Sie sind auf Seite 1von 2

Deutschland

die Telematiksparte der Deutschen Bahn


das System aufbauen; doch es gab keine
MOBILFUNK
Einigung über Kosten und die Übernahme

Milliarden im Funkloch
von Risiken. Die Liaison endete mit einer
Sitzung im Dezember 2006, in welcher
der damalige Bahn-Chef Hartmut Meh-
dorn vor den Innenstaatssekretären aus
Der extrem teure Aufbau eines digitalen Funknetzes für Polizei und Bund und Ländern denkwürdig polterte.
„Danach standen alle vor einem
Rettungsdienste dauert viel länger als geplant. Die Technik ist schwarzen Loch“, erinnert sich einer der
schon jetzt veraltet, das Ausfallrisiko noch immer nicht gebannt. Beteiligten. Der Luft- und Raumfahrtkon-
zern EADS übernahm fortan die Ent-
wicklungsarbeit, der Elektronikkonzern
Alcatel-Lucent die Betriebshoheit. Fast
ein Jahrzehnt war ergebnislos verstri-
chen. Zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006
hatte das Netz stehen sollen. Nun wird
es bis 2014 dauern – wenn alles gutgeht.
Bis zu 4500 Sender, sogenannte Basis-
stationen, sollen dann an Funkmasten
und auf Hausdächern installiert und an-
geschlossen sein. Momentan sind gerade
mal 400 in Betrieb. An vielen Orten grup-
pieren sich Bürgerinitiativen aus Angst
vor Strahlenschäden, was weitere Ver-
zögerungen nach sich zieht.
Die Gefahr durch Strahlung ist un-
bewiesen, das Problem explodierender
Kosten hingegen amtlich: 3,6 Milliarden
Euro, gut eine Milliarde mehr als vorgese-
hen, wird der Bund nach derzeitigem
Stand in den digitalen Polizeifunk stecken,

PATRICK LUX / STAR PRESS


die Länder etwa noch einmal die gleiche
Summe. Dass es dabei bleibt, wagt auch
Anstaltschef Krost nicht zu garantieren.
Böse Überraschungen gibt es zuhauf.
Unterschätzt haben die Systementwickler
Bundespolizisten im Einsatz: Funkausfall kann Lebensgefahr bedeuten offensichtlich die nötige Anzahl der
Funkmasten. Etwa 3500 sollten anfangs

