Sie sind auf Seite 1von 1

WIRTSCHAFT 4.

November 2010 DIE ZEIT No 45 25

»Lieber lasse ich mich anspucken«


Bahnchef Rüdiger Grube über Angst und Ehre, wie Stuttgart 21 sein Leben verändert – und wie seine Bilanz nach eineinhalb Jahren im Amt ausfällt

DIE ZEIT: Herr Grube, Ihre Großmutter war für ZEIT: Heute genau vor eineinhalb Jahren war Ihr
Sie immer ein großes Vorbild. Wenn sie wüsste, erster Arbeitstag als Bahnchef. Seither waren Sie Der Chef
dass Sie es vom Bauernsohn zum meistgehassten hauptsächlich mit Krisenmanagement beschäf-
Manager in Deutschland gebracht haben, wäre tigt: eine interne Datenaffäre, die Wirtschafts- Die Karriere von Rüdiger Gru-
sie stolz auf Sie? krise, Achsenprobleme beim ICE und, und, und. be, Jahrgang 1951, begann spät.
Rüdiger Grube: Das mit dem Bauernsohn stimmt. Würden Sie den Job noch mal antreten? Als der gelernte Flugzeugbauer
Das mit dem Manager nun wirklich nicht. Ich Grube: Ja, sofort. Wenn ich mir bewusst mache, und spätere Berufsschullehrer in
bekomme sehr viel Zustimmung, übrigens auch was wir in nur eineinhalb Jahren alles bewegt die Industrie wechselte, war er 38
von Menschen, die ich gar nicht kenne. haben, dann ermutigt mich das. Zum Beispiel Jahre alt. Bald leitete er bei der
ZEIT: Mal ehrlich, 2010 war doch ein rechtes die Technik-Krise: Als ich gekommen bin, war Dasa das Büro des späteren
Drecksjahr für Sie. noch nichts geregelt. Wir hatten keine Lösung Bahnchefs Hartmut Mehdorn.
Grube: Das würde ich so nicht sagen. Es hat viel- für den ICE 3, für den ICE T, für die Berliner 1996 holte ihn der damalige
mehr mit großen Herausforderungen begonnen, S-Bahn. Heute haben wir für alles eine Lösung. Daimler-Chef Jürgen Schrempp
mit den ausgefallenen Zügen im harten Winter, Wir haben außerdem Tausende von Bremsen in seine Strategieabteilung. Gru-
und ging mit defekten Klimaanlagen im Sommer und Achsen ausgewechselt. Wir haben einen be hat die Fusion von Daimler
weiter. Das war nicht schön, da haben Sie recht. Masterplan für die Technik und ein neues Quali- und Chrysler mit verhandelt,
ZEIT: Und dann noch der Massenprotest gegen tätsmanagement erarbeitet. Wir geben mehr als doch die »Welt AG« scheiterte
Stuttgart 21. Also doch ein Drecksjahr! eine halbe Milliarde Euro zusätzlich aus, um Ser- beispiellos. Als Daimler-Vor-
Grube: Stuttgart 21 beurteile ich anders. Dass vice und Sicherheit zu verbessern und um unsere stand war Grube auch Chef-
das ein großes Thema wird, habe ich kommen Fahrzeuge zu modernisieren. aufseher des Luftfahrtkonzerns
sehen, wenn auch nicht, dass die Sache so eska- ZEIT: Auf das Image der Bahn färbt das noch EADS. Im Mai 2009 wurde er
liert. Erst die massiven Proteste gegen den Abriss nicht ab. Finden Sie das ungerecht? Chef der Deutschen Bahn.
des Nordflügels am Stuttgarter Bahnhof, dann Grube: Na ja, die Welt ist so, wie sie ist. Im
dieser 30. September ... Grunde ist die Leistung der Bahn sehr gut. Aber
ZEIT: ... jener schwarze Donnerstag, an dem die wenn so etwas passiert wie das mit den Klima-
Polizei mit Wasserwerfern und Tränengas gegen anlagen, dann ist alles Positive über Nacht weg.
Demonstranten vorgegangen ist. Empirische Untersuchungen sagen: Etwas Die Bahn
Grube: Das war nicht gut für das Projekt. Schlechtes wird sehr, sehr viel häufiger erzählt als
ZEIT: Sie reden darüber immer so rational, so etwas Gutes. Die Deutsche Bahn ist das letzte
distanziert. Die Gegner von Stuttgart 21 be- ZEIT: Dann erzählen Sie uns noch etwas Gutes. große Staatsunternehmen. Unter
schimpfen Sie, Sie werden ausgepfiffen, bespuckt Grube: Ende des Jahres wird die Bahn, gemessen dem Dach der DB AG sind das
und attackiert. Das kann doch nicht an Ihnen am Umsatz, fast wieder auf dem Stand von vor Schienennetz und die Bahnhöfe
abprallen! der Krise sein. Im Personenverkehr werden wir angesiedelt sowie die Bahntoch-
Grube: Was mich wirklich ärgert, ist, wenn mich sogar besser dastehen. In der Logistik hatten wir ter DB Mobility Logistics AG,
jemand Lügner nennt. Ich habe früh zu Hause zwischenzeitlich drei Milliarden Euro an Umsatz die den Personen- und Güterver-

