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Eine Bombe unter dem Christentum

PETER VELDHUISEN

[ Übersetzung: Joseph Horvath ]

Von starren Christen kann man nicht erwarten, daß sie an der Taufurkunde von Jesus
interessiert sind. Die Existenz eines derart trockenen Beweises würde das
Geheimnis ihres Glaubens antasten. Dem Laien erscheint der Fund eines solchen
Dokuments als erfreuliche Nachricht, aber das macht aus der Geburt des Heilands
ein allzu alltägliches Ereignis. Der Christenheit würde man, o Graus!,
Beamtenprosa aufhalsen anstelle der Poesie der Engel und Hirten. Man würde
annehmen müssen, daß, wie es längst bei kritischen Jesus-Forschern zu lesen ist,
der König der Juden der Bastard eines römischen Soldaten war.

Schlimm. Und das ware nur der Anfang. Denn zu einer Enthüllung auf diesem Niveau
gehörte eine vollgeschissene Windel flankiert von nächtlichem Geschrei und Sorgen
wegen der Pocken, der Masern und Mumps. Nein, dreimal Nein! So will man seinen
Jesus nun wirklich nicht kennen.

Unlängst erschien ein Buch, das als Jesu Taufbrief angesehen werden kann, zwar 20
Jahrhunderte zu spät geschrieben, aber wohl ein Buch, daß auf wissenschaftlich
verantwortliche Weise alle Fragen beantwortet, die man über die Hoffnung aller
Christen haben kann. Mit der Studie ‘War Jesus Caesar?’ gelingt dem italienischen
Forscher Francesco Carotta, die Identität von Jesus festzustellen. Er weist
eindeutig nach, daß der Jesus des Neuen Testaments eine Fälschung ist, und zwar
eine, die nach dem hundert Jahre älteren Julius Caesar modelliert ist, dem
römischen Diktator, der schon von vielen seiner Zeitgenossen als ein milder
Wundertäter angesehen wurde – als eine Art Heiland. Caesar wurde im Jahr 44 vor
unserer Zeitrechnung ermordet. Sein Leben verläuft bis in die Details parallel zu
dem der späteren Jesuskonstruktion, mit der die Bibel Werbung macht für das
Christentum.

Aber aufgepaßt, genau hinhorchen. Carotta betont, daß die Leidensgeschichte von
Jesus von Nazareth eine Kopie der Biographie des ‘vergöttlichten’ Caesars ist, des
Staatsmannes, der nach seinem gewalttätigen Tod unter die Götter aufgenommen wurde
und der, incognito, wie Carotta es frech ausdrückt, den Fall des römischen Reiches
überlebte. Der Kult um Caesar lebte fort, als Europa in die Hände von Christen und
Barbaren kam, nur heißt er seither Jesus Christus.

Die frühesten Verbreiter des Christentums taten alles, um die Figur ihres Jesus so
imposant wie möglich zu machen und fanden in den Berichten um Caesar den
geeigneten Stoff. Denn Caesar hat sich beim einfachen Volk äußerst beliebt
gemacht. Der Jesus der ersten Christen sollte der Verführer der Volksmassen
werden, wodurch die neue Religion sich zu einem Massenphänomen und einer
politischen Macht entwickeln konnte.

Das mag gewagt klingen – es hat etwas von einem Komplott – aber mit dem Prüfen
seiner Theorie ist Carotta nicht über dünnes Eis gegangen. Er fand so viele
Übereinstimmungen in den Orts- und Personennamen in den Berichten von Caesar und
Jesus, daß er sie Stück für Stück einer gründlichen Untersuchung unterwerfen
mußte, jedesmal bereit seine eigenen Annahmen Lügen zu strafen. Carotta sezierte
die Textüberlieferungen des Markus-Evangeliums, verglich griechische, lateinische
und aramäische Übersetzungen und untersuchte mit peinlicher Genauigkeit die
Symbolik, mit der die folgenden römischen Herscher ihre Münzen zierten (worauf
Kreuzzeichen vorkamen). Der Leser kann das alles schrittweise miterleben, weil der
Löwenanteil des vorliegenden Buches einfach den Bericht dieser Untersuchung
bildet. Man braucht sich also nicht auf Schlußfolgerungen zu verlassen; man kann
das Entstehen der Schlußfolgerungen genau kontrollieren. Nun würde man von einer
wissenschaftlichen Publikation nichts anderes erwarten, aber die Praxis lehrt, daß
gerade in der Jesus-Forschung die Spezialisten immer wieder in die Fallen ihrer
Voreingenommenheit tappen.

