Sie sind auf Seite 1von 11

Heinz Kappes

„Sri Aurobindo´s Gottes-Erfahrung“

Tholey Pfingst-Sonntag, 03. 06. 1979


Heinz Kappes: „Sri Aurobindo´s Gottes-Erfahrung“ 2 von 11

Die Niederschrift des Vortrags folgt dem gesprochenen Wort. Sämtliche Zitate, soweit als solche
erkennbar, wurden in Anführungszeichen gesetzt und die entsprechende Quellenangabe wenn
möglich als Fußnote hinzugefügt.
Während seiner erzwungenen Emigration hatte Heinz Kappes 1944 das Magnum Opus Sri
Aurobindo´s, das „Life Divine“ in einem Antiquariat in Jerusalem entdeckt. „Der Weg zu einem
‚göttlichen Leben auf der Erde‛ ‚zum Reich Gottes Jesu‛ wurde hier in einer überwältigenden
Schau und Sprache gewiesen. Seit dieser Zeit mußte ich geistig und praktisch im ‚Integralen Yoga‛
leben.“
Der Text ist für den Einzelnen bestimmt (oder in Kopie zur persönlichen Weitergabe an Interessier-
te) und darf nicht für kommerzielle Interessen genutzt werden.

„Sri Aurobindo´s Gottes-Erfahrung“


Tholey Pfingst-Sonntag, am 03. 06. 1979
T-0073

Sri Aurobindo ein Wegweiser für unsere Zeit


Das Wort Meister Eckeharts: „Ein Lebemeister frommt mehr, denn tausend Lesemeister“ (und ich
würde hinzusetzen: denn tausend Redemeister) ist von zwei meiner Vorredner zitiert worden.
Wenn wir hier in den Pfingsttagen auf die Stimmen von sechs Lebemeistern aus den verschie-
densten Zeiten, Völkern und Weltanschauungen horchen, soll deren Wort uns treffen: „Folge mir
nach!“
Er hat es gesprochen, der unser aller Meister ist, der Christus Jesus. Er ist „der Herr“, der „Geist“
dieser Pfingsttage.

Sri Aurobindo erzählt: „Wenn die Rishis, die Meister der Alten Zeit, sich an den Höfen der Könige
trafen, fragten sie einander nicht: „Was denkst du?“, sondern: „Was hast du erfahren, was „bist“
du?“ Wir wollen mit der Hilfe unserer Meister immer mehr zu dem „werden“, was wir unserer ewi-
gen Bestimmung nach „sind“.
Die Lebemeister, die mich immer bewußter den Weg des Christus Jesus zu gehen lehrten, waren:
im Religiösen Sozialismus: Vater und Sohn Blumhardt, sowie Leonhard Ragaz; der Quäker Geor-
ge Fox; der Meisteryogi Sri Aurobindo Ghose. Von dem letzteren sagte ein indischer Gelehrter,
Prof. Dr. Chenchriah, Madras, daß er neben Paulus und Johannes der beste Interpret der Bot-
schaft Jesu vom Reich Gottes auf Erden ist – und Pater Lassalle schrieb mir, daß Sri Aurobindo
dem Christentum am nächsten stehe.
Über den drei Teilen meines Referats stehen jeweils dieselben Worte, nur verschieden geschrie-
ben:
„I C H B I N” — „I c h B i n” — „i c h b i n”

„ICH BIN“ - „ich bin“ ist der dem Moses am „Brennenden Busch“ geoffenbarte Name des Ewigen
(2. Moses 3,14). Diese drei Aussagen sind das Mantra meiner „dynamischen Meditation“:
Das in sich ruhende unausdenkbare SEIN des Kosmos wird sich seines Selbst bewußt als der
„ICH BIN“. Er identifiziert sich mit dem „ich bin“ des menschlichen Individuums in der Liebe, im
„Nahesein“ (Gnade), und wir antworten Seinem „ziehen zu IHM hin“ (Augustinus), indem wir uns
ihm „angeloben“ (Glaube) „von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und aus
allen unseren Kräften“. Der „ICH BIN“ des Kosmos identifiziert sich mit uns in der Liebe; und wir
antworten mit der Sehnsucht unseres Wesens; auch wir dürfen uns durch unsere Liebe mit IIHM
identifizieren. Dieser Kreislauf der Liebe zwischen Gott und Mensch wird ständig realisiert, durch
den „Ich Bin“, den Gottessohn/Menschensohn, der, ewig derselbe, sich in den verschiedenen Epo-
chen der menschlichen Evolution offenbarte als der Krishna, der Buddha, als Jesus von Nazareth,
Heinz Kappes: „Sri Aurobindo´s Gottes-Erfahrung“ 3 von 11

und der als der „Herr, der, der Geist ist“, in der fundamentalen Menschheitskrise unserer Zeit be-
sonders wirkt.