D
ie Kanäle der Polizei abzuhören men des Schengener Abkommens zum genügen; nun ist nicht einmal sicher, ob
ist nicht nur unter Amateurfun- Wegfall von Grenzkontrollen. Vollzogen die jetzt geplanten 4500 reichen werden.
kern ein Breitensport. Auch Geld- haben den Wandel bisher 16 europäische Als im Frühjahr 2009 in Berlin der Probe-
schrankknacker sondieren im Äther, ob Länder, darunter Großbritannien, Frank- betrieb startete, strandeten die Beamten
sich die Häscher formieren; und funk- reich und Spanien. prompt in Funklöchern. In einigen Häu-
versierte Polizeireporter sind zuweilen Deutschland kann noch nicht Vollzug serschluchten und Gebäuden riss die Ver-
schneller am Einsatzort als die Beamten. melden, dafür aber eine respektable bindung ab.
Deutschlands Ordnungshüter kommu- Behörde vorweisen, die mit dem Thema Bei dem Praxistest zeigte sich ein be-
nizieren seit Jahrzehnten unfreiwillig öf- befasst ist. Sie heißt „Bundesanstalt für sonderes Risiko der modernen Technik:
fentlich. Der Behördenfunk stützt sich den Digitalfunk der Behörden und Or- Während der Analogfunk bei schlechtem
auf ein technisches Prinzip, das älter ist ganisationen mit Sicherheitsaufgaben“, Empfang immerhin noch in schlechter
als die Bundesrepublik, durchaus robust, kurz BDBOS, hat ihren Sitz in Berlin und Qualität überträgt, bricht beim Digital-
aber leider überhaupt nicht abhörsicher beschäftigt etwa 180 Mitarbeiter aus Bund funk die Verbindung ab, wenn das Signal
und mit überschaubarem Nutzungsspek- und Ländern. zu schwach ist. Für den Handy-Nutzer ist
trum. Während Mobiltelefone ins Internet Präsident Rolf Krost, ein Polit-Profi aus dies nicht mehr als ein Ärgernis – einen
vordringen oder Filme abspielen, über- dem Innenministerium, wahrt eisern Dis- Polizisten oder Feuerwehrmann kann es
trägt der Polizeifunk nur Stimmen; und ziplin im Übermitteln von Zuversicht. in Lebensgefahr bringen.
die klingen zuweilen so, als stünde der „Wir sind in dem Marschtempo, das wir Dies ist auch einer der Gründe, warum
Gesprächspartner unter der Dusche. haben wollen“, erklärt der studierte Be- die vorhandenen Digitalnetze der Mobil-
Der große Unterschied ist leicht zu er- triebswirt und präsentiert ein Gerät, das funkfirmen für den Behördenfunk unge-
klären: Moderne Handys funken digital, etwa so wuchtig aussieht wie die Mobil- eignet sind. Polizeifunk muss immer und
die Polizei nutzt ein analoges System – telefone der ersten Generation. Es emp- überall funktionieren, erst recht, wenn bei
zwei Welten der Übertragungstechnik, fängt digital und rezitiert zu Demonstra- Katastrophen wie dem Love-Parade-Un-
die völlig unterschiedlich funktionieren tionszwecken in tadelloser Übertragungs- glück in Duisburg die Handy-Netze über-
(siehe Grafik) und in ihrer Leistungs- qualität die Zeitansage der Telekom. lastet sind.
fähigkeit etwa so weit auseinanderliegen Deutschland ist spät dran mit dem di- Doch lückenlose Netze haben auch die
wie ICE und Dampflok. gitalen Polizeifunk. Streitigkeiten zwi- Digital-Vorreiter anderer Länder noch
Auf das Ziel, den Behördenfunk euro- schen Landesregierungen und ein Zwist nicht. Informationsdienste der Feuerweh-
paweit zu digitalisieren, einigten sich die mit dem ersten Entwicklungspartner ver- ren berichten von Pannen in Dänemark,
EU-Staaten schon vor 20 Jahren im Rah- zögerten das Projekt. Ursprünglich sollte wo ein Kopenhagener Einsatzleiter nur
46 D E R S P I E G E L 4 4 / 2 0 1 0
Digitaler Behördenfunk Finnland
Das ist zweifellos sinn-
voll, aber längst bewährter
Standard. Auch im Ana-
logfunk lassen sich Kanäle
Island Groß- Estland zusammenschalten und
britannien bundesweite Verbindun-
Dänemark gen herstellen.
Litauen Ein weiterer Vorteil soll
Niederlande
in der Fähigkeit des Digi-
landesweit . . . talnetzes liegen, auch Bild-
