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4/2015 Oktober| November| Dezember € 8,90

SCHIFFClassic A: € 9,80; CH: sFr 17,80; BeNeLux: € 10,30; SK, I: € 11,55; FIN: € 12,25; S: SKR 110,00; DK: DKK 95,00

SCHIFFClassic
Schiff & Zeit 86

Magazin für Schifffahrts- und Marinegeschichte

Der letzte Zeitzeuge berichtet:


Untergang der BISMARCK

Lenkwaffenzerstörer der Bundesmarine

MÖLDERS
Bau, Einsätze, Katastrophen
04

4 1 9 8 45 0 0 0 8 9 0 8

SCHWABENSTEIN Luxuriös TITANIC Wie wir das Schiff SMS BLÜCHER Ihr letztes
reisen in den 50er Jahren lebendig halten Gefecht auf der Doggerbank
K l ei n e S c h i f f e,
großar t i g e M o d e l l e

JEDEN MONAT
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GeraMond Verlag GmbH, Infanteriestraße 11a, 80797 München

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ü
EDITORIAL

Katastrophen auf hoher See


A
lle Mann auf Gefechtsstation, meldeanlage des Schlachtschiffs BIS- chesters gibt es eine Schwimmweste
Feuer im Schiff!“, dröhnte die MARCK, aus der am 27. Mai 1941 ge- in die Hand. Doch nur 711 Menschen
Durchsage aus der Bordspre- gen 10 Uhr vormittags dieser Befehl können gerettet werden, rund 1.500
cheranlage des Flugkörper-Zerstörers dröhnt. Tief im Inneren des Stahlgi- finden den Tod.
MÖLDERS am Abend des 15. Dezem- ganten – in einem Turbinenraum – Seit dieser dra-
ber 1987. Wenn einem heute ein sol- kämpft Matrose Bernhard Heuer in matischen Nacht hat
ches Erlebnis erzählenderweise prä- diesem Augenblick um sein Leben. Er das Schicksal des
sentiert wird, ist man innerlich am findet den Weg an das Oberdeck des berühmten Schiffes
Schmunzeln. Wird schon nicht so zusammengeschossenen Stolzes der und seiner Passagie-
schlimm gewesen sein! Doch wenn Kriegsmarine und kann uns heute als re Generationen be-
dann die Fotos der verwüsteten Berei- letzter Überlebender der BISMARCK wegt und in den
che im Schiff auf den Tisch kommen, seine Geschichte erzählen, die Sie ab letzten Jahren tragen
verfliegt das Schmunzeln. Ab Seite 22 Seite 26 finden. neben Büchern und
Filmen auch gebor-
gene Gegenstände Jörg-M. Hormann,
aus dem Wrack da- Verantw. Redakteur
zu bei, dass der My-
VERWÜSTET: thos um die TITANIC lebendig bleibt.
Operatorplätze Lesen Sie mehr dazu ab Seite 32.
in der ausge- Liebe Leserinnen und Leser, mit
brannten Ope- dieser Schiff Classic verabschiede ich
rationszentrale mich von Ihnen als verantwortlicher
des Flugkör- Redakteur. Für Sie spannende und in-
per-Zerstörers formative Artikel aus der maritimen
MÖLDERS, fo- Geschichts- und Geschichtenwelt mit
tografiert am kompetenten Autoren umzusetzen,
16. Dezember hat mir in den letzten zwei Jahren viel
1987 Freude bereitet, und ich bedanke mich
Foto: Sammlung Kunz herzlich für Ihr aufmerksames Inter-
esse. Bleiben Sie Schiff Classic treu,
können Sie Ihre eigenen Empfindun- Als sich in der eiskalten Nacht des und gelegentlich werden wir wieder
gen beim Lesen dieser spannenden 15. April 1912 die Decks der RMS TI- voneinander lesen.
Geschichte testen. Und in dieser Schiff TANIC immer mehr neigen, gibt es
Classic können wir sogar noch mit gar keine Schiffsdurchsage für die Ihr Jörg-M. Hormann
einer Steigerung aufwarten. Passagiere. Die Reichen an Bord wer- Schiff Classic
„Maßnahme Versenken. Alle Mann den geweckt und die Zwischendecks Infanteriestraße 11a, 80797 München
von Bord!“ Diesmal ist es die Schiffs- verriegelt. Zur Musik des Bordor- redaktion@schiff-classic.de

Wir stellen vor


Kathrin Orth M.A. (1971) Eberhard Kliem (1941)

Geschichtsstudium in Berlin und London. Mehrjäh- Nach dem Abitur 1961 Eintritt in die Marine der
rige Tätigkeiten im Internationalen Maritimen Mu- Bundeswehr, 1998 wird er Fregattenkapitän. Nach
seum Hamburg, im Historischen Museum Bremer- seiner Pensionierung ist Kliem mehrere Jahre Ge-
haven und im Deutschen Technikmuseum Berlin. schäftsführer des Deutschen Marinemuseums in
Kuratierung mehrerer Ausstellungen mit maritimer Thematik. Wilhelmshaven. Autor mehrerer Bücher, unter anderem von Bio-
Augenblicklich arbeitet sie an ihrer Dissertation zu einem Thema grafien über den Generaladmiral Hermann Boehm und den Ma-
des U-Boot-Krieges. In Schiff Classic berichtet sie kompetent rinemaler Claus Bergen. Themen zur Kaiserliche Marine sind
über Museen und Ausstellungen. Als professionelle Erbener- seine Schwerpunkte in Schiff Classic. Eberhard Kliem ist verhei-
mittlerin ist sie in Berlin zu Hause. ratet und lebt in Rastede.

SCHIFFClassic 4/2015 3

ü
INHALT

Titelthema
Als die Computer lernten, zur See zu fahren........12
Flugkörper-Zerstörer MÖLDERS
„Achtung, dies ist keine Übung!“ ...................................................22
Feuer an Bord der MÖLDERS

BEWEGTE GESCHICHTE: Nach 34


Dienstjahren, in denen es manche
Gefahren zu überstehen galt, hat
der Zerstörer MÖLDERS seinen
letzten Ankerplatz in Wilhelmsha-
ven gefunden – als Museumsschiff
Foto: ullsteinbild

Das besondere Bild ...............................................................................................................................6 Maritime Technik


Die SPIEKEROOG III: Sympathieträger im Wattenmeer
Erster Klasse nach Yokohama ................................................................ 46
Panorama Maritim ............................................................................................................................... 8 Bremer und Hamburger Fernost-Kombischiffe
Nachrichten zur Schifffahrts- und Marinegeschichte
Auf dem Wunschzettel eines Präsidenten ................. 52
Schiff & Zeit Seitenraddampfer DRESDEN für Nordkorea
„Ich hatte mit dem Leben abgeschlossen“ ............ 26
Bernhard Heuer – der letzte Mann der BISMARCK
Tauchgang in die Geschichte .................................................................... 56
Unsinkbarer Mythos ......................................................................................................... 32 U-Boot Monitor M-2
Vor 30 Jahren: Die Entdeckung der TITANIC

Fataler Fehler mit Folgen.................................................................................... 38 Titelfotos: Sammlung Sigurd Hess, Olaf Rahardt, Sammlung Kathrin Orth, Sammlung Stephan-Thomas
Das Gefecht auf der Doggerbank 1915 Klose, Sammlung Harald Focke, picture-alliance/WZ-Bilddienst

ü
SCHIFF & ZEIT | Schlachtschiff BISMARCK SCHIFF & ZEIT | Das berühmteste Wrack

FILMKULISSE: In Mexiko lässt Regisseur


Bernhard Heuer – der letzte Mann der BISMARCK James Cameron in einem riesigen Wasser-
tank einen fast originalgroßen Nachbau der

„Ich hatte mit dem


Der Untergang des deutschen TITANIC errichten. Der gleichnamige Film
von 1997 befeuert den Mythos um das be-
Schlachtschiffs BISMARCK gehört rühmte Schiff immens Foto: Sammlung Kathrin Orth

zu den dramatischsten Episoden der


Seekriegsgeschichte. Schiff Classic

Leben abgeschlossen“
traf Bernhard Heuer, den letzten
Mann der ehemals über 2.000-
köpfigen Besatzung, am BISMARCK-
Gedenkstein in Friedrichsruh bei
Hamburg Von Stephan-Thomas Klose

IM GESPRÄCH: Bernhard Heuer


(rechts) mit Stephan-Thomas
Klose in Friedrichsruh
Foto: Wolf-Christian Nerger

amerikanischen Woods Hole Oceanographic


Vor 30 Jahren: Entdeckung der TITANIC Institution. Nun suchen sie mit ARGO nach DIE ENTDECKER Ballard und Michel – das erfolgreiche Team

Unsinkbarer Mythos
Hinweisen auf ein Trümmerfeld. Der Tauch-
roboter mit Tiefseekamera wird mit einem Der 1942 in Kalifornien geborene Meeresbio- Der Ingenieur Jean-Louis Michel wird 1945
langen Kabel unter dem Forschungsschiff loge Dr. Robert Ballard ist einer der bekann- in Algier geboren und wächst an der algeri-
hergeschleppt. Nach zwölf Tagen erfolgloser testen Meeresforscher der Welt. Er erwirbt sich schen Mittelmeerküste auf. Nach dem Studi-
Verdienste in der Entwicklung von Tiefsee- um in Lille, Frankreich, ist er an der Entwicklung
Suche tauchen die ersten Trümmerteile in
Tauchrobotern. Zu seinen spektakulären Ent- des Bathycaphs ARCHIMÈDE beteiligt. Die
der Dunkelheit auf. Das berühmteste Wrack deckungen gehören neben der TITANIC das druckfeste Tauchkugel ermöglicht Tauchgänge

T
der Welt ist gefunden! Schlachtschiff BISMARCK sowie eines der äl- in über 10.000 Meter Tiefe. Für das franzö-
Am 1. September 1985 raumatisch ist der 15. April 1912 für resforschers Robert Ballard und seines fran- Ein Jahr später taucht Robert Ballard mit testen, jemals gefundenen Wracks, ein phöni- sische Meeresforschungsinstitut IFREMER
die Weltschifffahrt. Es ist der Montag- zösischen Kollegen Jean-Louis Michel auf dem bemannten Tauchboot ALVIN selbst zisches Schiff aus dem 7. Jahr- entwickelt er zahlreiche Geräte
spürt ein Forscherteam das morgen, an dem RMS TITANIC in den der Suche nach dem Wrack. Der Franzose zum Wrack. Dabei steuert er ein weiteres Ka- hundert v. Chr. Im Gebiet der Ga- zur Erforschung der Meere. Jean-

S. 26 S. 32
Wrack der TITANIC vor Fluten versinkt. Die TITANIC, das größte vom Meeresforschungsinstitut IFREMER hat merafahrzeug, JASON JR. Das macht Auf- lapagos-Inseln entdeckt er 400 Louis Michel ist an mehreren
Schiff ihrer Zeit, gilt eben als unsinkbar. Doch alle bekannten Informationen akribisch ana- nahmen vom Inneren des Schiffes. 1987 dann Grad heiße Quellen im Meer, so- hochkarätigen Expeditionen be-
Neufundland auf. Seitdem auf der Jungfernfahrt von Southampton nach lysiert und ein Suchgebiet von 250 Quadrat- kehrt auch IFREMER zur TITANIC-Fund- genannte Black Smokers. Robert teiligt.
New York geschieht das Undenkbare: Das kilometer errechnet. In einer ersten Suchpha- stelle zurück. Finanziert von Investoren der Ballard ruft ein Fernlernpro-
erleben das Schiff und seine gramm zur Tiefseeforschung ins BERÜHMT: Meeresbiologe Ro-
Schiff kollidiert mit einem Eisberg und geht se fährt das Forschungsschiff LE SUROIT späteren RMS Titanic Inc., werden erstmals
Leben, das sich vor allem an Kin-
DAS LETZTE GEFECHT: Als die BISMARCK gegen tragische Geschichte eine unter. Es sterben fast 1.500 Menschen, nur 712 in vier Wochen 70 Prozent des Gebietes mit Gegenstände geborgen. Bei den Tauchfahr- der und Jugendliche richtet. In
bert Ballard ist einer der be-
kanntesten Schiffswrackerkun-
werden gerettet. dem neu entwickelten Sonargerät SAR ab – ten der russischen Tauchkapseln MIR 1 und
eine vernichtende Übermacht stand und schließlich
sank, war auch Bernhard Heuer an Bord. Gemälde
ungeahnte Renaissance des 73 Jahre später ist eine Tiefseeexpedition ohne Erfolg. Mitte August wird die Arbeit MIR 2 entstehen 1991 die Aufnahmen für
den USA nehmen 1,7 Millionen der und Meeresforscher der
Schüler daran teil. Welt Foto: Sammlung Jörg-M. Hormann
des Marinemalers Olaf Rahardt Foto: ullsteinbild Interesses Von Kathrin Orth unter der Leitung des amerikanischen Mee- auf der KNORR fortgesetzt, einem Schiff der den IMAX-Film „Titanica“. Ab 1998 können

26 SCHIFFClassic 4/2015 27 32 SCHIFFClassic 4/2015 33

SCHIFF & ZEIT | Vorstoß ins Verderben MARITIME TECHNIK | Komfortabel unterwegs

Das Gefecht auf der Doggerbank 1915 Bremer und Hamburger Fernost-Kombischiffe

Fatale Fehler Erster Klasse Die Entscheidung der Hapag und des Norddeutschen
Lloyd, ab 1954 mit sechs schönen, aber teuren
Fracht- und Passagierschiffen auf die lange Ostasien-

nach Yokohama
route zurückzukehren, löste neben Begeisterung
auch Kopfschütteln aus Von Harald Focke

mit Folgen
Ohne Flottensicherung fährt das Kreuzergeschwader der
kaiserlichen Hochseeflotte Richtung Doggerbank – der
bereits informierten Royal Navy direkt vor die Kanonenrohre.
ZU LANGSAM: Mit 25,8 Seemeilen Höchstgeschwin-
Ein kurzsichtig geplanter, folgenreicher Vorstoß digkeit wird der Schlachtkreuzer BLÜCHER
als lang-
Von Eberhard Kliem samste Einheit der 1. Aufklärungsgruppe der
Hoch-
seeflotte von den fahrtüberlegenen Engländern
ein-
geholt und versenkt Foto: picture-alliance/WZ Bilddienst

AM KENTERN: Die letzten Minuten des


Schlachtkreuzers BLÜCHER, von den Eng-
ländern fotografiert. Von über 1.000 Mann
der Besatzung werden nur 260 gerettet

38
Foto: picture-alliance

SCHIFFClassic 4/2015
S. 38 39 46 SCHIFFClassic 4/2015
SCHMUCKES SCHIFF: Die
SCHWABENSTEIN des Nord-
deutschen Lloyd kam als
erstes der sechs Kombischiffe
für die Ostasienroute in Fahrt S. 46
Foto: Archiv NDL

47

LANDGANG | Offiziersopfer LANDGANG | Deutsche Geschütze an dänischer Küste

SMS LEIPZIG in
Der Untergang von SMS LEIPZIG 1914 der Vorkriegsbe- Die Seefestung Langelandsfort als Museum

Eine Frage der Ehre „Kalter Krieg“


malung (Weiß mit
gelben Schornstei-
nen) und mit ei-
nem Versenkungs-
hinweis auf einer
Erinnerungspost-

zum Anfassen
karte aus dem
Ersten Weltkrieg
Im Dezember 1914 trifft das Ostasiengeschwader der Kaiserlichen Marine bei den Foto: Sammlung Jörg Braun
Falklandinseln auf einen überlegenen Gegner. An ein deutsches Kommandantenschick-
sal wird nach 100 Jahren auf bemerkenswerte Art erinnert Von Eberhard Kliem

S chicksalsstunde am Abend des 8. De-


zember 1914: „(…) am Ende der unglei-
chen Seeschlacht bei den Falklandin-
seln befahl er als Kommandant des Kleinen
Kreuzers LEIPZIG den wenigen Überleben-
steht es zu lesen in einer Todesanzeige, die
100 Jahre nach dem Geschehen von der Fa-
milie veröffentlicht wird. Wer war dieser Jo-
hannes Siegfried Haun, Fregattenkapitän
und Kommandant der SMS LEIPZIG, dessen
Unstrut, war Sohn eines evangelischen Pfar-
rers. Nach dem frühen Tod der Eltern wur-
den er und sein älterer Bruder von einem
Großgrundbesitzer in Wolmirsleben (Mag-
deburger Börde) adoptiert und liebevoll in
Nach dem Zweiten Weltkrieg, mit wieder neuem Gegner aus dem Osten, mussten die
Einfahrten in den Öresund und den Großen Belt kontrolliert werden. Mit deutschen Ka-
nonen bestückten die Dänen ihre neuen Seefestungen Von Detlef Ollesch
den die schweren Kleidungsstücke auszu- Leben 43-jährig endete? dessen Familie erzogen.
ziehen und den Hilfsschiffen des Feindes Nach dem Abitur in Magdeburg trat Jo-
entgegenzuspringen. Er selbst verblieb auf Der Kommandant hannes Siegfried Haun als Seeoffizieranwär-
der bewegungsunfähigen SMS LEIPZIG und Im März 1913 übernahm der damalige Fre- ter am 1. April 1888 in die Kaiserliche Marine
fand mit dem ihm anvertrauten Schiff für gattenkapitän Johannes Siegfried Haun das ein. Er durchlief die damals übliche Ausbil-
Kaiser und Vaterland in den eisigen Flu- Kommando über die LEIPZIG. Haun, gebo- dung und wurde schon früh in das Ostasiati-
ten des Südatlantiks den Seemannstod.“ So ren am 24. Juni 1871 in Westendorf an der sche Kreuzergeschwader versetzt, in dem er
mehrere Offizierpositionen auf verschiede- AG Weser in Bremen ein Kleiner Kreuzer der Ersten Weltkriegs wurde der Kreuzer unter
nen Schiffen durchlief. 1903 heiratete er eine Städteklasse mit der Baubezeichnung „N“ wechselnden Kommandanten und Geschwa-
Jugendfreundin und nahm eine Wohnung in vom Stapel. Der Oberbürgermeister der derkommandeuren im üblichen, aber durch-
Kiel in der Esmarckstraße. 1907 wurde Sohn Stadt Leipzig taufte das Schiff auf den Na- aus vielfältigen Kolonialdienst eingesetzt.
Kurt, 1909 Sohn Eberhard geboren. men der bedeutendsten Stadt Sachsens. Entweder als Einzelfahrer oder mit anderen
Im Nachlass der Familie Haun befindet
sich ein Porträtfoto seines Obersten Kriegs-
herrn Kaiser Wilhelm II. vom 30./31.Oktober „Kümmere Dich um meine Jungs. Adoptiere sie,
1901 aus dem Neuen Palais zu Potsdam mit
einer Widmung – allerdings von der Hand wenn mir etwas zustoßen sollte!“
eines kaiserlichen Adjutanten geschrieben: Fregattenkapitän Johannes-Siegfried Haun zu seinem Bruder Kurt, Anfang 1914
„Meinem lieben Haun zur freundlichen Er-
innerung.“ Ob dies der Ausdruck einer be-
sonderen Verbindung zu Haun gewesen ist Die Gesamtkonstruktion mit knapp unter Einheiten des Kreuzergeschwaders wurden
oder die eher routinehafte Behandlung, die 4.000 Tonnen, der Antrieb über eine dreifach- Häfen anderer nahe gelegener Nationen
allen kaiserlichen Seeoffzieren bei einer ge- Expansionsmaschine mit zehn Marinekes- angelaufen, bei offiziellen Ereignissen das
eigneten Gelegenheit zuteil wurde, lässt sich seln und einer Spitzengeschwindigkeit von Deutsche Reich repräsentiert oder das deut-
nicht mehr klären. Unbestritten ist aber, dass 22 Knoten, die Hauptbewaffnung mit insge- sche Kolonialgebiet in Pazifischen Raum
Haun sich wie nahezu alle kaiserlichen See- samt zehn 10,5-Zentimeter-Einzelgeschüt- besucht.
offiziere durch seinen persönlichen Eid auf zen entsprachen den damaligen Vorgaben
den Kaiser diesem eng verbunden fühlte für ein derartiges Schiff. Im Einsatz

B
und seine Pflichten als Offizier außerordent- Im Manöverdienst stellte sich heraus, Im Mai 1914 erhielt die LEIPZIG den Befehl,
lich ernst nahm. dass die SMS LEIPZIG und ihre sechs den Stationskreuzer NÜRNBERG vor der efestigte Artillerie-Stellungen gehören Nicht anders ist es mit den Hinterlassen-
Schwesterschiffe gute Seeschiffe mit ange- mittelamerikanischen Westküste abzulösen. seit über 200 Jahren zum normalen Er- schaften der deutschen Besatzungsmacht
Verantwortungsvoller Vater nehmen Manövriereigenschaften waren. Bei Die Hauptaufgabe bestand darin, in den scheinungsbild von Dänemarks Küs- aus dem Zweiten Weltkrieg. Deren Küsten-
Anfang des Jahres 1914 hatte Haun Heimat- Seegang von vorn ab etwa fünf bis sechs Wirren des mexikanischen Bürgerkriegs ten. Von Jütland bis Bornholm sollten sie die verteidigungsanlagen beschränkten sich als
urlaub. Vor seiner Rückreise nach Tsingtao Windstärken und höheren Fahrtstufen war deutsche Staatsangehörige zu evakuieren britische Royal Navy während der Napoleo- Teil des Atlantikwalls allerdings auf die jüt-
mit der Transsibirischen Eisenbahn verein- die Back allerdings sehr nass und ein Ein- und in sicheres Ausland zu bringen. Hin- nischen Kriege von Landeoperationen abhal- ländische Westküste und die Ufer des Katte-
barte er mit seinem Bruder Kurt, dass dieser satz der dort aufgestellten Geschütze nicht weise auf schwere politische Spannungen in ten und den eigenen Kanonenbooten, die sich gats. Schließlich erwartete man den Feind

S. 58 S. 66
im Fall seines Todes die noch minderjährigen mehr möglich. Europa erreichten den Kommandanten am regelmäßig mit den weit überlegen feindli- von Westen und wollte diesem unter ande-
FAMILIENFEIER: Verlobungsfeier in
Söhne adoptieren solle. Daraus kann man Nach nur kurzem Dienst in der heimatli- 31. Juli, der daraufhin den Entschluss fasste, chen Fregatten anlegten, Schutz bieten. Etli- rem den Durchbruch in die Ostsee verweh-
Borne-Bisdorf 1903; im Kreise seiner
Pflegefamilie Schaeper ist Korvetten-
schließen, dass Haun – wie viele andere Ma- chen Hochseeflotte wurde der Kleine Kreu- seine Aufgabe an ein amerikanisches Kriegs- MARITIMES DENKMAL: Die SPRINGEREN (S 324), che dieser Stellungen sind heute noch mehr ren. Von den dänischen Streitkräften wäh-
kapitän Johannes Siegfried Haun als rineoffiziere – die drohende Kriegsgefahr zer der Ostasiatischen Station in Tsingtao schiff zu übergeben. In einer abseits gele- nicht zu verwechseln mit dem im Aalborger Marinemu- oder weniger gut erhalten und dienen seit rend des Kalten Krieges teilweise weiterbe-
einziger Uniformträger unschwer zu durchaus realistisch zumindest erahnte. zugeteilt, lief am 8. September 1906 aus Wil- genen Bucht erfuhr er am 5. August vom seum liegenden gleichnamigen Boot (S 329), war das dem Ende ihrer militärischen Bedeutung als nutzt, gehören auch sie inzwischen zu den
erkennen. Neben ihm seine Verlobte Im Rahmen der Vergrößerung der Kaiser- helmshaven aus und erreichte Hongkong Kriegsausbruch. Der Mobilmachungsplan letzte U-Boot im Dienst der dänischen Seestreitkräfte Sehenswürdigkeiten. touristischen Attraktionen des Königreichs.
Foto: Sammlung Fritz Haun lichen Marine lief am 21. März 1903 bei der am 6. Januar 1907. Bis zum Ausbruch des sah für die LEIPZIG die umgehende Verei- Foto: Detlef Ollesch

58 SCHIFFClassic 4/2015 59 66 SCHIFFClassic 4/2015 67

Landgang Kunst auf der Seekarte ........................................................................................... 74


Maritime Zeichnungen zwischen Gradnetz und Seezeichen
Eine Frage der Ehre .............................................................................................................58
Der Untergang von SMS LEIPZIG 1914 Bücherbord...............................................................................................................................................78
Maritime Buchneuheiten
Museum der kleinen Fischerboote............................................... 62 Zeitreise ...............................................................................................................................................................80
Nautineum auf dem Dänholm Gesprengt und eingeebnet: Die älteste
Schleuse Wilhelmshavens
„Kalter Krieg“ zum Anfassen .................................................................... 66 Vorschau/Impressum....................................................................................................................82
Die Seefestung Langelandsfort als Museum

Eine Hamburger Erfolgsgeschichte............................................. 72 Titelbild: FK-Zerstörer MÖLDERS im Hardanger Fjord, Norwegen


30 Jahre „art maritim“ Foto: Sammlung Sigurd Hess

5
SCHIFFClassic 4/2015

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DAS BESONDERE BILD

Sympathieträger im Wattenmeer
Bis zu ihrer Außerdienststellung 2013 war die SPIE- te. Nach umfangreichen Umbau- und Renovierungs-
KEROOG III viele Jahre lang das kleinste und älteste arbeiten machte sie im Juli 2015 als Restaurant-
der zwischen Spiekeroog und Neuharlingersiel ein- schiff fest. Wo? Natürlich auf Spiekeroog.
gesetzten Fahrgastschiffe. Aber auch das sympa- Ursprünglich hatte das Schiff mit Zulassung für
thischste, wie viele ehemalige Reisende meinen. die Watt- und Küstenfahrt für seine Passagiere zwei
Und deren Zahl mag – nachdem die 1967 auf der Decks: das Hauptdeck mit zwei Salons und der
Husumer Schiffswerft gebaute Fähre in Fahrt ging – Heckladefläche sowie das Oberdeck mit dem Son-
wohl in die Millionen gehen. Vor allem unternahm nendeck. Mit einer Länge von 33,54 Metern und
die SPIEKEROOG III Ausflugsfahrten ins Watten- 1,45 Meter Tiefgang war die SPIEKEROOG III für
meer und zu den Seehundsbänken an der Lange- ihre Fahrten im Wattenmeer ideal geeignet. Ange-
ooger Ostplate. 1976 machte sie Schlagzeilen, als trieben von einem 421 PS starken Klöckner-Hum-
sie in schwerem Orkan vom Anleger in ihrem Hei- boldt-Deutz-Dieselmotor Typ SBA 8 M 816, erreichte
mathafen Spiekeroog losgerissen wurde und führer- das Fahrgastschiff eine Höchstgeschwindigkeit von
los, aber unbeschädigt auf der Insel Mellum strande- 11,2 Knoten. Text und Foto: Ulf Kaack

ü
SCHIFFClassic 4/2015 7

ü
PANORAMA MARITIM

Der Publikumsliebling
der diesjährigen Sail
war die prachtvolle Die Sail 2015 in Bremerhaven
GÖTHEBORG, ein de-
taillierter Nachbau ei-
nes 1745 gesunkenen
schwedischen Han-
Allseits beliebte Großsegler
delsschiffs In der Seestadt Bremerhaven ging es Mitte August mächtig maritim
Foto: picture-alliance
zu. 300 Windjammer, Dampfschiffe, Oldtimer und Sportboote gaben
sich auf der Sail 2015 ein Stelldichein

Z u den vielen Seeleuten auf


den Schiffen gesellten sich
Tausende von „Sehleuten“ aus
die vielen Fachfragen der Land-
ratten zu beantworten. Täglich
war Open Ship der segelnden
nah und fern, die sich das alle Schönheiten. Und wann be-
fünf Jahre stattfindende Spekta- kommt man die mal so hautnah
kel nicht entgehen lassen woll- zu sehen?
ten. Das Filetstück der Sail war Rund um den Neuen Hafen
wie gewohnt der Neue Hafen, und auf dem Vorplatz des
denn hier lagen die ganz dicken Deutschen Schiffahrtsmuse-
Pötte. Die ALEXANDER VON ums pulsierte das Leben. Auf
HUMBOLDT mit ihren grünen mehreren Bühnen gab es Musik
Segeln hatte ganz vorn an der für jeden Geschmack – vom
Flaniermeile festgemacht. Kein Shanty-Chor bis zum DJ, von
Wunder, war sie doch das der Top-40-Band bis zum Schla-
Flaggschiff des Events gerduo. Und auch die kaum en-
und als waschechte Bre- den wollende „Fressmeile“ war
merhavenerin auch die in kulinarischer Vielfältigkeit
Gastgeberin für ihre segeln- kaum zu übertreffen.
den Artgenossen. Eine Runde mit dem Riesen-
Die meisten Fans hatte hin- rad gefällig? Kein Problem!
gegen unbestritten die GÖTHE- Und wen es doch aufs Wasser
BORG. Der schwedische Drei- zog, der buchte einfach einen
master ist der prachtvolle Nach- Kurztörn auf einem der zahlrei-
bau eines gleichnamigen Han- chen Traditionssegler oder
delsschiffs, das 1745 auf seiner machte eine klassische Hafen-
Heimreise von China kurz vor rundfahrt. Ein wenig beschau-
dem Ziel im Hafen von Göte- licher, aber nicht minder viel-
borg auf Grund lief und sank. fältiger ging es im Fischereiha-
Bei allen Großseglern stauen fen zu. Hier waren es vor allem
sich die Menschenmassen vor die historischen Dampf- und
den Gangways und die Besat- Motorboote, die ihren mariti-
zungsmitglieder waren rund men Charme spielen ließen.
um die Uhr damit beschäftigt, Ulf Kaack

Drehbrückenhaus in Lübeck
Auf das
Ein „befreiter“ Backsteinbau Drehbrücken-
haus hat man
Neue Ansichten nach Entfernung der Lübecker Drehbrücke derzeit eine
freie Sicht

D
Foto: Detlef Ollesch

as Drehbrückenhaus neben abgebaut. Das im neugotischen


dem Lübecker Museumsha- Stil erbaute Backstein-Gebäude
fen bietet dem Betrachter derzeit dient seit 1892 dem Zweck, die
einen unverbauten Anblick von Drehbrücke über die Trave zwi-
der Wasserseite her, denn die schen der Altstadt und der Wall-
Drehbrücke, die mit ihrem Stahl- halbinsel zu bedienen. Die ur- lage ersetzt und mitsamt dem da- seumshafen Lübeck e. V. heute als
fachwerk diese Ansicht norma- sprünglich hierfür eingebaute zugehörenden Schornstein ent- Hafenmeister-Büro und Raum
lerweise versperrt, wurde wegen Dampfmaschine wurde bereits fernt. Die ehemalige Brücken- für maritime Ausstellungen ge-
anstehender Sanierungsarbeiten 1905 durch eine elektrische An- wärter-Wohnung wird vom Mu- nutzt. Detlef Ollesch

ü
Warten auf Hochwasser:
Hilfeleistung kann auch auf Ehrenmal für die Toten auf
Sand enden Foto: DGzRS See in Hameln
Dass Gedenkstätten für die Todes-
opfer, welche die Seefahrt in ihren
verschiedenen Erscheinungsfor-
men immer wieder fordert, nicht
nur an der Küste zu finden sind,
zeigt sich beispielhaft in Hameln
am Oberlauf der Weser. Das Eh-
renmal, das die dortige Marineka-
meradschaft im Jahr 1958 auf
Strandung vor Amrum
dem St.-Maur-Platz aufstellen ließ,
Keine Handbreit Wasser unter dem Kiel! hat die Form eines Stockankers
und erinnert mit der Inschrift AL-
Oldtimer will modernem „Kollegen“ helfen und kommt selber fest. Das gestrandete Duo LEN, DIE AUF SEE GEBLIEBEN,

Foto: Detlef Ollesch


bot bei Ebbe einen bemerkenswerten Anblick ZUM GEDÄCHTNIS an sämtliche
Verluste von Menschenleben der
militärischen wie zivilen Schifffahrt.
O ffensichtlich wegen eines
Navigationsfehlers kam die
1993 in Schweden gebaute AD-
im nordfriesischen Wattenmeer
zwischen Amrum, Sylt und den
Halligen. Die 1960 auf der Bü-
vom Tochterboot LOTTE des
DGzRS-Seenotkreuzers ERNST
MEIER-HEDDE sowie zwei
Detlef Ollesch

LER EXPRESS trotz ihres Tief- sumer Schiffswerft gebaute Schlauchbooten aufgenommen.
gangs von nur 1,20 Metern am HAUKE HAIEN kam bei ihrer Diese übergaben sie an drei in-
Sonnabendmittag, 11. Juli 2015, Hilfeleistung jedoch selber auf zwischen in der Nähe wartende
auf der Sandbank Schweinsrü- der Untiefe fest. So lagen beide Fahrgastschiffe, von denen die
cken unweit der Hallig Lange- Schiffe bei ablaufendem Wasser Passagiere aufs Festland ge-
neß fest. Umgehend eilte die schnell hoch und trocken ne- bracht wurden. Die beiden Ha-
HAUKE HAIEN zum Havaris- beneinander. Die rund 250 Pas- varisten kamen nachts mit dem
ten, um ihn frei zu schleppen. sagiere verließen die Schiffe auf auflaufenden Hochwasser wie-
Tief im Landesinneren: ein
Beide Fahrgastschiffe verkehren die Sandbank und wurden hier der frei. Ulf Kaack Ehrenmal für die Toten der See

