „Volksrepubli- ken“ zu kooperieren. Demnach müssten die Ukrainer nicht bei russischen Behörden vorstellig werden. Die Anträge werden vor Ort eingesammelt, ausge- stellt werden die Pässe dann in der russischen Grenzregion Rostow. Vorstellbar wäre allerdings, dass Putin nur jene Ukrainer aus Militär und Verwaltung der international nicht anerkann- ten „Volksrepubliken“ einbür- gern will, die auf der Seite der von Moskau gesteuerten Sepa- ratisten gekämpft oder mit ih- nen kollaboriert haben. So könnte der Kreml sie im Falle der friedlichen Lösung des Kon- flikts in Russland aufnehmen und vor möglicher Strafverfol- gung in der Ukraine schützen. Auf letzteres könnte hindeu- ten, dass Putin in seiner Anord- nung voraussetzt, dass Antrag- steller Ausweisdokumente der „Volksrepublik Donezk“ oder der „Volksrepublik Luhansk“ vorlegen, also Pässe, die von den Behörden der Separatisten ausgestellt wurden. Diese hat Russland vor zwei Jahren als rechtsgültige Dokumente aner- kannt, angeblich nur vorüber- gehend. Über solche Pässe ver- fügt bislang eine kleine Min- derheit der Bewohner der ab- trünnigen Gebiete, etwa 250.000 Menschen. Dabei han- delt es sich vielfach um Beam- te, Militärs und Verwaltungs- mitarbeiter.

PICTURE ALLIANCE/ DPA/ FRANK RUMPENHORST

WIRTSCHAFT

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FREITAG, 26. APRIL 2019

SEITE 10

Facebook stellt Milliarden zurück

F acebook rechnet damit, dass die jüngsten Da-

tenschutzskandale das Online-Netzwerk bis zu fünf Milliarden Dollar kosten wer- den. Im Zusammenhang mit entsprechenden Ermittlun- gen der US-Handelsbehörde FTC legte Facebook im ver- gangenen Quartal bereits drei Milliarden Dollar für mögli- che Strafzahlungen beiseite. Insgesamt könne die Belas- tung auch fünf Milliarden Dollar erreichen, erklärte das Unternehmen. Die Ermittlun- gen der FTC können zum Bei- spiel mit einer Strafe oder ei- nem Vergleich enden. Auslö- ser für die Untersuchung war vor allem der Skandal um Cambridge Analytica. Face-

book kann einen solchen Be- trag leicht verdauen – das On- line-Netzwerk hat Geldreser- ven von über 45 Milliarden Dollar. Die Anleger zeigten sich entspannt.

FINANZMÄRKTE

DATEN VON

Die Anleger zeigten sich entspannt. FINANZMÄRKTE DATEN VON Marktstimmung in Deutschland gemessen am Angst-Index VDax -

Marktstimmung in Deutschland gemessen am Angst-Index VDax

Marktstimmung in Deutschland gemessen am Angst-Index VDax - Aktuell - Vorheriger Handelstag W Euphorie W
- Aktuell - Vorheriger Handelstag W Euphorie W Niedergeschlagenheit W Beschwingtheit W Verzweiflung W
- Aktuell
- Vorheriger Handelstag
W Euphorie
W Niedergeschlagenheit
W Beschwingtheit
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W Gleichgültigkeit
Dax
Euro-Stoxx-50
Punkte
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25.04 .
12282,60,
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DAX

