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Menschen · ereignisse · epochen

GEschichtE

5,70 € 9,80 sFr 7/2017
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7/2017

4 190727 605704

4 190727 605704 Das erste imperium der germanen
4 190727 605704 Das erste imperium der germanen

Das erste imperium der germanen

7/2017 4 190727 605704 Das erste imperium der germanen »Tiere schreiben geschichte« neue serie! Folge 1:

»Tiere schreiben geschichte«

neue serie!

Folge 1: Die Honigbiene

Flugpionierin Amelia earhart

Ihr Mut, das Unmögliche zu wagen

Rom und die »Barbaren«

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VeRVollständigen sie ihRe sammlung!

0180/52 60 135* VeRVollständigen sie ihRe sammlung! Warum ging das römische Imperium unter? Dekadenz?

Warum ging das römische Imperium unter? Dekadenz? Wirtschaftliche Krisen? Militärische Schwäche? Die Antwort erfahren Sie in der

Ausgabe »Völkerwanderung«

(2/2012). Die Stämme jenseits des Limes entwickelten sich zum Albtraum für die Römer. Wie sie wirklich lebten, lesen

Sie im Heft »die germanen«

(9/2012). Römische Autoren verachteten Gallier, Goten und Vandalen als Feinde der Zivilisation. Die reiche Kultur dieser Völker beleuchten wir in

»die Barbaren« (3/2015).

dieser Völker beleuchten wir in »die Barbaren« (3/2015). 6/2011 Richard Löwenherz 9/2011 Weltmacht Rom 1/2013 Der

6/2011

Richard Löwenherz

wir in »die Barbaren« (3/2015). 6/2011 Richard Löwenherz 9/2011 Weltmacht Rom 1/2013 Der Heilige Gral 9/2013

9/2011

Weltmacht Rom

(3/2015). 6/2011 Richard Löwenherz 9/2011 Weltmacht Rom 1/2013 Der Heilige Gral 9/2013 Karl der Große 11/2013

1/2013

Der Heilige Gral

Löwenherz 9/2011 Weltmacht Rom 1/2013 Der Heilige Gral 9/2013 Karl der Große 11/2013 Der Erste Weltkrieg

9/2013

Karl der Große

Weltmacht Rom 1/2013 Der Heilige Gral 9/2013 Karl der Große 11/2013 Der Erste Weltkrieg 12/2013 7/2014

11/2013

Der Erste Weltkrieg

Gral 9/2013 Karl der Große 11/2013 Der Erste Weltkrieg 12/2013 7/2014 10/2014 7/2015 3/2016 Himmel,
Gral 9/2013 Karl der Große 11/2013 Der Erste Weltkrieg 12/2013 7/2014 10/2014 7/2015 3/2016 Himmel,
Gral 9/2013 Karl der Große 11/2013 Der Erste Weltkrieg 12/2013 7/2014 10/2014 7/2015 3/2016 Himmel,
Gral 9/2013 Karl der Große 11/2013 Der Erste Weltkrieg 12/2013 7/2014 10/2014 7/2015 3/2016 Himmel,
Gral 9/2013 Karl der Große 11/2013 Der Erste Weltkrieg 12/2013 7/2014 10/2014 7/2015 3/2016 Himmel,

12/2013

7/2014

10/2014

7/2015

3/2016

Himmel, Hölle, Nirwana

Die Französische Revolution

Die Römer in Germanien

Irland

Trojas Untergang

Heftpreis bis Februar 2009 € 4,30 / ab März 2009 € 4,90 / ab August 2013 € 5,20 / ab September 2014 € 5,50 / ab September 2016 € 5,70 / alle weiteren hefte, ab ausgabe 8/2015 auch als e-Paper (€ 3,99) www.g-geschichte.de Abo-Service, G/GeScHicHte, Heuriedweg 19, 88131 Lindau

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Bildnachweis: Bridgeman/look and learn, TiTel: hisTory/elena nenkova, Bridgeman images/walTers arT museum BalTimore usa

nenkova, Bridgeman images/walTers arT museum BalTimore usa die könige der Goten sind auch Thema der Serie

die könige

der Goten

sind auch Thema der Serie »auf- stand der Barba- ren«. Das Doku- drama »Fritigern« wird am 15. oktober um 21.50 uhr ausge- strahlt. Am 16. okto- ber folgt um 21.50 uhr die Episode »Alarich«, die unser Titelbild lieferte

Editorial

Episode »Alarich«, die unser Titelbild lieferte Editorial Von Königen und Klischees Die Goten genießen nicht den

Von Königen und Klischees

Die Goten genießen nicht den besten Ruf. Ihr

Name steht für Krieg, Plünderung und Zerstörung. Die italienischen Humanisten verwandten den Be- griff »gotisch« als Synonym für »barbarisch«. Ein Besuch in Ravenna lehrt das Gegenteil. Hier resi- dierte im 6. Jahrhundert der Ostgote Theoderich der Große. Der König galt nicht nur als Meister der Staatskunst, sondern auch als Förderer der Künste. Betritt man seine Palastkirche Sant’ Apollinare Nuovo ziehen einen die strahlenden Mosaike in ihren Bann: Heilige, Märtyrer, Engel und ein würdevoll thronender Christus.

Ein Porträt Theoderichs sucht der Ravennatourist allerdings in dieser Kirche vergebens. Nachdem 540 das Heer Kaiser Justinians die Stadt von den Ostgoten zurückerobert hatte, ließ der Kaiser das Porträt des verstorbenen Gotenkönigs entfernen. Der weitere Feldzug gegen die »Barbaren« wurde mit kompromissloser Härte geführt, bis 555 der letzte Widerstand beseitigt war. Was aus den überlebenden Ostgoten geworden ist, bleibt rätselhaft.

Der epische Untergang faszinierte den Historiker Felix Dahn. Sein 1876 erschienener Roman »Ein Kampf um Rom« prägte das deutsche Gotenbild für Generationen und ebnete den Weg für den Germanenkult der Nazis, die nach dem »Endsieg« auf der Krim einen »Gotengau« er- richten wollten. Die Tage nationaler Vereinnahmung der Goten sind lange vorbei. Heute un- terstreicht die Forschung ihre europäische Dimension. Für den bulgarischen Forscher Rossen Milev (siehe Interview Seite 60) sind die Goten »die Paten Europas«.

Ihr, Euer

Seite 60) sind die Goten »die Paten Europas«. Ihr, Euer Dr. Klaus Hillingmeier, Chefredakteur Theoderich der

Dr. Klaus Hillingmeier, Chefredakteur

Europas«. Ihr, Euer Dr. Klaus Hillingmeier, Chefredakteur Theoderich der Große ließ sich in Ravenna ein

Theoderich der Große

Dr. Klaus Hillingmeier, Chefredakteur Theoderich der Große ließ sich in Ravenna ein monumentales Grab errichten. Die

ließ sich in Ravenna ein monumentales Grab errichten. Die Kuppel bildet

Seite 40

ein Monolith von 230 Tonnen

Redaktion G/Geschichte Bayard Media GmbH & Co. KG Böheimstraße 8, 86153 Augsburg Tel.: (0821) 45 54 81-42, Fax: (0821) 45 54 81-10 E-Mail: g @ bayard-media.de www.g-geschichte.de

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Inhalt

G/GESCHICHTE · Juli 7/2017

AKTuEllES

6

Die Ruinen der Maya

Wie Massentourismus das archäologische Erbe gefährdet

12

Forum & Chronik

DNA der frühen Menschen:

Sand als Lieferant für Erbgut Zeitzeichen: Wie aus England ein Königreich wurde

TITEl

14

Die Goten:

Das erste Imperium der Germanen

16

Fanal am Tiber

Es war das 9/11 der Spätantike:

Drei Tage plündern die Westgoten das wehrlose Rom

20

Karte der Gotenwanderung

22

Jenseits von Schweden

Wo stand die Wiege der Goten?

24

Daheim

Wie lebten die frühen Goten? Eine Heiligenvita vermittelt intime Einblicke

28

Walhalla wird zum Paradies

Ein Jahrtausend vor Luther. Wulfila und die erste Bibel in einer germanischen Sprache

30

Hunde für Sklaven

Im Hunnensturm überschreiten westgotische Krieger die Donau­ grenze des Imperiums. Noch glaubt der Kaiser an Kooperation

34

Verschleppt und verheiratet

Ein Leben in bewegten Zeiten:

Die Kaisertochter und Regentin Galla Placidia

36

Kleine Chronik der Goten

Zeittafel vom 1. bis 8. Jahrhundert nach Christus

38

Ein römischer Gote

Der äußerst kultivierte West­ gotenherrscher Theoderich I.

14
14

Der Westgotenkönig Reccared auf dem Konzil von Toledo

Die Goten

Aufbruch ins Mittelalter

Als die Westgoten 410 die Ewige Stadt plünderten, brach ein neues Zeitalter an. Statt römischer Imperatoren beherrschten nun die Könige der Germanen Europa

68

GESCHICHTE IM AllTAG

Das Drive-In

NEuE SERIE! »TIERE SCHREIbEN GESCHICHTE« Die Honigbiene 64 70 Die Flugpionierin Amelia Earhart BIlDnaCHWEIS:
NEuE SERIE!
»TIERE SCHREIbEN
GESCHICHTE«
Die Honigbiene
64
70
Die Flugpionierin
Amelia Earhart
BIlDnaCHWEIS: aKG/alBum, aKG/ImaGno, aKG/TT nEWS aGEnCy/SVT,
BRIDGEman/muSEI CapITolInI/GHIGo RolI, ISToCKpHoTo.Com/loRInTT

40

Wie ein Kaiser!

Theoderich der Große und die hohe Staatskunst

44

Vom Trost der Philosophie

Die Strafakte Boethius. Von der Kanzlei in den Kerker

46

Das Imperium schlägt zurück

Kaiser Justinians Vernichtungs­ feldzug gegen die Ostgoten

50

Toledo ist eine Messe wert

Wie die Westgoten bis heute Spanien prägen

56

»Die spinnen, die Goten!«

»Barbaren« und Erzfeinde der Kultur. Gotenklischees von Goethe bis Asterix

59

Rätsel & Preise

60

»Der freie Geist der Goten«

Interview mit dem bulgarischen Kulturhistoriker Rossen Milev

PANoRAMA

64

Serie »Tiere schreiben Geschichte«: Die biene

Das süße Gold der Königin. Von Imkern und Insekten

68

Geschichte im Alltag:

Das Drive-In

Ein idealer Ort für Faule, Verliebte und Autonarren

70

Königin der lüfte

Amelia Earhart und der Mut, das Unmögliche zu wagen

74

Serie: Museen & Architektur

MAXXI Rom: Das moderne Wahrzeichen der Tibermetropole

76

Ausstellungsvorschau

80

bücher & Medien

82

Impressum, leserbriefe & Vorschau

& Medien 82 Impressum, leserbriefe & Vorschau www.g-geschichte.de Mehr zur aktuellen Ausgabe auf unserer

www.g-geschichte.de

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G/Geschichte Vor ort Mexiko, Tobias Sauer Die Ruinen 6 G Geschichte 7 | 2017

G/Geschichte Vor ort

Mexiko, Tobias Sauer

Die Ruinen

6 G Geschichte 7 | 2017

Bildnachweis: ToBias sauer

Blickpunkt: Maya

der Maya

Gefährdetes Erbe

Der Besuch historischer Orte zählt für viele Touristen zum Höhepunkt im Urlaub. Die mexikanische Halbinsel Yucatán mit ihren Maya-Ruinen macht da keine Ausnahme. Doch wie lange verkraften die uralten Bauwerke den Besucherstrom noch?

verkraften die uralten Bauwerke den Besucherstrom noch? Hochsaison in Tulum: Bis zu 8000 Gäste pro Tag

Hochsaison in Tulum:

Bis zu 8000 Gäste pro Tag erkunden im Winter die Maya- Stätte an der mexika- nischen Karibikküste

G Geschichte 7 | 2017

7
7

Blickpunkt: Maya

[ VON TOBIAS SAUER ]

s chlangen konnten für die Maya den Himmel symbolisieren: Die mythischen Kriechtiere sandten Götter und Könige, repräsen- tierten den Tod und das Leben. In der berühmten Maya-Anlage

von Chichén Itzá im Norden der mexikanischen Halbinsel Yucatán sorgt die Sonne zur Tag- und Nachtgleiche im März und September an der zentralen Pyramide des Ku- kulcán für die Illusion einer sich die Stufen hi- nabwindenden Schlange. Die Treppen enden hier sogar in Schlangenköpfen. Vielleicht hätten die historischen Maya also ihre Freude an den Menschenmassen gehabt, die sich durch die Ruinen ziehen: Schlangen an Besuchern findet man hier fast jeden Tag. Dass Maya-Orte wie Tulum an der Küs- te Yucatáns zu Tourismusmagneten würden, war vermutlich unvermeidbar. Tulum punktet nicht nur mit einem, sondern gleich mit zwei Trümpfen: Als einzige Maya-Stadt direkt am

Meer thronen die Ruinen des ehemaligen Han- delsortes hoch auf den Klippen über der Kari- bik. Nach einer Tour durch die Überreste kann, wer an Badesachen gedacht hat, ins türkisblaue Wasser hüpfen und am Sandstrand die histo- rischen Eindrücke verarbeiten. Und selbst wer die Maya-Gebäude nicht besucht, hat sie vom Strand des modernen Städtchens Tulum, ein paar Kilometer weiter, stets im Blick. So etwas gibt es nicht oft auf der Welt.

Begehrtes Ziel: Für Tickets muss man manchmal eine Stunde lang anstehen

Besonders zur Hochsaison lockt Tulum wahre Massen an. Es liegt direkt an der Küstenstraße, nur rund 130 Kilometer südlich von der Tou- ristenmetropole Cancún. Bis zu 8000 Besucher drängen sich jeden Tag in dem nur rund 400 mal 200 Meter großen Areal, bis zu eine Stunde lang muss man für Tickets anstehen. Früher war das noch ganz anders, erinnert sich Neidy Caa- mal Kantun, die als Guide durch Tulum führt:

»Als ich ein Kind war, konnten wir einfach in den Ruinen spielen«

Touristenführerin Neidy Caamal Kantun

Heute sind viele Bereiche für Besucher gesperrt, um sie vor ihnen zu schützen

für Besucher gesperrt, um sie vor ihnen zu schützen Teilweise für Touristen nicht zugänglich: Die

Teilweise für Touristen nicht zugänglich:

Die Maya-Stätten von Chichén Itzá

8 G Geschichte 7 | 2017

Bildnachweis: GeTTy imaGes/aFP/cris Bouroncle, isTockPhoTo.com/zhuzhu, mauriTius imaGes/imaGeBroker/kaTja kreder, ToBias sauer; Quelle sTaTisTik: welTBank

kreder, ToBias sauer; Quelle sTaTisTik: welTBank Touristen in Tulum »Als ich ein Kind war, konnten wir
Touristen in Tulum
Touristen in Tulum

»Als ich ein Kind war, konnten wir einfach in den Ruinen spielen.« Während sich die Besucher an der Kulisse erfreuen, stellt sich allerdings immer mehr die Frage, ob die Ruinen ihrem Ansturm gewach- sen sind. Viele Gäste, die in Cancún ausspan- nen oder mit einem Kreuzfahrtschiff durch die Karibik und den Golf von Mexiko schippern, nehmen stundenlange Busfahrten auf sich, um das Maya-Erbe zu besuchen. Wer Bildung posi- tiv bewertet, wird sich über diese Neugier freu- en, und auch wirtschaftlich hat der Tourismus erst einmal positive Folgen. So besuchten im vergangenen Jahr rund 35 Millionen Gäste Me- xiko, rund 3,5 Millionen mehr als im Jahr zu- vor, wie das Mexico Tourism Board berichtet. Vor allem US-Amerikaner machen hier Urlaub. Doch auch bei Chinesen, Deutschen und Japa- nern wird das Land immer beliebter. Viele Einheimische leben von den Touristen:

Nach Berechnungen des Londoner World Tra- vel and Tourism Council, einer Vereinigung der Tourismusindustrie, kommen sie für 6,8 Prozent der Wirtschaftsleistung in Mexiko auf. Mehr als 3,5 Millionen Arbeitsplätze hängen von ihnen ab. Auch der Staat profitiert, nicht nur von den Steuern, sondern vom Eintritt: In Chichén Itzá etwa, einer der bedeutendsten Maya-Ruinen, zahlen Ausländer mit 242 Pesos (circa 11,50 Euro) höhere Eintrittspreise als Me- xikaner. Ihre Tickets kosten nur 154 Pesos.

Viele Einheimische leben vom Tourismus

Der Tourismus schadet den Ruinen aber auch:

»Besucher haben im Haupttempel in Tulum Graffiti hinterlassen«, berichtet die Touristen- führerin Caamal Kantun. Er wurde schon vor zehn Jahren für Touristen geschlossen. Auch Chichén Itzá hat Teile der Anlage gesperrt. Noch 2016 berichtete der englischsprachige Reiseführer »Lonely Planet« über Chichén Itzá, als handele es sich um einen Abenteuerspiel- platz: »Auf der Rückseite gibt es noch einige Durchgänge, die geöffnet sind und ein kleines Stück ins labyrinthische Innere führen. Sie sind dunkel und rutschig, es stinkt nach Fledermaus- urin und man kann sich leicht einen Knöchel verstauchen, aber Möchtegern-Indiana Jones’ werden glauben, dass es total cool ist.« Mittler- weile sind die Eingänge geschlossen. Dennoch überschreiten regelmäßig Besu- cher die markierten Wege, die, wie Guide Nei- dy Caamal Kantun in Tulum erklärt, vor zehn Jahren angelegt wurden, um den Tourismus zu kanalisieren. So machte der kanadische Popstar Justin Bieber Anfang 2016 von sich reden, als er in Tulum auf abgesperrte Ruinen kletterte, ver- warnt wurde, und nach einem weiteren Versuch, gesperrtes Gelände zu betreten, von der Anlage eskortiert wurde. Doch nicht nur Besucher hinterlassen Schä- den, auch Events greifen die Bausubstanz an. So sorgte etwa ein Konzert des Opernsängers Pla- cido Domingo, für das Tribünen in Chichén Itzá aufgebaut wurden, 2008 für Diskussionen.

Zu viele Busse: Abgase lassen die Steine schwarz werden

Weitere Probleme kommen durch den Bau von Straßen, Parkplätzen und Gebäuden in und an den historischen Stätten hinzu. Nicht zuletzt belastet der Tourismus die Umwelt und schadet so indirekt. Saurer Regen etwa hat in den letz- ten Jahren einem Bericht der »New York Times« zufolge nicht nur dazu geführt, dass die einst roten und blauen Wandmalereien ausgeblichen und kaum noch zu erkennen sind. Er verur- sachte auch Risse im Gestein, durch die Wasser und Mikroorganismen eindringen. Außerdem bildet sich auf vielen Steinen eine schwarze Kruste aus Überresten der Säuren. Sie stammen nicht nur aus natürlichen Quellen wie Vulkan- ausbrüchen, sondern auch aus der Industrie vor Mexikos Küste – und von den Bussen, mit de- nen Touristen zu den Anlagen fahren. Sogar die Archäologie selbst trägt zum ver- antwortungslosen Umgang mit dem Erbe

selbst trägt zum ver- antwortungslosen Umgang mit dem Erbe Die Welt besucht Mexiko 32,1 Besucherzahlen in
Die Welt besucht Mexiko 32,1 Besucherzahlen in Millionen 23,3 21,9 20,6
Die Welt
besucht
Mexiko
32,1
Besucherzahlen
in Millionen
23,3
21,9
20,6

2000 2005 2010 2015

Die Zahl der chine- sischen, deutschen und japanischen Touristen stieg besonders stark an

Der Massentourismus greift die Bausubstanz der Maya-Stätten an

10 G Geschichte 7 | 2017

Als Konzertkulisse vermarktet:

Placido Domingo 2008 in Chichén Itzá

Viele Kreuzfahrer machen einen Abstecher zu Mexikos Maya-Erbe

Schlangen von Touristen auf Cobá auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán

Bildnachweis: GeTTy imaGes/aFP/sTr, isTockPhoTo.com/aneese, isTockPhoTo.com/evGeny kozhevnikov, isTockPhoTo.com/oGPhoTo, PrivaT

Blickpunkt: Maya

»Der touristische standpunkt interessiert uns nicht«

Der mexikanische Archäologe Antonio Benavides

bei: durch wissenschaftlich nicht begründete Grabungen. Da die Touristen an einem authen- tischen Erlebnis interessiert sind, bedeutet eine möglichst große Anzahl restaurierter histori- scher Stätten einen Standortvorteil. Doch jede Grabung und Restauration bringt Verluste mit sich. »Wenn man ausgräbt, zerstört man notge- drungen vieles«, erklärt der Bonner Archäologe und Völkerkundler Berthold Riese. »Restau- rieren kann man nur eine einzige Bauphase, während eine Maya-Pyramide in ihrer gesam- ten Bauzeit vielleicht zehn Hauptbauphasen hatte.« Die Folge: Rekonstruiert werden vor al- lem Epochen, die sich touristisch vermarkten lassen. »In Tikal, in Guatemala, haben Archäo- logen die letzten Bauphasen der Tempelpyrami- den bewusst beseitigt, um die besser erhaltenen darunterliegenden freizulegen und zu restaurie- ren. Das gilt auch für Copán in Honduras, wo ich selbst gearbeitet habe«, berichtet Riese.