Die Gotteserfahrung „ICH BIN“


Sri Aurobindo (1872-1950) erzählt in seiner Autobiographie von sich in der dritten Person. Er war
nach vierzehnjährigem Aufenthalt in England und glänzenden Examina in Cambridge 1893 als ein
modernistisch gesinnter Agnostiker nach Indien zurückgekehrt. Bei der Landung erlebte er ein reli-
giöses Ergriffensein von ‚Mutter India‛. Neben seinem Wirken als Sekretär des Maharaja von Ba-
roda und als Lehrer vertiefte er sich vor allem in das Sanskrit und die heiligen Schriften der „Ve-
den“ und „Upanishaden“, aber auch in die politische Situation Indiens, die nach der Teilung Benga-
lens immer gespannter wurde. Er hatte schon einige spirituelle Erfahrungen mit dem Yoga ge-
macht, als er 1908 in einer dreitätigen Meditation mit dem Yogi Vishnu Bhaskar Lele das Trans-
personale Sein erlebte (Meister Eckehart nennt es das „überseiende Sein“).
Er schreibt:
„Alle mentalen Funktionen wurden still, und auch das Bewußtsein versank in eine absolute
Stille. Während dieses Schweigens erfuhr er die fortdauernde Realisation des undefinierba-
ren Brahman, das absolute „ES“, dem gegenüber das ganze Universum als etwas Unreales
erschien, da nur dieses „ES“ existierte. Er behielt diese Stille mehrere Monate lang, und sie
verblieb immer in seinem Inneren. Denn als die Aktivität zurückkehrte, vollzog sich diese nur
an der Oberfläche. In ihm herrschte nur eine stille bewegungslose Wahrnehmung, die in ih-
rem Charakter spirituell und mental war. Doch befand er sich zu keiner Zeit in einem Trance-
zustand. Ewas in ihm sah alles, was vorging, und er handelte nach den Erfordernissen des
Augenblicks, ohne daß ein begrifflicher Gedanke oder eine persönliche Willensanstrengung
nötig war. Seit jener Zeit sind aus derselben Quelle oberhalb des Gehirn-Mentals zu ihm alle
mentalen Betätigungen gekommen: das Reden, Schreiben, Denken, der Wille und die ande-
ren verwandten Tätigkeiten. Er war in das spirituelle Mental und in jene Sphäre eingetreten,
die er später das „Bewußtsein oberhalb des Hauptes“ nannte. Diese erste Yoga-Realisation
war der wahre Anfang und die Grundlage seines Yoga.“
In dieser inneren Verfassung begann er seine intensive politische Tätigkeit mit einer wahrhaft cha-
rismatischen Rede über „die Lage Indiens in Bombay. In seiner Heimat Kalkutta wurde er Führer
des radikalen Flügels der Kongreß-Partei, Herausgeber politischer Blätter für die Befreiung Indiens
von der britischen Kolonialherrschaft. Hier legte er die Prinzipien nieder, denen später Gandhi folg-
te. Er gründete die erste rein indische Höhere Schule. In einem Prozeß wegen eines Bomben-
attentats wurde er verhaftet, war ein Jahr in Untersuchungshaft, die mit dem Freispruch endete. Im
Gefängnis erlebte er die Offenbarung des Persönlichen Gottes:
„Mir schien, als ob ER zu mir redete: ‚Ich habe dich hierher gebracht.— Ich habe für dich ein
anderes Werk, das du tun sollst, und ich will dich hier lehren, was du draußen allein nicht ler-
nen konntest. Ich will dich für Mein Werk trainieren.’ Dann legte er mir die Bhagavadgita in
meine Hände, und seine Kraft durchdrang mich. So war ich fähig, die Disziplin des dreifa-
chen Yoga der Gita zu lernen: das Werk für Ihn zu tun ohne einen Anspruch auf die Frucht
des Wirkens; ich sollte allem Eigenwillen entsagen; ich sollte ein passives vertrauensvolles
Werkzeug in seiner Hand werden; ich sollte in allen Gegensätzlichkeiten des Lebens ein
ausgeglichenes Herz besitzen – und ich durfte in Seinem Werk nie nachlässig sein.“
Sri Aurobindo lernte die völlige Freiheit von allen festgelegten Normen, den religiösen, morali-
schen, denen des Yoga und von allen ichhaften Bindungen. „Gott allein ist dein Guru“ ist seine
Mahnung an seine Schüler:
„Daß Gott selbst es ist, wirst du dann entdecken, wenn das Wissen zu dir gekommen ist.
Dann wirst du dessen innewerden, daß auch die scheinbar geringsten Umstände in dir und
außerhalb von dir durch eine unendliche Weisheit bis ins Feinste geplant und zuwege ge-
bracht worden sind, um den natürlichen Fortschritt deines Yoga zu lenken.“
Heinz Kappes: „Sri Aurobindo´s Gottes-Erfahrung“ 4 von 11

Yoga ist „Anjochung an Gott“


1910 mußte er vor der Verfolgung durch den britischen Geheimdienst in die damals französische
Kolonie Pondicherry fliehen und lebte dort bis zu seinem Tod am 5.12.1950. Hier erfuhr er, nach-
dem er in harter Selbstdisziplin alle Yogamethoden praktiziert hatte, die Dritte Realisation Gottes.
Von seinem „Integralen Yoga“ sagt er: „Er ist keine Rückkehr zu den alten Wegen, sondern ein
neues Abenteuer des Geistes.“
Die dritte Realisation des Göttlichen Wesens (“The Divine“) vereinte die beiden Enden der Exis-
tenz, den Geist und die Materie, und harmonisierte sie miteinander. Die meisten Yoga-Disziplinen
sind Wege zum Jenseits, die zwar zum Geist, doch letzten Endes vom Leben weg führen. Sri Au-
robindo’s Pfad steigt zwar bis zum Geist empor, doch kehrt er dann mit allem dort gewonnenen auf
die Erde zurück, um das Licht, die Macht und die schöpferische Freude des Geistes in das Leben
hernieder zubringen und dieses zu verwandeln.
„Die gegenwärtige Existenz des Menschen in der Welt ist noch ein Leben in Unwissenheit
auf der Grundlage der Unbewußtheit. Aber selbst in der Finsternis und der Nichtbewußtheit
der Materie und des Lebens sind die Gegenwart und alle Möglichkeiten des Göttlichen We-
sens „involviert“. Darum ist die erschaffene Welt der Schauplatz einer spirituellen Evolution,
durch die das Bewußtsein des Divine fortschreitend aus der materiellen Nicht-Bewußtheit be-
freit und im ganzen Kosmos manifestiert werden soll. Das Mental ist zwar der höchste Be-
griff, der bisher in der Evolution erreicht worden ist, aber das Mental des Menschen ist noch
nicht das Höchste, dessen die Evolution fähig ist. Oberhalb des Mentals gibt es das Supra-
mental, ein ewiges Wahrheitsbewußtsein, das seiner Natur nach das Licht und die Macht des
Wahrheitswissens des Divine ist. In diesem Wahrheits-Wissen ist Gott seines Selbst inne und
determiniert von dort her die Evolution.“