Aeronauticum wieder im
Verewigt für Jahrzehnte Aufwind
Marine-„Graffito“ im Hafen von Funchal Mit Umstrukturierungen im Vor-
stand des Fördervereins und mit
Eine schwarz-rot-goldene Wandmalerei auf der Insel Madeira erinnert daran, dass dort finanziellen Zusagen der Gemeinde
vor fast zehn Jahren Einheiten der Bundesmarine festgemacht haben Wurster Nordseeküste, des Zweck-
verbandes Landesstube Alten Lan-
A n die deutsche Beteiligung
an der Standing NATO Mi-
ne Countermeasures Group 1
Hafen von Funchal auf Madeira.
2006 stand der multinationale
NATO-Minenabwehrverband
Stricker. Während des Manövers
„Steadfast Jaguar“ in den Gewäs-
sern der Kapverdischen Inseln
des Wursten, des Landkreises und
der Bundeswehr scheint das Ma-
rinefliegermuseum in Nordholz die
(SNMC 1) erinnert dieser Vere- unter dem Kommando des deut- liefen die Boote auch Funchal an
wirtschaftliche Talsohle durch-
wigungsversuch (siehe Foto) im schen Fregattenkapitäns Andreas und dort hielten Besatzungsmit-
schritten zu haben. Offenbar ist
glieder des Minenjagdbootes
auch die Drohung des Komman-
PASSAU (M 1096) und des Ten-
ders RHEIN (A 513) für die
deurs der Marineflieger, Kapitän zur
Nachwelt fest, dass sie vor Ort
See Hans-Jörg Detlefsen, dem Mu-
gewesen waren. Wo normaler- seum die bundeswehreigenen
weise die Kreuzfahrtschiffe aus Großexponate entziehen zu wollen,
aller Welt festmachen, bringen vom Tisch. Detlef Ollesch
immer wieder Besatzungsmit-
glieder von Marineeinheiten
Foto: Detlef Ollesch

„Gemälde“ mit ihren Wappen,


Foto: Detlef Ollesch

Flaggen und anderen Symbolen


an, die dort mehrere Jahre oder
sogar Jahrzehnte sichtbar sind,
während sie langsam, aber sicher
Auch die Breguet Atlantic bleibt
Nicht unbedingt künstlerisch wertvoll, aber auffällig: eine „Kennung“ der Witterung zum Opfer fallen. dem Aeronauticum erhalten
der Deutschen Marine an einer Hafenmauer in Funchal, Madeira Detlef Ollesch

SCHIFFClassic 4/2015 9

ü
PANORAMA MARITIM

Seeschlag reißt Schmuckstück in die Tiefe

EYE OF THE WIND verliert Galionsfigur im Nordatlantik


Der Verlust wurde erst bei der Ankunft im Hafen bemerkt: Als der Großsegler EYE OF THE WIND am Ende einer Atlan-
tik-Passage in St. Helier auf der Kanalinsel Jersey anlegte, fehlte die Galionsfigur am Bug des Traditionsseglers

C ornel Greth, Kapitän des 104


Jahre alten Windjammers,
machte Seegang und schweres
Schiffes bei dessen Jungfernfahrt
unter dem neuen Namen EYE
OF THE WIND im Jahr 1976.
Wetter für den Schaden verant- Der Australier Rodney Clarke,
wortlich: „Auf dem Törn hatten Bühnenbildmaler an der welt-
wir einen Tag lang sehr raue See berühmten Oper von Sydney,
mit hohen Wellen von vorn. Star- schnitzte die Skulptur aus einem
ker Seeschlag muss die hölzerne Stück Eichenholz. Das stilisierte
Figur derart beschädigt haben, Gesicht der Galionsfigur symbo-
dass mit ihr ein massiver Halte- lisiert eine Wolke, die mit weit
bolzen aus seiner Verankerung aufgeblähten Backen den Wind
gerissen wurde.“ Der 33-jährige ausatmet, der das Schiff vor-
Skipper war vor allem über den wärts trägt.
Zeitpunkt des Abhandenkom- Zurzeit ist die EYE OF THE
mens der Galionsfigur unglück- Im Nordatlantik versunken: die Galionsfigur des Segelschulschiffes WIND noch ohne Galionsfigur
lich: „Auf Jersey hat die EYE OF EYE OF THE WIND Foto: G. Raupp/FTS Archiv unterwegs. Den Vorsteven ziert
THE WIND ihren Heimathafen. bis auf Weiteres das sogenannte
Ausgerechnet hier ohne unser Zuvor hatte das maritime Zweimasters verbracht. Ange- Trailboard, ein weißer Dekor-
Schmuckstück einzulaufen, war Kunstwerk fast 39 Jahre an sei- fertigt wurde es im Anschluss an schmuck an beiden Seiten des
sehr bedauerlich.“ nem Platz am Vorsteven des eine Restaurierungsphase des Rumpfes. JMH

Seenotkreuzer THEODOR HEUSS


Musikalische Unterstützung
Neues Leben für eine Legende „Volle Kraft voraus“
In ungewöhnlichen Farben, aber mit hoffnungsvoller Zukunft
unterwegs Stimmgewaltiger Rock aus deutschen Landen
als Hommage an die Seenotretter

S eit drei Jahrzehnten ist Klaus Lage einer der um-


triebigsten Musiker und Komponisten in der
deutschen Rock- und Popszene. „1.000 und eine
Nacht“, „Monopoli“ und „Faust auf Faust“ sind Top-
Foto: Manuel Miserok

Die THEODOR HEUSS Hits, die hierzulande jeder kennt. Die Seenotretter
als Privatyacht in ungewohnter unterstützt der Sänger bereits seit Langem, ist in die-
weißer Lackierung (links), ohne sem Jubiläumsjahr sogar der „Bootschafter“, der das
Tochterboot und unter dem Na- maritime Rettungswerk prominent repräsentiert.
men JAN in der Kieler Innenförde Nun hat Klaus Lage einen Song geschrieben und als

B ei ihrer Indienststellung im Jahr


1957 war die THEODOR HEUSS
ein technischer Meilenstein im Spezi-
war dabei. Im Frühjahr 2015 bekam
der DGzRS-Klassiker einen neuen Ei-
gentümer und soll nun besseren Zei-
Benefiz-CD auf den Markt gebracht. Mit dem Titel
„Volle Kraft voraus“ hat er
den Rettungsmännern an
alschiffbau. Zahlreiche Menschenle- ten entgegenfahren. den deutschen Küsten ein
ben konnten mit ihr in 28 Dienstjahren Übrigens: Bei dem Seenotkreuzer, rockiges und wohlklin-
auf den Rettungsstationen Borkum der unter dem Namen THEODOR gendes Denkmal gesetzt.
und Laboe aus Seenot gerettet wer- HEUSS im Deutschen Museum in Das Lied ist auf einer CD
den. Nach der Ausmusterung wurde München zu besichtigen ist, handelt mit Audiotrack und zwei
der legendäre Seenotkreuzer verkauft es sich um ein baugleiches Schiff Musikvideos exklusiv im
und es folgte der Weg durch private aus der Rettungsflotte: Die ehemali- Seenotretter-Shop unter
Hände: Einbruchdiebstahl und Van- ge H. H. MEIER erhielt die Namens- www.seenotretter.de zum
dalismus an Bord, die unrühmliche schilder ihrer weitaus berühmteren Das Cover der von Klaus Preis von zehn Euro er-
Foto: Ulf Kaack

Beschlagnahme durch den Zoll und Schwester, um den Museumsbesu- Lage veröffentlichten Be- hältlich.
eine Zwangsversteigerung durch die chern einen höheren Wiedererken- nefiz-CD Ulf Kaack
Hamburger Staatsanwaltschaft, alles nungswert zu bieten. Manuel Miserok

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Foto: Sammlung Ulf Kaack
Hanse Sail in Rostock

Dampfschiffe im Mittelpunkt
Die Hanse Sail in Rostock gehört zu den größten Treffen von Traditions- Was kostet ein Schlachtschiff? Oder genauer, wie viel hat
seglern und Museumsschiffen. Beim 25. Jubiläum (6. bis 9. August) das berühmteste deutsche Schlachtschiff, die BISMARCK,
stellte man jetzt die altehrwürdige Dampfschifffahrt in den Mittelpunkt gekostet? Als mit einer geheimen Verfügung des Oberkom-
mandos der Kriegsmarine der Neubau bei Blohm & Voss in
Hamburg am 16. November 1935 bestellt wurde, ging es
noch nicht um einen Preis.
Der kam erst mit dem Ange-
bot der Werft im Mai 1940
auf den Tisch und musste
danach mit den Marinestel-
len als „vereinbarter Fest-
preis“ ausgehandelt wer-
den. 71.642.000 Reichs-
Foto: Armin Braun

mark netto stand dann auf


der Rechnung vom 22. März
1941 – heute so um die
316,5 Millionen Euro. Bis
Malerische Stimmung bei der Hanse Sail in Rostock zum Untergang der BIS-
MARCK am 27. Mai 1941

B esonderer Anziehungspunkt war da-


bei der Dampfeisbrecher STETTIN,
der bisher an jeder Hanse Sail teilgenom-
re Anziehungskraft nicht verloren, aber
auch ein Schnellboot und die hochmo-
derne Korvette BRAUNSCHWEIG zo-
blieben noch 67 Tage Zah-
lungsziel.

men hat. Zur Dampferflotte gehörten gen gerade junge Interessierte in Scha-
auch noch der Tonnenleger BUSSARD, ren an. Nachbauten von hanseatischen
der Schlepper WOLTMANN und manch Koggen und einem französischen Frei- Neue Ausstellung
anderer dampfgetriebener Oldtimer. Seg- beuterschiff ließen die Herzen der an
ler rümpfen bisweilen die Nase, wenn
beim Dampfaufmachen und Manövrie-
maritimer Geschichte Interessierten hö-
her schlagen.
„Böses Wetter“
ren dichte Rauchwolken entweichen und Es versteht sich von selbst, dass fast DSM renoviert Ausstellungs-
die Russpartikelchen – im Seemannsjar- alle Schiffe und Boote im Hafen besich- einheit zur Seenotrettung
gon „Heizerflöhe“ genannt – sich auf tigt werden konnten und zudem tags-
schneeweiße Decks und Segel absenken.
Neben diesen Veteranen der Seefahrt
nahmen traditionell zahlreiche Großseg-
über zu Gästefahrten ausliefen. Allein
die Fahrt auf der Warnow vom Stadtha-
fen in Richtung Ostsee entlang der zahl-
S eine Ausstellung zur Seenot-
rettung hat das Deutsche
Schiffahrtsmuseum (DSM) neu
ler an der Hanse Sail teil. Die Verlegung losen Schiffe und Boote war bei herrli- gestaltet. „Durch der Stürme bö- Das Segelrettungsboot
von Rostock zum nächsten Treffen der chem Sonnenschein ein unvergleichli- ses Wetter“ ist das Motto. „Wir von 1913, ein frühes
DSM-Exponat
Segler in Bremerhaven bietet dann eine ches Erlebnis. Draußen auf der Ostsee präsentieren technische, logisti-
elegante Gelegenheit zu einem spannen- wurden dann Segel gesetzt oder die sche und institutionelle Entwicklungen der Seenotret-

Foto: Harald Focke


den „Tall Ship race“. Dampfkessel kräftig geheizt, sodass sich tung anhand zum Teil nie zuvor gezeigter Exponate“,
Auch die deutsche Marine nutzte die die Gäste und „Sehleute“ ein überaus sagt Sunhild Kleingärtner, die Geschäftsführende Di-
Gelegenheit, sich der Öffentlichkeit zu plastisches Bild der Seefahrt in früheren rektorin. Zur Einordnung in den historischen Kontext
präsentieren. Die GORCH FOCK hat ih- Zeiten machen konnten. Eberhard Kliem ist eine Begleitbroschüre erschienen. Harald Focke

Briefe an die Redaktion


Zu „Linienschiff HESSEN: Bei vier Ma- Anm. der Red.: Da haben wird die un- hervorragende Fotos. Habe gestern Abend
rinen im Dienst“, Schiff Classic 3/2015 scharfe Brückenkonstruktion am rechten noch angefangen zu schmökern. Meinen
In der Schiff Classic-Ausgabe Nr. 85 be- Bildrand falsch verortet und Sie haben Glückwunsch!
richten Sie auf den Seiten 6/7, dass das recht, Herr Titsch, mit Ihrer Vermutung, Stephan-Thomas Klose, per E-Mail
Foto der treuen HESSEN in Wilhelmsha- dass es sich um Kiel handelt. Mit dem
ven aufgenommen sei. Das ist definitiv Düsternbrooker Hochufer in Kiel, im lin- Schreiben Sie an:
Foto: Sammlung Ulf Kaack

nicht der Fall, da der Hintergrund nicht ken Bildbereich, kann Wilhelmshaven redaktion@schiff-classic.de oder
Wilhelmshaven entspricht. Zudem gab nicht aufwarten. Schiff Classic, Postfach 40 02 09,
es in unserer Stadt nie derartige Festma- 80702 München
chertonnen. Es wird sich vermutlich um Schiff Classic 3/2015 Leserbriefe spiegeln nicht unbedingt die
Meinung der Redaktion wider. Die Redaktion
Kiel handeln. Linienschiff HESSEN der Werte Redaktion, die neue Ausgabe ist behält sich vor, Leserbriefe aus Gründen der
Darstellung eines möglichst umfassenden
Markus Titsch, per E-Mail Reichsmarine im Kieler Hafen wieder ganz große klasse! Gute Themen, Meinungsspektrums sinnwahrend zu kürzen.

SCHIFFClassic 4/2015 11

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TITELGESCHICHTE | Zerstörer MÖLDERS

Rechnergestützt unterwegs

Als die Computer lernten,


zur See zu fahren
In 34 Jahren aktiver Dienstzeit haben etwa 14.000 Besatzungsmitglieder „ihren“
Flugkörper-Zerstörer MÖLDERS erlebt. Einer davon: unser Autor Sigurd Hess, der einige
Jahre als Kommandant auf der MÖLDERS diente. Er war dabei, als sie als erstes deutsches
Kriegsschiff ein computergestütztes Führungs- und Waffenleitsystem erhielt Von Sigurd Hess

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IN DER KARIBIK: Zerstörer MÖLDERS
nach dem Flugkörper-Schießen beim
Einlaufen aus dem riesigen Übungsge-
biet in Roosevelt Roads
Foto: Sammlung Ulf Kaack

Sprung ins militärische Zeitalter der Bits und Bytes


Mit den drei Zerstörerneubauten der LÜTJENS-Klasse 103 begann für die
Bundesmarine Ende der 1960er-Jahre das Computerzeitalter. Erstmals ka-
men rechnergestützte Führungs- und Waffeneinsatzsysteme der US-Marine
sowie ferngelenkte See-Luft-Flugkörper und Wasserbombenwerfer an Bord.
Russische Jagdbomber und U-Boote sollten damit abgewehrt werden.
Reichliches Üben war jetzt für die Besatzungen der FK Zerstörer LÜTJENS,
MÖLDERS und ROMMEL notwendig. Heiße Gefechtsübungen mit scharfem
Flugkörperabschuss und Wasserbombenwurf, für jeden Beteiligten ein be-
sonderes Erlebnis, waren jedoch nur in den riesigen Übungsarealen vor der
US-Ostküste und in der Karibik möglich. Mit diesem Ziel ging ab August
1976 auch die MÖLDERS auf die große Reise über den Atlantik und ließ
danach ihre Heckwelle durch die Karibik schäumen.

SCHIFFClassic 4/2015 13

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TITELGESCHICHTE | Zerstörer MÖLDERS

D 186: Überlebende der LÜTJENS-Klasse


Nach ihrer Außerdienststellung in Wilhelmshaven am 28. Mai 2003 erfährt
die MÖLDERS ein dankbares Schiffsschicksal. Verrotten und Verschrotten
bleiben ihr erspart. Auf Initiative und mit dem besonderen Einsatz des Erst-
kommandanten Günter Fromm, ehemaliger Befehlshaber der Flotte und nun
Vizeadmiral a. D., wird D 186 am 23. Juni 2005 in Wilhelmshaven erneut in
Dienst gestellt – nun als Museumsschiff. Seitdem liegt die MÖLDERS am
Kai des Deutschen Marinemuseums (DMM) und kann nach Herzenslust
durchstöbert werden. Eine 2006 gegründete Bordgemeinschaft MÖLDERS
hilft nicht nur bei der Pflege von Kameradschaft und Tradition, sondern
auch dem Marinemuseum bei der Schiffspflege und -erhaltung. So kann
man bei besonderen Anlässen die „alte Lady“ in bester Farbe und über die
Toppen geflaggt bewundern.

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MUSEUMSSCHIFF: Die MÖLDERS
zum Anfassen im Deutschen Marine-
museum Wilhelmshaven. Hier ent-
steht beim Besucher das Bild von
der damaligen Technik und dem
Leben der Besatzungsmitglieder an
Bord des weitgereisten Zerstörers
Foto: ullsteinbild

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TITELGESCHICHTE | Zerstörer MÖLDERS

ZERSTÖRERGESCHWADER: Das 1. FK-Geschwader mit LÜTJENS, MÖLDERS und ROMMEL in Kiel Foto: PIZ Deutsche Marine

I m Oktober 1964 setzte Fregattenkapitän


Bernd Wülfing zu einem Vortrag an, der
seine Vorgesetzten reichlich irritierte. Wül-
fing berichtete in Vertretung seines Referats-
leiters im Führungsstab der Bundesmarine
Land Nordrhein-Westfalen die Patenschaft
für das Schiff. Zusammen mit den Schwes-
terschiffen LÜTJENS und ROMMEL bilde-
ten sie das 1. Zerstörergeschwader in Kiel.
Hauptaufgabe der FK-Zerstörer war die Ab-
mit der automatischen Datenverarbeitung
NTDS (Naval Tactical Data System) und der
über Kurzwelle und VHF erfolgenden Da-
tenübertragung Link 11 die sachgerechten
Lösungen bereitgestellt werden konnten. Al-
aus seinem Arbeitsgebiet. Es ging um die wehr von Flugzeugen und Flugkörpern im lerdings waren die Computer noch so groß
Luftbedrohung in der Ostsee und ein com- Rahmen des Verbandsschutzes. Sie besaßen und schwer, dass man sie nur auf Flugzeug-
putergestütztes Führungs- und Waffenein- außerdem gute Fähigkeiten zur U-Boot-Jagd trägern und Kreuzern einbauen konnte.
satzsystem, für das es nur ein offenes Zeit- und Seezielbekämpfung. Als größte Kampf- Vom 12. November 1963 bis 4. Februar
fenster bis April 1965 gab, um bei den in den schiffe der Marine waren sie die Führungs- 1964 wurde der Autor (damals junger Ober-
USA bestellten FK-Zerstörern noch eingebaut schiffe für die Verbandsführer von Marine- leutnant zur See) zur Programmierausbil-
zu werden. Seine Empfehlung lautete, sich kampfgruppen. dung an das Fleet Anti-Air Warfare Training
für den Einbau des Computersystems zu ent- Centre (FAAWTC), San Diego, Kalifornien,
scheiden und sofort eine Arbeitsgruppe für Computer an Bord! kommandiert. In einem umfangreichen Be-
die Planungsarbeiten einzusetzen, die später Das erstmalige Einlaufen der drei FK-Zer- richt wurden Vorschläge zur Einführung ei-
durch eine Gruppe von Programmierern er- störer LÜTJENS, MÖLDERS und ROMMEL nes deutschen NTDS gemacht: „Die Wich-
gänzt werden sollte. Das war über die Köpfe in Kiel bildete eine besondere Zäsur in dem tigkeit der elektronischen Datenverarbei-
seiner Vorgesetzten hinweg eine Empfehlung
mit Konsequenzen.
Die für Bernd Wülfings Empfehlung not- „(…) man wollte Flugkörper und kaufte gleich die Plattform mit“.
wendigen „Schiffsplattformen“ entstanden Fregattenkapitän Bernd Wülfing im Führungsstab der Marine 1965
zum Beispiel in Form der MÖLDERS, die am
12. April 1966 auf der Werft Bath Iron Works
in Bath, Maine, auf Kiel gelegt wurde. Frau forcierten Modernisierungsprozess der Bun- tung und die ungeheure Arbeit, die vor der
Anna Maria Mölders, Mutter des Jagdflie- desmarine. Die Bundesmarine begann 1956 Marine liegt, um das Problem einer Lösung
gers Werner Mölders, taufte den FK-Zerstö- mit völlig veralteten Schiffen und Booten zur entgegenzuführen, lassen nur einen Ent-
rer am 13. April 1968 auf dessen Namen. Ge- See zu fahren, die entweder von den Alliier- schluss zu: anfangen, um Erfahrungen zu
neralleutnant Johannes Steinhoff, Inspekteur ten oder von Vorläuferorganisationen der sammeln, die weder aus dem Boden ge-
der Luftwaffe, würdigte in der Taufrede den Marine stammten. Die Planer der Marine stampft, noch von fremden Marinen über-
tapferen Jagdflieger Werner Mölders als suchten nach schnellen Möglichkeiten, die nommen werden können; anfangen und kei-
vorbildlichen Soldaten und Verbandsführer. Flotte drastisch zu modernisieren, ganz be- ne weitere Zeit verlieren, ganz gleich, wie
Die MÖLDERS wurde am 20. September sonders, um der sowjetischen Bedrohung eng der finanzielle Rahmen gesteckt ist.“
1969 vom Kommandanten, Fregattenkapitän durch Jagdbomber und Flugkörper zu be-
(FKpt) Günter Fromm, mit dem Kommando gegnen. Bei der Entwicklung von fernge- Vorschlag mit Konsequenzen
„Heiß Flagge und Wimpel“ in Boston, Mas- lenkten Flugkörpern und computergestütz- Als der energische, einsatzerfahrene und un-
sachusetts, in Dienst gestellt. ten Führungs- und Waffeneinsatzsystemen ermüdliche Fregattenkapitän Bernd Wülfing
Am 29. Juni 1970 lief die MÖLDERS in (FüWES) war die amerikanische Marine füh- im Führungsstab der Marine das Heft in die
Kiel ein und am 7. September 1970 über- rend. In den 1950er-Jahren war die Compu- Hand nahm, begannen sich die Dinge in die
nahm Ministerpräsident Heinz Kühn für das terentwicklung so weit fortgeschritten, dass richtige Richtung zu bewegen. Dann kam es

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STAPELLAUF: Genau um 12:54 Uhr am 13. April 1968 läuft D 186 MÖLDERS in Bath vom Stapel Foto: US Navy

im Oktober 1964 zu der anfangs beschriebe- Das erste, wichtigste und zeitkritischste Operationszentrale (OPZ) werden, die mit
nen Tagung und den Vorschlägen von Bernd Projekt war die Planung, Entwicklung und einem computergestützten System moderni-
Wülfing. Für seine Empfehlung wurde Wül- Beschaffung des Führungs- und Waffenein- siert und automatisiert werden sollte. Mit
fing von seinen Vorgesetzten gerügt, weil er satzsystems für den Einbau auf den drei FK- dem Kauf der FK-Zerstörer wurden die zwei
unautorisiert und unabgestimmt die ge- Zerstörern der Klasse Z 103. Deutschland wesentlichen Ziele der Marine erreicht, näm-
nannten Vorschläge gemacht hatte. Dann zahlte Besatzungskosten an die Alliierten, lich das Tartar-Flugkörpersystem (später
kam ein Telefonanruf, dass er sofort zum In- diese konnten gegen Beschaffungen in den Standard-Missile-1-Flugkörpersystem) und
spekteur der Marine, Vizeadmiral Zenker, betreffenden Ländern verrechnet werden. ein modernes Führungs- und Waffeneinsatz-
kommen solle, der ihn fragte, wie man die system kostengünstig und schnell zu be-
genannten Vorschläge in die Tat umsetzen Genügend Geld in der Kasse schaffen oder, wie FK Wülfing es ausdrückte,
könne? Wülfing bekam Handlungsvoll- Im Falle der USA war ein beachtliches Gut- „man wollte Flugkörper und kaufte gleich
macht und nun überstürzten sich die Ereig- haben aufgelaufen und die Marine ergriff die die Plattform mit“.
nisse. Am 4. Dezember 1964 wurde im Füh- Chance, um aus diesem Haushaltsposten Im Frühjahr 1965 schrieb der Autor die
rungsstab der Arbeitsausschuss „Command drei DDG (Guided Missile Destroyer) der Systemspezifikationen für das deutsche
and Control“ gegründet. Im nachgeordneten CHARLES F. ADAMS-Klasse zu kaufen. NTDS, welches mit dem Acronym SATIR
Bereich wurde am 5. Januar 1964 eine neue Hierfür wurde am 11. April 1964 ein deutsch- (System zur Auswertung taktischer Informa-
Arbeitsgruppe, genannt „Arbeitsgebiet Com- amerikanisches Memorandum of Understan- tionen auf Raketenzerstörern) bezeichnet
mand and Control“ (AG C/C), aufgestellt, ding (MOU) abgeschlossen. Die FK-Zerstörer wurde. Die erste revolutionäre Entwicklung
der Vorläufer der späteren Kommando Ma- wurden fast baugleich wie die US-DDG be- war die Installation des FüWES SATIR mit
rineführungssysteme. stellt. Die wesentliche Ausnahme sollte die zwei Rechnern Univac USQ 20 B auf einem

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TITELGESCHICHTE | Zerstörer MÖLDERS

ALTENTEIL: Letzte Station der


MÖLDERS am Steg des Deutschen
Marinemuseums in Wilhelmshaven
Foto: picture-alliance

„kleinen“ Zerstörer („klein“ bedeutet hier im deck gab es eine große Holzkiste, damit die schen Probleme der automatisierten Lagedar-
Vergleich zu Flugzeugträgern und Kreuzern deutschen Kartoffeln nicht verrotteten. stellung und des Datenaustausches quasi in
der US Navy). Die zweite revolutionäre Ent- Die Einführung von SATIR gegen die vie- Echtzeit für Zerstörer gelöst hatte. Allerdings
wicklung war die Nutzung der automati- len, zum Teil schweren Widerstände, sei es in hatte die US Navy dem deutschen Juniorpart-
schen Datenübertragung für die Koordinati- der eigenen Marine, sei es in der Ministerial- ner großzügige Entwicklungshilfe geleistet.
on der Luftabwehr einer Task-Force-Group bürokratie, war ein großartiger Erfolg. Es war Der Höhepunkt des maritimen Kalten
mit dem Link-11-Untersystem der Firma die deutsche Marine, die erstmalig die takti- Kriegs wurde durch die weltweite sowjeti-
Collins. Die Software-Entwicklung, das heißt
das Planen, Produzieren und Testen der Ein-
satzprogramme, wurde durch deutsche Ar- DATEN Bewaffnung und Sensoren
beitsgruppen in enger Zusammenarbeit mit
Schiffsmaße (L/B/T) 133 m/14 m/6,8 m
der Firma Univac und der US Navy voran-
Bewaffnung ab 1982 in der Version Z 103B
getrieben.
Nahbereichsgeschütz 2 x 127-mm-Geschütze, 2 x 20 mm
Schiff-Luft-Flugkörper Standard Missile 1
Amerikanische Zweifel
Schiff-Schiff-Flugkörper Harpoon
Während die Amerikaner daran zweifelten,
Nächstbereich-Flugkörper RAM
dass die Deutschen es schaffen würden, auf
U-Jagd-Raketenwerfer ASROC
einem Zerstörer ein NTDS zu installieren,
Torpedos 2 x Drillingrohrsätze, Torpedo US Mk 32
sagten wir, dass man die Geräte liefern solle,
Sensoren
dann würden wir die Software entwickeln
4 x modernste Radare, Sonar, elektronische Unterstützungs- und Gegenmaßnahmen,
und die Systemintegration machen. Am En-
Führungs- und Waffeneinsatzsystem
de war es ein großartiger Erfolg gegen alle
Widerstände: Das System funktionierte ge- IN SEE: D-186 in der Nordsee
mäß der Leistungsbeschreibung und wurde Foto: ullstein bild
im Zeit- und Kostenplan realisiert. Als der
Autor später Erster Offizier auf der ROM-
MEL (1971–1973) und Kommandant auf der
MÖLDERS (1975–1977) war, witzelte er über
die „kleineren“ Veränderungen des deut-
schen DDG: In der OPZ wurde das FüWES
SATIR installiert, in der Offizierspantry wur-
de die Speiseeismaschine ausgebaut, der
Kutter war deutscher Bauart und an Ober-

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ARTILLERIE: Zwei
127-Millimeter-Ge-
schütze in automati-
schen Modell-10-Ge-
schütztürmen sind
die letzte Artillerieaus-
stattung von D 186
Foto: picture-alliance

GROSSEXPONAT: Die
MÖLDERS ist der Blick-
fang des Marinemuse-
ums aus jeder Richtung
Foto: PIZ Deutsche Marine

SCHARFSCHIESSEN:
Flugkörper-Abschuss
in Roosevelt Roads in
der Karibik
Foto: Sammlung Hess

sche Marineübung „Okean 75“ markiert. Die der MÖLDERS beeindruckt und freute sich genen Schießübungen zwischen Schottland
Bundesmarine antwortete mit der Erweite- darüber, dass er beim Anbordkommen und und den Shetland-Inseln organisieren, denn
rung des Operationsgebiets in den Nordflan- zum Abschied immer „ausgepfiffen“ wurde, die Schießgebiete in der westlichen Ostsee
kenraum, das sind die Nordsee, die Norwe- er meinte damit das ihm zustehende Zere- und in der deutschen Bucht waren für einen
gensee und der Nordostatlantik. Als Beispiel moniell mit Front und Seite. Während der FK-Zerstörer immer zu klein und die Ziel-
für das erweiterte Einsatzprofil der FK-Zer- Kieler Woche repräsentierte die MÖLDERS darstellung völlig unzureichend.
störer mögen die Einsätze der MÖLDERS erneut, diesmal als Flottenflaggschiff. In der ersten Jahreshälfte 1976 operierte
während der Kommandantenzeit des Autors Das Herbstmanöver „Botany Bay“ im die MÖLDERS in der Norwegensee und im
vom Januar 1975 bis September 1977 dienen. September 1975 war die Antwort der Marine englischen Kanal bei einem verkürzten
Im Februar und März 1975 nahm die MÖL- im Nordflankenraum auf das sowjetische „Operational Sea Training“ in Portland, UK.
DERS an den Übungen BIT 75 und SEF 1/75 „Okean 75“. Die MÖLDERS führte am Ende Bei der Kieler Woche war sie erneut Flotten-
teil, welche sich im Nebel und Sturm der
Nordsee zur damals längsten nationalen
Einsatzübung entwickelten. „Das umfangreiche NTDS, das wir auf unseren Trägern und Kreu-
Moderne Ausbildung zern einbauen, bekommt ihr auf euren Zerstörern nicht unter.“
Vom 20. April bis 16. Mai 1975 beteiligte sich Kommentar eines US-Marinefachmanns in der Planungsphase der Zerstörerklasse 103
die MÖLDERS am britischen „Joint Mariti-
me Course“. Hinter dem unspektakulären
Namen verbarg sich eine intensive und mo- des Manövers die lange Kiellinie der Kriegs- flaggschiff, diesmal für den Befehlshaber der
derne Gefechtsausbildung zwischen Schott- schiffe an, die den scheidenden Befehlshaber, Flotte, Vizeadmiral Hans-Helmut Klose. Mit
land und den Shetland-Inseln, bei der sich Vizeadmiral Paul Hartwig, mit einem bemer- einer Familienfahrt verabschiedete sich die
die MÖLDERS in der Luftverteidigung und kenswerten Steampast verabschiedeten. Zum Besatzung von den Familienangehörigen,
ein deutsches U-Boot im Angriff besonders einen beteiligte sich erstmals eine dänische denn am 16. August 1976 begann die große
auszeichneten. Vom 2. bis 17. Juni 1975 fuhr Fregatte, die PEDER SKRAM, am deutschen Reise über den Atlantik in die Karibik. In
die MÖLDERS nach Brest, um dem deut- Zeremoniell für den Befehlshaber der Flotte. Brest wurden Flugkörper umgeladen, in
schen Botschafter in Frankreich, Sigismund Zum anderen reihte sich ein Kriegsschiffver- Ponta Delgada, Azoren, wurde Heizöl ge-
von Braun, als Plattform für seinen offiziel- band der DDR-Volksmarine in die Kiellinie bunkert und vor Norfolk, Virginia, wurde in
len Besuch in der Bretagne zu dienen. Der ein, wurde aber ignoriert. Im Oktober 1975 einem großzügigen Übungsgebiet für die
Botschafter war von der Gastfreundschaft konnte der Autor als Kommandant seine ei- spätere Schieß- und Gefechtsausbildung trai-

SCHIFFClassic 4/2015 19

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TITELGESCHICHTE | Zerstörer MÖLDERS

FEUERSCHWEIF: Scharfschießen wöchige Gefechtsausbildung statt. Neben der


mit einer Luftabwehrrakete SM1 im harten Arbeit rund um die Uhr und der in-
Seegebiet vor Roosevelt Roads am tensiven, detailexakten Schieß- und Gefechts-
29. März 1999 Foto: picture-alliance
ausbildung rissen die German Boys die ameri-
kanischen Ausbilder aus ihrem tropischen
Alltag, indem die „German Caribbean De-
fense Force“ zu einem Oktoberfest einlud.
Guantanamo war nach den Regeln der US
Navy eine alkoholfreie Zone, aber die Seeleu-
te der MÖLDERS hatten Bier, die Köche be-
reiteten bayerische Schmankerln und die
Bordkapelle spielte besten Jazz. Die Gefechts-
ausbildung wurde mit der Note „Exzellent“
bestanden. Mit Respekt und Wehmut verab-
schiedeten uns die amerikanischen Freunde:
Vayan con Dios! Das Wochenende zur Erho-
lung verbrachte die Besatzung auf der Insel
Barbados, von der die Bewohner sagen, sie
sei 34 Kilometer lang und ein Lächeln breit.
Nun ging es über die Azoren zurück ins
herbstlichgraue Brest. Und von dort aus zur
Höchstfahrterprobung im Vier-Kessel-Be-
trieb mit 32+ Knoten auf Heimatkurs.