Archäologen unter Druck: Restauriert wird, was sich gut vermarkten lässt

Die Vermutung liegt nahe, dass Politik und Wirtschaft Archäologen unter Druck setzen, touristisch verwertbare Überreste auszugraben und zu restaurieren. Antonio Benavides Castillo vom mexikanischen Nationalinstitut für An- thropologie und Geschichte INAH in Campe- che kann das bestätigen: »In einigen Regionen nehmen Reiseveranstalter, Hotels, Airlines und Busunternehmen Einfluss, um mehr archäo- logische Stätten zu öffnen, zusätzliche Ausgra- bungen durchzuführen oder mehr Gebäude zu restaurieren.« Er betont aber, dass die Ar- chäologen sich ihre Unabhängigkeit trotzdem bewahrt hätten: »Als Forscher sind wir den vergangenen Gesellschaften und der wissen- schaftlichen Erforschung verpflichtet. Der tou- ristische Standpunkt interessiert uns nicht.« Doch selbst wenn Archäologen sich von Poli- tik und Wirtschaft, die Grabungen immer wie-

sich von Poli- tik und Wirtschaft, die Grabungen immer wie- der finanziell fördern, tatsächlich nicht beein-

der finanziell fördern, tatsächlich nicht beein- flussen lassen, bleibt die Übernutzung der Ru- inen ein Problem. Berthold Riese plädiert dafür, möglichst viele gar nicht erst auszugraben und im Schutz der Erde zu lassen. Das Kern- gebiet der historischen Maya ist nach wie vor mit so dichtem Urwald bewachsen, dass For- scher noch von Dutzenden unentdeckten Maya- Städten ausgehen. Für zukünftige Generationen mit dann möglicherweise neuen Methoden und Fragen sind also Reserven vorhanden. Maya-Fans der Gegenwart und nahen Zu- kunft schlägt Riese vor, sich die Reise nach Yucatán zu sparen und die Orte stattdessen bei- spielsweise mit Virtual-Reality-Brillen von zu Hause aus zu erkunden. Das Nachsehen hät- ten dann natürlich die Leute, die vor Ort vom Tourismus leben. Besonders realistisch ist die- ser Vorschlag ohnehin nicht, im Gegenteil: Die allgegenwärtige Bilderflut scheint das Bedürf- nis nach eigenen, authentischen und haptischen Erlebnissen sogar noch zu steigern, wie man nicht nur in Yucatán beobachten kann, sondern in antiken Stätten überall auf der Welt. Der mexikanische Archäologe Antonio Benavides Castillo setzt auf Aufklärung. »Tou- risten sollten die Stätten mit Respekt und auf höfliche Art nutzen«, fordert er. »Sie sollten sich stärker über das informieren, was sie besuchen werden, und sie sollten sich darüber im Klaren sein, was sie vor Ort tun.« Von der Wirtschaft und den Besuchern fordert er mehr Mittel für den Erhalt der Ruinen. In dieselbe Richtung ge- hen Maßnahmen in Tulum und Chichén Itzá, Touristen stärker zu lenken oder bestimmte Bereiche zu sperren. Ob die Hoffnung auf rücksichtsvolleres Ver- halten mehr ist als ein frommer Wunsch, wird sich zeigen. Sicher scheint nur: In den nächsten Jahren ist in Yucatán nicht damit zu rechnen, dass die Besucher um die Maya-Ruinen plötz- lich einen großen Bogen machen werden.

Maya-Ruinen plötz- lich einen großen Bogen machen werden. Über den Autor Tobias Sauer ist Reise- und
Über den Autor Tobias Sauer ist Reise- und Wissenschafts- journalist in Berlin. Dieses Jahr recher-
Über den Autor
Tobias Sauer ist Reise-
und Wissenschafts-
journalist in Berlin.
Dieses Jahr recher-
chierte er vor Ort in
Tulum und Chichén
Itzá. In jüngster Zeit
hat die zuständige Be-
hörde die Regeln für
Besucher verschärft,
um die Ruinen vor
Vandalismus zu schüt-
zen. Dass Touristen
die Anlage erleben
wollen, kann Tobias
Sauer durchaus nach-
vollziehen: »Die histo-
rischen Stätten vor
dem türkisblauen
Meer sind einfach
wahnsinnig schön.«
Matthias Meyer bei der Arbeit im Institut für evolutionäre Anthropologie
Matthias Meyer
bei der Arbeit
im Institut für
evolutionäre
Anthropologie
Fundort von DNA-Spuren
Fundort von DNA-Spuren
Eine Bodenprobe bei der Untersuchung
Eine Bodenprobe bei
der Untersuchung

EVoluTionSBioloGiE

Sand als lieferant für Erbgut

Um an DNA der frühen Menschen zu gelangen, mussten Forscher deren Knochen entdecken und analysieren. Eine neue Methode kann das ändern

[ VON THOMAS HEIGL ]

m enschliche Skelettfun- de aus der Steinzeit sind selten. Bisher wa- ren Wissenschaftler auf

sie angewiesen, um mit Hilfe des Erbmoleküls DNA Aussa- gen über die menschliche Evolution zu treffen. Ein Team des Max- Planck-Instituts für evolutionäre An- thropologie hat nun eine Methode entwickelt, die es ermöglicht, DNA in Ablagerungen wie Sand nachzu- weisen. In fünf Proben aus Höhlen in

Europa und Russland fanden sie Erb- gut von Neandertalern und einem Denisova-Menschen. Beide Gattun- gen lebten vor mehr als 40 000 Jah- ren. Wie die Spuren dorthin kamen? »Die genaue Quelle der DNA kennen wir nicht«, erklärt Matthias Meyer,

Leiter des Forscherteams im Ge- spräch mit G/GESCHICHTE. »Es könnte sich um DNA aus Körperflüs- sigkeiten, Exkrementen oder verwe- sendem Gewebe handeln, die an Mi- nerale im Sediment gebunden wurde. Es ist aber auch möglich, dass mikro- skopisch kleine Knochen- oder Zahnfragmente im Sediment enthal- ten sind. Diese könnten zum Beispiel beim Aasen durch eine Hyäne ent- standen und mit Hyänenkot zurück- gelassen worden sein.« Die Analyse von Sedimenten dürfte künftig eine wichtige Rolle spielen: »Anhand der gefundenen DNA können wir nun viel genauer nachvollziehen, an wel- chen Orten sich wann Frühmen- schen aufgehalten haben«, klärt Mat- thias Meyer auf.

Chronik im Juli

3. 7. 987

Die Dynastie der Kape- tinger übernimmt die Macht im Westfränki- schen Reich: Mit der Krönung von Hugo Capet endet die Herr- schaft der Karolinger.

von Hugo Capet endet die Herr- schaft der Karolinger. »ich bin nicht, wer ich war, und

»ich bin nicht, wer ich war, und will es nie wieder sein!«

Vasco da Gama nach seinen reisen

8. 7. 1497

Der Seefahrer Vasco da Gama verlässt den Hafen Restelo in Lissa- bon, um einen Seeweg nach Indien zu finden. Im November wird er das Kap der Guten

Hoffnung an der Südspitze Afrikas umsegeln.

9. 7. 1807

Der Friede von Tilsit zwischen dem franzö- sischen Kaiser Napole-

on Bonaparte, dem russischen Zaren Alex- ander I. und dem preu- ßischen König Fried- rich Wilhelm III. been- det den Vierten Koaliti- onskrieg. Preußen gilt danach nur noch als

B ILDNACHWEIS : AKG, AKG/H ERITAGE-I MAGES /E&E I MAGE L IBRARy, I STOCKPHOTO . COM /EGAL , M A x P LANCK I NSTIT u TE FOR E VOLu TIONARy A NTHROPOLOGy, C HRISTIAN P ERRENO u D, Sy LVIO Tü PKE /M A x P LANCK I NSTIT u TE FOR EVOLuTIONARy ANTHROPOLOGy; QuELLE STATISTIK: BuNDESVERBAND DER DEuTSCHEN SüSSWARENINDuSTRIE

Forum & Chronik

8,1

Jährlicher Speise- eisverbrauch

In Deutschland pro Kopf (in Liter)

7,9

7,8 7,7
7,8
7,7
eisverbrauch In Deutschland pro Kopf (in Liter) 7,9 7,8 7,7 2007 2010 2013 2016 »Seit wann
2007 2010 2013 2016
2007
2010 2013
2016

»Seit wann gibt es das Eis am Stiel?«

das erste einge- reichte Patent stammt aus dem Jahr 1923 vom US-Ameri- kaner Frank Epperson. Laut eigener Aussage hat er Eis am Stiel schon 1905 erfunden. Die Entstehung war reiner Zufall: In einer Winternacht ließ er als elfjähriger Junge nach dem Spielen ver- sehentlich ein Glas Wasser mit aufgelös- tem Brausepulver und

ein Glas Wasser mit aufgelös- tem Brausepulver und einem Löffel darin auf einer Fensterbank im Freien

einem Löffel darin auf einer Fensterbank im Freien stehen. Die Flüssigkeit gefror bis zum nächsten Morgen und Epperson hatte das erste Wassereis. Als Erwachsener ver- trieb er sein »Pop- sicle« in einem kalifor- nischen Freizeitpark. 1925 verkaufte er die Patentrechte auf- grund von Geldmangel an die Joe Loewe Company in New York.

Z E i TZE i C h E n: 12. 7. 927

Wie aus England ein königreich wurde

Nach Jahrhunderten der Kleinstaaterei wird Æthelstan von Wessex als Herrscher anerkannt

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gen englisch-schotti- schen Grenze wird immer einen festen Platz in der briti- schen Geschichte haben. Bei einem Treffen der Könige von Wales, Schottland und Strath- clyde erkennen diese den Kö- nig von Wessex, Æthelstan, als Oberherrscher über England an. Bis dahin

manische Stämme der Angeln, Sachsen und Jüten bildeten schließlich am Ende des 6. Jahrhunderts sieben Königrei- che: Essex, Wessex, Sussex, Kent, Mercia, East Anglia und Northumbria. Eintracht gab es unter ihnen nicht, dafür immer wieder Kriege. Auch ein Alleinherrscher in Eng- land kristallisierte sich vorerst nicht heraus. Wessex, im Sü-

kristallisierte sich vorerst nicht heraus. Wessex, im Sü- war es ein langer Weg. Fast 400 Jahre

war es ein langer Weg. Fast 400 Jahre regierten die Römer in Britan- nien. Im 5. Jahrhun- dert zogen sie ihre Truppen von der Insel ab, weil diese im Zuge der Völker- wanderung drin- gend auf dem Fest- land gebraucht wurden. Was blieb, war ein machtpoli- tisches Vakuum. Verschiedene ger-

blieb, war ein machtpoli- tisches Vakuum. Verschiedene ger- den der Insel, mit sei- nem König Æthelstan,

den der Insel, mit sei- nem König Æthelstan, setzte sich zu Beginn des 10. Jahrhunderts im Machtkampf um die Vorherrschaft durch. Nach der Eroberung von Northumbria, dem letzten verbliebenen Teilreich, kam es in Eamont Bridge zur his- torischen Zusammen- kunft. Æthelstan re- gierte bis zu seinem Tod im Jahr 939.

Æthelstan nannte sich als erster »König der Engländer«

europäische Mittel-

Kraft. Regierungschef wird Otto von Bismarck. 1870/1871 schließen sich dann die süddeutschen Staaten mit dem Bund zum Deutschen Kaiserreich zusammen.

17. 7. 1917

Coburg und Gotha« ei- nen neuen Namen. Die- ser leitet sich von der königlichen Residenz »Windsor« ab.

17. 7. 1987

beschließt die Abschaf- fung der Todesstrafe. Kurz vor einem offiziel- len Besuch in der Bundesrepublik will Erich Honecker so das innerdeutsche Verhält- nis aufbessern.

macht.

Aufgrund des innenpo- litischen Drucks und der Konfrontation mit Deutschland während des Ersten Weltkriegs gibt sich das britische Königshaus »Sachsen-

1. 7. 1867

Die Verfassung des Norddeutschen Bun- des, der von Preußen dominiert wird, tritt in

Der Staatsrat der DDR

Der Ludovisi

Sarkophag

aus der Mitte des 3. Jahrhunderts erzählt vom Kampf zwischen Legionären und Goten. Der Auftraggeber war höchstwahrscheinlich ein römischer Feldherr

BiLDnAchweis: MAuritius iMAGes/LAnMAs/ALAMy

Goten Die Saga Von Kriegern und Königen Sie triumphierten über die Römer und gründeten zwischen

Goten Die

Goten Die Saga Von Kriegern und Königen Sie triumphierten über die Römer und gründeten zwischen Spanien

Saga

Goten Die Saga Von Kriegern und Königen Sie triumphierten über die Römer und gründeten zwischen Spanien

Von Kriegern und Königen

Sie triumphierten über die Römer und gründeten zwischen Spanien und der Adria germanische König- reiche. Doch bereits im 8. Jahrhundert waren die Goten Geschichte. Einzig ihr unheilvoller Name überlebte

Fanal am Tiber

Gebete waren die letzte Waffe der Bewohner Roms. Sie hatten sich in die Kirchen der Ewigen Stadt geflüchtet, als gotische Krieger die Tore durchbrachen

Die Westgoten Rom erobern

Bildnachweis: Bridgeman/art gallery of south australia adelaide

16 G GeschichTe 7 | 2017

goten

goten [ VoN FRANZ METZGER ] V on draußen konnten die ver- ängstigen Menschen das Kra-

[ VoN FRANZ METZGER ]

V on draußen konnten die ver- ängstigen Menschen das Kra- chen eingeschlagener Türen hören, das Klirren von zer- schmetterten Gläsern und Tontöpfen, überlagert vom grö-

lenden Lachen der Plünderer und den Angstschreien der Römerinnen und Römer, die keine Zuflucht in den Gotteshäusern gefunden oder gesucht hatten. Das Unfassbare war geschehen: »[1162] Jah- re nach der Gründung Roms war die kaiserliche Stadt, die einen beträchtlichen Teil der Mensch- heit unterworfen und zivilisiert hatte, der willkürlichen Wut der Stammeskrieger aus Ger- manien und Skythien ausgeliefert« – so der His-

toriker Edward Gibbon in seiner monumen- talen Darstellung von Niedergang und Fall des Römischen Reiches aus dem 18. Jahrhun- dert. Der Niedergang war unübersehbar, doch dass die Stadt Rom tatsächlich fallen konn- te, war nicht nur für ihre Bewohner ein Schock.

das morsche imperium und seine gefährlichen Bundesgenossen

»Die letzte Hoffnung der Römer lag nun in der Barmherzigkeit oder zumindest der Mäßi- gung des Königs der Goten«, erklärt Gibbon. Wer waren diese »Stammeskrieger aus Germa- nien und Skythien« und wie konnte es zu die- ser Eskalation kommen? Unter dem Druck der angreifenden Hunnen war der germanische

Unter dem Druck der angreifenden Hunnen war der germanische der lethargische Kaiser honorius erhält die nachricht

der lethargische Kaiser honorius erhält die nachricht vom fall roms, gemälde von John william waterhouse

G GeschichTe 7 | 2017

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der sohn theodosi- us’ des großen wur- de 395 im alter von zehn Jahren Kaiser der westhälfte des römischen reiches, während sein älterer Bruder arcadius den osten des imperi- ums regierte. unter seiner herrschaft brach die rhein- grenze zusammen und die römer mussten Britannien aufgeben. als hono- rius 423 in ravenna starb, war das römi- sche imperium poli- tisch und wirtschaft- lich in seinen grund- festen erschüttert

Stammesverband der Terwingen oder Westgoten (Visigoten) 376 über die Donau in römisches Reichsgebiet gezogen. Kaiser Theodosius hatte sie als »Bundesgenossen« (foederati) akzeptiert. Foederati dienten dem Imperium als Söldnertruppen, es bezahlte sie mit Siedlungsland und Abgaben. Kaum hatte der junge Alarich 394 die Füh- rung des Stammesverbandes übernommen, sah er sich einer schwierigen Situation gegenüber:

Theodosius starb 395, und das Imperium wur- de zwischen seinen Söhnen Arcadius im osten und Honorius im Westen aufgeteilt.

Söhnen Arcadius im osten und Honorius im Westen aufgeteilt. der Kaiser lässt die römer im stich

der Kaiser lässt die römer im stich und flieht ins sichere ravenna

Ihre Politik beschränkte sich auf hemmungslo- ses Intrigieren und Kriegszüge gegeneinander, während immer neue Invasoren eindrangen. Den Blutzoll für diese selbstzerstörerische Re- gierungsweise zahlten die Foederati; Alarich sah seine Mannen dahinschmelzen, ohne dass er seinem Ziel näherkam, sicheres Siedlungs- land für seine Gefolgschaft zu finden. Als einzig seriöser Verhandlungspartner er- schien da noch der weströmische Heermeister Stilicho. Der hatte den Westgoten zwar schwere Niederlagen zugefügt, dann aber das Vertrauen des Gotenführers gewonnen – väterlicherseits war Stilicho Vandale. Diese Partnerschaft fand allerdings 408 ein jähes Ende, als Stilicho von seinen Feinden in den eigenen Reihen umge- bracht wurde. Vor Alarichs Zorn flüchteten sich Honorius und sein Intrigantenhof ins sumpfge- schützte Ravenna – der Kaiser selbst hatte kein Vertrauen mehr in die Verteidigungsfähigkeit seiner Hauptstadt Rom. Die schätzte auch Alarich entsprechend ein:

Wollte er das Imperium unter Druck setzen, musste er nur seine Krieger vor die bröckelnden Mauern der Stadt legen. Das tat er bereits 408, und angesichts der doppelten Bedrohung von Gewalt und Hungersnot trugen Senat und Volk von Rom 2000 Pfund Gold, dazu kostbare Ge- würze und Gewänder zusammen, um den Ab- zug der »Barbaren« zu erkaufen. Honorius im sicheren Ravenna blieb von der Not seiner Hauptstadtbewohner unbeeindruckt, und so kam Alarich zurück nach Rom – dies- mal als Politiker und offizieller Staatsgast, der mit dem Senat einen Gegenkaiser proklamierte. Nachdem auch dieses Manöver kein Ergebnis brachte, zogen die Visigoten und ihre Verbün- deten im Sommer 410 erneut vor Rom.

und ihre Verbün- deten im Sommer 410 erneut vor Rom. Diesmal versuchte der Senat, länger Widerstand

Diesmal versuchte der Senat, länger Widerstand zu leisten, als ihm Alarich seine Forderungen vorlegte: alles Gold und Silber in der Stadt, dazu alle Wertgegenstände und alle Sklaven, die ei- nen »Barbarennamen« trugen. »Was, oh König, bleibt da denn uns noch?«, sollen die Senatoren gejammert haben. Alarichs knappe Antwort:

»Euer Leben«. Das zu schonen und dazu alle Kirchenschätze, war auch Alarichs Tagesbefehl, als Rom seinen Truppen in die Hände fiel; ver- mutlich weil Verbündete – oder Verzweifelte – die Tore öffneten. Fast 800 Jahre nach dem Kel- tensturm zog erstmals wieder ein feindliches Heer in die Ewige Stadt ein.

rom wird Beute der »Barbaren«, nur die schätze der Kirche bleiben verschont

Drei Tage dauerte die systematische Plünderung Roms dieses Mal – mit Ausnahme der christli- chen Kirchen. Hier hielten sich die Goten angeb- lich an den Befehl ihres Heerführers. Nach einer Anekdote bildeten Krieger des Alarich sogar einen Geleitschutz für den Kirchenschatz von St. Paul vor den Mauern, den eine fromme Wit- we in ihrem Haus verborgen hatte. Dem Zug des Schatzes sollen sich dann auch zahlreiche verängstige Römer angeschlossen haben, die so in St. Peter Sicherheit fanden. Zu Totschlag und Vergewaltigungen kam es dennoch, vor allem wenn Römerinnen und Römer ihre Kostbarkeiten zu retten versuch- ten. Und auch einige Feuersbrünste brachen aus. Insgesamt war die Stadt Rom aber weitgehend intakt und unzerstört, wenn auch völlig ver-

Bildnachweis: Bridgeman, interfoto/mary evans, Ullstein/heritage images

Bridgeman, interfoto/mary evans, Ullstein/heritage images armt, als die Goten wieder abzogen. Das zwei- felhafte

armt, als die Goten wieder abzogen. Das zwei- felhafte Privileg, ihren Namen für rücksichts- lose Verwüstung hergeben zu müssen, blieb so den nächsten Eroberern Roms, den Vandalen, vorbehalten (siehe G/Geschichte 03/2015). Tatsächlich in Trümmern lagen aber die Reputation des Imperiums und der Ruf von Roms Unbezwingbarkeit. Die Schockwellen der drei Tage und Nächte im August 410 reichten weit und wirkten lange nach. Im fernen Beth- lehem beginnt der Kirchenvater Hieronymus seine Reaktion auf die Schreckensnachricht mit den Worten: »Meine Stimme stockt und mein Schluchzen unterbricht die Worte, die ich schreibe.« Er fasst zusammen, was viele Zeitge- nossen dachten: »Wenn Rom untergehen kann, was mag dann überhaupt noch in dieser Welt Bestand haben?« Roms Fall wird zur Sinn- und Existenzkrise der Zeit. Im nordafrikanischen Hippo treibt Augus- tinus, einen anderen Zeitzeugen und Kirchen- vater, eine weitere Sorge um: Gerade einmal 30 Jahre war es her, dass Kaiser Theodosius das Christentum zur Staatsreligion erklärt hatte. Rom hatte sich damit endgültig und unwider- ruflich von seinen alten Göttern losgesagt. Wa- ren sie es, die nun zur Rache ihre schützende Hand von der Stadt abgezogen hatten? Dass der Christ Alarich die Kirchen verschont hatte, war da nur weiteres Wasser auf den Mühlen der Verschwörungstheoretiker. Aber auch manche christlichen Denker begannen, an der immer engeren Verknüpfung ihrer Kirche mit dem weltlichen Imperium zu zweifeln.

Linke seite: die west- goten zerstören rom, gemälde von Joseph- n oël s ylvestre

rechts: alarich feiert seinen sieg, klischee- hafte Buchillustration

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genommen ist die Stadt, die den ganzen

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Der Kirchenvater hieronymus über den Fall roms

Augustinus entwickelte daher aus dem Schock ein anderes Verständnis von Geschichte:

»Schaut her, sagen sie, Rom fällt, und es fällt auch das Christentum. Aber bei der christlichen Re- ligion geht es doch nicht um den Zustand einer Stadt. Es geht dabei nicht um Steine und Holz oder schöne Gebäude und Mauern. Das, was der Mensch baut, zerstört er auch. Das ist nichts Neues.« Er fährt fort: »Großmächte steigen auf und gehen unter in der Weltgeschichte, und kei- ner kann behaupten, einen klar erkennbaren Grund dafür angeben zu können. Wir durch- schauen die Gesamtordnung nicht.«

der schock saß tief: war dies das ende der christlichen ordnung?