Das Ziel des Integralen Yoga Sri Aurobindo ist:


„Den Willen Gottes in der Welt zu verwirklichen, - eine geistige Transformation zustande zu
bringen, - eine Natur und ein Wesen aus Göttlichem Wesen in die mentale, vitale und physi-
sche Welt hernieder zu bringen, - die Seligkeit des Göttlichen Wesens auf der Erde zu ver-
wirklichen, Christi „Reich Gottes oder das „Zeitalter der Wahrheit“ der Hindus.“
Die drei Prozesse dieser Verwirklichung sind:
Die Entschlossenheit des Willens, sich Gott darzubringen,
Das Zurücktreten aus dem ganzen Ego-System durch die Erkenntnis des Selbst, die Schau
Gottes, der überall in allen Dingen ist und in allen Geschehnissen waltet.
Es ist das Ziel der Einung der Menschheit unter Gott. Dazu ist ein universaler Gottesglaube not-
wendig. Darum erfühlt Sri Aurobindo auch in allem ehrlichen Bemühen der Menschen, über ihr Ego
hinauszukommen, ihre Sehnsucht nach Gott. In seinem längsten Satz (321 Wörter) im „Göttlichen
Leben“ faßt er die entgegengesetzten Aspekte Gottes zusammen:

„Ob die menschlichen Religionen und Philosophien die materielle Welt


undeutlich als den Leib Gottes ansehen,
oder das Leben als ein großes Pulsieren des Atems der Göttlichen Existenz,
oder alle Dinge als die Gedanken der Kosmischen Vernunft, -
ob sie wahrnehmen, daß es in Wirklichkeit nur Einen Geist gibt,
der größer ist als alle Dinge, ihr subtilerer und viel
wunderbarer Ursprung und Schöpfer,
oder ob sie Gott nur in dem Unbewußten finden,
oder als den einzigen Bewußten in den unbewußten Dingen,
oder als einen unaussprechlichen überbewußten Seienden, den wir nur
dadurch erreichen können, daß wir unser irdisches Wesen dahinten lassen
und unser Mental, Vital und den Körper annullieren,
Heinz Kappes: „Sri Aurobindo´s Gottes-Erfahrung“ 5 von 11

oder ob sie die Zerteilung der Gegensätze dadurch überwinden, daß


sie wahrnehmen, daß Er alle diese Wesen zusammen ist , und
furchtlos die ungeheuren Konsequenzen dieser Schau auf sich nehmen,
ob sie Ihn mit einer Universalität als das Kosmische Sein anbeten,
oder Ihn und sich selbst, wie es die Positivisten tun, nur in der Menschheit verehren,
oder ob sie im Gegenteil, von der Schau des Zeitlosen, Raumlosen,
Unveränderlichen hingerissen, Ihn in der Natur und im Kosmos verwerfen,
ob sie Ihn in verschiedenartigen befremdenden oder schönen Kulten
oder in vergrößerten Formen des menschlichen Ichs verehren,
oder, weil Er im vollkommenen Besitz der Eigenschaften ist, nach
denen der Mensch trachtet, sein Göttliches Wesen anbeten, wenn
Er sich ihnen als die erhabene Macht, Liebe, Schönheit, Wahrheit,
Gerechtigkeit und Weisheit offenbart, -
Ob sie Ihn als den Herrn der Natur, den Vater und Schöpfer,
oder als die Natur selbst und als die Universale Mutter wahrnehmen,
oder sich Ihm als dem Liebenden nahen, der die Seelen zu Sich zieht,
oder ob sie Ihm als dem verborgenen Meister aller Werke dienen,
sich vor dem Einen Gott oder vor der vielgestaltigen Gottheit beugen, -
ob sie den Einen Göttlichen Menschen
oder das Eine Göttliche Wesen in allen Menschen entdecken,
oder aber in noch umfassenderer Weise Ihn als den Einen gewahren,
dessen Gegenwart es uns möglich macht, daß wir im Bewußtsein,
im Wirken und Leben mit allen Wesen geeint sind,
daß wir mit allen Dingen in Zeit und Raum e i n s werden,
sowie mit der Natur und ihren Einflüssen, auch mit den unbelebten
Kräften, zur Einheit gelangen:
Die hinter allen diesen Aspekten stehende Wahrheit muß immer dieselbe sein,
da alles Der Eine Göttliche Unendliche ist ,
den sie alle suchen.“