Ein besonderer Manövertreffer


Im Februar und März 1977 fuhr die MÖL-
DERS im Verband mit den Zerstörern HES-
SEN, SCHLESWIG- HOLSTEIN und der Fre-
gatte LÜBECK ins Mittelmeer nach Toulon.
Das FK-Schießen mit Luft- und Seeziel-FK
wurde beim Centre d’Essais de Mediteran-
née erfolgreich absolviert, jedoch wurden an
die Standfestigkeit der Schiffe und die
Schiffssicherung besondere Anforderungen
gestellt. Nach dem Passieren der Straße von
Gibraltar wurde die LÜBECK von der spani-
schen Küstenartillerie in Melilla mit einer
Granate in der Offiziersmesse getroffen. Auf
der Schießbahn für das MM-38-Schießen
wurde die HESSEN während der Mittags-
pause von einem außer Kontrolle gerate-
nen, ferngesteuerten Scheibenschlepper ge-
rammt. Nach dem dritten und letzten FK-
niert. Am 18. September 1976 nahm die Be- ne besondere Herausforderung, ein Atom- Schuss der MÖLDERS befand sich die Besat-
satzung der MÖLDERS an der Steuben-Pa- U-Boot zu jagen und zwei ASROC’s zu schie- zung im Übungsmarsch und Seeverschluss-
rade in New York teil. ßen. Als einzeln fahrendes Überwasserschiff zustand unter Deck beim Mittagessen.
hat man gegen ein Atom-U-Boot keine Chan- Am 2. März 1977, 12:41 Uhr, kollidierte
Paradieren in New York ce, es sei denn, das U-Boot verhält sich ko- die außer Kontrolle geratene Zieldrohne
Es war ein fröhliches Fest, die Besatzung war operativ, damit das ASROC-Schießen erfolg- CT 20 mit den Brückenaufbauten der MÖL-
von der Gastfreundschaft begeistert und bei reich absolviert werden konnte. DERS, das zerstäubte Kerosin verursachte
der Parade übertrafen die exakt marschie- In San Juan, Puerto Rico und in Roosevelt ein Flammenmeer auf dem Mitteldeck und
renden Seeleute in ihren blau-weißen Uni- Roads bereitete sich die MÖLDERS auf das Triebwerk des Flugkörpers bohrte sich
formen das Kamelle werfende Dreigestirn das Flugkörperschießen in dem riesigen in den achteren Schornstein. Die gefechtser-
von Köln in der Publikumsgunst. In May- Übungsgebiet vor, in dem sonst die amerika- probte Besatzung hatte in wenigen Minuten
port und Fort Lauderdale, Florida, bereitete nischen Flugzeugträger-Flotten ihre Einsatz- das Feuer unter Kontrolle. Dem über Bord
sich die MÖLDERS auf das ASROC-Schie- ausbildung absolvierten. Neben den Mach 1 geschleuderten Seemann wurde das Leben
ßen im „Tongue of the Ocean“ vor. Dieses fliegenden Zieldrohnen wurde diesmal eine dadurch gerettet, dass die brennende Klei-
hermetisch abgeriegelte Tiefwasser-Seege- Mach 2 fliegende Zieldrohne bereitgestellt; dung im Meerwasser gelöscht wurde; ein
biet zwischen den Bahamas-Inseln ist das wo sonst bekommt man diese herausfordern- hinterhergesprungener Offizier zog ihn ins
Test- und Übungsgebiet für die nuklearan- de Aufgabe gestellt? In Guantanamo Bay, Ku- Rettungsnetz, der Schiffsarzt brachte ihn mit
getriebenen U-Boote der US Navy. Es war ei- ba, fand bei der Fleet Training Group die drei- dem Helikopter ins Hospital nach Toulon.

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RECHNERGESTÜTZT: Blick in die
Fernmeldezentrale der MÖLDERS im
Museumszustand Foto: Ulf Kaack

BEENGT: Das Platzangebot für die Mann-


schaften der Besatzung folgte amerikani-
schen Vorstellungen: viele Männer in engen
Sammelkojen und funktionalen Aufenthalts-
bereichen (Foto ganz unten) Foto: Ulf Kaack

BADEVERGNÜGEN: Schwimmbad auf dem


Flugkörper-Deck während der Atlantiküber-
querung Foto: Sammlung Sigurd Hess

BOOTSMANÖVER:
Der Kutter deutscher Bauart
der MÖLDERS wird abgefiert
Foto: Sammlung Sigurd Hess

BRÜCKE: Von hier kamen über 34


Dienstjahre lang die seemännischen
Kommandos Foto: Ulf Kaack

Die Besatzung hatte sich in dieser wahr- Nach dem Ende des Kalten Kriegs, dem war sie Führungsschiff für den ersten deut-
haft brenzligen Gefechtssituation hervorra- Fall der Mauer und der Vereinigung Deutsch- schen Kommandeur einer NATO Standing
gend bewährt, der Kommandant war stolz lands veränderte sich das Einsatzprofil durch Naval Force Atlantic (SNFL), 1998 und 2002
auf ihre Leistungen, ihre Haltung und ihr die Balkankriege und die Embargooperatio- erneut Führungsschiff für die deutschen
Können. Am 30. September 1977 übergab der nen gegen Jugoslawien. 1991 fuhr die MÖL- Kommandeure der NATO Standing Naval
Autor die MÖLDERS an seinen Nachfolger. DERS im Mittelmeer während der Operati- Force Mediterranean (SNFM).
Die vier Vorgänger und neun Nachfolger als on „Southern Guard“. 1992 brachte sie das
Kommandanten und deren Besatzungen Frachtschiff GODEWIND im Mittelmeer auf, Die letzte Pflicht
hatten nicht minder herausfordernde Erleb- welches, mit tschechoslowakischen T-72- Am 20. November 2002 fand die letzte Fami-
nisse und Erfahrungen. Durch zweimalige Panzern beladen, auf dem Weg nach Syrien lienfahrt von Kiel aus statt. An Bord waren
Umbauten und Modernisierungen wurden war. 1995 nahm die MÖLDERS im Rahmen zwölf der 14 Kommandanten, die die MÖL-
die FK-Zerstörer auf dem neuesten Stand der der NATO-Operation „Sharp Guard“ an den DERS während 34 Jahren geführt hatten. Da-
Technik gehalten. Embargooperationen in der Adria teil. 1997 nach wurde sie aus der Fahrbereitschaft
genommen und am 28. Mai 2003 in Wilhelms-
ZURÜCK ZUM URSPRUNG: FK- haven außer Dienst gestellt. Es ist der Ini-
Zerstörer MÖLDERS bei der Einfahrt tiative und dem besonderen Einsatz des Erst-
in den Hafen von New York kommandanten Günter Fromm, ehemaliger
Foto: Sammlung Sigurd Hess Befehlshaber der Flotte und nun VAdm. a. D.,
zu verdanken, dass die MÖLDERS am 23. Ju-
ni 2005 in Wilhelmshaven in den Museums-
dienst gestellt werden konnte. Seitdem liegt
die MÖLDERS am Kai des Deutschen Mari-
nemuseums (DMM). Als Museumsschiff ist
sie Teil der bewahrenswerten Tradition der
deutschen Marine. So kann man bei besonde-
ren Anlässen die „alte Lady“ über die Toppen
geflaggt bewundern.

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TITELGESCHICHTE | Zerstörer MÖLDERS

Feuer an Bord

„Achtung, dies ist


keine Übung!“
Feuer im Schiff! – Der Alptraum eines jeden Seemanns. Für
den Funkgefreiten Oliver Kunz wurde er im Dezember 1987
an Bord der MÖLDERS zur gefährlichen Realität. Ein Zeitzeu-
genbericht Von Ulf Kaack

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O liver Kunz stammt aus dem tiefen
Binnenland, aus dem baden-würt-
tembergischen Ostfildern nahe Stutt-
gart. Seinen Kindheitstraum von der Seefahrt
konnte er bei der Bundesmarine realisieren.
wendung an Land wäre nichts für mich ge-
wesen. Ich hatte Fernweh und war gierig auf
Salzwasser.“
Frisch zum Gefreiten befördert, sollte er
am 1. Oktober 1987 seinen Dienst auf dem
grade. Eine echte Feuertaufe war das, die
Jungs konnten feiern. Sechs Tage lag die
MÖLDERS auf der spanischen Insel und
mein neuer Job begann mit viel Freizeit.“

Die Grundausbildung absolvierte er – halb Lenkwaffenzerstörer MÖLDERS antreten, Kurs Heimat


fachlich, halb militärisch – ab April 1987 an der zu diesem Zeitpunkt als Bestandteil Nach dem Auslaufen mit Kurs auf den Hei-
der Marinefernmeldeschule in Eckernförde des STANAVFORMED-Einsatzverbandes mathafen Kiel fand sich der Gefreite auch
und erweiterte seine Kenntnisse als Tastfun- der NATO im Mittelmeer operierte. Verlet- ohne eine gezielte Einarbeitung schnell in
ker anschließend an der Fernmeldeschule zungsbedingt verzögerte sich jedoch sein die Abläufe und die Routine des Funkbe-
Flensburg-Mürwik. Dienstantritt. Doch Anfang Dezember 1987 triebs ein. Gibraltar wurde passiert. Auf nun-
„Natürlich war ich scharf auf ein Bord- war es so weit: Mit einer Transall der Luft- mehr nördlichem Kurs ging es durch die
kommando“, erinnert sich der heute 50-Jäh- waffe flog er nach Palma de Mallorca. Oliver stürmische Biskaya, wo Kunz seine Resis-
rige. „Möglichst groß sollte der Dampfer sein Kunz: „Ich ging an Bord und geriet direkt in tenz gegen Seekrankheit unter Beweis stellen
und eine lange Reise unternehmen. Eine Ver- eine Nikolausfeier der Mannschaftsdienst- konnte.

NACH DEM BRAND: Im klassischen AGA,


dem Arbeits- und Gefechtsanzug, posiert
Kunz im Funkraum Foto: Sammlung Kunz

Während der Passage durch den Ärmel-


kanal kam es am Abend des 15. Dezember
1987 zu einem Großbrand. Das Feuer brach
– ausgelöst durch eine Fritteuse – in der
Kombüse aus. Schnell griffen die Flammen
durch Kabelbahnen und Abluftschächte auf
weitere Bereiche des Zerstörers über.
Oliver Kunz erinnert sich, als sei es ges-
tern gewesen: „Wir hatten eine körperlich
sehr anstrengende ABC-Schutz-Übung hin-
ter uns und waren gerade völlig ausgepo-
wert und verschwitzt ins achterliche Mann-
schaftsdeck zurückgekehrt. Ich stand da in
Unterhose, bereit zum Duschen, und wun-
derte mich, dass manche Kameraden noch
in ihren blauen Arbeits- und Gefechtsan-
zügen rumstanden, ohne sich frischzuma-
chen. Schöne Stinker, dachte ich. Plötzlich –
so gegen 19 Uhr muss das gewesen sein –
dröhnte eine Durchsage aus der Bordspre-
WIEDERSEHEN: Fast drei Jahrzehnte
war der Stuttgarter Oliver Kunz nicht cheranlage: Alle Mann auf Gefechtsstation,
mehr an Bord der MÖLDERS, auf der er Feuer im Schiff!“
1987 den Feueralarm erlebte hatte. Im Von den Mannschaften rührte sich nie-
Sommer 2015 stattete er seinem alten mand. Zwei Übungen direkt hintereinan-
Schiff einen Besuch ab Foto: Ulf Kaack der? Das kann nicht sein, so ihre Meinung,

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TITELGESCHICHTE | Zerstörer MÖLDERS

SPARTANISCH: Das achterliche


Mannschaftsdeck der MÖLDERS,
der Schlaf- und Aufenthaltsort von
Kunz und seinen Kameraden. Das
untere Bild zeigt denselben Ort
nach dem Brand
Fotos: Ulf Kaack, Oliver Kunz

da muss doch ein Irrtum vorliegen. 30 Se- damaligen Verschluss-


kunden später dann eine erneute Durchsage, zustand aber natürlich
diesmal unmissverständlich: „Alle Mann auf nicht. Ich stürzte den
Gefechtsstation, dies ist keine Übung! Ach- Niedergang hinunter
tung, dies ist keine Übung! Feuer im Schiff, und war erst mal zehn
Feuer in der Kombüse!“ Minuten bewusstlos.“
Als Oliver Kunz wieder zu sich kam, sein Ziel erreichen können. Doch auch dieser
Auf Gefechtsstation leicht benebelt und mit Kopfschmerzen, be- Weg war versperrt. Hier stieß er auf einen
Schlagartig herrschte hektische Betriebsam- gab er sich zu seiner Gefechtsstation, dem Löschtrupp, der in den stark verqualmten
keit im Deck. Kunz musste sich noch einsatz- unmittelbar hinter der Brücke gelegenen Gang Richtung Funkraum, Brücke und Ope-
bereit machen, während seine Kameraden Funkraum: „ Der stand zu diesem Zeitpunkt rationszentrale Löschwasser pumpte. Schon
schon auf dem Weg zu ihren Gefechtsstatio- im Vollbrand. Ich lief durch das achterliche hatte Oliver Kunz einen Schlauch über der
nen waren. Als Letzter enterte er mit Schwung Steuerbordschott nach vorn, doch das Schott Schulter und half tatkräftig bei der Feuerbe-
den Niedergang hoch und stieß mit dem zum Funkraum ließ sich nicht öffnen.“ kämpfung mit, spülte Tonnen von Seewasser
Kopf brutal gegen das geschlossene Schott: Einzig über das ASROC-Deck zwischen und Löschschaum in den vor ihm liegenden
„Das stand normalerweise immer offen, im den Aufbauten hätte der Gefreite nun noch Brandherd.

Vermisst
Knapp drei Stunden arbeitete Oliver Kunz
hier fast bis zum Umfallen. Dann kam ein
Kamerad zu ihm, war völlig außer sich: „Die
gesamte Mannschaft außer den noch arbei-
tenden Löschtrupps hatte sich auf Befehl des
Kommandanten auf dem Achterdeck ver-
sammelt. 300 Mann waren angetreten, nur
meine Wenigkeit fehlte. Ich wurde als ver-
misst gemeldet und überall auf der MÖL-
DERS gesucht. Man machte sich richtig Sor-
gen um mich. Klar, mein Verhalten war in
dieser Situation fernab jeglicher Dienstvor-
schrift. Es ist, meine ich aus heutiger Sicht,
meiner damaligen Unerfahrenheit, der allge-
meinen Hektik und falschem Ehrgeiz inner-
halb der Gefahrensituation geschuldet. Zum
Glück blieb die Verfehlung seitens meiner
Vorgesetzten ungeahndet.“
Nach einem kurzen Moment des Durch-
atmens stand prompt die nächste Stress-
SCHMERZHAFT: Beim Aufentern „kollidier- ERINNERUNG: Exakt an dieser Stelle, dem situation an. „Angetreten auf dem Achter-
te“ der Kopf von Oliver Kunz damals mit dem ASROC-Deck, war der damalige Gefreite an deck, schoss der Erste Funkmeister auf uns
geschlossenen Schott Foto: Ulf Kaack den Löscharbeiten beteiligt Foto: Ulf Kaack zu, fuchtelte wild mit den Händen und

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VERNICHTET: Restlos ausgebrannt war auch die Operationszentrale HARTE ARBEIT: Die Funkempfangsantennen mussten mangels Elek-
mitsamt ihrer Elektronik Foto: Oliver Kunz trizität per Hand an Deck gelegt werden Foto: Ulf Kaack

schrie in den Lärm eines plötzlich anfliegen-


den Helikopters hinein!“, erinnert sich Oli-
ver Kunz. Der Grund: Der Bordhubschrau-
ber der Fregatte NIEDERSACHSEN näherte
sich, um neue Feuerlöschausrüstung und
Pressluftflaschen für die Atemschutzgeräte-
träger abzuwinschen. Das Problem: Die ach-
terlichen, rund acht Meter hohen Funkemp-
fangsantennen waren noch aufgerichtet und
stellten in der Dunkelheit eine schwere
Gefährdung des Helikoptermanövers dar.
Ohne Strom mussten Kunz und seine Ka-
meraden die beiden Antennen in schweiß-
treibender Arbeit mittels des mechanischen
Handrads in die Waagerechte bringen.

Manövrierunfähig im Ärmelkanal
Weit nach Mitternacht kam dann die Mel-
dung: Feuer aus! Die Brandwachen zogen
auf. Von der Besatzung konnte in dieser RAUE SEE: In der Biskaya ging es richtig zur Sache Foto: Oliver Kunz
Nacht niemand schlafen. „Über eine Stunde
lang lagen wir manövrierunfähig mitten im fen. Die Bordroutine war auf diesem letzten auf diesem ASROC-Deck stand und dort bei
dicht befahrenen Ärmelkanal, weil die Ru- Abschnitt des Einsatzes nachhaltig gestört. der Brandbekämpfung mitgearbeitet habe.
deranlage ausgefallen war“, erinnert sich der Außer belegten Brötchen und Süßigkeiten Ich bin mir sicher, bis heute nie wieder so ei-
Zeitzeuge. „Eine Aussage des Kommandan- gab es wegen der restlos zerstörten Kombüse ne Abgeklärtheit gespürt zu haben.“
ten gegenüber einem Kameraden macht nichts zu essen. Die Kojen im Mannschafts-
mich heute noch nachdenklich: Wenn die deck waren teilweise doppelt belegt, da die Zum Obergefreiten befördert
Fregatte NIEDERSACHSEN nicht bei uns Unterkünfte der Offiziere und Unteroffiziere Nach dem Einlaufen in den Marinestütz-
punkt Kiel und dem anschließenden Verho-
len der MÖLDERS zur HDW-Werft wurde
Oliver Kunz zum Obergefreiten befördert
„Ohne den Einsatz des Bordhubschraubers der NIEDERSACHSEN und auf das Schwesterschiff des Havaris-
wären wir nicht so glimpflich davongekommen.“ ten, die ROMMEL, versetzt.
An Bord des Lenkwaffenzerstörers un-
ternahm er dann noch zwei weitere schöne
gefahren wäre und die MÖLDERS mit Feu- nicht mehr bewohnbar waren. Ein Marine- und spannende Reisen: „Zuerst ging es an
erlöschgerät versorgt hätte, dann hätte er soldat musste mit schwerer Rauchvergiftung die wilde norwegische Küste und in den
den Befehl gegeben, alle Mann in die Ret- medizinisch behandelt werden. Hardangerfjord. Anschließend folgte das
tungsinseln zu schicken und das Schiff zu „Für mich war dies das größte Abenteuer, absolute Highlight meiner Marinezeit, eine
sprengen! – Was dann wohl passiert wäre?“ das ich jemals erlebt habe“, bilanziert Oliver Fahrt in die Karibik. Nicht übel für einen
Der Zerstörer konnte anschließend seinen Kunz. „Und was mich so wundert, damals wehrpflichtigen Tastfunker aus dem Bin-
Heimathafen in Kiel aus eigener Kraft anlau- wie heute, ist, mit welcher Gelassenheit ich nenland!“

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SCHIFF & ZEIT | Schlachtschiff BISMARCK

Bernhard Heuer – der letzte Mann der BISMARCK

„Ich hatte mit dem


Leben abgeschlossen“

DAS LETZTE GEFECHT: Als die BISMARCK gegen


eine vernichtende Übermacht stand und schließlich
sank, war auch Bernhard Heuer an Bord. Gemälde
des Marinemalers Olaf Rahardt Foto: ullsteinbild

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Der Untergang des deutschen
Schlachtschiffs BISMARCK gehört
zu den dramatischsten Episoden der
Seekriegsgeschichte. Schiff Classic
traf Bernhard Heuer, den letzten
Mann der ehemals über 2.000-
köpfigen Besatzung, am BISMARCK-
Gedenkstein in Friedrichsruh bei
Hamburg Von Stephan-Thomas Klose

IM GESPRÄCH: Bernhard Heuer


(rechts) mit Stephan-Thomas
Klose in Friedrichsruh
Foto: Wolf-Christian Nerger

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SCHIFF & ZEIT | Schlachtschiff BISMARCK

LETZTE RETTUNG:
Für wenige Männer
der BISMARCK ist
die HMS DORSET-
SHIRE die letzte
Chance zum Über-
leben, auch für
Bernhard Heuer
Foto: Sammlung Jörg-M. Hormann

D er alte Herr ist ganz in sich versun-


ken. Sein Blick schweift in die Ferne.
Auf der dunkelblauen Krawatte und
am Revers seines dunkelblauen Blazers trägt
er ein Wappen, das drei Kleeblätter und drei
Schiffes, seines Schiffes, das zu den bekann-
testen der Seefahrtsgeschichte gehört: der
BISMARCK. US-Regisseur James Cameron
nannte sie in seinem Film von 2005 auch die
„deutsche TITANIC” und „einen Mythos“,
auf ihrer ersten Fahrt nach neun Tagen Ein-
satz mit 2.145 Mann (die „Marinekamerad-
schaft BISMARCK sprach sogar von 2.371
Mann) im Ostatlantik unterging. Nur 116 Be-
satzungsmitglieder wurden damals gerettet.
Eichenblätter zeigt: Glück und Beständigkeit. weil die BISMARCK das größte und mo- Das ist jetzt 74 Jahre her, aber Bernhard
Es ist das Wappenschild des Hauses Bis- dernste Kriegsschiff ihrer Zeit war, als unbe- Heuer (93) kommt immer noch zur schlich-
marck. Aber es war auch das Wappen eines siegbar und unsinkbar galt und doch schon ten Erinnerungsstätte mit Kreuz und Anker

ZUR PERSON Maschinengefreiter Bernhard Heuer BEGEGNUNG:


Bernhard Heu-
Bernhard Heuer wurde am 30. Juli 1922 in Gel- er im Marinestützpunkt Eckernförde. Als Ma- er mit einem
senkirchen-Nordhausen geboren. Nach einer schinengefreiter wurde Bernhard Heuer dann Modell „seines
dreijährigen Lehre zum Handformer für Metall- im September 1940 aus der Durchgangskom- Schiffs“ am
guss („nach meinen Formen wurden Hundert- panie in Swinemünde auf die BISMARCK kom- 70. Jahrestag
tausende von 125er-Schraubstöcken herge- mandiert. Nach der Entlassung aus der Kriegs-
des Unter-
stellt“) meldete er sich 1939 freiwillig zur gefangenschaft in Kanada und England 1947
gangs (27. Mai
Kriegsmarine. Inspiriert hatten ihn die Erzäh- arbeitete Bernhard Heuer wieder als Handfor-
lungen seines Stiefvaters, der bei der Handels- mer und Mustermacher. Er lebt heute in der Nä- 2011). Foto: Ste-
marine gewesen war. Seine Ausbildung erhielt he seiner Tochter in Eckernförde. phan-Thomas Klose

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DIE BISMARCK auf ihrer einzigen und letzten
Einsatzfahrt vom 18. bis 27. Mai 1941. Beglei-
tet wurde das deutsche Flottenflaggschiff an-
fangs vom Schweren Kreuzer PRINZ EUGEN
Foto: Marinegemälde Randall Wilson/Sammlung Stephan-Thomas Klose

auf der Rückseite des Fürst-Bismarck-Mau- anlage auf sein sicheres Ende im Morgen-
soleums in Friedrichsruh bei Hamburg. Er grauen wartete. Bernhard Heuer tat damals
ist der letzte Mann der Besatzung, der am Dienst als Maschinengefreiter im Wellentun-
„Untergangstag“ für seine Rettung danken nel des Steuerbord-Turbinenraumes. Mit
und der Tausenden jungen Seemänner ge- 17 Jahren hatte er sich freiwillig zur Kriegs-
denken kann – das Durchschnittsalter auf marine gemeldet. Nach seiner Grundausbil-
der BISMARCK, die 1941 auf dem brennen- dung im Marinestützpunkt Eckernförde er-
den Schiff oder im 13 Grad kalten Wasser hielt er im September 1940 eine Komman-
ihren Tod fanden, war 24 Jahre. Es gibt Lie- dierung auf die BISMARCK und war am
der über die BISMARCK („Sink the BIS- 18. Mai 1941 mit dem Schiff von Gotenha-
MARCK“), Spiel- und Dokumentarfilme fen (Gdingen) zum Unternehmen „Rhein-
(„Die letzte Fahrt der BISMARCK“) sowie übung“ in den Nordatlantik ausgelaufen.
unzählige Bücher und Dokumentationen.
Aber Bernhard Heuer war dabei … Schiff Classic: Waren Sie stolz darauf, auf die
Er ist der letzte Augenzeuge des Dramas. BISMARCK zu kommen?
Er ist der Letzte, der noch berichten kann, Bernhard Heuer: Was heißt stolz? Ich hatte
was er am 27. Mai 1941 an Bord der BIS- mir das ja nicht aussuchen können. Aber ich MASCHINENGEFREITER: Schiff Classic-
MARCK erlebt hat, als das Flaggschiff der fühlte mich schon meines Lebens sicher, wie Gesprächspartner Bernhard Heuer war Be-
deutschen Kriegsmarine nach einer drama- man so sagt. Was sollte mir an Bord der BIS- satzungsmitglied der BISMARCK. Das Foto
tischen Verfolgungsjagd – nur 400 Seemeilen MARCK schon passieren? Ich weiß noch, zeigt ihn 1940 als 18-jährigen Matrosen
von Brest entfernt – mit zerstörter Ruder- wie mich das V-Boot mit weiteren Kamera- Foto: Sammlung Stephan-Thomas Klose

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SCHIFF & ZEIT | Schlachtschiff BISMARCK

IN GEFANGENSCHAFT: Besatzungsmitglieder
der BISMARCK 1942 in Kanada. Die Uniformen
hatte das Deutsche Rote Kreuz geschickt.
Hinten mit Pfeil Bernhard Heuer
Foto: Sammlung Stephan-Thomas Klose

den übersetzte: Da lag die BISMARCK auf Island gestellt. Es kam zu einem Gefecht, bei dem die schwere Artillerie eine Breitseite geschos-
Reede in Gotenhafen. Es war ein gewaltig der Schlachtkreuzer HOOD versenkt wurde und sen hat. Das Geschützfeuer selbst konnte ich
großes Schiff. mit 1.416 Mann unterging. Was haben Sie von auf meiner Station tief unten im Schiff unter
diesem ersten Gefecht an Bord mitbekommen? der Wasserlinie kaum wahrnehmen. Ich
SC: Wie hat man sich das Leben an Bord eines Bernhard Heuer: Ich habe das gar nicht rich- konnte auch fremdes und eigenes Feuer
solchen Kriegsschiffes vorzustellen? tig mitbekommen, denn ich war ja immer nicht unterscheiden, denn die Turbinen wa-
Bernhard Heuer: Das Leben war wie in einer unter Panzerdeck. Aber ich weiß noch, dass ren ja laut und die schwere Panzerung des
Kaserne. Auf dem Schiff waren der Flotten- sich das Schiff etwas auf die Seite legte, wenn Schiffes ließ nichts durch. Allerdings flogen
stab, ein Prisenkommando, sogar zahlreiche
Beobachter, Journalisten und Kameramän-
ner. Alles in allem etwa 2.500 Mann. Die
HINTERGRUND Die letzte Fahrt der BISMARCK
Schiffsbesatzung bestand aus zwölf Divisio-
Das am 24. August 1940 in Dienst gestellte acht 38-Zentimeter-Geschützen (Schwere Artil-
nen, von denen jede 150 bis 200 Mann um- Schlachtschiff galt als das größte und mo- lerie) in je zwei Doppeltürmen vorn und achtern
fasste. Ich gehörte zu einer der drei techni- dernste Kriegsschiff, das die Welt zur damali- (Reichweite 36,6 Kilometer), zwölf 150-Milli-
schen Divisionen, der X. Division, die sich gen Zeit gesehen hatte. Die BISMARCK war meter-Geschützen (Mittlere Artillerie) in sechs
ein Wohndeck teilten und in einem Drei-Wa- 251 Meter lang, 36 Meter breit und hatte eine Zwillingstürmen (drei an jeder Seite) sowie
chen-Rhythmus zu je vier Stunden, also bei- maximale Wasserverdrängung von 53.165 Ton- 52 Flugabwehrgeschützen diverser Kaliber. Im
spielsweise 24 bis 4 Uhr, 4 bis 8 Uhr usw. ein- nen. Die Stammbesatzung bestand aus etwa Juni 1989 wurde das Wrack der BISMARCK
gesetzt waren – Vorwache, Hauptwache und 2.000 Mann. Ihre Standfestigkeit, Sinksicher- von dem amerikanischen Tiefseeforscher Ro-
Nachwache. Vier Stunden am Tag hatten wir heit und Feuerkraft waren zum damaligen Zeit- bert Ballard in 4.800 Meter Tiefe entdeckt. Die
absolut frei, die anderen Freiwachen wurden punkt unübertroffen. Im Maschinenraum arbei- Bilder der BISMARCK zeigen ein aufrecht auf
teten drei Turbinen mit einer Gesamtleistung dem Meeresgrund aufsitzendes Schiff, dessen
zur Nachwache oder Vorwache, zur Leckab-
von 138.000 Wellen-PS, die eine Höchstge- Bug immer noch Richtung Frankreich weist.
wehr und anderen Übungen genutzt. In der schwindigkeit von 30,8 Knoten (rund 57 km/h) Weitere Informationen zur BISMARCK: www.bis-
Freiwache habe ich meist geschlafen. Man ermöglichten. Ihre Bewaffnung bestand aus marck-class.dk, www.diebismarck.de
war ja ständig müde. Die Mannschaften
schliefen in Hängematten. Ich ging auch ger-
ne mal in die Kantine, wenn sie geöffnet war.
Dort gab es Schokolade und Bier – zollfrei.
Die Verpflegung war sehr gut und abwechs-
lungsreich an Bord.

SC: Die BISMARCK sollte heimlich in den


Atlantik auslaufen. Aber schon in der Däne-
markstraße wurde sie bekanntlich aufgeklärt und
am 24. Mai von den englischen Kriegsschiffen ERPROBUNG: Die BISMARCK im Dezember 1941 in Hamburg Foto: Blohm und Voss/Sammlung Klose
HOOD und PRINCE OF WALES nördlich von

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Aus Liebe
zum Detail
hin und wieder Schrauben durch die Luft. SC: Wie wurden Sie gerettet?
Und dann wurde durchgegeben, dass wir Bernhard Heuer: Ich schwamm mit zahlrei-
die HOOD versenkt hatten! Das war un- chen Kameraden im Wasser, war aber zu auf-
glaublich und schlimm für die Engländer. geregt, um die Kälte wirklich zu spüren oder
Aber wir haben gejubelt, denn im Krieg heißt den Regen und den starken Wind. Ich weiß
es ja immer: die oder wir. nicht, wie lange ich im Wasser war, aber ich
habe fest gehofft, dass ich gerettet werde.
SC: Nach der Versenkung der HOOD verfolg- Mein einziger Gedanke war: Bloß kein Was-
ten alle verfügbaren britischen Schiffe die BIS- ser schlucken! Kein Wasser schlucken! Dann
MARCK. Ein fataler Zufallstreffer in der Ruder- kriegst du keine Luft mehr und dann ist es
anlage am Abend des 26. Mai machte das Schiff aus. Da war ja auch überall Öl. Ich habe im-
schließlich kurz vor Erreichen des Operationsge- mer nach hinten geschaut und wenn die
bietes der deutschen Luftwaffe manövrierunfähig. nächste Welle kam, dann habe ich tief Luft
Jetzt war man den Verfolgern ausgeliefert. Wie geholt und die Luft angehalten, bis ich wie-
haben Sie die letzte Nacht an Bord verbracht? der auftauchte.
Wusste jeder, dass die Nacht vom 26. auf den Gerettet wurde ich schließlich vom
27. Mai die letzte Nacht des Schiffes und damit Schweren Kreuzer DORSETSHIRE. Die Eng-
vermutlich auch die letzte eigene Nacht war? länder kamen längsseits, hatten Strickleitern
Bernhard Heuer: Ich wusste das. Das war je- und Tampen herabgelassen. Mit zwei Mann
dem bewusst. Es hatte ja eine Lautsprecher- haben sie mich schließlich über die Reling an
durchsage unseres Admirals gegeben. Ich Bord gezogen. Das war aber nicht einfach,
kann mich noch genau erinnern, wie um denn es waren hohe Wellen und vier weitere
Mitternacht eine Ansprache des Flotten- Kameraden hingen an meinen Beinen. Ich
chefs, Admiral Lütjens, durch die Schiffsmel- hab dann den Tampen zwischen die Beine
deanlage in alle Stationen übertragen wurde. genommen und die Beine über Kreuz ganz
Die war nicht angenehm für uns. Der wuss- fest verschlungen. Die anderen sind schließ-
te, dass wir vor dem Ende standen, und hat lich abgerutscht und runtergefallen. Ich
uns darauf vorbereitet. Er hat gesagt: „Es konnte ihnen nicht helfen.
gibt kein Entrinnen mehr. Gegen 4 Uhr wird
uns der englische Flottenverband eingekreist SC: Wie haben Sie anschließend die Zeit der Ge-
haben.“ Da habe ich mit dem Leben abge- fangenschaft erlebt?

