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HAUSMITTEILUNG Heldentaten!

»Ein Triumph des Erzählens.«


VIRGINIA WOOLF

Mit beträchtlichem Erfolg hat der SPIEGEL in den vergangenen Jahren


SPECIAL-Hefte zu historischen Themen veröffentlicht. Ob es um den Ersten und
den Zweiten Weltkrieg ging, die griechische Antike oder den Werdegang der USA
– das Leserinteresse war groß, das Echo vielfach begeistert. Nun wird das An-
gebot deutlich ausgebaut. In der bewährten inhaltlichen Qualität erscheinen ab
sofort sechs Ausgaben pro Jahr. Historisch und kulturell interessierte Leser er-
halten damit alle zwei Monate Gelegenheit, sich intensiv, anschaulich und fa-
cettenreich mit einem Ereignis oder einer Epoche zu beschäftigen, und sie kön-
nen das optisch völlig neu gestaltete Magazin SPIEGEL GESCHICHTE auch HOMER
abonnieren (siehe Seite 18). Was wäre für den Start geeigneter, als die Frage Die Irrfahrten und
nach dem Untergang der antiken Supermacht schlechthin? Jahrhundertelang hat Abenteuer des Odysseus
4 CDs | 193 min | 16,99 €*
Rom die Weltregion weit um das Mittelmeer geprägt; selbst als seine Macht ISBN 978-3-89813-704-1
weithin zur Legende geworden war, galt der Caesarenstaat als Inbegriff welt-
licher Herrschaft. Woher rührte
die unglaubliche Stabilität? Wann »Exzellent.« N D R K U LT U R
begann der Niedergang – und was
löste ihn aus? War etwa schon die
Varusschlacht vor 2000 Jahren der
erste Schritt in den Abgrund?

Aus welchem Blickwinkel die


Autoren dieses Heftes, SPIEGEL-
Redakteure und renommierte Wis-
senschaftler, den Verfall des Impe-
riums auch beschreiben, es ergibt
Pieper, Stroh, Saltzwedel sich ein verblüffender Befund: Ab-
gehakt ist Rom weniger denn je.
Wie faszinierend lebendig beispielsweise seine Sprache geblieben ist, konnten VERGIL
die Redakteure Dietmar Pieper und Johannes Saltzwedel, der dieses Heft Aeneis
konzipiert hat, in München erfahren: Bestseller-Autor Wilfried Stroh, der als 3 CDs | 201 min | 16,99 €*
ISBN 978-3-89813-806-2
Emeritus weiter Vorlesungen auf Latein hält, gab den SPIEGEL-Leuten seine
Antworten glücklicherweise in gewitztem Deutsch (Seite 134).
Einfach fundamental!
Als veritabler Feldforscher
widmete sich SPIEGEL-Redakteur
Norbert F. Pötzl den Spuren Roms:
Auf einer Wanderung am schwä-
bischen Limes erlebte er dank

(*unverbindliche Preisempfehlung) | © iStockphoto/David Pedre


der Erläuterungen des Fremden-
WOLFGANG MARIA WEBER (O.); LUKAS COCH / ZEITENSPIEGEL (U.)

führers Christian Schweizer die Raf-


finesse des einstigen Schutzwalls
gegen die Germanen – und seine
heutige touristische Anziehungs-
kraft (Seite 48). Ein Essen nach
antikem Rezept inspirierte ihn
obendrein zu einer Geschichte im- ROLF BEYER
perialer Schlemmerei (Seite 86). Pötzl, Schweizer Grundfragen
der Philosophie
2 CDs | 155 min | 19,99 €*
Beiträge etlicher Spezialisten geben in diesem Heft den aktuellen Stand ISBN 978-3-89813-788-1
der Forschung wieder – obenan in der illustren Riege steht Alexander Demandt,
71. Der Nestor der Spätantike-Forschung und Meisterstilist seiner Zunft zeich-
net ein Bild des Gewaltregenten und Machtvisionärs Constantin (Seite 110). Jetzt überall im Buchhandel
oder unter www.spiegel.de/shop

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 3


www.der-audio-verlag.de
6
AUFGESCHOBENE APOKALYPSE
Roms Ende wäre das Weltende: Diese christliche
Überzeugung hielt das zerfallende Reich am Leben.
Erst Historiker stellten schließlich den Totenschein aus.

36 72
VORWITZIGER POET NUTZLOSE WEISHEIT
Ovids Liebesdichtung war für Kluge Kaiser, böse Kriege:
Augustus ein Ärgernis. ein Imperium in Not.

22
BIS ZUR TOTALEN UNTERWERFUNG
Brutal hielt die antike Supermacht alles in Schach.
Aber irgendwann wurden die Grenzen
110
HERRSCHER DER WENDE
Constantin steuerte das Reich
in eine neue Zukunft.
118
GLAUBE IM ZWIESPALT
Erbittert rangen Christen
um die wahre Lehre.

gegen Germanen, Hunnen und Goten brüchig.


IN DIESEM HEFT

DER FALL ROM IMPERIUM IN DER KRISE

6 Auf tönernen 72 „Den Kaiser


Füßen macht das Heer“
Wann begann der Niedergang Eine Weltmacht gerät ins Wanken
des Weltreichs? Auch über sein Ende 74 Chronik Blütezeit und Grenzkämpfe
streiten Experten 82 Risiko bei Tag und Nacht
17 Porträt: Gibbons Ehrgeiz Im Rom der Caesaren lebte man gefährlich
22 „Göttlich auserwählt“ 85 Seilschaft im Senat
SPIEGEL-Gespräch mit dem Historiker Peter Heather Fast fertig: ein Lexikon aller wichtigen Römer
über Rom als Einparteienstaat und die 86 Sauzitzen und Pfaueneier
Gründe für den Zusammenbruch des Imperiums Imperiale Schlemmer liebten es üppig
88 Der Reisekaiser
KAISERLICHE MACHT Hadrian war Schöngeist und Tyrann zugleich
93 „Lauf den kurzen Weg“
28 Der väterliche Caesaren-Weisheit von Marc Aurel
Tyrann 94 Bier für die Landser
Soldatenalltag im Norden Britanniens
Vom eiskalten Taktiker zum 98 Der listige Feuilletonist
Friedensfürsten: Wer war Augustus? Lukians Feldzüge gegen Bildungsprotze
30 Chronik Ein Weltreich entsteht 100 Nasse Lebensadern
Roms Aquädukte waren technische Großtaten
36 Aktäons Strafe
Warum wurde der Dichter Ovid verbannt? 104 „Vor die Löwen!“
Frühe Christen scheuten nicht den Märtyrertod
40 Feldherr aus dem Sumpf
2000 Jahre nach der Varusschlacht zeichnen Forscher 108 Griff in die Wunde
ein neues Bild von Roms Niederlage Der gelehrte Arzt Galen nutzte besondere Tricks
48 Inszeniertes Altertum
INDEX STOCK / IFA (O.); MARTIN / AGENTUR FOCUS (L.); MADEJ / GRUPPE28 (M. L.); RICCIARINI / ULLSTEIN BILD (M. R.); BILDAGENTUR HUBER (U. L.)

Der Limes, einst Schutzwall des Imperiums gegen die DIE CHRISTLICHE WENDE
Barbaren, ist heute ein Publikumsmagnet
53 „Wilde blaue Augen“ 110 Durch Mord zum Heil
Wie Roms Historiker Tacitus die Germanen sah Constantin, der rätselhafte Autokrat
54 Wein, Weib, Mysterium zwischen den Zeitaltern
Rätselhaft schöne Fresken in Pompeji
56 Muräne mit Ohrringen 112 Chronik Der Niedergang
Plinius der Ältere kannte jeden Luxus – und starb doch 118 Im Namen Gottes
den Forschertod beim Ausbruch des Vesuvs Christen streiten um den wahren Glauben
58 Ein Kaiser als Popstar 122 Pest, Hunger und Schwert
Unter Nero brannte Rom, aber der kapriziöse Das böse Schicksal der Ostgoten in Italien
Herrscher hat seinen schlechten Ruf nicht verdient
62 Dem Leibe zuliebe RÖMISCHES ERBE
Thermen waren ein Lieblingstreffpunkt der Römer
64 Die Todesmaschine 128 Manierlich geplündert
Das Kolosseum, blutigster Showpalast der Antike Machtwechsel, Invasion, Verfall –
68 Mit der Metro ins Imperium aber das Reich durfte nicht sterben
Auf Roms Kaiserforen machen die Archäologen noch
immer Entdeckungen 130 Chronik Das römische Europa
134 „Anreiz fürs Denken“
SPIEGEL-Gespräch mit dem Philologen
Wilfried Stroh über die Faszination des Lateins
138 Tiefen der Vergangenheit
Titelbild: Rekonstruktion einer Ein Gotteshaus und seine lange Vorgeschichte
römischen Kampfmaske mit
Helm – nach einem Fund aus 139 Der höhere Reichtum
der Grabung bei Oberesch – Boëthius’ „Trost der Philosophie“
für die Römertage in Kalkriese. 140 Paragrafen der Zukunft
Foto: Thomas Ernsting / Das römische Recht wirkt bis heute nach
Bilderberg

3 Hausmitteilung | 144 Schauplätze | 144 Buchempfehlungen | 146 Vorschau | 146 Impressum

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 5


6
Die Sprache der Waffen: Für die Völker
innerhalb wie außerhalb des Imperiums
war Rom in erster Linie die überlegene
Militärmacht. Jahrhundertelang behielt das
Kaiserreich gegen nahezu alle Widersacher
rings um das Mittelmeer die Oberhand.
Prunksarkophag von etwa 190 n. Chr., dessen Hauptszene
eine Schlacht zwischen Römern und Germanen darstellt
(Nationalmusum Palazzo Massimo alle Terme, Rom).

7
AKG
DER FALL ROM

Von den Göttern gesegnet: Der Tempel des


Jupiter auf dem Kapitol war und blieb über
Jahrhunderte das politisch-religiöse Zentrum
des Römischen Reiches – der rund um das
Mittelmeer legendäre Gipfel der Macht.
Das kaiserzeitliche Rom um 312 n. Chr. in einer Panorama-Darstellung
des Berliner Künstlers Yadegar Asisi,
die bis zum 1. Februar im Leipziger Panometer gezeigt wird.

8
9
ASISI FACTORY
DER FALL ROM

ERICH LESSING / AKG (L.); MARTINO LOMBEZZI / CONTRASTO / LAIF (R.)

Christen im Untergrund: Kilometerlang ziehen


sich bis heute Katakomben-Labyrinthe durch den
Tuffstein um Rom – Monumente für die
enorme Anziehungskraft des Erlöserglaubens.
Calixtus-Katakombe an der Via Appia (2. Jh. n. Chr.).

10 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


Schnurgerade bis zum Horizont: Noch heute
prägen Römerstraßen viele Regionen Europas.
Die Achse der Via Emilia, gesehen vom
fast hundert Meter hohen Asinelli-Turm in Bologna.
KAPITEL 1 DER FALL ROM

Auf
tönernen
Füßen
Wann und weshalb ging Rom
unter? Seit Jahrhunderten streiten
Gelehrte und Ideologen, wie das
Imperium zu Fall kam – lange war
es ein Politikum ersten Ranges.
Von JOHANNES SALTZWEDEL
MICHAEL S. YAMASHITA / CORBIS

12
Einst imperiales Stadttor, dann als
Kirche vor der Zerstörung gerettet,
heute Monument des Altertums
und Wahrzeichen Triers –
die um 180 n. Chr. erbaute Porta Nigra

13
DER FALL ROM

en alten Gelehrten traf es Lag Hieronymus also falsch? Hatte er letzte Königtum auf Erden werde zwar

D
tief: „Das strahlendste Licht sich als christlich trainierter Apokalyp- eisern-erbarmungslos alles „zerschla-
aller Länder ist ausgelöscht, tiker von Gram und Untergangspanik gen und zerschmettern“, aber die tö-
das Haupt des Römischen hinreißen lassen wie manch anderer nernen Füße des Giganten wiesen dar-
Reiches abgeschlagen – mit Intellektueller? Immerhin war selbst auf hin, dass es dennoch ein „zerteiltes“
einer Stadt ist der ganze Erdkreis un- sein großer Zeitgenosse Augustinus Regiment, das „zum Teil hart, zum Teil
tergegangen“, klagte Sophronius Euse- dem Vorwurf, an der Misere des Impe- brüchig“ sein werde.
bius Hieronymus, als 410 n. Chr. die riums sei das Christentum schuld, mit Fromme Christen in West- wie Ost-
Heerscharen des Gotenführers Alarich seinem gewaltigen philosophisch-theo- rom erkannten darin sogleich ihr Zeit-
Rom eingenommen hatten. „Die Stim- logischen Traktat vom „Gottesstaat“ alter und überlegten: Irgendwie sollte
me versagt mir, vor Schluchzen kann ich oberhalb aller irdischen Geschichte ent- es mit der Weltmacht doch noch ein
nicht mehr diktieren: Die Stadt ist er- gegengetreten. bisschen weitergehen. Kein Wunder,
obert, die einst die Welt unterwarf.“ Kaum eine Quizfrage bietet solche dass Eusebios von Caesarea, Kirchenhis-
Seit Jahren schon lebte der große Chancen für gewitzte Geister wie die toriker und Hofideologe Constantins des
Philologe fern im Osten, geradezu an der scheinbar einfache nach dem Datum von Großen, alles daran setzte, seinen oft mit
Quelle des christlichen Glaubens, in Roms Untergang. Schon vorsichtigere eiserner Hand regierenden Herrscher
Bethlehem. Aber die Metropole des Im- Historiker hätten mindestens die Qual als gottgewollten Fortsetzer des Impe-
periums war und blieb für ihn das Zen- der Wahl zwischen der Gleichstellung riums darzustellen. Ein Kollege, der ibe-
trum seiner geistigen Welt. Dort war er des Christentums durch Kaiser Con- rische Historiker Orosius, entwickelte
getauft worden, dort hatte er studiert, stantin (313), seiner Festschreibung als um 418 aus diesem Hoffnungsschimmer
dorthin war er nach Jahren des Eremi- einzig erlaubte Religion unter Kaiser einen göttlichen Heilsplan, in dem
tentums und des Hebräisch-Lernens Theodosius (391), der Absetzung des Christenglaube und römische Macht
zurückgekehrt, um im Auftrag von Bi- letzten Augustus-Nachfolgers im West- vereint den krönenden Abschluss der
schof Damasus den lateinischen Text reich (476) und dem Sieg des Merowin- Weltgeschichte darstellten.
der Bibel zu vereinheitlichen – und nun gers Chlodwig über den gallischen Rö- „Nicht von der Größe des Caesars, son-
sollte dieser Angelpunkt seiner Existenz mer-Heerführer Syagrius (486). dern von der Macht des Gottessohnes,
die Beute der Barbaren sein? der zur Zeit des Caesars erschien“ sei die
Schon oft hatte Hieronymus erfahren, Aber auch ganz andere Jahreszah- Pax Romana, der Reichsfriede, ausgegan-
wie „täglich römisches Blut vergossen“ len wären denkbar: etwa die letzte Er- gen, erklärte Orosius. „Auch besteht kein
wurde; mit wachsender Sorge hatte er wähnung eines Konsuls (541), die Herr- Zweifel … dass unser Herr Jesus Christus
verfolgt, wie „Goten, Sarmaten, Quaden, schaft des prägenden Papstes Gregor Rom … auf die Höhe der Macht führte,
Alanen, Hunnen, Vandalen und Marko- (um 600), die Kaiserkrönung Karls des der er bei seiner Ankunft zugehören woll-
mannen“ in den Provinzen ihr Unwesen Großen (800), die Beendigung des oströ- te. Daher kann man ihn durchaus einen
trieben. Aber dass das Symbol des weit misch-byzantinischen Reiches durch die römischen Bürger nennen.“
über tausend Jahre alten Imperiums Osmanen (1453), der Beginn des „Heili- Das Reich als denkbar größter welt-
selbst, dass die von riesenhaften Mauern gen Römischen Reiches Deutscher Na- licher Bahnhof für die Erscheinung des
umschlossene Metropole zu seinen Leb- tion“ (962) oder gar sein Ende (1806). Gottessohns? Mochten die letzten, die
zeiten fallen könnte, dieses Endzeit- Angesichts solch verwirrender Auswahl in der Spätantike am alten Götterglau-
ben festhielten, über solche Ideen auch
den Kopf schütteln, die geistige Ver-
Auf dem Papier lebte das Reich schmelzung von Imperium und Chris-
tentum wurde zum Geschichtsbild der
wie ein Untoter fort. Zukunft. Nur unter diesen Vorzeichen
konnte sich der Franke Karl der Große
szenario war ihm doch undenkbar er- drängt sich die Frage auf: Konnte Rom im Jahr 800 von Papst Leo in Rom zum
schienen. Resigniert schrieb er, nun blei- nicht sterben – oder durfte es nicht? Kaiser krönen lassen. Nur deswegen
be nichts als christlicher Mut, Einkehr, Beides, hätte ein christlicher Ge- machten sich während des Mittelalters
Umkehr und Abkehr von der Welt. schichtsschreiber zu Zeiten des immer wieder deutsche Könige auf den
Aber war Rom wirklich untergegan- Hieronymus erwidert – aber auch noch strapaziösen Weg in die verödete, von
gen? Die Mehrheit heutiger Experten in der Epoche Karls des Großen, im Ruinen übersäte Tiberstadt.
sieht in Alarichs Coup von 410 bei aller Hochmittelalter, ja selbst nach der Re- Erst mit der Caesarenwürde war die
Sinnbildlichkeit eher eine Episode; als formation. Denn Rom war nun einmal Fortdauer der christlichen Ordnung ge-
die Goten nach drei Tagen maßvollen das letzte Weltreich der Geschichte; sichert – und ebenso die weltliche
Beutemachens weiterzogen, war weder nach seinem Abgang dräute das Ende Gleichrangigkeit gegenüber dem wach-
die Stadt verwüstet, noch hörte das Kai- aller Tage samt Antichrist und Jüngstem senden Machtanspruch der Päpste, die
sertum auf zu existieren. Ähnlicher Mei- Gericht. So verkündete es die Bibel. Im nun im römischen Kirchenstaat regier-
nung ist auch der Londoner Historiker zweiten Kapitel des Buches Daniel ten. Noch um 1300 bot der große Dichter
Peter Heather, der in seinem Buch „Der träumt König Nebukadnezar von einem Dante knochentrockene Schullogik auf,
Untergang des Römischen Weltreichs“ Koloss mit goldenem Kopf, silberner um durch den Beweis, „dass das römi-
sogar von „einer der manierlichsten Brust, einem Rumpf aus Bronze und Bei- sche Volk sich mit Recht die Oberherr-
Plünderungen“ spricht, „die eine Stadt nen aus Eisen und Ton. Der Prophet lie- schaft der Welt angeeignet hat“, die Po-
je erlebte“ (siehe Gespräch Seite 22). fert die welthistorische Deutung: Das sition des Kaisers zu stärken. Sein Trak-

14 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


ken Weltmacht einen idealen
Diskussionsstoff mit vielerlei
aktuellen Bezügen: War Napo-
leon etwa der neue Caesar?
Oder konnten freiheitlich ver-
bündete „Germanen“ dem Pa-
riser Imperator, dessen Regime
sich in Bauten, Wohnge-
schmack und Kleidermode ge-
radezu ostentativ römisch gab,
auf längere Sicht seine Welt-
herrschaftsvision vergällen?
Die Argumente für den his-
torischen Vergleich lagen seit
langem bereit, allerdings in ei-
nem Zustand, der jetzt von Ex-
perten bis ins Detail neu hinter-
fragt wurde. Denn sämtliche
früheren Erklärungen für Roms
Fall mussten sich nun an einer
Darstellung messen, die in Um-
fang und Tiefenschärfe neue
Standards setzte: Edward Gib-
bons monumentaler Historie
vom „Decline and Fall of the Ro-
man Empire“.
Aber der Reihe nach. Mit
dem Imperium sei es bergab
gegangen, „da Rom die Goten
Der gelehrte Hieronymus (Bild von Marinus van Reymerswaele, um 1541, in Madrid) anfing in Sold zu nehmen“, hat-
te es bislang beispielsweise
tat „De Monarchia“ war nur eine Stimme rist und Diplomat Johannes Sleidanus geheißen, „weil man damit die Kräfte
im Chor vieler Begriffskünstler, die theo- brachte gar noch 1556 eine bald be- des Reichs zu schwächen anfing und
logisch, politisch und juristisch mit im- liebte Weltgeschichte heraus, die ge- alle Stärke, die ihm entzogen wurde, je-
mer ausgefeilteren Argumenten die treu dem Bibel-Gleichnis „Von den vier nen gab“. So nüchtern, ganz unbeirrt
„Translatio Imperii“, den rechtmäßigen Monarchien“ hieß. von überirdischen Heilsplänen, hatte
Übergang der römischen Reichsgewalt Natürlich war Gelehrten wie Politi- schon um 1513 der florentinische
in germanisch-deutsche Hand, als gott- kern inzwischen klar, dass vom glorrei- Machttheoretiker Niccolò Machiavelli
gegeben und gottgewollt rechtfertigten. chen Imperium außer monumentalen die Sache erklärt. Politische Fehlent-
Kaiserliche Siegel und Urkunden Ruinen, klassischen Schriften und klu- scheidungen, Korruption und satte
bündelten das Prinzip in einem ehr- gen Rechtslehren eigentlich nichts mehr Faulheit im Rom der Caesaren seien die
würdigen gereimten Hexameter: „Roma existierte als der Name. Aber weiterhin Hauptgründe für den Zerfall; später
caput mundi regit orbis frena rotundi“ – lebte das Reich auf dem Papier wie ein hätten Papsttum und Kirche den Nie-
Rom, das Haupt der Welt, hält des Erd- Untoter fort – bis der allzu lange ver- dergang beschleunigt.
kreises Zügel in Händen. Bis weit über schleppte Fall gänzlich zur Realsatire Ein diskutables Bündel von Ursachen
das Mittelalter hinaus sollte diese ideo- geworden war. In der frühesten Fassung und überhaupt ein plausibles gedankli-
logische Fassade Bestand haben. Ganz seines „Faust“ ließ der junge Jurist ches Grundmuster: Auch heute noch
ohne Augenzwinkern verkündete bei- Goethe um 1775 die Saufkumpane aus neigen die meisten seriösen Forscher –
spielsweise der gelehrte Dichter Sebas- Auerbachs Keller frech losgrölen: „Das nach einem Wort des Historikers Alfred
tian Brant 1494 in seinem sonst so re- liebe heil’ge Röm’sche Reich, / Wie hält’s Heuß – beim Blick auf das Ende der An-
spektlosen „Narrenschiff“, dass „die Rei- nur noch zusammen?“ tike zu „Dekadenztheorien“, in denen
che“ wie „Assyrien, Persien“ und ande- eine Vielzahl von Problemen und Kon-
re alle „ihr Ziel“ gehabt hätten – aber Staatsrechtlich-offiziell war es erst flikten die große Wende herbeiführt.
das Römische Reich 1806 aus, als Kaiser Franz II. auf Druck Äußere Feinde und innere Fehlentwick-
… bleibt, so lang Gott will; Napoleons seine Krone niederlegte – zu lungen, gewöhnlich gar eine fatale Ver-
Gott hat ihm gesetzt sein Maß und Zeit, einer Zeit, da Geschichtsdeuter beson- kettung solcher Bedrohungen machen
Der geb’, es werd’ so groß und weit, ders intensiv nach Anzeichen suchten, Rom schrittweise den Garaus. Wer al-
Daß ihm sei untertan all Erd’, ob es mit der Menschheit im Ganzen lerdings nach echten Schuldigen und
CULTURE-IMAGES

Wie Recht es und Gesetz bewährt. bergauf oder bergab gehe. Für optimis- simplen Lehrsätzen sucht, den kann
An Rom, genauer: an der Doktrin vom tische Spätaufklärer wie skeptisch-ver- auch die pfiffigste Näherungsformel für
„Heiligen Römischen Reich Deutscher schreckte Opfer der Französischen das Rezept der letalen Giftmischung
Nation“ schien nicht zu rütteln. Der Ju- Revolution bot das Schicksal der anti- letztlich nicht befriedigen.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 15


DER FALL ROM

Dass Machiavelli als einen Sargnagel Basis historischen Urteils ausbauten und tur, sei zum längst eingetretenen inneren
Roms auch das Christentum erwähnt verfeinerten, desto geringer wurde die Exitus allmählich auch der äußerliche
hatte, war zu seiner Zeit überaus mutig Lust der Fachkenner, Roms Niedergang Abstieg gekommen, durch Orientalisie-
gewesen. Ein Europäer der Spätaufklä- auf bestimmte Ursachen oder gar eine rung, Barbarisierung, Imperialismus, Pa-
rung konnte sich so etwas schon eher einzige zurückzuführen. Es war sym- zifismus und vor allem den Verlust mi-
leisten. Trotzdem wusste Edward Gib- ptomatisch, dass Theodor Mommsen litärischer Disziplin. Im finalen Zerfall
bon (siehe Porträt Seite 17), dass er eini- (1817 bis 1903), der 1854 als junger Pro- der Völkerwanderungszeit sah Momm-
ges wagte, als er 1776, kein halbes Jahr fessor eine fulminante „Römische Ge- sen obendrein als liberaler Nationalist
vor der Unabhängigkeitserklärung der schichte“ angefangen hatte, den vierten wesentlich eine Tat der „Deutschen“.
USA, das ehrwürdige Problem völlig neu Band über die Kaiserzeit schuldig blieb. Doch all diese Überlegungen behielt der
aufzurollen begann. Es hieß, er sei stets unsicher geblie- Doyen seines Faches weitgehend für
ben, was den Zusammenbruch des Im- sich – wohl vor allem aus taktischen
Epoche machte das Werk, das bis periums und den Niedergang der römi- Gründen: Um 1900 war die Debatte über
1788 auf sechs Bände anwuchs, schon schen Zivilisation eigentlich bewirkt den Niedergang Roms zum Tummel-
durch seinen enormen Detailreichtum. habe – aber das sagte Mommsen wäh- platz agitierender Thesenritter und
Ein mittleres intellektuelles Erdbeben rend einer Abendeinladung, um vorwit- Welterlöser geworden.
aber lösten die Kapitel 15 und 16 aus. Für zige Fragen abzuwimmeln. Wie gründ- Spätestens seit Georg Wilhelm Fried-
Fachwelt und gebildete Öffentlichkeit lich der Großmeister seiner Zunft das rich Hegel 1821 in seiner Rechtslehre
verdichteten sich Gibbons Formulierun- Rom als die „unendliche Zerreißung des
gen, die oft von Ironie funkelten, zu einer sittlichen Lebens in die Extreme per-
Kernbotschaft: Sturmreif gemacht hät- sönlichen privaten Selbstbewusstseins
ten Rom nicht, wie bislang meist und abstrakter Allgemeinheit“ be-
angenommen, die zermürbenden schrieben hatte – wobei er listig
Einfälle der Germanen oder das alte Schema der vier Reiche
„schlimmer Überreiz“, der aufwärmte, jetzt allerdings mit
„dem römischen Staatskörper dem „germanischen“ als End-
die letzten Kräfte“ entzog stadium –, war der Kampf
(Heinrich Heine), sondern um Rom unter den Ge-
letztlich die wachsende schichtsphilosophen wie-
Gleichgültigkeit gegenüber der neu entbrannt.
derlei Gefahren. Im Klar- Hörbar von Gibbon in-
text: Sobald die Römer erst spiriert deutete zum Bei-
einmal von der Jenseits- spiel der Hegelianer Lud-
hoffnung des Christentums, wig Feuerbach „Das Wesen
dieser „reinen und demüti- des Christentums“ mit Hin-
gen Religion“ (Gibbon), weis auf spätantiken Geistes-
durchdrungen waren, verlo- wandel: „An die Stelle Roms
ren sie Bürgersinn, Kraft, Mut trat der Begriff der Mensch-
und Konzentration, das Reich heit, damit an die Stelle des Be-
beisammenzuhalten. griffs der Herrschaft der Begriff
Zwar rühmten die Zeitgenossen der Liebe.“ Karl Marx entwickelte
fast einhellig Gibbons eleganten Sprach- nicht zuletzt am Exempel des römischen
stil. Doch Unmut und fromme Em- Staates seinen Begriff vom Klassen-
pörung über das Geschichtsbild des kampf. Friedrich Nietzsche wiederum,
selbstbewussten Briten hielten sich bis Siegel Kaiser Karls IV. mit dem Vers der den „Verfall der römischen Kultur“
weit ins 19. Jahrhundert. Ein gewisser „Roma caput mundi regit orbis frena weiterhin wesentlich auf die „Ausbrei-
Thomas Bowdler brachte 1821 gar eine rotundi“ (Staatsarchiv Hamburg) tung des Christentums“ zurückführte,
gereinigte Fassung des Werkes heraus, interessierte sich eher für Behauptun-
die alle Christentums-kritischen Passa- Problem durchdacht hatte, ist spätestens gen wie die, dass in der Epoche des
gen wegließ – denn lesen wollte es ei- seit 1992 klar. Eine Mitschrift von Niedergangs „eine allgemeine Verhäss-
gentlich jeder. Um die Erzählleistung Mommsens Vorlesungen zur Kaiserzeit, lichung des Menschen innerhalb des
wie den immensen Faktenschatz konn- entdeckt und herausgegeben vom Spät- römischen Reiches“ eingetreten sei.
te niemand guten Gewissens einen Bo- antike-Experten Alexander Demandt,
gen machen. belegt seither: Für Mommsen, einen le- Aber solche Ansichten zählten
Dabei hatte Gibbon meist auf Vor- benslangen Bewunderer von Gibbons schon zu den gemäßigteren. So nach-
arbeiten anderer gebaut und nur wenig Widerstand gegen den „common sense“ drücklich der große Universalgelehrte
Grundlagenforschung betrieben, wie („Nicht die Barbaren haben Rom umge- des klassischen Weimar, Johann Gott-
sich im Laufe des 19. Jahrhunderts im- stoßen“), war verblüffenderweise schon fried Herder, gerade am Beispiel Roms
mer deutlicher zeigte. Je emsiger vor al- die Republik des 2. Jahrhunderts v. Chr. davor gewarnt hatte, dem allemal viel-
lem deutsche Wissenschaftler durch ar- todgeweiht. sinnigen, „tausendzweckigen“ histori-
chäologische Funde, Papyri, Inschrif- Während der Kaiserzeit, dem „höchs- schen Geschehen eine „Philosophie der
tensammlungen und Quellenkritik die ten Greisenalter“ der lateinischen Kul- Endzwecke“ überzustülpen – genau die-

16 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


PORTRÄT

Der große Rom-Historiker wollte vor allem literarisch glänzen.

GIBBONS EHRGEIZ
Als erfahrener Geschichtsschreiber nahm er es Lausanne – und der Umerziehungsaufenthalt hatte
auch mit der eigenen Erfolgsgeschichte genau: „Es war zu großen Erfolg: Gibbon junior wechselte zurück zum Pro-
Rom am 15. Oktober 1764“, notierte Edward Gibbon rück- testantismus und lernte Französisch und Altgriechisch; er
blickend, „ich saß in der Abenddämmerung nachdenklich fand den Weg in die feine Gesellschaft, begann Studien zur
in der Kirche der Barfüßermönche, während sie im Jupi- Literaturgeschichte und freundete sich mit dem jungen
tertempel auf den Trümmern des Kapitols die Vesper Schweizer Georges Deyverdun an.
sangen, als mir zum ersten Male der Gedanke Was sein Leben bringen sollte, war ihm den-
kam, über den Verfall und Untergang der noch nicht klar. Drei Jahre diente er als
Stadt zu schreiben.“ Offizier; dann lernte er auf einer
Eine denkwürdige Szene, gewiss großen Bildungsreise in Paris die
– doch sehr wahrscheinlich hat Koryphäen der Aufklärung und in
der brillante Brite den schönen Italien die Monumente des Al-
Moment erfunden. Zu elegant tertums kennen. Als 1770 sein
ruft das herzergreifende Bild Vater starb, konnte er vom er-
den antiken Bericht wach, erbten Vermögen in London
wie Roms Feldherr Marius ein großes Haus als Gen-
auf den Ruinen Karthagos tleman-Intellektueller füh-
in Tränen ausgebrochen ren. Doch nicht einmal ein
sein soll; ein paar Fein- gutdotierter Parlaments-
schmecker unter den Le- sitz befriedigte seinen
sern mochten sich gar Ehrgeiz.
erinnern, dass hier, auf Die alten Perser, das
dem Kapitol, auch der französische Lehenswe-
große Humanist Poggio sen oder die Geschichte
Bracciolini 1439 über das der Schweiz: Etliche sol-
Schicksal der Stadt gegrü- cher Projekte begann Gib-
belt hatte. bon und verwarf sie wie-
Aber gerade solche Fein- der, bis ihm der erlösende
schmecker wollte Gibbon Einfall kam, Roms Nieder-
befriedigen. Was heute als gang zu schildern.
kleine Schwindelei erscheint, Nur vier Jahre, von 1772 bis
war damals großer Stil, rhetori- 1776, brauchte er für den ersten
sche Kunst. Und Historiker war Band, der sogleich ein Sensations-
der Sohn eines vermögenden Grund- erfolg wurde. 1781 folgten zwei wei-
besitzers aus dem Londoner Vorort Put- tere. Den Rest seines Haupt- und Le-
ney ohnehin vor allem deshalb gewor- benswerkes schrieb er in Lausanne,
den, weil er literarisch glänzen, „Na- wohin er sich 1783 nach dem Verlust
men, Rang und eine Rolle in der Welt“ GENTLEMAN-AUTOR seines Abgeordnetenmandats zurück-
erreichen wollte. Auf sein Studium blickte gezogen hatte. Als 1788 der letzte Band
JERSICKY / INTERFOTO (L.); MICHAEL NICHOLSON / CORBIS (R.)

Ganz unverblümt hat er davon er- Edward Gibbon nur mit erschien, war Gibbons Lebensziel er-
zählt, wie er 1752, mit 15 Jahren, das Verachtung zurück. reicht: Europaweit berühmt, selbst von
Oxforder Magdalen College bezog, dort (Kolorierter Stich von Gegnern für seinen Stil gepriesen,
aber nur Stumpfsinn, Tratsch und Dün- J. Chapman, 1807) konnte er nun mit gewissem Recht sei-
kel entdecken konnte. Er habe an der ner Arroganz freien Lauf lassen.
berühmten Universität die ödesten, nutzlosesten 14 Mo- In Memoiren, deren ölige Selbstgefälligkeit bisweilen
nate seines Lebens verbracht, schimpfte er später. Im- ans Komische grenzt, hat er sein Schicksal zu feiern ver-
merhin brachte emsige Lektüre ihn so weit, dass er sucht – beendet hat er sie nicht. Geplagt von Gicht und
Katholik wurde. krankhafter Fettsucht, kam er 1793 nach London, aber
Damit hatte sich der junge Mann in England fast jede die Ärzte konnten ihm nicht mehr helfen. Der Chronist
bessere Karriere verbaut. Der alarmierte Vater schickte von Roms Verfall starb an den Folgen einer Operation im
ihn schnurstracks fort zu einem Pfarrer ins calvinistische Januar 1794. Johannes Saltzwedel

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 17


DER FALL ROM

se Suche nach der einen, entscheiden- Das Zentrum der


den Triebfeder des Weltgeschehens Metropole Rom zur Zeit
wurde nun epidemisch. Constantins des Großen
Zwei Beispiele von Dutzenden: Ri- (Modell im Museo della
chard Wagners Schwiegersohn, der Civiltà Romana, Rom)
Antisemit Houston Stewart Chamber-
lain, rechnete 1899 den Römern in das Mittelmeer zur Kriegs-
„gründlicher Blutvermischung“, „Bas- zone werden ließ und die
tardierung“ und „Völkerchaos“ ihr ras- Nordeuropäer auf sich
sisches Scheitern vor. Und im Gefolge selbst zurückwarf, erklärte
des Ersten Weltkriegs warnte dann Os- Anfang der zwanziger Jah-
wald Spengler in seinem kulturverglei- re der belgische Historiker
chenden Bestseller „Der Untergang des Henri Pirenne.
Abendlandes“ noch orakelnder vor dem So vorsichtig diese küh-
„Cäsarismus“ der Spätzeiten, wo anstel- nen Gegenentwürfe damals
le von kraftvoll-kollektiven „Rasse- aufgenommen wurden: In
eigenschaften“ nach „wüsten Fehden der den vergangenen 30 Jahren
Cäsaren um den Privatbesitz der Welt“ hat die These vom glimpfli-
das „Primitive“ und „Kosmisch-Ge- chen, ja nahezu unmerkli-
schichtslose“ zurückkehre. chen Ausklingen des Impe-
riums unter den Fachleuten
Gegen solch lautstarke Pseudowis- viele Anhänger gewonnen.
senschaft, an der sich immer wieder So lehnte der Oxforder Au-
auch geltungseifrige Professoren betei- gustinus-Spezialist Peter
ligten, hatten Tatsachensucher einen Brown, der 1971 in einem
schweren Stand. Selbst nach dem Zwei- bis heute wegweisenden
ten Weltkrieg war das Getöse nicht ver- Buch „Die Welt der Spät-
hallt: In seiner magistralen Studie „Der antike“ neu umriss, den Be-
Fall Roms“ hat Alexander Demandt – griff „Verfall“ systematisch
derselbe, der Mommsens Kaiserzeit- ab und plädierte dafür, ihn
Vorlesungen herausgab – 1984 nicht we- durch die neutralere For-
niger als 210 Faktoren namhaft gemacht, mulierung von einer „reli-
die laut zahllosen früheren Historikern giösen und kulturellen Um-
angeblich zu Roms Ende geführt haben wälzung“ zu ersetzen.
sollen: von „Aberglaube“ über „Boden- Mehr noch: Statt von
erschöpfung“, „Homosexualität“, „Kul- Krise und Untergang sollte
turneurose“ und „Resignation“ bis zu lieber von Wandel und Er-
„Überalterung“, „Verpöbelung“, „Wil- neuerung die Rede sein, for-
lenslähmung“ und „Zweifrontenkrieg“. derte die neue Denkschule.
Spätestens an dieser Liste wird klar: Machten einst grimmige
Wer heute über Roms Ende nachdenkt, Barbaren Rom nieder, war
hat es mit einer so überwältigenden Fül- nun allenfalls ihre nicht so
le von Erklärungen und Spezialwissen recht geglückte Integration
zu tun, dass schon eine kraftvolle Ak- zu bedauern. Soeben hat
zentverschiebung innerhalb des riesigen der US-Kulturhistoriker
Spektrums der Meinungen und Model- James J. O’Donnell in sei-
le anregend wirken muss. Genau das ha- nem Buch „The Ruin of the
ben Historiker seit Beginn des 20. Jahr- Roman Empire“ noch einmal packend beschwichtigenden Deutungen aufs
hunderts immer wieder probiert. und gelehrt die traurige Folge von Korn: Nach penibler Sichtung der Be-
Wohl der wichtigste dieser Trends „verpassten Gelegenheiten“ Revue pas- funde konstatiert er „eine tiefe militäri-
war der Versuch, den Untergang über- sieren lassen. sche und politische Krise“, einen „dra-
haupt als fadenscheiniges Konstrukt zu Bei jüngeren Fachleuten aber stößt matischen Niedergang von wirtschaft-
entlarven. Hunnenkämpfe hin, Macht- die These vom weitgehend erträglichen licher Fortschrittlichkeit und Wohl-
zerfall her: Wirtschaftlich gesehen sei Ende des Imperiums neuerdings auf fast stand“ – kurz: „Schrecken und Verwer-
zwischen Antike und Mittelalter nir- schon empörten Widerstand. Mit sei- fungen einer Art, von der ich ehrlich
gendwo eine scharfe Grenze zu ziehen, nem Buch „Der Untergang des römi- hoffe, sie nie durchleben zu müssen“.
meinte schon 1918/19 der Wiener Ur- schen Reiches“ hat sich Peter Heather Ist es ein Zufall, dass solche Sätze
kunden-Spezialist Alfons Dopsch. Wenn als einer der ersten 2005 vehement ge- nur wenige Jahre nach dem Fanal des
überhaupt ein Bruch eingetreten sei, gen die Verharmlosung der Umbrüche 11. September 2001 erschienen sind?
dann durch die Ausbreitung des Islams gewandt. Fast zeitgleich nahm auch sein „Die Römer waren vor dem Untergang
während des 8. Jahrhunderts, die den Kollege, der Archäologe Bryan Ward- genauso wie wir heute sicher, dass ihre
Kulturkontakt zu Vorderasien kappte, Perkins vom Trinity College Oxford, die Welt für immer im Wesentlichen unver-

20 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


ändert bleiben würde. Sie lagen falsch. und Zwänge nacherlebt. Aus dem Un- ge nach dem Ende ihre eigene Antwort.
Wir wären gut beraten, nicht genauso tergang des Imperiums ist so ein Mo- Mitten auf dem noblen Platz, den Mi-
selbstgefällig zu sein“, schreibt Ward- dellfall für historische Erkenntnis und chelangelo durch zwei spiegelgleiche
Perkins – und offenbart damit, wie we- Selbsterkenntnis schlechthin geworden, Palastfronten hatte entstehen lassen,
nig er dem Leitwort seines Fachpatriar- ein Schauspiel des Geistes aus zahllo- deuteten sie auf das Reiterstandbild des
chen Tacitus folgen mochte, „sine ira et sen Szenen zwischen Völkerschlacht Marc Aurel und raunten: Wenn die letz-
studio“, ohne Zorn und Eifer, über das und Kulturaufbruch, grausamen Lehr- te Spur von Gold auf der Bronze dahin
RUGGERO VANNI ARCHIVE / CORBIS

längst Vergangene zu urteilen. stücken und verborgenem Hoffnungs- ist, dann ist es auch mit Rom vorbei,
schimmer – ein Drama, das jeder neu dann kommt der Weltuntergang.
Hier schließt sich der Kreis: Wie deuten darf und das gerade darum seine Mittlerweile steht das Original des
schon die ältesten Urteile über Roms Faszination nie verlieren wird. antiken Denkmals nebenan im klimati-
Ende dem Geist ihrer Zeit verpflichtet Fremdenführer auf dem römischen sierten Museumsraum, und mit etwas
blieben, so hat jede Epoche, bewusst Kapitol, dort, wo einst der Jupitertempel gutem Willen sind daran weiterhin gol-
oder unbewusst, den Zerfall des Cae- den Mittelpunkt des Weltreiches bilde- dene Schimmer zu erkennen. Das gibt
sarenreiches als Spiegel eigener Ängste te, gaben jahrhundertelang auf die Fra- doch Hoffnung.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 21


PORTRÄT

Der große Rom-Historiker wollte vor allem literarisch glänzen.

GIBBONS EHRGEIZ
Als erfahrener Geschichtsschreiber nahm er es Lausanne – und der Umerziehungsaufenthalt hatte
auch mit der eigenen Erfolgsgeschichte genau: „Es war zu großen Erfolg: Gibbon junior wechselte zurück zum Pro-
Rom am 15. Oktober 1764“, notierte Edward Gibbon rück- testantismus und lernte Französisch und Altgriechisch; er
blickend, „ich saß in der Abenddämmerung nachdenklich fand den Weg in die feine Gesellschaft, begann Studien zur
in der Kirche der Barfüßermönche, während sie im Jupi- Literaturgeschichte und freundete sich mit dem jungen
tertempel auf den Trümmern des Kapitols die Vesper Schweizer Georges Deyverdun an.
sangen, als mir zum ersten Male der Gedanke Was sein Leben bringen sollte, war ihm den-
kam, über den Verfall und Untergang der noch nicht klar. Drei Jahre diente er als
Stadt zu schreiben.“ Offizier; dann lernte er auf einer
Eine denkwürdige Szene, gewiss großen Bildungsreise in Paris die
– doch sehr wahrscheinlich hat Koryphäen der Aufklärung und in
der brillante Brite den schönen Italien die Monumente des Al-
Moment erfunden. Zu elegant tertums kennen. Als 1770 sein
ruft das herzergreifende Bild Vater starb, konnte er vom er-
den antiken Bericht wach, erbten Vermögen in London
wie Roms Feldherr Marius ein großes Haus als Gen-
auf den Ruinen Karthagos tleman-Intellektueller füh-
in Tränen ausgebrochen ren. Doch nicht einmal ein
sein soll; ein paar Fein- gutdotierter Parlaments-
schmecker unter den Le- sitz befriedigte seinen
sern mochten sich gar Ehrgeiz.
erinnern, dass hier, auf Die alten Perser, das
dem Kapitol, auch der französische Lehenswe-
große Humanist Poggio sen oder die Geschichte
Bracciolini 1439 über das der Schweiz: Etliche sol-
Schicksal der Stadt gegrü- cher Projekte begann Gib-
belt hatte. bon und verwarf sie wie-
Aber gerade solche Fein- der, bis ihm der erlösende
schmecker wollte Gibbon Einfall kam, Roms Nieder-
befriedigen. Was heute als gang zu schildern.
kleine Schwindelei erscheint, Nur vier Jahre, von 1772 bis
war damals großer Stil, rhetori- 1776, brauchte er für den ersten
sche Kunst. Und Historiker war Band, der sogleich ein Sensations-
der Sohn eines vermögenden Grund- erfolg wurde. 1781 folgten zwei wei-
besitzers aus dem Londoner Vorort Put- tere. Den Rest seines Haupt- und Le-
ney ohnehin vor allem deshalb gewor- benswerkes schrieb er in Lausanne,
den, weil er literarisch glänzen, „Na- wohin er sich 1783 nach dem Verlust
men, Rang und eine Rolle in der Welt“ GENTLEMAN-AUTOR seines Abgeordnetenmandats zurück-
erreichen wollte. Auf sein Studium blickte gezogen hatte. Als 1788 der letzte Band
JERSICKY / INTERFOTO (L.); MICHAEL NICHOLSON / CORBIS (R.)

Ganz unverblümt hat er davon er- Edward Gibbon nur mit erschien, war Gibbons Lebensziel er-
zählt, wie er 1752, mit 15 Jahren, das Verachtung zurück. reicht: Europaweit berühmt, selbst von
Oxforder Magdalen College bezog, dort (Kolorierter Stich von Gegnern für seinen Stil gepriesen,
aber nur Stumpfsinn, Tratsch und Dün- J. Chapman, 1807) konnte er nun mit gewissem Recht sei-
kel entdecken konnte. Er habe an der ner Arroganz freien Lauf lassen.
berühmten Universität die ödesten, nutzlosesten 14 Mo- In Memoiren, deren ölige Selbstgefälligkeit bisweilen
nate seines Lebens verbracht, schimpfte er später. Im- ans Komische grenzt, hat er sein Schicksal zu feiern ver-
merhin brachte emsige Lektüre ihn so weit, dass er sucht – beendet hat er sie nicht. Geplagt von Gicht und
Katholik wurde. krankhafter Fettsucht, kam er 1793 nach London, aber
Damit hatte sich der junge Mann in England fast jede die Ärzte konnten ihm nicht mehr helfen. Der Chronist
bessere Karriere verbaut. Der alarmierte Vater schickte von Roms Verfall starb an den Folgen einer Operation im
ihn schnurstracks fort zu einem Pfarrer ins calvinistische Januar 1794. Johannes Saltzwedel

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 17


Schlacht zwischen
Germanen und Römern
am Rhein (Gemälde
von Friedrich Tüshaus,
1876)

SPIEGEL-GESPRÄCH

Der Londoner Historiker Peter Heather über Rom als


erfolgreichen Einparteienstaat, die Stellung der Sklaven, hunnische
Kampftechnik und den Aufstieg des Christentums

„Göttlich auserwählt“
SPIEGEL: Professor Heather, Sie haben verblichen, von den Rändern her ver- In den 30 oder 40 Jahren zuvor aber
gewagt, die Streitfrage neu aufzurollen, schwunden, und keiner habe es gemerkt. kämpft das Reich wie verrückt darum, die
warum das Römische Reich zusammen- Ich glaube, das ist ein schwerer Irrtum. Provinzen zu behalten, die seine Steuer-
brach – oder doch zerfiel. Wie ernst neh- Wir haben es mit einer der großen Um- einnahmen sichern. Alles in allem ist das
men Historiker heute dieses Problem? wälzungen in der Geschichte Europas zu ein gewaltiger Vorgang mit enormen Um-
Ist es immer noch ein Modellfall? tun. Ungeheure Gewalt war im Spiel, brüchen und erheblichen Folgen.
Heather: Ganz bestimmt. In der Fachwelt viele entscheidende Schlachten wurden SPIEGEL: Immerhin war der Caesaren-
ist zwar neuerdings oft behauptet wor- geschlagen. Es ist auch ganz leicht zu er- staat eines der größten Reiche der Welt-
den, das Imperium sei gewissermaßen kennen, warum der Zentralstaat schließ- geschichte.
lich verschwindet: Er verliert seine Steu- Heather: Auf jeden Fall der größte Staat,
Das Gespräch führten die Redakteure Johannes ergrundlagen, hat also kein Geld mehr, den es im westlichen Eurasien je gege-
Saltzwedel und Rainer Traub. um Armeen und anderes zu unterhalten. ben hat, dazu mit 500 Jahren auch der

22 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


DER FALL ROM

langlebigste – kein Vergleich etwa zur SPIEGEL: Die Provinzen waren offenbar finde, der Vergleich mit den kommunis-
Sowjetunion. Der einzige andere Re- auch politisch recht unabhängig – in tischen Parteien im früheren Ostblock
kordanwärter wäre wohl China. Aber es Landessprache, Wirtschaft und anderes trifft es am besten: Ist Rom erst einmal
gibt da einen großen Unterschied: griffen die Römer kaum ein. da, kann ihm keine militärische, ideolo-
Während China heute um denselben Heather: Rom hätte das tägliche Leben in gische oder politische Kraft entgegen-
Kern wie früher geeinigt ist, wurde die den Regionen gar nicht schärfer kon- treten. Es gibt nur dieses eine Spiel –
mittelmeerische Machtbasis, die Rom trollieren können, dazu fehlte es schon wenn Sie im Leben etwas erreichen
ausmachte, nie wieder erneuert. Alle an Bürokratie, um die nötige Informa- wollen, müssen Sie mitmachen, ob Sie
späteren Reiche hier gründen sich auf tion zu verarbeiten. Das Grundsteuer- wollen oder nicht.
nordeuropäische Besitztümer, nicht system war ein Herrschaftsinstrument SPIEGEL: Nun war die Sowjetunion
mehr auf das Mittelmeer. erster Ordnung, eine ungeheure Ver- aber kaum Kulturvorbild, ihre Vorherr-
SPIEGEL: Was machte Rom so erfolg- waltungsleistung. Zudem gab es in je- schaft beruhte in erster Linie auf
reich? der Marktstadt mindestens einen so- Gewalt.
Heather: Die Geschichte des Heather: Soweit wir wissen,
Mittelmeers seit 700 vor Chris- war das Römische Reich ge-
tus zeigt eine Bewegung hin walttätiger als das Sowjetreich.
zur politischen Einheit. Darin Aber für Rom gab es keinen
bleibt Rom wie in einer Fuß- globalen Widerpart, es gab kei-
ballliga schließlich Meister. ne USA, keine kapitalistische
Entscheidend dafür war auch, Welt, mit der man sich messen
dass das frührömische Ge- und vor der man sich wappnen
meinwesen bereit war, Fremde musste. So wurde Rom ein un-
aufzunehmen und ihnen ho- fassbar erfolgreicher Einpar-
hen sozialen Rang zuzubilligen. teienstaat. Das wirft übrigens
Hinzu kommt natürlich pure ein ganz anderes Licht auf
militärische Stärke. Längerfris- scheinbar persönliche, willent-
tig gesehen, beruht Roms Er- liche Entscheidungen: In ei-
folg auf seiner Fähigkeit, sich nem solchen Staat hat man oft
anzupassen. So werden Be- keine echte Wahl.
wohner eroberter Provinzen SPIEGEL: War es die enorme
umgehend Vollrömer. Stabilität des Systems, die den
SPIEGEL: Wollen Sie damit sa- Zusammenbruch so folgen-
gen, dass Toleranz und Multi- schwer und tragisch machte?
kultur stabilisierend wirkten? Heather: Es kommt auf den
Heather: Roms Ideologie war Blickwinkel an. Von Kernberei-
nicht rassisch begründet; Blut, chen des Staates aus betrach-
Herkunft oder Hautfarbe stell- tet – Steuern, Streitkräfte, Re-
ten kein Problem dar. Das gierung –, ist die Katastrophe
WESTF. LANDESMUSEUM FÜR KUNST-UND KULTURGESCH. MÜNSTER (L.); GRAHAM JEPSON / WRITER PICTURES

Selbstverständnis imperialer verheerend. Auch einige Pro-


Größe beruht unmittelbar auf vinzen wie Britannien erlebten
griechischen Kulturbegriffen – ein sehr übles, gewaltsames
es geht dabei um Erziehung, Ende, vor allem dort, wo die
um den Verstandesmenschen, Landbesitzerklasse ausgerottet
den sie angeblich hervorbringt, PETER HEATHER oder zumindest enteignet wur-
und um Eudaimonie, die gute Der britische Forscher ist durch sein Buch „Der de. Anderswo aber ging das Le-
und richtige Art zu leben. Vieles Untergang des Römischen Weltreichs“, das von ben seinen römischen Gang
davon ist offensichtlich mehr der Fachwelt einhellig gelobt wurde, auch im noch mindestens eine Genera-
Einbildung als Wirklichkeit, deutschen Sprachraum bekannt geworden. tion lang weiter wie bisher.
aber auf lange Sicht diente es Heather, 48, lehrt am Londoner King’s College. SPIEGEL: Gewöhnlich wird aus
der Integration ungemein. Vergils „Aeneis“ der offizielle
SPIEGEL: Bildete die Schicht der Patri- liden Lateinlehrer. Das war im Grunde Gründungsmythos für Roms nie enden-
zier und Senatoren aber nicht eine sehr alles. de Herrschaft abgeleitet. Also müssten
exklusive Gesellschaft? SPIEGEL: Das hat gereicht, um die römi- ideologisch die Verhältnisse seit dieser
Heather: Gewiss, diese Kaste hatte auch sche Zivilisation weit und breit legen- Zeit, der des Augustus, klar gewesen sein.
lange Bestand, verglichen etwa mit dem där zu machen? Heather: Es war tatsächlich eine Periode
Britischen Empire. Bis in sehr späte Zeit Heather: Die Forscher diskutieren jetzt unglaublichen Erfolgs, etwa so wie im
waren Provinzaristokraten, die Senato- sogar, ob die Romanisierung überhaupt spätviktorianischen England. Wer ein
ren wurden, eine seltene Ausnahme. von der Zentralgewalt betrieben wurde. Viertel des Erdballs kommandieren
Erst im vierten Jahrhundert fiel die Bar- Etliches deutet darauf hin, dass in den kann, dessen Gefühl göttlicher Sendung
riere. Zuvor war es schon ein enormer meisten Fällen die Landbesitzerelite aus lässt sich ziemlich schwer im Zaum hal-
Erfolg, auch nur in die römische Pro- freien Stücken mitmachte. Sie nahm die ten. Größenwahn ist kaum zu vermei-
vinzaristokratie aufzusteigen. Idee an, sie romanisierte sich selbst. Ich den, wenn man so wichtig ist, oder?

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 23


Mit dem Großreich Persien – hier die Ruinen der Resi-
denz Persepolis – rang das römische Imperium jahr-
hundertelang um die Vorherrschaft im Vorderen Orient.

Roms Nachbild in der Moderne: Totalitär wie der Sowjet-


staat drückte das Reich der Umwelt seinen Willen auf.
(Parade am Kreml in Moskau, 1987)

KAZUYOSHI NOMACHI/CORBIS (O.); TASS / PICTURE-ALLIANCE / DPA (U.)

24 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


DER FALL ROM

SACHSEN Ende einer Großmacht


Der Untergang des Römischen Reiches
FRANKEN
VANDALEN HUNNEN
OST-
T
OST-
O
GOTEN
GOTE N
GOTE
GO

WEST-
GOTEN

Rom

Mittelmeer
Wichtige Wanderungen der Germanen
und Einfälle in das Römische Reich Quelle: Der Neue Pauly
vom 4. bis 6. Jahrhundert n. Chr. „Historischer Atlas der
antiken Welt“
Römisches Reich
600 km

SPIEGEL: Augustus wurde nicht wahn- die Römer bis weit nach Mesopotamien SPIEGEL: Tatsächlich? Wollen Sie sagen,
sinnig. vor, fast bis an die Stelle des heutigen Rom hätte genauso gut ohne Sklaverei
Heather: Aber mancher seiner Nachfol- Bagdad. Aber sie konnten das Gebiet existieren können?
ger – fast schon wie im Hellenismus mit nicht lange halten, und dann kehrte sich Heather: Ja. Die Anzahl der Sklaven war
seinen nachalexandrinischen Tyrannen- der Erfolg schließlich sogar gegen sie, beachtlich, aber sie lag weit niedriger
herrschern. Gleichviel: Die Römer wa- weil die junge Sassaniden-Dynastie als etwa im klassischen Athen, wo über
ren und blieben sicher, dass sie göttlich die örtlichen Eliten ringsum gegen 60 Prozent der Bevölkerung Sklaven wa-
auserwählt waren, die Menschheit zu Roms Imperialismus vereinigte. Je mehr ren. Außerdem müssen Sie sich in der
regieren. Sie waren schon reichlich hel- Rom griechische Maßstäbe übernahm, italienischen Landwirtschaft einen Skla-
lenisiert, aber sie vergaßen nie, dass sie desto mehr galt Persien für die Römer ven eher als abgabenpflichtigen Klein-
die für Luxus anfälligen, weniger zähen als das große Andere, als Antizivilisa- bauern vorstellen. Wirtschaftshistoriker
Griechen politisch überwunden hatten. tion, wo alle Sklaven waren und kein haben ermittelt, dass es echte Plantagen-
SPIEGEL: Kam die Niederlage des Varus Recht herrschte. Roms Rationalität setz- sklaven nur in der Weinindustrie gab, und
da als traumatisches Ereignis, war es zu- te sich der Rationalität des Kosmos auch dort nur für kurze Zeit. Im späteren
mindest eine Narbe im strahlenden Ant- gleich – da konnte es keinen zweiten Kaiserreich ähnelten Sklaven sehr viel
litz des unbesiegbaren Imperiums? göttlich auserwählten Staat auf Erden mehr den Leibeigenen im Mittelalter.
Heather: Man kann jede Niederlage als geben. SPIEGEL: Roms Expansion kam nicht
menschliches Versagen wegerklären. SPIEGEL: Aber Sklaven gab es in Rom nur östlich, sondern auch im Norden
So geschah es auch hier. Schon richtig, doch auch? zum Stillstand. Zwar drangen Legionen
Rom hatte drei Legionen verloren, aber Heather: Was Persien betrifft, ist allge- tief ins Germanenland vor, aber die
nichts von seiner Vormacht nördlich meine Sklaverei natürlich eine Meta- Grenze festigte sich südlicher – warum?
der Alpen. Historisch bleibt das also ein pher. Sklaven in Rom gab es in ganz ver- Heather: Eine Region mit so spärlicher
Sonderfall. schiedenen Spielarten. Ein Haussklave Bevölkerung und so primitiver Wirt-
SPIEGEL: Dagegen waren die Perser eine zum Beispiel litt weit weniger als einer schaft versprach wenig Reichtümer. Wer
Dauerbedrohung. Weshalb? Konnte in der Landwirtschaft, und der wieder- hätte in Rom als Triumphator mit ein
Rom das riesige Gebilde einfach nicht um hatte ein viel besseres Leben als ei- bisschen Dung und ein paar Rüben auf-
schlucken? Wenn ja, warum einigte man ner in den Bergwerken. treten mögen? Zudem waren die Germa-
sich dann nicht? SPIEGEL: Mag sein, aber insgesamt be- nenstämme rebellisch, das vergrößerte
Heather: Persien war ein anderer Ma- ruhte das Imperium doch wirtschaftlich die Abneigung, ihr Gebiet zu erobern.
gnetpol, eine zweite Supermacht, ein auf Sklaverei, oder? SPIEGEL: Tacitus nimmt sie dennoch
großer, alter, mächtiger Rivale. Im zwei- Heather: Es steht so gut wie fest, dass es sehr ernst – war das die herrschende
ten Jahrhundert nach Christus drangen das nicht tat. Meinung unter den Römern?

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 25


DER FALL ROM

Heather: Ich denke, ja. Sobald sie erkannt vierzig, dann ist das richtig. Es gibt vinzbewohner sich um so etwas scher-
hatten, wie man die Grenze verwalten natürlich Gegenbeispiele, und Kindkai- ten, bezweifle ich. Für sie zählte, dass
musste, fanden große Umsiedlungen ser werden erst sehr, sehr spät geduldet. die Institutionen gleich blieben. Anders
statt; alles wurde sorgfältigst organisiert. SPIEGEL: Das könnte auch daran liegen, war es beim Vierkaiser-Regime Diokle-
Tacitus und seine Zeitgenossen haben dass die meisten späteren Kaiser von tians und dem Zwei-Caesaren-System
die langfristige Herausforderung wohl ihren Truppen ausgerufen wurden. danach. Das Reich brauchte die Macht-
so gründlich durchdacht wie niemand Heather: Natürlich. Kindkaiser konnte teilung wirklich, es war ein Fortschritt –
vor- oder nachher. es zudem nur geben, sobald aus dem auch wenn die Verständigung zwischen
SPIEGEL: Und die Germanen? Das Reich Herrscher eine Symbolfigur geworden den Regenten ein großes Problem blieb.
übte doch auch Anziehung auf sie aus? war, die kein Charisma mehr brauchte. SPIEGEL: Wann erscheint das Christen-
Heather: Je friedlicher die Lage, desto Das wiederum setzt vollausgebildete tum auf der Bildfläche?
mehr Austausch war möglich. Die Le- Bürokratie-Abteilungen und eine höher Heather: In der Verwaltung kennen wir
gionen brauchten Nahrung und Rohma- entwickelte Regierungsmaschinerie vor- vor Diokletian nur sehr wenige Chris-
terialien tonnenweise. Andererseits: War ten. Nachdem Constantin den Glauben
das Klima feindselig, kamen mindestens anerkannt hatte, sprach sich aber rasch
einmal pro Jahrzehnt die Römertrup- herum, dass Christen nun höhere Beför-
pen und brannten buchstäblich alles derungschancen hatten. Schon um 340
nieder: keine gute diplomatische Grund- sind etliche Verwaltungsbürokraten
lage für Handel. Christen. Das zeigt wieder, welchen
SPIEGEL: Trotzdem müssen die Germa- Druck das Einparteiensystem ausübte,
nen das Imperium auch als Kulturhort wie stark man sich anpassen musste.
gesehen haben – eine zweideutige Lage. SPIEGEL: Aus Sicht der constantinischen
Heather: Allerdings. Einige Forscher Zeit erscheint es durchaus nicht selbst-
wollen es nicht wahrhaben, aber ich verständlich, dass im breiten Spektrum
glaube, in der Nachbarschaft zum Rö- von Religionen zur Zeit des Augustus
mischen Reich hielten sich Chancen und ausgerechnet der Christenglaube sich
Risiken die Waage. Natürlich mussten durchsetzte. Was sagen Sie zu diesem
die Germanen meistens das Spiel der alten Problem?
Römer mitspielen. Letzten Endes aber – Heather: Nun, am meisten spricht für das
das ist mir sehr wichtig – entwickelte Christentum seine Intoleranz. Einpar-
sich dadurch die germanische Gesell- teienstaat und intolerante Religion schei-
schaft zu größeren, komplexeren Gebil- nen doch wie füreinander geschaffen. Die
den von höherer wirtschaftlicher Reich- Verrömerung des Christentums – die lan-
weite und Kraft. ge vor Constantin angefangen hatte – und
SPIEGEL: Wodurch erkannte das Impe- die Christianisierung Roms gingen Hand
rium die Grenzen seiner Expansion? in Hand. Gewiss, es brauchte Zeit, unter
Heather: Wohl am mangelnden Infor- anderem weil Roms Christen lange nicht
mationsfluss. Ich glaube, die Kaiser die Bauern berücksichtigten. Erst im
wussten über die meisten Regionen, die sechsten Jahrhundert fing die Kirche
sie beherrschten, nicht allzu viel. Tau- überhaupt an, darüber nachzudenken,
send Orte mehr in den Steuerregistern, wie sie sich auf dem Land organisieren
dem einzigen Kontrollinstrument – das wollte. Da hatten die Landbesitzer aber
wäre wohl nicht mehr drin gewesen. schon den Glauben angenommen, und
SPIEGEL: Von Trajan bis Marc Aurel wa- das war politisch viel bedeutsamer.
ren die Zeiten dann relativ friedlich. Rei- Attila im Anmarsch auf Paris SPIEGEL: In Ihrer großen Studie er-
nes Glück der Zeitumstände? (Gemälde von Jules Élie Delaunay, klären Sie fast von Anfang an, dass – ent-
Heather: Sie können es strukturlogisch um 1876, in Paris) gegen der ehrwürdigen These Edward
erklären: Ein Imperium hat alles erobert, Gibbons – nicht das Christentum den
was in bequemer Reichweite zu erobern aus, die erst sehr spät entstand, vor allem Untergang Roms auslöste. Sie führen ihn
war; bis sich ernstzunehmender Wider- unter Diokletian. auf die Hunnen zurück, in erster Linie
stand bildet, braucht es mindestens 100 SPIEGEL: In der Spätzeit treten so viele auf deren Waffe, den Bogen. Am Mittel-
Jahre. Im zweiten Jahrhundert war der Caesaren mit so kurzen Regierungs- griff aus Knochen waren zwei ungleich
Einparteienstaat sicher am monoli- zeiten auf, dass einige nur mehr dem Na- lange Holzteile befestigt; diese Asym-
thischsten, überall lief das Leben in den- men nach bekannt sind. Litt durch den metrie machte es möglich, besonders gut
selben Formen ab. raschen Wechsel an der Spitze der Ruf vom Pferd aus zu schießen, und die Waf-
SPIEGEL: Ein Römer galt mit 14 als voll- von Roms legendärer Stabilität? fe hatte enorme Reichweite. Wie haben
jährig. Müssen wir uns Rom als Reich Heather: Für die politische Elite muss es Sie all das herausgefunden? Haben Sie
der Jugendlichen vorstellen? eine permanente Sorge gewesen sein. einmal einen Nachbau ausprobiert?
Heather: Wenn man bedenkt, dass die Bisweilen fand jemand als Herrscher Heather: Noch nicht, ich kenne auch gar
Hälfte der Kinder keine 15 Jahre alt wur- nur Rückhalt, weil er einer Region bes- keinen. Weniger als zehn Überbleibsel
PHOTOS 12

de und in der durchschnittlichen Ehe seren Schutz zu versprechen schien. von hunnischen Bogen sind bekannt. Ich
nur ein Elternteil Ende dreißig oder Aber ob untere Dienstgrade und Pro- erfuhr von dieser faszinierenden Waffe

26 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


durch eine Archäologenarbeit aus den Schlag wie sein wildes Regime – wie Heather: Blieb es doch nicht wirklich –
fünfziger Jahren, aber ich habe, glaube das? auch wenn seine griechischen Einwohner
ich, als Erster auf die Bedeutung der Heather: Als die Hunnen abzogen – oder gern davon redeten. Das hatte seinen
Asymmetrie hingewiesen. Natürlich war besser: plötzlich von der Bühne ver- Grund: Die Vorstellung, Roms Ende wer-
der Bogen nur ein Faktor in der militä- schwanden –, konnten die Römer, deren de auch das Ende der Welt bringen, war
rischen Macht der Hunnen. Die wuchs Alliierte sie gewesen waren, nicht ge- in Konstantinopel viel ausgeprägter als
auch, weil sie etliche Germanen einte, nug Truppen zusammenbringen, um die im Westen. Schaut man aber genauer hin,
die mittlerweile im Umland des Reiches Germanen auf römischem Boden zu be- dann hört es seit etwa 710 auf, Ostrom zu
hausten. Es war keine freiwillige Eini- herrschen. Zwischen 420 und 440 war sein, und wird Byzanz – auf jeden Fall
gung: Viele andere Grenzvölkerschaften das dank der Hunnen gelungen. Nun nach den arabischen Eroberungen, bei
flohen vor den Hunnen über die Grenze ging die Kontrolle über die Provinzen denen drei Viertel des besteuerten Lan-
ins Imperium. So erklärt sich, dass die immer rascher verloren, und der Zen- des verlorengehen. Es nennt sich zwar
Hunnen keine Langzeitwirkung ausüb- tralgewalt schwanden die Mittel, weil noch Römisches Reich, ist aber etwas völ-
lig anderes: eine Regionalmacht, ein un-
freiwilliger Satellit der islamischen Welt.
„Die Päpste hielten sich für wichtig – SPIEGEL: Und die Stadt Rom? Sogen die
Päpste wirklich so viel Macht wie mög-
aber die Welt ist voller solcher Leute.“ lich aus der imperialen Leiche?
Heather: Das ist der Mythos. In Wahrheit
ten. Man muss sie sich denken wie Mo- Germanen dort saßen, woher sonst die gibt es ein Loch von 500 Jahren. Noch
hammed ohne Religion. Nichts hielt die Steuern geflossen waren. zur Zeit Karls des Großen, um 800, ist
vereinigten Gruppen auf Dauer zusam- SPIEGEL: Um diese Zeit war Roms im- der Papst kaum mehr als der Bischof von
men, und so bewirkten die Hunnen kei- periale Größe schon weitgehend zur Rom, ein wichtiger Erzbischof für Mit-
nen großen, bleibenden Kulturwandel. Metapher geworden. Ganze Viertel der tel- und Süditalien. Die Päpste hielten
SPIEGEL: Stattdessen lösten sie die so- Stadt waren zerstört, und Kaiser zeig- sich für sehr bedeutend, aber die Welt ist
genannte Völkerwanderung aus, die zu ten sich selten – sie hatten viel zu viel auf voller solcher Leute, oder? Prüft man
Germanenstaaten auf einstigem römi- den Schlachtfeldern von Britannien bis nach, was sie tun konnten, stellt man
schem Gebiet führte. Der Todesstoß war Antiochia zu tun. Trotzdem behielt fest: Zwischen 476 und 800 hat die west-
ja wohl das Vandalen-Königreich in Roms Name seinen Glanz. Weshalb? liche Christenheit sie nahezu vollständig
Roms Kornkammer Nordafrika? Heather: Rom ist etwas Besonderes. Sein ignoriert. Daher meine These: Während
Heather: Vergessen Sie nicht, es war ein Herrscher ist ein von Gott eingesetztes des Frühmittelalters existierte Rom
wechselseitiger Vorgang. Germanen- Wesen. Noch Karl den Großen trieb die- praktisch nur noch in den Köpfen.
gruppen wurden auf römisches Gebiet se Vorstellung, als er den Plan entwickel- SPIEGEL: Was wäre uns entgangen, hät-
gedrängt, aber auch die Hunnen wur- te, die christliche Frömmigkeit in sei- te es das Römische Reich nie gegeben?
den vom Reichtum, den sie aus der nem Reich zu erneuern. Die Kraft dieser Heather: Auf alle Fälle hat es Europa und
römischen Welt erbeuteten, verändert. Kaiser-Idee war so gewaltig, dass sie der Menschheit die griechische Kultur
Attilas Onkel Rua war anscheinend ihr Jahrhunderte überdauerte. überliefert. Und ohne seine Vermes-
erster bedeutender Anführer, vorher SPIEGEL: Rein materiell kam Konstanti- sungskunst und seine Rechtsordnung
hatten sie immer mehrere Könige. nopel viel besser weg. Warum blieb Ost- sähe die Welt auch erheblich anders aus.
SPIEGEL: Attilas Tod, erklären Sie, war rom beinahe tausend Jahre länger am SPIEGEL: Professor Heather, wir danken
für das Imperium ein ebenso harter Leben als die Westhälfte? Ihnen für dieses Gespräch.