An die Stelle solcher Spekulationen setzt Au- gustinus seine Idee vom »Gottesstaat«: ein Ideal, nach dem es in jedem irdischen Staatswesen zu streben gilt, das aber im Diesseits unerreich- bar bleiben wird. Augustinus’ Reaktion auf den Fall Roms 410 legte wesentliche Grundlagen für die nachfolgende Staatsphilosophie. Seine kla- re Ablehnung aller Versuche, »Gottesstaaten« mit Gewalt aufzubauen, hat freilich solche Ex- perimente nicht verhindert. Manche Historiker bewerten die Eroberung Roms durch Alarich als ein »9/11 der Spätantike«. Sicher war der Schock für die Zeitgenossen ähnlich groß, doch kam er nicht unerwartet. Der »König der Goten« überlebte seinen Tri- umph nur um wenige Wochen: Auf dem Zug nach Süditalien, von wo aus er seinen Stammes- verband nach Afrika übersetzen wollte, starb Alarich in Kalabrien und wurde angeblich im Fluss Busento beigesetzt. »Schlaf in deinen Hel- denehren!/ Keines Römers schnöde Habsucht soll dir je dein Grab versehren!« dichtete im 19. Jahrhundert August Graf von Platen. Die West- goten gaben daraufhin das Ziel Afrika auf: Sie zogen erneut durch Italien, um schließlich in Südfrankreich und Spanien einen Platz zum Bleiben zu finden.

und Spanien einen Platz zum Bleiben zu finden. LeseTiPP Mischa Meier, Steffen Patzold: »August 410. Ein

LeseTiPP

Mischa Meier, Steffen Patzold: »August 410. Ein Kampf um Rom«. Reclam 2013, € 12,95

»August 410. Ein Kampf um Rom«. Reclam 2013, € 12,95 GeschichTe im inTerneT Roms Tage sind

GeschichTe im inTerneT

Roms Tage sind gezählt. Zwei Jahrhunderte garantierte der Limes Frieden in den römischen Provinzen. Doch dann schwächten Krisen das Imperium. www.g-geschichte.de/Plus

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Von der Donau bis nach Spanien

Westgoten | Eigentlich Visigothi, das von dem gotischen Wort vesi (gut, edel) abgeleitet werden könnte. Diese gotische Gruppe wird 291 n. Chr. als Terwingen erstmals bezeugt. Die Westgoten nahmen zunächst Gebiete nörd-

lich der Donau und westlich des Schwarzen Meeres in Besitz. Auf der Flucht vor den Hunnen über- querten große Teile unter Friti- gern 376 die Donau. Kaiser Va- lens wies den Westgoten Land zu (schraffiert eingezeichnet). Von

dort wanderten sie unter Alarich I. weiter und plünderten 410 Rom. In Aquitanien gründeten sie das tolosanische Reich und fassten schließlich in Spanien Fuß, wo sie bis zum Einfall der Araber im 8. Jahrhundert Bestand hatten.

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Ostgotenanerkannte west­ gotische Reiche im Oströmischen Reich Grenzen des West­ und Oströmischen Reiches, 395 n. Chr.

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Wanderungsbewegungen

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Vom Schwarzen Meer zur Adria

Ostgoten | Eigentlich Ostrogothi, die »Glänzenden« oder »Goten des Sonnenaufgangs«. Die Ostgo- ten lassen sich weitgehend mit dem Volk der Greutungen gleich- setzen, doch wurden später auch andere Ethnien integriert. Im Ge-

gensatz zu den Westgoten ver- blieben die meisten Ostgoten un- ter hunnischer Herrschaft. Nach dem Zerfall des Hunnenreiches im 5. Jahrhundert ließen sie sich in der römischen Provinz Pannonien nieder (dunkleres Gebiet auf Kar-

te). Unter Führung ihres Königs Theoderich des Großen zogen die Ostgoten nach Nord- und Mittel- italien. 555 wurden die letzten Ostgoten unterworfen und gingen schließlich in der italienischen Bevölkerung auf.

Herkunft und Mythen

Jenseits von Schweden

Erst als gotische Krieger im 3. Jahrhundert Roms Grenzen bedrohten, nahm die antike Welt Kenntnis von diesem Volk. Aber wo lagen seine Ursprünge?

[ VON DIRK HUSEMANN ]

D ie Spur führt nach Skandina- vien. Das jedenfalls glaubte der spätantike Autor Jorda- nes. In seiner Gotengeschichte berichtet er von einem Stamm namens »Getica«. Dessen Ur- sprung liege auf der Insel »Scandza«. Auf Landkarten

sucht man diesen Ort verge- bens. Einige Gotensucher der vergangenen 200 Jahre wollen Scandza in der Region Scania, dem heutigen Schonen, wiedergefunden haben. Andere tippen auf die Gegend um den Fluss Göta älv in Schweden oder die Insel Gotland. Der Versuch, in Scandza gar einen frühen Namen für das gesamte Südskandina- vien zu erkennen, gilt heute als gescheitert. Archäologen können die Worte des Jordanes mit keinerlei gotischen Artefakten oder Siedlungsspu- ren in Schweden belegen. Manchem Forscher ist der Text des Römers ohnehin suspekt: Jordanes schrieb 500 Jahre nach Beginn der gotischen Wanderung. Er kannte zeitgenössische Goten vermutlich aus eigener Anschauung. Ihre Herkunft aber wird er nur erzählt bekommen haben – und Stammesmythen haben einen Hang zum Nebulösen. Für weitere Undurchsichtigkeiten sorgten die Rö- mer selbst. Sie bezeichneten ab dem späten 4. Jahr- hundert n. Chr. alle diejenigen Stämme als Goten, die auf der anderen Seite der Donau lebten. Heu- te würden Ethnographen einen Sammelbegriff wie

»ostgermanische Stämme« verwenden. Doch in der Spätantike veränderten sich die Bündnisse und Standorte dieser Gruppen so rasch, dass die Römer nicht mehr folgen konnten. Ein vereinheitlich- ter Name war ebenso das Resultat wie eine völker- kundliche Verwirrung. Diese war möglicherweise so weitreichend, dass die Goten, die schließlich Rom bedrängten, mit den frühen Goten des Jorda- nes nicht mehr viel gemein hatten. Wer die Geschichte Nordeuropas erzählt, der be- richtet von kleinen Gruppen. Bei den Völkern jen- seits des Limes waren es die Cherusker, die Sueben, die Bataver, die Alamannen oder Brukterer, die die Römer unter dem Sammelbegriff »Germanen« zu- sammenfassten. Die Stämme selbst hielten von diesem Begriff nicht viel und pochten auf ihre eth- nische Eigenständigkeit.

Der Sammelbegriff Germanen ist eine Erfindung der Römer

Auch die im 6. Jahrhundert n. Chr. in Erscheinung tretenden Slawen bestanden aus kleinen Einheiten wie den Buschanen, den Polanen, den Slowenen oder den Kritwitschen. Anders als die von den Rö- mern so genannten Germanen bezeichneten sie sich selbst als Slawen. Dieses Wort bedeutet: »die, die Sprache sprechen«. Auch wenn die materielle Kultur dieser Gruppen unterschiedlich gewesen sein mag, fühlten sie sich durch eine gemeinsame Sprache ver- bunden. Alle anderen galten als Fremde.

Bildnachweis: Bridgeman/museo nazionale romano/Palazzo altemPs rom, BPK/ingrid gesKe

Krieger in wilder Nacktheit: Goten auf einem römischen Sarkophag, um 260

Gotische Kunst? Armreif der Wielbark-Kultur, gefunden in Polen

Zwischen dem germanischen Raum im Westen und dem slawischen im Osten lag jenes Gebiet, in dem die Goten erstmals in Erscheinung traten. Der Ver- gleich mit dem Selbstverständnis der umliegenden Stammesvölker lässt es unwahrscheinlich erschei- nen, dass die Goten sich selbst als größere ethnische Einheit sahen. Diesen Eindruck unterstützt die Archäologie. Der Hoffnungsträger vieler Gotenforscher ist die verhält- nismäßig kleinräumige Wielbark-Kultur. Sie ent- stand im 1. Jahrhundert n. Chr. auf dem Gebiet des heutigen Polen. Einige antike Autoren wie Tacitus, Strabo und Plinius der Ältere verorten »Gutones«, »Gotones« und »Gythones« in diesem geografischen Raum. Allerdings sprechen diese Autoren auch von etwa 30 weiteren Stämmen und Gruppen in der Ostseeregion, sodass eine eindeutige Zuordnung der Wielbark-Kultur zu den Goten einem Balance-Akt auf dem historischen Hochseil gleichkommt. Sollte der Usprung der Goten jedoch tatsächlich auf die Wielbark-Leute zurückgehen, so scheinen deren Wurzeln jedenfalls nicht in Skandinavien zu liegen.

Im archäologischen Fundgut sind keinerlei Ver- bindungen in den Norden nach Skandinavien nachzuweisen, wohl aber nach Westen in den ger- manischen Raum. Dort blühte bis etwa 200 v. Chr. die Jastorf-Kul- tur. Sie war im 6. vorchristlichen Jahrhundert auf dem Gebiet des heutigen Norddeutschland entstan- den und verdankt ihren Namen einem Gräberfeld bei Uelzen. Diese eisenzeitliche Kultur verbreitete sich bis zur Odermündung – in die direkte Nach- barschaft der späteren Wielbark-Kultur.

Die archäologischen Indizien sprechen gegen eine Urheimat in Skandinavien

Manche Objekte materieller Kultur wie Fibeln, Klammern und Halsringe der Jastorf-Kultur sind mit denen der Wielbark-Leute vergleichbar. Sollte sich das Volk der Goten tatsächlich in Pommern herauskristallisiert haben, so wäre es eher aus einer germanischen als aus einer skandinavischen Kultur- gruppe hervorgegangen. Im Kielwasser der Wielbark-Kultur entstand im 2. Jahrhundert n. Chr. eine weitere Gruppe, die heute als Tschernjachow-Kultur bekannt ist. Ihre Hinter- lassenschaften sind in der Steppenregion hauptsäch- lich nördlich des Schwarzen Meeres aufgetaucht. Die Verbindung zu den ostgermanischen Gruppen ist im Fundgut deutlich erkennbar. Erst von dort traten die Goten historisch in Erscheinung, als sie im 3. Jahrhundert zum ersten Mal ins römische Reich einfallen. Sollten die Goten mit den Trägern der Tschernjachow-Kultur identisch sein, so scheint es auch am Schwarzen Meer kein mächtiges Goten- volk, sondern nur eine Ansammlung von Stämmen gegeben zu haben. Im Fundmaterial fehlen Fürsten- sitze oder größere Siedlungen. Stattdessen lebten die Tschernjachow-Leute – wie die Menschen der Wiel- bark-Kultur – in kleinen Dörfern. Die Anfänge von Jordanes’ Gotengeschichte hal- ten dem Vergleich mit der Archäologie bislang nicht stand, die skandinavische Herkunft ist äußerst frag- würdig. Gewissheit bleibt nur in einem Punkt: Die Goten kamen aus dem Norden.

bleibt nur in einem Punkt: Die Goten kamen aus dem Norden. LeSetipp Herwig Wolfram: »Die Goten

LeSetipp

Herwig Wolfram: »Die Goten und ihre Geschichte«. C. H. Beck 2010, € 8,35

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Lokaltermin bei den Goten

Daheim

Wie lebten die Ostgermanen am Vorabend der Völkerwanderung?

Krieger in Bewaffnung

Zubereitung von Speisen

Bildnachweis: Goths’ VillaGe association (4); inteRnet: www.wioska-Gotow.pl

Bauernhof der Gotenzeit im polnischen Freilichtmuseum von Masłomecz. Hier wird für den Besucher gotische Geschichte lebendig

Eine Heiligenvita gibt Einblicke

Getreideanbau
Getreideanbau

Goten

[ VoN KARIN FEuERSTEIN-PRASSER ]

D ieser Märtyrertod schrieb Geschichte. Saba, ein junger Gote, lebte in seinem Dorf an der unteren Donau. Dass er sich zum Christentum bekannte, war zunächst kein großes Problem. Doch dann

begann Athanarich, Anfüh- rer der westgotischen Terwingen, die Christen zu verfolgen. Er befürchtete, sie könnten mit den Römern gemeinsame Sache machen. Saba weigerte sich strikt, seinen christlichen Glauben zu verleugnen, und wurde 372 hingerichtet. Beeindruckt von so viel Standhaftigkeit begann ein unbekannter Zeitgenosse, Sabas Lebens-und Leidensgeschichte niederzuschrei- ben, und offenbarte etwas Erstaunliches: Saba hätte gar nicht sterben müssen. Die heidnischen Dorfbewohner haben alles Menschenmögliche getan, um das Leben ihres christlichen Nach- barn zu retten. Kein Einzelfall, denn das gesell- schaftliche System der Goten hatte eine ganz besondere Eigenschaft.

Ein Richter steht über dem König, denn er braucht Weisheit

Die gotische Herrschaftsordnung unterschied sich in einigen Punkten ohnehin von der anderer germanischer Völker. Die wichtigste Einheit bildete der jeweilige Stammesverband ( Kuni ) mit Kleinkönigen ( Reiks ) an der Spit- ze. Waren gemeinsame politische Beschlüsse zu fassen, traten die Reiks zu einem Stammes- rat zusammen. Einen übergeordneten Großkö- nig kannten die Goten im 4. Jahrhundert nicht, auch wenn sie wie andere Germanen in Kriegs- zeiten einen Heerkönig auf den Schild hoben, der über zeitlich begrenzte Macht verfügte. Im Falle ungewöhnlicher innerer oder äußerer Kri- sen wählte der Stammesrat einen monarchi- schen Richter, dem er für eine gewisse Zeit die Befehlsgewalt übertrug. Diese Richter müssen hoch angesehene und erfahrene Männer ge- wesen sein, denn das Prestige des Amtes war ungleich größer als das eines Heerkönigs. Als nämlich Athanarich im Spätsommer 369 Frie- densverhandlungen mit dem römischen Kaiser Valens führte und von diesem als »König« an- geredet wurde, bestand er auf den Titel »Rich- ter«. Ein König, so sein Argument, besitze nur Macht, ein Richter Weisheit. Auf der untergeordneten Ebene lag die Macht in den Händen lokaler Adliger, Gefolgs- leuten des Reik. Sie geboten über ihr Haus,

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Goten

»Wer von diesem Fleische isst, kann kein christ mehr sein«

Der gotische christ saba weigerte sich, seinen Glauben zu tarnen

den Gard , einen gefolgschaftlich organisier- ten Herrschaftsbereich, dem Familienmitglie- der, Gesinde und Sklaven Gard , einen gefolgschaftlich organisier- ten Herrschaftsbereich, dem Familienmitglie- der, Gesinde und Sklaven angehörten. In Kon- kurrenz dazu standen die genossenschaftlich organisierten Dörfer, die Haims . Ihre Bewohner standen unter dem Schutz der Gemeinschaft, waren anahaims, konnten sich sicher, frei und geborgen fühlen. Verließen sie ihr Dorf, ver- schwand diese Schutzfunktion. Dass wir von diesem Herrschaftssystem wis- sen, verdanken wir dem anonymen Text über Saba: obwohl solche Leidensgeschichten oft stark stilisiert waren und ihr Plot bestimmten Regeln folgte, bietet diese doch viele Details über gotisches Alltagsleben. Bei großen politischen Entscheidungen hatten die Dorfbewohner zwar kein Mitspracherecht, aber dafür mischte sich normalerweise auch niemand in ihre ureigenen Angelegenheiten ein, sie besaßen weitgehende Autonomie. Waren Entscheidungen zu treffen, versammelten sich die freien Männer auf dem Dorfplatz, berieten, was zu tun war, und über- trugen die Ausführung der Beschlüsse einer Art Kompetenzteam, vermutlich bestehend aus be- sonders charismatischen und wirtschaftlich er- folgreichen Männern. Diese Männer waren alle Heiden, ein Christ wie Saba war von dieser Dorfelite ausgeschlossen. Manchmal musste sich die Dorfgemeinschaft aber auch den Ent- scheidungen des Stammesrats fügen, etwa wenn es um übergeordnete Interessen ging, die zum

Beispiel den umgang mit Christen betrafen. Falls sie sich dem widersetzten, war damit zu rechnen, dass ein Abgesandter mit bewaffnetem Gefolge ins Dorf kam und die genossenschaftli- che Selbstverwaltung gewaltsam beendete. Trotzdem stand der Zusammenhalt der Men- schen in den Haims stets an erster Stelle, ganz gleich, welchen Glauben sie lebten. Deshalb wäre auch Saba kein Haar gekrümmt worden, hätte er sein Christentum nicht allzu fanatisch nach außen getragen. Es war ein ungeschrie- benes Gesetz, dass auch Christen unter dem Schutz des Dorfes standen, das sich als große Familie empfand.

Ein Schwert als Symbol des Kriegsgottes und Hexen als Mütter der Hunnen

Über die Religion der Goten wissen wir nur we- nige Einzelheiten. Vermutlich verehrten sie den Kriegsgott Tius, einen altgermanischen Gott, der später Züge des römischen Kriegsgottes Mars annahm. Sein Symbol war das Schwert. Auch gibt es Hinweise auf eine kultische Vereh- rung des Mondes. Daneben scheinen aber auch römische Götter wie Jupiter Eingang in das go- tische Pantheon gefunden zu haben. Doch nicht alle Gottheiten machten diese kulturelle Anpas- sung mit. ohnehin besaß jeder gotische Klein- stamm seine eigenen Heiligtümer und seine eigene kleine Priesterschaft. Die spärlichen Quellen weisen auf einen Glauben an Magie

i KOmpaKt KOmpaKt

1 Der Fund
1 Der Fund
2 Die Rekonstruktion
2 Die Rekonstruktion

eine Ostgotin erhält ihr Gesicht zurück

Der schädel stammt vom Gräberfeld Globasnitz in Kärnten. Seine ungewöhnliche Form ist Resultat einer künstlichen Deformation stammt vom Gräberfeld Globasnitz in Kärnten. Seine ungewöhnliche Form ist Resultat einer künstlichen Deformation

Die Dermoplastik vermittelt einen realisti- schen Eindruck vom eins- tigen Aussehen der Frau vermittelt einen realisti- schen Eindruck vom eins- tigen Aussehen der Frau

Bildnachweis: inte R foto/ s upe Rs tock, s cience p hoto l i BR a R y/ p. plailly/ e . daynes (2)

hin. Besonders gefürchtet waren scheinbar die Haliurunae, Hexen, die »mit dem Totenreich ih- ren Zauber trieben«. Mit den bösen Geistern der Steppe sollen sie die Hunnen gezeugt haben. Nur durch die über Saba verfasste Geschichte ist uns ein religiöser Ritus bekannt, der ver- mutlich im Dorfleben fest verankert war. Dabei handelte es sich um ein rituelles opfermahl, an dem alle Bewohner teilnahmen. Taten sie es nicht, brachen sie die religiösen Bindungen der Gemeinschaft und leugneten ihren gemein- samen göttlichen ursprung. Als Strafe drohte dem Frevler die Verbannung. Verständlicherweise konnte Saba den Ver- zehr von geweihtem opferfleisch nicht mit sei- nem christlichen Glauben vereinbaren, doch seine heidnischen Nachbarn hatten bereits eine pfiffige Idee: um nicht unangenehm aufzufallen, sollten er und seine Glaubensgenossen einfach eine ungeweihte Fleischmahlzeit verzehren, so bliebe der Schein gewahrt und allen wäre ge- holfen. Weil sich Saba jedoch weigerte, bei der Trickserei mitzumachen, blieb den Dorfoberen keine andere Wahl, als den Abtrünnigen für eine Weile in die Verbannung zu schicken. Nachdem Saba in sein Dorf zurückgekehrt war, hofften alle, dass er sich etwas kompro- missbereiter zeigen würde. Doch weit gefehlt, der nächste Zwist kam bald. Als Stammesführer Atharid wissen wollte, wie viele Christen in dem Dorf lebten, erhielt er die Antwort: kein einzi- ger! Doch auch diese Schummelei wollte Saba nicht mitmachen und verlangte, dass man sei- nen wahren Glauben preisgab. So ging es noch eine Zeitlang weiter, Saba vereitelte alle gut gemeinten Schutzbemühun- gen, womit er seinen Tod letztlich bewusst in Kauf nahm. Den Dorfbewohnern blieb keine andere Wahl, als das urteil zu vollstrecken, wenn auch widerwillig und schweren Herzens. Sie führten Saba am 12. April 372 zum Fluss Buzau, stießen den Christen in die Fluten und drückten ihn mit Holzstangen so lange un- ter Wasser, bis er sein Leben ausgehaucht hatte. Dass er mit seinem Märtyrertod Geschichte schreiben würde, hat er wohl nicht geahnt.

Geschichte schreiben würde, hat er wohl nicht geahnt. Lesetipp Peter Heather, John Matthews: »The Goths in

Lesetipp

Peter Heather, John Matthews:

»The Goths in the Fourth Century«. Liverpool university Press 1991, ca. € 30,–

Rätselhaft: Gotische Bronzefigur, gefunden auf der Krim

i KOmpaKt Nachrichten von den Krimgoten Gotische Graffiti zeugen vom kulturellen Weiterleben bis ins Mittelalter

i KOmpaKt

Nachrichten von den Krimgoten

Gotische Graffiti zeugen vom kulturellen Weiterleben bis ins Mittelalter

N achdem sich 257 die ersten Ostgoten auf

der Krim niederge- lassen hatten, stieg ihre Zahl bald auf rund 60 000 an. Hauptstadt war Dori, de- ren Überreste heute unter dem tatarischen Namen Mangup Kale bekannt sind. Dori, eine auf einem Tafel- berg gelegene Höhenfes- tung, erhob sich etwa 300 Meter über die umliegende Landschaft. Schon 1938 hat- ten russische Archäologen in Mangup Kale Ausgrabun- gen organisiert und waren auf die Überreste einer goti- schen Kirche gestoßen, dar- unter Gesimsfragmente mit

gotischen Graffiti. Bei nähe- ren Untersuchungen fanden sich Inschriften und Zeich- nungen wie Kreise, Kreuze und Monogramme. Fromme Goten hatten ihre Bitten an Gott und die Heiligen in Stein geritzt. Damit ist erst- mals belegt, dass sich das von Wulfila geschaffene Al- phabet auch in Osteuropa verbreitet hat. Nachdem Ar- chäologen die Inschriften auf das späte 9. oder frühe 10. Jahrhundert datieren konnten, steht zudem fest, dass die krimgotische Sprache neben der griechi- schen Schriftsprache weiter existiert hat.