Jetzt neu
schlossen. Aber so ist das im Krieg: Wir hat- Bernhard Heuer: Die Jahre in Kanada waren
ten die HOOD versenkt und jetzt waren wir nicht schlecht. Da wäre ich nach dem Kriege

am Kiosk !
selber dran. gerne geblieben, aber die Kanadier haben
GeraMond Verlag GmbH, Infanteriestraße 11a, 80797 München

auf jedes Gesuch geantwortet: Es täte ihnen


SC: Um 8:47 Uhr morgens beginnt das letzte leid, aber wir wären halt englische Kriegsge-
Gefecht mit überlegenen britischen Einheiten. fangene und sie müssten uns an England
2.876 Granaten aller Kaliber werden teils aus wieder ausliefern. Da war es gelaufen. So ha-
kürzester Entfernung über eineinhalb Stunden be ich dann wohl noch ein Jahr die engli-
lang auf die BISMARCK abgefeuert. Nach etwa schen Strände vom Müll und Treibgut des
45 Minuten ist das Schiff verteidigungsunfähig. Krieges gereinigt. Aber schließlich war ich
Überall an Bord wüten Brände. Wie konnten Sie wieder in Deutschland. Bei bitterer Kälte
die BISMARCK schließlich verlassen? kam ich in Cuxhaven an. Ich hatte es tatsäch-
Bernhard Heuer: Um 10 Uhr etwa kam über lich überlebt.
die Schiffsmeldeanlage der Befehl: „Maß-
nahme Versenken. Alle Mann von Bord!“ Ich SC: Mit welchen Gefühlen denken Sie heute
blieb trotzdem mit den anderen sieben Ka- zurück an den Untergang der BISMARCK und
meraden bis zuletzt auf meiner Station im ihre Rettung?
Turbinenraum. Irgendwann sind wir dann Bernhard Heuer: Früher habe ich nicht so
doch raus. Den Fluchtweg nach oben kann- oft darüber nachgedacht und auch nicht da-
ten wir; wir hatten das ja immer und immer rüber gesprochen. Aber als ich in den Ruhe-
wieder geübt. Trotz der Schräglage kam ich stand trat, änderte sich das. Da kamen die
ungehindert durch. Ich kann mich nicht Erinnerungen wieder.
mehr erinnern, wie es an Oberdeck aussah, Heute vergeht keine Woche, in der ich
hatte auch nicht viel Zeit, mich umzusehen. nicht an diese Zeit und meine Erlebnisse auf
Große Brecher gingen über das Deck. Einer der BISMARCK zurückdenke. Und daran,
davon erfasste mich sofort und spülte mich dass ich noch lebe. So etwas kann man nicht
über Bord. Zum Glück hatte ich eine vergessen. (Schweigt lange) Ich habe mein
Schwimmweste über meinem Lederzeug. ganzes Leben nur Glück gehabt. Dafür bin
Die war gut. Ich wurde schnell vom Schiff ich dankbar und dieses Bewusstsein gibt mir
weggetrieben und habe die BISMARCK auch heute noch Mut – für das, was jetzt
dann auch nicht mehr gesehen. noch kommt.
 
 
 


   


SCHIFFClassic 4/2015



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SCHIFF & ZEIT | Das berühmteste Wrack

Vor 30 Jahren: Entdeckung der TITANIC

Unsinkbarer Mythos
Am 1. September 1985
spürt ein Forscherteam das
Wrack der TITANIC vor
T raumatisch ist der 15. April 1912 für
die Weltschifffahrt. Es ist der Montag-
morgen, an dem RMS TITANIC in den
Fluten versinkt. Die TITANIC, das größte
Schiff ihrer Zeit, gilt eben als unsinkbar. Doch
resforschers Robert Ballard und seines fran-
zösischen Kollegen Jean-Louis Michel auf
der Suche nach dem Wrack. Der Franzose
vom Meeresforschungsinstitut IFREMER hat
alle bekannten Informationen akribisch ana-
Neufundland auf. Seitdem auf der Jungfernfahrt von Southampton nach lysiert und ein Suchgebiet von 250 Quadrat-
erleben das Schiff und seine New York geschieht das Undenkbare: Das kilometer errechnet. In einer ersten Suchpha-
Schiff kollidiert mit einem Eisberg und geht se fährt das Forschungsschiff LE SUROIT
tragische Geschichte eine unter. Es sterben fast 1.500 Menschen, nur 712 in vier Wochen 70 Prozent des Gebietes mit
werden gerettet. dem neu entwickelten Sonargerät SAR ab –
ungeahnte Renaissance des 73 Jahre später ist eine Tiefseeexpedition ohne Erfolg. Mitte August wird die Arbeit
Interesses Von Kathrin Orth unter der Leitung des amerikanischen Mee- auf der KNORR fortgesetzt, einem Schiff der

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FILMKULISSE: In Mexiko lässt Regisseur
James Cameron in einem riesigen Wasser-
tank einen fast originalgroßen Nachbau der
TITANIC errichten. Der gleichnamige Film
von 1997 befeuert den Mythos um das be-
rühmte Schiff immens Foto: Sammlung Kathrin Orth

amerikanischen Woods Hole Oceanographic


Institution. Nun suchen sie mit ARGO nach DIE ENTDECKER Ballard und Michel – das erfolgreiche Team
Hinweisen auf ein Trümmerfeld. Der Tauch-
roboter mit Tiefseekamera wird mit einem Der 1942 in Kalifornien geborene Meeresbio- Der Ingenieur Jean-Louis Michel wird 1945
langen Kabel unter dem Forschungsschiff loge Dr. Robert Ballard ist einer der bekann- in Algier geboren und wächst an der algeri-
hergeschleppt. Nach zwölf Tagen erfolgloser testen Meeresforscher der Welt. Er erwirbt sich schen Mittelmeerküste auf. Nach dem Studi-
Verdienste in der Entwicklung von Tiefsee- um in Lille, Frankreich, ist er an der Entwicklung
Suche tauchen die ersten Trümmerteile in
Tauchrobotern. Zu seinen spektakulären Ent- des Bathycaphs ARCHIMÈDE beteiligt. Die
der Dunkelheit auf. Das berühmteste Wrack deckungen gehören neben der TITANIC das druckfeste Tauchkugel ermöglicht Tauchgänge
der Welt ist gefunden! Schlachtschiff BISMARCK sowie eines der äl- in über 10.000 Meter Tiefe. Für das franzö-
Ein Jahr später taucht Robert Ballard mit testen, jemals gefundenen Wracks, ein phöni- sische Meeresforschungsinstitut IFREMER
dem bemannten Tauchboot ALVIN selbst zisches Schiff aus dem 7. Jahr- entwickelt er zahlreiche Geräte
zum Wrack. Dabei steuert er ein weiteres Ka- hundert v. Chr. Im Gebiet der Ga- zur Erforschung der Meere. Jean-
merafahrzeug, JASON JR. Das macht Auf- lapagos-Inseln entdeckt er 400 Louis Michel ist an mehreren
nahmen vom Inneren des Schiffes. 1987 dann Grad heiße Quellen im Meer, so- hochkarätigen Expeditionen be-
kehrt auch IFREMER zur TITANIC-Fund- genannte Black Smokers. Robert teiligt.
stelle zurück. Finanziert von Investoren der Ballard ruft ein Fernlernpro-
gramm zur Tiefseeforschung ins BERÜHMT: Meeresbiologe Ro-
späteren RMS Titanic Inc., werden erstmals
Leben, das sich vor allem an Kin- bert Ballard ist einer der be-
Gegenstände geborgen. Bei den Tauchfahr- der und Jugendliche richtet. In kanntesten Schiffswrackerkun-
ten der russischen Tauchkapseln MIR 1 und den USA nehmen 1,7 Millionen der und Meeresforscher der
MIR 2 entstehen 1991 die Aufnahmen für Schüler daran teil. Welt Foto: Sammlung Jörg-M. Hormann
den IMAX-Film „Titanica“. Ab 1998 können

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SCHIFF & ZEIT | Das berühmteste Wrack

HINGUCKER: Ein Modell gehört zu jeder


TITANIC-Ausstellung, hier in der Artefact-
Ausstellung in Genf 2014 Foto: picture-alliance/dpa

GLÄNZEND: Die mit 3.000 Aluminium-


paneelen verkleidete Außenfassade der
„TITANIC Belfast“ ist mit 38 Metern genau
so hoch wie der Rumpf der TITANIC
Foto: picture-alliance

auch Touristen zur TITANIC tauchen. „Von erkennbar sind. Das Heck hingegen trudelt Objekte geborgen. Mehr als 5.500 sind es
Anfang bis Ende hat unser erster Blick auf in Spiralen in die Tiefe und wird dabei aus- mittlerweile. Sie werden restauriert und in
die TITANIC knapp sechs Minuten gedau- einandergerissen. Schwere Teile wie die Kes- Ausstellungen gezeigt oder bei Auktionen
ert. Aber dieser erste Durchgang sagte uns sel fallen schnell und graben sich in den versteigert.
eine Menge“, schreibt Robert Ballard. Man Schlamm. Andere sinken langsamer herab. Überlebende der TITANIC verfolgen die
weiß nun, dass die TITANIC auf ihrem Kiel Es dauert mehrere Stunden, bis auch die „Grabräuberei“ mit gemischten Gefühlen.
liegt und ein großer Teil des Schiffes intakt leichten Trümmer auf dem Meeresboden Millvina Dean, die letzte Überlebende der
geblieben ist. Bilder vom Wrack liefern auch niedergehen. Das Ergebnis des TITANIC- TITANIC-Katastrophe, spricht sich noch
neue Informationen zum Ausmaß der Be- Untergangs sind zwei Trümmerfelder in kurz vor ihrem Tod 2009 dagegen aus. „Ich
schädigung und zum Ablauf der Ereignisse. 3.900 Meter Tiefe auf einer Fläche von insge- habe immer gehofft, dass man keine Gegen-
samt 2,6 Quadratkilometern. stände vom Schiff bergen wird.“ Sie hat die
Neue Erkenntnisse Eine andere wichtige Erkenntnis der Tragödie als Säugling überlebt, ihr Vater ist
So hat die Kollision nicht einen einzigen, lan- Entdeckung ist die tatsächliche Position der jedoch ertrunken. Auch Entdecker Robert
gen Riss verursacht, sondern sechs schmale
Einschnitte. Die Gesamtfläche beträgt nur
etwa einen Quadratmeter. Auch handelt es „Die TITANIC-Expedition von 1985 erwies sich als
sich nicht um Löcher. Durch den Zusam-
menstoß sind die Verbindungen zwischen
ständiger Kampf gegen die Zeit und gegen die Natur.“
den Rumpfplatten gerissen. Laboruntersu- Robert Ballard in einem Vortrag
chungen an Wrackteilen ergeben später, dass
der verwendete Stahl einen hohen Schwefel-
anteil besitzt. Der wird bei sehr niedrigen TITANIC zum Zeitpunkt des Untergangs – Ballard kritisiert die Bergungen, die die Ruhe
Temperaturen spröde und bricht unter nämlich ziemlich genau über dem Heck, da der Grabstätte stören. Außerdem führen sie
Druck – wie die Nieten der Rumpfplatten. dieses fast senkrecht auf den Meeresboden zu Beschädigungen am Wrack. Bereits zwei
Trotz gegenteiliger Augenzeugenberichte gesunken ist. 41° 43‘ Nord, 49° 56‘ West mar- Jahre nach der Entdeckung sind das „Krä-
kamen die beiden Untersuchungen im Jahre kieren diesen wohl berühmtesten Punkt der hennest“ zerstört, Takelage zerschnitten, die
1912 zu dem Ergebnis, dass die TITANIC in Weltmeere. Damit liegt die TITANIC etwa Laterne vom Fockmast gerissen. Und die
einem Stück gesunken sei. Die Bilder vom 21 Kilometer ostsüdöstlich ihrer letzten an- „Ausbeutung“ des Wracks geht weiter. Spe-
Wrack widerlegen diese These. Nach der gegebenen Position. Dieses Wissen löst eine zialfirmen ermöglichen Privatleuten Tauch-
Kollision um 23:40 Uhr flutet das eintretende neue Diskussion um die Position der CALI- fahrten in die Tiefe – für 40.000 Euro pro Per-
Wasser die ersten sechs Abteilungen und FORNIAN und den Verdacht der unterlas- son. So landet ein Hochzeitspaar aus New
zieht den Bug unter Wasser. Um 2:18 Uhr senen Hilfeleistung aus. York in einem Tauchboot auf dem Vorschiff
ragt das Heck so weit in die Luft, dass die und gibt sich dort das Jawort. Bis 2012 sind
Schiffsschrauben freiliegen. Die auf der Kostengrab oder Goldmine? 200 Menschen zur TITANIC getaucht. Nach
Schiffsmitte lastenden Kräfte sind enorm. Das Tiefseewrack weckt Begehrlichkeiten. dem Jubiläumsjahr ist erst einmal Schluss.
Die TITANIC bricht zwischen dem dritten 1987 sichert sich die private Firma RMS Tita- Inzwischen gleicht der Meeresboden um
und dem vierten Schornstein in zwei Teile. nic Inc. mit Sitz in Atlanta im US-Bundes- das Wrack einer Müllkippe. Der meiste Ab-
Das Vorschiff schießt in einem steilen Winkel staat Georgia die Bergungsrechte am Wrack fall stammt von Schiffen, die den Ort der
auf den Meeresboden zu. Nach wenigen der TITANIC. In mehreren Expeditionen Katastrophe im Nordatlantik passieren. Bier-
Minuten bohrt sich der Koloss mit solcher werden technische Gerätschaften – darunter dosen, Plastikblumen, sogar eine Packung
Wucht in den Grund, dass die wellenförmi- ein 17 Tonnen schwerer Teil des Rumpfes –, Waschmittel sind die Zeugen des Wrack-
gen Auswurfmuster noch heute im Sediment Schmuck, Porzellan, Kleidung und andere Tourismus.

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2004 beklagt Robert Ballard den Verfall LEGENDE: Royal Mail Ship TITANIC,
des Schiffes. Mikroorganismen zerfressen heute ein Objekt der Begierde für
das Metall. Doch im August 2010 geben an- Wracktaucher und Geschäftemacher
Foto: picture-alliance
dere Forscher Entwarnung – das Wrack hält
sich erstaunlich gut und wird wohl noch
Jahrzehnte intakt bleiben. Auf einer von der
RMS Titanic Inc. finanzierten Expedition
sammeln sie Bilder für eine dreidimensiona-
le Karte. Dafür scannen drei hypermoderne
Tauchroboter eine Fläche von fünf mal acht
Kilometern. „Früher war es so, als wolle man
um Mitternacht bei Gewitter mithilfe einer
Taschenlampe ein Foto von einer Großstadt
machen. Nun können wir diesen Ort ver-
messen und verstehen“, sagt James Delgado.
Der Archäologe von der amerikanischen Na-
tional Oceanic and Atmospheric Administra-
tion (NOAA) ist Leitender Wissenschaftler
der Unternehmung. In mühevoller Kleinar-
beit werden nun die vielen noch nicht zuge-
ordneten Wrackteile identifiziert. Die Erfor-
schung der TITANIC geht also weiter.

Magnet TITANIC-Ausstellung
Erforscht und ausgestellt werden auch die
geborgenen Artefakte. Die erste große Aus-
stellung in Europa findet 1994/95 im Nati-
onal Maritime Museum in London-Green-
wich statt. Man zählt 720.000 Besucher. Drei HINTERGRUND TITANIC in Zahlen
Jahre später eröffnet in der Hamburger
Speicherstadt die Sonderschau „Expedition Werft Harland & Wolff in Belfast, Nordirland
TITANIC“. Unter den 600 Exponaten finden Größe 46.329 BRT
sich auch zahlreiche Wrackfunde. Aufwen- Maße Länge 269 m, Breite 28 m, Höhe bis Oberdeck 19,5 m
dige Inszenierungen verschiedener Schiffs- Tiefgang 10,9 m
bereiche laden zur Entdeckungsreise in die Verdrängung 66.000 t
Vergangenheit ein. Baukosten 7,5 Mio. Dollar (heutiger Wert: etwa 600 Mio.)
In den folgenden Jahren touren mehrere Passagiere/Überlebende 324/202 (1. Klasse), 285/118 (2. Klasse), 708/178 (3. Klasse)
TITANIC-Sonderausstellungen durch die Besatzung/Überlebende 908/212
Welt, gerne auch in Einkaufszentren und Ho- Das Schiff verfügte über 18 wasserdichte Schoten und 11 Decks.
Pro Tag verbrauchte der Dampfer 820 t Kohle. Die Kesselheizungen
tels. Die wohl spektakulärste Schau ist seit gaben ihre Abgase an 3 Schornsteine ab, der 4. diente der Venti-
sieben Jahren im Hotel Luxor in Las Vegas lation von Maschinen- und Passagierräumen.
zu sehen. Organisiert wird sie ebenfalls von
der RMS Titanic Inc., seit 1999 Teil von Pre-
mier Exhibitions, einer Gesellschaft für Wan- und Jack alle Bereiche des Schiffes – und neh- Metern hat, bietet neben dem Piloten nur
derausstellungen. men den Zuschauer dabei mit. Als schließ- Platz für zwei weitere Personen. Das Fenster
Im März 2012 kehrt die TITANIC an ihre lich das aufrecht stehende Heck ins Wasser besteht aus einer 15 Zentimeter dicken Plexi-
„Geburtsstätte“ zurück. Auf dem Gelände sinkt, kauert neben ihnen der Chefbäcker glaskuppel, die durch den Druck von 430 Bar
der ehemaligen Werft Harland & Wolff in Charles John Joughin. Der echte TITANIC- in der Tiefe flach wird.
Belfast eröffnet die weltgrößte Ausstellung Überlebende Joughin hat auf diese Weise tat-
zum Luxusdampfer. Über neun Ausstel- sächlich als Letzter das Schiff verlassen. Akribische Recherche
lungsetagen erstreckt sich die Multimedia- In der Rahmenhandlung des Films su- James Cameron ist Perfektionist. Er möchte
Schau aus Rekonstruktionen, Fotos, Hör- chen moderne Schatzjäger nach einer wert- das Schiff und die Ereignisse um seinen Un-
stationen und Spezialeffekten. Nur wenige vollen Diamantenkette, die mit der TITANIC tergang möglichst originalgetreu wiederge-
Originalgegenstände sind zu sehen; das verloren gegangen ist. Für diese Aufnahmen ben. So holt er sich Rat bei der Titanic Histo-
Konzept heißt: Erleben mit allen Sinnen. chartert Cameron – selbst leidenschaftlicher rical Society, darf Blaupausen der Original-
Als 1997 der Spielfilm „Titanic“ von Re- Taucher – das russische Forschungsschiff zeichnungen von Harland & Wolff einsehen.
gisseur James Cameron in die Kinos kommt, AKADEMIK KELDYSH mit seinen zwei Un- In Mexiko lässt er in einem riesigen Wasser-
treibt er die TITANIC-Begeisterung in neue terwasserfahrzeugen MIR 1 und MIR 2. Die tank einen fast originalgroßen Nachbau der
Höhen. Der Film erzählt eine fiktive Liebes- beiden U-Boote sind zwei von damals nur TITANIC errichten – aus Kostengründen nur
geschichte, die eng mit den tatsächlichen fünf Booten, die in diese Tiefe hinuntertau- die Steuerbordseite. Für die Backbordseite
Ereignissen an Bord verwoben ist. Bei ihrer chen können. Der kugelartige Besatzungs- wird das Filmmaterial später „umgedreht“.
Flucht durchstreifen die Protagonisten Rose raum, der einen Durchmesser von etwa zwei Das Interieur wird ebenfalls akribisch re-

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SCHIFF & ZEIT | Das berühmteste Wrack

IM WASSERTANK: Filmaufnah-
men für Camerons TITANIC-Film
im nachgebauten Treppenhaus
der 1. Klasse
Foto: Sammlung Kathrin Orth

NACHBAU: Zeichnung des berühmten Treppenhauses der TITANIC für den geplanten Neubau des Schiffes
bis 2018. Ein australischer Milliardär will es möglich machen Foto: picture-alliance

cherchiert und nachgestaltet. Die dramati- tergang der TITANIC erschüttert den um Die Entdeckung des Wracks 1985 führt zu
schen Untergangsszenen erzielen dank gi- 1900 weit verbreiteten Technik- und Fort- einer ungeahnten Wiederbelebung dieser
gantischer Kulissen und neuester Computer- schrittsglauben. Kaum ist das Schiff unter- Faszination. Mit dem Erfolg von James Ca-
technik eine ungeheure Wirkung. Allein in gegangen, beginnt die Legendenbildung. merons Spielfilm ist der Mythos TITANIC
Deutschland lockt der Film über 18 Millio- Tausende von Büchern werden geschrieben. dann endgültig in der Populärkultur ange-
nen Besucher in die Kinos. Er prägt wie kein Dutzende von Filmen, zwei Musicals und ei- kommen. Es entsteht eine ganze TITANIC-
anderes Medium das heutige Bild von der ne Oper widmen sich dem berühmten Lu- Souvenir-Industrie, die sich auch bei den
TITANIC und ihrem Untergang, dem ver-
schwenderischen Luxus und der sozialen
Klassentrennung an Bord.
„Ich traute meinen Augen nicht. Aus der Unendlichkeit
Zweimal noch kehrt Cameron zum TITA-
NIC-Wrack zurück. Mit den von ihm entwi- tauchte geisterhaft der Bug eines großen Schiffs auf“.
ckelten wendigen, ferngelenkten Robotern Dr. Robert Ballard im Dezember 1985 im „National Geographic“
kann er noch weiter ins Schiffsinnere vor-
dringen.
xusliner. Der Schiffsname wird zum Marke- Motiven des Spielfilms bedient. Gleichzeitig
Andauernde TITANIC-Euphorie ting-Instrument für ein Satiremagazin, für werden aber wichtige Quellen leichter zu-
Die TITANIC war nicht einzigartig. Die Cafés, Bars und Hotels. Er muss selbst für gänglich, etwa die Protokolle der beiden
OLYMPIC ist damals bekannter. Und was Sprichwörter („keine Panik auf der TITA- Untersuchungen von 1912. Sie sind inzwi-
die Größe angeht, so läuft nur wenige Wo- NIC“) und Karikaturen herhalten. Die TITA- schen gratis im Internet verfügbar. Auf In-
chen später die größere, deutsche IMPERA- NIC steht für Technik, Luxus und Unter- ternetseiten wie Encyclopedia Titanica tau-
TOR vom Stapel. Es ist auch nicht die größte gang. Und 73 Jahre lang ist sie ein faszinie- schen sich Enthusiasten aus und sammeln
Schiffskatastrophe aller Zeiten. Doch der Un- rendes Rätsel. Informationen.
Das Interesse ist bis heute ungebrochen.
Eine neue Wanderausstellung mit Bergungs-
MILLIONENERLÖS: Die „TITA-
gegenständen im Historischen Museum
NIC Violine“ von Wallace Hart-
ley, Leiter des Bord Orchesters, Speyer zieht 2015 175.000 Besucher an. Und
kam unter den Auktionshammer. bei einer Versteigerung im Oktober 2013 er-
Man fand sie in einer Tasche, zielt eine Geige mit einer Million Euro den
festgebunden an seiner Leiche bislang höchsten Erlös für ein TITANIC-Ob-
jekt. Es ist das Instrument von Wallace Hart-
VERROSTET: Schlüssel für einen ley, dem Chef des kleinen Schiffsorchesters.
Schrank auf der TITANIC. Er Seine Leiche wurde zehn Tage nach dem
gehörte dem 23 Jahre alten Untergang geborgen, den Geigenkasten
Schiffskellner Sidney Seduna- aus Leder um den Leib gebunden. 2018
ry, der am 15. April 1912
soll eine neue TITANIC in See stechen.
im eisigen Wasser des
Atlantiks starb Ein australischer Milliardär hat den Bau
Foto: picture-alliance/dpa des Passagierschiffes in Auftrag gegeben.
Der Mythos TITANIC ist unsinkbar.

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SCHIFF & ZEIT | Vorstoß ins Verderben

Das Gefecht auf der Doggerbank 1915

Fatale Fehler
mit Folgen
Ohne Flottensicherung fährt das Kreuzergeschwader der
kaiserlichen Hochseeflotte Richtung Doggerbank – der
bereits informierten Royal Navy direkt vor die Kanonenrohre.
Ein kurzsichtig geplanter, folgenreicher Vorstoß
Von Eberhard Kliem

AM KENTERN: Die letzten Minuten des


Schlachtkreuzers BLÜCHER, von den Eng-
ländern fotografiert. Von über 1.000 Mann
der Besatzung werden nur 260 gerettet
Foto: picture-alliance

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ZU LANGSAM: Mit 25,8 Seemeilen Höchstges
chwin-
digkeit wird der Schlachtkreuzer BLÜCHER
als lang-
samste Einheit der 1. Aufklärungsgruppe der
Hoch-
seeflotte von den fahrtüberlegenen Engländern
ein-
geholt und versenkt Foto: picture-alliance/WZ Bilddienst

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SCHIFF & ZEIT | Vorstoß ins Verderben

ANGRIFFSFORMATION: Die eng-


lischen Schlachtkreuzer mit HMS
LION und TIGER erwarten die Deut-
schen bereits auf der Doggerbank
zur „Begrüßung“ Foto: picture-alliance

A llenthalben wird aus Deutschland


von einer geradezu euphorischen Be-
geisterung der Bevölkerung und der
Heerestruppen anlässlich des Kriegsausbru-
ches im August 1914 berichtet. Diese Kriegs-
ereignislosen Einsätzen ab und waren bald
„abgefahren“, die Boote reparatur- und die
Besatzungen erholungsbedürftig.

Gesetzte Ziele nicht erreicht


ins Gewicht fallen“, formulierte der Kaiser.
Folgerichtig wurden nun im Januar 1915 für
viele Schiffe und Boote Werftliegezeiten,
Nachrüstungen, Übungsabschnitte in der
Ostsee und Reparaturen angeordnet. Im
begeisterung lässt sich in den beiden großen Deswegen sollte im Januar 1915 auch unter Frühjahr sollte die Flotte dann wieder nahe-
Reichskriegshäfen Wilhelmshaven und Kiel Berücksichtigung des meist schlechten Wet- zu vollzählig sein.
jedoch nicht nachweisen. Die durch Aus- ters eine längere und planmäßige Erholungs- Schon bei den vorangegangenen Einsät-
landsreisen kundigen und realistisch denken- phase für Mensch und Material Schwung für zen der Flotte hatte sich der Flottenstab, aber
den Seeoffiziere der Kaiserlichen Marine neue Taten im Frühjahr bringen. Der Flotten- auch die Admiralität in Berlin gewundert,
wussten um ihre unterlegene Ausgangsposi- chef, die Führung der Flotte und manche Of- wie schnell der Gegner mehr oder weniger
tion gegenüber der Royal Navy, sowohl was fiziere im Admiralstab versuchten unterdes- detaillierte Kenntnisse schon über die ersten
die geografische Lage als auch die zahlen- sen erneut, grundsätzlich freie Hand und planerischen Überlegungen zu manchen
mäßige Unterlegenheit bei den schweren mo- einen größeren Entscheidungsspielraum für Operationen erhalten hatte. War anfänglich
dernen Einheiten betraf. offensive und damit hoffentlich auch erfolg- von Verrat die Rede, so wurde bald immer
Eine kritische Bewertung der bisherigen reichere Operationen der gesamten Hoch- deutlicher, dass der Verlust von Chiffrier-
Seekriegsführung in der Nordsee am Ende seeflotte zu erreichen. Aber wie schon zu unterlagen den englischen Nachrichten-
des Jahres 1914 kam dann auch bei nüchter- Kriegsbeginn wurde abermals eine vorsich- dienst in die Lage versetzt hatte, zeitweise
ner Gedankenführung zu dem Ergebnis, tige und zurückhaltende Operationsführung fast zeitgleich die deutschen Einsatzbefehle
dass die Ziele, wie sie vom obersten Kriegs- befohlen: „Die Hochseeflotte (hat) als wich- und Funksprüche der eigenen operativen
herrn Kaiser Wilhelm und der militärischen tiges politisches Instrument in der Hand des Führung verfügbar zu machen – ein unbe-
Führung des Deutschen Reiches bei Kriegs- Allerhöchsten Kriegsherrn gesteigerte Be- zahlbarer Vorteil im Kampf zur See!
beginn formuliert worden waren, nicht hat- deutung; eine ungünstig verlaufene See- Der Verlust eines Signalbuches beim Un-
ten erreicht werden können. Der erhoffte schlacht (würde) besonders schwer tergang des Kleinen Kreuzers SMS
Streitkräfteausgleich mit der englischen Flot- MAGDEBURG in der Ostsee in
te als Voraussetzung einer erfolgreichen Verbindung mit weiteren Chiff-
ADMIRALSHUT der
Seeschlacht war zwar zeitweise eingetreten, Kaiserlichen Marine rierunterlagen, die dem Gegner
aber von der deutschen Führung nicht er- Foto: Hermann Historica/ in die Hände gefallen waren,
kannt worden. Die Hochseeflotte durfte Sammlung Jörg-M. Hormann hatte zu dieser Situation ge-
meist nicht auslaufen, um sich nicht zu ge- führt. Hinzu kam ein sehr rüh-
fährden. Die Motivation und auch das fach- riger und ideenreicher engli-
liche Können ihrer Besatzungen ließen deut- scher Nachrichtendienst, der
lich nach. Die Aufklärungsstreitkräfte nutz- auch auf technischem Ge-
ten sich – dem entgegengesetzt – in meist biet im Bereich

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Funkortung und Entschlüsselung an der 1935) und der Befehlshaber der Aufklä- der Brücke des Flaggschiffes SEYDLITZ im
Spitze der möglichen Erkenntnisse lag. Es rungsstreitkräfte Admiral David Beatty Klaren, dass sie einem ziemlich überlegenen
dauerte geraume Zeit, bis die deutsche See- (1871–1936) von der Admiralität in London- Gegner gegenüberstanden. Admiral Hipper
kriegsführung geeignete Gegenmaßnahmen Whitehall einen entsprechenden Hinweis. befahl sofort auf Gegenkurs zu gehen, um
ergriffen hatte. sich dem Gegner mit Generalkurs Helgoland
Anfang Januar 1915 entwickelte der Flot- Ahnungslos in die Falle in einem hinhaltenden Gefecht zu entziehen.
tenstab die Idee eines begrenzten Vorstoßes Während Admiral Hipper ahnungslos und Nun machten sich gewisse schiffbauliche
durch die Schlachtkreuzergruppe unter Be- mit 13 Knoten Fahrt Richtung Nordwesten Vorteile bei den Engländern positiv bemerk-
fehl von Admiral Hipper in Richtung Dog- marschierte, hatte Beatty seine Verbände bar: eine größere Höchstgeschwindigkeit der
gerbank. Die übliche Sicherung durch Kleine bereits planmäßig um den erwarteten Schlachtkreuzer und ein größeres Kaliber bis
Kreuzer und verfügbare Torpedoboote war Kampfplatz gruppiert. Fünf Schlachtkreu- zu 34,5 Zentimetern bei den schweren Ge-
ebenfalls vorgesehen. Der operative Zweck zer, sechs Kleine Kreuzer und 34 Zerstörer schützen, die damit auch eine größere Reich-
des Einsatzes blieb unklar, da man auf der stellten eine ziemliche Übermacht dar und weite hatten. Beatty befahl sofort Höchst-
Doggerbank im besten Fall englische Fisch- so waren sich die englischen Seeoffiziere fahrt mit 29 Knoten und holte langsam, aber
kutter antreffen konnte, die möglicherweise sehr sicher, bei diesem ersten Zusammen- sicher auf – zwei seiner schweren Schlacht-
im Dienst der englischen Flotte standen. De- treffen von schweren modernen deutschen kreuzer konnten die Geschwindigkeit aller-
ren Kontrolle war jedoch eine Aufgabe für und englischen Schiffen den Sieg davonzu- dings nicht ganz mit-
Torpedoboote und Kleine Kreuzer. Die Aus- tragen. Es herrschte mittlerer Seegang, der
sicht, auf einen größeren und überlegenen den Torpedobooten jedoch nicht erlaubte,
englischen Verband zu stoßen, sah man als mit Höchstgeschwindigkeit zu operieren.

„Es lag wie eine Ahnung über uns, welch schwere Jahre uns
bevorstanden und alle Welt genoss diese letzte
unbeschwerte Zeit des Winters und Frühlings 1913/1914.“
Kptlt. Hermann Boehm, Torpedobootskommandant in der 6. Flottille, in seinen Erinnerungen

gering an. Daher unterblieb auch die sonst Vielmehr hatten sie Mühe, in den kommen-
übliche Absicherung durch die Hochseeflotte, den Gefechtssituationen ihre befohlene Po-
die allerdings auch gar nicht möglich gewe- sition zu halten. Die Sicht an diesem frühen
sen wäre, da ein Großteil der Linienschiffe Morgen war für dieses Seegebiet unverhält-
an anderen Orten und mit anderen Aufgaben nismäßig gut.
gebunden war. Der Einsatzbefehl kam relativ Am 24. Januar gegen 8 Uhr morgens ge-
kurzfristig, sodass auch eine vorher durchzu- riet der linke Flügel von Hippers Verband
führende Aufklärung unterblieb. mit dem Kleinen Kreuzer KOLBERG und
zugeordneten Torpedobooten mit Beat-
Auslaufen der Schlachtkreuzer tys Kleinen Kreuzern unerwartet ins
Am 23. Januar gegen 17 Uhr abends verlie- Gefecht. Nahezu gleichzeitig mel-
ßen die Schlachtkreuzer der I. Aufklärungs- deten die auf dem rechten Flügel
gruppe SMS SEYDLITZ, SMS MOLTKE, stationierten Kleinen Kreuzer
SMS DERFFLINGER und SMS BLÜCHER GRAUDENZ und ROSTOCK
die Jade. SMS VON DER TANN lag in der Rauchwolken von Kriegs-
Werft. BLÜCHER war – obwohl im Grunde schiffen voraus in Sicht; ge-
der Kategorie der schon veralteten Panzer- gen 8:30 Uhr waren sich
kreuzer zuzurechnen – immer noch der Befehlshaber und Stab auf
Schlachtkreuzergruppe zugeteilt, da die
hochmoderne SMS LÜTZOW noch nicht
kriegsbereit war. BLÜCHER hatte sich aber
in den bisherigen Einsätzen allen Anforde-
rungen gewachsen gezeigt. Als ehemaliges
KARRIEREKNICK:
Artillerieschulschiff war insbesondere ihre
Flottenchef Admiral
artilleristische Leistung immer herausra- Friedrich von Inge-
gend gewesen. Die Kleinen Kreuzer SMS nohl musste nach
GRAUDENZ, SMS ROSTOCK, SMS STRAL- dem Fehlschlag
SUND und SMS KOLBERG sowie insgesamt des Gefechtes
18 Torpedoboote folgten als II. Aufklärungs- auf der Dogger-
gruppe nahezu zeitgleich. bank seinen
Noch bevor die deutschen Schiffe auf An- Abschied neh-
ker gegangen waren, erhielten der englische men Foto: Samm-
lung Eberhard Kliem
Flottenchef Admiral John Jellicoe (1859–

SCHIFFClassic 4/2015

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SCHIFF & ZEIT | Vorstoß ins Verderben

halten. Kurz vor 10 Uhr eröffnete Beatty das


Feuer mit seinen schweren Geschützen auf
eine Entfernung von fast 20 Kilometer. Die
deutschen Schiffe mit
einem maximalen Kaliber von 28,5 Zentime-
tern – bei BLÜCHER sogar nur 21,5 – konn-
ten erst zehn Minuten später bei etwa 17 Ki-
lometer Entfernung antworten. Einen Feuer-
kampf auf derartige Entfernung hatte man
auf deutscher Seite bisher nicht für möglich
gehalten. Nun entbrannte in den nächsten
zwei Stunden ein heftiges Gefecht, bei dem
beide Seiten schwere Treffer einstecken
mussten. Hippers Verband konnte nicht mit
höchster Geschwindigkeit operieren, da
Rücksicht auf die langsamere BLÜCHER
und die mit dem Seegang kämpfenden Tor-
pedoboote genommen werden musste.
DERFFLINGER und BLÜCHER wurden
getroffen und auf der SEYDLITZ brannten
beide achteren Türme mit schweren mensch-
lichen Verlusten komplett aus. Die Explosion
der Munitionskammer und damit der Unter-
gang des Schiffes konnte nur durch das be-
herzte Eingreifen des Pumpenmeisters Wil-
helm Heidkamp verhindert werden.