Die Gottesoffenbarung „ICH BIN“


Wie könnten wir Menschen das Ziel unserer Evolution „vollkommen zu werden, wie unser Vater im
Himmel vollkommen ist“ je verwirklichen, wenn nicht der „ICH BIN“ uns entgegenkommen würde
als der „Ich Bin“, als der Gottessohn/Menschensohn?
Er existiert von Uranfang an, also als das Grund-Prinzip im Bewußtsein des „ICH BIN“ und tritt in
jeder Evolutionskrise der Menschheit hervor, unerkannt dort, wo am meisten gelitten wird. So of-
fenbarte sich dieser Eine als Krishna, - in einer Krisensituation, die uns die „Bhagavadgita“ schil-
dert - als der Buddha und als der Christus Jesus.
Sri Aurobindo sagt:
„Der Sohn Gottes ist zugleich auch des Menschen Sohn; und beide Elemente sind notwendig
für ein vollkommenes Christus- (Avatar) Sein.“
Darum ist ihm die Historizität dieser drei Avatare weniger wichtig als ihre fortdauernde spirituelle
Wirksamkeit. Der Hinduismus kennt Zehn Avatare, die, die Evolution bestimmen; der Zehnte,
Kalki, ist noch nicht erschienen. Und das Wirken des geistig gegenwärtigen (auferstandenen)
Christus Jesus ist nach Sri Aurobindo deshalb noch längst nicht abgeschlossen, weil die Mensch-
heit die von ihm, dem Avatar der Liebe, gelebte Brüderlichkeit, den Frieden mit sich selbst, mit Gott
und mit der Natur noch nicht realisiert hat. Darum kann auch der „letzte Avatar“ noch nicht er-
scheinen:
„Die Aufrechterhaltung der Rechtsordnung (Dharma), wozu der Avatar der „Gita“ hernieder kommt,
ist also nicht der einzige Zweck für das Geborenwerden des Christus. Vielmehr muß die Mensch-
heit mit seiner Hilfe emporsteigen in ihr Göttliches Wesen.“
Heinz Kappes: „Sri Aurobindo´s Gottes-Erfahrung“ 6 von 11

„Die Geburt Gottes in die Menschheit soll zur Geburt der Menschheit in die Gottheit führen, - und
das ist nur durch die dauernde Wiedergeburt möglich. Wir sollen innerhalb unseres Lebensablaufs
durch unsere Krisen dazu kommen, ‚von Neuem geboren zu werden‛, und die Ewige Seele des
Einzelnen soll durch die Kette ihrer Reinkarnationen zu ihrem Ursprung und Ziel gelangen, und
dadurch der ganzen Menschheit zur Vollkommenheit helfen.“
„Das Tier ist ein lebendiges Laboratorium, in dem die Natur sozusagen den Menschen entwickelte.
Der Mensch muß ebenso ein denkendes lebendiges Laboratorium sein, in dem sie mit seiner be-
wußten Mitarbeit den „Übermenschen“ erschaffen, oder besser gesagt: Gott offenbaren will.“
Man versteht den Menschen erst sub specie re-incarnationis“ d.h. unter dem Gesichtspunkt der
Wiederverkörperung, sagt Christian Morgenstern. Die tiefsten Denker und Mystiker in allen Kultur-
kreisen waren dieser Überzeugung, um der Absolutheit unserer Ewigen Seele, der Relativität ihrer
Verkörperung und der Verantwortung des Menschen für die Evolution willen.
Der Christus Jesus identifiziert sich in doppelter Weise:
Mit seinem Vater im Himmel: „Ich und der Vater sind eins“. Er kann deshalb von sich sagen: „Ich
Bin“ Ewiges Leben, Liebe, Friede, Wahrheit, Weg, Weinstock – ohne Mich könnt ihr nichts tun“.
Und mit der leidenden Menschheit: „Ich Bin“ der Kranke, Hungernde, Gefangene, Arme... Wir
Menschen werden danach gerichtet werden, ob wir Ihn dort erkannt haben und ob „einer dem an-
deren zum Christus geworden ist.“(Luther)
„Darum kommt der Avatar nicht als ein wundertätiger Zauberer, sondern als der göttliche Lenker
der Menschheit und als das Vorbild für ein göttliches Menschsein. Sogar das menschliche Leiden
und die körperlichen Schmerzen muß Er auf sich nehmen und sie tragen, um zu zeigen, daß die
Leiden ein Mittel zur Erlösung werden können, wie das der Christus Jesus tat.“

Sri Aurobindo hat 30 Bände seiner Werke hinterlassen: politische Schriften: über die Kultur In-
diens, Dramen aus dem griechischen, germanischen und indischen Sagenkreis, sublimste spiri-
tuelle Lyrik; pädagogische Programme, die großen Werke über Evolution und Weltfrieden, die um-
fassende Synthese des Yoga mit fast 1000 Seiten und das noch größere dreibändige Werk “Life
Divine“. („Das Göttliche Leben“)
Sein tiefstes Werk ist die spirituelle Autobiographie „Savitri“ (Legende und Symbol) mit 24000 eng-
lischen Blankversen. Der Yoga-König durchwandert dort alle Bereiche des Bewußtseins bis in die
himmlischen Höhen und die Abgründe des Bösen, des Satanischen. Savitri ist die Tochter dieses
Königs Aswapati, das Bild weiblicher Vollkommenheit und Leidensfähigkeit. Sie darf sich ihren
Gatten selbst wählen, weiß aber, daß dieser nach einem einzigen Jahr des Glücks sterben muß.
So sind die letzten Abschnitte, die Sri Aurobindo noch kurz vor seinem Tod vollendete, das Ringen
mit dem Tod und der Sieg über ihn.
Die etwa 1000 Verse dieses Eindringens in die Welt des Satanischen habe ich mir neulich
übersetzt, in Erinnerung an meine geistige Auseinandersetzung mit den „Bösen Mächten“
(“adverse forces“), die ich von 1933 bis zu meiner Vertreibung aus Deutschland 1934 führte, und
dann in den 14 Jahren in Jerusalem, und jetzt wieder angesichts des Terrorismus und der Süchti-
gen und psychisch Leidenden, mit denen ich durch die Bewegungen der „Anonymen Alkoholiker“
und „Emotions Anonymous“ eng verbunden bin.
In einem Abschnitt über den Welt-Erlöser (“World Redeemer“) im Buch VI, Canto 2 spricht Sri Au-
robindo in fast 250 Versen von diesem stellvertretenden und überwindenden Leiden, von dem er
selbst einen großen Teil getragen hat:
„Wer die Menschheit erlösen will, muß teilhaben an ihrem Leiden...
Die Großen, die kamen, die leidende Welt zu erretten,
mußten hindurchgehen unter dem Joch von Qualen und Schmerz..
Des Himmels Schätze bringen sie; mit ihrem Leiden bezahlen sie den Preis, und sie opfern
für die Gabe des Wissens ihr Leben.
Der Sohn Gottes, geboren als des Menschen Sohn,
hat den bitteren Kelch ausgetrunken.
Heinz Kappes: „Sri Aurobindo´s Gottes-Erfahrung“ 7 von 11

Das Testament der Erlösung hat er mit seinem Blut besiegelt...