Wulfilas

Bibelübersetzung

Walhalla wird zum Paradies

Erfolgreiche Mission trotz Verfolgung: Lange vor Luther übersetzt Bischof Wulfila die Bibel in eine germanische Sprache. Christliche Begriffe erklärt er mithilfe gotischer Bilderwelten

[ Von Sophia Schülke ]

W ie übersetzt man die Bibel, wenn die eigene Spra- che über keine Schrift verfügt? Vor diesem pro-

blem stand im 4. Jahrhundert Wulfila, Bischof der Ter- wingen. lange vor Martin luther war er es, der das Wort Gottes erstmals in eine germanische Sprache übertrug. Seine Bibel avancierte zum wichtigs- ten Werkzeug für die Bekehrung der ostgermanischen Stämme, vielleicht, weil sie germanische Bilder benutzt. es scheint vor allem Wulfila zu verdanken,

dass die gotische Mission eine enorme kraft entwickeln konnte – den chris- tenverfolgungen durch die oberschicht zum Trotz. Wulfila (* 310, † 383) stammt von christlichen kappadokiern in klein- asien ab. Seine Vorfahren wurden wahrscheinlich um 257 bei einem der heereszüge, welche die Goten nach Griechenland und kleinasien führten,

als kriegsgefangene nach Dakien ver- schleppt, genauer ins Gebiet der heu- tigen rumänischen Walachei. Bereits früh lernt der spätere Geistliche latein und Griechisch. Wulfila wird lektor für den Gottesdienst und muss, wohl als Dolmetscher, um 337 an einer Ge- sandtschaft nach konstantinopel teil- genommen haben und zur weiteren geistlichen ausbildung dort geblieben sein. Vermutlich weiht Bischof eusebi- os von nikomedia den 31-Jährigen in antiochia zum »Bischof der christen im getischen [gotischen] land«.

Moses seiner Tage und Schöpfer eines neuen Alphabetes

Wulfila übt in dem von den Römern aufgegebenen Dakien sein amt aus, doch im Zuge der ersten gotischen christenverfolgung flieht der Gottes- mann 348 mit der Mehrheit seiner Glaubensgeschwister aus dem goti- schen Siedlungsgebiet. Der römische kaiser constantius ii. nimmt die Glau- bensflüchtlinge auf und weist ihnen die

Berggegenden im norden seiner pro- vinz Mösien im heutigen Bulgarien zu. Beeindruckt von Wulfila, soll der kaiser den Gotenbekehrer als Moses seiner Zeit bezeichnet haben. in Mösien predigt Wulfila auf la- tein, Griechisch und Gotisch und ver- fasst den Großteil seiner theologischen Schriften, darunter wohl auch die Bi- belübersetzung aus dem Griechischen. er und eine Gruppe von übersetzern entwickeln dazu eine neue Schrift, das Gotische: ihr Grundgerüst bilden griechische Buchstaben und Satzstel- lung. Bietet die griechische Schrift für einen gotischen laut kein geeignetes Zeichen, entlehnt Wulfila es aus dem lateinischen oder aus dem germa- nischen Runenalphabet. Mit dieser gotischen Schrift schuf Wulfila die äl- teste überlieferte Schriftsprache des Germanischen. auch inhaltlich ist der Gelehrte er- finderisch. Weil es für einige christliche ideen keine entsprechungen gab, er- weiterte er den gotischen Wortschatz,

Bildnachweis: akg, Magnus hjalMarsson/The original Belongs To uppsala universiTy liBrary

etwa durch entlehnungen und Zusam- mensetzungen aus dem heidnischen Rechts- und kultleben: So wird dem Be- griff galga, Stange, neu die Bedeutung kreuz zugeschrieben, der christliche altar wird als hunslastaþs (opfer- stelle) bezeichnet und Frauja, das Wort für den herrn, stammt vom nordi- schen Fruchtbarkeitsgott Freyr. auch der komplexe Begriff vom Reich Got- tes ist frei übersetzt: Für die griechi- schen und lateinischen Wörter basileia und regnum (königreich) findet sich in Wulfilas übersetzung neben thiudinas- sus, was im Gotischen die königsherr- schaft bezeichnet, auch thiudangardi (königsburg). Das paradies wiederum erklärt er mithilfe des Walhall-Mythos, wo- nach sich die Gefallenen in den hallen des himmels treffen, allerdings ohne kämpfe und Trinkgelage. aber Wulfila greift inhaltlich noch stärker ein. So soll er die alttestamentarischen kö- nigsbücher absichtlich ausgelassen ha- ben, weil der kriegerische inhalt das

Volk nicht aufstacheln sollte. Seine Bibelübersetzung ist nur zum Teil überliefert, etwa drei Viertel des neu- en Testaments und einige kapitel aus dem alten Testament. aber mit dem gotischen Atta unsar, thu in himinam legte er auch den Grundstein für das deutsche Vaterunser.

Der Erlöser der Goten ist nicht der Christus der Katholiken

Wulfilas christusbild ist geprägt von der lehre des arius von alexandrien. nach dessen auffassung galt christus nicht als gottgleich, sondern nur wesensähn- lich und als von Gott geschaffen. Bereits das erste konzil von nicäa hatte diese lehre allerdings 325 verurteilt und die Wesenseinheit von Gott, christus und heiligem Geist festgelegt. Dennoch verbreitete sich der soge- nannte arianismus im 4. und 5. Jahr- hundert weiter im Römischen Reich und bei den germanischen Stämmen, die in das imperium vordrangen. Die Goten folgen, aufgrund der Mission

goten

Der codex Argenteus (l.),

eine Abschrift der Goten- bibel Wulfilas, zählt zu den größten Schätzen der Universitätsbibliothek von Uppsala in Schweden

der Universitätsbibliothek von Uppsala in Schweden von Wulfila, der lehre von arius wohl schon um das

von Wulfila, der lehre von arius wohl schon um das Jahr 380 mehrheit- lich. Und noch auf seinem Totenbett bekannte sich der Gotenbischof Wulfi- la zu dieser verurteilten interpretation. Dass sich bald die christliche Trinitäts- lehre durchsetzte, tat der Wirkung sei- ner übersetzung keinen abbruch: Die Wufila-Bibel ist späteren Generationen so wertvoll, dass sie im 6. Jahrhundert als codex argenteus auf purpurnem pergament mit silberner und goldener Tinte angefertigt wird.

pergament mit silberner und goldener Tinte angefertigt wird. LesetiPP Wolfgang Giese: »Die Goten«. kohlhammer 2004, €

LesetiPP

Wolfgang Giese: »Die Goten«. kohlhammer 2004, € 16,–

Wolfgang Giese: »Die Goten«. kohlhammer 2004, € 16,– Geschichte im internet Sind Jesus und Gott gleich?

Geschichte im internet

Sind Jesus und Gott gleich? kaiser konstantin passte dieser Streit mit den arianern nicht ins konzept. ein konzil sollte klarheit bringen. Diese Geschichte lesen Sie unter: www.g-geschichte.de/Plus

Bildnachweis: akg/Osprey puBlishing/hOward gerrard

Hunde für Sklaven

Der Hunneneinfall und die Folgen

Asiatische Reiterkrieger drängen im 4. Jahrhundert nach Westen. Manche Goten unterwerfen sich dem Steppenvolk, andere suchen Zuflucht im Römischen Imperium. Dieser Schritt hat schwerwiegende Konsequenzen für beide Seiten

30 G GescHicHte 7 | 2017

[ VON SASKIA KERSCHBAUM ]

U m 375 n. Chr. überschritten hun- nische Reiterhorden den Fluss Don im Südwesten des heutigen Russland und attackierten die dort lebenden Ostgoten. Mit ihren ef-

fektiven Bögen und Überfalltak- tiken waren die Hunnen hoch überlegen, sie gewannen einen Kampf nach dem anderen. Das Ostgotenreich brach zusammen, dessen König Ermanarich nahm sich das Leben. Nur einem kleinen Teil seiner Krieger gelang die Flucht ins Römische Reich. Auch die weiter westlich siedelnden Go- ten vom Stamm der Terwingen wurden förm- lich überrollt. Ihnen blieb nichts anderes übrig,

Goten

als die benachbarten Römer um Hilfe zu bitten. Und tatsächlich: Kaiser Valens erlaubte den Ter- wingen, die Grenze in sein Reich zu überqueren. Er versprach ihnen Lebensmittel und langfristig die Ansiedlung in der Balkanprovinz Thrakien.

Roms Kaiser Valens benötigt die militärische Schlagkraft der Goten

Die Römer hatten gute Gründe dafür, die Flüchtlinge ins Land zu lassen: Entlang ihrer Donaugrenze brannte es überall, Soldaten wa- ren bitter nötig. Kaiser Valens konnte die Goten als militärische Hilfstruppen gebrauchen, zu- mal er dann nicht die eigenen Bürger zur Ar- mee zwangsverpflichten musste.

die eigenen Bürger zur Ar- mee zwangsverpflichten musste. 376 n. chr. Flüchtlingsstrom Die Goten fliehen vor

376 n. chr.

Flüchtlingsstrom

Die Goten fliehen vor den Hunnen zur Donau, um über den Grenzfluss ins Römische Reich zu gelangen

Goten

»so wurde mit stürmischem Bemühen das Verderben der römischen Welt herbeigeführt«

Marcellinus über Roms interaktion mit den Goten

375 — 453

Auslöser der Völkerwanderung

Auf ihren kleinen, wen- digen Pferden drangen die Hunnen bis Gallien und Italien vor. Nach Attilas Tod 453 verfiel ihr Reich. »Invasion der Barbaren«, Gemälde von Ulpiano Checa, 1887

32 G GescHicHte 7 | 2017

In Scharen drängten die verängstigten Go- ten über den vor Hochwasser angeschwollenen, reißenden Donaustrom. Viele stürzten von ih- ren behelfsmäßigen Flößen und ausgehöhlten Baumstämmen ins Wasser und ertranken. »So wurde mit stürmischem Bemühen das Verder- ben der römischen Welt herbeigeführt«, pro- phezeite der zeitgenössische Historiker Ammi- anus Marcellinus düster. Die Geflüchteten litten bald an Hunger. Wie Marcellinus berichtet, ersonn der römische Heerführer Lupicinus daraufhin »ein nieder- trächtiges Geschäft«: Er bot den Goten Hunde als Nahrungsmittel an – und verlangte als Preis für jedes Tier ein Mitglied ihres Stammes als Sklaven. Selbst wenn man dies nicht wörtlich glauben darf, so zeigt die Geschichte doch, wie chaotisch und unorganisiert die römische Ver- waltung mit dieser neuen Situation umging. Als dann Lupicinus Truppen von der Grenze abzog, damit diese Soldaten die Goten bewach- ten und geordnet in deren Siedlungsgebiete führten, hatte das schwerwiegende Folgen: Die entstandenen Lücken in der Grenzverteidigung nutzte ein hauptsächlich ostgotischer Stammes- verband aus, um die Donau zu überqueren. Die Eindringlinge suchten Kontakt zu den bereits im Reich befindlichen Goten unter dem Fürs-

zu den bereits im Reich befindlichen Goten unter dem Fürs- ten Fritigern. Der lehnte zunächst ab,

ten Fritigern. Der lehnte zunächst ab, hoffte er doch auf ein neues Zuhause für seinen Stamm. Ausgerechnet bei einer Versöhnungsfeier, die Lupicinus mit Fritigern und anderen hohen Gästen abhielt, eskalierte die Situation. Marcel- linus nennt keine Details, aber bei dem Festes- sen kam es zu Kämpfen zwischen Goten und Römern. Es folgten ein Aufstand und der erste gotische Schlachtensieg auf römischem Boden.

Vor der Schlacht bei Adrianopel setzen die Goten das Gras in Brand

Rom versuchte daraufhin, die Goten auszuhun- gern. Eingesperrt zwischen Schwarzem Meer, Donau und Balkangebirge blieb Fritigern kein Ausweg, als doch ein Bündnis mit den ostgoti- schen Eindringlingen zu schließen. Nun suchte Rom die Entscheidungsschlacht. Eine römische Heeresformation zog den Goten entgegen, die sich bei Adrianopel in der heu- tigen Westtürkei verschanzt hatten. Es muss unerträglich heiß gewesen sein an diesem 9. Au- gust 378. Über 18 Kilometer Fußmarsch muss- ten die schwer bewaffneten Legionäre an dem Tag hinter sich bringen, bevor sie das Schlacht- feld erreichten. Zusätzlich zu schaffen machten ihnen Durst und brennendes Gras, das die Go- ten vor ihrer Wagenburg angezündet hatten.

Bildnachweis: culture images/gp, mauritius images/imageBrOker/heinz-dieter Falkenstein

Als die geschätzt 30 000 Römer den Feind er- blickten, erschraken sie über dessen Anzahl, die weit höher war als die erwarteten 10 000 Mann. Kaiser Valens zögerte. Sollte er besser verhan- deln? Noch während der Kaiser überlegte, be- gannen zwei seiner Einheiten unautorisiert mit der Schlacht. Da stürzte ein gotischer Reiter- verband heran und rollte das gesamte römische Heer auf. Der Kampf war entschieden, der rö- mische Kaiser lag von einem Pfeil durchbohrt mit unzähligen seiner Soldaten auf einem blut- getränkten Schlachtfeld. Adrianopel bedeutete späteren Autoren wie dem Mönch Rufinus von Aquileia »der Anfang des Unheils«. In der aktuellen Forschung wird es manchmal noch als Wendepunkt in der Ge- schichte des Römischen Reiches angesehen. Für die Zeitgenossen jedoch hatte die Schlacht trotz des Kaisertodes zunächst nur begrenzte Kon- sequenzen. Den Goten gelang es nicht, Adria- nopel einzunehmen – ihre Belagerungstechnik war unterentwickelt. Fritigerns mächtige Koali- tion zerfiel, Plünderungen und Beutezüge stan- den wieder auf der Tagesordnung. Die kleinen Gruppen waren ein leichteres Opfer für die römische Armee, ganz besiegen konnte sie diese nicht. Die Gotengefahr blieb bestehen, und am 3. Oktober 382 wurde erst- mals vertraglich in einem sogenannten Foedus (Bündnis) vereinbart, was Kaiser Valens eigent- lich von Anfang an vorgehabt hatte: Die Go- ten erhielten das Gebiet zwischen Donau und Balkangebirge als Siedlungsland und wurden als autonom anerkannt, solange sie Kriegsdienst leisteten. Im Gegenzug unterstützte Rom sie bei der Versorgung mit Lebensmitteln. Sie waren nun quasi ein »Staat im Staat«, wie es der His- toriker Herwig Wolfram auf den Punkt bringt. Von nun an hatten die Römer Verbündete von zweifelhafter Loyalität in ihr Reich zu in- tegrieren, die mal ihren Vertrag brachen, mal als hervorragende Truppe an ihrer Seite kämpf- ten. Die Goten blieben aufgrund ihrer mobilen Kriegsführung brandgefährlich. Und sie verlie- ßen das Römische Reich nicht mehr, das sie nun als ihre Heimat betrachteten.

Reich nicht mehr, das sie nun als ihre Heimat betrachteten. Lesetipps Walter Klein: »Ammianus Marcellinus. Sein

Lesetipps

Walter Klein: »Ammianus Marcellinus. Sein Werk und Seine Historischen Quellen«. Forgotten Books 2015, € 9,60

Timo Stickler: »Die Hunnen«. C. H. Beck 2007, € 8,95

Marcellinus auf einer Holzschnitzerei an der Alten Lateinschule in Alfeld

einer Holzschnitzerei an der Alten Lateinschule in Alfeld i KoMpAKt Kämpfen, reisen, schreiben Ammianus Marcellinus

i KoMpAKt

Kämpfen, reisen, schreiben

Ammianus Marcellinus hat ein einzigartiges Geschichtswerk verfasst – und selbst viel erlebt

o hne Ammianus Mar- cellinus hätten wir

nicht das Bild der Spätantike, das wir heute kennen. Seine res gestae sind das letzte große latei- nischsprachige Geschichts- werk der Antike, die For- schung folgt in vielen Punk- ten seinen Ansichten. Die 31 Bände, von denen nur Band 14 bis 31 erhalten sind, um- fassten ursprünglich die Zeit von Kaiser Nerva (96 n. Chr.) bis zur Schlacht von Adria- nopel (378). Sie sind also insbesondere für die Ge- schichte der Völkerwande- rung, ihrer Akteure und ihrer Folgen für das Römische Reich von zentraler Bedeu- tung. Ammianus selbst, geboren um 330 in Syrien, führte ein turbulentes Leben. In seiner Jugendzeit erlebte er die

Christianisierung des Rei- ches unter Kaiser Konstan- tin mit, zog als Soldat zwei- mal gegen die Perser, wobei er fast sein Leben verlor. Erst als Veteran bereiste er verschiedene Provinzen des Römischen Reichs sowie Rom, wo er sein Werk ver- fasste und um 395 starb. In der Historiografie seiner Zeit ist Ammianus einzigar- tig: Er wertet eine Vielzahl an Quellen aus, schreibt re- lativ zuverlässige Exkurse über andere Völker, steht als Heide dem Christentum positiv gegenüber und er- reicht ein hohes Maß an Ob- jektivität. Immer gelingt ihm das allerdings nicht: Kaiser Julian, unter dem er diente, ist und bleibt sein Held. Ge- rade diese persönliche Note macht die res gestae zu ei- ner spannenden Lektüre.

Galla Placidia

Galla Placidia mit ihren beiden Kindern, zeit­ genössisches Porträt auf Glas
Galla Placidia
mit ihren beiden
Kindern, zeit­
genössisches
Porträt auf Glas

Erst verschleppt, dann verheiratet

Ein Frauenschicksal: Geisel, Ehefrau, Königswitwe, dann Zwangsehe und schließlich Regentin für ihren Sohn. Galla Placidias bewegte Biografie spiegelt das Chaos ihrer Epoche wider

[ Von Hans Käfer ]

Bildnachweis: akg/alBum, getty images/dea

E ndlich frei. sechs lange Jah- re hatten die Westgoten die Kaisertochter Galla Placidia als Geisel durch Italien und

frankreich bis nach spanien geschleppt. Jetzt kehrte sie zu ihrem Halbbruder Kaiser Honorius nach ra- venna zurück: Die hungernden Ger- manen tauschten sie tatsächlich gegen Getreide ein. Doch Honorius hatte eine unliebsame Überraschung für Placi- dia parat: sie sollte seinen wichtigs- ten Heerführer heiraten – es ist bereits die zweite Zwangsheirat im Leben der 26-jährigen römerin. Die um 390 geborene Galla Placi- dia war die perfekte Braut. als Tochter des verstorbenen Kaisers Theodosius I. brachte sie jedem ehrgeizigen ehe- mann die nötige dynastische Legitima- tion, um nach den höchsten ämtern im Weströmischen reich zu greifen. Bis zur Kaiserkrone. für Placidias per- sönliche Wünsche oder gar Liebe blieb da kein Platz. Placidias verschlungenes schick- sal begann mit einer Verschwörung:

408 ließ der über Westrom regierende Kaiser Honorius sein militärisches Mastermind stilicho töten. Der West- gotenkönig alarich nutzte die Chance und eroberte rom. Bei seinem abzug nahm er die Kaiserschwester als Geisel mit. nach alarichs Tod wurde dessen schwager athaulf zum neuen König der Westgoten erhoben, die mittler- weile in südfrankreich eine neue Hei- mat gefunden hatten. 414 heiratete der Herrscher Placidia. ob sie von der ehe begeistert war, ist nicht über- liefert. Vermutlich fügte sie sich in ihr schicksal: sie war nun die frau eines mächtigen Königs. neun Monate nach der Hochzeit gebar Placidia einen sohn: Theodosi- us. Der name des Großvaters war Pro- gramm: athaulf wollte mit der Kaiser- tochter und -schwester an seiner seite das römische reich erneuern. Doch bereits 414 starb der sohn. Im folgen- den Jahr endete auch die ehe zwischen »der Königin des südens« und »dem König des nordens« abrupt: ein Gote erstach athaulf.

»dem König des nordens« abrupt: ein Gote erstach athaulf. Ein Kleinod: Das Mausoleum der Galla Placidia

Ein Kleinod: Das Mausoleum der Galla Placidia in Ravenna

Mittlerweile war ein römer namens flavius Constantius oberbefehlsha- ber in ravenna. Der neue starke Mann Westroms verlangte die rückgabe von Placidia: 416 durfte die Witwe des Go- tenkönigs nach Italien zurück. Bereits im nächsten Jahr musste sie gegen ih- ren Willen Constantius heiraten, der auf diesem Weg Mitglied des Kaiser- hauses werden wollte. rasch brach- te sie hintereinander erst eine Tochter und danach sohn Valentinian zur Welt.

Inzestgerüchte, Palastintrigen und ein Machtrivale

Zwei Jahre später machte der kinderlo- se Honorius Placidias ehemann zum Mitkaiser Westroms: nun hatte die rö- merin den rang einer Augusta und ihr sohn war der designierte erbe. Doch völlig überraschend starb ihr Gemahl Constantius – Placidia war zum zwei- ten Mal Witwe und hatte obendrein schulden, die ihr Mann angehäuft hatte. es kam noch schlimmer: Ihre Gegner am Hof in ravenna warfen Placidia vor, Constantius zum Krieg gegen ostrom aufgehetzt zu haben. Zudem kursierte das Gerücht, dass sich Honorius seiner Halbschwester sexuell genähert hätte. Bewaffnete griffen Placidias Leibgarde an, es kam zu straßenkämpfen. Ver- zweifelt flüchtete sie mit ihren bei- den Kindern nach Konstantinopel zu Kaiser Theodosius II.