BLÜCHER verliert den Anschluss


Auch BLÜCHER erhielt einen besonders
verhängnisvollen Treffer, der die Geschwin-
digkeit deutlich herabsetzte – langsam verlor SCHATTENRISS: Die Kreuzer beider Seiten des Gefechts auf der Doggerbank mit ihren tech-
der Panzerkreuzer den Anschluss an die Ge- nischen Daten auf einen Blick Foto: Sammlung Jörg-M. Hormann
fechtsformation. Das Flaggschiff von Admi-
ral Beatty, die HMS LION, war mittlerweile befand sich allerdings nun unter dem kon- Entfernung bis zum sicheren Torpedoschuss
so schwer getroffen, dass sie aus der Ge- zentrierten Feuer der englischen schweren auf die englischen Schlachtkreuzer sehr groß
fechtslinie ausscheren musste und den Schiffe. Hipper befahl jetzt den von den war. Zudem machte ein unerwartetes Manö-
Kampf einstellte. Beatty ließ sich durch ein deutschen Torpedobootsverbänden seit jeher ver der englischen Linie den gesamten An-
Torpedoboot abholen mit der Absicht, auf besonders intensiv geübten konzentrierten griffsplan zusätzlich unkalkulierbar. Kaum
HMS TIGER, dem zweiten Schiff in der Li- Massenangriff auf die englische Gefechts- war Stander „Z“ – das Angriffssignal für die
nie, den Kampf weiterzuführen. Doch TI- linie. Doch schnell stellte sich heraus, dass Boote – vorgeheißt, als er schon wieder nie-
GER befand sich in einer ungünstigen Posi- infolge des langen Gefechtes die Boote weit dergeholt werden musste.
tion, sodass nun die HMS PRINZESS ROY- zerstreut waren, der Seegang einen erfolg- Für BLÜCHER begann inzwischen der
AL das neue Flaggschiff wurde. BLÜCHER reichen Einsatz erschweren würde und die Endkampf; eine Unterstützung der anderen

VOLLTREFFER: Diese beiden Hecktürme der SYDLITZ brannten beim DETAIL: Anfang des Ersten Weltkriegs waren die Einheiten der kai-
Kartuschenbrand infolge des Treffers komplett aus. Beide Turmbesat- serlichen Hochseeflotte noch mit Torpedofangnetzen ausgestattet,
zungen fanden dabei den Tod Foto: picture-alliance/WZ Bilddienst hier eingerollt bei SMS BLÜCHER Foto: picture-alliance/WZ Bilddienst

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ANGESCHLAGEN: Das Flaggschiff des englischen
Verbandes, HMS LION, wird schwer getroffen und
Befehlshaber Admiral Beatty muss mithilfe eines
Torpedobootes umsteigen Foto: picture-alliance

deutschen Schlachtkreuzer war unmöglich Gegner mit Torpedobooten anzugreifen, ver- sion der Munitionskammer auf SEYDLITZ
geworden und so musste Admiral Hipper warf dann aber den Gedanken wegen zu er- wurde akribisch untersucht und führte auf
schweren Herzens das Schiff seinem Schick- wartender Erfolglosigkeit. allen vergleichbaren Schiffen zu konstrukti-
sal überlassen. Die gute und geschickte artil- Wie stets nach derartigen Ereignissen, ven Nachrüstungen, die sich später auszah-
leristische Verteidigung fügte dem Gegner machten sich die deutschen zuständigen len sollten. Der Einsatz der Torpedoboote
zwar Schaden zu, aber um 13:13 Uhr nach- Stellen an eine sorgfältige Analyse der Ge- war, wie schon öfter vorher, durch die Wet-
mittags sank das Schiff. Die Rettungsaktion
der Engländer wurde durch ein deutsches
Flugzeug, das die Situation nicht erkannte, „Der ungeheure Druck von so viel Munition entlud sich
erschwert und führte schließlich zum Tod
von über 900 Besatzungsangehörigen, 260
nach oben, tötete alle Bedienungsmannschaften und
Soldaten wurden gerettet. Beatty nahm nach entwich nach oben mit solcher Gewalt, dass die Flammen
dem Untergang der BLÜCHER das Gefecht bis zur Masthöhe emporstiegen.“
nicht wieder auf. LION musste schließlich Zeitzeuge Heinz Kraschutzki in: Rahn, Werner: Das Seegefecht an der Doggerbank am 24. Januar 1915.
von HMS IDOMITABLE geschleppt werden, Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Schiffahrts- und Marinegeschichte, 2014, Seite 101
was den deutschen Führungsstellen entging,
sodass keines der in der Nähe stehenden Un-
terseeboote dieses lohnende Angriffsziel so- schehnisse. Ohne Zweifel hatte die höhere terlage eingeschränkt, zudem gelang es wie-
fort zugewiesen erhielt. Geschwindigkeit Admiral Beatty in die Lage derum nicht, einen koordinierten Angriff mit
versetzt, die taktisch für ihn günstigere Torpedos vorzutragen.
Gerade so entkommen Gefechtslage auszuwählen – die Deutschen Insgesamt hatte die Kaiserliche Marine
Hipper glaubte, TIGER versenkt und LION konnten nur reagieren. Auch das größere Ka- abermals eine Niederlage erlitten. Da dies-
außer Gefecht gesetzt zu haben – zusätzlich liber der schweren Artillerie hatte den Eng- mal auch die modernsten Schiffe im Gefecht
hatten die Kleinen Kreuzer und Torpedoboo- ländern eine Feuereröffnung ermöglicht, auf gewesen waren, machte der Ausgang beson-
te weitere Treffen auf englische Einheiten er- die die deutschen Schiffe erst nach Verringe- ders nachdenklich. Ganz offensichtlich war
zielt – aber der Untergang der BLÜCHER rung der Distanz antworten konnten. Das auch die Anlage der Gesamtoperation ohne
war ein herber Verlust und zählte schwer. geringere Kaliber ermöglichte der schweren jegliche Unterstützung durch die Hochsee-
Gegen 16 Uhr nachmittags gelangten die deutschen Artillerie jedoch das Schießen in flotte wenig glücklich, denn mit Rückhalt
deutschen Verbände in den Schutz der eige- einem schnelleren Salventakt und mit einer durch die modernen deutschen Linienschiffe
nen Minensperren innerhalb der Deutschen höheren Trefferwahrscheinlichkeit. Die Ur- des I. und II. Geschwaders wäre eine Vertei-
Bucht. Hipper war es noch rechtzeitig gelun- sache für die mit Mühe verhinderte Explo- digung der beschädigten BLÜCHER Erfolg
gen, seine doch ziemlich abgekämpften versprechend gewesen. Der Flottenchef Ad-
Schiffe und Boote vom Gegner zu lösen. Das miral von Ingenohl und auch sein Stabschef
war auch wichtig, denn mittlerweile war Ad- LITERATURTIPPS Konteradmiral Eckermann (1862–1916) muss-
miral Jellicoe mit großen Teilen der Grand ten ihre Posten räumen. Neuer Flottenchef
Fleet auf dem Gefechtsfeld erschienen – ih- Marinearchiv (Hrsg.): Der Krieg zur See. wurde Admiral Hugo von Pohl (1855–1916),
Bd. 6, Nordsee, Berlin 1937
nen wäre Hipper keinesfalls gewachsen ge- Chef des Admiralstabs. Die Flotte schaute
wesen. Auf deutscher Seite erwog der von Orth, Kathrin/Kliem, Eberhard (Hrsg.): skeptisch auf ihren neuen Führer, war auch
den Ereignissen unangenehm überraschte Jahrbuch der DGSM 2014. Oldenburg 2015 er doch ein Verfechter einer zurückhaltenden
Flottenchef von Ingenohl, den abrückenden Operationsführung.

SCHIFFClassic 4/2015 43

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MARITIME TECHNIK | Komfortabel unterwegs

Bremer und Hamburger Fernost-Kombischiffe

Erster Klasse
nach Yokohama

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Die Entscheidung der Hapag und des Norddeutschen
Lloyd, ab 1954 mit sechs schönen, aber teuren
Fracht- und Passagierschiffen auf die lange Ostasien-
route zurückzukehren, löste neben Begeisterung
auch Kopfschütteln aus Von Harald Focke

SCHMUCKES SCHIFF: Die


SCHWABENSTEIN des Nord-
deutschen Lloyd kam als
erstes der sechs Kombischiffe
für die Ostasienroute in Fahrt
Foto: Archiv NDL

SCHIFFClassic 4/2015 47

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MARITIME TECHNIK | Komfortabel unterwegs

KOMBISCHIFF: Weitläufige Aufbauten und


Ladebäume. Von oben gesehen wird die
Kombination aus Passagierschiff 1. Klasse
und Frachter besonders deutlich
Foto: Archiv NDL

WERBUNG: Gut gemachte


Werbung soll die Auslastung
der Kombischiffe unter-
stützen. Doch hier ist die
Rentabilität das Sorgen-
kind der Reederei
Foto: Archiv Hapag-Lloyd

A m 16. Januar 1954 fegt


ein Orkan über die
Nordsee. Kümos su-
chen Schutz im nächsten Ha-
fen, Inselfähren gehen gar nicht erst raus. Die
falls beeindruckt von den See-
eigenschaften der SCHWA-
BENSTEIN selbst bei schwerem
Wetter. Sie sparen nicht mit Lob
für die Schiffbauer des Bremer Vulkan.
dung. Denn die Rentabilität war von Anfang
an mehr als fraglich.
Mit der SCHWABENSTEIN nahm der
NDL am 28. Januar 1954 seinen Passagier-
dienst nach Ostasien wieder auf, der seit
Passagierdampfer AMERICA und OLYMPIA 1939 durch den Krieg unterbrochen war. Die
bleiben an der überfluteten Columbuskaje Gebaut beim Bremer Vulkan Jungfernfahrt führte nach Yokohama, gut
in Bremerhaven. Stundenlang peitscht die Bei seiner Hauswerft in Bremen-Vegesack 30 Kilometer südwestlich von Tokio. Über
Gischt dort hoch über den Kai. Das ist das hatte der Norddeutsche Lloyd schon 1950 ihre eigentliche Aufgabe hinaus, Fahrgäste
richtige Wetter für Kapitän Heinz Vollmers. seine ersten Nachkriegsfrachter der RHEIN- und Ladung sicher zu transportieren, sollte
Bei einer Probefahrt im tiefen Wasser will er STEIN-Klasse bestellt, der bald größere folg- die SCHWABENSTEIN international um
die Leistungsfähigkeit des Kombischiffs ten und schließlich im Herbst 1953 drei Sympathien für den Lloyd werben und alte
SCHWABENSTEIN bis an die Grenzen tes- Ostasien-Kombi-Liner. Drei baugleiche Schif- Kontakte aus der Vorkriegszeit neu beleben.
ten. Der schwere Wintersturm mit heftigen fe orderte die Hamburger Hapag. Betriebs- Wenige Tage später stellte ein rüstiger
Böen aus Westsüdwest treibt das neueste wirtschaftlich war es eine kühne Entschei- Oldtimer aus dem Jahr 1925 die werftneue
Schiff des Norddeutschen Lloyd (NDL) mit
über 18 Knoten vor sich her.
Das ist mehr als die Dienstgeschwindig-
keit. Zurück und nun gegen die Windrich-
Grafik: Archiv DSM

tung braucht die SCHWABENSTEIN die


vierfache Zeit. Durch die großen Fenster des
Wintergartens beobachten die Gäste die
wilde See – die meisten mit flauem Magen.
Reederei und Schiffsführung sind jeden- MARKANTES PROFIL: Riss des Motorschiffs SCHWABENSTEIN von Karl-Heinz Schwadtke

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EDLER SALON: Die Innenarchitektur wurde für „auswärtige“ Archi- NIERENTISCH-ÄRA: Im Wintergarten der SCHWABENSTEIN glänzt
tekten ausgeschrieben Fotos (2): Bremer Vulkan innenarchitektonisch die spezifische Schlichtheit der 1950er-Jahre

SCHWABENSTEIN in den Hintergrund: Mit mein“, gestand der Chefinnenarchitekt des ter des berühmten italienischen Schiffsarchi-
dem schwedischen Fahrgastschiff GRIPS- Bremer Vulkan, der 2010 verstorbene Joa- tekten Gustavo Pulitzer Finali.
HOLM, das mit zehn Millionen D-Mark da- chim Buchwald. In der Lloyd-Verwaltung am Bremer
mals nicht mehr kostete als ein neuer Stan- Hauptbahnhof wurden die Pläne präsentiert
dardfrachter, kehrte der Lloyd am 1. Februar „Das können Angestellte nicht“ – ausgerechnet von den Vulkan-Architekten
1954 auf seine mit Abstand wichtigste Route Die Aufträge für die Einrichtung der Kombi- Buchwald und Norbert Ehinger. „Dafür wa-
von Bremerhaven nach New York zurück. In schiffe vergab der NLD-Vorstand anders als ren wir dem Lloyd gut genug“, so Buchwald.
die Passagierfahrt auf dem Nordatlantik bisher bei seinen Frachtern. Bisher hatte er Die Vorstände des Lloyd, der Hapag und des
traute sich die Hapag nicht zurück, aber auf sich herausgehalten, nun mischte er sich von Bremer Vulkan fällten ruckzuck alle Ent-
den Gemeinschaftsdienst mit den Bremern Anfang an ein: „Was die Ausstattungsideen scheidungen für die wichtigsten Einrichtun-
ließen sich die Hamburger ein. anging, schwelgte die Lloyd-Spitze mit Ri- gen: die Eingangshalle mit dem Treppen-
Als erstes Hapag-Schiff kam im März die chard Bertram und Dr. Johannes Kulen- haus, den Speisesaal, den Wintergarten, den
HAMBURG in Fahrt. Am 1. April 1954 be- kampff noch immer in Erinnerungen an die Salon, das Schreib- und Lesezimmer, die Bar,
gann ihre Jungfernreise. Es folgten die HES- BREMEN und die EUROPA sowie die Ost- die Kabinen und die Offizierskammern.
SENSTEIN und die BAYERNSTEIN des asien-Schnelldampfer aus den 30er-Jahren“,
NDL sowie die FRANKFURT und die HAN- berichtete Buchwald. „Beide wollten etwas Nicht mehr so „troostreich“
NOVER der Hapag. ganz Großes starten, Geld spielte keine Rolf Störmer bekam die Aufträge für das je-
weils erste Schiff des NDL und der Hapag,
die SCHWABENSTEIN und die HAM-
BURG. Die HESSENSTEIN und die FRANK-
„Die angestellten Architekten können das nicht, FURT erhielt Horstmann, Manner die BAY-
dafür brauchen wir externe.“ ERNSTEIN und die HANNOVER. Favorit
Lloyd-Direktor Johannes Kulenkampff zu seinem Hausarchitekten Pinnau ging leer aus. Bei der Begutachtung
seiner ganz auf Wirkung angelegten Entwür-
fe entfuhr es Kulenkampff: „Sehr troost-
Die drei Bremer Schiffe gehörten formal Rolle. ,Angestellte Architekten können das reich.“ Das war eine Anspielung auf Paul
der Orlanda-Reederei, einer Tochter des nicht, dafür brauchen wir externe’, sagte mir Ludwig Troost, seit 1912 gefeierter Hausar-
NDL, der sie charterte, um im Ausland nicht Kulenkampff ohne Begründung.“ Mit „das“ chitekt des NDL. Er hatte die COLUMBUS
mit neuen Schiffen für alte Schulden aus der meinte er die Gesellschaftsräume der Kom- und die EUROPA ausgestattet und im „Drit-
Vorkriegszeit haften zu müssen. Nach dem bischiffe. Das traf Buchwald tief. ten Reich“ mehrere Monumentalbauten ent-
Londoner Schuldenabkommen war dieses Vier Architekten wurden zu einem be- worfen. Offensichtlich wollte sich der Lloyd-
Provisorium im Mai 1955 zu Ende. schränkten Wettbewerb eingeladen. Die Ha- Vorstand doch von seinen Vorkriegskonzep-
Beim Bremer Vulkan war die Freude über pag schlug erwartungsgemäß Hamburger ten verabschieden.
den fetten Auftrag des NDL und der Hapag Architekten vor, darunter Edgar Horstmann „Wir Vulkan-Architekten haben uns die
groß. Mit ihren Einrichtungen für viele Fahr- von der Hamburger Landeskunstschule und Schiffe gründlich angesehen, als sie nach-
gäste brachten die Kombischiffe wesentlich Caesar Pinnau, der 1952 für Aristoteles einander bei uns gebaut wurden“, erinnerte
mehr Arbeit auf die Werft als normale Frach- Onassis dessen Privatjacht ausgestattet hat- sich Buchwald. „Störmers SCHWABEN-
ter, auch für die Innenarchitekten. „Wir wa- te. Er genoss er in Hamburger Reederkreisen STEIN fand ich am besten gelungen. Auch
ren immer froh, wenn wir viel zu tun hatten, hohes Ansehen, vor allem bei Rudolf August Manner hat seine Sache gut gemacht.“ Die
und das war ja bei solchen Schiffen zu er- Oetker und dessen Hamburg-Süd. Schließ- Offiziersmesse und das Hospital durfte
warten. Das schien für uns eine interessante lich reichte noch Georg Manner aus Mün- Buchwald gestalten. „Viel war das nicht. Ich
Aufgabe zu werden. Sie reizte mich unge- chen Entwürfe ein, ein ehemaliger Mitarbei- hatte mir mehr gewünscht und war betrübt,

SCHIFFClassic 4/2015 49

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MARITIME TECHNIK | Komfortabel unterwegs

LADEGESCHIRR IN AKTION: In einem chinesischen Hafen wird Ladung mit den bordeigenen Möglichkeiten gelöscht Foto: Archiv Hapag-Lloyd

dass mir der Lloyd und die Hapag nicht Suezkanal (Port Said) nach Djibouti, Aden Beim Komfort für ihre bis zu 86 Passagie-
wenigstens die Chance gegeben haben, ei- und Penang, dann weiter nach Singapur, re konnten die Kombis mit den Vorkriegs-
nen Entwurf für die anderen Räume ein- Manila, Hongkong und Kobe bis Yokohama; schiffen mithalten. Alle Kabinen lagen au-
zureichen. Von vornherein zu sagen: ,Die zurück ging es auch über Marseille. ßen, waren klimatisiert und hatten Bad oder
beim Vulkan können das nicht”, das hat Dusche mit Toilette. Ein personal- und damit
mich doch sehr getroffen. Wir hätten das Geschichtsträchtige Namen kostenaufwendiger Service gehörte selbst-
gekonnt.“ Vor dem Krieg war diese Route im Passa- verständlich dazu. Ihn genoss auch die
gierverkehr für den Norddeutschen Lloyd Schiffsführung. „Die Verpflegung war über-
Lob von „Luftbohm“ die wichtigste nach dem Nordatlantik, wenn ragend“, erinnert sich Erich Draschba an sei-
Bereits das erste Kombischiff erregte Aufse- auch in der Zahl der Fahrgäste nicht annä- ne Zeit als 3. Offizier auf der SCHWABEN-
hen – ganz im Sinne des Lloyd-Vorstands, hernd vergleichbar. Ab Mitte der 1930er-Jah- STEIN. „Um 5 Uhr wurde auf See die Bäcke-
der Werbung immer gerne sah. Ihm gelang re hatte der Lloyd auf ihr die Schnelldampfer rei geöffnet, um 6 Uhr brachte ein Steward
es, Bundesverkehrsminister Hans-Christoph POTSDAM, GNEISENAU und SCHARN- frische Brötchen mit Butter und dampfenden
Seebohm nach Bremen zu locken, um die HORST eingesetzt. Mit rund 18.000 BRT und Kaffee auf die Brücke.“
SCHWABENSTEIN zu besichtigen. „Ein 190 Meter Länge hatten SCHARNHORST Schon bevor die Fahrgäste ab 8 Uhr zum
Schiff, wie wir es heute brauchen“, urteilte und GNEISENAU in ihren eleganten und ersten Frühstück erschienen, blitzten alle Sa-
der Minister trotz seiner bekannten Vorliebe komfortablen Gesellschaftsräumen und Ka- lons und Decks. Bereits frühmorgens machte
für das Flugzeug, die ihm den Spitznamen binen in zwei Klassen Platz für jeweils 300 der 1. Offizier seine Runde und kontrollierte
„Luftbohm“ eintrug. Fahrgäste, die POTSDAM die Sauberkeit bis in den
Auch die Fachzeitschrift Seekiste war von fasste 250 Passagiere. Ihre letzten Winkel. Die Lie-
der Konstruktion, dem Aussehen und der Nachfolger der 1950er- gestühle auf dem Son-
Ausstattung der in Bremen gebauten Kom- Jahre waren mit 164 Meter nendeck waren dann
bischiffe begeistert und pries sie als „Visiten- Länge und knapp 9.000 schon an einer geraden
karten des deutschen Schiffbaus“. BRT deutlich kleiner und Decksnaht exakt ausge-
Nachdem 1955 alle Kombi-Liner abgelie- mit 17 Knoten auch er- richtet, alle am Vortag
fert waren, boten der NDL und die Hapag heblich langsamer als die im Passagierbereich ent-
alle zwei Wochen eine Abfahrt nach Ost- Vorkriegs-Liner, die bis deckten Schmutz- oder
asien an. Flüge mit Propellermaschinen zu 23 Knoten liefen. Ihre
waren selten und teuer, die Transsibirische beiden MAN-Vulkan- HART ZUM SCHIFF: Kapi-
Eisenbahn war im Kalten Krieg für Westeu- Zweitakt-Dieselmotoren tän Heinz Vollmers testet
ropäer tabu. mit sieben Zylindern ga- bei einer Probefahrt in
Eine Rundreise dauerte drei Monate. Sie ben 10.560 PS über hy- Grenzbereichen die Leis-
führte von Bremen oder Hamburg über draulische Kupplungen tungsfähigkeit des Kombi-
Southampton, Rotterdam und Antwerpen und ein Getriebe an eine schiffs SCHWABENSTEIN
durch das Mittelmeer (Genua) und den Schraube ab. Foto: Archiv Hapag-Lloyd

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SPEISESAAL: Für ihr hervorragendes, im wahren Sinn erstklassiges ERSTER KLASSE: Die Passagierkabinen der SCHWABENSTEIN la-
Essen an Bord waren die Kombifrachter bekannt Foto: Bremer Vulkan gen alle außen mit relativ großen Fenstern Foto: Bremer Vulkan

Rostflecken entfernt. „Beim Schwimmbad und ihr umfangreiches Gepäck fuhren auf korea, später dann Thailand, Singapur und
wurden täglich das Becken, die Leitern und Kosten der Steuerzahler häufiger in beiden die Philippinen.
die ganze Umgebung mit Ata blank gescheu- Richtungen auch lange Strecken mit. Nun waren die Kombis auf der Heimrei-
ert und wieder frisches, sauberes Seewasser se deutlich besser ausgelastet. Sie liefen we-
eingefüllt“, berichtet Draschba in seinem Langsam und teuer niger Häfen an, damit die Kunden ihr in der
Buch Das Tor zur Welt war wieder offen. Der Unterhalt der Kombischiffe war wesent- Ladung gebundenes Kapital rascher wieder
Im Speisesaal gab es Frühstück in allen lich teurer als der Standardfrachter mit zu Geld machen konnten. Dieser „Schnell-
Variationen auf dem Niveau der 1. Klasse höchstens zwölf Fahrgästen. Die Verladung dienst“ verringerte die Reisezeit um ein
mit Eiern, Steaks oder Kipling, also warmen der Fracht ins Schiffsinnere in den vielen An- Drittel. Bald forderten auch Kunden in
geräucherten Makrelen, continental oder laufhäfen in Asien war umständlich und Fernost kürzere Transitfristen. Doch dafür
englisch. „Gegen zehn Uhr rollte das zweite kostspielig, weil sie tagelange Liegezeiten er- reichte die Geschwindigkeit der Kombis
Frühstück an, Bouillon mit Häppchen“, er- forderte. In Hongkong brachten Dschunken nicht aus.
zählt Draschba. Die Lloyd-Stewards bedien-
ten im frischen weißen Hemd und in schwar-
zer Hose mit erkennbarer Bügelfalte. „Ein gleich teures mittelgroßes Passagierschiff für den Nordatlan-
Dem Mittagsmenü folgte der Nachmit-
tagskaffee mit einem reichhaltigen Kuchen-
tikdienst wäre rentabler gewesen als drei gebaute Kombischiffe!“
angebot. Das warme Abendessen, ebenfalls Arnold Kludas, Deutschlands Experte für Passagierschiffe
aus mehreren Gängen, nahmen der Kapitän,
sein 1. Offizier, der Arzt und der Leitende In-
genieur mit den Fahrgästen ein. Ab Mitter- Rattan- und Rotholzmöbel längsseits. In Co- An der 90 Mann starken Besatzung zu
nacht warteten in der Bar kleine Snacks auf lombo auf Ceylon (heute Sri Lanka) und in sparen, war noch schwieriger als beim
Nachtschwärmer. Singapur wurden oft Tausende von Säcken Brennstoff. Das Küchen- und Bedienungs-
mit schwarzem, weißem und rotem Pfeffer personal ließ sich kaum verringern, ohne
Tee speziell für Briten geladen, die täglich umgestaut werden den Service einzuschränken – gleichgül-
Zusätzlich bot der Norddeutsche Lloyd ei- mussten, um Frische und Qualität zu erhal- tig, wie viele Fahrgäste zwischen den einzel-
nen Five-o-clock-tea an. Denn dank regelmä- ten. Aus Indonesien kamen mit den Kombis nen Anlaufhäfen an Bord waren. Die Jets
ßiger Stopps in Southampton waren meist edle Tabaksorten aufwendig verpackt zur gewannen immer mehr Reisende; günstigere
mehr Briten als Bundesbürger an Bord, da Bremer Tabakbörse. Tickets drückten die Passagepreise. Die Kos-
die Schiffe mehrere Kolonien des Empire an- 9.500 Tonnen Ladung konnten die Kom- ten der Kombis kletterten, die Einnahmen
liefen und die Kinderbetreuung an Bord gut bis mitnehmen, doch längst nicht immer schrumpften.
ankam. Bei der Ausreise nahmen die deut- waren alle Luken voll. Nur wenige Länder 1966/67 schließlich endete der Passagier-
schen Kombis Tausende von Säcken der in Asien konnten sich damals Maschinen dienst zwischen Deutschland und Ostasien,
Royal Mail für die Kronkolonien in Aden, und technische Geräte aus Europa leisten. als die Hapag und der Norddeutsche Lloyd
Ceylon und Singapur an Bord. Das war für Dennoch setzten sich die Erträge aus den ihre inzwischen auch zu langsamen Kom-
den Hapag-Lloyd-Dienst ein einträgliches Frachtraten anfangs zu zwei Dritteln aus der bischiffe nach nur zwölf Dienstjahren ins
Geschäft. Ausreise und nur einem Drittel aus der Ausland verkauften. Beide Reedereien er-
Deutschen Touristen fehlte meist noch Heimreise zusammen, auf der Agrarproduk- setzten sie durch Schnellfrachter der WEST-
das Geld für ausgedehnte Seereisen. Manche te und Rohstoffe vorherrschten. FALIA- und FRIESENSTEIN-Klasse, die sich
buchten allerdings bestimmte Etappen, vor- Ab Ende der 50er-Jahre förderte der Frei- wegen des unerwartet schnellen Ansturms
zugsweise ab Genua. Ausgelastet waren die handel insgesamt die Im- und Exporte. Be- der Container ebenfalls nur kurz im Ost-
Kombis selten und schon gar nicht auf der sonders industrielle Konsumgüter aus Japan asien-Dienst halten konnten. Die Bremer
gesamten Reise zwischen Deutschland und kamen nun verstärkt nach Europa. Als Liefe- und Hamburger Kombis landeten bis 1979
Japan. Vor allem Diplomaten, ihre Familien ranten folgten Hongkong, Taiwan und Süd- auf der Abwrackwerft.

SCHIFFClassic 4/2015 51

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MARITIME TECHNIK | Unter rotem Stern

Seitenraddampfer DRESDEN für Nordkorea

Auf dem Wunschzettel


eines Präsidenten
DDR, Juni 1984: Eine Dampferfahrt auf der Elbe begeistert den nordkoreanischen
Staatspräsidenten Kim Il-Sung. Einen schönen Raddampfer wie die DRESDEN will er
auch haben. Wie bekommt er dieses Schiff nach Pjöngjang? Von Frank Müller

ZU HAUSE: Der Flussdampfer


DRESDEN, hier als Ausflugsdampfer
vor heimatlicher Kulisse, weckte
beim Präsidenten Nordkoreas Be-
gehrlichkeiten Foto: picture-alliance

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ÜBER DIE SEITE: Stapel-
lauf des Seitenraddamp-
fers DRESDEN in der
Werft Dresden Laubegast
am 28. April 1926
Foto: Sammlung Frank Müller

UNKONVENTIONELL:
Oberingenieur Fräsdorf
bringt frischen Wind in
die Werft Dresden
Laubegast
Foto: Sammlung Frank Müller

G rün-weiß gestrichen und kräftig


dampfend kommen sie daher, die Sei-
tenraddampfer auf der Elbe oberhalb
und unterhalb von Dresden. Sie sind der de-
korative Augenfang für Touristen, verbunden
waren überwunden, die Wirtschaft hatte sich
stabilisiert und für den sich wieder verstär-
kenden Ausflugsverkehr wurde ein neues,
komfortables Schiff benötigt. 1925 hatte die
Werft Laubegast den Diplomingenieur Fräs-
würde dieser Schiffstyp eine bedeutende Re-
klame für das Unternehmen bedeuten. Drit-
tens, soll das Schiff in der bisherigen Form
mit 300 PS gebaut werden, dafür aber breiter
und länger?
mit dem Wunsch nach einer Flussfahrt in his- dorf als Werftleiter eingestellt. Vertreter der
torischem Ambiente. Seitdem die Raddamp- Gesellschaft führten in Begleitung von Ober- Dampf statt Diesel
fer, übrigens als Idee von den Rheindampfern ingenieur Fräsdorf im zweiten Halbjahr 1925 Die Kosten wurden für einen Dampfer auf
abgeguckt, auf der Elbe verkehren, faszinie- mehrere Besichtigungen von Motorschiffen zirka 300.000 Mark kalkuliert, das Motor-
ren sie Groß und Klein – und manchmal auch auf Oder und Rhein durch. Hintergrund war schiff wurde teurer eingeschätzt. Eine Ent-
wichtige Staatsgäste. Noch zu DDR-Zeiten der Gedanke, mit einem großen Dieselschiff scheidung zu fällen drängte letztendlich
wird einer von ihnen, der nordkoreanische Kosten durch weniger Mannschaftspersonal auch dadurch, dass der nächste Dampfer-
Präsident Kim Il-Sung, zum Raddampfer- zu sparen und die Manövrierfähigkeit auf neubau erst frühestens nach zwei bis drei
Fan. Seine spontane Idee: Auch seine Volks- dem Fluss zu erhöhen. Jahren wieder infrage kommen würde, da
genossen sollen den Charme einer Fahrt mit Es stellten sich allerdings folgende Fra- vorher noch ein neuer Kohlenkahn und eine
einer DRESDEN genießen können. gen: Erstens, soll überhaupt ein neues Perso- Anzahl von Landungsbrücken neu zu be-
Doch zuerst ein Blick auf die Geschichte nenschiff gebaut werden? Antwort: Geld schaffen waren. Ein etwas exotischer Vor-
dieses Schiffes. Die Indienststellungen des und Bedarf waren vorhanden, also stand schlag ging sogar dahin, zwei Frachtschiffe
Raddampfers DRESDEN (1926) und auch dem Bau nichts im Wege. Zweitens, einer- so auszubauen, dass sie bei gutem Wasser-
des Dampfers LEIPZIG (1929) stellten den seits würde der Bau eines Motorschiffes stand sonntags für die Personenbeförderung
Abschluss und Höhepunkt des Raddampfer- nicht mehr während der nächsten Fahrsai- herangezogen werden könnten. Letztendlich
neubaues auf der Oberelbe dar. Der Bau die- son beendet werden können, andererseits beeinflusste der zu erwartende höhere Tief-
ser beiden technisch neuen Schiffe wurde in-
nerhalb kürzester Zeit in höchster Qualität
realisiert, was so trotz – oder vielleicht auch
aufgrund – der heutigen modernen techni-
schen, technologischen und kaufmännischen
Prozesse nicht mehr denkbar wäre.