Foto (Ausschnitt): Johannes Arlt/laif


gelernt: Lügen geht gar nicht. Ein solcher Vor- verloren, das werden wir Ende dieses Jahres auf- kehr bündelt. Dazu gehört auch
wurf geht an meine Ehre. Lieber lasse ich mich geholt haben. Im Schienengüterverkehr sind wir der Logistikdienstleister Schen-
anspucken, als dass ich mich als Lügner bezeich- allerdings noch nicht so weit. Da schreiben wir ker, der Waren auf der Schiene,
nen lasse. Da werde ich fuchsteufelswild. zwar wieder schwarze Zahlen, werden aber in per Lastwagen, Flugzeug und
ZEIT: Damit hört es doch nicht auf. Sie haben Deutschland frühestens 2012 das Vorkrisen- Schiff befördert. 2009 setzte die
Drohungen erhalten und einen Brief mit einem niveau erreichen. Bahn 29,3 Milliarden Euro um
weißen Pulver drin – das sich dann glücklicher- ZEIT: Für den Gewinn spielt der Schienengüter- und machte knapp 1,7 Milliar-
weise als harmlos herausstellte. Was sagt Ihre Fa- verkehr sowieso kaum eine Rolle. den Euro Gewinn.
milie zu alldem? Grube: Einspruch! Das ist falsch. Der Schienen-
Grube: Meine Familie weiß und sagt mir das güterverkehr ist unser Kerngeschäft, er ist eine bewerber konzentriert, hätten die Gewerkschaften ZEIT: In der letzten Zeit wirken Sie ziemlich ruppig,
auch so: Es ist eine Ausnahmesituation, und es tragende Säule! Wir machen damit in diesem keine große Wirkung erzielt. Sie erinnern manche an Ihren Vorgänger Hartmut
kommen auch wieder normalere Zeiten. Jahr über 4,5 Milliarden Euro Umsatz. Wir sind ZEIT: Die Deutsche Bahn hat doch selbst Billigtöch- Mehdorn. Formt das Amt den Menschen?
ZEIT: Sie haben im Familienrat beschlossen: Wir in diesem Bereich das mit Abstand größte euro- ter gegründet, die nicht tarifgebunden sind. Grube: Ich habe mir immer vorgenommen: Du musst
ziehen das durch? päische Eisenbahnunternehmen und verfügen als Grube: Wir sind kein Freund von solchen Tochterge- zuhören, zuhören, zuhören. Heute weiß ich: Du musst
Grube: Ja, wir stehen das gemeinsam durch. Das einziges über ein europäisches Netzwerk. sellschaften. Wir handeln hier nur aus Notwehr, weil irgendwann auch Farbe bekennen. Deshalb erleben Sie
macht stark. ZEIT: Es spiegelt sich nicht im Ergebnis wider. wir sonst jede Ausschreibung verlieren würden. Das mich manchmal etwas resoluter. Ich mag es nicht, wi-
ZEIT: Zugleich sind Sie kaum zu Hause. Grube: Das Schienengeschäft funktioniert an- kostet Jobs. Ich verspreche, in dem Moment, in dem schiwaschi zu sein. Ich mag klare Antworten und eine
Grube: Ich komme tatsächlich kaum noch nach ders als die Logistik, wo wir nur das Frachtvolu- wir einen Branchentarifvertrag haben, gehen wir nicht klare Linie. So möchte ich wahrgenommen werden.