Goten

als Honorius 423 starb, nutzte Galla die Chance, um ihren kleinen sohn auf den weströmischen Thron zu hieven:

nach einigem Hin und Her einigten sich Theodosius und Placidia. Valenti-

nian wurde mit Theodosius’ zwei Jahre alter Tochter Licinia eudoxia verlobt und eine oströmische armee fiel in Ita- lien ein und beseitigte alle Konkurren- ten. Mit sechs Jahren war Valentinian

425 Kaiser von Westrom. Galla Placidia

hatte ihr Ziel erreicht. als regentin für den Kindkaiser hielt sie die Macht in den Händen. Bis 437 herrschte Placidia de facto über das Weströmische reich. Die Gesetze, die Valentinian III. he- rausgab, bestimmte seine Mutter maß- geblich mit. Doch ein schatten legte sich über den Triumph. Die entscheidende Person dieser Zeit wurde immer mehr der römische offizier flavius aetius. Mithilfe hun- nischer Truppen setzte er sich gegen Placidias Gefolgsleute durch, und die regentin musste ihren rivalen zum oberbefehlshaber der weströmischen Truppen erheben. ein Chronist schrieb über die neuen Machtverhältnisse:

»Gestützt auf sein Bündnis mit den Barbaren, bevormundete aetius Placi- dia und ihren jungen sohn.« als 437 der 18-jährige Valentinian III. und eudoxia heirateten, musste Pla- cidia endgültig ins zweite Glied zu- rücktreten. sie konzentrierte sich jetzt auf die Kirchenpolitik. nach rund 60 Jahren eines oft fremd bestimmten Le- bens starb Placidia am 27. november

450 in rom. Dort, und nicht in dem

nach ihr benannten Mausoleum in ra- venna, fand sie vermutlich ihre letz- te ruhestätte. Und aetius? Der stopp- te den Vormarsch der Hunnen in der schlacht auf den Katalaunischen fel- dern. Doch Valentinian wollte sich von dem übermächtigen aetius befreien:

er erschlug ihn 454 eigenhändig im

Kaiserpalast.

befreien: er erschlug ihn 454 eigenhändig im Kaiserpalast. LEsEtiPP Hagith sivan: »Galla Placidia. The Last roman

LEsEtiPP

Hagith sivan: »Galla Placidia. The Last roman empress«. oxford University Press 2011, ca. € 24,–

i Zeittafel Zeittafel

Wer? Was? Wann? Wo?

Die großen Tage Roms sind gezählt. So profitierten die Goten davon

bis 200

200

300

 

400

1. Jh. n. Chr. Der römische Schrift- steller Plinius erwähnt ein Volk namens »Guto- nes« im Norden Euro- pas. Möglicherweise handelt es sich dabei um Menschen der Wielbark-Kultur, die Archäologen im heuti- gen Polen verorten

pas. Möglicherweise handelt es sich dabei um Menschen der Wielbark-Kultur, die Archäologen im heuti- gen Polen
die Archäologen im heuti- gen Polen verorten Seit 238 Erste Einfälle der Goten an der unteren

Seit 238 Erste Einfälle der Goten an der unteren Donau

die Archäologen im heuti- gen Polen verorten Seit 238 Erste Einfälle der Goten an der unteren

375

die Archäologen im heuti- gen Polen verorten Seit 238 Erste Einfälle der Goten an der unteren

410

Mit dem Einfall der Hunnen in Europa beginnt die Zeit der

Die Westgoten erobern und plündern Rom. Galla Placidia gerät in Gefangenschaft

 
242 Völkerwanderung  

242

Völkerwanderung

 

Gotische Söldner kämpfen im Heer von Kaiser Gordian III. gegen die Perser

 
Gotische Söldner kämpfen im Heer von Kaiser Gordian III. gegen die Perser   Seite 30 Seite

Seite 30

Gotische Söldner kämpfen im Heer von Kaiser Gordian III. gegen die Perser   Seite 30 Seite

Seite 34

376 418

376

376 418

418

Die Goten überqueren auf der Flucht vor den

Ansiedlung der Westgo- ten in Aquitanien im heutigen Südfrankreich

257 Hunnen die Donau und erbitten Siedlungsge- biet auf dem Boden des Römischen Reiches

257

Hunnen die Donau und erbitten Siedlungsge- biet auf dem Boden des Römischen Reiches

 

Erste Goten lassen sich

 

Um 150 Die Gutonen wandern aus Nordeuropa in Richtung Ukraine

Um 150 Die Gutonen wandern aus Nordeuropa in Richtung Ukraine
 

auf der Krim nieder

Um 150 Die Gutonen wandern aus Nordeuropa in Richtung Ukraine   auf der Krim nieder 451

451

 

In der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern

271

271

Die Goten dringen bis zur Donau vor

Die Goten dringen bis zur Donau vor 378   kommt es zum Show- down zwischen dem

378

 

kommt es zum Show- down zwischen dem Römischen Imperium und den Hunnen. Goten kämpfen auf beiden Seiten

 

In der Schlacht bei Adrianopel siegen die

 
 
  Um 291 Spaltung des Stammes in Ost- und Westgoten Goten und ihre Verbün- deten über

Um 291 Spaltung des Stammes in Ost- und Westgoten

Goten und ihre Verbün- deten über das Heer des Kaisers Valens

341 um 395 Alarich I. wird Anführer der Westgoten  

341

341 um 395 Alarich I. wird Anführer der Westgoten  

um 395 Alarich I. wird Anführer der Westgoten

 
 

Wulfila empfängt die

Bischofsweihe

36 G GeSChiChte 7 | 2017

Seite 28empfängt die Bischofsweihe 3 6 G GeSChiChte 7 | 2017 Niederlage der Westgoten gegen die Mauren

Niederlage der Westgoten gegen die Mauren am Rio Guadalete

476Der germanische Heer- führer Odoaker setzt den weströmischen Kaiser Romulus Augustulus ab. Ende des Weströmischen

Der germanische Heer- führer Odoaker setzt den weströmischen Kaiser Romulus Augustulus ab. Ende des Weströmischen Reiches

489Romulus Augustulus ab. Ende des Weströmischen Reiches Einmarsch der Ostgoten in Italien unter Theode- rich dem

Einmarsch der Ostgoten in Italien unter Theode- rich dem Großen

Seite 40der Ostgoten in Italien unter Theode- rich dem Großen 493 Theoderich tötet Odoaker und nimmt Ravenna

493Ostgoten in Italien unter Theode- rich dem Großen Seite 40 Theoderich tötet Odoaker und nimmt Ravenna

Theoderich tötet Odoaker und nimmt Ravenna ein

494 — 506 Die Westgoten erobern weite Teile Spaniens Die Westgoten erobern weite Teile Spaniens

500 — 600

um 525 Der Philosoph und Politiker Boethius wird als angeblicher Ver- schwörer hingerichtet

Boethius wird als angeblicher Ver- schwörer hingerichtet 552 Entscheidende Nieder- lage der Ostgoten in der Schlacht

552Boethius wird als angeblicher Ver- schwörer hingerichtet Entscheidende Nieder- lage der Ostgoten in der Schlacht am

Entscheidende Nieder- lage der Ostgoten in der Schlacht am Mons Lactarius gegen das

Seite 44 Oströmische Reich

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Oströmische Reich

526 Um 555 Kapitulation der letzten kämpfenden Ostgoten in Italien

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526 Um 555 Kapitulation der letzten kämpfenden Ostgoten in Italien

Um 555 Kapitulation der letzten kämpfenden Ostgoten in Italien

Tod Theoderichs

des Großen

Um 551/552 Der römische Gelehrte

Um 551/552 Der römische Gelehrte
Um 551/552 Der römische Gelehrte Seite 46

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Jordanes veröffentlicht seine Geschichte und

Beschreibung der Goten (»Getica«)

Jordanes veröffentlicht seine Geschichte und Beschreibung der Goten (»Getica«)
 

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Die Westgoten treten zum Katholizismus über

Goten

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711Die Westgoten treten zum Katholizismus über Goten 700 Die Westgoten unterlie- gen in der Schlacht am

Die Westgoten unterlie- gen in der Schlacht am Rio Guadalete einem maurischen Invasions- heer. Faktisches Ende der Gotenherrschaft in

Spanien

Seite 50heer. Faktisches Ende der Gotenherrschaft in Spanien Um 725 Kapitulation der letzten westgotischen Kämpfer »Die

Um 725

Kapitulation der letzten westgotischen Kämpfer

»Die Zierde des Königtums ist die liebe zur Gerechtigkeit«

Das Streben nach Gerechtigkeit gilt als typisch für theoderich den Großen

BILDNAcHWEIS: BRIDGEMAN; TExT: THOMAS HEIGL

G GeSChiChte 7 | 2017

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Am Hof Theoderichs II.

Ein römischer Gote

Das Leben des Westgotenkönigs entsprach so gar nicht den gängigen Vorurteilen. »Bibunt ut Gothi – Saufen wie die Goten«? Von wegen!

[ Von Karin Schneider-Ferber ]

Westgotische

Adlerfibel

aus einem Grab des 6. Jahrhunderts. Schmuckstücke dieser Art dienten als über­ feinerte Sicherheits­ nadeln für Umhänge und signalisierten den hohen Rang ihres Trägers

Bildnachweis: Bridgeman/walters art museum Baltimore

M ilde, gerecht, selbstbe- herrscht und mäßig im essen und Trinken:

Stellt man sich so ei- nen echten Goten vor?

Ja, meinte der hoch- gebildete, gallorömische aristokrat Si- donius apollinaris, ehemals römischer Stadtpräfekt und späterer bischof von clermont, der der nachwelt eine ein- zigartige Quelle hinterließ, im 5. Jahr- hundert. in einem brief beschrieb er detailliert Person und Lebensweise Theoderichs ii., der zwischen 453 und 466 regierte und dem gängigen Kli- schee vom pelzgewandeten, trans- pirierenden, nach ranziger butter riechenden »barbaren« völlig wider- sprach. Schon vom Äußeren her gab der König eine zivilisierte erscheinung ab: »Sein Körper ist gerade recht; er ist kein riese von Gestalt, aber doch grö- ßer und stattlicher gewachsen als der durchschnitt. er hat einen wohlgerun- deten Kopf, auf dem sein Lockenhaar von der glatten Stirn zurück bis zum hinterkopf reicht […]. ohren und ohrläppchen bedecken nach genti- ler Sitte die zurückgekämmten haare.« Kräftig gewachsen und durchtrainiert, das Gesicht rasiert und die haut ge- pflegt, konnte der Gotenkönig im er- scheinungsbild mit jedem vornehmen römer mithalten. Von Faulenzerei hielt Theoderich wenig. hinsichtlich Pflichtbewusstsein und Fleiß scheint er römische Tugen- den verinnerlicht zu haben. Sidonius schildert den geregelten, von einem strengen arbeitspensum gekennzeich- neten Tagesablauf des Königs: »Vor Tagesbeginn sucht er mit einem ganz kleinen Gefolge die Gemeinschaft sei- ner Priester auf und betet mit großem ernst […]. der rest des Morgens wird durch die Sorge um die Verwaltung des reichs bestimmt.« der König empfing bittsteller und Gesandte fremder Völker und widmete sich mit großem ernst den politischen Geschäften: »bedarf eine Sache erst gründlicher Überlegung, so schiebt er sie auf. Wenn sie rasch besorgt werden soll, treibt er dazu an.«

Wenn sie rasch besorgt werden soll, treibt er dazu an.« Zu seinen alltagspflichten gehörten rechtsprechung,

Zu seinen alltagspflichten gehörten rechtsprechung, Gesetzgebung und Verwaltung. dabei erwies er sich als unparteiisch und aufmerksam: »der König hörte meistens zu und antworte- te nur wenig.« religiöser eifer war ihm fremd, er nahm »mehr aus Gewohnheit denn aus Überzeugung« an den Gebe- ten seiner Priester teil und war durch- aus zu Kompromissen bereit.

Ein äußerst kultiviertes und maßvolles Leben

Geselligkeit und Spiel – wichtige ele- mente im gesellschaftlichen Leben der Spätantike – kamen an seinem hof nicht zu kurz. der König jagte leiden- schaftlich. den bogen spannte er selbst, ließ sich dann von einem Gefährten ein Ziel benennen und bewies seine Treff- sicherheit. Sein ehrgeiz, stets der beste zu sein, verführte ihn aber laut Sido- nius nicht zu ungehobelten Gemüts- ausbrüchen. Ging es ans Würfelspiel, wusste er sich zu beherrschen. »bei gu- ten Würfen schweigt er, bei schlechten lacht er«, so der chronist. »in keinem der Fälle wird er zornig, in jedem Fall aber zeigt er Gleichmut.« Sidonius wei- ter: »er sieht seines Gegenspielers Stein ohne bewegung entkommen und be- kommt seinen eigenen frei, ohne über- triebenen Jubel.« Mäßigung legte er auch beim essen an den Tag. Theoderich bevorzugte au- ßerhalb von Festtagen einfache Spei- sen. Weinkrüge kamen nur selten auf

den Tisch. Gleichwohl legte der Go- tenkönig auf einen standesgemäßen Luxus Wert. die Sitzmöbel seien mit faltenreichen, purpurfarbenen oder weißen Überhängen dekoriert, so Sido- nius, auch das Tafelsilber sei blitzblank geputzt. »Mit einem Wort, man sieht dort griechische eleganz, gallische Überfülle und italische Spritzigkeit, öffentlichen Prunk, die Sorgfalt ei- nes privaten hauses und königliches Maßhalten«, freute sich der vornehme Gallorömer. Selbst am abend, wenn die »Last des regierens« vorüber war, prasste der Gotenkönig nicht. allen- falls ein paar Schauspieler oder Musi- ker unterhielten ihn. derbe Späße auf Kosten anderer gab es nicht. So verkörperte der Gotenkönig die römischen Tugenden der Mäßi- gung, der Selbstbeherrschung und der Pflichterfüllung nahezu perfekt. Von einem abbruch der Kultur im Westgo- tenreich konnte keine rede sein. auch wenn Sidonius apollinaris an der einen oder anderen Stelle über- trieben haben mag, um dem König zu schmeicheln, so gibt seine beschrei- bung doch einen selten detailreichen einblick in das Leben am hof des West- gotenkönigs. dass es sich dabei nicht bloß um Fiktion handelt, davon legen nicht zuletzt archäologische Funde, die von den Westgoten stammen, Zeugnis ab. exquisite Schmuckstücke wie Gür- telschnallen, adler- und bügelfibeln lassen auf den gehobenen Lebensstil der oberschicht schließen. der König verfügte über einen eigenen Schatz, der edelsteine, Perlen, Gold- und Silber- münzen, Schmuck- und beutestücke aller art umfasste. aus den raubeinigen heerführern der Wanderzeit waren im 5. Jahrhun- dert kultivierte Fürsten geworden, die nicht einmal der gallische Senatoren- adel fürchten musste.

nicht einmal der gallische Senatoren- adel fürchten musste. LEsETIpp norman davies: »Verschwundene reiche. die

LEsETIpp

norman davies: »Verschwundene reiche. die Geschichte des vergessenen europa«. Theiss 2013, € 19,95

»Von Natur aus Kaiser«? So brutal er sich einführte, so geschickt regierte Theoderich über die Römer

Bildnachweis: mauritius images/art collection/alamy

Goten

Wie man über die Römer herrscht?

Wie ein Kaiser!

theoderich der Große

Theoderich, König der Ostgoten, brachte das Kunststück fertig, dass Goten und Römer friedlich nebeneinader lebten. Das erwies sich für beide Seiten als Win-win-Situation

[ Von ulrich graser ]

D er chronist Prokop schrieb 25 Jahre nach Theoderichs ende über ihn: »er war dem namen nach ein usurpator, der

Tat nach ein wahrer Kai- ser.« Zeitlebens habe er sich nur als Kö- nig ( rex ) anreden lassen: »aber er re- gierte über seine untertanen mit allen eigenschaften, die jemandem zukom- men, der von natur aus Kaiser ist.« nun ja. Vielleicht war Theoderich nicht »von natur aus Kaiser«. Doch

den Platz an der spitze fand er zielsi- cher. Der sprössling eines gotenfürs- ten aus der Familie der amaler wurde zu Beginn der 450er-Jahre geboren, als attila mit seinen hunnen gerade euro- pa bedrohte. Die goten kämpften mal mit, mal gegen die hunnen. Die amaler-goten siedelten nach dem hunnensturm südlich des Plat- tensees, in Pannonien, im heutigen Westungarn. Von dort aus stifteten sie vor allem unruhe. Kaiser Marcianus vereinbarte daher eine jährliche apa- nage von 300 Pfund gold, wenn sie nur endlich still hielten. als Pfand nahm er Theoderich zu sich nach Konstantino- pel, den achtjährigen gotenprinzen.

Zehn Jahre blieb der Junge im Zentrum der Macht. Dort lernte er neben lesen, schreiben und rechnen auch weitere Disziplinen, die für den späteren herr- scher wichtig waren: regierungskunst, intrigantentum, Verrat, politischer Mord und Diplomatie. Kaum zurück bei der Familie, über- fiel Theoderich 471, höchstens 20 Jahre alt, mit 6000 getreuen die sarmaten von singidunum, dem heutigen Bel- grad. nach erfolgreicher schlacht ließ er sich zum König ausrufen. sein Vater, König Thiudimir, lebte da noch.

Für den Gotenkönig ging es um das Überleben seines Stammes

Drei Jahre später starb Thiudimir und Theoderich trat die reguläre nachfolge an. Der unstete stamm der amaler, insgesamt vielleicht 50 000 Menschen, befand sich gerade auf einem raubzug in Makedonien. im nächsten Jahrzehnt wechselte er seine siedlungs- und Beute- gebiete noch mehrfach zwischen adria und schwarzem Meer. ebenso wechselhaft verlief Theode- richs Verhältnis zum Kaiser. 476/478 und von 483 bis 487 durfte er sich oberster heermeister nennen, mit dem

ehrentitel eines patricius . 484 ernannte ihn Kaiser Zenon gar zum Konsul. Dennoch: gunst und Feindschaft hielten sich die Waage. ende der 480er- Jahre spitzte sich die lage wieder zu. Theoderich hatte seine anhänger mit einem anderen stamm vereinigt und zahlenmäßig etwa verdoppelt. er be- stand auf ein eigenes reichsgebiet, um der bisherigen fragilen existenz eine dauerhafte Perspektive entgegenzu- setzen. immer wieder übte er militäri- schen Druck auf Konstantinopel aus:

zu stark, um leicht besiegt zu werden, aber zu schwach, um es wirklich mit dem Kaiser aufnehmen zu können. Da kam 488 die Wende. Kaiser Zenon bot Theoderich an, in seinem auftrag italien für das imperium zurückzu- erobern. Zenon versprach sich davon wohl vor allem ruhe vor den goten. Für Theoderich indes ging es ums Über- leben seines stammes. er nahm an. in italien herrschte der germane odoaker von ravenna aus. er hatte den letzten Kaiser Westroms, romu- lus augustulus, einfach abgesetzt. Für ostrom war odoaker, der durchaus er- folgreich regierte, ein Ärgernis. nun sollte es der gote Theoderich richten.

durchaus er- folgreich regierte, ein Ärgernis. nun sollte es der gote Theoderich richten. G Geschichte 7

Bildnachweis: istockphoto.com/starmaro

Wichtigstes Zeugnis gotischer Baukunst Theoderichs Mausoleum wird von einer 230 Tonnen schweren Kuppel gekrönt

nach mehreren schlachten, jahre- langer Belagerung und scheinbarer ei- nigung zog Theoderich 493 in ravenna ein. odoaker, jetzt regierungspartner, beseitigte er höchstpersönlich mit ei- nem schwerthieb. er spaltete odoa- kers leib und rief: »Keinen Knochen scheint der schuft im leib zu haben.« so brutal er sich einführte, so ge- schickt ging Theoderich daran, sich und die goten langfristig im römi- schen umfeld zu etablieren. Über sein selbstverständnis als herrscher schrieb er 507 an den Kaiser: »Mit gottes hil- fe haben wir in eurem staat gelernt, wie wir harmonisch über die römer herrschen können.« »Mit gottes hilfe«: Zwar hatte sich Theoderich jahrelang um die anerken- nung seiner regentschaft durch den Kaiser bemüht und sie 497/498 auch bekommen. Doch bei aller ehrerbie- tung lässt er keinen Zweifel: Meine herrschaft ist genauso von gott legiti- miert wie deine, ich stehe mit dir auf einer stufe – wie ein Kaiser eben. Theoderich wusste, wie er die römer anpacken musste: er ließ die Verwal- tung weitgehend intakt. auch der senat in rom durfte weiter bestehen. Die ein- flussreiche Klasse der grundbesitzer konnte auf rechtssicherheit vertrauen, wie bisher. Die römer behielten sogar ihre eigenen gerichte. nur für streitig- keiten unter den goten und zwischen römern und goten wurden spezielle instanzen eingesetzt. oberster richter war allein Theoderich. Der londoner geschichtsprofessor Peter heather analysiert: »er griff in italien nach der Macht im ideologi-

»er griff in italien nach der Macht im ideologi- schen gerüst der römischen herr- schaft, und

schen gerüst der römischen herr- schaft, und dieser aufstieg war in eine begriffliche und zeremonielle sprache gekleidet, die seine römischen unter- tanen – vor allem die einflussreichsten unter ihnen – sofort verstanden.« Mithilfe des senators liberius ge- lang es ihm, die gotischen Krieger an- zusiedeln, ohne die römer zu sehr zu belasten. Diese hätten »fast keinen Ver- lust gespürt«, schrieb der spitzenbe- amte cassiodor. Was praktisch war: so flossen die steuern ohne großen Wi- derstand in die gotische reichskasse.

Theoderich zwang niemandem seinen Glauben auf

Mit Theoderich kamen eine reihe an- derer stämme nach italien: heruler, skiren, sarmaten, sueben, rugier, Tai- falen und Thüringer. Bis auf die ru- gier gingen sie alle in den goten auf. anders als die römer durften sie go- ten heiraten. Für römer blieb auch der Kriegsdienst verschlossen: »Während das gotenheer Krieg führt, lebe der römer in Frieden«, so cassiodor. Theoderich verfolgte ein Konzept der friedlichen Koexistenz: »Wie ihr [die goten] die römer durch ihre Besitzun- gen als nachbarn habt, so seid ihnen mit liebe verbunden. ihr aber, rö- mer, müsst mit großem eifer die goten hoch achten, die im Frieden euch zu ei- nem zahlreichen Volk machen und in Kriegen den gesamten staat verteidi- gen«, so lautet ein urkundentext. Dem inneren Frieden diente auch Theoderichs religiöse Toleranz. als ari- aner glaubte er zwar nicht an die Drei- faltigkeit gottes, aber er zwang nie-

mandem seine Überzeugung auf. im gegenteil: Die permanente Krise zwi- schen dem Papst in rom und dem Pa- triarchen in Konstantinopel kam ihm ganz gelegen. Theoderich versuchte sich, mäßig erfolgreich, als Vermittler. erfolgreicher verlief die außenpo- litik. schwester und Töchter verheira- tete Theoderich mit den Königen der Westgoten, Vandalen und Burgunder. er selbst nahm die schwester des Fran- kenherrschers zur Frau. Doch seinen anspruch, als haupt der germanischen Völkerfamilie eine art oberherrschaft auszuüben, teilten die anderen nicht. nach Jahren des Krieges gelang es Theoderich aber, das westgotische reich vor dem fränkisch-burgundi- schen Zugriff zu sichern. er dehnte da- mit seine einflusssphäre vom Balkan bis nach spanien aus. Theoderich herrschte wie ein Kaiser, und er baute wie einer. Die alte haupt- stadt rom verdankte ihm die restaurie- rung zahlreicher klassischer gebäude wie der Kurie oder des Kolosseums. ne- ben anderen städten baute er vor allem ravenna prachtvoll aus. Die einstige Palastkirche steht dort noch heute: san apollinare nuovo. Daneben werden die Kirchen santo spirito mit dem benachbarten Baptis- terium und die im 15. Jahrhundert zerstörte sant’ andrea dei goti in ih- rer substanz mit der Zeit Theoderichs in Verbindung gebracht. Wichtigstes Zeugnis gotischer Baukunst ist Theo- derichs Mausoleum. Der rundbau ist mit keinem anderen gebäude ver- gleichbar: 16 Meter hoch, 14 Meter breit, bedeckt von einer 230 Tonnen schweren Kuppel, die aus einem einzi- gen stein besteht. Theoderich starb 526. Doch die le- gende lebt weiter. als »Dietrich von Bern« fand er eingang in den deut- schen sagenschatz, eine art germani- scher superheld wie siegfried & co.

eine art germani- scher superheld wie siegfried & co. Lesetipp Frank M. ausbüttel: »Theoderich der große«.