Schmuckstück auf der Elbe


Der Dampfer DRESDEN ist heute noch das
besondere Schiff der Dresdner Raddampfer-
flotte. Der Stapellauf am 28. April 1926 war
schon für sich eine Sensation: größer als alle
anderen bisherigen Schiffe der Flotte und
zum ersten Mal ein vollständig weißes
Schiff. Alle Schiffe fuhren damals in den Lan-
desfarben des Staates Sachsen, grün-weiß-
grün-weiß, die Oberdeckdampfer zusätzlich
noch mit sandfarben-weißem Schiffsrumpf
… und nun dieser Schwan!
Was steckte hinter diesem Quanten- HALBES WRACK: Dampfer DRESDEN nach dem katastrophalen Brand im Hafen von
sprung? Die Folgen des Ersten Weltkriegs Loschwitz im Jahr 1946 Foto: Sammlung Frank Müller

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MARITIME TECHNIK | Unter rotem Stern

IDYLLISCH: Seitenraddampfer DRESDEN am Terrassenufer der Elbe bei Dresden Foto: Sammlung Frank Müller

gang des Dieselschiffes von gut zwei Metern taufe mit anschließendem Stapellauf! Sym- Raddampfer lag gemeinsam mit anderen
die Entscheidung zu Gunsten eines Seiten- bolträchtig übertrug man den Namen des Schiffen im Hafen Loschwitz, als an Bord ein
raddampfers. damaligen Dampfers DRESDEN (der heuti- Feuer ausbrach. Die Anwohner am Körner-
Innerhalb kurzer Zeit wurde für die Ober- ge Dampfer STADT WEHLEN, das älteste weg wurden durch die Flammen in dunkler
elbe ein neuer Schiffstyp in Anlehnung an Schiff der heutigen Flotte) auf das neue Nacht geweckt. Sie eilten den Besatzungen
die erfolgreichen Rhein-Salondampfer ent- Schiff. Nach nur fünf Monaten Bauzeit konn- sofort zu Hilfe. Gemeinsam gelang es, den
worfen. Dieser Schiffstyp zeichnete sich te der Dampfer DRESDEN am 29. Juni 1926 direkt am Dampfer DRESDEN festgemach-
durch ein großes Oberdeck, geräumige Sa- in Dienst gestellt werden und wurde zu- ten Dampfer MEISSEN abzuziehen. Die
lons, Panoramafenster, komfortable Sanitär-
bereiche und eine insgesamt luxuriöse Aus-
stattung aus. „(…) auf dem Fußboden kniend, die Zeichnungen mit dem Blei-
Rhein-Salondampfer auf der Elbe stift kopierend, haben wir die nordkoreanischen Kollegen erlebt.“
Für den Antrieb des eisernen Schiffskörpers Frank Müller, seinerzeit Werftleiter in Laubegast
wurde eine liegende Zweizylinder-Verbund-
maschine mit Ventilsteuerung und Einspritz-
kondensation mit einer Leistung von 300 PS gleich zum Flaggschiff der Dresdner Flotte DRESDEN brannte allerdings bis über die
konzipiert. Die Maschine verkörperte den erklärt. Die Zulassung war für 1.363 Fahr- halbe Schiffslänge total aus. Am Dampfer
damals technischen Höchststand des Dampf- gäste ausgeschrieben, ab 1960 wurde die MEISSEN zeugte noch lange Zeit die abge-
maschinenbaus. Das Gleiche galt für die Ru- Zahl noch einmal erhöht auf 1.443! blätterte Farbe am Vorderschiff von der Hitze
deranlage, System Flettner. Durch die beson- Im Jahr 1943 erhielt das Schiff, wie die an- der Flammen und der Nähe zur Katastrophe.
dere Funktionsweise konnte auf den Einbau deren Dampfer auch, einen grauen Tarnan- Als Brandursache auf der DRESDEN
einer Dampfsteuermaschine verzichtet wer- strich, der erst im Jahr 1946 wieder in den wurde eine vergessene Kerze vermutet. Da
den. Mit dem heutigen technischen Verständ- weißen Anstrich zurückgewandelt wurde. das Schiff auch auf der Liste der sogenann-
nis kann man die Nutzung der Flussströ- Das Schiff war eines der wenigen, die den ten Kriegsreparation für die damalige Sow-
mung für die Ruderauslenkung durchaus als Krieg ohne Beeinträchtigungen überstanden jetunion stand, hielt sich zudem das Gerücht
Vorläufer der Servolenkung bezeichnen. hatten. Umso schwerwiegender war die Ka- der „Rettung durch Brand“. 1948 wurde der
Auch nach den Generalreparaturen ab 1992 tastrophe, die den Dampfer am 18. Juni 1946 Wiederaufbau beschlossen, der zuvor länge-
wurde das System Flettner für die Ruderan- an den Rand der Vernichtung brachte. Der re Zeit infrage gestellt war. Als erster Damp-
lage der beiden großen Dampfer beibehalten. fer erhielt die DRESDEN bei dieser Gelegen-
Angesteuert wurde sie nun allerdings nicht heit einen geschlossenen Vorderdecksalon,
mehr über die lange Axiometerleitung vom LITERATURTIPP der von den Fahrgästen dankbar angenom-
Steuerrad auf der Brücke, sondern über einen men wurde. Am 7. Juli 1949 stellte man das
Hydraulikmotor auf dem Heck. Müller, Frank/Quinger, Wolfgang: Die Dresdner Schiff feierlich wieder in Dienst.
Raddampferflotte. Delius Klasing Verlag,
Am 28. Januar 1926 wurde auf der Werft In den folgenden Jahren wurde es durch
ISBN 978-3-7688-1904-6
Dresden Laubegast der Kiel gelegt und be- Modernisierungen und Instandhaltungen in
reits drei Monate später kam es zur Schiffs- hervorragendem Zustand erhalten. Erst in

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den Jahren 1979 bis 1981 nahm man die erste
umfassende Generalreparatur vor. Zur 800-
Jahr-Feier des Hamburger Hafens lag der
Dampfer DRESDEN vom 3. bis 15. Mai 1989
in Dresdens Partnerstadt an der Hamburger
Überseebrücke.

Ungewöhnlicher Wunsch
Anfang der 1980er-Jahre weilte der nordko-
reanische Staatspräsident Kim Il-Sung auf
Einladung des Staatschefs Erich Honecker
in der DDR. Im Rahmen eines Dresden-Be-
suches war im Programm am 3. Juni 1984
auch eine Dampferfahrt auf der Elbe vorge-
sehen. Die „Ehre“ wurde natürlich dem
Flaggschiff der Flotte zuteil, dem Dampfer
DRESDEN.
Wochenlange Vorbereitungen kündigten

Foto: picture-alliance
das Ereignis an. Das Schiff wurde durch
technische und polizeiliche Dienste gründ-
lich untersucht, der Decksalon dem Anlass
entsprechend mit Couch-Garnituren, roten
Wandbehängen, Fahnen usw. umgebaut. Am
Tag des großen Ereignisses herrschte Schiff- DDR, JUNI 1984: Eine Dampferfahrt auf der Elbe begeistert den nordkoreanischen Staats-
fahrtssperre auf dem Flussabschnitt. Der präsidenten Kim Il-Sung. Einen Raddampfer wie die DRESDEN will er auch haben
Staatsgast war begeistert von dem Dampfer,
was nun nicht ohne Folgen blieb. einfachsten Bedingungen ihren Lauf. Prob- durch, dass es seit 1986 in Pjöngjang den
Kein halbes Jahr nach dem Ereignis wur- lematisch war die Beschaffung der Unterla- Nachbau des Raddampfers DRESDEN gibt,
de der Werft Laubegast der Besuch einer gen für die Maschinenanlage. Alle infrage bis etwa 1990 der endgültige Beweis an-
Gruppe nordkoreanischer Schiffbauspezia- kommenden Archive wurden geprüft, doch hand von Fotos vorlag. Der Raddampfer lag
listen angekündigt. Sie hatten die Genehmi- auch ein Protest der Koreaner über das Au- damals unmittelbar im wichtigsten Teil des
gung beziehungsweise Forderung des ent- ßenministerium konnte keine Unterlagen Stadtzentrum auf dem Taedong-Fluss, di-
sprechenden DDR-Ministeriums mit im Ge- herbeischaffen. Als sich der mehrmals ver- rekt am Kim-Il-Sung-Platz und gegenüber
päck, alle nötigen technischen Unterlagen, schobene Abreisetermin der Gruppe nicht des symbolträchtigen Chuch’e-Towers. Das
Fotos, Kopien usw. anfertigen zu dürfen, länger hinauszögern ließ und die Spezialis- Schiff heißt PYONGYANG I, was wohl an-
die den Nachbau des Dampfers in Korea er- ten mit ihren Bleistiftskizzen und einem deutet, dass weitere Schiffe möglich sein
möglichen sollten. kompletten Satz Kopien der Bauunterlagen sollten.
Die Spezialistengruppe erschien in Be- aus dem Jahr 1926 – außer eben der Unterla-
gleitung eines koreanischen Vorgesetzten gen der Hauptmaschine – die Werft verlie- Keine Besucher erlaubt
und eines Abgeordneten des Ministeriums, ßen, glaubten alle, dass die Aktion nun ein Genauere Angaben über das Schiff, speziell
die Freigabe der Unterlagen wurde ange- Ende hätte. über die Maschinenanlage, gab es nicht. Eine
ordnet und das Schiff sogar für Tage an der Nach und nach sickerte jedoch über die dieselelektrische Antriebsanlage war aber
Werft festgemacht. Die Dinge nahmen unter verschiedensten Quellen die Nachricht eher wahrscheinlich als eine Dampfmaschi-
ne. Im April 2015 weilte eine Gruppe deut-
scher Touristen in Nordkorea und konnte
neue Bilder vom Schiff mit nach Deutsch-
land bringen. Nach zögerlicher Auskunft der
koreanischen Begleiter auf die Frage nach
dem Verbleib des Dampfers war das Schiff
nicht mehr fahrfähig und wurde an seinem
traditionellen Liegeplatz im Zentrum durch
ein neues Restaurantschiff ersetzt.
Der Dampfernachbau wurde umgebaut in
ein festliegendes Restaurantschiff und nun
etwa zwei Kilometer flussabwärts, unterhalb
der Taedong-Brücke, vertäut. Die Raddamp-
ferkonturen des DRESDEN-Nachbaus sind
noch deutlich zu erkennen und den ur-
sprünglichen Namen trägt das Schiff auch
noch. Ein Besuch des Schiffes wurde der
KOREANISCH: Die Dampfer-Kopie als PYONGYANG I am Kim-Il-Sung-Platz in Nordkoreas deutschen Reisegruppe trotz deutlich geäu-
Hauptstadt Pjöngjang Foto: Sammlung Frank Müller ßerten Interesses leider nicht erlaubt.

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MARITIME TECHNIK | Ein besonderer Besuch

IN DER TIEFE: Taucher


konnten vor Kurzem zum
Wrack eines ungewöhnli-
chen U-Bootes vordringen
Foto: Stefan Baehr

U-Boot Monitor M-2

Tauchgang in
die Geschichte
Kürzlich startete ein Taucherteam zum Besuch eines ganz besonderen U-Bootes der
Royal Navy. Versunken bei Portland im englischen Kanal, lag ein „Flugzeugmutterschiff“
vor ihnen Von Roland Hanewald

E in Flugzeugmutterschiff als U-Boot?


Das erscheint im ersten Augenblick als
Unmöglichkeit. Doch nichts anderes
sank 1932 westlich vom englischen Portland
auf den Meeresgrund und fand dort für im-
1 ging 1925 nach einer Kollision mit dem
schwedischen Kohlendampfer VIDAR ver-
loren, M-3 wurde 1932 verschrottet und M-4
wurde gar nicht erst zu Ende gebaut. Auf
M-2 wartete ein Schicksal besonderer Art.
gen Kanonen erforderten zudem eine riesige
Öffnung im Druckkörper, was die Stabilität
weiter beeinträchtigte … unter dem Strich
mithin eine ziemlich wacklige Konstruktion.

mer sein Grab. Die gesamte Besatzung von Von vornherein hatten die M-Boote ein kon- Umbau zum Flugzeugträger
60 Mann kam dabei ums Leben. Die Rede ist struktives Problem. Ihre gewaltigen Ge- Nach 1925 wurden die Geschütze im Zuge
hier von einem U-Kreuzer der M-Klasse, ge- schütze (30,5 Zentimeter) stammten nämlich des Washingtoner Flottenabkommens de-
nauer gesagt dem Boot M-2. Nach dem Ers- aus dem Wrack des 1915 gesunkenen montiert. Aber auf M-2 wartete eine neuerli-
ten Weltkrieg zum Flugzeugmutterschiff um- Schlachtschiffs HMS FORMIDABLE und che Prüfung. Die britische Admiralität hatte
gebaut, ist das ungefüge Fahrzeug jetzt ein waren für die vergleichsweise schmächtigen sich ausgerechnet, dass die relativ große Ton-
Refugium für Fische. U-Boote ganz klar überdimensioniert. Wie nage (1.594 über Wasser) die M-Boote als Mi-
M-2 gehörte zu einer Gruppe von vier ungeeignet sie auf einer anderen Ebene wa- ni-Flugzeugträger geeignet machte. M-2
U-Boot-Monitoren, die 1916 von der Royal ren, zeigt der minimale Schwenkbereich, wurde folglich mit einem klobigen druckfes-
Navy (RN) in Auftrag gegeben wurden und über den sie verfügten. Er lag bei 15 Grad ten Hangar vor dem Turm versehen und von
mit ihrer überschweren Artillerie die Ge- nach jeweils einer Seite; was darüber hinaus- einer Katapulteinrichtung konnte ein Was-
schicke des Krieges wenden sollten. Großer lag, musste mit dem Boot wie zur Zeit des serflugzeug starten. Es war offenbar das gro-
Ruhm war keinem von ihnen beschieden. M- Segels selbst ausgesteuert werden. Die riesi- ße Tor dieses Hangars, welches M-2 zum

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Verhängnis wurde, denn bei einer Tauch-
UNAUSGEREIFT: Die englischen
übung am 26. Januar 1932 schien es nicht
M-Boote, hier M-2, waren ziem-
korrekt geschlossen gewesen zu sein. Der lich kuriose Konstruktionen
Hangar lief rasend schnell voll und riss das Foto: Sammlung Hanewald
Boot wie einen Stein hinab, sodass es mit
dem Heck meterweit im Seeboden steckte,
als man es später in 32 Meter Tiefe fand. Man
versuchte zwar gleich nach dem Unglück,
das Boot zu heben und so die Mannschaft,
die sich noch komplett an Bord befand, zu
retten. Das Problem war jedoch, das Wrack
überhaupt zu finden, denn die Bucht war
schon im Jahre 1932 geradezu übersät mit
gesunkenen Schiffen aller Zeiten. Die Such-
mannschaften stießen zunächst auf 60 ande-
re Wracks, die jeweils erst durch Taucher als
die falschen identifiziert werden mussten.
M2 hatte zwar für 48 Stunden Sauerstoff an
Bord, aber für eine Rettung war es bald zu
spät. So fanden 60 Seeleute den Tod. Zwei
von ihnen konnten später tot geborgen wer- M-2. Gottlob ist das Wrack mit einer Boje her. Vor dem Hangar verläuft die Startrampe
den. Achtundfünfzig weitere befinden sich markiert. Auf geht’s. In 29 Metern können für den kleinen Doppeldecker in Richtung
somit noch an Bord. Der Turm des Wracks wir den langgestreckten schmalen Rumpf auf den Bug. Im hinteren Bereich sieht sie
wurde von der britischen Marine versiegelt; des U-Boots schemenhaft erkennen. Die Bo- schon etwas zerfleddert aus, nach vorne hin
ein Eindringen in die eigentlichen Innenräu- jenleine führt uns genau zu dem scheunen- bessert sich ihr Zustand. Wären der Bewuchs
me innerhalb des Druckkörpers ist nicht
möglich und auch nicht erlaubt.

Welches Wrack ist M-2? „Es war offenbar das Tor des Hangars, das bei der Tauchübung
Ertaucht werden darf das Wrack aber schon. am 26. Januar 1932 nicht korrekt geschlossen gewesen ist.“
Unterwasserfotograf Stefan Baehr stattete Aus dem Untersuchungsbericht zur Unfallursache
dem Wrack vor einiger Zeit einen Besuch ab
und berichtet: „In England sind Pünktlich-
keit und Disziplin bei der Einhaltung der artigen Hangar, der vor dem Turm ange- und der Rost nicht, könnte man glauben, an
Tauchzeiten in einem Strömungsrevier bracht und sehr einfach zu betauchen ist. einem einsatzbereiten Unterseeboot zu tau-
oberstes Gebot; die Tidentabelle ist strikte zu Das große, heruntergeklappte Tor gewährt chen. Auf der Backbordseite ist der Turm,
befolgen. Die meisten Tauchgänge sind we- einen Blick ins Innere. Dass sich das Aufklä- schön anzusehen, mit weißen Schwämmen
gen der heftigen Strömungen im Ärmelkanal rungsflugzeug nicht mehr an seinem Platz bewachsen. Neben dem Turm klafft ein Loch
nur bei Stauwasser möglich, so auch auf der befindet, wussten wir allerdings schon vor- in dem röhrenförmigen Rumpf. Dahinter be-
finden sich einige schwer zu identifizierende
Objekte auf der Oberseite des Wracks. Das
SEEMANNSGRAB:
Deck ist hier in einem etwas besseren Zu-
Im Wrack liegen
58 Tote, der stand als vor dem Hangar.
Druckkörper ist
verschlossen Am Ende der Nullzeit
Foto: Stefan Baehr Ein Schwarm Franzosendorsche glotzt uns
mit gleichgültigen Mienen an, als wollte
man uns an unsere Rolle als kurzzeitige Gäs-
te erinnern. Ich würde mir gerne noch das
Heck des U-Bootes ansehen, aber die Zeit
wird knapp. In ein paar Minuten wird der
Gezeitenstrom sein ewiges Hin und Her
wieder aufnehmen, außerdem sind wir, mit
Stickstoff gesättigt von etlichen Tauchgän-
gen in den Tagen davor, schon bedenklich
nahe am Ende unserer Nullzeit angelangt.
Wir finden die Bojenleine auf Anhieb wie-
der, kein Problem bei diesem sehr gut erhal-
tenen Wrack. Ein spannendes Abenteuer,
alles in allem.“ So Unterwasserfotograf Ste-
fan Baehr nach seinem Tauchgang im Engli-
schen Kanal.

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LANDGANG | Offiziersopfer

Der Untergang von SMS LEIPZIG 1914

Eine Frage der Ehre


Im Dezember 1914 trifft das Ostasiengeschwader der Kaiserlichen Marine bei den
Falklandinseln auf einen überlegenen Gegner. An ein deutsches Kommandantenschick-
sal wird nach 100 Jahren auf bemerkenswerte Art erinnert Von Eberhard Kliem

S chicksalsstunde am Abend des 8. De-


zember 1914: „(…) am Ende der unglei-
chen Seeschlacht bei den Falklandin-
seln befahl er als Kommandant des Kleinen
Kreuzers LEIPZIG den wenigen Überleben-
steht es zu lesen in einer Todesanzeige, die
100 Jahre nach dem Geschehen von der Fa-
milie veröffentlicht wird. Wer war dieser Jo-
hannes Siegfried Haun, Fregattenkapitän
und Kommandant der SMS LEIPZIG, dessen
Unstrut, war Sohn eines evangelischen Pfar-
rers. Nach dem frühen Tod der Eltern wur-
den er und sein älterer Bruder von einem
Großgrundbesitzer in Wolmirsleben (Mag-
deburger Börde) adoptiert und liebevoll in
den die schweren Kleidungsstücke auszu- Leben 43-jährig endete? dessen Familie erzogen.
ziehen und den Hilfsschiffen des Feindes Nach dem Abitur in Magdeburg trat Jo-
entgegenzuspringen. Er selbst verblieb auf Der Kommandant hannes Siegfried Haun als Seeoffizieranwär-
der bewegungsunfähigen SMS LEIPZIG und Im März 1913 übernahm der damalige Fre- ter am 1. April 1888 in die Kaiserliche Marine
fand mit dem ihm anvertrauten Schiff für gattenkapitän Johannes Siegfried Haun das ein. Er durchlief die damals übliche Ausbil-
Kaiser und Vaterland in den eisigen Flu- Kommando über die LEIPZIG. Haun, gebo- dung und wurde schon früh in das Ostasiati-
ten des Südatlantiks den Seemannstod.“ So ren am 24. Juni 1871 in Westendorf an der sche Kreuzergeschwader versetzt, in dem er

FAMILIENFEIER: Verlobungsfeier in
Borne-Bisdorf 1903; im Kreise seiner
Pflegefamilie Schaeper ist Korvetten-
kapitän Johannes Siegfried Haun als
einziger Uniformträger unschwer zu
erkennen. Neben ihm seine Verlobte
Foto: Sammlung Fritz Haun

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SMS LEIPZIG in
der Vorkriegsbe-
malung (Weiß mit
gelben Schornstei-
nen) und mit ei-
nem Versenkungs-
hinweis auf einer
Erinnerungspost-
karte aus dem
Ersten Weltkrieg
Foto: Sammlung Jörg Braun

mehrere Offizierpositionen auf verschiede- AG Weser in Bremen ein Kleiner Kreuzer der Ersten Weltkriegs wurde der Kreuzer unter
nen Schiffen durchlief. 1903 heiratete er eine Städteklasse mit der Baubezeichnung „N“ wechselnden Kommandanten und Geschwa-
Jugendfreundin und nahm eine Wohnung in vom Stapel. Der Oberbürgermeister der derkommandeuren im üblichen, aber durch-
Kiel in der Esmarckstraße. 1907 wurde Sohn Stadt Leipzig taufte das Schiff auf den Na- aus vielfältigen Kolonialdienst eingesetzt.
Kurt, 1909 Sohn Eberhard geboren. men der bedeutendsten Stadt Sachsens. Entweder als Einzelfahrer oder mit anderen
Im Nachlass der Familie Haun befindet
sich ein Porträtfoto seines Obersten Kriegs-
herrn Kaiser Wilhelm II. vom 30./31.Oktober „Kümmere Dich um meine Jungs. Adoptiere sie,
1901 aus dem Neuen Palais zu Potsdam mit
einer Widmung – allerdings von der Hand wenn mir etwas zustoßen sollte!“
eines kaiserlichen Adjutanten geschrieben: Fregattenkapitän Johannes-Siegfried Haun zu seinem Bruder Kurt, Anfang 1914
„Meinem lieben Haun zur freundlichen Er-
innerung.“ Ob dies der Ausdruck einer be-
sonderen Verbindung zu Haun gewesen ist Die Gesamtkonstruktion mit knapp unter Einheiten des Kreuzergeschwaders wurden
oder die eher routinehafte Behandlung, die 4.000 Tonnen, der Antrieb über eine dreifach- Häfen anderer nahe gelegener Nationen
allen kaiserlichen Seeoffzieren bei einer ge- Expansionsmaschine mit zehn Marinekes- angelaufen, bei offiziellen Ereignissen das
eigneten Gelegenheit zuteil wurde, lässt sich seln und einer Spitzengeschwindigkeit von Deutsche Reich repräsentiert oder das deut-
nicht mehr klären. Unbestritten ist aber, dass 22 Knoten, die Hauptbewaffnung mit insge- sche Kolonialgebiet in Pazifischen Raum
Haun sich wie nahezu alle kaiserlichen See- samt zehn 10,5-Zentimeter-Einzelgeschüt- besucht.
offiziere durch seinen persönlichen Eid auf zen entsprachen den damaligen Vorgaben
den Kaiser diesem eng verbunden fühlte für ein derartiges Schiff. Im Einsatz
und seine Pflichten als Offizier außerordent- Im Manöverdienst stellte sich heraus, Im Mai 1914 erhielt die LEIPZIG den Befehl,
lich ernst nahm. dass die SMS LEIPZIG und ihre sechs den Stationskreuzer NÜRNBERG vor der
Schwesterschiffe gute Seeschiffe mit ange- mittelamerikanischen Westküste abzulösen.
Verantwortungsvoller Vater nehmen Manövriereigenschaften waren. Bei Die Hauptaufgabe bestand darin, in den
Anfang des Jahres 1914 hatte Haun Heimat- Seegang von vorn ab etwa fünf bis sechs Wirren des mexikanischen Bürgerkriegs
urlaub. Vor seiner Rückreise nach Tsingtao Windstärken und höheren Fahrtstufen war deutsche Staatsangehörige zu evakuieren
mit der Transsibirischen Eisenbahn verein- die Back allerdings sehr nass und ein Ein- und in sicheres Ausland zu bringen. Hin-
barte er mit seinem Bruder Kurt, dass dieser satz der dort aufgestellten Geschütze nicht weise auf schwere politische Spannungen in
im Fall seines Todes die noch minderjährigen mehr möglich. Europa erreichten den Kommandanten am
Söhne adoptieren solle. Daraus kann man Nach nur kurzem Dienst in der heimatli- 31. Juli, der daraufhin den Entschluss fasste,
schließen, dass Haun – wie viele andere Ma- chen Hochseeflotte wurde der Kleine Kreu- seine Aufgabe an ein amerikanisches Kriegs-
rineoffiziere – die drohende Kriegsgefahr zer der Ostasiatischen Station in Tsingtao schiff zu übergeben. In einer abseits gele-
durchaus realistisch zumindest erahnte. zugeteilt, lief am 8. September 1906 aus Wil- genen Bucht erfuhr er am 5. August vom
Im Rahmen der Vergrößerung der Kaiser- helmshaven aus und erreichte Hongkong Kriegsausbruch. Der Mobilmachungsplan
lichen Marine lief am 21. März 1903 bei der am 6. Januar 1907. Bis zum Ausbruch des sah für die LEIPZIG die umgehende Verei-

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LANDGANG | Offiziersopfer

nigung mit dem Kreuzergeschwader unter KAISERDANK:


Führung des Vizeadmirals Maximilian „Meinem lieben
Reichsgraf von Spee vor. Erwartungsgemäß Haun zur freundli-
stellte sich die stetige Versorgung mit Kohle chen Erinnerung“
findet sich von
für die Antriebsanlage des Schiffes als be-
Adjutanten-Hand
sonderes Problem dar, das auch die Idee von geschrieben auf
einer zwischenzeitlichen Handelskriegsfüh- der Porträtkarte
rung vor der amerikanischen Küste letzlich des Kaisers vom
zunichte machte. Eine dringend notwendi- 30. Oktober 1901
ge Kesselreinigung erzwang schließlich das Foto: Sammlung Fritz Haun
Anlaufen der Osterinseln, wo es am 14. Ok-
tober auch zur Vereinigung mit dem Kreu-
zergeschwader kam.

Sie kamen glimpflich davon


Auf dem Marsch nach Süden Richtung chi-
lenische Küste traf das Geschwader auf
einen englischen Verband, bestehend aus
den alten Panzerkreuzern GOOD HOPE
und MONMOUTH und dem Hilfskreuzer
OTRANTO. Durch die generelle Überlegen-
heit der deutschen Schiffe, aber auch durch
geschickte Gefechtsführung von Admiral
Spee wurden die schweren britischen Ein-
heiten versenkt, die Schäden auf den deut-
schen Schiffen blieben gering. Doch die Mu-
nitionsbestände waren auf fast allen Einhei-
ten zur Hälfte verbraucht, ohne dass die
Möglichkeit der Nachversorgung bestand.
Der deutsche Gefechtserfolg erzeugte ei-
nen ungeheuren Widerhall, hatte die Royal
Navy doch zum ersten Mal seit den napoleo-
nischen Kriegen eine Niederlage zur See erlit-
ten. LEIPZIG und NÜRNBERG gingen nach

dem Gefecht zur Versorgung und Erholung


nach Valparaiso. Bei den nun einsetzenden
Beratungen von Geschwaderchef und Kom-
mandanten über die weitere Operationsfüh-
rung erbat der Kommandant der LEIPZIG die
Entlassung aus dem Verband zur selbststän-
digen Handelskriegsführung, auch der Kom-
mandant der NÜRNBERG äußerte diesen
Wunsch. Reichsgraf von Spee entschied sich
jedoch für einen Marsch rund um Kap Hoorn,
einen Angriff auf die Telegrafenstation auf
den englischen Falklandinseln und den an-
schließenden Durchbruch in die Heimat.

Der Untergang
Bei den Falklandinseln stieß der deutsche
Verband am 8. Dezember 1914 frühmorgens
unerwartet auf ein englisches Geschwader,
unter anderem mit den zwei modernen so-
wie an Geschwindigkeit und Artillerie weit
überlegenen Schlachtkreuzern INVINCIBLE
KRIEGSGRAU: Seltenes Foto des Kleinen Kreuzers SMS LEIPZIG. Beim drohenden Kriegs-
und INFLEXIBLE. Ein sofortiger Angriff auf
ausbruch im Juli 1914 werden die Einheiten des Kaiserlichen Ostasiengeschwaders von
die im Hafen beim Kohlen liegenden Schiffe
Weiß mit gelben Schornsteinen auf Grau umgepönt Foto: Sammlung JMH

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hätte wahrscheinlich aufgrund der Überra- Demnach sammelten sich die restlichen
schung einen Erfolg gehabt, er wurde aber überlebenden 20 Männer, darunter auch der LITERATURTIPPS
zu Gunsten des sofortigen Abdrehens der Kommandant, auf dem Achterdeck. Dieser
deutschen Schiffe nicht angestrebt. Gegen habe sich ruhig und vollkommen gelassen Marinearchiv (Hrsg.): Der Krieg zur See
13 Uhr waren die schnelleren englischen eine Zigarre angesteckt, die Überlebenden 1914–1918. Teil 4, Bd. 1: „Das Kreuzerge-
schwader“. Berlin 1922
Schiffe auf Gefechtsentfernung herangekom- auf ein sich näherndes englisches Boot ver-
men. Um 13:15 Uhr wurde die LEIPZIG als wiesen und ihnen empfohlen, vor dem Über- Pochhammer, Hans: Graf Spees letzte
letztes Schiff in der Gefechtslinie entlassen, bordspringen die Stiefel und schwere Uni- Fahrt. Leipzig 1924
kurze Zeit später entließ man auch die rest- formteile auszuziehen.
lichen Kleinen Kreuzer. Graf Spee drehte mit Das habe er auch selbst getan und sinn-
seinen beiden Panzerkreuzern SCHARN- gemäß gesagt, er wolle jedoch auf dem er Sorge tragen, dass sein Schiff nicht vom
HORST und GNEISENAU gegen den Geg- Schiff, das ihm der Kaiser anvertraut habe, Gegner aufgebracht wird und dieser damit
ner, um das Entkommen der kleineren Schif- so lange bleiben, bis es unter Wasser sei. Die in den Besitz von geheimem Material
fe überhaupt zu ermöglichen. Männer sprangen nun über Bord und wur- kommt. Erst wenn dies alles geschehen ist,
den vollzählig von dem englischen Ret- darf er von Bord gehen. Dass er dabei ein
Die letzten Stunden tungsboot geborgen. Der Kommandant war hohes Risiko für Leib und Leben eingehen
Die LEIPZIG wurde bei ihrer Flucht in hingegen nicht unter den Geretteten. muss, versteht sich von selbst.
Richtung der feuerländischen Küste von Aus diesen Geschehnissen entwickelte
den englischen Panzerkreuzern KENT und sich schnell die Meinung, der Kommandant Aller Ehren wert
CORNWALL und dem Kleinen Kreuzer sei aus Pflichtgefühl und Treue seinem Kai- Die Kommandanten der in der Skagerrak-
GLASGOW verfolgt. Gegen 19 Uhr war die ser gegenüber bewusst mit seinem Schiff un- schlacht untergegangenen Kleinen Kreuzer
– mit Ausnahme der WIESBADEN und des
Schlachtkreuzers LÜTZOW, um nur die grö-
ßeren Schiffe zu nennen – wurden allesamt
„Einen moralischen oder gar pflichtgemäßen Zwang, mit sei- gerettet. Keinem wurde daraus auch nur
nem Schiff unterzugehen, wenn die realistische Möglichkeit der geringste „Vorwurf“ gemacht. Auch die
einer Rettung bestand, gab es in der Kaiserlichen Marine nicht.“ Kommandanten der Kleinen Kreuzer EM-
DEN und DRESDEN organisierten die Ret-
tung von Teilen ihrer Besatzung, soweit dies
gesamte Munition verschossen, das Schiff tergegangen, da ein solcher Opfermythos möglich war, bevor sie zuletzt selbst von
schwer beschädigt, kampfunfähig und be- und eine solche Haltung von einem Kaiserli- Bord gingen und gerettet wurden.
gann zu sinken. Der Kommandant gab den chen Seeoffizier in der Stellung eines Kom- Die Seeschlacht bei den Falklandinseln
Befehl „Schiff verlassen“. Etliche Überleben- mandanten abgefordert sei. gab schnell den Anlass zu verschiedensten
de sammelten sich auf dem Achterdeck, als Dies ist bei Johannes Haun kaum anzu- Betrachtungen hinsichtlich Strategie, Taktik
die englischen Schiffe das Feuer erneut er- nehmen. Er selbst war als Vollwaise aufge- und Gefechtsführung. Der Marinemaler
öffneten – angeblich sollen die englischen wachsen, hatte den Verlust beider Eltern Hans Bohrdt malte sein berühmtes Bild „Der
Geschützbedienungen sich gleich darauf ge- schmerzlich erfahren und war nach allen letzte Mann“ – es zeigt einen Matrosen, der,
weigert haben, auf das völlig wehrlose Schiff Überlieferungen ein außerordentlich liebe- auf dem Kiel eines sinkenden Schiffes ste-
weiterhin zu schießen. voller Familienvater. Er wird daher kaum hend, die deutsche Kriegsflagge schwingt.
Die letzten Ereignisse auf der LEIPZIG vorsätzlich ein gleiches Schicksal seiner eige- Eine solche oder zumindest ähnliche Szene
vor ihrem Untergang sind in persönlichen nen Familie mit unmündigen Söhnen zuge- soll es tatsächlich gegeben haben, wie engli-
Briefen von Überlebenden an Frau Haun ge- mutet haben. Denkbar ist vielmehr, dass er sche und deutsche Augenzeugen später be-
schildert worden. Da sie aus dem Gefange- als Kommandant die Rettung seiner letzten richteten. Manche Kommentatoren des Ge-
nenlager geschrieben wurden, weisen die Überlebenden verantwortlich einleitete und schehens wollen gar den Kommandanten
Schreiber auf Einschränkungen bei der Be- überwachte und dann als letzter Mann von des Kleinen Kreuzers LEIPZIG wiederer-
richterstattung hin, der sie sich selbst oder Bord gehen wollte. In den Strudeln des schnell kannt haben. Belegen lässt sich das nicht.
über die Briefzensur ausgesetzt fühlten. sinkenden Schiffes ist er dann ertrunken. Es bleibt das Bild eines pflicht- und ver-
Es gehört zu den wichtigsten Pflichten ei- antwortungsbewussten kaiserlichen Seeoffi-
nes Kommandanten beziehungsweise Kapi- ziers und Kommandanten. An ihn zum Jah-
täns, die Rettung seiner Besatzung bis zum restag seines Todes in einer Anzeige in einer
letzten Mann in die Wege zu leiten, zu orga- großen überregionalen Anzeige zu erinnern,
nisieren und zu beaufsichtigen. Auch muss ist aller Ehren wert.