Hause. Heute Nacht war ich um halb zwei da- men eines Flugzeugs oder Schiffs mieten, diese mehr in solche GmbHs hinein.
heim, habe mich für dreieinhalb Stunden hinge- uns aber nicht gehören. Anders ist es auf der ZEIT: Und was passiert mit den 14 bestehenden Bil- Die Fragen stellten KERSTIN BUND und GÖTZ HAMANN
legt, bin dann wieder los, war auch das ganze Schiene: Da besitzen wir 113 000 Güterwag- ligtöchtern? Zahlen Sie dort bald den neuen Tarif? Rüdiger Grube,
Wochenende unterwegs, bei Bürgern im Rhein- gons und zigtausend Lokomotiven. Das bindet Grube: Wir kämpfen dafür, dass endlich ein Bran- Weitere Informationen im Internet: Vorstandschef der
tal. Ich habe derzeit kaum noch Zeit, mit meiner viel Kapital, und Sie brauchen Zeit, um alles chentarifvertrag kommt. www.zeit.de/stuttgart21 Deutschen Bahn
Familie zu sprechen. Das könnte besser sein. wieder zum Laufen zu bringen. Während der
ZEIT: Wenn ein Anruf Ihrer Frau kommt, »Rüdi- Krise haben wir ja eine Menge Gerät einfach
ger, da laufen komische Leute ums Haus und abgestellt. Viele müssen jetzt erst in die Werk-
machen Fotos«, und Sie sind sonst wo unterwegs, statt und im wahrsten Sinne des Wortes wieder
denken Sie da nicht: Was mute ich mir und mei- flottgemacht werden.
ner Familie zu? ZEIT: Jeder Betriebswirt würde sagen: weg mit
Grube: Da spielt meine Vergangenheit eine Rol- dem Güterverkehr auf der Schiene, diesem Ka-
le. Ich bin zu großem Pflichtbewusstsein erzogen pitalfresser!
worden. Ich musste früh mithelfen auf dem Feld. Grube: Das sehe ich total anders. Die Deutsche
Als ich fünf Jahre alt war, haben sich meine El- Bahn identifiziert sich absolut mit dem Schie-
tern getrennt. Das war damals eine Schande. Zu- nengüterverkehr, denn er bildet das logistische
mal in einer kleinen Ortschaft wie Moorburg, Rückgrat der deutschen Wirtschaft und ist dabei
die damals vielleicht 2000 Einwohner hatte. Das sehr umweltfreundlich.
hat mich früh gelehrt, meine Pflicht zu erfüllen, ZEIT: Warum wird dann so wenig in dessen Aus-
Verantwortung zu übernehmen, ehrgeizig zu bau investiert? Die Infrastruktur stößt allerorten
sein, durchzuhalten und für Dinge einzustehen. an ihre Kapazitätsgrenzen.
ZEIT: Welchen Preis zahlen Sie Grube: Wir haben allein in
heute dafür? diesem Jahr über 400 Millio-
Grube: Dass ich Tag und Nacht RÜDIGER GRUBE nen Euro im Schienengüter-
bewacht werde. verkehr investiert. Spätestens
ZEIT: Haben sich die Sicher- » Ich bin zu Pflicht-
bewusstsein erzogen
2013 wird die Infrastruktur
heitsvorkehrungen für Sie ver- wieder so genutzt wie vor der
schärft? worden. Ich musste Krise. Und da waren wir ab-
Grube: Ja. Was das genau früh mithelfen auf solut am Anschlag. Deshalb
heißt, weiß ich gar nicht. Ich
merke jedenfalls im Alltag dem Feld. Als ich fünf müssen wir ausbauen, aber