Lesetipp

Frank M. ausbüttel: »Theoderich der große«. Primus 2012, € 12,90

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✗ Datum Unterschrift 19160 Bitte einsenden an: Aboservice, G/GESCHICHTE, Heuriedweg 19, 88131 Lindau ✃ ✃

Bildnachweis: Bridgeman/granger, Bridgeman/museo civico cristiano Brescia

goten

Porträt des Boethius
Porträt des
Boethius

Strafakte Boethius

Vom Trost der Philosophie

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere tauchen verräterische Briefe auf und bringen den Gelehrten vor das Senatsgericht. Ihm droht die Todesstrafe

[ VOn RAPHAELA REHWALD ]

Ihm droht die Todesstrafe [ VOn RAPHAELA REHWALD ] A ls Anicius Manlius Seve- rinus Boethius

A ls Anicius Manlius Seve- rinus Boethius sein wohl bekanntestes Werk ver- fasst, ist sein Todesurteil

vermutlich bereits besie- gelt. Mit »Der Trost der Philosophie« setzt sich der Philosoph, Theologe und Politiker ein letztes Denkmal, das die Wissenschaft noch Jahrhunderte später beschäftigen wird. Kein Zufall, dass er dabei über einen Gefangenen schreibt, der sich vom Senat verraten fühlt: Es ist seine eigene Geschichte, die ihn in- spiriert. Angeklagt wegen Hochverrats und verurteilt durch das Senatsgericht, endet sein Leben etwa 525 – und damit

auch seine verheißungsvolle Karriere. Boethius erreicht die Spitze seiner politischen Laufbahn, als ihm Ostgo- tenkönig Theoderich der Große 522 die Reichsverwaltung unterstellt, ihn zum magister officiorum ernennt. Seine Söhne bestimmt der König im gleichen

Jahr zu Konsuln. Ein Amt, das auch Boethius zwölf Jahre zuvor bekleiden durfte. Wie gewann er das Vertrauen des Königs, der ihn wenige Jahre später verstoßen wird?

Lehrjahre eines Philosophen und eine gute Partie

Ein Blick auf seine Herkunft mag den Weg des Philosophen in die Politik er- klären: Seine Mutter stammt aus einer der einflussreichsten christlichen Se- natorenfamilien, dem Geschlecht der Anicier, und sein Vater wirkt als Prä- torianerpräfekt, Stadtpräfekt von Rom und Konsul. Der frühe Tod seines Va- ters lässt eine weitere Person in Boe- thius’ Leben treten, die seinen Aufstieg fördert: Quintus Aurelius Memmius Symmachus. Der Konsul, Geschichts- schreiber und Philologe nimmt den jungen Boethius auf und kümmert sich als sein Pflegevater darum, dass der

Christ eine gute Bildung erhält. Da- für verehrt ihn Boethius, der später die Tochter seines Pflegevaters, Rusticiana, heiratet. Ob er die neuplatonisch ge- prägte Schule in Athen besuchte oder sich in Alexandria bildete, ist nicht si- cher. Fest steht aber, dass der Gelehrte sein Leben nicht nur der Politik, son- dern auch der Bildung verschrieben hatte. Seine familiären Beziehungen sind damit nicht der alleinige Grund für die beispielhafte Karriere. Boethius ist begeistert von Platon und Aristoteles. Er beginnt, sie ins La- teinische zu übersetzen. Weil Boethi- us es als seine Verantwortung begreift, allen Bürgern den Sinn der Texte zu- gänglich zu machen, schreibt er dazu zahlreiche Rezensionen und Erklä- rungen. Auch seine eigenen Schriften sind von der neuplatonischen Schule geprägt. Seine Texte verschaffen Boe- thius schnell den Ruf eines Gelehrten.

Theoderich zeigt sich beeindruckt und beflügelt die Karriere des Philosophen erstmals 507 durch die Ehrung mit dem Titel patricius. Dass Boethius die Ehre zu schätzen weiß, bekennt er später bei der Ernennung seiner Söhne zu Kon- suln öffentlich: Er rühmt den Ostgoten- könig Theoderich in einer Rede und beteuert seine Loyalität. Theoderich kämpft währenddessen um die Anerkennung weiter Teile der römischen Bevölkerung. Er fürchtet, dass ihn diese stürzen könnte. Dabei hatte ihn der oströmische Kaiser Ze- non selbst nach Italien kommen lassen, um Odoaker vom Thron zu stoßen und als Stellvertreter zu herrschen. Die angespannte Lage verschlimmert sich, als Theoderichs Schwiegersohn, der zugleich sein Thronfolger war, stirbt. Ausgerechnet in dieser Situation trifft Boethius eine Entscheidung, die ihn sein Leben kostet.

Das Rad der Fortuna, Miniatur zu einer Ausgabe der Schriften des Boethius aus dem Spätmittelalter

Sein dramatischer Abstieg beginnt mit der Entdeckung von Briefen an den Kaiser in Konstantinopel, von Senator Flavius Albinus junior verfasst. Ver- mutlich ging es darin auch um die un- sichere Thronfolge. Als Boethius von dem Zwischenfall erfährt, stellt er sich sofort hinter den Beschuldigten: eine

Die Karriere am gotischen Königshof endete im Kerker

ehrenvolle Tat, die aber mindestens ebenso leichtsinnig war. Für Theode- rich und den Senat ist klar: Albinus unterhält hochverräterische Beziehun- gen. Verteidigt Boethius den Verfasser öffentlich, so gilt auch für ihn die An- klage: Hochverrat. Ein Tatbestand, den eigentlich das Gericht des Königs ver- handelt. Theoderich entscheidet in die- sem Fall aber, dass das Senatsgericht über Boethius urteilt. In seiner Abwe- senheit. Das ist sein Todesurteil.

Wie den Gefangenen in »Der Trost der Philosophie« lässt der Senat auch Boe- thius im Stich. Sein Verdienst um die antike griechische Philosophie über- dauert dagegen Jahrhunderte: Im Mittel- alter ist das letzte Werk des Philoso- phen einer der meistkommentierten Texte und ein Werk, das Alfred der Große in seine angelsächsische Mutter- sprache übersetzen wird. Boethius entscheidet sich im »Trost der Philosophie« für ein versöhnliches Ende. Der Gefangene befreit sich von seinen seelischen Qualen, indem er sich dem Guten zuwendet: »Selig der Tod, wenn er nicht den Lebensfrohen dahinrafft, wenn er dem Trauernden naht, der ihn so oft sich gewünscht!«

er dem Trauernden naht, der ihn so oft sich gewünscht!« LeSeTiPP Boethius: »Trost der Philosophie«. Reclam

LeSeTiPP

Boethius: »Trost der Philosophie«. Reclam 1986, € 6,80

Das

Imperium

schlägt

zurück

Der Gotenkrieg

Amalasuintha, Königin der Ostgoten, wird von ihrem eigenen Vetter ermordet. Für ihren Verbündeten Kaiser Justinian ist das der perfekte Kriegsgrund: Er will das alte Römische Reich wiederherstellen

Bildnachweis: akg

Bildnachweis: akg entscheidung in süditalien Die Goten liefern den Römern einen letzten großen Kampf. Das Bild

entscheidung in

süditalien

Die Goten liefern den Römern einen letzten großen Kampf. Das Bild »Die Goten- schlacht am Vesuv« zeigt die Schlacht am Mons Lactarius in der Nähe von Neapel

[ VON MAREIKE POHl ]

Goten

A us dem Morgendunst erhebt sich langsam die Insel Mar- tana über dem Bolsenasee. Amalasuintha, Königin der Goten, kann den Aus- blick wohl nicht genießen.

Sie hat versagt. Neun Jahre lang hatte sie versucht, Goten und Römer zu versöhnen. Sogar Kaiser Justinian hatte ihre Regentschaft anerkannt. Dann starb ihr Sohn und Nachfolger, sodass Amalasuintha notge- drungen ihren zwielichtigen Vetter Theodahad zum Mitregenten ernannte. Ein Fehler: Am 30. April 535 lässt Theodahad die Königin auf der Insel erwürgen – und stürzt damit das Reich der Ostgoten ins Verderben. Für Kaiser Justinian ist Amalasuinthas Ermor- dung der perfekte Kriegsgrund. Seine Vision:

ein neues, geeintes Imperium. Im Osten des Gotenreiches überrennen seine Truppen Dal- matien. Auf Sizilien landet der legendäre Heer- führer Belisar, der gerade über die Vandalen in Nordafrika triumphiert hatte. Ohne nennens- werten Widerstand zieht er nach Norden.

Der Sieger über die Vandalen soll nun die Goten bezwingen

Theodahad ist wie gelähmt. Daher wählen die Goten im November 536 als neuen Herrscher Vitigis, einen bewährten Heerführer, der die Invasion stoppen soll. Theodahad, letzter Kö- nig der Dynastie des Theoderich, wird auf der Flucht erschlagen. Vitigis organisiert den goti- schen Widerstand – zunächst mit Erfolg. Trotz- dem nimmt Belisar Rom ein. Ab Februar 537 belagern die Goten unter Vitigis die Ewige Stadt, um sie zurückzuerobern. Ein Jahr voll Hunger und Hitze, Seuchen und blutiger Kämpfe. Das Material wird so knapp, dass die Goten beim Sturm auf die Mauern sogar mit antiken Statu- en beworfen werden. Da begeht Vitigis einen taktischen Fehler: Er ruft eine Waffenruhe aus. Die nutzt Belisar nicht nur, um seine ausgezehrten Krieger zu verpfle- gen, sondern auch, um Rimini zu erobern. Jetzt ist das nahe Ravenna in Gefahr, die Hauptstadt der Ostgoten, und Vitigis muss seine Truppen zurückziehen. Belisars Generäle verwüsten ganze Regionen. Auf dem Schlachtfeld kann Vitigis nichts mehr ausrichten. Da zeigt sich der Gotenkönig als ge- wiefter Diplomat: Er will die Perser zum Angriff auf Kaiser Justinians Reich von Osten her be- wegen. Um den drohenden Zweifrontenkrieg

auf Kaiser Justinians Reich von Osten her be- wegen. Um den drohenden Zweifrontenkrieg G GeschIchte 7

G oten

Der letzte König der Ostgoten fällt am Vesuv

Nach Totilas’ Tod erhe- ben die Goten Teja zum neuen König. Er leistet noch einige Monate Widerstand, bis er selbst im Oktober 552 in der Schlacht fällt

»seine früheren taten hätten ein würdigeres ende verdient«

Der chronist Prokop über totila

abzuwenden, bietet der Kaiser den Goten ei- nen Kompromiss: ein eigenes Königreich nörd- lich des Po. Endlich Frieden? Doch General Be- lisar will einen absoluten Sieg. Im Mai 540 zieht er in Ravenna ein, setzt Vitigis gefangen und kehrt mit ihm nach Konstantinopel zurück. Der Krieg scheint vorbei. Nach Belisars Abreise macht sich Unmut breit. Der Chronist Prokop macht Justinians Statthalter Alexander, genannt die »Kneifzange«, verantwortlich: »Durch seine törichten, unge- rechten Maßnahmen erbittert er die Soldaten und die Italiker gegen die kaiserliche Herr- schaft«. Der Sold wird gekürzt, Desertionen häufen sich. Rigorose Steuern bringen die Bevöl- kerung gegen die neuen Machthaber auf. Justinian hat derweil größere Sorgen. Die Perser greifen die römische Provinz Syrien an, erobern Antiochia und deportieren die Bevöl- kerung. Damit war der gefürchtete Zweifronten- krieg real. Im nächsten Jahr erschüttert auch noch eine Pestwelle Konstantinopel. Jetzt holt die Geschichte noch einmal Atem für den letzten Akt des Dramas. Am gotischen Firmament strahlt ein neuer Hoffnungsstern:

Totila. Der Graf von Treviso wird 542 zum Kö- nig erhoben. Sein Charisma eint nicht nur die Gotenkrieger, auch unzufriedene, unterbezahl- te römische Soldaten laufen in Scharen zu ihm über. So gestärkt erringt Totila gleich zwei spek- takuläre Siege gegen die Oströmer in Norditalien.

spek- takuläre Siege gegen die Oströmer in Norditalien. Totila eilt von Sieg zu Sieg, erobert Neapel

Totila eilt von Sieg zu Sieg, erobert Neapel und Rom. Seine Persönlichkeit und sein kluges poli- tisches Handeln entwickeln eine gewaltige Inte- grationskraft. Er nimmt entlaufene Sklaven als freie Goten in sein Heer auf, verteilt konfiszierte landgüter an Bauern, schützt römische Famili- en vor Racheaktionen und behandelt unterlege- ne Gegner mit bemerkenswerter Milde.

Stoff, aus dem die Helden sind:

Der junge Ostgotenkönig Totila

Zweifellos muss Totila eine außergewöhnliche Persönlichkeit gewesen sein, die schon seine Zeit- genossen beeindruckte. Vollends zum Mythos macht ihn die deutsche Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts. Der Brockhaus beschreibt ihn 1809 als »wichtigsten Helden seiner Nation«, dessen »Heldenmut den gänzlichen Untergang« noch eine Weile hinauszögerte. Der Goten- krieg liefert Stoff für Felix Dahns Roman »Kampf um Rom«: Edle Barbaren kämpfen ge- gen listige Römer. Mord und Verrat, Tapferkeit und Tugend, dazwischen ordentlich Schlachten- lärm. Das Buch von 1876 wird ein Bestseller. Heute sehen Historiker Totila differenzier- ter. Zwar währte seine Herrschaft elf Jahre – nur Theoderich regierte länger – doch der Krieg blutete das land vollkommen aus. Wer auch immer aus dem Gotenkrieg siegreich hervorge- hen sollte, würde nur die bitteren Früchte eines Pyrrhussieges ernten.

Bildnachweis: akg, akg/alBum

Der oströmische Feldherr Narses, Buchillustration um 1900

Erfolglos versucht Totila, mit dem Kaiser einen Frieden auszuhandeln. Sein Stern beginnt zu sinken, als Justinian seinen General Narses in den Kampf schickt. Da gotische Schiffe das Mittelmeer unsicher machen, plant Narses, über land einzufallen. Ein Durchzug durch Venetien scheint unmög- lich, da die Goten die wichtigste Verbindungs- straße geflutet haben. Nur die Küstenlinie ist offen, gilt wegen der Sümpfe und Flüsse aber als unpassierbar. Dem 62-jährigen Narses gelingt ein Wunder: Mit 30 000 Mann zieht er an der Küste entlang nach Ravenna. Tragbare Ponton- brücken machen den Vormarsch möglich. Auch in Süditalien landen kaiserliche Kontingente. Totila, von zwei Seiten bedrängt, sammelt sein Heer in Mittelitalien. Auf der Hochebene von Busta Gallorum (Grabhügel der Gallier) in Umbrien kommt es im Juli 552 zur Entschei- dungsschlacht. Zahlenmäßig ist Narses über- legen. Totila wartet auf eine Verstärkung von 2000 Reitern. Um Zeit zu gewinnen, bietet er ein Schauspiel, das der Chronist Prokop über- liefert: »Er hatte eine Rüstung angelegt, die über und über von Gold glänzte. […] Auf sei- nem prächtigen Pferde führte er mit großer Ge- schicklichkeit das Waffenspiel zwischen den beiden Heeren auf. Er tummelte sein Pferd im Kreise, ließ es nach allen Seiten Wendungen machen und Kreise beschreiben. Mitten im Reiten schleuderte er seine lanze hoch in die lüfte und fasste sie, wenn sie niederschwirrte, in der Mitte, fing sie bald mit der rechten, bald mit der linken.« Unbemerkt von den Goten hatte Narses der- weil 8000 Bogenschützen in einem Halbkreis vorrücken lassen. Totila dagegen setzt ganz auf die Schlagkraft seiner Reiter. laut Prokop soll er außer lanzen alle Waffen verboten haben: »Mit diesen unklugen Anordnungen stürzte sich To- tila selbst ins Verderben.« Das tödliche Surren der Pfeile ist das letzte, was viele Gotenkrieger hören. Über 6000 sollen gefallen sein – eine Vernichtungsschlacht. Auch der Ostgotenkö- nig überlebt den Tag nicht. Sein Nachfolger Te- ja setzt den Kampf fort, bis auch er geschlagen wird. Um 555 kapitulieren die letzten Goten. Doch Ostroms Triumph ist kurz: Bereits 568 wird Italien Beute der langobarden.

ist kurz: Bereits 568 wird Italien Beute der langobarden. LesetIPP Felix Dahn: »Ein Kampf um Rom«

LesetIPP

Felix Dahn: »Ein Kampf um Rom« (Historischer Roman). Dtv 2009, € 9,90

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i POrträt

General Narses

Er triumphierte als Gotensieger, aber seine Karriere begann als Hofeunuch

arses wurde um 490 in Armenien geboren

die als unpassierbar gelten- de Küste entlang gegen die Goten führt. In der Schlacht von Busta Gallorum schlägt der alte Haudegen den »Hel- denjüngling« Totila vernich- tend. Schließlich besiegt Narses die letzten gotischen Rebellen und bemüht sich, das vom Krieg zerstörte Land wieder aufzubauen. Unter Justinians Nachfolger Kaiser Justin II. wird er um 568 abberufen, bleibt aber in Italien. Narses erlebt noch, wie die Langobarden einfallen und die Herrschaft an sich reißen. 574 stirbt der berühmte General mit 84 Jahren in Rom.

und kam bereits als Eunuch nach Konstantino- pel, wo er zum Verwalter der kaiserlichen Finanzen auf- stieg. Als sich 532 das by- zantinische Volk im Nika- Aufstand gegen Kaiser Jus- tinian erhebt, beweist er sei- ne Loyalität. 538 soll er General Belisar im Kampf gegen die Goten unterstüt- zen, aber der Kompetenz- streit zwischen den Generä- len lähmt zeitweise das Heer, bis Belisar abberufen wird. Sein größter Coup ge- lingt Narses, als er 551 sein 30 000 Mann starkes Heer

Goten

Toledo Messe ist eine

wert

Die Westgoten in Spanien

Drei Jahrhunderte herrschten gotische Könige auf der Iberischen Halbinsel, bis sie von den Mauren weggefegt wurden. Doch einige ihrer Traditionen haben überlebt

bis sie von den Mauren weggefegt wurden. Doch einige ihrer Traditionen haben überlebt 5 0 G

BIldnAcHWeIS: AKG/AlBum (2), BrIdGemAn/muSeo ArqueoloGIco nAcIonAl mAdrId

AKG/AlBum (2), BrIdGemAn/muSeo ArqueoloGIco nAcIonAl mAdrId Weihekronen für die Kirchen des Königreichs Ihren
AKG/AlBum (2), BrIdGemAn/muSeo ArqueoloGIco nAcIonAl mAdrId Weihekronen für die Kirchen des Königreichs Ihren
AKG/AlBum (2), BrIdGemAn/muSeo ArqueoloGIco nAcIonAl mAdrId Weihekronen für die Kirchen des Königreichs Ihren

Weihekronen für die Kirchen des Königreichs

Ihren christlichen Glauben demonstrierten die Herrscher der Westgoten, indem sie Kronen im byzantinischen Stil stifteten, die vermutlich über den Altären hingen

Bildnachweis: istockphoto.com/Bsferrari, Ullstein/Bero; karte: michael floiger

G oten

[ VoN RÜDIGER STURM ]

W er am 19. Juli 711 von den Hügeln des südspanischen Städtchens Shaduna (heute:

Medina-Sidonia) blickte, dem bot sich ein atembe- raubender Anblick: Zehn-

tausende von Kriegern, die meisten beritten, sind auf einer weiten Ebene am Río Guadalete aufmarschiert. Ihre Ketten- hemden und Helme mit Federbusch glänzen in der Sonne, die gnadenlos vom Himmel brennt. Ihnen gegenüber hat sich ein anderes Heer pos- tiert – zu Fuß kämpfende Berber in weißen Tu- niken, hinter ihnen die Kavallerie, gekleidet in leichte Kettenumhänge, auf dem Kopf Turbane über Metallkappen. Sie alle schrieben Weltgeschichte. Sie fochten die erste große Schlacht, in der sich das Schick- sal der Iberischen Halbinsel für die nächsten Jahrhunderte entschied. Unter Führung von

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Kommandant Tariq ibn Ziyad war ein mus- limisches Heer über die Straße von Gibraltar nach Andalusien übergesetzt, um dort die mi- litärische Expansion des Islam, der unter ande- rem Nordafrika aufgesogen hatte, fortzusetzen. Beherrscht wurden die Gebiete von den West- goten, die im 5. Jahrhundert die ehemalige rö- mische Provinz Hispanien besetzt hatten.

ein Familiendrama soll die maurische Invasion in europa ausgelöst haben

Wenn man der Überlieferung glaubt, dann war ein politisches Familiendrama Auslöser der In- vasion. Angeblich hatte der Gouverneur der westgotischen Stadt Ceuta in Nordafrika seine Tochter an den Hof des westgotischen Königs geschickt, wo sie zur Zofe ausgebildet werden sollte. Der frischgebackene Herrscher Roderich jedoch soll das Mädchen vergewaltigt und ge- schwängert haben – der auf Rache sinnende Va- ter tat sich mit den Berbern zusammen, um den Schuldigen zu stürzen. Legende oder nicht, am 19. Juli 711 schlug Tariqs Armee das königliche Heer vernichtend. »Gott in seinem Ruhm und seiner Größe töte- te Roderich und die, die bei ihm waren«, wie es der ägyptische Geschichtsschreiber Ibn ‘Abd al- Hakam formuliert. In den folgenden drei Jahren eroberten die Gotteskrieger, zu denen 712 noch

ein arabisches Heer unter Führung des Statthal-

ters von Nordafrika stieß, das gesamte Reich der Westgoten, einschließlich der Hauptstadt Tole- do. Einzig Asturien, im unzugänglichen Nord- westen Spaniens, konnte sich der Eroberung

durch die Mauren widersetzen.