Carotta führt uns längs der Stationen von Caesars Biographie und weist so viele
Übereinstimmungen mit der Jesus-Geschichte auf, daß dies Zufall ausschließt.
Gleichzeitig fragt man sich, wie es möglich ist, daß Historiker das Knäuel von
offensichtlichen Verfälschungen nicht schon Jahrhunderte früher entwirrt haben.

So fällt es unmittelbar auf, daß sowohl Caesar als auch Jesus ihre große Tour
begannen in einem nördlichen Nachbarstaat: Caesar in Gallien und Jesus in Galiläa.
Beide überqueren am Anfang einen verhängnisvollen Fluß: Caesar den Rubikon bei
Ravenna und Jesus den Jordan (bei Nazareth). Die erste Stadt, die Caesar daraufhin
belagert und von einem feindlichen Besatzer befreit, ist Corfinium, während Jesus
in Kafarnaum den unreinen Geist vertreibt von dem ein Mensch besessen ist.
‘Besetzt’ und ‘besessen’ sind in Latein dasselbe (‘obsessus’).

Beide sind fortwährend unterwegs und kommen zum Schluß in der Hauptstadt an wo sie
zuert im Triumpf empfangen werden und darauf schmerzlich untergehen: in Rom und in
Jerusalem. Beide sind große Redner und stammen von höchstem Adel ab. Caesar von
Aeneas und Jesus ist Sohn Davids. Beide ziehen das einfache Volk vor und stoßen
mit den Angesehensten zusammen: Caesar mit dem Senat, Jesus mit dem Sanhedrin.
Beide haben eine streitbare Natur, sind aber auch von bewundernswerter Milde:
Caesar vergibt seinen Feinden und Jesus predigt, den Feind zu lieben. Beide werden
verraten: von Brutus und von Judas. Beide werden beschuldigt, sich selbst zum
König erheben zu wollen: der eine zum König der Römer und der andere zum König der
Juden. Beide hüllen sich in einen purpurnen Königsmantel und tragen eine Krone auf
dem Haupt: einen Lorbeerkranz und eine Dornenkrone. Beide werden ermordet: Caesar
mit Dolchen erstochen und Jesus gekreuzigt, aber auch mit einer Stichwunde in der
Seite. Beide sind am selben Datum umbebracht worden: Caesar an den Iden des März,
Jesus am 15. Nizan. Genau wie später Jesus vollbringt Caesar Wunder, wie das
Trotzen eines schweren Seesturms und die Auferweckung eines Toten. In vielerlei
Hinsicht ist Jesus, der ‘den Sohn gegen den Vater aufbringen will’, der Anstifter
eines Bürgerkriegs genau wie Caesar Hauptdarsteller in einem Bürgerkrieg war.

Besonders ergreifend ist trotz aller kühlen Analyse das Kapitel über den Tod
Caesars, das in eine öffentliche Verbrennung der schwer geschundenen Leiche auf
dem Forum mündet. Der Oberpriester Markus Antonius ließ hinter der Totenbahre eine
dramatisch gekreuzigte Wachsfigur anbringen, die Caesar als Märtyrer zeigt. Das
war eine furchteinflößende Inszenierung, deren Wirkung noch gesteigert wurde, als
er dem Bildnis mit Caesars Totenmaske die Worte in den Mund legte: „Ach, habe ich
sie denn gerettet, daß sie mich zugrunde richten?“ Ein Aufruf zum Mitleid und
zugleich zur Rache. Denselben Satz finden wir im Evangelium von Markus, dem nach
heutigen Forschern ältesten, wieder bei der Kreuzigung von Jesus, wo es auch
wieder der Hohepriester ist, der es sagt: „Andere hat er gerettet, aber sich
selbst kann er nicht retten.“

Carottas Liste der Übereinstimmungen ist von einer erschöpfenden Länge und
Detailliertheit.
Wunderlich ist, daß nach all der Entzauberung man von Carotta vernimmt, daß er
dabei wirklich nicht darauf aus ist, Gläubigen ihre Freude an der Religion zu
vergällen.

Francesco Carotta: War Jesus Caesar?


Über den römischen Ursprung des Christentums. Eine Untersuchung.
Aspekt EUR 32,-