Mit seiner Liebe hat er den Sterblichen den Weg zum Himmel gebahnt..
Er trägt das Kreuz, an das des Menschen Seele genagelt ist.
Der Masse Flüche sind sein Geleit;
mit blutender Stirne hat er den Weg des Heilands beschritten,
geschunden und gemartert verkündet Er, als er sterbend dahinsinkt:
„Ich Bin Gott!“
So stirbt er, damit die Welt neu geboren werde.
Aber diese Welt ist verliebt in ihre eigene Unwissenheit,
in ihrer Verfinsterung kehrt sie sich weg von des Erlösers Licht,
sie gibt zum Lohn ihm das Kreuz statt der Krone.---
Doch kann die Flucht aus dem Leben nicht emporheben
die zurückgelassene Menschheit; sie kann ihr
nicht den Frieden geben und das Reich Gottes bringen...
Darum muß Er hinübergehen auf die andere Seite des Ozeans der Lüge
und eindringen in die Finsternis, um Licht dorthin zu bringen
und das Herz des Bösen zu ergründen
und dessen finstere kosmische Notwendigkeit zu verstehen,
seine richtigen und seine schrecklichen Wurzeln im Boden der Natur.
Er muß den Gedanken erkennen, der das Handeln des Dämons motiviert,
und der des Titanen Stolz rechtfertigt,
eindringen muß Er in die Ewigkeit der Nacht,
hinabfahren in die Grube, und die Hölle durchwandern,
wenn Er die Welt erretten will..
So wird Er mit des Geistes Strahl die Materie durchdringen,
ihr Schweigen auferwecken zu unsterblichen Gedanken,
das stumpfe Herz des Menschen aufhorchen lassen für das Lebendige WORT.
Dann soll dies sterbliche Leben Wohnung werden für der Ewigkeit Wonne,
das Selbst des Körpers soll Unsterblichkeit schmecken...
Dann soll des Welt-Erlösers Werk vollendet sein.“

Sri Aurobindo hat diese Kämpfe im Verborgenen gekämpft, und nur die Französin Mira Alfassa,
genannt ´Die Mutter`, die seit 1920 ständig im Ashram lebte und 1973 mit 95 Jahren starb, wußte
um diesen heroischen Kampf. Sri Aurobindo hat den vierfachen Auftrag, den Jesus seinen Jüngern
gab, persönlich erfüllt: „Seid das Reich Gottes, - heilt die Kranken, - treibt die Dämonen aus, - und
überwindet den Tod.“
Er hat dies alles nie aus eigener Ego-Kraft getan, sondern in der Vollmacht durch den „Ich Bin“,
der ihm im Gefängnis in Alipore als Krishna erschienen ist.
Ich hörte während meines anderthalb-jährigen Aufenthaltes in Pondicherry von Heilungen.
Ein Rumäne schildert in seinem Buch „The Lost Footsteps“1, wie ihm, dem Todeskandidaten, im
Gefängnis in Bukarest, ein ihm vorher Unbekannter, der sich Aurobindogos nannte, regelmäßig
erschien und ihn vom Selbstmord abhielt bis er entkommen konnte. Einer meiner Freunde hat ihn
später in London besucht und den ausführlichen Bericht über diese Transaktion mitgenommen,
den ich im Ashram las. – Gegen Hitler hat er literarisch, z. B. in einem großen Gedicht Herbst 1939
„The Dwarf Napoleon“ dessen Weg der Weltzerstörung und zuletzt seinen Untergang beschrieben
„bis ihn ein größerer Dämon trifft, als er selbst ist, oder ein Donnerschlag von Gott“. Und er erzählt
auch sehr zurückhaltend von seinem Eingreifen in den Zweiten Weltkrieg.
„Es gehört zur Erfahrung derer, die eine hohe Stufe in ihrer Yoga-Realisation erreicht haben,
das es außer den gewöhnlichen Kräften und Betätigungen des Mentals, Vitals und Körperli-
chen in der Materie auch noch andere Kräfte und Mächte gibt, die einwirken können und es
auch tatsächlich tun, und zwar aus den Bereichen hinter und über dem Materiellen. Es gibt