Doch was ist von den germanischen Herr-

schern geblieben? Wenn man Zeitzeugen glaubt,

dann handelt es sich bei den Westgoten um nichts weiter als genusssüchtige Einfaltspinsel, um »heitere Seelen mit einem Appetit, den keine Speisekammer zu stillen vermag«, so Apollina- ris, der Bischof von Clermont. Jedoch ist einer der eindrucksvollsten Reste ihrer Tradition, der bis heute überlebt hat, spiritueller Natur. Wer heute zum Beispiel die Kathedrale von Toledo oder die Abtei Santo Domingo de Silos in Bur- gos besucht, der kann eine Messe erleben, die sich nirgendwo sonst in der christlichen Litur- gie findet. Zu ihren Elementen zählen ausge- dehnte Gesänge und Gebete, die Abläufe des Gottesdienstes variieren. Märtyrergedenktage spielen eine große Rolle. An der Eucharistiefei- er, bei der auch Wein gereicht wird, darf nicht jeder Gläubige teilnehmen.

nicht nur die Westgoten residierten in Toledo. nach der rückeroberung von den mauren stand hier der Thron der Könige von Kastilien

Dabei handelt es sich um den sogenannten »mozarabischen« Ritus, der im 4. Jahrhundert auf der Iberischen Halbinsel in Abgrenzung zur römischen Liturgie entstand und dann unter den Westgoten seine Blüte erlebte. Bis ins späte 6. Jahrhundert war deren Reich religiös zerris- sen. Während die Herrscherschicht dem Aria- nismus anhing, demzufolge Jesus ein Geschöpf Gottes, aber nicht wesensgleich mit Gott selbst ist, dominierte im Rest der Bevölkerung der rö- misch-katholische Glaube. 587 nahm König Reccared – »vom göttlichen Geist erfüllt« – den katholischen Glauben an und begann zwei Jahre später mit dem Konzil von Toledo, eine einheit- liche Reichskirche zu schaffen.

die Wiege des katholischen Spaniens:

das Konzil zu Toledo

Zu diesem Zweck wurde der Messeritus explizit ausformuliert, nicht zuletzt um die übertreten- den Arianer so eng wie möglich einzubeziehen und ihren Katholizismus zu vertiefen. Erzbi- schof Ildefons von Toledo etwa verfasste viele Messtexte und propagierte die Verehrung Mari- ens als Mutter des göttlichen Jesus. Nach der Eroberung durch Araber und Ber- ber, die man als Mauren zusammenfasst, durf- ten die Christen weiterhin diese Liturgie fei-

Alarich i.
Alarich i.
Athaulf
Athaulf

Der Weg nach Spanien

eigentlich wollte Alarich ein reich in nordafrika errichten, doch es mangelte an Schiffen. Sein nachfolger Athaulf führte die Westgoten 415 dann auf die Iberische Halbinsel

ern – daher die Bezeichnung mozarabischer Ri- tus. Bedroht wurde die Tradition ausgerechnet durch die christliche Wiedereroberung der Ibe- rischen Halbinsel, mit der viele Adlige und Kir- chenvertreter aus anderen Regionen Europas einwanderten und ihren Einfluss geltend mach- ten. 1074 verbot Papst Gregor VII. den Ritus. Als indes Toledo, die alte Gotenhauptstadt, 1085 wieder unter christliche Herrschaft ge- riet, verweigerte sich die Bevölkerung der römi- schen Liturgie. Papst Urban II. gestattete sechs Pfarreien, weiterhin die mozarabische Messe zu feiern. Heutzutage rüttelt niemand mehr an diesem Relikt. 1992 etwa stand Papst Johannes Paul II. einem Gottesdienst im mozarabischen Ritus in der Vatikanbasilika vor, 2000 zelebrier- te der Erzbischof von Toledo diese Liturgie zum Heiligen Jahr in St. Peter.

2000 zelebrier- te der Erzbischof von Toledo diese Liturgie zum Heiligen Jahr in St. Peter. G
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Biblische Bilder aus dem Spanien des frühen Mittelalters

die Kultur der Westgoten­ epoche überlebte in Klöstern, in denen einzigartige manu­ skripte entstanden: Bestien der Apokalypse 1 aus der Prophezeiung des Johannes. ein Kommentar zur Apoka­ lypse präsentiert einen Westgotenkrieger 2 mit Kettenhemd und Schild. die Bibelseite aus león zeigt Nebukadnezar 3 , der die Söhne des israe­ litischen Königs Zedekia hinrichten lässt

Nebukadnezar 3 , der die Söhne des israe­ litischen Königs Zedekia hinrichten lässt 5 4 G
Nebukadnezar 3 , der die Söhne des israe­ litischen Königs Zedekia hinrichten lässt 5 4 G
Nebukadnezar 3 , der die Söhne des israe­ litischen Königs Zedekia hinrichten lässt 5 4 G

Bildnachweis: Bridgeman/mUseo capitUlar de la catedral de girona, Bridgeman/archivo capitUlar de la real colegiata de san isidoro leon, Bridgeman/British liBrary, Bridgeman/mUseo de Bellas artes granada

»Durch gerechtes handeln hat der Name des Königs bestand«

Der Universalgelehrte isidor von Sevilla

Auch visuell ist die spirituelle Tradition des Germanenreichs noch in Spanien präsent. In Kirchen wie San Pedro de la Nave in Campillo in der autonomen Region Kastilien-León, San- ta María de Melque in der Provinz Toledo oder Santa Comba de Bande in der Provinz orense lassen sich Beispiele der westgotischen Archi- tektur bewundern. Kennzeichen dieses Baustils sind große, behauene Quader, meist aus Kalk- stein, die ohne Mörtel aneinandergefügt sind – in der Tradition spätrömischer Architektur, wie sie sich auch im Mausoleum Theoderichs des Großen in Ravenna spiegelt. Byzantinische Einflüsse zeigen sich im Grundriss, für den meist ein griechisches Kreuz gewählt wurde. Teilweise finden sich in den Bauten aufwendig gearbeitete Friese oder Ka- pitelle. Ein weiteres signifikantes Stilmerkmal ist der westgotische Hufeisenbogen, der an die mozarabische Architektur erinnert, aber weni- ger eng ist und oft ohne Schlussstein auskommt. Relikte des alltäglichen Lebens der Goten wie Gefäße, Fibeln oder Zügelringe sind wiederum aus den verschiedensten archäologischen Aus- grabungsstätten erhalten, etwa dem Gräberfeld von Duratón in der Provinz Segovia.

etwa dem Gräberfeld von Duratón in der Provinz Segovia. das ganze Wissen der epoche: die enzyklopädie

das ganze Wissen der epoche:

die enzyklopädie des Isidor von Sevilla

Geistesgeschichtlich betrachtet ist der Einfluss jener Zeit eher indirekter Natur. In der Haupt- stadt Toledo fanden nach der Katholisierung des Reiches 15 Kirchenkonzilien statt. Während der Goten-Ära wirkte auch Bischof Isidor von Sevilla, der unter anderem eine – König Sise- but gewidmete – Enzyklopädie mit 20 Bänden verfasste. Seine Schriften, die eine ungeheure Bandbreite von Themen abdeckten, ob Mathe- matik oder Rhetorik, Musik oder Bibelexegese, wurden das Standardwerk für jeden, der im Mittelalter nach höherer Bildung strebte. Isidor avancierte auch zum wohlmeinenden Chronis- ten der gotischen Herrscher und lieferte damit den Christenkämpfern, die sich an die Rück- eroberung der Halbinsel machten, die passen- den Argumente. Doch streng genommen gab es wenig Grün- de, diese Zeit zu verklären. Die sagenhafte Ge- schichte des Gouverneurs, der sich an König Roderich rächen wollte, reflektiert eine Realität voller Mord und Intrigen. Von den 23 westgo- tischen Königen Spaniens wurden sieben von ihren Nachfolgern umgebracht. Als der ältere Bruder von Reccared, der später sein Reich un-

ter dem Banner des Katholizismus einte, zum katholischen Glauben übertrat, ließ ihn der Va- ter exekutieren. Die soziale ordnung im Reich war »eine Tyrannei, die von Anarchie begrenzt wurde«, so Historiker und Pulitzerpreisträger David Levering Lewis. An der Spitze der Hie- rarchie stand die gotische Minderheit – rund fünf Prozent der Gesamtbevölkerung –, der al- lein die Königswürde offenstand, gefolgt von der hispanischen Aristokratie zumeist römi- scher Herkunft. Weil die oberschichten billi- ge Arbeitskräfte für ihre riesigen Getreidefelder

Für Spaniens Juden bricht eine Ära der Verfolgung an

und Viehweiden brauchten, feuerten sie die Nachfrage nach Sklaven an. Das westgotische Spanien spielte damit im frühmittelalterlichen Europa eine zweifelhafte Vorreiterrolle. Fatale Folgen hatte auch die Katholisierung. Nach Reccareds Übertritt begannen die Repres- salien gegen die jüdische Bevölkerungsgrup- pe. Unter König Sisebut (612 – 621) gab es mas- senhafte Vertreibungen, zehntausende Juden entschlossen sich gezwungenermaßen zum Übertritt. Doch es kam noch schlimmer. Auf dem 17. Konzil von Toledo wurden alle Juden vor folgende Wahl gestellt: Taufe oder Sklave- rei. Ihre Kinder sollten an christliche Familien übergeben werden. Tausende wanderten statt- dessen nach Südfrankreich aus. Die jahrhun- dertelange Verfolgung von Juden in Spanien hatte so ihren Auftakt genommen. Kein Wunder, dass viele der Unterprivilegier- ten und Unterdrückten die maurischen Erobe- rer willkommen hießen oder zumindest keinen Widerstand leisteten. Als die Armee der Berber auf Toledo vorrückte, war die Stadt weitgehend verlassen – bis auf die verbliebenen Juden. So gesehen war das Ende der Westgoten eher ein willkommener Neuanfang für die meisten Be- wohner der Iberischen Halbinsel. Und es ist be- ruhigend, dass heute nur noch ein christlicher Ritus, Baudenkmäler und archäologische Fund- stücke an sie erinnern.

und archäologische Fund- stücke an sie erinnern. LeSetippS Michael Koch: »Hispanien. Vom Tartessos-Mythos

LeSetippS

Michael Koch: »Hispanien. Vom Tartessos-Mythos zum Arabersturm«. Nünnerich-Asmus 2014, € 24,90

Klaus Herbers: »Geschichte Spaniens im Mittelalter. Vom Westgotenreich bis zum Ende des 15. Jahrhunderts«. Kohlhammer 2006, € 32,–

G oten

porträt

Jahrhunderts«. Kohlhammer 2006, € 32,– G oten porträt Der heilige hermenegild unter einfluss seiner fränkischen

Der heilige

hermenegild

unter einfluss seiner fränkischen Gattin konvertierte Herme­ negild, der Sohn von König leovigild, vom Arianismus zum Ka­ tholizismus. nach ei­ ner erfolglosen re­ bellion gegen seinen Vater wurde er ein­ gekerkert und 585 hingerichtet — ver­ mutlich weil er sich weigerte, seinem neuen Glauben abzuschwören. erst 1586 wurde der märtyrer von der römischen Kurie heiliggesprochen

Goten

Ein langer Schatten

»Die spinnen, die Goten!«

Die Goten haben nicht den besten Ruf. Von Goethe bis Asterix: Lange galten sie als Synonym für Barbarei. Auch dass Kathedralen heute als »gotisch« bezeichnet werden, hängt mit diesem Image zusammen

[ Von christoph driessen ]

Mit Pickelhaube und humor: »Asterix und die Goten« erschien 1970 auch in Deutschland

A sterix hat im Laufe der Zeit mit seinem Freund obelix viele fremde Völker besucht, darunter spanier,

schweizer, Belgier, Bri- ten, Ägypter, Griechen und sogar die indianer. Wenn den beiden Galliern aus der Bretagne auch viele Gebräuche seltsam erscheinen mochten, so konn- ten sie doch jedem Land etwas abge- winnen und fanden überall Freunde. Mit einer Ausnahme: die Goten gefal- len ihnen gar nicht. denn dieses Volk, deren einer teil sich als Westgoten be- zeichnet, obwohl er östlich von Gallien

lebt (für obelix alles höchst verwir- rend), ist nur darauf aus, andere Län- der zu besetzen und die Weltherrschaft zu übernehmen. sie marschieren ohne Unterlass im stechschritt, tragen pi- ckelhauben, sprechen in altdeutscher

Die Goten sprechen in Fraktur und marschieren im Stechschritt

Frakturschrift, sind experten für be- sonders grausame hinrichtungsmetho- den und wollen am liebsten alle ihre eigene Armee aufstellen. natürlich hat dies weniger mit den historischen Goten als mit dem deutsch-französischen Verhältnis in

der unmittelbaren nachkriegszeit zu tun. die Geschichte erschien ab 1961 in mehreren Folgen im Jugendmagazin »pilote«, noch vor der Unterzeichnung des Aussöhnungsvertrags zwischen deutschland und Frankreich 1963. das Asterix-Abenteuer ist in gewis- ser Weise typisch für das nachleben der Goten: häufig stehen sie für et- was negatives. die Goten – das sind die Barbaren, die die hochentwickelte römische Zivilisation überrannt ha- ben. sie stehen für primitive Kraft, für unkontrollierbare, rohe Gewalt. so waren die Begriffe »Gotik« und »go- tisch« für den Baustil des hoch- und

Gewalt. so waren die Begriffe »Gotik« und »go- tisch« für den Baustil des hoch- und G

Bildnachweis: akG/alBum/Prisma, inTerFOTO/Friedrich, hersTeller

Goten

»Schreibe nur eine rede ciceros mit gotischen Buchstaben, und schon wirst du sie für fehlerhaft und barbarisch halten«

Erasmus von rotterdam (* 1466, 1536)

spätmittelalters ursprünglich eben- falls abwertend. der Begriff entstand in der renaissance, als man wieder so bauen wollte wie in der Antike. dem- entsprechend erschien der vorangegan- gene Baustil als eine Art Gotensturm in der Architektur – auch wenn die Goten natürlich nie Kathedralen gebaut haben. der gotische stil widersprach in den Augen des renaissance-Menschen der Klarheit klassischer Formen und wirkte in bizarrer Weise überladen. die tech- nischen Leistungen der Kathedralen- bauer wurden zwar durchaus anerkannt, nicht aber das ästhetische ergebnis. Gotisch war nun gleichbedeutend mit hässlich, altmodisch, zurückgeblieben. der humanist und spötter erasmus von rotterdam war einer der wenigen, denen diese pauschale Ablehnung frag- würdig erschien. »schreibe nur eine rede ciceros mit gotischen Buchsta- ben, und schon wirst du sie für fehler- haft und barbarisch halten«, meinte der Autor zahlreicher Bücher. Johann Wolfgang von Goethes Gotik-Bild ist zwiespältig: Als junger Mann war er zunächst davon überzeugt, das gotische straßburger Münster sei der inbegriff deutscher Baukunst – nicht ahnend, dass der Kathedralen- bau in Frankreich entwickelt worden

dass der Kathedralen- bau in Frankreich entwickelt worden war und die Gotik im Mittelalter als »französischer

war und die Gotik im Mittelalter als »französischer stil« bekannt war. Kurz darauf vollzog er eine radikale Abkehr von der Gotik und behauptete etwa, auf seiner italienischen reise alle mittelal- terlichen Gebäude links liegen gelas- sen zu haben. eine neue Beschäftigung mit der Gotik folgte erst nach 1815, als ihm sein Kölner Freund sulpiz Boisse- rée den halbfertigen dom zeigte. Zwar erschien ihm das innere weiterhin »un- harmonisch«, doch warf er gleichzei- tig die Frage auf, ob nicht der Moment zum Weiterbau gekommen sei. so löste der dichterfürst jene Bewegung mit aus, die zur Vollendung des heute meistbesuchten und beliebtesten deut- schen Bauwerks führte.

Schauerlich: Wie die Gothic-Szene zu ihrem Namen kam

das Gotenbild der deutschen prägte im 19. Jahrhundert der historische ro- man »ein Kampf um rom« (1876) von Felix dahn. der Wälzer war ein Best- seller des Kaiserreichs und erlebte bis zum ersten Weltkrieg mehr als ein- hundert Auflagen. noch 1968 wurde das Werk aufwendig verfilmt, und der Literaturkritiker Marcel reich-ranicki bezeichnete es immerhin als das »mit Kontrasteffekten glänzend operierende

Monumentalschinken: 1968 verfilmte Robert Siodmak »Ein Kampf um Rom«. Szene mit Robert Hoffmann als Gote Totila und Ingrid Brett als Römerin Julia

58 G GESchichtE 7 | 2017

riesenfresko«. das heldenepos steckt voller Untergangspathos und nationa- listischer schwärmerei. die nazis be- trieben einen wahren Gotenkult: sie benannten die polnische hafenstadt Gdynia in Gotenhafen um. Auf der Krim und im südosten der Ukraine plante der »reichsführer ss« heinrich himmler die errichtung eines muster- gültigen »Gotengaus«, in dem sich aus nazi-sicht »rassisch hochwertige« Bau- ern aus deutschland, dänemark und den niederlanden ansiedeln sollten. in den angelsächsischen Ländern hat der Begriff »gothic« bis heute ei- nen düsteren Beigeschmack – »a gothic novel« ist ein schauerroman. die Li- teraturgattung entstand in der zweiten hälfte des 18. Jahrhunderts als Gegen- bewegung zum rationalismus der Auf- klärung. Vom Begriff »gothic novel« wiederum wurde dann gegen ende des 20. Jahrhunderts der name für die Go- thic-szene abgeleitet, eine Weiterent- wicklung des punk. Auf den Kanarischen inseln kann man noch heute »fuera godos« (»Go- ten raus!«) auf mancher Mauer lesen:

Als Goten gelten die vom Festland zu- gewanderten spanier. Viele Bewohner der inseln, die mehr als tausend Kilo- meter von spanien entfernt im Atlan- tik vor Afrika liegen, fühlen sich nicht als europäer. in den 1970er-Jahren ver- übte eine militante Unabhängigkeitsbe- wegung sogar Bombenanschläge. ihre parole: »fuera godos«. in schweden hatte der Begriff Go- ten dagegen immer eine positive Be- deutung: die Könige des Landes sahen sich als legitime nachfolger der Goten, deren Urheimat in skandinavien ver- mutet wurde. noch bis ins 20. Jahrhun- dert ließ sich der schwedische Monarch als König der schweden, Vandalen und Goten anreden.

Monarch als König der schweden, Vandalen und Goten anreden. GESchichtE iM intErnEt Wie die Menschen es
Monarch als König der schweden, Vandalen und Goten anreden. GESchichtE iM intErnEt Wie die Menschen es

GESchichtE iM intErnEt

Wie die Menschen es geschafft haben, ohne moderne technik den Kölner dom zu bauen, und warum es in gotischen Bauwerken oft spukt, erfahren sie hier:

www.g-geschichte.de/Plus

TeilnahmeBedinGunGen GewinnsPiel: Teilnehmen können alle, ausGenOmmen G/miTarBeiTer und anGehöriGe. GewinnermiTTlunG durch lOs. GewinnänderunG vOrBehalTen. kein ansPruch auF Gewinne, die auF dem versandweG verlOren Gehen. miT der Teilnahme werden die BedinGunGen anerkannT; rechTsweG ausGeschlOssen. lösunG und Gewinner werden in G/GeschichTe veröFFenTlichT.

Rätsel & PReise

Gotischer Chic: Ohrringe aus Bronze
Gotischer Chic: Ohrringe
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Führender Gote bei der ersten Plünderung Roms

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Berühmter Philosoph, hingerichtet unter Theoderich

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rätselhaftes Volk: Lüften Sie das Geheimnis

Andere Bezeichnung für Westgoten

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Wertvolle Abschrift von Wulfilas Bibelübersetzung

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woher die Goten denn nun stammen, auf diese Frage haben selbst Forscher keine gesicherte antwort. unser rätsel ist da schon einfacher. die markierten Buchstaben ergeben das lösungswort.

Schreiben Sie die Lösung auf eine Postkarte und senden Sie diese bis zum 17. 7. 2017 an:

Bayard media, G/GeschichTe, Böheimstr. 8, 86153 augsburg (Online-lösungsfeld auf www.g-geschichte.de)

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Parole kanarischer Separatisten aus den 1970er-Jahren

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»Königinnen der Lüfte« (diplomica Verlag)

ernst probst: »Königinnen der Lüfte« (diplomica Verlag) 9 10 11 Gewinnen Sie mit etwas Glück: ?
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Mehr Verklärung als gesicherte fakten

Wie das mit Nationalhelden so ist, ist auch die Lebensbeschreibung des ge- suchten Regenten ziemlich legenden- behaftet, um nicht zu sagen zweifel-

haft. Vermutlich diente der Adlige den beiden letzten Westgotenkönigen Vitiza und Roderich als Leibwächter. Nach der Eroberung der Iberischen Halbinsel durch die Berber und Araber soll er in den Norden, nach Asturien, geflohen sein, wo er eine Rebellion ge-

gen die neuen Herrscher angeführt haben soll. Der Gesuchte gilt als Grün- der des asturischen Reichs, von wo aus die Reconquista, also Rückerobe- rung Spaniens und Portugals durch die Christen, ausging. Auflösung auf Seite 82

wo aus die Reconquista, also Rückerobe- rung Spaniens und Portugals durch die Christen, ausging. Auflösung auf

IntERVIEW

»Der freie Geist der Goten«

Rossen Milev im Dialog

Warum Europa den Goten ungemein viel zu verdanken hat? Antworten unseres Experten

[ INtERVIEW: KLAUS HILLINGMEIER ]

Antworten unseres Experten [ INtERVIEW: KLAUS HILLINGMEIER ] Wandgemälde mit Wulfila … Herr Dr. Rossen Milev,

Wandgemälde mit Wulfila …

Herr Dr. Rossen Milev, die Ge- schichte der Gotenkönigreiche endet im 8. Jahrhundert. Warum sollte man sich heute noch mit den Goten be- schäftigen?