Belgien Deutsch- daten zu übertragen, bei-
... in Betrieb land
. . . im Aufbau Tschechien spielsweise Fahndungsfotos
Frankreich Slowakei oder Lagepläne. Allerdings
... in Planung
Schweiz Ungarn sieht der Tetra-Standard,
Rumänien nach dem das System kon-
Portugal zipiert wurde, nur eine
Spanien mittlere Übertragungsrate
von drei Kilobit pro Sekun-
de vor – ein Wert aus der
Bronzezeit der Computer-
DIGITALFUNK technik. Moderne Mobil-
Schallwellen werden für die Übertragung funknetze übertragen das
in digitale Signale (Einsen und Nullen) umgewandelt 2000fache.
und beim Empfänger wieder in Schallwellen zurückverwandelt.
Vorteile: Möglichkeit zur Verschlüsselung; sehr gute Sprachqualität. Die trüben Aussichten
Nachteil: Ist das Funksignal schwach, gibt es keinen Empfang. wecken bereits Unmut bei
1 1 1 1 1 11111 1 1 1 Hallo den Beamten. „Es ist zu
befürchten, dass wir mor-
0 0 000 0 0 0 0 0 0 gen Technik von gestern
Hallo kriegen“, klagt Horst Mül-
ler, Funkfachmann der Ge-
werkschaft der Polizei.
Behördenleiter Krost hält
ANALOGFUNK den dürftigen Datentrans-
Hallo Die Schallwellen werden – wie beim port jedoch für ausreichend:
herkömmlichen Radio – auf eine Der BOS-Digitalfunk, sagt
Funkfrequenz moduliert und beim Emp- er, sei eben „primär als
fänger zurückverwandelt. Vorteil: Auch bei schwachen Signalen ist eine
Verständigung noch möglich. Nachteile: Störgeräusche auch bei guter Sprechsystem konzipiert“.
Funkverbindung; Gespräche können von Fremden mitgehört werden. Trotz der geringen Über-
tragungsrate könnten künf-
noch über sein normales Handy Kontakt tig immerhin Fingerabdrücke versendet
zu seinen Einheiten bekam. In den Nie- werden, versichert Krost. Überdies sei das
derlanden stellten einige Feuerwehren System „ausbaufähig“. Doch rechtfertigen
vorübergehend wieder auf Analogtechnik solche Fortschritte eine Milliardeninves-
um, weil der Digitalfunk zu oft versagte. tition?
Wirklich brauchbare Systeme sind sehr Für derartige Sinnfragen ist es jetzt wo-
teuer, was andere Länder zögern lässt. möglich zu spät. Das Großprojekt ist weit
Österreichs Polizei zum Beispiel wird so fortgeschritten und hat alle Genehmi-
bald keinen flächendeckenden Digital- gungsinstanzen passiert.
funk bekommen. Das Land Vorarlberg Zum triftigsten Argument für den Di-
hat bereits angekündigt, sein „nahezu gitalfunk aber könnten die zunehmenden
neuwertiges“ Analognetz mindestens bis Probleme mit dem alten Analogsystem
2017 zu betreiben. „Danach“, so die Aus- werden. Es ist nicht neuwertig wie in Vor-
kunft der dortigen Behörden, „werden arlberg, sondern großflächig erodiert. Da-
mögliche vorhandene Optionen geprüft.“ von ausgehend, dass ohnehin bald digital
Dass deshalb zwischen Bregenz und gefunkt wird, haben Behörden und In-
Liechtenstein die innere Sicherheit kol- dustrie die bestehenden Anlagen nicht
labiert, steht nicht zu erwarten. Eher mehr besonders gepflegt.
drängt sich die Frage auf: Was wird wirk- Die Beamten, sagt Polizeigewerkschaf-
lich besser durch den Digitalfunk? ter Müller, fänden „kaum noch Ersatz-
Die Abhörsicherheit zweifellos. Das di- teile für defekte Geräte“. Ähnlich wie
gitale Signal lässt sich verschlüsseln, der beim Restaurieren von Oldtimer-Pkw sei-
Code aber auch knacken. Hacker ver- en sie inzwischen gezwungen, aus drei
schafften sich bereits Zugang zu codierten Geräten eins zu machen.
Kanälen des Digitalfernsehens. Die Gewerkschaft sprang den Kollegen
Die BDBOS nennt noch weitere bei und verteilte 68 000 normale Mobil-
Gründe. Der Digitalfunk ermögliche die telefone, mit denen sich kostenlos alle
„Kommunikation mit anderen Sicherheits- Polizeidienststellen anwählen lassen.
behörden – etwa zwischen Polizei und Motto: „Telefonieren, bis der Digitalfunk
Rettungskräften –, und das bundesweit“. kommt“. CHRISTIAN WÜST

D E R S P I E G E L 4 4 / 2 0 1 0 47