1
Silviu Graciunas T-0067
Heinz Kappes: „Sri Aurobindo´s Gottes-Erfahrung“ 8 von 11

auch eine spirituelle dynamische Macht, über welche die Menschen verfügen, die im spirituel-
len Bewußtsein fortgeschritten sind.“
In der Erkenntnis, daß hinter Hitler und dem Nazismus finstere dämonische Kräfte stehen, hat sich
Sri Aurobindo öffentlich für die Stafford-Cripps-Mission eingesetzt, und mit der spirituellen Kraft bei
Dünkirchen und Stalingrad gegen Hitler und gegen die Japaner gewirkt,
„...und er hatte keinen Grund dazu, mit den Ergebnissen unzufrieden zu sein oder die Not-
wendigkeit zu irgend einer andersartigen Aktion zu fühlen.“
Vielleicht interessieren noch zwei Bemerkungen Sri Aurobindo’s:
Auf die Frage, ob er einen Zusammenhang zwischen dem Datum seiner Geburt am 15. August,
und der „Assumptio Mariae“ sehe: „Das bedeutet die Divinisierung der Materie“.
Und zur Eucharistie:
Jesus sagt, als er seinen Jüngern das Brot brach und den Wein gab: „dies ist mein Leib – dies ist
mein Blut“. Wie offenkundig ist die Bedeutung für das östliche Verstehen! Das Plasma der Materie,
die „Nahrungshülle des Universums“, wozu Brot und Wein gehören, wird hier dargestellt als Blut
und Leib Gottes!
So wird das große ursprüngliche Opfer symbolisiert, durch das Gott Sich selbst kreuzigte, damit
die Welt existieren könne. Das Unendliche mußte zum Endlichen werden, das Unbedingte mußte
sich in das Bedingte hineingeben, der Geist in die Materie, damit diese evolvieren kann. In dem
Brot und in dem Wein, die der Kommunikant ißt, ist Gott tatsächlich da! Aber Er wird für unser Be-
wußtsein nur präsent durch einen Akt des Glaubens. Eine Upanishad sagt: „Wir müssen Gott erst
realisieren als der ‚ER IST‛, bevor wir Ihn in seinem Wesenhaften realisieren können. Wie kann
jemand, der nicht an Gott glaubt, Ihn dort realisieren, wo Er Wohnung genommen hat?“

Die Gotteserfahrung im „ich bin“


Der nach dem Sinn seines Lebens suchende Mensch kann zu dem Bewußtsein: „ich bin“ im „ICH
BIN“ nur durch die Vergegenwärtigung des „Ich Bin“ des Gottessohns/Menschensohns gelangen.
Durch Ihn sucht die Liebe Gottes mich „heim“, und alle Krisen meines Lebens sind Mittel dieser
heimsuchenden Liebe des „Vaters im Himmel“. Bekannt ist das Wort Augustinus: „Du hast uns zu
Dir hingezogen, und unser Herz ist unruhig, bis es ruht in dir.“
Sri Aurobindo sagt:
„Wenn jemand Gott erwählt hat, ist er selbst von Gott erwählt worden. Er hat die
Hand Gottes erfahren, ohne deren Greifen nach uns es kein Erwachen und keine
Öffnung des Geistes gibt. Wenn man aber dies einmal empfangen hat, ist es auch
sicher, daß man das Ziel erreicht, - ob man es rasch im Verlauf eines einzigen
Lebens erringt, oder ob man ihm geduldig durch viele Stadien des Zyklus der
Existenz im manifestierten Universum nachgeht.“
Im Integralen Yoga kann es keine festgelegte Methodik geben. Da „Gott allein der Guru ist“, kann
ein Mantra allenfalls dieser Name Gottes sein.
„Weihe dich ganz Gott. Wenn du dabei Ihn um nichts bittest, schenkt er dir alles, dessen du
bedarfst. Darüber hinaus gibt Er dir Sich selbst mit allen spontanen Segnungen seiner Lie-
be.“
„Tritt zurück und beobachte, wie die Macht Gottes in dir wirkt. Oft stellt sich zunächst eine
Störung in deinem System ein. Darum ist „Glaube“ nötig.
Jede Unreinheit der Ichhaftigkeit, die sich offen oder versteckt in deinem Inneren findet, wird
sich so lange erheben, bis sie völlig ausgemerzt ist. Halte immer an diesem Grundprinzip
dieses Yoga fest, daß du dich völlig Gott unterwirfst (surrender) .“
„Wenn du ganz hinter dein Ego und dein Begehren zurücktrittst, erkennt du dich selbst als
dein eigenes spirituelles Selbst. Dieses Selbst erhebt nun dein ganzes Wesen, deine ganze
Instrumentation und deinen Geist zu Gott empor.“
Heinz Kappes: „Sri Aurobindo´s Gottes-Erfahrung“ 9 von 11