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»Varus, gib mir meine


Legionen wieder... «
Im Herbst des Jahres 9 n. Chr. wurden in den Wäldern Germaniens drei römische
Legionen überfallen und niedergemetzelt. Der Feldherr der Römer, Varus,
stürzte sich in sein Schwert. Die legendäre Schlacht wurde später zum »Urknall«
der deutschen Geschichte erklärt. Doch warum konnte die beste Armee der
Welt von Barbaren geschlagen werden? Und wie wurde im Lauf der Zeit aus dem
römischen Ritter Arminius der deutsche Nationalheld Hermann der Cherusker?
Ralf-Peter Märtin gelingt eine neue verblüffende Erklärung der Ereignisse.

464 Seiten, gebunden, ¤ (D) 22,90 Ein Buch von S.FISCHER


28
Augustus am Tempel seines vergöttlichten
Adoptivvaters Julius Caesar
(Szene aus dem Film „Mein Vater,
der Kaiser“ von Roger Young, 2003)

KAPITEL 2 KAISERLICHE MACHT

Patriarch
der Macht
Skrupelloser Aufsteiger oder weiser
Friedensherrscher – kaum ein Regent hat so
widersprüchliche Nachbilder hinterlassen
wie Augustus. Aber sein Erfolg beweist, dass er
mehr war als ein genialer Selbstdarsteller.
Von GEORG BÖNISCH

29
CHRONIK 31 V. CHR. – 96 N. CHR.

EIN WELTREICH ENTSTEHT


31 v. Chr. 14 n. Chr. 48 er in Jerusalem verhaftet
Caesars Großneffe und Augustus stirbt und wird Apostelkonzil in Jerusa- worden war.
Adoptivsohn Octavian posthum zum Gott erklärt. lem: Petrus und Paulus tei-
besiegt in der Seeschlacht Ihm folgt der Stiefsohn len die Missionsgebiete auf 68
bei Actium die Flotte Tiberius nach, der sich und bereden den Umgang Nero wird gestürzt und
seines Rivalen Antonius, später deutlich vom Volk mit Christen nichtjüdischer bringt sich um. Als sein
der sich danach mit distanziert. Herkunft wie etwa in Rom. Nachfolger setzt sich der
seiner Gattin Kleopatra Feldherr Flavius Vespasia-
umbringt. 37 bis 41 n. Chr. 54 bis 68 nus durch. Er begründet
Kaiser Gaius („Caligula“) Kaiser Nero: Nach vielver- die Dynastie der Flavier.
27 v. Chr. verfällt als Tiberius-Nach- sprechenden Anfängen
Der Senat verleiht Octa- folger dem Caesarenwahn. unter dem Einfluss des 70
vian den Namen Augustus Nach vierjähriger Willkür- stoischen Philosophen Vespasians Sohn Titus
(„Der Erhabene“). Nach- herrschaft wird er von Seneca wird er zum bruta- erobert Jerusalem und
dem dieser die Epoche der Verschwörern ermordet. len Schreckensherrscher. zerstört Salomons Tempel.
Bürgerkriege für beendet Judäa wird römische
erklärt und die „Pax Provinz. Niederwerfung
Romana“ ausgerufen hat, des Bataveraufstands in
wird er erster römischer Gallien.
Kaiser.
79
um 25 v. Chr. Titus wird Kaiser. Der Aus-
Vergil beginnt die „Aeneis“ bruch des Vesuvs begräbt
– das Epos von Roms etliche Orte wie Pompeji
Vorgeschichte, eine der unter Asche und Schlamm.
großen Menschheits-
erzählungen. Die Dichtung 80
umfasst am Ende Fertigstellung des
10 000 Hexameter. Kolosseums. Mit etwa
50 000 Plätzen ist und
12 bis 9 v. Chr. bleibt es das größte
Erste römische Erobe- Amphitheater des
rungsfeldzüge in Römischen Reiches.
Germanien bis zur Elbe.
81
2 v. Chr. Der siebenarmige Leuchter aus Jerusalem als Domitian wird Kaiser.
Augustus nimmt den Titel Triumph-Trophäe (Relief am Titusbogen in Rom) Er geht als berüchtigter
„Pater patriae“ (Vater des Gewaltherrscher in die
Vaterlandes) an. Geschichte ein.
41 64
um Christi Geburt Claudius wird Kaiser. Er Eine Feuersbrunst vernich- 83 bis 85
Augustus unterteilt Rom in baut in Ostia einen großen tet große Teile Roms. Nero Rom besiegt den Germa-
14 Regionen. Marmor wird Frachthafen. gibt der Sekte der Christen nenstamm der Chatten.
wichtigster Baustoff. die Schuld; er lässt viele
Roms Heer umfasst über 42 bis 43 von ihnen verbrennen, 84
120 000 Soldaten. Roms Legionen erobern kreuzigen oder im Tiber Beginn der Errichtung des
SEITE 28/29: DEFD; Erich Lessing / AKG (L.)

Britannien; Mauretanien ertränken – der erste Limes als Grenzwall gegen


9 n. Chr. (Algerien und Marokko) Christen-Pogrom in der die Germanenstämme.
Unter dem Heerführer wird römische Provinz. Metropole.
Varus verliert Rom bei der 96
Niederlage gegen germa- 47 nach 64 Nach der Ermordung des
nische Stämme im Teuto- Die Gallier erhalten das Der Apostel Paulus wird in Tyrannen Domitian wird der
burger Wald 20 000 Mann. römische Bürgerrecht. Rom enthauptet, nachdem alte Senator Nerva Kaiser.

30 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


KAISERLICHE MACHT

L
egenden Die Panzer- seine Tatkraft gepriesen; so gut jedes
haben statue des christlich erzogene Kind seinen Namen
ihre eigene Augustus von aus der Weihnachtsgeschichte im Lu-
Geschich- Primaporta kas-Evangelium kennt und so unabän-
te, und jene zeigt das derlich der Monat August ein Bestand-
Legende aus römischer festgelegte teil des abendländischen Kalenders ist.
Zeit ist eine wirklich be- Herrscher- Gab es in der Geschichte Roms je ei-
sondere – geheimnisvoll, Image nen Mann scharfer Widersprüche, dann
erotisch, sexy. Da ist Atia, war es Augustus. Schon mit 25 legte er
Dame aus gutem Hause, sich den staatstragenden Titel „Impera-
die im Tempel des Apollo tor“ zu, Feldherr – obgleich er, eher
einschlummert und träu- schwächlich und zeitlebens recht kränk-
mend wähnt, sie habe am lich, so gar nichts vom Gestus des
heiligen Ort mit ihrem Mann schneidigen Soldatenführers hatte.
geschlafen. Dem wieder dünkt Er schlief gern lang und trank kaum
nur die trunkene Eingebung, Wein. Statt zu schlemmen, bevorzug-
über der Scham seiner Gattin sei te er frugale Kost – grüne Feigen etwa
plötzlich die „Sonne aufgegangen“. oder gesalzenes, mit Olivenöl beträu-
So geschah es der Erzählung nach, feltes Brot. Er war hellwach, aber
dass auf Atias Unterleib sich alsbald ein auch hochgradig abergläubisch; für
Mal in Form einer Schlange zeigte, worauf Luxus und prunkvolles Gehabe hat-
sie, ganz genant, öffentliche Bäder mied. te er nichts übrig.
Neun Monate später, jetzt endlich griffen Solche Form der Bescheiden-
die Gesetzmäßigkeiten der Biologie, kam ein heit, der Zurücknahme, nann-
Knabe zur Welt – und gleich galt das kleine ten die Römer bewundernd
Wesen als Gott, zumindest als gottähnlich, civilitas; nur konsequent,
weil wohl Apoll, das Multitalent aller dass sich Augustus prin-
Astralkörper zwischen Himmelreich und zipiell die Vergöttlichung
Erdenzwinger, der Schlange Herr gewe- seiner Person verbat, ob in
sen sei. Oder gewesen sein könnte. Tempeln oder an Standbil-
In vielen Legenden steckt ein wah- dern. Dennoch galt er als sa-
rer historischer Kern, so auch in dieser: krale Autorität. Besonders lag
Der Mann, der angeblich auf so bizarre ihm offenbar daran, jederzeit
Weise gezeugt worden war, wurde einen Lorbeerkranz tragen
tatsächlich als Gott verehrt, gleich nach zu dürfen, wie er es sich vom
seinem Tode im Jahre 14 nach Christi Senat hatte bestätigen lassen
Geburt. Und schon sein Name stellte ihn – denn der Lorbeerkranz war
zu Lebzeiten über alles und über jeden: das Symbol der Sieger.
AUGUSTUS. Beim Thema Moral
Augustus – also der „Geheiligte“, schien es, als präsentierten
der „Verehrungswürdige“, der „Erha- sich zwei verschiedene
bene“. Damals kein Titel im funktio- Menschen. Als junger
nalen Sinne, sondern Bezeugung tie- Mann zeigte er nicht son-
fen Respekts; gleichzeitig eine Art derlich viel Achtung vor
Signum dafür, wie er sein politisches Frauen. So reagierte er
Leben und sein privates Leben seine Wut über eine poli-
der Öffentlichkeit präsen- tische Widersacherin in einem
tierte. Auf dieser Bühne sei Spottgedicht mit Sexualphantasi-
dann freilich nur aufge- en ab. Auf ihre vermeintliche Bitte:
führt worden, schrieb der „Fick mich, oder es gibt Krieg“ kon-
Althistoriker Jochen tert er kühl: „Was aber, wenn mir der
Bleicken, „was Augustus Schwanz lieber noch ist als das Leben
gerade darzustellen selbst? Auf, so blase zum Kampf.“
wünschte“, nicht aber Derlei Derbheiten kontrastieren frei-
Szenen, die zeigten, was lich krass mit der vom späteren Herr-
GERSTENBERG / ULLSTEIN BILD

und wer er wirklich war. scher zur Schau gestellten Prüderie, ge-
Wirklich war er Roms gossen in gesetzlich verordnete Sittlich-
erster Kaiser, und dennoch la- keit. Männer über 25 Jahren mussten
gen seine wahren politischen verheiratet sein, für Frauen galt als
Motive und Absichten lange im Obergrenze 20; drei Kinder waren vor-
Schatten der Geschichte, so eifrig geschrieben, Seitensprünge wurden be-
sein Ruhm besungen wurde und straft, starb die Gattin, dann

31
KAISERLICHE MACHT

Tod des Cicero:


Häscher ermordeten
Ende 43 v. Chr. den
Redner (Phantasie-
Lithografie von 1891).

hatte der Mann gerade mal 100 Tage dem scheinbaren Nichts zum Herrscher Die Familie jenes Mannes, der im
Zeit, sich eine neue zu suchen. Alle, die über ein Weltreich aufstieg. Verblüffen- Prinzipat eine neue Herrschaftsform er-
gegen sein familiäres Leitbild aufmuck- der freilich noch, dass er dann nach höchst fand, war keine urrömische; sie stammte
ten, beschimpfte er als „Eiterbeulen“ unruhigen Zeiten eine lange Phase des aus dem Städtchen Velitrae am Südhang
und „Krebsgeschwüre“. Gemeinhin Friedens einläutete, die zu seinen Ehren der Albaner Berge, im früheren Stammes-
heißt so etwas Bigotterie. verklärend so heißt: Pax Augusta – eine gebiet der Volsker. Allerdings gehörte die
Wie geschmeidig, berechnend und Blütezeit auch für Kunst und Literatur. Gemeinde, die vom Landadel dominiert
pragmatisch-klug dieser Meister der poli- Was er geschafft hatte, eignete sich wurde, seit Mitte des 4. Jahrhunderts v.
tischen Ränke, dieses PR-Genie in eige- bestens zur Erfolgsgeschichte: Maskiert Chr. zum römischen Bürgerverband.
ner Sache im Übrigen war, belegt nahezu als „princeps senatus“, Vorsteher des Gaius Octavius hieß der Knabe, und
jede Station seines 76-jährigen Lebens. Senats, hatte er aus einer Diktatur her- dass er auch Kaipias genannt wurde, gibt
Ginge es etwa um juristische Tatbestände, aus Politik und Verwaltung an Recht und bis heute Rätsel auf. Es könnte ein Über-
die jeweils hohe Strafen nach sich zögen, Gesetz eines Landes gekoppelt, das zu- setzungsfehler sein, der sich durch-
würde es in der ersten Etappe seiner Po- mindest in Teilen wieder der früheren schleppte. Wahrscheinlicher aber ist die
lit-Karriere davon ein ganzes Bündel ge- Republik ähnlich sah. Millionen Bürger Vermutung des Spezialisten Francis
ben: Hochverrat, Anstiftung zum Mord hatte er zufriedengestellt durch ein ge- Ryan, Kaipias sei die griechische Ver-
und Massenmord. „Ein ganz gewöhnli- rechteres Steuersystem und großzügige ballhornung von capricornus, Steinbock.
cher Terrorist“ sei er gewesen, urteilt Alimentierungen, etwa wenn er den Är- Octavius wurde zwar am 23. September
Bleicken. Gut möglich, dass er damals der meren kostenlos Getreide liefern ließ. 63 v. Chr. geboren, die Sonne stand damit
meistgehasste Mann Italiens war. Deshalb habe sich Augustus, so im Sternzeichen der Waage, der Mond
Und doch bejubelte der Dichter Ver- Bleickens Kollege Werner Dahlheim, auf aber im Sternzeichen des Steinbocks.
gil ihn als „Retter der zerrütteten Welt“. eine „riesige Gefolgschaft aus allen so- Und wer „zum Heil des römischen Staa-
Für Vergils Kollegen Horaz war er der zialen Schichten“ verlassen können. tes“ (so der Historiker Konrad Kraft) auf
„stets bereite Hüter Italiens und des Deshalb auch trug er schließlich den Ti- die Welt kam, angeblich gezeugt von
MARY EVANS / INTERFOTO

herrschenden Roms“; Philon, ein jüdi- tel Vater des Vaterlandes, pater patriae, Apoll, den schmückte wohl besser ein
scher Philosoph aus Alexandria, lobte der später im Heiligen Römischen Reich Symbol tierischer Kraft, nicht das der
den gewissenlosen Abenteurer früherer Deutscher Nation neu gedeutet wurde, Ruhe und des Ausgleichs.
Tage als „Friedensbewahrer“. indem sich Monarchen „semper Augus- Sein Vater, der gleichfalls den Namen
Verblüffend, mit welcher Rasanz und tus“ nennen ließen – was bedeuten soll- Gaius Octavius trug, schaffte den Sprung
Geradlinigkeit dieser Machtmensch aus te: „allezeit Mehrer des Reiches“. von der Provinz nach Rom in die Riege

32 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


ziemlich einflussreicher Bürger; er war einer, der eigentlich überzeugt war, dass lich. Oftmals trug er Schuhe mit dicken
Senator in Rom, Aedil, also eine Art Politik nur auf einem Fundament gefes- Sohlen, um größer zu wirken.
Chefaufseher, dann hoher Richter und tigter Moral und republikanischer Ord- Autorität mag fast schon garantiert
schließlich Statthalter in Mazedonien. nung funktionieren könne. Am 2. No- sein, wenn auch Intelligenz ins Spiel
Mutter Atia war eine Nichte Gaius Julius vember 44 schrieb Cicero an einen kommt, und Octavian war überragend
Caesars, jenes Mannes, auf dessen Na- Freund über Octavian: „Er setzt Großes intelligent. Er war schlagfertig, er konn-
men die Titulatur aller Kaiser und Zaren ins Werk … Bedenk seinen Namen, be- te ironisch sein, sarkastisch. Er konnte
zurückgeht, den das gemeine Volk auf denk sein Alter!“ Und prophezeite: „Ge- frei und aus dem Stegreif reden – ge-
seine Art liebte und verehrte. Der aber schehen wird, was die wollen, die die nau das aber vermied er, sooft es ihm
bei fast allen Verfechtern der republika- Macht in den Händen haben. Und die um wichtige Sachen ging. Dann las er
nischen Idee als Feind Nummer eins Macht wird immer bei den Waffen sein.“ vom Blatt ab. Mit großer Akribie hatte
verhasst war, weil er diktatorische Voll- Nicht einmal 20 Jahre alt war Cae- er jeden Satz ausgearbeitet. Alle merkten:
machten nutzte wie keiner vor ihm. sars Erbe, als er mit dem Geld des Hier triumphierte ein eiserner Wille
Caesar hatte keinen Sohn, deshalb Großonkels und veruntreuten Staats- über den sonst gewohnten Rhetoren-
setzte er den Großneffen als Erben ein; geldern eine Armee zusammenkaufte; schwung.
klar, dass sogleich die wildesten Gerüch-
te umliefen. War der junge Bursche
nicht längst Caesars Geliebter? Hatte er Octavians Todeslisten fiel ein großer
sich nicht mit glühenden Nussschalen
die Schenkel gesengt – damit das Haar Teil der römischen Elite zum Opfer.
weicher nachwüchse wie bei Frauen?
nach römischem Recht war das Hoch- Weil er sich von Emotionen freizu-
Für derlei Getuschel gab es nie Be- verrat. Sein erstes Ziel und das seiner halten und eiskalt zu agieren vermoch-
weise. Sicher ist nur: Gaius Octavius Legionäre: Rache zu nehmen an den te, überwand er verblüffend schnell die
musste seinen Namen ändern, als er Mördern seines Adoptivvaters. irre und wirre Zeit nach dem gewaltsa-
nach Caesars Ermordung im Jahre 44 Später, als er öffentlich die Bilanz sei- men Tod seines Adoptivvaters. Erst
durch dessen Testament zum Haupt- nes Lebens zog, bog er sich den Sachver- bekämpfte er, einen Rat Ciceros befol-
erben gemacht und zugleich adoptiert halt zurecht: Er habe den „durch die gend, jenen Mann, der sich eigentlich
worden war. Nun hieß er Octavianus, so Willkürherrschaft einer bestimmten als Nachfolger und legitimer Sachwal-
verlangte es das römische Adoptivrecht Gruppe versklavten Staat befreit“. In ter Caesars fühlte – Marcus Antonius.
als Kenntlichmachung der neuen fami- anderer Übersetzung klingt es noch Dann aber ging er mit ihm und dem al-
liären Situation. Nun war er Herr über heroischer: Sein Kampf sei der gegen ten Haudegen Lepidus ein Männerbünd-
ein stattliches Vermögen, und nun muss- die „Tyrannei eines Machtkartells“ ge- nis ein, dem durch ein Plebiszit für fünf
te er mit etwas rechnen, das ihm völlig wesen. Jahre die oberste Gewalt übertragen wur-
neu war: Auch auf ihn lauerten jetzt Wie er den von Beginn an führte, do- de. Dieses Triumvirat, die „Dreimänner-
überall die Feinde Caesars, Todfeinde. kumentiert eine Episode im Senat, die herrschaft zur Ordnung des Staates“,
Octavian, der sich anfangs selbst nur der Biograf Sueton schildert. Als die Her- kommentiert Bringmann, sei ein „kolle-
Gaius Julius Caesar nannte und seinen ren zögerten, Octavian zum Konsul zu giales Ausnahmeamt mit diktatorischer
alten Namen abschüttelte wie ein „lästi- ernennen, schlug ein Hauptmann aus Vollmacht“ gewesen. Vor allem freilich
ges Insekt“ (Dahlheim), scharte mit Ge- seiner Begleitmannschaft den Kriegs- stürzte es Rom in eine Blutorgie und löste
schick einen großen Kreis von Sympa- mantel zurück, zeigte auf das Schwert einen nie da gewesenen Exodus der In-
thisanten, dankbaren Geistern und cle- und rief: „Wenn ihr’s nicht tut – dies wird telligenz und der noblen Gesellschaft aus.
veren Beratern um es tun!“ Unmissver- Wer im Verdacht stand, gegen Cae-
sich. An erster Stelle ständlich zeigte sich, sar gewesen zu sein, wurde auf eine
standen dabei per- was in diesem Mo- Todesliste gesetzt – und war damit vo-
sönliche Freunde ment Octavians trei- gelfrei. Jeder konnte sich beteiligen an
wie der Nabob Gaius bende Kraft war: pu- der Jagd nach Menschen, die nun Pro-
Maecenas, aber auch rer Wille zur Macht. skribierte hießen. In Rom brach Panik
Caesars Privatsekre- Dabei halfen ihm aus, Söhne verrieten ihre Väter, Ver-
tär Lucius Cornelius Charakterzüge, die wandte verzinkten Verwandte, die
Balbus, der einmal der Augustus-Spe- „grausige, verfassungswidrige Episode
Roms graue Emi- zialist Klaus Bring- … des Durchgreifens“ (so der britische
nenz gewesen war. mann in einem ein- Historiker Michael Grant) forderte Tau-
Selbst Marcus zigen Wort zusam- sende Tote, binnen kurzem war ein
Tullius Cicero stieß menfasst: „Zweck- großer Teil der politischen Elite ausge-
hinzu, der bedeu- rationalität“ – kluge rottet oder vertrieben, die republikani-
tendste Redner und Berechnung, Vor- sche Opposition somit ausgeschaltet.
Autor jener Jahre, sicht und Kühnheit. Auch Cicero, den Antonius als seinen
die als „goldenes Octavian war etwa Todfeind betrachtete, konnte sich nicht
BPK / SCALA

Zeitalter“ der römi- 1,70 Meter groß, ein retten. Geächtet irrte er durch Italien,
schen Literatur apo- Livia, dritte Gattin des Augustus bisschen stämmig, bis Häscher ihn am 7. Dezember 43 ein-
strophiert werden – (Archäologisches Museum Paestum) durchaus ansehn- holten, ihm Kopf und Hände abschlu-

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 33


KAISERLICHE MACHT

gen und sie auf dem Forum Romanum, schleuderte einen Speer auf ein Stück Tore des Janustempels in Rom, angeb-
dort, wo er fulminante Reden gehalten römischer Erde, das zum feindlichen lich erst zum dritten Mal seit der legen-
hatte, als Trophäen zur Schau stellten. Ausland deklariert worden war, und be- dären Gründung der Stadt im Jahr 753;
Fast keiner der Mörder Caesars oder siegelte damit eine propagandistische zwei Jahre später beendete ein mehrtä-
ihrer Helfer habe ihn „länger als drei Meisterleistung. Denn der angezettelte giger Staatsakt ganz offiziell die bis dahin
Jahre überlebt“, berichtet Sueton, „und Krieg um die Alleinherrschaft trug nicht längste Unruhephase in Rom.
keiner starb eines natürlichen Todes“. das „Odium des Bürgerkrieges“ (Bring- Octavian war erst 35, als ihm der Se-
Das klingt nach Staatsverbrechen. Über- mann), weil es ja um eine orientalische nat am 16. Januar 27 den Titel aller Titel
dies meldet der Biograf, einige hätten Königin ging. So gelang es ihm, das Volk verlieh: Augustus. Er nahm ihn an, weil
sich – hochsymbolisch – „mit demsel- qua Treueeid auf sich einzuschwören. er wusste, dass dieser etymologisch be-
ben Dolch“ das Leben genommen, „mit Wer römisch fühlte, der musste jetzt ziehungsreiche Name – er erinnerte an
dem sie Caesar verletzt hatten“. wissen, wofür es zu kämpfen galt: für einen Kultakt („Augurium“) zur Deu-
Statt eines Diktators, Caesar nämlich, die Führungsrolle Italiens und die Wer- tung des Götterwillens, den der Sage
bestimmten nun drei Diktatoren. Er- te der Ahnen. Wer noch Antonius un- nach Romulus eingeführt hatte – für das
staunlich, dass dieses letzte römische terstützte, half einem äußeren Feind, Ohr eines Republikaners keinerlei Be-
Triumvirat lange Jahre hielt, formal je- war demnach ein Verräter. leidigung darstellte.
Augustus rühmte sich, den Staat end-
lich „wieder der freien Entscheidung des
Traditionelle Führungsrollen Senats und des römischen Volkes“ über-
tragen zu haben. Tatsächlich ließ er alle
überließ er demonstrativ dem Senat. Gesetze aus der Zeit des Triumvirats
kassieren. Aber systematisch drängte er
denfalls. Erstaunlich, weil seine Basis das An Griechenlands Westküste, in der auch alle Senatoren aus dem Amt, die
Blutfeld eines Massenmordes war – und Seeschlacht vor Actium, krönte Octavi- illoyal schienen – ein so brutaler Schritt,
weil es funktionieren musste in einem an am 2. September 31 den politischen dass er eine Zeit lang nur mit einem
Dreiecksverhältnis, wo (in Dahlheims Re- Sieg mit einem militärischen, wobei er Brustpanzer unter der Toga und be-
sümee) keiner daran dachte, „freiwillig das Glück – und die Menschenkenntnis waffnet im Senat erschien, „zehn ihm
die einmal errungene Herrschaft wieder – hatte, sich des wohl besten Admirals befreundete Senatoren von sehr großer
aus der Hand zu geben“. seiner Zeit, Marcus Vipsanius Agrippa, Körperkraft“, vermeldet ein römischer
Genau hier sah Octavian nun seine bedient zu haben. Er selbst stellte diesen Geschichtsschreiber, hätten schützend
nächste dringliche Aufgabe. Triumph als konsequenten Ratschluss „seinen Sessel umstanden“.
der Götter dar: Sie hätten den Sieg des Beschönigend vermerkt Augustus in
Der dritte Mann, Lepidus, sollte als Westens über den Osten beschlossen. seiner Lebensbilanz, er habe „an
erster aus dem Feld geschlagen werden, Wenig später nahmen sich Kleopatra Rechtsmacht nicht mehr besessen als
dann gab es auf dem Weg nach oben nur und Antonius das Leben; sowohl dessen meine jeweiligen magistratischen Kol-
noch einen Konkurrenten: Antonius, ältesten Sohn wie den der Königin (er legen“ – traditionelle Führungsrollen
mittlerweile mit Octavia, der Schwester entstammte einer Liaison mit Caesar) wie die Verwaltung der befriedeten Pro-
seines Co-Regenten, verheiratet. Der ließ Octavian töten. „Die Angst vor ihrer vinzen überließ er demonstrativ dem Se-
Schwager beherrschte den Osten der Rache“, schreibt Dahlheim, „erstickte nat. Selbst das nominell höchste Regie-
Großmacht, Octavian den Westen, und jeden Gedanken an Gnade.“ Dann war rungsamt, das Konsulat, gab er später
ihm kam wunderbar zupass, dass Anto- Zahltag: Ägypten, das reichste Land im auf, um sich andere Sonderrecht verlei-
nius – ältere Filmfreunde haben sogleich Mittelmeerraum, wurde dem Imperium hen zu lassen. Sogar den großen Theo-
den knorrigen Richard Burton vor Au- einverleibt und ausgeplündert – um dor Mommsen konnte er so fast zwei
gen – sich unsterblich verliebt hatte in den „Hunger einer riesigen Gefolg- Jahrtausende später glauben machen,
die ägyptische Königin Kleopatra. schaft nach Beute und Lohn das Augustus-Reich sei eine
Dieser Ehebruch spielte zwar keine zu stillen“. Dyarchie gewesen, ein
Rolle, wohl aber dass ruchbar wurde, dass Dass nun nach fast doppeltes Kontrollsys-
Antonius Kleopatras Kinder als Erben rö- einem Jahrhundert tem aus Herrscher
mischer Gebiete eingesetzt hatte. Der der Gemetzel Frie- und Senat.
Stratege Octavian erkannte sofort, dass den „durch Siege Große Gesten,
er diese Nachricht wirkungsvoll nutzen zu Wasser und symbolische Poli-
konnte: Wer Teile des Imperiums ver- Lande“ herrschte tik vom Feinsten:
schenkt, der musste ein Feind Roms sein. – damit spielte Oc- in Wirklichkeit je-
Antonius geriet zur Unperson, nie tavian auf die Er- doch „war der
mehr nahm Octavian seinen Namen in oberung Ägyptens Herrscher stets
SAMMLUNG RAUCH / INTERFOTO

den Mund, Kleopatra hieß nur „Hure“. im Jahr nach Ac- der Übergeordne-
Sie habe „dem Kapitol und dem ganzen tium an –, musste je- te“ (Michael Grant).
Imperium“, dichtete Horaz, „mit Sturz dem Römer deutlich Der Princeps war de
und Untergang gedroht“. sichtbar gemacht wer- facto Monarch, Caesar,
Der Senat erklärte sie zur Staatsfein- den. Im August 29 der erste Kaiser. Die
din – und ihr den Krieg. Es war ein be- schloss man als Sym- Goldmünze mit Bild des Augustus Grenzprovinzen un-
rechnend-dramatischer Akt: Octavian bol des Friedens die (Kulturgesch. Museum Osnabrück) terstanden ihm und

34 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


Wandmalereien im
angeblichen Haus des
Augustus auf dem
Palatin in Rom – seit
kurzem zu besichtigen

damit die militärische Macht. Nun trat der Tübinger Althistoriker Frank Kolb, Imperien gelingt, im Interesse ihrer Bür-
Augustus den Beweis an, dass der Be- „können gar nicht überschätzt werden“. ger politische, ökonomische, militärische
sitz von Macht mehr bedeutete als rei- Hier manifestierte sich die Idee des Mon- und ideologische Macht auszubalancie-
nen Selbstzweck. archen, Patron und Beschützer der mitt- ren. Reiche dieser Art verstehen sich „als
leren und unteren Bevölkerungsschich- Schöpfer und Garanten einer Ordnung“,
Planvoll nämlich verzahnte er die ten zu sein, der Plebs. Dass er das Prinzip so Münkler, „die letztlich von ihnen ab-
Staatsmacht mit Religion, die für den „Brot und Spiele“ zum System erhob und hängt und die sie gegen den Einbruch des
Seelenhaushalt der Bürger so ungemein sich als Geldspender zeigte, erzeugte bei Chaos verteidigen müssen“.
wichtig war. Seit langem hieß es, die Kri- den allermeisten zweifellos ein Gefühl Als Augustus 14 nach Christi Geburt
se Roms sei ausgelöst worden durch eine der Dankbarkeit oder der Zuneigung. bei Neapel starb, hatte er allerdings die
Vernachlässigung religiöser Pflichten – Auch in Italien – mittlerweile lebten Niederlage seines Lebens noch vor Au-
die Götter hätten sich gerächt. „Du bü- hier über vier Millionen Menschen – und gen – die Vernichtung dreier römischer
ßest, Römer, unverdient der Väter Misse- in den Provinzen stabilisierten sich all- Legionen unter dem Befehl des Quinc-
taten“, sang Horaz, „bis du die Tempel mählich die Lebensverhältnisse, weil Au- tilius Varus irgendwo in den finsteren
wiederhergestellt.“ gustus einen Großteil der ägyptischen Wäldern Germaniens. Aus Verzweiflung
Genau dies tat Augustus. Damit rege- Kriegsbeute in den Geldkreislauf speisen über diese Schmach habe er „monate-
nerierte sich nicht nur das altrömische ließ. Wie zufrieden die Landleute waren, lang Bart und Haupthaar wachsen“ las-
Lebensgefühl – wer will, kann die Sa- belegt noch die eher nüchterne Bilanz sen, notierte Sueton. Angeblich habe er
nierung heruntergekommener Kultbau- des Historikers Velleius Paterculus: „Die sogar, seinen Kopf gegen eine Tür knal-
ten und den Bau neuer auch als Auftakt Äcker fanden wieder Pflege, die Heilig- lend, immer wieder gerufen: „Varus, gib
eines umfassenden Konjunkturpro- tümer wurden geehrt, die Menschen ge- die Legionen zurück!“
gramms verstehen. Aquädukte entstan- nossen Ruhe und Frieden und waren si- Ironie der Geschichte, dass vom er-
den, Theater, Straßen, eine riesige Son- cher im Besitz ihres Eigentums.“ folgreichen Machtstrategen und Über-
nenuhr mitten in der Stadt, auch reprä- Das war der eigentliche Sieg des Au- vater seines Volkes ausgerechnet dies
sentative Gebäude und auf dem Esquilin gustus – eine Konsolidierungspolitik, die zum geflügelten Wort wurde. Aber
eine luxuriöse Hallen- und Parkanlage heute als „augusteische Schwelle“ aner- vielleicht eine treffende Ironie – so
für die einfachen Leute. kannt wird. Erst kürzlich hat der Poli- unweigerlich, wie jeden Sommer der
QUEEN / REFLEX

Tausende hatten Arbeit; die Auswir- tikwissenschaftler Herfried Münkler August kommt und im Winter die Weih-
kungen eines solchen „Bauprogramms noch einmal deutlich gemacht, was damit nachtsgeschichte, die seinen Namen
auf das stadtrömische Leben“, schreibt gemeint ist: dass es nämlich langlebigen verewigt.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 35


CHRONIK 31 V. CHR. – 96 N. CHR.

EIN WELTREICH ENTSTEHT


31 v. Chr. 14 n. Chr. 48 er in Jerusalem verhaftet
Caesars Großneffe und Augustus stirbt und wird Apostelkonzil in Jerusa- worden war.
Adoptivsohn Octavian posthum zum Gott erklärt. lem: Petrus und Paulus tei-
besiegt in der Seeschlacht Ihm folgt der Stiefsohn len die Missionsgebiete auf 68
bei Actium die Flotte Tiberius nach, der sich und bereden den Umgang Nero wird gestürzt und
seines Rivalen Antonius, später deutlich vom Volk mit Christen nichtjüdischer bringt sich um. Als sein
der sich danach mit distanziert. Herkunft wie etwa in Rom. Nachfolger setzt sich der
seiner Gattin Kleopatra Feldherr Flavius Vespasia-
umbringt. 37 bis 41 n. Chr. 54 bis 68 nus durch. Er begründet
Kaiser Gaius („Caligula“) Kaiser Nero: Nach vielver- die Dynastie der Flavier.
27 v. Chr. verfällt als Tiberius-Nach- sprechenden Anfängen
Der Senat verleiht Octa- folger dem Caesarenwahn. unter dem Einfluss des 70
vian den Namen Augustus Nach vierjähriger Willkür- stoischen Philosophen Vespasians Sohn Titus
(„Der Erhabene“). Nach- herrschaft wird er von Seneca wird er zum bruta- erobert Jerusalem und
dem dieser die Epoche der Verschwörern ermordet. len Schreckensherrscher. zerstört Salomons Tempel.
Bürgerkriege für beendet Judäa wird römische
erklärt und die „Pax Provinz. Niederwerfung
Romana“ ausgerufen hat, des Bataveraufstands in
wird er erster römischer Gallien.
Kaiser.
79
um 25 v. Chr. Titus wird Kaiser. Der Aus-
Vergil beginnt die „Aeneis“ bruch des Vesuvs begräbt
– das Epos von Roms etliche Orte wie Pompeji
Vorgeschichte, eine der unter Asche und Schlamm.
großen Menschheits-
erzählungen. Die Dichtung 80
umfasst am Ende Fertigstellung des
10 000 Hexameter. Kolosseums. Mit etwa
50 000 Plätzen ist und
12 bis 9 v. Chr. bleibt es das größte
Erste römische Erobe- Amphitheater des
rungsfeldzüge in Römischen Reiches.
Germanien bis zur Elbe.
81
2 v. Chr. Der siebenarmige Leuchter aus Jerusalem als Domitian wird Kaiser.
Augustus nimmt den Titel Triumph-Trophäe (Relief am Titusbogen in Rom) Er geht als berüchtigter
„Pater patriae“ (Vater des Gewaltherrscher in die
Vaterlandes) an. Geschichte ein.
41 64
um Christi Geburt Claudius wird Kaiser. Er Eine Feuersbrunst vernich- 83 bis 85
Augustus unterteilt Rom in baut in Ostia einen großen tet große Teile Roms. Nero Rom besiegt den Germa-
14 Regionen. Marmor wird Frachthafen. gibt der Sekte der Christen nenstamm der Chatten.
wichtigster Baustoff. die Schuld; er lässt viele
Roms Heer umfasst über 42 bis 43 von ihnen verbrennen, 84
120 000 Soldaten. Roms Legionen erobern kreuzigen oder im Tiber Beginn der Errichtung des
SEITE 28/29: DEFD; Erich Lessing / AKG (L.)

Britannien; Mauretanien ertränken – der erste Limes als Grenzwall gegen


9 n. Chr. (Algerien und Marokko) Christen-Pogrom in der die Germanenstämme.
Unter dem Heerführer wird römische Provinz. Metropole.
Varus verliert Rom bei der 96
Niederlage gegen germa- 47 nach 64 Nach der Ermordung des
nische Stämme im Teuto- Die Gallier erhalten das Der Apostel Paulus wird in Tyrannen Domitian wird der
burger Wald 20 000 Mann. römische Bürgerrecht. Rom enthauptet, nachdem alte Senator Nerva Kaiser.

30 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


KAISERLICHE MACHT

Weshalb wurde der Dichter Ovid ins Exil


verbannt? Was machte den Versvirtuosen
bei Augustus zur Unperson? Die Ermittlungen
führen geradewegs in die Probleme öffentlicher
Moral am Anfang des Kaiserreichs.

Aktäons Strafe

Fresko aus der


Casa del Centenario
in Pompeji

36 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


Von NIKLAS HOLZBERG ratete freie Römerin verführen. Ein wei- amatoria“ und den „Remedia amoris“
teres Gesetz über das Heiraten innerhalb (Heilmittel gegen die Liebe).

I
m Jahr 8 n. Chr. wurde der der oberen Stände sollte obendrein die Die Werke wirken zusammen wie ein
römische Dichter Publius Ovi- High Society durch Verheißung von Pri- Kompendium der Erotik, ja es wird in
dius Naso von Kaiser Augustus vilegien zu Eheschließung und Fort- ihnen ein System erkennbar. Erst be-
nach Tomi am Schwarzen pflanzung motivieren. kennt der Mann seine Liebesgefühle, im
Meer verbannt. In seinen Ele- Ausgerechnet um diese Zeit begann nächsten Werk kommen die Frauen zu
gien aus dem Exil behauptet der Poet, es Ovid, der am 20. März 43 v. Chr. in dem Wort, dann folgt auf die Praxis eine
habe dafür zwei Gründe gegeben. Einer Abruzzenort Sulmo ge-
sei gewesen, dass Ovid eine Liebeskunst boren worden war, ein
(„Ars amatoria“) geschrieben hatte. systematisch aufgebautes
Falls das stimmt, bestrafte hier erstmals poetisches Werk zu
ein römischer Kaiser einen Literaten, schreiben, in dem es um
weil ihm eines von dessen Werken nicht außereheliche Liebe ging.
gefiel. Zwar bewegte er sich da-
Natürlich könnte der gewandte Dich- mit tatsächlich im Rah-
ter, ein Star der literarischen Szene men einer Dichtungsart,
Roms, die Feststellung, er habe sein Un- die vor ihm schon Corne-
glück zur Hälfte dem Sex-Lehrbuch zu- lius Gallus, Tibull und
zuschreiben, auch erfunden haben. Zu- Properz gepflegt hatten:
mindest fällt auf, dass Ovid in seiner Ver- der Liebeselegie. Aber als
teidigung – Teil einer Vers-Epistel an Erster legte Ovid es dar-
Augustus – fast nur auf den Anklage- auf an, Erotik betont fri-
punkt „Liebeskunst“ eingeht. Geschickt vol darzustellen und ein
plädiert er für seine Unschuld: Er habe durchaus freches Spiel
doch bloß zu einem literarischen Genre mit altrömischer Moral
beigetragen, mit dem bisher kein Autor zu treiben.
den Zorn eines Mächtigen erregt hatte. Bereits in früheren ero-
Zur anderen Verbannungsursache tischen Elegien herrschte
äußert Ovid sich nur kurz. Es sei ein ein Ton, der an die Hip-
„Irrtum“ gewesen, mehr sagt der Ge- pie-Devise „Make love, Der Dichter Ovid (Fresko von Luca Signorelli
strafte nicht. Mit seinem Vergehen habe not war“ erinnert: Darin im Dom von Orvieto, 1499)
er den Kaiser sehr verletzt, er wolle ihn sprechen junge Männer,
an die „Wunde“ nicht erinnern. als Ritter Angehörige des zweiten Stan- Theorie der Sexualkunde in zwei Tei-
des in Rom, die auf die übliche, ja er- len: ein Lehrgang für den Erfolg in der
Was steckt hinter diesem Drumher- wünschte Karriere des Politikers, des Liebe und schließlich ein Ratgeber für
umreden? Seit Jahrhunderten rätseln Soldaten oder Geschäftsmannes ab- alle, die unglückliche Erfahrungen mit
Fachleute, was Ovid verbrochen haben sichtlich verzichten. Stattdessen leben dem Eros gemacht haben – oft gerade-
könnte. Die Kenner sind heute einig, diese Aussteiger ganz der Liebe zu ei- zu eine amouröse Typenlehre, die stel-
dass der Dichter wohl irgendwie mit der ner Freigelassenen und der Poesie; in lenweise schon den Argwohn nähren
hohen Politik zusammengestoßen ist. ihren Versen erzählen sie vor allem über kann, hier sei von einer Erotik die Rede,
Aber wie auch immer: Um als Verban- ihre Erfahrungen mit der Frau. wie sie im augusteischen Staat illegal
nungsgrund wenigstens theoretisch in Sowenig von Ovids Leben vor seiner war.
Frage zu kommen, muss die „Ars ama- ersten Elegiensammlung, den „Amores“ So sagt etwa Ovid in der Rolle des ele-
toria“ anstößig genug gewesen sein. (15 v. Chr.), bekannt ist: Er scheint die gisch Liebenden zu seiner Partnerin, von
Wahrscheinlich war sie es. Ovid ver- modische Literaturrolle des Alternati- der er weiß, dass sie ihn betrügt, sie dür-
rät nämlich im Versbrief an Augustus, ven auch praktisch erprobt zu haben. In fe das weiterhin tun, aber sie solle stets
man beschuldige ihn, dass er in der „Ars“ Rom von bedeutenden Rhetoren als Ju- alles verhehlen oder leugnen („Amores“
als „Lehrer schändlichen Ehebruchs“ rist ausgebildet, hätte er die senatori- 3, 14). Mit nur ein wenig bösem Willen
spreche. Ob mit Recht oder nicht – Zeit- sche Laufbahn einschlagen können. kann man daraus die Aufforderung le-
genossen konnten so etwas offenbar aus Aber er blieb lieber Privatier, lebte von sen, das Gesetz gegen die Untreue einer
MIMMO JODICE / CORBIS (L.); AISA / INTERFOTO (R.)

dem Text herauslesen. Dann seinem ererbten Vermögen verheirateten Frau zu brechen.
aber mussten sie Ovid für NIKLAS und widmete sich ganz der Ein Abschnitt in der „Liebeskunst“
strafwürdig halten. HOLZBERG Poesie. Und darin schuf er wiederum könnte als Ermunterung der
Schon Jahre vor dem Er- mit vier Dichtungen, die zwi- Leser gedeutet worden sein, den Appell
scheinen der „Liebeskunst“ Der Altphilologe schen 15 v. und (spätestens) zur Heirat innerhalb der oberen Stände
hatte nämlich Augustus Sei- ist Experte 4 n. Chr. entstanden, eine zu missachten: Ovid als Sexprofessor
tensprünge in der Ehe offi- für römische wahre Ideologie des Lebens verkündet, er wünsche sich im Bett lie-
ziell untersagt. Verheiratete Dichtung. Holz- allein für die Liebe: außer in ber eine reife Dame aus dem niederen
freie Frauen durften nicht berg, 62, lehrt an den „Amores“ in den „Epis- Stand der Freigelassenen, die nicht fest
fremdgehen, freie Männer der Universität tulae Heroidum“ (Briefe my- mit ihm liiert sei, aber alle Liebeskünste
keine Ehefrau oder unverhei- München. thischer Frauen), der „Ars beherrsche. Denn so eine verstehe es,

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 37


KAISERLICHE MACHT

Fresko aus Pompeji

zusammen mit ihm zum Höhepunkt zu Immerhin hatte der Versvirtuose als Erlebnis mit dem des mythischen Jägers
gelangen – eine Gattin hingegen, erklärt Nächstes zwei Werke verfasst, in denen Aktäon.
der Poet, sei beim Koitus „trocken“ und dem Kaiser ausdrücklich gehuldigt wird: Was Aktäon geschah, hat Ovid selbst
denke an ihre Wollarbeit. die „Metamorphosen“, eine gewaltige in seinen „Metamorphosen“ ausführlich
Besonders strenge römische Moral- mythologische Weltgeschichte von der dargestellt. Bei seinen Streifzügen durch
apostel mochten aus solchen Passagen Erschaffung des Universums bis zu den Wald tritt der Jäger ahnungslos in
eine Grotte, wo die Göttin Diana badet.
Damit er nicht erzählen kann, er habe sie
War Ovid unfreiwillig Mitwisser nackt erblickt, verwandelt sie ihn in ei-
nen Hirsch; daraufhin zerreißen ihn sei-
eines Hofkomplotts? ne eigenen Hunde.
In virtuosen Hexametern hat Ovid
Kritik an den Ehegesetzen des Augustus Ovids eigener Zeit, und die „Fasti“ (Fest- den Mythos ausgestaltet; farbige Details
oder zumindest Spott darüber heraus- kalender), worin der Dichter vom 1. Ja- und subtile Anspielungen auf frühere
hören. Aber dachte auch der Kaiser so? nuar an die römischen Feiertage – auch Literatur mischen sich mit der Einfüh-
Es heißt, er selbst sei ein Freund freier die für große Taten des Augustus – aus- lung in Aktäons ausweglose Situation
Liebe gewesen, ja es sind sogar obszöne führlich erklärt und kommentiert. Der nach seiner Verwandlung und dem Er-
Verse aus seiner Feder überliefert. Lobpreis des Herrschers klingt durchaus schauern vor göttlicher Willkür, die
Natürlich konnte er den Untertanen ver- ernst gemeint. grausam einen Unschuldigen straft. Ak-
bieten, was er sich selbst gestattete. Aber Woher also der Zorn des Augustus? täons Geschichte ist nur eine von rund
wenn er Ovids Verbannung tatsächlich Was hatte Ovid verbrochen? Er habe 250 Sagen, die sich raffiniert aneinan-
mit dessen „Liebeskunst“ begründete, etwas gesehen, wodurch seine Augen derreihen. Wer diese geballte Ladung
warum wartete er mit der Verurteilung „schuldig“ geworden seien, und das, was ausgeklügelter Darstellungskunst zu
mehrere Jahre? Hatte er nicht sogar al- sich ihnen zeigte, sei ein „Verschulden“ würdigen weiß, wird die „Metamorpho-
REUTERS

len Grund, sich an Ovids weiterer li- gewesen, sagt er geheimnisvoll; außer- sen“ zu den bedeutendsten Dichtungen
terarischer Tätigkeit zu erfreuen? dem vergleicht er sein folgenschweres der Weltliteratur zählen.

38 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


Fresko aus Pompeji

Aber was hat Ovid mit Aktäon verbannten jüngeren Julia), dann küste nachzuweisen, der Kaiser habe an
gemeinsam? Dass der Poet sagen aber den Claudier Tiberius, sei- der „Liebeskunst“ zu Unrecht Anstoß
will, er sei wie der Jäger will- nen Stiefsohn, favorisiert. Als genommen. So diplomatisch er das tut:
kürlich bestraft worden, liegt dieser 4 n. Chr. zum Thron- Beim Leser bleibt der Eindruck, dass un-
auf der Hand. Doch was folger auserkoren war, ter Augustus keine große Freiheit des
könnte er gesehen haben, könnte es vier Jahre spä- Wortes geherrscht habe; Literaten hät-
welches „Verschulden“? ter eine Verschwörung ten fürchten müssen, sie könnten sich
Auch Ovid dürfte zufällig noch lebender Julier ge- durch ihre Texte in Gefahr bringen.
einem Mächtigen (oder geben haben, von der Ovid Auf eine Rehabilitierung hat der
mehreren) begegnet sein – aufgrund eines Irrtums Verskünstler wohl bald kaum noch hof-
wohl nicht einfach nur, wie erfuhr. Wenn das stimmt, fen mögen. In seinen Exil-Elegien, den
manche geglaubt haben, passte sogar die Anklage „Tristia“ (Lieder der Trauer) und „Epis-
der unbekleideten Kaise- wegen der „Liebeskunst“ tulae ex Ponto“ (Briefe vom Schwarzen
rin Livia. Es ist gewiss kein ins Bild: Hatte Augustus Meer) bittet er immer wieder allein dar-
Zufall, dass Julia, die En- seine Ehegesetze ja sehr um, an einen angenehmeren Exil-Ort
kelin des Augustus, im sel- wahrscheinlich auch er- umziehen zu dürfen. Doch so raffiniert
ben Jahr verbannt wurde lassen, um seiner eige- er Rhetorik und Larmoyanz spielen ließ,
wie Ovid. Gut möglich, dass nen Familie Ehrfurcht vor so kunstvoll er Mythenstoff und Emp-
der Dichter ohne Vorwissen der Ehe zu verordnen. Da findsamkeit kombinierte: Bis zu seinem
REUTERS (O.); ULLSTEIN BILD (U.)

von Machenschaften erfuhr, die musste ein Mitwisser von Tod um 17 n. Chr. wurde das Verban-
unter Verwandten des Kaisers Umtrieben, der obendrein nungsurteil nicht aufgehoben. So liefert
gegen dessen Dynastiepoli- verbotene Liebe feierte, Ovid neben all seiner dichterischen
tik im Gange waren. Augustus’ Gattin Livia doppelt unerwünscht sein. Meisterschaft auch das erste große Bei-
Augustus hatte erst die (Statue aus Paestum Ausführlich versuchte spiel der römischen Kaiserzeit für den
Söhne seiner Tochter Julia im Archäologischen Ovid aus seinem Exil an Zusammenprall geistiger Tätigkeit mit
(also die Brüder der später Museum Madrid) der fernen Schwarzmeer- einer Staatsmacht.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 39


KAISERLICHE MACHT

2000 Jahre nach der Varusschlacht


liefern Archäologen ein verblüffendes
Bild von Hermann dem Cherusker.
Der Heerführer brachte Rom weit mehr
ins Wanken als bislang gedacht.

Feldherr aus
dem Sumpf
Von MATTHIAS SCHULZ

E
s war Herbst,
9 n. Chr., als ein
germanischer
Kriegsbote im
gestreckten Ga-
lopp Richtung Böhmen ritt. In
seinem Gepäck lag ein halb-
verkohlter Kopf mit schwar-
zen Haaren – das abgetrennte
Haupt des Heerführers Quinc-
tilius Varus.
Wenige Tage zuvor war der rö-
mische Feldherr in der Schlacht im
Teutoburger Wald gestorben. Fast
zwei Drittel seiner Rheinlegionen wur-
den aufgerieben. Der Feind erbeutete sil-

40 Römische Münze mit Varus-Porträt


Soldaten des Germa-
nicus im Rückzugskampf
(Ölskizze von Ferdinand
Leeke, um 1890)

bernes Essgeschirr, chirurgische Geräte tentat ließ er seine aus Batavern (Ur- kenntnisse der Siedlungsforschung zu-
und Tausende Waffen. Holländern) und Ubiern (aus der Köl- sammen. Schon „einzelne germanische
KLAUS GÖKEN / BPK (O.); THOMAS ERNSTING / BILDERBERG (U.)

In Panik flutete die versprengte Armee ner Region) bestehende Leibgarde in- Warlords“ hätten Gefolgschaften von
hinter die Rheinlinie zurück. Alle Kastel- haftieren. Der Princeps, heißt es in an- „2000 bis 3000 Soldaten“ angeführt. Da-
le in Germanien gingen verloren, die tiken Quellen, fürchtete sich vor einem von gab es Dutzende. Und die Empörer
Nordfront lag bloß. „Nichts war blutiger Attentat, ja, er erwartete einen „Angriff setzten nach, um das Imperium weiter
als jene Niederlage in den Sümpfen und auf Italien und Rom selbst“. zu erschüttern. Alles hing ab von der
Wäldern, nichts unerträglicher als der Mission jenes Reiters, der mit dem blu-
Übermut der Barbaren“, jammerte der Ein Offensivschlag der Germanen? tigen Varuskopf durchs Land eilte.
Chronist Florus. „Den einen entfernten Diese Angst des Kaisers galt bislang als Irgendwo nahe dem heutigen Bud-
sie die Augen, den anderen die Hände, der völlig übertrieben. Jetzt wird klar: Sein weis stoppte er vor einer gewaltigen
Mund eines Dritten wurde zugenäht.“ Reich wankte wirklich. Holzburg. Es war der Thronsitz Mar-
Als Kaiser Augustus, bereits über 70, Mitteleuropa habe um Christi Geburt bods, des Herrn über Böhmen und die
die Nachricht erhielt, zerriss er sein Ge- „beachtliche Truppenkontingente“ stel- Elbvölker bis hin zur Ostsee. Antiken
wand und schlug mit dem Kopf gegen len können, fasst der Demografiespe- Schriften zufolge hatte er das römische
die Palasttür. Aus Angst vor einem At- zialist Heiko Steuer die neuesten Er- Regierungsmodell übernommen und

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 41


Nachbau germanischer Häuser aus der
Eisenzeit, etwa zur Zeit der Varusschlacht
(im heutigen Dänemark); rechts: Römer-
stadt in Germanien (Rekonstruktion von
Waldgirmes in Hessen)

verfügte über ein Heer von „70 000 Fuß- stand. Antike Quellen beschreiben ihn spannten Revanchisten sie für ihre
soldaten und 4000 Reitern“. als „gewandten Geist“ mit „strahlenden Zwecke ein. Daher wurde Arminius
Ihm legte der Bote den Schädel vor Augen“. Sein Name Arminius ist wahr- nach dem Zweiten Weltkrieg kleingere-
die Füße. Das Signal war klar: Arminius, scheinlich abgeleitet von „Armenium“ det, der von ihm angeführte Volksauf-
Feind Roms und Anführer der Germa- – so nannten die Lateiner ein blau leuch- stand schrumpfte zur „Meuterei“. Ge-
nen, wollte ein Kampfbündnis schmie- tendes Mineral. Erst Luther prägte die lungen sei der Sieg nur, weil Statthalter
den. Einen Moment lang schien es, als Bezeichnung, die heute jeder kennt: Varus, eingestuft als „Popanz“, leicht-
könnte eine pangermanische Allianz „Hermann der Cherusker“. gläubig in einen Hinterhalt stolperte.
entstehen. Es wäre, schreibt der His- In Fell gehüllt, als Häuptling einer Erst jetzt, 2000 Jahre nach dem Ge-
toriker Tillmann Bendikowski, für Rom Horde schwertschwingender Zausel- schehen, stellt sich langsam mehr Ge-
der „denkbar schlimmste Fall“ gewesen. bärte, wurde der Nationalheld oft dar- lassenheit ein. Vorurteilsfrei prüft die
Erst jetzt, 2000 Jahre nach der le- gestellt: ein Beutemacher, gierig aufs Forschung die historische Substanz des
gendären Schlacht im Teutoburger Plündern. Nun findet eine Umdeutung seltsamen Barbaren.
Wald, zeigt sich die ganze Dramatik statt. Der Anführer, heißt es, sei ein klu- Vor allem zur Varusschlacht selbst
jenes Krieges, der zwischen 9 und 16 n. ger Feldherr und politischer Kopf ge- gibt es viel Neues. Aktuelle Schätzun-
Chr. im Norden tobte. In mindestens wesen, der in seinem Land große sozia- gen gehen davon aus, dass bei der Ver-
13 Schlachten gelang es den Barbaren, le Veränderungen bewirkte. nichtung der 17., 18. und 19. Legion samt
Roms Militärmaschine auszubremsen. Tross etwa 22 000 Menschen starben.
Die bot auf dem Höhepunkt des Als die Revolte begann, war Ger- Über Monate hin, so die Annahme,
Streits zwar 1300 Schiffe auf Elbe, Weser manien in über 40 Stämme zersplittert. betrieb Arminius ein tückisches Dop-
und Lippe auf, etwa 80 000 Soldaten wa- In diesem Chaos stieg Arminius zum pelspiel. Mit einer Finte lockte er den

HEINER MÜLLER-ELSNER / AGENTUR FOCUS (L.); FABER COURTIAL / GRUPPE 5 FILMPRODUKTION, KÖLN (R.)
ren im Einsatz. Aber es nützte nichts. Die „Heerkönig“ auf. Seiner Armee unter- Armeezug der Besatzer auf einen
abgefallene Provinz Germania Magna, standen Krieger aus mindestens elf schmalen waldigen Pfad und fiel seinem
ein Gebiet zwischen Elbe und Rhein, ge- Volksgruppen; in diesem Heer erlern- Dienstherrn Varus, der sich im Frieden
riet nie mehr unters römische Joch. ten die Germanen erstmals Befehlshier- wähnte, jäh in den Rücken.
Immer wieder unternahm die Groß- archien und kollektives Handeln – ein Zwei antike Autoren schilderten die
macht Anläufe, die Schmach zu tilgen. erster Schritt vom Stamm zum Staat. Vorgänge genau. Von Tacitus, der seine
Wie nachhaltig und erbittert die Legio- Der renommierte Althistoriker Alex- „Annalen“ später als 100 n. Chr. verfass-
nen die nordischen Freischärler nieder- ander Demandt, 71, unterstellt dem Che- te, weiß man seit kurzem, dass er die im
zuringen versuchten, wird erst jetzt of- rusker sogar, sein Traum sei ein „verein- Senatsarchiv abgelegten Berichte der
fenbar, da in der Nähe des niedersächsi- tes Westgermanien“ gewesen. „Er woll- obersten Heeresleitung einsehen konn-
schen Städtchens Northeim ein antikes te ein gleichberechtigtes Gegengewicht te. Der Grieche Cassius Dio wertete so-
Schlachtfeld entdeckt wurde. zum Römischen Imperium schaffen.“ gar Berichte von Augenzeugen aus.
Hunderte Eisenbolzen, verschossen Zwar scheiterte der Plan kläglich. So ergibt sich folgendes Bild: Varus’
von römischen Geschützen, beweisen, „Nach der Königswürde strebend“, er- Heerzug war rund zehn Kilometer lang.
dass das Imperium noch bis ins dritte zählt Tacitus, sei der Mann von der We- Der Angriff der Germanen erfolgte aus
Jahrhundert hinein mit schweren Waf- ser mit kaum 37 Jahren hinterrücks er- dem Schutz des Waldes, seitlich in die
fen bis zum Harzrand vorrückte. Doch mordet worden. Flanken des Zuges.
auch diese Attacke zwang den Gegner Aber die Theorie vom Bismarck im Obwohl durch Speerwürfe und im-
nicht in die Knie. altdeutschen Tann wirft neues Licht auf mer neue Attacken geschwächt, gelang
Den Auftakt zu diesem ungeheuren eine Gestalt, die, durch ein Gestrüpp von es den Römern, sich abends zu sammeln
Dauerkrieg aber machte ein junger Ger- Klischees belastet, fast unkenntlich ge- und ein festes Lager zu schanzen. Varus
mane, der fließend Latein sprach und worden ist. Eine hässliche Patina haftet ließ Teile der Ausrüstung und viele
lange selbst in römischen Diensten an der Symbolfigur. Immer wieder Maultierkarren verbrennen. Dann zog

42 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


KAISERLICHE MACHT

Wo auch immer die Schlacht genau


stattfand – gewiss ist, dass ihr Echo wie
das kaum eines anderen Ereignisses
durch die Geschichte wirkte. Ohne den
großen Blockierer Arminius hätte Rom
„Obstgärten bis Berlin“ gepflanzt, hieß
es einmal.