Name Schluss +/- 52 Wochen 25.04. % Hoch Tief Adidas NA 228,75 -0,85 232,5 178,2
Name
Schluss
+/- 52 Wochen
25.04.
% Hoch
Tief
Adidas NA
228,75
-0,85
232,5
178,2
Allianz vNA
213,30
+0,64
215,0
170,1
BASF NA
72,76
-0,56
90,02
57,35
Bayer NA
61,04
+1,40
103,7
54,48
Beiersdorf
93,74
+0,41
103,3
80,60
BMW St
75,78
-0,90
93,87
67,73
Continental
149,02
-1,56
229,4
118,3
Covestro
50,50
-1,41
83,98
41,42
Daimler NA
57,70
-1,27
68,64
44,51
Deutsche Bank NA
7,48
-1,49
11,90
6,68
Deutsche Börse NA
117,80
-0,76
121,2
102,4
Deutsche Post NA
31,03
-0,11
37,23
23,36
Deutsche Telekom NA 14,92
+0,65
15,88
13,07
E.ON NA
9,67
+0,69
10,14
8,16
Fresenius
49,53
-1,38
71,36
38,28
Fresenius M. C. St.
71,74
-0,31
91,74
55,44
HeidelbergCement
71,82
-1,21
85,26
51,84
Henkel Vz.
88,78
-0,16
113,8
82,86
Infineon NA
21,21
-0,86
25,76
15,76
Linde PLC
158,05
-0,82
165,7
130,8
Lufthansa vNA
22,06
+0,23
25,54
17,05
Merck
95,12
-1,00
102,9
79,26
Münch. Rück vNA
222,60
+0,68
223,2
174,9
RWE St.
22,61
-0,66
24,54
16,78
SAP
115,04
+0,37
116,3
83,95
Siemens NA
105,64
+0,02
121,7
90,85
thyssenkrupp
13,05
+1,48
24,10
11,78
Volkswagen Vz.
155,46
-1,30
178,1
131,4
Vonovia NA
44,93
-0,75
47,28
38,07
Wirecard
129,00
-3,73
199,0
86,00
-0,75 47,28 38,07 Wirecard 129,00 -3,73 199,0 86,00 B leiben wohl getrennt: Die Zentralen von Deutsche

B leiben wohl getrennt: Die Zentralen von Deutsche Bank und Commerzbank

Geplatzte Bankenfusion:

Heftige Kritik an Scholz

Er galt als Befürworter des Zusammenschlusses von Deutscher Bank und Commerzbank. Mit „amateurhaftem Agieren“ habe der Minister „kolossalen Schaden angerichtet“, so die Opposition

F ür Olaf Scholz (SPD)

Nach-

ist es eine mehr als

unangenehme

richt: Die Fusion von Deutscher Bank und Com- merzbank ist geplatzt – ein Projekt, für das sich der Fi- nanzminister ungewöhnlich weit aus dem Fenster gelehnt hatte. Am Donnerstag kom-

mentierte er die Entscheidung

dann auch nur noch zurückhal- tend. „Solche Kooperationen machen nur Sinn, wenn sie sich betriebswirtschaftlich rechnen und auf ein belastbares Ge- schäftsmodell zusteuern“, er- klärte der Vizekanzler. Zuvor hatte Scholz immer wieder für starke deutsche Banken gewor-

ben. Aus der Opposition erntet er dafür jetzt scharfe Kritik. Der Finanzminister und sein

Staatssekretär, der ehemalige

Goldman-Sachs-Deutschland-

chef Jörg Kukies, machen sich stark für ein international wettbewerbsfähiges Institut, das mit den großen Banken in den USA mithalten kann. Auch am Donnerstag betonte Scholz:

„Die global agierende deutsche Industrie braucht konkurrenz- fähige Kreditinstitute, die sie in aller Welt begleiten können.“ Bei der Commerzbank hat der Bund ein Mitspracherecht, weil er nach einer Rettungsaktion mit Steuermilliarden mit gut 15 Prozent größter Anteilseigner ist – Scholz hatte aber immer betont, sich nicht in die Ver- handlungen einzumischen. Das sieht die Opposition al- lerdings anders: Scholz habe die Fusion herbeireden wollen

Ver.di begrüßt

Abbruch der

Fusionsgespräche

Die Gewerkschaft Ver.di hat die gescheiterte Fusi- on von Deutscher Bank und Commerzbank be-

grüßt. Die Nachteile hät-

ten „vor allem in Bezug auf die Arbeitsplätze deutlich überwogen“, so Ver.di-Chef Frank Bsirske. Eine Fusion hätte „Zehn- tausende von Arbeits- plätzen gefährdet“. Ver- .di hatte schon während der Sondierungsgesprä- che erklärt, es könnten bis zu 30.000 Jobs weg- fallen.