NACH 100 JAHREN


veröffentlicht die
Familie des Kom-
mandanten des Klei-
nen Kreuzer SMS
LEIPZIG diese Erin-
nerungsanzeige in
der FAZ vom 8. De-
zember 2014 Foto: JMH

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LANDGANG | Abseits üblicher Themen

TRADITIONELL: Mit Kleinkuttern


dieser Bauart wird bis heute die
Küstenfischerei in Mecklenburg-
Vorpommern ausgeübt – nur eines
der ungewöhnlichen Exponate, die
im Nautineum zu sehen sind
Foto: Ulf Kaack

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Nautineum auf dem Dänholm

Museum der kleinen


Fischerboote
Unterwasserforschung, Küstenfischerei, Hydrografie,
Seefahrtsstraßen … unter den Schifffahrtsmuseen
nimmt das Nautineum in Stralsund eine Sonderstellung
ein, denn es greift abseitige Themen auf Von Ulf Kaack

Rechterhand vermittelt ein historischer Familienbesitz. Mit ihrem 50 PS starken


Fischerschuppen den Eindruck, als würden Deutz-Zweizylinder-Diesel war die MAR-
die Fischer jeden Moment von ihrem Fang GARETE durchaus hochseetauglich und
SOLIDE: Die robust gebaute MARGARETE zurückkehren und sich dem Flicken der Net- fischte in der südlichen Ostsee bis an die dä-
absolvierte mehrtägige Fangreisen bis hin- ze widmen. Zahlreiche Ausrüstungsgegen- nische Küste. Die Fahrten dauerten zumeist
ein in die dänischen Gewässer Foto: Ulf Kaack stände und Fanguntensilien bis hin zum ob- mehrere Tage. Darum war im Vorschiff eine
ligatorischen Feierabendbier auf dem grob spartanische Kammer mit drei Kojen für die

A uf dem Alten Tonnenhof des Wasser-


und Schifffahrtsamtes auf der Insel
Dänholm im Strelasund eröffnete das
in Stralsund beheimatete Deutsche Meeres-
museum 1999 mit dem Nautineum eine Au-
gezimmerten Tisch. Bis 1980 diente das ein-
fache Gebäude den vorpommerschen Fi-
schern als Werkstatt, Büro, Lager und Auf-
enthaltsraum.
Nicht minder eindrucksvoll sind die
Besatzung eingerichtet.

Facettenreiche Fischerei
„Unsere Sammlungshalle besteht aus Lär-
chenholz und greift optisch die Form eines
ßenstelle, die man ungeniert als maritim-mu- großdimensionierte Kammerreuse, eines der Zeesbootsegels auf“, erklärt Thomas Förster.
seales Kleinod bezeichnen darf. „Inhaltlich wichtigsten Fanggeräte an der Ostseeküste, „Hier zeigen wir – gut geschützt vor Wind
setzen wir klare regionale Schwerpunkte in und der 14 Meter lange Kutter MARGARE- und Wetter – rund ein Dutzend aus Holz ge-
unserer Ausstellung“, erklärt Thomas Förster, TE. 1937 für Karl Schumacher in Spandower- baute Boote, die in der hiesigen Küstenfi-
Leiter der Institution. „Dabei ist die Darstel- hagen bei Wolgast gebaut, war er bis 1980 in scherei zum Einsatz kamen. Das Herzstück
lung der Küstenfischerei in Mecklenburg-
Vorpommern eine tragende Säule unseres
Konzepts. Mit über 50 Arbeitsbooten verfü- HINTERGRUND Das Comeback der Zeesboote
gen wir über eine der größten Sammlungen
Der wohl bekannteste Bootstyp der Region ist tauriert, kann dieser klassische Bootstyp in
im Ostseeraum.“
das Zeesboot. Wegen seines geringen Tief- vielen Boddenhäfen und den Gewässern davor
gangs war es prädestiniert für den Fischfang bestaunt werden.
Authentische Präsentation in den flachen Küsten- und Boddengewässern.
Gleich nach dem Durchqueren des Ein- Seine Historie geht auf das 15. Jahrhundert
gangsbereichs stoßen die Besucher auf dem zurück und erlebte im 19. Jahrhundert ihre Blü-
weitläufigen, zwei Hektar großen Freigelän- tezeit. Merkmale der Zeesboote waren die gaf-
de auf den Kleinkutter FRE 71 STÖR. 1941 felgetakelten braunen Segel an den beiden
gebaut, ging das 8,40 Meter lange Fischerei- Masten, der lange breite Rumpf sowie das ver-
fahrzeug von Freest und Wolgast aus auf sei- senkbare Schwert. Gefischt wurde mit der
ne kurzen Fangreisen im Peene-Strom, dem sackartigen Zeese, die durch Drift bei dichtge-
setzten Segeln und gehobenem Schwert der
Greifswalder Bodden in der Pommerschen
Boote über Grund gezogen wurde. Den Fisch-
Bucht. Boote dieser Bauart kamen viele Jahr- fang mit Zeesbooten betrieb man in der DDR
zehnte hinweg in der Region zum Einsatz, noch bis Ende der 1970er-Jahre. In der Ver-
brachten ihre Stellnetze, Reusen und Fang- gangenheit erlebten die Zeesboote eine Re- UNTER SEGELN: Restauriertes Zeesboot
leinen aus. Sie verfügten über ein achterlich naissance als Familien- und Regattasegler. Zu- auf Törn in den Boddengewässern Meck-
angeordnetes Ruderhaus und einen fest ein- meist von ihren privaten Eignern liebevoll res- lenburg-Vorpommerns Foto: Nikater
gebauten Dieselmotor.

SCHIFFClassic 4/2015 63

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LANDGANG | Abseits üblicher Themen

HINTER GLAS: Modelle in Vitrinen geben


einen Überblick über die schiffbauliche Ent-
wicklung in der Küstenfischerei Mecklen-
burg-Vorpommerns Foto: Ulf Kaack

FORSCHUNGSTECHNIK: Das begehbare Un-


ist dabei das restaurierte und voll aufgeta- terwasserlaboratorium HELGOLAND für den
kelte Zeesboot STR 9. Einst in Stralsund be- submarinen Einsatz Foto: Ulf Kaack
heimatet, ging es in der Vergangenheit in den
flachen Boddengewässern der Insel Rügen IM WANDEL: Anhand der
auf Fischfang. Neben den verschiedenen zeitgenössischen Ausrüs-
Strandbooten zeichnen außerdem 35 aus Ei- tung wird den Besuchern
chenholz im Maßstab 1:15 gefertigte Nach- die Entwicklung der Tauch-
bildungen in unserer Modellausstellung ein technik anschaulich vor
umfassendes Bild von den verschiedenen Augen geführt Foto: Ulf Kaack
Bootstypen der vergangenen zwei Jahrhun-
derte.“
Weitere Ausstellungsbereiche informie-
ren über die Anfänge der deutschen Hoch-
seefischerei, den Walfang und das Seezei-
chenwesen. Außerdem ist die umfangreiche
Sammlung von Bootsmotoren nicht minder
eindrucksvoll. MUSEUMSCHEF: Dr. Tho-
mas Förster, Leiter des Nau-
Unter Wasser tineums und Kurator für ma-
In der einstigen Tonnenhalle auf dem Nauti- ritimes Kulturgut beim Deut-
neum-Gelände wird eine einzigartige Samm- schen Meeresmuseum in
lung von Exponaten gezeigt, die einen inten- Stralsund Foto: Ulf Kaack

siven Blick auf die Technik der deutschen kein Mangel. Thomas Förster: „Bedingt
INFORMATIONEN submarinen Forschungstechnik gewährt: durch den Strukturwandel in der Fischerei
Unterwasserfahrzeuge aus diversen Epo- bekommen wir ständig Nachschub von den
Deutsches Meeresmuseum chen, Dekompressionskammern verschiede- noch aktiven Fischern der Region, häufig
Katharinenberg 14–20, ner Größen, Taucheranzüge und -ausrüs- auch aus Nachlässen. Deutlich mehr, als wir
18439 Stralsund,
tungen sowie Geräte zur Bestimmung von zeigen können. Vieles muss aufgearbeitet,
Tel. 03831 2880-10,
Fax 03831 2880-20, Bodenproben, Salzgehalt, Temperatur und restauriert oder zumindest konserviert wer-
info@meeresmuseum.de, Wassertiefe. Im Außenbereich beeindrucken den. Da sind wir schnell an unseren perso-
www.deutsches-meeresmuseum.de zudem mehrere Großexponate, allen voran nellen und finanziellen Kapazitätsgrenzen
das begehbare Unterwasserlabor HELGO- angelangt. Mein Wunsch für das Museum ist
Öffnungszeiten Nautineum LAND, die erste deutsche Unterwassersta- der Bau einer weiteren großflächigen Halle
1. Mai bis 31. Oktober,
tion BAH 1 und eine Unterwasser-Schweiß- als Schaumagazin, in dem wir im ständigen
täglich 10–16 Uhr (letzter Einlass
30 Minuten vor Schließung) kammer. Wechsel all diese Schmuckstücke aus unse-
Während der sechsmonatigen Öffnungs- rem Archiv zeigen können, die wir im Mo-
Der Eintritt ist frei. zeit verzeichnet das Nautineum rund 12.000 ment unseren Gästen noch vorenthalten
Besucher. Und auch an Exponaten herrscht müssen.“

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LANDGANG | Deutsche Geschütze an dänischer Küste

Die Seefestung Langelandsfort als Museum

„Kalter Krieg“
zum Anfassen
Nach dem Zweiten Weltkrieg, mit wieder neuem Gegner aus dem Osten, mussten die
Einfahrten in den Öresund und den Großen Belt kontrolliert werden. Mit deutschen Ka-
nonen bestückten die Dänen ihre neuen Seefestungen Von Detlef Ollesch

MARITIMES DENKMAL: Die SPRINGEREN (S 324),


nicht zu verwechseln mit dem im Aalborger Marinemu-
seum liegenden gleichnamigen Boot (S 329), war das
letzte U-Boot im Dienst der dänischen Seestreitkräfte
Foto: Detlef Ollesch

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B efestigte Artillerie-Stellungen gehören
seit über 200 Jahren zum normalen Er-
scheinungsbild von Dänemarks Küs-
ten. Von Jütland bis Bornholm sollten sie die
britische Royal Navy während der Napoleo-
Nicht anders ist es mit den Hinterlassen-
schaften der deutschen Besatzungsmacht
aus dem Zweiten Weltkrieg. Deren Küsten-
verteidigungsanlagen beschränkten sich als
Teil des Atlantikwalls allerdings auf die jüt-
nischen Kriege von Landeoperationen abhal- ländische Westküste und die Ufer des Katte-
ten und den eigenen Kanonenbooten, die sich gats. Schließlich erwartete man den Feind
regelmäßig mit den weit überlegen feindli- von Westen und wollte diesem unter ande-
chen Fregatten anlegten, Schutz bieten. Etli- rem den Durchbruch in die Ostsee verweh-
che dieser Stellungen sind heute noch mehr ren. Von den dänischen Streitkräften wäh-
oder weniger gut erhalten und dienen seit rend des Kalten Krieges teilweise weiterbe-
dem Ende ihrer militärischen Bedeutung als nutzt, gehören auch sie inzwischen zu den
Sehenswürdigkeiten. touristischen Attraktionen des Königreichs.

SCHIFFClassic 4/2015 67

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LANDGANG | Deutsche Geschütze an dänischer Küste

BLICKFANG: Während des Zweiten Welt-


kriegs Teil der Marine-Küstenbatterie „Vine-
ta“ in Houk van Holland, diente das von
Rheinmetall gebaute 15-Zentimeter-Geschütz
auf Langeland der Ausbildung Foto: Detlef Ollesch

Die NATO erwartete den Feind wiede- onsnummern 1461 bis 1464 wurden 1944 bei zusätzlich eine Strandbatterie mit zwei
rum von Osten. Unter anderem, um den Skoda in Pilsen gebaut und erreichten Däne- 15-Zentimeter-Geschützen gleichen Typs
Durchbruch der Seestreitkräfte des War- mark ungefähr zum Jahreswechsel 1944/45, an. Ab 1973 begann mit dem Einmotten der
schauer Paktes von der Ostsee in die Nord- wo sie in die nie vollendete Küstenbatterie Hauptbatterie der langsame, aber stetige
see zu verhindern beziehungsweise um die auf Fynshoved, der Nordostspitze Fünens, Niedergang der Festung, wobei aber noch
südlichen Einfahrten in den Öresund und eingebaut werden sollten. weiterhin Bedienungsmannschaften ausge-
den Großen Belt zu kontrollieren, reaktivier- Trotz ihres Konstruktionsjahres 1928 wa- bildet wurden. Bis zum endgültigen Ende
te das Nachkriegs-Dänemark zirka ein hal- ren die Kanonen beim Bau des Langelands- des Forts dauerte es jedoch noch 20 Jahre.
bes Dutzend Vorkriegs-Küstenbatterien und forts noch auf dem aktuellen Stand der Tech- Am 6. April 1993 traten die letzten 19 Mann
baute schließlich zwei neue Seefestungen: nik. Jedes der vier Exemplare wurde in sei- seiner Besatzung in der benachbarten Kaser-
das Stevnsfort im Südosten der Insel See- ner eigenen Stellung mit integriertem ne noch einmal an, bevor die Flagge letztma-
land und das Langelandsfort auf der Insel Munitions- und Mannschaftsbunker plat- lig niedergeholt wurde. Die Weiterentwick-
Langeland. ziert. Wegen der mit dem Übungsschießen lung der Militärtechnik sowie das Ende des
verbundenen Lärmbelästigung der Anwoh- Kalten Krieges hatten die Artilleriestellung
Neu gebaute Seefestung ner legte man in den Jahren 1962 bis 1964 überflüssig gemacht. Der neue Zeitabschnitt
Dessen 14 Bunker wurden 1953/54 auf ei-
nem elf Hektar großen Gelände östlich von
Bagenkop auf einem „Møllebjerg“ genann-
ten Hügel so errichtet, dass ihre vier um 360
Grad schwenkbaren 15-Zentimeter-Geschüt- LEICHT ZU BEWEGEN: Die mo-
ze unter anderem die gesamte Breite des bile 40-Millimeter-Flak in Einzel-
Langelandbelts, also die südliche Verlänge- lafette, in Schweden konstruiert
rung des Großen Belts, bestreichen konnten. und in den USA gebaut, lässt
Von dieser Hauptbewaffnung des Forts hieß sich von Hand bewegen, was vor
es früher gerüchteweise, sie stamme von der allem Kinder gern spielerisch
Mittelartillerie des deutschen Schlachtschiffs ausprobieren Foto: Detlef Ollesch
GNEISENAU, was jedoch nicht stimmt. Al-
lerdings handelt es sich um deutsche Mari-
negeschütze desselben von Rheinmetall kon-
struierten Typs, nämlich S.K.C/28 L/55, auf
Lafetten vom Typ Küst MPL C/36 montiert,
jedoch mit dänischen Schutzschilden verse-
hen. Die vier Geschütze mit den Produkti-

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in Europa brachte ganz andere Probleme mit
sich, wozu auch der Bedarf an Wohnraum EXPONAT „Kriegsveteran“
für Flüchtlinge aus dem zerfallenden Jugo-
slawien gehörte. 300 von ihnen sollten in der VETERAN:
bisherigen Kaserne untergebracht werden, Während ihrer 63
womit die nachmilitärische Nutzung auch Dienstjahre war
die ASKØ nachein-
der Bunker eingeleitet wurde. Deren ur-
ander für die däni-
sprünglich geplanter Abriss wäre teurer ge- sche Marine, die
worden als die Umwandlung der Anlage in Deutsche Kriegs-
ein Museum, welches am 16. Juni 1997 eröff- marine, wieder für
nete und in den Folgejahren immer weiter die dänische Mari-
ausgebaut wurde. ne und zuletzt für
Bereits auf dem Parkplatz empfängt den die Heimwehr im
Besucher ein 15-Zentimeter-Geschütz, wel- Einsatz
ches nicht zur hiesigen Batterie gehörte, son- Foto: Detlef Ollesch

dern zur Ausbildung der Besatzung einge-


setzt wurde. Es trägt die Seriennummer 1094 1941, also während der deutschen Besat- mit der Kennung MHV 81 in verschiedenen
zungszeit, als Flachwasser-Minensuchboot Flottillen in Odense und Kalundborg im Einsatz
und gehörte ursprünglich zu einem acht
MS 2 bei der Werft Holbæk Skibs-og Baade- war. 2004 wurde die ASKØ zunächst in Frede-
Kanonen umfassenden Los, das 1937 von byggeri in Holbæk für die dänische Marine vom ricia an Land gesetzt und trat im Oktober ihre
Rheinmetall für den Export nach China ge- Stapel gelaufen und am 2. August desselben letzte Reise in das Langelandsfort an.
fertigt worden war. Vor der Auslieferung der Jahres in Dienst gestellt, wurde dieses nach
Waffen hatte sich die deutsche Ostasien-Po- der Entwaffnung der dänischen Streitkräfte im
litik jedoch zugunsten Japans geändert, wes- August 1943 von der Deutschen Kriegsmari- TECHNISCHE DATEN
halb die Ausfuhr von der Reichsregierung ne als Vorpostenboot 1211 im Rahmen der Verdrängung 74 t
untersagt wurde. Später fanden die Geschüt- 12. Vorpostenflottille in der Nordsee einge- Länge 23,5 m
ze Verwendung im Atlantikwall. Das hiesige setzt. Nach dem Krieg war das 1951 in ASKØ
Breite 4,56 m
Exemplar, das über die Niederlande nach umbenannte und mit der Kennung M 560 ver-
Tiefgang 1,50 m
sehene Boot bis Mitte der 1950er-Jahre damit
Dänemark gelangte, ist das letzte erhaltene Antrieb Grenaa Diesel Typ F-24
beschäftigt, die dänischen Gewässer von den
Stück dieser Produktion. mit 333/365 PS
Minen des Zweiten Weltkrieges zu befreien.
Hilfsmotor Lister ST2MA
Von 1960 bis 1965 fuhr die ASKØ mit der
Vom Atlantikwall an den Belt NATO-Kennung Y 386 als Schulboot. Danach Geschwindigkeit 12 kn
Hinter dem Empfangsgebäude mit dem gut wurde sie an die 1952 gegründete Marine- Aktionsradius 450 sm
sortierten Museums-Shop und einem Aufent- heimwehr übergeben, für die sie 34 Jahre lang Besatzung 10 Mann
haltsraum für Besucher führt ein kurzer Weg
den Møllebjerg hinauf. Vorbei an der Radar-
station, die als einziger Teil des Forts heute O-Bunker, wie er auch genannt wird, diente O-Bunker ist heute ein MPG-Radargerät
noch von den dänischen Streitkräften betrie- der Überwachung des Schiffsverkehrs. Alle aufgestellt, wie es zu Zeiten des Kalten Krie-
ben wird, gelangt man zum Kernbereich der Ostblockfahrzeuge wurden permanent be- ges in der etwa eineinhalb Kilometer vom
Anlage, bestehend aus dem Operationsbun- obachtet und ihre Positionen, Kurse und Ge- Fort entfernten Marinebeobachtungsstation
ker, der Flakstellung Nord und der ersten Ar- schwindigkeiten auf dem Plottertisch im Føllesbjerg stand und die hiesige Feuerleit-
tilleriestellung. Alle drei befinden sich weit- Operationsraum festgehalten. Die Feuerleit- anlage mit Richtdaten versorgte. Die direkt
gehend im Originalzustand. Die Innenaus- zentrale für die 15-Zentimeter-Batterie ver- am Ufer des Langelandbelts gelegene Beob-
stattung wurde teilweise rekonstruiert und teilt sich auf zwei Etagen. In der unteren be- achtungsstation Føllesbjerg betrieb neben
um zahlreiche Informationen ergänzt. findet sich die eigentliche Feuerleitanlage der Radarstation auch Unterwassermikrofo-
ne zur Identifizierung von Schiffen anhand
ihrer Propellergeräusche und magnetische
Messgeräte zum Anzeigen getaucht fahren-
„Ende Oktober 1962 wurde von hier das erste sowjetische der feindlicher U-Boote.
Handelsschiff beobachtet, das die Fahrt nach Kuba abbrach.“
Aus dem Museumsführer des Langelandforts Ungehört kein Durchkommen
Die ursprünglich mit drei 40-Millimeter-Ma-
schinenkanonen vom Typ Bofors M/36 in
Einen merkwürdigen Kontrast zum mit der Zielfolgeeinheit, die alle zum Ein- Doppellafette bestückte Flugabwehrbatterie
Stahlbeton des Operationsbunkers bildet das schießen auf das Ziel notwendigen Daten Nord wurde bereits 1982 außer Dienst ge-
verschlungene Monogramm König Frede- sammelte und weitergab. In dem darüber stellt, da sie nicht mehr den militärischen Er-
riks IX. mit der Jahreszahl 1953, das über liegenden Stockwerk ist ein Kampfperiskop fordernissen entsprach. Eines der Geschütze
dem Eingang des unterirdischen Bauwerks mit Zielapparatur installiert, das die Sicht hat man jedoch aufbewahrt und wieder in
prangt. Derartige Zeichen mit dem Anfangs- aus dem Bunker heraus ermöglicht. Die wei- die Bettung des dem Feuerleitturm unmit-
buchstaben des jeweiligen Staatsoberhaup- teren Räume beherbergen Telefon-, Funk-, telbar benachbarten Bunkers eingebaut.
tes, der Königskrone und dem Jahr ihrer Er- Dechiffrier- und Ventilationseinrichtungen. Auch das Innenleben dieses Bunkers ist bis
richtung bringt man in Dänemark seit Jahr- In Krisenzeiten taten hier 25 Mann Dienst, auf die vernichtete Feuerleitanlage wieder-
hunderten an staatlichen Bauten an. Der im Frieden knapp die Hälfte. Neben dem hergestellt worden. So kann man unter an-

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LANDGANG | Deutsche Geschütze an dänischer Küste

DIE MIG 23 aus sowjeti-


scher Produktion der pol-
nischen Luftwaffe war auf
dem Stützpunkt Radziko-
wo, dem früheren deut-
schen Fliegerhorst Stolp-
Reitz, in Pommern statio-
niert Foto: Detlef Ollesch

derem ein Szenario des mit nur sechs Kojen konnten unabhängig voneinander feuern Batterie am südlichen Ende der Festung, die
für die neun Mann Besatzung ausgestatteten oder vom Feuerleitturm koordiniert schie- gänzlich abgerissen und durch zirka 20 mo-
Unterkunftsraumes betrachten oder einen ßen – mit einer Kadenz von 240 Schuss pro bile 40-Millimeter-Kanonen in Einzellafet-
Blick in das Munitionslager werfen, in dem Minute und bis zu einer Entfernung von ten, die im ganzen Gelände verteilt waren,
1.000 Stück 40-Millimeter-Granaten in Blech- sechs Kilometern. Ergänzt wurde die Flug- ersetzt wurde. Eines dieser Geschütze befin-
kisten deponiert waren. Alle drei Geschütze abwehrkomponente durch eine gleichartige det sich heute neben der Batterie Nord, eben-
so wie ein sogenannter Luftmeldeturm. Die-
ser stand ursprünglich nicht hier, doch hat
RELIKT Dänemarks letztes U-Boot es einen solchen Turm im Bereich der Luft-
abwehrbatterie Süd gegeben. Während des
Am 20. Februar 1964 bei den Rheinstahl-Nord- Kalten Krieges waren in ganz Dänemark
seewerken in Emden als zweites von 15 Booten
400 derartige Türme aufgestellt, die von der
der KOBBEN-Klasse unter dem Namen KYA für
die norwegische Marine vom Stapel gelaufen, Luftwaffen-Heimwehr bedient wurden.
tat es dort bis 1985 Dienst, bevor es an Däne-
mark verkauft wurde. Zur zweiten Indienststel- Sechs Schuss in der Minute
lung unter dem Namen SPRINGEREN (Deutsch: Die 15-Zentimeter-Geschützstellung 1 war
der Springer) und der NATO-Kennung S 324 – ebenso wie die drei anderen Artillerie-
kam es jedoch erst am 17. Oktober 1991. Vor- Stellungen – bei Übungen und in Alarmsi-
her war es zusammen mit acht Schwesterboo- tuationen Arbeits- und Unterkunftsort für
ten – zwei weiteren nunmehr dänischen und 15 Soldaten, von denen zwei unmittelbar
acht norwegischen – auf einer norwegischen die Kanone bedienten und zwei weitere die
Werft um zwei Meter verlängert worden. 2004 PREMIERENBOOT: Als KYA im Einsatz für
45 Kilogramm schweren Granaten vom Mu-
beschloss das Folketing, das dänische Parla- die norwegische Marine, war die spätere
ment, künftig auf U-Boote zu verzichten. Und SPRINGEREN das erste U-Boot überhaupt, nitionsaufzug zum Geschütz trugen. Dabei
am 25. November desselben Jahres endeten das von einem weiblichen Kommandanten schaffte es eine eingespielte Mannschaft, ei-
mit dem Niederholen der Flagge auf SPRINGE- befehligt wurde Foto: Detlef Ollesch ne Feuergeschwindigkeit von bis zu sechs
REN 95 Jahre dänischer U-Boot-Geschichte. Schuss pro Minute zu erreichen. Die Reich-
weite der Geschütze betrug 23 Kilometer.
Einen guten Eindruck vom scharfen
TECHNISCHE DATEN
Schuss vermittelt ein Film, der im Bunker
Verdrängung 470 t an der Oberfläche, 520 t getaucht unter der Geschützbettung im Treibladungs-
Länge 47,2 m Magazin gezeigt wird. Die 300 je 22 Kilo-
Breite 4,6 m gramm schweren Treibladungscontainer
Tiefgang 3,80 m wurden aus Sicherheitsgründen in anderen
Antrieb 2 MTU-Dieselmotoren mit je 600 PS, 1 Siemens-Elektromotor mit 1.700 PS Räumen als die Granaten gelagert und sepa-
Geschwindigkeit 10 kn an der Oberfläche, 17 kn getaucht rat von diesen mit dem elektrischen Aufzug
Aktionsradius 5.000 sm zum Geschütz transportiert. Die heutige
Bewaffnung 8 533-mm-Torpedorohre mit TP613-Torpedos Ausstellung vermittelt mit Hunderten dieser
Besatzung 24 Mann (7 Offiziere, 6 Unteroffiziere, 11 Mannschaftsdienstgrade) Container und Granaten, einem Soldaten
beim Einsetzen des Zünders in eine solche

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Gewaltige
Technik.

GERÄUMIG: Der Lagerraum des Bunkers ZWILLING: Die 40-Millimeter-Doppelflak von


fasste 300 15-Zentimeter-Granaten Bofors der Batterie Nord konnte auch gegen
Fotos (2): Detlef Ollesch Land- und Seeziele eingesetzt werden

sowie den teilweise belegten Kojen im Objekts, sondern als Museum des Kalten
Schlaf- und Aufenthaltsraum einen ungefäh- Krieges. Und so nutzt man denn die Bunker
ren Eindruck davon, wie es in einem solchen unter den drei übrigen 15-Zentimeter-Ge- 224 Seiten · ca. 450 Abb. · 19,3 x 26,1 cm
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es am anderen Ende des weitläufigen Gelän- lichen. Dazu gehören nicht nur militärische
des, neben der niedergelegten Flakstellung Themen wie die Bedrohung aus dem Osten,
Süd, noch einen weiteren Bunker mit der Spionage und Propaganda, sondern auch die
originalen Ausstattung, den Maschinen- großen Zeitströmungen in der westlichen

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funktionstüchtigen Dieselaggregaten für die der RAF-Terrorismus in der Bundesrepublik
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auch Zeitströmungen der westlichen Welt und ihre Auswüchse.“
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statt zur Wartung von Maschinen und lung betrifft die dänischen Vorbereitungen
schwerem Gerät ist bis heute erhalten. Sein auf einen möglichen Dritten Weltkrieg.
Gegenstück, der ehemalige Maschinenbun- Dank der überall im Land verteilten Luft-
ker Nord, beherbergt heute die anfangs er- schutzbunker, Behelfskrankenhäuser und
wähnte, immer noch aktive Radarstation. getarnten Mobilmachungslager, aus denen
Das Museum auf dem Gelände des Lan- sich die lokalen Militärs mit Material hätten
gelandsforts versteht sich nicht nur als Be- versorgen können, war die dänische Bevöl-
wahrer der Geschichte dieses militärischen kerung wesentlich besser auf den Tag X vor-
bereitet als beispielsweise die Einwohner
Westdeutschlands.
INFORMATIONEN Die Großexponate, um die man das ei-
Museum Langelandsfort: Das Koldkrigsmu- gentliche Fort im Rahmen der Kalter-Krieg-
seum Langelandsfort ist von April bis Okto- Thematik ergänzt hat, würden anderenorts
ber täglich ab 10 Uhr geöffnet. Es schließt schon ein eigenes Museum begründen: Das
im April und Oktober um 16 Uhr, in den an- U-Boot SPRINGEREN der dänischen Mari- 144 Seiten · ca. 250 Abb. · 22,3 x 26,5 cm
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Hinweis: Auf Langeland sind nahe des Belt- ne Vorstellung von dem dreidimensionalen
Ufers östlich des kleinen Ortes Stengade www.geramond.de
Raum, in welchem die Seefestung auf Lan-
die Erdwälle der „Stengade skanse“, einer oder gleich bestellen unter
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frei begehbar. hung und Überwachung während des Kal-
ten Krieges gewesen ist. Faszination Technik

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LANDGANG | Maritimes Kunsttreffen

30 Jahre „art maritim“

Eine Hamburger
Erfolgsgeschichte

BOOTE UND BILDER: Blick in den Ausstellungsbereich der „art maritim“ von 2014 Foto: Olaf Rahardt

W
er erstmals von der Bootsmesse in die damals Verantwortlichen ein völlig neu-
Seit 1985 ist das Treffen Hamburg erfährt, der wird nicht in es Konzept auf den Weg.
maritimer Kunst und erster Linie daran denken, hier Der Messebesucher wurde fortan dazu
hochwertige Kunst zu erleben, sondern es eingeladen, neben den kommerziellen Ab-
ihrer Künstler, mit Kunst- werden vermutlich nagelneue, lack- , chrom- sichten des Messegeschehens in einem ge-
liebhabern des Genres, und messingglänzende Segel- und Motor- sonderten Ausstellungsbereich die Geschich-
boote erwartet sowie all das, was im weites- te der Schifffahrt anhand von Schiffsmodel-
ein Geheimtipp der ten Sinne an Ausrüstung und Zubehör dazu len und Gemälden zu erfahren, dabei zu
Insider – auch in diesem gehört. Das gibt es natürlich auch wirklich entspannen und den Messebesuch mit völlig
dort und obendrein noch viele andere Dinge anderen Eindrücken zu kombinieren.
Jahr im Rahmen der rund um das Thema Freizeitgestaltung und
Hamburger Hanseboot Urlaub auf dem Wasser, Wassersport, Angeln Ein künstlerischer Anreiz
und vieles andere mehr. Trotz alledem wird Der Kern der ausgestellten Exponate stamm-
vom 31. Oktober bis dem Besucher seit vielen Jahren auf der Han- te aus der privaten Sammlung von Peter
8. November 2015 seboot aber auch ein ganz besonderer Kunst- Tamm aus Hamburg, ergänzt durch Zuga-
genuss geboten: die „art maritim“! ben namhafter Hamburger Reedereien.
Von Olaf Rahardt Die Geschichte dieser einzigartigen Kunst- Die Idee, die diesem Ausstellungskon-
ausstellung geht zurück in das Jahr 1985. Mit zept zugrunde lag, war perfekt. Dem Besu-
der Absicht, das allgemeine Angebot einer cher wurde ein zweiter Anreiz geboten, die
Bootsmesse durch die Präsentation von ma- Hanseboot zu besuchen. Der Eintritt war
ritimer Kunst – verbunden mit der Vermitt- ohnehin mit der Messekarte entrichtet und
lung von Historie – zu bereichern, brachten so konnte man mit der „art maritim“ inner-