Schon das Altertum wusste um die


Tragweite des Geschehens. Sueton und
Strabon prüften die blutige Niederlage,
Ovid zürnte der „Rebellin Germania“.
Plinius der Ältere schrieb ein 20-bändi-
ges Werk über den Nordkrieg (das leider
verlorenging). Tacitus schließlich präg-
te die Formel vom „Befreier Germani-
ens“, der es gewagt habe, den römischen
Staat „auf dem Höhepunkt seiner Macht
er „in besserer Ordnung“ (Cassius Dio) Dass der finale Schlag in Kalkriese herauszufordern“.
weiter, geriet aber erneut unter Be- erfolgte, glauben allerdings immer we- Nur zu gern wüsste die Zunft mehr
schuss. Wieder riss der Feind schlimme niger Forscher. Zwar wurde dort 1987 über den Feldherrn aus dem Sumpf, der
Lücken in den Marschkörper. ein antikes Schlachtfeld aufgespürt. um 17 v. Chr. als Sohn eines Cherusker-
Am dritten Tag strömten immer mehr Bald darauf errichtete man an dem fürsten zur Welt kam. Sein Heim wird
beutegierige Germanen herbei. Das rö- Ort ein Museum, durch das heute auf einer Bergspitze bei Bad Driburg
mische Heer geriet in Auflösung. Einige pro Jahr 100 000 Besucher geschleust vermutet. Als der Junge aufwuchs, wa-
Truppen versuchten sich abzusetzen. werden. ren gerade Besatzer ins Land gekom-
Im Morgengrauen des vierten Tages Doch viele neue archäologische Be- men. Bald kannte Arminius Jupiter
schließlich brachen Regen und Sturm funde wollen sich nicht recht ins Bild ebenso gut wie Wodan. Die Fremden
los, der Tross blieb im Morast stecken. fügen. „Die Varusschlacht fand defini- brachten Luxus und Reichtum – sie fol-
Es kam zur Einkesselung auf freiem tiv woanders statt“, erklärt der Militär- terten aber auch und legten störrische
Gelände. Im Nahkampf metzelten die historiker Peter Kehne aus Hannover, Bauern in Ketten.
Germanen alle Römer nieder. „Stellen- einer der besten Kenner der Materie. Er Dem kleinen Prinzen dagegen ging es
weise lagen die Leichen zuhauf, der vermutet in Kalkriese nur das „Vorhut- gut. Sein Vater hatte sich mit den Frem-
Boden war schmierig von Blut und Ein- gefecht einer einzelnen Kohorte im Jahr den arrangiert. Der Junge erhielt römi-
geweiden“, so Bendikowski. 15 n. Chr.“. sches Bürgerrecht. Später machte ihn

Germanischer Krieger Römischer Legionär


mit suebischer Haartracht Speer oder Gewicht der Rüstung: ca. 15 Kilogramm DAS RÖMISCHE REICHSHEER
Stoßlanze Helm mit Nacken- verfügte um Christi Geburt
Bemalter und Wangenschutz zwei über 25 Legionen, in denen
Holzschild Wurfspeere etwa 120 000 Soldaten dienten.
Kettenhemd mit (pilum) Hinzu kamen Hilfstruppen
Extraschutz für
Schultern und Brust untergebener Völker, darunter
nicht zuletzt Reiter aus Gallien
Unterkleid und Germanien.
(tunica) Nach 20 Dienstjahren erhielt
aus Wollstoff jeder einfache Legionär zur
Schwertgürtel mit Altersversorgung ein Stück
Kampfschwert Land oder Geld. Die gesamte
Dolch (gladius) Armee war auf den Kaiser ver-
J E F F B U R N / SA L A MA N D E R B O O KS LT D .

eidigt und benötigte pro Jahr


Dolchgürtel
etwa zwei Drittel des Staats-
mit Dolch
(pugio) und haushalts.
Lendenschurz DIE GERMANEN besaßen
keine stammesübergreifende
Militärorganisation. In Kriegen
schlossen sich bisweilen
einzelne Gefolgschaften von
Sandalen Schild (scutum), 2000 bis 6000 Kriegern zu
Langschwert (caligae) mit Leder über- Koalitionen zusammen.
zogenes Schichtholz
mit Eisenbeschlag

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 43


Nachbau eines
römischen Kriegsschiffs

Aufstand der
Nordprovinz ANGELN
Römisches Reich und Germanien
kurz vor der Varusschlacht SACHSEN
Elb großes Militärlager
e
Bentumersiel CHAUKEN
We LANGOBARDEN Militärstützpunkt
s
Ems

FRIESEN römische Stadt


er

ANGRIVARIER
Kalkriese
Porta Westfalica SEMNONEN 100 Kilometer
Haltern
Signalkette SUEBEN
USIPETER
Nimwegen BRUKTERER CHERUSKER
HERMUN-
Lippe DUREN
MARSER
Xanten
El

SUGAMBRER
be

CHATTEN
TENKTERER PROVINZ
R Waldgirmes MARKOMANNEN
GERMANIA
he

REICH DES
in

Trier
GERMANEN
au

Mainz
Mold

RÖMISCHES Marktbreit MARBOD


Speyer Don
REICH au Budweis

Straßburg
WOLFGANG HUPPERTZ

Augsburg- Canuntum
Oberhausen
Basel

44 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


KAISERLICHE MACHT

Kaiser Augustus sogar zum Ritter und 55 v. Chr. schlug er bei Bonn eine Brücke Stämme mit ihren Kriegern zum Gefecht
reichte ihm – wohl persönlich – einen über den Rhein und riss damit jene an. Bewaffnet waren sie mit Holzschil-
goldenen Ring. Eine ungeheure Aus- Störenfriede aus dem geschichtlichen den, langen Speeren und Schwertern.
zeichnung. Nur: Warum erhielt er sie? Dunkel, die er „germani“ nannte. Angegriffen wurde keilförmig im Pulk,
Das Römische Reich stand zu der Zeit dem „Eberkopf“.
Hier schweigt die Überlieferung. Im- da als blendende Zivilisation, deren Gegen die tiefgestaffelte Phalanx der
merhin liegen neue archäologische Spu- Wirtschaft bereits von einem kompli- Römer brachte das wenig. Die walzte
ren vor, um das Phantom besser zu grei- zierten Kreditwesen geölt wurde. Seine alles nieder. Abertausende Germanen
fen. An der Lippe fand man Reste eines Soldaten hatten das stolze Ägypten retteten sich aus dem Hauptoperations-
über 70 Meter langen Militärpalastes. überrannt, Spanien und Palästina unter gebiet zwischen Weser und Rhein nach
Es soll das Haus sein, in dem Varus einst Kontrolle gebracht. Osten über die Elbe. Wer blieb und
mit seinem „Stabsoffizier“ und späteren 16 v. Chr. fällte Augustus eine weit- nicht gehorchte oder gar das Schwert
Feind Arminius tafelte. reichende Entscheidung. Er wollte die erhob, wurde versklavt, gefoltert oder
An der Porta Westfalica wurden Mün- Reichsgrenze bis an Elbe und Donau getötet.
zen, Nägel von Legionärsschuhen und vorschieben. Zuerst fielen die Legionen
Zeltheringe freigelegt. Der Ausgräber ins Gebiet der heutigen Schweiz und ins Schon 9 v. Chr. hatten die Invasoren
Daniel Bérenger vermutet, das Lager Alpenvorland ein, flugs eroberten sie die Elbe erreicht. Dort stoppten sie und
könnte ins Umfeld der „Schlacht von den Balkan und Ungarn. Dann ordnete errichteten ein Siegesdenkmal. Dann
Idistaviso“ anno 16 n. Chr. gehören. der Kaiser eine Offensivstellung am griff das Netz der römischen Zivilisation.
Bei Herford wurde ein Turm ent- Rhein an. Alle Truppenkörper wurden Händler folgten der Armee auf dem Fuß.
deckt, der zu einer römischen Signal- in 40 neu ausgebaute Kastelle direkt am Das Land bot Pomade und Räucherfisch,
kette gehörte, die wahrscheinlich mit Ufer des Stroms verlegt. Bernstein und Leder. Emsig schickte
Spiegeln oder Feuerzeichen Botschaf- Rund 35 000 gepanzerte Berufssol- Rom seine Erzsucher los. Bereits vor der
ten quer durchs Land sendete. daten marschierten drohend an der Zeitenwende betrieb das Reich Silber-
Insgesamt schälen sich vier zentrale Grenze auf, bewaffnet mit Wurfspeer und Bleibergwerke im Sauerland. Es gab
Erkenntnisse heraus: (pilum) und Kurzschwert (gladius), ge- Minen im Bergischen Land und im Hes-
• Vor der Revolte des Arminius war die stählt durch andauerndes Training. Je- sischen.
Kolonisierung Germaniens bis zur
Elbe viel weiter vorangeschritten als
bislang angenommen; Arminius verstand es, die
• die Barbaren organisierten einen
breiten Widerstand, an dem sich rund germanischen Horden zu drillen.
20 Stämme beteiligten;
• im Zuge ihrer Rebellion verlor Rom der Kämpfer trug 48 Kilo Rüstung und Alle Erträge flossen in die Tasche des
insgesamt etwa 30 000 Soldaten, Gepäck mit sich herum. Er war Mitglied Kaisers. Augustus überwachte die wirt-
schönte aber die Verluste; der schlagkräftigsten Armee der Welt. schaftlichen Aktivitäten. Die ganze Pro-
• erst als das Imperium seine Geheim- 12 v. Chr., im Frühling, brach der vinz gehörte ihm. Wohl deshalb vertrau-
polizei einsetzte und Intrigen sponn, Sturm los. Entlang den Flüssen Lippe te er die militärische Kontrolle seines
gelang es, den Widerstand einzu- und Main stießen die Kohorten tief ins Besitzes nur engsten Verwandten an.
dämmen. germanische Feindesland vor. Lange 9 v. Chr. übernahm sein Schwiegersohn
„Früher wurde vermutet, dass die Rö- wurde der Vorstoß als eine Art „Ein- Tiberius das Kommando.
mer östlich des Rheins nur eine Vor- marsch in die Dritte Welt“ beschrieben. Schon im Januar 7 v. Chr. hatte der
feldkontrolle betrieben mit vereinzelten In Wahrheit aber drangen die Römer in Feldherr sein Ziel erreicht. Die Haupt-
Präventivschlägen“, erklärt der Tübinger ein schon weitgehend abgeholztes Ge- stadt feierte die Eingliederung des neu-
Althistoriker Reinhard Wolters. „Nun biet, in dem sich dicht bei dicht die Dör- en, rund 200 000 Quadratkilometer
wissen wir: Das Gebiet war ab 8 v. Chr. fer reihten. Angeführt wurden die ger- großen Gaus. Im Triumph schritten die
eine fest installierte Provinz.“ manischen Kleinstämme von Fürsten, Trompeter voran, auf Schauwagen wur-
Als Hermann seinen Hinterhalt wobei jeder nur ein Gebiet von etwa 25 de Beute gezeigt, dazu ausgewählte Ge-
schmiedete, stand das Land also bereits mal 25 Kilometer beherrschte. fangene. Tiberius hielt den adlerge-
fast 20 Jahre unter dem Einfluss der Ro- Wie diszipliniert muss in dieser Welt schmückten Kommandostab.
manisierung. Die Weltmacht hatte die der Winz-Regenten der Heerbann des Dann brechen die antiken Nachrich-
Schrift und eine straffe Verwaltung in Imperiums gewirkt haben. Strahlend ten ab. Erst die neuesten Ausgrabungen
den Norden gebracht. Aber auch Skla- kam die schwere Infanterie in Sechser- verraten, was damals geschah: Rom be-
venhändler, die ihre Ware frisch vom reihen daher. Vorn wieherten nervös die gann fieberhaft mit dem Ausbau der
Schlachtfeld kauften. Gegen diese Pferde der Reiterei, zuständig für Auf- Provinz „Germania“.
„Zwingherren“ pochte der Cherusker klärung und Flankenschutz. Es folgte in Kasernen und Fachwerkbauten ent-
auf Freiheit und Selbstbestimmung. Ta- Reih und Glied der Kampfblock, dann standen, Villen für die Tribunen, Waf-
citus zufolge geißelte er die „Habgier kamen der Tross und die Nachhut. fenfabriken, Töpfereien, Lazarette. Gleich
und Grausamkeit“ der Cäsaren. Ihren Feinden fühlten sich die Ein- neben dem Truppenplatz von Haltern lag
Angefangen hatte der Zusammenstoß dringlinge aus dem Süden weit überle- direkt an der Lippe ein Schiffsanleger
der Kulturen bereits mit Julius Caesar, gen. In der Tat kam keine überregiona- für die Getreidekähne. Soldaten bauten
der handstreichartig Gallien eroberte. le Abwehr zustande. Einzeln traten die Straßen und Wegesysteme aus. Neue

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 45


KAISERLICHE MACHT

Bergwerke und Märkte entstanden, so- der Heimat bald Marionettenregime zu in ihre Heimat zurück. Der Balkan war
gar Städte. Eine davon, Waldgirmes in führen. ruhiggestellt – allerdings mit großem
Hessen, konnte bereits nachgewiesen Um 5 n. Chr. wurde Arminius mit sei- Aufwand. Das Reich wirkte ausgelaugt,
werden. ner ersten großen Aufgabe betraut. Er Hungersnöte brachen aus.
„Schließlich herrschte in Germanien übernahm die Führung von Hilfstrup- In dieser Situation schlugen die
ein derartiger Frieden, dass die Men- pen. Der junge Mann trug nun einen ei- Westgermanen zu. Im September des
schen wie ausgetauscht wirkten, das sernen Körperpanzer mit Beinschienen, Jahres 9 n. Chr. schritt Arminius zur Tat.
Land anders, der Himmel selbst sanfter darüber eine Toga mit Purpurstreifen. Der Hinterhalt funktionierte. Varus lief
und milder als gewohnt zu sein schien“, Und er kam prompt zum Einsatz. Rom ins offene Messer.
frohlockte der am Rhein stationierte Tri- plante gerade einen letzten Offensiv- Kopflos flüchteten die Besatzungs-
bun Velleius Paterculus. schlag. Es ging um die Vernichtung Mar- truppen hinter die Rheinlinie. Alles war
Er merkte nicht, wie sehr es gärte. bods. in Auflösung. Die Germanen setzten
Geschäftemacher und Amtsdiener mit Dessen Gebiet war ein Sammel- nach und belagerten die Festung Aliso in
Rutenbündeln brachten die bäuerlich becken von Desperados und geflüchte- Westfalen, in der rund 3000 Römer ein-
geprägten Germanen gegen sich auf. ten Romgegnern geworden. Der Mann, geschlossen wurden. Schon begannen
Drei Dinge nervten die Alteingesesse- der vielen als Urvater der Bayern gilt, auch die Gallier auf der anderen Seite
nen besonders: Sie mussten sich der rö- hatte sich ein „fest gegründetes Reich des Rheins zu murren.
mischen Justiz beugen, Steuern zahlen mit königlicher Gewalt“ (Velleius Pater- In dieser taumeligen Lage erfolgte
und ihre Waffen ablegen. culus) errichtet. Dem wollten die Römer der Totenschädel-Ritt nach Südosten.
Kein Wunder, dass Rebellionen auf- ein Ende setzen. Marbods mächtiges Heer sollte gewon-
flackerten. Doch statt im Gefecht auf Be- Mit zwölf Legionen zog Tiberius im nen werden, um mit in den Kampf gegen
fehl und Gehorsam zu achten, riefen die Frühjahr 6 n. Chr. los. Doch mitten im die Unterdrücker zu ziehen. Doch Mar-
Germanen nur hitzig Wo- bod verweigerte sich und
dan an. Alles stürmte schickte den fauligen
durcheinander. Für die Hildesheimer Silber- Kopf des Varus weiter
Legionen war es ein schatz: von Germa- nach Rom. Arminius’
Leichtes, die Aufstände nen erbeutetes Plan war gescheitert. Wü-
niederzuschlagen. So flog augusteisches Tafel- tend geißelte er seinen
Jupiters Wappentier, der geschirr (Replik) germanischen Neben-
Adler, immer weiter vor- buhler – laut Tacitus – als
an. 5 n. Chr. stieß Tiberi- „Drückeberger“, „Vater-
us mit der Flotte sogar bis landsverräter“ und „Tra-
an die dänische Küste vor. banten des Kaisers“.
Gleichwohl blieb die
Aufs Hinterland leg- Lage für Rom prekär.
te sich derweil die Eisen- „Bürger wehrfähigen Al-
faust der Pax Romana. ters waren ja in kaum nen-
Das Reich verstand es nenswerter Zahl übrig“,
meisterhaft, sich Verbün- erzählt Cassius Dio. Nur
dete zu schaffen. Günst- durch Zwangsrekrutie-
linge wurden mit Orden, rungen gelang es Kaiser
Rängen und Silber- Augustus im Winter 9/10
schmuck überhäuft. Germanien zerfiel Anmarsch musste er stoppen. In den n. Chr., neue Legionen auszuheben. Sie
in romfreundliche und -feindliche Par- Teilprovinzen Dalmatien und Pannonien bestanden überwiegend aus Bettlern und
teien. Vor allem die an strategisch wich- war ein Aufstand entbrannt. Sofort Sträflingen.
tigem Ort (beiderseits der Weser) sie- schwenkte der Feldherr um und ver- Mit dieser Lumpenarmee eilte Tibe-
delnden Cherusker, vielleicht 200 000 strickte sich alsbald in Dauerschar- rius an den Rhein und sicherte die Gren-
Menschen, standen in der Gunst der Er- mützel in den unwegsamen Schluchten ze. Fünf Jahre später ging es ans Tilgen
oberer. Sie sollten helfen, das Gebiet bis des Balkans. der Schmach. Das Reich hatte gewaltige
zur Elbe zu kontrollieren. Es ist diese Zeit, in der sein Tribun Summen in Brückenbau, Bergwerke und
Um ihre Fürsten besser einzubinden, Arminius die Militärtechniken der Welt- in die Infrastruktur der abgefallenen
nahmen die Besatzer deren Kinder in macht studieren konnte: den schnellen Provinz investiert. Man wollte das Ge-
Geiselhaft und schickten sie zur Ausbil- Ausfall, die Belagerung und die An- biet zurück – um jeden Preis.
dung nach Rom. Kleine Hinterwäldler griffsweise der Infanterie, die stets zu-
lernten so eine glanzvolle Stadt mit einer erst ihre schweren Speere abwarf, die Nun führte der Hitzkopf Ger-
Million Einwohner kennen. sich in den Schilden der Gegner ver- manicus, damals etwa 27 Jahre alt,
Arminius lebte möglicherweise schon hakten und sie herunterbogen. So ergab das Oberkommando. Es begann das
ab 8 v. Chr. am Tiber. Sein Bruder Flavus sich die Gelegenheit zum schnellen schlimmste Kapitel des Kriegs – mit
wurde dort ebenso erzogen wie der Todesstoß. Vor allem aber erlernte er Massenmorden an Wehrlosen und dem
Vetter Segimundus und der junge disciplina, Roms Schlüssel zum Erfolg. systematischen Niederbrennen ganzer
Ostgermane Marbod. Die Knaben gal- Wahrscheinlich im Herbst 8 n. Chr. Dörfer. Acht Legionen Römer stampf-
BPK

ten als künftige Elite, auserkoren, in kehrten die cheruskischen Hilfstruppen ten durchs Feindgebiet. Die Arminius-

46 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


Koalition zog sich in die Wälder zurück seine angestammte Freiheit und seine „Angrivarierwall“. Rom setzte diesmal
und gab die Siedlungen preis. Götter. Wurfmaschinen ein, erlitt aber erneut
Erst im Spätsommer 15 n. Chr. bot Dann krachten die Armeen aufeinan- starke Verluste.
sich der Schattenarmee eine Gelegen- der. „Das Erstaunliche ist, dass Armi- Schließlich war Kaiser Tiberius die
heit zum Großangriff. Der Feldherr nius’ Kampf angesichts eines solchen Sache leid. Er pfiff seine Kämpfer zurück.
Caecina befand sich gerade mit vier Le- Aufgebots nicht von vornherein aus- Eine für 17 n. Chr. geplante neuerliche
gionen auf einem Bohlenweg, umgeben sichtslos erschienen ist“, so der ForscherOffensive ließ er nicht mehr zu. Einen
von ausgedehnten Sümpfen, als die Ger- Walter Böckmann. offiziellen Rückzugsbefehl allerdings gab
manen den eingezwängten Heerzug Nur: Was passierte genau? Bei Tacitus es nie. „Das römische Prestige und die
überraschend angriffen. heißt es zwar: „Von der 5. Tagesstunde Rücksicht auf die imperialistische
Wieder ging es vier Tage lang auf Le- Führungsschicht hätten das öffentliche
ben und Tod. Die 5. und die 21. Legion Eingeständnis einer Preisgabe Germa-
flohen. Fast der gesamte Tross samt niens nicht erlaubt“, meinte der His-
Prunkgeschirr ging verloren. toriker Herbert Nesselhauf.
Leider ist in den antiken Quellen Stracks schwenkte Arminius seine
vieles verzerrt dargestellt. Mal Truppen nach Osten und griff nun
wurden die Verluste mit dem mie- seinerseits Marbod an. Eine Art
sen Wetter in Germanien erklärt, deutsch-deutscher Bruderkampf
dann waren Baumstümpfe oder entbrannte. Marbod verlor. Er
Springfluten schuld. In Wahr- floh in seine Burg und ver-
heit trieb Germanicus’ „Ausrot- schanzte sich dort.
tungspolitik“ (Wolters) immer Nun war Arminius der Über-
mehr Nordleute zu den Waffen. held und furiose Diener Wo-
Sie unterstellten sich dem dans. Nur zu gern wüssten die
„Heerkönig“ Arminius. Forscher, was für Siegesfeiern
Und der Anführer verstand sich damals im nordischen Mo-
es, die Horden zu drillen. Statt rast abspielten und wie das Rö-
„in planlosen Vorstößen oder mische Imperium auf die neu-
mit zersplitterten Heerhaufen“ erliche Bedrohung reagierte.
anzugreifen, hätten die Germa- Schemenhaft lässt sich anti-
nen nun gelernt, „den Feldzei- ken Texten entnehmen, dass
chen zu folgen, sich durch Re- Tiberius zur Grenzsicherung
serven zu sichern, Weisungen ein Heer Richtung Donau
der Generäle zu beachten“, be- schickte. Zugleich aber schal-
richtet Tacitus mit Erstaunen. tete der Kaiser seine Spione ein,
An einem Ort Idistaviso wag- die speculatores. Fortan schür-
te die Koalitionsarmee der Bar- te er den innergermanischen
baren erstmals eine richtige Zwist mit Hilfe seines Geheim-
Feldschlacht. Die Römer hatten dienstes. Eine Zeit des Verrats,
einen gewaltigen Truppenkör- der Intrigen und Giftanschläge
per herangeführt, um eine Ent- begann.
scheidung zu erzwingen. Zuerst wurde 18 n. Chr. Mar-
bod vom Thron gestürzt. Kurz
In voller Pracht stand der danach traf es Arminius. Er
Heerzug am Ufer der Weser: wurde ermordet von „seinen
vorn die gallische Reiterei, dann Verwandten“, so jedenfalls be-
die Bogenschützen; es folgten richtet es Tacitus.
acht Legionen sowie zwei Elite- Doch auch diese Ränke
Einheiten und am Schluss die schmiedete möglicherweise das
Kohorten der Bundesgenossen Hermann der Cherusker (Ölgemälde von Imperium. Sicher ist, dass kurz
– alles in allem mindestens Wilhelm Lindenschmit, um 1840) zuvor im Senat ein Brief des
70 000 Mann. Chattenfürsten Adgandestrius
MDBK / BPK / MUSEUM DER BILDENDEN KÜNSTE

Es war der Sommer 16 n. Chr. Krähen an bis zur Nacht wurde gemordet, die verlesen wurde, der anbot, Arminius zu
flogen über der Weser. „Höre auf mit Leichen und Waffen der Feinde bedeck- beseitigen, wenn der Kaiser das Gift
dem Kampf!“, soll der in römischen ten das Feld über zehn Meilen hin.“ Ar- schicke. Tacitus zufolge lehnte der Senat
Diensten stehende Flavus seinem Bru- minius sei bei dem Getümmel schwer das Gesuch zwar ab: „Nicht hinterrücks
der Arminius über den Fluss hinüber- verletzt worden. Er entkam nur, weil er noch heimlich, sondern offen und mit
gebrüllt haben. „Das Imperium ist groß sein Gesicht mit Blut verschmierte und der Waffe in der Hand nimmt das römi-
und unbesiegbar.“ sich so tarnte. Aber die Schilderung ist sche Volk an seinen Feinden Rache.“
Doch Hermann, am anderen Ufer, offenbar geschönt. Denn schon wenige Aber das klingt nach Propaganda.
rief zornig zurück, nie werde er das Tage später griff der Verwundete die Vieles spricht dafür, dass der Volksheld
heilige Recht des Vaterlands verraten, abziehenden Römer wieder an, am als Opfer eines üblen Komplotts endete.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 47


Der Obergermanisch-Rätische Limes, einst Demarkationslinie gegen
die „Barbaren“, wirkt heute als Publikumsmagnet.

Inszeniertes Altertum
Von NORBERT F. PÖTZL
KAISERLICHE MACHT

D
a, schauen Sie!“, ruft len und knapp 900 Wachtürmen (siehe
Christian Schweizer und Karte Seite 50).
winkt den Fotografen Der alte Grenzverlauf ist touristisch
heran. Wenn man vom gut erschlossen: durch eine Deutsche
Eckpfosten aus den Wei- Limesstraße, durch Rad- und Wander-
dezaun ins Visier nimmt, bildet dieser wege, durch Museen und archäologische
mit dem Waldsaum in der Verlängerung Parks, die jedes Jahr Hunderttausende
und der daran anschließenden Acker- anziehen. An vielen Orten entlang der
grenze eine schnurgerade Linie bis zum einstigen Demarkationslinie finden „Rö-
Horizont, querfeldein über Berg und Tal. merfestspiele“, „Römische Märkte“ und
Und wenn man ganz genau hinsieht, er- Gladiatoren-Schaukämpfe statt. Die
kennt man parallel zum Zaun eine flache Darbietungen tragen bisweilen „karne-
Bodenwelle: links ein bisschen höher als valeske Züge“, wie Stephan Bender, der
die umgebende Fläche, rechts ein we- Leiter des Limesinformationszentrums
nig tiefer. Baden-Württemberg in Aalen, zu be-
Ohne den Fremdenführer würde der denken gibt.
Besucher die sanfte Wölbung im Gelän- Andererseits hilft der Mummen-
de kaum wahrnehmen. „Obwohl man schanz, in breiten Bevölkerungsschich-
nichts sieht“, sagt Schweizer trium- ten das Interesse an römischer Ge-
phierend, „ist das eine besondere Stelle.“ schichte wachzuhalten. Bender recht-
Hier, im Schwäbisch-Fränkischen Wald fertigt auch die historisierenden Nach-
nördlich des Städtchens Murrhardt, ist bauten als „eine Möglichkeit, den Limes
noch ein Stück des Limes zu erahnen, erlebbar zu machen“.
jener gigantischen Grenzanlage, die vor Seit 2005 ist der Obergermanisch-
fast 2000 Jahren die römischen Provin- Rätische Limes Weltkulturerbe – ge-
zen Obergermanien und Rätien von den meinsam mit dem Hadrianswall in
germanischen Stämmen im Norden und Großbritannien, der schon seit 1987 auf
Osten trennte. Die Delle in der Land- der Liste der Unesco steht; 2008 kam
schaft ist das Überbleibsel eines Gra- auch der Antoninuswall, ebenfalls in
bens, der einst zwei Meter tief und sechs Großbritannien, dazu. Dadurch, so Ben-
bis acht Meter breit war, sowie eines der, sei die Chance erhöht, „Substanz
Walls, der aus dem Erdaushub aufge- und Authentizität des größten Boden-
schüttet worden war. denkmals in Deutschland zu bewahren“.
Andernorts gibt es bei der Wande- Nicht nur Laien, auch Fachleute sind
rung etwas mehr zu sehen. Auf dem beeindruckt von einer bau- und ver-
Heidenbühl etwa steht die Ruine eines messungstechnischen Meisterleistung:
ehemaligen römischen Wachturms. Auf der gut 80 Kilometer langen Strecke
Dem Vorstellungsvermögen der Besu- zwischen Walldürn und Welzheim bau-
cher hat man in jüngerer Zeit etwas ten die Römer ihren antigermanischen
nachgeholfen, indem die knapp manns- Schutzwall ohne Rücksicht auf steile
hohe Grundmauer, die vom Original Hügel und schroffe Abhänge völlig ge-
übrig geblieben ist, an einer Ecke mit al- radlinig durchs Gelände, als wollten sie
ten Bruchsteinen auf sechs Meter auf- beweisen, dass selbst die Natur ihrer
gestockt wurde. Oder bei der Ortschaft Macht nicht im Wege stehen konnte.
Grab, wo ein ganzer Wachturm so re-
konstruiert wurde, wie er dort einst Die Groma, das Messgerät der anti-
gestanden haben könnte – nebst dem ken Geometer, eine Kombination von
Schaustück einer Palisadenmauer vor Eisenloten und hölzernem Visierkreuz,
Wall und Graben. reichte für die Projektierung wohl nicht
Der Limes ist ein Publikumsmagnet, aus. Wahrscheinlich wurden auf den be-
TOURISMUS AM LIMES auch wenn nur karge Reste zu besichti- waldeten Höhen in recht weitem Ab-
FOTOS: LUKAS COCH / ZEITENSPIEGEL

Rekonstruktion eines Römer- gen sind. Einst erstreckte er sich über stand große Holzgerüste mit Peilvor-
kastells im württembergischen 550 Kilometer, von Rheinbrohl bei Kob- richtungen aufgestellt, um den linearen
Welzheim, kostümierter lenz über Westerwald und Taunus zum Verlauf abzustecken.
Fremdenführer („Cicerone“) Main, dann südwärts bis zum württem- Eine Unregelmäßigkeit gab es aller-
und rekonstruierter Wachturm bergischen Städtchen Lorch und von dings. An einer Stelle war es den römi-
bei Grab, Ruine eines Wach- dort mit einem rechtwinkligen Knick schen Soldaten beim Ausheben des
turms bei Murrhardt, Römer- nach Osten bis nach Eining nahe Re- Grabens offenbar zu anstrengend, das
kopf als Limesmarkierung bei gensburg, gesäumt von rund 120 Kastel- Erdreich immer hangaufwärts auf die
Aalen (im Uhrzeigersinn)

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 49


KAISERLICHE MACHT

Limesverlauf
1. bis 3. Jahrhundert n. Chr.
Germania
Magna Römisches Reichsgebiet
im 1. und 2. Jh. besetzt
Limes als zusammenhängende
Saalburg Wall- oder Palisaden- bzw.
Maueranlage
GERMANIEN Mauer Kastell
Main
Mainz
Palisade Mogontiacum
bis 3 Meter hoch RÖMISCHES 50 km
REICH Wachturm Murrhardt
Gallia
Belgica

ein
Aalen

Rh
Erdwall
bis 2 Meter hoch Augsburg
Augusta
Donau Vindelicum
Graben
Römische Raetia
Germania
bis 8 Meter breit Grenzanlage Superior Augst
und 2 Meter tief Augusta Raurica
Quelle: Historischer Atlas der
antiken Welt, Verlag: J. B. Metzler

Kaiser Domitian ließ Schneisen ins Dickicht schlagen und


Postenwege anlegen, auf denen Soldaten patrouillierten.
römische Seite des Limes zu schaufeln, schen Schaustücken auch allerlei römi- und mit mediterranen Kräutern ge-
und so warfen sie den Wall auf der öst- sche Relikte aus der Region aus. würzter Wein – quasi ein antiker Alcopop.
lichen, der germanischen Limesseite auf. Ein Kleinod ist das Replikat einer Ju- Der Spiritus mellitus regt die Phan-
Die Nachlässigkeit ist angesichts des pitersäule mit einem Relief der kapito- tasie der Ausflügler an, wenn sie dann
Geländes verständlich, „war aber si- linischen Wölfin und der legendären auf den Pfaden römischer Grenzschüt-
cherlich ein grober Verstoß gegen die Stadtgründer Romulus und Remus – zer wandeln und der Cicerone die Ge-
Bauvorschriften“, meint der Archäologe eine Darstellung, wie sie bisher nir- schichte der frühzeitlichen Sperranla-
Andreas Thiel. gendwo nördlich der Alpen entdeckt ge erzählt. Rhein und Donau bildeten
Murrhardt liegt direkt an der Limes- wurde. Der Originalstein liegt im Grab eine natürliche Barriere zwischen der
geraden. Zu Römerzeiten stand hier ein des 850 gestorbenen Benediktinerabts römischen „Zivilisation“ und den ger-
Kohortenkastell, in dessen Nähe sich und Ortsheiligen Walterich – dort wur- manischen „Barbaren“. Die beiden Flüs-
auch eine zivile Siedlung („vicus mur- de das Bildnis kopfüber eingebaut, um se formen jedoch ein spitzwinkliges
rensis“) befand. Einmal im Monat führt zu demonstrieren, dass die Macht des Dreieck, das tief ins Imperium Roma-
Christian Schweizer Limesfans auf die heidnischen Römischen Reiches end- num hineinragte: Um von der rätischen
Spuren der Römer. gültig zerbrochen sei. Provinzhauptstadt Augusta Vindelicum
Schweizer ist ein „Cicerone“. So nen- Vom Museum führt Christian (Augsburg) nach Mogontiacum (Mainz),
nen sich die zertifizierten Limesführer Schweizer die Gäste zur „Villa Franck“ dem Verwaltungssitz Obergermaniens,
in Anspielung auf die Beredsamkeit des oberhalb des Städtchens. Das Salon- zu gelangen, war ein gewaltiger Umweg
Philosophen Cicero. In Kursen eignen sie musiker-Ehepaar Brigitte Hofmann und über Augusta Raurica (Augst nahe Basel)
sich historisches Grundwissen an, sie Patrick Siben, auch er ein engagierter erforderlich.
üben freien Vortrag vor Gruppen und le- Cicerone, hat das stattliche Jugendstil- Schrittweise und ohne nennenswer-
gen eine Prüfung ab. Rund 80 Limes- gebäude des einstigen Malzkaffeefabri- ten Widerstand dehnten die Römer im
enthusiasten sind Mitglieder im 2005 ge- kanten Robert Franck zu einem „Kul- ersten Jahrhundert nach Christi Geburt
gründeten Verband der Limes-Cicerones. tur- und Banketthaus“ umgewidmet. ihr Herrschaftsgebiet in das dünnbesie-
Christian Schweizer, 43, ist gelernter Den Limesfreunden wird in der Wein- delte Land aus. Lediglich die Chatten,
Tierpräparator und leitet in dritter Ge- stube ein „pullus farsalis“ (gefülltes Vorfahren der Hessen, wehrten sich ge-
neration das Carl-Schweizer-Museum Hähnchen) nach einem Rezept des gen die neuen Nachbarn. Sie stellten sich
in Murrhardt, das sein Großvater 1931 römischen Feinschmeckers und Koch- jedoch nicht der offenen Schlacht, son-
gegründet hat. Es stellt neben einer na- buchautors Marcus Gavius Apicius ser- dern überfielen die römischen Truppen
turkundlichen Sammlung ausgestopfter viert; als Aperitif wird „mulsum“ ge- in den unwegsamen Wäldern aus dem
Vögel und Wildtiere sowie stadthistori- reicht, ein mit Bienenhonig vergorener Hinterhalt.

50 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


Cicerone Schweizer, teilrekonstruierter Wachturm Schüler bei Limesführung in Welzheim

Kaiser Domitian, der von 81 bis 96 re- Dahinter verliefen Patrouillenwege. Die- ten stationiert: Legionen mit jeweils
gierte, ließ daher Schneisen ins Dickicht se verbanden die Wachtürme, die in 5000 Mann, die alle das römische Bür-
schlagen, die als „limites“ (Plural von li- Sichtweite, je nach der Topografie im gerrecht besaßen, und Hilfstruppen
mes) bezeichnet wurden – Postenwege, Abstand von 200 bis 1000 Metern, an- („auxilia“), in denen „peregrini“ aus den
auf denen regelmäßig Soldaten patrouil- einandergereiht waren. eroberten Provinzen dienten – wobei die
lierten. Tacitus verwendete das Wort in Die Wachtürme waren mindestens misstrauischen Römer zumindest an-
seiner „Germania“ erstmals im Sinn von zweistöckig. Der Eingang befand sich fangs vermieden, die Leute in ihren Hei-
Reichsgrenze, als er im Jahr 98 schrieb: sicherheitshalber im ersten Stock und matprovinzen einzusetzen.
„Bald zog man den Limes und schob konnte nur mit einer Leiter erklommen Kriegerische Auseinandersetzungen
Kastelle vor, so dass das Land als Vor- werden. Im Erdgeschoss, über eine Lei- am Limes gab es lediglich mit den Chat-
sprung des Reiches und Teil der Provinz ter im Turminneren erreichbar, lager- ten (162) und den Markomannen (166
betrachtet wird.“ ten Essensvorräte für die Grenzschüt- bis 180). Nachdem Kaiser Caracalla im
Die am weitesten vorverlegte Grenz- zer, vor allem Getreide, aus dem „puls“, Sommer 213 gegen die in Rätien und
linie war um 160 erreicht – auf ihr ein mit Wasser aufgekochter Brei, zube- Obergermanien eingedrungenen Ale-
entstand der Obergermanisch-Rätische reitet wurde. mannen zu Felde gezogen war, herrsch-
Limes. Entlang der Provinz Obergerma- Rings um das zweite Stockwerk ver- te für zwei Jahrzehnte noch einmal
nien wurden robuste Palisadenwände lief wahrscheinlich bei den meisten Ruhe an der Front.
aus halbierten Eichenstämmen errichtet Türmen eine Galerie. War Gefahr im Im Jahr 233 fielen die Alemannen
– sie waren wenigstens einen Meter tief Verzug, konnte mit Feuerzeichen und jedoch erneut in Rätien ein, diesmal in
ins Erdreich eingegraben, was darauf Hornsignalen von Turm zu Turm Alarm großer Zahl. Sie nutzten eine Schwäche
schließen lässt, dass die Palisade mindes- gegeben werden. Aus den im Hinterland der römischen Grenzverteidigung aus:
tens doppelt so hoch aufragte, vermutlich gelegenen Kastellen rückten dann Fuß- Kaiser Severus Alexander hatte starke
sogar bis zu drei Meter. Die rätische truppen und Reitereinheiten den Grenz- Truppenkontingente aus Rätien und
Grenze, die westlich von Schwäbisch verletzern entgegen. Obergermanien abgezogen, um die Per-
Gmünd an die obergermanische an- ser im Osten des Reiches abzuwehren.
schloss, wurde mit einer wahrscheinlich Der Limes war jedoch „kein Bollwerk Die am Limes verbliebene Auxiliar-
ebenso hohen Steinmauer gesichert. gegen fremde Heere, sondern eher eine infanterie konnte die germanischen Rei-
Die Grenzanlage war bald fast so per- Wirtschaftsgrenze“, betont Experte Ben- terscharen kaum aufhalten, die bis an
FOTOS: LUKAS COCH / ZEITENSPIEGEL

fektioniert wie eine andere innerdeut- der. Die zahlreichen Grenzübergangs- den Rhein und in das Alpenvorland vor-
sche Grenze 1800 Jahre später. Im Vor- stellen legen nahe, dass ein Grenzver- stießen. Der Kaiser sah sich genötigt,
feld des Limes wurde der Wald abge- kehr bestand, der „zwar kontrolliert, aber den Perserfeldzug abzubrechen und mit
holzt, um freies Sichtfeld zu schaffen. nicht eingeschränkt werden sollte“. Ger- seinem Heer die Alemannen zu verjagen.
Hinter den Trennwänden, auf römischer manische Händler waren willkommen, Die vielerorts zerstörten Grenzan-
Seite, wurden Gräben ausgehoben, die aber nur, wenn sie Zölle entrichteten. lagen scheinen nur noch notdürftig
an der tiefsten Stelle spitz zuliefen. Das In Friedenszeiten waren daher am repariert worden zu sein. Angesichts
Erdreich häufte man zu Wällen auf. Limes offenbar höchstens 25 000 Solda- eines blutigen Bürgerkriegs im Römi-

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 51


KAISERLICHE MACHT

Archäologe Bender, Römerfunde (in Aalen) Rekonstruiertes Römerkastell Saalburg im Taunus

Die Palisaden verfaulten, Wälle und Gräben wurden


eingeebnet, die Ruinen der Wachtürme dienten als Steinbrüche.
schen Reich, der zu jener Zeit auch in anderen Stellen, wo es viel nötiger und gen. Schon als Kind hatte er seit 1870
den Grenzprovinzen Obergermanien aussichtsvoll wäre, die Zerstörungs- die Sommerferien regelmäßig in der
und Rätien wütete, hatte Kaiser Gallie- arbeit ihren stillen Gang unaufhaltsam Kurstadt Bad Homburg im Taunus
nus andere Sorgen, als sich um den weitergeht, so lange bleibt diese Aufga- verbracht – in der Nähe eines längst ver-
Schutz der ohnehin verwüsteten Limes- be der deutschen Geschichtsforschung fallenen Römerkastells, der Saalburg.
region zu kümmern. ungelöst, und diese am wenigsten kön- 1897 erteilte der Kaiser den Auftrag,
Germanische Siedler nahmen das nen wir späteren Generationen ver- auf den alten Fundamenten eine Be-
Terrain allmählich in Besitz und began- machen.“ festigungsanlage zu errichten, wie man
nen sich auf vormals römischem Boden Der wilhelminische Zeitgeist, der die sich damals eine römische Kaserne vor-
politisch neu zu organisieren. 297 wur- Limesforschung zur „nationalen Aufga- stellte.
de der Zwickel zwischen Rhein und Do- be“ erklärte, kam Mommsen zu Hilfe. Der Monarch wollte seinen Unterta-
nau erstmals „Alamannia“ genannt. 1892 wurde die Reichs-Limeskommis- nen ein Bild edlen römischen Soldaten-
Die Palisaden verfaulten, Wälle und sion gegründet, die aus 15 führenden Al- lebens vermitteln. Egon Schallmayer, der
Gräben wurden verweht oder eingeeb- tertumsforschern bestand, Mommsen heutige Direktor der Saalburg, spricht
net. Die Ruinen der Wachtürme und übernahm den Vorsitz. von einem Programm „inszenierter Ge-
Kastelle dienten über Jahrhunderte als „Mit der Entwicklung der Volks- und schichtlichkeit“. LUKAS COCH / ZEITENSPIEGEL (L.); MICHAEL MOXTER / VARIO IMAGES (R.)

billige Steinbrüche. Raubgrabungen zer- der Altertumskunde besannen sich die Das Freilichtmuseum lockt bis heute
störten, was von der Denkmalsubstanz Staaten Mittel- und Nordeuropas auf Massen an, jedes Jahr werden rund
vorhanden war. ihre eigene Geschichte“, erklärt der 160 000 Besucher gezählt. „Hier können
Wissenschaftliche Forschungen be- Heidelberger Archäologe Andreas Hen- Sie was erleben!“, wirbt das antikisie-
gannen erst Mitte des 18. Jahrhunderts, sen. „Im Spannungsfeld zwischen der rende Disneyland für eine „Ent-
und gut hundert Jahre später musste der Bewunderung für die Leistungen der deckungsreise in eine vergangene Zeit“,
Berliner Althistoriker Theodor Momm- Antike und nationalistisch geprägten versprochen wird ein „Freizeiterlebnis
sen (1817 bis 1903) konstatieren, „dass Phantasien vom Germanentum geriet mit Niveau“.
von den noch erhaltenen Zeugen dieser auch der Limes in den Blick der Alter- „Das Faszinosum Rom wirkt fort“,
fernen Vergangenheit jeden Tag Weite- tumsforscher – mal als Teil des beein- erklärt sich der Aalener Limesexperte
res abbröckelt“. druckenden römischen Militärwesens, Bender die Anziehungskraft der Aus-
Mommsen klagte: „Solange die Zu- mal als Symbol des Freiheitskampfes der grabungsstätten, „jeder weiß etwas
fälligkeiten hier walten, solange man Altvordern.“ über die Römer – und sei es, dass das
nur gräbt, wo zufällig Dilettanten und Das Interesse Wilhelms II. am Limes Wissen aus einem Hollywood-Schinken
Geld sich dafür bereitfinden, und an entsprang auch persönlichen Neigun- stammt.“

52 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


DOKUMENT

Auszug aus der „Germania“, der Landeskunde des Historikers Tacitus

„WILDE BLAUE AUGEN“


Germanien im Ganzen wird von den Galliern, Rae- Flehen, das Entgegenhalten der Brüste und den Hinweis
tern und Pannoniern durch Rhein und Donau, von den auf die nahe Gefangenschaft … Nichts aber, weder Öf-
Sarmaten und Dakern durch wechselseitige Furcht oder fentliches noch Privates, verrichten sie ohne Waffen …
Gebirge geschieden: Das Übrige schließt der Ozean ab, der
weite Buchten und unermessliche Räume von Inseln um- Wenn sie nicht in den Krieg ziehen, verbringen sie
fasst. Vor kurzem erst sind einige Stämme und Könige nicht viel Zeit mit der Jagd, mehr mit Nichtstun, ergeben
bekanntgeworden, die der Krieg erschlossen hat … dem Schlaf und dem Essen, gerade die Tapfersten und
Die Germanen selber, möchte Kriegerischsten ohne jede Be-
ich glauben, sind eingeboren schäftigung, wobei die Sor-
und gar nicht durch Einwan- ge um Haus und Haushalt
derung und Aufnahme ande- und die Äcker den Frauen,
rer Stämme vermischt … Greisen und gerade den
Schwächsten aus dem Gesin-
Sie feiern in alten Liedern – de überlassen wird: Sie selber
bei ihnen die einzige Art der leben dumpf dahin, in einer
Erinnerung und Geschichte – wunderlichen Zwiespältigkeit
Tuisto, den aus der Erde ge- des Wesens, da dieselben
borenen Gott, und seinen Menschen so die Trägheit lie-
Sohn Mannus als Ursprung ben und die Ruhe hassen.
und Gründer des Volkes. Dem
Mannus schreiben sie drei Sie freuen sich vornehm-
Söhne zu, nach deren Namen lich über die Geschenke der
die dem Ozean nächsten In- angrenzenden Völker, die
gävonen, die mittleren Her- nicht nur von Einzelnen, son-
minonen, die übrigen Istävo- dern auch offiziell geschickt
nen heißen … Sie haben auch werden, erlesene Rosse, ge-
solche Lieder, durch deren waltige Waffen, Auszeich-
Vortrag, den sie Barditus nen- nungen und Halsketten; jetzt
nen, sie den Mut befeuern haben wir sie auch schon
und den Ausgang des bevor- Geld anzunehmen gelehrt.
stehenden Kampfes schon aus
dem Gesang weissagen … In jedem Hause wachsen
sie nackt und schmutzig zu
Selber trete ich der Mei- diesen Gliedern, zu diesen
nung derjenigen bei, die ur- Körpern auf, die wir bewun-
teilen, dass die Völker Germa- Mittelalterliche Handschrift der „Germania“ dern. Die eigene Mutter nährt
niens, durch keine Zwischen- (Codex Aesinas, heute in Rom) jeden an ihrer Brust, und sie
heiraten mit anderen Völ- werden nicht Mägden oder
kern verdorben, ein eigentümliches, unvermischtes und Ammen übergeben. Herrn und Knecht kann man durch
nur sich selber ähnliches Volk sind. Daher auch ist die keine Feinheiten in der Erziehung auseinanderkennen:
Form des Körpers – und dies doch bei einer so großen Unter demselben Vieh, auf demselben Boden leben sie, bis
Zahl von Menschen! – allen dieselbe: wilde blaue Augen, das Alter die Freigeborenen trennt, die Tapferkeit sie be-
rötliches Haar, große, allerdings nur zum Angriff tüchti- stätigt. Spät lernen die jungen Männer die Liebe kennen,
ge Leiber – gegen Strapazen und Arbeit haben sie nicht die und darum ist ihre Manneskraft unerschöpft.
gleiche Härte. Gar nicht sind sie Durst und Hitze zu er-
tragen gewöhnt, Kälte und Hunger infolge des Klimas Möge, so bitte ich, den Stämmen bleiben und dauern,
und Bodens … wenn nicht die Liebe zu uns, so doch wenigstens der Hass
untereinander, da ja dem hohen Alter des Reiches das
Es wird dem Gedächtnis überliefert, dass manche Schicksal nichts Größeres mehr gewähren kann als die
Schlachtreihe, die schon eingedrückt war und wankte, Zwietracht der Feinde!
ULLSTEIN BILD

von Frauen wiederhergestellt wurde durch beständiges (Übersetzung von Karl Büchner, 1955)

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 53


KAISERLICHE MACHT

Wandmalereien in Pompeji

WEIN, WEIB, MYSTERIUM


Waren die Eigentümer dieses repräsentativen Hintergrund Regie. So zeigt der sehr fein gezeich-
Hauses mit Meerblick – sicher eine alteingesesse- nete Fries sein Gefolge: Silene und Satyrn, auch ein
ne Familie – nicht mehr zufrieden mit der Ge- Pan, außerdem eine Dionysos-Priesterin, die einen
staltung der Räume? Hatte sich die Mode geän- Phallus enthüllt.
dert? Archäologen wissen nur: Die luxuriöse Villa Andere Figuren sind weniger leicht erkennbar.
vor den Toren Pompejis, wohl so etwas wie der Eine geflügelte Frau, nur mit Schurz und Stiefeln
Mittelpunkt eines Weingutes, wurde um 60 v. Chr. bekleidet, schwingt eine Peitsche: vielleicht die
neu dekoriert. Göttin Lyssa, die für die Raserei steht. Sie schlägt
Der Aufwand war spektakulär: Viel kostbares eine weitere Frau, die so – wie viele Interpreten
Zinnoberrot wurde für die Wandmalereien im glauben – in den Ritus des Gottes eingeführt wird.
Wohntrakt verwendet. Fast 140 Jahre hatte die Weiter rechts tanzt eine nackte Mänade in Rücken-

Pracht überdauert, als am 24. August 79 n. Chr. der ansicht durch den Raum; es könnte den Triumph
Aschenregen des Vesuvs sie begrub. über die bestandene Einweihung andeuten.
Nachdem das Anwesen vor dem Herculaner Tor Geht es hier also um Spielarten dionysischer Eksta-
der antiken Stadt 1909 wiederentdeckt worden se? Oder doch um die Vorbereitung eines jungen
war, hieß es seines Bilderschmucks wegen bald Mädchens auf die Hochzeit – ausgerechnet mit
„Villa dei Misteri“ (Mysterienvilla). Aber wer hatte der Darstellung von Dionysos und seiner Gefähr-
die Opulenz des nur fünf mal sieben Meter großen tin Ariadne (römischer Name: Libera) als Bild des
Raums genießen dürfen, der allein durch eine idealen Paares? Dieser Trakt könnte zum Bereich
MACDUFF EVERTON / CORBIS (L.); WERNER FORMAN / AKG (R.)

Schlafkammer erreichbar war? Weder war hier der Hausherrin gehört haben.
eine Kultstätte – da störten die Fenster –, noch In mehreren Szenen steht immerhin eine Braut im
hatte der Saal offiziellen Charakter. Sein Zweck Mittelpunkt. Sie wird geschmückt, sie sitzt wartend
bleibt ein Rätsel. auf dem Brautbett. Braut und Dionysos scheinen
Doch welche Inszenierung: Ein über alle vier also eine gemeinsame Geschichte zu bilden. Aber
Wände verlaufender Fries zeigt beinahe lebens- welche? Wurde hier wirklich, mit oder ohne Hoch-
große Szenen mit Menschen und Mischwesen. zeitsritus, von den sonst so sittenstrengen Römern
Eine Sockelzone, Mäanderbänder und ein Ranken- die Freude am Rausch zelebriert? Sicher ist nur,
fries umrahmen das Geschehen. Darin geht es dass die Fresken der künstlerischen Avantgarde
um die Mythenwelt des Weingottes Dionysos entstammen.
(römisch: Bacchus) – hier in Kampanien, wo Wein In diesem sogenannten Zweiten Stil war die
eine wichtige Erwerbsquelle war, lag das nahe. eigentliche römische Malerei erst entstanden.
Im Wandkino der Villa dei Misteri führt der Herr Hatten die Fresken zuvor meist Innenräume mit
des Rausches und der Lust anscheinend aus dem Marmorverkleidungen gezeigt, wurden die Archi-

54 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


tektur-Illusionen nun fesselnder. Vorgetäuschte Öffnungen hen. Aber da die Villa dei Misteri sicher rasch als ein Vorzei-
stellten vermeintliche Tiefe her; Friese mit nahezu lebens- ge-Anwesen der Region gegolten haben dürfte, blieb ihr
großen Figuren – hier etwas statisch, aber schon sehr ehrwürdiger Wandschmuck erhalten.
abwechslungsreich und komplex – lockerten das Bild auf. Wird er das auch in Zukunft? Seit Jahren häufen sich alar-
Reiche Ornamente, Darstellungen edler Materialien und mierende Meldungen über Pompejis Vernachlässigung,
Opfergaben signalisierten Wohlstand und überholten die Verfall durch Massentourismus und Kunsträuber. Die Ruinen
griechischen Vorbilder. brauchen Schutz. Sonst könnte, was die antike Naturkata-
In den folgenden Jahrzehnten sollte es auf den Wänden strophe nicht schaffte, der Nachlässigkeit heutiger Kultur-
reicher Römer immer raffinierter und naturalistischer zuge- wächter gelingen. Ulrike Knöfel

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 55


KAISERLICHE MACHT

Plinius der Ältere schrieb reihenweise Fachbücher, sein Forscherdrang kostete


ihn das Leben: Er starb als berühmtestes Opfer des Vesuv-Ausbruchs.
Existenzen wie die seine wären ohne den Luxus der Kaiserzeit undenkbar.

Muräne mit Ohrringen


Von TOBIAS BECKER

E
s ist die ultimative Lobhu- von 100 Autoren habe er durchgenom- kein Zurück mehr: Am Strand von Sta-
delei, die der eine Plinius men, um 20 000 Stichwörter zusam- biae, wenige Kilometer entfernt von
da auf den anderen Pli- menzutragen, schreibt Plinius selbst – Pompeji, starb Plinius der Ältere vor
nius anstimmt: Sein Onkel und untertreibt damit noch: Die tatsäch- Aufregung an einem Herzinfarkt; viel-
und Adoptivvater sei „ein lichen Zahlen dürften weit über seinen leicht erstickte der starke Asthmatiker
scharfsinniger Kopf“ gewesen, „un- Angaben liegen. „Vita vigilia est“, hat er auch an Schwefeldämpfen.
glaublich interessiert und immer wach“, als Wahlspruch ins Vorwort geschrie- Er hatte eben nicht ahnen können,
schreibt Plinius der Jüngere über den ben – „Leben heißt Wachen“. dass er geradewegs ins Zentrum der
Älteren. Nie habe er etwas gelesen, Dieses Arbeitsethos sollte ihn das Le- größten Naturkatastrophe steuerte, die
ohne es nicht auch zu exzerpieren. In ben kosten: Im Jahr 79 n. Chr. war er als die Antike erlebt hat: den Ausbruch des
jeder freien Minu- Vesuvs. Getrieben
te habe er Bücher von Neugier, wur-
ausgewertet, sogar
bei Tisch und im
Neapolis
(Neapel) Vesuv de der Naturfor-
scher sein promi-
Baiae Ausbruch 79 n. Chr.
Bad, „wie unter (heute Bacoli) Herculaneum nentestes Opfer.
dem Zwang ei- Die Katastro-
nes Gesetzes“: ein Kurs von Plinius Pompeji phe traf das Römi-
Misenum
ebenso neugieri- dem Älteren sche Reich zu ei-
ger wie fleißiger Stabiae ner Zeit, als es sich
(Castellammare
Informationsjun- Golf di Stabia) weniger verwund-
Rom
kie, ein antiker von bar fühlte denn je
Workaholic. Neapel – zumal im Golf
Ausschnitt
Geboren anno von Neapel. Der
23 oder 24 n. Chr., 10 km
galt wegen des an-
kommandierte der genehmen Klimas
ältere Plinius zu- Plinius der Ältere (Phantasie-Stahlstich von Friedrich Wilhelm Bollinger, um 1810) und der fruchtba-
nächst römische ren Vulkanland-
Truppen in Germanien, bevor er in Flottenkommandant in Misenum statio- schaft als Wonnekessel, in dem sich rei-
höchste Staatsämter aufstieg, bis hinauf niert, am Golf von Neapel, und entdeck- che Sommerfrischler dem Dolce Vita er-
zum Vertrauten des Kaisers Vespasian. te eine riesige Rußwolke in etwa 28 Ki- gaben. Die Weltherrschaft hatte so viel
Nebenbei, in seiner Freizeit, schrieb er lometer Entfernung. „Als einem Manne Geld in die Kassen gespült, dass die Küs-
Buch um Buch, darunter drei Bände mit wissenschaftlichen Interessen er- tenregion eine nie für möglich gehalte-
über die Redekunst, ein 20bändiges schien ihm die Sache bedeutsam und ne Blüte erlebte. Hier gab es die luxu-
Werk über die Germanenkriege und ein wert, aus größter Nähe beobachtet zu riösesten Villen des Imperiums: in Pom-
31bändiges Geschichtswerk. All das ist werden“, schrieb Plinius der Jüngere, peji, Herculaneum und Misenum, vor
verschollen; erhalten hat sich einzig sei- später in einem Brief an den Historiker allem aber im verruchten Nobelkurort
ne gigantische „Naturalis Historia“: eine Tacitus. Während er selbst, gerade ein- Baiae, einem St. Tropez der Antike.
Enzyklopädie, die in 37 Bänden das na- mal 18 Jahre alt, in Misenum zurückge- „Nirgends sprudeln die Quellen
turkundliche Wissen der Antike fasst. blieben sei, habe Plinius der Ältere ein reichlicher, nirgends mit intensiverer
SAMMLUNG RAUCH / INTERFOTO

Anders als die meisten modernen Schiff klarmachen lassen und dann un- Heilkraft als in Baiae“, schrieb Plinius
Lexika enthält das Werk nicht nur beirrt auf die Rußwolke Kurs gehalten. in seiner „Naturalis Historia“. Das An-
nüchterne Informationen: Plinius serviert Ehrfürchtig berichtet der Neffe, dass gebot der Bäder liest sich wie ein mo-
dem Leser eine immer wieder unterhalt- sein Onkel unterwegs alle Beobachtun- derner Katalog für Wellness-Urlaube der
same Mischung aus wissenschaftlichen gen einem Sekretär diktiert habe, trotz Luxusklasse: Die Gäste konnten wählen
Erkenntnissen, allerlei Anekdoten und des Regens aus Asche und bald auch zwischen Mineralschlammpackungen
moralischen Erörterungen. 2000 Bücher Bimssteinen. Doch irgendwann gab es und Thermalwassertinkturen, Gymnas-

56 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


Römische Dekadenz
als Kino-Phantasie:
Szene aus dem Film
„Caligula“ (1979)
Köche kosteten inzwischen so viel
wie drei Pferde, klagt Plinius an anderer
Stelle, und die Fische seien so teuer wie
die Köche. Damit spielt er an auf die Ge-
lage reicher Feinschmecker, für die im-
mer absurdere Gerichte zubereitet wur-
den: Flamingo- und Storchenzungen,
Ragout aus Nachtigallenleber oder
Schweinevagina. In Haushalten, die et-
was auf sich hielten, gab es einen spezi-
ellen Sklaven, der ausschließlich für das
Tranchieren der Speisen zuständig war.
Generell schoss die Zahl der Sklaven
in die Höhe, da sie als Statussymbol gal-
ten: Plinius klagte, „dass wir auf fremden
Füßen gehen, mit fremden Augen sehen
und mit fremdem Gedächtnis grüßen“.
Mancher Haushalt, berichtet er, benöti-
ge sogar einen Sklaven als Nomenclator,
als Namensnenner, der seinem Herrn
bei Bedarf die Namen der unzähligen
anderen Sklaven sage.
Zwar ist nicht überliefert, wie viele
Sklaven Plinius hatte, aber dass er aus ei-
ner vermögenden Familie des Ritter-
standes stammte, die zahlreiche Land-
tik in Salzwasser und Einpacken in Diese Denkart entspricht durchaus güter und Villen besaß, ist bekannt.
heißem Sand, Färben von Wimpern und dem Zeitgeist im 1. Jahrhundert. So po- Ebenso, dass er sich während mancher
Zahnreinigung. Kein Wunder, dass mehr sitiv der Begriff Luxus heute besetzt ist, Moralpredigt für die „Naturalis Histo-
gesunde als kranke Gäste kamen: In so zweifelhaft war er damals. Die Kritik ria“ in einer Sänfte durch die Stadt tra-
Baiae traf sich Roms High Society. richtete sich dabei gar nicht einmal ge- gen ließ, an seiner Seite einen Sklaven,
Der Sinn stand den Superreichen gen die Kluft zwischen Arm und Reich, der jeden Einfall notierte – ähnlich nütz-
aber nicht nur nach Wellness. Zwar hat- die noch größer war als etwa in der eng- lich sicher wie die Sklaven, die ihm beim
ten viele in ihren üppigen Ferienvillen lischen Klassengesellschaft des 19. Jahr- Essen und im Bad vorlasen. Auch das,
neben Dutzenden Zimmern auch Pri- hunderts, sondern gegen die Miss- nicht nur der eigene Arbeitseifer, hat
vatbäder, in die sie regelmäßig Gäste ein- achtung traditioneller Werte: Als sitt- sein gigantisches Werk ermöglicht.
luden. Berühmt-berüchtigt aber waren liches Fundament des einst bäuerlichen All diese Details wissen wir von sei-
Baiae und die Region für amouröse Roms galten Sparsamkeit und Beschei- nem Neffen Plinius, der nichts Anstößi-
Abenteuer: Abends und nachts ließen denheit; Genusssucht und Prunkliebe ges daran fand – vielleicht weil er selbst
sich die urlaubenden Römer in bunt be- waren moralisch verwerflich. seine Texte diktieren konnte. Auch er
malten, mit Rosen verzierten Schiffen Die Forderung nach Triebkontrolle besaß später mehrere verschwenderi-
über das Meer schaukeln oder feierten und Unabhängigkeit von weltlichen Din- sche Villen am Comer See, wo auch heu-
ausgelassene Partys am „goldenen
Strand der Venus“, wie der Küstenstrei-
fen genannt wurde, auch in Anspielung Neros Gattin ließ ihren Lieblings-
auf die Vielzahl an Edelkurtisanen.
Ein antiker Graffito, der bei Ausgra- zugtieren Schuhe aus Gold anziehen.
bungen in Pompeji gefunden wurde,
stellt mit nur zwei Wörtern eine Ver- gen entsprach der stoischen Philosophie, te noch Prominente ein Feriendomizil
bindung her zwischen diesem schwel- die für den gebildeten Römer der Kai- haben, George Clooney etwa.
gerischen Überfluss und dem Ausbruch serzeit eine Art ethischer Religion war. Mindestens so groß wie die Kluft
des Vesuvs: „Sodoma Gomora“. In bibli- Auch Plinius der Ältere stand ihr nahe. zwischen Reich und Arm war im alten
scher Tradition deutet die Wand- In seiner „Naturalis Historia“ predigte er Rom nämlich jene zwischen Theorie
inschrift die Katastrophe als gerechte altrepublikanische Strenge und Genüg- und Praxis: Die Luxusschelte kam meist
Strafe Gottes für das Sündenbabel. samkeit und geißelte Beispiele extremer aus einem luxuriösen Ambiente, von Sa-
Von dort ist der Weg nicht weit zu ei- Verschwendung. Die Gattin des Kaisers lon-Stoikern wie Plinius oder gar Sene-
ner moralisierenden Geschichtsschrei- Nero etwa habe ihren Lieblingszugtie- ca, der als Großgrundbesitzer 300 Mil-
bung, die die Dekadenz der Römer im- ren Schuhe aus Gold anziehen lassen, lionen Sesterzen erwirtschaftete.
mer wieder als Grund genannt hat für schimpfte er, und die Mutter des Kai- Einer ihrer Zeitgenossen, der Rhetor
den Verlust ihrer Weltherrschaft. Das sers Claudius habe eine Muräne – so et- Valerius Maximus, urteilte hellsichtig:
zerstörte Pompeji wird zum Symbol für was wie der Koi-Karpfen der Antike – „Luxus ist ein süßes Gift, das man viel
ACPIX

den späteren Untergang Roms. mit Ohrringen geschmückt. leichter anklagen als vermeiden kann.“

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 57


KAISERLICHE MACHT

Nero gilt als Inbegriff von Grausamkeit und Größenwahn.


Dabei war der exzentrische Herrscher, der Bühnenheld und
Volksliebling sein wollte, eher seiner Zeit voraus.