„So offenbart sich Gott dir nicht nur als das a-personale Sein, sondern als das personale
Göttliche Wesen und Werden in seiner Doppelgestalt als Herr (‚Ishvara‛) und Schöpferische
Natur (‚Shakti‛), als Vater und Mutter.“
Dies “surrender“, Sich-überantworten, ist eine harte Arbeit. Alle Stützen dieser Meditation, dieser
„Er-Innerung“, die das Ich an Mantras, Vorstellungen, religiösen Gefühlen haben kann, fallen weg.
Wichtig ist die vorausgehende völlige Entspannung, vor allem auch das Gähnen, das den
Chemismus des Systems harmonisiert. Die Körperhaltung soll diesem Ziel der Leere dienen. Ich
sitze entweder im Lotussitz, die Hände vor der Brust zusammengelegt, oder mit zusammengeleg-
ten Fußsohlen, da ich so, wie auf einem Schaltbrett, die zwischen den Zentren der Struktur verlau-
fenden absteigenden (Yang) und aufsteigenden (Yin) Kraft- und Licht-Ströme bewußt registrieren
kann.
Aus der Ruhe kommt unser Körper, das Vital mit allen seinen Antriebskräften, das Mental mit dem
Denkprozeß, den Gefühlen, dem Willen... in die Stille und von da, wenn jede Reflexion ausge-
schaltet ist, in die „harmonische Ausgeglichenheit“ (“equality“) des Friedens.
So tritt der Repräsentant unserer Ewigen Seele in dieser Inkarnation, unser psychisches Wesen,
mit seinem Mittelpunkt des Selbst aus seiner Verborgenheit hervor, aus der es bisher unser
Schicksal lenkte. Sein Sitz ist das spirituelle Herzchakra. Dieser „verborgene Mensch des Her-
zens“ hat, wie aus dem bekannten Symbolbild ersichtlich, drei obere und drei untere Zentren: sie
werden durch die Dynamik des im Selbst einleuchtenden Göttlichen Geistes bi-polar miteinander in
Verbindung gebracht. Das oberste Zentrum über dem Haupt, der „tausendblättrige Lotus“ ist der
Ort der Einleuchtung des Überbewußten, Überrationalen, mit den Göttlichen Kräften. Dieser Licht-
und Kraftstrom verläuft durch alle Zentren hindurch abwärts bis zum Sakralzentrum am Ende des
Rückgrats, dem „Tor“ zum Unterbewußten, und zugleich Sitz der ‚Kundalini‛, der involvierten
Höchsten Natur. Wenn Glaube und Hingabe an Gott Motivkraft dieses Yoga sind, frei von ichhaften
Wünschen, steigt im Yin-Strom ein so großes Quantum dieser Energien durch die Zentren hin-
durch empor, und wird „am richtigen Ort“ positiv überbewußt verwendet, daß keine Gefahr besteht.
Nur wenn sich der Egoismus einmischt mit dem Begehren, aus dieser Kraft, persönliche Macht zu
gewinnen, können die „Sicherungen durchschlagen“ und große, manchmal unheilbare Schäden
entstehen.
Das nächste Paar ist das Stirnzentrum (das „Dritte Auge“) als Sitz von Bewußtsein, Intuition, Wille,
Liebe –, und das zweitunterste Zentrum aller vitalen Kräfte, Sexus, Machtwille, Geltungstrieb, Ge-
nußgier, also Egoismus im engeren Sinn. Diese Energien sind wert-neutral, wenn sie in der auf-
steigenden Bewegung in das Stirnzentrum gelenkt und dort zur Regeneration verwendet werden.
Hier haben wir den „Programmierer“ für unseren mentalen „Computer“ (Vernunft, Wille, Bewußt-
sein, Gefühle), da hier in diesem Zentrum vor allem (wie auch über dem Haupt) das Innere, spiri-
tuelle ‛Licht erfahren wird.
Das Halszentrum steht in Verbindung mit den Hormonzentren und den Sinneszentren. Hier ist der
obere Pol für alles, was das entsprechende untere Zentrum (Sonnengeflecht) mit den Stoffwech-
selvorgängen lenkt und so unserer körperlichen Existenz Lebenskraft verleiht.
Im spirituellen Herzzentrum ist das Doppeldreieck (das Symbol Sri Aurobindo´s), dessen oberes
Kraftfeld ‚Prana‛ mit dem Atemkreislauf, das untere der Blutkreislauf ist, also Ursprung und Ende
unseres verkörperten Lebens. Sri Aurobindo verwendete das geläuterte ‚Tantra‛, weil diese tägli-
che Disziplin zur Weiterentwicklung unseres psychosomatischen Apparates unentbehrlich ist. Un-
ser Körper ist noch lange nicht fähig, die supramentalen Energien zu realisieren. Bis in das Zell-
Bewußtsein hinab muß der Geist bewußt werden, und es mag noch Jahrhunderte dauern, bis das
für eine genügende Anzahl von Menschen möglich ist. Jedenfalls „sollen wir aus jeder Meditation
stärker hervorgehen, als wir hineingegangen sind.“
Diese „dynamische Meditation“ ist kein Selbst-Zweck. Sie ist die Leiter, auf der wir zu immer höhe-
ren Bewußtseins-Frequenzen emporsteigen, um die dort gewonnenen Kräfte herunterzubringen
zur Transformation der Menschheit. So werden wir „Werkzeug“, „Instrument“, „Kanal“ für die Kräfte
des Geistes zur Entfaltung des Reich Gottes auf der Erde; wir werden Mitarbeiter Gottes im Sinn
des bekannten Gebetes des Heiligen Franziskus.
Heinz Kappes: „Sri Aurobindo´s Gottes-Erfahrung“ 10 von 11

Für mich ist in dem Christus Jesus, der als der „Ich Bin“ in mir gegenwärtig ist, das Höchste Be-
wußtsein von ‚Sat‛ ‚Chit‛ ‚Ananda‛ und seine Instrumentation im Supramental eine geahnte Wirk-
lichkeit. Sri Aurobindo hat die psychologischen Stufen dorthin vorgelebt.
Wenn der Übergang aus dem Ich-Bewußtsein in das Bewußtsein des Selbst erfolgt ist, kommen
wir in das „HÖHERE MENTAL“. Das für unsere Weltkrise fundamental wichtige Bewußtsein be-
steht darin, daß wir alle Gegensätzlichkeiten von der über ihnen liegenden „Einheit“ her als Pol und
Gegenpol nicht nur erkennen, sondern auch verwirklichen! Keine für das Ego-Mental bestehende
Dualität ist davon ausgenommen: von der Animus-Anima-Polarität in den Krisen zwischen Mann
und Frau bis hin zu der prinzipiellen Einheit der Supermächte in ihrer Verantwortung für das Leben
der Menschheit. Auf dieser Bewußtseinsstufe wird alles Denken und Empfinden neu dynamisch
programmiert. Die Seele des Mannes, die durch die Überentwicklung der Ratio verkümmert ist,
wird durch die Seelenkraft der spirituellen Frau entwickelt.

Das „ERLEUCHTETE MENTAL“ bringt uns in der Erfahrung der Licht- und Kraft-Ströme zur Aus-
wirkung dieser spirituellen Seelenkräfte auf unsere Organe, Gehirn, Nerven, Zellen, und über den
Körper hinaus auf unser Wirken und unsere Umwelt. Wir erkennen Krankheiten und andere Notsi-
tuationen als die Krisen, die zu einem neuen „Stirb und Werde“ drängen. Vor allem das wider-
spenstige Ego-Begehren wird durch das „Feuer“ des Opfers ins Schöpferische gewandelt. Das
abstrakte Denken in den Ideologien, Idealismen, religiösen Utopien, moralischen Pharisärismus
wird in das „Vernehmen“ dessen gewandelt, was „einleuchtet“.