Rossen Milev: Ein offizielles Ende ist in der Geschichte nicht immer das ei- gentliche Ende. Selbst nach der arabi- schen Eroberung des Westgotenreiches 711 blieb in seinen nördlichen Gebie- ten das winzige Restreich Asturien. Wenn auch militärisch und politisch eine Marginalie, liegen dort die Anfän- ge des berühmtesten Pilgerwegs Euro- pas – des Jakobsweges. Im Osten Euro- pas erlischt das letzte Reich der Goten auf der Krim erst mit der osmanischen Eroberung 1475. Fast überall gibt es ar- chäologische, sprachliche und kultu- relle Spuren der Goten in Europa. Sie sind ein verbindendes Phänomen zwi- schen Antike und Mittelalter.

verbindendes Phänomen zwi- schen Antike und Mittelalter. Lange Zeit galten die Goten als ein Synonym für

Lange Zeit galten die Goten als ein Synonym für Barbaren. Hat dieses Bild noch Berechtigung?verbindendes Phänomen zwi- schen Antike und Mittelalter. Das war ein negatives Klischee. Im Ge- genentwurf wurden

Das war ein negatives Klischee. Im Ge- genentwurf wurden die Goten als große Kriegshelden und Anführer verherr- licht, besonders extrem von den Nazis. Heute hat sich die Vorstellung von den Goten gewandelt. Das Stigma des Bar- barenvolks gilt als längst überholt. Viel- mehr stehen die kulturellen Leistungen, das geistige Erbe und der vielfältige archäologische Nachlass im Fokus der Forschung. Bischof Wulfila, der die Bibel ins Gotische übersetzte, schuf damit das erste christliche Missions- Alphabet der Welt. Sein Modell wurde später etwa bei der Schaffung des kyril- lischen Alphabets und der slawischen Bibelübersetzung verwendet.

Ihr Institut hat seinen Sitz in So- fia. Welche Rolle spielen die GotenAlphabets und der slawischen Bibelübersetzung verwendet. im gegenwärtigen Geschichtsbild der Bulgaren? Die Goten

im gegenwärtigen Geschichtsbild der Bulgaren?

Die Goten haben sich in das bulgari- sche Volk integriert. Zusammen mit Bulgaren, Slawen und Thrakern waren sie der Ursprung der heutigen Bulga- ren. Davon zeugt unter anderem der Wortschatz gotischen Ursprungs in der bulgarischen Sprache. Zur kommunis- tischen Zeit wurde alles Gotische in Bulgarien entweder verschwiegen oder bewusst heruntergespielt. Ähnlich war die Situation in den anderen osteuro- päischen Ländern mit gotischem Erbe.

Es gibt zahlreiche gotische Heilige in der orthodoxen Kirche. Welcher ge- nießt die größte Verehrung?

Lange Zeit galt die Vorstellung, die Go- ten seien nur Arianer gewesen. Heute wissen wir, dass gotische Märtyrer und Bekenner eine bedeutende Spur auch in der katholischen und orthodoxen

Märtyrer und Bekenner eine bedeutende Spur auch in der katholischen und orthodoxen 6 0 G GEScHIcHtE

Bildnachweis: rossen Milev (2)

Bildnachweis: rossen Milev (2) … in Rossen Milevs Institut »Balkan Media«. Der Bulgare ist Hobby-Winzer Kirche

… in Rossen Milevs Institut »Balkan Media«. Der Bulgare ist Hobby-Winzer

Kirche hinterlassen haben. Die be- kanntesten Heiligen in dieser Gruppe sind der heilige Saba, die drei Märtyrer Inna, Pinna und Rimma sowie der hei- lige Niketas der Gote. Der späteste Hei- lige kommt von der Krim: Konstantin von Mangup. Er floh als überlebender Vertreter des letzten krimgotischen Herrscherhauses vor den Osmanen nach Russland, wurde dort Mönch und gründete ein Kloster in Uglitsch.

Auf der Halbinsel Krim siedelten über Jahrhunderte Goten. Was ist aus ihnen geworden?

Es gibt kaum eine andere Gegend in Europa, wo Goten so früh siedelten und so lange ihre Unabhängigkeit auf- recht erhielten. Die Felsenhauptstadt der Krimgoten, Dori (heute Mangup), fasziniert bis heute mit ihrer fast mär- chenhaften Schönheit. Die Goten über- nahmen dort von den Steppennomaden

Die Goten über- nahmen dort von den Steppennomaden nicht nur die Reitkunst, sondern auch Accessoires wie

nicht nur die Reitkunst, sondern auch Accessoires wie die mit roten Schmuck- steinen verzierten Adlerfibeln, die zu ihrem Erkennungszeichen avancierten. Der russische Gotenforscher Professor Mark Schukin betonte, dass noch bis 1475 ein gotisches Fürstentum auf der Krim existierte. Erst Katharina die Große ließ die letzten Krimgoten – ei- nige tausend – in die 1789 gegründete Stadt Mariupol in der Ukraine umsie- deln, wo sich ihre Spur verliert.

Sie haben die Goten einmal als die Paten Europas bezeichnet. Warum?

Ja, diesen Begriff habe ich zum ersten Mal in einem Interview vor zwölf Jahren verwendet. Und ich stehe noch heute dazu. Es gibt kaum ein europäisches Land ohne gotische Spuren. Nicht nur archäologische, sondern auch kulturelle. So etwa im christlichen Kalender und in der Folklore. Darüber hinaus fin-

Kalender und in der Folklore. Darüber hinaus fin- Goten det man gotische Orts- und Gewässer- namen

Goten

det man gotische Orts- und Gewässer- namen fast überall in Europa. Heute gibt es natürlich keine »reinen« Goten mehr – die es auch damals im ethni- schen Durcheinander der Völkerwan- derungszeit kaum gegeben hat. Aber das Gotische ist in viele Kulturen ein- geflossen. Die Goten waren die ersten frühmittelalterlichen Erben des Römi- schen Reiches. Sie wurden Vermittler zwischen Antike und Mittelalter. Man kann diese Rolle als den »gotischen Faktor« in der Geschichte bezeichnen.

Was fasziniert Sie persönlich am meisten an den Goten?

Die unermüdliche Wanderlust, die Su- che nach optimalen Lebensbedingun- gen und das talent, sich immer wie- der neuen Bedingungen anzupassen. Die toleranz für Andersdenkende und -glaubende aufzubringen. Aber auch ihr Erfindergeist: Von der Fähig- keit, Krieg mit einem überlegenen Geg- ner zu führen, bis zur Juwelierkunst. Das Potenzial eines Volkes lässt sich auch daran messen, welche herausra- gende Persönlichkeiten es hervorbringt. Und die Goten haben eine beachtliche Reihe davon: Wulfila, Alarich, Theode- rich der Große, der Heldenjüngling to- tila, aber auch die zahlreichen Heiligen. Der freie, unabhängige, ewig suchen- de Geist ist irgendwie auch teil meiner Vorstellung von den Goten. Und nicht zu vergessen, dass im russischen Nati- onalepos, dem Igorlied, die »Schönheit gotischer Frauen, die am Rande des Meeres leben« besungen wird.

Frauen, die am Rande des Meeres leben« besungen wird. UnSER EXPERtE Dr. Rossen Milev (* 1963)
Frauen, die am Rande des Meeres leben« besungen wird. UnSER EXPERtE Dr. Rossen Milev (* 1963)

UnSER EXPERtE

Dr. Rossen Milev (* 1963) studierte Kultur- wissenschaften an der Berliner Humboldt- Universität und promovierte in Salzburg. 1990 gründete er in Sofia »Balkan Media«, ein Institut für Kultur- und Medienforschung in Südosteuropa. Seit 2002 leitet er ein inter- nationales Forschungsprojekt zu den Goten

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Bildnachweis: Bridgeman/musei capitolini/ghigo roli, interfoto/granger nYc

Bridgeman/musei capitolini/ghigo roli, interfoto/granger nYc Teil 1: Die Honigbiene Das Gold der Königin Früh waren
Bridgeman/musei capitolini/ghigo roli, interfoto/granger nYc Teil 1: Die Honigbiene Das Gold der Königin Früh waren

Teil 1: Die Honigbiene

Das Gold der Königin

Früh waren die Menschen hinter der süßen Creme der Bienen her. Schon die Ägypter imkerten und Hippokrates empfahl Honig als Allheilmittel. Heute ist der Dienst der fleißigen Insekten zu einem harten Geschäft verkommen

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[ Von Ulrike Schnyder ]

zu einem harten Geschäft verkommen 6 4 [ Von Ulrike Schnyder ] G GescHicHTe 7 |
zu einem harten Geschäft verkommen 6 4 [ Von Ulrike Schnyder ] G GescHicHTe 7 |

G GescHicHTe 7 | 2017

Bienenkorb, 17. Jahrhundert

Serie: tiere NeUe seRie »tiere schreiben geschichte« Ob als Gefährten, Nahrungsquelle, Plage oder Helfer: Die

Serie: tiere

NeUe seRie »tiere schreiben geschichte«
NeUe seRie
»tiere
schreiben
geschichte«

Ob als Gefährten, Nahrungsquelle, Plage oder Helfer:

Die menschliche Zivilisation ist ohne Tiere nicht vorstellbar. Wir stellen Licht und Schatten der gemeinsamen Historie vor

D ie natur hat die Monarchie erfunden – darin war sich Seneca vor 2000 Jahren si- cher. den Beweis sah der römische Philosoph im Bie- nenstaat: ein souveräner herrscher regiert dort sein

summendes Volk, das per- fekte imperium. Für Seneca und seine denker- kollegen war klar, dass das oberhaupt des Bie- nenvolks ein könig war, ein Mann. erst als in der menschlichen Welt auch Monarchinnen wie Anna von Spanien oder elisabeth in england re- gierten, brachten naturwissenschaftler das Bild des patriarchischen Bienenstocks ins Wanken. Besonders der niederländer Jan Swammerdam hätte Seneca erschüttert: der Forscher sezierte Anfang des 17. Jahrhunderts den vermeintli- chen Bienenkönig unter dem Mikroskop und entdeckte eierstöcke – mit denen die entlarvte königin 2000 eier pro Tag legt. die Faszination der Biene packt die Menschen heute noch. »Allein, wie genau sich das ganze Volk organisiert und wie die Tiere miteinander kommunizieren, beeindruckt mich«, meint Tho- mas Gigla. in seinem Garten in landshut stehen zehn Bienenstöcke, alle mit klimaanlage:

»Wenn ihnen im Sommer zu warm ist, tragen die Arbeiterinnen Wasser in den Stock, lassen es verdunsten und senken so die Temperatur.« Ähnlich wie die Menschen hat auch jedes Bie- nenvolk seinen eigenen charakter. »Wenn ich zum Beispiel merke, die Bienen haben heute keine lust auf mich, schaue ich einfach ein paar Tage später wieder in den Stock.«

Eine Arbeiterbiene produziert in ihrem ganzen Leben nur zwei Teelöffel Honig

die Beziehung zwischen Mensch und honig- biene hat sich über Jahrtausende entwickelt. Al- les begann mit dem honig, den wir heute auf Brot, in Tee oder lebkuchen genießen. Um ihn herzustellen, fliegen Arbeiterbienen Tausend Blüten am Tag an und saugen daraus nektar, den sie in den Bienenstock zurücktragen. dort wird die Zuckerlösung angedickt, in die Waben eingelagert und mit Wachs verschlossen. den fertigen honig verfüttern die Arbeiterinnen an den nachwuchs. Was übrig bleibt, dient dem Volk als Vorrat für den Winter. Auch Menschen waren früh hinter der süßen creme her, wie eine rund 10 000 Jahre alte höh- lenzeichnung in Spanien zeigt: darauf klettert eine Person einen Baum hinauf und greift mit

lenzeichnung in Spanien zeigt: darauf klettert eine Person einen Baum hinauf und greift mit G GescHicHTe

Serie: tiere

Serie: tiere »Keine Bienen mehr, kein mensch mehr« albert einstein, Nobelpreisträger für physik einer hand in

»Keine Bienen mehr, kein mensch mehr«

albert einstein, Nobelpreisträger für physik

einer hand in ein wildes Bienennest, um ho- nig zu klauen – und damit den Schatz, den sich die insekten so mühsam erarbeiten. Für die re- lation: eine Arbeiterbiene produziert in ihrem ganzen leben nur knapp zwei Teelöffel honig. immerhin lernte die Menschheit das flüssige Gold längst nicht nur als süße leckerei zu schätzen. der griechische Arzt hippokrates kürte das Bienenprodukt zum Allheilmittel der Antike und behandelte damit Fieber, Geschwüre oder impotenz. Athleten der antiken olympi- schen Spiele schätzten honigwasser als Sport- getränk. Und der dichter homer beschreibt in der ilias honigpflaster, mit denen die Verletzungen der krieger versorgt werden. Auch manche modernen Mediziner greifen wieder auf honig zurück, zum Beispiel in der Wundbehandlung ergänzend zu den herkömm- lichen Antibiotika. Wann genau die Menschen mit der imkerei begonnen haben, ist nicht ganz klar. Sicher ist:

Vor rund 5000 Jahren bauten die alten Ägypter Bienenstöcke aus geflochtenen und aufeinander- gestapelten röhren. dort boten sie den Bienen ein heim und ernteten im Gegenzug süßen ho- nig: ein luxusprodukt, das vor allem der könig- lichen Familie und hohen Beamten vorbehalten war. es wurde auch als heil- und Zaubermittel eingesetzt. das verlieh der Biene einen hauch von Mystik und Göttlichkeit. die insekten zier- ten Stempelsiegel und Amulette als Symbol für Wiedergeburt. Grabkammern wurden damit ausgestattet, um den Toten ein Weiterleben im Jenseits zu garantieren. eine Geschichte des Sonnengottes re erzählt sogar, die Bienen seien aus seinen Tränen entstanden.

sogar, die Bienen seien aus seinen Tränen entstanden. heute ist der Zauber der Bienen verflogen. der

heute ist der Zauber der Bienen verflogen. der wertvollste dienst, den die Tiere uns bieten, ist zu einem harten Geschäft verkommen: die Be- stäubung. 75 Prozent der kulturpflanzen, also Gemüse, obst oder nüsse, profitieren von den fleißigen insekten. die Arbeiterinnen krabbeln über die Blüten, saugen nektar und sammeln

Ein Truck voll mit Bienenboxen bedeutet jede Menge Cash

Pollen, den sie als gelbe höschen an ihren Bei- nen befestigen. dabei bleiben Pollenkörner an ihrem haarkleid haften, die sie an der nächsten Pflanze abstreifen und sie dabei befruchten. Auch die als einzelgänger lebenden Wildbie- nen, Schmetterlinge oder käfer assistieren bei diesem Bestäubungsservice der natur. einige kirsch- oder Apfelsorten würden ohne tieri- sche Bestäuber keine Früchte entwickeln. die Bestäubung bedeutet also höhere ernten

für die landwirte. dafür sind diese bereit, viel Geld zu zahlen. in den USA fahren imker jedes Jahr lkws vollgepackt mit honigbienen über die highways in richtung kalifornien. Mehr als die hälfte aller Bienenvölker des landes gehen so auf Wanderschaft. Sie sollen in Man- delplantagen sicherstellen, dass die Bäume vie- le Früchte ausbilden, die in die ganze Welt ex- portiert werden. rund 80 Prozent der globalen Produktion stammt aus kalifornien. Auf den Plantagen dort ziehen sich die Baumreihen bis zum horizont, bedeckt mit zartrosa Blüten. dazwischen bauen die reisen- den imker ihre Bienenstöcke auf. die insekten kriechen aus den kästen, summen zwischen den Ästen und verteilen den Blütenstaub. die imker bekommen ungefähr 150 dollar pro Volk. eine Truckladung voll Bienenbo- xen bedeutet also eine gute hand voll cash. nach den Mandeln geht die reise für viele Völ- ker weiter zu Apfel- oder Zi- trusplantagen. »Für mich ist das Quälerei«, sagt Gigla. »Wie rücksichtslos die kästen mit dem Ga- belstapler wieder auf die lastwägen verladen wer- den, egal ob die Bienen gerade unterwegs sind oder

wer- den, egal ob die Bienen gerade unterwegs sind oder Napoleons Wappen i KompaKT symbol der
Napoleons Wappen
Napoleons Wappen
ob die Bienen gerade unterwegs sind oder Napoleons Wappen i KompaKT symbol der Herrscher Die Biene

i KompaKT

symbol der Herrscher

Die Biene zierte unter anderem den Krönungsmantel von Napoleon Bonaparte. Als Kaiser setzte er den wichtigsten Städten seines Reichs drei Bienen in ihr Wappen. Auch Papst Urban VIII. wählte im 17. Jahrhundert die Biene als Wappen- tier, um Fleiß und Sparsamkeit zu symbolisieren. Tausende Jahre vorher nutzten die Pharaonen in Ägypten die Bienenhieroglyphe als Teil des Königstitels.

nicht.« der Transport stresst die Tiere. Sie werden anfäl- lig für krankheiten, die sich in den riesigen Schwärmen rapide

66 G GescHicHTe 7 | 2017

Bildnachweis: aKg, ullstein/photo 12

Bildnachweis: aKg, ullstein/photo 12 ausbreiten. Viele der insekten sterben. die Bie- ne, die einst ägyptische Amulette

ausbreiten. Viele der insekten sterben. die Bie- ne, die einst ägyptische Amulette zierte, ist zum nutztier verkommen. nicht nur in den Trucks, auch weltweit geht es vielen Bienenvölkern schlechter, imker be- klagen große Verluste. Bienenexperten und For- scher sehen verschiedene Auslöser. Zum einen ist das nahrungsangebot oft mager und einsei- tig. Auf deutschen Feldern finden die insekten in einer region kilometerweit raps-, woanders nur Maispflanzen.

Der größte Feind ist eine winzige Milbe. Wie eine Zecke saugt sie die Bienen aus

die Stadtbienen von imker Thomas Gigla sind dagegen von Vielfalt umgeben: Sie bedienen sich an kirsch- und Apfelbäumen in umliegen- den Gärten, im nadelwald oder an linden und kastanien im Stadtpark. »das ist der perfekte Standort für die Bienen. in den Gärten werden auch keine Pestizide gespritzt«, sagt imker Gigla. Anders sieht es auf dem rapsfeld in der nähe seines Gartens aus. einige Pestizide sollen ihren Teil zum Bie- nensterben beitragen: neonicotinoide. die ner- vengifte machen verfressenen insektenlarven auf landwirtschaftlichen Feldern den Garaus. Viele Studien zeigen, dass die Wirkstoffe sich auch auf honig- und Wildbienen negativ aus- wirken: die Tiere können sich nicht mehr ori- entieren, werden anfälliger für krankheiten. Als vielleicht größter Feind des Bienenstocks wird eine winzige Milbe gehandelt: die Varroa- milbe ist nur einen Millimeter groß und stammt ursprünglich aus Asien. Mittlerweile ist sie in

beinahe allen Bienenstöcken der Welt zu finden. Wie eine Zecke saugt sie körperflüssigkeit aus erwachsenen Bienen und larven und überträgt dabei gefährliche Viren. ohne menschliche hil- fe stirbt ein befallenes Bienenvolk in nur zwei Jahren. »ich bekomme die Varroa mit Ameisen- säure gut in den Griff. in meiner nähe gibt es aber auch keine anderen Stöcke, wo sich mei- ne Tiere wieder anstecken können«, sagt der landshuter Gigla. Forscher arbeiten an neuen Wirkstoffen und Methoden, die effektiv gegen die Milbe vor- gehen, doch sanft zu den Bienen sind. die ge- meinnützige Stiftung »Arista Bee research« mit Sitz in den niederlanden will Bienen züch- ten, deren Arbeiterinnen Milben erkennen, die sich in einer geschlossenen Brutzelle verbergen. dann öffnen sie die Zelle und schleppen die in- fizierte larve mit den Parasiten aus dem Stock oder fressen sie auf. dieses Putzverhalten will die Stiftung gezielt verstärken. doch bis imker die ersten königinnen kaufen können, deren nachkommen ausschließlich kleine Putzteufel sind, werden noch Jahre ins land ziehen. Wie die bewegte Geschichte von Mensch und Biene weitergeht, ist also ungewiss.

von Mensch und Biene weitergeht, ist also ungewiss. Bienenzucht im 16. Jahrhundert: Lange war Honig das

Bienenzucht im 16. Jahrhundert: Lange war Honig das wichtigste Süßungsmittel

Jahrhundert: Lange war Honig das wichtigste Süßungsmittel LeseTipp ralph dutli: »das lied vom honig. eine kleine

LeseTipp

ralph dutli: »das lied vom honig. eine kleine kulturgeschichte der Biene«. Wallstein 2012, € 14,90

seRie »TieRe scHReiBeN GescHicHTe«

Fast ausgerottet: im nächsten Teil widmen wir uns den Walen. das heft ist ab dem 21. Juli 2017 am kiosk.

geschichte im AlltAg

geschichte im AlltAg Geschichte im AlltAG Das Drive-In Alles im Auto Drive-In kam mit dem Autokino

Geschichte im AlltAG

Das Drive-In

Alles im Auto

Drive-In kam mit dem Autokino nach Deutschland. Warum das Geschäftsmodell in verschiedenen Bereichen Karriere machte – im Kino aber nur eine kurze Blütezeit erlebte

68 G Geschichte 7 | 2017

[ Von Stefan Reinbold ]

Grandiose Aussicht: In Utah, USA, sehen Besucher im Autokino (»drive-in theater«) 1958 den Film »Die zehn Gebote«

Bildnachweis: Getty imaGes, Getty imaGes/time & life Pictures, Picture alliance

A m abend des 31. März 1960 vollzog sich vor den toren frankfurts auf einer großen Wiese nahe des