Ein Kaiser als Popstar


Von JAN FRIEDMANN

S
chon am Anfang lief alles der leierspielend dem Untergang Roms Nero, aus jeder ihrer Zeilen spricht das
verkehrt: Lucius Domitius zuschaut und begeistert ausruft: „Oh, lo- Bedauern darüber, dass die römische Re-
Ahenobarbus, so berichtet dernde Flammen“. Den Besuchern des publik mit ihrer Adelsherrschaft einer
Plinius der Ältere, kam „mit Sandalenfilms stand unweigerlich die Monarchie weichen musste.
den Füßen zuerst“ auf die soeben beendete Schreckensherrschaft
Welt – eine Steißgeburt im Jahr 37. vor Augen: War Nero nicht ein Hitler Zweite Quelle der Verteufelung ist
Mutter und Sohn meisterten die le- der Antike, der Unschuldige verfolgte, die christliche Überlieferung. Sie stili-
bensgefährliche Aufgabe, zum Unglück utopischen Bau-Träumereien nachhing sierte Nero zum Antichristen, zum
ihrer Zeitgenossen: 17 Jahre später soll- und verbrannte Erde hinterließ? Brandstifter und grausamen Verfolger
te der Knabe als Kaiser Nero ein Welt- Keineswegs, wie überhaupt an der der Frühgemeinde. Dabei ist es sogar
reich regieren. „Er ist vielleicht der schwarzen Legende vieles nicht stimmt. denkbar, dass es Christen waren, die
nichtswürdigste Kaiser, der je auf dem „Nero – 2000 Jahre Verleumdung“, so Rom ansteckten: Das Christentum war
römischen Thron gesessen hat, und das überschrieb der italienische Autor Mas- damals eine orientalische Weltunter-
will viel sagen“, urteilte der Althistoriker simo Fini seine Biografie. Er zeigt, dass gangs-Sekte, ihre Anhänger erwarteten
Theodor Mommsen. Schon antike Chro- der umstrittene Princeps im Kampf um die Herrschaft des Messias. Nero galt
nisten hatten Nero einen „Feind des seinen historischen Rang zwei mächtige ihnen als schlimmster Repräsentant des
Menschengeschlechts“ genannt. Gegnerparteien hatte. Eine war der Sena- dekadenten Rom, der „Hure Babylon“.
Das Bild, das die Nachwelt vom fünf- torenadel, konservativ, kriegerisch, pa- Nach einer ägyptischen Prophezeiung,
ten und letzten Herrscher der julisch- triarchalisch, von einigen mächtigen Fa- die Roms Christen bekannt war, sollte
claudischen Dynastie bewahrt, ist das milien-Clans beherrscht. Alle römischen die Brutstätte des Bösen brennend
eines Scheusals. Der Name Nero steht Urteile über Nero stammen aus diesem untergehen, wenn der Stern Sirius am
für Größenwahn und Willkür. Schon die Milieu der Patrizier: Es sind insbeson- Morgenhimmel aufgehe. Das war am
antike Nachwelt deutete jede Station sei- dere die Geschichtsschreiber Tacitus und 19. Juli 64 der Fall – dem Tag, als Rom
nes Lebens, von der Geburt an, als war- Cassius Dio. Sie lassen kein gutes Haar an brannte.
nendes Indiz für das, was Unter den Historikern
während seiner 14-jähri- Nero vor der Leiche ist mittlerweile die Gegen-
gen Regentschaft dräuen seiner Mutter Agrip- bewegung im Gange. Stu-
sollte: Nero, der Mör- pina (Phantasie- dien der vergangenen Jah-
der von Mutter und eige- Ölbild um 1670) re korrigieren das gängige
ner Frau. Nero, der sei- Nero-Bild. Sein ameri-
nem Ratgeber Seneca den kanischer Biograf Edward
Selbstmord befahl. Nero, Champlin billigt ihm Ta-
der Pyromane, der die lent, Gestaltungswillen
Stadt Rom ansteckte, um und unbändige Energie zu.
Raum für seine giganti- „Nero wurde, aus eige-
schen Bauvorhaben zu nem Antrieb und eigenen
schaffen. Nero, der Chris- Fähigkeiten, der erste Pop-
MHK / BPK / MUSEUMSLANDSCHAFT HESSEN

tenverfolger, der die fried- star der Geschichte“, ur-


fertigen Jesus-Anhänger teilt der Historiker Ri-
ans Kreuz nageln ließ. chard Holland. Der Re-
Peter Ustinov setzte ligionssoziologe Horst
dem übel beleumdeten Herrmann sieht Nero als
Kaiser ein filmisches gescheiterten Rebellen,
Denkmal. In „Quo vadis“ der seiner Zeit voraus war.
von 1951 spielt er Nero als „Nero hat sich zu weit
weinerlichen Weichling, vorgewagt und der römer-

58 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


Nero auf einer
römischen
Sesterze, um
64 n. Chr.

tümelnden ihr verbliebe-


Mentalität zu ner Bruder Ca-
viel Änderung ligula Kaiser. Doch
zugemutet.“ der verbannte seine
Tatsächlich kann man- Schwester auf die Insel
ches an seiner Herrschaft Pontia, 110 Kilometer westlich
heute sympathisch erscheinen: von Neapel.
Nero schonte das Leben eigener und Ihr Sohn musste zurückbleiben. Ein
fremder Soldaten. Anders als beispiels- die Beamten einen rationalen Verwal- Jahr später starb sein Vater an einer
weise Julius Caesar führte er keine Er- tungschef. Und dann war da noch die Herz- und Lungeninsuffizienz. Lucius,
oberungskriege, um tausendfach zu eigene Dynastie, gleichzeitig Clan und damals erst drei Jahre alt, kam in die
morden und zu versklaven. In Grenz- stete Konkurrenz, da es seit Augustus Obhut seiner Tante Domitia Lepida. Als
konflikten, etwa mit dem mächtigen Par- keine etablierte Nachfolgeregelung gab. schließlich auch Caligula im Jahr 41 er-
therreich im Osten, setzte er vor allem So löschte sich das julisch-claudische mordet und sein Onkel Claudius zum
auf Diplomatie. Beim Unterzeichnen Herrschergeschlecht aus lauter Furcht Kaiser gekürt wurde, durfte Agrippina
von Todesurteilen plagten ihn Skrupel, vor Intrigen selbst aus. aus der Verbannung zurückkehren.
die grausamen Zirkusspiele wollte er Sie wurde fortan zur übermächtigen
durch unblutige Wettkämpfe nach grie- Der Ururenkel des Augustus wur- Figur im Leben des Jungen. Ihr Ehrgeiz:
chischem Vorbild ersetzen. de unweigerlich in die Ränkespiele sei- den einzigen Sohn auf dem Thron zu se-
HOBERMAN COLLECTION / CORBIS

Doch zu Neros Zeit waren andere ner Familie hineingeboren. Sein Vater hen, um jeden Preis. Angeblich prophe-
Qualitäten gefragt, von allen Seiten ver- gehörte der ehrwürdigen Sippe der zeiten ihr Wahrsager nach der Geburt des
schiedene. Adlige und Senatoren wollten Ahenobarbi an, seine Mutter Agrippi- Lucius, dieser werde sie eines Tages tö-
einen Ersten unter Gleichen, der die na war von noch noblerer Abkunft. ten. Agrippina soll geantwortet haben:
„mores maiorum“, die Sitten der Alten, Nachdem sie durch Machtkämpfe im „Mag er mich töten, wenn er nur
in Ehren hielt. Die Soldaten wünschten Haus der Julio-Claudier Vater, Mutter herrscht.“ So viel Machtbewusstsein ei-
sich einen charismatischen Vorkämpfer, und zwei Brüder verloren hatte, wurde ner Frau kam im alten Rom nicht gut an.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 59


KAISERLICHE MACHT

Nero plant sein Rom


(Szene aus dem Film
„Quo Vadis?“ mit Peter
Ustinov als Nero, 1951)

Doch Agrippina hatte Erfolg: Im Jahr ma mater“ aus; er wusste sehr wohl, Land retten. Vergebens: Kurz darauf
49 ehelichte sie Kaiser Claudius, nach- wem er seine Herrschaft verdankte. schlachteten Neros Häscher, wenig raf-
dem dieser seine Frau hatte töten lassen Die „beste Mutter“ besorgte viele Re- finiert, sie in ihrem Bett ab. Als letzten
– für die Heirat zwischen Onkel und gierungsgeschäfte, in einer für eine Frau Wunsch soll sie geäußert haben, man
Nichte mussten eigens die Gesetze geän- bislang ungekannten Machtfülle. Graue möge ihr das Schwert in den Unterleib
dert werden. Dann überzeugte sie ihren Eminenz im Staat wurde der Großdenker stoßen, dorthin, wo sie ihren Sohn einst
Mann, zusätzlich ihren Sohn zu adop- Seneca, den Agrippina aus der Verbannung ausgetragen hatte.
tieren, so dass dieser nun dem leiblichen zurückgeholt hatte (siehe Kasten Seite 61). Die Mutter war längst nicht mehr das
Sohn des Claudius, dem gut drei Jahre Die Anfangsjahre standen unter einem gu- einzige Opfer aus der nächsten Ver-
jüngeren Britannicus, gleichgestellt war. ten Stern. Die Außengrenzen waren weit- wandtschaft. Schon im ersten Jahr der
Obendrein wurde Nero noch mit der gehend befriedet, das kulturelle Leben Herrschaft Neros, kurz bevor er seine
Claudius-Tochter Octavia verheiratet. florierte. Doch unter der Oberfläche bro- Volljährigkeit erreichte, war sein Stief-
Lucius erschien so als legitimer delte es. Nero suchte den Ausbruch aus bruder Britannicus unter unklaren Um-
Thronfolger. Im Weg stand nur noch ei- dem engen Korsett seiner Verpflichtungen. ständen gestorben. Im Jahr 62 wurde
ner, der amtierende Kaiser. Claudius zö- Nachts zog er in Verkleidung saufend Octavia verbannt und schließlich getö-
gerte, ob er Britannicus oder Nero den durch die Spelunken. Einmal wurde er un- tet, nachdem sich Nero in die schöne
Vorrang geben sollte. Die Entscheidung erkannt wegen Störung der öffentlichen Poppaea Sabina verliebt hatte. Und 65
traf er nicht mehr: Am 13. Oktober 54 Ordnung festgenommen. musste schließlich Seneca Selbstmord
starb Claudius, vermutlich zunächst Nero war die Bevormundung durch begehen – obwohl er schon früher nach
vergiftet durch ein Pilzgericht, dann mit- die Mutter leid. Agrippina verlor Stück dem (ausnahmsweise natürlichen) Tod
tels einer vergifteten Feder, mit der sein um Stück ihren Einfluss, den Wohnsitz des Burrus abgetreten war. Poppaea
bestochener Leibarzt ihm den Rachen im Zentrum der Macht, die germanische gehört laut Richard Holland nicht auf
kitzelte. Hinter dem Attentat standen Leibwache, Vertraute in wichtigen Äm- die Liste: Entgegen den Berichten vom
höchstwahrscheinlich Agrippina und tern. Im fünften Jahr seiner Herrschaft, tödlichen Tritt in den Bauch starb sie
ihre Helfershelfer. 59, befahl der Kaiser, was neben dem womöglich durch eine Fehlgeburt.
Noch am selben Tag wurde Nero von Brand am stärksten seinem Ruf gescha-
den Prätorianergarden, den Bodyguards det hat: den Muttermord. Binnen weniger Jahre waren vier
des Kaisers, die sich als einzige militäri- Abenteuerlich war die Methode: für Nero prägende Menschen ver-
sche Einheit in Rom aufhalten durften, Nero ließ eigens ein Schiff konstruieren, schwunden, Agrippina, Octavia, Burrus
zum Nachfolger erhoben. Auch hier hat- das mit Agrippina an Bord auf der Fahrt und Seneca. Nun hatte der Princeps die
te Agrippina vorgesorgt, indem sie den durch den Golf von Neapel auseinan- Freiheit, sich mit seinen wahren Inter-
Prätorianer-Präfekten Burrus neben derbrechen und sinken sollte. Doch die essen zu befassen: dem sportlichen
dem Philosophen Seneca zu Ratgebern zähe, misstrauische Frau, die immer Ge- Wettkampf und der Kunst. Nero fuhr
CINETEXT

Neros bestimmte. Als Losungswort für gengifte parat hielt, konnte sich nach halsbrecherische Wagenrennen und be-
seine Garde gab Nero die Formel „opti- dem vorgetäuschten Schiffsunfall an geisterte sich für das griechische Rin-

60 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


gen. Wahre Meisterschaft entwickelte Nero getroffen wie die, er spiele die Lei- zur Verfügung, ließ aus der Hafenstadt
er auf der Kithara, dem anspruchsvollen er schlecht. Bei seinen Auftritten sorgten Ostia und aus dem Umland Lebensmittel
antiken Saiteninstrument. Er ließ den Claqueure für Applaus, Spitzel waren heranschaffen und den Schutt mit den
berühmtesten Musiklehrer seiner Zeit ins Publikum gemischt. Wer sich nicht leeren Schiffen abtransportieren. „Neros
an den Hof holen. Sein Stimmvolumen ausreichend begeistert zeigte, den er- Reaktion auf das Desaster lässt sich nur
kräftigte er, indem er sich schwere Blei- warteten am Ausgang die Prätorianer. als bemerkenswert energisch, umsichtig
platten auf den Brustkorb legen ließ. Während seine Herrschaft bröckelte, und angemessen bezeichnen“, schreibt
Zum Entsetzen des Adels drängte es startete der Kaiser noch im Jahr 66 eine der Althistoriker Johannes Hahn.
den Kaiser auf die Bühne. „Musik im Ver- 16-monatige Tournee durch Griechen-
borgenen hat keinen Wert“, soll er gesagt land, um dort an Sing- und Sport-Wett- Nicht weniger fähig zeigte sich
haben. Doch im Unterschied zum Regie- spielen teilzunehmen – er gewann dabei Nero als Architekt des Wiederaufbaus:
ren besaß Nero als Dichter, Sänger und alles, was zu gewinnen war: 1808 Sie- Neue Bauordnungen untersagten über-
Darsteller Talent. Er verarbeitete mythi- geskränze. Als die Provinzen im März füllte Häuserblocks und enge Gassen.
sche Stoffe wie den Trojanischen Krieg in 68 schon gegen ihn rebellierten, ergriff Nun waren geräumige Innenhöfe und
Versen. Er brillierte in drastischen Rollen, er zunächst keine militärischen Gegen- Brandmauern vorgeschrieben; statt mit
etwa als Attis, der sich in Raserei selbst maßnahmen, sondern berichtete den Se- Holzteilen wurden die Gebäude mög-
entmannt. Für die „Niederkunft der Ka- natoren lang und ausführlich von sei- lichst weitgehend aus feuerfestem Tuff-
nake“ wälzte sich Nero unter vor- nen musikalischen Errungenschaften stein errichtet. Neue Mieter freuten sich;
getäuschten Wehen auf der Bühne. Er und Experimenten mit der Wasserorgel. nur wohlhabende Eigentümer waren er-
gab sogar den Muttermörder Orest. Die Kluft zur politischen Klasse Roms bost, dass sie nun für die Rendite ihrer
59 führte Nero die „Juvenalia“ ein, war inzwischen unüberbrückbar ge- Immobilien etwas tun mussten.
Festspiele mit Musik-, Tanz- und Schau- worden. Nero gab den kunstsinnigen Nero nutzte die Verheerung, um in
spielwettbewerben, im Jahr 60 die Weltbürger griechischer Prägung, großem Stil Grundstücke aufzukaufen.
„Neronia“, einen Reigen von künstleri- während sich Altrom an sein starres Die Domus Aurea – der Name rührt von
schen und athletischen Preiskämpfen Wertesystem klammerte. Es war auch der glänzenden Außenfassade des neu-
nach griechischem Vorbild. 64 gab er im ein Kampf zwischen Ost und West: Rom en Palasts her – sollte sein größtes Bau-
griechisch geprägten Neapel vor großem schaute auf Griechenland herab, die projekt werden. Die Anlage erstreckte
Publikum sein Bühnendebüt. Selbst von Griechen galten den Traditionalisten im sich vom Palatin über wohl 50 Hektar,
einem Erdstoß während der Aufführung Soldatenstaat als Weicheier und welt- auf beinahe einem Viertel des ummauer-
ließ sich Nero nicht erschüttern, er im- fremde Idealisten. Kunstsinn und Thea- ten Stadtgebietes, größer als der heutige
provisierte einen Dank an die Götter, terbegabung waren zwar auch in den Vatikanstaat. Die Nero-Statue in der of-
dass alles so glimpflich abgegangen sei. höheren Kreisen durchaus akzeptiert, fenen Eingangshalle war fast 40 Meter
Die Plebs tobte. aber bitte nur im privaten Rahmen. hoch und dominierte die Sichtachsen
Fortan kam auch das stadtrömische Nero vermischte Öffentliches und Pri- der Umgebung.
Publikum in den Genuss der Bühnen- vates, indem er das Volk an seinem Leben Nicht nur der Umfang, auch die Aus-
Shows des Kaisers. Kritik an seinem teilhaben ließ. Als begnadeter Populist stattung war exquisit. Sueton berichtet
Spiel ertrug Nero nicht. Kaum eine An- setzte er ganz auf die Zustimmung der von Speisezimmern mit Decken aus
schuldigung, so Edward Champlin, habe Plebs. Mit kostenlosen Riesenpartys und durchlöchertem Elfenbein, durch die die
Lebensmittelverteilungen hielt er die Gäste mit Blumen bestreut oder von Par-
Massen bei Laune. „Nero veranstaltete fum umfächelt wurden. Auch am Prunk
STICHWORT auf öffentlichen Plätzen Gelage und be- beteiligte Nero das Volk: Der Kaiser ließ
Seneca nutzte die ganze Stadt gleichsam als sein
Haus“, analysierte Tacitus später.
öffentliche Parks, einen See, Weinberge
und Wildgehege anlegen, ein Naherho-
Doch der Volkssinn des Kaisers ging lungsgebiet inmitten der Metropole.
Der stoische Denker aus Córdoba, tiefer – das zeigte sich ausgerechnet bei Doch so überzeugt die Plebs zu ihm
der Nero in Regierungskunst und dem Ereignis, das ihm später als Ver- stand, Neros Gegner in Adel und Militär
Rhetorik unterrichtete, soll auf den brechen angekreidet wurde. In der organisierten den Widerstand. Abtrün-
jungen Potentaten mäßigend ge- Nacht vom 18. auf den 19. Juli 64 brach nige Truppen marschierten auf Rom, am
wirkt haben. Als Ghostwriter setz- bei den Buden am Circus Maximus 8. Juni 68 erklärte der Senat Nero zum
te er für Nero einige große Reden Feuer aus. Der Brand verbreitete sich Feind des Volkes, die Prätorianer schwo-
auf. Seneca verordnete Nero ein schnell, angefacht von starkem Wind. ren ihm ab. Nero, umgeben nur noch von
Programm der Milde (clementia) Neun Tage wüteten die Flammen, nur einigen getreuen Freigelassenen, er-
und lehrte: Der Kaiser stehe zu sei- 4 der 14 städtischen Regionen blieben dolchte sich schließlich.
nen Bürgern wie der Hausherr und unversehrt, Tausende starben, Hun- Befehl erging, dass jede Erinnerung
Vater zu den Kindern, der Lehrer derttausende wurden obdachlos. an ihn getilgt werde. Inschriften wur-
zu den Schülern oder der Haupt- Bei Ausbruch des Großfeuers weilte den übermalt, Büsten zerschlagen. Die
mann zu den Soldaten. Wie diese Nero in Antium am Meer und kam erst Geschichtsschreibung verwendet für das
habe er die paternalistische Ver- nach Rom, als er vom Brand erfuhr. Der Los des Neronischen Vermächtnisses,
antwortung, seine rechtlich unbe- Kaiser bewährte sich sogar als Krisen- das später noch andere Herrscher tref-
schränkte Verfügungsgewalt maß- manager: Er koordinierte die Lösch- und fen sollte, sogar einen eigenen Fachbe-
voll auszuüben. Aufräumarbeiten, stellte öffentliche Bau- griff: „Damnatio memoriae“, Verdam-
ten und seine Gärten für die Obdachlosen mung des Andenkens.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 61


Römische Therme
im englischen Bath,
Mosaik aus der
Villa Romana im
sizilischen Casale
KAISERLICHE MACHT

Nach der Arbeit lockte das Wellness-Zentrum auch gewöhnliche Römer:


In den oft luxuriösen Thermen wurden bei Körperpflege, Sport
und Entspannung Kontakte geknüpft und Geschäfte ausgehandelt.

Dem Leibe zuliebe


Von SUSANNE BEYER

S
obald der heutige Mensch und Diskuswerfen. In den weiten Säu- Beheizt wurden die Thermen durch
das Badezimmer betreten lenhallen, so beschrieben Zeitgenossen, ein unterirdisches Netz von Leitungen
hat, schließt er ab – ein un- tummelten sich „Garköche, Schank- mit erhitzter Luft und heißem Wasser.
missverständliches Zeichen mädchen und Kuppler“. In den Gängen unterhalb der Bade-
an die Außenwelt: Ruhe bit- Die luxuriösesten Badeanstalten tru- räume machten sich Sklaven in sticki-
te! Denn die Zeit im Bad ist für gestress- gen die Namen ihrer kaiserlichen Stifter, ger, verräucherter Atmosphäre am kom-
te Multitasker oft der einzige Moment die großen Ehrgeiz darauf verwendeten, plizierten Heizungssystem zu schaffen,
der Besinnung im absurden Turboalltag. ihre Thermen prachtvoll ausstatten zu versorgten Brennkammern mit Holz-
Die alten Römer aber, in der Regel hy- lassen. So konnten die Thermen, die 212 kohle oder Holz.
gienisch eher unterversorgt, waren da an- bis 216 n. Chr. vom römischen Kaiser Überirdisch ließ man sich verwöh-
ders. Selbst hyperaktive Zeitgenossen wie Caracalla errichtet wurden, 2000 Bade- nen, nach dem Baden etwa einölen und
Philosoph Seneca oder Kaiser Hadrian gäste aufnehmen und waren über und massieren. Kein Wunder, dass viele
legten kaum Wert auf Privatheit, wenn über mit Marmor ausgekleidet. Noch meist den ganzen Nachmittag in den
sie sich der Körperpflege hingaben. Wie heute sind die gewaltigen Reste dieses Thermen blieben. Häufiges Baden galt
die Mehrheit ihrer Mitbürger vollzogen Baukomplexes in Rom zu besichtigen; als gesund – war es aber nicht unbe-
sie die Reinigung und Salbung des eige- ein kleiner Teil der Ruine genügt als dingt. Kaiser Commodus (161 bis 192)
nen Leibes öffentlich, begaben sich hier- Großkulisse, um darin unter freiem zum Beispiel badete bis zu achtmal am
für in die Thermen. Dort traf man sich, Himmel Opern aufzuführen. Tag, was weder der Haut noch den Mus-
tauschte den neuesten Klatsch aus und keln guttat.
machte Politik. Die Badehäuser waren Schon 33 v. Chr. soll es in Rom Die Historikerin Erika Brödner
Kommunikationszentren des alten Rom. 170 Badehäuser gegeben haben. Die Ba- äußert in ihrem Standardwerk über
Schon die Griechen hatten öffentli- degäste begaben sich oft täglich in die das antike Badewesen ebenfalls Beden-
che Bäder gebaut, „balaneion“ (Bad) ge- Thermen, nach der Arbeit, meist in der ken: „Man erhitzte sich im Bad, um
nannt oder eben „thermon loutron“ achten Stunde nach Sonnenaufgang. Sie durstig zu werden und sich erneut be-
(warmes Bad). Die Römer machten es betraten den Umkleideraum und ver- trinken zu können. Auch die dazwi-
den Griechen nach, begannen seit der stauten ihre Kleidung in Nischen, die in schenliegenden Mahlzeiten arteten oft
Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. mit der die Wand eingelassen waren. Die Frau- in sinnlose Fressereien aus. Die Folge
Errichtung größerer Thermen, meist aus en zogen eine Art Bikini an (durchaus waren in manchen Fällen üble Ver-
Backstein. Auf den Böden waren Mo- keine Erfindung des 20. Jahrhunderts), dauungsstörungen, die zu einem frühen
saike eingelassen, an den Wänden prang- die Männer blieben nackt. Frauen und Tod führten.“
ANDREA PISTOLESI / PICTURE PRESS (O.); ERICH LESSING / AKG (U.)

ten Fresken, die Becken waren mit Männer badeten getrennt. Verständlich, dass solche Lebensart
leuchtendem Marmor ausgelegt, und Für den ersten Raum zogen die Gäste selbst zwei geschworene Feinde des
über allem schwebten majestätische Holzschuhe an, denn dort war der Bo- Imperiums bei ihrem Ausflug in eine
Kuppeln. den dank einer Fußbodenheizung glü- Therme befremdet. Als Asterix und
Bald gab es in den römischen Städ- hend heiß. Die Becken waren mit Obelix in der Metropole bei einem
ten zahlreiche kleine private Badean- 40 Grad heißem Wasser gefüllt, hier Römer Hilfe suchen („Asterix als Gla-
stalten, die die Bürger gegen Bezahlung konnten die Gäste liegen und aus großen diator“), platzen sie mitten in den Ba-
besuchen durften. Viele öffentliche Fenstern nach außen blicken. Im nächs- debetrieb – den sie dann natürlich kräf-
Thermen aber, die von Stiftungen, vom ten Raum war es etwas weniger heiß, tig durcheinanderbringen. Die Gallier
Reichsfiskus und den Städten finanziert im übernächsten kühl. Hier sprangen sind nicht zufällig gekommen: „Hof-
wurden, waren so großzügig angelegt die Badegäste ins kalte Wasser oder fentlich ist er da, der Römer“, sagt Aste-
wie heutige Wellnesstempel. nahmen auf Marmorsesseln Platz und rix. „Er hat schließlich behauptet, dass
In den Thermen der Kaiserzeit gab ließen sich mit kaltem Wasser begie- er Stammgast sei, und die Römer baden
es Schwimmbäder, Bibliotheken und ßen. In den Caracalla-Thermen sollen jeden Tag!“ Obelix darauf: „Die spinnen,
Sportanlagen für Ballspiele, fürs Ringen 1600 solcher Sessel gestanden haben. die Römer!“

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 63


KAISERLICHE MACHT

Das Kolosseum, in dem Tiere und Menschen zu Zehntausenden starben,


sollte die Volksnähe der Kaiser symbolisieren. Der Bau von
bestechender Funktionstüchtigkeit ist bis heute unübertroffen.

Die Todesmaschine
Von GEORG BÖNISCH
Kämpfe Mann
gegen Mann waren
natürlich besonders
spektakulär –
häufiger aber
fanden in Roms
riesigem
Amphitheater
Tierhetzen statt.
(rechts: Szene aus
dem Film
„Gladiator“, 1999)

D
er Spruch ist sehr alt, die Zuschauer Tücher oder einen Toga-
wohl über 1300 Jahre – zipfel und schrien: „Mitte!“, lass ihn ge-
und doch besitzt er hen! Sonst hieß es: „Iugula!“, stich ihn
durchaus sinnreiche Ak- ab!, und die Daumen wendeten sich
tualität. Ein grundge- nach unten.
lehrter Mönch soll ihn geprägt haben in An manchen Tagen lagen so viele
einem angelsächsischen Kloster. Wie Tote im Sand und in den Kellerräumen,
eine Formel klingt es, was Beda, genannt dass die ordnungsgemäße Entsorgung
der Ehrwürdige, da sagte: „Solange das der Leichen zum Problem geriet. Wie
Kolosseum steht, besteht auch Rom. viele hier ihr Leben aushauchten, ist nur
Fällt das Kolosseum, fällt auch Rom. Und annähernd zu beziffern – 300 000 könn-
fällt Rom, so fällt auch die Welt.“ ten es gewesen sein. Sicher ist nur, dass
Nun, das Kolosseum steht – nicht zu- nirgendwo sonst auf solch kleinem
letzt deshalb, weil es eine der größten Raum über die Jahrhunderte hinweg so
technischen und handwerklichen Meis- viele Menschen starben. Tod war pure
terleistungen des Altertums war: beste Unterhaltung – und Unterhaltung ein
Planung, bestes Material, beste Leute, Mittel der Politik.
alles kombiniert mit einer überaus ge-
nialen Logistik, die dafür bürgte, dass Hier zerfleischten wilde Tiere unter
dieser Superbau in kaum zehn Jahren dem Gejohle der Massen (und oft genug
hochgezogen wurde. den Augen gebildeter, philosophisch ge-
Es war ein Superbau, der Symbol ei- prägter Herrscher) verurteilte Verbre-
ner neuen Zeit werden sollte: Roms Kai- cher – diese schreckliche damnatio ad
ser im Bund mit dem Volk, dies war hier bestias galt als legitime Form der Hin-
in steinerner Größe verewigt. „Jegliche richtung.
Leistung verschwindet vor Caesars Am- Hier traten Männer, später auch
phitheater“, jubelte der Dichter Martial, Frauen, gegen Löwen, Tiger oder Bären
„ein Werk feiert allein künftig statt aller an, aber auch gegen eigentlich sanfte
der Ruhm.“ Erst dann und mit weitem Tiere wie Zebras, Elefanten oder Giraf-
Abstand, rechnete der Meister des latei- fen. Unmöglich, auch nur annähernd die
nischen Epigramms vor, seien die Pyra- Zahl verendeter Tiere zu benennen. Es
miden aufzulisten oder jenes Mausole- müssen Millionen gewesen sein.
ETTORE FERRARI / DPA (L.); CORBIS SYGMA (O.)

um in Halikarnassos, das ebenso zu den Als der Botaniker Richard Deakin im


sieben Weltwundern zählte, oder der Jahr 1855 die Flora im Kolosseum un-
Turm in Babylon. tersuchte, entdeckte er auf den Tribü-
Aber es war auch ein Superbau, der nen, in der Arena und den unterirdi-
eigentlich nur als Hort des Verderbens schen Gängen über 400 Pflanzenarten,
konzipiert war. Hier, vor der gewalti- etliche von ihnen wuchsen nur weit ent-
gen Kulisse von über 50 000 Menschen, fernt von Rom. Lange rätselte der Spe-
kämpften Gladiatoren gegeneinander bis zialist, bis ihm klar zu werden schien:
zum letzten Blutstropfen. Hatte der Ver- Die Samen mussten im Fell der Tiere ge-
lierer sich tapfer gewehrt, schwenkten steckt haben – am Ort des Todes hatte

65
Mechanik
des Grauens sich Leben entwickelt, ein faszinieren-
der Kreislauf.
In seiner ersten („flavischen“) Wer die Geschichte des Kolosseums
Bauphase besaß das Kolosse- betrachtet, darf nicht erst bei Planung
um ein ausgefeiltes System und Grundsteinlegung beginnen, son-
aus 48 Liften, die Menschen, dern muss einige Jahre zurückgehen.
Tiere und Bühnenbilder in die 64 n. Chr., unter Nero, hatte ein schwe-
Arena beförderten. Die Fahr- rer Brand das zentral gelegene Viertel
stühle kamen ohne störende
Aufbauten aus. am Südhang des Esquilin nahe dem Fo-
Stadionluke bewegliche Plattform rum zerstört. Der Herrscher ordnete an,
das vormalige Wohngebiet zu konfiszie-
ren und mitten im engen Rom Platz zu
schaffen für eine Palastanlage von über-
wältigender Üppigkeit: die Domus Au-
rea. Dort stand eine gewaltige Bronze-
figur des Kaisers, der Colossus Neronis,
Holzfußboden 1. Lastenaufzüge für Bühnendekoration und in den weitläufigen Gärten hatte er
In der Mitte des Kampffeldes befanden sich ein riesiges Wasserbassin, einen künst-
20 bewegliche Plattformen (Größe: 4 mal 5 Meter), lichen See, anlegen lassen.
die über Gleitschienen schräg ins Untergeschoss Als die Prätorianer ihn im Jahr 68 fal-
Plattform gezogen werden konnten. Sie hievten sperrige lenließen und der Senat ihn ächtete,
Kulissen sowie die Gladiatoren und floh Nero und beging Selbstmord. Sein
das Hilfspersonal empor. Nachfolger Vespasian, der erste Flavier,
Rollen entwickelte schnell die wohlkalkulierte
Gleitschiene Idee, genau auf dem Terrain jener Do-
mus Aurea ein Amphitheater nie ge-
kannter Dimension errichten zu lassen –
ausgerechnet Vespasian, der sonst spar-
sam bis geizig war, ja selbst öffentliche
Latrinen mit einer Steuer belegte.
Stadionluke Seinem Sohn Titus, der eine solche
Fiskalmaßnahme mit der Würde des
Staates unvereinbar hielt, soll er eine
Handvoll Münzen hingehalten und ge-
sagt haben: „Pecunia non olet“, Geld
stinkt doch nicht. Gewiss auch nicht das
Gold, das römische Soldaten während
des Jüdischen Krieges im Tempel von
seitliches 2. Käfigaufzüge für Jerusalem erbeutet hatten: Dieser
Gitter wilde Tiere
Beim Transport von Raubkatzen, Schatz wurde zur Finanzierung des ehr-
Bären oder Wölfen kamen geizigen Projekts eingesetzt.
Zugseil 28 kleine Aufzüge zum Einsatz, Klar, Vespasian verfolgte eine politi-
die ringförmig am Rand der sche Absicht, und deshalb besaß genau
Arena angeordnet waren. Nach- dieser Bauplatz enorme Symbolkraft.
dem man die Tiere eingepfercht „Wo sich zuvor eine Einzelperson er-
hatte, zogen Arbeiter die käfig-
artigen Kabinen über ein Zug- götzte“, schreibt der Historiker Ulrich
seil mit Walzen bis zur Keller- Sinn, da „sollten nun Zehntausende ihr
decke hoch. Auf ein Signal hin Vergnügen finden“ – und über ihren Kai-
öffneten sich die Verschläge an ser nur Gutes reden und natürlich von
den Seiten und die Tiere konn- ihm nur Gutes denken.
ten bei geöffneten Fallluken Anfang der siebziger Jahre begannen
Winde mit einem Satz ins Stadion
vorderes springen. die Arbeiten. Zuerst musste das Gelände
Gitter um den Kunstsee ausgehoben werden,
wohl 30 000 Tonnen Erdreich wurden
abtransportiert. Teils konnte als Funda-
ment die Bodenplatte des Bassins ge-
nutzt werden, teils legten Arbeiter ein
neues Fundament an, es war bis zu vier
Meter dick. Die Baustelle war in vier Zo-
nen unterteilt, und jeweils vier Kolon-
nen begannen gleichzeitig damit, Pfeiler

66 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


KAISERLICHE MACHT

und Mauern hochzuziehen. Ein raffi- trum Novum; der heute gängige Name werden, spekuliert der niederländische
nierter Plan sorgte dafür, dass in jedem Kolosseum stammt wohl aus der Zeit Historiker Fik Meijer, dass die Gattinnen
Segment immer die Materialien auf La- des klugen Mönches Beda. Eigentlich der Upper-class-Männer „Blickkontakt
ger waren, die gerade benötigt wurden. ein Treppenwitz der Geschichte, sollte mit den Helden in der Arena aufnehmen
Weil die Arbeiter meist seit Jahren dieser Mammutbau doch genau einem konnten, die ja im Ruf standen, Herzens-
schon in ein und derselben Truppe ihre anderen Ziel dienen: die Ära des von brecher zu sein“.
Sesterzen verdienten, waren sie hervor- den meisten für irre gehaltenen Nero Innerhalb von nur fünf Minuten war
ragend eingespielt. Es war gang und zu überwinden. das Gebäude mit seinem intelligenten
gäbe, komplette Teams quasi zu vermie- Das fertige Amphitheater, 48 Meter Treppen- und Korridorsystem leer,
ten – eine Struktur, die die Römer von hoch, 527 Meter im Umfang, war eine selbst in den modernsten Fußballstadien
den Griechen übernommen hatten und technische Sensation. Unterhalb der Europas geht es kaum schneller. Vo-
die bis heute gängig ist. Arbeitskräfte- 86 mal 54 Meter großen Arena – ihre mitoria hieß die fixe Entladung, auf
händler gehörten zu den Großverdie- Ellipsenform sorgte dafür, dass die Zu- Deutsch etwa: Erbrechen.
Der kapitale Bau fand sofort überall
im Römischen Reich seine Nachahmung,
Die Arena ließ sich fluten, um ein in Puteoli oder Verona, in Paris oder
Arles und Nîmes, im istrischen Pula oder
Seegefecht zu simulieren. im tunesischen El Djem. Eine „beispiel-
lose Bauexplosion“ (Meijer) sorgte für
nern; so mancher reiche Römer legte schauer dichter am Geschehen sitzen mindestens 200 solcher Gebäude, die
sein Geld in deren Firmen an. konnten – lag ein weitläufiges Gewölbe, einen ausgelegt für 40 000 Zuschauer,
Das Gestein für die Außenmauern und in dem sich nicht nur Kerker und die andere für nur ein paar tausend.
viele andere wichtige Teile war der nicht Räumlichkeiten für die Gladiatoren be-
allzu harte Travertin. Er wurde nahe Ti- fanden, sondern auch eine komplizierte Als Rom seine Macht verlor, war
voli gebrochen und schon vor Ort maß- Bühnenmaschinerie. So konnten Win- es auch vorbei mit den grausigen Ergöt-
gerechnet in Quader geschnitten. Dafür den und Flaschenzüge eine komplette zungen. Letzte Hinweise auf einen Gla-
benutzte man Metallsägen, die mit einem Wald- oder Wüstenlandschaft aus dem diatorenkampf stammen aus dem Jahr
Gemisch aus Sand – äthiopischer galt als Boden aufrichten, und wilde Tiere wur- 434/5, eine Tierhatz wird noch 523 zur
bester – und Wasser gekühlt beziehungs- den mit Liften nach oben in die Kampf- Zeit des oströmischen Kaisers Theode-
weise geschmiert wurden. stätte transportiert. rich vermeldet. Über Jahrhunderte hin-
Großrädrige Karren schafften die Eine Zeitlang war es möglich, die weg wurde das Riesengebäude ausge-
Steine ins 40 Kilometer entfernte Rom, Arena zu fluten, um ein Seegefecht zu si- schlachtet: Holz, Blei und Eisen ver-
auf einer sechs Meter breiten Straße, die mulieren. Riesige Sonnensegel, wohl schwanden, Travertin und Marmor lie-
eigens angelegt worden war. Experten insgesamt über 10 000 Quadratmeter ßen sich zu Kalk verbrennen, der wiede-
schätzen, dass auf diesem Weg mehr als groß und gehalten von 250 Masten auf rum für neue Bauten genutzt wurde.
100 000 Tonnen Travertin heranrollten. dem oberen Gesims, sorgten bei Bedarf Nun war das Kolosseum fast eine Art
Daneben kamen Tuff und direkt vor Ort für Schatten auf den Rängen. War es zu Mini-Stadt; in der weitläufigen Ruine
gebrannte Ziegel zum Einsatz. heiß, dann konnte kühlendes Wasser siedelten sich Handwerker an, aber auch
Freilich, Mauern war nicht alles. über die Stufen gespült werden, oder Anwälte, Geldwechsler und Geistliche
Ganze Blöcke des Gebäudes wurden ge- ein duschenartiger Mechanismus ver- – die Bücher der Kirche Santa Maria
gossen. Die römischen Handwerker ver- sprühte über den Zuschauern Erfri- Nuova, auf deren Grund die alte Lust-
wendeten Pozzolana, einen braunroten, schungen besonderer Art – etwa safran- und Todesstätte stand, verzeichneten als
fein pulverisierten Vulkansand, der mit geschwängertes Nass. Bewohner selbst Mitglieder der päpstli-
Kalk gemischt und in speziellen Öfen ge- chen Kanzlei. Sogar Häuser wurden auf
brannt wurde. Das so gewonnene Bin- Nur 15 Minuten, und das in 3 Zonen dem Areal gebaut, zweigeschossig, mit
demittel war derartig haltbar, dass erst (caveae) und 16 keilförmige Segmente Höfen und Gärten.
der Portland-Zement im 19. Jahrhundert (cunei) unterteilte Amphitheater war Fast 2000 Jahre dauerte es, bis das
eine Verbesserung brachte. gefüllt; 80 Eingänge standen zur Verfü- Kolosseum wieder von der Politik ver-
Das gussbereite Gemisch wurde mit gung. Das Billett, tessera genannt, be- einnahmt wurde: durch Benito Musso-
einer Masse (caementum) versetzt, die, schrieb präzise den Sitzplatz; wem etwa lini, den Hitler-Freund und Oberfaschis-
je nach Erfordernissen der Statik, aus Cun V, In(feriori gradu) decimo VIII zu- ten. Il Duce verfügte, das Kolosseum
schweren Marmorstückchen oder leich- gewiesen wurde, der hockte im Segment solle in seiner Monumentalität an die
tem Bims bestand. Heraus kamen span- 5, 10. Reihe unten, auf Platz 8. Macht römischer Kaiser gemahnen,
nungsfreie Brocken, mit denen beson- Der Kaiser und sein Gefolge saßen natürlich deshalb, weil er sich als deren
ders gut zu hantieren war. natürlich in einer eigenen, luxuriös aus- legitimer Nachfolger wähnte.
Vespasian starb 79. Im Jahr danach gestatteten Loge, über ihm die Senatoren Was der Tourist heute sieht, ist da-
ließ Sohn Titus das dreigeschossige und die Ritter und sonstige Größen der her nur eine konstruierte Vergangen-
Amphitheater (ein viertes Geschoss Gesellschaft. Fast alle Frauen, bis auf die heit. Denn um den freien Blick auf die-
kam später hinzu) einweihen – mit 100- hochverehrten Priesterinnen der Göttin ses Symbol vermeintlich gleicher his-
tägigen Spielen. Nach der Herrscher- Vesta, mussten auf dem obersten Rang torischer Bedeutung zu garantieren,
dynastie hieß es Amphitheatrum Flavi- Platz nehmen, also weit weg vom Ge- mussten – Nero lässt grüßen – ganze
um, manche nannten es Amphithea- schehen. Vielleicht sollte so verhindert Wohnviertel abgerissen werden.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 67


KAISERLICHE MACHT

Jahrhundertelang waren die Kaiserforen in Rom zugebaut,


verschüttet und vergessen. Dank der geplanten
U-Bahnlinie C kann man sich jetzt wieder in ihnen bewegen.

Mit der Metro ins Imperium

68 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


Von ALEXANDER SMOLTCZYK

V
espafahrer kennen diese
850 Meter zwischen Tra-
janssäule und Kolosseum.
Ihre Knochen erinnern
sich an jeden Meter. Denn
kaum sonstwo buckeln und wellen sich
die Basaltpflastersteine so wie hier, auf
der Via dei Fori Imperiali. Als sei unter
dem Pflaster etwas noch nicht zur Ruhe
gekommen. Und nicht nur die knotig da-
hinkriechenden Wurzeln der Pinien, die
der Duce hier gesetzt hat.
Gerade wieder wird Beton verstrichen,
zum x-ten Mal versucht, dem Untergrund
Halt zu gebieten. Die Kanaldeckel mit der
Aufschrift „SPQR“ werden neu eingegos-
sen, unter den Blicken der patinagrünen
Kaiser Caesar, Augustus, Trajan und Ner-
va. Die wurden ebenfalls von Mussolini
hier hingepflanzt, sehen ein wenig nach
Fantasyhotel Las Vegas aus und werden
gern mit Stickern der AS-Roma-Hooli-
gans beklebt, der neuen Gladiatoren der
Stadionkurven.
Nichts ist hier gänzlich vergangen,
auf dem Boden, unter dem die Kaiserfo-
ren ruhen.
Als Sigmund Freud im September
1901 hier entlangging, von der Trajans-
säule bis zum Kolosseum, erschien ihm
die Ruinenwelt als Metapher für das Un-
bewusste. Das Vergangene, dachte er,
würde nur verdrängt, ginge nie verlo-
ren, Stein und Seelenleben enthielten es,
als Erinnerungsspur, noch lange später.
Schräg gegenüber vom Nerva-Forum,
wo das Visitor Center eingerichtet ist,
hängen noch die vier steinernen Karten
des Reiches. Mussolini ließ sie am „XXI.
April des Jahres XII“ faschistischer Zeit-
rechnung anbringen, um zu zeigen, wie
aus einer Stadt ein Imperium wurde –
was man ja nun unter seiner Führung
fortsetzen könnte, mit Gasangriffen auf
Abessinien. Doch das Reich des Duce
ging ebenfalls unter, schneller als erwar-
tet, und die Nachgeborenen meißelten
die Rutenbündel von den Karten herun-
ter (man ahnt sie noch als Schatten am
rechten unteren Rand), ließen sie aber
ansonsten, weil praktisch, hängen.
DAVIDE MONTELEONE / CONTRASTO / LAIF

Hier im Untergrund ruhen vier Kai-


Schnurgerade läuft die ser, zumindest ihre marmornen Selbst-
heutige Via dei Fori darstellungen: die Fori Imperiali. Caesar,
Imperiali durch die Augustus, Trajan und Nerva ließen Basi-
antiken Kaiserforen liken, Plätze, Tempel, Wandelhallen,
auf das Kolosseum zu. ganze Wälder aus Säulen errichten – das
Zentrum des Reiches. Es war ungefähr
so, als hätten sich die Kanzler Kohl,
Schröder und Merkel jeder einzeln ihren

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 69


KAISERLICHE MACHT

Potsdamer Platz gebaut, einen neben dem Die Griechen hatten ihre Plätze noch Mars Ultor, dem Rächenden, geweihte
anderen, jeder prächtiger als der vorige. als agorai geplant, auf denen das Volk Tempel, diente als Ausstellungsraum für
Vom Caesarforum waren lange Zeit handeln und wandeln durfte. Die Kaiser erbeutete Feldzeichen, Lorbeerkränze
nur die Säulen des Venustempels und machten den Platz endgültig zur Selbst- oder andere Reliquien wie das Original-
das Halbrund einer von Trajan später darstellung des Einen, nicht der vielen. Schwert von Julius Caesar.
hinzugebauten Latrina zu sehen, gleich Die Kaiserforen waren mit Tuff-
unterhalb des bombastischen Marmor- blöcken ummauert, und auch die taber- Die Trophäen sind verschwunden.
Monuments für Italiens König Vittorio nae, die Kellergewölbe und Baukomple- Aber Tempelsäulen und Fassadenteile
Emanuele. Dann sollte die dringend xe daneben, dienten nicht, wie noch vor haben überdauert, und die Statuen fin-
benötigte U-Bahnlinie C hier entlang- kurzem angenommen, als Geschäfte den sich verstreut in den Museen von
führen, und weil in Rom jeder Schritt oder fröhlich wimmelnde Schänken: Es Rom, dem Vatikan oder Ravenna.
voran immer ein Doppelschritt zurück waren Büros, Schreibstuben, Register Vespasian, der erste Flavier unter den
ist, stieß man schon sehr bald unter der und Archive. Kaisern, hatte neben vielem anderen den
Piazza Venezia auf Spuren der Kaiser- Eigentlich wollte Caesar auch noch Aufstand in Judäa niedergeschlagen, die
straße Via Flaminia, auf Pilaster und eine neue Kurie, ein Gerichtsgebäude, Latrinensteuer erfunden und den ge-
Pflaster, offenbar die Reste einer über- bauen. Seine außergerichtliche Er- samten Orient pazifiziert. All dies Grund
dachten Piazza aus dem 3. Jahrhundert dolchung kam ihm dazwischen. genug, einen Tempel des Friedens zu
v. Chr. Im Juli 2007 wurden die Bau- Augustus legte sein Forum im rechten bauen, gegenüber dem Forum des Au-
arbeiten bis auf weiteres gestoppt. Winkel zu dem des Großonkels an. Ent- gustus. Der Templum Pacis hatte mehr
Denn in Rom hat die Vergangenheit eignungen erschienen ihm gewaltsam, Ähnlichkeit mit einem französischen
das letzte Wort. Jeder Quadratmeter also blieb der Entwurf ein wenig an- Garten, mit seinen Bäumen und Rabat-
wird von den jeweiligen Behörden be- gustus, schmal, wie der Historiker ten. Es gab mächtige Brunnen und Was-
wacht und verteidigt. Die „Sovrinten- Gaius Suetonius spöttisch überliefert. serspiele, wie um all das vergossene Blut
denza“ der „Comune di Roma“ ist für die Augustus wollte die Nähe zum Volk, endgültig abzuwaschen. Der Historiker
Gebiete östlich von der Straße zustän- sprich zur dichtbesiedelten Subura am Flavius Josephus schreibt, dass hier
dig, die staatliche „Soprintendenza“ für Quirinalshügel. Aber zur Sicherheit wur- auch die Schätze aus dem Tempel von
die andere, dem Forum Romanum zuge- de auch eine bis zu 33 Meter hohe Brand- Jerusalem aufbewahrt wurden, wie je-
wandte Seite. Aber auch die Region Lazio schutzmauer aus Blöcken von Peperin- ner siebenarmige Leuchter, der auf dem
hat ihr Wörtchen mitzureden, und Un- und Gabina-Tuffstein errichtet. Bis 2 v. Titusbogen-Relief zu sehen ist.
tergrund, Oberfläche und Höhe unter- Chr. wurde gebaut – und nicht allein zum Nun war nur noch ein Handtuch-
stehen jeweils anderen Amtshoheiten. eigenen Ruhme. Die Zahl der Gerichts- stück frei, zwischen Friedensforum und
verfahren hatte im Goldenen Zeitalter Augustusforum, genau dort, wo die Clo-
Caesar jedenfalls wollte vor allem derart zugenommen, dass „ein drittes Fo- aca Maxima den Dreck der Subura
das pompöse Theater seines Lieblings- rum notwendig wurde“, so Sueton. fortspülte. Kein prestigeträchtiger Bau-
feinds Pompeius vergessen machen. Er In der 120 mal 120 Meter großen grund, aber der gute Reformkaiser Ner-
lud den ewigen Nörgler Cicero höchst- Machtzentrale des augusteischen Rei- va, eine Art Matthias Platzeck der Anti-
selbst in eine Bau- und Enteignungs- ches herrschte ein Gewimmel von Sta- ke, konnte sich damit begnügen, zumal
kommission, worauf der im Jahr 54 v. tuen und Menschen. Vom alten Stamm- die meisten Arbeiten schon sein Vor-
Chr. ziemlich beeindruckt schrieb: „ut vater Aeneas an waren alle illustren gänger Domitian hatte erledigen lassen.
forum laxaremus …“ (bis zum Atrium Li- Römer in Marmor abgebildet. Die Nach- Das Forum zog sich einmal quer über
bertatis werden wir das Forum auswei- geborenen diskutierten derweil über die die heutige Via dei Fori Imperiali, ge-
ten). Geld spielte keine Rolle. Cicero res gestae und entschieden die res ge- nau hinter dem mittelalterlichen Fes-
spricht von 60 Millionen Sesterzen, rendae, das Tagesgeschäft, berieten über tungsturm. Vom Minerva-Tempel stam-
Plinius der Ältere errechnete 100 Mil- Krieg und Frieden; Magistraten opferten men die Colonnacce, zwei Säulen mit
lionen allein für den Grunderwerb. im Marstempel, bevor sie sich in die Pro- Resten der Architrave und dem Halbre-
5000 Sesterzen kostete damals ein Paar vinzen aufmachten. Der dem Kriegsgott lief einer Frau, nicht Minerva, wie lange
Sklaven, und für 2000 konnte sich eine geglaubt wurde, sondern die Verkörpe-
Familie ein Jahr lang ernähren.
Als das Forum Iulium am 26. Sep-
Roms Kaiserforen rung eines frisch eroberten dalmati-
schen Völkchens, der Piruster.
tember 46 v. Chr., nach dem Sieg über Trajansforum Heute liegt hier ziemlich unbeein-
Trajans- Augustus-
Gallien, Ägypten, Afrika und Pontos, ein- säule druckt ein Obdachloser unter dem
geweiht wurde, hatte sich ein öffentli- forum Schirm einer Pinie auf der Travertinbank,
cher Raum der Republik in ein veritables Nervaforum neben ihm steht bewegungslos eine älte-
Heiligtum der Julier verwandelt. Mit ei- Vespasians- re Rumänin, in einen Schlauch aus Gold-
nem Tempel der Venus, der angeblichen forum stoff gezwängt, und mimt eine Pharao-
Stammmutter, an der Stirnseite, worin heutige Mumie, während hinter ihr, nicht weni-
vielleicht auch eine Statue Kleopatras Via dei Fori ger ruhig, ein gewaltiger Säulenstumpf
stand. Vor dem Tempel gab es Brunnen Imperiali aus Assuan-Marmor aus dem Erdreich
mit Nymphen und einen hundert Meter ragt. Geknipst wird nur die Mumie.
Forum Caesar-
langen, von doppelten Säulenreihen aus Romanum forum Die Rumänin hat ein gutes Recht, hier
Marmor gesäumten Platz, in dessen Mit- herumzustehen, in welcher Verkleidung
200 m Kolosseum
te die Reiterstatue des Bauherrn. auch immer. Immerhin hat sie für das

70 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


ein Imperator und dazu berufen, ein neu-
es Rom zu errichten: Benito Mussolini.
Das neue, faschistische Rom müsse „die
erhabensten Bauwerke der Antike von
den parasitären Verkrustungen der Jahr-
hunderte befreien“, verkündete er 1927.
Das Kolosseum war damals genauso
eingebaut und unsichtbar wie heute das
Pantheon. So verschwand unter den
Spitzhacken der Picconatori zwischen
1924 und 1933 ein Teil des mittelalter-
lichen und Renaissance-Roms, Paläste,
Kirchen, über 5000 Behausungen aus
dem 16. Jahrhundert, die über den Kai-
serforen gewachsen waren. Als 1937
die 2000-Jahr-Feier des Augustus or-
ganisiert wurde, zum Ruhme der
ewig jungen Romanità, schritt Benito
schon wie eine lebende Statue durch
sein Rom.
Aber Antike war kein Wert an sich,
sondern nur Bezugsgröße für die faschis-
tische Moderne. Außerdem musste der
Verkehr rollen, auf breiten Magistralen.
Deshalb wurden über 80 Prozent der ge-
Ganze hier bezahlt. Sozusagen. Denn es Diktator Mussolini 1934 bei einer rade freigelegten Fori-Ruinen wieder zu-
waren die Daker, Vorläufer der Rumä- Parade auf dem Areal der Kaiser- geschüttet und darüber die Achse Via
nen, die nach den beiden Feldzügen Tra- foren – vor einer nachempfundenen dell’Impero, heute: Via dei Fori Impe-
jans als Verlierer die Zeche bezahlen Statue des Imperators Nerva riali, gebaut. Caesars Säulen wurden zur
durften. Das eroberte Gold der Daker fi- Kulisse für den neuen Caesar, Hinter-
nanzierte das Trajansforum, den mäch- Das Forum war angelegt wie später grund für die aufmarschierenden Batail-
tigsten, prächtigsten Platz in der Haupt- die christlichen Kirchen: mit einem 110 lone des kommenden Krieges.
stadt des Römischen Reiches. mal 85 Meter, also fußballfeldgroßen Die Erinnerung an diese Bilder klebt
In den letzten Jahren der Republik Platz als Langschiff, der Trajanssäule im noch am buckligen Pflaster der Straße,
hatte man sich seine domus (Häuser) in Chor und der Basilica Ulpia als Quer- an den steinernen Imperialkarten und
Forumsnähe errichtet. Das war nahe am schiff. Ein Tempel hingegen war rätsel- patinierten Statuen. Seit den achtziger
politischen Geschehen und versprach hafterweise nicht vorgesehen. Traute Jahren drängen Archäologen und Urba-
satte Spekulationsgewinne. Trajan ließ man den alten Göttern nicht mehr so un- nisten daher, die Duce-Achse über der
alles weiträumig abreißen, Läden und bedingt? Immerhin hatte Trajan den Vergangenheit einfach wieder abzu-
Patrizierhäuser und mehrere Meter Ge- Stararchitekten Apollodor aus Damaskus reißen und das Forum Romanum mit
schichtsschutt gleich dazu. verpflichtet, der für ihn womöglich schon den Kaiserforen zu einem geschlosse-
Er hatte keine Wahl. Jeder Quadrat- das Pantheon entworfen hatte. nen Antikenpark zu vereinen. Das war
meter in der Senke zwischen Kapitol Das Pantheon steht bis heute. Wann auch das Projekt des langjährigen Bür-
und Quirinalshügel war bebaut. Also die Foren ihren monumentalen Anblick germeisters von Rom, Walter Veltroni,
musste ein Teil des Quirinals weichen. verloren, ist noch ungeklärt, länger als heute Chef der Mitte-links-Opposition.
316 000 Kubikmeter, ein ganzer mons, drei Jahrhunderte dürfte es aber nicht Doch angesichts des horrenden römi-
wie es auf der Trajanssäule heißt, wur- gedauert haben. Dann waren die alten schen Verkehrs blieben die Pläne bis-
den bis zum Jahr 105 n. Chr. abgetragen, Götter passé, und man fing an, Vespasians lang fromme Wünsche. Der Verkehr
eine Jahresarbeit für tausend Mann. Sie- Friedenstempel als Baumarkt zu ver- müsste am Circus Maximus entlangge-
ben Jahre später war das Trajansforum wenden. Schon im 6. Jahrhundert tauch- leitet werden, und dort, an der Bocca
fertig und herrlicher als alle anderen. ten Kaisersäulen an diversen anderen Or- della Verità, staut er sich jetzt schon
Denn der Beamtenapparat hatte sich ten der Stadt auf; im 8. Jahrhundert ständig. So ist die Straße der Kaiserforen
in den über hundert Jahren nach Cae- qualmten auf Trajans Piazza die Öfen der bislang nur an Sonntagen gesperrt.
sars Tod noch einmal vervielfacht. Es gab Kalkbrenner, die eine Marmorplatte nach Wie um ihren Sieg zu feiern, treffen
Kaiser-, Senats- und Präfekturgerichte, der anderen einäscherten. Und im Mit- sich auf den Foren jedes Jahr am 9. März
fast doppelt so viele Prätoren mit ihrem telalter wusste kaum jemand noch, dass die Automobilisten der Stadt. Sie par-
Gefolge an Schreibern, Räten, Schmeich- hier, unter den Tavernen, Behausungen, ken vor der Kirche ihrer Schutzpatro-
lern, Ohrenbläsern. Ein Heer von An- Gärten einmal die steingewordene Pracht nin, der heiligen Francesca, und lassen
wälten lauerte auf lukrative causas, Bitt- eines Imperiums gestanden hatte. ihre Wagen taufen. Die Karossen sind
ULLSTEIN BILD

steller, Leibwächter und Boten drängel- Ziemlich genau 1800 Jahre nach Tra- blitzblank poliert, die Fahrer ebenso, und
ten sich in den Säulengängen des Augus- jans Tod spürte ein anderer zugereister stolz gereckt stehen sie neben den Fahr-
tusforums: Das Reich brauchte Platz. Römer das Gefühl, er sei eigentlich auch zeugen: ein jeder sein kleiner Caesar.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 71


KAPITEL 3 IMPERIUM IN DER KRISE

„Den Kaiser
macht
das Heer“
Als Großmacht am Mittelmeer,
in kultureller Blüte und wirtschaftlich
stärker denn je startete das Imperium
in sein zweites Jahrhundert.
Aber der Frieden hielt nicht lange vor.

Von HARTWIN BRANDT

Feldzug gegen die Daker


(Relief an der Trajanssäule, 113 n. Chr.)

72
73
CHRONIK 96 BIS 324

BLÜTEZEIT UND GRENZKÄMPFE


96 bis 98 Prunk verabscheut und ginn einer neuen Tyrannei, beider durch Offiziere
Der Übergangskaiser Ner- sparsam fürs Volkswohl die 192 mit dem Auftrags- 235), während Rom Grenz-
va begründet 97 mit der sorgt. mord am Herrscher endet. kriege in Germanien und
Adoption des Heerführers Syrien führt.
und Ex-Konsuls Trajan eine 161 bis 180 193/94
Tradition: Der Herrscher Kaiser Mark Aurel ist wie Vierkaiserjahr: Zwei Nach- 235 bis 284
ernennt – dem Ideal nach – seine Vorgänger auf die folger von Commodus Epoche der Soldaten-
den jeweils Besten zum Sicherung der brüchiger werden nach drei bzw. kaiser: 21 Herrscher in
Nachfolger. Die unter Do- werdenden Grenzen be- zwei Monaten im Amt 49 Jahren. Kaum einer
mitian zerstörte rechtliche dacht. Er führt Kriege im ermordet. Der dritte, Sep- dieser Caesaren stirbt eines
Ordnung wird restauriert. Norden und Osten des timius Severus aus Nord- natürlichen Todes. Grenz-
Reichs. Dieser Herrscher afrika, Befehlshaber der kämpfe werden schärfer.
98 geht auch als Philosoph Donau-Truppen, besiegt
Der Historiker Tacitus be- („Selbstbetrachtungen“) in schließlich einen weiteren 248
ginnt seine „Germania“. Rivalen und Rom feiert sein tausend-
begründet die jähriges Bestehen mit Ge-
98 bis 117 Dynastie der pränge: Geldgeschenke an
Unter Trajan, der in Dakien Severer. die Bürger, Wagenrennen,
(auf dem Gebiet des heuti- Gladiatorenkämpfe.
gen Rumänien) und im Na- um 200
hen Osten siegreich bleibt, Vorbereitet 272
erreicht das Imperium sei- durch orientali- Nach neuen Germanen-Ein-
ne größte Ausdehnung. Er sche Kulte und fällen lässt Kaiser Aurelian
lässt in Rom das Trajans- Mysterienreligio- eine 19 Kilometer lange,
forum mit der Trajanssäule nen, breitet sich 3 Meter dicke und 7 Meter
errichten. das Christentum hohe Mauer um Rom bauen.
stark aus.
117 bis 138 284 bis 305
Der von Trajan auf dem 211 Kaiser Diokletian reorgani-
Totenbett adoptierte Kai- Kaiser Septimius siert das Reich, das zu
ser Hadrian ist Militär, aber Severus stirbt groß für ein einziges Zen-
philosophisch, musikalisch während eines trum geworden ist: Zwei
und mathematisch gebil- Feldzugs in Bri- Haupt- und zwei Neben-
det. Hadrian will stabilisie- tannien. Sein kaiser teilen sich die Herr-
rend wirken. Er schützt Nachfolger Cara- schaft unter Wahrung der
erstmals die Sklaven durch calla lässt die Reichseinheit (Tetrarchie).
Gesetz vor der willkür- nach ihm be- Diokletian lässt neue Ther-
lichen Ermordung durch Die vier Kaiser (antike Skulptur nannten Prunk- men in Rom bauen und
ihre Herren (121), lässt in am Markusdom in Venedig) Thermen bauen. versucht, durch systemati-
Britannien den Hadrians- sche Verfolgungen das
wall errichten und auch die Geschichte ein – und 218 bis 222 Christentum auszurotten.
den Limes ausbauen. lässt Kriegsgefangene Nach Caracallas Ermor-
gesetzlich schützen. dung führt dessen Neffe 306 bis 324
132 bis 135
SEITE 72/73: HILBICH / AKG; AKG / CAMERAPHOTO (L.)

Elagabal den Sonnenkult Kaiser Constantin schlägt


Aufstände in Judäa unter 166 des Gottes Baal ein. seine Mitregenten nach-
Simon Bar-Kochba – Die Pest wütet in Rom und einander aus dem Feld.
zweiter jüdischer Krieg. im ganzen Reich. 222 bis 235 312 stellt er das Christen-
Severus Alexander, erst tum mit anderen Religio-
138 bis 161 180 13-jährig, folgt seinem vier nen gleich, 324 macht er
Kaiser Antoninus Pius baut Mark Aurels Sohn Commo- Jahre älteren Cousin Ela- als Alleinherrscher Byzan-
die äußeren Grenzen aus dus, seit 177 Mitregent, gabal nach. Tatsächlich ist tion am Bosporus zur neu-
und gilt im Inneren als wird Kaiser. Ende des Ad- seine Mutter Julia Regen- en Hauptstadt, die später
Friedensherrscher, der optivkaisertums – und Be- tin (bis zur Ermordung Konstantinopel heißt.

74 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


IMPERIUM IN DER KRISE

BRITANNIAE
Londinium
Das Römische Reich
Augusta Treverorum in seiner größten Ausdehnung
(Trier)
GALLIAE

Vienna/ Aquincum
Constantina Aquileia (Budapest)

VIENNENSIS Mediolanum PANNO- Konstantinopolis


ITALIA NIAE
THRACIAE
ANNONARIA
HISPANIAE Philippolis PONTICA
MOESIAE Nikomedeia
Rom
Augusta Emerita Thessalonike
ITALIA ASIANA
SUBURBICARIA Ephesos Antiochia
AFRICA
Carthago

Mittelmeer
Größte Ausdehnung
des Imperium Romanum
zwischen 27 v. Chr. und 211 n. Chr. Quelle: Der Neue Pauly
ORIENS „Historischer Atlas der
antiken Welt“
Das Imperium Romanum
unter Diokletian 284 bis 305 n. Chr.

Gliederung des Reiches in Diözesen


Verwaltungssitze der Diözesen 600 km

A
m 27. Oktober des Jahres deren Namen plakativ für die Blüte rö- Große, als Herrscher über die ganze be-
97 begann für das Römi- mischer Herrschaft, für Sieghaftigkeit wohnte Welt, die „Oikumene“.
sche Reich etwas Neues und Frieden, für Sicherheit und Wohl- Der Stolz war begründet. Im Jahr 156
von großer Tragweite: Der stand, für Philosophie und Kultur ste- hielt der gewandte Aelius Aristides in
alte, kinderlose Kaiser hen – neben Marc Aurel vor allem Ha- griechischer Sprache eine Lobrede auf
Nerva – ein Übergangskandidat auf dem drian und Antoninus Pius – gelangten die Römer, pries ihre Hauptstadt als
Thron – adoptierte den General Marcus durch Adoption an die Macht. Nabel der Welt und ihre segenbringen-
Ulpius Traianus, ernannte ihn obendrein Gleich der Erste in dieser Reihe, Tra- de Herrschaft. Römer oder Nichtrömer,
zum Mitherrscher und damit zum desi- jan (98 bis 117), führte das Reich zur nur das zähle heute noch, erklärte
gnierten Nachfolger. Erstmals also sollte größten Ausdehnung, die es in seiner der aus Kleinasien stammende Rhetor.
nicht mehr ein Abkömmling des Kaiser- Geschichte erlebt hat. In Nirgendwo im Imperium
hauses aus dem italischen Kernland Len- den knapp 20 Jahren seiner brauchten die Städte mehr ir-
ker des gewaltigen Imperiums sein, son- Herrschaft eroberte und an- HARTWIN gendwelche Schutzmauern;
dern ein Provinziale von der spanischen nektierte er Gebiete im Do- BRANDT so stünden nun „überall
Halbinsel, der sich im Militär empor- nauraum, in Vorderasien und Gymnasien, Springbrunnen,
Der Althistoriker
gedient hatte. So kam es denn auch: Nach auf der arabischen Halbinsel. Vorhallen, Tempel, Werk-
ist ein Experte
Nervas Tod avancierte Trajan bereits im Daraus wurde eine stolze stätten, Schulen“.
für die Epoche
Jahr 98 zum Princeps; Lobredner feier- Reihe neuer Provinzen: Da- Die erhaltenen und ausge-
der Spätantike.
ten alsbald wortreich die göttlich ge- cia auf dem Gebiet des heuti- grabenen Ruinen in Spanien,
Brandt, 49, lehrt
wollte Auswahl des besten Mannes. gen Rumänien, Arabia sowie Frankreich und Nordafrika,
als Professor in
Eigentlich hatte Rom damit nur eine im traditionellen Einfluss- in der Türkei, in Jordanien
Bamberg.
Not, den fehlenden Thronerben, zur Tu- bereich der Perser die neuen oder in Syrien bestätigen:
gend erklärt. Aber die Methode erwies Provinzen Armenia und Me- Aristides war kein Schaum-
sich als Erfolgsrezept, das fast im ge- sopotamia. In Rom setzten die Szenen schläger, er hatte mit eigenen Augen ge-
samten 2. Jahrhundert weiter befolgt auf dem gewaltigen Reliefband der sehen, wovon er sprach. In der Tat war
wurde. Erst mit Commodus, dem leibli- Trajanssäule ins Bild, wie der „optimus die Urbanisierung ein Hauptmerkmal
chen Sohn des Philosophenkaisers Marc princeps“, der denkbar beste Kaiser, sich dieses florierenden Weltreiches. Nach
Aurel, kehrte die alte Erbfolgeregelung von seinen Untertanen gesehen wissen außen wappnete sich Rom durch auf-
zurück. Das heißt: Gerade die Kaiser, wollte: als eine Art neuer Alexander der wendige Grenzanlagen wie den Ha-

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 75


IMPERIUM IN DER KRISE

drianswall in Britannien, und falls ein-


mal im Inneren Unruhen aufflammten,
konnte man sie brutal unterdrücken. Das
bewies etwa Hadrian im Jüdischen
Krieg zwischen 132 und 135.

Städte ähnelten einander stark:


große Platzanlagen, säulengerahmte
Boulevards, Tempel, Theater und Am-
phitheater, Bäderkomplexe (Thermen)

V.L.N.R.: FRIEDRICH RAUCH / INTERFOTO; SKD / BPK / STAATLICHE KUNSTSAMMLUNGEN; PHILIPPE MAILLARD / AKG; HEINER MüLLER-ELSNER / AGENTUR FOCUS
und Wasserleitungen (Aquädukte), die-
ses relativ einheitliche Repertoire fand
sich auch in den Provinzen überall wie-
der. Vor allem verwaltungstechnisch bil-
deten Städte das eigentliche Rückgrat
der römischen Herrschaft.
Ein Hauptgrund für ihren dauerhaf-
ten Erfolg war, dass das weitverzweigte
System kein Zwangsregiment aus ferner
Höhe ausübte, sondern klugerweise auf
Mitwirkung der Bewohner vor Ort setz-
te. Fast überall lag die kommunale
Selbstverwaltung in Händen der städti-
schen Führungsschichten. Diese loka-
len Machthaber kümmerten sich um
eine geregelte Steuererhebung, aber ge-
nauso um die Grundversorgung, die in-
nere Sicherheit und das Bildungswesen.
Zugleich boten sich für besonders ehr-
geizige Abkömmlinge dieser städtischen
und provinzialen Eliten vor allem im
2. Jahrhundert viele Möglichkeiten, zum
Ritter (eques) oder gar Senator aufzu-
steigen, in die kaiserliche Reichsver-
waltung einzutreten oder hohe militäri-
sche Kommandostellen zu übernehmen.
Integration statt Ausgrenzung war
das entscheidende Mittel der inneren
Stabilisierung. Und da sich das Reich auf
verhältnismäßig einheitliche Werte und
Normen, ein gemeinsames politisches
Ethos und zwei anerkannte Verkehrs-
sprachen (Latein und Griechisch) stüt-
zen konnte, waren Multinationalität und
Sprachenvielfalt kein Problem.
Geradezu beispielhaft ist dieser aus- zur Entscheidung von Rechtsstreitigkei- germanien, Statthalter im diesseitigen
gewogene Zustand in einer lateinischen ten, Quästor des Kaisers Hadrian, dem Spanien, Prokonsul der Provinz Africa.
Ehreninschrift versinnbildlicht, die der als einzigem der vergöttlichte Hadrian
Karriere des Juristen Salvius Iulianus sein Quästorengehalt verdoppelte auf- Salvius Iulianus war der Aufsteiger
gilt. Der Gemeinderat der kleinen Stadt grund seiner außerordentlichen Kennt- par excellence, er schaffte es von der
Pupput im heutigen Tunesien ehrte nisse, Volkstribun, Prätor, Leiter der nordafrikanischen Gemeindeebene zu
ihren Wohltäter öffentlich mit einer Auf- Staatskasse im Saturntempel und ebenso den höchsten politischen Ämtern in
zählung seiner Ämter und Verdienste: der Kasse zur Veteranenversorgung, Kon- Rom und wurde schließlich zu einem
sul, Pontifex, Mitglied (der Priesterschaf- der überragenden Rechtsexperten des
Für Lucius Octavius Cornelius Salvius Iu- ten) für den Kult der Kaiser Hadrian und Gesamtreiches.
lianus Aemilianus, Sohn des Publius, den Antoninus Pius, Kommissar für die heili- Die Laufbahn des Salvius Iulianus
Vorsitzenden einer der zehn Kammern gen Tempelbauten, Statthalter in Unter- weist ihn als „global player“ aus: Sein

Funktionierende Integration hielt das Reich stabil,


trotz zahlreicher Völkerschaften und Sprachen.
76 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009
CAESAREN-CHARAKTERE
Römische Porträts waren seit
alters realistisch. So lässt sich das
Wesen der Imperatoren
zumindest ungefähr aus
Bildnissen erschließen – auch
wenn natürlich immer
Propaganda mit im Spiel war.
Oben: Trajan, Antoninus Pius,
Commodus, Septimius Severus;
Unten: Caracalla, Philippus Arabs,
Gallienus, Diokletian.

testen Sinne Stabilität im Inneren. Sie


beteiligten sich am Straßenbau, über-
wachten und begleiteten den Einzug
und Transport von Zoll- und Steuerein-
nahmen und fungierten nicht selten
auch als Polizei.