dafür müssen Sie wissen: Es
nichts davon. war, haben sich meine gibt zwei Töpfe. In dem einen
ZEIT: Als langjähriger Daimler-
Vorstand haben Sie genug ver-
Eltern getrennt « Topf sind 2,5 Milliarden Euro
vom Bund und 500 Millionen
dient. Sie müssten das nicht tun. Euro von der Bahn als Eigen-
Grube: Geld hat für mich nie eine große Rolle mittel enthalten. Davon hegen und pflegen wir
gespielt. Es ist schön, dass ich welches habe. Aber das Netz. Im zweiten Topf sind 1,4 Milliarden
wenn ich wählen dürfte zwischen viel Geld und Euro – davon 200 Millionen Euro von der
einer spannenden Aufgabe für weniger Geld, ich Bahn, der Rest vom Bund. Die sind für den
würde mich immer für die spannendere Aufgabe Neu- und Ausbau. Aber das reicht nicht. Wir
entscheiden. müssten jährlich 1,8 Milliarden Euro investie-
ZEIT: Hatten Sie nicht einmal Angst in diesen ren, um die Projekte so, wie sie geplant sind,
Monaten? auch realisieren zu können.
Grube: Einmal hatte ich ein komisches Gefühl. ZEIT: Wenn der Bund seine Ausbaumittel ver-
Und zwar, als ich vor einigen Wochen in Stutt- doppeln würde, würden Sie Ihre auch verdop-
gart vor vielen Menschen einen Vortrag gehalten peln?
habe. Das war so eine angespannte Situation. Grube: Das ist ein Thema, das wir mit dem Auf-
Aber es gibt andererseits auch enorm viel Zu- sichtsrat diskutieren müssten. Der Bund will ja
spruch. Ich bekomme jeden Tage Dutzende von auch Gewinn sehen. In den nächsten Jahren sol-
Mails und Briefen, in Berlin kommen wildfrem- len wir 500 Millionen Euro Dividende pro Jahr
de Leute auf mich zu, klopfen mir auf die Schul- ausschütten. Außerdem wollen wir weiterhin wie
ter und sagen: Bitte, Herr Grube, ziehen Sie das bisher unsere Schulden abbauen.
durch! Als ich kürzlich als Letzter ins Flugzeug ZEIT: Vergangene Woche legten Eisenbahner im
eingestiegen bin, da haben die Leute geklatscht. ganzen Bundesgebiet die Arbeit nieder. Tausende
Also so schlimm ist es nun auch nicht. Menschen kamen zu spät zur Arbeit.
ZEIT: Was erleben Ihre Kinder in der Schule? Grube: Wir wurden für etwas bestraft, was wir
Grube: Von einem Lehrer habe ich einen tollen gar nicht ablehnen. Auch wir halten einen
Brief bekommen. Darin schrieb er, er sei sehr be- Branchentarifvertrag für absolut notwendig,
stürzt, wie in der Öffentlichkeit teilweise mit mir denn die Wettbewerbsbahnen zahlen bis zu
umgegangen werde. Und er versicherte mir: Das 30 Prozent weniger Lohn. Es kann aber nicht
Kollegium werde alles dafür tun, dass sich meine sein, dass der Wettbewerb auf dem Rücken der
Kinder weiter an der Schule wohlfühlten. Diese Beschäftigten ausgetragen wird. Dumm für uns:
Reaktion finde ich klasse, das verdient Respekt. Hätte sich der Streik bloß auf unsere Wett-