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halb der Bootsmesse auch Publikum animie- zung war das Wissenschaftliche Institut für
ren, maritime Kunst und Geschichte zu be- Schiffahrts- und Marinegeschichte des Peter
sichtigen, das sonst wohl eher einen Bogen Tamm in Hamburg. Hier lag auch die feder-
um eine Galerie oder ein Museum machen führende Verantwortung für die jährlichen
würde. Der gleiche Effekt kam natürlich Ausstellungsbegleitbücher. Sehr begehrt
auch umgekehrt zur Geltung, denn im Laufe waren auch die Einladungen zu den Eröff-
der Jahre wurde die „art maritim“ zu einem nungsveranstaltungen jeder „art maritim“.
so erfolgreichen Ausstellungsbereich, dass Denn sie brachten namhafte Fachleute, His-
Interessierte nur eigens dafür die Hanseboot toriker, Künstler und Kunstinteressierte aus
besuchten. Durch die örtliche Positionierung dem In- und Ausland zusammen und er-
im Eingang/Süd war das auch Jahre über möglichten so direkte persönliche Kontakte.
einfach zu bewerkstelligen. Nachdem die 2006 gab es die letzte „art maritim“ in
„art maritim“ anfänglich die Halle 11 nutzte, LETZTER PINSELSTRICH: Marinemaler dieser bewährten Konstellation von auslän-
hatte sie ab 1996 im neu erbauten Eingangs- Fred Müller führt letzte Pinselstriche an dischen Exponaten eines Gastlandes, Stü-
bereich Foyer/Süd, auf zwei Etagen ihr Do- einem seiner ausgestellten Gemälde im Jahr cken aus der Sammlung Peter Tamm und
mizil gefunden. Erst als auch hier die Platz- 2006 aus Foto: Olaf Rahardt von gegenwärtig aktiven Künstlern, Gale-
verhältnisse nicht mehr ausreichten, belegte risten und Antiquariaten. Mit dem Aufbau
man ab 2005 andere Ausstellungsorte inner- des Internationalen Maritimen Museums
halb der nördlichen Messehallen. und dem Umzug der Sammlung in Ham-
burgs Speicherstadt fehlten die Möglichkei-
Begehrte Begleitkataloge ten, beides – Umzug und „art maritim“ – zu
Ab dem Jahr 1986 gab es zu jeder Ausstel- realisieren; die Folge war das Ausscheiden
lung einen Begleitkatalog. Der erste war ge- der Sammlung Peter Tamm aus dieser lang-
bunden in Heftform, hatte 60 Seiten und ein jährigen Partnerschaft.
Format von 28 mal 31 Zentimeter. Er stellte
ausgesuchte Exponate vor, nannte Leihgeber Auf hohem Niveau
und ausstellende Künstler und Galerien. Doch die Exposition hatte mittlerweile einen
Hans-Rudolf Rösing verfasste einführende hervorragenden Ruf erlangt und war weit-
Texte und charakterisierte die „art maritim“ hin bekannt für das hohe Niveau ihrer Prä-
mit Worten, die auch für die kommenden INTERNATIONAL: Seeoffiziere aus aller Her- sentationen. Das bezog sich nicht nur auf
zehn Jahre ihre Gültigkeit behielten: „Sie gibt ren Länder und von der Führungsakademie den musealen Teil, sondern auch auf die dort
in ihrer Gesamtheit Aufschluss über einen der Bundeswehr beim Messebesuch am ausstellenden Künstler der Gegenwart. An-
wichtigen Ausschnitt der Kultur- und Han- Stand von Olaf Rahardt Foto: Privat fangs war die Einladung, dort auszustellen,
delsgeschichte der seefahrenden Nationen. noch eine große Ehre. Bewerbungen auf ei-
Mögen sie neben dem ästhetischen Genuss nen Ausstellungsplatz wurden einer einge-
auch etwas von der Erkenntnis vermitteln, henden Prüfung unterzogen. Infolgedessen
wie sehr wir alle von der See abhängig sind.“ fanden sich auch viele Namen bekannter
Schon mit der Ausstellung 1987 gab es Marinemaler in den Ausstellerlisten. Deren
grundlegende Neuerungen. Zu dem ohne- Schwerpunkt lag naturgemäß im heimischen
hin schon Erfolg versprechenden Konzept Revier, aber ebenso finden sich Namen aus
kam nun noch der Gedanke hinzu, den Blick den umgebenden Nachbarländern Skandi-
über den Horizont hinaus zu ermöglichen naviens, aus Frankreich, den Niederlanden,
und maritime Historie und Gegenwart eines Polen und Russland. Sogar Tom Freeman
bestimmten Landes vorzustellen. Standen aus den USA war 1993 dabei.
anfangs noch die heimischen Küsten und Ab 2007 wurde die „art maritim“ dann in
Schifffahrt im Mittelpunkt, wurden 1987 alleiniger Verantwortung der Hamburger
erstmals Kostbarkeiten aus französischen EXPONAT: Schiffsglocke des ehemals deut- Messe organisiert. Das Prinzip, dem Besucher
Schifffahrtsmuseen innerhalb der „art mari- schen Schlachtkreuzers GOEBEN als Leih- innerhalb der Messe Entspannung und Ab-
tim“ gezeigt. Diese wurden weiterhin er- gabe aus der Türkei zur „art maritim“ 2006 wechslung durch Kunstgenuss zu ermögli-
gänzt durch themenbezogene Stücke aus Foto: Olaf Rahardt chen, blieb bestehen. Auf einen Katalog zur
der Sammlung Peter Tamm. Bis 2006 wur- „art maritim“ mussten Besucher und Samm-
den so Schifffahrtsnationen aus aller Welt beiliegenden Faltblatt zu entnehmen. Im Ka- ler aber von nun an verzichten. Die „art mari-
vorgestellt. talog von 1988 wurde das Faltblatt fester Be- tim“ hat sich mittlerweile umgestaltet und
1987 gab es auch erstmals den neuen Be- standteil und machte in seiner inhaltlichen spiegelt so einen zeitgemäßen Anspruch der
gleitkatalog im Format 22 mal 22 Zentimeter. Gesamtheit diese Bücher zu begehrten Sam- modernen Kunst mit Brückenschlag zur tra-
Er beinhaltete auf 104 Seiten Abbildungen melobjekten. Die Ausstellungen der Jahre ditionellen Marinemalerei wider. Sie emp-
der meisten Exponate, die während der Aus- 1988 „Die Ostseeschifffahrt in der Kunst“, fängt jährlich in der letzten Oktoberwoche
stellung zu sehen waren, gab Informationen 2004 „Schifffahrt und Kunst aus Deutsch- ihre Besucher. Auch 2015 wird im Oberge-
zur Schifffahrtsgeschichte des Gastlandes land“ und 2005 „Welt unter Segeln“ wichen schoss der Halle B2 wieder eine bunte Mi-
und der Leihgeber. Die Vorstellung der be- von dem Konzept eines Gastlandes ab. schung an klassischer Marinemalerei, mariti-
teiligten, aktiven Marinemaler und Galeris- Die wichtigste Organisation bei der Vor- mer Kunst, Foto- und Objektkunst sowie an-
ten der „art maritim“ war dabei noch einem bereitung und Ausstellungszusammenset- tiquarischen Kostbarkeiten zu sehen sein.

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LANDGANG | Virtuose mit Malstiften

BILD MIT SEELE: Die


russische Viermastbark
KRUZENSHTERN unter
Segeln auf Seekarte
Nr. 30/Kieler Bucht,
gezeichnet von Kapitän
Gero Klemke

Maritime Zeichnungen zwischen Gradnetz und Seezeichen

Kunst auf der Seekarte


Wenn Kapitän Gero
Klemke sich über eine
Seekarte beugt, nimmt er
M ehrere Tausend ausgemusterte See-
karten müssten es sein, schätzt Gero
Klemke, die in seinem Zuhause im-
merhin eine Lagerfläche von sechs Quadrat-
metern beanspruchen. Dabei legt er großen
chromos-Buntstifte, deren Palette rund 270
Farbtöne umfasst und die sich übermalen
und mischen lassen, da sie besonders weich
sind. Für die Darstellung der Meeresoberflä-
che reichen dem Kartenkünstler jedoch mit-
kein Kursdreieck, sondern Wert darauf, dass jede einzelne Karte in ge- unter Schwarz, Weiß und ein einziger Blau-
Farbstifte in die Hand. rolltem Zustand aufbewahrt wird, bevor sie ton: „Die Mischung und die Überlagerung
durch seine Hand Kunstwert bekommt, der Farben erzeugen dann genau die Stim-
Nautische Kartenwerke „denn die Knicklinien würden beim Zeich- mung, die ich hervorholen möchte“, verrät
sind die Grundlage seiner nen stören“, so seine leicht nachvollziehbare er. Seine Werkstatt hat er sich in einer grünen
Erklärung. Sein Arbeitsmaterial bezieht er Wohnoase inmitten der niedersächsischen
beeindruckenden Bilder aus der Cuxhavener Fischereiflotte und vor Küstenortschaft Nordholz eingerichtet.
allem aus Marinebeständen. „Die Karten aus
Von Manuel Miserok einigen Fahrtgebieten werden allmählich Künstler und Kapitän
Fotos: Manuel Miserok

knapp und neuere Seekarten sind zum Be- Dabei ist Klemke kein Träumer, der aus sei-
malen nicht geeignet, da die Oberfläche im- ner Fantasie heraus im Wohnzimmer-Ate-
prägniert ist. Aber mein Gesamtbestand lier hinterm Deich romantisch-verklärte ma-
reicht wohl bis zum Lebensende“, erzählt der ritime Motive entstehen lässt, sondern ein
63-Jährige. Sein Handwerkszeug sind Poly- Mann aus der Praxis, dem die Seefahrt in

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SEEMANNSLEBEN: Auf dem Seenot-
kreuzer JOHN T. ESSBERGER war Gero
Klemke als Rettungsmann im Einsatz.
Seinen ehemaligen Arbeitsplatz zeichne-
te er 2012 mit viel Dynamik

die Wiege gelegt wurde und der das Meer Tapeten zu bemalen“, schmunzelt der ge- als der Studieneifer, und so war mit dem Ab-
aus eigener langjähriger Erfahrung kennt. bürtige Hamburger. Mit 16 Jahren nahm er schluss des Ersten Staatsexamens das Ende
Schon sein Großvater und sein Vater waren in seiner Heimatstadt an der Hochschule der Hochschulzeit erreicht. Klemke fuhr acht
Kapitäne, der Erstere als Fischer auf dem für Musik und Darstellende Kunst ein Stu- Wochen auf der GORCH FOCK und blieb
Plöner See, der andere zuerst bei der Was- dium auf. die nächsten 20 Jahre bei der Marine, wo er
serschutzpolizei in Hamburg, später auf ei- es bis zum Kapitän brachte. Dorthin pflegt
nem Zollkreuzer in der Deutschen Bucht. Das erste Bild entstand an Bord er bis heute gute Verbindungen, vor allem
Doch Klemke junior verfolgte zunächst eine Die Einberufung zur Marine zwang ihn je- zum Marinefliegergeschwader 5, das am
ganz andere Lebensplanung, bevor er am doch zunächst zu einer Unterbrechung der Standort in seiner Wahlheimat Nordholz für
Ende doch noch Decksplanken unter den akademischen Ausbildung; schließlich war den SAR-Dienst an der Nord- und Ostsee-
Füßen hatte: „Schon als Kind fing ich an, auch die Sehnsucht nach dem Meer stärker küste zuständig ist.

INTERVIEW Wie Gero Klemke an maritime Motive herangeht


Dem Vorwort Ihres Buches Kartenwerke ist zu detailliert oder zu schwierig abzubilden wäre?
entnehmen, dass Sie auf keinen Fall Marinemaler Klemke: Nein, ganz im Gegenteil, ich suche die
genannt werden möchten. Warum wehren Sie Herausforderung. Großsegler mit ihrem laufen-
sich gegen diese Bezeichnung? den Gut und der komplizierten Takelage gut hin-
Klemke: Ich sehe mich selbst als Zeichner, nicht zukriegen, ist zum Teil sehr schwierig. Aber jedes
als Maler. Die Marinemalerei, das ist Öl, Tempera Schiffsmotiv, das ansprechend fotografiert ist,
und Kreide. Damit gehen bestimmte Details, auf reizt mich als Vorlage sehr.
die ich großen Wert lege, verloren. Ganz neben-
bei fehlt mir auch die Geduld, auf das Trocknen
der Ölfarbe zu warten.
Haben Sie mit Ihrer Zeichentechnik eine eigene
Kunstform erschaffen oder ahmen Sie damit an-
dere Vorbilder nach?
Klemke: Es gibt viele andere, die auf die gleiche
Art und Weise an maritime Motive herangehen.
Ich habe die Seekartenzeichnung weder erfun-
den noch nachgeahmt, sondern es immer so ge-
macht, wie ich es für richtig halte. Ich versuche,
meinen Zeichnungen eine eigene, unverwechsel-
bare Handschrift zu geben, indem ich die See
einbinde und beispielsweise Schiffe nicht nur in
MARITIMES WAHRZEICHEN: Nur zwölf der Seitenansicht zeige, sondern ihre Dynamik AM STEUER: Gero Klemke – hier auf der
Seemeilen von Klemkes Atelier entfernt in der Bewegung hervorhebe. Brücke eines Seenotkreuzers im Deutschen
steht der Leuchtturm Roter Sand in der Gab es bisher ein Schiff, an das Sie sich zeichne- Schiffahrtsmuseum – war 15 Jahre lang Ret-
Wesermündung risch noch nicht herangewagt haben, weil es zu tungsmann bei der DGzRS

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LANDGANG | Virtuose mit Malstiften

SEEBÄDERSCHIFF: Die MS WAPPEN VON


HAMBURG lief 1955 bei Blohm & Voss
vom Stapel. Drei Jahre zuvor erblickte Ge-
ro Klemke das Licht der Welt – ebenfalls
in Hamburg

LITERATUR Gero Klemke


Gero Klemkes erstes Buch Seegeschichten,
das 2015 bereits in der 2. Auflage erschie-
nen ist, wendet sich an junge Leser ab
sechs Jahren und war gewissermaßen eine
Auftragsarbeit auf Wunsch seiner eigenen
Kinder. Darin erzählt die Autorin Margrit
Hohlfeld zu 13 humoristischen und zugleich
realitätsnahen, großformatigen Farbzeich-
nungen von Klemke kurze Geschichten über
Hafenschlepper und Tankschiffe, von Contai-
ner-Feedern und Seenotrettern (Oceanum
Verlag, 28 Seiten, gebunden, durchgehend
farbig illustriert, ISBN 978-3-86927-008,
9,90 Euro). In der Neuerscheinung Karten-
werke präsentiert Gero Klemke eine gelun-
gene Auswahl seiner Bilder und bringt zu-
gleich sein künstlerisches Selbstverständ-
nis zum Ausdruck. Er sieht sich als Zeichner,
der in seinen Werken die See und die See-
fahrt feinsinnig verarbeitet. Die Seekarten-
Motive bilden den Kern seines Schaffens;
für das Buch hat er aus einer Vielzahl an Ar-
Von 1987 bis 2002 war er als Rettungs- gabe als Museumspädagoge im Deutschen beiten eine sorgfältige Auswahl getroffen,
mann für die Deutsche Gesellschaft zur Ret- Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven. Eine die ein breites und sehenswertes Spektrum
tung Schiffbrüchiger an Bord des Seenot- optimale Kombination, findet der kreative seines Gesamtwerkes repräsentiert. 66
Farbabbildungen im Buchformat von 27 mal
kreuzers JOHN T. ESSBERGER auf der Stati- Kapitän, denn in beiden Bereichen gilt für
24 Zentimeter laden den Leser dazu ein, in
on Großenbrode an der Ostsee tätig. Aus ihn: „Schifffahrt und Meer – das ist nicht nur die Seekartenmotive einzutauchen und sie
dieser Zeit stammt auch sein erstes „Karten- Ansehen, sondern Riechen, Schmecken und zu „lesen“. Aufschlussreich ist auch der kur-
werk“, das er bis heute aufbewahrt hat. „Wir Fühlen.“ Seinen Bildern sieht man an, wie ze Text über die Arbeitsweise des Künstlers
hatten irgendwann in den 1990er-Jahren mit sehr er seine Leidenschaft für die Kunst und und zur Entstehung der Bilder. Ein Buch, das
dem Tochterboot der JOHN T. ESSBERGER für die See weitertransportieren möchte. jedem maritim interessierten Leser – als
eine Schleppfahrt zu absolvieren, die über Geschenk oder für das eigene Bücherregal
vier Stunden dauerte“, erinnert sich der Großsegler als Lieblingsmotive – eine echte Freude bereitet.
Norddeutsche. „Ich war an Bord des zu Sein Lieblingsmotiv sind die traditionellen Klemke, Gero: Kartenwerke – Maritime
schleppenden Fischkutters und hielt den Ha- Großsegler, besonders die russische Vier- Zeichnungen auf Seekarten. Oceanum Ver-
lag, 72 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-
varisten auf Kurs. Aus Langeweile und aus mastbark KRUZENSHTERN hat es ihm an-
86927-404-1, 19,90 Euro
der Stimmung heraus, dass der Schleppver- getan. „Wenn ich Segler zeichne, dann ent-
band in den Sonnenuntergang hineinfuhr, stehen Bilder mit Seele“, beschreibt der
fing ich an, die Rückseite einer Seekarte zu ehemalige Seemann seine Arbeitsweise.
verschönern.“ Das Ergebnis präsentierte er Grundsätzlich ist zuerst das Motiv da, bevor
zu Hause seiner Frau, die das Werk von bei- die passende Revierkarte ausgewählt wird –
den Seiten betrachtete und ihm daraufhin immer passend zum tatsächlichen Einsatz-
empfahl, doch mal die andere Seite der See- gebiet des jeweiligen Schiffes oder zum
karte zu bemalen. Auf diese Weise entstand Standort des maritimen Bauwerkes. Ob Oze-
die Idee der Kartenkunst, aus der mittlerwei- anriese, Eisbrecher oder Leuchtturm – Klem-
le mehrere Hundert Zeichnungen hervorge- kes Bilder erzählen so authentisch, detail-
gangen sind. Aus gesundheitlichen Gründen reich und maßstabsgerecht wie möglich von
musste er nach 15 Jahren aus dem Rettungs- den dargestellten Motiven. Doch es sind
dienst ausscheiden, fand jedoch anschlie- nicht weniger auch die Farbstimmungen der
ßend nicht nur mehr Zeit für die Male- Hintergründe, die den Blick des Betrachters
rei, sondern auch eine neue berufliche Auf- auf sich ziehen: Auf der Nordsee vor Helgo-

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KLARE LINIEN: Ehemaliges
Feuerschiff ELBE 1 auf Seekarte
Nr. 50/Deutsche Bucht. Das Bild
entstand 2014

land fährt das Seebäderschiff FAIR LADY in durch die dunkle Mondnacht, und rings um meinen Seekarten hängt immer von meiner
einen glutroten Sonnenuntergang hinein, der das Passagierschiff TS HANSEATIC (II) er- persönlichen Stimmung und Laune ab, in der
Himmel über dem Schlepper TAUCHER O. strahlt die Küste Floridas in karibischen Hell- ich das Motiv zeichne“, erklärt der Künstler
WULF 3 ist in typisches Nordsee-Grau ge- gelb- und Türkistönen. Die abgebildete Na- und Museumspädagoge. Einmal, so erinnert
taucht, der Strahl der beiden Suchscheinwer- turkulisse – Wellen und Gischt, Himmel, er sich, habe beispielsweise seine kleine Toch-
fer des Seenotkreuzers HANNES GLOGNER Licht und Wolken – ist stets in realistischer ter aus Versehen ein Glas Orangensaft über
bohrt sich im Einsatz vor der Wesermündung Anmutung wiedergegeben. „Das Wetter auf ein angefangenes Bild gekippt. Nach einem
längeren Spaziergang, der erfolgreich zur in-
NORDSEE-EINSATZ: Ret- neren Beruhigung diente, sei daraufhin ein
tungshubschrauber vom Typ sehr farbenfrohes Bild entstanden.
Sikorsky H-34 G auf Seekar-
ten-Ausschnitt Helgoland. Höchstens fünf Bilder!
Zu den SAR-Fliegern hält der Bei seinen Familienmitgliedern, die zugleich
ehemalige Marine-Mann Klem- seine schärfsten Kritiker sind, scheint die
ke bis heute engen Kontakt Kunst gut anzukommen. „Vor unserer Hoch-
zeit“, erzählt der humorvolle Hamburger,
„hat meine Frau zur Bedingung gemacht,
dass höchstens fünf Schiffsbilder an der
Wand hängen dürfen. Heute sind es schon
doppelt so viele … “ Seit mehr als 30 Jahren
träumt er davon, längere Zeit an Bord eines
Motorseglers zu leben und die Wintermonate
im Mittelmeer zu verbringen. Vielleicht wird
dieser Traum in der Zeit nach dem Dienst im
Schiffahrtsmuseum Wirklichkeit. Die Freun-
de seiner Kartenwerke dürfen sich dann
wohl auf zahlreiche neue Motive freuen –
wahrscheinlich gezeichnet auf Seekarten mit
spektakulären Farben im Hintergrund.

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LANDGANG | Bücherbord

Jens Graul
Wilhelmshaven – Captain Edward Conder und der Neuanfang 1945
Der britische Captain Edward fahrungen mit deutschen Ma- Jens Graul hat ein vorzügli-
Conder erhielt am Ende des rinesoldaten gemacht hatte. ches, gut lesbares und sehr anre-
Zweiten Weltkriegs den Auftrag, Conder lebte in einem ständigen gendes Buch vorgelegt, das dar-
im Sinne der Vereinbarungen Widerspruch: Auf der einen über hinaus einen Fokus legt
der alliierten Siegermächte Wil- Seite sollte er die Marinestadt auf das „Wirtschaftswunder“ in
helmshaven verschwinden zu vernichten, auf der anderen Seite den 1950er-Jahren, das trotz der
lassen, denn die englische Admi- brauchten die vielen Menschen Kriegsverluste und der Verkleine-
ralität wollte, dass diese Marine- Arbeitsplätze und die Zivilwirt- rung Deutschlands dank der vie-
stadt gänzlich vom Erdboden ge- schaft sollte Wohlstand bringen – len aus dem Osten zugewander-
tilgt wird, damit niemals wieder neben der Arbeit der Trümmer- ten Menschen und Betriebe mög-
eine deutsche Kriegsflotte dort beseitigung. Er hatte ständig gu- lich wurde.
gebaut, unterhalten und einge- ten Kontakt mit der zivilen deut- Glück hatte Wilhelmshaven
246 S. mit Abbildungen, setzt werden kann. schen Stadtverwaltung, mit Gut- mit dem reifen, gebildeten und
Brune-Mettcker Druck- und Jens Graul widmet sich sehr achtern und mit der britischen der Welt zugewandten Captain
Verlagsgesellschaft mbH, ausführlich der Biografie dieses Admiralität, die er letztlich da- Conder, der sich mit sozialem
Wilhelmshaven 2015, britischen Marineoffiziers, der von überzeugen konnte, nicht al- und kulturellem Engagement für
49,80 € für die Weltmacht Großbritan- les zu zerstören, sondern nur den die geschlagene Stadt einsetzte.
nien auf vielen Schiffen auch als Kern der Kriegsmarinewerft mit Er sorgte dafür, dass sie ein Sym-
Kommandant zur See fuhr und ihren Docks und die Schleusen bol deutsch-britischer Freund-
der bereits unterschiedliche Er- außer der ersten Einfahrt. schaft wurde. TP

Dieter Flohr

Im Dienst der Volksmarine III – Zeitzeugen berichten


Marinegeschichte pur und aus grade berichten. Authentisch, kri- Truppe. Was dem Leser kredenzt
erster Hand: Dieter Flohr – Fre- tisch, aber auch mit einer Prise wird, ist Zeitgeschichte pur: The-
gattenkapitän a. D., ehemaliger Humor gewürzt, geben sie Aus- matisch umfassend und lebendig
Pressechef der Volksmarine und kunft über den nicht selten erzählt von denen, die es wissen
224 Seiten, Autor zahlreicher maritimer Pub- schweren Dienstalltag, über das müssen. In diesem Zusammen-
120 Abbildun- likationen – präsentiert den drit- Zusammenwirken mit den be- hang ist auch die Bildauswahl mit
gen, Steffen ten Band seiner Innenansichten freundeten Streitkräften der War- zahlreichen bislang unveröffent-
Verlag 2015, der DDR-Seestreitkräfte. Erneut schauer Vertragsstaaten oder die lichten Fotos aus dem Alltag der
16,95 € lässt er Zeitzeugen aller Dienst- Freizeitgestaltung innerhalb der Volksmarine zu erwähnen. UK

Ingo Thiel Hans Karr


175 Jahre Cunard Line Deutsche Marine
Erst nach der offiziellen Jubiläums- Mit knappen Texten und Daten-
feier der berühmten Reederei er- kästen gibt Karr einen nach Ty-
schien diese handliche Festschrift, pen geordneten Überblick über
die dank zahlreicher ganzseitiger die Schiffe der Bundesmarine –
Anzeigen prominenter Sponsoren nicht der Deutschen Marine,
zu einem überaus günstigen Preis auch wenn das der Haupttitel
zu haben ist. Schon das Vorwort des kompakten Taschenbuchs
der Leiterin des Hamburger Cu- verspricht. Das Spektrum reicht
128 Seiten, Koehler Verlag, nard-Büros deutet auf den Werbe- vom Zerstörer bis zum Sperrwaf-
Hamburg 2015, 10 € charakter des Buches hin. Auch fenversuchsboot. Der Band ist
der gut lesbare Text ist davon nicht reich bebildert. Allerdings wir-
ganz frei. Die Bilder sind vielfältig, 128 Seiten, ken manche Fotos so, als wären
als Zugabe gibt es eine übersichtli- Motorbuch-Verlag, Stuttgart 2015, sie am Totensonntag bei Niesel-
che Flottenliste. HF 12 € regen aufgenommen worden. HF

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Rüdiger Kremer Erik Larson

Küstenland Schleswig-Holstein Der Untergang


Der Hinweis für den potenziellen Geschichte der Stadt Kiel wird der LUSITANIA
Leser diesmal gleich zu Beginn: dargestellt, Schleswig-Holsteins
ein wunderbares und in jeder Be- Erfinder porträtiert; Fischerei, 462 Seiten,
ziehung empfehlenswertes Buch, Meeresforschung, Seenotrettung Hoffmann und
das ohne jeden Zweifel das Poten- kommen zu ihrem Recht usw. Campe Verlag,
zial eines Standardwerkes zu die- Es versteht sich bei einer der- Hamburg 2015,
sem Thema besitzt. Wer immer artig umfassenden Darstellung, 25 €
sich über das Land zwischen dass das geschriebene Wort durch
Nord- und Ostsee informieren einen farbigen und schwarz-wei-
möchte und dabei insbesondere ßen Bildteil bestens ergänzt wird.
die maritimen Aspekte im Auge Auch hier ist es dem Autor gelun-
hat, kommt mehr als nur auf seine gen, manch durchaus noch nicht
375 Seiten, zahlreiche, Kosten. In konzentrierter, aber gesehenes Bilddokument erst-
meist farbige Aufnahmen, immer lesbarer und eleganter mals aus seinem Archiv zu veröf- Erik Larson hat umfassend re-
Verlagsgruppe Form wird hier die Lebens- und fentlichen. Die umfangreichen cherchiert und aus verschiede-
Husum 2015, 39,95 € Entwicklungsgeschichte eines Quellenangaben zusammen mit nen Blickwinkeln einen wahren
Landes dargestellt. Es fehlt quasi dem Literaturverzeichnis und ei- Wälzer im Stil einer anschauli-
nichts; und um nur einige Berei- nem Personen-, Schiffs- und Orts- chen Reportage geschrieben, die
che zu nennen: Wen die Geschich- register machen dieses Buch zu weit ausholt und kaum ein Detail
te der Marine in Schleswig-Hol- einem faktenreichen Nachschla- auslässt. Damit nicht genug: Wo
stein interessiert, wird fündig; die gewerk. EK die Fakten fehlen, kommt nicht
zu knapp die vermutete Fiktion
hinzu. Larson beschreibt das
Schiff, den Kapitän, prominente
Harald Focke und Dirk J. Peters Passagiere und das Leben an
Bord. Der britischen Admiralität
Wilhelmshaven – Gestern und Heute stellt er die Kaiserliche Marine
gegenüber, dazu das feindliche
128 Seiten, Wilhelmshaven am Jadebusen Kaiserzeit geprägt. Dieses Buch U-Boot und seinen Kommandan-
110 Bilder, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts stellt Geschichte und Gegenwart ten. Der Leser trifft auch US-Prä-
Sutton-Verlag, erster deutscher Kriegshafen und markanter Bauten in Bildpaaren sident Wilson im Weißen Haus
Erfurt, ist heute die bedeutendste Mari- vergleichend gegenüber. An- und Churchill als Marineminis-
19,99 € nestadt des Landes. Ihr Gesicht schauliche Texte erläutern die ter. Trotz vieler Erklärungen und
wurde wesentlich durch die Hintergründe der jeweiligen Ent- Deutungen bleiben zentrale Fra-
großzügige Erweiterung in der wicklung. HF gen offen. HF

Harald Focke und Dirk J. Peters

Die Columbuskaje in Bremerhaven


Vordergründig ist sie nur eine in die Metropolen der USA. Im- zunehmenden Luftverkehrs ste-
nüchterne Kaimauer aus Stein, mer mehr Menschen reisten auf tig ab. Heute sind es vor allem
Stahl und Spundwand – die Co- immer luxuriöseren Schiffen hin Kreuzfahrtschiffe, die an diesem
lumbuskaje in Bremerhaven. und her zwischen der Alten und traditionsreichen Bauwerk in Bre-
Aber auch ein Schicksalsort für der Neuen Welt. Als die Colum- merhaven festmachen. Die bei-
Millionen Menschen: Auswande- buskaje 1927 eröffnet wurde, war den Autoren und renommierten
rer, Kriegsflüchtlinge, Heimatlo- der Höhepunkt erreicht. Die le- Schifffahrtshistoriker haben aus
se, Displaced Persons … Von die- gendären Ozeanriesen des Nord- den Fotobeständen verschiedener
sem Ort brachen sie auf, um eine deutschen Lloyd, wie die BRE- Archive die eindrucksvollsten,
neue Heimat zu finden. „Kaje der MEN oder die Namensgeberin überwiegend unveröffentlichten
Tränen“, so nennt sie der Volks- COLUMBUS, boten den betuch- Aufnahmen ausgewählt, um die
mund. Doch die Geschichte der ten Passagieren eine glamouröse, Entwicklung von Bremerhavens
128 Seiten, 160 Bilder, Columbuskaje hat auch eine standesgemäße Reisemöglichkeit. berühmtem Kai bis in die Gegen-
Sutton-Verlag 2015, zweite Seite: den regulären Trans- In den 1960er-Jahren nahmen die wart in Bild und Text nachzu-
19,99 € atlantikverkehr von Bremerhaven Passagierzahlen aufgrund des zeichnen. UK

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ZEITREISE

Gesprengt und eingeebnet: die älteste


Schleuse von Wilhelmshaven
Auf den ersten Blick weist kaum etwas darauf hin, dass es sich beim Hintergrundfoto
um die Fragmente der ältesten Schleusenanlage in Wilhelmshaven handelt. 1856 be-
gannen dafür die Planungsarbeiten, 1869 war das Was-
serbauwerk schließlich fertiggestellt. Die Schleusenkam-
mer war als breites Wendebecken ausgeführt, dessen Zu-
fahrten jedoch sehr viel schmaler waren als die Kammer
selbst. Schnell erwiesen sich die Schleusentore als zu
eng für die Anforderungen des Kriegshafens. Die Schiffs-
neubauten der Kaiserlichen Marine nahmen stetig an
Größe zu. Die neuen Großkampfschiffe nach Vorbild der
britischen „Dreadnought“ erforderten eine deutliche
Erhöhung der Kapazitäten. Selbst die Kleinen Kreuzer
der Flotte konnten im Bereich der Schleuse nur einge-
schränkt manövrieren.
Deshalb wurde bereits wenige Jahre nach ihrer Fer-
tigstellung der Bau einer neuen Einfahrt beschlossen.
Nachdem diese Arbeiten beendet waren, erhielt die ur-
sprüngliche Erste Einfahrt zunächst die Bezeichnung
Alte Einfahrt, bevor sie 1909 in Zweite Einfahrt umbe-
nannt wurde. Im Februar 1948 wurde die Anlage ge-
sprengt (kleines Foto) und in den 1950er-Jahren durch
einen festen Damm verschlossen. Ihre Westseite wird
noch heute von zwei großen und eindrucksvollen Gebäu-
den flankiert: dem einstigen Torpedoarsenal. Am Ufer des noch vorhandenen Wende-
beckens findet der aufmerksame Besucher zahlreiche steinerne und eiserne Relikte
dieser ersten Verbindung des Wilhelmshavener Binnenhafens mit der Nordsee.
Text und Fotos: Ulf Kaack

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Nr.10 |4/2015|Oktober, November, Dezember | 3.Jahrgang
VORSCHAU

Vereinigt mit Schiff & Zeit | Nr. 86 | 43. Jahrgang


Internet: www.schiff-classic.de
Sieg und Untergang der BISMARCK Herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für
Schiffahrts- und Marinegeschichte e.V. (DGSM)
1941: „Rheinübung“ war der Deckname für den
Redaktionsanschrift
Einsatz einer deutschen Kampfgruppe unter Admi- Schiff Classic
ral Günther Lütjens, der nach dem Triumph über Infanteriestr. 11a, 80797 München
Tel. +49 (0) 89.130699.720
den britischen Schlacht- Fax +49 (0) 89.130699.700
kreuzer HOOD am redaktion@schiff-classic.de
Redaktion Markus Wunderlich (Chefredakteur Luft-
24. Mai 1941 mit fahrt, Geschichte, Schifffahrt und Modellbau),
dem Verlust des Jörg-M. Hormann (Verantw. Redakteur),
Jens Müller-Bauseneik
größten deutschen Chef vom Dienst Christian Ullrich
Schlachtschiffes drei Redaktionsbeauftragter der DGSM Harald Focke
Tage später in einer Ständige Mitarbeiter Eberhard Kliem, Frank Müller,
Kathrin Orth M.A.
Katastrophe endete. Layout Ralph Hellberg

Leserservice
Tel. 0180 – 532 16 17 (14 Cent/Min.)
Fax 0180 – 532 16 20 (14 Cent/Min.)
leserservice@geramond.de
Gesamtanzeigenleitung
Thomas Perskowitz
Tel. +49 (0) 89.13 06 99.527
thomas.perskowitz@verlagshaus.de
Anzeigenleitung
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uwe.stockburger@verlagshaus.de
Anzeigenverkauf und Disposition
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