V.L.N.R.: ARALDO DE LUCA / CORBIS; JOCHEN REMMER / BPK; ERICH LESSING / AKG; FRIEDRICH RAUCH / INTERFOTO
Zudem verbreiteten die allgegen-
wärtigen Soldaten bis in die entlegensten
Ecken des Imperiums römische Lebens-
art, römische Kulte und römische Herr-
schaftsideologie. Die Bedeutung des Mi-
litärs war gar nicht zu überschätzen. Kai-
ser Septimius Severus, so heißt es, soll
vom Totenbett aus seinen beiden Söhnen
und Nachfolgern geraten haben: „Bleibt
einträchtig, bereichert die Soldaten, und
schert euch nicht um alles andere!“
Für das so gefestigte Großreich galt,
was heute nicht minder gilt: Kultur und
Wissenschaft gedeihen, wenn die politi-
schen und wirtschaftlichen Rahmenbe-
dingungen stimmen. Zudem blühte das
geistig-kulturelle Leben dank des per-
sönlichen Einsatzes der Eliten.
Kaiser Hadrian selbst, von griechi-
scher Philosophie und Kultur begeistert,
trat als Mäzen, Kenner und Anreger auf;
in seiner riesenhaften Villenanlage bei
Tivoli östlich von Rom kann man noch
heute inmitten der Ruinen anschaulich
erfahren, wie er architektonische Ele-
mente und Kunststile aus Griechenland,
Aufstieg durch die Ämter hatte ihn mit nente transportiert. Dabei benötigte der Kleinasien und Ägypten nach Italien
ganz verschiedenen Teilen des Römi- römische Staat nur wenig zentrales Ver- importierte. Sein Zeitgenosse war der
schen Reiches vertraut gemacht. Die waltungspersonal, nicht zuletzt weil Milliardär Herodes Atticus, geradezu
Karriere ist typisch für die Möglichkei- eben in den Provinzen und Gemeinden der Getty des 2. Jahrhunderts, der sich
ten, die sich damals boten: Auch auf lokale Größen die Hauptrolle spielten. als Redner und Schriftsteller betätigte
wirtschaftlichem Gebiet erscheint das und nebenbei großzügig Bauten in den
Imperium Romanum im 2. Jahrhundert Auch das Heer war überraschend alten Kulturzentren Athen und Olym-
als globalisierter Raum mit einer ein- klein: Bei einer Reichsbevölkerung pia stiftete. Rhetorik und Rechtswissen-
heitlichen Währung und überall gülti- von schätzungsweise 60 Millionen im schaften hingen eng miteinander zu-
gen Besteuerungsformen, mit gut funk- 2. Jahrhundert umfasste die Truppe sammen; wer eines dieser Fächer (oder
tionierenden Nachrichtenwegen und insgesamt kaum mehr als etwa 400 000 gar beide) glänzend beherrschte, dem
vielfältigen Handelsbeziehungen. Mas- Mann. Die Soldaten, durch Kaisereid standen alle Möglichkeiten offen – al-
senprodukte – beispielsweise Getreide und Kaiserkult auf die regierenden Au- lerdings blieb die Gelehrsamkeit in aller
aus Ägypten – oder begehrte Spezial- gusti verpflichtet, wurden aus allen Regel auf praktischen Nutzen gerichtet.
güter wie der kostbare Marmor aus Reichsteilen rekrutiert. Sie sicherten Naturwissenschaften im engeren Sin-
den Steinbrüchen im kleinasiatischen nicht nur die Unversehrtheit der Gren- ne galten demgegenüber weit weniger,
Phrygien wurden quer über die Konti- zen, sondern garantierten auch im wei- auch in den Augen der Öffentlichkeit.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 77


TRAJANS GUTES URTEIL richtig gelegen haben: Den reichen, si- Völkerwanderungen begannen im Grun-
Die Renaissance nahm Caesaren cheren Römern der mittleren Kaiserzeit de bereits während der zweiten Hälfte
gern zum Vorbild – so hier um fehlten die früheren Herausforderun- des 2. Jahrhunderts; sie prägten schon
1490 Andrea Mantegna. gen. Sieht man einmal von den Juristen die Herrschaftszeit Marc Aurels.
(Landesmuseum Klagenfurt) ab, deren Bedeutung kontinuierlich Plötzlich tauchten an Rhein und Do-
wuchs: So regelmäßig in den übrigen nau Völkerschaften im Blickfeld der Rö-
Weder der Kaiser selbst noch die sena- Fachgebieten hervorragende Spezialis- mer auf, die wiederum von sarmatischen
torische Führungsschicht verstanden ten auftraten – sie ernteten doch eher Alanen aus Osteuropa, Goten aus Süd-
sich als Förderer technologischer Neue- Starruhm für sich selbst, als dass ihr skandinavien, Burgunden aus dem schle-
rungen; ein allgemeines Streben nach Wissensbereich dabei nachhaltig an sischen Raum und vielen anderen in Be-
„Fortschritt“ war den Römern ohnehin Prestige gewonnen hätte. wegung geratenen Stammesgruppie-
unbekannt. Stattdessen konzentrierten So fand der berühmte Arzt und Me- rungen zur Wanderung gezwungen
sich die Spezialisten darauf, möglichst dizinschriftsteller Galen aus Pergamon worden waren. Dies gilt auch für Qua-
ausgefeilte Lösungen für den Einzelfall zwar direkten Zugang zum Kaiserhof, den, Markomannen, Langobarden und
zu finden, ob es sich um den Bau einer doch insgesamt wuchs das Ansehen der Jazygen, die seit 166 die Reichsgrenzen
Brücke oder bloß die Anlage eines Ab- Ärzte im 2. Jahrhundert nur minimal. durchbrachen und zeitweise bis nach
wasserkanals handelte. Erst im krisenhaften 3. Jahrhundert, als Oberitalien vorstießen.
Kein Wunder, dass der für sein Zeital- die überkommenen sozialen Karriere- Zwar hatte bereits der unmittelbare
ter exorbitant neugierige und gründliche muster immer brüchiger wurden, wa- Nachfolger Trajans, Hadrian, Teile der
ältere Plinius, Verfasser einer vielbändi- ren Wissenschaftsexperten aller Diszi- dakischen Eroberungen wieder aufge-
gen Natur-Enzyklopädie, einmal leicht plinen offenbar wieder gefragter. geben: Jeder Stratege musste es ein-
moralinsauer anmerkte, in der herr- leuchtend finden, dass sich so die Do-
schenden Friedenszeit werde „so gar Viel Gelegenheit für derlei Studien, naulinie besser verteidigen ließ. Aber
nichts Neues hinzugelernt aufgrund neu- die traditionell der Muße zugerechnet nun überquerten Jahr um Jahr Marko-
er Forschung, ja nicht einmal das von den wurden, blieb allerdings nicht immer. mannen und Quaden die Donau und er-
Vorfahren Gefundene wird erlernt. Die Der Philosophenkaiser Marc Aurel hät- schienen drohend vor Aquileia, in der
Menschen sind in ihrem Wesen alt und te es gewiss vorgezogen, mehr Zeit mit Nähe des heutigen Triest. Das geordne-
kümmerlich geworden, nicht aber ihre dem Nachdenken über die letzten Dinge te Weltbild der an Siege, Frieden und
Gewinne; und eine ungeheure Men- zu verbringen als mit dem Lösen prakti- Wohlstand gewöhnten Reichsrömer ge-
schenmenge treibt Seefahrt, heute, wo je- scher (vor allem militärischer) Proble- riet ins Wanken – und die seit langem
des Meer offensteht und alle Küsten gast- me. Aber seine berühmten, den stoischen großzügigen und milden Götter erleg-
freundliche Landung bieten – jedoch des Lehren verwandten „Selbstbetrachtun- ten ihnen dazu noch weitere Schick-
Gewinnes, nicht der Forschung wegen.“ gen“ hat er zum großen Teil in den we- salsschläge auf.
Gewiss, das Lob der alten Zeiten und nigen ruhigen Nachtstunden verfasst, die Zeitgleich mit den fremden Invasoren
ERICH LESSING / AKG

die Klage über die materialistisch ver- ihm während der langen Jahre seines suchte eine verheerende Pestepidemie
kommene Gegenwart hat es immer ge- Aufenthalts im Grenzgebiet der Donau den westlichen Teil des Römischen Rei-
geben. Aber in der Tendenz dürfte Pli- vergönnt waren. Denn die für das Römi- ches heim, eingeschleppt und verbreitet
nius mit seiner Einschätzung schon sche Reich letztlich verhängnisvollen möglicherweise von heimgekehrten rö-

78 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


mischen Soldaten, die zuvor im Osten Für den Frieden des Reiches waren mit charakteristischen Reliefs entdeckt,
unter Marc Aurels Bruder und Mitkaiser das böse Vorzeichen, denn Politik und sogar auf germanischem Boden, zum
Lucius Verus erfolgreich gegen die Perser Gesellschaft beriefen sich unentwegt auf Beispiel im hessischen Friedberg. Die
Krieg geführt hatten. Mit teuer erkauf- die religiösen Grundlagen. Alle wesent- Mithräen belegen die starke Anzie-
ten Friedensschlüssen sorgte Marc Au- lichen staatlichen Handlungen fanden hungskraft eines Kultes, der seinen An-
rel schließlich im Jahr 175 für wenigstens unter dem Schutz der römischen Staats- hängern mit dem Versprechen auf Un-
vorläufige Ruhe im Donauraum. gottheiten statt; kein Anlass demon- sterblichkeit einen Weg über die Last
strierte klarer die soziale Einigkeit als der irdischen Existenz hinaus wies.
Aber noch im selben Jahr begann religiöse Feste, bei denen von Arm bis Ähnliches bot auch das Christentum;
sein wichtigster Feldherr im Osten, Avi- Reich jeder beteiligt war. allerdings leugneten die Jesusgläubigen
dius Cassius, eine Revolte. In weiten Tei- Dabei hatte sich das griechisch-rö- die Existenz der römischen Staatsgöt-
len Syriens, Ägyptens und Kleinasiens mische Pantheon stets als flexibel und ter und weigerten sich ebenso, verstor-
fand der abtrünnige General zahlreiche erweiterungsfähig erwiesen: Im Laufe bene oder – schlimmer noch – lebende
Anhänger. Als er nach nur drei Monaten der Zeit waren neue Gottheiten, vor Kaiser als Götter zu verehren. Damit ge-
einem Mordanschlag zum Opfer fiel, allem aus dem griechischen Osten, rieten sie in den Verdacht, Staatsfeinde
war Marc Aurel noch einmal davon- problemlos in den etablierten Kanon zu sein – und provozierten Verfol-
gekommen. Seine Nachfolger sollten es der Götter aufgenommen worden – im- gungsmaßnahmen. Freilich wurden die
nicht mehr besser haben. Äußere Be- mer vorausgesetzt, sie stellten weder Drangsalierungen von Christen erst im
drohungen und Usurpationen im Inne- den Kaiserkult noch den römischen krisenhaften 3. Jahrhundert vom Ein-
ren – dieses verhängnisvolle Wechsel- Staat in Frage. So wurde zum Beispiel zelfall zum Dauerproblem.
spiel wurde für das 3. Jahrhundert der nun die ägyptische Isis auch im Westen
Normalzustand. verehrt, wobei es half, dass sie vieles Nachdem Marc Aurels Sohn Com-
In die Zeit Marc Aurels fallen die ers- mit der Liebesgöttin Venus gemeinsam modus ermordet worden war, gelangte
ten Berichte über Christenverfolgungen hatte. am Ende eines reichsweit ausgetragenen
und Martyrien. Zwar wurden die An- Besonderen Zulauf fand im 2. und 3. Nachfolgekriegs der General Septimius
hänger des östlichen Erlösungsglaubens Jahrhundert der ebenfalls aus dem Severus an die Spitze des Imperium Ro-
gewiss noch nicht systematisch unter- Osten importierte Mysterienkult des manum – der erste Kaiser aus Nordafrika.
drückt, doch insbesondere die gut Mithras: Der Stiertöter-Erlöser wurde Nach dem Ende der von ihm begründeten
bezeugten Hinrichtungen von Chris- in grottenförmigen, fast immer unter- Severer-Dynastie im Jahr 235 kamen in
ten im südgallischen Lyon im Jahr 177 irdisch angelegten Kammern verehrt, rascher Folge Männer an die Macht, die
lassen darauf schließen, dass auch im seine Anhänger unterwarfen sich eige- nur noch dem Namen nach Regenten des
kultisch-religiösen Bereich die Nervo- nen Reinigungsriten. Archäologen ha- Reiches waren: Sie gingen zum größten
sität wuchs. ben zahlreiche solcher Andachtsräume Teil aus dem Militär hervor und wurden

Äußere Bedrohungen und Usurpationen im Innern – dieser


fatale Wechsel wurde im 3. Jahrhundert zur Normalität.
SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 79
Roms Truppen gingen gegen Aufrührer
meist gnadenlos vor – immer
wieder gab es auch Massenkreuzigungen.

in der Regel von ihren eigenen Truppen grenzen zu Durchgangszonen, und um Kaiser Philippus Arabs, dass „Komman-
zum Herrscher ausgerufen. 260 bildete sich gar in Gallien ein sepa- deure und Soldaten und hochgestellte
Der Senat in Rom durfte diesen Sol- rates Reich heraus, das mit der Haupt- Funktionäre die Hauptstraßen verlas-
datenkaisern allenfalls seine Bestätigung stadt Köln mehr als ein Jahrzehnt lang sen, bei uns eindringen, uns von der Ar-
nachreichen; im Übrigen galt der Grund- zu existieren vermochte. Folgerichtig beit abhalten, unsere Pflugochsen be-
satz: „Den Kaiser macht das Heer.“ Nicht klammerte sich die Bevölkerung in ihrer schlagnahmen, kurz: Sie setzen uns Er-
selten wurden mehrere solcher Con- Hoffnung auf Frieden und Stabilität an pressungen aus, zu denen sie kein Recht
dottieri fast gleichzeitig in verschiede- lokale und regionale Truppenführer; haben.“ Ausdrücklich drohen die Land-
nen Reichsregionen auf den Schild ge- schon bei geringen Erfolgen rief man arbeiter, sie würden bei fortgesetzter
hoben, und meistens endete ihre kurze diese Kommandeure voller Zuversicht Misshandlung fliehen und das Land
Herrschaft gewaltsam – von 26 Kaisern zu Kaisern aus. brachliegen lassen – den Schaden aus-
zwischen 235 und 285 starb anscheinend bleibender Erträge und Abgaben trügen
lediglich ein einziger eines natürlichen Militarisierung der Politik und dann letztlich Kaiser und Fiskus.
Todes. Zersplitterung der Zentralgewalt mach- Die große Zahl derartiger Zeugnisse
Woran lag es, dass solch chaotische ten sich allmählich auch auf den unteren aus dem 3. Jahrhundert belegt: Was hier
Zustände ausbrachen? Die Ursachen Ebenen bemerkbar: Selbst in weniger geschah, waren nicht bloß, wie manche
LOUIS S. GLANZMAN / NGS IMAGE COLLECTION

sind vielfältig – so geriet neben anderen bedrohten Provinzen schien das zivile heutigen Forscher erklären, historische
Krisenphänomenen auch die Wirtschaft und wirtschaftliche Leben mehr und „Transformationsprozesse“, sondern
durch Währungsverfall und zunehmen- mehr von den Streitkräften bestimmt. schwere krisenhafte Verwerfungen.
den Tauschhandel in eine Phase der Etliche Inschriften überliefern Hilfe- Als am 20. November 284 im (heute
Unsicherheit. Besonders bedrohlich rufe bäuerlicher Dorfgemeinden an den nordtürkischen) Nikomedeia der Offizier
aber waren vor allem die nun geradezu Kaiser, weil Soldaten und zivile Funk- Gaius Valerius Diocles von seinen Trup-
epidemischen Einfälle der Germanen tionäre sich immer häufiger rabiate pen zum Kaiser ausgerufen wurde, schien
und Goten. Alemannen und Franken im Übergriffe erlaubten. die lange Liste der Soldatenkaiser nur um
Rheingebiet, Daker und gotische Stäm- So beklagten sich die Bauern von Ara- einen weiteren Namen verlängert wer-
me im Donauraum machten die Reichs- gua im kleinasiatischen Phrygien bei den zu sollen. Dazu passte seine erste

80 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


IMPERIUM IN DER KRISE

Diokletians Vierkaiser-System war vernünftig und innovativ –


doch es scheiterte an der fehlenden Erbfolgeregel.
„Amtshandlung“: Noch in der Heeres- Mehr als 140 erhaltene Fragmente Bisher war Diokletians Plan erstaun-
versammlung erdolchte der neue Regent machen es den Historikern möglich, den lich gut aufgegangen, und die Bilanz
den neben ihm postierten Prätorianer- Gesamttext des Edikts weitgehend zu konnte sich sehen lassen. An die 20 Jah-
präfekten Aper, seinen mutmaßlichen Ri- rekonstruieren. Es legte Maximalpreise re hatte es eine weitgehend stabile Kai-
valen. Doch bald wandelte sich das Bild für Waren und Dienstleistungen aller serherrschaft gegeben; wenige Aufstän-
des neuen Kaisers, der sich nun Diocle- Art fest; wer sich nicht an die Verfügun- de in Gallien und Ägypten waren nie-
tianus nannte und öffentlichkeitswirk- gen hielt, wurde mit drastischen Stra- derschlagen worden; mit den Persern
sam auf Münzen und Inschriften, in offi- fen bedroht. Als geradezu planwirt- hatte man einen langjährigen Frieden
ziellen Verlautbarungen und auf Denk- schaftliches Projekt ist dies ein einzig- geschlossen und an Rhein und Donau
mälern unter den direkten Schutz des artiges, höchst interessantes Zeugnis der neue Verteidigungsanlagen errichtet.
obersten Staatsgottes Jupiter stellte. Denn antiken Wirtschaftsgeschichte – auch Aber Diokletians Konzeption krankte
bis zum Jahr 293 ernannte Diokletian drei wenn die Preissteuerung in der Realität an einem entscheidenden Fehler: Das Te-
weitere Haudegen – die, wie er selbst, kaum funktionierte und bereits nach trarchie-Modell beruhte darauf, dass
vom Balkan stammten – zu Mitkaisern. wenigen Jahren weitgehend ignoriert leibliche Kaisersöhne von der Nachfolge
So entstand eine künstliche, aus vier Kai- worden zu sein scheint. ausgeschlossen blieben. Auch den stets
sern bestehende Regentenfamilie unter dynastisch gesinnten Soldaten, die sich
Ausschluss der leiblichen Kaisersöhne. Einer der vier Tetrarchen, der vor- an persönlichen Treuebeziehungen
Diese „Tetrarchie“ ist die revolu- wiegend für den nordwestlichen Reichs- orientierten, war nicht zu vermitteln,
tionärste Neuerung Diokletians. Zwar teil – Germanien, Gallien, Britannien – warum derartige Bindungen auf einmal
sollte das neue System schließlich an ge- verantwortlich war, hieß Constantius keine Rolle mehr spielen sollten. So über-
nau dieser Stelle auch scheitern – aber Chlorus („der Blasse“). Als er schon am stand der Rebell Constantin seine Er-
die Konzeption einer Partnerschaft war 25. Juli 306 im britannischen Eburacum hebung und wurde zunächst notdürftig
vernünftig und innovativ. Teamarbeit (dem heutigen York) überraschend starb, in die Tetrarchie einbezogen. Mehr
sollte für Stabilität sorgen: Indem die vier riefen die dort anwesenden Soldaten so- noch: Auch Maxentius, der ebenfalls
Kaiser in verschiedenen Teilen des Im- fort seinen Sohn Constantin zum Nach- ursprünglich von der Nachfolge ausge-
perium Romanum präsent waren, konn- folger und neuen Kaiser aus. Im Sinne schlossene Sohn Maximians, riss erfolg-
ten sie besser als zuvor Usurpationen der diokletianischen Vierteilung war das reich die Herrschaft an sich und konnte
verhindern und die Grenzen sichern. ein Systembruch und eine Revolte – ei- sich seit Oktober 306 in Rom behaupten.
Auch auf anderen Politikfeldern ent- gentlich hätten die anderen Tetrarchen Zwischen diesen beiden Machthabern
wickelten die Tetrarchen beachtliche sogleich dafür sorgen müssen, dass der entschied sich schließlich das weitere
Reformanstrengungen – so traten sie Aufrührer beseitigt werde. Schicksal des Römischen Reiches.
dem Wertverfall des Geldes durch eine Diokletian selbst stand dafür aller- Als Constantin am 28. Oktober 312 in
echte Währungsreform entgegen. Gegen dings nicht mehr zur Verfügung, denn der berühmten Schlacht an der Milvi-
die galoppierende Inflation mit ihren er hatte im Jahr zuvor gemeinsam mit schen Brücke vor Rom über Maxentius
ausufernden Preissteigerungen ent- seinem Kollegen Maximian freiwillig triumphierte, war in mehrfacher Hin-
wickelte das Herrscherquartett zudem seine Abdankung erklärt, um durch das sicht ein Wendepunkt erreicht: Einer-
ein geradezu einzigartiges Projekt Nachrücken zweier neuer Tetrarchen seits stand der Sieger, inzwischen dem
gelenkter Wirtschaft: Im Jahr 301 er- den erwünschten Übergang zur nächs- Christentum zugeneigt, für die Rück-
ließen Diokletian und seine Kollegen das ten Viererrunde zu gewährleisten. Ein kehr zu einer Monarchie alten Stils. Zu-
sogenannte Höchstpreisedikt, welches Kaiser dankt aus freien Stücken ab: Für gleich aber machte Constantin den Weg
reichsweit auf Inschriften der Bevölke- Römer kam auch dies einer kleinen frei für die Christianisierung der anti-
rung bekanntgemacht wurde. Revolution gleich. ken Welt.

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CHRONIK 96 BIS 324

BLÜTEZEIT UND GRENZKÄMPFE


96 bis 98 Prunk verabscheut und ginn einer neuen Tyrannei, beider durch Offiziere
Der Übergangskaiser Ner- sparsam fürs Volkswohl die 192 mit dem Auftrags- 235), während Rom Grenz-
va begründet 97 mit der sorgt. mord am Herrscher endet. kriege in Germanien und
Adoption des Heerführers Syrien führt.
und Ex-Konsuls Trajan eine 161 bis 180 193/94
Tradition: Der Herrscher Kaiser Mark Aurel ist wie Vierkaiserjahr: Zwei Nach- 235 bis 284
ernennt – dem Ideal nach – seine Vorgänger auf die folger von Commodus Epoche der Soldaten-
den jeweils Besten zum Sicherung der brüchiger werden nach drei bzw. kaiser: 21 Herrscher in
Nachfolger. Die unter Do- werdenden Grenzen be- zwei Monaten im Amt 49 Jahren. Kaum einer
mitian zerstörte rechtliche dacht. Er führt Kriege im ermordet. Der dritte, Sep- dieser Caesaren stirbt eines
Ordnung wird restauriert. Norden und Osten des timius Severus aus Nord- natürlichen Todes. Grenz-
Reichs. Dieser Herrscher afrika, Befehlshaber der kämpfe werden schärfer.
98 geht auch als Philosoph Donau-Truppen, besiegt
Der Historiker Tacitus be- („Selbstbetrachtungen“) in schließlich einen weiteren 248
ginnt seine „Germania“. Rivalen und Rom feiert sein tausend-
begründet die jähriges Bestehen mit Ge-
98 bis 117 Dynastie der pränge: Geldgeschenke an
Unter Trajan, der in Dakien Severer. die Bürger, Wagenrennen,
(auf dem Gebiet des heuti- Gladiatorenkämpfe.
gen Rumänien) und im Na- um 200
hen Osten siegreich bleibt, Vorbereitet 272
erreicht das Imperium sei- durch orientali- Nach neuen Germanen-Ein-
ne größte Ausdehnung. Er sche Kulte und fällen lässt Kaiser Aurelian
lässt in Rom das Trajans- Mysterienreligio- eine 19 Kilometer lange,
forum mit der Trajanssäule nen, breitet sich 3 Meter dicke und 7 Meter
errichten. das Christentum hohe Mauer um Rom bauen.
stark aus.
117 bis 138 284 bis 305
Der von Trajan auf dem 211 Kaiser Diokletian reorgani-
Totenbett adoptierte Kai- Kaiser Septimius siert das Reich, das zu
ser Hadrian ist Militär, aber Severus stirbt groß für ein einziges Zen-
philosophisch, musikalisch während eines trum geworden ist: Zwei
und mathematisch gebil- Feldzugs in Bri- Haupt- und zwei Neben-
det. Hadrian will stabilisie- tannien. Sein kaiser teilen sich die Herr-
rend wirken. Er schützt Nachfolger Cara- schaft unter Wahrung der
erstmals die Sklaven durch calla lässt die Reichseinheit (Tetrarchie).
Gesetz vor der willkür- nach ihm be- Diokletian lässt neue Ther-
lichen Ermordung durch Die vier Kaiser (antike Skulptur nannten Prunk- men in Rom bauen und
ihre Herren (121), lässt in am Markusdom in Venedig) Thermen bauen. versucht, durch systemati-
Britannien den Hadrians- sche Verfolgungen das
wall errichten und auch die Geschichte ein – und 218 bis 222 Christentum auszurotten.
den Limes ausbauen. lässt Kriegsgefangene Nach Caracallas Ermor-
gesetzlich schützen. dung führt dessen Neffe 306 bis 324
132 bis 135
SEITE 72/73: HILBICH / AKG; AKG / CAMERAPHOTO (L.)

Elagabal den Sonnenkult Kaiser Constantin schlägt


Aufstände in Judäa unter 166 des Gottes Baal ein. seine Mitregenten nach-
Simon Bar-Kochba – Die Pest wütet in Rom und einander aus dem Feld.
zweiter jüdischer Krieg. im ganzen Reich. 222 bis 235 312 stellt er das Christen-
Severus Alexander, erst tum mit anderen Religio-
138 bis 161 180 13-jährig, folgt seinem vier nen gleich, 324 macht er
Kaiser Antoninus Pius baut Mark Aurels Sohn Commo- Jahre älteren Cousin Ela- als Alleinherrscher Byzan-
die äußeren Grenzen aus dus, seit 177 Mitregent, gabal nach. Tatsächlich ist tion am Bosporus zur neu-
und gilt im Inneren als wird Kaiser. Ende des Ad- seine Mutter Julia Regen- en Hauptstadt, die später
Friedensherrscher, der optivkaisertums – und Be- tin (bis zur Ermordung Konstantinopel heißt.

74 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


Otto Normalrömer lebte gefährlich: Mietshäuser waren von Feuer
und Einsturz bedroht, Hygiene existierte kaum, und im
Dunkeln waren die Straßen unsicher. Dafür bot der Staat Brot und Spiele.

Risiko bei Tag und Nacht


Von RAINER TRAUB

D
as Gewusel und Gewim- sich spiegelten, kontrastierte mit der wuchsen wegen des Bevölkerungs-
mel in den verwinkelten stickigen, schmutzigen und buntsche- drucks bei schmalen Grundflächen im-
Gassen der Stadt Rom, ckigen Enge, in der sich das Leben der mer mehr in die Höhe und waren noto-
deren imperiale Macht Römer abspielte. risch instabil. Von Nichtrömern wurden
während der ersten an- Wer sich ein Bild davon machen will, sie wie Wolkenkratzer der Antike be-
derthalb Jahrhunderte nach Christi Ge- wie es in der Blütezeit des Imperiums in staunt. Raumnot auf der einen, Ehrgeiz
burt ihren Höhepunkt erreichte, ist dessen Hauptstadt zuging, findet Aus- von Bauunternehmern und Besitzern
schwer vorstellbar. kunft im kulturgeschichtlichen Klassi- auf der anderen Seite waren die Antrie-
Im gleichen Maß, wie das Reich der ker des französischen Althistorikers be für stets neue Bauten. Angesichts
Römer sich durch seine militärischen Jérôme Carcopino: „Rom. Leben und häufiger Einstürze legte Kaiser Augustus
Triumphe ausdehnte, stieg die Ein- Kultur in der Kaiserzeit“. In diesem far- die Maximalhöhe der insulae auf 20 Me-
wohnerzahl der Tiberstadt. Schon die bigen Mosaik wird nachvollziehbar, wie ter fest, Kaiser Trajan reduzierte sie gut
stete Zufuhr von Kriegsgefangenen, die das Rom der Caesaren aussah und wie hundert Jahre später auf 18 Meter. Doch
aus allen Himmelsrichtungen als Skla- der Durchschnittsrömer seinen Alltag die Not war stärker als das Gesetz.
ven nach Rom geschafft wurden, trug verbrachte, wie es bestellt war um Herr- Bei den gewöhnlichen insulae be-
erheblich dazu bei. So wuchs die Bevöl- schaft und Knechtschaft, Arbeit und stand das Erdgeschoss aus vielen kleinen
kerung von etwa 463 000 Einwohnern, Vergnügen, Wohnen und Schlafen. Verkaufsläden, den tabernae. Über Trep-
die eine Volkszählung im Jahr 86 v. Chr. Während sich nur eine kleine Min- pen und Holzleitern war ein Hänge-
ermittelt hatte, über rund eine Million derheit von reichen und mächtigen Rö- boden erreichbar, auf dem Ladeninha-
um Christi Geburt auf mindestens an- mern ein Einzelhaus, domus, leisten ber, Lagerarbeiter und Handwerker in
derthalb Millionen zur Mitte des zwei- konnte, lebte die weit überwiegende einem einzigen Raum und drangvoller
ten Jahrhunderts. Die kühle Marmor- Mehrzahl der Stadtbevölkerung in Enge hausten. Noch mehr waren die
CINETEXT

pracht der legendären öffentlichen Ge- Mietskasernen, insulae. Auf eine domus Bewohner der oberen Stockwerke zu-
bäude, in denen Roms Stolz und Ruhm kamen 26 insulae. Die Massenquartiere sammengepfercht.

82 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


Da Wohnraum knapp und teuer war, fen. Je höher ihre Wohnungen lagen, des- ALLTAGSSZENEN
fiel es Römern oft schwer, ihre Miete zu to mühsamer war es, sie sauber zu halten. Marmorpracht und wehende
zahlen. Die Besitzer pflegten säumige Beschwerlich, aber vorgeschrieben war Togen – im Historienfilm „Julius
Mieter einfach vom Lebensmittelnach- zudem die ständige Bereithaltung von Caesar“ (l., 2002) ist Rom sauber.
schub abzuschneiden, indem sie die Wasser für den Fall von Bränden. Das Grabrelief einer Hebamme
nach oben führenden Leitern wegzogen. Der schon im 6. Jahrhundert vor (M.) verewigt deren Arbeit, ein
In der Rechtsprechung etablierte sich Christus begonnene Bau eines Kloaken- Fresko zeigt den Brotverkauf (r.).
der Ausdruck „percludere inquilinum“: netzes, das den Unrat der Stadt zum Ti-
einen Mieter blockieren. ber schwemmte, war zwar eine archi- Streifen, sebaciaria, die mit Pechfackeln
Neben dem drohenden Einsturz wa- tektonische Meisterleistung seiner Ära. nächtliche Runden drehten, war für
ren Feuersbrünste die permanente Ge- Doch Latrinen im eigenen Haus konnten die Riesenstadt zu gering. Der Satiriker
fahr, mit der die Bewohner in ihren mit sich nur die Wohlhabenden leisten. Der Juvenal (um 60 bis etwa 130 n. Chr.)
schweren Holzbohlen gebauten, mit unbemittelte Römer musste zur Ver- ätzte, wer abends zum Essen ausgehe,
Fackeln erleuchteten und mit tragbaren richtung der Notdurft die Wohnung ver- ohne sein Testament gemacht zu haben,
Holzkohlebecken geheizten Behausun- lassen und entweder eine der gebühren- setze sich dem Vorwurf der Leichtfer-
gen leben mussten. pflichtigen öffentlichen Toiletten auf- tigkeit aus.
Die katastrophalen Auswirkungen suchen (was längst nicht alle sich leisten
von Bränden wurden zumindest ein we- konnten oder wollten) oder die vor Ger- Im Gegensatz zur unheimlichen
nig gemildert durch den Umstand, dass berwerkstätten aufgestellten Kannen nächtlichen Stille herrschte tagsüber in
die Römer in der Regel nur spärlich ein- benutzen. Mancher, dem der Weg zur den verwinkelten Gassen und Straßen
gerichtet waren. Das wichtigste Möbel- Fäkaliengrube zu weit oder die Treppe Roms höllisches Getöse und Gedränge.
stück war das Bett, auf dem sie aßen, zu steil war, schleuderte den Inhalt sei- Die tabernae öffneten frühmorgens,
Besucher empfingen, lasen und schrie- nes Nachtgeschirrs kaltblütig von oben Garköche priesen ihr Angebot an, Hau-
ben. Ein mit Armstützen und Rücken- auf die Straße – unter dem berühmten sierer hasteten hin und her, Barbiere
lehne versehener Sessel, thronus, war Juristen Ulpian (170 bis 228) ging die rasierten die Kundschaft mitten auf
für die Gottheit reserviert, der Lehn- Justiz mit einem abgestuften Bußkatalog der Straße, Schlangenbeschwörer und
JAMES L. STANFIELD / NGS IMAGE COLLECTION (L.); SCALA (R.)

stuhl, cathedra, Priestern, Lehrern und gegen die anrüchigen Würfe vor. Kesselflicker, Wechsler und Bettler war-
Damen der besseren Gesellschaft vor- Die Urheber waren freilich nicht im- ben um die Aufmerksamkeit der Pas-
behalten. mer leicht zu ermitteln. Bei Nacht war santen, während irgendwo immer eine
die Hauptstadt des römischen Impe- baufällige insula abgerissen wurde. Die
Die Wasserversorgung funktio- riums, wenn nicht gerade der Mond Platznot in Gassen und Straßen war so
nierte fast nie unmittelbar über die schien, in tiefes Dunkel gehüllt. Keine groß, dass tagsüber nur Fußgänger,
berühmten Aquädukte, die täglich rund Öllampen, keine Laternen an den Tür- Reiter und Sänftenträger geduldet wur-
eine Milliarde Liter Quellwasser aus pfosten erhellten die Finsternis. Nur den; auch Leichen mussten auf Bahren
dem Apennin nach Rom leiteten. Denn widerwillig setzten die Leute des Nachts zu Grabe getragen werden. Erst nach
direkten Zugang dazu hatten allenfalls einen Fuß vor die Tür. Wenn die Rei- Anbruch der Abenddämmerung war
die reichen Römer: Sie wohnten par- chen ausgingen, konnten sie sich zwar Fahrzeugverkehr im Stadtinneren er-
terre, wo die Leitungen endeten. Ge- von fackeltragenden Sklaven begleiten laubt. Ausnahmen gab es im Alltag nur
wöhnliche Bürger mussten ihr Wasser lassen, doch Normalbürger waren auf für Bau- und Abbruchunternehmer so-
meist aus dem nächsten Brunnen schöp- sich gestellt. Die Zahl der offiziellen wie an hohen Feiertagen für die Hüte-

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 83


diese Tatsache geschichtsbildend wurde,
geht daraus hervor, dass nach Schät-
zungen mindestens 80 Prozent der Be-
völkerung Roms irgendwann durch Frei-
lassung aus dem Sklavenstand hervor-
gegangen sein sollen.
Formelle Freiheit war allerdings kei-
ne hinreichende Voraussetzung, um den
Lebensunterhalt selbst zu bestreiten,
und die Schere zwischen der Elite und
dem armen Volk klaffte extrem ausein-
ander. Doch Rom ließ die Ärmsten sei-
ner Bürger nicht verhungern: Die Stadt
öffnete ihre Kornkammern für die Mit-
tellosen. Im zweiten Jahrhundert nach
Christus soll mindestens ein Drittel, viel-
leicht sogar die Hälfte der Bevölkerung
direkt oder indirekt von der öffentlichen
Fürsorge gelebt haben. Nach den vor-
sichtigsten Schätzungen standen zu die-
ser Zeit 400 000 Römer vor den Schal-
tern der Annona an, wie die Getreide-
LATRINEN IN OSTIA wolle, müsse mindestens 20 Jahre alt ausgabestelle nach der Erntegöttin hieß.
In unbefangener Geselligkeit sein, während Kandidaten für diese Zu diesem quasi sozialstaatlichen
verrichteten Römer ihre Notdurft. Gunst das 30. Lebensjahr vollendet ha- Wesenszug der römischen Innenpolitik,
ben mussten. der die Bürger individuell absicherte,
rinnen des Vesta-Tempels oder für Tri- Ein anderer Weg in die Freiheit war trat ein weiteres kollektives Bindeglied:
umphwagen. die Zahlung von Lösegeld: Prämien, die Die großenteils unterbeschäftigten Rö-
Die Einwohner der Metropole kann den Eifer der servi anspornen sollten, mer wurden mit einer staunenswerten
man grob in drei soziale Gruppen ein- konnten von diesen angespart und zum Vielfalt an Massenvergnügen und -zer-
teilen. Auf der untersten Stufe die Nied- Freikauf genutzt werden. Die servi streuungen loyal und bei Laune gehal-
riggeborenen ohne steuerpflichtigen machten von dieser Möglichkeit regen ten. Schließlich bestand mehr als die
Geldbesitz, die humiliores. Sie wurden Gebrauch, und ein freigelassener Sklave, Hälfte des Jahres aus verbindlichen Fei-
schon bei geringsten Vergehen ausge- libertus, unterschied sich nur noch we- ertagen, deren religiöser Ursprung im-
peitscht und bei kleineren Verbrechen in nig von einem anderen freien Bürger. mer mehr verblasste, während ihre Lee-
den Gulag der Antike deportiert: zur Der Enkel eines libertus war dem Frei- re weiter gefüllt werden musste. Noch
Zwangsarbeit in die Minen, ad metalla. geborenen dann völlig gleichgestellt. nie in der Geschichte, versichert Histo-
Über ihnen rangierten die braven Bürger riker Carcopino, habe ein Volk derart
jener Zeit, honestiores, die ein be- Misshandlungen und Willkür ge- viele Feste gefeiert.
stimmtes Mindesteinkommen vorwei- gen servi gab es natürlich weiterhin. Die Eine der populärsten Spielstätten war
sen und bei Vergehen mit milderen Stra- Gesetzgebung den Sklaven gegenüber die gigantische Arena des Circus Maxi-
fen wie Verbannung oder Vermögens- milderte sich aber im ersten und zweiten mus, der auf einer Länge von 600 und ei-
entzug rechnen konnten. Die Elite, aus Jahrhundert deutlich, Grausamkeit wur- ner Breite von 200 Metern mindestens
der sich in der Regel die Führung von de zunehmend verpönt. Selbst der Ge- 255 000 Zuschauern Platz bot – fast
Stadt und Staat rekrutierte, hieß ordo; waltherrscher Nero wies den römischen fünfmal so vielen wie das Kolosseum,
wer zu diesem obersten Stand zählen Stadtpräfekten unter dem Einfluss des der Ort der Blutbäder. Die Zahl der Pfer-
wollte, musste mindestens das 80fache berühmten Philosophen Seneca an, Kla- derennen im Circus Maximus wurde im
des Einkommens der honestiores vor- gen von Sklaven gegen ungerechte Her- Lauf der Kaiserzeit von zwölf pro Tag
weisen können. ren zu verfolgen. Kaiser Hadrian, der unter Augustus auf täglich hundert
Die Durchlässigkeit zwischen den so- von 117 bis 138 regierte, verbot den Ver- gesteigert. Vom ersten Licht bis zum
zialen Klassen war jedoch größer, als kauf von Sklaven an die Veranstalter der Sonnenuntergang konnten die Römer
dieses Schema vermuten lässt. Das zeig- berüchtigten Gladiatorenkämpfe, wo sie hier frenetisch ihrer Schaulust und
te sich besonders an der Lage der Skla- bei grausigen Tierhetzen oder mörderi- Wettleidenschaft huldigen.
ven, servi. Vielfach verfügten Sklaven- schen Schau-Duellen der Tod erwartete Berühmt wurde Juvenals grimmig-kul-
besitzer testamentarisch die Freilassung – der wohl scheußlichste Aspekt des al- turkritisches Verdikt über seine römi-
CHRISTIAN HANDL / ULLSTEIN BILD

eines Teils ihrer servi. Zu Lebzeiten von ten Rom (siehe Seite 64). schen Landsleute – es gehe ihnen nur
Jesus war es in Rom eine Sache des So- Alles in allem aber kann, wie Jérôme noch um zweierlei: um Brot und Spiele,
zialprestiges geworden, sich mit mög- Carcopino schrieb, „in der gesamten An- panem et circenses. Ebenso gut kann man
lichst vielen Freigelassenen zu umge- tike Rom allein das Verdienst für sich in wohl in der gelungenen Mischung von So-
ben. In den Augen der Obrigkeit nahm Anspruch nehmen, seine Parias losge- zial- und Vergnügungsstaat einen Haupt-
der Brauch überhand. Kaiser Augustus kauft zu haben, indem es ihnen das Tor grund für die beachtliche innere Stabilität
legte deshalb fest, wer Sklaven freilassen zum Leben öffnete“. In welchem Maß im Rom der frühen Kaiserzeit sehen.

84 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


NAHAUFNAHME

Bald werden alle wichtigen Römer der Kaiserzeit erfasst sein – auf Latein.

SEILSCHAFT IM SENAT
In seinem Zimmer sehe es gerade „recht unor- Auch die Geschichte der PIR umfasst einige Forscher-
dentlich“ aus, entschuldigt sich Werner Eck – dabei liegen generationen: Angeregt 1874 vom großen Gelehrten
Bücher, Kopien und Sonderdrucke säuberlich in Stapeln Theodor Mommsen, war das Opus zunächst als Hilfs-
da. Aber bei dem, was er seit Jahren verantwortet, wird mittel für Inschriftenkundler gedacht. Die zweite Aufla-
man eben penibel: Der Kölner Professor, kürzlich emeri- ge, weitaus gründlicher angelegt, schaffte es bis 1943 nur
tiert, betreut mit Spezialisten ein Lexikon, das alle wich- zum Buchstaben F: Beide Bearbeiter waren jüdischer Her-
tigeren Römer der ersten drei Jahrhunderte nach Christus kunft, sie überlebten die NS-Schikanen nicht lange. Nach
erfassen soll – ein Who’s who des Kaiserreichs vom Im- dem Zweiten Weltkrieg fristete das Unternehmen in Ob-
perator bis zum Großhändler, von der Edelhure bis zum hut der DDR-Akademie ein Schattendasein, auch als in
Zenturio. „Prosopographia Imperii Romani“ (PIR) nennt Frankreich und Italien Schwesterprojekte für die späte-
sich das gewaltige Personen- ren Jahrhunderte Roms
Puzzle; etwa 14 000 Artikel Sein Antrag stand am Anfang: Der Althistoriker entstanden waren. Erst im
wird es enthalten, wenn es Theodor Mommsen (um 1900) vereinigten Deutschland
2011 beendet ist. wurde es dann möglich,
„Natürlich sind das bei die Vollendung zu planen;
weitem nicht alle Men- heute sieht sich das kleine,
schen, von denen wir wis- emsige Team auf der Ziel-
sen“, erklärt Eck sofort, geraden.
„sonst hätten wir es mit Besonders freut es die
Millionen von Namen zu Prosopografen, wenn ihre
tun.“ Aus den mehreren Rasterfahndung einen Ein-
hunderttausend bekannten zelfall erhellen kann. So
Inschriften, Münzen, Papy- konnte Eck anhand un-
ri und literarischen Quellen typisch früher und gehäuf-
wählt das PIR-Team nur ter Konsul-Ernennungen ei-
solche Gestalten, für die zu- nen überzeugenden Indi-
mindest ansatzweise ein zienbeweis führen, wie der
Werdegang erkennbar wird. Iberer Trajan im Herbst 97
Mitsamt den Studien, die es auf dem Weg der Adoption
zur fraglichen Person gibt, Kaiser wurde: Der General
kommt dann meist schon gehörte zu einer Seilschaft
eine kleine Akte zusammen, im Senat, die offensichtlich
die die Redakteure nach über Jahre hinweg alle
strengen Regeln praktisch wichtigen Posten unterein-
verlustfrei in Enzyklopädie- ander verteilte.
Artikel eindampfen – und Den Forschern ist klar:
das auch noch, Tradition ist Jeden Tag können neue
Tradition, auf Latein. Fakten und Funde das Bild
„Richtig interessant wird verändern. Doch diese Aus-
die Arbeit erst, wenn man sicht entmutigt sie keines-
aus der Fülle neue Schlüsse wegs. „Gerade haben Ar-
ziehen kann“, erzählt Eck. chäologen nördlich von
Typische Laufbahnmuster ergeben ein soziales Röntgen- Rom die Trümmer eines monumentalen Grabtempels
bild der imperialen Oberschicht für verschiedene Zeit- mit viereinhalb Meter breiter Inschrift gefunden“, er-
abschnitte; mitunter lässt sich das Schicksal ganzer Fami- zählt Eck enthusiastisch. „Der Verstorbene, ein gewisser
lien verfolgen, inklusive Stammbaum. „Aufsteiger wurden Nonius Macrinus, war im zweiten Jahrhundert Statt-
meist hart geprüft, als Heerführer im Grenzland zum Bei- halter der Donauprovinz Pannonien.“ Über den mächtigen
spiel“, resümiert der Historiker. „Galt die Familie als be- Herrn selbst erfuhren die Experten aus dem Text zwar
währt, fielen ihren Abkömmlingen dann oft bequemere nichts wirklich Neues. Aber jemand anderes konnten
Ämter in Verwaltung und Kult zu – aber gewöhnlich pas- sie doch noch ein bisschen genauer einkreisen: seine
sierte so etwas erst in der dritten Generation.“ Mutter. Johannes Saltzwedel
DPA

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 85


KAISERLICHE MACHT

Apicius, einer der größten Prasser, gilt als Urheber des ältesten
Kochbuchs der Welt. Die reichen Römer veranstalteten
protzige Gastmahle mit immer ausgefalleneren Speisen.

Sauzitzen und Pfaueneier


Von NORBERT F. PÖTZL

W
omit der exzen- Die Mahlzeiten der Durchschnitts- und versiegelt, wurde das Ga-
trische Millionär römer waren frugal – im doppelten rum im gesamten Imperium
Marcus Gavius Api- Wortsinn: karg und pflanzlich. Getrei- versandt.
cius, der um die de und Olivenöl sowie Wein und regio- Feine Restaurants gab es
Zeitenwende lebte, nal erzeugtes Gemüse bildeten die nicht, nur Imbissstände und
zu seinem Reichtum kam, ist nicht über- Grundlage der Ernährung. Fleisch spiel- Garküchen für die einfachen
liefert. Wohl aber gibt es etliche Anek- te nur eine untergeordnete Rolle, viele Bürger, die in ihren Unter-
doten darüber, wie er als Extrem-Gour- bekamen es praktisch nie auf den Tisch. künften oft keine eigene Koch-
met Aufsehen erregte – etwa durch sei- Arme Leute kneteten aus Käse, Knob- stelle besaßen. Bei den Warm-
ne Vorliebe für Flamingozungen, mit lauch, Sellerie und Koriander einen verkaufsstellen, thermopolia,
Schweinehack gefüllte Haselmäuse oder Kräuterkloß, moretum, und aßen dazu und den Küchen, popinae,
mildsüßliche Lebern von Forellen, die warme Fladen aus Emmer, einer Wei- handelte es sich um Läden, die
mit getrockneten Feigen und Honigwein zenart. zur Straße hin offen waren. In
gemästet worden waren. Auch in gehobenen Haushalten gab den gemauerten Theken hin-
Plinius der Ältere nannte Apicius ei- es vor allem Eintopfgerichte, Gestampf- gen große Kochtöpfe mit Ge-
nen „von Geburt an auf jede Prasserei tes und Püriertes – aus einem prakti- richten, die zum Verkauf an-
ausgerichteten Geist“. Und Athenaios schen Grund: Gabeln waren unbekannt; geboten wurden – beispiels-
berichtete, dass Apicius für eine Gau- die Gerichte, so sie nicht mit den Fin- weise eingedicktes Kessel-
menfreude meilenweit gefahren sei: Als gern verspeist werden konnten, wurden fleisch aus Gehacktem, das in
er hörte, dass es in Libyen noch größere mit Löffeln zum Munde geführt. Das einer süß-sauren Brühe aus
Garnelen gebe als in Minturnae, seinem wichtigste Küchengerät war deshalb der Gewürzen, Honig und Fisch-
eben wegen dieser Krebse bevorzugten Mörser. sauce gekocht und mit Stärke-
Aufenthaltsort in Kampanien, habe er mehl gebunden war.
sofort ein Schiff gechartert; da sich der Die Apicius-Rezepte zeichnen sich Reiche Gastgeber veranstalteten ihre
Grund seiner Seereise nach Nordafrika durch intensiven Gebrauch von Gewür- Festessen ausschließlich zu Hause.
herumgesprochen habe, seien ihm ein- zen aus. Safran, Kardamom, Zimt oder Gespeist wurde in einem Esszimmer,
heimische Fischer schon vor der Küste Koriander hatten die Römer von ihren triclinium, wo um einen Tisch, mensa,
entgegengekommen und hätten ihm ihre Eroberungszügen in Indien und Afrika hufeisenförmig drei Speisesofas aufge-
schönsten Garnelen angeboten. Doch mitgebracht. Zu fast allen Speisen, ob stellt waren; auf jedem konnten maxi-
enttäuscht, dass die Meerestiere auch süß oder sauer, wurde eine Fischsauce, mal drei Personen liegen, die Köpfe dem
nicht größer waren als die zu Hause, garum oder liquamen, gereicht. Tisch zugewandt, den linken Ellenbo-
habe Apicius sogleich kehrtgemacht. Die gelbliche Allzwecktunke wurde gen auf ein Kissen gestützt. Essensreste
Der exaltierte Feinschmecker gilt, vorwiegend aus Sardinen und Makre- – Knochen, Krebsscheren, Obstkerne,
möglicherweise zu Unrecht, auch als Ur- len hergestellt, die zusammen mit den Schneckengehäuse – wurden einfach auf
heber des ältesten überlieferten Koch- Eingeweiden größerer Fische in reich- den Boden geworfen. Für den festlichen
buchs der Welt („De re coquinaria“). Die lich Salz eingelegt und zwei bis drei Mo- Rahmen sorgten Lyra- und Gesangsso-
darin gesammelten 478 Rezepte, von nate der Sonneneinstrahlung ausgesetzt listen, Possenreißer und Gaukler.
denen etwa zwei Drittel auf Apicius wurden, bis sie vergoren. Wegen des Berühmt ist „Trimalchios Fest“, das
zurückgehen sollen, sind jedoch durch- penetranten Geruchs mussten sich die Titus Petronius (um 14 bis 66 n. Chr.) in
aus bodenständig und enthalten kaum Fischfabriken außerhalb der Städte an- seinem Roman „Satyricon“ schildert. Bei
Anleitungen für dekadente Protzereien. siedeln. In kleine Amphoren abgefüllt diesem stillosen Angeber-Essen eines

Zu fast allen Speisen, ob süß oder sauer, wurde


eine Fischsauce, garum oder liquamen, gereicht.
86 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009
Reiche Römer beim
Gastmahl (in Pompeji
gefundenes Fresko,
heute im National-
museum in Neapel)

neureichen Emporkömmlings wurden stolz: „Keiner an der Tafel wird wissen, zu entleeren. Die reichen Bürger ver-
unter anderem Pfaueneier serviert, die was er isst.“ Seneca hingegen mokierte suchten nach Kräften, solche ver-
aber aus Teig hergestellt und mit ge- sich über die Tafelsitte: „Man findet es schwenderischen Feste zu imitieren,
backenen Feigenschnepfen gefüllt wa- anstrengend, die Speisen jede für sich sich an Aufwand und Extravaganz zu
ren, ein Hase mit Flügeln, der wie Pega- zu essen, sondern man mischt, was ver- übertreffen. Von dem Geld für ein
sus aussah, vier Faunsfiguren, aus deren schieden schmeckt, gewaltsam durch- abendliches Gastmahl der oberen
Weinschläuchen gepfefferte Brühe in einander.“ Schichten hätte sich ein Normalbürger
eine Schale mit Fischen floss, sowie ein mehrere Jahre ernähren können.
gebratener Eber, aus dem lebendige Vö- Als Gipfel der Kochkunst galt es, Aber selbst Superreiche trieb die Völ-
gel herausflatterten, als er angeschnitten wenn die Feinschmecker weder anhand lerei bisweilen in den Bankrott. Schon
wurde. des Aussehens der Speisen noch an de- Apicius hatte sich dabei, für seine Ver-
Als Delikatessen wurden bei solchen ren Geruch oder Geschmack die Zutaten hältnisse, übernommen. Seneca berich-
Gastmahlen ausgefallene Körperteile erraten konnten. Petronius berichtet von tet, der Bonvivant habe einen Kassen-
JAMES L. STANFIELD / NGS IMAGE COLLECTION

von Schlachttieren verzehrt, etwa Zit- einem Koch: „Wenn du willst, macht er sturz gemacht, nachdem er „100 Mil-
zen und Gebärmütter junger Säue oder dir aus Saueuter einen Fisch, aus lionen Sesterzen für die Küche aufge-
Straußenhirne. Mit einem kräftigen Schmalz eine Taube, aus Schinken eine wandt“ hatte. Die Bilanz ergab, dass ihm
Schlag Garum war auch faulig-ran- Turteltaube, aus einer Schweinshaxe ein 10 Millionen Sesterzen verblieben.
zig schmeckendes Kranichfleisch ge- Huhn.“ Das war zwar immer noch zehnmal
nießbar. Im Laufe der römischen Kaiserzeit so viel wie das Mindestvermögen eines
Verbreitet war die Marotte, die Esser nahm der Hang zu ausschweifenden Ge- Senators. Aber Apicius glaubte wohl, wie
durch Saucen darüber zu täuschen, was lagen immer mehr zu. Wer den Hals Seneca ironisch anmerkt, dass er damit
ihnen vorgesetzt wurde. Im Kochbuch nicht voll genug bekommen konnte, half „in bitterstem Hunger hätte leben müs-
des Apicius heißt es bei einem Rezept mit einer Pfauenfeder nach, den Magen sen“, und beendete sein Leben mit Gift.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 87


Blick ins Pantheon in
Rom: Der Rundbau
mit Kugelkuppel
wurde zum Archetyp
westlicher Architektur.

ROBERT HARDING WORLD IMAGERY / JUPITERIMAGES (L.); BERTHOLD STEINHILBER / LAIF (R.)
IMPERIUM IN DER KRISE

Hadrian gehört zu den seltsamsten Charakteren unter den römischen


Herrschern: ein Schöngeist, dem die Welt das Pantheon
verdankt; zugleich aber brutaler Stratege und Verfolger der Juden.

Der Reisekaiser
Von MATHIAS SCHREIBER

U
ngewöhnlich hart und nen Ländereien und seiner Sammlung von
ungewöhnlich zart war Meteorsteinen … Stets ging er barhäuptig,
er – Rätsel Hadrian. Ein wie auch ich es zum Verdruss der Römer
Mann der Widersprü- tat, und die Hornhaut seiner Sohlen er-
che: Als er römischer setzte ihm die Sandalen … In den Som-
Kaiser wurde, richteten die dem Hof zu mernächten gingen wir beide auf einen
Diensten stehenden Prätorianer erst ein- kahlen Hügel, um den Himmel zu beob-
mal vier Senatoren hin, die offensicht- achten. Vom Zählen der Sternschnuppen
lich nicht auf seiner Seite standen. Kurz ermüdet, schlief ich meist in einer Furche
vor seinem Ende ließ Hadrian seinen ein. Die Sterne galten ihm als flammende
Schwager Lucius Julius Servianus exe- Körper, als Gegenstände wie die Steine
kutieren, einen alten Rivalen, der seine oder die langsam kriechenden Käfer, die
Nachfolge eher zugunsten des eigenen er auch befragte … In einer dieser Nächte
Enkels regeln wollte. Fuscus, der Enkel, rüttelte er mich wach und verhieß mir mit
musste gleich mit dran glauben. der mürrischen Kürze, in der er mit seinen
Andererseits ist derselbe Kaiser als Bauern über den Stand der Ernte zu spre-
„der friedliebende Hadrian“, wie ihn der chen pflegte, die Herrschaft über die Welt.
Althistoriker Alexander Demandt nennt,
in die Geschichte eingegangen; als der Was Hadrian so durchaus in seiner
Mann, der das bedrohte Imperium kon- – nicht erhaltenen – Autobiografie for-
solidierte und drei recht kriegsferne Lei- muliert haben könnte, hat in seinem Geist
denschaften hatte: Reiselust, Freude an die französische Erzählerin Marguerite
der Jagd und eine Passion für schöne Li- Yourcenar (1903 bis 1987) aufgeschrie-
teratur und Gebäude. ben – in ihrem Hadrian-Roman „Ich
Wer war dieser Publius Aelius Ha- zähmte die Wölfin“ (1951), einem Welt-
drianus, der von 76 bis 138 n. Chr. gelebt bestseller, der sich erstaunlich genau an
hat und immerhin 21 Jahre regieren den historischen Quellen orientiert.
konnte, bevor er, anders als viele seiner Typische Züge des späteren Welten-
Vorgänger und Nachfolger im Amt, eines herrschers findet Yourcenar schon in
natürlichen Todes starb? dessen Kindheit: Hadrians
Ob der Spross einer andalusischen • Bodenständigkeit – er prüfte jahre-
Olivenöl-Dynastie wirklich in der spa- lang vor Ort, was im Reich passierte,
nischen Stadt Italica oder vielleicht doch und pflegte eine emotionale Nähe zu
in Rom geboren wurde, ist umstritten. seinen Soldaten;
Auf alle Fälle hat er einen wichtigen Teil • sinnliche Beziehung zum Natürlichen
seiner jungen Jahre in Südspanien ver- – ihn faszinierte die Jagd, aber er be-
bracht und dort sein Latein mit jenem stieg auch den Ätna, um von dort den
harten Akzent gewürzt, für den er noch Sonnenaufgang zu bestaunen;
als römischer Konsul verspottet wurde. • Hang zum Irrationalen und zum
Wie hätte sich so einer an seinen Mystizismus – er glaubte an Astrolo-
Großvater erinnert? Vielleicht so: gie und ließ sich in die eleusinischen
Mysterien Griechenlands einweihen.
Der hochgewachsene, von den Jahren aus- Als mittlerer der sprichwörtlichen
gedörrte Greis brachte mir die gleiche Hadrian in göttlicher Nacktheit „fünf guten Kaiser“ von Nerva bis Marc
nüchterne, beinahe stumme Zuneigung (Statuen-Replik im Antikenpark Aurel verkörpert er eine Epoche, die der
entgegen wie den Tieren seines Gutes, sei- von Vaison-la-Romaine, Provence) große Historiker Roms, Edward Gib-

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 89


IMPERIUM IN DER KRISE

bon, 1776 als glücklichste der Mensch- vor Agrippa, dem Schwiegersohn des kranke Kaiser habe ihn – auf der Rück-
heitsgeschichte bezeichnet hat. Ihre Kaisers Augustus. Hadrian suchte die reise nach Rom – adoptiert. Noch im sel-
Herrscher waren „völlig selbstverwirk- symbolische Nähe zu diesem „Erhabe- ben Jahr, gleich nach Trajans Tod, riefen
lichte Menschen“ (Demandt) , die im nen“; im Laufe seiner Herrscherjahre, ihn die Truppen zum neuen Pontifex
Grunde tun und lassen konnten, was sie etwa nach 123, sah er sich mehr und Maximus aus.
wollten. Nach ihnen übersteigerte Com- mehr als zweiter Augustus, reklamierte
modus diese Freiheit ins Monströse: Der den augusteischen Begriff „Goldenes Schon vier Jahre später startete
brutale Sohn und Nachfolger von Marc Zeitalter“, wie Münzprägungen bewei- Hadrian zu einer seiner legendären Rei-
Aurel soll über 300 Konkubinen und sen, auch für sich. Nicht zufällig steht sen durchs Reich. Sie führte ihn, beglei-
ungefähr ebenso viele Lustknaben ver- der zweite gewaltige Rundbau des Ha- tet von einem großen Tross aus Soldaten
fügt haben. drian in Rom, sein eigenes Mausoleum und Dienern, in vier Jahren nach Gallien,
Vielleicht ist das Utopische des wüs- (die sogenannte Engelsburg), auf dem Germanien, Britannien, Spanien, über
ten Caesaren-Individualismus der wah- rechten Tiberufer gleich gegenüber der das Mittelmeer nach Kleinasien und
re Grund dafür, dass diese Zeit bis heute Grabstätte des Augustus. Anatolien und schließlich von Athen aus
zu Schiff heim nach Rom. Der Herrscher
wollte Provinzverwaltungen und -legio-
Der Herrscher galt als großer nen kontrollieren und aufmuntern; aber
zum – neben Augustus – eifrigsten Reise-
„Erkunder aller Besonderheiten“. kaiser der römischen Historie machte
ihn auch elementare Neugier. Laut Ter-
so viele Menschen fasziniert. Eine opu- Kultiviert war er von früh an gewe- tullian war er ein „omnium curiositatum
lente, mit 164 Skulpturen, Amphoren, sen. Hadrian war der Sohn eines Sena- explorator“, ein leidenschaftlicher Er-
Waffen und Schmucksachen bestückte tors. Als sein Vater starb, nahm sich Tra- kunder aller Besonderheiten.
Hadrian-Schau, die das Britische Muse- jan, ein Verwandter, des Zehnjährigen Als er 122 auf der britischen Insel
um in London vergangenen Sommer ge- an. Griechische Literatur beherrschte weilte, befahl er den Bau einer spekta-
zeigt hat, zog über 240 000 Besucher an. den Lehrplan. kulären Wehranlage: Über 120 Kilome-
Auch wissenschaftlich war die Aus- Im Jahr 94 begann er die politische ter sollte eine vier bis fünf Meter hohe
stellung wichtig: Sie bewies eindrucks- Laufbahn, vom Militärtribun über den Mauer von Küste zu Küste laufen. Noch
voll, wie klischeehaft das überlieferte rechtskundigen Prätor bis zum Provinz- heute ist der sogenannte Hadrianswall
Bild in der Regel ist, wie viel Düsternis statthalter. Nach ersten militärischen Er- zum großen Teil erhalten – entstanden,
auch der vermeintlich glanzvolle Kaiser fahrungen kam er 97 nach Obergerma- wie Thorsten Opper meint, aus der „sim-
Hadrian in sich birgt. Auch dass zum nien (Südwestdeutschland), wo der von plen Strategie“ der Mannschaftserspar-
Beispiel, mit den Worten des Kurators Nerva adoptierte Trajan als Statthalter nis: Die zusätzlichen Truppen, die Ha-
und Katalog-Autors Thorsten Opper, residierte. Im Jahr darauf durfte er die- drian für die nachhaltige Kontrolle der
noch der oberflächlichste Brot-und- sem als Erster den Tod Nervas, mithin Hochland-Kelten jenseits der Mauer ge-
Spiele-Effekt im alten Rom meistens dessen Nachfolge auf dem Thron mel- braucht hätte, gab es nicht; sie wurden
„sehr politisch“ motiviert war. den, woran der ehrgeizige und eifer- im unruhigen Osten des Reiches
süchtige Schwager Servianus ihn um ein benötigt. Dort lohnte der Militärauf-
Auf den melancholischen Schön- Haar gehindert hätte; 99 kehrte er an der wand eher, denn Syrien, Judäa oder
geist Hadrian trifft dies paradoxerweise Seite Trajans nach Rom zurück. Ägypten waren weit entwickelter, urba-
besonders zu. Unter seiner Ägide wurde Ein Jahr später heiratete
128 n. Chr. eines der bedeutendsten Bau- er Sabina, eine Enkelin von Römisches Herrschaftsgebiet
werke der Architekturgeschichte voll- Trajans Schwester Marciana. in Britannien
endet: das Pantheon, ein allen Göttern Im Jahr 101 diente er Trajan 1. und 2. Jahrhundert n. Chr.
geweihtes Heiligtum, errichtet auf den als Quästor – das Finanzamt 100 km
Ruinen eines Vorgängerbaus. Hinter war die erste Stufe einer Se- seit Claudius Caledonia
(41 bis 54 n. Chr.)
dem griechisch anmutenden Portikus natorenkarriere auf dem Weg Antoninuswall
seit Hadrian f Forth
Firth o
mit Dreiecksgiebel, der noch den Na- zum Konsulat. Danach ging (117 bis 138 n. Chr.) Luguvalium
men des ersten Bauherrn Agrippa in Eh- es an die Front: An der Seite kurzzeitig besetzt Hadrianswall
ren hält, erhebt sich ein imposanter ge- des Kaisers nahm Hadrian an Pons Aelius
kuppelter Riesenraum mit Kassetten- zwei Kriegen gegen die Da- h Newcastle
Firt
ay Coria upon Tyne
decke, der sein Licht aus einer einzigen ker auf dem Balkan teil und S o lw
Vindolanda
kreisrunden Öffnung im Scheitel der wurde Statthalter in Nie-
Kuppel erhält, sozusagen vom obersten derpannonien (östliches Ös- Hibernia
Lichtgott. Dieser suggestive, feierliche terreich). Später kämpfte er
Gebäudetypus hat Schule gemacht, von mit gegen die Parther und Britannia
der Hagia Sophia in Byzanz (Istanbul) wurde schließlich 117 Statt-
bis zu den Kuppelkonstruktionen im halter von Syrien – wo er die Londinium
Dom von Florenz, im Petersdom oder zu dieser Zeit mit Abstand Oceanus

im Britischen Museum zu London. größte Armee des Reiches Quelle: Historischer Atlas
Aber der Wunderbau war auch poli- kommandierte. Hier erreich- der antiken Welt,
Oceanus Britannicus
Verlag: J. B. Metzler
tische Demonstration: eine Verbeugung te ihn die Nachricht, der

90 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


Die Zerstörung des
Tempels von Jerusa-
lem (Gemälde von
Francesco Hayez,
1867, Galerie moder-
ner Kunst Venedig)

ner, reicher, also auch steuerlich un- ten, bargen Archäologen mehrere Haus- wurde Hadrian im Osten des Reiches als
gleich ergiebiger als der nasskalte briti- schlüssel, gefertigt aus Bronze und Holz. „Olympios“ gefeiert, später als „Panhel-
sche Norden. Die Flüchtlinge hatten gehofft, bald wie- lenios“, was wörtlich „der Gesamthelle-
Sicherung des Erreichten, Verzicht der in ihre Häuser zurückkehren zu kön- ne“ heißt, der Grieche für alle Griechen.
auf Erweiterung, das war kluge Politik: nen, aber das gelang keinem von ihnen. Der Antinoos-Kult, den etliche atem-
Rom durfte sich nicht überheben. Das raubend schöne Skulpturen belegen, ist
hatte Hadrian auch aus den jüdischen Politik, wohin man auch blickt – im Kern ein Todesmythos: Hadrian hat-
Aufständen unter dem charismatischen selbst Hadrians Liebe zum schönen te seinen Liebling auf eine Ägyptenreise
Führer Simon Bar Kochba gelernt. Mehr Knaben Antinoos, vermeintlich rein ero- mitgenommen. Während einer Boots-
als 200 000 Legionäre verloren dabei ihr tisch motiviert, dürfte solchen Unterton fahrt auf dem Nil soll sich der Jüngling
Leben. Hadrian musste einen seiner gehabt haben. Im wichtigeren Teil des in die Fluten gestürzt haben. Nach ei-
tüchtigsten Generäle, Britanniens Statt- Römischen Reichs, dem östlichen, wur- nem ägyptischen Glauben konnte er
halter Sextus Julius Severus, aufbieten, de überwiegend Griechisch gesprochen. durch diesen Freitod die Lebensjahre,
um der Lage Herr zu werden. Die Bru- Antinoos war ein Grieche aus Klein- die ihm noch bevorgestanden hätten, de-
talität, mit der fortan die Juden gejagt asien. Indem Hadrian ihn gottgleich dar- nen des Kaisers zuschlagen. Auch der
wurden, war beispielhaft: Über 500 000 stellen ließ und sogar eine neue ägypti- ägyptische Totengott Osiris ist im Nil er-
ALFREDO DAGLI ORTI / THE ART ARCHIVE / CORBIS

wurden getötet, Hadrian persönlich sche Stadt nach ihm Antinoopolis be- trunken – es gibt Antinoos-Skulpturen,
empfing am Ende den Kopf des Rebel- nannte, wollte er die Griechen im Reich die den Jüngling als Osiris darstellen.
lenführers. In Jerusalem entstand, wo für sich einnehmen. Eine profanere Deutung besagt: An-
einst das jüdische Heiligtum geleuchtet Aus demselben Grund hatte er einen tinoos war zwanzig und hatte ein Alter
hatte, ein riesiger Jupiter-Tempel. griechischen Städtebund initiiert, der erreicht, in dem die sexuelle Beziehung
Judäa wurde umbenannt in „Syrien- regelmäßig in Athen tagen sollte, und, zu einem älteren Mann als absolut un-
Palästina“ – die erste erhaltene Schrift- um 131/32, die Vollendung des großen schicklich galt – gesellschaftlich tole-
tafel, die den Namen benutzt, ist eine in Athener Tempels für den olympischen riert wurde nur die Knabenliebe oder
Bronze geritzte Urkunde aus dem Jahr Zeus angeordnet, der sechs Jahrhun- die Liebe zu erwachsenen Männern, die
139. Aus einer Berghöhle, in der sich Ju- derte zuvor begonnen worden war. Weil Sklaven waren. Nun war er weder Skla-
den vor Roms Häschern versteckt hat- er so freundlich zu den Hellenen war, ve noch Knabe – der Selbstmord könn-

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 91


IMPERIUM IN DER KRISE

punkt des Imperiums –


was sie ja längst nicht
mehr waren. Taktisch-
psychologisches Kalkül
auch hier, keineswegs
bloß jene monumentale
Verspieltheit, die ihn
dazu trieb, landschaft-
liche und bauliche Im-
pressionen von seinen
Reisen durchs Reich
hier zu zitieren. Auch
wo er blieb, war er also
– geistig – unterwegs.
Die Villa Adriana
war eine imposante
Maschine. Allein um
das große Badehaus für
die Angestellten zu be-
heizen, wurden mehre-
re hundert Bedienstete
gebraucht. Es gab jede
Blick auf den wohl nach Menge Säulenhöfe,
ägyptischem Vorbild Speisesäle, Thermen,
angelegten „Canopus“ Sportanlagen, Wandel-
der Villa Adriana in Tivoli hallen, Bibliotheken,
Tempel, Theater, Gäs-
tewohnungen, Wasser-
te eine Verzweiflungstat gewesen sein. als spätere Klassiker wie Vergil und Ci- spiele – und natürlich auch ein Wohn-
Hadrian selbst soll später behauptet ha- cero. Auch in seiner eigenen Gelegen- haus für Hadrian selbst. Unterirdische
ben, der Tod des Antinoos sei bloß ein heitslyrik zog er archaische Wendungen Stollen von mehreren Kilometern Länge
tragischer Unfall gewesen. Immerhin ist dem neuesten rhetorischen Chic vor. dienten den Heerscharen Bediensteter
überliefert, der offenbar bisexuelle Kai- Hadrian war kein Gegenwartsfreak, eher sozusagen als Straßennetz: Die Herr-
ser habe den Toten öffentlich beweint. ein Nostalgiker und Träumer in Dimen- schaften oben konnten schwelgen, ohne
sionen der mythischen Vergangenheit. dass ein Sklave zu sehen war.
Zum überkommenen Hadrian-Bild Zu seinen gewaltigsten Hinterlassen- Gestorben ist Hadrian nicht in dieser
gehört noch ein anderes Griechenmo- schaften gehört die sogenannte Villa monströsen Villa, sondern in einem klei-
tiv: Hadrian, wegen seines Eifers bei der Adriana in den Bergen südwestlich von neren Anwesen am Meer, nahe Neapel.
Lektüre griechischer Literatur schon als Tivoli, nicht weit von Rom. Auch dieser Er litt an Wassersucht und Blutstürzen.
kleiner Junge „Graeculus“ (Griechlein) größte Villenkomplex der Antike mit Markante Kerben in beiden Ohrläpp-
genannt, war der erste römische Kaiser, etwa anderthalb Quadratkilometern chen, die kein Porträtist weggelassen hat,
der sich mit Vollbart porträtieren ließ. Fläche ist mythenumrankt. Hier habe verraten einen Defekt der Herzkranzge-
Seit Alexander dem Großen hatten sich der rastlose Reisekaiser, der mehr als die fäße. Mehrfach hat der von Schwäche-
die Imperatoren dieses Kulturkreises Hälfte seiner Regierungsjahre unter- und Schwindelanfällen Gebeutelte ver-
nur rasiert abbilden lassen. Mit dem wegs in den Provinzen war, ausgeruht sucht, sich zu töten. Es gelang ihm nicht.
Bart, heißt es, habe Hadrian seine Sym- und dem Schönen gehuldigt, heißt es, Als er schließlich von seinem Leibarzt
pathie für die traditionell so dargestell- und die über 300 Kunstwerke, die man Gift verlangte, brachte sich dieser, um
ten griechischen Philosophen bekundet. hier bisher gefunden hat hat (die Aus- nicht gehorchen zu müssen, selbst um.
Tatsächlich war Hadrian sein Leben grabungen sind noch nicht abgeschlos-
lang der griechischen Literatur und Phi- sen), sprechen ganz dafür. In Erwartung seines nahen Todes
losophie besonders zugetan. Den Philo- In Wirklichkeit war diese sogenannte dichtete Hadrian folgende Verse:
sophen Epiktet, einen nach Neros Tod Villa eine private Prunkstadt des Kaisers, „Kleine Seele, kleine Wanderin, klei-
freigelassenen Sklaven, der ein einfluss- eine Mischung aus Hotel für Staatsgäste, ne Zauberin, / Gast und Gefährtin des
reicher Lehrer der Stoa war, kannte er Kongresszentrum, Museum, Freizeit- Körpers, / Wohin wirst Du jetzt reisen?
persönlich und schätzte ihn hoch. Epik- park und repräsentativem Bausymbol. Zu Orten, / Die schattig, kalt und düster
tets berühmte Mahnung „Strebe nur Als typische Kompensation des Provinz- sind, / und Du wirst nicht wie gewohnt
nach dem, was in deiner Macht steht“ lers sollte sie demonstrieren: Der Spa- Scherze machen.“
HANS MADEJ / GRUPPE28

könnte Hadrians politische Grundhal- nier war endgültig in Rom angekommen, Der gefürchtete Stratege konnte
tung – Machtsicherung statt Expansion gleichwertig dem alteingesessenen Adel. durchaus poetisch empfinden und
– durchaus beeinflusst haben. Seinen Untertanen wiederum wollte Ha- schreiben. Das Volk hat seinen Tod nicht
Ältere lateinische Autoren wie Ennius drian, der ewige Abwesende, demon- besonders heftig betrauert. Er wurde,
oder Cato soll er mehr geschätzt haben strieren, sie seien nach wie vor Mittel- heißt es, eher geschätzt als geliebt.