Im „INTUITIVE MENTAL“ wird diese Lichtkraft aktiv in der „Seelen-Heil-Praxis den Leidenden und
Suchenden gegenüber, die Er uns zuweist. Aus dieser Intuition wirken die großen Heiler und Er-
zieher, die Helfer der Menschheit, die dabei den Kampf gegen die “adverse forces“, die dämoni-
schen Mächte, auf sich nehmen und den Sieg des Christus (Avatars) über diese vollziehen. Aus
dieser Erleuchtung reden die begnadeten Verkünder, die „sind“, was sie sagen, und wirken die
Dichter und Künstler mit jedem Ausdrucksmittel, das die hinter allem Äußerlichen verborgene
Wahrheit und Schönheit offenbart. Und dazu gehören die charismatischen Politiker und Gesetzge-
ber, die, die Menschheit in ihrer schwerfälligen Evolution lenken – die Menschen, die sich opfern,
damit die anderen leben. Aber gerade in diesen Bereich des Intuitiven mischen sich die Dämonen
ein und wirken als die großen Verführer, die Rasputins und Hitler, Khomeinis und Maheshs u.a.

Die obere Grenze des Mentals bildet das „ÜBERMENTAL“, das Kosmische Bewußtsein.
Sri Aurobindo erfuhr diese Erleuchtung am 24. November 1926 und zog sich dann von den Kon-
takten mit der Außenwelt zurück, um in der Vollendung seiner Werke, in der Einwirkung auf die
Weltkräfte, vor allem in der Vollendung von „Savitri“ und in den zahllosen Briefen, durch die er sei-
ne Schüler geistig führte, sein Meisterwerk zu vollenden.
„Durch die Übermental-Schau und die Übermental-Dynamik tritt an die Stelle des zentrieren-
den Ich-Sinnes eine weite kosmische Erfahrung und das Gefühl eines grenzenlosen kosmi-
schen Selbst. Aus dieser Geeintheit mit den Selbsten der Menschen, mit dem Innersten in
Tieren und Pflanzen, mit den Bewegungskräften der materiellen Natur, treten Kräfte und Fä-
higkeiten hervor, die als „Wunder“ erscheinen. Aber „Wunder wirken zu wollen“ wäre eine
dämonische Egoverführung! Gerade in dieser Bewußtseins-Frequenz vollendet sich die
Transformation, die dem kommenden Christus/Avatar das menschliche Instrument zur Vol-
lendung des „Göttlichen Lebens auf Erden“ (Life Divine), des „Reich Gottes unter den Men-
schen, durch die Menschen, für die Menschen“ zur Verfügung stellt.“
„Dieser Yoga erstrebt nicht die individuelle Vergöttlichung, sondern die Vollkommenheit der
Menschheit!“
Darum kann ich die Kräfte des Göttlichen nur behalten, wenn ich sie weitergebe. Darum identifi-
ziert sich der Christus Jesus mit den Menschen, die ganz unten, verachtet, am meisten leiden,
eben mit „der schlechten Gesellschaft“. (Adolf Holl)
Heinz Kappes: „Sri Aurobindo´s Gottes-Erfahrung“ 11 von 11

Hier ist die Grenze zum Übergang in die „obere Hemisphäre“ des Bewußtseins, in das SUPRA-
MENTAL erreicht. Mit der großen Schwierigkeit ringend, Erfahrungen auszudrücken, die jenseits
der Begriffe unserer rationalen Sprache liegen, stellt Sri Aurobindo in Hunderten von Seiten, vor
allem im „Göttlichen Leben“ und in der „Synthese des Yoga“ die Wirklichkeit dieses Wahrheits-
Bewußtseins dar. Es ist heute in der unerhörten Krise der Menschheit aktuell geworden und be-
drängt uns. Es steht hinter dem dargestellten Aufstieg des Bewußtseins. Die Grenzen unserer Sin-
ne werden im Zentral-Sinn überwunden: Translokation, Ubiquität, „Erinnerung an die Zukunft“, un-
mittelbare Einsicht in die supranationale Wahrheit. Das sind Andeutungen für dieses, unsere weite-
re Entwicklung bestimmende Bewußtsein. Vielleicht „weiß nur der Wissende“, der mit Intuition und
offener Seele diese Erfahrungen liest, was für eine ungeheure Welt des gegenwärtigen und zu-
gleich zukünftigen „Reich Gottes“ über einer fast verzweifelnden Menschheit als Hoffnung auf-
leuchtet.
Für mich ist der gegenwärtige Herr, der auferstandene Christus Jesus, der „der Geist ist“, also
mein „Ich-Bin“ der Offenbarer dieser Welt, in die mich Sri Aurobindo, und mit ihm ´Die Mutter`,
Mirra Alfassa, immer neu einführt.
Sri Aurobindo betont, daß er kein Religionsstifter, kein Philosoph ist. Und gewiß darf man nicht die
Verwirklichung dessen, was ein „Lebemeister“ für uns errungen hat, durch die Flucht in emotionale
oder kultische Verehrung ersetzen!
Horchen wir auf seine Mahnung: “be“ and “do“! (Sei es und handle danach!)
So einfach ist das alles, weil „die Liebe Gottes ausgegossen ist in unser Herz durch den Heiligen
Geist“.

© Else Lehle und Heinz Kappes Freundeskreis


Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieser Niederschriften oder der Tondokumente darf ohne schrift-
liche Genehmigung verändert, gekürzt oder auszugsweise veröffentlicht oder vertrieben werden.