und „mit seinem amateurhaf- ten Agieren kolossalen Schaden angerichtet“, erklärte der FDP- Finanzpolitiker Florian Toncar. Die Autorität des Ministers in Finanzmarktfragen sei nun be- schädigt. Linke-Fraktionsvize Fabio De Masi bezeichnete den Abbruch der Gespräche als „Se- gen“. Scholz und Kukies hätten verantwortungslos gehandelt, die Banken in eine Fusion quat- schen wollen – „und stehen nun wie der Kaiser ohne Klei- der da“. De Masi sieht die Ge- fahr, eine neue Megabank wäre im Krisenfall nur schwer abzu- wickeln und damit ein hohes Risiko für Steuerzahler. Die Deutsche Bank müsse deshalb

aufgespalten werden, um das Investmentbanking vom Kre- ditgeschäft zu trennen und notfalls kontrolliert abzuwi- ckeln. Auch die Grünen-Finanzex- pertin Lisa Paus stellte die Sta- bilität der Großbanken infrage. „Niemand konnte erklären, wa- rum eine noch größere Risiko- bank Sinn gemacht hätte“, er- klärte sie. Der Spitzenkandidat der Grünen für die Europa- wahl, Sven Giegold, sprach von einer „Klatsche für Olaf Scholz und seinen Größenwahn“. „Es war von Anfang an unverständ- lich, dass Scholz als Sozialde- mokrat diese Megafusion gegen den Willen der Belegschaft durchziehen wollte“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Selbst der Koalitionspartner kritisierte den Finanzminister:

Seine Pläne hätten sich als Rohrkrepierer erwiesen, beton- te der CSU-Finanzpolitiker Hans Michelbach. „Die wirt- schaftliche Vernunft hat über politische Blütenträume von der Bildung nationaler Cham- pions gesiegt“, sagte er. Jetzt könnten sich beide Banken wie- der auf die Lösung ihrer inter- nen Probleme konzentrieren. Die finanzpolitische Spreche- rin der Unionsfraktion, Antje Tillmann (CDU), betonte aber zugleich: „Wenn die Gespräche dazu geführt haben, dass die Verantwortlichen die Potenzia- le und Probleme ihrer jeweili- gen Bank noch gründlicher analysiert haben, dann waren sie nicht umsonst.“

K OMMENTAR

Endlich

Klarheit

ANNE KUNZ

N ach sechs Wochen inten- siver Verhandlungen ist

klar: Auf dem deutschen Bankenmarkt wird es einen na- tionalen Champion – wie ihn ei- nige in Politik und Wirtschaft gern gesehen hätten – auf abseh- bare Zeit nicht geben. Die Fusion von Deutscher Bank und Com- merzbank ist abgeblasen. Eine kluge Entscheidung. Die beiden Geldhäuser hätten durch einen Zusammenschluss nur wenige ih- rer aktuellen Probleme gelöst und dafür zahlreiche zusätzliche geschaffen. Pauschale Kritik an den Beteiligten, allen voran Fi- nanzminister Olaf Scholz, ist un- berechtigt. So soll die Bundesre- gierung die beiden Bankchefs, Christian Sewing und Martin Zielke, zu den Gesprächen ge- drängt haben. Damit hat Scholz die beiden Institute zweifellos beschädigt. Noch nie wurde so klar, wie schwach die beiden ver- bliebenen deutschen Großban- ken sind. Andererseits hatte Scholz den Mut, etwas zu tun, wovor sich seine Vorgänger ge- drückt haben. Sie schauten jahre- lang dem Niedergang der Finanz- industrie zu. Durch die niedrigen Zinsen und schrumpfenden Mar- gen wird die Branche immer stär- ker durch regionale Sparkassen und Genossenschaftsbanken do- miniert. Scholz wollte das än- dern. Er wollte eine große deut- sche Bank mit internationalem Geschäft. Das weltweite Finanz- und Bankenwesen verlange große und starke Akteure, die mit Wett- bewerbern aus den USA oder China auf Augenhöhe sind, glaubt die Bundesregierung. Und davon sind die beiden inländi- schen Großbanken meilenweit entfernt. Die Deutsche Bank steckt seit Jahren in Schwierig- keiten. Die Commerzbank hat so stark an Börsengewicht einge- büßt, dass sie sogar aus dem Dax flog. Doch ergeben zwei Schwa- che einen Starken? Die Politik glaubte an Größe: „Size matters.“ Deutsche-Bank-Chef Sewing sah von Anfang an die großen Ri- siken, doch konnte er es sich nicht leisten, die letzte verbliebe- ne inländische Partnerin für eine Bankenehe unbesehen wegzu- schicken. Das Gute ist: Die inten- sive Prüfung sorgte für Klarheit darüber, wie eine mögliche Zu- kunft der Banken aussehen könn- te – und wie nicht. Das öffnet auch die Tür für eine grenzüber- schreitende Lösung. Möglicher- weise ist die politisch nicht ge- wollt. Aber volkswirtschaftlich würde ein europäischer Champi- on deutlich mehr Sinn ergeben. Hier sind nun die Manager ge- fragt, nicht die Politik.