92 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


DOKUMENT

Auszug aus den philosophischen Betrachtungen des Kaisers Marc Aurel

„LAUF DEN KURZEN WEG“


Von meinem Großvater Verus: Gutmütigkeit und einem unverschämten, arglistigen, einem neidischen, un-
Freisein von Zorn. verträglichen Menschen … Es ist Blutgerinnsel, Knochen
Vom Ruf und Erinnerungsbild meines Vaters: Zurück- und Netzwerk; aus Sehnen, Venen und Arterien ein Ge-
haltung und Männlichkeit. flecht. Betrachte aber auch den Lebenshauch, was er ist:
Von meiner Mutter: Frömmigkeit, Freigebigkeit und Ab- Wind, und er ist nicht einmal immer derselbe, sondern zu
scheu nicht nur vor bösem Tun, sondern auch davor, auf jeder Zeit ausgespien und wieder aufgesogen …
einen solchen Gedanken zu verfallen; dazu Einfachheit in Denke daran, seit wie langer Zeit du diese Dinge auf-
der Lebensweise und Abstehen vom Gehaben reicher schiebst und wie oft du schon von den Göttern Fristen er-
Leute … halten hast und keinen Gebrauch davon machst … Zu je-
Von Rusticus: dass ich die Vorstellung bekam, der Zeit denk fest als Römer und Mann daran, was du in
Verbesserung und Pflege des Charakters zu be- den Händen hast, mit strenger und echter Ernsthaftigkeit,
dürfen … und dass ich von rednerischer und Hinneigung, Freiheit und Gerechtigkeit zu tun, und dir
dichterischer Betätigung und von geistreicher Ruhe vor allen andern Vorstellungen zu ver-
Unterhaltung abstand. Und nicht im schaffen. Du wirst sie dir verschaffen,
Staatsgewand zu Hause herumzu- wenn du jede Tat, als wäre sie die letzte
spazieren und dergleichen zu tun; des Lebens, vollbringst, entfernt von jeder
und die Briefe schlicht zu schreiben … Ziellosigkeit und leidenschaftlichen Ab-
Von den Göttern: dass ich gute Großvä- kehr von der Bestimmung der Vernunft,
ter, gute Eltern, eine gute Schwester, gute von Heuchelei, Selbstliebe und Unwillen
Lehrer, gute Hausgenossen, Verwandte, gegenüber dem vom Schicksal dir Ver-
Freunde, fast alle insgesamt, hatte … Und hängten …
dass ich nicht länger bei der Geliebten Bald wirst du tot sein, und noch bist du
meines Großvaters erzogen wurde; weder einfach noch ruhig, noch ohne
und dass ich meine Jugendblüte Argwohn, du könntest von außen ge-
bewahrte; und dass ich nicht schädigt werden, noch gegenüber al-
vorzeitig die Mannbarkeit er- len Menschen heiter gestimmt, noch
langte, sondern mir auch noch verlegst du das Gescheitsein allein
etwas mehr Zeit dazu nahm. ins Rechttun …
Dass ich einem Herrscher und Die Welt als ein Lebewesen, das
Vater unterstellt wurde, der eine Substanz und eine Seele um-
mich von allem Hochmut be- fasst, dauernd in Gedanken ha-
freien und zur Erkenntnis ben, und wie alles in das eine
führen sollte, dass es auch für Weltbewusstsein aufsteigt,
einen, der am Hofe lebt, mög- und wie sie mit einem
lich ist, weder eine Leibgarde Trieb alles bewirkt, und
nötig zu haben, noch auffal- wie alles Mitursache von al-
lende Gewänder, noch Kan- lem ist, was geschieht, und welcher Art
delaber und Bildsäulen von die Verwebung und Verflechtung ist. Du
entsprechender Art und sonst bist ein Seelchen, das einen Leichnam
dergleichen Prunk, sondern trägt, wie Epiktet sagte …
dass es freisteht, sich beinahe Ein Fluss aus dem, was geschieht, und
wie ein Privatmann einzu- ein reißender Strom ist die Ewigkeit …
schränken, ohne sich deswegen Lauf immer den kurzen Weg. Kurz
mit geringerer Würde oder mit ge- DENKER IN WAFFEN ist der Weg gemäß der Natur, dass
PAUL SEHEULT / EYE UBIQUITOUS / CORBIS

ringerem Eifer dem zu widmen, Auf einem Feldzug gegen Germanen du auf gesundeste Art alles sprichst
was zum Wohl des Staates von der begann Kaiser Marc Aurel um 172 eine und tust. Denn es befreit ein sol-
höchsten Stelle aus durchgeführt Bilanz seiner Überzeugungen. Das von cher Vorsatz von Mühe und Druck-
werden muss … stoischer und neuplatonischer Philoso- sen und jeder Art Nebenabsicht
Am Morgen sich vorsagen: Zu- phie geprägte Werk gilt bis heute als und Flunkerei.
sammentreffen werde ich mit Kompendium der Lebensweisheit. (Übersetzung von Willy Theiler,
einem taktlosen, undankbaren, (Reiterstandbild auf dem Kapitol in Rom) 1965)

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 93


Bis in den Norden der britischen Insel stießen römische Legionen vor –
und hinterließen reiche Spuren ihres Alltagslebens. Selbst
Einladungen und Mannschaftslisten haben sich im feuchten Boden erhalten.

Bier für die Landser


Von KAI BRODERSEN

W ir schreiben das Jahr 83


nach Christus. Ganz Britan-
nien ist von den Römern
besetzt. Ganz Britannien? Ja – von Rom
aus betrachtet.
Tyne, nach Norden geführt. Im schotti-
schen Inchtuthil am Ufer des River Tay
hat er ein großes Lager anlegen lassen
und schließlich die „barbarischen“
Truppen am „Mons Graupius“ in Nord-
mitian gibt dem erfolgreichen Agricola
nämlich eine neue Aufgabe und befiehlt
den Abzug aus Nordengland und Schott-
land – Kommando zurück, andere stra-
tegische Prioritäten.
Der Befehlshaber Gnaeus Julius Agri- ostschottland geschlagen. So wird das Legionslager in Inchtu-
cola hat die Legionen des Imperium Ro- „Perdomita Britannia“, „Ganz Britan- thil nicht einmal mehr fertiggestellt: Das
manum aus dem Südosten der Insel, der nien ist besetzt“, erklärt daraufhin Agri- Haus des Kommandanten ist noch nicht
schon seit 40 Jahren unter römischer colas Schwiegersohn, der römische His- gebaut, und die Badeanlagen haben noch
Herrschaft steht, über die Landenge toriker Tacitus. Er fügt allerdings hin- keinen Wasseranschluss, als die Römer
zwischen Solway Firth und Tyne, zwi- zu: „… et statim omissa“, „… und wird abziehen. Alles, was anderen noch von
schen Carlisle und Newcastle upon sofort wieder aufgegeben“. Kaiser Do- Nutzen sein könnte, wird einfach ver-

94 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


brannt oder verscharrt: Bei Ausgrabun- besonderer Glücksfall für die Histori- Einige der Vindolanda-Täfelchen sind
gen hat man in einer Grube fast eine Mil- ker. Denn neben allerlei anderen Bo- heute als Zeugnisse nationaler Vergan-
lion Eisennägel im Gesamtgewicht von denfunden entdeckten Archäologen in genheit im Britischen Museum ausge-
einer Tonne gefunden. Vindolanda nahezu einzigartige Zeug- stellt, und viele kann man im Internet
Die Legionen werden wieder in die nisse: Schriftstücke auf vergänglichem betrachten (http://vindolanda.csad.ox.
Südhälfte der Insel verlegt, nach Isca Si- Material, wie es sonst praktisch nur ac.uk). Was sie über das Leben in einem
lurum (Caerleon), Deva (Chester) und noch im trockenen Wüstensand auf Pa- römischen Lager an der Stanegate-Li-
Eburacum (York); nur noch „auxilia“, pyrus erhalten geblieben ist. nie erzählen, gibt nicht nur Antworten
Hilfstruppen, sichern die Landenge zwi- In Vindolanda schrieben die Römer auf alte Fragen, es ermöglicht auch, neue
schen Solway Firth und Tyne. Ein paar auf dünne Holztäfelchen. Die ersten von Fragen zu stellen.
Lager zwischen Luguvalium (Carlisle) ihnen fand der Brite Robin Birley 1973 in Wie viele Legionäre waren zum Bei-
und Coria (Corbrigde) sind mit einer einem verschütteten Graben, bald kamen spiel damals im Dienst? Eine Liste aller
Straße verbunden, die nach an die 1000 ans Tageslicht. 20 Soldaten im Lager, die sich in Vindolan-
ihrem mittelalterlichen Na- Jahre später stieß er noch da erhalten hat, zeigt, dass wohl selbst
men heute „Stanegate-Linie“ KAI einmal auf über 300 weitere der Kommandant kaum aus dem Kopf
genannt wird; von dort lässt BRODERSEN dieser Dokumente. Sie hatten eine Zahl hätte nennen können. Denn
sich die Zone zwischen dem verbrannt werden sollen, als am „numerus purus“, der Ist-Stärke der
zunehmend romanisierten Der Althistoriker der Lager-Präfekt Flavius Ce- Kohorte mit ihren Centurionen (Be-
Süden und dem aufgegebenen gilt als einer der rialis 105 nach Christus an die fehlshabern), sind große Abstriche ver-
Norden leidlich überwachen. Vielseitigsten Donau-Front versetzt wurde. zeichnet:
Eines der Auxilia-Lager, seiner Zunft. Seit Doch offenbar löschte damals
das unter Kaiser Trajan (98 2008 ist Broder- ein Platzregen das Feuer, und 18. Mai: Ist-Stärke der I. Kohorte der
bis 117) genutzt wird, heißt sen, 50, Präsi- dann blieben Holz und Schrift Tungrer unter dem Präfekten Iulius Vere-
Vindolanda (heute Chester- dent der Univer- im dauerfeuchten Modder cundus: 752 Mann, davon 6 Centurionen.
holm). Der kleine Ort ist ein sität Erfurt. unter Luftabschluss erhalten. Davon abwesend:

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 95


IMPERIUM IN DER KRISE

- Als Wache für den Statthalter: 46. digen Centurio … Ich werde Dir deshalb
- Im Amt des [Iulius] Ferox in Coria [Cor- verpflichtet sein …
bridge]: 337, davon 2 Centurionen. Ich hoffe, dass es Dir gutgeht und Du ge-
- In Londinium [London]: 1 Centurio … sund bist. Lebe wohl, Bruder.
Summe der Abwesenden: 456, davon 5
Centurionen, Summe der Anwesenden: Die drei Schlusswörter sind beson-
296, davon 1 Centurio. ders interessant: Sie wurden von anderer
Von diesen aber: krank: 15; verwundet: 6; Hand geschrieben – offenbar hat Karus
mit Augenbeschwerden: 10. also den Brief diktiert und nur die Gruß-
Summe: 31. formel selbst geschrieben. Und „Bruder“
Rest, also Einsatzfähige: 265, davon 1 Cen- signalisiert Ranggleichheit; das Schrei-
turio. ben stammt somit wohl vom Komman-
danten eines anderen Lagers.
Fast zwei Drittel der Soldaten und Überhaupt scheint am Rande des Im-
fünf der sechs Befehlshaber sind gar periums das gesellschaftliche Leben den
nicht im Lager: Ein Centurio weilt im besseren Kreisen durchaus wichtig ge-
fernen London, zwei seiner Kollegen wesen zu sein. So schreiben auch die
und 335 Mann haben sich ins große Cor- Gattinnen der Lagerkommandanten ein-
bridge abgeseilt, wo eine attraktive Zi- ander Briefe auf Holztäfelchen, und
auch sie fügen dem Diktat einen Gruß
von eigener Hand hinzu: Florus, ein Freund des Kaisers, hat die
Den Soldaten war Visite in einem Scherzgedicht verewigt:
An Sulpicia Lepidina, die Gattin des „Möcht’ durchaus nicht Kaiser heißen,
Beförderung Cerialis, von Severa [der Gattin des Broc- nicht Britannien durchwandern, Sky-
chus]. thenwinter nicht erdulden.“ Hadrian er-
lieber als Ruhm. Claudia Severa sagt ihrer Lepidina einen widerte prompt: „Möcht’ durchaus nicht
Gruß. Für den 11. September, Schwester, Florus heißen, wandeln durch die Kut-
vilsiedlung das Lager ergänzt. Ein paar zu meiner Geburtstagsfeier, bitte ich Dich scherkneipen, hocken in den Winkel-
Männer sind krank, und es gibt mehr mit Freuden, dass Du zu uns kommst. Du küchen, leiden von den runden Mücken.“
Legionäre mit Augenbeschwerden als wirst mir den Tag durch Dein Kommen Was Britannien anging, konnte der
Verwundete. Groß kann die militärische freudiger machen, wenn Du kommst. Herrscher tatsächlich stolz sein: Unter
Bedrohung der Stanegate-Linie nicht ge- Grüße Deinen Cerialis. Mein Aelius grüßt seiner Regierung hatte sich die römische
wesen sein. Dich und Deine Söhne. Verwaltung dort gefestigt. Ruhe und Si-
Bitten um Ausgang sind ein Haupt- (Eigenhändig:) Ich werde Dich erwarten, cherheit sollten einkehren. Deshalb wur-
thema der Vindolanda-Täfelchen. Aber Schwester. Lebe wohl, Schwester, meine de unmittelbar nördlich der Stanegate-
auch viele private Briefe, verfasst in Seele, so wird’s mir gutgehen, meine Linie „über eine Strecke von achtzig Mei-
durchaus ordentlichem Latein, lassen Liebste, und mach’s gut. len eine Mauer gebaut“, die „Barbaren
sich nach über 1900 Jahren mitlesen. und Römer trennen sollte“, wie ein
Aber wozu war in Vindolanda über- spätantikes Geschichtswerk meldet. Die-
Ich habe Dir Socken geschickt von Sat- haupt Militär stationiert? Nach den Ta- ser „Hadrian’s Wall“ ist weitgehend er-
tua, zwei Paar Sandalen und zwei Paar feln zu schließen ging es unter Kaiser halten oder rekonstruiert; seit Theodor
Unterhosen … Grüße Elpis, Tetricus und Trajan vor allem um Aufklärung: Mommsen heißt es auch im Deutschen
alle Deine Mitsoldaten, mit denen Du meist „Hadrianswall“, obwohl „wall“ ei-
nach meinem Wunsch in allem Glück le- Die Brittones sind unbewaffnet. Es gibt gentlich „Mauer“ bedeutet.
ben mögest! jede Menge Reiter. Schwerter benutzen Wie sah die Befestigung aus? Der vik-
die Reiter nicht, und außerdem bleiben torianische Schriftsteller Rudyard Kip-
Die Hoffnungen der Soldaten richten die Brittunculi nicht stehen, um ihre Spee- ling, berühmt geworden als Autor des
sich weniger auf militärischen Ruhm als re zu werfen. „Dschungelbuchs“, glaubte die Antwort
auf Beförderungen. Natürlich half es da, zu kennen. In seinem Kinderbuch „Puck
wenn jemand Beziehungen spielen las- Das Wort Brittunculi, „Britannier- vom Buchsberg“ („Puck of Pook’s Hill“,
sen konnte. Dann schrieb etwa der lein“, zeigt die ganze Verachtung der 1906) heißt es in einem Dialog:
Freund einen Brief: Soldaten in römischen Diensten für
die Einheimischen. Weit her konnte es „Selbst alte Veteranen, die von Kind an
An Cerialis, den Präfekten. Karus sagt mit so einem Gegner nicht sein. Um so mit den Legionsadlern umhergezogen
seinem Cerialis Grüße … Brigonius hat ehrenvoller, dass der nächste Kaiser, Ha- sind, sagen, kein Anblick im ganzen Reich
mich gebeten, mein Herr, ihn Dir zu emp- drian, fünf Jahre nach seinem Herr- wäre wunderbarer als der erste Blick auf
SANDRO VANNINI / CORBIS

fehlen. Ich bitte Dich daher, mein Herr, schaftsantritt sogar persönlich die Trup- die Mauer.“
dass Du bereitwillig jede Bitte unterstützt, pen in der unwirtlichen Provinz auf- „Ist es eine gewöhnliche Mauer, wie
die er an Dich richtet. Ich bitte Dich, dass suchte. Davon zeugen Münzen mit die um den Küchengarten?“
Du ihn für geeignet hältst, ihn dem An- Hadrians Bildnis, deren Rückseite die „Nein, nein; es ist DIE Mauer. Oben
nius Equester in Luguvalium [Carlisle] Aufschrift „Das Heer von Britannien. sind die Türme mit Wachtstuben und da-
zu empfehlen, dem für die Region zustän- Auf Senatsbeschluss“ trägt. zwischen wieder kleinere Türme. Selbst

96 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


Noch lange sollten die Römer in Bri-
tannien bleiben. So sind vom Alltag der
römischen Soldaten in späteren Jahrhun-
derten viele Überreste entdeckt worden,
auch weit abseits der Grenzanlagen. Im
mittelenglischen Staffordshire, im süd-
westenglischen Wiltshire und sogar im
nordfranzösischen Amiens hat man email-
lierte Trinkschalen gefunden, die ober-
halb einer symbolisierten Zinnenmauer
oder eines keltischen Rankenmotivs ver-
schiedene Ortsnamen nennen, allesamt
Stationen an der Stanegate-Linie und am
Hadrianswall. Römische Auxilia-Solda-
ten im Ruhestand werden sich an solch
farbenfrohen Souvenirs erfreut haben.
Und was haben sie daraus getrunken?
Der Hadrianswall heute Natürlich – Asterix lässt grüßen – lau-
warme cervisia! Vor dem in Britannien
gebrauten Bier warnte schon der in rö-
an der schmalsten Stelle können oben auf von nur wenigen Soldaten direkt be- mischen Diensten stehende griechische
der Mauer drei Soldaten mit Schilden ge- wacht und zudem an vielen Stellen Arzt Dioskurides:
trost von Wachthaus zu Wachthaus ne- durchlässig gewesen sein dürfte. Zudem
beneinander marschieren. Eine schmale ist ein Annäherungshindernis, ein brei- Das „kurmi“ genannte Getränk, das aus
Brustwehr, die den Soldaten bis zum Hals ter Graben entlang der Mauer, nicht im Gerste zubereitet wird und das die Leute
reicht, läuft oben auf der Mauer entlang. Norden, sondern im Süden, also auf der oft anstelle von Wein als Getränk be-
Aus der Ferne sieht man die Helme der „römischen“ Seite der Mauer angelegt. nutzen, verursacht Kopfschmerzen und
Schildwachen wie Perlen hin und her glei- Kein Wunder, dass die Historiker bis schlechte Körpersäfte und ist gefährlich
ten. Dreißig Fuß ist die Mauer hoch, und heute über den Sinn der Anlage strei- für die Nerven. Solche Getränke werden
auf der nördlichen Seite, wo das Gebiet ten. Kipling meinte gut britisch-natio- auch aus Weizen zubereitet, so im Westen
der Picten liegt, ist ein Graben, angefüllt nalistisch, die Anlage habe nördliche in Spanien und in Britannien.
mit alten Schwertklingen, Speerspitzen Barbaren abhalten sollen – einige For-
und Radkränzen, die mit Ketten verbun- scher sind noch heute dieser Meinung. Dort also, nicht so sehr an der Barba-
den sind.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand renfront, mussten die Römer gute Ner-
dagegen, frei nach dem Muster der ven beweisen. Aus den Vindolanda-Ta-
So anschaulich das klingt, so falsch deutsch-deutschen Teilung, die Idee, es feln ist der ganze heldenhafte Trinker-
ist es – nicht nur weil die Pikten zu Ha- handele sich eher um eine Demarka- mut der Truppe abzulesen:
drians Zeit noch keine Rolle spielten. tionslinie quer durch das Siedlungs-
Der Hadrianswall war sicher nie 30 Fuß, gebiet des mächtigen britannischen 22. Juni: Gerste: 5 1/2 Scheffel [zusammen
über neun Meter, sondern eher nur halb Stammes der Briganten. etwa 47 l], Wein vom [Berg] Massicus [in
so hoch. Auch die Breite reichte be- Nach dem Bau der Berliner Mauer Kampanien], [eigens] herangebracht
stimmt nicht für „drei Soldaten mit legte das Hindernis auf der „römischen“ 23. Juni: Gerste: 5 1/2 Scheffel, Wein: 1
Schilden nebeneinander“. Die Befesti- Seite nahe, dass der Wall die zwangs- Scheffel und 14 Sechstelmaße [etwa 16 l],
gung war zunächst wohl als zinnenbe- romanisierten Stämme im „römischen“ Bier: 3 Scheffel [etwa 26 l]
krönte Mauer geplant. Von der neuen Britannien an einem Ausbruch in das 24. Juni: Gerste: 6 Scheffel … Bier: 3
Tyne-Brücke bei Pons Aelius (Newcastle „freie“ Barbarengebiet hindern sollte. Scheffel und … Sechstelmaße, Wein: 1
upon Tyne) bis zum Irthing-Fluss war Zur Zeit der Nachrüstungsdebatte hieß Scheffel und 12 Sechstelmaße [etwa 15 l],
sie steinern, jenseits davon bis zum Sol- es plötzlich, das Bauwerk sei vor allem Weinessig: 2 Sechstelmaße [etwa 3/4 l]
way Firth zunächst aus Grassoden, spä- zur Beschäftigung sonst unruhig wer-
ter wieder aus Stein. dender Militärs gedacht gewesen. Und Nicht immer war die Versorgung ge-
An die zwei Millionen Tonnen Bau- nach 1989 haben manche im Hadrians- sichert. So beklagte sich ein Decurio
material wurden dafür mit Ochsenkar- wall eher den „mentalen“ Zweck gese- (Reiterei-Kommandant), der eine Station
ren bewegt und von Hand verarbeitet. hen: eine Stein gewordene Selbstverge- außerhalb des Lagers Vindolanda befeh-
Im Meilenabstand unterbrachen kleine wisserung des Imperiums. ligte, beim Lager-Präfekten: „Ich bitte
Kastelle mit Torweg die Mauer; dazwi- Sicher ist nur, dass die kostspielige Dich, Herr, uns zu instruieren, was Du
schen gab es je zwei Signaltürme, die die Befestigung kurzlebig war. Schon wünschst, dass wir morgen tun sollen:
Nachrichtenverbindung – wohl auch mit Hadrians Nachfolger Antoninus Pius Sollen wir alle ins Lager zurückkehren
den Lagern an der Stanegate-Linie – ge- (138 bis 161 nach Christus) gab den oder nur jeder Zweite? … Meine Mitsol-
währleisteten. Hadrianswall auf und errichtete eine daten haben kein Bier! Ich bitte Dich zu
Wozu diente der Hadrianswall? Ar- neue Mauer weiter im Norden, zwi- befehlen, dass es geschickt wird!“
chäologische Funde zeigen, dass das schen Firth of Clyde und Firth of Forth, Kein Zweifel, dass der Lagerchef um-
Bauwerk durchaus nicht so gewaltig, Glasgow und Edinburgh. gehend auf den Hilferuf reagiert hat.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 97


IMPERIUM IN DER KRISE

Als Bildungsbürgerschreck vom Rande des Imperiums tat sich


der Syrer Lukian unter den Literaten seiner Zeit besonders hervor:
Am liebsten geißelte er sarkastisch den hohlen Kulturdünkel.

Der listige Feuilletonist


Von PETER VON MÖLLENDORFF

I
n Asien lebte vor nicht langer nen und allen Zeitgenossen in der zwei- Angesichts dieser Vielfalt tut sich die
Zeit ein reicher Mann, der durch ten Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr. Wissenschaft schwer mit Etiketten.
einen Unfall beide Füße verlo- satirisch die Quittung. Mit seinen Texten Lukian ist weder Dramatiker noch Lyri-
ren hatte; ich glaube, sie waren traf er mitten ins Lebenszentrum der ker, noch Romancier, obwohl er zumin-
ihm erfroren und abgefault, weil Oberschicht der kaiserzeitlichen Ge- dest romanartige Schriften und eine
er einen langen Fußmarsch im Schnee sellschaft. Dort galt Bildung (grie- ganze Reihe von Epigrammen verfasst
hatte unternehmen müssen. Nun war er chisch: paideía) als Kern elitärer Selbst- hat. Stolz behauptete er, eine neue Gat-
also in diesem beklagenswerten Zustand, auffassung und Selbstdarstellung – tung erfunden zu haben, die den philo-
und um seinem Unglück abzuhelfen, ließ aber nicht selten war die angebliche sophischen Dialog sokratisch-platoni-
er sich Füße aus Holz an- Feingeistigkeit billige scher Form mit dem Drama, genauer der
fertigen, die schnallte er Protzerei. Komödie, kreuzte. Vereinfacht wird da-
PETER VON
unter und konnte sich so, Über Lukians Leben mit natürlich nichts. Am leichtesten ist
wenn er sich gleichzeitig MÖLLENDORFF weiß man so gut wie es wohl, Lukian einfach als Meister des
auf seine Diener stützte, Unter dem Titel „Gegen nichts; sogar wann der Feuilletons zu bezeichnen; das könnte
fortbewegen. den ungebildeten reisende Wort-Virtuose, ja auch als ehrliches Kompliment ge-
Und dann beging er die fol- Büchernarren“ hat der vielleicht im ganzen meint sein.
gende Lächerlichkeit: Er Möllendorff, 45, der Mittelmeerraum bis hin Allerdings war Lukian ein Feuilleto-
kaufte sich immer wun- Griechische Philologie nach Gallien tätig war, ge- nist ersten Ranges, und seine Leser müs-
dervolle neue Schuhe und in Gießen lehrt, lebt hat, lässt sich nur aus sen zu den kultiviertesten im Römischen
scheute keinerlei Mühen, 2006 eine Auswahl aus seinem Œuvre erschlie- Reich gehört haben. Politik und Ge-
um nur ja seine Hölzer mit Lukians Werken in ßen. Das aber ist zum schichte, Kunst, Literatur und Theater,
dem schönsten Schuhwerk deutscher Übersetzung Glück gut bekannt. Mehr Grundlagen des philosophischen Den-
zu schmücken. Verhältst herausgegeben. als 70 Schriften unter kens – nur wer von all dem mehr als
du dich nicht genauso, wo Lukians Namen haben oberflächliche Kenntnisse hatte, konnte
du für deinen lahmen und sich erhalten, darunter
schwachen Verstand goldene Schuhe er- weltberühmte. Aus den „Wahren Ge-
wirbst, in denen sogar einer mit geraden schichten“ hat sich der Lügenbaron von
Beinen kaum herumlaufen könnte? Münchhausen kräftig bedient; die
Schrift „Gegen die Verleumdung“ inspi-
In Anekdoten wie dieser stellte er rierte den Maler Sandro Botticelli um
seine Gegner bloß. Angeberische Bil- 1497 zu seinem Gemälde „La Calunnia“.
dungsbürger, prätentiöse Weltverbesse- Der „Ikaromenipp“, eine Luftreise, auf
rer, öffentlichkeitssüchtige Großmäuler der Menipp, der Spötter, die ganze Arm-
– sie alle fertigte er ab, ohne dabei auf seligkeit des Götterdaseins entlarvt, hallt
politische Korrektheit Rücksicht zu neh- bis zu Jules Verne nach; der Traktat „Wie
men. Der brillante Intellektuelle und Sti- man Geschichte schreiben muss“ wur-
list Lukianós, geboren in Samosata an de durch alle Zeiten immer wieder stu-
den Ufern des Euphrat, führte eine so diert. Auch Lukians „Rednerschule“, der
spitze Feder wie nur ganz wenige vor witzige „Verkauf der Philosophenschu-
und nach ihm. len“ (mit Sonderangeboten) oder die re-
Seine herausragende Bildung wie sein gelrecht zur Literaturgattung geworde-
überwältigend schönes Griechisch hat- nen „Totengespräche“, die noch 2001 Re-
te sich der Syrer mühsam erarbeitet. ginald Hill als Titel- und Ideengeber für
Aber während Literaten-Kollegen oft seinen Kriminalroman „Dialogues of the
gern die eigenen Fähigkeiten zur Schau Dead“ („Die rätselhaften Worte“) dien-
zu stellen pflegten, präsentierte er ih- ten, zeugen von seiner Anregungskraft.

98 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


seine Schriften goutieren, und weil vie- reisten, glänzten am liebsten mit Steg- Bravorufe entstehen, die Fortsetzung dei-
le seiner Zeitgenossen durch eigene rhe- reif-Deklamationen über solch „klassi- ner Rede auszudenken. Darum musst du
torische Erfahrung geschult waren, wer- sche“ Themen, die ihnen ihr Publikum dich allerdings wirklich gut kümmern: ei-
den sie auch an der Eleganz seines Stils stellen durfte. nen Chor von Vertrauten zu haben, der
ihr Vergnügen gehabt haben. Bei der harten Konkurrenz in dieser dein Solo begleitet.
Heute beruht deine Hoffnung darauf, Zunft kam es vor, dass einer auch zu un-
alles das laufe nur darauf hinaus, viele fairen Mitteln griff. So rät Lukian einem Nicht nur Redner standen in har-
Bücher zu besitzen. Was das betrifft: Raf- Möchtegern-Rhetor: tem Wettbewerb, auch die Philosophen,
fe alles zusammen, was der Redner De- Wenn es nun zum öffentlichen Auftritt die sich anheischig machten, Charakte-
mosthenes mit eigener Hand geschrieben kommt und die Anwesenden dir Themen re heranzubilden, kämpften um Studen-
hat, und das Gesamtwerk des Thukydi- und Stoffe für deine Rede vorschlagen, so ten. In Lukians „Symposion“, wo der rei-
des und schließlich all das, was Sulla von kritisiere alles, was schwierig ist, und che Aristainetos anlässlich einer Hoch-
Athen nach Italien sandte: Inwiefern mach es schlecht: Nichts davon sei eines zeit die intellektuellen Größen der Stadt
könntest du damit deinen Besitz an Bil- echten Mannes würdig. Wenn sie sich geladen hat, ist zu erfahren, wie der
dung vermehren, selbst wenn du dir das aber auf ein Thema festgelegt haben, so Konkurrenzneid explodieren konnte,
alles unters Kopfkissen legst oder es alles fang ohne jeden Verzug an zu sprechen wenn erst einmal der Wein Zungen und
in einen einzigen Einband schlägst und und sag, was dir gerade in den Kopf Fäuste löste:
es ständig bei dir trägst? Affe bleibt Affe, kommt, ohne Rücksicht darauf, wie du das Zenothemis ließ seinen gebratenen Vogel
wie das Sprichwort sagt, auch wenn er Erste – es gibt ja nun einmal ein Erstes – los und griff nach dem, der vor Hermon
goldene Orden trägt. Da hältst du nun auch an der richtigen Stelle bringen lag, weil der fetter war. Aber Hermon hielt
dein Buch in der Hand und bist ständig kannst und danach das Zweite und dann ihn fest und wollte nicht zulassen, dass
am Lesen, aber verstehen tust du von dem das Dritte, sondern sag als Erstes, was dir Zenothemis mehr haben sollte als er. Lau-
Gelesenen nichts, sondern bist wie der zuerst einfällt, und wenn es sich so ergibt, tes Gezeter, dann fielen sie übereinander
Esel, der die Ohren spitzt und auf die Lei- leg die Beinschienen um die Stirn und setz her, droschen einander die Vögel ins Ge-
er lauscht. den Helm aufs Schienbein. Hauptsache sicht, packten sich gegenseitig am Bart
vorwärts, eins ans andere gereiht, und nur und riefen um Hilfe.
Thukydides, Demosthenes? Der ja nicht aufhören zu reden! Wenn es um Währenddessen gingen mir die ver-
Geschichtsschreiber des Peloponnesi- einen Schurken oder einen Ehebrecher in schiedensten Überlegungen durch den
schen Krieges und der wichtigste Red- Athen geht, dann sprich über die Verhält- Kopf, zuerst jene naheliegende, dass ein
ner zur Zeit Alexanders des Großen wa- nisse in Indien und in Ekbatana. großes Wissen, wie man sieht, zu über-
MATHIAS MICHEL / PICTURE-ALLIANCE / DPA

ren Klassiker; auf diese Autoren längst Mindestens so wichtig sei es natür- haupt nichts nutze ist, wenn man nicht
vergangener Jahrhunderte kam es den lich, unter den Zuhörern vorzusorgen: auch sein Leben zum Besseren hin ord-
Bildungsbürgern auch und gerade der Deine Freunde sollen vor Begeisterung net. Jedenfalls musste ich mitansehen, wie
Kaiserzeit an. Viel mehr als aktuelle In- ständig von ihren Sitzen aufspringen und diese Leute, die großartig im Reden wa-
formiertheit galt es, dass jemand atti- sich für die ganzen Abendesseneinladun- ren, sich dem Gelächter preisgaben, wenn
sches Griechisch wie Lysias, Xenophon gen revanchieren, indem sie dir hilfreich es zum Handeln kam … Hier waren so
oder Platon beherrschte, Spiele mit Zi- die Hand hinstrecken, wenn sie merken, viele Philosophen versammelt, und das
taten verstand und die Kunstwerke der dass du kurz davor bist, in die Knie zu ge- Schicksal wollte es, dass darunter nicht
großen Vergangenheit kannte. Meis- hen, und sie sollen dir Gelegenheit ver- ein einziger ohne Fehl zu sehen war. Die
terrhetoren, die von Auftritt zu Auftritt schaffen, dir in den Pausen, die durch ihre einen taten Peinliches, und die anderen
sagten noch Peinlicheres.
Lukian nahm Bildung und die Chance
DER WERT KLASSISCHER auf Bildung bitter ernst. Und gerade des-
BILDUNG halb stieß er die Mitbürger durch seine
Ungefähr wie auf diesem bissigen Satiren gnadenlos darauf, dass
antiken Relief aus Trier darf nur Begabung, Fleiß und entschiedener
man sich den Unterricht für Wille zur Selbstformung zu echtem Kul-
Fortgeschrittene in Literatur turstolz berechtigen können.
und Rhetorik vorstellen: In der Pisa-Debatte, das ist sicher,
Schüler rezitieren aus Schrift- hätte er damit eine zumindest eigenwil-
rollen große Dichtung oder lige Position bezogen:
tragen eigene Stilübungen Der Kyniker Demetrios sah in Korinth
vor; auf sprachliche Eleganz einmal einen Ungebildeten ein großartiges
wurde dabei großer Wert Buch lesen – die „Bakchen“ des Euri-
gelegt. Die Redekunst galt pides, glaube ich, und er war gerade an
als Königsweg zur Bildung der Stelle angekommen, wo der Bote vom
überhaupt – ohne Grund- schrecklichen Tod des Pentheus und von
kenntnis der Klassiker und der Tat der Agaue berichtet. Da riss er
gepflegte Ausdrucksweise es ihm aus den Händen, zerfetzte es in
war kein höheres Staatsamt kleine Stücke und sagte: „Besser ist es
erreichbar. für Pentheus, er wird einmal von mir als
viele Male von dir zerfetzt!“

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 99


IMPERIUM IN DER KRISE

Die Versorgung der Städte mit Trinkwasser trieb die antiken Ingenieure
zu Meisterleistungen. Aquädukte spielten eine Hauptrolle
beim Aufstieg des Imperiums – teilweise funktionieren sie heute noch.

Nasse Lebensadern
BERTHOLD STEINHILBER / BILDERBERG

Der Pont du Gard,


römischer Aquädukt
in der französischen
Provence, nahe Nîmes

100 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


Von SEBASTIAN KNAUER

A
ls die Schauspielerin Ani-
ta Ekberg und ihr Film-
partner Marcello Mastro-
ianni in eleganter Abend-
robe für den Filmklassiker
„La dolce vita“ (1960) in die sprudelnde
Fontana di Trevi stiegen, war das nur
möglich dank der schier unverwüstli-
chen Wasserbaukunst der alten Römer.
Der innerstädtische Brunnen wird
nämlich gespeist durch eine 21 Kilome-
ter lange Zuführung aus Richtung der
Sabiner Berge, die als „Aqua Virgo“ 19 v.
Chr. von Soldaten des Feldherrn Mar-
cus Agrippa angelegt wurde. Eine Jung-
frau („Virgo“) soll den Kriegern eine be-
sonders reine Quelle gezeigt haben. Seit
der Antike liefert die Aqua Virgo, vor-
wiegend unterirdisch geführt, Wasser
in das Zentrum der Stadt.
Nach der akribischen Übersicht des
Direktors der römischen Wasserwerke
(Curator Aquarum) aus trajanischer
Zeit, Sextus Julius Frontinus, flossen da-
mals allein auf diesem Weg täglich ge-
schätzte 26 000 Kubikmeter Wasser. Ins-
gesamt versorgten in der Hochzeit elf
große, unter- und oberirdisch geführte
Aquädukte aus einem Umkreis von rund
50 Kilometern Wohnviertel, Thermen,
und kaiserliche Paläste Roms mit täglich
rund 500 000 Kubikmeter Wasser (siehe
Karte).

Für den antiken Naturkundler


Plinius den Älteren gab es „auf der Welt
nichts anderes, was größere Bewunde-
rung verdient als die hoch aufgebauten
Brückenbogen, die von Tunneln durch-
schnittenen Berge und die gleichmäßig
überbrückten Talkessel“. Sein patrioti-
scher Zeitgenosse, Chef-Wasserwerker
Frontinus, stellte das Aquäduktsystem
noch über die bekannten Weltwunder
wie die „ganz offensichtlich nutzlo-
sen Pyramiden oder andere unnütze,
von den Griechen errichtete Bauwerke,
und mögen die Leute noch so viel davon
reden!“
An vielen Orten in und um Rom sind
Ruinen des erstaunlichen Netzwerks zu
sehen. Speziell Interessierte gelangen
mit der Metro Richtung Cinecittà und
dann mit dem Bus 557 zum Parco degli
Acquedotti. Dort kreuzen die Bogen-
reihen der bis zu 27 Meter hohen, auf
mehreren Kilometern noch vorhande-
nen Doppelleitung Claudia und Anio
Novus drei ältere Aquädukte. Die im-
mer noch gut erhaltenen Mauerreste

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 101


IMPERIUM IN DER KRISE

aus Natur- und Ziegelsteinen sowie ei- zum Beispiel ein rund 250 Kilometer Fortan wurde zuverlässige Wasser-
nem speziellen römischen Beton („Opus langes Kanalsystem beim heutigen versorgung ein Schlüsselfaktor für das
Caementitium“) waren mit einer mehr- Istanbul oder die 132 Kilometer lange Wachstum der Metropole. Bis zu 600
fachen Putzschicht wasserdicht ge- Wasserleitung nach Karthago, die Kaiser Liter am Tag, so haben Experten ermit-
macht worden. Hadrian mauern ließ. Auch aus dem telt, verbrauchte der durchschnittliche
Da das Wasser zumeist nicht in Roh- heutigen Nettersheim in der Nordeifel Römer, im Vergleich zum heutigen deut-
ren, sondern in rechteckigen gemauer- führten die Römer im ersten Jahrhun- schen Wert von 125 Litern eine fast mon-
ten Kanälen, sogenannten Freispiegel- dert nach Christus über stolze 100 Kilo- ströse Zahl. Mitgerechnet sind dabei al-
leitungen, floss, mussten die Baumeister meter frisches Trinkwasser in die Colo- lerdings auch die gewaltigen Wasser-
genaueste Gefälleberechnungen anstel- nia Claudia Ara Agrippinensium, das mengen für Thermen, Zierbrunnen, die
len. Entscheidendes Hilfsmittel beim Ni- heutige Köln. Der Eifel-Aquädukt gilt Spülung der Abwasserkanäle – und
vellieren war der Chorobat, eine Art rie- als drittgrößtes Wasserbauwerk des manche Extras.
sige Wasserwaage in Tischform. Über römischen Reiches. „Das ist eine der So haben Archäologen unter dem Ko-
Kimme und Korn wurde über eine meh- großen Ingenieurleistungen der Anti- losseum im Stadtzentrum Roms erst
rere Meter lange Holzrinne visiert und ke“, urteilt Vermessungsingenieur Klaus 2003 verblüffende Leitungsnetze freizu-
danach das Gefälle mit Messlatten im Grewe vom Rheinischen Amt für Bo- legen begonnen. Danach befinden sich
Gelände abschnittweise festgelegt. dendenkmalpflege. noch unterhalb der Abwasserkanäle aus
Die Ergebnisse überraschen bis heute. der Zeit des Baus des Amphitheaters
So weist der Anio Novus nur ein Gefälle Seit frühen Tagen haben die nassen weitere Rohrsysteme, die in der Zeit Kai-
von 1,3 Promille oder 1,30 Meter auf ei- Lebensadern wesentlich zum Aufstieg ser Neros gebaut wurden. Durch die
nem Kilometer auf. Beim großen drei- des Imperiums beigetragen. Das klein- großkalibrigen Röhren konnten offenbar
stöckigen Bauwerk des Pont du Gard städtische Rom des 7. Jahrhunderts v. große Wassermengen auf den Kampf-
nahe dem französischen Nîmes kamen Chr. konnte seinen Bedarf noch leicht platz gepumpt werden, wo sich sonst
die römischen Besatzer gar auf 50 Kilo- aus dem Tiber und einigen Quellen Gladiatoren, Löwen oder Bären tum-
meter Gesamtlänge der Zuleitung mit decken. Doch stetiges Bevölkerungs- melten. Der römische Archäologe und
12,27 Meter Höhenunterschied aus, um wachstum und steigender Lebensstan- Höhlenforscher Cristiano Ranieri, der
ihre Kolonie zu versorgen – ganze 0,0248 dard führten schon 320 v. Chr. zur Ent- selbst im Taucheranzug die Unterwelt
Prozent Gefälle. Kein anderer Aquädukt scheidung, die erste Leitung, die Aqua des Kolosseums erkundet, ist sich sicher,
verläuft so sanft wie der Wassertrog von Appia, zu bauen. Der Aquädukt trans- dass die Arena zur Darstellung von See-
Nîmes. portierte, aus strategischen Gründen schlachten geflutet werden konnte.
Die römischen Bautechniker scheu- überwiegend unterirdisch verlegt, be- Auch das insgesamt 4000 Kilometer
ten vor keinem Gelände zurück. Einige stes Quellwasser aus dem 17 Kilometer lange antike Abwassersystem Roms,
der längsten ihrer Kunststücke finden entfernten Anwesen des Lukullus öst- über das die Göttin Cloacina wachte,
sich gerade in grenznahen Provinzen, lich der Stadt. birgt weiterhin Überraschungen. Bau-

Römisches Abflussrohr Wo die Römer Wasser zapften


aus Ton, in Pompeji Aquädukte von 312 v. Chr. 3 Marcia
bis 226 n. Chr. Anio Vetus 2
8 Claudia
Tivoli
10 Traiana Appia
Subiaco
7 1
6 Virgo
Alsietina 9
Rom 11 Alexandrina Anio
Novus
r

Frascati
be

Parco 4 Tepula
Ti

degli 5 Iulia
Acquedotti 20 km

6
Aurelianische
Stadtmauer
Fontana
di Trevi
1
7
Antikes Rom
2
FOTOCREDIT links

10 Kolosseum 3 4 5
8 9
r

500 m
be

Caracalla- Quelle: Kek, Der römische Aquädukt


Ti

Thermen

102
arbeiter sind im Untergrund auf schiff- fenbar einfach mit einer 1,2 Kilometer mancher Kaiser mit Bleivergiftungen
bare Wasserreservoire und unterirdi- langen Leitung die nahen Aquädukte an- in Zusammenhang; damals hatte auch
sche Brunnen gestoßen, die als Nym- zapfen. Der gemeine Römer hingegen der SPIEGEL über die Hypothese be-
phäen den Quellgottheiten gewidmet musste bei entdecktem Wasserraub mit richtet.
waren. Daneben gab es offenbar Nekro- herben Geldstrafen rechnen, wie Fronti- Die Mehrzahl der Kaiser und viele
polen und manchen Geheimgang in das nus berichtet. Ein genaues Abrech- Senatoren, behauptete in den Achtzi-
verzweigte Leitungssystem. nungssystem, eingeteilt nach den zehn gern der kanadische Arzt Jerome Nria-
gu, hätten an der Bleigicht gelitten –
Roms Untergang sei buchstäblich aus
Die römischen Bautechniker scheuten der Wasserleitung gekommen. Beweise
allerdings blieb der Mediziner schul-
vor keinem Gelände zurück. dig. Untersuchungen an Skeletten aus
der spätrömischen Zeit hatten die ge-
Den größten Wasserbedarf ent- unterschiedlichen Standard-Durchmes- wagte Vermutung jedenfalls nicht wei-
wickelten im 4. Jahrhundert die rund sern der Zuleitungen von 2,9 bis 58,9 Zen- ter stützen können. Lediglich in Kno-
860 Thermen im Stadtgebiet Roms (sie- timeter, sollte für eine gerechte Vertei- chenfunden aus Karthago war Blei
he Seite 62). Mindestens ebenso viel nas- lung der Kosten sorgen. nachzuweisen.
ser Luxus herrschte auf den Anwesen Schon den damaligen Wasserbauern Wer Roms Aquädukte mit dem
und Landgütern der Reichen, vor allem kamen bei der Verwendung des giftigen Reichsende in Verbindung bringen will,
der Kaiser. So ließ Hadrian seine Resi- Schwermetalls Blei leise Zweifel. In sei- sollte sich darum wohl eher auf die Be-
denz, die Villa Adriana 25 Kilometer öst- nem Standardwerk über die Baukunst lagerung der Stadt durch die Ostgoten
lich von Rom, mit weitläufigen Säulen- warnte der antike Ingenieur Vitruv im seit 537 berufen: Sie kappten alle Was-
höfen, Gartenanlagen, Fischteichen, ersten vorchristlichen Jahrhundert vor serleitungen. Damit durch die trocke-
Brunnen und Zierbecken, einem künst- Bleirohren. Tatsächlich wurde das wei- nen Zuleitungen kein Gote eindringen
lichen See und natürlich Thermen aus- che, dauerhafte Metall massenhaft für konnte, ließ der Verteidiger Belisar die
statten; überdies gab es eine Vielzahl von Wasserleitungen in der antiken Stadt Einmündungen in die Stadt eigens zu-
noch nicht vollständig erforschten „was- verwendet, selbst in Hadrians Villa dien- mauern. Das brachte Thermen und
sertechnischen Einrichtungen“, wie das ten Bleirohre als Druckleitungen. Mühlen wenigstens zeitweise zum Still-
Magazin der Deutschen Forschungsge- Waren die grauen Röhren am Ende stand; nach diesem ersten schweren
meinschaft vorsichtig meldet. mit für Roms Niedergang verantwort- Schlag begann der Verfall.
Für all diese Pracht, die schätzungs- lich? Ein US-amerikanischer Bundes- Es sollte nach dem Ende Roms fast
weise viermal so viel Wasser verschlang ausschuss für Umweltqualität brach- 1500 Jahre dauern, bis mitteleuropäi-
wie die Versorgung der 10 000-Einwoh- te in den siebziger Jahren die Un- sche Städte wieder den Standard der rö-
ner-Stadt Pompeji, ließ der Herrscher of- fruchtbarkeit und geistige Verwirrung mischen Wasserversorgung erreichten.

Römisches Bleirohr
mit Ventiltechnik
aus Ostia Antica bei Rom
AKG (L.); ERICH LESSING / AKG (R.)

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 103


IMPERIUM IN DER KRISE

Fast 300 Jahre waren die


Christen Sündenböcke des
Römischen Reiches. Immer
wieder büßten sie ihren
Glauben mit dem Tod. Doch
weder Götter noch Kaiser
konnten den Siegeszug der
neuen Religion aufhalten.

„Vor die
Löwen!“
Von ULRICH SCHWARZ

O
b Petrus jemals in Rom len gekreuzigt, auf eigenen Wunsch mit zu ersticken, erklärt er die Christen zu
war, ist unter Historikern dem Kopf nach unten, denn er fühlte Urhebern der Katastrophe.
bis heute umstritten. sich nicht würdig, wie sein Meister auf- Die Anschuldigung fällt bei den Rö-
Doch der Legende konn- recht ans Holz genagelt zu werden. Ein mern auf fruchtbaren Boden: Die Chris-
te der Zweifel bislang Blick auf das angebliche Grab des Apos- ten haben einen schlechten Ruf. Die Sek-
nichts anhaben. Millionen katholische tels ist der Höhepunkt jeder Führung tierer gelten als gefährliche Sonderlinge.
Christen glauben fest daran, dass der durch den antiken römischen Friedhof Sie verehren nur einen Gott, weigern
Apostelfürst um 64 nach Christus in der unter dem heutigen Petersdom. sich, die römischen Staatsgötter anzu-
Hauptstadt des Imperium Romanum ge- Unstrittig ist in jedem Fall: Kaiser erkennen und ihnen zu opfern. Und sie
storben ist, als Bischof von Rom. Darauf Nero (54 bis 68) inszenierte die erste praktizieren ihre Religion im Verborge-
gründet sich der Primat des Papstes über große Christenverfolgung im Römischen nen, da diese nicht als „erlaubte Reli-
eine Milliarde Katholiken. Reich, vermutlich auf der Suche nach gion“ (religio licita) anerkannt ist.
Petrus, so will es der überlieferte Schuldigen für den Brand im Jahr 64, Zum Gottesdienst treffen sich die
Glaube, verlor unter dem grausamen bei dem große Teile der Hauptstadt in Gläubigen in Privathäusern, seit Anfang
Kaiser Nero sein Leben – als oberster Flammen aufgingen. Der Kaiser gerät des 3. Jahrhunderts auch in den Kata-
Märtyrer der jungen christlichen Kir- unter Verdacht, das Feuer selbst gelegt komben, an den Ausfallstraßen Roms ge-
che. Er wurde um seines Glaubens wil- zu haben. Um diese Gerüchte im Keim legenen Friedhöfen, die nach damali-

104 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


Über Jahrhunderte wurden die
Märtyrer verklärt – so auch auf dem
Gemälde „Triumph des Glaubens“
von Eugène Romain Thirion
(Öl auf Leinwand, 19. Jahrhundert).

gem Brauch acht bis zehn Meter unter Die Geheimniskrämerei der Christen 3. und 4. Jahrhundert. „Sie verbrüdern
der Erde in Tuff gehauen sind – mit weckt schon bald Argwohn bei der Be- sich“, so lässt Minucius Felix, ein Ver-
schmalen Gängen und einfachen Grab- völkerung. Mit der Zeit werden daraus teidiger des Christentums, um 200 ei-
kammern. Der Grund ist simpel: Schon wilde Gerüchte über schändliche Ritua- nen Heiden schimpfen, „in nächtlichen
im antiken Rom herrscht Platznot. le und Orgien sowie abscheuliche Ver- Zusammenkünften – ein feiges und
brechen, die die Christen da angeblich lichtscheues Volk, stumm in der Öffent-
Lange Zeit glaubte man, die Ka- im Verborgenen verüben. Die Christiani, lichkeit und nur in Winkeln gesprächig.
takomben seien Verstecke gewesen, in so die Anwürfe, treiben Zauberei, töten Die Tempel verachten sie als Grabmäler,
BONHAMS, LONDON / BRIDGEMANART.COM

die sich die Christen bei Verfolgungen Kinder und planen den Umsturz der die Götter verfemen sie, über die Opfer
flüchten konnten. Heute ist sich die staatlichen Ordnung. Da sie die offiziell lachen sie.“
Forschung sicher, dass in den Katakom- festgelegte Götterschar ablehnen, gel- Wie viele Christen der ersten Verfol-
ben zwar viele Märtyrer begraben wur- ten sie als Atheisten und gefährlich für gung durch Nero zum Opfer fielen, ist
den, die Christen diese Begräbnisstät- das Imperium, dessen Fortbestand unbekannt. Der prominenteste Blutzeu-
ten aber nur zum Gedenken an ihre To- schließlich vom Wohlwollen dieser Göt- ge seines Glaubens soll neben Petrus der
ten und zu Gottesdiensten aufsuchten, ter abhängt. Mitapostel Paulus gewesen sein, dessen
nicht jedoch, um sich vor Häschern zu Der schlechte Ruf der neuen Religion Aufenthalt in Rom als historisch gesi-
verbergen. und ihrer Anhänger hält sich bis ins chert gilt. Paulus genoss, anders als sein

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 105


IMPERIUM IN DER KRISE

die bestritten, Christen zu sein oder ge-


„Die Kreuzigung wesen zu sein, glaubte ich freilassen zu
Petri“ (Gemälde müssen, da sie mit einer von mir vorge-
von Caravaggio, Öl sprochenen Formel die Götter anriefen
auf Leinwand, 1601) und vor deinem Bild … mit Weihrauch
und Wein opferten und außerdem
Christus schmähten.“
Der Kaiser antwortet knapp: Christen
„aufspüren soll man nicht. Wenn sie an-
gezeigt und überführt werden, müssen
sie bestraft werden“. Das bedeutet fast
immer: Hinrichtung. Immerhin fordert
Trajan die Einhaltung rechtlicher Re-
geln: Anonymen Anzeigen solle Plinius
nicht nachgehen. „Klageschriften ohne
Autor“, dekretiert der Kaiser, „dürfen
bei keiner Straftat Platz haben. Denn das
wäre ein sehr schlechtes Beispiel und
passt nicht zu unserem Zeitalter.“
Trajans Regel bleibt lange Zeit Richt-
schnur für den staatlichen Umgang mit
Christen – sofern nicht lokale Behörden
sie ignorieren. In einzelnen Provinzen
gibt es immer wieder eigenmächtige,
von Rom nicht sanktionierte Kampa-
gnen gegen die Anhänger der neuen
Religion.
So in der Hafenstadt Smyrna, wo um
155 der Bischof Polykarp hingerichtet
wird. Dessen Tod ist im ältesten christ-
lichen Märtyrerbericht überliefert:
Nicht einmal durch die Drohung, er wer-
de ansonsten den Raubtieren zum Fraß
vorgeworfen, habe sich Polykarp dazu
bringen lassen, seinem Glauben abzu-
schwören. Daraufhin habe das Volk ver-
langt: „Vor die Löwen, vor die Löwen!“
Der Statthalter indes habe angeordnet,
den Bischof auf einem Scheiterhaufen
in der Zirkusarena verbrennen zu las-
sen. Bis zuletzt habe Polykarp Gott
Kollege, dank seiner römischen Staats- die häufig auf Druck der Bevölkerung gelobt und ihm gedankt, dass der ihn
bürgerschaft das Privileg, mit dem handeln. dieses Todes für würdig erachte.
Schwert hingerichtet zu werden. Im 2. und 3. Jahrhundert müssen die
Wie viele Gläubige in den ersten drei Einen Eindruck, wie die staatliche Christen vielfach als Blitzableiter für
Jahrhunderten als „Blutzeugen“ ihres Obrigkeit mit den Christen umging, ver- Unruhen in angespannten Situationen
Glaubens umkamen, darüber gibt es kei- mittelt ein Briefwechsel zwischen Kai- herhalten, etwa bei Epidemien oder
ne halbwegs verlässlichen Zahlen. Ver- ser Trajan, der von 98 bis 117 regiert, und Hungersnöten. Derartige Katastrophen
mutlich waren es aber weit weniger, als dem Statthalter der Provinz Bithynien wie auch kriegerische Überfälle von
frühchristliche Quellen angeben. Die in Kleinasien, Plinius dem Jüngeren. Der außen signalisieren nach allgemeiner
sind meist apologetisch gefärbt und nei- erkundigt sich 111 bei Trajan, wie er mit Überzeugung den Zorn der Götter, die
gen daher zu Übertreibungen. Insgesamt angeklagten Christen in seinem Gebiet sich über das Verhalten der Menschen
zählt die – kaum sehr exakte – Überlie- umgehen solle. „Die Seuche dieses Aber- geärgert haben. Als Grund dieses Ärgers
ferung zehn Christenverfolgungen bis glaubens“, so Plinius, habe sich über sehen viele die Christen, die den Himm-
zum Toleranzedikt des Kaisers Galerius Städte und Dörfer verbreitet. Bislang sei lischen die schuldige Anerkennung und
anno 311, das die Unterdrückung des er mit denen, die ihm als Christen ange- Verehrung verweigern. „Wenn der Ti-
Christentums im Römischen Reich for- zeigt wurden, so verfahren: „Ich habe ber bis an die Stadtmauern steigt“, klagt
mal beendet. sie gefragt, ob sie Christen seien. Die Ge- der Kirchenvater Tertullian 197 verbit-
Viele Verfolgungen beschränken sich ständigen habe ich unter Androhung der tert, „wenn die Erde bebt, wenn es eine
AKG / ELECTA

auf einzelne römische Provinzen; sie Todesstrafe ein zweites und drittes Mal Hungersnot, wenn es eine Seuche gibt,
sind meist nicht vom Kaiser angeord- gefragt, ob sie Christen seien. Die dabei sogleich erhebt sich das Geschrei: ‚Die
net, sondern von einzelnen Statthaltern, blieben, ließ ich abführen … Diejenigen, Christen vor den Löwen!‘“

106 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


Doch trotz des Drucks breitet sich Die Überlebenden haben zunächst Als in den östlichen Provinzen Unru-
das Christentum im Imperium Roma- Glück: Decius fällt 251, nach nur zwei hen ausbrechen – wofür natürlich auch
num unaufhaltsam aus. Die Botschaft Regierungsjahren, in einer Schlacht ge- die Anhänger des Gekreuzigten verant-
von der Erlösung durch den Gekreu- gen die Goten. Mit seinem Tod endet erst wortlich gemacht werden –, ordnet Dio-
zigten wirkt so überzeugend, dass man- einmal die Christenverfolgung. Aber die kletian per Edikt an, sämtliche Kleriker
che Städte im Osten des Reiches Ruhepause währt nur kurz. Kaiser Vale- zu verhaften und sie zum Opfer zu zwin-
schon während des 3. Jahrhunderts rian (253 bis 260) nimmt die Verfolgun- gen. Wer sich widersetzt, wird gefoltert
mehrheitlich christlich sind. Bald aber gen wieder auf und verschärft sie noch: und hingerichtet. 304 erlässt der Kaiser
trifft diese wachsende Schar reichsweit Er erlässt für Christen ein Versamm- zudem, wie weiland Decius, ein gene-
ein Schock. Im Jahr 249 kommt der lungsverbot. Ihre Anführer – Bischöfe, relles Opferedikt: In jeder Stadt müssen
Soldatenkaiser Decius an die Macht. Presbyter und Diakone – werden ver- alle Bewohner im Kollektiv vor den Göt-
Als erster Imperator verfügt er, die haftet und ohne Prozess hingerichtet. terbildern Tier- und Trankopfer dar-
Christen reichsweit mit aller Härte zu Valerians Ziel: die Strukturen der Kir- bringen. Wer sich weigert, soll zu Tode
verfolgen. che zu zerschlagen. Doch das gelingt ihm gebracht werden.
Decius steht unter starkem äußeren so wenig wie all seinen Vorgängern. Diokletians Edikte werden in den ein-
Druck. Von mehreren Seiten bedrohen Mehr als 40 Jahre, von 260 bis 303, zelnen Provinzen unterschiedlich streng
Eindringlinge die Grenzen – im Osten haben die Christen dann Ruhe. Die Kir- in die Tat umgesetzt. Der Kaiser hat in
das persische Großreich der Sassaniden, che des Nazareners, längst durch solide einer Reichsreform drei Vertraute zu
im Norden und Westen Goten, Ala- Strukturen gefestigt, wächst und wächst. Mitkaisern erhoben, um das Imperium
mannen und Franken. Die Götter, Zulauf erhält sie nicht nur von Hand- besser im Griff zu behalten. Diese
scheint es, sind dem Imperium so gram werkern, Händlern und Sklaven. Auch „Tetrarchen“ können in ihren Regionen
wie nie. Angehörige der politischen und sozia- die Erlasse nach Gusto vollstrecken.
In seiner Not greift Decius auf ein
bewährtes Muster zurück: Die Christen
sind schuld. Und: Opfer müssen her, um
die Olympier gnädig zu stimmen. Kurz
„Ihr seid die fetten Trauben in dem
nach seiner Thronbesteigung erlässt der
Soldatenkaiser daher ein allgemeines
Weinberg des Herrn.“
Opfergebot: „Wer die Götter Roms nicht
verehrt und dem allmächtigen Kaiser len Eliten fühlen sich nun vom Offen- Im Osten werden die Christen hefti-
das Opfer verweigert, ist des Religions- barungsglauben mit seiner Aussicht auf ger verfolgt als im Westen, wohl des-
frevels und des Majestätsverbrechens ewiges Leben angezogen*. halb, weil dort der Erlösungsglaube
schuldig.“ Allerdings trifft die Gläubigen unter deutlich stärker verbreitet ist als im
Die Bekräftigung der Loyalität zum Diokletian und seinen Mitkaisern noch Westen.
obersten Regenten ist dabei ein will- einmal, ein letztes Mal, ein schwerer Auch Diokletians Nachfolger Gale-
kommenes Nebenprodukt der allgemei- Schlag – die härteste Verfolgung seit Nero. rius setzt dessen Politik fort. Doch als
nen Pflicht zum Opfer. Sie gilt für alle Dem Reichsreformer, der von 284 bis 305 er 311 schwer erkrankt, kommt die Wen-
Bewohner des Reiches, nicht nur für die regiert, misslingt um 300 in Antiochien de. Kurz vor seinem Tod erlässt der Kai-
Christen. Die indes haben einmal mehr eine Eingeweideschau – für einen gottes- ser das Toleranzedikt von Nikomedia.
um Leib und Leben zu fürchten. Jeder fürchtigen Römer ein böses Omen. Dio- Darin erklärt er die Politik der Härte für
Bürger muss sich schriftlich bescheini- kletian reagiert wie so mancher seiner gescheitert: Es sei nicht gelungen, die
gen lassen, dass er seiner Pflicht nach- Vorgänger: Die Götter seien „über die An- Christen mit dem Götterkult des Römi-
gekommen ist. Bei Verweigerung des wesenheit gottloser Menschen bei der schen Reiches zu versöhnen. Daher hal-
Opfers droht die Todesstrafe. Zeremonie erzürnt“ gewesen, verkündet te er es „in unserer außerordentlichen
Nicht alle Christen halten stand. His- er. Um sie zu versöhnen, befiehlt er allen Milde und beständigen Gewohnheit,
torisch verbürgt ist, dass viele dem staat- Angehörigen seines Palastes und allen sämtlichen Menschen zu verzeihen, für
lichen Druck nachgeben und den Göt- Soldaten, ein Opfer darzubringen. notwendig, auch diesen unsere frei-
tern opfern. In den Christengemeinden Aber nicht genug damit: Alle Kirchen mütigste Nachsicht zu gewähren, da-
gibt es heftige Diskussionen, was mit der Christen sollen zerstört, ihre heili- mit sie wieder Christen sein und ihre
diesen „Gefallenen“ (lapsi) geschehen gen Schriften verbrannt und alle Gläu- Versammlungsstätten wieder aufbauen
soll. Am Ende setzen sich die Pragmati- bigen aus öffentlichen Ämtern entfernt können, allerdings so, dass sie nichts
ker durch: Wer Reue und Bußfertigkeit werden. Angehörigen der Oberschicht, gegen die öffentliche Ordnung unter-
zeigt, darf wieder in den Schoß der Ge- die sich zum Gott der Evangelien be- nehmen“.
meinde zurückkehren. kennen, droht die Aberkennung ihrer Mit diesem amtlichen Spruch wird
Die Standhaften preist Cyprian, zur Vorrechte. Christen werden geradezu der Glaube an den Nazarener zur religio
Zeit des Decius Bischof von Karthago, für rechtlos erklärt: Sie dürfen weder licita, er wird eine im Imperium Roma-
enthusiastisch: „Ihr seid die fetten Trau- selbst vor Gericht klagen noch sich als num offiziell zugelassene Glaubensge-
ben in dem Weinberg des Herrn ... An- Angeklagte verteidigen. meinschaft. Das ist der endgültige
statt Wein vergießt ihr euer Blut, und Durchbruch. Nur noch ein paar Jahre,
mutig entschlossen, das Leiden zu er- * Karen Piepenbrink: „Antike und Christentum“.
dann lässt Kaiser Konstantin sich tau-
tragen, leert ihr mit Freuden den Kelch Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt; fen. 391 erhebt Theodosius das Chris-
des Martyriums.“ 116 Seiten; 14,90 Euro. tentum zur Staatsreligion.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 107


Galen als Gladiatoren-
Arzt im Kolosseum
(Kolorierter Phantasie-
stich aus dem
19. Jahrhundert)

Der Grieche Galen war unter den Ärzten der Kaiserzeit der Star. Allerdings
half der Gelehrte bei seinen Erfolgen mit manch rabiatem Trick nach.

Griff in die Wunde


Von FRANK THADEUSZ

E
s herrscht Untergangs- tane. Und er vollbringt wahre Wunder- ne Sachen und verschwindet aus Rom.
stimmung in Rom im dinge an den Mürben und mit Martern Doch er kommt nicht weit. Sein Freund
Jahre 166 nach Christus. Geschlagenen. und Förderer, Kaiser Marc Aurel, will
Die Legionäre des Kaisers Sein Arbeitsplatz ist das Kolosseum, ihn nicht ziehen lassen. Der Imperator
Lucius Verus haben die wo Galen als antiker Mannschaftsarzt beordert den Abtrünnigen zurück in die
Pocken in die Metropole eingeschleppt. schwerverwundete Gladiatoren behan- geplagte Stadt.
Mit Pusteln übersäte Sieche, gepeinigt delt. Einen übel getroffenen Kämpfer Einer wie er wird hier nicht nur in
von Fieber und Durchfall, wanken durch rettet er mit einem Eingriff an der Zeiten nackten Notstands gebraucht.
die Straßen der ins Chaos gefallenen Bauchdecke, einem anderen Recken Neben den Pocken nagen etliche weite-
Stadt. Ein Drittel der Bevölkerung rafft näht der Medikus den zerhackten re Übel am Herzen des Riesenreichs. Re-
die Plage dahin. Muskel im Oberschenkel wieder zu- gelmäßig überschwemmt zum Beispiel
Panik breitet sich aus. Ist kein Arzt sammen. der Tiber die Weltstadt. Bröckelige und
an Bord? Doch, und nach seiner eigenen völlig überfüllte Mietskasernen brechen
GRANGER / ULLSTEIN BILD

Einschätzung gar der beste von allen: Der Mittdreißiger steht auf der in sich zusammen. In der Kapitale anti-
Galenos aus Pergamon ist ein Großmaul, Höhe seiner Schaffenskraft, sein Ruhm ker Zivilisation breiten sich Cholera und
der mit einer Kühnheit wie kaum einer entspricht seinem Talent – aber nun Typhus aus wie in einem heutigen Dritt-
seiner Kollegen an den Kranken herum- packt ihn die berechtigte Sorge, in seiner weltland. Was kaum eine feindliche Ar-
sägt und -salbt. Rivalen demütigt der von Pestilenzerregern überfluteten mee schafft, gelingt den Seuchen um so
Hochbegabte reihenweise als Scharla- Wahlheimat zu sterben. Galen packt sei- verheerender.

108 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


IMPERIUM IN DER KRISE

Das einfache Volk entsorgt seinen Ab- jungen Sklaven das Leben, der in einer und kälter als der Patient selbst und
fall, wo es geht und steht. Streunende Ringerschule durch einen Schlag gegen suchten nach Möglichkeiten der Flucht,
Hunde wühlen in Müllbergen herum, die Brust verletzt worden war. Wund- davon ausgehend, dass ich die Eingangs-
auf denen Leichen verwesen. Das Reich brand und Knochenfraß schienen das tür zusperren ließ.“
kennt modernste Badeanstalten, doch Schicksal des Knaben zu besiegeln. Ein Tatsächlich lässt der Berserker im-
das Trinkwasser ist mit gefährlichen Teil des Herzbeutels war bereits weg- mer wieder die Pforte verriegeln, um
Keimen verunreinigt. Kaum ein Bewoh- gefault. Die herbeigerufenen Heiler seine Kollegen in Panik zu versetzen.
ner der Kulturmetropole, den nicht mochten keinen Finger mehr für den Der Heißsporn rühmt sich seiner Fähig-
Bandwürmer quälen. Zudem wütet in Sterbenskranken rühren. keiten als Ringer und wähnt sich darin
der schwülen Modergrube die Malaria. Der genialische Grieche hingegen gar manchem Profi überlegen. Dass der
Im Durchschnitt erreichen die Römer legte unbekümmert den Wundherd frei. Überflieger seine glanzvollen Auftritte
gerade mal das Teenager-Alter. Mit Blick auf das pochende Herz des gelegentlich nur mit Hilfe von Hoch-
Verletzten schnitt Galen den faulenden stapelei inszenieren kann, ahnen seine
Mitten im Elend steht Galen, der Teil des Brustbeins heraus. Sein Patient Opfer kaum.
Wunderdoktor, und protokolliert fleißig überlebte und gesundete bald. Der Meis- So sammelt Galen vorbereitend alle
die Symptome seiner geschundenen Mit- ter zog sich nach solchen Eingriffen als- greifbaren Informationen über die Ge-
bürger. Dass Historiker recht detailliert bald in die Schreibstube zurück und no- brechen seiner Patienten – etwa durch
über die katastrophale Gesundheitslage tierte seine Heldentaten – meist durch- ein intensives Verhör der Sklaven.
im Rom des zweiten Jahrhunderts nach setzt von giftigen Attacken gegen seine Anschließend schwebt der Superheiler
Christus informiert sind, ist vor allem quacksalbernden Rivalen. erhaben an das Lager des Maladen und
den zahlreichen Traktaten und Berichten Mit denen misst er sich ohnehin gern, befühlt seinen Puls. Beeindruckendes
des Schreibwütigen zu danken. häufig unter den Augen einer johlenden Wissen sprudelt jetzt aus ihm heraus,
Zwar weiß man nicht, ob er eine Ehe- von dem die Umstehenden annehmen,
frau, Kinder oder Geschwister hatte. dass der Wunderarzt es einzig durch das
Wohl aber, dass seine Mutter eine streit- Suchst du eine sichere, Befühlen des Herzschlags am Handge-
lustige Zicke war, die in unkontrollierten ehrbare Art, eine gute lenk diagnostiziert.
Zornesausbrüchen gegen die Hausskla- Bei der Auswahl der Kranken indes-
Existenz zu führen, wähle
ven und ihren Ehemann pöbelte. Galen sen ist Galen nicht wählerisch. Er be-
kommt im Jahr 129 in Pergamon, einer einen Beruf, der dir fürs handelt Aristokraten ebenso wie deren
griechischen Kulturhochburg nahe der Leben bleibt … Ein junger Sklaven, nimmt sich eines von Angstzu-
Westküste Kleinasiens, zur Welt. Sein Mann mit leidlichem ständen geschüttelten Intellektuellen
Vater ist Architekt und Mathematiker. Verstand sollte einen an, versorgt aber auch einen tolpatschi-
Er selbst beginnt mit 16 sein Medizin- gen Schüler, der sich einen Griffel durch
studium. Er ist Anfang dreißig, als er im Geistesberuf ausüben – die Hand gebohrt hat. Oft versorgt der
Jahr 161 erstmals nach Rom kommt. davon ist die Heilkunst, wohlhabende Therapeut seine Patienten
Die Stadt wird sein Schicksal – aller- denke ich, der beste. auf eigene Kosten mit Medizin und Pfle-
dings nicht in der von ihm befürchteten gepersonal. Dafür mutet er den Leiden-
Weise. Obwohl die Menschen um ihn GALENOS in seiner „Anregung den auch einiges zu. Von denen ver-
herum Blut spucken und vor Fieber zum Studium“ (um 180 n. Chr.) langte er unbedingten Gehorsam und
glühen, bleibt Galen kerngesund. Er Unterordnung.
stirbt erst hochbetagt mit 70 Jahren. In Wusste der Enzyklopädiker seines
der Hauptstadt des Reiches produziert Menschenmenge, in heißen Wortge- Fachs immer, was er tat? Vermutlich
er ein schriftliches Oeuvre, das noch im fechten vor dem Friedenstempel oder nicht, denn seine anatomischen Kennt-
Mittelalter und sogar bis in die frühe den Thermen des Trajan. Weil Galen ne- nisse waren zeitgemäß mangelhaft.
Neuzeit verehrt und gelehrt wird. Da- ben seinem Talent vor allem ein an Dreis- Während seines gesamten Schaffens hat
bei treibt den Mann mitunter frappie- tigkeit grenzendes Selbstbewusstsein be- Galen nie einen menschlichen Körper
rende Ahnungslosigkeit. sitzt, bleibt er in den Gefechten ge- seziert. Und doch sind die von ihm Be-
So ist er in Anlehnung an seinen grie- wöhnlich Sieger. Die Unterlegenen ver- handelten mit seinen Methoden ver-
chischen Landsmann Hippokrates über- höhnt er mit Vorliebe als Betrüger und gleichsweise gut gefahren. Zudem war
zeugt, dass die vier Körpersäfte („hu- Banditen, die kein Blut sehen könnten. der gestrenge Gelehrte ein Arbeitstier
mores“) – Blut, Schleim sowie gelbe und erster Güte, der anscheinend jede wa-
schwarze Galle – über die Gesundheit Über einen Kollegen etwa spottet che Minute schuftete.
des Menschen befinden. In seinem Na- der hämische Doktor: „Ich habe auspro- Dabei träumte der Fitnessfreak of-
men lässt er seine Schüler vor Publikum biert, ob es möglich ist, diesen Esel aus fenbar davon, sich endlich einmal nach
an einem Affen den Nachweis führen, Thessalien von seiner Meinung abzu- altem hellenischen Brauch der eigenen
dass die Arterien statt Blut eigentlich bringen, damit er nicht alle seine Pa- Physis widmen zu dürfen. In einer sei-
Luft enthalten. Seine Kollegen wissen tienten verliert, sondern nur ein paar, ner Schriften hat er Zeitgenossen und
es freilich auch nicht besser. und vielleicht manchmal sogar einigen der Nachwelt gestanden: „Ich bin über-
Die stellt Galen allerdings schon von ihnen hilft.“ Noch rabiater verfährt zeugt, dass es der richtige Lebensstil ist,
durch sein praktisches Können immer Galen, wenn er bei Hausbesuchen auf von den Lasten der Arbeit befreit die
wieder in den Schatten. So rettet er unfähige Berufsgenossen trifft. „Die geg- Muße zu haben, sich allein um den Kör-
durch einen beherzten Eingriff einem nerischen Mediziner wurden bleicher per zu kümmern.“

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 109


Kopf einer Kolossalstatue von
Constantin dem Großen im Palazzo
dei Conservatori, Rom

110
KAPITEL IV DIE CHRISTLICHE WENDE

Durch Mord
ZUM HEIL
Constantin der Große gilt als Epochengestalt,
weil er das Christentum zur Staatsreligion erhob.
Doch die Glaubensfrage war nur ein Faktor im
politischen Kalkül des Regenten, dessen Taten und
Entscheidungen Europa bis heute prägen.

Von ALEXANDER DEMANDT

111
CHRONIK 324 BIS 476

DER NIEDERGANG
324 net, verpassen ihm Ge- näre gegen die Westgoten. Augustinus wird Bischof in
Constantin bereitet seinem schichtsschreiber den Auch Kaiser Valens stirbt der Provinz Africa.
Mitkaiser Licinius, mit dem Beinamen Apostata (der im Gefecht.
er seit 314 verfeindet ist, Abtrünnige). Julian stirbt 402
schwere Niederlagen; bis 363 an den Folgen einer 379 bis 395 Ravenna wird Haupt-
zu seinem Tod regiert er Verwundung im Kampf Theodosius regiert bis 394 residenz des weströmi-
fortan als Alleinherrscher gegen die Perser. als Kaiser des Ostreiches schen Reiches.
im Gesamtreich. und dann für einige Mona-
364 te im gesamten Imperium 406
330 Nachdem Kurzzeit-Kaiser – zum letzten Mal. Die Vandalen dringen tief
Die neue Hauptstadt Kon- Jovian als Christ die Politik nach Gallien vor, ziehen
stantinopel (Byzanz) wird seines Vorgängers revi- 382 dann weiter auf die
feierlich eingeweiht. diert hat, ergreift das Bru- In einem Friedensvertrag Iberische Halbinsel.
derpaar Valentinian und mit den Goten erkennt
337 410
Constantin lässt sich auf Die Westgoten unter Ala-
dem Totenbett taufen. Tes- rich erobern Rom – trotz
tamentarisch hat der Mon- der relativ milden Plünde-
arch das Reich unter drei rung ein Kulturschock für
Söhnen aufgeteilt: den viele Reichsrömer.
Westen für Constantinus,
den Osten für Constantius, 429
Italien für Constans. Die Vandalen unter Geise-
rich überqueren die Straße
355 von Gibraltar und erobern
Julian, Sohn von Constan- die Provinz Nordafrika, die
tins Stiefbruder, wird von Kornkammer Roms.
Constantius zum Caesaren
ernannt, erhält das Kom- 451
mando über Gallien und Letzter Sieg Westroms:
verteidigt die Rheingrenze. Auf den Katalaunischen
356 erobert er Köln von Feldern (nahe dem heuti-
den Franken zurück. Die Vandalen plündern Rom. gen Châlons-sur-Marne)
(Phantasie-Holzstich des 19. Jahrhunderts) schlägt Aëtius die Hunnen
361 Attilas.
Nachdem Constantius, Valens die Macht im Wes- Theodosius deren gewach-
dem Julian zu mächtig ge- ten und Osten des Reiches. sene Macht an: Sie dürfen 455
worden ist, große Teile von sich als „Foederati“ (Ver- Rom wird von den Vanda-
dessen Armee für den 374 bündete) autonom im Rö- len geplündert; sie zer-
Krieg gegen die Perser an- Ambrosius, geboren in Trier, mischen Reich ansiedeln. stören auch den Jupiter-
gefordert hat, erheben Ju- wird Bischof von Mailand. tempel auf dem Kapitol.
lians Truppen diesen zum 391
Augustus. Bevor es zur 375 Theodosius erhebt durch um 472
Schlacht gegen Constan- Die Hunnen aus Mittelasien das Verbot nichtchrist- Preisgabe der Provinzen
tius kommt, stirbt dieser. besiegen nördlich des licher Kulte das Christen- Gallien und Spanien.
Schwarzen Meers die Go- tum zur Staatsreligion.
362 bis 363 ten; ihr Vorrücken ändert 476
Herrschaft des gebildeten Europas Machtbalance, 395 Der germanische
Kaisers Julian, der viele Roms Bedrohung wächst. Nach dem Tod von Kaiser Heermeister Odoaker
S.110: INTERFOTO; S.112: AKG

Schriften hinterlässt. Weil Theodosius wird das Reich setzt Kaiser Romulus
er das Christentum be- 378 unter dessen Söhnen Ho- („Augustulus“) ab: Ende
kämpft und Tempel der al- Bei Adrianopel fallen norius (West) und Arca- des Weströmischen
ten Religion wiedereröff- 20 000 römische Legio- dius (Ost) geteilt. Aurelius Reiches.

112 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


DIE CHRISTLICHE WENDE

D
as National Museum of ihn der Altkaiser Maximian, verlieh ihm gengeschickten Verbände des Maxen-
Natural History in Wa- den Augustus-Titel nun offiziell und gab tius und marschierte auf Rom. Maxen-
shington zeigte viele ihm seine Tochter Fausta zur Ehe, die tius trat ihm entgegen, wurde aber am
Jahre lang die Entste- ihm vier oder fünf Kinder gebären soll- 28. Oktober geschlagen und ertrank auf
hung der Erde, des Le- te ( je nach der Zahl seiner Konkubinen). der Flucht durch einen Sturz von der
bens und des Menschen, die Ur- und Zur Sicherung der Grenze und zur Be- Milvischen Brücke im Tiber. Seine Fa-
Frühgeschichte mit dem Alten Orient, stätigung seines Kaiserglücks besiegte milie wurde liquidiert.
den Griechen und den Römern. Die Na- Constantin die Franken am Niederrhein 316 ließ Constantin seinen zweiten,
turgeschichte reichte dabei von den Di- und ließ ihre gefangenen Könige in der in Absprache mit Licinius als Regent Ita-
nosauriern bis zu Diocletian, dem Vor- Arena Triers von hungrigen Bestien – liens vorgesehenen Schwager Bassianus
gänger Constantins des Großen. Den vermutlich von Bären – zerreißen. hinrichten. 324 besiegte er auch seinen
Übergang von der Anthropologie zur Von Trier aus startete Constantin sei- dritten Schwager Licinius und über-
Geschichte markierte in dieser Schau ne zielstrebige Laufbahn zur Allein- nahm von ihm das Ostreich. Endlich war
also die Überwindung des Heidentums herrschaft. Gemäß der dio- er Alleinherrscher. Con-
durch das Christentum, dem Constantin kletianischen Tetrarchie re- ALEXANDER stantin schwor seiner Stief-
zum Sieg verholfen hat. gierten damals jeweils vier schwester, ihren Mann zu
DEMANDT
Einen Europäer berührt es seltsam, Kaiser, von denen einer schonen, ließ ihn dann aber
Seneca und Platon neben dem Neander- Constantins Vater gewesen Der Historiker töten, wenig später ebenso
taler zu finden. Aber im Geschichtsbild war. Im Mai 311 war der lehrte von 1974 dessen Sohn, Constantins
des Amerikaners war die Christianisie- ranghöchste Augustus, Ga- bis 2005 Alte elfjährigen Neffen. Damit
rung offenbar die eigentliche Mensch- lerius, vermutlich in Thes- Geschichte in nicht genug: 326 vergiftete
werdung, der Übergang vom Natur- in saloniki, gestorben. Sein Berlin. Demandt, Constantin seinen erstgebo-
den Kulturzustand. Reichsteil wurde zum 71, ist der Doyen renen Sohn von der Konku-
Als epochal galt der Vorgang seit lan- Streitgegenstand zwischen der deutschen bine Minervina, den schon
gem. Constantins Bekenntnis zum seinen Mitkaisern Maximi- Spätantike-For- kriegsberühmten Crispus –
Christentum vor der Schlacht an der nus Daia im Orient und Li- schung. auch dessen Familie ver-
Milvischen Brücke, jener 28. Oktober cinius in Pannonien. Wäh- schwand –, und wenig spä-
312, ist als die „constantinische Wende“ rend des Bürgerkriegs zwischen ihnen ter ließ der Kaiser seine eigene Frau
in die Historiografie eingegangen. Sie richtete Constantin seinen Blick auf Ita- Fausta im überheizten Bad ersticken. So
verschaffte dem Kaiser den Beinamen lien. Hier aber regierte seit 306 Maxen- mussten auf dem Wege zur Alleinherr-
des „Großen“. Zwischen Alexander dem tius, der Sohn des Maximian und Schwa- schaft elf Familienangehörige sterben.
Großen, der die hellenistische Weltzi- ger Constantins. Auch er war ungesetz- Einen zwölften, noch einen Sohn des Li-
vilisation begründet, die Stadtstaaten in lich an die Macht gekommen, die Präto- cinius, hat Constantin offenbar begna-
den Flächenstaat integriert und damit rianer hatten ihn gekürt. Nach einem digt. Er befahl, ihn zu verhaften, ihn aus-
dem Imperium Romanum vorgearbeitet Zwist mit ihm hatte sich Maximian zu zupeitschen und an den Füßen gefesselt
hat, und Karl dem Großen, der als Novus Constantin nach Gallien begeben, wie- als Zwangsarbeiter in eine Kleiderfabrik
Constantinus eine erste staatliche Ord- der den Purpur genommen, war dann einzuweisen.
nung in Mitteleuropa und damit die Vor- aber von Constantin zum Selbstmord ge- Die kirchen- und kaisertreue Über-
aussetzung für die europäische Völker- zwungen worden. Verkündet wurde, er lieferung bietet für jeden Mord eine Ent-
geschichte schuf, zwischen dem Grie- habe Constantin mit Hilfe eines mani- schuldigung: Man habe Constantin nach
chen Alexander und dem Franken Karl pulierten Traumes nächtlich erdolchen dem Leben getrachtet oder die Familien-
steht gleichen Ranges der Römer Con- wollen. Auf die Nachricht vom Tode sei- ehre geschändet. Nach offizieller Lesart
stantin. Er hat das römische Erbe ver- nes Vaters soll Maxentius die Statuen war der gottbegnadete Kaiser immer im
wandelt und vermittelt und wirkt nach Constantins in Rom umgestürzt haben – Recht, er kannte keine Gnade. Auch sei-
bis heute. Er hat das christliche Europa für diesen ein willkommener Anlass, un- ne Brutalisierung des Strafrechts zeigt
begründet. Aber wer war er eigentlich? verzüglich den Marsch auf Rom anzu- das. Gegner ließ er, noch als Christ, kreu-
Constantin, unehelicher Sohn des treten und nach dem Schwiegervater zigen. Und von politischer Größe zeugt
Kaisers Constantius Chlorus und der auch den Schwager zu beseitigen. Dass es nicht, wenn Constantin die 324 so
bithynischen Stallmagd Helena, wurde Maxentius umgekehrt einen Marsch blutig gewonnene Reichseinheit wieder
nach dem Tod seines Vaters 306 in Bri- nach Trier unternommen hätte, ist aus- in Frage stellte, als er vier Erben mit je
tannien auf tumultuarische Weise vom zuschließen. einem Viertel des Imperiums bedachte.
Heer zum Nachfolger erhoben und Im Frühjahr 312 verbündete sich Die Reichsteilung musste doch wieder
nahm unverzüglich von Gallien und dem Constantin mit Licinius, inzwischen Al- zu neuem Bürgerkrieg führen! So ge-
ganzen Westen des Reiches Besitz. Im leinherrscher im Osten, indem er ihm schah es nach seinem Tode 337: Aber-
Jahre 307 finden wir ihn in der Resi- seine Halbschwester Constantia zur mals starben Zehntausende im Kampf
denzstadt Trier, der damals größten Frau gab, und zog mit Heeresmacht über um das Erbe des Kaisers.
Stadt nördlich der Alpen. Hier besuchte die Alpen. Er besiegte die ihm entge- Den Triumph über seine Feinde
schrieb nicht nur die kaiserliche und die
kirchliche Propaganda, sondern auch
Gegner ließ Constantin, noch Constantin selbst der Gnade Gottes zu.
Neben all seiner Machtpolitik war Con-
als Christ, kreuzigen. stantin ein frommer Mann und an reli-

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 113


DIE CHRISTLICHE WENDE

den Ereignisgang abgestimmt.


Gleichwohl ist Constantins
Constantin besiegt Gottvertrauen plausibel. Er do-
an der Milvischen kumentierte es durch die neue
Brücke Maxentius Kaiserstandarte, das Labarum
(Gemälde von Pieter mit dem Christusmonogramm
Lastman, 1613). und dem Kaiserbild. Es ga-
rantierte ihm, so erklärte der
Kaiser selbst gegenüber dem
Perserkönig, das Wohlwollen
Christi und damit den Sieg.
Als sich 1912 die Schlacht an
der Milvischen Brücke zum
1600. Mal jährte, ließ Kaiser
Wilhelm II., der sich schon
durch seine Kirchenbauten im
Heiligen Land als Nachfolger
Constantins geriert hatte, zwei
Exemplare des Labarums re-
konstruieren. Seit dem Mittel-
alter hat man Pilger- und Ver-
einsstandarten nach diesem
Muster angefertigt, in die Poli-
tik kehrte es zurück mit Hit-
lers Führerstandarten.
Constantins Hinwendung
zum Christentum 312 war ein
Bekenntnis, aber keine Bekeh-
rung, kein Damaskus. Der Kai-
ser hat nie einem falschen
Glauben abgeschworen, er sah
sich schon immer in der Gunst
Gottes. Nur dass dieser Gott
Christus hieß, hat er spät er-
fahren. Vermutlich hat es ihm
Bischof Hosius von Cordoba
nahegebracht. 309 war Con-
stantin in Spanien, damals
giösen Fragen ernsthaft interessiert. Er zurück, die Constantin viel später sei- dürfte er Hosius kennengelernt haben.
informierte sich über verschiedene Re- nem Lobredner Eusebius anvertraut hat. Wie konnte dieser den Kaiser überzeu-
ligionen und glaubte wie die meisten sei- Um den Eindruck einer phantasie- gen? Unter den Hunderten von Kulten
ner Zeitgenossen an die Wirkung magi- gestützten Erinnerung abzuwehren, hat und Religionen im Reich war das Chri-
scher Zeichen. Constantin sah sich von der Kaiser dem Kirchenmann seine ei- stentum die einzige, die missioniert hat.
Anbeginn im Schutz des höchsten Got- desstattliche Erklärung dazugeliefert. Sie war angesichts ihrer Ausbreitung die
tes: Anfangs identifizierte er ihn mit dynamischste und durch das Netz der
Phoebus Apollon oder Sol Invictus, dem Die Vision von 312 war weder die Bistümer die am besten organisierte
unbesiegten Sonnengott; auf den Mün- erste noch die letzte Erscheinung, die Glaubensgemeinschaft, zudem die –
zen erschien dessen Name noch bis 325. dem glückseligen Kaiser zuteilwurde. dank der Gestalt Jesu – menschlich an-
Constantins schließliche Entscheidung Auch bei anderen wichtigen Gelegen- sprechendste und in ihrer Literatur auch
für Christus 312 war also nur ein, wenn heiten offenbarten ihm Träume die gott- intellektuell anspruchsvollste religiöse
auch epochaler Schritt auf einem lan- gewollte Zukunft, so in einem Apollo- Gruppe. Keine römische oder griechi-
gen Weg. Freilich wurde er von Wun- Tempel in Gallien, vor dem Kampf gegen sche Religion konnte der Bibel oder den
dern begleitet. Die Kirchenväter berich- die Goten und vor der Gründung Kon- Schriften der Kirchenväter Gleicharti-
ten von einer Vision Constantins vor der stantinopels. Beweist das Frömmigkeit ges, gar Gleichwertiges entgegenstellen.
Schlacht an der Milvischen Brücke und oder Raffinesse? Oder handelt es sich Die von ihren Bischöfen geleiteten
von einem Traum, in dem Christus ihm bloß um übliche Versatzstücke dama- Christen trotzten den wiederholten
befohlen habe, sein Monogramm auf die liger Geschichtsschreibung? Schließ- Polizeimaßnahmen der Kaiser, die sie
Schilde der Krieger zu malen, denn eine lich wimmelt es in der antiken Literatur der Geheimbündelei verdächtigten, so
Schrift am Himmel habe ihm verheißen: von Visionen. Auch Maxentius und Li- standhaft, dass schon der philosophisch
„In diesem Zeichen wirst du siegen.“ Die cinius sollen welche gehabt haben. Sie interessierte Kaiser Gallienus im Jahr
ausführlichere Version der Wunder-Er- sind zeitübliche Begleiterscheinungen 260 den christlichen Gottesdienst offi-
AKG

scheinung geht auf eine Erzählung großer Ereignisse und jeweils auf ziell reichsweit zuließ und das Chris-

114 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


Als kluger Staatsmann hat Constantin laviert – schließlich
bildete das Christentum erst eine Minderheit.
tentum damit als religio licita (erlaubtes gänzenden Motive schlechterdings nicht sich als „Kirche der Märtyrer“ beson-
Bekenntnis) anerkannte. Dieses Tole- ermitteln. Unbegründet ist allein die ders streng gegen Sünder wandten. Es
ranzedikt hat zur sprunghaften Aus- auch von Jacob Burckhardt vertretene kam zu Militäreinsätzen. Um mit den
breitung des neuen Glaubens entschei- Ansicht, dass ein frommer Mensch auch Splitterkirchen aufzuräumen, bestellte
dend beigetragen. Nach der anachronis- ein guter Mensch sein müsse. Tomás von Constantin eine allgemeine Bischofs-
tischen letzten, der diokletianischen Torquemada, der spanische Großinqui- versammlung. Auf dem ersten Öku-
Verfolgung seit 303 öffneten Constantin sitor, war doch gewiss ein ebenso gläu- menischen, also gesamtkirchlichen Kon-
und ebenso Maxentius bereits 306 im biger Christ wie Albert Schweitzer! zil, das der Kaiser 325 in Nicaea aus-
gesamten Westen den Christen wieder richtete, wurde der Arianismus verur-
die Kirchen; der Altkaiser Galerius zog Die constantinische Wende be- teilt, wurden eine Kirchenordnung und
311 im Osten nach und forderte die steht somit allein darin, dass der Kaiser ein verbindliches Glaubensbekenntnis
Christen auf, für das Wohl des Reiches sich selbst 312 offen zu Christus bekannt beschlossen. Das darin verwendete
zu beten. Insofern beginnt die Toleranz und nach seinem Sieg die Kirche mit der Schlüsselwort homo-ousios („wesens-
bereits unter heidnischen Kaisern, nicht Staatsmacht und Staatsgeld unterstützt gleich“) für das Verhältnis zwischen
erst 312 oder gar 313 in Mailand. hat. Im großen Stil wurden Gotteshäuser Gottvater und Christus beruht auf einer
Was aber wäre geschehen, wenn Con- gebaut. Die von Constantin gestiftete La- persönlichen Eingebung und Anord-
stantins Experiment mit dem Christo- teranbasilika in Rom hat den Bautypus nung des Kaisers. Er verlieh den Be-
gramm misslungen wäre, wenn an der der kaiserlichen Palasthalle, der Trierer schlüssen Gesetzeskraft; widerstreben-
Milvischen Brücke nicht er, sondern Aula Palatina, übernommen und so die de Bischöfe erhielten Berufsverbot und
Maxentius gesiegt hätte? Fraglos hätte rechteckig-apsidiale Form des Gottes- mussten in die Verbannung gehen. Das
der von Maxentius geduldete Papst Mil- hauses bis ins 20. Jahrhundert geprägt. „wesensgleich“ verblieb im Credo. Den-
tiades auch dessen Sieg als Willen des Mit der neuen Religionspolitik aber noch ist zu vermuten, dass die allermeis-
Himmels ausgegeben und erklärt, Gott setzten zugleich die Maßnahmen gegen ten heutigen Christen beider Konfessio-
hätte dem Heuchler Constantin, dem Heiden ein. Im Orient wurden Tempel nen Jesus nicht für gottgleich halten und
Mörder Maximians, die gerechte Ver- zerstört und ihre Schätze eingezogen. insofern heimliche Arianer sind. Die
geltung zuteilwerden lassen und ihn Den Anfang machten die Heiligtümer Formel für die beiden Naturen in Chris-
dafür bestraft, dass er mit dem christli- mit Sakralprostitution, die dem christ- tus, die göttliche und die menschliche,
chen Panier dem Willen Gottes vorge- lichen Sittenkodex widersprachen. die 451 in Chalkedon als „unvermischt
griffen, sein heiliges Zeichen zu magi- Gleichzeitig ging Constantin gegen Ket- und ungetrennt“ bestimmt wurden, gilt
schen Zwecken verwendet und damit zer vor. Das Christentum, das die För- indessen noch für alle Konfessionen.
gegen das Zweite Gebot verstoßen habe: derung des Staates genoss, verhielt sich Als kluger Staatsmann hat Constantin
„Du sollst den Namen des Herrn, deines anderen Glaubensrichtungen gegenüber laviert. Trotz erkennbarer Begünstigung
Gottes, nicht missbrauchen, denn der unduldsam, auch wenn sie auf demsel- von Christen finden wir Heiden weiter
Herr lässt den nicht ungestraft, der sei- ben biblischen Boden wie die römische in hohen Stellungen – schließlich bilde-
nen Namen missbraucht.“ Gott habe, so Kirche standen. In der Provinz Africa te das Christentum, zumal in der Ober-
hätte Miltiades sicher hinzugefügt, den wurden Donatisten, in Ägypten Mele- schicht, nur eine Minderheit. Aus dem
Maxentius für seine christenfreundli- tianer verfolgt – beides Bewegungen, die Kaiserkult tilgte Constantin lediglich das
che Toleranz belohnt. übliche Weihrauchopfer. Kaiserpriester
Schließlich hat Constantin nicht ge- gab es nach wie vor; alles, was den Kai-
siegt, weil er gottbegnadet war, sondern ser betraf, vom Kaiser kam, dem Kaiser
er wurde deswegen für gottbegnadet ge- gehörte, war sanctus (geweiht), sacer
halten, weil er gesiegt hat. Da auch der (heilig), ja divinus (göttlich). Altgläu-
Monotheist Licinius im Osten bis zum bige Traditionen wurden christiani-
Konflikt mit Constantin dem Chris- siert. Das Gesetz von 321, das den
tentum eher wohlgesinnt war, wäre nach dem Planetengott Sol benann-
die bisherige Ausbreitung des neuen ten Sonntag zum Feiertag erklärte,
Glaubens, diese expansive Massen- begünstigte den christlichen Got-
bewegung, auch ohne Constantin tesdienst, erwähnt ihn aber mit kei-
weitergegangen, nur nicht so schnell. nem Wort. Der Geburtstag des Un-
Die constantinische Wende voll- besiegten Sonnengottes zur Winter-
zog sich somit in der Zeit einer bereits sonnenwende am 25. Dezember er-
erreichten Toleranz. Die vielerörterte scheint jetzt im Festkalender als Ge-
„constantinische Frage“, ob der Kaiser burtstag Jesu. Anscheinend wurde das
DANIEL / INTERFOTO

die Christen aus Berechnung oder aus Weihnachtsfest erst am Hof begangen,
Überzeugung gefördert hat, ist keine ehe es sich in der Kirche durchsetzte.
echte Alternative. Beides trifft zu, doch Standarte Constantins mit Chris- Das dauerte lange; Augustinus kannte
lässt sich das Gewicht der einander er- tusmonogramm (Denar, um 330) es schon, aber feierte es noch nicht.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 115


DIE CHRISTLICHE WENDE

Constantin bekehrte seine Mutter lassen, dass er die bisher dauerhafteste die Position von Generalissimi einrich-
Helena zum Christentum und entsand- Staatsform in der Geschichte Europas tete, die später in Gestalt von Stilicho,
te sie zum Kirchenbau ins Heilige Land. geschaffen hat. Sie hat sich, in konstitu- Rikimer und Odoaker die Macht über-
Die Grabeskirche in Jerusalem, die Ge- tioneller Form, in England und den nor- nahmen. Gewiss erinnerte sich der ger-
burtskirche in Bethlehem und die Basi- dischen Ländern bis heute gehalten. manenfreundliche Constantin daran,
lika an der Eiche Abrahams bei Mamre In seiner langen, über 30-jährigen dass der Stimmführer bei seiner eige-
erheben sich auf vorchristlichen Kult- Regierungszeit konnte der Kaiser die nen Erhebung in Britannien 306 ein
plätzen. Helena wurde nie getauft, den- von den äußeren Germanen bedrohten Alemannenfürst im römischen Solde na-
noch galt sie früh als Heilige. Die Le- Grenzen sichern und die Reformen Dio- mens Crocus gewesen war und dass er
gende schrieb ihr die wunderbare Auf- kletians vollenden. Damit bescherte er den Sieg an der Milvischen Brücke 312 in
findung des wahren Kreuzes Christi zu. dem wankenden Imperium noch eine erster Linie seinen germanischen Söld-
Constantin ließ auch seine Kinder letzte Blütezeit, die Spätantike. Ihr Ende nern zu verdanken hatte.
christlich erziehen, und damit begrün- im 5. Jahrhundert durch die Germanen Epochale Bedeutung hatte es, dass
dete er die christliche Erbmonarchie von im Reichsinnern hat er freilich unab- der Herrscher Byzanz zum Neuen Rom
Gottes Gnaden. Freilich handelt es sich sichtlich gefördert, indem er ihnen die im Osten erkor. Die über tausendjährige
auch um einen Gott von Kaisers Gna- Offizierslaufbahn öffnete und durch das byzantinische Geschichte ist ohne Con-
den. Der Neid aber muss es Constantin neugeschaffene Amt des Heermeisters stantin nicht denkbar. Von Byzanz aus
gelangte das Christentum in der ortho-
doxen Form nach Osteuropa. Dort gilt
auch Constantin als Heiliger und wird
meist zusammen mit seiner Mutter
Helena verehrt. Die Taufe nahm er erst
337 in Kleinasien auf dem Totenbett, um
von Sünden reingewaschen vor den
himmlischen Richter zu treten. Con-
stantin musste nicht auf das Jüngste Ge-
richt warten: Münzen nach seinem Tode
zeigen seine Himmelfahrt auf einem
Viergespann, dem sich die Hand Gottes
aus den Wolken entgegenstreckt.

Der Übergang Constantins in den


Osten steht auch hinter der Silvesterle-
gende und der sogenannten Constanti-
nischen Schenkung. Diese erfolgreichste
aller Geschichtsfälschungen entstand im
8. Jahrhundert in der päpstlichen Kurie
in Rom. Es heißt, dass Constantin sich
als Dank für die Heilung vom Aussatz
durch Papst Silvester zu Rom habe tau-
fen lassen und ihm und seinen Nachfol-
gern das Westreich abgetreten habe, ehe
er sich aus Respekt vor dem Stellvertre-
ter Christi nach Byzanz zurückzog. Dar-
auf stützte sich dann der Anspruch der
Päpste auf weltliche Herrschaft, deren
Rest der heutige Vatikanstaat ist.
Aber nicht nur die Päpste haben sich
das Erbe Constantins zunutze gemacht.
Seine Bedeutung für das christliche Eu-
ropa zeigt sich in zahllosen Sagen und
Zitaten, in Denkmälern und Kunstwer-
ken. Gerade die Schlacht an der Milvi-
schen Brücke mit der Kreuzesvision des
gottseligen Kaisers Constantin, eine
Constantins Palasthalle Sternstunde der katholischen Kirchen-
RUGGERO VANNI / CORBIS

in Trier, die „Aula geschichte, bot für Maler seit der Re-
Palatina“, wurde naissance ein dankbares Sujet. Ende des
prägend für den 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts
Bautypus von Kirchen. häufte sich die Darstellung des Themas;
allein aus Rom sind fünf Beispiele be-
kannt. Sie dienten im Zeitalter der Ge-

116 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


In der historischen Wirkung übertrifft Constantin sogar
Karl den Großen, der Europa die erste staatliche Ordnung gab.
genreformation überwiegend als Selbst- Geschichte, sondern den der Silvester- sahen in Constantin einen Totengräber
vergewisserung der apostolischen Kir- legende. Dante sah im Kaisertum ein des Römischen Reiches und der antiken
che, so der einschlägige, 1622 entstan- Amt von Gottes, nicht von Papstes Gna- Kultur überhaupt, hatte er doch für de-
dene Entwurf von Rubens für eine Ta- den. Das meinte ja auch Constantin ren Erben die Bahn gebrochen – für die
pisserie, die Ludwig XIII. von Frank- selbst. 1440 erwies Laurentius Valla die Kirche, die Germanen und die Byzan-
reich in Auftrag gab und dem Kardinal Unechtheit der Constantinischen Schen- tiner. Die mit diesem Sichtwechsel
Francesco Barberini schenkte. kung; von kirchlicher Seite wurde sie entstandene Distanz zu Constantin und
1863 durch den großen katholischen seiner Größe erlaubt uns heute ein ab-
Auf Constantin beriefen und be- Theologen Ignaz Döllinger zugegeben, gewogenes Urteil, wenngleich sich die
zogen sich Herrscher aller Art: Päpste der freilich 1871 exkommuniziert wurde. Gegensätze noch nicht völlig abge-
und Zaren, Kaiser und Könige, aber auch Die Tiara, die Constantin dem Papst ver- schliffen haben. Vielleicht hält gerade
deren Gegner und Nachfolger, denken liehen haben soll, hat erst Paul VI. im das die Diskussion lebendig.
wir nur an Roms revolutionären Volks- Jahre 1964 abgelegt. Der Geschichtsphilosoph Hegel rech-
tribun Cola di Rienzo. Er legitimierte Die protestantische Kritik an Con- nete Constantin zu den sogenannten Ge-
sich 1347 als Novus Constantinus durch stantin beginnt nicht schon mit Luther, schäftsführern des Weltgeistes, denen
die Ritterweihe in Form einer Taufe in der den Kaiser als Christenfreund noch es obliege, durch ihre subjektiven Lei-
eben jener grünen Porphyrwanne, in der ganz positiv sah, aber sie setzte ein mit denschaften die objektiven Aufgaben der
Constantin durch Papst Silvester getauft Luthers Nachfolgern. Die constantini- Zeit zu lösen. Dazu gehört Einsicht, das
worden sein soll – sie befindet sich heu- sche Verbindung von erfordert Willenskraft.
te im Baptisterium bei der Hauptkirche Politik und Religion, die Beides besaß Constan-
San Giovanni in Laterano – und durch Verkirchlichung des tin, als er die im Chris-
die Krönung mit einem Kranz aus Kräu- Staates und die Ver- tentum wirkende Stär-
tern, die auf dem Triumphbogen Con- staatlichung der Kirche, ke erkannte, sie nutzte
stantins gewachsen waren. schien für beide Teile und förderte. Er setzte
Der einstweilen letzte Nachfolger bedenklich, ja verderb- sich an die Spitze der
Constantins war Mussolini. Dessen lich. Den von Constan- unaufhaltsam vordrin-
Machtergreifung durch den „Marsch auf tin, dem katholischen genden Christianisie-
Rom“ 1922 wurde nicht zufällig „miles Christianus“ rung und führte sie zum
nachträglich auf den 28. Oktober datiert, (christlichen Streiter), Erfolg. Dass er dabei
obschon er an jenem Tage gar nicht erstmals praktizierten über Leichen gegangen
stattgefunden hat. Die gegenteilige Be- Religionskrieg führten ist, dass während der
hauptung war faschistische Propagan- unter Berufung auf ihn folgenden Jahrhunder-
da. Sie wurde dadurch unterstrichen, Ludwig XIV. gegen die te im Namen des Chris-
dass der Duce den Aufmarsch zur Ein- Hugenotten und Ferdi- tentums schreiendes
weihung der Via dell’Impero in Rom, nand II. im Dreißig- Unrecht begangen wur-
der heutigen Via dei Fori Imperiali, 1932 jährigen Krieg gegen de, ist weder zu ver-
wiederum auf den 28. Oktober verlegte. die Protestanten. 1620 schweigen noch zu be-
Diese neuangelegte Paradestraße, beid- erschien ein gegen die Karl der Große schönigen. Aber es
seitig flankiert von riesigen Wandbil- böhmischen Protestan- (Gemälde von entwertet keineswegs
dern, die das Wachstum des alten und ten gerichtetes Flug- Albrecht Dürer, 1512) die beispiellosen kul-
des neuen Römerreiches zeigten, führte blatt, das den Habsbur- turellen und sozialen
vom Palazzo Venezia mit dem Redner- ger auf seinem Thron entschlummert Glanzleistungen des Christentums in der
balkon des Duce über die Kaiserforen zeigt, während ihm im Traum die Kreu- Geschichte des Abendlandes, weder die
zum Kolosseum und zum Constantins- zesfahne Constantins erscheint mit der grandiosen Kathedralen noch die se-
bogen, vor dem eine im Wege stehende Beischrift „in hoc signo vince“ – „In die- gensreichen Hospitäler, weder die
Brunnenruine 1936 abgerissen wurde. sem Zeichen siege!“ Dies aber misslang. h-moll-Messe Bachs noch die Francke-
Der Grundriss ist heute im Straßenpflas- Stattdessen brachte der Glaubenseifer sche Stiftung oder das internationale
ter wieder sichtbar. unendliches Elend über Deutschland. Kolpingwerk. Der moderne Sozialstaat
Was immer wir über Constantin als Constantins Konzept einer Verbin- ist aus christlicher Wurzel erwachsen.
Mensch und Herrscher denken mögen – dung von Staat und Kirche lockerte sich Licht und Schatten liegen in der Ge-
seine Wirkung übertrifft die von Alexan- mit der Aufklärung. Allmählich trenn- schichte nebeneinander, „unvermischt
der dem Großen und die von Karl dem ten sich Herrschaft und Glauben, und und ungetrennt“ wie die beiden Naturen
Großen. Constantin galt jahrhunderte- eine Resäkularisierung von Staat und Christi im Credo. Unsere Vergangenheit
lang als Heldengestalt, doch gab es Gesellschaft trat ein. Doch erst im sollten wir differenziert beurteilen, wir
auch stets kritische Stimmen. Der An- 19. Jahrhundert löste sich die Allianz von können sie uns nicht aussuchen; wohl
KEYSTONE

griff Dantes in seiner Schrift über die Thron und Altar. Der Politik hat die His- aber können, ja müssen wir die Zukunft
Monarchie traf nicht den Constantin der torie vorgearbeitet: Voltaire und Gibbon gestalten.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 117


CHRONIK 324 BIS 476

DER NIEDERGANG
324 net, verpassen ihm Ge- näre gegen die Westgoten. Augustinus wird Bischof in
Constantin bereitet seinem schichtsschreiber den Auch Kaiser Valens stirbt der Provinz Africa.
Mitkaiser Licinius, mit dem Beinamen Apostata (der im Gefecht.
er seit 314 verfeindet ist, Abtrünnige). Julian stirbt 402
schwere Niederlagen; bis 363 an den Folgen einer 379 bis 395 Ravenna wird Haupt-
zu seinem Tod regiert er Verwundung im Kampf Theodosius regiert bis 394 residenz des weströmi-
fortan als Alleinherrscher gegen die Perser. als Kaiser des Ostreiches schen Reiches.
im Gesamtreich. und dann für einige Mona-
364 te im gesamten Imperium 406
330 Nachdem Kurzzeit-Kaiser – zum letzten Mal. Die Vandalen dringen tief
Die neue Hauptstadt Kon- Jovian als Christ die Politik nach Gallien vor, ziehen
stantinopel (Byzanz) wird seines Vorgängers revi- 382 dann weiter auf die
feierlich eingeweiht. diert hat, ergreift das Bru- In einem Friedensvertrag Iberische Halbinsel.
derpaar Valentinian und mit den Goten erkennt
337 410
Constantin lässt sich auf Die Westgoten unter Ala-
dem Totenbett taufen. Tes- rich erobern Rom – trotz
tamentarisch hat der Mon- der relativ milden Plünde-
arch das Reich unter drei rung ein Kulturschock für
Söhnen aufgeteilt: den viele Reichsrömer.
Westen für Constantinus,
den Osten für Constantius, 429
Italien für Constans. Die Vandalen unter Geise-
rich überqueren die Straße
355 von Gibraltar und erobern
Julian, Sohn von Constan- die Provinz Nordafrika, die
tins Stiefbruder, wird von Kornkammer Roms.
Constantius zum Caesaren
ernannt, erhält das Kom- 451
mando über Gallien und Letzter Sieg Westroms:
verteidigt die Rheingrenze. Auf den Katalaunischen
356 erobert er Köln von Feldern (nahe dem heuti-
den Franken zurück. Die Vandalen plündern Rom. gen Châlons-sur-Marne)
(Phantasie-Holzstich des 19. Jahrhunderts) schlägt Aëtius die Hunnen
361 Attilas.
Nachdem Constantius, Valens die Macht im Wes- Theodosius deren gewach-
dem Julian zu mächtig ge- ten und Osten des Reiches. sene Macht an: Sie dürfen 455
worden ist, große Teile von sich als „Foederati“ (Ver- Rom wird von den Vanda-
dessen Armee für den 374 bündete) autonom im Rö- len geplündert; sie zer-
Krieg gegen die Perser an- Ambrosius, geboren in Trier, mischen Reich ansiedeln. stören auch den Jupiter-
gefordert hat, erheben Ju- wird Bischof von Mailand. tempel auf dem Kapitol.
lians Truppen diesen zum 391
Augustus. Bevor es zur 375 Theodosius erhebt durch um 472
Schlacht gegen Constan- Die Hunnen aus Mittelasien das Verbot nichtchrist- Preisgabe der Provinzen
tius kommt, stirbt dieser. besiegen nördlich des licher Kulte das Christen- Gallien und Spanien.
Schwarzen Meers die Go- tum zur Staatsreligion.
362 bis 363 ten; ihr Vorrücken ändert 476
Herrschaft des gebildeten Europas Machtbalance, 395 Der germanische
Kaisers Julian, der viele Roms Bedrohung wächst. Nach dem Tod von Kaiser Heermeister Odoaker
S.110: INTERFOTO; S.112: AKG

Schriften hinterlässt. Weil Theodosius wird das Reich setzt Kaiser Romulus
er das Christentum be- 378 unter dessen Söhnen Ho- („Augustulus“) ab: Ende
kämpft und Tempel der al- Bei Adrianopel fallen norius (West) und Arca- des Weströmischen
ten Religion wiedereröff- 20 000 römische Legio- dius (Ost) geteilt. Aurelius Reiches.

112 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


Das Konzil von Nicaea
in einer Renaissance-
Darstellung
(Fresko von Cesare
Nebbia im Vatikan)

Kaum war das Christentum Staatsreligion, begannen Richtungskämpfe


innerhalb der Kirche. Aber die Kontroversen um Dreieinigkeit und
Erbsünde schufen ein theologisches Fundament für viele Jahrhunderte.

Im Namen Gottes
Von MISCHA MEIER

D
as Imperium Romanum in maximal zehn Prozent der Reichsbe- Herrschaft Julians (361 bis 363) – eben-
der Spätantike ist geprägt völkerung stellten, innerhalb eines knap- falls Christen waren, förderte die Aus-
vom Christentum. Das pen Jahrhunderts gelungen, eine domi- breitung der Kirche gewiss noch weiter.
klingt simpel, ist aber von nierende Rolle einzunehmen? Ohne Aber ohne die Anziehungskraft, die das
enormer Bedeutung: Erst Zweifel hat die Entscheidung Konstan- Christentum in jener Zeit auf breitere
auf dieser Grundlage konnte es im 6. und tins (306 bis 337), sich unter den Schutz Bevölkerungsgruppen ausgeübt haben
7. Jahrhundert zu jenem tiefgreifenden des christlichen Gottes zu stellen und muss, hätte all dies nicht so verlaufen
Wandel kommen, der allgemein als Be- dessen Anhängern dann immer mehr können.
ginn des Mittelalters gilt. Vorrechte einzuräumen, entscheidende Offenkundig war im 4. Jahrhundert
Wie war es einer religiösen Minder- Wirkung gehabt. Dass alle nachfolgen- die Stunde des Christentums gekommen.
heit, deren Angehörige um das Jahr 300 den Kaiser – abgesehen von der kurzen Um 300 hatte es sich noch in der Defen-

118 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


sive befunden; um 400 dagegen mussten alten Glauben blieben – etwa in Geset- an dieser für Zeitgenossen geradezu
die Altgläubigen, die noch die römischen zestexten –, muss man den rhetorischen apokalyptischen Katastrophe trug. Sie
Götter verehrten, bereits ihre Positionen Charakter der Zeugnisse in Rechnung fanden ihren Widerhall beispielsweise
gegenüber den zunehmend intoleranten stellen. Erst in der späten Regierungs- in dem Geschichtswerk des Orosius (ge-
Maßnahmen christlicher Ei- zeit von Kaiser Theodosius I. storben nach 418), dem ersten Gesamt-
ferer verteidigen. MISCHA (379 bis 395) wuchs der entwurf einer christlichen Weltge-
Allerdings drehten die MEIER Druck von oben. Immer noch schichte, und in Augustins (354 bis 430)
Christen den Spieß nicht ein- aber entschied im Einzelfall monumentalem theologischem Haupt-
fach um. „Heidenverfolgun- Der Historiker meist, was Amtsträger in werk „De civitate dei“ („Vom Gottes-
gen“ kamen zwar vor – selbst lehrt Alte Ge- Stadt und Provinz, die jeweils staat“) – beides Schriften, die eine enor-
im späten 6. Jahrhundert schichte an der in eigene Loyalitätsnetze ein- me Wirkung im Mittelalter entfalten
noch –, aber sie waren die Universität Tü- gebunden waren, aus den sollten.
Ausnahme, regional begrenzt bingen. Meier, 37, Vorgaben machten.
und von geringer Wirkung. ist Experte für Schon im 4. Jahrhundert Die eigentlichen Probleme aber
Sicher gab es immer wieder die Spätantike zeichnete sich jedenfalls klar schufen sich die Christen selbst. Als mit
wüste Ausschreitungen, Tem- („Justinian. Herr- ab: Hauptgegner der Chris- dem Ende der Verfolgungen seit 311 der
pelzerstörungen, Lynchmor- schaft, Reich und ten waren nicht die verblie- Zwang entfiel, dem übermächtigen Geg-
de und Ähnliches, aber letzt- Religion“, 2004). benen Anhänger der heidni- ner gemeinsam die Stirn zu bieten, bra-
lich blieb es bei Einzelfällen. schen Kulte. chen unter den Christen Grabenkämpfe
Die römischen Kaiser jedenfalls ver- Sicherlich, Auseinandersetzungen auf, die in immer neuen Verästelungen
suchten zunächst sehr maßvoll mit den mit ihnen gab es weiterhin, und mitun- die gesamte Spätantike prägen sollten.
Altgläubigen umzugehen, von denen vie- ter strahlte ein solcher Zwist auch weit Die Phase vom 4. bis zum 7. Jahrhun-
le auch weiterhin hohe Ämter bekleide- aus. Als etwa im Jahr 410 Alarichs West- dert kennt keine homogene christliche
BPK / SCALA

ten und Ehrentitel erhielten. goten Rom eroberten, kam es zwischen Kirche, sondern wirkt auf den ersten
Wenn mitunter ausgesprochen abfäl- Christen und Altgläubigen zu erbitterten Blick wie eine verwirrende Kette wilder
lig über die gesprochen wurde, die beim Kontroversen darüber, wer die Schuld und chaotisch anmutender Auseinan-

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 119


DIE CHRISTLICHE WENDE

dersetzungen und blutiger Fehden, die – Kirchenvater Athanasios (Ikone ben 397), Kaiser Theodosius zu einem
wie etwa der Kirchenvater Gregor von von 1861, heute im Kathedralmu- öffentlichen Bußakt zu zwingen; Am-
Nyssa (um 335 bis 394) einmal ironisch seum Sofia); Brechung des Brots brosius war es auch, der in verschiede-
übertreibend anmerkt – selbst die Ge- unter Christen (Fresko in der nen Schriften kaiserliche Kompetenzen
spräche in Läden, Bäckereien und Bade- Priscilla-Katakombe, um 190, Rom) von denen der Bischöfe zu trennen ver-
anstalten der Städte bestimmten. suchte. Unter anderem darauf konnte
grenzen. Immerhin waren die Kaiser später der römische Bischof Leo der
In der Tat haben in der Spätantike traditionell als Oberpriester (pontifices Große (440 bis 461) die erste konzise
Probleme, die heute als theologische De- maximi) auch für religiöse Angelegen- Theorie des Papsttums errichten. Sie
tailfragen angesehen würden, die Mas- heiten zuständig; das blieben sie eben- schuf wiederum die Grundlage für die
sen bewegt. Weshalb? Zum einen ver- falls in der christlichen Spätantike. Als sogenannte Zweigewaltenlehre, mit der
bargen sich hinter dem scheinbaren von Gott eingesetzte Herrscher über ein Papst Gelasius I. im Jahr 494 den oströ-
Kleinkram elementare Fragen des Imperium, das als Nachbildung des mischen Kaiser Anastasios (491 bis 518)
christlichen Heilsverständnisses. Zum himmlischen Gottesreiches verstanden in die Schranken zu weisen versuchte.
anderen waren individueller Glaube, ge- wurde (so sagt es zum Beispiel Eusebios Im Osten stießen derartige Versuche
lebte Frömmigkeit und intensive reli- von Caesarea, einer der bedeutendsten meist auf Unverständnis. Kaiser Justi-
giöse Praxis um diese Zeit etwas sehr Theologen und Geschichtsschreiber des nian (527 bis 565) etwa fand es selbst-
Wichtiges: Erste christliche Klosterge- 4. Jahrhunderts), hatten sie über die Re- verständlich, dass der weltliche Herr-
meinschaften und Mönchssiedlungen ligion und das Leben der christlichen scher auch die Priester beaufsichtigte;
entstanden, Eremiten zogen in die Wüs- Bevölkerung zu wachen – in der Regel immer wieder setzten oströmische Kai-
ten, und wundertätige Heilige Männer war es allen damit ernst, so dass der Kai- ser hochrangige Bischöfe und Patriar-
(und Frauen) verzückten in wilder As- ser sich auf seine Vorbildrolle verpflich- chen ab. Dieses Phänomen „Caesaro-
kese vor den Siedlungen die Gläubigen. tet sah. Mehr noch: Dass der Kaiser im- papismus“ zu nennen ist irreführend –
Das alles fiel auf fruchtbaren Boden, mer wieder in innerkirchliche Belange der Begriff lässt außer Acht, dass die
der nicht erst durch das Christentum eingriff, war geradezu selbstverständ- Kaiser im Osten stark von den Bischöfen
OSKAR POSS / ULLSTEIN BILD (L.); GRANGER / ULLSTEIN BILD (R.)

bereitet wurde. Lebensformen christli- lich, ja vielfach auch erwünscht. abhängig waren. Nur die Bischöfe konn-
cher Askese entstanden vielmehr in ei- Widerspruch gegen dieses komplexe ten Massen mobilisieren; das aber be-
ner Atmosphäre, die dem Religiös-Spi- Rollenbild, das den Kaisern stets takti- schwor für die Herrscher mitunter
rituellen ohnehin weitaus größere Be- sche Gratwanderungen abverlangte, reg- höchst gefährliche Situationen herauf.
deutung einräumte, als etwa noch für te sich nur selten, vor allem im Westen: Die enge Verflechtung zwischen Staat
die frühe Kaiserzeit bekannt ist. Jetzt, Dort gingen angesichts der schwinden- und Kirche in der Spätantike zeigt sich
in der Spätantike, wurden die Angebote den Macht des Kaisertums immer mehr auch daran, dass die Kaiser ganz selbst-
der neuen Religion begierig aufgesogen. Aufgaben an kirchliche Würdenträger, verständlich Konzilien einberufen und
Hinzu kommt schließlich, dass sich besonders den Bischof von Rom, über. ihnen sogar vorsitzen konnten. Vor al-
religiös-kirchliche und politische Sphä- Ohnehin war man hier traditionell stär- lem die ersten fünf sogenannten Öku-
re engstens durchdrangen – besonders ker zwischen Ämtern, Funktionen und menischen Konzilien haben in der Ge-
im Osten des Reiches. Was heute Staat Personen zu unterscheiden gewohnt. schichte der Alten Kirche Epoche ge-
und Kirche heißt, lässt sich für diesen So gelang es etwa im Jahr 390 dem macht. Roter Faden in den Debatten der
Zeitraum nicht klar voneinander ab- Mailänder Bischof Ambrosius (gestor- Konzilsteilnehmer waren die großen

120 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


Kontroversen innerhalb der Glaubens- früh an in zwei Lager: Die eine Seite sah sche Linientreue zu erzwingen. Aber
lehre. Der dogmatische Konflikt lief in Göttlichkeit und Menschlichkeit in alle Brutalität, selbst die Misshandlung
zwei Hauptphasen ab: In der ersten, dem Christus zu einer Natur (mia physis) ver- und Internierung des Papstes, half
trinitarischen Streit, ging es darum, wie einigt, wobei die göttliche die menschli- nichts; auch Glaubensedikte blieben bei
sich Einheit und Dreiheit im christlichen che Natur gleichsam in sich aufgenom- aller Gesetzesmacht umstritten. Bis weit
Gottesbegriff zusammendenken lassen, men habe. Gegen diesen „Miaphysitis- ins byzantinische Mittelalter hinein soll-
in der zweiten, christologischen, stand mus“ – polemisch überspitzt: „Mono- te der Disput um die Natur Christi im-
dann die göttliche oder menschliche Na- physitismus“ – wandten sich diejenigen, mer wieder aufbrechen.
tur des Erlösers im Mittelpunkt. die eine Vermischung beider Naturen Im Osten wurden diese Kontrover-
ablehnten (Dyophysitismus oder Zwei- sen viel erbitterter ausgetragen als im
Das trinitarische Problem hatte naturenlehre). Westen. Wohl meldete sich der Kir-
der alexandrinische Presbyter Arius (ge- Der Streit wurde handfest, als Nesto- chenvater Augustin in trinitarischen
storben um 336) aufgeworfen: War rios, der Patriarch von Konstantinopel Fragen zu Wort; auch Leo der Große
Christus, der Sohn Gottes, tatsächlich (gestorben um 451), einen pointierten und die Päpste während des großen
ebenso ungeschaffen und zeitlos wie Dyophysitismus zu predigen begann. Schismas schalteten sich rege in die
Gottvater selbst oder nicht vielmehr des- Nestorios ging dabei so weit, dass Maria christologischen Debatten ein. Aber in
sen Geschöpf? Wer ihn als bloßes Ge- nicht mehr Gottesgebärerin (theotokos) der Mehrzahl fehlte den westlichen
schöpf betrachtete, musste zu weitrei- heißen dürfe: Sie habe ja nur einen Men- Theologen die nötige philosophische
chenden Folgerungen kommen: Christus schen – wenngleich einen besonderen – Vorbildung – und im Osten wurde die
blieb in diesem Fall Gott untergeordnet geboren. Diskussion auch immer wieder da-
– in der Trinität brach damit ein Rang- Zwar wurde Nestorios auf dem drit- durch angeheizt, dass die geistlichen
unterschied auf, und auch das Erlö- ten Ökumenischen Konzil von Ephesos Hochburgen Antiochia, Alexandria und
sungswerk wurde entwertet. (431) verurteilt. Aber der Streit war Konstantinopel ihre Rivalitäten auf
Das gesamte 4. Jahrhundert hindurch damit keineswegs beigelegt, denn nun theologischem Feld austrugen.
wurde hitzig um die Frage gerungen. versuchten die Miaphysiten, ihre Über- Trotzdem gab es auch im Westen Sor-
Arius und seine Anhänger fanden in zeugung vollends durchzudrücken. gen, vor allem um die Stellung des Men-
Athanasios (gestorben 373), dem wort- Hardliner wie der Mönch Eutyches aus schen zu Gott. Um sie ging es wesentlich
gewaltigen Bischof von Alexandria, ei- Konstantinopel oder der alexandrini- in der großen Auseinandersetzung zwi-
nen erbitterten Gegner, der sich sogar sche Patriarch Dioskoros beriefen sich schen Augustin und seinem Widersa-
mit Herrschern anlegte und mehrfach in auf theologisch hochgebildete Vermitt- cher Pelagius. Während der Kampagne
die Verbannung gehen musste. Es ging ler wie Kyrill von Alexandria – doch mit gegen dessen Anhänger schärfte und
um einiges, da nicht nur einzelne Kaiser den Anhängern der Zweinaturenlehre, verfeinerte Augustin seine Lehre von
wie Constantius II. (gestorben 361) oder die obendrein auch von Rom verfoch- der göttlichen Gnade und der Erbsünde
Valens (gestorben 378) Sympathien für ten wurde, war keine Einigung zu errei- so weit, dass das Resultat grundlegende
die „arianische“ Haltung zeigten. Die
germanischen Neuankömmlinge, die sich
im Zuge der beginnenden Völkerwande- Jeder „echte“ Römer war nun
rung auf Reichsgebiet ansiedelten, wur-
den weitgehend nach „arianischen“ Vor- selbstverständlich ein frommer Christ.
stellungen missioniert – was das Ver-
hältnis zwischen Römern und Germa- chen. Die Kompromissformel, die auf Bedeutung für die mittelalterliche Theo-
nen bald zusätzlich komplizieren sollte. dem vierten Ökumenischen Konzil von logie gewann.
Denn auf den Synoden von Nicaea (325) Chalkedon (451) gefunden wurde, war
und Konstantinopel (381), den beiden zwar ein Meisterstück der Diplomatie, Eines war am Ende der Spätantike
ersten Ökumenischen Konzilien, wurde aber der Zwist schwelte fort. klar: Jeder „echte“ Römer war selbstver-
der sogenannte Arianismus zurückge- Schlimmer noch: Der Streit um Chal- ständlich auch ein frommer Christ.
drängt und verlor daraufhin für Römer kedon führte zum ersten großen Schisma Gleichzeitig bildeten sich in dieser Phase
stark an Bedeutung. Christus galt fortan der Kirchengeschichte. Von 484 bis 519 endgültig die kirchlichen Hierarchien und
als wesensgleich (homo-ousios) mit Gott. gingen Rom und der Osten getrennte Ämterstrukturen heraus, die weit in das
Prompt aber führte diese Lehre zum Wege, bis sich endlich Konstantinopel Mittelalter hinein gültig bleiben sollten.
nächsten, dem christologischen Streit: unter den Kaisern Justin I. (518 bis 527) Nicht zuletzt haben sich die erbittert
Jetzt stand das Verhältnis von mensch- und Justinian den päpstlichen Forderun- geführten innerchristlichen Kontrover-
licher und göttlicher Natur in Christus gen beugte. Nicht alle machten mit: Dass sen trotz aller Opfer und Zerwürfnisse
zur Debatte. Für die Rechtgläubigkeit es noch heute im Vorderen Orient mia- als ungemein fruchtbar erwiesen. Denn
war das ein mindestens ebenso heikles physitische Sonderkirchen (ebenso wie sie haben zu einer intellektuellen Durch-
Thema, ging es doch nicht zuletzt dar- nestorianische Glaubensgemeinschaften) dringung entscheidender Fragen der
um, wer eigentlich am Kreuz gestorben gibt, war der Preis dieser Einigung. christlichen Heilslehre geführt, auf de-
war – ein Mensch oder ein Gott? Auch ren Ergebnissen auch die moderne
wenn sich dazu während des 5. und In einem letzten Kraftakt ver- Theologie noch aufbaut. Und sie haben
6. Jahrhunderts unzählige Spezial- suchte Justinian schließlich auf dem das theologische Fundament dessen ge-
meinungen bilden sollten, teilten sich fünften Ökumenischen Konzil von schaffen, was heute zum Kern christli-
die Kontrahenten des Disputs doch von Konstantinopel (553), völlige dogmati- chen Glaubens zählt.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 121


Der Kampf um Rom
im Film (1968): Vitigis’
Gotenheer bedrängt
den in der Ewigen
Stadt verschanzten
byzantinischen Feind.

122 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


DIE CHRISTLICHE WENDE

Goten in Italien: Das ist die Geschichte


einer missglückten Integration.
Anstatt mit den Reichsrömern zu
verschmelzen, rieb sich das Reitervolk
im Kampf gegen Byzanz auf.

Pest, Hunger
und Schwert
Von ANNETTE BRUHNS

E
s ist der hohe Wuchs, der gotische Königsgeschlecht der Amaler
den König auszeichnet“, zu legitimieren.
säuselte der römische Lob- Ein Vierteljahrhundert zuvor hatte
redner. „Was bei anderen Byzanz noch gegen die Goten mobilge-
Herrschern die Krone be- macht, um dieses „Gift des Staates“ ein
wirkt, hat meinem König die gottgelei- für alle Mal loszuwerden. Jetzt waren
tete Natur geschaffen. Die Augen strahlen sie Teilhaber des Imperiums. Man hatte
jugendfrisch. Die wohlgestalteten Hände ihnen Italien überlassen, in der Hoff-
teilen Untergang den Rebellen und erbe- nung, auf diese Weise endlich in Frie-
tene Ehre den Unterworfenen aus.“ den mit ihnen zu leben. Doch der währ-
So dick Ennodius, Bischof von Pavia, te bloß eine Generation. Es folgte ein
auch auftrug, völlig losgelöst von den jahrzehntelanger bitterer Krieg, bei dem
Tatsachen war sein Idealbild Theode- am Ende alle verloren.
richs des Großen nicht. Porträts zeigen Im Jahr 238 waren die Goten erstmals
den ersten ostgotischen Herrscher von über die untere Donau ins Römische
Italien tatsächlich mit lang wallenden Reich eingefallen, wo man die unbe-
Haaren und ohne Kopfschmuck, so, wie kannten Eindringlinge mit dem Namen
es Brauch war bei seinem Reitervolk. Im eines lange untergegangenen eurasi-
Jahr 493 zog Theoderich am Regie- schen Steppenvolkes als „Skythen“ be-
rungssitz in Ravenna ein. Kaiser Zeno zeichnete. 20 Jahre später gelangten Go-
schickte ihm aus Konstantinopel die aus tenscharen schon mit einer riesigen Flot-
Rom geretteten Reichskleinodien; ein te über den Bosporus bis zu den Darda-
DEFD

Nachfolger adoptierte ihn sogar, um das nellen. Dort wurden sie weniger von den

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 123


DIE CHRISTLICHE WENDE

Kriegsschiffen der Römer als von der


wilden Ägäis selbst besiegt: Ihre hochsee-
untauglichen Boote sanken, noch bevor
sie versenkt werden konnten.