D PA / KAY NIETFELD

РЕЛИЗ ПОДГОТОВИЛА ГРУППА "What's News" VK.COM/WSNWS

DIE WELT KOMPAKT

FREITAG, 26. APRIL 2019

WIRTSCHAFT 1 1

Automatisierung gefährdet Jobs

Anteil gefährdeter Stellen, in Prozent Hohes Automatisierungsrisiko*

Signifikantes Automatisierungsrisiko**

Signifikantes Automatisierungsrisiko**

50

40

30

20

10

0

Signifikantes Automatisierungsrisiko** 50 40 30 20 10 0 USA OECD Frankreich Italien Deutschland Japan

USA

OECD

Frankreich

Italien

Deutschland

Japan

Veränderungswahrscheinlichkeit: *größer 70 Prozent, ** 50-70 Prozent

Quelle: OECD

Die Beschäftigung hat zugenommen

Anteil der Beschäftigten an der arbeitsfähigen Bevölkerung* in Prozent

an der arbeitsfähigen Bevölkerung* in Prozent 1990 2000 2010 2017 80 70 60 50 40 30

1990

an der arbeitsfähigen Bevölkerung* in Prozent 1990 2000 2010 2017 80 70 60 50 40 30

2000

2010an der arbeitsfähigen Bevölkerung* in Prozent 1990 2000 2017 80 70 60 50 40 30 D

der arbeitsfähigen Bevölkerung* in Prozent 1990 2000 2010 2017 80 70 60 50 40 30 D

2017

80

70

60

50

40

30

in Prozent 1990 2000 2010 2017 80 70 60 50 40 30 D e u t

Deutschland

Japan

USA

OECD

Frankreich

Italien

* Bevölkerung im Alter von 15/16-64 Jahren

Quelle: OECD

„Jeder möchte Deutschland sein“

Infolge des Strukturwandels wird laut OECD jeder zweite Job wegfallen oder sich stark verändern. Die Bundesrepublik hat aber bessere Chancen als andere Staaten

D igitalisierung, Globa- lisierung und der de- mografische Wandel

verändern den Ar- beitsmarkt in einer nie da gewe- senen Geschwindigkeit. Die drei Megatrends betreffen alle Indus-

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erfolgreich.

trie- und Schwellenländer. Doch wie der diesjährige Beschäfti- gungsausblick der Organisation für wirtschaftliche Zusammenar- beit und Entwicklung (OECD) zeigt, trifft der Vormarsch der Roboter Deutschland in den nächsten zwei Jahrzehnten be- sonders dramatisch.