Seit dieser Zeit tauchen die westli-


chen Goten als „Tervingi“ oder „Vesi“ in
den Quellen auf, die östlichen als „Greu-
tungi“ oder „Ostrogothi“ – Bezeichnun-
gen, die Theoderichs Gotenchronist
Cassiodor später nach den Himmels-
richtungen in Ost- und Westgoten ver-
teilte. Der belesene Römer Cassiodor leg-
te den Ursprung des Volkes auf etwa 1490
v. Chr. nach Skandinavien. Die Archäolo-
gie liefert für diese Behauptung keine Be-
stätigung. Wahrscheinlicher ist es, dass
Goten von Osteuropa aus nach Norden
segelten – etwa zu der schwedischen In-
sel, die noch heute Gotland heißt.
Theoderich (451 bis 526) war Ostgote.
Sein Königsornat hatte sassanidischen,
also persischen Ursprung, schreibt der
Gotenforscher Herwig Wolfram, seine
Vorfahren waren Krieger der iranisch-
türkischen Steppe. Sie jagten mit Raub-
vögeln und praktizierten Schamanismus.
Als gepanzerte Lanzenträger, die hoch
zu Ross kämpften, überwanden sie un-
geheure Entfernungen.
Im 4. Jahrhundert übernahmen die
Goten von den römischen Kaisern den
christlichen Glauben. Um 350 übertrug
Bischof Wulfila die Bibel ins Gotische –
die erste, hochgelobte Verschriftlichung
einer barbarischen Sprache Alteuropas.
Vieles deutet darauf hin, dass die itali-
schen Goten zweisprachig waren: Sie Als guter „Dietrich von Bern“ ging Theoderich der Große in die Sage ein.
beherrschten Gotisch und Latein. (Bronze vom Grabmal Kaiser Maximilians I. in der Hofkirche zu Innsbruck)
Geschichtsschreibung und Literatur
– allen voran Felix Dahn mit seinem wie der deutsche Rom-Historiker Fer- des byzantinischen Feldherrn Belisar,
Bestseller „Ein Kampf um Rom“ (1878), dinand Gregorovius 1859 kopfschüttelnd eindringlich beschrieben, waren für die
der 1968 mit Weltstars wie Orson Welles feststellte. Ihre Herrschaft in Italien, Beteiligten kaum weniger schrecklich
verfilmt wurde – haben das Aufeinan- hieß es, sei gesetzlos, grausam und „des als der Dreißigjährige Krieg. Dabei
derprallen von Römern und Ostgoten zu Geschmackes ganz bar“ gewesen. ließen es beide Seiten an Intrige und
einem Kulturkampf stilisiert. Edle Ger- Wahr ist, dass mit dem Ende der Täuschung nicht mangeln.
manen, von Theoderich dem Großen, gotischen Herrschaft in Italien auch das Acht Jahrzehnte vor Theoderich nah-
der in die Sage als der gute „Dietrich von alte Rom am Ende war. Ebenso ist aber men es die Goten erstmals mit Rom
Bern“ einging, bis zum flachsblonden wahr, dass Theoderich und seine Nach- selbst auf. 410 besiegte Alarich die Ewi-
Superhelden Totila, scheitern an der List folger weit weniger Altertümer demo- ge Stadt. Es war die erste, vergleichs-
und Tücke dekadenter Römer. Wobei lierten als etwa die Vandalen, die 455 weise harmlose Plünderung der antiken
HERBERT KRAFT / BPK (L.); ERICH LESSING / AKG (R.)

diese am Ende – Hochmut kommt vor Rom verwüsteten – was auch daran lag, Metropole seit sehr langer Zeit. Alarich
dem Fall – selbst mit in den Abgrund der dass viele Goten selbst römische Bürger gab dem Heer nur drei Tage, um Beute
Geschichte gerissen werden. waren. zu machen, weibliche Einwohner und
Umgekehrt hielt sich in Italien bis in Fest steht auch: Die letzten Kämpfe die Kirchen ließ er schonen. Aber weil
die Neuzeit das Gerücht, die Goten hät- zwischen Byzanz und den Goten, vom die Goten nach vielen Jahrhunderten
ten Rom und seine Altertümer zerstört, Augenzeugen Prokop, Rechtsbeistand die ersten Eroberer waren, blieb der
Schock mit ihrem Namen verbunden.
„Die Stadt ist bezwungen, die den Erd-
Theoderich gab ein frühes kreis bezwang“, entsetzte sich Kirchen-
vater Hieronymus noch im fernen Bet-
Musterbeispiel religiöser Toleranz. lehem.

124 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


ließ der Gotenkönig zwei römische Se-
natoren, den Philosophen Boëthius und
dessen Schwiegervater Symmachus, we-
gen angeblichen Hochverrats hinrich-
ten, ohne Gerichtsurteil. Diese Untat
verziehen die Römer den Goten nie.
Als Theoderich kurz darauf der Ruhr
zum Opfer fiel, war sein einziger männ-
licher Nachfolger, Enkel Athalarich, erst
zehn. Seine Mutter Amalasuintha, eine
Frau „von durchaus männlicher Denk-
weise“, wie Prokop schreibt, übernahm
kommissarisch die Zügel. Doch der go-
tische Adel begehrte auf. Amalasuintha,
die selbst Griechisch und Latein par-
lierte, erziehe den Thronanwärter „zu
römisch“, hieß es. Athalarichs früher
Tod löste dieses Problem bald.
Nun aber war Amalasuintha selbst
dem Druck ihrer Gefolgsleute ausgesetzt,
die keine Frau auf dem Thron duldeten.
In ihrer Not übergab sie die Krone dem
letzten lebenden Amaler, ihrem Neffen
Theodahad. Der war ein politisch unbe-
darfter Großgrundbesitzer mit einem
Hang zu Luxus und Philosophie.
Doch Theodahad ließ Amalasuintha
entführen und „in einem Bad“, wie die
Gotenchronik festhält, umbringen. In
Dahns Historienroman ergötzt sich
Theodahads eifersüchtige Frau an Ama-
lasuinthas langsamem Ertrinken, im
Film eine neidische Schwester. Dass hin-
ter besonders schändlichen Intrigen
meist eine Frau steckt, war schon für
Prokop ausgemacht: In seinen geheimen
„Anekdota“ rechnete er mit den Damen
Theoderichs Grabmal in Ravenna: Allein der Dach-Monolith am byzantinischen Hof ab. Kaiser Justi-
wiegt etwa 300 Tonnen. nian habe in seiner Theodora keine
Jungfrau geheiratet, keine „Orthotit-
Italien kam nicht zur Ruhe. 476 usur- Die zeigten sich nämlich keineswegs thos“ (mit „Aufrecht-Brüsten“), klagt er,
pierte Odoaker, ein Germane aus den so dankbar, wie man es bei einem Herr- sondern eine verderbte Nutte. Da nun
Reihen des Hunnen Attila, als Anführer scher hätte erwarten können, für den Amalasuintha die Flucht nach Byzanz
eines Söldnerputsches die Herrschaft selbst der Byzantiner Prokop nur Lob erwog, habe die Kaiserin höchstpersön-
im Westen. Byzanz duldete ihn wider- fand: „Nachdrücklich sorgte er für Ge- lich die potentielle Konkurrentin ver-
willig. 493 bot sich die Gelegenheit, zwei rechtigkeit. Seinen Untertanen tat er fast hindert, indem sie zu deren Beseitigung
Probleme auf einmal zu lösen. Das Reich nie ein Unrecht an und ließ es auch von anstiftete.
wurde von den Gotenstürmen wie auch keinem anderen zu.“ Mehr als 30 Jahre Justinian nahm Amalasuinthas Tod
von Odoaker erlöst – durch einen Mann, lang herrschte Frieden in Theoderichs zum Anlass, gegen die führerlos gewor-
der den Römern trotz barbarischer Her- Provinz. Und dennoch kungelten römi- denen Goten zum Krieg zu blasen. Er
kunft relativ nah stand: Theoderich. sche Senatoren mit Byzanz und hetz- schickte seinen besten Heerführer, Beli-
Er war Christ, wenn auch nicht Ka- ten gegen Theoderichs unkatholischen sar, mit einer Vorhut nach Sizilien, um
tholik, sondern Arianer. Darüber hinaus Glauben, wiewohl er selbst ein frühes die Stärke der Goten zu sondieren. Doch
war der Gotenprinz in Konstantinopel Musterbeispiel an religiöser Toleranz in der Kornkammer Italiens traf er kaum
aufgewachsen. Er habe „im Staat der Kai- gegeben hatte. auf Widerstand.
ser mit göttlicher Hilfe gelernt, wie man Daher endete Theoderichs Herr-
gerecht über Römer herrsche“, schrieb schaft so blutig, wie sie begonnen hatte Erst Neapel wehrte sich erbittert.
er. Dass er angeblich Analphabet war und – seinen Nebenbuhler Odoaker hatte er Der verängstigte Geizhals Theodahad
bei Unterschriften zur Schablone griff, einst beim Gastmahl eigenhändig er- aber schickte der Stadt keine Hilfe, und
wie noch Gregorovius verbreitete, ent- stochen und dabei angeblich gerufen: als Belisars Leute durch die Wasserlei-
kräftet Gotenexperte Wolfram als üble „Nicht einmal Knochen hat der Schuft tungen in die Stadt kletterten, fiel sie
Nachrede erboster Untertanen. im Leib!“ Kurz vor seinem eigenen Tod endlich doch.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 125


DIE CHRISTLICHE WENDE

Nach diesem Verlust kürten die Go- misslang: Die Byzantiner bewarfen die Prokop beschreibt die Wut der Einwoh-
ten, enttäuscht über den letzten Ama- Angreifer mit den antiken Statuen. nerinnen: „Die gotischen Frauen jedoch,
ler, ihren Heerführer Vitigis zum neuen Schließlich war Vitigis’ Heer stark denen ihre Männer die Feinde als groß-
König. Theodahad wurde auf der Flucht dezimiert, und in Rom wütete die Pest; gewachsen und zahlenmäßig überlegen
umgebracht. Vitigis wurde „nach Sitte die Goten vor den Toren und die in den dargestellt hatten, spien insgesamt die-
der Väter“ bei gezogenen Schwertern Stadtmauern gefangenen Römer hun- sen ins Gesicht, wie sie alle vor ihren Au-
auf die Schilde gehoben. Danach heira- gerten gleichermaßen. Zudem hatte ein gen in der Stadt herumhockten, und
tete er Theoderichs Enkelin Matasun- byzantinisches Heer die fernen Frauen schimpften sie Feiglinge, indem sie mit
tha. Ob Vitigis dafür seine Frau verließ, und Kinder der vor Rom lagernden Go- den Händen auf die Sieger zeigten.“
wie Dahns Roman beklagt, oder ob Ma- ten in Sklaverei genommen. Entmutigt
tasuntha der unverhoffte Gemahl zu alt entschloss sich Vitigis zum Abzug. Sieger Belisar nahm Vitigis, den Hof-
war: Die letzte amalische Prinzessin war Sein Rückweg nach Ravenna wurde staat und den gotischen Königsschatz
alles andere als froh über einen Bräuti- verlustreich. Überall waren die Lebens- mit nach Konstantinopel. Dort staunte
gam weit unter Stand. Böse Zungen un- mittel inzwischen knapp. In Picenum sei- Kaiser Justinian über die „schönen und
terstellten ihr fortan Kollaboration mit en 50 000 Bauern verhungert, meldet hochgewachsenen Barbarengestalten“.
Doch die unterlegenen Goten in Ita-
lien schmiedeten Rachepläne. Nach ei-
„Alle magerten ab und verloren die nem kurzen Interregnum von Ildibad
wurde der junge Totila gekrönt. Mit die-
frische Gesichtsfarbe.“ sem ersten gotischen Usurpator – auch
Badu(il)a, „der Streiter“, genannt – wen-
dem Feind. Tatsächlich sollte sie später Prokop. „Alle magerten ab und verloren dete sich das Blatt.
einen byzantinischen General ehelichen. die frische Gesichtsfarbe. Bei weiterer Totila gelang es, große Teile Italiens
Da Vitigis zunächst in Ravenna blieb, Verschlimmerung verloren die Menschen wiedereinzunehmen. Dem Charismati-
um mit den Franken, die vom Norden jede Spur von Feuchtigkeit, und die gänz- ker liefen massenhaft Söldner zu – Bar-
einzufallen drohten, Bündnisse auszu- lich ausgetrocknete Haut sah wie Leder baren, Römer, sogar ein hochrangiger Ge-
handeln, zog Belisar ungehindert in Rom aus. Die Leute selbst wechselten von Grau folgsmann Belisars. Byzanz hatte sich mit
ein. Als Erstes ließ er dort die Aquäduk- in Schwarz und glichen völlig abgebrann- hohen Steuern und wenig Sold unbeliebt
te so verschließen, dass bei einer Bela- ten Fackeln.“ Bei Ariminum, dem heutigen gemacht. 545 lagerten die Goten wieder
gerung durch diesen Weg niemand in Rimini, erzählte man sogar von zwei vor Rom. Byzanz schickte erst Belisar,
die Stadt schlüpfen konnte. Frauen, die in ihrer Not 17 Durchreisende dann dessen Konkurrenten, den armeni-
Vitigis zog nun mit einem riesigen Heer aufgegessen hätten. schen Eunuchen Narses, mit zwei Heeren
vor Rom – Prokop spricht von 150 000 Auch Mailand fiel durch die Auszeh- los. Diesmal aber machte der Hunger
Mann. In den nächsten 13 Monaten zählt rung; 300 000 Männer wurden getötet, Rom zur leichten Beute. Die Menschen
er 69 blutige Schlachten. Berühmt wurde die Frauen gerieten in die Hände der ernährten sich von Brennnesseln und sa-
Vitigis’ Sturm auf Rom mit von Ochsen Burgunder, die in der Lombardei wüte- hen „ganz wie Gespenster“ aus.
gezogenen hölzernen Türmen, den „Wid- ten. Darüber hinaus drangen die Fran- Selbst Prokop ist beeindruckt von To-
dern“, die Belisar jedoch mit „Eseln“ ken 539 in Oberitalien „wie ein alles zer- tila. Der junge Gotenkönig habe in allen
(Steinschleudern) und „Wölfen“ abwehr- störender Wirbelwind“ (Wolfram) ein. eroberten Städten die Einwohner ge-
te – mit eisernen Stacheln gespickte Fall- Sie opferten sogar gotische Frauen und schont und von Brandschatzungen und
brücken, die von oben etwaige Mauer- Kinder dem Flussgott des Po. Plünderungen abgesehen.
besteiger zerschmetterten. Auch der Ver- Angesichts all der Not ergab sich Vi- In der Annahme, die Stadt sei dank
such, über Hadrians Grabmal einzufallen, tigis. Ravenna fiel kampflos an Belisar. halbwegs geschleifter Mauern nicht

Gotenkönigin Amalasuintha
(um 526 bis 535) und ihr
Sohn Athalarich (526 bis
534). Die Ostgotin
Amalasuintha sprach
fließend Latein und
Griechisch und
wurde von ihrem
Adel heftig kritisiert,
weil sie den Sohn
und Thronfolger „zu
römisch“ erziehe.
(Medaillon-Porträts, um
530, Victoria and Albert
Museum, London)

126 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


Der heilige Benedikt
empfängt Totila
(Fresko von 1497 in
Monte Olivero Maggiore).

mehr zu belagern, verließ Totila Rom. Er untergehenden Volkes, dem „Dscherid“, König der Ostgoten den Heldentod.
irrte sich: Belisar eroberte Rom dennoch. einem Speerritt der Steppennomaden. Stundenlang kämpfte Teja in vorderster
Wegen dieser Schmach weigerte sich der Um den Gegnern zu beweisen, „was für Front, „wie im Erdboden verwurzelt
Frankenkönig Theudebert später, Totila ein Mann er sei“, so Prokop, hatte Totila stand er mit seinem Schilde auf dem
seine Tochter zur Frau zu geben. „eine ganz von Gold blitzende Rüstung Platz, mit der Rechten tötend und mit
Erst drei Jahre später, im 15. Kriegs- angelegt; purpurfarben und auch sonst der Linken wehrend“. Doch schließlich
jahr, gelang Totila die Rückeroberung der königlich hing ihm der Kriegsschmuck trifft ihn – während er seinen vor Pfeilen
Stadt. Isaurische Soldaten, Haudegen aus von Helm und Lanze herab. Dabei führ- starrenden Schild auswechselt – ein
Zentralanatolien, von Byzanz schlecht te er, auf einem prächtigen Rosse reitend, Speer mitten in die Brust.
bezahlt, öffneten den Goten die Tore. To- im Raume zwischen den beiden Heeren Zwei Tage später, es war im März 553,
tila bat Justinian daraufhin um Frieden. kunstvoll das Waffenspiel vor“. gaben sich die Goten geschlagen. Narses
Aber der Kaiser antwortete mit neuen Im Kampf jedoch erwies sich das Fest- gestattete dem kläglichen Rest den Ab-
Truppen und Flotten. Zu Wasser wusste halten an der Tradition als schwerer Feh- zug mit Hab und Gut sowie der Auflage,
Byzanz sich haushoch überlegen. ler: Totila hatte befohlen, ausschließlich sich nie wieder in Italien blicken zu
mit der Lanze zu kämpfen. Die Römer lassen.
Die Römer gewannen eine See- dagegen ließen ihr Heer von 8000 Bo- Der Zustand des römischen Abend-
schlacht vor Ancona und nahmen auch genschützen flankieren. 6000 Goten ka- lands und seiner alten Hauptstadt war
Sizilien wieder ein. Narses gelang dann men im Pfeilregen um; auf der Flucht nicht minder beklagenswert als der die-
IFPAD / INTERFOTO (L.); ERICH LESSING / AKG (R.)

das Unerhörte: Von der unwegsamen wurde Totila selbst tödlich getroffen. ser Flüchtlinge. „Die Erschöpfung und
Adriaküste aus eroberte er Ravenna. Die Das Restheer kürte Teja zum König. das Elend Roms konnte zu keiner Zeit,
Verteidigungslinie der Goten am Po un- Er lieferte ein nur wenige Monate dau- selbst nicht in der Periode des soge-
ter General Teja blieb nutzlos. erndes Nachspiel. In Kampanien ließ nannten Exils der Päpste zu Avignon,
Schon nach neun Tagen verließ Nar- Teja alle römischen Geiseln umbringen: größer sein als nach Beendigung des Go-
ses Ravenna. An den „Busta Gallorum“, ehrwürdige Patrizier sowie 300 junge tenkriegs“, schreibt Ferdinand Gregoro-
den Grabhügeln der Gallier, stehen sich Männer, „Söhne der angesehensten Rö- vius. Er resümiert: „Die beste Apologie
die verfeindeten Heere schließlich ge- mer“, so Prokop, die Totila einst „beson- der Gotenherrschaft ist in Wahrheit das
genüber. Dies wird die Entscheidungs- ders schön“ erschienen waren. lange, grenzenlose Elend, in welches Ita-
schlacht, und Totila beginnt sie mit einer Am Mons Lactarius, dem „Milchhü- lien versank, nachdem das Reich Theo-
filmreifen Darbietung der Kunst seines gel“ am Fuß des Vesuvs, fand der letzte derichs gefallen war.“

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 127


KAPITEL V RÖMISCHES ERBE

Manierlich
geplündert
Antike Götter oder christliches Regiment,
der Mythos Rom blieb lebendig – eine Welt ohne
dieses Reich schien nicht denkbar.
So fühlten sich Europas Kaiser als Erben der
Caesaren, und auch der Papst
regiert noch immer von Rom aus.

128
Papst Benedikt XVI. im April 2007
bei der traditionellen Karfreitagsprozession
vor dem Kolosseum
129
CHRONIK 476 BIS 600

DAS RÖMISCHE EUROPA


476 506 begründet Benedikt von 535 bis 540
Der germanische Heerfüh- Der Westgotenkönig Ala- Nursia im gleichen Jahr in Der oströmische Feldherr
rer Odoaker, der den letz- rich II. erlässt die „Lex Mittelitalien mit dem Klos- Belisar bekämpft das Ost-
ten weströmischen Kaiser Romana Visigothorum“, ter Monte Cassino die gotenreich in Italien, das
abgesetzt hat, schickt die die älteres römisches mittelalterliche Tradition von 554 an oströmische
Insignien der römischen Recht zusammenfasst und gelehrten Mönchtums. Provinz wird.
Kaiserwürde nach Kon- in Europa bis ins Hochmit-
stantinopel. Als König von telalter fortwirkt. 532 540
Italien akzeptiert er die Ho- Kaiser Justinian baut das Der römische Gelehrte
heit Ostroms und lässt die 511 durch Parteikämpfe zer- und Staatsmann Cassio-
wesentlichen römischen Nach dem Tod von Chlod- störte Konstantinopel mit dor, Autor einer Weltge-
Gesetze und Bräuche in wig I. wird das Franken- prächtigen Kirchen neu schichte, gründet auf
seinem Machtbereich intakt. reich unter dessen vier auf. Die Hagia Sophia wird eigene Kosten das Kloster
Söhne aufgeteilt. 537 eingeweiht. Vivarium in Süditalien. Er
486 lässt von den Mönchen
Frankenkönig Chlodwig 526 533 durch Abschriften antike
besiegt den letzten Nach- Theoderich der Große, der Justinians Feldherren zer- Literatur erhalten.
folger römischer Macht in auch als arianischer Christ stören das Vandalenreich,
Gallien, Syagrius. Damit 559
sind alle Reste des West- Belisar schlägt bei Kon-
römischen Reiches besei- stantinopel die Hunnen.
tigt. Das fränkische Reich
entsteht, dessen Residenz 568
508 Paris werden wird. Die Langobarden dringen
in die Po-Ebene vor. Sie
489 begründen unter König
Der Ostgotenkönig Theo- Alboin ein Königreich in
derich besiegt Italiens Nord- und Mittelitalien,
Herrscher Odoaker bei das erst 774 von Karl dem
Verona – und wird damit Großen seiner Herrschaft
zur Sagengestalt „Dietrich angegliedert wird.
von Bern“ (Bern = Verona).
585
493 Bei der Synode von Mâcon
Der gestürzte Odoaker beansprucht die römische
wird von Theoderich er- Die Hagia Sophia in Istanbul / Konstantinopel Kirche die Abgabe des Kir-
mordet. Dieser begründet chenzehnts von allen Gläu-
in Italien das Ostgoten- die römische Staatsverfas- das sich seit 429 von bigen (später von Karl

SEITE: 128/129: ANDREAS SOLARO / WPN / AGENTUR FOCUS; GETTY IMAGES (L.)
reich mit der Hauptstadt sung beibehalten hat, Nordafrika über die Balea- dem Großen bestätigt).
Ravenna. Katholische Rö- stirbt in Ravenna. Ihm wird ren bis Korsika, Sardinien
mer leben als von den dort ein monumentales und Sizilien ausgedehnt um 600
arianischen Goten streng Grabmal errichtet. hatte. Der Römer Gregor, gegen
getrennte Gruppe, die alte seinen Willen zum Papst
Ordnung bleibt jedoch 529 528 bis 534 gewählt, prägt durch
weitgehend intakt: Theo- Kaiser Justinian lässt die Kaiser Justinian lässt von Amtsweisheit und theolo-
derichs Regime dämpft einst von Platon gegrün- einer Expertengruppe die gische Schriften – darunter
innere Konflikte. dete Akademie in Athen Quellentexte des Römi- eine Legendensammlung
schließen, weil sich Leh- schen Rechts neu edieren. über Benedikt von Nursia –
496 bis 506 rende dem Befehl zur Mit einem Einführungsbuch das westliche Christentum.
Chlodwig unterwirft Ala- christlichen Taufe wider- („Institutiones“) und weite- Bischof Isidor von Sevilla
mannien. Er lässt sich in setzen. Während so die ren Zusätzen entsteht das verfasst die erste Enzyklo-
Reims von Bischof Remi- direkte Überlieferung der später so genannte „Cor- pädie des Mittelalters
gius taufen. antiken Philosophie endet, pus Juris Civilis“. („Etymologiae“).

130 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


Von RAINER TRAUB

D
en Bürgern Roms er-
schien die Eroberung der
Stadt durch Alarichs
Westgotenheer im Au-
gust 410 wie das Welt-
ende. Die Fassungslosigkeit der Besieg-
ten klingt im Pathos nach, mit dem
Edward Gibbon, der klassische Ge-
schichtsschreiber von Roms Niedergang,
einst das epochale Drama beschwor:
„Elfhundertdreiundsechzig Jahre nach
der Gründung Roms war die Kaiserstadt,
die einen beträchtlichen Teil des Men-
schengeschlechtes unterworfen und zi-
vilisiert hatte, der zügellosen Raserei der
germanischen und skythischen Horden
preisgegeben.“ Horaz, die im augusteischen Zeitalter, Die westgotischen Könige
In der heutigen Sicht des nüchternen um Christi Geburt, diese Vorstellung Alarich und Athaulf
Althistorikers Peter Heather ist von „Ra- quasi-religiös veredelten. In der späten (Buchmalereien aus
serei“ und „germanischen Horden“ Kaiserzeit galt die Göttin Rom, Dea Ro- einem Codex der
nicht mehr die Rede. Der Londoner For- ma, als Personifikation der Stadt und des spanischen Nationalbibliothek
scher betont in seiner vor zwei Jahren römischen Imperiums. In Rom, so die in Madrid)
auf Deutsch erschienenen Studie „Der Idee, hatte die Weltgeschichte ihre ulti-
Untergang des Römischen Weltreichs“ mative Krönung gefunden. Etwas ande- hat Gott die Völker gelehrt, alle demsel-
vielmehr, Alarich habe es zunächst gar res als die Fortschreibung dieses Status ben Gesetz zu gehorchen und alle Rö-
nicht auf die Plünderung Roms abgese- quo war undenkbar. mer zu werden … Das ist die Bedeutung
hen gehabt. Vielmehr habe er mittels der Die Übernahme des Christentums, aller gewonnenen Schlachten und aller
Besetzung Druck auf die in Ravenna die Kaiser Constantin im 4. Jahrhundert Siegeszüge des Römischen Reichs: Der
residierende Spitze des weströmischen einleitete, änderte an der Vorstellung Friede Roms hat der Ankunft Christi den
Reiches ausüben wollen, um so eine Art von Roms universeller Sendung nichts. Weg bereitet.“
friedlicher Koexistenz zu erreichen. Nur trat an die Stelle der Vielzahl alter Der Glaube an Roms Mission hatte
Auch sei Alarichs Einzug in Rom alles Götter bei den christlichen Römern der sich im Lauf vielhundertjähriger Herr-
andere als ein rüder Racheakt entfessel- dreieinige Gott, umringt von allerlei Hei- schaft im Imperium so eingewurzelt,
ter Barbaren gewesen. Denn wie die ligen. Die alte Hauptstadt des Impe- dass er von der realen Entwicklung der
Mehrzahl der Römer waren die Goten riums rühmte sich fortan, auch die Grab- Stadt unabhängig wurde. Weil Rom sich
christlichen Glaubens (wenngleich sie stätten der Apostel Petrus und Paulus immer mehr zur Chiffre für Macht und
als Arianer die Vorstellung der gött- zu besitzen. Angesichts der Gleichzei- Universalität des Reiches entmateriali-
lichen Dreifaltigkeit ablehnten). Sie be- tigkeit von Aufstieg des Christentums siert hatte, konnte der fortschreitende
handelten, so Heather, „viele der beson- und Niedergang des römischen Impe- Bedeutungsverlust der Tibermetropole
ders heiligen Stätten Roms mit großem riums wiesen manche Nostalgiker der diesem ideellen Rom nichts anhaben.
Respekt“. Er nennt das gotische Vorge- neuen Religion aber auch die Schuld am Die reale Stadt Rom hatte den Zenit
hen sogar, ironisch gegen Gibbon zuge- Niedergang des alten Reiches zu. ihrer geschichtlichen Macht bereits
spitzt, „eine der manierlichsten Plünde- überschritten, als Kaiser Diokletian ge-
rungen, die eine Stadt je erlebte“. Die Karriere des Christentums gen Ende des dritten nachchristlichen
Dass die Welt der Römer ungeachtet zur Staatsreligion ließ den alten Mythos Jahrhunderts das Reich unter mehrere
dessen durch Alarichs Siegeszug „bis in von Roms universeller Sendung mit Regenten aufteilte. Es war einfach zu
ihre Grundfesten erschüttert“ wurde, dem neuen Glauben an den Friedens- groß geworden, um effektiv von einem
hebt aber auch Heather hervor. Immer- bringer und Welterlöser Christus zur einzigen Herrscher und von einem ein-
hin war die Stadt, die sich die „Ewige“ christlichen Rom-Idee verschmelzen. So zigen Zentrum aus geleitet werden zu
nannte, seit Menschengedenken nicht schrieb der christliche Dichter Pruden- können. Und Rom lag zu weit abseits
in der Hand von Feinden gewesen. Zu- tius (348 bis 405): „Was ist das Geheim- von den wirtschaftlichen und militäri-
letzt hatten sich 800 Jahre vor Alarich nis von Roms geschichtlicher Bestim- schen Entscheidungszonen.
keltische Eroberer hierher gewagt. mung? Gott will die Einheit des Men- Seit Kaiser Constantin im Jahr 330
Rom wähnte sich unbesiegbar – und schengeschlechtes, weil die Religion seine neue Hauptstadt Konstantinopel
sah sich als Werkzeug der Götter bei der Christi den Frieden unter den Menschen feierlich eingeweiht und damit der ge-
CULTURE-IMAGES / GP

Zivilisierung der ganzen Welt. Erstmals und die Freundschaft unter den Völkern wachsenen Bedeutung des östlichen
hatte der griechische Historiker Poly- verlangt. Bis dahin wurde die ganze Reichsteils Rechnung getragen hatte,
bios im 2. Jahrhundert v. Chr. Rom eine Erde vom Osten bis zum Westen von war Rom nicht mehr zentrale Kaiser-
weltgeschichtliche Mission zugeschrie- ständigem Streit auseinandergerissen. residenz. Immer seltener pflegten die
ben. Ihm folgten die Dichter Vergil und Um diesem Wahnwitz Einhalt zu tun, Herrscher, die in Konstantinopel, Ra-

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 131


RÖMISCHES ERBE

venna oder Trier (Augusta Treverorum) Süden des heutigen Frankreich die Zentralgestalten der katholischen Kir-
Hof hielten, die Stadt zu besuchen. Herrschaft über Teile Galliens gesichert. che –, verkündete in einer Predigt, als
Von der schwindenden Bedeutung Im Gegenzug versprach er im Friedens- Stuhl Petri sei Rom eo ipso das Haupt
des realen Rom unbeeindruckt, baute abkommen, künftig nicht als Feind, son- der Welt. Roms Vorrang reiche deshalb
der Theologe und Historiker Paulus dern als Verbündeter Roms aufzutreten. noch weit über die Grenzen von Roms
Orosius zu Beginn des fünften Jahrhun- Athaulfs Heirat mit Galla Placidia, der imperialer Herrschaft hinaus.
ders das mythische Rom zum theologi- Tochter des letzten gesamtrömischen
schen Geschichtsprogramm aus. Er glie- Kaisers Theodosius, sollte das frische Die geistige Grundlage für den
derte die Weltgeschichte nach dem Vier- Bündnis bekräftigen. Bei der Hochzeit, Übergang von der römischen Antike
Reiche-Schema aus dem Buch Daniel im die nach römischem Ritus und in römi- zum gläubigen Mittelalter und zur Idee
Alten Testament. scher Kleidung im Haus eines vorneh- des christlichen Abendlands war gelegt.
Darin deutet der Prophet Daniel Ba- men Römers in Narbonne stattfand, be- Im Jahr 476 liquidierte der Germane
bylons König Nebukadnezar den Traum kannte Athaulf seine ursprüngliche Ab- Odoaker, bis dahin als Heerführer ein
von einem großen Standbild. Dessen sicht, nach augusteischem Vorbild eine Verbündeter Roms, formell das west-
Haupt besteht aus Gold, Brust und Arme gotische Universalherrschaft anstelle römische Reich: Er setzte den minder-
sind aus Silber, Bauch und Lenden aus der römischen zu errichten – „Gothia“ jährigen Romulus Augustulus als letz-
Bronze, Schenkel aus Eisen und Füße statt „Romania“. Er habe aber einsehen ten Kaiser Westroms ab und rief sich
teils aus Eisen, teils aus Ton. Diese Figur müssen, dass Goten die römische Staat- zum „König Italiens“ aus. Doch sein
wird am Ende von einem riesigen Stein lichkeit nicht würden ersetzen können: Respekt vor Tradition und Geist des Im-
zermalmt, der zum Gebirge anwächst Sie seien ihrer Natur nach nicht in der periums war so groß, dass er dessen
und schließlich die ganze Erde ausfüllt. Lage, Gesetzen zu gehorchen. Herrschaftsinsignien dem oströmischen
Daniel erklärt das Bild als Folge Eine aufschlussreiche Episode: Sogar Kaiser nach Konstantinopel schickte
von vier irdischen Königreichen. Der im Stadium des Verfalls, als das Impe- und sich selbst als Reichsverweser im
Schluss-Stein aber bedeute das König- rium an den meisten seiner Grenzen Auftrag Ostroms betrachtete. Odoaker
reich Gottes, das alle irdischen Reiche zu längst Rückzugsgefechte führte, hielten nahm, wie der Althistoriker Joseph Vogt
Staub werden lässt und ewig währt. Roms Nachfolger in den Provinzen die („Der Niedergang Roms“) betont, das
von ihnen Bezwungenen wie selbstver- Gesetzgebungsrecht nicht in Anspruch.
Die Geschichtstheologie des Oro- ständlich für kulturell überlegen. Des- „Er prägte keine Münze ohne das Bild
sius bezog nun die vorchristlich pro- halb „siegte das lateinische Erbgut in des Kaisers, ließ die ganze Verwaltung
phezeiten Königreiche auf konkret-his- allen eroberten Ländern“, wie Christo- fortbestehen und sicherte so, indem er
torische Herrschaftsformen: Dem „gol- pher Dawson in der Studie „Die Gestal- seine Stellung mit Takt und Besonnen-
denen“ babylonischen Reich Nebukad- tung des Abendlandes“ („The Making of heit behauptete, das Imperium Roma-
nezars ließ er das „silberne“ Perserreich, Europe“) resümiert hat. num als einheitlichen Rahmen für die
das „bronzene“ Alexanderreich und zu- Zum lateinischen Erbgut gehörte in- westlichen Länder und ihre Kultur.“
letzt das Römische Reich folgen. Es pass- zwischen ganz wesentlich die römische Noch im vierten Jahrhundert hatte
te perfekt ins Bild dieser Mythologie, Form des Christentums. Papst Leo I., ge- der Begriff Romania vor allem das Rö-
dass das Römische Reich als viertes und nannt der Große – er amtierte von 440 mische Reich und dessen staatliche Ord-
letztes Großgebilde („teils aus Eisen, bis 461 und gilt bis heute als eine der nung bezeichnet. Am Ende des fünften
teils aus Ton“) von 395 an tatsächlich begann man, darunter den gesamten Be-
zweigeteilt war, von gleichrangigen Kai- reich der römischen Kultur, der lateini-
sern regiert wurde und schließlich in BEVÖLKERUNG DER STADT ROM schen Sprache und des römisch-katho-
West- und Ostrom zerfiel.
Der Theologe Orosius war aber zu-
Glanz und Elend lischen Christentums zu verstehen. Alle,
die diese von Rom geschaffenen und ver-
gleich ein großer Historiker seiner Zeit. breiteten Lebensformen besaßen, wur-
Wie christlicher Glaube sein Römertum Nicht immer war die Stadt am den jetzt Romani genannt.
prägte, so war sein Christentum von der Tiber eine brodelnde Metropole. Die christliche Kirche war die Epo-
Überzeugung durchdrungen, dass die Zur Blütezeit des Kaiserreichs, im chenbrücke zwischen der Antike und
römische Zivilisation allen Stammes- 2. Jahrhundert n. Chr., könnten dem beginnenden Mittelalter. Im fünf-
sitten der germanischen Eroberer über- mehr als eine Million Menschen in ten Jahrhundert blieb die Kirchenorga-
legen sei. Darum spielte er als Historiker Rom gelebt haben. Um 1200, zur nisation in weiten Teilen des zerfallen-
Alarichs Besetzung der Stadt herunter, Zeit von Papst Innozenz III., er- den Imperiums der einzige Teil römi-
die doch gemäß seiner eigenen Vier-Rei- brachte eine Zählung nur noch scher Verwaltung, der angesichts der
che-Lehre das Weltende hätte signali- 35 000, im 14. Jahrhundert eine Migrationsströme im Europa der „Völ-
sieren müssen. Und darum schilderte er weitere gar nur noch 17 000 Ein- kerwanderung“ Bestand hatte. Öffent-
im historischen Hauptwerk „Historiae wohner. Erst im späten 17. Jahr- liche Einrichtungen wie die städtischen
adversus paganos“ („Geschichtsbuch ge- hundert gab es wieder mehr als Schulen, in denen etwa in Gallien auch
gen die Heiden“) eine denkwürdige Sze- 100 000 Römer. Um 1934, unter nach dem Abzug der römischen Legio-
ne aus dem Jahr 414 – vier Jahre nach Mussolini, wurde die Millionen- nen noch lateinische Grammatik und
Alarichs Einzug in Rom: grenze überschritten; heute leben Rhetorik gelehrt wurden, mussten nach
Dessen Schwager und Nachfolger als in Italiens Hauptstadt mehr als und nach schließen. Eine Zeitlang ver-
König der Westgoten, Athaulf, hatte sich 2,5 Millionen Menschen. suchte die Aristokratie, ihre Bildung mit
nach einem antirömischen Kriegszug im Privatunterricht zu bewahren. Doch

132 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


schließlich blieb allein die Kirche mit dener römischer Kaiser und galt für Kaiserkrönung Karls des Großen
ihren Klöstern in allen westlichen Län- mehrere germanische Nachfolgereiche durch Papst Leo III. am
dern als Hüterin der lateinischen auf dem Boden des aufgelösten Impe- 25. Dezember 800 in Rom
Sprach- und Kulturtradition. Die Bi- rium Romanum. Räumlich wie zeitlich (Gemälde von Friedrich Kaulbach,
schöfe bekamen eine Sonderstellung im hat dieser Codex weit über das Westgo- 1861, in der Münchner Stiftung
städtischen Leben und zogen immer tenreich hinaus gewirkt. Aus ihm lern- Maximilianeum)
mehr weltliche Macht an sich, während ten die Franken jene Grundzüge der rö-
missionierende Mönche allmählich, im mischen Rechtskultur kennen, die West- des Römerreichs betrachtete, enthielt
Laufe vieler Generationen, das Evange- europa bis in die Neuzeit geprägt haben. dieser Anspruch eine empörende Anma-
lium auf dem flachen Land verbreiteten. ßung – und führte zu längeren diploma-
Besonders erfolgreich war ein Mönchs- Der Frankenkönig Karl, der als tischen Verwerfungen.
trupp um den Benediktiner Augustin, Karl der Große in die europäische Ge- Durch Toleranz zeichnete sich das
den Papst Gregor im Jahr 596 aussand- schichte eingehen sollte, erkannte die neue „römische“ Reich Karls des Großen
te, um Angeln und Sachsen zu bekeh- „Lex Romana Visigothorum“ gleich nach ebenso wenig aus wie die berüchtigte
ren. 150 Jahre zuvor hatten diese Stäm- seinem Amtsantritt im Jahr 768 an. Aber Autokratie von Byzanz. Kaiser Karl ver-
me begonnen, die römischen Streitkräf- nicht nur auf juristischem Gebiet sah stand sich gleichermaßen als Herrscher
te nach 400-jähriger Herrschaft aus Bri- sich der Schöpfer des fränkischen Groß- von Kirche und Staat. Seine Religion war
tannien zu vertreiben. Nun aber gelang reiches, von Deutschen wie Franzosen (wie diejenige Mohammeds, mit dem
es den Missionaren, aus den Nachfah- als nationaler Ahn verehrt, als wahrer ihn mancher Historiker verglichen hat)
ren der Rom-Bezwinger römische Chris- Erbe des Imperium Romanum. Am ers- eine Religion des Schwertes. „Der Stell-
ten zu machen – ein Prozess, der sich ten Weihnachtstag des Jahres 800 ließ vertreter Gottes, der alle Glieder Gottes
ähnlich in anderen Teilen Europas wie- er sich in Rom als „großer Frieden stif- zu beschützen und zu lenken hat“: Das
derholte. „Was das römische Imperium tender Kaiser, das römische Reich regie- war Karl selbst, wie er dem Papst, der
verlor, brachte die römische Kirche wie- rend“, von Papst Leo III. zum Herrscher ihn gekrönt hatte, in einem unmissver-
der ein“, pointiert Historiker Vogt. eines erneuerten römischen Reiches ständlichen Brief einschärfte.
Das wichtigste zivile Erbe des Römer- krönen. Gemäß der mittelalterlichen Noch viele Herrscher sollten in diese
reiches für Europa – neben seiner stau- Theorie der „Übertragung“, „Wieder- Formel einstimmen. So überdauerte die
nenswerten materiell-technischen Hin- herstellung“ oder „Erneuerung“ des Rei- eigenartige Wiedergeburt des Römi-
terlassenschaft – war das Rechtswesen. ches (translatio, restauratio, renovatio schen Reiches, wenn auch nur der Form
Ein knappes Jahrhundert nach der Rom- imperii), die ihrerseits an die Vier-Rei- nach, ein weiteres Jahrtausend. Erst im
Eroberung von Alarich I. erließ der che-Lehre nach Daniel anknüpfte, ver- Jahr 1806 wurde das „Heilige Römische
westgotische König Alarich II., dessen stand Karl der Große sich als Nachfahr Reich deutscher Nation“, wie es seit dem
Reich Spanien und einen Teil des heuti- der römischen Kaiser. 15. Jahrhundert hieß, unter Napoleons
gen Frankreich umfasste, im Jahr 506 Für den Herrscher von Byzanz (das Ansturm endgültig aufgelöst.
das Gesetzbuch „Lex Romana Visigo- seit 330 Konstantinopel hieß), der sich Das bürgerliche Zeitalter hatte be-
AKG

thorum“. Es enthielt Gesetze verschie- als direkter und einzig legitimer Erbe gonnen.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 133


CHRONIK 476 BIS 600

DAS RÖMISCHE EUROPA


476 506 begründet Benedikt von 535 bis 540
Der germanische Heerfüh- Der Westgotenkönig Ala- Nursia im gleichen Jahr in Der oströmische Feldherr
rer Odoaker, der den letz- rich II. erlässt die „Lex Mittelitalien mit dem Klos- Belisar bekämpft das Ost-
ten weströmischen Kaiser Romana Visigothorum“, ter Monte Cassino die gotenreich in Italien, das
abgesetzt hat, schickt die die älteres römisches mittelalterliche Tradition von 554 an oströmische
Insignien der römischen Recht zusammenfasst und gelehrten Mönchtums. Provinz wird.
Kaiserwürde nach Kon- in Europa bis ins Hochmit-
stantinopel. Als König von telalter fortwirkt. 532 540
Italien akzeptiert er die Ho- Kaiser Justinian baut das Der römische Gelehrte
heit Ostroms und lässt die 511 durch Parteikämpfe zer- und Staatsmann Cassio-
wesentlichen römischen Nach dem Tod von Chlod- störte Konstantinopel mit dor, Autor einer Weltge-
Gesetze und Bräuche in wig I. wird das Franken- prächtigen Kirchen neu schichte, gründet auf
seinem Machtbereich intakt. reich unter dessen vier auf. Die Hagia Sophia wird eigene Kosten das Kloster
Söhne aufgeteilt. 537 eingeweiht. Vivarium in Süditalien. Er
486 lässt von den Mönchen
Frankenkönig Chlodwig 526 533 durch Abschriften antike
besiegt den letzten Nach- Theoderich der Große, der Justinians Feldherren zer- Literatur erhalten.
folger römischer Macht in auch als arianischer Christ stören das Vandalenreich,
Gallien, Syagrius. Damit 559
sind alle Reste des West- Belisar schlägt bei Kon-
römischen Reiches besei- stantinopel die Hunnen.
tigt. Das fränkische Reich
entsteht, dessen Residenz 568
508 Paris werden wird. Die Langobarden dringen
in die Po-Ebene vor. Sie
489 begründen unter König
Der Ostgotenkönig Theo- Alboin ein Königreich in
derich besiegt Italiens Nord- und Mittelitalien,
Herrscher Odoaker bei das erst 774 von Karl dem
Verona – und wird damit Großen seiner Herrschaft
zur Sagengestalt „Dietrich angegliedert wird.
von Bern“ (Bern = Verona).
585
493 Bei der Synode von Mâcon
Der gestürzte Odoaker beansprucht die römische
wird von Theoderich er- Die Hagia Sophia in Istanbul / Konstantinopel Kirche die Abgabe des Kir-
mordet. Dieser begründet chenzehnts von allen Gläu-
in Italien das Ostgoten- die römische Staatsverfas- das sich seit 429 von bigen (später von Karl

SEITE: 128/129: ANDREAS SOLARO / WPN / AGENTUR FOCUS; GETTY IMAGES (L.)
reich mit der Hauptstadt sung beibehalten hat, Nordafrika über die Balea- dem Großen bestätigt).
Ravenna. Katholische Rö- stirbt in Ravenna. Ihm wird ren bis Korsika, Sardinien
mer leben als von den dort ein monumentales und Sizilien ausgedehnt um 600
arianischen Goten streng Grabmal errichtet. hatte. Der Römer Gregor, gegen
getrennte Gruppe, die alte seinen Willen zum Papst
Ordnung bleibt jedoch 529 528 bis 534 gewählt, prägt durch
weitgehend intakt: Theo- Kaiser Justinian lässt die Kaiser Justinian lässt von Amtsweisheit und theolo-
derichs Regime dämpft einst von Platon gegrün- einer Expertengruppe die gische Schriften – darunter
innere Konflikte. dete Akademie in Athen Quellentexte des Römi- eine Legendensammlung
schließen, weil sich Leh- schen Rechts neu edieren. über Benedikt von Nursia –
496 bis 506 rende dem Befehl zur Mit einem Einführungsbuch das westliche Christentum.
Chlodwig unterwirft Ala- christlichen Taufe wider- („Institutiones“) und weite- Bischof Isidor von Sevilla
mannien. Er lässt sich in setzen. Während so die ren Zusätzen entsteht das verfasst die erste Enzyklo-
Reims von Bischof Remi- direkte Überlieferung der später so genannte „Cor- pädie des Mittelalters
gius taufen. antiken Philosophie endet, pus Juris Civilis“. („Etymologiae“).

130 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


RÖMISCHES ERBE

SPIEGEL-GESPRÄCH

Der Münchner Altphilologe und begeisterte Latein-Sprecher


Wilfried Stroh über Ciceros Tonfall, beflissene Bildungsapostel
und den Boom der Römersprache in deutschen Schulen

„Anreiz fürs Denken“


SPIEGEL: Herr Professor Stroh, Sie hal- um könnte ich ja mit Cicero parlieren.
ten regelmäßig Vorlesungen auf Latein. Das meine ich mit meiner verwegenen
Käme aber Cicero plötzlich hier zur These – der übrigens interessanterwei-
Türe herein, würden Sie sich mit ihm se noch niemand widersprochen hat.

S. 134: WOLFGANG MARIA WEBER; S. 135 OBEN: ERICH LESSING / AKG; AISA / INTERFOTO; IMAGNO / ULLSTEIN BILD; MITTE: AKG; ALFREDO DAGLI ORTI / BPK; UNTEN: CORBIS; BPK; SKD / BPK
unterhalten können? SPIEGEL: Dabei liefern Sie auch selbst
Stroh: Ohne Zweifel ja. Er wäre über Gegenargumente: zum Beispiel, dass im
manches an meiner Aussprache sicher- Vulgärlatein die komplexe Syntax der
lich befremdet, aber verstehen würde Sprache zerbricht und ihre Formenviel-
er mich gewiss – eher hätte wohl ich falt schrumpft.
Mühe, mich in seinen Sound hinein- Stroh: Ja, das fängt im ersten Jahrhun-
zuhören. Zwar wissen wir von jedem dert nach Christus an; wir kennen diese
einzelnen Laut der lateinischen Spra- sonst nur mündliche Alltagssprache der
che, wie er geklungen hat, aber die Ge- Ungebildeten zuerst aus den Wandkrit-
samtmelodie können wir nur ungefähr zeleien in Pompeji. Aber seltsamerwei-
über das Italienische und Spanische re- se kommt das Vulgärlatein ebenso zu ei-
konstruieren. nem gewissen Stillstand, scheint mir –
SPIEGEL: Käme Papst Benedikt hinzu, WILFRIED STROH weil letztlich Arm und Reich, Ungebildet
gäbe es also einen netten Dreiergipfel? Der Philologe, 69 – hier in der und Gebildet im ganzen Imperium sich
Stroh: Der Papst ist ein vorzüglicher La- Dombibliothek von Freising –, irgendwie verständigen mussten. Je-
teiner, aber er kümmert sich vermutlich wirbt seit Jahren mit Witz und denfalls hat sich das Vulgärlatein nicht,
weniger um gute Aussprache. Und Ci- Energie für lebendiges Latein. wie frühere Gelehrte annahmen, immer
cero hätte wohl auch Schwierigkeiten weiter regional getrennt fortentwickelt,
mit dem Vokabular des Kirchenlateins. SPIEGEL: Mit Ihrer Frage hätten Sie das bis allmählich aus ihm die verschiede-
SPIEGEL: Worüber würden Sie denn mit Selbstbewusstsein des erfolgreichen An- nen romanischen Sprachen entstanden.
Cicero am liebsten diskutieren? walts, Politikers und Philosophie-Ver- SPIEGEL: Wie muss man sich die Ent-
Stroh: Ich würde ihn fragen: Wie sind mittlers wohl sofort erschüttert. War wicklung dann denken?
Sie dazu gekommen, auf diesen Frei- sich Cicero eigentlich klar, dass sein La- Stroh: Als das Römische Reich zerfällt
beuter Octavian zu setzen, der alles zer- tein einmal als Höhepunkt der Sprach- und es keinen nennenswerten Gramma-
stört hat, wofür Sie Ihr Leben lang entwicklung gelten würde? tik-Unterricht mehr gibt, schießen die
gekämpft haben, die Erhaltung der rö- Stroh: Rhetorisch-stilistisch gewiss, er romanischen Sprachen förmlich aus dem
mischen Republik? Wie konnten Sie sah sich als neuer Demosthenes, viel- Humus des Vulgärlateinischen, in nur
glauben, dass ausgerechnet Caesars leicht sogar als römischer Platon. Aber 200 Jahren. Darüber wissen wir leider
Adoptivsohn der richtige Mann sei? in der grammatischen Substanz? Das sehr wenig, weil fast nichts Schriftliches
Spielten wirklich Träume eine Rolle, wie glaube ich kaum. überliefert ist. Vulgärlatein ist ja schon
Plutarch berichtet? Wann merkten Sie, SPIEGEL: In Ihrem Buch über die Ge- per definitionem etwas Mündliches.
dass Sie sich geirrt hatten? schichte des Lateinischen behaupten SPIEGEL: Sobald danach wieder Latein
SPIEGEL: Was erwarten Sie als Antwort? Sie, Latein sei tot, etwa seit Cicero. Aber unterrichtet wird, ist es, wie Sie er-
Stroh: Ciceros Fehler war fatal, das Sie könnten doch mit ihm reden? klären, die Zweitsprache. War sie das
Bündnis mit Octavian hat ihn das Leben Stroh: Tot ist Latein nur insoweit, als es denn nicht auch vorher für die Mehr-
gekostet. Das würde er sicher zugeben. sich nicht mehr entwickelt. Es mögen heit der Reichsbewohner?
Aber auf die Erklärung wäre ich sehr ge- neue Vokabeln hinzutreten, neue Stile Stroh: Schwer zu sagen. Aber zumindest
spannt. und Ausdrucksformen aufkommen, aber nicht für den harten Kern der Lateiner.
in Formenlehre und Satzbau hat sich Der gebildete Abkömmling einer Sena-
Das Gespräch führten die Redakteure Dietmar bald nach Cicero und Vergil, diesen Erz- torenfamilie sprach von Haus aus be-
Pieper und Johannes Saltzwedel. klassikern, nichts mehr getan. Eben dar- stimmt kein Vulgärlatein, sondern so-

134 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


MEISTER DES WORTES
Bis weit über die
Reformation hinaus liefert
das Lateinische die
Grundlagen der Bildung:
Philosoph Seneca, Dichter
Petrarca, Historiker
Otto von Freising,
Theologe Thomas von
Aquin, Rhetor Cicero,
Denker Marc Aurel,
Poet Jakob Balde,
Reformator Philipp
Melanchthon.
RÖMISCHES ERBE

„Die kessen Verse des Archipoeta reißen noch heute


jeden, der Latein kann, vom Sitz.“
gleich die Hochsprache. Es gab eben SPIEGEL: Aber er hat auch gedichtet … lichen Bildung bis zur Mitmenschlich-
Sprachschichten, wie beim Englischen Stroh: … und wie! Die Hymne „Lauda Sion keit. Die Humanisten wollten diesen
in „My Fair Lady“. Salvatorem“ – „Lobe, Zion, deinen Hei- Zauber wieder aufleben lassen, und es
SPIEGEL: Geht es nicht sogar so weit, land“ – ist wunderbar. Sobald er Gottes gelang ihnen: Das humanistische Gym-
dass über etliche Generationen etwas Taten preisen und das Herz rühren will, nasium zehrt davon bis heute.
wie ein Vertrag zu gelten scheint, beim fällt die intellektuelle Steifheit von ihm SPIEGEL: Es wurde also eine regelrech-
klassischen Latein zu bleiben? ab. Er konnte also, wenn er nur wollte. te Ideologie daraus?
Stroh: Allerdings, selbst die Aussprache SPIEGEL: Nun war Thomas natürlich Stroh: Allerdings, wer nicht vernünftig
war festgelegt, wie man von den spät- nur nebenbei Dichter. Die Mehrheit sei- Latein schrieb, wurde von anderen In-
antiken Grammatikern erfährt. Die Rö- ner theologischen Fachkollegen pflegte tellektuellen als „vir obscurus“, als Dun-
mer haben eben überhaupt große Freu- ein Latein, das sehr abstrakt und nüch- kelmann, lächerlich gemacht. Und Lu-
de an Vorbildern. Der Grieche Polybios tern klingt. Warben die Humanisten des- thers Mitstreiter Philipp Melanchthon
fand es ungeheuer eindrucksvoll, als er halb wieder für die Schönheit des anti- schreibt die Lehrbücher, auf denen für
in Rom zum ersten Mal einen Begräb- ken Lateins und für klassischen Stil? Jahrhunderte die höhere Schulbildung
niszug sah, wo die Totenmasken aller Stroh: Ja, so ist es. Den Anfang gemacht beruht. Wissenschaftlich hat Melanch-
großen Ahnen der Gens, der Familie, hat, soweit wir wissen, in der Hauptsa- thon nichts wirklich Überragendes ge-
aufmarschierten. Dieser konservative che ein einzelner Mensch: Francesco Pe- leistet, dafür war er ein Genie der Di-
Stolz galt wohl ebenso für die Sprache. trarca. Lange ist er fast der Einzige, der daktik. Sogar über Physik hat er ein
SPIEGEL: Welchen Erfolg Rom damit ge- sich begeistert, endlich aber löst er eine Lehrbuch verfasst.
habt hat, zeigt sich im Mittelalter – von Lawine aus. Bedenken Sie: Als sein Le- SPIEGEL: Auch dank der Reformation
Karl dem Großen angefangen. benswerk betrachtete Petrarca nicht sei- wirkte diese Bewegung dann weit über
Stroh: Ja, die Dichter um ihn rufen ge- ne italienischen Sonette und Liebesge- die Intellektuellen hinaus, oder?
radezu ein neues augusteisches Zeitalter dichte, auch nicht seine Abhandlungen, Stroh: Wir sollten nicht vergessen, dass
aus. Alltagssprache wurde Latein nie sondern „Africa“, ein lateinisches Epos den protestantischen Pädagogen die Je-
mehr. Aber für Kirche, Verwaltung, über Scipios Kampf gegen Hannibal, also suiten nachgefolgt sind. Dennoch darf
Recht und Wissenschaften blieb es wei- den Triumph Roms. man wohl die Wirkung nicht überschät-
terhin die Grundlage. SPIEGEL: So etwas konnte damals, um zen. Das Gymnasium bereitete weiterhin
SPIEGEL: Gab es keine Alternative? 1350, nur national begeisterte Intellek- auf wissenschaftliche Berufe vor. Das
Stroh: Nein – für welche Volkssprache tuelle reizen. Es dauerte dann ja auch betraf nur eine Minderheit; viele absol-
hätte man denn Lehrbücher und Gram- anderthalb Jahrhunderte, bis die „studia vierten es nicht bis zur obersten Klasse.
matiken gehabt? In Latein war alles da. humanitatis“ die Schulen erreichten. Soll Sicher, Luther mahnt die Bürger, ihre
Und die gelehrten Sprachpädagogen wie da die Zweitsprache Latein ein zweites, Kinder „zu Schulen“ zu schicken, also
seinen „Kultusminister“ Alkuin holte besseres Menschentum heranziehen? Latein lernen zu lassen. Aber vom Ideal
sich Karl mit Vorliebe von den Briti- Stroh: „Studia humanitatis“ ist aus Ci- eines Wilhelm von Humboldt, einer all-
schen Inseln, wo immer Zweisprachig- cero übernommen – und der fasste da- gemeinen Menschenbildung für alle,
keit geherrscht hatte, also besonders lan- mit sehr viel zusammen, von der sprach- sind wir da noch weit entfernt.
ge Erfahrung vorhanden war. SPIEGEL: Seither nutzen Poeten wie Phi-
SPIEGEL: Das Latein der Scholastiker im losophen, Juristen wie Politiker oder
späteren Mittelalter ist als philosophi- Forscher das Latein als offizielle Fach-
sches Gestrüpp berüchtigt. Kam es den sprache – oder mehr als das?
Gelehrten auf eleganten Ausdruck dann Stroh: Sicher mehr. Es war die lingua
doch nicht mehr so an? franca aller Gebildeten; an jedem größe-
Stroh: Es gibt immer wieder glänzende ren Ort gab es jemanden, der Latein
Stilisten im Mittelalter; man wusste konnte. Wie nützlich das war, ist noch
durchaus, was möglich war. Der Philo- bei Casanova zu merken, obwohl er die
soph Johannes von Salisbury oder der Damen natürlich nicht auf Latein ver-
Geschichtsdenker Otto von Freising führt hat. Bis ins 17. Jahrhundert bleibt es
bieten durchaus Lesefreuden, und die auch die wichtigste Literatursprache.
kessen Verse des Archipoeta reißen noch Erst danach dichtet man im National-
heute jeden, der Latein kann, vom Sitz. idiom, um das Volk zu erreichen. Mein
Die Theologen und Philosophen des neulateinischer Lieblingspoet, der Jesuit
Spätmittelalters allerdings pflegten Frühmittelalterliche Latein-Prak- Jakob Balde, hat es erlebt: Seine virtuo-
FRIEDRICH / INTERFOTO

tatsächlich ein sehr sprödes Latein, ver- tiker in Aktion: Der junge Gelehrte sen Verse kamen nur bei einigen Fans an,
mutlich um der reinen göttlichen Wahr- Hrabanus Maurus und sein Mentor die über ganz Europa verstreut waren.
heit willen. Thomas von Aquins Be- Alkuin überreichen dem Mainzer Enormen Erfolg hatte er dagegen mit
griffszerlegungen, so scharfsinnig sie sein Erzbischof ein neues Werk. dem Werk „De vanitate mundi“, hundert
mögen, kann ich nicht mit Genuss lesen. (Buchmalerei aus Fulda, um 835) Strophen von der Eitelkeit der Welt, das

136 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


er zweisprachig und in einfachsten Bän- SPIEGEL: Latein muss sein? Wachstumsfach Latein:
kelsängerversen auf den Markt warf. Stroh: So sieht es aus. Und da Deutsch- Schüler beim Unterricht in einer
SPIEGEL: In Deutschland, so stellen Sie land früher auch in Sachen der Schul- 8. Klasse in Bremen.
es dar, hat es das Lateinische dann gegen bildung immer federführend war, hoffe
Ende des 18. Jahrhunderts noch zusätz- ich das Beste. Bislang ist der Boom al- dritte und vierte über die Beherrschung
lich schwer, weil sich die führenden lerdings, um ehrlich zu sein, eine rein der Emotionen, und das letzte über die
Köpfe, von Winckelmann bis Hölderlin deutsche Angelegenheit, schon in der größte Frage der Philosophie überhaupt,
und weiter, schier maßlos für Griechen- Schweiz und Österreich gibt es nichts wie er sagt: Reicht Tugend aus zum
land begeisterten. Vergleichbares. glücklichen Leben? Ein unglaublich
Stroh: Na, na, ganz so schlimm war es SPIEGEL: Und was ist mit Finnland, wo packendes und sogar ehrliches Werk.
nicht. Latein von der Website bis zum Radio- SPIEGEL: Auf Latein lesen es trotzdem
SPIEGEL: Trotzdem: Wie erklären Sie, sender gepflegt wird? sicher nicht viele.
dass nach Wilhelm von Humboldts Stroh: Das ist Kulturpolitik und die Freu- Stroh: Mag sein, aber die Neugier ist ge-
Schulplänen, die so sehr das Griechi- de einiger weniger Enthusiasten. Hier- weckt. Und wer sich dann nur ein biss-
sche propagierten, doch im 19. Jahrhun- zulande sehe ich seit etwa zehn Jahren chen mit der Sprache befasst, spürt den
dert wieder Latein zu neuer Blüte kam? weit mehr Bewegung. Die Leute spüren Anreiz fürs Denken. Das Lateinische ist
Stroh: Ich kann es nicht wirklich er- offenbar wieder so etwas wie Bildungs- sicher nicht logischer als andere Spra-
klären, es bleibt ein kleines Wunder. sehnsucht, natürlich spielt auch Lust am chen, auch weniger präzise als moderne.
Hilfreich war die Theorie der „forma- Exotischen des Römertums mit. Schau- Aber es zwingt dazu, den Worten auf
len Bildung“, wonach das Lateinische en Sie nach: Fast jeden Abend läuft im den Grund zu gehen.
eine besondere Kraft hätte, den Geist zu Fernsehen irgendwo ein Sandalenfilm, SPIEGEL: Wie sehen Sie die Zukunft?
schulen. Kennt heute jeder: „Durch La- mit oder ohne Gladiatoren. Aber es gibt Stroh: Es wird heute so viel Latein ge-
tein lernt man das Denken.“ Damals war auch das starke Gefühl, dass man aus sprochen, gesungen und gelehrt wie seit
das neu. Aber reicht es zur Erklärung – der Antike etwas lernen kann. Mein langem nicht mehr. Dem Trend nach
wenn sich doch sogar die Preußen der Buchhändler bestätigt mir: Der meist- dürfte es in 20 Jahren nur noch Latein-
Freiheitskriege eher für Demosthenes gelesene Philosoph momentan ist – unterricht geben. Aber selbst wenn das
INGO WAGNER / PICTURE-ALLIANCE / DPA

als für Cicero begeistern? Ich denke: La- Seneca. Der erörtert vom ersten Satz an, – hoffentlich – nicht in Erfüllung geht:
tein war auch einfach ein Stück gute alte wie man leben soll. Solange dafür ebenso viele Schulstun-
Zeit – darauf beruht zum Teil wohl auch SPIEGEL: Sprache als Wert-Reservoir? den zur Verfügung stehen wie für ande-
der Boom, den wir heute in Deutschland Stroh: Offensichtlich ja. So prägnant wie re Fremdsprachen auch, ist Latein auf
erleben: pro Jahr fast fünf Prozent mehr bei Seneca oder Marc Aurel lässt sich einem guten Weg. Dass sie tot ist, hat
Lateiner unter den Schülern! Alle ah- Lebensweisheit kaum irgendwo finden. diese erstaunliche Sprache noch nie am
nen irgendwie, dass diese Sprache ein- Und dann erst Ciceros „Tusculanen“ – Blühen gehindert.
mal universal war, dass man über sie den ein Buch über die Todesangst, das zwei- SPIEGEL: Herr Professor Stroh, wir dan-
Zugang zur Welt des Geistes bekommt. te über die Angst vor dem Schmerz, das ken Ihnen für dieses Gespräch.

SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009 137


RÖMISCHES ERBE

Die Kirche San Clemente am Kolosseum


ermöglicht eine faszinierende Zeitreise von heute bis in die Antike.

Tiefen der Vergangenheit


Von JOHANNES SALTZWEDEL

V
on außen wirkt der Bau- grund sich zahllose Tiere verbergen; die vor dem Brand Roms zur Zeit Neros (64
komplex nahe dem Kolos- Katharinenkapelle am Südostende des n. Chr.) entstanden sind. Später wurde
seum wenig spektakulär: Kirchenschiffs birgt Fresken des Früh- das weitläufige Gebäude von Christen
Sauber verputzte Mauern, renaissance-Meisters Masolino. bewohnt; in der Nordostecke des Hau-
verhaltene Spätbarock- Aus einem Nebenraum führt eine ses hat man eine Katakombe entdeckt.
Ornamente und der Blick in einen klei- Treppe hinab, und nun beginnt das Stau- Aber schon zuvor gab es hier einen sa-
nen schmucken Vorhof im Kreuzgangstil nen erst recht: Getragen wird das Got- kralen Ort. Nur wenige Meter von der
signalisieren klösterliche Stille. Aber die teshaus von den Resten der etwas breite- Stelle entfernt, wo sich oben die prächti-
freundlichen irischen Dominikaner, die ren Vorgängerkirche, die bis 1084 genutzt ge Apsiskuppel wölbt, befindet sich tief
hier seit über drei Jahrhunderten ihr wurde. Seit 1857 Ausgrabungen began- im Untergrund ein Heiligtum des vorder-
Quartier in der Ewigen Stadt haben, wis- nen, sind viele Wandfresken entdeckt asiatischen Erlösers Mithras, ein tonnen-
sen nur zu gut, welch ein Kleinod in ih- worden; ein Teil der edlen marmornen gewölbter, von breiten Liegebänken ge-
rer Obhut steht. Chorschranken in der Oberkirche stam- säumter Raum, in dessen Mitte ein Altar
Schon die Oberkirche aus dem 12. men aus dem früheren Bau. den göttlichen Stiertöter zeigt.
Jahrhundert ist ein überwältigendes En- Aber es geht noch tiefer. Denn auch An vielen Orten Roms ruht so das
semble: Der Blick wird gebannt vom diese Kirche wurde auf einer Ruine er- Christentum auf antiken Fundamenten –
wohl schönsten Apsismosaik der Stadt, in baut – den Mauern eines römischen Hau- aber dieses Stadtidyll bewahrt die histo-
dessen grünem Rankenwerk vor Gold- ses, dessen früheste Partien wohl noch rische Abfolge besonders eindrucksvoll.

Oberkirche mit Vorhof, Die drei Ebenen


12. Jahrhundert bis heute
Der mittelalterliche Bau erhielt bis 1719 eine von San Clemente
barocke Fassade. Das Mittelschiff wird von
wiederverwendeten, antiken Säulen ge- in Rom
tragen, auch die Chorschranken enthalten
spätantike Teile. Apsis
Vorhof Chorraum

Treppe zur Unterkirche

Unterkirche, 4. Jahrhundert
Die breite Basilika, heute von stützenden Mauern Mithräum
und Pfeilern durchzogen, bekam ihren Namen nach
dem frühen Märtyrer-Papst Clemens, dessen
Reliquien hier verehrt wurden.

Katakombeneingang
Römisches Haus, 1. bis 3. Jahrhundert
Der stattliche Komplex ging vermutlich spätestens
zur Zeit Constantins in christlichen Besitz über. Zuvor
wurde hier in einem eigenen Tempelraum der Gott
Mithras verehrt.

138 SPIEGEL GESCHICHTE 1 | 2009


DOKUMENT

Auszug aus dem „Trost der Philosophie“ des Boëthius

DER HÖHERE REICHTUM


Was also, ihr Sterblichen, Was geht vorzügliche
sucht ihr draußen das Glück, Männer, denn nur von solchen
das in euch liegt? Irrtum und ist die Rede, die aus Tugend
Unwissenheit verwirrt euch. nach Ruhm streben, was, frage
Ich will dir kurz den Angel- ich, geht sie nach Auflösung des
punkt der höchsten Glückselig- Körpers durch den Tod der
keit zeigen. Ist dir irgendetwas Nachruf an? Wenn die Men-
kostbarer als du selbst? Nichts, schen ganz sterben, was unsere
wirst du sagen. Wenn du also Vernunft zu glauben verbietet,
deiner selbst mächtig wärest, so gibt es überhaupt keinen
würdest du auch besitzen, was Ruhm, da der, der ihn besitzen
du weder jemals verlieren willst soll, gar nicht existiert. Wenn
noch das Glück dir rauben aber der Geist seiner selbst wohl
kann … Sind Reichtümer aus eu- bewusst, vom irdischen Kerker
rer oder aus ihrer eigenen Natur erlöst, frei zum Himmel steigt,
kostbar? Was gilt mehr an ih- ob er da nicht jedes irdische Ge-
nen, das Gold oder die Macht schäft verschmäht, er, der den
des aufgehäuften Geldes? Es Himmel genießend sich freut,
glänzt doch mehr beim Aus- des Irdischen ledig zu sein? …
geben als beim Anhäufen, da
ja Habsucht immer verhasst, Doch du sollst nicht glau-
Freigebigkeit beliebt macht … ben, dass ich [die Philosophie]
einen unerbittlichen Krieg mit
Was lässest du dich hinrei- der Fortuna führe; manchmal
ßen zu nichtigen Freuden? Was macht sie sich auch um den Men-
willst du äußere Güter ergreifen WEISHEITSLEHRE IM KERKER