V ON DOROTHEA SIEMS

So können 18 Prozent der hie- sigen Jobs potenziell durch die Automatisierung wegfallen. Für weitere 36 Prozent der Arbeits- plätze erwarten die Experten „disruptive Veränderungen“, so dass nur diejenigen Beschäftig- ten, die sich an die neuen Anfor- derungen anpassen, ihre Jobs auch weiterhin ausüben können. Dass hierzulande mehr Tätigkei- ten von Robotern übernommen werden als in anderen Ländern, liegt an dem nach wie vor hohen

Industrieanteil, der 23 Prozent der deutschen Wirtschaft aus- macht. OECD-Generalsekretär Ángel Gurría mahnte aber bei der Prä- sentation des Berichts in Berlin, dem Wandel der Arbeitswelt nicht mit Angst zu begegnen. Schließlich entstünden auch viele neue Jobs. „Die Arbeit wird uns nicht ausgehen. Und die Menschen, nicht die Ma- schinen werden auch in Zu- kunft die Welt regieren.“ Aller- dings müssten die Arbeits- markt-, die Bildungs- und die Sozialpolitik auf die neuen He- rausforderungen ausgerichtet werden. Deutschland stehe auf- grund der guten Beschäfti- gungslage heute besser da, als fast alle anderen Industrie- und Schwellenländer. Die Erwerbs- quote gehöre zu den höchsten und die Jugendarbeitslosigkeit sei extrem niedrig. Gurría hob zudem die Sozial- partnerschaft sowie die duale Be- rufsausbildung als Standortvor- teile hervor, um den Wandel der Arbeitswelt zu gestalten. „Jeder möchte Deutschland sein“, sagte der OECD-Generalsekretär. Denn im internationalen Ver- gleich zähle das Land zur Spitze. Deutschlands gute Performance sei ein Resultat der Arbeits- marktflexibilisierung im Zuge der Hartz-Reformen. Dadurch habe sich das Land in den ver- gangenen Jahren erfolgreich vom internationalen Trend zuneh- mender Unterbeschäftigung ab- koppeln können, der in vielen Ländern vor allem junge Men- schen und Geringqualifizierte hart treffe. Um erfolgreich zu bleiben, müssten allerdings auch hierzulande „Hausaufgaben erle- digt werden“, unterstrich Gurría.

„Hausaufgaben erle- digt werden“, unterstrich Gurría. OECD-Generalsekretär Ángel Gurría (l.), und

OECD-Generalsekretär Ángel Gurría (l.), und Arbeitsminister Hubertus Heil stellen den neuen Beschäftigungsausblick vor

Vor allem die Weiterbildung der Geringqualifizierten sei zu ver- bessern, weil gerade diese Grup- pe ein besonders hohes Risiko habe, im Zuge der Digitalisierung den Anschluss zu verlieren. Auch fehlt es nach Einschät- zung der OECD vielen Selbst- ständigen an ausreichendem So- zialschutz. Das Gleiche gelte für die hohe Anzahl von Beschäftig- ten, die lediglich eine kleine Teil- zeitstelle haben. Dies betrifft in Deutschland zwölf Prozent aller Beschäftigten, wobei es sich in der Regel um Frauen handelt. Im OECD-Durchschnitt haben nur sieben Prozent der Beschäftig- ten einen kleinen Teilzeitjob. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) kündigte eine umfas- sende Weiterbildungs- und Um- schulungsstrategie an, um die Beschäftigungsfähigkeit aller Ar- beitskräfte im fortschreitenden Strukturwandel zu erhalten. Im Sommer werde er dazu konkrete Vorschläge vorlegen. Geprüft werde, ob alle Arbeit-

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nehmer langfristig einen Rechts- anspruch auf Weiterbildung er- halten sollten. „Wir brauchen ei- ne Kultur des lebenslangen Ler-

nens“, sagte der SPD-Politiker. Die hohen Investitionen der Pri- vatwirtschaft in Qualifizierungs- maßnahmen sollten nicht durch staatliche Fördermittel ver- drängt werden, versicherte der Minister. Es gehe der Bundesre- gierung darum, durch öffentliche Mittel zusätzliche Weiterbil- dungsmaßnahmen anzuregen. Das „Qualifizierungschancenge- setz“, das zum Jahresanfang in Kraft getreten ist, bezeichnete Heil als einen ersten Schritt. Vor allem kleine und mittlere Betrie- be können nun mit Mitteln der Bundesagentur für Arbeit unter- stützt werden. Außerdem wurde ein Rechtsanspruch auf Weiter- bildungsberatung eingeführt. Heil sieht im Zuge der Digita- lisierung nicht nur einzelne Ar- beitsplätze, sondern ganze Wirt- schaftszweige in Gefahr. „Wir müssen uns künftig verstärkt um Beschäftigte kümmern, deren Branche keine Zukunft mehr hat.“ Auch der OECD-Chef be- tonte, dass künftig immer selte- ner ein Beruf ein ganzes Leben lang ausgeübt werde. Nicht nur Jobwechsel, sondern auch Um- schulungen werden damit zum Normalfall. Der Arbeitsminis- ter will Berufsschulen und Uni- versitäten in Zukunft auch für Umschulungen nutzen. Um den Erwerbstätigen solche We- ge zu ebnen, sollten Instru- mente wie die Einführung ei- nes Transfer-Kurzarbeitergel- des geprüft werden. Berufs- schulen könnten als „regionale Kompetenzstellen“ wichtige Funktionen bei der Stärkung der Weiterbildung erfüllen, sagte Heil. „Wir brauchen aber auch einen Kulturwandel.“ Denn für viele Menschen klinge le- benslanges Lernen nicht nach ei-

ner Chance, sondern wie eine Drohung, sagte Heil. In Wirk- lichkeit gehe es um ein Recht des

Beschäftigten auf Qualifizierung,

die einen sozialen Aufstieg er- möglichen könne. Auch die OECD unterstreicht, dass lebenslanges Lernen der Schlüssel für die erfolgreiche Be- wältigung des Strukturwandels ist. In Deutschland gibt es von allen 36 Mitgliedstaaten die größte Kluft zwischen Hochqua- lifizierten und Geringqualifizier- ten bei der Beteiligung an Wei- terbildungsmaßnahmen. Insge- samt bildeten sich laut Studie je- des Jahr 40 Prozent aller Be- schäftigten weiter – ein im inter- nationalen Vergleich relativ ho- her Anteil. Doch während drei von vier Hochqualifizierten an Erwachsenenbildung teilneh- men, tut dies von den Gering- qualifizierten lediglich jeder Vierte. Die Experten empfehlen deshalb eine „aktivere Politik“, damit auch am unteren Ende der Bildungsskala Weiterbildung selbstverständlich wird. Durch die Digitalisierung ver- schwimmt zunehmend die Gren- ze zwischen Selbstständigen und Arbeitnehmern. Die OECD sieht in den Plattformökonomien die Gefahr, dass Beschäftigte ausge- beutet werden. Die OECD plä- diert dafür, auch für Beschäftig- te, die im Graubereich zwischen Selbstständigkeit und Festan- stellung angesiedelt sind, Tarif- bindung und Sozialschutz zu er- möglichen. Wichtig seien kollek- tive Interessenvertretungen wie sie Gewerkschaften böten, heißt es in dem Bericht. Arbeitsminister Heil sieht die geplante Einführung einer Ren- tenversicherungspflicht für Selbstständige als ersten Schritt hin zu einer besseren Absiche- rung der Freiberufler. In Deutschland sind im Gegensatz zu vielen anderen Industrielän-

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macht, dass es auch so bleibt.

dern Selbstständige nicht in die staatliche Alterssicherung einbe- zogen. Allerdings gibt es für Handwerker eine auf 18 Jahre be- grenzte Mindestbeitragszeit in der gesetzlichen Rentenversi- cherung. Etliche Berufsgruppen wie Rechtsanwälte oder Ärzte sind zudem obligatorisch über ihre berufsständischen Versor- gungssysteme abgesichert. Mit der geplanten Versicherungs- pflicht sollen nun auch alle ande- ren Selbstständigen nachweisen müssen, dass sie ausreichend für ihr Alter vorsorgen.